Der große Schwabenzug

Die Botschaft des Konstablers

Der Ulmer Bote hatte einen Brief ins Haus gebracht. »Der ehrsamen Wittib Theresia Scheiffele gehört er!« rief der Schalk hinter der jungen Magd her, die ihn übernommen. »Und ein' Schoppe Söflinger hätt' ich mir wohl verdient. Mit der Landposcht wär' er erscht am Sonntag 'komme. Er ischt gar weit her, der Brief.«

»Werd's ausrichte«, sagte die Gretel und nickte ihm lächelnd zu.

Er keuchte weiter unter seiner Last und beteilte das ganze Städtchen mit Gaben. Dem hatte er dieses, dem jenes mitgebracht aus der freien Reichsstadt Ulm, wo Handel und Wandel blühten und einfach alles zu haben war, was man sich in Blaubeuren nur wünschen konnte. Sogar Kaffee. Die genäschige junge Prälatin hatte heimlich solchen bestellt bei ihm, und richtig bekam er ein halbes Pfund. Aus Wien brachten ihn die Ulmer Schiffer. Und einen Kronentaler hat er gekostet. Na, wenn das Seine Ehrwürden erfährt … Ja, die Frauen, die Frauen. Kaum war in der Augsburger Zeitung gestanden, daß jetzt in Wien die Mode wäre, türkischen Kaffee zu trinken, machen sie es in Ulm nach. Und noch haben dort nicht alle Frauen vom Großen Rat Kaffeebohnen gesehen, muß schon die Prälatin von Blaubeuren auch welche haben. Geschieht ihm recht, dem geistlichen Herrn. Was holt er sich eine Frau aus der Fremd'. just eine genäschige Mainzerin hat's sein müssen. Gibt's denn in Württemberg keine Pfarrerstöchter mehr?

So stritt der wackere Ulmer Bote, der Peter Fischer, mit sich und der Welt, während er von Haus zu Haus ging und jedem zutrug, was er bestellt hatte. Er war kein einfältiges Lasttier, der Peter, er dachte sich sein Teil bei jeder Bestellung, die man bei ihm machte. Und als er in den krummen Gassen reihum war, kehrte er zurück zum »Schwarzen Adler«, wo er den ersten Brief abgegeben.

Lachend brachte ihm die Gretel seinen wohlverdienten Schoppen Söflinger Wein. Es können auch zwei werden, ließ ihm die Frau Theres sagen.

»Herr Gott von Frankfurt, seit wann tragt die Frau Theres Spendierhose?« rief der Peter.

»Pscht«, machte die Gretel«, dort sitze se doch…«

Ja, dort saßen sie in der Ecke der halbdunkeln holzgetäfelten Wirtsstube, die von Marktleuten angefüllt war. Das hatte der Peter gar nicht gemerkt. Die ganze Familie war um den Brief, den er gebracht, versammelt, und der Adlerwirt buchstabierte ihn zusammen. Die Frauen konnten damals noch nicht lesen und schreiben, es war noch nicht Sitte bei den Bürgersleuten, daß vorwitzige Mädchen sich auch um die Wissenschaften der Männer kümmerten, sie hatten etwas anderes zu tun in Haus und Hof und Küche.

Als der Peter sah, wie schwer es dem Adlerwirt fiel, den Brief vorzulesen, goß er seinen Schoppen hinab und näherte sich langsam dem Familienkreis.Nicht bloß aus Neugierde. Er war ein besserer Leser, hatte mehr Umgang mit geschriebenen und gedruckten Sachen als andere Leute, vielleicht konnte er aushelfen.' Und er stellte sich auf die Paß.

Aber der dicke Adlerwirt winkte ihn fort. »Bleib' Er uns vom Leib jetzt!« rief er dem Peter hochmütig zu und las weiter. Die Frau Theres aber, seine Schwester, suchte diese Abweisung zu mildern. »Laß Er sich noch ein' Schoppe gebe, Peter«, sagte sie und zwinkerte ihm zu. Er verstand das. Später rief sie ja doch ihn oder einen Hilfslehrer und ließ sich den Brief noch einige Male vorlesen. Das war jetzt in zwei Jahren der dritte. Ob er wieder von dem Konstabler Pleß war, dem Ulmer Taugenichts, der zu den Kaiserlichen gegangen, als er sein Groß-Mütterliches durchgebracht hatte? Die schöne Theres vom Adlerwirt in Blaubeuren hätte dem Mosje gefallen, aber sie war schon an den Sohn vom »Blauen Hechten« in Ulm versprochen, er hat sie nicht gekriegt. Weiß der Kuckuck, wie der erfahren haben mag, daß die Theres jetzt als Wittib wieder in ihrem Vaterhaus sitzt. War er doch mit dem Prinzen Eugen nach Hungarn gezogen gegen die Türken und bis nach Belgerad gekommen. So schön hat er das der Frau Theres beschrieben in den früheren zwei Briefen. Das ganze Städtle hat sie gelesen. Was mag in dem neuen stehen?

Der Peter retirierte. Er nahm Platz bei ein paar Bauern von der rauhen Alb, bei Männern aus dem Blautal und von weiter her. Sie waren seine guten Bekannten von der Landstraße, er begegnete dem und jenem hundertmal im Jahr. Und der Ulmer Bote war wohlgelitten bei allen. Er wußte immer etwas Neues, sie hatten oft ihren Spaß mit ihm.

Und er hatte ihnen schon manchen Bären aufgebunden. Heut führten sie ein ernstes Gespräch, klagten über allerlei Nöte der Zeit. Der hatte fünf Söhne, jener vier und ein anderer gar sechs. Wo soll der Mensch Grund und Boden hernehmen für sie? Das Stift gibt keine Scholle her, der Graf weiß nicht, wieviel Robottage er verlangen soll, wenn ein Bauer ein Stück Feld pachten will. Handwerker mußten die Buben werden und Soldaten, in die Fremd' mußten sie alle. Dem sein Ältester diente in der Schweiz, jener hatte zwei Söhne als Handwerker in Wien, einen als Soldaten in Paris. Und dem Nikolaus Eimann waren schon zwei Söhne zu den Kaiserlichen gelaufen und einer zu den Holländern. Soldaten wurden sie auf Lebenszeit, weil die Steuern zu hoch und das Land zu klein war. Wo diesem und jenem die Kugel bestimmt sei, wisse nur Gott.

Der Peter Fischer horchte auf. Und er lächelte überlegen. »Hab ich euch nicht oft gesagt, daß, ihr zu viel Kinder habt? Aber laßt's gut sein, 's wird, alles anders werde, die Schwabe, die kein Platz mehr habe daheim, die gehe in Zukunft uff Amerika. Die neue Welt g'hört uns, wenn eure Weiber so fruchtbar bleibe. Laßt's gut sein!«

Sie lachten und wollten mehr wissen von der neuen Welt. Und der Peter war nicht sparsam mit Worten. Er hatte manches gelesen im Blättle. Die ganze Rheinpfalz sollte schon seit Jahren unterwegs sein nach Amerika. Und das Auswanderungsfieber falle immer mehr Leute an.

Der Eimann zahlte dem Peter einen dritten Schoppen, um von ihm zu erfahren, wie man am leichtesten und ungefährlichsten da hinüber käme in das vielgelobte Neuland. Er hätt' die Kurasche, sich's einmal anzusehen. Heißt es doch, daß man dort um einen Gulden Ulmer Münz zehn Morgen Land bekomme. Der Peter bestätigte das. Leiser fügte er hinzu: »Und keine Herre! Keine Pfaffe und keine Grafe habe dort was zu schaffe.«

Der Adlerwirt war vorgekommen aus der Familienecke beim Hoffenster, in der sich die Seinen versammelt hatten. Trotz dem Widerstreben der Schwester, die es nobler haben wollte und sich gern in das Herrenstüble nebenan zurückgezogen hätte, hielt er an der alten Überlieferung fest: Der Wirt und seine Familie gehörten in die Wirtsstube, unter die Gäste. Alle sollten glauben, sie wären bei ihm eingeladen, sagte sein Vater wie oft. Und der war ein guter Leutgeb.

Er begrüßte den und jenen, erkundigte sich nach den Marktpreisen, nach der Familie, nach der Gemeinde. Da saßen ein paar kernhafte Erzbauern, die wie die Könige auf ihrem Grund und Boden lebten und vom Markt immer mit vollem Beutel heimkehrten auf die Alb. Sie sonderten sich gern ab von den Kleinbauern und Häuslern. Aber mit halbem Ohr hörten sie doch auf das laute Gespräch an dem Tische des stattlichen Eimann aus Gerhausen. Jetzt schüttelte der Wirt auch diesem die Hand. Und der hub gleich einen Diskursch mit ihm an. Was der Adlerwirt von Amerika halte, wollte er wissen.Dort säßen schon die Engländer, meinte der Wirt. Und die vergunnen keinem Schwaben einen guten Bissen. Von den Pfälzern seien viele als Bettler wieder heimgekehrt. Er wisse jetzt ein besseres Land. Und daheim könne man von Ulm auf der Donau fahren.»Hungarn?!« rief der Peter. »Das kann nur Hungarn sein.«»Der Bote weiß es schon«, sagte der Wirt lachend. »Der spioniert alles aus.« Und er setzte sich zu den Leuten und erzählte ihnen, was seine Schwester Theres wieder für einen Brief bekommen habe. Der Jakob Pleß – der aus Ulm – habe ihr geschrieben, das ganze Hungarn wäre jetzt gesäubert vom Türken, und es sei Friede. Der Eugenius habe viele Soldaten entlassen und es jedem freigestellt, sich dort drunten anzusiedeln im Banat, rings um die Festung Temeschwar. Nicht einen Kreuzer kostet das. So viel Land einer bebauen könne, so viel bekäme er. Gleich könnte der Jakob, wenn er Landwirtschaft verstünde, fünfzig Joch haben und Haus und Hof. Der Kaiser habe dem Prinzen Eugenius und seinen Feldherrn große, herrenlose Güter geschenkt zur Belohnung. Mancher hat zwanzig bis dreißig Dörfer. Aber die seien menschenleer. Man brauche überall Ackerbauern und Handwerker. Und der Jakob meint, die überzähligen Schwaben sollten halt kommen, wenn sie Kurasche haben.

»Umsonst?« »Ganz umsonst Grund und Boden?«

»Fufzig Joch?« riefen einige durcheinander. Und sogar die Erzbauern spitzten die Ohren.

»So schreibt der Jakob«, erwiderte achselzuckend der Adlerwirt. »Und es wird wohl wahr sein.«

»Des stinkt«, sagte einer. »Wird sein' Hake habe«,, brummte ein anderer.

»Na, ja«, warf der Peter ein, »manchmal ischt halt die Pescht dort zu Gascht. Aber sunscht is die Gegend g'sund.«

»Davon schreibt der Pleß nix«, sagte der Adlerwirt verweisend. »Der wird ein reicher Mann dort.«

Eimann hatte einen roten Kopf bekommen. Der Gedanke an seine sechs Söhne und diese gute Gelegenheit, sie zu versorgen, machte ihm heiß. »Da sollt mir doch glei ufbreche – glei uf der Stell‘» rief er.

»Abwarte! Abwarte!« sagte der Adlerwirt. »Der Jakob meint, es werd' die Zeit komme, wo der Kaiser die Leut' rufe muß.« Und er ging weiter, zu anderen Gästen.

Frau Theresia Scheiffele, die blonde junge Wittib vom »Blauen Hechten« in Ulm, saß mit einer Handarbeit still in ihrer Ecke und bedachte den Inhalt des Briefes, den sie erhalten hatte. Die Schwägerin war in die Küche geeilt und die anderen verliefen sich auch, sie saß allein … Wer hätte gedacht, daß der Jakob so treu sein könnte. Sie war schon Braut, als sie einmal nach Regensburg hinab fuhr mit einer Pleßzille, und da hatte der Jakob sie gesehen. Ein Glück, daß die Mutter mit dabei gewesen. Auch er gefiel ihr in seiner kleidsamen Schiffertracht. War ein strammer Bursch, der Jakob. Und so verliebt. Zwei Wochen später war er in Blaubeuren und wollte um sie anhalten. Nicht glauben konnte er's, daß es zu spät wär'. Und als sie dann nach Ulm heiratete und die 'Wirtin vom »Blauen Hechten« war, da packte es ihn mächtig. Unter die Soldaten lief er und ließ jahrelang nichts hören von sich. Freilich sagte man, daß es andere Gründe waren, die ihn den Werbern in die Arme getrieben, aber sie wußte es besser … Und jetzt möchte er sie wohl wieder haben. Warum schreibt er ihr so oft? Und er erzählt ihr, daß er frei sei und wisse, wie man reich und angesehen werden könne. Warum schickt er ihr sogar Soldatenlieder, die sie dort drunten auf den Prinzen Eugenius gemacht haben? Wenn der Herr Kantor wieder auf einen Schoppen kommt, muß sie ihm das neueste Lied doch zeigen, ihr Bruder hat es nicht recht lesen können. Stehen auch Notenköpfe unter den ersten Zeilen, und die kann doch nur der Herr Kantor lesen. Überhaupt wird sie erst erfahren müssen, was eigentlich hinter dem neuen Brief steckt, wenn ihn wer anderer vorliest. Sie traut ihrem Bruder nicht recht; er hat gegen den Schluß hin, wie es schien, manche Zeile breitgeschlagen. Der hat seine Pläne mit ihr. Aber sie wird die Augen aufmachen; sie läßt sich kein zweites Mal einen Mann einreden. Hat genug an dem ersten gehabt, der ein Säufer gewesen. Gott hab' ihn selig. Wenn der Jakob, der Narr, in Ulm geblieben wär', hätt' alles anders kommen können. Sie säße jetzt nicht wieder daheim. Wär' vielleicht seine Frau Schiffmeisterin.

Zum Konstabler hat er's gebracht bei den kaiserlichen Kanonieren. Und zweimal war er blessiert. Ist, er am End' ein Krüppel? Schreiben tut er nichts davon, aber das müßt' man doch wissen. Für einen halben Mann ist sie sich zu gut mit ihren achtundzwanzig Jahren… Wie alt kann denn er jetzt sein? Dreißig; mehr nicht, sagt sie sich.

Und wie ihr Bruder wieder in ihre Nähe kommt, verlangt sie, daß er ihr den Brief noch einmal lese. Er ist brummig. Morgen sei auch ein Tag. Nun ja, heute ist Markt, das Geschäft geht vor, es kommen immer neue Leute. Und es schickt sich wohl, daß sie der Gretel und dem Bruder hilft. Verlangen tut's niemand von ihr, aber sie ist eine Wirtstochter und weiß, was zwei Hände mehr wert sind im Geschäft.

»Eine Maß Ulmer Bier schafft der Herr Pfarrer von Kirchheim? Ja? Und ein Paar Wiener Würstel? Ja?«

Mit ihrem schönsten Lächeln hatte die Frau Theres den neuen Gast begrüßt und ihn mit seiner Begleiterin in das Herrenstüble nebenan gewiesen. Jetzt griff auch sie ein; die Mittagsstunde war gekommen und der Markt zu Ende. Mancher trank einen Schoppen mehr, nur um von ihr bedient zu werden. Dem Peter Fischer aber steckte sie heimlich den Brief zu. Er möchte ihn genau durchbuchstabieren und ihr dann vorlesen. Später, in ihrer Stube.

Der alte Fuchs strich sich mit der flachen Hand über seinen grauen Scheitel, und sein Zöpfchen wackelte vergnügt im Nacken. Das trägt noch ein Trinkgeld heute. Und die Neugierde brannte ja auch lichterloh in ihm. Er verzog sich aus dem Gastzimmer und suchte ein stilles Plätzle, wo er sich in den langen Brief einlesen konnte. Es möchte dem groben Adlerwirt vielleicht nicht recht sein, wenn er merkte, daß der Ulmer Bote den Brief jetzt doch hatte. Vielleicht gibt es da was aufzuschnappen; der Eimann wär' gewiß erkenntlich für einen guten Rat. So ein Feldhungriger war ihm noch nicht vorgekommen. Der lauft zu Fuß nach Hungarn, wenn ihm dort wer eine Elle dürres Land schenkt.

Also, was schreibt denn der Ulmer Spatz aus Temeschwar?

In die Scheune hatte Peter Fischer sich begeben, wo sein Wägelchen eingestellt war, und dort las er den Brief des Jakob Pleß. Er redete laut mit und polterte in jeden Satz hinein, so daß niemand klug geworden wäre, was in dem Brief stünde, wenn er ihn belauscht hätte.

»Ei, ei, ei! Nicht mehr Soldat? Friede von Passarowitz geschlossen. Das Wort wird sich der Mensch merken müssen. Prinz Eugen nach Wien, Regimenter auf Friedensstand, General Mercy kommandiert jetzt im Banat, ein hitziger Lothringer, der es dem Eugenius zuvortun will… Schau, schau … Er sucht alle entlassenen Soldaten im Land zu behalten … Schöne Entlassung! – Gibt uns, was wir wollen … Ach so! Die Schwaben hat er gern. . . Brav, brav … Wer ein Handwerk kann, ist sein Mann … Mit uns will er aus dem elenden Türkennest eine neue schöne Stadt aufbauen, – so wie Ulm … Warum nicht wie Paris? … Ich bin ein halber Ingenieur geworden bei ihm, baue Forti … Fortifikationen – hol' dich der Satan! – und Häuser … Weiß aber etwas viel, viel Besseres, wenn wir fertig seind. Dazu gehört nur ein braves Weib, die das Wirtsgeschäft versteht … Ahan! Ahan!. Eine neue Stadt, eine Festung, in der oft viele große Herren logieren müssen, und nirgends ein ordentlicher Wirt … Alle sind sie jetzt fort mit dem Eugenius, die deutschen Sieger, der Markgraf Ludewig von Baden, der Kurfürst Max Emanuel von Bayern und mancher Held aus Schwaben; aber tausende Soldaten sind als freie Männer allhier verblieben und haben keine deutschen Mädchen … Hahahahal… Beim Markgrafen Ludewig haben sie vor Jahr und Tag eine Bittschrift submissest unterbreitet vor seiner Abreise, er möchte ihnen deutsche Mädchen schicken. Da hat der Markgraf gelacht; er werde dieser Not abhelfen, werde es in Stuttgart austrommeln lassen, sagte er. (Der Peter lachte laut auf.) Aber das ist lange her, und die Schwabinnen kommen nicht. Ich soll euch fragen, ob ihr nicht erfahren könnt, wann der Markgraf Ludewig sein Versprechen erfüllen tut, oder ob er schon gestorben ist … Man redet allhier viel davon, daß der Graf Mercy ein Referendum nach Wien gemacht habe, worinnen er die Hofkammer bittet, das öde Land Hungarn zu bevölkern mit allen Nationen von Europa. Bauern will er, Ackerbauern. Es sei Platz für Hunderttausende im Land. Ich bin ein Stadtmensch und verstehe davon nicht viel. Aber wenn der Kaiser ruft, dann sollen nur viele Landsleute kommen, sie kriegen alles umsonst. Aber, liebwerte Frau Theres, wenn Ihr einen einschichtigen Ulmer Spatzen direktement glückselig machen wollt, überdenkt einmal, ob eine Donaufahrt von Ulm bis Peterwardein nicht eine schöne Weltreise wär'… – Nehmt Brautjungfern mit, so viel Ihr wollt, wir verheiraten sie hier alle an Männer mit Haus und Hof und fufzig Joch Feld. Mein Vater wird Euch seine schönste Zille geben, und in drei Wochen seid Ihr hier, wo der ewiglich treue Jakob in Liebe wartet. Der Pfarrer ist schon bestellt. Sagt nicht nein, wenn meine Brautwerber kommen. Ich bin ein ehrlicher Bursch gewesen all mein Lebtag. Vertrauet mir, vielteure Theres… »Ah, um die Zeit is! Der Gickel möcht' balzen!« rief der Peter.

So hatte er langsam aus dem schwer leserlichen Brief den Kern herausgeschält, und er las ihn noch einmal, um sich dann vor der Frau Theres auszeichnen zu können. Es glückte ihm denn auch. Sie war sprachlos über den Schluß, den ihr der schlaue Bruder nur so hudelig vorgelesen hatte, daß sie nicht gescheit daraus wurde. Ganz wirblig war ihr zu Mut. Hatte sie sich's doch gleich gedacht, daß ein Schwab, der in zwei Jahren drei Briefe schreibt, ernste Absichten haben mußte. Sechs Ulmer Batzen gab sie dem Boten für die Vorlesung, die er zweimal wiederholen mußte, bis sie jedes Wort auswendig kannte und wußte, wo dies und jenes stand. Der Bruder sollte sich wundern, wie jetzt sie ihm den Brief vorlas.

Die Brautwerber

Man sprach nicht nur im Herrenstüble des Schwarzen Adler vom Brief des Konstablers Pleß, die ganze Stadt redete davon.

Schon überall hörte man, daß ähnliche Soldatenbriefe neuestens nach Schwaben und Württemberg und Baden gekommen waren, von wo schon seit einigen Jahren ab und zu Leute nach Hungarn auswanderten. In den Blättern von Frankfurt, Augsburg und Stuttgart war sogar davon zu lesen. Doch angeraten ward die Auswanderung nicht. Jetzt war von Hungarn mehr die Rede als von Amerika, wohin man ja drei Monate fahren mußte und nicht drei Wochen, wie nach dem Banat. Die Donau aber verdiente doch mehr Vertrauen als das tückische Meer. Zwar erzählte man sich auch von dieser gar erschreckliche Dinge. Der kleine Strudel bei Aschau und der große bei Grein sollten lebensgefährlich sein. Und über Wien hinunter war noch niemand gekommen, den man kannte, die Ulmer Schiffe gingen nur bis zur alten Kaiserstadt. Aber da viele deutsche Regimenter in Hungarn kantonierten, konnte es so 'unmenschlich dort nicht sein. Auch ging die Rede, daß dort seit den Urzeiten überall Deutsche wohnen sollen, von denen man nur nichts Rechtes wisse. Ob sie alle die Türkenzeit überdauert hätten, sei unbekannt. Aber warum nicht? Was ein anderes Volk aushalte, das hält der Schwabe doppelt aus, sagte der Kantor zur Frau Theres. Wie ein Wunder habe sich die Wiedereroberung Hungarns von Bataille zu Bataille vollzogen, was seit hundertsechzig Jahren dem Türken gehörte, war jetzt kaiserlich. Der Karl von Lotharingen, der Ludewig von Baden, der Carl Alexander von Württemberg, der Max Emanuel von Bayern – sie haben die kaiserlichen und die deutschen Reichstruppen von Wien bis gegen Belgerad geführt, und ihr großer Schüler, der Prinz Eugenius, habe das Werk jetzt vollendet. Er habe den Frieden diktiert nach einem dreißigjährigen Befreiungskrieg. Glaube man nur ja nicht, sagte der Kantor, daß der Friede von Passarowitz uns im alten römischen Reich nichts angehe. Hat nicht der Franzose die Schwäche des Kaisers benutzt, der bis in seine Residenz Wien von den Türken bedroht war, und Straßburg geraubt und das Elsaß? jetzt seien viele gebundene Kräfte wieder frei, und wer weiß, ob der Prinz Eugen uns nicht Straßburg wieder bringt. Schon beinahe vierzig Jahre ist es französisch.

Mit Begeisterung las der Kantor das wunderliche neue Soldatenlied vor, das der Pleß mitgeschickt hatte, und summte auch gleich die Weise.

Prinz Eugenius, der edle Ritter,
Wollt dem Kaiser wied'rum kriegen
Stadt und Festung Belgerad.
Er ließ schlagen einen Brucken,
Daß man kunnt hinüberrucken
Mit der Armee wohl vor die Stadt …

»Das ist ja himmlisch!« rief er. »Wie ein Kirchenlied. Wie das Tedeum laudamus vom heiligen Ambrosius.«

Er sang es der Frau Theres und den Stammgästen des Herrenstüble vor, so gut er's vermochte. Und zuletzt stand es fest bei ihm: »Der Eugenius bringt uns Straßburg wieder! Das Lied müssen wir alle lernen.«

Der Hilfslehrer Wörndle stimmte ihm lebhaft bei. Er war ein Elsässer und erzählte gern von seiner Heimat. Es sei schandbar, wie es die Franzmänner dort getrieben, wie sie ihre von Eugen vernichteten Regimenter mit deutschen Soldaten wieder aufgepäppelt hätten nach Malplaquet. Von den Ackerfeldern und den Erntearbeiten weg haben sie die deutschen Knaben gefangen und fortgeschleppt. »Auswandern!« sei dort schon lange die Losung. Zum Kaiser hinunter wollen alle. Waren sie doch immer gut österreichisch … Auch die Teuerung steige von Jahr zu Jahr, fuhr er fort, es sei schwer zu leben im Elsaß. Vieles wäre noch ärger als hier. Die Großen breiten sich aus, und die kleinen Besitzer werden durch ihren Kinderreichtum immer kleiner. Und katholisch soll auch wieder einmal alles werden. Dem Kaiser haben sie's übel genommen, der Franzmann befiehlt jetzt dasselbe.

Die Herren rieten dem Wörndle, er möge doch hinschreiben und den Elsässern exemplifizieren, was der Pleß über Hungarn berichte und das neue kaiserliche Land, das Banat.

Ja, das wollte er tun. Und er sagte der Frau Theres, daß er ihr sehr oblischiert wäre, wenn sie ihm den Brief leihen wollte, er würde etwas davon in eine Gazette von Straßburg setzen lassen. Man könne von dorther vielleicht auch den Türkenlouis, so wurde der Markgraf Ludwig von Baden, der Sieger von Slankamen, allgemein genannt, an das Versprechen erinnern, das er seinen Soldaten im Banat gegeben.

Man lachte. »Ja, so wird's am beschte ausgetrummelt!« rief einer.

Frau Theres wurde abgerufen. Mit hochgeröteten Backen war die Gretel hereingestürzt, die Frau Theres soll kommen, es sei wer da.

»Wer denn? Wer denn?«

»Zwa Herre aus Ulm!« rief die Gretel und riß die Augen weit auf, als Frau Theres sich jetzt erhob. So schön hatte die sich gemacht heute? Es war also Ernst?

Auch die Stammgäste steckten die Köpfe zusammen, als die schöne Frau sich jetzt errötend beurlaubte.

Sie wollte also doch? Sie traut sich? So lange hatte sie's geleugnet. Der Bruder war so scharf dagegen. Aber vielleicht gerade darum,… Man war einig darüber, daß das nur die Brautwerber für den Jakob Pleß sein konnten.

Ob die Gretel vielleicht auch mitgehe »in de Terkei«, fragte der Kantor.

Wenn sie die Frau Theres mitnimmt, gleich auf der Stelle sei sie bereit. Wo es Not habe an Mädeln, da könne man sich doch den rechten Mann aussuchen.

»Ja, bischt denn du nit verschproche?« rief Wörndle und drohte mit dem Finger.

»Was nutzt's?« sagte Gretel trotzig. »'s Stift verlaubt dem Josef das Heirate nit.«

»Und's Warte hat sie wohl satt, die Gretel?« fragte Wörndle Sein aufleuchtender Blick umfaßte die Gestalt des drallen Mädchens, und er verstand vollkommen … Sie sagte nichts und ging, frisches Ulmer Bier holen. Dabei warf sie die Hüften und trat auf, daß die Diele zitterte.

Der Kantor aber räsonierte über die Heiratswut der Frauenzimmer. Es sei ganz gut, daß die Obrigkeit das viele Heiraten verbiete; wären ohnedem zu viel Leut' auf der Welt. Wer kein eigen Haus habe, soll kein Weib nehmen dürfen. Was brauchen wir Ehen zwischen einem Gärtnerburschen und einem Schankmädel?

Wörndle war anderer Meinung. Die Hörigkeit müsse endlich aufhören. Der gräfliche Amtmann da und der Klostervogt dort sollen nur acht geben, daß ihnen die Leute nicht alle eschapieren. Jeder Hase im Feld sei mehr geestimlert als ein Mensch. Sollen lieber Grund und Boden hergeben und glückliche Paare machen, die Vögte, als zwangsweise Keuschheit verbreiten. Das werde schlecht enden. »Kann doch keiner davon laufen, der nicht einen Losschein kriegt«, sagte der Kantor. »Wie käm' er über die Grenze? Nicht zum Ulmer Neutor lassen sie einen hinein, der ohne Paß kommt. Und in Bayern sei es noch ärger, sagen die Leute. Da stecke man jeden in den Soldatenrock, der keine Papiere habe.«

»Das ischt's ja, was ich sag«, rief Wörndle. »'s ischt zu viel G'walt in der Welt und zu wenig Recht.«

Indessen hatte sich Frau Theres in die Wohnung hinauf begeben, wo der Bruder mit den beiden Herren schon im Gespräch war. Die Schwägerin, die ihr in der Wirtsstube begegnete, sagte nichts als: »Tummel dich. Der eine hat ein' großmächtige Strauß!«

Und der mit dem Strauß redete zuerst, als die Frau Theres eingetreten war. Der kleine alte Mann verbeugte sich gar zierlich und stellte seinen Gevatter vor. Es war der ehrsame Ulmer Schiffmeister Ludwig Pleß, der Vater des kaiserlichen Konstablers Jakob Pleß. Und er selbst war dessen Gevatter, der Anton Specht. Er habe den Jakob vor dreißig Jahren aus der Taufe gehoben und es sei heute seines Amtes, der frei Erwählten des einstigen Täuflings diesen schönen Strauß zu überreichen. Er sehe wohl, daß seine roten Rosen von denen auf den Backen der Frau Theres übertroffen werden. Er sei also wohl auf dem rechten Weg und glaube keinen Fehlgang getan zu haben. Von Herzen bitte er um die Hand der ehr- und tugendsamen Wittib Theresia Scheiffele für den Sohn seines Gevatters, den braven und aufrechten Jakob Pleß, der Manns genug sei, ein Weib zu equipieren und einen Hausstand zu begründen.

Der Atem war dem Männchen beinahe ausgegangen bei dieser Anrede, die alle stehend mitangehört hatten, Frau Theres, ihr Bruder und Jakobs Vater. Ohne etwas zu antworten, lud sie die Männer zum Sitzen ein. Den Strauß übernahm sie mit einem Knicks und hielt ihn in der Hand, während sie von dem Platz auf dem Kanapee Besitz ergriff. Und jetzt begann Ludwig Pleß zu sprechen, der Schiffmeister. Er war ein gar stattlicher Mann in den Fünfzigern, und Frau Theres kannte ihn wohl. Er trank seinen Frühschoppen wie oft beim »Blauen Hecht« im Kreise anderer Werkmeister. Seine schönen hellen Augen hatte der Jakob von diesem immer fröhlichen Vater. Die Theres sah ihn nur damals arg verstimmt und verärgert, als sein Ältester davon gegangen und Soldat geworden war. Der Alte blieb ein Jahr fort vom »Blauen Hecht«, und ihr schwante, daß er etwas wisse… Gar seltsam guckte er sie immer an, wenn er ihr begegnete. Sie aber fühlte sich schuldlos. Lieb war ihr der Jakob gewesen seit der Fahrt nach Regensburg, doch gesagt hatte sie es ihm nie. In allen Ehren und Züchten ging sie neben dem Scheiffele ihres Weges, den der Vater ihr erwählt, und der auch kein übler Mensch war. Das Trinken nur brachte ihn um. Und jetzt ist sie schon drei Jahre Wittib. Warum sollte sie diese Brautwerber nicht gut aufnehmen? Sie ließ es frank und frei merken, daß, deren Botschaft kein ungebetener Gast war in ihrem Herzen, wenn sie der deutschen Heimat auch ungern Valet sagte.

Was brauchte Jakobs Vater der bräutlich Lächelnden noch zu sagen? Sein Sohn scheine ein rechter Mann geworden zu sein, aber nach Ulm wolle er nicht mehr kommen. Daß er die alte Heimat noch estimiere und sich von hier die Frau holen wolle, das freue den Vater. Und es sei ihm um die Zukunft solch eines Menschenpaares nicht bange. Was der Jakob schreibe, verrate viel guten Willen. Ein bißchen etwas kriege er auch noch von daheim; dreihundert Kronentaler jetzt, das andere nach seinem Tode. Damit könne er wohl beginnen, den Einkehrgasthof zu bauen, den er im Sinne habe. Er brauche nichts mehr als eine freundwillige Wirtin, die etwas vom Gewerbe verstehe.

»Die Wirtin will ich ihm sein«, sprach Frau Theres. »Grüßt ihn schön, und er soll nur die Hochzeit richten. An Kurasche zur Reise fehlt's mir nit. Werd' mir die Base aus Regensburg mitnehmen und noch eine oder zwei Weibspersonen für die Wirtschaft.«Da mischte sich der Adlerwirt in das Gespräch. »Was meine Schwester noch mitbringt, muß ich wohl sagen. Auch sie hat dreihundert Kronentaler. Und ich hab' ihr noch zweihundert vom Vaterhaus hinauszuzahlen. Sie liegen gut bei mir und tragen Zins. Wenn der Jakob sie braucht, soll er es ein halbes Jahr früher kundbar machen.«

»Das ist eine gute Aussteuer, und wenn Ihr wollt, machen wir nächstens den Ehekontrakt«, sagte Ludwig Pleß befriedigt. Ich aber lasse der Braut eine neue Zille bauen mit zwei schönen Stübchen darauf und gebe ihr acht starke Ruderknechte und einen Steuermann mit, die die Donau bis Wien kennen. Ich hab' welche, die es auch nach der Fremde gelüstet, die sich dort drunten in Hungarn ansiedeln und selbständig machen möchten. So wird die Braut in guter Hut sein und, so Gott will, mag die weite Fahrt gelingen.«Der Gevatter Specht sagte »Amen«.

Der Adlerwirt ging nun, eine Kanne Rüdesheimer zu holen und seine Frau hereinzulassen, die gewiß schon vor Neubegier verging.

Nicht gern ließ er die einzige Schwester in die unbekannte Fremde ziehen, aber da es einmal ihr fester Wille zu sein schien, durfte er auch nicht länger widerstreben.

In der Wiener Hofkanzlei

In der österreichischen Hofkanzlei, die in dem neuen Prachtbau von Fischer von Erlach zwischen dem Wiener Judenplatz und der Wipplingerstraße untergebracht war, häuften sich die hungarischen Akten. Die böhmische, die hungarische und die siebenbürgische Hofkanzlei hatten auch nicht annähernd so viele Geschäfte wie diese Zentralstelle des kaiserlichen Dienstes, der die anderen untergeordnet waren. Es regnete namentlich Gesuche um Verleihung von Besitzungen, in dem eroberten Hungarn, jeder Feldobrist glaubte die gleichen Verdienste zu haben um die Vertreibung der Türken wie die Führer, die der Kaiser so reich begütert hatte. Der Hofkammerrat Stephany war oft in argem Gedränge, er stieß überall an, wenn er die Interessen des Landes vertrat gegenüber all den Günstlingen und Glücksrittern, die sich an ihn heranschlichen. Spanier, Italiener, Flamänder, Franzosen, Schotten, die nichts besaßen als ihren Degen, abenteuerten sich durch die kaiserliche Armee empor, wollten seßhaft werden im Lande. So wie die Haudegen aus der Wallensteinschen Armee einst in die Lücken einsprangen, die durch die Vergewaltigung des evangelischen, alten deutschen Adels in Osterreich entstanden, so wollten jetzt viele die Vertreibung der Türken benützen, um sich in Hungarn festzusetzen. Was in den Erblanden heute nicht mehr möglich war, das sollte in der neueroberten großen Provinz gelingen. Und viele schöne Frauen waren hinterher, sie protegierten und intrigierten um die Wette. Aber Stephany war zäh. Und der Generalissimus stand hinter ihm, sein Gönner, Prinz Eugen. Mochte die mächtige Gräfin Maria Althan ihn noch so oft zu sich bescheiden, er ließ sich nicht abdrängen von seinem Standpunkt, daß man Hungarn nicht deshalb erobert habe von den Türken, um es jetzt an die Offiziere zu verschenken. Und er schob die hungarische Hofkanzlei vor, die mit ihren Berichten über die ungeklärten Eigentumsverhältnisse weit im Rückstand wäre. Zeit gewonnen, viel gewonnen. Vielleicht zog so mancher dieser Glücksritter wieder fort, da der Kaiser jetzt einen fünfundzwanzigjährigen Frieden geschlossen hatte mit den Türken. Manches wurde über den Kopf des starrsinnigen Hofkammerrates hinweg verfügt; sein Präsident erhielt dann von oben die Mitteilung, daß dem oder jenem ein Besitz verliehen worden sei. Da gab es keine Widerrede. Aber der Damm, den Stephanys Rechtsgefühl und des Prinzen Eugen Autorität aufgerichtet hatten, hielt doch stand. Und so konnten die in Preßburg, in Kaschau, in Fünfkirchen und Agram eingesetzten Kommissionen ruhig arbeiten und die Eigentumsverhältnisse, die durch die lange Türkenherrschaft in Verwirrung geraten waren, klarlegen. Wer wußte denn noch, wem dieser oder jener Besitz gehörte? Im Süden hatte die Türkenherrschaft hundertvierundsechzig Jahre gedauert. Im Zentrum des Landes, wo die Magyaren saßen, um nicht viel weniger. Die Familien, die nicht erschlagen wurden oder ausstarben, die wanderten aus in dieser langen Zeit, tausende Urkunden gerieten in Verlust oder waren vernichtet worden. Wer konnte da Recht schaffen? Mit List und Gewalt setzten sich viele Adelige sogleich nach dem Abzug der Türken in den Besitz weiter Gebiete, die ihnen gefielen. Sie mußten jetzt ihre Rechtsansprüche beweisen. Denn was herrenlos war, gehörte dem Eroberer, dem Kaiser. Und auch die, die den rechtlichen Besitz eines Gutes nachweisen konnten, hatten an den Kriegsfonds eine Befreiungstaxe zu leisten, denn die Kosten des langen Türkenkrieges waren unermeßlich. Da gab es amtliche Arbeit für viele Jahre …

Joseph v. Stephanys Geschäftskenntnis und Rechtlichkeit waren erprobt, nur er konnte dieses schwierige Amt ausfüllen, nur er besaß das Vertrauen aller. Zehn Jahre hatte er sich ausbedungen für die völlige Klärung der Verhältnisse. Dann erst könne er Vorschläge erstatten, Anträge über Besiedlung der verödeten Landstriche mit neuen Untertanen. Wie groß die Bevölkerung Hungarns eigentlich war, ließ sich nicht feststellen, denn eine Volkszählung war unmöglich. Der magyarische Adel entzog sich der Zählung, weil er fürchtete, besteuert zu werden; das Volk flüchtete vor solchen Versuchen, weil es eine Konskription dahinter witterte. Man schätzte die Magyaren auf kaum zwei Millionen, alle übrigen Völker auf drei Millionen. Es war auch nach Stephanys Überzeugung für Hunderttausende Platz in dem weiten Lande.

Aber drängen ließ er sich nicht. Und es hatte auch niemand Eile mit diesem Werk der »Impopulation«, das man bei Hofe teils für undurchführbar, teils für höchst uninteressant hielt. Nur die waren ungeduldig, die auf die fetten Bissen für sich selber hofften. Waren doch auch die Nobilitierungen abhängig von dem Besitz adeliger Herrschaften. Diese vielen herrenlosen, verwilderten Grafschaften zu Kameralgütern zu machen und sie dann an fleißige Untertanen zu vergeben, das war eine Lebensaufgabe Stephanys, und er lugte nach Deutschen aus …

Der Aktuar Franz Hildebrandt war eingetreten beim Herrn Hofkammerrat. Er hatte die Listen der Verleihungen zu führen und ständig zu erheben, wie die Herren, die der Kaiser derart ausgezeichnet hatte, mit ihrem Pfund wirtschafteten. Stephany wollte immer gewappnet sein. War es doch vorgekommen, daß einzelne ihre Güter um Spottpreise wieder verkauften, und Stephany lebte schon längst der Überzeugung, daß man viele hätte mit Geldgeschenken abfertigen sollen. Aber der Hof gab, was er besaß – Geld war rar.

Franz Hildebrandt hatte heute nur Gutes zu berichten. Die Grafen Veterani, Caprara, Batthyànyi und Breuner hätten mit Eifer zu kolonisieren begonnen, sagte er. Dreihundert deutsche Familien seien wieder untergebracht worden. Was der Generalissimus mit so viel Glück auf seiner Herrschaft Bellye im Barernyer Komitat und in Promontor bei Pest als erster getan, was Graf Schönborn bei Munkàcs nachgeahmt hatte, das tuen Batthyànyi und Kàrolyi in Szatmàr, das tuen die Bischöfe Nesselrode und Csàky rund um Fünfkirchen und bei Mohàcs, das tue auch des Prinzen Liebling, Graf Mercy. Er habe in aller Stille auch eine Schwabenansiedlung auf seiner Besitzung rings um Tevel geschaffen.

»Der ist doch, im Banat über und über beschäftigt!«

»Er ist überall, Herr Hofkammerrat. Dies- und jenseits der Donau. Im Banat baut er die Festung Temeschwar und diesseits der Donau für sich selbst ein Schloß.«

»Wenn der Mann nur nicht so stürmisch wäre. Zwei Schlaganfälle hat er schon hinter sich. Der Generalissimus ist sehr besorgt um ihn; dieser Lothringer ist einer seiner besten Generale.«

Der Aktuar war überrascht von der Vertraulichkeit seines Chefs, so fand er ihn selten, und da wagte er ein Wort zugunsten Mercys: »Man darf ihm halt in Wien keine Schwierigkeiten bereiten, ihn nicht immer reizen und kränken durch Abstriche.«

»Und alles bewilligen, was er verlangt, was? Auf zehn Millionen war das Präliminario für den Bau der Festung Temeschwar gestellt, und zwanzig wird er kosten. Es ist sündhaft! Aber Er wollte noch etwas berichten. Er hat vorhin wohl nicht alles gesagt.«

»Nein, Herr Hofkammerrat. Ich halte es für meine ernste Pflicht, zu melden, daß unter den da und dort eingewanderten Schwaben auch augsburgische Protestanten sind.«

Stephany erhob sich rasch. Er knöpfte sich den Rock zu und ging zweimal auf und nieder in dem Saal, der ihm als Kanzlei diente. Dann blieb er vor Hildebrandt stehen. »Geht uns das etwas an? Nein, es geht uns gar nichts an. Hungarn ist groß. Warum rührt Er das auf? Verboten ist es nicht worden von oben. Das wird wohl erst kommen, wenn Staatsdomänen besiedelt werden. Was die Feldherren und die hungarischen Grafen, die ja selber zum Teil Kalviner sind, tun, kümmert uns vorläufig nicht. Fleißige Hände brauchen wir. Christen! Sind die Deutschen nicht alle Christen?«

Hildebrandt schüttelte den Kopf. »Sektierer!« brummte er. »Ich möchte nicht gerne die Verantwortung allein tragen … Wie Temeschwar erobert war, hat der Generalissimus angeordnet, daß nur Deutsche katholischen Glaubens in die innere Stadt gelassen werden, da man nur ihnen vertrauen könne.«

»Das ist etwas anderes. Eine soeben eroberte Festung ist ein eigen Ding. Und dann wollte er rasch die Bildung einer einheitlichen deutschen Gemeinde möglich machen in der völlig verwahrlosten Türkenstadt. Das ist etwas ganz anderes.«

»Der Prinz hatte auf seinen Gütern in der Baranija und bei Ofen nur deutsche Katholiken angesiedelt«, entgegnete Hildebrandt hartnäckig, »keine Sektierer.«

»Das ist Privatsache.«

Hildebrandt schwieg einen Augenblick. Dann sagte er: »Werden der Herr Hofkammerrat mir jederzeit bestätigen, daß ich das pflichtschuldigst gemeldet habe?«

»Ja, zum Teufel noch einmal… Sei Er nicht so ängstlich. Österreich hat viel gutzumachen nach dieser Richtung. Sehr viel!«

Der Rat setzte seine Promenade noch lange fort in dem Saal, als der Beamte, ein wenig gekränkt abgetreten war. Das paßte durchaus nicht in seinen Plan. Nie würde man das Werk der Besiedlung vollenden können, wenn man solche Grenzen aufrichtete. Davon war er überzeugt. Waren die Magyaren nicht zum Teil kalvinisch? Waren die Siebenbürger Sachsen und die Zipser Sachsen nicht auch evangelisch? Was schadete es, wenn noch ein paar tausend hinzukamen? Nur nicht reden davon! Nur keine Fragen aufwerfen. Der ungeschickte Mensch! Jetzt hat er ihm, dem Rat, richtig auch noch diese Sorge aufgehalst. . . Sie wird sich tragen lassen. Kaiser Karl war ein frommer Katholik, aber er drückte beide Augen zu, wo es religiöse Gegensätze gab. Er stand als Regent über diesen Fragen, und Joseph v. Stephany blickte mit Verehrung zu ihm auf. Noch aus dem westfälischen Frieden hatten die deutschen Fürsten den mittelalterlichen Grundsatz heimgebracht, daß die Regenten die Religion ihrer Untertanen zu bestimmen haben.( Cujus regio, ejus religio ) ja, wenn man den Kaiser vor die Gewissensfrage stellte … Aber das muß eben vermieden werden. Noch haben die Jesuiten nicht ihre Hände in diesem Werke … Und der Hofkammerrat hat seine ganz besonderen Pläne mit der neuen Provinz. Sie schienen ihm noch nicht völlig reif zu sein, er wollte sie noch nicht preisgeben. Vielleicht war es am besten, gewisse Grundsätze überhaupt nie auszusprechen, sondern still danach zu handeln. Es gab in der Maschinerie dieses patriardialischen Staates hundert schlummernde Widerstände. Wer zu laut redete, weckte sie. Der Hofkammerrat war einer von den Klugen, die leise arbeiteten, bei dem es nie Streitfälle gab. Wie viel Macht er in sich vereinigte, merkte man gar nicht. Der Präsident der Hofkammer trug immer einen gräflichen Namen, aber es schien beinahe gleichgültig zu sein, wie er hieß, denn die führende Hand war Joseph v. Stephany. Das hohe Amt wollte nach außen repräsentiert sein, nach innen erforderte es eine kenntnisreiche, redliche Arbeitskraft mit einem weiten Horizonte. je bescheidener diese Kraft sich gab, desto größer war ihr Spielraum.

Ein anderer Referent ließ sich melden. Es sei ein Akt aus der hungarischen Hofkanzlei herübergekommen, von dem niemand wisse, wohin er gehöre. Der Magistrat habe ihn in die Schenkenstraße geschickt, berichtete der junge Sekretär Gottmann.

»Was ist der Gegenstand, Herr Sekretario?«

»Er ist sehr diskordant, Herr Hofkammerrat, und hat zwei Teile. Pro primo eine Anklage gegen den Stadtkommandanten von Temeschwar von geistlicher Hand. Er habe den römisch-katholischen Stadtpfarrer gezwungen, ein evangelisches Brautpaar zu kopulieren. Widrigenfalls drohte er ihm mit der Ausweisung aus der Festung.«

»Ah! Und warum hat er so etwas getan?«

»Weil es keinen evangelischen Geistlichen dort gibt.«

»Also verlangt man von uns einen?«

»lm Gegenteil, Herr Hofkammerrat! Damit derartiges nicht mehr vorkomme und alle Einwohner der Stadt beizeiten zum rechtmäßigen Glauben bekehrt werden können, fordern zwanzig unterschriebene Katholiken pro secundo, daß die drei Moscheen in Temeschwar schleunigst an drei katholische Orden vergeben werden. Sie verlangen Jesuiten, Franziskaner und Piaristen. Es könne nicht geduldet werden, daß aus evangelischen Soldaten behauste Bürger gemacht werden, wenn sie nicht übertreten. Es sei gegen die Verordnung des Generalissimus.«

»Und wer sind die Kläger?« fragte der Hofkammerrat.

»Der zur Kopulation kommandierte Pfarrer und neunzehn Mitglieder der Kirchengemeinde. Unterstützt vom Notarius Erling.«

»Geht uns vorläufig nichts an«, sagte Stephany bedächtig. »Ist an den Grafen Mercy nach Temeschwar zu leiten. Er ist der Gouverneur des Banats, ihm untersteht der Stadtkommandant. Stellen Sie das Petitum an den Grafen um eine Relation über die Ordensfrage. Machen Sie aber eine Copia von diesem Akt und heben Sie sie gut auf. Sie kann wichtig werden«

Der Beamte verbeugte sich und ging. Da rief der Hofkammerrat ihm nach: »Apropos, Herr Sekretario, lassen Sie doch noch einmal allen Amtsstellen, insonderheit dem löblichen Magistrat von Wien, invitieren, daß die Angelegenheiten des Banats und der Bacska und der Militärgrenze nicht an die hungarische Hofkanzlei gehören, sondern an die österreichische. Das sind kaiserliche Provinzen und werden von hier aus regiert. Wird man das endlich begreifen?«

Mit einem Lächeln verbeugte sich der Sekretär und zog sich zurück.

Der Hofkammerrat aber war sehr nachdenklich geworden. Da kamen die Fragen von selbst, die er nicht aufgeworfen sehen wollte. Und wenn Soldatenhände sie so derb anfaßten, wurden sie nur schlimmer.

Ein Sonnenstrahl fiel plötzlich in die Amtsstube. »Mademoiselle Charlotte« hatte der Diener gemeldet, und Stephanys blondes Töchterchen trat ein.

Die Lottel kam, um den Papa zu einem Spaziergang vor Tisch abzuholen. Sie trug einen Strauß Blumen in der Rechten und ließ Papa daran riechen. Auf der Schottenbastei sei es himmlisch, alles blühe schon, der Frühling war über Nacht gekommen, sagte sie. Und der Hofkammerrat ließ sich gerne .entführen von seinem Liebling. Es war die Stunde, in der man die wenigsten Gesellschaftsmenschen auf der Promenade im Stadtgraben und auf den Basteien traf, und er nützte sie gerne zu seiner Erfrischung.

Joseph v. Stephany war ein Wiener, ein bürgerlicher Wiener, der sich seinen Beamtenadel selbst erwarb. Und er empfand den Stolz auf seine Vaterstadt so gut wie einer. Wie hatte sich das zerschossene Wien nach der letzten Türkenbelagerung prächtig entwickelt; Palast reihte sich an Palast, die Basteien und Wallgräben hatte man mit Alleen bepflanzt, und die Umwelt vor den Toren draußen war ein schöner Gottesgarten, aus dem die jungen Vorstädte gar freundlich hervorlugten. Handel und Wandel blühten, aus dem weiten Reiche strömte der Adel herbei, um sich an dem glänzenden Hof Karls Vl. zu sonnen, und der Zufluß an Fremden aus aller Welt war beinahe zu groß für die enge, alte Stadt. Auch die Hofburg wurde als zu eng empfunden, seitdem alle Türkengefahr geschwunden. Die kaiserliche Familie baute sich Sommersitze vor den Toren draußen, und der hohe Adel folgte dem Beispiel. Ein Kranz von fürstlichen Villegiaturen schlang sich alsbald um das innere Stadtbild, dem indessen ein Luftraum von sechshundert Fuß gegönnt war. Dieser Gürtel, das Glacis, war mit dem Bauverbot belegt. Wie ein plastisches Gebilde von Künstlerhand stieg der vieltürmige Stadtkörper aus diesem landschaftlichen Rahmen zum Himmel empor, und die anmutige Riesenpyramide des Stephansdoms beherrschte ihn.

Joseph v. Stephany war erst drei Jahre alt zur Zeit der Türkenbelagerung, aber er erinnerte sich noch an das Bild seines Vaters in der Uniform der Bürgerwehr. Und er sah das neue Stadtbild aus dem alten emporwachsen, sah mit offenen Augen alles ringsum werden und gedeihen.

Sein eigenes Vaterhaus stand in der Renngasse. Und nebenan, auf dem Schottenfreythof, ruhten seine Eltern, lag seine Frau, die so jung hatte sterben müssen. Er und Lottel besuchten sie fast täglich. jeder Weg nach der Schottenbastei führte an ihrem Grabe vorüber. Und so gewöhnt waren die beiden daran, daß sie von der Mutter wie von einer Lebenden redeten. »Warst du bei Mutti?« frug der Rat jeden Abend. Auch heute legte das Kind den Frühlingsstrauß, den es in der Hand trug, im Vorbeigehen still auf das Grab der geliebten Toten. Lottel machte das Kreuzeszeichen und hing sich schweigend wieder an den Arm Papas. Der hatte stumm den Hut gelüftet, um sein Weib zu grüßen. Sie ließ ihn allein mit dem damals kaum achtjährigen Töchterchen, und nun gehen sie beide schon sieben Jahre da vorüber und fühlen sich ihr nah. Ihre Lieblingsworte leben noch unter ihnen, ihre Lieblingsspeisen hat Lottel kochen gelernt von der Tante, die das Hauswesen führt, und die Lieblingsblumen der Mutter schmücken das ganze Jahr ihr Grab. »Es geht ihr besser als uns allen«, sagte einmal die Tante, man dürfe sie nicht beweinen. Und Lottel glaubte es. Sie weinte nie um die Mutter und tat ihr alles zuliebe. Den Hofkammerrat traf ihr Verlust schwer. Es gibt da ein Geheimnis für die Lottel, man hat ihr nie gesagt, daß die Mutter an der Pest gestorben war. Stephany wollte es nicht. Man durfte ihn nie erinnern an das entsetzliche Ereignis.

Innerhalb des Schottentores stiegen Vater und Tochter die Treppe hinauf auf den Wall. Der Tag war hell und warm, die Aprilsonne hatte schon große Kraft. Eine leichte Brise wehte vom Westen her, vom Wienerwald, und die Luft roch wie nach frischen Veilchen und dem kräftigen Duft der Ackerscholle.

Sie wandelten bis zur Burgbastei und weiter bis zum Kärntnertor, wo das erste steinerne Wiener Theater stand, das der Stadtmagistrat vor Jahren für italienische Operisten erbaut hatte. Aber jetzt saß der Stranitzky als Pächter darin, der lustige Hanswurst. Von ihren Fenstern hatten sie seine fliegende Bude einst auf der Freyung gesehen, und Mutti lachte so gern über ihn. Jetzt war er ein großer Herr, aber der Hofkammerrat mochte ihn nicht. Er war ihm zu roh. Stephany war als Sekretär des Prinzen Fugen einst mit in Frankreich und Italien gewesen, hatte das Beste gesehen, was es an theatralischer Kunst gab, und es schmerzte ihn, daß in der deutschen Kaiserstadt noch die derbe Stegreifkomödie blühte, daß sie sogar triumphierte über die italienischen Künstler, die der Hof begünstigte. Daß dies der beginnende Triumph der deutschen Kunst über den verwelschten Geschmack der Wiener werden sollte, das ahnte der Hofkammerrat noch nicht. Er fühlte nur, daß es die Kunst der Gasse war, die sich übel ausnahm in dem Rahmen eines Komödienhauses, das einst für die Oper gebaut wurde.

Während die beiden über dem Kärntnertor standen und sich wieder einmal an dem wundervollen Doppelblick weideten, der sich von hier nach dem Herzen der inneren Stadt und hinaus nach dem kaiserlichen Lustschloß Favorita und den zahreichen Adelssitzen öffnete, kam ein stolzes Viergespann die Kärntnerstraße herauf. Die Leute liefen aus den Kaufläden und den Haustoren herbei, schwenkten die Hüte und riefen:«Vivat! »»Vivat!«

Alle kannten die Isabellenschimmel des Generalissimus, und der Ruf »Vivat Eugenius!« pflanzte sich fort bis zu den Spaziergängern droben auf der Bastei. Und auch sie winkten und schwenkten die Hüte. Die Stadtguardia unter dem Tor trat ins Gewehr, und die Staatskarosse rasselte hinaus. Gespannt sah der Rat ihr nach …

»Schauen Sie, Herr Papa – er fährt zur Favorita«, sagte Lottel.

»Jawohl, zu Hofe«, sprach der Rat gedankenvoll und wendete sich, um den Rückweg anzutreten.

»Er wird Seiner Majestät manches zu sagen haben. Solch ein Held! Solch ein Staatsmann! Und auch er hat Feinde.«

»Neider, Papa! Aber auf die hört doch der Kaiser nicht?«

»Sie sind in seiner nächsten Nähe, mein Kind, sind immer um ihn, und der Prinz ist oft lange fort«, sprach der Hofkammerrat vieldeutig.

»Sie glauben, Herr Papa, daß es ihnen gelingt, ihn anzuschwärzen?«

»Nun, es hat sich manches verändert. je höher seine Glorie gestiegen, desto kühler ist man bei Hofe gegen ihn geworden.«

»Das verstehe ich nicht. Er ist doch gewiß nicht hübsch, aber so oft ich ihn sehe, möchte ich ihm einen Kuß geben.«

»Hoho! Du, das sag' ich ihm nächstens.«

Lottel lachte errötend. »Aber, Herr Papa, Ihr müßt das recht verstehen. Wißt, ich meinte…«

»Ja, ja, ich weiß schon, was du meintest.«

Und er neckte sie auf dem ganzen Heimweg, damit sie nicht mehr nach Dingen fragte, von denen er ihr ja doch nichts sagen konnte. Daß die Maitressen und ihr Anhang die gefährlichsten Feinde bei Hofe sind, das brauchte sie noch nicht zu wissen. Sie verehrt den Kaiser. Warum sollte er dessen Bildnis trüben in ihrem Herzen. Und schließlich, wer zweifelt denn daran, daß der Prinz auch diese Bataille gegen die Höflinge gewinnen wird? Er nicht? Also warum davon reden?

Die Tante Mathild' lugte schon längst im Fenster nach den Säumigen aus; das Mittagessen verdarb, wenn sie nicht endlich kamen. Alle Leute haben schon gegessen. Bald wird bei den Schotten zum Segen läuten, und sie ist noch nicht fertig. Was wär' das für eine neue Ordnung?

Lauter Gesang ertönte drunten auf der Freyung, eine Prozession zog mit Fahnen und Heiligenbildern vorbei gegen St. Stephan. Die Tante Mathild' bekreuzte sich und faltete die Hände, bis die Prozession vorüber war.

Die Lottel sah das weiße Häubchen der Tante von weitem aus dem Fenster leuchten und klatschte in die Hände. Endlich merkte es die alte Frau. Ein saures Lächeln auf den Lippen, drohte sie mit dem Finger und verschwand. Der Hofkammerrat zog seine Schweizer Uhr und schaute nach der Zeit. ja, es war spät. Mußten auch die von Mariazell heimkehrenden Pilgrime und Wallfahrer ihnen den Weg abschneiden in der Schottengasse. Da hieß es, entblößten Hauptes warten, bis der vielhundertköpfige Zug, den die Geistlichkeit beim Schottentor eingeholt hatte, vorüber war.

Und die Tante ließ diesen Grund gelten, sie war sogleich versöhnt, als sie ihn erfuhr.

Das Brautschiff

Das war keine kleine Aufgabe für die Frau Theres, sich auszustaffieren für diese abenteuerliche Fahrt in ein fremdes, wildes Land und für ihre Ehe mit dem Jakob Pleß. Das ganze Städtle nahm teil an ihren Sorgen, und gar viele rieten ihr um Gottes willen ab von der Fahrt. Der Bräutigam müsse doch kommen und sie holen. Du lieber Gott, hatten die eine Vorstellung von der Welt! Frau Theres lachte sie aus. Die glaubten wohl, man könne sich in Temeschwar in einen gelben Postwagen des Grafen von Thurn und Taxis setzen und so wie von Stuttgart nach Ulm reisen. Daß man Wochen und Monate brauchte und ein kleines Vermögen zu solch einer Reise von zweihundert deutschen Meilen, das verstanden sie nicht. ja, das Hinabfahren, das war nicht gar so schwer. Mit Gottes Hilfe glückte es jedem. Aber das Heraufkommen! Da war die Donau unbrauchbar. Zillen, die gegen den Strom gingen, hätte nur der Böse bauen können; die ehrlichen Schifferzünfte von Ulm, Regensburg und Passau aber verstanden solches Teufelswerk noch nicht. Mit Pferden konnte man wohl Plätten von Günzburg nach Ulm ziehen lassen, aber von Peterwardein herauf hätte das zwei Jahre gedauert.

Viele Reisen mußte Frau Theres unternehmen, um ihre Ausstattung zustande zu bringen. Sie war mehr in Ulm als daheim in Blaubeuren. Sie fuhr mit einem Ordinarischiff dreimal nach Regensburg, um die ängstliche Base für ihre Pläne zu gewinnen. Und ihre wichtigsten Einkäufe besorgte sie dann mit ihr in Nürnberg. Dort blühte das Gewerbe am höchsten, dort hatte man die schönste Auswahl in allen Dingen. Und wenn der Jakob einen Gasthof nach deutscher Art in dem vertürkten Temeschwar errichten wollte, da mußte sie doch vordenken und vorsorgen, um ihm Ehre zu machen als Wirtin. Das schönste Zinngeschirr, Teller, Schüsseln, Krüge und Kannen bekam man in den Gießereien zu Nürnberg. Und das Gewerbe der Beckenschläger war berühmt, Kupferpfannen und Kessel konnte man nur dort kaufen. War doch dieses Handwerk gesperrt für alle Fremden; die Nürnberger Meister durften nur Nürnberger Buben in die Lehre nehmen. Und so war es mit vielem anderen. Was in Nürnberg erfunden wurde, durfte Auswärtigen nicht gelehrt werden, durfte nur dort erzeugt und verkauft werden. Ihr Vater hatte ihr das schon erzählt, und er kaufte oft in Nürnberg ein. Jetzt suchte sie dieselben Quellen auf.

Und sie trug einen Berg von seltenen Sachen zusammen in Regensburg bei der Base, wo sie bereitliegen sollten für ihr Schiff, wenn es die Donau herabkam. Und auch Bestellungen für Freunde führte sie aus. Der Kantor brauchte eine Trompete für die Begleitung des Eugeniusliedes, und Trompeten wurden nur in Nürnberg gemacht. Gern hätte er auch einmal eine Klarinette gesehen, die man in Nürnberg erfunden, aber dafür langte sein Beutel nicht.

Ein Tröstliches hatten diese Reisen der Frau Theres; sie erfuhr mehr über Hungarn, als der Jakob ihr geschrieben, mehr, als man in Blaubeuren ahnte. Viele Deutsche waren schon dahin gewandert und hatten sich auf der rechten Seite der Donau angesiedelt, dort, wo die Türken zuerst vertrieben worden sind. Der deutsche Magistrat von Fünfkirchen habe schon Anno 1697 Bestellungen in Nürnberg gemacht. Nur das Banat jenseits der Donau, wo sie jetzt hin sollte, war Neuland, erzählte man ihr. Und da wuchs ihre Kurasche erst recht.

Und der alte Pleß baute ein Schiff für die Braut. Keine Ulmer Schachtel, wie sie auf der Donau sprichwörtlich waren, sondern eine Zille neuer Art: in der Mitte zwei Stuben für die Theres und ihre Begleiterinnen, eine kleine Küche am hinteren Ende und vorne einen überdeckten Unterschlupf für den mitfahrenden Schiffmeister und die Ruderknechte, die man auch nicht ganz schutzlos gegen Wind und Wetter lassen durfte auf einer so weiten Fahrt. Nur neunzig Fuß lang sollten die ausgewählten Tannenstämme sein, die in Verwendung kamen, nicht hundertfünfundzwanzig, wie bei den Schwemmern oder gar hundertsechsundvierzig Fuß, wie bei den Klobzillen. Ein Mittelding zwischen den berühmten Kelheimer Plätten, die jeden Mittwoch von Regensburg nach Wien gingen, und den Ulmer Ordinarischiffen, die jeden Sonntag abfuhren, ließ Ludwig Pleß bauen. Dreihundert Gulden Ulmer Münz durfte das Schiff kosten, und wenn man es bis Peterwardein brachte, konnte es dort den vierfachen Wert haben für die Bojaren und türkischen Spahis, die wohl nie auf solch einem Schiff bis ins Schwarze Meer gefahren sind. Es war sein Geschenk an die kuraschierte Braut.

Zuerst hatte Pleß die Absicht, ihr nur die acht Ruderknechte, die auswandern wollten, und einen Steuermann mitzugeben. War das ratsam? Es schien gewagt. Sie soll ihre Mucken und Nucken haben in Hungarn, die große Donau. Aber woher einen Schiffmeister nehmen für die ganze Fahrt? Vor dem dreißigsten Lebensjahr kam keiner zur Meisterschaft, und die Zunft stellte die Bedingung, daß nur seßhafte, verheiratete Männer Meister werden durften. Warum? Man vertraute einem ledigen Windbeutel nicht Geld und Gut an, es mußte einer Bürgschaft geben für seine Wiederkehr. Welches Band aber wäre sicherer gewesen als Weib und Kind? Genug an dem, daß jedes Schiff, das man dem Meister übergab, in Wien zu Geld gemacht werden mußte. Oft um den bloßen Holzwert, denn es galt, keine Zeit zu verlieren für die Rückfahrt der Leute zu Lande. Die fraßen sonst den Profit des Unternehmens auf, wenn der Schiffmeister in Wien sitzen blieb mit ihnen. Auf den Posten gehörte ein ganzer Mann, kein Trinker, kein Spieler, kein Schürzenjäger – kurz, ein. seßhafter Bürger. Ein Kernvolk war diese Schiffergilde, stark und wetterhart, bieder und zuverlässig. Aber wer hier als Meister seßhaft war, fuhr nicht nach Hungarn. Bis Wien ging ihr Geschäft, nicht weiter.

Und wenn die Ulmer und Regensburger Schiffe beim Schanzel in Wien ankamen, warteten die Händler schon. Das Geschäft war rasch geschlossen, und ein Zeiserlwagen für die Heimfahrt über St. Pölten und Linz fand sich jeden Tag. Nach Hungarn hinab mochte fahren wer wollte, das übernahmen die Ulmer Schiffer nicht.

Da traf es sich, daß ein junger Schiffmeister sich freiwillig zu der Fahrt nach Peterwardein meldete, der Anton Oberle aus Schwaben. Er hatte seine fünf Probefahrten nach Wien gemacht und sollte Meister werden, sobald er geheiratet. Dem alten Pleß lag viel an ihm, aber der Mensch bedachte sich immer wieder, er war ehescheu. Wählen hätte er können unter den Meisterstöchtern, jede nahm ihn gern. Er wollte nicht. Man sagte, es gefielen ihm mehrere … Und als Pleß ihn vor dem Beginn der Frühjahrsfahrten zur Rede stellte, da offenbarte er sich ihm – er möchte fort, in die weite Welt. Wenn es sein müsse, bis zu den Türken Das Leben hier tauge ihm nicht, es wäre ein Wandertrieb in ihm, den er nicht länger bezwingen könne. Da ließe sich Rat schaffen, meinte Ludwig Pleß. Wenn er sein Meisterstück bis Peterwardein machen wolle, gebe er ihn frei und lege noch ein paar Kronentaler darauf. Mit Freuden schlug der Anton ein. Seine Augen leuchteten vor Begierde, fremdes Land kennen zu lernen und allen Gefahren einer solchen Fahrt zu trotzen. Das wäre eine Aufgabe für ihn! Und so kam denn der Tag der Brautfahrt.

Als die Hochwasser abgelaufen waren und der Lenz von der rauhen Alb in das liebliche Blautal lachte, da ließ der Adlerwirt eines Morgens einspannen und führte seine Schwester selber nach Ulm hinab. Daß auch die Gretel mit der Theres ging, verdroß ihn baß, aber hindern konnte er es nicht. Und noch zwei Bauernmädchen aus Gerhausen waren mit ihrer kleinen Habe vorausgewandert, sie wollten das Glück auch in der Fremde versuchen. Im Begriffe, sich in Ulm oder Regensburg zu verdingen, hatten die munteren Schwäbinnen von dem Mädchenmangel im Banat vernommen, und sogleich waren sie bereit, der lieben Not dort abzuhelfen. Gern nahm die Theres sie mit.

Die Gretel hatte bei Söflingen sehnsüchtig ausgelugt nach ihrem Josef. Wird er denn nicht durchgehen? fragte sie sich. Wird er sich anbinden lassen von den Stiftsherren, wenn sie jetzt in die weite Welt geht? Sagen hat sie es ihm dreimal lassen. Kam er nicht, dann war er nicht wert, daß ein braves Mädel sich um ihn härmte.

In Ulm wurde für eine Nacht Herberge genommen im »Pflug«. Nur die Theres schlief bei den Schwiegereltern. Und am nächsten Mittag gab es ein Hochzeitsmahl bei Vater Pleß. Die Gevattersleute von beiden Seiten waren da, alle Freunde und Bekannte nahmen teil und brachten Geschenke, die Rolle des Bräutigams aber hatte dessen frohgemuter Vater inne. Er scharmuzierte mit der schönen jungen Frau und gab ihr den ersten Kuß.

Man redete auch viel von dem fernen Bräutigam und seinen tollen Jugendstreichen, und die Mutter erteilte manch guten Ratschlag darüber, wie der Jakob am besten zu nehmen wäre und was er am liebsten esse. Sie war eine rundliche. brave Frau mit roten Backen und einem butterweichen Mutterherzen. Wenn sie den Namen des Jakob aussprach, gluckste es in ihrer Stimme.

Um vier Uhr nachmittags brach man auf und wanderte zum Gänstor hinaus nach dem Landungs Platz. Da lag das funkelnagelneue Brautschiff, und die Ulmer Flagge wehte lustig über ihm. Blitzblank war alles, und die Hochzeitsgesellschaft konnte sich nicht satt sehen an dem Schiff. Ein Geländer lief ringsum, Sitzbänke waren da, und in Kisten und Körben war der Hausrat geborgen, den die Theres mitnahm. Auch die zwei Stuben waren voll, und die Braut schlief im eigenen Bett auf dieser Fahrt. So sei noch niemand die Donau hinabgefahren, sagten die Ulmer, nicht einmal der Kaiser Rotbart, als er ins Morgenland zog, und auch der englische Gesandte mit seiner Lady Montague, die jetzt bei den Türken wären, hätten es nicht so schön gehabt. Ordentlich Lust bekam man, mitzufahren.

Zuletzt war die Stimmung sehr ernst. Es war ein Valet wie selten eines. Sollten die doch alle auf Nimmerwiedersehen dahin fahren: die schöne Frau und ihre drei Begleiterinnen, der junge Schiffmeister, der Steuermann und die acht Ruderknechte. Es gab viel Zuschauer am Ufer und auch heimliche Tränen. Manche Schöne härmte sich um den jungen Meister Anton Oberle, der sie verschmähte und in die weite Welt ging.

Pleß gab ihm jetzt ein Zeichen und machte dem langen Abschied ein Ende. Er kommandierte die Ruderer mit einem Pfiff an ihre Plätze. Wollte man noch heute nacht Regensburg erreichen, wo die Base der Mitfahrt harrte, durfte keine Minute mehr verloren gehen. Morgen früh begann der volle Ernst.

Hände winkten, Tüchlein wehten, Hüte wurden geschwenkt, und die Mutter Pleß rief vom Ufer: »Grüß de Gott! Grüß de Gott! Hab nur den Jakob recht gern!« Und sie wischte sich die Augen.

Theres stand noch lange in der Mitte ihres Schiffes. Die Gretel heulte und wäre am liebsten ins Wasser gesprungen, um das Ufer schwimmend zu erreichen. Theres aber war stark. Sie faltete die Hände und schaute nach dem Ulmer Münster, den sie so groß und herrlich nie gesehen wie in dieser Scheidestunde. Eine Weihe überkam sie und eine Andacht, die sie seit ihrer ersten Kommunion nicht mehr empfunden hatte. Oh, dieser Abschied von der Heimat war schön. Und eine sanfte Wehmut kam auch über sie … Wird der Jakob ihr immer Dank wissen für ihren Entschluß? Wird sie das Glück neben ihm finden, das ihr bisher versagt geblieben war?

Der gleichmäßige Takt der Ruderschläge weckte sie aus ihrem Sinnen.

Und als sie sich jetzt wendete, um in ihre Stube zu treten, kreischte hinter ihr die Gretel auf, es war ein Jubelschrei, auf dem noch der Nachklang des Schmerzes lag, der sie übermannt hatte beim Abschied.

»Der Josef! Der Josef ischt da!« rief sie ein über das andere Mal.

Hinter den Kisten und Körben war unter einem Bündel grober Pferdedecken, die den Ruderknechten als Lager dienen sollten, der Josef hervorgekrochen.

Ein langer, brauner, junger Mensch mit pfiffigen dunklen Augen räkelte sich und streckte seine Glieder, als wolle er probieren, ob sie noch gerade zu bringen wären. Die Gretel sprang an ihm hinauf und gab ihm ein paar zärtliche Maulschellen. »Da bischt du ja! Da bischt du ja!« schrie sie und lachte und weinte.

Da kam der Schiffmeister herbei und setzte seine strengste Miene auf.

»Wer ist Er? Was will Er? Hat Er Papiere?«

»Nein«, sagte die Gretel, »gar nix hat er. Mein Schatz ist er!«

Das könnte er brauchen, der Schiffmeister, an der bayrischen Grenze und an der österreichischen! So ein Einschleicher! In Günzburg muß er ans Land!

Da machte der Josef Anderl ein dummes Gesicht. Wie? Was? War er dem Klostervogt darum davongelaufen, daß man ihn jetzt irgendwo unter die Soldaten steckte? Er habe geglaubt, »wenn's zu de Terke geht, braucht der Mensch keine Papiere.

Die Frau Theres setzte sich für ihn ein. Der Schiffmeister möge irgendwie Rat schaffen, daß der Josef durchgeschmuggelt werden könne. Er soll sich an die Ruderbank setzen oder wieder verkriechen, wenn man an die Grenze käme.

»Das fängt gut an«, brummte der Schiffmeister. »Mit Kontrebande bin i no nit uff Wien g'fahre.«

Der Josef Anderl bedankte sich schön bei Frau Theres für die Mitnahme. Er wolle ihr dienstbar sein, so lange sie ihn brauche. Und sie solle schon noch sehen, was er alles könne. Er sei nicht bloß ein Gärtner, er habe im Stift von jedem Handwerk etwas gelernt, und sogar das Waldhorn verstehe er zu blasen.

Das Schiff glitt bei Günzburg vorbei und fuhr in den dämmernden Maiabend hinein. Josef und Gretel saßen vor der Stube ihrer Herrin und stimmten heimatliche Lieder an. Fröhliche und traurige in bunter Reihe. Sie waren so glücklich, daß sie nun frei waren und bald einander gehören durften, daß kein Pfaff und kein Graf und kein Vogt etwas dawider haben konnte. Übermütig sangen sie:

Morgen will mein Schatz abreisen,
Sum, sum;
Abschied nehmen mit Gewalt,
Sum, sum.
Draußen singen schon die Vöglein,
Singen schon die Vöglein
In dem dunklen grünen Wald,
Sum, sum.

Aber sie fielen gleich darauf in eine andere Tonart:

Und es fällt mir so schwer,
Aus der Heimat zu gehn,
Wenn die Hoffnung nicht wär'
Auf ein Wieder –Wiedersehn.
Lebe wohl, lebe wohl, lebe wohl,
Lebe wohl, lebe wohl aufs Wiedersehn!

Die einfache herzliche Weise ergriff alle. Schiffmeister, Steuermann, die Ruderknechte, die Frau Theres und die zwei Mädeln aus Gerhausen sangen das Lebewohl mit. Es war ihnen allen gar seltsam weh zumute. An das Wiedersehen glaubten sie nicht.

In Regensburg war die Base aufgenommen worden, die würdige Frau Martha Gutwein, eines Posthalters Witwe. Und als am nächsten Morgen all die schönen Dinge aus Nürnberg geladen wurden, schickte Frau Theres den Josef nach einem Waldhorn aus, koste es was immer. Er solle unterwegs seine Künste darauf zeigen. Und er kam bald mit einem solchen. Man war in Ordnung, und der Schiffmeister ließ abstoßen. Die Zille fuhr sausend unter dem mittleren Brückenjoch hindurch, und es ging in die Ferne. In Straubing legte man an und in Passau, wo wieder übernachtet wurde. Die Männer gingen sämtlich, bis auf Josef Anderl, der treu die Wache hielt, ans Land. Er hatte ein paar Stunden gerudert und sich auch auf andere Weise betätigt, aber Müdigkeit verspürte er keine. Und er wachte, bis die Ruderknechte mit dem dämmern den Morgen aus dem Wirtshaus kamen. Dann legte er sich vor die Türe der Frau Theres und schlief. In der Stube nebenan waren die drei Mädeln untergebracht. Bedurften sie des Schutzes? Der baumlange Josef fragte nicht, er tat, was ihn niemand hieß. So gestern, so heute, so alle kommenden Tage. Und es fragte ihn auch an der Grenze in Engelhardtszell niemand nach seinen Papieren, das Brautschiff wurde nicht beargwohnt. Die österreichischen Mautner und Zöllner, die jedem Ordinarischiff die Donau versperrten, bis sie es genau durchsucht hatten, nahmen ihre Gebühren und fragten, als sie außer der Schiffmannschaft nur Weiber erblickten, nach nichts. Gleichwohl mußte dort übernachtet werden.

Nicht ohne Gefahren war die, Fahrt. Schon vor Passau gab es Felsen und Klippen im Donaubett, bei Aschau lagen die Sandbänke jeden Tag an einer anderen Stelle, und es bedurfte der ganzen Aufmerksamkeit des Schiffmeisters, daß man heil hindurch kam. Jetzt rückten die Berge wieder näher zusammen, die Wassermassen schwellten hoch an, und es ging im rauschenden Strom durch eine romantische Landschaft bis Linz.

