Raschelchen

Wenn Raschelchen durch die Straßen huschte und, an die Häuser gedrückt, sich plötzlich wie ein Schatten in der Tiefe eines Hausflurs verlor, so schauderten die Vorübergehenden und warfen einen wehmüthigen Blick auf das Haus, in dem sie verschwand. Sie wußten, daß dort eine blühende Jungfrau, eine glückliche Mutter oder eine würdige Matrone im Sterben lag; denn nur dann verließ Raschelchen ihre Kammer im Dorf neben dem Friedhof, verrichtete am Sterbelager die Todtengebete und wusch und kleidete die Leichen an. Deshalb nannte man sie in der Gemeinde »den Todtenvogel«; wie die Möve den Sturm, so verkündete ihr Erscheinen den Tod, es war, als ob ihr Finger das geheimnisvolle Mal an die Hausthüre zeichnen müsse, damit der Todesengel wisse, wo er einzukehren habe.

Raschelchen war eine siebenzigjährige Greisin, wenigstens schien sie es zu sein. Die Gestalt war klein und gebückt, über dem gefurchten, bleichen Gesicht schloß ein schwarzes Band sorgfältig die Haare ein, nach jüdischer Vorschrift; eine Haube mit verblaßten gelben Bändern war auch zur Winterszeit ihre einzige Kopfbedeckung; ein alter seidener Shawl, der zwischen grün, gelb und graulich spielte, ward von den dürren Händen vorn zusammengefaßt. Dabei schüttelte oder nickte sie beständig mit dem Kopfe wie im Selbstgespräch, sah keinen der Vorübergehenden an und grüßte Niemanden, als ob sie wüßte, daß ihr Gruß als böses Omen gälte. Und doch hatte ihr Blick nichts von dem Stechenden, das gewöhnlich dem »bösen Blick« (Ajin hora) zugeschrieben wird; ihr Auge war wie von einem grauen Schleier verdeckt. Der Schleier, wie ich mir später erzählen ließ, war aus Thränen gewoben!

Es fiel mir manches Mal auf, daß Raschelchen bei dem huschenden Gang zu Sterbenden in ihren dürren Fingern Blumen trug, die sie vorsichtig unter ihrem Tuch zu verstecken suchte. Selbst zur Winterszeit sah ich sie einmal heimlich in den Schellhas'schen Garten schleichen und im Glashause bleiche Theerosen kaufen, die sie, wenn sie unbeachtet zu sein glaubte, lächelnd und mit dem Kopf nickend betrachtete und sie dann ängstlich verbarg. Ich erinnerte mich, daß in der Gemeinde ein junges Mädchen gestorben war. Da man aber nach jüdischem Ritus die Todten nicht mit Blumen schmücken darf und Raschelchen mit Lebenden kaum verkehrte, so konnte ich mir den Zusammenhang nicht recht erklären.

Bald darauf gab mir eine befremdende, unheimliche Szene den Aufschluß. Dem vielgeprüften Dulder Joel Reinach war wieder eine seiner blühenden Töchter durch den Tod entrissen worden. Da ich zu den Bevorzugten zählte, welche an den hohen Feiertagen eingeladen wurden, die erforderliche Zehnzahl (Minjan) zum Gottesdienst in dem grünverhängten Zimmer des edlen Greises zu ergänzen, so drängte es mich, dem Leichenbegängniß des lieblichen Mädchens beizuwohnen, die im vergangenen Herbst noch in rosiger Blüte stand und nun für den herannahenden Lenz ihren Frühling zum Opfer bieten mußte. Die fromme Brüderschaft der »Chewre« war noch nicht versammelt, als ich beklommen die mit weichen Teppichen belegte Stiege hinanschritt. Nur wenige Einzelne standen stumm im Wartezimmer, ich lehnte schüchtern am Stiegengeländer des Vorplatzes. Da sah ich die beiden jüngeren Töchter schwarzgekleidet und mit gesenktem Blick auf die Thür eines Seitengemaches zuschreiten, die sie scheu und bebend öffneten. Ein dumpfer Dunst von Wachskerzen und Räucherwerk drang aus dem Zimmer und unwillkürlich ließen die Mädchen die Thüre halb geöffnet. Zwischen zwei auf schwarzen Leuchtern brennenden hohen Kerzen stand in der Tiefe des Zimmers der noch geöffnete, mit einem schwarzen Bahrtuch verhüllte Sarg. Die beiden Mädchen beugten sich hinab und faßen nach dem Bahrtuch, um die Züge der geliebten Schwester zum letzten Mal zu sehen, da trat aus der dunklen Tiefe des Zimmers Raschelchen hervor und wehrte sie, mit dem Kopf schüttelnd, ab. Unhörbare Worte wurden getauscht; die Mädchen ließen es sich nicht ohne sichtbares Widerstreben gefallen, daß die Alte mit einer baumwollenen Schnur vom Scheitel bis zur Sohle ihnen das »Maß nahm«. Wie eine Parze schnitt sie mit einer Scheere über ihren Häuptern den Faden ab. Ich weiß nicht, welcher Gedanke diesem jüdischen Gebrauch zu Grunde liegt. Man darf dem Todten kein Liebespfand der Lebenden, keine Blume, keinen Ring mit in's Grab geben, damit die sehnende Seele die Zurückgebliebenen nicht nach sich ziehe. Aber das Längenmaß jüngerer Verwandten legt man ihm gleichsam als ein Symbol des Loskaufs in den Sarg.

Als nun die Mädchen mit verhüllten Gesichtern am Fußende des Sarges niedergesunken waren, da sah ich, wie die Greisin, die sich völlig unbemerkt glaubte, rasch mit der Scheere nach ihrem eigenen Haupte fuhr und unter der Haube ein Löckchen ihres silberweißen Haares abschnitt, das sie vorsichtig zu den zusammengerollten Schnüren des »Maßes« gesellte. Dann schob sie das Bahrtuch am Hauptende ein wenig zurück, legte leise tastend das Liebespfand unter das Haupt der Entschlafenen, und dicht an das Ohr der Todten gebeugt, murmelnd, Gebete oder Grüße, nickte sie mit dem Kopf und hob die Linke wie sehnsüchtig winkend zum Himmel empor. Die Schritte der herannahenden Brüderschaft erweckten sie; sie erhob sich rasch, die Furchen ihrer Wangen waren von Thränen durchrieselt. Die Mädchen schlichen stumm davon. Ein Murmeln von eintönigen Gebeten, dazwischen die dumpfen Schläge des Hammers auf den tannenen Deckel des Sarges – und der traurige Zug setzte sich in Bewegung. An die Fensterscheiben gedrückt, weinten die Schwestern in ihre weißen Taschentücher den letzten Gruß; der greise Vater blieb in seinem Zimmer verschlossen.

Ich muß gestehen, daß meine Gedanken nicht bei den Trauernden, nicht bei der jugendlichen Leiche, sondern allein bei der seltsamen, unheimlichen Greisin weilten. Die Furcht, die ich einst vor ihr empfand, hatte sich in tiefstes Mitleid verwandelt. Ich fühlte, daß ihre Blumen wie ihre Thränen nicht den Fremden galten und daß sie die Flocke ihres Silberhaares in's Grab gesandt, weil sie das Hinabgezogenwerden in's Schattenreich nicht fürchtete, sondern ersehnte.

Ich nahm mir vor, nach Raschelchen's Schicksalen zu forschen. Was ich von der Mutter und der alten Tante Channe, die die Chronik der Gemeinde war, erfuhr, das will ich mitzutheilen und zu schildern versuchen.

