Jephtha's Tochter

Ungefähr drei Wegstunden von der Residenz gegen Süden liegen zwei Dörfer, deren Grenzen zusammenstoßen; der Düngerhaufen zwischen zwei niederen Lehmhütten ist das Ende des einen wie der Anfang des andern. Sie heißen Hof und Breitenbach und sind größtentheils von jüdischen Hausirern und Schnorrern bewohnt. In einer magern Ebene gelegen, sehen sie von Weitem wie ein Lehmhaufen aus, ein Bild der Armuth und Entsagung. Unter grauen Stroh- und Schindeldächern verkriechen sich die Häuschen, die gesprungenen Fensterscheiben sind mit Papier verklebt oder mit einem schmutzigen Lappen statt des Vorhangs verhängt; nur ein einziges Haus ragt um ein Stockwerk über das Erdgeschoß hinaus, es gehört Wolf Breitenbach, dem reichsten unter den Armen.

Wer unter der Woche die lange, ungepflasterte Straße durchschreitet, an deren beiden Seiten die vereinzelten Hütten durch ärmliche Höfe und Grasgärtchen verbunden sind, die ein vermoderndes Holzgitter abgrenzt, der glaubt wohl durch die Gräberstraße von Pompeji zu wandeln. Er sieht keinen Menschen, er hört nicht das Brüllen einer Kuh oder das Wiehern eines Pferdes; solche Vierfüßler besitzt man nicht in Hof und Breitenbach, die Männer sind auf der Wanderschaft, die Frauen schließen sich in den Hütten ein, höchstens ein paar schwarze, ungekämmte Kinder waten barfuß durch die Pfützen den watschelnden Gänsen nach. Aber am Freitag Abend, wenn es dunkelt, beleuchten sich plötzlich alle Fenster wie die Kajüten des fliegenden Holländers; aus Wolf Breitenbach's Erdgeschoß strahlt eine siebenzackige Lampe ihren Glanz über die Straße, und Männer, Weiber und Kinder, gewaschen und geputzt, wandern summend und schaukelnd nach der Betstube in Wolf Breitenbach's Haus und von da zurück in ihre gescheuerten und erleuchteten Hütten.

Den Samstag über sind die Dörfer gleich belebt; Nachmittags spazieren die Jungen über die Wiesen, die Alten plaudern und gestikuliren in der Straße, vor den Hütten sitzen Matronen, die Haare sorgfältig unter schwarzseidenen Unterhäubchen versteckt, Kinder balgen sich um eine Handvoll Haselnüsse, und Sonntag Vormittags sind die Dörfer wieder wie ausgestorben. Sobald nämlich die »Woch« beginnt, segeln unsere »Phönizier« aus Sidon und Tyrus auf ihren Handelsstraßen nach den gewohnten Stapelplätzen aus. Ein großer Theil von ihnen geht »schnorren«. Sie holen sich in den Häusern der Stadt den Tribut an »Wochengeld« und finden dort auch einen Bissen zu essen und eine Schlafstätte. Das Erbettelte reicht wohl hin, für sie und die Ihrigen zu Hause »Schabbes zu machen« und Letzteren »auf Brod« für die Woche zurückzulassen. Der bessere Theil geht »handeln«. Das Geschäft ist Export- und Importgeschäft. Der Import besteht aus alten Kleidern, aus Zwirn, Nadeln und Bändern, die in der Stadt eingekauft werden und die im Tauschhandel nach der Väter Weise in Dörfern und Meierhöfen der Umgegend als Zahlung für junge Gänse dienen. Der Export aber besteht in eben diesen Gänsen, welche von den Müttern und Kindern zu Hause gefüttert und gestopft werden, und wenn sie wider Willen fett geworden sind, vorschriftsmäßig geschlachtet und, mit dem Siegel der Rechtgläubigkeit am Halse versehen, in großen Zwerchsäcken in die Stadt getragen und dort den jüdischen Hausvätern und Frauen nach langem Kreuz- und Querhandeln verkauft werden.

Ein jeder dieser Gänsehändler hat seine »Häuser« und wehe Dem, der ihm hier Konkurrenz macht! Es regnet Flüche auf ihn, die jene am Berg Ebal zu Schanden machen! Deßhalb respektirt ein jeder das Emporium seines Nachbars und zittert vor dessen gerechtem Zorn. Der Gefürchtetste von Allen ist Tobiah Hof. Er hat die besten Häuser der Stadt, versteht es, die magerste Gans durch die Luftröhre so aufzublasen, daß sie sich mit schwellendem Busen präsentirt, und wenn man ihm die Hälfte seiner Forderung bietet, so schwört er bei seiner Seligkeit in Gan-Eden (Paradies), daß er keinen rothen Heller nachlassen könne; schließlich opfert er der irdischen Nothwendigkeit die Hälfte seiner jenseitigen Seligkeit.

Es war ein großer hagerer Mann, dieser Tobiah Hof, mit langer Adlernase und gekrausten, schwarzen, ein wenig graumelirten Haaren; er konnte zwölf schwere Gänse ohne Ermüdung im Zwerchsack tragen und sein langer Patriarchenstock stieß fest und sicher in den Boden wie der Alpstock eines Gemsjägers. Seine Frau verstand die Stopfkunst meisterhaft und war eine Virtuosin im Federnschleißen. Aber war es die Zellenhaft, die sie mit ihren Gänsen theilte, waren es die Geister der gewaltsam verfetteten Opfer, die sich an ihr rächten, genug, sie wurde von einer unheilbaren Leberkrankheit befallen und starb. Tobiah betrauerte in ihr nicht nur die Lebensgefährtin, sondern auch die Stütze seines Geschäftes, die Ernährerin seiner Gänse und seines einzigen Kindes. Konnte dieses, das »kleine Täubchen«, ein Mädchen von kaum zehn Jahren, bei seinen Gänsen Mutterstelle vertreten? Unmöglich! Er sah seine Nahrungsquelle versiegt, sah sich überflügelt von den Gänsen seiner Konkurrenten, die besten Häuser in der Stadt verloren! Diese Gedanken brachen seine Kraft und seinen Muth. Kein Mensch verstand die Ausbrüche seiner Verzweiflung, da er ja die Verstorbene nie durch Zärtlichkeit verwöhnt hatte; nur das schlaue Auge Wolf Breitenbach's drang in die Tiefe seines Herzens.

»Rebbe Tobiah,« sagte dieser eines Abends, als er allein bei dem Trauernden saß, »warum thut Ihr so, als wär' die Welt mit Brettern zugenagelt? Seid Ihr der Erste, den Gott, gelobt sei er! so heimgesucht hat? Ich hab' die Meine olewescholem (der Friede sei mit ihr) auch hergeben müssen, schon vor länger als sechzehn Jahr!«

»Ihr habt gut reden, Rebbe Wolf,« entgegnete der Kleinmüthige, den der unrasirte Stoppelbart in einer Woche zum Greisen gemacht hatte, »Ihr seid ein reicher Mann und handelt mit Kleidern und Waaren, die man überall fertig kriegt; aber wer stopft mir die Gänse, wenn sie, olewescholem, nicht mehr da ist?«

»Rebbe Tobiah,« erwiederte jener, »nehmt mir's nicht übel, Ihr red't Stuß (Unsinn). Erstens: Wo bin ich ein reicher Mann? Weil ich mich nicht lump', wenn's d'rauf ankommt? Dafür bin ich Wolf Breitenbach. Aber was Euch angeht, ich will Eurer Frau, olewescholem, gewiß nichts Unrechtes nachsagen, aber Gänse stopfen kann eine Andere auch. Da ist zum Beispiel die Bule Bettenhausen, die Wittwe, die mit alten Kleidern hausiren geht, die ihr Sohn, der lange Meyer, zusammenflickt, die kann Euch helfen und das Kind wird's bald von ihr gelernt haben. Das Gänsstopfen ist keine Hexerei und das ›kleine Täubchen‹ ist ein großer Chochem (klug) für sein Alter. Wenn Ihr der Bule ein paar Groschen gebt, so wird sie alle Tag ein paar Stunden bei Euch stopfen kommen!«

»Aber ein paar Groschen!« rief der Andere heftig aus, »wenn man selber nicht einen übrig hat!«

»Deßhalb red' ich doch mit Euch, Chammer (Dummkopf )!« erwiederte Wolf noch heftiger. »Ich geb' Euch ein paar Thaler und Ihr zahlt mir's einzelweis zurück. Keine Zinsen verlang' ich nicht, Wolf Breitenbach lumpt sich nicht!«

Da richtete sich der Gebeugte wieder auf und alle seine versunkenen Hoffnungen erstanden wieder.

»Rebbe Wolf,« sagte er, »das ist mehr, als was ich mir je gehofft hätt', und wenn ich einmal für Euch durch's Feuer laufen soll, so braucht Ihr nur zu sagen: Tobiah lauf'!«

Einige Tage darauf war der Vertrag mit Bule Bettenhausen abgeschlossen. Jeden Morgen und jeden Abend kam sie herüber als Nährmutter der Gänse und als Lehrmeisterin des »kleinen Täubchen«, das eine merkwürdige Auffassungsgabe für den Stopfunterricht an den Tag legte. Tobiah Hof ging wieder seinem Geschäft nach, doch war sein stolzes Selbstbewußtsein einigermaßen gebrochen. Das Abhängigkeitsgefühl, das er vor Wolf Breitenbach empfand, hatte seine Worte gedämpft, seine Bewegungen gemildert; er ging etwas vorgebeugt und sein Zwerchsack war etwas weniger beladen als ehedem.

Das »kleine Täubchen« ward noch allgemein so genannt, weil es für seine elf Jahre noch auffallend klein war. Aber sonst war es ein frisches, gesundes Kind, und wenn es am Freitag Abend sich gewaschen hatte, glänzten seine runden Backen wie zwei frischgepflückte Äpfel. Seine Stirn war niedrig, niedriger noch als die der mediceischen Venus; die schwarzen Haare wuchsen tief hinein und umflatterten den Nacken wie die Mähnen eines Füllens, wenn sie nicht Samstags in Zöpfe geflochten waren. Zwei Augenbrauen wie mit Kohle gezogen wölbten sich über zwei Augen, die wie glühende Kohlen leuchteten, und die kleinen Zähne schimmerten wie die eines Eichhörnchens, obwohl sie den Luxus einer Zahnbürste nicht einmal vom Hörensagen kannten. Ihr Anzug bestand aus einem braunwollenen, vielfach geflickten Kittelchen, das nie, und aus einem groben Zwilchhemdchen, das jeden Freitag Abend gewechselt wurde. Das Sprüchwort: »Salz und Brod macht die Backen roth«, hatte sich an Täubchen trefflich bewährt, denn sie kannte die ganze Woche über keine andere Kost, außer wenn ihr bei ihren Streifzügen eine Bäuerin einen Apfel schenkte. Täubchen betrieb nämlich auch schon das Import- und Exportgeschäft. Das Importgeschäft bestand bei ihr in der Einführung von Erbsen, Bohnen und getrockneten gelben Rüben in die Hälse der Gänse, eine Zwangsmaßregel, die sie von Frau Bule meisterhaft erlernt hatte und die sie mit der Grazie einer Leda an den geflügelten Freundinnen praktizirte. Das Exportgeschäft aber führte sie, indem sie von den benachbarten Dörfern und Höfen die »jüngeren Pilger«, die ihr Vater dort angeworben, nach Hause trieb. Eine Weidengerte war dabei ihr Kommandostab und sie sang dazu mit heller Stimme den Schir-hamalaus (Lobpsalm), den ihr Vater mit weniger musikalischem Wohllaut am Sabbathabend zu intoniren pflegte.

Es war an einem schönen Sommertag um die Mittagsstunde, als Täubchen sich aufmachte, nach Martinhagen zu wandern, um im Auftrag ihres Vaters eine Schaar junger Gänse von dort heimzutreiben. Sie hatte sich ein weißes Tuch um den Kopf gebunden, sich vor der Sonne zu schützen, und die schwarzen Augen blitzten recht schelmisch darunter hervor, als sie an dem niedern Häuschen vorbeikam, in dem Frau Bule wohnte und an dessen Fenster der lange Meyer saß und ein paar alte Hosen flickte. Es war ein hochaufgeschossener magerer Bursch von siebenzehn bis achtzehn Jahren. Er hielt den langen Hals vorgebeugt und hatte sehr lange Arme und Hände. Auch seine Nase war lang; kurz waren nur seine schwarzen Haare, die wie ein lockiger Astrachanpelz auf seinem Kopf saßen. Jetzt war er in seine Arbeit so vertieft, daß Täubchen hinaufrufen mußte:

»Guten Tag, Meyer!«

Nun streckte er den Hals zum Fenster hinaus:

»Wohin, Täubchenleb?«

»Nach Martinhagen hinüber, Gäns holen!«

»Was! Zwei Stund' über Feld! Und Du fürchtest Dich nicht?«

Täubchen lachte laut auf.