Die Base Gutwein, die seit ihres Seligen Tod keine Reise mehr unternommen, war anfangs recht besorgt ob der verwogenen Fahrt. Sie saß den ganzen Tag bei der Theres, half ihr mit Handarbeiten, erzählte ihr Geschichten vom heiligen römischen Reich, bestaunte jede Burg und jedes Kloster und betete fleißig den Rosenkranz. Am Ende aber fühlte sie sich befriedigt, daß sie sich hatte überreden lassen, ihre Nichte zu begleiten. Man sah doch ein gut Stück Welt und blieb kaiserlich, wohin man auch kam. Einem echten Regensburger Kind, das so und so viele Reichstage in vollem Glanze gesehen, das alle sieben Kurfürsten des Reiches kannte und schon drei Kaiser von Angesicht sah, den Leopold, den Josef und den Karl, einem solchen alten Kinde imponierte so leicht nichts. Aber was wahr ist, ist wahr, diese Reise gefiel ihr, und Linz war eine schöne Stadt. Sie verließen da zum erstenmal das Schiff und nächtigten im »Bayrischen Hof«. Es galt, neue Kraft zu schöpfen für die letzten drei Tage bis Wien, Kraft für die Fahrt durch den gefährlichen Strudel bei Grein. Ihr Seliger hat gewiß weite Reisen gemacht mit dem Postwagen des Fürsten Thurn und Taxis, er war bis in die Rheinpfalz gekommen und weiter, aber so eine romantische Fahrt zu machen, war ihm nie vergönnt. Wien hatte er nie gesehen. Ach, wie sie sich auf dieses Wien freute!

Theres ließ sie reden und reden und hing ihren eigenen Gedanken nach. Ans Land zu gehen wäre nicht nötig gewesen, ihre Stube war wohlbestellt mit allem. Aber der Anton Oberle, der Schiffmeister, kam ihr so seltsam vor. Er schnüffelte zu viel vor ihrer Tür und der der Mädchen. Und auf den Josef hatte er einen Haß. Zehn Stunden ließ er ihn heute rudern, während ein Knecht nach dem andern ausschnaufte. Und dann redete er ihr zu Gehör, daß man den Burschen samt der Gretel in Wien ausschiffen sollte. Er werde ja doch keinen Erwerb »da drunten« finden. Das bestritt sie. Die Gretel gehöre zu ihr, und sie sei mit dem Josef versprochen, beide gehen mit bis ans Ende. Das verdroß den Anton, und er rollte den ganzen Tag die Augen. Da ging sie in Linz mit sämtlichen Begleiterinnen ans Land und mietete zwei Fremdenstuben beim »Bayrischen Hof«, eine für sich und die Base Gutwein, die andere für die drei Mädchen, die sich ihr anvertraut hatten. Festen Entschlusses tat sie das, ohne sich um jemandes Meinung zu kümmern.

Die Base merkte nichts. Sie war zu Wasser und zu Land unerschöpflich im Erzählen von Geschichten, die ihr Seliger von seinen Reisen heimgebracht hatte. So eine bräutliche Auswanderung, wie sie sie jetzt unternahmen, ließ sie sich gefallen. Aber was waren das für Geschichten, die die Pfälzer vor zehn Jahren durchmachten. Sie haben lange genug gelitten. Nie wußten sie, wem ihre nächste Ernte gehören würde, der französischen Soldateska oder der eigenen, den Schweden oder den Kaiserlichen. Das Wild schätzten die großen Herren ringsum mehr als die Menschen, und für Wildschaden gab es keine Gerechtigkeit. Grausam waren die Strafen gegen die Selbsthilfe. Und mit der Religion war es auch gotteslästerlich. Um lutherisch oder reformiert stritten sie sich, und die wieder katholisch werden wollten, wurden verachtet. Ihr Seliger sah es lange kommen, und auf einmal war es da, das Erdbeben: Auswandern! Auswandern! Und sie kauften sich los von ihren zweiundvierzig großen und kleinen Tyrannen und zogen fort. Viele in tiefem Elend. Andere trutzig und stolz mit Wagen und Pferden, Mägden und Knechten. Und lustig taten sie, obgleich ihnen schier das Herz brach um die alte Heimat.

»Wohin hat sie's denn verschlagen?« fragte die Theres.

»Nach Amerika, nach Rußland, nach Hungarn, was weiß ich«. sagte die Base Gutwein. »Dann ist's verboten worden. Aber das hat nichts genutzt, was vordem öffentlich erlaubt war. das geschah später heimlich. Und wir werden wohl manchem Pfälzer begegnen im Banat, der uns was erzählen könnte von seiner Reise.«

Bis ihr die Augen zufielen, plauderte sie fort. Die Fenster nach der Gasse waren offen geblieben, und von unten herauf, aus der Wirtsstube, drang der Lärm und der heisere Gesang der Schiffsknechte. So oft unten die Türe geöffnet und zugeschlagen wurde, wimmerte der abgerissene Fetzen einer Weise durch die nächtliche Stille der Straße.

Der Nachtwächter tappte vorüber und rief die elfte Stunde aus, Dann klopfte er mit seiner Hellebarde an die Türe der Gaststube, und es wurde still.

»Ruhe in der Herberge!« rief er hinein und ging weiter. Drinnen lachte man zwar hinter ihm her, aber es wurde langsam still und stiller. Sich einsperren lassen und hier bleiben wollte am Ende keiner.

Und mit dem frühesten war alles auf den Beinen. Ein herrlicher Maimorgen lachte in die engen Gassen der Altstadt herein, als Josef Anderl zu melden kam, das Schiff sei schon bereit. Er hinkte ein wenig und hatte ein blaues, blutunterlaufenes Auge. Die Gretel erschrak bei seinem Anblick. Was ihm geschehen wäre, wollte sie wissen. Oh, nichts. Gefallen sei er nachts über eine Spreize. Sie möge froh sein, daß er nicht ins Wasser fiel. Hätte nicht viel gefehlt.

Die Gretel begnügte sich damit, Frau Theres aber sah ihn scharf an, und er schlug die Augen nieder.

Auf dem Schiff war alles in schönster Ordnung. Meister Oberle grüßte höflich und aufgeräumt. Heute wäre ein wichtiger Tag, sagte er. Es sei üblich, daß alle miteinander ein Vaterunser beteten, ehe diese Fahrt beginne. Aber er überlasse das jedem einzelnen. Als die Base Gutwein das hörte, schlug sie die Hände zusammen. Sie müsse aussteigen, müsse rasch beichten und kommunizieren gehen oder doch eine Messe hören. So unvorbereitet wolle sie nicht sterben.

Anton Oberle grinste höhnisch und pfiff den Ruderern.

»Los!« hieß das. Da ging die Base in die Stube hinein, warf sich auf die Knie und betete. Theres aber nahm eine Handarbeit und setzte sich auf eine Bank. Sie war ganz ruhig. Und nach einiger Zeit rief sie die Base heraus; zu dem berühmten Strudel käme man doch erst spät nachmittags, sie solle sich doch die veränderte schöne Gegend angucken.

Und die Base kam wieder ganz gefaßt hervor. Nur hatte sie ihr Gebet- und Gesangbuch bei sich.

Breit und mächtig dehnte sich die Donau ins Weite, die gestern durch einen Engpaß floß; sie bildete Inseln bei Linz und umkreiste die Stadt in einem weiten Bogen. Das linke Ufer war bergig, das rechte flach, und die liebe Stadt mit ihren sanften Höhenzügen im Rücken und ihrer hochgelegenen alten Kaiserburg versank allmählich hinter den Auwäldern, die ihr vorgelagert waren.

Die Gretel half der Frau Theres an ihren Ausstattungsarbeiten, die beiden Schwabenmädel aus Gerhausen kochten, und die Base Gutwein las der Theres aus ihren frommen Büchern vor. Städte und Märkte, Wallfahrtskirchen, Schlösser und Klöster flogen vorüber, es wurde weniger geredet als all die Tage, die Stimmung war ernster.

Und als es nachmittags hieß, Grein sei nahe, da verzogen sich sämtliche Frauen, eine nach der anderen. Nur Theres kam gleich wieder vor; sie hatte die Gretel bei der Base gelassen, und die mußte mit ihr zu allen katholischen Heiligen beten, obwohl sie augsburgisch war.

Da war Grein … Die Insel Wörth und der Strudel kamen in Sicht …

Der Strom ging hoch und das kam der Fahrt gar nicht zu statten. Die Wasser schäumten brausend über die Felsklippen hinweg, und nur ein erfahrenes Auge konnte sehen, wohin das Schiff gesteuert werden müsse, um nicht zu zerschellen. Drei Straßen sehe man sonst, hieß es, das Waldwasser links, den Wildriß in der Mitte und den Hößgang rechts. Das viele Schneewasser aus den Bergen hatte die Donau aber derart geschwellt, daß nur eine breite, gurgelnde Hochflut zu sehen war, die über tödliche Klippen hinschäumte.

Anton Oberle machte sein Meisterstück. Er steuerte das Brautschiff mit dem Aufgebot aller Kräfte über den Hößgang, und nur ein kleiner Stoß war zu spüren; das Ende des Schiffes streifte an einen unsichtbaren Feind, in der Küche rasselten Pfannen und Kasserollen, und Frau Theres, die aufrecht dastand, wankte.

»Vorbei!«

Der Schiffmeister rief es, und Theres warf ihm einen dankbaren Blick zu.

Er hatte ihn erwartet, diesen Blick. Und er saugte sich fest an ihrem Antlitz mit seinen funkelnden Augen. Sie senkte die ihren unwillig und ging zur Base hinein.

»Vorbei!« rief auch sie.

Und alle liefen hinaus und schauten zurück nach der gefährlichen Stromschnelle, dem gurgelnden, wirbelnden Strudel, den sie so glatt überfahren hatten. Alle priesen sie den Schiffmeister und den Steuermann, ein Berg von Sorgen war von ihnen gewälzt. Auch die scheinbar so tapferen Schwabenmädel aus dem Blautal, die Susi und die Bärbl gestanden jetzt der Base Gutwein, daß sie große »Angschte ausg'schtanne« hätten.

Die Schiffer lachten sie aus. Mancher von ihnen hatte die Fahrt schon zehnmal gemacht, und wenn auch viel Schauermären von der Gefährlichkeit des Strudels erzählt wurden, ein Unglück hatte von ihnen noch keiner da mitgemacht. So sagten sie jetzt. Den ganzen Tag waren sie ernst und schweigsam, nun aber ging ihnen allen das Maul, und sie stimmten sogar ein Lied an. Es war ein Chor, den sie taktmäßig mit ihren Ruderschlägen begleiteten, und Wort und Weise schien allen geläufig zu sein wie das Vaterunser.

Als wir jüngst in Regensburg waren,
Ha, ha!
Sind wir über den Strudel gefahren,
Ha, ha!
Ei da waren Holden,
Die mitfahren wollten.
schwäbische, bayrische Dirndelein juchhe!
Muß der Schiffmann fahren.
Und ein Mädel von zwölf Jahren,
Ha, ha!
Ist mit über den Strudel gefahren.
Ha, ha!
Weil sie noch nit lieben kunnt'
Fuhr sie sicher übern Strudelsgrund,
Scheute nicht Gefahren.
Ha, ha!

Und vom hohen Bergesschlosse,
Ha, ha!
Kam auf stolzem schwarzem Rosse
Ha, ha!
Adlig Fräulein Kunigund,
Wollt' mitfahr'n über Strudels Grund
Und kein' Taler sparen.
Ha, ha!
Schiffmann, lieber Schiffmann mein,
Ha, ha!
Sollt's denn so gefährlich sein?
Ha, ha!

Schiffmann, sag's mir ehrlich,
Ist's denn so gefährlich?
Bin noch jung an Jahren.
Ha, ha!
»Wem der Myrtenkranz geblieben,
Ha, ha!
Landet froh und sicher drüben,
Ha, ha!
Die ihn hat verloren,
Ist dem Tdd erkoren.«
Gundel, Gundel, Kunigundel juchhe!
Ist nit mitgefahren.

Das schalkhafte Strudellied hatte alle weiblichen Wesen' herbeigelockt, die Base Gutwein voran, und sie erbettelte sich eine Wiederholung des Chors, den sie nie vorher gehört hatte.

Alle schlimmen Ahnungen waren nunmehr vergessen, und man lachte wieder.

Aber die Kraft der Ruderer war erschöpft, als die Abenddämmerung hereinbrach; man erreichte noch Maria-Taferl. Hoch oben thronte die doppeltürmige Gnadenkirche, zu der alljährlich Hunderttausende Gläubige wallen, ein letzter Strahl der scheidenden Sonne umgab sie mit einer überirdischen Glorie, und Base Gutwein sprach ein demütiges Dankgebet bei diesem Anblick.

Josef Anderl wurde nach der Landung herbeigerufen. Frau Theres befahl ihm, eine Nachtherberge ausfindig zu machen für sie alle, so wie in Linz. In dem Wallfahrtsorte werde das keine Schwierigkeiten haben.

Die Base verwunderte sich, die Gretel bat, man möchte doch auf dem Schiff bleiben. Und Frau Theres zögerte.

Da sprach der Schiffmeister, indem er an seine Kappe griff, spöttisch: »Ich geh' ans Land, hab' da eine gute Freundin, die schon zwei Wochen auf ein Bußl von mir wart't. Gute Nacht, allerseits.« Und, zu den Ruderknechten gewendet: »Um drei geht's weiter. Bis Tulln morgen!«

»Um drei?« rief die Base.

Und Frau Theres sagte: »Nun ja, so bleiben wir.«

Die drei Mädel hockten schwatzend vor der Türe draußen, der Maiabend war zu schön. Die Ruderer, lauter starke, junge Männer, streckten sich im Hinterteil des Schiffes auf ihre Pferdedecken, kauten ihr Abendbrot und plauderten von der Zukunft. Bauern auf eigenem Grund und Boden wollten einige werden; dieser und jener verstand etwas von einem Handwerk, nur zwei waren Schiffer mit Leib und Seele und wünschten, auf dem Wasser zu leben und zu sterben. Bis ins Schwarze Meer möchten sie rudern und bei einem Pascha Dienste nehmen. Der Josef Anderl, der unter ihnen lag, hätte auch nichts dawider gehabt, dem Sultan einen schönen Garten anzulegen beim goldenen Horn.

Aber als die Mädchen jetzt leise ein Lied anstimmten, da erhob er sich und hinkte zu ihnen hin. Seine Decke schleifte er hinten nach, und das Nürnberger Waldhorn hatte er auch zur Hand. Er begleitete die Sängerinnen darauf jeden Abend. Blies auch manchmal einen Dreischritt, und man tanzte ein wenig.

Der Steuermann blickte ihm spöttisch nach. Dachte sich seinen Teil über den Josef und den Meister.

Der Trompeter schwieg bald. Gretel winkte ab, denn die Frau Base schlief schon.

Leise, ganz leise summten die Mädel ihre Lieder, um die Schläferinnen nebenan nicht zu stören. Und die Wasser rauschten unter ihnen, und der Mond stieg über die dunklen Donauberge.

Es fröstelte die Mädchen; der Maiabend auf dem Wasser war doch recht kühl.

Die Susi und die Bärbl erhoben sich; die Gretel wollte gleich folgen.

Warum er gerauft habe mit dem Meister gestern nachts, das wollte sie wissen. Der Josef zuckte die Achseln. Sie ließ indes nicht ab mit ihrer Frage.

»Denk dir«, sagte er. »die Hütt' da wär' ein Gänsstall, und ich wär' euer Hüter. –. Soll mir ein Fuchs in den Weg kommen!«

Die Gretel lachte und gab ihm einen Kuß. Dann huschte sie den anderen nach. Drin kicherten und schnatterten sie noch lange über Josefs Gänshüteramt. Er aber hing seine rauhe Decke um und streckte sich der Länge nach vor die beiden Türen. Sein Nürnberger Schnappmesser hatte er offen neben sich gelegt.

Mercys Heimkehr

Eine schwere, mit vier Pferden bespannte Reisekutsche, von zwei berittenen Heiducken begleitet, rumpelte durch das neue Wiener Tor der Festung Temeschwar. Die Heiducken hatten eine Flinte über dem Rücken und ein Pistol im Gurt. Und Wagen und Pferde und Reiter starrten von Schmutz und Staub, eine Kruste angetrockneten Lehms machte die Farbe der Kutsche unkenntlich. Daß die Pferde Rappen sein mochten, konnte man auch nur ahnen. Bis zur Nabe schienen die Räder manchmal im Kot versunken zu sein auf den Wegen, die der Wagen gekommen war.

Es dunkelte schon ein wenig, als das herrschaftliche Gefährt sich dem Innern der Stadt näherte, die einen wüsten Anblick darbot in ihrem Werdeprozeß. Neben elenden orientalischen Holzbaracken mit Krambuden, in denen Armenier und braune griechische Händler mit ihren Kunden feilschten, erhoben sich halbfertige Ziegelbauten abendländischer Art; durch aufgewühlte Straßen rannen die Abfallwässer der Häuser, auf dem großen Platze weideten einige Ziegen, und in einem Tümpel badeten die Gänse. Sie fuhren aufkreischend auseinander, als das Viergespann sich näherte, die halbnackten, braunen Buben, die offenbar die Ziegen bewachten, liefen herbei und reckten die Hände um eine milde Gabe. Der eine der Heiducken schlug nach ihnen mit einer kurzstieligen Peitsche, die sich blitzartig verlängerte und über die Köpfe der Zudringlichen hinsauste. Da wichen die Buben zurück, diese Streiche kannten sie. Es waren Knoten in der Peitsche, die sehr wehe taten.

Über einem halb zerschossenen türkischen Minarett am Südrand des Platzes wehte die schwarz-gelbe kaiserliche Fahne; auf einer Moschee, die einer Ruine glich, funkelte das Kreuz in der untergehenden Sonne.

Die Gassen, durch die der Wagen kam, waren belebt von einer bunten Menge, deren Trachten in allen Farben schillerten. Serben, Walachinnen, Bulgaren, Griechen, Armenier, Deutsche in langen farbigen Röcken, in weißen und roten und gelben Strümpfen mit Schnallenschuhen und dreieckigen Hüten, ein Zöpfchen im Nacken, gingen geschäftig ihres Weges. Einzelne Deutsche standen plaudernd vor den Toren der Häuser. Auch einen Turban sah man ab und zu in der Menge.

Baumlange Grenadiere in Bärenmützen, mit Säbel und Stock bewaffnet, standen da und dort an den Straßenkreuzungen auf Posten und achteten scharf auf die Volksbewegung. Sie wiesen mit dem Stock nach bestimmten Richtungen, und es schien, als hätten sie Parole, die Festung vor Abend allmählich von all den Elementen zu säubern, die nicht hereingehörten, die vielleicht nur als Arbeitsleute den Tag in ihr verbrachten. Nach den Stadttoren zu fluteten diese Massen langsam ab, und es war auffällig, daß kein Mensch in deutscher Tracht sich unter ihnen befand.

Dem plumpen Reisewagen hatte niemand sonderliche Beachtung geschenkt; jetzt aber fuhr er an der Hauptwache auf dem Paradeplatz vorbei, und der diensthabende Offizier hatte den grauen Kopf seines Insassen erspäht. Er salutierte und gab dem Posten rasch ein Zeichen. Und dieser schrie aus Leibeskräften: »G'wehrrraus! G'wehrrrausl G'wehrrraus!« –

Die Mannschaft lief zusammen, der Tambour wirbelte auf der Trommel, aber das Viergespann war schon vorüber. Es hielt jenseits des Paradeplatzes vor dem stilvollsten neuen Hause der ganzen Stadt. Die Dienerschaft stürzte herbei, und im Nu sammelten sich auch Neugierige, denn von der Hauptwache war ein Ruf ergangen, der rasch Flügel bekam.

»Der General Mercy ist wieder da!« rief einer dem anderen zu.

Und ehrfürchtig entblößten alle die Häupter, als dieser jetzt dem Reisewagen entstieg. Er nahm dabei die Unterstützung seines Adjutanten in Anspruch, seines Neffen Anton von Mercy, der das Gefährt vor ihm verlassen hatte; aber das Auge des Generals war hell, und auf seinen Wangen lag wieder die Farbe der Gesundheit. Anderthalb Jahre war er fort gewesen, kommandierte die siegreiche Armee in Italien und Sizilien und ging dann blessiert nach Wien, seine Wunden auszuheilen, die er in dieser Kampagne davontrug. Der Kaiser hatte ihn abberufen aus dem Banat, wo er ein großes Kulturwerk begonnen, denn er bedurfte seiner auf dem spanisch-italienischen Kriegsschauplatz, aber er schickte ihn jetzt wieder zu denen, die ihn trotz seiner Strenge und scheinbaren Härte wie einen Vater verehrten und liebten. Sie wußten, daß er es gut mit ihnen meine. Und er kam gerne in dieses armselige, versumpfte und verödete Land, das seiner starken Hand und seines überlegenen Geistes bedurfte. Der Generalissimus hatte ihn nach der Eroberung des Banats als Gouverneur auf diesen Posten gestellt, und er sah eine Lebensaufgabe darin, diesen Platz würdig auszufüllen. Das wußte man.

Der General war eine gar stattliche Erscheinung, sein ganzes Wesen hatte echt soldatischen Schnitt. Er überragte seinen Neffen um Kopfeslänge, und sein Gesicht gehörte zu denen, die man nie vergaß. Zwei große braune Augen flammten unter einer mächtigen Stirn, ihr Blick war durchdringend, und man hatte das Gefühl, daß ihm nichts verborgen bleiben konnte. Eine starke Nase, ein kräftiges, energisches Kinn und ein voller Mund vervollständigten dieses männliche Bild, das von der wallenden, gepuderten Perücke nur wenig gedämpft wurde. Und auch die Stimme des Generals entsprach diesem Gesamtbild, sie hatte den Klang einer Trompete, und ihr Ton war gefürchtet.

Er dankte nur mit den Augen für die ehrerbietigen Grüße der Menge und schritt langsam dem Tore zu. Man sah, er war müde und steif von der langen Fahrt, und das linke Bein schonte er. Es war wohl das blessierte.

Die schwere Kutsche, der man die Bagage der Reisenden entnommen hatte, wurde in die neue Kaserne abkommandiert von den Heiducken, und die Menge verlief sich wieder. Bald wußte die ganze Stadt von Mercvs Heimkehr. Und sie erfuhr noch am selben Abend, daß der General als Graf wiedergekehrt war vom Schlachtfeld und aus Wien. Der Kaiser, der ihn auf des Prinzen Eugen Vorschlag schon nach Peterwardein und nach der Einnahme von Temeschwar mit großen Gütern belohnte, hatte ihn jetzt auch in den Grafenstand erhoben. Jedermann nahm Anteil an der Nachricht und freute sich über die wohlverdiente Ehrung des großen Führers und Freundes. Die neuen Bürger dieser Stadt kamen sich wie verwaist vor in seiner Abwesenheit; es war niemand da, zu dem sie vertrauensvoll aufblicken konnten; seine Stellvertreter schienen ihrer Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Vieles lag im argen, die strengen Anordnungen des Gouverneurs gerieten zum Teil in Vergessenheit, und es ging nichts vorwärts, weil es angeblich an Geld fehlte. Das wird sich nun wohl ändern. Mercy wird das Geld schon kriegen in Wien. das man seinen Platzhaltern verweigerte. Die Festung war noch offen nach zwei Seiten, nur das Wiener Tor und das Peterwardeiner Tor konnten als fertig gelten. War man denn des Friedens so sicher? Schwärmten nicht noch immer Tatarenhorden durch das Land und plagten die armselige Bevölkerung? Immer wieder erzählte man, daß Reisende spurlos verschwunden wären. Und bis an die jungen Vorstädte, die sich draußen bildeten, wagten sich die Räuber heran. Verfolgte man sie, verschwanden sie im Dickicht der Sümpfe, in denen sie sicher waren. Der deutsche Stadtrichter, Herr Balthasar Tobias Hold, atmete auf bei der Nachricht, daß der Gouverneur wieder im Lande sei und in der Stadt. Nun kann man ruhiger schlafen.

Mercy hatte seine Leute vollkommen überrascht, niemand ahnte, daß er schon käme. Die glaubten wohl, er läge noch im Lazarett zu Wien! Nein, er war wieder da. Und sie sollten bald sehen, wie gesund er zurückkam.

»Fenster auf!« herrschte er seinen italienischen Diener an, der ihm entgegenkam. »Da ist's ja zum Ersticken! Ein Jahr nicht gelüftet! Non e vero?«

Und ein menschliches Abendessen forderte er für sich und seinen Begleiter, dem er indessen sein Heim zeigte. Das sei der Palast des Mehemed Aga Pascha gewesen, der Temeschwar so lange gehalten, daß das Banat um zwanzig Jahre später an den Kaiser kam als die Komitate jenseits der Donau. Ein tapferer Heide. Aber dessen Haus habe er sich von einem Wiener Meister sogleich umbauen lassen. Den Harem ließ er in eine Flucht von Gastzimmern umwandeln, und zwei dieser Zimmer bekäme jetzt er selbst, der Herr Neveu, er möge sich aber vor bösen Träumen hüten. Wo einmal ein Harem gewesen, da gehe es immer um, sagte der General, und der Neffe lächelte und seufzte spöttisch.

*

Jakob Pleß stand im Hofe seines großangelegten Einkehrgasthofes, als die Bauarbeiter Feierabend machten und heimgingen. Er ahnte noch nicht, wer soeben über den großen Platz gefahren war … Alle Arbeiter grüßten den hochgewachsenen braunen Mann, dessen Haltung unverkennbar den ehemaligen Soldaten zeigte, voll Unterwürfigkeit. Er verstand etwas von jedem Gewerbe und war scharf her hinter den Bauarbeiten. Der vordere Trakt mußte zuerst vollendet werden, damit das Gastgewerbe bald eröffnet werden konnte; jetzt aber arbeitete man an den Stallungen, dem riesigen Wagenschuppen und den sonstigen Nebengebäuden des Hoftraktes mit aller Ruhe. Der Hausherr hatte die Pläne selbst gemacht, und ein Polier aus Pforzheim leitete den Bau, ein Kamerad aus dem Regiment.

Viele Landsleute wunderten sich über die Courage des Herrn Konstablers, sein und seiner Frau Vermögen an ein so großangelegtes Unternehmen zu wagen. Er tat, als baue er in Frankfurt oder Straßburg, als läge er an einer großen Poststraße des heiligen Römischen Reiches. Aber Jakob Pleß ließ sich nicht irre machen; er glaubte fest an die große Zukunft dieser neuen Stadt und richtete sich ein für dieselbe.

Seine hellen, wie von innerem Glück leuchtenden Augen weilten voll Genugtuung auf dem Werke, das vor dem Einbruch des Winters vollendet sein mußte. Er sah es jeden Tag wachsen und werden, und auch die Theres freute sich innig mit ihm. Ehe sein erster Sohn ankam, sollte alles unter Dach sein.

Der Abend brach herein, Pleß schloß die äußeren Zugänge zum Bau eigenhändig ab und ging in die große Gaststube, die schon seit zwei Monaten im Betriebe war, um Licht anzustecken.

»Jakob! Jakob! Hast du's schon gehört?« rief die lebhafte Frau Theres, die mit geröteten Wangen aus der Küche kam, »dein General ist wieder da!«

»Der Gouverneur? Der Mercy?« schrie der Jakob, der gerade eine neumodische Wiener Öllampe in der dämmerigen Gaststube angezündet hatte, freudig auf.

»Ja, ja! Der Joseph hat die Nachricht gebracht.« »Schönste Wirtin, da möcht' ich dir doch gleich ein Bußl geben«, sagte der Mann, dessen Blick voll Liebe auf ihr ruhte und ihre hoffnungsvoll gerundete Gestalt zärtlich umfing.

Sie hielt ihm den vollen Mund hin.

»Oh, du! Duuu…«

Zwei Jahre schon besaßen sie einander. Die gefahrvolle Brautfahrt zu dem Geliebten war über alles Erwarten geglückt, alles ging gut aus, und ihre Liebe brannte wie am ersten Tage der Vereinigung. Den Nimmersatt hieß sie ihn und war doch selber immer durstig nach seinen Küssen.

»Jakob … Leut' kommen«, sagte sie jetzt und entwand sich ihm.

Und es kamen die abendlichen bürgerlichen Gäste, und jeder trat mit der Neuigkeit ein: »Der Mercy ist da!««Der Herr Gouverneur ist wieder da!« Die Freude lag auf allen Gesichtern, sie spiegelte sich in allen Blicken. Auch die Offizierstafel füllte sich heute früher als sonst, und es ging hoch her an allen Tischen, man ließ den heimgekehrten Gouverneur leben und trank auf seine Gesundheit. Alle Gespräche drehten sich um ihn und seine jüngsten Taten in Italien, und es zog an diesem Abend neue Hoffnung ein in manches schier verzagte Herz. Das Leben war nicht leicht in der neuen, in der werdenden Stadt, und es fehlte diesem Gemeinwesen der Schutzgeist, seit dem der Mercy fort war. Daß er jetzt als Sieger heimkehrte und als Graf, daß er wieder gesund war, es freute diese deutschen Bürger von Herzen. Und die Offiziere waren stolz auf ihn. Sie stimmten heute das Prinz Eugenius-Lied an, und alle Gäste sangen es mit.

Die Gretel aber trug das Bier zu so wie einst in Blaubeuren, als das schöne Lied dort ankam. Waren sie denn in der Fremde hier? Die Leute sagen es; sie aber glaubte nicht daran.

Der Jakob Pleß, dessen neuer Gasthof sich so schnell in Gunst gesetzt hatte bei Zivil und Militär, er hätte jubeln mögen, daß sein Gönner wieder hier war. Noch war sein Haus, für das ihm der Mercy den Grund auf dem Hauptplatz billig überlassen, nach rückwärts nicht völlig ausgebaut, noch waren die achtundzwanzig Fremdenzimmer. die er im ersten Stock errichtete. nicht alle in Stand gesetzt, denn das Meublement mußte ja aus Wien herbeigeschafft werden. Aber es konnte sich schon sehen lassen vor dem Gouverneur, das stattliche Haus des Ehepaares Pleß. Man konnte schon daran denken, ihm einen schönen Namen zu geben. Und da hatte der Jakob seinen besonderen Plan, dem Gouverneur selbst wollte er ihn zur Genehmigung unterbreiten.

Auch heute wieder kam an dem Stammtisch der Stadträte und Magistratsherren das Gespräch auf die Taufe des Gasthofes. Daß die schönste Fremdenherberge, die es weit und breit gab. einen ganz besonderen Namen kriegen müsse, darin war man einig. Der Stadtrat Andreas Pfann schlug jedesmal vor, das Haus sollte »Zum Konstabler« heißen. Der Peter Mayer aber war dawider, er wollte es »Zur schönen Wirtin« benannt haben. Dagegen lehnte sich die Bescheidenheit der Frau Theres auf. Wie dann, sagte sie scherzhaft, wenn sie einmal eine alte Runkunkel ist? Da müßt' sie sich ja verstecken vor den Gästen. Und der Pleß war immer sehr bös, wenn man diesen Vorschlag machte. Das könnt' er brauchen! Kommen ihm eh' zu viel Gaffer und schauen sich die schöne Wirtin an. Da lachten die Tischgenossen und prophezeiten, es werde halt schließlich doch wieder ein »Roter Hahn« oder ein »Brauner Hirsch« herauskommen. Pleß schwieg heimtückisch über seine Pläne.

Herr Peter Solderer, der zweite Stadtrichter, der dem magistratischen Stammtisch heute auch die Ehre erwiesen, hatte sein großes Kaufmannsgeschäft in der Wiener Gasse »Zum Römischen Kaiser« genannt. Er war dafür, daß auch Pleß an etwas Großes denken solle bei der Namensgebung, an etwas Unvergängliches. Es gebe schon »Rote Ochsen«, »Goldene Löwen« und »Schwarze Bären« genug in der Welt. Wenn man das Glück habe, in einer neuen deutschen Stadt die erste Fremdenherberge zu begründen, müsse man eine Standarte ausstecken, die weithin sichtbar wäre. »Nach Jahrhunderten soll man noch wissen, von welchem Geist wir ersten deutschen Bürger von Temeschwar erfüllt waren«, sagte Herr Solderer etwas pathetisch. Sein »Römischer Kaiser« freute ihn, er tat sich etwas zugute darauf.

Das gefiel aber dem Jakob Pleß ungemein. Das war nach seinem Sinn gesprochen. Er hatte ja auch nicht ohne Gewinn drei Klassen des Gymnasiums in Ulm besucht, in ihm lebte noch ein Rest von jenem Idealismus, den seine Lehrer predigten. Es war nicht alles untergegangen in ihm während der schweren Soldatenzeit. Und den Zusammenhang mit der alten Heimat hatte er nie verloren, und die Kinder, die Gott ihm schenken wird, sollen ihn auch nicht verlieren. Sie sollen, wenn sie seine deutsche Herberge einmal fortführen, immer wissen, daß ihr Schild ein Ehrenschild ist. »Zu den sieben Kurfürsten« wollte er seinen Gasthof benennen, wenn's der Gouverneur erlaube. Der darüber verwunderten Frau Theres aber erklärte er seinen Plan so: »Weißt du«, sagte er, »die vier weltlichen Kurfürsten des Deutschen Reiches waren sämtlich hier, sie haben mitgefochten gegen die Türken, sie haben großen Anteil an der Befreiung des Landes; aus den Ländern der drei geistlichen Kurfürsten von Mainz und Köln und Trier aber sind die ersten Kolonisten ins Banat gekommen. Und du weißt ja, die sieben Kurfürsten wählen allezeit den römisch deutschen Kaiser. Wir wollen sie vor Augen haben. Möchten sie doch immer einen Kaiser wählen, der diese neue Grenzfestung des Deutschtums bewahrt und beschützt und uns nicht mehr türkisch werden läßt«.

Frau Theres lächelte. Sie verstand. Da wird die Base Gutwein aus Regensburg ihre Freude haben, die stand ja auf du und du mit den Kurfürsten, wenn man ihr glauben durfte. Es dünkten auch ihr gute Schutzpatrone für diese erste große deutsche Herberge in dem fernen Banat. Und Jakob verriet ihr, daß er die Kurfürsten wolle malen lassen für den Giebel des Hauses. Davon solle aber nicht viel geredet werden, ehe nicht alles fix und fertig wäre. Die Theres wußte zu schweigen.

Und weil er dieses Geheimnis im Busen trug, darum gefiel dem Pleß die Rede des Herrn Peter Solderer so sehr. Hatte er ihm den »Römischen Kaiser« schon weggenommen, so waren ihm doch noch die deutschen Kurfürsten geblieben, die den Kaiser machen. Haha, daran dachte der Herr Stadtrichter wohl nicht.

Zapfenstreich! Zapfenstreich mit Musik zu Ehren des heimgekehrten Gouverneurs. Alle Gäste erhoben sich und eilten an die Fenster. Da und dort brannte schon ein Talglichtlein hinter den Scheiben, es gab eine freiwillige Stadtbeleuchtung zu Ehren des Heimgekehrten, und das Publikum zog mit durch die Gassen bis vor das Palais. Die Pfeifer spielten den Marsch, den ein Trompeter auf den General gemacht hatte, und das Volk schrie: »Vivat! Vivat Mercy!«

Der Gouverneur war auf den Altan hinausgetreten und grüßte die vorbeiziehenden Soldaten militärisch. Dem Publikum winkte er dankend zu: »Vivat! Vivat Mercy!« klang es in allen Gassen, und immer mehr Fenster erhellten sich.

*

Als der Gouverneur nach dieser Überraschung mit seinem Begleiter endlich in das Eßzimmer kam, das nach dem Stadtgraben zu lag, harrte ihrer schon ein kalter Imbiß und eine mächtige Kanne Rotwein. Fenster zu! Fenster zu!« schrie der Graf, und sein Neffe hielt sich die Hand vor die Nase, er meinte Fieberluft zu atmen.

Bestialisch, was? Das sind die Sümpfe, die rings um die Stadt liegen. Aber ich will sie ausbrennen und trocken legen, das schwöre ich«, sprach Mercy. »Die braven Bewohner verdienen es um mich.

Und der Diener kam mit Räucherwerk und reinigte die Luft. Er lächelte still vor sich hin. Hatte der Exzellenzherr ganz vergessen, daß man die Fenster in diesem elenden Lande nur öffnen durfte, so lange die Sonne schien? Warum verlangte er vorhin, daß man sie jetzt öffne?

Der junge Kapitän war sehr einsilbig bei Tisch. Nicht ungern folgte er dem Rufe des berühmten Oheims und trat aus der bayrischen Armee in die kaiserliche. Aber warum mußte die Fahrt gerade hierher geben? In Wien war es so schön … Eine unerklärliche Sehnsucht zog ihn da hin. Was es eigentlich war, das ihm Wien so teuer machte? Er wußte es nicht, er gestand es sich nicht ein … Und diese lange Reise war entsetzlich. Die Wasserfahrt von Wien bis Ofen ließ man sich ja gefallen, doch diese letzten vier Tage über bodenlose Straßen, durchMoräste und Sümpfe, in denen Millionen Frösche quakten und die Pferde von Mückenschwärmen angefallen wurden, bis sie in Raserei gerieten, die werden ihm unvergeßlich sein. War es denn der Mühe wert, solch ein Land zu erobern und zu behaupten?

Der Oheim erriet die Gedanken seines Neffen, aber er lachte darüber. War der so verweichlicht? Klaus Florimund Mercy war aus anderem Holz, wie seine bayrischen Vettern. Als siebzehnjähriger Fähnrich kämpfte er in der Befreiungsschlacht vor Wien neben seinem Vater. An der Erstürmung von Ofen nahm er teil und an allen großen Bataillen, die darauf folgten. Seit dreißig Jähren steht er imFeld. Und nun gilt es, einmal gegen andere Feinde zu kämpfen, nun gilt es, aufzubauen, was die Jahrhunderte zerstörten, und eine Zukunft vorzubereiten. Möchte es ihm doch vergönnt sein, auch in diesem friedlichen Kampfe noch dreißig Jahre zu bestehen. Dann hätte er gelebt für alle Zeiten.

Er war mit großen Vollmachten aus Wien gekommen und empfand an diesem Abend ein Behagen wie schon lange nicht. Seine Offiziere hätten ihn nicht wieder erkannt … Der hübsche junge da sollte einst sein Erbe werden und der Träger seines gräflichen Namens. Es war ihm leicht, dem Antoine das Patent eines Kapitäns in Wien zu erwirken und ihn an seine Seite kommandieren zu lassen. Er wird sich ihn erziehen, ihn in seine großen Pläne einführen, und wenn er selbst wieder einmal abberufen werden sollte, wird ein zweiter Mercy dastehen und sein Werk vollenden. Noch hat er ihm die Adoption nicht zugesagt, aber in Wien ist sie schon anhängig, und sie soll eine große Überraschung werden für den Neffen. Wie oft hatte er sich nicht einen Sohn gewünscht. Aber wann hätte er die Muße gefunden zu einer Brautwahl, zur Ehe? So wie sein Generalissimus und mancher andere Held dieser rauhen Zeiten, war auch er unbeweibt geblieben. Aber jetzt wird er dennoch einen Sohn und Erben haben. Und ihm war, als wüßte er für den auch schon eine Braut.

Anton von Mercy fragte den Oheim, ob er an etwas Angenehmes denke, oder ob es die Freude über die Heimkehr sei, die ihn so behaglich gestimmt habe. Und er legte ein klein wenig Spott auf das Wort Heimkehr.

Der Graf überhörte den Spott und schlürfte voll Genugtuung an einer Tasse echt türkischen schwarzen Kaffees. Den könne man in Europa noch nicht bereiten. Man müsse sich schon hierher bemühen, wenn man so etwas Köstliches haben wolle. Dem Neffen schien auch dieser dicke, kaum flüssige Kaffeebrei nicht zu munden.

»Warum mir so wohl zumute ist? Junge, da wirkt vieles zusammen. Man hat seine Erinnerungen und Träume … Wie ruhig könnte unser Geschlecht in Lothringen sitzen und seinen Kohl bauen. War es ein guter Geist, der uns Landjunker alle hinaustrieb und in die Welthändel eingreifen hieß? Mein Großvater ist gegen die Schweden gefallen, sein Bruder gegen die Franzosen, meinem Vater hat ein Türkensäbel bei Ofen den Kopf gespalten. Wo wird die Kugel für mich gegossen? Ich bin immergefaßt darauf, daß sie mich erreicht … Wir sind unserem Herzog gefolgt, der an den Wiener Hof zog, und haben uns mit ihm dem Kaiser verpflichtet. Aber ich frage mich oft, warum wir Mercys so unstet sind und so verbissen in das soldatische Handwerk. Gibt es denn nichts Größeres zu tun auf dieser Welt?«

»Zum Beispiel, lieber Oheim?«

»Du weißt auch nichts Größeres?« lachte der Graf. »Bist ein echter Mercy!«

Er schlürfte seine Tasse bis auf die Neige aus und ließ sie noch einmal füllen. Dann schlug er das marode linke Bein über das rechte und lehnte sich zurück. Der Diener reichte beiden Herren einen Tschibuk, gab ihnen Feuer und verschwand geräuschlos.

»Ich möchte aber einen anderen Mercy im Andenken der Menschen zurücklassen als meine Vorfahren«, sprach der Gouverneur und paffte voll Behagen. »Diesen Plan faßte ich, als wir sechs Wochen da draußen lagen vor dieser Stadt, die sich – sie war von ihren Sümpfen trefflich geschützt – uns nicht ergeben wollte. Wir hatten am 5. August die große Bataille bei Peterwardein gehabt, wo sie mich den tollen Mercy tauften, weil ich mich mit einer Schwadron durch zwei türkische Regimenter, schlug und sie dann von rückwärts noch einmal faßte. Es war eine teuflische Sache. Ja nun, sie glückte… Die Türken waren endlich auch in dieser Provinz aufs Haupt geschlagen und in voller Retirade. Aber das Zentrum gehörte noch ihnen, in Temeschwar kommandierte der Mehemed Aga über zwölftausend gute türkische Truppen und eine Legion Kuruzzen.«

»Kuru –?«

»Du weißt nicht«, lachte der Graf, »was das für Völker waren? Man sieht, daß du aus Bayern kommst und noch sehr jung bist. Du weißt also nicht, daß die Madiaren mit den Türken da und dort gegen uns gefochten haben? Daß wir ihr Land zum Teil gegen sie von den Türken befreit haben? Zweihundertjahre gingen sie mit den Türken gegen den Kaiser. Der Zàpolya hat den Soliman schon 1529 nach Wien geführt, der Tököly 1683 den Kara Mustapha, und zuletzt ist ihr Freund, der Rakoczy, mit seinen Kuruzzen bis Wien gekommen Die Franzosen wollten nicht, daß das Haus Habsburg, das die Türken überwunden hatte, zu mächtig werde. Sie gaben diesem madjarischen Fürsten die Mittel, Krieg gegen Wien zu führen. Kaum war Hungarn befreit, kam der Dank. Weil einige Adelige Steuern zahlen sollten und Befreiungstaxen, gingen sie mit dem Rakoczy gegen uns.« Er schwieg eine Weile sinnend, dann sprach er: »Beim Sultan ißt er jetzt das Gnadenbrot, der Rakoczy. Und seine Truppen, mein Sohn, so wie die des Tököly, hießen Kuruzzen. Sie haben, als wir ihr Vaterland befreiten, von Wien bis Belgerad, überall mit den Türken gegen uns gekämpft. Auch hier.«

»So sind die Madjaren?« rief der junge Kapitän voll Erstaunen.

»Nicht das Volk! Das ist nicht unedel! Aber ihre Herrensippe ist so, die nie wollte, daß in Hungarn eine starke Hand Ordnung mache, und ihrem unglücklichen, leibeigenen Volke den Frieden bringe. Doch davon ein andermal … Was wollte ich eigentlich erzählen?« Er zog seinen Tschibuk, der beinahe erloschen war, wieder in Brand.

»Wie Ihr den Plan faßtet.«

»Ja! Wie ich den Plan faßte, ein anderer Mercy zu werden. Der Generalissimus hatte uns hergeschickt, den Herzog von Württemberg mit der Infanterie, den Johann Palgy mit der Kavallerie und mich mit allen Kartaunen und dem schwersten Geschütz, das wir bei Peterwardein benützten. Da habe ich dieses Land zwischen den drei Flüssen von Orsova bis Arad und bis an die Grenze von Siebenbürgen gründlich kennen gelernt. Eine von der Natur gebaute Festung ist dieses Land zwischen Donau, Theiß und Marosch immer gewesen. Für die Römer, die Goten, die Avaren, die Hunnen, die Türken. Den Frieden aber hat es nie gehabt.Wie dankbar müßte dieses Stück Erde dem sein, der es in ein Kulturland verwandelt! So sagte ich mir, als wir aus unserer neuen Festung Arad und aus Lippa die Geschütze über die Heide herüberschleppten, um Temeschwar zu bezwingen. Eine wilde, großartige Pflanzenwelt überall und Urwälder, das Klima südlich. Seit den Römertagen hatte dieser Boden keinen Pflug mehr getragen. Die elenden Dörfer waren ausgestorben, in ihren Erdhütten hausten die Wölfe. Kein Singvogel im ganzen Lande, nur die Aasgeier kreisten in den Lüften, und Millionen Raben suchten nach Leichen. Und während unsere Kartaunen ihr wildes Spiel gegen die Festung eröffneten, gestand ich dem Generalissimus, der den Oberbefehl übernommen hatte, meinen heimlichen Wunsch. So wie jenseits der Donau, in der Baranya und in Tolnau im kleinen, so möchte ich hier im großen arbeiten. Ein Trajan möchte ich diesem verkommenen Lande werden, wenn wir es erobert haben. Alle Kulturen des Westens und des Südens möchte ich hier begründen dürfen. Die Armee des Friedensstandes müßte die Vorarbeit leisten, und hunderttausend Ackerbauer sollten das Werk vollenden.

Der glorreiche Prinz hörte mich lächelnd an. Er mag die Projektenmacher nicht. Aber mich hörte er an.

,O Vanità!' rief er. O Vanità!' (O Eitelkeit!) Er hielt das Land nicht für kulturfähig, er wollte es nur unterworfen haben und seine Grenzen militärisch sichern. Aber am nächsten Tage kam er selbst darauf zurück. Es sei am Ende doch un cosa grande (eine große Sache), was ich ihm entwickelt habe. Er hätte ähnliches ja schon auf seinen ungarischen Gütern versucht. Und er werde an mich und meine Sache denken in Wien.

Wir haben dann am 23. September ein türkisches Entsatzkorps, das herbeigeeilt war, geschlagen und dem Mehemed Aga mitgeteilt, daß alle seine Hoffnungen eitel wären. Er ergab sich nicht und ließ sagen, er wisse wohl, daß der Prinz Eugen schon stärkere Festungen bezwungen habe, doch seine Pflicht sei, Temeschwar zu halten bis zum letzten Mann. Von drei Seiten schützten ihn Sümpfe. Er hatte nur eine zu verteidigen. Und seine Kanonen antworteten den unseren sehr gut. An Proviant schien es ihm auch nicht zu fehlen. Wenn ein früher Winter kam, waren wir ohnmächtig. Nur wenn es gelang, die Türkenstadt in Brand zu setzen, konnten wir sie besiegen. Und als endlich all unsere schweren Stück beisammen waren, probierten wir das. Wir schossen drei Tage und drei Nächte ununterbrochen, nahmen die Vorstadt Palanka, legten Bresche in die Stadtmauern, und der rote Hahn krähte endlich an allen Enden. Am vierten Tage hißte Mehemed Aga die weiße Fahne. Er sehe ein, daß sein Wilderstand nutzlos sei, ließ er sagen. Wenn das ganze Land gefallen wäre, müsse er auch das Zentrum übergeben. Aber in Ehren! Sonst nicht. Und der Prinz gewährte ihm und seinen Truppen den Abzug in allen Ehren. Das genüge nicht, ließ er sagen. Auch die Kuruzzen, die an seiner Seite kämpften, müßten sich mit ihm zur türkischen Armee nach Belgrad begeben dürfen. Da lachte der Generalissimus laut auf, denn wir hatten gar nicht gewußt, daß die Leute des Rakoczy auch hier gegen uns und den tapferen Palffy mit seinen Husarenregimentern kämpften. Und der Prinz ließ sich die Feder reichen.«

»Er hat es unterschrieben?« rief der Neffe.

»Mehr als das, mein Sohn. Er schrieb mit fester Hand an den Rand des Vertrages: La Canaglia puo andare dovt vuole. Eugenio von Savoy' ( »Die Canaille kann gehen, wohin sie will.« Historisch beglaubigt vom Biographen des Prinzen, Alfred von Arneth.) Das Wort machte die Runde im ganzen Heer, und es flog mit der Botschaft vom Falle Temeschwar auch nach Wien.«

Der Kapitän lachte. »La canaglia!«

»Nach dem Abschluß des Vertrages kamen die gegenseitigen Geschenke. Der Pascha schickte zwei schneeweiße Araberhengste an den Generalissimus und andere kostbare Dinge, mir verehrte er einen Säbel in goldener Scheide, den ich dir morgen zeigen werde. Und der Prinz gab Revanche. Er ließ dem Pascha seine neue, goldene Sackuhr überreichen, die als ein Wunder galt, weil sie die Stunden schlug. Nie hatte der Türke so etwas gesehen, und unsere Herren machten das Bonmot, er habe diese Uhr erhalten, damit er jederzeit wisse, wie viel es für die Türken geschlagen habe.«

»Und das Land war frei?«

Der Graf nickte.

»Diese letzten Türken sind über Pancsova nach Belgrad gezogen und die Kuruzzen mit ihnen. Ein Jahr später haben wir sie dann dort noch einmal geschlagen.«

»Und in Temeschwar? Was geschah hier?«

»Wir zogen am 18. Oktober 1716 ein in die entsetzliche Stadt. Den dreiundfünfzigsten Geburtstag unseres Generalissimus feierten wir in einem rauchenden Trümmerhaufen. Er ging bald nach Wien in das Winterquartier und übertrug mir das Kommando. Meine cosa grande aber, das sagte er mir beim Abschied, die wolle er dem Kaiser vortragen und nach Kräften unterstützen. Und er hat sein Wort eingelöst. Bin Gouverneur mit unbeschränkten Vollmachten, und was ich aus dieser Provinz mache, das wird sie sein. Und Ich will sie zu einem Lande machen wie mein Lothringen, wie das Elsaß, wie die Champagne oder die Rbeinpfalz.«

Der Kapitän schaute ihn betroffen an »Und wo nehmt Ihr die Bevölkerung her dazu?«

»Von dort? Eben von dort! Sind schon viele hundert Familien hier; Tausende werden kommen, Zehntausende.«

»Jetzt verstehe ich. Aus verlorenen oder halbverlorenen Ländern des Kaisers werden treue Untertanen hierher verpflanzt?«

»Ja, siehst du den anderen Mercy?« rief der Graf aufgeräumt. »Der Tolle wird verbrannt, und aus seiner Asche soll der Friedensengel sich erheben. Der Friedensengel mit dem lahmen Bein.«

»Herr Oheim«, sagte der Kapitän mit Wärme, »ich will nicht umsonst so manches gelernt haben von den technischen Wissenschaften bei den bayerischen Pontonieren; wenn ich in diesem Klima nicht zugrundegehe, will ich in Wahrheit Euer Adjutant sein.«

»Bravo, Herr Neveu! Das ist das erste gescheite Wort, das du geredet hast von Wien bis hierher. Ich habe schon gemeint, du hättest nicht nur dein Herz, sondern auch deinen Kopf in Wien gelassen.«

Und er drückte dem Neffen, der wie ein junges Mädchen errötet war, kräftig die Rechte.

Der Audienztag des Gouverneurs

Ein trüber Herbstmorgen lag über der Stadt, es wollte der Sonne lange nicht gelingen, die Sumpfnebel zu durchbrechen. Aber vor dem Palais des Gouverneurs entfaltete sich alsbald ein lebhaftes Treiben, die Abordnungen stellten sich ein, den Grafen zu begrüßen. Die militärischen Vertreter hatten den Vortritt. Dann kam die katholische Geistlichkeit. Die Diener kannten die Rangordnung genau, und sie weihten den Herrn Kapitän in dieselbe ein, der seinen Dienst als Adjutant versah. Zuerst kamen die Jesuiten, dann die Franziskaner, dann der Stadtpfarrer. Erst nach dem Magistrat mit dem Stadtrichter wurde die griechisch-orientalische Geistlichkeit vorgelassen. Nach ihr der serbische Knes (Gemeindevorsteher) aus der Palanka. Dann der Rabbi von den Sephardims, den spanischen Juden. Und so weiter.

Die militärischen Würdenträger beglückwünschten den Grafen und den Feldherrn. Und sie berichteten über die Sicherheitsverhältnisse und die mannigfachen Vorfälle in Stadt und Umgebung, über den betrüblichen Gesundheitszustand der Besatzung, die Fortschritte am Festungsbau und über den Ausbau der riesigen Siebenbürger Kaserne, in der Mercy Raum schaffen wollte für drei Regimenter. »Kein Geld! Kein Geld!« Nun, er hatte gute Nachrichten für die Herren. Jetzt käme bald Tempo in alles. Sogar neue Pläne für ein Artilleriezeughaus habe er mitgebracht, und einen französischen Festungsbaumeister hatte man ihm in Wien bewilligt, der im Frühjahr seinen Dienst antreten werde. Das verkündete er mit seiner Trompetenstimme. Und zwei Zentner Chinin seien auch unterwegs für die fieberkranken Soldaten. Die Chirurgen sollen nicht sparen mit den Medikamenten, ließ Mercy ihnen sagen.

Der Provinzial der Jesuiten, Lorenz Pez, kam mit einem Pater. Graf Mercy sah sie zum erstenmal, sie waren neu. Und er bat sie, Platz zu nehmen, er war gespannt, was sie ihm zu sagen wußten. Er hatte für ihre Berufung gestimmt, da sie als die besten Lehrer galten, die eifrigsten Förderer des Schulwesens.

»Domine spectabilis, wir kommen, um dero gnädigen Schutz in dieser Stadt zu bitten«, sagte der Provinzial, ein schwarzer, hagerer Mönch, demütig. »Man hat uns die große Moschee mit ihren Nebengebäuden überwiesen, und wir wollen dieselbe, wenn man uns ein neues Dach bewilligt und einen Turm, mit Gottes Hilfe gerne in ein Seminarium unseres Ordens verwandeln. In einer so verderbten, sittenlosen Stadt, wo viele Völker und viele Religionen zusammenströmen, ist eine schwierige Arbeit zu leisten; es bedarf der ganzen Strenge der kirchlichen Behörde, und auch die militärische Gewalt wird sich vor dieser beugen müssen, wenn das geistliche Ansehen sich befestigen soll.«

Der Graf machte: »Hm«, und der Provinzial fuhr fort: »Es wird nötig sein, Domine spectabilis, daß Sie sich einen Beichtvater wählen, um ein gutes Beispiel zu geben. Wir rechnen darauf, daß unser Orden durch dero Wahl ausgezeichnet wird.«

»Permission, Hochwürden«, fiel der Graf ein, »ich habe meine geistlichen Bedürfnisse bisher beim Herrn Stadtpfarrer befriedigt. Auch haben wir einen Feldvikar bei der Armee. Die stehen mir näher.«

Der Provinzial verneigte sich, demütig lächelnd, mit den Händen sein Bedauern ausdrückend, und fuhr fort: »Noch erhebt sich in dieser Stadt kein heiliges Standbild. Wir sind sehr verwundert und bitten schleunigst um die Mittel für zwei Statuen. Unser Seminarium wollen wir der unbefleckten, heiligen Maria weihen. Ihr gebührt die erste Statue, wir brauchen ein Wallfahrtsziel für die römisch-katholischen Gläubigen. Und wir brauchen Glocken für die Kirche, ein schönes Geläute ist die Zierde einer Stadt.«

»Meine hochwürdigen Herren, dafür habe ich leider kein Geld. Haben Sie Geduld, bis Ihre Gemeinde größer ist und wohlhabender, und sammeln Sie dann selbst die Mittel im Kreise der Gläubigen. Wenn Sie aber eine Schule errichten wollen, wo man die Kunst des Lesens und des Schreibens und Rechnens lehrt, dann will ich trachten, Sie zu unterstützen.«

»Oh, das kommt, das kommt!« rief der Begleiter des Provinzials; dieser aber ergänzte dessen Worte mit der Bemerkung: »Zuerst müssen die religiösen Grundlagen geschaffen werden, Exzellenz.«

»Ja, ja, die müssen vorhanden sein?« sagte Mercy und erhob sich. »Also arbeiten Sie, meine hochwürdigen Herren, arbeiten Sie, ich will tun, was ich kann.«

Der Provinzial sah, daß die Verabschiedung da war, es warteten ja noch viele andere draußen, aber er hatte noch etwas auf dein Herzen. Er blieb vor dem Grafen stehen und sah ihm in die großen, braunen Augen.

»Domine spectabilis, ich habe eine Frage an Sie zu stellen, über deren Beantwortung ich nach Rom berichten muß.«

»So fragen Sie, Hochwürden«, sprach Mercy ernst.

»Was soll werden mit diesem Lande zwischen den drei Flüssen?« fragte der Provinzial. »Gehört es zu Hungarn und wird auch hier der heilige Stephan verehrt werden? Oder ist es eine andere Provinz? Wenn das der Fall wäre, dürfte dieses von Gott verlassene Land nicht einen Tag länger ohne einen Landespatron gelassen werden, ohne einen Fürsprecher im Himmel. Der heilige Vater wird ihm einen bestellen.«

»Dieses Land«, sprach Mercy und betonte jedes Wort, »gehört dem Kaiser. Schon bevor es an die Türken gefallen, gehörte es dem Peter Petrowitsch und nicht dem König von Ungarn. Jetzt aber ist es ein erobertes Land, ein Land, in dem nicht ein Madjare wohnt. Hier ist allerdings Raum für einen neuen Landespatron. Wenn der heilige Vater uns einen gibt, setzen wir ihm sogleich ein Standbild.«

»Wir danken!« sprach der Provinzial, und beide Jesuiten verneigten sich tief vor dem Gouverneur. Sie gingen befriedigt von dannen.

Graf Mercy sah ihnen lächelnd nach. Die arbeiteten ja für seinen Herrn … mögen sie doch diese Provinz in die Gnade eines Himmlischen übertragen. Sie kann dessen Fürbitte brauchen. Der heilige Stephan hat jenseits der Marosch Arbeit genug.

Ein armer, verkümmerter Greis mit wallendem weißen Bart stand auf der Schwelle, ein Bettelmönch in härenem Gewand, barfuß, den Leib mit einem Strick gegürtet.

Der Gouverneur ging ihm entgegen. »Herr Quardian, seien Sie mir willkommen«, sprach er, reichte ihm die Hand und geleitete ihn zu einem Sitz. Der Mönch wackelte dankend mit dem kahlen Schädel und setzte sich.

»Eccellenza«', flüsterte der Greis«, ick wollen nur zeigen, daß noch lebe. Nit mehr lange. O nein! Freude groß, Eccellenza gesund sein; Eccellenza wird helfen, wird macken wieder christlich dieser Lande. Gratia! Gratia! Freude groß.«

Der Graf verneigte sich dankend. Er kannte den Quardian Francesco von den Franziskanern schon länger. Sein Orden hatte erstaunlicherweise die hundertvierundsechzigjährige Türkenzeit überdauert in dieser Stadt, die Paschas duldeten das kleine Kloster, das nie mehr als drei bis vier Bettelmönche beherbergte. Deren Kirche hatten sie allerdings in eine Moschee umgewandelt, und den Mönchen war nur ein Betsaal geblieben für ihre christliche Gemeinde. Er reichte hin, denn diese Gemeinde war langsam ausgestorben, es gab zuletzt keine zwei Dutzend Christenmenschen mehr in der Festung, und das Kloster, das seit einem Jahrhundert keine Ergänzung mehr von außen erfuhr, war auch dem Erlöschen nahe. Ein dienender Laienbruder, ein alter Mönch und der fast hundertjährige Quardian waren die letzten.

»Haben Sie Dank, Hochwürdigster« sprach Mercy, »daß Sie sich zu mir bemüht haben. Geht es Ihnen gut? ja?«

Der Greis wehrte ab. »No, no.«

»Sie sehen gesund aus. Besser, wie vor vier Jahren.«

»Gratia, Gratia. Das macken die Freude. Kein Halbmond mehr … Überall die Kreuze. Jesuite arbeiten eccellentissimo. Ick sein alt, Pater Vitus sein alt. Kommt zu uns niemande. Vergessen! Vergessen!«« sprach er wehmütig.

»Haben Sie sich nicht nach Rom gewendet, Herr Quardian? Sich nicht in Erinnerung gebracht?«

»No, no… Ick nit kann schreiben. Pater Vitus nit kann. Arme, vergessene türkische Franziskaner.«

»Ich werde schreiben lassen für Sie.«

»No, no! Dann müssen fort in Armehaus. No, no … will sterben hier. Prego, nit schreiben… Wenn tot, macken Eccellenza neue Kloster. Rufen junge Mönke. Bitte, uns lassen da«, wimmerte der alte Mann und erhob sich.

»Gerne, Herr Quardian Leben Sie in Frieden«, sagte der Gouverneur und geleitete den Greis bis zur Tür. Dann trat er ansein Schreibpult und schrieb: »Den Piaristenorden aufmerksam machen, daß altes Franziskanerkloster und Kirche bald für ihn frei wird. Deutsche Mönche rufen.«

Indessen meldete der Adjutant den Stadtpfarrer Johann Wunderer.

Ein behäbiger, breiter Mann trat mit heiterer Miene ein.

»Mein devotestes Kompliment, Euer Gnaden«, sprach er. »Meine submisseste Gratulation, Herr Graf!«

»Danke, danke, Herr Stadtpfarrer«, sprach Mercy. »Sie gedeihen hier, wie ich sehe.«

»Ja«, lachte dieser. »Man tut seine Pflicht und lebt.«

»Was macht die Kirchengemeinde?« fragte der Graf, der dem Gast einen Platz angeboten hatte.

»Sie wächst, sie wächst! Wir werden eine neue Kirche brauchen, Exzellenz.«

»Herr Stadtpfarrer, Sie werden mit mir zufrieden sein. Ich habe in Wien an Sie gedacht. Dort baut der große Künstler Fischer von Erlach jetzt an einer neuen Kirche, die dem heiligen Karl Borromäus geweiht sein wird. Ein Wunderwerk wird das. Ich war bei ihm, wie er Seiner Majestät die Pläne erklärte. Und da dachte ich, wenn wir von dem Manne doch eine Kirche für Temeschwar haben könnten! Nicht losgelassen hat es mich. Und bevor ich abreiste, ging ich mit dem Hofkammerrat Stephany noch einmal hin. Herr Stadtpfarrer – versprochen hat er es mir. Er zeichnet uns die Pläne für eine Domkirche. Und die sollen Sie haben und kein anderer. Auf dem großen Platz soll sie einmal erstehen.«

»Tausend Dank, gräfliche Gnaden, ich bin ganz gerührt. Wenn ich es nur erlebe!«'

»Darüber bin ich ganz beruhigt«, sprach der Graf lächelnd. »Aber nun sagen Sie mir, Hochwürden, wird fleißig geheiratet, kommt Nachwuchs, hebt sich die Bevölkerung von innen heraus? ja?«

Der joviale Pfarrer wurde ernst. »Exzellenz«, sagte er, »da kann ich nichts Gutes melden. Ich habe im letzten Jahr nur sechzig Kinder getauft, aber fünfhundert Menschen begraben.«

»Was?« schrie Mercy in maßlosem Erstaunen.

»Ja, war denn hier die Pest?«

»Durchaus nicht. Nur das Sumpffieber, das wir immer haben.«

»Das ist ja entsetzlich! … Aber Sie sagten doch, die Gemeinde wächst?«

»Durch Zufluß, Exzellenz. Nur durch Zufluß. Aber es kommen zu wenig Frauen, zu wenig deutsche Mädchen.«

Der Graf ging rasch zu seinem Schreibpult und notierte sich das. Indessen sprach er zu dem Pfarrer: »Man wird künftig nur noch Ehepaare aufnehmen. Jeder muß ein Weib mitbringen.«

Als er zu ihm zurückkehrte, setzte er sich nicht mehr, und es erhob sich auch der Stadtpfarrer.

»Mein letzter Stadtkommandant«, sagte der Graf lächelnd, »hat Sie wohl nicht mehr zu Trauungen kommandiert, was? Sie nicht mehr ausweisen wollen?«

»Nein, nein«, entgegnete lachend der Pfarrer. »Und die Jesuiten haben das lutherische Paar, das ich damals kopulierte, auch schon katholisch gemacht.«

»Also ist alles in Ordnung? Kein räudiges Schaf mehr in der ganzen Stadt?«

»O doch! Noch ein Paar haben wir. Aber der Herr Feldvikar hat es kopuliert, nicht ich«

»So? Nun hoffen wir auch in diesem Fall auf die Jesuiten.«

»Jawohl! jawohl!« rief der Stadtpfarrer heiter. Und scheidend sagte er: »Exzellenz, ich werde träumen von der künftigen Domkirche. Tausend Dank!

Indessen war der Neffe des Gouverneurs im Vorsaal mit den Vertretern des Stadtmagistrates in ein angeregtes Gespräch gekommen. Schon der Anblick dieser deutschen Männer tat dem Kapitän wohl. Und sie schwäbelten und redeten Bayrisch und Frankforterisch durcheinander, daß ihm das Herz aufging. Ihre Gewänder waren eine Musterkarte von süddeutschen Volkstrachten, und jeder trug sein Haar anders, aber die innere Einheit stand ihnen auf dem offenen Antlitz geschrieben und in den blauen Augen. Deutsche Leute in dieser fernen Wildnis!

Und er meldete seinem Oheim den Stadtrichter Tobias Balthasar Hold, seinen Stellvertreter Peter Solderer, die Stadträte Andreas Pfann und Peter Mayer und den Herrn Notarius Erling.

Der Stadtrichter und Bürgermeister trug als Abzeichen seiner Würde einen langen Stock aus dunklem Ebenholz mit einem silbernen Knauf und einer gelbseidenen Troddel. Er nahm seinen Dreispitz in die Rechte, den Stock in die Linke und schritt voran. Tief neigte er sich vor dem Gouverneur, und seine Begleiter, die sich einen Schritt hinter ihm in einer Reihe aufgestellt hatten, taten dasselbe.

»Hochmögender Herr Graf«, sprach Tobias Hold, »der deutsche Stadtmagistrat von Temeschwar macht seine tiefste Reverenz. Er will seine große Freude bekunden über Dero glückliche Wiederkehr und hält sich jederzeit bereit zu den Diensten Eurer Exzellenz. Wir seind gekommen, unsere Gratulationes auszusprechen und Dero Befehle zu empfangen.«

»Ich danke Ihnen, Herr Stadtrichter, und Ihnen allen, meine Herren vom Magistrat, daß Sie zu mir gekommen sind«, sprach der Graf einfach und herzlich »Wir kennen uns ja alle. Und wir wollen uns künftig wieder in die Hände arbeiten, damit diese Stadt aus dem unseligen Zustand herauskommt, in dem sie sich noch immer befindet.« Und zu dem Stadtrichter gewendet, sagte er: »Ich freue mich, daß man Sie wieder an die Spitze der Gemeinde berufen hat. Sie waren der erste deutsche Bürgermeister dieser Stadt und haben in schwerer Zeit Ihre Pflicht getan. Das vergißt man Ihnen nicht in Wien. Fahren Sie so fort, Herr Stadtrichter, wie vor Jahren.«

»Oh, Exzellenz!« entgegnete abwehrend Tobias Hold. »Meine Mitbürger haben mir wieder ihr Vertrauen geschenkt, und ich will beflissen sein, es zu verdienen. Mein junger Stellvertreter, der wackere Peter Solderer, ist meine beste Stütze.«

»Hat der Magistrat Wünsche oder Beschwerden?« fragte der Gouverneur. »Bitte, mich über alles zu unterrichten.«

»Exzellenz, wir wollen diese ersten Stunden Ihrer Anwesenheit nicht zu Beschwernissen ausnützen. Unser Wunschzettel ist sehr groß geworden in Dero langer Abwesenheit«, sprach Hold.

»Zum Beispiel, Herr Stadtrichter?«

»Nun denn. Hin.« Er räusperte sich und sagte festen Tones: »Sind wir eine deutsche Stadtgemeinde, Exzellenz?«

»Das sind Sie. Eine Gemeinde deutscher Katholiken befahl der Generalissimus in dieser Festung zu bilden. Alle anderen Völker sind in die Vororte verwiesen worden. Hat sich darin etwas geändert? Ich will nicht hoffen.«

»Exzellenz, die Serben fordern die gleichen Rechte. Es ist ein ständiger Streit. Ihr Knes in Palanka und ihre Popen hetzen gegen die Schwaben. Wir sind in dieser Festung unseres Lebens kaum sicher.«

»Sie übertreiben wohl, Herr Stadtrichter?«

»Nein, nein« , murmelten die Männer.

»Er sa't die Wohrheit!« rief Andreas Pfann.

»Ich will es untersuchen«, sagte Graf Mercy ernst. »Das war also eine Beschwerde. Und die Wünsche?«

»Hundert kleine Hilfeleistungen werden wir erbitten, Exzellenz. Für den Bau des Rathauses soldatische Arbeitskräfte und Wiener Ziegel. Für den Bau eines Malefizhauses einen Platz an der Stadtmauer. Sind zu viele Spitzbuben da. Und Trinkwasser, Exzellenz, Trinkwasser! Man hat draußen bei den Fabriken eine Quelle entdeckt. Die Pontoniere sind so geschickt, wir wollen Röhren aus Baumstämmen machen lassen, und sie sollen uns eine Leitung bauen bis auf den Hauptplatz herein. Wenn wir kein Wasser kriegen, sterben wir alle hier.«

»An diesem Eifer erkenne ich Sie, lieber Hold«, sprach Mercy. »Das soll gemacht werden. Ich verspreche es, meine Herren. Mein neuer Adjutant, mein Neffe, ist ein halber Ingenieur. Der wird Ihnen die Leitung bauen«, sagte der Graf, und sie dankten ihm alle in lebhaften Worten.

Er aber sagte immer weiter: »Was noch?« Und sie legten ihm Punkt für Punkt ihrer Wünsche dar. Einer war auch der: Man könne sich aus der alten Heimat kein Geld schicken lassen, es sei so unsicher und weit. Der Notarius Erling aber hätte einen Gedanken. Niemand wollte ihn bisher anhören, und doch bedürfte es nur eines Machtwortes und allem Übel wäre abgeholfen.

»So sagt mir diesen Gedanken!« sprach Mercy.

Erling räusperte sich. »Exzellenz, ich meine gehorsamst, es könnten alle kaiserlichen Kriegskassen im Deutschen Reich und in Wien von Zivilpersonen Geld annehmen und an die Kriegskasse hierher verrechnen.

»Wie, das wäre so einfach?« fragte nachdenklich der Graf. Und der Notarius bewies es ihm. Aber das war nicht leicht, das bloße Verrechnen wollte dem Grafen nicht einleuchten, da könnte allerlei geschehen … Aber er wollte sehen und notierte es sich. Warum sollen die Kriegskassen sich solche Gelder nicht gegenseitig zuschicken? Gewiß, da sei ein Weg …

Ob Handel und Wandel sich ein wenig gehoben hätten, wollte der Gouverneur wissen.

»Nein«, sagte Peter Solderer. Das sei ein trügerischer Schein der ersten Jahre gewesen. Die große Armee wäre vermindert, und jetzt spüre man erst, daß diese Stadt kein Hinterland habe. Niemand komme zu Markt, es fehlen Käufer und Verkäufer. Als ob sie am Ende der Welt wohnten, sei ihnen manchmal.

»Das wird in zehn Jahren schon anders sein!« rief der Graf. »Und es wird in zwanzig Jahren hier sein wie in Augsburg und Nürnberg, denn es bereiten sich große Dinge vor. Schreibe ein jeder in seine alte Heimat und rufe 'Freunde herbei. Deutsche Leute! Ehepaare mit Kindern! Denn ich fürchte sehr, es kommen zu viel andere, wenn der Kaiser ruft. Er hat ja auch spanische und italienische Untertanen. Rings um diese Stadt und weit hinauf bis an die siebenbürgische Grenze und hinab bis gegenüber von Belgrad soll deutsches Land werden, sollen Ackerbauer und Gewerbetreibende sich tummeln. Dann wird diese Stadt haben, was ihr jetzt fehlt. Ruft mir deutsche Pflüge herbei und deutsche Mütter!«

»Exzellenz! Wir bitten um Urlaub, damit wir diese frohe Botschaft dem allbereits versammelten Magistrat berichten können«, sprach Tobias Hold mit bewegter Stimme.

»Adieu, meine Herren. Mit Gott ans Werk!«

Und er reichte jedem die Hand. Nie hatte man den gefürchteten Soldaten in solcher Huld und Milde gesehen. Es begann wohl ein neuer Zeitabschnitt für diese vielgeprüfte Stadt.

Der Gouverneur stand an seinem Pult und schrieb sich mit schwerer Hand und für andere kaum leserlich, Schlagwort um Schlagwort auf, während sein Neffe ihm meldete, daß die serbischen Popen vorgelassen zu werden wünschten. Ob er sie vielleicht für einen anderen Tag bestellen solle?

Nein, nein, er fühlte sich noch frisch genug. Aber sie sollen ihren Knes aus der Palanka auch gleich mit hereinbringen. Wozu die vielen Einzelaudienzen?

Die schwarzbärtigen Serben traten ein. Ein wenig verwildert sahen sie aus für Priester, aber stattlich und männlich. Und der dicke Gemeindevorsteher aus der Vorstadt Palanka stand hinter ihnen. Sie grüßten Serbisch. Dann aber sprach der Senior Lateinisch, und das ging. Das hatte Mercy auf der Jesuitenschule in Wien gründlich gelernt.

Sie beklagten sich bitter gegen das Regiment in der Stadt. Die Serben seien früher da gewesen als die Deutschen. Ihrem Wojwoden Peter Petrowitsch habe das Land einst gehört, der Zapolya habe es ihm verkauft. Und die Serben hätten die Türkenzeit überdauert in der Stadt, kein Pascha habe sie ausgewiesen; das tat erst der vielgepriesene Eroberer Prinz Eugen.

Da schwoll dem Grafen die Zornesader auf der Stirne, und er gebot dem Redner ein Silentium, wie er noch keines gehört. »Weil diese Serben verkommen waren in mehrhundertjähriger türkischer Sklaverei, darum konnte der Generalissimus keine Gemeinde mit ihnen bilden und ihrer Verwaltung keine kaiserliche Festung anvertrauen. Werdet wieder Menschen und dann kommt, mit euren Rechten!` donnerte er ihnen zu. Einstweilen müsse ihnen die Vorstadt genügen Er werde das Standrecht verkünden in der Stadt und in der Palanka, und wehe dem, der etwas unternehme gegen die öffentliche Ordnung. »Ihr habt gegen uns Krieg geführt, so wie die Kuruzzen, eure früheren Rechte hat der Teufel geholt. In dem Vertrag mit Mehenied Aga ist von euch keine Rede! Was wollt ihr also?«

Der Saal erdröhnte von der mächtigen Stimme, und die Abordnung der spanischen Juden, die draußen harrte, ergriff bestürzt die Flucht. Sie wollten lieber ein anderes Mal kommen, sagte der Rabbi.

Aber der serbische Priester ließ sich nicht einschüchtern. Er beugte das struppige Haupt und ließ die Zornesrede wie ein Gewitter über sich ergehen. Er wußte, daß Menschen, die solchen Ausbrüchen ihres Temperaments unterworfen waren, dann wieder Vernunftsgründen zugänglich wurden.

»Großmächtiger Herr«, sagte er, »mein unglückliches Volk verdient nicht Ihren Schimpf. Alte Rechte verjähren nicht. Die Türken sind unsere harten Herren gewesen, und wir waren Sklaven. Aber sie haben in den Häusern unserer Väter gewohnt. Da die Türken fort sind, wem gehören diese Häuser?«

»Baracken!«

»Gut. Wem gehören die Baracken? Wir verlangen und fordern, wieder in die innere Stadt gelassen zu werden. Wir verlangen einen bescheidenen Anteil am Leben der Gemeinde. Mögen die Schwabski, die freilich halbe Götter sind gegen uns und mehr gelernt haben als wir alle, die Mehrheit haben; mögen sie entscheiden; wir wollen lernen von ihnen und keine Rajah bleiben wie unter den Türken. Auch wir glauben an Jesus Christus.«

Graf Mercy schaute dem Sprecher in die funkelnden Augen und schwieg. Dann fragte er den Popen, wie er heiße.

»Pater Joannes.«

Er schrieb sich den Namen auf und dazu die Worte: »Wieder rufen lassen.« Dann kehrte er zurück zu der Gruppe und sprach. »Ich habe Sie angehört, Pater Johannes, und Sie haben auch meine Meinung gehört. Wir können uns später vielleicht einander nähern. Lernen Sie die Sprache der Schwabski. Und beweisen Sie Ihre Besitzrechte in dieser Stadt. Ich bin hier, damit jedem Untertan des Kaisers sein Recht werde. Aber wehe dem, der die Ordnung stört.«

Damit entließ er die Serben, und auch sie gingen befriedigt von dannen. Nicht alle Hoffnung war ihnen genommen, im Gegenteil, sie durften an eine Wiedergeburt glauben.