In den westphälischen Zeiten, als König Jérôme in Wilhelmshöhe, das man Napoleonshöhe nennen mußte, residirte, herrschten auch in unserer Stadt alle Moden der Kaiserzeit. Franzosen errichteten glänzende Kaufläden, französische Schneider schnitten die Zwickelkleider und »kurzen Taillen« zu und französiche Haarkräusler lösten die deutschen Zöpfe und drehten Löckchen und schlangen Haarschleifen à l'impératrice. Zu dieser Zeit nun war eine jüdische Friseurin in die Gemeinde gekommen, die sich Rachel nannte; natürlich sprach sie ihren Namen französich aus, und man hängte ihm, da das Persönchen klein, zierlich und beweglich war, das heimische Diminutiv an, wodurch der Name Raschelchen entstand. Im schlechtesten Französich mit jüdischem Tonfall erzählte sie jedem: «Je suis de Metz!» Ihr père sei Kantor an der großen Synagoge, ihr mari, Monsieur Piccard, sei bei der großen Armee, sie sei nur zum Vergnügen gereist und frisire pour passer le temps; sie sei une femme respectable und très religieuse! Doch trug sie nicht nach Art jüdischer Frauen die Haare versteckt, sondern à la Titus zu kleinen schwarzen Löckchen aufgebauscht, und zwei bewegliche schwarze Augen funkelten aus dem kleinen braunen Gesicht. Sie lief zu allen Damen, auch bei den Behörden und der Generalität hatte sie geschäftig zu thun und «mon mari» war ihr drittes Wort. Man kümmerte sich aber nicht viel um den «mari» und fragte nicht lang nach ihren Antecedenzien, denn sie bewährte sich bald so trefflich in ihrer Kunst, daß alle Frauen und Mädchen auf den Bällen in der »Ressource« nur von Raschelchen's Hand frisirt erscheinen wollten. Auch fand selbst die spitzigste Zunge ihr außer den häufigen Besuchen des Militärgouvernements nichts vorzuwerfen. Als die »französischen Zeiten« zu Ende gingen, kehrte sie, wie sie sagte, nach Hause zurück, ihren Vater zu besuchen; von ihrem «mari» sprach sie nicht mehr. Nach wenigen Monaten aber kam sie wieder. Ihren Vater hatte sie verloren, ihren Mann nicht wiedergefunden, aus dem beweglichen Mädchen war ein stilles Weibchen geworden. Ein vierjähriges Töchterchen, Namens Reine, war Alles, was sie aus der Heimat mitbrachte. Die Zeiten hatten sich geändert, man trug schlichte Kleider und schlichte Zöpfe à la Kurprinzeß; statt der Bälle und Maskeraden waren Arbeitskränzchen und fromme Erbauungsstunden Mode geworden. Die Aufnahme fremder Juden in die Stadtgemeinde war sehr erschwert durch die Polizei, ja gänzlich verboten, wenn sie nicht reichliche Existenzmittel nachweisen konnten. Raschelchen hatte einen schweren Stand, aber ihr zu Seite stand eine siegreiche Fürbitterin: die kleine blonde Reine, das schönste Kind auf Erden! Der hebräische Name Malke, Regina, französisch Reine, wurde sofort in »Reinchen« übersetzt und paßte vortrefflich auf das rosige, durchsichtige Kind, das so rein und zierlich wie ein Porzellanprinzeßchen aussah und alle Welt anlächelnd an der Hand der ärmlichen Mutter hing. Die Frauen und Mädchen blieben auf der Straße stehen, um Reinchen zu herzen und zu küssen, wenn sie im Jargon der Mutter grüßte; in kurzer Zeit war sie so ganz Eigenthum der Gemeinde geworden, daß man sich rastlos bemühte, ein Plätzchen für Raschelchen zu finden, und es auch endlich fand. Das Frauenbad brauchte eine Dienerin. In der alten Synagoge, in deren Kellerraum sich das rituelle Bad befand, war ein baufälliges Zimmerchen im dritten Stock, das die Gemeinde herzustellen sich entschloß. Hier wurde Raschelchen installirt; gewissenhaft waltete sie ihres neuen Amtes, handelte nebenbei ein wenig mit alten Spitzen oder versuchte bei besonderen Gelegenheiten ihre alte Kunst an den fettglänzenden Haaren ihrer Nachbarinnen. Wie ein Rosenpflänzchen an einer verfallenen Mauer wuchs Reinchen in dieser Ruine auf, gepflegt und gehätschelt von abgöttischer Mutterliebe. Trotz des modrigen Stübchens in dem von verwitterten Balken gestützten Haus des dunklen Gäßchens, in dem die Sonne nur die Giebel der Dächer streifte, leuchtete das Mädchen wie von innerem Sonnenschein und hüpfte mit ihren goldfarbigen Saffianschuhen so zierlich über das schmutzige, spitzige Pflaster des Gäßchens, als ob es das Parket eines Tanzsaals wäre. Auf ihrem Kleidchen durfte kein Flecken sein, durch ihre goldblonden Haare war stets ein farbiges Band geschlungen, denn die Frauen und Mädchen beschenkten sie mit Bändern und Schmuck, während Raschelchen selbst zur Winterszeit sich in ihren seidenen Shawl caca dauphin einwickelte, den sie aus besseren Zeiten aus Metz mitgebracht hatte. Aber sie verlangte nichts Anderes, sie wäre gekränkt gewesen, hätte man sie und nicht ihr »gebenschtes Reinchen« beschenkt. In seliger Mutterlust betrachtete sie das Kind und hätte nicht mit Madame Goldschmidt oder Madame Feidel, den reichsten Frauen der Gemeinde, getauscht!

Als Reinchen das zwölfte Jahr erreicht hatte, erregte neben ihrer Schönheit ihr musikalisches Talent die allgemeine Aufmerksamkeit. Ihre glockenhelle Stimme drang wie das Gezwitscher eines Kanarienvogels aus dem Fenster des dumpfigen Zimmers in die Gasse hinaus; was sie einmal gehört, das trällerte sie sofort nach und die Leute im Gäßchen schauten hinauf, wenn »das Kind« sang. »Wart', ich schenk' Dir was,« sagte die dicke Trödlerin, die in dem verfallenen Hausflur der alten Synagoge ihren Kram feilbot. Aus altem Gerümpel suchte sie eine gesprungene Geige hervor. Reinchen putzte sie zierlich wie ein Kätzchen und bat die Mutter, ihr Saiten zu kaufen. Ohne jemals ein solches Instrument in der Hand gehabt zu haben, zog sie die Saiten auf und stimmte sie vorsichtig lauschend, und mit dem mühsam gereinigten Bogen wußte sie der Geige alsbald Töne zu entlocken und fügte sie zu den Weisen, die sie zu zwitschern gewohnt war. Verwundert und bewundernd nickte Raschelchen mit dem Kopf dazu.

Der Flickschneider Engelbrecht gegenüber im Gäßchen hatte einen Sohn, der im Orchester des Hoftheaters spielte. Christian, so hieß er, hörte vom Fenster aus die Studien Reinchens auf dem gesprungenen Instrument, winkte ihr und bot ihr seine Geige und sich selbst zum Lehrer an. So studirte nun Reinchen bei dem jungen Engelbrecht und dieser fand nicht Worte genug, das seltene Talent des Mädchens zu bewundern. Täglich kam er hinüber, seine Stunden versäumend, und brachte die Geige mit und Noten, die Reinchen so spielend erlernte, daß sie das Schwierigste bald vom Blatt lesen konnte.

Raschelchen aber saß Abende lang bei der Unschlittkerze im niedern Kämmerchen und stieg an den Skalen und Solfeggien, die ihr »gebenschtes Reinchen« mit kühn geschwungenem Bogen der Geige entlockte, wie auf einer Jakobsleiter in den Himmel hinan. Sie nickte mit dem Kopf den Takt, schüttelte ihn vor Bewunderung, wenn die Saiten unter den rosigen Fingerspitzen ihres Kindes trillerten, und murmelte dazu deutsche, französische und hebräische Liebesausdrücke. Und wenn Engelbrecht mit strahlenden Augen die geniale Schülerin betrachtete oder ihr mit einem: »Brav, brav, Reinchen!« auf die Schultern klopfte, so rief die glückliche Mutter nur: »Gelt! was für ein Kind!«

»Sie müssen sie mir einmal bringen,« sagte Frau Chaichen Büding, die schönste und wohlthätigste Frau der Gemeinde, zu Herrn Engelbrecht, der ihren Sohn auf der Geige unterrichtete. »Ist das Talent des Mädchens wirklich so außergewöhnlich, wie Sie sagen, so muß der Frauenverein für ihre künstlerische Ausbildung auch etwas Außergewöhnliches thun.«

»Da wäre wohl das Erste,« sagte Engelbrecht, »daß ihr ein anderes Instrument und« – fügte er bescheiden hinzu – »ein anderer Lehrer gegeben würde, denn bei mir kann sie kaum mehr etwas erlernen. Die Technik bewältigt sie wie durch ein Wunder in Jahresfrist, und was die musikalische Auffassung betrifft, so bin ich Handlanger der Kunst nicht im Stande, ein solches Genie zu leiten.«

»Für die Geige soll gesorgt werden,« erwiederte Madame Büding, »und welchen Lehrer glauben Sie –«

»Sind wir nicht so glücklich,« rief Engelbrecht begeistert aus, »den größten Meister den Unsern zu nennen: Ludwig Spohr!«

Madame Büding sann einen Augenblick, dann grüßte sie freundlich den jungen Musiker, kleidete sich an und begab sich in das ihrem Hause auf dem Königsplatz benachbarte bescheidene Gartenhäuschen, das Ludwig Spohr, der berühmte Kompositeur und unübertreffliche Geigenspieler, bewohnte, der kurz zuvor als Kapellmeister an die kurfürstliche Oper berufen worden war. Die schöne und angesehene Frau war mit der Gattin Spohr's, einer trefflichen Harfenspielerin, seit längerer Zeit befreundet. Die edle, feingebildete Künstlerin besaß außerdem die Kunst, das herbe und unzugängliche Wesen ihres berühmten Gatten zu mildern. Ihrer Fürsprache gelang es, daß der Meister sofort versprach, das Kind anzuhören.

Wie Reinchen aufjubelte, als Madame Büding ihr das neue Instrument von mäßigem Werth sandte, so erschrak sie bei der Aufforderung, sich dem großen Meister vorzustellen. Raschelchen bat dringend, sie begleiten zu dürfen, und die Gönnerin versprach sich von diesem Kontrast die sicherste Wirkung. Das hochaufgeschossene Kind im weißen Kleidchen, mit den goldblonden langen Zöpfen, zaghaft die langen Wimpern senkend vor dem bevorstehenden Glück, glich einem Dürer'schen Engel, während Raschelchen, in ihren grüngelben Shawl eingewickelt, den Violinkasten unterm Arm und fortwährend mit dem kleinen Kopfe nickend, ein echtes niederländisches Genrebild bot. Am Eingang des Gartens aber blieb das Mütterchen trotz alles Zuredens stehen; sie wartete unter den Bäumen versteckt, bis die Töne von der Geige des »gebenschten Kindes« erklangen.