»Stehlen kann mir Keiner 'was,« sagte sie, »und todtschlagen wird mich auch Keiner. Aber wenn Du mit mir gehen willst?«

»Wenn ich könnt',« antwortete Meyer, die Augen weit öffnend, »aber ich darf nicht!«

»Du darfst nicht?«

»Nein, Täubchenleb,« sagte er, ängstlich zurückschauend, »ich fürcht' mich vor meiner Mutter.«

»Wenn ich so lang wär' wie Du,« lachte Täubchen, »ich thät mich vor Keinem auf der Welt fürchten! Adies!«

Sie lief mit ihren kleinen nackten Füßchen davon. Meyer streckte ihr den Hals so lange nach, bis sie um die Ecke verschwunden war.

Bald hatte Täubchen das Dorf im Rücken und wanderte zwischen endlosen Kartoffeläckern und mageren Getreidefeldern rüstig fort. Hie und da riß sie eine reife Kornähre ab, die sie zwischen ihren weißen Mäusezähnchen zerknupperte, oder raffte eine rothe Mohnblume vom schwanken Stengel, um sie zwischen das weiße Tuch und das schwarze Haar hinter's Ohr zu stecken. Jetzt mußte sie über den Bach; der Steg war zur Hand, aber sie watete lieber hindurch, um sich den Staub von den Füßen zu spülen, und schnitt sich mit einem alten zerbrochenen Taschenmesser eine Weidengerte zum Heimtreiben ab. Das Fußbad hatte sie sichtlich erfrischt, denn sie sang mit noch hellerer Stimme ihren Schir-hamalaus, bis sie das rothe Ziegeldach des martinhagener Gehöfts am Ende einer langen Pappelallee leuchten sah. Nun schritt sie mit gemesseneren Schritten darauf los.

Im Hof vor dem weiten, niedern Gebäude unter einem alten Birnbaum saßen die Leute beim Vesperbrod. Ein großer Napf mit gesottenen Kartoffeln und eine Schüssel mit Schweineschmalz stand auf dem Tisch, der riesige schwarze Brodlaib daneben trug auf seinem Rücken das Zeichen des Kreuzes.

Täubchen ging auf die Pächterin zu, sie sei geschickt, die Gänse ihres Vaters abzuholen, und während diese in den Geflügelhof ging, die verkauften Seelen auszuliefern, betrachteten die Knechte und Mägde das Judenkind, das, vom Schatten des Birnbaums geschützt, das Kopftuch abgenommen und seine schwarzen Mähnen entfesselt hatte.

»Willst mitessen?« rief eine junge Magd und hielt Täubchen ihr Schmalzbrod hin.

Täubchen verzog das Gesicht beim Anblick des Schweineschmalzes und machte eine heftig abwehrende Bewegung. Ein langer flachshaariger Knecht mit großen wasserblauen Augen schien ihre Gedanken zu errathen.

»Dem schwarzen Racker graust's vor unserer Kost,« brummte er, und ein Stück Brod dick mit Schmalz bestreichend, rief er: »Komm' her, Schiksel! Machst Du unsere Gäns koscher, so will ich Dich dafür koscher machen!«

»Komm' her, Schiksel!«
Holzstich nach einer Zeichnung von Moritz Daniel Oppenheim

Mit diesen Worten, die von Allen hellauf belacht wurden, war er auf Täubchen zugesprungen, hatte sie mit der derben Rechten um den Leib gepackt und mit der Linken versuchte er, das Schmalzbrod ihr in den Mund zu stecken. Aber das kleine Täubchen preßte die Zähne zusammen und fuhr mit den kleinen Händchen in das frische Gesicht ihres Peinigers, das sie so grausam mißhandelte, daß die Züge des christlichen Germanen gänzlich aus dem Kreuz kamen.

»Judenbestie!« schrie dieser.

»Laß das Kind in Ruh'!« rief die Pächterin, die dazu gekommen war, und stieß ihn mit kräftigem Arm in die Seite. »Schäm' Dich, Hans Ludwig! Da sind Deine Gäns,« fuhr sie ruhig fort, »fünf Stück, Dein Vater hat sie selbst gezeichnet und ihnen die Schwanzfedern ausgerissen. Willst' was essen? Kartoffeln oder Brod?«

»Ich danke, ich mag nichts!« antwortete Täubchen mit einem schiefen Blick auf die Schmalzschüssel und band sich das Kopftuch um. Die Pächterin machte ein unwilliges Gesicht, dann griff sie in die Tasche und holte einen großen rothen Sommerapfel heraus.

»Na, der wird doch koscher sein?« sagte sie lächelnd, und Täubchen lachte auch und biß mit den kleinen Zähnen hinein.

Aber dann besann sie sich rasch, steckte ihn in die Tasche des Kittelchens und trieb und lockte ihre Gänse zusammen.

»Sieh' zu, daß Du sie gut heimbringst,« sagte die Pächterin, »und sag' Deinem Vater, daß ich Flanell brauch' zu Windeln. Hörst Du?«

Täubchen nickte nur, denn sie brauchte alle ihre guten Worte, die Gänse aus dem Hof zu treiben, die in den gewöhnten Pfützen schnatternd nach Leckerbissen stöberten.

Die Pappelallee war glücklich durchwandert und auf dem freien Feld folgten die jungen Zöglinge williger ihrer Führerin, die mit Worten und Gesängen, begleitet von dem Taktstock der Weidengerte, das Quintett prächtig zusammenhielt. Bald war die Furt über den Bach erreicht. Hier aber zerstreuten sich die Gänse, schwimmend, flatternd und schnatternd im Wasser, und in dem Augenblick, als die kleine Führerin ihr ganzes Feldherrntalent aufbot, die entfesselte Truppe wieder zu rangiren, brach aus dem Weidengebüsch ein feindlicher Hinterhalt hervor. Der flachshaarige Knecht hatte sich mit zwei halbwüchsigen Blaukitteln auf Feldwegen an die Furt geschlichen, und während die zwei Anderen mit wildem Halloh! die Gänse verscheuchten, trat Hans Ludwig siegesbewußt auf das verschüchterte Mädchen zu.

»Meine Gäns, meine Gäns!« schrie diese und wollte den Entfliehenden nacheilen; aber der Knecht hielt sie fest.

»Wart', Schiksel,« sagte er, »ich bin Dir noch Antwort schuldig auf die Grausamkeit, die Du an mir begangen!«

»Laß mich!« schrie Täubchen und wehrte sich so gut sie konnte, aber der Knecht hielt sie fest und fester. »Schma Jisrol (Höre, Israel)!« rief das Kind verzweifelt. »Meine Gäns, meine Gäns!«

Es geschehen noch Zeichen und Wunder; das »Schma Jisrol!« hatte gewirkt, Israel hatte gehört. Ein baumlanger Mensch mit schwarzwolligem Haar, eine lange Stange schwingend, die er aus dem nächsten Bohnenfeld gerissen hatte, sprang plötzlich auf den Flachshaarigen zu und versetzte ihm einen wuchtigen Schlag auf die breite Schulter.

»Laß das Kind gehen oder ich schlag' Dich todt!« rief er mit schmetternder Stimme.

Erschrocken ließ Hans Ludwig seine Beute fahren; er pfiff durch die Finger nach seinen Kameraden; als er diese jedoch vergeblich erwartete, die, den Gänsen nachjagend, sich im Weidengebüsch verloren hatten, ballte er nur grimmig die Faust und schlich davon.

Täubchen hatte ihren Augen nicht getraut.

»Meyer!« rief sie aus. »Bist Du's wirklich? Wo kommst Du daher?«

»Ich bin Dir nachgegangen, Täubchenleb, und bin gerad' recht gekommen, wie der Knecht Dir hat 'was anthun wollen!«

Da lachte Täubchen unter Thränen.

»Was hätt' er mir anthun sollen?« sagte sie. »Todtgeschlagen hätt' er mich nicht. Aber meine Gäns!«

»Die werden wir schon zusammensuchen,« antwortete der lange Meyer, der völlig aufrecht ging und die Bohnenstange wie ein Gewehr präsentirte. Täubchen sah ihn verwundert an. Sie gingen längs des Baches hinauf.

»Wart', ich werd' singen,« sagte Täubchen und begann zu trällern. Da kam schon Eine geschwommen, dann eine Zweite, sie hatten sich vor den Verfolgern unter Schilf und Weiden verkrochen; jetzt wackelten alle Fünf durch das schmutzige Wasser des Baches heran. Täubchen wollte sie herauslocken; aber sie sang vergebens.

»Wart', ich werd' Dir helfen,« sagte Meyer und begann zu singen, denselben Schir-hamalaus, aber mit einer Stimme, die weithin durch die Luft schmetterte.

»Gott, was hast Du für ein Kol (Stimme)!« rief Täubchen bewundernd.

Wie in einer Theaterloge das Schnattern plötzlich verstummt, wenn der erste Tenor seine Arie beginnt, so reckten die Gänse erstaunt ihre Hälse nach dem Sänger und kamen eine nach der andern an's Ufer gewackelt, als wollten sie ihm ihre Huldigung aussprechen, und nun streichelte ihnen Täubchen die nassen Federn und gab ihnen Brodkrumen aus ihrem Sack zu fressen. Sie folgten willig ihrer Führung. Täubchen ging neben Meyer her; sie hatte bei dem Griff nach den Brodkrumen den Apfel gefunden und hielt ihn versteckt in der Hand.

»Meyer,« sagte sie, »thu' mir den Gefallen und nimm den Apfel da, den mir die Bäuerin geschenkt hat. Ich bitt' Dich drum!«

»Wenn Du mich bitt'st, Täubchen,« erwiederte der Ritter St. Georg.

Aber Täubchen betrachtete jetzt den Apfel verlegen.

»Du darfst Dich aber nicht ekeln,« sagte sie, »ich hab' auf der einen Seite hineingebissen; Du kannst ihn ja auf der andern anbeißen!«

Meyer betrachtete die kleinen Einschnitte, die halbrund und regelmäßig um die eine Seite des Apfels liefen, und biß gerade an derselben Seite hinein.

»Ich dank' Dir, Täubchenleb,« sagte er.

Sie gingen lange neben einander, Täubchen wollte ihn durch keine Konversation im Verzehren des Apfels stören. Als er endlich den Griebs hinwegwarf, nahm sie das Wort, mit der Gerte immer sachte ihre Heerde antreibend.

»Sag' mir nur, Meyer,« sagte sie, »wo hast Du auf einmal die Courage herbekommen? Du fürchtest Dich doch sonst immer!«

»Wie Du's weißt!« antwortete er, pfiffig lächelnd. »Ich fürcht' mich eigentlich gar nicht. Aber weißt Du, Täubchen, unter dem Siegel der Verschwiegenheit will ich Dir's sagen: meine Mutter will, daß ich so thu', denn wenn man weiß, sagt sie, daß ich ein Hasenfuß bin, so nimmt man mich nicht zum Militär.«

»Und warum willst Du nicht zum Militär?«

»Da könnt' ich ihr doch die alten Kleider nicht mehr flicken und müßt' in die Stadt!«

»Nun, wär' das so ein groß' Unglück? Ich ging' gleich in die Stadt. Gott, was erzählt mit mein Vater nicht Alles von der Stadt, wo lauter große Häuser stehn und lauter reiche Leut' wohnen!«

»Das ist Alles wie man's nimmt,« erwiederte er mit überlegener Weltweisheit. »Was ein Reicher in der Stadt ist, ist in einer noch größern Stadt vielleicht ein Armer. Sagt man nicht auch bei uns, daß Wolf Breitenbach ein reicher Mann ist?«

»Nun, ist er's etwa nicht?« antwortete Täubchen. »Hat er nicht ein eigen Haus mit zwei Stöck, und mein Vater hat einmal gesagt, Wolf Breitenbach hat Geld, viel Geld, wenigstens zweitausend Thaler!«

Meyer zuckte lächelnd die Achseln.

»Ich und Du und unsere Eltern sollen's reich sein, was er weniger hat! Aber was geht das uns an? Gott soll mir nur meine Mutter gesund lassen und Dich, dann bin ich zufrieden und verlang' mir nicht in die Stadt.«

Er blickte sie mit seinen kleinen schwarzen Augen gutmüthig dabei an. Täubchen blickte ihn wieder an und blieb stehen.

»Ich hab' Dir noch nicht einmal gedankt, Meyer,« sagte sie.

»Wofür?«

»Daß Du gekommen bist, wie mich der Knecht angefallen hat.«

Sie reichte ihm die Hand.

»Stuß (Narrheit),« antwortete Meyer erröthend, »der hätt' Dir auch ohne mich nichts gethan!«

So waren sie bis zum Dorf gekommen. Das Mädchen blieb stehen.

»So,« sagte sie, »Meyer, jetzt geh' Du voraus; es schickt sich nicht für Dich, daß Du hinter die Gäns hergehst.«

»Ich geh' nicht hinter die Gäns, ich geh' hinter Dir her,« antwortete der Ritter.

Täubchen verschwieg ihr Abenteuer vor Allen. Auch mit Meyer sprach sie nicht davon. Sie stopfte und er flickte ruhig weiter. Wenn man von dem langen Meyer sprach, der sich vor jedem fürchte, verzog sie ihr Gesicht. Als sie aber im nächsten Jahr einen neuen Transport aus Martinhagen abzuholen hatte, musterte sie mit herausfordernden Blicken das Hofgesinde. Sie hätte zu gern den Flachsblonden durch die Erinnerung an ihren Helden gedemüthigt; aber sie fand ihn nicht mehr. Eine Magd erzählte ihr, Hans Ludwig sei zum Militär abgestellt worden.