»Noch wer im Vorsaal?« fragte der Gouverneur.

Herr Jakob Pieß, der Erbauer des neuen großen Gasthofes auf dem Hauptplatz, lasse als letzteruntertänigst um eine Audienz bitten, meldete der Kapitän.

»Mein Konstabler? Der brave Pleß aus Ulm? Herein mit ihm! Der hat wacker geschossen bei Peterwardein und hier. jede Kugel war ein Treffer. Nur herein mit ihm!« rief der Gouverneur.

Bei den Kuruzzen

»Was ist das für ein Mandat aus Wien?« schrie Baron Parkoczy dem wohlbeleibten Graukopf entgegen, der unter devoten Bücklingen bei ihm eintrat. »Was soll ich beweisen? Notarius, übersetz' Er mir das!«

Der Notar aus Mohatsch, Herr Julius Martonffy, wünschte dem Gestrengen so viele gute Morgen, daß dieser für längere Zeit damit auskommen konnte, aber es schien ihn nicht darnach zu gelüsten, diese Wünsche zu hören. »Was sagt Er dazu? Was sagt Er?« polterte der Baron und drückte dem Gast den Akt in die Hand, dessen Inhalt ihn so sehr erregte. Dann riß er ein Fenster auf und schrie in den Schloßhof hinaus: »Kusch, Caraffa, kusch!« Und der Hund, der dort gebellt hatte, schwieg augenblicklich.

Martonffy hatte ja gleich gewittert, daß da etwas Besonderes in Frage kommen müsse, weil man ihn nicht wie sonst mit dem Ochsenwagen, sondern mit der herrschaftlichen Kutsche und den Rappen ins Kastell zu Dobok holen ließ; aber Atem schöpfen wollte er ja doch, ehe er antwortete. Er wehrte den Baron, den er als einen lauten Herrn kannte, und der jetzt wieder auf ihn einzureden begann, sanft ab und sah sich nach einem Sitzplatz um.

Eine plumpe Bank ohne Lehne, ein paar Stühle, die der Zimmermann gemacht zu haben schien, und ein runder Eichentisch nahmen sich gar seltsam aus als einziger Hausrat in der gewölbten romanischen Halle, die auf eine hochherrschaftliche Vergangenheit des Kastells hinzuweisen schien. Martonffy ließ sich auf einem der klobigen Stühle beim Tisch nieder und breitete das Papier prüfend vor sich aus.

»Domine spectabilis«, sagte er, »das ist ein Akt der hungarischen Hofkammer in Wien. Was soll ich daran übersetzen?«

Der Baron Parkoczy schaute ihn unter buschigen Augenbrauen tückisch an. »Kann Er Latein oder kann Er nicht Latein? Sieht Er denn nicht, daß der Akt in einer Sprache geschrieben ist, die wir wohl reden, aber nicht lesen können? Was untersteht man sich in unserer Hofkanzlei? Will man die Sprache unserer Bauern zur Schriftsprache erheben? So ein Flickwerk von neuen Worten, die niemand im Hause versteht, nicht meine Söhne, nicht meine Gemahlin, die Gräfin. Die behauptet übrigens, sie kapiere so viel von dem Wisch, daß ich etwas zu beweisen hätte. Zum Teufel, was ist das? Warum schreibt man mir nicht Lateinisch?«

Der Notar war indessen schon an die Arbeit gegangen. Während der Baron, aus einem türkischen Tschibuk rauchend, sporenrasselnd im Saal auf und nieder schritt, beugte das kleine Männchen aus Mohatsch sich über den Akt und buchstabierte sich im Kopfe die Übersetzung ins Lateinische zusammen. Auch ihm war es neu, daß die hungarische Hofkammer in Wien Akten in der Volkssprache ausfertigte. Mußte ein neuer Wind wehen dort droben. Sitzt wohl ein Narr in der Kanzlei.

Der Schritt des Barons wurde immer schneller. Sein mächtiger Bauch schwabbelte in dem enganliegenden Attila, sein Gesicht rötete sich immer mehr. Aus einem Zinnkrug, der auf dem Tische stand, machte er ab und zu einen Schluck, und es schien eine große Unruhe in ihm zu sein.

»Nun, nun, ist Er denn noch nicht bei dem Beweis?« Der Notar winkte mit großer Devotion ab und ließ sich nicht stören, es waren einige Seiten Text, und auch ihm war die neumagyarische Schriftsprache nicht gar geläufig, die da ein Stilkünstler versuchte. Türkisch verstand er besser.

Der Baron ahnte wohl den Inhalt. Er hatte schon etwas läuten gehört davon, daß einige Gutsbesitzer in der Baranya und im Tolnauer Komitat zur Rechenschaft gezogen wurden. Auch sie sollten beweisen … Zwei hat man davongejagt, und ihre Güter sind vermessen worden von den fremden Teufeln, diesen kaiserlichen Ingenieuren, die sich da in Begleitung von Labanzen (Fußsoldaten des Kaisers) herumtrieben. Hat man darum die Türken verjagt, daß jetzt böhmakische oder deutsche Spürhunde losgelassen wurden auf die uralten Herrensitze? Sollte man nicht froh sein, daß sie wieder Herren haben, diese Güter? Was wissen diese fremden Leute von Landesbrauch? Was wissen die, was hier ein Herr ist, wo man den Besitz nicht nach der Anzahl von Jochen, sondern nach der Anzahl von leibeigenen Seelen schätzt? Joche genug, Menschen keine! Aber zu ihm sollen sie nicht kommen! Er wird sie jagen, diese kaiserlichen Schnapphähne. Reden die von einer Befreiungstaxel Hahahat Wer soll die bezahlen? Die Schädel schlägt er denen ein, die etwas ihm begehren. Und darauf trank er immer noch eins.

Martonffy, der Notar, erhob jetzt die Stimme. »Euer Gnaden, nehmen Platz, bitte; ich lese den Akt also Lateinisch.« Und er begann feierlich: »In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti. Amen. Ego Carolus III. Dei gratia Hungariae Rex . . .«» »Hol' Ihn der Kuckuck!« schrie Baron Parkoczy. »Diese Formeln kann Er den Bauern vorlesen, nicht einem Obristen des Tököly … Weiter, weiter!«

Aber Martonffy ließ sich nicht irre machen und nicht einschüchtern. Und was las er? Der Kaiser und König forderte ihn, den Stephan von Parkoczy, im Namen des dreieinigen Gottes auf, nachzuweisen, mit welchem Recht er auf Dobok, auf Apar und auf Szent Marton sitze, da diese Güter doch niemals einer Familie Parkoczy gehört hätten und mehr als hundertfünfzig Jahre dem Paschalik von Mohatsch einverleibt waren. Nur das Kastell Parkocz mit fünf unbewohnten Dörfern weise auf eine Familie dieses Namens zurück. Die drei großen Güter, die der Stephan von Parkoczy jetzt als die seinen beim Komitat bezeichnet, und auf die er sich im Ausmaße von zwölf Quadratmilen habe eintragen lassen, seien binnen drei Monaten zu räumen, wenn das Besitzrecht nicht unzweifelhaft nachgewiesen werden kann. Alle drei Kastelle: Dobok, Apar und Szent Marton seien mit stürmender Hand von den Truppen des Markgrafen von Baden den Türken entrissen worden; kein Parkoczy war in der ganzen kaiserlichen Armee, der edle Name hat für ausgestorben gegolten, an der Befreiung des Landes nahm das Geschlecht jedenfalls nicht teil ' Wo war es? Es melde sich ungesäumt bei der hungarischen Hofkammer in Wien und beweise seine Ansprüche, widrigenfalls die drei Herrschaften als Kameralbesitz des Kaisers und Königs erklärt und mit Kolonisten besiedelt werden.

Sprachlos, mit hochgerötetem Gesicht, war Parkoczy dagesessen, während der boshafte Notarius Martonffy das furchtbare Dokument ihm voll Behagen vorlas.

»Les' Er noch einmal!« schrie der Baron jetzt. Und der Notar las noch einmal, während Parkoczy auf und nieder trabte und den Boden stampfte wie ein Tschardaschtänzer.

»Man soll nur kommen!« rief er. »Man wird Dobok noch einmal erobern müssen. Ein ganzes Arsenal haben wir. Dreißig Handschars, hundert Flinten und zwei Mürkenkanonen. Sie sollen nur kommen, diese Räuber«, tobte er, »und nehmen, was unser ist. Hei, wird es da blutige Köpfe geben! Mit Tököly habe ich diese Schlösser wieder erobert. Verstanden?«

Der Notar ließ den Baron sich austoben und hörte gelassen zu. Dann sagte er trocken: »Damit wird nichts bewiesen. Im Gegenteil.«

»Wie? Was?«

»Euer Hochgeboren werden die Gnade haben, mir all' Ihre Familienpapiere zu zeigen.«

»Jetzt nicht! Glaubt man, ich wäre ein Abenteure , wie der und jener? Man sollt mir beweisen, daß ich im Unrecht bin. Wie soll ich beweisen? Kann ich meine Vorfahren lebendig machen, die von den Türken erschlagen worden sind? Hm? Kann ich das? Man soll meine Papiere suchen, drüben, in dem ausgebrannten Kastell von Parkocz.«

»Euer Gestrengen besitzen also keine Beweise?« fragte Martonffy.

»Wer sagt das?« brüllte der Baron. »Ich werde sie holen, wenn es sein muß. Es werden welche bei meinem Vetter, dem Banffy, in Siebenbürgen liegen. Dort hat sich unsere vertriebene Familie erhalten. Glaubt man, daß es dort nichts zu tun gab? Hat mich der Markgraf von Baden gerufen, daß ich ihm hier helfe? Haben wir ihn gebraucht? Wir waren dort, wo der Ungar hingehörte. Zuerst beim Tököly, dann beim Rakoczy. Aber jetzt sind wir wieder da, und keine Hofkammer wird uns vertreiben. Ist denn nicht Friede? Schöner Friede! Zur Türkenzeit war man sicherer. Aber warte Er. Warte Er.« Und Parkoczy ging durch eine rissige Tür, durch die der Wind blies, in das Innere des Schlosses.

Der alte Notar sah ihm spöttisch nach … Auch er, der alte Martonffy, entstammte einer Gentry-Familie, die vor der Türkenzeit reich begütert gewesen sein soll. Wo? Das wußte niemand mehr. Er war kinderlos und hatte sich abgefunden mit dem Schicksal, sein Beruf nährte ihn gut. Aber unempfindlich für die Not seines Vaterlandes war er nicht. Nie hatten die Seinen ein anderes Gefühl, als daß sie in der Türkei lebten. Sein Großvater und sein Vater lebten als Handwerker in Mohatsch, und sie waren beinahe Türken. Er selbst sprach besser Türkisch als Magyarisch, und wäre der Karl von Lothringen nicht gekommen Anno 1687 und hätte Moatsch wieder erobert und die ganzen türkischen Komitate diesseits der Donau, er würde wohl selbst ein Janitschar geworden sein und kein Notar. So aber hatte der Bischof von Fünfkirchen sich seiner angenommen und ihn juristisch ausbilden lassen. Der begann schon früh damit, das öde Land ringsum mit Schwaben zu besiedeln, und er bildete Geistliche, Lehrer und Beamte für sie heran. So kam auch Martonffy jung zu einem Wirkungskreis in der Diözese. Aber zum Besitz seiner Ahnen kam er nicht, den kannte niemand. Was tat's? In diesen verworrenen Verhältnissen brauchte man gute Juristen, und er war einer. Die Behaglichkeit einzelner wuchs wild, aus ehemaligen Panduren wurden große Herren. Sie machten sich selber dazu. Wer konnte es hindern? Die stärkere Faust entschied. Jetzt aber sollte da Ordnung geschaffen werden … Selbst der Prinz Eugen hat ihn, den Notarius Martonffy, nach Bellye bescheiden lassen, als das fürstliche Gut ihm vom Kaiser zugesprochen wurde. Die Wiener Beamten brauchten seine Kenntnis von Land und Leuten, seine Kenntnis des ungarischen Staatsrechtes, ehe sie dort ein Besiedlungswerk begannen. Welch ein Besitz! Über fünfzehn Quadratmeilen im Ausmaße. Aber die früheren Leibeigenen waren als Sklaven in die türkische Gefangenschaft fortgeschleppt worden, und es gab keinen Ertrag für den neuen Herrn. Urwälder, Höhenzüge für Weinkulturen, weite Gebiete für Feldfrüchte – und mitten drin nur niedergebrannte, verlassene Dörfer, in deren Erdhütten einst Türken hausten und Tataren. Da und dort spärliche Reste einer Urbevölkerung, halb vertierte Kumanen, versprengte Serben und Zigeuner. . . Das alles aufzunehmen und als Notarius zu beglaubigen, war er bereit. Es war eine traurige Arbeit . . . So also sah sein Vaterland aus? Welch ein Elend! Aber dann sah er Jahr um Jahr die deutschen Einwanderer die Donau herabkommen und über Mohatsch nach Bellye wandern, wo fünfunddreißig Dörfer zu besiedeln und neu anzulegen waren. Er, Martonffy. der Notar des Prinzen, hat ihre Pässe vidiert, hat für Herberge gesorgt, und ihnen den Weg gewiesen in die neue Heimat. Hat viel verdient dabei. Prächtige Männergestalten, rotbackige blonde Weiber, kinderreiche Familien. Und zum Teil nicht ohne Vermögen. Sie kamen mit Ackergeräten und Handwerkszeug, die Frauen und Mädchen trugen riesige Päcke – aber sie waren leicht, es befanden sich Federbetten darin. Einzelne Familien kamen mit Wagen und Pferden zu Lande. Und schon nach zwei Jahren sah Martonffy viele von ihnen wieder – sie erschienen auf den Märkten in Mohatsch und

Fünfkirchen und Szegzard mit ihren Bodenprodukten, und man staunte sie an, diese Schwaben. Das alles wuchs in dem Hinterland? Der Prinz Fugen hatte gewußt, was der Boden wert war. Andere auch. Aber ist es dem Baron Parkoczy je eingefallen, etwas ähnliches zu versuchen? Wie die Wilden lebten er und seine Söhne auf den unermeßlich großen Gütern, hausten ärger wie die Türken. und preßten, wo zu pressen war. Kann schon sein, daß sie gar nicht hierher gehören. Kann schon sein.

Der Baron kam endlich zurück. »Damit Er nicht umsonst gekommen ist! Hier Dobok, hier Apar, und hier Szent Marton.« Und er legte drei lateinische Urkunden vor ihn hin.

Martonffy nahm sie gespannt zur Hand. Aber Parkoczy bemerkte mißbllligend, wie rasch er von einem Blatt zum andern überging, und wie sein Gesicht allmählich seine Enttäuschung widerspiegelte.

»Euer Gestrengen, damit können wir nichts anfangen« sagte der Notar. »Daß Sie sich beim Komitat haben vor zehn Jahren auf die drei Herrschaften anschreiben lassen, wird hier bestätigt. Sonst nichts.«

»Nun ja. Was sonst? Als die Aufforderung erging, die alten Familien, denen ein Besitztum verloren ging, möchten sich melden, da meldete ich mich. Und das Komitat hat das zur Kenntnis genommen. Ein Urahn von mir war Obergespan hier, bitte sehr!«

»Domine. spectabilis, Sie werden doch nach Siebenbürgen reisen müssen um die anderen Urkunden«, sagte Martonffy und zuckte mit den Achseln. »Ihr Federfuchser hackt einander kein Auge aus! rief mißmutig der Baron. »Was glauben die Herren in Wien von mir? Bin ich ein Räuber?«

Martonffy schaute dem erzürnten Mann pfiffig in das gerötete Gesicht. »Vielleicht ist es ihnen dort aufgefallen, daß die freiherrliche Familie, was doch sonst nicht vorkommt, im Besitze dreier aneinander grenzender großer Herrschaften gewesen sein soll.«

»Seit der Landnahme durch Arpad war unsere Familie in dieser Gegend begütert. Drei Brüder Parkoczy hausten hier nebeneinander.«

»Domine spectabilis, ich bin davon überzeugt« sprach der Notar geschmeidig. »Aber das muß sich doch irgendwie beweisen lassen!«

»Wer weiß. Wer weiß . . .«

»Und was ist es mit Parkocz?« fragte der Notar lauernd.

»Das ausgebrannte kleine Kastell Parkocz? Möchte man uns jetzt auf das zurückweisen? Das war unsere Stammburg«, sagte der Baron. »Später ein Witwensitz.«

»Sehr überzeugend, Euer Gestrengen … Wer bestätigt es?«

»So lauten die ungeschriebenen Traditionen unseres Hauses!« sprach Parkoczy. »mit Schreibereien hat sich nie einer abgegeben. Sie führten das Schwert.«

Eine bleiche, hochgewachsene Dame trat ein, ihre Formen waren fast jugendlich, das ernste Gesicht aber, das einen vergrämten Zug hatte, ließ sie älter erscheinen.

»Da sind Sie ja, liebste Gemahlin« rief Parkoczy und ging ihr entgegen. Der Notar erhob sich und machte seine Reverenz.

»Bon jour, bon jour, Martonffy«, sprach die Baronin, und ihre dunklen Augen weilten besorgt auf dem überhitzten Antlitz ihres Gemahls, als wollten sie fragen: Mein Herr, wie sehen Sie aus?

»Sie allein haben erraten, liebe Helene, was in dem Hundspapier da steht. Soll er es Ihnen auch vorlesen?«

»Oh, merci!« sagte sie fast bestürzten Tones. »Da ich Ihr Gesicht sehe, weiß ich alles … Nun, das ist ja auch anderen Familien begegnet. Nicht wahr? Was ist zu tun, Herr Notarius?«

»Wir brauchen Beweise, gnädigste Baronin.«

»Wir werden uns mit den Waffen verteidigen!« rief Parkoczy. »Sie sollen nur kommen! Ich werde mich erinnern, wer ich war.«

Die Baronin sah ihn voll Hohn an: »Wie? Begraben Sie das! Hier gilt es nicht!«

»Oder ich werde zu Schwager Banffy reisen und nach Urkunden suchen. Er sagte mir oft, daß wir Ansprüche haben.«

Die Baronin stand sinnend da. Ein vorwitziger Sonnenstrahl, der sich durch den Erker hereinfand, zitterte über ihr feines Gesicht hin und zeigte die tiefen Kummerfalten darin auf . . . Sie entstammte einem stolzen Geschlecht, sie war eine Gräfin Erdödy und fühlte sich als solche. Ihre verwandtschaftlichen Verbindungen reichten weit. Es mußte möglich sein …

»Welchen Termin hat man uns gegeben?« fragte sie sanft, und ihr Blick suchte die Augen des Notars.

»Drei Monate, gnädigste Baronin. Aber man wird einen längeren zugestehen, wenn der Beweis versucht wird . . .«

»Es ist also Zeit genug, nach Wien zu reisen.«

»Nach Wien?« schrie Parkoczy. »Ich nicht! Niemals!«

»Lieber Stephan«, sagte die Baronin spitzig, »dann werden Sie also mir erlauben, sogleich zu reisen.«

»Überrascht fragte der Baron: »Sie wollen im Ernst?«

»Ich sehe kein anderes Mittel«, erwiderte sie scharf. »Da muß schon ich wieder eingreifen.«

Martonffy verstand nichts von diesem Geplänkel, aber er rieb sich die Hände und stimmte der Baronin beifällig zu. »Das ist sehr gut, Euer Gnaden, sehr gut. In Wien ist alles Heil für uns zu suchen. Dort ist man voll Liebe für die neue Provinz.«

Ein vernichtender Blick des Barons machte den Notar verstummen. Aber was er auf den Lippen hatte, sagte er nicht, seine Frau sah ihn gar seltsam an. Endlich sprach er: »Es war also überflüssig, Martonffy, daß ich Ihn berief. Wir beweisen nicht, wir schießen auch nicht – wir gehen petitionieren.«

Die Baronin lächelte überlegen und schwieg.

Da stürmte ein verwildeter junger Mann, der kaum dem Knabenalter entwachsen sein konnte, mit der Flinte auf dem Rücken in die Halle herein.

»Papa! Papa!« rief er. »Zwei Wölfe und einen Eber!«

Er stellte das Gewehr hinter die Tür und schleifte eilig die draußen liegenden beiden Wölfe herein.

»Andor! Andor!« rief die Mutter abwehrend.

Hinter Andor tauchte jetzt ein größerer junger Mann auf, der schon einen dunklen Flaum auf der Oberlippe hatte. Er trug ebenfalls eine Flinte über dem Rücken. Er lachte draußen hellauf über den Bruder und bückte sich. Dann schleifte auch er etwas heran. Es war die Wildsau.

Der Baron blähte sich voll Stolz über die Jagdbeute seiner Söhne und schüttelte ihnen die Hände, er begann ein lärmendes Gespräch und wurde nicht müde, zu fragen und sich erzählen zu lassen, wo und wie sie die Tiere erlegt hätten. »Noch drei solche Kerle, und wir haben unsere Winterpelze!« rief der Baron und stieß die Wölfe mit dem rechten Fuße zärtlich an.

Indessen wendete sich die Baronin an den Herrn Notarius. Sie wollte genau wissen, welcher Art die Papiere sein müßten, mit denen man in Wien seine Rechte beweisen könne. Und sie holte ihn aus, ob er nicht glaube, daß es vielleicht einen guten Eindruck in Wien machen würde, wenn der Baron, anstatt auf diesen Akt zu antworten, einstweilen Kolonisten verlangen würde, so wie andere Herrschaftsbesitzer es auch getan. Was brauche man zu warten, bis der Kaiser hier besiedle? Sie habe ihrem Gemahl schon immer geraten, er möge tun, was die anderen Herren tun.

Allerdings, meinte der Notarius, das könnte nicht schaden. Wer heute kolonisiere, der schmeichle sich ein in Wien. Er beweise damit, daß er ein wahrhaft großer Herr sei und auch an den Staat denke, der Bauern und Steuerzahler brauche.

Der Baron, der diese Redewendung aufgefangen hatte, schaute böse nach seiner Gemahlin. »Man komme mir nicht wieder damit! Es geschieht nicht! Ein großer Herr braucht Leibeigne. Sind diese Schwaben um Fünfkirchen und Bellye und Munkacs herum Leibeigne? Hm? Die kommen als Freie ins Land, die wollen hier Herren werden wie wir. Bei mir nicht!«

Und er wandte sich nach diesem Ausbruch seines Temperamentes wieder seinen Söhnen zu. Aber der ältere, Pista, war aufmerksam geworden auf das Gespräch, und er trat zur Mutter hin und dem Notar. Verwildert und struppig wie sein jüngerer Bruder sah auch er aus in seinem Jagdaufzug, sein Guba (kurzer ungarischer Pelz) war zerrissen, sein Haar seit langem ungekämmt, die Hände rot wie die eines Schlächters. So sah er mehr einem Räuber ähnlich als einem Edelmann, aber er hatte doch etwas von der Vornehmheit der Mutter in seinem Wesen und auch von ihrem überlegenen Geist. Er verstand sogleich, um was es sich handle, und er erriet auch den Inhalt des Mandats aus Wien schon vorher. Ernsthaft hörte Pista auf das, was der alte Martonffy jetzt von den Vorteilen der Besiedlung wüster Ländereien mit Schwaben erzählte. Allerdings wären sie Freie, aber sie gehörten ja doch zum niederen Volk der Steuerzahler; wenn man sie einige Jahre schone, werden sie die besten Melkkühe im Lande. Sie zaubern sich ihren Wohlstand überall aus dem Boden. Für alle großen Herren haben sie die Befreiungstaxe an die Kriegskasse erarbeitet.

»Enye, und wo bekommt man diese Schwaben?« fragte Pista. »Papa will nicht, aber ich möchte schon. Wenn nicht hier auf Dobok, so drüben auf Apar oder Szent Marton.«

Das sei für private Herrschaften nicht so einfach, erwiderte der Notarius. Die Leute trauen nicht jedem. Es kommt darauf an, wer sie rufe. Aber wenn die gnädigste Frau Baronin nach Wien reise, wenn sie dort alle Rechte des Hauses beweisen könne und gleichzeitig um Kolonisten ersuche – wer weiß, ob die Hofkammer nicht welche rufe.

Die Frau Baronin nickte. »So Gott will, wird mir das gelingen. Gewinne Er indessen nur meinen Gemahl ein wenig für solche Gedanken. Komm' Er öfter herüber, wenn ich fort bin, zu meinen drei Wilden«, sagte sie lächelnd. »Der Pista ist schon gelehrig.«

Der Baron hatte ein paar leibeigene Diener herbeigebrüllt, und die schleiften die toten Wölfe wieder aus der Halle. Den Eber ließ man liegen, Pista wollte es. Das Mittagessen schmecke ihm noch einmal so gut, wenn er den Wildgeruch in der Nase habe.

Martonffy wollte sich empfehlen, da man hier schon vom Mittagessen sprach. Aber das geschah nur pro forma, er wußte ganz gut, daß man ihn vor Abend nie fort ließ. Nach Tisch fuhr man immer auf die Pußta hinaus, zu dem großen Szalla's (Viehpferch), zur Schafschur, und dann besuchte man die Schweineherden auf der Weide, die zwei einzigen Erwerbsquellen des Hauses. Der Baron kannte keinen höheren Stolz als den auf seine zweitausend Schafe und seine tausend Schweine. Und wenn man von der Pußta zurückkam, hatte er immer einen Riesendurst. Da mußte Martonffy ihm jedesmal die Freude machen, sich unter den Tisch trinken zu lassen. Die Preise der Schafwolle waren zwar elend, und die Mutterschweine wurden gar nicht mehr bezahlt, aber ein paar Faß Wein trug es schon noch. Und die Söhne trafen das auch schon, das Unter-den-Tisch-trinken der Gäste. Die Parkoczys auf Dobok ließen sich nicht spotten. Das Schweinsgulyasch wurde in einem Kessel auf die Eichentafel gestellt, jeder erhielt seinen Holzlöffel und einen Zinnteller. Ein Laib Schafkäse lag daneben. Die Weinkrüge wurden immer wieder gefüllt, und die Tschibuks stopfte der alte Jancsi, der Heiduck des Barons. Er schlug Feuer und legte den glühenden Zunder auf den Tabak, und er sorgte auch für die Beleuchtung, wenn es dunkelte. Er brachte eine große Schüssel mit Schweinefett, aus der drei brennende Dochte über den Rand hervorragten. Die brannten gar fein und verbreiteten einen den Herren wohlgefälligen Duft.

Ihre Gnaden, die Baronin, blieb immer unsichtbar bei diesen Gelagen. Sie hatte ihre alte Mutter bei sich, die Gräfin Erdödy, eine unermeßlich stolze Greisin, die niemals teilnahm an den gemeinsamen Mahlzeiten und sich nur von ihrer Tochter bedienen ließ. Sie hatte ihr halbes Leben in Wien und Paris verbracht und mißachtete dieses asiatische Treiben ihres Schwiegersohnes und ihrer Enkel. Aber Helene war ihr liebstes Kind, und sie selber zählte jetzt achtzig. Da die Heimat doch wieder frei geworden war von den Türken, kehrte sie in dieselbe zurück und wollte hier sterben. Eine scheue Verehrung um gab sie.

Martonffy verstand vollkommen, auf was sich die Hoffnungen der Baronin stützten: auf die mächtigen Wiener Freunde dieser Mutter. Sie war sehr schweigsam beim Mittagstisch, ihre Mission arbeitete schon in ihr. Und als man auch heute gleich nach dem Essen auf die Pußta hinaus fuhr, verabschiedete sie sich rasch von dem alten Notarius. Sie hoffe, ihn im Herbst wiederzusehen, sagte sie. Und er gestattete sich, Ihrer Gnaden viel Glück zu wünschen. Der alten Exzellenz ließ er sich in Demut empfehlen.

Die Ausfahrt zu dem Stolz derer von Parkoczy vollzog sich wie immer. Die Wolle wuchs reichlich auf dem Rücken der Schafe, der Käse, den die Weiber der Juháße (Schafhirten) bereiteten, schmeckte nicht übel, und die Schweinehirten meldeten, daß ein so fruchtbares Jahr schon lange nicht dagewesen, es seien mindestens noch fünfhundert Ferkel zu erwarten.

Da lachte der freiherrliche Großschweinebesitzer und drehte den langen braunen Schnauzbart auf. »Was brauchen wir Schwaben? Hm? Auf Apar und Szent Marton läßt Gott ebenfalls Schweine und Schafe wachsen, so wie hier. Gott hat Hungarn reich mit Speck gesegnet.«

»Domine spectabilis«, entgegnete lächelnd der alte Notar, »die Herren in Wien wollen keinen Speck, die fordern Steuern, Steuern! Diese Schweine aber sind frei.«

»Hol' sie der Teufel, die Herren in Wien! Wir wollen nichts von ihnen.«

»Hahaha! Wer zahlt die Kriegsschulden? Man wird zuletzt doch den Adel besteuern müssen.«

»Dann stürzt die Welt ein!« rief Parkoczy. »Dann soll der Türk nur gleich wiederkommen. Wir gehen alle wieder mit dem Rakoczy, wenn er ruft.«

»Vizony!« stimmten die Söhne zu. »Gewiß!« Und ihre Augen blitzten. Es waren echte Kuruzzen, und der Vater freute sich ihrer.

Martonffy schwieg … Zum erstenmal stimmte den alten Notar diese Fahrt durch die verfallenen, ausgestorbenen Dörfer über die öde, abgegraste Heide melancholisch. Sümpfe und Akazienwälder waren die einzige Abwechslung. Er mußte an Bellye denken. Wie ganz anders sah es dort aus. Ein Paradies im Vergleich mit dieser Wüste. Und der Vilainyer Wein, den sie hier so gern tranken, den zogen dort die Schwaben aus Reben, die sie vom Rhein mitgebracht hatten. Mußte es hier so wüst bleiben? Gehörte dieses weite Stück Gotteserde nur den Schafen und Schweinen? Man baute so viel Weizen hier an, als man Brot brauchte. Warum nicht mehr? Warum nicht tausendmal mehr? Weil es an Menschen fehlte. In Oberungarn gab es jetzt wieder eine Hungersnot, die Leute starben dort wie die Fliegen. Mußte das sein? Was nützt der Speck, wo das Brot fehlt und der Staat keine Einnahmen hat?

Der alte Notar redete von so ernsten Dingen auf der Rückfahrt von der Pußta. Parkoczy war mißmutig verstummt, seine Söhne aber horchten auf. Und beim Wein wurde dann weitergeredet. Andor fragte ohne Ende.

Parkoczys Durst war heute mächtiger als je. Und seine Laune hob sich rasch, als sie beim Gulyaschkessel saßen. Im tiefsten Grunde war er voll Behagen darüber, daß seine Gemahlin die Fahrt nach Wien unternehmen wolle. »Sie wird dort Ordnung machen«, sagte er sich. – Die Erdödy waren immer schwarz-gelb . . . Gehörten immer zu den »Fideles« (Spottname der Kaisertreuen) »Sie wird Ordnung machen!« Und darauf leerte er uneingestanden manchen Krug Vilányer.

Die jungen Kuruzzen waren wohlgelaunt, der Wein mundete ihnen, wie dem Vater. Den alten Martonffy aber, der immer wieder so ernsthaft redete, obwohl seine Zunge schon schwer war, verhöhnten sie. Der Andor spielte, das Cymbal, und der Pista sang, Soldatenweisen, Kuruzzenlieder, die des Vaters Begleiter aus den Rakoczyschen Aufständen ihn gelehrt hatten. Lieder voll Haß gegen die Kaiserlichen, in denen man die Deutschen sah. »Hoih, hoih!« rief der Vater ihm ermunternd zu. Pista wußte, welches Lied er hören wollte:

Dieses Land ist ohnegleichen,
Willst du auch die Welt durchmessen;
Weizen wächst hier, Gold und Silber,
Das des Kaisers Schweine fressen.
Hoih! Hoih!
Früher waren die Madjaren
Nicht so große Mamelucken
Heute aber herrscht der Deutsche
Und wir sollen feig uns ducken.
Hoih! Hoih!
Früher hatten wir noch Kleider,
Reichverschnürte, ganz famose,
Heute trägt man deutsche Röcke,
Deutsch ist Hut und Frack und Hose.
Hoih! Hoih!
Hundgeborene Germanen,
Hergelaufenes Gesindel,
Bald erscheint der Held Rakoczy,
Und er schnürt euch dann das Bündtl.
Hoiht Hoih!

Baron Parkoczy wieherte und trank dem Sohne zu.

Der alte Notarius kannte längst das abscheuliche Lied. Und es ergrimmte ihn, daß es heute gesungen wurde, wo die kluge Baronin Helene den Entschluß gefaßt hatte, beim Kaiser Gnade zu erwirken … Aber er fühlte, daß er schon zu viel getrunken. Er konnte nicht mehr reden, wie er gemocht hätte. »junger Herr«, lallte er, »belieben sich zu – zu schämen … »

»Hoih! Hoih! Warum?« rief Pista heiter.

»Werden mi-ich scho-on verstehen.«

Und der Pista schwieg verdrossen … Hatte er nicht heute selber schon daran gedacht, Deutsche zu berufen?

Die Dunkelheit war schon längst hereingebrochen, als die Diener den Notar Martonffy, der gänzlich betrunken war, wieder einmal auf einen Ochsenwagen legten, der ihn nachts heimbringen sollte. Der Andor lag auf einer Bank und schlief, der Pista saß stumm vor seinem Krug und wollte sich nicht ergeben, Parkoczy selbst aber trat hinaus zu dem Wagen und ordnete an, daß man dem besiegten Notarius einen Bunda mitgebe, denn die Nacht sei kühl. Und zwei geschorene Schafe als Honorar für das heutige Konsilium, Sie wurden im Schragen des Leiterwagens, zu Martonffys Füßen, untergebracht. Wenn er erwachte, hatte er Gesellschaft. Schwankend trat der Baron aus der kühlen Abendluft zurück in die Halle, dann schlug er auf den Boden nieder.

Nach einer Weile lallte er: »Pista, mir scheint, du – bist heute der – Ca-apo.«

»Ija … Ija … » entgegnete dieser mit schwerer Zunge und trank dem Vater mit aller Anstrengung noch einmal zu. Aber der schnarchte schon. –

*

Seit Wochen war die Baronin Helene fort, der gute Geist des Hauses, vor dem sich der Mann und die Söhne beugten, fehlte überall. Die Großmutter aber, die Gräfin, die Exzellenz, zeigte sich nicht. Wie ein Gespenst aus fernen Zeiten hauste sie im südlichen Flügel des Kastells und hatte nur eine französische Kammerfrau um sich. Für die alte Dame und ihre Dienerin mußte besonders gekocht werden, die Gräfin aß zu anderen Tagesstunden als das ganze Haus, und sie lebte in einer anderen Welt. Schmerzlich entbehrte sie die Lieblingstochter, zu der sie sich nach einem schicksalsreichen, stürmisch bewegten Leben geflüchtet hatte. Aber sie billigte die Reise, sie unterstützte sie und hoffte das Beste von ihr. Freilich gönnte sie dem Parkoczy, dem Schwiegersohn contre coeur, wie sie ihn nannte, alles üble, aber er war nun einmal von Helene und ihren Enkeln nicht zu trennen, und sie mußte ihn mit einschließen in ihre Gebete …

Ihr helles Greisenauge sah weit in die Vergangenheit … Eugenie Erdödy, »die schöne Erdödy«, war eine Patriotin, sie liebte ihr Vaterland, das aus tausend Wunden blutete, das seit Jahrhunderten zerfleischt und zersetzt wurde von wölfischen Leidenschaften. Sie war noch ein Kind, als ihr Vater einmal sagte, es sei ein Unglück gewesen, daß Hungarn sich nicht freudigen Herzens dem Weltreich der Habsburger anschloß, als man die eigene nationale Dynastie verloren hatte. Und ihr Gemahl, der Kronhüter, war derselben Meinung. Der ewige Zank, der Widerstreit kleiner herrschsüchtiger Usurpatoren, von denen doch keiner die Kraft und die Macht hatte, ganz Hungarn zu einigen, fraß wie Gift an dem Volkskörper und ebnete den Türken den Weg zur völligen Unterjochung des Landes. Lieber waren diese Ehrsüchtigen Vasallen des Sultans als solche des deutschen Kaisers, lieber waren sie halbasiatische Scheinkönige, als Fürsten unter dem christlichen Schirm und Schutz des Westens. Und sie führten die Türken zweimal nach Wien hinauf, um sich die Gnade ihres Sultans zu sichern, sie wollten dem Türken die Hauptstadt der Christenheit preisgegeben sehen, nur um ihr eitles Vasallenkönigtum über einen Teil von Hungarn zu sichern … Als wäre es gestern gewesen, so steht eine Szene von 1683 vor den Augen der Greisin … Der Zichy Pista trat bei ihnen in Preßburg ein und rief: »Bruder, derTököly hat uns verraten!« »An wen?« fragte Christoph Erdödy. »An die Türken oder an die Kaiserlichen?« –Du hast sehr recht, so zu fragen«', erwiderte Zichy bitter, »denn er geht mit dem, der ihm mehr bietet. Von der Religionsfreiheit redet er und sein Königtum meint er. Jetzt will er sich die heilige Krone von Hungarn, die wir zu behüten haben, hier holen. Er kommt mit dem Kara Mustapha, er führt ihn nach Wien.«

»So wie einst der Zapolya!« rief Erdödy erschüttert. »immer dasselbe! … ja, Bruder, da sind wir verraten. Wer das reine evangelische Christentum mit Hilfe des Türken gegen die Römischen retten will, der ist ein Verblendeter. Wer sich die Krone des heiligen Stephan vom Kara Mustapha holen läßt, ist ein Verräter. Lieber papistisch als türkisch!« Und er schloß: »Die Krone muß nach Wien!«

Zichy war dagegen, er schwankte; vielleicht gab es doch noch einen sicheren Ort in Hungarn, wo man sich mit der Krone hinflüchten konnte. Sie berieten lange. Nein, es gab keinen. Und da kam auch schon der Abgesandte des Kaisers, der General Capliers, und riet dringend, die heilige Krone in Sicherheit zu bringen. Zichy forderte einen Revers von des Kaisers Hand, und Capliers holte ihn. Erdödy aber folgte dann der Krone des heiligen Stephan und verließ sie nicht; er ging mit ihr nach Wien, er folgte dem Hofe mit seinem Schatz nach Linz und blieb dort während der Belagerung von Wien als Hüter der Krone Hungarns. Die bange Frage: Soll auch Wien türkisch werden, lag monatelang auf der Christenheit. Da kamen die Befreier … Erdödy war habsburgisch gesinnt und stolz dar auf. daß die Krone nie auf Tökölvs Haupt gesetzt werden konnte, des türkischen Vasallen. Nur ein freies, stolzes Königshaupt dürfe mit der heiligen Krone Stephans geschmückt werden, sagte er. Die Gräfin Eugenie war dem Gemahl gefolgt, und hinter ihnen schlugen die Wellen zusammen, der Adel ging mit dem Tököly, mit den Türken … Vom Kaiser fielen sie ab, weil er ihnen keinen Sold zahlen konnte. Der Türke zahlte auch nicht, aber er wollte es, wenn er Wien erobert und geplündert hätte . . . Ihre Kinder hatte die Gräfin in diesen schweren Zeiten einem frommen Kloster anvertraut.

Hätte sie's doch nie getan! Gerade die Lieblingstochter der Mutter, die Helene, verschwand spurlos in jenen Tagen, niemand konnte Rechenschaft geben, wo das halbwüchsige junge Blut hingeraten war. Gräfin Eugenie war untröstlich. Jahrelang ließ sie das Kind suchen. Sie ging mit dem Gemahl, als er des Kronhüteramtes ledig war, nach Paris, später nach London, sie wurde als Schönheit gefeiert, aber ihre Helene vergaß sie nicht. All ihre Kinder kamen später in geregelte Lebensbahnen, nur Helene blieb verschollen. Sie galt als tot. Aber sie war es nicht. Der Baron Parkoczy, ein Parteigänger des Tököly, hatte heimlich ihr Herz gewonnen, hatte sie entführt, geraubt aus dem Kloster. Und sie wagte nicht, sich zu melden. Erst als sie vernahm, daß der strenge Vatei, der Kronhüter, der Feind Tökölys, gestorben war, tat sie es. Die Mutter fluchte ihr nicht. Sie ließ sie nach Wien kommen, sie nahm die Verlorengeglaubte in Gnaden auf. Und zuletzt kam sie zu ihr ins Vaterland, in das von den Heeren des Kaisers und Königs wieder befreite Hungarn. Denn zum König hatte man den mächtigen habsburgischen deutschen Kaiser, den Leopold, gewählt; ihm setzte der Palatin die heilige Krone auf, die ihr Gemahl einst vor Tököly und den Türken behütete. Das waren auch ihre stolzesten Tage. Jetzt war sie alt, in Wien vielleicht schon vergessen, der dritte habsburgische Kaiser schon trug die hungarische Krone, aber es lebten dort wohl noch Männer, die der schönen Erdödy einst zu Füßen lagen und um das Verdienst ihres Gemahls wußten. Helene wird nicht vergeblich bei ihnen anpochen… Daß sie, die Gräfin Erdödy, das für diesen Parkoczy erhoffen mußte, das verdroß sie im Innersten. Sie zweifelte gar sehr an seinen rechtlichen Ansprüchen; sie hatte nie etwas gehört von. dem wahrhaft fürstlichen Grundbesitz einer solchen Familie; diese Parkoczys gehörten sicher zum Kleinadel des Landes., Aber sie war Mutter, Großmutter. Sie mußte beide Augen zudrücken und dem Tökölyaner helfen, so gut sie konnte. Und es wird nicht leicht sein. Selbst wenn der Kuruzze diese großen Güter einst rechtlich besessen hätte, wären sie verwirkt. Nur Gnade konnte sie ihm wieder verleihen…

Von den Enkeln sah die Gräfin früher manchmal den Andor bei sich, selten den Pista. Es wollte sich kein wärmeres Verhältnis zu den Wildlingen bilden, sie waren die geborenen Kuruzzen und belächelten, was die Großmutter-Gräfin sagte. Das vertrug ihr Stolz nicht, und so wurde sie ganz einsam … Sie sonnte sich auf ihrem Altan an der Südseite des Schlosses und stieg nie in den Schloßhof hinab. Ihre Erinnerungen und ein paar französische Bücher genügten ihr für diese Welt. In die andere hoffte sie bald zu reisen.

Stephan Parkoczy, der Schwiegersohn contre coeuer, lebte in Freuden, seitdem seine gestrenge Helene nicht hier war; er hatte sich ein iunges kumanisches Eheweib, das ihm gefiel, als Wirtschafterin ausgeliehen von seinem Béres (Großknecht) in St. Marton, und dieses tat ihm in hündischer Unterwürfigkeit jeden Willen. Zwei Schweine in jedem Jahr, die sie sich mästen dürfe, hatte er ihr zugesagt, einen schönen Schafpelz für den Winter und einen goldenen Dukaten. Dafür wollte sie ihm in Liebe dienen, so lange er sie brauche. Und den jungen Herrn auch, wenn es ihnen gefällig wäre. Für dieses Wort gab ihr der Herr Baron sogleich eine Maulschelle. Für ihn allein wäre sie da, die Katicza, sagte er ihr, und für sonst niemanden. Wenn sie ihm die Treue bräche, bekäme sie die Bastonade (Stockprügel auf die Fußsohlen, eine türkische Strafe).

Der Andor schaute das dralle Weib mit großen Augen an, als es sich zum erstenmal neben den Vater setzte und mitaß am Herrentisch in der Halle. Und als die Kumanin am Abend mittrank und zärtlich wurde mit dem Vater, da stand der Andor plötzlich auf und spuckte ihr ins Gesicht. Dann ging der junge hinaus. Nur mit Mühe hielt Pista den Vater zurück, der den Bublen erschlagen wollte. Erschlagen, sagte der Halbtrunkene.

Und am nächsten Morgen war Andor fort. Mit ihm war auch das beste Pferd aus dem Stalle verschwunden.

Der Baron meinte, der Galgenstrick werde schon abends wieder heimkommen. Aber er kam nicht, und das war dem Vater gar nicht unlieb. Ein Spion weniger.

Er ließ sich in den nächsten Tagen einen jüdischen Händler aus Mohatsch kommen, dem er die Schafwolle verkaufte. Und zehn leibeigene Knechte schickte er mit Schweinen in die fernen Städte und Märkte, um Geld zu machen. Bis nach Fünfkirchen und Szegzard. Vorher ließ er sie einen Eid auf das Kruzifix schwören, daß sie jeden Heller, den sie einnahmen, heimbringen.

Er brauchte Geld. Seine Konkubine, die schöne Katicza, wollte der Baron reicher kleiden, mit Schmuck wollte er sie behängen, und wenn das Erntefest kommt, soll sie die Königin sein. Das versprach er ihr eines Abends beim Wein. Die Katicza wehrte verschämt ab. Königin sei doch immer ein Mädchen, sie aber habe schon zwei Kindlein zu Hause in St. Marton. Da habe sie recht, sagte der Baron; nun, so werde sie die Edeldame sein und den Schnitterkranz in Empfang nehmen.

Da schwoll dem Pista der Zorn und würgte ihn am Halse. »Das wird sie nicht!« schrie er mit halb erstickter Stimme, »oder ich gehe auch dorthin, wo der Andor ist … Bis wir Ernte haben, ist Mama wieder zurück. Und das ist ihr Amt!«

Aus stieren, versoffenen Augen sah der Baron ihn an. Bis die Kuruzzen Ernte haben, sind sie längst vertrieben von hier«, sagte er und ließ den schweren Kopf auf die Brust herabsinken.

Pista fuhr von seinem Sitze auf.

So stand es? Das war also seine heimliche Sorge, weil die Mutter so lange ausblieb? So wenig Hoffnung hatte der Alte auf die Stärke seines Besitzrechtes …

Der stolze, junge Mensch, auf dessen gebräunten Wangen der erste Flaum sproßte, war plötzlich nüchtern geworden, der Halbrausch, in dem er sich befunden hatte, war wie weggeweht. Er schob den Zinnkrug mit frischem Wein, den der alte Jancsi soeben gebracht, weit von sich. Keinen Tropfen wollte er mehr trinken, ehe er nicht volle Klarheit hatte, ehe er nicht alles wußte. Aber er sah ein, daß die heute nicht mehr zu erlangen war. Und so wie einst Andor, lief auch er jetzt in die Nacht hinaus, voll Ekel und Abscheu über das, was hier vorging. Aber er wird nicht davonreiten wie sein törichter, junger Bruder, er wird bleiben und wachsam sein. Und der Großmutter wird er sich anvertrauen; sie muß mehr wissen von dem, was ihnen droht …

Er stürmte hinaus, um seinen heißen Kopf zu kühlen. Tief im Westen stand die Sichel des Mondes, und ein leiser Hauch strich fröstelnd über die weite Ebene hin. Das tat ihm wohl. Er warf sich ins taufeuchte Gras und schaute zu den ewigen Sternen empor. Welcher war der der Parkoczy? Stand er überhaupt noch da oben? Mit seinen beiden jungen Fäusten wollte er ihn wieder dort befestigen. Ganz hoch oben. Aber wie? Wie? Er mußte selber lächeln über seine knabenhaften Gedanken. Die Erde unter ihnen hallte. Pista preßte sein rechtes Ohr auf den Rasen, und er vernahm deutlich den Hufschlag eines fernen Pferdes. Es schien sehr weit draußen auf der Pußta zu sein. Wer konnte da noch kommen? Eilig schien der Reiter es nicht zu haben. Wird wohl ein Csikos sein, der von der Tscharda heimreitet.

In dem matten Schein des Mondes lag das große, wehrhafte Kastell fast gespenstisch da. Die vier runden Ecktürme mit ihren hohen, spitzen Dächern hielten wohl seit Jahrhunderten die Wache über dem Geschlecht der Parkoczy. Der Parkoczy? Pista hatte es nie anders gehört. Und er will auch nichts anderes glauben, es kann nicht anders sein und darf nie anders werden. Der Vater war betrunken… .

Ist es nicht gräßlich, daß er jetzt immer betrunken ist, daß er kaum noch weiß, was er tut? Pista gelobte sich, nie mehr mitzutrinken. Er mußte es der Mutter beim Abschied versprechen und hat es nicht gehalten. Konnte es nicht halten. Er war zu schwach. Aber jetzt will er stark sein, und er hat auch einen Plan, sich und den Vater zu retten vor dem Wein. Man durfte ihn nicht einmal laut denken, diesen Plan. Aber es stand fest bei ihm, er wird den Wein beseitigen.

Der Hufschlag kam näher. Wer konnte das sein? Andor?

Er war es! Deutlich zeichneten sich die Umrisse seiner jugendlichen Gestalt von der untergehenden Mondessichel ab, und Pista erhob sich Wo mag der Junge drei Wochen gewesen sein? Sein Pferd war lahm, es trug ihn kaum noch.

Der Reiter, die aus dem Boden auftauchende, dunkle Gestalt erblickend, hielt an und lugte scharf aus.

»Ich bin es, Andor, – der Pista.«

»Servus! Servus!« rief der junge, schwang sich von dem ungesattelten Pferde und umarmte den Bruder.

»Wo kommst du her? Wie ist es dir ergangen?«

»Gut, gut … laß mich nur den Gyuri versorgen. Gleich bin ich bei dir … Der arme Kerl ist kaputt. Ganz kaputt.«

Und er schöpfte dem Pferde Wasser beim nahen Schwengelbrunnen, er klopfte den Stallknecht heraus und rief dem Verschlafenen zu, der Gyuri sei hier, er verdiene eine doppelte Ration Hafer. Dieser glaubte zu träumen. Er bekreuzte sich. Dann küßte er dem jungen Herrn die Hände und die bestaubten Füße, und nahm das müde Pferd in seine Obhut. Die Hunde schlugen an, sie kamen herbei und bewedelten den Hausgenossen, auch sie leckten ihm die Hände ab.

Und jetzt erst kehrte Andor zu Pista zurück, der an dem großen Trog des Brunnens lehnte und auf ihn wartete. Nur der Caraffa begleitete ihn, der mächtige Wolfshund, den ihr Vater nach dem blutigen kaiserlichen General Caraffa getauft hatte. Mit ein paar Sätzen war das Tier bei Pista, dann holte er Andor ein und ging ihm nicht mehr von der Seite.

»Also, wo warst du?« wiederholte Baron Pista seine Frage.

»Hm. Das errätst du im Leben nicht«», sprach Andor und setzte sich zu ihm auf den Rand des Troges. Zuerst wollte ich zur Mama reiten. Aber was weiß ich, wo Wien liegt? Und ein Pferd hält das wohl auch nicht aus, sagte ich mir. Zwei Speckseiten, einen Laib Käse und einen Laib Brot habe ich in die Torga gesteckt, aber keinen Kreuzer Geld hatte ich im Sack. Kann man ohne Geld nach Wien reiten? So hab' ich mir in der ersten Woche unsere Parkoczysche Erde angesehen. Warst du schon überall? Ich glaube nicht.«

»Ich war wie oft in Apar und in St. Marton, du Dummkopf. Wie denn nicht?« sprach Pista. »Ich kenne alles.«

»Haha, das glaubst du! Das glaubst du! Ich habe jetzt manches gesehen, das du nicht kennst. Habe da und dort in den Ruinen der Kastelle geschlafen, kenne jede Pußta, jede Tscharda, jeden Pferdedieb. Hab' Bruderschaft mit manchem getrunken.«

»Wenn du kein Geld gehabt hast?«

»Die Betyaren haben für mich bezahlt. Sie haben geglaubt, ich gehöre zu ihnen, ich sei ein junger Anfänger. Und eine Geliebte habe ich auch gefunden.«

Da lachte Pista.

»Oh, wenn ich dir von ihr erzählen wollte… Die Tochter der Wirtin von der Aparer Tscharda. Unter lauter Betyaren wächst sie auf und ist ein Engel. Lache nicht … Bruder, wie groß und wie schön ist unser Besitz. Aber tagelang bin ich fortgeritten, ohne einem Menschen zu begegnen. Kein Weg, kein Steg; Wald, Sumpf, dürres Heideland, ab und zu verfallene Hütten. Glaube nicht, daß wir im ganzen fünfhundert Leibeigene haben auf zwölf Quadratmeilen. Und hätten doch zwanzig Dörfer Platz. Wo nimmt der König die Soldaten her, wenn es überall so leer ist?«

»Hm. Wo nichts ist – – » Pista zuckte die Achseln. »Zuerst hat der Türke hier gemordet und geplündert, dann hat der Tököly, dann der Primas für den Kaiser, dann der Rakoczy überall Soldaten genommen, und jetzt hält man nur so lange Frieden, bis wieder welche nachgewachsen sein werden.«

»Bei uns wachsen keine!« rief Andor, »ich habe nirgends Kinder gesehen. Aber ich war auch dort, wo alles wächst, Getreide, Korn, Hafer, Gerste, Kukurutz und Wein, wo die Dörfer voller Kinder sind und in jedem Stalle Kühe stehen, wo es sogar Schulen gibt, und die Menschen Lesen und Schreiben lernen.«

»Wo ist das? Wo?« fragte Pista.

»Nicht gar weit, drüben in Bellye beim Jenö herczeg (Beim Prinzen Eugen), bei den verflixten Schwaben. Weißt du, wie die Leute diese Komitate im Scherz nennen? Die schwäbische Türkei! Rings um Högyész und Tevel liegt dieses neue Land. ja, was glaubst du, wo ich überall war? In drei Wochen kann man ein schönes Stück Welt sehen. Denke dir, da gibt es Pfarrer und Lehrer – Schulen, so wie in der Stadt Fünfkirchen beim Bischof Nesselrode. Und jetzt bauen sie auch schon Kirchen aus Stein in den deutschen Dörfern.«

»Die Bauern? Du bist ein Narr!«

»Ich bin kein Narr. Was glaubst du, was die alles im Stande sind? Ich sage dir, diese Bauern haben Leute unter sich, die einen Wagen machen können. In Mohatsch gibt es keine besseren zu kaufen. Ein anderer macht dir Kasten und bunte Truhen, so wie die Gräfin welche aus Wien mitgebracht hat. Wenn ich dir sage, daß in jedem zweiten Dorf sogar ein Schneider und ein Schuster wohnt, und man nicht nach Ofen muß, wenn der Vater eine neue Mente oder der Pista ein paar Cismen braucht, so kannst du dir denken, was das für Menschen sind. Und die Bauern und ihre Felder? Pista, geh', schau dir das an! jetzt weiß ich, wie es im Paradies aussehen mag.«

»Pah! Es werden wohl nicht lauter Schwaben im Paradies sein!« sprach Pista wegwerfend. Aber was der Junge da erzählte, und wie er es erzählte, das gefiel ihm. War drei Wochen fort, der Bub, und ist ein Mann geworden. Hat mehr Erfahrungen als er selber.

Andor hatte gelacht über die Bemerkung des Bruders vom Paradies, aber plötzlich wurde er ernst. So voll war er von seinen Erlebnissen, daß er nach dem Nächsten zu fragen vergaß. War die Mama schon gekommen? Was gab es im Haus Neues? Regiert noch die Katicza den Alten?

»Sie regiert ihn mehr als je. Du kommst gerade recht, wenn du wieder ausspucken willst«, entgegnete Pista. »Aber, gehen wir schlafen. Den Mond haben schon die Wölfe gefressen. Du wirst mir morgen mehr erzählen.«

Und sie gingen nach dem Kastell. Als sie in dem dunklen, wie in tiefen Schlaf versunkenen Bau standen, sagte Andor, er werde doch noch eine Viertelstunde zum Gyuri in den Stall gehen. Der Hengst sei halb lahm, er müsse ihn unbedingt noch abreiben lassen oder selbst abreiben. Und der Caraffa begleitete ihn auch dorthin.

Pista war es recht, daß er noch allein blieb. Er ging rasch voraus, es beschäftigte ihn schon lange etwas. Im Schloßhof war ein kleiner Schuppen, wo die Sensen hingen und die Sicheln und sonstiges Wirtschaftsgerät. Da nahm er ein Beil und verschwand damit im Dunkel. Eine schwere Tür knarrte in der Ferne.

Als nach einiger Zeit Andor aus dem Stall kam und im Hofe nach Pista ausspähte, wunderte er sich, daß der nicht auf ihn gewartet hatte. Er rief leise: »Pista! Pista!« Keine Antwort. Er pfiff. Erst nach dem dritten Signal kam aus dem inneren Schloßgang die Antwort.

Pista trat aus dem Dunkel hervor und ging wieder zu dem Schuppen. Dort schleuderte er das Beil hin, daß die Funken aus dem Steinboden aufspritzten.

»Was tust du?« fragte Andor.

»Komm schlafen!« sagte Pista. »Du wirst ja todmüde sein.«

»Was hast du gemacht?« sprach Andor noch einmal.

»Ach, frage mich nicht so viel!«

Und schweigend suchten sie ihr Nachtlager auf.

Die Völkerwanderung hebt an

Als der Türmer von St. Peter die sechste Morgenstunde einläutete, wurden die Tore der freien Reichsstadt Regensburg geöffnet, nicht früher. Viele hatten in der lauen Mainacht draußen gelagert, am Strand der Donau, bei den Landungsplätzen ober- und unterhalb der Brücke, die nach Stadt am Hof hinüber führte, und auch in den Auen des Unteren Wörth, denn die billigen Einkehrgasthöfe innerhalb der Stadt waren überfüllt. Bei der »Grünen Ente« hatten die Schiffer alles besetzt, beim »Goldenen Engel« wohnten die Herren Beamten, die sich etwa auf Kommissionsreisen befanden, dem »Goldenen Kreuz« aber, wo immer die Kaiser wohnten, wenn sie in Regensburg Reichstag hielten, traute sich kein Auswanderer in die Nähe. Ehrfürchtig schaute jeder zu dem Turm der alten Kaiserherberge empor und ließ sich erzählen, was sich in dem Hause schon alles begab. Von den tausend Bauern und Handwerkern, die sich jetzt allwöchentlich in Regensburg zusammenfanden, bekam kaum die Hälfte ein nächtliches Unterkommen innerhalb der Tore, die anderen mußten abends hinaus. Das nächtliche Herumlungern in den dunklen unbeleuchteten Straßen wurde nicht geduldet. Das Fräuleinstift von Obermünster erbarmte sich wohl der Frauen und Kinder, bei den Brüdern von den Schotten und bei St. Emeran nahm man auch drei Dutzend katholische Leute auf, die anderen mußten in Gottes Namen sehen, wo sie blieben, bis ihre Schiffe abgingen. Wer hieß sie auch, in so großer Zahl ihr Vaterland verlassen? Vergeblich warnte man sie.

Die Insassen vieler Marktwagen, die von drüben aus Stadt am Hof und weiter her von jenseits der Donau gekommen waren, warteten ober dem Wassertor mit Ungeduld auf Einlaß. Es gab so viel zu besorgen vor Pfingsten, und man hatte schon gehört, daß die Stadt von zahlreichen Gästen belagert sei. Am Ende entstand da eine Not, und man mußte seine Einkäufe im fernen Augsburg machen, fürchteten die einen. Andere aber kamen, weil sie hofften, manchen vorteilhaften Handel mit diesen Flüchtlingen abschließen zu können. Es ging die Mär, daß viele Auswanderer ihre Habe bis hierher schleppten und zuletzt doch daran verzweifelten, sie mitnehmen zu können bis nach Hungarn. Das lockte gar manche kluge Handelsleute an.

Der Türmer blies nach dem Geläute einen Choral von Sankt Peters herrlichem Dom, und die vor den Toren draußen horchten auf. Das Lied stimmte sie zur Andacht, und manch einer murmelte sein Morgengebet noch einmal.

Alsbald rasselten die schweren Zugbrücken nieder, und die Stadt erwachte.

Auch am Ufer des Stromes wurde es lebendig, die müßigen Auswanderer kamen von allen Seiten herbei, und von den Ulmer Schiffen, die hier übernachtet hatten, stieg der Rauch auf; in ihren Küchen wurde schon das Frühstück bereitet für die Ruderknechte.

Die Leute aus Baden und Württemberg, die gestern abend mit diesen Schiffen gekommen waren, hatten es gut, die gewannen einen Vorsprung. Sie hatten ihre Pässe wohl schon in Günzburg in Schwaben bekommen, wo ein Kommissär des Kaisers saß und allen zu Diensten stand, die sich ausweisen konnten, daß sie von ihrer heimatlichen Behörde entlassen worden waren. Hier in Regensburg ging das langsamer, da lief zu viel Volk aus ganz Süd- und Westdeutschland zusammen, da trafen sich die Leute aus Hessen und Franken, aus Nassau und Westfalen, aus der Rheinpfalz und aus Luxemburg, aus dem Elsaß und aus Lothringen. Auch wer seinen Paß schon in Frankfurt behoben hatte, mußte ihn hier vorweisen und bestätigen lassen, ehe er die Donaufahrt nach Wien antrat. Und an Schiffen war Mangel, es hieß Geduld haben.

Und da standen die Leute am Ufer, und in ihren bunten Trachten spiegelte sich die Morgensonne. Sie schauten zu, wie die Ulmer Schachteln sich zur Abfahrt bereit machten, und beredeten alles. Das Ordinarischiff ging immer zuerst. Das hatte längere Zollplackereien in Passau und in Engelhartszell zu bestehen, weil es allerlei Waren transportierte, die versteuert werden mußten. Die Grenzsoldaten waren streng.

Jetzt bestieg der Schiffmeister den Steuerstuhl und schwang die Ulmer Flagge.

»Los!«

Die Ruder griffen ein, das Ordinarischiff setzte sich langsam in Bewegung. Zurufe wurden laut, Hüte wurden geschwungen, und das Schiff sauste durch den mittleren der fünfzehn Brückenbogen in der besten Strömung dahin.

Zwei Stunden später erst wurde das Ulmer Auswandererschiff losgelassen, aber die Schwaben waren schon jetzt alle auf ihren Plätzen. Einzelne Gruppen saßen mit Weibern und Kindern auf Bänken, andere lagerten auf buntem Bettzeug, zwischen Ackergeräten und allerlei bäuerlichem Hausrat. Mehrere Pferde standen unter einem Schutzdach, auseinandergenommene Teile von Fuhrwerken lehnten daneben. Sogar zwei Ziegen meckerten auf dem Schiff. Ein Zuschauer auf dem Ufer belachte und verspottete das. Wozu die Leute sich solche Umstände machten und solche Kosten? Kriegen die drunten in Hungarn keine Ziegen und keine Pferde? Keine Pflüge? Und er las den um ihn Versammelten das Patent des Kaisers vor und die Erläuterung zu demselben: »Ein paar Pferde gibt euch der Kaiser, wenn ihr am Ziel ankommt, um vierzig Gulden, ein paar Ochsen um fünfzig Gulden, eine Kuh um achtzehn Gulden, einen Pflug um fünf Gulden. Alles, alles gibt man euch. Sogar zwei Leuchter und eine »Lichtputze« stehen da verzeichnet. Und abzahlen braucht ihr erst, wenn ihr geerntet habt. Zehn Jahre läßt man euch Zeit. Wer wird sich da abschleppen mit seinem Hausrat? Wer wird für viele Wochen Pferde umsonst füttern? Nicht einen Nagel nähm' ich mit.«

Der Michel Luckhaup aus Pfalz-Zweibrücken schaute den Sprecher an »Ihr seid halt ein Stadtherr«, sagte er. Wißt nit, was ein paar Gäul' wert sind, die m‘r gern hat und ei' eigner Wage'.«

»Un die Gaas (Ziege) git unnerwegs Millich far die Kinner!« sagte seine Frau.

»Pah!« rief der erste Sprecher. »Ich rate allen gut. Mache jeder, was er hat, zu Geld. Nehme keiner etwas anderes mit als einen Dukatensch–r.« Und er rief es laut und scherzhaft in die Menge, er wiederholte es zehnmal, denn er war ein Lockvogel, und hinter ihm standen die Handelsleute, die ihren Gewinn mit ihm teilten. Jede dieser Familien schleppte irgendetwas mit, das man ihr noch abnehmen konnte.

Während man all seine Aufmerksamkeit dem Ulmer Schiff zugewendet hatte, das als nächstes an die Reihe kam, erklang plötzlich der Ton einer Sackpfeife, und es ächzte ein Wagen auf der Landstraße heran, der mit lautem Hallo begrüßt wurde. Der Aufzug war auch eigenartig genug.

Ein langer Leiterwagen mit einem über hohe Reifen gespannten Dach aus Sackleinen, von einem Braunen und einem Rappen gezogen und von der Hand eines trutzigen Mannes gelenkt, bog von der Nürnberger Straße gegen die Stadt ein Zwei kräftige, halbwüchsige junge Burschen gingen rechts und links, und jeder hatte eine Flinte über der Schulter hängen, voraus aber schritt ein junger Knecht, der auf der Sackpfeife einen alten Liedertanz blies. Aus dem Wagen guckten Kinder, und die Mutter zeigte ihnen die Donau, die Schiffe und die vielen Menschen am Ufer. Im Hinterteil des Wagens stand eine Hühnersteige voll bunten Geflügels, und der Hahn rief ein über das andere Mal sein Kikeriki.

Das Hallo beim Anblick dieser Arche Noab ging von einer Gruppe aus, die schon durch ihre Tracht die Verwandtschaft mit den Ankömmlingen verriet.

»Des isch jo derTrauttmann!« »DerTrauttmanns Philipp!« riefen sie und drängten lachend zu dem Wagen hin. »Des sein Pälzert« schrien andere. »Luschtige Leut!«

»Grüß Gott, Landsmann!« rief der Luckhaups Michel. fahrt Ihr uf a Hochzich?«

Der Angerufene nahm das Leitseil kurz, und die Pferde blieben stehen. Dann wandte er sich dem Luckhaup zu, und über sein ernstes, gebräuntes Gesicht glitt ein Lächeln.

»Grüß Gott, Nachbar«, sagte er. »In de Stadt muß ich. Is des net a wunnerscheene Inrichtung, daß m'r sich üwerall zu melde hot.« Dem Sackpfeifer schrie er zu: »Matz, halt's Maul!«

»'s bescht is, ihr laßt de Wage do un geht nei' in de Stadt. 's is alles voll. Mer stehe schun drei Täg do rum. Drin nehme se Eich de Flinte weg…« sagte der Luckhaup.

»Solle 's probiere« sprach Philipp Trauttmann trotzig.«Do häw ich e Wertche mitzerede. In mei'm kaiserliche Paß aus Frankfurt steht drin, daß ich mit Pferd und Wage' nach Hungarn auswander und zu unserer Sicherheit zwo Flinte mitführe därf.«

»Des is was annersch«, entgegneten die Männer ringsum.

»Wo is m'r denn am beschte ufg'hobe in der Stadt?« fragte Trauttmann.

»Landsmann, de Wertshäuser sin voll.«

»Zum Dreideiwl, mei' Gäul' brauche en Raschttag. Bis Straubing is weit.«

»Do fahrt Ihr am beschte niwer uf Hof, des is der g'rad Weg.«

»Haha! Und die Polizei?« Er beugte sich nach dem Innern des Wagens und sagte :«Motter, ich muß in de Stadt.« Zu seinen Söhnen sagte er: «Hannes, Peter, gebt acht und bleibt do … Matz, g'füttert wird!« rief er dem Sackpfeif er zu. Dann lenkte er seine Arche auf eine Rasenfläche neben der Straße und stieg ab.

Ein blonder Riese in der Vollkraft seiner achtunddreißig Jahre stand Trauttmann da, und die Landsleute erfreuten sich an seinem Anblick. Daß auch solche Männer die Heimat verließen, das rechtfertigte ihre eigene Landflucht. Und er wurde umringt und ausgefragt, woher er des Weges käme und warum er die Pfalz verlassen habe.

Er fuhr vor acht Tagen über Mainz nach Frankfurt um einen Paß und käme jetzt über Würzburg und Nürnberg nach Regensburg. Da müsse er die Donau übersetzen. Und in zwei Wochen wollte er in Wien sein.

»So eine lange Fahrt!«

Da beneideten ihn die anderen nicht, denn sie werden eine Woche früher in Wien sein. Wenn sie nur einmal auf einem Schiff wären? Aber morgen solle es losgehen.

Und warum er, ein Erzbauer, die Heimat verlassen habe? Hm. Warum verlassen sie so viele? Das Reich schützt die Pfalz nicht gegen die Einfälle der Franzosen, man wisse nie recht, wem man zugehöre und für wen man schaffe. Die Vögte und Amtmänner seien Ludersch, sie schinden jeden, der etwas habe, bis aufs Blut. Das Wild der Grafen fresse die Saaten, die die durchmarschierenden Soldaten nicht niedergetreten haben, und wehren dürfe man, sich nicht. Jetzt aber fange der Herr Kurfürst mit dem Katholischmachen auch noch an. »Ei jo freilich!« rief der Trauttmann. »Moi Eldre ware gud evangel'sch un ich soll m'r selwer uf's Maul schlage un vor de eigne Kinner zu Schimp un Schann werre?«

Er setzte den neuen Hut auf, den seine Frau ihm aus dem Wagen reichte, dann vergewisserte er sich, daß er seinen Paß bei sich habe, und ging aufrecht, erhobenen Hauptes nach der Stadt.

Die Leute sahen ihm verwundert nach. Hatte der denn das Patent nicht gelesen? Wußte er nicht, daß der Kaiser nur Katholische rief? Da stand gar mancher Mann, der sich vor der Abfahrt in das gelobte Land Hungarn bekehrte, der in Ulm oder hier in der Bischofsstadt katholisch worden ist. Die es noch nicht sind, die wird man wohl in Wien dazu nötigen. Einzelne Evangelische sollen ja früher durchgerutscht sein, sagen die Leute. Aber ob das jetzt noch möglich ist?

Ein Trommler kam zum Stadttor heraus, ein Gemeindediener, der etwas ausrief, und die Leute liefen ihm zu. Was er verkündete? Daß morgen, übermorgen und überübermorgen die größten Kehlheimerplätten nach Wien abgehen, die man bis jetzt auf der Donau gesehen habe. Zweihundert Ruderer werden von der Schifferzunft aufgenommen; wer umsonst nach Wien fahren wolle, möge sich melden, er werde schon von heute an freigehalten beim »Blauen Hechten« Auch vier Köchinnen werden für jede Plätte gegen freie Fahrt aufgenommen.

Er machte einen Wirbel mit den Trommelschlägeln und ging weiter nach dem unteren Landungsplatz, wo die mächtigen Schiffe schon bereitlagen. Man mutete ihnen nicht zu, durch die Brücke zu steuern, sie wurden unterhalb derselben gebaut. Und da gab es viel Zuschauer.

Der Eindruck der Botschaft auf die Leute war ein sehr lebendiger. junge Handwerksburschen, die auf ihren Felleisen am Strand lagen und sich sonnten, sprangen auf und liefen nach der Stadt. Die vier Gulden, die eine Fahrt nach Wien kostete, konnten sie sich verdienen. Und eine Woche zehrfrei sein, war auch etwas wert.

Die Bauern schauten sich an. Rudern? Mußte man das nicht gelernt haben wie irgendein anderes Handwerk? Einer und der andere Bursche wollte es wohl versuchen. Und die Mütter rieten dazu. Was erspart werden konnte, das sollte man ersparen. In Passau bekam man ja von der österreichischen Regierung per Kopf drei Gulden Reisegeld nach Wien, und dort sollte man wieder drei bekommen für die Fahrt nach Hungarn. Aber was man sonst alles brauchte, das lag auf dem eigenen Sack.

»Jörgl, du geischt rudere«, sagte die Luckhaupin zu ihrem Sohn. Und die Staudts Margret hielt den ihren auch nicht zurück, obwohl er erst siebzehn zählte. Aber er war stark und groß und hatte guten Mut. Gleich war er bereit. Auch Männer meldeten sich zögernd. »No ja, wenn's koin Schann is, sich uf die Ruderbank zu setze, wolle m'rs aa probiere«, sagte der und jener. Mancher verkaufte Haus und Hof und Feld zu rasch, als die Botschaft des Kaisers kam, mancher hatte in der Eile noch gar nicht verkauft und die Ordnung seiner Verhältnisse den Verwandten und Freunden überlassen, sein Beutel war schmal.

Die Leute der Schiffbauer mischten sich jetzt unter das Volk und ermunterten die Schwankenden. Das Rudern sei leichter als das Ackern. Und wie wär' es denn möglich, so billig bis nach Wien zu fahren, wenn nicht alles zusammenhelfe? »Denkt euch doch, was das kosten möchte, wenn die Schiffmeister die zweihundert Ruderer und die zwölf Köchinnen mit der Post wieder nach Regensburg zurückbringen müßten. Zehn Taler müßte jeder Auswanderer zahlen, nicht vier Gulden. Helft also, greift zu, daß wir morgen weiterkommen!«

Diese Worte halfen redlich mit, die Scheu vor der Lohnarbeit zu überwinden, und man sah immer mehr junge Männer nach dem Stadttor wandern und zum »Blauen Hechten«. Auch die Weiber verständigten sich. Wenn diese und jene als Köchin ging, wollten die anderen gern auf ihre Kinder achthaben. Und ein paar schwabische Moidle schlossen sich lachend an. Warum sollten sie nicht kochen auf dieser Fahrt? Das war doch luschtig.

Auf dem vollgepackten, kleinen Ulmerschiff, das seiner Abfahrt harrte, stand neben dem Steuermann ein hochgewachsener, junger Mann von städtischem Wesen. Er schaute unternehmend auf das bunte Getriebe am Ufer und freute sich innerlich, daß diese kleine Völkerwanderung zustande kam. Es war der Hilfslehrer Wörndle aus Blaubeuren, der Elsässer. Auch ihn hatte die Wanderlust gepackt. Die schönen Briefe, die Frau Theres aus Temeschwar heimschreiben ließ, hatten es ihm angetan. Eine neue deutsche Welt entstehe dort? Nun, deutsche Schulmeister wird man überall brauchen, wo deutsche Leute wohnen … Er fand Landsleute aus dem Elsaß auf dem Schiff, die bitter klagten über ihre Herren … Alles will fort … Geschicht den vielen Tyrannen und Leuteschindern schon recht, sagte sich Wörndle, daß ihre braven Arbeitstiere die Flucht ergreifen. Die werden sich eine neue, freie Heimat gründen in fernen Ländern und nicht französisch werden. Zehn Prozent ihrer Habe mußten sie als Abfahrtsgeld zurücklassen, loskaufen mußten sie sich von ihrer Untertanenpflicht. Aber sie zahlten ohne Zaudern, was man von ihnen forderte. Jetzt litten freilich viele der Armen, die sich von der Heimat loskauften, an bitterem Heimweh. Es war, als ob der Himmel seinen Spott mit ihnen triebe. Ließen freiwillig die Heimat, zahlten, daß sie fort durften, und hatten doch Herzweh dabei. So mancher hat Menschen, die ihm teuer sind, zurückgelassen in den Verhältnissen, aus denen er sich selber losriß. Wie wird es ihnen weiter ergehen? Und wenn man Umschau hielt auf diesem Schiffe, sah man wenig alte Leute. Die kräftigste, die unternehmendste Generation, die sich etwas zutrauen durfte, wanderte aus. Wußten die Fürsten und Herren, was sie da verloren? Welches Menschenkapital sie abgaben an einen anderen Staat? Nein, sie konnten das nicht erfaßt haben. Und sie spürten nichts von dem Weh in diesen Herzen.

Während Wörndle sinnend dastand, ertönte das Kommando: »Los!«

Da packte es auch ihn. Leb wohl, du altersgraues, hilfloses, deutsches Reich, das sich selbst zerfleischt hat in unseligen Religionskriegen, das sich ohne Widerstreben das Elsaß rauben ließ, das auch die Rheinpfalz nicht schützen kann gegen den bösen Nachbar. Leb wohl! Wir ziehen mit Schmerzen von dannen, wir weinen um dich … Möge dir einst ein Mann erstehen, der dich wieder groß macht und stark und gefürchtet. Mögen auch wir Elsässer dermaleinst wieder stolz sein dürfen auf dich, Stiefmutter Germania!

Unter solchen tiefen Gedanken stand Leonhard Wörndle neben dem Steuerstuhl und schwang seinen Dreispitz grüßend gegen das vieltürmige, langsam entschwindende Regensburg.

*

Philipp Trauttmann war in die Stadt gegangen und hatte sich bald durchgefragt zu dem berühmten Rathaus, in dem durch Jahrhunderte der Reichstag seine Sitzungen hielt. Es war ein dunkles, unfreundliches Gebäude. Er sah in den letzten Zeiten so viele deutsche Städte und mußte in so vielen Ämtern vorsprechen, daß er schon eine gewisse Weltläufigkeit besaß im Umgang mit der Obrigkeit. Das kam ihm auch heute zustatten. Die Landsleute aus allen deutschen Vaterländern, die um Pässe warben auf Grund der Los- und Entlassungsscheine, die sie mitgebracht, ließen dem Trauttmann gern den Vortritt, denn er brauchte nur eine Abstempelung seines Passes, nur eine Vidierung sagte er.

