Meister Jakob und seine Kinder

I.

Meister Jakob war ein Blumenfreund. Und er galt bei den Bauern rundum als wunderlich, denn man musste ihn immer im Garten suchen, wenn er nicht in der Werkstatt war. Bei seinen Rosen, Nelken und Schwertlilien schien sein liebster Aufenthalt zu sein. Unter einem buschigen Schneeballengesträuch hatte er eine Bank im Schatten, und da rauchte er nach Feierabend am liebsten seine Abendpfeife. Mitten durch den Garten lief ein breiter Weg, links blühte das ganze Jahr der uralte deutsche Bauerngarten, das Löwenmaul, der Goldlack, die brennende Liebe, da dufteten Lavendel und Rosmarin; rechts veredelte er Rosen und zog Zierblumen. Und am äußersten Ende des Gartens, hinter den Gemüsebeeten seiner Frau Eva, standen einige Reihen Obstbäume besonderer Art, deren Setzlinge er von weit her, aus dem Tirolischen und aus Welschland kommen ließ und an Spalieren zog. Und in sie war er ebenso verliebt. Auf der Sonnenseite des Hofes aber, gegenüber der Werkstatt, in der er immer einen singenden Vogel haben musste, prangte ein Oleanderkübel neben dem andern, und die weißen und rosafarbenen Blüten durchdufteten das ganze Haus, das sonst stark nach Holz roch. Und alles pflegte der Meister selber, er sah es nicht gern, wenn sich sonst jemand um seine Blumen kümmerte, oder um seine Edelobstzucht an den Spalieren. Bekundete auch niemand besondere Neigung dafür, höchstens die Susi, sein zweites Mädel. Der stak noch nichts anderes im Kopfe und sie hing sehr am Vater. Gut hatte sie ihm heute wieder die Pfeife gestopft und den Tabaksbeutel gefüllt, als sollte er auf eine Holzreise in die Bergsau ausfahren.

Er saß behäbig auf der Bank inmitten seines Blumengartens, und die schweren Dolden des Schneeballengesträuches drückten die Zweige über ihn herab wie einen weißen Baldachin. Zufriedenheit leuchtete aus den Zügen des blonden, starken Mannes. Frau Eva, die vor Abend ihr Gemüse goss und ab und zu mit einer Gießkanne an ihm vorbei kam, lachte ihn an: »Der geiht's gut!«

»Freilich!« erwiderte er. »Wann Feierabend is, geht's einem immer am beschte.« Und als sie mit der leeren Kanne zurückkam, sagte er: »Und du muscht des wieder allein mache?«

»Die Anmerich (Annemarie) is nit derhaam, die Susi zieht mer's Wasser aus'm Brunn' und die Kathl häb ich zum Jud g'schickt um Hefe«, erwiderte sie.

»Und die Buwe?«

»Ach, loss die Buwe! Sein a müd' so wie du.«

Frisch und hurtig vollführte sie ihr Geschäft. Die sechs Kinder, die sie ihrem Jakob geboren und aufgezogen, sah ihr niemand an. Frau Eva war noch immer ein sauberes Weib. Ihr rundes, glattes Gesicht, aus dem zwei scharfe graue Katzenaugen leuchteten, war faltenlos, und sie hatte dieses glücklich geformte, offene Gesicht auch auf ihre Kinder vererbt. Die Augen aber nur auf die Susi. Alle waren sie hübsch und dem ganzen Dorfe ein Wohlgefallen. Namentlich die drei Mädeln. Auf die musste man schon aufpassen. Die Anmerich war freilich schon vergeben. Ein Bauernsohn hatte dem Hause die Ehre angetan, um sie zu werben, und sie ist ihm zugesagt worden. Im nächsten Fasching soll Hochzeit sein. Aber da war die schöne braune Susi, hinter der alle Buben herliefen… Und jetzt war auch die Kathl so weit. Die Mutter konnte nicht Augen genug haben. Ein Maibaum steht vor dem Hause und niemand weiß, welcher er gilt. Keine gesteht was ein. Der Philipp Trauttmann leugnet ihn ab, der Anmerich gilt er nicht, die hat den ihren im Vorjahr gehabt. Und die großen Buben von Neurosenthal sind äußerst erbost, sie wissen nicht, wer der Susi den Baum um die Mitternachtsstunde gesetzt haben mag. Denn nur ihr konnte er gelten. Einer von ihnen tat es nicht, sie gab keinem ein Recht hiezu. Und wehe, wenn es einer aus Altrosenthal war. Die Knochen würden sie ihm brechen, wenn die, der er gilt, eine Bauerntochter wäre und einen Hof zu erwarten hätte. Aber auch die Susi vom Meister Jakob betrachteten sie als ihren Besitz. Sie lassen sich von denen drüben nicht die schönsten Mädeln wegfischen.

Die Susi wechselte ab mit der Mutter. Jetzt trug sie die Kannen, und die Mutter schöpfte am Brunnen. Die Augen des Vaters folgten ihr voll Wohlgefallen. Sie war sein Liebling. Das verjüngte Ebenbild seiner Eva. So war diese, als er sie aus Altrosenthal herüberholte, allen zum Trotz, die Bauerntochter. Schon als er in die Fremd' ging, hatte er ein Auge auf die Zengrafs-Eva, und bei einem Tanz sagte er's ihr. Und als er wiederkam, hatte sie richtig auf ihn gewartet. Er wurde Meister und heiratete sie. Aber nie hätte er sie bekommen, wenn nicht sein Meisterstück, ein neuartiger Leiterwagen, mit Vorder- und Hinterschragen und vier bequemen federnden Sitzen so gut ausgefallen wäre. Er klapperte, dass das ganze Dorf aufhorchte. Der Vater Zengraf hatte ihn bestellt bei dem jungen Meister und wurde jetzt vom ganzen Dorfe beneidet. Als er dahinterkam, dass seine Eva die Hand dabei im Spiele hatte und seine Frau, wurde er wohl sehr böse, aber es blieb ihm zuletzt nichts anderes übrig, als ja zu sagen. Schließlich war der Jakob Weidmann ja auch ein Bauernsohn und hatte etwas gelernt, wenn er auch aus Neurosenthal stammte. Die Schläge, die dem Jakob damals versprochen wurden, hat er von den Altrosenthaler Buben, die ein Recht auf die Eva zu haben glaubten, nicht bekommen, denn jeder wollte dereinst einen ebenso schönen neuen Wagen von ihm haben. Man estimierte ihn bald als den ersten Wagnermeister in Alt- und Neurosenthal.

Wer da meinte, dass das zwei feindliche Nachbardörfer wären, der ginge weit irre, sie bilden eine Gemeinde. Die Altrosenthaler sind nur um dreißig Jahre früher angesiedelt worden, noch vom Prinzen Eugenius und vom Grafen Mercy, die Neurosenthaler erst von Maria Theresia. Die Gemeinde erhielt damals einen Zubau von zweihundert Häusern, der beinahe größer war wie die erste Anlage. Aber die älteren Siedler spreizten sich, taten vornehm und fühlten sich als die besseren und gescheiteren. Denn sie waren schon wohlhabend geworden. Sie hatten eine Kirche, eine Schule und ein Pfarrhaus gebaut, ein großes Wirtshaus sogar, und jetzt wollten diese neuen Leute an all dem Anteil haben? Das ging nicht so glatt, die musste man sich doch erst ansehen. Sie redeten ja sogar eine andere schwäbische Mundart.

Mehr als hundert Jahre waren vergangen seit der Ansiedlung dieser Neuen, die ganzen Geschlechter hatten sich dreimal verjüngt, und noch immer war der Gegensatz nicht verwischt, noch immer nannten sich die einen trotzig die Altrosenthaler, die anderen die Neurosenthaler, noch immer meinten die Alten, die Kirche und das große Wirtshaus gehörten nur ihnen, noch immer gönnten die Buben von hüben denen von drüben kein hübsches oder reiches Mädchen aus ihrer Mitte.

»Na, Susi, weißt es noch immer nit?« fragte der Vater neckend, als diese an ihm vorüberkam. Das Blut schoss dem Mädel in die runden Backen: »Wann nur der Baam schon weg wär«, seufzte sie beinahe erzürnt. »Er kann ja auch der Kathl vermaant sein.«

»Lass gut sein. Mir wer'n halt uffpasse, wann der Baam weggenomme wird«, scherzte der Vater und stopfte sich eine frische Pfeife. Er gönnte den Maibaum seinem Liebling. Und eines Tages wird sie's schon gestehen, von wem er war. Es konnte aber auch sein, dass sie es gar nicht wusste.

Der Abend war so mild, die Ruhe so wohltuend, dass er noch sitzen bleiben wollte. Aber es wurde bald lebendig ringsum, bei den Nachbarn und im eigenen Hause. Vorn im Hofe muhten die Kühe. Sie waren von der Weide heimgekehrt und eilten in den Stall. Wussten sie doch, dass sie dort immer etwas in der Krippe fanden. Auch die jungen Schweine kamen grunzend heim und scheuchten die zur Mast im Stall verbliebenen aus träger Ruhe auf. Die Heimkehrenden stellten sich auf die Hinterfüße und beschnüffelten und beleckten die Tröge der anderen. So gut wie diesen ging es ihnen nicht auf der Weide. Sie wollten jetzt auch etwas haben, und es gab ein großes Gequietsche von außen und von innen. Da kam auch schon Susi mit einem vollen Eimer, jagte sie in ihren besonderen Stall und stillte ihr Verlangen. Und die Mutter band die Kühe an, freute sich ihrer vollen Euter und bereitete sich vor, sie zu melken. Bald war die Ruhe wiederhergestellt im Hofe. Aber bei den bäuerlichen Nachbarn hielt der Lärm länger an, da war mehr Vieh heimgekehrt.

Als alle im Hause beschäftigt waren und der Vater allein hinten im Garten saß, kam Johann, der älteste Sohn, der schon längst als Geselle in der Werkstatt tätig war, zu ihm. Sie sprachen sich über das Handwerk nicht immer gut, der Sohn hatte allerlei Neuerungen im Kopfe, er wollte Dinge, die er in Arad und in Temeschwar gesehen hatte, nachmachen und traf immer auf den Widerspruch des Vaters. Er habe Bauernwagen für Pferde zu machen, keine Ochsenwagen und keine Kaleschen, er müsse sich auf das beschränken, was hier verlangt wurde, was erprobt und dauerhaft wäre. Wenn er einmal für einen Baron von drüben einen Auftrag kriege, dann lasse sich über manches reden, sagte der Vater. Mit dem »drüben« meinte er aber das ungarische Land jenseits der Marosch, wo es große Herrschaften gab, während herüben, im Banat, die bäuerlichen deutschen Siedler fast alles Land innehatten. Und es wäre Zeit, sagte der Vater oft, dass der Johann in die Fremd ginge. Aber der zögerte. Lag lieber in den Spinnstuben herum bei den Dorfmädchen, er hing zu zäh an der Heimat. Jetzt kam er, dem Vater zu melden, dass er nach Fronleichnam auf die Wanderschaft gehen wollte. Und er hat ihn um Rat, wie er's anstellen solle.

Es war dem überraschten Meister Jakob nicht ganz recht, dass er ihn gerade jetzt zu verlassen gedachte, zur schärfsten Arbeitszeit, aber er war längst gefasst darauf und durfte seinen Sohn nicht halten. Ohne die Erfahrungen der Fremde galt kein Handwerker etwas in der Heimat. Und das war auch recht so. Er ließ den Johann neben sich niedersetzen und plauderte mit ihm also von der Fremde. Nach Österreich solle er gehen, nach Wien. Aber dann auch an den Rhein, ins schwäbische und bayrische Land. In kleine Städte, wo man für die Bauern arbeitete, wo die Landwirtschaft blühe. Er werde ja sehen, wie sich's mache, ob er in Wien Passion zum höheren Wagenbauer zeige, oder ob er bei der einfachen Wagnerei bleiben wolle. Es könne nicht schaden, wenn er sich auch die herrschaftlichen Reisekutschen beim Janschky in Wien genau ansehe, und die leichten Steirer-Wägelchen, die man für einen Rutscher in die Stadt oder für eine Kirchweihfahrt auch hier brauchen könne. Hier wisse man noch nichts davon. Aber der Johann könne sie vielleicht einmal einführen, wenn er daheim Meister werden wolle.

Ob er denn gleich nach Wien wandern solle, fragte der Johann. Das sei doch ein bissl weit. Das wäre nicht nötig, erwiderte der Vater. »Bleibe auch einige Zeit in Ungarn, die Revolution ist vorbei, das Land wieder ruhig. Arbeite vier Wochen in Szegedin und schau dir die schweren Ochsenwagen gut an. Bei uns ist ja die reine Pferdewirtschaft, aber wer weiß, ob das so bleibt. Arbeite sechs Wochen in Ofen und in Preßburg. Aber verplempere deine Zeit nicht: Wien ist wichtiger. Da musst du ein halbes Jahr mindestens arbeiten. Auf der Zunftstube kriegst du jede Auskunft, der Herbergsvater kennt die Meister und weiß um jeden freien Platz. Wien ist wichtig, sag ich dir. Wenn du hinaus kommst ins Deutsche, wirst du hören, dass auch dort kein Geselle geachtet ist und Meister werden kann, der nicht in Wien in der Fremd' war. Das hat zu meiner Zeit für alle Handwerker gegolten, namentlich für die leichten. Aber auch für die Wagnerei, die Schlosserei und die Schmiedekunst. Da lernt man was in Wien. Und dass ich nicht vergesse, gib auf die Fechtbrüder acht. Ein ehrsamer Wandergeselle muss einen Strotter auf der Walze gleich erkennen. In der Herberge zeigt sich's. Sie verlästern alle Meister, finden nie die Arbeit, die sie suchen, fechten lieber und verlausen jede Herberg. Und brauchen immer Gesellschaft. Lass keinen in dein Felleisen gucken, wandere lieber allein und schau dir die schöne Gotteswelt und ihre Wunder an. Von einem Fechtbruder ist nichts zu lernen.«

Und wie lang er denn ausbleiben solle, fragte der Sohn. Er gehe nicht leicht fort.

»Wie lang? Es kommt drauf an. Wenn du hier sesshaft werden willst, dann bleib' drei Jahre. Wer länger weg bleibt von der Heimat, der findet leicht nicht mehr den Anschluss. Daheim wächst alle fünf Jahre ein neues Geschlecht heran, die Altersgenossen heiraten, die Mädeln sind weg, und man kommt den jüngeren gleich zu alt vor. Man soll aber jung heiraten. Und gesund soll man wiederkommen. Du verstehst mich noch nicht ganz. Hüte dich vor leichter weiblicher Ware!«

So redeten sie und merkten gar nicht, dass es schon dämmerte.

Die Kathl kam mit Spektakel in den halbdunkeln Garten gestürzt. Was denn das wäre, dass niemand kommt, es habe schon Ave geläutet und das Nachtmahl stünde auf dem Tisch. Und der Philipp sei auch da. Und die Anmerich habe ihm eine wunderschöne Brieftasche gestickt. Sie habe sie heute beim Taschnerin Lippa fertig geholt.

Vater und Sohn erhoben sich.

Der Meister schloss das Stakettürchen seines Gartens sorgfältig ab, denn die jungen Schweine, die früh am Morgen zur Weide gelassen wurden, waren ihm schon manchmal in die Rosen geraten und ins Kraut. Er vertraute niemandem mehr den Schlüssel an. Sie gingen nebeneinander durch den langgestreckten Hof. Links lag der Schuppen für neue Arbeiten, die noch nicht abgeholt wurden, für heikle Hölzer und für Späne; rechts roch man die Schweineställe, unter deren Dächern auch die Hühner schliefen, wenn sie es nicht vorzogen auf dem Maulbeerbaum beim Schuppen zu übernachten. Dann kamen die reichen Vorräte an Wagnerholz, alte trockene Eichenstämme, die jahrelang liegen mussten, ehe sie verwendet wurden. Und ein Taubenkobel, in dem es gurrte. Breit wuchtete ein Düngerhaufen hinter dem Haus, dessen letztes Gelass der Kuhstall war. Sechs Kühe hätten Platz gehabt in dem Stall, aber es standen nie mehr als zwei darin mit ihren Kälbern, die immer wieder aufgezogen und verwertet wurden. Und unter ihnen trieben sich ein paar »Kiniglhasen« herum, feine Lampusse, die sich da am wohlsten fühlten. Die Mutter liebte ihr zartes Fleisch und übersah es, dass sie manchmal an den Kühen tranken, denen man ihr Kalb genommen. Eine große offene Halle trennte den Stall von der Werkstatt. Sie hieß die Press. Da stand die Kelter für den Wein und die Boding, ein oben offenes Riesenfass, in das die Trauben im Herbst geschüttet wurden, ehe sie in die Kelter kamen. Und es gab auch einen eingemauerten Kessel dort, in dem man seinen eigenen Raki brennen konnte, wenn es genügend Pflaumen und Zwetschgen gab. Die Frau Eva benützte ihn aber häufiger als Wäschekessel, denn das Joch Pflaumenbäume, das sie einst mitbekam, hatte sich immer mehr in ein Kukuruzfeld verwandelt, da die Nachpflanzungen ausblieben und das Viehfutter wichtiger war als der Schnaps.

Links an der Hofwand des bäuerlichen Nachbarhauses dufteten die Oleanderbäume in ihren Kübeln, rechts kam man an der Werkstätte vorbei, die ihren Ausgang nach dem Hause hatte, kam man zur Kellertür und endlich zur Küche, aus der es vergnüglich nach ausgelassener Butter und gerösteten Zwiebeln roch.

»Dass ihr endlich kummt!« rief die Mutter. »Was häbt 'r denn wieder ausgekocht miteinanner? Hm?«

Sie traten in das Wohnzimmer.

Die Kathl, die vorausgeeilt war, sprach mit Peter, dem Jüngsten, in der Mitte des Zimmers stehend, mit gefalteten Händen, den Blick nach dem Gekreuzigten an der Wand gerichtet, das Tischgebet. Alle schlugen, als die Kinder geendet hatten, das Kreuz und setzten sich. Der Philipp Trauttmann, der schon daheim gegessen hatte, rückte sich einen Stuhl neben die blonde Anmerich und führte das Wort, solange die anderen aßen.

Neben dem Wohnzimmer lag die schöne Stube, in der die drei Töchter schliefen, während die Söhne ihre Betten in der Werkstatt hatten. Das Haus war überzwerch gebaut, es hatte seine breite Seite nach der Gasse, denn es brauchte nicht die geräumige Einfahrt der Bauernhöfe für Getreide- und Heuwagen. Es war dadurch als Haus eines Handwerkers kenntlich für jeden und stand allein als solches in der Reihe der schmalen Bauernhäuser. Diese wendeten der Gasse nur zwei Fenster zu und einen Spitzgiebel, sie entwickelten sich erst im Hofe nach der Länge hin. Meister Jakob verdankte diesen bevorzugten Platz seinem Vater, der als Bauer so reich mit Söhnen gesegnet war, dass er dem Dorf einen Bauer, einen Wagner, einen Maurer und einen Fassbinder gab. Und er ließ dem Zweitgeborenen, dem Wagner, den Bauplatz abtrennen vom Bauernhofe nebenan. Sein Gewerbe erforderte, dass er mitten unter den Bauern sesshaft wurde und nicht im Tal, wo die Drechsler, Schreiner und Balbierer hausten, und nicht im Gässl hinter der Kirche, wo die Klempner, die Schuster und die Hebammen wohnten.

So saß Jakob Weidmann in der Herrengass’ von Neurosenthal auf väterlichem Grund und Boden, der seit Anbeginn der Familie gehörte. Und sein ältester Bruder Hannes nebenan war der Bauer. Sie vertrugen sich leidlich, obwohl der Hannes von finsterer Gemütsart war, und bei denen, die ihn nicht kannten, für böse galt. Als der Zaun aufgerichtet wurde, der mitten durch den Bauernhof schnitt, gab es argen Streit zwischen den Brüdern, und der Hannes verwand die Lostrennung des Drittel-Grundes nie. Jakob war freieren Gemütes, weltläufig, freundlich mit jedermann und gut mit seinen Kindern. Er freute sich immer wieder, dass sie ihrer sechs waren, drei Buben und drei Mädeln, und dass sie sich alle vertrugen. Zwei seiner Buben ließ er die Wagnerei lernen, der dritte aber sollte Schmied werden; denn Wagner und Schmied, die zwei unentbehrlichsten Gewerbe für den Bauer, gehörten zusammen und konnten sich in die Hände arbeiten.

Philipp war der einzige Sohn eines Viertelbauern. Durch Kinderreichtum und mehrfache Teilung des Besitzes war man dahin gekommen. Aber sein unternehmender Vater hatte sich durch Kauf und Pachtung walachischer Gründe auf dem Hotter der Nachbargemeinde so viel Felder gesichert wie ein Vollbauer. Und die Wirtschaft stand gut, es wartete der Anmerich eine große Aufgabe. Und wer sie in ihrer Ruhe und Festigkeit, in ihrer blonden Güte sah, der traute ihr auch die Fähigkeit zu, ein Haus zu führen. Die Eltern des Philipp waren freilich nicht dieser Meinung, sie wollten lange nichts wissen von einer Schwiegertochter aus dem Hause eines Handwerkers und schienen noch heute nicht ausgesöhnt zu sein mit dem Plane ihres Einzigen, wenn sie auch nachgegeben hatten. Denn Philipp war fest geblieben. Und Meister Jakob, der die Heimlichkeiten der Liebesleute nicht leiden mochte, erlaubte ihm das Kommen jederzeit. Der braune junge Mann war ein ernster Mensch, ein Spintisieren der sich in den Wintermonaten sogar aufs Bücherlesen verlegte. Das war in seiner Familie üblich. Die Trauttmänner wissen immer alles besser, sagte man im Dorfe. Und von dem Gelesenen zehrte er dann den ganzen Sommer. Als der Meister nun von Johanns Vorhaben zu reden anfing, da fühlte sich der Philipp am meisten berührt. »Herrgott, wenn's doch so a Fremd’ aa far uns Bauernbuwe gäwe tät!« rief er. Und Meister Jakob war überrascht von diesem Ausruf. »Kein übler Gedanke«, sagte er. »Könnt' euch Bauern aa nitschade, wenn ihr einmal die Landwirtschaft wo anders studiere möchtet.«

Und der Philipp redete von dem, was er im Winter Landwirtschaftliches gelesen. Es sollen ja schon mancherlei Maschinen und künstliche Düngemittel in Deutschland erfunden worden sein, sagte er, der Johann müsse ihm darüber Näheres schreiben. Am liebsten wäre er mit ihm gewandert.

Die Anmerich gab ihm einen Tritt, der gar nicht sanft war, unter dem Tisch, und der Philipp bog langsam auf andere Wege ein. Man habe halt keine Zeit für so was. Und Modi wär's auch nit. Der Johann aber versprach ihm aufzupassen. Alle redeten mit, nur die Mutter ging still ab und zu und wischte sich manchmal mit der Schürze über die Augen. Also wurde es doch ernst. Der Erste zog fort in die Fremd'. Das war nicht zu ändern, aber nahe ging es ihr sehr. Und sie beschäftigte sich schon mit Johanns Ausstattung. Und was sie ihm Gutes backen könne für die ersten Tage der Wanderschaft, das lag ihr besonders im Sinn. Frau Eva setzte sich neben ihren großen Buben und nahm versteckt unter dem Tisch seine Hand. Ihr Liebling war ja der Zweite, der Jakob, sagten alle; sie wusste davon nichts; in dieser Stunde war es gewiss der Johann. Und sie wollte wissen, was er sich noch alles wünsche.

»Willscht ihm den Abschied schwer mache?« fuhr der Vater sie an. »Gib ihm nur ja keinen Strudel mit. Denk' an den Schuster-Sepp und was mer über den gelacht habe.«

»Was war's mit dem?« fragte Philipp.

»Der Kerl war nicht fortzubringen«, sagte der Meister. »Und wie er endlich doch geht, gibt seine Mutter ihm einen großen Apfelstrudel ins Felleisen. Er fängt im nächsten Dorf schon zu essen an, isst und isst, und wie er fertig ist, heult er, kehrt um und kommt am Abend schon wieder heim aus der Fremd'. Versteckt sich ein paar Woche im Haus und geht nit mehr fort. Ist sein Lebtag ein Flickschuster geblieben.«

Die Jugend lachte sehr. Am lautesten der Johann. Und er ging dann mit der Mutter hinaus in die Küche und hinüber in die Werkstatt, um sich mit ihr zu beraten. Und dort konnte sie auch zärtlicher mit ihm sein, als es sonst ihre Art war. Wer weiß denn, wann und ob sie ihn je wiedersah. Man hat mancherlei erlebt mit Gesellen, die in die Fremd' gingen.

Der Vater, dem die Susi nach Tisch wieder die Pfeife gestopft hatte, redete in der Stube zu den andern über den Wert des Wanderns und der Fremde. Er erging sich stets halb in dem Hochdeutsch, das ihm noch von der Fremde anhing, halb in der heimatlichen Mundart, die die Seinen am besten verstanden. Er hatte ja noch zwei Aufpasser am Tisch da sitzen, die ihm am Ende verweichlichten im Wohlleben der Heimat, den Jakob, der zu Ostern frei geworden war, und den Peter, der im Herbst zum Schmied in die Lehre kommen sollte. »Das wär' was Schönes, wenn wir Handwerker dort hocke bleibe wollte, wo mer hingeschneit worde sin. Was m'r derhaam lernt, des gibt nur die gut oder schlecht Unterlag; in der Fremd' erscht sieht m'r, was ei'm fehlt, da macht mer die Auge uf und lernt. Unsere Urgrossleut sein zwahunnert Meile fortgewandert aus'm deutsche Land, weil sie mehr Grund und Bode gebraucht häwe und mehr Freiheit wie derhaam. Es hat ihne gut ang'schlage. Aber was wisste sie dahier von der Welt drausse und von alledem, was in hunnertundfufzig Jahr vorwärts gange is, wann die G'sella nit immer in die Fremd' gange wäre? Die Studente, die Pfarrers, Lehrers und Doktors werde, und die Handwerksbursche, die als Meister wiederkumme, die bringe immer wieder ein Tröppel vom deutsche Geischt mit, dass m'r nit vergesse, woher m'r sein. Die Schwobe hahier müssa immer ein' Spiegel haun, in den se gucke könne, sunscht (sonst) vergesse se, wer se sein. Losst den Johann nur wandern. Und wünscht ihm Glück, wann er geht. Er werd' in sei'm Innern aa so ein' Spiegel mitbringe aus der Fremd'.«

»Buwe, ins Bett!« rief die Mutter zur Tür herein. »Marje is aa ein Tag!«

Da erhob sich auch Philipp. Er wollte morgen gar früh auf und verplauderte sich hier. »Vetter Jakob«, sagte er »Euch könnt m’r die ganze Nacht zuhöre. Ich kumm bald wieder.«

Die Anmerich begleitete ihn hinaus bis auf die Gasse, sie hatten sich sicherlich noch manches unter vier Augen zu sagen. Und Kathl machte ein Fenster auf, den Tabaksrauch hinauszulassen. Da rief der Philipp von draußen: »Susi, Susi!« Und diese – sie räumte noch den Tisch ab -, trat ans Fenster. »Dei' Maibaurn ist pfutsch! Was sagscht du?« rief er von draußen.

»Ich?« lachte das verstockte Mädel. »Gott sei Dank. Hot die Sekkatur a End!«

»Ach ja«, sagte der Vater, »es war heunt der letscht Mai. Und uffgepasst häwe m’r doch nit, Suserl«, scherzte er. »Jetzt wisse mer wieder nix.«

Sie zuckte die Achseln, sagte gute Nacht und ging in ihre Stube. Aber sie vermied den Blick der Mutter.

»Loss sie, Vatter… Der schöne Maibaum war nit vom Erschtbeschte«, meinte die Frau Eva. »Da spinnt sich 'was.«

II.

Zum Hause Jakob Weidmanns gehörten auch drei Weingärten, ein paar Joch Getreidefelder auf dem Postgrund beim Schwarzwald und einige Kraut- und Kartoffelfelder. Und so gab es immer zu schaffen in der Wirtschaft. Die Gründe, zusammengeerbt von väterlicher und mütterlicher Seite, wurden von den Töchtern, die immer von einem der Söhne begleitet waren, bearbeitet, und ergaben alles Nötige fürs Haus. Nur in der Erntezeit griff man weiter aus, übernahm man Getreidefelder für den Schnitt und gegen Entlohnung durch einen Anteil. Der Vatersbruder nebenan, der Vetter Hannes, war dankbar für solche Mithilfe. Und jeder Bauer im Dorfe suchte sich ähnliche Helfer aus der Handwerkerzunft und aus den Kleinhäuslern, die kein eigenes Getreide zu fechsen hatten. Das Brot für das ganze Jahr verdiente sich im Schnitt jeder in der Gemeinde, der Lust dafür hatte. Auch in den Taglohn zu gehen war für niemanden eine Unehr', der Bauer schätzte seine Helfer und behandelte sie wie Familienmitglieder, die Bäuerin aber kochte auch für die abends Heimkehrenden, wie zur Kirchweih. Der Lohn war mäßig; aber jedes Haus legte noch ein »Vergelt's Gott« drauf, denn die Arbeit ehrte, der Fleiß war rühmlich und brachte eine gute Nachrede. Und die Bauern gingen bitten um die Mithilfe, wenn die Zeit da war. Das junge Getreide wollte im Frühjahr rasch vom Unkraut gesäubert sein, die Kartoffeln und der Kukuruz mussten gehackt und gehäufelt werden, und jeder Wingert rief wiederholt nach gründlicher Durcharbeit, ehe die reifen Trauben an den Reben hingen, die auch aufgebunden und gestützt sein wollten. Die Anmerich hatte da und dort im Taglohn mitgeholfen, wenn die eigene Arbeit getan war, sie schaffte mit allen um die Wette und man wunderte sich gar nicht, dass ein junger Bauer um sie warb. Der Ruf ihrer Tüchtigkeit war in jedermanns Mund. Die Susi geriet ihr nach.

Wenn sie sich im Weingarten mit einer Hacke am Morgen in eine Reihe mit den andern stellte, flog sie voran, keiner holte sie mehr ein. Und um nicht so aufzufallen, mit ihrer Kraft und ihrem Eifer, übernahm sie lieber gleich zwei Zeilen. Die schönen weißen Leinenbatschker mit den langen blauen Strümpfen wurden abgelegt, und barfuss, in kurzem Rock und Hemd, warf man sich in die Arbeit. Die braunen Arme und die prallen Waden der gebückten Mädchen leuchteten im Sonnenbrand. Ein Joch Weingarten, das in mehreren Schlägen, die durch Zwischengräben getrennt waren, den Berg hinanstieg, lag lange vor Sonnenuntergang hinter den fleißigen Weidemannsmädeln, und sie traten immer als die ersten, frisch gewaschen, den weiten Heimweg an. Beinahe geputzt sahen sie aus, so nett und sauber waren sie. Wenn sie nicht die Hacken auf der Schulter getragen und die Wasserkrüge in der Linken gehalten hätten, man würde geglaubt haben, sie kämen von einer Wallfahrt. Die leergegessenen Tornister trug immer der Jakob oder der Peter. Sie gingen zu Fuß wie alle, die nicht Pferd und Wagen hatten, aber sie wurden gar oft von den Bauern, die sie mit ihren Wagen einholten, durch Zuruf aufgefordert mitzufahren. Doch sie taten spröde, und die Wagen waren ja in der Regel voll gepfropft. Es musste eine schon sehr müde sein, wenn sie die Einladung annahm. Oder es gedachte eine daheim noch etwas zu schaffen oder der Mutter zu helfen, wenn sie Vorsprung gewann. Etwas andres war es, wenn jemand aus der bäuerlichen Verwandtschaft oder Nachbarschaft nachgefahren kam, die Zengrafs, die Trauttmanns, der Vetter Hannes, der Nachbar Staudt oder sonst wer. Da stiegen sie geschwinder auf. Zwei ihrer Weingärten lagen ja recht weit ab, hinter dem Hotter der walachischen Nachbargemeinde. Dort hatten die Rosenthaler Schwaben vor Iangen Zeiten einem Grafen die Urwälder ausgestockt und die Bären und Wölfe daraus verjagt. Das Holz wurde geteilt, die kahlgeschorenen Berge aber gehörten den Kolonisten, wenn sie sie mit Wein anpflanzten und dem Grafen den Zehent gaben. Den Wein pflanzten sie. Und den Zehent gaben sie bis heute. Aber der Weg zu diesem Besitz war weit, es hieß immer früh aufstehen, wenn man im Weingarten zu tun hatte. Und wenn die Schwaben an dem walachischen Dorfe vorbeifuhren, rechneten sie immer damit, dass sich da Arbeitswillige meldeten und mitgenommen werden mussten. Und das war denn auch meistens der Fall. Die Walachen warteten vor ihrem Dorf, feilschten mit den Bauern um den Lohn und stiegen auf. Ein Verlass auf sie war nie, denn sie hielten immer wieder gern einen Ruhetag, und man konnte auch die vielen griechischen Feiertage nicht zählen, an denen ihnen die Arbeit verboten war. Erst wenn diese fremden Taglöhner, die keiner liebte und ohne die man in größeren Wirtschaften nicht nachkam, am Abend wieder abgeladen waren, gab es häufiger Rückfahrtgelegenheit für die vielen Fußgänger. Aber bis sich das begab, waren die drei Weidmannsmädeln meist schon daheim. Denn einen frühen Feierabend gewährten die Bauern ihren walachischen Taglöhnern nicht. Die mussten für dreißig Kreuzer schaffen, so lange die Sonne am Himmel stand. Taten sie's doch selber auch.

Der Johann ging fort und der Jakob trat an seine Stelle als erster Gehilfe des Vaters. Ein zierliches kleines Rad hatte sich der Johann in den letzten Tagen gemacht für sein Felleisen, denn jeder Wanderbursche trug auf diesem das Abzeichen seines Handwerks, der Schuster einen Stiefel, der Schlosser einen Schlüssel, der Balbierer eine blanke Messingschüssel, der Wagner ein Rad. Es brauchte keine Vorstellung auf der Herberge, jeder sah, wer der andere war. Und beim Ludlmann, dem jüdischen Wanderhändler, der mit einem einspännigen Planwagen durch die Dörfer zog und sich auf einer Holzpfeife die Kundschaften melodisch herbeiblies, hatte Frau Eva für den Johann die nötigen Sachen, eine Schere, Nadeln und Zwirn, Lederriemen, Halstücher, Knöpfe, Seife, Hosenträger, einen Lauskamm und sonstige Ausrüstungsgegenstände für lange Wanderschaft eingetauscht. Sie gab alte Leinwand dafür hin, deren Flachs man einst selber gesponnen, Fetzen, von denen sie nicht wusste, was der Ludlmann damit anfangen könne. Und sie hatte dem Johann heimlich doch einen großen Strudel gemacht und einen Kranzkuchen, und auch eine geräucherte Speckseite dazugepackt. Dass er nicht umkehren würde, wenn das aufgezehrt war, wie der Schuster Sepp, das wusste sie. Dazu war ihr Bub zu stolz. Die Anmerich drückte ihm von ihrem ersparten Taglohn ein paar Silberzwanziger in die Hand, und die Susi gab ihm ihr Liederbuch mit. Er möge ihr überall, wohin er komme, ein schönes neues Lied einschreiben und es einst wiederbringen. Man brauche schon notwendig neue Lieder in den Spinnstuben. Er versprach es. Und es war ihm lieb, dass ihn die heimatlichen Lieder fortan begleiten sollten. Er selber war ein guter Ziehharmonikaspieler und sein Instrument nahm er mit. So wollte er auch gleich die Weisen der Lieder, die er etwa hören würde, aufschnappen und mitbringen. Am Fronleichnamstage nach der Vesper war der Johann ausgezogen, und die Geschwister und ein paar Freunde gaben ihm das Geleite bis hinaus auf die Temeschwarer Komitatsstraße. Am Vormittag hatte er noch teilgenommen an der Prozession, die durch das reichgeschmückte Dorf zog. Alle Wege waren mit Gras und Wiesenblumen bestreut, alle Gassen mit frischen grünen Zweigen abgesteckt, die Glocken läuteten, die Musikanten spielten, der Kirchenchor sang fromme Lieder und die Schützen gaben vor jedem Altar ihre Salven ab. Es war die dankbar demutsvolle Begrüßung des Wunders, das sich in der Natur draußen vollzogen hatte, eine jubelvolle Bitte um die Erfüllung alles dessen, was bis jetzt verheißen ward, um eine gute Ernte.

Da ging der Johann noch mit der Gemeinde im Gefolge der beiden Zünfte. Und sein frommer Vater als Vorsteher der einen trug auch einen Fuß des Himmels, unter dem der Herr Dechant mit dem Allerheiligsten in Händen einherschritt. Denn mit dem Dorfrichter und dem ersten Geschwornen trugen immer die Vorsteher der beiden Zünfte an diesem Tage den Himmel, zwei Bauern und zwei Handwerker. Diese waren den Bauern gleichgestellt in der Kirche, wenn sie auch in der Gemeinde selten ein Amt bekleideten. Mit dem mächtigen Eindruck des Tages im Herzen zog Johann von dannen. Seine Begleiter, Buben und Mädchen, von denen ihm eines einen Blumenstrauß anhing, waren lustig und sannen noch auf einen Schabernack. Sie geleiteten den Johann durch das Gässel, wo einer alle alten Stiefel des Dorfes flickte, der seit Jahren ein Ziel des Spottes war bei solchen Anlässen. Und so einmütig, als säßen sie in der Spinnreih, stimmten sie plötzlich das alte auf ihn gemünzte Lied an:

Der Schuster-Sepp, der wandern soll,

Weint laut und jammert sehr:

»O Mutter lebet ewig wohl,

Euch seh ich nimmermehr.«

Die Mutter greint entsetzlich:

»Das lass ich nicht geschehn,

Du darfst mir nicht so plötzlich

Aus deiner Heimat gehn.«

»O Mutter, nein, ich muss von hier,

Ist das nicht jämmerlich?«

»Mein Kind, ich weiß dir Rat dafür,

Verbergen will ich dich.

In meinem Taubenschlage

Verberg ich dich, mein Kind,

Bis deine Wandertage Gesund vorüber sind.«

Mein guter Seppel merkt sich dies

Und tut, als ging er fort,

Nahm kläglich Abschied und verließ

Sich auf der Mutter Wort.

Doch abends nach der Glocke

Stellt er sich wieder ein,

Ritt auf dem Schusterbocke

Zum Taubenschlag hinein.

Jetzt standen sie vor des Seppels Haus und kollerten lachend ihr Lied:

Da ging er; welch ein' Wanderschaft,

Im Schlage auf und ab,

Und wartete, bis ihm zur Kraft

Die Mutter Nudeln gab.

Beim Tag war er auf Reisen,

Und auch in mancher Nacht,

Da hatt' er mit den Mäusen

Und Ratten eine Schlacht.

Begleitet von einem saftigen Fluch kam ein alter Bauernstiefel in die Mitte der Sänger geflogen, und sie beeilten sich weiter zu kommen. Aber sie schenkten ihrem Opfer auch das letzte Gesätz nicht:

Einst hatte seine Schwester Streit

Nicht weit von seinem Haus,

Er hört, wie da ein Bettler schreit

Und guckt zum Schlag hinaus.

Mein Seppelein ergrimmte,

Macht eine Faust und droht:

»Wär' ich nicht in der Fremde,

Ich schlüg' dich mausetot!«

So scherzte man sich zum Dorf hinaus. Aber als es gegen das Ende ging, schlug die Stimmung um, den Begleitern Johanns riss der Faden ab. Und es gab ein groß Händeschütteln und Glückwünschen. Johann blieb fest. Er nahm seine Ziehharmonika, die ihm an einem Lederriemen an der linken Seite baumelte, zur Hand und spielte:

Muss i' denn, muss i' denn

Zum Städtle hinaus, Städtle hinaus

und marschierte tapfer weiter, nur mit dem Kopfe den Dank nickend für all die Zurufe und Grüße der Kameraden. Nicht mehr umsehen wollte er sich. Aber als er außer Sicht seiner Begleiter war, da schwenkte er den Hut und grüßte doch noch einmal den heimatlichen Kirchturm und alle, die in seinem Schutze wohnten. Wer weiß, ob er je wiederkehrte.

Es ging ein Aufatmen durch die dreitausendköpfige Gemeinde vor dem Schnitt. Alle Frühsommerarbeit war getan, die Kartoffeln und der Kukuruz waren gehäufelt, die Weingärten aufgebunden, die Brache gepflügt. Man schnaufte aus und konnte Kräfte sammeln für die größte Arbeit des Jahres, die freudigste und schwerste zugleich. Aber die Jugend bedurfte dessen nicht, sie wollte den Sonntag vor Peter und Paul freihaben für ein Tänzchen im Großen Wirtshaus. Und die schwäbischen Dorfmusikanten putzten ihre Instrumente blank. Die Geige vermochte freilich keiner von ihnen so recht zu führen, dafür hatte bloss der Herr Oberlehrer eine Hand, aber blasen konnten sie tüchtig. Die türkische Musik, das hatte man zu Fronleichnam wieder gehört, die verstanden sie. Und ihr Kapellmeister, der Eckerts Mathes, war nicht umsonst Musikkorporal gewesen im Deutschbanater Regiment, er ließ nichts Falsches durch. Auf die vorwitzige Klarinette, die auch am Fronleichnamstag immer was Extras spielen wollte und schandbar gixte, hatte er's besonders scharf. Mit dem Lannerts Peter probte er alle Tänze durch, ehe er ihn wieder an die Klarinette ließ. Na, es ging. Die lieben alten Liedertänze, die sich die Ureltern einst aus dem deutschen Vaterland mitgebracht, die hatte er sicherer im Maulwerk als die Kirchenmusik. Ja, es ging.

Und die Jugend von Alt- und Neurosenthal strömte an dem letzten Sonntag vor der Ernte, an dem der Pfarrer über das Abendmahl und seinen tiefen Sinn gepredigt hatte, zum Tanze nach dem Großen Wirtshaus. Das Dorf lag auf einer welligen Hochfläche, die sich gegen Osten hinabsenkte in die fruchtbare Tiefebene des Maroschtales. Zwischen der älteren und der neueren Siedlung lag ein Einschnitt, ein Tal, durch das ein Bächlein floss. Und in dem Tal hausten die Handwerker, die nicht viel Raum brauchten für ihr Gewerbe, in zwei Häuserreihen. Auf der Höhe links entwickelte sich das alte Dorf, mit Kirche, Schule, Gemeindehaus und Wirtshaus, auf der Höhe rechts die neuere Siedlung. Und jede hatte eine lange, in gleicher Richtung laufende Hauptgasse mit allerlei Nebengliedern. Aber die Hauptgasse von Altrosenthal machte an ihrem Ende im Osten eine Biegung nach rechts und traf unten an der Steinbrücke, die sich über den Bach wölbte, mit der Hauptgasse von Neurosenthal zusammen. Vereint liefen sie an der kleinen Siedlung der walachischen Halter, denen man sein Vieh anvertraute, vorbei und verzweigten sich hinaus in die Wiesen und Felder und die nahen, zum Ort gehörigen Weingärten, die hauptsächlich den Altrosenthalern eigneten. In allen Gassen standen Bäume vor den blanken weißen Häusern mit den grünen Sprießelläden, die frühen Maulbeeren reiften schon, und die Linden und Akazienblüten dufteten im Abendsonnenschein. Und überall sangen verliebte Vögel.

Aus all den weitverzweigten Gassen und Gässel, in denen Hof an Hof und Werkstatt an Werkstatt grenzte, scharwenzte die verliebte Jugend hinüber nach dem Zauberort, wo ein letzter Tanz vor der Ernte winkte. Die Schönen kamen aus der Öbergass und aus der Innergass, aus dem Tal und aus dem Grund, aus dem Pentschek und aus dem Schwarzwald, und da durften doch die aus der Herrnsgass nicht fehlen. Dort wohnten die Allerschönsten. Die Väter saßen daheim über den Sensen und Sicheln und dengelten im ganzen Dorf um die Wette für die Ernte, die Frauen und Mütter aber, die sonst so gern rundum im Tanzsaal hockten, sich an dem Anblick ihrer Kinder ergötzten und die Lose der Zukunft aus den Ereignissen solch eines Abends beredeten, sie hatten heute viel zu viel Arbeit vor sich, auch sie blieben daheim. Sie prüften und wogen ihre Vorräte für die Erntezeit, berechneten die Bedürfnisse, suchten die Nester ihrer Hühner ab und zählten die Eier, sie hielten ihre Jüngsten an zum Butterstoßen, die Großväter mussten noch Wein abziehen oder sonstwo helfen. Es schepperte und polterte und pumperte überall an diesem Sonntag, aber die mannbare Jugend flog aus und niemand wollte sie halten. Man brauchte ihre gute Stimmung für die Erntezeit und keine verdrossenen Gesichter. »Tanzt, tanzt euch aus«, sagte auch die Frau Eva zu ihren Mädeln. Und die braune Susi und die rotbackige Kathl, die noch in den dummen Jahren war, ließen sich's nicht zweimal sagen und machten sich schön. Nur die Anmerich blieb auf Wunsch des Philipp Trauttmann daheim. Nach ihren blonden Zöpfen sollte keiner mehr langen, an denen hing er selber.

Das Große Wirtshaus, ein alter Bau von herrschaftlichem Ansehen, war eigentlich nichts als ein großer Saal mit ein paar Nebenräumen. Über einige Staffeln stieg man von der Gasse empor zu dem Eingang, der beinahe mitten in den Saal führte. Rechter Hand baute sich ein hoher bretterner Gang auf festen Pfosten auf, ein Hochsitz für die Musikanten, und an den Wänden des Saales liefen Bänke rundum für die Zuschauer. Zur Linken kam man in die schmalen Nebenräume, die sich nach dem Hoftrakt hin fortsetzten. Gegenüber der Eingangstür von der Gasse befand sich ein Ausgang, der nach dem Hausgang und über ein paar Stufen in den Hof hinabführte. Dieser Hof war von gewaltiger Ausdehnung und rückwärts von einem Einkehrschuppen für Fuhrwerke und einem Stall überquert. Eine vielbenützte Kegelbahn streckte sich hinter dem Hause. Und jenseits dieser Hofwelt lag der Gemüse- und Obstgarten des Wirtes, der immer ein Pächter war. Denn der Besitz war ursprünglich kameralisch, er gehörte der Wiener Hofkammer, ehe er der Gemeinde zufiel. Die »Arenda« wurde immer für ein paar Jahre versteigert, und diesmal hatte sie Peter Albetz errungen, seines Zeichens eigentlich ein Schuster, aber ein weltgewanderter, weltgeläufiger Mann mit den allerbesten Manieren.

Das Große Wirtshaus, neben dem es auch kleine im Dorfe gab, war ein Heim für alle Feste und Veranstaltungen, auch für Versammlungen und für die ganz großen Bauernhochzeiten, für die jedes Privathaus zu eng geworden wäre. Und auch für englische Reiter, für fahrende deutsche Komödianten und Zauberer, die sich manchmal hierher verirrten und am liebsten gegen Eintrittsgelder in Naturalien spielten. Am häufigsten aber gehörte das Haus der tanzfreudigen Jugend, die von einem wahrhaft rheinischen Karnevals- und Kirchweihfieber besessen war.

Eine Lust waren ihr solche Sommerfeste. Die Mädchen standen im Freien draußen, von der Ausgangstür nach dem Hofe zu bildeten sie eine helle Gasse, und ihre zwei Reihen reichten oft tief hinab in den Hof. Die Buben hatten ihren Sammelpunkt ebenfalls im Hofe. Und wenn die Musik zum Antritt rief, stürmten sie durch die Reihe der Mädchen und wählten sich, die ihnen gefielen. Die Übriggebliebenen standen da wie am Pranger, sie konnten nicht einmal dem Tanze zusehen oder sich als Mauerblümchen in eine Ecke drücken, als wären sie nicht vorhanden. Und eine Dorfschöne überwachte die andere in dieser Mädchengasse, man hörte jedes Wort, das da gesprochen, fing jeden Blick auf, der da ausgetauscht wurde. Was hier geschah, das wusste am nächsten Morgen das ganze Dorf.

Wer wird die Weidemanns Susi heute zum Ersten führen? Das war die Frage für alle ihre Freundinnen aus Neurosenthal. Keine hatte ihr den Maibaum gegönnt. Und sie fragte sich's selber, wenn sie Ausschau hielt nach dem Kreis der im Hofe versammelten Buben. Welcher konnte es gewesen sein? Der Mergl, der Schilling, der Knapp oder der Staudt? Oder einer aus Altrosenthal? Wer denn? Zuletzt kam sie auf den, den sie meinte, auf den kecken Luckhaups Christof, der sie schon aus der Sonntagsschule immer so gern heimbegleitet hatte. Oder der Wichner? Der Klotz? Der Theiß? Wie er verstohlen herschaute, der Christof… Na, der soll ihr kommen. So ein hochmütiger reicher Bauernsohn. Da käm' sie schön in die Mäuler der Leute. Sie hätte sich's aber denken können. Und sie hatte sich's auch gedacht.

Musik! Die Klarinetten weit voraus. Sie lockten und jauchzten, dass der Ländler allen in die Beine fuhr.

Und die Buben stürmten in die lichte Gasse. Zehn flinke Hände wollten nach der Susi langen, aber der Christof hatte sie schon. »Oho!« sagte er. Und voll Hochmut blickte er seine Mitbewerber an. »Ich bin do.«

»Na, du bischt weiter wer«, antwortete der Schilling Franz aus Neurosenthal und nahm die Kathl.

Susi hatte es ja gewusst… Hand in Hand mit ihm schritt sie willenlos in der Reihe der Paare dem Eingang zu, hinter ihr zischelte es her: »Er war's, er war's.« Christof sagte kein Wort, aber sie verstand den festen Druck seiner Hand. Es war ja eine Ehre für eine Handwerkerstochter, und sie wurde beneidet. Aber es wehrte sich etwas in ihr gegen diesen Überfall, eine warnende Stimme flüsterte ihr tief innen zu: »Hüte dich!« Und als er sie jetzt mit starken Armen durch den Saal schwenkte und ihr ins Ohr fragte: »Bischt mer bös, Suserl?« Da fand sie den Mut, ja zu sagen. »Ja!« »Den Dank häb ich erwart't von dir«, lachte Christof und tanzte wie toll in die Mitte des Saales, als wäre Kirweih und er der Vortänzer. »Sie sollen's alle sehen, dass ich dich haben will, haben will, dass ich dich haben muss, haben muss«, flüsterte er übermütig im Takte der Musik, und sein heißer Atem strich über ihre Wange. Sie konnte den Kopf nicht weit genug weghalten von dem seinen, er war's imstande und hätte sie geküsst. Es waren Zuschauerinnen genug gekommen aus der Nachbarschaft des Großen Wirtshauses, und sie rissen die Augen auf. Auch die Mittanzenden bemerkten, woran sie mit dem Christof und der Susi waren. Dass sie die Schönste war im Saal, das bestritt ihr niemand, aber dass sie das erreichen sollte, glaubte keine. Die Bauerntöchter sahen sie mit scheelen Augen an, die Buben aus Neurosenthal aber steckten alsbald die Köpfe zusammen draußen im Hof und redeten dem Christof allerlei zu Gehör. Solche Schläge hätte noch keiner bekommen. Auf so eine Kirweih freuten sie sich schon lange. Er reckte sich und sah höhnisch um sich. Die Altrosenthaler standen alle zu ihm.

Susi wusste nicht, wohin sie blicken sollte, Als sie wieder draußen stand in der Reihe, so viele feindliche Augen sah sie auf sich gerichtet. Zum Glück hatte sie die Kathl neben sich. Aber auch der Fratz, der noch gar nicht hierher gehörte, schien verdrossen zu sein, er antwortete nur einsilbig auf alles, was die Susi im überhitzten Eifer redete. Und als der Tanz wieder anging und die Klarinette gellend zu einem Langaus rief, da griffen die Buben aus Neurosenthal wie auf Verabredung nach anderen Mädchen, sie holten die Kathl neben der Susi fort und alle Nachbarinnen, nur sie blieb stehen. Lachend kam zuletzt der Christof und nahm sie wieder. »Die Affe! Die Schlappschwänz!« sagte er. Und sie ging trotzig erhobenen Hauptes mit ihm und drückte seine Hand wie zum Danke. Justament! Und wenn sie alle zersprangen! Sie war auch nicht mehr böse auf den Christof. Sie ließ ihn reden und flüstern und wurde aufgeräumter von Tanz zu Tanz. Sie taten, als ob sie allein wären in all dem Trubel. Wie ein Rausch war es über sie gekommen…

Und plötzlich war die Susi vom Tanzboden verschwunden. Aber auch den Christof sah niemand mehr. Und die Kathl wollte schier in die Erde sinken vor Scham.

III.

Vor der Sonne erhob sich Tag für Tag das ganze Dorf. Ehe noch die Schwalben auf ihren Nestern ihr Morgengebet georgelt hatten, standen die angeschirrten Pferde im Hof. Die Kirchenglocke, die frühe Mahnerin zum Tagewerk, rief zu spät zum Schnitt. Niemand fragte, ob die alte Bauernregel »Zu Peter und Paul wird die Kornwurzel faul«, sich auch heuer erfüllt habe, ob man nicht doch noch ein paar Tage zugeben sollte, alles warf sich auf die Erntearbeit. Die Banater Sonnenuhr geht vor. Das Korn musste reif sein. Im Dämmerschein vor Sonnenaufgang schon rasselten die ersten Wagen fort, in allen Höfen herrschte Leben und Bewegung, man molk die Kühe im Dunkeln und trieb sie mit den Kälbern und Füllen und Schweinen auf die Gasse hinaus, denn auf die Halter warten konnte man nicht, die mochten sich das Vieh für die Weide zusammenlesen. An allen Straßenkreuzungen warteten Schnittergruppen auf die Wagen der Bauern, und manch ein junges Blut, das in Taglohn ging, hockte da verschlafen auf einem Eckstein und tunkte mit dem Kopfe bis es angerufen und aufgeladen wurde.

Auch bei den Häusern der Handwerker, die zu selbständigen Schnittern geworden waren, fuhren Wagen vor, niemand brauchte zu Fuß zu gehen, es wäre zu schade gewesen um die Zeit. Kein Rad, das noch lief, kein Gaul, der noch aufrecht ging, blieb ungenützt im Dorfe, und die Halter brachten während der Erntezeit nur Füllen auf die Weide. Leer war das weite Dorf, wenn die Glocke den Tag einläutete, und sie rief später auch vergeblich zur Messe, nur Greisinnen kamen zur Kirche. Wer nicht mehr schaffen konnte, betete für eine gute Erntezeit.

Auch die Weidmannskinder waren sämtlich im Schnitt, zehn Joch hatten sie übernommen. Die Mädeln schnitten mit den Sicheln, der Peter trug hinter ihnen das Getreide auf kleine Haufen zusammen und der Jakob band die Garben. Und manchmal wechselten sie ab, trug die Kathl das Getreide zusammen, und die Susi versuchte ihre strotzende Kraft an den Garben. Aber die Schwielen, die sie an allen Fingern bekam, verdrossen sie sehr bald, und sie überließ dieses Männergeschäft gern dem Jakob. Garstige Hände wollte sie sich doch nicht einwirtschaften für die Kirweih.

In jüngeren Jahren gingen auch Meister Jakob und die Bas’ Eva mit, jetzt überließen sie die Arbeit den erwachsenen Kindern. Die Wagnerei konnte auch während der Erntezeit nicht schlafen wie manch anderes Gewerbe, es gab täglich Kleinarbeit an beschädigten Gefährten, und seit der Johann fort war, musste der Vater hinter allem her sein. Die Mutter bleichte ihre aufgespannte Leinwand draußen im Hof und begoss sie Stunde für Stunde mit frischem Brunnenwasser, sorgte für ihre fünf Schnitter, die immer einen Bärenhunger heimbrachten und arbeitete nebenher in aller Stille an der Ausstattung für die Töchter. Die der Anmerich war schon fällig. Und was sie von der Susi gehört, ließ auch manche Hoffnung zu.

Zum zweitenmal schon pfiff der Tellerjud vor dem Hause. Was der Mensch zu solcher Zeit nur will? Ist doch keine Seele daheim. Wer denkt jetzt an sein Geschirr!

Die Frau Eva meldete sich nicht. Aber der fahrende Hausierer sah sie Wasserschöpfen und kam herzu. »Liebe Bas’, ich hab schönes Porzellan. Ich geb' es billig in der schlechten Zeit. Gar kein Geschäft!«

»Ich kaaf nix.«

»Ach, wer kann das wissen. Ihr habt Töchter, schöne Töchter, ihr werdet im Fasching Porzellan brauchen, aber dann wird's teurer sein.«

»Des hot Zeit. Häb jetzt kein Geld für solche Sache!« »Verlang' ich denn a Geld von Euch? Ihr gebt mir zehn alte Zinnteller und ich geb Euch zehn schöne Porzellanteller. Ware gegen Ware. Ich nehm' auch Getreide.«

»Zinn?« fragte sie. »Unser altes Zinng'schirr is am Bode hinnerm Schornstein. Bis Ihr wieder einmal kommt.«

»Ich hol mer's selber herunter«, sagte der Händler geschmeidig und drang in den Hof. Die Bas’ Eva begoss ihr Linnen und dachte nach. Es lagen sicher zwölf oder fünfzehn Teller und ein paar Schüsseln droben. Sie hatte sie einst mitbekommen in ihre Aussteuer, aber sie waren seither ganz aus der Mode gekommen. Die Kinder hatten noch gegessen auf den alten Erbstücken, die weiß Gott woher stammten. Und jetzt sollte man sie hergeben? Aber der Tellerjud hat recht, sie wird Porzellan brauchen in kommender Zeit. Schon für die Hochzeit der Anmerich. Der Händler, ein kleiner alter Jude von polnischem Aussehen, in Kaftan und Löckchen, wartete geduldig. Und als die Gießkanne der Bas' Eva leer war, sagte sie: »Ihr wollt mei' Zinn. Zeigt mer amol Euer Parzlan! Es hot mich schon amol einer an g'schmiert mit weißlackierte Teller, die irden gewesen sein. So ein G'lumpert nehm ich nit wieder.«

»Aber bitte, liebe Bas’, kommt doch zu meinem Wagen hinaus. Ich zeig' Euch, was ich hab'. Alles Wiener Porzellan. Echte Ware.«

Und die Bas’ Eva folgte ihm zu seinem mit einer Plache überspannten Wagen, in der er zwischen Stroh- und Heuschichten seine gebrechlichen Schätze geborgen hatte. Sie war nicht unbefriedigt. Die geblumten Muster, die roten, die er ihr zeigte, mochten sich auf einer Hochzeitstafel ganz gut machen. Aber was tat sie mit zwölf oder fünfzehn dieser gebrechlichen Teller, wenn sie an eine große Hochzeit dachte. »Kommt zu meinem Mann«, sagte sie und ging voraus. »Nehmt einen Teller mit und eine Schüssel.«

Sie rief den Meister, der, mit einem braunledernen Schurzfell angetan, alsbald aus der Werkstatt trat. Und sie sagte ihm, um was sich's handelte. Er zuckte die Achseln. »Des G'schirr g'hert dir. Mach' was du glaubst. Man müßt' sich's halt noch amol angucke.«

Der alte Jude kroch in der Press bereitwillig die Bodenstiege hinauf und die Bas’ Eva hinter ihm. Sie zeigte ihm, wo alles stand, und er trug es hinab. Viermal machte er den Weg und die Bas’ Eva entdeckte auch noch ein paar Zinnkannen, die sie mitnahm. Als alles von Staub und Ruß befreit auf einer leeren Hackbank stand und der Meister es genau ansah, machte er ein bedenkliches Gesicht. Das war Nürnberger Ware. Zweihundert Jahre alt. Und da und dort war der Namenszug der Vorfahren in das Geschirr eingeprägt und eingeritzt. »Des willscht du hergebe?« fragte er seine Eva. »Und was kriegscht du dafür?«

»Ich will nit«, erwiderte sie, »aber was tut mer damit? Und schönes Parzlan werd m’r im Fasching vielleicht brauche.«

»Was du kriegscht dafür?« fragte er geärgert.

Die Bas' Eva sah den Tellerjuden an: »Na, sagt's!«

Der Händler wand sich, er roch, dass ihm das gute Geschäft zu entgleiten drohte. Dann sagte er resolut: »Herr Meister, ich geb' zwei solche schöne neue Teller für einen alten.«

»Nicht für fünfe«, sagte Meister Jakob. »Das Geschirr ist uns überhaupt nit feil« Er hatte indessen auch das Fabrikzeichen von Mömpelgard auf den Schüsseln gefunden und auf ein paar Tellern eine gar feine Engelmarke. »Das sein Andenke. Die b'halte mer«, sagte er zu seiner Frau.

»In Gottes Namen, so geb' ich drei von den geblumten schönen Tellern für einen«, wandte sich der Händler an die Hausfrau.

»Na, hört Ihr«, rief diese und stemmte die Arme auf die Hüften, »und zuerscht habt Ihr mir nur ein' einzige' gebote? Die Sach g'fällt m'r jetzt selber nit.«

»Mein erstes Geschäft heute, das soll man nit loslassen, sonst hat man den ganzen Tag kein Glück!« flehte der Händler.

»Naa, naa, geiht mit Gott; ich tausch nix und kaaf nix.«

»Liebe Bas'…« »Adjes«, sagte der Meister.

Alsbald hörte man wieder die Holzpfeife des Tellerjuden auf der Gasse, und sein Wagen knarrte weiter. Er wird andere Häuser finden, in denen man sich leichter trennt von dem alten Gelumpe. Pech, dass der Mann auch daheim war.

Und die Bas' Eva trug ihr Zinn wieder auf den Boden hinauf und stellte es hinter den Schornstein. Zwei Kannen behielt sie unten. Die konnte man ja im Hause verwenden.

In Gedanken war sie bei ihren Kindern draußen im Felde. Die Susi, die Susi… Das Mädel beschäftigte sie sehr. Und der Vater wusste noch gar nicht, was neulich passiert war. Sie kam allein nach Hause vom Tanz und schlich sich in ihr Zimmer. Und nachts weinte sie in ihrem Bett. Die Kathl aber, der Dickkopf, sagte nichts, als dass gerauft worden wäre wegen ihr. Die Neurosenthaler Buben hätten Schläge gekriegt. Von fremden Leuten erst hatte die Frau Eva erfahren müssen, um wen es sich handelte. Der Christof Luckhaup also hatte der Susi den Maibaum gesetzt. Und mit ihm allein tanzte sie? Das wird nicht gut enden. Das wird Herzleid geben.

Eine alte Frau humpelte zum Tor herein, und sie trug ein Körbchen im linken Arm, hielt einen Stock in der Rechten, auf den sie sich ein wenig stützte. Unter dem dunkeln Kopftuch, das einen Spitzgiebel über ihrer Stirn bildete, sah man die in der Mitte gescheitelten weißen Haare und auf der Oberlippe sprosste ihr ein kräftiger Schnurrbart. Sie blieb im Hofe stehen, ihre zwei hellen funkelnden Augen gingen suchend umher.

»Ja, die Motter!« rief Frau Eva aus der Press. »Wo soll m'r denn des hinschreiwe?« Und sie kam der alten Frau entgegen und geleitete sie in den kühlen Schatten der Halle. »Bei der Hitz' den weite Weg, Motter!«

»Von euch kimmt doch kein Mensch zu mer' nüber. Muss ich halt 'rüberkumme«, sagte die alte Zengrafin und setzte sich. Das Körbchen hielt sie der Tochter hin, die es nahm und seinen Inhalt beguckte. »In der Ernt' Motter! Bei der veel Arweit!« sagte sie. »Und was Ihr Euch da abg'schleppt habt. All die Sache'.«

»Far die Kinner«, erwiderte die Bäuerin.

Sie saß als Witwe im Vorbehalt auf ihrem Hof in Altrosenthal, und die Eva war ihr jüngstes, ihr zwölftes Kind. An ihr hing sie sehr. Hier war sie noch die Großmutter, bei den älteren aber, die schon Enkel hatten, hieß sie bereits die Fraala. Sie zählte schon vierzig, als das Mädel nachkam und hatte sich geschämt mit ihm vor ihren verheirateten erstgeborenen Kindern, denen die Eva auch immer fremd blieb. Sie wurde weicher erzogen, und die Mutter sah es gern, dass sie keinen Bauern heiratete, sondern einen Handwerker. Der Zengraf hatte die Wirtschaft früh übergeben und widmete sich den Gemeindesachen, die Eva wuchs schon im Vorbehalthaus heran.

»Freilich, freilich kann jetzt kein's zur Großmutter kumme«, sagte sie. »Äwer mer möcht' halt doch manchmal wisse, was vorgeht. Die Leut rede allerlei drübe bei uns, was mer mit g'fällt. Und auch sunscht - 's geiht m’r nit gut. Der Martin ist grob, du waascht's ja, und sei' Weib is a Beißzang'. Sie könne's nit erwarte, bis unser Herrgott mich zu sich ruft. Mer scheint, er hot mich vergesse.«

Der Frau Eva schienen diese Klagen nichts Neues zu sein, sie ging darüber hinweg. Aber die Mutter ließ den Faden nicht los. »Mei' Kartoffel werde zuletscht angebaut, mei' Korn werd zuletscht g'schritte, ein G'witter ums anner fahrt 'nein und drischt's derweil aus. Ich zähl gar nit mehr. Die Eltern gelte nix mehr in der neue Welt.«

»Ä wer Motter, Motter! Euch fehlt doch gar nix. Ihr häbt doch alles, und dem Martin sei' Wirtschaft is halt groß. Ihr sollt' ihm nix drei'rede, er besorgt auch Euer Sach', wenn's Zeit is. Und die Nantschi hat halt aa de Kopp voll und's Haus voller Kinner.«

»Im Weg bin ich ehna; fort wolle sie mich häwe; 's dauert ehna zu long.« So redete die alte Frau eigensinnig. Plötzlich erinnerte sie sich, dass sie ja noch etwas anderes sagen wollte. Darum war sie doch gekommen. »Und was geiht denn bei euch vor? Die Weiber drübe klatsche über die Susi. Des brav' Mädel werd uns doch kei' Schand mache?«

»Die böse Mäuler sollte mer mei Mädel in Ruh losse!« fuhr Frau Eva auf »Äwer's is ja nar der Neid, weil ehna wieder amol a Vogl von drübe auskomme will«, fügte sie spöttisch hinzu.

»Evi, nimm's nit leicht. Der Bu werd ehna nit auskomme. Den erschlagt sei Vetter lieber. Oder er steckt 'n unner die Saldate. Ich kenn' den alte Luckhaup besser.«

»Es red't ja auch kein Mensch bei uns davon. Nit ein einzig's Wort hat m’r die Susi g'saat. Vielleicht möcht' der Christof sie, äwer alles anner is doch nar Getratsch.«

»Dernoo is's gut. Macht euch kei' Hoffnung nit. Es führt zu nix. Die Luckhauwe kenn' ich. Hot unser Leni - Gott hab sie selig - ja auch einer habe wolle. Die bilde sich ein' ganze Haufe ein und wolle nar reich heirate. Sie ware die erschte do, sage se, ihr Ururgroßvater war der erscht Dorfrichter in Rosethal. Der Michel Luckhaup, sage se, hat noch den Prinz Eugeni g'sehe, und mit'm Graf Mercy oft gered't. Wie er eing'wannert is mit seiner Famili, war do noch nix. Des steht im Pfarrbuch zu lese. Und sie taun, als wäre sie die Grafe von Rosethal. De schönschte Mädscha laafe sie immer nooch, da sein se nit haaklich, äwer mit'm heirate - heidi! - da pfeife se dir was.«

»M'r hot doch nie nix Schlimmes g'härt von einem«, erwiderte die Frau Eva, die dem Gaste einen Teller saurer Milch vorgesetzt hatte zur Erfrischung. Obwohl die Worte der Mutter alles bestätigt und verschärft zum Ausdruck brachten, was sie selber dachte, ließ sie sich das nicht anmerken. Aber die alte Frau fuhr fort: »Loss des gut sein! M'r erfahrt nit von allem Herzleid und aller stille Schand', die hamlich uf die Seit' g'raamt werd. Ich häb dich und die Susi rar warne wolle. Der alt' Luckhaup is ein Satan. Und die Söhne müsse pariere.«

Sie löffelte die Milch aus dem tiefen irdenen Teller und sagte dazwischen: »Ich wüsst' der Susi 'was G'scheiteres… Der Matz Wörle, mei Vetter, hot a krankes Weib und sucht a Aushilf, a Pflegerin und Wirtschafterin. Find't er eine, die brav is, kann sie vielleicht noch Bäuerin wer'n. Du hoscht drei Töchter, Evi…«

»Für fremde Leut häb ich se mit ufgezoge«, fiel diese schroff ein und trat an die Werkstattür. »Jokob, die Motter is do!« rief sie hinein.

»Na, na«, murrte die Großmutter, »nur nit so obenaus.«

Der Meister kam sogleich heraus und begrüßte den Gast. Aber das frühere Gespräch war wie abgeschnitten, die alte Zengrafin war keine Klatschbase und wusste genau, dass man dem Schwiegersohn nicht mit Dingen kommen durfte, die nur die Tochter angingen.

»Was macht der böse Fuß, Mutter? Geht's denn noch immer soweit?« fragte Meister Jakob.

»Du werscht mich auslache, Jakob, ich loss mer jetzt Brauche von der Kern's Kathl und 's is besser. Der Bader hat ein Jahr lang dran rumgedoktert, und 's hot nix g'holfe, die Bas' Kathl hot mer dreimal gebraucht, und 's is mer leichter.« »Dann ist's ja gut«, sagte der Meister lächelnd. »Ob gedoktert oder gezaubert, wer hilft, der hat recht.« »Häb's jo gewißt, du werscht mich auslache. Was ich g'schpür, des g'schpür ich. Und wo kei' Doktor mer helfe konn, da hilft Gott.«

»Des unterschreib' ich, Motter! Gott in Ehren. Aber vom Brauche halt ich nix.«

»Loss mer mein Glaube«, sprach die alte Frau heftig und stieß mit ihren Stecken auf den Boden. »Die Bas' Kathl red't heilige Sprüchl und ich bet' derzu. Und des hilft! Des hilft!«

»Hätt'scht g'sehe, wie die Motter da 'reikumme is. Wie a Wiesl«, warf Frau Eva ein.

»Des is g'scheit«, sagte der Meister. »Do werd se jetzt mit mer in de Garte springe, und ich werd' ihr ein paar Rose abschneide.«

»Rose? Far mich? Lass gut sein, Jokob, 's wär schad drum. Bis ich derhaam bin, sein se welk in der Hitz, so wie ich. Und jetzt muss ich a wieder geihn.«

»Naa, naa, Motter, du werscht mit uns esse«, sagte Frau Eva. »Ich back' der 'was.«

»Ich dank' schön. Wo denkscht du hin! Die Nantschi möcht' mich schön runnerputze, wann ich nit käm'. Ich muss haam. Mei' Hausdrach leid't's nit annerscht«, sagte sie und erhob sich.

Und Frau Eva ließ sie gehen. Sie gab ihr langsam das Geleite bis an das Haustor.

»Ich loss die Kinner schön grüße. Soll halt wieder amol eins' nüber gucke zur Fraala, wann die Ernt’ vorüber is… Schick mer die Susi… Jessas, mei Körbl. Gib mer doch g'schwind mei Körbl!«

»Da is es schon«, rief der Schwiegersohn, der nachkam. Und er hatte ihr doch ein paar Rosen in ihr leeres Körbchen gelegt. »Du bischt und bleibscht a Narr, Jokob«, sagte sie, schon gehend, zärtlich polternd. »Die muss ich rein verstecke, sunscht halte mich die Leut far a walachisch' Braut.« »Kimm gut haam!« rief Frau Eva ihr nach.

Lächelnd sah sich die Alte noch einmal um, und ihre hellen Augen blitzten. »Schick mer die Susi«, sagte sie noch einmal.

Die beiden blickten ihr noch nach, wie sie munter gegen das Tal zu humpelte, das sie zu übersetzen hatte, um hinüber zu gelangen nach Altrosenthal. Eine Lehne hinab, eine hinauf. In der brennenden Mittagshitze, »Wie alt ist die Mutter?« fragte Weidmann. »Ach, das sagt sie gar nit. Es werd ihr wohl vom Achtziger kein Tag fehle«, erwiderte Frau Eva. »Und was will sie denn von der Susi?« »Waaß ich's? Sie hot se halt gern. Gute Lehre werd se ihr gäwe, und die konn se brauche.« »Meinst?«

»Die Buwe sein wie die Teixeln her hinner dem Mädscha; neulich häwe se g'raaft wege ihr im Groß' Wertshaus.« »Wann's weiter nix is, Alte, des häwe mer auch getan«, sagte der Meister. Und sie gingen ins Haus. Frau Eva schwieg. Sie hatte genug gesagt. Und sie begoss ihre aufgespannte rauhe Leinwand im Hof wieder und fütterte zuerst ihre drei Mastschweine. Dann rief sie den Mann zu Tisch.

IV.

Wer die alte Hauptstraße des Dorfes entlang wandelte, merkte es auf den ersten Blick, dass hier der patrizische Mittelpunkt der Gemeinde lag. Namentlich rund um die Kirche sah es ganz stattlich aus und altväterlich bieder. Die schöne Kirche selber hatte noch Maria Theresia der Gemeinde von einem Wiener Meister bauen lassen, den sie mit vielen Plänen ins Banat schickte. Die Kolonisten führten allen Bedarf an Steinen und Ziegeln, an Sand und Kalk und Holz herzu und leisteten unentgeltlich, abwechselnd, jede Hilfsarbeit, die von ihnen gefordert wurde. Es war eine harte Robot. Aber so kamen sie früh zu einer Kirche, einer Schule, einem Pfarrhaus und dem Großen Wirtshaus. Und der Stil der Bauten übte seinen Einfluss auch auf die Nachbarhäuser aus, kein Bauer in Altrosenthal wollte zu weit zurückbleiben hinter den Vorbildern. Das schmale, langgestreckte Bauernhaus, wie die Hofkammer und das Militärärar sie für die Kolonisten bauen ließen, verschwand aus dem Mittelpunkt, man baute überzwerch und machte breite Gassenfronten. Vor den blendend weißgetünchten Häusern mit den grünen Fensterläden entwickelte sich eine Allee von Maulbeer-, Akazien- und Lindenbäumen. Nur vor den Toreinfahrten klaffte eine breite Lücke, denn sie mussten Raum bieten für bäuerliches Großfuhrwerk. Ein Heuwagen, ein breitgeladener Erntewagen, durfte mit keinen Baumästen in Streit geraten.