Die alte Bule zitterte, als sie von der Rekrutirungskommission hörte.

»Großer Gott,« rief sie aus, »jetzt nehmen sie mir auch meinen Meyer!«

Tobiah verzog spöttisch den Mund.

»Pschide (freilich),« sagte er, »den Hasenfuß können sie nicht brauchen.«

Da lächelte Bule in sich hinein und Täubchen drehte sich um und lächelte heimlich.

Indessen waren die Pfleglinge unter Täubchen's Leitung herrlich gediehen. Sie hatte die Mutter völlig ersetzt, Frau Bule gab nur noch Gastrollen im Stopfen. Die großen Feiertage waren vorüber, ein herbstlicher Reif verbrannte das Laub der Kartoffeln, es war die große Saison für das Geschäft herangerückt, die jüdischen Hausfrauen begannen, in Massen gemästete Gänse zu schinden, um sich ihr Winterschmalz einzuheimsen. Ein ganzes Dutzend fettstrotzender Prachtexemplare lag in Tobiah Hof's Kammer auf dem Brettergestelle bereit. Er betrachtete sie mit gemischten Gefühlen, die reine Freude von ehedem empfand er längst nicht mehr; die Verpflichtung gegen Wolf Breitenbach, dem er nicht nur Geld, sondern auch leider einige Rücksicht schuldete, drückte wie ein Sklavenjoch auf seine Schultern und sie fühlten die alte Kraft nicht mehr, das volle Dutzend auf sich zu nehmen.

»Täubchenleb!« sagte er, mit dem Kopf wehmüthig wackelnd. »Tobiah Hof wird alt!«

»Was Du Dir nicht einbildest, Vaterleb,« erwiederte Täubchen, »es fehlt Dir doch nichts? Und Gott soll Dich nur so erhalten bis zu hundert Jahren! Aber du könntest mir einen großen Gefallen thun. Laß mich sechs von den Gänsen tragen und Du tragst die anderen sechs, und ich krieg' bei der Gelegenheit die Stadt einmal zu sehen! Ist es nicht eine Schand', daß ich bald zu Gutem dreizehn Jahr alt werd', und bin nicht weiter über den Ort hinauskommen als wie bis Martinhagen? Vaterleb, red' kein Wort! Du tragst die Sechs und die anderen Sechs trag' ich.«

»Oser (Verneinungsschwur)!« rief Tobiah, »Du tragst nicht mehr als Vier und die anderen Acht trag' ich!«

Da jubelte Täubchen über den Kompromiß und richtete die Zwerchsäcke her für sich und ihren Alten. Als sie in der Küche ihr einziges Paar Schuhe hervorsuchte, um sie für die Stadt frisch mit Öl zu schmieren, überraschte sie den Vater, der durch ein thönernes Pfeifenrohr aus vollen Lungen seinen Athem in die Luftröhren der Gänse blies.

»Was thust Du, Vaterleb?« rief das neugierige Kind.

»Nichts thu' ich,« brummte der Alte, unwillig über die Überraschung, »es ist nur für's Schönsein!«

Täubchen schwieg; als sie jedoch ihre vier Schutzbefohlenen in den Zwerchsack packte, drückte sie aus allen Leibeskräften so lange darauf, bis ein leises Pfeifen das Entweichen der betrügerischen Luft verkündete.

»So!« sagte der kleine schwarze Kobold triumphirend, »das ist auch für's Schönsein!« und nun lud sie erleichtert die Bürde auf ihre Schultern.

So wanderte nun Vater und Kind in den Herbstmorgen hinaus. Die Hütte ward zugeschlossen, Frau Bule bekam den Schlüssel. Am Fenster saß der lange Meyer. Täubchen nickte ihm zu.

»Ich geh' in die Stadt,« rief sie, »was soll ich Dir mitbringen?«

»Wieder so einen Apfel,« antwortete er und streckte ihnen lang den Hals nach.

»Was will der lange Lemach für einen Apfel?« fragte Tobiah.

»Stuß (Possen)!« erwiederte das Kind ausweichend.

So wanderten sie, ohne viel zu reden.

»Vaterleb,« fragte sie einmal, »wie reich ist wohl Wolf Breitenbach?«

»Reicher wie ich,« brummte der Alte verdrießlich, »ich wollt', er wär' mir Geld schuldig, statt ich ihm!«

Beim Wirthshäuschen zum »letzten Heller« ließ er sich ein Schnäpschen geben. Er wollte Täubchen nippen lassen, aber sie schüttelte den Kopf und biß in die Brodkruste, die sie aus der Tasche ihres Kittels zog.

Das Geschäft ließ sich gut an; das kleine schwarze Mädchen war ein glückbringender Begleiter für den mürrischen Alten. Die Hausfrauen fragten sie aus und lachten über ihre unbefangenen Antworten; ein Kind wollte ihr ein Bonbon schenken, aber Täubchen wußte nicht; was damit machen. Wenn Tobiah seine Preise beschwor und man sie fragte: »Ist's wahr?« antwortete sie achselzuckend: »Was weiß ich?« Der schwierigste Gang war zu dem alten Raaf.

»Täubchenleb,« sagte der Alte, als sie die Stiege hinaufklommen, »die Rebzen ist ein Soton (Teufel), Du mußt Dich nicht schrecken.«

»Ich fürcht' mich vor keinem Menschen,« antwortete lachend das Kind.

Während nun Tobiah in der Küche mit der Rebzen handelte und zankte, war die Tochter, Raaf's Mine, aus dem Zimmer getreten.

»Ist das Euer Kind, Tobiah?« fragte sie mit hochdeutschem Accent.

»Das ist meun Kind,« antwortete er parodirend.

Mine faßte Täubchen bei der Hand und zog sie in's Zimmer, dessen weißgewaschener Boden und die mit weißen Gardinen verhängten hellen Fenster das Kind völlig blendeten; fast wäre ihr Ausspruch zur Unwahrheit geworden, sie fürchtete sich einen Augenblick vor der vornehmen Frau, die lange schwarze Locken und lange weiße Finger hatte. Aber als diese sie liebevoll streichelte und küßte, gewann sie rasch wieder ihre alte Unbefangenheit. Bei dem Kuß auf die Stirn hatte Mine einen Blick auf die kleinen zierlichen Ohren des Mädchens geworfen.

»Was für herzige Ohren!« rief sie aus. »Aber,« fuhr sie freundlich verweisend fort, »hast Du Dir sie heut noch nicht gewaschen?«

»Ist denn heut Freitag?« antwortete das Kind, sie groß anschauend. »Man wascht sich doch nur am Freitag!«

Da nickte Mine, als sei sie eines Bessern belehrt und flüsterte: »Armes Kind! Du hast gewiß keine Mutter?«

»Ich bin seit drei Jahren ein Jausem (Waise),« antwortete Täubchen und ihr großes schwarzes Auge ward feucht.

»Hast Du etwas gelernt zu Hause?« fuhr Mine fort und streichelte ihr die widerspenstigen Haare aus der Stirn.

»O ja,« sagte Täubchen mit Selbstbewußtsein. »Ich kann Gänsstopfen und Federnschleißen, die Bule Bettenhausen sagt, ich kann's schon so gut wie sie.«

»Kannst Du lesen, schreiben, stricken, nähen?«

Täubchen schüttelte den Kopf.

»Und wie alt sagst Du, daß Du bist?«

»Dreizehn bis hundert Jahr!«

Mine lächelte und stand auf, sie öffnete eine Schublade und zog ein buntseidenes Tüchelchen hervor, das sie dem Kind um den Hals knüpfte. Täubchen stand mit offenem Mund, die kleinen weißen Zähne leuchteten. Mine küßte ihr den Mund zu.

»Möchtest Du hier in der Stadt bleiben und was lernen, Täubchen?« fragte sie kosend.

Da füllten sich die Augen des Kindes mit Thränen.

»Ich möcht' schon,« sagte sie, »aber mein Vater thut's nicht.«

Da ging Mine rasch hinaus in die Küche. Der Handel war beendet, Frau Süß, die Rebzen, hatte eben die erhandelten Gänse in die Speisekammer getragen; und nun entspann sich ein kurzes, eindringliches Gespräch, das heißt Mine sprach und Tobiah zuckte die Achseln oder warf ein paar Worte dazwischen wie: »leicht gesagt, schwere Sache,« und dergleichen.

»Überlegt's Euch, Tobiah,« schloß Mine, »und sagt mir Antwort, wenn Ihr wieder hereinkommt.«

Schweigend traten Vater und Kind den Rückweg an, Keines theilte dem Andern den Gedanken mit, den Raaf's Mine in ihren Herzen wachgerufen hatte. Tobiah kalkulirte, wie viel Geld er zum Einkauf, wie viel er für Hausmiethe, Kohlen und Brennöl brauche. Kaum fünf Thaler blieben übrig, die drückende Schuld an Wolf Breitenbach zu erleichtern.

Sie kamen nach Haus, sie fanden Frau Bule in großer Aufregung, Wolf Breitenbach war aus der Kreisstadt heimgekehrt und hatte ihr mitgetheilt, daß in der Liste der Milltärpflichtigen für das nächste Frühjahr der Name Meyer Bettenhausen abgedruckt stehe.

»Was macht Sie für ein Gethu'?« fuhr Tobiah sie tröstend an, »bis zum Frühjahr ist lang, bis dahin können wir Alle mit einander todt sein.«

Der nächste Tag war ein Freitag; noch nie hat sich Täubchen die Ohren so sorgfältig gewaschen wie an diesem!

Am Sabbath nach dem Mincha-(Nachmittags-)Gebet suchte Tobiah Wolf Breitenbach auf.

»Reb Wolf,« sagte er, »man soll am Schabbes nicht von Geschäften reden, aber wir sehen uns doch die ganze Woch' nicht! Ich hab' schlecht verkauft und kann Euch von meinem Chauf (Schuld) nicht mehr abzahlen wie fünf Thaler. Ich hätt' sie gleich mitbringen können, aber Ihr wißt, am Schabbes trag' ich nicht.«

»Hab' ich Euch schon gemahnt?« erwiederte jener unwirsch. »Was kommt Ihr mir am Schabbes mit so 'was? Wenn Ihr's noch braucht, warum behaltet Ihr's nicht? Ihr wißt doch, Wolf Breitenbach lumpt sich nicht. Apropos, Reb Tobiah, warum habt Ihr Täubchen mit in die Stadt genommen?«

Die Großmuth seines Gläubigers hatte Tobiah so gedemüthigt, daß er ihm nicht auch noch seine physische Schwäche eingestehen wollte.

»Das will ich Euch sagen, Reb Wolf,« sprach er, eine Prise nehmend, die Jener ihm bot; »ich hab' mir schon lang gedacht, daß mir das Kind da haußen verwildert und ob ich nicht besser thu', ich seh' zu, daß ich sie in der Stadt wo unterbring', wo sie 'was lernt.«

»Reb Tobiah,« antwortete Wolf, wohlgefällig nickend, »das macht Euch alle Ehre, daß Ihr daran gedacht habt. Täubchen ist ein brav Kind und hat einen offenen Kopf und versteht sich takif (beliebt) zu machen. Wenn Die was Rechts lernt, kann sie ihr Glück machen. Sie kann Kindermädchen werden oder gar eine Gouvernante, und ich sag' Euch, der gebildete Lindenfeld, der ein eigen Haus hat am Steinweg in der Stadt, hat voriges Jahr seine Mahd (Magd) geheirathet; folgt mir, Reb Tobiah, und seht zu, daß Ihr das Kind in die Stadt bringt. Was hat sie hier für ein Tachlis? (praktischen Zweck). Wird sie wirklich gut genug sein für der Bule Bettenhausen ihren langen Schlemiel!«

,›Gott soll mich bewahren!« rief Tobiah niesend. »Ich hab' schon dessentwegen mit Raaf's Mine gered't und hoff', sie wird mir dazu helfen. Aber mein Geschäft, Rebbe Wolf! Ich bin doch die ganze Woch' über Feld. Wer stopft mir meine Gäns? Soll ich wieder Wen zahlen? Womit? Ich bin Euch doch noch so viel Geld schuldig! Wie komm' ich da heraus? Gebt mir einen Rath.«

Wolf Breitenbach verzog das Gesicht bei dieser zarten Anspielung auf ein neues Anlehen, plötzlich aber stieß er einen Zischlaut hervor, als erleuchte ihn ein glänzender Gedanke.

»Reb Tobiah,« sagte er lächelnd, »da werd' ich Euch eine Geschicht' erzählen. Da ist einmal gewesen ein Blinder und ein Lahmer, wo keiner nebich (leider) nicht allein hat fortkommen können. Hat sich der Lahme auf den Blinden seinen Buckel gesetzt und hat ihm gesagt, wohin und wo hinaus! Und sie sind alle Zwei fort gekommen.«

»Nun, was thu' ich da damit?« fragte Tobiah ungeduldig.