Meister Spohr war von dem Klavier, auf dessen halbgeöffnetem Deckel die Partitur seiner Oper: »Der Alchymist« aufgeschlagen lag, die er emsig korrigirte, aufgestanden, die Eintretenden zu begrüßen, eine hohe, mächtige, volle Gestalt mit edlen Gesichtszügen und einer Stirn wie des Jupiter von Otricoli. Die Störung in seiner Arbeit schien ihm unwillkommen zu sein, das Mädchen, das mit klopfendem Herzen vor ihm stand, würdigte er keines Blickes. Indessen hatte Frau Spohr das Klavier geöffnet und freundlichst das befangene Kind herangezogen. Sie griff nach dem Notenheft, das Reinchen in den Händen hielt, und bot sich ihr als Begleiterin an. Lächelnd über die Wahl des schwierigen Stückes – es war ein Spohr'sches Violinkonzert – nickte sie der jungen Virtuosin zu, zu beginnen. Der Meister hatte neben Frau Büding auf dem Ledersopha Platz genommen, und da dieses dem Fenster gegenüber stand, durch das der Strahl der Frühlingssonne durch junges Laub zitterte, die Augen durch einen grünseidenen Schirm geschützt.

Und Reinchen begann, die Saiten zitterten unter ihren bebenden Fingern, alles Blut war aus ihren durchsichtigen Wangen gewichen. Aber bald hatte sie die Außenwelt vergessen, ganz versunken in das mächtige Tonstück; kühn und sicher schleuderte ihr Bogen wie Wurfgeschosse die schweren Passagen des Allegrosatzes hervor. Immer aufmerksamer lauschte der Meister, schob den Schirm von den Augen und betrachtete das erglühende Kind, das die seelenvollen, durchgeistigten Blicke von den Noten emporgerichtet hatte und wie durch Intuition das herrliche Tongemälde zu improvisiren schien. Mühsam keuchte das mittelmäßige Instrument, wie ein müdes Pferd, von einem stürmischen Reiter beflügelt; da, als der Allegrosatz beendet war, riß er plötzlich aus Reinchens Hand die Geige und bot ihr seine eigene, die im geöffneten Futteral auf dem Klavier stand. Wie ein Schauder durchrieselte es das Kind, als sie das durch Meisterhand geheiligte Instrument ansetzte und Frau Spohr wohlgefällig lächelnd die Akkorde des Adagio anschlug. Und Reinchen ergriff den Bogen und spielte: Orgeltöne entströmten dem wundervollen Amati, eine große Thräne trat in die goldblonden Wimpern des Mädchens und die Noten zerrannen allmälig vor ihren Blicken. Die Geige entglitt ihrer Hand und sie bedeckte verwirrt die Augen mit den Händen; aber da hatte sie der Meister auch schon mit beiden Armen um die Mitte gefaßt, hoch emporgehoben und einen Kuß auf ihre Stirn gedrückt. »Kommen Sie so oft Sie wollen und spielen Sie mir vor,« rief er aus, »Sie haben von Gott, was eine Künstlerin braucht, und das Übrige wollen wir schon dazu thun! – Ich danke Ihnen,« sagte er zu Madame Büding, die ihm gerührt danken wollte; »ich hasse die Wunderkinder, aber das blonde Geschöpfchen da ist kein Kind, der große Ton verräth eine große, reife Seele!«

So war nun Reinchen eine Schülerin Spohr's geworden; mehrmals wöchentlich unterrichtete sie der Meister und die ganze Gemeinde sprach davon und überhäufte Raschelchen mit Glückwünschen. Man wollte ihr eine andere, lichtere, luftigere Wohnung miethen, aber sie wies es zurück und Reinchen bat flehentlich, sie in dem Stübchen der alten Synagoge zu lassen, an das sie und ihr Mütterchen gewöhnt wären. »Nicht wahr, Mutterleb, wir bleiben hier!« rief sie mit stürmischer Hast, und während sie die Arme um die Mutter schlang, flog ein verstohlener Blick durch's Fenster in das enge Gäßchen hinaus.

»Gewiß, mein gebenschtes Kind!« antwortete die glückliche Mutter. Ihr Glück hatte sie statt mit Hochmuth mit tiefster Demuth erfüllt. Sie war von nun an das Muster skrupulöser Frömmigkeit. Sorgfältig trug sie die Haare unter dem schwarzen Band versteckt, begleitete jeden Ton von der Geige ihres Abgottes mit Segenssprüchen und Psalmen, die sich unwillkürlich den Melodieen fügten, und Reinchen mußte ihr das Opfer bringen, am Sabbath die geliebte Geige ruhig im Futteral schlummern zu lassen. Sprach man ihr bewundernd von dem Kinde, so wehrte sie kopfschüttelnd und mit dem Gemurmel: »Unbeschrieen und unberufen« ab, als fürchte sie den Neid der bösen Mächte, und nur ein glückseliges Lächeln ergänzte das, was ihre Worte zu verschweigen gebeten hatten.

Man lud Reinchen in Gesellschaften, man wollte Proben ihres vielgepriesenen Talentes hören; sie schlug es ab, sie habe noch viel zu studiren, bevor sie sich öffentlich hören lassen dürfe; die Mutter war glücklich über diese Weigerung, sie wollte sie allein haben, ihr Alles auf Erden sollte auch ihr eigenstes Eigenthum sein. Wenn Engelbrecht zuredete, Reinchen könne sich bereits mit jedem Virtuosen messen, so schüttelte Raschelchen heftig das Haupt. »Mein Reinchen darf nicht wie andere Musikanten applaudirt werden,« sagte sie, »über mein Reinchen muß man Broche machen (Segen sprechen)!« Und das that sie mit Blick und Mund, wenn im kleinen, von einem Öllämpchen beleuchteten Stübchen die Geige Reinchens erklang, die Engelbrecht auf einem alten Spinett begleitete, das man beim Trödler gekauft hatte, und auf dem die vergriffenen Noten der Leihbibliothek aufgeschlagen lagen. Dann saß Raschelchen in der dunklen Ecke des Zimmers und murmelte kopfnickend: »Gott! Allmächtiger! – das Kind! – mein Reinchen – mein Tachschid (Herzblatt) – mein Bijou! – Lau kom (das steht nicht wieder auf)! Gott! die Sechie (Freude)! – Wenn mein Vater das hörte, er wär' mir Alles mauchel (er verziehe)! – Hör' Einer den Ton! – Das ist Kischev (Hexerei) und seh' Einer das Gesicht! Ganz wie Er! – Der Chein von Jossef (die Grazie Joseph's)! Mein Reinchen – mein' Perl, Gott erhalt' Dich, Omen weomen (Amen)!« So ungefähr lauteten die Texte der Mutter zu den Melodieen des Kindes.

Dann lächelte wohl Reinchen, glücklich über die Ausrufungen der Mutter, verstohlen dem Begleiter zu.

Denn dieses glückselige Stillleben hatte nur den einzigen Zeugen – Engelbrecht. Als ihr erster Lehrer begleitete er mit stillem Triumph die Fortschritte der jungen Künstlerin, die er als seine »Erfindung« betrachtete. Der schlanke, zwanzigjährige Jüngling mit dem hellblonden Haar, das, schlicht hinter die Ohren gestrichen, in den Nacken herabfiel, mit den gerötheten Wangen und den wasserblauen Augen, die durch eine Brille ohne Fassung zutraulich hervorblickten, hatte sich nach und nach seiner kleinbürgerlichen Familie und den Kreisen seiner Kollegen aus dem »Felsenkeller« ganz entfremdet und verbrachte jede Stunde, die seine Beschäftigung im Theater, und die bescheidenen Lektionen, die er zu geben verurtheilt war, freiließen, in dem kleinen Stübchen der verfallenen Synagoge. Dort war es so heimlich, wenn ein Sonnenreflex vom Giebel des hohen Nachbarhauses durch die weißgewaschenen Fenstervorhänge glitt und die beiden Basilicumstöckchen am Fensterbrett dem Lichtschein entgegendufteten, oder wenn Abends die messingene Öllampe auf der weißen Serviette des Tisches ihre hellen Kreise an der niedern Decke des Zimmers spiegelte und Reinchen vom Schemel des alten Lehnstuhls, auf dem die Mutter eingenickt war, hastig aufsprang und dem eintretenden Freund die feinen weißen Händchen entgegenstreckte. Dann wurde die neue Geige sorgfältig hervorgeholt und Engelbrecht begleitete ihr am Klavier eine Beethoven'sche Sonate oder auf seinem Instrument spielte er ein Duo mit ihr und sorglich lehnten sich die beiden blonden Köpfe aneinander, um die Stimmung der Geigen zu prüfen. Mit dem Nachbarssohn, dem Kind armer Leute, dem Berufsgenossen, konnte sie ja mit jener unbefangenen Vertraulichkeit verkehren, die in kleinen Städten die Kinder einer Gasse von selbst befreundet. Er nannte sie Reinchen, sie ihn Christian, ein Name, der Frau Raschelchen nie geläufig werden wollte, die statt dessen beharrlich den Namen Engelbrecht gebrauchte.

