Raaf's Mine

Im Mai, wenn in der Orangerie in der »Au« die Orangen- und Citronenbäume auf der Terrasse im Freien stehen und Hunderte von Kindern die abgefallenen weißen Blütenblättchen und die verfrühten grünen Miniaturfrüchtchen, die der Wind abgeschüttelt hat, vom Boden und von dem Erdreich der grünen hölzernen Kübel auflesen und in ihren Schnupftüchern zu einem Knoten binden, sieht man wohl täglich eine Gruppe durch das Author über die »Mergelbahn« hinabwandern, so anmuthend, als wäre sie aus Richter's Bildern zu den »Kinderliedern« lebendig geworden. Eine schlanke, etwas gebückte Frauengestalt in grauem Kleid, einen altmodischen weißen Shawl mit kleinen Palmen über den Schultern, auf dem Kopf ein enges schwarzes Strohhütchen, wie man sie damals trug, das die lange Nase aus dem bleichen Gesicht noch mehr hervortreten ließ, und aus dem zwei dünne, graue Schmachtlocken hervorquollen, die an den eingefallenen Wangen herabflossen, führt an beiden Händen drei Kinder von vier bis acht Jahren, schwarze Lockenköpfchen mit dunklen Augen wie die Engelsköpfchen zu Füßen der Sixtinischen Madonna. Alle drei wollen geführt sein und streiten sich neckisch und liebreich um dieses Vorrecht. Dem kleinsten, dem Mädchen, gehört die Rechte in dem schwarzen Filethandschuh allein, in die Linke müssen sich die beiden anderen theilen. Aber wenn nun alle drei auf einen Augenblick ihr Plätzchen im Stiche lassen, weil ein verspätetes Veilchen am Rasensaum der Mergelbahn oder eine tief herabhängende Kastanienblüte sie abgelockt hat, dann gibt es von Neuem einen Wettkampf um die liebe Hand, ein Tummeln und Lachen, ein Haschen nach dem Kleid und dem Shawl der Führerin, bis diese mit Schelten und Lächeln, mit geheucheltem Zorn und verstohlenen Küssen den Frieden wiederherstellt. Der Älteste gibt dann nach im Bewußtsein seiner Würde, er weiß zu gut, daß er ja doch das Herzblättchen ist! So wandern sie hinab bis zur Orangerie, wo sie, losgelassen, auf die Blütenjagd ausstürmen. Wer ein besonders großes Blütenblättchen gefunden hat, der trägt es im Triumph zu der Begleiterin hin, die sich an der steinernen Balustrade neben den nasenlosen marmornen Amoretten auf eine Bank niedergelassen hat und die Blicke über den »Bullengrün« ( bowlinggreen), den großen, mit Marmorstatuen umsäumten Rasenplatz, schweifen läßt. Sie scheint zu träumen, die schmalen Lippen des zahnlosen Mundes bewegen sich still, die grauen Augen grüßen freundlich unsichtbare Gestalten. Da weckt ein Ruf der Kinder sie auf, sie wendet den Blick voll Mutterseligkeit der Wirklichkeit zu! Die Kinder kommen, satt des Suchens, und schütten ihr Blüten und Früchtlein in den Schooß, die sie sogleich in die Ecken des Schnupftuchs bindet. Sie huschen auf die Bank und drängen und drücken sich so dicht als möglich an sie heran und liebkosen sie und schlingen die Ärmchen um ihren Arm.

»Erzählen!« ruft das Eine, »ein Märchen, eine Geschichte!«

»Ein Gedicht!« ruft der Älteste, »vom ›braven Mann‹, vom ›Hannchen‹, die der Mutter Freude, die der Stolz des ganzen Dorfes war!«

»Nein, ein Lied!« ruft die Kleine. »Ein Lied! ›In Myrtill's zerfallner Hütte‹,« und wie ein Kanarienvögelein beginnt sie die Melodie, und die Führerin stimmt ein und die Anderen begleiten.

Wer vorübergeht, lächelt wohl. Der Gardelieutenant, dessen Pferd am Bullengrün wartet, lächelt ironisch über die »alte Jüdin«, der Lehrer, der mit seinen Zöglingen durch die Orangerie in die Collet'sche Schwimmschule geht, lächelt wohlgefällig der Gruppe zu. Wer ist die Frau mit den Kindern? Eine Gouvernante? Das sind nicht Blicke und Küsse, die man bezahlt. Eine Mutter? Sie ist zu alt. Ein Großmütterchen? Sie ist zu jüngferlich. Wer ist sie denn? Es ist eben – Raaf's Mine.

In der Gemeinde kennt man sie nur unter diesem Namen; ein vierzigjähriger Gebrauch hat ihn geheiligt. Eigentlich hieß sie Minkel, was auf Hochdeutsch in Mina, in der populären Sprache unserer Stadt in Mine übersetzt wird, und war die Tochter des alten Raaf's (Rabbiners). Als Raaf's Mine ist sie dreien Generationen bekannt. Soll ich euch ihre Geschichten erzählen? Es ist die alte, einfache Geschichte eines »einschichtigen Herzens«.

Der »alte Raaf« hat immer so geheißen, als ob er nie jung gewesen wäre. Er trug einen langen weißen Bart und einen dreieckigen Hut. Er ging nie aus dem Hause, außer zu seinen Funktionen bei Begräbnissen; die Trauungen vollzog er in »Benary's Schul'«, die über dem Hof in seinem Hause gelegen war. Die alte Synagoge nämlich war wegen ihrer Baufälligkeit geschlossen worden, und man hatte Betstuben errichtet, in denen die verschiedenen Fraktionen der Gemeinde je nach ihren rituellen Schattirungen ihren Gottesdienst hielten. Die Orthodoxesten fanden sich in »Benary's Schul'«, einem in einem dunklen Hof gelegenen, von langjährigem Öllampendunst geschwärzten Saal, der von seinem Stifter den Namen trug. Hier wurden die Gebete in der Ursprache und in jenem fugirten Recitativ gemurmelt und geschrieen, das den gemeingültigen Namen einer »Judenschule« geschaffen hat. Hier wartete unbeirrt der Schammes der Gemeinde (Tempelordner) Jecheskel Flesch, der Schwager des alten Raaf, und verstand es, bei den Gebeten am lautesten zu stöhnen, wie ein Metronom mit dem Oberkörper zu schaukeln, um schriftgemäß mit allen Gebeinen den Herrn zu preisen, und bei dem Sündenbekenntniß mit den Fäusten so gewaltig auf die alte dürre Brust zu schlagen, daß sie wie eine Sturmglocke dröhnte. In diesem Konventikel hielt der alte Raaf jeden Sabbath eine kurze Drosche (Rede) in hebräischer Sprache, einen Bibelvers oder eine Talmudsatzung scharfsinnig auslegend. Zu Hause paskente (entschied) er zweifelgequälten Hausfrauen, ob ein Huhn rein oder unrein, ein Topf brauchbar oder verwerflich sei. Auf diese Funktionen beschränkte sich seine Amtsthätigkeit. Um die Glaubens- und Reformfragen, die langsam die Gemeinde zu zersplittern begannen, kümmerte sich der alte Gelehrte nicht. Er wollte den Frieden erhalten, indem er jeden thun und lassen ließ, was er wollte, und wenn sein Schwager, Jecheskel Flesch, der seine rastlosen Finger durch Drehen und Kneten eines Wachskügelchens und sein rastloses Gemüth durch Aufspürung aller Gesetzesübertreter beschäftigte, mit einer neuen Denunziation herbeigeschlichen kam, so rückte der alte Raaf das schwarze Sammetkäppchen auf seinem kahlen Scheitel mißmuthig zur Seite und rief:

»Red' nichts, Jecheskel, ich will nichts wissen!«

»Worum nit (Warum nicht)?« entgegnete der Wachsdreher mit seiner stereotypen Redensart, »Du wirst's noch so weit bringen, daß die ganze Gemeinde trefe (unrein) wird!«

Und brummend verließ der Verfolger den friedfertigen Greis.

Aber ein anderer Dämon verließ den Friedfertigen nicht; er rumorte unablässig im Innern seines eigenen Hauses. Die Rebzen (Frau des Raaf's) war eine ihres Sokrates würdige Gattin! Obwohl sie den lieblichen Namen »Süß« führte, war sie nicht minder bitter in ihrer äußern Erscheinung als in ihrer Gemüthsart. Habsüchtig und geizig, zanksüchtig und boshaft, mit den grauen Geieraugen jeden Fehltritt in der Gemeinde erspähend, mit den dürren Geierkrallen jedes Opfer zerreißend, so überfiel sie wie eine Harpye den armen Raaf, wenn er die Nahrung seines Geistes aus alten Folianten und Bibelkommentaren sog, in denen zu lernen und aus denen zu lehren seine einzige Erquickung war. Zöglinge des jüdischen Lehrerseminars versammelten sich allabendlich um den gelehrten Meister, der ihnen mit Geist und Witz die dunklen Stellen der Bibel auszulegen, die verwickelten Probleme des Talmud durch spitzfindige Dialektik in Kreuz- und Querfragen zu lösen verstand, und jedes kluge Verständniß seiner Jünger mit einem wohlgefälligen »Zwick« in die Backe belohnte. Aber wenn nun die junge Schaar mit offenem Mund und klugen Augen den Worten des gelehrten Meisters andächtig lauschte, dann polterte und klapperte Frau Süß herein und alle guten Geister des Talmuds flohen wie auf einer Himmelsleiter vor dem Dämon davon.

»Süßleb, was ist da mehr?« fragte der Rabbi. Dann schüttete sie ihr Herz aus wie einen Kübel, schob den Seminaristen keifend ihr Abendbrod zu, das sie vorsichtig mit ranzigem Gänseschmalz bestrichen hatte, schimpfte über die theure Zeit, über die knauserige Gemeinde, die vor lauter neumodischer Streichmacherei für die Rebzen nichts mehr übrig habe, tobte über beleidigende Reden, die man über sie geführt, und ward nicht müde bis zum Schluß, bis eine helle Stimme von draußen »Mutter! Mutter!« rief. Dann verzog sie sich wie ein Gewitter, das immer ferner und ferner grollt, und blauer Himmel lächelte allmälig wieder über dem alten Raaf und seinen Schülern, und die Engel des Talmuds stiegen vorsichtig wieder zu ihnen herab.

Die helle Stimme aber war die der Tochter Mine, die wie eine liebliche Blume neben der mütterlichen Distel stand. Sie mochte das fünfundzwanzigste Jahr wohl überschritten haben, aber sie glich einer kaum Zwanzigjährigen. Auf der schlanken, vornehmen Gestalt hob sich ein schmaler Kopf, von zwei langen schwarzen Locken auf beiden Seiten eingefaßt, welche die matte Gesichtsfarbe wie Perlmutter leuchten machten. Die grauen Augen hatten nicht den stechenden Blick der Mutter geerbt, sie waren von einer weichen Melancholie, von einer milden Resignation wie umschleiert. Die schmalen Lippen blieben gern geschlossen, weil die Zähne an häufigen Krankheiten litten. Deßhalb suchte Mine beim Sprechen sie möglichst zu verbergen, und wer sie nicht besser kannte, hätte sie für »affektirt« gehalten. Namentlich ihr Onkel Jecheskel Flesch konnte ihre Sprechweise nicht vertragen.

»Mach' keine Schnütchen, Minkel,« sagte er, »thu' mir den Gefallen und red' nit hochdeutsch!«

»Soll ich jüdisch reden?« fragte sie.