»Das will ich Euch sagen,« fuhr jener docirend fort; »Ihr wollt' Euer Täubchen was lernen lassen, könnt Ihr allein nicht fort; der Bule Bettenhausen nimmt man ihren langen Meyer zum Militär, denn das Maß hat er; kann sie allein auch nicht fort. Nehmt Euch die Bule in's Haus; alt genug und mieß (häßlich) genug seid ihr alle Zwei, daß man euch nichts nachsagen kann. So kommt ihr alle Beide fort. Sie spart den Zins und stopft Euch Eure Gäns und Ihr verkauft ihr ihre alten Kleider. Und wenn Euch einmal ein paar Thaler abgehn, Ihr wißt doch, Wolf Breitenbach lumpt sich nicht!«

Noch am selben Abend erzählte Tobiah der alten Bule die »Geschicht'«, und sie beschloß, wenn, was Gott verhüte, ihr Meyer genommen würde, den Antrag Tobiah's zu acceptiren. Doch bis zum Frühling ist ja noch lange Zeit!

Indessen kam Täubchen noch einmal und zwar sauber gewaschen, obwohl es kein Freitag war, mit dem Vater in die Stadt und es wurde Alles mit Raaf's Mine besprochen. Das Kind sollte vom »Schwesternbund« aufgenommen und in Allem unterrichtet werden, was ein Kinder- und Stubenmädchen braucht, dann würde die Vorsteherin einen guten Platz für sie besorgen. Gleich nach Ostern sollte sie eintreten, für die nöthige Ausstattung verbürgte sich Raaf's Mine. Tobiah fügte sich in Alles; im Vorbeigehen musterte er das Haus des »gebildeten Lindenfeld« und zählte mit Befriedigung drei Stockwerke. Und so verging der Winter und die Schneeglöckchen kamen und die ersten Kastanienblätter und die Rekrutirungskommission.

»Mach' Dich klein,« hatte Frau Bule ihrem Meyer zugerufen; aber die mütterliche Ermahnung prallte an dem Gedanken ab, daß Täubchen in die Stadt kommen sollte. Er reckte sich unter dem Maß nur um so strammer empor und nahm eine so martialische Haltung an, daß er sofort zu den Füsilieren mit der Anwartschaft auf das erste Glied genommen wurde. Armer Paladin! Du ahntest nicht, daß dein Füsilierregiment nicht in der Residenz, sondern in der zweiten Reichsstadt, weit entfernt von der Dame deines Herzens, kasernirt war!

So marschirte denn Meyer nach Süden, während Täubchen, ihr Bündelchen auf dem Rücken, mit dem Vater nach Norden zog. Wolf Breitenbach hatte ihr mit seltener Großmuth sechs leinene Schnupftücher und Druckkattun zur Schürze mitgegeben und sie zum Abschied geküßt und gebenscht (gesegnet). Bei Raaf's Mine fand sie bereits Wäsche und Kleider, die das treffliche Mädchen, das seit dem Tode der Rebzen mit verdoppeltem Eifer sich dem »Schwesternbund« widmete, für sie angeschafft hatte. Tobiah verabschiedete sich.

»Mach' mir Ehre,« sagte er, »ich werd' jede Woch' nach Dir sehn.«

Der »Schwesternbund« war in den zwanziger Jahren von den jüdischen Mädchen der Residenz gegründet worden, um als Ergänzung des »Frauenvereins«, der seine Wohlthaten den Familien zuwandte, für verwaiste Mädchen Sorge zu tragen und sie zu tüchtigen Dienstboten, bei besonderer Begabung auch zu Lehrerinnen und Gouvernanten zu bilden. Zwölf mutterlose Kinder fanden in dem zu diesem Zweck gemietheten Lokale einfache Unterkunft, wurden von einer angestellten Inspektorin beaufsichtigt und die Töchter der angesehensten Familien ertheilten ihnen abwechselnd Unterricht im Lesen, Schreiben, Rechnen und Handarbeiten. Die Verpflegung und Kleidung der Zöglinge wurde durch Jahresbeiträge und temporäre Gaben gedeckt. Natürlich fanden die hier Erzogenen die besten Plätze, und auf die Austretenden ließen sich die Hausfrauen oft Jahre früher vormerken und bemühten sich um die Protektion der Inspektorin.

In kurzer Zeit war das kleine Täubchen der Liebling des ganzen Instituts geworden. Wolf Breitenbach hatte Recht, sie hatte einen offenen Kopf und verstand sich takif zu machen. Nach Jahresfrist las und schrieb sie deutsch mit Geläufigkeit, das Rechnen ging im Kopfe schneller als auf dem Papier, das Stricken und Nähen flog ihr von der Hand, und dabei lachte und sang sie beständig, daß das ganze Haus erheitert wurde. Aber sie sang nicht mehr allein den Schir-hamalaus, sie hatte bei Raaf's Mine die Lieder gehört, die diese zur Guitarre sang und wußte sie bald auswendig, und es war drollig genug, wenn das kleine schwarze Mädchen, sein Kämmerchen auskehrend, mit schmetternder Stimme sang: »Vater, ich rufe dich!« Aber der Vater kam auch ungerufen. Dann klagte und jammerte er jedesmal, wie er sich rackern und plagen müsse, die alte Bule sei eine Menschenfeindin, und Wolf Breitenbach sei nur freundlich mit ihm, um ihn desto härter fühlen zu lassen, daß er sein Schuldner sei! Täubchen tröstete ihn. Nur noch ein Jahr Geduld, dann sei sie fertig, und es hätten sich ein paar gute Häuser bei ihr eingeschmeichelt; dann wollte sie schon für den Vater sorgen, und er könne das Geschäft aufgeben und Wolf Breitenbach abzahlen. Mit der alten Bule möge er Geduld haben, sie jammere um ihren Sohn, und ob er denn gar nicht wüßte, wie es dem guten Meyer gehe? Dann brummte Tobiah und ging davon.

Und auch das Jahr ging unvermerkt davon. Der alte Raaf war auch zur Ruhe gegangen, Mine zog das kleine Täubchen noch inniger an sich und übernahm es, das Haus zu wählen, in das ihr Schützling eintreten solle. Ihre Wahl fiel auf Frau Dinchen Hornstein, die Gattin des jüngern Chassens (Kantors). Dieser, der früher Chorist bei der Oper gewesen war, benützte seine Stimme und seine musikalischen Kenntnisse, um im Auftrag der jüngeren Gemeindevorstände die Gesänge und Chöre vorzubereiten, die in dem neuen Tempel, der freilich erst auf dem Papier stand, gesungen werden sollten. Frau Dinchen war eine einfache gute Seele aus einem Landstädtchen nicht weit von Täubchen's Heimat, und die zutrauliche Theilnahme, die sie stets für das Kind gezeigt hatte, fiel entscheidend in die Wage. Ihr Mann lebte nur seiner »großen Aufgabe«, ihr Söhnchen zählte erst drei Jahre, das Haus auf dem Gouvernementsplatz war einfach und bürgerlich bescheiden. Das Alles behagte Mine sehr, und Täubchen trat, als der Frühling begann und ihr Lehrkurs beendet war, in den Dienst bei Frau Dinchen Hornstein und ward dort wirklich wie das Kind vom Hause gehalten. Selbstverständlich ward Frau Dinchen die beste Kundschaft des alten Tobiah, dem sie nie einen Groschen abhandelte, sondern jedesmal noch ein »Schnäpschen« zugab.

Es war wirklich eine Freude, Täubchen zu sehen, wenn sie mit dem Kind spazieren ging. Sie war gewachsen, entfaltet, die schwarzen Haare trug sie zurückgestrichen und ein schneeweißes Häubchen saß auf dem Scheitel, die kleinen, schelmisch schwarzen Augen sagten, auch wenn sie schwieg, jedem einen »guten Morgen«. Ein Kindermäntelchen von buntem Kattun trug sie wie einen Longshawl um die Schultern, um den dicken jungen Hornstein darin einzuwickeln und zu tragen, wenn er vom vielen Herumspringen müde geworden war. So lang er jedoch lief, strickte sie mit fleißigen Händen, selbst im Gehen, blaue baumwollene Strümpfe, die ihre Finger so gleichmäßig färbten, daß sie keiner Handschuhe bedurfte.

Als Täubchen eines Tages in dieser Fassung vom Vormittagsspaziergang mit dem Kinde nach Hause kam, wurde gerade die Wache am Gouvernementsplatz abgelöst mit Trommeln und Pfeifen.

»Musik, Musik!« schrie der kleine Chassen und zerrte sie am Rock auf die Hauptwache zu. Die Musik ist ein Erbtheil der Kinder Israels. Wie sie Jubal unter den ersten Erfindern priesen, wie Miriam die Pauke und David die Harfe schlug, so ist heute noch die Musik im Judenthum tiefer eingewurzelt, als das Judenthum in der Musik. Auch Täubchen spitzte die Ohren bei den Klängen der Querpfeifen, die der große Kurfürst von Brandenburg auf uns vererbt hat, und wollte eben die Lippen spitzen, den Marsch nachzupfeifen, als ihr plötzlich vor Überraschung der Mund offen stehen blieb. Der Gefreite, der, die Wache kommandirend, ablöste, der lange Soldat mit dem schwarzen Krauskopf und dem Schnurrbart über den breiten Lippen, war es nicht – sie starrte ihn an, er starrte sie an, er wollte kommandiren, aber: »Schma Jisrol!« rief er aus, ein Kommando, das seine Kompagnie nicht verstand. Ja, es war der lange Meyer, der so oft an sie, an den sie so oft gedacht hatte! Sprechen konnte sie nicht mit ihm, er nicht mit ihr; aber sie verstand sich auf den optischen Telegraphen. Sie nahm das Kind auf den Arm, deutete auf das Haus gegenüber, hob zwei Finger in die Höhe, das Stockwerk zu bezeichnen und drehte sich im Abgehen so oft um, bis sie sicher war, daß ihre Depesche entziffert und verstanden sei!

Sie war verstanden. Am nächsten Abend schon kam der lange Meyer, seinen Besuch zu machen, und Frau Dinchen war höchlich überrascht, als ein sechs Schuh langer Soldat ihrem Täubchen ohne Weiteres um den Hals fiel. Aber Täubchen stellte ihn unbefangen als ihren Jugendfreund und gemeinsamen Landsmann vor, und nun erzählte der lange Meyer, daß er in seiner Garnison durch einen mißlichen Zufall in einer Kompagnie mit dem flachsblonden Hans Ludwig gestanden sei, der ihn gehaßt und verfolgt und ihm den Dienst verbittert habe. Aber er sei nur um so ruhiger und gewissenhafter seinem Dienst nachgegangen, und sein Hauptmann habe dieß bemerkt und den Krakehler scharf auf's Korn genommen, er aber sei bei dem Hauptmann immer mehr beliebt geworden, weil er ihm auch in Mußestunden seine Uniform geflickt habe. Und jetzt sei der Hauptmann zu einem Regiment in die Residenz versetzt worden und hab' gemacht, daß er auch übersetzt worden sei und so sei's gekommen. Und er lachte vor Freude und Täubchen lachte auch, und der kleine Hornstein jubelte und spielte mit der Patrontasche und der Säbelscheide des »Tataten«. Von diesem Tag an kam der Gefreite Meyer jeden Abend in's Haus und saß bis zum Zapfenstreich bei Täubchen in der Küche. Sie ließ sich in ihrer Arbeit nicht stören und er machte dem Kind aus einer alten Zeitung einen Generalshut mit langem Federbusch und gab ihm seine Säbelscheide als Reitpferd. Kam Frau Dinchen in die Küche und hörte die Beiden von »zu Hause« reden, so setzte sie sich wohl auf den blank gescheuerten Herd und plauderte mit von »zu Hause«. Sie kannte bereits durch die Erzählung alle Bewohner der beiden Dörfer; den berühmten Wolf Breitenbach aber kannte sie persönlich, denn er hatte Täubchen besucht und diese hatte ihn mit stolzer Genugthuung ihrer Madame vorgestellt. Herr Hornstein vermißte seine Gattin nicht, denn seine Gedanken waren vertieft in »die Kunst«. Chöre und Melodieen für den neuen Tempel sollten systematisch auf Noten gesetzt werden und Herr Hornstein arbeitete unausgesetzt in Fugen und Contrapunkt. So war er eines Abends in die Komposition eines neuen lecho daudi (Empfangshymne des Sabbaths) vertieft, zu welcher er aus seinem Gedächtniß Opernmelodieen und altjüdische Psalmmotive zusammenlas und kühn zusammenschweißte. In theatralischer Attitude saß er am Klavier und probirte die erste Solostrophe mit seinem starkrostigen Tenor.

Meyer lauschte in der Küche. »Gott! wenn ich den lecho daudi zu singen hätt'!« sagte er kopfschüttelnd zu Täubchen, die Messer putzte; »da solltest Du was hören!«

»Ich weiß ja, was Du für ein Kol hast,« entgegnete sie freundlich und zwei Grübchen lachten in ihren rothen Backen.