Und Engelbrecht wuchs unvermerkt an dem Talente seines Zöglings mit empor. Das Fluidum des Genies, das ihr Spiel durchgeistigte, floß in ihn über und erschloß ihm ein neues Verständniß der Musik. Wenn er früher handwerksmäßig korrekt seine Aufgaben gelöst, so vermochte er jetzt ein Tonstück mit der feinen musikalischen Empfindung nachzuspielen, die Reinchen intuitiv, oder von ihrem großen Meister belehrt, aus den Tönen zu wecken verstand. Wenn er auch zuweilen die etwas überhastete Technik des begeisterten Mädchens oder die allzu individuell gestaltete und zerrissene Phrase zu verbessern fand, so war sie im Grunde doch seine Lehrerin geworden. Unwillkürlich fühlten sie, wie sie sich einander ergänzten; anmuthig fügten sich die Töne ihrer beiden Geigen in gleichem Strich gleichsam zu einem Ton; Auge in Auge gesenkt, lauschten sie sich vorahnend jede Nüance des Vortrags ab, jedes Gefühl, jede leidenschaftlichere Steigerung; ihre Seelen flossen ineinander und ihre Herzen vibrirten harmonisch wie ihre Saiten!

Zuweilen brachte er zwei seiner Kollegen zu Quartettübungen mit. Die Musiker und ihre Pulte füllten den engen Raum und Raschelchen saß auf der Pritsche am Fenster, ihr Gebetbuch in den Händen, den Kopf vor Bewunderung nach dem Takte schüttelnd, oder die schwierigen Passagen der Primgeige, die ihr gebenschtes Reinchen spielte, mit einem staunenden »St! St!« begleitend.

So spann sich das glückliche Stillleben viele Monate lang fort.

An kleinen Schatten fehlte es dennoch nicht. Wenn am Freitag Abend Engelbrecht das verschlossene Klavier öffnete, ein Lieblingsstück anschlug und Reinchen hinter dem Rücken der Mutter unwillkürlich zur Geige griff, dann stürzte Raschelchen herein mit dem Ausruf: »Reinchen, was thust Du! am heiligen Schabbes (Sabbath)!« Verschämt legte dann das Mädchen die Geige weg und wollte Engelbrecht eine spöttische Bemerkung machen über die »lächerlichen Vorurtheile« und die »Beschränktheit des jüdischen Zelotismus«, so legte sie ihm heimlich die Hand auf die Schulter oder blickte ihn mit flehendem Ausdruck an, die Mutter nicht zu erzürnen. Die aber schüttelte den Kopf und murmelte abgewandt: »Der Goi (Christ)!« Zu Reinchen sprach sie kein Wort darüber, sie wußte, wie unentbehrlich ihr der Kunstgenosse sei!

Gegen das Frühjahr aber, in welchem Reinchen ihr sechzehntes Lebensjahr erreichte, hatte das Mutterherz der frommen Frau einen schweren Kampf zu bestehen. In der Garnisonskirche, die die schönste Orgel der Stadt besaß, sollte in der Charwoche ein großes Oratorium aufgeführt werden. Spohr leitete das Musikfest, Henriette Sontag sollte die Sopranpartie singen, für ein Violinsolo, das eine Arie der großen Sängerin einzuleiten und zu begleiten hatte, bestimmte Spohr, der selbst den Taktstock führen mußte, unser Reinchen. Wie sie bei dieser Nachricht erglühte, wie sie begeistert das Tonstück dem Meister vorspielte, der ihr wohlgefällig auf die Schulter klopfte! Wie sie jubelnd der Mutter diese seltene Auszeichnung verkündete und Engelbrecht von dem Aufsehen sprach, das der Name Reine Piccard neben der weltberühmten Sängerin machen würde! Aber Raschelchen schüttelte nur heftig den Kopf. »Mein Kind soll in der Tifle (Kirche) spielen!« murmelte sie, »da dreht sich mein frommer Vater olewescholem (der Friede mit ihm!) im Grab herum!«

»Ich verstehe Sie nicht!« warf Engelbrecht heftig ein.

»Das können Sie auch nicht,« antwortete Raschelchen ruhig.

Nun verlegte sich Reinchen auf's Bitten; sie las den Text des biblischen Oratoriums mit frommem Ausdruck vor, und als auch das nicht verfing, begann sie die Melodie der Arie auf der Geige zu spielen.

»Das geht ja wie ein Nijen (Synagogenweise),« sagte Raschelchen verwundert und war schon halb besiegt. Dann schlang Reinchen die zarten Arme um den Hals der Mutter und streichelte ihr mit dem Finger die frühgrauen Härchen unter das schwarze Band zurück und murmelte an ihr Ohr: »Gelt, Mutterleb, ich darf?« Und als Raschelchen unwillkürlich nickte, sprang sie jauchzend auf. »Ich darf, ich darf!« jubelte sie und küßte die Violine und ihren Freund Christian.

Am andern Tag schon war Fräulein Reine Piccard neben Henriette Sontag an den Straßenecken angekündigt und die ganze Gemeinde gratulirte Raschelchen zu der unerhörten Kowed (Ehre)!

Aber die Gemeinde und das gute Raschelchen hatten kein Luech (Kalender) zu Rathe gezogen, und als die Proben schon im vollen Gang waren, zeigte es sich, daß der Abend des Konzertes mit dem ersten Abend des Passahfestes, dem heiligen Sederabend, zusammenfiel. Da erhob die fromme Mutter ihr entschiedenes Veto. Reinchen mußte dem Meister ankündigen, daß sie nicht spielen dürfe, was sie weinend und beklommen that. Der aber furchte drohend seine Jupiterstirn. »Dummes Zeug!« rief er, »ich befehle es! Basta.«

Durfte sie den Meister erzürnen, dem sie Alles verdankte? Sie eilte zu Madame Büding und erzählte ihr weinend den unlösbaren Konflikt. »Beruhige Dich, mein Kind,« sagte die schöne Frau und begleitete sie zur Mutter. »Sie müssen Meister Spohr dieses Opfer bringen,« sprach sie zu Raschelchen, »und glauben Sie mir, Sie thun damit ein gottgefälliges Werk. Bedenken Sie, daß Reinchen das erste Judenkind ist, dem der große Künstler die Wohlthat seines Unterrichts ertheilt hat. Im Stiche gelassen und erzürnt, würde er nie wieder sich zu Ähnlichem verstehen und für alle Zukunft tragen Sie dann die Verantwortung. Außerdem ist die Ehre Ihres Kindes die Ehre der ganzen Gemeinde und ein Kidusch Haschem (Verherrlichung Gottes), und eine fromme Frau darf dem nicht entgegen sein.«

Raschelchen schüttelte den Kopf bei diesen Argumenten. »Ich kenn' mich nicht mehr aus,« sagte sie, »und das Ärgste auf der Welt ist, wenn man nicht mehr weiß, was Recht und was Unrecht ist. Mein frommer Vater olewescholem hätt' mir's sagen können, und kein Raaf ist auch nicht hier, der mir's paskenen (auslegen) kann. Aber Sie sind auch eine fromme Frau und im kleinen Finger gescheidter wie ich, Madame Chaichenleb, also in Gottes Namen soll mein Reinchen am Sederabend in der Tifle spielen!« Dabei brach sie in Thränen aus, die Reinchen vergebens wegzustreicheln versuchte.

»Wein' nicht, Mutterleb,« schluchzte sie, »ich thu's ja nicht, wenn Du mir's verbietest.«

»Aber ich verbiet' nichts!« stieß Raschelchen hervor, »ich weiß nicht mehr, was Recht und was Unrecht ist!«

Während Reinchen seelenvoll und von Allen bewundert in der Kirche spielte, saß ihre Mutter am Osterabend in der Frauenschule, den Kopf in ihr Marchsor (Gebetbuch) versteckt und so inbrünstig betend, als wollte sie die Töne übertäuben, die von der Geige ihres Kindes zum Himmel stiegen. Zu Hause deckte sie den Tisch mit den weißen Tüchern und den bräunlichen Mazzes und harrte schweigend auf die Ankunft ihres Kindes. Noch glühend vor Erregung kam Reinchen nach Haus im weißen Kleid, eine Rose im Haar, von Engelbrecht begleitet, der von dem Beifall des Publikums erzählte und die Mutter beglückwünschte.

»Reinchen kehrt vom Kirchenkonzert zurück«
Holzstich nach einer Zeichnung von Moritz Daniel Oppenheim

Raschelchen schien es kaum zu hören. »Laß Dich benschen, mein Kind,« sagte sie und legte still murmelnd die Hand auf das blonde Köpfchen.

Engelbrecht lud sie nicht zum Bleiben ein; an dem »Ostermahl« soll kein »Fremder« theilnehmen. Schweigend trug sie die Speisen auf, mit gepreßtem Herzen saß Reinchen da an dem Abend ihres ersten Triumphes.

Wie Reinchens erster künstlerischer Erfolg immer weitere Wellen zog, tagelang Glückwünsche und Beifallsbezeugungen brachte, lobende Berichte in den Blättern der Stadt und selbst in auswärtigen Journalen, so schien die Verstimmung jener Stunde auch immer breitere und tiefere Schatten über die Seele der frommen Mutter zu werfen. Es waren nicht Skrupel über das Vergangene, es war eine unheimliche Vorahnung der Zukunft. Die Musik hatte sich zwischen sie und ihr Kind gedrängt und sie begann sie zu scheuen und zu fürchten wie ein feindliches Element, und der Goi Engelbrecht ward ihr in demselben Grade verhaßt, als er Reinchen unentbehrlich wurde. Häufiger als je kam er zu den gemeinsamen Übungen und sprach von gemeinsamen künstlerischen Projekten, von Konzerten und Kunstreisen in fremde Städte, von großartigen Erfolgen und Reichthümern. Raschelchen schüttelte nur den Kopf über solche »Stuß« (Thorheiten).