»Worum nit?« brummte jener und drehte heftiger sein Wachskügelchen zwischen den Fingern.

Aber Mine sprach nicht nur hochdeutsch, sie sang auch zur Guitarre, die sie an einem blauen Band um die Schulter schlang. Sie sang: »An Alexis send' ich Dich«, »In Myrtill's zerfallner Hütte«, und wenn sie besonders bei Koloratur war, sogar Tancred's: »Nach so vielen Leiden«. Das klang dann auch durch die Thür hinüber zu den Schülern des alten Raaf's, aber sie fürchteten diese Töne nicht, denn die Talmudengel flogen vor ihnen nicht davon; sie wurden höchstens ein bischen zerstreut vom Lauschen. Wenn Mine in's Zimmer trat, war es, als ob die Lichter heller brannten, sie hatte für jeden ein gutes Wort, steckte ihnen in die Taschen der Röcke, die im Hausflur hingen, heimlich Äpfel und Nüsse, an Purim sogar einen Boles (Krapfen), den sie vom Teig des mütterlichen Butterkuchens verstohlen abgezwackt hatte. Der alte Raaf hörte sie gerne singen; manchmal, wenn seine himmlische Geduld durch ein Konzert der Frau Süß bis auf den Grund erschöpft war, sagte er, mit dem Zeige- und Mittelfinger die Wange seiner Tochter zwickend: »Minkel, sing' mir: ›Nach so vielen Leiden!‹«

Unter den Seminaristen befand sich Einer, den sie den »schönen Henoch« nannten. Eine elternlose Waise, war er aus der Provinz in die Residenz gekommen, um zu »lernen«, und aß bei den wohlthätigen Familien der Gemeinde »tagweise« sein Mittagsbrod. Von schlanker, zarter Gestalt, war er auffallend durch den Glanz seiner dunklen Augen, seiner fast blauschwarzen Lockenfülle. Aus dem schöngeformten Mund leuchteten perlengleiche Zähne; ein keimender Bart hauchte über die Oberlippe und über die Wangen des siebenzehnjährigen Jünglings einen bläulichen Anflug wie der Thau einer frischen Pflaume. Wenn er, begeistert von einem Thema, das der alte Raaf seinen Schülern stellte, zu reden begann und mit gesteigerter Ekstase die Arme und die dunklen, schwärmerischen Augen erhob, so glich er dem Knaben Jesus, der im Tempel predigt, wie er auf dem Bilde des italienischen Meisters in der Galerie unserer Stadt zu sehen war.

Henoch war der Liebling des alten Raaf, selbst Frau Süß konnte ihm weniger als allen Anderen grollen. »Geh', Du Taschkasch!« sagte sie, indem sie ihm auf die Schultern klopfte, wenn er schmeichlerisch etwas bei der »verehrten Frau Rebzen« durchgesetzt hatte.

Aber am meisten begünstigte ihn »Fräulein Mina«. Er durfte ihr Noten und Guitarresaiten holen, Romane aus der Meßner'schen Leihbibliothek austauschen, die er über Nacht behielt und durchflog, er durfte sie sogar aus dem Theater abholen, wo sie ein Achtelabonnement in einer Loge des zweiten Ranges besaß. Begleitete er sie dann über den großen Platz nach Hause, so erzählte sie ihm »das Stück« und vergoß noch nachträglich Thränen der Rührung über Romeo's Mißgeschick und Jaromir's großen Monolog. Ja, wenn es gar zu schön war, so steckte Mine bei der nächsten Wiederholung dem schönen Henoch heimlich vier Groschen zu, damit er es vom Paradies aus selbst genießen könne! Aber darauf beschränkte sich ihr gutes Herz nicht. Sie sammelte Wäsche und Kleider, die die Söhne reicherer Familien abgelegt hatten, und vertheilte sie möglichst redlich unter die Seminarschüler. Zufällig paßten die schönsten stets dem »schönen Henoch«.

An einem milden Winterabend hatte er Mine wieder aus dem Theater abgeholt. Am dunkelblauen Nachthimmel strahlten die Gestirne mit seltenem Glanz, der große Platz war wie mit einem goldgestickten Zelt überspannt. Mine blieb mitten auf dem Platz an der Bildsäule des Landgrafen stehen, Henoch mußte ihr die Sternbilder nennen und erklären.

»Was Sie doch Alles wissen, lieber Henoch!« sagte sie.

Henoch seufzte.

»Ach, Fräulein Mine,« sagte er, »wüßten Sie, wie es mich betrübt, daß ich gar nichts weiß! Was nützt es, daß ich Nächte lang die Lehrbücher des Gymnasiums ohne System und Anleitung durchstudire! Mein Herz verschmachtet vor Wissensdurst und die Quelle der Labung wird dem Armen, Verwaisten ewig verschlossen bleiben! Die Söhne der Reichen nur können auf Hochschulen, von erleuchteten Männern geleitet, durch das Labyrinth der Zweifel den Weg zur Wahrheit finden! Eine Welt des Wissens, der Erkenntniß steht ihnen offen, die wir Armen nur von Weitem sehen wie Moses das gelobte Land.«

»Aber Sie wollen ja doch Rabbiner werden?« entgegnete Mine, betroffen von seiner schmerzlichen Heftigkeit, »und das lernen Sie ja bei uns!«

Henoch blieb von Neuem stehen.

»Gott verhüte,« sagte er, »daß ich verkenne, was ich Ihrem gütigen und gelehrten Vater verdanke! Er ist ein großer Schriftgelehrter, wie unsere Zeit kaum einen zweiten hat. Aber braucht unsere Zeit noch diesen Kultus des todten Buchstabens? Nein! Sie ist mit Riesenschritten über die Ameisenhaufen des talmudischen Pygmäenkrams hinweggeschritten, in denen unsere Gedanken zu wühlen verdammt sind. Ein neuer heiliger Geist flammt in jenen Gemeinden auf, die den erhabenen Gedanken des Judenthums aus seinen verwitterten Formen auferstehen lassen. Prediger des reinsten Gottesglaubens, ausgerüstet mit der Kenntniß der Völkergeschichte, vertraut mit allen Fortschritten menschlicher Denkkraft, predigen in deutscher, Allen verständlicher Sprache die geläuterten Lehren unseres Glaubens, des Urquells aller Gotteserkenntniß! In Hamburg, in Berlin, in Breslau –«

»Um Gottes willen!« unterbrach ihn Mine, seinen Arm erschreckt loslassend, »das sind die reformirten Tempel, die von den gläubigen Juden mit dem Bann belegt sind! Henoch, wo denken Sie hin!«

Henoch lächelte.

»Das sind die Kühnsten,« sagte er, »sie haben sich vielleicht zu weit gewagt! Aber blicken Sie nach Frankfurt,« fuhr er fort, ihren Arm fassend, »dort, in jener orthodoxen Gemeinde wirkt ein Seelsorger, der talmudische Bildung mit humanistischer vereint, und alle Fraktionen der Gemeinde verehren und bewundern ihn. – Sie wissen vielleicht nicht, liebes Fräulein Mine, daß die Universität Würzburg zugleich eine Jeschive (Talmudschule) besitzt, und daß Die, welche dort studiren, das Glück genießen, nach allen Richtungen hin ihren Geist zu bilden. O wie tausendmal fliegen meine Gedanken sehnsuchtsvoll dorthin! Und dann bauen sie Luftschlösser, einen neuen herrlichen Tempel in dieser geliebten Stadt, in dem sich die Zerstreuten dieser Gemeinde um den Prediger des reinen Gottesworts andächtig schaaren! – Doch, was ermüde ich Sie, liebes Fräulein, mit solchen Phantasieen! Nützt es dem Wurm im Staub, wenn er den Vogel im Äther beneidet!«

Er schwieg; Mine war tief bewegt. Sie hatte das »Stück« vergessen. Henoch's Phantasieen allein beschäftigten ihre Gedanken. Aber was konnte sie thun, dem Strebenden Flügel zu leihen? Am Hausthor drückte sie ihm innig die Hand.

»Nicht wahr, Sie sagen keinem Menschen etwas von den thörichten Wünschen, die ich Ihnen anvertraut?« sagte er.

»Sie sind nicht thöricht,« erwiederte sie, »und ich danke Ihnen, daß Sie mir sie anvertraut haben!«

Die ganze Nacht mußte Mine an diese thörichten Wünsche denken. Das Bild des schönen Jünglings, der so sehnsüchtig nach seinen Idealen die Arme ausstreckte, verfolgte sie bis in den Traum. Sie sah ihn als Landrabbiner der Gemeinde in einem neuen phantastischen Tempel predigen, und aus der ersten Loge der Frauenschul' herab grüßte ihn stolz und glücklich ein Frauenantlitz; sie erschrak vor demselben so, daß sie erwachte. Aber der Gedanke schlief nicht mehr in ihrem Herzen ein. Ist's denn auch möglich, dachte sie, daß ein Mann mit solchen Ideen in einer jüdischen Gemeinde, wie die unsrige – – Einige Tage später kam der Onkel, Jecheskel Flesch, aus dem Zimmer des Raaf's, dem er eine neue Denunziation hinterbracht hatte. Frau Süß polterte in der Küche herum und warf einen mißgünstigen Blick auf ihn, als Mine dem Onkel ein »Schnäpschen« anbot.

»Worum nit ?« antwortete dieser und trat in die Stube.

»Onkel,« sagte Mine nach einigen gleichgültigen Gesprächsphrasen, »ist's wahr, daß sie in Frankfurt so einen merkwürdigen Raaf haben?«

Der Alte stieß das Gläschen auf den Tisch und begann mit den Fingern heftig zu drehen.

»Merkwürdig?« rief er aus. »Merkwürdig genug, daß so eine alte Kille, wie Frankfurt, die neumodischen Schmus (Reden) mit anhört. So ein hergelaufen Jüngel, das hochdeutsch darschent (predigt)! Charbe und Busche (Schmach und Schande) für eine jüdische Kille! Sie sollen ihn nur behalten, worum nit? Aber das sag' ich Dir, Gott soll Dein' Vater noch hundert Jahr leben lassen, aber so lange ich Schammes bin, kommt mir kein Hochdeutscher da herein! Es sennen (sind) schon Solche, die so einen Neumodischen möchten. Unser größter Auscher (Reicher) Joel Reinach wär' Posche Jisroel (Sünder) genug dazu! Dafür hat ihn Gott, gelobt sei er! auch genug gestraft und von seinen sieben Kindern sind vier hinweg gestorben. Worum nit?« Er hatte bei diesen gottgefälligen Worten sein Wachskügelchen wüthend zu einem Faden gedreht und polterte ohne Abschiedsgruß zur Thür hinaus.

Mine hatte entsetzt die Worte gehört, die in dem Unglück des hochgeachteten Mannes, Joel Reinach, ein Gottesgericht für dessen geläuterte Überzeugung verkündeten. »Das sind die Frommen!« rief sie schaudernd aus, und nun begriff sie erst recht die schmerzliche Sehnsucht ihres jungen Freundes. Aber aus dem Gewitter des Fanatikers war ein Hoffnungsstrahl in ihre Seele gefallen. Joel Reinach, der angesehenste, reichste Mann der Gemeinde, er theilte, wie sie eben gehört, Henoch's Gesinnung, er könnte vielleicht – doch, thörichter Gedanke! Er war ja unnahbar für sie, wie für Alle!