Und so kam er bald vor den Kommissär bei der Polizeideputation.

»Woher des Weges?« fragte der mürrische alte Herr.

»Aus Bobenheim in der Pfalz, Herr Kommissar«, erwiderte Trauttmann.

»Oho! Wie kommt Er zu uns? Warum hat Er sich nicht in Frankfurt gemeldet?«

Trauttmann lächelte über den hitzigen Alten und breitete seinen Frankfurter Paß vor ihm aus, ein Riesenblatt, mit dem kaiserlichen Doppeladler in der Mitte, und einem breiten Rand von Ornamenten. Unten trug es das malerische Wappen des kaiserlichen Gesandten.

»Ach so! Ach so!« brummte der Beamte. »Er kommt zur Vidierung.« Er überflog den Namen und die Aufzählung sämtlicher Titel des Gesandten und las: »Vorzeiger dieses Passes, Philipp Trauttmann von Bobenheim, welcher infolge erhaltener allerhöchster kurfürstlicher Bewilligung und landgräflich hessischer Auswanderungserlaubnis eine Ansiedlung im Banat übernimmt, begibt sich zum Behuf seiner weiteren Instradierung durch die k. k. Oberpolizeidirektion mit Familie nach Wien. Er nimmt einen Knecht mit und ist mit zwei Flinten bewaffnet, die ihm nötig sein dürften. Die betreffenden Zivil- und Militärbehörden werden ersucht, demselben auf dieser Reise jeden förderlichen Schutz und Beistand zu gewähren.«

»Hm . . . ja . . . » Der Beamte drehte das raschelnde Blatt um. Es war von der kurfürstlich bayrischen Gesandtschaft in Frankfurt a. M. bestätigt und abgestempelt. Vom Grenzzollamt Dieburg bis Engelhartszell aber war das Weggeld mit 2 fl. 52 Kr. eingehoben für Wagen und Pferde (Rappwallach und braune Stute), und dann drängte sich Stempel an Stempel bis Regensburg.

»Wie groß ist denn seine Familie?«

»Das Weib und vier Kinder.«

»Wie alt sind die Söhne?«

»Die Buben fünfzehn, vierzehn und zehn, 's Moidl vier.«

»Gut. Aber wie alt ist der Knecht?«

»Der Matz? Neunzehn wird er bald sein.«

»So? Dann muß er heiraten.«

»Wer? Der Matz?«

»Heißt er, wie er will, er muß heiraten. Entweder hier oder unterwegs.«

»E Knecht muß heuern? Der nichts hot wie sei Gwand un sein Jahrlohn von dreißig Gulde?«

Trauttmann lachte. »So e Bue?«

»Lach. Er nicht! Er ist in einem Amt … Wenn man das in Frankfurt heute noch nicht weiß, was ich sage, wird man es morgen wissen. Was mannbar ist, muß heiraten. Nur Ehepaare werden angesiedelt in Hungarn.«

»Mit Verlaubnis, Herr Kommissar«, erwiderte Trauttmann, »nit mei Knecht, ich un mei' Weib werde angesiedelt. Der Matz is mei' G'schwisterkinn. Für den wer ich schon sorge, wenn's so weit is.«

»Buchstabe ist Buchstabe!« schrie der Beamte. »Renn' Er sich den Kopf nur an. Fahr Er nur zu! Mit einer Zigeunerin werden sie ihm den Matz kopulieren, wenn 'er kein Weib mitbringt.«

Dabei stempelte er geräuschvoll den Paß, gab ihm die Auswanderungsnummer 16734 und schrieb den Weg vor bis Straubing.

Dann fragte er plötzlich: »Und wie steht's mit der Religion?«

»Augsburgisch«, erwidete Trauttmann. »Haha! Fahr' Er nur zu! Ich seh Ihn bald wieder, oder Er wird katholisch.«

»Des werd er nit!« sprach Trauttmann fest.

»So? Und Er hat wohl gar eine lutherische Bibel in seinem Wagen? ja? Na, geb' Er nur gut acht auf die. Hahaha!«

»Adjes, Herr Kommissart« sagte Trauttmann und ging.

» Hochmütiges Bauernvolk!« brummte dieser ihm nach. »Hat gar keinen Respekt mehr vor seiner heimatlichen Obrigkeit, seitdem ihm Hungarn offen steht.«

Festen Schrittes ging Philipp Trauttmann zu den Seinen zurück. Aber einen Floh hatte ihm der Beamte doch ins Ohr gesetzt. Über die Forderung, den Matz unterwegs, auf der Landstraße, zu verheuern, lachte er innerlich. Das durfte er dem Buben gar nicht sagen. Der wär' imstande und greift zu … Schade, daß nicht seine drei Söhne auch schon das achtzehnte Lebensjahr überschritten haben. Da hätt' man jetzt überall freien können unterwegs, in Passau, in Linz, in Wien. Da wären dann statt einem Ehepaar fünfe nach Hungarn gekommen. Dumm war die Verordnung nicht, das mußte man schon sagen. Wenn man ein Land bevölkern will, war das der rechte Weg. Aber was war das mit dem Katholischwerden? Und mit der Bibel? Das wird wohl so eine regensburgische Muckerei sein! Der kaiserliche Gesandte in Frankfurt hat ihn nicht nach seinem Glauben gefragt, nichts steht in seinem Paß, und er geht ja in ein freies Land. Soll ihm einer kommen! Da hätte er ja daheim bleiben können.

So räsonierte er sich hinweg über die Gedanken, die der Beamte in ihm aufgewühlt hatte. Zutiefst aber dachte er, daß es am Ende doch gut war, daß er seine Felder in der Pfalz nicht gleich verkaufte und nur an seinen Bruder verpachtete. Seine Zuversicht hatte einen Stoß erlitten, er war verstimmt.

Als er hinaus kam an den Strand der Donau, fand er sein Weib mit den Kindern in der Sonne sitzen, und der Matz machte ihnen einen Narren. Er schlug Purzelbäume wie die englischen Reiter, die er in Kaiserslautern gesehen, und blies ihnen ein neues Lied vom Prinzen Eugenius auf der Sackpfeife, das er in Frankfurt gehört hatte. Die Worte kannte er nicht genau, die hoffte er in Österreich zu erfahren, aber die Weise summte man schon überall.

Die Ulmer Schiffe waren fort und der Strand fast leer oberhalb der Brücke. Jetzt schien sich die ganze Neugierde der Leute auf die großen Kehlheimerplätten geworfen zu haben, die dort drunten lagen. Auf ihnen sollten sie ihrer Zukunft entgegenfahren, ihrem Glück.

»Mann«, sagte Frau Eva, »bischt in Ordnung?«

»Ja!« erwiderte er kurz, ohne sie anzusehen. »Matz, ei'schpanna, mer fahre über die Brück, niwer uf Hof.«

Frau Eva strich sich die blonden Haare aus dem Gesicht, die ihr das Kind verwirrt hatte, und sah ihren Mann von der Seite an. Da war etwas nicht in Ordnung. Sie kannte den Lippl bis in die letzte Falte seines Wesens, und er verstand es schlecht, etwas vor ihr zu verbergen. Ihre hellen Augen suchten seinen Blick, aber er wich ihr aus und gab den Buben allerlei Weisungen. Die Flinten wurden versteckt, und Trauttmann stieg selber tief in seine Arche hinein und wühlte lange im Hinterteil des Wagens, wo die Futtervorräte und der Same von Feldfrüchten aller Art, den man mitgenommen, untergebracht war.

Auf die Frage der Frau, was er suche, gab er keine Antwort.

Als Trauttmann wieder hervorkam, lächelte er in sich hinein und sagte nichts. Frau Eva verstand auch zu schweigen. Sie war ein Kernweib von der Art der Weinsbergerinnen, ihr Mann ging ihr über alles, und sie hätte ihn aus jeder Gefahr auf ihrem Rücken hinausgetragen, so schwer er auch sein mochte. Aber wenn er ihr etwas nicht freiwillig sagen wollte, da konnte sie warten. Die Stunde kam ja doch, in der er beichtete.

Und sie fuhren über die Brücke nach Stadt am Hof. Da drunten lagen die drei Riesenschiffe, die in den nächsten Tagen abgehen sollten, und viele hundert heimatmüde Menschen belagerten das Ufergelände. Sie konnten es kaum erwarten, daß die Donau sie auf ihren Rücken nahm und in die Fremde trug.

»Werde m'r die Pälzer wiedersehe in Hungarn?« fragte der Ferdinand, der aus dem Guckloch hinabsah nach dem Strom.

»Wer weiß!« entgegnete Trauttmann.

*

Das war kein kleiner Tag für Regensburg, an dem die erste Riesenplätte der Kehlheimer Schiffbaumeister abgehen sollte, auf der fünfhundert Auswanderer Platz fanden. Die Schifferzunft von Regensburg ließ sich ein Gutachten von dem berühmten Meister Jakob Fuchs in Cöllen geben, ehe sie einwilligte, daß so große Schiffe gebaut werden. Da der Meister Fuchs aber sagte, daß sie am Rhein dreimal so große Flöße machten, die bis nach Holland schwammen und oft tausend und noch mehr Personen mitnähmen, ließ die Zunft ihre Bedenken fallen. Freilich schrieb der große Schiffmeister, das Bett der Donau kenne er nicht, und sein Rat wäre ohne Obligo gegeben. Und nur beim Höchstwasserstand des Jahres gingen jene großen Schiffe ohne Gefahr im Rhein. So werde es wohl auch mit der Donau sein.

Nun ja, so konnte man es auch hier versuchen, im Mai ging die Donau gar hoch. Und die Kehlheimer hatten sich für den Bau einen Werkmeister vom Rhein kommen lassen, der seine Sache verstand.

Mit Neid blickten die Ulmer auf das große Unternehmen. Und ihre Meister waren heute herabgekommen, das Werk in Augenschein zu nehmen. Man sah da die Meister Ludwig Pleß. Neubronner, Besserer; Molfenter, Schad und Kaßbohrer. Jeder von ihnen besaß seine zwanzig bis dreißig Ulmerschachteln und Zillen, aber was war das gegen diesen Übermut der Regensburger, die an drei Tagen mit drei Schiffen anderthalbtausend Menschen befördern wollten. So etwas war noch nicht da. Auf der Donau nicht. Und wie sie sich blähten, diese neuen Welteroberer; der Georg Seemayer, dem die erste Plätte gehörte, die er selber führen wollte, dünkte sich ein Kolumbus. Weithin hatte er Wälder gepachtet, in denen man die höchsten Stämme für ihn schlug; er plante einen Holz- und Floßhandel im größten Stil und nahm die Menschen nur so nebenher mit. Als er die Ulmer Gäste von der Zunft bewirtete, tat er den protzigen Ausspruch: Zu einem richtigen Schiffgeschäft gehörten künftig dreimalhunderttausend Reichstaler. Hunderttausend stehen im Wald, hunderttausend liegen im Wasser, und hunderttausend müsse man bar im Sack haben. Sie lachten über seine Großtuerei, als sie jetzt sahen, daß er genau so arbeitete, wie sie selber. Aber wenn er auch die Mehrzahl der Ruderer so anwarb wie sie, brauchte er doch eine eigene Gilde von Ankerknechten für das gewaltige Floß; er mußte Schlachtvieh an Bord nehmen, hundert Faß Bier und Berge von anderen Lebensmitteln. Diesen Betrieb konnte er nicht dem Zufall preisgeben, es war schon ein Korn Wahrheit in seinem protzigen Wort. Aber diese Regensburger Schiffer glaubten wahrscheinlich, das ganze deutsche Volk würde nach dem Osten wandern, und das jetzige Geschäft höre nimmer auf. Da waren die Ulmer denn doch vorsichtiger. Ihre Schachteln und Zillen hatten immer ihr Publikum. Und das Verbot dieser Massenauswanderung durch die Reichsfürsten wird ja nicht lange auf sich warten lassen. Was dann? –

Die Auswanderer, die für die erste Kehlheimer Plätte aufgenommen waren, drängten sich am frühen Morgen in den Beichtstühlen der Kirchen von St. Jakob und St. Emeran; keiner wollte das Schiff besteigen, ohne vorher der heiligen Ausspeisung teilhaftig geworden zu sein. Und bei St. Peter wurden dreizehn junge Paare getraut, die sich hier raschen Entschlusses gefunden. Der Kaiser ließ sie nicht über die Grenze, wenn sie sich nicht einigten. Und ein Paar war da, das ließen die Leute auf kein Schiff, wenn es sich nicht verband. O wie gern! Wie gern! Die Eltern und die Basen waren alle dagegen, daß der Gerber Michel, der flinke Schreinergesell aus Emendingen, die Trudel kriegen solle. Aber die Trude mochte ihn nun einmal für ihr Leben gern, und da man ihr einen anderen geben wollte, so lief sie mit dem Michel davon. Auf ein Donauschiff gingen sie. Aber da hieß es: Wer seid ihr? Wo sind eure Leute? Wo sind eure Papiere? Seid ihr denn verheuert? »Marsch ans Land, Zigeuner!« Und was man ihnen daheim verweigerte, das wurde jetzt befohlen. O wie gern folgten sie und wurden ein christliches Paar. Sie taugten besser zusammen als alle die anderen Paare… . Eine Nassauerin und ein Bauernbube aus dem Schwarzwald, ein Luxemburger Leineweber und ein Schwabenmädel vom Bodensee wären wohl niemals im Leben zusammengekommen, das war nur auf Befehl in Regensburg möglich. Und so wie diese, mischten sich die anderen Paare; in dem Hochzeitszug bei der dreizehnfachen Kopulierung erklangen alle Mundarten und glänzten alle Trachten aus dem Süden und Südwesten des heiligen römischen Reiches deutscher Nation. Ob sich die Paare alle verstanden haben? Das war nicht ganz sicher. Aber wahre Liebe überwindet jeden Dialekt. Und mit der Aussteuer war es bei dieser Eile auch nicht weit her, für die mußte wohl der Kaiser sorgen, der diese Eheschließungen anbefohlen.

Es ging der Kopulation ein Gottesdienst voraus und eine Predigt. Eine Predigt gegen das leichtsinnige Auswandern!

Ein greiser Domherr stand auf der Kanzel und verdonnerte mit seiner gewaltigen Stimme die Scharen, die die Kirche füllten. »Was hat euch alle zu Neuländern gemacht?« sprach er. »Wer hat euch behext? Traut nicht den Werbern, die sich vor euch als reiche Leute aufspielen und so tun, als wären sie dort zu Wohlstand gekommen, wo sie euch hinhaben wollen. So einer mag noch so oft seine goldene Sackuhr ziehen und seine Ringe blitzen lassen, er ist ein Seelenverkäufer, der ein Kopfgeld kriegt für jeden von euch. Wer kann, kehre noch jetzt zurück zur heimatlichen Scholle und trage das Los, das Gott ihm beschieden, in Geduld. Glaubt nicht, daß in Hungarn die Elysäischen Felder liegen, glaubt nicht, daß dort Milch und Honig in den Bächen fließt, glaubt nicht, daß der Boden dort ungepflügt und unbesamt Früchte trägt, und daß ihr dort nicht härter arbeiten müßt, als in der Heimat. Wer euch sagte, daß dort aus einem Knecht ein Herr, aus einer Magd eine gnädige Frau, aus einem Bauer ein Edelmann und aus einem Handwerker ein Baron wird, der lügt. Wer euch sagt, daß ihr dort eure Obrigkeit wählen und absetzen könnt nach Belieben, der ist ein Betrüger. Ich weiß, daß eure Abgaben und eure Frondienste in der Heimat nicht leicht zu tragen sind, und daß jeder Erdgeborene den Trieb in sich hat, sein Los verbessern zu wollen. Aber gebt acht, ob ihr auf dem rechten Wege seid, ob das neue Land, das die Türken nur schlecht nährte, euch besser ernähren wird, wenn ihr in so großer Zahl kommt. Gebt acht, ob ihr euch nicht in die Sklaverei fremder Herren begebt und ob eure Kinder und Kindeskinder es euch einst danken werden, daß ihr die deutsche Heimat mit einer anderen vertauschtet und ein euch angeborenes Erbe verschleudert habt. Wer noch kann, wer nicht alle Brücken hinter sich abgebrochen hat, der kehre um. Ich fluche ihnen nicht, die übel beraten in die Ferne ziehen, ich bete für ihr Wohl; aber ich kann nur die glücklich preisen und segnen, die der Heimat treu bleiben, die ihre Obrigkeit und ihren von Gott eingesetzten Fürsten den Gehorsam bewahren. Zur Erleuchtung aller beten wir drei Vater-unser.«

Die Weiber schluchzten, und die Männer murrten, als die Gebete zu Ende waren und der Greis die Kanzel verließ. Bekehrt hatte er wohl keinen, aber die Herzen vieler waren schwerer geworden für die weite Fahrt. »Die Vermahnung kimmt zu spät!« sagte der Staudt zu seinem Nachbar Luckhaup. »Was predicht er uns? Er soll de Herre prediche. Soll mer ehna treu bleiwa, solle se e dernoh (danach) sein.«

Es tat den Armen wohl, daß dann die Traurede für die dreizehn Paare ein anderer hielt, ein jüngerer Priester, der die raschen Entschließungen der Brautleute sinnig zu deuten wußte und ihrem Bunde Dauer versprach. »Gerade die Fremde, in die ihr zieht, wird euer Bündnis kräftigen«, sagte er, »auf ihm ruht noch der Segen der Heimat, und ihr werdet gemeinsam die Prüfungen, die euch vielleicht erwarten, leichter tragen als einzeln. Da es Gottes Wille war, daß ihr euch hier gefunden, so haltet fest aneinander bis zum Tode.«

Das gelobten die jungen Paare.

Um die Mittagsstunde war die erste Kehlheimer Plätte in Bereitschaft zur Fahrt.

Das Floß trug eine Herrenhütte mit mehreren Zimmern, eine Flucht von Baracken für die Auswanderer, eine besondere Baracke für das Personal des Schiffmeisters, welches im Jahrlohn stand und von Wien wieder heimzukehren hatte, zwei Küchen und sonstige gedeckte Räume, einen Stall für fünf Schlachtochsen und einige Kühe, einen Hammelstall und einen Standplatz für Pferde, die die Auswanderer mitgenommen hatten. Die Fuhrwerke mußten auch hier zerlegt werden, um Raum zu schaffen für die Menschen. Fünfhundert Zahler mußten mit, wenn die Rechnung des Unternehmers stimmen sollte.

Und auch an einem Gefängnis fehlte es nicht. Sechs Pflöcke mit angeschmiedeten Ketten ragten in dem engen Raum aus dem Schiffsboden hervor, und wer sich gegen die Disziplin an Bord verging oder eines Diebstahls überwiesen wurde, den ließ der Schiffmeister hier unschädlich machen, bis er ihn dem nächsten Gericht übergeben konnte. Als schwerste Strafe galt die Aussetzung eines an Händen und Füßen Gefesselten auf einer Donauinsel. Ob diese Strafprozedur gesetzlich zulässig war, danach fragte niemand; sie wurde verbrecherischen Naturen angedroht im Interesse aller, die ihr Leben einem solchen Schiffe anvertrauten.

Und an der Ausführung zweifelte keiner, der dem Georg Seemayer einmal in die harten, grauen Augen geblickt hatte. Es war ein Mann von Stahl, der Zunftmeister der Regensburger Schifferinnung.

Meister Ludwig Pleß aus Ulm verweilte am längsten bei ihm vor der Abfahrt, er ließ sich alles Neue auf dem Floß bis ins kleinste erklären und war voll Anerkennung. Auch mit den Auswanderern sprach er gern. Er sah in jedem einen künftigen Landsmann seines Jakob und ließ ihn und sein Weib durch jeden grüßen. Sie sollen doch öfter schreiben, die Mutter sei krank und sehne sich nach ihrem Ältesten. Das trug er dem Michel Luckhaup auf und dem Johann Staudt, die ins Temescher Banat wollten, wie sie sagten. Und sie wollten es bestellen, denn nach Temeschwar kamen sie ganz gewiß.

Als der Jungmeister »fertig!« meldete und die Ankerknechte nur noch auf ein Zeichen warteten, verließ der alte Pleß als letzter das Schiff. Er schüttelte dem Seemayer die Hand und wünschte Glück zur Fahrt.

Zwei Trompeter hatte der Herr Zunftmeister unter seinen Leuten, und die harrten nur auf einen Wink von ihm. Als er jetzt den hohen Steuerstuhl bestieg und die Regensburger Jugend auf dem Ufer »Vivat!« schrie, da schaute er nach den Trompetern und nickte. Und sie schmetterten das Abfahrtssignal in, die Lüfte, daß es an den Höhen ringsum widerhallte; sie übertönten die rasselnden Ankerketten, die Kommandorufe und die ersten Ruderstreiche. Und als das Schiff, das von oben wie ein schwimmendes kleines Dorf aussah, in dem Kirchweih ist, in Bewegung kam, bliesen die Trompeter ein Abschiedslied, das allen zu Herzen ging. Ade, Ade …

Georg Seemayer grüßte die Zunftgenossen, die sich am Ufer versammelt hatten, voll Selbstgefühl, und sie schauten seiner Kehlheimer Plätte nach, so lange sie sichtbar blieb. Mancher erfahrene Schiffer schüttelte den Kopf. Und die Ulmer sagten: »Wenn nix passiert unnerwegs, großartig; aber wann 'was passiert!«

Und am nächsten Tag ging das zweite, am übernächsten, dem Pfingstsamstag, das dritte große Floß ab, alle in gleicher Weise besetzt; der Zustrom der Auswanderer aber hörte nimmer auf.

Der Pfingstsonntag brachte eine fröhliche Überraschung. Es kam gegen Abend eine Ulmer Pleßzille mit der württembergischen Flagge, und das Schiff war von hundertfünfzig Mädchen besetzt. Nur Schwabenmädchen aus dem Schwarzwald! Der Herzog Karl Alexander hatte das Wort des Türkenlouis von Baden eingelöst, er schickte den braven Unteroffizieren der deutschen Regimenter, die unbeweibt in dem öden Neuland angesiedelt worden waren, eine Schiffsladung von Bräuten zur Auswahl. Das war nicht so rasch gegangen, wie die da drunten wünschten und hofften, aber zuletzt gelang es doch. Er ließ die Namen derer, die aus seinen Regimentern dortgeblieben waren, öffentlich bekanntgeben und lud tapfere Jungfrauen aus ihren Heimatgemeinden ein, die Fahrt zu wagen. Einer jeden versprach er die Freifahrt, fünfzig Kronentaler Mitgift und hundert Freier, die ein Weib ernähren konnten. jede werde wählen können nach ihrem Herzen.

Singend war das »Moidle-Schiff« in Regensburg gelandet und lockte Hunderte an das Ufer. Und es schien gar kein lustiges Liedlein zu sein, das sie während der Landung im Chor vortrugen, als säßen sie in der Spinnstube:

Es war ein Markgraf über dem Rhein,
Der hatte drei schöne Töchterlein;
Zwei Töchterlein früh heuerten weg,
Die dritt' hat ihn ins Grab gelegt,
Dann ging sie singen vor Schwesters Tür,
»Ach braucht ihr keine Dienstmagd hier?«
»Ei Mädchen, du bist mir viel zu fein,
Du gehst wohl gern mit Herrelein.«
»Ach nein! Ach nein! das tu ich nit,
Daß ich so mit den Herrlein geh'.«
Sie dingt das Mägdlein ein halbes Jahr,
Das Mägdlein dient ihr sieben Jahr
Und als die sieben Jahr um war'n,
Da wurd das Mägdlein täglich krank.
»Sag, Mägdlein, wann du krank willst sein,
So sag mir, wer sind die Eltern dein?«
»Mein Vater war Markgraf über dem Rhein,
Und ich bin sein jüngstes Töchterlein.«

»Ach nein! ach nein! das glaub ich nit,
Daß du meine jüngste Schwester bist.«
»Ach, wenn du mir's nit glauben magst,
So geh nur an meine Truhe hin,
Daran wird es geschrieben stehn.«
Und als sie an die Truhe kam

Da rannen ihr die Backen ab:
»Ach bringt mir Weck, ach bringt mir Wein,
Das ist mein jüngstes Schwesterlein!«
»Ich will doch kein Weck, ich will kein Wein,
Will nur mein kleines Lädelein,
Darin ich will begraben sein.«

So sangen die Schwabenmädeln ihr heimatliches Lied, indessen ihr Schiffmeister die Landung durchführte, um hier zu übernachten. War es auch noch früh, eine bessere Landungsstätte war an diesem Abend nicht mehr erreichbar als Regensburg.

Kaum hatte sich die Mär in der Stadt verbreitet, daß ein Auswandererschiff voller Mädeln am unteren Wörth liege, kamen immer mehr Leute aus dem Tor heraus, das Wunder zu sehen. Aber keine der Jungfrauen stieg ans Land, nur die Ruderknechte und ihr Meister verließen das Schiff, um die Zunftgenossen in der Herberge zu grüßen. Die Mädeln waren alsbald belagert von lustigen Gesellen, die vom Ufer herab neckische Zwiesprache mit ihnen suchten, die ihnen scherzhafte Heiratsanträge stellten. Sie lockten und baten, die Mädeln möchten sich doch die schöne Stadt Regensburg anschauen und ihr berühmtes Bier ein bissel verkosten. Darauf schmeckten einem die Busseln noch einmal so gut, sagten die Burschen. Aber die Mädeln lachten sie aus, und der alte Steuermann aus Ulm hielt die Wache vor dem Paradiese.

»Aber ein Lied könntet ihr uns doch wohl singen. Ein recht lustiges!« hieß es vom Ufer. Ja, ein Lied!«

»Na ja, warum denn nit?« sagten sich die Dirnlein und hielten Rat. Die einen kochten, die anderen scheuerten, und wieder andere trugen Decken herbei aus der Hütte. und sonstiges Schlafzeug für die Nacht, um es auszuteilen. Aber da gebot eine große, stattliche junge Frau, die beim Steuerstuhl stand, den allzu Fleißigen Einhalt. Und sie sammelte acht Mädchen um sich, die sie mit Bedacht auswählte.

»Aha. Die Glucke! Die Glucke!« schrien die Burschen am Ufer. »Jetzt kommt etwas!« Und es kam etwas.

»Hüt' du dich!« rief die blonde Frau auf dem Schiff ihren Mädeln lächelnd zu.

Und sie huben an und sangen das Liedlein: »Hüt' du dich!«

Ich weiß mir'n Mädel hübsch und fein.
Hüt' du dich!
Es kann wohl falsch und freundlich sein.
Hüt' du dich! Hüt' du dich!
Vertrau ihr nit, sie narret dich.

Sie hat zwei Auglein, die sind braun,
Hüt' du dich!
Sie wer'n dich überzwerch anschaun,
Hüt'du dich! Hüt' du dich!
Vertrau ihr nit, sie narret dich.

Sie hat ein licht goldfarbens Haar,
Hüt' du dich!
Und was sie red't, das ist nit wahr.
Hüt' du dich! Hüt' du dich!
Vertrau ihr nit, sie narret dich.

Sie hat zwei Brüstlein, die sind weiß,
Hüt' du dich!
Sie zeigt sie halb und dir wird heiß.
Hüt' du dich! Hüt' du dich!
Vertrau ihr nit, sie narret dich.

Sie gibt dir'n Körblein fein gemacht,
Hüt' du dich!
Für einen Narren wirst du geacht.
Hüt' du dich! Hüt' du dich!
Vertrau ihr nit, sie narret dich.

Das setzte viel Heiterkeit am Ufer. Aber die Dämmerung brach herein, und der Spaß hatte ein Ende, denn das Stadttor wurde bald geschlossen. Sie wollten morgen wiederkommen, die Burschen, und die Schwabenmädeln mit Pfingstwasser bespritzen, sagten sie. »Schlaft wohl!«

Aber ehe Regensburg am Pfingstmontag aus den Federn war, glitt das Mädchenschiff mit einem hellen Choral die Donau hinab. Wie ein Traum erschien seine Anwesenheit allen, die es am Abend hatten landen sehen.

Die Schwaben in Wien

Nicht umsonst war Graf Mercy damals in Wien gewesen; er hatte seine Zeit redlich genützt, als er wieder gesund geworden. Zuerst gewann er den Hofkriegsrat für seine Pläne, und das fiel nicht schwer, da jetzt Prinz Eugen dessen Präsident war. Der Prinz äußerte nur ein Bedenken: Es sei nicht im Interesse des Hofes, sagte er, in Hungarn ohne die Zustimmung des dortigen Landtages in so großem Stil zu kolonisieren. Das könnte später einmal zu Beschwernissen Anlaß geben. Und er wies den General an den Hofkammerrat Stephany, der vielleicht die Wege wisse, wie das Miraccolo eines Landtagsbeschlusses zu erzielen wäre, der die Ansiedelungen gutheiße. Er selber wolle nichts damit zu schaffen haben.

Und so kamen die beiden wichtigsten Männer zu einer gründlichen Aussprache, sie lernten sich kennen, sie wurden beinahe Freunde. Mercy war in jenen Tagen der Stärkere, und Stephany fühlte es. Persona gratissima bei Hofe, ein Freund des Generallissimus, von den Frauen als Held und Sieger angeschwärmt, selbstlos und charaktervoll – so stand der wiedergenesene General vor ihm und suchte seinen Rat, seine Mithilfe. Wofür? Er wollte ihn für ein Werk erwärmen, von dessen Bedeutung er selber längst erfüllt war, das ihm näher lag, als er im amtlichen Verkehr einzugestehen für klug hielt. Jetzt fanden sie sich rasch. Sie stimmten nicht in allem überein, der Graf wollte zu hoch hinaus, und er war ein schlechter Rechner. Aber Stephany konnte vielleicht Rat schaffen, er glaubte, die Wiener Stadtbank gewinnen zu können für die Finanzierung des Banats, wenn man ihr als Pfand genügend Grund und Boden verschrieb. Da lachte Merey. Das ganze Grundbuch der neuen Provinz sei ein weißes Blatt. Man könne der Bank ein Herzogtum verpfänden. Die politischen Bedenken des Prinzen Eugen teilte der Hofkammerrat nicht. Er fand sie namentlich gegenüber dem Banat ganz unberechtigt. Was hatte dort der hungarische Landtag zu reden? Aber staatsmännisch und klug waren sie gewiß, diese Bedenken. Und da der Landtag jetzt nach langen Jahren wieder zu einer Tagung nach Preßburg einberufen wurde, wollte er sich schon dahinter machen, daß die hungarische Hofkammer selbst den Antrag stelle, und das »Miraccolo« sich ereigne. Darum möge sich Mercy nur recht beeilen mit der Vermessung des Landes und der Anlage von Siedelungen.

Und so kehrte Mercy damals befriedigt auf seinen bedeutungsvollen Posten heim und ließ in Stephany einen Freund, einen Verbündeten zurück. Den letzten Abend hatte er mit seinem Neffen im Hause des Hofkammerrates verbracht, und das Fräulein Lottel bediente die Gäste ihres Vaters mit stiller Anmut. Beide, Oheim und Neffe, gelobten ihr ein freundliches Gedenken beim Abschied und überboten sich an Ritterlichkeit. Die Tante, die Zeugin dieses warmen Abschieds war, behauptete fortan, die Lottel könnte leicht einmal Gouverneurin im Banat werden, der General sei noch ein ganz riegelsamer Herr.

Und das erwünschte Wunder hatte sich ein Jahr später begeben, der hungarische Landtag faßte den Beschluß, es seien freie Ansiedler in das volksarme Land zu berufen, es sei ihnen Grund und Boden, so viel sie bewirtschaften könnten, erbeigentümlich zuzuweisen und eine sechsjährige Steuerfreiheit zu gewähren. Die Befugnis, sich Seelsorger und Lehrer ihres Glaubens und ihrer Nation mitzubringen, Gemeinden zu bilden und Obrigkeit durch freie Wahl zu berufen, war eine selbstverständliche. Eine neue Heimat sollten sie sich gründen und niemandem hörig sein. Der Kaiser und König aber wurde gebeten, für die Bekanntmachung dieser Patente im Deutschen Reich und in allen seinen Provinzen zu sorgen (Gesetzartikel 103 vom Jahre 1723).

Ei, wie die Augen des Generalissimus blitzten, als Stephany ihm diese Mitteilung machte. Jetzt riet er, rasch zu handeln, Deutsche zu rufen, nur Deutsche! Er habe auf seinen Gütern seit zwanzig Jahren nur deutsche Bauern und Handwerker angesiedelt, er kenne ihren Wert. Und der Hofkammerrat hatte im Einvernehmen mit Mercy längst jene Begünstigungen bis ins kleinste ausarbeiten lassen, die man gewähren konnte. Sie bedurften nur noch der Genehmigung des Kaisers. Aber bei Hofe wurde das Patent von unbekannter Hand geändert. Stephany ließ in seinem Entwurf die religiöse Frage unberührt. Jetzt war Katholisch Trumpf. Stephany wollte Deutsche berufen sehen, jetzt aber hieß es, die Aufforderung sei auch in Spanien, Italien und Frankreich zu verlautbaren, und ebenso bei den südöstlichen Nachbarn, den Serben und Bulgaren, die noch unter türkischer Herrschaft seufzten.

Das überraschte den Hofkammerrat am meisten, denn er glaubte gerade den Vorschlag, nur Deutsche zu berufen, am festesten gestützt zu haben, indem er sich auf ältere Beschlüsse und geheime Denkschriften berief. Hatte nicht schon 1689 die mit der Einrichtung Hungarns betraute Kommission unter dem Vorsitze des Kardinals Kollonitsch deutsche Ansiedler gefordert? »Damit das Königreich oder wenigstens ein großer Teil davon nach und nach germanisiert, das hungarische, zu Revolutionen und Unruhen geneigte Geblüt mit dem deutschen temperiert und mithin zur beständigen Treue und Liebe ihres natürlichen Erbkönigs und Herrn auf gerichtet werden möchte.« So lautete damals die geheime Formel.

Aber der Hof war heute ein anderer, und nicht umsonst wurde Spanien an erster Stelle genannt. Kaiser Karl hatte seinen kurzen spanischen Königstraum wohl aufgegeben und war heimgeeilt, um als letzter Habsburger nicht die Krone Karls des Großen zu verscherzen, aber er besaß viele treue Anhänger in Katalonien, die auf seine Gunst hofften, denn sie waren um dieser Treue willen daheim in die Acht getan worden. Die adeligen spanischen Herren, die ihrem König nach Österreich folgten, konnte er leicht belohnen, sie nahmen ihren Weg durch die Armee, andere erhielten geistliche Pfründen oder Herrensitze, die in der Zeit der Gegenreformation verwaisten. Aber das Volk? Man hatte viele hundert spanische Familien im Neapolitanischen angesiedelt und in Sizilien, aber sie fühlten sich dort nicht wohl. Nun, so mochten sie eben auch nach Hungarn kommen, ins Banat. Und die italienischen Provinzen standen dem Hofe ebenso nahe wie die deutschen. Im Elsaß und in französisch Lothringen aber gab es auch noch Freunde des Hauses Habsburg. Und Serben und Bulgaren? Nun, die rief man, weil man glaubte, sie würden den Türken alle davonlaufen und in das Nachbarland übersiedeln. Auf allzuviele Deutsche aber rechnete man nicht.

Der Hofkammerrat war nicht der Mann, gegen allerhöchste Aufträge zu murren. Er unterordnete seine bessere Einsicht wortlos dem Dienst des Kaisers. Und so flog das Patent durch Couriere in alle Welt hinaus, und die Zeitungen druckten es überall ab. Graf Mercy aber, der Gouverneur, paßte sich der neuen Lage noch besser an als Stephany, er suchte sie fruchtbar zu machen für sein Werk. Und er ließ dem Hofkammerrat durch seinen Neffen schreiben, daß er die Südländer willkommen heiße. Aber man solle sie ihm nicht ohne bestimmte Aufgaben senden, er erhoffe sich von ihnen die Pflege neuer Kulturen. Reisbauern brauche er und Seidenzüchter. Die hätten Zukunft dort. Auch edles Obst, Melonen, Feigen und Mandeln müßten in diesem Klima gedeihen, und er erwarte Südländer, die davon etwas verstünden. Die Hauptlinie bliebe dabei unverrückt: deutsche Ackerbauer und deutsche Handwerker! Und auch deutsche Schulmeister könne er nie genug haben.

Und in einer eigenhändigen Nachschrift fügte der General hinzu: »Von den ersten Mandelen, so hier gedeihen, will ich mit dero graziosem Töchterlein ein Vielliebchen essen.«

Der Hofkammerrat zeigte seiner Lottel, das seltsame amtliche Dokument. Sie aber fragte: »Und der Kapitän hat keine Nachschrift gemacht?«

»Nein, mein Kind«, erwiderte der Vater lachend. »So etwas darf sich der General erlauben, aber nicht der Adjutant!«

*

Und jetzt waren die Völker unterwegs nach Hungarn. Gerufen vom Landtag und vom Kaiser und König. Die Spanier und Italiener kamen von unten herauf, sie zogen über Kroatien heran, die Deutschen aber mußten sämtlich den Weg, über Wien nehmen. Und sie erschienen in ungeahnter Zahl, sie brachen in den letzten Wochen wie eine Sturzflut über die Kaiserstadt herein.

»Marandjosef, die Leut', die Massa Leut' riefen die Öbstlerinnen und Fischhändlerinnen beim Schanzl an der Donau, als Tag für Tag die Ulmer, Günzburger und Regensburger Schiffe dort landeten. Und als gar die drei Riesenflöße eingelaufen waren, da kam ganz Wien auf die Beine, jeder wollte die auswandernden Schwaben sehen. Und die vielen Landsleute, die sie in Wien hatten, drängten sich erst recht herbei, mit ihnen zu reden. Die Wiener wußten nicht, sollten sie Mitleid haben mit den Leuten, die in solchen Massen ihre Heimat verließen, oder sollten sie sie beneiden um ihren Mut und ihre Unternehmungslust. Nach Mitleid schienen sie kein Verlangen zu haben, die Schwaben, sie. sahen alle recht wacker und wohlgenährt aus. Und als ein Wiener Bürger so ein altes Schwäblein, das mit seinen Kindern und Enkeln auszog, um das Glück in der Fremde zu suchen, fragte, wie er sich in seinen Jahren noch zu so etwas habe entschließen können, da antwortete das Männlein: «Ei, überall, wo's Herrgöttle huset, do kann no allwil a Schwäble sei guet's Plätzle han.«

Die Beamten der beiden Hofkammern, des Hofkriegsrates und des Magistrates, die für die Unterkunft der Auswanderer zu sorgen hatten, waren bestürzt über den unverhofften Segen, den die Woche nach Pfingsten ihnen bescherte. Wohin mit ihnen, bis sie abgefertigt waren? Der »Regensburger Hof« am Lugeck, die »Stadt Nürnberg« waren teils überfüllt, teils nicht eingerichtet für solches Publikum, sie rechneten mehr auf Kaufherren aus dem Reich und nicht auf Bauern. Auch die »Blaue Ente« und der »König von Hungarn« waren spröde. Es blieben nur die großen ländlichen Einkehrgasthöfe in den Vorstädten draußen und der »Jassauer. Hof« am Salzgries. Aber auch sie genügten nicht. Wenn sich nicht die Klosterhöfe auftaten oder die Kasernen, war es einfach unmöglich, Nachtquartiere für alle zu schaffen. Dieser Ratlosigkeit gegenüber machte ein Schiffer den Vorschlag, die Mehrzahl der Leute doch auf den Flößen zu lassen, mit denen sie gekommen waren. Das schien ein Ausweg. Und Georg Seemayer fand sich bereit, die Leute gegen einen Schlafkreuzer pro Kopf weitere drei Tage auf seinen Kehlheimern zu beherbergen. Dann müßten die Schiffe zerlegt werden, denn das Holz sei schon verkauft.

»Was, zerlegt?« riefen die Beamten ihm zu. »Wie bringen wir die Auswanderer rasch nach Hungarn?« Die Herren begeisterten sich für seine Flöße und besichtigten sie mit Kenneraugen.

Seemayer zuckte die Achseln und ging nach dem Rotenturmtor hinab, um sein Absteigequartier im Regensburger Hof, das immer für ihn bereitstand, aufzusuchen. Er war herzlich müde. Wollte die Kaiserliche Schiffbaudirektion seine drei Kehlheimer haben, wußte sie ihn ja zu finden. Er hütete sich, zu verraten, daß diese Überrumpelung von Wien beabsichtigt war, und daß er damit rechnete, diesmal mehr als ein Holzgeschäft zu machen.

Fast eine Woche später als die großen Regensburger Schiffe kam Philipp Trauttmann mit seiner Arche Noah nach Wien. Er schonte seine braven Gäule, die ihn und die Seinen von der Rheinpfalz bis nach Österreich gezogen und die ihn auch nach Hungarn hinabbringen sollten. Auf allen Landstraßen begegnete er Leuten, die auf der gleichen Wanderung waren wie er, arme Teufel, die sich das Schiff nicht bezahlen konnten, Paßlose, die daheim davon liefen, um das Glück zu erjagen Auch manches tapfere Elend sah er und konnte nicht helfen. Bei Passau führte ein starker, junger Mann sein bleiches, krankes Weib in einem Schiebkarren, und die Kinder liefen nebenher. Wohin, Landsmann?« rief Trauttmann ihn an. »Uff Hungarn! Uff Hungarn!« antwortete der. Die Bas' Evi war so ergriffen von dem Anblick der Leute, daß sie von ihrem Manne verlangte, er möchte das Weib mitnehmen. Philipp schüttelte den Kopf. Ein krankes Weib? In seinen vollen Wagen? Das ging doch wohl nicht. Der Mann werde schon unterwegs irgendwo Arbeit nehmen und sich ausschnaufen. Eilig dürfe man es eben nicht haben; wenn man Schusters Rappen vor einen Schiebkarren spanne. Liefen doch die eigenen Buben auch ein paar Stunden täglich, damit die Pferde es leichter hätten. Und der Matz nicht minder. Was soll da ein Gast? Die Frau sah das ein. Es hatte sie nur die Treue dieses Mannes so gerührt.

In Passau, wo die Schiffe einen Tag lagen, weil die Auswanderer den ersten Teil ihres Reisegeldes ausbezahlt erhielten, meldete sich auch Trauttmann wieder. Er bekam nichts und erwartete auch nichts; er reiste auf eigene Kosten und wollte freie Hand haben bei der Wahl seiner neuen Heimat. In Engelhartszell, an der Grenze, wo die Schiffe abermals einen Tag liegen mußten, um einer strengen Visitation unterzogen zu werden, wurde sein Paß wieder kritisch betrachtet, wurde der Matz wieder zu verheiraten gesucht. Und voll Erstaunen war die Grenzpolizei, daß er unterwegs nicht katholisch geworden war, daß der kaiserliche Gesandte in Frankfurt ihm einen solchen Paß gegeben hatte, ohne diese Bedingung zu stellen. »Uns eine ganze Brut von sieben Evangelischen auf einmal zu schicken!« rief einer der Finanzoffiziere. »Weist sie zurück!«

Trauttmann hatte da einen Einfall, auf den er noch im Alter stolz war. Er sagte: »Die bescht Gelegenheit, den Fehler gut zu mache, is ja in Wien, wo m'r acht Täg bleibe wolle.«

»Ach so!« sprach der Offizier. »Na, dann passiert der Mann.« Und sein Paß wurde vidiert.

Aber man schickte ihm einen Unteroffizier mit der barschen Frage nach, ob er eine lutherische Bibel besitze. Trauttmann leugnete es.

»Das wollen wir sehen!« schrie der Mensch und folgte Trauttmann bis zu seinem Gefährte.

»Alles aussteigen und den ganzen Wagen ausräumen!« befahl er.

»Was? Ihr glaabt m'r nit?«

»Ich hab gar nix zu glauben. A jed's Schiff, des da über d' Grenz' fahrt, wird ausg'raamt. Schau dorthin, Bauer, wie's qualmt und raucht.«

Trauttmann folgte mit den Augen dem Hinweis des Korporals und erblickte einen qualmenden, schwelenden Holzstoß. » Is des v'leicht ei' Scheiterhaufe far uns?« fragte er voll Spott.

»Richtig derraten! Des is a Scheiterhaufen. Sein lauter lutherische Bibeln, die dort brennen! Mancher auf den Schiff ' en hat die seine verleugnet, aber wir haben s' doch alle derwischt. Also, Bauer, sei nicht dumm, gib die deine her und erspar' mir die Arbeit.«

Frau Eva und ihre Kinder horchten bestürzt auf dieses laute Gespräch, und auch sie blickten jetzt nach dem brennenden Stoß lutherischer Bibeln. Das also war es, was der Mann ihr seit Regensburg verheimlichte? Man wollte sie wohl katholisch haben. Und ihr Philipp schwankte?

Finster stand Trauttmann neben seinem Wagen. »Sucht sie!« rief er. »M'r häwe Zeit. Awer wer m'r den Wage ausraamt un nix findt, der raamt m'r'n a wieder in. Ich werd' mich in Wien beklage. Was steht in mei'm Paß? Alle Behörde solle mich unerstütze. Macht m'r des so?«

»Na, na. Nur kein G'schrei da! Mir sein verantwortlich, daß keine lutherische Bibel über d'Grenz' kummt. Verstanden?«

Und er stieg in den Wagen, durchsuchte und zerwühlte alles, warf Kissen und Decken und Kleider heraus, brummte und fluchte und kam nach einigen Minuten wieder zum Vorschein, ohne etwas gefunden zu haben.

»Fahrt zum Teufel!« sprach er unwillig und ging.

»Auch so viel!« rief ihm Trauttmann nach und ballte die Fäuste: »Krieg' die Kränk', du Hund!« murmelte er

Frau Eva legte die Hand auf seinen rechten Arm und sagte: »Philipp, b'sinn' dich!«

»E schöner Segenswunsch, wenn m'r in ei' fremd's Land nei'fahrt.«

Er ließ die Fäuste sinken, die Spannung löste sich. Und als seine Frau den Wagen wieder in Ordnung gebracht hatte, trieb er die Pferde an und fuhr mit Eile von dannen. Hier wollte er keine Rast halten. Die Bas' Evi aber und die Kinder starrten noch lange nach dem rauchenden Scheiterhaufen am Ufer der Donau … Und was sie empfanden, seit sie in Bayern waren, daß eine andere geistige Luft sie umgab, das fühlten sie doppelt auf dem weiten Wege durch Österreich: Es war katholisches Land. An allen Straßen erhoben sich Heiligenstatuen. Wallfahrer kreuzten ihren Weg, Prozessionen singender Gläubiger da. öffentliche Maiandachten und Bittgänge dort. Es war ein lauter religiöser Betrieb auf allen Wegen fühlbar, der sie ganz romantisch anmutete. Jede hochgelegene Wallfahrtskirche, zu der die Tausende hinaufpilgerten, erschien ihnen wie ein Stück Poesie. Sie fragten sich aber: Sind das deutsche Leut'? Es berührte sie fremd. Am Tage vor Fronleichnam fuhr der Wagen Trauttmanns bei der Mariahilfer Linie nach Wien hinein. Er hatte seine drei Mautkreuzer schon erlegt und die Pferde in Gang gebracht, als er etwas blinken sah auf der Straße. Ein Hufeisen! Schnell stieg er vom Wagen und hob es auf. Ein gutes Eisen. Er sah nie ein schöneres. Das verlor kein Zugpferd … Lächelnd reichte er den glückbringenden Fund der Frau Eva in den Wagen hinein. Dann fuhr er weiter. Es hatte keine weiteren Zwischenfälle gegeben, und man kam in guter Stimmung an, Nur der Rappe mußte sich wehgetan haben, er schonte das linke Vorderbein seit gestern. Aber der Stallmeister vom Passauer Hof sagte, er habe einen guten Kurschmied nebenan, und der werde dem Gaul schon helfen. Der Beschlag scheine nicht in Ordnung zu sein. Wie lange man bleibe, wollte er wissen.

Das sei ganz ungewiß, meinte Trauttmann, es hänge nicht von ihm ab.

Auch den Herrn Hofkammerrat Joseph von Stephany setzte der Ansturm deutscher Einwanderer, wie er in diesem Frühling auftrat, in Erstaunen. Das hatte niemand erwartet. Die kaiserlichen Kommissäre saßen freilich überall, und ihre Werber hatten den Winter hindurch tüchtig gearbeitet, trotzdem war die Wirkung eine Oberraschung, und die in Frage kommenden Ämter versagten, sie konnten die Aufgabe, die ihnen zufiel, nicht bewältigen. Die adeligen Herren bei der Hungarischen Hofkammer versagten zuerst. Sie fingen zu murren an, denn sie sahen sich in ihren Vergnügungen gestört. Und sie ließen die Leute wochenlang in Wien herumlungern, bis sie ihren Sparpfennig aufgezehrt hatten. Viele liefen ohne Pässe fort nach Hungarn, andere kehrten mißmutig um und fluchten über solche Wirtschaft, solche Täuschung. Auch der Hofkriegsrat hatte andere Aufgaben, die ihm näher lagen. Da setzte Stephany die Bildung einer eigenen Ansiedlungskommision durch, die aus den Vertretern all der Ämter bestand, in deren Wirkungskreis die Angelegenheit fiel. Ein Heer von Schreibern wurde der Kommission zugewiesen, und nun ging die Abfertigung rascher von statten. Der Hofkammerrat hatte seinen alten Aktuar Franz Hildebrandt, der auf das Genaueste mit allem vertraut war, an die Kommission abgetreten, und an ihn selbst kamen nur grundsätzliche Fragen und besondere Entscheidungen heran. Aber er verfolgte die Entwicklung des Ganzen mit dem höchsten Interesse und stand in ununterbrochener Verbindung mit den Kommissären im Reich, mit Mercy im Banat und mit all den Bischöfen und Grafen in Hungarn, die auf ihren Besitzungen Ansiedler wünschten. Er wachte von hoher Warte darüber, daß dieselben Bedingungen, die der Staat seinen Kolonisten auf den Kameralgütern gewährte, auch von den privaten Herrschaften anerkannt wurden. Versuche von Ausbeutung und Knechtung, die zu seiner Kenntnis gelangten, buchte er auf einem besonderen Blatt. Die Versetzung solcher Ansiedler auf bessere Plätze wird eines Tages möglich sein. Aber es konnten in dem weiten Lande, nach dessen Innerem es wenig Wege gab, hundert Dinge geschehen, die nie zu seiner Kenntnis gelangten. Darum ließ er jeden vor sich, der von drunten mit Nachrichten oder mit Beschwerden kam. Und er ließ sich noch etwas anderes angelegen sein: den Leuten, die in Wien warteten, mußte alles gezeigt werden, was ihrem Fassungsvermögen entsprach, sie sollten einen bleibenden Eindruck mitnehmen von der großen, schönen Kaiserstadt.

Fronleichnam in Alt-Wien

Schon vor Sonnenaufgang rauften die Wiener am Fronleichnamstag um die guten Plätze in der Inneren Stadt. Jeder wollte das größte Schauspiel des Jahres, zu dem die Kirche und der Kaiserhof sich vereinigten, gesehen und genossen haben. Vor Tagesanbruch war die Rumorwache ausgerückt, um die Stadtguardia bei der Freihaltung der Gassen und der Spalierbildung zu unterstützen, aber seitdem das Fest in den Vorstädten auf den nächsten Sonntag verlegt worden war, stieg der Zufluß an Neugierigen und Gläubigen von Jahr zu Jahr. Nicht zu übersehen wäre das mehr, sagte der Stadtkommandant, und er müsse die Verantwortung ablehnen, wenn er die Tore nicht schließen dürfe. Das wurde ihm verweigert. War die Verlegung des Festes in den Vorstädten doch nur erfolgt, damit der Glanz desselben in der Inneren Stadt durch die Teilnahme aller Zünfte und der gesamten Bevölkerung gehoben werde. Für die Zuschauer möge man in den Seitengassen Tribünen bauen, lautete der Bescheid. Den Wucher aber, der bei der Fenstervermietung eingerissen, solle die Polizei strenge überwachen und bestrafen. Dann wäre Platz genug. Und wie zum Hohn auf die Beschwerde des Stadtkommandanten forderte die Hofkammer just auf dem Graben, wo alles hindrängte, jetzt alljährlich einen Raum für tausend schwäbische Bauern mit ihren Familien. Die Wiener hätten in ihrem Leben noch Gelegenheit genug, die Fronleichnamsprozession zu sehen, diese Leute aber werden sie einmal sehen und nie wieder.

Und da standen sie, eingekeilt in den brausen den Schwarm der städtischen Bevölkerung, bei der neuen Pestsäule auf dem Graben. Gass' auf Gass', ab Menschen, Menschen; bis hoch hinauf zu den Bodenluken Kopf an Kopf gedrängt in beängstigender Fülle. Und ein Summen und Sausen ging von ihnen aus, als ob sie alle schrien, aber sie redeten und flüsterten bloß. In Gruppen waren die Schwaben unter der Führung von Beamten aus ihren Quartieren herbeigekommen und begrüßten einander. Der und jener war schon abgefertigt, war schon fort nach dem Banat. Die erste große Kehlheimer Plätte sei vor zwei Tagen abgegangen nach Ofen. Bald käme auch an sie die Reihe. »Zeit wär's!« seufzte der Nikolaus Eimann, der richtig mit ein paar Nachbarn und allen seinen Söhnen aus dem Blautal ausgewandert war und schon eine Woche in Wien saß. Und man erzählte sich, wo der und jener hingeschickt worden war. Den Lehrer Wörndle habe man nach Temeschwar gewiesen. Der könne dort noch Schuldirektor werden; den Johann Schultheiß nacb Werschetz, wo er Weingärten anlegen soll; den Peter Kremling nach dem neuen Grenzort Weißkirchen, den Kaspar Kraft irgendwohin in die Bacska. »Und wo sein die Pfälzer aus Regensburg?« fragte einer. »Der Staudt und der Luckhaupt« Niemand wußte es. Die hatte man aus den Augen verloren. Aber daß der Trauttmann im Passauer Hof angekommen, das wußte man schon, denn mancher von ihnen war ebenfalls dort untergebracht worden.

Der Schwatz verstummte plötzlich. Truppen waren aufmarschiert, zwei Bataillone Grenadiere mit hohen Bärenfellmützen kamen über den Kohlmarkt von der Hofburg herab, sie machten die Mitte frei und bildeten eine Mauer vor den Gassen, die hier mündeten, denn aus ihnen quollen ständig neue Zuschauermengen hervor. Gedämpfte Kommandorufe ertönten, und Glied reihte sich an Glied bis hinab zum Stephansdom, die Stadtguardia zog ab, um Seitengassen zu besetzen.

Die Beamten flüsterten den Bauern zu, das wären die Grenadiere, die das Lager des Sultans bei Belgerad gestürmt hätten. Sie wären ausgewählt worden für das heutige Spalier; seien erst kürzlich nach Wien in Garnison gekommen. Wo sie erscheinen, schreie das Publikum sonst Vivat.

Kaum war die Ordnung vollzogen und die Bahn freigemacht für den Aufzug des Hofes, schlug die Uhr acht, und es erklang von St. Stephan her der dumpfe, schauerlich-schöne Ton einer Glocke. Und immer gewaltiger, immer herrlicher erhob sie ihre Stimme, die Fensterscheiben klirrten und die Erde schien zu beben; nie hatten die Leute aus Schwaben und vom Rhein einen solchen Glockenton vernommen, und sie schauten sich an. Ein Beamter sagte ihnen, das wäre die berühmte «Bummerin«, die aus hundertachtzig Türkenkanonen gegossen wurde. Aus Kanonen, die Anno Sechzehnhundertdreiundachtzig hier vor Wien erobert worden seien. Am Tage, da Kaiser Karl aus Frankfurt von der Krönung heimkehrte, wäre sie zum erstenmal geläutet worden. Sie erklinge nur bei seltenen Festen, weil sie dem Turm von St. Stephan zu schwer wäre. Alles hielt den Atem an und lauschte der großen Glocke. Auch Trauttmann, der mit den Seinen am Petersplatz war untergebracht worden, weil er zu spät kam, vernahm die Erklärung über diese Glocke, und es berührte ihn seltsam, daß dasselbe Metall, das einst Feuer und Verderben gegen diese Stadt ausspie, jetzt dazu gezwungen wurde, die gläubigen Christen zum Gebet zu rufen und zur Andacht zu stimmen. Ausdrücken hätte er das seiner Eva gern mögen, aber er fand die Worte nicht. Auch stand sie so ernst und trotzig neben ihm, so abweisend, wie er sie nie gesehen. Sie wäre am liebsten nicht mitgegangen.

Als die Glocke geendet, erhob sich vom Kohlmarkt her eine Bewegung. »Der Hof kommt!« hieß es. »Der Hof kommt!« und wie eine Welle brausten die Worte weiter und weiter.

Zwei Gardereiter auf goldgezäumten Rappen eröffneten den prunkvollen Zug. Ein unabsehbares Heer von Kammerherren und Hofwürdenträgern in wallenden Perücken, von adeligen Pagen und hohen Gardeoffizieren folgte. Endlich kam der sechsspännige, herrliche Wagen, in dem der Kaiser ernst und feierlich saß. Der letzte Habsburger! Er schaute nicht links noch rechts, wo die Häupter sich alle vor ihm entblößt hatten, wie eine Bildsäule zog er vorüber… Dann kam die Kaiserin Elisabeth Christine. Auch ihr goldig schimmernder Wagen ward von sechs Schimmeln gezogen, und sie strahlte in blendender Schönheit. So oft sie sich öffentlich zeigte, ging ein Freudenschauer durch das Publikum, und alles huldigte ihr. Auch heute, an dem heiligen Tage, hielt sich die Menge kaum zurück. Die schönste Frau Europas (so nannte sie die Lady Montague) fühlte, daß dieses Aufbrausen hinter dem Grenadierspalier ein Gruß war, der ihr galt, und sie neigte lächelnd und vorsichtig das Haupt dessen hochgetürmte, von hundert Diamantnadeln zusammengehaltene Frisur im Licht der Morgensonne glitzerte und funkelte, daß man beinahe nicht hinsehen konnte. Ihr Blick traf auch die bunte Trachtengruppe der deutschen Auswanderer, und die Leute glaubten eine freundliche Überraschung auf ihrem Antlitz wahrgenommen zu haben. Vielleicht sah sie die Landsleute aus Braunschweig unter ihnen, denn auch solche gab es hier. War sie doch die Tochter des Herzogs von Braunschweig-Lüneburg-Wolfenbüttel. Und sie ist katholisch geworden, um Königin von Spanien werden zu können, wie ihre Muhme Amalie Wilhelmine von Hannover, die Gemahlin des Kaisers Josef I., der so jung hatte sterben müssen, katholisch wurde. Josef I. starb jung. Jetzt war sie selbst die Kaiserin, da ihr Gemahl nach dem frühen Tod des Bruders den habsburgischen Thron in Wien bestieg. Und die stolze Muhme mit ihren Töchtern stand als Kaiserinwitwe abseits, sie gab Josef keinen Thronerben. Aber auch sie, die schöne Elisabeth Christine, hatte keinen Sohn, ihr einziger war früh gestorben. Noch hoffte das Volk auf einen Thronerben, noch konnte Gott ihr diese Gnade schenken. Wer sie sah in ihrer Leibesherrlichkeit, der zweifelte auch nicht daran. Kaiser Karl aber baute vor, er hatte schon in allen seinen Staaten, auch in Hungarn, jenes Gesetz zur Annahme gebracht, das sie die Pragmatische Sanktion nannten, und das seinem Töchterchen Maria-Theresia die Thronfolge sicherte in dem großen unteilbaren Österreich. Er hoffte auf keinen männlichen Erben mehr.

Und jetzt erschien unter Vorantritt eines lieblichen Korps von Edelknaben der vierspännige Wagen der Erzherzogin. Mit hellen, großen Augen schaute die kindliche Prinzessin in das Publikum, und die Obersthofmeisterin, die ihr gegenübersaß, redete mit ihr. Plötzlich zeigte Maria Theresia mit einer raschen Handbewegung, die der spanischen Hofetikette sehr wenig entsprochen haben mag, nach der langgestreckten Bauerngruppe, die sich da mitten in dem Wiener Publikum befand. Sie fragte und erhielt Antwort. Da schaute sie noch einmal hin und nickte. Lächelte und nickte.

Und weiter entwickelte sich der Aufzug des Hofes nach St. Stephan. Es kamen die adeligen Hofdamen in zweispännigen Wagen und viele Fürstlichkeiten, die zum Hofstaat gehörten. Der Generalissimus Prinz Eugen schritt zu Fuß, umringt von Feldherren und Generalen, gefolgt von Offizieren aller Grade nach St. Stephan. Die Ministerialen bildeten eine eigene Gruppe in dem Zug. Die Minister und die Präsidenten der Hofämter hatten den Vortritt, an sie reihten sich die Hofkammerräte, und auf Josef von Stephany machten die Beamten die Auswanderer besonders aufmerksam, er sei gar mächtig in ihrer Sache. Und auch er sah sich die Gruppe voll Befriedigung an. Ein Schwarm von Titularkammerherren und Truchsessen, die sich ihre Würden zum Teil um Geld erworben hatten und die bei großen Hoffesten die Auszeichnung genossen, der kaiserlichen Familie die Speisen reichen zu dürfen, bildeten den Abschluß des Zuges, dem eine vierfache Reihe von Gardisten folgte, zehn zu zehn Mann, Männer von riesiger Größe, eine wandelnde Mauer mit flatternden Helmbüschen.

Alle Glocken läuteten zum Zeichen, daß der Hof den Dom von St. Stephan betreten habe. Und nun löste sich die Spannung, es wurden Meinungen ausgetauscht und Urteile abgegeben, es wurde erklärt, geklatscht und gezischelt. Die Kaiserin fand man schöner als je, die kleine »Theres« zum Küssen. Die spanische Althan, die Gemahlin des Obersthofmeisters, sei nicht gekommen, weil sie als Maitresse en titre durchaus vierspännig habe fahren wollen, dies aber wäre ihr nicht gestattet worden. Man gönnte es ihr. Spanien war nicht sehr beliebt in Wien, es übernahm sich bei Hof.

In stummer Bewunderung des Reichtums und des Glanzes, den der Hof da entfaltet hatte, verharrten die Bauern und ihre Frauen.

Aber war wohl einer in der vieltausendköpfigen Menge, der an den Sinn des kirchlichen Festes dachte? Nur weltliche Gedanken waren in ihnen angeregt worden. Freilich, das kirchliche Fest sollte ja erst beginnen, die Prozession bildete sich wohl gerade bei St. Stephan. Und nach kurzer Pause fingen wieder sämtliche Glocken zu läuten an, der Auszug begann.

Fronleichnam!

Kein stolzeres Fest als dieses kennt die katholische Kirche. Der volle Orgelklang des Frühlings durchbraust es, das Wunder, das sich aus dem Leib der Erde heraus vollzogen und vor den Menschen in prangender Fülle aufgetan, es lebt im Symbol dieses Festes, im Leib des Herrn. Weihnacht feiert die Wintersonnenwende, Ostern die Frühlingsahnung, in ihm lebt schon der Auferstehungsgedanke; Fronleichnam aber ist die Erfüllung, das große Wunder in der Natur hat sich vollendet. Ein Triumph ist dieses Fest über alle feindlichen Gewalten, ein Hochgesang auf die Allmacht Gottes. Alle heidnischen Überlieferungen der germanischen Völker hat sich die römische Kirche dienstbar gemacht, die Tiefe und Gedankenfülle ihrer Feste entnahm sie dem Kultus dieser »Barbaren«. Sie haben den Glauben an Wotan mit dem an Christus getauscht, aber sie bereicherten diesen neuen Kultus und vertieften und erweiterten ihn durch die Mitgift, die sie dem Christentum zubrachten. Willig und schmiegsam nahm die Kirche dieses große geistige Erbe auf in ihre pomphaften orientalischen Formen, und ihre stärksten Pfeiler ruhen in dem Naturerkennen der Urvölker. All ihre anderen Feste werden brüchig und vermindern sich, die aber müssen bleiben, die das Jahr in seinem Gang begleiten, die das Weltwunder deuten und verklären.

Alle Gassen sind heute mit dem jungen Grün der Wiesen und mit Millionen Blumen bestreut, an den Häusern lehnen ganze Wälder von frischbelaubten Bäumen und Zweigen. Wald und Feld und Wiese sind in die Stadt gekommen.

Unter Glockengeläute, mit wehenden Fahnen, unter Musik und Gesang entfaltete sich die gewaltige Prozession von St. Stephan durch die Kärntnerstraße, von Altar zu Altar trug der greise Erzbischof die Monstranz mit dem Allerheiligsten, über die Augustinerstraße, bei den Michaelern an der Hofburg vorüber, über den Kohlmarkt und den Graben führte der Weg nach drei Stunden zurück zum Dom. In Doppelreihen wallten die Kleriker, die Ordensbrüder und Nonnen voran mit der ihnen anvertrauten Jugend. Den Brüdern von den Schotten, den Augustinern, den Michaelern und Dominikanern, den Kapuzinern und Franziskanern, den Karmelitern, den schwarzen und weißen Spaniern, den Minoriten und Pazmaniten, den Barmherzigen, den Mechitaristen und Piaristen, den Paulanern und Redemptoristen, den Serviten und vielen anderen Orden folgten die Jesuiten mit ihren adeligen Konvikten und der hohen Universität – ein Heer von Gottesstreitern, von dessen Größe man kaum eine Vorstellung hatte. Und hinter dem Erzbischof, dessen hoher geistlicher Stab von Domherren und Prälaten voranschritt, folgte der Kaiser und die Kaiserin mit ihrem unübersehbaren Hofstaat, es folgte der Magistrat von Wien, das vornehme Bürgertum, die Innungen und Zünfte mit ihren Fahnen und die zahlreichen frommen Vereine und Brüderschaften. Und wenn ein Straßenaltar erreicht war, hielt die gewaltige Prozession an, und der Erzbischof vollzog den Gottesdienst. Vier Pagen breiteten einen Teppich aus vor dem Kaiserpaar, und es kniete nieder. Ein junger Kanonikus, ein Jesuit, las mit kräftiger, weithinschallender Stimme das lateinische Evangelium vor, Pauken und Trommeln und Hörner begleiteten den lateinischen Kirchenchor, den Weihrauchfässern entströmte ein berauschender Duft, und alles warf sich in den Staub, sobald der Bischof das Allerheiligste, das Symbol des Tages, erhob, um es im Triumph der Menge zu zeigen. Das Wunder in der Natur wurde zum Wunder in der Hostie.

Voll Staunen und in unsagbarer Ergriffenheit folgten die deutschen Bauern aus dem Reich diesem kirchlichen Schauspiel. Der Vorbeimarsch des Zuges, der die ganze Gesellschaftsordnung des Staates vor ihnen aufrollte und ihnen seine mächtigsten Säulen in Person zeigte, der auch die feste Gliederung des Bürgertums und des Handwerkerstandes vorführte, er hatte nur eine große Lücke – der Bauer fehlte darin. Fühlte es einer von denen, die hier zu Gaste waren, daß auch ihr Stand in den Zug gehörte?

Wie betäubt war die Menge. Und es wurde ihr nur eine kurze Pause gegönnt, denn alsbald vollzog der Hof seine Rückfahrt nach der Burg in derselben Ordnung, in der er gekommen. Hinter ihm lösten sich die Spaliere. Und wie eine Sturzflut ergoß sich die zurückgestaute Menge in die Straßen, plünderte den Blumenschmuck der Altäre, riß die Birkenbäumchen nieder und beraubte sie ihrer Zweige, um sie heimzutragen als einen Gewinn dieses Festes, als ein geweihtes Andenken, dem Wunderkräfte innewohnten gegen Not und Krankheit und alle übel, die das Jahr bringen mochte.

Auch unsere Bauern waren nicht faul und nahmen sich, was sie erreichen konnten. Für sie war der Tag ein besonders denkwürdiger. Manches Mütterchen legte ein paar geweihte, grüne Blätter in ihr Gebetbuch, die sie einst ihren Enkeln noch zeigen wollte als ein Angedenken vom Wiener Fronleichnamsfest.

Eva Trauttmann schaute dem Treiben sprachlos zu. Und sie hielt ihre drei Buben zurück, als sie dasselbe tun wollten, wie die anderen. Nur der Ferdinand, der jüngste, steckte sich ein geweihtes Zweiglein auf den Hut. Philipp Trauttmann aber fiel seiner Frau in den Arm, als sie danach greifen wollte. »Werscht Ruh' gäwe?« sagte er. Und sie verstand seinen drohenden Blick. Ärgernis wollte sie ja keines geben, so lutherisch sie auch war.

Zwei besondere Fälle

Ja, heute gab es zwei besondere Fälle vor der Ansiedlungskommission zu entscheiden. Zwanzig Leute aus Baden-Baden hatten sich vereinigt zu der Forderung, daß dem paßlosen Kaspar Melcher, der sich unter sie gemischt habe, die Weiterreise mit ihnen untersagt werde. Sie besteigen kein Schiff, erklärten sie, auf dem er sei. Er wär ihnen unheimlich. Und schon auf der Herreise drohten ihm einige, ihn ins Wasser zu werfen. Warum, wollten sie aber nicht sagen.

Franz Hildebrandt nahm die Leute einzeln vor, und es kam heraus, daß sie den jungen Mann im Verdacht hatten, ein Freimann zu sein. Einen solchen aber dulden sie nicht unter sich, sie seien ehrliche Leute.

Der Kaspar leugnete es, er wollte ein Bauernsohn sein. Aber einer sagte ihm auf den Kopf zu, daß er ihn in Karlsruhe an der Arbeit gesehen, daß er der Sohn des dortigen Henkers wäre. Und der könne nicht mit ihnen angesiedelt werden. Lieber kehren sie alle wieder heim. Und einer kannte seinen Vater.

Da brach der Kaspar, ein Riese von Gestalt, ein Wildling mit blitzenden Augen, in die Knie vor Hildebrandt und bat um Gottes willen, mitfahren zu dürfen nach Hungarn. Er wolle ehrlich werden! Ein Mensch wie die anderen! Sei denn das nirgends in der Welt möglich?

Der Aktuar Hildebrandt zog die Augenbrauen hoch und schaute den Burschen an. Er gefiel ihm. Aber auch ihn befiel ein Grausen bei dem Gedanken, daß er von Menschen abstamme, die das Hängen als Gewerbe betrieben. Und so jung er war, mochte er wohl auch schon arme Sünder gespießt, gerädert und gevierteilt haben. Die Leute hatten recht, wenn sie nicht mit ihm angesiedelt sein, mit ihm in einer Gemeinde hausen wollten Und Hildebrandt versprach den Bauern, daß sie ohne ihn weiterfahren sollten, es werde sich schon eine andere Verwendung für den Kaspar finden.

»Welche?« schrie dieser. »Welche?« Er schien zu zittern vor dem Gedanken, vielleicht in Wien Freimann werden zu müssen.

Das werde er ihm morgen oder übermorgen sagen, er möge wiederkommen, war die Antwort des Vorsitzenden.

Franz Hildebrandt war ein bedächtiger, ein beinahe ängstlicher Mann. Er führte den Vorsitz bei der Ansiedlungskommission, die einstweilen im Wiener Rathaus, in der Wipplingerstraße unter Dach gekommen war, mit Widerstreben. Er fühlte sich nur als Stellvertreter seines Amtsvorstandes, des Hofkammerrates. Daß er bei strittigen Fragen bloß über die Gasse zu gehen brauchte, wenn er seinen Chef sprechen wollte, das erleichterte ihm das Herz. Nur keine persönliche Verantwortung übernehmen in amtlichen Dingen! Er brauchte immer eine Rückendeckung.

In Scharen kamen die deutschen Bauern mit ihren Familien, um sich den Herren der Kommission persönlich vorzustellen und ihre Pässe auszuwechseln, die sie im Reich erhalten hatten. Hier endigten sie. In Wien bekam man ein neues Dokument für das Banat, einen Gewährschein oder gleich einen Ansiedlungspaß. Und die versprochenen weiteren drei Gulden Reisegeld pro Kopf. Da wollten die Herren die mitgebrachten Köpfe selber abzählen, ehe sie zahlten. Und alle Namen mußten in ein großes Protokoll eingetragen werden. Was zusammengehörte, sollte beisammen bleiben; Leute, die aus einem Dorf stammten oder aus einer Grafschaft, sollten auch wieder in ein und demselben Dorf angesiedelt werden, so weit dies möglich war. Ganz sicher konnten es die Herren Beamten in Wien freilich nicht zusagen, aber die Ansiedlungspässe, die sie ausfolgten, gaben solchen Wünschen Ausdruck. Und man sah darauf, daß Zusammengehörende gleichzeitig und auf demselben Schiff bis Ofen geschickt wurden, wo dann häufig eine Neueinteilung erfolgte, und die Reise ins Innere oft zu Fuß angetreten werden mußte.

Und wie Beichtväter forschten die Beamten die Leute aus. Für Bauern mit ordnungsmäßigen Pässen gab es eine sechsjährige Freiheit von allen Abgaben, für Handwerker eine zehnjährige, denn es meldeten sich viel zu wenig. Für Paßlose, für Entlaufene gab es kein Reisegeld und keine bestimmte Zusicherung einer Ansiedlung, wenn man sich an die Vorschriften hielt. Sie durften mitlaufen nach Hungarn, aber amtlich konnte man sie in Wien nicht behandeln, nicht berücksichtigen. Das wäre ein Preis gewesen auf eine unerlaubte Handlung. Hatten doch einzelne deutsche Fürsten schon Vorstellungen erhoben in Wien. Man locke ihnen alle Untertanen weg … War das Elend einzelner Auswanderer aber zu groß, dann griff immer die milde Hand des Hofkammerrates Stephany ein. Er nahm vieles auf sich. ja, er tat den Ausspruch, die Paßlosen seien die sichersten neuen Untertanen. Die kehren nicht mehr um! Und die Ärmsten unter ihnen erhielten das Reisegeld durch seine Hand.

Mit großer Strenge bestand die Kommission darauf, daß keiner sich für etwas anderes ausgab, als er war. Wehe dem Leineweber, der sich als Bauer bekannte, um Grund und Boden zur Bewirtschaftung zu erhalten! Der Graf Mercy war imstande, ließ ihn durchpeitschen und jagte ihn wieder fort. Darum sah der Hofkammerrat auf ein wahrheitsgetreues Bekenntnis, und Franz Hildebrandt ließ keinen durch ohne ein solches. Auch mit der Religion nahm dieser es sehr streng. Er war Mitglied der Michaelsbruderschaft und als solches gebunden, immerdar und allerorten für die Wahrung und Verbreitung des alleinseligmachenden, römisch-katholischen Glaubens einzutreten. Wer ihm verdächtig vorkam, den schickte er zum Pfarrer der Kirche Maria am Gestade zu einer Katechetisierung. Brachte er von dort kein Attest, bekam er keinen Ansiedlungspaß. So bekehrte er manchen.

Der zweite Fall, der ihn heute beschäftigte, war dieser Art … Es war die Sache des Philipp Trauttmann aus Bobenheim in der Rheinpfalz. Wurde denn nicht klar und deutlich verlautbart, daß man Deutsche katholischen Glaubens einlade, sich zu melden? Wer dennoch kam, der mußte eben bereit sein, katholisch zu werden. Der aber wollte nicht, er ging ihm nicht zum Pfarrer von Maria am Gestade. Lieber wollte er nach Schlesien oder Polen weiter fahren und sich eine andere Heimat suchen. In Polen ist nichts zu holen!« rief ihm ein Beamter zu. Aber der Trauttmann lächelte nicht über den Witzigen. Er blieb bei seinem Wort.

Franz Hildebrandt sah sich die sieben gesunden Menschenkinder, die der Trauttmann vor die Kommission hinstellte an und zögerte mit dem Urteil, das ihm auf der Zunge lag. Daß er die Leute nicht ins Banat schicken durfte, das war gewiß. Das mußte katholisch bleiben. Aber vielleicht gab es sonst eine Gegend, wo sie unschädlich blieben, wenn man sie hinversetzte.

Er befahl auch den Trauttmann in zwei Tagen wieder zu sich.

Und der Herr Hofkammerrat, dem Hildebrandt beide Fälle vortrug, hatte rasch entschieden: der Kaspar Melcher möge in Wien ein Handwerk lernen, das ihm tauge. Es werde sich schon eine Zunft finden, die ihn binnen Jahresfrist freispreche, wenn ihn niemand verrate und er sich gut aufführe. Dann, als Handwerksgeselle, mag er getrost nach Hungarn wandern, er werde sein Glück dort machen, wie tausend andere.

Der Kaspar war es zufrieden. Der Riese wollte Lehrjunge werden, wenn man ihm zu einem Meister verhalf. Und Hildebrandt beschied ihn neuerlich auf einen andern Tag. Er werde schon sorgen für ihn.

Über den Fall Trauttmann aber resolvierte der Hofkammerrat Stephgny anders. »Der Mann soll zu mir kommen«, sagte er.

Und Philipp Trauttmann zog am nächsten Morgen sein bestes Gewand an, setzte seinen Sonntagshut auf und stieg vom Passauer Hof über die Fischerstiege nach der oberen Stadt. Sein Weib gab ihm ihren Segen mit auf diesen Weg. Sie wußte, daß viel davon abhing. Acht Tage saßen sie in Wien nutzlos, auf eigene Kosten. Dem mußte so oder so ein Ende gemacht werden.

