Georg Jenatsch. Eine alte Bündnergeschichte

Erstes Buch.
Die Reise des Herrn Waser.

Erstes Kapitel.

Die Mittagssonne stand über der kahlen, von Felshäuptern umragten Höhe des Julierpasses im Lande
Bünden. Die Steinwände brannten und schimmerten
unter den stechenden senkrechten Strahlen. Zuweilen,
wenn eine geballte Wetterwolke emporquoll und vorüberzog, schienen die Bergmauern näher heranzutreten und,
die Landschaft verengend, schroff und unheimlich zusammenzurücken. Die wenigen zwischen den Felszacken
herniederhangenden Schneeflecke und Gletscherzungen
leuchteten bald grell auf, bald wichen sie zurück in
grünliches Dunkel. Es drückte eine schwüle Stille, nur
das niedrige Geflatter der Steinlerche regte sich zwischen
den nackten Blöcken und von Zeit zu Zeit durchdrang
der scharfe Pfiff eines Murmelthiers die Einöde.

In der Mitte der sich dehnenden Paßhöhe standen
rechts und links vom Saumpfade zwei abgebrochene
Säulen, die der Zeit schon länger als ein Jahrtausend
trotzen mochten. In dem durch die Verwitterung beckenförmig ausgehöhlten Bruche des einen Säulenstumpfes
hatte sich Regenwasser gesammelt. Ein Vogel hüpfte
auf dem Rande hin und her und nippte von dem klaren
Himmelswasser.

Jetzt erscholl aus der Ferne, vom Echo wiederholt
und verhöhnt, das Gebell eines Hundes. Hoch oben
an dem stellenweise grasbewachsenen Hange hatte ein
Bergamaskerhirt im Mittagsschlaf gelegen. Nun sprang
er auf, zog seinen Mantel fest um die Schultern und
warf sich in kühnen Schwüngen von einem vorragenden
Felsthurme hinunter zur Einholung seiner Schafheerde,
die sich in weißen beweglichen Punkten nach der Tiefe
hin verlor. Einer seiner zottigen Hunde setzte ihm
nach, der andere, vielleicht ein altes Thier, konnte seinem
Herrn nicht folgen. Er stand auf einem Vorsprunge
und winselte hilflos.

Und immer schwüler und stiller glühte der Mittag.
Die Sonne rückte vorwärts und die Wolken zogen.

Am Fuße einer schwarzen vom Gletscherwasser befeuchteten Felswand rieselten die geräuschlos sich herunterziehenden Silberfäden in das Becken eines kleinen See's
zusammen. Gigantische, seltsam geformte Felsblöcke
umfaßten das reinliche, bis auf den Grund durchsichtige
Wasser. Nur an dem einen flachern Ende, wo es,
thalwärts abfließend, sich in einem Stücke saftig grünen
Rasens verlor, war sein Spiegel von der Höhe des
Saumpfades aus sichtbar. An dieser grünen Stelle
erschien jetzt und verschwand wieder der braune Kopf
einer grasenden Stute und nach einer Weile weideten
zwei Pferde behaglich auf dem Rasenflecke und ein
drittes schlürfte die kalte Fluth.

Endlich tauchte ein Wanderer auf. Aus der westlichen Thalschlucht heransteigend, folgte er den Windungen des Saumpfades und näherte sich der Paßhöhe.
Ein Bergbewohner, ein wettergebräunter Gesell war es
nicht. Er trug städtische Tracht, und was er auf sein
Felleisen geschnallt hatte schien ein leichter Rathsdegen
und ein Rathsherrenmäntelchen zu sein. Dennoch schritt
er jugendlich elastisch bergan und schaute sich mit schnellen
klugen Blicken in der ihm fremdartigen Bergwelt um.

Jetzt erreichte er die zwei römischen Säulen. Hier
entledigte er sich seines Ränzchens, lehnte es an den
Fuß der einen Säule, wischte sich den Schweiß mit
seinem saubern Taschentuche vom Angesicht und entdeckte
nun in der Höhlung der andern den kleinen Wasserbehälter. Darin erfrischte er sich Stirn und Hände,
dann trat er einen Schritt zurück und betrachtete mit
ehrfurchtsvoller Neugier sein antikes Waschbecken. Schnell
bedacht zog er eine lederne Brieftasche hervor und begann eifrig die beiden ehrwürdigen Trümmer auf ein
weißes Blatt zu zeichnen. Nach einer Weile betrachtete
er seiner Hände Werk mit Befriedigung, legte das aufgeschlagene Büchlein sorgfältig auf sein Felleisen, griff
nach seinem Stocke, woran die Zeichen verschiedener
Maße eingekerbt waren, ließ sich auf ein Knie nieder
und nahm mit Genauigkeit das Maß der merkwürdigen
Säulen.

„Fünfthalb Fuß hoch,“ sagte er vor sich hin.

„Was treibt Ihr da? Spionage?“ ertönte neben
ihm eine gewaltige Baßstimme.

Jäh sprang der in seiner stillen Beschäftigung
Gestörte empor und stand vor einem Graubarte in grober
Diensttracht, der seine blitzenden Augen feindselig auf
ihn richtete.

Unerschrocken stellte sich der junge Reisende dem
wie aus dem Boden Gestiegenen mit vorgesetztem Fuße
entgegen und begann, die Hand in die Seite stemmend,
in fließender, gewandter Rede:

„Wer seid denn Ihr, der sich herausnimmt, meine
gelehrte Forschung anzufechten auf Bündnerboden, id est
in einem Lande, das mit meiner Stadt und Republik
Zürich durch wiederholte, feierlichst beschworene Bündnisse befreundet ist? Ich weise Euern beleidigenden
Verdacht mit Verachtung zurück. Wollt Ihr mir den
Weg verlegen?“ fuhr er fort, als der Andere, halb
verblüfft, halb drohend, wie eingewurzelt stehen blieb.
„Sind wir im finstern Mittelalter oder zu Anfang
unseres gebildeten siebzehnten Jahrhunderts? Wißt Ihr,
wer vor Euch steht? . . . So erfahrt es: der Amtsschreiber Heinrich Waser, Civis turicensis.“

„Narrenpossen!“ stieß der alte Bündner zwischen
den Zähnen hervor.

„Laß ab von dem Herrn, Lucas!“ ertönte jetzt ein
gebieterischer Ruf hinter den Felstrümmern rechts vom
Wege hervor und der Zürcher, der unwillkürlich dem
Klange der Stimme seewärts sich zuwandte, gewahrte
nach wenigen Schritten den mittäglichen Ruheplatz einer
reisenden Gesellschaft.

Neben einem aus dunkeln Augen blickenden, kaum
dem Kindesalter entwachsenen Mädchen, das im Schatten
eines Felsens auf hingebreiteten Teppichen saß und ausruhte, stand ein stattlicher Kavalier, denn das war er
nach seiner ganzen Erscheinung trotz des schlichten Reisegewandes und der schmucklosen Waffen. Am Rande
des See's grasten die des Sattels und Zaumes entledigten Rosse der drei Reisenden.

Der Zürcher ging, die Gruppe scharf ins Auge
fassend, mit immer gewissern Schritten auf den bündnerischen Herrn zu, während ein muthwilliges Lachen
die Züge des blassen Mädchens plötzlich erhellte.

Jetzt zog der junge Mann gravitätisch den Hut,
verneigte sich tief und begann:

„Euer Diener, Herr Pomp . . . .“ hier unterbrach
er sich selbst, als stiege der Gedanke in ihm auf, daß
der Angeredete seinen Namen auf diesem Boden vielleicht
zu verheimlichen wünsche.

„Der Eurige, Herr Waser,“ versetzte der Kavalier.
„Scheut Euch nicht, den Namen Pompejus Planta
zwischen diesen Bergen herzhaft auszusprechen. Ihr habt
wohl vernommen, daß ich auf Lebenszeit aus Bünden
verbannt, daß ich vogelfrei und vervehmt bin, daß auf
meine lebende Person tausend Florin und auf meinen
Kopf fünfhundert gesetzt sind und was dessen mehr ist.
Ich habe den Wisch zerrissen, den das Thusnerprädikantengericht mir zuzuschicken sich erfrecht hat. Ihr,
Heinrich, das weiß ich, habt nicht Lust, den Preis zu
verdienen! Setzt Euch zu uns und leert diesen Becher.“
Damit bot er ihm eine bis zum Rande mit dunklem
Veltliner gefüllte Trinkschale.

Nachdem der Zürcher einen Augenblick schweigend
in das rothe Naß geschaut, that er Bescheid mit dem
wohlüberlegten Trinkspruche: „Auf den Triumph des
Rechts, auf eine billige Versöhnung der Parteien in
altfrei Rhätia, — voraus aber auf Euer Wohlergehen,
Herr Pompejus, und auf Eure baldige ehrenvolle Wiedereinsetzung in alle Eure Würden und Rechte!“

„Habt Dank! Und vor Allem auf den Untergang
der ruchlosen Pöbelherrschaft, die jetzt unser Land mit
Blut und Schande bedeckt!“

„Erlaubt,“ bemerkte der Andere vorsichtig, „daß ich
als Neutraler mein Urtheil über die verwickelten Bündnerdinge einigermaßen zurückhalte. Die vorgefallenen
Formverletzungen und Unregelmäßigkeiten freilich sind
höchlich zu beklagen und ich nehme keinen Anstand, sie
auch meinerseits zu verdammen.“

„Formverletzung! Unregelmäßigkeit!“ brauste Herr
Pompejus zornig auf, „das sind gar schwächliche Ausdrücke für Aufruhr, Plünderung, Brandschatzung und
Justizmord! Daß ein Pöbelhaufe mir die Burg umzingelt oder eine Scheuer in Brand steckt, davon will
ich noch nicht viel Aufhebens machen. Man hat mich
ihnen als Landesverräther vorgemalt und sie so gegen
mich verhetzt, daß ich ihnen einen bösen Streich nicht
verarge. Aber daß diese Hungerleider von Prädikanten
einen Gerichtshof aus der Hefe des Volks zusammenlesen, mit der Folter hantiren und mit Zeugen, die
verlogener sind als die falschen Zeugen in der Passion
unsers Heilands — das ist ein Greuel vor Gott und
Menschen.“

„An den Galgen alle Prädikanten!“ erscholl hinter
ihnen der Baß des die Pferde zum Aufbruche rüstenden
alten Knechts.

„So seid ihr aber, ihr Zürcher,“ fuhr Planta fort,
„daheim führt ihr ein verständiges züchtiges Regiment
und bekreuzt euch vor Neuerung und Umsturz. Thäte
sich bei euch ein Bursche hervor wie unser Prädikant
Jenatsch, er säße bald hinter Schloß und Riegel im
Wellenberg, oder ihr legtet ihm flugs den Kopf vor die
Füße. Von ferne aber erscheint euch der Unhold merkwürdig und eure Zünfte jauchzen seinen Freveln Beifall
zu. Euer neugieriger und unruhiger Geist ergötzt sich
daran, wenn die Flammen des Aufruhrs hell aufschlagen,
so lange sie euern eigenen First nicht bedrohen.“

„Erlaubt —“ wiederholte Herr Waser.

„Lassen wir das,“ schnitt ihm der Bündner das
Wort ab. „Ich will mir nicht das Blut vergiften.
Bin ich doch nicht hier als das Haupt meiner Partei,
sondern um eine einfache Vaterpflicht zu erfüllen.
Lucretia, mein Töchterchen, — sie ist Euch ja nicht unbekannt, — kommt aus dem Kloster Cazis, wohin ich
sie zu den frommen Frauen geflüchtet hatte, als der
Sturm gegen mich losbrach, und ich führe sie nun auf
einsamen Pfaden in ein italiänisches Kloster, wo sie sich
in den schönen Künsten üben soll. Und Ihr? Wohin
geht Euer Weg?“

„Eine Ferienreise, Herr Pompejus, um den Aktenstaub abzuschütteln und die rhätische Flora kennen zu
lernen. Seit unser Landsmann Conrad Geßner die
Wissenschaft der Botanik begründet hat, treiben wir sie
eifrig an unserm Carolinum. Ueberdieß schuldet mir
das Schicksal eine geringe Schadloshaltung für ein gescheitertes Reiseprojekt. Ich sollte nämlich,“ fuhr er
etwas schüchtern, aber nicht ohne geheime Eitelkeit fort,
„nach Prag an den Hof seiner böhmischen Majestät
gehen, wo mir durch besondere Gunst eine Pagenstelle
zugesichert war.“

„Ihr thatet klug daran, es bleiben zu lassen,“
höhnte Herr Pompejus. „Dieser klägliche König wird
in Kurzem ein Ende nehmen mit Schrecken und Schande.
Und jetzt,“ fuhr er lauernd fort, „wenn Ihr mit der
rhätischen Flora vertraut seid, wollt Ihr nicht auch die
des Veltlins studiren? So böte sich Euch Gelegenheit,
bei Euerm Studienfreunde Jenatsch auf seiner Strafpfarre einzukehren.“

„Angenommen es fügte sich so, ich hielte es für
kein Verbrechen,“ versetzte der Zürcher, dem dies rücksichtslose Eindringen in seinen Reiseplan die Röthe der
Entrüstung auf Stirn und Wangen trieb.

„Ein nichtswürdiger Bube!“ grollte Herr Pompejus.

„Mit Gunst, das ist ab irato gesprochen, Herr.
Wohl mögt Ihr Euch mit Recht über meinen Schulgenossen zu beklagen haben. Ich verzichte darauf, ihn
Euch gegenüber und in dieser Stunde zu vertheidigen.
— Erlaubt mir lieber, Euch um geneigten Aufschluß zu
bitten über jene merkwürdigen Säulen dort. Sind sie
römischen Ursprungs? Ihr müßt das wissen, ist doch
Euer hochberühmtes Geschlecht seit Kaiser Trajan in
diesen Bergen heimisch.“

„Darüber,“ antwortete Planta, wird Euch Euer
gelehrter Freund, der Blutpfarrer, Auskunft geben. —
Du bist bereit, Lucretia?“ rief er dem Fräulein zu,
das, als das Gespräch sich zu erhitzen begann, mit bekümmerter Miene still nach dem Saumpfad hinauf sich
entfernt und bei den Säulen verweilt hatte, wo ihr
jetzt eben Lucas eines der wieder gezäumten Pferde vorführte.

„Gehabt Euch wohl, Herr Waser!“ grüßte Planta,
sich rasch in den Sattel des zweiten schwingend. „Ich
kann Euch nicht einladen, auf Euerm Heimwege bei
mir im Domleschg einzusprechen, wie ich es unter andern
Umständen gerne gethan hätte. Die schuftigen Hände,
die jetzt unser Staatsruder führen, haben mir, wie Ihr
wißt, mein festes Haus Riedberg zugeriegelt und das
durch sie entehrte Bündnerwappen auf mein Thor geklebt.“

Waser verbeugte sich und schaute eine Weile nachdenklich dem über die Hochebene davon trabenden Reisezuge nach. Dann bückte er sich nach seinem aufgeblättert
am Wege liegenden Taschenbuche und warf, bevor er es
schloß, noch einen Blick auf seine Zeichnung. Was war
das? Mitten zwischen die zwei flüchtig entworfenen
Säulen hatte eine kindlich ungeübte Hand große Buchstaben hineingeschrieben. Deutlich stand es zu lesen:
Giorgio, guardati.

Kopfschüttelnd preßte er das Büchlein mit dem eingesteckten Stifte zusammen und versenkte es in die Tiefe
seiner Tasche.

Unterdessen hatten die Wolken sich gemehrt und
verdüsterten den Himmel. Waser setzte seinen Weg durch
die sonnenlose Felsenlandschaft mit beschleunigten Schritten fort. Noch heftete sein lebhaftes Auge sich zuweilen
auf die großen dunkeln, jetzt unheimlich grotesken Felsmassen, aber es bestrebte sich nicht mehr, wie am Morgen, mit rastloser Neugierde diese ungewohnten seltsamen
Formen sich einzuprägen. Es schaute nach innen und
suchte mit Hilfe alter Erinnerungen das Verständniß
des eben Vorgegangenen sich aufzuschließen. Offenbar
konnten die warnenden Worte nur von der jungen
Lucretia geschrieben sein; sie mußte, als die Rede auf
Jenatsch kam, des Wanderers Absicht, den Jugendfreund
aufzusuchen, durchschaut haben. Offenbar hatte sie sich
weggestohlen in der Angst ihres Herzens, um dem
jungen Pfarrer im Veltlin ein mahnendes Zeichen naher
Gefahr zu geben. Offenbar zählte sie darauf, das
Taschenbuch werde ihm zu Gesicht kommen.

Von dem eben Erlebten spannen sich Waser's Gedanken an fliegenden Fäden in seine Knabenzeit zurück.
Auf dem düstern Hintergrunde des Julier malte seine
Seele ein farbenlustiges Bild, in dessen Mitte wiederum
Herr Pompejus mit seinem Töchterlein Lucretia stand.

Zweites Kapitel.

Waser sah sich in der dunkeln Schulstube des neben
dem großen Münster gelegenen Hauses zum Loch im
Jahre des Heils 1615 auf der vordersten Bank sitzen.
Es war ein schwüler Sommertag und der würdige
Magister Semmler erklärte seiner jungen Zuhörerschaft
einen Vers der Iliade, der mit dem helltönenden Dativ
magádi schloß. „Magás,“ erläuterte er, „heißt die
Drommete und ist ein den Naturlaut nachahmendes
Klangwort. Glaubt Ihr nicht den durchdringenden Schall
der Drommete im Lager der Achaier zu vernehmen,
wenn ich das Wort ausrufe?“ Er hemmte seinen
Schritt vor der großen Wandkarte des griechischen Archipelagus und rief mit hellkrähender Stimme: Magádi!

Diese Kraftanstrengung wurde durch ein schallendes
Gelächter belohnt, das der Magister mit Genugthuung
vernahm, ohne den Hohn zu bemerken, der im Beifalle
seiner belustigten Schüler mitklang. War es ihm doch
verborgen geblieben, daß ihm diese alljährlich wiederholte
effektvolle Scene schon längst den kriegsmäßigen Spitznamen Magaddi zugezogen hatte, der sich im Wechsel
der nachrückenden Geschlechter von Klasse auf Klasse
vererbte.

Heinrich Wasers Aufmerksamkeit aber wurde seit
einigen Minuten von einem andern Gegenstande gefesselt.
Er saß der morschen Eichenthüre gegenüber, an welcher
sich in längern Zwischenräumen ein zweimaliges, dreimaliges Klopfen hatte vernehmen lassen und die sich
dann leise, leise aufthat. Durch die Spalte wurden
zwei spähende Kinderaugen sichtbar. Als der Drommetenstoß erscholl, mochte der kleine Besuch das tönende
Wort für die in einer fremden Sprache an ihn ergehende Aufforderung zum Eintritte nehmen. Es öffnete
sich geräuschlos die Thür und über die hohe Schwelle
trat ein vielleicht zehnjähriges Mädchen mit dunkeln
Augen und trotzig scheuer Miene. Ein Körbchen in der
Hand näherte sie sich ohne Zögern dem würdigen Semmler, verneigte sich vor ihm mit Anstand und sprach:
„Mit Eurer Erlaubniß, Signor Maestro.“ Dann schritt
sie auf Jürg Jenatsch zu, den sie auf den ersten Blick
in der Schülerschaar entdeckt hatte.

Dieser saß, eine fremdartige Erscheinung, unter
seinen fünfzehnjährigen Altersgenossen, die er um Haupteshöhe überragte. Seinem braunen Antlitz gaben die
düstern Brauen und der keimende Bart einen fast
männlichen Ausdruck und seine kräftigen Handgelenke
ragten weit vor aus den engen Aermeln des dürftigen
Wamses, dem er längst entwachsen war. Beim Eintreten
der Kleinen überflog eine dunkle Schamröthe seine breit
ausgeprägte Stirn. Er behielt eine ernste Haltung,
aber seine Augen lachten.

Jetzt stand das Mädchen vor ihm, umschlang den
Sitzenden mit beiden Armen und küßte ihn herzlich auf
den Mund. „Ich habe gehört, daß Du hungerst, Jürg,“
sagte sie, „und bringe Dir etwas . . . Von unserm
gedörrten Fleische, das Du so gerne issest!“ fügte sie
heimlich hinzu.

Ein unermeßliches Gelächter durchdröhnte die Schulstube, das Semmlers gebieterisch erhobene Rechte lange
nicht beschwichtigen konnte. Die Augen des Mädchens
blickten befremdet und überquollen dann von schweren
Thränen des Unmuths und der Scham, während sie
Jenatsch fest bei der Hand faßte, als fände sie bei ihm
allein Schutz und Hilfe.

Jetzt endlich brach sich die strafende Stimme des
Magisters Bahn: „Was ist da zu lachen, ihr Esel?
— Ein naiver Zug, sag' ich euch! Rein griechisch!
euer Gebahren ist eben so einfältig, als wenn ihr
euch beigehen laßt über die unvergleichliche Figur des
göttlichen Sauhirten oder die Wäsche des Königstöchterleins Nausikaa zu lachen, was eben so unziemlich als
absurd ist, wie ich euch schon eines Oeftern bewiesen
habe. — — Du bist eine Bündnerin? Wem gehörst
Du, Kind?“ wandte er sich jetzt mit väterlichem Wohlwollen zu der Kleinen, „und wer brachte Dich hierher?
Denn,“ setzte er, seinen geliebten Homer parodirend,
hinzu, „nicht kamst Du zu Fuß, wie es scheint, nach
Zürich gewandelt.“

„Mein Vater heißt Pompejus Planta,“ antwortete
die Kleine und erzählte dann ruhig weiter: „Ich kam
mit ihm nach Rapperswyl und als ich den schönen
blauen See sah und hörte, daß am andern Ende die
Stadt Zürich sei, so machte ich mich auf den Weg. In
einem Dorfe sah ich zwei Schiffer zur Abfahrt rüsten
und da ich sehr müde war, nahmen sie mich mit.“

Pompejus Planta, der Vielgenannte, der angesehenste Mann in Bünden, das allmächtige Parteihaupt!
Dieser Name machte auf Herrn Semmler einen überwältigenden Eindruck. Sogleich schloß er die Schulstunde und führte die kleine Bündnerin unter sein gastliches Dach, gefolgt von dem jungen Waser, der bei
dem Magister, seinem mütterlichen Ohm, an diesem
Wochentage das Mittagsmahl einzunehmen pflegte.

Als sie die steile Römergasse hinunter schritten,
kam ihnen gestiefelt und gespornt ein stark gebauter
imponirender Herr entgegen.

„Hab' ich Dich endlich, Lucrezchen!“ sagte er, das
Kind auf den Arm nehmend und heftig küssend. „Was
fiel Dir ein, mir zu entspringen, Kröte!“

Dann, ohne eine Antwort zu erwarten und ohne
das Mädchen aus den Armen zu lassen, wandte er sich
mit einer nur leichten Verbeugung, aber nicht ohne
Anmuth gegen Semmler und sagte in fließendem, doch
etwas fremdartig ausgesprochenem Deutsch: „Ihr habt
seltsamen Besuch in Eurer Schule erhalten, Herr Professor! Verzeiht die Störung Eures gelehrten Vortrags
durch meinen Wildfang.“

Semmler betheuerte, daß es ihm zur besondern
Freude und Ehre gereiche, das junge Fräulein und durch
sie den edeln Herrn Vater kennen gelernt zu haben.
„Thut mir die Ehre an, hochmögender Herr,“ schloß er,
„eine bescheidene Mittagssuppe mit mir und meiner
lieben Ehefrau zu theilen.“

Der Freiherr willigte ein, ohne sich bitten zu lassen
und erzählte unterwegs, wie er Lucretia's Verschwinden
spät bemerkt, dann aber gleich sich aufs Pferd geworfen
und die Reisende mit Leichtigkeit von Spur zu Spur
verfolgt habe. Er erzählte weiter, er besitze in Rapperswyl ein Haus, das er sich auf alle Fälle hin erworben,
da es in Bünden wie draußen im Reich nicht mehr
ganz geheuer sei. Lucretia habe ihn dahin begleiten
dürfen. Wie er dann von Semmler erfuhr, was das
Kind nach Zürich getrieben, brach er in ein schallendes
Gelächter aus, das aber nicht heiter klang.

Als nach beendigtem Mahle die Herren beim Weine
saßen, während die Frau Magisterin sich mit Lucretia
beschäftigte, erkundigte sich Planta, vom Gespräch abspringend, plötzlich nach dem jungen Jenatsch. Semmler
lobte seine Begabung und seinen Fleiß und Waser wurde
abgeschickt, ihn aus dem Hause des ehrsamen Schuhmachers, wo er sich in Kost gegeben hatte, abzuholen.
Nach wenigen Augenblicken trat Georg Jenatsch in die
Stube.

„Wie geht es, Jürg?“ rief der Freiherr dem
Knaben gütig entgegen, und dieser antwortete bescheiden
und doch mit einer gewissen stolzen Zurückhaltung, daß
er sein Mögliches thue. Der Freiherr versprach, ihn
bei seinem Vater zu rühmen und wollte ihn mit einem
Wink verabschieden; aber der Knabe blieb stehen.
„Gestattet mir ein Wort, Herr Pompejus!“ sagte er
leicht erröthend; „Die kleine Lucretia ist um meinetwillen
wie eine Pilgerin im Staube der Landstraße gegangen.
Sie hat meiner nicht vergessen und mir aus der Heimath
eine Gabe gebracht, die sie mir freilich besser nicht gerade
vor meinen Kameraden überreicht hätte. Doch bin ich
ihr dafür dankbar und möchte ihr schon um meiner
Ehre willen ein Gegengeschenk anbieten.“ Damit enthüllte er aus einem Tüchlein einen kleinen, inwendig
vergoldeten Silberbecher von schlichtester Form.

„Ist der Junge toll!“ fuhr der Freiherr auf.
Dann aber mäßigte er sich sogleich. „Was denkst Du,
Jürg!“ fuhr er fort, „Kommt der Becher von Deinem
Vater? . . . Ich wußte nicht, daß er über Gold und
Silber gebiete. Oder erwarbst Du ihn selbst im
Schweiße Deines Angesichts mit einer Schreiberarbeit?
So oder so darfst Du ihn nicht wegschenken. Es geht
Dir knapp genug und er hat Geldeswerth.“

„Ich darf darüber verfügen,“ antwortete der Knabe
selbstbewußt, „denn ich habe ihn mit dem Einsatze meines
Lebens gewonnen.“

„Ja, das hat er, Herr Pompejus!“ ließ sich jetzt
der lebhafte Waser mit Begeisterung vernehmen, „der
Becher kommt von mir. Er ist das Zeichen meiner
Dankbarkeit dafür, daß Jürg mich beim Baden aus den
Wirbeln der reißenden Sihl, die mich hinunterzogen,
mit eigener Lebensgefahr gerettet hat. Und Jenatsch
und ich und Fräulein Lucretia, wir wollen Alle daraus
auf Euer Wohl trinken.“ Sprach's und füllte trotz
eines seine unerhörte Kühnheit mißbilligenden Blickes,
den ihm sein Ohm zuwarf, das Becherlein mit duftendem Neftenbacher aus dem geblümten Deckelkruge.

Jürg Jenatsch ergriff den Becher und suchte mit
den Augen Lucretia. Sie hatte dem Vorgange mit
brennender Aufmerksamkeit gefolgt. Jetzt machte sie sich
von der Magisterin los und stellte sich ernsthaft zu der
Gruppe. Jürg kostete den Wein und reichte ihn mit
dem Spruche: „Auf Dein Wohl, Lucretia, und auf das
Deines Vaters!“ dem schweigenden Kinde, das langsam
von dem Tranke schlürfte, als beginge es eine feierliche Handlung. Dann gab es den Becher seinem
Vater und dieser leerte ihn aus Verdruß mit einem
Zuge.

„Mag es denn sein, Du thörichter Junge!“ sagte
Planta, „aber jetzt mach' daß Du fort kommst. Auch
wir werden bald aufbrechen.“

Jenatsch schied und Lucretia wurde von der Magisterin zu den Stachelbeersträuchern in den kleinen
Hausgarten geführt, um sich, wie die kinderfreundliche
Frau sagte, ihren Nachtisch selbst zu holen. Während
die Herren, diesmal in italienischer Sprache sich unterhaltend, noch einmal zum Becher griffen, setzte sich
Waser still in eine Fensternische mit einem Orbis pictus,
in den er angelegentlich vertieft schien. Der Schlaue
war des Italienischen nicht unkundig, er hatte es mit
Jenatsch halb spielend getrieben und ließ, mit scharfem
Ohre lauschend, sich kein Wort des interessanten Gespräches entgehen.

„Ich werde dem Jungen den Kinderbecher zehnfach
ersetzen,“ begann Planta. „Kein übler Bursche, wenn
er nicht so hoffährtigen und verschlossenen Gemüthes
wäre. Hochmuth kleidet schlecht, wo das Brot im Hause
mangelt. Sein Vater, der Pfarrer von Scharans, ist
ein grundbraver Mann und spricht als mein Nachbar
häufig bei mir ein. Früher häufiger als jetzt. Ihr
könnt Euch nicht vorstellen, Herr Magister, welch ein
schlimmer Geist in unsere Prädikanten gefahren ist. Sie
donnern von den Kanzeln gegen den spanischen Kriegsdienst und predigen Gleichberechtigung des Letzten mit
dem Ersten zu allen Aemtern im Lande, auch zu den
wichtigsten, was bei den gefährlichen politischen Conjuncturen, welche die umsichtigste Führung unsers Staatsschiffleins erfordern, nothwendig zum Verderben des
Landes ausschlagen muß. Von der unsinnigen protestantischen Propaganda, mit der sie unsere katholischen
Unterthanen im Veltlin quälen, will ich nicht reden.
Ich bin wieder katholisch geworden, Herr, obgleich ich
von reformirten Eltern stamme. Warum? Weil im
Protestantismus ein Princip des Aufruhrs auch gegen
die politische Autorität liegt.“

„Stellt Eure Pfarrer besser,“ warf Semmler behaglich lächelnd ein, „und sie werden als zufriedene und
angesehene Leute dem Unterthan von der nothwendigen
Ungleichheit der menschlichen Verhältnisse den richtigen
Begriff zu geben wissen.“

Planta lachte etwas höhnisch über diese der bündnerischen Opferwilligkeit gemachte Zumuthung. „Um
auf den Jungen zurückzukommen,“ sagte er dann, „so
gehört er auf einen Kriegsgaul, nicht hinter das Kanzelbret, und würde dort weniger Unheil stiften. Ich hab'
es dem Alten oft gesagt: Gebt den Burschen mir, es
ist Schade um ihn! Aber der besegnete sich vor dem
spanischen Kriegsdienste, wohin ich den hübschen Jungen
empfehlen wollte.“

Semmler nippte bedächtig seinen Wein und schwieg.
Er schien den Widerwillen des Scharanserpfarrers gegen
die seinem Sohne geöffnete Laufbahn nicht zu mißbilligen.

„Ein Weltkrieg steht bevor,“ fuhr Planta leidenschaftlicher fort, „und wer weiß, wie weit es ein so
verwegenes Blut bringen könnte! Tollkühn ist der
Bursche über alles Maß. Da muß ich Euch doch etwas
erzählen, Herr Magister! Im Sommer vor etlichen
Jahren — der Junge war noch zu Hause — trieb er
sich täglich mit meinem Bruderssohne Rudolf und mit
Lucretia auf dem Riedberg herum. Da kommt einmal
Lucretia, als ich durch den Garten gehe, im Sturm
mit freudeblitzenden Augen auf mich zugelaufen. „Sieh,
sieh, Vater!“ ruft sie athemlos und deutet in die Höhe
zu den Schwalbennestern meines Schloßthurmes. Was
erblick' ich dort, Herr Magister! Rathet einmal . . .
Den Jürg, der rittlings auf dem äußersten Ende eines
weit aus der Dachluke ragenden und sich auf und nieder
wiegenden Brettes sitzt. Und der Schlingel schwingt
noch den Filz und begrüßt uns mit Jubelgeschrei! Der
Andere mochte drinnen auf dem sicheren Ende der improvisirten Schaukel hocken, und da Rudolf — ich sag'
es ungern — ein tückischer Junge ist, graute mir vor
dem Wagstück. Ich erhob drohend die Hand und eilte
hinauf. Als ich ankam, war Alles wieder an Ort und
Stelle. Ich faßte Jürg am Kragen, ihm seine Frechheit vorhaltend; er antwortete aber ruhig, Rudolf hätte
gemeint, er würde sich dessen nicht getrauen und das
hätte er nicht dürfen auf sich sitzen lassen.“

Semmler, dessen Hände bei dieser Geschichte ängstlich nach den Armlehnen seines Stuhls gegriffen hatten,
erlaubte sich nun das in ihm aufsteigende Bedenken auszusprechen, ob der Umgang Lucretias mit so wilden
Jungen, vornehmlich mit dem durch eine unübersteigliche,
mit der Zeit immer größer werdende Kluft von ihr
getrennten Jenatsch, nicht die weibliche Zartheit und
adelich feine Sitte des kleinen Fräuleins gefährden
könnte.

„Flausen!“ rief der Freiherr. „Ihr dürft Euch
darüber keine Gedanken machen, daß das Kind dem
Jungen nach Zürich nachgelaufen ist. Daran ist niemand als der Rudolf Schuld. Er tyrannisirt das
Mädchen und ängstigt es damit, daß er es seine kleine
Braut nennt. — Er mag wohl derartiges von seinem
Vater gehört haben, meinem Bruder wär' es nicht
unwillkommen, denn ich bin der Reichere; — aber das
liegt in weitem Felde. Kurz, sie hat den stärkern Jürg,
den der Andere fürchtet, zu ihrem Beschützer gemacht.
— Natürlich Kindereien. — Lucretia kommt nächstens
zu adelicher Erziehung ins Kloster und hinter den
Mauern wird sie mir sittsam genug werden, denn sie
ist nachdenklichen Gemüths. — Was übrigens Eure
unübersteiglichen Klüfte betrifft, so meinen wir in Bünden, auch wenn wir es nicht sagen: Das ist Vorurtheil.
Ehre, Macht und Besitz, versteht sich von selbst, muß
haben wer um eine Planta werben will. Ob es aus
Jahrhunderten stamme oder gestern errafft sei, darnach
fragen wir zuletzt.“

Hier verjagte der sausende Sturm die vor dem
Blicke des jungen Wanderers gaukelnden Bilder seiner
Knabenzeit. Waser war wieder um fünf Jahre älter
und schritt rüstig auf dem einsamen Saumpfade des
Julier abwärts. Und auf rauhe Weise wurde er in die
Gegenwart zurückgeholt. Ein aus der Thalöffnung des
Engadins aufbrausender Windstoß riß ihm den Hut vom
Kopfe, den er mit einem verzweifelten Seitensprunge
gerade noch erhaschte, ehe der zweite die leichte Beute
dem in der Tiefe strudelnden Wildbache zuwarf.

Drittes Kapitel.

Waser drückte seinen Filz tiefer in die Stirn,
schnallte sein Ränzchen fester, und sprang, am jetzt steil
werdenden Abhange die weiten Windungen des Saumpfades kürzend, eilig abwärts. Erst überschritt er die
Wurzeln blitzgeschwärzter, seltsam verdrehter Arvbäume
und die harten Rinnen ausgetrockneter Wildbäche, dann
trat er weichen Rasen und plötzlich lag das sammetgrüne Engadin geöffnet ihm zu Füßen mit seinen am
blitzenden Inn wie ein Geschmeide aufgereihten Bergseen. Aber es war ein letzter Sonnenstrahl zwischen
Wolken, der es erhellte und thalabwärts in lichter Ferne
über dem See und den Weiden von St. Moritz regenbogenfarbig spielte.

Dem Niedersteigenden gegenüber ragte eine kahle
dunkle Pyramide empor und daneben thalaufwärts ein
eben so hoher mit grünschimmernden Gletschern behangener Grat. Hinter dem Joche, das sie verband,
braute sich das Gewitter und drängte seine leise donnernden Wolken durch die Lücke, in der noch zuweilen grell
ein entfernteres Schneehaupt auftauchte.

Zur Rechten des Wanderers maskirten die Berge
der andern Thalwand jene steile Felstreppe, die fast
plötzlich durch ein tief eingeschnittenes Thal aus der
leichten Bergluft in die Hitze Italiens hinunterführt.
Dort hinter der Maloja quollen, vom Südwinde heraufgejagt, die schwülen Dünste wie ein Nebelrauch hervor
über die feuchten Wiesen von Baselgia Maria, dessen
weiße Thürme hinter einem Regenschleier kaum noch
sichtbar waren.

Jetzt erreichte der Saumpfad das erste Engadinerdorf,
eine Gasse fester Häuser, die mit ihren Strebepfeilern und
vergitterten Fensterluken kleinen Festungen glichen. Aber
der junge Zürcher klopfte an keine der schweren Holzthüren, sondern beschloß trotz der Dämmerstunde auf
der Thalstraße längs der Seen rüstig südwärts zu
schreiten. Sein Vorsatz war, im Hospiz der Maloja
zu nächtigen, um in der Frühe des nächsten Tages über
den Murettopaß nach dem Veltlin aufzubrechen; denn
— Herr Pompejus hatte es errathen — es verlangte
ihn, und jetzt mehr als je, seinen Schulfreund Jenatsch
zu umarmen.

Zwischen diesen hohen Bergen war es früh Abend
und kühl geworden und der Weg dehnte sich endlos
neben den am Gestade plätschernden Wellen. Ein feiner
frostiger Nebelregen verhüllte die Gegend und durchdrang nach und nach die Kleider des in gleichmäßigem
Schritte vorwärts Eilenden. Eine Schläfrigkeit, wie er
sie während der Hitze des Tages nicht gefühlt, fiel auf
seine Sinne und Gedanken wie eine leichte Erstarrung.
Einmal an einer Stelle, wo der Inn mit raschen Wellen
in engem Bette an ihm vorüberschoß und auf dem andern
Ufer der stumpfe Thurm eines schwerfälligen Kirchleins
erschien, glaubte er Pferdegetrappel zu vernehmen. Ueber
die Holzbrücke zu seiner Linken flog ein Reiter, der,
nach der Maloja schwenkend, vor ihm her jagte und
im Abenddunkel verschwand. War diese in einen Mantel
gehüllte Gestalt nicht Herr Pompejus gewesen? Nein,
es war ein einzelner scheuer Nachtfahrer, und der Freiherr geleitete und beschützte ja sein Töchterlein, für das
er gewiß die sichere Gastfreundschaft seiner Sippe in
einem der vornehmen Engadinerdörfer angesprochen
hatte.

Endlich, endlich war der letzte See umschritten,
trat der letzte Felsvorsprung zurück. Durch den Nebel
schimmernder Feuerschein und Hundegebell verkündeten
die Nähe eines Hauses, das nur die Paßherberge sein
konnte. Waser gewahrte, der dunkeln Steinmasse zuschreitend, mit Befriedigung, daß die Pforte der Hofmauer geöffnet war, und sah den Wirth, einen hagern
knochigen Italiäner, die tobenden Hunde an die Kette
legen, wozu ihm der Stalljunge mit einer Pechfackel
leuchtete. Das versprach einen gastlichen Empfang.
Jetzt ergriff der Wirth die Fackel und hielt sie dem
anlangenden Wanderer vors Gesicht.

„Was verlangt der Herr? Womit kann ich
dienen?“ fragte er, in unangenehmer Ueberraschung
einen leisen Fluch, die Aeußerung seines ersten Gefühls,
unterdrückend.

„Welche Frage?“ antwortete Waser in fröhlichem
Tone, „Platz an der Feuerstelle, um mich zu trocknen,
Abendbrot und Nachtlager.“

„Thut mir leid, Herr, — unmöglich!“ versetzte
der Wirth mit einer sein Bedauern und zugleich seine
Unerschütterlichkeit höchst lebhaft ausdrückenden Geberde,
„das Haus ist besetzt.“

„Was, besetzt? Ihr schient ja noch Gäste zu erwarten? Ein Obdach, wie immer beschaffen, könnt Ihr
einem Reisenden in dieser Oede und in solcher frostigen
Regennacht nicht unchristlich verweigern!“

Der Italiäner reckte die Hand aus, gegen Süden
weisend, wo der Nebel dünner war und jenseits der
Wetterscheide der Maloja über zerrissenen Bergzacken
die Mondscheibe durchschimmerte. „Von dorther kommt
es besser,“ sagte er und holte aus dem Hause einen
vollen Becher Wein. „Stärkt Euch damit! Ihr kehrt am
Klügsten nach Baselgia zurück. Ich wünsche Euch eine
gesegnete Nacht.“

Der Trank leuchtete beim Fackelscheine im Glase
wie feuriger Rubin. Begierig langte Waser nach dem
rothen Gefunkel und erquickte sich ohne weitere Gegenvorstellung. Der Wirth drängte ihn höflich und ohne
Bezahlung zu verlangen durch die Hofpforte und schob
den Riegel.

Der junge Zürcher gab das Spiel noch nicht verloren. Statt einen langweiligen Rückzug auf dem eben
durcheilten Wege anzutreten, stieg er, seine Lage bedenkend, den wenige Schritte entfernten Vorsprung hinan,
der wie eine Warte hinausragt über das hier mit
steilem Abfalle beginnende Bregagliathal, jetzt ein brodelnder Nebelkessel, aus dem mondbeglänzt die Spitzen
der zu höchst am Rande stehenden Tannen auftauchten.
Waser spreitete seinen kurzen Mantel aus, setzte sich
darauf und lauschte.

Aus dem Stalle der Herberge erscholl von Zeit zu
Zeit das Wiehern eines Pferdes, — sonst blieb Alles still.
Das Brausen der Wildbäche aus der Tiefe war, vom
Nebel gedämpft, dem Ohre kaum vernehmbar . . . Jetzt
löste sich von dem fernen Rauschen ein leiser heller Ton
ab, ein Geklingel, das nun verwehte — und nun nach
einer Pause deutlicher emporstieg. Wieder verklang es
und hub von Neuem wieder an, diesmal näher und
lauter, als kröche es die Bergwand herauf, den Windungen eines Pfades folgend. — Lange horchte Waser
wie im Traume diesem lieblich unheimlichen Bergwunder
zu; jetzt aber schlug der Ton von Menschenstimmen an
sein Ohr. Offenbar waren es Reiter oder Säumer, die
ihre Thiere antrieben, und — sein Schluß war rasch
gezogen — die vom Wirthe erwarteten Gäste.

Er legte sich flach auf die Erde, um nicht sichtbar
zu werden. Er wollte wissen, wer ihn seines Nachtlagers beraube. Nach geraumer Zeit erreichten zwei
Maulthiere die Höhe, zwei Reiter sprangen ab, offenbar
Herr und Diener, bestürmten mit einigen harten Schlägen das sofort sich öffnende Thor und wurden vom
Wirthe diensteifrig in das noch immer erleuchtete Haus
geführt.

Unwille und Neugier stachelten den jungen Zürcher.
Wie neubelebt sprang er auf und umschlich die geheimnißvolle Festung. Er erinnerte sich des Feuerscheins,
der ihm bei der Ankunft entgegengeleuchtet und der nicht
von der Hofseite gekommen sein konnte. Richtig, da
war an der Rückseite des Hauses das einzelne Seitenfenster mit seiner durch ein schweres Eisengitter flammenden Helle. Er schwang sich auf die Ruine eines
an die Hausmauer gelehnten Ziegenstalles und es gelang
ihm, in die Tiefe des rauchigen Gemaches zu blicken.

Da stand am lodernden Herdfeuer eine steinalte Frau mit einem grundehrlichen Gesichte und hielt
eine Eisenpfanne in der Hand, worin Bergforellen im
prasselnden Fette brieten. Ein bleicher Bursche, dessen
krankhaft starre Züge in dem Schwalle des dunkeln
verwirrten Lockenhaares fast verschwanden, schlief, in
eine Schafhaut gewickelt, auf einer Steinbank im Hintergrunde.

Jetzt galt es klug sein. Waser, als angehender
Diplomat, suchte erst lauschend sich die Situation klar
zu machen und dann den Punkt zu finden, von welchem
aus er sich derselben bemächtigen könnte. Der Zufall
war ihm günstig. Der bleiche Schläfer begann mit
einem ängstlichen Traume zu kämpfen; erst warf er sich
ächzend hin und her, von einer Seite auf die andere,
dann richtete er sich plötzlich mit geschlossenen Augen
und einem Ausdrucke stumpfen Seelenleidens auf, ballte
die Faust, als umschlösse sie eine Waffe, führte einen
Stoß und stöhnte mit dumpfer Traumstimme: „Du
wolltest es, Santissima!“

Jetzt setzte die Alte rasch ihre Pfanne weg, faßte
den Träumer unsanft an der Schulter, rüttelte ihn und
rief ihn an: „Erwache, Agostin! Ich will Dich nicht
länger in meiner Küche. Das sind nicht die Träume
des Erzvaters Jakob . . . Dich plagt der Böse. Fort
in's Heu! Und der Herr behüte Dich vor den Fallstricken der Hölle. —“

Die langlockige, schmale Gestalt erhob sich mit
gesenktem Haupte und entfernte sich ohne Widerrede.

„Was Du für meinen Sohn, den Pfarrer Alexander in Ardenn, mitzunehmen hast, werd' ich Dir morgen
in der Frühe, wenn Du hier Deinen Tragkorb holst,
selber obenauf binden!“ rief ihm die Alte nach und
setzte dann kopfschüttelnd hinzu: „Eigentlich sollt' ich
dem papistischen Querkopfe das theure Erbstück nicht anvertrauen!“. . .

„Das könnt' ich Euch besser besorgen, gute Frau,“
sprach Waser mit Vertrauen erweckender Stimme
zwischen den Eisenstäben hindurch ins Gemach hinein.
„Ich gehe morgen über den Muretto ins Veltlin zu
Pfarrer Jenatsch, dem Freunde und Nachbar Eures
würdigen Sohnes, Herr Blasius Alexander, dessen
Name mir wohl bekannt ist, denn er hat ein gutes
Gerücht in protestantischen Landen. Wohlverstanden,
wenn Ihr mir bis zur Frühe ein trockenes Schlafplätzchen anweisen könnt, denn der Wirth hat mich andrer
Gäste wegen, ausgeschlossen.“ —

Die Alte griff erstaunt aber unerschrocken nach
ihrer Oellampe. Das Flämmchen mit der Hand gegen
den Luftzug deckend, näherte sie sich der Fensteröffnung
und beschaute sich den durch das Gitter redenden Kopf.

Als sie das heiter kluge junge Gesicht und die wohlanständige Halskrause erblickte, wurden ihre scharfen
grauen Augen sehr freundlich und sie sagte: „Ihr seid
wohl auch ein Prädikant?“

„Ein Stück davon!“ antwortete Waser, der in
seiner Heimat nicht leicht eine Unwahrheit sagte, aber
auf diesem wilden unwirthlichen Boden den Umständen
etwas einräumte. „Laßt mich ein, Mütterchen, das
Weitere wird sich finden.“

Die Alte nickte ihm zu, den Finger auf den Mund
legend, und verschwand. Jetzt knarrte ein niedriges
Pförtchen neben dem Ziegenstalle, Waser kletterte hinunter und wurde von der Alten, die seine Hand ergriff,
über ein paar dunkle Stufen hinauf in die Küche gezogen.

„Ein warmes Kämmerchen findet sich wohl, — das
meinige!“ sagte sie, auf eine Leitertreppe neben dem
Rauchfange deutend, die zu einer Fallthüre in der gemauerten Decke führte. „Ich habe die ganze Nacht am
Feuer zu thun, — die Herrschaften drüben setzen sich
eben erst zu Tische. Haltet Euch droben still, Ihr seid
dort sicher, und einen Diener am Wort werd' ich auch
nicht verhungern lassen.“

Damit reichte sie ihm die Ampel, er stieg ohne
weitere Umstände die Leiter hinauf, hob mit der Rechten die Thüre und trat in ein nacktes kerkerähnliches
Kämmerchen. Die Alte folgte ihm mit Brot und Wein,
trat dann durch das Seitenpförtchen in der Wand in
ein, wie es schien, weites luftiges Nebengemach und
kehrte mit einem ansehnlichen Stück gedörrten Schinkens
zurück. An der Wand über einem wenig einladenden
Schragen hing ein großes, massiv mit Silber beschlagenes Pulverhorn.

„Das, Herr,“ sagte darauf deutend die Alte, „will
ich meinem Sohne morgen schicken. Es ist das Erbe
von seinem Ohm und Pathen, ein hundertjähriges
Beutestück aus dem Müsserkriege.“

Nach kurzer Zeit streckte sich Waser auf das Lager
und versuchte zu schlafen, aber es gelang ihm nicht.
Einen Augenblick war er eingedämmert, Traumgestalten
bewegten sich vor seinen Augen, Jenatsch und Lucretia,
Herr Magister Semmler und die Alte am Feuer, der
Wirth zur Maloja und der grobe Lucas setzten sich zu
einander in die seltsamsten Wechselbeziehungen. Plötzlich saßen sie alle auf einer Schulbank, Semmler hob
als griechische Drommete merkwürdiger Weise das große
Pulverhorn an den Mund, aus dem die unerhörtesten
Klagetöne hervordrangen, beantwortet von einem aus
allen Ecken schallenden teuflischen Gelächter.

Waser erwachte, hatte Mühe sich zu erinnern, wo
er sich befinde, und war im Begriffe wieder einzuschlummern, da erschollen, wie er meinte von der Nebenkammer her, in lebhafter Zwiesprache ferne Männerstimmen. Was er jetzt hörte, war kein Traumgelächter.

War es die Aufregung der Reise, war es ein die
heimlich aufsteigende Furcht bekämpfender rascher Entschluß, oder war es einfache Neugier, was den jungen
Zürcher vom Lager trieb? Was immer, er stand schon
an der Thür des anstoßenden Raumes, überzeugte sich,
erst horchend, dann sachte öffnend, daß er leer sei, und
nun durchschritt er auf leisen Zehen die ganze Breite
der Kammer, einem schmalen Lichtschimmer folgend, der
durch die gegenüberstehende Wand drang. Der schwache
röthliche Strahl kam, wie der Tastende sich überzeugte,
durch die Spalte einer morschen mit schweren Eisenbändern beschlagenen Eichenthür. Vorsichtig legte er
sein scharfes Auge an das klaffende Holzwerk, und was
er sah und vernahm war derart, daß er, seine eigene
Lage vergessend, an seinen Posten gebannt blieb.

Es war ein enges, durch eine beschirmte Hängelampe erhelltes Gemach, in das er blickte. Der Redenden
waren zwei und sie schienen sich an einem kleinen, mit
Briefschaften und unordentlich zur Seite geschobenen
Flaschen und Tellern bedeckten Tische gegenüber zu sitzen.
Der Nähere wandte der Thür den Rücken zu und die
breiten Schultern, der Stiernacken, der struppige Krauskopf des heftig Sprechenden füllten zuweilen den ganzen
von der Spalte gewährten Sehkreis. Jetzt beugte er
sich mit demonstrirender Geberde vorwärts und über
seiner Achsel ward in der grellsten Schärfe des Lichtes
das auf die Hand gestützte Haupt des Andern — Waser
erschrack — des Herrn Pompejus Planta sichtbar. Wie
gespannt und gramvoll sah er aus! Tief eingeschnittene
Falten zogen seine buschigen Brauen zusammen über
den eingefallenen aber unheimlich blitzenden Augen. Die
stolze kräftige Lebenslust war geschwunden und in seinen
Zügen kämpften heißer Groll und tiefer Jammer. Er
schien seit heute Mittag um zehn Jahre gealtert.

„Ich willige ungern in das Blutbad, das mir
manchen früher befreundeten Mann aus meiner Sippe
kostet, und noch schwerer in die dann nothwendig werdende spanische Hilfe,“ sprach Planta jetzt langsam und
gedrückt, nachdem der Andere seine sprudelnde, Waser
unklar gebliebene Rede vollendet hatte, „ . . . aber,“
und hier fuhr ein Blitz des Hasses aus den Augen des
Freiherrn, „muß Blut fließen, Robustelli, so vergeßt
mir wenigstens ihn nicht!“

„Den Giorgio Jenatsch!“ lachte der Italiäner wild
und stieß sein Messer in einen neben ihm liegenden
kleinen Brotlaib, den er Herrn Pompejus vorhielt wie
einen gespießten Kopf an einer Pike.

Bei dieser nicht zu mißverstehenden symbolischen
Antwort kehrte der Italiäner die Hälfte seines rohen
Gesichtes dem Lauscher in nächster Nähe zu. Dieser
fuhr zurück und fand es gerathen, sich geräuschlos auf
seine Lagerstätte zurückzuziehen. Die Scene gab ihm
viel zu denken und bestärkte ihn in seinem Vorsatze, auf
dem nächsten Wege in das Veltlin zu eilen und seinen
Freund zu warnen. Wie er es ausführen könne, ohne
sich selbst in diese hochgefährlichen Dinge zu verwickeln,
dies überlegend entschlummerte er, von Müdigkeit überwältigt.

Das erste Morgenlicht dämmerte durch ein schmales
Fensterlein, das eher eine Schießscharte zu nennen war,
als Waser durch ein Klopfen an der Fallthüre geweckt
wurde. Er fuhr in seine Kleider und machte sich reisefertig. Die Alte trug ihm Grüße an ihren Sohn auf,
hing ihm sorgfältig das Pulverhorn um, das sie als
eine werthvolle Familienreliquie zu verehren schien, und
beförderte ihn mit einiger Aengstlichkeit durch das
Küchenpförtchen ins Freie. Hier zeigte sie ihm den in
die Berge zur Linken der Maloja sich verlierenden
Anfang seines heutigen Weges, den schmalen Eingang
zum Thalkessel von Cavelosch.

„Seid Ihr einmal drinnen,“ sagte sie, „so blickt
nach dem kahlen Hange zur Linken des See's, dort
schlängelt sich, weithin sichtbar, der Pfad und dort müßt
Ihr ohne anders den Agostino erblicken. Er ist vor
einer Viertelstunde mit seinem Tragkorbe aufgebrochen
und geht wie ihr nach Sondrio hinüber. Den sprecht
an und haltet Euch zu ihm. Es ist freilich mit ihm
hier,“ sie wies auf die Stirne, „nicht ganz richtig, aber
den Weg weiß er auswendig und ist sonst wie ein
Andrer.“

Waser verabschiedete sich mit herzlichem Danke und
entfernte sich schnellfüßig aus dem Umkreise des noch
stillen Hauses. Zwischen wilden Felstrümmern, die den
Pfad kaum durchließen, betrat er bald das eiförmige,
rings von gletscherbeladenen Wänden abgeschlossene
Thal. Er erblickte den schmalen Steig mit dem längs
dem Abhange schreitenden Agostino und eilte ihm nach.

Der junge Mann hatte die Eindrücke der Nacht
noch nicht überwunden, so sehr er sich bemühte, ihrer
Herr zu werden und sie in klare Gedanken zu verwandeln. Er ahnte, daß, was er geschaut, schweres
Unheil bedeute und daß ihm der Zufall nur einen
geringen, für ihn zusammenhangslosen und unverständlichen Theil sich vorbereitender ungeheurer Schicksale
enthülle. Trotz seines leichten Jugendblutes war er
davon tief erschüttert, denn zwei der hier sich feindlich
entgegengetriebenen Persönlichkeiten, sein Freund und
Herr Pompejus, besaßen, wenn auch auf verschiedene
Weise, seine Liebe und Bewunderung.

Und wie eigen, bezaubernd und schauerlich, war
diese jetzt vom Morgen geröthete Gegend. Unten eine
grüne Seetiefe, umkränzt von üppig bewachsenen Vorsprüngen und buschigen Inselchen, versenkt in eine überall,
überall sich zudrängende unendliche Wildniß dunkelroth
blühender Alpenrosen wie in ein blutiges Tuch. Ringsum
ragten senkrechte schimmernde Felswände, durchzogen von
den silbernen Schlangenwindungen stürzender Gletscherbäche, und im Süden, wo der im Zickzack sich aufwärts
windende Pfad den einzigen Ausgang aus dem Thalrunde verrieth, blendete den Blick ein glänzendes Schneefeld, aus dem röthliche Klippen und Pyramiden hervorstachen.

Jetzt hatte Waser seinen Vormann erreicht und
suchte grüßend ein Gespräch mit dem Schweigsamen
anzuknüpfen, der, in langsames Brüten vertieft, ihn
gleichgültig kaum ansah und sich seine Gesellschaft ohne
Verwunderung und ohne Neugier gefallen ließ. Er
konnte ihm nur wenige Worte abnöthigen und da der
Pfad ohnedies immer rauher und bald auf dem Schnee
schlüpfrig wurde, gab er seine Bemühungen auf.

Schneller, als Waser erwartet hatte, erreichten sie
die Paßhöhe. Hier beherrschte den Ausblick nach Süden
eine hochgethürmte, düstere Gebirgsmasse. Waser erkundigte sich nach dem Namen dieses drohenden Riesen.
„Er hat deren verschiedene,“ antwortete Agostino, „hier
oben in Bünden nennen sie ihn anders, als wir unten
in Sondrio. Hier heißt er der Berg des Unglücks
und bei uns der Berg des Wehs.“ Von diesen schwermüthigen Namen unangenehm berührt, ließ Waser seinen
wortkargen Begleiter voranschreiten, hielt eine kurze
Rast und blieb dann, ohne ihn aus den Augen zu
lassen, eine Strecke hinter ihm, um sich in der kräftigen Bergluft allein der freien Lust des Wanderns zu
ergeben.

So ging es stundenlang abwärts längs des schäumenden, über Felsblöcke tobenden Malero, während die
Sonne immer glühender in die Thalenge hinunterbrannte. Jetzt begannen kräftig aus dem Wiesengrunde
emporgewundene Kastanienbäume den Pfad zu beschatten
und die ersten Weinlauben grüßten mit ihren schwebenden Ranken. Auf den Hügeln schimmerten prunkbeladene
Kirchen und der Weg wurde immer häufiger zur gepflasterten Dorfgasse. Endlich durchschritten sie die
letzte Schlucht und vor ihnen lag im goldenen Abenddufte das breite üppige Veltlin mit seinen heißen Weinbergen und sumpfigen Reisfeldern.

„Dort ist Sondrio,“ sagte Agostino zu dem jetzt
wieder an seiner Seite schreitenden Waser und wies
auf eine italiänische Stadt mit schimmernden Palästen
und Thürmen, die dem aus der Einöde Kommenden
wie ein Feenzauber durch den dunkeln Rahmen des
Felsthors entgegenlachte.

„Ein lustiges Land, Dein Veltlin, Agostino,“ rief
der Zürcher, „und dort am Felsen wächst ja, irr' ich
nicht, der löbliche Sasseller, die Perle der Weine!“

„Er ist im April erfroren,“ versetzte Agostino in
schwermüthiger Stimmung, „zur Strafe unsrer Sünden.“

„Das ist Schade,“ versetzte Jener, „was habt Ihr
denn eigentlich verbrochen?“

„Wir dulden unter uns den giftigen Aussatz der
Ketzerei, aber wir werden in Kürze gereinigt und das
faule Fleisch wird ausgeschnitten werden. Die Todten
und die Heiligen haben in feierlicher Versammlung das
Für und Wider erwogen am achten Mai um Mitternacht dort zu San Gervasio und Protasio,“ er wies
auf eine vor ihnen liegende Kirche, „— der Wächter
hat es wohl gehört und ist vor Schrecken krank geworden — sie haben scharf gestritten . . . aber unser San
Carlo, dessen Stimme zwanzig gilt, ist Meister geworden.“

Nicht bemerkend, wie spöttisch ihn sein Begleiter
von der Seite aus lachenden Augenwinkeln ansah, that
er jetzt, was er unterwegs schon immer gethan, wo ein
Kreuz oder Heiligenbild am Pfade stand, er setzte, vor
einem bunten Schreine der Muttergottes angelangt,
seinen Tragkorb nieder, warf sich auf die Kniee und
starrte mit brennenden Augen durch das Gitter.

„Saht Ihr, wie sie mir winkte?“ sagte er nach
einiger Zeit im Weitergehen wie geistesabwesend.

„Ja wohl,“ meinte der Zürcher lustig, „Ihr scheint
bei ihr gut angeschrieben zu sein. An was hat sie Euch
denn erinnert?“

„Meine Schwester umzubringen!“ erwiderte er mit
einem schweren Seufzer.

Das war dem jungen Zürcher zu viel. „Lebt
wohl, Agostino,“ sagte er. „Auf meiner Karte steht
ein Seitenweg nach Berbenn, da ist er ja schon, nicht
wahr? Ich kann abkürzen.“ Und er drückte dem leidigen
Gesellen ein Geldstück in die Hand.

Waser wandte sich zwischen den Mauern der Weinberge rechts um den Fuß des Gebirges und erblickte
nach kurzer Wanderung das unter dem schattenden Grün
der Kastanien fast verborgene Dorf Berbenn, sein Reiseziel. Ein halbnackter Bube wies ihm die Pfarre. Ein
ärmliches Haus — aber an seiner Vorderseite umhangen
und beladen mit einem so reichen Prunke von Blättern
und Trauben, mit so üppigen Kränzen von übermüthigem Weinlaube, daß sein dürftiger Bau darunter verschwand. Ein breites Gitterdach auf morschen Holzsäulen
bildete die schwache Stütze dieses lastenden Reichthums
und die Vorhalle des Häuschens. Oben spielten die
letzten Strahlen der Abendsonne auf den warmen goldgrünen Blättern, darunter lag Alles im tiefsten Schatten.

Während Waser diese noch nie geschaute freie Fülle
bestaunte, erschien eine leichte Gestalt in der Thüre,
und als sie aus dem grünen Schatten trat, war es ein
schönes noch mädchenhaftes Weib, das einen Krug zum
Wasserholen auf dem Kopfe trug. Der nackte Arm
stützte leicht das auf den dicken braunen Flechten ruhende
Gefäß, sie bewegte sich in schwebender Anmuth mit gesenkten Wimpern heran und als nun Waser in achtungsvoller Haltung höflich grüßend vor ihr stand und sie
die sanften leuchtenden Augen auf ihn richtete, war
ihm, er habe noch nie im Leben einen solchen Triumph
der Schönheit gesehen.

Auf seine Erkundigung nach dem Herrn Pfarrer
zeigte sie ruhig mit der freien Hand durch die Weinlaube und den dunkeln Flur nach einer Hinterthür des
Hauses, wo die goldene Abendhelle eindrang. Von
dorther scholl zu Wasers Verwunderung kriegerischer
Gesang.

„Kein schönrer Tod ist in der Welt
Als wer vorm Feind hinscheidt . . .“

Das Lied des deutschen Landsknechts, das so todesfreudig und doch so lebensmuthig klang, konnte, daran
war kein Zweifel, nur aus der kräftigen Kehle seines
Freundes kommen. In der That, da kniete er im
Schatten einer mächtigen Ulme, und womit beschloß der
Pfarrer von Berbenn sein Tagewerk? er schliff am
Wetzsteine einen gewaltigen Raufdegen.

Vor Ueberraschung blieb Waser einen Augenblick
wortlos stehen. Der Knieende gewahrte ihn, stieß das
Schwert in den Rasen, sprang auf, breitete die Arme
aus und drückte mit dem Rufe „Herzenswaser!“ den
Freund an seine breite Brust.

Viertes Kapitel.

Nachdem sich der Ankömmling aus der Umschlingung
des Pfarrers losgewunden, maßen sie sich gegenseitig
mit fröhlichen Augen.

Waser war etwas verblüfft; aber es gelang ihm,
nichts davon merken zu lassen. Er fühlte sich ein wenig
gedrückt neben der athletischen Gestalt des Bündners,
von dessen braunem bärtigen Haupte ein Feuerschein
wilder Kraft ausging. Er ahnte es, die Gewalt eines
unbändigen Willens, die früher in den düstern, fast
schläfrigen Zügen seines Schulgenossen geschlummert
haben mochte, war geweckt, war entfesselt worden durch
die Gefahren eines stürmischen öffentlichen Lebens.

Jenatsch seinerseits war von der fertigen und
saubern Erscheinung seines zürcherischen Freundes, der
mit klug bescheidenen Blicken, doch in seiner Weise
sicher vor ihm stand, sichtlich befriedigt, und offenbar
erfreut, mit einem Vertreter städtischer Kultur in seiner
Abgeschiedenheit zu verkehren.

Der Bündner lud seinen Gast mit einer Handbewegung zum Sitzen ein auf die rings um den Stamm
der Ulme laufende Bank und rief mit tönender Stimme:

„Wein! Lucia.“

Das schöne stille Weib, dem Waser beim Eintritt
in das Haus begegnet war, erschien bald mit zwei vollen
Steinkrügen, die sie mit einer lieblich schüchternen Verneigung zwischen die Freunde auf die Holzbank setzte,
demüthig sich gleich wieder entfernend.

„Wer ist das holdselige Geschöpf?“ fragte Waser,
der ihr mit Wohlgefallen nachschaute.

„Mein Eheweib. Du begreifst, daß hier mitten
unter den Götzendienern,“ Jenatsch lächelte, „ein protestantischer Priester nicht unbeweibt bleiben durfte. Es
ist einer unserer Hauptsätze! Ueberdieß schärfte mir das
jetzige laue Regiment, das mich aus dem Wege haben
wollte und mich auf diese einsame Strafpfarre beförderte, ausdrücklich ein, so viele Seelen als möglich aus
dem Pfuhle des Aberglaubens zu ziehen. Das war
mein redlicher Vorsatz. Aber bis jetzt ist mir nur eine
Bekehrung gelungen, die der schönen Lucia. Und wie?
Indem ich meine eigene Person dafür verpfändete.

„Sie ist aus der Maßen schön,“ bemerkte Waser
nachdenklich.

„Gerade schön genug für mich!“ sagte Jenatsch,
seinem Gaste den einen Krug überreichend, während er
den andern an die Lippen setzte, „und die Sanftmuth
selbst, — sie hat von ihren katholischen Verwandten
meinetwegen viel zu leiden. Aber was hast Du da für
ein stattliches Pulverhorn, Freund? das ist ja das Erbstück aus der Familie der Alexander! . . . Richtig, der
Alte in Pontresina ist gestorben und nun kommt es an
den wackern Blasius, meinen Collegen in Ardenn.
Darum könnt' ich ihn beneiden. Doch wie in aller
Welt kommst gerade Du dazu, es ins Veltlin zu
bringen?“

„Das gehört zu meinen Reiseerlebnissen, die ich
Dir später des Nähern berichten werde,“ erwiederte
Waser, der mit sich selbst noch nicht im Klaren war,
wie weit er das warnende Abenteuer der Maloja enthüllen könne, ohne gegen seinen Vorsatz von dem heißblütigen Freunde aus der einen Mittheilung in die
andere fortgerissen zu werden. „Aber jetzt, lieber Jürg,
kläre mich vor allen Dingen auf über die merkwürdigen
Ereignisse, die in den letzten Jahren die Aufmerksamkeit aller Politiker auf Dein Vaterland lenkten. Quorum pars magna fuisti! Du warst dabei die Hauptperson.“

„Darüber kannst Du leichtlich besser unterrichtet
sein als ich, wenigstens was den Zusammenhang betrifft,“ antwortete Jenatsch, indem er den linken Fuß
auf den Schleifstein setzte und ein Bein über das andere
schlug, „Du arbeitest ja auf eurer Staatskanzlei und
die Herren von Zürich lassen sich nichts zu viel kosten,
um nur immer auf dem Laufenden zu bleiben. Uebrigens
ist Alles ganz natürlich zugegangen, verkettet nach
Ursache und Wirkung. Du weißt also, denn in eurer
Rathsstube mag es häufig aufs Tapet gekommen sein,
daß seit Jahren Spanien-Oesterreich unsere Katholiken
besticht, um unser Bündniß und freien Durchzug für
seine Kriegsbanden zu erlangen und uns jetzt, aus
Verdruß, durch seine Miethlinge nichts erreicht zu haben,
dort,“ er wies nach Süden, „die Festung Fuentes gegen
alle Verträge als eine tägliche Bedrohung an die Schwelle
unseres Landes Veltlin gesetzt hat. — Wir können sie
morgen besuchen, Heinrich, wenn Du willst und Du
wirst bei Deinen gnädigen Herren in Zürich einen Stein
im Brete gewinnen durch die Beschreibung des an Ort
und Stelle besichtigten Streitobjectes. — Das war
lästig, aber es ging uns nicht ans Leben. Dann aber,
als es jedem klar denkenden Kopfe zur Gewißheit wurde,
daß die katholischen Mächte zum Vernichtungskriege gegen
den deutschen Protestantismus rüsteten. . . .“

„Unbestreitbar,“ warf Waser ein.