Meyer's Blicke fielen in diese beiden Grübchen, und alles Andere vergessend, begann er den lecho daudi, dessen Melodie sich sofort seinem Gedächtniß eingeprägt hatte, zu singen. Es schmetterte durch die Küche, daß die an der Wand aufgehängten blechernen Deckel zu zittern begannen. Da öffnete sich plötzlich die Küchenthüre. Wie eine Geistererscheinung stand Herr Hornstein darin. Er trug einen bunten Schlafrock und hatte nach alter Theatergewohnheit die Haare an den Schläfen in Papierpapillotten gewickelt. Mit offenem Mund hörte er zu; Meyer gewahrte ihn und stockte erschrocken. »Weiter! weiter!« rief Herr Hornstein; »junger Mann, Sie haben ein Kapital in der Kehle.«

Meyer räusperte sich, er spürte nichts von dem Kapital. Aber Herr Hornstein faßte ihn bei der Hand. »Kommen Sie herein,« sagte er, »Sie sind der Mann, den ich suche. Ich brauche einen Tenor für den neuen Tempel, Sie haben das hohe C und werden die Gesänge nach dem neuen Ritus rasch erlernen. Singen Sie mir eine Tonleiter vor!«

Meyer machte ein verzweifelt dummes Gesicht, Täubchen lachte, aber ihr kluger Kopf verstand sogleich, welch' glänzende Aussicht sich ihrem Freund eröffne.

»Nun, Meyer, wo ist Dein Kol geblieben!« rief sie und stieß ihn in die Seite.

»Haben Sie keine Lust zu dieser Carrière?« fragte Herr Hornstein.

»Ich bitt',« antwortete der lange Soldat verlegen, »bei der Carrière wär' ich schon gern dabei, aber von dem neuen Mythus versteh' ich nichts und auf den Tonleiter hab' ich auch noch nicht gesungen, und daß ich einen hohen Zeh hab', hab' ich auch nicht gewußt.«

»Das wird sich Alles finden,« sagte Herr Hornstein mit überlegenem Lächeln und führte Meyer in sein Zimmer. Dort schlug er Noten auf dem Klavier an, die jener mit merkwürdiger Sicherheit traf und je höher desto glänzender erschallen ließ. Herr Hornstein ließ ihn dann noch ein »Stückchen« singen, das Meyer mit der, jeder jüdischen Kehle angeborenen Koloratur verbrämte und erklärte dann, er sei seiner Sache gewiß; er wolle der Gemeinde Bericht erstatten und Meyer als zweiten Chassen mit vierhundert Thalern jährlichen Gehalts vorschlagen. Sobald sein drittes Militärdienstjahr vollendet sei, solle er sich ein Kämmerchen miethen und sich ausschließlich für sein Amt vorbereiten; einstweilen wolle er – Herr Hornstein – ihn unentgeltlich unterrichten. Dann entließ er ihn, stolzer auf seine Entdeckung, als Columbus auf die des neuen langen Kontinents, und Meyer fiel freudetrunken in Täubchen's Arme, die, an der Thüre lauschend, schon Alles wußte.

»Gott! was ein Glück!« rief Meyer einmal über das andere, »vierhundert Thaler und die Kowed dazu! Das verdank' ich Dir, Täubchenleb! Jetzt kann ich meine alte Mutter zu mir nehmen und – –«

Er wollte weiter seine Zukunftspläne enthüllen, aber Täubchen schnitt ihm das Wort ab. »Mach' jetzt, daß Du heimkommst,« drängte sie, »sonst versäumst Du den Zapfenstreich.«

Er ging oder vielmehr er taumelte fort. Aber der Zapfenstreich war versäumt und der Gefreite mußte den lecho daudi mit vierundzwanzig Stunden Arrest bezahlen.

Als Tobiah Hof am nächsten Freitag sein Kind besuchte, sprach sie gleich von Meyer. Er verzog das Gesicht. »Ich weiß nicht, was Du alsfort mit dem langen Meyer hast,« brummte er, »was soll bei dem Soldaten herausschauen?« Als er aber von der Anstellung hörte und erst von den vierhundert Thalern, da sagte er schmunzelnd: ›,Was Du sagst, Täubchen!« Er warf einen Blick auf sie und bemerkte zum ersten Mal, daß das Kind zur Jungfrau herangewachsen war und daß es ihr nicht zu verargen sei, sich für einen Mann mit vierhundert Thalern Gehalt zu interessiren.

Wochen verstrichen. Das dritte Dienstjahr ging zu Ende. Meyer trat aus der Armee und miethete sich ein Kämmerchen. Täglich nahm er Unterricht bei Herrn Hornstein, täglich sah er sein Täubchen und endlich brachte sie ihm auch das Ölblatt, die schriftliche Ernennung zum zweiten Chassen, die Herr Hornstein ihr eingehändigt hatte. Sobald der Tempel eröffnet würde, solle er in sein Amt und seine Bezüge treten.

Am selben Tage, noch ehe Täubchen das glückverheißende Blatt empfangen hatte, war Wolf Breitenbach gekommen, sie zu besuchen. »Ich muß doch einmal sehen, was mein klein Täubchen macht,« sagte er und wickelte schwarzen Seidenstoff zu einer Schürze aus einem Papier, den er ihr wohlgefällig lächelnd überreichte.

»Das wär' nicht nöthig gewesen,« sagte Täubchen erröthend, »es sei ihr ohnedieß stets eine Kowed und eine Freude, wenn so ein Mann wie Wolf Breitenbach sich nach ihr umsähe!« Sie kredenzte ihm aus dem Speiseschrank ein Schnäpschen.

»Was bin ich schuldig?« fragte er, in die Hosentasche greifend und mit dem Geld klimpernd, »Du weißt, Wolf Breitenbach lumpt sich nicht.«

Täubchen trat gekränkt zurück. »Es gehört nicht meiner Herrschaft,« sagte sie, »ich hab' mir's eingethan für meine lieben Gäst' und Sie werden mir keine solche Schande anthun wollen und mir dafür Geld anbieten!«

»Gott soll mich bewahren!« sagte er und kniff ihr in die errötheten Wangen; »was ich Dir anthun und anbieten möcht', ist nur alles Gute! Ich hab' Dich doch von jeher gern gehabt und nur Deinetwegen hab' ich Deinem Vater geholfen, sonst wüßt' ich oser nicht, was mich Tobiah Hof angeht.«

»Ich danke Ihnen,« erwiederte Täubchen, innerlich verletzt und von einem unheimlichen Gefühl beängstigt, und als Wolf sich neben sie auf die Küchenbank niedersetzen wollte, entwand sie sich mit den Worten: »Sein Sie mauchel (verzeihen Sie), Rebbe Wolf, aber das Kind schreit!« Sie lief in's Zimmer und er warf ihr aus seinen kleinen grauen Augen einen lüsternen Blick nach.

Am frankfurter Thor begegnete er Tobiah, der ausverkauft hatte und seinen Zwerchsack leicht über der Schulter trug.

»Godelkum (Willkomm)!« rief er ihm zu, »gehen wir nicht einen Weg?«

Tobiah brummte etwas; er fürchtete an seine alte Schuld gemahnt zu werden. »Schlechte Geschäfte,« schnarrte er, »kein Heller Verdienst! Man muß sagen: ›fort mit Schaden,‹ wenn man die Gäns' nicht wieder auf dem Buckel heimtragen will!«

Wolf erwiederte nichts, sie gingen nebeneinander bis zum Wirthshaus »zum letzten Heller«. »Wollen wir nicht ein bischen rasten?« fragte Wolf.

»Ich hab' kein Geld zu verzehren,« antwortete listig der Andere, der eine Falle vermuthete.

»So werdet Ihr mit mir ein Schnäpschen trinken oder eine Tass' Kaffee; Wolf Breitenbach lumpt sich nicht.«

Tobiah sah ihn befremdet an. Sie setzten sich unter den Nußbaum, Wolf bestellte Kaffee und Butterbrod. Es war ein milder Herbsttag; ein sanfter Windeshauch schmeichelte das trockene Nußlaub von den Zweigen.

»Tobiah,« begann Wolf Breitenbach, »ich bin heut bei Eurem Täubchen gewesen. Ein gut's Kind, ein brav's Kind, sag' ich Euch –«

»Gott sei Dank, das ist sie,« antwortete der Andere; »nur verdient sie sich noch nichts Recht's. Ich hab' nichts gegen die Leut', aber zu verschenken haben sie selber nichts, und so gern Täubchen möcht', kann ich Euch immer noch nicht meine Schuld abtragen.«

»Hab ich Euch schon gemahnt?« sagte der Andere und schenkte ihm die Kaffeeschale zum zweiten Mal voll. »Im Gegentheil, Tobiah! ich mach' Euch einen Vorschlag: gebt mir Euer Täubchen und Ihr seid mir nichts mehr schuldig.«

Tobiah lachte, daß ihm der Pfeifenstummel aus den Lippen fiel. »Ihr wollt mich zum Narren halten,« sagte er. »Ihr wollt mein Täubchen zur Frau? So wahr soll uns Gott helfen! Stuß! Ihr seid doch dreimal so alt wie mein Täubchen,« rief Tobiah heftig.

»Nun, und wenn ich so alt bin?« schrie der Andere, »ist ein alt Pferd nicht mehr werth wie ein junger Hund?«

»Aber ein jung Pferd ist noch mehr werth,« versetzte Tobiah.

»Und ich laß mich nicht abschätzen,« schrie der Andere, »und was ich hab', ist immer noch genug, um Anderen zu borgen und keinen Zins zu nehmen.«

Tobiah wurde gelb. – »Zu sticheln braucht Ihr nicht, Rebb Wolf, wenn Ihr nur darum angefangen habt!«

»Ich hab' angefangen, weil's mein Ernst ist!«

»Das hab' ich mir nicht einbilden können,« versetzte Tobiah ruhiger. »Übrigens, wenn Ihr wollt, will ich mit Täubchen reden.«

»Oser!« schrie der Andere, purpurroth aufspringend; »ich laß mich nicht anbieten wie Eure Gäns'! Ich hab' geglaubt, Ihr springt vor Freude in die Luft, wenn Wolf Breitenbach sich mit Euch verschwägern will. Aber wenn Ihr meint, Ihr thut mir eine Gnad' – oser! Kein Wort! Wolf Breitenbach lumpt sich nicht!« – Er warf das Geld für die Zeche auf den Tisch und ging davon.

Tobiah ging auf der andern Seite der Straße seines Wegs und pfiff. »So!« dachte er in sich hinein, »deßhalb hat er mir Geld geborgt, der alte Kelef (Hund)! Großer Gott! hilf mir doch, daß ich ihn los werd', es drückt mir ohnehin längst das Herz ab, was ich mir Alles von ihm gefallen lassen muß!«

Seit jenem Tag waren die beiden Nachbarn brauches (gespannt), sie sprachen nicht mehr mit einander und grüßten sich nicht mehr.

Bei seinem nächsten Besuch erzählte Tobiah seinem Kinde von Wolf's Brautwerbung.

»Er hat Euch zum Besten gehabt,« sagte sie und zwang sich zum Lachen.

»Das hab' ich auch gemeint,« erwiederte der Alte, »aber es war sein Ernst und nun ist er brauches. Ich machte mir nichts daraus, ich kann ohne Wolf Breitenbach leben, wenn ich nur erst abgezahlt hätt'!«

Täubchen schwieg verlegen; sie wollte nicht sagen, daß sie ihr bischen Erspartes dem Meyer zur Miethe eines Kämmerchens geliehen hatte. »Zu Purim krieg' ich zwei Thaler von der Frau,« sagte sie, »die könnt Ihr ihm geben, Vaterleb!«

Mißmuthig kam Tobiah nach Hause. Die alte Bule war kränklich und schnarrte ihn an; aber sie übergab ihm einen Brief, den der Bote gestern gebracht hatte, und als Tobiah ihn erbrach und zu lesen anfing, glätteten sich die Falten in seinem alten Gesicht. Der Brief, mit hebräischen Lettern geschrieben, war von dem Rabbiner in Hersfeld: ein kinderloser Vetter Tobiah's, der dort ein Haus und Geschäft besaß, war vom Schlag getroffen worden und verlangte einen seiner Verwandten zu sehen. Ein Fünfthalerschein für die Reise war beigeschlossen. Tobiah steckte den Fünfthalerschein und seine Tfillim (Gebetriemen) rasch in die Tasche und beschloß, ungesäumt die Reise anzutreten. Bis nach Hersfeld waren es fünf Stunden Weges; er konnte sie zu Fuß noch vor Nacht zurücklegen und das Reisegeld sparen. Er gönnte sich nicht einmal seine warme Kartoffelsuppe, sondern nahm ein Stückchen Wurst und Brod mit für unterwegs.

Die Nachricht von der Todeskrankheit seines Vetters war ihm wie ein ungeahntes Glück vom Himmel gefallen. Was lag ihm an Schmul Chajim, der nie etwas für ihn gethan hatte. Aber daß dieser in der Todesstunde an ihn dachte, gerade ihn unter mehreren Verwandten zu sich berief, das war ein untrügliches Zeichen, daß er ihn zum Universalerben auserkoren hatte! Ein Haus in Hersfeld und ein Geschäft! Das würde er verkaufen, warum sollte er in Hersfeld wohnen, wo ihn Niemand kenne? Nein, Alles zu baarem Geld machen und nach Hause fahren mit zwei Kartoffelsäcken voll Thalern, und Wolf Breitenbach sein Geld vor die Füße werfen und ihn auslachen! Denn den vor Allen haßte er jetzt grimmig und gerade vor dem mußte er seine ihm geläufigen Redensarten im Zaum halten. – Er wanderte mit beflügelten Schritten, seine Wurst kauend, und fürchtete sich nicht einmal, als er bei sinkender Nacht durch den Wald mußte, in dem die Schwalm durch Basaltfelsklüfte sich Bahn bricht. Er murmelte sein Abendgebet und schloß es mit dem stillen frommen Wunsch, daß sein Vetter Schmul Chajim glücklich in's Gan-Eden (Paradies) eingehen möge!