Gestern abend, als es ganz dunkel war, holte der Philipp vom tiefsten Grund seines Wagens, aus einem Habernsack, die Bibel hervor, und sie saßen alle um ihn herum in der Stube, die sie für sich gemietet hatten. Nur der Matz schlief nachts im Wagen, da man den nicht allein lassen durfte. Trauttmann las ihnen die Epistel St. Jakobi vor aus dem Neuen Testament und erklärte sie auf seine schlichte Weise. Es ist die wunderbare Epistel von der Geduld in Kreuz und Leiden… »Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn, nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, welche Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben«, las Trauttmann mit erhobener Stimme. »Niemand sage, wenn er versucht wird, daß er von Gott versucht werde. Denn Gott ist nicht ein Versucher zum Bösen, er versuchet niemand. Sondern ein jeglicher wird versucht, wenn er von seiner eigenen Lust gereizt und gelockt wird.«

Die Buben, die in eine übermütige Freude ausgebrochen waren, als sie sahen, daß das heilige Buch doch gerettet wurde, horchten hoch auf, als der Vater zu lesen anhub, und ganz andächtig wurden sie bei seiner Rede, die dann folgte, obwohl sie sie kaum verstanden. Der März aber meinte zum Schluß, daß kein Pfarrer es besser machen könne, als der Vetter Philipp. Und Frau Eva küßte den Vater, sie meinte dasselbe. Sie versorgte das teure Buch wieder, als ihr Mann am Morgen ausgegangen war, und nahm den Kindern und dem Matz das Versprechen ab, keinen Laut darüber zu reden, wie es auch kommen möge künftig. Sie gelobten es und waren stolz darauf, mit im Geheimnis zu sein.

Als man dem Hofkammerrat Joseph von Stephany meldete, daß ein Bauer im Vorsaal wäre, der behauptete, herbestellt zu sein, ließ er den Trauttmann sogleich eintreten. Und er erhob sich vom Schreibtisch und ging ihm entgegen. Der Mann war ihm so vorteilhaft geschildert worden; selbst der Michaelsbruder Hildebrandt konnte es nicht über sich gewinnen, ihn und seine Familie einfach abzulehnen. Auch sein Paß, der dem Hofkammerrat vorlag, war eine auffallende Empfehlung. Der Trauttmann mußte auch dem Herrn Gesandten in Frankfurt gefallen haben.

Und er machte in der Tat einen guten Eindruck in seiner Kraft und Stärke, seiner Biederkeit der Rede. Stephany sah ihn prüfend und freundlich an, ließ ihn einige Sätze reden und fiel dann ein: »Ich weiß, um was es sich handelt. Sag' Er mir, hat Er denn nicht schon daheim erfahren, daß der Kaiser, der ja römisch-katholisch ist, in seiner neuen Provinz nur katholische Ansiedler haben wolle?«

»Ja«, sagte Trauttmann, er habe es erfahren.

Also, warum wäre er trotzdem gekommen?

Er habe es nicht glauben können, daß sich in einem so großen Reich, wo es doch auch Evangelische gäbe, für ihn und die Seinigen nicht ein Plätzle finden sollte, erwiderte Trauttmann bescheiden. Und er sei auf eigene Gefahr gekommen, habe keine Reisegelder begehrt; aber zur Last wolle er niemandem sein. Und in weitere Versuchung möge ihn auch niemand führen, seinen deutschen Glauben lasse er nicht. Nichts könne ihn dazu verlocken. Er und sein Weib und seine vier Kinder müssen bleiben dürfen, was sie sind. Und auch für den Matz sei er vor Gott verantwortlich, seinen Knecht.

Der Hofkammerrat ging auf und nieder, und schien ganz in Gedanken verloren zu sein. Die Worte dieses schlichten, glaubensstarken Mannes hatten eine Saite in seiner Brust zum Klingen gebracht, die immer in eine leise Schwingung geriet, wenn von diesen tiefen religiösen Gegensätzen ernsthaft die Rede war. Warum traf es ihn aber diesmal so besonders empfindlich? Er wußte es nur zu gut. Auch seine Wiener Vorfahren waren einst evangelisch … Ein Edikt nach dem andern erfloß, man ermahnte die Protestanten, zurückzukehren in den Schoß der römischen Kirche, man drohte endlich, gab ihnen bestimmte Termine; dann entzog man ihnen alle bürgerlichen Rechte, und zuletzt wurde sogar den Wiener Ärzten verboten, einem Evangelischen Hilfe zu leisten, wenn er krank sei. Dann kam der letzte Termin … Sein Großvater, der ihm das alles einst erzählte, war zehn Jahre alt, als die Katastrophe hereinbrach und die Protestanten fort mußten aus der Stadt. Sechstausend behauste Wiener Bürger zogen um ihres Glaubens willen mit Weib und Kind von dannen. Man löste ihre Häuser zum Schätzungswert ab und forderte noch zehn Prozent Abfahrtsgelder von ihnen. Zuletzt wurden viele mürbe. Auch die Stephanys sind in Wien geblieben, und die Kinder gingen fortan in die Jesuitenschulen … Seine Vorfahren haben ihre Heimat mehr geliebt als ihren Glauben; dieser Bauer aber gab jene auf, um diesen zu retten. Wer hat recht? Wo ist die Wahrheit? Kann man Gott nicht in jedem Bekenntnis dienen? Sind die verschiedenen Formen seiner Anbetung es wert, daß die Menschen sich darum in blutigen Kriegen befehden, und daß sie sich die Herzen so sehr beschweren? Stephany fühlte sich als Katholik. Aber es war ihm peinlich, wenn er einen amtlichen Gebrauch von seinem Bekenntnis machen sollte.

Erstaunt folgten die Augen Trauttmanns dem auf und nieder wandelnden Hofkammerrat. Dachte er nach über eine für ihn günstige Entscheidung? Das mußte recht schwer sein.

Der Hofkammerrat blieb endlich vor ihm stehen. Freundlich sah er ihn an. »Was Er mir da sagte«, begann Stephany, »gereicht Ihm nicht zur Unehre in meinen Augen. Vielleicht kommen Zeiten, in denen man in diesen heiklen Fragen milder urteilt. Gott gebe es! Ich will ihm den Weg nach Hungarn nicht verschließen. Aber ins Banat, wo nach der Meinung der Leute Milch und Honig fließt, kann ich Ihn nicht schicken. Dazu fehlt bis heute die allerhöchste Genehmigung. Bleibe Er auf der rechten Seite der Donau. Und nehme Er sich Mohatsch und Fünfkirchen als Ziel. Von dort führen die Wege nach Bellye, das dem Prinzen Eugen gehört, nach Högyéß im Tolnauer Komitat, das ein Eigentum des Grafen Mercy ist, nach Tevel und so weiter. In jener Gegend sind schon so viele Deutsche, daß man die früher ganz türkischen Komitate jetzt oft die Schwäbische Türkei nenne. Er findet dort gewiß Anschluß an eine oder die andere Gemeinde. Es ist auch eine evangelische unter ihnen, Murgau heißt sie … Frag' Er nicht viel und fahr' Er drauf los. Was dort auf privaten Gründen geschieht, fällt nicht in unseren Wirkungskreis. Dortige Gutsherren suchen Kolonisten. Es tut mir leid, daß ich einen so tüchtigen Landmann nicht auf einem kaiserlichen Kameralgut ansiedeln kann.«

Philipp Trauttmann, der mit allen Sinnen aufgehorcht hatte, wußte nicht, was er sagen sollte vor Überraschung. Der Hofkammerrat überreichte ihm seinen Frankfurter Paß und sagte: »Den heb' Er sich gut auf! Er kann ihm vielleicht einmal nützlich sein. Und morgen geh' Er in die Hungarische Hofkanzlei in der Vorderen Schenkenstraße Nummer 49. Man wird Ihm dort einen Paß für die Komitate Tolnau und Baranya in Ungarn geben auf meine Empfehlung.«

Trauttmann fand endlich Worte. »Alsdann nicht ins Banat, Euer Hochgeboren?«

»Nein.«

»Alsdann in die schwabisch Terkei?«

»Ja, lieber Mann.«

»Über Mohatsch und Fünfkerche niwer bis uf Tevel?«

»Jawohl. Er hat mich sehr gut verstanden.«

»Ich dank' vom ganze Herze, Euer Gnade. Ehr (Ihr) häbt m'r a schweri Sarg (Sorge) von der Seel genomme.«

»Viel Glück auf den Weg!« sprach Stephany und entließ ihn.

Dem wettergebräunten Mann schossen Tränen in die Augen, als der Hofkammerrat ihm diese gütigen Abschiedsworte zurief. Er fand kaum die Ausgangstür, so spiegelte es in seinen Augen. Hatte der Hund an der Grenze ihm nicht nachgerufen, er möge zum Teufel fahren?

Oh, diese Güte des mächtigen Mannes machte vieles wieder gut.

Er konnte den Passauer Hof nicht schnell genug erreichen, um seinem Weib zu erzählen, was er erlebt hatte.

Und sie freute sich ja auch mit ihm. Aber ihre erste und letzte Frage blieb: »Nicht ins Banat?« Und die Buben sagten: »Nicht ins Banat?«

Seit Monaten hatte sich der Begriff dieses Paradieses festgesetzt in ihren Gehirnen, und es hielt schwer, einen anderen an dessen Stelle zu setzen.

Und doch klang dieser neue Begriff so einschmeichelnd. Nach der Schwäbischen Türkei sollte es gehen? Trauttmann war sicher, daß sich bald alle mit diesem neuen Namen befreunden würden.

Der Gast aus dem Banat

Sehr pünktlich war der Hofkammerrat zu Tisch gekommen, und er erschien der Tante Mathild', die er schon im Vorhaus traf, recht aufgeräumt. Er merkte, daß sie in der Speisekammer zu tun hatte und sehr erhitzt war. Da neckte er sie, daß er doch einmal früher gekommen wäre, als ihr lieb sei. An dem glühenden Gesicht sähe er ihr an, daß sie noch gar nicht fertig wäre.

Und so war es. »Aber warum? Hm?« Ob er das wohl errate? fragte sie hinterhältig und beinahe lustig.

Nein, er erriet es nicht.

Weil Besuch da war und sie die Dame d'honneur zu spielen hatte. Den Zerberus mußte sie machen, anstatt zu kochen, brummte die Tante gutmütig.

»Ah! Also Herrenbesuch?«

»Jawohl! jawohl!« sagte sie und eilte in die Küche.

Die Lottel, die des Vaters Stimme gehört hatte, stürzte aus der Wohnung heraus. »Papa! Papa!« rief sie. »Raten Sie, wer hier war!« Und sie warf sich dem Vater an die Brust, griff nach seiner Hand und küßte sie.

»Wie soll ich das erraten? Was weiß ich, was du gestern im Ballhaus wieder für Eroberungen gemacht hast? Du hast übrigens ganz famös gespielt, ganz famös.«

»Denken Sie, lieber Papa, der Graf Mercy ist in Wien!« sagte sie mit strahlender Miene.

»Nicht möglich! Kind, das ist nicht möglich!« rief der Hofkammerrat.

Sie hing sich in des Vaters Arm und ging mit ihm in die Stube. »Warum soll denn das nicht möglich sein?« fragte sie heiter. »Aber Ihr meint vielleicht den Gouverneur?«

»Nun ja, wen sonst? Gibt es denn noch einen Grafen Mercy?«

»Ach so, Ihr wißt noch nicht? Oh, Papa, ich habe immer geglaubt, Ihr wißt alles!«

»Was weiß ich nicht?«

»Der Neffe ist adoptiert. Der Kaiser hat auch ihm den Grafentitel verliehen!« sprach sie mit heiterer Feierlichkeit.

»Dem Kapitän von Mercy?«

»Dem Major! dem Major!« lachte sie. »Ihr wißt doch gar nichts von der großen Welt, Papa!«

»Da magst du recht haben. Was außer meiner amtlichen Welt vorgeht, davon erfahre ich immer zuletzt … Also ist der junge Herr wohl in Wien, um in Audienz zu erscheinen?«

»Jawohl«, sagte sie wichtig. »Seinen Dank will er dem Kaiser zu Füßen legen. Und beim Hofkriegsrät hat er eine Mission. Und jemanden – nun, jemanden wollte er wiedersehen in Wien.«

»Dich? Dich?« sprach der Hofkammerrat und sah ihr in die strahlenden Sonntagsaugen.

Sie schlug sie nicht nieder, sie sagte: »Ja, Papa!«

Der Hofkammerrat schüttelte den Kopf. »Und das sagte er dir ohne Umschweife? Da er dich zum zweitenmal im Leben gesehen hat, sagte er dir das?«

»Er ließ es mich wenigstens merken.«

»Merken! Ach so … Gib acht, mein Kind, daß du die Flausen eines jungen Grafen nicht für bare Münze nimmst. Der Glückspilz kann höhere Ansprüche an Madame Fortuna stellen, als wir erfüllen können.«

»Ich weiß, was ich weiß, Papa«, sagte die Lottel schalkhaft.

»Ja, ja, ist schon gut«, brummte der Vater. »Die Tant' hat dir drei Jahre lang ihre Einbildungen vorgeleiert, bis du an sie geglaubt hast… Weißt, Lottel, ich hab' dich immer für gescheiter gehalten, als die alte Frau. Darum hab' ich auch nie was Ernstes dawider g'sagt. Aber …«

Die Lottel deckte den Tisch, während der Hofkammerrat redete. Sobald er wienerisch sprach, das wußte sie, war er innerlich warm.

»Aber jetzt ist's zu spät, Papa, viel zu spät!« rief sie munter dazwischen.

»Es kann nicht zu spät sein, Lottel, dich daran zu erinnern, daß du ein bürgerliches Mädel bist.«

»Oho, Papa, oho! Ich bin seit zehn Jahren von Adel. Und er ist erst seit zwei Wochen Graf.«

»Närrisches Kind. Unser Beamtenadel! Was gilt der in diesen Kreisen? Papier!«

»Es scheint doch, daß er was gilt, Papa. Warum war denn sein erster Weg zu uns? Hin? Um neun Uhr kommt er in Wien an und um halber Zwölfe laßt er durch ein' französischen Schwihack fragen, ob das Fräulein Charlotte von Stephany zusprechen wär'. »Oui. oui!« hab' ich g'sagt.«

Der Hofkammerrat lachte.

Die Tante Mathild' trat jetzt ein, und hinter ihr erschien die Magd mit der Suppe. Die Tante war ganz Hausmutter. Sie machte das Zeichen des Kreuzes, setzte sich auf den Ehrenplatz und teilte aus. »Hast g'wiß schon alles aus'plaudert, was?« sprach sie und sah Lottel lächelnd an.

»Nit alles«, sagte die und löffelte eifrig an ihrer Suppe. »Hab' schon noch 'was übrig 'lassen für die Tant'.

»Doch?« erwiderte diese. »Am End' die schönen Empfehlungen an den Herrn Hofkammerrat? Oder die Grüße des Herrn Gouverneurs?«

Stephany war ärgerlich. »Nun ja, ein neuer Graf war hier. Was weiter?« sagte er. »Macht doch kein solches Wesen aus einem Höflichkeitsbesuch. Ich werd' schon sehen, wie das alles zusammenhängt. Die Herrschaften im Banat brauchen mich, und da schmeicheln sie sich bei euch ein bissel ein. Nehmt das nicht so ernst, rat' ich euch beiden.«

»Wie wär' das?« brauste die Tante auf. »Glaubt der Herr Hofkammerrat, mir hab'n keine Augen und keine Ohren? Der Herr Major macht keine Spassetteln mit uns. So wie ich's damals prophezeit hab', wie er die Lottel zum erstenmal g'sehen hat, so kommt's. . . Meine Karten täuschen mich nie. Seit drei Jahren sagen sie: es steht ein Glück ins Haus. Und jetzt trifft's ein.« Da Stephany laut auflachte, fuhr sie hitzig fort: »Ich hab' im Anfang nur g'glaubt, die Exzellenz wär' gemeint. Jetzt ist's aber der junge. Na ja, irren kann man sich.«

Lottel erhob sich auf einen Wink der Tante, ging zum Glockenzug, der nach der Küche führte, und schellte.

Die Magd brachte das Fleisch und das Gemüse, und die Tante legte wieder vor … Ob alles in Ordnung sei heute mit dem Essen, das wisse sie nicht. Der Besuch habe sie zu lange aufgehalten. Wenn sich das jetzt öfter wiederholen sollte, müsse sie doch untertänigst um eine schwäbische Köchin ersuchen, scherzte sie.

Der Hofkammerrat seufzte auf. »Endlich!«

»Was, endlich? Ist das mein Dank?«

»Liebste Mathild', wie lange will ich Ihr denn die Köchin schon geben?« sprach der Rat. »Morgen soll sie ins Haus.«

»Warum nicht heute?« erwiderte diese spitzig.

»Ich hab' Sie gebeten, bei der Lottel die Mutter zu vertreten; daß Sie auch kochten, dafür müssen wir ja besonders danken.«

»Schon gut; schon gut«, sagte die gereizte Tante. »Das Mädel muß mehr in die Welt, es braucht jetzt eine Duenna, eine würdige Gesellschafterin, die die Augen aufmacht«, fuhr der Rat fort. »Nur weil sie gar nichts weiß von der Welt, hängt sie ihr Herz an den ersten Mann, der ihr begegnet. Von jetzt an soll das anders werden … Wer aber soll sie manchmal in die Komödie begleiten? Wer ins Ballhaus? Ich? Das geht nicht. Aber kochen kann bald wer!«

»Bitte sehr, Kochen ist eine Kunst«, sagte die Tante.

»Und eine Tugend!« rief der Rat. »Ich weiß. Trotzdem ist es mir sehr lieb, wenn die Tant' sich künftig mehr um das Lottel kümmert, als um das Kotelettel, das wir abends essen werden.«

Die Tante lächelte. »Spotten S' mir wieder den seligen Pater Abraham aus?« sagte sie'. »Triff es ja doch keiner so wie er … Aber was wird denn nachher mein Putz kosten, Lottel? Wer zahlt mir denn das«, fragte sie den Rat, »wenn ich jetzt die große Madame spielen soll?«

Stephany lachte wieder laut auf. »Das hab' ich gut gemacht! Jetzt kommt schon die erste Rechnung.«

Die beiden Damen lachten mit. Lottel ging zum Glockenzug und schellte wieder. »Liebster Papa«, sagte sie, »das hab' ich mir schon lange gedacht, daß wir zu kleinbürgerlich leben. Wenn ich sehe, was andere Ratsfamilien für Aufwand treiben!«

»Laß das, mein Kind«, sprach Stephany und winkte ab.

Als die Magd sich wieder entfernt hatte, fragte der Rat: »Und wie lange bleibt denn der Major in Wien?«

»Vier Wochen«, rief Lottel freudig.

Und die Tante Mathild' fügte hinzu: »Er wird sich morgen die Ehr' geben, in der Hofkanzlei vorzusprechen.«

»Na ja … Sie brauchen mich halt wieder, die Herren. Ich will ihn mir bei dieser Gelegenheit aber genau anschauen, den Neveu. Sehr genau … Gibt's einen Türkischen heute?« fragte Stephany plötzlich.

»Aber freilich!« sprach die Tante und eilte in die Küche hinaus, um selbst den Kaffee zu bereiten. Und als Vater und Tochter allein waren, fragte der Rat:

»Warst du bei Mutti drüben?«

Die Lottel schlug die Augen nieder. Als ob sie ein Schuldbekenntnis abzulegen hätte, flüsterte sie:

»Ich hab' ihr ein paar von seinen ersten Blumen gebracht.«

»Bist ein gutes Kind«, sagte der Rat.

*

Ein sonniger, warmer Junimorgen lag über Wien, als Anton von Mercy nach dem Belvedere hinausfuhr, um sich dem Generalissimus als Abgesandter seines Oheims zu präsentieren. Der Prinz war ein matinaler Herr, ein Frühaufsteher, und er erteilte seine Audienzen, während andere Leute noch ihren Morgenschlaf hielten. Auch der Major war für die siebente Stunde beschieden worden, und als er bei dem Palast des unteren Belvedere vorfuhr, spreizten sich da schon die Lakaien und Läufer von anderen herrschaftlichen Karossen; einzelne Standespersonen, die offenbar bereits in Audienz gewesen, fuhren gegen die Stadt zu.

Ein Obrist nahm als Adjutant des Generalissimus die dienstliche Meldung des Majors entgegen. Dann trat ein glatter französischer Kammerdiener vor und lud den Grafen ein, ihm zu folgen. Seine Durchlaucht lasse bitten. Er geleitete ihn durch eine Flucht von Wohnräumen, die ohne jede Prunkliebe, aber mit dem künstlerischen Geschmack eines Grandseigneurs ausgestattet waren, hinaus ins Freie, in den Park.

Überraschend war der plötzliche Wechsel des Bildes. Ganz eben trat man hinaus auf eine mit feinem Kiesel beschotterte schmale Fläche, und vor dem Beschauer baute sich eine kunstvolle Parkanlage im Stile des Le Nôtre, die über einen Hügelrücken emporstrebte, terrassenförmig auf. Und droben, auf der Höhe, stand der Feenpalast eines neuen Sommerschlosses.

Ein »Ah!« entfuhr dem Munde des jungen Grafen. Er hatte ja gehört, daß der Prinz seit zwanzig und mehr Jahren an diesem Werke arbeitete und alle seine Mittel an dasselbe wende, aber daß es nun fertig war, das wußte er nicht. Die glattgeschnittenen Bäume liefen gradaus eine Hügellehne empor und gliederten sich stufenweise zu einem natürlichen Rahmen für das obere Schloß. Aus allen diesen grünen Wänden lugten die hellen Statuen von Göttern, Halbgöttern und Heroen, auf jeder Terrasse lauerten zwei Sphinxe aus hellgrauem Sandstein auf den Wanderer, und in dem breiten, sonnigen Mittelstück des Parks, zwischen farbigen Blumenbeeten, bauten sich die kunstvollen Wasserwerke aus Teichen und Grotten und Brücken und Stauwerken auf, die mit allen erdenklichen bildnerischen Figuren von Meisterhand belebt waren. »Herrlich! Herrlich!« rief Anton von Mercy, der unwillkürlich stehen geblieben war, um diesen lebendig gewordenen Traum eines fürstlichen Geschmacks zu genießen.

Der Kammerdiener lächelte fein und wies mit der Hand nach rechts, wo eine Gruppe von Herren in der Morgensonne stand – in ihrer Mitte der Generalissimus Prinz Eugen. Er hatte seine Künstler um sich versammelt zu einer letzten Revue, und die Herren waren in eifrigster Debatte, als der Major plötzlich erschien. Sie unterbrachen ihr Gespräch und beobachteten voll Genugtuung den Eindruck, den ihr Gesamtkunstwerk auf diesen Fremden machte. Der Prinz ahnte sogleich, wer der Offizier war, denn er hatte Auftrag gegeben, den Grafen hierher zu weisen. Und dieser hätte sich nicht besser einführen können, als durch diese Entzückung über sein Werk. Er lächelte befriedigt.

Anton von Mercy war dem Prinzen noch nicht vorgestellt worden; er stand zum erstenmal vor ihm. Freundlich ging ihm der Generalissimus jetzt ein paar Schritte entgegen und erwiderte seinen militärischen Gruß. Mercy nannte seinen Namen. »Ich weiß, Conte, ich weiß. Ambassadore von meine liebe Mercy! Wie geht ihm? Was gibt Neues im Banat?«

Der kleine Mann mit dem lederbraunen Gesicht und der großen weißen Perücke machte auf den ersten Blick den Eindruck eines häßlichen Menschen. Seine Nase, war ein wenig aufgestülpt, die Oberlippe zu kurz, so daß der Mund stets offen stand und die Zähne sichtbar blieben. Nichts empfahl ihn als sein blitzendes, geistvolles Auge. Sonst war er das lebendige Spottgedicht auf einen Prinzen und Krieger. Anton von Mercy machte sich unwillkürlich kleiner, er knickte in sich zusammen, als empfinde er es peinlich, den großen Helden an sich emporblicken zu lassen.

»Der Herr Feldmarschallieutenant befindet sich wohl, Euer Durchlaucht, und sendet ehrfurchtsvolle Grüße«, antwortete er. »Neues gibt es viel zu melden, und dem Präsidenten des Hofkriegsrates hätte ich manche gehorsamste Bitte vorzutragen.«

»Kann ich mir denken! Müssen aber drei Tage Geduld 'aben, 'err Conte. Andere Geschäfte … Wie lange Permission?«

»Einen Monat Urlaub, Euer Durchlaucht.«

»E vero? Das sein gut! Da 'aben wir viele Zeit. Wollen morgen auck sein meine Gast?« fragte er verbindlich. »Kommen viele 'errschaften, meine Belvedere zu besiktigen.«

Mercy dankte durch eine Verbeugung für diese Auszeichnung, und der Prinz stellte ihm seine Künstler vor; den ehrwürdigen Meister Lucas Hildebrandt, der ihm das Belvedere gebaut, die Bildhauer, Gartenkünstler und Ingenieure, die ihn umringten und mit denen er heute eine Generalprobe abhalten wollte. Lucas Hildebrandt kannte den Gouverneur Mercy, er hatte bei ihm die Pläne für sein Schloß in Högyéß bestellt, und er begrüßte den Sohn besonders freundlich. Der Prinz aber schaute fortgesetzt nach seiner Uhr; er schien noch jemanden zu erwarten. Endlich sagte er: »Avanti! Fangen wir an!«

Der Major durfte teilnehmen an der Probe der Wasserkünste, die jetzt in Gang gesetzt wurden, und die Augen des Prinzen leuchteten, als droben das Spiel begann und sich rauschend näherte und steigerte. Die Wassersäulen stiegen zum Himmel auf und die Sonne baute eine Regenbogenbrücke über den Park, die sich wie ein Glorienschein des oberen Schlosses ansah. In breitem Fluß stürzte der Wasserfall in sein Becken, schöne, marmorne Najaden ruderten in einem Muschelboot, und es war, als atmeten sie. Jetzt begannen, knapp vor den Zuschauern, die Künste in den kleinen Teichen zu spielen. Tränen liefen dem Prinzen über die braunen Wangen, so lachte er über die tollen Knaben, die da ein Seeungeheuer fingen und ihm auf den Magen drückten, damit es Wasser speie. Der Bildhauer war glücklich, den Generalissimus durch seinen Witz in solle Laune versetzt zu haben. »Maestro, Maestro – eccelentissimo! Che allegro!« rief er ' ein um das andere Mal. Er fand den Spaß überaus heiter.

Als alles in Bewegung war, luden die Ingenieure den Prinzen ein, ihnen zu folgen. Da verabschiedete er den Major mit großer Freundlichkeit. »A domani! A domani!« rief er ihm noch nach. »Morgen nakmittage!«

Darin stieg er mit den Künstlern langsam aufwärts, besichtigte einen Teil des großen Werkes nach dem anderen, prüfte, kritisierte im Vorübergehen jedes seltene Gesträuch, erquickte sich an jeder exotischen Blume, klopfte bald diesem, bald jenem seiner künstlerischen Mitarbeiter auf die Achsel, und war in der glücklichsten Stimmung. Endlich, endlich, nach so vielen Jahren der Sorge und der Arbeit war auch dieser Tag gekommen.

»Wie wird die Lory sich freuen!« war sein steter Gedanke. Wo sie nur bleibt? Sie hatte ihm doch versprochen, zur Probe zu erscheinen. Freilich, freilich, so früh ist die Frau Gräfin nie mobil, er hätte doch wohl warten sollen, sagte er sich.

Je höher man hinaufstieg, desto kunstvoller entfaltete sich die Anlage des Parks, und ein berückender Duft entströmte den Rosenbeeten, die vor dem oberen Schloß in voller Blüte standen. Der Prinz sog ihn in vollen Zügen ein und sonnte sich voll Behagen in dem Gefühl des vollendeten Werkes. So wohl war ihm schon lange nicht.

»La Contessa!« meldete ein Lakai, der seinem Herrn mit der Schnupftabakdose und einer Flasche Sauerwasser gefolgt war. Und er deutete mit einer Handbewegung nach der Tiefe des Parks.

Der Prinz hielt sich die Rechte schützend vor die Augen und spähte hinab. Dort schwankte eine goldig schimmernde Sänfte herauf, die von zwei rotlivrierten Lakalen getragen wurde.

»Scusati! Scusati!« sagte der Generalissimus entschuldigend zu seinen Begleitern und ließ sie stehen. Mit jugendlichem Ungestüm eilte der Prinz, den seine einundsechzig Jahre heute weniger als je bedrückten, der Sänfte entgegen, und als er sie erreicht hatte, entstieg ihr eine zierliche, lebhafte Dame, der er voll Ritterlichkeit die Hand küßte. Es war Gräfin Lory, die Witwe des Grafen Batthyanyi, seine Freundin, sein Kamerad. Schon als Komtesse Strattmann hatte er sie gekannt, als die vielumworbene schöne Tochter des hungarischen Hofkanzlers. Aber sie hatten sich erst jetzt gefunden, in älteren Tagen. Und sie trotzten der Welt und dem Gerede der Leute und sahen sich jeden Tag. Ihre Mädchenschwärmerei für den Sieger von Zenta hatte sie sich hinübergerettet in ihre Witwenschaft, und der Hagestolz Eugen verehrte nie ein anderes weibliches Wesen so wie sie.

Die Künstler kannten die Gräfin, sie hatte sich oft mehr, als ihnen lieb gewesen, um alles gekümmert, wenn der Feldherr von Wien abwesend war. Sie war stets die Überbringerin seiner Wünsche und Befehle, sie kritisierte, aber sie wies auch Honorare an. Und sie machten derselben dankbar jetzt ihre Reverenz, als wäre sie des Bauherrn Gemahlin.

Die kostbar geschminkte und gepuderte Gräfin war bildhaft hübsch und ganz unbestimmbaren Alters. Ein klein wenig größer als der Prinz, aber ebenso zierlich wie er, machte sie neben ihm die beste Figur.

»Bon jour, bon jour, meine Herren!« rief sie den Künstlern zu. »Ich bin leider ein wenig zu spät gekommen. Habe auf dem Wege herauf aber noch alles in Tätigkeit gesehen. Bin entzückt! Seine Majestät wird morgen erscheinen und Ihr Werk ebenfalls bewundern.«

Der Prinz nahm den Hut ab, als der Kaiser genannt wurde, und die Künstler, die dasselbe getan, verneigten sich so tief, als stünden sie vor dem Monarchen selbst. Sie waren beglückt von dieser Mitteilung der Gräfin. War der Kaiser doch der baulustigste und kunstfreudigste Herr, den Österreich je besessen. Der Prinz aber schaute zu seiner Freundin auf, als ob er zweifle … Die Gräfin sah ihn triumphierend an. »Er wird kommen!« sagte sie leise. »Maria hat es mir versprochen.«

»E vero?« fragte der Prinz. »Ist es wahr?« Nun glaubte auch er daran. Die schöne Maria Althan durfte so etwas versprechen. Seitdem die Freundin des Kaisers Witwe war, stand Eugen mehr in Gunst bei ihr. Sein eigentlicher Feind bei Hofe war ihr Gemahl, der Herr Oberststallmeister, der nicht dulden wollte, daß ein anderer etwas galt beim Kaiser, dessen Jugendfreund, dessen ständiger Begleiter er durch zwei Jahrzehnte gewesen. Die Gräfin Lory und die Althan waren Nachbarinnen in der Schenkenstraße, jede hatte dort ihr Palais. Zu dem einen fanden die Isabellenschimmel Eugens blind den Weg auch ohne Kutscher. Und die Träger einer schwarzen Sänfte, die immer Larven vor den Gesichtern hatten, waren in dem anderen wohlbekannt … Piket wurde da und dort gespielt und dazwischen immer auch ein bißchen protegiert und intrigiert.

Der Prinz reichte der Gräfin Lory eine Rose aus seinem schönsten holländischen Beet. Dann bot er ihr den Arm, Meister Lucas übernahm jetzt die Führung in das Innere des fertigen Schlosses Belvedere.

*

Als Anton von Mercy unter Vorantritt seines Heiducken zu seiner Karosse schritt, um zurückzufahren nach der Stadt, entstieg die Gräfin Lory der ihren. Der Major merkte, daß die Dame eine besondere Respektsperson sein mußte im Hause des Generalissimus, denn ihr Wagen war in das Innere gefahren; die Lakaien liefen herbei, und der aalglatte Camerlere katzbuckelte um die Wette mit ihnen, dem Gast gefällig und behilflich zu sein. Sie blickte voll Wohlgefallen nach dem schmucken Offizier mit dem hungarischen Heiducken und erkundigte sich bei dem Kammerdiener nach dessen Namen. Kein Wort sagte sie, als Baptiste ihr diesen Namen nannte, aber sie schaute sich noch einmal um nach ihm. »Ein Mercy?« fragte ihr forschender Blick. »Gute Rasse. Wenn der Neveu dem Oheim auch sonst nachgerät … – Sie erinnerte sich jetzt. Das war ja der neue Graf, der Adoptierte. Vielleicht der einzige unter den heurigen Osterhasen, so nannte man scherzhaft die immer zu Ostern Ernannten und Geadelten, der nicht durch Marias Gnade aufstieg, der einzige, der sich nicht bei ihr loskaufte … Ob der Fremde unter den Geladenen für morgen wäre, wollte die Gräfin wissen. Baptiste bejahte es. Der Prinz habe ihn selbst geladen, habe ihn überhaupt mit großer Auszeichnung empfangen. »Apropos, Baptiste«, sagte die Gräfin, »setze Er noch den Namen der Baronin Helene Parkoczy, geborene Gräfin Erdödy, auf die Liste … » Dann ging sie und bestieg die Sänfte.

Es erschien Mercy noch zu früh, nach der Hofkanzlei zu fahren. Der Hofkammerrat empfing sicherlich noch nicht. Der Morgen aber lachte so festlich, und ein Meer von Wohlgerüchen lag in der Luft. Der Major gab seinem Kutscher den Auftrag, einmal gemächlich um die Stadt herumzufahren. Hatte er dieses schöne Wien ja noch kaum recht gesehen. Dieses starke Wien, das den Türken zweimal trotzte. Sein Auge war geschult, er kannte so manche Festung und lernte jetzt viel bei dem Neubau von Temeschwar. Diese Vorwerke von Wien, die sich in einem halben Jahrtausend so kunstvoll gegliedert haben, die immer wieder erneuert und verstärkt und verschönt wurden, so daß jetzt ihre Stärke hinter dem anmutigen Bild einer abwechslungsreichen Parkanlage verschwand, sie konnten wahrlich als ein Muster und Vorbild dienen. Der Festungsbauingenieur in Mercy wurde wach, er begeisterte sich an dem Anblick der strengen Anlage, die dem gesamten Verkehr der inneren Stadt nach außen nur acht Tore offen ließ. Und er bewunderte die Genialität des Prinzen Eugen, der mit einem kühnen Entschluß endlich auch den Kranz von Vorstädten einbezog in dieses Befestigungssystem.Zweimal waren diese blühenden Vorstädte freiwillig eingeäschert worden, als die Türken sich näherten, aber als auch die Rakoczyschen Kuruzzen Wien bedrohten, da kommandierte der Generalissimus ein Armeekorps zur Schanzarbeit und zog einen Riesenwall um das ganze große Stadtbild. Dieses blühende Leben vor den Toren von Wien sollte nicht ein drittes Mal vernichtet werden… . Wie oft hatte der Oheim ihm nicht von dieser stürmisch durchgeführten Improvisation einer neuen Festung erzählt. Sie setzte hunderttausend Hände in Bewegung und war in wenigen Monaten vollendet. Hinter neun Außentoren schloß der Prinz die ganze Welt um Wien ein. Wenn diese Außenlinie gehalten wurde, drang nimmermehr ein Kanonenschuß bis in die innere Stadt. Und die Kuruzzen haben sie nicht überschritten, diese Linie, sie konnten keinen Fuß auf Wiener Gebiet setzen.

Anton von Mercy galt den Temeschwarer Herren als ein scharfer Kritikus, aber hier verstummte seine Tadelsucht, er fragte sich nicht, wie ein so ungeheuerer Kreis gegen einen ernsthaften Feind, gegen eine Armee zu verteidigen wäre, er bewunderte nur, er schwelgte in Möglichkeiten und mußte über sich selber lächeln, als er sich auf dem Gedanken ertappte, aus Temeschwar sollte man eine solche Festung machen.

Hatte er heute keine anderen Gedanken?

Sein Wagen fuhr gemächlich, wie er es befohlen, auf dem Glacis rings um die Stadt. Mercy träumte von seiner Zukunft … Beinahe noch mehr als die kriegerische Schönheit zu seiner Rechten fesselte ihn der Kranz prunkvoller adeliger Sommersitze zu seiner Linken, diese vornehme Anlage von Villen und Schlössern und Gärten der Feldherren und Ministerialen des Kaisers, die hier die Wohltaten des Friedens genossen. Auch er sehnte sich nach solch einem Idyll … Ach, wenn er doch hier leben dürfte! Aber daran war nicht zu denken. Er durfte nicht weichen von der Seite seines Wohltäters, seines Vaters. Noch war dessen Lebenswerk nur halb getan.

Aber muß er denn von ihm weichen? War es so undenkbar, daß er ein Wesen fand, das bereit war, ihm in die Sümpfe des Banats zu folgen? Seit gestern glaubte er daran.

»Fahr Er beim Schottentor in die Stadt hinein!« rief er dem Kutscher zu.

Auf halbem Wege unterbrach er seine Rundfahrt. Das Verlangen, wenigstens das Haus in der Renngasse zu sehen, wo sie wohnte, war zu mächtig in ihm. Und er hatte Glück, Mademoiselle Charlotte und die Tante kamen gerade aus der Schottenkirche, sie hatten wohl die Messe besucht. Die Marktwagen stauten sich auf der Freyung, und seine Kutsche kam kaum vorwärts. Das war ihm recht. Er sah das schlanke, schöne Mädchen neben der würdigen Tante ahnungslos dahinschreiten, so bürgerlich bescheiden, als wäre sie nicht die Tochter eines mächtigen Mannes, so sittsam wie eine Nonne. Und als sie beim Tor ihres Hauses angelangt waren, übernahm die Lottel das Gebetbuch der Tante, lächelte der alten Frau zu und verschwand. Die Tante aber ging weiter, sie nahm den Weg nach dem Markt am Hof.

Tun sie das wohl täglich? fragte er sich. Da wollte er gern wieder fromm werden wie in seiner Kindheit und täglich zur Messe kommen. Alle Empfehlungsbriefe an die adlige Gesellschaft von Wien, die er bei sich trug, war er bereit, zu verbrennen, wenn die Lottel ihm gut wäre, wenn Madernoiselle Charlotte von Stephany ihn nehmen und ihm folgen wollte.

Er fuhr zur Hofkanzlei.

»Seien Sie mir willkommen, Herr Major«, sprach der Hofkammerrat etwas förmlich und kühl, als Anton von Mercy vor ihm stand. Er sah ihn prüfend an und sagte: »Wie befindet sich der Herr Gouverneur?«

»Ich danke gehorsamst, Herr Hofkammerrat, es geht ihm gut. Ich habe viele Kompliments zu bestellen und seinen Dank für all die Unterstützung und das für treffliche Verständnis, das ihm von hier aus entgegengebracht wird.«

Der Hofkammerrat neigte den Kopf. Er lud den Major zum Sitzen ein und sagte: »Das ist ja selbstverständlich. Wir haben wenige Männer wie ihn auf so wichtigen Posten stehen. Der Herr Generalissimus hat mit seiner Wahl in allen Stücken recht behalten.«

»Das zu hören wird den Gouverneur außerordentlich freuen, Herr Hofkammerrat. Er geht völlig auf in seiner Aufgabe und hat keinen Ehrgeiz mehr. Ich habe ihn lieb gewonnen wie einen Vater, und er erwies mir die Gnade, mich an Sohnes Statt anzunehmen«, sprach der Major.

»Ich habe es gehört, Herr Graf, und gratuliere bestens. Sie haben ja schon gestern mein Haus beehrt«

»Es war mein erster Weg, Herr Hofkammerrat. Ich glaubte den Damen meine Aufwartung machen zu sollen.«

Herr von Stephany lächelte kühl. »Was führt Sie indessen nach Wien?«

Festungsangelegenheiten, Herr Hofkammerrat. Und allerlei Differenzen mit dem Hofkriegsrat in Militärgrenzsachen. Ich war schon heute morgen in Audienz bei Seiner Durchlaucht dem Herrn Generalissimus.«

»Heute hat er Sie empfangen?«

»Jawohl, Herr Hofkammerrat. Ich habe mich ahnungslos um diese Audienz beworben, und er gewährte sie. Er empfing mich gehr gnädig, aber im Park, inmitten seiner Künstler; ich kam zur Generalprobe seiner Wasserkunstanlage, und er beschied mich in drei Tagen wieder zu sich. Der Präsident des Hofkriegsrates war noch nicht zu sprechen für mich.«

Der Major sagte das leichthin, beinahe scherzend. und die Weise des jungen Offiziers gefiel dem Hofkammerrat. Der gute Eindruck, den er vor einigen Jahren von ihm empfangen hatte, erneuerte sich.

»Der Prinz ist seit Tagen für alle Welt unsichtbar«, sagte der Hofkammerrat. »Er weiht morgen sein Belvedere ein durch ein Fest.«

»Seine Durchlaucht würdigten mich der Auszeichnung einer Einladung, Herr Hofkammerrat«, sagte Mercy.

»Das ist allerdings eine große Auszeichnung, Herr Graf. Und ich rate Ihnen, sich um die Vorstellung bei der Gräfin Althan zu bemühen, die das Fest wohl besuchen dürfte. Und die Gräfin Lory Strattmann-Batthyanyi ist nicht zu vergessen! Sie werden so manches leichter in Wien durchsetzen, wenn die Zauberhände dieser Damen eingreifen.«

Der Major war überrascht. »Sind die Damen denn nicht Gegnerinnen? Der Gouverneur warnte mich … «

»Das war einmal! Intime Freundinnen sind sie jetzt«, sprach lachend der Hofkammerrat. »Sie protegieren jetzt um die Wette. Manchmal vereinigen sie sogar ihren gefährlichen Einfluß. Herr Major, Sie sind zurück in der Weltgeschichte.«

Mercy lächelte. »Danke sehr für den Hinweis, Herr Hofkammerrat; werde nicht ermangeln, davon Gebrauch zu machen.«

Das Gespräch stockte, eigentlich war es zu Ende. Stephany fragte sich, warum der Graf nicht von dem rede, was ihn zu ihm geführt. Kam er nur aus Höflichkeit? Hatte man gar keine Wünsche? Und Mercy wunderte sich, als der Hofkammerrat nicht fragte. Es gab doch hundert Dinge, die ihn interessieren mußten.

»Sie bleiben einen Monat in Wien, Herr Major?« sprach nach einer Pause Herr von Stephany.

»Ja, Herr Hofkammerrat. Und ich hoffe, noch Gelegenheit zu haben, Ihnen manches vorzutragen.

Stephany lächelte. »Aha! Wünsche? Beschwerden? Klagen? Sie sind sehr diplomatisch, Herr Major.«

»Gar nicht, Herr Hofkammerrat. Im Gegenteil ! Ich erwarte, von Ihnen Wünsche und Beschwerden zu hören, und ich bin hier, um zu berichten und aufzuklären«, sagte Mercy bescheiden.

»Sind Sie denn, Herr Major, in allem auf dem Laufenden?«

»In allem. Ich bin nicht nur der Adjutant, ich bin auch der geheime Sekretarius des Gouverneurs, sein Vertrauter und sein Sohn.«

Stephany schaute den Sprecher freundlich an. »Das ist ja sehr erfreulich … Nun sagen Sie mir, bitte, wie steht es denn um den leidigen Streit mit den Serben in der Gemeinde Temeschwar?«

»Der ist beigelegt, Herr Hofkammerrat. Der Gouverneur richtete neben dem deutschen Magistrat auch einen serbischen ein, der in der Vorstadt Palanka seinen Sitz hat. Das Verbot, in der Festung zu hausen, wurde gemildert, und es wohnen jetzt ein Dutzend serbischer Familien in der Stadt.«

»Mehr nicht?«

»Nicht mehr, Herr Hofkammerrat. Und es ist Friede. Temeschwar ist im übrigen so deutsch wie Augsburg.«

Stephany nickte und dachte nach.

»Woran ist der brave erste Stadtrichter eigentlich gestorben, Herr Major?«

»Sind die Gerüchte bis hierher gedrungen?« fragte dieser.« Herr Tobias Hold ist an der Banater Krankheit gestorben, am Sumpffieber, und an sonst nichts.«

»So … ? Und die Verwaltung ist in ehrlichen Händen?«

»Herr Hofkammerrat, in den allerbesten! Der Kaufmann Peter Solderer wird von seinen Mitbürgern Jahr um Jahr wieder zum Stadtrichter gewählt, er ist ein trefflicher Mann.«

»So,so … Er muß einen Feind dort haben. Wir sprechen noch davon … Und bitte, sagen Sie mir, was war es denn eigentlich mit dem heiligen Nepomuk? –Warum wurde denn die Statue, die so dringend von uns verlangt wurde, zwei Jahre hindurch nicht 'aufgestellt? Selbst von Rom liefen die Beschwerden an Seine Majestät ein, und ich konnte nie Klarheit erlangen. Ich kann es Ihnen heute vertraulich sagen, die Stellung des Gouverneurs war in Gefahr«, sprach Stephany.

Der Major sann nach. »Herr Hofkammerrat, der Konflikt war ein dreifacher. Erstens war die Statue bei ihrer Ankunft zerbrochen, und wir fanden lange niemanden, der sich an ihre Wiederherstellung wagte.«

»Ich weiß«, warf Stephany ein.

»Zweitens führte der Fürstbischof und Primas Klage in Rom gegen die Einführung eines eigenen Heiligen in einer Provinz, die nach seiner Auffassung zu Hungarn gehörte. Man mußte warten, bis der heilige Vater entschieden hatte. Und drittens tobte ein Krieg zwischen den Jesuiten und den Piaristen über den Ort der Aufstellung der Statue; jeder Orden wollte den neuen Landespatron vor seiner Kirche haben.«

»Darum also? Darum! Der arme Gouverneur!«

Der Major lachte. »Es war toll. Der Gouverneur liebt die Feder nicht, er berichtete wohl kaum. Aber er hat in der heiligen Sache oft geflucht wie ein Heide.«

»Und wie wurde der Streit geschlichtet?« fragte der Hofkammerrat.

»Die Piaristen waren schlauer, als die Jesuiten«, erwiderte der Major. »Sie haben von Anbeginn ihre Kirche dem heiligen Johann von Nepomuk geweiht, die der Jesuiten aber war der heiligen Maria gewidmet. Und da entschied der Gouverneur für die Aufstellung in der Nähe der Piaristenkirche. Alle Prozessionen führen jetzt dahin, das Ansehen der Piaristen hat sich gehoben.«

»Und jetzt ist Friede?«

»O nein. Die Jesuiten werden nicht ruhen, bis die Statue des Heiligen, den sie dem Lande in Rom erwirkt haben, auf einem neutralen Platz steht. Sie gönnen ihn den Piaristen nicht.«

Herr von Stephany lächelte still in sich hinein während dieses ganzen Berichtes. Jetzt sagte er: »Es mag recht schwer sein für den Herrn Gouverneur, in so heiklen Fragen seinen Gleichmut zu bewahren.«

»Wenn er das könnte, Herr Hofkammerrat!« rief der Major. »Er hatte Stunden, in denen seine Zornausbrüche mich für sein Leben fürchten ließen.«

»Oh, oh!« rief Stephany mit tiefem Bedauern. Dann sagte er lebhaft: »Herr Major, Sie werden mich künftig besser von allem unterrichten als bisher. Sie müssen mir mehr Briefe schreiben und alle Mißverständnisse verhindern. Von hier aus läßt sich vieles mildern und dämpfen. Und während Ihres Hierseins schenken Sie uns doch manchmal Ihre Gegenwart?«

Es war gesagt. Gegen seine vorherige Absicht hatte er den Grafen in sein Haus geladen. Er hatte ihm eben gefallen; er fand einen offenen Sinn und ein gutes Herz in seinem Gehaben.

Der Major war aufgestanden. Er fühlte, daß die Unterredung zu Ende war, aber ohne Ergebnis für ihn blieb sie nicht, und das erfüllte ihn mit Genugtuung. »Ich danke gehorsamst, Herr Hofkammerrat«, sagte er und verneigte sich. »ich fühle mich sehr geehrt durch Ihre gütige Einladung.«

Stephany reichte ihm die Hand:

»Wir sehen uns morgen im Belvedere, Herr Graf!«

Die Baronin Helene

Die Baronin Helene war heimgekehrt.

Schwelgend in Erinnerungen an die schönen Tage, die sie durchlebt, befriedigt von dem Ergebnis ihrer Fahrt, war sie wiedergekommen. Der Name ihrer Mutter öffnete ihr alle Türen. Die Lory Strattmann-Batthyanyi hatte sie unter ihren besonderen Schutz genommen, die Freundin des Prinzen Eugen; sie durfte an dem Feste der Eröffnung des Belvederes teilnehmen, sie konnte der Gräfin Althan ihre Sorgen beichten und ihre Bitte vorbringen. Und es wurde bei Hofe ein großer Strich gemacht über die Vergangenheit des Barons Parkoczy. Man war so versöhnlich gestimmt für Hungarn, so gnädig und nachsichtig. Daß der Baron einst mit dem Tököly ging, ach, das war ja schon so lange her. Damals muß er ja noch ein Jüngling gewesen sein Daß er dann auch mit dem Rakoczy ging, das sei schlimmer. Aber es sind doch so viele mit ihm gegangen, die wieder in all ihre Rechte eingesetzt wurden. Und die so klug waren, ihn beizeiten zu verlassen, wie die Károlyis und andere, hat man sogar belohnt. Und der hungarische Hofkanzler, zu dem die Lory Strattmann die Baronin begleitete, hat in den Akten gefunden, daß auch der Parkoczy zu denen gehörte, die sich sehr früh von dem Rebellen getrennt haben. Zu den Geächteten gehörte er jedenfalls nicht. Sein persönliches Eigentum hätte er also gewiß wieder bekommen, er brauchte sich nur darum zu bewerben.

»Nun also!« rief die Lory. »Nun also, er ist ja gar kein solcher Kuruzze, wie er glaubt!«

Der Hofkanzler lächelte. Das Weitere werde untersucht werden, sagte er. Und das dauerte Monate. Helene aber wich nicht. Dieses Weitere, das war es ja eigentlich, warum sie die Fahrt unternommen hatte. Und da sich die Freundin des Kaisers und die Freundin des Prinzen Eugen für ihre Sache interessierten, so lief sie plötzlich ganz anders, als die frühere Drohung lautete. Man forschte nicht mehr nach den Beweisen des Barons, an denen es offenbar fehlte, man forschte danach, ob ein anderer Besitzer nachweisbar wäre auf seinen« Gütern. Nein, es hatte sich in den vielen Jahren niemand gemeldet, strittig war die Angelegenheit nicht. Es konnte nur die Hofkammer die Güter einziehen. Zu welchem Zweck? Wenn man dem Baron auftrug, zu kolonisieren, Grund und Boden ertragsfähig zu machen für den Staat, dann war dieser Zweck erfüllt, und man konnte die Familie schonen.

Und so fiel denn die Entscheidung für die Tochter des einstigen Kronhüters Christoph Erdödy gnädig genug aus. Die Befreiungstaxe an die Kriegskasse war zu zahlen. Und zwei Drittel des Besitzes sollten im Laufe von zehn Jahren mit Ackerbauern besiedelt werden, wofür es nähere Bestimmungen gab. Wurde das erfüllt, blieben die Parkoczy im steuerfreien Besitz des ganzen Gebietes, das der Baron sich angeeignet hatte.

Voll Dankbarkeit vernahm Baronin Helene diese Entscheidung. Selbst der brummige Hofkammerrat von Stephany hatte dein Ansturm so einflußreicher Protektorinnen nicht widerstehen können, und der hungarische Hofkanzler drückte beide Augen zu.

Überglücklich kam Baronin Helene heim. Der Pista war ihr bis Mohács entgegengeritten und geleitete die fröhliche Mama nach Dobok.

Zuerst eilte sie zur Mutter. Ihr mußte sie danken. Ihr mußte sie sagen, welche Zauberkraft ihr Name noch immer am Wiener Hofe habe. Und die stolze Greisin war gerührt, es erfüllte sie eine hohe Genugtuung über diesen Bericht Helenens. Im stillen hatte sie ja nichts anderes erwartet, aber die Freude war trotzdem eine vollkommene. Und sie wurde nicht müde, zu fragen und sich erzählen zu lassen. Viele der Persönlichkeiten, die jetzt im Vordergrunde standen, hatte sie als Kinder gekannt. Den Kaiser selbst sah sie, wie er als junger Prinz nach Spanien zog, um sich dort die Krone zu erkämpfen. Und von den beiden Schönheiten des Hofes wollte sie Näheres wissen, der Kaiserin und der Althan. Ganz jung wurde sie wieder durch ihre Erinnerungen. Am Hofe Leopolds war sie einst die schönste …

Nicht den geringsten Dank aber fand die Baronin bei ihrem Gemahl. Er fand die erzielte Entscheidung beschämend für die demütigende Bittfahrt seiner Frau, er nahm sie nicht an. Die Söhne murrten über seinen Starrsinn und traten auf die Seite der Mutter.

»Was, ihr Gelbschnäbel, ihr wollt mich lehren, was da zu tun ist? Reizt mich nicht, ich rat' es euch!« schrie er. »Die Kriegstaxe wird nicht bezahlt, und wer mir deutsche Ansiedler bringt, solche Bettler, die daheim nichts zu fressen haben und hier Herren sein möchten, den schieße ich nieder. Ich bin der Herr hier. Wollen die Wiener Usurpatoren meine Güter haben, dann sollen sie nur kommen.«

»Stephan! Stephan!« rief die Baronin. »Sie wissen nicht, was Sie reden. Sie wissen nicht, wie wohlgesinnt man in Wien ist, wie nobel diese schwierige Angelegenheit behandelt wurde.«

Ich nehme keine Bedingungen an. Für mich bleibt alles, wie es war!« rief er.

»Das geht nicht. Ich habe mich gebunden«, sagte die Baronin. »Und es kann auch nicht Ihr letztes Wort sein. Pista soll nächstens mit diesen Papieren nach Mohács reiten zum alten Martonffy und sich alles erklären lassen. Wenn Sie sich nicht fügen wollen, lieber Freund, dann müssen wir handeln. Daß Sie es nur wissen: mir hat man die Güter zugesprochen, der Name meiner Mutter war da entscheidend.«

»So? So?« höhnte der Baron. »Ich aber sage, ohne mich geschieht nichts! Und ich gehe nach Szent Marton, bis ihr zur Vernunft gekommen seid. Istenhozott!«(Gott zum Gruß!)

Die Söhne lachten laut auf, als ihr Vater nach diesen Worten aus dem Zimmer eilte.

Die Baronin, dem Weinen nahe über diesen unerwarteten Auftritt, fragte voll Erstaunen: »Wie könnt ihr lachen? Sagt – warum lacht' ihr?«

»Liebste Mama, es ist besser, Sie erfahren das nicht«, sagte Pista. »Wir haben viel Böses mit dem Vater erlebt in Ihrer Abwesenheit. Es ist besser, er geht für einige Zeit nach St. Marton.«

»An meinem Ankunftstag geht er? Kinder, was ist denn geschehen?«

»Sie wissen doch, Mama«, warf Andor in der klugen Absicht, ein, von dem gefährlichen Thema abzulenken, – »das viele Trinken… Wir haben viel zu erzählen. Ich bin vor lauter Ekel fort, war drei Wochen nicht hier. Und dann hat Pista auch etwas getan, das der Papa nie verzeiht.«

»Was hat er getan?«

»Oh, etwas Komisches. Hab' mich halb tot gelacht darüber. Den Jancsi hat der Vater beinahe erschlagen, bis dann der Pista eingestanden, daß er es getan.«

Die Mutter sah Pista fragend an: »Werde ich nicht erfahren … ?«

»Ach, ich war so unglücklich über unsere tägliche Betrunkenheit«, sagte dieser. »Seitdem Sie fort waren, ist Papa nicht mehr aus dem Rausch gekommen. Er hat viele Dummheiten gemacht … Und ich hab' auch zu viel getrunken. Ich wollte Ihnen mein Wort halten, liebe Mama, aber die Versuchung war zu groß. Da bin ich eines Abends in den Keller gegangen und hab' aus allen Fässern den Spund herausgeklopft. Bis auf den letzten Tropfen ist das Gift ausgeronnen aus den Fässern. Der Schade war groß, aber der Teufel war aus dem Haus.«

Andor lachte. »Mama, das Geschrei hätten Sie hören sollen! Als ob der Weltuntergang gekommen wäre.«

Die Baronin sah nur Pista an. »Und was hat er dir getan?«

»Mir? Die Faust hat er erhoben gegen mich. Ich bin ich zurückgetreten und hab' geschrien:« Papa, ich will kein Trunkenbold werden! Ich will auch nicht, daß mein Vater einer ist!«

»Und dann?«

»Das hat ihn ein wenig ernüchtert«, sagte Pista. »Wir reden seitdem kein Wort miteinander. Er hat aber wieder Wein gekauft und ihn nach St. Marton führen lassen. Soll er sich dort betrinken, nicht hier. Soll er dort –«

Er brach jäh ab.

»Was soll er dort?« fragte die bestürzte Frau.»So rede!«

»Liebe Mama, lassen Sie ihm Zeit. Wir werden ihn schon langsam wieder gewinnen«, sagte Pista »ich will nächstens, wie Sie befohlen haben, zum Martonffy reiten. Wir wollen Pläne schmieden ohne den Papa. Der Andor kann Ihnen viel erzählen, der war bei den Schwaben in Bellye und in Tevel, der Betyar hat drei Wochen gelebt wie ein Räuber und alles ausspioniert.«

»Ja, Mama, ich weiß, wie man Schwaben bekommt, und was man ihnen geben muß. Ich weiß, was sie können«, sprach Andor, »ich war bei ihnen.«

»Kinder, das alles ist mir jetzt unwichtig«, entgegnete die Baronin. »Ich muß zuerst den Papa hier haben. Ich fahre ihm nach. Ich hole ihn.«

»Mama, lassen Sie das!« bat Pista.

»Nein, nein, nein. Ihr sagt mir nicht alles!« rief die Mutter.

»Geh, Andor, schau', ob Papa schon fortgefahren ist«, sagte Pista rasch und wies ihn mit einem bedeutsamen Blick hinaus. »Vielleicht kann die Mama noch sprechen mit ihm!«

Der junge ging, und Pista trat näher an die Mutter heran. »Liebe Mama, ich muß Ihnen gestehen, daß wir etwas verschwiegen haben. Aber nur, weil wir uns schämten … Papa geht nicht allein nach St. Marton.«

»Nicht all –?«

»Wir haben hier eine Wirtschafterin gehabt. Die schöne Frau Katicza vom Béres in St. Marton. Es war hohe Zeit, daß Sie gekommen sind.«

Ganz blaß war Baronin Helene geworden. Sie lächelte bitter. Es mochte nicht das erstemal gewesen sein, daß sie dergleichen erfuhr, aber es war doch das erstemal, daß ihre Kinder als Mitwisser dastanden, daß ein Sohn ihr das sagte. Sie schämte sich für den Abwesenden. Und nur um jede weitere Mitteilung zu verhindern, schickte sie Pista jetzt fort.« Wenn es so ist«, sagte sie verlegen, »soll Andor nichts tun; er soll Papa nicht suchen … Ich will ihn jetzt nicht sehen. Geh', geht«!

»Verzeih', Mama.«

»Geh', geht« rief sie mit Tränen in der Stimme. Pista ließ seine Mutter allein.

In den Auen von Mohltsch

Heiße Tage waren gekommen, der Frühsommer legte sich drückend über die weite Ebene, und die Gewitter rollten brausend über sie hin. Das spärliche Korn, das draußen stand, kaum kniehoch und von Unkraut durchwuchert, wurde gelber mit jedem Tag. Philipp Trauttmann, der mit seiner Arche durch diese Steppen einem Ziel entgegenfuhr, wunderte sich nicht wenig. Sollte dieser Boden, nicht mehr hergeben können? Er untersuchte unterwegs manches Feld und schüttelte den Kopf. So flach arbeiteten die Leute hier? Die deutschen Pflüge gehen tiefer, sagte er sich.

Baron Pista war endlich zum Notär Martonffy nach Mohätsch geritten, und sie studierten gemeinsam den Akt, den die Mutter aus Wien mitgebracht hatte; samt allen Beilagen studierten sie ihn, denn in diesen waren die Formalitäten und Bedingungen entwickelt, unter denen die Hofkammer ihre Siedlungen vornahm. Nur wenn man die gleichen Bedingungen gewährte, konnte man hoffen, deutsche Kolonisten zu bekommen. Der alte Martonffy kannte sie wohl, diese Bedingungen. Aber er wußte auch, daß die Herren Grafen und Barone, die jetzt alle gern Ansiedler gehabt hätten, sie nicht ehrlich gewährten. Es gab ständig Zank und Streit, und die Kolonisten wanderten wieder ab. Martonffy warnte vor ähnlichen Versuchen, und Baron Pista glaubte, versichern zu dürfen, daß es bei ihnen nicht so kommen würde. Man müsse nur den Vater auf irgend eine Weise gewinnen. Er wisse noch nicht, wie.

Gegen Abend geleitete der alte Notarius seinen Gast aus der Stadt hinaus. Er wolle ihm etwas zeigen, sagte er. Sie wateten in dem fußhohen Staub des Lehmbodens gegen das Ufer der Donau hin und kamen in die Auen. Da hörten sie Stimmen, da sahen sie Rauch aufsteigen hinter den Weiden und Rusten, da wurde sogar gesungen.

Was das bedeute, fragte Baron Pista.

Martonffy lächelte. »Hier landen die Wiener Auswandererschiffe. Hier übernachten häufig die Schwaben, die nach dem Banat und in die Batschka wollen« , sprach er.

»Und die singen?«

Ja«, sagte Martonffy, »derDeutsche hat für jede Lebenslage ein Lied… Wir haben übrigens Glück. Es scheint, daß heute mehrere Schiffe da anlegten.«

Während dieses Gespräches traten sie in eine Lichtung hinaus, in der sich ein farbenreiches Volksbild vor ihnen auftat. Deutsche Leute in den bunten Trachten ihrer Heimat lagerten und standen da plaudernd beisammen, einige Frauen kochten am offenen Feuer in kupfernen Kesseln ein Abendessen, eine Gruppe junger Mädchen aber sang einen Choral, und ein weißhaariger Alter gab den Takt dazu. Abseits von diesen trugen Männer und Buben gefällte junge Weidenstämme herbei und bauten offene Hütten, die sie mit Reisig deckten. Ein paar Frauen, die Säuglinge an der Brust hatten, sahen ihnen zu. Sie wurden wohl für sie und ihre Kleinen bereitet, diese schützenden Dächer.

Martonffy fragte einen helläugigen blonden Buben nach dem Schiffmeister, und dieser rief ihn herbei. Die Bauern sahen sich verwundert um nach den zwei Herren, einige Männer grüßten. Und der Notar fragte den Schiffmeister nach dem Ziel der Reise und nach der Herkunft der Leute. »Alles geht ins Banat«, sagte er. Jeden Tag kommt jetzt ein Schiff.«

»Woher sind alle diese Menschen?« fragte Pista.

»Herr, i glaub' aus Baden sein s'. Näheres wüßt' i net. Da müßt Ihr schon den Pfarrer fragen, den sie bei sich haben«, war die Antwort. »Mir Schifferleut' sein aus Wean.«

»Einen Pfarrer haben sie bei sich?«

»Ja freilich. Zwahundert Familien mit ihrem Pfarrer und einem Schulmeister sein da. Die zwa haben ihre Stuben auf'm Schiff.«

Martonffy rief einige Männer an, die sich neugierig genähert hatten. Lauter bartlose, glatte Gesichter. Keiner hatte eine Pfeife im Munde. »Guten Abend, ihr Leute. Ihr seid gewiß schon lange auf der Reise, was?«

»Vier Woche, Herr«, antwortete einer.

»Und zwei wird's noch dauern, bis ihr an Ort und Stelle seid«, fuhr Martonffy fort. »Möchtet ihr nicht lieber hier bleiben? Ich weiß euch Herrschaften genug, wo ihr alles so haben könnt wie im Banat. Es wohnen schon sehr viele Deutsche da bei uns.«

Einer der Männer, ein braunhaariger Riese mit einem Dreispitz aus grobem Filz auf dem Kopf und einem langen weißen Leinenrock, antwortete: »Mer suche koin Herrschafta; mer kriege freies Land im Banat. Robotte tun m'r nit.«

»Freies Land? Das kriegt ihr auch hier auf der rechten Seite der Donau. Habt ihr denn noch nichts gehört von der schwäbischen Türkei? » sprach Martonffy.

Die Männer schauten sich an. Sie hatten das Wort noch nicht gehört. Einer meinte, sie sollte man sich doch angucke, die schwabisch Terkei. Die anderen lachten. »Werd schier ein Spitznam' sein«, meinten sie.

Da erschien der Pfarrer, der vom Schiffmeister war verständigt' worden, daß zwei Herren da wären. Ein starker, großer Mann mit einem festen Blick aus dunklen Augen. »Was beliebt den Herren zu wissen?« fragte er und lüftete den Hut. »Ich bin der Pfarrer Plenker aus Baden-Baden und führe meine Gemeinde ins Banat. Wir haben kaiserliche Pässe.«

»O bitte, bitte, Hochwürden«, entgegnete Martonffy. »Wir sind nur Neugierige. Ich bin der Notär Martonffy aus Mohaitsch, und der junge Herr Baron Parkoczy, mein Begleiter, hätte auch Lust, zu kolonisieren. Sein Vater ist Großgrundbesitzer.«

Der Pfarrer maß Pista mit einem prüfenden Blick. »Es kommen noch Tausende hinter uns«, sagte er. »Von meiner Gemeinde trennt sich keiner.«

»Das ist doch seltsam, Hochwürden«, sagte Pista, »daß ganze Gemeinden bei Ihnen auswandern. Ist das Elend so groß in Deutschland? Sie sehen doch nicht aus wie Bettler, diese Leute.«

»Bettler? Meine Herren, da ich Sie heute sehe und vielleicht nie wieder, so will ich Ihnen die volle Wahrheit sagen«, sprach der Pfarrer. »Meine Gemeinde ist wohlhabend, unter uns gibt es keine Bettler … Nur die übermütigen Herren sind schuld, daß ihre Untertanen davonlaufen. Ihre Streit- und Herrschsucht lockt immer wieder den Feind ins deutsche Land; bald zinst man dem, bald jenem, und wer gerade der Herr ist über die Leiber, der meint auch die Seelen kuramissieren zu können. Die Urgroßväter meiner Gemeinde waren katholisch, die Großväter sind evangelisch geworden. Ihre Nachkommen aber hat man vor dreißig Jahren zum Katholizismus zurückgeführt, und jetzt soll das neue Geschlecht wieder evangelisch werden. Sind wir denn eine Viehherde. Ich habe eine Predigt darüber gehalten und darin die Frage aufgeworfen, wem Jesus Christus das Recht übertragen habe, die himmlischen Angelegenheiten zu entscheiden. Hat er es dem Herodes übertragen? Nein. Dem Tiberius? Nein. Er hat es seinen Jüngern, seinen Aposteln übertragen, und zu alleroberst dem Petrus. Man hat daher in Fragen der Religion nicht den weltlichen Herrn zu gehorchen, sondern denen, die von Petrus kommen. Nach dieser Predigt habe ich das Patent des Kaisers von der Kanzel verlesen, worin er katholische deutsche Einwanderer für das Banat sucht und ihnen alle erdenklichen Freiheiten zusichert. Selber sind die Leute zu mir gekommen und haben mich gebeten, sie in das gelobte Land Hungarn zu führen, ins Banat. Wie die Juden in Agypten dem Moses gefolgt sind, so wollen sie mir alle folgen', sagten sie. Und so führe ich sie jetzt in eine neue Heimat.«

»Darum also, darum!« rief Pista, der dem Pfarrer voll Ehrerbietung zugehört hatte.

Martonffy aber fragte: »Also breitet sich jetzt der Protestantismus so sehr aus in Deutschland?«

»Nein, Herr Notar, nein!« sprach der Pfarrer. »Wir haben nur zu viele souveräne Herren. Aus einem anderen Ländchen wieder wandern Protestanten aus, weil sie katholisch werden sollen. Die Herren sind schlecht beraten. Ich sehe in ihrer Nichtachtung der menschlichen Seele den stärksten Grund zur deutschen Auswanderung. Dazu kommt für viele, die auswandern, die Befreiung von Fron und Robott. Tausende, die daheim kein Eigentum erwerben konnten, die wollen es sich hier erarbeiten. Sie werden ein Segen werden für dieses Land.«

Von der Stadt her erklang der Ton einer Glocke. Martonffy schaute nach der Sonne. Sie war untergegangen und der Rückweg für ihn und seinen Begleiter nicht kurz. Daß der Pfarrer sich jetzt empfahl, um mit seiner Gemeinde das Abendgebet zu verrichten, zu dem die Glocke rief, das kam ihm nicht ungelegen.

Der Führer seiner Gläubigen schritt in die freie Lichtung hinaus, und der alte Schulmeister, der vorhin den Takt schlug zum Gesang der Mädchen, hatte schon auf ihn gewartet. Er pflanzte ein schlankes Kreuz in der Mitte der Lichtung auf. Und es sammelten sich die Hunderte, die den gemeinsamen Zug in das gelobte Land Hungarn unternommen, um ihren Hirten. Dieser entblößte sein Haupt und faltete die Hände. Die Gemeinde aber kniete nieder. Und ihr Führer sprach mit lauter, glockentiefer Stimme das Abendgebet. »Oh, mein Gott und Vater! Am Schlusse dieses Reisetages knien wir noch einmal nieder, um mit dankbarem, demütigem Herzen vor dir zu beten. Deine Güte war es, die uns am Morgen gesund und heiter erwachen ließ, deine Gnade führte uns auch heute wohlbehalten über alle Gefahren hinweg an ein Ziel, und deine Liebe wird wachen über uns auch in dieser kommenden Nacht. Gütigster Vater im Himmel, habe auch ferner Geduld mit unseren Schwachheiten und Fehlern und verzeihe uns um Jesu, deines Sohnes willen, der sein kostbares Blut für uns vergossen hat, wenn wir dich heute beleidigt oder eines deiner Gebote übertreten haben. Unter deiner Obhut legen wir uns in dieser fremden, unbekannten Welt, in der vielleicht Gefahren auf uns lauern mögen, zur Ruhe. Du bist überall. Zu dir beten sie jetzt auch in dieser nahen Stadt, ihre Glocken verkünden es, und das stärkt unser Vertrauen. Deine Liebe schläft nimmer, du wachest über uns, auch wenn wir schlafen. O Gott, beschütze uns in dieser Nacht und wende alle Gefahren des Leibes und der Seele von uns ab. Laß uns in Frieden ruhen und unsere Kräfte erneuern für den kommenden Tag. In deiner Hand, o Herr, ist Leben und Tod. Du allein weißt es, ob wir morgen noch atmen, in deine Hände empfehlen wir unsere Seelen. Amen.«

Martonffy und Baron Pista, der heute die ersten deutschen Ansiedler gesehen hatte, entfernten sich leise während dieses Gebetes. Die Männer aber, mit denen sie zuerst gesprochen, stellten alsbald an allen vier Enden der Lichtung, in der die Gemeinde lagerte, Wachen aus für die Nacht.

Neue Heimat?

In Dobok haben sie den Philipp Trauttmann festgehalten.

Baron Pista war in der hellen Mondnacht heimgeritten von Mohátsch. Er stand ganz unter dem Eindruck der Begegnung mit den schwäbischen Auswanderern und überdachte alles, was er gesehen. Diese bartlosen, biederen, starken Menschen, die so voller Zuversicht in eine neue Heimat zogen, die ihren Glauben mitbrachten und ihre Lieder, die frei sein wollten von aller Hörigkeit und keines Herrn Knechte, sie hatten ihm gefallen. Vielleicht fehlte diesem Lande nur ein solcher Bauernstand, um aufzublühen. Die Leibeigenen, die zur Arbeit geprügelt werden mußten, hatten ja doch kein Herz für diese Erde, die nicht ihnen gehörte und die sie kaum ernährte. Vielleicht hatten die Herren in Wien doch recht, vielleicht lag auf diesem Weg eine bessere Zukunft … Der Kopf glühte dem jungen Mann, und er spornte seinen Fuchs zu immer rascherem Lauf. Am liebsten wäre er gleich zu seinem Vater nach St. Marton hinübergeritten, um ihn zu bekehren, aber er wollte doch zuerst der Mutter Bericht erstatten. In dem Zerfall des Hauses stand er unerschütterlich auf ihrer Seite. Aber konnte man ohne den Vater handeln? Er erwog es hundertfältig in dieser einsamen Nacht und fand keinen Ausweg.

Die Leute in Mohátsch berichteten dem alten Martonffy am nächsten Morgen, es wäre ein deutscher Bauer samt Familie da mit Wagen und Pferd, der die schwäbische Türkei suche. Er möchte mit jemandem reden, der sich dort auskenne und ihm die Wege weisen täte. Vor des Notarius Haus hatten sie den Mann fahren lassen, und da war er am rechten Ort, der Vetter Philipp. Schon die Begrüßung durch den Alten, dem er seinen Namen nannte und seinen Paß vorwies, tat ihm wohl. Und er ließ sich gern ausholen von ihm. Hatte er doch schon seit Wien kein Gespräch führen können mit einem verständigen Menschen. Es war ihm ein Trost, nach der langen Irrfahrt mit diesem gütigen Mann zu reden, der sogleich Rat wußte. Nach einer halben Stunde waren sie gute Freunde.

»Was braucht Er bis nach Fünfkirchen und gar bis nach Tevel zu fahren?« fragte Martonffy. »Ich weiß dem Vetter Philipp etwas Besseres in unserer Nähe.«

»Nein, nein«, wehrte dieser ab, »in die schwäbisch Terkei muß ich. Ich hab's ei'm hohe Herr in Wien versproche, daß ich dort hingeh'.«

»Lieber Vetter«, sagte Martonffy lächelnd, »was ist das, die schwäbische Türkei? Was stellt Er sich darunter vor? Wenn wir hier ein Schwabendorf ansiedeln, wo früher Türken waren, ist hier auch ein Teil der schwäbischen Türkei. Wir erweitern ihre Grenzen. Wollt Ihr nicht der erste sein in diesem neuen Dorf?«

Das gefiel dem Trauttmann. Und als Martonffy das merkte, fuhr er fort: Fahret einmal bis zum Kastell Dobok. Fragt dort nach dem jungen Baron Parkoczy Pista und sagt ihm, daß ich ihn untertänigst grüßen lasse. Redet mit ihm. Schaut Euch die Geschichte an. Gefällt es Euch nicht, dann fahr, in Gottes Namen weiter, wohin Ihr wollt. Es ist der gerade Weg, Ihr versäumt nichts. Aber ich glaube nicht, daß Ihr weiter fahrt.«

Und so war Philipp Trauttmann vor Sonnenuntergang nach Dobok gekommen. Der Braune lahmte schon seit einigen Tagen auf den Vorderbeinen, es ging nicht mehr recht mit ihm, er brauchte eine längere Rast, wenn er sich wieder erraffen sollte. Und die wollte Trauttmann ihm gewähren. Wie hatte der freundliche Alte in Mohaitsch gesagt?»Schaut Euch die Geschichte an.« Gut, schauen wir sie an; bleiben wir einmal da, bis der Braune wieder weiter kann.

Unter diesem Vorwand wurde die Rast beschlossen. Mit ihm wurden auch Frau Eva beschwichtigt und die Kinder, denn so wie sie zuerst auf das Banat eingeschworen waren, so lechzten sie jetzt nach dem Anblick der schwäbischen Türkei, die ihnen als ein Land der Verheißung erschien.

Der junge Baron Andor sah den seltsamen fremden Wagen, dem zwei hochaufgewachsene Knaben bewaffnet zur Seite gingen, zuerst; er ging ihm zu und rief die Leute an. So wurde er der Überbringer des Grußes an Pista. Wie eine Freudenbotschaft übernahm er diesen Gruß. »Ihr seid Schwaben? Ihr kommt zu uns?« fragte er lachend. Ja? ja? Schickt euch der Notär?«

»Freilich sin mer Schwowe, junger Herr«, sagte Trauttmann vorsichtig«, und mer solle in die schwowisch Terkei. Dort sin m'r hinb'schtellt. Aewer unser Brauner is krank, und do möchte mer do bei Ehne mol raschte, wann's verlabt ischt.«

»Rastet bei uns, liebe Leute«, sagte Baron Pista, der bald herbeigerufen war; »stellt eure müden Pferde in unsern Stall. Wenn der Notär Martonffy euch schickt, seid ihr unsere Gäste.«

Erst nach dieser ungewöhnlichen Begrüßung stieg Philipp Trauttmann von seinem Wagensitz herab und machte dem Herrn seinen Diener. Der Matz und seine zwei Ältesten standen ihm zur Seite, alle reichten sie ihm schon bis über die Schultern. Vier Männer! Und auch Frau Eva entstieg mit dem Ferdinand und der kleinen Trude der Arche Noah.