Aber Reinchen, so unbefangen und kindlich sie auch stets dem Jugendfreund begegnete, fühlte, ohne sich davon Rechenschaft geben zu können, eine magische Gewalt, die sie zu seinem Willen zwang. Ihr ganzes Herz hing mit allen seinen Fasern an der geliebten Musik und fand in ihm den Wahlverwandten, der sie verstand. Der Ton ihrer Geige schien ihr ärmlich und verwaist, wenn er sich nicht mit dem seinigen vermählte; die beiden Stimmen der Geigen waren ihre Korrespondenz, sie lauschten sich ihre Gedanken ab, ihre Wehmuth, ihre Freude, sie plauderten in Tönen. Reinchen wußte nur zu gut, daß sie ohne Christian nicht leben könne, aber sie wußte keinen Namen dafür!

So nahte der Sommer; das Theater wurde geschlossen, Meister Spohr reiste in's Bad. Zum Abschied legte er liebevoll seine große Hand auf Reinchens Haupt. »Brav, mein Kind,« sagte er, »noch ein Jahr und wir sind was Rechtes. Schonen Sie sich indeß, Sie wachsen mir zu schlank empor und das Geigenspiel strengt die Brust an, zumal wenn man mit ganzer Seele spielt wie Sie!«

Aber gerade die Ferienzeit ließ Engelbrecht Muße, und emsiger als je wurden Duette studirt für die zukünftige Kunstreise. Und sieh'! Da kamen schon Briefe aus Badeorten, die das junge Künstlerpaar zur Mitwirkung in Konzerten und bei Musikfesten einluden. Engelbrecht's heimliche Schritte hatten Früchte getragen. Triumphirend brachte er die Briefe, vor Freude zitternd las Reinchen sie der Mutter vor; aber diese schüttelte gewaltig den Kopf. »Schmus periendis ( pour rien dits, nichtssagende Reden),« murmelte sie, »ich werd' Dich fortgehen lassen, mein Reinchen, ohne mir!«

»Wer sagt das, Mutter!« rief Reinchen erschrocken.

»Was denn?« entgegnete diese heftig, »ich soll mitgehen und Dich herumführen wie einen Elephant? Und wenn Du mir, Gott soll meschomer sein! (behüt's), krank wirst da draußen unter den Fremden? Nicht um Alles in der Welt! Was hab' ich von der Musik, wenn sie mir mein Reinchen fortführt, ich hab' doch nichts auf der Welt, als wie Dich!« Thränen erstickten ihre Stimme. »Sieh' mich an,« fuhr sie fort, »ich kann Dir's nicht erzählen, jetzt noch nicht und am wenigsten vor anderen Leuten; meine fünf Finger gäb' ich drum, wenn ich ruhig zu Haus geblieben wär', ohne andere Gedanken. Gott wird mir's mauchel sein (verzeihen), er hat mir ja Dich dafür gegeben, mein gebenschtes Kind! Nicht wahr, Du schlägst Dir das aus dem Kopf?«

Reinchen stand tiefbewegt mit niedergeschlagenen Augen. Da erhob sich Engelbrecht vom Klavier und schlug den Deckel zu, daß es schmetterte. »Unsinn!« rief er, »jüdische Beschränktheit, die jeden vernünftigen Menschen empören muß! Wozu empfing Ihr Kind ein so seltenes Talent? Wozu den Unterricht eines so großen Meisters? Haben wir jahrelang studirt, um in dieser Spelunke zu musiziren? Unglaublich! Ein solches Licht unter den Scheffel zu stellen, das ist eine Sünde, die Sie nie verantworten können!«

Erbleichend blickte Reinchen auf die beleidigte Mutter. Aber diese lächelte nur. »Er will mir sagen,« murmelte sie, »was eine Sünde ist. Und wenn ich nun eine beschränkte Jüdin bin, die ihr Kind um etwas bittet, was ihr ihr Herz und ihre bittere Erfahrung diktirt, ist ›Ehre Vater und Mutter‹ eine Sünde? Was meinst Du, Reinchen, mein Herz? Das haben wir Zwei miteinander auszumachen und kein – Anderer!«

»Also gut!« rief Engelbrecht und erbebte, daß die Brille auf seiner Nase zu zittern begann, »so machen Sie es allein mit ihr aus! Bleibt, wenn ihr wollt, in eurer Judengasse! Und deßhalb habe ich dieß Talent wie eine Perle aus dem Schlamm gezogen und deßhalb sie zu dem großen Meister geführt und deßhalb zwei Jahre lang mit ihr in Mozart, Beethoven und Haydn geschwelgt. Großer Genius!« rief er und schleuderte die Noten vom Pult auf die Erde, »verzeihe ihnen, sie wissen nicht, was sie thun!«

Reinchen wollte sich nach den Noten bücken, aber er ergriff sie heftig bei den Schultern. »Laß! laß!« schrie er, »Du brauchst sie nicht mehr, ich reiße die Saiten von dieser Geige!« Er griff darnach, aber Reinchen entriß sie ihm zitternd und barg sie wie ein wimmerndes Kind an ihrer Brust. Wie ein schwanker Zweig, von widerstrebenden Winden umhergerissen, beugte sie sich in sich zusammen, und die Geige fest an sich drückend hob sie die großen Augen zur Mutter empor: »Nur das nicht, Mutter! nur das nicht!« rief sie mit schmerzlicher Verzweiflung.

Raschelchen hatte beide Hände um die Kniee geklammert, deren heftiges Zittern zu verbergen. »Was willst Du von mir, mein Kind?« rief sie aus. »Mich bringst Du nicht dazu, daß ich mein junges, schwaches Kind hinausführ' in die fremde Welt. Willst Du allein gehen, ohne mich, gegen meinen Willen? Thu', was Dir Dein Herz sagt.«

»Reinchen!« rief Engelbrecht jubelnd aus und zog die Zitternde in die Fensternische und begann zu flüstern, und am ganzen Leibe bebend hörte Reinchen ihm zu.

»Was red't er mit Dir, was ich nicht hören darf?« rief Raschelchen und erhob sich.

»Nichts, was Sie nicht hören dürfen!« entgegnete Engelbrecht, »Sie sollen, Sie müssen es hören. Jetzt steht Ihr Kind am Scheidewege, die Thore der Kunst öffnen oder schließen sich ihr für immer. An meiner Hand soll sie eintreten, hörst Du, geliebtes Mädchen, an meiner Hand! Wie auf der Geige begleite ich Dich, wenn Du willst, durch das Leben!«

Reinchen starrte ihn an, Raschelchen warf einen Blick auf ihn, wie auf einen Wahnsinnigen.

»Du verstehst mich doch!« fuhr Engelbrecht immer glühender fort, »Du hast mich verstanden, seit wir uns fanden, was ich in Tönen Dir gesagt, in Tönen hast Du mir's erwiedert. So laß mich's Dir jetzt in Worten sagen: ›Ich liebe Dich!‹ So hab' auch Du den Muth, es auszusprechen, daß Du mich liebst! Es muß in dieser Stunde entschieden sein, die Fesseln, die Dein Herz und Deinen Genius gefangen halten, müssen gebrochen werden, brich sie, geliebtes Mädchen, wie ich mich losreiße von den Vorurtheilen der Welt gegen Deine Nation! Sei mein Weib! Ein Wort: Ja! oder Nein! Auf ewig vereint oder auf ewig getrennt!«

Und der schöne Jüngling hing mit flammendem Blick an den Augen des Mädchens.

Aber sie sprach das Wort nicht aus. Wie eine zur Rose aufgesprungene Knospe erröthete sie bis unter die Goldfransen ihres Stirnhaares, ihr Busen wallte, als höbe er zum ersten Mal seine jungen Flügel; wie eine fremde Sprache klangen die nie gehörten Worte verwirrend in ihr Ohr, ein süßer Schrecken umklammerte ihr Herz und fesselte ihre Zunge. Ihr Blick hob sich nicht auf den Geliebten, nicht auf die Mutter, es war, als flüchtete er in ihre eigene Seele zurück, ein Gefühl von Furcht überkam sie und ein kaltes Rieseln überlief all' ihre Glieder.

»Ein Wort! ein Wort!« rief Engelbrecht und faßte nach ihrer kalten, zitternden Hand.

Raschelchen, die in sprachlosem Erstarren seiner Erklärung gefolgt war, wollte ihr Kind seiner Berührung entziehen, aber die Füße versagten ihr, sie sank in den Sessel zurück. Die ganze Vergangenheit, die ganze Zukunft sah sie in diesem Augenblick zusammengedrängt. »Du siehst doch,« brachte sie mühsam hervor – »Du siehst doch jetzt, wo er mit seiner ›Kunst‹ hinaus will! So red' doch, red' wie Du denkst! So hart kann mich doch der Allmächtige nicht strafen, daß mein Kind seinen Gott verleugnet und seine Mutter! Ich sag' kein Wort, gib Du ihm die Antwort!«

»Reinchen, liebst Du mich?«
Holzstich nach einer Zeichnung von Moritz Daniel Oppenheim

»Reinchen, liebst Du mich?« rief Engelbrecht und faßte die Hände der Regungslosen. Ihre Lippen bewegten sich, aber sie sprach kein Wort. Er griff hastig nach seinem Hut. »Du schweigst!« rief er wild, »so leb' wohl für immer!« Da rang es sich wie ein Angstruf aus der Brust des Mädchens hervor: »Christian!« und sie erhob beide Arme, daß die Geige, die sie an die Brust gedrückt hatte, an ihr niederglitt.