Und hier saßen nur ganze Bauern, die Wohlhabenheit lachte von jedem Giebel. Die spätere Erweiterung des Dorfes jenseits des Tales hatte keinen derartigen Mittelpunkt, sie war nur ein mächtiger Arm dieses Körpers. Und sie konnte sich auch lange die Gleichberechtigung nicht erringen; hier in Altrosenthal wuchsen die Richter, die sich die Gemeinde erwählte, hier saßen Pfarrer und Lehrer, die Krämer und der königliche Dorfnotär. Von hier aus wurde alles geleitet.

Nur zwei gute Köpfe von jenseits, ein Trauttmann und ein Lannert, setzten sich eine Zeitlang als Richter durch, dann fiel die Führung wieder an die alten Familien, die Luckhaup, die Geiß, die Wichner, die Klotz und Sehl und andere. Manche teilten sich schon in mehrere Linien, die Luckhaup hatten fünf Höfe besetzt, und ihr Anhang bei den Gemeindewahlen war groß. So viel ganze Sessionen standen ihnen in der Gemeinde freilich nicht zur Verfügung, sie erreichten diese Ausbreitung nur durch eine kluge Heiratspolitik. Dadurch bewahren sie ihre Nachkommen davor, Kleinbauern zu werden oder Handwerker. Und studieren hatten sie auch keinen lassen. Sie waren sich gescheit genug, brauchten keinen Herrischen in der Familie.

Kaspar Luckhaup, ein dunkelhaariger, bartloser Mann mit harten Augen, der dreimal Richter gewesen, saß mitten in der Hauptstraße auf dem Ursitz seiner Familie. Nie waren die dazugehörigen Gründe geteilt worden. Der älteste Sohn bekam stets den ganzen Hof, die jüngeren mussten gut heiraten, oder man kaufte ihnen einen verwaisten Grund, die Töchter wurden hinausgezahlt. In mageren Zeiten war das für einen jungen Bauern oft eine schwere Last, aber es haben sie noch alle getragen. Man pachtete in den zwei walachischen Nachbargemeinden ein paar Felder dazu und schaffte immer noch ein bisschen mehr. Den im Sommer geopferten Schlaf holte man im Winter wieder ein. Es ging schon, wenn man sich's einzuteilen verstand. Das wusste auch Kaspar. Er hatte vier Schwestern hinausgezahlt, wovor Gott je den Bauern bewahren möge, sagte er wie oft. Und er lebte nie in Frieden mit diesen Schwestern, ihre Männer hatten sich mehr erwartet. Und in Unfrieden hauste er auch mit seinen Eltern, die noch lebten und im Vorbehalthäuschen wohnten, das gegenüber dem Hauptgebäude im Hofe stand. Sie hatten keine guten Tage unter seiner Herrschaft. Aber jetzt ging auch diese zu Ende, er wird in einem Jahr in die Hinterstube ziehen und dort warten bis das Vorbehalthaus frei wird für ihn. Für ihn allein, denn er war Witwer. Aber noch war er der Herr. Und er wird einen gescheiteren Vertrag mit seinem Ältesten machen als sein eigener Vater einst mit ihm. Von seiner völligen Abdankung war noch lange keine Rede. Der Hannes hat geheiratet, gut geheiratet, die Frau brachte ihm noch eine halbe Session mit in die Ehe, aber Bauer blieb der Vater. Drei Jahre, das war ausgemacht, standen sie noch unter seiner Fuchtel, bis die Frau sich eingelebt hatte in die Luckhaupsche Hausordnung. Was der Vater wollte, das hatte zu geschehen. Für den zweiten Sohn, den Peter, war auch ein warmes Nest gefunden. Jetzt blieb nur noch der Christof zu versorgen. Und der musste dazusehen, sonst war er in einem Jahr der Knecht des Bruders. Einen Batzen Geld hat er ja zu erwarten, aber den Hof, den er brauchte, den wird er sich doch wohl selber suchen müssen.

Seitdem die Bäuerin tot war, führte eine verwitwete Base die Wirtschaft des Kaspar Luckhaup. Auch der Einzug der jungen Bäuerin änderte daran nichts, der Vater begab sich nicht in ihre Kost und Pflege, sie hatte drei Jahre an seinem Tisch zu essen wie eine aufgedingte Magd. Das war der Brauch des Hauses und davon ließ er nicht. Und wenn der Vater abend sagte: ihr geht morgen in die Kartoffel, so ging man in die Kartoffel; oder: »Hannes, du ackerst morgen im Überland, und die Margret geht mit de Leut' in Wingert«, so lud der Hannes seinen Pflug auf und fuhr hinab ins Überland an der Marosch, die Margret aber ging, so sehr sie innerlich widerstreben mochte, mit den Taglöhnern in den Weingarten. Widerspruch gab es keinen.

Der Schnitt war vorüber. In hohen, kunstvoll aufgebauten Tristen saß das Getreide rings um die Tretplätze draußen auf den Feldern, und die lustige Tretarbeit hatte auch schon begonnen, überall liefen die Pferde die Runden. Jeder Bauer besaß in dieser Zeit seinen eigenen Zirkus und alles, was Beine hatte, tat mit. Früh fuhr man aus und nahm noch ein Fass Wasser mit, um den festgestampften, wohlvorbereiteten Tretplatz am Abend fürsorglich zu besprengen. Die große runde Scheibe dieser Tenne im Ackerfeld erglänzte wie Marmelstein, aber sie wurde leicht spröde und bekam Risse und Sprünge. Kaspar Luckhaup war wie ein Teufel hinter seinen Söhnen her, dass da nichts versäumt wurde, denn der Weizen war wohl von der Spreu zu sondern, nicht aber von Sand und Erde. Und er selber stand Tag für Tag auf dem Tretplatz und ließ sechs Pferde, die er an langen Leinen hatte, die Runde laufen. Die Söhne lösten die herbeigebrachten Garben und legten sie auf. Mit den Ähren nach innen, mit dem Stroh nach außen.

Zuerst zwei Schichten. Und die Pferde liefen ohne Eisen, mit natürlichen Hufen traten sie das Getreide aus. Zuerst liefen sie kurz. Aber der Kreis erweiterte sich immer mehr, das Stroh verschob sich, und sobald es leer schien und die Pferde eine Pause brauchten, wurde es im Fluge mit Heugabeln aufgebeutelt und aufgeschüttelt. Alles beteiligte sich daran. Und der Vater entschied, ob es schon abgeräumt und neues Getreide aufgelegt werden konnte. Das ging den liebenlangen Sonnentag so fort, der Tretplatz wurde immer höher, denn unter dem Stroh lag ein Berg von Weizenkörnern in der Spreu. Mit der Vespermahlzeit schloss diese heiße, fröhliche Arbeit, die mit Behagen und Humor betrieben werden konnte.

Bald hatten die Menschen ihre Arbeitspause, bald die Pferde, bald lagen diese hinter den Tristen im Schatten, bald standen die Pferde dort und fraßen aus vollen Futterkrippen. Oder ein Knecht ritt sie während der Mahlzeiten der Leute zur Tränke. Es kam nur auf die gute Laune des Bauern an, des Führers, diese Erntetage zu guten oder zu schlimmen zu machen. Dem Kaspar fehlte der Humor, es ging immer ernsthaft und trocken zu bei ihm, und mancher Donnerkeil sauste nieder, wenn irgend etwas passierte, wenn die Heugabeln nicht flink genug waren oder gar, wenn ein Pferd seine Notdurft ablassen wollte ins Getreide und kein Bub zur Stelle war mit einem Sechter. Seinen Hut hielt der Bauer unter und warf ihn dem Säumigen an den Kopf, der zu spät kam.

Aber nach der Vesperzeit, wenn der Vater ein wenig geruht hatte und der Tag ohne Gewitter verlief, setzte er eine andere Miene auf. Jetzt kam sein Hauptstück, das Worfeln des Getreides. An der Leine ließ er sich ja manchmal vertreten, beim Worfeln nie, das war die Sache des Bauern. Da lag die Ausbeute des ganzen Tages. Nicht in zwanzig Säcke war sie zu fassen, aber über und über mit Spreu und kleinen Ährenknollen durchsetzt. Die Weiberleute reuterten daran und schüttelten den Weizen durch weitmaschige Drahtsiebe, so dass das Gröbste beseitigt wurde. Was schwer war, musste weg. Aber die Milliarden Spreufaserchen, die das Getreide unbrauchbar machen, mussten auch fort. Und dazu brauchte man Gottes Beistand, er musste immer einen leisen fröhlichen Abendwind wehen lassen, wenn das Tagewerk ganz gelingen sollte. Und gegen diesen Wind musste das Getreide hoch in die Luft geworfelt werden. Man legte die Tretplätze ja, wenn möglich, auf höher gelegenen Flächen an, wo die regelmäßige Luftbewegung durch die Überlieferung festgestellt war, aber manchmal blieb sie auch dort aus und der Tag galt als halb verloren. Man musste das unreine Getreide in Säcke tun, oder wenn das Wetter ganz sicher war, es nächtlich bewachen und bei Sonnenaufgang worfeln.

Jenseits der Marosch hatte es heute ein Gewitter gegeben, und von dorther strich jetzt ein kühler erfrischender Wind über die Felder. Kaspar Luckhaup ergriff sogleich seine schmale langstielige Schaufel aus Tannenholz, eine sogenannte Worfel, die sich durch ihre Schlankheit von den anderen Schaufeln unterschied, und trat an den großen Getreidehaufen heran. Er hatte ihn schon vorher nach Süden schaufeln lassen. Alle Blicke hingen an ihm. Und so freundlich, so väterlich war seine Miene schon lange nicht. Er hatte alles abgeworfen, in Hemd und Leinenhose stand er da und setzte an. Hoch flog die Worfel gegen den Ostwind, der goldige Weizen prasselte auf den Tretplatz nieder, und die Spreu flog weit nach Westen in die Stoppeln.

»Des is a Freud, Kinner, wie's heunt geiht«, sagte er. Und er worfelte und worfelte. Die jungen Männer schauten zu, die Mägde arbeiteten mit feinen Besen und fegten die versprengten Getreidekörner zusammen. Die Margret aber wurde vorausgeschickt, daheim nachzusehen, was die Base Gutes gekocht habe für ihre Drescher. Solch einen freundlichen Auftrag ließ sie sich nicht zweimal erteilen. Die verdrießliche Stimmung, die der Vater während des Tages oft um sich verbreitete, war vergessen, sobald ein guter Abendwind wehte und er mit Glück worfelte.

In zwei Stunden war das Getreide in den Säcken und aufgeladen, der Tretplatz tüchtig mit Wasser besprengt, und man fuhr in der Dämmerung heim. Der Vater hatte wieder einmal gezeigt, dass er der Meister war. In Schweiß gebadet stand er am Schluss des Werkes da, aber gut gelaunt. Christof hing ihm den mitgebrachten Kepenjek um und trocknete ihm den Kopf. Auf dem Heimweg saß er neben dem Sohn, der die Pferde lenkte. Den zweiten Wagen fuhr der Hannes. Die Helfer gingen zu Fuß heim, denn die Pferde waren müde, das Getreide schwer.

Als sie Wagen an Wagen mit anderen Bauern, die vom gleichen Geschäft kamen, dahinfuhren, wurde der Vater gesprächig. »Sag mer, Bu«, begann Kaspar Luckhaup, der jetzt seine kurze Pfeife rauchte, die er im Erntefeld weder sich noch sonst wem gestattete, »was du vorhascht. Jetzt kimmt bald die Wallfahrtszeit, wo die Weiberleut alle unnerwegs sin, dernoo die Kerwa, wo sie sich schön mache - hoscht denn noch immer kein Mensch? Werd nix mit dir? Ich kaaf dich los von de Soldate, stell d'r ein Ersatzmann, äwer du muscht doch gucke, dass d' bald ins eige G'schirr kimmscht. In ei'm Jahr übernimmt der Hannes alles, und ich geih' in die Ausnahm'. Willscht du ehm diene? Die Motter hätt' dich g'wiß schon lang verkuppelt, wenn se lebe tät. Ich versteih des G'schäft nit. Ich schlag' dir keine vor. Du bischt ja nit aufs Maul g'falle… Warum redscht denn nix?«

»Vater, mich drückt was«, erwiderte Christof. »Ich konn's äwer noch nit sage. 's besser, mer rede ein annermal davon.«

»Des werd ja was Sauberes sein!« rief Kaspar Luckhaup. Der Zorn schäumte in ihm. »Willscht du uns a Schand mache?«

»Naa, naa. Ich waaß nit, warum Ihr glei so uffahrt. Was ich vorhäb', möcht euch vielleicht nit ganz passe. Es will noch überlegt sein.«

»Na, dann überleg d'r's gut«, schrie der Vater und warf im Zorne seine ausgegangene Pfeife auf den Straßendamm, dass sie in Scherben ging. Und redete kein Wort mehr. Auch Christof schwieg. Er dachte an Susi… Wie sie schön sein wird zur Kirchweih, wie er sie dem ganzen Dorfe vorführen werde als seine Erwählte… Gern hätte er den Vater etwas gefragt, aber er wagte es nicht. Er wusste einen halben Grund, den man billig kaufen konnte. Sollte er das jetzt sagen? Nein. Man musste den Vater langsam gewinnen, stufenweise, das wusste er seit seinen Kindertagen. Auch die Mutter setzte nie etwas im ersten Anlauf durch, sie konnte nur Schritt für Schritt ihre Absichten verfolgen. Sie hat keine guten Tage gehabt, sie litt mehr als sie eingestand, aber was sie wollte, was sie für nötig hielt, das erreichte sie doch immer. Wenn sie noch lebte! Sie würde ihm gewiss beistehen in seiner Not. Aber es wird auch ohne sie gehen müssen… Wenn er den Vater doch lieber heute nicht gereizt hätte. Jetzt wird er fragen, sich erkundigen, und es wird ein Geklatsche geben, ehe die Kirweih da ist.

Sie fuhren in das Tor ein, das die Margret weit geöffnet hatte, und der Vater sprang als erster vom Wagen. Pallatschinken habe die Base gemacht, berichtete sie und half beim Ausspannen. Aber Kaspar Luckhaup sah sie nicht an und ging ins Haus. »Was hot er denn?« fragte sie den Christof, und auch dieser antwortete nicht. Sie dachte sich ihr Teil und ging dem Wagen ihres Hannes entgegen. »In dem Haus wechselt's Wetter g'schwieder wie drübe über de Berge«, sagte sie zu ihrem Manne. »Kein's gibt ei'm a Antwort. Was is denn g'schehga?«

»Waaß ich's? Der Vatter hot uf amol g'schriee und sei' Pfeif' wegg'schmessa, so wild war er. 's muss mit'm Christof was sein.«

»Aaha!« sprach Margret. Und sie warf einen Blick nach Christof, der seine Pferde schon in den Stall führte. »Mer geiht a Licht uf.«

Die Großeltern saßen in der Dämmerung noch auf einer Bank neben der Tür des Vorbehalthauses, und Hannes bot ihnen einen guten Abend. »Na, git's aus, Hannes?« fragte der alte, schneeweiße Luckhaups Adam. »Ja, Großvatter, mer sein zufriede.«

»Mer tut des gut Jahr heunt rieche«, sagte die Großmutter. »Drüwe wird jo ufgekocht wie zur Kerwa.« »Pallatschinke git's«, sprach die Margret. »Ich bring Euch ein' zum Verkoschte.«

»Loss des gut sein, Margret«, sprach der Großvater. »Es möcht' dem Kaspar nit recht sein. Mer geihn schlofe. Gude Nacht.« Und er zog seine Alte mit ins Haus. Noch unter der Türe schnupperte diese hinüber nach der duftenden Küche. Sie war so stolz nicht, wenn es was Gutes gab.

Der Johann Weidmann hatte aus Szegedin geschrieben. Wie er über der Theiß drüben war, sei er ins Ungrische gekommen, aber einen deutschen Meister habe er auch dort gefunden. Und er sehe und lerne da allerlei. Ungarisch fluchen zu allererst. Das gehe wie geschmiert. Aber das Heimweh sei über ihn gekommen, und er müsse bald weiter fort, damit er nicht am Ende noch umkehre. Er grüße alle tausendmal, die Eltern, die Geschwister, die Freunde und Nachbarn. Sie sollen seiner nicht vergessen. So schön wie daheim sei es nirgends.

Meister Jakob hatte den Brief zweimal vorgelesen. Die Mutter wischte sich die Augen und steckte ihn zu sich. Sie konnte Geschriebenes nicht lesen, aber sie wollte den Brief haben. War er doch von ihrem Buben. Und die Kathl las ihn ihr noch einmal vor. Das war eine neue Mode, dass auch die Mädchen den Schulunterricht mitmachten. In ihrer Jugend gingen die Mädchen nur in die Christenlehr. Gedrucktes lernte man dort auch ein wenig lesen, damit es fürs Gebetbuch langte. Und wenn eine einen guten Kopf hatte, konnte sie auch den Kalender buchstabieren. Briefe schrieben und lasen nur Männer. Sie ließ sich ihren Brief am nächsten Tag bald von der Susi, bald wieder von der Kathl vorlesen, bis sie ihn auswendig wusste.

Nach dem Schnitt kam den Dorfleuten ihr Alltagsleben vor wie eine große Faulenzerei. Es gab rein gar nichts zu tun. Manche Frauen gingen schon jetzt nach Maria Radna wallfahrten und warteten die große Prozession gar nicht ab, die der Herr Dechant alljährlich nach der Ernte, unter Beteiligung der ganzen Gemeinde, hinführte. Diese Wallfahrt, die sich zuletzt in einen Hoffahrtszug der Schwaben umwandelte, denn die Gemeinde wurde von vielen hundert nachfahrenden Wagen wieder heimgeholt, war wenig geeignet für ein wahres Gebitt an die Heilige Maria. Wer von echter Andacht beseelt oder von einem schweren Leid heimgesucht war, der ging allein zu ihr. Die Anmerich war fromm, sie wollte schon lange nach Maria Radna, um der Gottesmutter zu danken für den Philipp, mit dem sie sich versprochen hatte. Und sie ging gern darauf ein, als die Susi zu ihrer Verwunderung auch solch ein Vorhaben bekundete.

Diese war bei der Großmutter Zengraf gewesen. Und deren Worte gingen ihr tief zu Herzen, sie sah die Welt auf einmal ganz anders an, es war alles dunkel um sie und aussichtslos. Was ihr dummes Mädchenherz seit langem gesponnen, war zerrissen und zerfetzt von den warnenden Worten der alten Frau. Sie sehnte sich nach Licht, sie hoffte auf Erlösung von ihrer geheimen Qual… Der Christof will ihr zur Kirweih seinen Hut schicken, sie soll ihm den Strauß draufmachen, und sie hat es versprochen. Darf sie es? Wird sein böser Vater es leiden? Stellt sie sich nicht bloß vor dem ganzen Dorfe, wenn sie der Christof am Ende doch nicht nehmen darf? Und kann sie denn noch zurück ohne Schande? Sie weiß es nicht. Aber sie will sich der Maria zu Füßen werfen und ihre Gnade erflehen.

Anmerich und Susi pilgerten frühmorgens zu Fuß nach Maria Radna. Und sie beteten unterwegs und redeten wenig. Ihr Weg führte sie durch den halbwalachischen Vorort des Dorfes, sie kamen am Postgrund vorbei, wo auch sie Felder hatten, und durch den Schwarzwald, wo immer das Majalis der Schuljugend stattfand. Mit einer Fahne zogen sie alljährlich aus, Buben und Mädeln, der Oberlehrer und der Unterlehrer führten sie, und das Kaiserlied wurde mit hellen Stimmen gesungen, wenn sie von der Schule, wo sie sich versammelt hatten, aufbrachen. Die Fahne aber trug der Erste der Klasse voraus. Und das war der Christof… Die Susi musste in ihrem stillen Gebet solch eines Tages gedenken. Das ganze Dorf guckte zum Fenster heraus, als sie singend auszogen, mittags kamen die Mütter nach mit guten Sachen und vor Abend auch die Väter. Und der Herr Pfarrer. Sie spielten auf dem freien Platz im Walde, und es war ein großer Feiertag der Kinder. Schon damals musste sie dem Christof gefallen, denn er war fort um sie herum, und sie tat nicht wenig stolz auf ihren Fahnenträger. Und auch später… Aber in die Spinnreih nach Neurosenthal war er nie gekommen. Das war nicht üblich, da hätte es Streit gegeben… Fort mit diesen weltlichen Gedanken! Sie rief sich zur Ordnung… Die beiden Wallfahrerinnen beteten sich still durch Neudorf hindurch und durch Lippa, sie erlegten einen Groschen Zoll bei der Schiffbrücke über die Marosch, die da von Siebenbürgen herabströmte, und kamen hinüber nach dem Gnadenort, der sich hoch an der Bergwand erhob. Eine Prozession war vor ihnen, die in einer fremden Sprache sang und betete. Sie schlossen sich unbeachtet an, als sich der Strom der Gläubigen in die Kirche ergoss und warfen sich in inbrünstigem Gebet zu Füßen Marias nieder. Sie waren allein in der fremden Menge. Da knieten Hunderte, und jeder hatte eine andere Bitte, ein anderes Anliegen vorzutragen, jeder wollte von einem anderen Leid erlöst sein durch Maria. Und sie redeten in verschiedenen Sprachen zu ihr und reckten die gefalteten Hände nach ihrem gütigen Antlitz empor. Viele weinten und flehten laut um ihre Gnade, um ihre Fürbitte bei ihrem allmächtigen Sohne. Kann eine Bitte aus solch heißem, reinen Glauben ungehört verhallen?

Der Anmerich wurde ganz schwül in diesem fremden Gelärm. Wie laut die mit ihrem Herrgott redeten! Das empfand sie unbewusst als fremd. Es störte ihre Andacht. Und sie sah sich nach ihrer Begleiterin um. Die Susi kniete still und versunken neben ihr, sie schien nichts zu hören von allem, was um sie hervorging, ihre Lippen bewegten sich und der dunkle Rosenkranz glitt langsam durch ihre Finger. Um der Andächtigen willen harrte die Anmerich noch aus. Aber dann, als sie sah, dass der Rosenkranz durchgebetet war, zupfte sie die Susi am Leibchen und erhob sich.

Ganz heiter war die Anmerich, als sie auf einer Waldwiese saßen und sie das mitgebrachte Essen auspackte. Und auch die Susi lächelte wieder, auch von ihrem Herzen schien eine Last genommen zu sein. Die Anmerich war viel zu sehr mit sich und ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt gewesen in der letzten Zeit, um auf die Susi zu achten, aber ihr heutiger Ernst, ihre Zerknirschung fiel ihr doch auf. Die muss den Christof doch stark gern haben, wenn sie so andächtig um ihn bitten konnte. Wenn's ihr nur glückte. Ordentlich zärtlich war sie mit der Schwester und gab ihr die besten Bissen. Darüber zu reden vermochte sie nicht. Wenn die Susi will, wird sie schon selber den Mund aufmachen. Genug, dass sie wieder heiter blickte und lachte.

Ein erquickender Spätsommertag lag über der Welt, als sie den Heimweg antraten. Auf den Hängen der Berge, die auch von da als letzte Ausläufer der Siebenbürger Karpaten in die Arader Tiefebene hinabstürzen, um in ihr zu versinken, lachten die Weinrieden voll edler Trauben, links und rechts ihres Weges reifte in weiten Feldern der Kukuruz in Riesenkolben, und aus den Obstgärten in den Auen der Marosch, zu denen sie kamen, lugten tausend rotbackige Äpfel und goldige Birnen. Aber die Zwetschgen- und Pflaumenbäume, die sich über unübersehbare Flächen hinzogen, schlugen alles durch die Fülle ihrer Gaben. Und sie wurden schon geschüttelt, da hatte die »Griechalese« schon begonnen. Das war ja auch daheim die nächste Arbeit, und die Mädchen freuten sich schon darauf. Der Trauttmanns Philipp hatte ein paar Joch und wollte die Weidmannsmädeln einladen zur Lese, verriet die Anmerich.

Ein Wagen kam ihnen nach. Ein Rosenthaler Wagen, das erkannte die Anmerich sogleich. Wer es wohl sein mochte? Ob er sie mitnahm? Heute war ja Wochenmarkt in Lippa, da werden noch mehr nachkommen als der eine, meinte Susi. Die Anmerich blickte noch einmal nach dem Wagen aus und sagte voll Humor: »Mir scheint, die Mottergottes hot dich schon erhäert…« Wie erblasste jetzt die Susi, als sie mit dem ersten Blick, den sie nach der Seite warf, die Füchse des Luckhaup erkannte. Und der Christof lenkte den Wagen, neben ihm saß die Bas' Liesl, die wohl Butter und Eier und Schmalz auf den Markt gebracht haben mochte.

»Mädscha«, rief der Christof, »kummt, gebt uns die Ehr', steigt uf. So a Überraschung!«

Susi, blutrot im Gesicht und verlegen, zierte sich, aber die Anmerich war gleich bereit. »Werd mit Dank angenumme«, erwiderte sie und gab der Susi einen Puff in den Rücken.

»Geilt, Bas' Liesl, setzt Euch mit der Anmerich uf de Rücksitz und lasst die Susi newer mich«, sagte der Christof, »ich muss ihr was verzähle!«

Die alte Bäuerin, die Wirtschafterin seines Vaters, machte kein sehr freundliches Gesicht, aber sie tat, was Christof wollte. Es war ja etwas Selbstverständliches, dass man jemand aus der Heimat, den man auf der Landstraße traf, mitnahm. Es gab kein Ausweichen. Aber dieser Zufall… Am Ende war es abgemacht… Die Bas' Liesl hatte schon allerlei läuten gehört. Was wird der Vetter Kaspar dazu sagen?

»In Radna seid'r gewest? So, so!« Und die Base führte ein einsilbiges, stockendes Gespräch mit der Anmerich. Ihre Ohren waren auf dem Vordersitz. Aber da war wenig aufzuschnappen bei dem Wagengerassel. Bis in den Nacken war die Susi rot. Ihr rundes glattes Gesicht strahlte, die grauen Augen, die sie von der Mutter hatte, funkelten den Christof an. Sie selber redete wenig. Aber der Christof um so mehr.

Warum er sie nicht wiedersehen könne, warum sie ihm ausweiche seit damals? Sie solle doch öfter zur Großmutter nach Altrosenthal gehen, solle abends kommen, er müsse mit ihr reden. Der Vater sei fuchsteufelswild, aber das mache nichts, nach der Kirweih werde er schon mit sich reden lassen. Susi sagte kein Wort, sie fürchtete die Aufpasserin hinter sich. Sie war voll Scham und voll Qual darüber, dass sie sich an jenem Tanzabend trotz aller guten Vorsätze hatte überrumpeln lassen von dem Christof. Er war ja ein guter Bub, aber was sollte werden? Die Fraala hatte ihr zu spät die Augen geöffnet. Der dritte Sohn eines Bauern musste Knecht werden, wenn er kein Bauernmädel mit einem Grund kriegte, oder Soldat. War er sich dessen nicht bewusst? Sie konnte es ihm doch nicht sagen. Hier nicht sagen. Und sie nickte zu allem und versprach ihm die Zusammenkunft.

V.

Ein großes Geheimnis webt in der Zeit vor der Kirchweih seine Schleier über dem Dorfe. Es ist ein Hin und Her in der Jugend, ein süßes Getuschel und Geflüster säuselt allabendlich vor den Haustoren und unter den Bäumen. Die Buben werben da und dort, werden abgewiesen und kommen wieder, der eine trutzt, der andere jauchzt, die Mädchen zittern, hoffen, weinen wohl gar, denn sie sind vor Schicksalsfragen gestellt. Wird einer kommen? Wird der Rechte kommen? Wenn eine Bauerntochter achtzehn Jahre alt geworden ist und es hat noch keiner einen Kirweihstrauß von ihr begehrt, so sieht sie das als eine Schande an. Aber wenn ihr einer seinen Hut schickt, den sie nicht mag, der ihr zu gering ist, schickt sie ihm denselben trotzdem wieder zurück. Sie ist gar stolz, doch muss sie das Abweisen heimlich tun, sie darf dem Buben keine Schande bereiten, sonst bewirbt sich keiner mehr um sie. Die halten zusammen. Die Töchter der Handwerker stehen außerhalb dieses Bannes, um sie bewirbt sich selten ein Bauernsohn, und die Gesellen tragen keine Sträuße. Wohl gehören sie, solange sie nicht in der Fremd' waren, zu den großen Buben des Dorfes, sie kommen in die Spinnreih und tanzen überall mit, aber es verbinde sie nichts als die Jugendfreundschaft und der eigene Wille mit den bäuerlichen Sitten. Und war einer einmal auf der Wanderschaft und kam mit einem Schnurrbart heim, so gehörte er zum Kreise der jungen Männer, der Verheirateten, er ist ein Halbherrischer und kein Bub mehr.

Wer ist ein großer Bub? Die Neunzehn- und Zwanzigjährigen sind es. Und so lange einer ledig ist, bleibt er's. Hat einer einen besonders gewichtigen Vater und ist er gut gewachsen, gelingt es ihm wohl auch schon etwas früher in die herrschende Bubenschicht aufzusteigen. Vorstellen muss einer etwas, wenn er im dunkelblauen Tuchanzug, mit hohen Glanzstiefeln und mit dem buntbebänderten Kirweihhut auftritt. Glauben muss man’s ihm, dass er mannbar ist. Sonst gehört er zu den kleinen Buben, die ja auch wer sind im Dorfe, die aber noch keine Kirweihsträuße tragen und im Kleinen Wirtshaus tanzen. Wer einen Strauß beansprucht, wer ein Kirweihmensch sucht, der sagt, dass er heiraten will. Und die ihm einen Strauß macht, die vor aller Welt sein Kirweihmensch geworden, die gilt als seine Verlobte. Nicht immer bleibt beisammen, was die Kirweih zusammengefügt, aber die Regel gilt, auch wenn sie ihre Ausnahmen hat.

Im Großen Wirtshaus ging es am letzten Sonntagnachmittag vor der Kirweih gar stürmisch zu. Die Neuaufnahmen in den Kreis der großen Buben, die nie glatt verliefen, fanden statt, und die Wahl der beiden Vortänzer war zu vollziehen. Man konnte sich nicht einigen. Nur darüber war man einig, dass der eine aus Alt-, der andere aus Neurosenthal sein musste. Und die einen schlugen den Christof vor, die anderen den Franz Schilling. Beide waren bereit, die Kosten der Musik zu tragen. Aber da war der dicke Jörgl Klotz aus Altrosenthal, von dem man wusste, dass er sich von der Tochter des Dorfrichters den Strauß machen lasse. Der fühlte sich zurückgesetzt und deutete mit einem Stich auf Christof an, dass man doch auch darauf Rücksicht nehmen müsse, wer die Vortänzerin sein würde. Das bestritten die Buben. Das gehe niemanden etwas an. »Oho!« rief der Klotz und sein Anhang. Und er beantragte ein für allemal festzusetzen, dass nur eine Bauerntochter Vortänzerin werden könne. Auch das wurde als Neuerung verworfen. Aber der Klotz ließ sich nicht irre machen, er behauptete, dass in Fällen, wo man sich nicht einigen konnte, die Vortänzerschaft überhaupt nicht durch Wahl, sondern durch das Los bestimmt oder zugunsten der Kirweihkasse verlizitiert worden war. »Lizitiere mer!« riefen mehrere. Da ging Geld ein für die Kasse. Und die Gelegenheit, so billig als möglich durchzukommen, wollten sie sich nicht entgehen lassen. Auch der Christof war lebhaft dafür, denn das Los fürchtete er. Und so wurde denn lizitiert. Aber der Luckhaup steigerte den dicken Klotz so hoch hinauf, dass ihm der Atem ausging, und der Schilling hatte aus Neurosenthal kaum einen Widerpart. So siegten die beiden Vorgeschlagenen, die schönsten Buben des Dorfes.

Und die Kirweihkasse war gefüllt, man hatte keine Sorgen mehr. Die Buben lachten zuletzt über den Gedanken, dass der Klotz ihr Vortänzer sein wollte. »So a dicker Stöppsl! M'r hätt' uns nit schlecht ausg'schpott't.« Und mit Ausnahme des Klotz gingen, als es dämmerte, alle zufrieden von dannen. Sie hatten es eilig, denn so mancher wusste noch immer nicht, ob er seinen Strauß kriegen würde. Darüber entschieden die Mädchen ja nicht allein, das waren Familienangelegenheiten.

Die Bas' Liesl war nicht faul gewesen seit der Heimfahrt mit den zwei sauberen Wallfahrerinnen. Sie klatschte alles dem Bauern, denn sie witterte Unheil. Sie klatschte, obwohl ihr der Christof angedeutet hatte, dass dies ganz unnötig wäre. Wie stand sie da, wenn der Vetter Kaspar es von anderer Seite erfuhr? Da käme sie schön an! Wozu vertrat sie die Hausfrau? Aber sie verlegte sich nicht einfach auf die Anschwärzung des Christof, sie dachte weiter und sorgte gleich für einen Ausweg, sie spürte eine künftige Braut auf mit einem halben Grund und Haus und Hof. Die Foltz Anna aus dem Schwarzwald, die jetzt als Magd bei einem Vetter des Bauern diente, weil sie eine Waise war. So wollte es die Sitte. Wenn Bauernkinder verwaisten, so verpachtete der Waisenvater die Wirtschaft, und die Kinder mussten als Knechte und Mägde in Dienst gehen, bis sie volljährig und fähig waren, den eigenen Besitz zu übernehmen. In der Regel dienten sie dem Pächter und lernten das Wirtschaften auf dem künftigen Eigentum. Und so war es auch in diesem Falle. Die Anna diente als Magd beim Niklos Luckhaup, aber sie hatte ein gutes Erbe zu erwarten und konnte ihren Mann einst zum Bauern machen. Freilich zählte sie kaum siebzehn, aber das war gerade recht. Und die Bas' Liesl fand bald einen Vorwand, um beim Vetter Niklos einen Besuch zu machen und mit der Anna zu reden. Sie musste sie im Stall suchen beim Melken. Ein schmales, zausiges, junges Ding, viel zu verschämt und bescheiden für eine künftige Bäuerin, sagte sie sich. Kein Bissen für den Christof. Aber er wird müssen. Und die Anna spitzte die Ohren bei der Botschaft, dass vielleicht ein Bub einen Kirweihstrauß von ihr verlangen würde. Von ihr? War sie denn schon ein großes Mädchen? Ja, wer denn? »Mich guckt doch kaaner aun?« sprach sie erschrocken und riss die Kuh am Euter, dass sie ausschlug. Sie habe bis jetzt immer bei den kleinen Buben getanzt, sagte sie. Sie getraue sich noch gar nicht ins Große Wirtshaus. Aber die Bas' Liesl sagte ihr, damit sei es nun vorbei. Ein Mädel mit siebzehn müsse weiter denken. Und die Anna war bereit. Aber den Namen des Buben erfuhr sie nicht. Das müsse erst in Ordnung gebracht werden, sagte die Bas' Liesl. Sie möge vorläufig nur schweigen darüber. Erst als die freundliche Base fort war fiel es der Anna ein, wer das wohl sein könne. »Jessas Maria und Josef!« rief sie voll Schreck. Sie presste die Hand aufs Herz. »Der Christof am End'? Von mir ein' Strauß? Nit möglich! Nit möglich!« Nein, sie glaubte es nicht. Die Bas' Liesl wird wohl einen anderen Buben meinen. Aber es bohrte und arbeitete in ihr wie ein Tropfen süßes Gift.

Kaspar Luckhaup war aufgebraust bei der ersten Meldung der Bas' Liesl, die sie gleich mit einem Hinweis auf die Kirweih spickte. Am liebsten hätte er gleich dreingeschlagen. Das also war es, was der vermaledeite Bub ihm nicht hatte gestehen wollen. Mit solchen Plänen ging er um? Aber der Vater lachte. Grimmig lachte er. Wie er den Buben klein kriegen wird! Es juckte ihn schon heute, das zu erleben. Und er warnte den Christof eines Abends. Er habe so etwas läuten gehört von seinen Absichten für die Kirweih, sagte der Vater, es solle ein Strauß ins Haus kommen von einer, die nichts habe wie ihre hübsche Larve und was sie sonst noch von der Mutter bei der Geburt mitbekommen habe. Mit einer Handwerkerstochter wolle sich ein Luckhaup einlassen! Der Christof möge es sich nur gut überlegen, denn er zerhacke ihm den Kirweihhut mit dem Beil, wenn er über die Schwelle komme. Und im nächsten Frühjahr sei Stellung. Der Kaiser brauche neue Soldaten.

»Der Kerwastrauß is b'stellt«, sagte der Christof keck. »Was weiter g'schicht, wer'n m'r ja sehga.« Und verließ das Zimmer. Die Tür fiel hart hinter ihm ins Schloss.

Die Bas' Liesl aber kam gerade heim und kramte dem Bauern ihre Wahrnehmungen aus, ihre Zukunftspläne. Sie wisse eine Braut für den Christof mit einem halben Grund und Haus und Hof. Kaspar Luckhaup ergriff begierig diesen Faden der Entwirrung. Er kannte ja die kleine Anna. Hat die sich schon so herausgemaust? Ihr Grund war vom besten, vom ältesten, den es gab. Die Foltz waren mit unter den ersten Siedlern. Da war ja die Partie, die man für den Buben brauchte. Dass die Bas’ Liesl so gescheit sei, hätte er ihr gar nicht zugetraut. Und es wurde nun an dem Christof gearbeitet, ihm die Anna schmackhaft zu machen. Die Bas’ Liesl stellte es ganz fein an, sie zog den Vetter Niklos ins Vertrauen. Sie ließ den Christof von diesem, der ein Schalk war, zu der Pflaumenernte einladen auf den Foltzschen Gründen, die er gepachtet hatte. Und als sein Knecht einrücken musste, bat er sich den Christof von seinem Vater auch zum Ackern aus. Und er übertrug ihm Foltzsche Felder und gab ihm, nicht ohne Absicht, anstatt eines seiner Buben die Anna mit zur Führung der Pferde. Es war ein durchtriebener Plan, denn das Mädel, aufgestachelt durch die Andeutungen der Bas’ Liesl, machte sich schön und suchte zu gefallen. Und der Christof war nicht stumpf gegen Versuchungen. Er kam ins Plaudern mit seinem weiblichen Pferdejungen, er lernte die herrlichen Felder auf dem Postgrund kennen, die der Anna einst gehören sollten, und das Mädel kam ihm zuletzt gar nicht so übel vor. Zum Spaß gab er ihr einmal vor der Heimfahrt, als sie sich sauber gemacht hatte, ein Bussel. Da saugte sie sich fest an seinem Mund, da heulte sie auf und fragte, ob es denn wahr ist, dass er von ihr einen Kirweihstrauß haben wolle.

Er erschrak und schwieg. Das Blut stieg ihm zu Kopf. So hatte man ihn da einfädeln wollen? Den Hanf für diese Schlinge konnte nur die Bas’ Liesl gesponnen haben. Und die Anna gestand es auch ein, als er sie auf der Heimfahrt ausholte. Sie schmiegte sich an ihn wie eine schnurrende Katze, sie machte ihm warm, und sie fragte ganz verschämt noch einmal… Das Mädel tat ihm leid. Aber so dumm wäre die Sache ja nicht, wenn er's reiflich bedachte. Es war nur zu spät. Und er musste ihr doch etwas antworten. »Waascht, Mädscha, far des Jahr bin ich saun vergäwe. Des bot halt die Bas’ Liesl nit gawißt.«

»Ich konn jo warte«, sagte die Anna verzagt, beinahe traurig.

Und jetzt war der Christof erster Vortänzer. Und er schickte seinen neuen Sonntagshut in die Herrnsgass zur schönen Susi Weidmann.

Das war abgemacht, das musste gehalten werden, komme, was da wolle. Aber es kam nichts. Der Vater ging wohl mit ernstem Gesicht umher, über seine Lippen aber kam kein Wort. Die Bas’ Liesl hatte die Sache in die Hand genommen, und sie versprach ihm, dass alles glatt gehen werde, ohne Gewalt, wie er es wollte. Aber einmischen dürfe er sich nicht mehr, er solle die Kirweih ruhig vorbeigehen lassen. Und als sie die Anna einmal ausholte, und die ihr Wort für Wort erzählte, was sich ereignet hatte, da war sie ihrer Sache noch sicherer. Und sie bestärkte auch die Anna in ihren Hoffnungen. Es war ganz wider die Natur des Kaspar Luckhaup, eine Sache, die ihm übel dünkte, laufen zu lassen, wie sie lief, aber er hatte Vertrauen zu dem Kupplertalent der Bas’ Liesl und schwieg. Auf die Tugend der Susi acht zu geben, war die Sache ihrer Leute, nicht die seine.

Das gab kein kleines Aufsehen im Hause des Meisters Jakob, als ein blonder Bub mit einem Kirweihhut gesprungen kam, einen schönen Gruß vom Christof Luckhaup an die Susi ausrichtete und seine Bitte um einen Kirweihstrauß.

Die Susi umarmte den Buben, den sie ja erwartet hatte. Sie gab ihm einen Kuss und fragte ihn nach seinem Namen. Es war ein kleiner Luckhaup, ein Sohn vom Niklos, bei dem die Anna Foltz diente.

Niklos heiße er. Ob er schon in die Schule gehe? »Ja, in die erscht Klass'!« Er habe auch schon ein schönes Lied gelernt. »Ah! Und wie geiht denn des?« fragte die Susi. Und ohne Aufenthalt plapperte der Niklos singend weiter:

Weischt du, wieviel Schterne schtehen

An dem blauen Himmelszelt?

Weischt du, wieviel Wolken gehen

Weithin über alle Welt?

Gott der Herr hat sie gezählet,

Dass ihm auch nit eines fehlet

Von der ganzen großen Za-ahl,

Von der ganzen großen Zahl.

»Ja, wie du brav bischt! Dafür muss ich d'r was gäwe. Kumm mit in Garte.« Und sie legte den neuen Hut des Christof sorgsam in ihre Stube und ging mit dem Niklos in den Garten. Dort schüttelte sie den großen Birnbaum für ihn, und er las sich seine ganze Kappe voll. Als er in eine hineinbiss, sagte er: »Juhu, wie süß!« Und die Susi stopfte ihm auch alle Taschen voll und ließ den Christof recht schön grüßen durch den kleinen Niklos und ihm sagen, der Strauß werde gemacht.

Erst jetzt glaubte sie daran, dass es Wahrheit sei. Und sie fühlte sich schon in der Würde als erste Vortänzerin. »Herrgott, werd des an Neid gäwe«, sagte sie sich.

Auch die Mutter Eva war stolz und blähte sich. Nicht so der Vater. Er war sehr ernst. Wusste er doch, welche Freiheiten die Sitte den Kirweihbuben gestattete. Und wenn man die Großmutter gefragt hätte… Aber man fragte sie nicht. Und es gab bloss einen Familienrat zwischen Vater und Mutter, der Susi und der Anmerich, dem auch Philipp Trauttmann beigezogen wurde. Und der Vater fragte: »Darf die Susi das annehmen? Kann das zu etwas führen?« Als Sohn eines Bauern hatte er auch den Stolz eines solchen in sich, und er wünschte seinen Töchtern nichts Besseres, als große Bäuerinnen zu werden. Das sollte sich bei der Anmerich erfüllen. Aber wird es auch der Susi gelingen? Wird der alte Luckhaup das zugeben? Wer kann ihm da eine beruhigende Antwort geben?

Susi schwieg trotzig. Ihr kam dieser Familienrat höchst überflüssig vor. Wie ein Eingriff in ihre Rechte. Der Vater fragte sie, ob sie eine bestimmte Zusage habe. Nein, erwiderte sie, die habe sie nicht. Da schickte der Vater sie hinaus. Es sei besser, sie warte ab.

Als sie gegangen war, sagte die Mutter: Die Bitte um einen Kirweihstrauß sei schon beinahe ein Heiratsantrag. Ein ordentliches Mädchen könne aber jedem einen Kirweihstrauß machen, es käme ganz auf sie an, was daraus würde, eine Hochzeit oder ein Unglück. Der Christof sei der erste Vortänzer, sein Antrag eine Ehr' fürs ganze Haus, man müsse annehmen und sich auf die Susi verlassen.

»Des is wahr«, warf der Philipp ein. »Sie muss g'scheit sein. Uf den Luckhaup setz' ich nit fünf Grosche. Der muss zuletscht taun, was sei Alter will. Und ich waaß nit - ich waaß nit…«

»Des sag' ich ja! Des sag' ich ja!« rief der Vater. »Es führt zu nix. Es verschandiert mir nur das Mädel.«

»Verschandier du dich nit, Vatter«, sprach Frau Eva ganz energisch. »Du willscht deiner Tochter die Ehr' nit gönne, die Vortänzerin uf der Kirweih zu sein? Des schlägt keine aus, sei sie, wer sie sei. Und die Susi schon gar nicht. Für wen hebscht sie denn uf? Ein Besserer kimmt nit. Sie muss halt ihr Glück probiere.« So redeten sie noch eine Weile hin und her, nur die Anmerich schwieg. Auch sie hatte das Gefühl, dass das alles ganz zwecklos wäre. Seit der Wallfahrt nach Maria Radna ahnte sie, dass die Susi nicht mehr zurück könne, dass es für das Stolzsein wohl zu spät sein möchte.

Der Vater rief die Susi herein. »Also, mein Kind, du willscht dem Christof den Strauß mache?«

»Ich häb's versproche und kann nit mei zurück.«

»Du willscht g'scheit sein und brav?«

»Vatter, katechiert mich weiter nit, ich muss«, sprach die Susi gequält und bleich.

Betroffen, erzürnt erhob sich Meister Jakob. »Wann du muscht, dernoo häwe mer weiter nix zu rede.«

»Wie du des wieder auslegscht«, fiel die Mutter ein »freilich muss sie. Und ich verlass mich uf sie.«

Im ganzen Dorf arbeiteten emsige Mädchenhände für die Kirweih. Die beiden Krämer waren ausverkauft, ihr Vorrat an bunten geblumten Seiden- und Atlasbändern für die Kirweihhüte hatte sich für dieses Jahr als zu gering erwiesen, die fahrenden Handlee-Juden mussten aushelfen, und eine und die andere der Bauerntöchter ließ sogar einspannen und fuhr in die Stadt, um ihre Einkäufe zu besorgen. Es handelte sich nicht um die Bänder allein, die von den Hüten nach rückwärts flattern sollten, der Strauß selber, der sie zusammenhielt, bestand ja aus lauter versilberten und vergoldeten Kostbarkeiten, bei deren Wahl man eine Auswahl haben musste. Wollte doch jede, dass ihr Bub am schönsten aussah, dass ihr Strauß am reichsten sei. Susi hatte sich beizeiten vorgesehen, auch wollte die Sitte, dass gerade die Hüte der Vortänzer die einfachsten seien. Sie sollten sich von den anderen Buben unterscheiden und für jedermann kenntlich sein. Durch ein Mehr an Aufputz war dies nicht mehr möglich, und so entschied man sich klugerweise für ein Weniger. Aber mit eigener Hand musste alles gemacht werden, niemand durfte helfen, der Kirweihstrauß war zugleich eine Probe auf Geschmack und Nettigkeit der Schönen, die ihn anfertigte.

Die Mütter hatten andere Sorgen. War doch die Kirweih die Zeit der Gäste, der Besuche aus anderen Gemeinden. Alte Familienbande und Landsmannschaften aus fernen Zeiten lebten wieder auf, wenn man sich bei seinen Festen alljährlich einmal sah. Man traf sich ja nur zufällig manchmal auf Wallfahrten, die Männer auch bei den seltenen Reichstagswahlen in der Kreisstadt. Die Kirweihzeit war die einzige, wo man überall auch mit Weib und Kind, mit der ganzen Familie anrücken durfte. Und sie war nicht ohne Absicht in den Spätsommer und Herbst verlegt, zwischen Schnitt und Weinlese, wo die Arbeit feierte. Zu Maria Himmelfahrt begann der schwäbische Kirweihreigen, zu Johanni-Enthauptung und Sankt Stefan wurde er fortgesetzt, und am Tage Kreuz-Erhöhung waren die Rosenthaler dran. Aus all den deutschen Dörfern, die von Lippa bis Arad an der Marosch entlang liefen oder sich bis gegen Temeschwar hin erstreckten, kamen Besucher. Auch aus walachischen Dörfern. Die Schwabenkinder, die sich in solchen ansiedelten, bedurften ganz besonders dieser Auffrischung in der alten Heimat. Oft wusste man kaum noch, wie die Väter verwandt waren, neue Ehebündnisse von Dorf zu Dorf aber gab es nicht, jede Gemeinde war eine Welt für sich geworden, doch die Überlieferung wurde geehrt, und man freute sich, so viel deutsches Leben um sich zu wissen, so viel Freundeshände an Festtagen drücken zu können. Und protzen tat man auch gern ein bisschen, sowohl mit seinem Wohlstand wie mit seiner Jugend und dem Glanz seiner Kirweih. Da musste alles klappen. Die Tische bogen sich unter der Last der Mahlzeiten, die da aufgetragen wurden, der Wein floss wie Brunnenwasser. Und alles Vieh behielt man daheim an solchen Tagen, der Stall durfte nicht leer sein, wenn die Vettern kamen. Die wollten auch Gäule und Kühe und Säue sehen, nicht bloss Kirweihsträuße. Und wenn ein Vollbauer seine zwölf wohlgenährten, auf den Glanz gestriegelten Pferde im Stall hatte, wollte er auch, dass sie bewundert werden.

Es wurde in allen Häusern gebuttert, gebacken und gebraten, als gelte es eine Hochzeit für dreitausend Paare zu bereiten, zu der das ganze Banat eingeladen wäre. Zwischen der Jugend aber flogen die Liebesboten hin und her, und übereilte Zusagen, späte Absagen, kränkende und beglückende Begebenheiten vollzogen sich in aller Heimlichkeit und Stille. Klatschbasen wussten freilich manches und trugen es von Haus zu Haus. Auch das Glück der Weidmanns Susi war in ihren Mäulern.

So kam der Kirweihsamstag. Die Buben versammelten sich zur letzten Beratung im Großen Wirtshaus und schrien nach Bier. Sie hatten erfahren, dass der Wirt dieses seltene Getränk erhalten hatte. Der Peter Albetz und sein Weib trugen auf, sie erklärten aber sogleich, dass sie nur ein Fass hergeben könnten, da sonst für den Sonntag und Montag nichts übrigbleibe. Die Buben gaben sich zufrieden. Die Vortänzer zeigten ihre Geschenke her für die Kirweihkasse, die ausgespielt werden sollten. Der Christof hatte ein Prachtstück von einem seidenen Tuch mit bunten Fransen gestiftet, wie sie die Mädchen an Festtagen über der Brust gekreuzt und rückwärts gebunden tragen, der Schilling einen neuen Männerhut aus feinstem Hasenhaarfilz. Darauf wurden Nummern in unendlicher Zahl gemacht, und jeder der Buben bekam hundert, die er auf einen Faden fädelte und um den Hals seiner weißen, bauchigen Weinflasche schlang. Mit diesen Nummern ausgerüstet flogen sie am Kirweihsonntag durch das Dorf, um sie an den Mann zu bringen. Die Arbeit war unter Aufsicht der beiden Vortänzer bald getan, es gab nur noch Eifersüchteleien und kleine Streitfälle zu schlichten. Wer in der ersten Reihe gehen durfte beim Aufmarsch nach der Kirche, wer in die zweite gehörte, das waren wichtige Fragen. Während der Christof an einer gereimten Rede aus alten Zeiten kaute, die er gelernt hatte, drohte Schilling, er werde anordnen, dass die Buben sämtlich um die erste Reihe lizitieren müssten. Da fügten sie sich, denn die Kosten der Kirweih waren nicht gering.

Von Kopf bis zu Fuß musste man neu gewandet sein, Geld musste man im Sack haben fürs Wirtshaus, für Lebkuchenherzen und sonstige Geschenke an die Mädchen, auch für Trinkgelder. Wenn man einem kleinen Buben, der einem einen Gang machte, einen Kreuzer gab, schaute der einen gleich schief an. Das war der heutigen Jugend zu wenig. Vor dem Lizitieren hatten sie großen Respekt, seit der Luckhaup dem Klotz die Vortänzerschaft nur mit einer Steigerung von hundert Gulden abdrücken konnte. Dafür bekam man schon ein Joch walachisches Feld. Lieber ging man in der zweiten Reihe, wenn man noch jünger war wie die Vordermänner.

Draußen vor dem Großen Wirtshaus stand das halbe Dorf und wartete auf die Eröffnung der Kirweih. Es dauschperte schon und die Buben kamen noch immer nicht hervor. Endlich erschien der Kellerbursch des Wirtes mit einer Hacke auf der Achsel und stellte sich vor die Treppe zur Tür neben eine Leiter, die an der Wand lehnte und zum Wirtshausschild hinaufführte. Es kamen endlich die beiden Vortänzer mit dem Albetz durch die Wirtshaustür.

»Vivat Kirweih!« rief der Christof über die Menge hin und schwenkte grüßend einen frischen Eichenkranz, den er in der Rechten hielt.

»Vivat!« scholl es hundertstimmig zurück, namentlich von den kleinen Buben des Dorfes, die vollzählig versammelt waren. Der Kellerbursch hackte einen breiten Stein aus der Ede, der vor der Pforte lag, und der Wirt griff in das Loch, das da entstand, und holte eine weiße, gefüllte Weinflasche aus ihn hervor. So wie sie vor einem Jahr da begraben wurde, so kam sie wieder ans Licht, er wischte ihr mit seiner Schürze den Staub vom Bauche.

»Is sie ganz?« rief man.

Peter Albetz hob sie hoch empor und alles schrie »Vivat!«. Indessen war Christof auf der Leiter aufwärts gestiegen, hing den frischen Eichenkranz an das Wirtshausschild und nahm die ausgegrabene Flasche zur Hand.

»Pßt! Pßt!«

Und er begann die schon von manchem Bubengeschlecht vorgetragene Kirweihrede, von der niemand wusste, wie und wann sie entstand und in der die Erinnerungen an die alte Heimat fortlebten. Sie verkündete auf launige Weise den Kirweihfrieden.

Glück und Glas,

Wie leicht bricht das!

Der Kirweihwein

Muss ewig sein.

Vivat Kirweih!

Er hing die Flasche in den Eichenkranz und fuhr fort:

Herauf bin ich gestiegen,

Hätt ich ein Pferd gehabt, so wär ich herauf geritten;

Nun hab ich aber kein Pferd,

So bin ich auch keins wert.

Kirweih Vivat!

Könnte ich krähen wie ein Hahn

Und fliegen wie ein Spatz,

Da wären alle Jungfrauen mein Schatz.

Kirweih Vivat!

Einst bin ich gereist durch das Land Hessen,

Da gibt es große Schüsseln, aber wenig zu essen;

Wenn die Holzäpfel und Holzbirn nicht gut geraten,

Dann gibt es nichts zu sieden und nichts zu braten.

Kirweih Vivat!

Einst bin ich gereist durch das Land Sachsen,

Wo die schönen Madeln auf den Bäumen wachsen.

Hätt ich gleich daran gedacht,

So hätt ich meinen Kameraden einige Dutzend mitgebracht.

Doch habe ich mich anders besonnen,

Da man auch hier kann schöne Mädchen bekommen.

Sie sind feil,

Das Dutzend um ein altes Strohseil.

Kirweih Vivat!

Helles Gelächter der Mädchen und Oho-Rufe antworteten ihm. Er aber fuhr fort:

Zuletzt bin ich gereist durch das Land Österreich,

Dort hab ich gemacht sieben Meister reich.

Der erste ist gestorben;

Der zweite verdorben.

Der dritte ist seinem Weib entlaufen;

Der vierte musste ersaufen,

Der fünfte ging Doktor studieren,

Der sechste tut die Leut balbieren,

Der siebente sitzt in Venedig im Krautgarten

Und tut die andern sechs erwarten.

Kirweih Vivat!

Jetzt wandte er sich dem zweiten Vortänzer zu.

Kamerad, schenk ein

Für uns ein Glas Wein;

Wir wollen es austrinken

Und hinunter winken.

Und er grüßte mit dem vollen Glas die Menge und die Kameraden, leerte es auf einen Zug und zerschellte es mit dem Rufe »Die Kirweih hebt an!« auf der Erde.

Der Vortänzer bin ich genannt,

Den Kranz hing ich auf mit meiner Hand.

Den Kranz will ich jetzt verlassen

Und keinen will ich hassen.

Kirweih Vivat!

Und er ging in die Mundart über und rief:

»Buwa und Mädscha, marja is Kerwe! Ihr seid all' d'rzu

ei'galoda. Ich wünsch' euch all' gude Unterhalting.

Kirweih Vivat!

Und ihr, Musikante, spielt's mer den neue Marsch ,O du mein Österreich!’«

Auf das hatte der erste Klarinettist nur gewartet. Ehe der Kapellmeister das Zeichen geben konnte, piepste er schon gellend los. Der Christof aber stieg von der Leiter herab, er hatte die Kirweih eröffnet und wurde mit Musik heimbegleitet. Das wollte die Überlieferung. Er drückte sich aber wieder aus dem Hof und eilte der Susi nach, die auf dem Heimweg nach Neurosenthal zögerte und sich schon ein paarmal umgedreht hatte. Sie war stolz auf ihn. Er habe seine Sache besser gemacht als ein Pfarrer, sagte sie. Er aber legte seinen Arm um ihre Hüften und drückte seine Wange an die ihre. So gingen sie aneinandergeschmiegt dahin. Es war ja schon dunkel geworden, und die Kirweihfreiheit hatte begonnen.

VI.

In jedem dritten Haus der Dorfes gab es Gäste. In eigenen Wagen waren sie angekommen, denn die Eisenbahn reichte noch lange nicht bis in diese Landschaft, es war nur erst eine Linie über Temeschwar geplant. Und von einer solchen nach Siebenbürgen hinauf war noch keine Rede. Die Bauern hielten auch nicht viel von der neuen Erfindung. Sie lehnten die im Lande übliche Arbeit mit Ochsen ab, weil sie so viel Zeit, wie diese brauchten, nicht hatten, aber ihre Pferde liefen ihnen gerade schnell genug, sie trauten den Dampfwagen nicht recht. Mit solcher Eile hatten sie erst recht nichts zu schaffen. Von Traunau, von Schöndorf und Engelsbrunn, von Neuarad, Bruckenau und Jahrmarkt und Mercydorf waren Leute gekommen, und sogar von Hatzfeld und Lovrin und aus den Schwabendörfern Csatad und Bogarosch im Torontal sah man Bauern und Bäuerinnen in ihren verschiedenen Trachten. Da gab es noch breite Schleifen auf den Köpfen und Bänder, die den Rücken hinabflatterten, elsässische und schwäbische, lothringische und fränkische Moden mischten sich in das Rosenthaler Bild, das voll Farbenfreude war in den Mädchen- und Frauentrachten. Nur die Männer und die großen Buben aus Rosenthal gingen in dunklem Tuch einher, den Pekesch übereinander geknöpft, die Hosen in hohen Glanzstiefeln, auf dem Kopf einen breiten schwarzen Hut. Knüpften sie den Pekesch auf, lief ihnen an der hochgeschlossenen Weste eine lange Reihe perlender Silberknöpfe über Brust und Bauch herab. Und glatt und bartlos trugen sie ihre Gesichter. Aber von den Gästen, die aus der Ferne kamen, hatte sich manch einer in der Revolutionszeit, als das Ungarische in die Mode kam, einen Schnauzbart wachsen lassen, und ihre Stiefelröhren waren nicht glatt, sondern geschweift geschnitten und mit einem Börtel eingefasst, das vorne eine kleine Rose bildete. Ihre Hüte waren kleiner, runder.

Aber ihre Mundart wusste nichts von solchen Anpassungen, und ihre gute Laune hatte sich rasch wieder gehoben, als die Revolution, zu der sie kein Verhältnis fanden, vorbei war, und das Land wieder kaiserlich regiert wurde. Den Haynau, den man den Bluthund nannte, mochte keiner, obwohl er die Honved vor Temeschwar aufs Haupt geschlagen und die belagerte Hauptstadt befreit hatte. Aber auch der Kossuth konnte ihnen gestohlen werden, der so viel Unheil angerichtet hatte. Im übrigen politisierten sie nicht gern, das überließen sie den Herrischen, die mehr davon verstanden.

Auch der Pfarrer von Rosenthal, der Herr Dechant Jakob Schuh, hatte zwei Gäste bekommen. Er erbat sich immer Aushilfe zur Kirchweih, ein Hochamt mit Assistenz machte sich viel feierlicher. Freilich wusste der Pfarrer, dass der Schwerpunkt des Festes, trotz seines Namens, außerhalb der Kirche lag, dass es ein weltliches geworden, aber er ließ sich seinen Anteil daran nicht schmälern. Der Tag der Kreuzerhöhung war ja ein unerschöpfliches Sinnbild für Predigten, er konnte jedes Jahr etwas anderes sagen, ohne sich merklich zu wiederholen. Die Aufrichtung des Kreuzes für die Menschheit; die Wiederaufrichtung desselben in diesem ehemals türkischen Lande und in der Gemeinde; die erste Erhöhung des Kreuzes mit dem Heiland, der für uns alle gelitten hat und am Kreuze gestorben ist; die Erstarkung des Glaubens nach sündhaften Zeiten, nach Krieg und Revolution, auch die Rückkehr jedes reuigen Sünders zu Gott, das alles hatte seine Beziehungen zum Tag der Kreuzerhöhung im Geiste. Und er donnerte es der Gemeinde zu und der Jugend, dass eine Kirchweih, die von den Altvorderen mit Vorbedacht auf diesen Tag verlegt wurde, bei guten Christen ganz besonders sittsam gefeiert werden müsste. Er sagte es seinen Beichtkindern beinahe jedes Jahr. Und er musste am besten wissen, wie nötig das war. »Erhöht das Kreuz in euch, und ihr werdet euch manche Reue, manches Leid ersparen.« Das war auch heute der Schlusssatz seiner Predigt, die er schon am Tage vorher ausgearbeitet hatte, ehe seine lieben Gäste kamen.

Es war ein geistlicher und ein weltlicher Gast. Der geistliche, Jakob Schuhs einstiger Seminargenosse Johann Nowak aus Temeschwar, jetzt Pfarrer von Bogarosch, war ihm ein lieber Freund geworden für das Leben, und sie wechselten manchen Brief im Laufe der Jahre. Aber nur selten besuchten sie sich, ihre Gemeinden lagen zu weit auseinander. Und so war die Freude doppelt, als der Freund und Amtsbruder sich bereit erklärte, zur Kirchweih zu kommen. Der zweite war ein Neffe Schuhs, Hörer der Philosophie, der seine Ferien ganz gern zu einer Kirchweihfahrt zum Oheim benutzte. Er wollte Professor werden und studierte an der wieder deutsch gewordenen Hochschule in Pest Philosophie.

Als die drei Herren am Abend vor dem Fest nach Tisch beisammen saßen und ihre Pfeifen glühten, wurden natürlich die Landesangelegenheiten besprochen. Der Jubel vom Großen Wirtshaus drang nur gedämpft bis zu ihnen, erst als die Musik am Pfarrhaus vorbeizog mit dem Vortänzer, gefolgt von der ganzen Dorfjugend, traten sie ans offene Fenster. »Vivat Kirweih!« rief der Christof dem Pfarrer zu.

»Du hast eine fröhliche Gemeinde, lieber Amtsbruder«, sagte Nowak. »ich freu' mich schon auf den morgigen Tag. Man scheint hier noch etwas auf alte deutsche Bräuche zu halten.«

»Ja, es ist eine tüchtige Gemeinde«, erwiderte Schuh. »Aber sie arten zur Kirchweih immer aus. Es wird zu viel getrunken, es entstehen Raufereien, und auch sonst wäre manches anzumerken… Meine Kirchweihpredigt ist immer eine Strafpredigt. Aber es nützt nichts.«

Pfarrer Nowak, der voll Behagen den Rauch aus seiner langen Pfeife sog und wieder ins Zimmer zurückgetreten war, lachte kurz auf. »Das kenne ich. Ich hab' mir die Moralpredigten bald abgewöhnt. Dieses gesunde, schwer arbeitende Volk will auch leben, es will an seinen Festtagen lachen und tanzen und lieben. Die Kirche darf da nicht immer drohend den Finger erheben und sagen, das wäre nicht erlaubt. Es ist besser, man freut sich mit den Fröhlichen.«

»Verliert sich da nicht der Respekt vor dem Pfarrer?« fragte Schuh.

»Im Gegenteil. Meine Schwaben hängen gerade deshalb an mir, weil ich mit ihnen lebe wie ein Gleicher. Am Sonntag nach der Vesper mache ich immer meine Tarockpartie im Wirtshaus mit dem Richter und den Geschworenen, und da reden wir dann ein Stündchen von allem, was in der Welt vorgeht. Dafür sind sie mir dankbarer als für jede Predigt. Sie kommen mit allem, was sie drückt, zu mir.«

»Man hat schon gehört davon, Hochwürden«, sagte der Philosoph Michel Schuh. »Der Pfarrer Nowak ist der Führer seiner Gemeinde.«

»Wer redet über mich?« sprach der Pfarrer, und seine blauen Augen blickten fragend. »Wer weiß überhaupt etwas von uns in Bogarosch?«

»Aber Hochwürden! Glauben Sie denn, die große Eingabe an den jungen Kaiser aus dem Banat sei unbekannt geblieben? Und sie war von Bogarosch datiert. Sogar die Zeitungen in Wien haben davon geredet.« »Ja, ja, ich habe auch so etwas gelesen«, warf dar Pfarrer von Rosenthal ein.

»Aber wer weiß denn, dass ich etwas damit zu tun habe?« entgegnete Nowak, und sein blondes Gesicht nahm einen lächelnd verschmitzten Ausdruck an. »Mein Name steht nicht darunter.«

»Aber man vermutet allgemein«, sagte der Student, »dass Euer Hochwürden die Eingabe verfasst haben, die von so vielen deutschen Gemeindevorstehern und Geschwornen unterzeichnet war und im Namen des ganzen Schwabentums im Banat das Wort führte.«

»So, so… Hat man es also doch ausgeplauscht. Nun, ich will es nicht leugnen, dass ich die Feder führte. Aber ich drückte nur aus, was die deutschen Bauern in Torontal wollten. Wir grenzen dort an die Serben, wie Sie hier an die Walachen. Und als nach dem Zusammenbruch der ungarischen Revolution alle Nationalitäten ihren Lohn forderten und sich selber verwalten wollten, da kamen meine Bauern voll schweren Sorgen zu mir und fragten mich um Rat. Sie wollten wissen, was denn mit ihnen geschehen werde. Man hatte ihnen während der Revolution drohend gesagt, sie müssten Madjaren werden. Sollten sie jetzt am Ende serbisch oder walachisch werden? Da erzählte ich ihnen, wie das kleine Volk der Sachsen in Siebenbürgen deutsch geblieben sei durch Jahrhunderte, mitten unter fremden Völkern. Sie regieren sich selbst, seien im Landtag ein bevorzugter Stand, haben ihren eigenen Sachsengrafen und niemand dürfe in ihre Angelegenheiten dreinreden. Das sollten die Schwaben im Banat eben auch zu erreichen suchen, sie seien ihrer viel mehr als die Sachsen.«

»Aber wohnen die Schwaben nicht viel zerstreuter im Lande als die Sachsen, die eigene Städte haben?« fragte Pfarrer Schuh.

»Keine Idee! Die Schwaben wohnen in den meisten Bezirken dichter beisammen als jene… Also, meine Leute waren begeistert. ,Das gibt es in Ungarn?` fragten sie. Ich sollte ihnen das doch aufsetzen in einem schönen Majestätsgesuch. Sie wollten damit im Lande umherfahren und viele, viele Unterschriften sammeln. Und dann sollte eine Deputation nach Wien fahren und das Gesuch dem Kaiser überreichen. Was blieb mir übrig? Ich machte die Eingabe. Und als ich hörte, was man in Wien für eilige Pläne hatte, trieb auch ich zur Eile. So wurde die Werbung abgebrochen, als schon eine größere Zahl von deutschen Gemeinden unterschrieben hatte, und fünf Dorfrichter fuhren nach Wien.«

»Und sie sind vorn Kaiserempfangen worden?« fragte Schuh.

»Seine Majestät waren nicht anwesend. Aber der Minister Fürst Schwarzenberg empfing sie, und er dankte ihnen, dass sie gekommen waren. So ein Lebenszeichen der Deutschen im Banat sei der Regierung wertvoll, sagte er ihnen.«

»Es ist doch schön, so ins Weite zu wirken mit einem Gedanken«, sagte der Dechant Schuh sinnend. »Wer weiß, was das noch einmal für Früchte trägt.« Der Student wurde ausfällig. »Wer denkt an uns Deutsche? Man hat sich in Wien jetzt zur Abwechslung einmal den Kroaten und Südslawen verschrieben. Wir sind hier plötzlich eine serbische Woywodschaft geworden.«

»Mein lieber, junger Freund«, erwiderte Pfarrer Nowak, »ich bin mit dieser Wandlung ganz zufrieden. Man war den Kroaten und Serben verpflichtet und musste etwas tun. Wir sind hier keine Woywodschaft geworden, der offizielle Titel der Provinz lautet ja:, Serbische Woywodschaft und Temescher Banat'. Das ist ganz etwas anderes. Die serbischen Teile des Banats werden serbisch verwaltet, die deutschen deutsch. Unser Gesuch ist erfüllt, wenn auch ein Statthalter in Temeschwar sitzt, und kein deutscher Graf.«

»Ja, wenn Hochwürden die Sache so betrachten…«

»So muss ich sie betrachten. Drei Völker erheben Anspruch auf das Banat, die Madjaren, die Serben, die Wal- oder Rumänen, wie sie jetzt genannt sein wollen. Immer wieder schützt uns der Kaiser wider diese Dreiheit. In fünfzig weiteren Jahren werden wir uns wohl so vermehrt haben, dass wir keinen künstlichen Schutz mehr benötigen. Das Banat wird eine deutsche, aber gut ungarische Provinz werden.«

»Hochwürden sind ein weitsichtiger Politiker«, sagte der Student.

»Ich? Oh nein! Ich wünsche gar keiner zu sein.«

»Ja, ja! Ich bin auch erstaunt, lieber Freund, dich von der Seite kennen zu lernen«, warf Pfarrer Schuh ein. »Nenn es, wie du willst, man muss zu seinem Volke stehen. Mir liegt die Zukunft der Schwaben in diesem Lande sehr am Herzen. Welch ein Reichtum des Bodens! Welche Fülle und Mannigfaltigkeit der Kulturen! Eine Provinz, so groß wie Belgien, noch einmal so groß wie das Königreich Sachsen! Und sie kommt zu keiner politischen Stetigkeit, zu keiner Ruhe. Wissen wir, wie lange das jetzige System wieder dauert? Ich bin zufrieden damit, aber eben darum zittere ich für seine Beständigkeit.«

»Sehr wahr! Nur allzu wahr!« rief Jakob Schuh. »Aber meine Bauern kümmern sich sehr wenig darum. Sie leben ihr Leben und überlassen das Politisieren den Herren.«

»Hm. Ich rede mit den meinen von all diesen Dingen. Sie sollen sich darum kümmern. Sogar von der Kanzel herab sage ich ihnen manches. Du nicht auch?«

»Von der Kanzel herab? Gott behüte! An Politik habe ich meine Gemeinde nicht gewöhnt. Ich redete kaum während der Revolution etwas. Sie wurden gequält genug mit Requisitionen und hatten über alle Maßen unter den Vorspanndiensten zu leiden. Heute für die Kaiserlichen, morgen für die Revolutionäre… Ich liebe die Politik nicht, in der Kirche schon gar nicht.«

»Ach was, Politik… Sieh, der Mond geht gerade auf. Er steht da drüben über den Bergen. Mit freiem Auge seht ihr hier das ganze Jahr die Ruine Vilagosch, zu deren Füßen der Görgei lag mit seinem Revolutionsheer. Dort hat er kapituliert. Aber er ergab sich nicht den Kaiserlichen, er ergab sich unglücklicherweise den Russen, die über Siebenbürgen herabgekommen waren. Und auf diesem Schauplatz wird nicht politisiert? Hier redet nicht jeder Bauernjunge von den Angelegenheiten des Landes?«

»Ich glaube nicht. Ich unterstütze es jedenfalls nicht«, erwiderte Pfarrer Schuh zurückhaltend. »Es ist besser, gewisse Dinge geraten in Vergessenheit.«

»Der Meinung bin ich nicht. Hier wäre der fruchtbarste Anschauungsunterricht möglich über das große Ereignis. Hätte Görgei sich der Gnade des Kaisers empfohlen, es wäre alles anders gekommen. So aber schenkte der Zar unseren jungen Kaiser das wiedereroberte Ungarn. Darüber wurde der Haynau ja so rasend. Darum war das Blutgericht über die ungarischen Generale nicht aufzuhalten. Sie waren ihm nur noch Rebellen.«

»Es war eine grausame Handlung. Nie wird sie vergessen werden«, sagte Pfarrer Schuh. Und der Student stimmte zu. »Es hat einen furchtbaren Eindruck auf die ungarische Jugend gemacht. Sie geht mit geballten Fäusten umher.«

»Im Hosensack!« warf Nowak ein. »Die Lage hat sich verschärft. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt. Gerade weil es so nicht bleiben kann, wie es ist, gerade darum ist die Aufklärungsarbeit auch unter den Deutschen nötig.«

»Ich leiste sie nicht«, erwiderte Schuh beinahe ängstlich. »Ich bin ihr Seelsorger.«

In Nowaks Augen blitzte es auf. »Lieber Bruder, tauschen wir einmal auf ein paar Jahre die Gemeinden!« scherzte er. »Oder weißt du was, lass mich deinen Bauern morgen als Gast eine Kirchweihpredigt halten.«

»Freund, Freund… Übrigens habe ich die meine schon memoriert.«

»Worüber? Ach ja, Kreuzerhöhung! Ein ergiebiges Thema.«

»`s ist im Grunde immer dasselbe. Du mit deiner Eloquenz wirst enttäuscht sein«… Seine Predigt kam ihm jetzt ärmlich vor und nüchtern. Und er fuhr fort: »Ich möchte dich ganz gern einmal reden hören. Und wenn du mir versprichst, aber du bist ja gar nichtvorbereitet.«

»Ich stehe mit der Sonne auf. Ein Morgengang genügt mir.«

»Also du wolltest im Ernst?« fragte er, mehr aus Besorgnis ungastlich zu erscheinen.