„. . . Da wurde es zur Lebensfrage für Spanien,
sich die Militärstraße von seinem Mailand ins Tyrol
durch unser Veltlin, über unser Gebirg, um jeden Preis
zu sichern, und zur Lebensfrage für uns, dies um jeden
Preis zu verhindern. Unsere spanische Partei mußte
zum Nimmerwiederaufstehn niedergeschmettert werden!“

„Ganz richtig,“ sagte der Zürcher, „wenn ihr
nur nicht zu so gar gewaltthätigen Mitteln gegriffen
hättet, wenn nur euer Volksgericht in Thusis weniger
form- und regellos und seine Strafen weniger blutig
gewesen wären!“

„Wasche mir den Pelz, ohne ihn naß zu machen!
Wenn du kannst! Uebrigens war es nicht so schlimm.
Wir wurden durch übertriebene Berichte verleumdet
und die beiden Planta zogen an euern Tagsatzungen
und in aller Herren Länder herum, uns anzuschwärzen und schlecht zu machen.“ —

„Der keiner Partei verfallene und von allen Rechtschaffenen geachtete Fortunatus Juvalt hat nach Zürich
geschrieben, ihr wäret unbarmherzig mit ihm umgegangen.“ —

„Geschah dem Pedanten Recht! In einer kritischen
Zeit muß man Partei zu ergreifen wissen. Da heißt
es: Die Lauen werd' ich aus dem Munde speien.“ —

„Er klagte, es wären falsche Zeugen gegen ihn
aufgestanden.“ —

„Mag sein. Auch kam er ja mit dem Leben davon
und wurde nur zu einer Buße von vierhundert Kronen
verurtheilt wegen zweideutiger Gesinnung.“ —

„Ich begreife,“ fuhr Waser nachdenklich fort, „daß
ihr Pompejus Planta und seinen Bruder Rudolf des
Landes verweisen mußtet; aber war es denn nöthig,
sie wie gemeine Verbrecher zu brandmarken und mit
Henkerstrafen zu bedrohen, ohne Rücksicht auf die glänzenden Verdienste ihrer Vorfahren und die tiefen Wurzeln
ihrer Stellung im Lande?“ —

„Niederträchtige Verräther!“ fuhr Jenatsch zornblitzend auf. „Die Schuld unserer ganzen Gefahr und
Verstrickung lastet auf ihnen und möge sie zermalmen!
Zuerst und vor Allen haben sie mit Spanien gezettelt!
Kein Wort, Heinrich, zu ihrer Vertheidigung!“ —

Verletzt durch dies herrische Ungestüm, sagte Waser
mit etwas gereizter Stimme und dem Gefühle, jetzt
einen wunden Punkt zu treffen: „Und der Erzpriester
Nicolaus Rusca? — Er galt allgemein für unschuldig.“ —

„Ich glaube, er war es,“ — flüsterte Jenatsch,
dem sichtlich bei dieser Erinnerung unbehaglich zu
Muthe ward, und blickte starr vor sich hin in die
Dämmerung.

Erstaunt über diese seltsame Aufrichtigkeit schwieg
der Andere eine Weile. „Er ist auf der Folter mit
durchgebissener Zunge gestorben . . .“ sagte er endlich
vorwurfsvoll.

Jenatsch antwortete in kurzen abgerissenen Sätzen:
„Ich wollte ihn retten . . . Wie konnt' ich wissen, daß
der Schwächling die ersten Foltergrade nicht überstehen
würde . . . Er hatte persönliche Feinde. Die Aufregung
gegen die römischen Pfaffen wollte ihr Opfer haben.
Unsere katholischen Unterthanen hier im Veltlin mußten
eingeschüchtert werden. Es kam, wie geschrieben steht:
Besser ist's, daß Einer umkomme, als daß das ganze
Volk verderbe.“ —

Wie um die trübe Stimmung abzuschütteln, erhob
sich nun Jenatsch, den Freund aus dem dunkelnden
Gartenraume ins Haus zu führen. Ueber der Mauer
sah man den schlanken Kirchthurm vom letzten Abendgold sich abheben.

„Der Unglückliche hat übrigens hier noch zahlreiche Anhänger,“ sagte er, und dann auf die Kirche
weisend: „dort las er seine erste Messe vor dreißig
Jahren.“ —

Im Hauptgemach, das nach dem Flur offen stand,
brannte eine Lampe. Als die Beiden das Haus betraten, sahen sie die junge Frau an der Vorderthür
bei einer Freundin stehen, die sie herausgerufen zu
haben schien und ihr mit ängstlichen Geberden etwas
zuflüsterte. Hinter ihnen auf der Dorfgasse liefen in
der Dämmerung Leute vorüber und man vernahm ein
wirres Getön von Stimmen, aus dem jetzt deutlich der
Ruf eines alten Weibes hervorkreischte: „Lucia, Lucia!
Ein entsetzliches Wunder Gottes!“

Jenatsch, dem solche Scenen nicht neu sein mochten, wollte, seinem Gaste den Vortritt lassend, die Zimmerschwelle überschreiten, als die junge Frau sich ihm
näherte und ihn angstvoll am Aermel faßte. Waser,
der sich umwendete, sah, wie sie todtenblaß die gefalteten Hände zu ihrem Manne erhob.

„Geh' an Deinen Herd, Kind, und besorge uns
ruhig das Abendessen,“ befahl er freundlich, „damit Du
mit Deiner Kunst bei unserm Gaste Ehre einlegest.“
Dann wandte er sich unmuthig lachend zu Waser: „Die
verrückten welschen Hirngespinnste! Sie sagen, der todte
Erzpriester Rusca stehe drüben in der Kirche und lese
Messe! — Ich will dem Wunder zu Leibe rücken.
Kommst Du mit, Waser?“

Diesem lief es kalt über den Rücken, aber die
Neugierde überwog und: „Warum nicht!“ sagte er mit
muthiger Stimme; dann, als sie der vorwärts treibenden Menge verstörter Leute durch die Dorfgasse nach
der Kirche folgten, fragte er flüsternd: „Der Erzpriester
ist doch wirklich nicht mehr am Leben?“

„Sapperment!“ versetzte der junge Pfarrer, „ich
war dabei, als man ihn unter dem Galgen in Thusis
verscharrte.“

Jetzt traten sie durch die Hauptpforte in die Kirche.
Das Schiff, welches sie nun durchschritten, war zum
Behufe des protestantischen Gottesdienstes von allen
Heiligthümern gereinigt und enthielt außer den Bänken
für die Zuhörer nur den Taufstein und eine nackte
Kanzel. Ein Breterverschlag mit einer kleinen Thüre
trennte davon den weiten Chor, der den Katholiken
verblieben und von ihnen zur Capelle eingerichtet worden war.

Als Jenatsch öffnete, befanden sie sich dem Hauptaltare gegenüber, dessen heiliger Schmuck und silbernes
Crucifix in einem letzten durch das schmale Bogenfenster
einfallenden Abendschimmer kaum mehr zu erkennen
waren. Vor ihnen drängte sich Kopf an Kopf die
knieende murmelnde Menge, Weiber, Krüppel, Alte. Längs
der Wände schoben sich dürftige Männergestalten, mit
den langen magern Hälsen vorwärts lauschend und den
Filz krampfhaft vor die Brust gedrückt.

Auf dem Hochaltare flackerten zwei düstere Kerzen,
deren Licht mit dem letzten von außen kommenden
Schimmer der Dämmerung kämpfte. Die zwei Flämmchen bewegten sich in einem von zerbrochenen Fensterscheiben eingelassenen Luftzuge, der sie auszulöschen
drohte, und tanzende Schatten trieben auf dem Altare
ein seltsames Spiel. Der streichende Wind bewegte
zuweilen mit leisem Geknatter die schwach schimmernden
Falten der Altardecke. Erregte Sinne mochten wohl
das weiße Gewand eines Knieenden auf den Stufen
erblicken.

Jenatsch stieß im Mittelgange mit seinem Freunde
vor, von den einen, in Verzückung Versunkenen, kaum
bemerkt, von den Andern mit bösen, feindlichen Blicken
und leisen Verwünschungen verfolgt, aber von Keinem
zurückgehalten. Jetzt stand der athletische Mann, Allen
sichtbar, dem Altare gegenüber; aber vor diesem hatte
sich auch schon eine Anzahl unheimlich drohender Gesellen wie eine Schutzwehr gegen Heiligenschändung
zusammengedrängt. Waser glaubte blinkende Dolche zu
erblicken.

„Was ist das für ein unchristlicher Zauber!“ rief
Jenatsch mit schallender Stimme. „Laßt mich zu, daß
ich ihn breche!“ —

„Sacrilegium!“ murrte es aus der dichten Reihe
der Veltliner, die einen Ring um den Bündner zu
schließen begann. Zwei griffen nach seiner vorgestreckten
Rechten, Andere drängten sich von hinten an ihn; aber
Jenatsch machte sich mit einem gewaltigen Rucke frei.
Um sich nach vorn Luft zu schaffen, packte er den nächsten
seiner Angreifer mit eiserner Faust und schleuderte ihn
rücklings gegen den Hochaltar. Der Stürzende schlug
mit ausgebreiteten Armen, die Füße gegen die Menge
streckend, hart auf die Stufen und begrub den buschigen
Hinterkopf in die Altardecken. Leuchter und Reliquienschreine klirrten und es erhob sich ein langes durchdringendes Wehgeheul.

Dieser Moment der Verwirrung rettete den Pfarrer.
Er benutzte ihn blitzschnell, durchbrach gewaltsam, seinen
Freund nach sich ziehend, den verwirrten Menschenknäuel,
erreichte die offene Sakristei, gewann das Freie und
eilte mit Waser seinem Hause zu.

In dem sichern Wohnraume angelangt, stieß der
Hausherr einen Schieber an der Wand zurück und rief
in die Küche hinaus:

„Trag' uns auf, meine Lucia!“

Herr Waser aber klopfte den Staub des Handgemenges aus seinen Kleidern und zog Manschetten und
Halskrause zurecht. „Pfaffentrug!“ sagte er, diesem
Geschäfte mit Sorgfalt obliegend.

„Vielleicht, vielleicht auch nicht! Warum sollten
sie nicht etwas gesehen haben? Irgend ein Phantom?
Du weißt nicht, welche sinnverwirrenden Dünste aus
den Sümpfen dieser Adda aufsteigen. — Schade um
das Volk; es ist sonst so übel nicht. Im obern Veltlin
lebt ein geradezu tüchtiger Schlag, ganz verschieden von
diesen gelben Kretinen.“

„Hättet ihr Bündner nicht klüger gethan, ihnen
einige beschränkte bürgerliche Freiheiten zu gewähren?“
warf Waser ein.

„Nicht bürgerliche nur, auch die politischen Rechte
hätte ich ihnen gegeben, Heinrich. Ich bin ein Demokrat,
das weißt Du. Aber da ist ein schlimmer Haken. Die
Veltliner sind hitzige Katholiken, zusammen mit dem
papistischen Drittel unserer Stammlande würden sie
Bünden zu einem katholischen Staate machen — und
da sei Gott vor!“

Indessen hatte die reizende Lucia, die jetzt sehr
niedergeschlagen aussah, den landesüblichen Risott aufgetragen und der junge Pfarrer füllte die Gläser.

„Auf das Wohl der protestantischen Waffen in
Böhmen!“ rief er, mit Waser anstoßend. „Schade,
daß Du Deinen Plan aufgegeben hast und jetzt nicht
in Prag bist. In diesem Augenblicke vielleicht geht es
dort los.“

„Möglicherweise ist es für mich rühmlicher hier
bei Dir zu sein. Man darf nach den neuesten Nachrichten bezweifeln, ob der Pfalzgraf den Hengst zu
regieren weiß, auf den er sich so galant gesetzt hat. —
Es ist doch nichts daran, daß ihr euch mit dem Böhmen
verbündet habt?“

„Wenig genug, leider! Wohl sind ein paar Bündner hingereist, aber gar nicht die rechten Leute.“

„Das ist sehr gewagt!“

„Im Gegentheil, zu wenig gewagt! Keiner gewinnt, der nicht den vollen Einsatz auf den Tisch wirft.
Unser Regiment ist erbärmlich lässig. Lauter halbe
Maßregeln! Und doch haben wir unsere Schiffe verbrannt, mit Spanien so gut wie gebrochen und die
Vermittlung Frankreichs grob abgewiesen. Wir sind
ganz auf uns selbst gestellt. In ein paar Wochen
können die Spanier von Fuentes her einbrechen und
es ist — kannst Du's glauben, Waser? — für keine
Vertheidigung gesorgt. Ein paar erbärmliche Schanzen
sind aufgeworfen, ein paar Compagnien einberufen, die
heute kommen und sich morgen verlaufen. Keine Kriegszucht, kein Geld, keine Führung! Und mich haben sie
wegen meines eigenmächtigen Eingreifens, wie sie's
nennen, das sich für meine Jugend und mein Amt nicht
schicke, von jedem Einflusse auf die öffentlichen Dinge
abgeschnitten und so fern als möglich von ihren Rathsstuben an diese Bergpfarre gefesselt. Die ehrwürdige
Synode aber ermahnt mich, eine faule Friedsamkeit
zu predigen, während über meinem Vaterlande stoßfertig
die spanischen Raubgeier schweben. Es ist zum Tollwerden! — Täglich mehren sich die Anzeigen, daß hier
unter den Veltlinern eine Verschwörung brütet. Ich
kann nicht länger zusehen. Morgen will ich selbst noch
eine Recognoscirung gegen Fuentes vornehmen, — Du
kommst mit, Waser, ich habe einen anständigen Vorwand, — und übermorgen reiten wir zum Landeshauptmann nach Sondrio. Er versteht nichts anderes, als
am Mark dieses fetten Landes zu zehren, das wir
morgen verlieren können, der träge Blutsauger! Aber
ich will ihm so zusetzen, daß ihm der Angstschweiß aus
allen Poren bricht. — Du hilfst mir, Waser.“ —

„In der That,“ bemerkte dieser zögernd und geheimnißvoll, „auch ich habe auf meiner Reise durch
Bünden einige Witterung bekommen, daß etwas im Thun
sein möchte.“

„Und das sagst Du mir jetzt erst, Kind des Unglücks!“ rief der Andere scharf und gespannt. „Gleich
erzähle Alles und ganz nach der Ordnung. Du hast
etwas gehört? Wo? von wem? was?“

Waser ordnete geschwind in seinem Geiste das
Erlebte, um es seinem gewaltthätigen Freunde passend
vorzulegen. „Auf dem Hospiz der Maloja,“ begann er
vorsichtig.

„Sitzt als Wirth der Scapi, ein Lombarde, also
mit den Spaniern einverstanden. Weiter.“

„Hörte ich, freilich halb im Schlummer, neben
meinem Schlafkämmerlein ein Zwiegespräch. Ich glaubte,
es sei von Dir dir Rede. — Wer ist Robustelli?“

„Jakob Robustelli von Grosotto ist ein ausbündiger Schuft, ein Dreckritter, durch Kornwucher reich und
durch spanische Gunst adelich geworden, der Patron und
Spießgeselle aller Malandrini und Straßenräuber, —
jeder Missethat und jeden Verrathes fähig!“

„Dieser Robustelli,“ sagte Waser mit Gewicht,
„trachtet Dir, wenn ich richtig hörte, nach dem Leben.“

„Wohl möglich! Das ist nicht die Hauptsache.
Wer war der Andere, mit dem er zettelte?“ —

„Ich hörte seinen Namen nicht,“ antwortete der
Zürcher, der es für Pflicht hielt, dem Herrn Pompejus
das Geheimniß zu bewahren, und als Jenatsch ihn
drohend anblitzte, fuhr er herzhaft fort: „Und wüßt'
ich den Namen, so will ich ihn nicht nennen!“

„Du weißt ihn! . . . . Heraus damit!“ drang
Jenatsch auf ihn ein.

„Jürg, Du kennst mich! Du weißt, daß ich
mir diese Faustrechtmanieren nicht gefallen lasse, ich
verbitte mir das,“ wehrte Waser mit möglichst kalter
Miene ab.

Da legte ihm der Andere liebkosend den starken
Arm um die Schultern und sagte mit zärtlicher Wärme:
„Sei offen, Herzenswaserchen! Du verkennst mich!
Nicht für meine Person sorg' ich, sondern für mein
vieltheures Bünden. Wer weiß, vielleicht hängt an
Deinen Lippen seine Rettung und das Leben von
Tausenden!“ . . .

„Schweigen ist hier Ehrensache,“ versetzte Waser
und machte einen Versuch sich der leidenschaftlichen
Umarmung zu entziehen.

Jetzt fuhr eine düstere Flamme über das Antlitz
des Bündners. „Bei Gott,“ rief er, den Freund an
sich pressend, „sprichst Du nicht, so erwürg' ich Dich,
Waser!“ und als der Erschrockene schwieg, griff er nach
dem Dolchmesser, womit er Brot geschnitten, und richtete
die drohende Spitze desselben gegen die Halskrause des
Zürchers.

Dieser wäre sicherlich auch jetzt noch standhaft geblieben, denn er war im Innersten empört; aber bei
einer unvorsichtigen Bewegung des Sträubens, die er
gemacht, hatte der scharfe Stahl seinen Hals geritzt
und ein paar Blutstropfen waren, unheimlich warm,
daran heruntergerieselt.

„Laß mich, Jürg,“ sagte er, leicht erbleichend, „ich
will Dir etwas zeigen!“ Er zog sein Taschenbuch hervor, schlug das Blatt mit der Skizze der Juliersäulen
auf und legte es vor Jenatsch auf den Tisch. Dann
holte er sein weißes Schnupftuch heraus und wischte
sich behutsam das Blut ab, während der Bündner das
Büchlein hastig ergriff. Sein erster Blick auf die
Zeichnung traf die von Lucretia zwischen die Juliersäulen geschriebenen Worte und er versank plötzlich in
finsteres Nachdenken.

Waser, der ihn schweigend beobachtete, erschrack
innerlich über den Eindruck, den Lucretias von ihm
wider Willen übernommene und bestellte Botschaft auf
Jürg Jenatsch machte. Er hatte nicht ahnen können,
wie rasch der Scharfsinn des Volksführers den Zusammenhang der Thatsachen errieth und wie sicher und
unerbittlich er sie verkettete. Trauer und Zorn, weiche
Erinnerungen und harte Entschlüsse schienen über den
halb Abgewandten wechselnd Gewalt zu gewinnen.
„Arme Lucretia!“ hörte Waser ihn aus tiefster Seele
seufzen, dann wurde sein Ausdruck immer räthselhafter,
verschlossener, und härtete sich zur Undurchdringlichkeit.
— „Sie waren auf dem Julier . . . ihr Vater ist also
in Bünden . . . Pompejus Planta, du bist zum Spießgesellen eines Robustell herabgesunken!“ . . . sprach er
fast ruhig. Plötzlich sprang er auf: „Nicht wahr,
Waser, meine verwünschte Hitze? Du hattest auf der
Schule davon zu leiden und ich bin ihrer noch immer
nicht Herr geworden! . . . Geh zu Bette und verschlafe
Dein böses Abenteuer! — Morgen in der kühlen Frühe
machen wir den Ritt nach Fuentes auf zwei untadeligen
Maulthieren. Du sollst an mir den leidlichen Gesellen
finden von ehedem. Unterwegs läßt sich über Manches
gemüthlich plaudern.“

Fünftes Kapitel.

Herr Waser erwachte vor Tagesanbruch. Als er
mit Mühe den Fensterladen aufstieß, der von dem
üppigen Geäste und Blätterwerke eines Feigenbaumes
gesperrt und dicht überflochten war, geschah es im
Widerstreite zweifelnder Gedanken. Er war mit dem
Vorsatze entschlafen, seinen gewaltthätigen Freund und
das allzu abenteuerliche Veltlin ohne Zögern und auf
dem nächsten Wege über Chiavenna zu verlassen. Ein
erquickender Schlaf jedoch hatte die gestrigen Eindrücke
gemildert und seinen Entschluß wankend gemacht. Die
Liebe zu seinem merkwürdigen Jugendfreunde gewann
die Oberhand. War es denn dieser heftigen und, wie
er sich sagte, nicht durch städtische Bildung veredelten
Natur stark zu verargen, wenn sie losbrach, wo Heimat
und Leben gefährdet war? Und kannte er nicht von
früher her Jürgs jähen Stimmungswechsel, seine wilden,
heißblütigen Scherze! Eines jedenfalls war für ihn
außer Frage: Durch plötzliche Abreise hätte er ein
Unheil nicht verhütet, das aus dem halben Geständnisse
entstehen konnte, welches ihm Jürg abgezwungen; blieb
er aber, theilte er seinem Freunde das Erlebte vollständig mit, so erwiederte dieser sicherlich sein Vertrauen
und er erfuhr, wie sich Jürgs Verhältniß zu Lucretias
Vater so grenzenlos verbittert hatte. Dann erst kam
der Augenblick, seinen versöhnenden Einfluß geltend zu
machen.

So ritten sie in vertraulichem Gespräche nach
Fuentes. Jenatsch kam nicht auf das Gestrige zurück
und war freudig wie der helle Morgen. Fast leichtsinnig nahm er Wasers ausführlichen Reisebericht entgegen und bereitwillig antwortete er auf dessen eingehende Fragen. Aber Waser erfuhr weniger und
minder Wichtiges, als er erwartete. — Nach einem
letzten Universitätsjahre in Basel, erzählte Jürg, sei er
ins Domleschg zurückgekehrt. Dort habe er seinen Vater
auf dem Sterbelager gefunden und sei nach dessen
Ableben von den Scharansern trotz seiner grünen achtzehn Jahre einstimmig zu ihrem Pfarrer gewählt worden.
Auf Riedberg habe er einen einzigen Besuch gemacht,
wobei er allerdings mit Herrn Pompejus über politische
Dinge in Wortwechsel gerathen sei. Persönliches habe
sich nicht eingemischt; aber der Eindruck auf Beide sei
der gewiesen, daß sie sich besser mieden. Als der erste
Volkssturm gegen die Planta sich erhoben, habe er von
der Kanzel abgewarnt, denn er sei damals noch der
Meinung gewesen, ein Geistlicher müsse seine Hände
von der Politik rein halten; als aber das Staatsruder
bei wachsender Gefahr keinen muthigen Steuermann
gefunden, habe ihn das Mitleid mit seinem Volke überwältigt. Das Strafgericht von Thusis, das er für
eine blutige Nothwendigkeit gehalten, habe er allerdings
mit einsetzen helfen und ihm sein Tagewerk angewiesen.
Die Verurtheilung der Planta dagegen, deren Praktiken
übrigens landeskundig gewesen, habe er weder begünstigt
noch verhindert, sie sei wie ein einstimmiger Schrei aus
dem Volke hervorgegangen.

So wendete das Gespräch sich völlig der Politik
zu, obwohl Waser zuerst sich bestrebte, es auf den persönlichen Verhältnissen seines Freundes festzuhalten;
aber er wurde überwältigt und hingerissen durch das
Ungestüm, mit dem Jürg die den Zürcher höchlich
interessirenden und von ihm gründlich erwogenen
Probleme europäischer Staatskunst anfaßte; er wurde
erschreckt und aufgeregt durch die Frechheit, mit der
Jürg die harten Knoten rücksichtslos zerhieb, deren
behutsame Lösung Waser als die höchste Aufgabe und
den wünschenswerthen Triumph der Diplomatie erkannte.

Es war ihm denn in diesem raschen Wechsel der
Rede und Widerrede kaum die einzige schüchterne Frage
gelungen, ob Fräulein Lucretia während der traurigen
Wirren im Domleschg auf dem Riedberge gewohnt habe.
Da hatte sich Jürgs Antlitz wie gestern Abend wieder
plötzlich verfinstert und er hatte kurz geantwortet: „Zu
Anfang. — Das Kind hat gelitten. Es ist ein treues
festes Herz . . . Aber soll ich die Fesseln eines Kindes
tragen? . . . Und dazu einer Planta! — Thorheit. —
Du siehst, ich habe ein Ende gemacht.“ —

Hier hatte er sein Thier so heftig gestachelt, daß
es in erschreckten Sprüngen vorwärts setzte und Waser
nur mühsam das seinige in Zucht hielt.

In Ardenn trieben sie ihre Maulthiere vor die
Thüre des Pfarrers, aber diese war verschlossen. Blasius
Alexander war nicht zu Hause, Jenatsch, der mit den
Gewohnheiten seines einsam lebenden Freundes vertraut
schien, umging das baufällige Häuschen, fand den
Schlüssel zur Hinterthüre in der Höhlung eines alten
Birnbaumes und trat mit dem Freunde in Alexanders
Stube. Der von den Bäumen des wilden Gartens
verdunkelte Raum war leer bis auf die längs der
Fensterseite laufende Holzbank und den wurmstichigen
Tisch, auf dem eine große Bibel ruhte. Neben dieser
geistlichen Waffe blickte aus der Ecke eine weltliche.
Dort lehnte eine altväterische Muskete, über welche nun
Jenatsch das ihm von seinem Begleiter gebotene Pulverhorn aus dem Müsserkriege an einen Holznagel aufhängte. Dann riß er ein Blatt aus Wasers Taschenbuche und schrieb darauf: „Ein frommer Zürcher erwartet
Dich bei mir heute Abend zur Zeit des Ave Maria.
Komm und stärk' ihn im Glauben!“ Den Zettel legte
er in die beim Buche der Makkabäer aufgeschlagene
Bibel.

Schon brannte die Sonne heiß, als Jenatsch seinem
Gefährten die aus dem breit gewordenen Addathale
drohend aufsteigende Zwingburg zeigte, das Ungeheuer,
wie er sie hieß, das die eine Tatze nach Bündens
Chiavenna, die andere nach seinem Veltlin ausstrecke.
Auf der Straße nach den Wällen zog eine lange Staubwolke. Der scharfe Blick des Bündners erkannte darin
eine Reihe schwerer Lastwagen. Aus ihrer Menge
schloß er, daß Fuentes auf lange Zeit und für eine
starke Besatzung verproviantirt werde. Und doch ging
in Bünden die Rede, daß die spanische Mannschaft
durch die hier herrschenden Sumpffieber auf die Hälfte
zusammengeschmolzen sei und der Aufenthalt in der
Festung unter den Spaniern als todbringend gelte.
Das war Jenatsch von einem blutjungen Locotenenten
aus der Freigrafschaft bestätigt worden, der in Fuentes
erkrankt war und, um solch ruhmlosem Untergange auszuweichen, ein paar Wochen auf Urlaub in der Bergluft von Berbenn verlebt hatte. Sich die Zeit zu
kürzen, brachte er ein neues spanisches Buch mit, eine
so lustige Geschichte, daß er es für unrecht hielt, allein
darüber zu lachen, und er sie dem jungen Pfarrer mittheilte, an dessen Umgang er Gefallen fand und der
ihm durch seinen Geist und seine Kenntniß der
spanischen Sprache zu diesem Genusse vollkommen befähigt schien. Dies Buch war im Pfarrhause zurückgeblieben und heute gedachte Jenatsch den ingeniosen
Hidalgo Don Quixote — so lautete sein Titel — als
Schlüssel zu der spanischen Festung zu benützen.

Eben öffnete sich ein Thor der äußersten Umwallung
vor dem ersten Proviantwagen und Jenatsch trieb sein
müdes Thier an, um bei dieser Gelegenheit leichter
Eingang zu erlangen. Als die Freunde jedoch die
Festung erreichten, stand an der Fallbrücke, die Einfahrt
beaufsichtigend, ein spanischer Hauptmann, ein gelber
zäher Geselle — nur Haut und Knochen — von dem
das Fieber abgezehrt, was abzuzehren war. Er maß
die Ankommenden mit hohlen mißtrauischen Augen und
als Jenatsch mit anstandsvollem Gruße nach dem Befinden seines jungen Bekannten sich erkundigte, erhielt
er die knappe Antwort: Verreist. Wie er darauf Argwohn schöpfte und weiter fragte, wohin und auf wie
lange, hinzufügend, daß er noch etwas vom Besitze des
Jünglings in Händen habe, versetzte der Spanier bitter:
Dorthin. Auf immer. Ihr könnt Euch als seinen
Erben betrachten. — Dabei streckte er den Zeigefinger
seiner Knochenhand nach den dunkeln Cypressen einer
unsern gelegenen Begräbnißkirche aus. Dann gab er
der Schildwache einen Befehl und wandte den Beiden
den Rücken.

Da Jenatsch kein anderes Mittel kannte, in die
streng bewachte Festung einzudringen, schlug er dem
Freunde vor, weiter zu reiten bis an das Gestade des
Comersee's, den sie in geringer Entfernung lieblich
leuchten sahen. Bald erreichten sie den belebten Landungsplatz seines nördlichen Endes. Kühl hauchte ihnen
die blaue, vom Geflatter heller Segel belebte Flut entgegen. Die Bucht war mit Schiffen gefüllt, die gerade
ihrer Ladung entledigt wurden. Oel, Wein, rohe Seide
und andere Erzeugnisse der fetten Lombardei wurden
zum Transport über das Gebirge auf Karren und
Mäuler geladen. Der Platz vor der großen steinernen
Herberge bot den Anblick eines bunten Marktes mit
seinem betäubenden Lärm und fröhlichen Gedränge.
Mit Mühe bahnten sich, vorüber an Körben voll
schwellender Pfirsiche und duftiger Pflaumen, die beiden
Maulthiere den Weg bis zur gewölbten Pforte des
Gasthauses. In dem düstern Thorwege kniete der Wirth
vor einer Tonne und zapfte ein röthliches, schäumendes
Getränk für die durstig sich zudrängenden Gäste. Ein
Blick in den anstoßenden Schenkraum überzeugte Jenatsch,
daß hier zwischen lärmenden Menschen und bettelnden
Hunden keine kühle Stätte zu finden sei, er wandte sich
darum nach dem Garten, der eine einzige dichte Weinlaube bildete und dessen mit rankendem Grün überhängte Mauern und zerfallende Landungstreppen von
den Wellen bespült wurden.

Als sie durch die Thorhalle am Wirthe vorüberschritten, der von einem dichten Kreise von Bauern
umringt war, welche ihm geleerte Krüge entgegenstreckten,
schien er mit einer ängstlichen Geberde gegen das Vorhaben des Bündners Einsprache thun zu wollen; doch
in diesem Augenblicke kam ihnen vom Garten her ein
nach fremdem Schnitte gekleideter Edelknabe entgegen
und wendete sich mit anmuthigem Gruße an den jungen
Zürcher, in zierlichem Französisch folgenden Auftrag ausrichtend :

„Mein erlauchter Gebieter, Herzog Heinrich Rohan,
der sich hier auf der Durchreise nach Venedig befindet,
glaubte von seinem Ruheplatze im Garten her zwei
reformirte Geistliche vor der Herberge absteigen zu
sehen und ersucht die Herren, wenn sie dem Gewühl
auszuweichen vorzögen, sich durch seine Gegenwart nicht
vom Besuche des Gartens abhalten zu lassen.“

Sichtbar erfreut von diesem glücklichen Zufalle und
der ihm widerfahrenden Ehre, erwiederte Herr Waser,
etwas steif aber tadellos in demselben Idiom sich bewegend, daß er und sein Freund sich die Gunst erbäten,
seiner Durchlaucht für die ihnen zu Theil gewordene
Berücksichtigung persönlich zu danken.

Die Freunde folgten dem vor ihnen herschreitenden
schönen Knaben in die Lauben des Gartens. Gegen
Süden hatte er einen balkonähnlichen Vorsprung, durch
dessen Laubwände bunte Seidengewänder schimmerten
und das Gezwitscher plaudernder Frauenstimmen, durchbrochen von dem hellen Jubel eines Kindes, ertönte.
Dort lehnte auf sammetnen Polstern eine schlanke blasse
Dame, deren hastige Rede und bewegliches Mienenspiel
die Lebhaftigkeit eines Geistes verrieth, der sie nicht zu
erquicklicher Ruhe kommen ließ. Vor ihr auf dem
Steintische trippelte und jauchzte ein zweijähriges Mädchen, das eine niedliche Zofe an beiden Händchen emporhielt. Dazu klang die melancholische Weise eines Volksliedes, die ein italiänischer Junge in schüchterner Entfernung auf seiner Mandoline spielte.

Der Herzog selbst hatte sich an das stillere nördliche Ende des Gartens zurückgezogen, wo er allein auf
der niedrigen von der Flut bespülten Mauer saß, eine
Landkarte auf den Knieen, mit deren Linien er die
gewaltig vor ihm aufragenden Gebirgsmassen zweifelnd
verglich.

Waser hatte jetzt den Ruheplatz des Herzogs erreicht und stellte sich und seinen Freund mit einer tiefen
Verbeugung vor. Rohans Auge blieb sofort an der in
ihrer wilden Kraft seltsam anziehenden Erscheinung des
Bündners haften.

„Euer Rock ließ mich auf den evangelischen Geistlichen schließen,“ sagte er, sich mit Interesse ihm zuwendend. „Ihr könnt also, obgleich wir uns auf diesem
Boden treffen und trotz Eurer dunkeln Augen kein
Italiäner sein. Da seid Ihr wohl ein Sohn der
nahen Rhätia, und so will ich Euch denn bitten, mir
von den Gebirgszügen, die ich gestern, den Splügen
überschreitend, durchschnitt und die ich zum Theil noch
vor mir sehe, einen klaren Begriff zu geben. Meine
Karte läßt mich im Stich. Setzt Euch neben mich.“

Jenatsch betrachtete begierig die vorzügliche Etappenkarte und fand sich schnell zurecht. Er entwarf dem
Herzog mit wenigen scharfen Zügen ein Bild der
geographischen Lage seiner Heimat und ordnete ihr
Thälergewirr nach den darin entspringenden und nach
drei verschiedenen Meeren sich wendenden Strömen.
Dann sprach er von den zahlreichen Bergübergängen
und hob, sich erwärmend, mit Vorliebe und überraschender Sachkenntniß deren militärische Bedeutung
hervor.

Der Herzog war mit sichtlichem Wohlgefallen und
steigendem Interesse der raschen Auseinandersetzung gefolgt, jetzt aber erhob er sein mildes, durchdringendes
Auge zu dem neben ihm stehenden Bündner und ließ
es nachdenklich auf ihm ruhen.

„Ich bin ein Kriegsmann und rühme mich dessen,“
sagte er, „aber es giebt Augenblicke, wo ich diejenigen
glücklich preise, die dem Volke predigen dürfen: „Selig
sind die Friedfertigen. — Heutzutage darf nicht mehr
dieselbe Hand das Schwert des Apostels und das
Schwert des Feldherrn führen. Wir sind im neuen
Bunde, Herr Pastor, nicht mehr im alten der Helden
und Propheten. Die Doppelrolle eines Samuel und
Gideon ist nicht mehr die unsrige. Heute warte Jeder
in Treue des eignen Amtes. Ich achte es für ein
schweres Unglück,“ hier seufzte er, „daß in meinem
Frankreich die evangelischen Geistlichen durch ihren Eifer
sich hinreißen ließen, die Gemüther zum Bürgerkriege
zu erhitzen. Sache des Staatsmannes ist es, die
bürgerlichen Rechte der evangelischen Gemeinden zu
sichern, Sache des Soldaten, sie zu vertheidigen. Der
Geistliche hüte die Seelen, anders richtet er Unheil an.“

Der junge Bündner erröthete unmuthig und blieb
die Antwort schuldig.

In diesem Augenblicke erschien der Page mit der
ehrerbietigen Meldung, die Reisebarke des Herzogs sei
zur Abfahrt bereit und Rohan beurlaubte die Freunde
mit einer gütigen Handbewegung.

Auf dem Heimritte erging sich Waser in Betrachtungen über die politische Rolle des Herzogs, der gerade
damals seinen protestantischen Mitbürgern in heimischer
Fehde einen ehrenhaften Frieden erkämpft hatte. Er
meinte, freilich werde derselbe von kurzer Dauer sein
und fand Gefallen daran, die Lage Rohans und der
französischen Reformirten seinem Freunde mit den
dunkelsten Farben zu malen. Er schien etwas empfindlich und verdüstert, daß seine Person vor dem Herzog
neben Jürg sehr zurückgetreten, ja gänzlich verschwunden
war. — Seit Heinrich IV., behauptete er, setze sich die
französische Politik zum Ziele, die Protestanten in
Deutschland gegen Kaiser und Reich zu schützen, den
Reformirten im eigenen Lande dagegen den Lebensnerv
zu durchschneiden. Sie trachte, durch Wiederherstellung der staatlichen Einheit Kraft zum Vorstoße
nach außen zu gewinnen. Es ergebe sich daraus das
seltsame Verhältniß, daß die französischen Protestanten
unterliegen müßten, damit den deutschen die diplomatische
und militärische Hilfe Frankreichs, deren sie höchlich bedürften, gesichert bleibe. — So schwebe über dem Herzog
trotz der Hoheit seiner Stellung und seines Charakters
das traurige Verhängnis, seine Kraft in unheilbaren
Conflicten aufzureiben und am Hofe von Frankreich
immer mehr den Boden zu verlieren. Jetzt bringe er
wohl Weib und Kind nach Venedig, um bei dem nächstens neu ausbrechenden Sturme freiere Hand zu haben.

„Du bist ja ein durchtriebener Diplomat geworden!“ lachte Jenatsch. „Aber findest Du es nicht in
dieser Ebene entsetzlich schwül? Dort steht eine Scheuer
. . . wie wär's, wenn wir unsere Thiere eine Weile im
Schatten anbänden und Du Dein weises Haupt ins
Heu legtest?“

Waser war einverstanden und in kurzer Frist hatten
sich Beide auf das duftige Lager ausgestreckt und waren
entschlummert.

Als der junge Zürcher erwachte, stand Jenatsch vor
ihm, mit spöttischen Blicken ihn betrachtend. „Ei, Schatz,
was schneidest Du denn im Schlafe für verklärte Gesichter?“ sagte er. „Heraus mit der Sprache! Was
hast Du geträumt? Von Deinem Liebchen?“

„Von meiner innig verehrten Braut, willst Du
sagen. Das wäre nichts Ungewöhnliches; aber ich hatte
in der That einen wunderbaren Traum. . .“

„Jetzt weiß ich's . . . . . . Dir träumte, Du seiest
Bürgermeister von Zürich!“

„So war es . . . . merkwürdiger Weise!“ sagte
Waser sich sammelnd. „Ich saß in der Rathsstube und
hielt Vortrag über Bündnerdinge, — über die Bedeutung der Feste Fuentes. Als ich geendet, wandte
sich das nächstsitzende Rathsglied gegen mich mit den
Worten: Ich bin ganz der Meinung seiner Gestrengen
des Herrn Bürgermeisters. Ich sah mich nach diesem
um; aber siehe, ich saß selbst auf seinem Stuhle und
trug seine Kette.“

„Auch mir hat geträumt,“ sagte Jenatsch, „und
recht seltsam. Du weißt, oder weißt nicht, daß in Chur
ein ungarischer Astrolog nur Retromant sein Wesen
treibt. Mit diesem Gelehrten hab' ich mich während
der letzten langwierigen Synode nächtlicher Weile eingelassen, um zu sehen, was an der Sache sei.“

„Um Himmelswillen, Astrologia! . . . Und Du bist
ein Geistlicher!“ rief Waser entsetzt. „Sie vernichtet
die menschliche Freiheit und diese ist die Grundlage
aller Sittlichkeit! — Ich bin ein entschiedener Bekenner
der menschlichen Freiheit!“

„Wohl Dir,“ fuhr der Andere unbeirrt fort. „Beiläufig gesagt, es gelang mir nicht, aus dem Hexenmeister etwas Festes und Faßbares herauszubringen.
Entweder wußte er nichts, oder er fürchtete von mir
verrathen zu werden. — Vorhin im Traume aber sah
ich den Mann wieder vor mir und ich setzte ihm den
Dolch auf die Brust, um mein Schicksal zu erfahren.
Da entschloß er sich, es mir zu zeigen und zog mit den
feierlichen Worten: „Dieser ist dein Schicksal!“ den
Vorhang von seinem Zauberspiegel.

Anfangs sah ich nichts als eine helle Seelandschaft,
dann trat eine grünbewachsene Mauer hervor und da
saß, die Karte von Bünden vor sich, mild und bleich,
wie wir ihn eben gesehen haben, der Herzog Heinrich
Rohan.“

Sechstes Kapitel.

Unter diesen Gesprächen waren die Freunde auf
der staubigen Landstraße, die durch das Veltlin hinaufführt, eine gute Strecke weiter getrabt und schon erglänzten in der Ferne das Schloß und die Mauern
von Morbegno.

Jetzt blickte Jenatsch scharf auf die letzte Windung
des in weitem Bogen nach dem Städtchen laufenden
Weges. Dort bewegte sich langsam ein kleiner brauner Reiter.

„Bravo,“ rief der Bündner, „da machst Du eine
prächtige Bekanntschaft! Dort kommt der Pater Pancrazi, voreinst — das ist vor einem Jahrzehnt — Almenserkapuziner und Beichtiger der Nönnchen von Cazis.
Wir haben ihm sein Kloster aufgehoben. Wären unsere
Kapuziner alle so gute Bündner wie er, und so witzige
Gesellen, man hätte sie unbehelligt gelassen. Seither hat er sein Unterkommen in einem Ordenshause
irgendwo am Comersee gefunden und führt hier herum,
predigend und terminirend, ein fahrendes Leben.“

„Er ist mir nicht unbekannt,“ erwiederte Waser.
„Voriges Jahr collectirte er in Zürich für die Uebriggebliebenen und Verarmten eurer verschütteten Stadt
Plurs und betonte mit beweglichen Worten als gute
Seite solcher Verheerungen, daß sich die Christen
in diesen Jammerfällen über die Scheidewand der
Konfessionen hinweg hilfreich die Bruderhand reichen.
Kurz nachher aber kam mir eine gedruckte Bußpredigt
von ihm zu Gesichte, worin er — zu meinem ärgerlichen
Erstaunen — in der derbsten Sprache behauptet, der
Bergsturz sei ein warnendes Gericht und eine göttliche Strafe für die Duldung der Ketzerei. Das heißt
in sträflicher Weise mit zwei Zungen geredet.“

„Wer wird das einem Kapuziner und praktischen
Manne verdenken!“ lachte der Andere. „Sieh, er setzt
sein Eselchen in Trott, er hat mich erkannt.“

Der Kapuziner trabte auf seinem Thiere, das
neben ihm noch zwei volle Körbe trug, so rasch heran,
daß der Staub in Wirbeln aufflog. Aber die lustige
Begrüßung, die Waser erwartete, blieb aus. Pancrazis
kurze Gestalt drängte hastig vorwärts und streckte ihnen
die Rechte mit abmahnender Geberde entgegen, als bedeute er die Reisenden, ihre Maulthiere zu wenden.
Nun hatte er sie fast erreicht und rief ihnen zu:

„Zurück Jenatsch! Nicht hinein nach Morbegno!“ —

„Was bedeutet das?“ fragte dieser ruhig.

„Nichts Gutes!“ versetzte Pancratius. „Wunder
und Zeichen geschehen im Veltlin, das Volk ist aufgeregt, die Einen liegen in den Kirchen auf den Knien,
die Andern laden ihre Büchsen und wetzen ihre Messer.
Zeige Dich nicht in Morbegno, kehre nicht auf Deine
Pfarre zurück, wende Dein Thier und flüchte nach
Chiavenna!“

„Was? Ich soll mein Weib im Stiche lassen?“
fuhr Jenatsch auf; „meine Freunde nicht warnen?
Den braven Alexander und den redlichen Fausch auf
seinem Bergdorfe Buglio? Nichts da! Ich reite zurück —
natürlich das Städtchen umgehend über die Adda. Mein
Kamerad hier, Herr Waser von Zürich, kennt keine
Furcht . . . und Du, Pancrazi, thust mir den Gefallen
und kommst mit. Du nächtigst bei mir. Meine Berbenner sind nicht so gottverlassen, daß sie des heiligen
Franziskus Kutte nicht in Ehren hielten.“

Nach kurzem Besinnen willigte der Kapuziner ein.
„Meinetwegen, am Ende!“ sagte er. „Heute bin ich
Dein Schutzpatron, ein ander Mal bist Du der meinige.“

So ritten sie, was ihre Thiere laufen konnten,
nach Berbenn hinüber und wie wenig Waser auch
diese wilden Ereignisse zusagten, er machte gute Miene
und rechnete es sich zur Ehre, das ihm ertheilte Lob
der Tapferkeit zu verdienen.

Eben ertönte die friedliche Abendglocke, als sie vor
der Pfarre von Berbenn abstiegen. Unter dem niedrigen Eingangsbogen des Laubdaches stand ein breitschultriger ernster Mann von kleiner Statur aber mit ausdrucksvollem Kopfe, nachdenklich und aufmerksam seinen
Hut betrachtend, welchen er nach allen Seiten drehte
und gegen das Licht hielt. Es war ein hoher spitzer
Filz von schwarzer Farbe.

„Was stellst Du da für tiefsinnige Untersuchungen
an, Kollege Fausch?“ begrüßte ihn Jenatsch. „Was
ist's mit Deinem Filz? Oben aufgerissen, wie ich sehe.
Willst Du ihn hinfür zur Verstärkung Deines Basses
als Sprachrohr gebrauchen?“

Sorgenvoll erwiederte der Kleine: „Betrachte das
Loch näher, Jürg! Seine Ränder sind verbrannt. Es
ist eine Kugel durchgefahren, die mir einer Deiner Berbenner zuschickte, als ich durch die Weinberge hinunterstieg. Natürlich galt sie Dir; denn man sah über der
Mauer nur meinen Kopf und der gleicht dem Deinigen,
wie Du weißt, zum Verwechseln. Der Teufel soll mich
holen,“ fuhr er heftiger fort, „wenn ich nicht den geistlichen Stand quittire. Der Part ist ungleich: uns ist
nur das Schwert des Geistes gestattet, angefallen aber
wird unser Fleisch mit Eisen und Blei.“ —

„Gedenke Deines Schwurs, Fausch, mein Sohn,
das Evangelium zu predigen usque ad martyrium,“
erscholl aus dem Hintergrunde der Laube von einer tief
beschatteten Bank her die etwas dumpfe Stimme eines
graubärtigen Mannes, der dort in aufrechter Haltung
am Tische saß und sich von der schönen Lucia Sasseller
einschenken ließ. Das junge Weib aber erblickte kaum
ihren Mann, so eilte es ihm entgegen und schmiegte
sich bleich und furchtsam an seine Seite, als suche es
Schutz vor einer entsetzlichen Angst.

„Exclusive, Blasius! exclusive! Bis an den
Martertod hinan, aber nicht hinein!“ antwortete Fausch,
sich zu seinem Kollegen wendend, dessen Glas er ergriff
und bis auf den letzten Tropfen leerte.

Indessen machte Jenatsch seinen zürcherischen Freund
mit dem glaubensstarken Pfarrer Blasius bekannt und
stellte ihm dann lachend in Pfarrer Lorenz Fausch einen
Schulkameraden aus dem „Loch“ in Zürich vor, dessen
sich Waser gar wohl erinnerte als eines um ein paar
Jahre ältern, ziemlich liederlichen Studiengesellen. „Dieser Mann hat seither in Bündnerdingen eine hervorragende Rolle gespielt,“ behauptete Jürg und schlug dem
Kleinen auf die Schulter.

Der Kapuziner schien mit beiden Pfarrern auf
bekanntem Fuße zu stehen und Fausch fuhr, diesmal
an Waser sich wendend, in seiner aufgeregten Rede fort:

„Glaubst Du's wohl, Herr Zürcher? Während Du in Deiner löblichen Stadt sittsam zur Predigt gehst und über das Gesangbuch hinweg züchtig
nach Deinem Jungfräulein ausschaust, betrete ich
armer Streiter Gottes niemals die Kanzel ohne fröstelnd den Rücken einzuziehen, aus Furcht es fahre
mir das Messer oder die Kugel eines meiner Pfarrkinder zwischen die Schultern! — Aber,“ sagte er,
nachdem er mit den Männern in die Stube getreten,
„nun bin ich auch zum längsten Pfarrer gewesen. Dies
Erlebniß,“ er zeigte auf das Loch in seinem Filze, „giebt
den Ausschlag. Das Maß ist voll. Ich habe von
meiner Muhme in Parpan zweihundert Goldgulden
geerbt, gerade genug um ein sicheres Gewerbe zu beginnen. — Herunter mit dem Pfarrrock!“ und er legte
Hand an sein geistliches Kleid.

„Warte, Freund!“ rief Jenatsch, „das verrichten
wir zusammen. Auch mein Maß ist heute voll geworden! Nicht eine feindliche Kugel verjagt mich von der
Kanzel, sondern eine freundliche Rede. Der Herzog
Heinrich hat Recht,“ wandte er sich an den erstaunten
Waser, „Schwert und Bibel taugen nicht zusammen.
Bünden bedarf des Schwertes und ich lege die geistliche Waffe zur Seite, um getrost die weltliche zu ergreifen.“ Mit diesen Worten riß er sein Predigergewand ab, langte seinen Raufdegen von der Wand herunter und gürtete sich ihn um den knappen Lederkoller.

„Potz Velten, ihr gebt ein lustiges Beispiel,“ rief
der Kapuziner mit schallendem Gelächter. „Fast gelüstet mich, es euch nachzuthun! Aber meine braune
Kutte ist leider zu zäh und hat ein fester Gewebe als
eure Röcklein, ehrwürdige Herren!“

Blasius Alexander, der diesem Vorgange ohne Verwunderung, aber mißbilligend zuschaute, faltete jetzt die
Hände und sprach feierlich: „Ich aber gedenke zu verharren im Amte bis ans Ende usque ad martyrium,
bis in den Martertod, zu welcher Ehre Gott mir helfe!“

„Kein schönrer Tod ist in der Welt,
Als wer vorm Feind hinscheidt“. . . .

sang Jenatsch mit flammenden Augen.

„Ich werde ein Zuckerbäcker,“ erklärte Fausch wichtig, „ein Bischen Weinhandel daneben ist selbstverständlich.“ Damit setzte er sich an den Tisch, schnallte eine
kleine Geldkatze ab, die er um den Leib trug, und begann
die Goldstücke, eifrig rechnend, in Häuflein zu ordnen.

Jürg Jenatsch aber umschlang die eben eintretende
Lucia und küßte sie mit überströmender Zärtlichkeit:
„Sei getrost, mein Herz, und freue Dich! Eben hat
Dein Georg den schwarzen geistlichen Rock abgeworfen,
der Dich mit den Deinen verfeindet hat. Wir ziehn
hier weg, es wird Dir wohlergehn und Du erlebst an
Deinem Manne Ehre die Fülle.“

Lucia erröthete vor Freude und blickte mit seliger
Bewunderung in Jürgs übermüthiges Angesicht, aus
dem eine wilde Freude sprühte. Noch nie hatte sie ihn
so glücklich gesehn. Offenbar wich eine dunkle Furcht
von ihrem Herzen, an der sie von Tage zu Tage schwerer getragen und die ihr das Leben in der Heimat
verleidet hatte.

„Hier, Jürg, mein Bruder,“ sagte jetzt Fausch,
der mit seiner Rechnung fertig war, „hier mein Eingebinde zu Deinem Tauftage als Ritter Georg! Für
Gaul und Harnisch. Das Kapital ist gut angelegt.
Ich komme mit einem Hundert zurecht.“ Und er schob
ihm die Hälfte seines kleinen Erbes zu.

Jürg schüttelte die ihm entgegengestreckte kurze breite
Hand derb, aber ohne sonderliche Rührung und strich
das Gold ein.

Inzwischen hatte sich Waser zu Pater Pancraz gesetzt, um ihm auf den Zahn zu fühlen. Dem Zürcher
erschien des Kapuziners keckes Betragen, seine Lustigkeit und Selbstbeherrschung etwas zweideutig und verdächtig. Aber sein Mißtrauen schwand, als er die ungeschminkt herzliche Besorgniß des Paters um das Schicksal seiner bündnerischen Landsleute wahrnahm und er
mußte bewundern, wie richtig Pancraz die gefährlichen
Verhältnisse auffaßte, wie scharf er die Vorzeichen des
herannahenden Sturmes beobachtet hatte.

„Ich fürchte, es sind große Herren,“ sagte der
Pater, „Spanier, vielleicht auch Bündner, die diesmal
das Spiel in Händen halten und zu ihren habgierigen
und herrschsüchtigen Zwecken den frommen, einfältigen
Glauben des Veltlinervolks mißbrauchen. Wehe, sie
schüren einen höllischen Brand, das Blut, das sie vergießen, wird ihnen bis an die Kehle steigen und sie
ersäufen. — In Morbegno hieß es, die Mordbanden
des Robustell seien schon auf dem Wege das Thal herunter. Gott gebe, daß solcher Greuel nur in den welschen Köpfen spukt! Eins aber ist gewiß — und das
beherzigt, ihr Männer“ — sprach er aufstehend und
an die drei Bündner sich wendend: „des Bleibens der
Protestanten im Veltlin ist nicht mehr.“

Jetzt erhob Jenatsch die Stimme. „Kein Zweifel,
Brüder, die Gefahr ist vor der Thür!“ sagte er. „Kein
Augenblick ist zu verlieren. Fort müssen wir. Wir sammeln
in Eile unsere wenigen Glaubensgenossen, treiben unsere
geistliche Heerde, Mann, Weib und Kind, über das Gebirge nach Bünden, und decken bewaffnet den Rückzug.“

Blasius Alexander schüttelte den Kopf als er von
Flucht reden hörte, und lud mißvergnügt seine Muskete,
die er mitzubringen nicht versäumt hatte, mit Pulver
aus dem großen an seiner Hüfte hangenden Familienhorn. Dann stellte er die Waffe zwischen die Kniee
und fuhr fort, langsam aber unausgesetzt, Becher um
Becher zu leeren, ohne daß der feurige Wein den kalt
ruhigen Blick seines Auges im Mindesten belebt, oder
sein farbloses Angesicht geröthet hätte.

Der junge Zürcher sah diesem Thun bedenklich zu
und konnte endlich die Bemerkung nicht unterdrücken,
ob der edle Trank, in solcher Ueberfülle genossen, dem
Herrn Blasius nicht zu Kopfe steigen und die im
nahenden Augenblicke der Gefahr so nöthige Geistesklarheit trüben könnte.

Darauf warf ihm der Alte einen etwas verächtlichen Blick zu, antwortete aber gelassen und ungekränkt:
„Ich vermag Alles in dem Herrn, der mich stark
macht.“

„Das ist ein christlich Wort!“ rief der Kapuziner,
ließ die Gläser klingen und reichte dem greisen Prädikanten über den Tisch die Hand.

Unterdessen war der Mond aufgegangen und überrieselte draußen die Krone der Ulme und die schwere
Blätterdecke der Feigenbäume mit hellem Lichte; aber
nur eine spärliche Helle drang durch die kleinen Fenster in das breite, tiefe Gemach und schattete ihre
massiven Gitterkreuze auf dem steinernen Fußboden ab.

Lucia stellte die italienische eiserne Oellampe auf
den Tisch und entfachte, die Dochte in die Höhe ziehend,
drei helle Flämmchen, die auf ihr über das Geräth
gebeugtes liebliches Antlitz einen rothen Wiederschein
warfen.

Plötzlich fiel durchs Fenster ein Schuß. Die Männer sprangen auf. Das junge Weib sank ohne Laut
zusammen und die Lampe lag verglimmend am Boden.
Eine tödtliche Kugel hatte die sanfte Lucia getroffen.

Schaudernd sah Waser das schöne sterbende Haupt,
auf welches das Mondlicht fiel und das Jenatsch, auf
den Knieen liegend, im Arme hielt. Jürg weinte laut.
Während der Pater bemüht war die Lampe wieder
anzuzünden, hatte Blasius Alexander seine Büchse
ergriffen und schritt ruhig in den mondhellen Garten
hinaus.

Er mußte den Mörder nicht lange suchen.

Da kauerte zwischen den Stämmen der Bäume ein
langer Mensch, dessen vorgebeugtes Gesicht dunkle darüber
fallende Lockenhaare verbargen, den Rosenkranz in der
Hand, stöhnend und betend. Neben ihm lag ein noch
rauchendes schwerfälliges Pistol.

Ohne Weiteres legte Blasius sein Gewehr auf ihn
an und streckte ihn mit einem Schusse durch die Schläfen
nieder. Dann trat er neben den auf das Angesicht
Hingesunkenen, drehte ihn um, betrachtete ihn und murmelte: „Dacht' ich mir's doch — ihr Bruder, der tolle
Agostino!“ — Eine Weile stand er horchend. Nun
schlich er über die Gartenmauer spähend wieder dem
Hause zu. Durch die Stille der Nacht drang ein ungewisser Lärm an sein Ohr. „Zwei Vögelchen haben
gepfiffen,“ sagte er vor sich hin, „bald fliegt uns der
ganze Schwarm aufs Dach.“

Mit einem Male scholl aus dem Dorfe ein gellendes Geschrei, und jetzt dröhnte es über ihm, — die
Kirchenglocke schlug an und läutete in hastigen Schwüngen Sturm. Alexanders Blick fiel auf den wieder ins
Dunkel hinausleuchtenden Schein der verrätherischen
Lampe, er schlug die dicken Laden des Erdgeschosses zu
und schritt ins Haus zurück, in der Absicht es mit den
Freunden wie eine Festung bis auf den letzten Mann
zu vertheidigen; denn schon knallten Schüsse von der
Gasse her und Schläge fielen gegen die vordere Hausthür. Fausch hatte sie eben verriegelt und stürzte die
Bodentreppe hinauf, um durch die Dachluken auszuschauen. Der Prädikant aber lud seine Muskete wieder
und stellte sich an das schmale vergitterte Küchenfenster,
das nach der Gasse ging, wie hinter eine Schießscharte.

„ Die Schurken!“ rief er dem Zürcher zu, der eben
hastig aus seiner Kammer trat, wo er sein Ränzchen
geholt und seinen leichten Reisedegen umgeschnallt hatte,
„wir wollen unser Leben theuer verkaufen!“

„Um Gottes willen, Herr Blasius,“ warnte dieser,
„gedenkt denn Ihr, ein Diener am Wort, auf die Leute
zu schießen?“

„Wer nicht hören will, muß fühlen,“ war des
Bündners kaltblütige Antwort.

Jetzt aber faßte Pancrazi den tapfern Alten mit
beiden Armen um den Leib und riß ihn von dem
Mauerloche zurück: „Willst Du uns Alle verderben mit
Deiner wahnwitzigen Gegenwehr? — Macht, daß Ihr
von hinnen und in die Berge kommt!“ —

„Misericordia!“ dröhnte Fauschens Stimme durch
die Treppenöffnung herunter, „Sie kommen in hellen
Haufen, sie stürmen das Haus des Poretto! Wir
sind verloren!“

„Macht, daß Ihr fortkommt!“ schrie der Pater,
während immer heftigere Beilhiebe gegen die Thüre
schmetterten.

„Auch gut, Kapuziner,“ sagte Blasius, der jetzt
mit beiden Armen Reisigbündel und Stroh aus der
Küche schleppte und mit geübten Handgriffen im Gange
zwischen den beiden Hausthüren aufschichtete. „Wir
heben uns von hinnen über den Bondascagletscher ins
Bergell. Fausch, alle Dachluken auf, damit es Luft
giebt! Und dann hierher!“

Fausch krabbelte die Treppe herunter, beladen mit
allerlei Mundvorrath, den er oben gefunden hatte, und
Waser sah sich jetzt nach Jenatsch um.

„Hier scheiden sich die Wege, Pancrazi,“ sagte der
alte Prädikant und drückte dem Pater die Hand über den
Reisigwall hinweg, während das Mittelstück des Hausthors unter dem Geheul der Belagerer auseinanderkrachte. „Dein ist die Vorderthür. Unsern Rückzug
durch die hintere deckt die Flamme“. Und er entzündete den Holzstoß. „Abgezogen, ihr evangelischen
Männer!“ —

Während das Feuer in aufrechter Lohe durch die
luftige Bodenöffnung emporschlug, trat Jenatsch, die
Todte im Arme, aus dem Wohnraume in die flackernde
Helle.

In seiner Rechten leuchtete das lange Schwert,
auf dem linken Arme trug er, als spürte er die Last
nicht, seine Todte, deren stilles sanftes Haupt wie geknickt ihm an der Schulter ruhte. Er wollte sie nicht
auf der Mordstätte zurücklassen. Waser konnte trotz der
Gefahr der Stunde den Blick nicht verwenden von diesem
Nachtbilde sprachlosen Grimms und unversöhnlicher
Trauer. Er mußte an einen Engel des Gerichts denken,
der eine unschuldige Seele durch die Flammen trägt.
Aber es war kein Bote des Lichts, es war ein Engel
des Schreckens.

Indeß die Bündner durch den Garten nach dem
Fuße des Gebirges enteilten, hatte der Pater in der
Küche neben Feuer und Rauch standhaft den Augenblick
erwartet, wo die Thüre in Splitter flog. Jetzt sprang er,
das Crucifix in der vorgestreckten Rechten, zwischen die
Pfosten und rief der blutlechzenden Menge entgegen:

„Heilige Mutter Gottes! Wollt ihr mit den Ketzern
verbrennen? . . . Feuer vom Himmel hat sie verzehrt!
Löschet! Rettet euer Dorf! . .“ Und hinter ihm prasselte
die lebendige Gluth.

Mit einem Wehgeheul, das nichts Menschliches
mehr hatte, wichen die Entsetzten zurück und es entstand
eine unbeschreibliche Verwirrung. Blitzschnell verbreitete
sich die Sage, Sankt Franziskus in eigener Person habe
die Ketzer im protestantischen Pfarrhause vernichtet und
sei in erhabener Gestalt den Gläubigen erschienen.

So gelang es dem Kapuziner, sein Eselchen, das
er in einem benachbarten Stalle untergebracht hatte, unbemerkt zu besteigen. Brandröthen und Mordgeschrei
hinter sich lassend, ritt er auf Umwegen, die Capuze tief
ins Gesicht gezogen, seinem Kloster am Comersee zu.

Siebentes Kapitel.

Am Abend des fünften Tages nach diesen außerordentlichen Ereignissen näherte sich Heinrich Waser auf
dem von Rapperswyl herkommenden ordinären Markt- und Postschiffe seiner Vaterstadt. Die schlanken Thurmspitzen der beiden Münster zeichneten sich immer schärfer
und größer auf dem klar gerötheten Westhimmel, und
bei diesem viellieben Anblick dankte der junge Amtschreiber
aus Herzensgrunde der gütigen Vorsehung für das glückliche Ende seiner über Erwarten gefährlichen Ferienreise.

Bei der Abfahrt von Rapperswyl hatte er sich nur
in Gesellschaft der Schiffer befunden; denn eine Schaar
von Pilgerinnen aus dem Breisgau, alte müde Weiber,
verbargen ihre sonnenbraunen Gesichter scheu unter den
rothen Kopftüchern und hatten sich im Vordertheile des
Schiffes eng zusammengeduckt. Sie beteten oder schliefen.
Sie kamen vom heiligen Gnadenort Einsiedeln und
waren noch über die lange Brücke zu den Kapuzinern von
Rapperswyl gewandert, um von den als Geisterbanner
und Exorcisten bewährten Vätern allerlei Mittelchen einzuhandeln gegen Krankheit von Menschen und Vieh und
gegen teuflischen Spuk. Dort hatten die Wallfahrer von
einem schrecklichen Strafgerichte gehört, das in einem Thale
jenseits der Berge über die Ketzer hereingebrochen sei.
Alle seien sie mit Feuer und Schwert vertilgt worden.

Wohl erfüllte die Weiblein mit freudigem Schrecken
dies Unglück der Mißgläubigen, aber auch mit dem
Wunsche, so bald als möglich den protestantischen Landen,
die sie zu durchwandern hatten, den Rücken zu kehren und
jenseits der Grenze in ihrer katholischen Heimath diese
großen Dinge zu verkündigen.

So war das Gerücht von dem Protestantenmorde
im Veltlin schon vor, oder doch zugleich mit dem jungen
Zürcher hieher gelangt. Auch Waser hatte auf dem Heimwege erfahren, was zu glauben er sich immer noch in
innerster Seele gesträubt hatte, daß der Ueberfall in
Berbenn, den er miterlebt, nur eine Einzelnheit, und
nicht die grausamste, eines längst geplanten, unerhörten
Blutbades gewesen sei. Sogar die nach und nach bei
den Dörfern, wo man anlegte, einsteigenden Marktleute
waren voll davon.

Es war eine Gesellschaft, die sich nicht erst von
gestern her kannte. Die zwei Schiffleute, Vater und
Sohn, vermittelten mit ihren Ruderknechten schon
seit Jahren den Verkehr zwischen den beiden Seeenden.
Der Junge, ein von der Sonne geschwärztes, kräftig
aufgeschossenes Gewächs, war Wasers Altersgenosse.
Sein Vater hatte ihn von Kindesbeinen an auf den
See mitgenommen und ihn früh zum Vertragen der
dem Schiffe für die Stadt anvertrauten Briefe und
Pakete gebraucht. So war der Bursche mit dem jungen
Jenatsch schon bekannt geworden, als der Pfarrer von
Scharans seinen Jürg nach Zürich auf die Schule führte,
hatte ihm später manche Botschaft gebracht, und wenn
Waser zu Ferienanfang seinen Schulkameraden seeaufwärts begleitete, hätte dem lustigen Tage das Beste gefehlt, wenn der wort- und schlagfertige Kuri Lehmann
nicht mitgefahren wäre.

Er auch war es gewesen, der mit seinem Vater
die müde kleine Lucretia in das Schiff aufgenommen,
ihr in Zürich den Weg nach dem Carolinum gezeigt
und ihr Muth gemacht hatte, nur frisch und unverzagt
dem Jürg ihren Kram auf die Schulbank zu stellen.

Auch die Dorfleute — ein alter Mann von Stäfa,
der allwöchentlich seine Spanferkel in Zürich zu Markte
brachte, der Honighändler, die Fischer und ein paar
Hühner- und Eierweiber — waren Stammgäste des geräumigen Bootes.

Die dunkle Nachricht, welche das Postboot von
Rapperswyl brachte, versetzte dessen Insassen in ungewohnte Aufregung. Ihre vor dem Schreckbild scheuende
Einbildungskraft erging sich in den abenteuerlichsten
Sprüngen. Nicht zufrieden mit den überlieferten Thatsachen, vermutheten sie eine allgemeine Verschwörung der
Papisten gegen alles Volk, das sich zur reinen Lehre
bekenne. Schließlich waren sie nicht weit davon, den
ihnen Allen dem Rufe nach, einigen von Angesicht bekannten Herrn Pompejus, dem sie die Hauptschuld an
dem Blutbade beimaßen, zum Feldhauptmann des Antichrists zu erheben und ihm ein Heer schlauer Jesuiten
und feuriger Teufel zur Verfügung zu stellen.

„Der letzte Sieg der Bosheit und das Weltgericht
steht vor der Thür“, sprach feierlich der alte Ferkelhändler,
welcher etwas taub war und sich um so eifriger auf die
seltene Kunst des Lesens und die selbständige Erforschung
der Schrift verlegt hatte, „alle Zeichen sind da, — das
große Thier“ . . .

„Ihr könntet irren“, unterbrach ihn der Amtschreiber, der bis jetzt in sich gekehrt geschwiegen hatte.
„Wißt, daß seit der Apostel Zeiten bei allen schweren
Calamitäten, die über das Christenvolk hereinbrachen,
das Ende der Welt von heute auf morgen erwartet
wurde. Und doch steht, wie Ihr seht, noch Albis und
Uto wie zu der Helvetier Zeiten und fließt die Limmat
noch ihren alten Weg. Hütet also Euern Geist und
Eure Zunge vor Irrlehre und eigenmächtiger Deutung.“

Der Alte senkte den Kopf, murmelte aber zwischen
den Zähnen: „Daß es so lange nicht eingetroffen ist,
beweist mir gerade, daß es jetzt eintrifft.“

Kuri Lehmann, der hart neben Waser stehend, sein
langes Ruder führte, streifte jetzt diesen mit einem
scharfen Blicke aus seinen wasserhellen, von niedrigen,
schwarzbuschigen Brauen beschatteten Augen. Diese durchdringenden, sonst kalt verständigen Augen brannten in
frechem Feuer.

„Warum, Herr Amtschreiber, schicken die Gnädigen
in Zürich nicht uns Seebuben gegen die Spaniolen und
Jesuiten im Veltlin? Ist Ihnen das Herz in die Hosen
gefallen?“ sagte er.

„Halt das Maul, um Gotteswillen, Bub!“ rief
erschrocken der alte Lehmann, der am Steuer diese
respektlose Rede gehört hatte, und fuhr mit der rechten
Hand in die Höhe, als wollte er ihm das Wort im
Munde zerschlagen. Aber er faßte sich und fügte mit
ungewohnter Süße hinzu: „Die Herren in Zürich werden in ihrer Weisheit das Rechte schon treffen“.

