Wiener Bummelgeschichten

I.

Er war ein lieber Kerl, der Edi Hoffinger. Wenn man irgend einen seiner Bekannten oder »Freunde« ganz vertraulich unter den Arm nahm und fragte: Sie, was halten Sie denn eigentlich von dem Edi Hoffinger? – was die Leute da antworteten, der eine mit den Augen zwinkernd und den Kopf wiegend, der andere die Lippen spitzend und die Luft zu einem leisen, bedeutsamen Pfiff einziehend, das waren immer wohlwollende Variationen zu der Melodie:

Der Edi Hoffinger ist ein lieber Kerl.

Bei der Frau Sophie Grünthaler und ihrer Tochter Mizzi war er sogar noch etwas mehr, da war die Melodie durch eine Octave verstärkt, da galt er als ein allerliebster Kerl. Die Frau Sophie Grünthaler war eine Hofrathswitwe, zu der Edi jeden Samstag – ob schön, ob Regen – zum Nachtmahl kam, zu einem gewöhnlichen Wiener Nachtmahl, nicht zu viel, nicht zu wenig, Braten oder »Kaltes«, einige Krügel »Pils« und Cigarren. Sie war ihm gegenüber nicht nur von jener vulgären Liebenswürdigkeit, von der »Man kann nicht wissen«-Liebenswürdigkeit der meisten betöchterten Frauen, sondern auch von einer gewissen hätschelnden, ja koketten Zärtlichkeit: sie hob ihm lächelnd mit ihren wammigem beringten Fingern das Kinn, schäkerte ihm gern in die Augen, streichelte ihm einen leichten Schlag auf die Wange oder zerraufte ihm, seinen Kopf an sich drückend, die Haare.

Meistens vertrug Edi diese Mütterlichkeiten, aber manchmal konnte er doch darüber verlegen werden, wenn gerade die Mizzi, »Fräulein Blauerl« wegen der Farbe ihrer Augen von ihm genannt, dabei war und so eigenthümlich lächelte, zugleich spöttisch und duldsam . . . .

Die regelmäßigen Sonntagsbesuche hatten bald nach dem Tod seines Vaters begonnen. Pünktlich um sechs Uhr machte er sich auf den Weg, mit Bonbons in der Tasche, oder Blumen, auch manchmal Bücher bringend, z. B. einen Band Stifter, den er sehr liebte. Dann blieb er bis 10 Uhr dort und schwätzte mit der Alten, die immer dicker wurde, und lachte oder zankte mit der Jungen, die immer schöner wurde. In der besten Laune verstieg sich die Grünthaler oft, ihrem Liebling einen fetten Kuß auf den Kopf zu drücken, was er immer zum Anlaß nahm, sich am Mund der Mizzi zu revanchieren. Sonst duldete das die Mutter in ihrer Gegenwart nicht.

Schon früher, als noch der alte Hoffinger, wie der alte Grünthaler lebten, hatten die beiden Familien in intimem Verkehr gestanden. Edi war dort, wie Mizzi hier das einzige Kind. Immer war man überzeugt, dass die ein Paar werden müssen, und man verhehlte es nicht vor ihnen. So war es gekommen, dass sie, obwohl sie sich schon als kleine Kinder gern hatten »wie die Alten« und tausendmal Mann und Frau gespielt hatten, älter geworden, sich oft mißtrauisch voneinander wandten. Auch begannen sie sich ihrer Liebe zu schämen, weil alles von ihr wußte und sie für selbstverständlich hielt.

Edi war so zu einem Sonderling geworden. Er suchte Gefühle und Leidenschaften, die allen übrigen fremd blieben, und indem er seine Liebe zu Mizzi unterdrückte, weil sie den »Leuten« selbstverständlich war, pflegte er seine Schrullen umso zärtlicher, je mehr er merkte, dass eben die »Leute« darüber verwundert, ohne Verständnis und spöttisch den Kopf schüttelten.

Er hatte als Beamter im Ministerium ein bequemes Leben. Die geerbten Renten gaben ihm die Mittel, seine vielen Gewohnheiten oder Schwächen zu befriedigen. Von zwei solchen konnte man die Namen auf kleinen Täfelchen, welche über den Fächern eines altmodischen Schrankes in seinem Schlafzimmer befestigt waren, gold auf schwarz lesen. Ueber dem Fach rechts stand nämlich »Cravatten«, über dem Fach links »Cigarren«. Seine schwächste Schwäche aber trug er im Herzen und in nette Rondschrift übertragen auf einer weißen, goldgeränderter Karte in seiner Brusttasche. Und die hieß Wien. Was war Edi Hoffinger ohne Wien? – Ein Falter ohne Blumen und Wiese, ein Franzensring ohne Rathhaus . . .

Außer dem bisschen Arbeit täglich, bestand sein Leben nur aus Bummeln und aus Bummeln Denken. Letzteres that er am liebsten zu Mittag. Man musste ihn nur so ansehen, wie er behaglich hingerekelt, an seinem Fensterecktisch in der »Kugel« saß. Das war sein Stammrestaurant. Schon der Name so sympathisch, wienerisch, gemüthlich: »zur Kugel«, ihn zuerst an eine liebe, ältliche, dicke Dame erinnernd, dann, weil sie die Mutter von ihr war, an eine jüngere – – –

Gleich nebenan die Feuerwehrcentrale! War das nicht die angenehmste Erregung, wenn so mitten in der Beschäftigung mit einem Nierenbraten oder dergleichen Harmlosem es auf einmal herausschmetterte und die Wagen über das Pflaster knatterten – der mit der Riesenleiter, wie Fafner aus der Höhle – die Helme in der Sonne funkelten, die Menschen zuliefen. Dann immer ferner, gedämpfter, durch die Scheiben hallende Signale, bis der gleichgiltige Straßenlärm wieder alles verdeckte.

Auch lag das Restaurant so ziemlich im Centrum der Stadt, war somit bequem für seine Hauptschrulle: jeden Tag nach dem Mittag sich ausbummeln. Wo und wann, stand auf jener goldgeränderten Karte geschrieben. Diese »Spaziermenukarte« war überhaupt das einzige Werk, an dessen Abfassung und periodischer Verbesserung er mit Liebe und Mühe gearbeitet hatte. Um mit ihr seine Persönlichkeit vollständig zu geben, hatte er auf die Rückseite seine Photographie geklebt. Vorn aber standen die Tage der Woche in rother Tinte zierlich geschrieben und daneben die Namen von Straßen, Gärten und Plätzen. So zum Beispiel war für Dienstag bestimmt: Votivkirche, Rossauerlände. Da sah er sich die Kirche zuerst vor der Front an, wo die zwei spitzen Thürme zart und zierlich in die Bläue ragen. Lieber aber war ihm die Seiten- und Rückansicht, wo die schroffen und sich wirrenden Theile ein neues, fremdartiges Bild geben und dieses Bild, wenn man die Schwarzspanierstraße herabgeht und durch die drei Gässchen schaut, dreimal wechselt: die großen Thürme verdeckt, das kleine spitze Thürmchen mit dem durchbrochenen und verschlungenen Vorwerk allein in die Luft stechend oder endlich ein Thurm den anderen bergend. – Hatte er diese seine Lieblingskirche, zu der er in einem intimen Augenverkehr stand, genossen – der »Stefan« war ihm zu hoch und unbehaglich ernst – so gieng er den Ring hinab bis zur Augartenbrücke und sah die Straße zurück, die der breite, klare Bau der Universität schief schließt. Dann die Rossauerlände, längs der verfallenen, elenden Häuschen, die wie pockiges Geschwür sich an den Leib der Stadt heften, und das Ufer des Donaucanals entlang. Dort laden Flösse und Schiffe ab. Auf einem schmalen Brett karren Slovaken oder derlei fremdes Volk aus. Er betrachtet sie gern und staunt über die Sicherheit, mit der sie es thun. Manchmal wird er auch gerührt, wenn er in die verstaubten, breiten Gesichter schaut und ihr triefender, starrer Blick ihn trifft. Er schenkt ihnen Cigarren. Sie verderben aber seine Freude, weil sie ihm gleich die Hände küssen wollen. Aergerlich eilt er weiter. Immer näher schieben sich die Berge, immer grüner scheint der Wald her. Da winkt das weiße Kirchlein vom Leopoldi wie ein steinerner Heurigenbusch und drüben zacken sich die Villen vom Kahlenberg. Ganz versteckt, als ob er sich seiner Plumpheit schäme, blinkt der rothe Thurm der Warte auf. Und weiter rechts die Königin der Warten: am Hermannskogel. Burggleich schrofft sie sich in die Luft, sie sieht aus wie ein versteintes, übermüthiges Hornsignal eines Ritters der Minne- und Frouwenzeit. – Er schreitet schnell die Spittelauerlände hinab, längs den Gemüsegärten, Holzplätzen und Magazinen der Franz Josefs-Bahn, wo eine rußige und öde Strecke beginnt. Dann biegt er nach Nussdorf ein. Die Lust zum Bergsteigen ist schon geschwunden, andere Lüste drängen ihn jetzt: Zum Bockkeller, zwei Stunden Rast, dann im Fiaker nachhaus' . . .

Nur für Sonntag war die Rubrik in der »Spaziermenukarte« leer, da nahm ihn seine Phantasie an der Hand und führte ihn, wohin sie mochte, weiter hinaus in die Berge, Wiesen, Weingärten, Brauereien. Das war ihm alles ebenso »Wien«, wie der Stefansplatz. In allen Zonen hatte er seine bestimmten Plätzchen, die ihm besonders lieb waren, und die benannte er auch für sich mit eigenen Namen. Da war das »Paradiesplätzchen«, ein kleiner, blumenreicher Wiesenfleck am Abhang des Leopoldsberges, mit dem Blick auf die blauen, langsam strömenden Wellen tief unten und die schründigen Flächen des Bisamberges, der ihm wie ein mürrischer Riesenköter vorkam, an der blauen Kette der Donau zur Wacht vor Wien hingekauert. Da war der »Bummelfriede«, eine reckenhafte Eiche, auf der Gaadener Seite des Anninger, mit einem kleinen Wiesenrondeau herum. Den hatte er zum Daueraufenthalt bestimmt. Doppelten Proviant von Cigarren nahm er sich für ihn. Dort konnte er stundenlang liegen, den Kopf an den moosigen Stamm gelehnt, den Arm um einen Wurzelknorren, träumend den blauen, so nahen Himmel schauen und den blauen, durch die Aeste kräuselnden Rauch betrachten, die im Lufthauch wiegenden Blätter, die Falter, die selig taumelten von Blüte zu Blüte, rastlos und ungenügsam . . . .

Freilich ward ihm das manchmal doch langweilig, und er sehnte sich dann hinunter und südwärts; denn schließlich kann man Luft nicht trinken, nur athmen. Ein kleines Tischchen unter einem breitschattenden Kastanienbaum. Liesinger Bräuhaus. »Suffruhe.« Regelmässig gieng an den der »Suffruhe« geweihten Tagen die Fähigkeit, Eindrücke zu bewahren, gegen 10, 11 Uhr abends verloren. Was von da an mit ihm geschah, konnte er nie ersinnen. Genug, dass er sich den nächsten Mittag immer in den traulichen Wänden seines Junggesellenzimmers fand, das er Rauschfriede taufte, allwo nämlich sein Rausch Friede fand. – –

Derlei war freilich nur für den Sonntag und Sommer. Aber wenn Edi Hoffinger im Frühling oder Herbst durch die Straßen der Stadt schritt und das zarte, blumige Wiener Blau vom Himmel hieng mit den wie Blütenstaub darauf gestreuten, zersplissenen Wölkchen und in all diese obere Seligkeit von unten auf ein Bau nach dem anderen seine Glieder tauchte, die Museen ihre breiten Kuppeln und das Rathhaus all die lustigen, übermüthigen Thürmchen, Erkerchen und Fähnchen, da funkelte auch Edis blaue Seele in lauter Sonnenglanz und fuhr ihm die Freude nur so in die Beine hinein. Aufspringen hätte er mögen, auffliegen und dem lieben, eisernen Mann da oben oder dem Apollo dort oben einen schallenden Kuss aufschmatzen. Er konnte nicht satt werden, zu beobachten und zu schauen in seinem Wien. Er fühlte sich so eins und gleich mit diesem zarten Himmel, all diesen lustigen und prächtigen Bauten und diesen Plätzen und Straßen, die ihm winkten wie liebe Erinnerungen und ihn grüßten wie Freunde. Und schwand irgend ein graues, morsches Gemäuer der Stadt, wurde er traurig, als wenn ein Verwandter ihm gestorben. Stand aber dann das Neue da mit den weißen, reinen Mauern und den modischen Thürmchen, so freute es ihn wieder: Le roi est mort, vive le roi.

So verlebte er mehr auf der Gasse als im Zimmer; wo es was Schönes gab, war er der erste, und für alles Neue war er dankbar. – Dabei blieb er für sich, hatte zwar viele, sehr viele gute Bekannte, aber was man einen Freund nennt, nicht. Also ganz allein – bis auf Samstag abends und seine Cravatten. Mit den Cravatten war es ähnlich, wie mit seinen Lieblingsplätzchen in den Bergen. Er hatte für jede seine bestimmte Stimmung zurechtgelegt. Er hätte verdient, unter Cravattencuratel gestellt zu werden. Er kaufte so viele, dass er gar nicht alle tragen konnte. Besonders liebte er die blauen, trotz der Leute, die ihm sagten, das sei geschmacklos. Jeden Tag bot es ihm neue Zerstreuung und Lust, sein Magazin zu mustern und dann eine, dem Wetter oder Stimmung gemäß, draus zu wählen. Er personificierte sie geradezu, er sprach zu ihnen, er liebkoste seine seidenen Geschöpfe. – –

War aber – jeden Mittag fand die Musterung statt – irgend eine Cravatte zur Heldin des Tages erhoben, dann geschwind noch – die Cigarren. In allen Sorten lagen sie da, im linken Fach seines Schrankes. Die langen, dürren Stengel, die wie versengte Halme aussehen; breite, protzige, gebänderte Bouquets, kleine, schmale Galanes mit ihrem weichen Duft. Er hatte seinen Gaumen und seine Finger nicht auf irgend eine gewöhnt. Er liebte sie alle, wie alle seine Cravatten, alle Plätze, Bauten, Berge, Biere. Nur das feine Abwägen seiner jeweiligen Stimmung, das Streben, ihr alles bis ins kleinste anzupassen und so ein jedes, auch das unscheinbarste Ding täglich in neuer Wendung zu sehen und zu genießen, gab seinem Leben einen eigenen feinen Reiz. –

II.

Ein Sonntag im Mai.