Joel Reinach war der Chef des Hauses »Gebrüder Reinach«, die in ihrem großen steinernen Haus in der Entengasse ein Seidenwaarengeschäft besaßen. Das Geschäft besorgten seine Brüder und Neffen; er selbst, von Krankheit und Unglück gebeugt, verließ seit Jahren nicht mehr sein Gemach. Über das Geschäft auch war eine eigenthümliche melancholisch-feierliche Atmosphäre verbreitet. Die Seidenstoffe lagen in geschlossenen Mahagonischränken, selbst das Schaufenster zeigte nichts als die goldenen Buchstaben der Firma auf der riesigen Glastafel. Trat man ein, so wurde man von den Söhnen des Hauses und ihren Affiliirten ceremoniell wie in einer fürstlichen Anticamera empfangen. Kein lautes Wort wurde gewechselt, die Preise der Waaren waren so heilig wie religiöse Dogmen. Man verkehrte dort wie in einem Wohlthätigkeitsbazar, in welchem hohe Herrschaften als Verkäufer fungiren. Allein durch die Vortrefflichkeit der Waaren und die nie anzuzweifelnde Preiswürdigkeit derselben war das Reinach'sche Geschäft das erste und vornehmste der Residenz.

Joel Reinach hatte keine Söhne, aber sieben Töchter, die, früh mutterlos, in regelmäßiger Reihenfolge zu wunderschönen Jungfrauen heranblühten. Doch schien ein grausames Geschick diese seltenen Mädchenblüten der Erde zu mißgönnen. Sobald eine der Reinach'schen Töchter das achtzehnte Jahr erreicht hatte, bleichten ihre rosigen Wangen, die üppige Gestalt verwelkte, der Wurm im Kelche nagte still und beharrlich, bis die Blume entblättert zerfiel. Vier der Töchter waren bereits in's frühe Grab gesunken, betrauert von Allen, die sie kannten oder auch nur von fern ihre ideale Schönheit bewundert hatten! Von den drei letzten hatte noch Keine das verhängnisvolle achtzehnte Jahr erreicht.

Im Herzen des Vaters wühlte ein Schmerz, wie ihn Job, der Dulder, nicht grausamer empfinden konnte. Doch er trug ihn mit Heldenmuth! Ja mit jedem neuen Schlag dämpfte sich der Aufschrei seiner im Tiefsten getroffenen Seele und wurde nach und nach zum Verstummen in gottergebener Resignation. Angebunden an sein Marterkreuz erwartete er die neuen Pfeile des Todesengels, den thränenlosen Blick in's Unerforschliche versenkt, ohne Vorwurf, ohne Klage. Der kaum Sechzigjährige glich einem gebrochenen Greis; die hohe Gestalt gebückt, das wachsbleiche Gesicht von dünnen weißen Haaren eingerahmt, die halberloschenen Augen von einem grünen Schirm verdeckt, so saß er in seinem von grünen Vorhängen verhängten Zimmer, der Außenwelt fast unnahbar, und spann sich in die Fäden seiner Gedanken wie eine Puppe ein.

Doch in der verschlossenen Chrysalide pulste ein wunderbar schönes Leben fort. Allabendlich lasen die Mädchen abwechselnd dem Vater vor oder spielten im Nebenzimmer Klavier und Harmonium oder sangen ihm Lieder und mehrstimmige Gesänge mit ihren klaren Seraphsstimmen. Nichts blieb ihm fremd, was die Kunst geschaffen, was die Wissenschaft fortschreitend errang. Auch über die sozialen Verhältnisse im Großen und Kleinen ließ er sich fortwährend unterrichten; er kannte die ganze Gemeinde; allwissend und allgütig zugleich, ließ er aus seinem reichen Schooß unsichtbar über alle Dürftigen und Bedrängten seine Wohlthaten ausströmen.

Das war der Mann, über den Jecheskel Flesch das göttliche Strafgericht ergehen ließ, weil er ihn für den Ersten hielt, der der Gemeinde einen erleuchteten Seelsorger gönnen würde!

Mine blickte zu diesem einzigen Helfer für ihren Schützling empor wie zu dem Allerheiligsten, das man von ferne verehren, doch niemals betreten darf. Sie hatte ihn nie gesehen, sie malte sich sein Bild mit banger Scheu; aber es dauerte nicht lange, daß sie ihn sehen und kennen lernen sollte!

Frau Süß hatte nämlich wieder einmal mit dem Dienstmädchen gegeifert, daß die Treppe nicht gehörig gescheuert sei, und ihr gewaltsam den Besen aus der Hand gerissen. Mit diesem würdigen Attribut hatte sie selbst zu hantiren begonnen, war über den Besenstiel gestolpert und über die steinerne Wendeltreppe klappernd hinabgestürzt. Auf ihren Schrei eilten die Hausbewohner zusammen, der alte Raaf ließ seine Folianten im Stich.

»Süßleb!« rief er mit tragikomischem Doppelsinn, »fall' nur nicht in Zwei (entzwei)!« Aber sie blieb ihm zum ersten Mal die Antwort schuldig; das Schweigen des Todes hatte ihre Zunge gefesselt.

Mine war, mit der Guitarre um die Schulter, herbeigestürzt und ohnmächtig zusammengebrochen. Die Seminaristen trugen zwei erstarrte Körper in die Wohnung zurück.

Aus Rücksicht für den verehrten Greis hatte die ganze Gemeinde sich zum Leichenbegängniß der Rebzen eingefunden. Jecheskel Flesch bejammerte in zerrissenen Kleidern die Schwester, die er nie ausstehen konnte; der geduldige alte Raaf betrauerte still und aufrichtig die ihm zur Gewohnheit gewordene qualvolle Lebensgefährtin. Die endlosen Trauerbesuche ließ er Mine empfangen, obwohl sie nervöse Kopfschmerzen hatte und die Stirn mit einem Tuch umbunden trug; bis auf einen! Am Tage nach dem Begräbniß nämlich ließ sich Joel Reinach in einer Sänfte hinauftragen, um den würdigen Lehrer der Gemeinde menachem owel zu sein (zu kondoliren). Es war ein Ereigniß für die ganze Stadt. Mine zitterte, als Joel Reinach sie zu sehen begehrte, und nahm das Tuch von der Stirn, als er in's Zimmer trat, wo sie auf einer niedern Schwelle Schiwe saß (die siebentägige Trauer). Aber als er zu ihr trat und die bleiche, magere Hand auf ihre Stirn legte, da fühlte sie nicht nur wie von magnetischer Kraft ihren Kopfschmerz gebannt, sondern ein Gedanke zuckte in ihr wie ein Funke auf und ergoß sich mit milder Wärme bis in ihr tiefstes Herz. Keine Scheu empfand sie mehr vor dem sanften, menschenfreundlichen Antlitz; sein leiser väterlicher Ton hatte ein unendliches Vertrauen in ihr erweckt, und als er schied, als sie unwillkürlich seine Hand an die Lippen zog, da stand ein Entschluß in ihrer Seele fest, und sie lächelte fast freudig, als Henoch eintrat, der wie ein Kind des Hauses den Leidtragenden unablässig zur Seite stand.

»Der alte Reinach kondoliert dem trauernden Raaf
und seiner Tochter Mine«
Holzstich nach einer Zeichnung von Moritz Daniel Oppenheim

»Es gibt doch kein Unglück, lieber Henoch,« sagte sie, »das nicht den Keim eines Glückes in sich schlöße!«

Henoch verstand diese mysteriösen Worte nicht, aber er drückte der Freundin innigst die Hand.

Acht Tage später trat Mine in schwarzem Trauerkleid in das Haus in der Entengasse und ließ sich bei Herrn Reinach melden. Die Töchter empfingen sie liebreich. Wie stachen die drei rosigen Kinder gegen die alternde Jungfrau ab, deren Gesicht durch die Gemüthsbewegungen der letzten Tage noch abgehärmter und eingefallener erschien! Sie fragten sie theilnehmend, was sie wünsche. Sie habe mit Herrn Joel Reinach selbst zu sprechen, antwortete sie; dabei drehte sie ein Päckchen in Seidenpapier verlegen zwischen ihren Fingern. Die Töchter schwiegen. Aber Bertha, die Jüngste und Schönste, kaum Fünfzehnjährige, nickte der bange Harrenden freundlich zu, huschte in das anstoßende Gemach und kam mit freudestrahlenden Augen zurück: der Vater lasse bitten, einzutreten.

Wie klopfte Mine's Herz, als sie durch die wattirte Doppelthür in das Dämmerlicht des Gemaches trat und der gebeugte Greis, in eng anliegendem grauen Rock aus dem Lehnstuhl, vor dem auf einem Lesepult ein Buch aufgeschlagen lag, sich erhob und sie mit freundlicher Handbewegung zum Sitzen einlud!

»Was bringen Sie mir Gutes, liebes Fräulein?« fragte er mit flüsternder Stimme. »Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Verzeihen Sie,« antwortete sie beklommen, ›wenn ich zu Ihnen meine Zuflucht nehme; ich habe im Nachlaß meiner seligen Mutter Spitzen gefunden, alte brabanter Spitzen, und möchte Sie fragen, ob Sie mir dieselben nicht – verwerthen könnten?« Dabei wollte sie das Seidenpapier entrollen; aber die magere Hand des Greises legte sich einhaltend auf die ihrige.

»Ich bin Ihnen sehr verbunden,« sagte er, ihre Hand streichelnd, »und obwohl dieser Artikel nicht zu unserem Geschäft gehört, so möchte ich,« fuhr er rascher fort, als er ein schmerzliches Zucken um Mine's Mund bei den letzten Worten gewahrte, »so möchte ich mir die Frage erlauben, ob Sie oder Ihr verehrter Herr Vater in Verlegenheit – –«

Mine erröthete vor Verschämung.

»Das nicht,« stotterte sie, »Gott sei Dank, es ist nicht für uns, – ich wollte damit – –«

»Ein gutes Werk thun!« half ihr Reinach nach, von Neuem ihre Hand ergreifend.

Mine athmete auf.

»So ist's!« rief sie, »ich wollte – –«

»Haben Sie kein Vertrauen zu mir?« fragte Reinach lächelnd, als sie von Neuem stockte.

»Doch, doch!« rief sie aus und eine Thräne trat in ihr Auge, das groß und offen in die matten Sterne der seinigen blickte. »Unter unseren Seminaristen ist Einer, der schö… der junge Henoch, ein besonders begabter, trefflicher Schüler meines Vaters. Sein ganzes Herz hängt daran, in Würzburg zu studiren, wo man, wie er sagt, sehr gelehrt werden soll. Er hat mir seine Ideen anvertraut, schöne herrliche Pläne, unsere Gemeinde dereinst in einem neuen, geläuterten, erhebenden Gottesdienst zu vereinen.« – Reinach's Hand zuckte in der ihrigen. – »Aber er ist arm,« fuhr sie fort, »er muß hier ›Tage‹ essen, und da glaubte ich vielleicht durch den Erlös dieser Spitzen –«

Sie schwieg und blickte verlegen auf das kleine Paket. Aber Reinach hatte den grünen Schirm von den Augen zurückgeschoben und betrachtete sie lange mit liebreichem Blick.

»Da haben Sie ganz Recht gehabt, liebes Kind,« sagte er, mit der Hand sanft über die ihre streichelnd, »die alten brabanter Spitzen sind viel Geld werth! Bemühen Sie sich nicht, ich brauche sie gar nicht zu sehen, um sie schätzen zu können, und ich zahle sie gewiß nicht zu theuer, wenn ich Ihnen jährlich dreihundert Reichsthaler vorläufig auf drei Jahre für Ihren Schützling zur Verfügung stelle!«

»Gott segne Sie!« rief Mine aus und wollte seine Hand an die Lippen ziehen; aber die stürmische Bewegung, der jubelnde Aufschrei schienen dem Greis physisch wehe zu thun.