»Nur wenn es dir angenehm ist, lieber Bruder. Eine solche Abwechslung kann doch niemandem schaden.«

»Aber du wirst eine unaufmerksame Gemeinde haben. Ich mache es immer kurz zur Kirchweih, die Leute sind mit ihren Gedanken ganz woanders. Auch sind morgen viele Fremde hier. Gäste…«

»Eben darum!« rief Nowak.

»Du Agitator, du«, sprach Schuh lächelnd. »Jetzt verstehe ich. Nun, es sei.«

»Hochwürden«, sagte der Student, »ich freue mich schon auf Ihre Rede.«

»Da hast du's«, scherzte Schuh, »die Kanzel ist schon zur Tribüne geworden.«

»Ich werde sie nicht missbrauchen«, erwiderte Nowak.

Ein strahlender Septembermorgen war angebrochen. Das Dorf, blank geputzt, die Häuser frisch geweißt, die Straßen gefegt wie ein Ballsaal, wurde mit Böllerschüssen geweckt. Auf dem weiten Platz hinter der Kirche hatte sich die Kirweihartillerie ihre Erdlöcher gegraben, aus denen die Mörser krachten, dass die Fensterscheiben schepperten. Und die Jugend tummelte sich in allen Gassen. Aber es war die Schuljugend, es waren die Buben zwischen acht und zehn Jahren, denen die erste Rolle zufiel an diesem Kirweihmorgen: Sie hatten nämlich den großen Buben die aufgeputzten Kirweihhüte zu bringen. Jedes Mädel, das einen Strauß gemacht und keinen kleinen Bruder hatte, bestellte sich einen Buben aus der Freundschaft oder der Nachbarschaft. Und keine Sendung wurde lieber übernommen als diese. Stolz waren die kleinen Liebesboten, die solch einen kostbaren Hut anvertraut bekamen, und Trinkgelder regnete es auch. Zuerst von »ihr« und dann von »ihm«. Und mancher kecke Knirps setzte sich den Kirweihhut unterwegs selber auf. Die Leute, die in die Frühmesse gingen, hatten ihr Schauspiel auf allen Wegen. Wie wichtig dünkte sich so ein Bub! Und wie sie angestaunt und ausgefragt wurden über das Woher und Wohin. Denn die Neugierde war groß, und es gab Frauen, die durchaus um alle Geheimnisse des Dorfes wissen wollten. Hinter jedem kleinen Buben aber, der einen Kirweihhut auszutragen hatte, zogen ein paar Genossen einher, Begleiter, die dabei sein wollten, wenn die Trinkgelder an den Buden der Stadtkrämer vernascht wurden. Diese hatten ihre Zelte schon immer am Abend vorher rund um die Kirche aufgeschlagen, denn sie kannten ihre genäschigen kleinen Kunden, die ihnen zuerst einen guten Morgen boten, sehr wohl.

Und die großen Buben warfen sich beizeiten in ihren neuen männlichen Staat, alles spiegelte und glänzte an ihnen, nichts fehlte als der Hut. Endlich kam er. Und das ganze Haus lief zusammen, beguckte und bewunderte ihn und sang das Lob der splendiden Schönen, die ihn gestiftet. Auch der Susi klangen die Ohren an diesem Morgen, denn ihr Hut hatte den Beifall der Schwägerin Margret gefunden und sogar den der Bas' Liesl, die sich in nichts anmerken ließ, welche Pläne sie verfolgte. Nur eine Bitte hatte sie an den Christof, falls sie ihn vor Abend nicht mehr sehen solle, er möge der Anna Foltz, die zum erstenmal ins Große Wirtshaus komme, einen Tanz schenken. Sie wäre gar so leutscheu und fürchte, dass kein Bub sie anschaue. Wenn er als Vortänzer sie einmal nähme, werden es auch andere tun: »Aber ja«, erwiderte Christof, der vor dem Spiegel stand, leichthin. »Wenn's weiter nix is!« Er gefiel sich. Fein hatte das die Susi gemacht mit dem Vortänzerhut. Nur vier Bänder anstatt zwölf, aber was für welche! Und wie der Rosmarin duftete, den sie um die Hutkappe gewunden und dicht mit Rauschgold verkleidet hatte. Fein! Der Vater zeigte sich nicht. Er war mit seinen Gästen schon fort zu den Verwandten. Gern hätte Christof ihm heute ein gutes Wort gesagt. Und auch Geld brauchte er. Und so ging er zu den Großeltern hinüber und zeigte sich denen. Sie hatten ihn gern, und der Großvater griff auch gleich in die Brieftasche und drückte dem Christof eine Banknote in die Hand, deren Ziffer die Alte nicht zu sehen brauchte. Er wusste, dass die Vortänzerehren nicht billig waren. Als die Großmutter ihm den Namen seines Mädchens abgefragt hatte, da sahen die beiden Alten einander an und verstummten. Keine Bauerntochter? Ein Luckhaup? So sagten ihre Mienen. Aber der Christof hatte keine Zeit mehr, er brach mit einem Juhuschrei auf nach dem Großen Wirtshaus. Der Großvater Adam hatte seine besonderen Gedanken. Also ein Enkelkind der Zengrafin…

Von allen Seiten flatterten die Kirweihbuben herbei. Die Musikbande begrüßte den ersten Vortänzer mit einem Tusch. Vor dem Gemeindehaus aber sammelten sich schon die Schützen. Wohl hundert an der Zahl waren heute angerückt mit ihren Gewehren, und sie marschierten alsbald zur Kirche hin und nahmen vor dem Pfarrhaus Aufstellung. Sie waren ein Stolz der Gemeinde. Alle Gewehre im Lande wurden nach der Revolution von den Militärbehörden eingezogen, den deutschen Schützen ließ man sie. Bei der Kirche herrschte schon reges Leben bis zum Großen Wirtshaus hinauf. Die ganze Bevölkerung war unterwegs zum Hochamt, die Dorfjugend aber hing nur der Freude nach und wartete auf den Aufzug der Kirweihbuben. Das war das Wichtigste. Die dunkeln Gestalten der Schützen mit ihren breiten Hüten standen wie eine Mauer da und brachten einen feierlichen Zug in das bewegte Treiben. Als nun von droben Marschmusik einsetzte, kommandierte der Schützenhauptmann: Habt Acht! Und die Männer schlugen die Hacken zusammen und harrten ihrer Söhne und Erben; sie harrten der Jugend, um ihr die Ehrenbezeugung zu erweisen.

In zwei Reihen, die die ganze Straßenbreite ausfüllten, hatten sich die stolzgeschmückten Kirweihbuben aufgestellt. Es ging nicht ohne Püffe ab, der Raum genügte kaum, und es wäre eine dritte Reihe bei weitem vorteilhafter gewesen.

Aber in diese wollte keiner. Und so drängte man sich und machte sich so schmal, als man konnte. Voran schritten die beiden Vortänzer. Vor diesen aber marschierte die Musikbande und blies eine feierliche Marschweise.

Sobald die Glocken läuteten, begann der feierliche, farbige Aufzug zur Kirche, tausend einheimische und fremde Zuschauer guckten aus allen Fenstern, sämtliche kleine Buben und Mädeln waren hinterher. Die Schützen präsentierten das Gewehr, und die Musik, die vor der Kirche seitlich Aufstellung genommen hatte, blies mit vollen Backen, bis der letzte der Buben durch die Kirchentür eingetreten war. Und heute gehörte ihnen der Mittelgang, nicht das Chor, so wie sonst. Und vor ihnen, fast bis zum Altar gedrängt, standen die Mädchen in hellen duftigen Kleidern. Alle Augen wanderten, suchten, es war wenig Andacht in der Kirchweihgemeinde. Zuviele weltliche Ablenkung war da, zu viele Fremde auch gab es, die immer leise Fragen an ihre Nachbarn stellten. Und alle hatten nur den einen Gedanken: Heute macht's der Pfarrer kurz.

Das Hochamt nahm seinen feierlichen Verlauf, der Herr Oberlehrer, der die Orgel und seinen Kirchenchor fest in der Hand hatte, machte dem Dorfe alle Ehre vor den Gästen, und die Schützen draußen, die nach dem Agnus, die ihre Salve abgaben, schossen gut, nicht ein einziges Gewehr knatterte nach, und der fremde Geistliche, der mit dem Kaplan dem Herrn Dechant beim Altar assistierte, gefiel den Leuten. Man wusste, dass er der beste Freund des Herrn Dechant war und dass er von weither kam, um die Rosenthaler Kirchweihfeier zu erhöhen. »Wird eine Predigt gehalten?« fragten die Gäste. Ja, aber nur eine kurze, hieß es. Und jetzt war man so weit. Aber welche Überraschung! Es begab sich der fremde Pfarrer auf die Kanzel, nicht der Herr Dechant. Das weckte die Aufmerksamkeit und sammelte die Geister.

Der Richter Johann Geiß und die Geschworenen blickten auf. Der Fremde? Am heutigen Tage? Wenn er's nur kurz macht, war auch ihr Gedanke.

Der Pfarrer Johann Nowak stand droben. Er neigte sich gegen den Hochaltar und schlug das Kreuz. Jakob Schuh, der Dechant, horchte ungesehen an der Tür der Sakristei. Mit heller klarer Stimme sprach sein Gast:

»Geliebte Brüder in Christo! Nehmt es nicht ungütig auf, dass heute eine fremde Stimme von hierzu euch spricht, dass an diesem Freudentage der Gemeinde euer Seelenhirt sich durch einen Freund und Amtsbruder vertreten läßt. Es ist nur eine Sache, der wir dienen, und das Wort Gottes bleibt in jedem Priestermund dasselbe. Ich habe euern geliebten Pfarrer um die Ehre gebeten, auch einmal zu euch sprechen zu dürfen. Ich diene Gott in einem andern Teile des Banates, bin ein deutscher Pfarrer und habe eine große Gemeinde wie die eure. Aber so alt wie die eure ist die meine nicht. Aus euren Pfarrbüchern habe ich erfahren, dass ihr heute zum hundertunddreißigsten Male den freudigen Tag begeht, an dem das Kreuz in eurer Gemeinde erhöht wurde, an dem eure Ahnen die erste Kirchweih hier gefeiert haben. Ein Gedenktag also. Seit hundertunddreißig Jahren blüht hier deutsches Leben durch euch. Seid stolz darauf und dankt Gott für diese Gnade. Welche Summe von Fleiß und Arbeit habt ihr in dieser langen Zeit nicht an das Gedeihen eurer Gemeinde, eures Wohlstandes gewendet; wieviel Leid, wieviel Freud habt ihr hier nicht erfahren. Die Fremde ist euch in dieser langen Zeit zur teuren Heimat geworden, ihr wurzelt für ewig in dem Boden, in dem eure Vorfahren begraben liegen. Es gibt kein Zurück mehr für euch oder eure Kinder in das große deutsche Reich, aus dem ihr stammt, ihr habt euer Volkstum hierher verpflanzt wie eure Saaten, und es gedeiht in dieser Erde so gut wie im Mutterboden. Das zu sehen und zu erfahren, erfreut auch mein Herz. Ich fand überall im Banat das gleiche. Ihr haltet etwas auf eure schwäbischen Sitten und Bräuche, ihr feiert eure Feste hier so wie von je, und ihr dient Gott in eurer schönen Kirche, die ihr euch selber gebaut. Es kann euch und euren Kindern nicht fehlen, wenn ihr so treu an Zucht und Sitte festhaltet wie bisher. Aber ihr sollt euch auch dessen bewusst sein, dass ihr als Deutsche nicht allein seid in diesem Lande, in dem ihr so vielen anderen begegnet. Ihr überseht von hier aus kaum ein Dutzend deutscher Gemeinden, aber es sind ihrer weit über hundert, und sie bilden alle eine große Familie. Oder sollten sie bilden. Vergesst das nicht. Wenn ihr zusammenhaltet, einander sucht und euch immer aufs neue anfreundet, seid ihr stark und werdet niemals untergehen. Die Völker, die euch umwohnen, sind um hundert Jahre hinter euch zurück, nie werden sie euch einholen, wenn ihr wie bisher eure guten deutschen Schulen pflegt und euch eine Intelligenz aus eigenem Blut schafft. Lasst nicht alle Söhne Bauern werden oder Handwerker, schickt immer einen auf höhere Schulen, das sage ich meiner Gemeinde seit Jahren, und es gilt wohl auch hier. Ihr werdet künftig in allen Ämtern deutsche Männer aus eurer Mitte brauchen.

Mit Freude sehe ich unter euch heute auch andere deutsche Trachten, ihr habt also gute Nachbarn und Freunde, ihr pflegt den Zusammenhang mit eurem Volke, so wie ich es von meiner eigenen Gemeinde immer verlange. Das erleichtert vieles im öffentlichen Leben des Landes. Kümmert euch um dieses. Ich spreche zu euch und euren Gästen: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und verlangt für euch, was euch gebührt. Gott will nicht Herren und Knechte, Gott will, dass alle seine Geschöpfe teilhaben an seinem großen Werke. Er hat euch als Deutsche erschaffen, und ihr seid es ihm schuldig, einst als Deutsche vor seinem Richterstuhl zu erscheinen. Denn er redet mit seinen Kindern in ihrer Muttersprache. Ihr wart einst in Gefahr, eingegliedert zu werden in die Nation, die sich gegen ihren König erhob, um die Zügel an sich zu reißen. Das ist verhindert worden. Sie haben ihren König nicht ungestraft abgesetzt. Aber ganz außer Gefahr werdet ihr nie sein in diesem Lande, denn vom Süden her fordern es die Serben, vorn Norden die Walachen. Wenn sie euch einholen in ihrer Entwicklung, ehe ihr ein einheitlicher, fester Volkskörper geworden seid, dann werden sie euch einst verschlingen, denn sie sind die Mehreren. Darum, geliebte Schwaben, arbeitet an euch selbst und an eurer Einigung und Verschmelzung, denn einzelne Gemeinden kann ein anderes Volk verschlingen, hundert, die ein Ganzes bilden, nicht. Wenn je wieder ein Wechsel im System der Regierung des Banates eintreten sollte, so verlangt ein eigenes Oberhaupt, einen deutschen Grafen, der eure Angelegenheiten in deutscher Sprache und nach deutscher Sitte pflegt und behandelt. Der junge Kaiser kennt diesen Wunsch, die Torontaler haben ihm denselben ausgesprochen für euch alle. Unsere Richter und Geschworenen in Torontal haben das Gesuch sämtlich unterzeichnet.

Da ihr heute zum hundertunddreißigstenmal Kirweih feiert und auch in tausend Jahren hier noch fröhlich sein wollt, so glaube ich als Gast euch das an diesem hohen Gedenktag sagen zu sollen. Es klingt recht weltlich. Aber ich sage euch, was man für sein Volk tut, ist Gottesdienst.« Und er kniete nieder, betete mit der überraschten Gemeinde das Vaterunser und schloss: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen«

Der Schluss des Hochamtes vollzog sich rasch, und wie ein Bienenschwarm summte die Gemeinde, als sie das Gotteshaus verließ. Man tauschte die geteilten Meinungen aus über die seltsame Predigt, aber die gute Stimmung überwog, man hatte viel erfahren durch dieselbe. Über sich selber, über Vergangenheit und Zukunft, über Rechte und Pflichten. Nie werde man diese Kirweihpredigt vergessen dürfen, sagte auch der Richter. Gern hätte er jenes Gesuch an den Kaiser auch unterfertigt. Zehn Gemeinden wusste er, die mit dabei gewesen wären. Auch die Gäste stimmten dem zu, und sie waren froh, zu dieser Kirweih nach Rosenthal gekommen zu sein. Es war ein Erlebnis.

Ein junger Bauer, ein Rosenthaler Sohn, der in einem walachischen Dorf ansässig war, rief »Vivat!« als der Pfarrer von Bogarosch mit dem Dechanten über den Kirchenplatz ging. Und viele Männer stimmten ein in diesen Ruf. Johann Nowak lüftete den Hut und lächelte den Leuten zu. Der Dechant aber schien sehr ernst zu sein. Sollte gerade ihm diese Predigt seines Freundes nicht gefallen haben?

Aber jetzt hatte die Jugend das Wort und nicht die Politik. Die Kirchweihbuben ordneten sich wieder in zwei Reihen und marschierten, so wie sie gekommen, unter dem Geschmetter ihrer Musik zum Großen Wirtshaus hinauf. Es war ein Jubel in dem Marsch, den sie jetzt bliesen. Und so lösten sich alsbald die Scharen der Neugierigen von ihnen, denn alles strebte heim zum Mittagstisch. Die Kirweihbuben aber blieben heute die Gäste des Wirtes. Und Peter Albetz hatte sich gut vorgesehen. Es war sein größter Tag im Jahr.

Auf Gastfreundschaft war heute das ganze Schwabendorf gestellt, die Türen aller Keller und aller Speisekammern standen offen, wer immer kam, er war willkommen. Und wo eine Haustochter einen Kirweihstrauß gemacht hatte, da gab ein Besucher dem anderen die Tür in die Hand. Die Brüder Jakob Weidmanns waren gekommen, der lustige Vetter Michel, der im Sommer die Fassbinderei und im Winter das Schweineschlachten betrieb, der Vetter Niklos, der dem halben Dorf die Häuser baute und immer kritischer Laune war, sie kamen, um der Susi zu gratulieren. Jeder hatte schon daheim gegessen, aber ein paar Küchel ließ er sich gern noch aufnötigen von der Frau Eva. Nur der Vetter Hannes, der Nachbar, fehlte, und die Weidmannschen Hausväter wären sämtlich beisammen gewesen. Aber der hatte das Haus voller Gäste von der auswärtigen Freundschaft. Darunter befanden sich sogar schwäbische Vettern aus Schöndorf, deren Vorfahren einmal Franzosen gewesen sein mussten, denn der eine schrieb sich Schambree, der andere Leblanc. Und die Brüder wollten ja heute auch hinüber zum Hannes, ins Vaterhaus, sie waren nur auf einen Sprung zum Jakob gekommen an diesem Freudentag. Jeder von ihnen hatte sein gutes Gewerbe. Der Vetter Michel gab seine einzige Tochter einem kleinen Bauern als Frau, der zu ihm ins Haus zog, und er betrieb seine Binderei schon im Vorbehalt. Der Vetter Niklos lebte mit seiner Frau und zwei Töchtern im eigenen Haus, seinen Sohn aber ließ er in Arad zur Baumeisterei ausbilden, er sollte mehr lernen vom Handwerk, als er selber einst im Dorfe lernen konnte. In der Fremd' war er nie, seine schlichte dörfliche Maurerei hätte ihm da nur Enttäuschungen gebracht. Aber das hinderte nicht, dass er einer der Gescheitesten im Dorfe war und die meiste Menschenkenntnis besaß. Wenn man so vielen Leuten Häuser baute wie er, lernte man die Menschen am gründlichsten kennen.

»Na, häbt'r die Predicht g'häert Neunt?« fragte er sogleich, als er bei Tisch saß. »So was! Spuckt der den Ungarn von der Kanzel in die Supp'! Die häwe's ganz gut gamaant, `s is halt schlecht ausgange.«

»Den Ungarn?« fragte Meister Jakob. »Mir scheint, er hat die Großtuerei der Servianer und der Walache in der Arweit g'habt. Vor dene will er uns warne.«

»Äwer losst doch heunt den fade Dischkursch«, sagte der Bruder Michel. »Vivat Kirweih!… Ah, die Küchel sein gut!… Hot die am End' gar die Susi gebacke?«

»Jo freilich, die hot heunt g’wiß Zeit g'hatt far so was«, sagte Frau Eva.

»Na, waascht, Schwagerin, sie schmecke halt so jung, so appatittlich.«

»Valleicht bin ich der nit mei appatittlich ganung, du altes Laschter!«

Mit dem Gelächter, das da ausbrach, war die Kirweihstimmung gleich wiederhergestellt. Und sie wurde gesteigert, als man von ferne Musik und Lärm auf der Gasse hörte. »Die Buwe sein schun überall«, rief die Kathl vom Fenster her. Und die Susi, festlich angetan, trat auch hinzu und sah erwartungsvoll hinaus.

Die Kirweihbuben hatten sich in zwei Gruppen aufgelöst, ihre Musik in zwei Teile geteilt, und die eine Hälfte zog rechts, die andere links vom Großen Wirtshaus durch die Hauptgasse. Sie machten die Runde im Dorf und sollten sich drüben in Neurosenthal an der Kreuzung der Hauptgassen treffen. In der Herrnsgasse sollten sie sich wieder vereinigen. Die Buben fielen mit ihren Weinflaschen und Glücksnummern in jedes ihnen bekannte Haus, wurzten alle Vettern und Basen, und die Flasche, aus der jeder, dem sie angeboten wurde, einen Schluck trinken musste, wurde immer wieder frisch gefüllt. Jedes Haus war dazu bereit. Aber wer einmal trank, der nahm auch eine Nummer ab. Die Buben hatten sich auf dieser Jagd durch das Dorf vornehmlich bei ihren Kirweihmenschern einzufinden und deren Eltern. Da mussten sie mitessen, da konnten sie rasten. Der erste Weg der beiden Vortänzer war zum Pfarrer, zum Richter, zum Oberlehrer. Die waren einzuladen zur Kirweih. Dann erst konnten sie ihren anderen Pflichten und Neigungen folgen.

»Juhu! Juhu!« tobte es durch die Gassen. Und die Musik, der die kleine Welt, so weit sie schon laufen konnte, folgte wie dem Rattenfänger, schwang ihre alten deutschen Liedertänze über alle Dächer. Bald nah, bald fern erfüllte sie die Luft des Dorfes mit den Wellen süßer Weisen. Wenn sie einen frischen fröhlichen Schleifer blies und man die Augen schloss, konnte man sehen, wie das ganze Dorf, selbst der Kirchturm und das Pfarrhaus, ihn mittanzten. Namentlich wenn man schon aus einigen Kirweihflaschen getrunken hatte, sah man es ganz deutlich.

Juhu! schrie der Christof und trat in das Haus des Meisters Jakob.

Susi empfing ihn schon an der Schwelle. Das war ihm recht, dass er Gäste antraf und gleich drei oder vier Nummern anbrachte. Der stattliche Bursche erregte das Wohlgefallen aller. Er trank aus seiner Flasche dem Meister Jakob zu, der ihn gar freundlich anblickte. »Vetter Jakob, einen schönen Gruß von der Kirweih!« Und sie taten ihm der Reihe nach alle Bescheid. Der Vetter Michel beguckte die Flasche, roch an dem Wein, ehe ertrank, und sagte: »Chrischtof, des is den Parra sei schmecketer Wei!« »Ja«, lachte dieser. »Die zwo Parra und der Kaplan häwe so fescht getrunke, dass m'r die Wirtschafterin die Flasch' glei' wieder hot fülle müsse.«

»Schmeckt der dem Parra sein Wei' schun mit der Nas«, lachte der Vetter Niklos.

»Vum Schweineschlachte, mei Lieber. Ich kenn' jeden Wei' im Dorf; des ist der bescht.«

Der Christof wurde an den Tisch genötigt, und die Mutter und die Susi bedienten ihn. Indessen zupfte sich jeder der Brüder eine Nummer aus dem Faden, der um den Hals der Flasche gewunden war. »Ich will des Seidetüchel g’winne, Chrischtof. Versprichscht mer, dass du die Nummer hoscht?« sagte der Vetter Michel. »Jo freilich!« lachte Christof schalkhaft, »sie is ganz g’wiß derbei.«

»Was tuscht denn du mit'm Seidetüchel?« fragte die Frau Eva.

»Hin! Mei Alti sagt mer täglich dreimal: ,Michel, du bringscht mich ins Grab’. Da muss ich doch endlich an mei' künftig' Braut denka.«

»Na wart, des sag ich ihr!« rief Frau Eva.

»Sei so gut«, warf der Vetter Michel rasch ein und reichte seine Nummer der Susi. Dem Christof aber legte er einen Silberzwanziger hin. Und die anderen taten das gleiche.

Mit solchen Scherzreden verplauderte man eine halbe Stunde, und Christof ließ es sich schmecken. Dann aber musste er fort, er hatte noch viele Wege zu machen, die ganze Freundschaft zu begrüßen und seine Nummern loszuwerden.

Bis ans Tor hinaus gab ihm die Susi das Geleite. »Sei nar recht pünktlich«, sagte er. »Amol probiere sollte mer den Vartanz doch.«

»Konnscht dich verlosse, Christof, ich bin dort.«

Als Susi wiederkam, brachen die drei Brüder auf, um hinüber zum Hannes zu gehen, wo sie Freunde aus Schöndorf, Jahrmarkt und Bruckenau treffen sollten. Aber noch im Hof überfielen sie andere Kirweihbuben, Söhne von Vettern und Nachbarn, und aus jeder Flasche mussten sie trinken, jedem eine Nummer abnehmen. »Vivat Kirweih!« war der Gruß des Tages. Aber für diese Buben gab es nur Silbersechserln, keine Zwanziger. Und sie flogen auch rasch wieder weiter.

»Na, Susi, guck halt derzu, dass m'r bald uf die Hochzich kumme«, sagte der Vetter Michel und ging voraus.

»Mit'm Chrischtof? Haha!« lachte der Vetter Niklos hämisch und folgte ihm. »Valleicht eh'nder zur Kindstaaf«, sagte er leise zum Michel.

Dem Meister Jakob gab es einen Ruck. Aber er kannte ja seinen bissigen Bruder. Und er gab seiner Susi die Hand.

»Ihr werd't ein schönes Paar sein heute. Denk nur ein bißl an mich und die Motter.«

»Ja, Vatter.«

Weitläufiger als Altrosenthal ist Neurosenthal gegliedert, aber die Buben und ihre zweigeteilte Musik fanden sich pünktlich um vier Uhr bei der Kreuzung der »Longgaß« mit der »Hinnergaß« ein, und sie zogen über den Staudtsberg hinunter ins Tal und hinauf zum Großen Wirtshaus. Nicht ohne der Vortänzerin vorher eins geblasen zu haben. Die Susi erschien auch am Fenster und bedankte sich für die Ehr'. Und das ganze Dorf mit seinen Gästen flutete alsbald hinter den Musikanten her, alles staute sich in der breiten Hauptstraße, die abgesperrt war für jeglichen anderen Verkehr. Der Tanzplatz lag mitten auf der Straße vor dem Großen Wirtshaus. Am Schild des Wirtshauses hingen jetzt auch der Hochzeitshut und das Seidentuch, die ausgespielt wurden. Die Eingangstür war von einem Kranz goldiger Weizenähren eingerahmt, in der Mitte des Tanzplatzes aber stand ein schönes altes Weinfass. Es trug allerlei Zierat und hatte sinnige Sprüche auf den beiden Fassböden. Tausende Zuschauer, auch herrische aus Lippa und Arad und Temeschwar, hatten sich versammelt, den ausgiebigsten Raum unter den Gästen aber nahmen die schwäbischen Bauern ein. Mit breitem Behagen standen sie da bei ihren Gastfreunden, alle waren sie etwas gerötet vom üppigen Mahl, auch hatten sie aus zu vielen Kirchweihflaschen trinken müssen. Es war wohl immer derselbe bodenständige Wein, aber die Verschiedenheit seiner Temperamente machte sich bei jedem anders fühlbar. Und manche Gastfreunde waren versessen darauf, dass in diesen drei Kirchweihtagen ein ganzes Fass geleert werden müsse. Stand man doch vor der Weinlese und brauchte leeres Geschirr. Darum schenkte der und jener heut 'gar so fleißig nach, spottete der Vetter Michel, denn neue Fässer wollten sie nicht gerne machen lassen. Er hatte verständnisvolle Zuhörer in der Gruppe von Gästen, die sich um die vier Brüder Weidmann gebildet hatte. Der Hannes war auch so ein Feind der Fassbinder. Der Vetter Michel war ja kein Verächter eines guten Tropfens, wozu wären denn seine Fässer da, aber er sagte es frank und derb, dass er die Fresskirweih höher schätze als die Saufkirweih. In der Gruppe, die sich dort um Kaspar Luckhaup und seine Brüder und Vettern scharte, machten zwei Haadbauern nicht geringes Spektakel. Sie trugen über ihren sehenswerten Bäuchen, breite goldene Westenknöpfe. Einer hatte sich's genau angesehen es waren Dukaten. Fix Laudon, mussten die Geld haben! Die schienen die Honveds nicht geschröpft zu haben während der Revolution. Und die Kaiserlichen auch nicht, denn was die einen übrig ließen, das nahmen immer die anderen. Freilich gab es seitdem drei gute Ernten. Aber so etwas! Dukaten als Westenknöpfe! Wo blieben da die Rosenthaler mit ihren silbernen? Es war gut dass endlich die Musik anhub und man auf andere Gedanken kam.

Rundum in der ersten Reihe standen heute die weiß gekleideten Kirweihmenscher. Die rotfarbigen, über der Brust gekreuzten Seidentücher leuchteten mit ihren Wangen um die Wette. Eine Welt von Jugendfrische und unbändiger schwäbischer Tanzfreude blitzte aus ihren Augen. Sie trugen die Köpfe blank, das Haar sorgsam glatt gescheitelt, den Zopf von rückwärts mit einem schimmernden Beinkamm aufgesteckt, den prallen Oberarm im kurzen Hemdärmel, den Unterarm frei. Schwarze Halbschuhe mit Bändern über den weißen Strümpfen gebunden, die Röcke gestärkt, die Hüften in künstlicher Breite. Stämmig, fest im Boden wurzelnd, derb und gesund war dieses Geschlecht.

Kaum hatte die Klarinette den Ländler angestimmt, erschienen Christof und Susi in der erhöhten Wirtshaustür, von der ein paar Stufen herabführten. Einen Augenblick stand die Susi still in dem Erntekranz, der die Tür umwand. Ihr über dem vollen Busen gekreuztes Seidentuch war kornblumenblau, was völlig überraschend wirkte, ihre Wangen erschienen ein wenig blass in dem braunen Rahmen ihrer Haare. Und sie war ernst. Es gab ein »Ah!« als das schöne Menschenpaar so nebeneinander stand, aber schon stieg es herab und hinter ihm folgte der zweite Vortänzer, Franz Schilling, mit der Gunkels Rosi aus Neurosenthal, einer kleinen lustigen Blonden, die sich mit lachendem Gesicht der Menge zeigte. Beide Paare hatten ihren Ländler in dem leeren Saal ein wenig geprobt, und sie traten jetzt zum Tanze an um das leere Fass. Niemand dachte an den Sinn dieser Bräuche, die sich zu einem Dank- und Erntefest verdichteten, das am Morgen im Gotteshaus begann, um sich dann zu überschäumender Lebensfreude zu steigern. Dreimal drehte der Christof seine schöne Susi im Reigen allein um das Fass, ehe auch der Schilling antrat. »Was für ein schönes Paar!« »Und wie des Mädscha tanzt!« »Wie a Prinzess!«' wisperten die Frauen. Und erst nach weiteren drei Runden der beiden Paare schlossen sich die anderen an.

Die Frau Eva war bei ihrer Mutter und dem Bruder Martin in ihrem Elternhaus, das dem Großen Wirtshaus schräg gegenüberlag. Da stand sie am Fenster und schaute voll mütterlichen Stolzes zu. Neben dem alten Gesicht ihrer achtzigjährigen Mutter, die im Hause des Bruders, der schon Enkelkinder hatte, nur noch die Fraala genannt wurde, erschien sie heute ganz verjüngt. Und sie sah ihr Ebenbild in der Susi. So auch tanzte einst sie. So sah sie aus, als der Jakob ihr einst bei einem Ländler, ehe er in die Fremd' ging, sein Herz ausschüttete. Und sie wartete drei Jahre, bis er wieder kam. Und sie tanzte noch heute allwinterlich mit ihm auf manchem Ball. Selbst bei der Kirweih kam es ihr nicht an auf ein, zwei Runden. Wo war er denn? Sie schaute aus nach den Weidmännern und ihren Gästen. Dort stand er ja. Auch er mochte sich beim Anblick der Susi an die Jugendzeit erinnern, an seine Eva. Er fuhr sich mit dem blauweißen Taschentuch über die Augen. So heiß war es doch nicht. Der Gute! Ihm schoss das Wasser leicht in die Augen, wenn ihn etwas bewegte. Die Susi, die ging ihm ,was nah’.

Die Fraala nickte immerzu mit dem Kopfe. Auch in ihrer Erinnerung spiegelte sich ein gleiches Bild, aus alten, alten Zeiten. Sie erkannte auch sich wieder in der Susi. Und ihr Kind, das ein Luckhaup einst ins Unglück gebracht hatte. Aber sie schwieg, sie wollte den schönen Tag niemandem verderben. Dort drüben bei den hoffärtigen Haadbauern mit den Goldknöpfen, dort stand ja der alte Adam Luckhaup, der nein gesagt hatte, als sie ihn bitten kam. Nein und tausendmal nein. Denn der Vater Zengraf konnte seinem zehnten Kind keinen Grund mitgeben. Wird sein Sohn Kaspar anders sprechen? Er sah ihr nicht danach aus. Man sagte, er sei noch härter als der Alte. Wenn er anders dächte, könnte er doch dem Jakob heute ein freundliches Wort sagen, sie standen gar nicht so weit auseinander. Aber er kehrte ihm den Rücken er schaute nicht nach den Handwerkern. Die Fraala sah alles, deutete sich alles aus, aber sie schwieg. Hatte sie doch früh genug gewarnt und geredet.

Die Dämmerung brach an, und viele Zuschauer verloren sich, denn daheim war das Vieh zu füttern.

Die Anmerich und der Philipp Trauttmann kamen auch auf einen Sprung zur Großmutter. Sie wollten, wenn jetzt der Tanz in den Saal verlegt wurde, ein bisserl mithopsen, denn auf der Gasse tanzten ja nur die Kirweihmenscher. Die Anmerich hatte daheim alles besorgt, die Mutter könne ruhig hierbleiben; sie werde ja dann nach neun Uhr, wenn die Verheirateten drankamen, auch einen Tanz mit dem Vater machen wollen. Die Anmerich kannte ihre Mutter.

»Was sage denn die Leut' zu der Susi?« fragte diese.

»Na, klitschi-klatschi«, erwiderte die Anmerich. »Sie is ehna zu schei'. Und sie könne's nit nunnerschlicka, dass sie dem Christof sei Kirweihmensch is und erschte Vartänzerin derzu. 's is deni Bäuerinnen a nit recht, dass die zwa Vartänzerinnen aus Neurosethal sin. Wie's halt schun is; sie müsse halt rede.«

»Anmerich«, mahnte Philipp, »sie tanze schun drin. Mer müsse geih'n.«

Sie gaben der Fraala, die der Anmerich das Zeichen des Kreuzes auf die Stirn machte, als begebe sie sich weiß Gott in welche Gefahr, die Hände und wünschten ihr eine gute Nacht. Dann eilten sie fort.

Frau Eva aber rüstete auch bald zum Aufbruch. Sie wollte sich im Saal noch einen Sitzplatz als Zuschauerin sichern. Der Vetter Albetz wird ihr schon behilflich sein. Und die vier Weidmänner mit ihren Gästen saßen sicherlich auch schon drüben im Spielzimmer.

Das war nun einmal die Ordnung. Bis neun Uhr tanzte das ledige Jungvolk, dann traten die Verheirateten an. Die Weiber konnten die Stunde kaum erwarten. Sie trugen ihre Haare unter einem seidenen Kopftuch, waren in dunkle Farben gekleidet, alles sittsam bis zum Hals geschlossen, man sah, wie bei den Nonnen, nichts von ihnen als die Gesichter. Aber auf Hochzeiten, Bällen und Kirweih, da tanzten sie sich los von der Kette. Bis Mitternacht gehörte heute der Tanzsaal ihnen, nicht eine Minute früher ließen sie eine Ledige in ihre Reihen. Die hatten ja jetzt eine andere Freude. Hm! Sie sollten schon schauen, dass sie weiterkämen.

Nach allen Richtungen des Dorfes stob die Jugend auseinander, jedes Kirweihmensch wurde von seinem Buben heimgeleitet, er durfte heute ihr Gast sein. Die Sitte gebot, dass niemand sie störe. Das Mädchen spielte die Hausfrau, es bediente und bewirtete den Gast und suchte sich von seiner besten Seite zu zeigen. Diese drei Stunden gehörten der Aussprache, den Zukunftsplänen, den Zärtlichkeiten. Sonst trafen sie sich nie allein, es hätte nur mit der größten Heimlichkeit geschehen können. Oder mit einem Gewaltstreich, wie Christof und Susi ihn am Sonntag vor Peter und Paul vollführten, allen bösen Mäulern zu Trutz.

Der abnehmende Vollmond stand schon über Vilagosch drüben, als Susi mit ihrem Buben heimkam. Der Hof war hell und still, die Oleander dufteten betäubend. Sie griff nach dem Schlüssel neben der Küchentür und öffnete das Haus, machte Licht, und Christof folgte ihr in die Wohnstube. Oh, die Anmerich! Wie die den Tisch gedeckt hatte für sie beide! Und auch in der Küche stand alles bereit. Darin erkannte sie deren gute Hand. Im vorigen Jahre hat Susi das gleiche getan für die Schwester. Und alles ging gut aus. Heute tanzen sie drüben als Versprochene… Die war klüger, die war stärker… So lang, wie die Anmerich auf ihren Philipp, konnte sie nicht auf den Christof warten. Und heute musste geredet werden.

Christof hatte sie, als sie eingetreten waren, auf seinen Schoß gezogen, halste sie und wollte sie nicht loslassen. Aber Susi entwand sich seiner Umarmung und richtete flink alles her. Da gab es kalte Sachen von Mittag, Kälbernes und einen Gänsebraten, Käse und Butter und einen Kranzkuchen. Und ein Glas Wein schenkte sie ihm ein. Vom Brunnen wollte sie frisches Wasser holen, aber das duldete er nicht, er habe gar keinen Wasserdurst. Voll Behagen folgte er jeder ihrer Bewegungen, er wusste nicht, wie ihm war. So etwas Feines hatte er nie erlebt, nie sah er ein Mädchen oder eine Frau, die so festlich angetan war und bei Tische bediente. So musste es in den Märchen von den Königstöchtern zugehen, von denen ihm seine gute Mutter in Kindheitstagen oft erzählte. Unter dem Regiment seines harten Vaters gab es nie einen Freudentag im Haus, nur Arbeit, Arbeit, Arbeit. Todmüde aß man sein Abendbrot und fiel ins Bett. Die Bas' Liesl aber, so schien es ihm heute, sah immer aus wie eine Hexe. Nur hatte er das früher nicht bemerkt.

»Sag mer, Chrischtof«, fragte die Susi, als sie den Wein eingoss, mit schalkhaftem Eifer, »mit wem hoscht du denn getanzt, wie ich ein' Sprung bei der Motter war?«

»Ich? Ach, mit dem Fratz, der Foltz Anna«, erwiderte er mit vollem Munde, »die bei unserm Vetter Niklos dient. Sie war's erschtmol im Große Wirtshaus.«

»Die hot sich nit übel an dich g'hängt. Mer hätt eifersüchtig wer'n könne.«

»Sie konn halt noch nit tanze. Und ich häb's der Bas' Liesl versproche g'hatt.« Susi saß ihm gegenüber und freute sich seines Appetits. Sie selber aß wenig, ihr war das Herz zu schwer. Sie beobachtete ihn. Und sie glaubte bemerkt zu haben, dass die Frage, die sie gestellt hatte, ihm unangenehm gewesen. So redete sie von anderen Kirweihdingen. Sie sprachen von diesem und jenem kleinen Erlebnis, von dem Geklatsche der Weiber, vom Neid der einen und der anderen, von den vielen fremden Gästen, sogar von der Predigt des fremden Pfarrers. Aber als sein Hunger gestillt war, ließ der Christof alle solche Gespräche sein, er setzte sich zu ihr auf die Bank und legte den rechten Arm um ihren Leib. »Du warscht die Schönschte«, sagte er. Und so recht nahe wollte er sie haben, so warm und innig wie beim Tanz sich an sie schmiegen. Und das war auch der Susi lieber. So redete sich's besser. Denn Aug' in Aug' gegenüber hätte sie's vielleicht doch nicht herausgebracht…

»Lieber Chrischtof«, begann sie, zärtlich an ihn geschmiegt, »du muscht mer heunt sage, wann du mich haiern konnscht.«

»Susi, Susi, des werd veel Verdruss gäwe. Mei Alter is des Teufels. Er is imstand und losst mich liewer Saldat wer'n.«

»Saldat?!« schrie sie auf, »sechs Jahr' Saldat? Des dauert mer zu lang.«

»Du möchscht nit warta uf mich? Ah, des is schei«,scherzte er, »des is schei.«

»Ich konn nit, Chrischtof, konn nit…« schluchzte sie.

Er erschrak. Wie sie das sagte… Und wie es sie stieß… Bleich war er geworden. »Susi - du bischt…?« Und sie ließ den Kopf hängen.

Er sprang auf und lief mit großen Schritten durch die Stube.

»Herrgott von Mannheim, was taun mer denn doo?«

»Heirate müsse mer«, flehte sie. »Eh'nder wie die Anmerich. Im Fasching is's zu spät.«

»Susi, Susi, ich waaß nit, ob des geiht.«

Und er setzte sich wieder zu ihr, und sie berieten die schwierige Lage. Sein Alter hatte ja Geld, er konnte ihm leicht einen halben Grund kaufen und ihn zum Bauern machen, wenn er wollte. Damit rechnete er immer, wenn er an die Susi dachte. Ob das aber so geschwind durchzusetzen sein wird, das war die Frage. Bei seinem Alten brauche es Zeit. Aber er wollte es versuchen. Die Bas' Liesl muss ihm helfen, die Großmutter muss er gewinnen. Und mit dem Soldat werden hat er ihm wohl nur gedroht. Kein Luckhaup war noch Soldat. Und ein bißl ein Herz müsse er doch auch im Leibe haben. »Du hoschte ehm g'falle heunt, ich häb's ehm ang'sehga. Er hot dich den Haadbaurn gezeigt und so g’wiß gablinzelt. Er wird doch nit's schönscht Mädscha im Darf in der Schand' losse«, sagte Christof. Und so redete er sich mit Eifer in eine bessere Stimmung. Und das hob auch die Susi wieder aus ihren Sorgen heraus, sie war zärtlich und gut und seinen Wünschen gefügig.

Die alte Schwarzwälderin hinter dem Ofen schlug halb Zwölf, als die Susi ihr Vaterhaus wieder verließ mit dem Christof. Und sie war in besserer Kirweihstimmung als den ganzen Tag. Mit dem Vertrauen und dem Leichtsinn ihrer Jugend setzten sich die beiden über alle Hindernisse hinweg und stürzten sich wieder in das Tanzgewühl. Sie wollten während der drei Kirweihtage nicht mehr reden von ihren Sorgen.

Mutter und Vater hatten die Susi schon erwartet. Und sie gingen nun vergnügt heim, sie lasen es der Susi vom Gesicht ab, dass sie glücklich und zufrieden war.

VII.

Die Kirweih war gestorben. Man begrub sie am Dienstagabend mit der neugefüllten Flasche vor dem Großen Wirtshaus. Aber ihr Glanz lag noch lange über dem Dorfe, er leuchtete aus allen Gesprächen und blitzte aus hundert Augen. Und die fröhliche Zeit der Weinlese war angebrochen, eine Arbeit, bei der man plaudern und singen konnte, bei der man mehr Lieder hörte als bei irgendeiner anderen Arbeit des Jahres. Wie in der Spinnstube hallte es in den Weingärten, und auch in diesen Liedern geisterte noch der Übermut der Kirweih.

Nur an der Susi war ein solcher Nachklang des großen Tages, an dem sie die Erste war im Dorfe, nicht wahrzunehmen. Ernst und still tat sie ihre Arbeit und gab auf Fragen karge Antworten. Zur Anmerich aber sagte sie eines Tages, als sie beide allein vom Weingarten heimwärts gingen: »An deiner Stell' möchte ich haiern, Anmerich. Sobald als möglich.« »Des will ja der Philipp aa«, erwiderte diese, »äwer ich möchte halt mei große Hochzich haun. Und die konn m'r doch nar im Fasching mache.« »Ach was! Guck derzu, dass d'unner's Dach kimmscht. `s könnt was dazwischa kumma.«

Die Anmerich schaute sie an. »Was maanscht?«

Susi blickte starr geradeaus auf ihren Weg und kniff die Lippen zusammen. Vor ihnen gingen Leute, hinter ihnen kamen welche nach, sie antwortete nicht. Auch als die Anmerich ihre Frage besorgt wiederholte, öffnete sie den Mund nicht. Aber eine große Perle rollte über ihre linke Wange und fiel in den Staub des Weges. Anmerich sah es und war ergriffen… Da musste sie freilich an ihre Hochzeit denken. Nicht dass ihr um den Philipp gebangt hätte. O nein! Der war eine treue Seele. Aber seine Leute! Die Schande! Das könnte eine traurige große Hochzeit werden. Die halben Gäste möchten ausbleiben. Hatte sie's doch schon damals in Maria Radna geahnt! Ein Unwille, ein Zorn stieg in ihr auf gegen die Schwester, die bisher so hartnäckig schwieg und leugnete und sie jetzt, wo es beinahe zu spät war, überrumpelte. Es war nur gut, dass sie nicht allein des Weges gingen, dass kein überlautes Wort gesprochen werden konnte, ohne von Zeugen gehört zu werden. So kämpfte sie den Unwillen nieder und schwieg. Wagen um Wagen mit den vollen Traubenfässern fuhr an ihnen vorüber und bog in das walachische Dorf ein, in dem die Wirtschaftsgebäude des Grafen lagen, dem man den Zehent schuldete. Heute nahm die Fußgeher keiner mit.

»Läst der Schuft dich sitza?« fragte sie endlich.

»Er muss. Sei' Vatter schickt'n zum Militari. Er enterbt'n. Sie sein so übernander kumme, dass der Chrischtof sich verdinge will. Er bleibt nit derhaam.«

»Mer derfte Zigeuner sein«, entgegnete die Anmerich erbittert. »So a alter Teufel.«

Sie gingen schweigend nebeneinander heim, jede hatte ihre eigenen Angelegenheiten zu überdenken, und es war ganz nutzlos darüber zu reden. Gestern Abend hatte der Christof die Susi mit leisem Finger herausgeklopft und ihr dann stockend, fast weinend vor Erregung alles mitgeteilt. Weil es im guten nicht ging, wollte er es mit Gewalt durchsetzen, dass sie vor Kathrein heirateten. Er verlangte sein Mütterliches und wollte sich ein Häusel kaufen mit ein paar Feldern. Aber da kam er übel an. Der Vater sei wie ein Tobsüchtiger aus einem Narrentum aufgefahren. Es gab einen Lärm, dass die Nachbarschaft zusammenlief. Auch der Großvater mischte sich hinein. Es hätt' sich vielleicht doch machen lassen, sagte der. »Naa, naa, solang ich leb nit!« schrie der Vater. Und auch die Weiber im Haus waren alle dagegen. Die Margret redete wie ein feuerspeiender Drache. Ein Luckhaup könne nur eine Bauerntochter heiraten. Er könne doch kein Tagelöhner werden wegen eines Mädels. »Saldat soll er werde«, sagte der Vater. »Ich kaaf'n nit los.« Der Großvater aber sagte, er dürfte kein Soldat werden, man müsse ihm helfen, ein Bauer zu werden. »Naa, naa«, rief der Vater immerzu, »Saldat soll er wer'n. Zwiebeln solle s'n sechs Jahr. Karniffeln solle s’n. Anderscht werd der nit g'scheit. Und so lang ich leb, kriegt er nit ein' Kreuzer Münz.« Christof trotzte und forderte nur sein Mütterliches. Ja, das erhalte er, sagte man, wenn er volljährig wäre, das heißt, wenn er zurückkomme vom Militär. Er sei daraufhin beim Waisenvater um Rat gewesen und der hätte ihm dasselbe gesagt. Nicht vor dem Vierundzwanzigsten! Werde einer Soldat, erst nach dem Abschied. Also vom nächsten Herbst in sechs Jahren. Denn wenn man ihn im April oder Mai behalte, rücke er ja erst im Herbst ein. Und wenn es dann einen Krieg gebe, wer weiß, ob und wann und wie er wiederkomme. Er war ganz niedergeschlagen.

Da ließ auch Susi alle Hoffnung sinken. Sie weinte still an seiner Brust. Er aber streichelte ihr die feuchte Wange und flüsterte ihr allerlei Liebes zu. Er gehe fort von daheim, tue seinen Leuten die Schande an und verdinge sich auf ein Jahr als Knecht. Und wer wisse denn, wie noch alles ausgehe. Er werde sie schon wieder einmal zu treffen suchen, werde sie nicht verlassen…

Hätte sie das alles der Anmerich erzählen sollen? Sie vermochte es nicht. Es war ja auch schon beinahe zu spät für diese. Wie lange wird es denn dauern, und das ganze Dorf ist voll von den Ereignissen. Die Schwester tat ihr leid, darum mahnte sie sie doch noch zur Eile. Und diese begriff ihre Lage sogleich. Sie erwartete heute den Philipp nicht, aber sie schickte ihm, als sie ins Dorf kamen, schon unterwegs einen kleinen Buben mit der Botschaft, sie hätte ihm etwas zu sagen. Und sie erwartete ihn in der Dämmerung beim Haustor, denn das war ihm noch nicht vorgekommen, dass die Anmerich ihn rufen ließ, er kam sehr rasch. »Da bin ich«, schnaufte er. »Hot euer Gickel a Ei gelegt? Was is denn passiert?« »Gar nix, gar nix«, beruhigte sie ihn. Und sie gestand ihm zögernd, sie hätte sich seine Wünsche heute noch einmal gründlich überlegt… Sie wolle also auf die große Hochzeit verzichten und noch vor Kathrein heiraten, wenn es ihm recht wäre.

»Und des is gar nix, sagscht du? Juhu! Mer geihn am Sunntag zum Parra!«

Sie hielt ihm den Mund zu und sagte, jetzt könne er wieder gehen. Sie habe ihren Leuten noch kein Wort gesagt, und er dürfe erst morgen Abend wiederkommen. Und er pflückte sich schnell ein paar Busserln von ihrem verlangenden Mund und eilte heim. Seine Alten werden gucken!

»Gott verzeih mer die Sünd'!« sagte Anmerich, ihm nachblickend. Sie machte sich einen heimlichen Vorwurf daraus, dass sie ihm nicht die volle Wahrheit gesagt hatte. Aber durfte sie das? Die Männer müssen nicht alles wissen.

Die Frau Eva machte schon seit Tagen ein langes Gesicht. Sie ging still ihren vielfältigen Arbeiten nach und redete nur das Notwendigste. Als die Anmerich ihr und dem Vater nach dem Abendessen mitteilte, dass sie sich auf Wunsch des Philipp zu einer Herbstheirat entschlossen habe, schaute die Mutter groß auf. Sie blickte von einer zur anderen, und Susi erhob sich und verließ die Stube. Meister Jakob lobte den Entschluss. Wozu das große Getue im Fasching, das immer so viel Geld verschlinge und Arbeit gebe. Da der Philipp sich auch ein eigenes Haus bauen wolle, könne er sich dazu viel von der Hochzeit sparen. Er sei ein gescheiter Bub.

»Äwer seid'r denn fertig mit allein, Motter? Do häwe m'r jo in drei Woche Hochzich!« sagte er. »Was machscht denn far a G'sicht, Eva? Guck se doch an, Anmerich. Sie is, mir scheint, bös, dass es koin groß Hochzieh git.«

»Du hoscht's richtig errate. Ihr Männer seid ja solche Kreuzköpp«, sagte Frau Eva spöttisch und folgte der Susi.

»Was hat sie denn?«

»Loss sie, Vatter. Sie is verdrießlich, dass eins ums andere fortkommt. Z'erscht der Johann und der Peter und jetzt ich. Und sie hat sich halt so g'freut uf de Fasching. A groß' Bauernhochzich hot se mer mache wolle.«

»Na, die mach einer halt bei der Susi, wenn ihr's jetzt uf amo lso eilig habt«, sagte er unbefangen. Und er steckte sich noch eine Pfeife an und ging mit dem Jakob in die Werkstatt hinüber, um etwas zu besichtigen, was diesem, wie er fürchtete, misslungen war. Dass sein Haus immer leerer wurde, empfand auch der Vater. Aber konnte es anders sein? Dem Johann ging es gut in der Fremde, der Peter gehörte, wenn er Schmied werden wollte, in die Lehre, und die Anmerich heiratete. Was war daran so Besonderes? Meine Eva wird wunderlich, dachte er. Durch die Anmerich aber ließ er ihr sagen, er sei einverstanden, dass der Franzl zu ihm in die Lehre komme. Das war ein kleiner Vetter, den die Mutter immer schon empfahl, der Meister aber wollte lieber einen fremden Buben als einen Verwandten. Jetzt gab er nach.

Voll Befangenheit zeigte Jakob, der junge Gesell, dem Meister in der Werkstatt, bei Licht, ein heut Abend vollendetes Wagenrad. Seit einiger Zeit hatte man sich nämlich zwei von den neu erfundenen Petroleumlampen in der Werkstatt aufgehängt, man konnte jetzt ohne Gefahr auch bei Licht arbeiten, was früher bei den Unschlittkerzen nicht gut möglich war. Der Vater beguckte das Rad unter der Lampe, ließ es von Jakob, der einen Stock durch die Nabe gesteckt hatte, über ein langes Brett rollen und horchte auf den leisesten Ton seines Ganges. »Die Speichen sitzen gut«, sagte er, »die Felgen greifen fest ineinander und schließen den Ring, aber ein bisserl holterpolter geht es noch. Horch, horch… Das ruft noch nach dem Hobel. Wenn auch der Schmied seinen Reifen drum herumlegt, jede Unebenheit rächt sich«, sprach er. Und ganz hochdeutsch wurde der Meister, wenn er vom Handwerk redete.

Aber wie steht's denn mit der Nabe? Ist sie sauber durchgearbeitet? Er betastete sie an jedem Einsatz einer Speiche, er zog den Stock aus der Nabe, sah von der einen Seite durch, dann von der andern.

»Ach so!« sagte er und sein Gesicht wurde ernst. »Hoscht des nit glei saage könne?«

Jakob stand da wie ein Sünder. Es war ihm im letzten Augenblick passiert. Als er mit dem letzten Hammerschlag eine Speiche antrieb und das Rad geschlossen schien, gab es einen Ton, als ob ein Glas gesprungen wäre. Er sah nach dem Fenster, er guckte nach der Lampe, endlich entdeckte er, dass die Nabe seines Rades einen Sprung erhalten hatte. Er sei so dünn wie ein Spinnenfaden, man sehe ihn kaum. Und wenn der Schmied seinen Eisenreifen um die Nabe lege, werde der Sprung sich wohl ganz schließen, meinte er schüchtern.

»Ja, ja, ja! Und wenn ein bisserl Wagenschmier hineinkommt, ist die Blessur weg und der Invalid kann laufen«, spottete der Vater. »Niemand kann dann mehr nachweisen, wer ihn angeschossen. Aber ich hab ihn in zwei Wochen wieder da im Spital. Nix da! So wird beim Jakob Weidmann nicht gearbeitet. Wenn du nicht wie ein Ochse dreingeschlagen hast, wie du fertig warst, dann ist eine andere Spannung in dem Rad, die die Nabe nicht ausgehalten hat. Nimm den Zollstab, schau nach, mess’ ab. Und wenn du den Fehler gefunden hast, dann wirf die Nabe ins Feuer und mach eine neue. Aber zuerst suche den Grund.«

»Die Arbeit! Und das teure Holz!« seufzte Jakob.

»Des hättscht du früher bedenke solle, mein Lieber. Eine Nabe nimmt man nicht leicht. Durch sie geht die Achse, sie ist das Herz von jedem Rad. Felgen kann man auswechseln, Speichen kann man ersetzen, aber wo eine Nabe den Dienst versagt, ist der Wagen hin.« Er schlug Feuer und steckte die Pfeife wieder an, die kalt geworden war. Dann setzte er sich auf einen Hackstock und sah zu, wie der Sohn das Rad unwillig auseinander schlug.

»Na, na«, sagte er, »nur nit so hitzig. Denk lieber ein bisserl nach, was so ein Rad ist, und was die Nabe darinnen bedeutet. Mir ist einmal der Gedanke gekommen, die ganze Welt sei nichts als ein Rad und unser Herrgott wäre die Nabe darin. Kannst du dir die Welt ohne ihn denken? Und das war wie ein Blitz. Seither habe ich eine höhere Meinung von der Wagnerei gehabt… Weißt du denn überhaupt, was so eine Nabe bedeutet? Ich bin die Nabe in unserem Haus. Nehmt mich weg, und es geht noch ein paar Schritte holterdipolter, dann ist's aus. Du sperrst, wenn nicht der Johann schnell kommt, die Werkstatt zu, weil dir noch kein Mensch vertraut, und die Mutter geht mit den Mädeln in Taglohn… Wer ein gutes Rad bauen kann, mein Lieber, der kann etwas… So ein Wagenrad ist gewiss ein Gleichnis der Welt. Was meinst du, wie lange die Menschheit gebraucht hat, bis sie imstande war, ein Rad zu machen? Und auf die Nabe ist's angekommen, solange die nicht erfunden war, gab's kein Fahren. Sie trägt. Sie Sammelt alle Kräfte in sich und teilt sie dem Wagen mit. Sie muss gesund sein. Der Wagner, der eine kranke Nabe aus der Hand gibt, ist ein Pfuscher oder ein Betrüger. Mach weiter und steck sie in Ofen.«

Mit einem kurzen Gutenachtgruß verließ der Meister die Werkstatt. Der Sohn aber heulte beinahe vor Zorn über sein misslungenes Werk. Die gescheite Rede des Vaters machte wenig Eindruck auf ihn; sein Spott tat mehr weh als ein ordentliches Scheltwort getan hätte.

Der Entschluss des Christof, sein Vaterhaus zu verlassen und sich als Knecht an einen Bauern zu verdingen, war rascher gefasst als durchgeführt. Keiner nimmt vor Einbruch des Winters gern einen Knecht ins Haus zum Faulenzen. Erst zu Maria Lichtmess werden die Knechte gedungen, so dass sich die eine Hälfte des Winters auf den alten, die andere auf den neuen Herrn verteilt. Sollte der Christof Luckhaup von Haus zu Haus fragen gehen? Das wird er nicht tun. Lieber läuft er gleich nach Temeschwar und stellt sich freiwillig. Ist er ein Jahr früher fertig.

Aber die Bas’ Liesl, die ihn mit scharfem Aug' beobachtete und zu der er auch ein gewisses Vertrauen hatte, wusste Rat. Sie hatte schon heimlich mit dem Vetter Niklos geredet, und der war gar nicht dawider, dass sich ihm der Christof anbiete auf ein Jahr. Er brauchte Hilfe beim spätherbstlichen Anbau, er hatte sich ein bisschen zu viel aufgeladen beim Pacht der Foltzschen Wirtschaft. Über die weiteren Pläne der Bas’ Liesl lächelte der Vetter Niklos spöttisch. Der Christof sei ein Dickschädl wie sein Vater, sonst täte er das nicht, was er jetzt macht. Bei dem werde sie sich keinen Kuppelpelz verdienen. Aber sie ließ sich nicht irre machen. Und sie steckte es dem Christof heimlich, dass der Vetter Niklos eigentlich einen Knecht suche. Merken durfte der Bub nichts. Und er solle die Bas' Liesl auch niemandem verraten, forderte sie, nicht dem Vater, nicht dem Bruder, dem Jungbauern, sagen, dass sie ihm den Rat gegeben. Sie war ja dafür, dass er im Haus bleibe, aber wenn er seinen Kopf aufsetze und durchaus wolle…

Da lag ein Ausweg. Denn vor dem Militär war dem Christof doch nicht recht geheuer. Es dienten keine Bauernsöhne, alle kauften sich los, und man zahlte für die sechs Jahre sechshundert Gulden. Kleinhäuslerssöhne, auch Handwerker boten sich oft an. Wer aber einmal als Stellvertreter gegangen, der blieb in der Regel auch dort und ließ sich neuerlich sechs Jahre bezahlen. Dann hatte er ein kleines Kapital und konnte etwas anfangen in der Heimat. Brachte er's bis zum Feldwebel, nahm er auch eine dritte Kapitulation und stand sich gut dabei. Die sechshundert Gulden für solch einen Stellvertreter aufzubringen, daran konnte Christof, wenn er sich mit dem Vater verfeindete, nicht denken, aber die letzte Entscheidung noch ein halbes Jahr hinauszuschieben, war ihm doch sehr recht. Und er ging zum Vetter Niklos, gab ihm den Handschlag und nahm das Angeld. Dem Vater meldete er beim Abendessen, was er getan. Er sei zwanzig Jahre alt und lasse sich nicht länger schuhriegeln im Haus für nichts. Er wolle künftig wissen, wofür er sich schinde und plage. Und behalte man ihn bei der Stellung, wär's ihm auch recht. Sei er eben der erste Luckhaup bei der Soldateska.

Der Johann und die Margret wunderten sich nicht wenig, dass der Vater dies so ruhig anhörte. Unter seinen dunklen buschigen Augenbrauen heraus blickte er spöttisch auf den Buben, der eine so kecke Rede führte. Wusste er doch um das Vorhaben der Bas' Liesl. Und es war noch lange nicht Frühling und Stellungszeit.

»Tu, was du willscht«, sagte er. »Wann dir des Brot, des du als Knecht verdienscht, besser schmeckt, iss es. Äwer kumm mer mit nix. Wer sein Vaterhaus verlässt wie du, der verliert jede Anspruch.«

»Oho!« rief Christof, »des wer'n m'r schun sehga. Adjes.« Und er ging und wurde Knecht neben Anna, der Magd. Der Hannes aber sagte zum Vater: »Was taun mer denn ohne den Chrischtof? Des is doch gar nit zu mache.«

»Is mei' Sach'. Übers Jahr kannscht du dir 's jo annerscht ei'richte«, erwiderte dieser kurz abweisend.

Einige Zeit vorher schon gab es im Hause des Meisters Jakob eine fast ähnliche Verhandlung über die Susi. Der Mathes Wörle, ein Vetter aus der Zengrafschen Freundschaft in Altrosenthal, hatte die Frau Eva nun doch wegen einer ihrer Töchter heimgesucht. Sein alter Bauernhof lag draußen im Schwarzwaldviertel, er hatte eine gute Partie gemacht und war wohlhabend. Aber es hatte ihn ein großes Malheur getroffen, seine Frau war krank, und er blieb kinderlos. Mit der ersten Mutterschaft war seine Mali verunglückt und konnte sich nicht mehr zusammenrappeln. Nichts Traurigeres als ein Bauernhof ohne Kinder, ein Haus mit einer kranken Bäuerin.

Der Vetter Mathes kam und bat die Frau Eva um ihre Susi. Wenn diese künftig einmal einen Bauern wie den Christof heiraten solle, da müsse sie doch das Wirtschaften von Grund auf kennenlernen. Wo könnte sie das besser lernen als bei ihm? In einem Hause, wo die Bäuerin das ganze Jahr in der Stube hocke oder im Bette lag? Das sagte er ingrimmig. Er wolle das Mädel nicht als Magd behandeln, eine solche sei ja ohnehin im Hause, sondern als Stellvertreterin der Bäuerin. Die Susi soll in die Lehr' kommen zu ihnen und bleiben, solang sie mag. Seine Frau sei neuestens ganz unbrauchbar und es verschlampe alles im Hause, sie selber mit. Käme man abends todmüd heim, gebe es nicht einmal etwas Warmes. Es gehe nicht mehr. Er wisse sich keinen Rat. Und da wäre ihm das mit der Susi in den Sinn gekommen. Es könne aber auch eine andere ihrer Töchter sein. Die Bas' Eva möchte ihm doch die große Freundschaft antun und ihm eine ihrer drei Mädeln geben.

Sie war aber nicht bereit dazu, sie brachte allerlei Einwände vor, auch den seiner Jugend. Der Bauer zählte fünfunddreißig und hatte ein krankes Weib; der suchte wohl etwas anderes als eine Magd. Er möge sich doch eine ältere Person suchen, eine Wittib, die mehr Erfahrung habe in der Wirtschaft und in der Krankenpflege, nicht aber so ein neunzehnjähriges junges Blut, das leicht in Verruf kommen könne. Er widersprach. Er habe es schon versucht mit einer Alten, aber es hätte mit Streit und Ärgernis geendet. Alte Weibspersonen fügen sich nicht, die wollen alles nach ihrem Kopf machen, so wie sie es gewohnt sind, die schicken sich nicht ins Haus. Seine Mali sei aber auch eigensinnig. Sie brauche eine Helferin, die sich ihr liebreich anfreunde, die sie gern haben könne. Dann ginge alles anders. Von ihm aber sei nichts zu befürchten. Er wäre ganz zermürbt in diesen zehn Jahren, die das nun dauere, es freue ihn schon das Leben nicht mehr, er käme sich vor, als wäre er fünfzig und nicht fünfunddreißig.

Nach einigem Zaudern versprach Frau Eva dem Vetter Mathes, sie werde seine Frau einmal aufsuchen und mit ihr reden. Zuerst müsse man hören, was die sage. Sie sei in der Sache die wichtigste Person.

Und jetzt, nachdem die Susi der Mutter unter einer Flut von Tränen alles gebeichtet, die Treue des Christof aber in den hellsten Farben gemalt hatte, jetzt wollte sie endlich diesen Besuch machen. Sie sah weiter, ihr erschien die Lage ihres Mädchens aussichtslos. Seit ein paar Tagen war sie wie betäubt, sie sah und hörte nichts, und ihr ganzes Wesen schien nur von dem einen Gedanken erfüllt: Die Schande! Die Schande! Sie wusste zwar nicht, wie sie dieser Schande auf dem Umweg über das Haus des Mathes Wörle entrinnen sollte, aber es war doch vielleicht eine Ablenkung. Und der Vater! Dieses große Kind! Ihm durfte nichts gesagt werden, ihn durfte dieser Schlag nicht aus heiterem Himmel treffen, da musste etwas ausgedacht werden… Die Susi war wohl überrascht von dem Antrag des Mathes Wörle, aber im Grunde konnte sie nichts dagegen sagen. Ihr erschien alles willkommen, was sie ihrer Freundschaft und Nachbarschaft für einige Zeit aus den Augen brachte. Mit Schmerz dachte sie an die Hochzeit der Anmerich, mit Schrecken an die winterliche Spinnreih ihrer Freundinnen, die sie werde meiden müssen und in der sie der Gegenstand aller Spott- und Stachelreden sein werde. Wenn sie's bedachte, war schon der Gedanke eine Wohltat, an das andere Ende des Dorfes kommen zu können, in eine Krankenstube, die einen Vorwand abgab für ihr Verschwinden. Ja, ja, die Mutter sollte den Weg nur recht bald machen.

Und die Frau Eva machte ihn. Sie fand ein verfallenes, krankes Weib im Lehnstuhl sitzen, das voll Eifersucht und Bitterkeit war, dass dem Mann seine Gesundheit nicht gönnte und in ihm den Schuldigen ihrer eigenen Not erblickte. Sie schien zu lechzen nach einer Aussprache, ihr Redestrom floss unaufhörlich, und sie sprach rückhaltlos von dem Jammer ihrer Ehe, von den Gründen ihrer Erkrankung. Sie hätte der Schonung bedurft nach dem Malheur, das ihr passiert war, aber die kannte der Mann nicht, er wollte Kinder haben. Und so sei sie von ihm Schritt für Schritt zugrunde gerichtet worden. Jetzt flenne er, jetzt sei er in Verzweiflung. Aber es sei zu spät. Am liebsten wäre sie tot, denn sie hätten beide die Hölle auf Erden… Wenn er morgens ins Feld fahre und habe eine Magd auf dem Wagen, liege sie den ganzen Tag in Krämpfen. Und wenn er abends heimkomme und sie habe nicht groß aufgekocht für ihn und seine… tobe er. Und er habe auch schon einmal beim Pfarrer angefragt, ob er sie nicht loswerden könne, ob man diese Ehe nicht trennen sollte. »Gott, Gott, wann nimmscht du mich zu dir!« rief sie. So schlimm hatte sich's die Frau Eva nicht vorgestellt. Und in ein solches Haus sollte sie ihr Mädel geben? Die Susi? Aber die hatte das Recht verwirkt, wählerisch zu sein.

Und endlich kam die Kranke, nachdem sie sich alles vom Herzen heruntergeredet hatte, auch auf den Zweck des Besuches, den sie kannte. Es war auf ihren Wunsch geschehen, dass der Mathes den Weg zur Bas' Eva machte und sie um eine ihrer Töchter bat. Ja, sie wolle einen neuen Grund legen in ihrem Haus, wolle es noch einmal versuchen, in ein fahrbares Geleise mit ihrem Mann zu kommen. Sie allein könne nichts mehr leisten. Sie brauche eine Wirtschafterin an ihrer Seite, eine gute Seele, die ihre Launen ertragen könne und sich langsam einarbeite in alles. Wenn Gott will, sie werde die Zähne zusammenbeißen bei dem Gedanken, könne sie vielleicht einmal die Bäuerin werden… Aber sie bitte sich aus, dass das dem Mädel nicht gesagt werde. Betrügen lasse sie sich, solang sie lebe, nicht.

Frau Eva war ganz wortkarg geworden. Sollte sie diesem kranken Weib, das so offen mit ihr redete, die Wahrheit sagen? Und durfte sie dieser Frau etwas verheimlichen, das nach einiger Zeit ja doch offenbar wurde? Sie konnte keinen Entschluss fassen, die Scham verschloss ihr den Mund. Aber sie ging mit dem Versprechen fort, sie werde ihr einmal ihr Mädel schicken. Sie möchte sich doch mit der Susi selber aussprechen. Tüchtig sei sie. Sie arbeite im Feld wie eine, sie spinne ihren Hanf, koche selbständig, sie melke die Kühe und füttere das Vieh, verstehe aber auch Handarbeit aller Art, könne lesen und schreiben und rechnen und werde gut zu brauchen sein in einer großen Wirtschaft. Aber die Hauptsache sei ja doch, dass sie der Bas' Mali auch gefalle. Sie gebe sie nicht gern vom Hause fort.

»Schickt mer sie! Schickt mer sie!«, bat die Bäuerin beim Abschied. »Äwer recht bald!«

So erbittert die Mutter gegen die Susi auch war, so ungern sie ihr ein Wort mehr gab als nötig, berichtete sie ihr doch alles. Und sie riet ihr ab, sich in dieses Fegefeuer zu begeben. Weiß Gott, was daraus entstehen könnte. Aber die Susi hatte sich schon so eingelebt in den Gedanken, sie sah ihre Zukunft daheim in so düsteren Farben, dass sie sich selbst an diesen Rettungsanker - und als solcher erschien ihr der Antrag - klammerte und ihn nicht mehr loslassen wollte. Sie war bereit, gleich hinüber zu gehen zur Bas' Mali. Das verbot ihr die Mutter. Sie solle einige Tage warten und sich die Sache richtig überlegen. Man müsse sie ja auch dem Vater einstweilen beibringen.

Nachdem drei Tage verflossen waren seit dem Besuch der Mutter und der Vater nicht gerade nein gesagt hatte, machte sich die Susi am vierten auf den Weg. Sie ging im Werktagsgewand, band sich ein nonnenhaftes dunkles Tuch über ihr welliges Braunhaar und legte alle Zeichen von Hoffart ab. Niemand sollte in ihr die Vortänzerin vermuten, niemand das schönste Mädchen des Dorfes wiedererkennen. Das hatte seine Rolle ausgespielt. Die Bäuerin sollte nichts in ihr finden als eine dienstwillige Magd.

Und die Bas' Mali und die Susi sprachen sich gut. Diese hörte all das noch einmal an, was die Kranke schon der Mutter erzählte, und sie empfand warmes Mitleid mit dieser Frau, deren Lebensglück so in die Brüche gegangen war. Ein stolzer, großer Hof, auf dem zwei Bauerngründe vereinigt worden waren durch ihre Heirat mit dem Wörle, lag verödet da, weil es der Frau versagt war, ihn zu beleben und zu bevölkern. Hinfällig, mit dem ewigen Zank im Hause, stand sie einer Wirtschaft vor, der sie nicht gewachsen war. Ja, sie wollte sich dieser Armen widmen, wollte ihr eigenes Unglück vergessen und ihre Schande hier verbergen, so gut es ging. Wenn sie nur wüsste, ob sie's schon sagen dürfe… Da fragte die Bäuerin plötzlich, wie lange sie wohl bei ihr bleiben würde können, wann der Christof sie zu heiraten gedächte. Jetzt rang Susi sich das volle Geständnis ab… Sie erzählte ihr weinend von dem Kampf und der Treue des Christof, sagte ihr, dass dieser um ihretwillen Knecht geworden, und dass er Soldat werden solle. Sie werde wohl auf ihn warten müssen, bis er wiederkehre. Aber das alles wolle sie nicht daheim abwarten, nicht unter den Augen ihrer Eltern und Geschwister.

Das erschloss ihr das Herz der Bäuerin. »Du arme, arme Haut! Do hoscht du freilich recht, dass d' zu mer kimmscht. Sollscht's gut haun bei uns.« Das Mitgefühl mit dem Mädchen war echt. Aber es war getragen von der blitzartigen Erkenntnis, da biete sich ihr eine junge Seele an, die Zuflucht bei ihr suche, die sie werde festhalten können an ihrer Seite, die sie sich noch erziehen könne, wie sie wolle, und die an einen anderen Mann gebunden und ungefährlich war. Ungefährlich für den Mathes! Das empfand sie wie ein unverhofftes Geschenk des Schicksals. Mit gebundenen Händen sozusagen kam die Susi in ihr Haus. Das war ihr recht. Und dafür musste man auch die kleine Beigabe, die sie vielleicht brachte, duldsam hinnehmen.