Edi bummelt verdrießlichen Gesichtes dem Prater zu. Er hat keine Augen für den silberblauen, wie geschliffenen Glanz des Himmels. Wenn ein hübsches Mädel im lichten Frühlingskleid vorbeigeht, schaut er sich nur mechanisch, gewohnheitsmäßig um. Heute hat er nicht den lieben, bewundernden, lächelnden Blick, der ihm sonst für diese Fälle eigen ist. – – –

Nein, er wird die Mizzi nicht heiraten. Ans Gernhaben oder nicht denkt er kaum. Nur heiraten will er sie nicht. Wie sie gestern ungemüthlich war. Auch geweint. Das hatte sie schon lange nicht gethan. Und warum das alles? Natürlich ganz grundlos. Er kann doch nicht ihrethalben für das bissel Gutsein am Samstag abends alle seine Gewohnheiten aufgeben. Die Mädeln gehören einmal auch zu seinen Gewohnheiten. Und weil sie ihn mit einer eingehängt gesehen hat! Er begriff das nicht. Vielmehr, er begriff nicht, wie er das je aufgeben könnte. Und darum – er muss mit Mizzi brechen.

Wenn man's ihr nur klar machen könnte, dass das noch keine gefährliche Leidenschaft ist, so ein kleines »Neben der Liebe«-Verhältnis. Was ist denn Wien ohne Mädel? Und was wird uns Edi Hoffinger ohne Wien? Er hat ja noch nie eine von denen so »geliebt«, dass Mizzi hätte eifersüchtig sein können. Aber das kann er ihr wieder nicht sagen, dass es jede Woche eine andere ist, dass er an der einen nur die leichte, zarte Art zu gehen, an einer andern nur die Farbe der Augen, an einer dritten den Klang der Stimme, an der vierten gerade das blaue Kleid gern hat, so dass alles aus ist, wenn er z. B. die vierte in einem braunen Kleid sieht. Er schwor sich, dass es mit Mizzi aus sei, und freute sich der eisernen Gründe, die ihn dazu zwangen. Er sei ein Mensch, der ohne fortwährenden Wechsel nicht leben könne, darum sei er ein Künstler im Bummeln, wo jede Bummelsecunde ihm Neues bringe, darum liebe er neben der Mizzi jeden Monat ein anderes Mädel. Und selbst sein Wien wäre ihm langweilig, wenn es ewig bliebe wie im Moment und nicht Stimmungen, Farben, Töne, Licht und Schatten drin wechselten, wie in seiner Seele.

Nur ein kleiner Kern sei in ihm, der unveränderlich bliebe und der sozusagen den Wechsel dirigiere, Tempo und Takt zu seinem Leben gäbe. – –

Nachdem er also zu einem innerlichen Resultat gelangt war, schritt er, ledig der Sorgen, in die von Menschen, Wagen, Pferden wimmelnde Hauptallee des Praters. Doch empfand er eine Leere in sich, als wären zwar die Kümmernisse weg, aber nichts Neues statt dessen in ihn eingezogen.

Er gieng wie in einem Taumel, ohne zu beobachten und darüber, wie es seine Gewohnheit war, stille Monologe, Witze, Sentenzen zu bilden, ohne mit einer von diesen ein Mädel anzusprechen. Es war ihm eine Zeitlang, als sei sein Gehirn wie eine erfrorene Hand, unfähig, seine Thätigkeit aufzunehmen. Aber je tiefer er hineindrang, wo das Lachen, Kreischen, Wagengeknarr, Vogelgezwitscher, Militärmusiken oft zu zweien, dreien ineinander spielend, sich zu einem eigentlich verfluchten Spectakel vermischte, desto rascher trat die Starrheit in ihm zurück. Die Strecke vom Vivarium bis zum dritten Kaffeehaus brachte ihm geradezu eine Genesung.

Alle Gesichter waren vergnügt. Flott und lustig ward den Mädeln nachgestiegen, Körbe wurden lachend vertheilt, ein Plauschen und Rauschen, Flüstern und Knistern lief durch die wogenden Reihen der Menschen; eine allgemeine Fröhlichkeit und Stimmung des Genusses, die wie ein langes Band durchwallte und jeden der hierher kam, verstrickte.

Es ward dämmerig. Die Lichter flammten auf. Jetzt wird alles frecher und toller. Die Spießer schauen den jungen Leuten fröhlich zu. Auch über sie ist es wie ein Rausch geflogen . . . Eben hat beim Ronacher der neueste Straußwalzer unendlichen Jubel erregt. Man haut mit den Biergläsern auf die Tische, schreit, quietscht, brüllt Beifall; am meisten die armen Teufel draußen vorm Gitter, die bloß hören und nichts trinken können – – –

Edi Hoffinger ist wieder der Alte geworden. Wieder spielt ein gutmüthiges und zugleich herausforderndes Lächeln um die Lippen und hebt die Spitzen seines Schnurrbartes. Fünf Mädeln, zählt er nach, hätte er auf dem Weg zum Ronacher ansprechen können, darunter zwei schon von früher bekannte. Aber er wollte heute noch nicht mit dem alten Leben anfangen. Früher musste er mit Mizzi abrechnen . . .

Er findet nahe dem Musikpavillon an einem Tisch Platz. Gerade wird der neue Strauß-Walzer zum drittenmal gespielt; der populärste Wiener Kapellmeister mit den gestriegelten, schwarzen (böse Zungen sagen gefärbten) Haaren gab Takt, den rechten Arm pendelartig, automatisch hin- und herschwingend. Edi tippt mit dem Fuß den Rhythmus auf den Sand, in der rechten Hand eine Cigarre, den Zeigefinger der linken um den Henkel des Bierkrügels gelegt.

Da hört er mitten zwischen den Trillern der Flöten hinter sich ein leises Kichern mit ungemein sympathischem Klang. Er wendet sich nicht um – wer weiß, wie sie ausschaut? – und lauscht mit dem einen Ohr auf den Walzer, mit dem anderen auf das liebe, helle Lachen, das ja gerade über seine aufgeregten Nerven weich und kühl plätschert. Die tollen Pläne, die ihm nach den ersten Gläsern den Kopf durchschwirrt hatten, zertheilten sich und schwanden vor diesem, nach kurzen Pausen immer wieder anhebenden Frauenlachen . . . Jetzt war's ihm so ruhig und leicht geworden und all das – erstaunlich doch – . . . er hebt das volle, aufschäumende Glas an den Mund – er macht einen tiefen Schluck, dann noch – da schwingt's wieder heran und klingt wie aus einer Harfe geschlagen – er reißt sich um und schaut hin, verkutzt sich dabei, das Bier tröpfelt über die Cravatte und das Gilet . . . Er springt vom Sessel auf, zieht das Taschentuch heraus, prustet hinein; während er an seinem Rock wischt, zuckt eine Secunde lang ein tiefer Schmerz um seine ruinierte Cravatte in ihm. Schnell verschluckt er Schmerz und Verlegenheit.

Während neuem Gejohle und Geklatsche, das nach dem Schluss des Walzers aufstürmt, verbeugt sich der Kapellmeister mit Grazie in infinitum. Zum viertenmal spielen sie das Stück. Doch Edi hört nicht. Er hatte sie gesehen, g'rad' wie's ihm zum Ersticken war, sie gesehen und wie sie direct auf ihn gelacht hat.

Er wird ganz toll. Gar nicht mehr der alte, ruhige, liebe. Doch der leichte, fadendünne Walzerrhythmus und ein Schluck aus dem frischen Glas sänftigen ihn. Sein Humor kehrt wieder. »Was is denn los,« meditiert er, »ein herrliches Frauenzimmer, in das Du Dich vernarrt hast, d. h. in ihr Lachen, nichts weiter.« Und er sinnt nach, wie anknüpfen? Da fährt ein zufrieden schlaues Lächeln über sein Gesicht, gerade, als der Walzer zum viertenmal geschlossen und die Leute endlich Ruhe gaben.

So, noch einen Schluck – den Schnurrbart aufgewirbelt, ein Ruck. Er steht auf, nimmt sein sechstes Krügel zwischen die Finger, immer noch lächelnd – wieder ein echter Edi Hoffinger – wendet sich zu seiner Begeisterung, die am nächsten Tisch mit einer ältlichen Person, so etwas von einer Gesellschafterin, sitzt, und spricht, höflich den Hut ziehend, sich zierlich verneigend, die geflügelten Worte: »Fräulein, da Sie früher – schönes Fräulen, durch Ihr allerliebstes Lächeln – eh – eh – schuld waren an dem Untergang meiner mir theuersten Cravatte, so werden Sie mir gewiss die Genugthuung gönnen, hier auf diesem leeren Sessel – eh – eh – die schöne Uebelthäterin in der Nähe zu betrachten . . .« &c. &c.

Das Fräulein sah ihn zwar anfangs groß und verwundert an, gewann aber dann, von seiner endlosen Einleitung und bebierten Cravatte versöhnt, ihr lustiges Lachen wieder. Eine Viertelstunde darauf plauderten die zwei wie uralte Bekannte.

Um zwölf Uhr begleitete Edi die Schöne bis zu ihrem Hause. Unterwegs erzählte sie ihm, was er gleich gemerkt hatte, dass sie eine Italienerin sei. Sie habe ihre Tante, die alte Dame mit ihr, nach Wien begleitet und fahre diese Woche in die Heimat zurück. Es graue ihr schon davor, die weite Reise allein machen zu müssen . . . .

Am Heimweg sann Edi darüber nach, wie er von seinem Hofrath einen Urlaub ablisten könnte.

III.

Auf den sanften und hellen Mai ist ein sehr unbehaglicher Juni gefolgt. Es ist heiß wie im August, nur hat man jetzt nicht den Trost des nahenden Herbstes wie im August. Die Passagiere des Triester Schnellzuges wälzen sich von Bank zu Bank. Man eilt rathlos vom Fenster zum Gang, vom Gang zum Fenster. Alle Ventilationen der Waggons und der Kleider werden geöffnet, die Buffets in den Stationen um Eis und kaltes Bier gestürmt. Schon hat ein findiger Kopf die Idee gefasst, einen Badewagen für Eilzüge zu construieren, und vergisst über der Berechnung seiner enormen Verdienstaussicht alle persönliche Hitzequal.

Der einzige Mensch, der ruhig in seinem Coupé sitzt und sich nicht um Hitze und Bier schert, ist Edi Hoffinger, der von seinem Liebesabenteuer aus Italien heimfährt. Er macht aber eine dämliche Visage, so hat er wohl früher nur ausgesehen, wenn er nach einer verlumpten Nacht um 8 Uhr früh aufstehen musste. Er hat sich das Coupé reserviert und kümmert sich nicht um seine Mitreisenden, scheint aber nach der Zahl der in dem Aschenbecher liegenden Stummel schon ein Dutzend Cigarren consumiert zu haben. Und doch, wenn er so manchmal die Augen hebt oder einen Blick zum Fenster wirft, scheint der verkaterte Mann nicht ganz unzufrieden zu sein.

Jetzt hat er sich's bequem gemacht, Rock und Gilet abgestreift, einen neuen Glimmstengel in Brand gesetzt und sich rücklings auf die weiche Bank gelegt. Er hat einen Entschluss gefasst. Er will mit einem Gewaltstreich der fortwährenden Qualen los werden, die ihm seine Erinnerungen, einzeln und ohne Zusammenhang durch den Kopf schwirrend, bereiten. Dabei fällt ihm folgender Vergleich ein und bekräftigt seine Absicht: Wenn man sich unter eine kalte Douche stellt, den Hahn nur ein wenig aufdreht und das Wasser behutsam, tropfenweise auf die verschiedenen Körpertheile spritzen lässt, wird das bei weitem lästiger sein, als wenn der volle Strahl auf einmal über den Leib strömt.

So nimmt er sich vor, jetzt unerschrocken in seinem ganzen Erlebnis zu baden, um der stichweisen Folterung der abgerissenen Erinnerungen zu entgehen. Ja, er hat noch so viel Humor dabei, dass er sich eine Disposition dafür macht, die er bei seiner stillen Erzählung benützen will. Sie lautet:

Prater und einige Tage Wien.
Fahrt nach Rom.
Aufenthalt in Rom
Abschluss des wachsenden Widerwillens und Verdachtes gegen Julietta durch zwei feierliche Zimmerausweisungen.
Abreise und Gefühle bei der Heimkehr.

Er beginnt sich also zu erzählen, und dabei war noch ein feines Lächeln über seinen Lippen:

»Mit Mühe erhielt ich von meinem Chef einen einmonatlichen Urlaub. Mit noch größerer Mühe verschaffte ich mir durch einen Pump die nöthigen Reisecapitalien. Als ich, quasi im Brautstande, Julietta vor der Reise besuchte, fand ich erfreut keine Tante mehr. Ich legte dem Umstand keine Bedeutung bei, obwohl Julietta, von mir befragt, durch einen unglaublichen Roman die plötzliche Abwesenheit ihrer Verwandten mir erklärte . . .

Ich spielte auf der Fahrt nach Triest mit Julietta die köstlichsten Liebesscenen und zeigte mich nicht so wie sie, die Heuchlerische, darüber verwundert, dass der Conducteur uns für ein hochzeitsreisendes Paar hielt und demgemäß durch mancherlei Rücksicht entzückte. Die Flitterwochen, die bis zur Ankunft in Rom herrlich dauerten, erweiterten auch meine Kenntnisse heilsam, denn Julietta war ein ausgezeichneter, wenn auch, je tiefer in der Heimat, desto kostspieligerer Cicerone . . . .

In Rom bummelte ich schon theilweise ohne Julietta. Sie gab vor, alle möglichen Bekannten besuchen zu müssen. Mein Bummelgenie bewährte sich auch hier. In zwei Wochen kannte ich mich in Rom so wie am Graben aus. Die alten, winkligen, obgleich schmutzigsten Theile der Stadt, wohin am seltensten die Fremden kamen, waren mir am liebsten. Ich war oft in toller Begeisterung. Es gieng in Liebe und Schauen, Küssen und Bummeln selig weiter bis gerade zur Zeit, als der Urlaub aus war und ich telegraphisch von meinem Chef eine Verlängerung erpressen wollte – Vorher sagte ich der Julietta, dass ich allein auf zwei Tage in die Umgebung spazieren wollte, überlegte mir das aber und benutzte die ungebundene, kurze Zeit, um mir Rom einmal junggesellenhaft anzusehen. Da . . ., da . . . .«

Edi unterbrach plötzlich seine Sicherzählung und besichtigte mit ernsten Blicken seine Fingernägel, puffte locomotivisch aus der Cigarre und stierte dann mit halb traurigen, halb spöttischen Augen vor sich hin.