Und Raschelchen hörte das Wort. Wie vom Blitz getroffen sank sie zurück. »Reinchen! mein Kind!« schrie sie auf, so schrill, so schmerzlich, als hätte ein Messer ihr das Herz durchbohrt. Da war es, als fiele ein Bann von den starren Gliedern des Mädchens; wie ein Pfeil flog sie auf die Mutter zu, mit beiden Armen umschlang sie ihren Hals. »Ich bleib' ja bei Dir! Mutterleb!« schluchzte sie, »so lang ich lebe, bleib' ich bei meiner Mutter!«

Engelbrecht stürzte hinaus, auf der morschen, hölzernen Wendeltreppe verhallten allmälig seine hastigen Schritte. Laut weinend lag das Kind an der Mutter Brust; die drückte den blonden Kopf fest an ihr Herz, wie ein Vögelchen, das man an die Brust versteckt, und flüsterte ihr in's Ohr: »Ich weiß, was in Dir vorgeht, mein Tachschid, mein Juwel! Du hast gethan, was ich nicht gethan hab', Du hast Deine Mutter losgekauft und mein frommer Vater benscht Dich dafür!« und die Hand auf das Haupt des Kindes legend, betete sie mit zum Himmel erhobenen Augen: »Gott segne Dich wie Sarah, Rebekka, Rahel und Leah! Der Ewige segne und behüte Dich, der Ewige lasse sein Antlitz Dir leuchten und sei Dir gnädig, der Ewige wende sein Antlitz Dir zu und gebe Dir – den Frieden!«

Einige Tage später verließ Engelbrecht die Stadt. Er hatte einen Ruf an das kaiserliche Operntheater in Wien erhalten und war ihm gefolgt.

»Willst Du mir nicht ein bischen was vorspielen, mein gebenschtes Kind?« fragte Raschelchen am andern Tag.

Reinchen hatte eben die gesprengten Saiten der Geige abzulösen und neue aufzuziehen begonnen. Sie griff nach dem Bogen, setzte ihn an und legte ihn wieder weg. »Ich kann nicht, Mutterleb,« sagte sie ruhig. Eine tiefe Blässe lag auf ihren Wangen, sie wollten sich lange nicht röthen, endlich malten sich wieder Rosen, aber scharf abgegrenzte, glühende auf das durchsichtige Antlitz und die Augen erschienen größer und glänzender als ehedem. Am Pfingstfest führte Raschelchen ihr Kind in den Tempel. Auf der Stiege begegnete ihnen Madame Büding und betrachtete überrascht und besorgt das schlanke Mädchen mit den gerötheten Wangen und den bleichen Lippen. »Was ist's mit Dir?« fragte sie, mit der Hand über die blonden Locken streichelnd, »fehlt Dir etwas?«

»Meinem Reinchen?« fragte Raschelchen befremdet.

»Mir fehlt nichts,« sagte Reinchen und lächelte.

»Doch, doch, ich weiß, was Dir fehlt,« entgegnete die schöne Frau.

Reinchen erglühte.

»Dir fehlt Luft und Licht,« fuhr jene fort, »Du hast den Winter über zu fleißig studirt, und nun, im Frühling, fällt kein Sonnenstrahl in eure Gasse! Da muß etwas gethan werden!« Wenige Tage darauf hatte Madame Büding in einem Garten vor dem holländischen Thor ein Stübchen und ein Kämmerchen gemiethet und bestand darauf, daß es Reinchen mit ihrer Mutter bezog. Das Klavier und die Geige wurden mitgenommen, doch blieben sie unberührt, auch ohne daß der Arzt, den Madame Büding sandte, es verboten hatte.

Reinchen saß im Garten, freute sich still der Blumen und neigte ihr Köpfchen dem Sonnenschein zu, wie eine Monatsrose in einem Glas Wasser. So oft die Mutter sie betrachtete, lächelte sie. Bald konnte sie vor Mattigkeit das Zimmer nicht mehr verlassen; die guten Gärtnersleute stellten ihr Blumentöpfe an's Fenster und legten ihr Rosen auf die Decke ihres Bettes, über dem die Geige hing. Sie klagte nicht über Schmerz, sie lächelte nur still und stiller, wie die Lampe, in der das Öl versiegt. Raschelchen schien das nicht zu bemerken, ruhig und unbesorgt saß sie am Bette des Kindes. Die Frauen der Gemeinde besuchten sie oft, auch Frau Spohr erkundigte sich wiederholt und theilnehmend nach ihrem Liebling. Eines Tages war unsere Tante Channe hinausgekommen. Die erfahrene Greisin, die so oft an Krankenbetten gesessen war, betrachtete mit stummer Besorgniß den unheimlichen Zug, der von der feinen, transparenten Nase des Mädchens sich an den rosigen Flecken der eingefallenen Wangen hinabzog. »Gott wird helfen,« sagte sie beim Abschied zu Raschelchen, die sie in den Garten begleitete.

Da lächelte Raschelchen. »Das wird er auch,« sagte sie mit seltsamer Zuversicht; »meinem Reinchen geschieht nichts, das weiß ich! Ich hab' mir jetzt wieder die Akeite (das Opfer Abrahams) durchgelesen. Der Heilige, gelobt sei er! hat doch Abraham unserem Vater sein Kind nicht nehmen wollen, er hat nur sehen wollen, ob er ihn lieber hat oder das Kind. Und nachher hat er schon seinen Malach (Engel) geschickt. Und daß er dem Kind so wehe gethan hat, ist Abraham doch zum großen Verdienst angerechnet worden und heut noch erinnern wir Gott daran, er soll uns deßwegen unsere Sünden mauchel sein (verzeihen). Nicht wahr, Madame Channe, das steht doch geschrieben und Kibet Av Em (Ehre Vater und Mutter) ist doch auch was, was Einem zu gute kommt? Drum bin ich ganz ruhig, meinem Reinchen kann nichts geschehen. Ich glaub' immer, das ist nur vom Wachsen!«

Die alte Tante gab ihr Recht, um sie zu trösten. »Das ist Alles gewiß,« sagte sie nickend, »das steht ja geschrieben!« (nämlich in der Thora).

So saß denn Raschelchen, glücklich in ihrer Zuversicht, auf dem Fußende des Bettes und plauderte mit dem kranken Kind. »Jetzt, Reinchen, mein Herz,« sagte sie, »jetzt bist Du groß genug, jetzt kann ich Dir auch erzählen, was ich nie gethan hab', von Deinem Vater!«

Reinchens Hände zuckten in den ihren. »Ja! ja!« flüsterte sie.

»Weißt Du, mein' Perl, ich bin von guten Leuten, mein Vater, gesegneten Andenkens, war der berühmte Chassen (Kantor) in der großen Schul' von Metz. Ein Kol (Stimme) hat er gehabt, man soll's nicht sagen, und getrillert hat er wie ein Rosignol. Meine Mutter olewescholem (der Friede mit ihr!) ist gestorben, wie ich noch klein war und Mimmle Madel (Mühmchen Madelon), die Schwester von meinem Vater, hat mich großgezogen. Sie hat den ganzen Tag geort (gebetet) und ich hab' thun dürfen, was ich gewollt hab'. Gelernt hab' ich nichts, aber dreimal in einem Tag hab' ich mich anders frisirt, das hab' ich so in den Fingern gehabt.

Mein Vater hat mir nie ein bös Wort gesagt, wenn die Mimmle mich gezankt hat, hat er mir ein Kniffchen in die Backen gegeben. Gott, was für ein Mann! Die ganze Musik in Dir hast Du von ihm. Lieb hat er mich gehabt, wie ich Dich, und ich – Gott soll mir's verzeihen!« – Schluchzen erstickte ihre Stimme.

»Du hast mir doch von meinem Vater erzählen wollen, Mutterleb!« sagte Reinchen und streichelte ihre Hände.

»Ja, das war Anno Neun, die Armee ist nach Österreich gegangen und wir haben Einquartierung gehabt in Metz. Da ist Einer bei uns gelegen, der mit den Lieferungen zu thun gehabt hat für den Proviant, eine Schönheit von Gott, ganz Dir aus dem Gesicht geschnitten. Vier Wochen war er bei uns, er war ein Jud' aus dem Elsaß, Piccard hat er geheißen. Mein Vater hat ihm gern zugehört, denn er hat gered't wie ein Buch, und ich noch viel mehr. Ich hab' nichts mehr gesehen und gehört auf der Welt, als wie nur den Piccard mit seine blonde Haar! Kannst Du Dir das vorstellen?«

Reinchen schloß die Augen, ein leises Beben flog durch die Nerven ihres bleichen Gesichts.