Als der Philipp seinen Eltern so unerwartet mit der Meldung ins Haus fiel, er werde lieber nicht den Fasching abwarten, sondern gleich im Herbst heiraten, waren diese doch ein wenig überrascht. Die ganze Versprechung mit der Anmerich Weidmann war ihnen nur abgerungen worden. Die Mutter, die sich zuerst gefügt, hatte lang beim Vater dafür gearbeitet, dass ihrem Einzigen der Weg frei würde zu seinem vermeintlichen Glück. Sie hatte zwei Kinder verloren am Scharlach, und der Philipp war ihr um so teurer. Der Vater ergab sich nur mit Widerstreben. Er wollte eine Bauerntochter mit einem Grund. Beide aber glaubten, Zeit zu haben bis ins nächste Jahr. Da kam jetzt etwas plötzlich die Mahnung, dass sie sich bereit machen sollten, den ersten Platz im Hause zu räumen. Auch war ja für den Hausbau, den man für das junge Paar plante, noch gar nichts geschehen. Das mache nichts, versicherte der Philipp. Es habe Mühe genug gekostet, die Anmerich von der großen Hochzeit im Fasching abzubringen, und da sie jetzt einverstanden sei, wolle er nicht länger warten. Sonst besinne sie sich am Ende wieder anders.

Das wirkte beim Vater, Philipp wusste es. Denn die Ersparnis war nicht gering, wenn man sich mit einer einfachen Hochzeit beschied. Und dass ein Mädel so klug dachte, gefiel dem Alten an der Anmerich. Aber diesmal war die Mutter gegen Philipps Wunsch, sie wollte ihre große Bauernhochzeit haben. Der Vater erklärte sich nach einigem Zögern mit Philipps Wunsch einverstanden, und sie ließ sich überstimmen. Und Ferdinand Trauttmann, der Vater, nahm sogleich die Sache in seine Hand. War doch noch eine Form unerfüllt geblieben, die Werbung um die Anmerich bei ihren Eltern unterblieb bis heute. Das erschien ihm jetzt als ein grober Verstoß. »Es wird am Sonntag gutgemacht werden«, sagte er, »ehe das junge Paar zum Pfarrer geht.« Er besuchte den Taufpaten und den Firmpaten des Philipp, den Gunkel und den Knapp, und bat sie um die Erfüllung dieses Ehrenamtes. Und sie taten es gern.

Ferdinand Trauttmann war einer der wenigen Bauern im Dorfe, die noch wussten, woher ihre Vorväter stammten, die noch Familienpapiere und Aufzeichnungen aus der Zeit der Einwanderung besaßen. Und durch eine dieser Aufzeichnungen war er ein Wortführer der Gemeinde geworden in einer großen Sache. Aber bisher ohne Glück. In einem Gebetbuch, das sein Urgroßvater einst im Namen der Kaiserin Maria Theresia erhalten hatte, standen die Worte: »Ausstockung des Waldes vom Grafen J. S… Wingert angelegt uf unsere Koschte. Hunnert Jahr Zehent zu leisten. Schwere Sach'! Große Geldnot anno 1745.« Und auf Grund dieser Entdeckung forderte die Gemeinde Rosenthal von den Nachkommen des Grafen die Erlassung des Zehents, als die hundert Jahre voll waren. Eine andere Urkunde darüber fand sich leider nicht. Und die Gemeinde wurde abgewiesen. Sie möge ihre Sache doch beweisen, ließ ihr der Graf sagen, der Zehent gelte für ewige Zeiten. Man entschloss sich, den Prozessweg zu betreten. Und da kam man überein, dass der Trauttmann den Grafen klagen solle, weil er allein einen Beweis habe. Er tat es und wurde mit Hohn zurückgewiesen, denn nach den ungarischen Gesetzen durfte kein bürgerlicher Untertan und kein Bauer einen adeligen Herrn klagen. Da hieß es freilich das Maul halten. Aber dann kam die Revolution. Die brachte neue Gesetze und schaffte auch, wie man hörte, den Zehent und die Robot ab. Nun, man spürte noch nichts davon, der Zehent von der Weinernte wurde weiter genommen. War das in Ordnung? Es nahm sich niemand der Sache an, einzig und allein der Trauttmann dachte immer wieder nach, wie man zu seinem Recht kommen könne. Und das brachte ihn bei den Behörden in den Ruf eines unruhigen Kopfes. Selbst in der Gemeinde hatte man kein volles Verständnis für ihn; seitdem er abgewiesen worden war, schien die Sache erledigt zu sein. Aber bei Ferdinand Trauttmann war sie gut aufgehoben, und er weihte auch den Philipp in sie ein. Dieser nahm sie sogar wichtiger als der Vater und hatte seitdem jedes Jahr Streit mit den gräflichen Knechten, die gern zu tief in die Fässer der Bauern griffen. Sie begnügten sich nicht, den Zehent in Trauben zu nehmen, sie stiegen auf die anrollenden Wagen auf, zerstampften die Trauben in den offenen Fässern und schöpften so viel Most ab, als das Gebinde Trauben fasste. Das war ein offenbarer Gewaltakt, man konnte es einen Betrug nennen. Und Philipp scheute sich auch gar nicht, das zu tun. Er hatte auch diesmal wieder solch einen Streit, und der Vater musste ihn warnen, nicht so hitzig zu sein.

Aber was kümmerte dem Bauer jetzt die Zehentsache! Der Philipp ging am Sonntag nach dem Hochamt mit der Anmerich zum Herrn Dechant Schuh und meldete, dass er diese heiraten wolle. Er bat um das dreimalige Aufgebot. Das war dem Pfarrer immer ein willkommener Anlass, seine Gemeindekinder zu prüfen, ob sie ihr Christentum nicht vergessen hätten. Sogleich griff er nach dem Katechismus. Aber sie bestanden vor allen Fragen. War also die Christenlehr', die der Herr Dechant seit einigen Jahren für die der Schule Entwachsenen eingeführt hatte, doch eine gute Sache. Jakob Schuh hielt dem verlobten Paar eine Rede über den Ernst des Ehebündnisses, über ihre Pflichten gegen Gott, ihre alten Eltern und ihre zu erwartenden Kinder. Er forderte, dass sie vor der Trauung beichteten und kommunizierten und entließ sie mit einem Glückwunsch. Auch einen Gruß an die beiderseitigen Eltern fügte er hinzu.

Das war schnell gegangen. Ganz gerührt verließ das Brautpaar das Pfarrhaus, in dem andere Paare oft lang verweilten, auch zwei oder dreimal hinbeschieden wurden. Selbst die Frau Rosina, die Wirtschafterin, gratulierte ihnen, dass sie so leicht davongekommen. Diese Pfarrersköchin, die der Pfarrer Schuh sich einst mitgebracht, war die einzige Ungarin in der Gemeinde. Es ging ihr schwer mit dem Schwäbeln, aber so viel hatte sie schon gelernt, dass sie sich verständlich machen konnte.

Als das Brautpaar so allein durch das menschenleere sonntägliche Dorf ging - denn es war schon bald Essenszeit - mit geröteten, glücklichen Gesichtern, da wussten alle, die ihnen aus den Fenstern nachguckten, um ihr Vorhaben. Schau, schau! Hat sie's also doch erreicht, die Anmerich. Wird das mit der Susi auch so leicht gehen? Die Leute fragten sich's, denn man wusste schon von dem Schritt des Christof.

Philipp geleitete seine Braut heim. Der Franzl Schäfer, der neue Lehrbub, riss die Türe weit auf, als das Brautpaar erschien, und die Anmerich gab ihm lachend einen Patsch auf die Wange. Sie fanden ein freudig bewegtes Haus, denn soeben waren die beiden Werber fortgegangen, die Philipps Eltern geschickt hatten. Es war alles in schönster Ordnung, so wie es sich gehörte. Die Susi kochte, die Kathl deckte den Tisch, die Mutter ging mit roten Backen ab und zu. Meister Jakob aber begrüßte seine Anmerich mit einem Kuss. Und er drückte dem Philipp die Hand. Er lasse seinen Vater schön grüßen, und er werde am nächsten Sonntag nach dem ersten Aufgebot bei ihm erscheinen wegen dem Ehekontrakt. Man werde der Anmerich ja auch allerlei mitgeben können in die Ehe. Mit der Mutter sei es schon besprochen, was sie außer der Ausstattung kriege. Ein Joch gutes Getreidefeld auf dem Postgrund, einen Krautacker im Wiesental, einen Weingarten, eine Kuh und ein Kalb und zwei junge Mutterschweine. Und ein paar Oleanderstöcke, lachte der Meister, könne sie auch haben.

»Und verzig Pund g'schlessana Bettfedern und fufzig Elle gebleichte Lei'wand, die sie selber g'schpunna hot«, sagte die Mutter. »Und einen neuen Wagen mach' ich dir«, fügte der Meister noch zuletzt hinzu.

»Ja, do is ja die Anmerich reicher als ich!« scherzte der Philipp.

Er empfahl sich rasch, da er pünktlich zum Essen daheim sein wollte, denn die beiden Brautwerber waren heute zu Gast bei seinen Eltern. Nachmittags komme er wieder.

VIII.

Die Spinnräder surrten im Dorfe.

Der Winter war streng, man erinnerte sich nicht, einen ähnlichen erlebt zu haben. Hoch lag der Schnee über allen Fluren, das Vieh kam wochenlang nicht aus den Ställen, alle männliche Arbeit ruhte. Selbst das Düngen der Felder und das Abraupen der weiten Pflaumenkulturen mussten unterbleiben. Die Männer lungerten auf der Ofenbank herum und ließen sich's wohl sein, denn man hatte gut geschlachtet, alle Rauchfänge hingen voller Schinken und Speckseiten, und auch der Wein war geraten, er trank sich schon süffig zu den Blut- und Leberwürsten, die gegessen sein wollten. Die Bratwürste, die gut geräuchert waren, hatten Zeit, mit denen brauchte man sich nicht so zu beeilen, die schmeckten auch zu Ostern noch. Den Weibern ging es weniger gut, sie spannen sich die Finger wund. Wenn eine sich am Morgen den Rocken ihres Spinnrades voll Hanf anlegte, musste er vor Abend heruntergesponnen sein, denn ehe man in die Spinnreih ging, hieß es einen neuen Rocken anlegen und leere Spulen haben. Jeder Augenblick des Tages, an dem nichts anderes zu schaffen war, gehörte dem Rad. Sein leises Surren erfüllte alle Stuben, kein weibliches Wesen lebte, dessen Fuß nicht ein Spinnrad drehte. Sein Besitz war der höchste Stolz des jungen Mädchens. Man war ein Fratz, solange man keines hatte; das Spinnrad galt als das erste Zeichen der Reife. Mit dem Rad in der Hand erst trat man aus der Kinderstube, da erst winkte die Freiheit. Man durfte sich mit dem Spinnrad als Gast bei der Godl einladen, bei Basen und Freunden, und wenn man Fünfzehn zählte, winkte schon die abendliche Spinnreih. Das aber war die Freiheit.

Auch die Bas' Mali hatte heute solch einen spinnenden Gast bei sich, die kleine Eckerts Trudl. Sie hob dem Dorfkapellmeister als ganz junge Frau ein Kind aus der Taufe, und aus diesem war ein stattliches Mädel geworden. Mit einem schweren Mundwerk, wie es schien, aber mit Augen, die überall waren, denen nichts entging. Da die Godl seit Jahren nicht ausging, war ihr das Kind, dem sie zu Weihnachten wohl immer in üblicher Weise ihre Geschenke schickte, ganz aus den Augen gekommen. Es war eine Überraschung, als das Mädel plötzlich mit einem Spinnrad in der Linken unter der Tür stand und sagte, wer sie wäre. Natürlich war sie willkommen. Als die Susi hörte, dass das eine Godl wäre, legte sie sogleich noch ein Stück Schweinernes ins Kraut und zog den Strudel, der auf dem Tische lag und den sie mit Äpfeln zu füllen gedachte, noch etwas länger aus, damit er reichte. Ihr war dieser weibliche Gast nicht sonderlich angenehm, sie wäre lieber wie bisher ungesehen geblieben in der Krankenstube der Bas' Mali. Und diese selbst war gerade heute wenig in der Verfassung zu unnützen Gesprächen, sie fühlte sich gar nicht wohl, ihr Kopf lag matt auf dem Kissen in ihrem Lederstuhl mit der hohen Rückenlehne. Aber einen solchen Besuch abzuweisen ging nicht an. »Nur herein«, sagte sie.

Und das Rad der Trudl surrte alsbald ganz munter neben dem der Susi, die ja auch immer wieder Zeit fand, sich an das ihre zu setzen, sooft sie auch nach diesem und jenem zu sehen hatte in der Küche. Ein drittes Rad mit vollem Rocken stand in der Ecke beim Fenster, es war das der Bäuerin. Obwohl sie seit Jahren nicht mehr spann, wollte sie es in ihrer Nähe haben; es werde schon die Stunde kommen, in der sie es wieder treten könne, sagte sie. Und so war sie in allem. Sie suchte den Schein ihrer Herrschaft zu erhalten, ganz ergab sie sich nicht. Jeder Strudelteig musste bei ihr in der vorderen Stube ausgezogen werden, damit es aussah, als habe sie Teil an der Arbeit. Dass sie gegen alle Regel die vordere Stube bewohnte, anstatt sie als Paradestück des Hauses zu behandeln, darüber ging sie hinweg. Dass sie gegen alle Ordnung allein zu essen wünschte und nicht mit dem Gesinde, und dass sie auch die Susi bei sich brauchte, das begründete sie dem Bauern gegenüber mit der Rücksicht auf diese. Man könne doch nicht… Man dürfe doch nicht… Ja, ja, er wollte die Susi auch nicht in der Leut' Mäuler bringen. Aber sie war es schon. Im Übrigen ließ er die Dinge laufen, wie sie mochten. Er aß mit dem Gesinde in der hinteren Wohnstube und ließ seiner Frau die Susi. Sie wirkte wie ein guter Geist auf die Kranke, man hörte deren Stimme jetzt nicht mehr kreischen, und es ging in Haus und Küche alles wie am Schnürchen. Jedes hatte seine Ordnung; man brauchte keine Donnerkeile mehr und keine Kruzifixlaudonflüche, es gab keine Krämpfe in der vorderen Stube und keine schiefen Gesichter in der hinteren. Und kam der Bauer vorne hinein, war er stets gut aufgenommen. Beinah wie ein Gast. Die Susi wusch und putzte die Bas' Mali, dass sie immer halb feiertäglich aussah. Und dann fragte sie wohl: »Na, Vetter Mathes, was sagt Ihr zu eurer sauberen Frau?« Sie erzählte der Frau Geschichten und sang mit ihr auch manchmal ein gefühlvolles Lied aus der Spinnstube. Am Sonntag aber las sie, da sie auch die Kirche mied, das Evangelium vor und sang Kirchenlieder mit ihr. Wie ausgewechselt war die Bäuerin manchen Tag, so frisch hatte der Mann sie lange nicht gesehen, und sie fühlte sich wieder als Christenmensch. Nur zu gewissen Zeiten, die regelmäßig wiederkehrten, war sie hinfällig und brauchte immer eine Woche, ehe sie sich wieder erraffte. An körperliche Leiden war sie ja gewöhnt, aber es waren die moralischen von ihr genommen, seitdem sie keine Sorgen mehr zu tragen hatte und sich nicht wie ein unnützes Tier im Hause behandelt sah. Denn auch der Bauer war anders. Seit dem er sie für nichts mehr verantwortlich machte und sich in allen auf die Susi verlassen konnte, fiel kein hartes Wort mehr. Alle Bitterkeit war fort. Das Haus, das vordem von allen bösen Geistern bewohnt zu sein schien, war ein Ort des Friedens geworden.

Da kam heute so ein stotterndes Teufelchen daher und kramte mit schwerer Zunge allerlei Dorfneuigkeiten aus. Susi, die voll tiefer Dankbarkeit war für das Asyl, das sie gefunden und sich abgeschlossen hatte vom ganzen Dorfleben, auch von Christof gar nichts hörte, als dass es ihm gut ginge und man ihn noch keinen Schritt tanzen sah in diesem Winter, sie fühlte auf einmal ihr ganzes Elend. Schon die Augen der Trudl, die ihre Gestalt fühlbar abtasteten und ihr überall hin folgten, belästigten sie. Die Mu-mu-mutter hatte dies und das erzählt, die Schwe-we-wester jenes gehört. In der Spinnreih fragte man, wo die Susi denn stecke, sie solle sich doch einmal anschauen lassen. In der Kirche aber sehe man den Meister Jakob nicht mehr. Die Mu-mu-mutter lasse fragen, ob er denn krank wäre. Man habe doch gar nichts davon gehö-hö-hört.

Die Bas' Mali hob den müden Kopf und schaute das Mädel bös an, die Susi aber sagte: »Do müsst ihr schon in der Herrnsgass' anfrage, ich war schun lang nit dort… Ich waaß äwer nit, was dei Motter sich um mein Vatter so sorgt. Mer kenna uns doch gar nit.«

Die Trudl wurde blutrot im Gesicht, und sie erwiderte, dass man viel von den Wei-weidmanns rede bei ihnen, seitdem die Susi dahier bei der Bas' Mali wäre. Als ob sie jetzt zur Freundschaft gehöre, so sei ihnen allen.

»G'hört sie auch!« sprach die Bäuerin scharf. »Mei' Mathes is a Vetter von der alten Bas' Zengraf. Und die is doch der Susi ihre Großmutter.«

»Soooo?«

»Konnscht's deiner Motter sage, die Susi is mer und dem Bauer wie a Tochter. Sie hot mich wieder g'sund gamacht.«

»Soooo?«

Die Trudl schwieg eine Zeitlang, ihr Rad surrte, und sie spann auch innerlich allerlei Fäden. So also sah es hier aus? Da wird die Mutter wenig Freude haben. Sie redete schon manchmal von der Erbschaft nach der Godl… Die Susi war in der Küche und bereitete einen Teig vor für einen Pfannkuchen, den die Bäuerin ihrem Patenkind mitgeben wollte. Die Sitte verlangte es, dass sie etwas heimbrachte. Es tropften ein paar bittere Zähren in den Kuchenteig. So war es daheim nun doch so weit… Der Vater ging nicht mehr in die Kirche. Der fromme Vater! Was ihm das bedeuten musste, das wusste sie ganz genau. Gerade um sein liebstes Kind litt er so sehr. Verkroch er sich vor der Welt, wie sie selber… Bei der Hochzeit der Anmerich war sie noch, das war noch möglich. Seitdem hat sie niemand mehr gesehen im Dorfe und daheim. Und niemand kommt zu ihr. Nicht die Mutter, nicht die Anmerich. Alle schämen sich ihrer, alle möchten sie verleugnen. Und der Christof? Hält er noch zu ihr? Ist er fest? Sie weiß es nicht…

Da die Trudl jetzt so allein mit der Godl war, wagte sie die Frage, die ihr die Mutter besonders aufgetragen, die sie aber nicht recht verstand. Sie hätte gern gewusst, die Mu-Mutter, wann die Su-usi nach Ro-om reise. Dann wolle sie selber, die Mutter, auf einige Zeit zur Godl kommen, oder ihr eine ihrer Mädeln schicken.

»Brauch niemand - niemand!« zischte die Bäuerin.

Als die Trudl sah, wie unwillig die Bäuerin die Frage aufnahm, stotterte sie mit zuckendem Munde, die Godl möge nicht böse sein, aber sie müsse ja das alles fragen, obwohl sie selber gar nicht wisse, was denn die Su-usi in Rom machen solle.

Das besänftigte den Unmut der Bas' Mali, sie musste lächeln. Und sie sagte der Trudl: »Sag deiner Motter, ich loss sie schei grüße. Die Susi aber hätt sich's überlegt, sie reist nit nach Rom, sie reist nach Schmecks.«

Ernsthaft wiederholte die Trudl die schalkhafte Antwort zweimal und prägte sich dieselbe fest ein. Dann war sie zufrieden und pappelte von anderen Dingen. Mittags kam der Bauer heim aus der Landmühle, wo er um feines Mehl gewesen war. Aber er brachte nichts, denn die Zuflüsse waren alle eingefroren, die Mühle stand still, und seine Getreidesäcke lagen unberührt dort, wo er sie vor Wochen abgeladen hatte. Er werde doch einmal nach Arad fahren und sich bei der neuen Dampfmühle umtun. Da gehe es schneller, sagen die Leute. Die Trudl begrüßte er mit Hallo. »Ja, da schlage mer doch glei' den Ofe ein. Die kleine Trudl is da! Und die Trudl hot schon a großes Spinnradl. Ah so was!« Er konnte kein Ende finden an Ausrufen der Freude. War sie ihm doch besser bekannt als seiner Frau. Musste doch er immer die Wege zu Weihnachten zu ihren Eltern machen und die Geschenke der Godl bringen. Die Trudl sprang ihm auch beinahe an den Hals, so froh war sie, dass er kam. Es war ihr schon unheimlich zwischen der Godl und der Susi, die nach Schmecks reisen wollte. Wo das lag, traute sie sich gar nicht zu fragen. Ging sie ja auch nichts an.

Die Bas' Mali machte große Augen, als sie diese Begrüßung der beiden sah. So jung war ihr der Mann nie erschienen wie in diesem Augenblick. Ganz verklärt war sein Gesicht. Sie schloss die Augen.

Den Mathes verlangte noch nach dem Leben, nach… Oh, wie elend war sie! Wie musste es ihn quälen, an sie gebunden zu sein, an ein krankes, unnützes Weib…! »Der haiert marja wieder, wann ich ehm Platz mach«, peinigte sie sich.

Der Tag ging hin. Nach Tisch hatte die Bäuerin in ihrem Lehnstühlein wenig geschlummert, die Susi spülte das Geschirr, und dann spannen die beiden Mädeln schweigend ihre Spulen voll. Eh man sich's versah, rüstete sich die Wintersonne zum Scheiden. Die Trudl wusste noch allerlei Wichtiges vom Fasching zu erzählen, von Hochzeiten und Bällen, bei denen ihr Vater die Nächte mit Musik machen verbrachte, um sich bei Tage auszuschlafen, aber ein ernstes Gespräch wollte sich nicht in Fluß bringen lassen, weder die Bäuerin noch die Susi nahmen Anteil an ihren Neuigkeiten. Der Bäuerin war eine ganze Generation von Jugend fremd geblieben in ihrer Krankenstube. Nur als die Trudl den Namen der Anna Foltz nannte, die wohl auch bald heiraten und in ihr verlassenes Elternhaus einziehen werde, merkte die Bas' Mali auf. Aber auch die Susi riss dieser Name aus ihren Gedanken. Ihr war immer, als drohe ihr von da ein Unheil. Den leeren Foltzschen Bauernhof kannte die Bäuerin sehr gut, er war ja das dritte Haus nebenan. So erwachsen war das Mädel schon? Und wen wird sie denn heiraten? Das wisse man noch nicht, sagte die Trudl, aber die Leute reden schon davon. Denn sie tanze viel und werde wohl bei der nächsten Kirweih ihren Strauß machen, meinte die Mu-mu-mutter.

Sie tanzt viel. Dieses Wort verscheuchte wieder die hässlichen Gedanken bei der Susi, denn das wusste sie, dass der Christof nicht zu ihren Tänzern zählte. Niemand sprach von ihm, er war nirgends zu sehen. Aber die Gesprächigkeit der Trudl ließ doch einen Stachel zurück in ihrem Herzen, denn sie erzählte jetzt, dass die Bas' Liesl, die dem Kaspar Luckhaup die Wirtschaft führe, mit ihrer Mutter über die Anna getuschelt hätte. Was ging die Bas' Liesl die Anna Foltz an? Die Frau stand freilich in dem Rufe, dass sie gern Heiraten stifte, und dieser Winter war lang. Aber es war doch seltsam. Sie war es ja, die dem Christof den Weg bereitete zu seinem Vetter Niklos, wo die Anna diente…

Als die Trudl sich die Hanffasern von der Schürze zu streichen begann und ihr Rad abstellte, atmete die Susi auf. Endlich ging dieses Musikantenmädel, das mit soviel Klatsch geladen war. Sie hatte mehr Unruhe in ihren Frieden gebracht, als sie ahnen konnte.

Mit einem schönen Dank für den großen Ku-ku-kuchen verabschiedete sie sich und fragte, ob sie wieder einmal zur Godl kommen dürfe.

»Wann du willscht«, sagte die Godl müde. Eine Einladung war das gerade nicht.

Ein Fenster machte die Susi auf und ließ frische Winterluft ein, als das Mädel draußen war. Ein Gefühl der Erleichterung kam über sie. Ihr war wie nach einem bösen Traum, wenn man erwacht und erkennt dass alles nicht wahr gewesen, was einen bedroht hatte. Und sie stellte sich in ganzer Breite vor die Bäuerin hin, wie zum Schutze gegen die kalte Luft und sagte mit schalkhafter Miene einen Vers auf:

Meine Mu, meine Mu, meine Mutter schickt mich her,

Ob der Ku, ob der Ku, ob der Kuchen fertig wär?

Wann er no, wenn er no, wenn er no nit fertig wär,

Käm ich mo, käm ich mo, käm ich morgen wieder her.

Hellauf lachte die Bäuerin. »Wo hoscht denn des Sprüchl wieder her?«

»Waaß Gott!« sagte die Susi, »'s steiht in mei'm Liederbuch.«

»Des muss der Mathesa a höre. Muscht's mei'm Mann heunt Owet ufsage.«

»Meine Mu - meine Mu«, probierte sie, und die Susi half nach: »meine Mutter schickt mich her.« »Ob der Ku, ob der Ku«, fuhr die Bäuerin fort, »ob der Kuchen fertig wär«, sprach Susi. Und weiter? »Wann er no, wann er no, wann er no nit fertig wär«, worauf die Susi wieder einfiel: »Käm ich mo«, und die Bäuerin ergänzte: »Käm ich mo, käm ich morgen wieder her. Du, des lern ich«, rief sie, heiter angeregt. Susi aber schloss das Fenster wieder und freute sich, der Bäuerin nach dem ermüdenden Tage einen vergnügten Augenblick bereitet zu haben. Dann ging sie die Kühe melken, ehe es im Stall dunkel wurde. Es gab schon junge Kälber, und da rann die Milch in Strömen. Die Stallmagd, die das Vieh zu besorgen hatte, brauchte Hilfe.

Die Tage flogen. Wenn nur das Heimweh nach dem Elternhaus nicht gewesen wäre! Und die bohrenden Gedanken! Bei Tage verscheuchte sie das Licht, und vor der vielen Arbeit, die es gab, seitdem die Welt wieder so aussah, als ob es Frühling werden wollte, hielten sie auch nicht stand. Aber die Nächte waren arg. Da sah Susi den Christof in weiblichen Schlingen, aus denen er sich nicht mehr befreien konnte, da sah sie ihn als Soldat in Not und Tod, wie er ihr von einem fernen Ufer zuwinkte. Und ihren gebeugten Vater sah sie wie oft. Wie er sich seiner Susi schämte, wie ihm die heimlichen Tränen auf den Hobel nieder tropften während der Arbeit, wie er in seinen Garten beten ging anstatt in die Kirche - so sah sie ihn. Und hinter ihm funkelten die grauen Augen der Mutter. Sie hatte ihr harte Worte gegeben, als sie von daheim fortging, sie möge sich nur ja nicht so bald zeigen in der Herrnsgass, sagte sie ihr. Die Kathl schaute sie nicht an, der Jakob verkroch sich in der Werkstatt. Nur der Vater war gut. Er geleitete sie bis zum Haustor und ermahnte sie, der Base hilfreich und immer geduldig zu sein. Er wusste damals ja noch nichts. Wie schwer musste ihn dann die Wahrheit getroffen haben… Es drang kein Laut von daheim zu ihr. Nur die Anmerich war heute gekommen. Um sie zu trösten war sie gekommen und um nachzusehen, wie es ihr ginge. Aber auch sie wählte die Dämmerstunde für diesen Weg. Sie war voll Glück und Sonne. Redete nur von ihrem Philipp und ihrem Hausbau und ihren guten Schwiegereltern, die so taten, als wüssten sie nichts von allem… Die Anmerich merkte gar nicht, wie weh sie der Schwester tat. Auch sie erwartete ein Kind. Aber mit welch anderen Gefühlen! Mit welchem Stolz trug sie ihre Mutterschaft zur Schau! Es rang etwas Tiefes, etwas Starkes in der Susi nach Luft, nach Ausdruck, etwas, das sich gegen Himmel und Erde auflehnen wollte. Aber sie fand die Worte nicht. War ihre Liebe für Christof nicht dieselbe wie die der Anmerich für den Philipp? Sie hatte sich vergangen. Aber in welchem Rausch, in welcher Seligkeit! Und wollten sie sich denn nicht heiraten? War der Christof nicht sogleich bereit dazu?

Nach seinem unchristlichen Vater soll man Steine werfen, nicht nach ihr. Aber auch der konnte die Erfüllung ihrer Wünsche nur aufhalten, nicht ganz verhindern. Eines Tages wird sie ein so ehrliches Weib sein wie die Anmerich. Wenn sie das alles nur hätte so richtig ausdrücken können! Aber es schnürte ihr die Kehle zu, sooft sie es sagen wollte. Sie konnte die Anmerich nur fragen, ob sie nichts vom Christof gehört hätte und der Stellung. Die müsste ja jetzt bald sein.

»Des waascht du nit?« sprach diese. »Ja, wo lebscht du denn? Sei Vatter hot'n doch losgekaaft, wie's Ernscht worde is.« »Er is los? Er is los?« jubelte die Susi. Ganz blass war sie geworden. »Bas' Mali, der Chrischtof is los!« rief sie der Bäuerin zu, die in der Ecke bei ihrem Bett herumschlich und schon ans Niederlegen dachte.

»Gott sei's gedankt!« sprach diese. Und sie setzte sich auf ihr Bett vor Schrecken, denn der Gedanke, dass sie die Susi vielleicht jetzt bald verlieren werde, fuhr ihr wie ein Blitz in den Leib.

Die Anmerich blieb stumm und verlegen. Susi merkte in ihrer Freude gar nicht, dass diese ihr noch etwas verschwieg, dass aus ihren erstaunten Augen ein Kummer sprach und eine schwere Sorge. Sie war zu trösten gekommen, nicht aber um ein Feuer anzuzünden, das noch nicht brannte. Durfte sie jetzt reden? Nein, die Susi war nahe an ihrem Ziel, es war besser, man bereitete ihr jetzt keinen Schmerz. Und die Anmerich biss die Zähne zusammen und überließ sie ihrer Freude. Auf alle weiteren Fragen gab sie keine Antwort. Sie wisse sonst nichts. Und es müsse sich ja nun bald alles aufklären. Mit einem leisen Glückwunsch schied sie von der Schwester.

In der Susi tobte ein Aufruhr. Sie brachte die Bäuerin mit zitternden Händen zu Bett, machte Ordnung in der Stube, als gälte es einen Abschied, und plauderte unaufhörlich dumme Sachen. Jetzt werde man erst sehen, was der Christof für ein Mann wäre. Und wie sie zwei im Kleinen wirtschaften werden, bis es ihnen besser ginge. Sie kriege so viel von daheim wie die Anmerich, er kriege bald sein Mütterliches, und der Alte werde ihm sicher etwas draufgeben, wenn er sehe, wie lieb sie sich haben und ihr Kind. Hätte er ihn sonst losgekauft?

Sie müsse noch fort, sagte sie der Bäuerin, als sie dieselbe zu Bett gebracht hatte, es leide sie nicht in der engen Stube, da es draußen Frühling werden wolle. Sie möge ruhig schlafen, bald komme sie wieder. Die Base beschwor sie zu bleiben. Es sei dunkel und kalt draußen, sie möge doch an ihren Zustand denken. Aber die Susi hörte nicht darauf, sie musste fort, fort, fort.

Wohin? fragte sie sich selbst, als sie auf der Gasse stand. Dumme Frage! Zum Christof! Sie müsse ihn doch endlich einmal sehen und ein Wort mit ihm sprechen. Nur ein einziges Wort, ehe ihre Stunde kam. Dass er sie noch lieb habe, wollte sie aus seinem Munde hören. Sonst nichts. Sogleich kehre sie dann wieder um, denn alles andere war ja jetzt so gleichgültig. Sie eilte an dem Schwengelbrunnen vor dem Nachbarhause vorbei, an dem noch ein verliebtes Paar im Halbdunkel flüsterte, sie guckte nach dem leeren Hause der Anna Foltz, das seine Umrisse in den Abendhimmel zeichnete. Sie gedachte des einen Tanzes am Kirweihsonntag… Und wie im Fieber sprach sie: »Haha, dein Haus und dein Grund! Gar nix werde se dir nütze, wirscht dich schon an ein' annern hänge müsse.« Ein Ekel schüttelte sie. Wie die sich ihm damals an den Hals warf! Wie ein brünstiges Tier… Und sie eilte die Hauptstraße hinab, sie kam am Großen Wirtshaus vorbei, wo sie so stolz und so glücklich war, sie kam an das Haus der Fraala. Sie blickte nach den dunklen Fenstern der guten alten Frau, die sie wohl ganz vergessen hatte. »Wirscht mer aa wieder gut wer'n«, sagte sie und streichelte zärtlich mit der Rechten die Seitenmauer der kleinen Staffel, über die sie als Kind so oft zu ihr hinaufstieg. Als sie sich der Kirche näherte, kamen ihr aber doch warnende Gedanken über ihr Unterfangen. Was wollte sie? Den Christof so spät herausklopfen aus einem fremden Hause? Wusste sie denn, wo er schlief? Ob im Stall, ob in einer hinteren Kammer? Und wenn sie wer anders sah? Ach, was lag ihr jetzt noch daran! Und er wird ja noch nicht schlafen. Und sie bog bei der Kirche nach rechts ab. Das Haus des Niklos Luckhaup bildete eine breite Ecke vom Gässel hinter der Kirche, es war überzwerch gebaut und hatte ein Tor wie ein städtisches Gebäu, sie kannte es wohl, jeder Schulgang, jeder Kirchgang von drüben führte hier vorbei. Und nebenan wohnte der Unterlehrer Theiß in einem kleinen Häuschen. Die Ecke war ihr wohlvertraut.

Sie atmete schwer, als sie vor dem Hause stand. Hinter einem Fenster brannte noch ein mattes Licht. War das Tor verschlossen? Und was tat sie in dem fremden Hof, wenn es offen war? Sie fragte es sich einen Augenblick und horchte. Ihr war, als höre sie leise Stimmen hinter dem Tor, Geflüster… Mit raschem Griff drückte sie auf die Klinke, und das Tor ging auf. Zwei dunkle Schatten fuhren auseinander, und es war still. Dann fragte eine männliche Stimme, Christofs Stimme: »Wer is doo?«

Aus einem vor Angst und Schrecken gedrosselten Halse lösten sich die leisen Worte:

»Die Susi…«

»Um Gottes wille, du?« sprach Christof und näherte sich ihr. »Bei Nacht und Nebel - du?«

Eine weibliche Stimme lachte höhnisch auf, und der zweite dunkle Schatten entfloh.

Susi stand wie erstarrt im Eingang des Tores, fröstelnd zog sie das Tuch, das sie um die Schultern geworfen hatte, an sich. Keinen Schritt tat sie weiter, hart und rauh fragte sie in das Dunkel: »Wie steiht's mit uns?… Ich geih glei wieder. Äwer Antwort muss ich häwe: Wie steiht's mit uns?« fragte sie noch einmal.

»Ich bring der die Antwort. Am Sunntag kumm ich 'naus«, sprach Christof zögernd, »und verzähl dir alles… Naa, so a Überfall! Bei Nacht und Nebel!« knurrte er voll Zorn.

Susi griff mit der Rechten tastend nach dem Torflügel, dann sank sie lautlos nieder.

»Was is denn? Was is denn?« fauchte Christof gedämpft, voll Angst. Und ertastete nach ihr und richtete ihre schwere Gestalt langsam, wortlos wieder auf. Als sie wieder stand, stieß sie ihn mit voller Kraft zurück, dass er taumelte. Und mit einem Gelächter, in dem der Wahnsinn gellte, lief sie fort. Aber es trieb sie nicht zur Hauptstraße, sie strebte in das Tal hinab und den Staudtsberg hinauf zur Herrnsgasse.

Jetzt, da alles, alles aus war, jetzt wollte sie heim, jetzt musste sich ihr das Vaterhaus öffnen. Niemand begegnete ihr, die Nachtwache war noch nicht unterwegs, nur da und dort schlug ein Hofhund an, der ihren Tritt hörte. Bei der Wegkreuzung im Tal schwankte einer mit einer Laterne vorüber, da hielt sie an und wartete, bis die Gestalt vorbei war.

Und sie überwand den Berg ohne Schwierigkeit, es war eine Kraft, ein Schwung in ihr, wie sie sie nie empfunden, ein Trotz, der die Welt herausforderte.

Aber als sie vor dem elterlichen Haus war und das Tor verschlossen fand, da knickte sie innerlich zusammen. Ganz leise pochte sie an das Fenster, hinter dessen Ecke sie das Bett der Mutter wusste. Und sie musste ein zweitesmal pochen und warten, ehe der eine Fensterflügel sich auftat und die Stimme der Mutter fragte: »Wer kloppt?«

»Die Susi«, flehte es von draußen.

»Jesses Maria und Josef!« rief die Mutter. »Ich kumm schon. Ich mach der uff.« Und der Fensterflügel schloss sich wieder. Aber das Haustor öffnete sich bald. Die Frau Eva fragte nicht, sie legte den Arm um den Leib ihres müden Kindes und geleitete es in das Haus. Schluchzend, herzbrechend weinend - ihr war, als wollte jetzt alles Leben aus ihr weichen - trat die Susi ein. Der Vater hatte sich auch erhoben und Licht gemacht. Mit großen Augen sah er dem nächtlichen Gast entgegen. Um seine Mundwinkel zuckte es. Er ergriff die heiße Hand der Susi und sagte kein Wort, aber in seinem Händedruck lag viel, er tat ihr wohl. Und als die Mutter ihm jetzt etwas zuflüsterte, machte er sich schleunigst fertig und eilte fort in die Nacht hinaus. Dass er selber diesen Weg werde machen müssen, das hätte ihm vor einer Stunde niemand sagen dürfen. Aber sollte man die Kinder wecken? Den Jakob oder den Franzl? Nein, man brauchte keine Mitwisser. Es gab kein Erwägen, kein Fragen und kein Säumen, es musste sein.

Frau Eva brachte die Susi in ihr weißes Mädchenbett und blieb bei ihr in der schönen Stube. Die Kathl, gänzlich verschlafen, ohne Ahnung von den Vorgängen im Hause, musste hinaus in das Bett der Mutter, und sie schlief dort ruhig weiter.

Am nächsten Morgen aber war ein Weltbürger mehr im Hause: Die Susi hatte einen Buben bekommen.

IX.

»Jó napot, Herr Wagnermeschter«, sagte des Herrn Dechanten freundliche alte Wirtschafterin, die sogenannte Pfarrersköchin, »Téschek, der Herr Dechant ist zu Hause.« Und sie geleitete den Meister Jakob über den mit roten Ziegeln ausgelegten Gang in das spiegelblanke Vorzimmer, in dem ein Teppich lag. Meister Jakob redete kein Wort, seine Miene war vergrämt, und er schien um viele Jahre gealtert zu sein seit den vorjährigen Kirweihtagen. Schüchtern pochte er an die Tür des Pfarrers; und als von drinnen ein kräftiges »Herein« ertönte, schöpfte er noch einmal Atem ehe er auf die Klinke drückte.

Die Rosina schaute ihm kopfschüttelnd nach. Was hat der Mann?

War ihm denn wer gestorben? Man hat doch nichts gehört. Plötzlich fiel ihr die Susi ein. »Ejnye! Ejnye! Wie schade um das schöne Mädchen…« Sie ging in ihr Zimmer. Und sie schimpfte in sich hinein über diese bäuerlichen Hartköpfe, diese feldhungrige Bande, wie sie die Schwaben nannte, die nur reich und reich zusammentaten, die nur Sessionen heirateten und nichts nach der Liebe fragten. Da würde wohl wieder eine Patenschaft für sie herausschauen, sie war dessen gewiss.

Und sie irrte sich nicht. Die Sitte verlangte, dass ein Kind am Tage nach seiner Geburt getauft werde, aber Meister Jakob, den der Pfarrer sogleich niedersetzen ließ, so bewegt war der Mann, wusste keinen Paten zu nennen. Er getraue sich nicht, jemanden aus seiner Freundschaft um diese Christenpflicht zu bitten, denn er sei sicher, dass ihm seine Bitte abgeschlagen werde.

»Ja, ja!« grollte der Dechant, »so schamhaft sind meine Schwaben, aber ihre Kirweih feiern sie jedes Jahr wie die Heiden. Wieder so eine Kirweihsünde. Was rede ich jedes Jahr gegen diese Sittenlosigkeit? Und da sagt man, ich wäre zu streng. Nichts ist diesem Geschlecht mehr heilig. Und weil sie sich der Folgen schämen, treten sie immer jünger vor den Traualtar. Habe diesen Winter fünf Bräute getraut, die noch nicht sechzehn waren. Ist das recht? Was können das für Mütter und Hausfrauen werden? Es wird eine Volksverderbnis daraus entstehen. Ich werde beim Konsistorium ein Verbot erwirken auf solche Heiraten. Vor dem neunzehnten Jahre darf mir keine mehr vor den Altar. Vielleicht nützt das. Die Furcht vor der Sünde ist gering, aber die vor der Schande um so größer. Und die macht hart und grausam. Wem sagen Sie das, lieber Meister! Aber nun zu Ihrem Fall. Also sie haben keinen Paten?« »Nein… Was machen wir, Hochwürden?« fragte Jakob Weidmann, der seiner Strafrede nur beistimmen konnte, zaghaft. »Es ist ein Bub.«

Der Dechant merkte aus dieser Wendung, dass der Meister schon ahne, was er ihn vorschlagen würde. Aber er hatte vorher noch eine andere Frage. »Und wird der Luckhaup ihre Tochter nicht heiraten?«

»Bis vor ein paar Tagen haben wir es gehofft. Der Sohn wollte. Aber sein Vater hat ihn jetzt für eine andere Heirat losgekauft vom Militär. Die andere kriegt einen Hof und einen halben Grund mit… Mein armes Mädel hat alle Hoffnung aufgegeben.«

»So eine bäuerliche Lumperei!« sprach der Dechant derb und fest. »Aber ich werde mir den Kaspar Luckhaup kommen lassen. Wie kann er einem so geachteten Haus wie dem Ihren so etwas antun? Das darf man nicht ruhig hinnehmen! Und nur wegen der besseren Partie! Ich kenne doch Ihre Töchter. Lauter brave Kinder. Hab meine Freude an Ihrer Anmerich gehabt als Braut. Das wird eine tüchtige Hausfrau und eine christliche Mutter werden.«

Meister Jakob wischte sich die Augen. »Ja, Herr Dechant, sagt Ihr's dem Kaspar. Bitt schön. Vielleicht nutzt es noch…«

»Das geschieht. Aber, lieber Weidmann, ich habe bemerkt, dass Sie aus der Kirche ausbleiben. Tun Sie das nicht! Entfernen Sie sich nicht von Gott aus Furcht vor den Menschen. Nehmen Sie aufrecht Ihren Platz ein in der Gemeinde, Sie sind ohne Schuld. Ich will Ihre Stimme wieder hören, wenn wir am nächsten Sonntag das Tedeum Laudamus singen.«

»Ich werde kommen, Hochwürden«, schluchzte der Meister auf. »Es war eine Schwachheit von mir.«

»Und das Kind bringen Sie morgen zur Messe herüber. Meine Rosina wird die Patenstelle übernehmen, wenn es auch ein Bub ist, das macht nichts.«

»Ein Kind, das keinen Vater hat, sollte doch wenigstens einen Taufpaten haben«, sagte der Meister betrübt. »Aber ich weiß keinen.«

»Lassen Sie das gut sein. Wenn aus dem Kind ein braver Schulbub wird, werden wir ihm dann einen ordentlichen Firmpaten suchen.« Und der Dechant trat an die Tür und rief hinaus: »Rosina!«

Diese kam und machte ihren Knix. Der Pfarrer sagte ihr nur ein paar madjarische Worte, und sie nickte dem Meister freundlich zu. »Teschék, gern«, sagte sie.

»Ich dank recht schön«, sprach der Meister und reichte ihr die Hand.

»Das Vortänzerin vom Kirweih? Die schöne Susi? Oh! Oh! Und der Mamlaß nimmt sie nicht?« sprudelte sie halb deutsch, halb madjarisch heraus.

Der Meister nickte nur. Die Rosina aber ließ durch den Pfarrherrn der jungen Mutter ihre schönsten Grüße verdolmetschen. Sie werde sie besuchen. Und der Dechant reichte seinem Gast die Hand zum Abschied. »Kopf hoch lieber Weidmann!«

Als dieser gegangen war, schickte der Dechant nach dem Kirchenvater, dem alten Wagner, und ließ ihm sagen, dass er ihn zu sprechen wünsche.

Der Kirchenvater Johann Wagner, der die Mesnerdienste und sonstigen Obliegenheiten der Kirchenverwaltung ohne Entgelt besorgte, war ein frommer, wohlhabender Mann. Er hatte sein Haus im Gässel hinter der Kirche und war von Beruf Schneider. Aber er trieb noch ein anderes Geschäft, er hielt die Herberge für die Handwerksgesellen, in seinem Hause waren die beiden Zünfte sesshaft, ihre Truhen und alten Urkunden verwahrte er. Die Aufnahme der Lehrjungen und die Freisprechung derselben erfolgte bei ihm, und die fremden Wanderburschen und Fechtbrüder hatten hier ihr Asyl. Es war damit ein ansehnlicher Wirtsbetrieb verbunden, namentlich am Sonntagnachmittag, wo die Zunftsitzungen stattfanden, die Freisprechungen und die feuchtfröhlichen Aufnahmen der Jünglinge in den Stand der Gesellen. Die Einstandszechen waren nicht gering, da gingen oft die ersten vier Wochenlöhne eines jungen Gesellen darauf. Es gab Meister und Gesellen, die sehr lange in der Fremd' gewesen waren, dort einen städtischen Schliff angenommen hatten und sich für etwas Besseres hielten. Sie gingen fast nie in das Große Wirtshaus, wo die Bauern ihren Sammelort hatten. Diese waren ihnen zu hochmütig, und sie setzten ihnen den eigenen Stolz entgegen. Das waren die eigentlichen Kundschaften Wagners, der sich durch einen schmalen weißen Bart, der sein Gesicht umrahmte, auch als Herrischer kennzeichnete. Er stammte nicht aus dem Dorfe und redete reines Hochdeutsch. »Womit kann ich dem Herrn Dechant dienen?« fragte er verbindlich.

Jakob Schuh sagte seinem Kirchenvater kurz, um was es sich handelte. Es war ihm in einem ähnlichen Fall begegnet, dass der Berufene einfach nicht kam, denn er hatte ihm bloss durch die Magd sagen lassen, er möchte einmal zu ihm kommen. Dem setzte er sich nicht wieder aus, er durfte es namentlich bei dem Kaspar Luckhaup nicht wagen. Und so schickte er ihm den alten Wagner und ließ ihn ersuchen, noch heute ins Pfarrhaus zu kommen.

»Also haben Euer Hochwürden da wieder eine unsittliche Angelegenheit zu schlichten«, sagte Wagner, der jeden Klatsch kannte. »Undankbare Sache! Werde mich bemühen!« Und er rieb sich geschäftig die Hände.

»Bemühen Sie sich gar nicht, lieber Wagner«, sagte der Dechant ernst, »sie haben ihn bloss einzuladen. Die Predigt halte ich ihm schon selber.«

»Verstehe, Hochwürden.«

Und der Alte ging die Hauptstraße hinab und klopfte beim Kaspar Luckhaup an. Er traf ihn vor dem Tisch sitzend, viele Papiere vor sich ausgebreitet, einen Gänsekiel in der Hand, den er in ein großes Tintenfass tunkte. Er arbeitete an dem Vertrag, den er mit seinem Sohne Hannes schließen wollte bei der Übergabe, denn er mochte nicht länger warten. Ein Gichtanfall hatte ihn gemahnt, dass es Zeit wäre. Und da jetzt auch die Sache des Christof in das gewünschte Geleise kam, konnte er ruhig abschließen. Und da schrieb er sich indessen das Beste aus ähnlichen alten Vereinbarungen zwischen Vätern und Söhnen heraus. Er werde sich sein Altenteil schon sichern, hatte er immer gesagt. Denn es gab Väter im Dorfe, die gar seltsame Erfahrungen gemacht hatten mit ihren undankbaren Kindern. Davor werde er sich bewahren. Der Hannes war ein guter Lapp, aber seine Frau, die Klotzin, um so schiefriger. Er traute der Margret nicht. Wer weiß, was sich aus der noch alles entwickelt. Sie schien ihre Zunge zweimal auf des Herrgotts Schleifstein gelegt zu haben, als er die scharfen Weiberzungen schliff.

Was will denn der Schneider? dachte Kaspar Luckhaup, als Wagner auf der Türschwelle erschien. Kommt der schon ums Hochzeitsgewand für den Christof? Er erhob sich gar nicht und schrieb eine Zahlenreihe zu Ende.

»Nehmt Platz, Meister, ich bin gleich fertig«, sagte er. »Was bringt Ihr mir?« Und er legte die Feder erst fort, als dieser sich einen Stuhl genommen und sich ihm gegenüber gesetzt hatte.

»Vetter Luckhaup, ich komme im Auftrage des Herrn Dechanten.«

»Oho! Da bin ich aber neugierig! Was kann denn das sein?«

»Seine Hochwürdigen wünscht Sie noch heute in einer ihm offenbar sehr wichtigen Angelegenheit zu sprechen«, sagte Wagner, der seine kirchliche Amtsmiene aufgesetzt hatte.

»Wichtig? Und do hot er mer nit selber die Ehr' gäwe könne?« antwortete Luckhaup, der Lunte zu riechen schien. »Hätt' mich recht g'freut, ihn wieder einmal bei uns zu sehen!«

»Er lässt sie ersuchen, zu ihm zu kommen. Scheint eine kirchliche Sache zu sein.«

»Kirchliche Sach'? Wüßt' nit. Äwer ich werd schun kumma«, sagte er und stand auf. »Trinkt Ihr nit ein Schluck gute Raki?« Erholte die Flasche aus einem Spind in der Wand, schenkte ein und blickte Wagner fragend an. »So ein' habt Ihr nit!« Wagner trank ein Gläschen, und Luckhaup fuhr fort: »Ihr wisst doch, was es is. Sagt mer's, dass ich vorbereitet bin. 's red't sich viel leichter mit dem Herrn Dechant, wann m'r waaß, was er im Sinn hot.«

Der Kirchenvater schlug die Augen nieder und sagte: »Die Jungfrau Susi Weidmann hat einen Buben bekommen.«

»Was?!« schrie der Kaspar Luckhaup. »Hot se'n schun? Und deswege lässt mich der Parra rufa? Geiht mich nix an. Geiht mich gar nix an… Ihr sehgt, ich häb do a große Arweit vor, ich will übergäwe und mach ein Vertrag mit mei'm Hannes. Ich werd schun amol kumma. Äwer heunt nit. lch loss de Hochwürdige Herr schön grüßa.«

»Ihr tätet gut daran, Euch mit dem Herrn Dechant nicht zu verfeinden«, sprach Wagner gemessen. »Er hat nicht umsonst mich geschickt… Was kann er Euch denn tun? Eine Predigt wird er Euch halten.«

»Na ja, do häbt ihr wieder recht. Was kann er mer denn taun?« Er überlegte. Ein Pfarrer hat allerlei Mittel, einen zu treffen. »Die Foltze und die Luckhauwe sin in der Blutsfreundschaft«, sagte er sich. »Wer weiß…« Er fürchtete, der Pfarrer könne ihm seine Zukunftspläne vereiteln, wenn er ihn kränke. »Na, uf a Predich mehr soll's m'r nit a'kumme«, lachte er zuletzt. »Ich kimm.«

Der Kirchenvater entfernte sich voll Würde. Es war ihm schon bange, seine Sendung verfehlt zu haben. Er hätte sich nichts zu wissen machen sollen. Aber man muss doch zeigen, dass man im Vertrauen des Herrn Dechants ist.

»Einen Buben hat sie! Und des waaß die Bas' Liesl noch nit?« fragte er sich. Er rief sie herbei und sagte es ihr. »Wie schad«, sagte sie, »dass er den nit mitnehme konn in sei Wertschaft.« Sie tat sich etwas zugute darauf, die gute Partie zusammengekuppelt zu haben, aber eigentlich war ihr doch leid um die Susi. Ein zweites Frauenzimmer wie die gebe es ja doch nicht im Ort, meinte sie. »Gott vergeb uns die Sünd', die mer do a'gschtift häwa.«

»Seid so gut und geiht valleicht jetzt noch zum Parra beichta. Mich hoter eh schon rufa lossa, der Paff.«

»Hot er?… Ja, was konn er denn mache?«

»Mache! Mache! Gar nix konn er mache. Ei'heize werd er mer halt wolle mit'm höllische Feuer. Äwer do kennt er mich schlecht… Gebt mer mein Sunntagspekesch' raus. Glei geh ich hin. Bin heunt grad im richtiga Schwung.«

Er wollte seine Papiere zusammenraffen, ließ sie aber liegen und sagte, niemand solle sie anrühren. Das werde heute noch gemacht. Dann zog er eine Kastenlade auf und steckte die rotlederne Brieftasche zu sich. Wer weiß, dachte er, dem Herrn Pfarrer lasse sich die Kurasche vielleicht abkaufen. Darauf soll es ihm nicht ankommen.

Als er das Haus verlassen wollte, trat ihm sein alter Vater entgegen. »Kaspar«, sagte er, »mir scheint, du geihscht zum Parra.«

»Is des schun wieder ausgatrummelt worde?«

»Geb acht uf dich. Die Sünd', die mer uf uns galoda häwa mit der alt Zengrafin ihrer Tochter hot dem Lippl koin Seega gabrunga. Jetzt soll die Enkelin aa durch ein' Luckhaup unglücklich wer'n? Ich möcht' des nit gern verleeba.«

»Losst's gut sein, Vatter«, sagte der Kaspar und zuckte die Achseln. »Mer werd halt was taun müssa far's Kind.« Und er ging seinen Weg weiter.

So rasch hatte der Dechant den Bauern gar nicht erwartet. Er stand noch aus der Zeit, da der Kaspar Luckhaup Dorfrichter war, auf gutem Fuß mit ihm, und sie hatten sich, obwohl es manchen Widerpart setzte, zuletzt doch immer verstanden. Und heute sollte er ihm so ernst entgegentreten? Es war wohl besser, das in Güte zu versuchen.

Mit einem biederen »G'lobt sei's Chrischt!« war Luckhaup eingetreten. »In Ewigkeit«, sagte der Pfarrer. Dann fuhr er fort: »Nehmen Sie Platz, Vetter Luckhaup. Ich habe Sie rufen lassen, weil ich eine Bitte an Sie habe, die man besser hier bespricht als bei Ihnen im Hause.«

»Eine Bitt'? Ihr macht mich neugierig, Hochwürde. Was wär' denn das?« Und er setzte sich.

»Mein lieber Luckhaup«, begann der Pfarrer, »man schätzt Ihre Familie als eine der ältesten in der Gemeinde. Alles blickt auf Ihr Haus. Was dieses tut, das tun auch die anderen, was diesem erlaubt scheint, das glauben sich alle erlauben zu dürfen. Darin liegt eine große Verantwortung für Sie. Wer eine so bevorzugte Stellung einnimmt in der Gemeinde, der ist doppelt verantwortlich für alles, was er tut. Darum bitte ich Sie, geben Sie ein gutes Beispiel. Reden wir nicht von Sittlichkeit, nicht von Christlichkeit, sondern von Menschlichkeit. Zeigen Sie allen, was man tut, wenn so ein Fall eintritt wie bei Ihrem Sohn Christof. Denken Sie auch daran, welch eine achtbare Familie aus Neurosenthal da gekränkt und der Schande preisgegeben wird. So wie Sie herüben, gehören die Weidmanns drüben zu den ältesten und untadelhaftesten Familien. Eine Verbindung zwischen beiden zu schließen wäre eine der größten Freuden, die mir dieses Pfarramt bisher gebracht hat. Es wäre auch eine weitere Annäherung von Alt- und Neurosenthal. Man sagt mir, Ihr Sohn wollte das Mädel heiraten, nur Sie hätten es hintertrieben. Ich kann das nicht glauben, lieber Vetter Luckhaup! Jedenfalls haben Sie sich das nicht genug überlegt.«

Der Sprecher machte eine Pause und sah den Gastgütig fragend an. »Herr Dechant«, erwiderte der Bauer, »ich häb gemaant, Ihr werdet mich recht auszanke und verdunnern. 's is mir gar nicht recht dass Ihr so sanft mit mir red't. Gar nit. Denn ich konn Euch de Wille nit taun.«

»Ihr könnt nicht? Warum könnt Ihr nicht, wenn die Kinder sich gern haben und ihre Sünde gutmachen wollen?«

»Herr Dechant, die Luckhauwe sin Bauern. Sin immer Bauern gawesa und müssa Bauern bleiwa. Des is nit annerscht zu macha, als dass in'r sich nur mit Bauern verschwägert und sein Grund und Bode vermehrt far die Kinner. Ein Luckhaup, der kein' Bauernhof erbt, muss ein'erheirate. Das is nit annerscht zu macha. Unser Famili wär schun lang nit mehr doo, wenn dem erschte Michel Luckhaup sei' Söhne Schuster und Schneidermamsella g'haiert hätte. Mei' Chrischtof hot nix annerscht galernt wie die Bauerei. Unser Grund is nie geteilt worde und werd a jetzt nit geteilt. Der Bu kriegt als zweiter Sohn nur a bissel Geld und kann sich a klani Bedelwirtschaft kaafa. Ein Bauer werd er sei Lebtag nit, wann er die Susi heirat'. Un sei' Kinner, Herr Dechant? Die sein die geborene Taglöhner. Des muss m'r doch versteihn. A Bauernfamili, die was uf sich halte tut, konn des doch nicht zugäwa. Des wär doch ihr End'.«

»Zugegeben, Herr Luckhaup, dass es so wäre. Aber die Kinder eines solchen Paares können ja ein Gewerbe lernen, können geschickte Handwerker werden. Ist das so gering zu achten? Was wäret ihr Bauern ohne das Handwerk? Und solche Kinder können auch studieren.«

»Studieren? Mit was?«

»Es gibt hundert billige Wege. Man braucht nicht einen ganzen Bauernhof hinter sich zu haben, um Pfarrer zu werden, Doktor oder Beamter. Unser hochwürdigster Herr Bischof ist armer Leute Kind.«

»Die Luckhauwe, Herr Dechant, solle Bauern bleiwa. Des is für uns der erscht Stand.«

Dem Pfarrer riss die Geduld.

»Dann sollen sie das auch bedenken«, sprach er mit erhobener Stimme, »und nicht nach etwas Verlangen tragen, was ihnen nicht zukommt, dann sollen sie nicht wie Wölfe in fremde Schafställe einbrechen. Hätten Sie das alles Ihrem Sohn beizeiten beigebracht! Hätten Sie ihm den Umgang mit anderen als Bauerntöchtern verboten!«

»Des häb ich hunnertmol getaun. Äwer die Jugend folgt nit. Sie folgt nit in der Schul, nit in der Kerch und nit im Elternhaus. Sie werd erscht g'scheit, wann se sich da Kopp or'ntlich a'garennt hot.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Mei Chrischtof ist in sich gange, wie er in der Patsch war, er will jetzt selber a Bauerntochter haiern.«

Der Dechant erhob sich rasch. Er bebte vor Unwillen. »Das sagen Sie so ohne weiteres? So soll ein junges Geschöpf um ein paar Joch Felder niedergetreten und ein Kind preisgegeben werden? Dagegen protestiere ich! Darüber werde ich am nächsten Sonntag von der Kanzel herab ein Wort sprechen! Leben wir in Sodom und Gomorrha?«

Zürnend stand der Dechant vor dem Bauern, und er ließ keinen Zweifel darüber, dass er ausgesprochen hatte, dass der Kaspar Luckhaup gehen konnte. Aber er ging noch nicht. Er trocknete den Schweiß auf der Stirne und sagte langsam:

»Dass Ihr so mit mir red't, Hochwürde, is mer viel lieber. Do waaß m'r doch glei', was m'r zu taun hot. In mei'm Haus gilt mei Wille und koin annerer. Was die zwa junge Leut getaun häwe, des geitet mich nix an. Äwer des Kind soll's nit büßa.« Und er griff nach der großen Rotledernen. »Wann der kloin Luckhaup getaaft werd, Herr Dechant, legt ehm die tausert Gulde do ins Kisse. Oder legt's ehm als G'schenk von sei'm Großvatter beim Waiseamt an. Ich zieh se dem Chrischtof ab. Is sei' Bu amol zwanzig Jahr alt, konn er sich zehn Joch Feld kaafe mit dem Kapatal Und wann Ihr von der Kanzel über die Sach' red't, vergesst mer die tausert Gulde nit, Herr Dechant. G'lobt sei's Chrischt.«

Und er ging stolzen Schrittes zur Tür.

»In Ewigkeit!« sprach Jakob Schuh. Sein Blick haftete sinnend auf dem Tausendguldenschein, der auf seinem Tische lag. Das war viel Geld. Und wenn ein Bauer sich so leicht von dieser Summe trennte, so mussten auch seine Gründe in diesem Streit ein Gewicht haben, das schwer wog. Dagegen anzukämpfen war wohl nutzlos.

»Ich werde Ihren Wunsch erfüllen«, sagte er, »aber Dank erwarten Sie sich von mir keinen.«

Wortlos entfernte sich der Bauer. In seinen Augen blitzte es. Hatte er sie ihm doch abgekauft, die Kurasche. Er wird sich's überlegen, von der Kanzel was zu sagen. Und wenn? Wird das Dorf das Maul aufsperren über seine Großmut. So viel hat noch keiner gegeben… Jetzt waren wohl alle Hindernisse überwunden für die Zukunft.

Daheim angekommen, setzte er sich wieder an seinen Tisch zu den Papieren. Und jetzt vollendete er seine Sache für den Hannes. Dem Christof aber schrieb er die tausend Gulden auf.

Kaspar Luckhaup verlangte im Vorbehalt: Das alleinige Wohnrecht in einer Stube des Familienhauses, nach der Eltern Ableben aber das Vorbehalthaus für sich allein bis zu seinem Tode. Hofrecht, Stallrecht, Kellerrecht, Brunnenrecht, Küchenrecht, nichts durfte in Zweifel bleiben. Für einen Wagen, zwei Pferde und zwei Stück Hornvieh forderte er den Platz und das Futter. Ein Alter, der immer beim Sohn bitten muss, dass man auch für ihn einmal einspanne, wollte er nicht werden. Zehn Kübel reinen Weizen und zehn Kübel Kukuruz (im Korn) mussten ihm nach jeder Ernte auf den Boden geliefert werden. Zwei Fass Wein, ein Fass Raki in den Keller. Vierhundert Stück Eier sind ihm nach Bedarf auszuliefern.

Reichliches Futter für zwei Schweine, Stallreinigung durch die Knechte und der freie Gebrauch aller Wirtschaftsgeräte waren selbstverständlich.

Dafür übergibt er die ganze Session, angebaut, in vollem Stand, unbelastet, mit allem Wirtschafts- und sonstigem Geräte in das Eigentum des Hannes. Mit acht Pferden, vier Kühen und allem sonstigen Getier. Dieser aber hatte dem Christof durch vier Jahre, nach der Ernte, immer tausend Gulden hinauszuzahlen. Was der Vater etwa in Barem besitzt, wird erst nach seinem Tode geteilt. Zum Wirtschaftsbetrieb leiht er dem Hannes einstweilen zweitausend Gulden.

Als dieser abends heimkann, übergab ihm der Vater sein Schriftstück. »Zu Oschtern sagscht mer, ob du alles so annimmscht oder nit. Und ob du die Wertschaft schon jetzt willscht oder erscht im Oktober. Ich schenk' euch des halb Jahr Dienscht bei mer und die heurige Fechsung.«

Die Margret atmete auf, als sie das hörte. »Nur annehme! Ung'schaut annehme!« sagte sie. Sie wollte endlich die Bäuerin sein im Hause und nicht die Magd.

X.

Indessen begab sich auch in Neurosenthal manches.

Der Philipp und die Anmerich sollten ihr eigenes Haus haben, das war fest beschlossen bei Ferdinand Trauttmann und seiner Frau, der Bas' Bärbl. Denn aus dem alten Familienhaus wollten sie selbst noch nicht hinaus, und gegenüber im Hof war Platz genug für einen Neubau. Der Maurermeister Niklos Weidmann, jetzt ein Vetter, war auch bald zur Hand mit einem Plan. Was brauchte das junge Paar? Zwei Stuben eine Küche, einen Keller, einen Boden, eine Press. Mehr nicht. Denn das alte Haus hatte alles, was man sich an Wirtschaftsräumen nur wünschen konnte, und hinten überquerte eine Scheuer den Hof, die für Heu und Stroh und sonstige Futtermittel ausreichte. Dieses hundertjährige alte Haus! Es war die Wiege der Familie. In ihm wurzelte alles, und auch der Ahne, der es gebaut, hieß Ferdinand. Mit Stroh war es gedeckt, und auf seinem ehrwürdigen grünschimmernden Dache wuchs die Hauswurz, die vor Blitzschlag sicherte. Auch Störche hatten sich da ihr Nest gebaut, waren aber in letzter Zeit ausgeblieben. Warum? Vielleicht, weil es rings herum schon lauter schreiend rote Ziegeldächer gab, auf denen sich keine Genossen mehr ansiedeln konnten. Und die Störche leben gesellig. Auf dem Giebel, an der Stirnseite des Hauses, kreuzten sich zwei Rossköpfe, deren altheidnischen Sinn kaum noch wer verstand. Um keinen Preis hätte der Vater sein Strohdach aufgegeben, obwohl der Philipp es schon oft verlangte. »Geih uf die Böde unner die Ziegeldächer«, sagte der Vater. »Im Summer is nit auszuhalte vor Hitz, do fangt's G'selchte zu rinne an, des d' in der Ernt' brauchscht, und im Winter verfriert dir alles ufm Bode. Mei Bode is im Sommer kühl und im Winter warm. Die Alte ware nit dumm.« Den Einwand der Feuersgefahr wies er mit den Worten ab: »In ei'm ordentliche Haus kummt kein Feuer nit aus.«

Aber er ließ sich doch bereden, das neue Haus mit Ziegeln zu decken. Warum? »Weil es gar keine Dachdecker mehr git, die mit Stroh umgehe könne. Die Kunscht fängt an auszusterbe.« Und dieser Meinung war auch Niklos Weidmann, der Maurermeister. Die Dachdecker, die aus Stroh und Schilfrohr Dächer schufen, die fünfzig Jahre hielten, wuchsen nur mehr im Walachischen.

Von Hof zu Hof war Philipp gegangen bei den Nachbarn und Freunden, sie um ihre Mithilfe zu bitten bei seinem Hausbau. Und jeder stellte Wagen und Pferde bei. Die schweren Steinklötze für die Grundmauern wurden aus dem Gebirge jenseits der Marosch zugeführt, die gebrannten Ziegel aus den eigenen Ziegeleien der Gemeinde, die im Überland hinter den Endelyschen Gärten und der Landmühle lagen, der Kalk und die Dachziegeln aus Lippa, der Sand aus der Marosch, das Holz aus fernen Wäldern. In dem »Hüoh! Hüoh!«, das seit Tagen vor dem Hause ertönte, lag ein lustiger Klang, war es doch ein Nestbau für ein junges Paar, an dem sie alle teilhaben wollten. Und die Glücklichen machten die Gastgeber für die gefälligen Nachbarn und Freunde. Der Philipp erwartete jeden Wagen mit einem kühlen Trunk, die Anmerich stand mit geröteten Wangen beim Herde und kam nur ab und zu heraus, um den Vettern ein Vergelt's Gott zu sagen und zu einem Imbiss zu laden. Die Bas' Bärbl buck Brot und Kuchen um die Wette mit ihr und schnitt auf, was sie nur konnte. Der Vater Trauttmann aber war ständig unterwegs vom Steinbruch zur Ziegelei und von da zu den Kalköfen, er war überall dort nötig, wo es etwas zu liefern und zu holen gab, denn es musste darauf gesehen werden, dass kein Vetter, der eingespannt hatte, umsonst fuhr, oder ungebührlich aufgehalten wurde. Und er hatte auch immer einen vollen Tornister bei sich und so manchen Tschuttera, mit gutem Wein oder Raki gefüllt. Keine Kehle durfte notleidend werden bei solchem Freundschaftsdienst. Und weit hinten im Garten jenseits der Scheuer, arbeiteten die Zimmerleute. Sie zersägten und behieben das Holz schon für den Dachstuhl, obwohl das Fundament des Hauses noch gar nicht gelegt war. Und diese Arbeit überwachte der Meister des Baues, der Vetter Niklos. Er war mit seinem Zollstab beständig unterwegs von einem zum anderen, hielt gescheite Reden über Zeit und Ewigkeit mit bissigen Randbemerkungen und überwachte die Einhaltung seiner Maße mit Strenge. Dazwischen stopfte er immer wieder die Pfeife, tat immer wieder einen erquicklichen Trunk und kam auch vor in die Küche, um zu sehen, was die Anmerich da Gutes vorbereitete.

Und als alles, was man für den Hausbau brauchte, beisammen war, wurde die eigentliche »Klatta« angesagt. Unter diesem Sammelruf kamen die Helfer ohne Zahl. »Bei Trauttmanns is Klatta!« hieß es. Sobald diese Losung ausgegeben war, schickte jeder Nachbar, jeder Freund eine Person oder auch mehr zur Arbeit. Der Keller war schon ausgehoben, die Erde fortgeführt, und die Maurer begannen unter ihrem Oberhaupt mit der Arbeit. Der Vetter Niklos stopfte die Pfeife etwas oft und schlug sich mit einem Stahl die Funken aus dem Feuerstein, er hielt auch immer wieder eine Rede über die Revolution und deren Verlauf. Aber die Grundmauern stiegen herauf und erhoben sich alsbald über die Erde. Und es herrschte ein fröhliches Treiben unter allen Teilnehmern, die um Gotteslohn arbeiteten. Jede Mahlzeit war ein Fest. Oft musste für die Jugend im Hofe gedeckt werden, so viele Leute waren da. Und in der Küche stand jetzt auch die Frau Eva neben ihrer Anmerich, und die Kathl und ihre Freundinnen spülten in der Preß, wo ein großer Kessel geheizt war, Geschirr und putzten Esszeug. Zu dem Geklapper aber sangen sie Lieder und G'stanzeln.

Die Kathl führte einen Zwiegesang auf mit der Gunkels Rosi. Sie begann:

Die Kersche sein zeitich,

Die Weichsel sein braun,

Hot jede ein' Buben,

Muss auch um ein' schau'n.

Und die Rosi antwortete:

Ein schön's, ein schön's Hauserl,

Ein schön's, ein schön's Bett,

Ein schön's, ein schön's Mauserl,

Sonst heirat ich net.

Darauf die Kathl:

Mein Schatz, der is schön,

Aber reich is er nit;

Was schiert mich der Reichtum,

Sei Geld küss' ich nit.

Und die Rosi:

Schön bin ich nit, reich bin ich wohl,

Geld hab ich auch a ganz Beuterl voll;

Gehn mer nur drei Bas’zen ab,

Dass ich grad zwölf Kreuzer hab.

So neckten sie sich und kicherten und lachten bei der Arbeit. Und ein Bub, der an der Press vorüberging, sang ihnen zu:

Was nutzt a schön's Schätzel,

Das nit lang a so bleibt?

Mer stellt's 'naus in Krautgarte,

Dass's die Vögel vertreibt.

Die Kathl warf ihm ein nasses Spültuch nach, und da sie ihn im Nacken traf, lachten ihn alle von Herzen aus. Diese und jene Base oder Nachbarin, die nicht beim Bau selber mithalf, brachte manchen Topf Milch oder Rahm unter der Schürze, einen Striezel Butter, ein Körbchen Eier oder einen Schinken, denn was bei so einer Klatta gegessen wurde, das griff tief in die Vorräte des Hauses, da musste man etwas beisteuern. Der alte Trauttmann aber schmunzelte und berechnete, dass bei einer großen Hochzeit noch viel mehr gebraucht worden wäre, und die Gäste hätten nichts dafür gearbeitet. Er war der Anmerich noch heute dankbar, dass sie ihm diese doppelte Belastung erspart hatte. Und ihre Tüchtigkeit in der Versorgung der Klatta bestaunte er. Da fehlte einmal nichts, da ging alles wie am Schnürchen. Das werde einmal eine rechte Bäuerin werden, sagte er jedem.

Auch der Jakob stand zwei Tage auf den Gerüsten und mauerte unter Aufsicht des Vetters Niklos, aber der Philipp schickte ihn wieder heim, denn er wusste, dass der Schwiegervater an seinem neuen Wagen arbeite. Da war der Jakob nötiger. Nur den Franzl behielt man da. Das Ziegelschupfen war dem Bauernbuben lieber als die ganze Wagnerei… Der Meister Jakob zeigte sich nicht, erst beim Fest der Dachgleiche kam er abends zu Tisch, um das junge Paar zu beglückwünschen. Von der Susi redete niemand, kein Mensch fragte nach ihr und ihrem Buben, es war, als wäre sie gestorben. Doch die Anmerich schickte ihr manchen guten Bissen von ihrer Klatta.

Rasch stieg das neue Haus empor, getragen von vielen Händen. In zwei Wochen war es eingedeckt und konnte dem Sommer zur Austrocknung überantwortet werden. Der Schreiner hielt seinen Einzug, und der Glaserer kittete schon Scheiben ein, der Klempner hämmerte und lötete in der neuen Press an den Kupferkesseln, und die Zimmerleute richteten schon die Bodenstiege auf.

Jeder freiwillige Helfer erhielt beim Abschied seinen Händedruck, sein »Vergelt's Gott!« Und er durfte mit der Gegenleistung rechnen, sobald er sie nötig hatte. Das war noch gute Kolonistenart, überkommen aus fernen Tagen und mit Treue festgehalten. Für Geld war solche Hilfe nicht feil, bezahlte Bauarbeiter gab es nicht. Und wer hatte die Zeit, sich einem Hausbau länger zu widmen? Keiner. Man geizte sich nur zwischen den Feldarbeiten im Frühling und Herbst die knapp bemessenen Tage ab für solch ein Werk. Und wenn hundert willige Hände zugriffen, da war es bald getan.