»Also ich sah sie Arm in Arm mit einem anderen gehen. Erst fuhr mir die Wuth so in die Arme und Beine, dass mich ein kleines Kind hätte umwerfen können. Als ich, sie fortwährend verfolgend, besonnener wurde, beschloss ich, um einen Scandal auf der Straße zu vermeiden, sie ungesehen solange zu begleiten, bis sie in irgend ein Haus treten würden. Ich brauchte nicht lange zu warten. Das Haus, in welches sie traten, war das Hotel, in welchem ich und Julietta wohnten. Ueber dieser ungeheuren Frechheit gewann ich meine Kaltblütigkeit wieder, ja sogar ein bisschen Laune. Ich ließ sie ruhig hinauf. Beim Portier lieh ich mir einen dicken Knüppel, wartete aber absichtlich einige Minuten, um sie zärtlich verbunden zu treffen. – Als ich die beiden überraschte, liefen sie in dem Zimmer herum, wie die Hühner in einem Hühnersteig, wenn man mit einem Holz hineinstochert. Ihr sagte ich in gut Wienerisch meine Meinung, dann prügelte ich sie beide hinaus. Ich hab' die Genugthuung, ihn im Gilet über die Straße laufen zu sehen, sie hatte noch Zeit gehabt, über das Corset ihren breiten Kragen zu werfen . . .«

– Edis Miene wird noch finsterer, er stöhnt dumpf –

»Wie ich dann meine Sachen zusammenpackte, merk' ich, dass mein Geld fehlt. Jetzt muss ich von einem anderen als meinem Chef per Telegraph erpressen.« –

Er stützt den Ellbogen auf die Lehne und den Kopf schief auf den Polster. Ein zagsames Lächeln um die Lippen; wird wohl das gewisse Sehnen sein, so ein Heimweh und Bangen nach »Paradiesplätzchen«, Bummelfriede, Cravatten, Rathhaus und – Samstag abends. –

Mit einem lieben, wieder ganz Hoffinger'schen Lächeln schlummert er ein . . . .

IV.

Er ist wieder bei seinen Cravatten und Cigarren. Er hat mit dem Rathhaus Wiedersehen gefeiert. Auch hat »Rauschfriede« seinen Zweck schon einmal erfüllt, aber Samstag abends war er noch nicht »dort« gewesen. Und er hatte wenig Hoffnung, je wieder hin zu kommen.

Bald nach seiner Heimkehr hatte er ein lichtblaues Couvert auf seinem Schreibtisch gefunden. Drinnen stand, dass sie alles wisse und dass es jetzt für ewig aus sei. Seine Geschenke behalte sie aus Rücksicht für die gute Freundschaft von früher . . . .

Nach einer Woche war es dem Edi klar geworden, dass es nicht aus sein dürfe, und er hatte glänzende, unwiderlegliche Argumente erdacht, die sein Theorem von jenem unseligen Pratermaitag wiederlegten . . .

Im Gegentheil, er müsse Mizzi heiraten. Wie leicht sei er in seinem naiven Vertrauen und seiner Bummelsucht bösen, kostspieligen Abenteuern ausgesetzt. Gewiss sei in seinem Wesen nur ein kleiner Kern unbeweglich, und um ihn flatterten seine Schrullen, wie die Wagen im Ringelspiel um den »chinesischen Mann«. Aber was liege daran, diesem Kern eine kleine Gebietsvergrößerung zukommen zu lassen? – Gewissermaßen der Kern in zwei Hälften, so dass sein Leben von einem Edischen und einem Mizzi'schen Theil geleitet wurde. Das würde ja eine starke und in alles dringende Veränderung bringen. Er würde alles mit noch zwei lichten, blauen Augen sehen, und bei dem Bummeln würde noch ein Herz, noch zwei Beine froh mithüpfen –

Aber wie die Versöhnung herbeischmeicheln? Er beschloss, weil es das Schnellste war und weil er die Erfahrung hatte, dass es in solchen Affairen mit Offenheit, ja sogar frechen Bekenntnissen am besten gehe, sie ohne Einladung zu besuchen . . . .

Das Dienstmädchen, welches dem Edi die Thür öffnet, ist freudig überrascht. »Der junge Herr is schon wieder g'sund? Wer's gleich dem Fräul'n melden, dass Besuch da ist.« Edi wehrt ab und bewegt die Verdutzte, in die Küche zu treten. Er wolle unangemeldet hinein. – Er steht ein paar Minuten im Vorzimmer vor dem Spiegel. Er bewundert seine Cravatte, die er nach einstündigem Auswählen für den wichtigen Tag bestimmt hat. Er bemerkt im Spiegel, dass er sehr blass aussieht, und freut sich, fast zitternd vor Erregung, darüber. – Dass man ihn für krank ausgegeben, kann eine passende Einleitung abgeben. Also! Er spaziert zum letztenmal die vier Wände des Vorzimmers ab, das Taschentuch zerknüllt er und behält es in der Hand, für eventuelle Thränen . . . Da ist die Thüre in ihr Appartement. Hineinstürmen, wild, toll auf die Knie fallen, um Verzeihung bitten, scheint ihm das Beste. Er stellt sich vor, wie Mitterwurzer das machen würde, und copiert vor der Thüre dessen nervös zappelnde Geberden, Händereiben und sich gleichsam durch den Körper Zureden . . .

Doch als er die Klinke berührt, fällt die geplante Pose von ihm wie eine schlecht sitzende Maske. Er hat alle Vorsätze vergessen und thut unbewusst, wie's Edi Hoffinger thun muss. Leise, ganz leise öffnet er die Thüre und schleicht über den dicken Teppich zum Fenster, wo er Mizzi in dem blauen Sammtkleid, das er so närrisch gern hat, lesend, mit dem Rücken gegen ihn, in den Schaukelstuhl gelehnt sieht. Still wie auf Katzenpfoten schleicht er, ist hinter ihr, legt rasch die Hände über ihre Augen und flüstert: »Mizzi, wer ist?«

Sie lässt das Buch auf die Knie gleiten und bleibt noch einen Moment lang unbeweglich, als halte sie die Süssigkeit der Berührung fest. Dann aber springt sie auf und befiehlt ihm mit einer heiseren, fremden Stimme, das Zimmer zu verlassen. Wie er sie so mit ihren entzündeten Augen und dem blassen, von wahrem Schmerz gezeichneten Gesicht sah, wuchs zugleich mit dem Mitleid seine Liebe so mächtig, dass er auf einen Moment sich selbst verabscheute. Im nächsten Moment fühlt er sich dadurch gereinigt und sinnt auf einen Witz, die peinliche Scene zu beenden. Er wirft sich plötzlich in den leeren Schaukelstuhl und setzt ihn in die heftigste Bewegung. Zugleich sagt er ihr, und ein Lächeln über dem erregten, verlegenen, beschämten Gesicht macht ihn reizender: »Mizzi, ich schwör' Dir, entweder nicht lebend oder mit Dir verlobt geh' ich aus dem Zimmer.« Sein Gesicht, seine Worte und die Schauklerei ziehen ein Lächeln auch über ihre Lippen. Er ergreift die Halbversöhnte bei der Hand, und halb lachend, halb weinend erzählt er und hört sie zu.

Er erzählt von allem Anfang an, wie sie beide noch so klein waren und ihre ersten Worte waren: Edi lieb – Edi bah, womit das kleine Mizzikind seine Empfindungsextreme ihm gegenüber ausdrückte. Er erzählt, wie sie dann durch die Leute auseinandergebracht wurden, die alle überzeugt waren, dass sie ein Paar werden müssen.

So sei der Reiz ihres Verhältnisses zerstört worden. Wie die Liebe aber nach innen gegangen sei und sich, bei ihm wenigstens, hinter seltsamen Schrullen verbarg. Wie diese Schrullen ihm allmählich so lieb wurden und er in seinem Wien Trost, Freude, ewigen Genuss fand, so daß er eine Zeit glaubte, allein, gleichsam mit Wien verheiratet, leben zu können. Wie ihn aber sein letztes böses Abenteuer belehrt habe, dass er ein Windbeutel sei und dass er ein Schnürchen brauche, an dem ihn eine geschickte und weiche Hand leite, sonst würde sein seliges Bummeln zu einem Verbummeln . . . Erst jetzt nach der langen Trennung habe er gemerkt, wie sie allein jeden Reiz habe, denen er an anderen Mädeln einzeln nachgejagt sei, und dass ein Wien ohne sie ein halbes Wien, er ohne Mizzi nur ein halber Wiener sei . . .

Sie schwieg, ihre blauen Augen aber schimmerten wieder so rein, dass er darin ihre Vergebung erkannte – – – Nachdem sie sich eine halbe Stunde nichts als geküsst hatten, kam Frau Grünthaler, die, von dem Dienstmädchen über den Besuch benachrichtigt, eine Zeitlang befriedigt mit dem Kopf schüttelnd, durch das Schlüsselloch gesehen hatte, dann erst hineintrat und mit den Worten: »Na also, no siehst es« mit der linken Hand dem Edi in den Haaren kraute und mit der rechten die Mizzi über die Wangen streichelte. –

V.

Der Vollmond schmunzelt über Wien. Ein Juliabend. Auf der Volksgartenallee des Franzensringes gehen drei Leute. Links ein schlanker Herr, seine hellblaue Cravatte schimmert im Mondlicht etwas ins Grüne, rechts an seinen Arm geschmiegt ein blondes Mädchen, etwas kleiner. Rechts von ihr eine würdige Matrone, noch etwas kleiner und etwas – dicker. Edi Hoffinger hat, um dem Samstag seine außerordentliche Geltung zu erhalten, da er jetzt jeden Abend bei den Grünthaler nachtmahlt, einen abendlichen Samstagbummel eingeführt, in Gesellschaft seiner Braut und der Frau Grünthaler, die ihr künftiger Beruf als Schwiegermutter noch nicht verdorben hatte.

Die zwei jungen Leute schweigen. Sie sind in dem gewissen Zustand, wo man nicht weiß, geht man, fliegt man oder schwebt man. – Und weil die schweigen, obwohl sie sich in einer stillen Sprache sehr gut zu unterhalten scheinen, bringt das dicke Frauchen ein Opfer, eigentlich ein Heldenopfer und – schweigt auch. – Man sieht das Rathhaus aufsteigen, weiß, von dem lichtgrünen Strahlennebel umflossen, so dass es nicht wie sonst kühn und voll Jugend aufgereckt scheint, sondern müd' und weich in das Seidenpolster des Himmels gelehnt. Der Mond steht gerade über dem Kopf des eisernen Mannes, wie ein Heiligenschein. Der junge Herr, der bislang seine zärtlichen Blicke auf die Begleiterin rechts gerichtet hatte, bemerkt plötzlich das Bild, drückt ihren Arm an sich und stammelt etwas. Beide schauen hinaus; er zittert vor Lust. Dann scheint noch ein Kuss vorgefallen zu sein – – –

Ende Juli ist Hochzeit bei Frau Grünthaler. Die Gäste schmausen weiter, ohne sich darum zu scheren, dass das Brautpaar schon unsichtbar geworden ist. Fräulein »Blauerl« und Edi Hoffinger haben aber ihre Hochzeitsreise angetreten. In den letzten Zug der Zahnradbahn auf den Kahlenberg sieht man sie einsteigen. Es ist eine warme, blaue, ausgestirnte Nacht. –

Der Zug keucht mühsam, scheppernd hinauf, über Wiesen, dann durch Wald, immer höher. Ihnen ist's, als ob in die Sterne hinein! –

»Alles aussteigen!« Endstation. Sie treten ins Hotel, wo das Paar, dem eine prächtige Wohnung bestellt ist, schon erwartet wird. Sie schreiten langsam über die Terrasse, und wie sie ins Haus treten, verklingt im Garten der letzte Walzerklang der Kapelle. –

Die Wangen aneinandergedrückt, unter Küssen, schauen sie vom Kahlenberg nach Wien hinunter. Tausende Lichter winken her, Hochzeitsfackeln. Eine tiefe blaue Nacht liegt zwischen den Sternen des Himmels und den Sternen der Stadt.

Jetzt hat Edis scharfer Blick das matt leuchtende Band der Donau bemerkt. Kaum nimmt es das Auge wahr. – Es ist, als flimmerte ein Streifen Erde im Wechsel auf und verschwände wieder. Er weist sie dorthin. – Endlich die Blicke von Wien, Sternen, Wald und Donau trennend, treten sie in das von Blumen duftende Gemach zurück.

Ringstraßenbummel.

Ueber eine Stunde hatte Edi verbraucht, seine Geschenke zu gruppieren. Jetzt war alles harmonisch! Keine Farbe die andere drängend, alle Sachen unsymmetrisch, doch malerisch gestellt . . .

An den Rändern des runden Tisches lagen die Bücher, ein paar Bände Maupassant mit grünen, goldverzierten Decken, Kupferstiche, seidene Cravatten, Cigarrenkistchen – dann Meerschaumpfeifen, Bonbons, Nadeln und bunte Cotillons, die er vom letzten Fasching her gesammelt hatte . . .

Hell beleuchtete der kleine Weihnachtsbaum den runden Tisch . . . durch das Zimmer zogen die Kerzchen ein schleieriges Licht, an den Wänden tanzten die Schatten . . .

Edi nahm jetzt eine dicke Regalia aus einer der Schachteln, setzte sie an einem Weihnachtslichtchen in Brand und genoss, indem er den Tisch prüfend umwandelte und sich dann auf das Sopha streckte, von dem duftigen Rauch gewiegt, seine einsame, zarte Stimmung: Harzduft, grüne Zweige, schwelende Kerzen, darüber eine Stille so weich gebreitet, dass ein seliges Kindergefühl in ihm erwachte, wie einst, da seine Mutter jeden Abend, nachdem er sich zu Bette gelegt und die Augen geschlossen, sachte herantrat und mit vorsichtigen Fingern ihm die Decke fester um den Leib legte . . .

Er stand rasch auf, um nicht in Träumen einzuschlummern, und schob die mächtige Sachertorte, die ihm seine Zimmerfrau verehrt hatte, von der horizontalen in eine schiefe Lage, so dass sie sich an den Stamm des Bäumchens lehnte und, mit ihrer braunen, schimmernden Fläche vor den übrigen Dingen dominierend, wie ein dicker Glatzkopf aus einem Kreis junger, buntgekleideter Mädchen guckte.

Natürlich dachte er auch an Mizzi, schon weil ihr Geschenk, das sonst immer den Ehrenplatz erhielt, heute an seinem Tisch fehlte.

Er sann nach, was denn eigentlich Anlass zum Böswerden gegeben hatte? Wie er die dicke Wolke, die er ärgerlich auspuffte, mit heftigen Strichen der Hand zertheilte, schien die Geste auch zu sagen: »Ach was, das wird vorübergehen, wie dieser Rauch . . . weg mit den Sorgen!«

Er gieng zum Fenster und zog die Rouleaux in die Höhe. Bei dem Anblick der Straße und der gegenüberliegenden Häuser verzogen sich die kleinen Fältchen über seinen Brauen. Die Weihnachtstimmung erfüllte ihn wieder ganz mit ihrer süßen Reinheit. Seine Seele durchklang ein Reigen milder, ja feierlicher Melodien und bewegte sie mächtig. Es war ein Gemisch von Erinnerung und Hoffnung, welches ihn so rührte, dass er mühsam Athem holte und dass sein Gesicht brannte. In diesen Minuten der Einsamkeit fühlte er, wie die Freuden und Schmerzen, die er erlebt hatte, gleichsam aus dem Friedhof der Vergessenheit stiegen und sich in zwei Scharen feindlich bedrohten. Er spürte einen kurzen, gewaltsamen Kampf, aber der Jubel, der plötzlich aus ihm sprang, verkündete ihm den Sieg der Freuden.

Lachend sprang er vom Fenster weg und schob, die Arme fröhlich schwingend, im Walzerschritt ein paarmal durch das Zimmer, rund um den Tisch!