»Siwe (Sieben) ischt eine heilige Zahl«, sagte Trauttmann und stellte die Seinen lächelnd vor. Nenn der Herr Baron uns Herberg git, nehm' ich's mit einem Vergelt's Gott an.«

So war Philipp Trauttmann nach Dobok gekommen zu einer Rast, die sein Brauner nötig hatte. Und der Rappe machte sich auch nichts daraus, daß er wieder einmal in einem Stall schlief, in dem es nach Hafer roch.

Tagelang hatte Philipp Trauttmann teils allein, teils mit seinen Söhnen und dem jungen Herrn Andor die Gegend abgeschritten, die der Baron Pista ihm als die geeignetste bezeichnete zur Anlage einer Siedelung. Die jungen mit ihren Gewehren, der Vater mit einer Stichschaufel. Er grub da und dort und besah sich die Erde. Sie war braun, in der Tiefe schwarz. War sie hungrig nach guter Saat? War sie dankbar für den Schweiß der Menschen? Das wußte nur Gott …

Sein Brauner war längst wieder in gutem Stand, er aber schwankte und zögerte. Sollte er bleiben? Sollte er weiterfahren? Ihm schien, als wäre kein rechter Ernst vorhanden auf Seite der Gutsbesitzer, denn die Baronin und ihr Ältester lockten wohl und machten Versprechungen, aber den Herrn des Ganzen bekam er nicht zu Gesicht. Wo ist seine Gestrengen? Er fragte, und man wich aus. Nur wenn er fest entschlossen wäre, zu bleiben, wollte ihn Baron Pista zu seinem Vater nach St. Marton geleiten. Sonst hätte es keinen Zweck.

Trauttmann war unentschlossen. Er hatte den Matz, der ein gewitzter Bursche war, auf Kundschaft ausgeschickt in die schwäbischen Gemeinden der weiteren Umgebung. Man mußte doch wissen, was die in zwanzig Jahren für Erfahrungen gemacht haben und was sie eigentlich betreiben. Hier sah er nichts als Korn, Kukuruz, Kürbisse, Paprika und Viehzucht der allerniedrigsten Art. Man kannte die Kartoffel nicht einmal dem Namen nach. Er sah keinen Weizen. Von keiner der besseren Feldfrüchte war auch nur der Same vorhanden. Kein Obstbaum weit und breit! Und keine Blume. Kein Singvogel. Holzäpfel und Holzbirnen gediehen am Waldesrand, doch niemand ahnte, daß man sie veredeln könne. Der Schlehdorn und die Hagebutte wucherten rings um die Eichen- und Akazienwälder, in denen die Bienen wild lebten. Schwarzbrot, geräuchertes Fleisch, Speck und Schafkäse waren die Hauptnahrungsmittel der Herrschaft. Dazu mochten im Winter auch Würste kommen und Wild. In elenden Hütten aber, die kaum aus der Erde herausragten, lebten ein paar hundert Leibeigene auf dem unendlichen Gebiet; außer ihrer Ernährung besaßen sie kaum noch Bedürfnisse. jeder der Hörigen hatte ein Stück Feld zugewiesen, das er für sich selbst bebauen durfte; wenn es aber Arbeit für die Herrschaft gab, ging diese vor. Das herrschaftliche Wild, das die Felder der Leibeigenen verwüstete, durfte nicht angerührt werden, der Besitz einer Waffe galt als Verbrechen. Welcher Religion diese Menschen zugehörten, war nicht zu erkennen, von einem Geistlichen sah man nichts. Die Herrschaft aber war fromm, sie fuhr am Sonntagmorgen nach Mohátsch zum katholischen Gottesdienst.

Und in dieser Umwelt sollte Philipp Trauttmann aus Bobenheim in der Rheinpfalz sich mit den Seinen niederlassen, hier sollte dieses deutsche Bauerngeschlecht fortan seine Heimat sehen? Nie mehr zurück ins alte deutsche Vaterland sollten die Kinder denken, sondern hier festwurzeln, hier bleiben für alle Zeit? Trauttmann und seine Eva verbrachten schlaflose Nächte. Sie belauerten einander und gestanden sich nicht, daß sie wachten. Und wenn es die Kinder nicht sahen, da ließ die Mutter wohl manche bittere Träne in ihren Schoß niederrieseln. Aber sie durfte dem Manne das Herz nicht schwer machen, sie mußte stärker sein als alle. Und so zeigte sie guten Mut.

Baron Pista war schon einmal bei seinem Vater gewesen. Und da er am Morgen hinkam, fand er ihn nicht unzugänglich, der Caraffa, den der Kuruzze sich mitgenommen, begrüßte den jungen Herrn freundlich, und Papa tobte nicht, als er von der Anwesenheit eines Kolonisten erfuhr. Ruhig hörte Parkoczy den Bericht des Sohnes an, und es schien Pista, als schäme er sich ein wenig seiner Lage. Er lebte da in einem verfallenen Herrenhaus und trank mit seinem Béres und ein paar alten Kuruzzen um die Wette. Die mollige Kumanin, die Katicza, bediente die Zecher und trank aus jedem Krug mit.

»Eine Probe wollt ihr mit einer Familie machen?« sagte er gereizt. »Macht sie! Aber ich muß meinen Zehent haben! Ganz frei gebe ich nicht eine Scholle her. Der zehnte Teil von allem, was geerntet wird, gehört dem Herrn.«

Vom dritten Jahr, Papa, nicht früher! Der Staat gibt sechs Jahre Steuerfreiheit.«

»Vom dritten Jahr? Hm. Was sagt Martonffy?«

»Der ist für sechs Jahre, Papa.«

»Alter Esel! Alter Esel!« rief Parkoczy. »Also gut, vom dritten Jahr.«

»Und wieviel Joch darf ich dem Bauer in sein Eigentum geben?«

»Eigentum? Pah, so viel er bearbeiten kann, gib ihm. Eigentum mit Zehent! Verstehst du? Das ist kein Eigentum.«

»Also kann Martonffy die Verschreibung machen?« fragte Pista. »Werden Sie das unterfertigen?«

»Schriftlich will der Bauer das haben? Dann werden wir ihn nie mehr los! Nein, nein.«

»Der Mann hat drei Söhne, Papa. Er kann es nicht anders machen. Er scheint nicht arm zu sein; er will überhaupt nach Tevel und ist kaum zu halten. Die Mama will aber, daß diese Probe gemacht werde. Sie hat es in Wien gelobt.«

»So gebt es ihm schriftlich«, sagte Parkozy rasch.

Das war mehr, als Baron Pista zu hoffen wagte. Die Mutter hatte also doch Macht über ihn, wenn er nüchtern war. Und als er zum Gehen anschickte, da sagte er ganz harmlos:«Die Mama läßt fragen, wann Sie wieder Hause kommen, Papa?«

»Ich« fragte er überrascht. Und beinahe gerührt fuhr er fort: »Sag‘ ehrlich, Pista, ist sie mir sehr böse?«

»Tief gekränkt ist sie. Ich glaub', sie weint oft.«

»Das tut mir leid … Sag' ihr, der Wein ist schuld an allem. Ich muß trinken können, so viel als mir schmeckt. Und weißt du, ihr ekelt vor mir, wenn mir wohl ist … Da hier sind meine alten Kuruzzen, wir trinken und reden von den Zeiten, wo wir das Haus Habsburg in Onod abgesetzt haben … Die Mama aber ist jetzt auch schwarzgelb geworden wie die NagyméItoságos aszony (Exzellenzfrau). Ah, laßt mich allein.«

Noch zwei Tage hatte sich Trauttmann Bedenkzeit ausgebeten vom jungen Baron, der ihm mitteilte, daß sein Vater mit :allem einverstanden sei. Wo der Matz nur blieb? Er hatte ihm gesagt, eine Woche dürfe er ausbleiben, nicht länger. Und diese Woche war um. Sollte ihm begegnet sein? Es gab Wanderzigeuner und sonstiges Lumpenpack überall. In dem Urwald gegen Süden schien sogar irgendein Wilder zu hausen, ein Einsiedler oder ein anderes halb vertiertes Wesen. Es hatte sich jüngst geflüchtet bei der Annäherung Trauttmanns, und der junge Baron Andor glaubte auch, schon von ihm gehört zu haben. Diesen Jüngling gewann Trauttmann rasch lieb, er erzählte ihm unterwegs immer so viel Schönes von der Schwäbischen Türkei… Wo der Bauer den Matz eigentlich hingeschickt hatte, das wußte niemand. Es hieß, er sei um ein paar Hufeisen für den Bauern nach Mohátsch gewandert.

Endlich, am letzten Abend – morgen sollte die Entscheidung fallen – pochte es am Tor des Stallgebäudes, in dem die Familie untergebracht war. Der Ferdinand und die Trudel schliefen schon, aber die anderen saßen bei einem Fettlicht um den Tisch herum, und der Vater las aus der Lutherbibel vor, ihrem geliebten heiligen Buch, das sie glücklich bis hierher gerettet hatten vor allen Anfechtungen. Philipp Trauttmann suchte Rat und Stärkung darin vor der großen Entscheidung und konnte sie nicht finden.

Es klopfte noch einmal. Das war der Matz! Und der Vater ging selbst, ihm zu öffnen. Der rotbackige blonde Bursche kam staubbedeckt und übermüdet daher, in der Rechten hielt er einen dicken Knüppel, und auf dem Rücken hatte er einen gefüllten Leinensack. Als Matz auszog, war dieser Tornister von der Bas' Eva mit Brot und Speck und Käse gefüllt worden. Daß er jetzt noch voll war, darüber wunderte sich die Muhme. Hatte er ihnen was mitgebracht? Sie nahm die Bibel, steckte sie in ihr Bett und holte dem Matz etwas zu essen. Und die Buben freuten sich am meisten, daß er wieder hier war, ihr guter Kamerad.

Trauttmann aber sagte: »Na, Matzl, setz' dich halt. Werscht müd sei', gelt?«

»Es tut's«, sagte der. »Häb mich vererrt g'hat; beinoh hädd ich nimmei herg'funna.«

Er aß von dem freiherrlichen geräucherten Fleisch und leerte einen Krug Wasser, den der Peter ihm vom Brunnen geholt hatte, und Philipp Trauttmann sah ihm voll Behagen zu. Wenn er nur wieder da war, der Matz, seiner toten Schwester Sohn. Als Knecht ging er mit auf die Fahrt, weil er ein echtes Schwabenblut ist und ihn die Fremde lockte. Knecht? Er war eine Waise und mußte nach Landesbrauch in einem Dienst die Bauernwirtschaft erlernen. Erst wenn er mündig war, kriegte er sein Vermögen und konnte selber etwas anfangen. Das lag auf Zinsen in Bobenheim und wartete auf ihn. Und der Vetter Philipp nahm ihn gern ins Haus und setzte ihm einen kleinen Lohn aus. Der Knecht war ihm ein Sohn.

»Alsdann, wo wiarscht, Matz? Red‘!«

»Ah, des war gut, Bas'Ev'l, sagte der Matz und wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab. »Häb heunt no nix gessa g'hat.«

Er erhob Sich, holte seinen gefüllten Leinentornister und stellte ihn auf den Tisch.

»Alsdann, ich war bei de Schwobeleut in dera Terkei«, sagte er. «Bis uff Tevel bin ich niwer kumma, und in Murgau war ich, des im e Talkessel liegt, und wo lauter Evangelische wohne … Sie sein wie dorthin verbannt. Die Katholische breite sich aus, habe Feld wie Mescht (Mist), die Evangelische hocke kloin beinanner und gehe zu de Herrschafte in Schnitt.«

Trauttmann und Frau Eva schauten sich an und sagten nichts.

»Es git viel Zank und Streit mit Grafe und Barone und Bischöfe in dera schwobisch' Terkei, äwer des macht nix, sage se, die Felder sein gut, und ihre Rechte, die wer'n se sich nit nemma losse. Sie bleiwe all' wo se sin.«

Jetzt öffnete er seinen Tornister und entleerte ihn auf dem Tisch. »Do guckt emol. Do sin die Probe aus dera Terkei.«

Da hatte er goldigen Weizen in großen, dicken Ähren, Korn und Gerste und Hafer, Bohnen und Erbsen und sonstige Feldfrüchte, von denen man hier, in Dobok, nicht einmal die Art zu kennen schien. Und war doch nur eine Tageswanderung entfernt von all diesem Segen! Dem Philipp Trauttmann lachte das Herz, wie er alles durch die Finger gleiten ließ. Der biedere alte Herr in Mohaitsch hatte wohl das richtige Wort gesagt: Die Grenzen der schwäbischen Mürkei lassen sich erweitern, jawohl! Was dort möglich ist, das muß auch hier möglich sein. Die Bas' Eva wog die Körnerfrüchte in der Hand und lachte ihren Mann an. Die Buben spielten auch die Sachverständigen, und es stellte sich allmählich eine fröhliche, freudige Stimmung ein, wie sie auf der ganzen langen Fahrt in die Fremde noch nicht dagewesen war. Der Matz erzählte und erzählte, er bestätigte alles, was der junge Baron Andor schon gesagt hatte, hundertfach. Ihm war manchen Tag, als sei er wieder daheim, am Rhein. Und dort, wo alles dem Prinzen Eugenius gehöre, da wäre es am schönsten gewesen, sagte er, da seien die Leute am besten daran. Dort möchte man sein. Die Welt hier schaue sich dagegen an wie eine Wüste.

»Matz«, sagte der Bauer aufgeräumt, »des sieht nar so aus. Guck der des Dobok in zehn Jahren an! 's Paradeis is überall. M'r muß es nar raus kratze aus'm Bode.«

Jetzt wußte die Bas' Eva, wieviel es bei ihrem Mann geschlagen hatte, und auch der Matz machte große Augen . . . Von morgen ab hatten sie also wieder eine Heimat. Und der Frau war es recht. Wenn man sich so nahe an einer deutschen Welt ein freies Heim schaffen und erarbeiten konnte, da durfte man nicht mehr zaghaft sein. Voll Liebe und Vertrauen sah sie zu ihrem Manne auf.

Der Matz ging, schön bedankt, zur Ruhe, und der Hannes und der Peter begleiteten ihn. Als sie draußen waren, lief Trauttmann ihnen nach mit der Frage: »Matz, Matz, du hoscht koin Kartoffel bei de Probe?« »Git's nit!« rief der Matz. »Die Leut' kenne koin Saame kriege im ganze Land.« Kopfschüttelnd trat der Bauer wieder zurück. Die Buben aber wurden nicht müde, Matz auszufragen, und er erzählte, bis ihm die Augen zufielen, von den fleißigen Schwoben in der Terkei. Der Peter und der Hanneß träumten von der neuen Heimat.

Zum erstenmal, seit sie hier waren, ging das Ehepaar Trauttmann fröhlich zu Bett; es war wie eine Erlösung über sie gekommen und bedurfte keiner Worte; alle Ungewißheit war weg. Sie umarmten einander so zärtlich wie ein Brautpaar in dieser Nacht und schliefen sorglos bis in den hellen Morgen.

*

Eine Wegstunde entfernt vom Kastell Dobok hatte Trauttmann seine Siedelung gewählt. Er forderte fünfzig Joch in sein Eigentum. Zweiunddreißig sollten Ackerland sein, zehn Joch Wiesen, acht Joch Wald. Und im übrigen sollte ein stattliches Weideland abgegrenzt werden für seinen Viehbestand. Noch zwei Pferde kaufte er; eine Kuh mußte in den Stall, ein paar Schweine und Schafe erstand er um billiges Geld. Und einen Sohn des Caraffa brauchte er auch für seinen Hof. Den Zehnt vom dritte Jahr ab wollte er auf sich nehmen, aber er bedang sich aus, ihn einst ablösen zu können. Und dafür wurde ein Betrag eingesetzt, den niemand als Preis für den ganzen Grund gegeben hätte. Anders unterschrieb der alte Baron nicht, denn er wollte diese Ablösung unmöglich machen. Trauttmann nahm es an.

Neues Leben war in die Bauersleute gekommen, seit sie auf eigenem Grund und Boden standen und dort eine Holzhütte aufrichteten. Der Baron Pista wollte ihnen von seinen Leibeigenen eine landesübliche Lehmhütte stampfen lassen, aber der Bauer und der Matz schnitzten kleine hölzerne Formen und richteten alles für ein besseres Werk. Sie fällten Bäume, sägten Bretter und bastelten auf vielfältige Weise; aus der Arche Noah kamen immer neue Werkzeuge und Geräte hervor, die sie brauchten. Und nach ein paar Tagen zog Trauttmann mit dem Matz und seinen zwei ältesten Buben zum nächsten Tümpel, dessen lehmiges Erdreich er schon untersucht hatte, und richteten da einen Ziegelschlag ein. Sie gruben das Ufergelände ab und stiegen in das sommerlich warme Wasser, bereiteten sich Standplätze, legten den Uferrand mit Brettern aus und bereiteten in den hergestellten Holzformen die ersten Ziegel. Eine Fuhre Spreu bekamen sie auf dem nächsten Tretplatz in den Kornfeldern der Herrschaft, und davon streute man reichlich in den Lehm hinein; sonst verband er sich nicht zu der festen Masse, zu dem Körper, den ein Ziegel haben muß.

Hei, wie sie sich alle freuten, als die ersten Ziegel in der Sonne lagen und trockneten. Wie sie stolz waren? Am nächsten Tage stand auch die Bas' Eva im Wasser; alle arbeiteten mit, es fand sich sogar für den Ferdinand und die kleine Trude Beschäftigung. Der Matz hatte kleine Stricke an den Ziegelformen angebracht, so daß man sie hinter sich herziehen konnte, wie einen Schlitten. Mit Jubel ergriffen die Kinder dieses Spielzeug und schleiften die frischen Ziegel über die Bretter hin bis zu dem Platz, wo der Matz sie in Reihen aufstellte. Ei, war das lustig. Sie arbeiteten auch mit! Und mit der Längsseite stellte der Matz die Ziegel gegen Süden, und die schon halbgetrockneten schichtete er locker übereinander, so daß die warme Luft sie von allen Seiten bestreichen konnte.

Zwei Wochen währte diese zigeunerische Tätigkeit, die sie alle mehr belustigte als plagte, und es lagen mehrere tausend Lehmziegel in der Sonne.

Die Eingeborenen bestaunten diese Leistung.

Wenn die Ziegel nur auch gebrannt wären! seufzte Trauttmann. Aber dazu fehlte es an allem. Einen Ziegelofen gab es wohl in Mohatsch und in Fünfkirchen, sagten die jungen Freiherren, aber auf der Pußta und in den Dörfern kenne man so etwas nicht. Und so mußte denn mit Lehmziegeln gebaut werden. Den Plan zum Hause hatte Trauttmann selbst gemacht, aber um einen gelernten Maurer und Zimmermann mußte der Matz zum Herrn Notär Martonffy nach Mohátsch reiten. Und dort fand sich ein deutscher Meister aus Steiermark. Er wollte in zwei Wochen kommen.

Das war gute Botschaft. Indessen trockneten die Ziegel gründlich aus und man konnte indessen an die Felder denken. Aus der Arche Noah holteTrauttmann zwei eiserne Pflugscharen und andere Eisenbestandteile heraus. Einen ganzen Pflug mitzunehmen, das war nicht möglich, aber die Seele desselben, die hatte er doppelt. Er sah nur Holzpflüge in diesem Lande. Damit wollte man diesen reschen ausgedörrten braunen Boden bearbeiten? Ein deutscher Pflug muß tiefer greifen. Und er schnitzte und sägte und bastelte wieder eine Woche mit dem Matz, bis zwei klobige Pflüge dastanden, in die die eisernen Schwerter gefügt wurden, die den Mutterleib der Erde tief aufreißen sollten, damit sie ihr Bestes hergeben konnte für die künftigen Saaten.

Und die ersten Furchen wurden gezogen. Vier Pferde waren eingespannt, der Vater führte den Pflug, der tief einschnitt, der Matz die Pferde. Und die beiden Buben liefen nebenher und schauten und lernten. Aus ihren Erdhöhlen kamen die Leibeigenen hervorgekrochen und beguckten den eisernen Pflug. Das gab es? Schon nach wenigen Tagen führte abwechselnd der Matz den Pflug und die Buben die Pferde. Es war Hochsommer und die Jammerernte der Herrschaft und der Leibeigenen schon eingebracht. Warum der Narr, der »Sváb«, jetzt ackere? fragten sie alle. Das täte man doch erst im Oktober, wenn man anbaue. Trauttmann aber ackerte in sechzehn Tagen seine zweiunddreißig Joch um und verbrannte auf Scheiterhaufen das Unkraut, das darauf gediehen war, bis auf die Wurzeln. Sein Gebiet lag dunkel da und einsam in einer unendlichen, von Disteln und wilden Wicken überwucherten Stoppelwüste. jeder Tropfen Regen, den Gott spendete, drang jetzt in dieses neue Ackerland.

Der deutsche Maurer aus Mohátsch war endlich auch gekommen, und nun warf sich alles mit ganzer Kraft auf den Hausbau. Trauttmann sah dem biederen Steirer scharf auf die Finger, er guckte ihm jeden Handgriff ab, den er tat, und mauerte nach drei Tagen auch mit. Das Haus wuchs rasch aus der Erde.

Indessen hatte sich etwas Seltsames begeben; der Matz, der immer der Munterste war im Hause, der oft nach des Tages Mühe die Sackpfeife spielte und alle ergötzte, er war krank geworden und konnte nicht sagen, was ihm fehlte. Er schlich dahin wie eine lahme Mücke und weinte oft in stillen Nächten, daß es unheimlich war, anzuhören. Die Bas' Evi hielt das eines Abends nicht mehr aus, sie ging zu ihm und fragte und bat, er möcht' ihr doch die Wahrheit sagen. Habe er 'was angestellt? Oder habe er sich verliebt in der schwäbischen Terkei? »Nein, nein.« Das Herz wollte ihm schier zerspringen, und er wußte doch nicht, warum. Ihm wäre nur manchmal, als müßt' er heim … heim, heim …

»Bua, du hascht dort nit Vater und Motter«, sagte die Base. »Du bischt doch bei uns wie's eign' Kind im Haus. Du werscht uns doch nit verlasse wolle? jetzt, in der dickschte Arweit?«

Der große neunzehnjährige Mensch wimmerte wie ein geschlagenes Tier. Er könne sich nicht helfen. Er glaube, er werde sterben daran.

Als die Frau das ihrem Mann, der auch wach geworden war, erzählte, da war er tief betroffen. Das sei eine schwere Krankheit, sagte er. Daran sterben viele deutsche Knaben in der Fremd' und beim Militari. Das größte Weh sei allemal das Heimweh … Er habe auch schon so etwas gespürt auf der Fahrt von Wien da herunter, er wollte es nur nicht eingestehen. Er habe sich geschämt vor ihr und den Kindern. Sie möchte aber nur ruhig sein, er wisse ein Mittel und werde morgen mit dem Matz reden.

Und am nächsten Morgen, als der Maurer seine Arbeit wieder aufnahm, und der Matz trübselig mit ein paar Ziegeln heranschlich, da herrschte ihn Trauttmann an:

»Also was is, Matz! Ich brauch dich zu aner große Sach'. Willscht du uff Bobeheim gehe?« fragte er ihn plötzlich.

»Naa, naa, ich will nit. Ich konn nit. Loßt mich do … » rief er abwehrend, sich schämend.

»Des hädd ich nit geglaabt von dir. Bischt ein undankbarer Strick.«

»Awer Vetter, Vetter … » stotterte der Matz und sah dem Bauern sprachlos in das halb erzürnte, halb lächelnde Gesicht.

»Ich will, daß du haamgeischt und mei'm Bruder Ferdinand und allen Freunden vermeltscht, daß m'r glücklich an'komme sin. Awer die Hauptsach is, daß du uns Kartoffel bringscht. Was solle mer ohne Kartoffel mache? Mer wer‘n dernoo die ganz schwobisch Terkei mit Kartoffel versorge.«

Ja, Vetter, ja, das will ich täun!« jubelte der Matz. Ein' ganze Sack voll Kartoffel trag' ich uff mei'm Buckel von Bobeheim bis Dobok.

Trauttmann lächelte ihn befriedigt an. »jetzt schreibe m'r Auguscht«, sagte er. »Des sag ich d'r, Matz, daß du zum Anbaue im Oktober wieder do bischt.«

»Hunnertmol!« rief der Matz. »Hunnertmol!« und er war wie umgewandelt.

Abends setzte man sich in bewegter Abschiedsstimmung zusammen, und Trauttmann schrieb mit harten Fingern Briefe nach der Heimat: dem Bruder und den Schwiegereltern, die sein eigenes, und dem Waisenvater, der das Vermögen des Matz verwaltete, schrieb er. Die Frau Eva hatte auch hundert Wünsche, die in den Brief an ihre Eltern hineinkommen sollten. Den und jenen Gemüse- und Blumensamen wollte sie haben, das und jenes Lied hätte sie gerne besessen, um es ihre Kinder zu lehren. Ein Stück Linnen und ein Stück blaues Tuch auch wollte sie haben für ein Kleid, und – und – und –

»Und ein' Packesel, der des alles zwahunnert Meile schleppe kann!« warf der Mann spöttisch ein. »Gelt, Everl, gelt?«

»Ja so!« Sie schwieg beschämt. Die Kartoffeln waren freilich wichtiger, als ihre Wünsche. Und der arme Matz hatte zu schleppen genug.

Der Matz saß glücklich lächelnd da. Oh, er wollte alles bringen, sie soll ihm nur sagen, was sie haben will. Nichts wird ihm zu schwer sein.

Und mit dem Frühesten brach der Matz am nächsten Morgen. auf. »Tummel dich nit«, sagte der Vetter, der ihm ein paar Taler in den gefüllten Tornister gesteckt hatte, »sunscht kimmscht nit 'mol bis uff Wien.«

Die Hütte, in der sie jetzt hausten, bis der Bau fertig und das Haus trocken war, erschien der Frau Eva leer, seitdem der Matz fehlte. Das Gefühl, mit den Ihren allein zu sein in einer fremden Welt, es hatte vordem nie Raum in ihr; der muntere Jüngling, der sich ihnen freiwillig angeschlossen, bannte es. Er war ein Stück Heimat, das sie mitgenommen hatten. Jetzt war dieses abgefallen von ihnen, jetzt standen sie allein. Es packte sie mächtig. … Sollte am Ende auch sie das Heimweh kriegen? Sie wehrte sich. Der Philipp hatte es überwunden; sie mußte es auch überwinden. An die Wiederkehr des Matz glaubte sie nicht. Sie wunderte sich nur, daß der Bauer daran glaubte, und daß er nicht auch merkte, wie allein sie jetzt waren.

Bei den Sieben Kurfürsten

Bei den »Sieben Kurfürsten« in Temeschwar saß sich's gut. Da gab es nicht nur eine Herrenstube, da mußte gar bald Raum geschaffen werden auch für die Bauern, für die Einwanderer aus dem Deutschen Reich. Es zog sie alle hin zu der Herberge mit dem anheimelnden Namen, und es kamen auch immer wieder Landsleute, die dem Wirt und der Wirtin schöne Grüße brachten aus Ulm und aus Blaubeuren. Auch Handwerksgesellen kamen manchmal zu den Bauern aus der Heimat zu Besuch, aber die hatten ihre Herberge beim »Trompeter«, und wer sie brauchte, mußte sie dort suchen. Und sie waren gar stolz, spreizten sich wie Herren, denn es war ein groß Geriß um sie.

Der Johann Staudt und der Michel Luckhaup, die damals mit dem Vater des Jakob Pleß in Regensburg gesprochen hatten, sie waren nicht in Verlust geraten, wie man in Wien glaubte, o nein, sie bestellten ihre Grüß ein Temeschwar als die ersten bei dem jungen Paar. Mit ihnen war das Glück. Sie kamen schon von Ofen mit ihrem Gewährbüchlein in der Tasche und wurden sogleich angesiedelt. Damals ging es noch rascher, da mußte man noch nicht so lange bei den Rentämtern herumlungern und die Kontrollore und die Kanzelisten schmieren, so wie heute. Die Ingenieure kamen mit dem Vermessen des Landes nicht nach; niemand war vorbereitet auf so viele Menschen. Und da sag man denn wartend in der Bauernstube bei den »Sieben Kurfürsten«, wo die schon Angesiedelten, die oft zum Markt kamen, regelmäßig einkehrten, und wo die Neulinge sieh Belehrung holten und Zuspruch, wenn sie verzagen wollten. Verzagen? Pah! Es war Platz für alle, nur Geduld mußte man haben. Das Warten war auch nicht so schlimm; der Gouverneur sorgte für alle wie ein Vater. Das Leben in der Stadt war freilich teuer. Sechs Kreuzer täglich bekam denn auch der Hausvater, sechs die Mutter, drei Kreuzer jedes Kind. Mußte man auf dem Lande warten, gab es zwei Kreuzer und eine Halbe Mehl per Kopf, für Kinder ein Seitel Mehl und einen Kreuzer. Aber es gab auch Arbeit für jeden. War das Haus, das einem fertig hergestellt und auf Abzahlung gegeben wurde, noch in Arbeit, so konnte man daran gegen Taglohn selber mitarbeiten und sieh noch sechs Kreuzer täglich verdienen. Beim eigenen Haus! Wer unterdessen bei anderen Leuten einquartiert wurde, für den zahlte das Rentamt einen Schlafkreuzer pro Kopf an den Herbergsvater. Das Hausbauen war einfach. Es gab nur gestampfte Häuser. Zwischen das dichte Weidengeflecht, aus dem die Winde gebildet waren, wurde der mit Spreu vermengte Lehmbrei geschüttet und festgestampft. Aber die Vorschriften für die Ausführung waren streng, denn es gab Aufseher, die mit den Zimmermeistern im Einvernehmen schwindelten. Der Staudts Hannes hat sieh's nicht gefallen lassen, als man ihm ein Haus hinstellte, das nur Zimmer, Küche und Stall hatte. »Oho!« sagte er. »Wo is die Kammer?« Er war einer, der lesen und schreiben konnte und um die Vorschriften wußte. Elf Klafter mußte jedes Haus lang und drei Klafter breit sein, acht Schuh hoch mußten die Wände aus der Erde herausragen und Zimmer, Küche, Kammer und Stall waren vorgeschrieben. Das hatte er gelesen. Und ein wasserdichtes Rohr- oder Strohdach verlangte er, damit der Hausboden im Winter warm und im Sommer kühl blieb. Kein Kukuruzstroh, das leicht faulte, o nein! Der Staudt sagte es ihnen gehörig und hat seine Kammer dazu bekommen. Zweihundert Gulden kostete so ein Haus, wenn es fertig war, und der Brunnen, der immer zuerst gegraben werden mußte, war auch unter fünf Gulden nicht herzustellen. Mit dieser Summe wurde man angekreidet im Rentamt, das hatte man in sechs Jahren abzuzahlen. Da war es denn ganz gut, wenn jeder selbst mithalf beim Bau seines Hauses und beizeiten nach dem Rechten sah.

Und noch hundert andere Dinge bekäme man vom Kaiser, erzählten die Leute den Neulingen, die es nicht wußten. Vier Pferd, eine Kuh und zwei junge Schweine konnte jeder haben auf Abzahlung. Und alles erdenkliche Geräte für die Land- und Hauswirtschaft. Nicht geschenkt, o nein; nichts, was von Menschenhänden gemacht wurde, bekam man umsonst, aber man kriegte es billig und auf Zeit. Geschenkt wurde einem nur der Grund und Boden. Der kostete niemanden etwas, den hatte Gott erschaffen.

Da horchten die Leute aus dem Schwarzwald, von Baden und Württemberg, aus Elsaß und Lothringen, aus Trier und Fulda und Bamberg, aus Luxemburg, aus der Pfalz und dem Breisgau, aus Mainz und Fürstenberg, Nassau, Franken und Baden-Baden, aus Schwaben und der Schweiz, aus Tirol und der Steiermark, aus Schlesien und Böhmen. Und bedienen tat sie die Susi aus dem Blautal, sie bekamen nur heimatliche Gesiehter zu sehen und hörten nur deutsche Worte. Die deutschen Mundarten, die sieh daheim nie zusammenfanden, hier führten sie einen lustigen Krieg miteinander, in dieser Fremde, die ihnen allen zur Heimat werden sollte. Die Schwaben und Pfälzer waren in der Mehrheit, das hörte jeder, der Ohren hatte. Der ehemalige Hilfslehrer Leonhard Wörndle aus dem Elsaß, der jetzt richtig Schuldirektor in Temeschwar geworden war, kam fleißig zur Frau Theres bei den »Sieben Kurfürsten«, und er versäumte es nie, auch in die Bauernstube zu gehen. Das Heimweh plagte ihn sehr, und jeder Landsmann aus dem Elsaß war ihm wie ein Bruder. Und er fand ein wahres Vergnügen darin, hier den babylonischen Verständigungskrieg der heimatlichen Dialekte zu belauschen. Und er prophezeite am Herrentisch drüben, daß da eine ganz neue deutsche Mundart entstehen müsse, an der sich die Gelehrten in zweihundert Jahren die Köpfe zerbrechen würden, weil sie daheim nicht zu finden sein wird. Man werde ein Banater Wörterbuch herausgeben als deutsche Rarität, sagte er.

Die Neuangekommenen beklagten sieh in manchem Betracht. Sie sollten nachweisen, ob sie etwas besaßen. Die Beamten wollten wissen, was sie mitbrachten. Einzelne bekannten dem Rentmeister ein, daß sie zwei- und dreihundert Gulden besaßen und wohl auch noch aus der Heimat etwas zu erwarten hatten; andere dachten »Schmecks!« und gaben sich als Bettler aus. Sie fürchteten, daß sie am Ende alles hergeben mußten für einen ungewissen Besitz.

Da war die Bauernstube bei den »Sieben Kurfürsten« der richtige Ort zur Aufklärung. Nur einbekennen! sagte der Luckhaups Michel aus Guttenbrunn. Lieber mehr als weniger! Man nehme Bettler nirgends gern, weder die schon Seßhaften wollen sie, noch die Beamten. Jedem, der ein Bauer ist, gebühre freilich eine Session von zweiunddreißig Joch nebst Haus und Hof. Man gibt sie ihm aber lieber, wenn er etwas mitbringt. Wer sich als Bettler ausgibt, der kriegt in der Regel das geringste Feld und muß sieh doppelt plagen.

Und der Luckhaup erzählte auch eine Geschichte von einem Spitzbuben. Kommt einer in unser Dorf, sitzt fünf Freijahre ab, erntet, zahlt nichts ans Rentamt und geht davon; läßt sich aber in der Bácska drüben noch einmal ansiedeln und denkt wohl, dort dasselbe zu machen. Den habe der Mercy erwischt! Zum Schiffziehen auf der Donau habe er ihn verurteilt, und seine Frau hat in einen Dienst gehen müssen.

Die Gretel war gerade hereingekommen, die Frau Oberkellnerin, und hat das gehört. »Pßt! Pßt!« machte sie. Man möcht' doch im Haus des Gehenkten nicht vom Strick reden, sagte sie und deutete mit dem Daumen nach rückwärts. Die Susi wär' ja die Unglückliche. Ihr Mann sei ja der Filou, der zum Schiffziehen verurteilt worden ist. »Welche Susi?« fragten einige. »Na, die euch da immer bedient! Die blasse, stille, die ihr nimmer zum Lachen bringen wollt. Sie ist mit mir zugleich aus der Heimat gekommen.«

»Und du kennscht auch den Mann?«

»Ob ich den kenn'!« sagte die Frau Margarete Anderl höhnisch. Sie war ein bisserl breit geworden, die Gretel, in den ersten fetten Jahren, die sie in dem neuen Gasthof mitmachte, und sie fühlte sich. Ihr Mann, der Joseph mit dem Waldhorn, ist jetzt Gärtner beim Herrn Gouverneur, aber sie hat ihre Stelle noch immer nicht aufgegeben, sie muß verdienen für ihre Kinder, zu denen sie die Mutter hat kommen lassen, weil sie Wittib geworden war. Und auch aus alter Treue bleibt sie. Die Frau Theres; hat keine Mutter, muß selber auf ihre Buben schauen, und da braucht sie die Gretel im Geschäft.

Man drang in sie, mehr zu erzählen, aber sie sträubte sich. Konnte doch die Susi jeden Augenblick mit dem Luckhaup seinem Paprikagulyasch hereinkommen oder mit dem Staudt seiner Halbe Bier. Die taten heute groß, hatten ihren Weizen gut verkauft auf dem Wochenmarkt.

Und so war es auch, die Susi kam. Die Stille, die plötzlich eingetreten war bei ihrem Erscheinen, machte

sie ganz verzagt. Sie wußte nicht, wohin sie schauen sollte. War gewiß wieder von ihr die Rede gewesen. Am liebsten hatte sie sieh in ein Mausloch verkrochen. Die Frau Gretel erbarmte sich ihrer und schickte sie hinauf in das Generalszimmer, Ordnung machen. Hat wieder ein hoher Herr dort übernachtet und war grad' zum Gouverneur zu Besuch gegangen. Nur geschwind Ordnung machen.

Da lief die Susi.

Jetzt konnte die Frau Gretel reden und die Neugier der Männer befriedigen. Ob denn der Luckhaup Michel nit wisse, wie der Mann geheißen habe? fragte sie. »Wie soll ich das nit wisse? Anton Oberle hat er g'haaße und aus Schwaben war er«, sagte der und verzog den Mund, weil der Köchin das Paprikahäferl ausgerutscht war bei dem Gulyasch.

»Des stimmt«, erwiderte die Frau Gretel. »Aber wer er war, des wißt Ihr nit.«

Ja, war er denn koin Bauer?« fragte einer.

»Nit die G'schpur!« rief die Gretel. »Schiffmeister war er beim Vater Pleg in Ulm. Unser Schiffmeister, wie m'r mit der Braut, der Frau Theres, die Donau runnerg'fahre sin bis Peterwardein.«

»Was?!« schrie der Staudts Hannes und sah den Luckhaup an. Dieser aber lachte laut auf. »Naa, naa, so 'was! Des hot m'r doch glei' g'sehga, daß des koin Bauer nit is. Mer hüwe uns oft krank gelacht über seine Stückel. Nit 's Leitseil hot er orndlidi halte kenna, mit jed'm Plug hot er a paarmol umg'schmessa. Aewer's bescht Feld hot er g'hat im Darf, 's is ehm alles geglickt.«

»E Schiffmeister!« riefen die andern.

»Uff'm ganze Weg bis Wien«, fuhr die Gretel fort, ,hot er die Frau Theres mit seiner Lieb' verfolgt. Die Braut hot er dem Herrn Pleg unnerwegs abfische wolle. Aber sie hot ihm bei der Landung in Wien g'sagt, er soll aussteige aus ihrem Schiff und geh'n, wohin er will, sie nehme ihn nit mit. Hat er sich nit uff's Bitte verlegt? Die Schand überlebe er nit … Na, ein guter Schiffmeister war er, sei' Sach' hot er verschtanne, des muß m'r sage, und so hat sieh die Frau Theres; wieder b'sunne und nachgegebe. Für die weit‘ Fahrt durchs Ungerland war er nit zu verachte. Also mir fahre mit ihm. Bei Preßburg schon hot er sieh an mich wolle anmache, der Hallodri. Ich soll doch den ‚teppete Gartner, mein‘ ' Anderl, sein losse, soll mit ihm gehe. Er wolle ein

Schiffbauer werde do drunne bei de Terke, und da brauche er eine Kuraschierte, so . wie ich. Na, mei Josepp hat ihm die Kuraschi abgekauft; beinah' ins Wasser hot er'n g'schmessa. Dernoch hat er mich in Ruh gelosse und hat sieh a annere g'sucht, der Lüdrian. 's ware noch zwa Moidle do. Wie m'r uff Neusatz und Peterwardein komme sin, hat der OberIe Anton große Auge gemacht. Da war ja alles voller Schiff'! Schönere, wie er se mache hitt' könne.

Des ware die Schiff vom Prinz Eugenius, die er aus Wien mitgebrunge. Zum Kriegführe uff der Donau hat er se gebraucht, und die dauern noch heunt, die sin nit umzubringe. Mit ei'm lange Gesicht is a die Frau Theres dag'schtanne, ihr braves Brautschiff war in Peterwardein nit so viel wert, wie sie geglaubt hat. Der Herr Bräutigam, der uns erwart't hat, hat's Schiff beinah verschenke müsse. Und da hat der Anton Oberle g'sagt: a was, ich werd e Bauer. Un die Susi, die m'r schon uff'm ganze Weg verdächtig war, is mit ihm gange. Sie a Schreinerstochter, er a Schiffmeister, habe sich für Bauersleut ausgegebe da hier und dem Mercy sei' Leut' betroge. 's hat a schlecht's End genomme. Jetzt zieht der frühere Schiffmeister als Sträfling Schiffe von Pancsova nach Neusatz, und sie is wieder da bei uns im Dienscht.«

»Recht is ehm g'schebga!« sagten einige Männer. »Schuschter, bleib bei dei'm Leischte!« die andern.

Der Luckhaups Michel aber meinte, der Oberle hätte trotz alledem mit der Zeit ein Bauer werden können, wenn er Fleiß und Geduld gehabt hätte. Aber er war ein fauler Strich und ein Haderlump dazu. Er sei immer als letzter ausgefahren am Morgen und als erster abends heimgekehrt. Und die walachischen Weiber in den Nachbardörfern habe er öfter besucht als seine Felder. Auf einmal verkaufte er seine Gäule, seine Kuh und alles das, was er selber noch schuldig war. Und fort war er samt dem Weib. Und zwei Walachinnen haben Kinder von ihm gehabt, die Susi aber nit. Der Luckhaup lachte. »Läßt Haus und Hof und eine Session Felder stehe und liege und tschapiert wo annerscht hin,wo er wieder alles umasunscht kriegt.«

»Zigeuner! Zigeuner!« riefen einige.

Die Frau Gretel aber sagte: »Er tut m'r laad. Er hätt' drobe bleibe solle in Ulm beim Vater Pleß. .Jetzt ziehgt er mit Räuber und Dieb' Schiff'. Die Frau Theres will emol zum Gouverneur geh'n und um sei' Begnadigung bitte.«

»Verdient's nit!« sagten die deutschen Männer.

Der Staudt und der Luckhaupt die schon lange unterwegs sein sollten, wenn sie vor Abend heimkommen wollten, gingen einspannen. Zuerst versicherten sie sich, ob ihre Flinten, die sie im Wagenstroh mitführen, in Ordnung wären. Als sie zum Wiener Tor hinausfuhren, begegnete ihnen ein Reiter mit goldenem Kragen, und hinter ihm kamen ein paar Zivilherren zu Pferde. Der Luckhaup rückte seinen Hut. »Des war der Jung' Mercy!« sagte er zum Staudt.

»Soo? Gar g'sund guckt er nit aus«, erwiderte dieser. Und sie trieben die Gäule an. Die erhaltene Aufklärung über ihren einstigen Dorfgenossen hatte sie höchlich ergötzt, und sie erzählten sich auf der Heimfahrt immer noch neue Stückeln vom Anton Oberle. Solange sie ihn bloß für einen faulen Bauern gehalten haben, war das alles gar nicht so lustig. Jetzt lachten sie sogar in der Erinnerung an seinen Gang. Die gespreizten Beine, die er immer machte! Es war so protzig. Aber das kam wohl vom vielen Stehen auf den wackelnden Schiffen. Er gehörte halt nicht auf die feste Scholle, meinten sie, »in die Marascht (Marosch) hädde mer'n glei' schmeissa solle.«

Lachend fuhren sie über Jahrmarkt und Bruckenau heimwärts. Zwei schöne neue Gemeinden gleich hinter dem Jagdwald von Temeschwar. Schade, daß zwischen diesen Schwabendörfern und ihrer Heimat zwei walachische Dörfer lagen, meinte der Staudt.

»Ah, des is nit schad'!« sagte der Luckhaup. »Unser' Kinner wer'n die schun auskaafe!«

*

Die Frau Theres saß in den Nachmittagsstunden, wenn das Geschäft sie losließ, bei ihren Kindern und bei der Base Gutwein in der großen oberen Wohnstube. Die Base war recht alt geworden in diesen Jahren, und sie klagte ständig über die Fülle ihrer Leiden. Dabei sah sie wohl aus und wurde dick. Es starben ihr nur zu viel Menschen. Das Zügenglöcklein zu hören war ihr eine Marter. Und es läutete recht oft in der lieben Festung Temeschwar. Sie seufzte nach einem Garten, nach einem Stückchen Grün. Aber das gab es nicht.

Seit Jahren liegt auch die Frau Theres dem Jakob in den Ohren, er möchte doch ein Stück Grund in der Mehala (Ein ehemals türkischer Vorort, der noch heute diesen Namen führt) erwerben und dort ein Sommerhäuschen bauen, er möchte sich doch seiner blassen Kinder erbarmen. Aber er tat es nicht, er brauchte seine ganze Kraft für das Geschäft, und er brauchte die Frau in diesem Geschäft. Sollte er sie mit den Kindern am Ende fortschicken? Oder konnte man die vier Kinder der Base überlassen? Immer wieder beredete er die Frau, abzustehen von ihrem Verlangen, die Kinder müßten sich eben gewöhnen an das Klima ihrer Vaterstadt. Solange sagte er das, bis ihm ein Mäderl starb, und der Obermedikus den anderen frische Luft verordnete. für wen habt Ihr die »Sieben Kurfürsten« errichtet?« fragte der weißbärtige Doktor den Jakob Pleß. »Gebt Eure Kinder fort und ruft sie wieder, wenn sie erwachsen sind. Was hier geboren wird, das wird nicht alt.«

Das packte den Mann. Ganz fortschicken? Am Ende gar nach Ulm? Nein. Aber er erfüllte den alten Wunsch seiner lieben Frau. Er war kürzlich in die Stadtvertretung gewählt worden, er gehörte jetzt zu den ersten unter den behausten Bürgern und wollte, daß sein Geschlecht hier blühe, wie es an der oberen Donau blühte, wo seine älteren Brüder eine reiche Nachkommenschaft hatten. Er war es den Kindern schuldig und sich selber. Und er ging in die Mehala hinaus und erwarb eine Hütte und einen Grund. Leonhard Wörndle begleitete ihn. Der neue Schuldircktor war außer sich über die Jugend, die ihm anvertraut war. Er hat es als Lehrer mit ansehen müssen, wie die Kinder während des Unterrichts das Fieber schüttelte, aber als Direktor will er das nicht mehr. Er suchte auch einen Grund, und er wollte den Stadtrichter und den Gouverneur dazu bewegen, daß man jeden Morgen mit den Kindern hinauswandern dürfe aus der Festung, um sie im Freien zu unterrichten. Lieber im heißen Sonnenbrand auf einer Wiese als in dem feuchten Schulhaus neben der Festungsmauer. Noch lachte man über diesen Plan, noch hielt man den Antragsteller für ein wenig verrückt, aber er wird ihn schon durchsetzen, wenn nicht beim Solderer, so beim Mercy, dessen war er gewiß. Der Gouverneur war für jede gute Sache zu gewinnen.

Beide kehrten befriedigt heim. Und Frau Therese freute sich nicht nur darüber, daß der Jakob die gekaufte Hütte schnell wollte herrichten lassen, so daß man noch diesen Herbst draußen sein konnte; sie nahm auch verständigen Anteil an dem Plan ihres Freundes Wörndle, den sie selber hierher gelockt hatte durch ihre schönen Briefe, die sie nach Blaubeuren schreiben ließ. Er dankte es ihr; er war nicht einen Tag in der Fremde hier und gewann einen weiteren Wirkungskreis als in der alten Heimat. Jetzt schreibt er selber immer die Briefe für die Frau Theres dahin. Der Jakob war zu faul dazu und seine Hand auch nicht so gelenk. Und er ließ sich nie 'was in die Feder sagen, schrieb eigenwillig. Der Wörndle aber paßte auf und schrieb, wie sie sich's dachte und es ihm vorsagte.

Heute war nach langer, langer Zeit wieder einmal ein Brief aus Ulm gekommen. Hatte ihn ein Einwanderer gebracht.

»Schau, Jakob, was ich hab'!« rief die Frau Theres ihrem Mann entgegen. »Ein' Brief von der Mutter!«

Wenn er nur das Wort Mutter aussprechen hörte, war ihm schon warm. Ob allen Menschen so wohl wurde bei dem Gedanken an die Mutter? Ihm war ihr Gedächtnis der Stern, zu dem er in der Fremde aufblickte, als Soldat und in allen Gefahren. Daß sie den starken Vater überleben würde, hätte er nie gedacht, er glaubte immer, sie würde sich in den tausend selbstgeschaffenen Sorgen verzehren um sie alle. Wie ihm die Theres einst erzählte, daß sie ihr noch vom Ufer herab, als das Schiff abging, zurief, sie möchte ihn nur recht lieb haben, da hätte er heulen mögen, so ergriff es ihn. Und jeder ihrer Briefe hatte die gleiche Wirkung auf den großen, alten Menschen.

Die Theres wußte es, und sie ließ ihn mit dem Brief allein; sie bewirtete den Wörndle, der sich erhitzt zu ihr und der Tante Gutwein gesetzt hatte und von der Mehala erzählte. Türkensäbel und Münzen und Gefäße aller Art pflügten dort die Bauern zutage; er hatte heute wieder einiges aufgelesen und zeigte es. »Das sollte man alles aufheben«', sprach er, »für unsere Nachkommen. Ein Haus müßte man bauen mitten in der Festung zu Ehren ihrer Vergangenheit, ehe der Sumpfboden ringsum alles verschluckt hat.«

»Baut lieber 'mol a orndliche Kerch!« rief die Base Gutwein. »'s is a Schand, wann m'r uff Ulm oder Regensburg heimdenkt«

Da hatte nun Wörndle seine liebe Not, der alten Frau zu erklären, was es heiße, einen Dom zu bauen wie der Mercy ihn haben wollte, in einem Lande, das noch nichts hergebe als das Brot.

»Und Ihr wollt für so e alt's Gelump eigens e Haus baue?« rief sie höhnisch. »Zuerst kommt Gott.«

Da steckte er seine Funde ein. Man verstand ihn nicht.

Mit gerötetem Gesicht kam Jakob Pleß aus seiner Stube. Wortlos überreichte er der Therese den

Brief der Mutter und ging wieder hinaus.

»Soll der Herr Wörndle ihn vorlesen?« rief sie ihm nach. Er nickte und verschwand.

»Gewiß wieder 'was besonders Herzweiches«, dachte sie sich, »weil er gar nicht dabei sein will.« Und der Herr Wörndle las:

»Herzlich geliebte Kinder! Sohn und Tochter! Mein schwächliches Alter von 78 Jahr hält es für Schuldigkeit und Pflicht, als zärtliche Mutter an Euch zu denken und zu schreiben. Ich hoffe in meinem späten Alter, meine wenigen Zeilen werden Euch, so der Allerhöchste will, in allem Wohlsein antreffen, welches meine herzlichen Wünsche, und, als treue Mutter, die auch in der größten Entfernung dennoch Mutter ist, in mein beständiges Gebet mit vielen Tränen einschließe, das Euch der gütige Vater der ewigen Liebe Euch gesund und wohl in seinem reichen Segen erhalte.«

Wörndle schöpfte Atem. Dann las er weiter:

»Was meine alte, schwächliche Person betrifft, so ist wenig davon zu sagen. Das Alter ist schon eine Krankheit, die schwer zu tragen ist; im übrigen bin ich beständig kränklich, und ich glaube, dieses würde wohl das letztemal sein, an Euch, liebe Kinder, zu schreiben. Man könnte Euch, liebe Kinder, von unserer zurückgelegten Zeit vieles schreiben, allein der liebe Jakob Müller, der Wagnermeister, soll Euch seinen Brief zu lesen geben; er ist dort in einem deutschen Dorf, und sein Bruder hier hat ihm alles von den Zeitläuften wunderschön geschrieben. Euer Bruder aus Blaubeuren, der »schwarze Adler«, war bei mir und sagte, es wäre eine gar geldklemme Zeit, Ihr möchtet ihm wenigstens bis Martinij warten, das Geld liege gut auf seiner Wirtschaft. Habt nicht Sorge. Es hat viel Frucht geben, aber die Leute vom Land sagen, es wär' kein Abgang und alles wohlfeil, seitdem nichts mehr die Donau hinabgehen tue. Wächst denn jetzt, liebe Kinder, alles bei Euch selber? Vordem hat unser gottseliger Vater der kaiserlichen Armee immer Fruchtschiffe müssen nachschicken ins hungarische Land. Mein lieber Jakob hat auch, ohne daß er es geestimiert hätte, bei Peterwardein und Belgarad Brot gegessen, aus deutschem Korn gebacken. So lang' ich denke, ziehen deutsche Regimenter und deutsche Bauern, deutsches Brot und deutsches Geld diesen himmelweiten Weg da hinunter, und es kommt keiner mehr zurück. Wo seid Ihr alle, alle, alle? Herzlich geliebte Kinder, es getröstet mich der Gedanke ewiglich, Ihr müßt in einem deutschen Lande sein, und Eure Kinder und Kindeskinder werden treue deutsche Menschen bleiben. Mit vielen Tränen begleite Euch, grüße Euch als alte Treue, die dem Grabe nahe ist und Euch nicht mehr sehen kann. Lebet wohl, lebet fromm, die Zeit rückt auch heran, daß Ihr mir ähnlich werdet. Ich küsse Euch und meine Enkelgen mit dem Kuß der mütterlichen Zärtlichkeit, und bin bis in mein baldiges Grab beständig aufrichtige Mutter

Maria Elisabetha Plessin.

N. B. Noch dieses zu erinnern; der Bruder der Theres und alle meine Kinder, Enkelgen und Großenkelgen lassen Euch nochmalen besonders grüßen, mit dem allerfreundschaftlichsten Liebesgruß. jeden Tag, den Gott gibt, reden sie von Euch. Tuet dasselbe und gedenket immer derer, die Euch von Herzen lieben. Lebet christlich, so werdet Ihr einst selig sterben und im Frieden, wie Eure alte Getreue.«

Sie sprachen kein Wort, als Wörndle zu Ende war. Der Brief hatte sie alle zu sehr ergriffen. Welch ein Mutterherz! Welch ein unerschöpflicher Schatz von Liebe und Güte und Weisheit!

Die Base Gutwein schneuzte sich, und die Theres hatte ihr jüngstes auf den Schoß genommen und herzte es. Der Pleß ließ sich nicht blicken. Diese Briefe waren seine Qual und seine Freude. Und er dankte Gott, wie oft, daß auch seine Kinder eine so liebreiche Mutter haben, wie er zeitlebens eine gehabt hat.

Vater und Sohn am Werke

Nein, gar gesund sah er nicht aus, der junge Mercy. An dem Alten flogen diese heißen Arbeitsjahre spurlos vorüber, aber der Neffe trug schwer an ihnen; dieses Klima zehrte ihn auf, seine frische Jugend war früh welk geworden.

Wie glücklich war er damals aus Wien heimgekehrt; er kam als Bräutigam zurück. Selige Wochen verlebte er mit Lottel; der Hofkammerrat gab seinen Segen zu dem Bund der Herzen, und auch vom Oheim, dem Gouverneur, war die Zustimmung noch eingelangt, während der Major dort weilte. Und nun warten sie beide voll verzehrender Sehnsucht auf die Erfüllung ihrer Wünsche. Er in diesem Sumpffiebernest, von hundert Gefahren umringt, sie, zu strahlender Weiblichkeit aufgeblüht, im Schatten des Wiener Hofes, ständig von Bewerbern umschwärmt.

Oh, das foltert ihn oft mehr als sein Wechselfieber, das nicht mehr von ihm weichen will.

Er hat es dem Hofkammerrat gelobt, ein paar Jahre zu warten, treu auszuharren an der Seite des stürmischen, tatenhungrigen Oheims, und den Mittler zu machen zwischen ihm und Wien, damit das große Werk gelinge. Und er war das dem Oheim auch ohne jenes Gelöbnis schuldig. Aber es dauerte zu lang! Und das wollte keiner der beiden alten Herren einsehen. Sie wirkten, sie handelten und hatten eine große Lebensaufgabe; sie fühlten nicht, was sie der Jugend vorenthielten. Und was sie ihr nahmen, war nie wieder zu ersetzen.

Sein Widerstreben wuchs mit jedem Tag, er wollte diese familiären Ketten brechen und dieser Tyrannei des Oheims und Vaters, neben dem man ja doch nichts bedeutete, entfliehen. Sein Wille unterjochte alle, sein Starrsinn gab nie zu, daß auch ein anderer etwas verstand. . . Graf Anton sehnte sich nach der Braut und nach einem eigenen Wirkungskreis. Aber wenn dann das Fieber kam und ihn schüttelte, daß die Zähne klapperten, da wurde sein Wille schlaff, und er wagte es nicht, seine Lottel an diesen Ort auch nur zu wünschen … Er litt seelische Qualen in diesem Hause, und lange hielt er es nicht mehr aus.

Das war ein Kommen und Gehen ohne Unterlaß, ein Verhandeln und Konferieren, ein Begutachten und Verwerfen, ein Anspannen aller geistigen und körperlichen Kräfte bei Tag und bei Nacht. Als wäre das Haus des Gouverneurs der Brennpunkt für die Erschaffung einer neuen Welt, so ging es da zu. Die Erbauung der gewaltigen Festung Temeschwar, die jedermann rühmte und jedermann werden sah, war für den Mann, in dessen Haupt alle Fäden zusammenliefen, nur eine Angelegenheit zweiten Ranges, denn dieser Ausbau war auf eine lange Frist angelegt, und er vollzog sich mechanisch unter den Händen erprobter Fachmenschen. Das Land da draußen, dieses Herzogtum ohne Bewohner, das war seine große Sorge. Über hundert

neue Dörfer mit allem, was dazu gehörte, waren schon ausgemessen oder angelegt andere durch Zutaten erweitert, und die Besiedelung vollzog sich Schritt für Schritt. Künftige Städte, wie Weißkirchen und Werschetz, standen schon als Gemeinwesen da, andere waren geplant oder wurden aus Trümmerhaufen allmählich neu erbaut. Moräste waren auszutrocknen, meilenweite Sümpfe zu entwässern, Wasserläufe zu regulieren, die sich in der Ebene träge ausbreiteten und in hundert Arme zerteilten. Die Festung Peterwardein war zu einem Gibraltar an der Donau zu gestalten, die Militärgrenze, deren Plan dem Haupte des Generalissimus entsprungen, war zum Schutze des Kulturwerkes, das da erstand, mit kriegerischen Stämmen zu besiedeln und auszubauen, für die Jahrhunderte festzulegen. Und ein Banater Milizkorps mußte auf die Beine gebracht werden gegen die fortgesetzten Tatareneinfälle und gegen die Räuberbanden, die sich allerorten hervorwagten, seitdem es hier Menschen gab, denen man etwas nehmen konnte. Sollten die Tausende da draußen in Frieden ackern, sollten sie säen und ernten und zu steuerkräftigen Bürgern dieser kaiserlichen Provinz erstarken, brauchten sie in diesem wilden Lande den mächtigen Schirm und Schutz eines Herrn. Aber mit dem Ackerbau war das Werk nur halb getan; die Gewerbe mußten belebt, die Industrien des Westens hierher verpflanzt werden, denn die Rohprodukte, die dieses Neuland in Fülle hergab, waren wertlos, wenn sie nicht in höhere Erzeugnisse menschlicher Betätigung verwandelt werden konnten. Zahlreiche Werkstätten und Fabriken erhoben sich im Südosten der Festung, Schlote rauchten, die Weberschifflein flogen, Mühlen klapperten und Hammer- und Sägewerke klopften und schleiften, und es bildete sich schon eine eigene Stadt um all diese Betriebe, diese holländischen Ölpressen, diese Tuch- und Hutfabriken, diese Papiermühlen. Und ein Stolz waren die Pumpwerke für die Trinkwasserversorgung der Festung. Die hunderttausende Maulbeerbäume aber, die Mercy aus Sizilien herbeischaffte, und die jetzt alle Landstraßen einsäumten, sie ernährten die Millionen Seidenraupen, die die erste Seidenfabrik des Landes mit ihren goldigen Kokons beschenkten. Und die Todesstrafe hatte er ansetzen müssen für die Beschädigung der Maulbeerbaumkulturen. Die Todesstrafe! Hängen ließ er jeden, der seine idealen Kreise bösartig störte. Er dürstete danach, alles Nützliche und Schöne, das er auf seinen Heerfahrten im Elsaß, in Frankreich, in Italien und Sizilien gesehen, hierher zu verpflanzen, in sein künftiges Paradies; er lockte eine Unzahl von Menschen aus aller Herren Länder in das Banat, und der Name des Kaisers, den er dafür ausspielen konnte, verdoppelte die Zauberkraft, die das Neuland ausübte, in dem man alles umsonst bekam, in das man nichts mitzubringen brauchte, als seine Arbeitskraft und seine Gesundheit. Die freilich, die mußte fest sein.

Graf Mercy war umringt von talentvollen, strebsamen und arbeitsfreudigen Männern, die sich Ruhm und Ehre und eine neue Heimat erwerben wollten. Nichts fehlte, als das Gelingen, das Glück. Keiner seines Geschlechtes erreichte die volle Sonnenhöhe. Wird er sie erreichen? Wird es ihm beschieden sein, in das gelobte Land zu gelangen, das sein geistiges Auge so nahe sieht? Er glaubt an seinen Stern, er fühlt die Kraft von tausend Fäusten in der seinen, und es schreckt ihn kein Widerstand und kein Mißlingen; was widerstrebt, das wirft er nieder, und was mißlingt, wird zehnmal wiederholt. Man muß es zwingen, das Glück.

Das sagte er täglich seinem bleichen Antoine, das sagte er heute auch dem Obristkapitän der Grenzer, der ihm Bericht erstattete über wilde Aufruhrszenen bei den Illyriern, und verlangte, daß er die Deutschen zurückziehe aus dem Grenzgebiet von Weißkirchen. Die Kroaten und Serben seien eifersüchtig auf die Fremden; sie wollen sie nicht dulden.

Da fuhr Mercy auf.

»Wer ist da der Fremde? Und wer will nicht dulden?« So schrie der Gouverneur den Obristkapitän an. »Sie sind früher gekommen, die Illyrier, aber als Flüchtlinge. Vor Tod und Verderben haben sie sich herübergerettet aus der Türkei, und sie sollen uns als Grenzwacht dienen gegen ihre Todfeinde. Die Deutschen aber hat der Kaiser gerufen. Von einem Ende seines weiten Reiches verpflanzt er sie an das andere. Das sind keine Fremden. Und von Dulden kann keine Rede sein, Herr Obristkapitän. Neben den illyrischen Regimentern werden einst Deutsch-Banater Grenzregimenter dastehen, so stark wie sie. Wo einem Deutschen ein Haar gekrümmt wird, soll der Major den Knes der Gemeinde auf die Bank legen lassen. Fünfundzwanzig.

Der Obristkapitän wagte einzuwenden, daß es vielleicht beruhigend wirken möchte, wenn man auch Deutsche zu Robotarbeiten verwenden dürfte, oder wenn man schon jetzt deutsche Kompagnien bilden würde.

»Nein, nein«, rief Mercy, »die erste deutsche Generation ist frei! Will man den Weinstock beschneiden, ehe er Wurzel gefaßt hat? Darüber gibt es keine Debatte; Sie werden mir andere Vorschläge machen müssen, Herr Obristkapitän! Wo ich den Schwaben hinsetze, da bleibt er.«

Nun erinnerte der Obristkapitän, der sah, daß er einem eisernen Willen gegenüberstand, an seine anderen Beschwerden …

»Soldrückstände? Seit drei Jahren? Das soll nicht sein. Das darf nicht sein!« sprach Mercy und ging an sein Schreibpult. »Lieber soll Gott warten als hungernde Soldatenfamillen.« Er schrieb … »Unsere Domkirche hat noch Zeit«, sagte er resigniert für sich. Und er trennte sich wieder für ein paar Jahre von einem seiner Lieblingspläne, indem er dem Obristkapitän einen Zahlungsbefehl an die Kriegskassa einhändigte für die Grenzer.

So rauh wie mit seinen militärischen Kommandanten und Untergebenen, verhandelte er auch mit dem Sohn, mit seinen Ingenieuren, Fabrikanten und Baumeistern und namentlich mit den vielen Chirurgen, die er berief und die ihm doch alle nicht genügten, denn das Sterben hörte nimmer auf. Er hatte schon mehr Krankenhäuser im Lande bauen lassen als Gotteshäuser. Und hier in der Stadt? Daß Gott erbarm! War denn nur er selbst unempfindlich gegen dieses Klima? Jeder hatte seinen Klaps, keiner kam gesund von hier fort. Auch der Antoine wurde sein Fieber nicht los, und das bereitete ihm oft schwere Sorgen. Mußte er am Ende doch verzichten auf ihn?

Anton von Mercy trat ein beim Gouverneur, als der Obristkapitän der Grenzer sich entfernt hatte. Mit gelbem Gesicht und müden Augen stand er vor dem Oheim. Ja, seine Jugend war welk geworden in diesen Arbeitsjahren, die er dem Bau der Festung widmete und dem persönlichen Dienst des Adoptivvaters. Er war heute wieder todmüde, und Mercy erschrak bei seinem Anblick.

»Junge, was hast du?« fragte er. »Soll ich dich nicht dispensieren vom Dienst?«

»Ach nein; heute ist gar nicht mein Fiebertag«, sagte dieser gelassen. »Die Ingenieure vom Begakanal bitten um Gehör. Sie glauben die Lösung gefunden zu haben, wenn sie den Kanal vor der Stadt in vier, anstatt in drei Arme teilen dürfen. Ich war draußen mit ihnen und erklärte ihnen, was wir wünschen.«

»Ja, hast du? Der Kanal hätte nur den halben Wert, wenn er uns nicht auch die Festung gründlich ausspült und unterirdisch reinigt. Er muß viel tiefer gelegt werden, muß ein Gefälle kriegen auf seinem Weg um die Festung. Davon erhoffe ich die Gesundung der Stadt. Aber warum einen vierten Arm? Wieso?«

»Ingenieur Fremaut wird es erklären«, sagte Graf Anton. »Der Holländer findet den Plan des Kanals genial. Er wird uns hunderttausend Joch Sumpfland entwässern, er wird den Fabriken und Betrieben das nötige Holz zuschwemmen, und er wird eine lebendige Verkehrsstraße bis Neu-Barcelona (Das heutige Groß-Becskerek) sein und den Anschluß an die Theiß und die Donau bringen. Wenn er auch die vierte Aufgabe erfüllen könnte, meint Fremaut, dann wäre das ein Werk, das des alten Rom nicht unwürdig sein würde.«

Das Gesicht des Gouverneurs strahlte vor Vergnügen. »ja, sagt der Holländer das? Freut mich! Aber wir müssen ihm die Ideen geben, was? Nun, wenn er nur die Ausführung ermöglicht.«

Er unterbrach sich. »Aber Antoine, du hältst dich ja kaum auf den Beinen! Junge, was ist dir? Setz' dich! Setz' dich!«

Der Major griff nach der Lehne eines Stuhls. »Es scheint, daß es auch heute kommt… Muß nur gleich mein Chinin nehmen … » So stotterte er, während ein arger Schüttelfrost ihn beutelte und zusammenrüttelte. Er setzte sich.

»Du machst mir Sorge… Ich kann das nicht länger verantworten … du brauchst Luftveränderung, Antoine.«

»Ach, es geht vorüber«, sagte dieser und erhob sich wieder. »Ich werde die Ingenieure hereinschicken und mich ein bißchen hinlegen.«

»Tue das! Tue das! Wir reden später miteinander. Du mußt fort!«

Mit einem matten LächeIn um die fiebernden Lippen verließ Graf Anton Mercy den Saal. Fort? Das war ein erlösendes Wort! Gut, daß er es selber sprach …

Der Gouv,erneur hatte einen scharfen Tag. Der Bau des Begakanals war eines seiner Hauptwerke, er wurde in gerader Linie von Facset gegen Temeschwar geführt, sollte sich hier in drei Arme teilen und nach Erfüllung all seiner Aufgaben, zu denen auch der Betrieb einiger Mühlen gehörte, auf einem Umweg von sechzehn deutschen Meilen wieder in sein altes Flußbett ergießen. Mercy hing mit Leidenschaft an diesem Werke, und er ließ sich nur schwer überzeugen, daß noch ein vierter Arm nötig sei, wenn all seine Hoffnungen sich erfüllen sollen. Die Kosten häuften sich, und die Wiener Stadtbank wurde immer schwieriger; sie war die alleinige Geldgeberin für das Banat, dessen Steuerkraft noch immer als kaum nennenswert bezeichnet werden mußte. Aber Mercy kannte keine halbe Arbeit. Ist der vierte Arm nötig, so muß er geschaffen werden. Und macht die Wiener Stadtbank Umstände, so wird er selbst beantragen, daß man ihr die ganze Provinz verpfände, wenn sie alle Mittel vorstrecke, das Banat in ein Kulturland zu verwandeln. In dreißig Jahren würde man ihr keinen Heller mehr schuldig sein. Mercy war kein Rechner, aber wenn er im großen Stil arbeiten konnte, traf sein Gefühl fast immer das beiläufige Ergebnis. Und wer an der Zukunft seiner Provinz zweifelte, den konnte er hassen In seiner Nähe duldete er keinen, der das tat, er brauchte seinen Glauben.

Und so hatte er denn heute nach kurzem Bedenken auch den vierten Arm des Kanals genehmigt. Er war überzeugt, daß er damit vielen zukünftigen Geschlechtern das Leben rette.

An die Verhandlungen mit den Ingenieuren schlossen sich noch andere Konferenzen, die Weltverbesserungspläne des Gouverneurs waren ohne Zahl und beschäftigten hundert Köpfe. Aber es gab auch erfrischende Ereignisse, die nicht lähmten und Opfer forderten. Die Italiener aus dem nahen Mercydorf brachten die ersten Seiderikokons und ein paar köstliche Melonen für die Tafel des Gouverneurs. Die Spanier aus Neu-Barcelona sendeten eine Abordnung mit Reis und Feigen und Oliven. Es gedeihe alles, sagten sie, nur gesund wäre niemand von ihnen. Auch Zuckerrohr möchten sie versuchen … Das alles beschäftigte den Gouverneur über die Maßen, er konnte sich gar nicht trennen von den Abgesandten, die ihm solche Botschaften brachten, und er kam spät zu Tisch. Daß auch der Neffe sich erhoben hatte, um bei Tisch nicht zu fehlen, freute ihn. Er mußte reden können mit jemandem. Der Anfall schien wieder überwunden zu sein. Und jetzt gab es endlich eine Aussprache. Anfänglich redete Mercy nur von den Ereignissen des Tages, aß die Melonen der Mercydorfer mit einer Gier, die den Neffen besorgt machte, und er verkostete auch die Feigen und Oliven der Spanier … Als man dann beim »Türkischen« saß, den Anton heute doppelt nahm, und die Tschibuks rauchten, da wurde der Gouverneur familiär, da kam das Väterliche zu Wort in ihm. »Also ich sehe ein, du mußt fort von hier … Es wird mir hart sein. Wer soll dich ersetzen? Aber man soll über Dinge, die nicht zu ändern sind, nicht viel nachdenken.«

»Also, ich gehe nach Wien, Herr Papa?« fragte Graf Anton.

»Nein, nein, mein Herr Maior, Sie trachten zuerst gesund zu werden«, sprach lächelnd der Gouverneur. »Man erschreckt seine Braut nicht durch ein solches Aussehen. Und wenn man knapp vor dem Obrist steht, wartet man das ab.«

»Ach, Charlotte nähme mich selbst als Leutenant. Und gesund werde ich unterwegs«, sprach Graf Anton.

»Das ist die Frage. Ich weiß aber, wo du ganz bestimmt gesund wirst. jenseits der Donau, in der Schwäbischen Türkei. Dort wartet eine Aufgabe auf dich. Dort ist ja auch erst halbe Arbeit getan. Geh' hin, inspiziere meinen Alterssitz in Högyész, weihe mein unbewohntes Schloß ein durch einen kurzen Aufenthalt und schau, was meine Lothringer machen. Grüße sie von ihrem Grafen. Lothringen wird Trumpf in Österreich, sag' ihnen. Unser junger Herzog freit um Maria Theresia. Er wird einst Kaiser werden … Und bist du gesund, mein Sohn, dann hole dir die Braut heim. Mein Segen ist mit euch.«

»Heim, Papa? Wohin?«

Der Gouverneur sah überrascht auf.

»Hm. Fürchtet sie Temeschwar so wie du, dann gehe nach Högyész mit ihr. Ich komme noch lange nicht. Mein Tagewerk hier ist noch nicht getan … Du bist jetzt dreißig? Es ist eigentlich die höchste Zeit für einen Merty, denn sehr alt werden wir alle nicht.«

Graf Anton lächelte. »Bei Ihrer Unempfindlichkeit gegen dieses Klima –«

»Wer weiß denn, wo und woran er stirbt? Du gehst jetzt von mir; wer sagt, daß wir uns wiedersehen?«

»Papa, ich bringe Ihnen meine Frau hierher. Mit solchen Gefühlen überlassen wir Sie hier nicht Ihrer Einsamkeit«, sagte Graf Anton warm.

»Diese Gefühle habe ich immer gehabt, mein Sohn. Und ich dachte jetzt mehr an einen möglichen Krieg … Aber es sollte mich freuen, wenn das Fräulein Charlotte die Courage hätte … Zur Hochzeit werde ich ja nicht kommen können… Mit ihrem Papa«, sagte Mercy lächelnd, »hätte ich manches Hühnchen zu pflücken. Das kannst du ihm sagen. Aber die Verwandtschaft verpflichtet zur Nachsicht … Warum arbeitet er nicht daran, daß dieses Land zu einem selbständigen Fürstentum erhoben wird? Ich frage! Man versäumt da etwas! … Und die Wiener Stadtbank soll er mir warm halten, wir brauchen Geld, viel Geld. –. Auch einige Fragen, die er neulich wieder gestellt hat, kannst du ihm mündlich beantworten. Er wollte wissen, ob adelige Familien im Banat seßhaft wären. Nein, nicht eine einzige! Es muß ein leeres Geschwätz sein, daß es hier jemals magyarische Edelsitze gab, da sich nicht eine Familie gemeldet hat. Und dann – hast du nicht auch gelacht darüber – wollte er genau wissen, wie viele Magyaren es in Temeschwar gebe. Ich habe es schon erheben lassen: drei! Ein kleiner Kaufmann, ein Kutscher und ein Bedienter.«

Graf Anton lächelte. »Wie das wohl kommt?«

»Das Klima hat ihnen hier nie gefallen. Die warten, bis wir das Land des heiligen Nepomuk trocken gelegt und ausgeschwefelt haben… .« Er lachte. »Ihr Primas verlangt übrigens ununterbrochen in Rom, daß der Nepomuk wieder abgesetzt werde. Der sei ein Böhme gewesen und kein Hungar.«

Mit solch munteren Gesprächen half sich der Gouverneur über die Abschiedsstimmung hinweg. Und schon am nächsten Morgen trat Graf Anton seine Reise an, obwohl ein Hauptfiebertag vor ihm stand. Er hatte öfter gehört, daß man dem Wechselfieber entfliehen könne. Und er floh. Aber seine Kutsche fuhr nicht durch das Peterwardeiner Tor, nein, sie rumpelte durch das Wiener Tor hinaus.

Die Rundreise

Der Gouverneur fühlte sich einsam in dem Palais des Mehemed Aga. Der Sohn und Mitarbeiter ging ihm ab. Und von überall kamen ärgerliche Hiobsposten aus dem Lande. In dem Distrikt wiederholten sich die Überschwemmungen mit jedem Jahr, und die Ansiedler mußten, sollten sie nicht davonlaufen, abgestiftet werden, in jenem Bezirk rafften Seuchen die Menschen und Tiere dahin, an den Grenzen der Donau und im Theißgebiete aber wurde über eine ständige Unsicherheit des Eigentums geklagt, da gab es Plünderungen am hellen Tage. Ein tatarischer Räuber, den sie den Haram Pascha nannten, trieb sein Unwesen; mit einer berittenen Bande durchzog er das Land, und auf Wagen führten sie ihre Beute fort. Die Banater Miliz, die auf zweiundzwanzig Posten und Schanzen und Ortschaften in dem weiten Lande verteilt war, kam in der Regel zu spät. Und die auf Schiffen kommenden Schwaben wurden selbst auf der Donau und der Theiß manchmal angehalten und ausgeraubt.

Herr Peter Solderer, der Stadtrichter und Bürgermeister, kam heute selber zum Gouverneur, um zu melden, daß wieder ein Trupp verzweifelter Einwanderer angekommen wäre, der gänzlich ausgeraubt worden sei. Und noch ein Größeres habe sich ereignet, er zögere fast, es mitzuteilen. Die Leute erzählten, ein Donauschiff mit Deutschen sei unterhalb Mohätsch zur Landung gezwungen worden und nicht mehr nachgekommen. Fünfzig Familien wären verschwunden.