Als die Klatta geschlossen und dem jungen Bauherrn die Schlüssel übergeben waren, hielt der Vetter Michel, der auch gekommen war eine scherzhafte Rede. Er habe nur gucken wollen, ob das neue Haus, das sein Bruder da wieder mit Dampf aufgeführt habe, nicht bald ein paar Reifen brauche. Aber das werde sich wohl erst zeigen, wenn es einmal neunzig Tage geregnet habe, wie zur Zeit des seligen Noah. Der Vetter Ferdinand möge ihn nur ja nit früher ganz ausbezahlen. Gar so leicht solle man ihm sein Gewerbe bei so guter Verpflegung doch nicht machen. Der baue mehr Häuser im Jahr, als er Fässer zustande bringe. Und was diesen neuen Vetter Trauttmann anbelange, den alten meine er, das sei auch so ein schlauer. Gibt die Losung aus, es sei Klatta für das junge Paar. Natürlich läuft da alles gerührt herbei, gießt Milch und Honig in den Malter, damit es besser hält, und baut einem so verliebten Paar das Nest. Hätt' der Herr Vetter ehrlich gesagt: da wird ein Vorbehalthaus gebaut für ein Elternpaar, das sich nächstens ins Ausgeding setzt, keine Katz wär' gekommen. Da hättet schön bitten müssen. Aber er, der Redner, habe das gerochen, darum sei er auch nie selber gekommen und habe immer seinen Lehrbuben geschickt. Der sei aber immer mit einem so fetten Maul heimgekommen, dass er heute doch endlich nachsehen musste, ob da die Küchl auf den Bäumen wachsen. Nun, gebaut sei gebaut, er werde nicht den Spaßverderber spielen, wohne das junge Paar oder das alte in dem Häusl. Sie leben beide hoch, das junge vermehre sich wie der Sand am Meer, das alte tue dasselbe. Gescheiter aber wäre es, der Vetter Ferdinand gewönne endlich seinen Prozess gegen den Grafen, dessen Knechte immer so tief aus unsern Fässern in die seinen schöpfen, dass die Binderei darüber zugrunde gehen müsse im Dorfe. Man müsse allerwege zuerst an sich selber denken, nicht nur an die Grafen und die Bauherren. Aber wenn ihm jetzt schnell jemand einschenke, lasse er sie, die Bauherren, noch einmal leben.

Unter großem Gelächter wurde sein Glas, das er beim ersten Hoch geleert hatte, wieder gefüllt. Seine Rede aber wurde vielbewundert. Er war ein gar geübter Metzelsupppenredner, er verstand seine Sache.

Draußen aber ließ sich jetzt eine Ziehharmonika vernehmen. Und der Philipp nahm seine Anmerich sogleich um den fraulichen Leib. Man eilte hinüber und tanzte in der kaum gedielten schönen Stube das neue Haus ein mit der jungen Frau. Sie musste jedem der Männer einen Tanz gewähren, aber sie schwangen sie alle so vorsichtig, so behutsam, als wäre sie aus Glas.

Der Frau Eva rannen die Tränen über die Backen, als sie das sah und ihres anderen Kindes gedachte… Der Vater war auch heute wieder daheim geblieben, und er wusste wohl, warum. Mit den Lustbarkeiten schien er abgeschlossen zu haben.

Bei der Bas' Mali im Schwarzwald setzte es keinen kleinen Schrecken, als die Susi nicht mehr heimgekehrt war an jenem Märzabend. Aber man erfuhr gar bald, was geschehen war und beruhigte sich. Mit süßer Miene kam schon am nächsten Tage die Mutter der Trudl, sie kam mit derselben Botschaft, ausgeschmückt und romantisch verzerrt erzählte sie, was sich beim Christof Luckhaup nächtlich begab. Und sie bot der Godl ihre Dienste an. Niemand rief sie, niemand bat’ sie zu bleiben, aber sie bemächtigte sich doch in der für den Augenblick gestörten Wirtschaft all der kleinen Obliegenheiten, denen sich die Bäuerin nicht gewachsen fühlte, und als der Tag um war, schickte sie niemand fort. Und so blieb die Mu-mu-mu. Nur so wurde sie seit jenem Scherz der Susi genannt im Hause. Sie blieb. Mochten daheim die Mädel wirtschaften mit dem Vater, so gut sie konnten, sie hatte da hier wichtigere Interessen zu vertreten. Wenn die gute Bas' Mali, die Godl, eines Tages kinderlos starb, da schaute schon etwas heraus. Bei der musste man sich beizeiten einschmeicheln, da musste man sich unentbehrlich machen. Und vor allem musste man der Susi den Rückweg abschneiden. Was braucht die Godl eine fremde Person zu sich zu nehmen? Und eine solche? Das war doch gegen den guten Ruf ihres Hauses. Das muss ein Plätzchen werden für ihre Trudl, und da schaute einmal eine gute Ausstattung heraus. Sie wird das schon durchsetzen. Was war denn selbstverständlicher, als dass die kranke Godl ihr Patenkind zu sich nahm und zu ihrer Gehilfin und Pflegerin erzog? Und sie ließ die Trudl auch jeden zweiten Tag kommen und mithelfen und mitessen. Wo man früher gar nichts merkte von der Arbeit, die von der Susi still geleistet wurde, da klapperte jetzt die Mühle den ganzen Tag mit vielem Geräusch.

Aber die Kluge, die Schlaue, hatte, um es nur gleich zu sagen, gar kein Glück bei der Base. Es war etwas an ihr, das die Kranke nicht ausstehen konnte, und sie wusste nicht zu sagen, was das wäre. Schon ihren Geruch vertrug sie nicht. Dass die sich jetzt in das Bett der Susi legte und mit ihr in einer Stube schlief, das trieb ihr jeden Abend die Galle ins Blut. Und dass sie stets nach der Abwesenden hackte und ihren Schnabel scheinheilig an ihr wetzte, das konnte die Base bald nicht mehr anhören… Die Hoffart ist ein Laster, und hoffärtiger war sie schon in der Schule, die Susi. Weil man sie immer die Schöne hieß, bildete sie sich einen ganzen Haufen ein. Aber Hochmut komme vor dem Falle. Wer zu hoch hinaus wolle, der stolpere leicht… Hahaha, die Schönheit! Jetzt könne sie sich einen Mantel daraus machen für ihre Schande und ihren kleinen Bankert. Und Geld habe sie genommen. Geld! »Wann die no' mol in die Kerch kummt und sich valleicht zu uns Weiber stellt, werd se a'gschpuckt«, eiferte sie eines Tages.

Da schrie die Kranke endlich auf. Der heiße Topf lief über. Sie hatte sie so oft ermahnt, jetzt aber war es aus. »Hört auf, Bas' Leni, oder geiht fart aus mei'm Haus. Des vertrag ich nit. Und ich loss uf die Susi nix kumme«, sagte sie voll Zorn.

»Waaas?« begehrte die Klatschsüchtige auf. »So red't Ihr mit mer?« Aber sie erschrak über ihren eigenen Ton und heulte: »O Gott, o Gott, o Gott, so was muss m'r erlebe! So an Dank für alle Müh und Plag und Sorg! Naa, naa, des hätt ich nit gaglaabt. Wege so aner, wege so aner…«

»Schweigt still!« schrie die Bäuerin noch einmal. »Ihr bringt mich um mit euerm bösen Maul.« Und sie sank in ihren Lehnstuhl zurück und schloss die Augen. Als die Base sah, dass sie den Ton gründlich verfehlt hatte, wollte sie sich durch einen großen Wortschwall wieder heraushauen, aber die Kranke hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu. Sie war am Ende ihrer Kraft. Sie lag den ganzen Tag dahin und redete nichts. Aber als der Bauer in der Dämmerung vom Feld heimkam und die Bas' Leni melken ging, da ließ sie ihn rufen. Und sie bat ihn mit erhobenen Händen, er möge ihr die Susi wieder bringen. Mitsamt ihrem Kind wolle sie sie aufnehmen, um nur dieses böse Mäulerwerk loszuwerden. Sie könne die Person nicht schmecken. Er solle ihr einen Schinken und einen Sack Mehl geben für ihre Mühe, oder was er wolle, aber nur fort solle sie gehen. Noch heute. Vergeblich suchte er sie zu beschwichtigen, ihr das Unstatthafte eines solchen Hinauswerfens vorzuhalten, sie bestand darauf. Sie wolle nicht mehr eine Nacht allein schlafen mit ihr. Der Bauer schüttelte den Kopf. Das werde böses Blut machen, das gebe eine Feindschaft. Aber die Frau war so aufgeregt, so erbittert, dass er nicht weiter mit ihr rechten wollte. Und schließlich, wenn er ehrlich sein wollte, sah er die Susi tausendmal lieber im Haus als diese Base, die mit den Augenbrauen alle Ecken auswischte. Sie sah alles, sie wusste alles, ihr entging einmal nichts. Nun, er wollte mit ihr reden, auf einen Sack Mehl sollte es ihm nicht ankommen. Er hatte gestern schönes aus der Landmühle erhalten. Da stand es noch im Vorhaus. Vielleicht versöhnte er die Bas' Kapellmeisterin, wie sie sich gern nennen hörte, damit. »Vergiss den Schunka nit«, sagte die Bäuerin und riegelte einfach ihre Tür hinter ihm ab, als er gegangen war. Und sie hatte nach Wochen endlich wieder eine friedliche Nacht. Die erhobene Stimme der Base hörte sie von draußen nur einen Augenblick, es schien alles gütlich verlaufen zu sein.

Ganz erfrischt erwachte sie am Morgen und war sehr verwundert, sich allein zu sehen. Jetzt erst war sie froh, so fest aufgetreten zu sein. Sie mochte die unguten Menschen einmal nicht leiden. War ihr Leben nicht verpfuscht genug? Sie wollte nicht völlig versauern und verbittern, sie musste jemand um sich sehen den sie gern haben konnte.

Es war Sonntag. Der Bauer schwieg und ging in die Frühmesse. Dann wollte er den Weg zur Susi machen. Die Bas' Mali hatte ihm die schönsten Grüße aufgetragen. Und sie schlich heute in die Küche hinaus, ließ sich von der Stallmagd einen Stuhl zum Herd stellen und Feuer machen. Sie war stolz, wieder einmal selber kochen zu dürfen. Alle schickte sie in die Kirche, so frisch hatte sie sich schon lange nicht gefühlt.

Und so wie sie war auch die Susi allein daheim. Der Vater nahm seinen Platz in der Kirche wieder ein, er hatte äußerlich überwunden. Die Mutter war nie aus der Kirche fortgeblieben, sie trotzte dem Gerede und ging ihres Weges wie sonst.

Im Gemüt der Susi war etwas zerbrochen. Sie konnte ihres Buben nicht froh werden, so rund er auch gedieh an ihrer Brust. Wenn sie auf ihn niederblickte, wie er sog und sog und schließlich glücklich dabei einschlief, umflorten sich jedes Mal ihre Augen. Sie sah oft ganz fern, wie hinter einem Schleier, seinen Vater… Sie hatte den Kleinen in der Taufe Christof nennen lassen, aber was war der Name ihr noch? Wie stolz war sie nicht gewesen, dass der Christof um ihretwillen Knecht geworden, dass er um ihretwillen die sechsjährige Soldatenschaft auf sich nehmen wollte. Leicht trug sie den Makel, den die Welt ihr anwarf, solange sie sich eins fühlte mit ihm, solange sie wusste, dass ihr Kind eines Tages einen Vater haben und seinen Namen tragen werde. Jetzt waren sie beide weggeworfen, ausgestoßen mit roher Hand… Der kleine Luckhaup wird nie so heißen dürfen, er wird den Mutternamen durchs Leben tragen. Und eine Pfarrersköchin war sein Taufpate! Diese feige, heuchlerische Welt! Warum bestand der Christof die Probe nicht? War es doch die Scheu vor dem Militär? Oder hat der halbe Grund der Anna Foltz ihn behext ? Sie war es, die bei ihm stand im Dunkeln an jenem Abend. Und sie hatte so teuflisch gelacht über ihr Kommen… Und dann, sein verlegenes Gestammel, sein Unwille… Nie, nie, nie wird sie diesen Augenblick vergessen. Nie verzeihen, was an ihr geschah und an ihrem Kinde. Er wird wohl die Felder der Falschen eines Tages heuern, wird Bauer werden im Schwarzwald draußen… Und sie? Und ihr Kind? Sie wird nicht im Taglohn schaffen müssen für ihren Buben, das hat sie nicht nötig, aber wer wird sie noch mögen? Oh, sie wird dem Buben einst alles erzählen, wie es war, er soll sie nicht verachten, weil er keinen Vater hat, sie nicht. Und sein Vaterhaus wird sie ihm zeigen, in dem der alte Teufel wohnte, der sie beide so unglücklich machte.

Tausend Gulden gab der Satan dem Buben. Warum hat sie der Vater nichtzurückgewiesen? Warum hat er den großen Schein nicht in den Ofen gesteckt? Sie hätte es getan. Sie wird selber für ihren Buben sorgen, ihn von ihrer Hände Arbeit ernähren und erziehen. Aber wer weiß, ob dieses verfluchte Geld dem Buben nicht dereinst lieber sein wird als alles, was sie für ihn tun kann… Der Vater Jakob hat vielleicht doch recht gehabt es dem Waisenvater zu übergeben, bis der Christof erwachsen ist und es benötigt. Vielleicht! Aber in ihre Hände soll das Sündengeld nie kommen. Die Finger würden ihr verbrennen bei der Berührung.

Sie hörte das Tor gehen und einen festen Schritt sich nähern. Und sie guckte aus der Küche hinaus, wer da während des Hochamtes wohl kommen mochte. Der Vetter Mathes! Gar stattlich sah er aus im Sonntagsstaat. Nie war er ihr so männlich und so jung erschienen wie bei diesem unvermuteten Anblick.

»Grüß Gott, Susi!«

»Ja, wo sollen er denn des hinschreiwa, Vetter Mathes? Ihr losst Euch auch amal angucke?«

Er trat in die Stube ein. »Ich häb dich schun lang haamsucha solla. Mei' Weib war schurr bös. Äwer wer hot denn jetzt Zeit far B'suche. Sie losst dich recht schei grüße. Sie denkt jede Tag uf dich und dei Kind, lässt sie dir saga.«

Ganz rot wurde die Susi über so viel Herzlichkeit. Es war die erste, die ihr erwiesen wurde. Und sie dankte auch schön für diese Freundschaft der Bas' Mali.

Der Bauer blickte sie an, und seine Augen wurden immer größer, als wollte er sagen: Naa, wie die sauber geworden war! Der Christof muss doch der größte Esel im ganzen Dorf sein…

Und der Vetter Mathes erzählte ihr, was sich bei ihnen begeben hatte, wie er die Mu-mu-mu gestern Abend wegschicken musste. Sie habe sehr geteufelt, aber er kaufte sich los von ihr, und sie sei gegangen. Die Susi lachte endlich wieder einmal. Das gönnte sie der Mumu-mu. Aber zu dem weiteren Antrag des Bauern machte sie ein langes Gesicht. Das gehe wohl nicht. Ihr Bub sei ein Nachtvogel, er mache oft eine solche Musik, dass es selbst der Kathl zu viel werde, die bei ihr im Zimmer schlafe. Das möchte die Bas' Mali nicht aushalten. Ja, später einmal, wenn der Bub bei der Großmutter bleiben könne, vielleicht… Sie habe ihn nämlich sehr gern, die Großmutter. »Sie will'n b'halte, wenn ich einmal…« Die Susi vollendete den Satz nicht und wurde rot. Aber sie denke nicht mehr an so etwas, sagte sie rasch. Sie habe genug vom Leben.

Der Bauer hatte keinen Widerstand erwartet für seine Absichten. Seine Frau war der Sache so sicher, dass auch er keinen Grund zu Zweifeln hatte. »Des wär schei! So a Kleinkinnerwirtschaft in euerm Haus! Des tät Verdruss gäwe und des will ich nit«, sagte die Susi.

»Bilde mer uns halt ei', es wär unser Bu, uf den m'r so veel Jahr g’wart häwa«, sagte der Bauer, und es lag eine leise Schwermut in dem Wort. »Brauchscht dich nit fürchta, dass d' uns schenierscht. D' Hauptsach ist doch, dass die Bäuerin a Hilf hat und a Ufsicht über's Haus. Und des konnscht noch newebei alles taun.«

»Des schun, des schun«, erwiderte die Susi sinnend. Und kaum erspähte er einen kleinen Vorteil, setzte er hinzu: »Geih, Susi, sei g'scheit… Werscht's nit bereue… Es soll der gut geihn…«

»Ich häb noch an annern Grund, nit in Schwarzwald zu geihn«, sagte sie nachdenklich. »Mer is, als gäb's dort a Unglück.«

»Wella Grund?«

»Des konn ich no nit sage, des soll erscht noch wer'n. Äwer es werd', es werd' ganz gewiss.«

Er verstand sie nicht, und sie gab ihm keine Aufklärung. Und so begann er von vorne. Sie ging ein paarmal in die Küche, um nach ihren Kochtöpfen zu sehen und kam wieder, aber als das Hochamt zu Ende war und die Leute aus der Kirche heimgingen, waren sie noch immer nicht einig. Und als der Bauer aufs äußerste drängte, da sagte sie: »Ich will mer's bis marja überlege. Äwer mein Bu', des sag ich glei, geb ich erscht zur Großmutter, wenn er amol alles isst und laafa konn. Ehnder nit!«

Als Meister Jakob und Frau Eva heimkamen, waren sie sehr verwundert, den Vetter, der im Begriffe war sich zu verabschieden, zu treffen. Sie freuten sich des Besuches. Es sei doch schön von der Bas' Mali, sagte Frau Eva, dass sie sich auch einmal nach der Susi erkundigen lasse. Aber als sie dann den Zweck des Besuches erfuhr, machte auch sie ein bedenkliches Gesicht. Wie konnte man so etwas von ihr als Mutter erwarten! Sie werde doch nicht ihre Tochter samt dem Kind in einen Dienst gehen lassen. Meister Jakob zog sich ganz zurück. Damit wollte er nichts zu schaffen haben, damit sollte ihm niemand kommen.

Nun musste der Bauer ein drittes Mal beginnen, alles vorzutragen und auszumalen, so wie er es sah und seine kranke Frau, die nun einmal verliebt wäre in die Susi. Das sei doch gar kein Dienst. Die Susi wäre sozusagen eine Base. Sie werde ja wie das Kind behandelt im Hause. Und man nehme die ganze kleine Kinderwirtschaft wie eine eigene auf sich, bis der Bub laufen und pappeln könne. Dann möge er zur Großmutter kommen. Es sei ja nur ein Freundschaftsdienst, den man verlange und der Bas' Eva nicht vergessen wolle.

Langsam wurden die Züge der Frau Eva weicher, aber eine Zusage gab sie nicht. Die Susi stand beim Herd, und die Kathl begann bereits den Tisch zu decken. Da empfahl sich der Bauer. Die Frau Eva wollte sich's noch überlegen und mit ihrem Manne und der Susi alles besprechen. Der Meister war hinten im Garten, von ihm Abschied zu nehmen hatte der Bauer keine Zeit mehr, er ließ ihn grüßen und ihm sagen, er möcht' halt nicht dagegen sein.

Den Schweiß trocknete er sich von der Stirne, als er das Haus verließ. War das eine Arbeit! Da worfelte er lieber zwanzig Metzen Getreide aus der dicksten Spreu. Aber auf dem Heimweg begann etwas zu bohren und zu wühlen in ihm, und das war das heimliche Verlangen nach der Susi. Und wenn er noch zehnmal hinüber müsste… Er ginge. Er ginge ganz gewiss.

Unter schweren Gewissensfoltern litt der Christof seit vielen Wochen. Er war nie zur Susi hinausgegangen nach dem Schwarzwald, weil er ihr nicht ehrlich hatte bekennen mögen, wie es um ihn stand. Wie verhext kam er sich vor, seitdem er auf den Foltzschen Gründen arbeitete und die Eigentümerin ihm täglich in Haus und Hof über den Weg lief. »Nimm uns!« sagten diese fetten Ackergründe. »Nimm mich!« sagten die Augen der Anna. Und als der Tag der Stellung immer näher und näher rückte, kam die Bas' Liesl eines Abends mit der Frage, ob er frei werden wolle. Ob er es wollte! Aber die Bedingung lautete: Du suchst dir im Dorf eine Bauerntochter mit einem Grund. Sonst nicht. Und weiter sagte sie gar nichts, die Versucherin… Hatte er diese Bauerntochter nicht bei der Hand? Er brauchte nur den kleinen Finger auszustrecken, und sie flog ihm zu. Und in diesen Tagen des Zwiespaltes wagte er sich nicht zur Susi. Und ließ sich loskaufen… Und als die Susi dann so unvermutet kam, ihn an sein Wort zu mahnen, wie roh hat er sich da benommen! Wie dumm! An allen Haaren zog es ihn hinüber zu ihr, als er erfuhr, dass sie einen Buben habe. Aber es war zu spät: Hatte der Vater nicht sein Wort? Konnte er zurück, nachdem dieser ihn losgekauft…? Nein, er konnte nicht. Wenn er das alles nur hätte der Susi sagen und erklären können. Sie hätte es vielleicht eingesehen und ihn nicht für so schuldig gehalten… Aber es war noch nicht aller Tage Abend. Vielleicht gibt es doch noch einen Ausweg, wenn er wartet, wartet, wartet… Und er trotzte mit der Anna seit jenem Abend, da sie so teuflisch gelacht hatte über die Susi. Glaubt die ihn schon zu haben? Sie könnte sich irren.

Wenn nur ihre Felder nicht gewesen wären, ihre Wiesen und Weingärten, ihr Haus und ihr Hof! Wenn sein Pflug in den Furchen knirschte und der Erdgeruch ihm in die Nase duftete, hörte er immer nur: »Nimm uns! Nimm uns!« Und wenn er an dem Hause Foltz vorüberfuhr, winkte ihm der dicke alte Schornstein zu: »Kommt bald!« Und wenn er bei Tisch den ängstlichen Augen der Anna begegnete, fragten diese: »Du magscht mich nit?« Es war eine Qual, in solchen Folterzuständen zu leben und an die Susi und ihren Buben denken zu müssen. Was wusste die, wie er litt? Wie schwer es ihm wurde?

Da kam die Nachricht, die Susi gehe mit ihrem Kinde neuerlich zum Mathes Wörle. Er werde sie mit dem Wagen abholen. Die Wiege mit dem Kind und sie… Es war dem Christof schon vordem gar nicht recht, dass sie zu dem halben Witwer gegangen, von dem man sich immer allerlei Weibersachen erzählte. Aber jetzt? Samt dem Kind? Oho! Sie fühlte sich also frei, ganz frei und ledig? Braucht ihn nicht mehr? Das war etwas anderes. Da konnte er ja auch tun, was er wollte. Wird er auch. Sie hofft wohl dort einmal Bäuerin zu werden? Nur zu! Auf gute Nachbarschaft!

Und der Schwachmütige, der sich einbildete, noch frei zu sein, blies sich auf, als wäre er der Verratene. Nun, er wisse jetzt, was er zu tun habe, sagte er.

Aber der Christof hatte eine falsche Zeitung erhalten.

Die Frau Eva und die Susi redeten bei Tisch kein Wort von dem Bauer, der Vater sah gar nicht aufmunternd drein, und sie warteten, bis er selber fragen würde. Aber er fragte nicht, schrieb am Nachmittag an seinen Zunftsachen und tat, als ob er nichts von allem gehört hätte. Vor Abend aber wollten sie beide doch seine Meinung wissen. Da fuhr er mächtig auf. Man möge ihm nicht kommen mit so einer Zigeunersache! Der Bub habe keinen Vater, so müsse er einen Großvater haben. Er sei einmal da und werde da bleiben. Nicht eine Nacht komme er aus dem Haus. Wenn die Susi sich's später einmal anders einrichten wolle, könne sie das ja tun, das Kind aber bleibe, solang er lebe, bei ihm. Heißt der Bub Weidmann, soll er auch ein Weidmann werden.

Den beiden Frauen war auf einmal leichter. Das hatten sie ja eigentlich selber gefühlt, nur konnten sie's nicht sagen. Die Susi war stolz auf ihren Vater und würde ihm am liebsten um den Hals gefallen sein. Jetzt wusste sie, dass ihr Bub ein Heim und ein Vaterhaus habe. Die Sonne schien also doch auch noch für sie beide.

XI.

Der erste warme Maitag war gekommen. Die Fenster der Werkstatt standen offen, und draußen sangen die Amseln auf des Nachbars Dach. Der Jakob hieb sich ein paar Radspeichen zurecht für den neuen Wagen des Philipp und summte unbewusst eine Weise, die ihm seit Tagen im Ohr lag, der Meister arbeitete an der Hobelbank, und die Sonne warf ihren goldigen Glanz in den Hof. Auch der Franzl schnitzte an einem Stück Holz, von dem man noch nicht sagen konnte, was es werden sollte. Über den Köpfen der Arbeitenden aber schmetterte ein Stieglitz, dass man meinte, er müsse zerspringen. Die drei waren schon so gewöhnt an ihn, dass sie den Jubel kaum hörten.

Der Franzl machte eine Pause und guckte seufzend zum Fenster hinaus. Viel lieber wäre er im Feld gewesen und hätte geschafft, als hier an der Schnitzbank zu hocken. Gott, war dieses Handwerk schwer! Das hätte er sich auch leichter vorgestellt, Wagner zu werden beim Vetter Jakob. Nun saß er schon ein halbes Jahr da, und noch immer konnte er keinen Wagen machen. Kaum eine Spreize für einen Schragen. Immer schnitt er zu tief, verdarb das Holz und machte mehr Späne für den Backofen der Bas' Eva als sonst etwas. Und wenn er den Blick des Meisters strafend auf sich gerichtet sah, da zuckte es um seine Mundwinkel, und er traute sich nicht den Kopf zu heben, weil die Augen immer gleich voll Wasser standen.

Als Meister Jakob ihn so sehnsüchtig nach der Sonne auslugen sah, sagte er: »Na, Franzl, an was denkscht du denn wieder?«

»An nix«, antwortete dieser. »Nur weil's heunt so schei is, häb ich halt geguckt.« Und er schnitzte drauflos, bis es einen Knacks machte und er wieder aus einer geplanten Schragenspreize für den Wagen des Philipp zwei Stück Kleinholz für den Backofen der Frau Eva geworden waren. Man weiß eben nie, wie ein begonnenes Werk endet. Und da kam sie selber, die Frau Meisterin, und brachte jedem ein kleines Gabelfrühstück. Dem Franzl, den sie nicht als Lehrbuben behandelt sehen wollte, steckte sie ein besonders großes Stück Brot mit Schmierkäse zu; er war ja noch im Wachsen und hatte immer Appetit. Der Jüngste ihrer Schwester Anna - auch so einer, für den kein Bauerngut mehr übrig geblieben - sollte in ihrem Hause ein redlicher Handwerker werden. Und wer ihm ein böses Wort gab, der hatte es mit ihr zu tun.

»Sag mer, Franzl, warum du heunt dem Stieglitz nit naushängscht in die Sunn?« sprach die Bas' Eva.

»Jessas, ja!« rief der Franzl, sprang von seinem Sitz auf und holte sich einen Stuhl, um das Vogelhaus von der Wand herunterzulangen. Der Stieglitz flatterte herum und pickte ihn mit dem Schnabel auf die Finger, dann aber setzte er sich wieder auf sein Sprießelchen und sang weiter, auch während er hinausgetragen wurde. Und während der Franzl gierig an seinem Brot mit Schmierkäse pampfte, hing er seinen Vogel draußen an die Wand. Aber so, dass er ihn von seinem Sitz aus sehen konnte. Ganz von ihm trennen mochte er sich nicht. Der Vogel stand seinem Herzen nahe. Dass er's den ganzen Winter in der Werkstatt ausgehalten, das dankte er nur dem Hansl. Wie oft hätte er im Anfang davonlaufen mögen, aber der Hansl der war ihm ein Vorbild und eine Lehr'.

Vor Kathrein, als es im Hause der Bas' Eva gerade Hochzeit gab, brachte ihn seine Mutter zum Meister Jakob, und da er sehr scheu war, wurde er die ersten Tage wie ein Gast behandelt. Dann aber ging es langsam an, der Franzl wurde eingespannt, und der Frau Eva war es recht. Einen Zimperling wollte der Bub sich auch nicht heißen lassen, und er spürte allmählich die Hand des Meisters. Die Base musste das billigen, aber sie steckte dem Franzl doch jeden guten Bissen, der bei Tisch übrig blieb, zu, wenn die Kathl ihn nicht früher schnappte. Und auch sonst bezeigte sie ihm ihre mütterliche Fürsorge. Sie schaute immer darauf, dass er nett aussah, wenn er einen Weg zu Kundschaften zu machen hatte, und dass er sich schon ein bisschen herrisch trug, wenn er am Sonntag zur Kirche ging. Er hatte zu Weihnachten einen neuen Hut bekommen, der schon eine viel kleinere Krempe hatte als die der Bauernbuben. Jeden zweiten Sonntag aber blieb er während des Hochamtes daheim, hütete das Haus und schaue, dass das Feuer nicht ausging auf dem Herd.

Diese Sonntagsstunden, in denen der Franzl ganz allein war, erschienen ihm als die glücklichsten seines Lehrbubendaseins. Eines Sonntags war er früh daheim gewesen bei seinem Vater, hatte ein paar lange weiße Haare aus dem Schweife eines Schimmels von dort mitgebracht und machte Schlingen. Auf dem Dachboden stand ein leeres Vogelhaus, in dem ein Zeiserl gewohnt hatte, das dem Meister im Herbst gestorben war. Er wollte ihm wieder eines fangen. Denn hinten im Garten, der an große Bauerngärten stieß, gab es Singvögel die Menge. Und der große Schnee war gefallen, die Vögel waren jetzt sehr zutraulich. Rasch nagelte er ein paar weiße Schlingen auf ein kleines Brett, streute Hanfsamen darauf und stellte es im Garten in den Schnee. Dann sah er nach dem Herdfeuer und rückte den Fleischtopf, der überging, ein wenig zur Seite. Auch in die Bratröhre guckte er, aus der der wohlige Duft eines Bratels ihm entgegenwehte. Dass nur nichts anbrennt!

Als er wieder durch den Hof dem Garten zueilte, um hinter dem Zaun nach seinem Vogelbrett auszulugen, da hörte er ein Geflatter und Gequietsche, das ihm das Herz höher schlagen machte. Richtig hatten sich zwei, nein, drei Vögel gefangen. So rasch! Ach, mussten die Hunger gehabt haben. Franzl stürzte auf seine Falle los, dass nur ja keiner sich erwürge. Eine Kohlmeise und zwei Stieglitze hingen in den Schlingen. Der Schnee hatte sie offenbar geblendet, sie sahen die Schimmelhaare nicht und tappten blind in das Verderben. Aber was sollte Franzl mit dem Reichtum anfangen? Er beschloss, da das Vogelfangen so leicht war, nur einen zu behalten. Aber welchen? Da bemerkte er, dass der eine Stieglitz am Fuße blutete, dass er sich aufgerissen hatte. Rasch entschlossen befreite er diesen und steckte ihn in seinen Busen. Dort war er am sichersten. Die andern zwei, die sich am Halse gefangen hatten und ein bisschen betäubt schienen, ließ er frei. Der Stieglitz taumelte zum nächsten Busch und rastete dort, ehe er aufflog. Die Kohlmeise lief rasch wie eine Maus über den Schnee und glitt am nächsten Baumstamm aalglatt empor. Dann schaute sie keck und doch etwas verdutzt nach Franzl zurück. Das hatte sie wohl nicht erwartet, dass der dumme Bub sie wieder freilassen würde.

Als die Base eilig aus dem Hochamt kam, um nach dem Mittagessen zu sehen, standen alle Türen offen, und der Franzl war nirgends zu sehen. Schon wollte sie zanken. Da kam der Bub die Bodenstiege herunter und hielt ihr triumphierend das Vogelhaus mit seinem Stieglitz entgegen. Sie schmunzelte. »Wann's nur a Mandl is. Der Vatter hat gern einen Vogel in der Werkstatt, aber singen muss er halt.« Auch der Meister und der Jakob begrüßten den bunten Gefangenen freundlich. Aber bei allen derselbe Zweifel. Ob's halt doch ein Mandl ist?

Drei Wochen vergingen, und der Stieglitz machte gar keine Anstalten zu singen. Sein Fuß war längst verheilt, der Franzl pflegte ihn sorgsam, aber er blieb scheu und stumm. Sooft der Franzl das Vogelhaus reinigte, ließ das ängstliche Tier ein paar Federn, so zerflatterte es sich an dem Drahtgitter. Manchmal rebellierte der Vogel gegen dieses, nahm einen Draht zwischen den Schnabel und schüttelte ihn, dass er laut surrte und summte. Bei Tag ruhelos, setzte er sich, sobald es zu dämmern begann, auf das höchste der drei Sprießelchen und orgelte leise. Wie im Traum. Als ob er mit sich selbst Zwiesprache halten würde, als ob er Erinnerungen nachhinge und ferne verklungene Weisen in sich wachrufen wollte. Gesang war das nicht. Das könne ein Weiberlauch, sagte man dem Franzl, der schon ganz verzagt war und den Gefangenen am liebsten ausgelassen hätte. »Dummer Bub«, erwiderte auf solches Vorhaben der Meister. »Du bischt schon bald drei Monat bei uns, und hoscht no nit g'sunge.« Eines Morgens aber, als der Meister Jakob und der Franzl gar geräuschvoll arbeiteten, hämmerten und hobelten, erhob der Hansl, auf den niemand achtete, seine Stimme immer lauter, und auf einmal sang er sein Lied aus voller Brust. Die Arbeitenden blickten sich an, Hobel und Hammer hielten inne. Aber da hörte auch der Hansl auf. Und erst als alle wieder tätig waren und so taten, als ob sie nicht auf ihn achteten, hub er von neuem zu singen an. Jetzt war es entschieden, der Hansl, der seinen Namen etwas voreilig erhalten hatte, war ein Mandl.

Von dem Tage an hob sich das Ansehen des Stieglitz in der Familie. Jetzt erwachte auch die Teilnahme des Meisters für den Vogel, er mischte sich in seine Erziehung und gab dem Franzl allerlei gute Lehren. Der Vogel dürfte nicht überfüttert werden. Und man sollte ihm sein Nirschel mit Hanfsamen nicht in das Haus hineingeben, sondern es an der Außenwand befestigen. Das sei dem Stieglitz zu dumm, immer über dem vollen Tröglein zu sitzen. Er sei gewohnt sich seine Nahrung zu suchen. Das erhalte ihn frischer. Und dem Franzl leuchtete das ein. Er befestigte auf der einen Außenseite das Nirschel mit dem Futter, auf der anderen das mit dem Trinkwasser. In eine Ecke, auf den Boden des Hauses, stellte er ein kleines Schüsselchen mit Badewasser. Und es war überraschend, zu sehen, wie der Vogel diese Einteilung begriff. Er pudelte sich in der Schüssel und trank aus dem Nirschel, das draußen hing. Das Futter blieb jetzt rein und er holte sich ein Körnchen um das andere. Sein Gesang aber wurde täglich köstlicher.

Als der Hansl sich so entwickelte, ging der Meister weiter mit ihm. Er belehrte den Franzl, dass der Stieglitz etwas zu tun haben müsse. Wenn er in der Freiheit lebe, habe er für Weib und Kinder zu sorgen, Nester zu bauen, Feinde abzuwehren, die Jungen im Fliegen zu unterrichten. Das alles fehle dem Tier. Ein gelangweilter fetter Vogel aber sei ein schlechter Sänger und werde nicht alt. Viele sterben an Herzschlag.

Da horchte der Franzl hoch auf. Und als es Feierabend war, setzte sich der Meister zu ihm und begann mit eigenen Händen drei schmale Brettchen zu schnitzeln und aus festem, glatten Papier ein kleines Behältnis zu kleben. An das mittlere Brettchen aber klebte er zwei Seitenlehnen. Und dann passte er das Behältnis hinein und probierte, ob es sich glatt darin bewegen könnte wie in einer Fahrbahn, ob es sich nirgends spieße. Endlich befestigte er einen Faden an dem Behältnis und gab Futter in dasselbe. Und jetzt wurde der Hansl mit einem Tuch zugedeckt, damit er sich nicht aufrege. Die Fahrbahn aber wurde in schräg abfallender Richtung zu seinem Hause angebracht und an der Mauer befestigt. Und am nächsten Morgen fand der Hansl sein Futter in dem neuen Behältnis an der Außenwand. Nachmittags stand es schon etwas weiter weg, er musste sich fast den Hals ausrecken, um dazu zu gelangen. Abends stand es noch ein bisschen weiter. Am zweiten Morgen aber war es nicht mehr zu erreichen. Der Stieglitz war unruhig. Er pudelte sich, er trank immer wieder Wasser, aber das Futter war ihm nicht erreichbar. Und er sang schöner als je. Da zog der Meister an einem Schnürchen und das Futterwägelchen näherte sich. Der Stieglitz äugte zuerst verdutzt, dann stürzte er sich auf sein Frühstück. Nachdem er einige Male gepickt hatte, entfernte sich das neue Nirschel wieder ganz sachte. Der Hansl war verzweifelt. Nun durfte der Franzl dasselbe tun wie vorher der Meister. Bald näherte sich das Futter, bald entschwand es.

Das ging drei oder vier Tage so fort. Endlich begriff der Stieglitz, was er zu tun hatte. Er nahm den Faden, an dem das Futtertröglein hing, in den Schnabel und zog es selbst herbei. Aber es fiel wieder zurück. Nicht einmal, zehnmal. Da kam das Tier auf den schlauen Einfall, sich fest auf den Faden zustellen und ihn zu halten, bis es gefressen hatte. Welch ein Stolz, als ihm dies zum erstenmal geglückt war! Meister, Geselle und Lehrbub brüllten. Und der Franzl lief, die Bas' Eva herbeizuholen, das Wunder zu sehen. Sie kam aus der Küche und lachte mit dem ganzen Gesicht vor Vergnügen. Der Franzl aber stand mit offenem Munde da, als der Meister das Nirschel jetzt noch weiter wegrückte und sagte, dass der Hansl es morgen schon von einer Klafter Entfernung heranziehen werde.

Und so geschah es. Der Vogel wurde den ganzen Winter erzogen, und der Franzl mit ihm. Der Meister hielt den Buben stets dazu an, den Stieglitz zu beschäftigen. Das Tierchen war so klug als willig. Und so dankbar. Es ergötzte das ganze Haus durch seinen Gesang und belustigte alle durch seine Kunststücke. Sein Futter aber schaffte der Hansl selbst herbei und war es noch so fern. Er zog sich schließlich auch das Wasser und hatte beständig Arbeit. Jetzt könne man ihn schon freisprechen, meinte der Meister. Er sei tüchtig wie ein Geselle.

Und so war langsam der Mai gekommen, und der Hansl hing zum erstenmal draußen in der Sonne und sang sein Lied. Das war nun allerdings ein Meisterstück. Er rollte und pfiff und tremolierte und schmetterte wie toll. Und ein Frohlocken war in seiner Stimme und ein Jauchzen, wie man es nie gehört.

Plötzlich flatterte ein Genosse um sein Haus herum. Franzl erblasste im ersten Augenblick, denn er glaubte, Hansl sei entkommen. Aber der Gast setzte sich hoch oben auf das Vogelhaus. Scheu blickte er um sich. Und als sich das Geringste in der Werkstatt rührte, huschte er mit einem lauten »Stieglitz! Stieglitz!« davon. Aber er kam wieder, als Hansl jetzt zu locken begann. Und dann schnäbelten die beiden Vögel miteinander. Das war kein Er, das war offenbar eine Sie! Und wie Schuppen fiel es dem Franzl von den Augen: Er hatte das Weiberl damals auch mitgefangen, aber ihm wieder die Freiheit gegeben, und jetzt kam dieses selbst und setzte sich auf das Gefängnis ihres Männchens. Ob sie wohl auch hineinginge zu ihm? Franzl sann nach, wie das zu machen wäre, ohne dass der Hansl entkäme.

Meister Jakob Wusste Rat. Als es wieder Feierabend war, machte er aus Draht eine Scheidewand, die man von oben in das Vogelhaus hineinstellen konnte. Wenn die Stieglitzin morgen wieder käme, können wir ihr das Türl offen lassen, meinte der Meister. Und sie kam Tag für Tag, fraß dem Hansl das Futter weg, schnäbelte mit ihm und flog wieder fort. Sie mit einer tückischen Schlinge zu fangen, verbot der Meister. »Wenn ihr die Lieb' einschießt«, sagte er, »geht sie von selber hinein.« Und eines Mittags saß sie drin, die Stieglitzin, und schien sehr ungehalten, dass sie auch dort noch eine Scheidewand von ihrem Liebsten trennte. Der Franzl, der sich eine eigene Vorrichtung für diesen festlichen Augenblick erfunden hatte, zog rasch von seinem Sitze aus mit einem langen Faden das Türchen zu. Und als alle Hausgenossen versammelt waren, da entfernte er die Scheidewand und der Hansl und seine getreue Stieglitzin flatterten sich in die Arme.

Das war nun ein Leben in dem Vogelhaus. So etwas Verliebtes hatte die Welt noch nicht gesehen. Der Hansl hatte alle Hände voll zu tun, seine Gemahlin in ihre Obliegenheiten einzuführen, ihr den Unterschied zwischen dem Trink- und dem Badewasser beizubringen, ihr die Futterbeschaffung zu erklären. Aber darauf ging sie nicht ein, an dem Faden ziehen wollte sie nicht. Das sollte nur der Mann allein leisten. Und er tat es willig, sein Weibchen hatte ja bald andere Sorgen. Eines Tages rupfte sie dem Hansl und sich ein paar Federn aus und flatterte ängstlich damit hin und her.

Das sah die Frau Eva und brachte schleunigst ein Büschel Heu, das der Franzl auf das Dach des Vogelhauses legen sollte. Gleich pickte die Stieglitzin danach, zog einen Halm nach dem anderen heraus und trug sie eilig in eine Ecke. Und der Hansl half. Sie bauten miteinander ein Nest und rupften sich die weichsten Federn aus dem Pelz, um das Innere desselben damit auszulegen. Und als das Nest vollendet war, ließ sich die Stieglitzin darauf nieder und schloss sittsam die Augen. Der Hansl aber saß auf dem höchsten Sprießelchen und rollte und pfiff und tremolierte und schmetterte sein Glück in die Welt hinaus. Ein Ei! Ein Ei! Ein Ei!

Und bald wurden es ihrer zwei und drei. Es entstand eine ganze Familie, und die beiden Eltern hatten zu schaffen genug. Jetzt lernte auch die Mutter das Futterziehen. Und der Franz ließ auf Wunsch des Meisters während des Tages das Türchen des Vogelhauses offen. Die Alten flogen aus und brachten Leckerbissen für ihre Jungen heim, die man ihnen selber nicht geben konnte.

So erzog sich Meister Jakob seine Singvögel und seinen Lehrbuben. Er beschäftigte den Franzl auf jede Weise und nahm ihm langsam das Heimweh nach dem Bauernstand. Hat der Hansl es in einem halben Jahr zum Gesellen und zum Meister gebracht, werde es der Franzl in drei Jahren doch auch noch zum Gesellen bringen können. Das Verzagen wäre eine schöne Schand'.

XII.

Schon wurden da und dort die Sicheln gedengelt für den Schnitt, der bald anheben sollte, als das Pfarrhaus und die Gemeindeverwaltung durch eine Nachricht überrascht wurden, die merkliche Bewegung hervorrief. Der junge Kaiser bereise Ungarn, hieß es, sehe überall nach dem Rechten, empfange Behörden und Leute aus dem Volke, wünsche alle Anliegen und Beschwerden zu hören und suche durch Leutseligkeit und Milde, die bösen Zeiten vergessen zu machen, die nun überwunden wären. Und er komme nächstens auch ins Banat, nach Temeschwar, wo er drei Tage bleibe. Alle Gemeinden seien eingeladen, eine Vertretung dahin zu senden zur Begrüßung des Kaisers. Wer um eine Audienz zu bitten wünsche, der möge das schleunigst durch sein Pfarr- und Gemeindeamt bei der Statthalterei in Temeschwar anzeigen und genau begründen, weil man doch nur ganz wichtige Sachen vor den Kaiser bringen und ihn nicht zu sehr ermüden dürfe.

Ausgetrommelt wurde das große Ereignis durch den Gemeindediener.

Also Wahl einer Abordnung! Nur der Herr Dechant und der Richter waren eigentlich selbstverständlich, die anderen mussten aus Hunderten gewählt werden. Und das setzte keine geringe Aufregung, denn man kam sich ungemein geehrt und wichtig vor. Jeder fühlte schon das kaiserliche Auge auf sich ruhen, und jeder zweite im Dorf hatte einen nachbarlichen Grundstreit oder einen alten Prozess, der sich nicht zu seinen Gunsten neigen wollte, oder sonst ein Anliegen, das er vor den Kaiser bringen wollte. Wenn er gleich in der »Depatation« wäre, ginge das wohl am sichersten, dachte der und jener.

Sollte man alle Hofbesitzer zusammenrufen und ihre Wünsche anhören? Der Richter war dagegen. Und man trat im engen Kreis zusammen, um über die Personenfrage einig zu werden. Der Herr Dechant, der Dorfrichter Johann Geiß, der Kleinrichter, die Geschworenen und der Dorfnotär als Schriftführer. Und da wurden gar viele Namen genannt. Auch nach audienzwürdigen Anliegen hielt man Ausschau, aber es fanden sich außer der alten Zehentfrage gegenüber dem Grafen keine. Der Richter protestierte gegen jede andere Privatsache, und der Dorfrat stimmte ihm zu. Die Gemeinde habe sich für keine andere Angelegenheit einzusetzen, und da der Ferdinand Trauttmann sie vertrete, sei er in die Abordnung zu wählen. Man schlug vor, auch einige frühere Richter zu wählen, den Kaspar Luckhaup, den Klotz, den Sehl, den Lannert und andere. Und es seien auch die beiden Zunftvorsteher, der Jakob Weidmann und der Michel Bausenwein aufzunehmen, sowie der Oberlehrer.

»Weidmann? Weidmann?« fragte ein Geschworener und schüttelte den Kopf.

»Was haben Sie gegen den Meister Jakob einzuwenden?« fragte der Pfarrer. »Gegen ihn selber gar nix, äwer er is jetzt doch durch sei' Tochter… Hin…«

»Dann beantrage ich, dass auch Kaspar Luckhaup nicht gewählt wird«, erwiderte der Pfarrer.

»Wie?« »Was?« »Warum?« »Unser Altrichter?«

So schwirrten dem Pfarrer die Fragen entgegen. Die Männer schienen den Einwand gegen Meister Jakob zu billigen, den gegen Kaspar Luckhaup aber ungeheuerlich zu finden.

»Ich denke«, sagte der Pfarrer »Vater ist Vater. Gereicht der Fall seiner Tochter dem Weidmann zur Unehre, so macht der Fall seines Sohnes auch dem Luckhaup keine Ehre.«

»Äwer des is doch ganz was annerscht, Hochwürde!« rief der Geschworene. »Und hot der alte Luckhaup denn mit…«

»Es ist für mich ganz dasselbe. Mit Geld wird keine Ehre repariert«, sprach Jakob Schuh fest und bestimmt.

Da griff der Richter ein »Mer kumme ab von unserer Sach', wenn mer uns uf Familiengeschichte einlosse.«

»Sehr richtig!« warf der Pfarrer ein. Der Richter aber fuhr fort.

»Der Weidmann hot sei Vorstandsstell' bei der Zunft niederlege wolle, und die Meister häwe des nit ang'numme. Er is alsdann far uns der Zunftvorsteher, und alles anner' geiht uns nix an.«

»Sehr richtig!« warf der Pfarrer noch einmal ein, und alles schwieg.

Man ging zu weiteren Namen über, aber erst in drei Stunden hatte man eine zwölfgliedrige Abordnung beisammen. So viel wurder nämlich vom Dechant vorgeschlagen.

Warum nur zwölf? Es könnten doch mehr sein, warf man ein. »Über genug!« meinte der Richter. »Wenn drei Wage von jedem Dorf anfahre, is die Feschtung Temeschwar zu klein far so viel Gäscht.«

»Zwölf ist die Apostelzahl, meine Herren«, ergänzte der Pfarrer. »bleiben wir bei ihr.«

Und sie fügten sich. Man hatte acht Bauern zwei Handwerker und zwei Vertreter der Intelligenz erwählt: den Pfarrer und den Oberlehrer. Das Bild der Gemeinde konnte nicht besser zum Ausdruck kommen. Die Nörgelei gegen diese Beschlüsse setzte im ganzen Dorf ein, als sie bekannt wurden, aber für eine Revolution war die Zeit zu kurz. Und wer aus freien Stücken nach Temeschwar fahren und sich um eine Audienz bewerben mochte, der konnte das ja tun.

»Warum die Sach' austrummeln, wenn se doch in der G'haam b'schlosse wird?« So polterte mancher Vollbauer am nächsten Sonntag im Großen Wirtshaus, aber es war zu spät, »die Apostel«, wie man die Abordnung jetzt verspottete, befanden sich schon in Temeschwar.

Sie hatten gerade noch Platz bekommen bei den »Sieben Kurfürsten«, denn die Festung war überfüllt. Was nach ihnen kam, wurde von der Torwache alles in die Vorstädte verwiesen, die jetzt neu auflebten nach der Revolution, unter der sie sehr gelitten hatten. Der inneren Stadt sah man die lange Belagerung und Beschießung durch die Armee des General Bem noch stark an, jedes zweite Haus trug eine Beule zur Schau, manches hatte noch Brandspuren im Gesicht. Jetzt aber flatterten die bunten Fahnen darüber hin. Der Bürgermeister Johann Nepomuk Preyer, ein Schwabe aus Lugosch, dem man nachsagte, dass er ein Dichter wäre, legte Wert darauf, dass alle noch ungeheilten Wunden romantisch verpflastert würden für die drei Kaisertage. Und die Statthalterei und das Generalat unterstützten ihn in allem, denn er hatte sich durch Jahre als kluger Verwalter bewährt, die Stürme der Belagerung und der Revolution überdauert und saß fest in der Gunst der Bürgerschaft. Das konnten nicht alle Autoritäten von sich behaupten auf diesem heißen Boden, auf dem das politische Klima immer die tollsten Sprünge liebte. Wo der lange, wallende Bart des Bürgermeisters erschien, lüfteten sich die Hüte, und man gehorchte ihm. Er hatte das Zivilistische der Feier in den Händen und ordnete auch die deutschen Bauern in das Bild derselben ein. Sie sollten ihren Platz erhalten, von dem sie alles sehen konnten.

Der Herr Dechant Jakob Schuh war im bischöflichen Seminar abgestiegen und nicht im Gasthof. Dort aber traf er mit seinem Freunde Johann Nowak aus Bogarosch und vielen Amtsbrüdern zusammen, die mit ihren ländlichen Abordnungen gekommen waren. Und da erfuhr er erst, was aus Anlass dieser Kaiserreise alles unternommen werden sollte. Die beiden Freunde gingen am Abend durch die festlich erleuchtete Stadt zum Paradeplatz. Ein paar Wochen während des Märzrummels hieß er Freiheitsplatz, aber jetzt hatte er seinen militärisch-festlichen Namen wieder. Im Generalatspalais, wo der Gouverneur des Landes seinen Sitz hatte, wohnte der Kaiser mit seinem Vetter Erzherzog Albrecht, und die ganze Bevölkerung und die Fremden waren unterwegs, ihn zu sehen. Der große Zapfenstreich mit Musik, der durch die abendlichen Gassen brauste, hatte alles, was Beine unter sich fühlte, aufgewühlt. Und der Zapfenstreich gipfelte jetzt in einem Ständchen vor dem Palais. Inmitten des großen Platzes erhob sich ein Zelt für die Feier des morgigen Tages. Es wurde von vier Posten bewacht im Gedränge, denn das Zelt war kostbar und enthielt das Gipsmodell eines reichen gotischen Denkmals, zu dem der Kaiser morgen den Grundstein legen sollte. Der Pfarrer Nowak hatte schon Gelegenheit gehabt, es zu sehen, und er erzählte dem Freunde davon.

»Ein Denkmal? Auf was?« fragte Schuh, als sie jetzt vor dem geschlossenen Kaiserzelt standen. »Auf das, was wir alle mit Schrecken erlebt haben«, erwiderte der Pfarrer geheimnisvoll. »Auf die Rev-?«

»Jawohl. Es klärt und symbolisiert, was hier im Lande geschah und zuletzt an der Festung Temeschwar gescheitert ist. Dass sich diese Stadt hundertundsieben Tage belagern ließ, dass vor ihren Toren die Entscheidungsschlacht geschlagen werden konnte gegen die Insurgenten, das will der Kaiser zum ewigen Gedächtnis hier festgehalten wissen. Und so erhält Temeschwar sein Denkmal.«

»Und darum sind wir berufen worden?« fragte Schuh, den ein Gefühl der Enttäuschung beschlich.

»Warum nicht? Eine so eindrucksvolle dynastische Feier, kirchlich und militärisch beschirmt, wirkt sehr erziehlich.«

»Verzeih', lieber Freund«, erwiderte Schuh bedächtig, »ich habe doch gelesen, die Reise sei der Versöhnung der Gemüter gewidmet. Findest du eine solche Verewigung des Geschehenes versöhnlich?«

»Wenn du das Kunstwerk des Wiener Meisters einmal siehst, wirst du deine Bedenken fallen lassen. Es ist so etwas Erhabenes darin, so etwas Weihevolles, fast Religiöses.«

»Mag sein, mag sein… Und welche Rolle fällt uns und unseren Landvertretern dabei zu?« fragte Schuh.

»Welche Rolle? Zum erstenmal ruft man bei solchem Anlass das Volk, ruft man den Bauer auf, sich zu zeigen. Vielleicht kommen wir auch zum Wort. Und die Audienzen zählst du nicht? Es werden in zwei Tagen Hunderte empfangen werden, sagte mir Graf O'Donnel, der Herr Flügeladjutant. Und die Bischöfe sind heute schon empfangen worden.« Sie hatten in dem Gedränge die Runde um den Platz gemacht, den Kaiser auf dem Altan gesehen, als er sich während der Musik zeigte, und sie strebten jetzt durch die Wiener Gasse nach dem Domplatz. Der Dechant wollte seine elf Apostel noch verständigen, wo sie sich am Morgen einzufinden hatten.

Diese aber waren ebenfalls unterwegs, und sie fanden nur einige vor. Der Oberlehrer Heckmann, der Meister Jakob, sein Genosse Bausenwein und der Ferdinand Trauttmann, die eine Gruppe für sich bildeten, waren schon zurück. Der Richter, der sich mit dem Luckhaup und den anderen Bauern zusammengetan, war noch auswärts. Die beiden Pfarrer setzten sich mit den Anwesenden zu einem Glase Bier zusammen und besprachen die Ereignisse. Diese horchten hoch auf, als sie erfuhren, was morgen früh auf dem Paradeplatz geschehen sollte. Das interessierte sie. Sie hatten wohl schon da und dort ein altes Denkmal gesehen, dessen Sinn aber selten verstanden. Und wie so etwas wird, warum und zu welchem Zweck, das hatte noch keiner von ihnen erlebt. Nur mit halbem Ohr horchte der Trauttmann zu, er sollte ja mit dem Pfarrer und dem Richter zur Audienz, er sollte vor dem Kaiser reden. Das prickelte ihm schon im Blut. Wohl hatte ihm der Herr Dechant das Majestätsgesuch, das er überreichen wollte, fein säuberlich geschrieben. Aber- aber… Und er hatte auch seinen Beweis bei sich, das Gebetbuch seines Urgroßvaters.

Der Pfarrer Nowak ließ sich das Buch zeigen. »Himmelschlüssel« war sein Titel, und als Schmuck stand dem Text voran das Bild eines Kreuzes. »Cruzifixus FerdinandiII.« las er darunter. Und er sah seinen Amtsbruder an. »Jawohl«, sagte dieser, »es ist das berühmte Familienkreuz der Dynastie.« Trauttmann störte das geistliche Gespräch, das sich da anzuspinnen drohte, mit den lebhaften Worten: »Hinna, hinna steiht was!« Und der Pfarrer von Bogarosch las rückwärts die Widmung: »Im Namen der Kaiserin Maria Theresia an den Landmann Ferdinand Trauttmann übergeben durch den Hofkommissär Freiherrn von Breßler. Wien, Anno 1745.« Und da fand sich auch die Eintragung von des Besitzers Hand über die Zehentsache. Es war ein Dokument. »Das Gebetbuch hebt gut auf, Herr Trauttmann«, sagte Nowak. »Das ist ein Familienschatz. Und ich meine, euere Sache steht gut, da sie so einen Beweis hinter sich hat.« Man redete dann von andern Dingen. Die neue Ernte lag allen im Sinn.

Aber wenn zwei Pfarrer und ein Oberlehrer mit einer kleinen Auslese der dörflichen Intelligenz beisammen sitzen - die fehlenden rückten auch allmählich an -,da wird nicht bloß über das Wetter und die Ernteaussichten geredet, da wird politisiert, da werden die öffentlichen Zustände besprochen. Und man konnte das jetzt ganz laut tun in dem kaiserlichen Temeschwar, man brauchte die Stimme nicht zu dämpfen. Was da morgen festlich begangen wurde, das war ja so eine Art Triumph über die Revolution, es kündigte eine neue Zeit an. Wie denn das nur gewesen sei mit der Revolution? Warum sei sie denn eigentlich ausgebrochen? So fragte der und jener in der Runde. »Es war eine allgemeine Weltunzufriedenheit«, sagte Pfarrer Schuh, »überall spürte man eine Auflehnung gegen die von Gott eingesetzte Ordnung. In Frankreich, in Italien, in Deutschland, in Preußen, in Österreich und auch in Ungarn erwachte der Geist des Umsturzes. Es war ja manches hinter der Zeit zurückgeblieben, der Druck auf die Völker war zu groß geworden, und sie machten sich eben Luft. Angefangen hat Paris. Und dann kamen die anderen der Reihe nach. Die Welt steht eben nicht still, sie entwickelt sich beständig, und es ist Sache der Regierungen, das zu sehen und dem guten Neuen Platz zu schaffen, das Böse aber zu unterdrücken. Und so entsteht eben Streit und Zank und Aufruhr. Die Welt ist voller Irrtümer. Ob eine Sache gut oder schlecht war, die sich durchgesetzt hat, das erkennen in der Regel erst die nächsten Geschlechter.«

»So ist's in allem«, sagte Johann Geiß, der Richter. »Nit amol unser' Felder losse sich alles g'falle. Uf dem eine will kein Getreide wachse, uf dem annern werd aus de Kartoffel nix, uf dem Buckeltrage die Kwetscha nix, uf dem annern gedeiht kein Wein. M'r muss probiere, muss tausche; Bääm, die der Großvater g'setzt hot, muss der Enkel wieder aushacke und was anners versuche. Und so wie mit der Landwirtschaft, so is es, maan ich, mit der ganze Welt.«

Der Dechant Schuh schaute dem Sprechen dem alle zustimmten, vergnügt in die Augen. Er war zufrieden mit ihm. Und auch der Pfarrer von Bagarosch zollte dem Richter Beifall »Da haben Sie sehr recht, Herr Richter. Genau so ist es in der Politik. Nur kommen manchmal Geschlechter, die vergessen, was früher missraten ist, und sie versuchen immer wieder dasselbe. Da geht es dann drunter und drüber in der Staatswirtschaft Aber man hat in der Landwirtschaft entdeckt, dass man dem widerspenstigen Boden durch Düngung Kräfte zuführen kann, die er nicht besitzt. So dass man wieder versuchen könne, was früher nicht möglich war. Vielleicht geht das auch im Staat und bei den Völkern.«

»Der Doktor Bach in Wien scheint es zu glauben«, sagte der Oberlehrer, »denn er versucht jetzt wieder in Ungarn, was schon unter Kaiser Josef missglückt war.«

»Sehr wahr«, erwiderte Nowak. »Aber man darf wohl sagen, dass die Ungarn das herausgefordert haben. Es ist kaum fünfzig Jahre her, dass sie ihre Sprache entdeckt haben, und plötzlich wollen sie alle Völker in Ungarn zwingen, sie als Staatssprache anzuerkennen. Da haben die Kroaten mit der Auflehnung begonnen und die anderen folgten. Aus dieser Wurzel entstand bei uns die Revolution, alles andere ist nur hinzu gewachsen. Und der Kaiser hat wieder Ordnung gemacht. Es ist ihm schwer genug geworden, denn auch in Wien und Prag gab es Krawalle, und mit Sardinien lag er im Krieg.«

»Darum hat er wohl die Russe zu Hilf' garufa«, sagte einer der Bauern.

»Nur darum«, erwiderte Pfarrer Nowak. »Sonst hätte er sie nicht gebraucht.«

»Und glaubst du, lieber Freund«, sagte der Dechant, »um bei dem landwirtschaftlichen Bilde zu bleiben, dass jetzt der Boden in Ungarn genügend gedüngt ist, um das wieder versuchen zu können, was Kaiser Josef wollte?«

Ehe Nowak darauf antworten konnte, fiel Ferdinand Trauttmann mit der Frage ein: »Vergebt, Herr Dechant, was war denn des, was der Josef gewollt hot?«

»Es war der sogenannte Zentralismus, das heißt ein einheitliches von Wien aus regiertes großes Reich mit der deutschen Staatssprache als Bindeglied zwischen den vielen Provinzen«, sprach Dechant Schuh.

»Ahan! Ahan!« machten mehrere Bauern und sahen sich gegenseitig verständnisvoll an.

»Aber die Ungarn waren dagegen«, fuhr jetzt Nowak fort, »sie wollten damals das Lateinische noch nicht aufgeben. Fünfzig Jahre später setzten sie das Latein ab und verlangten, dass wir alle ihre Sprache lernen, dass die Ämter alle Akten madjarisch schrieben und überall madjarisch verhandelten. So hätten sie das Land Ungarn vom Reich getrennt und die Einheit gestört. Alles andere, was man euch von der Revolution erzählt, sind Nebensachen, das ist die Hauptsache, denn der sprachlichen Trennung wäre auch die politische gefolgt, schon haben die Kroaten und Serben, die Slowaken und Walachen dasselbe verlangt vom Kaiser. Darum, liebe Freunde, ist man jetzt zum Zentralismus zurückgekehrt, zum starken einheitlichen Reich mit deutscher Amtssprache.«

»So ist das!« »So ist das!« riefen die Männer. »Aber wird es so bleiben?« fragte der Oberlehrer. »Das weiß nur Gott«, antwortete Pfarrer Nowak. Dechant Schuh sah nach der Uhr und mahnte den Amtsbruder zum Aufbruch.

Dieser erhob sich. »Ja, es ist Zeit für uns.« Und zum Richter Geiß gewendet sagte er: »Der Boden muss gedüngt werden, wenn der kaiserliche Wein jetzt gedeihen soll, wo er früher missraten ist. Ordnung, Gerechtigkeit, gleiche Besteuerung brauchen wir. Und höhere deutsche Schulen, Eisenbahnen im Lande, Dampfschiffe auf der Donau, Verkehr, gute Märkte. Das alles muss man uns endlich schaffen. Dann wird einem die Wahl nicht schwer werden.«

»Ja, des hört sich gut an«, schmunzelte Johann Geiß. »Mit solchem Dünger wachse Kwetscha uf jedem Kukuruzstengel.«

Man ging heiter auseinander nach dem ernsten Gespräch und gelobte sich, frühmorgens pünktlich in der Seminarkirche zu erscheinen, wo beide Herren vor der Feier auf dem Paradeplatz die Messe lesen wollten.

Es war ein großer Tag für die Stadt. Und sie wurde früh durch Musik geweckt. Durch alle Festungstore kam das Volk von auswärts herbei, aber die Garnison, in Paradeausrüstung, bildete schon einen Kreis um den Festplatz und schloss ihn ab. Durch die Seitengassen strömten die Zivilgäste herbei, und die Vertreter der Landgemeinden kamen vom Siebenbürgertor her. Der schlanke junge Kaiser, gefolgt von der Generalität, begrüßt vom katholischen und griechischen Bischof und ihrem geistlichen Stabe, erschien vor dem Zelt. Das Publikum jubelte ihm entgegen, die Fahnen neigten sich. Und der Gouverneur des Banats hielt im Namen der Armee eine patriotische Ansprache an den Kaiser. Der Kaiser aber verlas als Antwort die Urkunde, die in den Grundstein des Denkmals gelegt werden sollte. Sie enthielt Dank und Anerkennung für die erhabenen Taten der Armee. Das Denkmal, das der Kaiser stiftete, sollte für, ewige Zeiten eine sichtbare Erinnerung bilden an die heldenmütige hundertundsiebentägige Verteidigung der Festung Temeschwar. Und er unterzeichnete die Urkunde. Die beiden Bischöfe aber segneten den Grundstein, in den sie gelegt wurde, unter dem Geläute aller Glocken, und der Kaiser stieg in die ausgehobene Grube hinab. Der Baukünstler des Denkmals reichte ihm eine silberne Kelle und einen silbernen Hammer, und der Kaiser fügte mit eigener Hand den Stein in die Grundmauer. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Zum Ruhme meiner Armee, zur Ehre dieser getreuen Stadt«, sprach er und führte drei Schläge auf den Stein. Zwei Musikkapellen spielten das »Gott erhalte«, das die Tausenden entblößten Hauptes mitsangen, und von den Festungswällen brüllten die Kanonen in den gewaltigen Chor.

Unsere Bauern, die vor dem Stadthause standen, waren mächtig ergriffen von dem militärischen und kirchlichen Prunk dieser Feier. Sie sahen, wie jetzt der Kaiser mit vielen Herren redete, wie andere das Modell des Denkmals umstanden und besichtigten. Und plötzlich entstand eine schiebende Vorwärtsbewegung. Die Bürgerschaft und die Zünfte von Temeschwar, die mit ihren Fahnen erschienen waren, zogen am Zelt vorüber, und der Kaiser grüßte sie militärisch. Ihnen folgten die zahlreichen Gruppen vom Lande. Die Schwaben mit ihren Geistlichen, die Walachen und Serben mit ihren Popen, und alle schwenkten ihre Hüte dem Kaiser zu. Die Serben riefen »Zivio«, die Walachen »Sa traiasca«, die Schwaben riefen »Vivat!« Und der Kaiser hob immer wieder dankend die Rechte und nickte dem Volke zu.

»Wie schad', dass unser Weiber nit do sein«, sagte Trauttmann zum Meister Jakob. Und auch der wiederholte: »Schade!« Und sie sprachen damit aus, was viele empfunden haben mögen. Es war ein Fest der Männer, Duft und Blüte fehlten ihm. Der Zug der Bürger bewegte sich gegen das Josefstädter Tor und bog dann nach links ab gegen die innere Stadt. Die Vertreter der Landgemeinden aber wurden wieder zurückgeführt auf den Paradeplatz, der sich langsam leerte. Die Regimenter zogen mit Musik in die Kasernen, das Publikum verlief sich. Die Landpfarrer aber zeigten ihren Abordnungen jetzt das große Modell des Denkmals, das einigen von ihnen der Wiener Meister schon am Vortag erklärt hatte. Auch Johann Nowak hatte es schon gesehen, und er ergriff das Wort vor dem Modell, als er mehrere Gruppen deutscher Bauern um sich versammelt sah. »Liebe Landsleute, horcht einmal: Das ganze Werk, das ihr da seht und das in einem Jahr fertig dastehen soll«, sagte er, »ist ein gothisches. Das heißt, es ist in jenem Stil des Mittelalters gedacht, in dem die Stefanskirche in Wien, der Dom in Köln und Straßburg erbaut sind. Es wird zwanzig Meter hoch werden, das sind acht bis neun Klafter. Sehr sinnreich hat der Künstler die Grundanlage als eine Art Festungswall gedacht, bedroht von wilden Untieren. Das sind die Sinnbilder der Revolution und des blinden Aufruhrs. Aus diesem Untergrund steigen vier lichte schlanke Säulen auf, die einen Baldachin tragen. Über diesem strebt in reicher Verzierung die Bedachung hoch empor und endigt in einer Kreuzblume. Wie ihr seht, liebe Landsleute, ist der Raum zwischen den tragenden vier Säulen wie eine Kapelle. Und in ihr steht, den Schlüssel der Festung in den Händen, eine edle Jungfrau als Sinnbild der Treue für Kaiser und Vaterland. Außerdem umstehen noch vier kriegerische Tugenden, die Treue, denn sie allein genügt nicht zum Werke. Hier seht ihr die stolze Ehre, hier den demütigen Gehorsam, hier die ewig gespannte Wachsamkeit und hier die Aufopferung des einen für alle. Von diesen Tugenden waren die Verteidiger der Stadt erfüllt, und so haben sie dem Kaiser die Festung in Not und Tod gegen die Geister des Aufruhrs, die ihr unten seht, gehalten, bis die Befreiung möglich war. Und sie waren alle bereit zu sterben, sowie die Verteidiger der Stadt Ofen gestorben sind. Lest noch die Inschrift: Franz Josef l. den heldenmütigen Verteidigern der Festung Temeschwar im Jahre 1849’. Hier habt ihr ein lebendiges Beispiel, wie die Nachwelt ihre Helden ehrt. Das Denkmal in Ofen und dieses in Temeschwar, sie werden noch euren Kindern und Kindeskindern von den Taten tapferer Soldaten erzählen. Aber man ehrt nicht nur kriegerische Tugenden auf ähnliche Weise. Dort, an der Stirnseite des Stadthauses, seht ihr noch heute die Gedenktafel für den Grafen Mercy, der eure Vorfahren hier ansiedelte, dort, vor der Piaristenkirche, seht ihr die Statue des heiligen Johann von Nepomuk, eures Landespatrons. Auch seine vielen Statuen in der Welt sind nicht einem kirchlichen Heiligen, sie sind den Tugenden gesetzt worden, die ihn auszeichneten und Nachahmung verdienen. Nichts, was auf Erden Edles und Gutes geleistet wird, geht verloren. Der eine setzt sich bloß ein Denkmal im Herzen seiner Kinder oder seiner Gemeinde, dem anderen setzt der Kaiser, die Kirche oder das Vaterland eines, so wie hier. Denkmäler sind verkörperte Beispiele zur Nachahmung für uns alle.«

Der Dechant Schuh und andere Amtsbrüder drückten dem Pfarrer Nowak, als er geendet hatte, die Hand. Auch die Ortsrichter dankten ihm. Das habe jetzt alles Hand und Fuß, meinten sie, man könne etwas von dem Gehörten und Gesehenen zum Nachdenken mit nach Hause tragen.

Um die Mittagsstunde stand der Dechant Jakob Schuh mit dem Dorfrichter und Ferdinand Trauttmann im Vorsaal des Audienzzimmers. In demselben Saal, in dem vor hundertundfünfzig Jahren der türkische Pascha und nach ihm Graf Mercy seine Gäste empfing… Sie kamen als Abordnung früher an die Reihe als die vielen Einzelpersonen, die da warteten. Trauttmann hielt sein Gesuch und sein Gebetbuch in Händen und wiederholte immer wieder die schönen Worte, die er sich ausgedacht hatte als Ansprache an den Kaiser. Aber als er dann vor dem eleganten jungen Herrscher stand und in dessen blaue Augen blickte, hatte er sie alle vergessen, und es gab nur ein Gestammel. Der Dechant hatte ja schon gesprochen und den Dorfrichter und ihn selbst dem Kaiser vorgestellt. Es blieb ihm nur die Sache. Und das verwirrte ihn. Aber der Kaiser kam ihm zu Hilfe. Er wisse schon, um was es sich handle, sagte er, er werde die Zehentsache genau untersuchen lassen und ihm zu seinem Recht verhelfen. Das Gesuch übernahm er, in das Gebetbuch machte er freundlich lächelnd einen Blick. »Das ist schön, dass solche Andenken so treu aufbewahrt werden«, sagte er. Und nun sprach der Richter. Die ganze Gemeinde sei in derselben Lage wie der Trauttmann, nur habe sie gar keinen Beweis, ob der Zehent für ewige Zeiten oder nur für hundert Jahre vereinbart war. Aber man meine, es werde wohl so sein, wie des Trauttmanns Sache. Jedes Haus habe ein paar Weingärten mit harter Zehentabgabe. Und erbitte um die Gnade, auch das untersuchen zu lassen. Der Kaiser schrieb sich rasch ein Wort auf Trauttmanns Gesuch auf und erwiderte: »Sind Sie ganz beruhigt, Herr Richter, und sagen sie es allen: Man werde Ordnung machen.« Zum Dechanten gewendet fuhr er fort: »Meine Minister bereiten ein Gesetz vor über die allgemeine Grundentlastung. Der Zehent wird durch eine kleine Entschädigung an die früheren Grundherren abgelöst und gänzlich aufgehoben werden. Das können Sie von der Kanzel verkünden. Hochwürden.« Er neigte den Kopf, und sie waren entlassen.

Lange zehrten die zwölf Apostel der Gemeinde - der Spitzname blieb ihnen zeitlebens - von den Erlebnissen ihrer Fahrt zum Kaiser. Sie hatten am zweiten Abend noch den Fackelzug und die Stadtbeleuchtung, am dritten Tage die Abreise des Kaisers erlebt und waren dann, Luckhaup und Weidmann immer voneinander getrennt, durch ihre in der Junisonne goldig schimmernden Fluren heimgefahren. Das lachende, schwellende Land, in dem neben dem herrlichsten Brot auch die Melone reifte und die Mandel, in dem weite Tabakfelder sich dehnten und alle Kulturen des Südens gepflegt werden konnten, es kam ihnen noch einmal so schön vor auf dieser feiertäglicher Heimfahrt. Nur der Pfarrer und Meister Jakob sahen auch die Schatten dieses sinnigen Bildes. Es war ein Bauernland; das Nützliche, das rasche Früchte trug, überwog. Jeder wollte den Lohn seiner Arbeit schleunigst reifen sehen, Bäume zu pflanzen und ruhig zu warten auf ihren Ertrag, Kulturen für künftige Geschlechter zu schaffen, wie die Vorfahren, das fiel keinem mehr ein. Meister Jakob erzählte dem Pfarrer von seiner einstigen Wanderzeit und ihrem Gewinn, von seinen Erfahrungen mit Edelobst, mit Blumen und Pflanzen, die er heimgekehrt, aus Südtirol und Italien bezogen. Es sei erstaunlich, was alles hier fortkomme, wenn man es pflege. Und seltsam wäre, was es hier einmal alles gab. Noch in seiner Kindheit wären die Endelyschen Gärten rund um die Landmühle ein Paradies gewesen, in dem es Feigen- und Orangenbäume gab und Edelobst hundertfältiger Art. Seitdem die Gärten in zehn Hände gekommen, in Bauernhände, habe die letzte Stunde für all das geschlagen. Kein edler alter Obstbaum bekäme mehr einen Nachfolger, was ein oder zwei Jahre nichts trage, werde ausgeholzt, und so verwandelte sich auch diese Zierde der Gemeinde allmählich in Getreide- und Kartoffelfelder. Die türkischen Zwetschgen wären noch das einzige, was an den alten Schwaben Endely, den sogenannten Türkenmüller, erinnere, der die Gärten einst angelegt haben soll. Einen Spiegel brauchten unsere Leut' aus alten Zeiten, sagte der Meister, und jährlich einmal sollten sie sich in demselben sehen. Dann würde manches besser sein.