Aber er musste wieder zum Fenster, musste nochmals auf die Straße sehen, wo der Schnee wie eine Wolke von feinen Spitzen niedersank.

Aus den Häusern drüben schwankten Weihnachtslichter, und schnelle, immer wechselnde Schatten der Menschen zogen vorbei. Diese betrachtend und mit dem süßen Taumel in sich, genoss er die seltene Stimmung am tiefsten. Dabei empfand er jene Angst vor der Störung, die man manchmal im Sommer hat, wenn man einsam im Wald liegt: man lauscht einem leisen, fernen Vogelruf, der jubelnd anhebt und auf Secunden versinkt – wenn nur kein Hauch über die Blätter rauscht, kein Schritt naht . . .!

Er sah auf die Uhr. Es war neun! Jetzt musste er gehen. Er musste sich von seiner Stimmung lösen, die sich nach einem aufrührerischen Toben wieder wie ein leichtes, weiches Gewand an ihn schmiegte. Denn er wollte bald in eine andere schlüpfen, vielleicht eine weniger weihnachtliche, aber eine ganz eigene, die – wie der glitzernde Baum von Millionen – von ihm, dem Einzigen, alljährlich als ein hohes Fest erwartet wurde.

Der Ring war sein Ziel. Ohne es zu wollen und zu wissen, gieng er auf einem Umweg hin, von der Landstraße, wo er wohnte, über die Marxergasse, wo sie wohnte. Erst wie er vor ihrem kleinen einstöckigen Hause stand, merkte er lächelnd die List seiner Beine und war ihnen nicht undankbar.

Er schaute hinauf. Richtig! im Salon stand der Baum. Er sah nur seine Spitze, wo himmelblaue Bänder sich durch die grünen Zweige schlangen. Die Farbe der Bänder freute ihn.

Er erinnerte sich jenes blauen Sommertages in Weidlingau – »dort ist der Himmel blau« – wo sie sich, nachdem sie sich tüchtig ausgeküsst und zuerst ihre Liebe mit hohen Worten ausgeputzt hatten, auf »blau« beeidigten und er Mizzi, an der Taille wie ein Kind in die Luft hebend, »Fräulein Blauerl« getauft hatte.

Seit jener Verlobung im Grünen begannen die kleinen Zänkereien, weil jedes, trotz der großen Liebe zum Andern, von seinem besonderen Wesen nicht lassen konnte, oft trotzig und empfindlich war und seine wienerische Freude am »Frozzeln« nicht zurückhielt.

Freilich kam immer bald die Versöhnung, die, je länger der Zank, desto lustiger und toller wurde.

Diesmal dauerte der Zank schon zwei Wochen lang. Eben weil Weihnachten kam und sich da eins auf das andere so freute, gab keines nach. Er hätte ihr vielleicht auch sein Weihnachtsgeschenk nicht geschickt, aber es war schon einen Monat vorher bestellt worden: ein Album aus blauem Plüsch und drinnen Photographien ihrer Lieblingsorte im Wienerwald, die sie gemeinsam im Sommer aufgenommen hatten. Ob sie's zum Baum gestellt hat? Oder noch trotzig in ihrem Schrank versteckt hielt?

Schon wäre er hinauf geeilt, um sich davon persönlich zu überzeugen; aber ein Schatten, der plötzlich aus ihrem Fenster kam, erschreckte ihn so, dass er sich wandte und fortgieng.

Er durfte doch nicht zuerst nachgeben! – Wenn sie ihn nur nicht da unten sehnsüchtig gaffen gesehen! O, diese Blamage, und die Frozzelei dann! – –

Er spürte, wie ihm der bloße Gedanke daran die Röthe in die Wangen trieb. Gut wenigstens, dass ihn niemand von der Straße bemerkt hatte. Da sah man nur ganz fern einige menschliche Rücken sich schnell bewegen.

Er dachte wieder an sein Ziel: den Ringstraßenbummel. Früher hatte er mit seinen Freunden oder Freundinnen Weihnachten gefeiert, später aber war er von der Sorte der lebenden Freunde zu einer anderen übergegangen, die ihm treuer blieb. Die Straßen, Gärten und Gebäude der Stadt wurden seine rechten Freunde. Erstens waren sie alle schön, und anders schön im Frühling als im Sommer, im Winter und Herbst; dann ließen einen diese Freunde nie aufsitzen, man konnte sie besuchen, wann man wollte, sich immer mit ihnen freuen, traf sie immer an, störte sie nie . . .

Und weil die Ringstraße aller Wiener Straßen Königin ist, gleichsam das von vielen Edelsteinen leuchtende Stirnband der Stadt, so hatte Edi beschlossen, sein Weihnachten mit dieser liebsten Freundin »Frau Ringstraße« zu begehen . . .

Wie er jetzt zwischen den Häusern schritt, aus deren Fenstern noch immer die lieben Lichter glitzerten, und auf dem weichen Schneeteppich des Trottoirs seine Schritte dumpf, fast wie ferne Glockenschläge hallten, kam noch einmal die Weihnachtstimmung über ihn. Da schienen ihm die Straßen, jetzt, wo die Menschen sie verlassen hatten und nur mehr für einander lebten, fremd, als verberge ihr vertrautes Gesicht eine starre Maske; da schien ihm die Stadt selbst – in grausamer Vision – wie ein gewaltiger Friedhof und die Häusersärge auf eine Riesenhand harrend, die sie einscharre . . .

Aber als er in die Nähe des Rings kam, hatte er sich dieser Stimmung entwunden, und es schwand auch der todestraurige, einsame Schein an den lieben Gebäuden. Jedes nahm sein eigenes, ihm so vertrautes Leben wieder an und prunkte mit seiner Pracht vor ihm, wie ein schönes und seiner Schönheit bewusstes Weib vor einem Don Juan.

Als er jetzt durch die leere Straße zur Votivkirche schritt und die grauen Thürme wie eine Pforte zu der Herrlichkeit der Ringstraße herüberragten, jubelte es ihm zu: »Du Glückskerl, heute gehört sie ja dir, dir allein! Geh' sonst am Tag her, am Abend, in der Früh', da wimmelt's von Leuten, und sind sicher welche darunter, die ihr Wien und ihre Ringstraße so lieb haben wie du und sich im Schauen als Besitzer ihrer Schönheit fühlen. Heut' aber ist kein Teufel da, alles in den Mauern mit den Gedanken bloß an sich und die Familie. Es ist ohnehin das letzte Mal, dass du allein (Edi ist im nächsten Jahr schon mit Mizzi verheiratet!) hier deine Weihnacht feierst. Grab' dir die Herrlichkeit tief ein und lass' in dir das Bild dieser Nacht zu einem ewigen und unvergesslichen werden!« –

Lange stand er vor der Kirche. Die jetzt langsam und zerstreut fallenden Flocken ließen ihn hoffen, dass die Wolken sich theilen würden. Vielleicht glitzerten dann sogar noch ein paar Sterne vom Himmel?! –

Ohne scharf umrissene Klarheit, aber auch nicht im Nebel verdeckt, griffen die zwei Thürme der Votivkirche wie rasch aus der Erde gestreckte Riesenarme in die Luft, nicht drohend und feindlich, aber gewaltig, als ob sie sich der eigenen Größe freuten.

Die Häuser des Platzes standen wie ängstlich zitternde Planken umher. Und auch der breite, weibliche Bau der Universität schmolz zu etwas Unansehnlichem vor jenen grauen, einsamen Thürmen. Aber sie war ein rechter Uebergang von der schroffen, im Dunkel wie aus Dolomitfelsen gehauenen Kirche zu den spielenden, fast wie versteinte Walzerrhythmen in den Horizont klingenden Formen des Rathhauses.

Da kam ihm seine behaglichste, wienerischste Stimmung; da wurde der Grundton seines Wesens zu einem harmonisch ausschwellenden Accord erhöht. Sein Rathhaus, sein liebstes Gemäuer in der Stadt! Wie es nur so lieb, freilich auch ein bisschen protzig, dastand! Aber wenn man was Rechtes hat, darf man sich wohl etwas einbilden. Darum, Rathhaus, mein herziges, liebes Haus – so sang seine Seele – mach' dir nichts draus, scher' dich um nichts, stell' dich nur so her, wie du bist, und erdrück' da alle deine verehrten Mithäuser, wie sie auch heißen mögen: Burgtheater, Universität, Parlament &c. &c., mit deiner hellen, giebeligen, fahnenlustigen, schlankbogigen Pracht! –

Und wie, wenn man die Geliebte weinen sieht, man sich gerne vorstellt, wie schön sie lachend ist, so sprang Edis Phantasie in den Frühling und gedachte der blauen Tage mit dem Silberstaub, den sie auf die Welt streuen, und wie da das Rathhaus, blau gestickt sich in den Himmel prägend, den erst schön macht, so dass man nicht weiß, solle man sich wünschen, blau und froh zu sein wie er, oder schlank, gothisch und voll jauchzender Kraft wie es . . .

Er schritt tief athmend vor dem Burgtheater auf und ab, um die Hitze, in die er gerathen, zu kühlen. Dann überquerte er den Ring, und als er den steilen, wie eine Wolke hängenden Schatten der Minoritenkirche gewahrte, musste er lächeln. Was waren ihm da schon für Vergleiche in seinem Leben eingefallen! Einmal war sie der Dachstein, der Thurmstumpf dagegen eine ungeputzte Stiefelröhre, ein anderesmal kam es ihm just vor, das schiefe Dach sei eine aufgestellte Staffelei für den lieben Herrgott und der Thurmstumpf der nebenhin gestellte Cylinder eben desselben Herrgotts. Heute aber musste es ein Elephant sein, der von Indien nach Wien gefahren und nun höhnisch über unsere ihm zu kleine Stadt seinen Rüssel zu diesem Thurmansatz aufschnupperte.

Noch lächelte Edi, aber sich zum Parlament wendend, nahm seine Miene etwas leise Klagendes an. Der zierliche griechische Palast stand im Schnee da, wie ungefähr eine Venus Anadyomene in Boa und Muff . . . Rasch schritt er von hier auf den Burgring und erquickte sich an der Justamentpose der bronzenen Maria Theresia. Dass er sie so ansah, führte ihn in ganz intime Regionen seiner Seele . . .

Stehend mochte er aber in diesen nicht wandeln, drum sah er sich nach einer Bank um und entdeckte erstaunt eine, wo an der Seite der Schnee weg war und die Stapfen, die von ihr liefen, darauf wiesen, dass ein Paar hier gewesen sei. Er freute sich darüber. Jetzt wollte er ja paarweise denken. Die Maria Theresia war der Uebergang. Gerade so wie die hätte eine gewisse Mutter einer gewissen Mizzi dasitzen können und ist schon einmal so gesessen. In der »Cavalleria«, wo er damals eine Loge genommen. Die Tochter war freilich proportionierter. Sie musste einen Körper haben wie das »Donauweibchen« im Stadtpark – –

Als Edi so sann und zurücksann, mit der linken Hand den Schnee auf der Bank zerknüllte, kam er sich ziemlich allein vor . . . Es wäre doch hübsch gewesen, mit der Mizzi zu bummeln, jetzt und gerade hier . . . Na, bis zur nächsten Weihnacht ist ja Zeit genug zur Versöhnung . . . Sie wird aber ein Gesicht gemacht haben . . . er sah auf die Uhr. Ja, jetzt muss sie's schon geöffnet haben, die kleine Schachtel mit der kleinen Brosche, worauf E und M in blauen Steinchen verschlungen sind, und g'rad' im Mittelpunkt ein dunkler Rubin . . .

Er hob die Augen. Hinter den Dächern von Mariahilf hatten sich die Wolken geöffnet und ließen einen schmalen Streifen gestirnten Himmel durchleuchten. Seine Gedanken schlummerten langsam ein. Der Spalt hatte sich wieder geschlossen – – Rathhaus, Mizzi, die Kuppeln der Museen, blaue Augen, Schneesterne und Brosche schlangen sich zu einem bunten Traum. Die Augen fielen ihm zu. Da sah er alles klarer und rascher durcheinander schwingen . . . Zuletzt erschien ihm ein sonderbares Bild . . . Es war der mittlere Rathhausthurm. Dort, wo gewöhnlich die große Uhr herausschaut, beugte sich der Kopf eines Mädels, um den die blonden Haare im Winde flatterten. Sie schien jemandem unten aus der Straße zuzuwinken, die Zeiger ihrer Augen verkündeten einem Einzigen die froheste Stunde. Edi aber fühlte in seinen Gliedern drückende Schwere, wie von einer eisernen Rüstung. Er hätte gern die Hand herabgestreckt und gerufen: Mizzi, schau! ich bin ja ober Dir, nicht unter Dir. Seine Hand aber war um eine lange Fahne gepresst, er konnte sie nicht rühren und die Zunge nicht zu einem einzigen Worte lösen . . .

Da schallten langsam und dumpf Schritte her. Er sah auf. Eine glänzende Pickelhaube befreite ihn aus der Rolle des »Eisernen Mannes«.

Noch umfieng ihn aber der Traum so sehr, dass er nicht aufstehen konnte, sondern mit erstaunten Blicken den Mann herankommen ließ. Er spürte plötzlich eine dicke Hand auf seiner rechten Schulter. Das erweckte ihn vollends. Er sprach: »Sie entschuldigen schon, ich hab mich in meinem Weihnachtsbesuch bei Frau Ringstraße etwas verspätet.« Dann zog er den Cylinder mit einer weiten, runden Bewegung des Armes, verneigte sich mit kleinen Wendungen nach rechts und links; und bevor der stramme Wachmann ein dienstlich Wort in den Mund nehmen konnte, schritt Edi mit seinem leichten, rhythmischen Gang dem Opernring zu. Jener blieb einen Moment stehen, – wahrscheinlich sah er dem scheinbar Verrückten nach – dann gieng er plump und fest die entgegengesetzte Richtung, um die Inspection zu beenden.

Man hörte geraume Zeit die leise knirschenden Schritte Edi's und das Gedröhne der Polizeibeine.

Noch einmal blickte der Behelmte um und schüttelte die Haube über den seltsamen Gang des seltsamen Herrn. Edi machte es nämlich Spass, in den breiten Stapfen zu gehen, die sein Retter vorher in den weichen Schnee gegraben hatte.

Auf dem Heimweg quälte es ihn, ob in dem bewussten kleinen Haus in der Marxergasse noch die Kerzen am Baum mit den himmelblauen Bändern brennen würden, ob ein blaues Plüschalbum im Salon unter den Geschenken in gebürender Stellung stände oder ob es im Schrank versteckt wäre. – Ein paar blaue Augen konnten verweint sein . . . . sie aufzuhellen wäre doch der beste Abschluss!

Resi.

»Resi, Du bist heute unausstehlich . . . . Gieb nur einmal Ruh' damit oder ich geh' fort.«

»Geh', ich mag Dich nicht mehr. So grauslich zu sein!« Sie sah auf den Boden und deckte den verwirrten Blick mit den langen Wimpern ihrer Augen.