»Sie haben mir nicht zu danken,« sagte er abwehrend. »Über den Preis für Ihre Kostbarkeiten verfügen Sie allein, und wenn Ihr Schützling dereinst sein Ziel erreicht und ein frommer, erleuchteten Lehrer in Israel sein wird – –«

»Dann wird er und die Gemeinde Sie dafür segnen!« rief Mine mit hervorquellenden Thränen.

Joel Reinach hatte sich wie erschöpft in den Sessel zurückgelehnt, mit einer freundlichen Handbewegung verabschiedete er die Ergriffene. Im Nebenzimmer wartete Bertha. Mine, von ihren Gefühlen überwältigt, umarmte sie und küßte sie auf die weiße Marmorstirn.

»Ihr Vater ist ein Engel!« rief sie aus, »Gott erhalte Sie ihm!«

Wer sie über die Straße fliegen sah, der hätte ein Unglück vermuthet; von dem Glück, das ihre Schritte beflügelte, hatte Niemand eine Ahnung, selbst der schöne Henoch nicht. Und als sie es ihm nun verkündete, als er die großen glühenden Augen thränenfeucht erst zum Himmel hob und dann auf das freudetrunkene Mädchen richtete, da war jede Rücksicht ehrerbietiger Zurückhaltung vergessen; er bedeckte ihre Hand mit heißen Küssen und als sie sie zurückzog, lehnte er das Lockenhaupt an ihre Brust und stammelte Worte des Dankes ohne Zusammenhang und nannte sie seinen guten Engel, seine geliebte Wohlthäterin, die er ewig – ewig –

Es war der seligste Augenblick, den Mine je erlebt hatte; nur noch ein seligerer war ihr vorbehalten.

Mit klopfendem Herzen theilte Henoch seinen Plan dem alten Meister mit. Dieser schüttelte erst den Kopf, dann nickte er mit wehmüthigem Lächeln. Das Schütteln galt der Vergangenheit, das Nicken der Zukunft, und als Jecheskel Flesch über den Abtrünnigen zu fluchen begann, antwortete der alte Raaf:

»Laß gut sein, er hat Recht. Hakol b'itau«, das verdeutscht man in: ›Alles hat seine Zeit‹, aber es heißt auch: ›Jeder hat seine Zeit‹.

Henoch wollte bei Herrn Reinach persönlich seinen Dank abstatten; der alte Herr empfing ihn nicht, er entschuldigte sich mit Unwohlsein. Das Geld war an der Kasse angewiesen worden. Bis zum Herbst arbeitete der Jüngling Tag und Nacht, seine Kenntnisse in klassischen Sprachen zu ergänzen. Die Maturitätsprüfung bestand der junge Autodidakt mit glänzendem Erfolg. Dann kam die Abschiedsstunde. Mine hatte auf Befehl des Vaters ein Arbocanfes (Brustlatz mit Gebetfäden) genäht; in die vier Ecktäschchen verbarg der alte Raaf vier goldene Dukaten. Aber die Brieftasche, in welche mit Goldperlen »Souvenir« gestickt war, zeigte sie ihrem Vater nicht. Der Alte und sein Kind begleiteten Henoch bis zum Postwagen, und als dieser mit dem blasenden Postillon über den »Königsplatz« fuhr und Henoch mit dem Schnupftuch noch zum Fenster hinauswinkte, sagte der alte Raaf dem geliebten Jünger mit lauter Stimme Jeworechecho (Gott segne dich!) nach. Mine sagte mit, aber nur im Herzen.

Aus dem Hause des Raaf's war mit Henoch aller Glanz geschwunden. Die Seminaristen kamen und gingen nach wie vor. Mine bestrich ihr Brod statt mit ranzigem Schmalz mit frischer Butter; sie stopfte ihnen auch die Rocktaschen mit Nüssen voll und sammelte Kleider und Wäsche für sie, aber es war nicht mehr wie vordem; sie ließ sich von der Köchin aus dem Theater abholen, betrachtete den großen Bären mit einem Seufzer und den Orion mit einer Thräne im Auge, und wenn sie einsam im Dämmerstündchen zur Guitarre sang: »An Alexis send' ich dich«, so dachte sie statt des Alexis einen andern Namen und sandte im Geist die Rosenbotin nach Würzburg.

Über ein Jahr war so vergangen. Der Todesengel hatte auf's Neue an Joel Reinach's Pforte geklopft. Aber nachdem er das blühende Opfer heimgeführt hatte, klopfte er auch an das stille Stübchen des alten Raaf's. Eines Morgens, als Mine den Kaffee zum Bett ihres Vaters trug, lag der Greis wie schlafend da, freundlich lächelnd, die Hände über sein altes Sidurl (Gebetbuch) gefaltet. Der Schlaf hatte ihn unvermerkt in die Arme seines Bruders gleiten lassen. Man trug ihn hinaus und begrub ihn neben Frau Süß; dort ruhen sie zum ersten Mal ungestört und friedlich beisammen.

Henoch wollte auf die erste Nachricht hin zu der Freundin eilen, dem theuren Meister die letzte Ehre zu erweisen; aber Mine hatte ihn beschworen, seine Studien nicht zu unterbrechen. »Ich weiß,« schrieb sie ihm, »auch ohne Ihre Gegenwart, daß Sie in dieser schmerzlichen Stunde bei uns sind. Wir wollen uns nicht in Thränen wiedersehen!« War es Zartgefühl, war es Eitelkeit, was ihr diese Worte diktirte? Arme, gute Mine! Du gabst dir selbst keine Rechenschaft darüber!

Man muß es zur Ehre der Gemeinde sagen, daß sie sich bei diesem Anlaß dankbar gegen ihren alten Seelsorger bewies. Nicht nur, daß Groß und Klein trauernd seiner Bahre folgte, und daß ein siebentägiges Trauergebet in allen Betstuben für ihn angeordnet war; auch der Tochter dachte die Gemeinde und setzte ihr eine Pension von vierhundert Reichsthalern aus, »damit sie versorgt sei bis zu ihrer Verheirathung, oder, wenn sie ledig bleibe, bis an ihr Lebensende.« – Schonungsvoll und zart, wie immer, theilte ihr ihr Oheim, Jecheskel Flesch, diesen Gemeindebeschluß mit.

»Ich hoff', Minkelleb,« sagte er, »Du wirst der Kille nicht lang zur Last fallen. Denn meine Stimm' kriegt Keiner, der bei uns nach Deinem Vater, olewescholem (der Friede sei mit ihm), Raaf werden will, wenn er Dich nicht mit in den Kauf nimmt. Worum nit?«

Bei diesen liebevollen Worten ihres einzigen Verwandten fühlte Mine einen Stich durch's Herz. Sie schwieg, diesem Manne gegenüber konnte sie sich doch nicht verständlich machen. Der Gemeinde dankte sie schriftlich für den Jahrgehalt und sorgte im Stillen, wie sie damit haushalten könnte. Da wurde ihr am andern Tag ein sorgfältig versiegeltes Päckchen überbracht. Sie öffnete es und fand in einem seltsam bedruckten Bogen, wie sie nie einen gesehen, ihre Spitzen. Ein Blättchen enthielt in feinen Schriftzügen folgende Worte:

»Erlauben Sie mir, liebes, verehrtes Fräulein, Ihnen Ihr Depot dankend wieder zurückzustellen. Ich wünsche, daß Sie mit diesen Spitzen dereinst Ihr Hochzeitskleid garniren.

Joel Reinach.«

Der seltsam bedruckte Bogen war eine österreichische Metallique-Obligation von fünftausend Gulden.

Ihr Hochzeitskleid! Bei diesem Worte vergaß sie das doppelt reiche Geschenk; sie wiederholte das Wort und Thränen rollten über die mageren Wangen der alten Jungfrau. War es die Sehnsucht, die jedes Mädchenherz, zumal in reiferen Jahren, empfindet, die Sehnsucht zu lieben und geliebt zu sein, die Sehnsucht, ein einsames verwaistes Herz an ein anderes vertrautes zu schließen, die Sehnsucht, in der großen Kette der endlosen Menschheit nicht wie ein abgefallener Ring zu Boden zu fallen, die Sehnsucht nach der Freude und dem Leid der »Familie«, nach der Seligkeit, ein Kind mit Mutterglück und Muttersorge an die Brust zu drücken! War es ein Gedanke an den praktischen Plan ihres Onkels, war es ein idealer Blick auf den nicht durch den Ort allein, nein auch durch Jugend und Schönheit ihr fernentrückten Freund? Was war es, was ihr bei diesem Worte heiße Thränen entlockte? Und diese Thränen, waren es Perlen der Hoffnung oder Thränen der Resignation?

Sie hatte das dreißigste Jahr überschritten, aber die schmerzlichen Erlebnisse, die ihre empfindlichen Nerven erschütterten, hatten ihr Äußeres vor der Zeit altern gemacht. Noch bewahrte sie die schlanke Gestalt, die vornehme Haltung, noch ringelten sich die dunklen Haare in langen Locken an den mageren Wangen hinab, aber an Stirn und Schläfen hatte sich bereits darauf ein leichter, kaum wahrnehmbarer Herbstreif gelegt.

Dennoch schien Jecheskel Flesch's Prophezeiung in Erfüllung gehen zu wollen. War es ruchbar geworden, daß die Hand von Raaf's Mine als Servitut an der zu besetzenden »Landrabbinerstelle« hafte? War es ihre Verwandtschaft mit dem eifernden Schammes oder die stille, aber altbekannte Protektion Joel Reinach's? War es die Berechnung, daß die Gemeinde, um den Jahrgehalt der Waise zu ersparen, den Bewerber um ihre Hand bevorzugen müsse? Was immer hier in die Wagschale fallen mochte, genug, alle die ledigen Rabbonim (Rabbiner), die sich für die erledigte Stelle meldeten, verheirathete wies Jecheskel Flesch ohne Weiteres ab, versäumten es nicht, sofort bei Raaf's Mine einen Besuch zu machen, um ihre Protektion zu bitten und mit mehr oder weniger verblümten Andeutungen sich ihr zur Verfügung zu stellen. Aber wer von ihnen nach dem ersten Besuch nicht von selbst ausblieb, der erfuhr sicher bei dem zweiten eine verständliche Zurückweisung. Vergebens bemühten sich ihre Freundinnen, »ihr zuzurathen«, vergebens warf ihr Oheim sein zürnendes »Worum nit« ein, Mine verbat sich jeden weitern Besuch und erklärte ihrem Onkel weinend, sie wolle lieber auf ihren Jahrgehalt verzichten. Ebenso beharrlich hatten Joel Reinach und die jüngeren Vertreter der Gemeinde gegen die Umtriebe des fanatischen Schammes protestirt und man beschloß, die Stelle vorläufig unbesetzt zu lassen, und verschrieb für die nöthigen Funktionen von Fall zu Fall einen Rabbiner aus dem benachbarten Landstädtchen.