Kuri aber fuhr unbekümmert fort: „Ihr wißt
mehr als wir, Herr Waser! Hab' ich Euch nicht mit
einem Reisebündelein vor vierzehn Tagen nach Rapperswyl geführt? Ihr wolltet ein wenig in die Berge hinein, sagtet Ihr. Beim Eid, Ihr seid beim Jenatsch
gewesen! War denn der nicht zur Stelle? Der Jürg
hat sich doch, beim Strahl, von denen Aesern von
Pfaffen nicht abthun lassen! Ihr blickt so traurig drein!
Es ist ihm doch nichts passirt? Oder hat es gefehlt,
hat er dran glauben müssen?“

„Er lebt, Kuri,“ versetzte Waser, wie einer, der
seine Worte wägt und keines zuviel sagen will.

„Nun, dann zählt darauf, eh' ich diese Schuhe
verbraucht habe,“ — Kuri schonte sie freilich, denn er
hatte sie ausgezogen und neben sich auf den Schiffskasten
gestellt, um erst in Zürich damit Staat zu machen —
„eh' ich diese Schuhe verbraucht habe, hat der Jenatsch
den Pompius Planta kalt gemacht. Sonst ist er nicht
der Jenatsch mehr! Denkt daran! Leid thut es mir um
das Jüngferchen und wird dem Jürg auch leid thun.“

Dieses in den Tag hinein gesprochene Wort machte
auf Waser einen leidigern Eindruck, als er sich nicht
gestehen wollte, und hätte Kuris Vater von Neuem
erbost, wäre nicht sein Auge unweit vom Dorfe Küßnach
auf einer grünen, von hohen Nußbäumen beschatteten
Landungsstelle haften geblieben. Es ergoß sich dort
zwischen steilen, mit Hollunderbüschen und Wurzelwerk
überwucherten Borden ein Bach in den See, ein stilles
und durchsichtiges Wässerchen, dessen unterhöhlte ausgewaschene Ufer aber verriethen, wie heftig es im Frühjahr toben konnte. Von der Anhöhe blickte ein Landhaus herab. Dort unter den Bäumen stampfte ein kleiner
ungeduldiger Junge mit Degen und Federhütchen auf dem
schattigen Rasen herum, während die würdige Gestalt
eines Präceptors beschwichtigend daneben stand.

„Hoheho, hieher Lehmann! Ich will in die Stadt!“
schrie der Kleine, während sein Mentor ein Tuch aus
der Tasche zog, um das Boot heranzuwinken.

Ueberflüssige Bemühung! Der alte Lehmann hatte
schon mit dem Rufe: „Aha, der Junker Wertmüller
vom Wampispach!“ sein Schiff der Nußbaumgruppe zugelenkt und das Bret zum Einsteigen bereit gemacht.

Nach wenigen Minuten saß der zapplige Kleine
auf der Ehrenbank zwischen seinem Erzieher und Herrn
Waser, deren Beinbekleidung er mit seinen unruhigen
Füßen, die den Boden des Schiffes noch nicht erreichten,
muthwillig und unaufhörlich in Gefahr brachte.

Herr Verbi divini Minister Denzler, so nannte sich
der Erzieher, ließ sich mit Waser über den Junker hinweg
in ein lispelndes Gespräch ein. Er beklagte höchlich die
haarsträubenden Wirkungen des Fanatismus, und obgleich Waser das von ihm Erlebte so knapp als möglich
erzählte und seine eigene Person dabei bescheiden in den
Hintergrund stellte, konnte sich der Präceptor nicht genug entsetzen über die unerhörte Gefahr Leibes und
Lebens, welcher sich der Herr Amtschreiber durch seine
Kühnheit ausgesetzt. Dann steuerte er seinen persönlichen Angelegenheiten zu, wobei er gut fand, der lateinischen Sprache sich zu bedienen.

„Niemalen, Herr Amtschreiber“, bemerkte er, „hätte
ich diese schwierige Erziehung übernommen, denn der
Kleine, obgleich ein ausgezeichnetes Ingenium, ist, unter
uns gesagt, ein bösartiges Dämönlein, wenn mir nicht
des Herrn Obersten Schmid Gnaden heilig versprochen
hätten, daß ich bei Zufriedenheit mit meinen Leistungen
später diesen seinen Stiefsohn auf einer Bildungsreise
begleiten dürfte, wie sie noch selten gemacht worden ist.
Die deutschen Lande, Italien, Frankreich sollen besucht
werden, und wie Cäsar werden wir bis nach Britannia
vordringen.“

„Ja, der Verbi divini muß mit!“ rief hier plötzlich der kleine Kobold, der den Gegenstand der Unterhaltung errathen hatte. „Aber vorher muß er mich alle
Sprachen lehren, daß ich in allen kommandiren kann!“

„Was willst Du denn eigentlich werden, Rudolf?“
fragte Herr Waser, um die Blöße, die der Magister
sich gegeben, zu decken.

„Ein General!“ rief das Bübchen und sprang von
der Bank, denn eben war man durch das Wasserthor des
Grendels gefahren und legte jetzt vor der Schifflände an.

Bald bewegte Herr Waser sich wieder in den gewohnten Geschäften und saß wie früher täglich auf der
Rathskanzlei; aber die staatsrechtlichen Handlungen
waren für ihn keine leeren Formeln mehr, keine bloße
Uebung seiner behenden Gedanken, er war davon durchdrungen, daß dabei Wohl und Wehe der Völker auf
dem Spiele stehe, er hatte der Wirklichkeit ins drohende
Antlitz geschaut.

In Folge seiner Reise nach Bünden und seiner
Rettung aus dem in allen protestantischen Landen Entsetzen verbreitenden Veltlinermorde war das Ansehen des
jungen Amtschreibers in seiner Vaterstadt außerordentlich gestiegen. Ja, es geschah eines Sonntags, als er
hinter dem Herrn Amtsbürgermeister in seinem Kirchenstuhle saß, daß er aus dem Munde des Antistes der
zürcherischen Kirche, während alle Augen sich theilnehmend
auf ihn richteten, folgende seiner Bescheidenheit unwillkommenen Worte vernahm:

„Ihr seid durch die Posaune der die Welt durchfliegenden Fama davon unterrichtet,“ tönte es von der
Kanzel herab, „welch schreckliche Hekatombe der papistische
Fanatismus in einem uns verbündeten Lande gehäuft
hat, — wie sechshundert unsrer protestantischen Brüder
ausgerottet wurden durch die Schärfe des Schwertes, —
wie die blutgeröthete Adda geschändete Leichen wälzte,
während die verstümmelten Reste anderer auf offenem
Felde liegen, dem krächzenden Gevögel ein scheußlicher
Fraß. — Aber daß der Himmel sogar in allgemeiner
Vernichtung seine auserwählten Rüstzeuge zu bewahren
weiß, dafür gab er uns, Geliebteste, ein den innigsten
Dank erweckendes Zeugniß in der lebendig hier anwesenden Person eines unsrer Herren Mitbürger, den er
durch das menschliche Medium von dessen Fürsichtigkeit
und Tapferkeit voraussichtlich zu höhern Zwecken mitten
aus diesem Verderben gerettet hat.“ . . .

Eine andere Folge war, daß Wasers Vorgesetzte
seit seiner Reise sich von ihm als einem tüchtigen und
in Bündnerdingen bewanderten jungen Manne die ersprießlichsten Dienste versprachen. Man berücksichtigte
sein Urtheil, und vorzugsweise seiner gewandten Feder
ward der öffentliche Verkehr mit den bündnerischen Behörden und der geheime Briefwechsel mit den zürcherischen
Vertrauensmännern in diesem schicksalsvollen Lande zugewiesen. Und, wunderbar, die todten Buchstaben der
jetzt Schlag auf Schlag aus Chur eintreffenden Berichte
bewegten, was sonst nicht der Fall gewesen war, sein
Herz noch mehr, als sie seinen Scharfsinn beschäftigten.
Zwischen den Zeilen blickten die kraftvollen Köpfe des
stolzen Planta, des feurigen Jenatsch, des kalt fanatischen
Blasius Alexander hervor und verdeutlichten ihm die
Natur dieses ungebändigten, parteisüchtigen, unter einer
ruhigen Außenseite tief leidenschaftlichen und seine wilde
Freiheit über Alles liebenden Volksstammes.

Oft wenn er ungestört an seinem Arbeitstische saß,
ward er unversehens zurückgetragen in die Vergangenheit.
Er stand wieder in Berbenn vor dem brennenden Hause
und sah den Schulfreund aus den Flammen treten, sein
noch im blassen Tode wunderschönes Weib über der
Schulter, er sah ihn unausgesetzt, unermüdet, wortlos
voranschreiten auf den gefährlichen Bergpfaden und über
die zerrissenen Gletscher, bis der Schweigsame seine Last
niederlegte auf dem Kirchhofe von Vicosoprano, um sie
dort in Bündnererde zu bestatten. Immer mehr wurde
Heinrich Waser von dem Eindrucke bewältigt, die Lohe,
welche den häuslichen Herd des Bündners verzehrt,
flamme fort als verborgener unauslöschlicher Rachebrand
in seiner Brust, von einem eisernen Entschluße bis zur
günstigen Stunde niedergehalten, und als Jürg thränenlos am Grabe seiner Lucia gestanden, habe er mit ihr
alle Harmlosigkeit der Jugend, alle weichen Gefühle
und vielleicht jedes menschliche Erbarmen versenkt. Hatte
doch Wasers herzliche Theilnahme bei ihm keine Stätte,
nicht ein einziges erwiederndes Wort gefunden. Jenatsch
war dem Freunde gegenüber zu Stein geworden, und
die letzte Rede, fast die einzige auf der Reise, die er
beim Scheiden in Stalla an ihn gerichtet, hatte dem
jungen Zürcher beunruhigend und verhängnißvoll nachgeklungen. „Du wirst von mir hören!“ hatte er ihm
zugerufen. Mit Jürg war Blasius Alexander fortgegangen als einziger Begleiter. Dieser auch hatte das
Gebet über Lucias Grabe gesprochen und dabei schreckliche alttestamentliche Worte so zusammengestellt, daß
Waser sie kaum mehr erkannte und sie ihm als der
Ausdruck gotteslästerlicher Rachsucht erschienen, Ueberhaupt war Blasius nicht sein Mann. Noch nie war
seine heitere, für die verschiedenen Seiten der Dinge
empfängliche Natur auf einen schrofferen Gegensatz
gestoßen, und ihm graute, seinen Freund in dessen
jetziger Stimmung mit diesem kalten Fanatiker zusammen
zu wissen.

Wie gesagt, eine Hiobspost folgte der andern. Unmittelbar nach der Schlächterei besetzten die Spanier,
von Fuentes her eindringend, mit Heeresmacht das ganze
Veltlin. Die beiden Planta führten die Oesterreicher
ins Münsterthal, und zwei Versuche, die verlorenen
Landschaften wieder zu gewinnen, blieben fruchtlos. Im
Innern von Bünden wuchs täglich die Wuth gegen die
landesverrätherischen Anstifter des Veltlinermordes, besonders gegen den vervehmten Pompejus Planta, der
in der allgemeinen Verwirung sich seines festen Hauses
Riedberg wieder bemächtigt hatte.

So war Waser, als eines Tages durch einen
reitenden Boten die Nachricht von dem Ueberfalle des
Schlosses und der Ermordung des Herrn Pompejus
eintraf, mehr erschrocken als erstaunt. Das Schreiben
kam vom Ritter Doktor Fortunatus Sprecher. Dieser
gelehrte Jurist behauptete in der von politischer Leidenschaft beherrschten Zeit eine zurückgezogene und verhältnißmäßig unangefochtene Stellung. Von ihm war bekannt, daß er, dem die waghalsige Demokratenwirthschaft
und die spanischen Intriguen gleichermaßen verhaßt
waren, in stillen Stunden beflissen sei, die in ihm aufsteigende Bitterkeit bestmöglich zu versüßen durch tägliche genaue Aufzeichnung aller Fehlgriffe und Greuel,
welche sich die ihm widerwärtigen extremen Parteien zu
Schulden kommen ließen. Dies that er aber mit dem
Vorsatze, die unter dem Eindrucke des Tages entstandenen Aufzeichnungen im Laufe der Jahre gemächlich
zu einer ausführlichen und, wie er sich schmeichelte, völlig
vorurtheilslosen Geschichte seines Vaterlandes zu verarbeiten. Mit diesem wohlunterrichteten Manne unterhielt die Regierung von Zürich Beziehungen, um, wie
sich Jenatsch ausgedrückt hatte, auf dem Laufenden
zu bleiben. Der Ritter beobachtete die Vorsicht, seine
Briefe nicht an die Staatskanzlei, sondern an Heinrich
Waser, den Privatmann, zu richten.

Das Schreiben, welches dieser in schweren Gedanken
immer und immer wieder las und unbewußt mit häufigen Thränen benetzte, trug das Datum: Chur, den
27. Februar 1621. Es erzählte das verhängnißvolle
Ereigniß in einer Sprache, welche die zornige Erregung
des Berichterstatters verrieth.

In der Nacht vom vierundzwanzigsten auf den
fünfundzwanzigsten hätten sich die Führer der Volkspartei von Grüsch im Prätigau, dem Sitze ihrer Verschwörung, aufgemacht, zwanzig Mann stark, alle gut
bewaffnet und beritten, voran der wahnwitzige Blasius
Alexander und der teuflische Jenatsch. In rasendem
Ritte durch das schlafende Land und die finstere föhnwarme Nacht brausend, seien sie im Morgengrauen wie
Gespenster vor Riedberg aufgetaucht, haben das Thor
mit Axthieben gesprengt, seien ohne ernstlichen Widerstand der schlummertrunkenen entsetzten Dienerschaft in
die Schlafkammer des Herrn Pompejus eingedrungen,
diese aber sei leer gewesen. Im Begriffe, fluchend und
lästernd wieder abzuziehen, habe sie Jenatsch in einem
engen Vorzimmer auf ein altes blindes Hündlein aufmerksam gemacht, das winselnd in den Rauchfang des
Kamins hinaufschnoberte. Aus diesem sei dann Herr
Pompejus mit frevler Faust an seinem langen Schlafkleide heruntergerissen und mit wüthenden Beilhieben zu
Tode gebracht worden. Unbegreiflicher Weise seien die
Mörder unangefochten in frechem Triumphe durch das
rings von den Sturmglocken aufgestörte Land nach
Grüsch zurückgekehrt, am hellen Tage durch die Straßen
von Chur im Schritte reitend, wo er, Sprecher, durch
das Pferdegetrappel an's Fenster gerufen, selbst die Entsetzlichen erblickt und von dem blutigen Jenatsch hohnlächelnd begrüßt worden sei. Der alte Kastellan auf
Riedberg aber, Lucas, aus dessen vor Amt gemachten
Angaben er diesen seinen wahrhaften Bericht hauptsächlich schöpfe, habe nach Abzug der Meuchlerbande das
Mordbeil aufgehoben und, im Gedanken, es der göttlichen Gerechtigkeit als Werkzeug scharf zu behalten, in
sorgfältige Verwahrung genommen. Ueber der Todesstätte seines Herrn aber habe er die Mauer mit einem
großen Kreuze bezeichnet.

Sprechers Brief endigte mit der schwarzsichtigen
Bemerkung: in dieser Zeit, wo den Guten jede Macht
genommen sei, bleibe die Bestrafung der Bösen das
einzige Zeichen einer waltenden Vorsehung, und mit dem
trostlosen Ausrufe: „Wehe, Rhätia, wehe Dir!“

Dieser Weheruf war nicht unberechtigt, das lehrte
die nächste Zukunft. Nach einigen flüchtigen Sonnenblicken, die eine bessere Wendung der Dinge für Bünden zu versprechen schienen, erfüllten sich seine Geschicke.
Bevor seit der Ermordung des Herrn Pompejus ein
Jahr um war, überschwemmten österreichische und spanische Heerhaufen die rhätischen Lande. Das Volk
erhob sich zum Verzweiflungskampfe, selbst Frauen und
Mädchen schwangen rohe todbringende Waffen. Jenatsch
troff von Blut und seine übermenschliche Tapferkeit
wurde zur Legende. So erschlug er Hunderte von Oesterreichern, meldet die Sage, bei Klosters in offener Feldschlacht, er allein mit drei Genossen.

Die heldenmüthigen Bündner wurden von der
Uebermacht erdrückt. Waser sah eines nach dem andern
ihrer flüchtigen Häupter in Zürich anlangen. Es kam
ein Salis, ein Ruinell, ein Bioland, — Jürg Jenatsch
kam nicht. Wohl mochte es ihm schwer werden, das
Bollwerk seiner Berge zu verlassen.

Furcht vor dem übermächtigen Oesterreich lähmte
diesmal die Gastfreundschaft der Stadt Zürich, die sie
sonst keinem Vertriebenen versagt. Beim Pokale auf den
Zünften hatte die junge Bürgerschaft den bündnerischen
Tellen, so nannte man die Mörder des Herrn Pompejus Planta, stürmisch zugejauchzt, jetzt aber streckten
sich den Flüchtigen nur wenige Hände entgegen. Man
ersuchte sie, sich stille in den Häusern zu halten, damit
in Wien ihre Anwesenheit geleugnet werden könne.
Die Geister waren von dunklen Ahnungen erschreckt,
dreißig kommende Kriegsjahre warfen ihren Schatten
vor sich her.

Eines Tages verließ Waser ernster als gewöhnlich
und in tief bewegter Stimmung das Haus seiner jungen
Braut, die er nächstens heimführen sollte und in deren
angesehener Familie er das Abendbrod einzunehmen
pflegte. Hier ließ er sonst die Staatssorgen vor der
Thür und freute sich in Züchten des Lebens; heute aber
quoll ihm der Bissen im Munde. Sein Schwager, ein
junger Geistlicher, hatte aus der eben versammelten
Synode eine ergreifende Nachricht nach Hause gebracht.
Von seiner Hochwürden dem Antistes war ein Schreiben
verlesen worden mit der Nachricht von dem standhaften
Ende des Märtyrers Blasius Alexander. Da wurde
ausführlich von einem seiner Kerkergenossen erzählt, wie
man ihn auf der Flucht ergriffen und nach Innsbruck
gebracht habe; wie er sich in der Gefangenschaft
unerschütterlich geweigert, den reformirten Glauben abzuschwören, und wie er schließlich zum Verluste der
rechten Hand und des Hauptes verurtheilt wurde. Da
seine Rechte abgeschnitten auf dem Blocke lag, habe er
bereitwillig auch die Linke ausgestreckt, als könne er sich
des Marterthums nicht ersättigen.

Um sein Gemüth zu beruhigen, machte Waser gegen
seine Gewohnheit einen raschen Gang um die beschneiten
Schanzen der Stadt. Als er in seine dunkle Stube
zurückkehrte und Feuer schlug, um seine Lampe anzuzünden, gewahrte er in der Fensternische eine hohe Gestalt, die ihm nun festen Schrittes entgegentrat und ihm
die Hand auf die Schulter legte. Es war Jürg Jenatsch.

„Erschrick mir nicht, Heinrich,“ sagte er sanft, „ich
komme nur für eine Nacht und verlasse Eure Mauern,
so bald in der Frühe ein Thor aufgeht. Hast Du Platz
für mich in Deinem Kämmerlein, wie ehedem? . . . .
In Bünden hab' ich nichts mehr zu thun. Da ist Alles
verloren — wer weiß für wie lange. Ich gehe zum
Mansfeld. Dort auf dem großen deutschen Kampfplatze
entscheidet sich mit Sieg oder Niederlage der protestantischen Waffen auch das Loos meiner Heimat.“ —

Zweites Buch.
Lucretia.

Erstes Kapitel.

Ein durchsichtig blauer Winterhimmel umfing die
Lagunenstadt und schaute sich mit gleicher Kraft und
Helle tief aus dem Spiegel eines ihrer vielen schmalen
Wasserbänder wieder entgegen. Hier zeigten die stillen
Wasser auch das scharfe dunkle Ebenbild einer schlank gewölbten Marmorbrücke, die das engste und bewohnteste
Quartier Venedigs mit dem Campo dei Frari verbindet.
Dieser kleine Platz bildet den spärlichen Vorraum zu
dem fremdartig erhabenen Meisterbau Niccolò Pisanos,
dem rothschimmernden Dome der Maria gloriosa de'
Frari.

In der engen Pforte eines an die Lagune gebauten Hauses jenseits der Brücke stand ein Mann von
mittleren Jahren mit einem ernsten bärtigen Kopfe und
von gedrungener, kurzer Gestalt. Sein Blick folgte
ruhig den lautlos geführten, von Zeit zu Zeit unter
dem Brückenbogen durchgleitenden Gondeln, oder betrachtete die Bettler, welche auf den Stufen des Domes
lagerten und eben ihr Frühstück verzehrten. Ihm zu
Häupten war an der Mauer, dem Halbrunde der
Thürwölbung folgend, in colossalen schwarzen Lettern
und italienischer Sprache zu lesen: Lorenz Fausch, Pastetenbäcker aus Bünden.

Aus den herrschaftlichen Gondeln, die an der Landungstreppe des Campo anlegten, war schon manche
zarte Dame gestiegen; manche zierliche Gestalt, umhüllt
von den weichen Falten dunkler Seide und das Antlitz
durch die sammetne Halbmaske vor der Kälte geschützt,
war die Stufen hinauf über den Platz in die Kirche
geglitten, ohne daß die Züge des Bündners sich im
Mindesten verändert hätten. Jetzt aber ging etwas
Seltsames auf dem ernsthaft gleichmüthigen Gesichte vor.
Unter der Brücke war der wetterbraune, weißbärtige
Kopf eines Ruderers zum Vorschein gekommen, der,
aus seinen ungelenken Bewegungen zu schließen, mit der
Lagune nicht vertraut war. Während sein Gefährte,
der auf dem Hintertheile des Fahrzeuges stand, ein
jugendlich behender, ein echter Gondoliere, dieses mit
schlanker Ruderbewegung an die Mauer drückte, öffnete
der Alte langsam die niedrige Gondelthüre und schickte
sich an, einer nur leicht verschleierten, offen und groß
blickenden Frau beim Aussteigen behilflich zu sein. Sie
aber hatte seine Hand nicht angenommen. Unversehens
stand sie auf der Treppe und schritt, ohne sich umzublicken, der Pforte des Domes zu.

Ehe der in der Gondel beschäftigte Alte seiner
Herrin folgen konnte, trat Herr Fausch, dessen Miene
sich plötzlich erhellt hatte, an den Rand der Lagune vor
und rief ihm mit gedämpfter Baßstimme den romanischen Gruß: „Bun di“, zu; aber jener wandte
sich nicht nach dem seine Bekanntschaft Suchenden um,
er streifte ihn nur mit einem Blitze unter seinen buschigen Brauen hervor, halb mißtrauisch, halb verständnißvoll, dann zog er langsam einen Rosenkranz aus der
Tasche und schritt, Herrn Fausch den Rücken zukehrend,
nach der Kirche.

Noch folgte ihm dieser mit nachdenklichen Blicken,
als, aus dem Seitengäßchen rasch herauslenkend, ein
kleiner hagerer Cavalier an ihm vorüberschoß und mit
einem stählernen Sprung auf der Brücke stand. Hier
bemerkte er zu seiner Rechten den Bäcker und dessen
behaglichen Gruß, wandte ihm einen Augenblick
sein junges nichts weniger als hübsches aber höchst
originelles Gesicht zu und sagte: „Augenblicklich noch
im Dienst! Holt mir ein Fläschchen Cyprier, Vater
Fausch — wohlverstanden, von der Sorte, der Ihr
persönlich huldigt. In zwei Minuten bin ich hier.“

Fausch trat aus dem fröhlichen Sonnenlichte in sein
etwas düsteres zu dieser Morgenstunde noch leer stehendes Schenkzimmer zurück, das jedoch mit seinen
zahlreichen Sitzen und reinlichen weißen Marmortischen
offenbar auf den Besuch von Gästen nicht geringen
Standes eingerichtet war. Während er sich in den geheimen, wohlverschlossenen Raum begab, der ihm in
der Meerstadt als Keller diente, um ein strohumflochtenes Fläschchen von seinem dunkeln Ehrenplatze herunterzuholen, dem Befehle des jungen Cavaliers gemäß, doch
Alles mit würdiger Bedächtigkeit, hatte dieser seinen
Gang gemacht und kam schon wieder über die Brücke
zurück.

Er hatte die Kirche betretend sogleich die hohe Gestalt wieder entdeckt, die sein Blick aus der Tiefe des
Gäßchens im Fluge erfaßt hatte, und die ihm durch
ihre dunkle kräftige Schönheit anziehend erschienen war.

Andächtig kniete sie, das Antlitz zum Gekreuzigten
erhoben, mit gefalteten Händen auf den Stufen des
Hochaltars. Nicht Zweifel, nicht Trostbedürfniß, nicht
Sehnsucht schien sie hergeführt zu haben. Keine innere
Aufregung, keine unstäte Leidenschaft bewegte die hochgewachsene Gestalt. Feste Ruhe lag in den schönen,
noch jugendweichen Zügen. Aber nicht klösterlich kalt
war ihr Ausdruck, sondern von kräftigem Leben durchglüht. Sie flehte nicht, rang nicht um Erhörung. Sie
brachte, so schien es, ein tägliches Opfer, ein gewohntes Gelübde dar, das ihre Seele erfüllte und dem ihr
Leben geweiht war.

In steigender Neugier war der junge Cavalier
immer näher herangetreten, da hatte sie sich erhoben
und war seinem unbescheidenen Auge unverschleiert mit
einem stolzen fremden Blicke begegnet. Dann hatte sie
die Kirche verlassen. Zwiefach enttäuscht, — denn in der
Ferne war ihm die Dame jünger erschienen und auf
ihre einfache Hoheit war er nach seinen venetianischen
Erfahrungen und Gewohnheiten nicht gefaßt, — hatte er
noch einen Blick auf die verschiedenen Kirchenbilder geworfen und ein Wort mit dem Küster gesprochen.

Als Fausch, das Fläschchen auf einem silbernen
Teller mit einiger Feierlichkeit vor sich hertragend, in
der Hinterpforte seines Schenkraumes erschien, hatte sich
der Gast schon in nachlässigster Haltung auf einer Ottomane nächst der Thüre niedergelassen. Er zog jetzt
seine Füße von dem Marmortischchen, auf das er sie
gelegt hatte, der Bäcker aber holte ein fein geschliffenes
kleines Kelchglas herbei, stellte es neben die Flasche und
begann nach seiner Gewohnheit selbst das Gespräch.

„Und wer war denn, mit Eurer Gnaden Erlaubniß, das Herz und Augen erfrischende Frauenbild, dem
der Herr Locotenent nachschoß wie eine Kugel aus dem
Rohre?“

„Wie, Vater Lorenz, das solltet Ihr nicht wissen,“
meinte der Angeredete, „Ihr, die lebendige Tageschronik und Fremdenliste von Venedig?“ —

„ Sie kommt mir sonderbar bekannt vor, und wer sie
ist, werd' ich herausbringen. Sicher keine dieser trägen Venetianerinnen, dafür erfreut sie sich zu leichter
Füße. Wißt nur, Herr Wertmüller, als ich sie vorhin so schön und frei über das Campo schreiten sah,
da überkam mich eine Rührung. Mir war, als schritte
sie nicht neben dieser faulenden Lagune, sondern auf
den Bergpfaden meiner Heimat neben senkrechten Präzipizien und schäumenden Bächen. Noch eins! Ihr Diener, der alte weißbärtige Spitzbube mit den Jägeraugen
und dem Rosenkranze, ist ein Bündner so gewiß als ich.“

„Also aus Euren Bergen,“ versetzte Wertmüller,
„und von Eurem Schlage.“

„Was Wunder übrigens,“ meinte Fausch, „wenn
ein Salis oder ein anderes Haupt unserer französischen
Partei in diesem Augenblicke in der gastfreundlichen
Venezia zu thun hätte; zweifelt ja von uns Keiner
mehr daran, daß Euer Herr, der vieledle Heinrich
Rohan, von Richelieu Vollmacht erhalten hat, eine
Heerfahrt nach Bünden zu rüsten. Nun kommt endlich
die Stunde, da mein Land der österreichisch-spanischen
Gewalt entwunden wird.“

„Gut,“ sagte der Andere ihn spöttisch ansehend,
„der gallische Hahn also, Vater Fausch, soll sich für
euch mit dem österreichischen Adler zausen, daß die Federn
fliegen! Ihr traut ihm viel Großmuth zu, denn ihr
sitzt fest in den spanischen Krallen. In meiner Stellung
als Adjutant des Herzogs bin ich freilich weniger in
diese geheimen politischen Pläne eingeweiht als Ihr,
das von dem venetianischen Müssiggange inspirirte Lagunen- und Lügenorakel. Uebrigens“ fuhr er, seine
Schärfe mäßigend, fort und blickte dem Bäcker in die
Augen, der in seinem Innersten beleidigt, sich mit geröthetem Angesicht vor ihn hingestellt hatte und nach
dem kräftigsten Ausdruck zur Abwehr solcher Mißachtung
rang, „übrigens ist heute nicht Politik sondern Kunst
bei uns im herzoglichen Palazzo an der Tagesordnung.
Eben war beim Frühstück von Tizian die Rede. Eine
mit unserer Herzogin befreundete Nobildonna behauptete, unsere kunstsinnige Dame habe bis heute eines
der edelsten Werke des Meisters übersehen, das sich hier
bei den Frari befinde. Es erwies sich, daß es bei der
Herzogin letztem Aufenthalte in Venedig aus irgend
einem Grunde sich in der Werkstätte eines Malers befand. Ich ward von ihr abgesandt, um den jetzigen
Thatbestand festzustellen. Es hängt wieder drüben,
und ich fliege, es den Herrschaften zu melden. Sie
werden ihre Wallfahrt zu dem Tizian gleich antreten
wollen.“

„Herr, so dürft Ihr mir nicht fort,“ sagte Fausch,
und vertrat ihm mit seiner breiten Figur den Ausweg.
„Ihr verkennt mich grausam in dem was mir hoch und
heilig ist. — Was hielte meinen Geist in diesem
schmerzvollen Exil lebhaft und aufrecht, wenn nicht die
Tag und Nacht genährte Hoffnung, mein Jahrzehnte
lang zerfleischtes, verheertes, gefesseltes Bünden wieder
befreit zu sehen! — Und ich soll mich nicht um Neuigkeiten kümmern? Soll nicht die Fühlhörner nach allen
Seiten ausstrecken? Nicht jede günstige Nachricht mit
durstigen Poren einsaugen? — Pocht denn Euch nichts
hier fürs Vaterland, Herr Wertmüller? . . .“ Er drückte
tief athmend die fette Hand auf die Brust. „Glaubt
nicht, daß mir die für Bünden unrühmliche Hilfe der
Franzosen willkommen sei; ich heiße das den Teufel
durch Beelzebub vertreiben, aber sie ist, Gott sei's geklagt, der letzte Ausweg aus der härtesten Sklaverei!
Auch lebt jetzt in Bünden ein matteres Geschlecht. In
jener großen Zeit freilich, wo ich, der Würgengel Jenatsch
und der Märtyrer Blasius Alexander die Thaten eines
Leonidas und Epaminondas vollbrachten, hätten wir
Alle uns lieber, die Brust mit Wunden bedeckt, in ein
breites Grab reihen lassen, als in das welsche Heer,
und unsere Seelen eher dem leibhaftigen Teufel übergeben, als dem französischen Cardinal!“

Der junge Wertmüller, den die Scene insgeheim
köstlich belustigte, war im Begriffe, den begeisterten Bäcker
auf die Seite schiebend, die Thür zu gewinnen, konnte
sich aber die Schlußbemerkung nicht versagen: „So
weit ich die Weltgeschichte kenne, Vater Lorenz, seid
Ihr darin nicht berücksichtigt.“

Jetzt ergriff ihn Fausch heftig aber freundschaftlich
bei der Hand: „Wie wird heutzutage Historia geschrieben, Herr Locotenent? Saftlos und ohne Gewissenhaftigkeit ! Die Tradition jedoch der volksthümlich großen
Thaten erlischt nicht, auch wenn ein pedantischer Geschichtsschreiber sie heimtückisch unter den Scheffel stellen
sollte. Sie geht über Berg und Thal von Mund zu
Munde und aus dem meinigen sollt Ihr ein Euch unbekanntes, wichtiges Blatt unserer Bündnergeschichten
kennen lernen.“

„Anno zwanzig, als die edle Demokratie in unserem
Lande herrschte, vollzog sie einen großartigen, einen
wahrhaft weltgeschichtlichen Akt. Frankreich zweideutelte
damals zwischen Licht und Nacht, zwischen protestantischer und katholischer Politik. Dem beschloß das zu Davos versammelte Strafgericht in seiner Weisheit herzhaft
ein Ende zu machen. An den Gesandten Frankreichs, —
der Gueffier war's, er hielt damals Hof in Maienfeld, —
schickte es eines seiner Mitglieder, einen schlichten Bürger, einen einfachen Prädikanten, der dem Franzosen
Befehl überbrachte, augenblicklich einzupacken, . . . und
dieser tapfere Republikaner, Euer Gnaden, war niemand
anderes, als Lorenz Fausch, der hier vor Euch steht.
Jetzt aber hättet Ihr sehen sollen, wie der Franzose
seinen Hut vom Kopfe riß, und ihn wie toll mit den
Füßen zerstampfte. „Einen Salis oder Planta mindestens hätte man an mich abordnen sollen,“ schrie er
wüthend, „nicht einen solchen . . .“ hier hielt Fausch
inne und besann sich —

„Weinschlauch! — dies ist des denkwürdigen Dialogs beglaubigter Wortlaut,“ erscholl es mit heller mächtiger Stimme von dem offenen Eingange her, der in
diesem Augenblicke durch eine große Gestalt, welche auf
die Schwelle trat, verdunkelt ward, und vor dem erstaunt sich umwendenden Bäcker stand ein Kriegsmann
von gewaltiger Statur und herrischem Blick.

„Sagte er wirklich so, Jürg?“ faßte sich der betroffene Herr Lorenz; aber statt ihm zu antworten neigte
sich der stattliche Fremde mit leichtem Anstande gegen
den jungen Offizier, der den Gruß militärisch erwiedernd durch die freigewordene Thür hinaus in den
Sonnenschein eilte.

Zweites Kapitel.

Der Kriegsmann schritt klirrend dem Hintergrunde
des schmalen tiefen Gemaches zu, schnallte den Degen
ab, legte ihn mit dem Federhute und den Handschuhen
auf einen leeren Sitz und warf sich mit einer unmuthigen,
harten Bewegung auf einen andern.

Fausch hatte gerade diesen Gast heute am wenigsten erwartet, auch entging ihm der mit den übermüthigen Worten auf der Schwelle im Widerspruch
stehende Ausdruck des Kummers und der Abspannung
auf dem kühnen Gesichte nicht. Nachdem er noch einen
besorgten Blick auf dieses geworfen, schloß er behutsam
die Thüre seines Schankes.

Das schmale Gemach lag jetzt im Halbdunkel, nur
durch ein hochgelegenes Rundfenster über der Thür
drang ein röthlicher, von goldnen Stäubchen durchspielter Sonnenstrahl in seine Tiefe und blitzte in den
aufgereihten, fein geschliffenen Kelchen und funkelte in
dem Purpurweine, welchen Meister Lorenz dem in sich Vertieften unaufgefordert vorgesetzt hatte. Eine gute Weile
noch schwieg dieser, das Haupt auf den Arm gestützt,
während Fausch die Hände auf die glänzende Marmorplatte stemmte und, einer Anrede gewärtig, nachdenklich
vor ihm stand.

Endlich entrang sich der Brust des Gastes ein
schwerer Seufzer: „Ich bin ein Mann des Unglücks!“
sprach er vor sich hin. Dann richtete er sich mit einem
trotzigen Rucke auf, als ob ihn sein eigenes muthloses
Wort aus einem bösen Traume geweckt und seinen
Stolz beschämt hätte, heftete seine finstern Augen fest,
aber voll inniger Freundlichkeit auf Meister Lorenz und
begann: „Du wunderst Dich, Fausch, mich hier in
Venedig zu sehen! Du glaubtest, ich hätte noch eine
lange Arbeit in Dalmatien, aber ich bin zuletzt rascher
damit fertig geworden und unblutiger als ich selber es
dachte. Die dalmatischen Räuber sind zu Paaren getrieben und die Republik von San Marco kann mit
mir zufrieden sein. Es war kein leichtes Spiel. Bei
Gott, ich kenne den Gebirgskrieg von der Heimat her,
aber hätt' ich nicht Verräther unter ihnen gefunden, und
sie entzweit durch mancherlei List und Vorspiegelung, ich
säße noch vor ihren Bergmauern drüben in Zara. Auch
eine hübsche Beute habe ich gemacht und Dein Theil
daran, Lorenz, ist Dir wie immer gewiß. Ich bin nicht
Jenatsch, wenn ich je vergesse, daß Du mich aus Deinem
schmalen Erbe in den ersten Harnisch gesteckt und auf
einen Kriegsgaul gesetzt hast.“

„Ein dankbares Gemüth ist ein ebenso schönes als
seltenes Juwel“, sagte Fausch erfreut, „aber wo drückt
Euch denn der Schuh, Hauptmann Jenatsch, wenn Ihr
Ruhm und Beute vollauf zurückbringt?

„Ich bin noch mit dem letzten Schritte in eine Falle
meines tückischen Schicksals getreten“, versetzte der
Hauptmann, die Brauen schmerzlich zusammen ziehend.
„Gestern Mittag landete meine Brigantine an der Riva,
ich meldete mich pflichtschuldig bei dem Provveditore,
der mich, da ich seine besondere Gunst nicht besitze, ohne
Weiteres zu meinem Regiment nach Padua beorderte.
Dort langte ich bei einbrechender Nacht an und fand
meinen Obersten in einer Locanda eine halbe Meile
vor dem Thore, aufgeregt von Becher und Würfel und
in bestialischer Laune. Er stand gerade mit roth glühendem Gesicht am Fenster, um Luft zu schöpfen, als ich
vorritt. „Prächtig!“ schrie er mich an, „da weht uns
der Teufel noch sein Schooßkind den Jenatsch her!
Herauf, Hauptmann, mit Eurem vollen Beutel aus
Dalmatien!“ — Ich stieg ab und erstattete Bericht,
dann setzt' ich mich zur Gesellschaft und wir spielten
bis zum Morgenlicht. Dabei verlor der Oberst an mich
etwas wie hundert Zechinen, doch verbiß er seinen
Grimm und ohne Streit erreichten wir die Stadt. Aber
er ließ den Mißmuth an seinem feurigen Rappen aus
und das schaumbedeckte Thier traf am Gemüsemarkt mit
den fliegenden Hufen ein Bübchen, welches dem Schulmeister und der zur Frühmesse ziehenden Schule nachtrottelte. Wir saßen beim Petrocchi ab und nahmen
ein Frühstück. Natürlich war bald auch der Schulmeister da mit einer feierlichen Jammermiene und forderte für das Schülerlein ein dem Edelmuth und dem
hohen Stande des Herrn angemessenes Schmerzensgeld.
Ruinell aber fuhr den armen Wicht so wüthend an,
daß mich ein Mitleid überkam und ich mich dazwischen
legte. So empfing denn ich die volle Ladung und der
Oberst, der seiner Sinne nicht mehr mächtig war, vergaß sich so weit, daß er mich am Wams packte und
einen schurkischen Demokraten schalt, der mit dem
paduanischen Lügenpöbel unter einer Decke stecke . . .“

„Das bist Du auch, herrlicher Jürg“, rief der
Bäcker dazwischen, sobald das Wort Demokrat sein Ohr
erreichte, denn dieser Zauberformel hatte er nie widerstehen können. „Das bist Du auch! Dein treues Gemüth hat es mit dem gedrückten Volke stets redlich
gemeint!“

. . . . „Je gelassener ich mich vertheidigte, desto
unbändiger wurde der Rasende. „Der Degen soll entscheiden, Hauptmann“, tobte er, „kommt mit mir vors
nächste Thor“. Ich beschwor ihn, wenigstens bis morgen
davon abzustehen und mich nicht zu nöthigen gegen
meinen Obern zu ziehen. Aber er bedeckte mich mit
Schmähungen und nannte es eine Feigheit, wenn ich
es nicht auf die Waffen ankommen lasse. Da endlich,
um den ehrrührigen Aergerniß ein Ende zu machen,
folgte ich ihm, ungern genug, auf den Wall hinter
St. Justine. Wir waren stattlich geleitet, auch vom
Stadthauptmann und seinen Sbirren, tapfern Leuten,
wie Du Dir's denken kannst, Lorenz! die sich mit vollkommener Rücksicht hüteten, in fremde Händel einzugreifen. Draußen aber warf der Unselige sich meiner
Klinge in so blindem Zorne entgegen, daß er sich nach
wenigen Gängen — — aufrannte.“

„Brrr“, fuhr Fausch zusammen, obwohl er diesen
Schluß der Erzählung ahnungsvoll vorausgesehen hatte.
Dann setzte er sich hinter sein Rechenbuch, das auf einem
kleinen Pulte zwischen dem Tintenfasse und einem umfangreichen, bis auf eine kleine Neige geleerten Kelchglase lag und schlug bedächtig blätternd eine Seite desselben auf, die den Namen: „Oberst Jakob Ruinell“ als
Ueberschrift trug. Sie war von oben bis unten mit
langen Zahlenreihen bedeckt. Er tunkte die Feder ein
und zog zwei dicke Striche kreuzweis über das ganze
Blatt. Dann setzte er ein Kreuzchen auch neben den
Namen und schrieb dazu: obiit diem supremum, ultimus suae gentis und das Datum. „Requiescat in
pace. Seine Schuld sei ihm erlassen“, sagte er. „Man
versenkt den Letzten seines Geschlechts mit Wappen und
Helm. Ich begrabe mit dem Ruinell seine Rechnung.
Bezahlen würde sie mir doch niemand.“

„Nun schleppe ich auch das noch hinter mir her!“
seufzte der Andere.

„Werdet Ihr Euch flüchten? fragte Fausch.

„Nein, ich gehe nicht aus Venedig, ich lasse mich
nicht vom Herzog Rohan hinwegreißen“, versetzte Jenatsch
leidenschaftlich, „jetzt, da der Kampf zur Befreiung
meines Vaterlandes wieder entbrennen soll“.

„Merkt wohl, Jenatsch“, sagte Fausch, den Zeigefinger an die Nase legend, mit listigem Blicke, „der
Provveditore hat Euch nicht umsonst hinüber nach Dalmatien geschickt. Sein Zweck ist, Euch von Rohan fern
zu halten. Ahnt er doch, daß Euer gerades natürliches
Wesen im Fluge das Vertrauen des edlen Herzogs gewänne, und daß Ihr in Bünden seine rechte Hand
werden müßtet. Wegen Eurer schon im Jünglingsalter verrichteten demokratischen Großthaten seid Ihr dem weichlichen Venetianer verhaßt und erscheint ihm gefährlich.“

„Himmel und Hölle scheiden mich nicht von den
Geschicken meiner Heimat“, brauste Jenatsch auf, „und
diese liegen jetzt in den Händen des Herzogs! „Uebrigens“, fuhr er bitter lächelnd fort, hat sich Grimani
verrechnet. Ich bin schon seit Monaten mit dem gelehrten Herzog in einem militärischen Briefwechsel; denn
ich habe Ernst gemacht aus dem Handwerke, Lorenz, das
mir einst die Noth der Zeit aufgedrungen, und von
Bünden zeichnet niemand eine bessere Karte als ich.“

„Gut“, sagte Fausch, „aber wie denkt Ihr Euch
das Nächste? Ihr habt nach venetianischem Kriegsgesetze
das Leben verwirkt, denn es verbietet bei Todesstrafe
sich mit einem Vorgesetzten zu schlagen.“

„Bah, es fehlt mir nicht an Zeugen, daß ich knapp
nur mein Leben vertheidigt habe“, warf der Hauptmann hin. „Grimani freilich haßt mich noch von
Bünden her, — wo er früher, wie Du Dich wohl
erinnerst, venetianischer Gesandter war, — so gründlich, daß er den Anlaß willkommen hieße, mich in den
Canal werfen zu lassen. Diese Lust aber wird er sich
versagen müssen. Ich habe einen Vorsprung von
mehreren Stunden. Gleich nach dem Zweikampfe warf
ich mich zu Pferde und eilte nach Mestre zurück. Der
amtliche Bericht an den Provveditore kann nicht vor
Mittag in Venedig ankommen. Das kleine Geschäft,
das mich zu Dir führte, ist gleich beendigt, dann fahre
ich ohne Weiteres nach dem Palazzo des Herzogs am
Canal grande. Ich weiß nicht, ob ich dort gerade willkommen sein werde; aber Schutz und Sicherheit als
seinem Gaste versagt mir der Herzog nicht.“

„Keinen Schritt aus meiner Bude, Jürg!“ eiferte
Meister Lorenz. „Der Herzog wird in wenigen Augenblicken hier sein. Er will drüben bei den Frari den
Tizian besehen. Das hat mir eben sein Adjutant gesagt, der Wertmüller von Zürich, ein gebildeter Mensch,
ein feiner Kopf; aber noch grün, grün! Er spricht
häufig hier ein, um mit mir die öffentlichen Angelegenheiten zu verhandeln und sich ein gesundes politisches
Urtheil zu bilden.“ — Inzwischen hatte er leise die
Thür etwas geöffnet und sein großes Gesicht lauschend
an die Spalte gelegt. „Sieh, sieh,“ fuhr er fort,
„drüben setzen sich die Bettler schon in Bewegung und
bilden in rührenden Gruppen auf beiden Seiten Spalier.
Der Herzog ist im Anzuge.

Mit diesen Worten stieß er beide Flügel weit auf.
Der dunkle Steinrahmen der Thür umschloß ein Bild
voll Farbenglanz, Leben und Sonne.

Im Vordergrunde wurden eben an den Ringen
der Landungstreppe zwei mit zierlichem Schnitzwerke und
wallenden Federsträußen geschmückte Gondeln befestigt.
Zwölf junge Gondoliere und Pagen in Roth und Gold,
die Farben des Herzogs, gekleidet, blieben zur Hut der
Fahrzeuge auf dem von der Mauer grün beschatteten
Canale zurück und kürzten sich in den Gondeln mit
allerlei Scherz und Neckerei die Zeit. Die Herrschaften
waren ausgestiegen und hatten sich die Treppe hinauf
nach dem hellen Platze vor der Kirche begeben. Hier
standen sie noch, die Schönheit der Fassade bewundernd
und lebhaft besprechend.

Leicht zu erkennen an seinem vornehmen hagern
Wuchs und der würdevollen aber anmuthigen Haltung
war der mit calvinistischer Schlichtheit in dunkle Stoffe
gekleidete Herzog. Die schlanke Dame, die er führte,
war nach allen Seiten in beständiger Bewegung. Jetzt
neigte sie sich gefällig einem kurzen untersetzten Herrn
zu, der ihr mit einiger Gravität die gothische Architektur des Doms zu erklären bestrebt war. Ein Gefolge von jungen Edelleuten in militärischer Tracht hielt
sich in angemessener Entfernung und setzte mit französischer Lebendigkeit eine Unterhaltung fort, in der offenbar die Maria gloriosa keine Rolle spielte. In ihrer
Mitte stolzirte der kleine kecke Wertmüller und schien,
wie ein kampflustiger Sperling seinen Raub, eine These
gegen alle gewandten Angriffe seiner jugendlichen Genossen zu verfechten.

Jenatsch hatte sich, die Pforte leer lassend, mit
Fausch etwas in den Hintergrund des Gemaches gestellt, doch dergestalt, daß sein Auge den Platz beherrschte,
und blickte über des Bäckers Schulter mit gespannter
Aufmerksamkeit auf die Gruppe. Die Erscheinung des
Herzogs fesselte seine ganze Seele. Dies war wieder
das ihm unvergeßlich eingeprägte blasse Antlitz, in welches er einmal vor langen Jahren am Comersee geschaut
hatte. In diesem Augenblicke zeigte ihm der Herzog
seine scharf gezeichneten Züge im Profil und der Ausdruck langgeübter Selbstbeherrschung und schmerzlicher
Milde, der auf dem etwas gealterten geistvollen Gesichte unverkennbar vorherrschte, überwältigte seltsamer
Weise den Bündner wie mit der Macht einer erwachenden
alten Liebe. Dieser Mann, der ihn magnetisch anzog,
der in der Stunde, die über sein Leben entschied, einen
wunderbaren Einfluß auf ihn geübt, dieser edle Mensch,
an den er sich immer noch in verborgener Weise gekettet fühlte, hier stand er vor ihm und erschien ihm,
als der bestimmt sei, in das Loos seiner Heimat entscheidend einzugreifen. Rohan hielt wieder die Urne
des Schicksals in den Händen.

„Erkennst Du in dem schneeweißen Rundkragen
dort, dem ansehnlichen Herrn, der vor der Herzogin
scharwenzelt, unsern alten Schulkameraden Waser von
Zürich?“ unterbrach Fausch den stürmischen Gedankenflug des Hauptmanns. „Seine Manschetten sind so
sauber und schmuck wie vordem sein Schulheft im Loch.“

„Richtig! dort steht Waser! — Was sucht der in
Venedig?“ flüsterte Jenatsch.

„Da hab' ich meine Vermuthungen. . . . Vielleicht
hat Zürich irgend eine Rechnung für seine Compagnien
im Dienste von San Marco zu ordnen — das ist aber
nur Vorwand, sicherlich — und der Fuchs dort hat wohl
mehr mit dem französischen Herzog als mit dem geflügelten Löwen zu thun. Das französische Heer, das
der Herzog auf das Kriegstheater führen wird, sammelt
sich, sagt man, im Elsaß und er kann es nur über den
Boden der protestantischen Kantone nach Bünden bringen.
Die Herren von Zürich aber berühmen sich, ihre Neutralität zwischen Frankreich und Oesterreich streng und
peinlich aufrecht zu halten. . . . Nur durch einen unvorhergesehenen raschen Durchbruch könnte sie vorübergehend
perturbirt und die scharfsichtigste Wachsamkeit betrogen
werden. Dieses jeder Vorsicht der Zürcherischen Regenten spottende Ereigniß kartet ihr braver Kanzler dort mit
dem Herzog ab“.

„Vortrefflich!“ sagte Jenatsch, den Degen umschnallend, aber nun zu unserm Geschäft!“

Er zog Brieftasche und Beutel hervor.

„Diese zweihundert Zechinen sind Dein, Fausch“,
und er steckte ihm eine Rolle zu, „für Gaul und Harnisch. Meine übrige dalmatische Beute — hier ist sie
in Briefschaften und Gold — bring mir bei dem Wechsler
a Marca in Sicherheit. Ich hoffe die Bleidächer zu vermeiden; aber es ist gut auf Alles gefaßt zu sein. Addio.“

Fausch ergriff mit Wärme die dargebotene Hand
und sagte: „Lebe wohl Jürg, Du mein Stolz“.

Drittes Kapitel.

Auch der Hauptmann trat durch die Pforte der
Maria gloriosa. Er sah sich mit einem schnellen Blicke
um, und wandte sich dann unbemerkt links unter die
hohen Bogen des Seitenschiffs, in dessen Mitte die
Gesellschaft des Herzogs ein Altarblatt betrachtete.
Langsam vorschreitend näherte er sich der Gruppe.

Der Herzog schien gedankenvoll in das Bild vertieft, während ihm seine Gemahlin mit entzückten Geberden und einem Strome von Worten ihre Bewunderung des von ihr bis jetzt ungenossen gebliebenen Meisterwerks ausdrückte. — Einen Schritt abseits ließ sich
Herr Waser von dem hinter ihm stehenden Küster mit
leiser Stimme die verschiedenen Figuren des Bildes erklären und schrieb deren Namen in feiner Schrift über
die Köpfe einer in Kupfer gestochenen winzigen Kopie,
die er aus seiner Brieftasche gezogen hatte.

„Die edle Familie Pesaro,“ erläuterte in gedämpftem singenden Tone der Küster, während um seine Füße
schmeichelnd ein weißes Lieblingskätzchen strich, das,
ebenso heimisch im Dom wie sein Meister und ebenso
scheinheilig wie er, ihm auf Schritt und Tritt folgte,
„die edle Familie Pesaro, der allerheiligsten Madonna
vorgestellt durch die Schutzpatrone St. Franziskus, St.
Petrus und St. Georg. —“ Hier verbeugte er sich
gegen die Heiligen und machte eine ehrerbietige Pause.
Dann bat er im Flüstertone, auf das dem Beschauer
zugewandte lieblich blasse Köpfchen der jüngsten, höchstens zwölfjährigen Pesaro hinweisend, den aufmerksamen
Herrn Waser, eine wundersame Eigenschaft ihrer durchsichtigen braunen Augen nicht außer Acht zu lassen.
„… Diese zaubervollen Blicke, Herr, richten sich unverwandt auf mich, von woher ich immer das süße
kleine Fräulein beschaue. Sie begrüßen mich, wenn ich
zum Altar trete, und wohin ich immer geschäftig
mich wende, die leuchtenden Sterne verlassen mich
niemals“.

Während Herr Waser seine Stellung zu wiederholten Malen wechselte, begierig zu erfahren, ob sich
diese Behauptung auch zu seinen Gunsten erprobe,
wurde das Interesse der jungen Edelleute, welche sich,
um die Herzogin ungestört ihrem Kunstgenuße zu überlassen, etwas im Hintergrunde hielten, durch ein anderes
Augenspiel angezogen. Die Blicke, die sie fesselten,
waren nicht die wunderbaren des von Tizian gemalten
Kindes, auch durfte der Küster sich nicht erst bemühen,
sie auf diesen natürlichen Zauber aufmerksam zu machen.
Am Fuße des nächsten Pfeilers knieten ein paar Venetianerinnen. Jugendlich weiche Gestalten! Durch die
das Angesicht verhüllenden schwarzen Spitzenschleier
schienen schwärzere Brauen und Wimpern und flogen
Blicke, deren schmachtendes Feuer zwischen der Himmelskönigin und ihren kriegerischen Beschauern sich theilten.
Nicht zu Ungunsten der Letztern, die ihrerseits den Dank
nicht schuldig blieben.

„Wie schön wäre diese Gruppe,“ sagte jetzt die
ebenso kunstbegeisterte als gut protestantische Herzogin,
indem sie den Arm erhob und mit dem geöffneten Fächer
die Madonna mit den drei Heiligen ihrem Blicke verdeckte. „Wie schön wäre diese Gruppe, wenn die gottesfürchtige Familie ihre Andacht ohne die Vermittlung
dieses obern Hofstaates vor den Thron des Unsichtbaren brächte!“

„Ihr sprecht als gute Protestantin,“ lächelte der
Herzog, „aber ich fürchte, Meister Tiziano wäre nicht
mit Euch zufrieden. Ihr müßtet schließlich über die
ganze heilige Kunst den Stab brechen; denn unser
Himmel und was darinnen ist läßt sich nicht mit Linien
und Farben darstellen.“

Bei den Worten der Herzogin wagte es der kleine
Wertmüller hinter dem Rücken der Dame seinem Landsmanne Waser einen spöttischen Blick zuzuwerfen, worüber
dieser in Entsetzen gerathen wäre, wenn nicht Beide
nun plötzlich den Fremden wahrgenommen hätten, welchem Wertmüller schon eine Stunde früher auf der
Schwelle des Zuckerbäckers begegnet war.

„Für den heiligen Georg, gnädigste Frau, muß ich
ein Wort einlegen,“ sagte jetzt, aus dem Schatten tretend und vor der Herzogin sich verbeugend, Hauptmann
Jenatsch. „Ich bin ein erprobter Protestant; wenigstens habe ich für die reine Lehre geblutet; doch zu
St. Jürg, meinem Namenspatron, halt' ich jeweilen
Andacht. Der heilige Drachentödter befreite vor Zeiten
mit seiner tapfern Lanze das kappadocische Königstöchterlein. Ich aber weiß ein viel beklagenswertheres Weib,
das an den starren Felsen geschmiedet und von den
Krallen eines feuerspeienden Drachen zerfleischt, den
vom Himmel gesandten Retter mit Sehnsucht erwartet.
Die edle Magd, sie ist mein armes Vaterland, die Republik der drei Bünde; der sie aber aus den Klauen
des spanischen Lindwurms reißen wird, ihr siegreicher
St. Georg, steht leibhaftig vor mir.“

„Ihr seid ein Bündner?“ sagte der Herzog, angenehmer berührt durch die hinreißende Wärme des Redenden als durch die stark aufgetragene Schmeichelei,
die der Herzogin ein gewogenes Lächeln entlockt hatte.
„Irr' ich mich, oder seid Ihr der Hauptmann Georg
Jenatsch?“

Dieser verneigte sich bejahend.

„Ihr habt aus Zara an mich geschrieben,“ fuhr
der Herzog fort. „Aus den Antworten meines Adjutanten Wertmüller,“ und er stellte dem Hauptmann den
schmächtigen Zürcher vor, der des Bündners Auftreten
nicht ohne Mißtrauen scharf beobachtet hatte und bei
der Nennung seines Namens nun hinzutrat, „aus Wertmüllers Antworten habt Ihr ersehen, daß Eure Mittheilungen über die Zustände Eures Vaterlandes mir
alle Beachtung zu verdienen scheinen und die beigelegten
Karten mir von Nutzen waren. Wäre meine Zeit durch
die Vorbereitung des Feldzuges nicht vollständig aufgezehrt, so hätt' ich mir nicht versagt, Euch persönlich
meine Zustimmung in den meisten Fällen, in andern
meine Zweifel und Einwürfe mitzutheilen. Um so willkommener ist mir nun Eure Gegenwart in Venedig.
Mehr als einmal, seit ich in brieflichen Verkehr mit
Euch getreten, hab' ich mich bei meinem Freunde, dem
Provveditore Grimani um Eure Rückberufung aus Dalmatien verwendet. Immer vergeblich. Ich erhielt die
Antwort, Ihr wäret dort unentbehrlich. Eure Gegenwart überrascht mich. Was ist der Grund Eurer beschleunigten Rückkehr?“

„Größtentheils mein glühender Wunsch, Euch zu
sehen, erlauchter Herr, und mein Eifer Euch zu dienen,“
sagte Jenatsch. „Dies Verlangen stärkte meine Erfindungskraft und ließ mich zur Erreichung des Ziels die
kühnsten Mittel ergreifen. Meine Aufgabe in Zara ist
gelöst, und wenn ich nach Venedig zurückeilte, bevor
der Provveditore mir eine neue Herkulesarbeit auf
irgend einer fernen Insel aussann, so wird es Euch
leicht werden, wofern Ihr mir geneigt seid, diese Dienstunregelmäßigkeit in ein günstiges — in ihr wahres
Licht zu stellen und bei meinem Vorgesetzten zu entschuldigen.“

Der forschende Blick des Herzogs versenkte sich eine
Weile in das feurige Gesicht des Bündners, das für
ihn mit irgend einer fernen Erinnerung zusammenhing;
doch dieser Blick wurde immer wohlwollender, bestochen
durch die innige Bitte der finster beschatteten Augen.

Während dieses Gesprächs hatte sich die Gesellschaft dem Ausgange zubewegt. Der Küster hob den
schweren Damastvorhang der Pforte und empfing mit
devoten Bücklingen das Goldstück des Herzogs und die
sorgfältig in ein Papier gewickelte Gabe des Herrn
Waser.

„Ein gutes Wort bei Grimani für Euch einzulegen, Signor Jenatsch, das werd' ich mir noch heute
angelegen sein lassen,“ sprach der Herzog, als sie draußen
in der sonnigen Luft standen. „ Er speist bei mir. Diesen
Abend, nachdem Ihr mir Zeit gelassen habt, ihn zu Euren
Gunsten zu stimmen, stellt Euch bei mir ein, ich habe
dann Muße, mich mit Euch über Eure Angelegenheiten
zu unterhalten. Die Interessen Eures Vaterlandes sind
auch die meinigen. Ich erwarte Euch zu früher Abendstunde in meiner Wohnung am Canal grande. — Wertmüller,“ rief er, „bis dahin begleitet den Hauptmann.
Ihr haftet mit Eurer Liebenswürdigkeit dafür, daß
mein Gast nicht anderwärts in dem verlockenden Venedig gefesselt wird. Unterhaltet ihn geistreich, bewirthet
ihn standesgemäß und bringt mir ihn pünktlich.“

Die Herzogin war schon huldvoll grüßend in eine
der harrenden Gondeln getreten. Nun schied auch der
Herzog und nur Waser, welcher mit einigen Herren des
Gefolges die zweite zu benutzen Willens war, blieb noch
einen Augenblick zurück.

Er hatte die Unterredung des Herzogs mit seinem
Jugendgenossen, den er eine Reihe von Jahren aus den
Augen verloren, nicht stören wollen. Auch hatte er
nicht ungern die Erkennungsscene um einen Moment
hinausgeschoben, den er benutzte, um sich in Jürgs gegenwärtiger Gestalt zurecht zu finden. Seit jenem
hoffnungslosen Abschied in Zürich waren nur zufällige
und verworrene Nachrichten von Jenatsch und dessen
Schicksalen in verschiedenen protestantischen Heeren an
sein Ohr gelangt; und im Laufe der Zeit hatte sich
Jürgs Bild in Wasers Seele zu einer unbestimmten
und räthselhaften Traumfigur verzogen. —

So drückte er ihm denn freundschaftlich, aber etwas
förmlich und verlegen die Hand und beschränkte sich
darauf, angelegentlich nach seinem gegenwärtigen Befinden und jetzigen Range sich zu erkundigen. Dann bestieg auch er die Gondel und die beiden Offiziere standen sich auf dem Campo dei Frari allein gegenüber.

„Wenn es Euch genehm ist, Herr Hauptmann,“
begann Wertmüller, „erfülle ich von meinen drei Aufträgen den mittleren zuerst und führe Euch auf den
Markusplatz in das von mir erprobte und gutgeheißene
Gasthaus zu den Spiegeln. Hernach lustwandeln wir
ein Stündchen in den Arkaden unter den venetianischen
Schönheiten. Erfreut sich dieses Programm der Zustimmung des Herrn Kameraden?“

Der streng wissenschaftlich geschulte, ehrsüchtige Wertmüller glaubte sich die vertrauliche Anrede dem älteren,
aber in regelloser Laufbahn vorgedrungenen Kriegsmanne
gegenüber erlauben zu dürfen.

„Wie Ihr meint, Wertmüller,“ sagte Jenatsch anscheinend mit heiterer Einwilligung, „doch schlag' ich zuerst noch eine kleine Spazierfahrt vor, — nach Murano?“

Diese laut mit fröhlicher Stimme gesprochenen
Worte wurden augenblicklich von zwei Gondolieren aufgefangen, die im Vorüberfahren die beiden Offiziere
auf dem Campo erblickt und an der Landungstreppe
auf die glänzende Beute gelauert hatten. Schon hatten
sie ihr leichtes offenes Fahrzeug von der Mauer gelöst
und die Ruder ergriffen.

Der Hauptmann sprang rasch in die Gondel und
Wertmüller folgte.

Viertes Kapitel.

Der Auftrag des Herzogs war der unruhigen Neugier des jungen Zürchers in hohem Grade willkommen.

In seiner Heimat hatte er vordem den bündnerischen Parteiführer aufs Verschiedenste beurtheilen hören.
Auf den lärmenden Zunftstuben der Handwerker galt
damals Jürg Jenatsch als ein volksthümlicher Held, in
den landesväterlichen diplomatisch gefärbten Kreisen als
ein gewissenloser, blutbefleckter Abenteurer. Aber Rudolf Wertmüller hatte seiner Heimat frühzeitig den
Rücken gewandt, um einen militärischen Bildungsgang
anzutreten, der den Begünstigten schon mit sechszehn
Jahren in das Kriegsgefolge und die persönliche Nähe
des edeln Herzogs Heinrich geführt hatte.

Noch war ihm gegenwärtig, wie einst die unglaubliche Verwegenheit und Zähigkeit, welche Jenatsch
in den Volkskämpfen gegen die Spanier bewiesen, seine
junge Phantasie beschäftigte. Doch aus noch früherer Zeit
erinnerte er sich auch, daß der wilde Antheil des protestantischen Prädikanten an den ruchlosen demokratischen
Strafgerichten mit ihren Erpressungen und politischen
Morden in seiner Familie Abscheu erregt hatte, und
daß es ihm besondern Spaß gemacht, als sein Präceptor darüber wehklagend die Hände gen Himmel erhob.

Daneben schwebte ihm ein anderes Erlebniß seiner
Kinderjahre mit frischester Deutlichkeit vor. Am städtischen Jahrmarkte stand er einst mitten in der gespannt
lauschenden Volksmenge vor dem Schauergemälde eines
Bänkelsängers und lauschte den endlosen Versen einer
tragischen Mordgeschichte. Die ruckweis wandernde
Gerte des Leiermanns wies auf die Szenen einer mit
den grellsten Farben bemalten Tafel. Auf dem Mittelstück umstanden die sogenannten drei bündnerischen Telle
ihr nur mit dem Hemde bekleidetes, aus einem Schlot
heruntergerissenes Opfer, den unglücklichen Herrn Pompejus. Einer von ihnen schwang ein langgestieltes
Fleischerbeil — das war der berühmte Pfarrer Jenatsch! —
Als dann der aufgeregte Knabe beim Abendbrot vor
seinem Stiefvater, dem Obersten Schmid, von den neuen
Tellen erzählte, verbot ihm dieser zornroth, der blutdürstigen Canaillen in seiner Gegenwart Erwähnung
zu thun.

Jetzt schaute er dieser Persönlichkeit von bestrittenem Werthe Aug' in Auge und sie war anders, als sie
in seiner Vorstellung gelebt hatte. Statt der rohen
und zweideutigen Erscheinung eines geistlichen Demagogen saß ein weltgewandter Mann mit der Sicherheit
und Freiheit des Cavaliers in Wort und Bewegung
vor ihm. — Von der ungewöhnlichen militärischen Begabung des ehemaligen Pfarrers hatte ihn der im Namen des Herzogs mit diesem geführte Briefwechsel genügend überzeugt, aber was ihn überraschend berührte,
war ein gewisser Zauber der Anmuth, der die kühnen
Züge und warmen Worte des Bündners verschönt hatte,
als dieser mit dem Herzog sprach. — Der nichts weniger als arglose Zürcher fragte sich, ob diese Herzlichkeit
ächt sei. Ja, sie sprudelte voll und natürlich, aber es
war ihm nicht entgangen, daß die unausbleibliche Wirkung dieses warmen Eindringens auf den Herzog eine
gewollte, vielleicht im Voraus berechnete war.

Nachdem die Gondel einige schmale Wassergassen
durchglitten, folgte sie auf kurze Zeit der Hauptader
des venetianischen Verkehrs, dem Canal grande, wo in
der Ferne mitten im Gewimmel der Gondeln und Fischerbarken noch das langsam und stolz dahinziehende
Fahrzeug des Herzogs sichtbar war; dann, aufs Neue
in die Schatten enger Lagunen sich vertiefend, eilte
sie der die Stadt nördlich begrenzenden stillen Meerfläche zu.

„Ihr fochtet in Deutschland, Hauptmann, bevor
Ihr der Republik von San Marco Eure Dienste angeboten habt?“ begann der ungeduldige Wertmüller das
Gespräch, da sein Gefährte eigenen Gedanken nachzuhangen schien.

„Unter Mansfeld. Dann folgte ich der schwedischen Fahne bis zu dem unseligen Tage von Lützen,“
war die zerstreute Antwort.

„Unselig? Es war eine entschiedene Victorie!“
meinte der junge Offizier.