Jetzt wurde Edi wüthend. »Aber Resi, hör' mal auf mit den Dummheiten. Wenn ich einmal geh', dann siehst Du mich nicht mehr.

»Von mir aus – –«

»Nein!« – er sprang vom Sessel auf: »Adieu! So gieb mir wenigstens nochmals Deine Hand.« Er sah sie wirklich bös an. Sie war jetzt etwas blässer. Nach einer kleinen Pause streckte sie ihm die Hand nachlässig, weich, ohne eine Muskel in ihr zu spannen, hin, den Blick noch immer auf den Boden geheftet. Wie er die lässige Hand spürte, eine Secunde lang, war's ihm da, als sollte er sie küssen und dann sie umarmen und um Verzeihung bitten. Aber nur eine Secunde lang währte die Schwäche. Man muss doch Mann sein und auch seine Ehre haben . . .

Was die Weiber eigentlich glauben . . . Wir lebten nur ihretwegen. Ja, natürlich, das kommt davon . . . . .

Draußen vor der Thür blieb Edi stehen und lauschte. Wird sie ihn zurückrufen? – Er vernahm nichts, dann hörte er ein leises Geräusch. Was war das? Wenn sie hinauskäme und ihn so sähe! – Die Scham gab ihm Energie, und er lief, immer mehrere Stufen auf einmal nehmend, die Stiege hinab.

Vor dem Hausthor hielt er noch einmal an. War das Geräusch, vor dem er davongelaufen, nicht doch ein unterdrücktes Schluchzen gewesen? Eh! zu dumm. Die! So ein Rappelköpfl – Aber diesmal geb' ich nicht nach, nahm er sich fest vor. Und all der Starrsinn und das Beleidigtsein – warum denn? Weil er sie zweimal nach einander beim Rendezvous hat aufsitzen lassen. Das kann einem doch passieren. Das sind doch keine Gründe . . . Man ist Mann und hat zu thun und den Kopf voll Sorgen und kann sich auch einmal verspäten. Noch dazu war's das erste Mal seit ihrer so langen Bekanntschaft. Das erste Mal seit sechs Monaten.

Sechs Monate? Wirklich so lang schon hat das gedauert? Er zählte nach. Ja, es stimmte. Merkwürdig, so lang hatte er's außer mit seiner Mizzi noch nie mit einer ausgehalten. Oder doch? Fritzi, Lini, Gusti, Roserl? Nein, so lang hat's noch mit keiner gehalten. Ja, dafür ist's auch die Resi, so ein Mädel! Ah – ist's ja nicht mehr.

Alles Täuschung und Einbildung. Abscheulich ist sie. Nicht anschauen wird er sie mehr . . . Aus, aus und noch einmal aus! Morgen kriegt sie den Ring zurück. – – Er schlug dabei mit dem Stock auf das Gitter des Stadtparkes, an dem er jetzt hinschritt.

– – Wirklich nicht übel! Woher die Mädels die Einbildung nehmen? Man wär' wirklich nur dazu da, ihnen den Hof zu machen und zu schmeicheln und jeden Abend um sieben Uhr beim Wetterhäuschen zum Rendezvous zu kommen. Dass man, zwei Stunden weit, oben am Alsergrund wohnt und sich den Tag über geschunden hat im Bureau und manchmal sich auch müd' zu sein erlaubt oder anderwärts Ulk sucht, das geht die nichts an! – – Freilich, das kommt daher, dass man die Würde, seine Manneswürde vergisst und nicht genug stolz thut, sondern immer bewundert und schmeichelt, als ob . . .

Er war am Schwarzenbergplatz. Er zog die Uhr: Punkt fünf. Der ganze, schöne Tag verschandelt. Er wurde wirklich wüthend. Die Passanten spürten es, er wich niemandem aus und ertheilte so Püffe nach rechts und links.

Vor dem Springbrunnen blieb Edi stehen. Der Strahl der großen Fontaine drehte sich mit dem Wind und netzte ihn. Er musste lachen. Wie möchte das die Resi freuen, wenn sie jetzt hier wäre, mit ihm, das kleine, tolle Mädel. Die möchte ihn jetzt so lange um den Teich ziehen, bis sie beide waschelnass wären. Dann möchte sie ihm »Schneckerpatzerl« machen, und das Lachen! Dies helle, stäubende, glitzernde Lachen von ihr! –

Aber das ist ja alles aus und aus. – Er ärgerte sich, dass er doch immer an sie denken musste . . . Sie war ja doch ein abscheuliches Mädel . . .

Uebrigens muss man jetzt eine Jause nehmen, sprach er zu sich weiter, nicht einmal aufgewartet hatte sie ihm zum Abschied! Zum erstenmal, dass er von ihr gieng, ohne sein feines Stück Sachertorte bekommen zu haben.

Er blickte aus nach einem Gasthaus. Da schob sich die Karlskirche vor seine Augen, die ihre Riesenkuppel in das tiefe Blau des Himmels hob. – –

Er bleibt stehen und vergisst auf einen Moment Durst und Resi.

So eine Kuppel braucht sich nicht zu ärgern und steht da und lässt sich gelassen, ohne je böse zu werden, angucken.

Er suchte sich den Zustand auszumalen, wo man keinen Durst hat und keine Sehnsucht nach der Resi. – –

Schon wieder ertappt über der Resi!

»Jetzt aber zum letzten Male, ich mag sie nicht mehr. Wie Du mir, so ich Dir,« stampfte er sich zu und wandte sich fort. Er gieng über die Elisabethbrücke, drüben war ein Restaurant.

»Sie wünschen, Herr Doctor?«

»Krügel Pils'ner und eine Virginia.«

Er blies den Rauch langsam durch die Zähne, schaute die neue Nummer der »Caricaturen« aufmerksam durch und schlürfte tief und nachdenklich aus dem Glas. Dann starrte er hinaus. Eine hastende Menge, gleichgiltige Gesichter. – Da plötzlich! – Was war das? »Zahlen, Kellner, zahlen!! schnell!« Er stolperte so rasch als möglich hinaus. Das Bier lag ihm schwer in den Füßen.

Am End' treff' ich sie nicht mehr. Wäre das ein verfluchtes Pech! Rasch, rascher! trieb er sich an. Ah, dort in den Naschmarkt ist sie eingebogen. Er sieht den blonden Kopf zwischen den Obstständern. Wie ansprechen, wie, wie, wie? – – Jetzt hat er sie erreicht. Er dämpft seine hastigen Bewegungen. »Entschuldigen Sie, Fräulein, dass ich, dass ich total athemlos bin. –Würden Sie gestatten, nämlich gestatten, dass –«

Ja, ja. Er sollte nur ruhiger sein, die Leute lachten sie doch aus. Sie habe nicht lange Zeit, sich begleiten zu lassen. Sie müsse nachhause.

»Ja, aber bis zum Hause darf ich,« bat er schon ruhigeren Athems. – Bald plauderten sie lustig. »Also in der Margarethenstraße wohnen Sie? Dann wären Sie ja schon gleich zuhause und mein Glück so schnell vorbei. Das geht doch nicht. Liebes Fräulein Poldi, liebes Fräulein, noch ein bissel, so eine Viertelstunde haben Sie gewiss Zeit zum Spazierengehen. Das gehört zur Gesundheit. Und ich werd' Ihnen aus Dankbarkeit dafür was recht Schönes erzählen, zum Lachen was. Aber noch eins, wenn ich Sie recht schön bitt' drum. Ja?«

»Aber was denn?«

»Das sag' ich nicht. Versprechen Sie mir's erst.«

Er kann mich doch nicht da auf der Straße küssen wollen, denkt sie. »Also gut, ja?«

Er hängt sich in sie ein. Ihr Sträuben nützt nichts. Daran hatte sie aber gar nicht gedacht.

»Also horchen Sie, einmal, wie ich g'rad' – – –«

Da reißt sie sich los: »Um Gotteswillen, dort kommt mein Papa, gehen Sie, gehen Sie! Adieu!« »Küss' die Hand.« Darauf antwortet sie nichts mehr. Er blickt ihr nach, und er sieht ihn noch: ein kleiner, dicker Herr mit grauem Kaiserbart, spießerlich behäbig. –

Noch immer steht er da und schaut. Dann machte er ein paar Schritte vom Trottoir auf die Straße, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Ja, dort links, dorten der Cylinder, der Kaiserbart und daneben die blonden Haare.

»Auf! O! O! – –«

Ein lautes Fluchen. Er springt zur Seite, dabei fällt ihm der Hut in den Staub. Ein paar derbe Schimpfworte und der Wagen rattert weiter. »Wenn der Kerl nicht noch im letzten Moment die Zügel anreißt und ich nicht noch im letzten Moment zur Seite springe, läg' ich jetzt da, hin oder – –« sagt Edi zu einem Passanten, der stehen geblieben war und jetzt lächelnd fortgieng.

Noch blass vor Schrecken und Erregung, geht er zum Wachmann, der an der Ecke steht und theilt ihm mit, was ihm beinahe geschehen. »Sie müssen den Kerl wegen Schnellfahrens arretieren. Das ist ja lebensgefährlich. Unerhört, dass so was geduldet wird.«

»Ja, wissen Sie die Nummer von ihm oder wissen Sie, wie er heißt?«

»Adieu!« – –

– Frozzeln will mich der auch noch . . . und alles wegen der Resi. Der werd' ich's aber heut' noch geben. Den ganzen Tag verdorben. Blamagen und Lebensgefahr! – – Aber nein, der geb' ich überhaupt nichts mehr . . . Das Mädel stürzt einen ja rein ins Unglück. Man kann die Folgen gar nicht ausdenken. – Mit diesen Gedanken schritt er hinauf, dann in die Pilgramgasse. Wie er zur Brücke kommt, sieht er drei Mädel eingehängt, eine große in der Mitte, zwei kleinere an der Seite. Das heitert ihn auf. Er bleibt ein paar Minuten hart hinter ihnen. Die Kleine rechts muss schon etwas gemerkt haben. Sie tupft nämlich mit dem Arm die in der Mitte und lacht. Darauf dreht die in der Mitte ein ganz klein wenig den Kopf zurück. Diesen Moment benutzt Edi und tritt vor. »Sind Sie nicht Schwestern, meine Fräulein?« Er fixiert sie dabei fest, die beiden links werden blass, nur der Kleinen rechts scheint das Abenteuer großen Spass zu machen. Und richtig öffnet die ihr rothes Mäulchen und mit hellem Backfischton: »O nein!«

»Aber Minna, das schickt sich nicht« – die in der Mitte.

»O, wir bitten sehr,« – die links.

»Nicht wahr, Fräulein Minna, das schickt sich schon,« benützt Edi die vorlaute Antwort. – »Was so ein liebes, kleines Fräulein sagt, schickt sich immer. Sie werden mir doch nicht böse sein, wenn ich Sie ein Stück begleite, auch wenn Sie nicht Schwestern sind.« Die kleine Minna war lustig und begann zu plauschen. Und Paula, die Mittlere, machte gute Miene – Kathi, die ganz Linke, machte sich bei der ersten Gelegenheit von dem Arm der spröden Paula los und trippelte auf die andere Seite, so dass die zwischen Minna und Kathi ging.

Sie erzählte, dass sie Freundinnen seien: das heißt, Minna erzählte es, Kathi lächelte dazu und Paula machte ein böses, sprödes Gesicht dazu. Vor einem Hausthor in der Windmühlgasse blieben sie stehen; da sei die Stickschule, die sie gemeinsam besuchten. –

Im Thor schwätzen sie noch lustig.

Endlich fragt Edi sie, ob er sie wiedersehen könnte.

Paula zuckt tief verletzt die Achseln und senkt den Blick. Kathi kichert ein bisschen verlegen. Minna aber lacht ihm lieb in die Augen, und wie sie den Mund öffnen will und reden, drückt er ihr einen langen, festen Kuss auf die Lippen. Kathi und Paula laufen weg, die Stiegen hinauf: »Aber so was!« Nur Minna bleibt. »Schlechter Mensch!« meint sie; ihre weißen Wangen werden hochroth. Er macht ein komisches Gesicht und kniet vor ihr nieder: »Bitte um Verzeihung, gnädigstes Fräulein!« »Schlechter Mensch!« lacht sie. – »Nur noch einen!« – – »Aber jetzt muss ich gehen.« – Er drückt sie an sich. »Ich geb' Sie nur unter der Bedingung frei, dass Sie mir auch einen Kuss schenken. Also, schnell, sonst fang' ich an.« Verschämt und ganz wirr vor Erregung küsst sie ihn leicht und reißt sich los. In einer Secunde ist sie in dem schwarzen Hintergrund verschwunden. Edi steht da – – Und das Wiedersehen? Er schlug sich vor die Stirne. Weil er so losstürmt auf alles! Zum Küssen wär' doch später Zeit gewesen . . . Er schreibt sich die Lehre tief in sein Gehirn. Bevor man das Rendezvous verabredet, darf man nicht küssen. – – –

Müde schritt er durch die Neubaugasse in den siebenten Bezirk. Minna, Kathi, Poldi, – Resi, Resi, – das sauste so durch seinen Kopf. »Und das war ein süßes Dingl, die Minna, fast noch süßer als – –« Er war so müde und dabei doch so erregt. Und das Bild von einem lieben Gesicht tanzte unbestimmt vor seinen Augen. Er konnte nichts Sicheres, keine feste Contour davon erfassen. Bald sah's aus wie die Minna und dann war's doch die Resi. Und es kam ihm plötzlich vor, als hätte er seine Resi schon jahrelang nicht gesehen . . . Er bekam so Sehnsucht. – – Jetzt gieng er über die Lerchenfelderstraße, schon in den achten Bezirk. Es war Abend. Die Glieder schmerzten ihn vor Müdigkeit. Die Sonne war im Niedersinken. Wie er die steile Gasse hinab schritt, leuchtete die Spitze des Kahlenberges über den Dächern. Und die Häuser auf ihm, die Türkenkirche, das Hotel, glänzten und funkelten und hoben sich auf dem dunklen Waldgrund, wie die Zinnen einer kleinen Stadt, vom glühenden Horizont ab.

Nach ein paar Minuten verschwand das schöne Bild. Von ferne rauschte das Gerassel und Geklingel der Alserstraße des neunten Bezirkes. Die Laternen wurden angezündet. Er stand vor seinem Haus. – Was jetzt thun, hinaufgehen? Sich ausschlafen und die Resi Resi sein lassen. Die verdient das doch wirklich nicht, sich um sie so todtzuhetzen. Nur muthig brechen mit ihr – brechen! – –

Er stand noch immer unschlüssig beim Thor.

– – »Aber wenn ich ihr morgen von meiner Reise durch ganz Wien und meinen Abenteuern auf ihr erzähle, glaubt sie mir das gar nicht, und sie soll doch wenigstens sehen, was sie an mir angerichtet hat . . . Von hier zum Wetterhäuschen dauert's noch eine gute Stunde. Das bring' ich nicht mehr zusammen. Du fall' ich ja auf offener Straße nieder.« – – Er springt in eine Tramway. – Gott sei dank, noch ein Platz, dort neben den zwei Fräulein. – Er sitzt eine Viertelstunde apathisch, die Augen gesenkt.