Das war ein Gespräch für den Dechant. Auch er hatte solche Neigungen wie Jakob Weidmann sie da offenbarte, aber er kannte den Meister gar nicht von dieser Seite. Und die Geschichte der Endelyschen Gärten war ihm auch nicht geläufig. Sein eigener Garten war klein, aber er lud den Meister ein, ihn einmal zu besichtigen, es gäbe da manches, das ihn freuen würde. Und er habe schon lange einen geheimen Plan, er wolle mit Hilfe der Gemeinde einen Schulgarten schaffen, eine Baumschule für die reifere Dorfjugend.

»Das wär' ein Segen!« sagte Meister Jakob. Damit könne man den Sinn für manches wecken und er tue gern mit. Und die beiden Männer, die sich schon zehn Jahre kannten, sprachen zum erstenmal von dem, was ihnen gemeinsam war. Der Spiegelgedanke gefiel dem Dechant ausnehmend. Ja, wer solch einen Schwabenspiegel schaffen könnte! Sein Freund, der Pfarrer von Bogarosch, wollte ja auch nichts anderes.

Man fuhr durch deutsche und walachische Dörfer, und jedes war von weitem kenntlich. Die romantische Schlamperei und Verlumpheit der einen stach mächtig ab gegen die Sauberkeit und Stattlichkeit der anderen. Die weißgetünchten, spiegelblanken Häuser der Schwabendörfer mit ihren grünen Fensterläden und roten Ziegeldächern, sie hatten wahre Sonntagsgesichter an diesem Tage, in jedem könnte der Kaiser absteigen, meinte der Trauttmann im zweiten Wagen. Die elenden walachischen Dörfer aber, diese Hütten aus Weidengeflecht und gestampftem Lehm, mit windschiefen Rauchfängen und zerlumpten Strohdächern, mit den Misthaufen vor der Tür, mit Hof ohne Zaun, ohne Tor- sie gaben noch heute ein Bild vom Urzustand des Landes. So war es überall, ehe deutsche Pflüge hier ackerten. In den breiten Gassen dieser Dörfer wuchs das Gras, die Männer hüteten die Herden, und die Weiber schminkten sich. Nur was man zur Notdurft des Lebens brauchte, wurde ausgesät und geerntet. Missjahre waren Hungerjahre. »Wann werde die amol ufwache?« fragte der Richter, als sie wieder durch ein solches Dorf fuhren. Aber sie kamen zuletzt durch eines, das schon ein wenig wach zu sein schien, es war ihr Nachbardorf. Zwischen all dem Gelumpe stand immer wieder ein Haus, das deutsch und blond war, denn so mancher zweite und dritte Schwabensohn, der keinen Grund mehr erbte, erwarb hier einen und siedelte sich inmitten der Walachen an. Aber zur Kirchweihzeit erwachte immer das Heimweh in ihnen, und sie kamen hinüber nach Rosenthal. Ganz vergessen waren sie nicht. Ihr Nachwuchs freilich schien in Gefahr zu sein. Der Oberlehrer besprach es, dass die deutschen Kinder hier ganz ohne Schule wären und er ihnen wöchentlich zweimal seinen Unterlehrer, den jungen Theiß, schicke, der nähme auch die Post immer mit.

Heidi, die Post! Da kam ihnen ja aus dem Tal so ein gelbes Wägelchen entgegen und blies sie mit Trara, Trara als Aufforderung an, auszuweichen. Und neben dem Postillion saß ein grimmiger Gendarm mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett. Als ob, wie vorzeiten, hinter jedem Busch ein Räuber lauere, sah das aus. Und die stolzen Bauernwagen mit den eingehängten Herrensitzen und den prallen Pferden wichen dem Wägelchen gehorsam aus. Aber wie auf Verabredung begann in allen drei Wagen jetzt das Postgespräch. Rosenthal und andere deutsche Gemeinden waren keine Poststationen, weil sie nicht an der Komitatsstraße lagen. Von weit und breit mussten die Briefe nach diesem walachischen Nest getragen werden, ankommende Briefe aber bekam man nur, wenn man hier danach fragte. Sie lagen oft wochenlang da. Seit hundert Jahren war das so, und niemand konnte es ändern. Wäre das nicht auch etwas für den Kaiser gewesen? Sie riefen es sich von Wagen zu Wagen zu. Schade, dass man es vergessen hatte.

Als sie jetzt langsam die letzte Anhöhe hinauffuhren, von der sie den freundlichen heimischen Kirchturm erblickten, hörten sie den Postillon hinter sich eine schöne alte Weise anstimmen. Auch er fuhr seine Anhöhe im Schritt hinauf und blies und blies… War das nicht das »Ännchen von Tharau«? Der Oberlehrer sah sich um und erblickte zur Linken des musikalischen Postillons den Friedhof des Dorfes. Himmel, woran erinnerte ihn das? War das nicht ein verkörpertes Gedicht von Nikolaus Lenau, des großen Banater Dichters? Er sann in sich hinein und summte ein paar Strophen des Lenau'schen »Postillon«:

Mitten in dem Maienglück

Lag ein Kirchhof innen,

Der den raschen Wanderblick

Hielt zu ernstem Sinnen.

Hingelehnt an Bergesrand

War die bleiche Mauer,

Und das Kreuzbild Gottes stand

Hoch in stummer Trauer.

Schwager fuhr auf seiner Bahn

Stiller jetzt und trüber,

Und die Rosse hielt er an,

Sah zum Kreuz hinüber.

Halten muss hier Ross und Rad,

Mags euch nicht gefährden:

Drüben liegt mein Kamerad

In der kühlen Erden!

Ein gar herzlieber Gesell!

Herr, ’s ist ewig schade!

Keiner blies das Horn so hell

Wie mein Kamerade!

Hier ich immer halten muss,

Dem dort unterm Rasen

Zum getreuen Brudergruß

Sein Leiblied zu blasen!

Und er blies ihm das »Ännchen von Tharau«…

Noch einmal sah Oberlehrer Heckmann sich um, aber er sagte kein Wort, denn niemand hätte ihn verstanden. Wohl klang Lenaus Name ab und zu durch das Land, aber es öffneten sich ihm nur wenige auserwählte Herzen. In einem Schwabendorf geboren war der Dichter. Aber stand sein Name in irgendeinem Grundbuch? Besaß er Haus und Hof? Führte er je einen Pflug? Keiner von diesen Bauern hätte ihm seine Tochter gegeben. Und jetzt war er tot, in einem Wiener Irrenhause gestorben. Nein, nein, man konnte mit diesen Gesunden nicht von ihm reden.

Mit lautem Zuruf wurde der heimatliche Kirchturm begrüßt. Und als die drei Wagen die Hauptstraße hinabfuhren, fehlte nicht viel und die Jugend hätte den zwölf Aposteln die Pferde ausgespannt. Vor allen Haustoren standen die Leute und winkten ihnen zu, denn sie hatten schon erfahren, was der Kaiser ihnen versprochen.

XIII.

Das Erntefieber brach aus, und alles andere versank. Sommer und Winter gingen hin, das große Tagewerk erneuerte sich immer wieder, und die Menschen keuchten unter seiner Last. Was war der Inhalt ihres Lebens? Arbeit, Arbeit, Arbeit! »Schaffen« nennen sie es. Schaffen! Ja, es war ein Bodensatz schöpferischen Vermögens in dieser Riesenarbeit. Man schaffte nicht nur um sich satt zu essen, das vollbrachte Werk ging weit darüber hinaus. Es verankerte ein Volk auf eigener Erde. Jedes Dorf schuf sich hier sein eigenes Deutschland, jedes war eine Welt, in der Tausende ihren Daseinskreis vollendeten, als lebten sie am Rhein oder in Schwaben. Niemand blickte mehr hinter sich, die Fäden, die zur Urheimat führten, waren in hundertundfünfzig Jahren langsam verloren gegangen, und jedes neue Geschlecht trieb seine Wurzeln tiefer in das Erdreich. In die Breite und in die Tiefe wuchs es, aber nicht in die Höhe. Fest klammerten sie sich an die Scholle, gierig stillten sie ihren Feldhunger, an ihrem bäuerlichen Wohlstand bauten sie mit allem Fleiß, aber von Idealen wussten sie nichts; der geistige Zustrom aus einer Nation fehlte ihnen, der Spiegel ihrer Ahnen. Und die wenigen, die einen Mangel in ihrem Leben fühlten, wussten nicht, was das wäre, das Inselhafte ihres Daseins kam ihnen nicht zum Bewußtsein. Ein Hauch von höheren Zielen hatte sie aus der unvergessenen Kirweihpredigt des Pfarrers von Bogarosch angeweht, ein neuer Luftstrom hatte die zwölf Apostel auf ihrer Fahrt nach Temeschwar gestreift, aber es verflüchtigte sich alles wieder. Der Same, dem keinem Regen, dem kein Tropfen Tau zu Hilfe kam, ging nicht auf, die Räder liefen über ihn hinweg. Der junge Oberlehrer Heckmann bebaute ja ein Stück Poesie im Kirchengesang, und was er allsonntäglich in die Orgel legte, das stieg himmelan. Die Poesie der alten Liederbücher blühte in jeder Spinnreih auf, und in Sitte und Brauch lebte uraltes deutsches Volksgut. Aber nichts, was darüber hinausging, machte sich fühlbar. Arbeit, Arbeit, Arbeit! Gab es noch etwas anderes in der Welt? Niemand sagte es ihnen. Von keinem wurde eine Handlung anderer Art erwartet oder ein Opfer gefordert für irgendein gemeinnütziges Werk. Wohl ging am Sonntag in der Kirche ein Klingelbeutel um und störte die Andacht, aber die Herzen öffnete niemand, die blieben zu. Nicht einmal Dorfarme gab es, für die die Gemeinde hätte Sorge tragen müssen. Der die Lilien auf dem Felde kleidet, der deckte jedem Schwaben sein Dach und füllte alle Speisekammern. Aber schaffen musste er können, schaffen, schaffen, schaffen. Selbst die Brüder von der Walze, die Fechtbrüder, mieden die reichen Schwabendörfer, denn man gab ihnen nichts umsonst, man forderte sie auf, mitzuschaffen. Und da liefen sie lieber meilenweit, denn sie wussten, was die Schwaben unter Schaffen verstanden. Und die Walachen und Serben Wussten es auch. Sie redeten nur vom deutschen Arbeitswahnsinn, er war eine Geißel für all die Halborientalen. Und wo er in ihre Dörfer eindrang, ergriffen sie alsbald die Flucht.

Der Meister Jakob erzählte abends bei Tisch von einem Dorfe in der Bergsau. Eine Holzreise hatte ihn wieder einmal dahin geführt, denn wo die Deutschen Dorf an Dorf hausten, da gab es keine ordentlichen Wälder mehr, da wurde alles niedergepflügt, Wagner und Fassbinder und Schreiner mussten immer weiter fahren um ihre Hölzer. Vor zwanzig Jahren, sagte er, gab es dort kaum zwei schwäbische Familien, heute sei die Gemeinde fast ganz deutsch. Die wenigen Walachen, die zurückgeblieben, seien Hirten und Ziegelschläger der Deutschen geworden. Und schon genügte den Schwaben der eroberte Boden nicht mehr, sie gehen an die umliegenden Urwälder heran und legen sie nieder. Freilich seien sie gescheiter als die Altvorderen, sie kaufen das Joch Wald um hundert Gulden, auf Zehent lasse sich keiner mehr ein. Aber wenn das so weitergehe, werde man bald nach Siebenbürgen hinaufreisen müssen, wenn man Wagnerholz brauche.

Der Philipp, der mit der Anmerich auf einen abendlichen Plausch gekommen war, sagte: »Des g'fällt m'r von dena Bergsauer Schwobe. Nar so weiter! Und wann's Holz all 'is, spanne mer halt ein und fahre uf Siwaberga. Des Land do im Banat, des brauche mer far Brot! `s Holz kann jo dort wachse, wo nix annerscht wächscht, in de Berge. Und wann m'r ainol Eisebahne kriege…«

»Wann! wann! Des wird noch dauern, maan ich!« erwiderte der Meister. »Jetzt baue se endlich an einer über Szegedin und Temeschwar. Bis an uns die Reih kummt, leb ich nit mehr.«

»Oho, Vatter! Oho! Heuntzutag geiht alles g'schwinder. Mer scheint, der junge Kaiser treibt an. Der Grof hot gaguckt, dass ehm vom G'richt jetzt der Beweis aufgatrage worde is, dass unser alt’ Gebetbuch nit lügt. So a Prozess hätt' früher amol fufzig Jahr gedauert.«

»Na, na, der eure is aa no nit aus«, bemerkte der Meister. »Der Grof hat jetzt `s Wort.«

»Gar nix werd er beweise könne, sagt sei Verwalter, und über's Jahr kriegt er kein Zehent mehr. Von uns nit!« rief der Philipp.

»Pscht!« machte die Anmerich, die an das Bett des kleinen Christof getreten war, das hinter dem Ofen stand. »Du weckscht jo de Bu uf«, sagte sie vorwurfsvoll. Und sie ordnete sein Lager, da er sich abgedeckt hatte. Dabei fuhr sie ihm leise über den blonden Kopf.

»Na, er soll nar zuhorche. Erfahrt er beizeite, wie's in der Welt hergeiht«, erwiderte Philipp mit gedämpfter Stimme.

»Du Hans Narr«, sprach die Anmerich lachend und kehrte zum Tisch zurück. Und sie erzählte der Mutter Eva, was er mit ihrer kleinen Bärbl alles treibe und rede. Als ob sie schon sechs Jahre alt wäre. »Na wart nur, bis d' an Bu hoscht! Mit dem wer ich beizeite deutsch rede!« scherzte er. Und dann erkundigte er sich nach der Susi. Wie es ihr denn gehe. Man sehe sie gar nicht mehr.

»Die kimmt jede Sunntag namittag«, sagte die Mutter Eva. »Manchmal aa unner der Woch'. Und do hängt sich der Bu an sie und will se nit fartlosse. Sie konn immer erscht geihn, wann er eig'schlofa is. Und immer git's halt nasse Aage.«

Meister Jakob sog an seiner Pfeife und sagte barsch: »Kein Mensch hot's ihr g'schafft, dass sie in Schwarzwald geiht.«

»Na ja, sie will halt was verdiene far ihr Kind«, sagte die Mutter. »Und wann die Leut' so bedeln um sie… Es geiht ihr recht gut bei der Bas' Mali. Nix fehlt ihr wie der Bu.«

»Des konn ich mer denka«, sagte Anmerich.

»Denkt euch und redet, was ihr wollt, der Bub bleibt hier.« Meister Jakob sagte dass so bestimmt, dass es eine Erwiderung darauf nicht gab. Frau Eva hinkte aber doch noch mit der Erklärung nach, dass auch sie den kleinen Christof nicht hergebe.

»Des wär mir das Rechte«, begann der Vater nach einer Weile noch einmal, »wenn der Bu dort aufwachse tät und seine Kamerade uf der Gass ihm täglich des Haus von sei'm Vatter weise möchte. Soll des Kind dort verspott't und verschimpft werde wie sei Motter? Soll es sich so frühe Gedanke mache müsse über die Niederträchtigkeit der Welt? Des hot keine Eil. Des kimmt von selber.«

»Dass der Luckhaup so g'schwind g'haiert hot, des war a bös's Stückl«, sagte der Philipp.

»Und dart sitze se jetzt, drei Häuser vuneinander, sehe sich täglich und trutze sich gegeseitig was uf. Dadraus konn nix Gutes entstehe, des sag ich und dabei bleib ich«, sprach die Anmerich.

Der Vater sah sie groß an. »Du sprichst meine Gedanke aus. Es konn zu nix Gutem führe.«

»Macht mer de Kopp nit warm!« wehrte die Frau Eva ab. »Die Susi hot amol Lehrgeld gezahlt, sie is g'scheit ganung.«

Der kleine Christof weinte im Schlaf auf, als habe ihm ein Traumbild verraten, was da von seiner Mutter geredet wurde, und die Großmutter ging sogleich zu ihm hin. Das Kind warf sich mit einem tiefen Seufzer auf die andere Seite und schlief weiter.

Meister Jakob aber beschloss im stillen, die Susi zur Heimkehr aufzufordern. Hatte sich doch der Stefan Jäger, einst sein Lehrling, jetzt ein junger Meister aus seiner Zunft, bei ihm um sie beworben. Er war plötzlich Witwer geworden und stand mit zwei Kindern ohne Weib da. Aber die Susi wollte nichts davon hören, in ihr kochte und brodelte noch das große Erlebnis. Aber das wird sich ja endlich doch ausgetobt haben. Und da winkte ein Hafen für sie. Er wollte das nicht aus dem Auge lassen.

Und ehe die Susi am nächsten Sonntag wieder kam, besprach er die Sache mit der Frau Eva noch einmal. Er wundere sich sehr, dass sie als Mutter nicht mit beiden Händen nach dem schönen Angebot gegriffen habe für das Mädel, das ja nun doch einmal verschimpflert sei.

Sie zuckte die Achseln und wusch und putzte den kleinen Christof, damit er recht sauber wäre, wenn die Susi käme. Und er pappelte lustig in die Rede des Großvaters hinein, die er nicht verstand. Dieser rühmte den jungen Meister mit Eifer. Er war in der Fremde, war ein gewitzter Mann geworden, verstehe sein Handwerk aus dem ff und mache drüben in Altrosenthal die besten Wagen. Von dem könne mancher noch etwas lernen. Und er habe Haus und Hof in der Hauptstraße, habe durch seine verstorbene Frau eine kleine Bauernwirtschaft mitbekommen und stehe sich am besten von allen Gewerbsleuten im ganzen Dorf. »Was is denn einzuwende gege den Stefan? So red' doch endlich!« schloss er schon gereizt durch ihr hartnäckiges Schweigen.

Die Großmutter ließ ihren Christof endlich laufen, denn er strebte in den Hof hinaus. Er wusste, dass die Mutter kommen solle.

Was sie gegen den Stefan habe? Gar nichts. Aber sie könne der Susi nicht unrecht geben. Zuerst einmal sei sie mit dem, was sie durchgemacht, noch nicht fertig. Das gehe bei einem ehrlichen Mädchen nicht so geschwind wie bei den Männern. Die nähmen auch solche Sachen auf die leichte Achsel. Die schwerere Last trage allemal das Weib, und manche verwinde so etwas in ihrem ganzen Leben nicht. Man müsse der Susi also Zeit lassen. Wenn sie der Jäger will, kann er ja warten auf sie. Es werde sie ihm keiner wegnehmen.

»Warten! Warten! Er hat eine Wirtschaft, hat zwei Kinder und braucht ein Weib im Haus und eine Mutter«, erwiderte der Meister.

Und darauf hatte die Frau Eva gar vieles zu erwidern. Das wäre ja das eigentliche Hindernis, meinte sie. Er habe zwei Kinder, sie habe eines, und die weiteren würden nicht ausbleiben. Ob er sich denn vorstellen könne, was das wäre, was das bedeute. Dreierlei Kinder in einem Haus! Die Frau müsse ein Engel sein, die sich da hineinfinde, die es da allen recht machen könne. Und nicht nur dreierlei Kinder, auch dreierlei Vermögen. Und dreierlei Verwandte, die in diese Wirtschaft hineinreden möchten, die darüber wachen werden, ob es auch mit rechten Dingen zugehe. Und der Waisenvater werde auch die Nase drin haben wollen in allem. Dass die Susi das alles bedacht habe, das glaubte die Mutter nicht, aber es sei sehr klug gewesen von ihr, da nicht gleich hineinzuspringen. Dazu sei sie noch viel zu jung und unerfahren. Und sie riet dem Vater, ihr Zeit zu lassen, sie nicht zu nötigen und nicht zu überreden. Die Verantwortung wäre zu groß… Und was zutiefst in ihr dagegen sprach, das sagte sie nicht. Immer wieder erinnerte sie sich an die Worte der Bas' Mali… Die ferne Aussicht, ihre Nachfolgerin zu werden, war für die Susi noch immer vorhanden. Nur reden durfte man davon nicht. Auch der Susi hatte sie es niemals angedeutet.

Den gescheiten Einwänden seiner Frau konnte sich der Meister nicht entziehen, wenn er auch meinte, bei so kleinen Kindern - das älteste des Jäger zählte erst vier Jahre - könnte ein vernünftiges Elternpaar wohl fertig werden mit allen Schwierigkeiten. Die Sache werde erst schwierig, wenn sie ein paar Jahre verschoben würde.

Und als die Susi jetzt mit ihrem Buben kam, den sie in vorgeneigter Haltung zärtlich an der Hand führte, verstummte das Gespräch der Eltern. Sie hatte sich wieder ein paar Stunden freigemacht, um Mutter sein zu können. Und sie tollte mit dem Christof, sobald sie die Eltern begrüßt hatte, in Hof und Garten herum, plauderte und scherzte mit ihm wie ein Spielkamerad. So gut verstand das niemand. Nicht einmal der Franzl, der sich dem Kleinen oft widmete und der ihn schon einmal sogar hinüber in den Schwarzwald zu Besuch brachte, weil die Susi die kranke Bas' Mali nicht verlassen durfte.

Der Vater folgte der Susi in den Garten. Und da sagte er ihr, dass er es gern gesehen hätte, dass sie mit dem Buben einmal die Anmerich besuche, die immer einen so guten Einfluss auf sie ausübte.

»Die zwei beklage sich schon«, sagte er, »dass sie dich gar nit mehr sehe.«

Aber sie schüttelte den Kopf. Da habe sie doch gar nichts von ihrem Kind, wenn sie zu anderen Leuten mit ihm gehe. Die Anmerich solle halt selber einmal kommen mit ihrem Mann. Susi vermied es ängstlich, sich mit ihrem Buben öffentlich zu zeigen. Und der Weg zur Anmerich, an einem Sonntagnachmittag, wo alles plaudernd vor den Häusern saß, wäre ja ein Spießrutenlaufen ohne Ende gewesen. Nein nein, das bedachte der Vater nicht. Sie war zur Vesperzeit durch das Tal im Fluge herübergewischt, und zur Zeit der Dämmerung ging sie wieder heim. Daneben keinen Schritt. Der Vater verstand sie ganz gut, er hätte nur gewünscht, dass sich die Schwestern einmal gründlich aussprächen. Was die Anmerich neulich äußerte, das konnte der Susi niemand anders beibringen, das musste die ihr selber sagen, sie musste es ihr so offen ins Gesicht sagen, wie sie es hier getan. Aber ganz enthalten konnte er sich doch nicht der Bemerkung, dass man sie im Haus entbehre, das zuviel Arbeit auf der Mutter liege, und dass sie daran denken möchte, zu Neujahr wieder heimzukehren.

Sie aber meinte, das würde wohl kaum gehen. Die Bas' Mali habe über ein Jahr auf sie gewartet, sie sei indessen immer elender geworden und könne jetzt ohne Pflege gar nicht mehr sein. Das brächte die Frau um. Sie werde es ja ohnehin nicht mehr lange treiben.

Da schwieg der Vater und überließ sie dem Spiel mit dem Kinde.

Und als die Dämmerung ihre grauen Fäden über Hof und Garten wob, da brachte die Susi ihren müdegehetzten Kleinen ins Haus, entkleidete ihn, wusch ihm den Staub aus dem hellen Bubengesicht und brachte ihn unter tausend Küssen zu Bett. Und sie sang ihn in den Schlaf.

Nun schlaf mein liebes Bübelein

Und mach deine Äuglein zu.

Denn Gott, der will dein Vater sein,

Drum schlaf in guter Ruh.

Dein Vater ist der liebe Gott

Und wird's auch ewig sein,

Der Leib und Seel dir geben hat

Wohl durch die Mutter dein.

Er schickt dir auch die Engelein

Zu Hütern Tag und Nacht,

Dass sie bei deinen Bette sein

Und halten gute Wacht.

Schluchzend lag ihr Kopf auf den Kissen des Kindes, mit Tränen netzte sie sein Gesicht. Und der Bub schlang seine Ärmchen um den Hals der Mutter und küsste sie. Dieses Lied war immer das erste, das sie sang, aber er liebte dessen trübe Weise nicht, weil die Mutter zu letzt immer so weinte. Er verlangte »Traßburg«. Und noch im Halbschlaf, wenn der Gesang aussetzen wollte, lispelte er bittend: »Traßburg singe.« Und die Mutter sang ihm so lange

O Straßburg, o Straßburg,

Du wunderschöne Stadt!

bis er völlig eingeschlafen war.

Als die Susi nach einer halben Stunde aus dem Zimmer kam und sich die Augen wischte, sagte die Großmutter: »Wie du mer den Bu verwöhnscht! Was des immer far a Arweit koscht, ihn einzuschläfern. All' müssa mer Straßburg singa, die Kathl, der Franzl, ich oder der Großvater. Annerscht tut er's nit.«

Stumm drückte die Susi ihrer Mutter die Hand und eilte fort.

XIV.

Lang genug hatten Mathes Wörle und seine Frau auf die Susi warten müssen, jetzt hatten sie sie und ließen sie nicht mehr von sich. Schwer half sich die Bas' Mali über dieses Wartejahr hinüber, sie setzte ihre letzten Kräfte ein und hielt sich alle Helferinnen aus der Freundschaft vom Leibe. Nahte eine, rollte sie sich zusammen wie ein Igel, und wenn eine Base sie auch noch so zart angriff, sie zerstach sich die Hände. Die Susi kam häufig zu Besuch und brachte manches in Ordnung, daheim aber machte sie auch Handarbeiten für die Bas' Mali. Sie hielt sich das Haus warm, in dem sie in schwerer Zeit so gut aufgenommen wurde, und als der Christof geheiratet hatte und Bauer im Schwarzwald geworden war, erst recht. Die Scheu, die sich anfänglich bei dem Gedanken, in Christofs Nähe zu leben, in ihr regte, hatte sich seit seiner überstürzten Heirat in Trotz verwandelt und Herausforderung. Diese armselige Anna! Sie hasste sie von Herzen. Und sie dichtete ihr ein Froschmaul an und gläserne Augen. Er soll sie, die Susi, nur täglich sehen und fühlen, was er getan. Sie wird sich nicht verstecken vor diesem Nachbar, nein, das wird sie nicht.

Und endlich war der Morgen ihres Wiedereintritts bei Wörle gekommen. Sie ging dreimal im Laufe des Tages zum gemeinsamen Schwengelbrunnen um frisches Wasser für die Bas' Mali, sie wollte bemerkt sein, und sie wurde es. Mit keckem Griff holte sie den Amper aus der Höhe herunter, zog die Stange nach und tauchte ihn mit starken Armen in das tiefe Wasser, bis er glucksend geschöpft hatte. Ein paar kräftige Hebungen, die ihr den vollen Schnürleib schwellten, ein geschickter Griff, und der Amper stand auf dem breiten Brunnengestell. Sie füllte sich ihren braunen Wasserkrug, und was übrig blieb, leerte sie in die Tröge, die zur Viehtränke dienen. Kein Knecht und keine Stallmagd tat ihr etwas an Geschicklichkeit zuvor. Und als Christof am nächsten Morgen mit seiner Frau ins Feld fuhr, stand die Susi, prall und frisch, strotzend von Jugend und Kraft, im Fenster. Sie hatten beide unbedacht oder halb neugierig hingeschaut, und der Christof wurde dunkelrot bei ihrem Anblick. Seine Frau wandte, als sie vorbei waren, noch einmal den Kopf und schaute böse zurück, die Augen der Susi aber funkelten ihr entgegen. Und sie wünschte ihr nichts Gutes.

In der Wirtschaft fiel langsam alles, was der Bäuerin zugehörte, an die Susi. Die Base spannte gänzlich aus, sie hatte sich im letzten Jahr zu viel zugemutet, und das rächte sich jetzt. Eigentlich empfand sie es als eine wohlige Entspannung, sie war müde, sehr müde, aber auch sorgenfrei. Es ging wieder alles wie von selbst, sie hatte ihre Ordnung, und der Bauer war auch zufrieden. Mehr wünschte sie nicht.

Aber eines Morgens war ihr gar nicht wohl zumute, sie hatte ein schweres Bein es war dunkelrot und brannte wie Feuer. Als ob ihr ein Unhold des Nachts siedendes Blei in den linken Fuß gegossen hätte, so war ihr. Und sie fieberte. Da erschrak die Susi nicht wenig. Auf Krankheiten war sie nicht vorbereitet, die gab es in ihrem Hause nicht. Der Bauer aber war nicht daheim. Wer konnte raten? Sie machte der Base einen kühlen Umschlag, und das tat ihr wohl. Es änderte aber nichts, das Fieber stieg. Die Nachbarin, die sie über den Zaun hin fragte, riet, nur gleich die Kerns Kathl zu rufen. In solchem Fall sei das »Brauchen« das allerbeste. Das wollte ihr nicht einleuchten. Sie lachte über diese Altweiberweisheit und machte einen frischen Umschlag. Aber die Base hatte nichts einzuwenden gegen die Kerns Kathl. Die Susi möchte doch einmal gehen und ihre Fraala über sie befragen. Und die Susi eilte hinunter zur Fraala um Rat. Lange hatte die alte Frau sie nicht mehr bei sich gesehen, und sie wurde nicht sehr freundlich empfangen. »Ah, du lebscht aa noch?« begrüßte die Fraala ihre Enkelin. »Häb schon g'häert, dass d' wieder drauß bischt beim Mathes und der Mali. Und den Chrischtof hoscht a glei dernewa. Mädscha, Mädscha, schmeiß dich nit weg! Wann m'r dich anguckt, maant mer, du muscht an jedem Finger ein' zappeln häwa, der dich doch noch haiert. Geb acht uf dich!« Ohne dem Sinn der vielen Worte nachzuforschen, sagte sie nur rasch um Rat für ihre Base. »Ein' rote dicke Fuß? Und Hitze hot se aa? Do spring nar g’schwind zur Kerns Kathl' nüber. Des is ein Karfunkel. Do helft nar's Brauche. Mer hot se aa g'holfe. Wann dein Vattera galacht hot, wahr is es doch.«

Und eine Stunde später trat die Kerns Kathl in das Wohnzimmer der Bas' Mali. Ein hageres graues Mannweib, das nach Wein roch. Die richtige Dorfhexe und Kurpfuscherin. Sie trug eine Handtasche mit allerlei Salben und Schachteln und Pillen, einer Spritze und sonstigem Handwerkszeug. Und zutiefst in der Tasche lag eine fettige, abgegriffene Rolle beschriebener Blätter voller Rezepte und Beschwörungsformeln. Sie setzte sich an das Bett, betrachtete das kranke Bein, stellte allerlei intime Fragen und redete ein medizinisches Kauderwelsch von Rhabarbara, Thurgit und Diogrit, die pulverisiert in heißen roten Wein zu trinken wären. Auch ein Ei könne hineingeschlagen werden, und gezuckert solle der Wein sein. Das verzehre die Flüsse des Rotlaufes und reinige das hitzige Geblüt. Und sie gab der Susi aus Schachteln und Dosen das Nötige. Dann aber sagte sie, das Zimmer wäre zu hell, die Susi möchte die Läden schließen und zwei Kerzen anstecken. Alles Apothekerwerk wäre nichts, wenn nicht Gott helfe und der Heilige Geist. »Mer müssa jetzt beta. Zuerscht a Vaterunser. Derno tu ich der Bas' Mali brauche und do druf beta mer noch zwa Vaterunser. Die Tür sperrn mer zu, störe derf uns koins.«

Als das Zimmer dunkel und versperrt war und die Kerzen brannten, deckte die Kerns Kathl das kranke Bein auf, kniete mit der Susi am Bett nieder, und sie beteten gemeinsam mit der Bäuerin. Dann neigte die Kathl ihr Gesicht ganz nahe zu dem brennend roten Bein und murmelte: »O du aller heißester und allerherzigster Karfunkel, wie bist du so heiß und so dunkel. Mit Gott dem Vater such ich dich (sie blies kräftig gegen das entzündete Bein), mit Gott dem Sohn finde ich dich (sie blies zum zweiten Male), und mit Gott dem Heiligen Geist (sie blies zum drittenmal) vertreibe ich dich. Abageh, abageh, abageh Sadanaß! Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen!« Und sie beteten jetzt gemeinsam zu Ende.

Dann erhob sich die Kerns Kathl und gab allerlei vernünftige Ratschläge. Empfahl der Susi auch die Anwendung der Spritze, die sie ihr bis morgen hier lassen wollte, mit warmem Wasser. Die kühlenden Umschläge aber verbot sie. Kälte und Hitze vertrügen sich nicht, eins müsse weichen. Die Hauptsache aber sei immer das dreimalige Brauchen. »Do muss mer de Kopp fescht zusamme nehme, nar an des Leid denka und es mit dem Heilige Geischt vertreibe. Wann mer des dreimal mache, Bas' Mali, und `s kimmt nix derzu, seid Ihr g'sund«, sagte sie mit rauher heiserer Stimme. Und als sie mit der Susi schon in der Küche draußen war, begehrte sie ein gutes Maß Wein, der Hals sei ihr ganz ausgedörrt.

Die Susi hatte im Anfang nicht übel Lust gehabt, der alten Zauberin ins Gesicht zu lachen. Aber ihr sicheres Auftreten, ihre Wissenschaft von geheimen Dingen machte sie ganz befangen. Und da die Base weiß Gott durch welches Wunder nach dreimaligem Brauchen von ihrem Rotlauf befreit wurde, war auch die Susi geneigt, an Hexerei zu glauben. Alles im Dorfe fürchtete die Kerns Kathl, niemand wollte sie zum Feind haben, denn sie konnte schaden und nützen, konnte das Vieh verhexen und Diebe bannen. Und Frauen und Mädchen hatten auch oft geheime Wünsche an sie… Ach, seufzte die Susi, wenn sie von dieser Kraft doch auch ein Teilchen besitzen würde! Sie wüsste schon, wozu sie sie gebrauchen wollte. Sie aber hatte nichts als ihre Augen. Wenn sie ihr ganzes Denken in diese legte, an nichts als das dachte, was ihr widerfahren war vom Christof, und fest auf ihn hinblickte, da wurde er unruhig im Wagen und wendete allemal den Kopf nach ihr. Sie wollte es, und er musste hersehen, wenn sie des Morgens oder Abends im Fenster stand. Sie zwang ihn dazu.

Mit einer solchen Leidenschaft betrieb sie dieses Spiel, dass auch die Base darauf aufmerksam wurde. Sie schüttelte den Kopf und schwieg. Als sie aber eines Nachts ein leises Kratzen und Pochen am Fenster hörte, und die Susi, die sich in ihrem Bett aufgerichtet hatte, dies mit einem Hohngelächter beantwortete, da konnte sie nicht mehr schweigen. »Susi, Susi, was tuscht du? Du lockscht und lockscht, ich seh's alle Tag. Was willscht denn noch vun dem Chrischtof? Was konn denn do draus wer'n? Willscht ehm nomol ufsitze? Des konn der passiere. Äwer vu n sei' m Weib kriegscht `n dei Lebtag nit weg.«

Sie redete in der Dunkelheit zum Bett der Susi hinüber, aber diese gab keine Antwort. Sie wand sich wie in Krämpfen, ihr Bett ächzte, aber sie redete kein Wort.

»Gäb acht, Mädscha, du verspeelscht bei der G'schicht. Loss den Lump laafa, der is nit mehr ei'zuhola… Und du machscht mer ein große Verdruss do im ganzen Schwarzwald. Die Leut wer'n all gege dich sein.«

Sie schliefen beide nicht in dieser Nacht, aber zu einer Aussprache war es nicht gekommen, die Susi antwortete nicht. Nur nachdenklich hatten sie die Reden der Base gemacht. Sie fragte sich endlich selber, was sie wollte. Böses wollte sie, aber was, das wusste sie nicht. Dieser Anna gönnte sie ihn nicht, gegen sie richtete sich ihr Hass. Nur ihr wünschte sie alles Schlechte. Wäre sie doch eine Hexe, wie die Kerns Kathl! Aber Wünsche, starke Wünsche haben vielleicht auch die Kraft ihrer Augen. Und sie verwünschte den Schoß der Anna aus ganzer Seele. Unfruchtbar soll sie bleiben. Kein Kind soll der Christof je auf seinen Armen halten, da er das ihre verschmäht und bemakelt hatte. Gott möge sie erhören. Dann wolle sie sich in ihr Los schicken.

Sie zeigte sich am nächsten Morgen nicht am Fenster wie sonst. Schweigsam verrichtete sie ihre Arbeit im Hause, und auch die Base redete wenig. Es genügte ihr zu sehen, dass ihre nächtlichen Reden nicht ohne Eindruck geblieben waren. Warum sollte sie bei Tage wieder damit beginnen? Sie verstand ja, dass es in der Susi noch stritt und raufte, dass sie noch lange nicht fertig war mit sich. Und diese Nachbarschaft musste den Kampf verlängern, ihn verschärfen. Das war nun einmal nicht zu ändern. Man musste Geduld haben und ihren Sinn nach anderer Richtung lenken…

Als die Susi mittags zum Brunnen ging um frisches Wasser, fuhr auch die Anna mit einem Krug aus ihrem Haus heraus und kam zum Brunnen. Sie war ziemlich struwlig, der Einfall musste ihr plötzlich gekommen sein. Wie eine Wildkatze fauchte sie die Susi, die schon schöpfte, vor den versammelten Mägden an. »Guckt se an, du is des Mensch von mei'm Mann. Jetzt möcht's `n gern nornol haun. Sie hot mit ei'm Bankert nit ganung!«

Die Frau war grün und gelb vor Gift und Galle, ihre Rede übersprudelte sich.

Der Susi schlugen die Worte wie Peitschenhiebe ins Gesicht, aber sie fasste sich. »Zoddelbock!« sagte sie, voll Verachtung die dürftige Gestalt messend. »Wann m'r ein rare Vogel g'fange hot, derno gibt m'r halt besser acht uf'n. Mer sperrt `n halt ein, dass er ei'm bei der Nacht nit auskimmt.«

»Du Luder!« schrie die Anna, fassungslos über diesen Hohn.

Da ergriff die Susi den schweren Brunneneimer und schüttete ihr den ganzen Inhalt über den Kopf, so dass sie taumelte und nach Luft schnappte.

Lachend ging Susi ihres Weges, und alles lachte mit.

So hatte sie also doch den Unfrieden in Christofs Haus getragen, die Brandfackel der Eifersucht angesteckt in der Verhassten. Sie triumphierte. Der Base erzählte sie nichts von dem Vorfall, aber sie erfuhr es von anderer Seite. Und sie beschwor die Susi, nicht mehr zum Brunnen zu gehen. Sie zitterte vor dem Gedanken, sie eines Tages zu verlieren. Wenn dieser Streit sich fortsetze, sei sie ja doch die Schwächere. Die Susi lächelte böse: »Losst des gut sein, Bas' Mali. Sie brennt vor Eifersucht, sie hot ihr'n Teil schon weg. Was kann se denn taun? Sie werd mich nit mehr schimpe. Und er? Er soll m'r nit in die Näh' kumme. Ich rat's ehm nit.«

Aber er kam doch noch einmal. Ganz in derselben Weise wie das erstemal kratzte und pochte es eines Abends wiederleise am Fenster. Und als es sich wiederholte, fuhr die Susi aus dem Bett heraus, öffnete einen Flügel und rief hinaus: »Geih haam zu deim Zoddelbock! Schämscht dich nit, dei Weib aa noch zu betrüga? Du Kalfakter!«

Aber er lief schon, als sie den zweiten Satz sprach. Und eine kreischende Frauenstimme empfing ihn beim Brunnen… Und es klatschte…

Jetzt sei sie zufrieden, sagte die Susi zur Base und ging wieder zu Bett. Sie habe es beiden gegeben und von nun an existieren sie nicht mehr für sie.

Der Christof aber hatte den Teufel im Hause. Vergeblich suchte er seiner zärtlichen Anna begreiflich zu machen, was er vorhatte. Bitten und beschwören wollte er die Susi heimzugehen, fort aus dem Schwarzwald. Denn diese Nachbarschaft tue nicht gut, sie mache ihm sein Weib krank. Das wäre der einzige Zweck seines Fensterlns gewesen. Nur um ihretwillen habe er den Schritt getan. Jetzt sei es aus… Aber die Weiber sind harthörig, wenn sich's um Ausreden in gewissen Dingen handelt, die Anna glaubte ihm nicht. Und sie hatte keine ruhige Nacht mehr, sie wagte nicht einzuschlafen, weil der rare Vogel ihr entwischen könnte. Und sie ging auch nicht mehr zum Brunnen, wo sie ein Gespött aller Nachbarn geworden war, sie ging eines Tages zum Pfarrer und bat um Hilfe. Aber als der erfuhr, dass sie die Angreiferin war, dass sie die Susi beschimpfte, und was ihr Mann für einen Schritt getan, da musste er jede Einmischung ablehnen. Im umgekehrten Fall, ja, da hätte er wohl eingreifen und die Susi vorladen können. Vor dem Pfarrer nahm die Anna sogar ihre Zuflucht zu dem Bekenntnis ihres Mannes, da tat sie, als glaube sie an dessen gute Absichten. Sie wollten sie beide ja nur forthaben aus der Nachbarschaft. Da könne er nicht helfen, sagte der Herr Dechant. Dem Vater der Susi werde er raten, seine Tochter zu sich zu nehmen, um sie solchen Beschimpfungen und Belästigungen zu entziehen, aber er könne sich nicht verhehlen, dass die Schuld nicht auf ihrer Seite läge.

»Nit, Hochwürde?« sagte die Anna. »Die konn hexa, mit de Auge konn se hexa?« Der Pfarrer entließ sie mit dem guten Rat, der auch ihrem Mann gelte, der Susi nicht mehr in die Augen zu sehen und ihr Fenster in Ruhe zu lassen.

Und vom Pfarrhaus ging die Frau zur Kerns Kathl. Vielleicht wusste die Rat. Sie nahm gleich eine halbe Speckseite unter die Schürze, um sie ihren Wünschen geneigter zu machen. Und diesen Weg ging sie öfter in der Dämmerung, und sie machte ihn nie mit leeren Händen. Die Kerns Kathl trug ihr ewiges Geheimnis auf und verlangte einen Gegenstand, der von der Susi stamme, etwas, das ihr gehört habe, sonst könne sie nicht auf sie einwirken. Wo etwas hernehmen? Anna durchwühlte die Truhe, in der ihr Christof seine Bubensachen beisammen hatte, aber sie fand nichts, das der Susi gehört haben konnte. Wohl trug er den schönen Sonntagshut aus Hasenhaaren noch, der einst sein Vortänzerhut gewesen. Aber der hatte nie ihr gehört, er war nur durch ihre Hände gegangen, sonst hätte sie ihn verschwinden lassen. Und wo waren die Bänder? Ja, die schönen Bänder! Sie konnte ihren Mann doch nicht fragen. Lieber ging sie zur Bas' Liesl und suchte zu erforschen, ob sie nicht darum wisse, oder die Margret. Vielleicht seien sie von den Frauen irgendwie verwendet worden. Wenn sie nur noch einen Fetzen davon kriegte, war ihr geholfen. Die beiden Frauen wussten nichts von den Bändern. Wohl aber hatten sie erfahren von den Schwarzwaldgeschichten, die man sich überall erzählte. Schöne Sachen waren das! Der Christof geht Fensterln zur Susi und wird verspottet, und sie wird beim Brunnen getauft von ihr? Ob sie sich denn nicht schäme? Das ganze Dorf lache über sie.

Am nächsten Sonntag vor dem Kirchgang beklagte sich der Christof, dass ihm schon lange ein Knopf fehle am Pekesch. Er wollte Nadel und Zwirn haben und ihn sich selber annähen. Sie riss ihm den Pekesch aus den Händen. Das wäre ihre Sach'. Und als sie ihn dann auf ihrem Schoß liegen hatte und nähte, da guckte aus der linken inneren Seitentasche ein glänzendes rotes Zipfelchen heraus, das ihre Neugierde reizte. Was kann denn das sein? Und sie zog die schön gefalteten vier Kirweihbänder aus der Tasche hervor. Jubeln hätte sie mögen und war doch blass vor Zorn und Scham. Die trug er bei sich? All die Zeit? Geheiratet hatte er sie in dem Pekesch, und vor dem Altar noch trug er Susis Angebinde im Sack? Sie ließ den Fund rasch verschwinden und warf dem Christof, als er wieder eintrat, den Pekesch ins Gesicht. Und zwei Wochen redete sie nicht ein Wort mit ihm und gab auf keine Frage eine Antwort. Da er die Bänder nicht vermisste oder doch in keiner Weise zu erkennen gab, dass ihm etwas fehle, machte sie sich im geheimen Vorwürfe. Er trug den schönen Pekesch nur immer auf dem Kirchgang. Könnte er die Bänder nicht in der Seitentasche vergessen haben? Er wird sie damals, nach der Kirweih, wohl zu sich gesteckt und dann nicht mehr daran gedacht haben. Es konnte nicht anders sein. Und als ihr Zorn verraucht war, trug sie eines der schönen Bänder im Triumph zur Kerns Kathl. Die bestaunte die Pracht. Aber sie hatte Bedenken. Das wäre doch nur ein Teil eines Ganzen, die Anna müsse trachten, auch die noch dazugehörigen zu erwischen. Sie müsse alle beisammen haben, um sie nachts unter der Dachtraufe zu vergraben. Dort verfaulen sie am schnellsten. Und sei das geschehen, dann sei auch das unsichtbare Band der Liebe abgefault, das sich doch vielleicht noch von einem zum andern spinne. Nicht gern opferte die Anna auch die anderen drei Bänder, sie hätten vielleicht noch einmal eine bessere Verwendung finden können. Drei Bänder? Das war der Kerns Kathl nicht genug, sie hatte auf zehn oder zwölf gerechnet. Und sie musste erst daran erinnert werden, dass es ja ein Vortänzerhut gewesen war, den die Susi aufzuputzen gehabt hatte. Und sie fand, das wäre eine dumme Sitte, gerade die so armselig zu bedenken. Vier Bänder! Na es werde reichen müssen. In das eine Band mache sie drei Knoten im Sonnenschein und binde der alten Liebe das Feuer ab. In das andere mache sie drei Knoten im Mondenschein und binde ihr das nächtliche Laufen ab. Mit dem dritten Band binde sie die Beständigkeit ab, und mit dem vierten binde sie den Christof im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes an sein Weib. Dieses letztere aber dürfe nicht verfaulen, das müsse sie bis zum Neumond aufheben und dann bei Nacht verbrennen. Und das koste fünf Gulden, denn Speck habe sie für dieses Jahr genug.

Jetzt erst kehrte ein wenig Ruhe ein in das Gemüt der jungen Frau und Sicherheit. Ihr Glaube half ihr über das Wirrsal in ihrer jungen Ehe hinüber.

Die Susi aber hielt das Wort, das sie sich selber und der Base gegeben. Sie hielt es um so tapferer, seitdem der Vater ihr neuerlich ernstlich nahegelegt hatte heimzukehren, denn er werde nicht ruhig zusehen, wie sie den guten Ruf seines Hauses völlig untergrabe. Wenn auch nur das geringste noch verlaute, hole er sie selber ab, und wenn er sie am Zopf heimziehen müsse. Und er erwies sich unzugänglich für jede Aufklärung des Sachverhalts, er ließ die Schuldfrage nicht einmal aufwerfen. Gewiss habe sie Anlass gegeben zu allem, was geschehen sei, sie habe aber alle Ursache sich zu ducken, sich nicht bemerkbar zu machen. Mit einem Wort, er wolle nichts mehr über sie reden hören.

Auch zu den Ohren des jungen Meisters Stefan Jäger war der Klatsch aus dem Schwarzwald gedrungen. In welcher Lage mochte die Susi da draußen sein! Vielleicht heilte sie das langsam vor ihrem Starrsinn gegenüber seiner Werbung. Vielleicht dankte sie es ihm eines Tages, wenn er sie doch noch holte. Und je mehr er's bedachte, desto günstiger erschien ihm die Zeit, seinen Versuch zu erneuern. Er war ein stattlicher junger Mann von dreißig Jahren, hatte bei Meister Jakob seine vier Lehrjahre gemacht, war in der Fremd gewesen und kam als Herrischer wieder heim, der sich gar nicht so leicht in das alte Leben fügte. Erst als er eine Bauerntochter zur Frau bekam, ergab er sich langsam. Der Zauber der Scholle, des Besitzes, führte ihn wieder in das dörfliche Geleis, er schnitt sein Getreide und hackte seinen Kukuruz wie die anderen. Aber den schmalen braunen Rundbart, den er aus der Fremde mitgebracht und der sein frisches Gesicht umrahmte, den gab er nicht her. Er wollte sich unterscheiden von den Bauern, und an Sonntagen sah er denn auch immer aus wie ein junger Gutsherr.

Die Weidmannsmädeln kannte er seit seinen Kindertagen, die Susi ging in die Dorfschule, als er freigesprochen wurde. Der einstige Lehrbub war auch ihr eine liebe Jugenderinnerung. Warum sollte er sie nicht einmal heimsuchen da draußen.

Aber sie war doch sehr überrascht, als er eines Sonntags zur Versperzeit erschien. Er hatte dem Bauern einen neuen Wagen gemacht und wollte einmal hören, wie er ihm gefiel. Und auch die Bas' Mali wünschte er zu sehen und die Susi, die ja eine so gute Bekannte von ihm wäre. Wörle war zufrieden mit dem Wagen, sie tranken sich eins zu auf das gute Gelingen. Und dann kamen sie beide in die vordere Stube zu den Frauen. Vorher verabredeten sie, miteinander ins Große Wirtshaus hinunterzugehen auf einen Sonntagsdischkurs, sie gedachten sich nicht lange hier aufzuhalten. Aber der Meister hatte mit der Susi ein leises Gespräch angefangen und war nicht loszubringen von ihr. Während sich der Bauer beim Bett seiner Frau, das sie heute wieder einmal hüten musste, ein wenig niedersetzte - es geschah selten genug, dass er sich dazu bequemte -, verzog Jäger sich mit der Susi nach vorn zum Fenster und redete auf sie ein. War es die Sonne, die dort so schräg ins Fenster fiel? Dem Bauer schien es, als glühten die Backen der Susi, und sie sah ihm den Meister auch viel zu freundlich an. Er stupfte seine Frau, als wollte er sie aufmerksam machen auf das, was von diesem Witwer vielleicht drohte. »Sie sein jo von Kind uf bekannt«, sagte sie leise. Aber große Augen machte sie doch.

Die Susi wand sich los von dem Gast und wollte, dass er sich noch einmal niedersetze bei der Base, doch der Bauer, der ungeduldig geworden war, mahnte zum Aufbruch und ging voran. Jäger gab der Bäuerin die Hand, wünschte ihr eine baldige Genesung und sagte rasch: »Und bei der Susi legt halt a gut's Wort für mich ein.« Als sie ihn fragend ansah, fügte er, mit den Augen zwinkernd, hinzu: »Sie wirds Euch schon sage.«

Und der Bauer, schon unter der Tür, sprach zurück: »Jäger, mer häwe die höchscht Zeit.« Sie gingen, und Susi blieb verlegen zurück.

»Was maant er denn?« fragte die Bäuerin.

»A nix!« sprach die Susi ausweichend. »Dummheide!« Und sie richtete sich rasch zum Ausgehen her. Sie wollte zu ihrem Buben. Aber die Base ließ sie nicht los, sie war beunruhigt und wollte wissen, was für ein gutes Wort der Meister von ihr erwarte. Und da gestand die Susi, dass der Jäger ihr in aller Geschwindigkeit einen Antrag gemacht habe. Zum zweitenmal. Denn einmal hätte sie daheim schon nein gesagt. Er meine, sie solle sich's jetzt nicht länger überlegen, denn da im Schwarzwald könne sie ja doch nie in Ruhe leben… Die Base hatte sich's ja gleich gedacht. Aber sie antwortete vorerst nicht. So schnell fertig war sie nicht mit dem Wort in ernsten Fragen. Und das Schicksal der Susi ging ihr nahe. Wie konnte die nein sagen? Warum tat sie das? Eine solche Partie in ihrer Lage, die gab es doch kein zweites Mal. Die Susi zu verlieren, wäre ihr unendlich schmerzvoll gewesen, ja, sie hielt es in diesem Augenblick für unmöglich, sie herzugeben. Und sie hätte gewiss alle Überredungskunst aufgeboten, sie zurückzuhalten, aber deren Nein machte sie stutzig. Was erhoffte sie sich?

»Mer is jo recht lieb, dass du nein sagscht, Susi. Äwer hoscht du dir's aa recht gut überlegt?« fragte sie.

Und darauf bekam sie alle Gründe der Mutter Eva zu hören gegen solch eine Ehe mit einem Witwer. Die dreierlei Kinder leuchteten ihr ganz besonders ein. »Freilich, freilich… An des häb ich nit gadenkt«, erwiderte sie. Und war mit ihren Gedanken weit fort. Sie sah andere Möglichkeiten… Aber konnte man von so etwas sprechen? Gab es Worte, so etwas in Aussicht zu stellen ohne es zu sagen? Nicht daran rühren durfte man, sonst weckte man Wünsche, sonst rief man böse Geister… Sie hätte es nicht ertragen, zu wissen, dass solche Wünsche um sie herumflatterten. Und doch hegte sie sie manchmal ganz insgeheim selber. Wenn schon eine neue Bäuerin nach ihr ins Haus musste, warum eine andere? Diese Gedanken waren ihr nicht fremd, aber es mussten Gedanken bleiben… »Do hot dei Mutter wohl recht«, sagte sie »Loss d’r Zeit.« Und sie wendete das Gesicht zur Wand und hing still ihren besonderen Gedanken nach.

Die Susi aber eilte fort. Ihr Bub wartete schon lange. Auch der Bauer war aus seiner Ruhe aufgescheucht worden durch den Besuch des Stefan Jäger. Was bildete der sich ein? Da musste vorgebaut werden. Mathes Wörle ging der Susi, um des lieben Hausfriedens willen, aus dem Wege, soviel er konnte, er ließ sie wirtschaften und billigte alles, was sie tat. Nur in heißester Arbeitszeit half sie mit im Feld, sie gehörte ganz der Bäuerin. Aber es war an der Zeit, sie ahnen zulassen, was er sich von ihr erhoffte. Mochte seine Frau sich auch etwas denken. Jetzt war ihm das gleich, es schien Gefahr im Verzuge… Und er nahm die Susi einmal mit auf den Wochenmarkt nach Lippa, ein anderesmal auf den Jahrmarkt nach Temeschwar, kaufte ihr dies und das, beschenkte sie für all ihre Mühe und Plage und warb unverkennbar um ihre Zuneigung. Nicht mit Worten, er vergaß sich vorerst noch nicht, aber sie wusste gar bald, woran sie mit ihm war. Und er war ganz sicher, dass sie ihm eines Tages als reifer Apfel in den Schoß fallen würde.

Und die Bäuerin merkte, was um sie vorging. Mit trauriger Verwunderung folgten ihre hellseherischen Augen der Susi. Hatte sie sie doch zu hoch eingeschätzt? Wird sie sie doch eines Tages betrügen? Das glaubte sie nicht, um sie verdient zu haben. Sie lag krank dahin und wartete und fürchtete. Und es kam ein Abend, an dem die Susi, vom Melken der Kühe kommend, erhitzt und zornig ins Zimmer stürzte und der Bäuerin sagte, dass sie fort müsse. Auf der Stelle fort.

Die Base fragte nicht, warum. Sie ahnte, sie wusste alles. Weinend gestand die Susi endlich, dass es der Bauer wäre, dem sie weichen müsse. »Des häb ich schun lang kumma g'sehga«, sagte die Bas' Mali schmerzlich. »Loss uns heunt in Ruh drüber schlofa. Ich will marja mit ehm redde.« Und sie wandte sich ab, um mit ihren schweren Entschlüssen allein zu sein. Und redete kein Wort mehr. Gab auch auf keine Frage Antwort.

XV.

»Spring einmal nach Alliosch ´nüber, Franzl, und trag mer den Brief uf die Poscht«, sagte Meister Jakob eines Tages und händigte dem Lehrbuben, der schon stattlich herangewachsen war, einen Brief an den Johann ein. »Du zahlscht'n und bringscht ein Rezepiß.«

Es war schon spätnachmittags, und Franzl blickte nach der Sonne. Er winkte dem Christof, ob er mitwolle bis in den Schwarzwald. Auf dem Rückweg, abends, hole er ihn wieder ab. Ob der mitwollte! Nichts lieberes kannte er als solch einen Ausflug zur Mutter, in den großen Hof des Vetter Mathes, in dem es so viele Gäule gab, auf denen er reiten durfte. Und die Großmutter hatte auch nichts dagegen. Dass nur der Brief endlich geschrieben war und fortkam, den sie schon so lange vom Vater verlangt hatte. Fünf Jahre war der Johann schon fort und kehrte nicht heim, der Jakob aber sollte schon längst in der Fremd' sein und verhockte sich da im Dorf. Die Ablösung, auf die der Vater rechnete, kam nicht. Der Jakob wird kaum noch fortzubringen sein von den Mädchen, von den Spinnreih- und Kirweihfreuden des Dorfes. Der Peter war als Schmied auch schon freigesprochen, die Kathl so gut wie verlobt, und der Johann kehrte immer noch nicht heim. Was fiel ihm denn ein? Der Vater war recht müde. Er wollte und musste jetzt endlich wissen, ob sein Ältester überhaupt noch daran denke, heimzukehren und die Werkstatt zu übernehmen. Wenn nicht, müsse er andere Vorkehrungen treffen, schrieb er ihm. Aus Preßburg, aus Wien aus Graz hatte der Johann Briefe geschrieben, jedes Jahr einen, dann aus Laibach und jetzt schon zwei Jahre gar nicht mehr. Wo steckte er? Was hatte er vor? Er störte seines Vaters Pläne und die ganze vorgedachte Ordnung des Hauses. Er glaubte lange, der Johann sei auf dem Heimweg und werde eines Tages überraschend in die Tür treten, aber jetzt war es auch mit diesem Glauben vorbei. Sein Bruder Hannes hatte den Weidmannschen Bauernhof schon längst seinem Ältesten übergeben und saß im Vorbehalt, der Sohn des Bruders Niklos war als Baumeister heimgekehrt und übernahm langsam die Kundschaft des Vaters. Nur bei ihm wollte es nicht klappen. Das sollte es aber. Das musste es. Darum schrieb er endlich dem Johann diesen Brief auf Ja oder Nein.

Und der Franzl sprang nach Alliosch. Im Schwarzwald gab er vor der Tür den Christof ab und eilte weiter, denn die Sonne neigte sich schon.

Der Kleine kannte den Weg ins Haus sehr wohl, er konnte sogar schon die Gangtür von außen öffnen und die Mutter überraschen, wenn er still angeschlichen kam. Als er heute in die Küche guckte, sah er den Bauer bei seiner Mutter stehen und leise auf sie einreden. Sie hielt den Kopf gesenkt und rührte in einer Pfanne, die auf dem Dreifuße über dem Herdfeuer stand. Und als er in die Hände klatschte und schrie: »Motter, guck, guck! Der Chrischtof is doo!« fuhr der Vetter Mathes, der sonst immer so freundlich mit ihm war, erschrocken zur Seite. Und er verschwand alsbald in der hinteren Stube. Die Mutter aber stürzte mit ausgebreiteten Armen auf den Christof zu, bückte sich nieder und drückte ihn an sich. »Dich schickt unser Herrgott!« sagte sie. Der Christof verstand das nicht, hatte ihn doch bloß der Franzl hereingeschickt von der Gasse. Er erklärte das und behauptete, er könnte jetzt auch schon allein kommen, er wisse den Weg. Das sei gescheit, sagte die Mutter, da könne er öfter kommen. Sie schlug noch zwei Eier in die Pfanne auf dem Dreifuß, denn ihr Bübel werde wohl Hunger haben, meinte sie. »Naa, gar nit«, sagte der, zog aber einen Apfel aus der Hosentasche und biss hinein. Den hatte er sich zur Vorsicht auf die weite Reise mitgenommen. Und er aß dann auch an den Rühreiern tüchtig mit, die sich die Bas' Mali zu Abend gewünscht hatte.

Der Anblick des Buben in ihrem Hause war der Bäuerin immer eine stille Qual. Warum war es nicht der ihre! Er könnte schon fünfzehn oder mehr zählen… Und wenn der Bauer den Buben an der Hand nahm und hinausführte, ihn im Hof auf einem Gaul reiten ließ, dass er juchzte, und die Susi vom Fenster mit strahlendem Gesicht zusah, da schnitt es ihr mit Messern ins Herz. Sie hatte sich für stärker gehalten, als sie war. Ach, warum hat sie geredet, warum sich damals überrumpeln lassen! Um die Susi zu halten, sprach sie mit dem Mathes. Sie vertraute ihm an, dass sie selber es wünsche, er möge die Susi eines Tages in allen Ehren zur Bäuerin machen. Sie verdiene sich das durch ihre treuen Dienste, und sie sei eine tüchtige Person. Aber solange sie lebe, wolle sie Ruhe haben, wolle sie nichts Unschicksames im Hause sehen und nicht gequält werden. Wenn er die Susi anrühre oder sie sich ihm nähere, jage sie sie mit Schimpf und Schande fort. Gar so gutmütig sei sie nicht.

Und die Susi blieb. Die Base gab ihr das Versprechen, dass sie von ihrem Manne nicht mehr belästigt werden würde, mit solcher Sicherheit, dass sie sich wundern musste. Hatte die Kranke eine solche Gewalt über ihren Mann? Sie ahnte, was da verabredet worden war. Und der Bauer gab ihr eines Tages die Gewissheit. »Mer kumma z'samma, Susi, sie will's«, flüsterte er ihr zu. »Äwer brav müsse mer sein.« Denn ganz ohne Halt durfte er sie nicht lassen, sie musste wissen, wohin sie fortan gehöre.

Diese Versicherungen taten der Susi wohl. Sie brachten wieder Ruhe und Festigkeit in ihr Leben. Ihr ganzes Wesen hob sich.

Und so lebten sie drei Jahre nebeneinander, aber die kranke Bäuerin räumte den Platz nicht. Sie machte gar keine Miene, die große Reise anzutreten, und sie hatte immer wieder Gelüste nach kräftigen Speisen, die Leib und Seele zusammenhielten. Dem Mathes aber riß langsam die Geduld. Er wollte nicht länger warten. Sollte er ein alter Mann werden und verdursten neben dem lockenden Lebensquell an seiner Seite? Verdorren als unfruchtbarer Baum? Nein, das ertrug er nicht. Es musste irgend etwas geschehen. Lange genug trug er den Mühlstein dieser Ehe um den Hals, er wollte ihn loshaben, ehe er unterging.

Zitternd und zagend hörte die Susi solche Reden an. Sie hielt sich die Ohren mit beiden Händen zu, wenn der Bauer tobte und drängte und bettelte. Aber sie ergab sich nicht. Sie hätte seinen schweren Kampf mildern können, wenn sie seinen Wünschen gefügig gewesen wäre; sie tat es nicht. Eine zweite Verfehlung, das fühlte sie, hätte nur mit dem Tod enden können. Denn auch Bäuerin wollte sie nicht um den Preis neuer Schande werden.

Die hellen Augen der Base waren immer schärfer und durchdringender geworden in diesen Jahren. Sie litt viel. Ihre Seele war krank seit jener Aussprache mit ihrem Manne; ihr war, als habe sie sich selber zum Tode verurteilt und als ginge seitdem alles über sie hinweg. Jene leise Heiterkeit, die von innen kam und die immer noch in ihrer Krankenstube gewaltet hatte, war verflüchtigt. Die Susi kam ihr verändert vor, seitdem sich in ihr selber eine Wandlung vollzogen hatte. Es gab Stunden, in denen sie dieses gesunde Weib hasste. Die Susi aber leistete ihr unverdrossen jede Handreichung, jeden persönlichen Dienst, den eine Frau, die jahraus, jahrein kaum das Bett, viel weniger die Stube zu verlassen in der Lage war, immer wieder nötig hatte. Als der Kreisphysikus wieder einmal zur Bäuerin kam und ihr lächelnd alles zu essen und zu tun erlaubte wie einer Gesunden, dem Bauer aber heimlich sagte, sie wäre unheilbar und es könne nicht mehrlange dauern, da schöpfte auch die Susi tief Atem. Auch sie hatte ein Gefühl der Erleichterung nötig, denn freudig war ihr Dienst in diesem Hause nicht. Und zur gänzlichen Aufopferung fühlte sie keinen Beruf in sich. Sie erwog schon ernstlich, wie sie sich befreien könne. Stefan Jäger lag ihr oft im Sinn. Er wirtschaftete mit seiner alten Mutter und heiratete nicht. Warum? Es schmeichelte ihr, dass es einen Mann gab, der so an ihr zu hängen schien, der augenscheinlich noch immer auf eine Sinnesänderung bei ihr wartete.

Die Worte des Kreisphysikus verscheuchten diese freundlichen Träume wieder, sie bannten die Gefühlsschwankungen, denen Susi unterworfen war. Das nähere Ziel gewann wieder Macht über sie. Und der Trotz gegen Christof und sein Weib ließ ihr dieses als das begehrenswertere, als das höhere erscheinen. Ja, sie wollte Bäuerin werden. Just hier im Schwarzwald wollte sie es werden. Das merkten die beiden längst, dass es darauf hinausging, wie es auch andere scharfe Augen merkten, die Mu-Mu-Mu und ihre Trudl trugen es im ganzen Dorf herum. Jeden Winter einmal kam die Trudl, die man nicht abweisen konnte, mit ihrem Spinnrad zur Godl und holte sich neuen Klatsch für die geschäftigen Zungen, die sich fortgesetzt mit der Susi beschäftigten.

Aber nun war wieder ein Jahr vergangen seit dem Besuche des Kreisphysikus, und es hatte sich nichts geändert. Im Gesicht des Bauern pflügten Kummer und Leidenschaft tiefe Furchen; auf seine Haare fiel der erste Schnee. Und unstet gingen seine Augen. Er ließ nach in seiner Wirtschaft, blieb mehr daheim, als er sollte und durfte. Nach auswärts fuhr er oft, und man wusste nicht, wohin. Und seit ein paar Tagen schlich er immer um die Susi herum, wenn sie in der Küche tätig war, es interessierte ihn jede Speise, die für die Bäuerin bereitet wurde.

Dass der Bub ihn heute störte, verdross ihn arg. Er hatte der Susi etwas anvertrauen wollen, das er nicht länger bei sich behalten konnte. Aber als er dann allein war, erkannte er, dass es doch besser wäre, zu schweigen. Zu schweigen wie der Tod.

Es duldete ihn nicht in der Stube. Er ging hinaus in den dämmernden Hof, auf dessen Wirtschaftsgebäuden noch die sinkende Sonne lag. Er schlenderte um diese herum, besichtigte den mächtigen »Hambar«, dessen Leib aus luftigen Latten gebildet war und der unter seinem Schindeldach viele hundert Metzen Kukuruz barg; die Scheuer, die bis an den Giebel mit Wintervorräten gefüllt war. Er hatte sie erst im vorigen Jahr mit Ziegeln decken lassen, da das Strohdach schadhaft und aus der Mode war. Seit dem letzten Feuer im Dorf wollte niemand mehr Strohdächer. Er kam zu den Schweineställen, in denen es grunzte und fauchte. War auch alles in Ordnung? Schloss jeder Riegel? Einem paar Ratten, die er unter dem Trog der Mastschweine verscheuchte, lächelte er ganz eigen nach. Die wollten auch ihren Anteil haben. Aber man musste ihnen jedes Jahr einmal Gift streuen, sie vermehrten sich zu sehr. Und man bekam es immer schwerer - das Gift. Die Apotheker sagen, es wären scharfe Verbote erlassen worden. Kein Wunder! Stand da nicht neulich in der Temeschwarer Zeitung, es hätten die Eheweiber in einem Dorf seit Jahren ihre altgewordenen Männer immer beseitigt und sich junge genommen? Schöne Geschichten passierten in der Welt! Und gleich dutzendweise… Die Riegel saßen gut, und die Schweine rührten sich nicht. Das Volk war satt. Hinter der Scheune saßen auch noch ein paar Heuschober, so voll war diese. Und der Misthaufen hinter dem Pferde- und Kuhstall, der wuchs. Es war eine Freude. Das wird Winterarbeit geben, ihn auf die Felder zu bringen. Es war dem Bauer, als ginge er wie ein Fremder, der seine Wirtschaft zum erstenmal sah, da herum. Oder - als sähe er sie zum letzten mal und könne sich nicht genug daran tun… Wie mächtig der wällische Nußbaum dort stand! Alles lag voller Schalen, aber die Nüsse, die hielt er noch fest. Wie die Eier so groß. Man wird sie ihm endlich abnehmen müssen. Er trat sogar in den abgegrenzten Gemüsegarten, den ein Gatterzaun vor dem Einbruch der Schweine schützte, denn die ackerten immer gern noch mit den Rüsseln, wenn sie von der Weide heimkamen… Selbst im Hof versuchten sie's… Da wuchs manches, was er kaum kannte, erst wenn er's auf dem Tisch roch, wusste er, was es war. Wer hat Zeit für solche Weibersachen. Rief ihn nicht wer? Ihm war, als hörte er seinen Namen. Aber es war wohl eine Täuschung, es blieb ganz still. Es wird wohl im Stall geredet worden sein, wo der Knecht die Pferde fütterte und die Magd die Kühe molk. Da standen ein paar blasse schwindsüchtige Rosen. Und herbstliche Astern ein ganzes Beet. Feurig, in allen Farben glühend. Schau, schau, was der Herbst alles kann. Die Rosenzeit ist hin. Aber der Herbst hat auch schöne Kinder. Nett von der Susi, dass sie die Herbstblumen so gern hat.

Wieder gellte ihm ein Ruf ins Ohr: »Mathes! - Mathes! - Mathes!«

»Was ist denn?« frug er laut und wandte erschrocken den Kopf. Er verließ den Gemüsegarten und ging rasch gegen den Stall zu. »Was is denn?« Niemand habe ihn gerufen, sagte der Knecht. Und er hatte es doch so deutlich vernommen. Sogar die Stimme hatte er erkannt… Aber es rührte sich nichts vorn im Hause… Er wischte sich mit dem Ärmel über die feuchtgewordene Stirn, dann trat er in den Pferdestall. Die Schwalben, die in dem Stalle nisteten, flogen noch ein und aus und strichen ihm über den Kopf hin. Die Gäule mahlten still ihr Futter in den Krippen, aber sie fühlten seine Nähe und wandten die Köpfe. Er ging zwischen ihnen hin und packte jedem einen freundschaftlichen Schlag auf die wohlgepolsterte Hinterfront.

Diesen und jenen nannte er beim Namen und plauderte mit ihm. Auch den Kühen schenkte er seine Aufmerksamkeit, die schnauften ins Futter und zogen immer wieder Heu aus der Raufe oberhalb ihrer Krippen. Eine muhte den Bauer an, denn sie war die Älteste, ihr kam das zu. Unter der letzten Kuh saß noch die Stallmagd, und es rauschte Strich um Strich in den Milchsechter. Der Dunst der warmen frischen Milch stieg dem Bauern wohlig in die Nase. Die Magd aber sagte, als wollte sie sich entschuldigen, dass sie noch nicht fertig war: »Bin heunt allan gewest… Der Susi ihr Bankert is wieder do.«

»Mer scheint, sie will ani in die Gosch' häwe?« sprach der Bauer voll Zorn. »Noch so a Wart will ich häern.«

»Jessas, Jessas, des war doch nit so bös vermaant«, entschuldigte sich die Resi.

Er trat aus dem dunklen Stall hinaus in die Dämmerung des Hofes. Der Hund knurrte ihn an und schämte sich. Sinnend ging er weiter… Sein Haus war wohlbestellt, alles bog sich unter der Last der Vorräte, und morgen begann das herbstliche Anbauen für das nächste Jahr. Der Reigen war zu Ende, er begann von vorne. Immer wieder von vorne, immer wieder diese Vorbereitungen für ein nächstes Jahr. Immer wieder die Sorge um künftiges Brot. Für wen? Wozu? Er brauchte es nicht, er hatte genug… Seine Kinderstube nur war leer, sein Hof öde. Und es gab auch keinen Wörle mehr im Dorf außer ihm. Sind alle schlafen gegangen, die alten Schwarzwaldbauern. Aber er will nicht, dass das alles hier aufhöre. Er duckt sich nicht, er begehrt auf gegen eine Weltordnung, die zugibt, dass ein unnützes Weib Familien ausrottet. Warum hat der Pfarrer diese Ehe nicht trennen dürfen, solange es Zeit war? Er ballte die Faust und murmelte einen Fluch… Gott möge ihm gnädig sein, aber er hatte mit dem heimlichen Werk der Befreiung heute begonnen…

Es dunkelte schon, als der Franzl kam, den Christof abzuholen. Er hatte einen rekommandierten Brief mit Retourrezepiß für den Johann noch angebracht in Alliosch, und es war höchste Zeit, denn schon übermorgen kam der Postillon und nahm ihn mit nach Temeschwar. Und von dort würde er ja wohl bald weitergehen und den Johann in der Fremd' suchen. Die Susi zögerte ein wenig, ihm den Christof mitzugeben. Am liebsten hätte sie ihn bei sich behalten und ihren großen Buben wieder einmal mit dem Lied von Straßburg, der wunderschönen Stadt, in den Schlaf gesungen. Aber der Großvater sah das nicht gern, er wird ihn vermissen. Und so nahm sie, als sie ihm und den Franzl alle Säcke voll wällischer Nüsse gesteckt hatte, Abschied von ihm, zärtlichen Abschied, denn er kam ihr blass und matt vor, als sie ihn entließ. Der Arme war wohl schon schläfrig. Von der äußeren Gangtür noch sah sie den beiden nach und winkte ihnen zu, bis sie in der Dunkelheit des Herbstabends untertauchten.