Raaf's Mine blieb fürderhin unangefochten und widmete ihre Zeit dem »Schwesternbund«, einem Verein zur Erziehung armer jüdischer Mädchen. Sie verbrachte nicht nur täglich mehrere Stunden im Vereinshause, sie nahm auch die Begabtesten mit zu sich, unterrichtete sie in Sprachen, im Gesang, in Kunststickerei und verfertigte mit ihnen allerlei Gegenstände, auf denen Blumen aus bunten Perlen und plastische Vögel und Früchte aus geschorener Wolle prangten, die zu »Purim« in einer Lotterie zum Besten des »Schwesternbundes« ausgespielt wurden. Die armen Kinder beteten sie an. Und so floß ihr Leben dahin wie ein milder, gleichförmiger grauer Tag, in den nur ein leuchtender Sonnenstrahl fiel, wenn der Briefbote mit den Worten eintrat: »Aus Würzburg!« Dann rötheten sich unwillkürlich ihre bleichen Wangen und mit zitternden Händen erbrach sie die Botschaft des geliebten Freundes.

Die letzte enthielt nach vorausgeschickten Erkundigungen und persönlichen Mittheilungen die folgenden Worte:

»Sie ermahnen mich, einzige Freundin, im Hinblick auf meine Zukunft und die Ziele, die ich mir vorgesteckt, dem Glauben unserer Väter mich im Irrgarten der modernen Philosophie nicht zu entfremden! O, glauben Sie mir, Theuerste, ich bin durch diese Studien erst gläubig geworden. Wir unterschätzen, was uns eigen ist, so lange wir das Fremde nicht kennen. In dem Verschlossenen wähnen wir den Schlüssel des großen Weltenräthsels versteckt, aber je tiefer wir eindringen, um so weiter entrückt sich uns das Ziel; die kühnsten Sturmschritte der modernen Philosophie, die geistreichsten Hyphothesen der Wissenschaft führen zuletzt zu einem Punkt, wo das Wissen endet und der Glaube beginnt. Der menschliche Geist, weil er menschlich begrenzt ist, faßt eben nur das Begrenzte. Er schält den goldenen Kern des Göttlichen immer wieder aus seiner verwitterten Schale hervor, aber so oft dieser auch der Menschheit als Gemeingut überliefert wird, immer setzt sich die Schale dichter und dichter wieder um denselben, und die Religionen werden zu Kirchen. Man braucht nur durch gründliche Studien diese verschiedenen Schalen zu durchdringen, um schließlich denselben goldenen Kern zu finden, der, wie in dem Allerheiligsten des zweiten Tempels, das Unsichtbare, das Unfaßbare ist, vor dem der Geist sich gläubig beugen muß, ob es nun die erste sich fortzeugende Zelle oder die Reiche der Erde und die Systeme des Weltalls erschuf und ihre ewigen Regeln festsetzte. Weßhalb sollte ich die Schale verleugnen, die durch ihren Rost selbst mir ehrwürdiger erscheint als alle anderen? Wer auf dem Wege des Wissens zum Glauben gelangt, wird nicht nur gläubiger als der Beschränkte, er wird auch duldsamer sein. Er wird die Form nicht zu zerstören, nur zu beseelen trachten, und ich habe die Zuversicht, daß mir dieß in jeder Gemeinde, auch in der unsrigen gelingen wird. Ich werde fortgeschrittene Geister finden, die mich verstehen, und Zeit und milde Rücksicht werden allmälig die Übrigen auch zu geläuterter Erkenntniß, zu edleren Formen hinüberführen!

Ich habe in Hanau meine erste Probepredigt gehalten; sie gefiel der Gemeinde, obwohl sie mir selbst noch unklar und schülerhaft erschien. Auf dem Weg vom Herzen zu den Lippen ging mir Vieles verloren, was ich zu sammeln und festzuhalten noch nicht verstand. Aber ich habe noch ein ganzes Jahr vor mir zu gründlichen Studien und Übungen, die mir so viel verschaffen, daß ich des Beistandes meines Wohlthäters nicht mehr bedarf. Erst will ich fertig sein mit mir selbst, dann sehen Sie mich hoffentlich als Kandidaten für Ihre Gemeinde wieder! Indessen freuen Sie sich des beglückenden Bewußtseins, einen Glücklichen geschaffen zu haben!«

Mit Freudenthränen hatte Mine diese Worte gelesen und wieder gelesen. Das ersehnte Wiedersehen war auf ein Jahr hinausgeschoben, aber sie drang mit keiner Zeile mehr in ihn, sie hielt es ja für einen Beschluß der Vorsehung, daß die Gemeinde auf den Erkorenen warten müsse.

Seit dem Tode des alten Raaf's war in der Gemeinde ein mächtiger Umschwung wahrnehmbar geworden. Die Pietät vor dem greisen Meister hatte die Jüngeren zurückgehalten; jetzt fühlten und äußerten sie in seltener Einstimmigkeit den Wunsch nach einer Vereinigung, nach einer Neugestaltung des zersplitterten Gottesdienstes. Jecheskel Flesch belegte zwar jeden, der von einem Tempelbau sprach, mit dem Bannfluch, aber den fanatischen Eiferer traf eine grausame Nemesis. Sein einziger Sohn ließ sich taufen, um die Tochter eines Pastors in Stadthagen zu heirathen. Als der Fromme, der jedes Kind verflucht hatte, das ohne Kopfbedeckung über die Straße gelaufen war, den Abfall seines Einzigen vernahm, fiel zum ersten Mal das Wachskügelchen aus seinen rastlosen Fingern. Er wollte um den Verlorenen Schiwe sitzen (die siebentägige Trauer), aber er sank neben der Holzpritsche heulend zu Boden. Wuth und Schmerz hatten ihm das Herz gebrochen; mit einem Fluch über seinen Sohn auf den bleichen Lippen starb er, den Tod des Gerechten!

Nun traten ungestört die jüngeren Führer der Gemeinde zusammen. Ein würdiges Gotteshaus sollte erbaut, ein erleuchteter Seelsorger berufen werden. In Joel Reinach fanden sie ihren Stützpunkt; von dem grünverhängten Stübchen gingen alle Strahlen des schönen Gedankens aus. Der gebrochene Greis, dem jetzt von seinen Kindern nur noch das letzte, die schöne Bertha, zur Seite stand, betrieb mit jugendlichem Eifer, ein zweiter Esra, die Erbauung des neuen Tempels. Er zeichnete die größte Summe, die Andern schlossen sich opfermuthig an. Ein Kind der Gemeinde, der Architekt Rosengarten, entwarf den Plan. Bald hob, inmitten einer schönen Gartenanlage am Ende der Stadt, sich ein mächtiges Gebäude im romanischen Styl, und eh' ein Jahr vergangen, leuchteten die vergoldeten Gesetzestafeln vom Giebel des Tempels.

Auch in das dämmerdunkle Haus Joel Reinach's war ein Lichtstrahl gedrungen. Ein junger Arzt, der bereits im Ausland zur Celebrität geworden war, hatte sich in der Residenz niedergelassen und Reinach und dessen tragisches Geschick kennen gelernt. Er unterzog die schöne Bertha einer gründlichen Auskultation, er fand ihre Organe intakt. Das Treibhausleben schien ihm der Grund, weßhalb die anderen frühentfalteten Blüten so schnell verwelkten. Wenn Bertha erhalten werden solle, so brauche sie Licht, Luft, Bewegung im Freien. Sie müsse schwimmen, reiten, durch die Wälder streifen, die unsere Stadt so reizend umgürten. Der Erhaltung der geliebten Einzigen wurden sofort alle Rücksichten, alle alten Gewohnheiten geopfert, und erstaunt sah man das schlank emporgeschossene Mädchen in buntem Reitkleid mit wallendem kastanienbraunem Lockenhaar, das ein blauer Schleier wie ein Wölkchen umflog, gleich einer Märchenfee auf dem milchweißen Renner durch Felder und Wälder streifen.

Das Gotteshaus war vollendet. Über dem Eingangsthor, im Innern der Säulenhalle, ragte in schöner Wölbung der Chor für die Sänger; die Jünglinge und Knaben der Gemeinde studirten alte Choralweisen zu den Psalmen David's. Aus allen Bethäusern trug man die Gesetzesrollen und die silbernen und goldenen Kle-kodesch (Paramente) in das von bunten Säulchen umgebene Tabernakel. Kunstfertige Frauenhände stickten Vorhänge und Altardecken; Mine hatte das Brautkleid ihrer Mutter aus buntem Seidenbrokat zerschnitten und zwei »Mäntelchen« für die Thorarollen daraus gemacht. Aber noch immer fehlte der Prediger; von den mannigfachen Bewerbern hatte nicht Einer genügt.

Es war im Frühling, zwischen Ostern und Pfingsten, als sich die Nachricht verbreitete, Doktor Henoch werde am »großen Sabbat« seine Probepredigt halten. Mine hatte die Botschaft von ihm erhalten; sie hatte sie athemlos zu Joel Reinach getragen und war geblendet im Hausflur stehen geblieben, als ihr die schöne Amazone entgegentrat, deren Renner vor dem Hausthor stampfte. Jubelnd theilte Mine ihr die Nachricht mit, die Bertha fast zu überhören schien.

»Mein Vater wird erfreut sein, Sie zu sehen,« sagte sie mit bezauberndem Lächeln, das ihre Perlenzähne schimmern ließ, und den hohen Stülphandschuh zurückstreifend, drückte sie ihr mit der schwellenden Alabasterhand die magere Rechte. Mit einem Blick der Bewunderung, in die sich ein leiser Hauch von Wehmuth mischte, sah Mine der blendenden Erscheinung nach; dann stieg sie die Treppe hinauf zu Herrn Joel Reinach. Das Zimmer war unverändert, die Gestalt des Greises noch gebrochener als ehedem; aber aus seinen Augen leuchtete ein milder Freudenstrahl bei Mine's Botschaft.

»Ihr Schützling ist uns herzlich willkommen, liebes Fräulein,« sagte er; »gebe Gott, daß sich seine, Ihre edlen Wünsche erfüllen! Sie sind auch die meinen.«

Noch eine Woche und sie sollte ihn wiedersehen! Tag und Nacht erbebte ihr Herz bei dem Gedanken! Sie dachte nur an ihn, sie betete nur für ihn; was im tiefsten Herzkämmerlein sonst noch an Wünschen und Hoffnungen lag, blieb ungesprochen, ja ungedacht. Aber war es Zufall, daß sie täglich, selbst in der Woche, ihr schwarzseidenes Sabbatkleid anzog? Daß sie unter ihren Chemisetten keine brauchbare fand und sich bei Sprinzchen Sennet, der gewandtesten Modistin der Gemeinde, eine neue verfertigen und sich sogar überreden ließ, zum ersten Mal seit dem Tod ihrer Eltern eine farbige Sammtschleife daran zu heften? Vergebens hatte sie die ersten Wochentage das Haus keinen Augenblick verlassen, Stunden und Minuten zählend und mit Herzklopfen vom Stickrahmen aufspringend, wenn es an die Thür pochte. Der Mittwoch war Neumondstag. Sonst pflegte sie im Institut des »Schwesternbundes« mit den Mädchen laut »halb Hallel« zu sagen (Lobgesang). Diesesmal ließ sie sich zwei ihrer Lieblinge in's Haus kommen, um den Ersehnten ja nicht zu versäumen! Am Fenster, vor dem ein paar Hyazinthenstöckchen in die Frühlingssonne hinausdufteten, stand sie mit den beiden Kindern und betete. Die Andacht hatte ihre Seele erfüllt und für einige Augenblicke jeden andern Gedanken verscheucht. Laut sprach sie die Worte der Psalmen in der schönen Übersetzung Mendelssohn's, die Kinder bewegten lautlos die Lippen dazu.