Der erste Gedanke, nachdem er sich von seinen Strapazen ein bisschen erholt hatte, war: »Das erste Mal in Deinem Leben, dass Du neben zwei Fräulein eine Viertelstunde lang gesessen, ohne sie anzusprechen. Er bereute seine Lethargie, sah aber ein, dass es jetzt zu spät war. – Aber ansehen darf man sie sich. Hübsche Gesichter. Er lächelte sie sehr vergnügt an. Da standen sie beide auf. Bravo, dachte er und streckte sich bequem auf der leeren Bank.

Beim Schottenthor steigt er aus. Er ist zwar ein bisschen ausgeruht. In den Beinen hat er aber durch das lange Sitzen ein Gefühl, als ob in jedem Muskel eine Kugel säße. Allmählich verliert sich das. Er geht quer durch die innere Stadt, dem Stadtpark zu. –

Vielleicht ist die Resi doch dort? Kann ja alles sein. Er war zu müde, um sich etwas fest zu wünschen. Er stolperte langsam über die »Freiung«. Immer mühsamer, – man musste ihn für einen Schwerkranken halten. Da packt ihn jemand von rückwärts beim Arm. »Ja, wie gehst Du herum, was ist denn Dir passiert? Und Jesus, wie schau'st denn aus? Ganz grün! Na hörst – –«

»Siehst, Resi, jetzt sollt ich Dich eigentlich nicht ansehen. Alles Du schuld. Um ganz Wien bin ich herumgelaufen, vor lauter Aerger über Dich, weil Du ein garstiges, böses Mädel bist, und überfahren bin ich auch beinah' worden.« – –

»Aber häng' Dich ein und geh' schön langsam, armer Kerl! Sei wieder gut. Ich hab's ja nicht so ernst g'meint. So. Und jetzt erzähl' mir, was hast denn heute alles getrieben?« – –

Resi hielt den Schirm vor, den sie »wegen des Windes« aufgespannt hatte. Edi verstand das und küsste sie zur Einleitung seiner Bummelgeschichte. – –

Liebfrauen-Arme.

»München!« schrie der Schaffner . . .

Edi entwankte dem Coupé. Sechs Krügel bayrisch Bier hatten seinen zarten, an »Pils« gewöhnten Organismus schläfrig und müde gemacht. Wie eine Fahne, die früher lustig und leicht im Winde flatterte und jetzt vom Regen patschweich baumelt, sah er aus.

Willenlos tappte Edi aus dem Centralbahnhof in den erstbesten Hotelomnibus, der ihm vor der Nase stand. In dem ungeheuren, dunklen Gefährte, das ihm wie die Nachbildung des Bahnhofes en miniature erschien, entschlummerte er leicht in süßen, trunkenen Phantasien . . . .

Fuhr er nicht durch die Mariahilferstraße zu seiner Mizzi? Wie werden ihre blauen Augen überrascht glänzen, da er so rasch und unvermuthet vom Urlaub heimkehrte nach dem schnöde verlassenen Wien? . . .

Ach nein! das war kein Traum, kein Rausch – diese rumplige Reise von Wien nach München. Während der ganzen Fahrt hatte er die Empfindung, als ob der Eiserne Mann ihn mit seiner Faust beim Genick packen wollte und zurückziehen, zurückschrauben nach Wien und zu seiner Mizzi. Jedesmal, wenn dieser Spuk ihn bedrückt hatte, war ein tiefer Schluck aus der Cognacflasche seine Rettung und half ihm Wien und Mizzi vergessen, einfach vergessen!

Er glaubte nicht, dass Mizzi ihm in Wien so ganz treu bleiben würde, trotzdem er vorgegeben, dass sein Urlaub nur acht Tage dauere. Er fand sich damit ab, dass Mizzi seine Luftveränderung zu einer Luftveränderung in ihrem Sinne ausnützen werde.

Aber schließlich: Freiheit war die Grundbedingung ihres Verhältnisses. Frei wollte er auch in München leben und sich vor allem die ihm neue Species von Weibern – Münchnerinnen – ansehen. Er wusste ja, dass es in München mehr Weiber gäbe als Pflastersteine, blonde, reizende, graziöse, feine, verführerische – mit braunen Augen . . . .

Krrr – krr –! Der Hotelwagen hielt an.

Edi entfuhr seinen Träumen und fand sich wahrhaftig in einer fremden Stadt. Oben im Zimmer wusch er sich und kleidete sich um. Die Kälte des Wassers und der Lufttemperatur machten ihn fast nüchtern.

Er besah sich im Spiegel und fand sich neugeboren, tadellos, frisch, siegbereit . . .

Er schritt die Treppe hinab und gieng auf die Straße.

Also, das ist München, Athen an der Isar und das gelobte Meer des Bieres! . . .

Eine breite Straße, mit breiten elektrischen Bogenlampen beleuchtet, die den wogenden Nebel aufzufangen schienen. Wagen, Menschen, blaue elektrische Tramways. Die Nationalfarben: blau-weiß, seine Herzensfarben!

Und wie dankbar war er für diesen wunderbaren, weichen Nebel, der in den Fluten des mild leuchtenden Lichtes webte!

Das brachte ihm wieder seine Entzugsstimmung, verschwommen, weich und lass, in ungreifbaren Phantasien verschwebend und doch von einem frohen, mächtig-milden, innerlichen Glanz erhellt.

Edi bewunderte diese Reihe glühender elektrischer Monde, die auf das bewegte Straßenleben gleichmüthig und wie sanfte Augen herabschauten.

Edi gieng immer langsamer und überließ sich wie ein Rückenschwimmer den Wellen des Menschenstromes. Er schlenkerte im leichtesten Wiener Tempo, mit kleinen, elastischen, tänzelnden Schritten.

Plötzlich stand er still . . . . staunend und einen leisen Pfiff des Entzückens aus dem Mund stoßend. Links von ihm thürmte sich etwas Kolossales im Nebel auf, wie das Massive eines Gebirges. Aus ihm ragten hoch in die Luft etwas wie zwei Arme, zwei Fühlhörner einer Riesenschnecke, zwei Elephantenrüssel, deren runde Contouren in den Nebel überflossen.

Edi starrte und staunte . . . Die Leute brandeten rechts und links an ihm vorbei.

Endlich frug er einen, der ihm auf die Zehen getreten hatte: »Monsieur, was ist das?!«

»Na, geb'n S' acht, wenn S' net woll'n, dass man Ihna auf d' Füß' tritt.«

»Was ist das?« fragte Edi und wies auf die Thürme.

»Das? D'Liebfrauen-Kirchen,« antwortete der Treter und schüttelte den Kopf, eiligst wegbiegend.

Edi schaute und starrte wie verloren auf diese zwei runden, herrlichen Thürme, die im Nebel verschwanden und ihm Halt! zu gebieten schienen.

Edi stand und starrte . . .

Plötzlich begriff er München. Er verglich im Geiste die Rathhausthürme in Wien, ses premiers amours, giebelig, spitz, schlank, kokett, bissig, ironisch-decadent, fast frozzelnd, mit diesen Liebfrauen-Armen, treu, fest, voll, rund wie in kraftvoller Gesundheit.

München wurde ihm plötzlich ein Begriff, eine Vorstellung. Die Liebfrauen-Arme schienen ihn zu begrüßen.

Das weiße Blatt, das München in seinem wienerischen Innern bisher gewesen, wurde ausgefüllt.

Es zeichneten sich zwei mächtige, runde, wie ausgestreckte Arme ragende Thürme hinein – Liebfrauen-Arme, die ihn begrüßten. Und hohe Bogenlampen milden grünen Lichtes leuchteten wie festliche Lampions zu seiner Begrüßung . . . darüber dämpfend, einhüllend weicher, wallender, leuchtender Nebel.

Edi schritt weiter durch die drängende Menge, den Kopf immer nach links gewandt, wo die zwei Thürme im Nebel sich leise zu strecken und zu dehnen schienen . . . Jetzt waren sie schon ganz ferne und kaum wahrnehmbar in ihren zarten Contouren, zart wie Mädchenarme.

Plötzlich stand er still. Die Thürme der Kirche waren verschwunden. Rechts und links blinkten die Bogenlampen aus dem schleierigen Nebel und schnitten Scheiben mondhellen Lichtes heraus.

Edi lauschte der Bewegung seines Inneren… Die Sehnsucht nach Mizzi und Rathhaus, Franzensring und Pilsner Bier verkroch sich und erstarb. Der Rathhausmann drohte nicht mehr mit eiserner Faust und schien den Flüchtling freizulassen. Noch ein ganz leises Beben im Herzen, piano, pianissimo, diminuendo^ – und die Heimatschwäche war wieder überwunden.

Edi drehte sich nach rechts um und gewahrte, in ein Haus hineinblickend, eine glitzernde Reihe elektrischer Glühlichter, die sich an einem langgestreckten, reichverzierten Plafond schier unabsehbar aneinander reihten. Er las »Münchner Bürgerbräu« und sah auf der Mittelscheibe als Brauzeichen die Liebfrauen-Kirche mit ihren zwei Thürmen eingraviert!

Obwohl er weder Hunger noch Durst spürte, trat er ein, um das Bier, das unter dem Symbol seiner letzten Begeisterung gebraut ward, zu kosten.

Noch immer wie in einen leichten Rausch gehüllt, schritt er durch ein Gewühl fröhlicher, lärmender Menschen geradeaus. Er setzte sich an einen Tisch, an dem einige blaubetuchte Soldaten und breit lachende Civilisten sich unterhielten, indem jeder abwechselnd an vorüberhuschenden Damen, die Bier trugen, zupfte. Sein leichter Gruß wurde mit tiefen Complimenten beantwortet.

Die Damen trugen schwarze Kleider, hatten helle Rüschen um den Hals und Blumen vor den Busen gesteckt.

»Hell oder dunkel?« frug ihn eine der Vorüberhuschenden. Sie hatte schwarze, wunderbar kühn frisierte Haare, war schmal wie ein Nippefigürchen, hatte ambragelben Teint und sah aus wie eine Creolin.

»Natürlich dunkel!« murmelte Edi und versank in Betrachtung.

Die Creolin flog hin und her, trug Speisen und Trank, räumte auf und ab, wurde gezwickt, gedrückt und geküsst.

Edi fixierte sie unaufhörlich.

Nach einigen Minuten fühlte er, dass diesen grauschwarzen, funkelnden Augen Strahlen entfuhren, die sich mit den milden, schmachtend-begehrenden Blicken seiner blauen Augen vermengten . . . .

Edi trank, aß, trank, trank, trank. Dazwischen verflochten sich seine Blicke dichter und dichter mit den Augen der Gazelle, die da alle durstigen Kehlen mit braunem, erquickendem Saft versah.

Nach dem dritten Glas umschloss er eine weiche, zarte, langfingerige Hand.

»Wie heißt Du?«

»Marianetta –«

»Das wird zu compliciert sein, mein süßes Mizzerl,« murmelte er zu ihrem Gesicht hinauf. Da fuhr ihm eine weiche, zarte, langfingerige Hand durch die Haare, und er spürte einen tosenden Druck an der Schläfe.

Das Local wurde leer, leerer . . . .

Nur an einem langen Tisch rothbetappter Studenten summte und sauste es wie gährendes Leben.

Plötzlich fuhr Edi auf und saß gerade da, wie ein Habt acht! commandierter Soldat. Die Creolin hatte ihm von rückwärts die Arme um seine Schultern gelegt und drückte ihn an ihre Brust. Edi schob seine Cravatte zurecht und tauchte, sein Haupt auf ihre weiche Brust zurückneigend, seine blauen Augen in die grauen Juwelen, die zärtlich auf ihn herab funkelten. Er drückte ihre Arme noch fester an sich und sagte bebend: »Liebfrauen-Arme!«

»Was spinnst Du da zusammen?«

»Fräulein Mizzer'l, ich bin Strohwitwer und heute zum ersten Mal in München. Allein find' ich nicht nach Haus'.«

»No ja, unser Hausknecht kann Sie schon hinführ'n. Mit dem unterhalt man sich gut.«

»Creolin! – schwarze Griechin aus München-Athen! – Venus Ana–« ^

»Ich heiß' ja Marie, nicht Anna, was spinnst denn da in einer Tour? Wenns'd noch a halbe Stunde wartest, aber nicht da vor der Thür' draußen, sondern unten am Eck von der Straßen, so zeig' ich Dir den Weg. Weil's gleich is! Servus, schöner Wiener! . . .«

Edi wollte ihr die Hand küssen, aber schon war sie bei dem Studententisch, und alle zehn Finger in Bierhenkeln verfangen, zappelte sie in einem Netz von unzähligen Männerarmen.

Edi richtete sich auf und suchte durch die verschobenen Sessel und Tische den Ausgang.

Er wanderte die Straße hinab bis zum Eck. Da sah er auf einmal von ferne hinter den Giebeln die zwei ragenden Thürme der Liebfrauen-Kirche, so freundlich, so fest und klar.

Er stand und stand, sah und sah . . . .

Noch einmal dachte er an Mizzi und dass es eigentlich schlecht sei, ihr so untreu zu werden. Packte ihn nicht schon wieder der eiserne Mann am Genick, der sie beide so oft zu seinen Füßen liebend wandeln gesehen und wollte ihn zwingen, allein heimzugehen? –

Da schob sich ein schmaler Frauenarm unter seine Achsel, und eine lachende Stimme frug ihn ins Ohr:

»Du, Weana, ob Du mir's glaubst oder nicht – das is noch keinem von mir passiert, dass ich ihm auf's erstemal den Heimweg zeig', weil er z'viel getrunken hat . . . Aber weißt . . .«

Er stützte sich fester auf die »süße Creolin«, die zwitschernd und lachend neben ihm schritt und dunkle Fluten aus ihren Augen auf ihn niedergoss. Edi sprach nichts und träumte, presste den eingehängten Arm fester an seine Brust.

»Wie lang bleibst denn hier in München?«

»Acht Tage!«

Edi versank wieder in Träume, berauschte sich an der Nähe des entzückenden Geschöpfes, träumte von zwei weichen, runden Armen, die hoch in den nebligen Himmel ragten und ihn als erste in der fremden Stadt begrüßt hatten, die ihn jetzt, liebgeworden, hinaufzogen in ihre Höhe und Seligkeit.

»Mir scheint, Du spinnst schon wieder?«

»Was, Schatzerl??«

»Du spinnst!«

»Was?«

»Na, wenn's D' net amal Deutsch kannst, so fahr' glei' nach Wean zurück!«

»Aber, Schatzerl, musst mich halt's Deutsch lehren!«

Und sie erklärte ihm, was der Münchner »Spinnen« heißt.

Edi lachte und sagte: »Du hast aber an mir die größte Spinnen gefangen, die's Dein Lebtag g'seh'n hast! . . .«

So plauderten sie weiter, jeder Satz im Sprechen eine Pause im Gehen.

Endlich standen sie vor dem Hotel. Ein Diener öffnete.