Die Base hatte eine furchtbare Nacht. Sie klagte über Krämpfe in den Gedärmen und erbrach sich ein dutzendmal. Als ob sie von innen heraus verbrennen würde, war der Kranken. Sie habe etwas in sich, das sie zu zerreißen drohe, sagte sie. Und es bahnte sich alle möglichen Wege. Die Susi verlor beinahe den Kopf. Ob sie ihr denn ein faules Ei gegeben habe? Es müsse etwas nicht richtig sein. Hundertmal versicherte die Susi, dass alles in Ordnung gewesen sei, ihr Bub habe ja auch davon gegessen. Sie machte der Kranken warme Umschläge auf den Leib, sie kochte ihr Kamillentee, betete mit ihr und wusste nicht, sollte sie nach dem Pfarrer schicken oder nach der Kerns Kathl. Und die Stallmagd musste vor Tag auf und nach dieser laufen. Aber kaum war sie fort, trat der Franzl in die Küchentür und rief die Susi. Verweint sah er aus und übernächtigt. Sie möge nur schnell kommen, der Christof sei krank, er wäre heute Nacht beinahe gestorben.

Starr, mit entsetzten Augen, hörte sie diese Botschaft. Sie warf einen scheuen Blick nach der Tür der Hinterstube, aus der der Bauer trotz all der Unruhe, die im Hause herrschte, noch immer nicht hervorkommen wollte. Mit einem Schrei, als rief ihn das Jüngste Gericht, hätte sie ihn wecken mögen. Aber die Stimme versagte ihr, alles schwankte um sie, kaum hielt sie sich aufrecht. Und sie ließ alles liegen, wie es lag, und lief zu ihrem Kinde. »Mei Bu is schwer krank!« rief sie der Base noch zu. »Ich muss haam!« Und wartete keine Antwort ab. Sie wusste genug.

»Der Bu aa?« fuhr die Bäuerin kreischend auf. Aber sie sank wie gelähmt in ihre Kissen zurück. Eine furchtbare Ahnung erschütterte sie.

Nach einer Woche begrub man die Frau Amalia Wörle auf dem nahen Ortsfriedhof. Sie hatte sich nach dreimaligem Brauchen schon ganz recht erholt, erzählte die Kerns Kathl der Fraala, aber es kamen dann noch zwei neue Anfälle, und da wäre es aus gewesen. Alle Mittel gegen die Colik diabolus habe sie angewendet. Sie habe ihr den stärksten Branntwein, mit Rosmarin, Majoran und Melissen angesetzt, gegeben, habe zuletzt auch drei Messerspitzen Ruß vom Ofenloch, bei dem allemal der Böse hinausfahre, hinzugetan, es habe nichts mehr angegriffen. Und sie sei ganz sanft verstorben. Nach der Susi habe sie noch gefragt und sich gefreut, dass ihr Bub sich wieder erholt habe. Und weil die Susi vielleicht zu spät kommen könnte, habe sie ihr, der Kerns Kathl, ihr Gebetbuch für sie gegeben, in dem auch erspartes Geld gelegen war. Sie hätte es nicht gezählt. Wird wohl ihr Lohn gewesen sein für all die Müh und Plag. »Die war brav«, habe die Bäuerin gesagt, und das wären ihre letzten Worte gewesen.

Die Fraala hatte die Kerns Kathl nicht umsonst rufen lassen und ein bisserl ausgefragt. Es gingen allerlei böse Reden um. Die Nachbarinnen im Schwarzwald, die der Bas' Mali die Totenwache gehalten, tratschten allerlei. Auch die Anna Foltz ging zu dieser Totenwache, da sie gehört hatte, dass die Luft rein sei. Und auch die Kapellmeisterin und ihre Trudl und andere Weiber aus der Freundschaft verweilten ein paar Stunden in dem Sterbezimmer. Der Bauer, ernst und stumm, erschien einmal und reichte ihnen Wein, und die Stallmagd trug auch kaltes Essen auf. Es sei doch merkwürdig, dass die Susi nicht zugegen wäre, sagte die eine. Und dass sie das Haus so fluchtartig verlassen hatte, eine andere. Ihre kleinen Buben hätten doch auch manchmal Bauchweh, wenn sie was Unrechtes gegessen hätten. Wenn man solche Geschichten machen wollte… »'s wär halt schad' gewesen um den Bankert«, sagte die Kapellmeisterin. Und die Anna kam auf den ganz merkwürdigen Zusammenhang zwischen der Kolik dahie und der Kolik da drüben in Neurosenthal. Der Bub war ja am Abend da bei ihr zu Besuch. Merkwürdig! Merkwürdig! »Wenn die da reden könnt'!« sagte sie und deutete nach der Toten.

Und die Nacht war lang. Es wurde noch viel geredet. »Ich will gar nix g'sagt häwe«, sagte die eine beim Auseinandergehen. »M'r könnt sich allerlei denke«, eine andere. »Und wann ma den Wörle anguckt, der muss was wisse«, flüsterte eine dritte. »Und die Tote? Ganz grün is se schun.«

Dieses Geklatsche sickerte weiter und weiter im Dorf. Die Susi war zum Leichenbegängnis gekommen, und die Späherinnen hatten entdeckt, dass alle dem Bauer die Hand reichten und ein Wort des Trostes sagten, nur sie nicht. Gerade sie wich ihm aus. Es musste etwas gegeben haben zwischen ihnen, es musste etwas nicht stimmen. Ein Geheimnis lag über diesem Grabe. Und sie spürten mit Eifer danach. Eine Dorfkrämerin, die von dem Klatsche hörte, sann auch darüber nach. Zweimal hatte die Susi »Mückagift« bei ihr gekauft in der letzten Zeit. Wer braucht im Oktober Mückagift? Das unbedachte Wort flog von Mund zu Mund, niemand dachte daran, dass man in einer Krankenstube vielleicht doch auch im Oktober Fliegengift nötig habe, und ob man damit wohl einem Menschenschaden könne. Es war ausgemacht, die Susi wollte Bäuerin werden, es dauerte ihr aber zu lang, und da hätte sie es den Walachinnen wohl nachgemacht, von denen man so viel geredet habe - und die Bas' Mali weggeräumt. Und wer weiß, ob sie nicht auch ihren Buben weghaben wollte? Es ging schon in einem: die bösen Mäuler, die einmal in Bewegung gesetzt waren, scheuten vor nichts mehr zurück.

Die Susi lebte ahnungslos im Hause der Eltern. Sie hatte ihren Buben mit allen Mitteln mütterlicher Pflege wieder herausgerissen, aber blass und kränklich war er geblieben, ganz überwunden schien der Anfall nicht. Und sie dankte Gott wie für ein Wunder, dass es so ablief. Sie konnte sich's nicht erklären. Nur ein Zufall konnte rettend eingegriffen haben bei der Aufteilung des Essens. Führte ein Engel ihre Hand? Es musste wohl so gewesen sein. »Sag mer um Gottes wille, was d'e hin zu essa gegewa hoscht?« fragte die Mutter voller Bestürzung, als sie heim kann. »Eier? Eier? Do muss jo a stinketes drunner gewest sein. Er ist wie vergift!« rief sie.

Das Wort traf Susi wie ein Schuss. Sie fiel am Bette ihres Kindes nieder und griff nach dessen heißen Händen. Ja, ja, ja, das war es. Der Fürchterliche hatte seine Drohung wahrgemacht. Er musste ihr etwas in die Pfanne geworfen haben, als sie den Christof begrüßte. Und dann verschwand er so auffällig. Ja, ja, ja, die Mutter sprach das richtige Wort. Es konnte nichts anderes gewesen sein. Nie wieder wollte sie zu dem Satan zurück, nichts mehr hören wollte sie von seinen Liebeswerbungen, seinen Zukunftsplänen, wenn sie nur ihr Kind rettete. Bäuerin werden um solchen Preis? Mit einem Mann leben, der so etwas tun konnte? Nie, nie, nie!

Ihre Verstörung all die Tage war groß. Kein Wort sprach sie über die Vorgänge im Hause der Bas' Mali, sie hütete sich, von deren gleichzeitiger Erkrankung etwas zu erzählen. Und sie hoffte im stillen, dass auch dort alles vorübergehen und der Bauer sich's recht gut überlegen würde, einen zweiten Versuch zu machen. Seinem Rufe zurückzukehren, folgte sie nicht. Sie scheute sich, den hellen Augen der Bäuerin so bald wieder zu begegnen, denn sie hätte das Fürchterliche, um das sie wusste, vor ihnen nicht verheimlichen können. Wusste? Einen Beweis dafür hatte sie nicht. Aber wenn sie an seine bösen Reden dachte, an seine Drohungen - es konnte nicht anders sein.

Auch Mutter und Vater verlangten, dass sie hinübergehe, als die weiteren Anfälle bekannt wurden, aber sie ging nicht. Sie gehe von ihrem Kinde nicht mehr fort. Und helfen könne sie ihr auch nicht. Erst als man das Zügenglöcklein für die Bäuerin läutete, brach sich ihr unverständlicher Trotz. Sie weinte und schluchzte, als wäre ihr das Liebste auf Erden gestorben. Aber auch jetzt ging sie nicht hinüber. Die Mutter musste gehen, damit kein Gerede entstand, und sehen, ob sie dem Manne helfen könne, denn die Susi wäre ganz krank von allem, was sie durchgemacht. Er benötigte sie nicht, die Kerns Kahl war da. Und sie schickte der Susi das Gebetbuch der Verstorbenen und deren letzte Grüße. Das wirkte wie eine himmlische Labe auf das Gemüt der Gemarterten. Es war ein Gruß aus fernen Höhen… Sie starb und war nicht irre geworden an ihr. Sie mit ihren scharfen Augen, mit ihrem wachen Misstrauen, sie musste erkannt haben, was um sie vorging. Dass die dahinging und an ihre Schuldlosigkeit glaubte, das erquickte sie tief.

Es war nicht gut, dass sie auch der Totenwache fernblieb, sie hätte sich allen zeigen müssen. Und ihre Gegenwart würde so manche andere verhindert haben, zu verweilen, es hätte kein Wort über sie gesprochen werden können in diesen nächtlichen Stunden. Aber sie gewann es nicht über sich. Sie wollte dem Bauer nicht mehr begegnen, wollte nicht Zeuge der erheuchelten Trauer sein, mit der er die Gäste der Toten bewirten würde. Nur zum Begräbnis am hellen Tage ging sie hin. Und sie trug das Gebetbuch der Base in ihren Händen. Ihr war wohl so, als zischten ein paar Schlangen neben und hinter ihr, aber das geschah vielleicht, weil sie sich seit Jahren zum erstenmal wieder an einem Orte sehen ließ, an dem sich die ganze Gemeinde versammelt hatte. Lebte sie doch wie eine Ausgestoßene. Aufrecht ging sie durch die Gasse der Weiber und streute ihrer lieben Toten drei Schäufelchen Erde auf den Sarg. Sie tat es mit reinen Händen.

XVI.

Aus Lippa, dem Sitze des Kreisgerichtes, war Ferdinand Trauttmann in der Dämmerung heimgekehrt. Endlich, endlich hatte man die Entscheidung in seinem Prozess gegen den Grafen ausgefertigt und an seinen Fischkal gesendet. Durch alle Instanzen trieb der Graf, den man als Bauer vor Achtundvierzig gar nicht klagen durfte, den Prozess, aber zuletzt verlor er ihn dennoch. Nichts hatte er in Händen, sagte Trauttmanns Anwalt, nur die alte Überlieferung konnte er ins Treffen führen, dass die Weinberge auf den Waldgründen seiner Vorfahren einst angelegt wurden und dass die Bauern den Zehent von jeher geleistet hätten. Die Richter aber meinten, das wäre nicht genug, man müsse einmal die bestehenden Verhältnisse auf ihre Rechtsbeständigkeit prüfen. Und ein solcher Fall wäre hier gegeben. Wenn das Hausarchiv des Grafen keine Abmachung, keine Unterschrift des Kolonisten Ferdinand Trauttmann von 1745 beibringen könne, müsse der unverdächtigen Eintragung desselben in sein Gebetbuch volle Beweiskraft zuerkannt werden. Eine Verpflichtung zum Zehent auf ewige Zeiten sei, nach heutiger Auffassung, außerdem unmoralisch. Und die Wiener Hofkammer, die um ein Gutachten gebeten wurde, habe sich dahin geäußert, dass so harte Bedingungen auch nicht im Geiste der Zeit gelegen wären, in der das Banat besiedelt wurde. Sie schienen unwahrscheinlich und so habe das Obergericht den Rekurs des Grafen verworfen.

Auf solche Art verdeutschte der Fischkal dem Bauern Trauttmann die Sache, und dieser war mit dem rechtskräftigen Urteil in der Tasche heimgekehrt. Sogleich ging er zu seinen jungen Leuten hinüber, um ihnen alles zu erzählen. Der Philipp und die Anmerich saßen einsilbig, in tiefem Ernst bei Tisch, die Bärbl, die schon ins fünfte Jahr ging, bei ihnen. Sie durfte manchmal schon etwas länger aufbleiben, bis der Vater vom Anbauen heimkam. Die zwei kleinen Buben aber, die im Hause eingerückt waren, der Niklos und der Jörgl, staken bereits in den Federn. Sie zählten auch schon zwei und drei Jahre und waren der Stolz der Eltern. Der Großvater trug die Anmerich auf Händen, seitdem sie seinen Sohn so reich beschenkt hatte. Das war eine Mutter, die Leben in den Hof brachte. Die lobte er sich. Er machte schon Pläne, was man den Jörgl einmal studieren lassen könnte, denn er wollte einen Studenten in der Familie haben. Und er brachte sein Gesicht nicht zusammen, wenn er die Anmerich mit ihren drei blonden Kindern sah, eines gesünder als das andere. Und erst die Großmutter! Nie hatten sie die Anmerich launisch und verdrießlich gesehen, immer war gut Wetter bei ihr. Das tat den beiden Alten besonders wohl. Sie hatten den Frieden im Hause und das Glück.

Und heute sollte das anders sein? »Was häbt'r denn?« fragte er, als sich eine verdrießliche, zerstreute Stimmung, eine höchst mangelhafte Anteilnahme für seine wichtige Sache fühlbar machte. Sie schienen beide mit ihren Gedanken ganz wo anders zu weilen als bei seiner Erzählung. Die Anmerich biß die Lippen zusammen und hatte einen Ausdruck von Härte im Gesicht, den der Großvater nie bei ihr gesehen. Ganz fremd kam sie ihm vor. »Wollt 'r m'r nit saage, was es git?« fragte er noch einmal. Da erhob sich die Anmerich. »Bärbl, ins Bett!« sagte sie. »Geb dem Großvater einen Patsch und kumm.« Das Kind gehorchte und ging mit der Mutter.

»Was hotse denn? Häbt ihr euch gazankt?«

»Naa, naa…'sis ganz was annerscht. Mer konn noch gar nit rede drüber. 's is wege der Susi«, sagte Philipp. »Häbt Ihr denn gar nix g'häerg Vatter?«

»Nix. Ich loß mich mit kei'm Mensche uf Klatscherei ein.«

»'s ganze Dorf is voll, sie hätt des Weib vom Wörle vergift!« sprach Philipp leise. »Heunt is se vernumme worde vom Richter und de G'schworne.«

»Die Susi? Des glaab ich mei' Lebtag nit, dass sie sowas getaun hot«, sagte der Vater. »Mei' Lebtag nit«

»Sagt des der Anmerich! Sie lässt den Kopp hänge und schämt sich zu Tod.«

»Oh, die Leut'! Oh, die böse Mäuler! Sie wer'n ihr halt neidig sein, weil se valleicht Bäuerin werd. Wann der Mathes g'scheit is, nimmt er se zum Weib. Des häb ich mer schun lang gedenkt.«

»Verdient hätt' sie sich's«, erwiderte der Philipp auf die feste Rede seines Vaters. Auch ihm war nach solchen Worten wieder leichter, und er rief die Anmerich herbei.

Ferdinand Trauttmann ergriff ihre Hand. »Anmerich, des glaab ich nit, was ich do häer. Sag dei'm Vater und deiner Motter, ich glaab's nit, eh' es nit bewiese ist.«

Ihr Gesicht hellte sich ein wenig auf und sie sagte. »Die Susi hot's abgalaugnet. Ins G'sicht hot se dem Richter galacht. Äwer ich waaß nit, ich waaß nit, was do drauß werd.« Und sie erzählte ihm soviel sie eben wusste.

Er war sehr nachdenklich geworden. Er erinnerte sich, einmal mit dem Wörle vom Markt heimgefahren zu sein, und da klagte ihm dieser sein Leid in gar bitteren Worten… Diese kranke Frau war ihm eine Last, eine Qual. Er verwünschte sein Schicksal…

»Und was häwa die von der G'maa g'saat?« fragte er jetzt.

»Sie müsse's beim Kriminal anzeige… Mei Vatter is halb tot.«

»Anmerich, ich glaab's nit«, sagte er noch einmal. »Und ich werd ihr ein Fischkal verschaffe.« Damit empfahl er sich und wünschte ihnen eine gute Nacht. Seine eigene Angelegenheit war gänzlich vergessen worden über dem Ereignis des Tages.

Aber er ging am nächsten Morgen zum Richter hinüber und erzählte ihm den endgültigen Ausgang seines Prozesses. Jetzt wäre es an der Gemeinde, noch einmal dasselbe zu versuchen wie vor Jahren. Heute blase ein anderer Wind im Lande. Und man sollte das ganze Dorf, Haus für Haus, durchsuchen lassen nach Beweisen, ähnlich wie der seinige. Auch die Kirchenbücher. »Und dann los«, sagte Trauttmann. Er war ganz voll von seinem Siege.

Der bedächtige Richter widerriet ein so hitziges Vorgehen. Der Kaiser habe ihnen ja ganz klar gesagt, welchen Weg die Sache für die Gemeinden nehmen werde. Sein Fall wäre eine Ausnahme. Er gratulierte ihm und ging dann auf das Ereignis des Tages über, das ihm viel Kummer bereitete. »In ei'm solche Haus passiert sowas!« rief er. »Wie mer der alt' Weidmann laad tut, ich konn's gar nit saage.«

Ferdinand Trauttmann ließ sich die Sache jetzt auch hier erzählen. Die Susi habe der Bäuerin das Essen bereitet, das stehe fest. Es gab furchtbare Anfälle. Aber sie sei am nächsten Morgen davongelaufen, weil ihr Kind auch ein bisserl mit geschleckt hatte und sich erbrach. Und sie habe sich nicht mehr ins Haus getraut, solange die Bäuerin lebte. Sie tue sehr unschuldig, sehr selbstbewußt, aber man spüre, sie sage nicht alles, was sie wisse.

»Und wege der varflixte Eierspeis' mache die alte Weiber ein' solche Schkandal?« sagte Trauttmann. »Des werd a großi Blamaschi! War des Weib nit seit zehn oder zwölf Jahre krank? Wer waaß, was ihr so g'schadt hat uf amol. Und häbt Ihr de Wörle einvernumme und die Kerns Kathl? Wisst Ihr, was passiert is, wie die Susi schon derhaam war bei ihrem kranke Kind? Der Wörle müsst gehörig ins Verhör g'numma wer'n.«

»Des is nit unser Sach'. Des soll's Gericht anstelle. Die Schandarme hole g'rad die Susi, die sein schun drüwe«, sprach Johann Geiß abweisend, da er sein Vorgehen also bekrittelt fand. Er hatte nur der Stimme des Dorfes gehorcht und schämte sich genug, dass so etwas in seiner Gemeinde vorkam.

Trauttmann war betroffen. »Ohne den Wörle einvernumme zu habe, macht Ihr sowas?« rief er. Und er eilte hinüber nach der Herrnsgasse. Er konnte sich lebhaft vorstellen, welche Verzweiflung in dem Hause seines Schwähers herrschen würde und wollte nach Möglichkeit zur Linderung derselben beitragen. Die Leute standen unter allen Haustoren und beredeten das unerhörte, nie erlebte Ereignis. Sie warfen sich ihre Meinungen und Urteile zu wie Fangbälle, und die Alten moralisierten tiefsinnig über die Verderbtheit der heutigen Jugend und deren Folgen. Die Susi war ihnen solch ein Beispiel, solch ein Auswurf.

Als Trauttmann beim Meister Jakob in den Hof trat, kamen ihm schon die zwei Gendarmen mit der Susi entgegen. Sie hatten ihr nach einem kurzen Verhör die Hände gefesselt, das verlangte die Vorschrift, und waren im Begriffe, sie nach Lippa zu eskortieren.

Düster und trotzig blickte das Mädchen, aber sie schlug die Augen nicht nieder, sie blickte jedem ins Gesicht. Hinter ihr, im Hause, hörte man nur Gejammer und Geschluchze, sie aber schien gefasst zu sein und ruhig.

Ferdinand Trauttmann war einen Augenblick sehr betroffen von dem Anblick. »Mit Verlaub«, sagte er zu den Gendarmen, »Ihr wollt das Mädel doch nit so durchs Dorf führe? Zu Fuß nach Lippa?«

»Warum nicht?« fragten die Gendarmen schroff.

»Ich spann ein!« erwiderte Trauttmann. »Bitt schön, benutzt mein' Wage.« Und er rief: »Franzl! Lauf g'schwind nunner zu uns, spann ein und kumm mit mei'm Wage ruff.«

Die Gendarmen blickten sich an. Das war nicht unerlaubt, das konnten sie annehmen. Und der Franzl war auch schon unterwegs. »Mit Verlaub«, hub Trauttmann wieder an, »nur zwa Wort!« Und er blickte der Susi fest in die Augen: »Mädscha, ich glaab's nit!«

»Da seid Ihr der einzige, Vetter Trauttmann«, sagte sie. »Alle glauben's.«

»Es is nit wahr! Nach allem, was ich g'häert häb, verschweigscht du noch was. Warum red'scht denn nit?«

»Ich wart' halt, bis all' die Ganzg'scheite die Wahrheit finde«, lachte sie wild, und ihre Augen funkelten.

»So häb ich mer's gedenkt. Sei ganz ruhig, mei' Fischkal in Lippa werd sich um dich annehma. Ich fahr mit.«

Die Gedarmen standen stumm bei ihrer Gefangenen, während Trauttmann ins Haus trat, um die zu trösten, die sich schamhaft verbargen. Meister Jakob saß beim Tisch, hatte beide Arme auf der Platte liegen und den Kopf darauf. Es warf ihn, so schluchzte er. Frau Eva rang die Hände und betete. In der Nebenstube heulte die Kathl mit dem kleinen Christof um die Wette und in der Werkstatt schneüzte sich der Jakob und kam nicht hervor. Keines redete ein Wort. Trauttmann aber sagte: »Liebe Schwähersleut', verliert nit die Köpp. Ich spann ein und führ se. Und ich red mit mei'm Fischkal. Der hilft ihr raus. Guckt se doch an! Sie is unschuldig! Do is ganz was anner's dahinner. Des werd schun ans Licht kumme.«

Weidmann hob das altgewordene fahle Gesicht und blickte den Sprecher erstaunt an. »Ihr maant?«

»Ja, ja, ich maan des.«

»Die hot mir g'saat, wenn se will, is se in drei Täg wieder do«, sprach jetzt auch die Mutter Eva.

»Na also! Na also! Wozu denn die Deschperation? M'r muss immer `s bescht glaabe und nit `s schlechscht«, sprach Trauttmann. Und draußen rasselte sein Wagen an. Rasch empfahl er sich. »Ich führ' se. Adjes.«

»Mit Verlaub, ihr Herre«, sagte er höflich zu den Gendarmen, »ich häb noch a Bitt'. Losst die Susi vorn bei mer sitze durchs Dorf. Ich red' kein Wort mit ihr.«

Und die Gendarmen glaubten auch das bewilligen zu dürfen. Sie nahmen die Rückseite ein und der Susi half Trauttmann auf den Platz zu seiner Linken. So wurde das schlimmste Aufsehen vermieden, und der Wagen sauste auf dem kürzesten Wege zum Dorf hinaus.

So ausgiebig waren die bösen Mäuler schon lange nicht auf ihre Kosten gekommen. Wie die Windmühlen, in die ein frischer Ost gefahren, arbeiteten sie. Der Mathes Wörle aber draußen im Schwarzwald duckte sich und tat, als ob er nicht auf der Welt wäre… So hatte er sich die Entwicklung nicht gedacht. Mit kleinen, bescheidenen Dosen wollte er arbeiten, still sollte alles ablaufen. Aber als er gleich beim erstenmal zu grob kam und das Gerede losbrach, verlor er den Kopf und machte rasch ein Ende. Musste der Fratz, der Christof, damals ins Haus geschneit kommen? Musste der mitessen? Es war ein Verhängnis. Und er lauerte wie ein in seinem Bau bedrohtes Tier der Gefahr entgegen.

Am zweitnächsten Morgen nach der Verhaftung der Susi sauste der Franzl den Staudtsberg hinunter, er hatte wieder eine Aufgabe zu erfüllen. Es war die schwerste von allen, die ihm in seiner Lehrzeit geworden. Er rief den Pfarrer zu seinem guten Meister, denn der war ganz plötzlich zusammengebrochen, es schien aus zu sein mit ihm.

Die Wetterwolke, die seit langem über dem Hause des Meisters Jakob stand, hatte noch einen Donnerkeil in ihrem Schoße, und der traf ihn selber. Dass ein Brief vom Johann kam aus Gottschee, in dem geschrieben stand, er wolle dort die Tochter seines verstorbenen Meisters heiraten und die Werkstatt übernehmen, das schmerzte ihn wohl, aber es trug kaum noch etwas bei zu seinem Ende, er war all den Erschütterungen der letzten Tage nicht gewachsen. Ganz unvermutet sank er, nach so vielen schlaflos verbrachten Nächten, beim Frühstückstisch vom Stuhl. Und jetzt lag er mit verzerrten Zügen und gelähmter Zunge in seinem Bette. Er hatte zustimmend genickt, als die Frau Eva fragte, ob sie nach dem Herrn Dechant senden solle, und schien auf sein Ende gefasst zu sein. Tränen hatte die Frau Eva keine mehr. Dass ihr Mann sie so plötzlich allein lassen wollte in all dem Jammer, in all den ungeordneten Verhältnissen, darauf war sie nicht vorbereitet. Jetzt hieß es stark sein und fest. Sie gab ihrem Jakob einen Rosenkranz in die zitterigen Hände und ordnete unter tröstlichem Gerede sein Bett, dass es einen ordentlichen Eindruck mache. Und sie räumte mit der Kathl die Stube auf wie an einem Sonntag. Wo der Tod sich zu Gast geladen, da kommt er nicht allein.

Der Dechant zögerte nicht, den Weg zu Meister Jakob schleunigst anzutreten. Das Schicksal dieses Hauses erschütterte ihn.

Unter Vorantritt des greisen Kirchenvaters Johann Wagner schritt der Pfarrer, die Monstranz in den Händen, durch das Dorf. Wagner schellte ab und zu mit dem Glöcklein in seiner Rechten, und die Leute traten aus den Höfen heraus, beugten das Knie und bekreuzten sich vor dem Allerheiligsten, aus dessen Kelch einem Sterbenden die letzte Wegzehrung gereicht werden sollte. Da man den Franzl vorauslaufen sah, ahnte man, dass sich im Hause Weidmann nun auch ein Todesfall angekündigt hatte. Wer mochte es sein, da doch niemand krank gewesen? Die Klatschsucht hatte sich genug getan in den letzten Tagen, jetzt zitterte manches Herz vor Ergriffenheit. Es war zu viel, was über diese Familie kam.

Das Weib des Vetter Harmes und die anderen Nachbarinnen liefen bestürzt herbei, sie sammelten sich im Hofe, als der Dechant bei dem Kranken eingetreten war. Wagner schloss die Tür hinter ihm und hielt die Wache. Frau Eva und ihre Kinder, unter ihnen auch der kleine Christof, harrten traurig vor dieser Türe. Was der Sterbende seiner Hochwürden zu beichten oder anzuvertraunen hatte, das durfte niemand vernehmen, es lag unter dem strengen Siegel der Kirche.

»Mein armer Freund«, sprach der Dechant, nachdem er dem Meister, dessen Lippen sich heftig bewegten, ohne dass er einen Laut hervorbrachte, das Zeichen des Kreuzes über Stirn, Mund und Brust gemacht hatte, »quälen Sie sich nicht… Ich weiß, dass Sie keiner Sünde fähig waren, dass Sie eines Tages rein und ehrlich von hinnen gehen, und ich absolviere Sie in nomine patris et flii et spiriti sancti. Dort werden Sie einen gerechten Richter finden, und ich bin sicher, dass auch Ihr verirrtes Kind dieser Gerechtigkeit teilhaftig werden wird… Die Besten im Dorfe glauben nicht an ihre Schuld. Seien Sie getrost in dieser Stunde, Sie haben sich ein gutes Andenken in der Gemeinde gesichert; Ihr Haus ist in guter Hut, und wir wollen Ihren Söhnen alles gutschreiben, was ihr Vater sich an Achtung erworben hat durch ein rechtschaffenes Leben.«

Ein dankbarer Blick, in Tränen schwimmend, lohnte den Pfarrer für seine Trostesworte. Und er erteilte dem Sterbenden die letzte Ölung.

Der Kirchenvater Wagner horchte, öffnete die Türe und trat ein, die Familie drängte nach. Und während der Dechant das Haus verließ, betete Wagner mit den Versammelten drei Vaterunser. Bis in die Küche und auf den Gang hinaus knieten die Weiber und beteten laut mit. Vorne beim Bett lagen Frau Eva, die Anmerich, der Jakob und der Peter, der herbeigeeilt war, auf den Knien. Der Christof aber war in der hinteren Ecke des Zimmers auf die Truhe gestiegen und sah über alle hinweg auf den sterbenden Großvater. Ordentlich beten hatte er noch nicht gelernt, aber er faltete die kleinen Hände und plapperte mit, so wie alle Tage, wenn der Franzl das Tischgebet sprach. Der Großvater hatte ihn gar lieb.

Als die Gebete beendigt waren, erhob sich Frau Eva, um nach dem Vater zu sehen. Sie griff nach seiner Hand und erschrak über deren starre Kälte. Dann sagte sie mit scheuer Ehrfurcht zu ihren Kindern: »Euer Vater ist tot.«

»Das ewige Licht leuchte ihm!« sprach Wagner und entfernte sich leise mit den kirchlichen Gegenständen, die er mitgebracht hatte. Eine Nachbarin nach der anderen zog sich zurück, die Mutter Eva aber öffnete das Fenster neben des Vaters Bett, um seine Seele hinauszulassen aus der Stube, in der sie so lange im besten Frieden gewohnt hatte.

Träge schlichen die spätherbstlichen Tage dem Winter zu. Dieser hatte drüben, jenseits der Marosch, den Gipfeln der Berge schon ein paarmal seine weiße Kappe aufgesetzt, aber sie schüttelten sie immer wieder ab. Sie meinten, es wäre noch zu früh. Die Novemberstürme hatten sich noch nicht ausgetobt. Sie rasten ohne Widerstand über die weite Ebene hin, heulten allnächtlich wie hunderttausend Wölfe, rüttelten an Fenstern und Türen und forderten Einlass. Die Bäume ächzten vor den Häusern, die Dachziegel flogen, und aus den Kaminen kollerte es nieder auf den Herd in der Küche. Es waren gespenstische Nächte; der wilde Jäger und sein Gefolge jagten in den Lüften. Man hörte zuweilen sein Horn im Sturm. Und die Frau Eva durchwachte diese Nächte betend. Mit dem Schicksal zu hadern hatte man sie nicht gelehrt, sie trug gefügig alles, was es ihr auflud, aber die vielen verzweifelten Gedanken, die sich meldeten, waren nur durch Gebet zu überwinden. Sie fegte am Morgen den verrußten Mörtel, den der Sturm ihr allnächtlich in die saubere Küche warf, hinaus, sie ließ den Franzl die zersplitterten Dachziegel im Hofe auflesen und hieß den Jakob die Lücken zu suchen im Hausdach und neue Ziegel einzuhängen. Aber die niedergebrochenen Obstbäume in des Vaters geliebtem Garten, die konnte sie nicht wieder aufrichten. Da lag ein Birnbaum, der im letzten Sommer noch die süßesten Früchte getragen, viel bedankt von der Jugend des Hauses. Wer hätte gedacht, dass es seine letzten Gaben sein sollten. Er war ein Liebling des Vaters, darum folgte er ihm wohl so bald nach. Auch er von einem Sturm gefällt…Ihr Sohn Johann kam also nicht. Erst jetzt hatte ihr der Jakob den langen Brief gründlich vorgelesen, der damals gekommen war. Es stand so viel darin, was sie an sich selbst gemahnte. Er war auf seiner Wanderschaft in ein deutsches Ländchen gekommen, das hieß Gottschee. Aber der Meister, bei dem er einstand, starb alsbald, und er führte der Witwe die Werkstatt. Er konnte sie mit ihren vielen Kindern nicht verlassen, und so gab er seine Wanderschaft nach Deutschland auf. Und Gott fügte es, dass die älteste Tochter ihn lieb gewann und er sie jetzt heiraten werde. Er bitte um den Segen der Eltern für sein Vorhaben. Der lieben Susi schicke er ihr Liederbuch zurück mit vielen neuen Liedern, sie werde wohl nicht so lange warten wollen, bis er es ihr selber einmal bringe. Und Nachricht wollte er, was sich denn alles verändert habe daheim in all den Jahren…

Der brave Bub, der einer Wittib hilfreich beistand in ihrer Not, er wusste von nichts. Frau Eva dachte lange nach über eine Antwort. Dann berief sie eines Sonntags den Peter, der am besten mit dem Schreiben umgehen konnte, und sagte ihm einen Brief in die Feder, den er niederschreiben sollte. »Mein herzlich geliebter Sohn Johann!« So sollte er anheben. Und dann fuhr sie fort: »Deinen guten Brief, in dem so viel Neues und Schönes geschrieben steht, haben wir in Tagen der Traurigkeit erhalten. Dass du nicht heimkommst, schmerzt uns sehr. Was sich bei uns alles begeben hat, seitdem Du auf die Wander gegangen bist, lässt sich gar nit verzählen, es sind viel Tränen geflossen in Deinem Vaterhaus, von denen Du nichts weißt. Wo soll ich anfangen? Unser lieber Vater ist tot. Die Leut' sagen, der Schlag habe ihn gerührt, ich weiß es insgeheim besser, liebster Sohn. Die Ehr' war ihm gestorben, das Herz war ihm gebrochen vor Kränkung und Scham über sein liebstes Kind, die Susi. Die gute Anmerich hat ihren Philipp gehaiert, hat drei Kinder und ist glücklich. Die Susi hat auch einen Buben, er geht schon bald in die Schul'. Er ist ein Luckhaup. Was aus dem Maleer alles herausgewachsen is, das zu beschreiben sträubt sich meine Feder, sie is zu ergriffen. Es is auch noch nit aus, wir wissen noch nit, ob es schlimm oder gut endigen wird für die Susi und für uns alle. Sei froh, dass Du in der Fremd' bist und nit mit uns allen zu tragen brauchst an der großen Schand', die auf uns liegt und uns niederdrückt. Dem Vatter sein weiches Herz is zuerst gebrochen. Meins muss halten, bis alles in Ordnung is mit euch Kindern. Mein Segen is mit Dir, lieber Sohn. Schicken kann ich Dir jetzt nichts, denn ich werde wohl den Jakob loskaufen müssen vom Militari, weil du nit kommst. Der Vatter hat gewartet auf Dich und gewartet, bis es zu spät war für den Jakob in die Fremd' zu gehen. Aber sei ohne Sorge um uns, wir helfen uns schon weiter. Die Ernte war gut, der Wein ist geraten, das Vieh gottlob gesund, und in der Werkstatt ist immer zu tun. Wenn nur die Susi wieder ehrlich wird! Wir erhoffen es noch immer. Der Peter, der diesen Brief für mich schreibt, ist auch schon lange frei und wird als Schmied auf die Wanderschaft gehen, ehe er Soldat werden muss. Und so lebe wohl, herzlich geliebter Sohn, alle grüßen Dich und wünschen, dass du glücklich wirst.

Deine getreue Mutter Eva Weidmann.«

Als der Franzl nach der Vesper auch diesen Brief nach Alliosch hinübertrug zur Post, da nahm er den Christof nicht mit wie damals… Scheu blickte er hinüber nach dem tiefeingeschneiten Hof des Mathes Wörle. Die Fensterläden waren geschlossen, die Türen zu, die Ställe leer, das Vieh versteigert. Die Gendarmerie hatte auch ihn geholt. Und wenn man dem glauben durfte, was die Leute redeten, kam er sobald nicht wieder. Der Franzl wollte am Abend, wenn er heimkehrte, doch einen anderen Weg nehmen. Es war nicht recht geheuer, da im Dunkeln vorüberzugehen. So mancher hatte nachts die klagende Stimme der Bas' Mali gehört, wenn er vorbei kam. Nicht einmal die Diebe rührten das Haus an, in dem der Mord geschehen war, jeder wich ihm aus.

XVII.

Schwerste Tage eines Menschenlebens, Tage unschuldigen Leidens! Sie waren mit solcher Wucht über die Susi hereingebrochen, dass sie wie betäubt hinter Kerkermauern saß und nicht wusste, was sie beginnen sollte. Der Anwalt, den Ferdinand Trauttmann ihr zu geben gedachte, durfte nicht zu ihr, die Mutter, die Geschwister wurden abgewiesen, wenn sie nach ihr fragten. Solange die Voruntersuchung nicht abgeschlossen sei, dürfe sie mit niemandem reden. Nur die Todesnachricht von daheim, die ließ man zu ihr. Denn von ihr hoffte man sich ihre Zerknirschung. Sie weinte furchtbar, aber verändert hatte die Todesbotschaft das Mädchen nicht. Worin aber bestand die Voruntersuchung, der man sie beständig unterzog? Die Susi sollte gestehen. Man drängte, man drohte, man strafte sie durch Fasttage und hartes Lager, denn man wollte ein Geständnis. Hundertmal erzählte sie, wie es gewesen, man glaubte ihr nicht. Aber sie wich mit keinem Hauch ab von ihrer Aussage. Und sie warf auch keinen Stein nach dem Bauern. Hatte er es getan? Es war keine Frage für sie. Aber er wird sich ja wohl selber eines Tages rühren und seine Schuld auf sich nehmen. Seine Angeberin wollte sie nicht sein. Dass man ihr nie etwas werde beweisen können, dessen war sie so sicher, dass ihre Zuversicht wuchs gegenüber all dem Unrecht, das sie erduldete, gegenüber all den Erniedrigungen, denen sie ausgesetzt war. Wochen und Monate gingen hin, und es drang kein weiteres Lebenszeichen von der Außenwelt zu ihr. Sie wusste wohl, dass ihr Vater gestorben, aber sie erfuhr nichts von ihrem Buben. War er ganz gesund geworden? Sie litt Qualen der Ungewissheit, sie war oft in Verzweiflung. Aber anstatt weicher, gefügiger, wurde sie trotziger, verschlossener. Und zuletzt überließ man sie sich selber und fragte sie nicht mehr. Sie mag warten, bis ihr Richter komme, der werde sie schon Mores lehren. Und sie zitterte diesem Unhold entgegen.

Endlich kam ein deutscher Untersuchungsrichter aus Temeschwar, der den Fall zu klären hatte. Dieser Deutsche hieß zwar Kropatschek, aber er packte die Sache sogleich anders an. Wo war der Bauer? So fragte er nach dem ersten Verhör der Susi. Her mit ihm! Vorführen!

Und er gestattete der Gefangenen auch eine Unterredung mit dem namhaft gemachten Anwalt. Sie erschien ihm verstockt und verbittert zu sein durch die unvernünftige Behandlung, die sie erfuhr.

»Hui, hui, das ist ein Bachhusar!« sagte der alte Gerichtsdiener Nedelkowitsch. »Mir scheint, der kennt die Gesetze.«

Es war ein solcher, stammte aus Prag und galt als ein tüchtiger, kenntnisreicher Richter. Und er hatte ein Dutzend ungeklärter Gerichtsfälle in das Geleise zu bringen, in das sie gehörten, sie waren entweder hier zu erledigen oder an das überlastete Kriminalgericht nach Temeschwar zu überweisen. Er sollte sieben, damit die Zentralstelle nicht erdrückt würde.

Mathes Wörle war nicht allzusehr verwundert, als die Gendarmen eines Tages bei ihm in den Hof traten, er hatte sie lange erwartet. Sein Leben in dem verödeten Hause war ihm zur Hölle geworden. Er wagte keinen Fuß in die vordere Stube zu setzen, sie war noch in demselben Stand, in dem sie die Bäuerin zurückgelassen hatte. War sie tot? In stillen Nächten hörte er beständig ihren Ruf. Er mochte sich die Decke über den Kopf ziehen, er mochte sich die Ohren verstopfen, es rief mit klagender Stimme: Mathes, Mathes, Mathes! Und er huschte abends immer rasch durch die Küche, denn er fürchtete ihr zu begegnen. Er ließ bei Eintritt der Dämmerung überall Licht anstecken und duldete keinen dunklen Raum. Selten ging er unter Menschen. Denn er meinte, jeder müsse ihm seine Tat von der Stirne lesen. An Gesprächen über die Susi nahm er nicht teil, sie waren ihm eine Folter. Bei der Erinnerung an sie schlug ein Hammer in seiner Brust: »Warum lässt du sie in Kerkersnot? Warum redest du nicht?« Ja, warum redete sie nicht selber? Warum klagte sie ihn nicht an? Wusste sie es etwa doch nicht? Traute sie es ihm nicht zu? Wenn er nur nicht so feig gewesen wäre, die Schande nicht so sehr gefürchtet hätte… Das Grauen vor dem Galgen schüttelte ihn in mancher Nacht. Aber konnte ein gerechter Richter ein solches Urteil über ihn sprechen? Oh, wenn er es einem Richter nur hätte erzählen und begreiflich machen können, was er gelitten in dieser fünfzehnjährigen Ehe mit einem kranken Weib, und wie er zuletzt aus reiner Verzweiflung, aus Notwehr, wie ein Ertrinkender, gehandelt hatte. Wenn er nur sicher gewesen wäre, die Worte zu finden, die alles das aufklärten - aber er verzweifelte an dieser Möglichkeit. »Du sollst nicht töten!« würde man ihm entgegnen, und an diesem Felsen zersplitterte alles, was er zu sagen hatte… Es rief nachts nur immer: »Mathes, Mathes, Mathes!« Aber was lag nicht darin! Er hörte aus dem Ton der Stimme alle Anklagen heraus, die man gegen ihn erheben konnte. Die Posaunen des Jüngsten Gerichtes konnten nicht furchtbarer klingen als dieser beständige Aufruf an sein Gewissen. Und es gab kein Entrinnen. Er wusste es. Denn eines Tages würde die Susi ja doch reden.

Die Gendarmen sahen ihn blass werden, aber sie fanden ihn gefasst und ruhig. Und diese Ruhe verlor er erst, als er vor dem Untersuchungsrichter stand. Und der ließ ihn sogleich festsetzen. Mathes Wörle war der Schuldige, das schien sicher, aber wie weit reichte die Mitschuld oder die Mitwissenschaft der Susi? Das war ganz dunkel. Sie gehörten beide ins Kriminal. Getrennt ließ er sie nach Temeschwar schaffen, nachdem die Vergiftung auch durch eine Gerichtskommission außer Zweifel gestellt worden war. Die Leiche der Toten erhob ihre Hand und legte eine grauenvolle Zeugenschaft ab wider den Täter. Darauf war Mathes nicht gefasst, dass man ihm nach Monaten noch sein Rattengift würde nachweisen können.

Was waren das nicht für Tage des Aufruhrs im Dorfe! - Diese Gerichtskommission an Ort und Stelle, die Ausgrabung der Toten, die Überführung Wörles ins Kriminal und die Versteigerung alles Lebendigen auf seinem Hofe. Vom Gericht waren Knecht und Magd entlassen und das Haus verschlossen und versiegelt worden. Von der Susi und ihrem kleinen Schicksal war wenig mehr die Rede, seit das Drama diesen Helden erhalten hatte. Ein Schwarzwaldhaus ging da unter, eine der ältesten Familien wurde aus dem Ehrenbuche der Gemeinde getilgt.

Nur im Gemüt der Frau Eva hatte sich nichts verschoben. Ihr blieb ihr eigenes Kind am wichtigsten und ihr eigenes Haus. Für diese ihre Welt hatte sie zu kämpfen. Und ihre zagen Hoffnungen fanden einen neuen Nährboden in all den Ereignissen; vielleicht war die Susi doch so schuldlos, wie sie sagte. Und der Freund in der Not, den sie so unvermutet in Ferdinand Trauttmann gefunden hatte, wurde ja auch immer zuversichtlicher. Gar nichts habe die Untersuchung gegen die Susi ergeben, sagt es ein Advokat. Er spannte ein, sooft Frau Eva nach Temeschwar fahren wollte, er machte so manchen Weg für sie, und er erwirkte durch seinen Fischkal beim Kerkermeister endlich auch eine Unterredung mit der Susi. Es kostete eine halbe Sau aber was lag daran, durfte die Großmutter doch auch den Buben mitbringen. Eine Stunde in der Wohnung des Gestrengen, dessen Frau sich gern von netten Arrestantinnen die häuslichen Arbeiten verrichten ließ, war ihnen gegönnt.

Der Jubelschrei Susi’s, die heilsamen Tränen, das herzliche Zärtlichsein - Frau Eva hat dieses Wiedersehen nie im Leben vergessen. So weich und gut und innig hatte sie ihr Mädel nie gesehen. Die Susi musste in dieser Leidenszeit besser geworden sein, als sie jemals war. Und der Christof, was der für erstaunte Augen machte, die Mutter in dieser schönen Wohnung wiederzusehen. Man hatte ihm daheim, auf der Gasse und in der Schule ganz andere Vorstellungen beigebracht; Schimpf und Spott verfolgten ihn, und er trug manche Bitternis in seinem kleinen Herzen. Fest klammerte er sich jetzt an die Mutter und ließ sie keinen Augenblick los. Sie werde bald wiederkommen, sagte sie der Großmutter, und den bösen Leuten die Mäuler stopfen. Ihr Advokat glaube fest daran. Nur noch zwei oder drei Monate daure es, dann sei die Verhandlung, habe er gesagt. Und sie besprachen alles Heimatliche; das Kleinste, was sich im Dorf begeben hatte, wollte sie wissen. Und auch, ob sie schon ein Kind habe… Als die Großmutter das mit Nein beantwortete, leuchteten die Augen der Susi auf; es war, als zucke ein Blitz aus ihnen hervor. Frau Eva erschrak beinahe über diesen Blick. Aber sie begriff… Seltsam, dass auch der Christof diesen Zusammenhang verstand. Alle Leute nannten ihn den kleinen Luckhaup, er wusste manches. Der Unterlehrer Theiß musste den Buben in der Schule verbieten, ihn so zu nennen; er heiße Weidmann, verkündete er der Klasse. Und jetzt sagte der Christof: »Sie soll mer nur nomal sage, dass mei Motter nimmer haamkimmt. Gelt, do lach ich se aus?« »Wer hot dir des g'saat?« fragte Susi. »Na, mei'm Vatter sei' Weib. Bei der Schul' war se geschtanne. Sie hot wolle, ich soll amol mit'r geihn. Se häwe gar kei' Kinner, ich soll bei ehna bleiwa, hotse gamaant.«

»Was?!« schrie Susi auf. »So a Frechheit! Und was hoscht denn du g'saat?«

»Ich bin haam g'schprunge«, lachte der Christof.

Mutter und Tochter tauschten einen Blick. Die Frau Eva wusste es schon, aber sie wollte es nicht selber erzählen. »Gebt mer uf de Bu acht!« sagte Susi bittend, als sie merkte, dass Christofs Aufmerksamkeit plötzlich von ihnen abgelenkt war. Ein schwarzer junger Mann stand vor ihnen, im Kleide eines Sträflings. Und an seinen Füßen klirrten Ketten. Er hatte etwas Stolzes an sich, sah aus wie ein Herr, aber ein Zug tiefen Leides durchfurchte seine Miene. In einer Sprache, die weder der Bub noch die Großmutter im Dorfe je gehört hatten, mahnte er Susi zum Aufbruch. Und er wandte sich ab, ging klirrend in das Nebenzimmer und deckte dort den Mittagstisch seines Kerkermeisters.

Susi hatte verstanden. Sie erhob sich, es musste geschieden sein. Ihr Bub aber hing an der Erscheinung mit den klirrenden Ketten, er wurde sich des Abschieds gar nicht bewusst; er wollte wissen, wer das wäre, und warum der Mann mit Eisen gespannt gehe wie ein Gaul auf der Weide.

Die Mutter bedeckte sein Gesicht mit Küssen und sagte, der Arme wäre ein Ungar, ein stolzer Baron, aber er habe Revolution gegen den Kaiser gemacht und büße das jetzt. Er sei hier gefangen.

Dieser Eindruck auf das Gemüt des Knaben war stärker als der Abschied von der Mutter. Erst als er mit der Großmutter vor dem Tore des kleinen Komitatshauses draußen stand, war er sich völlig dessen bewusst, dass er die Mutter wieder verloren habe. Aber sie komme ja bald wieder, hatte sie gesagt. Gern hätte er auch gefragt, was das wäre, Revolution. Denn er hatte auch auf den Gängen und unter der Einfahrt, wo Panduren die Wache hielten, den unheimlichen Ton der Ketten gehört. Mit rauchenden Essschalen in den Händen klirrten junge und alte Männer an ihnen vorüber… Die alle hatten Revolution gemacht? Das musste etwas sehr Böses sein.

Es war der Frau Eva auf der Heimfahrt wohler zumute als auf der Hinreise nach Temeschwar. Sie hatte ihr Kind wiedergesehen, die Susi in besserer Verfassung gefunden, als sie sich's denken konnte, und deren Hoffnung auf den Freispruch war eine so feste, dass auch die Mutter sie jetzt völlig teilte. Der Vetter Trauttmann tat sich nicht wenig zugute darauf, dass er das immer erwartete, dass er das vom ersten Augenblick an gesagt hätte. Und er gestand der Frau Eva jetzt, dass er sich schon als Zeuge melden wollte gegen den Wörle,denn der habe ihm einmal in einer schwachen Stunde mehr gesagt, als er heute wird gelten lassen wollen. Das Ganze wäre sicher nur sein Werk. Darum war er, Trauttmann, ja so sicher… Vierspännig wolle er die Susi heimholen, wenn alles vorüber sei. Gegen solchen Übermut lehnte sich das bescheidene Gemüt der Frau Eva auf, sie wolle lieber barfuss nach Maria Radna pilgern und Gott in Demut danken, wenn es so weit komme.

Die guten Nachrichten verbreiteten sich bald im Dorfe, und es kam jetzt manch ein Besuch zur Frau Meisterin, den sie schon lange nicht mehr gesehen hatte. Die Basen und Vettern waren rar geworden in dieser Leidenszeit. Auch der Vetter Hannes, der Nachbar, der sich nur bei Vaters Tod gezeigt und dann wieder zurückgezogen hatte, schämte sich ein bisschen, dass der Trauttmann alles das tat, was sein Haus als nächstes der Witwe des Bruders hätte leisten sollen. Warum sie denn nicht bei ihm manchmal einen Wagen verlangte, fragte er, warum denn immer beim Schwäher. Er lebe doch auch noch. Frau Eva begrüßte die Annäherung des Bauern mit Befriedigung. Sie werde schon auch ihn noch einspannen, sagte sie. Und sie fragte ihn um Rat in der Militärsache. Der älteste Sohn war frei, weil er die Werkstatt übernehmen sollte. Wie war es aber nun, wenn der gar nicht heimkam aus der Fremd' und der zweite Sohn das Haus übernehmen sollte?

Muss sie den Jakob wirklich loskaufen? Ja, bei ihm wäre es so gewesen, meinte der Schwager, aber es frage sich doch, ob sie nicht billiger käme, es anzuzeigen, damit der Johann dienen müsse und nicht der Jakob. So ein Tausch müsste doch wohl möglich sein. Der Johann? Der sich verheiratet habe, der einer Wittib die Werkstatt weiterführe? Gott behüte, dass sie den der Militärbehörde angebe. Da opfere sie lieber ihr letztes Bargeld für eine Stellvertretung des Jakob. Das wäre eine kostspielige Sach', meinte der Schwager. Das Geld wäre dem Johann jedenfalls abzuziehen vom Erbe. Aber er wolle sich gern umsehen für sie um einen Stellvertreter und ihn billig aushandeln. Man müsse sich tummeln, denn es werde von einem Krieg mit Italien geredet. Es gehe wieder einmal los … Dass die Sache der Susi so gut stünde, das wäre doch recht erfreulich für die ganze Freundschaft, meinte er beim Abschied.

Ja, ja, sie wusste schon, warum er so brüderlich tat, er hätte es ihr nicht so deutlich zu sagen brauchen.

Jakob begann sich zu fühlen, seitdem die Werkstatt auf seinen Schultern ruhte. Im Anfang erschien es ihm wohl, als wäre mit des Vaters Tod die Nabe aus dem Rad gebrochen, aber es war lange seit jenem denkwürdigen Abend. Er hatte sich des Vaters Lehre damals sehr zu Herzen genommen, sie nie vergessen. Und sie wurde seine Erzieherin. Das sollte ihm niemand mehr nachsagen, dass er ein Werk aus seinen Händen gab, das nicht ohne Tadel war. Dass er solange auf seine Ablösung durch den Johann wartete und die Wanderschaft immer wieder aufschob, das ließ ihn freilich allzu reif werden für solch ein Unternehmen; er verwuchs zu sehr mit dem Dorfe und seinem geselligen Leben. Es konnte jetzt keine Rede mehr sein für ihn von der Fremde. Hätte die Mutter sich einen Gesellen in die Werkstatt stellen sollen? Das wird nicht angehen. Wo nähme der sogleich das Vertrauen der Bauern her? Dieses war nicht so leicht zu haben, es musste verdient und erarbeitet werden. Der Jakob glaubte es zu besitzen. Aber wird man ihm nicht zeitlebens vorwerfen, dass er nicht in der Fremd' gewesen? Das war zu bedenken. Sein Mädchen freilich, die Gertrud, die wollte nichts wissen von solchen Bedenken, die wollte bald geheiratet sein, sonst nahm sie einen andern.

Der Jakob war ein fester, gesunder Bursche von gedrungener Gestalt, und sein blonder Schnauzbart, den er stehen lassen wollte, sprosste schon ganz prächtig. So einen Bart, den die anderen erst aus der Fremd' mitbrachten, konnte man sich ja auch zu Hause wachsen lassen. Das gibt dann gleich mehr Ansehen. Und man vergisst wohl mit der Zeit, dass es bloß ein heimisches Gewächs war. Die Mutter besprach die Wanderschaftsfrage eines Tages sehr ernsthaft mit ihm. Sie war um des Vaters willen, der so viel davon hielt, bereit, sich einen Gesellen zu suchen, aber länger als ein Jahr dürfe er ihr nicht fortbleiben. Das band sie ihm auf die Seele. Er schämte sich, gleich nein zu sagen, er wollte sich's überlegen. Vielleicht ließ es sich in der Nähe abtun, etwa in Arad, wo der Christian vom Vetter Niklos die Baumeisterei so fein gelernt habe. Und als seine Militärsache trotz des Krieges in Ordnung und er losgekauft war, packte er eines Abends sein Felleisen und sagte der Mutter, er wolle sich einmal umsehen. Und fuhr auf dem Getreidewagen des Vetter Hannes am nächsten Morgen mit nach Arad. Dort blieb er einige Zeit; die Werkstatt überließ er einstweilen dem Franzl, den die Mutter zu Ostern hatte freisprechen lassen. Wenn er nichts als dringliche Reparaturarbeiten vornahm, mochte das ja eine Zeit hingehen. Und es ging, denn nach sechs Wochen war der Jakob wieder daheim. Es sei nicht der Mühe wert, sagte er. Was er da drüben sah, das könne er alles viel besser. Er bleibe daheim. Die Mutter war damit zufrieden. Sie wollte ihn nicht drängen, es sei nur um des Vaters willen gewesen, denn der hätte ihn, wenn er lebte, sicher fortgeschickt und ich einen Gesellen genommen.

Als der Jakob sich am nächsten Sonntag für die Kirche angekleidet hatte und stolzen Schrittes ins Zimmer der Mutter trat, schrie diese auf vor Schreck. Und die Kathl nebenan, die auch schon fertig war und mit ihm gehen sollte, hub ein Gelächter an, als ob sie bersten wollte. Der Jakob stand in einem braunroten reichverschnürten ungarischen Anzug vor ihnen, in engen Hosen und einem Attila mit langen Schößen, Sporen an den Csisinen, den Fokosch in der Hand. Und auf dem Kopf saß ihm ein Kalpak. Wie aus einem der verbotenen Revolutionsbilder herausgeschnitten, so wie man den Kossuth Lajos und seine Freunde abgebildet hatte, so sah er aus. Das wäre jetzt die Mode in Ungarn, sagte der Jakob gekränkt. Was verstünde man denn hier davon.

Ob er sich denn um des Himmels willen so auf die Gasse traue, fragte die Mutter. Warum den nicht? So gingen in Arad alle Gesellen. Man solle nur merken, dass er fort war, erwiderte Jakob.

Die Kathl aber, die man jetzt im Dorf die Schöne nannte, wie einst die Susi, weigerte sich mit ihm zur Kirche zu gehn, sie lief schleunigst voraus und sah sich nicht mehr um. Da musste der Franzl herbei, der Junggeselle. Ihm fiel die Ehre zu, den Vetter Jakob zu begleiten, denn wenn er, der Jakob, ehrlich sein wollte, ganz allein mochte er beim erstenmal nicht als Madjarember durch das Dorf gehen. Es war vielleicht doch ein bisschen zu auffällig.

»Jokob, Jokob«, sagte die Mutter betrübt, »die G'schicht mit deiner Fremd' is noch ärger wie die mit dem Strudl vom Schuster-Sepp.«

Und so wie die Kathl, so lachte das ganze Dorf über die ungarische Gala des Jakob. Die kleinen Buben liefen ihm auf dem Heimweg nach und fragten ihn spöttisch, ob es denn jetzt Fasching wäre, dass er wie ein »Verklaadter« ginge. Sie folgten ihm mit Hallo, bis er daheim war. Und der Christof spottete auch mit. Da bekam er die erste Ohrfeige in seinem Leben. Der Jakob bereute sie später, aber der Bub hatte sie schon.

Und der Jakob trotzte und trug das Gewand an drei Sonntagen. Dann aber verschwand es still und kam nie mehr zum Vorschein. Denn er war auch in Lippa, auf dem Wochenmarkt, damit gewesen, und da grüßten ihn sogleich ein paar Beamte und redeten ihn ungarisch an. Als er ihnen voll Verlegenheit schwäbisch antwortete und gestand, dass er sie nicht verstehe, lachten auch sie so laut wie das heimatliche Dorf und nannten ihn einen bolond sváb. Was er auch nicht verstand. Aber es klang so, als ob man ihn einen Hans Narr oder ein verrücktes Schwäblein geheißen hätte. Stehen blieben die Leute auch auf dem Markt in Lippa und schauten ihm nach. Was konnte er dafür, das diesseits der Marosch die Mode eine so ganz andere war als jenseits? Er war eben drüben in der Fremd' gewesen, und die da lachten, waren es nicht. Nicht einmal die Lippaer Herren waren über ihre Brücke hinüber nach Ungarn gekommen, wie es schien.

Diese Erfahrungen würden dem Jakob nicht viel bedeutet haben; sein Kopf war so dick als irgendeiner im Dorfe, aber dass auch die Gertrud ihn verspottete und ihm den Laufpass geben wollte, wenn er sich noch einmal unterstünde, so unter die Leute zu gehen, das gab den Ausschlag. Sie hatte es ihm durch die Fraala sagen lassen. Und er verkleidete sich nicht mehr in einen Madjarember. Das fehlte gerade noch, dass er sein Mädel böse machte. Er hatte lange genug um die Gertrud Wichner aus Altrosenthal geworben, auch schon Schläge für sie bekommen, das Mädel ließ er nicht. Sie war eine Bauerntochter und die Nachbarin der Fraala. Nur weil der Jakob immer so tat, als ginge er die Alte besuchen, entging er dem ärgsten Zusammenstoß mit den Altrosenthaler Buben. Über den Zaun hin ließ sich manches reden mit der lieben Nachbarin, und Zäune haben oft auch Lücken. Als das Einverständnis der beiden entdeckt ward, war es schon zu spät es zu zerstören. Wie eine Klette hing die Gertrud an dem Weidmann, wenn sie tanzten, und sie schwankte auch nicht in ihrer Gunst, als die Susi in so argen Verruf kam. Was ging sie die Susi an? Den Buben aber, die den Jakob endlich doch einmal auf dem nächtlichen Heimweg von der Fraala erwischten und durchwalkten, war es nicht nur um die Gertrud zu tun, sie wollten auch verhindern, dass wiederum ein gutes Stück der Endelyschen Gärten nach Neurosenthal hinüberfiel. Und ein solches bekam sie mit, das wusste jeder. Um solche dörfliche Herzenssachen aber mussten die Buben sich kümmern, zu teuer waren diese Gründe jedem echten bäuerlichen Gemüt. Was wusste dieser Wagnergeselle davon? Der konnte seinen Knoblauch auch woanders bauen. Aber es war zu spät. Zu deutlich machte es die Gertrud, die bei der letzten Kirweih drei Bauernsöhnen den Strauß abgeschlagen hatte. Von der Fraala ihrem Fenster sah sie dem Tanz zu und kam erst am Abend ins Große Wirtshaus, als auch die Gesellen mittanzen durften. Die sei nicht mehr zu kurieren, sagten sich zuletzt die Buben.

Und der Jakob sollte sie jetzt für ein paar ungarische Hosen, die er sich einbildete, erzürnen? Nicht einmal um die verschollene ungarische Krone! Er verkaufte die Gala heimlich dem ersten Ludlmann, der seine Schalmeiin der Herrensgasse ertönen ließ. Und am Abend stieg er über den Zaun der Fraala um den Lohn für seinen Gehorsam.

XVIII.

Gerechtigkeit, was bedeutest du noch, wenn du Jahre brauchst, um deinen Spruch zu fällen? Wenn deine Diener Menschenherzen brechen, reine Seelen beschmutzen und niedertreten, so dass auch du sie nicht wieder ganz aufrichten kannst? Du bist blind, sagen sie. Aber du bist oft auch taub. Und wenn der Richter am Jüngsten Tage keine feinere Waage in Händen hielte als du, dann wäre es nicht der Mühe wert, ein Mensch zu sein. Wo wohnst du, wo findet man dich? Die dich so eifrig in den Gesetzbüchern suchen, sie finden dich so selten. Wohnst du am Ende gar nicht in diesen Büchern? Wohnst du in den Seelen, in den Menschenherzen? Die Kunst, darin zu lesen, lehrt kein Paragraph. Diese Wissenschaft prüft kein Professor, und blind geborene Richter suchen und suchen, was ihnen zu finden ewig versagt bleibt.

Nicht zwei oder drei, nein, viele Monate dauerte es noch, bis die Susi vor ihren Richtern stand; das zweite Jahr war voll, seit man ihr vor den Augen ihres Vaters Handschellen anlegte und sie fortführte. Und als sie jetzt freigesprochen wurde, erhob der eine der Bachhusaren, der Staatsanwalt Kropatschek, seinen Finger und rief: »Ich rekuriere!« Er glaubte nicht an ihre Schuldlosigkeit. Er vermutete eine entfernte Mitwissenschaft, eine Mitschuld im Geiste; denn es sei zu augenscheinlich gewesen, dass sie danach trachtete, Bäuerin zu werden. Der Wörle habe es ihr versprochen, die gutmütige Kranke sogar sei damit einverstanden gewesen, aber es dauere der Wartenden zu lange. Und sie dürstete ja auch nach Genugtuung gegenüber jenem anderen, der sie betrogen hatte; sie wollte diesem beweisen, dass eine Handwerkerstochter doch werden könne,. was er ihr versagte. Der Richter wurde zum Dichter. Es sei ganz unwahrscheinlich, rief er, dass sie dem eingestandenen Drängen ihres Dienstgebers kein Ohr geliehen, dass sie kein Auge zugedrückt haben sollte, wenn er um ihre Pfannen herum schlich. Sei es auch eine entfernte Mitschuld, die sie zu tragen habe, schuldlos sei sie nicht. Der gewissenhafte Kropatschek nahm die fünfzehn Jahre, die man dem Wörle zuerkannte, an, aber er rekurierte gegen den Freispruch seiner Genossin.

Und abermals verging ein Jahr, ehe die Susi endgültig freigesprochen wurde. Der eine Blinde unter den Richtern hatte die Macht, das Werk der Sehenden, der Herzenskundigen zu stören, den Spruch der Gerechtigkeit zu vertagen, bis ein großes Unrecht daraus wurde. Wer gab dem jungen Weibe die verlorenen Jahre wieder? Wer tilgte das Leid, den Makel, den es getragen? Die Susi konnte zuletzt gehen, woher sie gekommen war; man hielt sie nicht mehr. Die eisernen Fesseln, mit denen man einst ihre Hände zusammenschnürte, waren ein Irrtum. Waren nicht auch die Ketten ein Irrtum, die noch immer an den Füßen so vieler junger Männer klirrten? Sie verstand davon nichts, aber sie fragte sich's oft. Und keine Feder bestätigte es der Susi, dass sie schuldlos gelitten an ihrer Ehre und an ihrer Seele.

Nur ihre Anstelligkeit, ihre handgreifliche Bravheit und Nettigkeit retteten sie vor dem Ärgsten. Mit Diebinnen, mit Temeschwarer Straßendirnen und mit Giftmischerinnen saß sie im gemeinsamen Kerker, aber schon der einfache Beschließer merkte, dass sie da nicht hingehöre. Er beredete es, und die Frau des Kerkermeisters, die sie zuerst zu sich nahm, empfahl sie der Frau Obernotär. Und als der neue Präsident und Statthalter, der in dem Komitatshaus auf dem Domplatz eingezogen war, sein weibliches Hauspersonal zusammenstellte, schickte man ihm und seiner Gemahlin die Susi. Die Frau Obernotär machte sich eine besondere Ehre daraus, sie abzutreten und sie den Herrschaften aus Wien als Köchin oder Stubenmädchen zu empfehlen. Sie könne alles, sagte sie, wäre ein Schatz und ihre Strafsache nur mehr eine Formalität.

Wunderliche Fügungen liebt das Schicksal. Die in ihrem Heimatdorf geächtete Susi kam in das erste Haus der Stadt und errang sich das Vertrauen desselben. Das Fenster ihres Zimmers sah nach der Präsidentengasse, und unten lag ein Einkehrgasthof »Zum goldenen Ochsen«, in dem alle Schwaben abstiegen, denen die »Sieben Kurfüsten« zu teuer waren. Auch ihre Mutter und ihr Bub, sooft sie sie besuchten. Sie war der Heimat näher, seitdem sie so viele Gesichter aus ihrem Dorfe sah. Und wenn sie des Morgens einkaufen ging auf den Markt, da folgte ihr der wie ein Husar livrierte Diener des Präsidenten aber niemand merkte, dass damit dem Gesetz Genüge geschah, dass der Janosch sie zu bewachen habe, denn er trug bereitwillig die Gänse und Enten, die sie erstanden. Im Anfang scheute sie die Reihe, in der die Rosenthaler Schwäbinnen ihre Butter feilhielten, ihren Käse und ihre Weintrauben, ihr Schmalz oder ihre Bratwürste. Aber die erkannten sie und riefen sie an. Da hielt sie stand und kaufte auch bei ihnen. So blieb sie in ständigem Verband mit ihrem Dorfe und wurde von manchen Frauen noch beneidet um ihr Ausnahmsschicksal. Was fehlte ihr? fragten die. Freiheit und bürgerliche Ehre fehlten ihr. Und im dunkeln Schoß der Zukunft lauerte der Spruch, auf den sie zu warten hatte, der noch alles ändern und verschärfen konnte. Sie ließ sich das freilich nicht anmerken. Und die Mutter kam, sooft sie konnte. Die Susi hatte immer wieder einmal ihren Buben auf einen Tag oder zwei bei sich. Dass der Christof in der Dorfschule daheim das hellste Licht war, das machte sie stolz auf ihn. Und sie spann heimliche Zukunftspläne und legte jeden Groschen zurück für den Buben. Aber ein gefangener armer Vogel war sie doch.

Daheim ereignete sich manches in dieser langen Zeit. Die Fraala war gestorben. Sie zog zuletzt, als die Großenkel immer zahlreicher wurden und das Haus zu klein war, hinüber zu ihrer Tochter Eva. Sie zählte neunzig Jahre und machte Platz. Da unser Herrgott ihre Adresse verloren haben müsse, sagte sie, gehe sie um ein Haus weiter. Vielleicht finde er sie dort. Ihr Sohn Martin und sein Weib hielten sie nicht. Sie erhöhten ihr den Vorbehalt, weil sie nun Platz im Hause machte und sie nicht doch noch bauen mussten. Und bei der Eva drüben war sie nach einem Jahr sanft ausgelöscht wie ein herabgebranntes Licht. Sie hatte sich aufgezehrt bis auf den Grund. Und sie wurde an ihrem Ende dadurch merkwürdig, dass sie die Letzte im Dorfe gewesen, die noch im Deutschen Reich geboren war, die noch als Kind mit ihren Eltern einwanderte. Sie hatte noch Wien gesehen und auch die Kaiserin Maria Theresia, wie sie am Fronleichnamstag in einem Wagen aus Glas und Gold gar feierlich in die Stefanskirche fuhr… Auch der alte Adam Luckhaup und sein Weib waren dahingegangen; der Kaspar saß jetzt im Vorbehalthaus und pflegte seine Gicht. All die ausgedehnten Rechte im Hause, die er sich erwirkte, freuten ihn nicht, denn er wusste nicht viel mit ihnen anzufangen. Und die Ehe des Christof blieb kinderlos. Es schien kein Segen bei dem Werke zu sein, das er und die Bas' Liesl so fein gesponnen hatten.

Aber die Welt starb darum nicht aus, das Heiraten nahm kein Ende, und die Kindstaufen beschäftigten den Herrn Kaplan mehr als den Herrn Dechant die Begräbnisse. Auch der Jakob hatte seine Gertrud heimgeführt. Und sein Meisterstück hatte er gemacht und Haus und Werkstätte übernommen. War doch der Johann wie verschollen… Ein Meister Jakob war geschieden, ein anderer stand auf seinem Posten; man konnte meinen, es habe sich nichts geändert. Die alten Geschlechter, die dahingehen, geben freilich nie zu, dass die nachfolgenden ihnen gleichwertig seien; die Welt geht seit den Tagen des Noah in ihren Augen beständig abwärts. Die Mutter Eva hatte immer eine Schwäche gehabt für den Jakob, und sie freute sich seines jungen Glücks, aber ganz insgeheim wurde er ihr eine Sorge. Er bekam mit der Gertrud zu viel Grund und Boden mit, jedenfalls mehr als ein Handwerker brauchte. Und er redete von Pferden, er wollte sich zwei Gäule in den Stall stellen, einen Knecht halten für die Landwirtschaft. Das wird den Stolz des Handwerks an der Wurzel benagen, da wird sich ein Gelüste nach Bauernwirtschaft einstellen. Dafür reicht es aber nicht, daraus würde etwas Halbes, sagte sich die Mutter. Noch ging ja alles, wie es sollte, aber die Frau Eva hatte nun einmal ihre heimliche Sorge und wollte sie haben. Welche Mutter hat keine solche? Eine Mutter ohne Sorgen wäre ein ganz unnatürliches Wesen. Wenn die Jugend der Frauen schwindet und man ihnen alles langsam nimmt, den Mann, die Kinder, die Zügel des Hauses, da muss doch Ersatz geschaffen werden für all die leerstehenden Kammern in ihren Herzen. Und da ziehen dann die grauen Schwestern ein, die nicht mehr weichen. Nur bei guten Müttern fühlen sie sich geborgen, die Sorgen.

Die größte dieser Sorgen war noch immer die Susi. Sie stand obenan. Der Himmel hatte sich ja aufgehellt, er zeigte ein freundliches Gesicht, aber böse Gewitter mit Hagelschlag kommen immer am schnellsten. Und eine Sorge war der Frau Eva auch der Johann. Er hatte gar nicht mehr geantwortet auf jenen langen Brief, den sie ihm einst schreiben ließ, in dem sie ihm ihr ganzes Herz ausgeschüttet. War er denn nicht neugierig zu erfahren, was sich mit der Susi begeben hatte? Fühlte er nicht mehr für die Familie? Alles konnte sie ihm ja nicht schreiben; es machte ihr eine große Gewissenspein, dass sie so viel gesagt hatte. Wie, wenn seine Braut den Brief in die Hände bekam? Am Ende nahm sie ihn gar nicht und sie, die Mutter, hätte sein Lebensglück zerstört. Sorgen über Sorgen! Und dann: War er einverstanden mit der Hausübernahme durch den Jakob? Er hätte das doch schreiben können. Und von seinem Erbteil nach des Vaters Tod hätte er auch reden dürfen. Freilich fiel das schwer ins Gewicht, dass sie den Jakob loskaufen musste, weil der Johann nicht kam, aber Anspruch auf dieses und jenes hatte er doch so gut wie seine Geschwister. Lag ihm nichts daran? In mancher Nacht sah sie ihn, wie er in die Türe trat, aber sein Gesicht zerfloss dann immer in das des Vaters. Er musste ihm sehr ähnlich geworden sein, seine hohe Statur hatte er schon damals, als er achtzehnjährig fortzog. Die kleinste Sorge war ihr der Peter, der in die Fremde ging und in Wien Soldat geworden war. Er schrieb fleißig. Als Schmied zog er aus, als Kurschmied wollte er wiederkehren, schrieb er neulich, denn er sei immer bei den Pferden und den Tierärzten. Da lerne er vieles, was er daheim werde brauchen können. Er lege sich schon ein Kurierbuch an für spätere Tage. Und die Mutter glaubte ihm das. Er war immer ein aufgeweckter heiterer Bursche, den jeder gern hatte. Der wird den Pferdedoktors manches abspicken, sagte sie sich. Und die letzte graue Schwester, die sie beherbergte, hörte auf den Namen Kathl. Wollte die eine alte Jungfer werden? Sie war versprochen, aber der Bursche hielt nicht stand, als das Unglück mit der Susi kam. Sie empfand es bitter und hat lange daran getragen. Doch sie wurde immer hübscher, immer begehrenswerter, und die Mutter war sicher, dass sie nicht übrigbleiben würde. Aber Zeit wäre es schon, meinte sie. Mädchenzeit ist Blütezeit, und Blütezeit währt kurz.