„Wäre es doch lieber eine Niederlage gewesen und
hätten zwei strahlende Augen sich nicht geschlossen!“ sagte
der Bündner. „Durch den Tod eines Mannes ward
die Weltlage eine andere. Unter Gustav Adolf war
der Krieg kein muthwilliges Blutvergießen: er führte
ihn für seinen großen Gedanken, zum Schutze der evangelischen Freiheit ein starkes nordisches Reich zu gründen, und ein solches Reich wäre der Halt und Hort
aller kleinen protestantischen Gemeinwesen, auch meines
Bündens, geworden. Dies ersehnte Ziel ist uns mit
dem großen Todten entrückt und der seiner Seele beraubte Krieg entartet zur reißenden Bestie. Was bleibt
übrig? Zweckloses Morden und habgierige Theilung der
Beute. Unter Gustav Adolfs Fahne konnte ein Bündner freudig fechten; Blut und Leben für die protestantische Sache verströmend, war er sicher, daß es in
Segensbächen zurückrinne in sein kleines Vaterland. —
Jetzt sehe Jeder zu, daß er heimkehre und für das
Seine sorge.“

„Glaubt Ihr denn, daß ein einzelner Mann, und
wäre er Gustav Adolf, so schwer in der Schicksalswage
der Welt wiege?“ fragte rasch der widerspruchslustige
Wertmüller. „Die Eifersucht der deutschen Fürsten
hätte wie ein Geschling von Sumpfpflanzen seinen Fuß
gehemmt, sein neidischer Bundesgenosse Richelieu hätte
ihn, sobald er die Hand nach der deutschen Krone ausstreckte, arglistig zu Falle gebracht und erreicht hätte er
nichts, als das Zusammenkrachen der alten verrosteten
Maschine des heiligen römischen Reichs. — Im Grunde
erscheint mir der Schwedenkönig als ein frommes Gegenstück zum Wallenstein. Dieser wird als gottloser
Empörer schwarz wie der Teufel an die Wand gemalt
und jener ist im Geruch der Heiligkeit gestorben; meines
Erachtens aber haben beide unberechtigter Weise der
Welt ihre willkürlichen Pläne aufgedrängt und beide
sind wie feurige Meteore nach kurzem Glanze erloschen.
Heute geht nun das Räderwerk der Welt wieder seinen
geregelten Gang, wir rechnen wieder mit den gebräuchlichen Zahlen und nach den bekannten Gesetzen. Frankreich und Schweden verschaffen den deutschen Protestanten die von ihnen so heftig begehrte evangelische Freiheit, aber die beiden Gönner werden sich diesen Liebesdienst mit fetten Stücken deutschen Landes nach Gebühr
bezahlen lassen.“

„Wie, junger Freund,“ sprach der Bündner aufmerksam werdend, „von schmählichem Länderraube muß
ich Euch reden hören wie von alltäglichem Schacher?
Euch, einen Schweizer! — Schämt Euch, Wertmüller,
. . . müßt' ich sagen, wenn ich es für Euren Ernst hielte! —
Und das nennt Ihr den geregelten Lauf der Dinge?
Ihr anerkennt das Recht des Stärkern in seiner rohesten seelenlosesten Gestalt und leugnet seine göttliche
Erscheinung in der Macht der Persönlichkeit?“

Hier blickte Wertmüller mit einem unmerklichen
Zuge des Hohns zu ihm auf und ließ einen leisen
Pfiff hören. Die vor ihm sitzende nach seinen Begriffen immerhin schwankende und zweideutige Persönlichkeit schien ihm wenig berufen, in die Weltgeschicke
einzugreifen.

Der andere aber maß ihn mit einem zornigen
Blicke. „Ihr mißversteht mich kläglich,“ sagte er, „wenn
Ihr meint, ich denke an die vom Boden abgelöste Persönlichkeit des einzelnen Mannes, wie sie entwurzelt
und eigensüchtig sich umhertreibt; sondern ich rede von
der Menschwerdung eines ganzen Volkes, das sich mit
seinem Geiste und seiner Leidenschaft, mit seinem Elende
und seiner Schmach, mit seinen Seufzern, mit seinem
Zorn und seiner Rache in mehrern, oder meinetwegen
in einem seiner Söhne verkörpert und den welchen
es besitzt und beseelt zu den nothwendigen Thaten bevollmächtigt, daß er Wunder thun muß, auch wenn er
nicht wollte! . . .

„Blickt umher! Seht Euer und mein kleines Vaterland, wie es zusammengedrückt wird von der Wucht
ringsum sich bildender großer Monarchien und sprecht!
Genügt da, wenn wir ein selbständiges Leben behaupten wollen, eine gewöhnliche Vaterlandsliebe und ein
haushälterisches Maß von Opferlust?“. . .

Diese mit der Heftigkeit eines verwundeten Gefühls hervorstürzenden Worte ließ der Locotenent anfangs ohne Entgegnung. Er spielte mit seinem jungen
spitzen Kinnbarte und schaute nach der Stadt zurück, wo
sich auf dem in diesem Augenblicke hervorragendsten
Bauwerke, der neuen Jesuitenkirche, die effektvolle Statuengruppe des Daches von der Rückseite in den wunderlichsten Verkürzungen zeigte. Die von eisernen
Stangen gestützten Engel und Apostel mit ihren Flügeln
und flatternden Mänteln erinnerten auffallend an kolossale gespießte Schmetterlinge. —

„In Zürich,“ warf er jetzt hin, „sind die Menschen so klein wie die Verhältnisse, und Bünden, haltet
es mir zu gut, Hauptmann, kenne ich bis jetzt nur durch
mein Fachstudium, das heißt als eines der interessantesten Operationsfelder. Wollt Ihr dort den Leonidas
spielen, und mit mehr Glück als der erste, so will ich's
Euch nicht neiden. — Ich aber meine, das Auftauchen
außerordentlicher Menschen und das Aufflackern großer
Leidenschaften, das bei der mißlichen Beschaffenheit der
menschlichen Natur doch einmal nicht von Dauer ist,
reiche nirgends aus. Um aus den durcheinandergewürfelten Elementen der Welt etwas Planvolles zusammenzubauen, braucht es meines Bedünkens kältere Eigenschaften: Menschenkenntniß, will sagen Kenntniß der
Drähte, an welchen sie tanzen, eiserne Disziplin und
im Wechsel der Personen und Dinge festgehaltene Interessen. — Aus diesem Gesichtspunkte muß ich Jene
dort als Meister loben!“ und er wies mit einer komischen, zwischen Ernst und Spott schillernden Miene
hinüber nach dem Prachtgiebel der Jesuiten.

Und der Locotenent ließ sich von der Muße und
Laune des Augenblickes verlocken, eine Lobrede auf den
berühmten Orden zu halten, welche aus dem Munde
des Zürchers und eines Adjutanten des kalvinistischen
Herzogs den gelassensten Zuhörer befremden mußte.

Erst begann er mit einzelnen Probewürfen. Als
aber der Hauptmann, den zu reizen und bloßzulegen
er sich heute zur besondern Aufgabe gemacht hatte, den
Ball nicht auffing und zurückschickte, setzte er den frommen Vätern immer phantastischere Kronen auf. Sie
waren es, behauptete er dreist, die zuerst Sinn und
Verstand in die sich widersprechenden, menschen- und
staatsfeindlichen Lehren des unvermittelten Christenthums
gebracht hatten. Erst durch die Umarbeitung der christlichen Moral, die der kluge Orden unternommen, sei
diese annehmbar, ja verlockend geworden. So hätten
die unvergleichlichen Väter etwas ursprünglich Dunkles,
Unberechenbares, Weltfeindliches mit erstaunlicher Geschicklichkeit praktisch verwerthet und allen Bedürfnissen
und Bildungsstufen angepaßt.

„Kennt Ihr das Innere ihrer neuen Kirche?“
fragte er plötzlich, „sie ist, meiner Treu, so lustvoll und
heiter eingerichtet, wie ein Theater.“

Der Bündner ließ dieses kecke und sprunghafte
Geplauder schweigend über sich ergehen, — wie die große
Dogge, die in ihrer Hütte liegt, ungern, aber nur mit
leisem Knurren die Neckerei eines unterhaltungslustigen
kleinen Kläffers erträgt, der als überlästiger Gast zu
ihr hineingekrochen ist.

Die Gondel hatte inzwischen Murano erreicht, wo
sie unsern der Kirche anlegte.

Jenatsch wandte sich nach der nächsten Locanda,
forderte ein einfaches Mal und entschuldigte sich bei
seinem Gefährten, er sei abgespannt und hungrig von
der gestrigen Seereise und einem scharfen nächtlichen
Ritte nach Padua. Er schlage vor, hier im Anblicke
des Meeres eine Stunde zu rasten und diesmal auf
die Malzeit in den Spiegeln und die Venetianerinnen
auf dem Markusplatze zu verzichten.

Wertmüller, der sowohl durch diesen Tausch der
Mittagstafel als durch das beharrliche Schweigen des
Bündners etwas verstimmt war, erging sich, die Kosten
der Unterhaltung allein bestreitend, in immer willkürlichern Gedankensprüngen. Er kam, wie gestachelt durch
einen geheimen Groll, von Neuem auf seine Vaterstadt zu sprechen und da der Bündner sich der edlen
Zürich und seines dortigen Jugendfreundes Waser nur
zu rühmen hatte, so riß den Locotenenten der Widerspruch und der feurige illyrische Wein so weit fort, daß
er von den angesehensten heimischen Persönlichkeiten
frevelhafte Zerrbilder entwarf und bei der dritten Flasche
Seine Gestrengen den Herrn Bürgermeister einen Gockel
auf dem Mist und Seine Hochwürden den Herrn Antistes einen steif gehörnten Farren nannte.

Der Hauptmann, der diese tollen und geschmacklosen Ausfälle der Eingebung des Weines zuschrieb,
wie sie sich bei dieser ehrgeizigen und auf jedes fremde
Verdienst eifersüchtigen Natur äußerte, ließ den jungen
Offizier, der den Gegenstand nicht erschöpfen konnte und
dem darüber die Zeit verging, seine Laune weidlich
tummeln und blieb dabei, Zürich habe in den letzten
gefahrvollen Zeiten ebenso viel Klugheit als Festigkeit
gezeigt und wenn es sich mit dem Schilde vorsichtiger
Neutralität gedeckt, sei das, wie der Schweiz, so Graubünden zu Statten gekommen.

Dann trat der in Venedig sich unsicher fühlende
Bündner, welcher, ohne daß Wertmüller es ahnte, Allem
was im Bereiche seines geübten und weittragenden
Auges sich begab, die schärfste Aufmerksamkeit zuwandte
und auch in dieser abgelegenen Locanda keine Rast fand,
hinaus an den schmalen Strand, ohne auf Wertmüllers
spöttisches Gelächter zu achten.

„Neutralität!“ rief dieser dem Hauptmann in die
Gondel nachspringend aus. „Da hat mir der Witz
des Zufalls ein Zettelchen in die Hand gespielt, das
für unsere aufrichtige, streng abgewogene Neutralität
und nebenbei für unsre schlichte Bürgertugend ein rührendes Zeugniß ablegt. — Die Gleißner und Pharisäer! . . . Wollt Ihr wissen, Hauptmann, was jeder
unsrer Rathsherren und Zunftmeister werth ist? Ich
hatte neulich im Namen meines Herzogs,“ sagte er,
seine Brieftasche hervorziehend, „dem französischen Gesandten in Solothurn ein Heft zu überschicken, worin
ihm sein Verhalten in den verschiedenen Möglichkeiten
des bevorstehenden Feldzuges im Veltlin von meinem
Herrn vorgezeichnet wurde und erhielt es mit Randbemerkungen und Einlagen der Gesandtschaft zurück.
Seht hier, was ich in Form eines zufällig stecken gebliebenen Buchzeichens zwischen den Blättern fand!“ —
Er entfaltete einen schmalen Papierstreifen, auf dem
eine Reihe von Namen zürcherischer Standespersonen
verzeichnet stand mit beigesetzten höhern und niedrigern
Zahlen, neben welchen das verrätherische Livreszeichen
unverkennbar zu lesen war. Das Ganze stellte freilich
eine nur unbedeutende Summe dar.

Diesmal konnte sich Jenatsch eines herzlichen Lachens
nicht enthalten. „Das gesteh' ich! Eine großartige
Bestechung!“ spottete er. „Wer konnte das ahnen!
Aber gerade daß sie dieses Taschengeld so verschämt und
vorsichtig einstecken, das dürfen wir als einen ganz anständigen Rest von Tugend nicht unterschätzen. Unsre
Salis und Planta nehmen ausländisches Gold mit
edler Unbefangenheit am hellen Tage, auch sind es ganz
andere Summen.“

Während Wertmüller noch die Papiere seiner überfüllten Brieftasche musterte, durchlief Jenatsch mit einiger Spannung die unrühmliche Liste, auf welcher er zu
seiner Befriedigung den Namen Waser nicht fand. Jetzt
zerriß er sie plötzlich in kleine Stücke. Erst als die
weißen Fetzen schon fern auf der von der Abendbrise
bewegten Fluth schwebten, ward Wertmüller seinen Verlust gewahr und hielt mit Mühe einen Ausbruch seines
Aergers zurück.

Jenatsch erklärte ihm ruhig, er habe als Freund
sein Bestes wahrgenommen, dies Papier würde ihm
und Andern nichts als Verdruß gebracht haben. Zürich
sei seine Wiege und Sohnespflicht sei's, die kleinen
Schwächen einer treuen Mutter zu verheimlichen.

„Was mich abhielt, Euch auf die Finger zu sehen,
Hauptmann, war dieser Brief,“ sagte der Locotenente.
„Er ist noch uneröffnet, wie ich gewahre, und steckt schon
seit drei Tagen in meiner Brieftasche. Ich habe wahrhaftig vergessen, ihn zu lesen. Gestattet mir, in Eurer
Gegenwart das Siegel zu brechen. Er kommt von
meinem Vetter, der in Mailand trotz seines Protestantismus als Handelsherr gute Geschäfte macht und beim
Gubernatore Serbelloni in Gunsten steht. Erlaubt mir,
in Eurer Gegenwart von dem Inhalte des Schreibens
Kenntniß zu nehmen.“

Jenatsch winkte bejahend und Wertmüller vertiefte
sich eine geraume Weile in den Brief, erst um sich
Haltung zu geben, denn das eigenmächtige Thun des
Hauptmanns hatte ihn beleidigt, nach und nach mit
immer größerem Interesse.

„Eine gloriose Geschichte! Beim Jupiter, eine alte
Römerin!“ rief er endlich aus. „Ich kann Euch das
nicht vorenthalten, obgleich Ihr eben, Hauptmann, mein
kameradschaftliches Vertrauen hinterlistig mißbraucht
habt! Um so weniger da Euch das Ereigniß so zu
sagen persönlich angeht, denn die Hauptrolle hat eine
Bündnerin! Mit den Worten dieser Krämerseele, — ich
meine den Briefsteller, meinen langweiligen Vetter, —
mag ich es Euch freilich nicht mittheilen, es wäre Schade
darum! Erlaubt mir, Euch die seltene Historie frei
vorzutragen. Also:

In Mailand lebt, wie Euch nicht unbekannt sein
wird. Euer alter bissiger Herr Rudolf, der Planta von
Zernetz mit seinem gleichnamigen die brave Bärentatze
mit Unehren im Wappen führenden Sohne in den ärmlichsten Umständen. Jener intriguirt und speist bei dem
Gubernatore und dieser treibt sich mit dessen Neffen
in den eines weiten Rufs genießenden Spielhäusern
und Spelunken der Stadt herum. Die zwei jungen
Gesellen sind von der gleichen Gemüthsart, und während der alte Planta vom Oheim mit politischen Hoffnungen kärglich genährt wird, erhält der junge vom
Neffen, dem ein Gefährte seiner Tollheit erwünscht und
ein waffenkundiger Gehilfe seiner nicht über jeden Zweifel erhabenen Tapferkeit unentbehrlich ist, reichliche
Mittel zum ausgiebigen Genusse der Gegenwart. Dafür wollte sich der Knabe Rudolf dankbar erweisen, und
da es ihm an Herz und Geist fehlt, um seinem freigebigen Freunde einen ehrenvollen und guten Dienst zu
leisten, verfiel er auf einen schlechten und schimpflichen.
Bei dem alten Planta, der einen verfallenen Palast im
einsamsten Stadtquartiere bewohnt, hatte eine verwaiste
Nichte, ich weiß nicht von welcher geächteten Seitenlinie
des Hauses, Zuflucht gefunden. Dies Mädchen, eine
seltene Schönheit, soll auf einen großen Besitz in Bünden gerechten, aber unter den gegenwärtigen politischen
Umständen unsichern Anspruch haben, und wurde um
dieser Aussicht willen von dem alten Rudolf seinem
Sohne zur Frau bestimmt. Lucretia jedoch ist edlen
Sinnes und verschmäht den nichtswürdigen und unnützen
Gesellen. Nun mag Rudolf, um auf einen Wurf seinen
Groll zu kühlen und seine Schuld abzutragen, mit dem
jungen Serbelloni, dem die nur in der Kirche sichtbare
bündnerische Schönheit als das höchste Gut erschien,
einen niederträchtigen Handel abgeschlossen haben. Genug, in einer Nacht, da der alte Rudolf beim Gubernatore, der junge im Spielhaus sitzt und Lucretia mit
einer bejahrten lombardischen Dienerin in dem öden
Hause allein ist, hört sie verdächtiges Geräusch im Nebengemache. Diebe vermuthend, ergreift sie das erste beste
Messer und tritt in ihre vom Mond nur schwach erhellte Kammer. Da drückt sich eine dunkle Gestalt in
den Schatten. Lucretia schreitet auf sie zu und ruft
sie an. Der junge Serbelloni tritt ihr entgegen, stürzt
ihr zu Füßen und umfängt ihre Kniee mit den glühendsten Liebesbetheurungen. Sie nennt ihn einen Nichtswürdigen und behandelt ihn mit so kalter Verachtung,
daß sein Flehen sich jäh in Drohung verwandelt und
er ihr sagt, sie sei in seiner Gewalt, die Thüren seien
bewacht. Doch Lucretia, von stattlicher Gestalt und
hohem Gemüth, hält den Emporspringenden mit der
Linken kraftvoll nieder und stößt ihm mit der Rechten
von oben das Messer in die Brust. Er schwankt und
schreit nach seinen Knechten. Jetzt stürzt die bestochene
Kammervettel, die an der Thüre gehorcht hatte, mit
Jammergekreisch ins Gemach und schreckt mit ihrem
mörderlichen Hilferufen die Nachbarschaft aus dem
Schlafe. Die gewaltsame Entführung ist vereitelt, man
hebt den blutenden Serbelloni auf und trägt ihn weg.
Die Wahrheit wird vertuscht, der Vorfall durch einen
unzeitigen Besuch bei dem jungen Planta nothdürftig
erklärt und als ein Mißverständniß achselzuckend beklagt.
Die schöne Lucretia aber begiebt sich schon am nächsten
Morgen in den Palast des Gubernatore, bittet um seinen Schutz, wird, da der Neffe nicht auf den Tod verwundet ist, vom Oheim mit höchster Auszeichnung, ja
mit Bewunderung aufgenommen und thut ihm den Entschluß kund, welches Schicksal ihrer dort warte, in ihre
bündnerischen Berge zurückzukehren, denn es sei besser
daheim zu darben als das schmachvolle Brot der Verbannung zu essen.“ —

Nach einer längern Pause fuhr Wertmüller fort:
„Der Schluß des Briefes ist merkwürdig. Man meint,
sie habe sich nach Venedig gewandt, um von meinem
Herzog einen Freibrief zur Heimreise zu begehren. —
Seid Ihr nicht stolz auf diese bündnerische Judith?
Diesmal hätte ich für meine Erzählung sicher auf Euren
Beifall gerechnet und Ihr schweigt wie eine Statua,
Herr Hauptmann?“

Mit neugierigen Augen schaute der Locotenent dem
gegenüber sitzenden Jenatsch, der sich zum Schutze gegen
den Abendwind fest in seinen Mantel gewickelt hatte,
in das von dem spanischen Hute beschattete Gesicht; aber
ein Scherzwort, das er ihm zuzuwerfen im Begriffe
war, erstarb auf seiner Lippe und ihn fröstelte.

Das braune Antlitz des in der Gondel Zurückgelehnten, das er im Laufe dieses Tages immer belebt
und bewegt gesehen hatte von den verschiedensten Aeußerungen eines feurigen Temperamentes und geschmeidigen Geistes, es war wie erstorben und erkaltet zu
metallener Härte. Unverwandt staunte es vor sich
hin auf die dämmernd gerötheten Wellen und erschien fremdartig verzogen und drohend in seiner Erstarrung.

Der Zürcher indessen ließ sich nicht gerne verblüffen
und, da ihm nichts Schickliches und Kluges einfiel,
kam er noch einmal mit bewundernden Ausführungen
auf die bündnerische Judith zurück.

„Laßt doch die unwürdige, die überaus unpassende
Vergleichung!“ fuhr jetzt der Andre heftig und scharf
aus seinem Traume auf. — „Jede Bündnerin hätte
an Lucretias Stelle wie sie gethan.“

Dann schien er plötzlich die nahenden Lichter der
Stadt zu bemerken und sprang, auf sie hinweisend,
ohne jede Vermittlung in einen liebenswürdigen Ton
über. „Da langen wir ja schon an,“ sagte er leichthin. „Könnten wir nicht, bevor wir an der Treppe
des Herzogs anlegen, hinaus an die Zattere fahren,
wohin ich meine Dienerschaft mit den aus Dalmatien
zurückgebrachten Habseligkeiten beordert habe? Ich möchte
diese gleich im Palaste des Herzogs in Sicherheit
bringen.“

„Das geht kaum an, Hauptmann. Der Umweg
wäre bedeutend und die Nacht bricht ein. Ich hafte
für Euch und der Herzog ist pünktlich bis zur Peinlichkeit!“ erwiederte der Zürcher, und er wunderte sich
insgeheim und fragte sich, warum Jenatsch für sich und
das Seinige wohl Schutz bedürfe.

Noch einmal suchte er auf dem tief beschatteten
Gesichte vor ihm zu lesen, aber die Gondel bog eben
in eine schmale, finstere Lagune ein und nur zwei glühende Augensterne blickten ihm, wie die eines Löwen
aus der Nacht entgegen.

Als die Gondel im Canal grande vor den Marmorstufen des herzoglichen Palastes neben einer andern,
zur Abfahrt bereiten, anlegte, zeigten sich auf der
Schwelle des schön gewölbten Thores zwei Männergestalten in Staatstracht, die sich in ausdrucksvoller
Silhouette vom hellen Hintergrunde der glänzend erleuchteteten Halle abhoben. Die eine zeigte den feinen
Bau und die ruhige, geschmeidige Bewegung des
vornehmen Venetianers, die andere, von behaglicher
Fülle und deutschehrbarem Ansehen, weigerte sich
mit etwas kleinstädtischer Höflichkeit den Vortritt zu
nehmen.

„Voran, Herr Waser! Ihr seid mein verehrter
Gast,“ sagte der Schlanke, den jetzt Jenatsch und Wertmüller als den Provveditore der Republik mit höchster
Ehrerbietung begrüßten. Grimani wandte sich dem
Bündner mit gewinnender Freundlichkeit zu.

„Für diesmal keine Auseinandersetzung,“ sagte er.
„Ich darf Euch, da Ihr von dem edlen Herzog erwartet
seid, hier nicht aufhalten. Von minder Wichtigem später. Wir sehen uns wieder.“

Herr Waser konnte es nicht unterlassen auch seinerseits, bevor er den Fuß in die Gondel setzte, dem
Jugendfreunde die Hand zu reichen und ihm zuzuflüstern: „Der Herzog ist Dir überaus günstig und auch
Grimani, mein gütiger Wirth in Venedig, äußerte sich
wohlwollend über Deine Person und rühmte Deine
Leistungen.“

Die Gondel fuhr ab. Während sie die Halle
durchschritten sagte Jenatsch lächelnd zu Wertmüller:
„Ich bin in den dalmatischen Bergen verwildert und
soll jetzt ohne Vorbereitung die Sphäre der zarten Herzogin betreten. — Sie ist ohne Frage an Rang und
Geist die vornehmste Dame, der mich meine Sterne zu
Füßen legten. Erlaubt, Locotenent, daß ich in Eurer
Kammer mein Wams bürste und leiht mir Euern
schönsten Spitzenkragen!“

Damit eilten die beiden Offiziere in raschen Sätzen
die breitgestuften Treppen hinauf.

Fünftes Kapitel.

„Der Herzog ist allein, er wünscht Euch wohl vertraulich zu sprechen,“ sagte Wertmüller zu Jenatsch, als
er ihn einige Augenblicke später in die herzoglichen
Gemächer einführte. Er ließ ihn zuerst in ein mäßig
beleuchtetes, mit dunkelm Holzwerke bekleidetes Vorzimmer treten, das durch eine von Säulen getheilte
dreifache Bogenpforte den vollen Blick in den einige
Stufen höher gelegenen Prachtsaal gewährte.

Dieses reich vergoldete längliche Gemach mit seiner
Reihe von fünf Fensterbogen mochte die auf den Canal
schauende Fassade des prunkenden Bauwerks bilden.
Der Herzog kehrte der dämmerigen Fensterwand den
Rücken zu. Er saß, in einem Buche lesend, vor dem
hohen, mit verschlungenen Figuren und Fruchtschnüren
von Marmor umrahmten und überladenen Kamine, in
welchem ein lebhaftes Feuer flammte.

Schon setzte Wertmüller den Fuß auf die mit
türkischen Teppichen belegten Stufen, um den Hauptmann anzumelden, als der Herzog sein Buch schloß und
sich von seinem Sitze erhebend, es auf den Kaminsims
legte, ohne jedoch den Eintretenden, die er noch nicht
bemerkt hatte, sich zuzuwenden.

Im gleichen Augenblicke hielt Jenatsch den jungen
Offizier, der ihn vorstellen wollte, mit einem raschen
Griffe seiner eisernen Hand zurück. „Halt“, flüsterte
er, auf die ihnen gegenüberliegende Thür eines anderen
Nebenraumes hinweisend, „—ich komme zur Unzeit.“

Durch diese Thüre trat mit lebhafter Bewegung
und verweintem Angesichte die Herzogin und führte an
der Hand eine große ruhige Frauengestalt ihrem Gemahle entgegen, in welcher Wertmüller auf den ersten
Blick die Beterin vor dem Hochaltare der Frari wiedererkannte.

Unwillkürlich dem Gefühle des ihn Zurückziehenden
gehorchend, wich er mit Jenatsch hinter die Draperie
des Einganges zurück und blieb dort stehen als ein verborgener, aber aufmerksamer Zeuge auch des Geringsten,
was im Saale vorging.

„Hier bring' ich Euch eine vom Schicksal Verfolgte,
mein Gemahl“, begann die erregte Herzogin. „Sie ist
Eurer christlichen Hilfeleistung und Eures ritterlichen
Schutzes bedürftig und, wahrlich, es ist Eurer hohen
Tugend würdig, ihr Schirmvogt zu werden. — Sie
hat mir ihr volles Vertrauen geschenkt, und ihr schmerzenreiches Loos ohne Rückhalt entschleiert. Dabei war
mir vergönnt — ich kann es auch in ihrer Gegenwart
nicht verschweigen — einen erhebenden Blick in die
Tragödie eines mit dem ehernen Schicksale kämpfenden,
antiken Charakters zu thun. Dieses edle Wesen trägt
nicht ohne Bedeutung den Namen Lucretia. Sie stammt
aus einem der besten Geschlechter jenes wilden Berglandes, das Euch als seinem Retter entgegenharrt. Noch
war sie ein harmloses Kind, als ihr Vater, der einzige
Gegenstand ihrer Liebe, von grausamen Feinden nächtlich gewürgt, und sie schutzlos und geächtet dem Elende
und der Bosheit dieser gottlosen Welt preisgegeben
wurde . . . . Aber ihr Herz blieb rein und ihre tapfere
Hand zerschnitt mit dem Dolche die Schlingen des
Lasters. Seid ihr hilfreich, theurer Herr! Alle dieser
geliebten Lucretia erzeigte Gnade seh' ich an, als hättet
Ihr sie mir erwiesen; denn ihr Unglück erfüllt meine
ganze Seele! —“

Hier brach die gerührte Fürbitterin von neuem in
Thränen aus und warf sich, das Antlitz mit den Händen bedeckend, in einen Lehnstuhl.

Während dieses Redestromes hatte der Herzog seine
Blicke voller Güte auf die schweigend und bescheiden
vor ihm stehende Bündnerin gerichtet, als suchte er in
ihren ruhigen Zügen und in ihren warmen dunkeln
Augen das Anliegen zu lesen, welches sie zu ihm führte;
denn dieses war ihm bis jetzt trotz der eifrigen Verwendung und begeisterten Rede seiner Gemahlin vollkommen unverständlich und verborgen geblieben.

„Ich bin des Pompejus Planta Tochter, Lucretia“,
beantwortete jetzt die Fremde seine stumme Frage. „Als
mein Vater in Bünden geächtet ward, brachte er mich,
die Fünfzehnjährige, zu den Klosterfrauen nach Monza
und dort traf mich die Kunde seiner Ermordung. Erlaßt mir, Euch zu sagen, wie sie mein Leben zerstörte
und wie völlig ich seither verwaist bin. Heim in mein
Bünden konnte ich nicht kehren, und kann es auch jetzt
nicht ohne Eure Hilfe. Es ist geschlagen von Krieg
und schwerer innerer Zwietracht, denn der Fluch ungerochener Mordthat ruht auf ihm und das Blut meines
Vaters schreit gen Himmel. — Wohl lebt mir noch ein
Ohm in Mailand, der geächtete Rudolf Planta, der bis
heute mit mir das Brot der Verbannung theilte; denn
in das Stift zu Monza trat ich nicht, weil ich zu arm
war und meine Berge nicht auf ewig missen wollte.
Warum ich jetzt den Ohm verlasse, gestattet mir zu verschweigen. — Ich bin ein vom Stamme gerissener, auf
dem Strome treibender Zweig und kann nicht Wurzel
schlagen, bis ich den Boden der Heimath erreiche und
getränkt werde mit dem Blute gerechter Sühne.

„Gebt mir einen Freibrief nach Bünden, edler Herr!
Ich habe vernommen, daß Euer Einfluß schon jetzt dort
mächtig ist und sich bald auf Eure siegreichen Waffen
stützen wird. Ich habe gegen mein Vaterland nie gefrevelt und bin den Anschlägen meines Ohms und der
spanischen Partei in Gedanken und Thaten völlig fremd
geblieben. Ich will mein Erbhaus zurückfordern und
das Recht meines Vaters suchen, denn allein dazu bin
ich noch da.“

Der Herzog hatte der schönen Fremden mit Aufmerksamkeit zugehört, jetzt ergriff er väterlich ihre Hand
und sagte mit überlegener Milde: „Ich begreife den
Schmerz Eurer Verlassenheit, mein Fräulein, auch bin
ich damit einverstanden, daß Ihr Euren heimathlichen
Boden wieder gewinnt und dort dem Andenken Eures
Vaters lebt. Gerne werd' ich durch einen Freibrief Euch
dazu behilflich sein. — Anders verhält es sich mit dem,
was Ihr Sühne nennt. Bedarf es einer solchen, so,
glaubt es, wird sie nicht ausbleiben. Unser ganzes
Leben, ja das Leben der Menschheit seit ihrem Anfang
ist eine Verkettung von Schuld und Sühne. Schwer
aber ist es dem menschlichen Kurzblicke die richtige Vergeltung zu wählen, und sicherer in jedem Falle, Frevel
durch Opfer der Liebe zu tilgen, als Gewaltthat durch
Gewaltthat zu rächen und so Fluch auf Fluch zu häufen.
— Besonders die unsichere Frauenhand berühre niemals in den Leidenschaften des Bürgerkriegs die zweischneidige Waffe persönlicher Rache. Mehr als ein Mal
in unsern heimischen Kämpfen war auch ich von Mörderhand bedroht, aber, hätte sie mich getroffen, mit dem
letzten Athemzuge hätte ich Frau und Kind angefleht,
sich mit keinem Rachegedanken, geschweige mit einer
Rachethat zu beflecken. Denn: Ich will vergelten, spricht
der Herr.“

Lucretia sah den Herzog mit ernsten, zweifelnden
Blicken an. Die christliche Milde des Feldherrn befremdete sie und sein Tadel traf sie unerwartet. Aber
bevor sie noch ihre Gedanken zur Antwort gesammelt
hatte, veränderte sich plötzlich ihr Angesicht, als erblicke
sie etwas Unmögliches. Ihre ganze Seele trat in die
erschrockenen Augen, die, wie gebannt, auf der mittleren
Säulenpforte haften blieben.

Dort erschien, festen Trittes die Stufen heransteigend, die hochaufgerichtete Gestalt eines Mannes,
stolz und gefaßt, wie ein verurtheilter König sein Blutgerüst besteigt, und Jürg Jenatsch schritt der Erstarrenden mit entblößtem Haupte entgegen.

Nach einer stummen Begrüßung des herzoglichen
Paares trat er vor die Tochter des Herrn Pompejus
hin und sprach: „Dein Recht soll Dir werden, Lucretia.
Der Mann, der den Planta erschlug, ist Dir von Rechtswegen verfallen. Er stellt sich Dir und erwartet hier
Deinen Spruch. Nimm sein Leben. Es ist Dein —
zwiefach Dein. Schon der Knabe hätte es für Dich
geopfert. Seit ich die Hand an Deinen Vater legen
mußte, ist mir das Dasein verhaßt, wo ich es nicht für
das von Tausenden meines Volkes einsetzen kann. Darnach dürstet meine Seele und dazu bietet mir dieser
edle Herr vielleicht morgen schon Gelegenheit. Das bedenke, Lucretia Planta! Bei Dir steht die Entscheidung
wer von Euch Beiden das größere Recht auf mein Blut
habe, ob Bünden oder Du“. —

Der Eindruck dieser Erklärung auf das Fräulein
war ein erschütternder. Der Mörder, in dessen Verfolgung sie die Pflicht ihres Lebens sah, legte aus freiem
Entschlusse das seinige in ihre Hand und er that es
mit einer Hochherzigkeit, die eine ebenbürtige Seele
reizen mußte, sich ihr mit einer großen That der Verzeihung gleichzustellen. Diesen Wetteifer edler Gefühle
schien wenigstens die Herzogin zu erwarten, die aus der
Rede des Bündners und der Gewalt ihres Eindrucks
auf Lucretia leicht errathen hatte, daß eine gemeinsam
verlebte Jugend und warme Neigung die Beiden verkette. Sie glaubte, nach der eigenen Gemüthsstimmung
urtheilend, Lucretia werde ihre Arme, die sie einen
Augenblick in inniger Bewegung gegen den Jugendgenossen erhoben hatte, rasch um seinen Hals werfen
und den gerechten, langjährigen Haß gegen den Mörder
ihres Vaters dem Zauber einer alten Liebe und der
Unwiderstehlichkeit dieses wundersamen Mannes zum
Opfer bringen.

Aber es geschah nicht also. Die erhobenen Arme
sanken und die Herzogin sah Lucretias schöne Gestalt
erbeben, vom tiefsten Jammer erschüttert. Sie stöhnte
laut auf, dann machte sich ihr ein Jugendleben lang
stolz getragenes Elend Luft und, sich und ihre fremde
Umgebung gänzlich vergessend, brach die qualvoll Bedrängte in einen Strom leidenschaftlicher Klage aus.

„Jürg, Jürg,“ rief sie, „warum hast Du mir das
gethan? Gespiele meiner Kindheit, Schutz meiner Jugend! Oft im finstern italienischen Kloster oder in der
unheimlichen Behausung meines Ohms, wenn mein Herz
nach der Heimath schrie und ich sie doch nicht betreten
durfte ohne die Rache meines Vaters besorgt zu haben,
dann im bangen Halbtraume sah ich Dich, den treuen
Gesellen zum gewaltigen Kriegsmanne erwachsen und ich
rief Dich an: Jürg, räche meinen Vater! Ich habe
niemand als Dich! Du thatest mir ja sonst Alles zu
liebe, was Du mir nur an den Augen absehen konntest.
Jetzt hilf mir, Jürg, meine heiligste Pflicht zu erfüllen! . . . Und ich ergriff Deine starke Hand . . . Aber
weh' mir, sie trieft von Blut! Du Entsetzlicher, Du
bist der Mörder! Mir aus den Augen! Denn meine
Augen sind mit Dir im Bunde — und sündigen —
und sind mitschuldig am Blute des Vaters. Hinweg!
Kein Friede, kein Vertrag mit Dir.“

So klagte Lucretia und rang die Hände in innerm
Zwiespalte und trostloser Verzweiflung.

Die Herzogin legte beschwichtigend ihren feinen
Arm um den Nacken der Haltungslosen, und die weinende
Lucretia ließ sich willig von ihr in das Nebengemach
zurückführen. Dann erschien die edle Dame noch einmal
auf der Schwelle und flüsterte dem ihr entgegentretenden
Gemahle zu: „Ich werde sie mit Eurer Bewilligung, sobald sie sich erholt hat, persönlich in meiner Gondel
nach ihrer Wohnung bringen. Sie ist bei a Marca,
Eurem Wechsler, abgestiegen, dessen Frau ihre entfernte Verwandte ist. Die treue Echagues mag uns
begleiten.“

Der Herzog bezeugte der Hilfreichen seine freundliche
Beistimmung, und die gefühlvolle Dame verschwand mit
einem letzten, halb vorwurfsvollen, halb bewundernden
Blicke auf den Bündner.

„Ihr tragt ein schweres Schicksal, Georg Jenatsch,“
sagte, als sie jetzt allein waren, der Herzog zu dem
Hauptmanne, dessen Blässe ihm auffiel und der einen
harten Ausdruck auf dem Antlitze trug, als bekämpfe und
verberge er gewaltsam den stechenden Schmerz einer
alten Wunde. „Euch aber ist die Sühne für das mörderisch von Euch vergossene Blut gezeigt. Was Ihr in
wildem Jugendfeuer verbrochen, dafür sollt Ihr mit der
Arbeit geläuterter Manneskraft zahlen. In rasender
Selbsthilfe, mit willkürlichen Thaten des Hasses wolltet
Ihr Euer Vaterland befreien und habt es dem Verderben zugeführt; heute sollt Ihr es retten helfen durch
selbstverleugnende Thaten des Gehorsams und kriegerischer
Zucht, durch die Unterordnung unter einen leitenden
planvollen Willen. — Wo die Tollkühnheit nützt, da
will ich Euch hinstellen; ich weiß nun, warum Ihr die
Gefahr sucht und liebt. — Von jetzt an betrachtet Euch
als in meinen Diensten stehend, denn ich habe mich
heute überzeugt, daß mein Einfluß genügen wird, Euch
hier frei zu machen. Ich glaube nicht, daß der Provveditore Grimani Euch mir streitig machen wird. Sein
Interesse an Euch schien mir lau. Er äußerte sich
gleichgültig über die Möglichkeit Eurer Beurlaubung.
Wann wird Eure venetianische Capitulation abgelaufen
sein?“

— „Vor Monatsfrist, erlauchter Herr.“

— „Dann ist es gut. Ueberlaßt mir die Vermittelung. Am einfachsten nehmt Ihr schon heute bei
mir Wohnung und sendet sogleich nach Dienerschaft und
Gepäck.“

Hier näherte sich Wertmüller, der bis dahin im
Vorgemache unsichtbar geblieben war, mit einer ingrimmigen, tragikomischen Miene, denn die von ihm scharf
beobachtete Scene hatte einen gemischten Eindruck auf
ihn gemacht, und meldete, der Hauptmann habe Gepäck
und Leute an der Landungsmauer der Zattere zurückgelassen. Sofern ihm dieser Vollmacht gebe, werde er
sie abholen.

Jenatsch war in einen Fensterbogen getreten und
überstreifte mit scharfem Blicke den mondbeschienenen
Canal, bis in die von den Uferpalästen geworfenen
tiefen Schatten hineinspähend. Aufwärts, abwärts bot
die Wasserstraße das gewohnte friedliche Nachtbild. Nun
wandte er sich rasch und beurlaubte sich beim Herzog,
um selbst nach seiner Habe und seiner Bedienung zu
sehen, welcher er, wie er sagte, strengen Befehl hinterlassen habe, keiner anderen Weisung Folge zu leisten,
als seiner eigenen mündlichen.

Der Herzog trat auf den schmalen Balkon und
blickte, noch unter dem Eindrucke der seltsamen Vorgänge
des Abends, in die ruhige Mondnacht hinaus. Er
sah, wie Jenatsch eine Gondel bestieg, wie sie abstieß
und mit schnellen leisen Ruderschlägen der Wendung
des Canals zuglitt. — Jetzt hielt sie wie unschlüssig
still, — jetzt strebte sie eilig der nächsten Landungstreppe
zu. Was war das? Aus einer Seitenlagune und
gegenüber aus dem Schatten der Paläste schossen plötzlich vier schmale, offene Fahrzeuge hervor und darin
blitzte es wie Waffen. Schon war die Gondel von
allen Seiten umringt. Der Herzog beugte sich gespannt
lauschend über die Brüstung. Er glaubte einen Augenblick im unsichern Mondlichte eine große Gestalt mit
gezogenem Degen auf dem Vordertheile des umzingelten
Nachens zu erblicken, sie schien ans Ufer springen zu
wollen, — da verwirrte sich die Gruppe zum undeutlichen Handgemenge. Leises Waffengeräusch erreichte
das Ohr des Herzogs und jetzt, laut und scharf durch
die nächtliche Stille schmetternd, ein Ruf! Deutlich
erscholl es und dringend:

„Herzog Rohan, befreie Deinen Knecht!“

Sechstes Kapitel.

In einer vorgerückten Morgenstunde des folgenden
Tages saß der Provveditore Grimani in einem kleinen
behaglichen Gemache seines Palastes. Das einzige hohe
Fenster war von reichen bis auf den Fußboden herabfließenden Falten grüner Seide halb verhüllt, doch
streifte ein voller Lichtstrahl die silberglänzende Frühstückstafel und verweilte, von den verlockend zarten Farben
angezogen, auf einer lebensgroßen Venus aus Tizians
Schule. Von der Sonne berührt schien die Göttin,
die auf mattem Hintergrunde wie frei über der breiten
Thüre ruhte, wonnevoll zu athmen und sich vorzubeugen, das stille Gemach mit blendender Schönheit erfüllend.

Dem Provveditore gegenüber saß sein ehrenwerther
Gast, Herr Heinrich Waser, diesmal mit sorgenbelasteter
Stirne. Er war nicht gestimmt auf die feine, über
das Gewöhnliche mit Geist und Anmuth hinspielende
Unterhaltung seines Gastfreundes einzugehn und hatte
sogar versäumt, seinen hochlehnigen Stuhl so zu setzen,
daß er dem verlockenden Götterbilde den Rücken zuwandte,
was er sonst nie zu thun vergaß, denn die schmiegsame Gestalt mit dem Siegeszeichen des Parisapfels in der Hand
pflegte ihn allmorgendlich zu ärgern und zu betrüben.
Sie erinnerte ihn gewissermaßen an seine jung verstorbene selige Frau; aber wie ganz verschieden war
hinwiederum dieses reizende Blendwerk von der Unvergessenen, deren Seelenspiegel nie ein Anhauch von
Ueppigkeit getrübt und die einen ausgesprochenen Abscheu empfunden gegen Alles, was sich im mindesten
von sittsamer Bescheidenheit entfernte.

Heute aber nahm er an der Göttin keinen Anstoß, er
war weit davon entfernt sie nur zu beachten. Sein ganzes
Denken war darauf gerichtet, das Gespräch auf seinen
Freund Jenatsch zu bringen, ohne durch die sichere
Unterhaltungskunst des Provveditore von der Fährte
abgebracht und spielend im Kreise herumgeführt zu
werden.

Er hatte heute schon in der Frühe, wie er daheim
in Zürich zu thun pflegte, einen kurzen Morgengang
gemacht, was hier in dem Gäßchen- und Wasserlabyrinthe
der Lagunenstadt seinen vorzüglichen Ortssinn in spannender Uebung erhielt. Er hatte zuerst den durch seine
weltlustige Pracht ihn täglich überraschenden Markusplatz aufgesucht und sich hierauf sinnreich durch die enge
lärmende Merceria nach dem Rialto durchgefunden.
Dort hatte er von der Höhe des Brückenbogens mit
aufmerksamem Auge den unendlichen Handel und Wandel der meerbeherrschenden Stadt gemustert. Dann
war ihm plötzlich eingefallen, hinunterzusteigen auf den
nahen Fischmarkt und die eben anlangenden seltsam geformten Seeungethüme zu besichtigen. Hier fiel sein
Blick auf den von Herzog Rohan bewohnten Palast
und in seinem Herzen erwachte der Wunsch, den gestern
zweimal nur flüchtig begrüßten Jugendgenossen zu besuchen und sich nach dessen Fahrten und Schicksalen
freundschaftlich zu erkundigen. Sicher, im Palaste des
Herzogs ermitteln zu können wo Jenatsch hause, und
nicht ohne Hoffnung ihn dort vielleicht persönlich zu
treffen, winkte er einem Gondolier, der ihn mit wenigen
Ruderschlägen an die Aufgangstreppe des Palastes
brachte. Da er von der Dienerschaft erfuhr, Jenatsch
sei nicht hier und der Herzog beschäftigt, ließ er sich
bei der Frau Herzogin anmelden.

Die hohe Dame dann hatte ihm die gestrigen Ereignisse bewegt und wirkungsvoll, aber höchst unklar
geschildert und dabei Andeutungen gemacht über das
seinen Freund zermalmende Verhängniß, die den nüchternen Mann befremdeten und höchlich beunruhigten.
Der Verhaftungsscene nächtliches Dunkel hatte sie mit
der Fackel ihrer Einbildungskraft keineswegs aufgehellt;
dennoch wurde es dem klugen Zürcher sofort klar, daß
Jenatsch in keiner andern Gewalt als in der Grimani's
sich befinden könne. Er war dessen vollkommen gewiß,
denn er erinnerte sich jetzt der nachlässigen Ruhe, mit
welcher dieser Meister der Verstellungskunst gestern an
der Tafel des Herzogs über die unbefugte Rückkehr des
Bündners weggeglitten war, die er unter andern Umständen sicherlich als einen schweren Disziplinarfehler
gerügt hätte.

Waser war sogleich nach Hause geeilt, und jetzt
saß er dem undurchdringlichen Grimani gegenüber, aus
dem er des Bündners Schuld und Schicksal herausbringen mußte.

Der Provveditore war in glänzender Laune. Er
erging sich in heitern Reiseerinnerungen, erzählte von
London und dem Hofe Jakobs I., wohin ihn vor einigen
Jahren eine diplomatische Sendung geführt hatte, und
entwarf von dem wunderlich pedantischen, aber, wie er
hinzuzufügen sich beeilte, keineswegs auf den Kopf gefallenen König ein ergötzliches Bild. Auch gedachte er
in liebenswürdigster Weise seiner Einkehr im Waser'schen Hause zu Zürich, dessen patriarchalische Einfachheit und fromme Zucht ihn nach dem lärmenden und
sittenlosen London wahrhaft erquickt hätte. Dies brachte
ihn auf den besondern Charakter der schweizerischen
Eidgenossenschaft und ihre Stellung in der europäischen
Politik. Er beglückwünschte den Zürcher, daß dem kleinen Lande aus dem erwarteten Friedensschluße ohne
Zweifel eine durch feste Verträge verbürgte staatliche
Unabhängigkeit erwachsen werde.

„Auf die von Niccolò Macchiavelli euch vorausgesagte Weltstellung werdet ihr freilich verzichten müssen,“
sagte er lächelnd, „aber ihr habt dafür euer eigenes
Herdfeuer und eine kleine Musterwirthschaft, in der
auch große Herren manches werden lernen können.“

Da hierauf Waser mit leisem Kopfschütteln bemerkte, dieses an sich wünschenswerthe Resultat dürfte
neben schönen Lichtseiten auch manche Schattenseiten
zeigen, und er persönlich sehe sich nur mit Schmerz
von dem protestantischen Deutschland abgedrängt, nickte
ihm der venetianische Staatsmann einverstanden zu und
sagte, staatliche Unabhängigkeit sei eine schöne Sache
und es lasse sich dabei auch bei kleinem Gebiete ein gewisser Einfluß nach außen üben, vorausgesetzt, daß
politische Begabung vorhanden sei und auf ihre Ausbildung aller Fleiß verwendet werde; aber um weltbewegend einzuwirken sei nationale Größe nothwendig,
wie sie gegenwärtig nur das durch seinen genialen Kardinal zusammengefaßte Frankreich besitze. Das Wesen
dieser Größe und in welchem letzten Grunde sie
wurzle habe er oft mit forschenden Gedanken erwogen
und sei zu einem eigenthümlichen Schlusse gekommen.
Es erscheine ihm nämlich, als beruhe diese materielle
Macht auf einer rein geistigen, ohne welche die erste
über kurz oder lang zerfalle wie ein Körper ohne Seele.
Dieser verborgene schöpferische Genius nun äußere sich,
nach seinem Ermessen, auf die feinste und schärfste
Weise in Muttersprache und Kultur.

„Hier ist allerdings die Schweiz mit ihren drei
Stämmen und Sprachen im Nachtheile,“ fuhr der Provveditore fort, der offenbar mit Vorliebe an Italien gedacht hatte, „aber mir ist um euch nicht bange. Ihr
haltet durch andere zähe Bande zusammen. Für unsere gesegnete Halbinsel aber gereicht mir diese meine
Wahrnehmung zum Troste. Heute unter verschiedene,
zum Theil fremde Herren getheilt, besitzt sie immer
noch das gemeinsame Gut und Erbe einen herrlichen
Sprache und einer unzerstörbaren, in das leuchtende
griechisch-römische Alterthum hinaufreichenden Kultur.
Glaubt mir, diese unsterbliche Seele wird ihren Leib
zu finden wissen.“

Waser, dem diese mystischen Gedankengänge sehr
ferne lagen und aus dem Munde seines sonst so kalten,
diplomatischen Gastfreundes befremdlich klangen, bemächtigte sich jetzt der Rede, um in ein glänzendes Lob der
Republik von San Marco auszubrechen, die, einzig in
Italien, mit der Staatsweisheit und dem Rechtssinne
der alten Roma eine Parallele bilde.

„Was die Fabeleien von willkürlicher Justiz und
geheimen nächtlichen Hinrichtungen betrifft, so bin ich
nicht der Mann, mein verehrter Gastfreund, an solche
Märlein zu glauben,“ schloß der Zürcher, erfreut mit
einer, wie er überzeugt war, ungezwungenen Wendung
an das heiß erwünschte Ziel zu gelangen, „und darum
kann ich ganz ohne Rückhalt ein mir unerklärliches
Ereigniß mit Euch besprechen, daß sich gestern im Canal
grande begab und wobei mein Jugendfreund, der Hauptmann in venetianischen Diensten Georg Jenatsch, ohne
Spur verschwunden sein soll. Die durchlauchtige Frau
Herzogin Rohan, welche die Gnade hatte mich mit dem
Vorfall bekannt zu machen, schien mir, soweit ich ihre
Andeutungen zu fassen vermochte, nicht ferne zu sein
von der Ansicht, der Hauptmann wäre seiner unbefugten
Abreise aus Dalmatien wegen den venetianischen Bleidächern verfallen. Eine Vermuthung, die ich bei dem
eine höchste Kulturstufe erreichenden venetianischen Gesetze und der Milde seines Vollstreckers,“ hier machte
er eine verbindliche Handbewegung gegen den Provveditore, „— auch nach dessen gestrigen Aeußerungen an
der Tafel des Herzogs unmöglich theilen kann.“

„Von Hauptmann Jenatsch habe ich sichere Kunde,“
sagte Grimani mit einem unmerklichen Lächeln über die
Gewandtheit seines Gastes. „Er sitzt unter den Bleidächern; aber, lieber Freund, nicht wegen eines Disziplinarfehlers, sondern belastet mit einer Mordthat.“

„Gerechter Gott! Und Ihr habt Beweise dafür?“
rief Waser, dem es schwül wurde, sprang auf und schritt
in dem kleinen Gemache bestürzten Gemüthes auf und nieder.
„Ihr werdet, wenn Ihr es wünscht, die Akten
lesen,“ versetzte Grimani ruhig und ließ seinen Schreiber rufen, dem er befahl, ein Portefeuille, das er ihm
bezeichnete, sogleich zur Stelle zu bringen.

Nach wenigen Minuten hielt Waser zwei Aktenstücke über den Zweikampf zwischen Jenatsch und Ruinell
hinter St. Justina zu Padua in den Händen, mit denen
er sich, eifrig lesend, in die etwas erhöhte Fensternische
zurückzog.

Das eine dieser Schriftstücke war das mit dem
Magister Pamfilio Dolce aufgenommene Verhör, worin
derselbe den Unfall des ihm zu Erziehung und Schutz
befohlenen unschuldigen Knäbleins mit beweglichen Worten
schilderte, alsdann zu der großen Scene bei Petrocchi
überging, wo der barbarische Oberst sein in rühmlichen
Studien ergrautes Haupt mit Schimpf bedeckt, der
großherzige Hauptmann aber, von seiner — des Magisters — ehrwürdiger Erscheinung und bescheidener
Forderung gerührt, mit schöner Menschlichkeit und antikem Edelmuthe für ihn eingetreten sei. — Dem mörderischen Duell hatte der Magister nicht beigewohnt,
dagegen vom Gerichte sich die Gunst erbeten, dem Protokoll eine wichtige Papierrolle beilegen zu dürfen.
Diese fiel Waser in die Hand; aber er warf jetzt nur
einen flüchtigen Blick auf deren erste Seite. Er ergreife, sagte der Magister in der auf diesem Blatte
stehenden Widmung, einem Meisterstücke kalligraphischer
Kunst, die durch das Schicksal unverhofft ihm gewährte
Gelegenheit, dem erlauchten Provveditore, als dem hohen
Gönner aller Wissenschaft, die gesammelte Frucht eines
arbeitsamen langen Lebens in Demuth ersterbend anzubieten: eine Abhandlung über die Patavinität seines
unsterblichen Mitbürgers Titus Livius, das heißt, über
die in dessen unvergleichliches Latein eingeflossenen
charaktervollen paduanischen Provinzialismen.

Das zweite Schriftstück, das Waser entfaltete, war
die Relation des Stadthauptmanns, die sich ausschließlich mit der Schlußscene des Handels beschäftigte.

Ein erschreckter Bürger habe ihn benachrichtigt, hinter
St. Justina stehe ein gefährlicher Zweikampf bevor zwischen
zwei Offizieren der venetianischen Armee. Er sei hingeeilt, von seinen tapfern Leuten zusammenraffend, was
er auf dem Wege gefunden, und habe schon von ferne
die Gruppe der Kampfbereiten und der um sie versammelten Neugierigen erblickt, auch deutlich erkennen können,
wie nur der Eine der Herren Grisonen mit grausamer
Wuth und rasenden Geberden auf dem Kampfe bestand,
der Andere aber kaltblütig mit Ernst und Würde ihn
zu beschwichtigen suchte, von den vernünftigen Vorstellungen und höflichen Bitten der anwesenden paduanischen Bürger hierin unterstützt, und sich dann mäßig
und nur gezwungen vertheidigte. Er habe sich seinem
Gefolge voran aufs eiligste genähert, um, wie sein ehrenvolles Amt erheische, seinen Leib als Schranke zwischen
die Frevler am Gesetze zu werfen und den Degenspitzen
im Namen der Republik Halt zu gebieten. Als er dieß
mit eigener Lebensgefahr gethan, sei zwar der Eine
gehorsam zurückgewichen, der Andere aber durchbohrt
mit einem Fluche zusammengestürzt. Nach seinem Dafürhalten habe sich der Sinnlose mit blinder Wuth in die
nur zur Vertheidigung ihm entgegengehaltene Waffe des
Andern geworfen, einen Augenblick eh' er die beiden
Degen mit dem seinigen niedergeschmettert. — So
glaube er seine Pflicht mit Aufopferung erfüllt zu haben
und auf die Anerkennung der erlauchten Republik, sowie auf ein angemessenes Ehrengeschenk ohne Unbescheidenheit rechnen zu dürfen. —

„Mit diesen Papieren, Herr Provveditore, läßt
sich eine Anklage auf Mord nie begründen,“ sagte
Waser vor seinen Gastfreund hintretend und die Akten
nicht ohne sichtbare Zeichen der Entrüstung auf den
Tisch legend, wobei der Tractat über die Patavinität
des Livius auf den Marmorboden fiel. „Sie sprechen
durchaus zu Gunsten des Hauptmanns und bezeichnen
den Fall als stricte Nothwehr. —“

„Wollt Ihr noch von den Aussagen der andern
Zeugen Einsicht nehmen?“ sagte Grimani kalt. „Sie
stimmen übrigens durchaus überein mit denjenigen des
bettelhaften Pedanten und des prahlerischen Eisenfressers.
„Die Zeugnisse dieses Gesindels“ — er stieß mit der
Fußspitze an die gelehrte Arbeit des Magisters Pamfilio, die langsam über die Mosaiksterne des glatten
Bodens rollte, — „führen nur den Gutmüthigen irre,
der nicht versteht zwischen den Zeilen zu lesen. Verzaubert und belügt doch dieser ungesegnete Jenatsch, mit
seiner heuchlerischen Herzenswärme und seiner ruchlosen
Kunst auch das Absichtlichste als Eingebung des Augenblicks oder harmlosen Zufall darzustellen, ohne Ausnahme
Alle von oben bis unten, von dem edeln Herzog Rohan
bis zu diesen Larven hinab. — Angenommen daß diese
Zeugnisse den Sachverhalt in völliger Wahrheit darstellen, so führt sie doch erst die Kenntniß der Verhältnisse des Hauptmanns und seines ränkevollen Charakters auf ihren richtigen Werth zurück, und mittelst
dieser Kenntniß bin ich im Stande, mein werther Freund,
Euch vielleicht zum Schrecken Eures harmlosen Gemüths
die Geschichte der Tödtung des Obersten Ruinell in ihr
wahres Licht zu stellen.“

„Ich will mich kurz fassen. Jenatsch hatte sich zum
Ziele gesetzt um jeden Preis eines der vier bündnerischen
Regimenter zu erlangen, die Herzog Rohan zum bevorstehenden Veltliner Feldzuge mit französischem Solde
bildet. Alle vier aber waren schon vergeben, eines
davon an Ruinell; folglich mußte einer der Obersten,
am bequemsten Ruinelli, den der Degen des Ehrsüchtigen erreichen konnte, weggeräumt werden. Als nun
der Schulmeister den heißblütigen Oberst mit seinem
unverschämten Bettel belästigte, ergriff der geistesgegenwärtige Jenatsch blitzschnell die Gelegenheit ihn zu reizen,
indem er für den Pedanten Partei nahm. Wie die
Flamme einmal aufstieg, war es dem Kühlgebliebenen
ein Leichtes, sie mit seinem boshaften Hauche zu schüren.
Er wußte mit seiner absichtsvollen Sanftmuth den Zornigen bis zur Raserei zu reizen und als geschickter
Fechter den Degen so zu führen, daß Keiner den sichern
leisen Todesstoß gewahr wurde. — So trug die Sache
sich zu, mein braver Herr, wenn die Republik nicht
einen menschenunkundigen Neuling zu ihrem Provveditore hat. Euer Signor Jenatsch hat bei seiner dalmatischen Sendung zehnmal mehr List aufgewendet, als
es nicht brauchte, diesen armen Trunkenbold sich aus
dem Wege zu räumen.“

Waser hatte diese Auseinandersetzung mit Grauen
angehört. Ihn fröstelte beim Gedanken an die Gefahr,
die jedem Angeklagten aus dieser scharfsinnig argwöhnischen Auslegung an sich unverfänglicher Thatsachen erwachsen mußte. Sogar ihn, den wohlwollenden, dem
Hauptmann befreundeten Mann, durchfuhr einen Augenblick der Gedanke, des Venetianers grausame Logik
könnte Recht haben. Aber sein gerader Menschenverstand und sein rechtliches Gemüth überwanden rasch
diesen beängstigenden Schwindel. So hätte es sein
können; aber, nein, es war nicht so. — Er erinnerte
sich indessen, daß der Argwohn in Venedig ein Staatsprincip sei und verzichtete darauf, in diesem Augenblicke
Grimanis Voreingenommenheit zu bekämpfen.

„Die Thatsachen entscheiden,“ sagte er mit überzeugter Festigkeit, „nicht deren willkürliche Interpretation,
und Hauptmann Jenatsch ist nicht ohne Schutz in Venedig, denn in Ermangelung eines bündnerischen Gesandten bei der Republik von San Marco glaube ich
Geringer im Sinne meiner Obern zu handeln, wenn
ich die Interessen des mit Zürich verbündeten Landes
in Venedig nach Kräften wahrnehme.“ —

„Da verwendet sich noch ein anderer Schutzpatron
für die Unschuld, die ich in der Person des Hauptmanns
Jenatsch verfolge,“ sagte der Venetianer mit schmerzlichem Spotte, denn eben wurde ein in rothe Seide gekleideter französischer Edelknabe eingelassen, um in des
Herrn Provveditore eigene Hand ein Schreiben seines
Gebieters, des Herzogs Heinrich Rohan zu legen.

„Der erlauchte Herzog will mir die Ehre eines
Besuches erweisen,“ sagte Grimani die Zeilen durchlaufend, „das darf ich nicht zugeben. Meldet, daß ich
mich ihm in einer Stunde vorstellen werde. — Eure
Begleitung, Signor Waser, würde mich erfreuen.“

Damit erhob sich der feine bleiche Mann mit den
melancholischen Augen und zog sich in sein Ankleidezimmer zurück.

Waser blieb zögernd stehen. Dann trat er zum
Tische und durchlas sorgfältig die übrigen Zeugenaussagen. Zuletzt fiel sein Blick auf die unter einen Stuhl
gerollte Abhandlung des Magisters Pamfilio Dolce aus
Padua. Ihn jammerte ihr schmachvolles Schicksal.
„Da klebt viel Schweiß daran,“ sagte er und hob die
Rolle auf. „Ein Plätzchen in unsrer neu gegründeten
Stadtbibliothek wird sich schon für dich finden, Werk
eines dunkeln Daseins!“ —

Siebentes Kapitel.

Der Provveditore und Herr Waser wurden vom
Herzog in seinem Bibliothekzimmer empfangen, wo
dieser, der wenig Schlaf bedurfte und die Einsamkeit
der Morgenfrühe liebte, schon manche Stunde des Vormittags in ungestörter Arbeit mit seinem Schreiber, dem
Venetianer Priolo verbracht hatte.

Der Herzog begann mit einigen Worten des
Dankes für Grimanis Zuvorkommen.

„Ihr erriethet sicherlich aus meinen Zeilen,“ sagte
er, „das persönliche Anliegen, welches mich schon heute
wieder eine Unterredung mit Euch dringend wünschen
ließ. Ich war gestern von meinem Balkon aus Zeuge
einer nächtlichen Scene, unter der ich mir nichts anderes,
als die Verhaftung eines Uebelthäters denken konnte.
Verschiedene Umstände lassen mich mit Sicherheit schließen,
daß dieser Gefangene der Republik der Bündner Georg
Jenatsch sei. Ich hatte nun, wie ich Euch, mein edler
Herr, schon gestern andeutete, auf die Dienste des selben
Mannes für meinen bevorstehenden Feldzug in Bünden
gezählt und mir davon bei seinem militärischen Talent
und seiner mir höchst werthvollen Kenntniß seines Vaterlandes großen Vortheil versprochen. Ihr seht ein, wie
sehr mir daran liegen muß, zu erfahren, welcher Uebertretung des Gesetzes er sich schuldig gemacht, und, wenn
sein Verbrechen kein schweres und schmachvolles ist, mein
Fürwort für ihn einzulegen.“

„Niemand ist williger Euch zu dienen als ich,
erlauchter Herr,“ antwortete Grimani, „und in Wahrheit glaubte ich gerade Euch einen nicht geringen Dienst
zu leisten, wenn ich diesen mir schon längst verdächtigen
Menschen, in dem die Keime vieler Gefahren liegen,
jetzt da er sich durch eine blutige That in meine Hand
gegeben hat, auf die Seite räumte. Er ist, wie Ihr
aus der aktenmäßigen Darstellung erfahren werdet, dem
Wortlaute unseres Gesetzes nach der Todesstrafe verfallen. Ob ich ihn, mildernde Umstände annehmend,
begnadigen will, das steht vollkommen in meiner Willkür. Ist dies Euer Verlangen an mich, so werdet Ihr
keine Weigerung erfahren; aber höret vorher gütig an,
was ich von dieser Persönlichkeit denke. — Den Vorfall
selbst bitte ich meinen würdigen Freund Waser Euch zu
berichten. Er hat soeben von den Akten Kenntniß genommen und es ist mir angenehm den Vortrag ihm zu
überlassen, da er mich insgeheim vergiftenden Argwohns
und schnöder Menschenverachtung bezichtigt.“ —

Der Zürcher entledigte sich dieses Auftrags mit
Freundeseifer und sachkundiger Gewandtheit. Zum
Schlusse faßte er seine Meinung dahin zusammen, daß
hier ein Fall reiner Nothwehr vorliege.

„Und nun erlaubt mir, meinerseits Euch auszusprechen,“ sagte Grimani, und seine Stimme trübte
sich vor innerer Bewegung, „daß ich die That für eine
vorbedachte, absichtsvolle und diesen Charakter kennzeichnende halte. Georg Jenatsch ist unermeßlich ehrsüchtig,
und ich glaube, er sei der Mann, jede Schranke, welche
diese Ehrsucht eindämmt, rücksichtslos niederzureißen.
Jede! Den militärischen Gehorsam, das gegebene Wort,
die heiligste Dankespflicht! Ich halte ihn für einen
Menschen ohne Treu und Glauben und von grenzenloser Kühnheit.“

Mit wenigen aber noch schärfern Zügen, als er es
Waser gegenüber gethan, bezeichnete er sodann dem Herzoge die selbstsüchtigen Ziele, welche nach seiner Beurtheilung Jenatsch durch die Ermordung seines Landsmannes habe erreichen wollen.

Der Herzog warf ein, es sei ihm kaum glaublich,
daß eine so ursprüngliche und warme Natur wie dieser
Sohn der Berge eines so kalt konsequenten und verwickelten Verfahrens fähig sei.

„Dieser Mensch erscheint mir unbändig und ehrlich wie eine Naturkraft,“ fügte er hinzu.

„Dieser Mensch berechnet jeden seiner Zornausbrüche und benützt jede seiner Blutwallungen:“ erwiederte
der Venetianer, gereizter als es von seiner Selbstbeherrschung zu erwarten war. „Er ist eine Gefahr
für Euch, und, wenn ich ihn verschwinden lasse, so hab'
ich Euch noch nie einen bessern Dienst erwiesen“.

Der Herzog verharrte einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken, dann sprach er mit großem Ernste:
„Und dennoch ersuche ich Euch um die Begnadigung des
Georg Jenatsch.“

Grimani verbeugte sich, trat an den Arbeitstisch
des Geheimsekretärs Priolo, der in seiner Fensternische
ruhig weiter geschrieben hatte, warf ein paar Worte
auf ein Papier und bat den jungen Mann den Befehl
in das Staatsgefängniß zu bringen. Herzog Rohan
fügte bei, sein Adjutant Wertmüller möge den Schreiber
begleiten.

Jetzt heftete Grimani seine ruhigen, dunkeln Augen
auf den Herzog und fragte plötzlich, ob er ihm nicht
die Gunst gewähren könne, die Unterredung noch eine
kurze Zeit ohne Zeugen fortzusetzen. Rohan wandte
sich freundlich zu Herrn Waser und sagte lächelnd:

„Gerade wollt' ich Euch bitten, die Herzogin über
das Loos des Hauptmanns Jenatsch, an welchem sie
mitleidigen Antheil nimmt, an meiner Statt vorläufig
zu beruhigen.“

Geschmeichelt durch dies Wohlwollen und erfreut
der Ueberbringer einer guten Botschaft zu sein, beurlaubte sich der Zürcher und folgte einem Pagen, der
ihn der ungeduldig harrenden hohen Frau zuführte.

„Betrachtet, edler Herzog, es als ein Zeichen meiner
besondern Ergebenheit,“ begann der Venetianer, wenn
ich ganz gegen meine Gewohnheit mich nicht scheue aufdringlich zu sein und den Vorwurf unzarten Eingreifens
in fremde Verhältnisse mir zuziehe. Abgesehen von
unsern gemeinsamen politischen Interessen bin ich überzeugt, daß Ihr meine hohe Verehrung für Euren Charakter genugsam kennt, um sie als einzige Triebfeder
und als Entschuldigung dieses außerordentlichen Schrittes
gelten zu lassen.

„Für Euch wollte ich diesen Mann unschädlich machen.
Ich kenne seine Vergangenheit. In Bünden, wo ich
vor Jahren die Interessen meiner Republik als Gesandter wahrnahm, habe ich ihn an der Spitze rasender
Volkshaufen gesehen und seine Herrschaft über die tobenden Massen hat mich entsetzt.