Im Zimmer flackerte das Feuer vom Ofen über alle Wände und zog lustige Kreise und Spitzen, Ringe und Wellen.

Er zog die Creolin an das Fenster. In herrlicher Klarheit und Größe ragten die Thürme seiner Kirche auf.

»Liebfrauen-Arme!« murmelte er, presste Marianetta an sich und küsste sie, küsste sie, dass ihm der Athem vergieng.

»Mein Schatz, das is' g'scheit, dass D' zu spinnen aufg'hört hast. Na aber sag' im Ernst, wie lang bleibst denn da, »Weana Bua«?

»Acht Monate! Man muss die Frauen an Treue gewöhnen. Mein Mizzerl in Wien erlangt sonst nie Uebung drin. Uebrigens kann sich das Mizzerl in Wien nicht beschweren. Ich betrog sie wenigstens mit einer Namensschwester . . . . Mizzi! Mizzianetta! süße Griechin aus Athen an der Isar! . . .«

»Fangst schon wieder zum Spinnen an?!«

»Nein, Schatzerl – jetzt hör' ich endgiltig auf.«

Er sah noch einmal auf die Thürme der Liebfrauen-Kirche, die sich da draußen in das blaue und mild erhellte Meer des Himmels streckten.

Er umschlang Marianetta. Er küsste ihre Arme und legte sie um seine Schultern. Dann zog er sie sanft vom Fenster weg.

Noch nie hatten ihn zwei Mädchenarme so sanft umschlungen! Mit ihrem weichen Druck lösten sie den mahnenden Griff des eisernen Mannes von seinem Herzen, der ihn der Untreue bezichtigte.

Liebfrauen-Arme!

Rendezvous!

Endlich raffte ich mich auf. Ich schrieb ihr:

»Verehrtes Fräulein! Es ist schon länger als ein Jahr her, dass wir beisammen waren. Aber Sie erinnern sich gewiss noch an mich. Werden Sie es auch nur mit einem kleinen Theil jener Gefühle thun, die jetzt in mir leben, da ich Ihnen schreibe? Meine Sehnsucht sagt mir zu dieser Frage: ja. Meine Sehnsucht aber – wir waren ja damals auch aufrichtig miteinander – will mehr als die Erinnerungen, sie will – ich hasse alle Umschweife – ein Wiedersehen, französisch und deutlicher ausgedrückt: ein Rendezvous!

Liebes Fräulein Helene, erschrecken Sie nicht, zerreißen Sie den Brief nicht, besudeln Sie mein Angedenken nicht in Ihrer Seele – ich bitte um ein Rendezvous. Da ich es aber wirklich nicht bloß als poetische Figur will, so muss ich aus der hohen Region, in der mein Herz in diesem Moment zittert, zu der Prosa der Wiener Straßen- oder Parknamen herabsteigen. Nicht wahr, ein Park ist schöner, einsamer, poetischer?! Sie wohnen in Döbling, also sei es der Türkenschanzpark – – – Morgen um elf Uhr vormittags erwartet Sie dort Ihr Sie innig verehrender Edi H . . . . .«

Diesen Brief schrieb ich ihr in aller Eile. Bevor ich ihn jedoch aufgab, fiel mir ein schweres Bedenken ein. Ja, wird sie ihn auch erhalten? Wenn man ihn unterschlägt? Wozu sollte ich die Arme compromittieren! Ich zerriss also das Couvert, dessen kühn geschwungene Adresse sicher ihrer Mama aufgefallen wäre, und beschloss, gleich jetzt zu einer meiner vielen Freundinnen zu gehen, um dem Brief eine neue Adresse mit weiblichen Schriftzügen zu geben. Für alle Fälle mussten aber die neugierige Mutter oder der eifersüchtige Papa für die eventuelle Verletzung des Briefgeheimnisses gestraft werden. Ich fügte demnach ein Postscriptum folgenden Wortlautes bei: »An die auch verehrten P. T. Eltern! Ich bin jung, wie man behauptet, auch schön, bin vollkommen gesund und habe ein jährliches Einkommen von 3400 fl. Sie können also mir und Ihrer lieben Tochter das Vergnügen gönnen.«

Dieses Postscriptum war heiter und ernst gemeint. Heiter für den Fall, dass die Eltern Helenens sich ärgerten und ihr das Rendezvous verboten, ernst für den Fall, dass sie als praktische Leute an die Zukunft ihrer Tochter dachten. – – –

Ich hatte Helene vor einem Jahre bei meinem Sommeraufenthalte in Weidling bei Wien kennen gelernt. Eines Tages im August kam zu meiner Nachbarin ein junges Mädchen, wurde mir als ihre Nichte vorgestellt. Sie bliebe zwei Tage zu Besuch . . . . Den ganzen Sommer über war ich traurig und einsam gewesen. Etwas wie eine unglückliche Liebe hatte mich verstört, mich trübe und träge gemacht, mein heiteres und launiges Wesen geändert. Da kam dieses junge, starke, blonde Mädchen. Schon als ich sie zum ersten Male erblickte, spürte ich in mir, wie sich die Nebel und Schleier von meiner Seele hoben und ein blauer Himmel sich in ihr auszubreiten begann. Meine gesunde und frohe Natur wurde durch Helene wiedererweckt. An diesem ersten Tage unserer Bekanntschaft unternahmen wir in einer großen Gesellschaft einen Ausflug. Mir sind die Einzelheiten dieses Tages verschwunden. Ich weiß nur, dass ich mit Helene entweder vor oder hinter dem großen Zuge marschierte, mich zwei Mal verirrte, so dass es erst durch ein halbstündiges Brüllen von meiner Seite und von Seiten der Ausflügler wieder möglich wurde, den Leuten voran zu laufen, und dass ich in diesen paar Stunden Weges mehr sprach, als ich den ganzen Sommer über gesprochen hatte.

Hingegen ist mir der Schluss dieses Tages in unvergesslicher Erinnerung. Wir waren am Abend in einem Dorf angelangt, das ziemlich weit entfernt von Weidling lag. Man beschloss daher ein Fuhrwerk aufzutreiben.

Ein hoher Landstellwagen wurde aus irgend einem Stall herausgezogen und mit einem alten tauben Knecht als Kutscher ausgerüstet. Ich und Helene, die vor Freude über diese Romantik außer Rand und Band kamen, waren so klug, während die übrigen in den Wagen stürmten, um die besten Plätze zu ergattern, uns beiseite zu halten und arglistig zu verspäten.

Schon wollte der Kutscher losknallen, als wir, scheinbar sehr bestürzt, keinen Platz mehr zu finden, hervorstürzten. Da man im Wagen nicht mehr enger zusammenrücken konnte und wir doch schon ein bisschen zu alt waren, um auf dem Schoß anderer Platz zu nehmen, acceptierte alles freudig und ohne Verdacht den Vorschlag des tauben, aber wie er jetzt bewies, feinsinnigen Kutschers: »Kummen's nur auffi auf'n Bock, Gnö Herr und Fräul'n!«

Innerlich jubelnd und äußerlich verlegen, ceremoniös, nahmen wir nach einem kurzen Zaudern und nachdem wir uns fest angeschaut hatten, das Anerbieten an. Die blonde, wie ein Bursche kräftige und gelenkige Helene sprang auf das hohe Rad und kletterte auf das Dach des Wagens. Ich, ihre Grazie, Geschicklichkeit und schönen Füße bewundernd, humpelte nach, gelangte mit Mühe und Gefahr, da ich in diesem kostbaren Moment nicht nur auf das Trittbrett schauen wollte, hinauf.

Als wir oben nebeneinander saßen, unter uns den schmutzigen Lederhut des Kutschers, den Helene voll Bosheit oder Koketterie immer mit der schönen Fußspitze verschob – und die lärmenden Freunde, deren Blicke das Dach schutzreich abhielt, vor uns die schöne Waldstraße und die in breiten, rothen Fluten untergehende Sonne, athmeten wir auf, als ob wir Lungenturnen übten. – Helene ließ bald den schmutzigen Lederhut des leider nur tauben Kutschers ruhig – und lehnte sich an mich. Meine Aufgabe bestand darin, sie zu küssen und die Zweige der Bäume, die unser hohes Dach streiften, von dem Gesicht Helenens fernzuhalten, das durch die Abendröthe und die Freude über unsere Situation hinreißend schön und verführerisch war.

Ebenso süß und rasch verlief der zweite Tag. Wir erlaubten uns schon, einen kleinen Ausflug in den an unseren Garten angrenzenden Wald allein zu unternehmen und verirrten uns gar nicht. Als wir heimkamen, waren Tante und Onkel sehr erschrocken und musterten uns mit prüfenden Blicken – konnten aber nichts entdecken. Ich dachte gar nicht daran, dass wir uns morgen schon verlassen mussten. Erst als Helene mich beim »Gute Nacht« leise bat, sie zum Bahnhof zu begleiten,. wurde ich mir meines Schicksals bewusst. Ich nahm mir heilig vor, um sieben Uhr früh (dies war die verabredete Stunde) im Garten zu sein und mit Helene alles Künftige zu besprechen. Als ich den nächsten Tag erwachte, war es – neun Uhr. Ich schämte und kränkte mich tief. Die Tante richtete mir schadenfroh und doch von Sorgen erleichtert den Gruß Helenens aus.

Seit damals sah ich sie nicht wieder. Die heimtückische Tante lud Helene aus Vorsicht und Eifersucht nicht mehr ein, aufs Land zu kommen. Ich verbrachte den Rest des Sommers einsam, träge und trübe, so etwas wie eine zweite unglückliche Liebe mit mir herumschleppend. Als ich wieder in der Stadt war, dachte ich ein ganzes Jahr im Trubel der Zerstreuungen und neuen Bekanntschaften nicht an Helene. Erst vor einer Woche, ohne jede äußere Veranlassung – es war nur der Frühling wieder gekommen – erwachte in mir eine heftige und nicht einzudämmende Sehnsucht, Helene wiederzusehen. Ich wusste, dass ich mich blamiert hatte und dass es ja aus sein musste, aber irgend eine geheime Hoffnung und Unruhe ließ nicht früher von mir, als ich den Brief geschrieben . . . .

Um 10 Uhr früh – am Tage des Rendezvous – machte ich mich auf den Weg zum Türkenschanzpark. Ich schritt langsam die Mariahilferstraße hinunter, in der ich damals wohnte. Je weiter ich gieng, desto mehr vergaß ich meinen eigentlichen Zweck. Ich gieng auf in der Bewunderung der Stadt, die ich noch nie in so leuchtender Frühlingsschönheit gesehen hatte. Die Mariahilferstraße, die mit dem breiten, großstädtischen Treiben und den alten, niedrigen Häusern wie ein Kind ausschaut, das die Geberden und Worte eines Erwachsenen annimmt, lag lustig, wie vom Schlaf erwacht, im klarsten Licht des Morgens da. Dann bog ich in den Burgring ein, wo ich den wunderbaren Himmel, der heute sein Vergissmeinnichtkleid angezogen hatte, begrüßte.

Die Quadermauern der Museen – links– blinkten ganz freundlich, vom Gold der Sonne aufgeheitert; der Volksgarten – rechts – erquickte meine Augen mit einem Gesprenkel von hellstem, singendem Birkengrün und den stummen Farben der Tannen.

Auf einer Allee, mir gegenüber, gehen drei Mädchen mit ihrer Mutter. Sie gehen an ihrer Seite, junge, liebe, unschuldige Gesichter. Auf die Mutter fällt ein Schimmer dieser Heiterkeit und Jugend, sowie auf den Rathhausthurm, vor dem ich jetzt in wonnigem Stolz defiliere, all die Erker, Thürmchen, Fähnlein zurückwirken und ihm den schlanken, hohen und zierlichen Schein geben.

Immer langsamer wird mein Schritt, um die Herrlichkeit des Franzensringes ganz in mich zu ziehen, wo heute jedes Gebäude, jeder Thurm, jede Kuppel wie in neuer Fassung, in zweiter, verschönerter Ausgabe glänzen. Dann bleibe ich vor der Votivkirche stehen, deren Grazie und Leichtigkeit der Formen in dieser dünnen, von weißen Sonnenlichtern durchblitzten Luft unter dem Edelsteinglanz des Himmels sich zu unerhörter Schönheit steigern. Wie betend stehe ich vor ihr, demüthig dankend für die Gnade dieses Anblickes . . .

Da fällt plötzlich mein Auge auf die steinerne Thurmuhr – 11 Uhr!! – – Ich erwache bestürzt aus meinem Traume. Unter bitteren Selbstvorwürfen laufe ich davon, erreiche schwitzend und auch innerlich begossen einen Tramwaywaggon und flüstere mit der letzten Kraft meiner versagenden Lungen dem Conducteur: »Türkenschanzpark« zu –

Auf dem Vehikel werde ich wieder ruhig und gerathe in den normalen Aerger, der mich jedes Mal in diesem neunten Bezirke befällt. Der Alsergrund ist der Parvenü unter den Wiener Bezirken. Er hat sehr wenig innere Berechtigung, schön zu sein, und will das in einzelnen neuen Gassen, wo er den hereinschauenden Kahlenberg schlau ausnützt, doch erzwingen.

Indem ich auf diese Weise einen anderen Gegenstand als mich selbst gefunden hatte, an dem ich mich bis zur vollkommenen Seelenruhe und Heiterkeit ausärgern konnte, beginne ich auch wieder lebhafter an Helene zu denken. Aber die alte Empfindung, die noch gestern so stark und noch heute früh lebendig in mir war, kehrt nicht zurück. Schon wieder hat der Genuss an meiner Stadt, die Freude an äußeren Schönheiten mir eine menschliche Beziehung in meiner Seele vernichtet, sich in ihr rücksichtslos breit gemacht . . .

Aber ich verzweifle gar nicht. – Im Gegentheil, als ich mein Vehikel verlasse und in den Türkenschanzpark eintrete, wundert und kränkt es mich sehr, dass Helene nicht schon erwartend dasteht, mit geöffneten Armen und – – Alles ist leer – –

Auf ein paar Bänken sitzen alte Weiber, Kinder spielen mit dem Sand vor ihren Füßen. Mir wird es ein bisschen bange . . . Ich gehe auf die Spitze des Hügels. Ah! – – Ah! – – Wieder wurde ich eine halbe Stunde überrumpelt und vergaß Helene, mich, Franzensring und die Menschen.

Der Himmel über mir wiegte sich im leuchtenden Blau. Am Horizont, über den weichen Linien der Berge, thürmten sich schneeweiße Wolken, die wie Tempelmauern am Eingang des Himmels standen. Zwischen den Wiesen wanden sich die Landstraßen träge hin, wie dicke, gelbe Schlangen. Der Kahlenberg, dieser älteste Bürger von Wien, stand lächelnd da, wie nach einem frischen Morgentrunk von Grinzinger Heurigem.