Jetzt schimmerten die Lichter von Hersfeld. Vom Kirchthurm des Städtchens schlug es acht Uhr. Er fragte nach dem Hause des Vetters und betrachtete seine Lage und Bauart mit Genugthuung.

Eine alte Magd empfing ihn. Der Kranke sei schlecht, er dürfe so spät bei Nacht Niemanden sehen! Sie wies ihm ein Kämmerchen an und brachte ihm eine Schale dünnen Kaffee. Tobiah, müde und erschöpft, warf sich auf's Bett, aber er schloß vor Aufregung kein Auge.

Der Morgen graute: Schwere Nebel sanken vom Himmel herab, die Luft war am frühsten Morgen schon sommerschwül. Er begehrte den Kranken zu sehen. Die Magd brachte ihm die Freudenbotschaft: die Nacht sei sehr gut gewesen, Schmul Chajim habe geschlafen und fühle sich bedeutend erquickt.

»Gott sei Dank!« sagte Tobiah und verzog das Gesicht. Er trat in's Krankenzimmer; der Vetter streckte ihm die Hand entgegen, er sah gar nicht so übel aus.

»Seid mauchel, Tobiah,« sagte er, »daß ich Euch hab' herkommen lassen. So ein Schlaganfall ist immer erev Tod (Vorabend), da hab' ich doch wen von meiner Familie bei mir haben wollen und hab' Euch hinter dem Rücken von der alten Reike schreiben lassen.«

»Es ist doch gar nicht so arg,« entgegnete Tobiah, aufrichtig betrübt.

»Ja, es ist merkwürdig,« fuhr Schmul Chajim fort, »wie mir Gott geholfen hat; hätt' ich's gewußt, so hätt' ich Euch die Müh' gespart, aber wenn ich davonkomm', so werd' ich Euch Eure Freundschaft nicht vergessen.« Er wollte noch mehr reden vom Dableiben, Sichsbequemmachen, da trat die alte Reike brummend herein. Der Doktor hab' befohlen, daß Niemand lang mit ihm rede, er würde sich wieder verderben und sie noch einmal den Schreck und die Qual haben, und so knurrend schob sie Tobiah zur Thür hinaus. Draußen stand der dicke Landdoktor und bestätigte das Verbot. »Sie können übrigens ganz beruhigt nach Hause reisen,« fügte er hinzu; »der Patient ist jetzt außer aller Gefahr!«

Tobiah stand allein im Hausflur. »Da wird's wohl am besten sein,« murmelte er, »ich schau', daß ich vor Schabbes noch nach Haus komm'!«

Enttäuscht, verbittert und gekränkt stand er vor dem Haus, das ihm gestern Abend so lockend erschienen. Der Nebel hatte sich zu schweren, drohenden Wolken geballt. Sollte er zu Fuß heimwandern, fünf Stunden? Sollte er die Post abwarten, die bis in die Nähe seines Dorfes fuhr? Das würde die größere Hälfte von alle dem verschlingen, was ihm von dem erträumten Reichthum übrig geblieben war. Er belastete den Fünfthalerschein und beschloß, zu Fuß zu gehen: dabei wünschte er im Stillen den Vetter und Wolf Breitenbach in's Gehenom (Hölle).

Ein heißer Wind hatte sich erhoben und wirbelte den Straßenstaub auf; die Ebereschen an der Chaussée bogen und schüttelten sich und die abgerissenen rothen Beerenbüschel flogen durch den Staub; man sah den Weg zu seinen Füßen nicht mehr. »Und fünf Stunden Weges! Um Gottes willen!« rief Tobiah aus, »es kann ein Gewitter kommen und mich todtschlagen, dann hat Wolf Breitenbach erst eine rechte Nekome (Schadenfreude)!«

In diesem Augenblick rasselte ein Wägelchen, es war das Postkärrnchen. Die Briefpost wurde dazumal noch in einem zweirädrigen Kasten befördert, den ein alter Postklepper zog. Man nannte ihn das ›Kärrnchen‹. Hinter dem Briefkasten befand sich ein Raum für das Heu und den Hafersack.

»Halt! Postillon!« rief Tobiah, »was muß ich zahlen, wenn ich hinten aufsitzen darf bis gegen Hof?«

»Nanu, ein Thaler wird gerade recht sein bei dem Staub und Wetter.«

»Bist Du meschugge (verrückt)!« rief Tobiah, »Einen halben Thaler geh' ich Dir und oser kein'n Heller mehr!«

»Weißt Du Jud',« entgegnete der Postknecht, »wir haben nicht miteinander die Schweine gehütet, daß Du ›Du‹ zu mir sagst! Und wenn Du den Thaler nicht hergeben willst, so lauf' zu Fuß! Hü!« Er trieb das Pferd mit der Peitsche an; ein furchtbarer Windstoß verhüllte das Fuhrwerk in Staub.

»Halt!« schrie Tobiah, »halten Sie ein, Herr Postknecht! Ich geb' Ihnen in Gott's Namen den Thaler!« Und mühsam kletterte er über das Rad hinauf und warf sich verzweifelt in das Stroh hinter dem Kasten. Keuchend holperte das Kärrnchen weiter durch Staub und Sturm. Nach und nach beruhigte sich Tobiah ein wenig, und da er sein Morgengebet noch nicht verrichtet hatte, zog er die Tfillim hervor, legte sie um Kopf und Arm und begann mit murmelndem Singsang zu oren (beten).

Der Postknecht drehte den Kopf um und sagte, indem er lachend in seine Pfeife biß: »Hast Recht, Jud'; bet' nur Dein hebräisch Vaterunser! Wenn uns das Wetter in der Schwalmschlucht erwischt, kann's an den Hals gehen!«

Tobiah schüttelte sich heftiger und begann noch inbrünstiger zu oren.

Die Wolken hatten sich zu schwarzen Klumpen geballt, ein Gewitter, wie sie an der Grenze der Jahreszeiten am ungestümsten toben, grollte näher und näher, tiefe Finsterniß brach herein, der Wind heulte und bog die Bäume an der Heerstraße, eine alte Pappel krachte dicht vor dem Fuhrwerk auf dem Weg zusammen. Das Pferd wich scheuend zurück, in Tobiah's Antlitz war kein Blutstropfen mehr. Jetzt platzte ein Hagelschlag über ihren Häuptern, der Postillon zog fluchend seinen Mantel über den Kopf, Tobiah verkroch sich unter das Stroh, zitternd pochte sein Herz gegen den rumpelnden Boden des Kärrnchens. Nun war die Schwalmschlucht erreicht. In der Felsenkluft war es völlig Nacht, unheimlich rauschte das vom Gewitterguß angeschwollene Wasser, Blitze zuckten, der Donner hallte an den Felswänden in brüllendem Echo wieder.

»Postillon!« flüsterte Tobiah zitternd, »sind wir durch?«

»Wenn's den Steg abgerissen hat,« brummte der Postknecht unter dem Mantelkragen heraus, »so müssen wir durch's Wasser! Kreuzsakerment, warum hab' ich mir auch einen Juden aufgeladen!«

Tobiah fühlte seine Todesstunde gekommen. Er begann die Widde (Sündenbekenntniß) zu sagen und schlug sich bei jeder Sünde verzweifelnd an die Brust. Die Todesgefahr hatte ihn aufrichtig gegen sich selbst gemacht. Bei jeder Sünde fragte er sich im Herzen, ob er sie auch wirklich begangen habe! Bei den »Versündigungen im Handel und Wandel« blickten ihn seine aufgeblasenen Gänse mit gebrochenen, vorwurfsvollen Augen an. Als er aber an den »Hochmuth, die Halsstarrigkeit, die Gehässigkeit gegen den Nächsten« kam, da stand Wolf Breitenbach vor seiner Seele, der Mann, den er am meisten haßte, der Mann, der ihn unterstützt hatte, der seinem armen Kind die Hand geboten, das vielleicht heute noch zur hülflosen Waise würde! Und er klopfte noch inbrünstiger an die Brust und bat den alten Freund aufrichtig um Verzeihung. »Wenn ich lebendig davonkomm'…« rief er aus.

»Donnerwetter!« schrie der Postknecht dazwischen, »da hat's richtig den Steg abgerissen, jetzt heißt's mit dem Karren durch's Wasser gehn!« Unheimlich toste die Schwalm.

Tobiah hatte sich in Todesangst halb aufgerichtet und mit beiden Händen an die Räder des Kärrnchens geklammert. »Gott der Allmächtige! – stammelte er, »wenn ich lebendig durchkomm', so bin ich mich menadder (gelobe ich), daß ich Wolf Breitenbach mein Kind geb' und es ihm anbiet' und ihn um Verzeihung bitt'.« Mit hervorquellenden Augen wartete er die Wirkung seines Gelübdes ab. Er hatte gethan, was er zu thun nur vermochte; wie die Verlobten im Tempel hatte er dem Herrn ein Täubchen geopfert.

Schwankend keuchte das Kärrnchen durch den Fluß und erreichte glücklich das jenseitige Ufer. Dann erweiterte sich die Schlucht und drüben lag blauer Himmel über der Ebene von Hof und Breitenbach. Der Postillon schlug den Mantel zurück. »Du kannst von Glück sagen, Jud',« sagte er. Schweigend gab Tobiah ihm den Thaler, nachdem er vorsichtig in der Station den Tresorschein gewechselt hatte, und langte noch vor Schabbes in seiner Heimat an.

Am Morgen des Sabbaths trat er mit feierlicher Miene in die Betstube. Er schritt auf Wolf Breitenbach zu und sagte zu dem Erstaunten: »Laßt mich aufrufen, Rebb Wolf, ich will Gaumel berschen (das Gebet für Rettung aus Todesgefahr verrichten)! Aber zuvor bitte ich Euch tausendmal um Verzeihung, wenn ich Euch je beleidigt hab'.«

Wolf Breitenbach fühlte die ganze Genugthuung über diese öffentliche Abbitte. Die Demuth gilt, merkwürdigerweise, für eine jüdische Kardinaltugend, denn die Bibel nennt den Gesetzgeber Moses »sehr demüthig«.

Als Tobiah dann vor die Thora aufgerufen wurde und nach der Vorlesung eines Abschnitts den Segen über die Thora gesprochen hatte, fügte er mit lauter Stimme das Gebet für Rettung aus Todesgefahr hinzu und schloß zum Befremden des Auditoriums mit den Worten des Psalms: »Meine Gelübde bezahl' ich meinem Gotte im Angesicht seines ganzen Volkes!«

Nach der Schule umdrängte Alles neugierig den Geretteten; er aber bat Wolf um ein Wort unter vier Augen. »Rebb Wolf,« sagte er feierlichst, »Ihr habt um mein Täubchen angehalten; ich geb' sie Euch, wenn Ihr sie noch wollt.«

»Ob ich sie noch will?« rief Wolf mit blitzenden Augen, »aber sagt mir Rebb Tobiah – –«

»Fragt mich nichts,« unterbrach ihn dieser. »Ich bin gegen Euch undankbar gewesen und bin mich menadder gewesen, daß ich Alles gut machen will; und jetzt ist mir ein Stein vom Herzen, daß wir wieder gut Freund sind.«

Wolf reichte ihm gerührt die Hand. »Es ist mir hart genug angegangen,« antwortete er, »daß ich mit einem alten Freund hab' brauches sein müssen! Ich hab's doch gut gemeint. Also ist Alles wieder richtig und nach Sukkes (Laubhüttenfest) kann die Hochzeit sein!« – Er lud Tobiah zum Essen ein und ganz Hof war voll Freude und Jubel über die Verlobung.

Ahnungslos hatte das kleine Täubchen indeß fortgearbeitet und fortgelacht, auch zuweilen an der Thüre gelauscht und sich der musikalischen Fortschritte ihres Freundes gefreut. Wenn dieser auf der Tonleiter immer höher hinaufstieg, so riß sie Mund und Augen immer weiter auf, und langte er bei dem gerühmten hohen C an, so schlug sie gar die Hände über dem Kopf zusammen. Meyer hatte sich aus dem mütterlichen Depot Civilkleider kommen lassen und sie in den musikalischen Intervallen selbst adjustirt, und da die militärische Laufbahn seiner früher so saloppen Haltung etwas Strammes und Würdevolles hinterlassen hatte, so war er wirklich ein recht annehmbarer junger Mann. Und in wenig Monaten sollte seine Stimme vom Chor herab klingen und vierhundert Thaler jährlicher Gage in seiner Tasche. Das erwog Täubchen eben im Stillen und zog mit der Haarnadel den Docht der Öllampe hervor, daß das Licht ihre frohen Hoffnungen noch glänzender beleuchtete, als sie durch den zu dieser Stunde ungewöhnlichen Besuch ihres Vaters überrascht wurde.

Tobiah hatte etwas Feierliches, als er sich am Herd niederließ und die Geschichte seiner Fahrt mit allem Aufgebot seiner schauerlichen Phantasie erzählte, wie er, ein zweiter Robinson, nur durch ein Wunder dem Schiffbruch entkommen sei.