»Was? Wie? Das soll ich glauben?« schrie Mercy, »und davon erfahre ich nichts!«

Der Stadtrichter war besser unterrichtet über die Vorgänge als der Gouverneur, denn er hatte vor ein paar Jahren die ganze Vorspannsbeförderung im Banat übertragen erhalten, und seine Boten waren überall zu finden. Das Militär besorgte die Brief- und Geldbeförderung durch die mit bewaffneten Soldaten besetzte Feldpost, er aber hatte den Vorspanndienst und den Gütertransport eingerichtet. Und außerdem führte der Magistrat, dessen Vorstand er war, Buch über die durchziehenden Einwanderer, er wies sie an die einzelnen Rentämter auf den Kameralgütern. »Ich kann Euer Exzellenz die Leute vorführen, die es bestätigen«, sagte Solderer. »Manch einer hat einen Bruder, einen Vater oder einen Freund unter den Verlorenen. Ein braves Mädchen verlor den Bräutigam.«

»Was, verloren! Die werden wohl wiederkommen. Sie müssen kommen! Ich will sie schon finden.«

Graf Mercy schäumte vor Zorn. Arbeitete er darum seit vielen Jahren mit dem Einsatz seines ganzen Menschen an der Kultivierung dieses Landes? Nicht genug, daß er der Elementarereignisse und der großen Sterblichkeit nicht Herr werden konnte, jetzt nimmt auch das Räuberwesen überhand? Jetzt werden ganze Schiffe voller Menschen aufgehoben? Seine Ansiedler fängt man unterwegs ab und verschleppt sie vielleicht in Sklavendienste. Was würden seine guten Freunde in Wien von ihm denken? Aber er glaubte nicht recht an den Haram-Pascha, auf den man schon so lange vergeblich Jagd machte.

Und während der brave Stadtrichter über den Vorfall redete und redete und den Gouverneur auch über andere Ereignisse zu unterrichten trachtete, ihm die baldige Vollendung des Stadthauses anzeigte und sich die Anwesenheit Seiner Exzellenz erbat bei der feierlichen Einweihung – während dessen arbeiteten in dem Grafen ganz andere Pläne, schweiften seine Gedanken in die Ferne. Diese geraubten Menschen mußte er herbeischaffen.

»Gut, gut, Herr Stadtrichter, ich danke Ihnen für alles«, sagte er, als Solderer eine Pause machte, »aber ich möchte etwas anderes von Ihnen wissen.«

»Bitte, Euer Exzellenz, bitte … Bin ganz zu dero Diensten.«

»Könnten Sie mir eine Reise durch das ganze Banat und die Bátschka zusammenstellen mit guten Pferden? Ich will schon lange eine solche Fahrt unternehmen, aber nicht als Gouverneur, als einfacher Reisender. Niemand soll wissen, wer ich bin. Nur so kann ich mich von dem eigentlichen Zustande der Verhältnisse überzeugen.«

»Exzellenz, das ist wohl zu machen. Ich schmeichle mir. Nur bangt mir vor der Sicherheit; nur bitte ich, mich nicht verantwortlich zu machen für alle Möglichkeiten…«

»Dafür laßt nur mich sorgen. Zwei handfeste Heiducken sollen mitkommen, sonst niemand. Und das Land ist mir ja nicht unbekannt. Wo fangen wir an?«

»Im Osten und Norden, Exzellenz!« Solderer trat an die Wandkarte, die das Arbeitszimmer Mercys schmückte, heran. »Bis ich den schwierigen Süden vorbereite, inspizieren Euer Gestrengen die Gegend nach Lugosch.« Und er fuhr mit dem Zeigefinger nach Osten. »Dann gegen Lippa hinauf und an der Marosch wieder hinab bis nach Arad, von da im Zickzack über die ganze Heide bis an die Theiß. Die übersetzen wir nach Zenta hinüber und sind in der Batschka. Da dringen wir quer durch bis an die Donau, dort, wo der Menschenraub sich begeben hat, und wenden uns südlich bis Neusatz und Peterwardein. Wenn wir die Theiß wieder übersetzen, kommen wir zurück ins Banat, können Neu-Barcelona mitnehmen und dann hinab bis Pantschova und durch die Militärgrenze nach Weißkirchen, vielleicht bis Orsova. Auf dem Rückweg durch das altrömische Bergwerkgebiet über Oravicza nach Werschetz … Es ist schwierig. Die Straßen sind unfertig, die Ebene ist endlos und heiß, die Sümpfe sind mit Milliarden Insekten bevölkert, die Grenzbezirke gegen Siebenbürgen bergig und unwegsam. Sechs Wochen reichen nicht aus für die ungekürzte Fahrt, und ich muß zweihundert Pferde in Bereitschaft stellen.

Der Gouverneur stand sinnend hinter ihm und blickte auf die Karte. »Es ist ein großes Land Ein vielgeprüftes, unerforschtes Land. Nur Gott weiß, welche Schätze sein Boden enthalten mag. Künftige Geschlechter werden es erfahren. Wir, mein lieber Herr Stadtrichter, werden diese Rätsel nicht lösen, wir stehen erst am Tor der Zukunft. Aber die Rechtsordnung müssen wir herstellen, bewohnbar müssen wir dieses Land machen für redliche Arbeitsmenschen.« Dann wandte er sich ab. »lhr habt recht«, begann er wieder, »die Rundreise kostet sechs Wochen. So lange kann ich nicht ausbleiben und nicht unerkannt reisen. Ich werde einen abgekürzten Plan ausarbeiten und Ihnen zukommen lassen. Ich muß dorthin, wo die Gefahren bestehen.«

Der Stadtrichter beurlaubte sich.

»Mein Adjutant wird im Stadthaus erscheinen und mit den Ausgeplünderten sogleich ein Protokoll aufnehmen; wir müssen rasch handeln. Woher sind die Leute?«

»Aus dem Schwarzwald, Exzellenz.«

»Und wohin bestimmt?«

»Nach Guttenbrunn, Exzellenz.«

»Bravo! Eine prächtige Gemeinde. Gut gelegen auf einer Hochfläche gegen die Marosch. Sehr ausdehnungsfähig … Lebt wohl, Herr Stadtrichter.«

*

Bald nach dieser Unterredung mit dem unternehmungsfreudigen Stadtrichter Solderer, den seine Mitbürger schon als ganz jungen Mann an ihre Spitze berufen hatten und durch achtzehn Jahre immer wieder wählten, trat der Gouverneur seine Fahrt an. Er hatte sich als ein Herr von Stande gekleidet, und zwei bewaffnete Diener begleiteten ihn. Als ob er sich eine Heimat suche im Lande, als ob er einen vorteilhaften Gutskauf abschließen wolle, so war sein Gehaben. Da konnte er fragen und die Leute ausforschen, ohne Verdacht zu erregen.

Und die Reise glückte. Er machte die Erfahrung, wie ganz anders einem die Dinge erscheinen, wenn man mit der festen Absicht, alles zu sehen, an sie herantritt. Gleich im Osten wehte ihn eine andere Luft an; es war dort schon der kräftige Hauch der Karpaten fühlbar. Was suchte er schon lange? Hier, in die Umwelt von Lugosch konnte man ja die erkrankten Regimenter von Temeschwar verlegen im Sommer. Da würden sie rasch das Sumpffieber loswerden. Warum hat das noch kein Medikus entdeckt? Und die Fahrt nach der nördlichen Grenze des Landes, die in das Maroschtal hineinführte, erquickte ihn noch mehr. Hier hielt einst Lippa als Festung die Grenzwacht. Er ließ die zerstörten Werke ganz beseitigen, und der Ort entfaltete sich als ein blühender Markt. Eine Schiffbrücke führte hinüber nach dem alten Gnadenort Maria Radna, der die Türkenzeit überdauerte und aufrecht blieb. Mercy widerstand der Versuchung, das hungarische Ufer zu betreten. Er bog ab, blieb auf dem Banater Ufer, und fuhr von Lippa gradeaus nach Neuarad. Der Fluß war eingesäumt von armseligen walachischen Dörfern. Dörfer? Zwanzig Erdhütten, die zur Hälfte unbewohnt waren, hießen ein Dorf. Mitten drin, stolz und groß, die deutsche Gemeinde mit dem guten Brunnen. So glücklich waren die Schwaben über diesen Besitz, daß sie ihr Dorf nach ihm nannten. Er kannte es wohl, es war eine der ersten Siedelungen. Und jetzt hatten diese Franken, Pfälzer und Württemberger wieder Zuwachs aus dem Schwarzwald bekommen. Sein Adjutant protokollierte den Jammer der hierher bestimmten Familien Zengraf, Müller, Lulay und Krämer, die von den Ihren getrennt worden sind durch ein ungewisses Schicksal… Die Pferde wurden beim großen Wirtshaus gewechselt, aber der Gouverneur wollte nicht Halt machen; hier war ja alles in Ordnung. Da kam der Luckhaups Michel des Weges und schaute dem fremden Herrn neugierig in die großen Augen. Himmel, wo hatte er die schon gesehen? »Herr – Herr – verlaabt, seid Ehr nit aus Temeschwar?« fragte er dreist und rückte den Hut ein wenig. Der Gouverneur sah den Bauern freundlich an. »Könnte schon sein, daß Er mich dort gesehen.«

»Bei de Siwa Churferschte, gelt?«

»Kann sein. Kann sein …«

»Ganz g'wiß!« rief der Luckhaup. »Ich bin nämlich der neue Dorfrichter Herr; Michel Luckhaup is mei' Name…«

»So, so, freut mich … Sag' Er mir, was hat Seine Gemeinde für Sorgen? Ich kann's vielleicht in Temeschwar ausrichten.«

»Sorge? Herr, a Kerch möchte mer! s Geld langt äwer no nit. Der Merzi müßt' uns halt was zuschieße.«

»Ich werde es ihm sagen, dem Mercy. Aber ich habe vorhin läuten gehört. Ihr habt wohl ein Bethaus?«

»A Glock häwe mer uns vun Wien bringe losse. Awer der Gottesdienscht, der is do im Große Wertshaus. Herr, wo m'r als tanze tut, do is nit gut beta.«

»Hm. Und sonst seid Ihr zufrieden? Ihr seid schon aus der Steuerfreiheit heraus?«

»Jo, jo, mer sei' nit unzufriede. Geplogt häwe m‘r uns wie die Hunn (Hunde). Awer's geit. 's geit. Und wißt Ehr, seit m'r Steuer zahle, werd auch mehr g'arbeit't in der G'meinde. Vordem is mandier verzweifelt und hot alles schtehe losse wolle. Jetzt ziehe se.«

Der Gouverneur lachte. »Das zu wissen, ist gut«, sagte er und näherte sich seinem Wagen, der die Pferde gewechselt hatte. »Ich habe gehört, Richter, Ihr wollt Zwetschkenbäume pflanzen. Man wird Euch im März tausend Stück schicken. Auch Weinreben könnt Ihr haben. Verlangt sie nur beim Merzi.«

»Herr!« sprach der Luckhaups Michel, den eine Ahnung befiel, wen er möglicherweise vor sich habe. »Dank, tausert Dank! Mer häwe äwer noch a großi Sorg'.

»Und das wäre?«

»Unser' Flinte müsse immer gelade sei. Herr, 's git zu viel Rauber do… Guckt Euch den Weg von Lippova bis Arad gut an. Möcht's nit viel schöner sein, wann am ganze Maroschufer nur deutsche Leut' sitze täte?«

Überrascht schaute Graf Mercy dem Bauer in die klugen Augen. Dann reichte er ihm die Hand. »Leb' Er wohl, Richter. Die Gemeinde ist bei Ihm gut aufgehoben, scheint mir; ich werde alles in Temeschwar erzählen, wenn ich wieder hinkomme.« Er nickte ihm, als er schon in der Kalesche saß, noch einmal zu, und fuhr zum Dorf hinaus. Ganz am Ende wurde die Hauptgasse durch Zubauten verlängert, und ehe er abbog nach der Straße gegen Arad, ließ er ein bißchen anhalten, um das zu sehen. Da wurde gebaut, da wurden Brunnen gegraben, und die künftigen Eigentümer griffen selber zu, kräftige Männer und braunhaarige, vollbusige Frauen und Mädchen in Schwarzwälder Tracht …

Ob die ihre Angehörigen wohl wieder finden werden? Siehe, dort droben übergab ein Beamter schon einzelne strobgedeckte Häuser an die künftigen Eigentümer. Das ging rasch; sein Apparat tat also seine Schuldigkeit. Der Anblick erfüllte den Gouverneur mit Genugtuung. Und der Gedanke des klugen Dorfrichters begleitete ihn auf der ganzen Fahrt. Ja, warum sollte da nicht einmal eine ganze Kette von deutschen Siedelungen entstehen? Die wenigen zerstreuten walachischen Volksreste konnte man absiedeln und in eine größere Gemeinde zusammensetzen. Die brauchten nur Weideland für ihre Herden. Lebten noch wie die Nomaden.

Unerkannt besuchte er all seine Kolonien auf dem Heideland. Früher eine Steppe, die nie einen Pflug getragen, jetzt ein Garten Gottes, in dem das tägliche Brot für Tausende wuchs. Überall hatte es wieder eine gute Getreideernte gegeben, und an viele Orte gliederten sich neue Siedler an, die ungeduldig der Vollendung ihrer bescheidenen, mit ärarischer Nüchternheit hergestellten Häuser und der Vermessung ihrer Felder entgegenharrten. Und überall, wohin er kam, fand er einen Mangel an Handwerkern. Es war die ständige Klage. Wo die Gemeinde einen eigenen Wagner, Maurer oder Zimmermann hatte, trieb sie Götzendienst mit den Zauberern. Die Bauern erhoben da und dort ihre Handwerker zu Dorfrichtern. »Schickt uns doch Schmiede, Tischler, Schneider und Schuster!« rief ein bäuerlicher Dorfschulz. »Mer gäwe ein' Metze Korn für ei' Hufeisei!«

Dieser Not mußte doch wohl abzuhelfen sein, sagte sich der Gouverneur, wenn man auch dem Handwerker Grund und Boden gab und Haus und Hof. Und noch eines fehle, klagte man ihm in Neudorf – die Kartoffel. Diese Leute aus Baden-Baden kannten die Kartoffel aus der alten Heimat und entbehrten sie schmerzlich. Hätten sie geahnt, daß man sie hier nicht kenne, sie würden einen Sack voll mitgebracht haben. Die Kartoffel? Der Gouverneur war dieser Frucht noch auf keinem Tisch begegnet, außer beim Hofkammerrat Stephany in Wien. Die Tante Mathild' hatte sie gut bereitet, er erinnerte sich. Aber daß das ein Volksnahrungsmittel sein könnte, darüber hatte er nie ernstlich nachgedacht. Und seine Berater machten ihn auch nicht aufmerksam darauf. Aber es erschien ihm nun doch als ein seltsamer Fehler, hier Tabak und Melonen, Oliven, Feigen und Mandeln, Maulbeerbäume, Aprikosen und wällische Nüsse einbürgern zu wollen, nicht aber die im Westen so viel gerühmte Kartoffel. Er wird sich's merken. Wird nach Holland schreiben lassen darum.

Diese Neudorfer hatten den Fremden auch durch ein anderes in kein geringes Erstaunen versetzt. Hatten die sich nicht eine Kirche gebaut? Aus eigener Kraft und aus eigenen Mitteln! Kaum sechs Jahre saßen sie auf ihrer Scholle, und das Dorf überragte ein Kirchturm. Und morgen werde sie eingeweiht; der Herr sei auch eingeladen, sagte der Richter.

Und der Herr blieb über Nacht. Seine Kalesche bedurfte einer kleinen Reparatur, und der Pfarrer Plenkner bot ihm im Pfarrhaus Herberge an. Er sah es diesem Gutsbesitzer Florimund an den gebietenden Augen ab, daß er wer Besonderer sein mußte. Obwohl der Pfarrer einen Amtsbruder zu Gast hatte, der ihm morgen assistieren sollte, schaffte er doch Raum für den Fremden. Und das abendliche Tischgespräch schon lohnte es ihm reichlich. Hei, war das ein welterfahrener Herr! War Soldat gewesen, kannte Tod und Teufel und alle sonstigen großen Herren. Wußte sogar, wen die junge Thronerbin, die Maria Theresia, heiraten werde. Und schwärmte für dieses Neuland, lobte alles über den grünen Klee, was er sah, und konnte nicht staunen genug über die Kraft der jungen Gemeinde. »Tjaa, was glaube der Herr denn? Wenn zweihundert Schwabenfamilien aus Baden-Baden sich ins Zeug legen, da stauben die Taler aus dem Boden«, sagte der Pfarrer heiter. Nicht hoch genug habe der Baumeister seinen Bauern den Turm machen können. »M'r soll 'n im ganze Ländle sehe, de Kerditurm von Neudorf.«

Und was der Pfarrer sagte, fand der Gouverneur am nächsten Tage hundertfach bestätigt. Das Dorf war außer Rand und Band über seine erste Kirchweih… Endlich konnte das liebe heimatliche Fest hierher übertragen werden, endlich durften sie Wurzel schlagen in dieser fremden Erde mit Sitte und Brauch, mit geistlichen und weltlichen Festen Schon am frühen Morgen wurden den großen Buben von ihren Schönen die bebänderten, mit Rauschgold und künstlichen Blumen aufgeputzten Hüte zugesendet, und der Aufmarsch zur Kirche war ein Schaustück für jung und alt. Kein Bischof war zur Stelle, die erste Dorfkirche zu weihen, denn es gab noch keinen im Lande, der Pfarrer vollzog selber das heilige Werk. Und dann bestieg er die Kanzel und sprach das erste Wort von dieser erhabenen Stelle. Der Fremde saß neben dem Dorfrichter, als der einzige Gast der Gemeinde, und er war hochgespannt, zu hören, was der Dorfpfarrer an diesem Tage zu sagen wußte. Und siehe, der Mann traf sein Gemüt mit dem ersten Satz. »Geliebte Brüder in Christo«, begann er, »freuet euch, jetzt steht ihr nicht mehr allein in der Fremde, jetzt hat auch Gott sein Haus in eurer Mitte, und jetzt wird die Fremde zur Heimat.« Und über diesen glücklichen Gedanken breitete er sich aus, auf ihn baute er seine ganze Predigt. Gott halte sichtbar seine Hand über dieses gelobte Land, die neue Heimat war gefunden.

Am Mittag zogen die Kirchweihbuben jubelnd durch das Dorf, überall begrüßt, in jedem Haus bewirtet, und nach der Vesper begann der Tanz um das Faß. Und die Musikanten spielten schöne alte Liedertänze, zu denen die Mädchen sangen und sich im Reigen drehten. Ja. das war die Taufe dieser fremden Welt zur Heimat.

Aus einem fröhlichen, glücklichen Gemeinwesen fuhr der Gouverneur vor Sonnenuntergang hinaus in die weite Ebene. Sein Traum aus den Tagen der Eroberung des Banats begann sich zu erfüllen, der Same, den ein freundliches Schicksal in seine Hände gelegt hatte, er ging auf. Es durfte nur kein Frost einbrechen …

Der Gouverneur übersetzte die Theiß und kam in die Batschka. Neuland! Neuland! Hier, zwischen Theiß und Donau, lag vielleicht die größte Zukunft der neuen kaiserlichen Provinz. Das Herz lachte ihm über all die Segensfülle der ersten Versuche. Als er einst bei Zenta als Fähnrich blutete, wer hätte damals gedacht, daß hier einmal solche Früchte reifen! Aber hier war auch der Sitz der großen Überflutungen; hier waren mindestens drei solche Kanäle zu bauen, wie er bisher kaum einen fertiggestellt hatte bei Temeschwar. Eine WeIt von Arbeit war zu tun. Und hier näherte man sich auch dem räuberischen Hauptgebiet; es waren die serbisch-türkischen Grenzen nicht mehr weit. Der Haram-Pascha, hier war er ein Schrecken für alt und jung. Der Gouverneur besuchte Milizstationen. Man hatte da und dort mit Erfolg die Böcke zu Gärtnern gemacht; hatte Räuber und Diebe begnadigt und sie in kaiserliche Dienste gestellt. Sie taten ihre Schuldigkeit, hüteten das Land gegen tatarische Banden, so gut sie konnten, aber die eigenen Genossen von früher her schonten sie. Der Reisende sparte nicht mit Backschisch, er ließ sich auf Gelage ein mit den gefährlichen Gesellen und erkaufte sich von ihnen die Begleitung in die wilden Dörfer an der Theiß und an den Ufern der Donau. Ein junger Milizunteroffizier, ein verwegener serbischer Bursche, ging mit. Mercys Ohren waren geschärft, seine Augen überall. Wovon lebten diese Betyaren? Sie bebauten kein Feld, sie hatten elendes Vieh und gebärdeten sich als Fischer und Korbflechter. Da und dort klapperte auch eine zerlumpte Wassermühle in der Donau. Aus hundert kleinen Anzeichen zog der Gouverneur seine Schlüsse – das waren Räuberdörfer. So wie an der Marosch, so an der Theiß, so an der Donau. Da stolzierte mancher in geraubten Kleidern herum, die vom Neckar stammten, dort gab es Gebrauchsgegenstände, die nimmermehr Menschen gehören konnten, die mit ihrem Vieh in einem Wohnraum lebten. Ein Weib bot ihm ein deutsches Gesangbuch zum Kaufe an, und er kaufte es. Gedruckt bei Ploß in Heidelberg! Die Augen der Banditen stachen wie Dolche. Mercy fühlte ihre Blicke im Rücken, wenn er durch ihre Reihen ging. Und er fühlte auch das Einverständnis seines Begleiters mit ihnen. Sicherlich gehörte er früher zu ihnen. Er stellte seinen Führer und sagte ihm auf den Kopf zu, daß das die Räuber seien, die die Schiffe anhielten. Und der zuckte die Achseln. »Arme Leute«, sagte er, sonst nichts. Der Gouverneur durfte das als ein Geständnis betrachten. Und er drang in den Korporal, ihm auf die Spur derer zu verhelfen, die hier vor vier Wochen den Menschenraub begangen haben. Fünfzig Dukaten gebe ihm der Kaiser, wenn er diese Spur auffinde.

Der Bursche war wie betäubt. »Fünfzig Du – ?« stotterte er.

»Ja!«

»Herr, das nicht haben Räuber getun«', sagte er, zweideutig lächelnd. »Und Schwabski sein Nasen nit geschnitten worden ab.«

»Willst du nicht deutlicher reden?« herrschte Mercy ihn an, und seine Zurückhaltung schien am Ende zu sein.

»Gebt Ihr Geld, will Euch sagen etwas«, sprach der Korporal.

Mercy drückte ihm ein paar Goldstücke in die Hand, und der Brave bekreuzte sich, als käme das Gold vom Teufel. Dann sagte er: »Sein große Herren, sein Magnati, die das haben getan. Schon dreimal soll sein passiert auf Donau.«

»Was?«

Der Bursche dämpfte seine Stimme, erzählte aber sehr temperamentvoll:

»Haben Schwabski-Schiffe gehalten auf und Leute geführt fort. Sollen's doch kommen zu ihnen. Haben's bei ihnen besser wie beim Grafen Mercy. Wollen nit? Müssen! Viele Männer geflucht, Weiber geweint. Nix genutzt, haben müssen marschieren; Panduren mit Flinten und Säbel getrieben.«

»Wohin?« schrie Mercy, der außer, sich geriet über diese Enthüllung.

»Weiß nit, Herr, hat man nur erzählt so«, sagte er, winkte aber einen der vielen alten Gauner herzu, die da am Ufer herumlungerten, und redete mit ihm in einer unverständlichen Sprache. Der deutete hinüber nach dem anderen Ufer der Donau.

»Herr«, verdolmetschte der Begleiter Mercys, »die Ihr sucht, nit hier hat man gefangen. Das ist geschehen drüben bei Mohátsch. Die Leute hier nur haben geschaut zu.«

»Dort?« sprach Mercy mißtrauisch. Aber er schwieg nachdenklich. Am liebsten hätte er die Donau übersetzt und die Spur dort drüben, in der Schwäbischen Türkei, weiterverfolgt. Doch er begnügte sich mit dem, was er da herausgebracht hatte. Also, es gab große Herren im Lande, die auf ihre Weise jetzt auch kolonisierten! Nun, sein Antoine wird das schon feststellen da drüben. Der wird die Verschollenen wohl finden. Aber, sagte der Bursche nicht, das wäre schon dreimal vorgekommen? Wie ist das möglich? Freilich ist es möglich! Wer fragt so bald den Heimatlosen nach? Es sind so manche Trupps nicht angekommen im Banat, die von Wien

her angekündigt waren. Man stellte es fest, aber nachgegangen ist man der Angelegenheit nie. Wer nicht kam, der war eben nicht da.

Alle Beschwernisse dieser Rundfahrt waren wettgemacht für den Gouverneur durch diese Entdeckung. Dagegen mußte sich Schutz finden lassen, das durfte man nicht dulden. Diese Räuberdörfer mußten ausgehoben werden. Die Ufer der Wasserläufe, diese künftigen Weltverkehrswege, gehörten in deutsche Hände. Man wird diese kleinen Betyaren da und dort ins Innere transferieren. Und den großen wird man das Handwerk legen.

Gegen Neusatz ging die beschwerliche Fahrt, und wie ein Fremder bestaunte der Gouverneur die stolze Festung Peterwardein. Aus dem Schutt war sie wieder erstanden; österreichische Soldaten bauten sie auf, die Grenzer robotteten sich halb zu Tode an dem Werke, aber es mußte sein, die Donau brauchte ihr Gibraltar, wer Herr des Landes bleiben wollte, der mußte den Strom an diesem Knie schließen können.

Mercy besuchte die Grenzer in Weißkirchen diesmal nicht. Hatte er doch dem Obristkapitän seine Haltung erst kürzlich vorgezeichnet. Auch wäre er dort nicht unerkannt geblieben. In dem weitgespannten Halbbogen, der sich von Kroatien und Slavonien bis nach Siebenbürgen hinauf erstreckte, sollte der menschliche Schutzwall des Reiches heranwachsen, ein fest im Boden der Heimat wurzelndes, im Türkenhaß erzogenes soldatisches Geschlecht. Kroaten, Serben, Walachen, Deutsche. Der hungarische Landtag protestierte gegen diese Einrichtung. Er fühlte sich vom Türken weniger bedroht, als von dieser kaiserlichen Wacht im Rücken. Die Generale lächelten über diesen Protest. Er protestiert immer, der hungarische Landtag!

Der Gouverneur betrat auch die Bergwerksgebiete, in denen das altrömische Erbe noch anzutreten war, diesmal nicht und fuhr nach Werschetz. Ein wüstes, türkisches Nest, mit einem Überbleibsel von armseligen Serben, abgehärmt und verprügelt, so hatte er den Ort gesehen, als er damals, nach der Einnahme von Temeschwar, im Auftrag des Prinzen Eugen auszog, das Land bis Orsova hinab zu säubern. Und heute? Sein Same ging auch hier auf; die hierhergeschickten Schwaben und Bayern standen schon an der Spitze der Gemeinde … Der Gouverneur schritt unerkannt die breiten, neuen Gassen ab; beim Knes der Serben hingen noch die Abzeichen der Gewalt am Tore: ein Kaloda (Stock für die Prügelstrafe), eine Fußkette und zwei Handschellen. Aber die Deutschen bildeten eine eigene Gemeinde, und am Hause ihres Schultheiß, Balthasar Schmidt, waren jene Zeichen nicht angebracht, sie hatten dort keine Bedeutung. Mit Reben vom Rhein sind sie einst gekommen und mit Setzlingen von edlen Obstbäumen aus Tirol. Mercy bestaunte ihre jungen Kulturen. Die werden ihm wohl auch bald ein Faß Werschetzer Liebfrauenmilch nach Temeschwar bringen. Er besichtigte den Kirchenbau, den diese Deutschen auch hier aus eigener Kraft in Angriff genommen hatten. Der Pfarrer sprach ihn in jovialer Weise an; er sei ein Priester der Mainzer Erzdiözese und hätte nie gedacht, am Endpunkt der christlichen Welt zu wirken, sagte er. Aber die Gemeinde habe ihn gerufen, und er wäre gern gekommen. Nur die Kirche war seine Bedingung. Ohne Kirche kein Pfarrer, schrieb er ihnen. Und sie gingen ans Werk. Aber ihm schien jetzt, daß er seinen Werschetzer Burgunder früher keltern, als in der Kirche die erste Messe lesen werde. Es gehe nichts vorwärts.

Mercy fand, daß alles sehr schön vorwärts gehe. Er hatte sich als Gutsbesitzer Florimund vorgestellt und fragte nach den Verhältnissen in der Gemeinde.

»Hm!« machte der behäbige, blonde Pfarrer. »Hm! Serben und Deutsche, das geht. Es muß gehen. Aber Serben, Spanier und Deutsche, das geht nicht. Man sollte uns nur schnell diese katalonischen Streithänse wieder abnehmen. Ich möchte sie auch nicht gerne alle zu Grabe geleiten, sie sterben in dem Klima wie die Fliegen.«

»Was betreiben sie hier?«

»Reis sollen sie bauen und die Seidenzucht einführen. Ich bitte Sie, wer braucht hier ein' Reis? Die bayerischen Dampfnudeln sein nahrhafter. Und bis die Maulbeerbäum' sich rupfen lassen wie die Gäns', derweil sein die Spanioletti alle tot. Unser Wasser taugt ihnen nicht. Es taugt uns auch nicht, aber wir trinken auch keins!'

Als der Gouverneur sich von dem gesprächigen, munteren Pfarrer verabschiedete, bat er ihn um seinen Namen, den er nicht verstanden habe.

»Johann Peter Arzfeld, Monsieur Florimund, Arzfeld!« sagte er.

Der Gouverneur kam nach Neu-Barcelona. Die Spanier, die da in der Überzahl waren angesiedelt worden, forderten diesen Namen. Das alte, menschenleere, türkisch-serbische Becskerek war ihnen ein unaussprechliches Wort. Mit stolzen Hoffnungen waren sie in das Reich ihres einstigen Königs Karl gezogen. Aber die Armen ertrugen auch hier das Klima nicht. Der Kanal, der von Temeschwar zu ihnen kam, ging durch böse Sümpfe, sein träges Wasser schlich um den Ort herum und konnte den Abfluß nicht finden. Und Millionen Fische, die von jedem Hochwasser ans Land gespült werden, verfaulten da in der Sonne. Die Pestilenz lag in der Luft.

Unbefriedigt trat Mercy den Heimweg an; ihm war, als hätte er da ein untergehendes Gemeinwesen gesehen. Und die Geraubten, die er suchte, hatte er nicht gefunden. Aber diese üble Stimmung verflog während der Fahrt, und er legte sich die Ergebnisse seiner Rundreise im Kopfe zurecht. Eine Denkschrift für sich selbst wollte er darüber niederschreiben und für seine einstigen Nachfolger. Denn er konnte nicht hoffen, all diese Arbeit selbst zu leisten. Sein Sohn und Mitarbeiter fehlte ihm, und wer weiß, ob er wiederkehrte. Dieses Klima war auch sein Todfeind. Daheim hoffte er Nachricht von ihm vorzufinden.

Aber er fand sie schon unterwegs. Man hatte ihm Briefe entgegengeschickt, Briefe, die aus Wien gekommen waren. Und siehe da – eine Nachricht von Antoine? … Oho! Der war also nicht in die Schwäbische Türkei gegangen? Der war directement nach Wien ausgerissen? Der verliebte Seladon, der! Und tat, als ob das ganz selbstverständlich wäre, machte sich gar nichts weiter zu wissen. Na, warte nur! Aber er war glücklich, glücklich … Der Vater gönnte es ihm … Und was waren das noch für Meldungen? Eine Kriegswolke stand wieder einmal im Westen. Der Kaiser hatte sich in die polnische Angelegenheit gemengt, er hatte die Wahl des königlichen Schwiegervaters von Frankreich zum König von Polen verhindert. Schlimm, sehr schlimm. Frankreich wird seine Revanche nehmen. Wo? Am Rhein! Es wird irgendein Reichsland fordern. Wer das Elsaß nahm, der kann auch Lothringen wollen. Wird die Maria Theresia einen Herzog ohne Land heiraten? Mercy war in Lothringen als deutscher Standesherr geboren; aber er war nicht sicher, auch als solcher einst zu sterben… Krieg? Er ist bereit. Immer bereit! Aber wer soll hier dieses Friedenswerk vollenden? Dieses dünkte ihm größer und wichtiger als das Schlachtenglück.

Heimgekehrt, begrüßte den Grafen Mercy ein Fest. Das neue Stadthaus, von einem Wiener Meister gebaut, erhob sich dem Palais des Gouverneurs gegenüber auf dem Paradeplatz, und an der Stirne trug dessen Giebel das Abbild des Wappens und Siegels, das die ersten deutschen Stadtväter zum ewigen Gedächtnis für Temeschwar gewählt hatten: Ein palisadierter türkischer Wall, durch den sich zwischen zwei Schutztürmen der Torschlag öffnet. So war Temeschwar, als Prinz Eugen vor seinen Mauern erschien. Und was ist es heute? Die feierliche lateinische Inschrift zu beiden Seiten des Stadtwappens erläuterte es, sie war eine Huldigung für Mercy, ein Lobgedicht auf das »herrliche Haus Österreich«, dem man sich in Dankbarkeit und Treue zu Füßen legte.

Die Garnison, die Bürgerschaft mit ihrem Stadtrichter Solderer, die blasse Schuljugend unter Wörndles Führung, und der Klerus, unter Vorantritt der Brüder Jesu, hatten sich zum erstenmal in dieser neuen Stadt aus einem patriotischen Anlaß zusammengefunden. Mercy, ernst und einsilbig, war mit der ganzen Generalität beim Fest der Bürger erschienen.

Und Peter Solderer, der Stadtrichter und Bürgermeister, empfahl das neue deutsche Stadthaus in feierlicher Rede dem Schutze des Gouverneurs. Keiner wisse mehr als er den Fleiß, die Tüchtigkeit und die Treue des Bürgers zu schätzen Zum ewigen Gedächtnis habe er, der Stadtrichter, im rechten Torpfeiler des Stadthauses einen Eckstein mit arabischer Inschrift einmauern lassen, der bezeuge, daß an dieser Stelle noch Anno 1715 ein türkisches Badehaus stand. Aber schon drei Jahre später saß hier ein deutscher Magistrat. Wenn die künftigen Bürger dieser Stadt je vergessen sollten, wem sie alles, was sie sind, verdanken, dann mögen sie diese Inschrift am Fuße des Torpfeilers mit der am Giebel des Stadthauses vergleichen. Sein erstes Vivat gelte dem Kaiser Karl, sein zweites dem Prinzen Eugen, sein drittes dem Grafen Klaus Florimund Mercy, dem Wohltäter, dem Vater des Banats »Vivat' Vivat! Vivat!« erscholl es brausend über den großen Platz hin. »Vivat Mercy! Mercy! Mercy!« riefen die Stadtväter und schwenkten die Hüte, »Vivat!« rief die Jugend, riefen die Offiziere. Die Frauen aber winkten von den Fenstern ringsum und klatschten in die Hände. Und dann erhob sich, ohne daß man wußte, wer es zuerst angestimmt, das treuherzige Lied vom Prinzen Eugenius, und alle sangen es mit. Wie ein feierlicher Choral brauste es zum Giebel des Hauses empor, das man eingeweiht hatte.

Graf Mercy hatte bloß militärisch gedankt für die ihm dargebrachte Huldigung; den Gesang hörte er andächtig an, wie ein Kirchenlied; es ergriff ihn jedesmal im Innersten.

Seine Gedanken schweiften in die Ferne… Wann wird man ihn abberufen?

Ein seltsames Hochzeitsmahl

Ja, es hatte sich auch beim Grafen Anton bewährt, das volkstümliche Rezept gegen das Wechselfieber: er entfloh und das Fieber blieb hinter ihm zurück. Auf der Reise verwirrte sich die Berechnung; es war ungewiß, wann es wiederzukommen hätte, und ehe der Graf in Ofen war, konnte er sich für fieberfrei halten.

Sein Hochzeitsbote war schon vorausgeeilt. Der Heiduck ritt drei Pferde zuschanden, um der Braut die Nachricht zu bringen, daß der Tag des Glücks nun gekommen wäre. Beinahe bis nach Schwechat hinaus fuhr die Lottel ihm auf der Reichsstraße nach Hungarn mit der Tante Mathilde entgegen, bis hinter das Schloß Neugebäude, wo das Kugelkreuz steht. Das wollte die Tante bei der Gelegenheit sehen, dort wollte sie ihre Andacht verrichten und um den Segen des Himmels bitten für den Ehebund. Die Lottel freilich, die wollte jetzt nicht beten. Das hatte sie schon am Morgen in der Schottenkirche besorgt. Ihre Seele war nicht bei Gott, sie flog dem Geliebten entgegen, der vielleicht schon in jener fernen Staubwolke herankam, um sich mit ihr zu vereinigen.

»Bet' noch einmal, bet', mein Kind. Da hier ist ein Gnadenort gerade für euch beide«, sagte die Tante, als sie neben der Säule ausgestiegen waren.

»Warum für uns?«

»Ja, weißt es denn nit, daß an dieser Stell' der Kaiser Leopold mit dem König Sobieski zusammen gekommen ist nach der Befreiung von Wien? Das Kreuzdenkmal, das auf drei türkischen Kanonenkugeln steht, bedeutet den Sieg der Christenheit über die Heiden. Denk' nur nach. Wie lang wird's denn dauern, und du gehst auch da hinunter zu die Türken.«

»Aber Tant', dort sein doch keine Türken mehr!« sprach die Lottel lachend, und ihre Augen lugten scharf aus nach jener fernen Staubwolke, die sich schleunig auf der Landstraße näherte.

Die Tante kniete schon vor dem Kreuz und ließ ihren Rosenkranz durch die Finger gleiten. Aber es reichte kaum für ein Vaterunser. Ein Jubelschrei riß ihre Andachtsstimmung jäh entzwei – er war es, und die Lottel lag schon an seiner Brust. Vor Kutschern und Heiducken küßten sie sich voll Inbrunst und herzten einander wie berauscht.

»Endlich! Endlich…«

»Bet', Tante, bet' noch eins für uns«, sprach die Lottel selig lächelnd zu ihrer etwas erzürnten Ehrendame, »und komm' uns bald nach.«

Sie stieg, unbekümmert um das entsetzte Gesicht der Tante, in Antons Reisewagen und fuhr mit ihm voraus. Nur der ehrerbietige Handkuß des Grafen, den er der alten Frau als Begrüßung verabreichte, verhinderte einen Aufschrei bei ihr. Was blieb übrig? Sie fügte sich. Aber sie ließ das denkwürdige Kugelkreuz stehen und hieß ihren Wagen rasch dem anderen folgen. Wenn auch in drei Tagen Hochzeit war, weiß man denn, was da noch dazwischen kommen kann?

»Wie die Trunkenen gebärdeten sich die lange Getrennten, von Sehnsucht verzehrten zwei Menschenkinder. In drei Tagen! In drei Tagen! Blaß kam dem Fräulein Charlotte der Bräutigam vor, und er mußte erzählen. Fieber? Wechselfieber? Ach, tut das weh? Sie küßte ihm die Sorge, daß sie auch einmal daran leiden könnte, vom Munde weg. Was lag ihr jetzt daran!

Und es war nichts dazwischen gekommen. In der Schottenkirche wurde das Paar getraut, am Grabe der geliebten Mutter vorüber führte der Weg zum Altar, und der Vater hatte es mit Blumen schmücken lassen. Die Tote sollte auch wissen, daß Hochzeit war in dem Hause' in dem sie einst so liebreich waltete und aus dem sie so früh scheiden mußte. Ihre Einzige war jetzt glücklich. Und gern folgte die dem Geliebten, wohin sein Schicksal ihn auch führen mochte.

Graf Anton aber hielt sein Wort, er ging auch jetzt nicht nach der Schwäbischen Türkei und brachte Charlotte dem Vater nach Temeschwar, Daß man sie noch Lottel nenne, das mochte der alte Herr nicht hören.

Strahlend, in fraulicher Schöne, trat sie dem greisen Gouverneur entgegen und küßte ihm die Hand; er aber bat sich lächelnd ihren jungen Mund aus, er wollte es auch einmal so gut haben wie sein Antoine. Der Tag war ihm ein Fest. Und da sein soldatisches Junggesellenheim in diesem Falle versagte, bestellte er scherzhaft eine »Hochzeitstafel« für sein junges Paar bei den »Sieben Kurfürsten«. Die Frau Theres sollte einmal zeigen, was ihr Haus vermochte. Die Generale und der Stadtrichter waren geladen mit ihren Damen, und auch die Festungsbau-Ingenieure, die Kameraden und Werkgenossen des jungen Grafen.

Auf dem Wege zu den »Sieben Kurfürsten« machte die Gräfin ihren ersten Gang durch die Festung. Oh, wie anheimelnd wienerisch waren all diese neuen Bauten, wie traulich diese engen, schattigen Gassen. Aber was war das für ein Zufall? Sie begegneten nur kranken Menschen. Blasse, gelbgefärbte, eingefallene Gesichter überall. Wandelnde Leichen … Aus den schmucken Häusern traten Frauen und Mädchen, die so seltsam aufgedunsen waren. Als hätten sie sämtlich die Wassersucht. Und ihr schauten sie alle mit großen Augen nach wie einem Wundertier aus einem andern Himmelsstrich. Wie ein Paradiesvogel kam sie dem Gemahl vor in dieser Umwelt. Er verstand ihre fragenden Blicke nur zu gut. Und ihr allmähliches Verstummen war beredt.

Frau Theresia Pleß und ihr Mann begrüßten die Gäste voll freundlicher Ehrerbietung. Sie hatten alles, was das Land zu bieten vermochte, aufgetrieben, um vor der Wienerin zu bestehen. Die Karpfen waren aus dem Begakanal, der Hirschbraten aus dem Jagdwald. die Backhühner aus dem eigenen Hof. Und all die Gemüse! Köstlich war alles nach schwäbischer Art zubereitet, und alle Südfrüchte, die hier reiften, füllten die Tafelaufsätze; die herrlichsten Melonen wurden herumgereicht, bei Werschetzer Weinen brachte man dem jungen Paar ein Vivat und hieß es willkommen in der Gemeide.

Aber wie seltsam. Graf Anton bat seine Frau immer wieder leise: von dem nicht zu essen und jenes nur zu kosten. Und sie merkte trotz all der Huldigungen, die ihr dargebracht wurden, und die ihre Aufmerksamkeit ständig in Anspruch nahmen, eine gar befremdliche Unruhe und Bewegtheit an dieser Hochzeitstafel. Man stand auf, ging hin und ging her, der eine klapperte mit den Zähnen vor Kälte und der andere glühte und schüttete Unmengen von Flüssigkeiten in sich hinein, als hätte er einen Brand zu löschen. Und die gelben Gesichter! Lottels Augen fragten den Gatten, und er verstand sie. »Einige haben ihr Fieber«, sagte er leise. »Iß keine Melonen!«

Keinen Bissen aß sie von all den verlockenden Früchten, die auf Sumpfboden gewachsen zu sein schienen. Und ihre Augen suchten, von einem tiefen Schrecken geschärft, die Todeszeichen auf all diesen Stirnen. Hagere, ausgedörrte Herren, aufgedunsene Frauen auch hier, wie draußen auf der Straße. Wie lange es jemand hier aushalte, fragte sie den Gouverneur recht harmlos. »Oh, mancher klappert schon zehn Jahre da herum!« lachte der. »Und mich hat es noch immer nicht. Nur keine Angst, mein Kind.«

Nach Tisch, als der Türkische kam und der heimische Tabak in den Tschibuks glühte, zogen sich die Damen in das Herrenzimmer zurück. Die Herren brauchten diese Gegengifte, um sich aufrecht zu erhalten, den Damen verbot die Sitte ihren Gebrauch. Aber einen feinen Milchkaffee hatte ihnen die Frau Theres heute selbst bereitet, und sie schenkte ihn auch selber ein. Ganz nach Wiener Art, so wie sie es dort im Regensburger Hof gesehen. Und den nahm die junge Gräfin gerne an. Die Tant' Mathilde hat sie längst an ihn gewöhnt.

Die Gespräche, die in diesem Kreise geführt wurden, legten sich wie eine Zentnerlast auf das Gemüt der jungen Frau. »Oh, wie gut Sie aussehen, Frau Gräfin!« sagte eine Generalin bewundernd. »Nach einem halben Jahre verwünschen Sie Ihren Spiegel.« »Verlangen Sie sich keine Kinder, liebste Gräfin!« flüsterte eine andere. Ihr waren vier Kleine hier gestorben …

Die junge Frau kämpfte in den nächsten Wochen tapfer an gegen den Hang zu trübsinnigen Betrachtungen, der sich ihrer zu bemächtigen drohte; der Gemahl bot alles auf, sie zu trösten und zu zerstreuen, aber er spürte, wie das Gespenst des Fiebers auch nach der Geliebten die Arme ausstreckte, und sein Trost kam nicht von Herzen. Charlotte fühlte sich Mutter. Und sie war in stiller Verzweiflung. Warum hatte man ihr auch solche Dinge gesagt bei jenem schrecklichen Hochzeitsmahl! Daß ihr Kind sterben würde, das stand fest. Weinend beichtete sie dem Gatten ihre Not, ihre Furcht vor der Zukunft …

Der Gouverneur sah das alles kommen. Und er entließ das junge Paar. Ein paar Wochen hatte er ja doch Sonne im Hause gehabt.

Die Kriegsgerüchte waren wieder verstummt, er in guter Stimmung. Sie mögen in Gottes Namen dorthin gehen, wo er den Antoine ja schon vor der Hochzeit gern gesehen hätte, auf sein Schloß in der schwäbischen Türkei. Er sei jetzt im Siebzigsten, sagte er den Kindern, vor seinem Achtzigsten werde er sie nicht inkommodieren. Früher habe er keine Zeit, seine Enkel zu sehen.

Und sie gingen. Hundert Aufträge gab der Gouverneur dem Sohn, er möge dort drüben in seinem Sinne weiter arbeiten, er möge die verschollenen Schwarzwälder suchen, die man ihm geraubt hatte, möge bis nach Slavonien hinab zu kolonisieren trachten; der Hofkammerrat in Wien werde ihn ja mit Freuden unterstützen. Er entließ sie in guter Laune, in väterlicher Fürsorge, aber trotz alledem blieb in dem alten Soldaten der Stachel zurück, daß ein Mercy seinen Posten verlassen habe.

Bei den Verschollenen

Frau Eva Trauttmann saß mit einer Handarbeit vor der Staffel ihres stattlichen, weißgetünchten fränkischen Hauses, dessen Giebel zwei sich kreuzende Roßköpfe zierten. Unter der Schwelle desselben aber lag in aller Heimlichkeit das gefundene Hufeisen von Wien. Dort hatte es ihr Mann geborgen, das glückverheißende Zeichen. Das sei uralter Väterbrauch, sagte er … Und zu ihren Füßen spielten die zwei jüngsten, die noch nachgekommen waren in der neuen Heimat. Die »ungarischen Buben« nannte sie ihr Mann immer im Scherz. Jetzt trugen auch die schon Hosen und rauften und balgten sich. »Lauter Mannsbilder im Hause!« war ihre Klage. Wenn sie die Trudel nicht gehabt hätte, es wär' wahrhaftig nicht nachzukommen mit der häuslichen Arbeit.

In der Ferne vernahm man plötzlich einen hellen, klappernden Ton. Als hämmere ein Klöppel auf ein hartes Brett nieder, so hörte es sich an. Die Bäuerin sah überrascht auf. Was war denn das? Aber da kam auch schon die Trudel vom Gang hergelaufen und rief: »Motter, hört Ihr's? Des is 's Veschpergeläut' von de Schwarzwälder.«

»Herr, steh mir bei, des is a Geläut?« sprach Frau Eva Trauttmann.

Das Mädel lachte. »Ja, so wie in Regensburg und in Wien is es nit. Denkt Ihr noch an die große Glock in Wien?«

»Ob ich dran denke, Kind! … Seit wann is denn des?«

»Seit heunt! Der Wagners Joseph hat's erfunne.«

Die Mutter schüttelte den Kopf.

»Guckt, guckt!«' sprach das Mädel und deutete nach der Flucht von Strohhütten, die sich da drüben im letzten Jahr wie eine Gasse aneinandergereiht hatten. Die Leute kamen in Sonntagstracht aus ihren Häusern hervor. Die Männer in langen Tuchröcken und weißen Kniestrümpfen, einen breiten Hut auf dem Kopf, die Frauen in kurzen farbigen Röcken, dunklen Jupons und kleinen Käppchen auf den braunen Haaren. Sie tauschten offenbar über das Geläute ihre Meinungen aus, und dann gingen sie alle nach derselben Richtung Der Klöppel rief sie zum sonntäglichen Gottesdienst. Der lange Schneider Franz halte ihn ab, spottete das Mädel.

Das verwies ihr die Mutter. »Do git's nix zu spotte«, sagte sie. »Is des nit scheen, daß die arme katholische Leut', die der alt Teufel da hergetriebe hat, sich gleich e Bethaus hergericht han? Schneider hin, Schneider her. Was tut's? Wenn der Schneider Franz e guter Vorbeter is, können se ihr' Andacht auch ohne Pfarr' verrichte.«

»Na ja«, sagte das Mädel ein bisserl beschämt, »unser Vater is ja eigentlich a koin Pastor nit.«

»Eigentlich«, lächelte die Mutter, »is er e Bauer. Und legt uns das Wort Gottes doch so schön aus!«

Die Trudel setzte sich auch zur Mutter auf das Sonntagsplätzchen vor dem Hause und strickte. Flink und geschäftig flogen die dünnen Nadeln aus Akazienholz, die der Ferdinand ihr gemacht hatte, in ihren Händen. Sie strickte aus der selbstgesponnenen Schafwolle die Strümpfe für das ganze Haus. Auch am Sonntag ruhten diese Finger nicht, aber ihre munteren blauen Augen waren überall. Die brauchte sie nicht für diese Arbeit Sie kannte jeden, der da zum Bethaus ging, und wußte die Schicksale von allen. Während die Mutter vorgebeugt saß und an einem Häubchen nähte, die zwei Buben den Gänsen nachjagten, die sich auf der Wiese gegenüber gesonnt hatten, plauderte die Trudel und erzählte allerlei, was sie von den Schwarzwäldern gehört hatte.

Gott, was die Armen alles gelitten haben! Wie schön seien sie selber einst aus der deutschen Heimat hierher gefahren; warum erging es diesen so schlecht? In Wind und Sturm waren sie tagelang in Lebensgefahr auf der Donau. Auf einer Insel bei Ofen mußten sie besseres Wetter abwarten, und bis sie in die Gegend von Mohaitsch gekommen, waren ihnen drei Kinder gestorben unterwegs. Und ihre Freunde haben sie verloren in dem Unwetter; wo das zweite Schiff, das zu ihnen gehörte, hingekommen, das wisse niemand.

Das alles wußte die Frau Eva ja längst, aber sie hörte immer wieder etwas Neues bei den Wiederholungen, denn die Trudel hatte sich mit ein paar jungen Schwarzwälderinnen angefreundet, und sie war immer geladen mit Geschichten, wenn sie von ihnen heimkam. Die Mutter gönnte ihr diesen Umgang. War das Kind doch so einsam herangewachsen, ohne Kameradin, ohne Altersgenossen. Und sie ließ sie auch heute ruhig plaudern Der Vater und die Buben waren draußen, die künftige Ernte besichtigen und abschätzen und hatten dabei ihr schönstes Sonntagsvergnügen. Vielleicht brachten sie auch ein Stück Wild mit heim für die Küche. Aber vor Sonnenuntergang kamen sie gewiß nicht. Wie hatte sich das doch alles verändert seit ihrem Einzug in Dobok! Sie grämte sich oft, daß niemand da war, der alles, was sie erlebt, niedergeschrieben hätte von der ersten Stunde ihrer Reise nach Hungarn bis auf den heutigen Tag. Der Vater hatte keinen Sinn dafür, der meinte, man soll nie hinter sich schauen, sondern vorwärts. Dafür hätten seine Enkel einmal Zeit, wenn sie festsitzen und ein gutes Stück Welt ringsum ihr Eigentum wäre. Wie sollen aber die einmal hinter sich schauen, antwortete die Frau, wenn ihnen niemand mehr sagen wird können, woher sie kamen, und wie es ihren Ahnen erging? »'s werd Schulmeister genung gäwe«, sagte der Vetter Philipp, »die des ufschreibe. Loss' mich in Fried'! Mei Finger sein zu steif far so e G'schäft.« Um so fester grub Frau Eva jedes kleinste Erlebnis ihrem Gedächtnis ein, um es noch ihren Kindeskindern erzählen zu können.

So allein waren sie damals, als auch der Matz von ihnen ging. Und wie dann der Hausbau fertig war, verließ sie auch der Vater. Er spannte eines Morgens ein und fuhr fort. Nur den kleinen Ferdinand nahm er mit sich. Er müsse den Samen beschaffen für die herbstliche Aussaat, der herrschaftliche Weizen sei ihm zu schlecht. Und er werde wohl zwei Tage ausbleiben, sagte er. Aber die Buben, die ihre Flinten immer geladen über ihren Betten hängen hatten, wußten es besser. Sie schossen sich gegen Abend immer auf der Scheibe ein und machten sehr viel Lärm; spielten sich auf als wilde Männer, und die Leibeigenen wichen ihrem Besitz scheu aus. Am dritten Tag erst, als die Mutter voller Sorgen war um den Vater, erfuhr sie, daß es wohl noch drei Tage dauern könne, bis er heimkomme. Er sei zu den Schwaben gefahren und wollte die Mutter nicht ängstigen. Bis Murgau wollte er, zu den Evangelischen. Hätte er gleich gesagt, daß es eine Woche dauern könne, sie wäre dagegen gewesen. So aber sei jetzt schon die halbe Zeit um. Und sie waren gar stolz darauf, an Vaters Stelle das Haus und die Mutter und die Trudel zu beschützen.

Was konnte sie gegen diese Verschwörung der Männer tun? Daß eine gute Aussaat jetzt das Wichtigste war, das wußte sie besser wie die Kinder, und sie blieb länger auf in diesen Nächten und ging später schlafen, als wenn der Mann daheim gewesen wäre. Das Fettlicht aber ließ sie die ganze Nacht brennen. Nur eine dieser Herbstnächte war recht unheimlich. Frau Eva lag im Halbschlaf und hörte ein Heulen wie von vielen Hunden. Ihr Jackan«, der Sohn des Caraffa, winselte unter den Fenstern draußen und verkroch sich in der Holzhütte. Sie erlauschte jedes Geräusch und verstand die Furcht des jungen Tieres. Nie hatte sie gehört, aber sie wußte aus den Erzählungen des Baron Andor, daß so die Wölfe heulten, wenn sie auf der Pußta um die Schafpferche schlichen. Wo waren die Beschützer des Hauses in dieser Nacht? Sie schliefen wie die Murmeltiere; die Mutter aber wachte auch für sie.

Der Vater kam endlich. Mit einem verschmitzten Lächeln und mit vollen Getreidesäcken fuhr er in den Hof, und es war alles wieder gut. Gern hätte die Frau Eva mit ihm getrutzt, aber sie konnte es nicht, es dünkte ihr schade um jeden Tag, an dem man sich nicht lieb hatte.

Und im Oktober kam der Matz. Er kam wahrhaftig! Schwer beladen mit schönen Grüßen und herzlichen Briefen, mit heimatlichen Sachen aller Art, gesund und froh trat er in die Stube. Er hatte denselben Weg, den sie gekommen waren, bis an den Rhein zurückgelegt, war eine Woche daheim bei ihrer Mutter und dem Schwager Ferdinand, hat ihnen die Reise nach Hungarn beschrieben und sie alle auswanderungslustig gemacht. Zuletzt ließ er sich zu allem, was er mitnehmen wollte, auch einen Sack Kartoffeln geben. Die waren das Wichtigste. Und dann machte er kehrt. Das ganze Dorf hat ihn verlacht, so erzählte er, wie er seinen Auszug gehalten. »Sei' Lebtag tragt der die Grundbirnen nit bis Hungarn!« rief der Schwager Ferdinand. »Schreib' uns halt, wie viel du hingebrurige hoscht!« spottete er. Und er hätt' beinahe recht behalten mit seinem Zweifel, der Vetter Ferdinand. Nicht bis Frankfurt hat der Matz den ganzen Sack getragen. Und in Regensburg war nur mehr die Halbscheid drin. Daß er sich zu viel aufgeladen, spürte er schon am ersten Tag. Er wär' in drei Monaten nicht bis Dobok gekommen. Was zurücklassen? Die schönen Sachen der Frau Base? O nein! Die Kartoffel? O nein! Die Wahl war schwer. Da kam ihm ein erleuchteter Gedanke. Er entschied sich, von den Kartoffeln unterwegs zu leben, und so seine Last allmählich zu erleichtern. Wenn er den halben Sack nach Dobok brachte, war das fürs erste auch genug. Mehr konnte man von ihm nicht verlangen. Aber, weiß Gott, er mochte sich unterwegs Kartoffel braten, so viel er wollte, die Last wurde nicht leichter. Und genäschig war er auch geworden; er konnte ohne eine schöne Bratkartoffel nicht mehr wandern, so gewöhnt hatte er sich allmählich daran.

Bei Ofen entdeckte er, daß er nur noch zehn Kartoffel im Sack hatte! Da schämte er sich fürchterlich. Er lief die Stadt ab und die Umgebung, wo es überall schon viele Deutsche gab, und fragte, ob er keine Kartoffel haben könne. Seinen letzten Taler hätte er dafür hingegeben, aber man gab ihm überall die Antwort: »Hätten selber gerne welche! In Hungarn gibt's noch keine Kartoffel!« In dieser Not erwog er ernstlich, ob er nicht nach Wien zurückkehren sollte. Dort mußte es doch schon welche geben. Er tat es nicht. Mußte er nicht zur Anbauzeit in Dobok sein? Aber er griff jetzt nicht mehr in den Sack. Und ein wenig beschämt zog er heimwärts. Aber das Gefühl, daß er die ersten zehn Kartoffel in das gelobte Land Hungarn trage, und daß aus diesen zehn einmal Millionen werden sollen, das hätte er nicht um ein Königreich hingegeben.

Die Frau Eva muß noch heute lachen, wenn sie daran denkt, wie schlau der Matz alles das, was er ihr gebracht, auf dem Tisch ausbreitete, wie er dem Bauer die Briefe des Bruders und der Mutter hinschob, daß er sie gleich lese, und wie er ununterbrochen erzählte, damit man ihn nur ja nicht nach den Kartoffeln frage. Und als es doch geschah, welch ein klägliches Gesicht machte da der arme Matz! Sie vergißt es in ihrem Leben nicht. Ganz verlegen griff er in den leeren Sack und holte die zehn Kartoffel daraus hervor. So behutsam, als wären es Goldklumpen, legte er sie auf den Tisch »Matz! Matzt« schrie der Bauer voll Hohn und Spott. »Und deswege bischt du uff Bobeheim gange un' wieder zurück? Hahaha! Hahaha!«

»Vetter, es war e schlecht' Kartoffeljahr in der Palz«, sagte der Matz keck. Und er war gekränkt, als man unaufhörlich lachte und ihn verspottete »Is des mei' Dank?« rief er. Und dann brachte man kein Wort mehr aus ihm heraus. Erst nach drei Tagen, als sie abends bei Tisch saßen und wieder von der Heimat sprachen, erzählte der Matz die Geschichte von dem schweren Kartoffelsack und seinem großen Appetit. Die Kinder haben gelacht, und die Frau Eva hat ein bisserl geweint über die Erzählung. Der Vetter aber ließ seinen Spott sein. Er ging und vergrub die zehn Kartoffel im Keller unter einem Strohbündel, damit sie nur ja den Winter gut überdauerten. Und dann war nicht mehr die Rede von ihnen.

Oh, wie lange zehrten sie alle von der Heimwanderung des Kartoffelmatz. Den Spitznamen gab ihm der Hannes, der ein spöttischer Schwabenbub war; aber der Matz machte sich nichts daraus, er lachte selber mit und meinte, das werde noch einmal ein Ehrenname für ihn sein.

Der erste Getreideanbau wurde im Oktober vollzogen, und es ging lustig zu, trotz Wind und Sturm. Philipp Trauttmann reinigte seine Felder noch einmal von dem nachgewucherten Unkraut, und dann vertraute er dem abermals durchgepflügten Boden getrost seine erste Aussaat an. Er lugte aus, wenn das Laub von den Bäumen fiel. Und da es früh fiel, so durfte man ein fruchtbares Jahr erwarten. Am Sankt Gallustag im Oktober wollte er keinen Regen, am Andreastag im November noch keinen Schnee. Und es ging alles nach Wunsch in Erfüllung.

Der erste Winter verlief friedlich; für Brot hatte der Vater gesorgt, es gab Wild und Schweine schlachtete man auch, es fehlte an nichts. Und da es weit und breit keine Handwerker gab, übten sich die vier Männer in allen Handfertigkeiten, die das Haus brauchte. Der Vater machte sogar Schmiedearbeiten und beschlug die Pferde, der Kartoffelmatz schusterte im Winter für alle, die Buben schnitzten und sägten und hobelten und hämmerten, machten Futterkrippen für den Stall und Stühle und Bänke für das Haus. Sie friedeten mit dem Vater Hof und Garten durch einen Zaun ein und erregten das Staunen der Leibeigenen, Frau Eva spann Schafwolle, und die kleine Trude wickelte sie zu Knäueln auf. Der Ferdinand aber war der Gelehrte; er hielt krampfhaft sein bißchen Schulwissen aus Bobenheim fest, und las und schrieb und rechnete auf eigene Faust. Auch der Vater gab ihm oft Beispiele. Und die Mutter bestärkte den jungen bei diesem Tun. Nur nichts vergessen, was man einmal gelernt hat! Nur immer noch zulernen. Sie wußte sogar ein schwäbisches Sprüchlein darauf:

»Alle Tag' e Stückle weiter,
Alle Tag' e bißle g'scheiter:
Büble, merk's, es ist gar gut,
Wenn man's nit vergessen tut.«

Frau Eva fuhr aus tiefer Versunkenheit auf. Sie hatte auf das Geplauder Trudels nicht mehr gehört und war ganz eingesponnen in ihre Erinnerungen; aber die fremde Stimme, die jetzt da neben ihr erklang, die weckte sie.

»Gute Owet, Bas' Evi«, krächzte der alte Zengraf. Er war aus der Veschper gekommen mit den anderen Landsleuten und humpelte die Zeile herauf, um wieder einmal einen Dischkursch mit der Bäuerin zu pflegen. Er sah die Frau gern, sie erinnerte ihn ein wenig an seine Kathl, die er verloren hatte auf der Reise, seine Tochter. Und die Bas' Evi bot ihm auch gleich einen Platz an auf der Staffel. Die Trudel aber schickte sie nach dem Jörgl und dem Lippl aus, die sich weiter entfernt hatten, als nötig war.

Und auch andere Schwarzwälder gingen vorüber und geboten die Zeit. Sie sahen nicht mehr so verzagt aus wie ehedem; sie standen alle vor einer guten Ernte und hatten sich in ihr Los gefunden. Gegen die Felder hinaus führte der Weg. Manch einer wollte vor Sonnenuntergang noch sehen, was er zu erwarten hatte.

Der alte Jost Zengraf aber gehörte zu denen, die nichts zu trösten und zu versöhnen vermochte mit der Art und Weise, wie sie hier gegen ihren Willen waren angesiedelt worden. »Fließt denn die Donau zu de Indianer?« fragte er sich oft. »Des kann doch nit emol in Amerika passiere! Mer häwe kaiserliche Päss' for's Banat und were do hergetriewe wie die Kälber? Wer'n abg'fange in der Donau un' erfahre nit, wo unser' Kinner, unser' Freund' hinkomme sind. Und koin Mensch kimmert sich um uns! Nit der deutsch' Kaiser, nit der hungrisch' König?« Er begriff es nicht und hörte nie auf, zu klagen und zu jammern.

Die Bas' Evi tröstete ihn, so gut es ging. Er werde eines Tages gewiß Nachricht erhalten von seiner Kathl. Die sei wahrscheinlich wohlbehalten im Banat angekommen mit den Ihren. Er möge sich an ihnen ein Beispiel nehmen, wie es gehe; sie selber hätten auch ins Banat gewollt, aber nicht hingedurft. Und es gehe ihnen hier recht gut, sie seien ganz zufrieden. Das begriff er ja, daß sie alle beieinander zufrieden waren. Aber er? Was tut denn der verfluchte alt' Baron mit ihm hier? Wozu braucht er ihn denn? Er sei nur ein unnützer Brotfresser. Er wollte zu seinen Kindern oder heim ins Reich, ins deutsche Land. Dort möchte er sterben.

Ganz leise sagte ihm die Bas' Evi einmal, sie glaube immer, daß ihn der Baron eines Tages fortlassen werde, wenn er einmal sicher sei, daß die anderen alle bleiben. Es müsse zuerst Gras über die Geschichte wachsen … Er möge nur Geduld haben, sie selber wolle mit dem jungen Baron im nächsten Jahr reden oder mit der Baronin Helene, der edlen, braven Frau.

Das war auch so eine Sache, die sie für ihre Nachkommen gern hätte niedergeschrieben gesehen. Wer wird das noch wissen in zwanzig Jahren?

Wie ein Lux hatte der alte Baron Parkoczy ihre Felder umschlichen zur ersten Erntezeit und war außer sich vor Neid über den Stand ihrer Feldfrüchte. Der Zehent von allem war ehrlich vermessen worden, aber er wollte immer mehr. Zuletzt hat ein Spion von ihm auch das Plätzle im Hausgarten entdeckt, wo die zehn Kartoffeln waren angebaut worden. Der Bauer hatte da ein Probestück gemacht; er legte jede Kartoffel allein ein, zwei nur zerschnitt er in viele Teile; ein oder zwei Augen aber mußte jeder Teil haben, denn aus diesen Augen kamen die neuen Triebe. Und jedes Stück baute er gesondert an, und die Frau Eva pflegte den Grund wie einen heimlichen Schatz. Und alles ging auf, jedes Stücklein trug Früchte, die Ernte brachte zweihundert schöne große Kartoffel. Die Leute des Barons wußten nicht, was das für eine Frucht war, wollten aber ihren Anteil haben für ihren Herrn. Der Bauer weigerte es. Sein Hausgarten müsse frei sein. Da kam der alte Baron am nächsten Tag in Begleitung seiner Söhne angeritten und forderte zu sehen, was da geerntet wurde. »Was unterstehst du dich, frecher Bauer!« rief er. »Von allem, was auf meinem Grund und Boden wächst, muß ich meinen Anteil haben.« Der Philipp Trauttmann zeigte den Herren die kleine Ernte, er gab jedem einen Knollen in die Hand. »Was ist das?« fragten sie, nachdem sie daran gerochen hatten Der Bauer zuckte die Achseln. »Des weiß in ganz Hungarn nur ich«, sagte er. »Es is in mei'm Hausgarte gewachse. Im nächschte Jahr werd's uff'm Feld drausse wachse, und da kriege Euer Gestrengen den Zehent. Da sin zwahunnert Stück. Im nächschte Jahr werde es zwatausert sein. Un' dernoo sag' ich Euer Gestreng' auch, was es is und wie's gegesse werd'. Eh'nder nit.«

»Das Zeug ist zu essen? Az ebadta, verfluchter Bauer, ich will meine zwanzig Stück davon essen«, sprach der Baron. Ein Blitz zuckte über das Gesicht Trauttmanns, und er wollte schon sagen: »So beißt doch hinein! Vielleicht schmeckt's Euch!« Aber er besann sich. »Herr Baron«, sprach er, »ich hätt auch ein' Appetit druff, aber es tut m'r laad drum. 's is mei' Same fors nächscht Jahr … Wenn Ihr bei mir esse wollt, Herr, soll mei' Weib die zwanzig Stück koche.«

»Was untersteht Er sich? Was?« brauste Parkoczy auf.

Trauttmann zuckte die Achseln. »Nur mei' Weib weiß in ganz Hungarn, wie m'r die Kartoffel zubereite tut.«

»Kartoffel sind das?«

Der Baron Pista riet dem Papa, einzugehen auf den Scherz. Und Andor bat auch darum. Er bestätigte als Sachverständiger, daß er drüben bei den Schwaben nirgends eine Kar-Kartoffel gesehen habe.

Und der Baron ließ sich herab. Die Frau Eva wurde gerufen, und sie war bereit, das Mahl zu richten. In einer Stunde möchten die Herren ihr Haus beehren, sagte sie.

Ach, was war das für ein Geschmatz! Alle zweihundert hätt' er gern haben wollen, der Baron. Nie hatte er etwas Besseres gegessen. Und da hat Trauttmann den Herren dann erzählt, wie er zu dem Samen gekommen war. Sie haben sehr viel gelacht über den Matz, ihn aber doch belobt, daß er so etwas Gutes ins Land gebracht. Und die übrigen hundertachtzig Kartoffel sind wieder im Keller versteckt und vergraben worden für das nächste Jahr.

Und seit diesem Kartoffelessen und den zwei folgenden Getreideernten, von denen der Zehent bald größer war als die eigene Fechsung der Herrschaft, verließ den Baron der heiße Wunsch nicht mehr, Kolonisten zu bekommen, Schwaben anzusiedeln auf seinen Gütern, nur Schwaben! Er hörte immer, daß die Batthyanyi und Csaky und Karolyi kolonisierten, ihm aber schickte man niemanden, er wartete Jahr um Jahr vergeblich. Da holte er sich selber eine Schiffsladung an der Donau. Er rückte aus mit seinen alten Kuruzzen aus St. Marton, und sie zwangen die durchnäßten, übermüdeten und halb verzweifelten Schwarzwälder, die in einen schweren Wettersturz geraten und beinahe schiffbrüchig geworden waren, ihnen zu folgen …

Wie im Paradies werden sie's da haben. Es wohnen schon viele Schwaben in der Nähe, und sie werden alles doppelt bekommen, was man ihnen für das Banat versprochen habe. Kein Widerstreben nützte gegen die Bewaffneten. Und damit kein Verrat geschehe und kein unnützer Lärm, durfte auch nicht ein einziger zurückbleiben. Und in Dobok, gegenüber den Erdhütten seiner magyarischen Leibeigenen, die als Wächter gelten sollten, wurde eine Zeile von neuen gestampften Häusern aufgeführt für die Ankömmlinge. Mit Feldern wurden sie genau so bedacht wie Trauttmann. So viel sie bebauen konnten! Das versöhnte, das lockte sie alle. Die wenigen, die widerstrebten und durchaus fort wollten, wurden überwacht. Der junge Mathes Zengraf, der eine Braut bei den Verschollenen hatte, ging eines Tages durch. Er wurde auf dem halben Wege nach Mohátsch abgefangen und zurückgebracht. In St. Marton drüben ließ ihm der Baron die Bastonade geben – dreißig Stockstreiche auf jede Fußsohle. So straften die Türken die Sklaven, die davonliefen. Dann blieben sie von selber liegen… Sie seien Narren, sagte man den Unzufriedenen, nirgends in der Welt gehe es ihnen besser. Und jetzt standen sie vor der ersten Ernte. Fast tausend Joch Ackerland, die vordem eine Wüstenei gewesen, hatten sie schon im ersten Jahr bebaut, und der Baron Parkoczy kam sich in nüchternen Stunden wie ein Gott vor. Sein Handstreich war geglückt, und er wird reichen Segen bringen. Baronin Helene, seine Gemahlin, war anfangs bestürzt über die Tat ihres Gatten. Aber da die Leute blieben und an die Arbeit gingen, wagte auch sie zu hoffen. daß alles gut enden werde. Sie erschien manchmal in der Kolonie der Schwarzwälder, sie bekümmerte sich um die Kranken und hörte auch die Klagenden, die Unzufriedenen an. Sie werde es dem Baron berichten. Sie werde sich erkundigen über die Verschollenen, ob sie im Banat seien oder sonstwo. Man dürfe nicht die Hoffnung aufgeben, daß es ein Wiedersehen gebe … So tröstete sie, aber eine Nachricht brachte auch sie niemals.

Der Baron Pista versprach den Ärmsten und Unzufriedensten jetzt im Namen seines Vaters, daß ihnen von der ersten Ernte auch der halbe Zehent erlassen werden solle. Der Segen, der jetzt draußen auf der Pußta stand, machte ihn großmütig.

Diese Nachricht brachte der alte Zengraf heute der Bas' Evi. Sie nahm ihm die letzte Hoffnung, jetzt würden sich alle in ihr Schicksal finden, meinte er, und keiner mehr die anderen suchen. Die kluge Frau Trauttmann aber sagte dem Vetter Jost, das wäre für ihn am allergünstigsten. Sie werde schon reden mit der Frau Baronin. Vielleicht schon heuer nach der Ernte …

Der Alte verstand. Wenn jetzt alle freiwillig blieben, dann konnte man ihn, den Unnützen, ja laufen lassen. Nicht wahr?

Und da kamen endlich die vier Trauttmänner mit dem Matz. Lauter Männer wie die Eichen! Einen Rehbock hatte der Hannes in ihrem Wald erlegt, und sie brachten ihn der Mutter. Das soll der Erntebraten werden, sagte Trauttmann. Er war sehr befriedigt von dem Stand draußen. Am liebsten hätte er noch heute die Sicheln gedengelt. Es war Mitte Juni. Mit Riesenschritten kam der Schnitt heran, ,und der Vetter Philipp hatte da sein Sprüchlein bereit: Zu Peter und Paul werden die Kornwurzeln faul! »Motter, des werd a Jahr!« rief er. »Vetter Jost, gebt Euch zufreede, bleibt doo bei uns. Besser is 's ninderscht!«

»Naa, naa«, krächzte der Alte weinerlich. »Ich will zu meine Kinner, ich muß zu meine Kinner.« Und ohne Gute Nacht-Gruß ging er von dannen. Wenn alle blieben, er wollte es nicht. Und sein Enkel, der Mathes, auch nicht, wenn er auch schon einmal die Baschtonade gekriegt habe.

Die Trudel hatte indessen die zwei kleinen Wildfänge herbeigebracht, und da stand jetzt eine neunköpfige Familie vor dem Hause, das sie sich selbst gebaut, in einem Glück, das sie selber geschmiedet. Wie lange wird der starke Ring noch dauern? Frau Eva fragte es sich in dieser Stunde wieder. Der Matz war überreif für die Ehe, und ihre beiden Ältesten konnten auch schon daran denken, ein Weib zu nehmen. Drei neue Bauern sollten aus ihrem Hause hervorgehen für die kleine Kolonie. Und noch drei blieben übrig.

Aber woher die Schwiegertöchter nehmen? Nun, der Matz schien sich schon zu verstehen mit einer Schwarzwälderin. Und für die Ihren ist ja die Schwäbische Türkei nicht so weit. Zweimal waren sie um Kartoffelsamen herübergekommen, die Leute von Tevel. Und die Buben waren auch schon drüben. Bei einem Sautanz waren sie drüben und hatten die wunderliche Nachricht heimgebracht von einem Mädchendorf. Dort könne sich jeder eine Schwäbin zur Frau holen, hieß es. Und die Lust, das zu tun, blitzte ihnen aus den Augen.

Wie Gott will. Es bleiben noch vier Kinder im Hause, wenn die zwei ältesten Bauern werden. Und der Vater denkt noch lange nicht daran, ins Altenteil zu ziehen. Der ist der jüngste!

Mit solchen Gedanken beschloß die Bas' Eva diesen Sonntag vor der neuen, großen Ernte, während ihr Mann vor dem Schlafengehen besorgt nach einer dunklen Wolkenbank Ausschau hielt, die im Westen stand und in der es grollte und blitzte.

Delibáb

Der Wohlstand im Schlosse hatte sich gehoben. Und ein heißer Wunsch der Baronin Helene und ihrer greisen Mutter ließ sich erfüllen, man konnte den Pista für einige Zeit an den Wiener Hof schicken, konnte dem braven jungen, der bisher so gut wie nichts gelernt hatte, aus seinem Bauernadelstum heraushelfen. Vielleicht nahm man ihn in die hungarische Leibgarde auf, und er kam einst als Weltmann wieder heim. Wenn die Gräfin Lory es wollte, geschah es gewiß.

Und Pista ging gern. Aber es machte den Bruch zwischen den Eltern unheilbar … So klug hatten Pista und Andor es eingeleitet, daß die Eltern wenigstens bei dem uralten Erntefest zusammenkamen, seitdem die Deutschen diesem Fest einen erhöhten Glanz gaben. Das Fest war der große Tag der Leibeigenen. Die Schnitter brachten der Herrschaft nach vollendeter Ernte ihren Kranz aus Ähren und Feldblumen, und der Älteste hielt eine Ansprache an den Gutsherrn, der sie mit Wein bewirtete. Die Baronin aber kochte ihren Schnittern eigenhändig ein Schafpörkölt mit Kartoffeln, die sie noch nie gegessen, und bediente sie. Der erste Tanz mit dem Sprecher der Schnitter gehörte ihr. Der Zymbalschläger spielte auf, und eine Hirtenflöte begleitete ihn. Und die jungen Herren tanzten mit den Schnitterinnen unter freiem Himmel vor dem Schloß. Sie tanzten noch lange fort, als die Mutter sich zurückgezogen hatte und der Vater schon betrunken war …

Als auch die Schwarzwälder nach der zweiten Ernte ihren Kranz ins Schloß brachten und einen Sprecher gewählt hatten, der geloben sollte, daß sie jetzt freiwillig bleiben, da war der Augenblick der Begegnung, vielleicht der Versöhnung der Eltern gekommen.