»Nun, wie die Armee hat weiter gesollt, hat er zu mir gesagt: ›Raschel, geh' mit mir, sei mein Weib!‹ Ich bin zu meinem Vater geflogen, im siebenten Himmel hätt' ich nicht glücklicher sein können, als wie ich war. ›Kindleb,‹ hat mein Vater gesagt, ›laß Dich nicht irr' machen, bleib' bei Deinem alten Vater, Du hast es doch nirgends besser auf der Welt. Du kennst ihn nicht genug und auf Reden allein soll der Mensch nicht gehen; und Du willst mit ihm hinausgehen in die Milchome (Krieg). Folg' mir, mein Kind, und schlag' Dir ihn aus dem Kopf!‹ ›Mein Vater leid' 's nicht,‹ hab' ich zu ihm gesagt. ›Was fragst Du Deinen Vater, wenn Du mich lieb hast,‹ hat er gesagt. ›Das Weib soll Vater und Mutter verlassen und soll dem Mann folgen,‹ steht geschrieben. – Was soll ich Dir sagen, Reinchen, mein Juwel, wie er hat fort müssen, ist mir's gewesen, als wenn er mir die Neschom (Seele) aus dem Leib herauszieht; und ich – – ich bin mit ihm gegangen heimlich und ohne meinem Vater ein Wort zu sagen. In Straßburg hat uns der Maire getraut, ich hab' wollen zum Raaf mit ihm gehen, aber er hat gesagt, ›es ist das neue Gesetz und in Kriegszeiten darf man sich nicht rühren!‹ So sind wir langsam gekommen bis nach Ulm, wo eine lange Station war, dann hab' ich nicht weiter gekonnt wegen Dir. Und bei Nacht hab' ich mir die Augen ausgeweint vor Schiwerlef (Herzeleid) über meinen Vater, und das hat ihn so verdrossen, daß ich keine gute Stund' mehr gehabt hab'. Ich hab' gesehen, daß ich ihm zur Last bin. Da hat er gesagt, ich darf nicht weiter mit und hat mir Geld gegeben und ich bin wieder nach Haus zu meinem Vater, und wie ich mich vor ihm niedergeworfen hab' und hab' so geweint, hat er mir kein böses Wort gegeben, und wenn Mimmle Madel geschimpft hat, hat er gesagt: ›Was thust Du? Ist sie nicht gestraft genug!‹ Und wie Du bist auf die Welt gekommen, hat er Dich gebenscht mit seinen frommen Händen. So ein Vater! Und ich hab's doch gesehen, wie ich ihn zu Tod gekränkt hab', denn er war ganz zusammengefallen und hat gehust't. Der Kummer macht alt vor der Zeit. Ich hab immer auf Brief' gewartet und es ist nichts gekommen; ich hab' gehört, die Proviantkommission liegt in Kassel. Da bin ich noch einmal fort, die Mimmle, wenn sie mit mir auch gezankt hat, hat Dich gern gehabt, so hab' ich Dich versorgt gewußt. Ich bin ankommen und hab' mir die Füß' abgelaufen, es hat Keiner was von ihm gewußt. Da hab' ich mich geschämt vor meinem Vater und gefürchtet vor der Mimmle, und hab' geschrieben, ich hätt' ihn gefunden, und was ich mir verdient hab' mit Frisiren, denn das hab' ich verstanden cummelfo ( comme il faut), das hab' ich nach Haus geschickt, als wie wenn er's schickte für sein Kind. Und ich hab' auswendig gelacht und mein groß Herzeleid versteckt, damit ich anderen Leuten nicht zuwider bin. Und immer hab' ich gefragt nach ihm und von einer großen Generalsfrau, die ich frisirt hab', hab' ich's endlich herausbekommen, daß er mit der großen Armee ist gegangen nach Rußland. Aber herausgekommen ist er newich (leider) nicht mehr und Gott soll's ihm mauchel sein (verzeihen), wie ich's ihm längst mauchel gewesen bin! Ich hab's nicht besser verdient! ›Ehre Vater und Mutter‹ steht ja schon auf den zwei Tafeln, die Gott selber an Mausche ribenu (Moses, unserem Lehrer) gegeben hat! Nicht wahr, mein Reinchen, mein gebenschtes Kind?«

Reinchen zog die Hand der Mutter an die spröden, heißen Lippen und schloß auf's Neue die Lider mit den langen, goldenen Wimpern.

»Nun,« fuhr jene fort, »wie das Royaume hier zu End' 'gangen ist, was hätt' ich thun sollen? Ich bin heimgangen, und meinen Vater – ich hab' ihn nicht wieder gefunden! Vier Wochen vorher hat ihn Gott zu sich genommen, nicht einmal die Augen hab' ich ihm zudrücken dürfen, die guten, sanften Augen. Du mußt Dich doch noch an die Augen erinnern, Reinchenleb! Du warst doch schon vier Jahr alt! Ich hab' mir nicht die Haar' ausgerissen, damit die Anderen keine Nekome (Schadenfreude) haben; hingekniet hab' ich mich an seinem Grab und geschworen, ich will fromm sein wie er, damit er mir drüben verzeiht, was ich ihn hier gekränkt hab'. Mein Vater hat neb nichts hinterlassen, zu verdienen war daheim nichts und geschämt hab' ich mich auch, da hab' ich das Bissele, was da war, an Mimmle Madel gelassen und bin mit Dir wieder hieher gekommen, wo ich gewußt hab, daß gute Leut' sind. Und Du warst mein Massel und meine Broche (Glück und Segen), wie Du's heut noch bist! Um Deinetwegen haben sie mich hier aufgenommen und alles Andere weißt Du ja; aber das weißt Du noch nicht, wie ich glücklich war in der Armuth durch den Reichthum an Dir! Und wenn ich auch im Winter kein warm Kleid auf dem Leib gehabt hab' und hab' Dich an der Hand geführt, so bin ich mir vorgekommen wie Schippe-Malke (die Piquedame ist das Symbol der Pracht). Und wenn ich Dein Stimmchen gehört hab' oder den Ton von Deiner Violin', so ist mir's gewesen, mein Vater lacht dazu in Gan-Eden und ich hätt' am liebsten gehabt, es hört' Dir kein Anderer zu, wie er und ich. Und wie Du hast müssen in der Tifle spielen, begreifst Du jetzt, mein' Kron', was in mir vorgegangen ist? Aber reden wir nicht davon, das ist vorbei, und war's eine Ewere (Sünde), so hast Du Alles zehnmal gut gemacht in jener Stunde, wo Du hast Dein Herz geopfert für Gott und Deine Mutter, da hast Du meine Seele ausgelöst bei Gott dem Allmächtigen und am Jaum-Din (Tag des Gerichtes) wird Dein Sechus (Verdienst) Deiner armen Mutter zu gute kommen!« Weinend sank ihr Haupt an die Brust des Mädchens, das die mageren Arme um ihren Hals schloß. Sie hörte das Herz Reinchens so dröhnend zittern, daß sie sich erschreckt erhob. »Reg' Dich nicht auf, mein Herz!« rief sie und streichelte das geliebte Haupt, das sie sanft auf die Polster zurückgleiten ließ.

Der Herbstwind begann die Bäume im Garten zu lichten. Reinchen starrte mit großen, offenen Augen hinaus auf das sanft wirbelnde goldene Laub. – »Ob ich die Bäume noch einmal grün sehen werde?« flüsterte sie einmal.

»Was red'st Du für Stuß (Thorheit)!« schalt die Mutter. »Wo darf Dir etwas geschehen? Unser Herrgott weiß doch, was Du bist!«

»Wissen Sie was Neues, Frau Piccard?« sagte ihr eines Tages eine Frau, die ihre Nachbarin in der Gasse gewesen und sich im Vorbeigehen nach dem »lieben Mamsellchen« erkundigte, »der Engelbrechtin ihr Christian hat ein großes Glück gemacht. In Wien hat eine Bäckerstochter sich in ihn verliebt und ihn geheiratet und hat ihm ein dreistöckiges Haus und viele hunderttausend Gulden zugebracht!«

Raschelchen schüttelte den Kopf und lächelte wehmüthig. »So ist der Goi!« murmelte sie vor sich hin.

Sollte sie es Reinchen mittheilen? Vielleicht daß die Nachricht von Engelbrecht's raschem Vergessen den letzten Schatten der Erinnerung aus dem Herzen des Kindes verscheuchen und ihre Genesung beschleunigen würde? Aber nein, lieber den verhaßten Namen gar nicht mehr nennen! Raschelchen fühlte sich dennoch beunruhigt. Nichts beklemmte sie mehr als der Zweifel. Wie hätte sie das Siechthum des geliebten Kindes so ruhig ertragen, hätte sie nicht die Gewißheit gehabt, das Opfer ihres Kindes sei eine Mizwe (fromme That), die Gott durch völlige Genesung vergelten müsse. »Gott ist ein Schaufet Zedek (gerechter Richter),« murmelte sie oft vor sich hin, »und wie er mich bestraft hat, so muß er mein Reinchen belohnen!« Sie sah ruhig ihr Kind mit gebundenen Händen auf dem Holzstoß liegen, sie wußte, der Engel sei nahe, der das gezückte Messer abwehren und ihr sein »Heil« verkünden würde.

Und er war nahe, der erlösende Engel!

Die großen Feiertage kamen heran, sie fielen dieses Jahr in den späten Oktober; der Herbstwind schlug an die Fenster des Gartenhäuschens. Raschelchen saß, während die Anderen in weißen Kleidern im Tempel beteten, am Lager des Kindes, das rasch und leise athmete. Zwei Lichter brannten auf dem weißgedeckten Tischchen, verspätete Monatrosen hauchten bleich und sterbend ihren Duft auf der Decke des Krankenlagers aus.

Da fuhr Reinchen auf wie aus einem Traum und streckte die magere Hand nach der Geige aus, die über ihrem Bette hing.

»Was willst Du, mein Herzblatt?«

»Die Geige,« lispelte das Kind.

Raschelchen besann sich, ob sie am heiligen Neujahrsabend ihr die Geige geben dürfe? Aber dem Kranken ist Alles erlaubt; sie klomm am Bette hinauf und löste die Geige vom Nagel. Reinchen griff darnach und drückte einen langen Kuß auf die schlaffen Saiten. In ihre großen Augen traten Thränen und sie betrachtete das Instrument mit unsäglicher Zärtlichkeit. »Ich hab' von ihr geträumt,« flüsterte sie, »ich hab' auf ihr gespielt, die Sonate in f, und – –« sie schüttelte leise den Kopf, ein tiefer Seufzer hob sich aus ihrer Brust.