„Ihr seid im Begriff, Bünden der spanischen Macht
zu entreißen und ich zweifle keinen Augenblick am Erfolg Eurer Waffen. Aber was dann? Wie werden sich
nach Vertreibung der Spanier die Absichten der französischen Krone, die das strategisch wichtige Land bis
zum allgemeinen Frieden unmöglich aus den Händen
geben darf, mit dem stürmischen Verlangen seiner wilden Bewohner nach der alten Selbständigkeit vereinigen
lassen? Da Richelieu — ich will sagen der allerchristlichste König, Euer Herr — nur den kleinsten Theil
seiner in Deutschland unentbehrlichen Truppen Euch zur
Verfügung stellt, werdet Ihr in Bünden selbst werben
und dem durch jegliches Elend erschöpften Lande neue
Opfer zumuthen müssen. Das aber — ich schäme mich
zu sagen, was Ihr sicherlich längst bedacht habt — wird
Euch nur durch das Mittel weitgehender Versprechungen
gelingen. Ich wenigstens kann mir nichts anderes denken,
als daß Ihr mit Euerm persönlichen Werthe den Bündnern Euch werdet verbürgen müssen, ihnen, sobald Euer
Sieg erfochten ist, ihr ursprüngliches Gebiet und ihre
alte Selbständigkeit unvermindert zurückzugeben. — Darum sendet, wie ich vermuthe, Richelieu gerade Euch,
dessen Name von reiner Ehre leuchtet, nach Bünden,
weil Eure Gewalt über die protestantischen Herzen ihm
dort ein Heer ersetzt. So werdet Ihr mir einräumen,
edler Herr, daß Euer eine schwere Stunde und eine
peinliche Doppelstellung zwischen dem Cardinal und
Bünden wartet. Wohl wird es Eurer Weisheit gelingen, das Interesse der französischen Krone, welcher
Ihr dient und die von Euch verbürgten Ansprüche des
Gebirgsvolkes, ohne jenes zu verleugnen oder diese zu
täuschen, durch umsichtige Politik und kluge Zögerung
in der Schwebe zu halten und endlich auszugleichen;
aber nur unter der Bedingung, daß das hingehaltene
Bünden in keiner Weise gegen Euch und Frankreich eingenommen und aufgestachelt werde. — Ihr lächelt,
gnädiger Herr! — In der That, wer in Bünden sollte
es wagen gegen das mächtige Frankreich sich zu verschwören oder gar mit offener Gewaltthat zu erheben!
Gewiß Keiner, Ihr habt Recht, wenn nicht vielleicht
jener Heillose — Euer Schützling, Georg Jenatsch.“

Der Herzog lehnte sich mit einer abwehrenden
Handbewegung und dem schmerzlichen Ausdrucke verletzten Selbstgefühls zurück. Eine Wolke zog über seine
Stirn. Das Bild des Bündners, wie es der Haß
Grimanis entwarf, schien ihm vergrößert und entstellt;
doch nicht die seine Menschenkenntniß in Frage stellende,
übertrieben schlimme und große Meinung, die Grimani
von dem begabten Halbwilden hatte, welchen er sich zum
Werkzeuge erlesen, war ihm empfindlich, wohl aber, daß
der Venetianer die geheime Wunde seines Lebens, seine
schiefe Stellung zu Richelieu scharfsinnig erkannte und
zu berühren sich nicht scheute. Der Frankreich nach
großem Plane regierende, aber ihm persönlich abgeneigte
Cardinal war im Stande — Rohan wußte es wohl —
seine protestantische Glaubenstreue als Mittel zum Zwecke
auszubeuten und ihn persönlich aufzuopfern. Die Gefahr, welche er sich selbst auszureden suchte und in
schlaflosen Nächten doch immer und immer wieder sorgenvoll erwog, war also fremden Augen offenbar.

— „Verzeiht, theurer Herr, meine vielleicht schwarzsichtige Sorge für Euch,“ sagte Grimani, der den verborgenen Kummer des Herzogs in seiner erkälteten
Miene las. „Frankreich darf und wird sich gegen seinen
edelsten Sohn nicht undankbar erzeigen. — Nur um
Eines bitte ich Euch, flehe ich Euch an: Wenn Ihr
an meine Ergebenheit glaubt, — hütet Euch vor Georg
Jenatsch.“

Kaum war das Wort ausgesprochen, so klirrten
rasche Tritte im Vorsaal und der Genannte trat mit
dem Adjutanten Wertmüller in das Gemach, wo eben
noch edelmüthige Größe und menschenverachtender Scharfsinn über ihn zu Gerichte gesessen und um ihn gestritten
hatten. Jenatsch sah finsterer als je und tief bewegt
aus. Den Provveditore, der ihm zunächst stand, bedachte er mit einem unterthänigen Gruße und einem
Blicke voll tödtlichen Hasses, welchem dieser mit vornehmer Ruhe begegnete. Dann trat er raschen Schrittes
vor den Herzog. Er schien in leidenschaftlichem Dankgefühle seine Kniee umfassen zu wollen; aber er ergriff
nur Rohans Hand und ließ, das gesenkte Auge verbergend, eine heiße Thräne auf dieselbe fallen.

Der kalte Grimani, dem diese glühende Bewegung
einen widerwärtigen Eindruck machte, brach zuerst das
Schweigen und bemerkte mit scharfer leiser Stimme:
„Vergeßt nie, Signor Jenatsch, daß Ihr nicht der Güte
Eurer Sache, sondern nur und allein der Fürsprache
dieses hohen Herrn Euer verwirktes Leben verdankt.“

Der Hauptmann schien in seiner Bewegung das
Wort des Venetianers nicht gehört zu haben, er richtete
seinen feurigen Blick auf den Herzog und sprach:
„Meinen Dank, theuerster Herr, laßt mich Euch sofort
durch die That bezeugen. Ich hoffe, Ihr habt manche
Gefahr für mich bereit — laßt mich eine vorweg nehmen.
Uebertragt mir ein Geschäft, daß ich allein, wie Ihr
bedürft, verrichten kann, bei dem ich das mir geschenkte
Leben zehnfach auf das Spiel setze und welches doch
nicht rühmlich genug ist, daß es mir irgend einer neide
oder streitig mache. — Ich rede hier frei, ich bin unter
Eingeweihten. — Wie mir mein Kamerad Wertmüller
in seinen Briefen Euern Plan angedeutet hat, werdet
Ihr von Norden über die Bernina ins Veltlin vordringen, um mit dem Scharfblicke des großen Feldherrn
die feindliche Stellung in der Mitte zu fassen und,
Spanier und Oesterreicher auseinanderwerfend, die Einen
zurück in das Gebirge, die Andern hinunter nach den
Seen zu jagen. Nun ist von höchster Bedeutung, die
von den Spaniern vielfach neu angelegten Verschanzungen des Veltlins genau zu untersuchen. — Laßt mich
hin! Ich nehme Euch Pläne davon auf, kenne ich doch
das Land wie Wenige.“

„Davon reden wir morgen, mein Georg,“ sagte
der Herzog und legte ihm seine schmale Hand auf die
mächtig gebaute Schulter.

Am Abende des Tages, der den Hauptmann Jenatsch
zum Kameraden des Locotenenten Wertmüller im Dienste
des Herzogs machte, fiel es diesem ein, den Brief seines
Vetters in Mailand zu beantworten.

Er meldete, daß er einen kurzen Urlaub nach Zürich
genommen, obschon er sich nicht absonderlich freue den
Duft seines Nestes wieder zu riechen, aber verschwieg
dabei natürlich, daß er sich dort dem Herzoge bei seinem
Durchbruche aus dem Elsaß nach Graubünden anschließen
und die Wartezeit zu Werbungen für Frankreich verwenden werde. Dagegen berichtete er weitläufig, die
aus Mailand entflohene dolchführende Schönheit habe
er nicht nur kennen gelernt, sondern es werde ihm sogar die Ehre zu Theil, besagte tapfere Person auf Geheiß des Herzogs über das Gebirge nach Bünden zu
geleiten, was ihn von seiner eigenen Reiseroute nicht
abführe. — Als Belohnung für die vom Vetter ihm
zum Besten gegebene Geschichte und als deren Vervollständigung erzählte er ihm den unerwarteten Auftritt
im Saale des Herzogs, dem er, persönlich unbetheiligt,
mit gekreuzten Armen als vergessener Beobachter hinter
einer bergenden Säule beigewohnt habe, — halb gerührt,
halb ärgerlich, — denn er sei eigentlich kein Liebhaber
heftig ausbrechender Gefühle. In einen solchen vulkanischen Ausbruch aber habe die bescheidene, von der
sentimentalen Herzogin in Scene gesetzte Vorführung
einer Schutzflehenden plötzlich umgeschlagen. Er selbst
habe die Lunte angezündet, indem er den Heldenspieler
eingeführt, einen tapfern Soldaten, aber leider ehemaligen Pfarrer, der ihm trotz einiger tüchtiger Eigenschaften wenig sympathisch sei, da demselben gewisse
pompöse Manieren, wahrscheinlich von der Kanzel her,
ankleben und ein leidiger Hang zu grandiosem Komödienspiele. In seiner Jugend sei der Pfarrer ein wüthender
Demokrat gewesen und einer der bösen Gesellen, die
den Pompejus Planta umgebracht. Statt nun still, wie
er, der taktvolle Wertmüller, es gethan, im Hintergrunde
zu bleiben, habe sich der Abenteurer sofort der bündnerischen Dame als Mörder ihres Vaters und zugleich
als ehemaligen zärtlichen Liebhaber vorgestellt. Daraus
sei plötzlich eine solche Explosion verrückter Dinge entstanden, ein so einziges Spektakel, daß ihm heute noch
der Kopf davon schwirre. Für die Herzogin, deren
poetischer Schwung allen Verstand übersteige, sei es
eine Wonne gewesen. Sie habe schnatternd auf dem
Thränenmeer herumgerudert wie die Enten im Teiche. —
Jetzt arbeite sie daran, einen würdigen Schlußakt herbeizuführen nach dem Muster der gegenwärtig in Paris
Furore machenden Komödie, deren Autor einen Vogelnamen trage und die einen ganz ähnlichen Gegenstand
behandle. Dort schließe der Conflict mit Heirathsaussichten; hier aber werde es hoffentlich, und wenn
noch Vernunft im Leben sei, nicht dazu kommen. Es
wäre Schade um das Mädchen, er gönne sie dem Volkshelden nicht. Sie sei zwar keine blondlockige üppige
Schönheit, wie sie Paul der Veroneser und der flotte
Tintorett, die Naturmöglichkeit überbietend, aus golddurchwirktem Damaste hervorquellen lassen, noch habe
sie die nächtlichen halbgeschlossenen Augen und die blauschwarz schimmernden Flechten um die sanfte, listige
Schläfe, die ihn an andern Töchtern der Lagunenstadt
berücken; aber sie habe es ihm nun einmal angethan
mit einem gewissen ehrlichen großen Wesen. Was bei
Lucretia Wahrheit sei, halte er bei Jenatsch zum guten
Theil für Schein; gerade jene große Manier, von der
er gesprochen.

Sei übrigens der Hauptmann Jenatsch auf hohes
Spiel erpicht, so habe er gestern Abend seine Lust büßen
können.

Mitten aus der Rührung sei er von Sbirren
herausgeholt und unter die Bleidächer gesetzt worden.
Der Provveditore Grimani, der den Bündner merkwürdiger Weise für ein wichtiges und staatsgefährliches
Subjekt halte, hätte ihn gern sogleich in den Kanal
versenkt. Aber der umständliche alte Herr habe dabei
eine kostbare Zeit verloren, die sich der Herzog zu nutze
gemacht, um seinen neuen Günstling sich wieder zurückliefern zu lassen. Ihm persönlich sei das nicht gerade
unlieb, denn er verspreche sich bei den merkwürdigen
Lebensumständen des neuen Kameraden noch manchen
schlagenden Witz des Zufalls und freue sich besonders
darauf, mit dem gewesenen Pfarrer an seinen ehemaligen
Kirchen in Bünden vorüberzureiten, wo ihn dann ein
Gewisser darüber zur Rede stellen werde, was alles er
da drinnen dem Volke vorgemacht.

Hier strich sich der Locotenent vergnügt das magere
Kinn und schloß das Schreiben an seinen Vetter in
Mailand.

Drittes Buch.
Der gute Herzog.

Erstes Kapitel.

Auf einer Erhöhung des linken Rheinufers am
Fuße des lieblichen Heinzenbergs überschauen die Mäuerlein und anspruchslosen Gebäude des Frauenklosters
Cazis die Hütten eines dem katholischen Glauben zugethan gebliebenen Dorfes. Am schmalen Bogenfenster
einer Zelle, die nach dem grauen, jetzt vom Morgenlichte beschienenen Schloßthurme von Riedberg hinüberschaute, saß die schöne Lucretia Planta.

Der Frühling war vorübergegangen. Auch auf
der Nordseite der rhätischen Alpen hatte der laue Föhn
schon längst den Schnee von den Halden weggeschmolzen und in tobenden Wildbächen dem Rheine zugeführt.
Durch die Felsspalten der Via mala hatte der Südsturm gebraust mit dem jugendlich unbändigen Strome
um die Wette. Wochenlang hatte der schäumende Rhein
zornig an seinen engen Kerkerwänden gerüttelt und
herausstürzend die flacheren Ufer verheert. Jetzt führte
er ruhiger die gemäßigten Wasser zu Thal, umblüht
von den warmen Matten und üppigen Fruchtgärten des
gegen die rauhen Nordwinde geschützten Domleschg.

Es war ein klarer Morgen zu Anfang des Juni
und die älteste Ordensschwester Perpetua hatte eben
nach einer längern Unterredung das edle Fräulein verlassen.

Die frommen Frauen von Cazis hegten schon längst
einen Herzenswunsch. Das Amt ihrer Priorin war
während langer Kriegsjahre unbesetzt geblieben und sie
sehnten sich darnach, daß es endlich wieder würdig bekleidet und geehrt werde von einem bei Gott und Menschen angesehenen Sprößlinge einer großen Familie. Wen
konnten die Heiligen dazu auserwählt haben, wenn nicht
die im Thale aufgewachsene und begüterte Lucretia
Planta!

Das Kloster hatte den Planta schon aus den
Zeiten vor der Reformation manche Schenkung zu verdanken. Nun waren mehrere Glieder der berühmten
Familie, voran Herr Pompejus, in den Schooß der
alleinseligmachenden Kirche zurückgekehrt; dieser edle Herr
aber hatte ohne letzte Wegzehrung einen bösen jähen Tod
erlitten. — Was war natürlicher und christlicher als
daß seine vereinsamte Tochter den Schleier nehme, um
für das Heil seiner Seele zu beten und das Kloster
in diesen möglicherweise noch nicht so bald endenden
schlimmen Zeiten mit ihrem edeln Namen zu schirmen,
es mit ihrem Erbe zu bereichern.

Die Zurückgabe ihrer väterlichen Güter, von
welcher wegen der Planta Landesverrath und Mitschuld
am Veltlinermord selbst zur Zeit der Unterjochung durch
die Spanier nicht die Rede sein konnte, stand jetzt in
naher Aussicht, sonderbarer Weise durch die Vermittelung des Obersten Georg Jenatsch. Die Thaten des
jetzt im Veltlin unter Herzog Rohan fechtenden Scharanser Pfarrsohns gingen in seinem Heimatsthale von
Mund zu Munde und sein Ruhm im ganzen Lande
stieg täglich.

Zu dieser Fürsprache hatte den Obersten Jenatsch
wohl ein nagender Gewissensbiß getrieben, oder wenn
sie einen weltlichen, dem Verstande der Frauen von
Cazis undurchdringlichen Grund hatte, so wußte Gott
von jeher auch die Gedanken der Bösen zu seinen
Zwecken zu biegen. Daß aber das edle Fräulein in
Cazis eine bleibende Stätte finde und als Priorin die
verlassene Heerde weide, das war offenbar die Meinung
des heiligen Dominicus selber, dessen Regel das Haus
befolgte.

Lucretia hatte schon im Kloster zu Monza sein
himmlisches Wohlgefallen auf sich gezogen. Damals
hatten kaiserliche Kriegsbanden die Kirche zu Cazis geplündert und darin so unchristlich gehaust, daß, wie
Perpetua dem Fräulein schrieb, von der heiligen Muttergottes nichts als das nackte Holz zurückblieb. Das
junge Mädchen hatte dann in der Schule der geschickten
italiänischen Nonnen ein kostbares Kleid für die beraubte
heimische Gottesmutter gestickt und bald Gelegenheit
gefunden, es durch den herzhaften und wanderlustigen
Pater Pancraz an seine Bestimmung gelangen zu lassen.

Seither hatte der heilige Dominicus der unwürdigen Schwester Perpetua seinen Wunsch und Willen
in wiederholten Erscheinungen kund gethan. Am deutlichsten und wunderbarsten aber war dieses in der verwichenen Nacht geschehen. Die betrübte Ordensschwester
hatte in gottbegnadetem Traume die öde Zelle der Priorin betreten und dort plötzlich Lucretia erblickt, wie sie
leibte und lebte, doch mit demüthigem Angesichte und
gesenkten Augen. Neben ihr aber stand St. Dominicus selbst im Glanze des Himmels und seiner schneeweißen Kutte, der ihr einen Lilienstengel überreichte.
Der Träumenden war alsdann vorgekommen, als lege
sich ein Abglanz seines Heiligenscheins um Lucretias
erwähltes Haupt.

Die Schwester öffnete die Augen voller Freude
und durchdrungen von dem Gefühle, daß sie diese Offenbarung nicht für sich behalten dürfe. So war sie denn
gekommen das Gesicht Lucretia mitzutheilen und mit
ihr dessen Bedeutung zu besprechen.

Der Eindruck des Traumbildes auf das Fräulein
war indessen weniger erfreulich und überzeugend gewesen, als die Nonne gehofft, und sie hatte sich darauf
lange bemüht zu ergründen, welche Wurzeln der Weltlust oder der Weltsorge das Fräulein immer noch draußen
zurückhielten, denn dieses sprach von dem Kloster, trotz
seines Wohlwollens für dasselbe, nur als von seiner
einstweiligen Herberge.

An irdischem Besitz schien Lucretias Herz nicht zu
hangen, noch weniger an irdischer Liebe; denn einige
bescheidene Klosterscherze, die sich Schwester Perpetua
einzig in der Absicht das Fräulein zu erforschen in
dieser Richtung erlaubte, wurden mit stolzem Lächeln
abgewiesen.

Noch eine Möglichkeit halte die Schwester beunruhigt: Lucretia wolle in der Welt bleiben, bis sie einen
würdigen Bluträcher finde, der nach altem Landesbrauche
den Tod ihres grausam erschlagenen Vaters mit demjenigen der Mörder sühne, oder sie trage am Ende selbst
blutige Gedanken mit sich herum, die sich mit dem
Frieden des Klosters nicht vertrügen.

Diese schreckliche Vermuthung, die ursprünglich
ihrem zahmen und frühe durch Klosterzucht geregelten
Gemüthe ferne lag — Perpetua war keine schwerblütige
Bündnerin, sondern entstammte einer ehrbaren Zugerfamilie — hatte ihr der alte Lucas zu Riedberg noch
vor der Fahrt, die er nach Italien gethan, um das
Fräulein heimzugeleiten, zu wiederholten Malen nahegelegt. Er selbst war ganz davon durchdrungen, wie
von einer unabwendbaren Nothwendigkeit. Aber auch
diese Muthmaßung hielt nicht Stand. Lucretia war
der Schwester heute so kindlich weich und versöhnlich
erschienen, daß sie sich einen derartigen Verdacht als ein
Unrecht gegen das verwaiste Fräulein vorwarf.

In Wahrheit, heute hegte Lucretia keine Rachegedanken. Sie sann mit einer Trauer, die ihre geheime
Süßigkeit hatte, den Erlebnissen ihrer Heimreise aus
Venedig nach. Ein seltsames Verhängniß hatte das
Leben des ihrer Rache Verfallenen in ihre Hand gegeben und sie hatte es erfahren, sie wußte heute mit voller
Herzensüberzeugung, daß sie es nicht nehmen dürfe.
Der Widerstreit ihrer Gefühle hatte sich gelegt, sie war
zur Ruhe gekommen.

Lucretia hatte Venedig, begleitet von ihrem treuen
Lucas, im Frühjahr verlassen und die lange Strecke
bis nahe an die Grafschaft Chiavenna erst über Verona
und Bergamo und dann längs der blühenden Ufer des
Comersees in mäßigen Tagritten ohne Aufenthalt und
Abenteuer zurückgelegt. Grimani hatte sie mit einem
Geleitbrief durch das Venetianische versehen — im
Mailändischen genügte ihr Name — und von Rohan
war ihr als schützender Cavalier der junge Wertmüller
mitgegeben worden.

Wohl hatte die Herzogin gegen dieses für die
schöne Reisende, wie sie behauptete, in keiner Weise
passende Geleite zuerst Einspruch erhoben; aber der
Herzog kannte die guten und schlimmen Eigenschaften
seines Wertmüller nicht erst seit gestern und wußte, daß
sein wunderlicher Adjutant sich noch in jeder ernsten
Probe ehrenhaft, zuverlässig und tapfer erwiesen hatte.

So gelangte der kleine Reisezug der Donna Lucretia eines Tages in die sumpfige Ebene durch welche
die Adda sich langsam dem Nordende des Comersee's
zuwindet. Da sie am Morgen in der kühlen Frühe
aufgebrochen waren, beschlossen sie an einem Kreuzwege
unsern der drohenden Festung Fuentes vor einer Locanda kurze Mittagsrast zu halten, um dann heute noch
Chiavenna zu gewinnen und am nächsten Tage den
Saumpfad über den Splügen einzuschlagen.

Lucretia zog es vor, die unreinliche Herberge nicht
zu betreten; sie setzte sich allein in eine Weinlaube,
deren blasses Frühlingsgrün sich eben aus den springenden Knospen entwickelte. So hatte sie eine Weile den
Hühnern zugesehn, die neben der Krippe das von den
fressenden Pferden herausgeworfene Futter aufpickten,
da erblickte sie zwischen den zarten Blättern und jungen
Ranken hindurch auf der staubigen Landstraße einen
Zug Leute, der sogleich ihre ganze Aufmerksamkeit fesselte.
Sie errieth, daß ein Gefangener eingebracht werde und
als er näher kam, erbebte ihre Seele. Ein halbes
Dutzend spanischer Soldaten, voran ein alter dürrer
Hauptmann zu Pferde, führten in ihrer Mitte einen
Mann in der Alltagstracht des Veltlinerbauers, dessen
Kleider zerrissen und über und über von Sumpfwasser
geschwärzt waren. Staub und Blut entstellten sein
Angesicht, und die Hände waren ihm mit groben Stricken
hinter dem Rücken zusammengebunden. Das Fräulein
erkannte mit Entsetzen die hohe Gestalt und die trotzige
Haltung des Jürg Jenatsch. Auf den Spuren des
eingeholten Flüchtlings schnüffelten spanische Bluthunde,
welche wohl bei dieser Menschenjagd Dienste geleistet
hatten, und gelbe halbnackte Jungen und blödsinnige
Zwerggestalten liefen johlend hinter dem gewaltigen
wehrlosen Manne her. Beim Herannahen des Trupps
eilten die Bewohner des Hauses vor der Thüre zusammen, auch Lucas kam herbei, der eben die Pferde
wieder gesattelt hatte, und Wertmüller trat hinter
Lucretia.

Der spanische Hauptmann gebot seinen Leuten
Halt, stellte sich in den Schatten der Hauspforte und
nahm seine Sturmhaube von dem todtenkopfähnlichen
Haupte, dessen braune Knochen nur durch zwei erhitzte,
tiefliegende Augen belebt erschienen. Dann hieß er sein
abgejagtes Thier, dessen Riemenzeug zerrissen war, zur
Cisterne führen und fragte kurz und barsch: „Ist jemand
hier, der in diesem Späher den vormaligen ketzerischen
Prädikanten und vielfachen Mörder Georg Jenatsch
erkennt?“

Es schlurfte in zerfetzten Schuhen ein ältlicher
Knecht herbei und sagte mit kriechender Miene: „Zu
dienen, Excellenz. Ich hauste anno 1620 in Berbenn
und war dabei, als dieser Gotteslästerer mit verfluchter
Hand meinen leiblichen Bruder gegen den Hochaltar
von St. Peter schleuderte, daß der Aermste für sein
Lebtag ein Gebresten davontrug.“ —

„Das paßt,“ sagte der Spanier, „ich betraf denselben Prädikanten im gleichen Sommer an der Zugbrücke unserer Festung. Eure Ausflüchte, Mann, helfen
Euch nicht und der Strick ist Euch gewiß.“

Lucretia hatte im Hintergrunde der Laube den Auftritt mit laut klopfendem Herzen angesehen. Konnte sie
Georg retten? Wollte, durfte sie es? . . Hinter ihr
stand Wertmüller, dessen angriffslustige Ungeduld sie
fühlte, und den sie leise den Hahn seines Pistols spannen
hörte. Lucretia erhob sich und schritt, von einer unwiderstehlichen Macht gezogen, langsam vor. Bei des
Spaniers letzten Worten stand sie zwischen ihm und
dem an einen steinernen Stützpfeiler der Laube geschnürten Gefangenen. In diesem Augenblicke flog eine
Handvoll Koth und Steine von einer lachenden Kropfgestalt geworfen an die blutende Stirne des Gefesselten,
aber seine Miene blieb stolz und ruhig, nur seine Lippen
bewegten sich flüsternd: „Lucretia, deine Rache vollzieht
sich!“ klang es in romanischen Lauten, ohne daß sein
Blick sich nach ihr gewendet hätte.

„Sennor,“ redete die Bündnerin den spanischen
Hauptmann mit fester Stimme an, „ich bin Lucretia,
die Tochter jenes Planta, den Georg Jenatsch erschlagen hat. Ich habe seit dem Tode meines Vaters keinen
liebern Gedanken gehabt als den der Rache; aber in
diesem Manne hier erkenne ich den Mörder meines
Vaters nicht.“

Der Spanier richtete seinen bösen Blick erst fragend und dann höhnisch auf sie, aber Lucretia beachtete
ihn nicht. Schon hielt sie ihren kleinen Reisedolch in
der Hand und begann ohne Zögern die Bande des
Gefangenen zu durchschneiden.

Was jetzt um sie vorging traf ihre Sinne kaum.
Sie vernahm noch den raschen Befehl Wertmüllers an
Lucas: „Pferde vor!“ gewahrte noch wie der Locotenent dem Spanier mit dem Pistol in der Hand entgegentrat und dieser den Degen aus der Scheide riß.
Dann wurde sie rasch aufs Pferd gehoben, das Musketenschüsse hinter sich hörend, in wilden Sprüngen sie
von dannen trug und in jagendem Laufe an der Festung
Fuentes vorüber der Straße nach Chiavenna folgte.
Auf dem staubigen Heerwege sprengte sie vorwärts mit
Mühe sich auf dem erschreckten Pferde haltend und doch
angstvoll zurücklauschend, ob ihr Freund oder Feind
nacheile. Noch fielen, schon aus der Ferne, vereinzelte
Schüsse, sonst hörte sie nichts als das Schnauben und
den Hufschlag ihres eigenen Thiers.

Endlich brauste Galopp hinter ihr und schon ritt
an ihrer rechten Seite, zerrissen und blutig, aber in
hellem Uebermuthe Georg Jenatsch, hinter welchem, ihn
mit grimmer Miene umfassend, der alte Lucas zu Rosse
saß. Zu des Fräuleins Linken schnaubte einen Augenblick später ein zweites Roßhaupt und über demselben
grüßte das aufgeregte Gesicht des kleinen Locotenenten,
der den Rückzug gedeckt hatte und von der Rolle, die
er gespielt, höchlich befriedigt schien.

„In der Festung wird Alarm geschlagen,“ sagte
Jenatsch. „Hinter jenem Waldhügel biegen wir links
ab von der Heerstraße, auf der man uns verfolgen
wird, reiten durch die seichten Nebenwasser der Adda
und gewinnen auf Wegen, die ich als gangbar kenne,
längs des Sees und über die Berge das sichere
Bellenz.“ —

Als die Pferde den beweglichen Kiesboden des
Flußbettes betraten, sprang Lucas ab und ergriff, sich
vor das Pferd seiner Herrin stellend, mit treuer Hand
dessen Zügel. „Im Grunde habt Ihr Recht,“ sagte
der Alte und blickte zu Lucretias glücklichem Angesichte
auf, „es war heute nicht der passende Anlaß und nicht
der richtige Ort. — Euch zu liebe würd' ich mit
dem leidigen Satan selbander reiten, aber — wahr
bleibt's — einem ehrlichen Gaul und einem gut katholischen Christen wird heutzutage viel Geduld zugemuthet.“ —

Die darauf folgenden beschwerlichen Reisetage
lebten als selige Erinnerungen in dem Herzen Lucretias
fort. Nach dem ermüdenden Zuge quer über die südlichen Vorberge der Alpen hatte die Gesellschaft in
Bellenz gerastet und Jenatsch sich beritten gemacht.
Dann zogen sie langsam durch das von Wasserstürzen
rauschende Misox, das südlichste und schönste Thal des
Bündnerlandes. Ueber dem Bergdorfe San Bernardino
begann der Paß jäh zu steigen und führte zu dieser
frühen Jahreszeit bald über eine blendende Schneedecke.
Der Himmel war von tiefer Klarheit und noch südlicher
Bläue. Lucretia fühlte sich umweht von den kräftigen
Alpenlüften der Heimat und ihr war auf Augenblicke,
als sei sie in die fröhlichen Reisetage der Kindheit
zurückgekehrt; denn Herr Pompejus war häufig mit ihr
aus einem seiner festen Häuser ins andere über die
Bergjoche des thälerreichen Bündens gezogen. Ihre
Augen suchten mit Ungeduld den kleinen Bergsee, der,
wie sie sich deutlich erinnerte, auf keiner der heimischen
Wasserscheiden ausblieb. Da endlich, nahe dem nördlichen Abhange, leuchtete er ihr entgegen, unter den
heutigen scharfen Sonnenstrahlen aufgethaut. Gewiß
nur eine kurze Befreiung, denn der Sommer kehrt spät
ein auf diesen Höhen trotz seiner täuschenden Vorboten
und das den Himmel spiegelnde Auge mußte sich unter
eisigen Stürmen wohl bald wieder schließen.

Auf der halb geschmolzenen Schneedecke kamen die
Pferde nur mühsam vorwärts. Die Bündner — auch
Lucretia — waren auf der Höhe abgestiegen, nur der
eigensinnige Wertmüller beharrte im Sattel und blieb,
wo der Berg sich zu senken begann, mit seinem bei
jedem Schritte gleitenden Thiere immer mehr hinter den
Andern zurück. Zuletzt versank er in eine vom Schnee
verrätherisch bedeckte Spalte aus welcher ihm der die
übrigen Pferde am Zügel führende Lucas nur mit Zeitverlust und Mühe heraushalf. Während dieser bei
dem fluchenden Locotenenten zurückblieb, schritten Jenatsch
und Lucretia rüstig und allein bergab und überließen
sich der ungewohnten Lust, die Heimatluft in vollen
Zügen einzuathmen. Das Fräulein dachte nicht daran,
daß sie zum ersten Male auf der Reise mit Jenatsch
allein sei. Waren ihr doch, wenn sie still neben Jürg
einherritt, ihre beiden andern Begleiter — der Locotenent, trotz seines unausgesetzten Bestrebens sich angenehm oder unangenehm geltend zu machen, der alte
Knecht, trotz seiner unverholenen Rachegelüste, — in gleichgiltige, unpersönliche Ferne getreten.

Sie lebte in einem traumartigen Glücke unter dem
Zauber ihrer Berge und ihrer Jugendliebe, den sie
furchtsam sich hütete, mit einem an die grausame Gegenwart erinnernden Worte zu zerstören.

Jetzt hatten sie das erste Grün über einem schmalen baumlosen Thale erreicht und setzten sich auf ein
besonntes Felsstück, um den zurückgebliebenen Locotenenten zu erwarten. Ein Wässerchen quoll daneben
aus dem feuchten dunkeln Boden. Lucretia kniete nieder
und bemühte sich mit der hohlen Hand einen Trunk
daraus zu schöpfen. „Ich muß doch sehen,“ sagte sie,
„ob das bündnerische Bergwasser noch so gut schmeckt
wie in meiner Jugend!“

„Nicht!“ warnte Jenatsch. „Ihr seid der eiskalten
Quellen entwöhnt! Hätt' ich ein Becherlein, so mischt'
ich Euch einen gesunden Trunk mit ein paar feurigen
Weintropfen aus meiner Feldflasche.“

Da blickte ihn Lucretia liebevoll an, holte aus
ihrem Gewande einen kleinen Silberbecher hervor und
ließ ihn in seine Hand gleiten. — Es war das Becherlein, daß ihr einst der Knabe zum Gegengeschenk für
ihre kecke kindliche Wanderfahrt nach seiner Schule in
Zürich gemacht, und das sie nie von sich gelassen hatte.
Jürg erkannte es sogleich, umfing die Knieende und zog
sie mit einem innigen Kusse an seine Brust empor. Sie
sah ihn an, als wäre dieser einzige Augenblick ihr
ganzes Leben. Dann brachen ihr die Thränen mit
Macht hervor. „Das war zum letzten Male, Jürg,“
sagte sie mit gebrochener Stimme. „Jetzt mische mir
den Becher, daß wir beide daraus trinken! Zum Abschiede! Dann laß meine Seele in Frieden!“ —

Schweigend füllte er den Becher und sie tranken.

„Siehe dieses Rinnsal zwischen uns,“ begann sie
wiederum, „es wird unten zum reißenden Strome. So
fließt das Blut meines Vaters zwischen Dir und mir!
Und überschreitest Du es, so müssen wir beide darin
verderben. — Sieh,“ fuhr sie mit weicher Stimme
fort und zog ihn neben sich auf den Felssitz, „als ich
Dich unten in den Händen der Häscher sah, hätt' ich
Dich lieber mit eigener Hand getödtet, als Dich ein
schmähliches Ende nehmen lassen. Du hast mir das
Recht dazu gegeben! Du bist mein eigen! Du bist mir
verfallen. Aber ich glaube Dir: diesem Boden, dieser
geliebten Heimaterde bist Du zuerst pflichtig. So gehe
hin und befreie sie. — Aber, Jürg, sieh mich niemals
wieder! Du weißt nicht, was ich gelitten habe, wie
sich mir alle Jugendlust und Lebenskraft in dunkle
Gedanken und Entwürfe verwandelte, bis ich zu einem
blinden willenlosen Werkzeuge der Rache wurde. Hüte
Dich vor mir, Geliebter! Kreuze nie meinen Weg!
Störe nie meine Ruhe!“ —

So saßen die Beiden in der Einöde.

Seit Jenatsch die Tochter des Herrn Pompejus
bei der Herzogin wieder gesehen, war die in den Wagnissen und Verwilderungen eines stürmischen Kriegslebens nie ganz vergessene Liebe seiner Kindheit flammend aus der Asche erstanden, und mit ihr ein trotziger
Geist der Empörung gegen sein Schicksal. Mit einer
Blutthat, die dem Jünglinge als Vollstreckung eines gerechten Volksurtheils erschienen war und die der jetzt
Gereifte und Welterfahrne als eine unnütze Befleckung
seiner Hände verwünschte, hatte es ihn für immer geschieden von einem großen und hilfreichen Herzen, das
von jeher sein eigen war.

Dieser Geist der Auflehnung und Verzweiflung
reizte ihn jetzt, die als begehrenswerthes Weib neben
ihm stehende Lucretia um jeden Preis zu gewinnen und
wenn sie ihm verderblich werde — denn er kannte sie —
triumphirend mit ihr unterzugehen.

Aber er erdrückte den Dämon. Stand er nicht
mitten in einem andern Kampfe, der den Einsatz des
ganzen Mannes forderte und alle seine Kräfte und
Leidenschaften in eine Anstrengung zusammenfaßte?
Auch war seine Natur von jenem Stahl, der aus den
Steinwänden der Unmöglichkeit immer wieder die hellen
Funken der Hoffnung herausschlägt. Er war gewohnt,
an nichts zu verzweifeln und nichts aufzugeben.

Konnte sich Lucretias Gemüth nicht wieder erhellen? War es gänzlich unmöglich das Vergangene zu
sühnen durch Thaten von ungewöhnlicher Größe? Mußte
denn unabänderlich auf den liebsten Kampfpreis verzichtet sein im Augenblicke da sich des Ruhmes glänzende
Staffeln hart vor seinen Augen erhoben?

Auch war Lucretia heute so weich, und als sie
ihm den kleinen Silberbecher in die Hand drückte, hatte
ihn aus ihren vertrauensvollen braunen Augen das
Mägdlein angeschaut, das ihn einst beim Kinderspiele
zu seinem Beschützer und Hüter erkoren! . . .

So bezwang er mit starkem Willen seine Leidenschaft, legte ihr Haupt sanft an seine Brust, drückte
noch einen leisen Kuß auf ihre Stirn und sagte, wie
er vor vielen Jahren zu dem weinenden Mägdlein zu
sagen Pflegte, wenn sie sich einmal entzweit hatten:
„Sei gut und stille, Kind! Der Friede ist geschlossen.“ —

Lucretia hatte damit Ernst gemacht. Ruhe war
über ihr Gemüth gekommen mit dem Gefühle, daß die
Höhe des Lebens überstiegen und die Erinnerung ihr
größter Besitz sei. Nun wohnte sie seit Monaten in
den Klostermauern von Cazis. Das Wort des frommen
Herzogs, daß es sicherer sei, Frevel durch Opfer der
Liebe zu sühnen als durch neue Gewaltthat, begann in
ihrer gestillten Seele Wurzel zu schlagen. — Wenn sie
den Wunsch der Frauen von Cazis nicht erfüllte, so
war der herüberschauende Thurm von Riedberg daran
schuld, der sie an ihre freien Kindertage erinnerte und
ihr das unabhängige Leben einer Burgherrin im Ringe
ihres Gesindes und ihrer Dorfleute vor Augen stellte.
Sie sehnte sich nach den alten Schloßräumen, um darin
den Haushalt ihres Vaters wieder aufzurichten. —
Auch schlummerte, ihr unbewußt, ein anderer Widerspruch in ihrem Herzen: Sie konnte der Welt nicht
klösterlich entsagen, so lange Jürg in Thaten schwelgte
und immer größere Kampfbahnen sich vor ihm aufschlossen.

In dem Meßbuche, welches aufgeschlagen neben dem
Fräulein auf dem Sims lag, hatte der durch das offene
Fenster spielende Bergwind schon lange ungestüm hin
und her geblättert, ohne daß Lucretia es gewahrte.
Jetzt aber wurde sie durch den Ton einer wohlbekannten Stimme aus ihren Träumen aufgeschreckt.

Sie trat an den Fensterbogen und erblickte neben
der Pförtnerin die braune Kutte des Paters Pancraz.
Sein keckes, sonneverbranntes Gesicht schaute diesmal
noch zuversichtlicher als gewöhnlich in die Welt und er
verlangte dringend ohne Aufschub vor das Fräulein
geführt zu werden, dem er glückhafte Nachricht zu bringen habe.

Kurz darauf trat er ein und verkündete seine
Botschaft: „Freuet Euch, Fräulein Lucretia! Ihr seid
wieder Herrin von Riedberg. Es beginnen die verdienstlichen Werke mit denen unser großer Oberst für
seine alte schwere Schuld Buße thut. — Morgen
kommen die Staatskrägen von Chur, um die Siegel
zu lösen und Euch das Haus Eurer Väter wieder
aufzuthun. Gott gebe Euch einen gesegneten Einzug.“

Zweites Kapitel.

Während der Sommer- und Herbstmonate eines
einzigen Jahres hatte Herzog Heinrich Rohan seinen
Feldzug im Veltlin mit raschen entscheidenden Schlägen
zu Ende geführt. Die frischen Lorbeern von vier Siegen,
wie sie nur selten ein Feldherr erficht, verherrlichten
seinen Namen.

Diesmal hatte sich sein Talent kühn und freudig
entfaltet, denn der Kampf hatte den äußeren Feinden
Frankreichs gegolten, nicht auf französischem Boden
zwischen Kindern derselben Erde gewüthet. Während er
früher gezwungen gewesen, Landsleute gegen Landsleute,
seine calvinistischen Glaubensgenossen gegen das katholische Frankreich mit blutendem Herzen zu führen, so
befehligte er jetzt zum ersten Male ein aus beiden Bekenntnissen verschmolzenes französisches Heer. Vor der
Schlacht von Morbegno, wo seine Schaar vor einer in
günstigen Stellungen drohenden spanischen Uebermacht
stand, ließ er seine Leute gegen gallische Kriegssitte auf
den Knieen den göttlichen Beistand anrufen. Der calvinistische Caplan des Herzogs betete mit den Protestanten, während ein katholischer Priester über seinen
Glaubensgenossen das segnende Zeichen des Kreuzes
machte.

Noch nie hatte Rohan einen so genialen Feldherrnblick bewiesen, wie jetzt auf diesem von tiefen Thalschluchten zerrissenen und von Gletscherbergen eingeengten,
schwer zu übersehenden Kriegsfelde. Seinem raschen
unfehlbaren Eingreifen kam seine bewundernswerthe
Ausdauer gleich und eine ascetische Natur von seltener
Bedürfnißlosigkeit zu Hilfe. Er war im Stande vierzig
Stunden lang angespannt thätig zu sein, ohne der Erfrischung des Schlafes zu bedürfen.

So eilte er in der Mitte zwischen zwei gegen ihn
vordringenden Heeren, deren jedes dem seinen fast
doppelt überlegen war, thalauf-, thalabwärts und warf
sich jetzt dem einen, dann, die Stirne wendend, dem
andern entgegen, immer siegreich, bis er sie beide,
Spanier und Oesterreicher, vom Bündnerboden verdrängt
hatte und das ganze langgestreckte Thal der Adda, das
seit Jahrzehnten herrenlose und streitige Veltlin in der
Gewalt seiner Waffen war.

Bei dem dritten dieser Siege, der Schlacht in Val
Fraele, grenzt die Ungleichheit des Verlustes an das
Unglaubliche. Der Herzog büßte nach seinem eigenen
Zeugniß nicht sechs Mann ein, während zwölfhundert
Feinde auf der Wahlstatt blieben. Es giebt nur eine
Erklärung für eine so ungleiche Vertheilung der Todesloose: Der französische Feldherr hatte vor den Oesterreichern die vollkommene Kenntniß dieser verlorenen
Hochthäler voraus. Rohan hatte Bündner neben sich,
die das Bergland wie die mit Arvholz getäfelte Stube
ihres Vaters und das Stammwappen über dem Hausthore kannten, und keiner war mit Bündens Bergen
vertrauter als Georg Jenatsch.

In dem Schreiben, das der Herzog über diesen
Sieg an die bündnerischen Behörden richtete, hebt er
die Tapferkeit des Obersten Jenatsch und des von ihm
geführten heimischen Regimentes mit dem wärmsten Lobe
hervor. Ueberhaupt stieg Georg Jenatsch unaufhaltsam
in der Achtung und im Vertrauen des Herzogs und
wurde, ohne daß Rohan selbst sich dessen bewußt war,
sein am liebsten gehörter Rathgeber. Versammelte der
Feldherr in Fällen, wo sich Kühnheit und Vorsicht bestreiten mochten, einen Kriegsrath, so trieb Jenatsch
immer zu den gewagtesten Angriffen und beanspruchte
für sich selbst den gefährlichsten Posten; aber seine Rathschläge bewährten sich und seine Verwegenheiten mißglückten nie, denn die Gunst des Schicksals war mit
ihm. —

So trat er dem Herzog immer näher, der sich
freudig bewußt war, diesen bedeutenden Geist aus
schmählichem Dunkel gezogen und durch seinen Einfluß
entwickelt zu haben. Oft mußte Rohan sich wundern,
wie willig und streng der unbändige Grisone der Kriegszucht sich unterwarf und, was er ihm ebenso hoch anrechnete, mit welch' unbedingtem Vertrauen der vormalige bündnerische Volksführer jede besorgnißvolle
Aeußerung über das letzte Ergebniß des Krieges und
die Zukunft Bündens unterließ, ja vermied.

Dies Ergebniß war der Herzog gesonnen, für
Bünden so günstig als möglich zu gestalten. Er täuschte
sich nicht über die Abneigung des französischen Hofes
gegen seine Person, aber dennoch hoffte er dort mit
seinen billigen und weislich erwogenen Vorschlägen durchzudringen. Eine Reihe mit geringer Truppenmacht durch
seinen individuellen Werth erfochtener Siege, welche die
französischen Waffen mit einem blendenden Glanze umgaben, mußten bei dem Sohne Heinrichs IV., mußten
sogar bei Rohans altem Gegner, dem immerhin das
Banner mit den französischen Lilien hoch emporhaltenden Kardinal entscheidend ins Gewicht fallen. Was noch
aus der Zeit der Bürgerkriege im Gemüthe des Königs
gegen den ehemaligen Kriegsführer der Hugenotten
geschrieben stand, hatten — sagte sich der Herzog —
die von ihm jetzt in die französischen Annalen eingezeichneten Triumphe gänzlich verwischt und unleserlich
gemacht.

Rohan hatte das Land Bünden und sein zugleich
nordisch mannhaftes und südlich geschmeidiges Volk lieb
gewonnen. Der Aufenthalt in diesen Bergen ruhte
seinen Geist aus und erfrischte seine Lebenskraft. Aber
nicht die ernsten, kühl durchwehten Hochthäler, wo er
Siege erfochten, mit ihren Felshörnern und Schneehäuptern übten einen Zauber auf ihn aus, sondern er
zog dem Geschmacke der Zeit und seinem eigenen milden Gemüthe gemäß die mittlern, mit weichem Grün
bekleideten Alpen vor, die mit Hütten und läutenden
Heerden bedeckt waren. Seine Lieblinge waren die
Höhen, die das warme Domleschg einrahmen und er
pflegte zu sagen, der Heinzenberg sei der schönste Berg
der Welt.

Das Geschenk seiner Neigung gaben ihm die
Bündner mit Wucher zurück. Im ganzen Lande wurde
er nur „der gute Herzog“ geheißen. In Chur war
er der Abgott aller Stände; denn die vornehmen
Familien fesselte er an sich durch die Feinheit seiner
adeligen Sitte, das Volk aber bezauberte er durch eine
aus dem Herzen kommende unbeschreibliche Leutseligkeit.
In den protestantischen Gemeinden des Landes hörten
überdies die Bündner fast allsonntäglich sein Lob von
der Kanzel verkündigen. Er ward ihnen gezeigt und
gerühmt als ein Muster evangelischer Glaubenstreue
und als ein Hort der bedrängten Protestanten in allen
Landen.

Der glückliche Stern, der seine kriegerischen Unternehmungen begünstigt hatte, schien jetzt auch über seinen
politischen zu leuchten. Er beschied einige ausgezeichnete
Bündner zu sich nach Chiavenna, berieth mit ihnen
Satz um Satz den Entwurf eines Uebereinkommens
und dieses wurde kurz darauf von dem in Thusis versammelten bündnerischen Bundesrathe angenommen.
Man machte sich von beiden Seiten die äußersten Zugeständnisse. Um die Bündner in ihrer Hauptforderung
zu befriedigen, gab ihnen Rohan durch diesen Vertrag
das Veltlin im Namen Frankreichs zurück. Aber er
sicherte zugleich das militärische Interesse und die katholische Ehre seines Königs, indem er festsetzte, daß die
bündnerischen Bergpässe bis zum allgemeinen Friedensschlusse von Bündnertruppen in französischem Solde
gehütet werden müßten und die katholische Religion im
Veltlin als die herrschende anerkannt werde.

So lauteten die von Herzog Heinrich mit den
Häuptern Bündens zu Chiavenna berathenen und im
Domleschg bestätigten Vertragspunkte, die sogenannten
Thusnerartikel.

Genehmigte der König von Frankreich diesen von
Rohan für ihn geschlossenen Vertrag, — und wie hätte
er es nicht thun sollen! — so waren Bündens alte
Grenzen hergestellt und Heinrich Rohan hatte sein gegebenes Wort gelöst, denn in der That für diese Herstellung ihrer alten Grenzen hatte er sich den Bündnern vor dem Feldzuge persönlich verbürgt, verbürgen
müssen. Dies Versprechen zu verweigern war ihm unmöglich gewesen, sollte sich das erschöpfte elende Land
noch einmal zum Kriege aufraffen. Darin hatte die
unerbittliche Logik des scharfsinnigen venetianischen
Provveditore das Richtige vorausgesagt; aber wie sehr,
wie vollständig hatte er sich geirrt, als er den Herzog
vor Georg Jenatsch glaubte warnen zu müssen!

Gerade für die Annahme der Thusnerartikel hatte
der Oberst das Unglaubliche gethan; es war wahrlich
kein leichtes gewesen, es hatte Gewandtheit und Ausdauer genug auch den Liebling des Volkes gekostet, um
diese bei den argwöhnischen, auf ihre Unabhängigkeit
eifersüchtigen Bündnern durchzusetzen. Aber Jenatsch
hatte sich vervielfacht und von Thal zu Thale, von
Gemeinde zu Gemeinde eilend, hatte er überall den
Zauber seiner Rede ausgeübt, überall seinen willensstarken, feurigen Einfluß geltend gemacht. Er hatte
darauf gedrungen, das sichere Theil nicht aus der Hand
zu lassen um eines ungewissen, ja undenkbaren größern
Gewinns willen. Er hatte gerathen, sich mit der
Hauptsache zu begnügen, dem edeln Anwalte Bündens
bei der französischen Krone nicht sich undankbar zu erzeigen und den mit jedem Jahre sich mindernden Rest
des französischen Druckes willig in den Kauf zu
nehmen.

Doch noch eine Sorge drückte die Ehrenhaftigkeit
des Herzogs. Der ungeheure Summen verschlingende
Krieg in Deutschland hatte den französischen Schatz erschöpft. Die Sendungen des Schatzmeisters an Herzog
Rohan flossen schon lange spärlich und blieben jetzt
aus; es war diesem seit einiger Zeit nicht mehr möglich, seine Bündnertruppen zu besolden. Freilich theilten
die französischen Regimenter dasselbe Loos. Man schien
am Hofe zu St. Germain des Glaubens zu leben, die
Ehre unter dem ruhmreichen Feldherrn zu dienen, ersetze dem Soldaten Nahrung und Kleidung. Rohan
sandte Schreiben auf Schreiben und erhielt als Antwort Versprechen auf Versprechen. Die Erhebung einer
neuen Kriegssteuer in Frankreich, so schrieb man dem
Herzog aus St. Germain, sollte dem Mißstande nächstens
ein Ende machen.

Welche Hemmungen und Säumnisse also das Werk
des Herzogs erfuhr durch den Menschen und Dingen
inwohnenden Widerstand gegen gerechte, einen selbstsüchtigen Interessenkreis durchbrechende Lösungen —
nun stand er hart vor seinem Ziele und die Bündner
erreichten, dank der ihnen von Rohan auferlegten
Mäßigung, die Befreiung ihres Landes.

Da plötzlich verbreitete sich zur Zeit der fallenden
Blätter eine unheimliche Botschaft durch die bündnerischen Thäler. Der gute Herzog, hieß es, weile
nicht mehr unter den Lebenden. Er sei in seinem
Palaste zu Sondrio einem Sumpffieber zum Opfer gefallen. Schon habe ein Bote das Stilfserjoch überschritten und sei nach Brixen geeilt, um die Spezerei
zur Einbalsamirung seines Leichnams zu holen.

Dieses Gerücht erschreckte die Gemüther, wo es
hingelangte. Man ward sich plötzlich sorgenvoll bewußt, was alles an diesem edeln Leben hing. Wie in
den Bergen, wenn eine Wolke vor die Sonne gleitet,
die Landschaft mit einem Schlage dunkel wird und zugleich in ihren einzelnen schroffen Zügen schärfer hervortritt, so erschien den Bündnern, als sie den Herzog
sich hinwegdachten, die unsichere Abhängigkeit und die
Gefahr ihrer Lage mit drohender Deutlichkeit. War
ihnen doch nur in seiner Vertrauen erweckenden Person
Frankreich als helfende Macht nahe getreten! Er war
es, der für seinen König mit ihnen unterhandelt, den
von ihnen begehrten Kampfpreis zugesagt, für Frankreichs Rechtlichkeit im Worthalten dem kleinen Lande
gegenüber sich verbürgt hatte. Was geschah, wenn ihr
Mittler, der gute Herzog, verschwand? Wen gab ihm
Richelieu zum Nachfolger? War der die Welt mit
kalter Berechnung überschauende Cardinal, der rücksichtslose Staatsmann gesonnen, das unbequeme Erbe der
Gerechtigkeit des Protestanten Heinrich Rohan anzutreten?

Das Unheil ging diesmal noch vorüber. Die
Nachricht vom Tode des Herzogs war eine falsche.
Nach einigen Wochen erfuhr man, er habe zehn Tage
lang mit geschlossenen Augen bewußtlos gelegen, dann
sei er wieder zum Leben erwacht und erhole sich langsam. Welcher böse Zweifel aber ihn gefoltert hatte,
bis er todesmatt aufs Lager sank, das ahnte damals
noch niemand.

Drittes Kapitel.

An einem hellen warmen Octobertage bewegte sich
in den Gassen des an der Splügenstraße gelegenen
städtisch reichen Fleckens Thusis eine tosende Volksmenge. Der Ort liegt an der nördlichen Pforte der
Bergschrecknisse des Passes. Hier pflegte der aus
Italien kehrende Reisende nach überstandener Mühsal und Gefahr sich einen guten Tag zu machen,
der von Norden kommende dagegen seinen Muth zu
stärken, Saumthiere zu miethen und für die beschwerliche Reise die letzten Einkäufe zu besorgen. Diese
für Handel und Wandel günstige Lage hatte dem seit
einer großen Feuersbrunst neu erbauten Orte schnell
wieder zu stattlicher Blüte geholfen.

Heute wurde zudem der große Thusnerjahrmarkt
abgehalten, der von nah und fern das Volk herbeigelockt und die verschiedenen Staturen, Trachten und
Sprachweisen aller bündnerischen Thäler am Fuße des
Heinzenbergs versammelt hatte. Manche waren auch
gekommen, um den guten Herzog zu sehen, der, wie
die Sage ging, gestern in einer Sänfte die Paßhöhe
überwunden und im Dorfe Splügen genächtigt hatte.
Diesen Abend wurde er in Thusis erwartet, wo ihm in
einem etwas abseits liegenden Herrenhause ein ruhiges
Nachtquartier bereitet war. Einige Splügner hatten
ihn gestern in ihrem Dorfe von Angesicht geschaut und
beschrieben den edeln Herrn als auffallend gealtert, blaß
und abgezehrt; seine Haare seien völlig gebleicht.

Auch kühne, kriegerische Gestalten schritten in der
Menge. Die Obersten der bündnerischen Regimenter
waren gekommen, den Herzog zu empfangen. Hatten
sie über ihrem stürmischen Verlangen ihn wiederzusehen,
die kriegerische Disciplin außer Acht gesetzt, welche sie
an der österreichischen Grenze festhielt? Auch ihre
Truppen waren sonderbarer Weise zur Begrüßung des
Herzogs auf seinem Wege von Thusis nach Chur in
gleichmäßigen Entfernungen aufgestellt. Warum hatten
die Obersten sie aus ihren Stellungen an der Grenze
ins Innere des Landes zurückgezogen?

Wild und laut ging es diesen Abend in der ehrbaren Herberge zum schwarzen Adler zu. Das behäbige
Haus schenkte sein Getränk, den dunkeln, mit seiner
Herbe das Blut nur langsam wärmenden Veltliner
und den gefährlichern hellen Traubensaft der vier weinberühmten Dörfer am Rhein, nach Landessitte in zwei
verschiedenen Stuben aus, die rechts und links von
dem gepflasterten Flur sich gegenüberlagen. Der eine
Raum, die eigentliche Schenke mit den rohen Bänken
und Tischen aus Tannenholz war von lärmenden Marktleuten, Viehhändlern, Sennen und Jägern dermaßen
überfüllt, daß es schwer wurde, sein eigenes Wort zu
verstehen. Die jugendliche Schenkin, eine ruhige, dunkelhaarige Prätigauerin, hatte mehr zu thun, als ihr lieb
war um die bauchigen Steinkrüge wieder und wieder
zu füllen und warf, von allen Seiten gerufen und
festgehalten, immer trotziger den Kopf zurück, zog
immer finsterer die Brauen zusammen. In der Herrenstube gegenüber ließen sich die vornehmen Kriegsleute
nicht weniger laut vernehmen und setzten dem Becher
noch schärfer zu.

Zwischen beiden Räumen schritt, das Chaos überblickend, der feste Wirth, Ammann Müller, in unerschütterlicher gelassener Gutmüthigkeit hin und her.
Eben füllte seine breite viereckige Gestalt wieder die
Thür der Schenke. Hier wurde gerade Politik getrieben,
natürlich wie es der gemeine Mann zu thun pflegt, nur
von dem Standpunkte persönlicher Bedrängniß aus.

„Eine Schande vor Gott und Menschen ist es“,
übertönte ein Engadinerviehhändler das Stimmengebraus, „daß wir Bündner unsere eigene Landesgrenze
nicht mehr überschreiten dürfen ohne einen französischen
Passaport! Jüngst wollt' ich mit einer Rinderheerde ins
Werdenbergische hinüber, da wurd' ich an der Grenze
schnöde zurückgewiesen, weil ich versäumt hatte, mir
einen solchen Fetzen auf der französischen Kanzlei in
Chur einzuhandeln. Noch von Glück konnt' ich sagen,
daß ich alle meine Stücke zurückbrachte. Sie wollten
die glänzenden Rinder in ihr verwünschtes Viereck bei
Maienfeld treiben und begehrten sie mir abzukaufen
zur Verproviantirung der Festung, wie sie sagten! Abkaufen! Schöner Handel das! Ihr Schlächter, ein
ruppiger kleiner Kerl, dem solche Prachtstücke offenbar
noch nie zu Gesicht gekommen, schätzte sie mir zu einem
Schandpreis!“ —

„Und diese Knirpse wollen behaupten, ihr Brot
zu Hause sei besser als meine vortrefflichen Laibe“,
sagte der Bäcker, ein Bürger von Thusis. „Als sie
voriges Jahr hier im Quartier lagen, warf mir einer
mein Roggenbrot vor die Füße, weil er nur an zarten
weißen Waizen gewöhnt sei. Nicht genug. Ich mußte
gleich darauf als Hausvater Ordnung schaffen und dem
Affen unsre kleine braune Magd, die Oberhalbsteinerin,
aus den Pfoten reißen. Die fand er nach seinem Geschmack, obschon sie wahrlich schwärzer ist als mein
Roggenbrot und nicht halb so appetitlich.“ —

Hier ging ein seltsames Lächeln über das finstere
Gesicht eines Gemsjägers, der dem Bäcker gegenüber,
den Rücken an die Wand gestemmt, mit gekreuzten
Armen hinter dem Tische saß und jetzt, ohne einen
Zug zu verändern, unter seinem Schnurrbarte eine Reihe
blendend weißer Zähne zeigte.

Der Bäcker gewahrte dies stille Hohnlächeln und
sagte im Tone vorwurfsvoller Rüge: „Ans Leben aber
griff ich ihm nicht um seines wüsten Gelüstens willen
wie du, Joder, dem armen Corporal Henriot, dessen
Seele Gott genade. Das war eine unnöthige Grausamkeit, denn deine schlanke Bride, der er zärtliche
Blicke zuwarf, ist ein herbes und scheues Weib.“

Der Angeredete erwiederte mit der größten Ruhe:
„Ich weiß nicht, wer das tolle Zeug über mich ausstreut, das du da vorbringst. Was jenen Vorfall betrifft, so hab' ich ihn selbst damals ohne Arg und
Aufschub dem Amte dargethan. Die Sache verhält sich
einfach. Der Franzose machte sich täglich mit meinem
Gewehr zu schaffen und lag mir an, ihn auf die Gemsjagd mitzunehmen, auf die er sich besser als ich zu
verstehen behauptete. Ich nahm ihn mit und stieg
mit ihm am Piz Beverin herum. Als wir über den
Gletscher kamen, halten sich die Spalten während des
langen Regens etwas verändert. Ich sprang über ein
paar breite hinweg und als ich mich umsah, war der
Franzose nicht mehr hinter mir. Er muß den Schwung
zu kurz genommen haben. So war es und so hab' ich
es vor Gericht niedergelegt — das müßt Ihr mir bezeugen, Amman Müller.“

„Das bezeug' ich Dir amtlich, schwarzer Joder“,
bestätigte der Gelassene mit großer Gutmüthigkeit, während auf den Gesichtern einzelner Gäste zweifelndes
Nachsinnen oder einverstandene Schadenfreude deutlich
zu lesen war.

„Nun, das ist abgethan“, sagte der Viehhändler
kaltblütig, „und es geht Keinen etwas an. Auch die
Franzosen werden sich nicht mehr drum kümmern, denn
in wenigen Wochen sind wir, Gott und dem guten
Herzog sei's gedankt, die fremde Brut sammt und sonders los. Das steht voran in den Thusnerartikeln,
die kräftig werden, sobald der Name des Königs darunter steht, und diese Unterschrift, geht die Rede, bringt
uns heute der Herzog.“ —

„Wenn er sie bringt!“ sagte langsam ein prächtiger Alter aus dem Lugnetz mit feurigen Augen und
weißem Barte, der bisher, die Hände auf seinen dicken
Hakenstock und das Kinn auf die Hände gestützt, aufmerksam geschwiegen hatte.

„Kein Zweifel!“ meinte Amman Müller, „Jürg
Jenatsch hat uns versammelten Leuten vom Heinzenberg
und Domleschg die schwere Sache erklärt und stand
uns dafür, daß sie richtig abgewickelt werde. Er muß
das wissen, Casutt, denn er ist des guten Herzogs
rechte Hand.“

„An Jürg will ich mich auch halten“, sagte der
Weißbart, „denn er hat sich bei uns im Lugnetz gleichermaßen dafür verbürgt, daß wir durch Annahme der
Thusnerartikel in Kürze das fremde Volk los würden
und wieder zu Freiheit und Ehre kämen. Sitzt er
drüben bei den Raufdegen? Ich möchte wohl ein Wort
mit ihm reden.“

„Drüben hab' ich ihn noch nicht erblickt“, antwortete Müller, „aber angekommen ist er, das ist sein
Rappe.“

Damit wies er durch das Fenster auf die Straße,
wo eben ein schäumendes, kohlschwarzes Thier in prächtigem Geschirr von einem Reitknecht abgeführt wurde.
Durch das Gewühl des andrängenden Volkes ward auf
dem Platze vor der Herberge von Zeit zu Zeit der
Schimmer eines Scharlachkleids und eine hochragende
blaue Hutfeder sichtbar.

Der Alte schritt rasch auf den Flur hinaus. Die
volltönende Stimme des Obersten Jenatsch klang jetzt
von den Steinstufen vor der Hauspforte her, wo er,
von einem Haufen umringt, neue ungestüme Frager
zur Ruhe wies. Der greise Lugnetzer bemächtigte sich
seiner und jetzt erschienen Beide vor dem offenen Eingange der Schenkstube, deren Thüre dem Jahrmarkte zu
Ehren ausgehoben worden war, um den Gästen freien
Ein- und Austritt zu gönnen.

„Hier hinein, Jürg!“ rief der Alte, „und gieb
mir und allem Volke Rechenschaft.“ Willig ließ sich
der Oberst von dem Lugnetzer Gewalt anthun und trat
neben ihm in den Kreis, der sich rasch durch die von
ihren Sitzen Springenden um ihn bildete und immer
dichter wurde.

„Was ist denn für ein Geist des Zweifels in
Euch gefahren?“ sagte Jenatsch, indem seine Augen
freundlich blitzten; „Ihr bestürmt mich um Gewißheit,
ob der Vertrag von Chiavenna unterschrieben sei?
Natürlich ist er's. Jetzt komme ich von Finstermünz,
wo ich Grenzstreitigkeiten zu schlichten hatte, wie sollt'
ich da um das Neueste wissen! Aber als ich den Herzog verließ, war er der Sache gewiß und der erlauchte
Herr wurde wohl nur durch seine Krankheit abgehalten,
die Akte allem Volke kund zu geben.“

„Höre, Jürg“, erwiederte nach einigem Nachdenken
der Lugnetzer, „den Herzog kenne ich nicht; aber Dich
kenn' ich, und bin schon zu Deinem gottesfürchtigen
Vater nach Scharans hinüber gekommen, als Du noch
ein blödes, schamhaftes Büblein warst. Deshalb habe
ich zu Dir Vertrauen, denn ich weiß, aus welchem
Stoffe Du gemacht bist — nicht aus dem unsrer Salis
und Planta, die das Vaterland nach rechts und nach
links verkaufen, und ein groß Theil des Elends auf
dem Gewissen haben, das über uns gekommen ist.
Von den Schlichen der Politiker versteh' ich nichts;
Du aber bist ihnen gewachsen. Mit Deiner golddurchzogenen Schärpe werden Dir die Herren die Hände
nicht binden und unter diesem Scharlachrocke“, er berührte den feinen Stoff des geschlitzten Aermels, „klopft
Dein Herz dennoch für Dein Volk und für Dein Land.
Schaff' uns die alte Freiheit wieder — mit dem Herzog, wenn er dazu taugt, — ohne ihn, wenn es nicht
anders gehen will! Du bist der Mann das auszurichten.“

Der Oberst schüttelte lachend sein kühnes Haupt.
„Du hast eigne Begriffe vom Weltlauf, Casutt!“ sagte
er. „Dein Vertrauen aber sollst Du nicht weggeworfen
haben. Bleibe hier. Vielleicht bring' ich Euch heut'
Nacht noch selber sichere Nachricht.“

„Tête bleue“, erscholl hinter Jenatsch eine fröhliche Baßstimme, Du hast die rechte Thür verfehlt,
Herr Camerad! Drüben erwartet man Dich mit Ungeduld!“ und ein gewaltiger Kriegsmann schob seinen
Arm unter den des Obersten Jenatsch und zog ihn ohne
Umstände in die Herrenstube hinüber, wo er mit lärmendem Willkomm empfangen wurde.

Der Oberst grüßte, aber ließ keinen seiner Kameraden zu Worte kommen. „Vor Allem gebt mir über
Eines Auskunft, Herren“, rief er ihnen entgegen,
„was ficht Euch an, daß Ihr Eure Stellungen an der
Grenze verlassen und Eure Regimenter im sichern
Domleschg aufgestellt habt? Dazu kann Euch der Herzog nicht Ordre gegeben haben. Still, Guler, Dir
steigt das Blut zu Haupt! — Gebt Ihr mir geneigten
Aufschluß, Graf Travers, Ihr seid der Ruhigste.“ —

Der Graf, ein noch jugendlicher Mann mit scharf
ausgeprägten italienischen Zügen und fester Feinheit
des Ausdrucks, erzählte, Alle hätten sie bei der Nachricht vom Tode des Herzogs, dessen Ehre und Persönlichkeit ihre einzige Bürgschaft gewesen, den gänzlichen
Verlust des rückständigen Soldes ihrer Regimenter befürchtet, der, wie Jenatsch wisse, eine Million Livres
übersteige. Dieser Verlust, für den sie bei ihren Soldaten, wie der Contract einmal sei, persönlich einzustehen hätten, wäre ihrem völligen Ruin gleich gekommen. Um diesem vorzubeugen, hätten sie nur ein
Mittel gekannt und es zu ergreifen einstimmig beschlossen: Das Verlassen ihrer Stellungen an der Grenze
mit der Erklärung, dieselben erst dann wieder beziehen
zu wollen, wenn der französische Kriegsschatzmeister die
Rückstände ausgeglichen habe. Die Kunde vom Tode
des Herzogs hätte sich glücklicherweise nicht bestätigt;
aber nachdem der Schritt einmal gethan gewesen, hätten
sie vorgezogen, statt ihn zurückzuthun, auch dem von
ihnen Allen hochverehrten Herzog Heinrich gegenüber
auf ihrem Entschlusse zu beharren, bis ihre gerechte
Forderung befriedigt sei.

Als dieser davon gehört, habe er ihnen den Kriegsschatzmeister Lasnier mit einer kleinen Abschlagszahlung,
der unbedeutenden Summe von dreiunddreißigtausend
Livres, zugesendet und zugleich die Weisung, ohne Verzug ihre früheren Stellungen an der Grenze wieder zu
beziehen . . . .

„Was moralisch unmöglich war“, brach Guler los,
„da dieser kleine Bösewicht uns mit Gift und Galle
überschüttete und die unglaubliche Drohung ausstieß,
er wolle uns den Bauch zertreten!“ . . . .

„Passer sur le ventre“, spottete Jenatsch, „das
ist unendlich unschuldiger, als es klingt. Du scheinst
vom Französischen unsrer Kriegskameraden nur die
Flüche erlernt zu haben.“

„Morbleu“, rief Guler hitzig, „da will ich Dir
ein Anderes beweisen. Ich weiß einen häßlichen Witz
des boshaften Kobolds, den ich ganz allein verstanden
habe. Er höhnte, der Herzog habe ihn gesandt, uns
an die Grenze zurückzutreiben, und solcherweise das
Amt auszuüben, das sein Name bedeute. Dieser Ausspruch ließ mir keine Ruhe. Ich suchte das Wörterbuch hervor, welches mir mein in Paris verstorbener
Bruder — gewissermaßen ein verlorner Sohn — als
einziges Erbstück hinterlassen hat. Was heißt nun
Lasnier, Ihr Herren? — Der Eseltreiber. Hätte ich's
gewußt, als er noch da war, ich hätte das Männchen
trotz seines Scorpionengifts zwischen Daumen und Zeigefinger zerrieben.“

Jenatsch, der während dieser Rede mit zusammengezogenen Brauen nachgedacht hatte, wandte sich auf
einmal zur ganzen Gesellschaft mit den Worten: „Haltet
Ihr mich für zahlungsfähig? . . . Ihr wißt, ich war
immer ein guter Haushalter. Aus meiner Kriegsbeute
habe ich mir in Davos ein stattliches Haus erbaut
und mir ringsum schöne Alpen erworben. Ueberdies
liegen mir Summen bei a Marca in Venedig, welche
der kluge Wechsler nicht müßig gehen läßt. Das Alles
deckt euch freilich nicht, aber mein Credit ist aufrecht
und es wäre mir nicht unmöglich, das Fehlende herzuschaffen. Ich verbürge mich euch mit schriftlichem Contract für die ganze Summe, die euch der Herzog
schuldet. Ihn sollt ihr mir heute nicht belästigen, denn
er ist müde und krank. Zur gelegenen Stunde werde
ich beim Herzog für euch reden und auch für mich,
denn eure Sache ist die meinige und ich werde zum
Bettler, wenn sie scheitert.“

Jetzt erhob sich ein Sturm der Rede, in dem
Stimmen des Bedenkens, des Beifalls, des Erstaunens
sich bekämpften und mischten. Eine lärmende Begeisterung behielt die Oberhand.