Aber es war ein Schein, der nur eine Nacht leuchtete. Sobald Pista sich bereit zeigte, dem Wunsche der Mutter zu folgen, verfiel Parkoczy in eine wahre Raserei. Sein Sohn dürfe kein Söldling von Wien werden. Er verbiete es.

Die Baronin Helene trotzte ihm standhaft, und Pista ging nach Wien. Da Papa die Mittel sperrte, stattete die Großmutter Erdödy ihn aus.

Andor stand seitdem ganz allein zwischen den getrennten Eltern. Und er wünschte oft, er hätte mit Pista gehen können. Auf verschwiegenen nächtlichen Ritten sauste er manchmal über die Pußta, hinüber zur Csárda und besuchte sein Mädchen, das nicht wußte, wer er war und ihn für einen jungen Csikos nahm. Hätte einer der Pferdediebe; die da zu Hause waren, sein stilles Glück geahnt, er wäre nicht lebend heimgekommen. Aber Margit war schlau und geübt in der Kunst der Verstellung. Sie ging scheinbar schlafen, und die Mutter bediente die Betyaren. Aber bei der alten Windmühle draußen auf der Pußta traf man sich, wenn Andor wieder heimritt.

Sonst war ihm nichts geblieben als die Jagd. Aber es stellte sich allmählich auch eine stärkere Anteilnahme für die Landwirtschaft ein. So wie dieser Trauttmann und die Schwarzwälder das betrieben, war es eine Freude. Mit offenen Mäulern standen die Leibeigenen, die ein gutmütiges, braves Volk waren, oft da und schauten zu. Sie erschienen dem Baron Andor nur wie Halbmenschen, seitdem diese Deutschen hier schafften. Philipp Trauttmann aber sagte ihm: »Junger Herr, macht se zu freie Bauern, wenn Ihr einmal ans Ruder kommt, und sie werde nit viel weniger arbeite wie mir. Sie lerne schon! Sie gucke uns alles ab. Ihr habt noch altbiblische Weidewertschaft do in Hungarn. Is auch schön. Die Faulenzerei is eigentlich großartig Uns taugt des nit. Mir aus'm Reich betreibe Landwertschaft und schlage aus ei'm Joch mehr 'raus wie Ihr aus zwanzig.« Weidewirtschaft, Landwirtschaft. Der junge Baron verstand. Er hatte den Unterschied schon damals dunkel begriffen, als er drüben bei den Schwaben gewesen.

Acht Pferde und zwei Füllen hatte Trauttmann im Stalle stehen. Und die Söhne ritten an Sonntagen manchmal auf ferne Weiden, der Hannes und der Peter wollten es wenigstens an einem Tag der Woche so gut haben wie diese Hirten und Schäfer das ganze Jahr. Baron Andor ließ sich einmal herab, sie zu begleiten, ihnen eine besonders fette Weide zu zeigen. Sie ritten weit in die Ebene hinaus gegen Süden. Kartoffel, Speck und jungen Kukuruz hatten sie mit, und der Packan lief nebenher, der Sohn des Caraffa. Jetzt fürchtete er die Wölfe nicht mehr, er war schon mannbar.

In einer sanften Mulde, durch die eine Quelle rieselte, fanden sie die köstlichste Weide für die Pferde. Und die Tränke war auch zur Stelle.

Da lungerten die drei jungen Männer den ganzen Tag herum, schliefen, aßen das selbstbereitete Mahl, plauderten, schossen mit der Jagdflinte des jungen Herrn nach Geiern, die in den Lüften kreisten und, wo sie ein gefallenes Tier auf der weiten Steppe aufspürten, wie die Pfeile niederstießen. Eigentlich waren sie nützlich, diese Aasvögel, aber da sie in der Not auch lebendige Tiere angriffen, haßte und fürchtete man sie.

In der schwülen Mittagsstunde hatten die beiden Schwaben ihr Erlebnis.

Da lag man im Sonnenbrand, die Erde schien zu kochen, und ein Schleier von aufsteigenden Hitzewellen verhüllte den fernen Horizont. Andor unterbrach plötzlich das Gespräch über Pferde und Geier und junge Rinder und winkte den beiden zu, sie möchten schweigen. Wie verklärt starrte er in die Luft. Dort am Himmel stand ein See, ein Meer, das sich ruhig ausbreitete, keine Welle kräuselte seinen Spiegel … Es nähert sich, es nähert sich, schon steht die alte Windmühle im Wasser; aber nein, es kommt nicht. In weiter, weiter Ferne gleiten dunkle Punkte vorüber. Sind es Vögel? Sind es Schiffe?

»Jai, jaj, jaj«, lispelte Andor, »die Delibáb geht über die Pußta, die Fee Delibáb.«

Der Hannes und der Peter schauten ihn dumm an.

»Die Fata Morgana!« sagte er. Aber sie verstanden auch das nicht und waren wie auf den Mund geschlagen.

Plötzlich war der See verblaßt. Die Schleier bewegten sich, die Luftwellen zitterten und glitzerten in namenloser Hitze. Und an derselben Stelle des Himmels stachen jetzt Türme aus dem Dunst empor, Kirchtürme und Paläste, eine Stadt bildete sich vor ihren Augen. Ein hoher, herrlicher Turm überragte das Bild.

»Delibáb, Delibáb«, flüsterte Andor und faltete die Hände vor Entzücken. »Schaut! Schaut!«

Und die großen Buben schauten. Und ihnen war, als ritten viele, viele Soldaten durch die Tore dieser wunderschönen Stadt… .

Ein kräftiger Windhauch blies über die Steppe hin, im fernen Westen stiegen schneeweiße Wolken himmelan und türmten sich, eine über die andere. Im Nu war der Mittagszauber gebrochen, die märchenhafte Stadt zerfloß in das Nichts.

Andor sprang in die Höhe. »Das habt ihr noch nicht gesehen? Davon habt ihr noch nichts gehört?«

Die Buben, denen dieses Spiel der Luft die Rede benommen hatte, sahen sich fragend an. Keiner hatte es gesehen oder auch nur davon gehört.

»Ja, ihr bückt euch zu viel auf den Feldern, ihr schaut zu viel auf die Erde anstatt in den Himmel. Jeder Magyare kennt die Zauberin der Pußta, die Fee Delibáb«, sagte Andor.

Der Hannes kratzte sich den blonden Kopf und sagte: »Ich waaß nit – ich waaß nit, des muß a Hexerei sein … Des Erscht, des war schier 's Meer, uff dem m'r nach Ameriga fahrt; des anner, junger Herr, des war Wien.«

»Des war Wien!« schrie jetzt auch der Peter.

»Was?« rief Andor. »Wien?«

»Wien! Wien'!«' riefen beide Burschen. …Wien mit dem Stephansturm!«

»Da muß ich meinen alten Lehrer in Mohátsch fragen, den Pater Franziskus«, sagte Andor. »Er meinte, der Himmel sei der Spiegel Gottes, und was uns die Fee manchmal zeige, seien ferne, schöne Welten, Bilder aus Asien und Afrika. Vielleicht aus China.«

Die Buben blieben bei ihrer Behauptung, sie hätten heute Wien gesehen.

Allerlei Kämpfe

Der Hofkammerrat von Stephany hatte einen schlechten Morgen, er war mißgelaunt, denn die Gicht plagte ihn sehr. Es müsse ein anderes Wetter im Anzuge sein, versicherte die Tante Mathilde schon gestern. Der ahnungsvolle Engel! Jawohl, es war anderes Wetter im Anzug, und alle Ordnung schien dauernd gestört. Krieg! Krieg! hallte es in den engen Gassen von Wien, einer rief das Wort dem andern zu, und die Werber hatten ihre Tische wieder einmal auf allen öffentlichen Plätzen aufgestellt. Sie rasselten mit den Säbeln und klapperten mit den Gold- und Silbermünzen, die sie jedem jungen Burschen unter die Nase hielten. Zehrfrei waren alle, die sich ihnen näherten. Ein rinnendes Faß Bier hatten sie zur Linken, ein Faß Wein zur Rechten, und die Begeisterung schien groß zu sein »Krieg mit Frankreich, Krieg mit Italien, Krieg mit Spanien!« bramarbasierten sie, als ob sie an einem Feind nicht genug gehabt hätten, Ha! welche Beute winkte da dem Soldaten. Endlich waren wieder gute Tage für den Kriegerstand gekommen. Und der alte Löwe, der Prinz Eugenius, sei schon unterwegs nach dem Rhein … Neue Regimenter sollten folgen, nur herbei. wer kein Hasenfuß ist. Und überall wurde exerziert und gelärmt, und die Angeworbenen marschierten schon in kleinen Trupps aus der Stadt hinaus. Weinende Mädeln liefen nebenher und gaben den Geliebten das Geleite bis vor die Tore. Die Halbbetrunkenen aber sangen und jauchzten:

»Nun, mein' Gredel,
Setz'auf dein Schädel
Ein' randigen Hut;
Nimm mein Ranzen,
Wir müssen tanzen
Auf Leben und Blut.«

Der Hofkammerrat ging trotz seines gichtigen Fußes in seine Kanzlei, die Zeit war zu ernst und der Weg über den Marktplatz Am Hof nach dem Judenplatz nicht weit. Er geriet mitten in das kriegerische Getriebe und sah, daß die Stimmung für diesen unnützen Krieg eine gute war. Das freute ihn, denn er hatte gefürchtet, daß es anders kommen würde. Der greise Generalissimus kränkelte, er dachte nicht mehr daran, ein Kommando zu führen, aber er zauderte keinen Augenblick, als der Befehl an ihn erging, und reiste ab. Eine Armee sollte er sich am Rhein erst bilden. Und der Mercy war auch schon in Südtirol. Prinz Eugen war berufen, Frankreich in Schach zu halten, Mercy erhielt auf dem ihm wohlvertrauten italienischen Schauplatz das Oberkommando. Er riß sich nur mit Widerstreben von seinem Friedenswerke los im Banat, und seine Entfernung bereitete auch dem 1. Hofkammerrat nicht geringen Kummer. Ja, es verdroß ihn und störte seine Pläne, denn er hatte immer gehofft, der Sohn könnte sein Nachfolger werden. Dazu war er jetzt noch zu jung. Auch hatte sich dadurch alles verschoben, daß er das Klima nicht vertrug und daß auch die Lottel in Temeschwar nicht leben wollte… Man wird also mit einem Stellvertreter oder gar mit einem neuen Gouverneur arbeiten müssen. Das alles war lästig. Stephany haßte diesen dummen Krieg, der um die polnische Königswahl jetzt im Westen geführt werden sollte. Immer wieder mußten die deutschen Grenzlande am Rheine bluten, wenn irgendeine diplomatische Sünde zu büßen war. Und das Reich wollte sich diesmal nicht mitreißen lassen; dieser Krieg gehe sie nichts an, sagten die Fürsten… Schon war Lothringen überflutet. Sollte Franz Stephan sein Land einbüßen? Jetzt? Schon hausten die Franzmänner wieder in der Rheinpfalz! Die Auswanderer erzählten es mit Schrecken. Und ihre Zahl hatte sich trotz der späten Jahreszeit verdoppelt. Fluchtartig verließen sie ihr Vaterland, und Spottlieder brachten sie mit:

Ja, was nur Händ' und Füße regt,
Was geht, was schwimmt, was Eier legt,
Hat seine Feinde gern vom Leibe.
In Teutschland ist es umgewandt,
Wir öffnen unserm Feind das Land
Und leiden, daß er bleibe.«

Dieser bittere Vers war das Neueste. Er ging von Mund zu Mund unter den Leuten, die in Wien den Ulmer und Regensburger Schiffen entstiegen und ihre Pässe für Hungarn begehrten. Man hatte ihnen den Abschied leichtgemacht von der alten Heimat…

Als der Hofkammerrat langsam und unerkannt über den Platz Am Hof ging und sich den Weg durch die Menge bahnte, gab es ein groß Aufsehen. Von der Bognergasse her kam ein vornehmer Reitertrupp, der gegen das Schottentor zu ritt. »Der Herzog Stefan!« sagten einige. »Jessas, der schöne Franzos'!« rief eine dralle, junge Marktfrau, und der Ruf pflanzte sich unter ihren Genossinnen und den zu Markt gekommenen Bürgersfrauen weiter fort. »Der schöne Franzos'!« Das war der junge Herzog von Lothringen, Franz Stefan, der vom Kaiser selbst als Eidam war ausersehen worden. Er sollte die Maria Theres', die Thronerbin, heimführen.

Die Werber machten Front, ihre freiwilligen Opfer sperrten die Mäuler auf und starrten den glänzenden Aufzug an, der von der Hofburg gekommen war, wo der Herzog in Abschiedsaudienz empfangen wurde, denn auch er sollte an die Seite des Generalissimus eilen. Ging es doch um Lothringen. »Vivat! Vivat!« schrien die Werber, und »Vivat!«' schrien die Angeworbenen.

»Jessas na, wird des a schön's Paar!«, sagte die dralle Marktfrau, die sich nicht fassen konnte, und sah dem Herzog nach. »Der und die Th'res, so 'was hat's no niet geb'n in Haus Österreich.«

Der Hofkammerrat mußte dieses Urteil der Volksstimme bestätigen. Zwei der schönsten Geschöpfe Gottes kamen da einmal aus Neigung zusammen.

Als er in seine Kanzlei kam, fand er schon Briefe vor, Briefe aus dem Banat und auch von seinen Kindern aus der Schwäbischen Türkei. Der Festungskommandant von Temeschwar stellte sich vor als einstweiliger Stellvertreter in allen Kolonisationsfragen. Stadt und Land seien trostlos über die Abberufung des Gouverneurs, ihn zu vertreten wäre ein schwieriges Amt, und er bitte um die Unterstützung der Hofkammer… Die Kinder aber waren glücklich. Graf Anton berichtete über seine Ernennung zum Obristen und den neuen Wirkungskreis, der sich ihm in der Schwäbischen Türkei eröffnet habe. Bis Esseg hinunter habe er die oberste Aufsicht, der Generalissimus unterstellte ihm sogar sein Bellye. Und er glaube jetzt auch jenem Verbrechen auf der Spur zu sein, das vor drei Jahren an Schwarzwälder Auswanderern begangen wurde … Und die Lottel? Ach, die hatte ihren Wiener Humor wieder gefunden in der Schwäbischen Türkei. Sie lud den »Großpapa« zur Taufe eines Christkindleins ein.

Da verzog sich die Gicht aus dem Bein des alten Herrn bis unter den Nagel der großen Zehe und schämte sich. Die Herbstsonne draußen aber schien noch einmal so warm.

*

Die Freijahre waren für Trauttmann vorüber, jetzt bekam er zum Zehent für die Herrschaft auch die Steuern für den Staat vorgeschrieben. Sie waren nicht hoch. Aber die zweifache Belastung brachte ihm seine Abhängigkeit so recht zum Bewußtsein. War er ein freier Bauer wie die im Banat? Nein. Ehe er den Zehent nicht abgelöst hatte, konnte er sich nicht als solcher fühlen. Und wenn er sich nicht frei kaufte, wie sollten es seine Kinder einst tun? Weiß Gott, ob man ihnen ihr väterliches Erbe nicht einmal abstritt. Und wenn jetzt seine Ältesten auch Bauern werden sollen? Und der Kartoffel-Matz voran? Da heißt es achtgeben und klare Rechnung machen.

Er hatte in der alten Heimat endlich alles verkaufen lassen, hatte langsam die Gelder an sich herangezogen und auch das Erbe des Matz. Sie gehörten jetzt ganz hierher und konnten sich regen, wenn sie wollten. Der Zehent aber mußte weg; vorerst von seinem Grund und Boden, dann von dem, den der Matz antreten wollte. Die jungen hingegen sollten nur ein paar Jahre schaffen und sehen, was sie vermochten. Das hatte Zeit.

Und so spannte er eines Sonntagsmorgens ein und fuhr zum Baron nach St. Marton. Er hatte gehört, man könne nur am Morgen ein vernünftig Wort mit ihm reden.

Und der Baron war scherzhaft gelaunt heute.

»Was willst du, Bauer? Um wieviel Säcke Kartoffeln hast du mich heuer wieder betrogen? Hm?« Das war seine Antwort auf den Morgengruß des Philipp Trauttmann.

Dieser hatte in seinem Leben schon mit so vielen Herren der verschiedensten Art geredet, daß ihn diese Ansprache nicht sonderlich wundernahm. Er dachte sich seinen Teil und setzte dem Baron ruhig auseinander, was er wollte. Wo immer der Kaiser Deutsche auf Kameralgütern angesiedelt habe, seien sie völlig frei von den grundherrlichen Abgaben. Sie hätten nur die Staatssteuern zu bezahlen. Er sei um soviel schlechter daran, weil er zu einer Privatherrschaft gegangen sei und den Zehent auf sich genommen habe.

»Was?«' schrie der Baron. »Du willst mir den Zehent nicht mehr leisten?«

»O ja, Euer Gestreng«, sagte der Bauer und zog die Schrift aus der Tasche, die man ihm vor Jahren gegeben. »Ablöse. will ich's Ganze, wie's da geschriebe steht.«

»Geschrieben? Ich hätte etwas unterschrieben?« lachte der Baron höhnisch. Er besah das Papier und erinnerte sich allmählich. . . Ach so … Dann fluchte er über Martonffy, diesen alten Esel, der so etwas aufsetzen konnte, und machte Miene, das Schriftstück zu zerreißen. Aber Trauttmann griff danach und steckte es ein.

»Das gilt nicht!« rief Parkoczy. »Man hat mich übertölpelt.«

»Herr Baron, des gilt schon. Was ein Notar ufsetzt und der Grundherr unnerschreibt, des werd wohl recht sein«', sprach Trauttmann fest. »Ich bring' Euch die Ablösung vom Zehent für fufzig Joch.«

»In sieben Jahren hast du dir das erworben, du Lump, und ich soll für alle Ewigkeit auf den Zehent verzichten? Gibt's nicht! Gibt's nicht!« tobte Parkoczy.

»Herr«, sagte Trauttmann, »nenne Se mich koin Lumpe mehr, ich rat's Euch … Des Geld is mei' Vaterserbe. Des is aus der Rheinpfalz kumme. Ich tausch' d'rmit mein' dortige B'sitz für den hiesige. Wollt 'r mei' Geld nit nemme, dernoo wär's besser, ich steck' mei' Haus noch heunt an und wander fort.«

Sprachlos hörte der Baron diese Worte. Mit offenem Munde stand er vor dem deutschen Bauern, der eine solche Rede wagte. Der Mensch überragte ihn um Kopfeslänge. Und wild sah er aus in diesem Augenblick. Aber war nicht er der Herr? Wo ist denn der Fokosch? (Ein Stock mit einem Beil als Griff) Wo ist denn die Peitsche? Das Blut schoß ihm zu Kopf. Doch er bemeisterte sich, er wollte klug sein. Wer weiß, was daraus werden konnte … All die Schwarzwälder waren ohne eine schriftliche Abmachung angesiedelt, der Mensch konnte sie aufhetzen gegen ihn. Das schoß ihm blitzartig durch das Gehirn.

»Dein Haus willst du anzünden? Fort willst du?« fauchte er den Bauer an.

»Wann ich mei' Recht nit find gege den Herrn Baron, wär's das Gescheiteste.«

Prozessieren willst du mit mir?«

«Warum nit? Mei' Recht is klar und deutlich.«

,Hahaha! Weißt du, wie lange ein solcher Prozeß in Hungarn dauert? Hundert Jahre.«

Philipp Trauttmann hatte eine bessere Meinung von seinem neuen Vaterland. Das glaube er nicht, sagte er. Aber er könne ja einmal hinüberfahren nach Tevel, wo jetzt der Graf Mercy residieren soll. Vielleicht sei ein anderes Plätzchen für ihn in der Schwäbischen Türkei zu finden. Für ihn und seine Söhne, die sich ja doch bald verheiraten werden. Keinesfalls dürfen seine Söhne nach solchen Erfahrungen sich auch hier ansiedeln. Das verbiete er ihnen. Und dem Matz müsse er auch abraten davon.

Trauttmann merkte gar nicht, welchen Eindruck der Name des Grafen Mercy auf seinen Gutsherrn gemacht hatte. Er saß wie erstarrt da und ließ den Bauer reden … Der Mercy war in solcher Nähe? Der wilde Mercy, dem er die Schwarzwälder weggeschnappt hatte? Das mußte um jeden Preis verhindert werden, daß der Trauttmann zu ihm ging. »Hol' mich der Teufel, Bauer, ich will keinen Prozeß mit dir. Gib her dein Geld, du bist frei vom Zehent. Aber unter einer Bedingung: du sagst es keinem Schwarzwälder, du gehst nicht nach Tevel, und deine Söhne bleiben bei mir. Was hier ist, muß hier bleiben.«

Trauttmann überlegte. »Herr Baron, davon steht nix in dieser G'schrift. Awer ich bin koin Plauderer. Mei' Sach' geht koin Schwarzwälder 'was an. Und 's is mir auch lieber, ich brauch' nit uff Tevel fahre. Was mei' Buwe betrifft, die sin freie Männer, die könne mache, was se wolle. Die werde do hier koin Baure werde wolle, und der Matz auch nit, wann se nit dieselb' Rechte kriege wie ich!«

»Das wollen wir doch abwarten«, sagte der Baron spöttisch.« Heute handelt sich's nur um deine Sache. Zahl, Bauer, halt's Maul und pack' dich; ich habe genug mit dir geredet.«

Trauttmann sprach kein Wort mehr Er erlegte zweitausendfünfhundert Gulden Zehentablösung, also für jedes Joch fünfzig Gulden, und der Baron bestätigte es ihm auf der alten Schrift. »Ausbezahlt erhalten. Septembris 15, Anno 1733, Parkoczy.«

Mit kurzem Gruß trat Philipp Trauttmann aus der Stube, ging zu seinem Wagen, den der Ferdinand überwacht hatte, und fuhr heim.

Soll ihm noch einmal einer in den Wurf kommen von den Knechten dieses alten Satans, die seine Felder und sein Haus immer beschnüffelten! jetzt war er frei, ganz frei. Das andere wird sich finden.

Als die Familie am Abend beisammensaß, rückte der Matz endlich mit einem Anliegen, das ihn schon lange bedrückte, heraus. Der Vetter Philipp möchte den Brautwerber für ihn machen, bat er. Er habe sich die Imhof's Bärbl von den Schwarzwäldern zur künftigen Frau erwählt, und er glaube wohl, daß die Eltern ihn nicht abweisen werden. Vielleicht könnte er schon in diesem Herbst eigenes Feld kriegen und anbauen und dann im Fasching heiraten.

Den Brautwerber wollte der Vetter Philipp gern für seinen Matz machen. Von Herzen gern, sagte er. Die Sache mit den Feldern aber will noch überlegt sein. Er werde schon noch reden mit ihm darüber. Auch die Bas' Evi war hoch erfreut, daß der Kartoffel-Matz endlich das Maul aufgemacht hatte. Sie wußte es ja schon lange. Und die Bärbl war ein gar braves, fleißiges, starkes Mädel. »Die konn schaffe, die konn e Haus z'sammehalte«, sagte sie. Und sie ließ ihre Ältesten merken, daß auch sie schon Zeit hätten. In so ein Haus voll Männer gehören Weiberleut, meinte sie. Sie brauche Hilfe.

Da räkelte sich der Hannes und meinte, das wäre gescheit, daß die Mutter selber davon rede. Er und der Peter möchten schon lange gern auf Brautschau gehen; wenn's verlaubt wäre, gleich, noch vor dem Anbauen. Vielleicht könnte man im Fasching drei Hochzeiten halten.

»Um Gott's wille!« rief die Mutter. »wie sollt' m'r denn des zwinge?`

Der Vater aber fragte: »Wohin uff Brautschau?«

Der Peter erzählte lachend, sie hätten in Tevel drüben gehört, der Niklas Wekerle habe es ihnen erzählt, es gäbe ein Mädeldorf in der Bátschka. Da möchten sie hin. Eine Wittib kommandiere das ganze Dorf. Der Markgraf von Baden habe einmal hundertfünfzig Schwabenmädeln ausgestattet, und die hätten von dort weg alle geheiratet. Die Wittib habe aber wiederum fünfzig kommen lassen aus der Heimat. Die könnte man sich doch anschauen. Der Vater zuckte die Achseln und sagte nichts. Das bewies, daß er nicht dagegen war. Er redete mit dem Matz dann über die Imhofleute und wollte wissen, wie sie standen, was die Bärbl mitbekomme. Da erfuhr er, daß die Familie zu denen gehörte, die getrennt worden sind. Der Großvater, der mit den Familien seiner zwei Söhne auswanderte, habe fünfhundert Taler bei sich gehabt. Die eine Familie ist hier, die andere mit dem Großvater weiß Gott wo. Die Bärbl sei darum auch arm.

Die Gewalttat des Barons werde schon einmal einen Richter finden, meinte der Bauer. Und zu seinen Söhnen sagte er vor dem Schlafengehen: »In der zweit' Oktoberwoch' werd angebaut.«

Sie deuteten das so, daß sie jetzt Urlaub hätten. Und die Mutter und Trudel wuschen und bügelten am nächsten Tag, kochten und buken und statteten die Buben aus zur Brautschau. Diese selbst richteten sich den schönsten Wagen her und striegelten und putzten die zwei jüngsten und schnellsten Pferde. Der Schwarzwälder Schmied, der Eckerts Adam, beschlug sie ihnen neu. Und als die Trugl, die als Wagensitz diente, mit Kleidern und Wäsche gepackt und alle Tornister mit guten Sachen gefüllt waren, fuhren die Burschen fröhlich aus.

Der Vater winkte ihnen vom Fenster zu. »Gebt uff die Gäul' acht und macht keine Dummheite«, sagte er.

Die Mutter aber stand am Tor, als sie ausfuhren und trocknete sich die Augen mit der Schürze. Sie sah ihnen nach so lange sie zu sehen waren. »Mit Gott! Mit Gott!« war ihr letzter Gedanke.

*

Parkoczy hatte das Geld des Trauttmann voll Behagen ein paarmal nachgezählt, als der Bauer draußen war. Eigentlich erinnerte er sich gar nicht, jemals so viel bares Geld besessen zu haben. Es wäre doch ganz schön, wenn der Kartoffel-Matz und die zwei Söhne dieses Schwaben dasselbe zahlten, dachte er. Damit hätte man für lange, lange Geld genug. Er bedauerte beinahe seine Schroffheit. Nun, nachlaufen wird er ihnen nicht, die werden schon selber kommen. Aber bewachen wird er seine Kolonie bei Tag und bei Nacht lassen müssen. Hol' der Teufel diesen Mercy. Muß der gerade in Högyész ein Kastell haben. Wenn einer von den Schwarzwäldern dahin kommt und ihn verklagt…Nein, nein, das muß verhindert werden.

Und schon nach zwei Tagen wurde ihm berichtet, es gehe etwas vor bei Trauttmann. Die Söhne ziehen fort, hieß es am dritten Tag, sie suchen eine andere Kolonie.

Was? Der Mensch untersteht sich? Nun ja, hat er denn nicht gedroht damit? Und der Matz wird wohl auch fort wollen. Drei neue Bauern, von denen jeder einmal fünfzig Joch bewirtschaften kann, sollen ihm verloren gehen? Ein Wutanfall warf ihn fast nieder, als man ihm die erfolgte Abfahrt meldete. Und er ließ durch die Katicza seine Kuruzzen zusammenrufen und ihre Söhne.

Ob sie wieder ein Schiff voll Schwaben fangen sollten, fragten sie dienstfertig. Sie seien bereit. »Nein, nur zwei Entlaufene. Holt sie ein mit euren schnellsten Pferden. Zwingt sie zur Umkehr. Wollen sie nicht, wehren sie sich, gebt ihnen die Bastonade, und werft sie in ihren Wagen. Die Pferde werden schon wieder heimfinden mit ihnen.«

Wie eine entfesselte Meute sausten die Leibeigenen über die Pußta hin. Eine Jagd auf Schwaben? Oh, die war ihnen willkommen . . . »Hoih! Hoih!« Wie Sitte und Brauch es heischten, hatte Philipp Trauttmann die Brautwerbung für den Matz am Tage nach der Abfahrt seiner Söhne angebracht. So wie für einen eigenen Sohn redete er. Und die Imhofs Bärbl wurde ihm nicht verweigert. Sie soll auch evangelisch werden, wenn der Matz es haben wolle. Daß sie zur Zeit noch ein armes Mädel sei, verheimlichten die Eltern dem Brautwerber nicht. Vielleicht ändere sich das noch einmal, versprechen könne man nichts. Nachdem der väterliche Brautwerber dem Matz alles berichtet hatte, sprach er auch über das Wirtschaftliche mit ihm. Zwei junge Leute, Mann und Weib, ohne Knechte, ohne erwachsene Kinder, die mithelfen, können nicht gar viel schaffen in den ersten Jahren. Er soll wenig Feld übernehmen, sich aber fünfzig Joch vorbehalten. Und nur schriftlich! Einstweilen keinen Kreuzer hergeben, das Feld auf Zehent übernehmen und sich die Ablösung ausbedingen. Genauso wie er. Lieber fortwandern als es anders machen. Jeder künftige Erbe des Barons könne die Schwarzwälder verjagen von Haus und Hof. Auf so einen schwachen Grund dürfe er seine Heimat nicht stellen, er müsse fester bauen. Und zu dem Baron dürfe er kein Vertrauen haben; seitdem dessen ältester Sohn fort sei, fehle sein guter Geist.

Die Trudel rief zu Tisch, Mutter habe 'was Gutes gekocht für den Brautwerber und den Bräutigam. Der Ferdinand kam aus dem Stall herbei, er hatte gefüttert. Aber wie man sich um den runden Tisch setzte und die Mutter die Milchsuppe auftrug, wieherte es draußen vor dem Tor.

Alle horchten auf. Es wieherte noch einmal.

»Des is doch die Bleß!«' rief der Matz.

»Was dir nit einfällt!« sagte die Mutter. »Die Buwe sin wohl schon über Mohátsch 'naus.«

Ein lautes Stimmengewirr wurde von draußen vernehmbar, und Ferdinand stürzte zum Fenster.

»Vatter! Vatter!« schrie er, »der Wage is doo!« Und lief hinaus, ganz blaß und verwirrt, um das Tor zu öffnen.

Den Bauern überfiel die dunkle Ahnung von einem Unglück. Er warf den Zinnlöffel auf den Tisch und folgte dem Ferdinand. »Bleib', Motter, bleib«', rief er noch zurück.

Der führerlose Wagen kam durch das geöffnete Tor, und hinter ihm drängte ein Schwarm von Schwarzwäldern nach, Männer, Frauen, Kinder. Der alte Zengraf voran. Und er ballte die Faust. »Oh, Vetter Philipp! Vetter Philipp!« rief er. Und, die Weiber weinten.

Trauttmann stürzte sich auf den Wagen. Mit verzerrtem Gesicht stand er da, keines Wortes mächtig. Seine zwei Söhne lagen blutüberströmt im Wagen, sie schienen bewußtlos zu sein. Er griff nach ihren Gesichtern, nach ihren Händen, sie waren warm. Oh, sie lebten! Aufkreischend kam die Mutter herbei, aber Trauttmann hielt sie zurück. »Sie lebe! 's werd nit viel sein . . . Häwe vielleicht mit Zigeuner geraaft«, sagte er ihr.

»O naa, o naa!« rief der Jost Zengraf. »Des is ganz 'was annerscht!« und ballte beide Fäuste.

Indessen hatte Ferdinand den Schragen rückwärts geöffnet, und der Matz hob den Peter heraus. Der Vater sah es zuerst,. der Bursche hatte keine Stiefel an, und seine Füße waren dick verschwollene, blutige Klumpen. Und beim Hannes dasselbe. Und ihre Kleider vom Leibe gerissen, die Köpfe auch blutig geschlagen.

»Was is do g'schehge?« rief der Bauer auf, als ob man ihm ein Messer in die Brust gestoßen hätte. Die Frau Eva aber sank in die Knie vor ihren zerschlagenen Kindern und weinte herzbrechend. »Uff Brautschau sin se ausgezoge und sau (so) kimme se z'rück … O mein Gott! O mein Gott!«

Der alte Zengraf trat beinahe unwillig an den Bauer heran: Ja, merkt'r denn noch nit, wer des getaun hot? Der alt' Teufel do driwe, der Baron! So wie mei'm Mathes!«

Ja, es war kein Zweifel. Der mußte es getan haben. . . Mit wilden Blicken schaute Trauttmann um sich, er wies die vielen Leute aus dem Hof, er brauchte ihr Mitleid nicht, er werde sich seine Rache schon nehmen, sagte er. Und sie zogen sich alle zurück, der Matz schloß das Tor. Nur die Bärbel Imhof blieb. Sie hatte gleich Wasser geschöpft am Brunnen, und die Mutter wusch ihren Söhnen jetzt die Kopfwunden aus. Um die schauerlichen Füße der Burschen aber wickelten die Trudel und die Bärbel nasse, kühle Tücher.

Da regten sich die beiden Ohnmächtigen, diese Kühlung ihrer Wunden tat ihnen wohl, und sie wurden langsam wach. Der Vater und der Matz trugen sie behutsam ins Haus, in ihre Betten. Und die Bärbel wußte einen Rat in dieser Not. Als vor zwei Jahren der junge Zengraf von den Schwarzwäldern, der durchgehen wollte, dieselbe Strafe erlitt, da habe ein alter Leibeigener ihm eine Pflanzensalbe für die Füße gebracht. Ob sie den aufsuchen solle? Damals habe die Salbe geholfen. Das Mittel wär' noch aus der türkischen Zeit bekannt.

Viel tausendmal dankte Frau Eva der Bärbl. Sie möchte den Mann doch geschwind herbeirufen mit seiner Salbe.

Es folgten Tage des Jammers und der stillen Wut. Die Buben mußten der Mutter immer wieder den Oberfall erzählen … Sie waren einer Horde von zwanzig nach hartem Widerstand erlegen, und die glaubten selber, daß es die Leute aus der Umgebung des alten Parkoczy gewesen. Bestimmt getrauten sie sich das nicht zu sagen, aber erkennen wollten sie jeden einzelnen wieder. Der Vater ging wortlos, sich in stillem Ingrimm verzehrend, im Hause umher. Er fragte die Söhne nur manchmal, ob sie denn noch immer nicht aufrecht stehen könnten.

Nein, noch nicht!

Und den Matz schickte er heimlich nach Mohátsch. Bei Nacht und Nebel ritt er davon. Ehe ihm vielleicht etwas Ähnliches begegnen konnte, sollte er schon auf dem Rückweg sein. Er möchte dem alten Notär Martonffy erzählen, was hier geschehen sei, und ihn um Rat fragen, was nach Landesbrauch zu tun wäre, um Recht zu erlangen gegen den Baron. Und drei gute Flinten möge er kaufen und mitbringen. Und viel Munition dazu.

Der Bauer schloß in dieser Nacht kein Auge. War doch der Baron augenscheinlich von dem Wahn beherrscht, er sei der Herr über all diese deutschen Kolonisten, und keiner dürfe ohne sein Wissen das Gebiet verlassen. Und Spione hatte er gewiß. Wie leicht konnte dem Matz das Gleiche begegnen trotz aller Heimlichkeit und Vorsicht. Aber es mußte gewagt werden. Wenn es für diese Schandtat eine Sühne gab auf rechtlichem Weg, dann wollte Trauttmann diesen Weg betreten. Er war verantwortlich für alle, durfte nicht im ersten Zorn handeln und vielleicht sein Haus untergraben, das er so fest gegründet hatte. Aber im äußersten Fall war er zum äußersten entschlossen. Die Sühne mußte gefordert, mußte erreicht werden.

Und der Matz machte seine Sache gut. Er kam mit den drei Feuersteinflinten zurück und mit einem schönen Gruß vom Herrn Notär. Der lasse ihm sagen, es herrsche das Statarium (Standrecht) im ganzen Lande. Der Bauer, der sich an einem Herrn vergreife, werde aufgehängt. jeder Gutsherr besitze das jus gladiis, das sei das Recht der Prügelstrafe. Freie Bauern mit besonderen Rechten kenne das ungarische Gesetz noch nicht, dieses Gesetz müßte erst gemacht werden. Klagen könne der Bauer ja beim Stuhlrichter in Mohátsch, aber es könnte sein, daß der nur lacht zu solch einer Klage eines Bauers.

»Lacht? Lacht?« knirschte Trauttmann in tiefer Wut. »Er soll nit lache über mich! Wo's kein Recht git, do muß m'r sich selber helfe.«

*

Die Schwarzwälder hatten am' ersten Sonntag im Oktober vor ihrem Bethaus eine Besprechung. Man sollte nun doch daran gehen, eine Gemeinde zu bilden, meinten die Alten. Sie säßen jetzt bald im dritten Jahr hier, und die Mehrzahl von ihnen würde wohl immer hier bleiben. Da gehöre es sich, daß man ein wenig Ordnung mache. Man brauche nicht nur einen Geistlichen, der ab und zu eine Messe lese, man brauche ein Oberhaupt, einen Führer. Dann würden solche Sachen doch vielleicht nicht mehr vorkommen wie neulich wieder. Wer soll der Führer sein? Wen wollen wir an die Spitze stellen?

»Den Trauttmann. war die Antwort vieler. »Nur den Trauttmann!«

Und es wurden die drei Ältesten gebeten, bei dem Bauer anzuklopfen, ob er die Ehre annehmen wolle.

Als die Männer nachmittags im Hause erschienen, kamen sie gerade dazu, wie der Hannes und der Peter ihre ersten Gehversuche machten. Jetzt kam das Anbauen, und sie waren noch immer unnütz für die Wirtschaft. Aber es ging. Es ging! Stiefel konnten sie ja noch keine tragen, aber mit fest eingewickelten Füßen und guten Opanken (Sandalen), wie sie die Slowaken anhatten, konnte man sich schon bewegen. Die türkische Salbe tat ihre Schuldigkeit.

Philipp Trautmann war nicht unempfindlich für die ihm zugedachte Ehre. O nein! Der erste Richter einer neuen, durch ihn selbst möglich gemachten Gemeinde zu sein, dünkte ihm ein schönes Amt. Aber er sagte nein. Solange er mit dem Gutsherrn nicht abgerechnet habe, gründlich abgerechnet, solange könne er an so etwas nicht denken. Er lade alle die Schwarzwälder, die nur wider Willen hier sind und die auch einmal ein deutsches Wort mit dem Herrn von Parkoczy reden möchten, ein, heute gegen Abend zu ihm zu kommen.

Und es kamen zehn Männer. Der alte Jost Zengraf, der Niklas Lulay, der Michel Hames, der Kaspar Jäger, Adam Eckert, der Schmied, und andere. Der junge Mathes Zengraf, der geprügelte Enkel des Jost, war der erste im Hof.

Bänke und Stühle wurden vom Ferdinand und der Trudel herbeigebracht, und es nahmen alle rundum Platz, auch die drei erwachsenen Söhne des Hauses und der Matz. Trauttmann allein stand aufrecht. Und er sagte den Männern, was er vorhabe. Er sei der Meinung, daß man dem Gutsherrn, der da glaube, es sei ihm alles erlaubt, eine tüchtige Lehre geben müsse, Der Herr habe Menschenraub begangen, und der Arm der Gerechtigkeit erreichte ihn nicht. Er gab seine Sklaven dann scheinbar frei, weil sie für ihn schaffen sollten, aber den ersten, der sich entfernen wollte von seinem Besitz, habe er auf türkische Weise halbtot schlagen lassen. Die anderen lasse er ständig überwachen, und in Wahrheit betrachte er sie alle als seine Leibeigenen. Auch ihn, der sich um schweres Geld freigekauft habe vom Zehent. Und auch seinen Söhne will er die Freizügigkeit bestreiten. Er habe nicht gefragt, warum sie fortgefahren sind, er habe sie einfach abfangen und zuschanden schlagen lassen. Das sei das schlechte Gewissen. Der Mann fürchte die Entfernung jedes Mannes von Dobok, und er werde, wenn man sich nicht endlich wehre, jedem das Gleiche tun, was er dem Mathes Zengraf und seinen eigenen beiden Söhnen getan habe. Wie sollen wir diesen übermütigen Tyrannen strafen?«

»Erschlagen sollt m'r 'n!« rief der alte Zengraf, und einige stimmten ihm zu.

»Is denn niemand in dem großen, schönen Land, der sich unser annimmt?« fragte ein anderer Alter. »Niemand«, entgegnete Trauttmann. »Der Matz war heimlich in Mohátsch beim Notär und hat um Rat gefragt. Leut', es git koin Recht far uns. Die Herre häwe des Recht, die Baure prügeln zu lasse, und sie häwe des Recht, den, der sich wehrt, uffhänge zu lasse.«

»Was? Wie? Wie?« riefen die Männer durcheinander.

»Uffhänge!« sprach Trauttmann.

Sie schwiegen.

Da fuhr der Bauer fort: »Männer«, sagte er, »ich will euch befreie. Schleift eure Sense, lad't eure Flinte, nehmt Knüppel oder Mistgabel, 's is alles eins, wenn ihr euch nur wehre könnt. Und mer ziehe hin vor sei lumpiges Herrehaus und verlange unser Recht. Er muß es uns gäwe, er muß uns als freie Mensche anerkenne, die hingehe könne, wohin se wolle. Und wann's Blut koscht, er muß.«

»Ja, er muß! Er muß! Er muß!«

Einstimmig war der Beschluß gefaßt.

Und sie zogen ihrer fünfzehn am nächsten Morgen gegen St. Marton hin. Der Hannes und der Peter waren beritten, für sie war der Marsch zu weit. Jeder aus dem Haus Trauttmann hatte eine Flinte. Die anderen brachten nur zwei Flinten auf, aber sie trugen die verschiedensten Waffen. Der junge Mathes Zengraf hatte zwei kräftige Haselstöcke über Nacht in Salzwasser eingeweicht. Man lachte ihn aus, als er damit erschien. Aber er ballte nur die Fäuste und schwieg. Philipp Trauttmann tauschte einen langen Blick mit dem Jungen. Sie verstanden sich.

»Mer müsse früh kumme, bevor er b'soffe is«, hatte Trauttmann gestern gesagt. Und sie kamen früh.

Das gab ein Aufsehen bei den Leibeigenen, als die bewaffneten Schwaben gegen das alte Herrenhaus marschierten und dort Halt machten. Eckert, der Schmied, schlug mit einem Beil dreimal an das morsche Tor, daß es augenblicklich ein Loch kriegte und aus den Angeln brach.

»Gute Marje!« rief er munter.

Die Katicza steckte droben den Kopf aus dem Fenster, und ein paar zusammengelaufene Leibeigene schrien »Hoih! Hoih!« und lärmten.

»Der Gutsherr soll runnerkumme zu uns!« rief Trauttmann, mit dem Gewehr im Arm, der Katicza zu.

Alsbald erschien Parkoczy am Fenster. Seine Augen wurden starr beim Anblick der Männer, seine Lippen bewegten sich scheinbar, aber man hörte nichts.

»Runner kumme! Runner kumme! Da her kumme!« brüllten ihm alle entgegen.

Parkoczy trat rasch zurück und kam mit zwei Pistolen wieder ans Fenster. Eine legte er vor sich hin, die andere hielt er in der Rechten. »Wer hat euch hergeführt«, schrie er, »ihr Rebellen?«

Aber es richteten sich sogleich sieben Flintenläufe gegen ihn, und alles war totenstill.

Alle Hähne waren gespannt.

»Ihr sollt herunterkommen, wir müsse rede mit Euch«, sprach Trauttmann.

»Red' sollt Ihr steh'n!«' riefen die anderen. »Es geschieht Euch nix.«

Parkoczy wendete sich jetzt an die Leibeigenen. »Ruft schnell den Béres, den Janczi, den Antal, den Farkas!« schrie er.

»Uffgepaßt!« sagte Trauttmann zum Hannes und zum Peter. Und die wendeten ihre Pferde und richteten ihre Flinten gegen die, die sich entfernen wollten. »Wer von hier geht, kriegt eine blaue Bohne in den Buckel!« rief der Hannes.

Und keiner entfernte sich.

»Holt 'n runner!« sprach Trauttmann zu den Männern. Und der Eckerts Schmied und der junge Zengraf ließen sich das nicht zweimal sagen, sie holten ihn. Er schoß nicht, er fluchte nicht, er gab sich einen Ruck und ging stramm mit den beiden. Die Pistolen ließ er zurück, nur sein Herrengefühl, das er wiedergefunden, brachte er mit.

»Was wollt ihr von mir, ihr Rebellen? Wißt ihr, daß ich euch alle aufhängen lassen kann?« fragte er und war nicht ohne Haltung und Würde in diesem Augenblick.

»Probiert's! Probiert's!« lachten ihm die Bauern entgegen.

»Herr Baron«, begann Trauttmann, »Ihr habt die Schwarzwälder gefangen und haltet sie hier wie Leibeigene fescht.«

»Hab' ich diese Bettler nicht zu freien Bauern gemacht? Was wollen sie noch?«

»Es will jeder gehen, wohin es ihm gefällt.«

»Das erlaube ich nicht.«

»Mit welchem Recht habt Ihr den Mathes Zengraf damals abfangen und ihm die Baschtonade gäwe lasse?«

Mit dem Recht des Gutsherrn, du dummer Bauer! Kennst du meine Rechte nicht?«

»Mit welchem Recht habt Ihr meine eigenen Söhne, die uff Brautschau ausgefahre sin, abg'fange und halbtot schlage lasse?«

»Auf Brautschau?« sprach Parkoczy, und seine Stimme verlor ihren festen Klang.

»Ich bin ein freier Bauer und sitze auf mei'm gekeufte Grund und Bode. Warum habt Ihr des getan?« schrie Trauttmann, bebend vor Zorn.

»Das war ein Irrturn!« sagte der Baron.

»So? Ein Irrtum wär' des gewese? Solche Irrtümer wer'n mer Euch austreibe. Mer schlage Euch tot, wann Ihr noch ein' deutsche Mann anrührt. Häbt 'r mich verschtanne, Herr? Ja?« Und er hielt ihm die geballte Faust vors Gesicht.

»Für diese Rede verdienst du den Galgen!« rief Parkoczy und trat einen Schritt zurück.

»Was?« schrie Trauttmann voll namenloser Wut. »Ihr loßt mei' Buwe halbtot prügle und ich verdien' de Galge? Seid Ihr b'soffe?«

Parkoczy biß die Zähne zusammen und ballte die Fäuste, aber er sagte nichts und rührte sich nicht.

Trauttmann gewann seine Selbstbeherrschung wieder.

»Ich frag' Euch jetzt im Namen aller Schwarzwälder, die mich zu ihrem Wortführer und zu ihrem Richter wähle wolle in der Gemeinde: Wollt Ihr jedem das Recht zurückgeben, zu gehen, wohin er will?«

»Nein!« schrie der Baron. »Wer hier angesiedelt ist, der muß hier bleiben.«

»Hoho! Hoho! Mer wolle fort!« schrien mehrere. Mer wolle wisse, wo unser Kinner hinkomme sin! Mer wolle zu ehna (ihnen)«, rief der alte Zengraf. »Mer wolle se suche losse!«

»Später einmal«, sagte Parkoczy etwas verwirrt. »jetzt noch nicht! Niemand darf fort!«

Ein wildes Getümmel entstand. Sie merkten, er fürchte sich, daß seine Tat verraten würde, und riefen ihm Schimpfworte und Beleidigungen aller Art zu. Der Mathes Zengraf aber sprang mit einem Satz vor ihn hin und schrie ihn an. »Und wann ich morge wieder fortgeh' ins Banat und will zu meiner Braut, was g'schicht mer? Sagt's!«

»Du kriegst wieder die Bastonade«, antwortete starrsinnig der Baron.

Da packte der junge Riese den alten Mann beim Genick und warf ihn nieder. Dann begann er an seinen Tschismen zu zerren und zu ziehen. Der Eckerts Schmied verstand, was er wollte, und half sogleich mit. Im Nu war der Baron barfuß.

»Uff de Bank mit ehm! Uff de Bank!« schrien einige. Und sie legten den keuchenden, sich wehrenden, aber schwerfälligen Baron, dem niemand zu Hilfe kam, auf die Bank, die neben der Haustür stand. Der Mathes aber ließ einen Haselstecken prüfend durch die Luft pfeifen. Der Gedanke bereitete ihm ein teuflisches Vergnügen, jetzt seine Rache nehmen zu können. Und Philipp Trauttmann machte keine Miene, das zu verhindern, denn er fühlte, daß er gar kein Zugeständnis von dem starrköpfigen Herrn erpreßt hatte. Wenn sie jetzt einlenken und heimziehen, blieb alles, wie es war, und man schickte ihnen für den Aufruhr obendrein weiß Gott welche Gerichtsbarkeit auf den Hals. Da war es gleichgültig, was weiter geschah. Die Bastonade habe er redlich verdient.

In dieser Schicksalsstunde ereignete sich plötzlich etwas, das sie alle von ihrem Opfer ablenkte. Ein heller Trompetenton schmetterte einher, es mußten Soldaten in nächster Nähe sein, kaiserliche Soldaten. Nie hatte man hier welche gesehen, niemand wußte, was das bedeuten konnte. Alle schauten sich erschreckt an und ein wenig erfreut zugleich. »Halt! Halt!« rief Trauttmann, wie erlöst von einer schweren Pflicht. Der Baron aber nützte den Augenblick, er entriß sich behende seinen Peinigern, und unter Zurücklassung seiner Tschismen entfloh er in das Herrenhaus.

Für den Humor dieser Lage hatte niemand ein Auge, alle standen sie im Banne der wunderlichen Erscheinung, daß da auf einmal zehn Reiter auftauchten, hohe Offiziere, Heiducken und ein Trompeter. An ihrer Spitze ein stattlicher Obrist, neben ihm, ein wenig verschüchtert, blaß und traurig, der junge Baron Andor.

»Wir sind zur Stelle, Herr Obrist, hier wohnt mein Vater«, sagte dieser. Und er war höchlich betroffen von der Ansammlung von bewaffneten Schwaben und so vielen Leibeigenen. Ein Diener eilte auf Andor zu und erzählte ihm in fliegender Hast, was sich hier begab. Der erschrak zu Tode. Auf Umwegen hatte er die Herrn, die seinen Vater im Schloß suchten. hierher geführt. Er ahnte, um was es sich handelte, und wollte nicht, daß der Obrist die Kolonie in Dobok sehe. Und jetzt waren die Schwaben hier? Waren im Aufruhr?

»Was gibt es hier?«' fragte Graf Anton von Mercy. »Warum seid ihr in Waffen hier?«

Alle schauten auf Trauttmann. Der sollte reden.

»Herr Offizier«, sagte dieser, »es hätt' solle ein' Strafgericht vollzoge werde an ei'm böse Herr… Vielleicht vollzieht Ihr's.«

»Wer seid ihr alle?«'

»Des sein e paar von de Schwarzwälder, Herr Offizier, die der da drin dem Grof Merzi geraubt hot uff der Donau.«

Ein Freudenstrahl wetterleuchtete über das Gesicht des Obristen, und er tauschte mit seinen Begleitern einen befriedigten Blick.

»Euch suche ich«', sagte er. »Wo haust Ihr?«

»Eine Stund' von do, in Dobok driwe«, sagte Trauttmann.

Und nun erzählten sie alle mit Überstürzung, wie der Baron sie behandelte, was er ihnen angetan, und warum sie heute voll Verzweiflung hierhergezogen seien. Indessen war Andor abgesessen und ins Herrenhaus geeilt zu seinem Vater.

»Beruhigt euch«, sagte Graf Mercy, »Zieht heim und überlaßt den Herrn mir. Ich komme zu euch hinüber, wenn ich hier fertig bin.«

Alle waren es zufrieden, nur der alte Jost Zengraf nicht. »Herr Offizier«, sprach er, »bleiwe mer die Leibeigene von dem Gutsberr do oder wer'n m'r frei?«

»Frei seid ihr«, sagte der Obrist. »Wer von euch will, kann sogleich ins Banat wandern. Eure Freunde sind alle dort.«

»Juchhu!« krähte der Alte. Juchhu!«

Und sie brachen unter Trauttmanns Führung auf und zogen heimwärts. Die Sache hatte ein besseres Ende genommen als sie alle erwarteten. Nur der Mathes war unzufrieden. Mißmutig zerbrach er seine Haselstecken, die er so gut eingesalzen hatte.

Ernster Amklang

Was war das für eine Schreckensnachricht, die wie auf Windesflügeln die Stadt durcheilte? Der Feldzeugmeister Graf Mercy war gefallen! Kaum hatte man sie dem Hofkriegsrat zur Kenntnis gebracht, wußte sie schon ganz Wien. Der Oberkommandant in Italien war gefallen, der Mercy tot! Und Gerüchte von einer großen Niederlage der Kaiserlichen erfüllten die Luft.

Auch beim Hofkammerrat von Stephany waren gleichzeitig Briefe aus Italien eingelaufen, aus dem Hauptquartier Mercys. Und die Trauerbotschaft erschütterte den Freund und Arbeitsgenossen mächtig. Tot? Tot? Noch vor einer Woche hatte er selbst dem Hofkammerrat geschrieben, hatte ihm das Mißgeschick erzählt, das ihn wieder einmal betroffen. Ein neuer Schlaganfall hatte ihn inmitten der Schlachtvorbereitungen niedergeworfen, wieder einmal mußte er das Oberkommando abgeben vor einer großen Entscheidung, die ihn unsterblich machen konnte. Zähneknirschend fügte er sich. »Kein Glück! Kein Glück!« schrieb er dem Freund. »Das Los der Mercy ist es, für die Nachfolger zu arbeiten.« Aber sein Zustand bessere sich rasch, fügte er hinzu; er fühle, wie sein Augenlicht, das verloren schien, wiederkehre, und wie seine Kräfte sich erneuerten. Er werde bald wieder hergestellt sein. Und er schloß den jetzt denkwürdig gewordenen Brief mit den Worten: »Mein Banat nicht vergessen! Nur die Erhebung zu einem souveränen Fürstentum oder Herzogtum kann dieses kostbare Land seiner Majestät für immer attachieren. Mein Paradies nicht vergessen!«

Und jetzt war dieser Feuergeist tot. Aber er starb nicht den Strohtod, er fiel als Held. Wie er hoffte, geschah es, er genas rasch und übernahm das Oberkommando wieder. Stürmisch, wie alles, was er vollführte, bereitete er den vertagten Angriff vor auf den Feind. Alle getroffenen Maßregeln seines Stellvertreters stürzte er um, mit dem ganzen Hauptquartier, das die Lage nicht für reif erklärte, überwarf er sich in seinem Tatendurst. Er trieb zur Schlacht bei Parma und ritt als erster in den Tod. Zu weit hatte er sich als Oberkommandant vorgewagt, zwei Musketenkugeln zerschmetterten ihm die Stirne, und er sank lautlos vom Pferde. Und sein Tod wirkte lähmend auf die ganze Armee. In der Kirche zu Reggio wurde Mercy bestattet, und eine würdige Totenfeier ward ihm bereitet.

So schrieb man dem Hofkammerrat. Aber man teilte ihm auch die Nachrede mit, die dem Toten jetzt gehalten werde. Er wäre ein Haudegen gewesen, ein Draufgänger, aber kein Feldherr, kein Oberkommandant. Das drang auch zum Generalissimus, zum Prinzen Eugen, der trotz seiner Kränklichkeit und einer ungenügenden Armee mit Glück auf dem französischen Kriegsschauplatz bestand. Und er schrieb an den Kaiser und verteidigte Mercys Andenken. Er habe ihn immer als Freund geliebt und als einen der tapfersten und ehrlichsten Generale des Kaisers geschätzt. Möge man über seine letzten Maßnahmen wie immer urteilen und sich über sein stürmisches Temperament noch so sehr beschweren, »Eure Majestät haben in Mercy einen großen Mann verloren.«

Also schrieb der Prinz, und der Kaiser ließ dies bekanntmachen. Auch in Wien wurde dem gefallenen Feldherrn eine öffentliche Totenteier bereitet. Stephany ließ seine Kinder durch einen Eilboten zu derselben einladen, sie sollten Zeugen der Ehrung sein, die dem großen Manne bereitet wurde. Aber die Botschaft erreichte den Grafen Anton zu spät, er war unterwegs, er oblag seinen neuen Pflichten mit demselben Feuereifer, den der Tote zu allen Zeiten für das Gute entfaltet hatte. Ein echter Mercy war dahin; kein unwürdiger Nachfolger blieb zurück.

Als die schmerzlich überraschten Kinder schrieben, war die Totenfeier in Wien schon vorbei … Wie hätte der letzte Bericht seines Antoine den alten Herrn gefreut! Er hatte nicht nur die Schwarzwälder – an deren Schicksal dem Toten so viel gelegen war – gefunden, er stellte auch manch einen anderen, größeren Herrn als Wegelagerer, der Kolonisten aufhob, an den Pranger, und forderte, daß ihm der Prozeß gemacht werde wie dem Parkoczy. Man wäre in Wien nicht genügend unterrichtet über all die Kolonistenschicksale in Hungarn, schrieb er. Da gebe es viele Tränen zu trocknen und manches verlorene Menschenrecht wieder aufzurichten.

Wie hätte sich Klaus Florimund gefreut über diesen Neffen und Sohn und Schüler!

Jetzt war er tot. Aber Stephany gelobte sich, sein großes Vermächtnis zu hüten. Und seine letzte Bitte: »Mein Banat nicht vergessen!« die wollte er sich, ihrem ganzen Inhalt nach besonders angelegen sein lassen

*

In der Bauernstube bei den »Sieben Kurfürsten« ging es vor Martini wieder einmal hoch her. Von allen Seiten waren die Schwaben zum großen Herbstmarkt gekommen, und zu ihnen gesellten sich die Schwarzwälder aus Dobok. Die Verschollenen, die Verlorengeglaubten waren wieder da! Auf dem Markt hatte der alte Jost Zengraf seine Tochter, die Jägers Kathl, gefunden. Sie wäre beinahe umgefallen vor Schreck. Jedes Jahr an seinem Namenstag ließ sie eine Totenmesse zu seinem Gedächtnis lesen, und jetzt stand der Vater vor ihrem Butterkorb und vor ihren geschoppten Martinigänsen und lachte sie an! Ein Kreuz schlug sie und hatte schon ein Sprüchlein auf den Lippen, mit dem man Geister beschwört, die am hellen Tage erscheinen. Aber da trat auch ihres Bruders verlorener Sohn hinzu, der lange Mathes, und der konnte doch nicht auch ein Geist sein, denn er fragte gleich nach der Margret, seiner Braut. Jetzt glaubte sie's.

Und was die alles zu erzählen wußten, als sie in der Wirtsstube saßen, was die alles erlebt hatten! Der Baron, der sie geraubt und über der Donau drüben angesiedelt hatte, wär' gar nicht der richtige Herr gewesen von den Gütern, auf denen er sein Unwesen trieb. Er sei jetzt abgesetzt worden, der junge Mercy habe ihn erwischt und in ein kleines Kastell verbannt, das einmal vor alten Zeiten seiner Familie gehört haben soll. Dort soll er abwarten, bis ihm der Prozeß gemacht wird.

Und ob denn alle Schwarzwälder jetzt kämen, wollte man wissen. O nein, sagte der Eckerts Schmied. Nur zehn Familien, die andern lassen schön grüßen. Sie hätten sich schon an ihre Wirtschaft in Dobok gewöhnt, wollten nit noch einmal was Neues anfangen. Das Gut, auf dem sie und ein paar Pfälzer sitzen, das werde jetzt auch kaiserlich, sagte der Schmied, dann sind sie freie Bauern, so wie die im Banat. Man möchte sie halt nit ganz vergessen.

Der junge Zengrafs Mathes aber, der hatte das große Messer, der ließ sie alle blau anlaufen in der Bauernstube. Nein, was der für Räubergeschichten erzählte! Zuerst ihre Gefangennahme durch bewaffnete Kuruzzen. Dann seine Flucht, für die er die »Baschtonade« kriegte. Und zuletzt wollte er ihnen weismachen, sie seien einmal ihrer fufzehn Schwaben, mit Sensen und Mistgabeln, Knütteln und Flinten bewaffnet, vor das Herrenhaus gezogen, um den Baron inmitten seiner Leibeigenen zu fangen. Die Baschtonade wollten sie jetzt ihm geben, dem Baron, genau so, wie er sie jedem geben ließ, der nicht parierte. Der Trauttmanns Philipp, ihr Pfälzer Anführer, habe ihnen gesagt, es stünde der Galgen auf dem Unternehmen. Aber es war ihnen schon alles eins, sie wollten endlich frei werden von dem Satan, und da haben sie's getan. Und so wären sie halt jetzt frei . . .

Die Zuhörer glaubten nicht recht an diese Schwabenstreiche, einer horchte nur mit halbem Ohr hin, einer gar nicht, jeder hatte etwas anderes im Kopf, und die meisten wollten schon heim, denn es wurde früh Nacht im November. Zuletzt blieben nur die Schwarzwälder beieinander sitzen, denn ihre Ansiedlungspapiere waren noch nicht in Ordnung. Aber im »Schwarzwald« von Guttenbrunn, der oberen Hauptgasse, wußte man am selben Abend schon, daß die Verschollenen gefunden wären und ein Teil von ihnen bald kommen würde. Ihren kränkelnden alten Vater hatte die Jägers Kathl zum Beweise mitgebracht. Zur Margret aber schickte sie gleich ihren ältesten Buben und ließ ihr sagen, »der Mathes kimmt, sie möcht' die Musikante b'schtelle, zu Kathrein sei Hochzich.«

Als der alte Zengraf zu Bett gebracht war, rief er die Kathl und ihren Mann noch eirmal an sein Lager und drückte der Tochter eine Brieftasche in die Hand. Sein aus der Heimat mitgebrachter Sparpfennig wär' da drin. Sein Vermögen. Daß er ihr das doch noch habe bringen können, das freut ihn von Herzen. Jetzt sei ihm leicht . . Und er erwachte am nächsten Morgen nicht mehr.

*

Ein neuer Gouverneur regierte im Palast des Mehemed Aga auf dem Temeschwarer Paradeplatz, ein braver General von hohem Rang. Er setzte die Arbeit des Grafen Mercy fort. er legte auch endlich den Grundstein für die Domkirche, die ein Traum des ersten Gouverneurs gewesen. Und sein Name kam in die schöne lateinische Urkunde, die in diesen Stein verschlossen und für die Nachwelt in das Erdreich versenkt wurde, nicht der des großen Mannes, der dieser Stadt und diesem Land zwei Jahrzehnte seines eifervollen Lebens gewidmet hatte. Das Los der Mercy . . .

Und jener größere Traum, der den Gouverneur bis zur letzten Stunde verfolgte, schien sich auch seiner Erfüllung nähern zu wollen. Nicht umsonst hatte er ihn dem Hofkammerrat ganz besonders ans Herz gelegt.

Ein hoher Herr bereiste inkognito das Banat; ungenannt und unerkannt logierte er auch bei den »Sieben Kurfürsten«. Es war ein junger, stolzer Herr, ein Bild männlicher Schönheit und ritterlicher Anmut. Für alles war er dankbar, und für jeden hatte er ein huldvolles Lächeln auf den Lippen. Der Name des Gasthofes schon entzückte ihn und die appetitliche Wirtin nicht minder. Neben seinen jüngeren Begleitern, die sich ganz soldatisch gehabten, stand ein hochgewachsener Graukopf mit hellen Augen und durchgeistigten Zügen, und, der Wirt hatte seinen Namen gar bald aus der Dienerschaft herausgefragt: es war der Wiener Hofkammerrat Stephany. Den durften sie nennen. Aber wer war der, um den sich alles bewegte? Die Stammgäste bei den »Sieben Kurfürsten« waren in nicht geringer Aufregung, sie rieten und rieten, und konnten doch zu keinem befriedigenden Ende kommen. Auch dem Schuldirektor Wörndle gelang es nicht, das Geheimnis zu durchdringen.

Die Frau Theres machte ihr Meisterstück mit der Mittagstafel für diese Wiener Gesellschaft, der junge Graf oder wer er war, bedankte sich selbst bei ihr. Seit Wien habe er so famos nicht mehr gegessen, es sei alles gustiös gewesen und deliziös. Die Hand reichte er der Frau Wirtin und drückte die ihre. Es war die schönste Männerhand, die sie je gesehen. Beinahe hätte sie dieselbe geküßt. Als sie das in der Küche erzählte, schnalzte die mollige Frau Gretel mit der Zunge. »Wann ich jünger wär«', sagte sie schalkhaft, »mit dem hätt' ich gern emol ein' Langaus getanzt.«

Es gab bei verschlossenen Türen eine lange Konferenz mit dem neuen Gouverneur. Herr von Stephany führte das Wort …

Und die vornehme, kleine Gesellschaft trat am nächsten Tag ihre Reise in Begleitung von berittenen Heiducken an, die bis an die Zähne bewaffnet waren. Der Obrist Graf Mercy war den Herren von jenseits der Donau nach Peterwardein entgegengekommen und machte den Führer. Keiner kannte das Banat und die Bátschka besser wie er. Hohe Offiziere erzählten bei den »Sieben Kurfürsten«, die Wiener Herren hätten eine ganz bestimme Mission. Welche? Darüber munkelte man allerlei.

Nach vier Wochen kam die geheimnisvolle Reisegesellschaft wieder, und es ging mit einer merklichen Überstürzung bei einbrechendem Winter fort nach Wien. Es hieß, die Herren hätten im Süden eine schreckliche Krankheit vorgefunden. Und keiner wollte die Verantwortung dafür tragen, daß auch nur eine Stunde verloren würde Im letzten Augenblick aber wurde doch geschwätzt, ein verliebter Diener ließ sich ausholen von einem Schankmädchen, und man erfuhr, daß der Ritterliche, der Schöne niemand anderer gewesen wäre als der Herzog von Lothringen, der Bräutigam der Erzherzogin Maria Theresia!

Das war eine große Überraschung. Man wußte nicht, was man davon halten sollte, und zerbrach sich an dem magistratischen Stammtisch, wo man doch immer alles wußte, während des halben Winters die Köpfe über das Rätsel dieser Reise. Der Stadtrichter, der Wörndle und der Kurfürstenwirt stritten wie oft über die möglichen Folgen dieses hohen Besuches. Langsam sickerten Gerüchte durch, die nie bestätigt worden sind und doch so glaubwürdig schienen … Der junge Herzog habe hier ein Herzogtum gesucht, sagte der Festungskommandant einmal zu dem Stadtrichter. Aber eine Erklärung dieses Wortes gab er nicht. Er lächelte nur. »Wozu braucht der noch ein Herzogtum?« fragte Wörndle am Stammtisch. »Ist er denn nicht der Lothringer?« Das Wort blieb unverständlich, war vielleicht ein Scherz.

Als Franz Stephan im nächsten Fasching die Maria Theresia heiratete und bald danach auf sein Herzogtum Lothringen verzichtete, um Großherzog von Toskana zu werden, da war den Wissenden in Temeschwar der Zweck seiner Reise freilich klar. Wie eine Bombe schlug die Nachricht an dem magistratischen Stammtisch ein. Also war das Banat eine verschmähte Braut!

Außer Rand und Band war der Leonhard Wörndle, der die politischen Gespräche leidenschaftlich liebte. Er konnte es nicht fassen und wollte es nicht glauben, was sich da begeben sollte. »Auch Lothringen?! Auch Lothringen?!« schrie er auf bei der Nachricht aus Wien. »Das Elsaß ist hin. Und jetzt kommt Lothringen dran? Dem polackischen Schwiegervater des Ludewig, dem Kartenkönig Stanislaus, wird ein deutsches Reichsland abgetreten? Und nach seinem Tode schluckt es der Franzos!« Er war außer sich. »Und dazu zwingt man den jungen Prinzen, der einmal deutscher Kaiser werden soll?« Nein, er faßte es nicht. Und voll Hohn summte er das Spottgedicht, das sie vom Rhein mitgebracht hatten im vorigen Jahr:

Ja, was nur Händ' und Füße regt,
Was geht, was schwimmt, was Eier legt,
Hat seine Feinde gern vom Leibe.
In Teutschland ist es umgewandt,
Wir öffnen unserm Feind das Land
Und leiden, daß er bleibe.

Niemand widersprach dem Direktor Wörndle, um ihn nicht noch mehr zu reizen, aber er kam auch ohne Widerspruch heute nicht los von dem Gegenstand.

»Und wenn der Prinz schon auf sein Heimatland verzichten muß, weil die verdammten Diplomaten wieder einmal etwas verpfuscht haben't,« fuhr er fort, »Oh, warum hat er nicht das zukunftsreiche Banat und die Bátschka als Herzogtum erwählt! Alle Lothringer hätt' ich an seiner Stelle hierher verpflanzt und mir ein großes, deutsches Reichsland im Osten geschaffen … Was braucht ein Lothringer Herzog, der die deutsche Kaiserstochter zur Gemahlin hat, sich zu einem italienischen Großherzog machen zu lassen? Hm?«

So deklamierte Wörndle den ganzen Abend in der dicht besetzten Gaststube und brachte den befreundeten Wirt und manchen beamteten Stammgast in Verlegenheit. Jakob Pleß fragte sich manchmal: Wenn ich nur wüßt', warum er so schreit?

»Das Elsaß ist hin! Lothringen ist hin! Was kommt jetzt dran? Am End' die Rheinpfalz? Hin?«

Der Wirt flüchtete in die Bauernstube. Dort redete man nur von guten Feldern, von fetten Weiden, von den zehn Freijahren und den Getreidepreisen. Und auch von den noch ausstehenden Erbschaften im, alten Vaterland. Wenn alles von daheim eingehe und die ersten Ernten geraten, dann könne es nicht fehlen … Das gefiel dem Kurfürstenwirt viel besser. Was brauchte es der großen Worte des Wörndle? Diese Bauern werden sich schon selber ein deutsches Herzogtum hier machen. So oft die Susi die Türe öffnete, schallte es aus der Ferne her:«… Elsaß hin … Lothringen hin … Rheinpfalz? . . .« Die Bauern spitzten ein bißchen die Ohren, dann aber redeten sie weiter von der neuen Heimat und nicht von der alten. So mancher wollte gar nicht an sie erinnert sein, sonst packe ihn vielleicht doch das Heimweh.

Das Frühjahr kam, und mit ihm war auf einmal der schreckliche Gast aus dem Süden, den man bisher verheimlicht hatte, überall.

»Die Pest! Die Pest!«

Der Schreckensruf erscholl von allen Seiten, und grauenvoll waren die Berichte. Dazwischen kam die Nachricht aus Wien vom Tode des Prinzen Eugen. Wie ein Erdbeben hätte diese Kunde zu ande'ren Zeiten auf die Gemüter gewirkt, jetzt hatte niemand ein Gefühl übrig für sie. Nur der Türke schien die Kunde richtig zu bewerten, er wurde immer lebendiger hinter den Grenzen, die ihm der Mächtige einst gezogen, und machte Miene, sie zu überschreiten, den Frieden zu brechen. Der Mercy tot, Prinz Eugen tot und die Pest im Lande – es war zu viel.

Noch war die Hauptstadt frei. Und der Stadtrichter übte strenge Kontumaz, er hielt nichts von der Widerstandskraft des fieberischen Temeschwar und zitterte vor dem ersten Fall. Da kam ein Bataillon Grünne-Infanterie aus Siebenbürgen, um ein anderes, fieberkrankes, abzulösen in die Festung. Man freute sich der gesunden Truppen und begrüßte sie.

Hinausgejagt aus der Stadt ward dieses Bataillon nach drei Tagen. Es gab einen Aufruhr der Bürgerschaft gegen die Militärverwaltung, vor das Palais zogen sie lärmend, drohend, bittend… Zehn Pestfälle hatte diese Truppe! Und sie flüchteten vor dem allgemeinen Entsetzen in die Palanka hinaus, wo man ihr Baracken baute und sie durch Palisaden von der Welt abschloß… Bis auf den letzten Mann ist das Bataillon da draußen gestorben.

Verheerend brach die Seuche über Stadt und Land herein. Alle Arbeit stockte, aller Verkehr hörte auf, die Früchte verfaulten auf den Feldern, und niemand ging ernten. Man betete nur und veranstaltete Prozessionen, der heilige Nepomuk sollte helfen … Einer wich dem anderen aus und verkroch sich, niemand begrub die Leichen; Soldaten wurden ausgeschickt, sie auf Scheiterhaufen zu verbrennen. Und grausam, barbarisch wehrte man sich. Wo die Pest neu ausbrach, wurde der Ort mit Palisaden umgeben, und niemand durfte ihn verlassen; wer es dennoch tat, wurde von den Wachen niedergeschossen. . Von Wien kamen gute Ratschläge, weitschweifige Verordnungen und ein Dutzend Ärzte. Für böse Zauberer haben die eingeborenen Walachen und Serben sie angesehen, und die meisten sind erschlagen worden. Volksreiche Dörfer starben aus, ganze Gassen in Temeschwar verödeten; man reichte sich Lebensmittel nur noch auf Stangen zu den Fenstern hinein, keiner wußte mehr, wer von seinen Bekannten noch lebe. Und das Zügenglöcklein durfte schon lange nicht mehr geläutet werden, weil sein Gewimmer die Leute toll machte . . .

Die Base Gutwein erlag gar bald. Ihr folgte Jakob Pleß, der Rüstige, der niemals krank Gewesene. Und niemand betrat ferner die Gaststube bei den »Sieben Kurfürsten«. Voll Grausen schloß die Frau Theres das Haus und flüchtete mit ihren Kindern in die Mehala. Sie wollte auch den Wörndle mitnehmen, der unbeweibt geblieben, ihn retten, aber der schwarze Tod war schon zu Gast bei ihm. Er ergab sich nicht gutwillig Wie? Das sollte das Ende sein? Darum hatte man gelebt und gestrebt und war in die Ferne gezogen, war dem Glück nachgejagt… Er bäumte sich auf, er wollte hier nicht sterben. »Bringt mich fort«, stammelte er, »ins Reich – ins Reich – ins schöne deutsche Reich«. Das waren seine letzten Worte.

Es wurde nicht geerntet, und es wurde auch nicht angebaut; das Vieh verkam in den Ställen, und die Menschen verschmachteten einsam und verlassen in ihren Krankenbetten.

Und fast zwei Jahre dauerte es, bis die Seuche erlosch. Eine Armee von deutschen Pionieren der Arbeit war gefallen, war gestorben und verdorben; Zehntausende hatten die Eroberung dieses Landes mit ihrem Leben bezahlt. Und draußen in der Welt nannten sie das gepriesene Banat jetzt das Grab der Kolonisten. Es kam keiner mehr. Nur Hunger hielt Nachernte, er schlich würgend durch das Land.

In Wien aber saß der greise Hofkammerrat Joseph von Stephany noch immer an dem Webstuhl, auf dem die Schicksalsfäden des Banats und ,der Bátschka zu einem gedeihlichen Ganzen gefügt werden sollten.

Alles war ins Stocken geraten, jäh hörte der Zuzug auf. Und jetzt ließ man anstatt Kolonistenschiffe wieder deutsche Korn- und Mehlschiffe nach Hungarn hinabschwimmen. Alle Pflüge standen dort still, und auch, die letzten verdarben, wenn nicht der Kaiser und das Reich Hilfe brachten.

Als die Seuche für erloschen galt, schickte der Hofkammerrat seinen vielbewährten Sekretarius Gottmann hinab in das Banat. Er sollte erheben, was jetzt nach diesem Zusammenbruch noch getan werden konnte. Mußte man verzweifeln? Man schrieb es ihm hundertfach, aber er glaubte nicht daran. Auch in Wien war einst die Pest. Auch sein junges Weib ist damals an ihr gestorben; aber Wien lebt und blüht, und er selbst hat getragen, was getragen werden mußte … Er sah in seinem Sekretär seinen künftigen Nachfolger und wollte ihn durch diese Reise auf die letzte Probe stellen. Sein Herz wollte er für das unglückliche Land gewinnen durch diese Fahrt.

Und nach einem Vierteljahr kam Gottmann wieder. Voll Trauer und doch voll Begeisterung kam er zurück. Die Deutschen ernteten schon wieder! Sie allein hätten sich mit ihrem festen Gottvertrauen als widerstandsfähig genug erwiesen. Die Spanier, Italiener und Franzosen seien spurlos verschwunden; die nicht starben, liefen davon, ihre Dörfer stünden leer. Deutsche Siedelungen seien fast nirgends gänzlich ausgestorben. Da habe man sich gewehrt, habe seine Toten rasch begraben und vernünftig gelebt. Und überall erwache wieder neuer Mut; sie wollten alle bleiben, wo sie waren. Rings um die Gräber ihrer Toten ziehen sie neue Ackerfurchen …

Und das Gleiche berichtete Graf Anton aus der Schwäbischen Türkei. Man müsse das Werk eben von vorne beginnen, und dürfe nicht verzweifeln. Nein, man durfte nicht verzweifeln. Joseph von Stephany war der letzte, sein und Mercys Lebenswerk aufzugeben. Solange seine Knochen hielten, wollte er ausharren auf seinem Posten.

Neue Sendboten zogen ins Reich hinaus, neue Patente der jungen Kaiserin, die in schwerer Zeit den Thron bestiegen, wurden von allen Kanzeln verlesen, und der große Schwabenzug nach dem Osten setzte wieder ein.

Und die jetzt kamen, traten schon ein deutsches Erbe an.

Die Gefallenen haben diesen Boden geweiht für künftige Geschlechter.