»Du wirst sie wieder spielen, mein gebenschtes Kind!« rief die Mutter, »und schöner als je! Weißt Du, was ich mir vorgenommen hab'? Wenn Du, so Gott will, wieder ganz gesund bist, geh' ich mit Dir und laß Dich hören, wo Du willst! Wir zwei allein! Soll ich mich geniren, weil ich eine alte Jüdin bin? Dafür bist Du mein Kind! Und es braucht mich ja keiner zu sehen; ich zieh' Dich nur an, in schöne, neue Kleider, Madame Büding hat mir schon gesagt, sie wird Dich ausstatten wie eine Kalle (Braut), und die Frau Kapellmeister gibt uns Schreiben mit an alle vornehmen Musikanten, und wenn Du nachher spielst, steh' ich hinter der Thür, wo Du 'rausgehst, mit dem Tüchel in der Hand, damit Du Dich, Gott soll bewahren! nicht verkühlst. Gelt, mein Herz, das darf ich? Und dann reisen wir weiter und weiter bis nach Metz, und da zeig' ich Dich und hab' meine Gaiwe (Stolz) an Dir! Nun, was sagst Du dazu, mein Kind?«

Reinchen schien das Geplauder der Mutter kaum zu hören; ihre Blicke waren fest auf die Geige gerichtet. »Ich hab' geträumt,« flüsterte sie, »ich spielte die Sonate von Beethoven, weißt Du –« sie griff mit den durchsichtigen Fingern in die Saiten, um das Thema des Adagios anzudeuten, – »und am Klavier – saß Christian –«

Die Mutter zuckte bei diesem Namen. »Nenn' den Goi nicht mehr,« stieß sie hervor, »nicht gedacht soll er werden! Er hat in Wien geheirathet und –«

Sie konnte nicht ausreden, mit ihrem Leben hätte sie gern das Wort zurück in die Kehle gebannt. Mit weit geöffneten Augen hatte Reinchen sie angestarrt, als dränge sich ihre ganze Seele hervor; dann wie von unsichtbarer Kraft getrieben, bäumte sich die gebrechliche Gestalt auf, sank zurück, die beiden Hände griffen krampfhaft nach dem Herzen, ein Blutstrom quoll aus den zusammengepreßten Lippen hervor.

»Schma Jisroel!« kreischte die Mutter und warf sich auf das verhauchende Kind.

Auf den Schrei waren die Gärtnersleute herbeigeeilt. Man sandte um die frommen Frauen; gewaltsam trennte man die entgeisterte Mutter von dem entseelten Kind.

Die erfahrene Tante Channe ließ die Wächterinnen im Gartenhaus und wandte ihre Sorge der ohnmächtigen Mutter zu; sie ließ sie in einer Sänfte in ihre eigene Wohnung tragen und hielt ihr so lange Hoffmännische Tropfen unter die Nase, bis sie die Augen aufschlug.

Wie im Halbschlaf starrte Raschelchen die fremden Wände an. »Ist mein Reinchen todt?« fragte sie endlich.

Die Tante suchte lange auszuweichen.

»Ist mein Reinchen todt ?« wiederholte jene.

»Gelobt sei der Richter der Wahrheit!« So sprach die Tante endlich mit dem Spruch, den man über die Todten sagt.

Da schüttelte Raschelchen ungläubig den Kopf. »Es kann doch nicht sein,« sagte sie, »Gott ist gerecht und mein Reinchen todt?«

»Die Wege Gottes sind unerforschlich,« entgegnete die fromme Greisin.

Doch Jene versank immer tiefer in sich selbst. »Am Schiwerlef (Herzbruch) ist mein Kind gestorben,« murmelte sie; »bin ich Schuld dran? Ich weiß nicht! Soll ein Kind seine Eltern verlassen und dem Mann folgen, wie geschrieben steht, wo ist nachher meine Ewere (Sünde)? Soll ein Kind sein Herz opfern und seinen Eltern folgen, wie geschrieben steht, wo ist nachher die ihre? Da soll Einer wissen, was Recht und Unrecht ist, wenn mein Reinchen sterben muß in der Blüt' ihrer Jugend!

»Ich will zu meinem Kind!« schrie sie plötzlich auf und sprang vom Sessel. »Fürchten Sie sich nicht, Madame Channe, ich weiß, was ich thu', ich weiß, daß mein Kind todt ist und daß ich leben muß. Aber lassen Sie mich zu meinem Kind um Gottes Barmherzigkeit willen.« Da war jeder Zuspruch der frommen Trösterin vergebens, wie vom Sturm getrieben flog die Unglückliche zu dem Gartenhaus. Man hatte das Antlitz der Entseelten mit einem Tuch verhüllt. Die Wächterinnen erschraken beim Eintritt der Mutter und erwarteten einen Ausbruch der Verzweiflung. Aber diese zog leise das Tuch zurück und betrachtete die starren, schönen Züge des geliebten Angesichts, dann setzte sie sich an's Fußende des Bettes und schüttelte den Kopf und murmelte Worte, die Niemand verstand.

Zwei Tage lang durfte die Leiche nicht berührt werden wegen der Festtage. Zwei Tage lang saß die Mutter dort, ablehnend winkend, wenn man sie zur Ruhe lud oder ihr einen Bissen Nahrung bot. Am dritten ließ sie es sich nicht nehmen, Reinchen selbst anzukleiden und in den Sarg von sechs tannenen Brettern zu betten. Als sie die Geige nahm, die die Sterbende noch an die Brust gedrückt hielt, und sie unter das Strohkissen unter das Haupt des Kindes schob, und all' die welken Rosen, die auf der Decke ihren Todtenduft athmeten, über die Leiche säte und die frommen Frauen es wehren wollten, da das eine Sünde sei, da blickte sie sie mit durchbohrenden Augen an. »Wißt ihr, was eine Sünde ist?« rief sie aus. Dann kniete sie neben den Sarg und flüsterte wie plaudernd in das Ohr ihres Kindes, lange, lange. »Nicht wahr, Du bitt'st für mich; nicht wahr, Du wartest auf mich, Reinchen, mein Gold! Bald – bald!« Das waren die abgerissenen Worte, die man aus ihrem Geflüster vernahm.

Fast die ganze Gemeinde begleitete ihren Liebling zur Gruft. Der Wagen Spohr's folgte dem Zug. Da dieß den Frauen nicht gestattet ist, so hatte Raschelchen sich auf Umwegen hinausgeschlichen und an der Hecke des Friedhofs versteckt. Mit sanfter Gewalt wollte man sie fortführen. Man hatte ihr bei guten Leuten Unterkunft ausgemittelt und die Damen hatten eine bescheidene Pension für sie subskribirt.

Als sie aber an dem kleinen Häuschen im Dorf, nächst dem »guten Ort« (Friedhof), vorüberkam, in dem die Kranken der Gemeinde verpflegt wurden, bat sie flehentlich, ihr dort ein Asyl zu gönnen. Man willfahrte ihr. Wochen verbrachte sie dort, täglich das Grab ihres Kindes besuchend; dann meldete sie sich, als die Leichenwäscherin plötzlich starb, für deren Stelle. Sie hat sie fast dreißig Jahre lang bekleidet, nur mit den Todten lebend, die ihr die Boten ihrer Liebesgrüße waren; mit den Lebenden verkehrte sie kaum.

Ich hatte an einem Sabbath einen Spaziergang in's Eichwäldchen gemacht und kam an der Hecke des Friedhofs vorüber, den an dem heiligen Tag Niemand betritt. Auf einem mit Blumen reich bepflanzten Grabhügel sah ich die zusammengekauerte Gestalt der Greisin. In dem naheliegenden »Fischhaus« war Musik; die Töne einer Geige klangen leise zitternd herüber. Da sah ich, wie Raschelchen die Hände zum Himmel hob, ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust, als wolle er gewaltsam ihre Seele hinüber tragen. Theilnehmend trat ich näher. Sie erschrak. Aber dann blickte mich ihr mattes Auge forschend an, als ob sie mir etwas zu sagen habe. »Kennen Sie mich?« fragte ich.

»Wie soll ich Sie nicht kennen!« erwiederte sie, »ich hab' doch Ihre kleine Schwester Estherchen begraben, dort liegt sie an der Hecke neben dem Weidenbaum. Und Ihre Eltern, Gott lohn' es ihnen, haben mir immer Gutes gethan.«

»Und hat die lange Zeit Ihren Schmerz nicht zu stillen vermocht, arme Frau?« fragte ich gerührt.

»Ja, es ist lang her,« murmelte sie, »wie lang? ich hab's nicht gezählt. Und das Herz ist auch still geworden, aber der Kopf! Ich zerbrech' mir den Kopf schon zwanzig Jahr lang und drüber. Soll so ein arm' Menschenkind dem Mann oder den Eltern folgen? Was ist Recht? Was ist Unrecht! wenn Beides geschrieben steht! Sie sind doch ein studirter Mann, wie legen Sie mir's aus, daß ich leb' und sie todt ist? Wann werd' ich's erfahren? Wie lang wird's noch dauern?«

Es hat nicht lange mehr gedauert. Ob sie's erfuhr, was Recht und was Unrecht sei? Wer kann's enthüllen?