»Er belebt das Haus der Kinderlosen, läßt sie eine frohe Mutter werden! Hallelujah!« Diese Worte hatte sie eben gesprochen, als eine leise Stimme hinter ihr wie ein Echo wiederholte:

»Hallelujah!«

»Raaf's Mine betet ›Hallel‹«
Holzstich nach einer Zeichnung von Moritz Daniel Oppenheim

Henoch hatte leise an die Thür gepocht, und als ihm von der im Gebet Versunkenen keine Antwort ward, ebenso leise die Thür geöffnet. Er sah sie, den Rücken ihm zuwendend, am Fenster stehen zwischen den betenden Kindern. Das war die hohe, vornehme Gestalt: bis auf die Schultern fielen die bekannten dunklen Locken herab, die Stimme klang mit dem nervös vibrirenden Herzenston; ein unendliches Gefühl der Verehrung, der traulich-heimischen Erinnerung überkam ihn, eine Thräne der innigsten Rührung trat in sein Auge. Stumm hatte er einige Augenblicke die Gruppe betrachtet, und als sie das »Hallelujah« sprach, hatte sich unwillkürlich ein Echo seiner bewegten Brust entrungen.

Sie wandte sich, betroffen von dem Ton; das Gebetbuch entfiel ihrer Hand.

»Henoch!« stammelte sie, kaum vernehmbar.

Er stand vor ihren Augen, der heiß ersehnte, geliebte Freund! Schöner als je, im ganzen Glanz gereifter Männlichkeit. Die blauschwarzen Locken, über das Haupt zurückgestrichen, ließen die hohe, edle Denkerstirn frei, ein gekrauster, dunkler Vollbart umsäumte des Kinn und die schwellenden Lippen.

Und er erblickte das Antlitz, das seine dankbare Phantasie ihm zu einem Ideale verjüngt hatte, eingefallen und bleich, die zitternden Lippen vor Überraschung geöffnet. Der Freudenschreck hatte die gealterten Züge nur noch mehr entstellt! –

Wie die Hand, die nach einer Blume greift und eine Raupe zerdrückt, unwillkürlich zurückfährt, so schauderte Henoch zurück und das Wort erstarrte auf seinen Lippen.

Mine empfand, was ihn erbeben machte. Ein greller Blitz zuckte durch ihr Herz, der erleuchtet – und zugleich vernichtet.

»Meine theure Freundin!« sprach Henoch mit bewegter Stimme und reichte ihr die Hand; eine Thräne der Wehmuth trat in sein Auge.

»Ich habe viel erlebt, seit wir uns nicht sahen,« entgegnete sie, mühsam gefaßt, »aber sprechen wir nicht von dem Vergangenen. Ich danke Gott, daß ich Sie wiedersehe und unter so glücklichen Auspizien!«

Ja, gute Seele! Das Wort war ehrlich gemeint. Ein Augenblick genügte dir für den Schmerz um deine zertrümmerten Hoffnungen und du dachtest nicht mehr an dich selbst, nur an ihn, den Geliebten!

»Geht, Kinder,« sagte sie, freundlich lächelnd, »geht artig nach Hause, den Rest von Hallel beten wir morgen zusammen.« Die Kinder küßten sie und reichten dem Fremden die Hand.

»Sie sind sich gleich geblieben an Güte und Frömmigkeit,« sprach Henoch, als die Kinder sich entfernt hatten. Im tiefsten Innern machte er sich Vorwürfe; er, der den goldenen Kern in jeder Schale zu schätzen strebte, er hatte einen Augenblick die schöne Seele seiner Freundin vergessen können! Strauchelt doch, wenn es gilt, der Beste selbst an seinen edlen Systemen! Henoch bemühte sich, den ersten Eindruck zu bemeistern. Er faßte ihre Hand, er fragte mit dringender Heftigkeit nach Allem, was sie betraf; aber sie wich ihm aus.

»Sprechen wir von wichtigeren Dingen,« sagte sie und zog ihn zum Fenster hin. War es, weil das Alleinsein mit ihm ihr zum ersten Mal beklemmend schien, war es, weil ihr gepreßtes Herz sich nach frischer Luft sehnte, sie öffnete das Fenster und bot ihm den Stuhl am Fenstertritt vor ihrem Arbeitstisch an. Der Duft der Hyazinthen strömte herein. Und nun berichtete sie ihm Alles, was seitdem in der Gemeinde vorgegangen, welch' neuer Geist sie beseele, wie seinen idealen Plänen vorgearbeitet sei, zumal durch den edlen Joel Reinach, wie das prächtige Gotteshaus auf ihn warte, der es zu beleben und zu beseelen bestimmt sei. Sie nannte ihm die Namen der jüngeren Gemeindevorstände, in denen er eine Stütze finden würde; so umsichtig war Alles vorausbedacht, so sorglich legte sie ihm Alles an's Herz, daß er gerührt ihre Hand ergriff – und sie hielt sie ruhig, wie eine Mutter die Hand ihres Sohnes. Aber je ruhiger sie ihm enthüllte, wie all' ihr Dichten und Trachten nur auf seinen Erfolg gerichtet war, um so inniger fühlte er sich dem edlen Mädchen verpflichtet. Der erste Eindruck war vergessen, der goldene Kern leuchtete so rein, daß ein Gefühl dankbarster Freundschaft sein ganzes Herz durchwärmte.

»Ist nicht Alles, was ich bin und werde, Ihr Werk, geliebte Freundin?« begann er eben mit erregter Stimme. Da schlug an sein Ohr der in der stillen Stadt so selten gehörte Klang von Rosseshufen, die an das Pflaster schlugen, er beugte das Haupt unwillkürlich zum Fenster hinaus, eine Märchenfee mit wallendem blauem Schleier flog auf weißem Renner vorbei und warf einen Blick, einen Gruß mit der Hand zu dem bekannten Fenster hinauf. »Wer ist – –« stammelte Henoch.

»Bertha Reinach,« antwortete ruhig seine Freundin. Und nun erzählte sie ihm von der schönen Jungfrau, die glücklich das achtzehnte Jahr überschritten habe, seitdem sie in frischer Luft sich tummle und reite, von der zarten Weiblichkeit, mit der sie den Vater tröste und pflege, und pries den Allgütigen, der dem edlen Greis dieß letzte, seltene Kind in seiner Gnade erhalte! »Sie müssen vor Allem Herrn Reinach aufsuchen, und das heute noch, lieber Freund,« schloß sie und nöthigte ihn fast, Abschied zu nehmen. Träumerisch versprach er ihr, es zu thun, und sie begleitete ihn mit stillem Händedruck. Als sie in's Zimmer zurückkehrte, fiel unwillkürlich ihr Blick in den Spiegel, der zwischen beiden Fenstern hing. Sie nickte mehrmals mit dem Kopfe, als wollte sie das Bild begrüßen und beurtheilen, wie er es gethan; dann hob sie die Tfille (Gebetbuch) auf, die ihr entfallen war, drückte nach altem Ritus einen Kuß auf das beleidigte Buch und sagte still ihr »Hallel« weiter. Bei den Worten: »Seele, kehre nun zu Deiner Ruhe ein, denn der Herr hat Dich erlöst,« drückte sie das Buch an die Brust; dann betete sie ruhig bis zu Ende.

In dem dämmertrüben Stübchen Joel Reinach's waren trotz des Maitages die Fenster und die grünen Vorhänge geschlossen; aber es fiel doch ein Sonnenstrahl hinein, es zog doch wie ein Frühlingshauch durch dasselbe, als der junge Gottesgelehrte dem welken Greis begeistert seine schwungvollen Ideen mittheilte. Joel spiegelte sich in den geläuterten Gedanken des Jünglings mit väterlichem Wohlbehagen; eine leichte Röthe flog über seine bleichen Wangen, war es die Freude, die den ungewohnten Weg aus seinem Herzen zu seinem Antlitz wiederfand, oder nur der Abglanz des Feuers, das aus Henoch's jugendlichen Zügen strahlte?

»Das ist Alles schön und groß,« sagte Reinach und legte ihm die zitternde Mumienhand liebkosend auf die Schulter, »aber fürchten Sie nicht, lieber junger Freund, daß für Ihre Alexandergedanken das Reich dieser Gemeinde zu klein sei? Ist nicht das Kleinstädtische gerade der größte Feind jeder großen Idee?«

»Ich fürchte es nicht,« entgegnete jener mit freudigem Selbstvertrauen. »Ich bin ein Kind dieser Gemeinde, ein Adoptivkind nur, aber ich danke ihrem väterlichen Schutz meine Erziehung. Weil ich sie liebe, bin ich gewiß, mir ihre Liebe zu erwerben. Ich will kein stürmender Reformator sein; schonend und rücksichtsvoll will ich sie mir erst mit dem Herzen erobern; dann fügt sich die Bildung der Geister wohl von selbst. Glich doch bisher diese Gemeinde in ihrer Zersplitterung jenen zerstreuten Resten Judah's, die nach der Zerstörung des ersten Tempels je nach dem Ort, wohin sie sich geflüchtet, jeder auf seine Weise seinen Gott verehrte. Aber Sie haben ihnen wie Esra einen neuen gemeinsamen Tempel erbaut; glücklich preise ich Den, der als Nehemia an Ihrer Seite zu wirken und zu lehren berufen ist!«

Der Greis lächelte und hob den Zeigefinger wie drohend gegen den jungen Schwärmer.

»Wissen Sie auch,« sagte er, »daß eben diese Beiden das Judenthum in jene Formen goßen, die man heutzutage statt ihres Inhalts verehrt?«

»Gewiß,« erwiederte Henoch ruhig, »und ich verehre diese Formen selbst, weil sie uns den Inhalt durch Jahrtausende erhalten haben.«

»Und Sie werden sich ihnen fügen?«

»Das werde ich!«

»Gegen Ihre innere Überzeugung?«

»Es ist meine Überzeugung,« entgegnete der junge Prediger, »daß der Seelsorger einer Gemeinde ihr Mikrokosmos ist. Er darf die Verletzung der Formen bei Einzelnen dulden, aber er darf selbst sie nicht verletzen. Es ist kein Opfer der Überzeugung, nur ein Opfer der Bequemlichkeit, das ich mir freudig auferlegen würde. Nicht zertrümmern würde ich die Reliquien, die kindliche Beschränktheit für heilig hält, aber von dieser kindlichen Beschränktheit würde ich die meiner Seelsorge Befohlenen, zu erlösen trachten. Es wird die Zeit kommen, wo der goldene Kern des reinen Gottesglaubens wie eine Blüte aus der geschlossenen Knospenschale steigt; ich werde sie nicht mehr erleben, aber ich werde ihr entgegen gehen und die Meinen ihr zuführen!«

Durch Reinach's Gesicht zuckte es schmerzlich bei dieser Mahnung an die Vergänglichkeit. Der schwergetroffene welke Greis warf einen wehmüthigen Blick auf den blühenden Jüngling; wie eine Ahnung schauerte es durch seine Seele. Er lehnte sich erschöpft in den Sorgenstuhl zurück und streckte ihm die Hand entgegen wie zum Abschied. Henoch verstand ihn und erhob sich. Er hatte nie ein Wort des Dankes an seinen Wohlthäter richten dürfen, jetzt im Dämmerdunkel des Zimmers beugte er sich, wie nach seinem Hut greifend, auf die welke Hand hinab und drückte seine Lippen leise auf dieselbe. Reinach zog sie betroffen zurück, da öffnete sich die Thür, Bertha trat ein, einen silbernen Armleuchter tragend, dessen Flammen von grünen Schirmen nach einer Seite gedeckt waren. Das zurückgeworfene Licht fiel auf das blendende Antlitz und umwob es wie mit einem Heiligenschein. In dem schlichten weißen Kleid, das bis zum Hals geschlossen war und auf das die offenen braunen Locken in reicher Fülle herabwallten, schien die schöne Amazone in eine himmlische Erscheinung verwandelt zu sein. Henoch starrte sie an wie ein Traumbild, seine Sinne verwirrten sich, zum Gehen wie zum Bleiben fehlte ihm die Fassung.