Täubchen lauschte mit kindlicher Theilnahme und auch über die Krankheit des Vetters Schmul Chajim äußerte sie ihr aufrichtiges Bedauern. Nun glaubte sie die Mittheilungen beendet und wollte ihre unterbrochene Küchenarbeit wieder aufnehmen, als Tobiah sich erhob und mit aller väterlichen Autorität sagte: »Täubchen, mein Kind, zum nächsten Aufsagtermin gehst Du aus dem Dienst. Sag's nur gleich der Madame Hornstein, damit sie sich nach wem Andern umsieht.«

Täubchen starrte ihn an.

»Und weißt Du, warum?« fuhr der Vater fort. »Ich hab' Wolf Breitenbach gesagt, wenn er Dich wirklich nehmen will, so geb' ich Dich ihm, es ist Alles richtig und nach Sukkes ist die Hochzeit.«

»Vaterleb! seid Ihr meschugge!« rief Täubchen aus und zwang sich zum Lachen, »Wolf Breitenbach kann doch mein Großvater sein! Ihr wollt mich zum Narren halten, nicht wahr?«

»Kind!« erwiederte der Alte, »so soll Gott mir helfen, es ist mein Ernst. Du weißt, wie er damals um Dich angehalten hat, hab' ich nicht gleich Ja gesagt und war brauches mit ihm, aber wie ich in der großen Todesgefahr war, ist mir eingefallen, wie Unrecht ich hab', und ich bin mich menadder gewesen, daß ich Dich ihm geb'. Und Du weißt, Kind, wenn ein frommer Mann was auf sich genommen hat, so muß er's halten.«

Täubchen stand wie vom Donner gerührt, alles Blut war aus ihrem Gesicht gewichen, in ihrem Herzen hämmerte es, daß sie kaum mehr athmen konnte.

»Sei gescheidt, Kind!« fuhr Tobiah fort, »und denk' nach. Ich hab' nichts und Du hast nichts und Wolf Breitenbach ist ein gemachter Mann. Bild' Dir ein, er sei jung! Was liegt Dir dran? Er hat Dich gern und Du mußt Dich an ihn gewöhnen, denn mein aulom habo (Seelenheil) hängt daran, daß ich thu', was ich auf mich genommen hab'. Und Du bist doch ein braves Kind und wirst Deinen alten Vater nicht um sein Seelenheil bringen wollen!«

Da brach Täubchen in krampfhaftes Schluchzen aus, es schüttelte sie am ganzen Körper und sie sank auf den Herd und verbarg ihre Augen in den Händen.

Meyer mußte das Schluchzen drin gehört haben, er stürzte heraus und als Täubchen ihn erblickte, vergaß sie den Vater und warf sich an Meyer's Brust und schlang ihre Arme um seinen Hals.

»Meyer! Meyer!« rief sie schluchzend, »ich soll Wolf Breitenbach heirathen, mein Vater ist sich menadder gewesen! Abwehrend hielt Meyer die Hand über den Kopf des zitternden Täubchens.

»Hast Du vielleicht was drein zu reden?« schrie Tobiah gereizt.

Aber Meyer suchte vor Allem das Mädchen zu beschwichtigen. »Sei ruhig,« sagte er, »Dein Vater hat Dich lieb und wird Dich nicht zwingen, wenn Du nicht willst. Wenn er vorschnell ein Gelübde gethan hat, so kann er sich's madder sein (lösen) lassen vor drei Zeugen; so viel versteh' ich auch vom Gesetz.«

»Nichts verstehst Du!« schrie Tobiah; »heißt das vorschnell, wenn man mitten durch's Meer durch muß, wo Einem das Wasser bis an den Kopf geht und es donnert und blitzt wie an I'me hamabul (zur Zeit der Sintflut)? Vor der Thora hab' ich Gott dem Allmächtigen gedankt, daß er mich errettet hat, und vor der Thora hab' ich geschworen, daß ich Wolf Breitenbach mein Kind geb'. Und Du redest ihr ab, Du, der selber am Altar zu Gott dem Allmächtigen vorbeten will, Du sollst Dich schämen!« Dann wandte er sich wieder zu Täubchen. »Du bist immer ein gutes, frommes Kind gewesen,« sagte er und legte alle ihm zu Gebote stehende Rührung in seinen Ton, »bedenk', daß ich ein alter Mann bin und morgen sterben kann. Und wie soll ich vor Gott und Deine Mutter olewescholem treten, mit so einer Sünde auf mir? Nicht wahr, Täubchenleb, Du siehst's ein, und wenn Wolf Breitenbach kommt, so wirst Du wissen, was Du zu thun hast!«

Täubchen nickte stumm mit dem Kopf, der Alte ging beruhigt fort.

Meyer wollte noch bleiben, aber sie winkte ihm, fortzugehen. Mechanisch ordnete sie Alles, was noch in der Küche zu thun war, sah nach dem Kind, ob es ruhig schlafe und warf sich unausgekleidet auf ihr Bett, das Kopfkissen über ihr Gesicht drückend. Fieberträume flogen an ihren Sinnen vorbei. Sie sah Meyer im Bräutigamsanzug mit dem silbernen Hochzeitsgürtel neben sich stehen; sein langes Gesicht lächelte ihr freundlich zu. Aber unter dem Lachen wurde es breiter und breiter, die ganze Gestalt schwoll an, der Gürtel wurde zu der alten ledernen Geldkatze, die Wolf Breitenbach um den Leib trug, und die grauen Augen des feisten Alten zwinkerten ihr lüstern zu. Sie drückte das Kopfkissen fester über ihre Augen; aber nun klang in ihre Ohren deutlich die Melodie des neuen lecho daudi, dazwischen kreischte die Stimme ihres Vaters: »Bring' mich nicht um mein aulom habo!«

Als Frau Dinchen am andern Morgen die Küche leer sah, trat sie in Täubchens Kammer und fand das Mädchen fieberglühend und verstört. Sie fragte, was vorgegangen sei, aber Täubchen schüttelte nur mit dem Kopf: »sie wolle aufstehn und an die Arbeit gehen.«

»Das litte sie nicht,« sagte die gute Chassente, »Täubchen müsse im Bett bleiben und Kamillenthee trinken, sonst könne eine hitzige Krankheit draus werden; die Küche besorge sie heute schon selbst und das Kind bringe sie zu Raaf's Mine, da könnte es ein paar Stunden spielen.«

Täubchen gehorchte; es war ihr, als wären ihr alle Gelenke gebrochen; sie schlief ein. Gegen Mittag kam Wolf Breitenbach, frisch rasirt, die silberne Uhrkette mit dem Petschaft über den breiten Bauch gespannt und fragte nach Täubchen. »Sie sei krank,« berichtete Frau Hornstein, »hoffentlich nicht bedenklich; ihr Vater sei gestern Abend dagewesen und das arme Kind müsse einen großen Schiwerlef (Herzeleid) gehabt haben.« Da ging Herr Breitenbach mit einem sehr langen Gesicht davon.

Gegen Abend stand Täubchen auf. Seit Frau Hornstein den Namen von Raaf's Mine genannt hatte, dämmerte ein Gedanke in der Seele des Mädchens, der zum festen Entschluß wurde. Sie bat, ob sie ein bischen an die Luft gehen dürfe, dann würde ihr gleich besser werden, nahm ihr gestricktes Wolltuch über den Kopf und ging. Das war der rechte Weg, die Einzige, die sie um Rath fragen konnte.

Obwohl Mine seit dem Tode des alten Raaf nur noch eingezogener lebte, hatte sie doch stets ihrem Pflegling die treueste Theilnahme bewahrt. »Das ist ein Mädchen, eine gute Tochter, eine fromme Seel'!« sagte Täubchen vor sich hin, »der will ich Alles sagen, was ich auf den Herzen hab' und was die mir rathen wird, weiß Gott! das will ich auch thun.«

Eine Stunde lang saß sie bei der alten Freundin und schüttete vor ihr ihr ganzes Herz aus. Auch daß sie den langen Meyer so gern habe, verhehlte sie nicht; ihre Backen brannten nur noch röther bei diesem ersten Geständniß. Und als sie die letzten Worte ihres Vaters und die Mahnung an dessen Sterbestunde wiederholte, brach sie in heiße Thränen aus. »Ich will kein schlechtes Kind sein!« rief sie wiederholt und warf sich an die Brust der tief bewegten Freundin.

»Mein gutes Täubchen!« sagte diese schmeichelnd, »wie glücklich wäre ich, wenn ich Dir helfen könnte! Wenn mein guter Vater noch da wäre, der könnte uns sagen, ob solch' ein feierliches Gelübde und wie es zu lösen wäre. Aber Du weißt ja, wir haben jetzt keinen Raaf, und die vom Lande hereinkommen, halten sich an den todten Buchstaben des Gesetzes und fragen nicht viel nach den Empfindungen des Herzens. Mein eigener schlichter Verstand aber zeigt mir einen Ausweg. Wenn Dein Vater zu Herrn Breitenbach ginge – oder Du selbst, um ihn zu bitten, daß er freiwillig verzichte und ihn seines Gelübdes entbände –«

»Das thut mein Vater nicht,« rief Täubchen, »nie, nie! dazu ist er zu stolz, und darf ich meinen Vater demüthigen vor Wolf Breitenbach? Können Sie mir das rathen?«

»Nein, mein gutes Täubchen!« rief Mine und küßte sie, »besser ist dulden, als kränken. Aber sag' mir eins: ist Dir Wolf Breitenbach wirklich so sehr verhaßt?«

»Gott soll mich bewahren,« sprach Täubchen und dann senkte sie die Augen; »wenn ich nur den Meyer nicht gar so gern hätt'!« flüsterte sie erröthend.

»Hast Du Dich ihm versprochen?«

Täubchen schüttelte den Kopf. »Wir haben nie von so 'was geredet,« sagte sie, »aber ich weiß es doch, wie gern er mich hat!«

Da trat eine Thräne in Mine's Auge und sie sagte: »Gutes Kind, Du bist die Einzige nicht, die nie erreichen kann, was ihr Herz sich erträumt hat. Weißt Du nicht, daß wir Frauen zum Entsagen geboren sind? In der Erfüllung dieser Pflicht liegt auch eine Seligkeit. Kennst Du die Geschichte von Jephtha's Tochter?«

Täubchen schüttelte den Kopf.

»Ihr Vater gelobte in der Schlacht, wenn er siegen würde, das Erste, was ihm begegnen würde, zu opfern. Da begegnete ihm zuerst sein einziges Kind. Und sie murrte nicht und gab sich freudig zum Opfer hin. Wer hätte sie gekannt, wenn sie glücklich gewesen wäre? Ihr Opfer allein hat sie heilig gesprochen und noch nach Jahrtausenden weint man ihr eine Thräne nach!«

»Wie hat sie geheißen?« fragte Täubchen, unter Thränen lächelnd.

»Ihren Namen kennt man nicht,« antwortete Mine, »nur ihren Gehorsam.«

»Und hat sie ihren Vater glücklich gemacht?«

»Sie hat es wenigstens gewollt. Ob solche Gelübde Gott wohlgefällig sind? Wer darf darüber nachklügeln! Es steht ja in der heiligen Schrift!«

Da stand Täubchen auf, es war, als wäre sie um einen Kopf größer geworden. »Ich danke Ihnen, liebes Fräulein,« sagte sie, »ich hab's gewußt, daß ich bei Ihnen Trost fände, und ich bitte Sie, seien Sie mir nicht böse.«

Mine küßte sie und Täubchen ging beruhigt nach Hause.

Mit Meyer sprach sie lang und eindringlich; der gute Mensch billigte Alles, was sie vorhatte. Ihrem Vater sagte sie, er möge sie bei Wolf Breitenbach entschuldigen, daß sie neulich krank gewesen sei, sie komme noch vor den Feiertagen selbst hinüber. Bei Frau Dinchen erbat sie sich zwei Tage Urlaub, sie habe zu Haus eine wichtige Familienangelegenheit zu ordnen.

An einem milden Herbstmorgen ging sie, das gestrickte, weißwollene Tuch über den Schultern, die schwarzgarnirte Kapuze auf dem Köpfchen und einen großen rothen Regenschirm in der Hand, zum frankfurter Thor hinaus. Am Schlagbaum beim Chausséehäuschen stand Meyer. Täubchen war nicht überrascht, obwohl kein Wort verabredet war. »Ich laß Dich nicht allein gehn,« sagte er, in gleichem Schritt sich anschließend.

»Glaubst Du, der Hans Ludwig kommt?« sagte Täubchen lächelnd.

»Gott weiß, wo der Rosche (Bösewicht) jetzt exerziert!« antwortete er und zwang sich auch zum Lächeln. Sie marschirten weiter. Täubchen holte mit ihren kleinen Füßen weit aus, um Schritt zu halten.

»Denkst Du noch an damals?« sagte sie, »da hab' ich zum ersten Mal gesehn, daß Du Muth hast!«

Meyer seufzte. »Was nützt der Muth,« sagte er wehmüthig, »wenn man keine Macht zum Helfen hat?«

Täubchen antwortete nicht und schritt rasch weiter. Eine Stunde Wegs gingen sie schweigend nebeneinander. Als sie an einem Apfelbaum vorbeikamen, der schwer beladen über einen Gartenzaun auf die Straße hinausragte, fiel ein reifer Apfel zu ihren Füßen nieder. Meyer hob ihn auf. »Ich bin Dir noch von damals einen Apfel schuldig,« sagte er.