Da öffnete sich die Thür und das scharfe Gesicht,
die kleine straffe Gestalt des herzoglichen Adjutanten
Wertmüller wurde auf der Schwelle sichtbar. Sein
schnelles graues Auge erfaßte die zügellose stürmische
Scene und sie erregte seinen entschiedenen Widerwillen.
Er meldete in kurzen Worten, der erlauchte Herzog
nähere sich Thusis, verbitte sich aber jeden öffentlichen
Empfang. Er wünsche auszuruhen.

„Nur dieser Herr wird in einer Stunde bei ihm
vorgelassen,“ schloß der einsylbige Locotenent und grüßte
den Oberst Jenatsch gerade so flüchtig und so knapp,
als es der militärische Anstand noch erlaubte.

Viertes Kapitel.

Als der Oberst Jenatsch zur Zeit des Sonnenuntergangs die für die kurze Ruhe des Herzogs bereitete Wohnung betrat, fand er, die Steintreppe hinaneilend, in der offenen Vorhalle des ersten Stockes den
zürcherischen Locotenenten. Mit der Wachsamkeit einer
bissigen Dogge hütete Wertmüller die Thüre seines
Feldherren vor jedem unbefugten Eindringen.

Eben durchschritt eine schlanke feine Gestalt, abschiednehmend, leisen Fußes die Halle, der herzogliche
Privatsekretär Priolo, den der Adjutant mit bösen
Blicken begleitete, — denn er war in seiner stachlichsten Laune — und mit stillen Wünschen, die offenbar
keine Segenswünsche waren.

„Aus welcher Himmelsgegend hat der Wind diesen
hergeweht?“ fragte der Oberst mit gedämpfter Stimme.
„Er ist, so viel ich weiß, nicht mit dem Herzog über
den Berg gekommen.“

„Er wurde schon vor einer Woche nach Chur vorausgesandt um die neusten Pariserdepeschen abzuholen,
nach denen der Herr Verlangen trug,“ versetzte Wertmüller.

„Und sie sind in des Herzogs Händen?“ fragte
Jenatsch leise und mit ungewohnter Hast, denn sein
Herz fing an zu pochen. „Kennt Ihr den Entscheid?
Ist die Unterschrift des Königs da?“

„Ich kenne nur meine Ordre“, sagte der Andere
unhöflich, „und diese ist, den Obersten Jenatsch ohne
Zeitverlust einzulassen.“

Wertmüller schritt voran in ein vom Wiederschein
des Abends erhelltes wohnliches Zimmer, dessen Fenster
auf die sonnig leuchtenden Halden und herbstlich gerötheten Wälder des schönen Heinzenbergs hinausschauten.
Der Oberst trat in den kleinen Erker, während Wertmüller sich leise in ein Nebenzimmer begab, wo der
Herzog noch ausruhte.

„Es belieb' Euch einen Augenblick zu warten!“
schnarrte zurückkommend der Locotenent, der sich unverzüglich wieder auf seinen Posten in der Vorhalle zurückzog.

Der Blick des Alleingebliebenen haftete auf einer
geöffneten Ledertasche und zwei daneben auf den Tisch
geworfenen, entsiegelten Briefen. Die Federzüge, welche
sie bargen, entschieden über das Wohl oder Wehe seines
Landes.

Jetzt öffnete sich langsam die Thüre der Kammer
und Heinrich Rohan erschien blaß und hager auf der
Schwelle. Mit einer unwillkürlichen, freudigen Bewegung schritt er dem Bündner entgegen, der dem hohen
Herrn in raschem Diensteifer einen tiefen Lehnstuhl
neben das Fenster rückte, wo der Blick des Reisemüden
sich an der goldenen Abendruhe seines Berges erquicken
konnte. Der Herzog ließ sich mit jetzt sichtbar werdender Abspannung nieder und richtete sein klares Auge
auf Georg Jenatsch; dann begann er mit leiser
Stimme und in fragendem Tone: „Ihr kommt von
Finstermünz?“

Dieser hatte sich ehrfurchtsvoll vor den in den Sessel
Zurückgelehnten gestellt und betrachtete unverwandt die
edlen Züge, welche in mehr als einer Weise ihm verändert erschienen. Neben den erwarteten Spuren der
schweren Krankheit befremdete ihn darin ein tief eingegrabener Zug verschwiegenen, hoffnungslosen Grames,
der peinlich hervortrat, wenn der Herzog seinen lautern
strahlenden Blick zeitweise senkte.

Jenatsch brannte vor Begierde zu erfahren, ob
der von ihm mit rastloser Anstrengung in Bünden
durchgesetzte Vertrag in St. Germain durch die Unterschrift des Königs endgültig geworden sei; aber diesem Antlitz gegenüber hatte der sonst vor nichts Zurückschreckende keinen Muth zur Frage. Er begnügte
sich auf des Herzogs Erkundigung zu antworten und
ihm einen genauen Bericht über die Feststellungen der
Grenze zwischen Tirol und Unterengadin zu geben, wie
sie während des Waffenstillstandes gelten sollten.

„Die Oesterreicher sind langsam und umständlich;
ich wurde hingehalten und bis nach Innsbruck gezogen,“
sagte er. „Wär' ich im Lande gewesen, niemals hätten
mir meine störrischen Kameraden ohne Euren Befehl,
erlauchter Herr, ihre Posten verlassen, niemals Euch
in Thusis als erste Begrüßung den widerwärtigen Anblick ihres Ungehorsams entgegengebracht.

Einen schlimmern Ausbruch vor Euern Augen,“ schloß
er zögernd, „habe ich nur mit Mühe verhütet und indem
ich mich, da mir kein anderes wirksames Mittel mehr
zu Gebote stand, meinen Kameraden mit Hab' und
Gut für den rückständigen französischen Sold verbürgte.
Ich hoffe, daß Ihr mir meine ungemessene Ergebenheit
nicht verargen werdet!“ fügte er schmeichelnd hinzu.

Der Herzog lehnte, zusammenzuckend, tiefer in
die Kissen zurück und der schmerzliche Zug in seinem
Angesichte trat schärfer hervor. Es durchblitzte ihn der
Gedanke, welche gefährliche Gewalt in die Hand des
Menschen falle, dem er einen so unerhörten, von ihm
nie begehrten Dienst schulde. Aber er hielt an sich.

„Ich danke Euch, mein Freund,“ sagte er, „Ihr sollt
nicht zu Schaden kommen, so lange ich selber noch etwas
besitze. Ich fürchte, Lasnier, den ich zur Beruhigung
der Obersten mit Geldern an sie voraussandte, hat im
Verkehr mit ihnen nicht den rechten Ton getroffen.“

„Er hat sie aufs tiefste beleidigt. Darin muß
ich zu ihnen stehn, erlauchter Herr, und mit ihnen verlangen, daß er abberufen werde. Nicht seine Zornausbrüche, noch seinen unsere Personen treffenden Spott
will ich ihm verdenken; aber daß er, wie ich aus sichrer
Quelle weiß, unserm Vaterlande das Recht bestreitet,
überhaupt da zu sein, weil es ein kleines Land ist, und
diese vernichtende Behauptung uns auf unserm eigenen
Bündnerboden entgegenwirft, daß er uns als ein verachtetes Anhängsel Frankreichs behandelt, das dreht
jedem Bündner das Herz um, und unmöglich ist es,
daß ein solcher Mann länger unser Brot esse und unsern
Wein trinke!

Thut mir die Liebe, edler Herr,“ bat er in gemäßigtem Tone, „und sorgt für seine Abberufung.“ —

„Lasniers Abberufung ist auch mein entschiedener
Wunsch, den der Cardinal ohne Zweifel erfüllen wird.
Betrachtet es als abgethan.

Um auf Wichtigeres zu kommen,“ lenkte Rohan ab,
der die auflodernde Vaterlandsliebe des Bündners in
diesem Momente der Abspannung zu scheuen schien, „Ihr
waret in Innsbruck, da habt Ihr wohl etwas von der
Stimmung des erzherzoglichen Hofes gegen uns erfahren. Gedenken uns die Oesterreicher noch einmal im
Veltlin anzugreifen?“

„Dazu sind Eure Lorbeeren noch zu frisch, erlauchter
Herr. So lange Eure Hand den Feldherrnstab führt,
dürfen sie's nicht wagen. — Aber,“ der Bündner seufzte
tief, „laßt mich mein ganzes Herz vor Euch ausschütten! Bei der falschen Kunde von Eurem Hinscheiden
regte sich wieder alles kriechende Gewürm der Kabale
und unsere Landesverbannten von der spanischen Partei
fingen wieder an, unterirdisch zu wühlen. Diese ekeln
Todtengräber glaubten schon, Bündens zwei höchste
Kleinodien: Eure geliebte Person und seine theure Freiheit, deren Bürge Ihr seid, in die gleiche Gruft
versenkt.

„In Innsbruck,“ fuhr er nach einer beobachtenden
Pause mit unverhehlter Bewegung fort, „glaubt man
auch jetzt, da Gott Euch uns wieder zum Leben erweckt
hat, nicht an den Vertrag von Chiavenna. Wie
hätten sie es sonst gewagt, mir spanischerseits Bündens
Unabhängigkeit in seinen alten Grenzen als Preis unserer Trennung von Frankreich anzubieten, ja versucht,
mich durch gemeines Gold von Euch zu scheiden! . .
Ich beschwöre Euch, edler Herr, macht diesen Vorspiegelungen ein Ende, indem Ihr die zwischen uns vereinbarte und von Eurem König unterschriebene Akte allem
Volke kund gebt. Sonst wird Bünden an Frankreichs
Absichten irre, die spanischen Versprechungen verwirren
die Gemüther und wir versinken wieder in das Blutbad
des Bürgerkrieges, aus dem Ihr uns emporzogt!“

Der Herzog antwortete nicht. Er erhob sich rasch,
trat ans Fenster und blickte nachdenklich in die Berglandschaft hinaus, deren untere Stufen im Schatten
lagen, während die höchst gelegenen Weiler noch in der
Sonne glitzerten.

„Gott weiß, wie lieb mir dieses Land ist,“ wandte
er sich jetzt zu Jenatsch, „und wie gern ich Alles daran
setze, um es wieder glücklich und frei zu machen! . .
Darum versteht niemand besser als ich Eure eifersüchtige Vaterlandsliebe, auch wo sie sich ungeduldig und
rauh, und heute mir, dem redlichsten Freunde Bündens
gegenüber, ehrlich gestanden, grausam äußert. Doch
gebt Ihr mir zugleich so überzeugende Beweise von
Eurer Aufopferung und Treue, da Ihr bei Euren Kameraden für Frankreichs Ehrenhaftigkeit mit all dem
Euern einsteht und mir die von Spanien versuchten
Intriguen und Bestechungen aufdeckt, daß ich glaube,
Euch volles Vertrauen schenken und auch in den schwierigsten Fällen auf Eure sichern Dienste zählen zu dürfen. — Darf ich das, Georg, auch wenn ich Euch viel
Geduld und Selbstverleugnung zumuthe?“

„Wie könntet Ihr an mir zweifeln?“ sagte Jenatsch
mit leidenschaftlicher Wärme und einem Blicke schmerzlichen Vorwurfes.

„Offenheit also gegen Offenheit,“ fuhr Rohan fort
und legte die Hand auf des Bündners Schulter, „Vertrauen gegen Vertrauen. — Es ist mir peinlich auszusprechen: Der Vertrag von Chiavenna ist von Paris
zurückgekommen ohne Unterschrift und mit Aenderungen,
die ich nicht billige, die ich Eurem Volke nicht zumuthen
und nicht vorschlagen will.“

Bei diesen traurig und leise gesprochenen Worten
sah der Herzog dem Bündner in das ausdrucksvolle
Gesicht, wie nach der Wirkung des ungern gemachten
Geständnisses forschend. Es blieb unbewegt, aber überzog sich langsam mit fahler Blässe.

„Und welches sind diese Aenderungen, gnädiger
Herr?“ fragte Jenatsch nach kurzem Schweigen.

„Zwei Hauptpunkte: Französische Besatzungen in
der Rheinschanze und im Veltlin bis zum allgemeinen
Frieden und für die in diesem katholischen Landestheile
begüterten protestantischen Bündner Beschränkung ihres
dortigen Aufenthalts auf jährlich zwei Monate.“

Ein unheimliches Wetterleuchten flog durch die Züge
des Bündners, dann sagte er fast gelassen: „Das eine
ist unsere politische Auslieferung an Frankreich, das
andere ein unerträglicher Eingriff in die Verwaltung
unseres Eigenthums. Beides sind unmögliche Bedingungen.“

„Auch dürfen sie nicht im Vertrage stehen bleiben,“
sagte Rohan mit Bestimmtheit. „Ich will meinen ganzen persönlichen Einfluß beim Könige in die Wagschale
werfen, will meine ganze Ueberredungsgabe erschöpfen,
den Cardinal über den entscheidenden Ernst der Lage
aufzuklären, will nichts unversucht lassen, die verderbliche Einwirkung des Paters Joseph zu lähmen, denn
dieser, vermuth' ich, ist der Böse, der Unkraut unter
unsern Waizen sät. Wegen des schnöden rothen Hutes,
wonach dieser Kapuziner gelüstet, und für den er dem
heiligen Stuhle eine Berücksichtigung in der Politik meines
edlen Vaterlandes verschaffen soll, die einer fremden
Macht nicht gebührt, darf das Ehrenwort eines Rohan
keinen Schaden leiden. Schon habe ich beschlossen
meinen geschickten Priolo nach Paris zu senden mit
dringenden Briefen an den König selbst und an den
Cardinal. Morgen wird er abreisen. Gehorchte ich
meinem verletzten persönlichen Ehrgefühle, wahrlich heute
noch legte ich mein Commando nieder; aber das darf
ich nicht um Euretwillen. Ich zweifle, daß meine Liebe
zu Euch und meine persönlichen Verbindlichkeiten mit
meinem Feldherrnstab auf meinen Nachfolger in Bünden übergingen.“

„Das thut uns nicht an!“ rief Jenatsch erschrocken,
„bei Euerm Heil, — nein, bei dem unsern beschwör'
ich Euch — thut es nicht! Lasset nicht das Werk Eurer
Hände! Stoßt uns nicht in einen solchen Abgrund der
Rathlosigkeit!“

„Darum will ich bis ans Ende ausharren,“ fuhr
der Herzog mit einer Festigkeit fort, wie sie die klar
erkannte Pflicht giebt. — „Aber wißt, Jenatsch, von
Euch erwarte ich hier im Lande Alles. Durch mein
grenzenloses Zutrauen seid Ihr in meine Sorgen und
in die Schwankungen des Looses eingeweiht, das ich im
festen Glauben war, Eurer Heimat schon gesichert zu
haben. Ihr seid es allein. Ich weiß, Ihr ehret mein
Vertrauen durch unverbrüchliches Schweigen. Beruhigt
Eure Landsleute. Ich sehe, welche außerordentliche, ja
wunderbare Macht Ihr auf die Gemüther ausübt.
Schaffet Frist! Haltet den Glauben an Frankreich aufrecht! Versichert Eure Bündner, daß der Vertrag von
Chiavenna, wenn auch heute noch nicht verkündet, doch
in Bälde in Kraft treten muß, und Ihr werdet bei
der Wahrheit bleiben, denn mit Gottes Hilfe überwinden wir die Widerwärtigen. — Heute Nacht noch zieh'
ich weiter nach Chur. Bringt mir dorthin bald über
die Stimmung des Landes Bericht.“

Jenatsch bückte sich tief über die Hand des Herzogs, und suchte dann noch einmal sein Auge mit einem
Ausdrucke sprachlosen Schmerzes. Rohan sah in diesem
langen seltsamen Blicke die Theilnahme eines Getreuen
an seinem ausnahmsweise herben Loose, er ahnte nicht,
welche Wandlung sich im Geiste des Bündners zu dieser
Stunde vollzog und daß Georg Jenatsch nach innerm
schweren Kampfe sich von ihm lossagte.

„Ihr thut wohl, edler Herr,“ sagte der Oberst
sich beurlaubend, „in der guten Stadt Chur Euern Sitz
zu nehmen. Ihr seid dort hochgeliebt, und solange die
Churer Euer Angesicht sehen, und Ihr es seid, o Herr,
der den König in Bünden vertritt, wird das Land nicht
aufhören von Frankreich das Beste zu hoffen.“

Der Herzog sah dem Scheidenden sorgenvoll nach,
ohne Mißtrauen, aber im Gefühle, daß wie er selber
eine Zuversicht an den Tag gelegt, die nicht in seinem
müden Herzen war, auch der Bündner die Stürme
seines unbändigen Gemüths niedergehalten und vor ihm
verheimlicht habe. Er blickte noch eine Weile, im Innersten entmuthigt und traurig, hinüber an den dunkelnden
Berg. Eine Klage entwand sich seiner Brust: „Herr,“
seufzte er, „warum hast Du Deinen Diener nicht in
Ehren dahin fahren lassen!“ —

Fünftes Kapitel.

Jenatsch war hinausgeeilt. Ein Sturm wildstreitender Gedanken tobte in seinem Innern, den vor dem
Herzog niederzuhalten ihn Anstrengung gekostet hatte.
Er verabscheute die Möglichkeit, während dieses Seelenkampfes irgend einem Menschen Rede stehen zu müssen.
Mit eilenden Schritten stieg er, das Gewühl des wachen
Dorfes unter sich lassend, die dämmerigen Bergwiesen
hinan und ließ seine zornigen Gefühle dahinstürmen
wie eine Schaar ins Gebiß knirschender Rosse; aber
sein berechnender Geist behielt die Zügel und lenkte die
brausenden Mächte seines Gemüths auf immer neuen
immer gefahrvolleren, aber wohlbemessenen Bahnen.

Das Ziel wonach er sein ganzes Leben lang gerungen, das seine Tage beschäftigt und seine Nächte
beunruhigt hatte, um das er mit den verschiedensten
Kräften seines Wesens gekämpft, — das Ziel wonach
er auf den blutigsten Irrwegen geklommen und dem er
sich seit Jahren mit gebändigtem Willen als ergebenes
Werkzeug einer edeln und, wie er glaubte, in ihrem
Machtkreise unbeschränkten Persönlichkeit auf dem sichern
Wege der Gerechtigkeit und Ehre genähert hatte, —
dies Ziel, das er noch heute mit der Hand berührte,
es war ihm entrückt — nein, es war vor ihm versunken! Denn Eines stand vor seiner Seele mit entsetzlicher Klarheit: Bünden sollte nie frei werden, sollte
nach der Absicht des allgewaltigen und gewissenlosen
Geistes, der Frankreichs schwachen König beherrschte und
dessen innere und äußere Politik nach Gefallen lenkte,
aufbehalten werden bis zum allgemeinen Frieden. Dann
von Richelieu in die zu vertheilende Masse verfügbarer
Länder geworfen, unter die übrigen Tauschobjekte gemengt, war seiner armen Heimat unvermeidliches Schicksal,
beim Länderschacher des Friedensschlusses auf den Markt
gebracht und diesem oder jenem einen günstigen Handel
Anbietenden zugewogen zu werden.

Der Herzog trug keine Schuld daran. Er liebte
Bünden und wollte es freigeben; aber er war nicht
stark genug, seinen Willen gegen den ihn mißbrauchenden des Cardinals durchzusetzen. Er wagte es nicht,
sich mit einem Nebenbuhler zu messen, der über den
Schranken der Gewissenhaftigkeit stand; er scheute sich
seinen Gegner mit jenen wirksamsten Waffen zu bekämpfen, die Richelieu mit Meisterschaft führte! —
War es nicht möglich, diese von Rohan kindisch verschmähten Waffen zu ergreifen? Dem Jäger selbst eine
Schlinge zu legen?

Wo galt die menschliche Gerechtigkeit, die der Herzog
verwirklichen wollte, — wo war ihr Urbild, die göttliche, um sie zu Ehren zu bringen und zu belohnen?
Eitle Träume beides! Ein frommer Thor nur konnte
daran glauben! . . . . Der Herzog war blöde genug zu
meinen, der Cardinal anerkenne die Gültigkeit des von
dem Mächtigen einem Schwachen gegebenen Wortes! Er
war thöricht genug zu wähnen, ein zu Gunsten der
Hugenoten im Bürgerkriege gezogenes Schwert könne
jemals von Richelieu vergeben und vergessen werden,
es sei möglich durch ruhmreiche Dienste den Haß des
mächtigen Ministers auszulöschen! . . . Er war so blind,
nicht einzusehen, daß gerade seine zu Frankreichs Ehre
verrichteten Heldenthaten für den Eifersüchtigen ein
Grund mehr waren, ihn zu beargwöhnen und ihn aufzuopfern!

Wohin aber war es gekommen mit diesem christlichen Ritter? Er stand am Rande des Abgrundes, ein
verlorener Mann! . . . Und Jenatsch haßte ihn zu dieser
Stunde darum daß er ein Betrogener und Besiegter
war. Doch unglaublich! er selber hatte sich ja verblenden lassen durch ein Gefühl bewundernder Liebe
zu diesem edlen Menschenbilde! Er hatte geglaubt, daß
der Werth reiner Gesinnung, der ihn berückt hatte, auch
in der Rechnung des Kardinals eine Zahl sei . . . Ja
wohl hatte Richelieu mit dieser Zahl gerechnet, — wie
der schlaue Fischer auf seinen Köder zählt — und Jenatsch
selbst, — doch nicht allein er — Verzweiflung ergriff
ihn — sein Vaterland war ein Opfer dieses Betruges.

Vielleicht war noch Rettung möglich! Weg jetzt
mit jedem hemmenden Bedenken, mit allen Banden der
Dankbarkeit, mit allen Berückungen der Liebe, mit jeder
Eigensucht eines rein gehaltenen Charakters! Hinunter
mit der Vergangenheit! Weg die Fesseln ihrer liebgewordenen Ueberzeugungen und Vorurtheile! Gelöst werde
jeder Zusammenhang des Dankes und der Treue! —

Und er forderte den großen Cardinal zum Zweikampf ein die Schranken seines Berglandes, Mann gegen
Mann, List gegen List, Frevel gegen Frevel.

Und sein Herz brannte in wilder Freude, weil in
Bünden Einer war, der sich der schlauen Eminenz gewachsen fühlte.

So durchjagte Jenatsch das Reich der Möglichkeiten mit rastlosen Gedanken. Er achtete des Weges
nicht und jetzt eilte er schon im nächsten thalabwärts
gelegenen Dorfe längs einer langen Kirchhofmauer dahin, als er gewahr wurde, daß ein barfüßiges Bauerkind eilig neben seinen langen Schritten einherlief. Die
Kleine hielt schon längst einen Brief in die Höhe, der
ihr, wie sie ehrerbietig ausrichtete, von der Schwester
Perpetua für seine Gnaden den Herrn Oberst übergeben worden sei, welchen die Schwester an der Pforte
des Klostergartens habe vorübergehen sehn. —

Der Oberst blickte um sich, er war in Cazis.
Er verabschiedete die Kleine und lenkte, wie vom
Finger des Schicksals berührt, in die Dorfgasse ein,
wo sich die Lichter entzündet hatten. Er hatte auf dem
Umschlage im letzten Dämmerscheine die Handschrift
seines alten Freundes, des Paters Pancraz, zu erkennen geglaubt. Am Fenster eines Erdgeschosses sah er
ein graues Mütterchen beim Scheine der Ampel spinnen.
Er lehnte sich außen an die Mauer, so daß ein spärlicher Strahl auf das Blatt fiel und las:

Hochmögender Herr Oberst,

Ich erdreiste mich, Euch Einiges zu melden, das
für Euch und unser Land wichtig sein kann. Der Vertrag von Chiavenna ist ein vergängliches Blendwerk,
das uns die Eminenz in Paris vorspiegelt. Seit ich
in Mailand verweile, wurde mir zur Gewißheit, was
mir schon früher eine in meinem Kloster am Comersee
zufällig aufgefangene Rede verrieth.

Kurz vor der Weinlese herbergte dort ein französischer Ordensbruder, ein beredter Prediger, der zur
Erholung seiner abgearbeiteten Lunge und des ewigen
Heiles wegen — wozu Gott uns Allen in Gnaden verhelfe — den Weg nach Rom angetreten hatte. Beim
Nachtessen im Refectorium klagte der Prior mit ihm
über die Zeitläufte und bedauerte, daß das Valtelin
durch den Vertrag von Ehiavenna wiederum zu Bünden
geschlagen werde. „Darüber seid ohne Sorgen,“ fuhr
der Franzose heraus, der nicht wußte, daß ein guter
Bündner am Tische saß, „daß dieser Vertrag keinen
Soldo werth ist, weiß ich aus bester Quelle. Als ich
mich in Paris vor meiner Abreise bei meinem Superior, dem Pater Joseph beurlaubte, kam ich gerade dazu,
wie dieser und der Nuntius des heiligen Vaters den
Entwurf besagten Vertrags ihren prüfenden Blicken
unterwarfen. Der Nuntius ließ sich hart dagegen aus,
der hitzige Pater Joseph aber zerknitterte das Papier
in seiner Faust, ballte es zu einer Kugel zusammen
und warf es in den Winkel mit den Worten: „Dieser
Vertrag eines Ketzers mit Ketzern wird niemals
gelten.“ —

„Ich verhielt mich mausestill, aber hatte meine Gedanken; denn, was der Pater Joseph bedeutet, wißt
Ihr besser als ich. —

Hier in Mailand, wo ich mich in Ordensgeschäften seit zehn Tagen aufhalte, wurde ich gestern in den
Palast des Gubernatore gerufen, um seinem Gesinde
wegen eines häuslichen Diebstahls ins Gewissen zu
reden. Da beschied mich der Herzog, der meine bündnerische Herkunft erfahren, zu sich und sagte mir halb
ernst, halb scherzweise: „Wie ich jetzt Euch vor Augen
habe, Pater Pancraz, möcht' ich wohl den Obersten
Jenatsch leibhaft vor mir sehen. Es wäre mir ein
Leichtes dem verständigen Manne darzuthun, daß der
Vertrag von Chiavenna nichts ist als ein verdorbenes
Pergament, daß euch Frankreich das Veltlin nie zurückgiebt und daß Spanien euch Bündnern Bedingungen
machen könnte, bei denen Ihr euch ganz anders stündet.
— Pater Pancraz, Ihr habt mir den gestohlenen Siegelring hervorgezaubert, könntet Ihr mir Euern Jenatsch,
den Einzigen, mit dem mir zu verhandeln möglich ist,
auf dieselbe stille und prompte Weise in dies Cabinet
bringen, so solltet Ihr Eurerseits Wunder erleben.“ —

Da kam es wie eine Erleuchtung über mich, Euch
von dieser merkwürdigen Rede Kunde zu geben.

Kommt Ihr, so werde ich dafür sorgen, denn ich
bleibe einstweilen in Mailand, daß Ihr außer dem hohen
Herrn von niemand erblickt werdet. Könnet Ihr Euch
daheim nicht frei machen, was ein Unglück wäre, so
schickt eine Vollmacht, aber nur durch einen Mann, dem
Ihr traut wie Euch selbst, wenn Ihr einen solchen kennt.

Vergebt meinen Vorwitz und säumt nicht!

Der für meines Herrn Obersten zeitliches und
ewiges Heil täglich betende

Pater Pancraz.

Das Schreiben des Kapuziners, dessen menschenerfahrene Klugheit und schlaue Vorsicht der Oberst zu
gut kannte, um sich über das Gewicht und den Ernst
dieser Mittheilung zu täuschen, deckte ihm in blitzartiger
Beleuchtung die Windungen eines halsbrechenden Pfades
auf. Vielleicht hatte in schlimmen entmuthigten Stunden sein Blick schon früher sich zuweilen dahin verirrt,
aber immer hatte er ihn mit einem Gefühl der Verachtung seiner selbst erschrocken und ekelnd wieder davon
abgewandt. Dieser Weg der Gefahr und Schande war
das Bündniß mit Spanien. Jene Macht, die er von
Kindheit an mit der ganzen Kraft seines jungen Herzens gehaßt, die er dann in vermessenem Jugendmuthe
mit fast wahnsinniger, vor keinem Greuel zurückbebender Leidenschaft bekämpft, welcher er sein ganzes Leben
hindurch als Todfeind gegenüber gestanden und deren
eigennützige und wortbrüchige Politik er auch heute noch
tief verachtete — sie bot ihm die Hand. Er konnte
diese Hand ergreifen — nicht in Treu und Glauben,
wohl aber um sich von ihr die französische Schlinge
lösen zu lassen und sie dann zurückzustoßen.

Jetzt entschloß er sich dazu.

Langsam wandelte er auf der dunkeln Heerstraße
nach Thusis zurück. Es ward ihm schwer zu brechen
mit der ganzen Vergangenheit. Er wußte, daß er sich
selbst in seinen Lebenstiefen damit zerbrach. Dort jenseits des Rheines im Domleschg lag das Dörfchen
Scharans, dessen armer Pfarrer, sein gottesfürchtiger
Vater in Geradheit und Einfalt ihn aufgezogen und
ihn zur Treue im protestantischen Glauben und zum
Hasse der spanischen Verführung ermahnt hatte. Dort
unfern davon stand der Thurm von Riedberg, wo er
Pompejus Planta, der seiner Kindheit wohl gewollt,
wegen der eigensinnigen aber überzeugten und ehrlichen
Parteinahme des stolzen Herrn für Spanien in seinem
eigenen festen Hause nächtlich überrascht und erschlagen
hatte. Was dort schimmerte waren die erhellten Fenster
der einsamen Lucretia . . .

Und wieder stürzten seine Gedanken in eine neue
Bahn. Er selbst konnte dem dringenden Rufe des mit
Serbellonis Auftrag betrauten Pancraz jetzt unmöglich
folgen. Er mußte als verderblicher Dämon unter der
Maske der Treue neben dem Herzog bleiben, als argwöhnischer Wächter jede seiner Bewegungen beobachten
und um jeden Preis verhindern, daß der ermattete
Kranke seinen Feldherrnstab nicht am Ende doch in die
Hände Richelieus niederlege.

Wer aber konnte an seiner Stelle mit Serbelloni
unterhandeln? Allerdings nur einer, dem er traute wie
sich selbst, aber dieser Mann war nicht vorhanden. —
Noch einmal blickte er nach den Fenstern von Riedberg
hinüber. Ein schneller Gedanke durchfuhr ihn und
stand nach einem Augenblicke der Ueberlegung als klarer
Entschluß in ihm fest.

Mit raschen Schritten eilte er nach Thusis zurück.
Vor der Herberge stand ein Haufen Marktleute, schweigsam und in gedrückter Stimmung, denn sie hatten auf
ihn und einen günstigen Bescheid vom Herzoge lange
gewartet. Der alte Lugnetzer trat ihm aus der im
Dunkel zusammengedrängten Gruppe entgegen mit der
Frage auf den Lippen, die ihrer aller Gemüth beunruhigte.

Aber Jenatsch ließ ihn nicht zu Worte kommen.

„Hört an, liebe Landsleute, und bewahrt es in
einem feinen Herzen,“ rief er mit eindringlicher aber
gedämpfter Stimme: „Der Winter steht vor der Thür;
bleibet ruhig daheim in Euern Dörfern und erharret
den Lenz. Kommt die Schneeschmelze zu Anfang des
Märzen, dann machet Euch und Eure Ehrenwaffen bereit. Ich lade Euch zu einem Tage nach Chur. Stunde
und Losung wird Euch noch gesagt werden. Dort richten wir im Namen Gottes den drei Bünden ihre alte
Freiheit wieder auf!“ —

Die Leute hatten in feierlichem Schweigen zugehört.
Als Jenatsch geendigt, dauerte die Stille noch eine Weile
fort. Dann begannen sie die Sache flüsternd sich auszulegen, bis sie tief in der Nacht auf ihre Heimwege
sich zerstreuten.

Aber er, der zu ihnen geredet, stand nicht mehr in
ihrem Kreise. Der Oberst Guler hatte ihn weggeholt
und streckte ihm jetzt in der Gaststube inmitten der
Offiziere ein Papier und eine eingetunkte Feder entgegen.

„Da ist der Pact — nach Soldatenart kurz gefaßt“ — sagte er, „hast Du noch die edle Courage,
deren Du Dich heute berühmtest, Ventrebleu, so unterschreib' ihn.“

Der Angesprochene stellte sich unter den Leuchter
und las:

„Wenn der rückständige Sold der bündnerischen
Regimenter binnen Jahresfrist von Frankreich nicht
ausgezahlt wird, haftet den Bündnerobersten für ihr
Guthaben, sei es Ganzes oder Rest, der Endunterzeichnete mit seinem sämmtlichen liegenden und fahrenden Gut.“

Jenatsch ergriff die Feder, strich die zwei einzigen
Worte: „von Frankreich“, und unterschrieb.

Sechstes Kapitel.

Kurze Zeit, nachdem Schwester Perpetua den ihrer
Klugheit als sehr wichtig empfohlenen Brief des abwesenden Beichtigers glücklich bestellt hatte, trippelte sie,
ein Arzneikörbchen am Arme und eine kleine Hornlaterne
in der Hand, über die Rheinbrücke bei dem Dorfe Sils.
Jenseits derselben besaß das Kloster einen Hof, dessen
Pächter krank darniederlag. Die Heilkundige war heute
für den vom Fieber geschwächten Mann durch eines
seiner Kinder, das die Klosterschule besuchte, um Rath
und Hilfe angerufen worden. Sie scheute den nächtlichen Gang nicht, — so wenig, daß sie, nachdem der
Sieche sich ihrer Tröstungen erfreut, statt das Angesicht
wieder der Brücke und ihrem Kloster zuzuwenden, auf
dunkeln, aber ihr wohlbekannten Straßen in der Richtung weiter eilte, aus welcher ihr die Lichter des
Schlosses Riedberg entgegenschimmerten.

Schon klopfte sie ans Thor, das der alte Lucas
ihr brummend aufschloß, und bald darauf saß sie neben
der edeln Herrin in einem alterthümlich schmucklosen,
aber lieblich erleuchteten Gemache vor einem herbstlichen
Kaminfeuer und trocknete die vom Nachtthaue durchnäßten
Ränder ihres Klostergewandes, dir schweigsame Lucretia
mit erbaulichen Gesprächen ergötzend.

Das Schreiben des Paters, von dessen Ueberredungsgeist die Nonne eine hohe Meinung hatte, die
flüchtige Erscheinung des Obersten vor der Klosterpforte,
das glänzende Geldstück, das er der kleinen barfüßigen
Botin gereicht, arbeiteten in ihrer frommen Einbildungskraft. Dies Alles hatte sie, der Himmel weiß durch
welche Gedankenverknüpfungen, bewogen, dem Fräulein
unverzüglich einen nächtlichen Besuch abzustatten und
diese Ereignisse haarklein zu erzählen. Der Oberst
war, meinte sie, wie ein von Gewissensbissen gefolterter
Kain um die Mauern der heiligen Zufluchtsstätte geirrt. Sie würde lobpreisen und anbeten, aber nicht
erstaunen, wenn Gott hier ein großes Wunder vorbereitete, um diesen wüthenden Feind des christkatholischen Glaubens, den Ketzern zum beschämenden Zeichen,
in den Schooß der allein seligmachenden Kirche zurückzuführen.

Da Lucretia nach ihrer stillen Weise nur mit
einem traurigen Lächeln darauf antwortete, fuhr die
fromme Schwester mit steigendem Eifer fort: „Bleibet,
liebe Tochter, nicht kalt und ungläubig vor der glückseligen Aussicht auf die mögliche Bekehrung eines so
gewaltigen Sünders! Betet lieber, daß dies Unerhörte
geschehe! Denn Euer Gebet, Fräulein Lucretia, die
Ihr den blutigen Mann nach dem natürlichen Menschen hassen und verabscheuen müßt, wäre allerdings
bei den Heiligen besonders wirksam und ihnen als ein
schmerzliches Opfer vorzüglich angenehm. Noch kräftiger
wäre es freilich, wenn Ihr dieses Gebet als verlobte
Braut Gottes mit einem durch das dreifache Gelübde
von allen weltlichen Erinnerungen gelösten Herzen darbringen könntet.“

Schwester Perpetua sagte dies mit einem tiefen
Seufzer und machte sich in Erwartung einer Antwort,
die ausblieb, mit dem Feuer zu schaffen. Ach, ihr war
nicht entgangen, daß der klösterliche Beruf Lucretia's,
an den sie unentwegt glaubte, dieser noch immer nicht
klar geworden, ja seit die Verwaiste in ihr väterliches
Haus eingezogen, ihr wieder mehr in die Ferne gerückt
war. Sie stand allein unter dem in diesen kriegerischen
Zeitläuften verwilderten Schloßgesinde und den verarmten
über die französische Bedrückung tägliche Klagen vor
ihr Ohr bringenden Dorfleuten. Und diese Einsamkeit
that ihr offenbar nicht wohl. Da war Lucas, der
rachsüchtige Graubart, der das schwarze Kreuz an der
Mordmauer nicht erblassen ließ, und der das immer
scharf gehaltene Todesbeil wie eine Reliquie in einer
wurmstichigen Eichentruhe sorgfältig verwahrt hielt.
Das Fräulein mußte, fürchtete die Schwester, immer
tiefer in sich selbst und die ihr Gemüth von allen
Seiten umrankenden, jeden neuen Lebenskeim erstickenden Erinnerungen versinken. Sie konnte den Riß nicht
überwinden, der Altes und Neues für sie trennte.
Sie lebte wenig in der Wirklichkeit, sondern verkehrte
im Geiste mit ihrem todten Vater, von dessen Gemüthsart sie viel geerbt hatte, und dem sie mit jedem Jahre
in auffallender Weise auch in ihrem Aussehen ähnlicher
wurde. Es war dieselbe Pracht der Gestalt, dieselbe
stolze Haltung. Ihr Ohm, der Freiherr Rudolf, war
in der Verbannung gestorben und sie hatte außer seinem
niedrig gesinnten und eigennützigen Sohne keine nähern
Sippen. Eine Verwandte ihrer Mutter lebte noch in
Chur, und sie pflegte sie zu besuchen; aber diese Gräfin
Travers war durch schwere Schicksale und ein überlanges Leben versteinert und wenn auch gut katholisch,
kaum mehr als ein stumpfes Echo längst verschollener
Tage. Daß Lucretia mit den Juvalta auf Fürstenau
und dem auf den andern Nachbarschlössern sitzenden
Adel keinen Umgang pflog, das freilich konnte ihr Perpetua unmöglich verdenken, denn jene Alle waren Protestanten und gehörten zu der französischen Partei.
So war Lucretia völlig allein, warum denn verließ sie
ihren düstern einsamen Pfad nicht? Warum trat sie
nicht in die Gemeinschaft der demüthigen Töchter des
heiligen Dominicus?

Während die Schwester dergestalt diesen ihren
Lieblingsgedankengang durcheilte, drehte Lucretia schweigend ihre Spindel und verfolgte einen andern.

Sie fragte ihr Herz, wie es denn möglich sei,
daß Jürg in seiner wildesten blutigsten Zeit ihrem Gefühl und Verständnisse weniger fremd gewesen, als jetzt,
da er in den Räthen des Landes und im Heergefolge
des französischen Herzogs unter die Geachteten und
Angesehenen zählte.

Zweimal seit ihrer Heimkehr hatte sie Georg,
wenn sie zu Besuch bei ihrer Muhme in Chur war,
von ferne erblickt. Eines Abends stand sie neben dem
Lehnstuhle der alten Dame und schaute durch das eiserne
Laubwerk am Gitterkorb des Fensters, während der
Sonnenschein gradweise das Pflaster des Platzes verließ und nur noch auf dem sprudelnden Wasser des
Marktbrunnens blitzte. Der Oberst schritt längs der
gegenüberstehenden Häuserreihe auf und nieder an der
Seite einer gravitätischen Magistratsperson, die jedes
Wort, das von seinen Lippen fiel mit begieriger Aufmerksamkeit anhörte und seine Aussprüche mit beistimmendem Kopfnicken begleitete. Es schien sich um einen
schweren Rechtsfall zu handeln.

Ein andermal umgab den Obersten ein Kreis
französischer Edelleute, mit denen er nach der Mittagstafel in schneller, lustiger Scherzrede sich erging. —
Immer aber klang es so hell von seinem Munde und
leuchtete es so geistvoll von seiner Stirn, daß er als
einer jener seltenen Günstlinge des Glückes erschien,
die sich alle Wege des Erfolges zu öffnen und zu ebnen
wissen und die das Vergangene und Unabänderliche
wie eine lästige Fessel abwerfen.

Ich weiß es jetzt — gestand sie sich — dieser
Freund von Jedermann ist nicht der Jürg mehr, den
ich liebte, — nicht der scheu verwegene Knabe mit den
dunkeln verschwiegenen Augen, der mein Beschützer war,
— nicht der zornig Dahinbrausende, der mein Glück
wie ein die Ufer zerreißender Wildbach in Trümmer
warf, — nicht der Mann, gegen den ich in meinen
Racheträumen die Hand erhob, — nicht der Traute,
den ich nach Jahren des Jammers auf dem Bernhardin
wieder zu erkennen glaubte und in die Arme schloß,
— nein! es ist ein weltgewandter Höfling, ein berechnender Staatsmann aus ihm geworden . . . Er will sich
von mir scheiden und loskaufen, darum gab er mir
mein Riedberg wieder. Er scheut mich wie einen Vorwurf, er flieht mein Antlitz wie das einer Todten! —
Und sie vergaß, daß sie selbst ihn drohend beschworen,
die Schwelle ihres Hauses nimmermehr zu überschreiten. —

„Heilige Mutter Gottes, was ist das für ein
Lärm!“ fuhr jetzt Schwester Perpetua auf, denn im
Schloßzwinger erscholl ein rasendes Gebell der Hofhunde.
Man hörte das Schelten der sie beschwichtigenden Knechte,
dazwischen wiederholte Schläge gegen das Thor und,
als Lucretia das Fenster öffnete, eine mit langsamer
Bedenklichkeit geführte Unterhandlung zwischen Lucas
und der gebieterischen Stimme eines Einlaß Begehrenden.

Nun erschien der Alte selber mit der bestürztesten
Miene, deren seine felsenharten Züge fähig waren.
„Es verlangt Einer allein mit Euch zu reden, Fräulein“ . . . . sagte er, „der Oberst Jenatsch, den Gott
strafe!“ — setzte er leiser und mit innerer Empörung
hinzu.

Lucretia stand groß und bleich. Sie hatte die
Stimme vor dem Hofthor am ersten Laute erkannt.

„Laß ihn nicht warten! Führe ihn hieher!“ befahl
sie dem Alten, der sie fragend ansah und nur zögernd
gehorchte.

Die Nonne hatte sich erhoben und eine still beobachtende Stellung in der tiefen Fensternische eingenommen. Dort lag auf der Bank ihr Nachtmantel;
sie strich ihn zurecht, aber legte ihn nicht um.

Rasche Schritte näherten sich und Georg Jenatsch
stand vor Lucretia mit entschlossenem freudigen Antlitz
und grüßte sie als Bekannte, doch mit großer Ehrerbietung.

Schwester Perpetua betrachtete mit einem Ausdrucke
frommer Einfalt, aber den schärfsten Blicken ihrer halbgeschlossenen Augen die beiden großen Gestalten — und
sie wunderte sich.

Kein Kainszeichen war auf der hohen offenen
Stirn des Obersten zu entdecken, und — merkwürdig
— das Fräulein stand neben ihm mit strahlenden
Augen, kühn und trotzig, wie einst Herr Pompejus
geblickt, und schien zur Höhe ihres gewaltigen Feindes
emporzuwachsen.

Das von Perpetua sehnlich erwartete Gespräch
jedoch begann nicht. Die Schloßherrin richtete das
Wort an Lucas, der mit drohender Miene an der
Thüre stehen geblieben war: „Die fromme Schwester
begehrt nach Haus. Die Nacht ist dunkel und der
Weg weit. Begleite sie mindestens bis jenseits der
baufälligen Rheinbrücke.“ Und damit nahm das Fräulein von Perpetua herzlichen Abschied.

So stand die Schwester, ehe sie sich dessen versah, am Hofthore, Lucas aber entzündete eine Pechfackel
und schritt mit der rauchenden Leuchte vor ihr her in
die Nacht hinaus. „Jetzt schickt sie mich weg,“ murrte
er hörbar, als wollte er es der frommen Schwester
klagen, „und es wäre gerade der rechte Ort und Augenblick!“

Als Jenatsch mit dem Fräulein allein war und
ihm gegenüber am Feuer saß, begann er mit kurzen
klaren Worten:

„Ihr seid gerechtermaßen erstaunt, Lucretia, daß
ich das Haus Eures Vaters betrete. Doch ich weiß, Ihr
traut mir zu, daß ich nicht gekommen bin, Euch zu
verwirren mit Wünschen, die ich in meinem geheimsten
Herzen gefangen halte, — sonst hättet Ihr mich nicht
in den wiederhergestellten Burgfrieden von Riedberg
eingelassen. — Und doch komme ich, etwas von Euch
zu verlangen — einen großen Dienst, den Ihr mir
leisten werdet, wenn Ihr unser Land so lieb habt, wie
ich von Euch glaube und wie ich selbst es liebe; denn
an meiner Statt müßt Ihr handeln. — Ich schließe
ein Bündniß mit Spanien. Dies ist unsere einzige
Rettung. Richelieu verräth uns und der gute Herzog
ist sein Spielzeug — ein schönes Scheinbild, womit
der Gewissenlose uns täuscht und blendet. — Aber wer
knüpft das rettende Tau? — Ich selbst kann hier nicht
fort, weil ich unser Volk zum Bewußtsein der über ihm
schwebenden Gefahr aufwecken und den Herzog, den ich
als Pfand behalte, mit Beweisen meiner Ergebenheit
einschläfern muß . . . . . . Ihr staunt, daß ich, Spaniens
Feind, zu diesem Gifte greife! . . . . . Wundert Euch

nicht. Wenn ich nicht meine Vergangenheit zerstöre und
mein altes Ich von mir werfe, so kann ich nicht meines
Landes Erlöser sein und Bünden ist verloren. Serbelloni erwartet mich selbst, oder Einen, dem ich traue,
wie mir selber, — wenn ich, sagt er, einen solchen
kenne. — Ich traue nur Euch.“

Lucretia richtete den Blick mit zweifelnder Frage
auf das von der Flamme beleuchtete, altbekannte Antlitz
und las darin die höchste Spannung der Thatkraft und
einen tödtlichen Ernst.

„Ihr wißt, Jenatsch,“ sagte sie, „welcher Partei
mein Vater angehörte, wie und warum er starb. Ihr
wißt, wie ich ihm glaubte und ihn liebte. Ich konnte
mich nie mit Gedanken befreunden, die nicht die seinigen
waren. So ist das französische Wesen — trotz der
väterlichen Güte des Herzogs gegen mich Heimatlose
— mir immer fern und fremd geblieben. Ich habe
mich nie darin zurecht gefunden. Ihr aber seid von
Spanien durch viele Blutschuld von Alters her getrennt.
Ihr, Jürg, verdankt dem guten Herzog das Leben und
Euern Ruhm! Er hat Euch mit Vertrauen überschüttet
und Ihr kennt seinen herzlichen Willen gegen unsre
Heimat, — habt Ihr ihn denn nicht lieb? . . . . . . .
Könnet Ihr, — ich will glauben der Heimat zum
Besten, — immer nach Neuem greifen und ohne daß
Ihr daran untergehet das alte Wesen wie eine Schlangenhaut abstreifen?“

„Was ist Dir der Herzog, Lucretia!“ rief er.
„Wie magst Du um einen Fremdling sorgen! Bist Du
noch so weichlichen Herzens nach Allem, was Du gelitten und was ich selbst an Dir und Deinem Hause
gefrevelt habe? . . . Schau um Dich . . . in allen unsern
Thälern Trümmer und Brandstätten! Soll hier nie
Friede werden, nie Freiheit und Gesetz hierher zurückkehren? Der Herzog kann uns nicht herausziehen. Er will
sein frommhochzeitlich Kleid nicht beflecken. Doch auch
ich habe eine Rede Gottes für mich. Ich wölbte mir
die Himmel — spricht der Herr — den Spielraum
der Erde aber überließ ich den Menschenkindern . . .
Siehst Du nicht, Lucretia, wie wir Alle in diesen
Bürgerkriegen Gebornen ein freches, schuldiges Geschlecht sind! . . . und ein unseliges. Dort hat der
Bruder den Bruder erschlagen und hier liegt trennend
eine Leiche zwischen Zweien, die sich lieben und angehören. Darum laß uns nicht kleiner sein als unser
Loos! Ich stehe am Steuer und lenke Bündens Schifflein durch die Klippen mit schon längst blutüberströmten
Händen. — Nimm ein Ruder und hilf mir! Zweifle
nur jetzt nicht an mir, hilf mir, Lucretia!“ drang er
in sie.

„Und was willst Du, daß ich thun soll?“ sagte
die Bündnerin und ihre Augen begannen unternehmend
zu leuchten.

„Gehe nach Mailand,“ fiel er rasch und freudig
ein, „dort findest Du den Pancraz, der Dich beim
Gubernatore einführen wird. Serbelloni kennt Dich
von früher her als die, welche Du bist. Unterhandle
mit ihm über die Bedingungen, die ich Dir niederschreiben will. Hast Du mir etwas zu berichten, so
thue es durch den Pater, dessen Beistand Dir in allen
Fällen gewiß ist.

„Ist es Dein Ernst,“ fragte sie erstaunt, „wenn
Du mich als Deine Unterhändlerin nach Italien schickst?
Wie will ich mich im Labyrinthe der Politik zurecht
finden?“

„Ich verlange nichts von Dir,“ ermuthigte er.
„als was Du kannst und ich Dir auch sonst zutraue:
daß Du mein Geheimniß bewahrest, und müßtest Du
es mit dem Leben schützen, und daß Du in der Unterhandlung von meinen Bedingungen nicht um eine Linie
abweichest. Im Uebrigen wird Dich der brave Pancraz
vortrefflich berathen. Gieb mir Tinte und Feder, ich will
Dir die Punkte aufzeichnen, die Du festzuhalten hast.“

Lucretia erhob sich und schritt zu der mit astreichem
Nußbaumholze bekleideten Rückwand des Thurmzimmers.
Dort ließ sie die Platte ihres in das Getäfel kunstreich
eingefügten Schreibtisches auf die gabelförmige Eisenstütze nieder und der Oberst schrieb, während ihm das
Fräulein aufmerksam über die Schulter blickte:

„Donna Lucretia Planta, meine Bevollmächtigte, wird mit
der Excellenz des Herzogs Serbelloni für mich auf Grund folgender Bedingungen unterhandeln:

Der Gubernatore stellt einen Heerhaufen von über zehntausend Mann bei Fort Fuentes an den Eingang des Veltlins.

Er trifft das Abkommen mit dem Hofe in Innsbruck, daß
ein kaiserlicher Heerhaufe von derselben Stärke gegen die bündnerische Nordgrenze bei Finstermünz und am Luziensteig vorrücke.

Die Führer beider Heere gehorchen dem Obersten Jenatsch
und betreten den Bündnerboden nicht ohne dieses Obersten schriftlichen Befehl.

Der Oberst Jenatsch verpflichtet sich gegenüber Spanien in
weniger als Jahresfrist den Abzug aller in Bünden stehenden
französischen Truppen bis auf den letzten Mann zu bewirken.
Dafür verspricht die Krone Spanien, die völlige Unabhängigkeit der drei Bünde in ihren alten Grenzen anzuerkennen und
zu gewährleisten.“

Noch einmal überschaute Jenatsch die trocknenden
Federzüge, dann setzte er seinen vollen Namen unter
das Schriftstück.

Während er vor der ihm entgegentretenden Gestalt seiner ungeheuern That insgeheim erbebte, wie
vor einem heraufbeschworenen Dämon, der ihm helfen
oder ihn verderben konnte, war das Fräulein mit ihren
Blicken den seinigen über das Blatt gefolgt und hatte
sich mit einem Unternehmen, dessen praktische Seite ihr
einleuchtete, schneller als zu erwarten war, vertraut
gemacht. Es schien ihr, daß es sich um einen raschen,
klar geplanten, vielleicht unblutigen Handstreich handelte
und das war ihr lieber, als wenn ihrer einfachen Natur
zugemuthet worden wäre, die Fäden eines verwickelten
Intriguennetzes in die Hand zu nehmen und zusammen
zu knüpfen.

In dem Augenblicke als Jenatsch die Vollmacht
zusammenfaltete und dem Fräulein übergab, zeigte sich
der alte Kastellan, der seine Rückkehr möglichst beschleunigt hatte, auf der Schwelle und der Oberst befahl ihm, seinen Rappen vorzuführen.

„Diesen grauen Bären vergiß mir nicht auf die
Fahrt mitzunehmen, Lucretia, seine Treue ist alt und
seine Tatzen sind noch gefährlich,“ sagte er freundlich,
sprang auf und trat mit dem Fräulein ans Fenster.
Er zögerte zu scheiden. „Die Nacht ist klar geworden,“
sprach er hinausblickend, „wann gedenkst du zu reisen?“

„Morgen vor Tag,“ erwiederte Lucretia. „Durch
Pancraz wirst du zuerst von mir hören. Jürg, du bist
ein gar großer Herr geworden, — wie könnt' es dir
fehlen, wenn Kapuziner und Frauen für dich botenlaufen!“ Und die Thränen traten ihr in die Augen.

Dieses halb muthwillige, halb traurige Wort gehörte wieder ganz der Lucretia seiner Jugendtage. Sie
stand neben ihm, nur größer und herrlicher, neu erblüht
zu bräunlicher Gesundheit im Hauche ihrer Berge. Der
Nachtwind bewegte die Löckchen an ihren Schläfen, die
sich aus der Krone der dicken dunkeln Flechten gelöst
hatten und ihre leuchtenden Augen blickten ihn an mit
einer lautern Kraft, wie sie unter dem ermattenden
Himmel des Südens nicht gedeiht.

Alte liebe Erinnerungen erwachten in ihm, er
widerstand nicht und umfing sie.

„Mir ist, es sei noch nicht lange her, daß wir
da unten mit einander spielten,“ sagte er weich und zeigte
auf die im Herbstwinde leise rauschenden Bäume des
riedberger Schloßgartens nieder.

Sie fuhr schaudernd zusammen — ihr Vater war
vor ihr aufgestiegen — und blickte, von Jürg sich abwendend, ins Dunkel hinaus.

„Was ziehn dort für Lichter auf der Straße längs
dem Heinzenberg, ist es ein Todtengeleit?“ fragte sie
auf das jenseitige Rheinufer deutend.

Jenatsch warf einen scharfen Blick hinüber. „Es
sind die Fackeln des Herzogs, der im Schutze der Nacht
hinunter nach Chur fährt,“ sagte er, blickte noch einmal in ihre nassen Augen, küßte ihr dann rasch die
Hand und eilte von hinnen.

Siebentes Kapitel.

Herzog Heinrich hatte sich in Chur das stattliche Haus
des Ritters Doctor Fortunatus Sprecher zum Quartier erwählt. Der gelehrte Bündner stellte es ihm mit freudigem
Diensteifer zur Verfügung, denn es war von jeher sein
Ehrgeiz und sein Glück gewesen, sich edeln historischen
Persönlichkeiten zu nähern und mit ihnen in einem
seinem Geschichtswerke gedeihlichen Verkehr zu bleiben.

Kaum hatte sich der herzogliche Haushalt so standesgemäß, wie es in dem republikanischen Berglande
möglich war, in den besten Gemächern der raumreichen
patrizischen Wohnung eingerichtet, als nach einer Reihe
von düstern stürmischen Tagen der Schnee in schweren
Flocken zu fallen begann. Der Winter brach früh
herein und die weiße Decke blieb auf den steilen Dächern
und ernsthaften Stufengiebeln der alten Bischofsstadt fast
ohne Unterbruch liegen, bis am Ende des Hornungs
die Föhnstürme das Land fegten und mit den ersten
Märztagen die Sonne Kraft gewann.

Der Winter war dem guten Herzog in gezwungener Muße verflossen, denn er war von seinem Heere
im Veltlin durch den unwegsamen Schnee der Berge
getrennt, und auch seine Verhandlungen mit dem französischen Hofe stockten und wollten zu keinem Ziele
führen. Wäre die Sorge um den Abschluß des Vertrags neben andern Sorgen und Ungewißheiten und
wäre die an dem thätigen Geiste des Feldherrn zehrende gezwungene Muße nicht gewesen, er hätte sich im
Sprecherschen Hause nicht unwohl gefühlt und nicht
ungern unter seinen schlichten protestantischen Glaubensgenossen verkehrt.

Der Doctor Sprecher achtete sich durch die Gegenwart Rohans hochgeehrt. Erfüllte sich ihm doch der
langgehegte Wunsch, den Lebenslauf seines erlauchten
Gastes an der Quelle schöpfend aufzeichnen zu dürfen.
Mit der liebenswürdigsten Herzensgüte bequemte sich
dieser dazu, seinem Wirthe täglich ein Bruchstück seiner
Schicksale in italiänischer Sprache zu erzählen und in
dieser Sprache verfaßte der Doktor auch das Lebensbild, das ein Geschenk werden sollte, denn so hatte es
der edle Gast ausdrücklich verlangt, für die Frau Herzogin, die sich noch immer in Venedig aufhielt, und für
Rohans Tochter, die dem Herzog Bernhard von Weimar anverlobte Marguerite. Mit dieser erfreulichen,
aber privaten Bestimmung seiner gewissenhaften und
schönen Arbeit war der Doctor Sprecher nur halb einverstanden. Er hätte sie lieber zum Ruhme des Herzogs und nicht zur Unehre des Verfassers ohne falsche
Bescheidenheit alsbald durch die Presse verewigen und
in die Welt ausgehen lassen.

Auf andere Weise bethätigte sich des Herzogs Adjutant, der junge Wertmüller. Ruhelos trieb er sich
in allen hohen und niedern Regionen der kleinen Stadt
um. In kürzester Frist war er in Chur eine bekannte
Persönlichkeit, vom bischöflichen Palaste an, wo er seiner
scharfen Augen und boshaften Zunge wegen gescheut,
am Spieltische dagegen jederzeit willkommen war, bis
hinunter in die dunkelsten Winkelschenken, wo man ihn,
wie dort, an den gedehnten Winterabenden gerne kommen
und nicht selten noch lieber wieder gehen sah. Es gelang ihm hier, die phlegmatischen Bündner durch seine
Sticheleien, politischen Vexierreden und mancherlei andere
Brennnesseln so lange zu reizen, bis ihnen Dinge entfuhren, die sie nachher schwer bereuten über die Lippen
gelassen zu haben.

War das Publikum empfänglich und regte es ihn
durch phantasievolle Beschränktheit an, so entfaltete er
noch andere in den herzoglichen Gemächern nicht verwendbare, geheime Wissenschaften, die er seinen gründlich getriebenen mathematischen und physikalischen Studien
verdankte. Es waren Kartenkünste und Zauberstücke,
die dem Locotenenten in den untersten Schichten seines
Wirkungskreises den ernstgemeinten Ruf eines Hexenmeisters eintrugen, eine Auszeichnung, die ihm behagte,
die aber in Regionen, wo der Weg aus dem erschreckten Kopfe in die derbe Faust ein kurzer ist, mit mancher Leibesgefahr verbunden war.

Diese nächtlichen Anfälle und Handgemenge reizten
übrigens die kaltblütige Tapferkeit des Locotenenten
mehr, als daß sie ihn von seiner tollen Kurzweil abgebracht hätten. Auch wußte er sich immer glücklich
daraus zu ziehen, und so rasch, daß seine militärische
Ehre nie Schaden litt und die Verwirrung der Geister
und die Arbeit der Fäuste erst dann ihren Höhepunkt
erreichte, wenn er schon in den stillen Räumen des
Sprecherschen Hauses an den herzoglichen Gemächern
vorüber auf den Zehen seiner Kammer zuschritt.

Der Herzog, welchem Wertmüller mit unbedingter
Treue und rastlosem Diensteifer ergeben war, und der
ihm deshalb vieles nachsah, beunruhigte er ohne Unterlaß durch seine scharfsinnigen Entdeckungen und warnenden Berichte. Wahrlich, er schien es darauf anzulegen, den hohen Herrn zu keinem Behagen kommen
zu lassen.

Auf Jenatsch, dessen aufopfernde Treue mit den
schweren Verhältnissen wuchs, der den Herzog täglich
besuchte und es sich zur Aufgabe machte, seine Sorgen
zu verscheuchen, seine leisesten Wünsche zu errathen,
seine Befürchtungen ihm abzulauschen und sie entweder
durch die eigene fröhliche Zuversicht zu entwurzeln, oder
mit beredten, überzeugenden Worten zu widerlegen —
auf Jenatsch, den nützlichsten Rathgeber des Herzogs
und den Liebling des Volkes, hatte es der verhärtete
Locotenente besonders abgesehen. Wertmüllers Gedanken
spürten dem Obersten auf allen Schritten und Tritten
nach, und er wollte aus der Haut fahren, wenn der
Herzog seine Warnungen lächelnd fallen ließ, weil er
sie maßloser Eifersucht auf seinen Günstling oder der
Unverträglichkeit dieser zwei grundverschiedenen Temperamente zuschrieb.

Was behauptete Wertmüller nicht Alles!

Das Scheitern des Vertrags von Chiavenna, welches Rohan von dem einzigen in das Geheimniß gezogenen Bündner verschwiegen wußte, war, wenn man den
Locotenenten hörte, schon längst allgemein bekannt, ja
wie absichtlich bis in die fernsten Hütten verbreitet, eine
Kunde, die man sich nicht verhohlen ins Ohr sagte,
nein, von der die Thäler dieß- und jenseits der rhätischen Alpen wiederhallten.

Aber das war das Geringste — Schlimmeres
drohte — Bünden unterhandelte mit Spanien, behauptete Wertmüller. Und nicht etwa einzelne Parteigänger
und Unruhstifter zettelten, sondern das gesammte Volk
war in Gährung und Verschwörung gegen Frankreich
begriffen, und Jenatsch, der heillose Heuchler, hielt das
ganze Spiel des Betrugs in der Hand.

Der Herzog pflegte gemeiniglich leichthin zu erwiedern, derartiges habe sich noch nie ereignet, es sei
schlechterdings undenkbar, daß ein ganzes Volk sich wie
eine geheime Gesellschaft verschwöre, unmöglich, daß
nicht mindestens Einer ihn warnte unter seinen vielen
redlichen Anhängern im Lande. Im schlimmsten Falle
würde ihn sein Gastfreund, der ruhige, wohlunterrichtete
und keiner Partei pflichtige Doktor Sprecher, gegen
dessen ehrenwerthe Gesinnung selbst der Locotenent nichts
werde einwenden können, vor solchen unerhörten verrätherischen Anschlägen sicher stellen.

Der unbelehrbare Zürcher ließ das nicht gelten.

Was die Verschwörung eines ganzen Volkes betreffe, so wolle er gerne zugeben, sagte er, daß sie nirgends möglich wäre, als unter den Bündnern, die mit
dem nordischen Phlegma die südliche Verschlagenheit in
glücklicher Mischung vereinigten. Der Erste, Beste dieses Volkes könne dem geriebensten Diplomaten zu rathen
geben. Die Staatskunst sei hier so allgemein verbreitet
und landesüblich, daß das ganze Volk wie ein Mann
rede oder schweige, wenn es sich um einen deutlichen
Vortheil handle; die Schwierigkeit sei also nur, den
langsamen Köpfen die Rechnung klar zu machen und
dafür werde der Volksredner Jenatsch ausgiebig gesorgt
haben.

Was den gelahrten Herrn Doktor angehe, so wolle
er ihm nicht zu nahe treten, aber für muthig halte er
ihn nicht, wenigstens nicht einer gewissen geheimen
Vehme gegenüber, von der man munkle. Er könne hier
seine Quellen nicht nennen; aber er müsse glauben, es
sei im Lande ein Geheimbund errichtet mit Statuten,
die sie den Kletten- oder Kettenbrief nennen — wahrscheinlich um das feste Ineinandergreifen und Zusammenhalten der Bundesglieder zu bezeichnen. Auf Verrath stehe der Tod. Er wolle nun nicht behaupten,
daß der Doktor ein Glied dieser Kette sei, er sei nicht
das Eisen dazu, aber daß er sich vor diesen Banditen
sträflich fürchte, das sei mehr als wahrscheinlich.

Diese Verschwörung, deren Verräther dem Tode
verfalle, behandelte der Herzog als eine vom Müssiggange erfundene und geglaubte Schauergeschichte. „Man
hat Euch das aufgebunden, Wertmüller,“ pflegte er zu
scherzen, „um Euerm Argwohne gleich das stärkste Gewürz vorzusetzen! Und gesteht nur, Ihr verdient etwas
für Eure böse Zunge.“

Am Verdächtigsten war dem Locotenenten die Keckheit, mit der Jenatsch den Herzog über dessen eigene
Stellung am französischen Hofe mit schmeichelnden Worten
zu täuschen versuchte. Darüber mußte sich Heinrich Rohan
doch selber im Klaren sein. Was konnte den Bündner
dazu bewegen, fragte sich Wertmüller, wenn nicht die
teuflische Absicht, den guten Herzog von allen Seiten
mit Netzen der Täuschung und dämonischen Irrsals zu
umspinnen, um den Sichergewordenen um so gewisser
zu verderben? Und sein Haß gegen den Obersten steigerte sich ins Unglaubliche.

Priolo war unverrichteter Dinge von Paris zurückgekommen — Wertmüller nahm an, er sei in das Zögerungssystem des Kardinals eingeweiht und von diesem
gewonnen — und wurde mit neuen Briefen wieder
weggesandt, welche die dringendsten Vorstellungen enthielten, doch ja die Unterzeichnung des für Frankreich
verhältnißmäßig günstigen Vertrags nicht länger zu verzögern und die Bündner dadurch spanischen Anerbietungen zugänglich zu machen.

Kaum war Priolo abgereist, so berichtete der tapfere
Herr von Lecques, den Rohan an der Spitze seines
Heeres im Veltlin zurückgelassen hatte, von drohenden
Zeichen des Ungehorsams unter seinen Bündnertruppen,
die auf eine allgemeine Gährung im Volke hindeuteten.
Er würde, schrieb er, diesen einzelnen Vorfällen weiter
keine Bedeutung beilegen, wenn nicht die Spanier in
ansehnlichen Massen sich der Grenze näherten, wenn
nicht der Herzog von seinem Heere getrennt wäre und
sich in der Mitte eines, wie er fürchte, mit der Politik
Frankreichs täglich unzufriedener werdenden Landes befände. Er schloß seinen Bericht damit, daß er den
Herzog bat und beschwor, sich um jeden Preis mit seinem getreuen Heere im Veltlin zu vereinigen. Sei
dies geschehen, habe er, Lecques, seiner peinigenden
Verantwortung sich entledigt und den Befehl in die
ruhmreichsten Hände niedergelegt, so freue er sich, an
der Seite seines Feldherrn, den Degen in der Faust,
der ganzen Welt zu trotzen.

Wertmüller vernahm diesen rettenden Vorschlag
mit Jubel — und fluchte wüthend, als er nach dem
nächsten Besuche des Obersten wahrnehmen mußte, daß
es diesem gelungen war, den Herzog zu überzeugen,
sein Aufenthalt in Chur sei völlig gefahrlos, für die
französischen Interessen in Bünden vortheilhaft, bei der
Verehrung, die seine Person im Lande genieße, zur
Beruhigung der Gemüther sogar unumgänglich nothwendig.