»Meine Tochter Bertha!« sagte Reinach, auf sie hindeutend.

»Wir haben uns heute schon gesehen,« sagte das Mädchen lächelnd.

Henoch fand kein Wort der Begrüßung. Sie hatte den Armleuchter niedergestellt, bei einer zufälligen Wendung desselben fiel das Licht auf die bleichen Züge des Greises. Sie erschrak; unbekümmert um den Fremden flog sie zu dem Sessel, mit süßem Schmeichelton fragte sie, ob er sich unwohl fühle, und als er verneinte, kniete sie vor ihm nieder und umschlang mit beiden Armen seine Kniee, und er faltete die welken Hände über ihrer Lockenfülle. So blüht eine duftige Waldlilie am Fuß eines vom Blitz zersplitterten und entblätterten Stammes.

Der junge Geistliche betrachtete sie stumm; dann verneigte er sich und verschwand. Als er in das erleuchtete Nebenzimmer trat, hielt er die Hand vor die Augen; er wollte nicht, daß das traumhafte Bild in seiner Seele vor dem Lichte zerrinne. Aber schon hatte sich die Thür hinter ihm geöffnet, Bertha war ihm gefolgt.

»Mein Vater sendet Ihnen noch die besten Wünsche zu Ihrer Probepredigt, und auch ich schließe mich diesen herzlichst an!« So sprach sie mit der jugendlich melodischen Stimme und reichte ihm erröthend die Hand. Henoch wußte nicht, was er that, als er sie unwillkürlich an die Lippen zog.

Er hatte seiner Freundin versprochen, ihr über die Unterredung mit Reinach zu berichten; aber er stürmte in die Frühlingsnacht hinaus, hinab in die »Au«, wo der Flieder und der Hollunder dufteten, und weiter durch die einsamen Kastanienalleen, bis wo die Fulda ihre Wellen rollt. Hier endlich glätteten sich die Wogen seines Gemüthes, seine große Aufgabe trat vor seine Seele, er sann über den Spruch, über den er predigen wollte. »Und hätte ich tausend Engelszungen und hätte die Liebe nicht,« flüsterte er, – aber er besann sich, daß der Spruch des Apostels nicht passend sei, und wählte einen andern.

Und der entscheidende »große Sabbath« kam, der Tempel war in allen Räumen gefüllt. Als die Thorarollen in den Brokatmäntelchen der seligen Rebzen wieder »eingehoben« waren und vom Chor herab ein vielstimmiges Hallelujah erklungen war, trat der junge Prediger auf die links vom Tabernakel erhöhte Kanzel hinan. Eine lange schwarze Toga umhüllte die schlanke Gestalt, ein schwarzes Baret, wie das der griechischen Popen, krönte das noch schwärzere Lockenhaar, die innere Erregung hatte alles Blut aus seinem Gesichte gebannt, und als er die großen dunklen Augen innig und seelenvoll zum Himmel erhob, da glich er nicht mehr, wie einst, dem predigenden Jesusknaben, sondern dem verklärten Propheten, der seinen Jüngern die Bergpredigt verkündet.

Nach einem kurzen Gebet, das, mit leise vibrirender Stimme begonnen, immer inbrünstiger, wie auf Flügeln sich zum Himmel hob, sammelte sich der Prediger einen Augenblick, um auf seinen Text überzugehen. Er hatte die Worte Maleachi's gewählt:

»Haben wir nicht Alle einen Vater? Hat nicht ein Gott uns Alle geschaffen? Warum sollen wir Einer den Andern verfolgen und den Bund unserer Väter entweihen?« Von diesem Mittelpunkt ausgehend, beschrieb sein klarer Geist immer größere Kreise, die Familie, die sich einträchtlich um den gemeinsamen Vater, die Gemeinde, die sich um das gemeinsame Heiligthum, die Nationen, die sich um den gemeinsamen Herrscher, die Völker der Erde, die sich um den gemeinsamen Weltenlenker, die Erde selbst und die unendlichen Weltsysteme, die sich um den gemeinsamen Schöpfer harmonisch schaaren, getrennt und zusammengehalten durch die unergründliche Kraft seiner Liebe! Mit der Menschheit sei der Gottesbund geschlossen und seine heiligen, urewigen Rechte habe der Schöpfer all' seinen Erschaffenen verbürgt; wer lieblos den Andern verfolge, entweihe den Bund, auf den die Welt gegründet sei. Die Tage des Messias, die die Propheten verkünden, trügen als Wahrzeichen die Verheißung; dann werden alle Völker erkennen: Es gibt nur einen Gott und sein Name ist: der Einzige!

Und diesen Gedanken führte er aus, ohne Predigerton, ohne Komödiantenpathos, in Tönen des Herzens, die jedes Herz erschütterten und rührten, und wie er nun als Mittel zur Erreichung dieses höchsten Ziels die Milde, die Duldung, die Liebe pries, die Liebe im Menschenherzen als Fortpflanzung des göttlichen Schöpfungsgedankens, wie seine Worte zu Thränen, seine Thränen zu Flammen des heiligen Geistes wurden, da wob durch den ganzen Raum ein Hauch der Begeisterung, ein unnennbarer Liebesdrang schloß alle Herzen auf, ein jeder hätte den Andern gern, am liebsten den Redner, an das schwellende Herz gedrückt. Die Bänke des Saales glichen von dem stillen Beifallssummen und Nicken der Männer einem bewegten Erlengebüsch, die Logen der Frauenschule von dem Wehen der Schnupftücher einem bewimpelten Schiff. Ein bleiches, von Thränen genetztes Antlitz bog sich, von Freude verklärt, über die Galerie hinab und ein blühendes verbarg sein Erröthen in die Blätter des Gebetbuches.

Mit einem kurzen Segensspruch hatte er geendet. Ein hundertstimmiges Amen scholl vom Chor herab. Als der Gottesdienst geendet, umdrängte die ganze Gemeinde glückwünschend den Glücklichen. Auf der Stiege der Frauenschul' begegneten sich Bertha und Mine. Wie damals Mine, überwältigt von ihrem Glück, die schöne Bertha umarmt und geküßt hatte, so umschlang jetzt Bertha die Freundin und drückte einen glühenden Kuß auf Mine's bleiche Wangen.

Die eine Stunde hatte über Henoch's Zukunft entschieden. Einstimmig beantragte die Gemeinde seine Ernennung zum »Landrabbiner« in der Stadt, in welcher er vor Jahren »Tage« gegessen hatte.

Sein erster Gang war zu seiner Freundin. Sie empfing ihn, glücklicher noch als der Glückliche. Was er erstrebt hatte, er hatte es erreicht, nicht für sie, aber durch sie. Das genügte der edlen Seele!

Und nun begann ein rastloses, fröhliches Wirken. Der Organisation des Gottesdienstes wie des Schulunterrichts wurde gleiche Sorgfalt gewidmet. Die ganze Gemeinde stand begeistert und werkthätig dem neuen Seelsorger zur Seite; die Jüngeren entflammten seine erleuchteten Ideen. Den Älteren imponirten seine Talmudkenntnisse und die Rücksichten, die er selbst den rituellen Satzungen trug. Mit Joel Reinach konferirte er täglich, der Greis verjüngte sich förmlich im Verkehr mit dem Jugendlichen. Bertha nahm an Allem Theil; andächtig und entzückt hingen ihre schönen Augen an den Lippen des begeisterten Redners. Sie brauchte des Ritts im Freien nicht mehr; sie blühte frischer und glücklicher auf, wenn sie neben dem Vater und dem Freunde saß, der stillschweigend ein Glied der Familie, ja, das belebende Prinzip derselben geworden war. Und er selbst, wie ersehnte er diese Stunden des Wiedersehens! Lächelnd blickte der Greis auf diesen stillen Seelenbund, es erschien ihm wie ein Walten der Vorsehung, daß die ihm von Gott Geschenkte dem gottgeweihten Manne sich zuneige, dem Manne, den auch sein Herz mit väterlicher Liebe umschloß. Aber er zagte, mit vorschneller Hand die zarte Knospe dieser Neigung zu berühren, bevor sie sich allmälig entfaltet. Und doch bangte ihm vor dieser Entfaltung. Nicht als ob er sein einziges Kind zu gut für den Armen, Heimatlosen hielt; nein, wenn dieser nicht aus bescheidener Zurückhaltung schwieg, sondern aus Furcht vor der zarten, verwelklichen Blüte? Wenn dieser anderweitig gebunden wäre? Und hier tauchte vor dem geistigen Auge des Greises das Bild des Mädchens auf, die einst so rührend für ihren Schützling bei ihm gebeten hatte. Durfte er die Neigung des ahnungslosen Kindes bis zur Leidenschaft gedeihen lassen? Sollte er Henoch's stumme Lippen gewaltsam entsiegeln? Mit diesen Zweifeln quälte sich der edle Greis.

Und auch Bertha's klarer Seelenspiegel ward allmälig von zitternden Wellen getrübt. Ihr Herz pochte laut der Stunde entgegen, in der Henoch zu kommen pflegte; säumte er, so durchschwirrten ängstliche Gedanken ihren Sinn, ihre Wangen erbleichten, unruhig irrte sie hin und her; und erschien er, so strömte all' ihr Blut vom Herzen in die Schläfe, und sie eilte, ihr glühendes Gesicht im Dämmerlicht des väterlichen Zimmers zu verbergen. Dort lauschte sie seinen Worten, ruhig, befriedigt, die Erde hatte keinen Wunsch mehr für sie. Aber wenn er schied, welches Bangen! Ihre Seele, die sonst nur um ihren Vater gekreist, hatte ihren Rhythmus, ihr Gleichgewicht verloren! Sie fand nur den Namen noch nicht für diese »schwebende Pein«.

Aber noch stürmischer wogten die Empfindungen in Henoch's Herzen. Der erste Eindruck, den die blendende Amazone auf ihn gemacht hatte, war ein verblüffender gewesen; wie ein Blitz hatte ihn ihre Schönheit getroffen, fast verwundet. Als er sie in ihrem stillen häuslichen Wirken am Sorgenstuhl ihres Vaters wiederfand, da verklärte sich ihm ihre Erscheinung, wie ein Marmorbild im Mondlicht sich harmonisch beseelt! Und wie die zarte, durch ein Wunder erhaltene Blüte sich ihm zuneigte, wie ihr Duft ihn berauschte, ihm zur süßen Gewohnheit, zum Bedürfniß des Lebens ward, da erschrak er plötzlich vor dem traumhaften, ihm unerreichbar dünkenden Glück! Durfte er den Blick erheben, die Hand ausstrecken, es zu fassen? War es nicht Pflicht, seinem berückenden Glanz aus dem Wege zu gehen? Er versuchte es – vergebens! An der Schwelle des Hauses umkehrend, irrte er durch die Straßen, um schließlich doch wieder in ihren Lichtkreis einzuziehen; mühsam die Blicke von ihr abwendend und die ganze Seele in ernste Gespräche mit dem Vater versenkend, fühlte er doch, wie Blick und Seele an magischen Banden zu ihr zurückflogen. Oft drängte es ihn, sein ganzes Herz der einzigen Freundin Mine anzuvertrauen, aber gerade ihr gegenüber schloß er sein Geheimniß nur noch fester in sich.