»Du mußt erst hineinbeißen wie ich,« antwortete sie lächelnd.

Er schüttelte den Kopf und steckte den Apfel ein. Sie gingen weiter und erreichten die Hutweide vor ihrem Dorf. Eine Heerde Gänse schnupperte in dem dürren Weidegras und stob auseinander, als die Wanderer sich nahten. Täubchen lockte sie. »Sollen wir den Schirhamalaus singen?« frug sie.

»Mir ist nicht singerig zu Muth,« antwortete Meyer. Er blieb stehen, die Gänse beruhigten sich, Täubchen trat zu ihm, er hatte die Augen voll Thränen. »Wenn ich an damals denk',« sagte er – Täubchen legte ihm die Hand auf die Schulter. »Deßhalb bleiben wir doch gut Freund, nicht wahr, Meyer?« Und sie blickte ihn mit ihren dunklen Augen wie bittend an.

»So lang uns Gott das Leben schenkt!« sagte er und eine Thräne rollte über seine Backen.

Täubchens Auge verschleierte sich. »Ich bitt' Dich, lieber Meyer,« sagte sie, »mach' mir das Herz nicht schwer. Du hast mir's ja versprochen und ich hab' ohnehin einen schweren Gang vor mir!«

»Du hast Recht, Täubchenleb,« sagte er und sie gingen weiter. Sie erreichten das Dorf, Täubchen blieb stehen.

»Geh' Du jetzt heim zu Deiner Mutter,« sprach sie, »und sag meinen Vater, ich komm' bald nach. Ich gehe erst zu meinem – zu Wolf Breitenbach und will ihm sagen, daß ich da bin.«

Meyer reichte ihr die Hand und ging weiter, ohne sich umzusehen.

An der Thüre des Hauses hielt Täubchen einen Augenblick inne, um Athem zu schöpfen; sie knüpfte die Bänder der Kapuze, die mit ihrer schwarzen Krause wie ein Kranz ihr rundes Köpfchen umschloß, unter dem Kinn zu einer Schleife zusammen, lehnte den Regenschirm in eine Ecke des Hausflurs und klopfte leise an die Stubenthüre.

»Herein!« tönte eine speckige Stimme. Wolf Breitenbach saß im Dämmerlicht vor dem alten hölzernen Tisch und sortirte kupferne und silberne Scheidemünzen in zwei hölzerne Schüsselchen. Als er Täubchen erblickte, hob er überrascht seinen schweren Körper in die Höhe. »Godelkum (willkomm) Täubchen,« rief er aus, »wo kommst Du daher?«

»Aus der Stadt,« antwortete sie, ohne ihn anzublicken, »ich wollt' Ihnen selber sagen, daß ich wieder ganz gesund bin!«

»Das seh' ich unbeschrieen!« rief er, mit Wohlgefallen das blühende Gesichtchen musternd, auf das die Herbstluft ihren frischen Thau gehaucht hatte, daß es wie eine reife Pflaume zu duften schien.

»Was hat Dir denn eigentlich gefehlt?« fragte er.

»Es war nicht der Müh' werth,« antwortete sie, »und meine Madame war übertrieben, daß sie meinem Vater und Ihnen Angst gemacht hat. Und weil ich Sie seit der Zeit nicht gesehen hab', so komm' ich, Ihnen zu sagen, daß ich mit Allem einverstanden bin, was mein Vater mit Ihnen abgemacht hat.«

»Hat Dich Dein Vater gezwungen?« fragte er rasch und sah sie durchdringend an.

Sie hob die großen Augen zu ihm auf. »Ich laß mich nicht zwingen,« sagte sie ruhig, »ich thu' nur, was mir mein Herz eingibt.«

Breitenbach schüttelte den Kopf. »Ich glaub's nicht, Täubchen,« sagte er, »so ein alter Narr bin ich doch nicht; red' ehrlich, Täubchen, nicht wahr, ich bin Dir zuwider?«

»Gott soll bewahren,« rief Täubchen mit herzlichem Ton; »ich weiß, was Sie von jeher für uns gethan haben und ich hab' Sie immer gern gehabt; gleich nach meinem Vater sind Sie gekommen, und wenn ich Abends vor Einschlafen mein Schmajisrol gesagt hab', so hab' ich immer dazu gesagt: ›Lieber Gott, laß meinen Vater gesund und Wolf Breitenbach und – –‹«

Sie stockte, das Blut schoß ihr in's Gesicht.

»Ist das wahr, Täubchenleb?« rief Wolf mit gerührter Stimme.

»Warum soll's nicht wahr sein?« fuhr sie treuherzig fort; »es hat mich nur so gewaltig überrascht, daß Sie mich nehmen wollen, es war mir zu Muth, als wenn ich meinen Vater heirathen sollt'.« Sie lächelte.

Wolf schwieg betroffen. »Also das ist es gewesen,« sagte er nach einer Pause, »und weiter nichts?«

Täubchen schöpfte tief Athem. »Es war noch 'was,« sagte sie, »und deshalb bin ich gekommen, um mit Ihnen zu sprechen, wie ich mit mir selber sprech', denn ich kann nicht mit Ihnen unter die Chuppe (Trauhimmel) gehen, ehe ich Ihnen das sag', ich mein', es wär' eine große Sünde. Wissen Sie,« fuhr sie zögernd fort, »der lange Meyer, der Bule ihr Sohn, ist von jeher ein guter Freund zu mir gewesen, und wie er als Soldat in der Stadt war, ist er immer zu uns gekommen und hat bei meinem Herrn das Singen gelernt; er kann's so schön, daß sie ihn angestellt haben im neuen Tempel als Chassen, und ich hab' mich so an ihn gewöhnt, daß ich alsfort an ihn denken muß. Wenn ich nun Ihr Weib werd', so können Sie sich darauf verlassen, ich werd' brav und gut sein, ich will Sie pflegen in Ihren alten Tagen, wie Sie Ihre Frau olewescholem gepflegt hat in Ihren jungen. Ich versprech' Ihnen auch, wenn Sie wollen, daß ich den Meyer nicht mehr sehen will und kein Wort mit ihm sprechen. Aber daß ich nicht mehr an ihn denken will, das kann ich Ihnen nicht versprechen, denn das geht über mein Jechaules (Kraft).« Thränen erstickten ihre Stimme. »So!« sagte sie und wischte sich die Augen aus, »jetzt ist mir ein Stein vom Herzen, wenn Sie jetzt wollen, kann die Hochzeit sein.«

Wolf hatte ihr zugehört, es arbeitete sichtbar in seiner breiten Brust. »Du bist ein brav's Mädchen,« sagte er mit bewegter Stimme, »so soll mir Gott helfen! Du bist ein merkwürdig Kind!«

»Was ist da merkwürdig dran?« erwiederte Täubchen und lächelte unter Thränen.

»So!« rief Wolf, immer heftiger aufbrausend, um seine Rührung zu verstecken, »Du bringst mir doch nur ein Opfer, weil sich Dein Vater menadder gewesen ist. Wer hat's ihn geheißen!«

»Sein dankbares Herz,« erwiederte Täubchen, »und er bringt mich ja nicht um, wie Jephtha seine Tochter, er gibt mich ja an einen braven Mann!«

Da verlor Wolf Breitenbach seine letzte Fassung; die Mahnung an Jephtha's Opfer hatte sein Herz getroffen, er ward purpurroth. »So!« schrie er, »er gibt Dich mir, wie man Einen todt macht! Und warum? Weil ihm das Wasser an den Hals gegangen ist, sonst wär's nicht seine Ehre gewesen, sich mit Wolf Breitenbach zu verschwägern! O, ich kenn Tobiah Hof nur zu gut!«

»Nein, Sie kennen ihn nicht,« rief Täubchen, mit kindlicher Wärme für ihren Vater eintretend, »er weiß Alles, er weiß aber auch, was er Ihnen und Gott dem Allmächtigen schuldig ist, und er will sich sein Gelübde nicht madder sein lassen, was er doch könnte, weil er sein Seelenheil zu verlieren glaubt, wenn er seinen alten Freund und Wohlthäter kränkt!«

Breitenbach richtete sich hoch auf. Sein ganzer Stolz reckte sich mit seinem breiten Nacken empor. Ihn wollte Tobiah Hof an Großmuth beschämen! »'s ist recht,« sagte er ruhig. »Er hat geschworen, daß er Dich mir gibt und ich nehm' Dich.« Er warf einen Blick auf Täubchen; sie sah ihn fest und ruhig an. Er schob die Geldschalen in die Tischschublade, steckte den Schlüssel ein und griff nach seiner Mütze. »Komm'!« sagte er kurz.

»Wohin?«

»Zu Deinem Vater; wir müssen ihm doch sagen, daß Alles in Richtigkeit ist.«

Sie gingen schweigend nebeneinander durch das lange Dorf. Als sie sich dem Häuschen Tobiah's näherten, drang der Klang einer hellen Stimme mächtig durch die dunkelnde Nacht.

»Was ist das?« fragte Wolf.

Täubchen lächelte. »Das ist dem Meyer sein Kol,« sagte sie, »er singt seiner alten Mutter den neuen lecho daudi vor.« Und deutlich klangen jetzt die Worte: »Komm', o Freund, die Braut zu empfangen!« Da lächelte auch Wolf Breitenbach und brummte: »Merkwürdig!«

Als sie anklopften, verstummte der Gesang; als sie eintraten, erhob sich Meyer verlegen, um wegzuschleichen, die alte Bule saß zusammengekauert am Tisch und hustete.

»Godelkum, Rebb Wolf,« rief Tobiah aufstehend, und als er Täubchen sah, wollte er sie begrüßen, aber Wolf hielt den Arm vor das Mädchen gestreckt und sagte: »Was wollt Ihr? Die gehört mir, es ist Alles in Richtigkeit!« Einen Augenblick weidete er sich an dem allgemeinen Verstummen.

»Ist es nicht so?« fuhr er dann fort. »Ihr habt Euch menadder gewesen, Rebb Tobiah, mir Euer Kind zu geben, und ich nehm' sie!« rief er mit gehobener Stimme, »und Ihr seid jauze (frei), nicht wahr?«

Tobiah nickte zustimmend.

»Aber weil sie jetzt mir gehört,« rief Wolf, »kann ich doch machen mit ihr, was ich will? Und ich geb' sie da dem langen Chassen! Was sperrst Du das Maul auf?« fuhr er lachend fort, als Meyer ihn entgeistert anstarrte, »willst Du sie nicht, weil sie nichts hat? Ich geb' meinem Kind da gleich fünfhundert Thaler mit, und wenn ich sterb', kriegt sie den Rest! Wolf Breitenbach lumpt sich nicht.« Er stand ganz viereckig da, im Vollgefühl seiner Größe, und da sie Alle ihn noch anschauten, als scherze er nur, nahm er Täubchen und legte sie dem trunkenen Geliebten an die Brust. »Gott ist mein Zeuge,« rief er gerührt, »was ich sag', ist Taures Mausche (heilige Wahrheit).«

»Ich geb' sie dem langen Chassen!«
Holzstich nach einer Zeichnung von Moritz Daniel Oppenheim

Da löste sich die allgemeine Erstarrung, es war ein Durcheinander von Reden und Schluchzen und Jauchzen und Umarmen, und selbst Tobiah vergab die Großmuth seines Freundes und stieß Zischlaute der Bewunderung hervor. Als aber Meyer nun eine Dankesrede zu stammeln begann, sagte Wolf lachend: »Chassenleb, was Ihr mir sagen wollt, singt mir!« Das nahm der Verwirrte buchstäblich und fing an das: »Komm', o Freund, die Braut zu empfangen!« so laut zu schmettern, daß die Wände des Kämmerchens bebten wie die Mauern von Jericho.

Täubchen lachte vor Jubel, bis ihr die Thränen kamen.

»Ist Dir nun ein Stein vom Herzen?« fragte Wolf heimlich, und heimlich antwortete sie: »Von heut an bet' ich zuerst für Sie und dann erst für meinen Vater und für ihn!«

Zum Spätherbst ward der Tempel eröffnet und der neue Kantor, Herr Bettenhausen, debütirte zu allgemeinem Wohlgefallen. Kurz darauf war die Hochzeit, die erste im neuen Tempel. Frau Dinchen war die Unterführerin, da die alte Bule bettlägerig war. Sie hatte dem Brautpaar einen offenen Stadtwagen spendirt. Als sie durch die Mittelgasse fuhren, lud am Bierhaus »Stockholm« ein schmutziger, vertrunkener Knecht Fässer auf den Leiterwagen. Er blickte auf, das schmucke Brautpaar zu bewundern. Ob er sie wohl erkannt hat? Es war Hans Ludwig!

Täubchen lud den alten Vater ein, zu ihnen zu ziehen, da Frau Bule zur großen Betrübniß ihres Sohnes kurz darauf das Zeitliche segnete. Der Alte verweigerte es; er wolle seinen Kindern nicht zur Last fallen. Als aber ein Jahr darauf der Vetter Schmul Chajim in Hersfeld wirklich starb und ihm ein kleines Kapital vermachte, fühlte er sich berechtigt, in die Stadt zu ziehen. Dort lebt er nun als Rentier bei seinen Kindern und schnitzt »Trendelchen« für seinen pausbäckigen Enkel.