Von allen ihren Kindern bot die Anmerich ihr die reinste Freude. Die zählte nicht mit, wenn sie an ihre Sorgen dachte; man hätte sie fast vergessen können, so wunschlos war ihr Verhältnis zum Elternhaus. Aber sie selber ließ es nicht zu, dass man sie vergaß, sie ging nie am Hause in der Herrnsgasse vorüber ohne einzusprechen; sie wollte ihren Anteil haben an allen Sorgen der Mutter. Und sie hatte die Kathl lieb, und sie verzärtelte den Christof. Der durfte jeden Tag zur Bärbl kommen und den Buben, die Bas' Anmerich füllte die Lücke aus, die in seinem Leben klaffte. Sie fütterte ihn auf mit allem Guten, das sie ihren eigenen Kindern gönnte, und bei jedem Bissen dachte sie an die Susi, die gewiss das gleiche getan hätte, wenn sie selber in solch ein Unglück geraten wäre. Und sie war gut unterrichtet über die Susi durch ihren Schwiegervater, der dieser und der Mutter so treu zur Seite stand von Anbeginn. Der alte Trauttmann sah sie öfter auf dem Markt in Temeschwar; er sprach immer wieder mit ihr. Und der Christof hing auch an dem Vetter Trauttmann, der ihn und die Großmutter so oft mitnahm. Er hatte ihm auf diesen Fahrten früh den Gedanken eingegeben, ein Student zu werden, ein Herr. Der Jörgl, Philipps Zweiter, sollte auch einer werden. Der Großvater wollte es. Nur fort aus dem Dorf, war seine Lehre für die beiden. Zweite und dritte Söhne, die das Zeug in sich hätten, sollten studieren. Und so ein gescheiter Bub wie der Christof erst recht. Das war schon immer Trauttmanns stille Meinung, aber seit jener Kirweihpredigt des Pfarrers von Bogarosch sprach er sie überall laut aus. Die weitere Aufteilung der Bauerngüter sei ein Übel; man brauche auch Pfarrer und Doktoren, Fischkale und Beamte und Richter, erzählte Trauttmann der Frau Eva auf einer ihrer Fahrten, aber es wäre an der Zeit, dass sie Nachwuchs erhielten aus dem hiesigen Boden. Das verstand sie. Und sie befreundete sich auch mit dem Gedanken, dass der Christof einmal studieren sollte. Sagten es doch auch die Lehrer und der Herr Dechant. Der Unterlehrer Theiß habe gleich in der ersten Klasse gesagt, da wachse ein Student heran. Und er kam manchmal und besuchte den Christof und schaute nach seinen Arbeiten.

Es war ihr daher keine sonderliche Überraschung, als die Susi ihr eines Tages sagen ließ, sie möge den Christof in der Schule abmelden und ihn ihr bringen, er bleibe jetzt bei ihr. Die Großmutter stattete den Christof aus, als sollte er nächstens schon Pfarrer werden.

Und die Bas' Anmerich ließ ihn gar nicht mehr von sich. Ihre Rahmstrudeln, ihr »verstarrter Pannakucha« und ihre Kücheln sollten ihm im Gedächtnis bleiben. Und sie band es ihm auf die Seele, dass er in den Schulvakanzen immer heimkomme und nicht in der ungesunden Stadt bleibe. Und ein guter Kamerad des Jörgl solle er bleiben, der ja übers Jahr vielleicht auch schon nachkomme. Der Vetter Philipp wollte diesmal einspannen, aber der Vater ließ es sich nicht nehmen, das wäre sein Geschäft, sagte er. Und er brachte der Susi ihren Buben. Der Unterlehrer Theiß fuhr noch bis Alliosch mit und gab dem Christof das Geleite. Und die besten Schulzeugnisse hatte dieser in der Tasche; in die dritte Klasse der Normalschule sollte er eintreten. Die Susi aber durfte ihn bei sich behalten; er wohnte im Komitatshaus, so wie der Herr Statthalter und sein Stellvertreter. Er wusste freilich, dass seine Mutter eine Gefangene war. Und er hätte sich zu Tode geschämt, wenn es seine neuen Lehrer und Mitschüler erfahren haben würden. Er wäre in den Begakanal gegangen und hätte sich ertränkt, so empfindlich war er, so überreizt sein Ehrgefühl, gegen das im Dorf gar viel gesündigt worden war. Aber es ahnte niemand, wem der neue Schüler gehörte, es saß eben ein schwäbischer Dorfbub' mehr in der Klasse.

Und endlich kam ja doch der Tag, an dem die Susi die Mitteilung empfing, die Berufung des Staatsanwaltes sei abgewiesen worden und sie wäre in Freiheit zu setzen.

Sie hatte lange nicht mehr geweint, bei dieser Nachricht aber flossen ihre Tränen wie ein Sommerregen nieder, sie war aufgelöst. Warum lachte sie nicht und jubelte? Warum weinte sie? Sie hätte es niemandem zu sagen vermocht. War es der Schmerz um ihre verlorenen Jugendjahre, war es die Lösung von all dem Leid, der Schande und der Schmach, die sie getragen - sie wusste es nicht. Sie weinte, und weinte, und ihr Bub heulte mit ihr. Aber am nächsten Morgen reckte dieser sich auf. Es war jetzt alles anders. Das Geheimnis, das über ihm lag, zerflatterte in nichts, er war ein Schüler wie die anderen, frei konnte er jedem in die Augen blicken. Ganz so war es freilich nicht. Und auch das war ihm bewusst: Seine Kameraden hatten einen Vater.

Als die Nachricht im Dorfe bekannt wurde, ließ der Ferdinand Trauttmann bei der Frau Eva anfragen, wann er vierspännig vorfahren solle. Sie winkte unter Tränen ab. Sie habe sich nach Maria Radna verlobt, und das müsse sie zuerst erfüllen. Die Susi aber werde wohl sagen lassen, wann man sie holen solle. Sie müsse ja doch noch ihren Buben versorgen, ehe sie heimkehre.

Und sie pilgerte barfuss nach Maria Radna, so wie sie es gelobt. Eine berühmte Kaiserin, die Fraala hatte es ihr erzählt, habe solche Bußfahrten immer barfuss unternommen. Warum nicht sie? Ganz allein wollte sie gehen; aber die Kathl litt es nicht, sie ging mit und steckte die Schuhe und Strümpfe der Mutter zu sich. Dass diese auch den Rückweg in solcher Bußfertigkeit mache, das hoffte sie zu verhindern. Und es war auch von der Kathl ein Alp gewichen, wie von allen, die zum Hause gehörten. Sie betete mit der Mutter, die, anstatt sich im Dorf heute stolz den bösen Zungen zu zeigen, welche das Unglück der Susi heraufbeschworen, andächtig neben ihr ging und voll inbrünstiger Demut war. Und sie sprach sich auf dem Heimweg endlich auch über ihre eigenen Angelegenheiten aus. Es sei jetzt manches besser, man dürfe wieder die Augen aufschlagen, sagte sie. Und sie könne jetzt ja sagen, wenn einer sie haben wolle. Und es wäre ein solcher da. Ob die Mutter aber wohl errate, wer? Sie erriet ihn nicht. Es sei der Unterlehrer Theiß, sagte die Kathl.

»Du lieber Gott!« rief die Frau Eva. »Ein Lehrer? Ein Unterlehrer. Der hot nix zu nage und zu beiße!«

»Er konn doch mit der Zeit Oberlehrer wer'n«, entgegnete die Kathl rasch. »Und was das andere anbelangt, sei die Mutter völlig im Irrtum. Von einem fremden Lehrer könne das gelten, aber doch nicht von einem Ortskind. Der Herr Theiß kriege von daheim allerlei mit, auch ein paar Felder und einen Weingarten. Und das Häusl am Eck, beim Gäßl, gehöre doch ihm.«

»Kind, Kind! Und du geihscht als Frau Lehrerin in die Arbeit, hackscht Kukuruz und Kartoffel? Für a Herrische schickt sich des doch gar nit«, sagte die Mutter lächelnd.

»Des häb ich dem Herrn Theiß aa g'saat. Was hot er g'antwort't? ,Mein liebes Kind, solange es noch faule Buben und Mädchen gibt, die nicht lernen wollen und denen man immer helfen muss, ist mir nicht bange um mein bisschen Feldarbeit:’ Und mer häwa galacht.«

Frau Eva wurde nachdenklich und sagte nichts mehr. Es war Zeit für die Kathl, hohe Zeit; und wenn sich nichts anderes bot - warum nicht? Der Nikolaus Theiß war der Übelste nicht; die Leute lobten ihn, und die Kinder hatten ihn gern, weil er auch Rosenthalerisch mit ihnen reden konnte. Ein Schlankl war er freilich! Darum also kam er immer zum Christof! Darum die Sach' mit der Studenterei! Dem Buben hat er ein bißl geholfen bei seinen Aufgaben, und in die Augen der Kathl hat er dabei geguckt. Und wie oft ihn die Mutter aus Dank zurückbehalten hat zum Nachtmahl! Und nichts hat sie gemerkt. Wer denkt denn auch an so was? Die Kathl eine Frau Lehrerin? Find't er denn keine Mamsell? So hätte sie gerne gefragt. Aber sie ließ es sein. Und als sie wieder daheim waren, sagte sie: »Wann du maanscht, Kathl - ich häb nix dagege. Was die Anmerich mitgakriegt hot, des kriegscht du aa.«

Und richtig kam noch der Herr Theiß daher vor Abend. Er brachte einen Brief von Alliosch mit von der Post, und der war von der Susi. So ein Zufall wieder. Der Schlankl!

Aber Frau Eva lächelte ihn an. Und sie bat ihn, ihr den Brief auch gleich vorzulesen… Also sie habe ihre Freiheit und Ehrlichkeit wieder, schrieb die Susi. Aber man möge sie einstweilen nicht abholen kommen. Besuchen könne sie jetzt jedermann, und es verlange sie sehr, einmal ihre Schwestern zu sehen. Sie habe es gut und ihre Herrschaft wolle sie nicht fortlassen. Sie soll dort bleiben um guten Lohn. Und weil halt der Christof bei ihr sei, falle ihr die Heimkehr sehr schwer. Sie werde sich's bis zum Ende des Schuljahres noch überlegen. Sie habe sehr viel geweint, jetzt aber sei sie glücklich. Gott müsse sie doch nicht ganz vergessen haben, da er alles so wunderbar gefügt zu ihrem und ihres Kindes Wohl.

Die Mutter hörte aus allem nur das eine: Sie will nicht kommen! Will nicht heimkehren in ihr Vaterhaus! Das war wieder eine ganz neue Sache, eine ganz unerwartete Wendung. Da müsse sie doch gleich den Vetter Trauttmann bitten, dass er wieder einmal einspanne.

Theiß hatte gemeint, nach dem sicherlich sehr freudigen Brief, den er in Händen hielt, ein paar Worte mit der Frau Eva reden zu können, aber die Kathl winkte ihm jetzt ab. Sie sagte ihm jedoch heimlich, als er schied, dass sie heute auf der Wallfahrt mit der Mutter alles in Ordnung gebracht hätte. Es gebe kein Hindernis mehr.

Da drückte er ihr innig die Hand: »Also im Fasching!«

XIX.

Der verschollene Johann war heimgekehrt aus der Fremde! Ganz plötzlich, so wie es die Frau Eva immer ahnte, stand er in der Tür. Und sie verlor die Sprache bei seinem Anblick, das Herz stand ihr still, denn sie meinte, es stünde ihr seliger Jakob vor ihr. Sein Ebenbild aus der glücklichen Zeit ihrer jungen Ehe, das war der Johann! Aber er war nicht allein gekommen, hinter ihm stand ein blasses Weib mit zwei Kindern. Eine herrische Frau.

»Kimmscht endlich aa amol haam, Hannes?« fragte die Mutter ganz zaghaft, mehr erschreckt als erfreut.

»Grüß Euch Gott, Mutterl! Ja, ich bin haamkumme. Mit Weib und Kinnern bin ich do. Guckt se Euch nur an… Die drei sin mein ganze Bagaschi, die g'hören zu mir.«

Mit grenzenloser Verlegenheit blickte die Frau Eva auf die fremde Frau, die nach ihrer Hand langte und ein paar Worte stammelte. Worte, die sie nicht verstand.

»Konn se nit deutsch?« fragte die Mutter, Johann hilflos anstarrend. »Ja ja, des is halt a anners Deutsch wie's schwobische. Mei Rosa red't gottscheeberisch. Ihr werdet's schon lerne von ihr.«

»Ja, Kinner, Kinner, wollt ’r denn, wollt ’r denn…«, Sie verschluckte das Ende des Satzes; sie vollendete die Frage nicht, ob sie denn hier zu bleiben gedächten? Zu grausam erschien ihr solch ein Empfang. Und sie nötigte die Frau, abzulegen, sie fragte die Kinder, ob sie keinen Hunger hätten, und war im Augenblick ganz Großmutter. Sie rief die Kathl herbei und den Jakob. Die Kinder bekamen eine Milchsuppe, für den Johann und seine Rosa wurde eine Bratwurst in die Pfanne gelegt und Wein geholt. Die Mutter sah es ihnen an, dass sie alle müde waren von der weiten Reise und hungrig. Nur jetzt nicht viel fragen, es wird sich schon alles aufklären. Nein, wie der Johann dem Vater ähnlich war! Seinen blonden Bart hatte er, seine Statur, seine Stimme sogar. Wenn der das erlebt hätte! Wenn er ihn hätte sehen können! »Hannes, Hannes, warum bischt denn nit ehnder kumma?« sagte sie. »Der Vatter hot so lang gewart uf dich. Und er hot's nit erlebt.«

Da kam der Johann, während er mit seiner Frau bei Tische saß und sich's schmecken ließ, ins Erzählen. Die Mutter und die Kathl saßen bei ihnen, sprachlos lehnte der Jakob am Ofen. Und auch seine Gertrud, die ein Kleines auf dem Arm hatte, guckte bei der Tür herein, neugierig, was denn da los wäre. Und der Johann berichtete, was er schon geschrieben, in breiter Behaglichkeit. Wie ihn der Meister Hutter, den er in Laibach kennen gelernt, nach Gottschee gerufen und ihn dort festgehalten, wie er sich nach dessen plötzlichem Tode der Rosa verlobte und der Witwe die Werkstatt führte. Aber das sei jetzt nicht mehr nötig, denn der Bruder der Rosa sei inzwischen Geselle geworden, der führe jetzt der Mutter das Gewerbe fort. Und für sie alle wäre diese Werkstatt in Gottschee ja viel zu klein gewesen. Er selber aber hätte sich schon lange nach der Heimat gesehnt. Und so habe er dort Platz gemacht. Und da sei er jetzt, und da bleibe er. Und darauf trank er eines. Das Weib und die Kinder würden sich schon eingewöhnen, sagte er. Ach, ihm sei so wohl, dass er nach so weiter Fahrt wieder im Vaterhaus gelandet wäre.

Jakob verließ das Zimmer und schlug die Türe hinter sich zu.

Da zuckte der Johann auf. Aber er sagte nichts. Er fragte nach dem Peter, nach der Susi. Was denn das mit ihr wäre. Er habe den Brief der Mutter damals nicht ganz verstanden. Aber das viele Briefschreiben führe zu nichts; er hatte den Plan, heimzukommen, ja nie aufgegeben, und da würde er dann wohl erfahren, wie alles ausgegangen sei. »Also, was gibt es denn? Redet doch!«

Die Mutter machte ein tiefbetrübtes Gesicht, ihre Stimme zitterte; jedes Wort, das sie sagen wollte, blieb ihr zur Hälfte in der Kehle kleben. Der Peter, der wäre jetzt in Italien im Krieg gewesen, es gehe ihm aber gut. Die Susi sei noch in Temeschwar, ihre Geschichte jetzt zu erzählen, wäre aber viel zu lang. Sie habe schuldlos gelitten und sei wieder ehrlich geworden vor aller Welt Aber das alles erschien ihr jetzt so gleichgültig, so fern; es drückte ihr die eine Frage das Herz schier ab: Warum er denn nie geschrieben, dass er wiederkommen wollte? Der Vater habe ihm doch nur drei Jahre Urlaub gegeben für die Fremd'. Es sei jetzt alles ganz anders. Ganz anders, als er sich's vorstelle.

»Oho! Oho!« sprach Johann. »Was soll denn so ganz anders sein? Werkstatt und Vaterhaus gehören mir. Wenn ihr so viel Geld gehabt habt, den Jakob loszukaufen und zu verheiraten, so soll er sich damit zufrieden geben und froh sein, dass er nicht Soldat hat werden müssen in dieser Kriegszeit. Das Seinige aber hat er damit wohl erhalten. Und jetzt bin ich da um mein Erbe. Was soll sich denn verändert haben?«

Die blasse Frau an seiner Seite folgte dieser Wendung des Gespräches mit Schrecken. Sie blickte hilfesuchend nach der Kathl aus, und diese verstand sie. Die Kathl winkte ihr und den Kindern und ging mit ihnen in den Garten hinaus. Ein Gespräch aber wollte sich mit der Frau Rosa nicht in Fluss bringen lassen, denn zwischen schwäbisch und gottscheeberisch fand sich keine Brücke. Sie versuchten es hochdeutsch, aber das fiel beiden schwer. Frau Rosa hatte einen Hut mit Federn auf, sie trug einen Reifrock und machte in dieser Umwelt einen völlig fremden, städtischen Eindruck. Ein herrisches Weib! Das sagte sich auch die Kathl. Aber sie wird sich ja nächstens selber ein wenig umwandeln; sie wird sich ja auch halb herrisch kleiden müssen, wenn sie einmal Frau Lehrerin wird. Und sie suchte sich zu befreunden mit der fremdartigen Frau Schwägerin. Die Gertrud aber, die ihnen nachblickte, lachte hellauf, als der Glockenrock durch den Hof nach dem Garten schwappte. Sie hatte etwas so Närrisches in ihrem Leben noch nicht gesehen.

Jetzt konnte die Mutter endlich freier reden, da sie mit Johann allein war; es löste sich der Druck, der auf ihr gelegen. Was er da sage, das hätte heute alles keinen rechten Sinn mehr, erwiderte sie. Er hätte beizeiten kommen sollen, hätte sich um sein Vaterhaus kümmern müssen, als der Vater ihm so ernst schrieb. Aber er sei auch dann nicht gekommen, als sie ihm Vaters Tod meldete. Nur gezwungen, nur in der schweren Sorge, alles aufrecht zu erhalten, habe sie dem Jakob Haus und Werkstatt ins Eigentum übergeben. Was wäre denn geworden, wenn der Jakob Soldat wurde? Er habe sich, anstatt in die Fremde zu gehen, daheim aufgeopfert und jetzt habe er sich auch eine Familie gegründet. Das alles sei nicht mehr zu ändern, Johann sei zu spätgekommen.

»Was??!!« schrie dieser. »Die Mutter will ihren ältesten Sohn aus dem Hause weisen? So weit ist es gekommen mit der Affenliebe für den Jakob? Mit dem werde ich gleich einmal deutsch reden.« Und er riss die Tür auf und stürmte hinüber in die Werkstatt.

Als der Jakob ihn so aufgeregt daherkommen sah, wollte er den Franzl forthaben. Er schickte ihn mit einem Rad, das einen Reifen brauchte, zum Schmied. Und dieser verstand. Er spuckte sich in die Hände, rollte sein Rad kunstvoll zum Tore hinaus und lief hinter ihm her zum Schmied.

Jakob und Johann aber sprachen sich gründlich miteinander aus. Nicht sehr brüderlich. Sie überschrien sich derart, dass alle Weiber im Hof sich zusammenfanden, die Mutter, die Gertrud, die Kathl und die Herrische mit ihren Kindern.

Die Werkstatt zu betreten wagte keine, auch nicht die Mutter Eva, der die Tränen über die Wangen rollten. Sie zog die Kinder an sich, suchte sie fortzulocken vom Schauplatz dieses bösen Streites, aber sie waren zu scheu, sie verkrochen sich hinter der Krinoline ihrer Mutter.

Johann kam hastig aus der Werkstatt heraus. Er hatte einen roten Kopf, er glühte: »Komm, Rosa, wir gehen wieder«, sagte er.

»Aber Kinder, Kinder!« flehte die Mutter.

»Einen Landstreicher hat er mich geheißen. Komm, wir gehen. Aber nicht fort aus Rosenthal, o nein! Wir werden uns Quartier im Großen Wirtshaus nehmen oder beim Herbergsvater Wagner. Dort bleiben wir, bis das Gericht mir zu meinem Recht verholfen. Der Landstreicher wird's euch schon zeigen. Alle müsst ihr aus dem Haus hinaus, mir gehört es. Mir allein.«

So tobte er, achtete nicht auf die Bitten der Mutter, nicht auf seine Frau, nahm das kleinste seiner Kinder, das kaum recht laufen konnte, auf den Arm und ging mit großen Schritten zum Hause hinaus. Zitternd folgte ihm Frau Rosa mit dem zweiten.

Ganz gebrochen setzte sich Frau Eva in der Press nieder. Solch ein Aufsehen! Solch ein Skandal! Das ganze Dorf wird wieder reden von ihrem Hause. Wird denn keine Ruhe? Kein Ende? Warum hatte der Vater sie so früh verlassen müssen! Das alles wäre nicht, wenn er lebte.

Sie war tief unglücklich und weinte ohne Unterlass. Kathl zog sie in die Stube hinein, beruhigte sie und band ihr ein kühlendes Tuch um den Kopf, denn sie meinte, er müsse ihr zerspringen. Wer hätte so etwas vom Johann erwartet. So etwas! Sie war fassungslos.

Der Johann aber, mit dessen Heimkehr und dessen herrischem Weib sich bald das halbe Dorf beschäftigte, hatte sich beim Vetter Albetz im Großen Wirtshaus einquartiert. Und er warb um die günstige Meinung der Freundschaft, ja der ganzen Gemeinde. Er besuchte die Brüder des Vaters der Reihe nach, den Vetter Hannes, den Vetter Niklos und den Vetter Michel. Jedem trug er seine Sache vor. Und auch den Richter und die Geschworenen und die beiden Zunftvorsteher suchte er auf. Und seinen Jugendfreund aus der Lehrbubenzeit, den Stefan Jäger, vergaß er nicht. Er wollte von allen hören, was Rechtens wäre. Der Mutter aber ließ er sagen, dass er acht Tage warte, nicht länger, ehe er sich einen Fischkal nehme und den Prozessweg betrete. Er rate ihr, indessen Ordnung zu schaffen. Er fand überall Gehör; man gestand ihm zu, dass der geltende Brauch für ihn spreche, immer trete der erste Sohn die Wirtschaft an. Das gelte für Bauer und Handwerker. Ob sein Fall nicht eine besondere Ausnahme wäre, das könne man freilich nicht entscheiden, er sei eben doch ein bisschen lange fortgewesen. Der Vetter Hannes redete von dem vielen Geld, das seine Mutter für den Loskauf des Jakob habe aufwenden müssen, und das eigentlich ihm zur Last falle, dem Johann, und nicht umgekehrt. Der Vetter Michel hörte den Johann ruhig an und sagte dann: »Ich waaß nit, du tuscht, als gäb's keine annern Dörfer mehr do im Banat, wo sie ein tüchtige Wagner brauche. Was du da hier verpasst hoscht, des holscht wo annerscht hunnertmol ein. Ich rat dir, denk darüber nach.« Der Vetter Niklos, von dem er sich das meiste erhoffte, war sehr zurückhaltend, er äußerte sich gar nicht, aber er wollte, dass die Familie Weidmann zusammentrete und über die Sache ratschlage. So einfach, wie Johann sich das alles vorstelle, sei es nicht. Seine Frau aber, die er auch mitgebracht hatte, schien dem Meister ganz und gar nicht gefallen zu haben. Er setzte sein boshaftestes Lächeln auf ihr gegenüber.

Als Johann, schon ziemlich ernüchtert einen Tag später die Anmerich besuchte und den Philipp, und auch bei ihnen um Verständnis für seine Sache warb, kam er dort mit ihrem Vater zusammen. Und den wusste er ganz besonders einzunehmen für sich, der ließ sich alles bis ins kleinste erzählen und erklären. Aber zuletzt schüttelte der Ferdinand Trauttmann mit dem Kopfe. Klagen? Prozessieren? Auf was? Das wäre bloß ein Brauch, dass man dem ersten Sohn die Wirtschaft übergebe, aber kein Gesetz. Und es wäre ein Brauch, der nur hier gelte. Man könne ihn halten und auch nicht. Sein Philipp habe einmal gelesen, dass in Schwaben und Franken das Gegenteil Modi wäre, dass man dort erst dem jüngsten Sohn alles übergebe. Die Väter wollen dort länger die Herren sein auf ihrem Hof. Hier im Banat hätten sich die Alten wahrscheinlich von Anbeginn mehr plagen müssen, sie waren früher abgerackert, darum hätte man den Brauch wohl so geändert. Von einem Recht des Johann, er möge ihm glauben, könne gar keine Rede sein. Seine Mutter konnte tun, was sie für das Beste hielt. Und sie hätte wirklich lange genug gewartet. Ja, wenn sein Vater noch lebte, da wäre er vielleicht nicht zu spät gekommen, der hätte den Jakob sicherlich in die Fremd' geschickt und Soldat werden lassen. Aber so? Nein, nein, an einen Prozess möge er nicht denken. Erstens dauere der zehn Jahre und zweitens verliere er ihn. Auch seine Militärpflicht werde dabei zur Sprache kommen. Und das sei allemal nicht ganz ungefährlich.

Das alles drückte die Hoffnungen Johanns tief nieder. Wohl fand er Leute, die anderer Meinung waren, aber die bedeuteten nichts. Und auch sie hielten ihm teils offen, teils versteckt seine herrische Frau vor. Die passe doch nicht hierher. Und als er am Sonntag seiner Rosa so gar nicht dorfmäßig den Arm reichte und sie in die Kirche geleitete, da verspielte er seine Partie bei den Weibern des Dorfes vollends. Sie stellte ihren städtischen Modebettel zur Schau, die Krinoline und den Federhut, und sie legte sogar Handschuhe an. Das setzte ein Gerede! Die herrische Frau will ihm die Wirtschaft führen? »Ja, konn die Kukuruz und Kartoffel hacke? Konn die im Wingert schaffe? Die gehört doch in kein Dorf! Hat der Johann das alles vergessen? Die richte ihn doch zugrunde, wenn sie als Handwerkersfrau die Gnädige spiele.« »Wird er die Säu füttern und die Küh' melke?« fragte die eine. »Wird er im Winter spinne?« eine andere. Sie lachten sich krank über den verrückten Johann und sein herrisches Weib. Warum er denn nicht geblieben sei, wo er war? Die gehöre in eine Stadt. Und das war auch die Meinung der Mutter Eva. Auch sie erblickte in dieser Frau das eigentliche Unglück des Johann.

Und beim Vetter Niklos im Grund fand am Sonntagnachmittag der Familienrat statt. Nur die Brüder des verstorbenen Meisters Jakob fanden sich ein und die Frau Eva. Die Jugend wurde gar nicht geladen; man räumte ihr keine Stimme ein. Der Fall war ja für alle so klar. Und doch tat ihnen der Johann sehr leid, sie suchten einen Ausweg zu seinem Besten. Alle drei Schwäher hießen gut, was die Frau Eva als Mutter getan. Es habe keinen anderen Ausweg gegeben, wenn das Gewerbe fortbestehen sollte. Aber der Niklos und der Michel konnten die Ansicht des Hannes nicht teilen, dass das Geld für den Loskauf des Jakob eigentlich dem Johann zur Last geschrieben werden solle. Der Jakob würde Soldat geworden sein, wenn der Johann rechtzeitig gekommen wäre. Aber er hätte das Haus verloren und wäre heute weiß Gott wo. Wer hat also den Vorteil vom Loskauf gehabt? Doch nur der Jakob. Man könne den Johann nicht doppelt strafen, nicht mit dem Verlust von Haus und Werkstatt und mit der Summe für den Stellvertreter beim Militär. Der Vetter Niklos verlangte im Gegenteil, dass der Jakob dem Johann diese Summe herauszahle. Mit ihr und seinem übrigen Erbteil könne er sich eine eigene Werkstatt und einen Haushalt einrichten, der Streit aber wäre beigelegt. Der Michel stimmte zu, die Frau Eva auch. Der Hannes war schwierig; er ließ die Ansicht nicht fallen, dass sämtliche Geschwister durch Johann geschädigt worden wären. Aber er wollte nicht dagegen sein, den Frieden nicht stören, wenn er so, wie die anderen glaubten, zustande kommen könne.

»Wann er nur nit des herrisch Weib mit gebrunga hätt«, seufzte die Frau Eva, als man zu Ende war.

Und der Vetter Niklos wurde gebeten, dem Johann und dem Jakob den Beschluss mitzuteilen. Derselbe gelte für beide Teile, und zu einem Prozess dürfe es nicht kommen. Der Niklos übernahm die Aufgabe und behielt sich vor, dem Johann eine Bedingung zustellen oder einen guten Rat geben zu wollen. Welchen, verriet er nicht. Er deutete nur an, dass er die Krinoline aus dem Dorf haben möchte. Denn mit der werde er hier doch nichts aufstecken können.

Der Jakob war über den langen Familienrat beunruhigt und wollte seine Mutter noch am Abend ausholen, aber sie sagte ihm nichts. Sie war überhaupt böse, dass er den Johann so roh behandelte und ihn einen Landstreicher hieß. Er brauste auf, wollte wissen, woran er wäre. Aber die Mutter redete nicht. Er möge morgen nur zum Vetter Niklos gehen, da werde er das Seine schon erfahren.

Der Jakob wurde nachdenklich, er wurde ein wenig mürbe. Und er hatte eine recht unruhige Nacht, in der er Zeit gewann, alle Möglichkeiten, die ihm drohten, zu erwägen. Gar zu sicher fühlte er sich in seinem Rechte nicht. Und dass ihm der sechsjährige Soldatenstand erlassen wurde, das schätzte er im Stillen hoch ein. Die Gertrud hätte er dabei sicher verloren, und wer weiß, ob er noch lebte.

Am Morgen, bei Tageslicht, war er wieder trotzig. Er saß im Haus, man musste zu ihm kommen, wenn man etwas von ihm wollte. Aber die Gertrud riet ihm, den Weg zu machen. Sie hielte das nicht mehr aus. Und er machte sich daraufhin bereit. Doch als er ausgehen wollte, um den Vetter Niklos aufzusuchen, kam dieser ihm schon im Hof entgegen. Er hatte alles überdacht und sich zuletzt gesagt, dass er zum Johann mit einer fertigen Sache kommen müsse, wenn er den Streit rasch ausgleichen sollte. Bringen musste er ihm etwas. Also war der Jakob zuerst ins Gebet zu nehmen. Und so kam er gleich selber. Er trat mit ihm in die Stube. Die Gertrud, die sich zögernd entfernen wollte, bat er zu bleiben, sie könne auch hören, was er dem Jakob zu sagen habe. Und er setzte diesem zuerst das Vorteilhafte seiner Lage auseinander und hielt dagegen die des Johann. Die sei sehr traurig. Das müsse auf irgendeine Weise ausgeglichen werden, denn der Johann sei immerhin der Älteste, er besitze nach Väterbrauch ein Vorrecht, das von allen Leuten in Ehren gehalten werde. Und dann teilte er den beiden den Beschluss des Familienrates mit.

»Was?« rief Jakob, »ich soll die ganze Loskauferei allein uf mich nemma? War se nit fars ganze Haus notwennig? Da pfeif' ich uf die Wagnerei, kauf mer um des Geld noch a paar Joch Feld und werd' a Bauer.«

»Nit so hitzig, nit so hitzig!« mahnte der Vetter Niklos.

»Was redscht far ein Unsinn?« sprach die Frau Gertrud. »Bischt du ein Bauer? Maanscht, des geht so von heunt uf marja? Mer bleiwa doo im Haus, koscht's, was es koscht.«

Der Vetter Niklos nickte der Gertrud zu. »So is es a b'schlosse, der Jakob bleibt im Haus und in der Werkstatt. Er weicht nit.«

»Na also«, sagte die Gertrud. »So a Dickkopp!«

»Hoscht du des Geld?« fuhr der Jakob sie an.

»Mer wer'n `s uns schaffe.«

»Des is a Red, Gertreid«, sprach der Vetter Niklos. Jetzt rückte er dem zweiten Ziel näher, den Johann und seine Krinoline - anders nannte er die herrische Frau nicht mehr - aus dem Dorfe zu bringen. »Es is äwer noch was dabei, was far dich wichtig is, Jakob.« Und er legte ihm die Frage vor, ob er es nicht dem Gewerbe für schädlich halte, wenn der Johann auch eine Werkstatt in Rosenthal aufmachen würde. Zwei Wagnermeister Weidmann täten doch wohl nicht gut. Drüben der Stefan Jäger, herüben der Jakob, das wäre gerade der richtige Stand. Wenn sich da ein neuer dazwischen setze, ein Bruder, gebe es doch nur Verdruss, und die Kundschaft laufe auseinander. Man müsste also trachten den Johann fortzubringen in eine andere Gemeinde.

»Dafür soll ich vielleicht aa noch was zahle?« fragte der Jakob erbittert.

»Des taun mer nitta«, warf die Gertrud mit allen Nachdruck ein.

Das meine er auch gar nicht, erwiderte der Vetter Niklos. Aber erleichtern müsse man es dem Johann. Die Mutter werde ihm ja, sowie ihren anderen Kindern, die am Haus nicht beteiligt seien, allerlei mitgeben müssen, ein Joch auf dem Postgrund, einen Weingarten, ein Krautfeld im Wiesental. Das binde den Johann an das Dorf. Wenn er das habe, bleibe er, denn das wäre schon das Brot. Und die neue Werkstatt käme hinzu. Wäre es nicht viel gescheiter, ihm das gar nicht zu geben, sondern Geld dafür zu bieten? Öffentlich verkauft dürfte es nicht werden, das würde er vielleicht nicht leiden. Man müsste es still mit der Mutter abmachen und ihm gleich eine fertige Sache anbieten. »Derno bischt du sei' Werkstatt los, und mer sehe die Krinoline nit mehr im Dorf«, schloss er.

»Ich häb das Geld nit«, sagte Jakob. »Und Schulde mache tu ich nit.«

Die Gertrud, die während der Rede des Vetters ihr Kind trinken ließ, saß mit geneigtem Kopfe da und sann vor sich hin.

»Was sagscht du, Gertreid?« fragte der Vetter. »Wieviel is denn des wert?« fragte sie zurück.

»Na, mer zahlt halt den übliche Preis. Far des Joch Postgrund zwahunnert Gulde, far den Wingert zwahunnert, far den Krautacker hunnert.«

Die Gertrud legte ihren Buben in die Wiege und rechnete im Kopf. Nach einer Weile sagte sie: »Ich werd mit'm Waisevatter rede. Ich häb bei ehm noch tausert Gulde von meiner Motter steihn.«

»Es sin äwer elfte unnert, Gertreid«, sprach der Vetter.

»Ja, ja«, sagte sie verdrießlich.

»Du muscht nit«, erwiderte der Vermittler, der all seine Pläne reifen sah. »Gott behüt'! Was ich g'saat häb, is nar a guter Rat. Ihr könnt mach a, was ihr wollt. Wisse möcht' ich's freilich ball, weil ich doch mit der Motter rede muss, ob sie einverstanne is. Sie waaß noch gar nix von dem Plan. Und wann m'r was erreiche will bei ei'm Mensche, muss m'r z'erscht immer selwer g'nau wisse, was mer will.«

»Mer sein einverstanne, wann die Motter will«, sprach Gertrud. »Häb ich recht?« fragte sie den Jakob, der verdrossen beim Fenster stand. »Na ja, ja!« erwiderte der polternd.

Diese Verdrießlichkeit reizte den Vetter Niklos. »Du tuscht jo, als wann ich was dervon hätt. Soll ich m'r vielleicht noch a üble Nachred' verdiena far mei G'fällichkeit? Du, Jakob, des passt m'r nit. Mach d'r dei' Sach selwer.« Und er langte nach seinem Hut.

»Äwer, Vetter Niklos!« sprach die Gertrud besänftigend. »Loßt'n brumma. Ich kenn ihn besser. Es ist ehm ganz recht, mer wer'n Euch danke, wenn Ihr alles in die Ordnung bringt.«

Jakob zwang sich auch eine hellere Miene ab. »Ja, Vetter Niklos, ich häb mer's überlegt. Mer übernemma die Gründ' ufs Haus.«

»s' is gut«, sagte dieser. »Jetzt geih ich zur Motter nüwer. Und derno kimmt die schwerschte Arweit beim Johann. Ich häb mer do was Scheines ufgalade«

Johann saß mit Weib und Kindern beim Vetter Albetz im Großen Wirtshaus. Er wusste, dass der Familienrat stattgefunden hatte, und wartete noch abends auf irgendeine Botschaft. Es kam keine. Die Männer, mit denen er am Nachmittag in der Wirtsstube geplaudert hatte, redeten ihm wieder allerlei zu Gehör. Da war einer aus Alliosch, dem walachischen Nachbardorf. Er hatte sich drüben einen Viertel Grund gekaaft und auch dort ansässig gemacht, denn der Weg zu seinen Feldern wäre ihm doch zu weit gewesen. Aber an schönen Sonntagen zog es ihn herüber, da kam er auf eine Partie Zwicken und einen Plausch in sein Heimatsdorf. Der schwärmte dem Johann etwas vor von dem guten Platz für einen Wagner. Als ob er bezahlt wäre vom Jakob, ihn von der Heimat fortzulocken, so redete er. Niemand wäre in dem großen Dorf, der einen Wagen machen oder auch nur passabel reparieren könne. Spottbillig kriege der Johann da Haus und Hof für sein Gewerbe. Und es seien schon viele Deutsche drüben. Er möchte sich's doch nicht lang überlegen, am besten wär's, er ginge gleich mit und schaute sich um.

Das lehnte der Johann Weidmann schroff ab. Er bleibe, wo er hingehöre. Aber als er dann abends allein saß und vergeblich wartete, dass die Mutter ihm etwas sagen lasse, da stellten sich beim Glase Wein, das immer wieder nachgefüllt wurde, allerlei trübe Gedanken ein. Wie übereilt hatte er doch gehandelt! Es war nicht nötig, dass er von Gottschee fortging, aber das Heimweh packte ihn eines Tages, und er beschloss die Reise. Es war wie eine Flucht aus den dortigen kleinen Verhältnissen in ein Paradies. So hatte er seiner Frau die Banater Heimat immer geschildert. Und sie fügte sich in die überstürzte Veränderung, ließ ihr kleines Erbe zurück und folgte ihm mit den Kindern. Dachte sie doch, man würde sich in seiner Heimat ins Volle setzen können und aller Sorge ledig sein. Darauf waren sie beide nicht gefasst, den Jakob verheiratet und im Besitze des Hauses zu finden… Johanns kleine Barschaft war stark mitgenommen worden auf der weiten Reise, und jetzt saß er im Wirtshaus mit den Seinen und sah sich in einen Streit verwickelt um sein Erbe. Was immer er anfing, er brauchte Geld. Wenn ihm auch die Werkstatt entgehen sollte, ein paar Gründe musste er ja von der Mutter kriegen, ein leeres Haus wird auch zu finden sein im Dorf; aber ohne Geld konnte er eine eigene Werkstatt nicht errichten… Hatte man gegen ihn beschlossen? Er war dessen beinahe gewiss… Was sollte er in einem walachischen Dorf? Hier wollte er beweisen, was er auf zehnjähriger Wanderschaft in der Fremde gelernt hatte. Just hier. Er wird's dem Jakob schon zeigen, und auch dem Stefan Jäger gab er immer noch eines vor…

Der Vetter Albetz setzte sich zu seinem letzten Gast, der in sein Weinglas starrte und nicht schlafen gehen wollte. Er suchte ihn auf andere Gedanken zu bringen, denn er wusste worauf er noch immer wartete. Es gelang ihm aber nicht. Der Johann wollte von ihm einen guten Rat haben - einen Rat wie und wo er sich, allen zum Trotz, Kredit verschaffen könne. Als ihm der Vetter Albetz aber den guten Rat gab, solche Gedanken aufzugeben, denn die Leute hätten alles, nur kein Geld, und die wenigen, die eines hätten, die säßen darauf, da wurde er sehr kleinmütig. Ganz tränenselig, mit schwerer Zunge, klagte er alle Welt an und redete Dinge, für die er nicht mehr verantwortlich gemacht werden konnte. Dem Vetter Albetz waren solche Jammerzustände letzter Gäste nicht fremd; er geleitete den Johann bis an seine Zimmertür und wünschte ihm eine geruhsame Nacht.

Als Johann am nächsten Morgen spät erwachte, erinnerte er sich nur dunkel an die Vorgänge vom Sonntag Abend. Es bedurfte einiger Zeit, bis er sich darüber klar wurde, dass gestern vielleicht eine schwere Entscheidung gefallen war und er noch immer nichts davon wusste. Er rief seine Rosa herbei und fragte, ob denn niemand da gewesen sei. Und als sie betrübt verneinte, strich er ihr begütigend über das Blondhaar und sagte, sie möge nur nicht verzagen. Er werde noch heute einen letzten Entschluss fassen. Und da man ihm die Antwort nicht bringe, werde er sie sich holen.

Und er ging zum Vetter Niklos. Dieser saß schon daheim und rauchte seine Pfeife so gemütlich, als ob ihn gar nichts weiter beschäftige. Seitdem sein Sohn den Leuten die Häuser baute, gönnte er sich manchen Ruhetag, aber heute war er eigentlich nur für den Johann daheim. Er hatte am frühen Morgen den Jakob und die Frau Eva dahin gebracht, wo er sie haben wollte, und war dann gleich wieder heim gekehrt. Den Johann aufzusuchen, wäre unklug gewesen; der musste selber kommen. Der Vetter Niklos war ganz sicher, dass er bald käme. Und nun stand er vor ihm. Der erfahrene Meister, der mit so vielen Menschen im Leben verhandelte, der seine Baupläne gegen so viele laienhafte Meinungen und Wünsche durchsetzen musste, er erkannte sogleich, dass der Johann sich nichts Gutes erwartete. Da hatte er ihn ganz in der Hand. Er ließ ihn niedersetzen und bot ihm eine Pfeife an. Vom Rauchen aber wollte der Johann nichts wissen.

»Na, Vetter Niklos, ich komme halt fragen, wie's mit meiner Sach' steht. Ihr lasst mich schön zappeln seit gestern.« »Ich häb dich erwart't«, sagte der Meister. »Und der' Sach' steiht gar nit so übel, wie du vielleicht glaubscht. Ganz im Gegenteil.«

»Wär's möglich?«

»Na ja, von der Werkstatt und vom Haus konn natürlich nit die Red' sein. Des werscht du ja ei'sehga, dass des verspeelt is. Äwer sunscht - ich glaub', du werscht sehr zufriede sein mit uns.«

Johann sah ihm erwartungsvoll auf den Mund. Aber der Vetter paffte den Rauch aus der Pfeife, dass sie nicht kalt werde und machte eine große Pause. »So redet doch endlich!«

Der Vetter Niklos aber fing eine ganz andere Sache an. »Sag mer, Johann, wie steiht's mit der? Konnscht du wieder zurück dahin, wo du warscht?«

»Jede Stund'. Aber sagt mir.«

»Nar Geduld. Du kriegscht also dein volles Erbteil. Äwer mer maane, es is nit gut, wann du daran denkscht, dir dahier a Werkstatt ufzumache.«

»Des will ich aber.«

»Johann, des is nix. Ich maan dir's gut. Du kriegscht dei Erbteil in Geld, du kriegscht mehr, als du erwarte kannscht, aber wenn du do bleiwa willscht, loßt sich des nit macha. Mit dena drei Felder, die du zu erwarte hascht, konnscht du doch nix anfanga. Du brauchscht Geld. Und `s is doch besser, du kaafscht dich wo an, als du sitzscht dahier ohne Geld und ohne Kundschafte und wartscht uf gut Wetter.«

»Ihr wollt mich forthaben.«

»Naa, naa, mach was du willscht. Wann du do bleibscht, kriegscht du halt des, was die Mädcha gekriegt häwe; wann du dich wo annerscht selbständig machscht, kriegscht du amol fünfhunnert Gulde für die Felder und amol sechshunnert. Der Jokob zahlt dir dann raus, was sei Loskauferei gekoscht hot. Es soll nit ufgateilt wer'n uf alle Kinner, wie sich's g'häern tät', es soll dei Abfertichung sein.«

Der Johann schaute zu Boden. Es zuckte um seinen Mund, es biss ihn etwas in den Augen. »Ihr wollt mich forthaben… Gut, ich gehe«, sagte er mit farbloser Stimme. »Ich müsste ein Narr sein, wenn ich das nicht annehmen wollte. Aber wisst Ihr, warum ich nach so vielen Jahren gekommen bin? Sagt's meiner Mutter: Weil ich Heimweh gehabt habe. Jetzt bin ich kuriert. Gebt mir das Geld, und ich zieh mit Weib und Kind in ein walachisches Dorf. Vielleicht hört ihr einmal von mir.«

Und er nahm seinen Hut und ging mit kurzem Gruß von dannen.

Die Krinoline hatte er draußen, der Vetter Niklos, aber es tat ihm doch recht leid, dass der Johann so gekränkt aus der Heimat ging.

XX.

Der Christof war in den großen Sommervakanzen wieder heimgekommen zur Großmutter und zu den Rahmstrudeln der Bas' Anmerich. Schon ein langer Bub, der im Herbst auf die Lateinische Schule kam. Und er war nicht wenig stolz darauf. Sein einstiger Lehrer Theiß hatte ihn beständig an seiner Seite, freute sich seines guten Zeugnisses und wollte hundert Dinge von ihm wissen über das Temeschwarer Schulwesen, die Schulbücher, die in Verwendung waren, und die dortigen Lehrer. Die Schulbücher nahm er, da sie der Christof nicht mehr benötigte, ganz an sich. Sie stammten aus Wien, waren zum größten Teil in Deutschland gedruckt, und die Lesebücher enthielten einen ganzen Blütenstrauß aus dem Garten deutscher Dichtung. Theiß wollte das alles studieren, denn das Anschaffen der Klassiker erschien ihm doch zu kostspielig. Und er fand auch eine ungarische Sprachlehre unter diesen Büchern. Das war ihm recht, denn er hatte noch keine gesehen; es hieß aber, dass man künftig auch in den deutschen Dorfschulen die Anfangsgründe des Madjarischen werde unterrichten müssen. Der Christof war damit schon vertraut, er lehrte seinen Lehrer manches schwierige Wort aussprechen.

Auch beim Herrn Dechant und bei seiner Godl, der Wirtschafterin Rosina, war der Christof gut aufgenommen. Da er sozusagen das Patenkind des Pfarrhauses war, durfte er jeden Sonntag zum Mittagstisch erscheinen. Der Herr Dechant lud ihn ein. Es war dem Christof nicht ganz recht, er aß lieber bei der Bas' Anmerich und ihren Buben; aber es gab ihm doch ein gewisses Ansehen, dass er nach dem Hochamt immer vor allen Leuten als Gast in den Pfarrhof hinüber ging. Oft mit dem Kaplan, manchmal auch mit dem Herrn Dechant selber. Es lag, wie es den Leuten schien, eine Absicht in dieser Auszeichnung des Buben, denn der Dechant bewahrte dem Meister Jakob ein gutes Gedächtnis, und er hatte auch großen Anteil genommen an dem Schicksal der Susi. Außerdem gefiel ihm der Christof, der über seine Jahre hinaus unterrichtet war und klug. Er wusste manches aus Temeschwar zu erzählen, was die Herren bei Tisch interessierte. Und die klärten ihn über vieles auf, das er wohl sah, aber nicht zu deuten wusste. Der Dechant vermied jedes Gespräch über Politik vor dem Buben, doch der junge Kaplan, den er zur Seite hatte, berührte immer wieder die öffentlichen Angelegenheiten. Und so schnappte der Christof schon in jungen Jahren allerlei Dinge auf, von denen seine Altersgenossen noch nichts ahnten. Der Krieg in Italien ging verloren, weil der Napoleon sich hineinmischte; die ungarischen Regimenter hätten sich übel benommen, und der Kaiser suche augenscheinlich den Frieden mit Ungarn. Die serbische Woiwodschaft aber sei aufgelöst worden; Temeschwar erhalte nächstens wieder einen Obergespan. Der schüchterne Anfang mit der madjarischen Sprache lasse tief blicken, meinte der Kaplan. Und der Dechant nickte. Da kam also wieder die Wendung, von der der Pfarrer von Bogarosch, sein Freund Nowak, schon vor Jahren redete, die er in seiner Rosenthaler Kirweihpredigt voraussagte. Sie schien sich wenigstens vorzubreiten.

Was der Christof aus solchen Tischgesprächen aus dem Pfarrhaus heimbrachte, verstand er ja nur halb, und die Großmutter gar nicht, aber der alte Trauttmann, der verstand es, und er beredete es auch mit dem Philipp. Aber sie staken alle tief in der Sommerarbeit, und da war kein Raum für etwas anderes. Der Christof und der Jörgl, die beiden kleinen Studenten, zogen auch oft mit ins Feld, hüteten die Pferde auf der nahen Hutweide, ritten sie zur Tränke und neckten die kleinen Mädeln, die die Gänse auf den Stoppelfeldern hüteten und sie häufig auf die Wiese trieben, durch die das Wasser vom Schöpfbrunnen rieselte. Wenn die Buben dort jungen Kukuruz oder Kartoffeln, die sie auf den nahen Feldern schnipften, am offenen Feuer brieten, kriegten sie auch manchmal etwas, damit sie nicht klatschten. Es war ein fröhliches Zigeunertun um diese Jugend des Dorfes, die noch nicht mitzuschaffen brauchte und sich doch schon nützlich machte. Die beiden Studiosen verbauerten im Sommer immer wieder und schieden im Herbst schwer von der Heimat.

Die Großmutter brauchte den Christof übrigens auch an manchem Tag für sich. Er musste sie nach Alliosch begleiten zum Vetter Johann, wo sie nicht genug hintragen konnte. Und der Student hatte auch immer an jedem Arm etwas baumeln, rechts ein Körbchen mit Eiern, links eines mit Weintrauben oder sonst einer Gabe für die Kinder. Und die Großmutter trug auf dem Kopf einen vollen Korb mit allerlei Sachen, die sie drüben brauchten. Früh brachen sie auf, verlebten dort den Tag und kehrten nach Sonnenuntergang wieder heim. Es war dort auch sehr lustig, aber lieber war es dem Christof doch bei den Pferden und den Gänsemädeln auf der Weide und bei den abendlichen Rahmstrudeln der Bas' Anmerich.

Die Frau Eva hatte den Weg zum Herzen ihres Ältesten wieder gesucht und gefunden. Ohne Abschied war er von ihr gegangen, voll Groll gegen die Heimat, die ihn verstoßen zu haben schien. Verstoßen? Die Mutter war innerlich nicht mit dabei. Abgerungen hatte ihr der Vetter Niklos die Zustimmung zu der Abfertigung des Johann in Geld. Sie merkte ja die Absicht, die dahinter steckte: Der Niklos wollte die Krinoline forthaben aus dem Dorf, und sie wollte das ja eigentlich auch; aber um den Johann tat es ihr von Herzen leid. Und dass er gar in ein walachisches Dorf gehen wollte, das erfüllte sie mit Scham. Der Vetter Trauttmann erst redete ihr diese Gefühle aus; er sagte, das wäre das Übelste nicht für einen Schwaben, auf Eroberung auszugehen. Und ein guter Handwerker in solch einem Dorfe wäre ein deutscher Eroberer. Der werde nicht untergehen. Das leuchtete ihr ein. Und als sie nach einiger Zeit hörte, wie armselig die Wirtschaft drüben wäre, dass die Frau ein drittes Kind hätte und dass es nicht einmal genügend Möbel und Betten im Haus gebe, da erwachte die Großmutter und wusste, was sie zu tun habe. Sie ließ einen ganzen Wagen mit alten Sachen laden, holte das Bett der Fraala vom Boden, zog ein halbes Dutzend Kissen aus ihren eigenen Betten, tat Wäsche hinein und schickte den ganzen Hausrat, mit einem schönen Gruß an den Johann, hinüber. Und er hat ihn nicht zurückgeschickt. Und eines Tages ging sie endlich selber hinüber, da er nicht kam. Sie richtete die junge Wirtschaft, die sie in einem argen Zustand fand, in ihrem eigenen Sinne ein; sie erzog die herrische Rosa langsam für das Haus, stach ihr im Frühling sogar den verwilderten Garten um und baute ihr Gemüse an und Blumen. Und immer wieder guckte sie hinüber und sah nach dem Rechten. Der Johann hatte reichlich Arbeit, und er zog sich auch schon einen walachischen Lehrbuben heran. Die deutsche Kundschaft hatte er. Auch die Walachen kamen, aber sie zahlten am liebsten mit Lebensmitteln. So hatten sie alle zu essen genug, und der Johann war nicht unzufrieden, er lachte die Mutter freundlich an, sooft sie kam und pfiff sich an solchen Tagen eins in der Werkstatt. Rosa war voll Dank für die Mutter. Der Mann sei ganz verändert, seitdem sie zu ihnen komme, sagte sie. Nach Feierabend greife er sogar wieder zur alten Ziehharmonika und spiele ihr und den Kindern eins auf. Und sie bemühte sich, das so deutlich zu sagen, dass die Frau Eva es auch verstand, was nicht immer der Fall war.

Eine große Überraschung brachte dieser Sommer: Die Susi war eines Abends heimgekommen. Mit Sack und Pack war sie angerückt. Der Franz Schilling hatte sie aus Temeschwar mitgenommen, und sie gedachte daheim zu bleiben. Es seien allerlei große Veränderungen vorgegangen, von denen sie schon noch erzählen werde, kurzum, sie sei wieder da.

Das gab eine Freude! Wie eine gute Glucke sammelte die Mutter ihre Kinder um sich, nur der Peter war noch Soldat, aber auch der wartete schon lange auf Urlaub. Die Meinung im Dorf über die Susi hatte sich längst gewandelt; jedermann grüßte sie freundlich, und sie konnte wieder erhobenen Hauptes durch die Gassen ihrer Kindheit schreiten. Auch hatte sie selbst überwunden; es schmerzte nicht mehr, wenn eins unbedacht an die Narben griff, die in ihrem Innern zurückgeblieben waren von dem großen Erlebnis… Zur Anmerich war am nächsten Morgen ihr erster Weg und zum alten Trauttmann, ihrem Schutzpatron. Der erfreute sich an ihrem stattlichen Anblick, als wäre sie sein Kind. Es kränkte ihn nur eines, dass sie sich nicht von ihm habe holen lassen. Und als die Susi alle um sich versammelt sah, da erzählte sie endlich, wie sie in der Stadt obdachlos geworden wäre…

Der Präsident und Statthalter sei samt Familie auf einmal nach Wien berufen worden, und es komme künftig wieder ein Obergespan an seine Stelle, wie vor Achtundvierzig. Im ersten Stock sei auch schon ein Vizegespan eingezogen, der jetzt im Komitatshaus kommandiere. Er gehe ständig mit rasselnden großen Sporen an den Stiefeln umher, schreie mit den Beamten und Dienern und wolle alles anders haben, ungarisch, sagen sie. Da schaue jeder, der kann, dass er weiter komme. Ihre Herrschaft hätte sie durchaus mitnehmen wollen nach Wien, aber sie ging nicht mit. Sie habe dem Christof jetzt ein gutes Kosthaus gesucht, und sie selber bleibe daheim. Wenn die Anmerich wollte, könnte auch der Jörgl in dieses Kosthaus kommen, und die Buben blieben beisammen.

Was sich dazwischen noch bei ihr ereignet hatte, davon redete sie nicht. Sie schämte sich dessen ein wenig vor ihrem großen Buben und wollte ihn erst damit überraschen, wenn es vollzogen war. Auch brauchten die anderen es nicht schon am ersten Tag zu wissen.

Das Familienhaus war jetzt ein bisschen voll. Der Jakob mit den Seinen hatte nicht den Raum, den er benötigte, und er ließ schon eine hintere Stube zwischen der Werkstatt und der Press einbauen für die Großmutter. Dort sollte sie im Vorbehalt hausen, wenn die Kathl weggeheiratet hatte. Dass jetzt auch noch die Susi hinzukam, war ihm nicht ganz recht, aber er hatte sie von jeher viel zu lieb gehabt, um es ihr zu zeigen. Und er dachte sich wohl, dass sie etwas im Sinn haben müsse mit ihrer Heimkunft.

Es zeigte sich bald, was das war; denn der Stefan Jäger kam öfter zu Besuch, als gerade nötig gewesen wäre. Und er lud den Christof eines Tages ein, er möge ihn und seine Buben doch einmal besuchen drüben in Rosenthal. Und seine Mutter solle er auch mitbringen, er wolle ihnen einen schönen neuen Wagen zeigen, seine Kinder und seine ganze Wirtschaft. Alle merkten, was sich da vorbereitete, nur der Christof nicht. Und es sagte ihm niemand… Die Susi geleitete ihren Buben und den Jörgl nach den großen Sommerferien wieder nach der Stadt, ließ ihn im Piaristengymnasium einschreiben und empfahl ihn seiner Kostfrau recht von Herzen. Dann nahm sie zärtlichen Abschied von ihm. Nach zwei Monaten aber schrieb sie ihm, dass er nun doch einen Vater erhalten hätte, den Meister Stefan Jäger. Der habe ihn so lieb wie seine eigenen Kinder… Das war ein Schmerz für den Buben, wie er noch keinen empfunden. Es packte ihn eine Eifersucht, die ihn tagelang wie ein Fieber schüttelte. Der Alleinbesitz der Mutter war ihm etwas so Selbstverständliches, so Heiliges. Und jetzt sollte er sich mit jemandem teilen in diesen Besitz? Er konnte den Gedanken nicht ertragen. Und er trotzte zu Weihnachten und kam nicht mit dem Jörgl Trauttmann heim. Die Susi weinte wohl, aber sie ließ ihm Zeit. Sie ahnte seinen Schmerz und liebte ihn darum nur noch mehr.

Es war eine ganz stille herbstliche Trauung gewesen zu Kathrein, der Dechant gab die zwei reifen Menschenkinder zusammen, die sich seit den frühesten Jugendtagen kannten und schon lange zueinander hinstrebten. Was lag nicht alles dazwischen! Es sollte begraben sein

und vergessen. Die Susi stand vor dem dreißigsten Jahr; sie leuchtete wie ein reifer Apfel im August und wollte endlich genommen sein. Ihr ganzes Wesen dürstete nach Hingabe, nach einer Sendung für das Leben. Und die hatte sie doch noch gefunden. Namenlos wohl tat es ihr, abzutreten von der Schaubühne, auf der sie für das ganze Dorf seit Jahren stand, eine rechtschaffene Frau und Hausmutter zu werden wie andere. Nie sollte das Dorf wieder reden von ihr, vergessen sollten alle, was ihr geschehen war. Die Susi Weidmann war gestorben. Frau Susanna Jäger aber hoffte noch lange zu leben…

Auf die stille Trauung der Susi sollte jetzt im Fasching die laute der Kathl folgen: Sie wollte ihre große Hochzeit haben. Ließ sich die Anmerich um ihre bringen, musste die Susi verzichten, sie, die Kathl, hatte das nicht nötig. Und die Mutter Eva wollte es auch nicht. Ihrer jüngsten Tochter sollte werden, was den anderen versagt war. Der Vater würde es gewiss auch gebilligt haben, wenn er gelebt hätte.

Und so wurden denn die Geigen gestimmt im Dorfe für die schöne Weidmanns Kathl. Sie hatte ihren Rosmarin in des Vaters Garten getreulich gepflegt, sie durfte den duftigen Kranz, der ihre Mädchenehre bezeugte, an ihrem großen Tage mit Stolz tragen.

Aber so weit war man noch nicht. Was gab es nicht alles zu schaffen! Braut und Bräutigam berieten mit der Mutter allabendlich darüber, wer einzuladen wäre. Die Blutsfreundschaft auf beiden Seiten bis ins vierte Glied wurde durchgenommen, und man kam auf mehr als hundert Personen. Und die Kranzeljungfern und die Kranzelbuben waren festzustellen. Und dann gingen Braut und Bräutigam miteinander drei Tage laden. Das waren schulfreie Tage für die Klasse des Herrn Theiß, Feiertage der Jugend. Warum sollte sie nicht auch ihren Anteil haben an dem Fest ihres Lehrers? Und niemand gab den Brautleuten einen Korb, alle Geladenen wollten ihnen die Ehre erweisen und erscheinen. Jetzt trat die Frage an die Mutter heran und die Gertrud: Können wir das daheim machen? Wenn der Jakob noch einen Herd in der Press setzen ließ und einiges drüben beim Vetter Hannes gebacken werden konnte, war es wohl zu zwingen. Die Anmerich, die Susi, die Gertrud und die Mutter standen bereit - sie trauten sich's zu. Und die Susi wollte auch zeigen, was sie als Herrschaftsköchin gelernt hatte.

Da rief die Kathl ihre Kranzeljungfern zusammen, und jede wusste, was das bedeutete. Sie putzten sich und erschienen am vereinbarten Tage mit hellen sauberen Henkelkörben aus geschälten Weiden. Der Hof war voll lachender Jugend, und sie zog unter Führung der Braut auf Eroberungen aus. Der kleine Niklos Trauttmann lief voraus und schrie in alle Höfe der Eingeladenen: »Die Braut kimmt ums G'schirr!« Und wo sie mit ihrer fröhlichen Begleitung anrückte, war schon alles bereitet. Die Bäuerinnen gaben ihr bestes Porzellan her für die Hochzeit und ihr Zinn aber sie hatten es vorher mit ihrem Petschaft gesiegelt und gezeichnet, damit es nicht vertauscht werde. Und auch ihr Essbesteck stellten sie bei, auch Flaschen und Gläser und Krüge, ihr Kupfergeschirr aus der Küche. Denn jede Frau wusste, was eine große Hochzeit bedeutete, die man daheim abhalten wollte. Die Braut mit ihrer lustigen Jungfernschar leistete gute Arbeit, in zwei Tagen war alles beisammen. Und es hatte keine Scherben gegeben. Für das viele Zinn aber, das den Mädeln an geboten wurde, musste ein Kranzelbub einspannen, denn das konnten sie nicht tragen. Und ein Musikant begleitete seinen Wagen und blies vor jedem Tor einen Ländler. Sie wollten auch ihren Spaß haben. Berge von Kuchen wurden indessen gebacken, die Basen und Godeln brachten die Milch nur noch in Gießkannen, und der Franzl half den Mädeln aus der Freundschaft beim Butterstoßen, als wäre er Geselle in einer großen Käserei geworden und nicht beim Meister Jakob. Er war übrigens ein bisschen melancholisch. Sein letzter Fasching in der Heimat! Jetzt kam die Wanderzeit… Fremde Hühner und Pockerln und Gänse und Enten, die von den Eltern der Schulkinder aus Neu- und Altrosenthal gespendet wurden, lärmten im Hof der Frau Eva, als wüssten sie, was sie hier zusammenführte, als ahnten sie, dass sie sämtlich auf dem Opferaltar dieser Hochzeit gebraten werden sollten. Auch Kälber und Spanferkel fanden sich ein, die nicht im Hause geboren waren, und der Vetter Michel wetzte schon sein Messer. Und der Humor ging ihm nie aus bei diesem Geschäft, zu dem er sich freiwillig anbot. Wollte der einmal erlahmen, kräftigte er ihn rasch aus einem dunklen tiefen Zinnkruge, der stets zur Hand sein musste. Nur mit den Milchkannen wollte er nicht in Berührung kommen, es wurde ihm übel, wenn er sie roch. Das ganze Haus wurde geräumt, die Betten wanderten auf den Boden, die Schnitz- und Hobelbänke aus der Werkstatt in den Schuppen, Tische und Stühle kamen wie von Feenhänden herbeigetragen und füllten alle Stuben, die kleinen Kinder aber wurden in die Fremde geschickt zu irgendeiner Fraala oder Großmutter, die nicht mehr mithopsen konnte. Die stille Welt, in der man sonst lebte, war aus den Fugen, und alle Ordnung des Hauses auf den Kopf gestellt.

Endlich kam der Tag der Hochzeit. Und er war kalt und schön. Ein Morgenständchen, das die Musikanten der Braut brachten, leitete ihn ein. Die Kathl erschien am Fenster, bedankte sich für die Ehr', reichte den Musikanten den Raki hinaus und einen großen Kranzkuchen dazu. Sie sollten nur recht pünktlich sein, um elf Uhr wäre sie bereit. Den vielen kleinen Buben aber, die sich auf der Gasse versammelt hatten, warf sie eine Handvoll Kupfermünzen zu.

Die Susi und die Anmerich hatten es übernommen, sie als Braut zu kleiden und festlich zu schmücken. Alles schimmerte und knisterte von Seide an ihr. Die große Frage, ob ganz bäuerlich oder schon halbherrisch, hatte die Frauen lange genug beschäftigt. Aber sie sagten sich: Nur keine Veränderung für diesen Tag! Das habe Zeit, das möge die Kathl als Frau Lehrerin halten, wie sie wolle, heute sei sie noch, was sie immer gewesen. Die Anmerich kämmte sie, flocht ihr den schönsten Zopf, den sie jemals hatte, und steckte ihn zehnmal auf, bis er so saß, wie sie ihn haben wollte. Die Susi vergoldete den Brautkranz, den sich die Kathl selbst gemacht, mit Rauschgold und setzte ihn ihr auf. Die Mutter kam nur ab und zu aus der Küche und guckte, ob auch alles gut sitze und nichts übersehen wurde. »Nur nichts vergessen!« war der Mutter ihre ständige Rede. Eine Braut, die umkehren muss, wenn sie den Fuß über die Schwelle gesetzt hat, überlebt ihr erstes Kind nicht, sagte sie. Und eine schwere Sorge hatte die Mutter bei alledem: Ob er denn kommen wird? Versprochen hat er's ihr. Aber warum er noch nicht hier war?… Die Susi wollte auch die Rosmarinzweige, die Braut und Bräutigam in der Hand zu tragen haben, vergolden, aber sie suchte die Zitronen vergeblich, in die sie gesteckt werden sollten. »Wo sein denn die Limoni?« fragte sie. »Jessas, die Limoni!« schrie die Kathl auf. Aber sie waren bald herbeigeschafft, die Mutter brachte sie mit schlotternden Knien. Nur nichts vergessen!

Es kamen die Ehrengäste jeder schwäbischen Hochzeit, die Paten und Godeln. Die hellen Kranzeljungfern strömten ins Haus und es kamen ihre Buben, denen sie Sträuße auf die Hüte gemacht hatten wie zur Kirweih. Und der Hochzeitsvater Theiß, ein behäbiger kinderreicher Bauer, brachte den Bräutigam und übergab ihn der Braut. Die Vettern und Basen folgten in großer Zahl, Paar um Paar trat an, und die Musikanten warteten schon vor dem Tore draußen. Und der Zug ordnete sich im Hofe. Und da kam auch der Johann, nach dem die Mutter so sehnsüchtig ausgeblickt hatte. Aber er kam allein, ohne seine Krinoline. Und der Jakob machte es ihm leicht, er streckte ihm vor allen Leuten die Hand entgegen und nahm ihn an seine Seite in den Zug. Als die Braut auf der Schwelle erschien, mit dem goldenen Kranz im Haar, wie ein Bild, wie eine Königin des Dorfes, da leuchteten ihr alle Augen entgegen. Die Brautführer und die Hochzeitsbuben umringten sie und geleiteten sie an die Spitze des Zuges. Die Kranzeljungfern aber nahmen den Bräutigam in ihre Mitte. Und die Musik setzte ein, sie schritt dem Zug voran und blies ihre lieben alten Weisen. Es war ernste, wehmütige Volksliedmusik, und ernst und still verhielten sich die Gäste auf dem Weg zur Kirche. Der Oberlehrer spielte die Orgel, als der Zug in die Kirche eintrat, und die Schüler des Theiß sangen mit ihren hellen Stimmen einen Chor. Der Dechant Schuh erwartete das Brautpaar vor dem erleuchteten Hochaltar. Er nahm den Rosmarinstrauß der Braut als Sinnbild ihrer Jungfräulichkeit entgegen, stellte ihn auf den Altar und vollzog die Trauung mit einer eindrucksvollen Rede an das Paar und seine Gäste. Und als erster beglückwünschte er die Vereinigten zu ihrem ernsten Schritt. Und er nahm auch ihre Einladung an, beim Festmahl zu erscheinen.

Rauschende, fröhliche Musik empfing den heimkehrenden Hochzeitszug auf der Gasse, Ehrenschüsse knallten aus allen Häusern, an denen man vorbeikam, und die Hochzeitsbuben zogen die eigenen Pistolen aus den Taschen und erwiderten darauf. Es knallte und juchzte und musizierte auf dem ganzen Wege, als wäre da ein Fastnachtszug losgelassen worden, als wollte die ganze Gemeinde mittanzen auf dieser Hochzeit ihres bescheidenen Unterlehrers. Aber es waren nur die beiden Dorfkinder, die man so ehrte, es war ein Ausbruch unbewusster Befriedigung darüber, dass sie so gar nicht anders sein wollten, dass sie die alten Bräuche hochhielten und eine Bauernhochzeit feierten. Man durfte Juhu schreien auf dieser Hochzeit und allen Schabernack treiben, der üblich war. Man durfte dem Bräutigam die Braut stehlen und sie an den Tisch der Buben setzen. Man durfte dort der Braut unter dem Tisch den Schuh vom rechten Fuß stehlen und für die Musikanten versteigern. Und wer ihn erstand, dem gehörte der erste Tanz mit ihr. Man durfte selbst den Ehrengästen den süßen Grießbrei bei Tisch versalzen, und es gab keine schiefen Gesichter, kurzum, es war keine herrische Hochzeit, wie man befürchtet hatte, es wurden keine Quadrillen getanzt, sondern Ländler und Polka und Hopser. Juhu, es war halt eine schwobische Hochzeit! Und sie dauerte nicht bis nach dem »Teschönee«, wie die des Baron Schnudi, sie dauerte drei Tage. Und was gegessen und getrunken wurde, ging in keine Scheune. Aber wer da meinen sollte, das wäre ihr ganzer Inhalt gewesen, der ginge weit in die Irre. Mitten durch all die Völlerei und Lustbarkeit lief ein Gedanke, und wo er zum Durchbruch kam, da glänzte es auf, da wehte ein Hauch von tiefer Volkspoesie.

Als die alte Schwarzwälderin am ersten Hochzeitstage die Mitternachtsstunde schlug, ertönte aus der schönen Stube, die als Tanzplatz benutzt wurde, eine feierliche Weise. Alles schwieg an den Tischen, man brach auf und drängte nach der Tanzstube hin. Jetzt gab es etwas zusehen und zu hören. Die Kathl saß im vollen Brautschmuck in der Mitte der Stube auf einem niederen Sitz. Die Kranzeljungfern fassten sich an den Händen und bildeten einen geschlossenen Kreis um sie. Und sie sangen:

Kommet her, kommet her, ihr Jungfraun insgemein,

Mit euch darf ich nimmermehr lustig sein.

Kommet her, kommet her, ihr Weiber insgemein,

Mit euch muss ich jetzt traurig sein.

Tretet ab, tretet ab, ihr Jungfraun insgemein,

Mit euch darf ich nimmermehr lustig sein.

Der Kreis der Mädchen löste sich. Die beiden Schwestern der Braut, die Susi und die Anmerich, traten vor und bildeten mit den jungen Frauen einen Kreis um die sitzende Braut. Und sie sangen:

Schwör du's, schwör du's den Knaben ab,

Mit denen so manche Freud' hast gehabt.

Schwör du's, schwör du's den Knaben ab,

Mit denen so manche Freud' hast gehabt.

Und die Braut sang allein:

Ach Gott, ach Gott, das kann ich nicht,

Das gibt meinem Herzen viel tausend Stich.

Die Weiber fuhren fort:

Schwör du's, schwör du's deinen Eltern ab,

Deinen Mann musst du lieben bis an das Grab.

Die Braut weinte. Und sie sang stockend:

So bindet mir mein Kränzlein ab,

Das darf ich nicht tragen bis an das Grab.

Bindet mir mein Tüchlein auf,

Und spielt mir ein lustig Stücklein drauf.

Während Frauen und Mädchen dieses Gesätz dreimal wiederholten, lösten Susi und Anmerich der Braut Zweiglein um Zweiglein von dem Kranz, das Rauschgold klebte ihnen an den Fingern oder es flatterte davon… Die Anmerich aber band der Schwester ein seidenes Kopftuch auf, sie war unter die Weiber aufgenommen. Alles weinte, alles schluchzte, als wäre die Kathl gestorben. Aber der Klarinettist begann einen Hopser, und die beiden Schwestern tanzten ihn mit der Braut. Jede eine Runde. Und die Gertrud eine Runde und der Reihe nach alle Weiber. Und als man beim nächsten allgemeinen Tanz die Braut suchte, da war sie mit dem Bräutigam verschwunden…

Als die kleine Welt ihres Hauses wieder eingerenkt war nach dieser Hochzeit, bezog Frau Eva in aller Gemächlichkeit ihr hinteres Stübchen, vorne aber breitete sich der Jakob aus mit seiner jungen Wirtschaft… All ihre Kinder waren wieder in Eintracht beisammen, fünf wusste sie wohlgeborgen, und um das sechste, den Peter, war der Frau Eva nicht bange… Mit rauher Hand griff das Schicksal nach ihrem Hause, es schien sie alle erdrücken zu wollen; aber sie hielt tapfer stand, und der Himmel heiterte sich vor Abend wieder auf. Ihr Werk war getan. Jetzt wollte sie nur noch beten für das Wohl ihrer Kinder und Enkel. Und sie hoffte zuversichtlich, dereinst ihrem Jakob wieder zu begegnen und seine Zufriedenheit zu erlangen… Ob alles weiter so gedieh, wie es den Anschein hatte, das lag in Gottes Hand. Diese und jene Sorge nahm die Frau Eva gern mit in ihr Altenteil. Ganz allein wollte sie in ihrem Stübchen nicht hausen.