So quälten und folterten sich drei edle Seelen, die dasselbe fühlten, dasselbe wollten, und suchten vergeblich nach dem erlösenden Wort! Wird es kein guter Genius auf ihre Lippen legen? O doch!

Es war ein Spätsommertag, Sommerfäden flogen durch die Luft, die Tage wurden merklich kürzer. Mine hatte ihr Theaterbillet, es war die einzige Zerstreuung, die sie sich gönnte. Sie wollte eben den Weg zum Schauspielhaus einschlagen, als ihr Henoch begegnete. Sie las die Aufregung seines Gemüths aus seinen Blicken.

»Ich wollte zu Ihnen, theure Freundin.«

»Kehren wir um,« sagte sie, »die Zeiten sind vorbei, wo mich das Theater fesselte; ich besuche es nur aus Gewohnheit. Kehren wir um und plaudern wir lieber!«

»Nein!« erwiederte Henoch, heftig mit sich kämpfend, »träumen wir uns lieber in jene Zeiten zurück! Erlauben Sie mir, daß ich Sie begleite wie ehedem!«

Sie gingen schweigend über den großen Platz, auf dem er ihr einst die Sternbilder erklärte, aber unvermerkt lenkte sie vom Schauspielhaus ab und bog in die schon einsame Straße ein, deren Häuser auf einer Seite der »Au« zugewandt sind, während auf der andern Seite schattige Gebüsche mit traulichen Wegen die Vermittlung zu jenem herrlichen Garten bilden. Es war einsam und still, nur die Vögel zwitscherten drunten im Gehölz ihr Abendlied. Mine ergriff seine Hand.

»Sie sprachen von ehedem,« sagte sie. »Damals vertrauten Sie mir all' Ihre Gedanken; warum sind Sie jetzt verschlossener gegen Ihre Freundin? Hat Ihr Glück Sie so geizig gemacht?«

»Mein Glück,« rief er aus, »das ich nur Ihnen verdanke!«

»Nein, ein anderes, höheres hat Ihnen die Vorsehung gewährt,« erwiederte sie, »und es fehlt Ihnen nur der Muth, es ganz zu erfassen. Sprechen Sie nicht,« fuhr sie lächelnd fort, »ich weiß es ja. Sie lieben Bertha und Bertha liebt Sie auch. Sie selbst hat es mir gesagt in jenem Kuß, den sie auf meine Wangen drückte, als Sie im Tempel alle Herzen gerührt und erhoben; ich ahnte damals schon dieß unverhoffte Glück und pries Gott, der es Ihnen vorbehalten. Und warum beängstigt es Sie?« fuhr sie fort, als Henoch, keines Wortes mächtig, ihre Hand an sein laut klopfendes Herz preßte, »zweifeln Sie an der Gesinnung des edelsten Vaters oder zweifeln Sie an Ihrem eigenen Werth? Oder zittern Sie vielleicht vor dem grausamen Schicksal, das Bertha's Schwestern getroffen? Nein, sie ist gekräftigt, gefeit durch die wunderbare Kraft der Liebe, und wäre sie Ihnen auch nur für eine Spanne Zeit geliehen, diese Spanne wäre eines ganzen Lebens werth!«

»Und das sagen Sie mir!« rief Henoch überwältigt aus und eine Thräne der Bewunderung trat in sein Auge.

»Muß ich nicht,« entgegnete sie lächelnd, »da Sie keine Mutter haben, die Ihnen sagen kann: sei muthig und getrost! Gott hat euch für einander geschaffen und wird zur rechten Zeit seinen Boten senden, der euch zusammenführt! Und nun leben Sie wohl!« schloß sie, sich rasch losreißend, um ihre eigene Bewegung zu verbergen, und eilte hinweg, dem Theater zu; doch an der Ecke der Straße blieb sie stehen. Sie spähte, ob Henoch ihr folge. Als sie bemerkte, wie er noch immer tiefbewegt in den Abendhimmel blickte, als erflehte er den von ihr verheißenen Boten, da leuchtete ein rascher Entschluß aus ihren feuchten grauen Augen und mit fliegenden Schritten eilte sie über den Platz zum Hause Joel Reinach's.

Nicht scheu und zitternd wie das erste Mal, als sie dort eingetreten, nein, freudig entschlossen begehrte sie Herrn Reinach zu sehen. Bertha begrüßte sie, unruhig und besorgt um den säumigen Freund. Mine beruhigte sie lächelnd:

»Sie werden ihn heute noch sehen,« sagte sie, und während das schöne Kind des Ersehnten harrte, trat sie in das Zimmer des Greises, der sie freundlich willkommen hieß.

»Was bringen Sie mir Gutes?« fragte er wieder und lud sie zum Sitzen ein. Aber sie stand vor dem Greis, aufgerichtet wie eine Gottgesandte.

»Das Beste auf Erden,« rief sie aus, »das Glück Ihres Kindes! Bertha liebt und ist geliebt!« Reinach erschrak vor dem heftigen Eingriff in das Heiligthum seiner Familie und trat einen Schritt zurück, aber sie faßte seine Hand und hielt sie in ihren gefalteten Händen. »O zürnen Sie mir nicht,« rief sie aus, »ich weiß, was ich wage, aber es gilt das Glück Derer, die uns am theuersten sind! Sehen Sie doch selbst, wie diese beiden liebenden Seelen sich in der Qual der Ungewißheit verzehren! Sehen Sie doch, wie Ihre Tochter in diesem neuen Lebenselement sich blühend entfaltet! Wo könnten Sie sie geborgener wissen, als an dem Herzen dieses edelsten Mannes! An dieser Stelle gewährten Sie mir einst, was er nie zu hoffen wagte; o gewähren Sie mir heute das, was er selbst zu begehren nicht wagen darf! Sprechen Sie selbst das erlösende Wort! Kann der großmüthigste der Menschen mit einer Stunde geizen, die unsere Geliebten und uns selbst beglückt?!«

Thränen glänzten in ihren Augen. Thränen rollten über die Wangen des Greises. Er legte seine Hand wie zum Segen auf ihr Haupt:

»Nennen Sie mich nicht großmüthig!« flüsterte er, »Sie haben mich beschämt und gedemüthigt,« und er zog ihr Haupt an seine Brust und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. Wie von einem himmlischen Weihekuß berührt, erzitterte Mine, die Schönheit ihrer Seele verklärte ihr bleiches Gesicht.

Leise hatte sich die Thür geöffnet, Bertha und Henoch betrachteten staunend die Gruppe. Reinach blickte auf.

»Meine Kinder!« rief er und streckte Beiden die Arme entgegen. Bertha flog auf ihn zu und verbarg das erglühende Gesicht am Herzen des Vaters. Henoch stand wie erstarrt vor seinem Glück. Der Greis winkte ihm und ergriff seine Hand und Bertha's, aber er besann sich plötzlich und indem er Mine heranzog, sprach er liebevoll lächelnd:

»Nur aus dieser Hand dürfen Sie sie empfangen!«

Und als nun Henoch glückestrunken den Greis und die Freundin und dann erst die Geliebte umschlang, da klang kein Wort von Menschenlippen durch die heilige Stille des Dämmerstübchens, aber der Geist der ewigen Liebe wob durch den irdischen Raum seine himmlischen Harmonieen.

Im Herbste ward die Hochzeit gefeiert. In Joel Reinach's Zimmer traute ein geistesverwandter Freund Henoch's das glückselige Paar. Mine war die einzige Zeugin. Herr Reinach hatte ihr einen kostbaren Seidenstoff zum Festkleid gesandt. Als die Feier beendet war und das junge Paar sich in das neue Haus begab, das die Gemeinde ihm neben dem Tempel erbaut hatte, begleitete Mine sie bis zur Schwelle und umarmte sie mit mütterlichem Segen. Dann kehrte sie in ihr Stübchen ein, zertrennte das neue Seidenkleid, heftete die Blätter zu einer Decke über die Predigerkanzel zusammen und umsäumte sie mit den brabanter Spitzen, die ihr Joel Reinach zurückgesandt hatte – für ihr Brautkleid!

Die schöne Bertha verbarg auf Wunsch ihres Gatten ihre reichen Locken vorschriftsmäßig unter ein weißes Häubchen, das wie ein Heiligenschein ihr Gesicht umrahmte. Das Glück hatte sie verklärt, aber verklärter noch sah Mine auf das geliebte Paar, zu dem sie fortan unzertrennlich gehörte. Drei liebliche Kinder legten sie auf die Kniee des Großvaters; Hiob sah neues Leben aus den Ruinen blühen. Ruhig schloß er die müden Augen, er wußte seine Bertha im Schutz eines edlen Gatten, einer liebevollen Mutter!

So wäre Alles schön und glücklich gewesen, hätte nicht die Feindin des Schönen und Glücklichen, die giftige Cholera, zu jener Zeit ihren Verwüstungszug durch Deutschland gelenkt. Grimmig wüthete sie in der Gemeinde, rastlos stand der edle Seelsorger den Kranken und den Sterbenden zur Seite. Aber das »Loos« des Schönen auf der Erde fiel auch ihm, das tödliche Gift war in seine Adern geschlichen. Ein kurzes, schmerzliches Ringen und die leuchtenden Sterne seiner Augen versanken am Horizont unserer Erde, seine geflügelte Seele flog dem Urquell der Liebe zu. Mine stand an seinem Lager in stummer Verzweiflung neben Bertha, die ihr Haupt an dem erstarrten Herzen des Gatten barg. Sie hatte nur ein Gebet: sie flehte den Todesengel an, auch sie zu küssen; aber dieser zog der verwelkten Blume die blühende vor und küßte Bertha's jugendschwellende Lippen. An einem Tag wurden Henoch und Bertha bestattet.

Als Mine davontragen sah, was sie auf Erden geliebt hatte, da fragte ihr gebrochener Blick die ewige Vorsehung: »Was soll ich noch hier?« Da tönten die Stimmen der Kinder an ihr Ohr, die harmlos im Nebenzimmer spielten und kicherten. Sie hat die Antwort der Vorsehung verstanden. Sie ward die Mutter der Waisen, die unter ihrer Sorgfalt blühend heranwuchsen; der Älteste hatte seines Vaters dunkle Locken und dessen großes tiefes Auge, das Jüngste, kaum zweijährige, glich an Engelsschönheit seiner Mutter. In der Sorge für die geliebten Kleinen fand Mine ihre Jugend wieder. Sie spielte mit ihnen, sie erzählte ihnen Märchen, sie sang ihnen »An Alexis« und »In Myrtill's zerfall'ner Hütte«! Und wenn die Kinder in der Orangerie Blüten sammelten und Mine's Augen über die weite Grasfläche des »Bullengrün« dahinschweiften, dann grüßte sie im Geist die geliebten Verklärten, die dankbar segnend auf die Hüterin ihrer Kinder herablächelten!

Als diese heranwuchsen, erzog sie Mine im Geiste des Vaters, im Kultus der heiligen Erinnerung an die Verklärten. Sie sah, eine Greisin, die geliebten Drei versorgt und als sie die Augen schloß, umgaben sie drei weinende Kinder.

Man wollte sie neben ihren Eltern, dem alten Raaf und Frau Süß, begraben; aber es war kein Raum für sie da; die Todten drängen sich wie die Lebenden. Da fand sich zufällig ein Plätzchen just neben Henoch und Bertha. Dort ruht Raaf's Mine!