Ein Augenblick des Zweifels kam auch für den
edlen Herzog. Es war Wertmüller gelungen eine Spur
aufzufinden, deren Verfolgung ihn in den Stand setzen
konnte, auch das blindeste Vertrauen zu erschüttern.
Er hatte in der Schenke zum staubigen Hüttlein die
Bekanntschaft eines welschen Quacksalbers gemacht und
zufällig erfahren, dieser gedenke jetzt in das Land des
Lorbeers und der Myrte zurückzukehren. Das abenteuerliche Männchen, das sich in dem kalten Klima den
Magen mit dem gefährlichen weißen Completer wärmte,
rühmte sich in prahlerischer Weinlaune seiner hohen
diplomatischen Beziehungen und Fähigkeiten; in Wertmüller, der ihn bewundernd anhörte und ihm fleißig
einschenkte, blitzte eine Erinnerung auf. Jüngst als er
spät in der Nacht den bischöflichen Palast verließ, hatte
er dies unverkennbare Figürchen bei schwachem Mondscheine in einer Ecke des Hofes neben einer Holofernesgestalt und im eifrigsten Gespräche mit dieser erblickt —
nur einen Moment, denn die Beiden waren beim Klirren
seines Schrittes unter einem Thorwege verschwunden,
aber genügend lang für sein scharfes Auge, um die
auffallende Gestalt des Wunderdoktors deutlich gewahr
zu werden und in der andern, von einem dunkeln
Mantel umhüllten, den Obersten Jenatsch zu vermuthen.
Das genügte, um den unternehmenden und durch die
Winterruhe gelangweilten Locotenenten zu einem lustigen
Handstreiche anzufeuern. Er belauerte die Abreise des
Italiäners, nahm auf ein paar Tage Urlaub, ritt dem
fahrenden Wunderdoktor nach und holte ihn auf seinem
feurigen Fuchs gegen Abend des ersten Reisetages ein.
Wie ein Wegelagerer überfiel er ihn an einer einsamen
Stelle der Gebirgsstraße. Der erschrockene Quacksalber
mußte zuerst seinen Apothekerkasten ausräumen und sich
dann einer Durchsuchung seiner Person unterwerfen.
Wie triumphirte Wertmüller, als er, dem Doktor
freundschaftlich auf den Rücken klopfend, ein knisterndes
Papier verspürte, das zwischen Tuch und Unterfutter
eingenäht war, und dann mit der Pflasterscheere des
Unglücklichen aus dessen scharlachrothem Rocke unversehrt
ein eigenhändiges Schreiben seines Feindes an einen
Kapuzinerpater herausschnitt, worin Jenatsch diesem
Aufträge an den Gubernatore Serbelloni in Mailand
gab. Der Wortlaut freilich war dunkel, aber die Thatsache selbst sprach um so klarer. Nachdem der Locotenente den schlotternden Zahnausreißer beruhigt und aus
seiner Reiseflasche gestärkt hatte, jagte er in freudigem
Galopp nach Chur zurück. Jetzt war der Verräther
Jenatsch in seinen Händen.

Er erreichte die Stadt in vorgerückter Nachtstunde
und wurde kaum noch vorgelassen. Der Ungeduldige
mußte sich damit begnügen, seinem Herrn den verrätherischen Brief mit einer gedrängten Auseinandersetzung des Zusammenhangs zu überreichen. Als Wertmüller dann am nächsten Morgen nach einem glücklichen
Schlafe sich dem Herzog vorstellte, fand er diesen in sehr
getrübter Stimmung und nicht geneigt, auf eine Besprechung des ihm, wie er sagte, unerklärlichen und sehr
schmerzlichen Vorfalles einzugehen. Er müsse auch von
anderer Seite sich darüber Aufklärung verschaffen.

Kurz vor der Stunde, zu welcher Jenatsch täglich
dem Herzog aufzuwarten pflegte, wurde der Locotenent
mit einem Tagesbefehl nach der Rheinschanze beordert,
und, so scharf er auch ritt, er kam zu spät, um dem
Obersten vor Herzog Heinrich Stirn gegen Stirn entgegenzutreten.

Bei seiner Rückkehr traf er diesen in der heitersten
Laune und wie von einer schweren Last befreit.

„Besten Dank“ für Euern löblichen Diensteifer,
braver Wertmüller!“ empfing er den Adjutanten.
„Diesmal hat er Euch freilich trotz Eures mit Argusaugen blickenden Scharfsinns in eine grobe Falle gelockt. — Ungern thue ich Eurer Eitelkeit weh. — Jenatsch
war hier und ich habe ihn mit aller Offenheit zur
Rede gestellt. Er hat sich vollkommen gerechtfertigt.
Der Brief ist falsch und die Handschrift auf merkwürdig geschickte Weise nachgeahmt. Der Oberst hat Feinde,
in deren Interesse es liegt, ihm mein Vertrauen zu
rauben. Sie ahnen nicht, daß sie es mit ihren Cabalen im Gegentheil immer mehr befestigen. Er hat deren
namentlich am bischöflichen Hof unter Euern geistlichen
Genossen am Spieltische, Wertmüller. Sie kennen Euch
und zählten auf Euern Argwohn und Eure Unternehmungslust. Da Ihr aus Euerm Widerwillen gegen
den Oberst und, Euch zur Ehre sei's gesagt, aus Eurer
Anhänglichkeit an meine Person kein Geheimniß macht,
so war die Intrigue der geistlichen Herren bald eingefädelt. Der elende Dottore war ihr bestochenes Werkzeug. — Gesteht, er hat seine Rolle gut gespielt! Wo
wird sich ein Italiäner den Anlaß zu einer Comödie
jemals entgehen lassen! — Was endlich jene nächtliche
Unterredung zwischen Jenatsch und dem Quacksalber unsern der bischöflichen Residenz betrifft, die Euch zu denken gab, so hat es damit seine Richtigkeit — sie drehte
sich um das Ausschneiden von Leichdornen. Erinnert
Euch, daß Ihr über den Obersten gespottet habt, als
er vor ein paar Tagen mit einem Pantoffel am linken
Fuße einherschritt.“

Wertmüllers herbes Gesicht verfinsterte sich unter
dieser Rede dermaßen, daß der Herzog ihm die Hand
auf die Schulter legte und ihn freundlich mit den
Worten verabschiedete: „Sprechen wir nicht mehr davon, mein Lieber, die Sache ist nicht von Wichtigkeit.“

Fruchtlos brütend, wie er dem Obersten trotz alledem noch beikommen könne, verließ Wertmüller das
herzogliche Gemach. In seinem Zustande verbissener
Wuth bemerkte er nicht, daß ein blondes Cherubimköpfchen sich die Treppen heran ihm entgegen bewegte.
Es war die goldlockige Tochter des Hauses, Fräulein
Amantia Sprecher, die sich mit einem Strauße erster
Märzglöckchen zu dem Herzog begab. Nicht nur übersah sie der Ungestüme, er raste in so weiten Sprüngen die Steinstufen hinunter, daß er sie fast niederrannte. Bestürzt hielt sie sich an dem reich verschlungenen Eisengeländer und sah ihm mit ihren unschuldigen blauen Augen sinnend und vorwurfsvoll nach.

War das derselbe Wertmüller, der ihrer Lieblichkeit sonst in auffallender Weise huldigte, der den ganzen
Winter einer ihrer bevorzugten Tänzer gewesen war?
Auch auf morgen hatte er sie ja wieder zum Balle,
dem letzten und glänzendsten des Faschings, eingeladen.
Welche Tarantel hatte ihn heute gestochen?

Wohl war er ihr auch sonst zu Zeiten rücksichtslos
erschienen, wenn er sich spöttisch und wegwerfend über
bündnerische Zustände und Sitten äußerte. Wer oder
was blieb überhaupt von seiner scharfen Zunge verschont! Mit ihr hatte er doch bis jetzt immer eine Ausnahme gemacht und sie war dafür nicht unempfindlich
geblieben.

Ihre sanfte kindliche Schönheit und das Gleichgewicht ihrer durchaus friedfertigen Sinnesart wirkte
anziehend und beruhigend auf den quecksilbernen Offizier. Das Fräulein seinerseits hatte sich in allen Züchten zuweilen mit dem Gedanken beschäftigt, wie sich
dieser zürcherische Unband wohl als Eheherr ausnehmen
würde und hatte seine Tapferkeit, den unbestreitbaren
Werth seiner Treue an dem edlen frommen Herzog und
seine hochgehenden Lebensaussichten mit weisem Herzen
in die Wage gelegt gegen seine Schroffheiten, sein absprechendes Wesen und seine Spöttereien über Geistlichkeit und Gottesdienst, die vielleicht doch im Grunde
weniger schlimm gemeint waren, als sie übel klangen.
Doch war sie, — nach dieser rauhen Begegnung mußte
sie sich's gestehen, — noch keineswegs zu einem günstigen Ergebniß gekommen.

So entschlug sie sich dieser Gedanken ohne daß es
sie große Mühe kostete, und wandelte, den silberhellen
Blumenstrauß in ihrer Hand ordnend, langsam die
letzten Stufen hinauf.

Fräulein Amantia hegte für den edlen Gast ihres
Vaters eine unbegrenzte Verehrung, welche die liebenswürdige Leutseligkeit des Herzogs von jeder Zuthat beklommener Scheu befreit hatte. Sie pflegte alltäglich
zu einer Stunde, wo er sich nicht ungern stören ließ,
in seinem Empfangszimmer zu erscheinen und nach seinen Wünschen zu forschen. Er ermangelte dann nie,
hatte er nicht dringende Geschäfte, das gute Kind zurückzuhalten und sich nach den Interessen ihres Tages
zu erkundigen.

Heute kam sie eben aus der Wochenpredigt, weniger erbaut als in Zweifel versenkt, denn der Pfarrer
Saluz hatte über einen außer der Reihenfolge liegenden
Text mit großer Heftigkeit gepredigt, und über welchen
schauerlichen Text — den Verrath des Judas Ischariot,
Matthäus am sechsundzwanzigsten! Er hatte dadurch
seine Zuhörer in große Aufregung versetzt, die sich ängstlich nach dem Zielpunkte dieser Anspielung umsahen, und
sich, sagte Fräulein Amantia, fast wie seiner Zeit die
Jünger fragten: „Herr, wer ist es, der Dich verräth?“

Achtes Kapitel.

Wenige Tage später, den 19. März, eilte der gelehrte Ritter Fortunatus Sprecher die Treppe zu den
Gemächern seines erlauchten Gastes herauf. Diese
frühe Morgenstunde konnte unmöglich zur Fortsetzung
der Biographie des Herzogs geeignet sein; auch war
das Antlitz des Ritters, der krampfhaft ein großes mit
dem Bündnerwappen verziertes Druckblatt in der Hand
hielt, wie solche zu öffentlichen Kundgebungen an die
Mauer geschlagen werden, heute besonders schwer verdüstert.

Oben angelangt, blieb er athemlos einen Augenblick stehen und sammelte sich. Doch ließ er dem
Kammerdiener kaum Zeit ihn anzumelden und drang
ohne die gewohnte Rücksicht und Höflichkeit in das
Arbeitszimmer des Herzogs ein, wo dieser, seine
Bibel lesend, im Erker saß und jetzt, über die Störung
erstaunt, zu dem Eintretenden aufblickte.

„Es sind unerhörte Ereignisse,“ begann Herr
Sprecher, „die mich zwingen, erlauchter Herr, Eure
Morgenandacht zu stören. Es ist, kaum wage ich es
auszusprechen, die Sorge um die Sicherheit Eurer
edlen Person, die mich dazu treibt. Könnt' ich Euch
doch in mein Herz blicken lassen, damit Ihr darin
meine aufrichtige und in jeder Probe stichhaltige Ergebenheit läset, überzeugender als mein Mund sie ausdrücken kann! — In meine geschichtlichen Arbeiten vertieft und gewohnt auf die eitlen Geräusche des Tages
wenig zu merken, habe ich leider die Bedeutung der
wirren Stimmen unterschätzt, die allerdings in der
letzten Zeit an mein Ohr schlugen. Ich wollte Euch
nicht unnöthig damit beunruhigen.“

Der Herzog erhob sich rasch. „Kommt zur Sache,
Herr!“ sagte er bestimmt und ruhig. „Was ist das
für ein Blatt? Gebt her.“

Sprecher überreichte das verhängnißvolle Druckblatt und stöhnte mit sinkender Stimme: „Es ist der
Aufstand gegen Frankreich und die Ernennung des Jürg
Jenatsch zum Obergeneral der drei Bünde!“ —

Rohan durchlief das Blatt und erblaßte.

Es enthielt einen Aufruf an das Volk, der die
Beschwerden der Bündner gegen die Krone Frankreich
in kurzen, treffenden Worten zusammenfaßte und zum
Vertrauen auf Spanien-Oesterreich aufforderte, das sich
bereit erkläre, Bündens alte Grenzen und Freiheiten
zu gewährleisten. Alle bündnerischen Waffen wurden
unter den Befehl des Jürg Jenatsch gestellt.

Die Schlußworte lauteten:

„Ihr Gemeinden der drei Bünde, greift zum
Schwert, erhebt Euch zum Landsturm im Namen des
Herrn. Sammelt Euch bei Zizers nächst Chur am
neunzehnten des Märzen.“ Hier folgten die Unterschriften der drei Bundeshäupter, obenan diejenige des
Amtsbürgermeisters Meyer von Chur.

Der Herzog warf das Blatt empört auf den Tisch.
Er rief nach seinen Dienern, befahl zu satteln und
fragte nach Wertmüller. Mit diesem wollte er nach
der Rheinschanze reiten. Seine schnelle Geistesgegenwart und militärische Spannkraft verließ ihn nicht
einen Augenblick.

Während ihn sein Diener ankleidete, wagte der
geängstigte Sprecher noch einige Betheuerungen, Andeutungen und Räthe.

„Die Unterschriebenen sind alle Mitglieder des
Kettenbundes. Gott weiß, ich hielt ihn für eine gemeinnützige Gesellschaft ohne gefährliche Nebenzwecke! —
Und dieser Bürgermeister Meyer, der sich immer so
verächtlich über den charakterlosen Jenatsch und so feindselig gegen das papistische Spanien äußerte! . . . Ich
fürchte, erlauchter Herr, mein Hausrecht wird Euch
hier nicht schützen können! . . . Ihr kommt durch die
nach Zizers strömenden Volksmassen nicht mehr in die
Rheinschanze . . . Horcht! Mein Gott, nun läutet es
auch in der Stadt von allen Thürmen Sturm . . .
Vielleicht ließe sich nächtlicher Weile ein Fluchtversuch
nach Zürich wagen und von dort würdet Ihr auf Umwegen Euer Heer im Veltlin erreichen!“ —

Während dieser Worte war der Galopp eines
Pferdes auf dem Pflaster erklungen, und schon stand
der Adjutant Wertmüller in dienstlicher Haltung aber
mit zornblitzenden Augen vor dem Herzog.

„Die Bündnerregimenter im Domleschg meutern
und marschiren mit fliegenden Fahnen auf Chur, Erlaucht,“ meldete er. „Ich wäre ihnen bei einem Morgenritte nach Reichenau fast in die Hände gefallen. Sie
sind mir auf den Fersen. Hier in der Stadt liegt,
wie der edle Herr weiß, nur die Freicompagnie der
Prätigauer. Treue Leute! Ich habe sie an das nördliche Thor beordert. Ihr Hauptmann Janett schwur
mir zu, er sei mit Leib und Leben der Eurige und
werde gegen alle Spaniolen und Meineidigen zu Euch
stehen. Eure Pferde und Leute sind unten bereit.
Noch ist es möglich, wenn die Prätigauer uns den
Rücken decken, nach der Rheinschanze durchzudringen.
Begegnet uns Volksgesindel, so reiten wir es nieder.“

Herzog Heinrich hieß diesen muthigen Vorschlag,
welcher seinen eigenen Entschluß aussprach, mit einer
zustimmenden Kopfbewegung gut und schritt, Herrn
Sprecher flüchtig grüßend, rasch dem Ausgange zu.

Aber schon war er ein Gefangener.

Als Wertmüller die Thüre des Vorsaales aufriß,
ertönte von unten her Gemurmel zahlreicher Stimmen
und schleifendes Geräusch treppansteigender Füße. Man
vernahm Sporengeklirr und gedämpften Wortwechsel.
Der Herzog blieb stehen und legte die Hand an den
Degen.

Vor der Thüre zauderten und drängten sich Gestalten, die einen in Waffen, die andern in Staatstracht. Keiner wagte es, sich voranzustellen. Jetzt
wichen sie zur Seite und gaben Raum. Georg Jenatsch
trat aus ihnen hervor und überschritt die Schwelle.
Ihm folgten Guler, der Graf Travers und ein stattlicher Mann in bürgermeisterlichem Ornate und goldener
Kette mit großgeschnittenem, fleischigen Gesicht und
leicht schielenden Augen.

Der Oberst Jenatsch war baarhaupt und näherte
sich mit starren blassen Zügen dem Herzog, der stolz
und fragend vor ihm stand. Seine Stimme klang
ruhig und seltsam kalt, als er zu reden anhob:

„Erlauchter Herr, Ihr seid in unserer Gewalt.
Unser Aufstand ist Gegenwehr und gilt nicht Euch‚
sondern der Krone Frankreich. Was Euch dunkel blieb,
ist uns klar geworden: Der Kardinal will den von
Euch mit uns vereinbarten Vertrag nicht unterzeichnen.
Er will uns festhalten und im Tauschhandel des in
Aussicht stehenden allgemeinen Friedensschlusses als
französische Waare verschachern. Das Pfand Eurer
reinen Ehre, das er uns in die Hände gab, würde er
leicht verscherzen. So hat uns der König von Frankreich und sein Kardinal dazu getrieben, bei unserm
Erbfeinde billigere Hilfe zu suchen, die uns auch gewährt wurde. Gott weiß, was es uns gekostet hat,
unsere Freiheit unter Spaniens Schild zu stellen. —

Was wir von Euch verlangen und warum Ihr
es uns gewähren werdet, das kann ich Euch mit wenigen
Worten darlegen. Vor Eurer Rheinschanze strömt
Bündens ganzer Landsturm zusammen. Die Regimenter
rücken in Chur ein. Ich habe sie ihres Gehorsams
gegen Euch entbunden und den Eid ihrer Treue den
Häuptern unserer drei Bünde schwören lassen. Die
Oesterreicher stehen am Luziensteig, die Spanier bei
der Festung Fuentes, beide mit Uebermacht. Auf ein
Wort von mir überschreiten sie die Grenze. — Seht
hier meine spanisch-österreichischen vom Kaiser selbst
und vom Gubernatore Serbelloni unterzeichneten Vollmachten!“ — und er entfaltete zwei Papiere. „Lecques
kann Euch nicht befreien, denn bei seiner ersten Bewegung gegen die Alpenpässe rücken die Spanier von
Fuentes her ins Veltlin. — Ihr seht, Euer Heer ist
von allen Seiten eingeklemmt; nur Ihr könnt es Euerm
Könige retten, und Ihr thut es, wenn Ihr dieses
Uebereinkommen unterzeichnet.“ —

Jenatsch nahm ein drittes Papier aus der Hand
des Bürgermeisters von Chur und las:

„Die Rheinschanze und das Veltlin werden von den Franzosen geräumt.

Sie verlassen Bünden als Freunde und in kürzester Frist.

Der Herzog Heinrich Rohan, Pair von Frankreich und
Generallieutenant der französischen Armee, bleibt als unser
Bürge in Chur bis zur Vollziehung dieses seines mit uns
geschlossenen Uebereinkommens.

Und dies Uebereinkommen verspricht der erlauchte Herzog
bei seiner Ehre auch dann in Treuen zu vollziehen, wenn Gegenbefehl vom französischen Hofe einträfe,“ —

So steht es. Wir haben nicht das Recht, erlauchter Herr, Eure Liebe zu Bünden anzurufen, denn
wir haben uns ohne Euch und wider Euch geholfen.
Aber bedenkt, daß Ihr, wenn Ihr den Vertrag nicht
unterzeichnet, dieses Land, das gewohnt ist, Euch als
seinen guten Engel zu verehren, durch Euren Widerstand in blutiges, unabsehbares Elend stürzt.“ —

Der Herzog nahm die Rolle nicht. Er wandte
sich mit einer zornigen Thräne ab, dann sagte er und
seine Stimme bebte: „Ich habe schon vielen Undank
erfahren, — aber noch nie ist mir auf so bittere Weise
mein Vertrauen mit Verrath und die von mir dem
Rechte des Kleinen erwiesene Ehre mit Schlangenbissen
und Schmach heimgezahlt worden. — Ich unterzeichne
nicht. — So tief kann ich Frankreich und seinen Feldherrn unmöglich erniedrigen.“

Die Stille, die jetzt entstand, wurde durch einen
Tumult vor der offen gebliebenen Thüre unterbrochen.
Durch das die Treppen füllende Volk drängte sich ein
breitschultriger rothhaariger Kriegsmann und man hörte
ihn dringend nach dem General Jenatsch fragen. Unwirsch rief ihm dieser entgegen: „Ihr stört hier,
Hauptmann Gallus! Was giebt's?“

„Ich muß Eure Ordre haben,“ rief die rohe
Stimme. „Janett's Prätigauer wollen den neuen Eid
nicht schwören. Sie meinen, Ihr verhandelt sie an
die spanischen Pfaffen und sagen, sie hätten Frankreich geschworen und gehorchten niemandem als dem
Herzog.“

Jenatsch war vor Wuth todtenbleich geworden.
Er warf den Kopf nach dem Sprechenden herum und
schrie ihn heiser an: „Mein Regiment gegen sie vorgeführt! Erschießt sie Alle!“ Dann wandte er sich wieder dem Herzog zu und drohte, wie außer sich, mit
erstickter Stimme: „Ihr Blut über Euch, Herzog
Rohan!“

Der Herzog zuckte und stand eine Weile in schmerzlichem innern Kampf. Endlich ergriff er mit zitternder Hand die auf dem Tische liegende Rolle, wandte
sich und schritt der Thüre seines Arbeitszimmers zu,
die der ihm folgende Wertmüller fest hinter ihm verschloß.

Jenatsch kehrte sich, immer noch tief erblaßt, zu
dem Bürgermeister. „Unsere Sache ist gewonnen,“
sagte er. „Man muß dem Herzog Ruhe lassen. Entfernt die Leute. Ich stehe dafür, daß er unterschreibt.“

Dann befahl er dem Hauptmann Gallus, der
unschlüssig stehen geblieben war: „Sagt dem Janett,
seine tapferen Prätigauer sollen des Eides wegen unbehelligt bleiben. Der Herzog sei mit der Regierung
der drei Bünde einverstanden und werde die Compagnie in Kurzem seinen Willen wissen lassen.“

Wenige Minuten waren verstrichen und die Gemächer des Herzogs hatten sich zu leeren angefangen,
als die innere Thür sich öffnete und Wertmüller mit
dem von Rohan unterschriebenen Vertrage in der Hand
erschien.

„Wer von den Herren hier hat gegenwärtig das
Ding in Händen, das in Bünden mit dem unpassenden Namen „gesetzliche Gewalt“ bezeichnet wird?“
fragte er schneidend und streckte dem Bürgermeister von
Chur, der mit ernster Amtsmiene vortrat, die Bündens
Loos entscheidende Rolle entgegen mit einem Ausdrucke
von verächtlicher Schärfe, deren nur sein Gesicht
fähig war.

Herr Fortunatus Sprecher, der gerade oben an
der Treppe einige bündnerische Staatspersonen beglückwünschend wegkomplimentirt hatte, sah jetzt einen jungen
Mann in Reisekleidern athemlos die Stufen hinaneilen, ergriff seine Hand und zog ihn bei Seite, um
ihm das Geschehene mit bedauernden Worten mitzutheilen. Es war der längst erwartete und in diesem
verhängnißvollen Augenblicke eben von Paris angelangte
Priolo.

„Um Gott,“ rief Priolo, „haltet mich nicht auf,
Herr Doctor. Vielleicht ist es noch Zeit. Ich muß
zum Herzog — der Vertrag von Chiavenna ist unterschrieben — Alles und mehr gewährt! Nur schließt
keinen Bund mit Spanien!“ Und er durcheilte das
Vorgemach.

Als ihn Jenatsch, der im Gespräche mit dem
Bürgermeister stand, mit verstörtem Gesichte vorüberhasten sah, sagte er zu diesem mit bitterm Lächeln:
„Der Cardinal glaubte sich des Schicksals bemächtigt
zu haben, doch diesmal hat es ihn gefoppt.“

Meyer antwortete nicht, aber er umfaßte die
Schicksalsrolle mit gefalteten Händen.

Eine Stunde später war es in den äußern Gemächern des Herzogs still und einsam geworden. Jenatsch allein schritt im Vorzimmer auf und nieder, die
aus dem Geschehenen hervorbrechende Zukunft erwägend.
Was ihn beunruhigte, war das Loos seines Gefangenen,
und er verweilte hier in der Hoffnung, das unlängst
ihm so freundliche Antlitz noch einmal zu sehen. Daß
Herzog Heinrich ein Sklave seines gegebenen Wortes
sein werde, daran zweifelte der Verräther keinen Augenblick; aber es war eben so gewiß, daß der Kardinal
einen Haß werfen würde auf Rohan, das Werkzeug,
dessen edler feiner Stahl zerbrochen war in seiner es
mißbrauchenden Hand, und daß der Herzog Frankreich
nicht wieder betreten könne, ohne der Rache Richelieus
zu verfallen. Jenatsch hätte ihn gerne vor dieser Rache
sicher gewußt — aber wo? Welches war die Stätte,
die dem Arme des Cardinals ihn entzog und die doch
kein trostloses Exil für ihn war, das zu erwählen er
sich weigern würde?

Er wartete vergebens. Der Herzog kam nicht
und als endlich die Thüre sich öffnete, war es der
Adjutant Wertmüller, der, ein Schreiben in seine Brieftasche steckend, heraustrat und ohne Gruß an ihm vorüber schreiten wollte.

„Könnt Ihr mir nicht eine kurze Audienz bei dem
Herzog verschaffen, Wertmüller? . . . In seinen eigenen
Angelegenheiten,“ fragte der Bündner.

„Damit verschont Ihr ihn besser,“ versetzte der
Locotonent. „Euer Anblick hat für ihn seinen Reiz verloren. Was seine persönlichen Angelegenheiten betrifft,
so seid Ihr nicht der Mann, sie erfreulich zu ordnen.
Er hat es eben selbst gethan.“

„Er hat schon über seine Zukunft entschieden?“
fragte Jenatsch gespannt. „Geht er nach Zürich oder
Genf? dort könnte er in edler Muße seinen Studien
leben.“

„Ein militärisches Handbuch schreiben, meint
Ihr?“ höhnte Wertmüller. „Nicht doch! In der Lage,
die Ihr ihm so kunstvoll bereitet habt, bleibt für
Herzog Rohan nur eines übrig: der Tod auf dem
Schlachtfeld. Ihr begehrt zu wissen, wohin mein Herr
sich wenden wird, wenn er aus Euern Judasarmen
sich losgemacht hat, und ich will Euch nicht belügen
— entgegen der Sitte, die von Euch hie zu Lande eingeführt wurde.

Ich überbringe ein Schreiben meines edlen Herrn
an den Herzog Bernhard von Weimar, seinen Schwiegersohn, worin er sich zu gemeinem Reiterdienst im deutschen
Heere anbietet. Kann ich Euch etwas an den Herzog
Bernhard ausrichten? Besinn' ich mich recht, so folgtet
auch Ihr einst seiner Fahne. Er wird sich über Euch
wundern. Noch heute reit' ich ab und genieße so auch
meinerseits zum letzten Mal Euern Anblick. Wäre
ich dessen nie theilhaft geworden! Besonders jenes
Mal vor der Festung Fuentes nicht, als Ihr in
gebührenden Ehren einherschrittet . . . schon damals
mit spanischem Gefolge! Manches stünde besser und
Ihr wäret schon längst an Euern richtigen Platz erhöht.“

„Ihr reizt mich nicht,“ sagte der Andere finster.
„Ich bin des Blutes satt und an Eurer persönlichen
Achtung liegt mir nicht das Mindeste. — Was ich
für mein Land thue, versteht Ihr nicht. — Geht und
sagt dem Herzog Bernhard,“ schloß Jenatsch und schritt
das Haupt übermüthig zurückwerfend dem Eingange zu,
„er möge sich vorsehn, daß er sein Elsaß so glücklich den Krallen Frankreichs entwinde wie ich mein
Bünden.“

Neuntes Kapitel.

Der warme Mai hatte das Thal des Rheines
mit Blüthen und üppigem Grün bedeckt, als das französische Heer auf seinem durch den Märzvertrag erzwungenen Rückmarsche aus dem Veltlin sich auf der
staubigen Landstraße von Reichenau her den Thoren
der Stadt Chur näherte.

Das dem Herzog Rohan abgerungene und von
Priolo nach Paris gebrachte Uebereinkommen war dort
genehmigt worden, wenn auch in gewundenen Ausdrücken, aus welchen das widerwillige Sträuben des
Cardinals deutlich hervorblickte. Der Schrecken und
Aerger am französischen Hofe über den in einem fernen
Bergwinkel mit beispielloser List geplanten Gewaltstreich
war groß gewesen. Niemand hatte bis jetzt den Namen
des unbekannten Abenteurers, der ihn ausgeführt, der
Beachtung werth gehalten. Dennoch ging man auf das
Uebereinkommen ein, mußte darauf eingehen. Der dem
Cardinal an kluger Berechnung ebenbürtige Bündner
hatte die Maschen des Netzes zu fest geknüpft und zu
sicher zusammengezogen, als daß selbst die Schlauheit
Richelieus eine Lücke zum Durchschlüpfen gefunden
hätte. Vielleicht dachte dieser noch an die Möglichkeit,
es mit Gewalt zu zerreißen, aber dafür war der sein
gegebenes Wort hoch und heilig haltende Rohan nicht
zu verwenden.

Dieser war seinem anrückenden Heere nicht entgegen geritten und befand sich nicht in dessen Mitte.
Nach dem grausamen Auftritte im Sprecherschen Hause
hatte ihn ein Rückfall seines Uebels aufs Krankenlager
geworfen, und jetzt war er kaum so weit genesen, um
in eigner Person sein Heer über die wenige Meilen
von Chur entfernte bündnerische Grenze führen zu
können. In der frischen Morgenfrühe des nächsten
Tages wollte er sich zum letzten Male als Feldherr an
die Spitze seiner Truppen stellen, um mit ihnen das
Land zu verlassen, für das er so viel gethan und das
ihm seine Liebe so schlecht gelohnt hatte.

Als die das Heer verkündende große Staubwolke
sich näherte, strömte viel Volk aus der Stadt, Jung
und Alt, den anrückenden Franzosen entgegen, welchen
die Bürger von Chur niemals wie die wilden Leute
der Gebirgsthäler abhold gewesen, und die sie jetzt um
so lieber sahen, als es das letzte Mal war und die
langjährigen Gäste am nächsten Morgen das Land für
immer räumten.

Da sprengte ein Reitertrupp aus dem Thor und
trieb die auf der heißen Straße ziehenden Massen auseinander. Es waren Bündnerofficiere, voran auf einem
schwarzen Hengst ein Reiter in Scharlach, von dessen
Stülphute blaue Federn wehten, der jedem Kinde bekannte Jürg Jenatsch.

Das Volk sah dem mit seinem Reiterbegleite in
den aufgejagten Staubwolken schon wieder Verschwindenden mit Bewunderung und leisem Grauen nach,
denn es ging die Sage, der arme Pfarrerssohn, welcher der mächtigste und reichste Herr im Lande geworden, habe seinen Christenglauben abgeschworen und
seine Seele dem leidigen Satan verschrieben, darum
habe er in den unmöglichsten Anschlägen Glück und
Gelingen.

Lauter und näher ertönte die Feldmusik. Das
Volk vertheilte sich auf die grünen Wiesen und Halden
zu beiden Seiten des Weges und bildete eine lebendige
Hecke. Die französische Vorhut zog vorüber, aber die
gebräunten Krieger schritten in raschem Tempo, ohne
den grüßenden Zuruf der neugierigen Churer zu erwiedern, und dieser wurde schüchterner und verstummte
nach und nach.

Dort an der Spitze der jetzt heranrückenden Kerntruppen wurde neben Jürg Jenatsch der französische
Befehlshaber Baron Lecques sichtbar. Aber der Franzose schien jenem für sein Geleit wenig Dank zu wissen.
Stolz und verschlossen ritten die Beiden nebeneinander.
Der alte Degen konnte die Gegenwart des Bündners
kaum ertragen. Das jugendliche Feuer seiner Augen
sprühte Funken des Hasses und strafte die Silberfarbe
seines kurz geschorenen Haares Lügen. Er hatte heute
den schneeweißen Schnurrbart noch steifer und herausfordernder als sonst aufwärts gedreht und das gesund
davon abstechende rothbraune Gesicht glühte von verhaltenem Zorn, während seine Faust kampflustig die
tapfere Klinge blitzen ließ.

Die Regimenter zogen nicht durch das Thor ein,
sondern vollführten eine Schwenkung links um die
Mauern der Stadt. Sie sollten während der kurzen
warmen Mainacht längs der vom Nordthor nach der
nahen Grenze führenden Heerstraße im Freien ein Feldlager aufschlagen. Als dies geschehen war und die
Sonne unterging, beeilten sich die Officiere, über hundert an der Zahl, die Stadt zu besuchen, um sich
ihrem Feldherrn dem Herzog Rohan vorzustellen, die
Mängel ihrer persönlichen Ausstattung in den Kaufläden von Chur zu ersetzen und sich, jeder nach seinem
Geschmacke, einen möglichst vergnügten Abend zu machen.

Auch Lecques ritt, nachdem er seine letzten Befehle für den Aufbruch in der Frühe gegeben, durch
die Reihen der überall brennenden Feuer, an welchen
die Soldaten eben ihre Abendkost bereiteten, und wandte
sich, nachdem er das ganze Lager mit scharfen Blicken
gemustert, langsam nach der Stadt. Hier trat er zuerst in das Gasthaus zum Steinbock, wo er seine Officiere nach Abrede versammelt wußte, und dann begab
er sich sogleich zu Herzog Rohan, den er in dieser
späten Abendstunde allein zu finden hoffte.

Er traf den Herzog zur Abreise bereit. Seine
Angelegenheiten waren geordnet und der Abschied von
seinen Gastfreunden war genommen. Die französischen
Officiere hatte der Feldherr zwar empfangen, aber nach
wenigen liebenswürdigen Worten schnell wieder entlassen. Seine letzten Stunden in Chur wünschte er
in stiller Sammlung und einiger Ruhe zu verbringen.

Gerne hätte er auch für den nächsten Morgen
jedes Geleit und jede Abschiedsfeierlichkeit abgelehnt,
allein Herr Fortunatus Sprecher hatte mit Thränen
in ihn gedrungen, doch der Stadt Chur, welche ihm,
wie das ganze Land, so unendlich viel zu danken habe
und deren Ergebenheit gegen seine verehrte Person trotz
allen bösen Scheines immer dieselbe geblieben sei, doch
ja diese unaustilgliche Schmach nicht anzuthun, und
der Herzog fügte sich diesem aus einer wunderlichen
Gefühlsverwirrung hervorgehenden Wunsche, den er im
Stillen ironisch belächelte.

Als Lecques von dem Kammerdiener eingeführt
wurde, trat ihm Heinrich Rohan mit vornehmer Ruhe
entgegen und sprach ihm seine Anerkennung aus für
die Umsicht und Raschheit, womit er seinem Befehle
gemäß das Heer aus dem Veltlin zurückgeführt habe.

„Da das Unausweichliche geschehen mußte,“ fügte
er bei, „so war es ehrenhafter, daß es schnell geschah
— und ich danke es Euch, daß Ihr meinen mir peinlich werdenden Aufenthalt in Chur durch Euern schnellen
Marsch gekürzt habt.“

Baron Lecques sah seinem General forschend in
das bleiche Angesicht und sagte mit einiger Schärfe:
„Meinerseits, erlauchter Herr, fürchtete ich durch meinen
schnellen Gehorsam die Interessen Frankreichs bloß gestellt zu haben. Es kann Euch nicht unbekannt sein,
daß Euer Sekretär aus Paris Gegenbefehl gebracht
hat; doch er ist, weil Ihr mir Eile befahlt, zu spät
gekommen. Bedauerlicherweise traf mich Priolo schon
diesseits der Berge im Dorfe Splügen.“

„Priolo hat sich gestern bei mir beurlaubt,“ erwiederte der Herzog achselzuckend, „ich kann ihn nicht
zur Rede stellen. Von einem zweiten, die Ordre zum
Abmarsche widerrufenden Befehle, der durch meine Vermittlung an Euch gesandt worden wäre, weiß ich
nichts.“

Lecques öffnete seine Brieftasche und legte dem
Herzog eine vom König und Richelieu unterzeichnete,
in sehr bestimmte Ausdrücke gefaßte Weisung vor, die
ihm befahl, das Veltlin mit seinen Truppen zu halten,
und die französische Ehre mit seinen tapfern Waffen
um jeden Preis herzustellen.

Die Furche des Grams auf der durchsichtigen
Stirne des Herzogs zeichnete sich schärfer. Er öffnete
ein Portefeuille, das auf dem Tische lag, und entfaltete
die an ihn gelangte Vollmacht zum Abschlusse des von
den Bündnern ihm aufgenöthigten Vertrags. — Sie
war St. Germain den 30. März datirt und von
Ludwig XIII. und Richelieu unterzeichnet. Er hielt
sie mit der Ordre zusammen, die ihm Lecques überreicht hatte.

„Beide Dokumente tragen die Namenszüge des
Königs und des Cardinals,“ sagte er ernst. „Vergleicht.
Die Echtheit keiner dieser Unterschriften ist anzufechten.
— Der Euch gegebene Befehl opferte meine Ehre
und wohl auch mein Leben . . . . warum habt Ihr ihn
nicht ausgeführt?“

„Weil es zu spät war, denn ich hatte die
Festungen schon geräumt,“ sagte Lecques trocken.

„Und besonders,“ fügte er rasch und mit Wärme
hinzu, „weil ich, wie die Lage war, ohne Euch, erlauchter Herr, nicht handeln wollte. Ich bin der Meinung, mit diesem letzten königlichen Befehle in meinen
Händen sei auch jetzt noch nichts verloren und es sei
noch früh genug dem Wunsch und Willen des Königs
nachzukommen und den Frankreich beschimpfenden Verrath zu rächen. Jetzt um so sicherer, als Feldherr und
Heer wieder vereinigt sind! — Mein Plan ist gemacht,
wollet ihn anhören.“

Er führte den Herzog in den thurmähnlich vorspringenden Erker, dessen Fenster in der lauen stillen
Mainacht offen standen, und fuhr mit gedämpfter
Stimme fort: „Es liegen keine Bündnertruppen in der
Stadt und ihrer Umgebung. Jenatsch hat die Regimenter ins Prätigau verlegt, um jeder Reibung mit
unsern durch den ruhmlosen Rückzug gereizten Soldaten
vorzubeugen. Nur einige Haufen Landsturm bewachen
die Thore. Jenatsch und die Obersten, die uns schamloser Weise morgen ihr schadenfrohes Ehrengeleit bis
an die Grenze geben wollen, durchzechen die Nacht zur
Feier unsers Abzuges im Schenkhause zur Glocke. Die
hellen Fenster dort in der zweiten Straße sind die
Lichter des Gelages. —

Die Rache liegt in unserer Hand! Hundert und
fünfzig unserer Officiere sind in der Stadt, lauter
tapfere Edelleute, alle entschlossen den Frankreich verrätherisch angethanen Schimpf mit ihren Degen zu
rächen.

Wir besetzen vorsichtig die Ausgänge der Glocke,
dringen mit Uebermacht ein und stoßen die trunkenen
Meuterer bis auf den letzten Mann nieder. Auf ein
von mir mit dem Lager verabredetes Zeichen werden
die Stadtthore von außen mit Petarden gesprengt.
Unsere Truppen rücken ein und besetzen die Stadt.
Die Churer sind in ihrer großen Mehrzahl immer den
spanischen Cabalen entgegen und uns Franzosen zugethan gewesen. Sie rufen halb gezwungen, halb einverstanden: Vive la France! und seid versichert, Herr,
in wenigen Tagen stimmt ganz Bünden ein, denn im
Grunde verabscheut es das spanische Bündniß. Einer
hat den ganzen Verrath gebraut, der büßt zuerst —
ich nehm' ihn auf mich. Hat erst einmal der Judas
seinen Lohn empfangen, rief er mit unverhaltenem
Zorn, „so wird sich die Scene, glaubt mir, mit einem
Schlage verwandeln!“

„Gedenkt Ihr den Ruhm Frankreichs mit einem
Wortbruche und einer Mordnacht wieder herzustellen?“
sagte der Herzog streng.

Lecques wies auf seine Vollmacht. „Ich erfülle
damit den Willen des Königs meines Herrn,“ vertheidigte er sich. „Der gelehrte Cardinal ist in Entscheidung von Gewissensfragen ein Meister; in seinem Katechismus steht: Verrath gegen Verrath. Das durch
die rohe Gewaltthat, die am 19. März dieses Hauses
Gastrecht entehrte, Euch entrissene Wort verpflichtet Euch
weder vor Gott noch vor den Menschen, hättet Ihr es
auch auf die Hostie oder auf das Evangelium geschworen.“

„Mein Gewissen entscheidet anders,“ erklärte Heinrich Rohan bestimmt und ruhig. „Noch bin ich Euer
Feldherr, noch seid Ihr mir Gehorsam schuldig und Ihr
werdet ihn leisten. Sprecht mir nicht mehr von Eurem
Anschlage. Er würde, wenn er gelänge, die an der
Grenze stehenden Oesterreicher und Spanier ins Land
ziehn und den furchtbarsten Krieg entflammen. Ihr
selbst habt es gesagt: Ein Einziger war fähig, diesen
kalten Verrath zu begehen. Das Volk ist unschuldig
und verdient nicht, was der Eine verbrochen, durch ein
so grausames Loos zu büßen. Ich halte den Vertrag
und glaube nicht, daß der Glanz unsrer Lilien dadurch
verdunkelt werde; aber selbst wenn Frankreichs Waffenehre, wie Ihr meint, damit getrübt würde — ich müßte
den Vertrag dennoch halten.“

„So spricht kein Franzose!“ brauste der Andere auf.

Der Herzog machte mit der Hand eine Bewegung
nach dem Herzen, als ob er dort einen plötzlichen Schmerz
empfinde. Es wurde ihm zum ersten Male gesagt, was
er schon längst gefürchtet und gewußt — daß er sein
Vaterland verloren habe.

„Ist es für mich unmöglich, zugleich ein Franzose
und ein Ehrenmann zu bleiben,“ sagte er leise, „so
wähle ich das Letztere, sollte ich auch darüber heimatlos werden.“

Und die Beiden traten in das Gemach zurück.

Es war kühl geworden und das Fenster hatte sich
geschlossen. In den Mondschein, der den stillen Platz
vor dem Hause füllte, trat jetzt eine große Gestalt, die
schon längst mit verschränkten Armen, den Rücken an
die Mauer gelehnt und den Sprechenden unsichtbar,
unter dem Erker gestanden hatte. Nachdem Herr von
Lecques mit harten klirrenden Tritten das Haus verlassen und sich um die Ecke gewendet, schritt sie noch
eine Weile gesenkten Hauptes im Schatten der jenseitigen Häuserzeile auf und nieder, von Zeit zu Zeit den
Blick zu dem Erker des Herzogs erhebend, bis der Lichtschein erlosch. Jetzt blieb sie an der Einmündung einer
Seitenstraße stehen. Wieder ertönten Schritte. Es war
ein schwankender, hagerer Mann in der Tracht der spanischen Edelleute, der sich näherte und einen Augenblick
unschlüssig stehen blieb. Erst maß er den auf dem
Platze nächtliche Wache Haltenden mit scharfen Blicken,
dann trat er auf ihn zu und redete ihn als Bekannten an.

„Dacht' ich mir's doch, Signor Jenatsch,“ begann
der im spanischen Mantel, „daß Ihr Eure Beute zärtlich
hütet. In der Glocke wußte man nicht, wo Ihr hingerathen wäret. Gut, daß ich Euch finde und gerade
wo ich Euch vermuthet. Ihr dürft den Herzog nicht
abreisen lassen! Sonst würdet Ihr Spanien einen
schlechten Dienst erweisen, der auf die Aufrichtigkeit
Eurer bisherigen Leistungen ein eigenthümliches Licht
würfe. Serbelloni hielt es für überflüssig, Euch nahe
zu legen, daß Ihr den Herzog in der Hand behaltet
und ihn seine berühmte Waffe nicht wieder gegen Spanien-Oesterreich erheben lasset. Er meinte, das wäre
gleichsam ein selbstverständlicher geheimer Artikel Eures
Uebereinkommens mit Spanien, den es nicht nöthig sei,
Euch besonders unterschreiben zu lassen. Ich aber sagte
ihm, daß ich Euch von Kindheit an kenne und daß im
Verkehre mit Euch, wie übrigens mit Jedermann auf
dieser, wie die neuesten Gelehrten behaupten, sich drehenden Erde, nichts besser sei, als ein guter schriftlicher
Contract. Den hab' ich nun mitgebracht und Ihr werdet Euch wundern, welch hübsches Angebot ich Euch
mache.

Gegen Heinrich Rohan die Festung Fuentes!

Das heißt natürlich ihre von Bünden längst begehrte
Schleifung. Den Herzog behaltet Ihr, oder besser, da
das Sprecher'sche Haus unter seinem Range und ihm
durch Euren Besuch vom neunzehnten März verleidet sein
möchte, Ihr liefert den frommen Herrn nach Mailand,
wo ihm ein stilles und angenehmes Privatleben gesichert ist. Klüger wäre es freilich gewesen, Ihr hättet
ihn, wie es der Wunsch des Herrn Gubernatore war
und ich Euch schrieb, vor Wochen schon in die Hände
Eures spanischen Verbündeten befördert, bevor das französische Heer über den Splügen rückte, wo es mich heute
— denn ich komme stracks von Mailand — zeitraubend
aufgehalten hat.

Warum habt Ihr meine Briefe nicht beantwortet?
Das ist nicht klug und auch nicht hübsch von einem
Jugendfreunde. Zum Glück ist es noch Zeit. Der
Herzog ist noch da und krank dazu, wie man mir erzählte. Es wird einem Diplomaten von Eurer Gewandtheit nicht an einem Vorwande fehlen, den unter
Eurem Zauber stehenden Herrn noch einige Zeit freundschaftlich in Chur zurück zu halten. Kann er doch nicht
in Person sein Heer nach Frankreich zurückführen!
Schließen wir den Handel? Fuentes gegen den Herzog?
Ihr schweigt? . . . . . Das gilt wohl bei Euch, wie
bei gemalten Heiligen und schönen Frauen, als Ja.“

Jenatsch hatte ihn mit wortloser, zorniger Verachtung angehört: „Hebet Euch von dannen, Rudolf
Planta,“ sagte er jetzt mit gedämpfter aber heftiger
Stimme, „noch seid Ihr in Bünden vervehmt, und wer
Euch hier betrifft, hat das Recht Euch niederzustoßen.
Serbelloni weiß, daß ich mit Leuten Eures Schlages
nicht unterhandle. Er kennt meine Bedingungen, von
denen ich nicht um die Breite einer Degenklinge abweiche. Ich bin mit Spanien in Unterhandlung getreten, um die Freiheit und Würde meines Heimatlandes zu sichern; Ihr aber habt Euch darum nie gekümmert, sonst würdet Ihr mir eine solche Niedertracht
nicht zumuthen. Serbelloni weiß nicht darum — das
schlägt in Euer Fach und ist ein Geschäft zu Eurem
Vortheile. Ist es doch nicht das erste Mal, daß Ihr
edles Blut verkauft und schnöden, feigen, schmachvollen
Menschenhandel treibt! — Schande über Euch!“

Planta lachte höhnisch auf: „Ei, ei, edler Herr,
Ihr seid den spanischen Goldstücken auch nicht abhold . . . .
Wie wäret Ihr sonst zu Reichthum und Ehren gekommen, während ich von allen meinen angestammten Gütern und festen Sitzen in Bünden durch einen gewissen
demokratischen Pfarrer, den Ihr wohl jetzt nicht mehr
leiden mögt, und durch seine Pöbelhaufen verjagt wurde,
und — Gott sei's geklagt — noch immer verschuldet,
ein armer fahrender Ritter bin. — Doch keinen Groll!
Wir essen jetzt das Brot desselben Herrn. Ich weiß
wie große Summen an Euch versandt wurden — Ihr
dürft nicht scheel sehen, daß auch ich ein einträgliches
Geschäft mir ausgedacht habe.“

„O Schmach,“ brach Jenatsch los, „von einem
solchen Schurken zu Seinesgleichen gezählt zu werden.
War es nicht billig, daß Spanien den Sold vergüte,
um den Frankreich unsere Truppen betrog!“

„Der Ducatensegen ist durch Euere Finger geströmt,“ spottete Planta, „wie sollte er sie beim Durchrinnen nicht vergoldet haben!“ . . .

„Zieh, Bube, damit ich Dich nicht ermorde!“ rief
Jenatsch bebend und riß den Degen aus der Scheide.

Der Andere aber hatte sich schon während seiner
letzten Rede an die Ecke der Seitenstraße zurückgezogen.
„Ich werde Eure guten Gesinnungen in Mailand zu
rühmen wissen!“ kicherte er noch aus dem Schatten der
Häuser hervor und war verschwunden.

Zehntes Kapitel.

Kaum erglühten die Thurmspitzen von Chur im
ersten Morgengolde eines wolkenlosen Maitages, als es
schon vor den Stadtmauern und in der langen Gasse,
die vom Sprecherschen Hause zum Nordthore führte,
lebendig wurde. Französische Offiziere sprengten hin
und her, aus der Stadt nach dem Lager, dessen Zelte
schon abgebrochen waren, und von den marschfertigen
Truppen zurück zum Herzog, um ihn als ein glänzendes Gefolge zu umringen und in ihm die französische Ehre, die, wie es ihnen schien, in diesem Lande
Schaden gelitten, mit ihren kriegerischen Gestalten zu
decken.

In der Straße, die Rohan durchreiten sollte, standen die Churer barhaupt in zwei gedrängten Reihen
längs der Häuser, und alle Fenster bis zu den Dachluken hinauf waren mit neugierigen Köpfen gefüllt.
Alles Volk wollte den guten Herzog noch einmal sehen
und begleitete ihn mit Wünschen und aufrichtigen
Thränen.

Als er an der Spitze seines stolzen Zuges langsam dem Thore sich näherte, fand er einen löblichen
Rath und die Geistlichkeit der Stadt zu seiner Rechten
aufgestellt. Die Herren hatten sich in vollem Ornat
jeder nach seinem Rang auf den Stufen einer breiten
Freitreppe vertheilt, die zu der Pforte eines patrizischen
Hauses führte. Beide Thürflügel standen weit offen
und im Flur wurden in schwarze Seide gekleidete
Frauengestalten sichtbar, die Gattinnen und Töchter der
Würdenträger, welchen ihre Stellung erlaubte, über die
Häupter der Stadt hinweg dem Herzog, den sie mit
Schmerzen scheiden sahen, einen letzten Gruß zuzuwinken.
Ihr Zartgefühl hatte ihnen verboten, sich wie bei einem
lustvollen Schauspiele auf dem Balkon und in den Fenstern zu zeigen.

In der Mitte der Rathsherren fiel der Amtsbürgermeister Meyer als wahrhaft imposante Erscheinung ins Auge. Nie hatte eine bürgermeisterliche Kette
mit ihrer großen runden Schaumünze bequemer gelegen
und selbstzufriedener geleuchtet, als die auf seiner breiten Brust ruhende; nie hatten ein seidener Strumpf
und ein Rosettenschuh knapper und schöner gesessen als
heute an seinem wohlgebildeten, feierlich vorgesetzten
Bein. Bei näherer Betrachtung jedoch verrieth die
Befangenheit seines gewöhnlich gesunden und ruhigen
Gesichts und der bängliche Ausdruck seiner irrenden
Augensterne einen geheimen Widerspruch mit der magistralen Sicherheit seiner vollkommenen Haltung.

Der Gruppe der Standeshäupter gegenüber, wo
sich die Ausmündung einer innerhalb der Stadtmauer
laufenden Nebengasse zu einem kleinen viereckigen Platze
erweiterte, hatten sich, als Repräsentanten der heimischen
Waffen, die vornehmsten Bündneroffiziere versammelt
und warteten zu Pferde, um sich dem Gefolge des Herzogs anzuschließen und ihm das Ehrengeleit bis zur
Grenze zu geben. Im Gegensatze zu der gedrückten
Stimmung auf der andern Seite der Gasse unter den
Söhnen der Themis herrschte hier unter den Kindern
des Mars eine frische und beherzte, der sie sich unbefangen überließen, da sie sahen, daß der bündnerische Dictator zur Verabschiedung seines Opfers nicht
erscheine.

Jetzt erreichte Herzog Rohan den Platz vor der
Freitreppe. Huldvoll hielt er seinen schlanken Goldfuchs an, denn er sah, wie der Amtsbürgermeister einen
goldenen Pokal erhob, den eben ein ergrauter Rathsherr an seiner Seite aus einer silbernen Kanne gefüllt
hatte. Meyer trat entschlossen vor und bat den Herzog
in gerührten Worten, den seiner Erlaucht von der
Stadt Chur mit Danksagung und Segenswunsch angebotenen Abschiedstrunk nicht zu verschmähen. Während
Rohan sich die Lippen netzte, sammelte der Bürgermeister seinen Geist zu einer wohlgesetzten französischen
Rede, auf die er sich sorgfältig vorbereitet hatte.

Bürgermeister Meyer war kein Redner. Im Rath
und in der Gemeinde war es ihm ein Leichtes, seine
Gedanken schlicht und zweckdienlich auszudrücken und zu
einem bündigen Schlusse zu gelangen. Aber es war ihm
nicht gegeben, zwiespältige Gefühle und zweideutige Gedanken unter zierlichen Blumen der Beredsamkeit zu
verbergen.

Er hatte damit begonnen, des Herzogs ruhmreiche
Tapferkeit und seine erhabene staatsmännische Weisheit
zu preisen, die beide zu Bündens Rettung wie zwei
geflügelte Genien herbeigeeilt seien. Dann warf er
einen Blick in den Abgrund, aus welchem der Herzog
das bündnerische Volk gezogen habe. Jetzt kam eine
dunkle Stelle, in der von sich überstürzenden Ereignissen,
seltsamen himmlischen Conjuncturen und dem großen
Herzen Ludwigs XIII die Rede war. — Hier wurde
Herr Meyer warm, übersprang unversehens die logischen
Hindernisse und behauptete gerührt, die Zurückgabe des
Veltlins an die Bündner durch Spanien-Oesterreich sei und bleibe das Verdienst des Herzogs Rohan.
Er sei, nächst dem gütigen Gott, ihr alleiniger Helfer
und Retter gewesen.

„Des Landes Dankbarkeit gegen Euch wäre nicht
genugsam ausgedrückt, edelster Herr,“ rief er aus, „wenn
wir Euch so viele Ehrensäulen errichteten, als Bünden
Felsen und Berge besitzt! Und wenn jeder unserer Berge
eine Statua wäre . . . .“ hier stockte der Redner und
erstarrte selbst zum Steinbild.

Ein verspäteter Reiter war durch die Nebengasse
herangeeilt und auf dem kleinen Platze, dem Bürgermeister gegenüber, mitten unter die Bündneroffiziere
hineingesprengt. Die Obersten wichen auf ihren stampfenden Thieren bestürzt nach beiden Seiten zurück.
Auf das Kommen von Georg Jenatsch hatte Keiner gerechnet. Und da war er! Auf seinem schäumenden
Rappen in der Mitte des leeren Raumes, von Allen
gemieden!

Zugleich bäumte sich das Pferd des dicht hinter
dem Herzog haltenden Lecques, der einen wüthenden
Blick nach Jenatsch hinüberschoß. Des Herzogs Augen
ruhten mit höflicher Aufmerksamkeit auf dem Bürgermeister, aber diesem, der den verrathbefleckten Befreier
Bündens als eine grelle und unschickliche Verdeutlichung
seiner Rede gerade vor Augen sah und dem die drohende Haltung des Herrn von Lecques nicht entgangen
war, entglitt der Faden seiner Rede. Seine angstvollen
Blicke begannen mehr als gewöhnlich zu schielen und
er fuhr unsicher fort: „Und wenn in Bünden jeder
Berg eine Statua . . . . . . . und jede Statua ein
Berg wäre“ . . . . . . .

„Laßt es gut sein, lieber Bürgermeister!“ schnitt
der Herzog freundlich ab und, sich auf die andere Seite
zu den Bündneroffizieren wendend, sagte er mit ruhigem
Befehl: „Ich verzichte auf das Geleit der Herren.
Es wird der Schicklichkeit Genüge geschehen, wenn Einer
von ihnen unserm Ueberschreiten der Grenze beiwohnt.
Ich bitte mir die Gesellschaft des Grafen Travers aus.“

Der stille junge Mann mit dem braunen scharfgeschnittenen Kopfe lenkte sofort mit dankendem Gruße
sein Thier zur Linken des Herzogs.

„Gott schütze Euch und Eure gute Stadt, werthe
Herren!“ rief dieser, griff leicht an seinen Hut und
sprengte durch das Thor in die lenzduftige Landschaft
hinaus.

Der alte Lecques war auffallender Weise einer
der Letzten zurückgeblieben. Jetzt riß er sein Pferd
herum, ritt Georg Jenatsch einige Schritte entgegen,
zog ein Pistol und schrie ihn an: „So scheidet Lecques
von einem Verräther!“

Er drückte los, der Hahn schlug nieder, ein Pulverblick flammte auf der Zündpfanne, doch der Schuß
versagte.

Elftes Kapitel.

Während die Ereignisse des Frühjahrs die Stadt
Chur und das ganze Land in aufgeregte Spannung
versetzten, blieb Lucretia Planta von denselben scheinbar
unberührt. Sie hauste allein auf ihrem festen Sitze
Riedberg, der, an eine sonnige Halde fernab von der
Heerstraße sich lehnend, inmitten seiner blühenden Wiesen
und wohlgepflegten Felder und Baumgärten ein Bild
ländlichen Friedens darstellte.

Von ganzer Seele fürchteten und hofften und
freuten sich dagegen mit dem Lande die Frauen von
Cazis. Sie hatten, als das Aufgebot des Jürg
Jenatsch erscholl, zum Sturm gegen die gottlosen Franzosen alle Klosterleute bis auf das letzte Knechtlein
gestellt. Als fröhliche Geberinnen leerten sie ihren
kleinen Weinkeller, um die vor die Rheinschanze und
wieder heimwärts ziehenden Landstürmer zu tränken.
Hallebarde und Morgenstern ruhten an den friedlichen
Kreuzen des Nonnenkirchhofs. Alt und Jung schaarte
sich längs der Klostermauer und die frommen Schwestern
eilten leichtfüßig auf und nieder, in kleinen hölzernen
Schalen ihren Most und Wein bis auf den letzten
Tropfen ausschenkend.

Niemand aber ahnte in dem durch den Abzug der
Franzosen mit hellem Jubel erfüllten Domleschg, welchen Antheil Fräulein Lucretia an den geheimen Verhandlungen genommen, die den Handstreich in Chur
möglich gemacht hatten. Nicht einmal die Frauen in
Cazis, obschon sie den Verkehr mit dem Fräulein nach
dem Wunsche ihres Beichtigers immer eifriger und zuthunlicher pflogen. Nicht daß Pancraz den eigensüchtigen Gedanken in ihnen genährt hätte, die Letzte der
Planta von Riedberg unwiderruflich in den Ring des
Klosters zu ziehen. Sie verkehrten mit Lucretia, der
Weisheit des Paters vertrauend, ohne sie mit Fragen
oder mit Bitten zu bestürmen, die auf ihre Zukunft
und die Hoffnungen des Klosters Bezug hatten, schon
aus geselliger Neigung und natürlicher Gutherzigkeit.
— Das Fräulein hätte sie gedauert, wenn es von den
merkwürdigen Dingen, die sich im Lande zutrugen und
die sie selbst auf den verschiedensten Wegen erfuhren,
nicht ungesäumt unterrichtet worden wäre.

Freilich wäre es der Schwester Perpetua gegen
die Natur gegangen, sich nicht mindestens bei Lucas
über die letzte lange Abwesenheit des Fräuleins jenseits
der Berge einiges Licht zu verschaffen, hätte sie nicht
aus der allerbesten Quelle, einem Briefe des Paters
Pancratius selber, schon im Winter erfahren, daß unangenehme Erb- und Familienangelegenheiten, über die
man besser nicht mit ihr spreche, die Gegenwart Lucretias
in Mailand nothwendig machten.

Lucretias Fahrt nach Mailand im vergangenen
Jahre war ihr schwer geworden, aber sie hatte das von
Jenatsch ihr vorgehaltene Ziel standhaft verfolgt und
durch die Festigkeit ihres Willens auch erreicht. Nicht
die Mühsale des zweimaligen Ueberschreitens der im
Winter gefährlichen Bergpässe hatten ihren Muth auf
die größte Probe gestellt; diese Schrecknisse hatte die
kräftige Frau, geleitet von dem treuen wetterharten
Lucas und einem seiner berggewohnten Söhne, ohne
Zagen und Ermüdung überwunden. Anders aber war
es, als sie, von dem geschäftigen Pancraz in Mailand
empfangen und bei Serbelloni eingeführt, sich dem
klugen und zähen Staatsmanne gegenüber befand und
fühlte, daß sie sich auf ein ihr fremdes Gebiet verirrt,
in bisher noch nicht von ihr erwogene Fragen sich verwickelt habe.

Ihre Stellung als Bevollmächtigte des bündnerischen Kriegsobersten war eine höchst eigenthümliche und
mußte in den Augen Aller der Verhältnisse Unkundigen
als eine zweideutige erscheinen. Serbelloni, der sie
kannte und wußte, daß der Mörder ihres Vaters ein
Gegenstand des Hasses für sie war, verfiel nicht in
diesen Irrthum und fand es begreiflich, daß sie die
politischen Ziele ihres Vaters und ihres Oheims mit
Aufbietung aller ihrer Kräfte verfolge; aber er gerieth
in einen andern.

Er glaubte, sie sei von Anfang an mit den Umtrieben der Bündnerflüchtlinge von der spanischen Partei
vertraut gewesen, und wollte mit ihr als mit einer
in das ganze Gewebe der sich kreuzenden Interessen
Eingeweihten verkehren. Er brachte die Unschuldige
mit ihrem Alles um sich her durch den Hauch seiner
Schlechtigkeit befleckenden und vergiftenden Vetter in
unverdiente Beziehung politischen Einverständnisses; er
verwirrte sie, ohne sie verletzen zu wollen, mit Mittheilungen über den Lohn und Anspielungen auf die
Ehren, welche er den in der angeknüpften Intrigue erfolgreich Handelnden zudachte, er wies auf die glänzenden
Aussichten hin, die das Gelingen vor ihnen öffnete,
und er ahnte nicht, daß dabei eine steigende Verachtung
der niedern Schliche und geheimen Mittel der Politik
sich Lucretias bemächtigte.

Auch Georg Jenatsch erschien ihr in einem andern Lichte; ihr Vertrauen auf seine reine Vaterlandsliebe wurde von dem allgemeinen Ekel, den sie empfand,
angefressen und ihr Glaube an die Einheit seines
Wesens erschüttert, ohne daß sie augenblicklich sich ganz
bewußt wurde, wie durch diese Zweifel ihr Verhältniß
zu ihm sich innerlich trübe.

Was sie aufrecht hielt, war ihre Treue an sich
selbst. Sie hatte versprochen, von den ihr übergebenen
fünf Bedingungen in keiner Weise abzuweichen und
sich keinen Punkt davon abmarkten zu lassen. Dabei
blieb sie unerschütterlich. Das Andenken ihres Vaters
verließ sie niemals. Sie stärkte sich in Momenten der
Erschöpfung an seinem geistigen Anblicke und je ausschließender sie in der Erinnerung mit ihm verkehrte,
desto lebendiger ward sie sich bewußt, daß sie in seinem
Geiste handle, wenn sie zum Abschlusse des von Jenatsch
entworfenen Vertrages mitwirke.

Nachdem sie als williges und treues Werkzeug
ihre Aufgabe erfüllt und mit den von Spanien gewährten und unterzeichneten Bedingungen das Gebirge
wieder überschritten hatte, kehrte sie in die Stille von
Riedberg zurück und wartete dort, bis ihr die Schriften,
die sie verwahrte, — durch die Vermittlung des Klosters
Cazis, vermuthete sie — abverlangt würden.

So war der März gekommen. Da erschien eines
Abends bei einbrechender Nacht Jenatsch selbst wieder
auf Riedberg. Ein Brief des Paters Pancraz hatte
ihm aus Mailand gemeldet, daß Lucretia abgereist sei
und die ihr gewährten spanischen Vollmachten auf ihrem
Schlosse bewahre und hüte. Nun kam er, um die von
Serbelloni unterzeichneten Papiere aus ihrer Hand zu
empfangen.

Als er eintrat, pochte Lucretias Herz mit schweren
Schlägen, aber vor jähem Schrecken mehr als vor
Freude.

Noch einmal war eine Verwandlung mit ihm vorgegangen ! Was heute aus seinen Augen blitzte war
nicht mehr der jugendliche Uebermuth von früher, war
nicht die vor keinem Hindernisse zurückweichende Sicherheit, mit welcher er, seit sie ihn wieder kannte, ihr
entgegen getreten, es war etwas Maßloses in seinem
Wesen, eine gereizte Gewaltsamkeit in seiner Stimme
und Haltung, als hätte eine übermenschliche Kraftanstrengung ihn aus dem Geleise und über die letzten
seiner Natur gesetzten Marksteine hinausgeworfen.

Eine wilde Freude flammte über sein Antlitz, als
er endlich die Schriften hielt und durchflog. Er wollte
in seinem Triumphe die Kniee seiner Botin umfassen;
aber Lucretia trat stolz und zitternd zurück.

Da streckte er die Hand gen Himmel und rief in
herausforderndem Jubel: „Ich schwöre es, Lucretia,
wenn das gelingt, soll mir fortan Nichts unmöglich
sein! . . . Müßt' ich auch das Blut Deines Vaters
durchschreiten — müßt' ich dem Racheengel das Schwert
aus den Händen reißen, um Dich zu besitzen, Du längst
— Du immer Begehrte!“

Da ergriff Lucretia seine Hand und trat mit ihm
durch eine schmale Pforte in einen gewölbten Nebenraum, ein enges Gelaß, dessen Rückwand durch einen
ungebrauchten alterthümlichen Kamin ganz gefüllt und
durch ein grob darauf gezeichnetes Kreuz verunziert war.

„Auf Niedberg wird keine Hochzeit gefeiert!“ sagte
sie und flüchtete sich dann, das Antlitz mit den Händen
bedeckend, in ihr innerstes Gemach.

Als wenige Wochen später der Verrath an Herzog
Rohan und die Befreiung Bündens eine Thatsache
wurde, von der das ganze Land erscholl, beschlich
Lucretia in ihrer Einsamkeit das bange Gefühl, als
sei sie durch ihre verborgene Mithilfe mit Georg Jenatsch
auf immer und ewig verbunden, theilhaftig seiner rettenden That, theilhaftig auch seiner Schuld. Unauflöslich
war sie mit ihm vereinigt im Augenblicke, da ihr Herz
vor ihm zu erschrecken begann und sie, um in ihrem
Gemüthe eine Schutzwehr gegen ihn aufzurichten, sich
täglich zurückrief, daß die Pflicht ihres Lebens noch
nicht erfüllt und der Geist ihres Vaters durch die ihm
gebührende Blutsühne noch nicht geehrt sei.

Zu Ende Mai nach dem Abzuge des Herzogs aus
Bünden wurde Lucretia durch einen flüchtigen Besuch
ihres verabscheuten Vetters beunruhigt. Er deutete ihr
an, er müsse schleunig nach Mailand zurückkehren.
Dort befinde sich Jenatsch und verhandle persönlich
mit Serbelloni die letzten endgültigen Bestimmungen
über die Stellung Bündens zu Spanien. Durch seinen
charakterlosen Parteiwechsel und seine trügerische Beredsamkeit gewinne der Oberst auf den Gubernatore
einen verhängnißvollen Einfluß, welcher die Interessen
der alten spanischen Partei in Bünden gefährde und
ihn selbst der Früchte seiner langjährigen Treue an
Spanien beraube. Rudolf fügte bei, es sei die höchste
Zeit, daß er sein Heimatsrecht und seine Stellung im
Lande wieder gewinne. Das hoffe er bei den Verhandlungen in Mailand durchzusetzen. Er wäre der Verwendung Serbellonis zu seinen Gunsten gewiß, wenn
ihm Lucretia, welcher der Gubernatore von früher her
huldvoll gewogen sei, ihre Hand reiche, und er durch
die Verbindung mit ihr das berühmte Geschlecht der
Planta zu Riedberg wieder emporbringe. Er wisse
wohl, meinte Rudolf, an welche Bedingung Lucretia
ihr Jawort knüpfe, — an die Vollziehung ihrer Blutrache an Jenatsch — und diese Bedingung werde er
erfüllen, was ihm jetzt leichter sei als früher, da sich
die Feinde des Obersten aus den verschiedensten Gründen gemehrt hätten und noch täglich sich mehrten. Zuerst aber müsse dieser den Vertrag mit Spanien endgültig abgeschlossen haben, denn Jenatsch allein sei es
im Stande. — So zog er über das Gebirge.

Der Eindruck seiner Gegenwart war für Lucretia
ein häßlicher und beunruhigender gewesen. Doch achtete
sie Rudolfs Persönlichkeit zu gering, als daß seine Pläne
sie ernstlich erschreckt oder nur beschäftigt hätten. Das
Begegniß haftete nicht lange in ihrem Gemüthe, denn
ihre Seele war von andern bangen Zweifeln bewegt.

Der Wald röthete sich an den Halden und die
geleerten Fruchtbäume verstreuten leise ihre goldenen
Blätter, als in den letzten sonnigen Tagen der hart
entbehrte Beichtiger der Frauen von Cazis nach langem
Fernsein aus Mailand wieder ins Domleschg zurückkehrte. Pater Pancraz hatte die Herstellung seines
Klosters in Almens, für die er sich bei den Vertragsverhandlungen in Mailand verwendete, nicht erlangt;
aber er brachte andere wundersame und hocherfreuliche
Nachrichten. Schon am Abende nach seiner Ankunft begab er sich nach Riedberg und begehrte eine Unterredung mit dem Fräulein, dem er mit freudeglänzenden
Augen erzählte, seine Excellenz der Herr General
Jenatsch, der frühere Todfeind ihrer gut katholischen
Familie, sei vor einem Monate, nachdem er die Generalbeichte seiner Sünden abgelegt und vollständige Absolution erhalten, in den mütterlichen Schooß der allein
seligmachenden Kirche zurückgekehrt.

Bei diesem Berichte schaute er das Fräulein triumphirend an. Er schien ihr Schicksal mit diesem erfreulichen Ereignisse in Zusammenhang zu bringen und anzunehmen, mit allen übrigen Freveln und Sünden sei
durch diesen großen Akt der Buße auch der Tod ihres
Vaters vom Gewissen des Mörders abgewaschen und
vor Gott und Menschen gesühnt. Sie aber erbleichte,
und als er einer Antwort der Schweigenden mit schlauen
erwartungsvollen Blicken entgegensah, sagte sie endlich,
sich fassend: „Das ist ein so unerhörtes Wunder der
göttlichen Gnade, daß ich ihr dafür nur auf eine Weise
meinen Dank zu bezeugen weiß, — wenn ich bei den
Frauen in Cazis den Schleier nehme.“ — Eine Antwort, welche die langgeschulte Menschenkenntniß des
Paters zu Schanden machte. Er hatte es sich leichter
gedacht, das, wie er wohl wußte, seit Jahren an Jenatsch hangende Gemüth Lucretias von einer alten
Rachepflicht zu befreien, die dem praktischen Manne,
wenn er sie auch nicht gerade verwarf und der ehrwürdigen Landessitte gemäß achtete, doch, besonders in
diesem Falle, mit der christlichen Liebe und weltlichen
Klugheit unvereinbar erschien.

Lucretia war über die Mittheilung des Paters erschrocken. Daß es Jenatsch mit der Abschwörung seines
protestantischen Glaubens ein Ernst sei, das, wußte sie, war
unmöglich. Es kam ihr vor, als habe er damit seine erste,
innerste Ueberzeugung verleugnet, als sei er sich nun
ganz untreu geworden und habe sein Selbst vernichtet.
Und was hatte ihn dazu vermocht? Konnte er diese
unlautere That mit seiner Liebe zu Bünden entschuldigen und wie seine Untreue an Herzog Rohan als
eine Nothwendigkeit seines Schicksals darstellen?

Was immer ihn dazu getrieben, es konnten nur
Rücksichten und Berechnungen sein, denen der Jürg
von ehedem unzugänglich gewesen wäre.
Immerhin war eine Schranke zwischen ihm und
ihr, deren sich ihr schwaches Herz zuletzt noch getröstet
hatte, damit gefallen.

Hoher Schnee bedeckte das stille Thal und lastete
auf Dach und Thurm des Schlosses Riedberg. Da
verlautete gegen Ende Jenner, der feste Friede mit
Spanien-Oesterreich, der Bündens alte Grenzen und
Freiheiten herstelle, sei endlich abgeschlossen, dank der
Alles berechnenden Klugheit und eisernen Beharrlichkeit
des größten Mannes, den das Land je besessen. Es
wurde bekannt gemacht, Bündens Gesandter, Georg
Jenatsch, werde in den nächsten Tagen in Chur einziehen und das mit den Bändern und Riegeln vorsichtiger Klauseln gegen jede Anfechtung gewahrte und
mit den kaiserlichen und königlichen Unterschriften und
Sigillen bekräftigte Dokument in feierlicher Sitzung
den Räthen von Bünden überreichen.

Zwölftes Kapitel.

Seit einigen Tagen war Thauwetter eingetreten.
Der Föhn brauste durch die Schluchten der Viamala
und stöhnte und pfiff um die alten Mauern von Riedberg. Die Luft war lau, als wollte der Frühling vorzeitig ins Land brechen, aber schwer drohende Wolken
bedeckten den Himmel und unheimlich klang in der
Nacht das Rieseln des schmelzenden Schnee's und das
Brausen der übermächtigen, durch das sternlose Dunkel
eilenden Bäche.

Lucretia stand am Fenster und ihr Blick bemühte
sich, die Nebel zu durchdringen, die längs der Falten
des Heinzenberges krochen und über das jenseitige
Rheinufer und die Heerstraße wie graue Schleier herabhingen. Es bewegte sich darin ein langer, unterbrochener Zug, und ferner verwirrter Lärm drang in einzelnen Tönen zu ihr herüber. Sprengende Reitergruppen
ließen sich errathen und leises Schellengeklingel der
Lastthiere wurde vom Winde herübergeweht.

Das konnte nur der als Ueberbringer der Friedensurkunde nach Chur ziehende Jenatsch sein! Doch immer
und immer bewegte es sich von Neuem in den Nebeln
und jetzt schien ein Theil des zurückgebliebenen Trosses,
da wo die Straße nach Riedberg sich abzweigt, vom
Zuge sich zu trennen und die Richtung nach dem
Schlosse einzuschlagen.

Sollte er es wagen, Lucretia auf seinen Triumphzug, der Welt zum Schauspiel, abzuholen, sie mitführen
zu wollen als seine schwierigste Beute!

Doch nein, — er war voraus. Sie hatte durch
eine Lücke der Nebelwolken seinen glänzend geschirrten
Rappen vorüberblitzen sehn, und ihr war vorgekommen,
das Tanzen des Pferdes und eine Handbewegung des
Reiters könnte einen Gruß für sie bedeuten.

Der Nebelstaub verwandelte sich unterdessen in
Regen; die Pferde auf der Riedbergerstraße aber tauchten jetzt bei einer Wendung ganz nahe zwischen den
feuchten Wiesen auf. Es war des Fräuleins Vetter
Rudolf, diesmal mit einem für seine bedrängten Umstände
zahlreichen Geleite berittener Knechte, der sein Gastrecht
im festen Hause seines Ohms geltend machte. Die meisten
seiner Leute zeigten ein verdächtiges und unsauberes Aussehen. Er mochte sie, nach ihrer Statur und Bewaffnung
zu urtheilen, in den nach Süden abfallenden Thälern
Graubündens geworben haben. Nur Einen in der Rotte
sicherlich nicht. Es war ein wahrer Riese, derb von
Gliedern und roth von Gesichtsfarbe, in dem Lucretia
einen wegen seiner sprichwörtlichen Körperstärke weithin
gefürchteten Raufbold, den Wirthssohn von Splügen,
erkannte. Er hatte sich gegen den Regen eine Bärenhaut wie einen Haubenmantel übergehängt und blickte
unter der Schnauze und den Ohren des erlegten Ungethüms wie ein thierischer Waldmensch hervor.

Lucretia ließ das wilde Gesinde, das seine Ankunft
mit Musketenschüssen kund that, durch ihren Kastellan
in einem Nebengebäude unterbringen und bewirthen.
Den unwillkommenen Vetter empfing sie erst am Abendtische, an welchem ihre Dienerschaft theilzunehmen pflegte
und Lucas das Amt des Hausmeisters versah.

Nachdem die Tischgenossen sich entfernt hatten,
begehrte Rudolf eine Unterredung mit seiner Base und
blieb ungebeten im Gemache zurück, wo Lucas auf
einen Wink des Fräuleins das Abräumen des Tafelgeräthes nur langsam und zögernd besorgte. Die Gegenwart des alten Knechtes hielt ihn nicht ab, vor sie
hinzutreten und ihr mit leiser Stimme Drohungen zuzuflüstern. Er warf ihr ins Gesicht, daß er wohl wisse,
wer für den neuen Despoten Bündens, der morgen in Chur
seinen prunkenden Einzug halten werde, in Mailand die
ersten Botendienste gethan. „Der Verschwender ist mir
mit seinem fürstlichen Gefolge und seinen kostbaren Berberhengsten über den ganzen Berg auf den Fersen gewesen“, sagte er neidisch. „In Splügen mußte ich ihm
die Straße frei geben, wenn ich nicht immerfort seine
Knaben hinter mir über die Armuth des Planta wollte
spotten hören!“

Lucretia gab den Zweck ihrer Reise nach Mailand
ruhig und stolz zu.

Da warf der Freche jede Scheu von sich und bezichtigte sie vertraulicher Abhängigkeit von dem Obersten.
„Es ist Zeit mit ihm ein Ende zu machen,“ schrie er
ihr zu. „An Betrogenen und Beschimpften, die, wie
ich, nach diesem gemeinen Blute dürsten, ist heute Ueberfluß, seiner Feinde sind in Spanien so viel wie in
Frankreich!“

„Du aber, Lucretia, hast die heilige Pflicht der
Rache schmählich vergessen und bist Deines Vaters ganz
unwürdig geworden! — Weg mit ihm, lieber heute als
morgen! Der Mörder des Pompejus Planta soll sich
der Gunst seiner Tochter nicht berühmen! Mir fällt es
zu, die Ehre des Hauses wieder herzustellen. Sobald
der Verräther auf dem Rücken liegt, werde ich Dich
als mein Weib heimführen. Ich lasse die Güter der
Planta nicht von unberechtigten Händen verzetteln.“

Das Fräulein antwortete nicht. Aber Lucas, dem
das Herz vor Ingrimm schwoll, als er seine Herrin so
unwürdig behandelt sah, trat, die Fäuste ballend, neben
sie. Aufrecht und bleich mit geschlossenen Lippen stand
Lucretia vor ihrem Beleidiger. „O wie gut weißt Du,
daß jedes Deiner Worte eine Lüge ist,“ stöhnte sie endlich aus gepreßtem Herzen und verließ das Gemach,

Ehe sie die Thür ihres Thurmzimmers hinter sich
verschloß, hatte sie ein Knechtlein nach Cazis hinübergeschickt, um den Pater Pancraz auf den Riedberg zu
holen. Aber der Pater war nach Almens berufen worden, und es war nicht denkbar, daß man ihn von dort
in der schlimmen Sturmnacht zurückkehren ließ. Er
werde morgen in der Frühe hinüberkommen, ließ Schwester Perpetua berichten.

Jetzt war Lucretia allein. Sie trat ans Fenster
und schaute in das nächtliche Land hinaus. Der Sturm
schwieg, aber kein Stern stand am Himmel. Schwere
niedere Dunstgebilde verdeckten den Mond und ließen
kaum auf ihren zerrissenen Säumen einen schwachen
Wiederschein seines Lichtes ahnen. Ueberall schwarze
drückende Massen des Gebirgs und der Wolken. Mitternacht ging vorüber und immer noch saß Lucretia am
Thurmfenster und hörte rathlos und ohne klare Gedanken dem dumpfen Rauschen des Rheines zu.

Wie ein riesenhaftes dunkles Unheil stand vor ihr
was aus ihrem Leben geworden. Aber das Leid um
ihren Vater, eine vertrauerte Jugend, ihre jetzige Verlassenheit und die Schrecken der Zukunft sanken in ein
unbestimmtes, dumpfes Schmerzgefühl zurück, aus dem
ein einziger, stärker und stärker ertönender Vorwurf
emporstieg und ihr ans Herz griff: Sie war ihres
Vaters nicht würdig. Sie hatte ihre Rache versäumt.

Konnte sie nicht jetzt noch von dieser Last sich befreien? Nicht jetzt noch einem Feigling das Recht nehmen, sie im Einklange mit ihrem eigenen Herzen einer
leichtfertig vergessenen Kindespflicht anzuklagen? Nein!
Sie war zu schwach dazu! — Nein, sie wollte nicht stark
genug sein.

Ihr allein gehörte das Recht der Rache und sie
übte es nicht aus; aber sie erbebte vor Zorn, als sie
sich es möglich dachte, daß ein Anderer es ihr entreißen
könnte . . . . . Freilich daß Rudolf dieß gelinge, das
war ihr auch jetzt, da sie ihn im höchsten, widerwärtigsten Wuthaufwande seiner feigen Natur gesehn, durchaus unglaublich. Wie sollte diese Viper ihren stolzen
Adler erreichen!

Aber sie erschrack vor dem Zwiespalte ihrer eigenen
Seele, vor ihrer Ohnmacht die alte Rache zu hegen
und vor ihrer verzehrenden Eifersucht auf jeden, der in
ihr Amt eintreten könnte.

So beschloß sie ein Ende zu machen und der Welt
abzusagen.

Jenseits der Klosterschwelle war sie sicher. Sie
verzichtete ja dort auf all' ihren Besitz, opferte ihre stolze,
immer bekämpfte Liebe, verzichtete auf die zu lange wie
ein Heiligthum bewahrte Rache. — Jenseits der Klosterschwelle konnte weder Jürgs frevelhafte Werbung, noch
Rudolfs ekler Eigennutz sie mehr erreichen.

Im Schlosse war es ruhig geworden. In den
Dörfern brannte kein Licht; nur von Cazis drang ein
matter Schimmer über den Rhein. Er kam aus der
Klosterkirche, wo die Schwestern schon Frühmette sangen.
Dort war ihre Friedensstatt offen und sie zögerte nicht
länger an der Pforte. Sie goß Oel in ihre Lampe,
die erlöschen wollte, und begann ihre Papiere zu ordnen.
Sie stellte über alle ihre Güter Schenkungsurkunden
aus zu Gunsten der Schwestern in Cazis und gedachte,
in ihrem Gemache eingeschlossen zu bleiben bis zur
Ankunft des Paters Pancraz. Nachdem Alles vollendet
war, legte sie sich angekleidet noch kurze Zeit zur
Ruhe.

Gegen Morgen erhob sich der Föhn von neuem
mit heulender Wuth, wie er nach der oft wiederholten
Erzählung des alten Knechtes in jener Nacht getobt,
als ihr Vater erschlagen wurde. Sie fiel in einen
unruhigen Schlummer, aus welchem sie, von den Geräuschen des Sturmes geweckt, immer wieder emporfuhr.

Ein Traum führte sie in die Todesstunde ihres
Vaters. Sie sah ihn — groß und blutig lag er hingestreckt und jammernd wollte sie sich über ihn werfen
— aber die Leiche verschwand, sie stand allein und
hielt das geröthete Beil in der Hand, während sie die
Rosse der Mörder mit stampfenden Hufen enteilen
hörte. Ein neuer Windstoß rüttelte am Thurme und
ließ die Fensterscheiben des Gemaches in ihrer Bleifassung erklirren. Lucretia erwachte.

Im Hofe hörte sie Pferdegetrappel und das Knarren
des sich öffnenden Thors. Sie eilte ans Fenster und
sah in der stürmischen Morgendämmerung zwei Pferde
wegtraben. Das eine war der Schimmel ihres Vetters.
Erstaunt ließ sie Lucas rufen. Er war nicht mehr auf
dem Schlosse, sondern mit Herrn Rudolf nach Chur
verritten, dessen Gefolge, wie ihr gesagt wurde, Befehl
erhalten hatte, später aufzubrechen, um zur Mittagszeit mit dem Herrn in der Schenke zum staubigen
Hüttlein bei Chur zusammenzutreffen.

Daß der treue Lucas nach dem Auftritte von gestern
mit Rudolf Planta weggeritten, daß er sie ohne Urlaub
verlassen, was er noch nie gethan, das war Lucretia
unbegreiflich und erfüllte sie mit schlimmen Ahnungen.
Sie betrat die Kammer des Alten und öffnete eine
hölzerne Truhe, worin er mit eigensinniger Verehrung
das Beil aufbewahrte, das ihren Vater erschlagen hatte
und das sie zum schmerzlichen Aerger des greisen
Knechtes nie hatte sehen wollen. Die Truhe war leer.
Lucretia erbleichte. Die mit dem Blute ihres Vaters
benetzte Waffe also war ihr entrissen; die ihr allein
zustehende Rache sollte heute schon von den Händen
eines Feiglings oder von denen ihres Knechtes vollzogen werden! Das Blut der Planta stürzte ihr wild
zum Herzen und empörte sich gegen solch unwürdigen Eingriff. Die Entsagung der verwichenen Nacht entschwand
ihrem Gemüthe. Heute war sie noch die Herrin auf
Riedberg, — heute war sie noch die Erbin ihres Vaters und waltete zum letzten Male ihres Amts.

Was morgen komme war ihr gleichgültig, lag doch
wie ein stiller Friedhof das Kloster Cazis dort über
dem Rhein.

Noch warf sie einen Blick hinaus in die trübe,
sturmgepeitschte Gegend, ob der Pater nicht komme.
Sie wollte ihm die von ihr in der Nacht geschriebenen
und besiegelten Documente übergeben. Aber Stunden verstrichen und er kam nicht. Das Gefolge Rudolfs war
seinem Herrn nachgeeilt. Jetzt ließ auch sie satteln und
ritt nach Chur, von ihrem jüngsten Knechte, dem Sohne
des alten Lucas, begleitet.

Sie wollte zu Georg, ihn warnen und retten, oder
ihn mit reinen, gerechten Händen tödten. „Jürg ist
mein!“ sagte sie zu ihrem Herzen.

Erst gegen Mittag klopfte der verspätete Pater
ans Thor, und hörte mit Schrecken von dem Erscheinen
Rudolfs, und daß das Fräulein in der Frühe nach
Chur verreist sei. Eine vertraute Magd hatte den Auftrag, den Kapuziner in das Thurmzimmer zu führen,
wo ihre Herrin zu schreiben pflegte. Dort fand er die
Schenkungsurkunden in vollständiger Ordnung und die
schriftliche Erklärung, daß Lucretia Planta der Welt
entsage und im Kloster Cazis den Schleier nehme.

Nachdenklich und traurig stand der Mönch vor diesen Zeugen eines schweren und schmerzlich vollendeten
Seelenkampfes. Die Entscheidung erfreute ihn weniger,
als es von einem ächten Sohne des heiligen Franziskus
zu erwarten gewesen wäre. Auch beunruhigte ihn Lucretias Ritt nach Chur. Er wußte, daß sein Beichtkind in schwierigen Lagen die kleinen Hülfsmittel und
Auswege weltlicher Klugheit nicht fand, daß Lucretias
Gefühle mit unzerstörbarer Liebe im einmal Ergriffenen
wurzelten, daß ihre Gedanken mit erschreckender Gewalt
in der einmal betretenen Bahn fortstürzten. Es war
ihm oft aufgefallen, daß ihr nahe lag und sie natürlich fand, was Andern als gefahrvoll und unerhört
erschien, und daß sie es in aller Einfachheit that.

Er horchte die Dienstleute über die Vorfälle der
vergangenen Nacht aus und ihm wurde immer bänger.
Er steckte die Urkunden sorgfältig zu sich, bestieg sein
Eselchen und ritt trotz Wind und Wetter ohne Aufenthalt gen Chur, wo er Lucretia bei der greisen Gräfin
Travers zu finden hoffte, fest entschlossen, wenn so oder
so ein Unheil geschehen sei, das Fräulein nach Cazis in
Sicherheit zu bringen.

Dreizehntes Kapitel.

Zu derselben Stunde saß in seinem Hause zu
Chur der Ritter Doctor Fortunatus Sprecher mit einem
geehrten Gaste an der festlich besetzten Mittagstafel.
Die erwärmte Stimmung der Tischgesellschaft und der
solide Reichthum des Gemaches stand in behaglichem
Widerspruche mit dem Unwetter draußen auf der Gasse,
wo der rauschende Orkan den schmelzenden Schnee von
den Dächern warf und mit ohnmächtiger Wuth an den
vergoldeten Eisengittern rüttelte, die in unten weit
ausgebauchter Korbform die breiten Fenster von hellem
Glase schützten.

Der mit Silber und venetianischen Kelchen besetzte
Tisch nahm die Mitte des Zimmers ein. Der größte,
ebenso reiche als heimatlich behagliche Schmuck dieser
schönen Familienstube war ihr kunstreich geschnitztes
Nußbaumgetäfel, das durch zierliche korinthische Holzsäulen in zwölf mit Trophäen gefüllte Felder getheilt
war. Das oberste Gesimse wurde von Karyatiden in
halber Figur getragen, zwischen welchen ein rings
herumlaufender Holzfries die verschiedenen Scenen einer
Jagd mit Schützen, Hunden und zum Theil fabelhaftem
Gethier in erhabener Arbeit darstellte, auf welches
Werk der Doctor mit Recht besonders stolz war. Die
Stelle des Deckengemäldes vertrat das kühngeschnitzte
Wappen der Sprecher von Bernegg.

Die Ecke des Zimmers füllte, stattlich und kranzgekrönt, das warme Gebäude des Kachelofens. Ein
großartiger und zugleich kurzweiliger Anblick! Denn da
entfaltete sich zwischen zartgefärbten Engeln und Fruchtschnüren in mehreren Bilderreihen die ganze Geschichte
des Erzvaters Abraham. Die biblischen Scenen waren
in violetten, gelben und blauen Umrissen und Schattirungen mit großem Fleiß auf die weißen Kacheln gemalt und durch darunter gesetzte geistreiche Reimsprüche
erklärt und nutzbar gemacht.

Der Tischgenossen waren jetzt nur noch drei. Die
jüngern Kinder des Hauses, welche das untere Ende
der Tafel eingenommen und in bescheidener Stille ihr
Essen stehend verzehrt hatten, waren beurlaubt worden.
An dem Ehrenplatze, zwischen dem Hausherrn und seinem
blonden Töchterlein, saß, als gefeierter Gast, der Herr
Amtsbürgermeister Heinrich Waser. Heut am Tage
der öffentlichen Ueberreichung der Friedensakte, wozu
ihn seine den drei Bünden immer besonders gewogene
Vaterstadt, die Republik Zürich, abgeordnet hatte, befand er sich in voller Amtstracht und im Schmucke seiner
bürgermeisterlichen Kette. Die höchste Würde des Staates
war ihm um seiner besonnenen Leistungen und mit berechneter Bescheidenheit nur nach und nach ans Licht gestellten Verdienste willen ungewöhnlich früh und neidlos
zu Theil geworden, denn er stand, frisch und lebenslustig, erst am Eingange der Vierzigerjahre. Ein Hauch
von Jugendlichkeit schwebte auf seinen vom Gastmahle
gerötheten Zügen, deren frühere bewegliche Feinheit
sich zum behäbigen Ausdrucke einer wohlwollenden, aber
ans Schlaue streifenden Klugheit ausgeprägt hatte.

Heute sah er bewegt aus, besonders wenn er mit
seiner Nachbarin sprach, deren Worten und Mienen er
eine prüfende liebevolle Aufmerksamkeit schenkte. Ihr
kindliches Köpfchen, das auf einem lichten Halse über
dem blauen Tuchkleid und den von ihrer Mutter geerbten Holländerspitzen des durchsichtigen Flügelkragens
schwebte, hatte für ihn etwas äußerst Anziehendes. Die
weiche Rundung des hellen Gesichtes, der damit übereinstimmende sanfte Glanz ihrer unter langen blonden
Wimpern und angenehm gelockten Haaren hervorleuchtenden Augen machten einen Eindruck von befriedigter
Ruhe, welche Herrn Waser an die silberne Luna erinnerte, wie sie sich in den klaren Wassern des Zürchersee's spiegelt. Immer sehnlicher wünschte er, dieses
anmuthige Gestirn möchte glückbringend an seinem Abendhimmel aufgehen.

Obgleich des Doctors Lebensauffassung in Folge
seines galligen Temperamentes im Ganzen eine trübe
war, sah er dem unter seinen Augen sich vorbereitenden häuslichen Ereignisse nicht ohne väterliche Befriedigung entgegen. Aber seine Gedanken waren zerstreut. Herr Waser hatte ihm in allem Vertrauen vor
der Mittagstafel eine Kunde mitgetheilt, mit welcher er
Fräulein Amantia nicht vorzeitig, nicht heute betrüben
wollte — die Kunde vom Tode des Herzogs Rohan.
Ein deutsches Flugblatt, das denselben mit rührenden
Worten beschrieb, war nach Zürich gelangt und Waser
hatte es für seinen geschichtskundigen Freund mitgebracht.

Ueberdies beschäftigte diesen der jeden Augenblick
erwartete Einzug des Triumphators in Chur, dessen
Persönlichkeit ihm von jeher fremdartig und widerwärtig
gewesen und dem er am wenigsten verzeihen konnte,
daß er das Sprecher'sche Haus, eine Festung der Ehre,
wie der Doctor früher mit Stolz zu sagen gewohnt war,
durch Verrath befleckt hatte.

Doch sonderbar! Was der Bürgermeister dem
Fräulein in dieser Stunde festlichen Zusammenseins
noch verschweigen wollte, schien einen magnetischen Zug
auf dessen ahnungsvolles Gemüth auszuüben, wenigstens
kam Amantia heute in Gedanken und Worten von dem
guten Herzog Heinrich Rohan nicht weg und konnte
bei diesem Anlasse nicht umhin, auch seines tapfern
Adjutanten mit Interesse sich zu erinnern.

Herr Waser ließ für seinen Mitbürger keine übertriebene Vorliebe blicken. Der Bravour und dem aufgeweckten, gebildeten Geiste Wertmüllers widerfuhr von
seinem Munde Gerechtigkeit, aber er schüttelte bedenklich
den Kopf über des Locotenenten schneidiges und den
Widerspruch absichtlich reizendes Wesen, womit er seine
Landsleute beunruhige und sich eine unangenehme Berühmtheit in seiner Vaterstadt zugezogen habe. So
selten er in Zürich verweile, sei es ihm gelungen,
durch seine Ausfälle gegen eine hohe Geistlichkeit Abscheu, durch sein hochmüthiges Geringschätzen der in
ihrer Art interessanten städtischen Angelegenheiten allgemeine Mißbilligung und durch allerlei physikalischen
Hokuspokus, der ihn dem freilich thörichten Verdachte
der Zauberei aussetze, bei dem gemeinen Manne unheimliche Furcht zu erregen. So habe er sich in Zürich
den Weg verrammelt und das Zutrauen einer löblichen
Bürgerschaft in alle Zukunft verscherzt, welches doch,
nebst einem reinen Gewissen, die Lebenslust des ächten
Republikaners sei. — „Das Schlimmste aber an dem
jungen Manne,“ schloß der mehr als billig erregte
Bürgermeister, „ist sein Mangel an aller und jeder
Pietät, — denn, ich bitt' Euch, innig verehrte — dürft'
ich sagen innig geliebte! — Jungfer Sprecherin, was
ist alles Wissen und Können der Welt ohne die Grundlage eines religiösen Gemüthes!“

„Was mir den Locotenenten werth machte,“ sagte
Fräulein Amantia fast beschämt, „war seine Treue an
dem edlen Herzog Heinrich. Da hat er sich als ächten
Cavalier gezeigt neben dem Verräther Georg Jenatsch,
der mir trotz seines gewinnenden Wesens immer wie
ein böser Geist vorkam, wenn er über unsere Treppen
zum Herzog hinaufsprang.“

„Ein schwer zu beurtheilender Charakter,“ sagte
der zürcherische Bürgermeister, indem er, in einen
traurig ernsten Ton übergehend, sich an Herrn Fortunatus wandte. „In einem Stücke wenigstens überragt Georg Jenatsch unsere größten Zeitgenossen — in
seiner übermächtigen Vaterlandsliebe. Wie ich ihn
kenne, so strömt sie ihm wie das Blut durch die Adern.
Sie ist der einzige überall passende Schlüssel zu seinem
vielgestaltigen Wesen. Ich muß zugeben, er hat ihr
mehr geopfert, als ein aufrechtes Gewissen verantworten
kann. Aber,“ fuhr er zögernd und mit gedämpfter
Stimme fort, „ist es nicht ein Glück für uns ehrenhafte Staatsleute, wenn zum Heile des Vaterlandes
nothwendige Thaten, die von reinen Händen nicht
vollbracht werden können, von solchen gesetzlosen Kraftmenschen übernommen werden, — die dann der allwissende Gott in seiner Gerechtigkeit richten mag.
Denn auch sie sind seine Werkzeuge, — wie geschrieben
steht: Er lenkt die Herzen der Menschen wie Wasserbäche.“

„Das ist ein seltsam gefährlicher Satz,“ rief Herr
Fortunatus entrüstet, „den ich erstaunt bin, unter den
Betrachtungen und Maximen Eurer Gestrengen zu finden! Damit ist man auf geradem Wege, die schlimmsten
Verbrechen zu rechtfertigen. Bedenkt, wie leicht solch
ein gesetz- und gewissenloser Mensch, einmal in seine
unberechenbare Bahn geschleudert und von seinen Leidenschaften wie von einem Orkan getrieben, sein eigen gelungen Werk zerstört. Wißt Ihr, wohin es schon mit
Jürg Jenatsch gekommen ist? Ich erfahre aus zuverlässigen Quellen, daß er bei den Verhandlungen in
Mailand dem an seinen Vorschlägen mäkelnden Herzog
Serbelloni wie ein Rasender gedroht hat, er rufe die
Franzosen wieder nach Bünden, wenn Spanien nicht
seinen Willen thue, ja, daß er, um den Beichtvater
seiner hispanischen Majestät zu gewinnen — denn er
wollte einen andern Einfluß gegen den Serbellonis zu
Madrid in die Wagschale werfen — seinen angestammten evangelischen Glauben freventlich abgeschworen hat.“

„Da sei Gott vor,“ sagte der Bürgermeister aufrichtig erschrocken.

„Und was fängt unser kleines Land mit diesem
jetzt müßig gewordenen und an Thaten noch ungesättigten Menschen an,“ fuhr Sprecher fort, „der unsern
engen Verhältnissen entwachsen und von seinen beispiellosen Erfolgen trunken ist bis zum Wahnsinn? —
In den Pausen seiner Unterhandlungen zu Mailand
hat er in unserer Grafschaft Chiavenna, wo er sich
von den drei Bünden zum Lohne seines Verraths an
Herzog Heinrich die ganze Civil- und Militärgewalt
unumschränkt übertragen ließ, gewirthschaftet wie ein
ausschweifender Nero und einen mehr als fürstlichen
Hofhalt geführt. Ich könnte Euch manches davon erzählen, denn ich verzeichne seine Thaten allwöchentlich
mit dem scharfen Griffel der Klio, dessen Spitze ich
übrigens zu niemandes Gunsten abstumpfen würde,
nicht einmal zu Gunsten eines Sohnes oder —
Schwiegersohnes,“ schloß Herr Fortunatus mit trübem
Lächeln.

„Gott genade uns, welch' ein Unwetter!“ rief
Fräulein Amantia, unter diesem Schreckensruf ein
zartes Erröthen verbergend, und wirklich hatte sich der
Sturm draußen verdoppelt und seine Stöße, welche
die Gitterverzierungen am Fenster wegzureißen drohten,
ließen das feste Haus erbeben und die Gläser auf der
Tafel leise klingen. Es öffnete sich die Thür, eine erschrockene Magd erschien und berichtete, der alte Glockenthurm zu Sankt Luzi sei, nachdem man ihn einige
Male habe schwanken sehen, in dem Unwetter krachend
zusammengestürzt, gerade als der Oberst Jenatsch mit
seinem Gefolge durch das Thor eingeritten.

„Das ist nicht ohne Bedeutung,“ sagte ernst Herr
Fortunatus, während die Männer ans Fenster traten.
„Wir wissen aus Tito Livio und haben auch hier die
Erfahrung öfter gemacht, daß die Natur mit der Geschichte in geheimem Zusammenhange steht, große Begebenheiten vorausfühlt und mit ihren Schrecknissen
ankündigt und begleitet.“

Unter andern Umständen hätte wohl der Bürgermeister diese abergläubische Bemerkung mit einem feinen
Lächeln beantwortet, diesmal aber konnte er sich eines
peinlichen Eindrucks nicht erwehren. Das Zusammenstürzen des Luzienthurmes erinnerte ihn an die dem
Veltlinermord vorhergehenden Tage seines Aufenthaltes
in Berbenn, an die damaligen Zeichen und Wunder
und an den blutigen Tod der schönen Lucia.

Der Sturm schien sich ausgetobt zu haben, aber
die Luft war feucht und schwer und dunkle Wolken
hingen tief herab. Die Gasse hatte sich mit geringem
Volke von zerzaustem und verstörtem Aussehen gefüllt.
Jetzt sprengte ein Reiter um die Ecke in juwelenglänzender rother Tracht und wehendem Mantel, den Hut
mit den flatternden Federn fest in die Stirn gedrückt.
Es war Jürg Jenatsch, der seinen unruhigen Rappen
hart vor dem Sprecher'schen Hause bändigte und sich
nach seinem Ehrengeleit umsah, das, vom Sturme aufgehalten, eine Straßenlänge hinter dem Voranjagenden
zurückgeblieben war.

Waser konnte seinen Blick von der Erscheinung
des Jugendfreundes nicht verwenden. Er hing wie
gebannt an dem starren Ausdrucke des metallbraunen
Angesichts. Auf den großen Zügen lag gleichgültiger
Trotz, der nach Himmel und Hölle, nach Tod und Gericht nichts mehr fragte. Das Auge blickte fremd über
den erreichten Triumph hinweg, — welches unbekannte
Ziel ergreifend? . . . Und wieder tauchte dem Bürgermeister eine alte Erinnerung auf: der Brand von
Berbenn. Er sah Jürg, die schöne Leiche in den
Armen, mit jenem aus Gluth und Kälte gemischten
Ausdrucke, den er nie hatte vergessen können. Wie
kommt es, fragte er sich, daß Jürg heute auf dem
Gipfel des Ruhmes gerade so drein schaut, wie damals
in der Tiefe des Elends?

„Seht einmal,“ flüsterte Sprecher durch die gleichgültige Haltung des ihn nicht beachtenden Reiters gereizt, „der Abtrünnige trägt die Ordenskette St. Jacobi
von Compostella!“

Waser antwortete nicht, denn ihm zu Häupten
ertönte — eine Seltenheit zu Anfang des Frühjahrs —
dumpfes Donnerrollen und jäh zerriß ein falber Blitz
die niederhangenden Wolken.

„Der Strahl des Gerichts!“ murmelte Sprecher
erbleichend.

Auch Waser glaubte, Feuer vom Himmel habe den
Trotzigen getroffen; aber als seine geblendeten Augen
wieder aufblickten, saß Jenatsch unbewegt auf dem sich
bäumenden, stampfenden Rappen. Er zwang sein Thier
mit fester Hand. Er allein schien Blitz und Donner
nicht bemerkt zu haben.

Waser verweilte nicht mehr lange. Es drängte
ihn, Jürg aufzusuchen, um den peinigenden Eindruck,
den dieser aus der Ferne auf ihn gemacht, durch ein
paar freundschaftliche Worte von Mund zu Munde zu
brechen. Dies gedachte er noch vor der feierlichen
Rathssitzung zu thun. Sprechers Stimmung gegen
Jenatsch konnte, war seine Befürchtung, in Bünden eine
verbreitete sein. Ich will ihn beschwören, sagte sich
Waser, daß er sich bescheide und, nachdem er das Friedensdocument dem Rathe übergeben und so den Höhepunkt seiner ruhmvollen Bahn erreicht hat, sich eine
Weile zurückziehe, um den Neid der Götter und der
Menschen nicht zu reizen. Er möge, wollte Waser ihm
andeuten, seine kriegerische Laufbahn im Auslande fortsetzen, oder den Versuch machen, ob es ihm gelinge
durch Begründung eines häuslichen Herdes auf seinen
Gütern in Davos seine unruhige Seele auf stillere
Wege zu führen.

Von Herrn Fortunatus unter die Hauspforte geleitet, hatte sich Waser bei diesem erkundigt, wo Jenatsch
absteige und der Ritter in bitterm Tone geantwortet:
„Wie könnt Ihr fragen, verehrter Freund? Natürlich
im bischöflichen Hof.“

Als der Bürgermeister von einem Diener geleitet
durch die hallenden Gänge der bischöflichen Residenz
schritt, tönte ihm durch eine Thüre zur Rechten die
wohlbekannte Stimme seines Freundes in heftiger Erregung entgegen. Sie war im Zwiegespräch, um nicht
zu sagen im Wortwechsel, mit einer andern etwas fetten
und schwerfälligen. Er wurde von dem bischöflichen
Kammerdiener in ein gegenüberliegendes Zimmer geführt und dieser entfernte sich, um ihn anzumelden.
Die fernen Stimmen wurden unhörbar, kurz darauf
aber wurde eine Thür im Gange aufgerissen. Es war
Jenatsch, der Urlaub nahm. „Macht Euch keine Rechnung darauf, Gnaden,“ hörte Waser ihn auf dem
Gange draußen mit heiserer fast schreiender Stimme
zurückreden. „Daraus wird nichts! Ich will keine hergestellten Klöster im Land! Ich dulde keine geistlichen
Uebergriffe!“

„An diesem Euerm Ehrentage, Herr Oberst,“ beruhigte man von innen mit salbungsvollem Tone, „will
ich Euch mit unsern bescheidenen Wünschen nicht belästigen, bin ich doch gewiß, daß unsere kleinen Meinungsverschiedenheiten sich mit der Zeit von selbst ausgleichen werden, jetzt, da Ihr im Glauben wiedergeboren und aus einem Saulus ein Paulus geworden
seid.“ —

Die Zimmerthür flog auf und Jürg schritt seinem
Jugendfreunde mit ausgebreiteten Armen entgegen. Er
faßte ihn an beiden Schultern: „Auch einer, der sein
Ziel erreicht hat!“ sagte er mit dem alten, fröhlichen
Lachen. „Ich gratulire, Herr Bürgermeister!“

„Es ist mir eine besondere Freude,“ erwiederte
Waser, „daß ich, kaum mit meiner neuen Würde bekleidet, von meinen gnädigen Herren zu Deinem
Triumphe nach Chur abgeordnet bin. Du hast, ich
muß es Dir sagen, das Unerhörte gethan, und das
Unmögliche erreicht.“

„Wenn Du wüßtest, Heini, um welchen Preis
und mit welchen Verrenkungen meines Wesens! Noch
in den letzten Augenblicken wollten sie meine Heimat
um das von mir Erraffte betrügen. — Da habe ich
die letzte Karte ausgespielt — eine schmutzige Karte . . .
puh! Aber ich drängte vorwärts, vorwärts, damit der
Fieberschauer meines Lebens nicht ohne Frucht bleibe,
nicht umsonst sei. Nun bin ich am Ziel und gern
möcht' ich sagen: Ich bin müde! wäre nicht ein Dämon
in mich gefahren, der mich vorwärts ins Unbekannte,
ins Leere peitscht.“

„Mit jenem letzten unsaubern Mittel,“ sagte
Waser bang und nur an einem Gedanken haftend,
„meinst Du doch nicht den Abfall von unserm helvetischreformirten Glauben zum Papismus? . . . das wird
nicht, kann nicht sein!“

„Und ist es,“ rief der Andere mit frevler Heiterkeit, „so hab' ich eine Fratze gegen eine Fratze getauscht!“

„Du hast in Zürich Gottesgelahrtheit studirt“ . . .
sagte Waser erschüttert, wandte sich ab und bedeckte
das Angesicht mit beiden Händen. Schwere Thränen
rannen durch seine Finger.

Da schlug Jenatsch den Arm um ihn und sagte
in einem zornmüthigen Humor: „Flenne mir nicht wie
ein Weib, Bürgermeister! Was ist denn da Besonderes? Da habe ich ganz andere Dinge auf meinem
soliden Gewissen!“ . . . Dann plötzlich den Ton wechselnd, fragte er dringend: „Was habt Ihr denn in
Zürich für Bericht von der bei Rheinfelden von Herzog
Bernhard den Kaiserlichen gelieferten Schlacht? Ich
weiß noch nichts Näheres,“ fügte er bei, „in Thusis
hieß es, Rohan sei leicht verwundet.“

Waser versetzte mit unsicherer Stimme: „Sein
Zustand war gefährlicher, als man anfangs glaubte“ . . .
hier hielt er inne.

„Heraus mit der Sprache, Heinrich,“ rief Jenatsch
rauh, „er ist gestorben?“ Und es ging wie ein Todesschatten über sein Antlitz.

In diesem Augenblick ertönte, — Herrn Waser
sehr unwillkommen, der noch gern seinen Freund gewarnt und sein eigenes Gemüth in ruhigem Gespräch
mit ihm erleichtert hätte, — die Glocke, welche die
Beiden auf das Rathhaus rief.

Jenatsch ergriff die Rolle, welche Bündens Rettung enthielt, hob sie gegen Waser empor und rief:
„Theuer erkauft!“

Letztes Kapitel.

Auf dem Rathhause zu Chur wurden nach dem
Schlusse der feierlichen Sitzung, in welcher Georg Jenatsch
das Friedensdocument überreicht hatte, Vorbereitungen
zu einem glänzenden Feste getroffen, mit dem ihn die
Stadt am Abende desselben Tages ehren wollte. Es
war Fastnachtszeit und die Churerinnen freuten sich auf
den fröhlichen Anlaß; der Winter war den durch die
Geselligkeit der frühern Jahre Verwöhnten allzu still
und ernsthaft vergangen, sie hatten die erfindungsreiche
Galanterie der französischen Edelleute vermißt, die allwöchentlich aus der nahen Rheinfestung nach Chur zu
eilen pflegten. Heute sollte das Versäumte nachgeholt
werden. Die Väter der Stadt hatten sich nicht geweigert, die weite, bequeme Halle, wo sie zur Sommerszeit das Heil des Landes beriethen, dem wirbelnden
Reigen und der Maskenfreiheit aufzuthun, und in den
beiden zur Rechten und zur Linken auf diesen Saal
sich öffnenden Sitzungszimmern die Schenktische rüsten
zu lassen.

Das eine dieser Nebengemächer, vor dessen Eingang
die schmale, vom Hausflur auf den weiten Saal führende Wendeltreppe ausmündete, war die Kammer der
Justitia, deren aus Holz geschnitztes, buntbemaltes Bildniß, auf einem phantastischen Sitze von Hirschgeweihen
thronend, an drei Ketten von der Decke herunterhing.
Unter dem Bilde stand ein hoher Holzbock und auf diesem der beleibte Festwirth, der das mächtige Geweih
geschäftig mit Wachskerzen besteckte. Während seine
Hände sich beeilten, ging auch seine Zunge nicht müßig.
Sie ließ gewichtige Worte fallen in einen Kreis junger
Leute, welche das seidene geschlitzte Festwams mit dem
breit ausgelegten Spitzenkragen, das reich bebänderte
Beinkleid und die verwegensten Schuhrosetten zur Schau
trugen, dabei schon den Becher handhabten, um, wie sie
sagten, die Festweine zu prüfen, und die Aussprüche
des Redseligen lustig auffingen, ihn zu immer neuen
Mittheilungen ermunternd.

„Also, Vater Fausch,“ lachte ein flotter Geselle,
„Ihr seid es, der das Genie des Obersten aus den
Windeln gewickelt hat, wodurch Ihr, ich will nicht sagen
die kleine, aber die verborgene Ursache großer Dinge
geworden seid! Gesteht, Ihr habt ihm auch seinen Plan
eingehaucht, der eines Niccolò Macchiavelli würdig ist!
Warum aber habt Ihr die Hauptrolle darin nicht selbst
übernommen?“

„Daß es probat sei, Frankreich gegen Hispanien
und Hispanien gegen Frankreich zu hetzen,“ versetzte der
Kleine, eine Kerze in der Hand, von seiner Höhe herunter, „und dann den Kopf leise aus der Schlinge zu
ziehn, das mag ich Jürg in vertraulichen Stunden wohl
angedeutet haben zur Zeit, als wir in der schönen
Stadt Venezia zusammentrafen. Selbst aber das Geschäft übernehmen konnte ich nicht, wenn ich nicht dem
herben Weine meiner Denkungsart einen unächten Beisatz geben und meine demokratische Vergangenheit beschämen wollte. Nie sah Bünden einen ehrenvollern
Tag als jenen großen, da ich die französische Ambassade
über die Grenze wies.“ Und Fausch machte eine gebieterische Geberde mit seiner Wachskerze.

„Bekannt! Bekannt wie die Schöpfungsgeschichte!“
scholl es aus allen Ecken. „Etwas anderes, Vater
Lorenz! — Erzählt uns lieber, wie Ihr, ein hartgesottener Ketzer, Kellermeister bei seinen bischöflichen
Gnaden geworden seid.“

„Gern, meine Herren,“ versetzte Fausch, „es ist
in unsern Zeiten eine lehrreiche Geschichte.

„Als seine Gnaden für ihren weltberühmten bischöflichen Keller einen Mann nach ihrem Herzen, ausgerüstet
mit den erforderlichen Kenntnissen und Tugenden suchten,
schrieben sie mir nach Venedig, an meiner ihnen wohlbekannten Person sei nur eines, das sie störe — die
Verschiedenheit des Glaubens. Sie meinten, ihr Malanser würde ihnen nicht schmecken, wenn ihr Kellermeister und Mundschenk die bestimmte Aussicht hätte,
dereinst in der Flamme ewigen Durst zu leiden, und
drangen heftig in mich, zum Besten ihres Kellers und
meiner Seele die protestantischen Ketzereien abzuthun.
Lorenz Fausch aber, meine Herren, blieb fest und gelangte doch ans Ziel. Die Unterhandlung schloß damit,
daß Gnaden einsahen, ein Apostat wäre nicht der Mann,
ihnen reinen Wein einzuschenken.“

Fausch verstummte, denn eben war ein junges
Rathsglied zu der Gruppe getreten und erzählte mit
Lebhaftigkeit, wie stolz der Oberst dem Bürgermeister
Meyer die Urkunde überreicht und in wie wohlgesetzten
Worten das zürcherische Standeshaupt den Glückwunsch
seiner Vaterstadt zu Bündens glorreicher und wunderbarer Wiederherstellung vorgebracht habe.

„Der Heini Waser hat gleichfalls mit mir auf
derselben Schulbank geschwitzt,“ rief Meister Lorenz von
seinem Holzbock herunter. „Auch ein Pfiffikus! Aber
mit unserm Jenatio verglichen, ein Ingenium zweiten
Ranges. Wenn mein Jürg mir nur nicht hoffärtig
wird! — Ich will heut Abend die Maskenfreiheit benützen, um ihm sein erstes geringes Kleid, den Pfarrrock,
und die unterste Staffel seines Ruhms, die arme
Kanzel, in heilsame Erinnerung zu bringen. Gebt mir
auf den Spaß wohl Acht, ihr Herren! Ich schleiche als
Küster hinter ihm her und spreche ihn um den Liedervers zu seiner Predigt an, so wahr ich Lorenz Fausch
heiße.“

Unterdessen hatten sich alle Lichter entzündet und
der Saal begann sich zu füllen. In den Nischen der
breiten Fenster flüsterten junge Damen und verzeichneten auf ihren Fächern die Tänze, welche sie den vor
ihnen stehenden Cavalieren versprochen. Allmälig erschienen auch die Standespersonen, voran der Amtsbürgermeister Meyer mit seiner vornehm blickenden Gemahlin,
welche den runden Hals und die vollen Arme mit Perlenschnüren umwunden, in einem golddurchwirkten Schleppkleide neben dem stattlichsten der Gatten einherschritt. Bald
nach ihnen betrat den Saal der Ritter Doctor Fortunatus
Sprecher, den Alles sich wunderte hier zu erblicken. Auch
war sein Antlitz trüb und unfestlich. Der allen rauschenden Vergnügungen abholde Doctor hatte wohl sich heute
Gewalt angethan um seines zürcherischen Freundes und
Gastes willen, den er auch damit ehrte, daß er durch
ihn sein liebliches Töchterlein aufführen ließ. Fräulein
Amantia sah in ihrem weißen Seidenkleide und dem
vorn von einer Blume aus Edelgestein zusammengehaltenen Florwölklein um Nacken und Schultern an der
Hand des ehren- und tugendfesten Bürgermeisters glücklich und verschämt aus, fast wie eine züchtige Braut.

Während Herr Waser sie unter ihre Freundinnen
führte, welche dem Treppenaufgang und der Kammer
der Justitia gegenüber am andern Ende des Saales
jugendliche Gruppen bildeten, klangen die Stufen von
Männertritten und Jenatsch betrat mit einem zahlreichen
Gefolge seiner Offiziere die Tanzhalle. Sein gewaltiger
Körperbau und sein feuriges Antlitz machten ihn noch
immer zum Mächtigsten und Schönsten unter Allen.

Noch stand er von vielen Seiten begrüßt neben
dem Bürgermeister Meyer und seiner Gemahlin in der
Mitte des Saales, als zu nicht geringem Schrecken
dieser Magistratsperson der Doctor Sprecher mit einer
Todtengräbermiene sich unfern von ihnen unter den
Kronleuchter stellte und, mit einer Bewegung der Rechten Schweigen verlangend, also zu reden anhub:

„Manche von Euch fragen mich, werthe Mitbürger,
was diese Trauer meines Angesichts bedeute, die ich
vergeblich um des heutigen Ehrenfestes willen unter der
Maske der Heiterkeit zu verbergen trachte. Wollet es
mir verzeihen, wenn ich ein großes Leid, das mir widerfahren ist, nicht länger verheimliche, weil ich überzeugt
bin, daß es in vollstem Maße auch das Eurige ist, und
wollet es den Boten nicht entgelten lassen, der Eure
Freude in Trauer verwandeln muß.

Unser hoher Gönner und treuester Freund, der
Herzog Heinrich Rohan, hat das Zeitliche gesegnet.“

Hier wanderte Sprechers Blick durch die erst lautlos schweigende und jetzt bei seinem letzten Worte bestürzte Gesellschaft. „Ein Flugblatt mit dem Berichte
seines Endes ist eben in meine Hände gekommen. Wollt
Ihr die traurige Zeitung anhören?“ fragte er, ein bedrucktes Papier aus der Brusttasche ziehend.

„Leset, leset!“ ertönte es von allen Seiten.

Sprecher trocknete sich die Augen und begann:

„Allen evangelischen Herren, Städten und Landschaften deutscher Nation geschieht hiermit Kunde, daß
Herzog Bernhard von Weimar bei Schloß und Stadt
Rheinfelden eine glänzende Viktoria über die Kaiserlichen erfochten hat. In dieser Feldschlacht, die zwei
Tage dauerte, wurde der in der Tracht eines gemeinen
Reiters in unsern Reihen mitfechtende Herzog Heinz
Rohan von dem Feinde nach tapferer Gegenwehr und
erlittener Verwundung zum Gefangenen gemacht; am
zweiten Tage aber bei erneuertem Angriffe von dem
Hauptmann Rudolf Wertmüller und seinem Reiterfähnlein mit fürtrefflicher Tapferkeit herausgehauen und im
Triumphe ins Lager zurückgeführt. Herzog Bernhard
ließ ihn in sein Zelt bringen, allwo die Wunde untersucht und ungefährlich, der edle Herr aber sehr schwach
befunden wurde. Herr Bernhard wich nicht von seiner
Seiten. Am fünften Tage danach, als es mit Herzog
Heinz zum Sterben gehen sollte, verlangte er nach
einem geistlichen deutschen Lied, wie er solche im Heer
sonderlich gern hatte singen hören. Da versammelten
sich wohl hundert Mann aus dem Lager, Reiter und
Fußvolk, alle wohl geübt und erfahren in dieser fröhlichen Kunst, vor dem Gezelt des Herzogs und sangen
ihm ein neu geistlich Lied, das unlängst in das Lager
gekommen war und bald große Gunst gefunden hatte.
Nach dem Gesätzlein:
Wohl Dir, Du Kind der Treue,
Du hast und trägst davon
Mit Lob und Dankgeschreie
Den Sieg und Ehrenkron . . .
that sich sachte das Gezelt auf und man winkete, daß
der Herr selig verschieden sei. Als die Aerzte ihn
öffneten, um ihn einzubalsamiren, fanden sie das Herz
von Kümmerniß gänzlich zerstöret. So fuhr dahin in
Ehren der edle Herzog Heinz aus Welschland. Wenn
einst, wie wir alle unverrücket hoffen, das deutsche
Reich erneuet wird in evangelischer Freiheit und großer
Gloria, so wird man auch dieses gottesfürchtigen welschen Herzogs gedenken, dieweil er glaubenshalber aus
seinem Vaterlande gewichen und nachdem er sich seiner
hohen Ehren demüthiglich abgethan, im evangelischen
deutschen Heer einen frommen Reiterstod gestorben ist.
Amen.“

Tiefe Bewegung hatte sich der ganzen Versammlung bemächtigt, es bildeten sich leise redende Gruppen.
Wie damals da der Herzog am Thore von Chur Abschied nahm, stand Jenatsch eine Weile allein mit verfinstertem Antlitz.

Dann trat der Bürgermeister Meyer auf ihn zu
und redete ihn herzlich und ehrerbietig an: „Wir Churer
glauben Eurer Genehmigung gewiß zu sein, Herr Oberst,
wenn wir Euch vorschlagen, das Euch gebotene Dank- und Ehrenfest auf einen spätern Tag zu verlegen. Habt
Ihr doch selbst besser als jeder Andere das unserm
Lande wohlgewogene Gemüth des guten Herzogs gekannt und müßte es Euch doch selber schmerzen, wenn
wir seinen Tod bei Fackelschein und Reigentanz mit
hartem Herzen zu feiern den Anschein hätten.“

Der Oberst schwieg und ließ seine dunkeln Blicke
verächtlich über die undankbare Menge schweifen, die
über einem Verschollenen und Todten die Gegenwart
ihres Retters vergaß.

An dem obern Ende des Saales wurden die Lichter schon ausgelöscht und die geschmückten Frauen ließen
sich von ihren Cavalieren zur Treppe geleiten. Herr
Sprecher hatte, einer der Ersten, das Rathhaus verlassen.
Besorglich legte sich eine Hand auf den Arm des Obersten und als er verstimmt sich umwandte, sah er in das
fragende Gesicht des zürcherischen Bürgermeisters, der
die in Thränen aufgelöste Amantia wegführte.

„Ich muß mit Dir reden! Heute noch, Jürg!
Bleibst Du hier?“ flüsterte Waser und, als Jenatsch
ihm leicht zunickte: „So komm' ich wieder.“

Jetzt reckte sich der Oberst zu seiner ganzen Höhe
empor und sagte, das Haupt trotzig zurückwerfend, zu
dem noch seiner Antwort harrenden Meyer, doch so, daß
seine bebende Stimme durch den ganzen Saal klang:
„Ich will mein Fest, Bürgermeister. Geht oder bleibt
nach Eurem Belieben!“ —

Verwirrung füllte den Saal, unheimliche Dämmerung hatte sich zu verbreiten begonnen, in deren Schutz
die meisten angesehenen Churer und fast alle Frauen
sich unbemerkt entfernt hatten. Doch auf des Obersten
herrisches Wort entzündeten sich die Lichter von Neuem
und beleuchteten den beginnenden Reigen. Aber die
Gäste waren andere geworden und die Feier schien sich
in eine wilde Lustbarkeit verwandeln zu wollen.

Bevor Waser die Treppe erreichte, war sein Auge
an einer großen Frauengestalt in dunkler venetianischer
Tracht haften geblieben, die dem Strome der forteilenden, den Stufen zudrängenden Churerinnen allein entgegen schritt. Es war etwas in der eigenthümlichen
Haltung dieses edelgeformten Hauptes, in der traurigen
Gluth dieser durch die sammtene Halbmaske blickenden,
suchenden Augen, das ihn seltsam schaurig berührte.

Er sah ihr nach, wie sie, das Gewühl der Tanzenden meidend, die Kammer der Justitia betrat. Diese
hohe, reiche Gestalt kannte er nicht, aber sie mußte
auch Jenatsch aufgefallen sein, denn der Oberst richtete
sogleich seinen Gang nach derselben Schwelle. Ob er
sie überschritt, das sah Waser nicht mehr, das Gedränge
auf der Treppe wurde jetzt so groß, daß der Bürgermeister seiner ganzen Würde und Vorsicht bedurfte,
um die verwirrte Amantia ungefährdet durch den Engpaß zu bringen. Es war ein toller Maskenzug, der
die Treppe hinauf stürmte, wilde Gesellen unter der
Führung einer kolossalen Bärin, der ein großes Schild
mit den Wappen der drei Bünde an einer Kette um
den zottigen Hals hing.

Sobald Waser die heimgeleitete Amantia einer
alten Dienerin übergeben hatte, eilte er wieder nach
dem Rathhause zurück, ohne nach dem Doctor zu fragen,
dem er es nicht leicht verzieh, daß er das unschuldige
Flugblatt in so feindseliger und hinterlistiger Weise
zur Beleidigung des Obersten ausgebeutet hatte.

Schon von fern sah er vor dem Staatsgebäude
ein unsicher beleuchtetes verworrenes Gewühl und es
ward ihm schwer, bis zur Hauspforte vorzudringen.
Die gleichen Masken, denen er vor einer halben Stunde
auf der Treppe begegnet war, entstürzten jetzt dem
Hausflur in wilder Hast. Inmitten des an die dreißig
Vermummte zählenden Haufens glaubte er plötzlich im
Scheine einer sprühenden Fackel die ungeheure Bärin
zu erblicken, die zerzaust und blutig mit einer über die
Schultern gelegten Puppe oder Leiche davon schritt.
Waser hatte die Thüre erreicht. Er warf einen Blick
auf die Wendeltreppe, sie füllte sich eben wieder mit
taumelnden Gästen, die wirr durcheinander schrieen und
hastig davoneilten.

Oben verstummte mit abgerissenen Tönen die
Musik.

Jetzt gewahrte Waser hart neben sich einen untersetzten Franziskanermönch, dessen von der Capuze beschattetes Augenpaar er forschend auf sich gerichtet
fühlte. Eine Maske war das nicht. Der Mönch warf
seine regentriefende Capuze zurück und Waser erkannte
das nüchterne, geisteskräftige Gesicht des Paters Pancraz
und seine klug blitzenden Augen. Die beiden Männer
schüttelten sich die Hände.

„Thun wir uns zusammen, Herr Bürgermeister,“
sagte der Pater leis aber eindringlich. „Welt und
Kirche, Ehrenkette und Kuttenstrick im Bunde werden
durch den tollsten Spuck dringen! Ich lese auf Eurem
Gesicht, daß Ihr wie ich in Sorge seid um den Obersten.
Etwas ist droben vorgefallen. Was sie dort fortschleppten — ich habe das niederhangende Haupt scharf
angesehn — war der todte oder ohnmächtige Rudolf
Planta. Um den ist's kein Schade und an der Fastnacht sind blutige Köpfe nichts besonderes, aber gut
ist's doch, wenn wir hinaufkommen!“

Bei diesen Worten schob er den Bürgermeister in
eine gesicherte Ecke und stellte sich vor ihn, denn ein
paar trunkene Officiere stürzten sich eben, mit den
Degen fuchtelnd, in die Menge hinunter.

Der Pater verschwieg seine Hauptsorge — Lucretia.
Er war, durch das Unwetter verspätet, vor einer Stunde
erst in Chur angelangt, hatte die alte Gräfin Travers,
die, hinfällig wie sie war, sich frühzeitig zur Ruhe gelegt hatte, zwar nicht gesehn, aber von der Dienerschaft erfahren, das Fräulein sei noch vor Mittag angelangt, habe ihrer Muhme Gesellschaft geleistet und
sich dann, wie sie bisweilen zu thun pflegte, in ein
für ihren Besuch immer bereit gehaltenes Gemach
zurückgezogen, um sich umzukleiden. Erst vor Kurzem
habe sie, in ein weites Uebergewand gehüllt, das Haus
wieder verlassen, Ihr Knecht, der Sohn des Riedberger Kastellans, sei ihr auf diesem Gange mit der
Fackel vorangeschritten. Wohin sie sich habe geleiten
lassen, wußte niemand zu sagen.

Pancratius hatte aus dem Berichte der Dienstleute
zu Riedberg Verdacht geschöpft, der junge Planta, den
er für einen Feigling hielt, möchte in Bünden beherztere Genossen gefunden haben. Er fürchtete, der
Neid der mächtigen Familien, die Georg Jenatsch
beleidigt hatte, könnte, durch seinen letzten größten
Erfolg aufgestachelt, in mörderische Gewaltthat ausbrechen. Damit mußte Lucretias Verschwinden zusammenhangen, denn bei ihrer Gemüthsart zweifelte
er nicht, daß sie als Mitschuldige oder als Warnerin
in das Unheil verflochten sei. Dieses aber schwebte
über dem Haupte des Obersten, — als die eine oder
die andere war sie in seine Nähe gebannt und er
eilte sie dort zu suchen.

Und Lucretia war es gewesen, deren ernste feierliche Gestalt dem zürcherischen Bürgermeister in der
Verwirrung des Aufbruchs im Saale begegnet und
deren Schritten Jenatsch mit aufglühender Freude in
die Kammer der Justitia gefolgt war.

„Willkommen Lucretia!“ rief Georg der sich nach
ihm Umwendenden entgegen, „ich danke Dir, daß Du
an meinem Feste nicht fehlst. Du bringst mir die
Freude! Die Welt ist mir schal geworden, ihre Beuten
und Ehren sind mir ein Ekel! Gieb mir meine junge,
frische Seele wieder! Sie ging mir längst verloren —
sie blieb bei Dir. Gieb mir sie mit Deinem treuen
Herzen! Du hast sie darin aufbewahrt!“ Er umfaßte
sie mit beiden Armen und drückte ihr Haupt, dem die
Maske entfiel, an seine Brust.

„Hüte Dich, hüte Dich, Jürg!“ flüsterte sie, seiner
Umschlingung widerstrebend und erhob zu ihm Augen
voll unendlicher Angst und Liebe.

Er mißverstand sie. „Ich weiß es schon,“ rief er,
„auf Riedberg wird keine Hochzeit gefeiert! Kehre niemals dorthin zurück! Du bleibst bei mir auf ewig!
Wir verreiten noch heute nach Davos! — Jetzt aber
zum Reigen!“ —

Im Saale erklang eine rauschende wilde Tanzweise. Jenatsch löste seinen Degengurt, warf die Waffe
auf einen Sitz und umfaßte Lucretia fester. Ihre
Augen hafteten starr an der Thür, wo, hereinblickend,
verlarvte Gestalten sich drängten. Sie hatte die scharfe
widrige Stimme Rudolfs vernommen.

Jetzt stellte sich eine kleine Ungestalt im langen
schwarzen Rocke eines Küsters mit lächerlichen Bücklingen
vor den Obersten. Die Schiefertafel in der einen, ein
Stück Kreide in der andern Hand, fragte sie näselnd:
„Welchen Psalm oder Liedervers belieben der Herr Pfarrer von Scharans heut vor der Predigt singen zu
lassen?“

Jenatsch erkannte sogleich das große Haupt und
die kurzen ehrlichen Finger des Kellermeisters Fausch.
„Ei, Du bist zu fett für eine Kirchenmaus!“ rief er
ihm zu, „doch mein Verslein sollst Du haben:
Selig lebt und freudig stirbt
Wen die Lieb' umfangen! . . .
Das laß mir singen.“ —

Der Kellermeister warf einen listig beobachtenden
Blick auf die sich umschlungen Haltenden und drückte
seine dicke Person, als wollte er sie von seiner Gegenwart
befreien, so rasch er konnte, durch die Masken an der
Thüre in den Saal hinaus, wo die Paare, vom Rasen
der Geigen und Pauken fortgerissen, immer schneller
vorüberwirbelten. Fausch hatte nicht bemerkt, wie ängstlich Lucretia bestrebt war, ihm, Jenatsch mit sich fortziehend, auf dem Fuße zu folgen.

Schon war es zu spät. Das Zimmer füllte sich
mit einem wilden Maskenhaufen und es war eine Unmöglichkeit geworden, den umdrängten Ausgang zu gewinnen. Auch dachte Jenatsch nicht mehr daran. Er
war versunken in die wunderbare, wie von zerstörenden
innern Flammen beleuchtete Schönheit seiner Braut und
führte sie, dem Maskenspiel in der Mitte des Gemaches
Raum gebend, in eine Fensternische. Doch das den
Zug anführende Bärenungeheuer mit den Wappen der
drei Bünde auf der Brust schritt schwerfällig auf ihn
zu, streckte, ihm auf den Leib rückend, die rechte Tatze
aus und begann mit brummender Stimme: „Ich bin
die Respublica der drei Bünde und begehre mit meinem
Helden ein Tänzlein zu thun!“

„Das darf ich nicht ausschlagen, obgleich ich meine
Dame ungern lasse,“ erwiederte Jenatsch und reichte
der Bärin, den Fuß wie zum Tanze hebend, bereitwillig die Rechte. Diese aber schlug die beiden Tatzen
um die gebotene Hand und packte sie mit eiserner
Mannesgewalt. Zugleich zog sich der Larvenkreis eng
um den Festgehaltenen zusammen und überall wurden
Waffen bloß.

Lucretia drängte sich fest an die linke Seite des
Umstellten, wie um ihn zu decken. Sie hatte ihm keine
Waffe zu reichen. Wieder traf die Stimme Rudolfs
ihr Ohr. „Dies, Lucretia, für die Ehre der Planta,“
flüsterte er dicht hinter ihr und sie sah, mit halbgewandtem Haupte, wie seine feine spanische Klinge vorsichtig eine gefährliche Stelle zwischen den Schulterblättern Georgs suchte, der eben mit der freien Linken
einen schweren ehernen Leuchter auf dem Schenktische
erreicht hatte, und, dessen gewichtigen Fuß gegen die
Angreifer schwingend, die von vorn fallenden Hiebe
parirte.

Da schmetterte ein Axtschlag neben ihr nieder.
Sie erblickte ihren treuen Lucas, ohne Maske und barhaupt, der von hinten vordringend, ein altes Beil zum
zweiten Mal auf Rudolfs bleiches Haupt fallen ließ
und ihn anschrie: „Weg, Schurke! Das ist nicht Deines Amtes.“ Dann warf er den Sterbenden auf die
Seite, drückte Lucretia weg und stand mit erhobener
Axt vor Jenatsch. Der Starke, der schon aus vielen
Wunden blutete, schlug mit wuchtiger Faust seinen Leuchter blindlings auf das graue Haupt. Lautlos sank der
alte Knecht auf Lucretias Füße. Sie neigte sich zu
ihm nieder und er gab ihr mit brechendem Blicke das
blutige Beil in die Hand. Es war die Axt, mit der
einst Pompejus Planta erschlagen worden war. In Verzweiflung richtete sie sich auf, sah Jürg schwanken, von
gedungenen Mördern umstellt, von feigen Waffen umzuckt
und verwundet, — jetzt, in plötzlichem Entschluß, hob
sie mit beiden Händen die ihr vererbte Waffe und traf
mit ganzer Kraft das theure Haupt. Jürgs Arme sanken, er blickte die hoch vor ihm Stehende mit voller
Liebe an, ein düsterer Triumph flog über seine Züge,
dann stürzte er schwer zusammen.

Als Lucretia ihrer Sinne wieder mächtig wurde,
kniete sie neben der Leiche, das Haupt des Erschlagenen
lag in ihrem Schooß. Das Gemach war leer, neben
ihr aber stand Pancraz und legte die Hand auf ihre
Schulter, während unter der Thüre Fausch dem Bürgermeister Waser das Ereigniß jammernd erzählte.

Willig wie ein Kind folgte sie dem Mönch, der sie
von der Unglücksstätte wegführte. Waser aber über
nahm die Leichenwache.

Nicht lange blieb er allein. Als das erste Entsetzen vorüber war und die Verwirrung der Gemüther
sich löste, kamen die Häupter der Stadt eines nach dem
anderen in die Todtenkammer und klagten um Bündens
größten Mann, seinen Befreier und Wiederhersteller.

Sie verzichteten darauf, die Urheber seines Todes,
die ihnen als die Werkzeuge eines nothwendigen Schicksals
erschienen, vor Gericht zu ziehen. Keine neue Parteiung
und Rache sollte aus seinem Blute entstehen, — er
hätte es selbst nicht gewollt. Aber sie beschlossen, ihn
mit ungewöhnlichen, seinen Verdiensten um das Land
angemessenen Ehren zu bestatten.