Die Dörfer und zahllosen Villen schmiegten sich an die grünen Flächen. Alles so fern, ländlich und doch im Leibe der Stadt! Kinderstimmen jauchzten von unten her. In Pausen flötete die Amsel ihr kurzes Lied – –

Nach einem letzten tiefen Blick zum Westen auf die grüne Kette der Berge und Wiesen und zum Osten auf das leuchtende Häusermeer der Stadt verließ ich die Anhöhe und gieng träumend unten im Parke spazieren. Ich kam mir in diesem Moment, wo ungerufen eine Schar süßer Stimmungen in mir einzog, mich über das Gegenwärtige hob und das Vergangene mit meinem Zukünftigen verband, wie ein Mensch vor, der einen Garten voll blühender Blumen in sich trägt und sich freut über die seltenen, starken Farben und den Thauglast, der auf allem liegt, und die daraus schwärmenden Gerüche. Für eine Blüte, die welkt und vergeht, blühen hundert neue darin! Die Leute, die ihn sehen, wissen nicht, warum lächelt der Mensch so vergnügt und abwesend? Er trägt den Garten voll tausend schöner Wunder mit sich! – –

So wandelnd, vergaß ich beinahe ganz auf Helene. – Entweder hatte ich das Rendezvous versäumt, oder sie war gar nicht gekommen, tröstete ich mich. –

Schon wollte ich den Türkenschanzpark verlassen, ohne Sieg, und meiner Freundin Alice, die in der Nähe wohnte, mein Pech klagen, als ich drei junge Mädchen in die Seitenallee einbiegen sah. Helene war nicht darunter. Das fühlte ich gleich. Umso besser! Ich bemerkte, dass sich die hübschen, kleinen Dinger nach der Reihe umwandten und mich anschauten. Wie sie das thaten, kam mir ganz eigenthümlich vor. Es war keine Aufmunterung in diesen Blicken, nicht einmal Koketterie, aber auch kein Aerger, keine Abweisung. Wenn ich es recht verstand, war es eine Art Musterung. Sie blickten mich von oben bis unten an und tuschelten dann lächelnd zu einander.

Ich beobachtete das so lange, bis es mir zu dumm wurde. Ich trat rechts vor, wo die Schönste von ihnen gieng, an der ich auch am meisten menschliches Interesse an mir ablas, und sprach sie, roth vor Zorn, folgendermaßen an:

»Meine hochgeehrten Fräulein! Bin ich einer, der aus dem Landesgericht entsprungen ist, und sind Sie Detectives? Oder bin ich der Pavian aus dem Thiergarten? Ich bin doch keines von beiden, sondern heiße Edi H . . .«

In dem Moment fuhren alle drei auf und setzten eine Miene auf, die sagte: »Na, jetzt ist's ans Licht gekommen. Er ist's« – Ich ließ mich nicht einschüchtern, sondern erzählte keck und unschuldig des langen und breiten, warum ich hergekommen. Ich bat die Kleine neben mir, die jetzt entzückend verlegen wurde, um Verzeihung, dass ich mich jemals für ein anderes Mädel der Welt interessiert habe, begann unsinnig über Helene zu schimpfen, nannte sie eine hässliche, alte Urschel, die mich zum besten halten wollte; aber jetzt, wo ich erst das wirklich Gute und Reizende gesehen habe, sei nichts mehr imstande – –

Hier unterbrach die Kleine neben mir meinen feurigen Schwulst und sagte: »Herr Edi, jetzt ist's Zeit, dass ich Sie unterbreche. Ich bin die Schwester von Helene, das sind unsere Freundinnen. Mama hat natürlich den Brief geöffnet. Helene durfte nicht ausgehen. Da bat sie uns, statt ihrer herzukommen und Ihnen diesen Brief zu geben. Als Kennzeichen gab sie an: Schlanker, junger Mann, blonder Schnurrbart, hellblaue Augen und sicher eine blaue Cravatte. Aber Sie begreifen, dass wir jetzt, nach dem, was Sie über Helene geredet haben, Ihnen den Brief nicht geben können. Adieu, Herr Edi! Gute Unterhaltung anderwärts.« – –

Ich stand da wie ein Blödsinniger. Erst als die drei Mädchen fort waren, fasste ich mich. Ich begriff, dass es durch diese zweite Blamage mit Helene aus für immer sei. Noch einmal stieg die Sehnsucht nach dem schlanken, blonden, lustigen Mädchen in mir auf und that meinen Augen ein bisschen weh – – Ich verjubelte den Tag mit meiner alten Freundin Alice, die nicht wusste, wie sie wieder dazu kam. – – –

Edis »letzte« Untreue.

Edi hatte längst seinen Morgenkaffee getrunken. Er berührte keine der Zeitungen, die der Kellner auf den Stühlen neben ihm aufhäufte. Er sah auch nicht auf die Straße hinaus, wo im strahlenden Lichte des ersten Frühlingstages Tramways und Wagen aller Art vorbeirollten und die Leute über dem reingewaschenen und vom Silber der Märzsonne glacierten Trottoir drängten.

Niemand hatte den Frühling in der Stadt erwartet: und als er jetzt so plötzlich kam, so hervorgezaubert, wie eine Gnade der Natur, als er seine laue, würzige Luft über die Gassen streichen ließ und die milde blaue Farbe über den Himmel malte, da begrüßte ihn jeder dankbar, verbeugte sich gleichsam in seinem Herzen tief vor dem Allbeglücker, der noch dem Aermsten etwas zu geben hatte, und stimmte seine Seele auf den süßen Ton: Frühling.

Alle Menschen schritten draußen leichter hin, wie nach dem Takt einer inneren, fröhlichen Melodie. Man gieng mit erhobenem Haupte, jetzt, da kein grauer Himmel dem Auge mehr weh that und der Schnee nicht mehr blendete.

Die ganz heiter Gesinnten zogen ihre Ueberröcke aus und trugen sie auf dem Arme. Sie schlenderten dahin, als wäre es Sommer; ja, sie vergaßen im Herzen, dass man erst März schrieb. Auf ihren Lippen lag das Wort Mai und es lächelte aus den Augen der Mädchen.

Die Gleichgiltigkeit, die Edi heute gegen den Tageszauber der Straße bewies, fiel sogar dem Kellner Gustav auf, der, zwei Tische von ihm entfernt, an einem Stuhle lehnte, wie in Bereitschaft, auf die ersehnte erste Wunschregung seines Gastes dienstfertig herbeizuspringen.

Freilich wusste der Kellner nicht, dass Edi, trotz seiner so sichtbaren Benommenheit, schon früh morgens, sehr früh morgens, dem ersten Frühlingstage gehuldigt hatte – dass er um fünf Uhr früh, als seine Verblüffung über das strahlende Blau des Himmels, der in sein Zimmer schimmerte, vorbei war, die beiden Flügel des Fensters aufgerissen hatte und die Luft einschlürfte, die, wie Quellwasser vom Gebirge, klar und köstlich war. Mit beiden Händen hatte er weit hinausgegriffen in den Luftraum, wie um den Zauber festzuhalten, an sich zu pressen . . . .

Edi rührte sich noch immer nicht; seine blauen Augen waren auf das Marmorplättchen des Tisches geheftet, mit einem Ausdruck, der jedem fremden Beobachter zum Verzweifeln ausdruckslos erscheinen musste. Der Kellner Gustav kannte diesen Ausdruck an seinem »zehnjährigen Stammgast«. Seine Neugierde begann zu wachsen.

Es musste etwas Außerordentliches sein, was in Edi diesen Zustand schweigsamer Apathie hervorgebracht hatte. Redselig war Herr Edi Hoffinger immer gewesen, seit Gustav ihn kannte. Und wenn er schon nicht zu Gustav, zur Sitzcassierin oder zu einem der ihm befreundeten Frühgäste sprach, so saß er in der Fensternische hingerekelt, einen Arm auf dem Tischplättchen, den anderen Arm in die Nische gelehnt, und hielt einen Dialog mit der Straße, die so hell und munter war, wie die Züge Edis, der sie beobachtete und genoss . . .

Heute saß Edi schon eine und eine halbe Stunde da und hatte weder eine Zeitung gelesen, noch ein Wort zu Gustav, zur Sitzcassierin oder zu einem der ihm befreundeten Frühgäste gesprochen, – noch einen Blick und ein schweigendes Gespräch mit der Straße getauscht. Sein Blick blieb auf das Marmorplättchen geheftet.

Die Anknüpfungsversuche Gustavs wies er lächelnd und mit einer Handbewegung, die sagen wollte: »Störe mich nicht!« zurück.

Gustav musste eine letzte Attaque versuchen. Er benützte die günstige Gelegenheit, als ein neuer Gast in das Café trat.

»Sie erlauben, Herr Doctor, die Zeitungen??«

»Ja, ja . . . nehmen S' nur alles weg!«

»Machen Herr Doctor heute wohl einen Ausflug, weil's so schön is?«

»Sie, Gustav, mir scheint, sie wollen mir heute durchaus die Lust verderben, hier sitzen zu bleiben.«

Gustav erbleichte und verschwand mit einer gekränkten Miene.

Edi rekelte sich noch bequemer in das rothe Plüschsopha und trommelte mit den Füßen auf den Boden. Wie gut, dass er den zudringlichen Menschen losgeworden! Nun konnte er die kurze Zeit, die ihn noch von der großen Entscheidung trennte, in ungestörter süßer, weicher Träumerei verbringen.

Plötzlich stand er auf und zog etwas aus der Tasche seines Paletots, der hinter ihm hieng. Es war ein kleines, mit grünem Atlas bezogenes Etui, kreisrund, mit der Peripherie eines Guldenstückes. Edi sah sich um. Der neue Gast hatte sein Gesicht in die Zeitung vergraben, Gustav war nirgends zu erblicken.

Er öffnete das Etui und hob einen wunderbaren Ring aus feinem Plüschkissen: drei schmale Goldreifen, die sich rückwärts verschlangen, während sie an der Vorderseite einen mandelförmigen, von kleinen Brillanten umsäumten Opal fassten.

Edi hielt den Ring gegen die Sonne. Das Licht fiel auf den Opal und begann ihn zu entzünden. Rothe und grüne Blitze funkelten aus dem Juwel, dazwischen brodelte es in winzigen, milchweißen Streifen, die sich bald sanft rötheten, bald wieder ins Grüne oder Violette schillerten, je nach der Brechung der Sonnenstrahlen, die in ihn eindrangen.

Er lächelte, zum ersten Male heute; so freute und entzückte ihn der Anblick des kostbaren Steines. Er versuchte, den Ring an einen seiner Finger zu stecken. Aber der Versuch war vergeblich. Der Ring passte nicht einmal seinem kleinen Finger.

»O Martha, Martha, wie herrlich wird dieser Ring auf Deiner schmalen, süßen Hand leuchten!« jubelte Edi sich zu und hob noch einmal den Juwel in das Licht, tauchte ihn in die Fluten der Frühlingssonne . . .

Ein Einspänner stand auf der drüberen Seite der Straße, hart am Trottoir. Das magere Pferd fraß gierig aus dem Futtersack. Am Bock saß der Kutscher, wie es schien, ein sehr armseliger Geselle.

Edi hatte seinen Blick bemerkt, der neidisch und bewundernd auf sein Spiel mit dem Ring gerichtet war . . . Er hatte noch zwei Stunden Zeit, bis er Martha treffen sollte, von heute an seine Martha . . . Er hatte sich vorgenommen, die Wartezeit hier in seinem Café zu versitzen, bis es dann Zeit sei, zum Rendezvous in den Stadtpark aufzubrechen. Aber es hielt ihn nicht länger in dem halbgelüfteten Local.

Draußen war es zu schön! . . . Der Kutscher fixierte ihn noch immer, demüthig, neidisch . . .

»Dem Mann und mir kann geholfen werden«, sagte Edi zu sich und verließ das Café. Der Kutscher wartete mit einem blöden Lächeln auf seinen Befehl: »In den Prater, Heustadelwasser!« und hob dann die Peitsche, mit der er sein elendes Rösslein aufmunterte.

Der wagen humpelte durch die Straßen, endlich die Ringstraße hinab, wo es zum Prater gieng. Edis Augen mussten seine geliebten Gebäude begrüßen, die seine Blicke vorwurfsvoll zu erwidern schienen. Er schämte sich ein bisschen. Denn er sollte ja wirklich all dem untreu werden. Das Schubert-Monument hinter den braunen Gitterstäben kehrte ihm einfach den Rücken. Freilich konnte es sich nicht auf seinem steinernen Sockel umdrehen, damit er, Edi Hoffinger, auch im Wagen auf dem Ring fahrend, sein Antlitz sehe. Aber nichtsdestoweniger empfand er es wie eine Kränkung, eine selbstverschuldete Kränkung. Edi – auf dem Ring fahrend, in einer Comfortable-Baracke: da hatte das Schubert-Monument freilich vollkommen recht, ihm die Reversseite zu zeigen. Diese Geschmacklosigkeit hatte er heute zum ersten Male begangen, zum ersten Mal in seinem Leben. Tausende Male war er durch die geliebte Straße gebummelt, in allen Tonarten des Ganges – schaukelnd, eilend, sich wiegend, müde schlürfend – einige Male hatte er sie im Fiaker durchbraust und sie gemustert wie ein König, der die Fronte seines Heeres abreitet, wenn auch nicht auf einem Rosse sitzend, so doch von Rossen gezogen, aber heute – – im Comfortable und noch dazu in diesem!

Edi ließ seinen Kopf melancholisch hängen und erwachte aus dumpfer Träumerei erst, als der Wagen über den leise erzitternden Bogen der Sophienbrücke rollte. Die Praterluft fächelte ihn an und erregte sein Herz zu einem Resumé seines Erlebnisses, dem er seit vier Wochen mit Haut und Haar verfallen war und das ihn an der Seite seiner neuen Geliebten aus Wien weg, aus allen lieben Banden der Gewohnheit und eingefleischten Neigung hinaus in die Fremde, in das Fremde ziehen musste.

Mizzi war an allem schuld. Er war böse mit ihr geworden, warum? weiß der Teufel –! aber er wollte es wieder gutmachen. Er schickte ihr einen Sitz für das Wientheater, zu »Waldmeister«. Sie kam nicht, trotzend, eigensinnig, anmaßend, wie schon die Weiber sind, wenn man sie länger als vier Wochen kennt. Er kannte Mizzi 24 Jahre. Sie wusste wohl, was »Waldmeister« für ihn bedeutete. Es war sein Liebling unter allen Theaterstücken, es berauschte ihn jedesmal, wenn er es hörte, aufs neue und schürte alles Flatterhafte, Genusssüchtige, Toll-Unsinnige in ihm auf. Zweimal war der »Waldmeister« schon Anlass gewesen, dass er Mizzi untreu geworden. Und Mizzi verschmähte es jetzt absichtlich, seiner so deutlichen Bitte um Versöhnung zu folgen! . . .

So saß er damals allein im Theater. Vom ersten Act hörte er nichts; zu heftig war sein Aerger. Erst im zweiten Act begannen die weichen, zauberischen Melodien in seine Seele, wie in ihre zweite Heimat, zu schweben – sich mit seinen Stimmungen zu vermählen und sein ganzes Edi Hoffingerisches Ich in einen Taumel entzückter, sehnsüchtiger Verwirrung zu jagen, es zu dem Dreiklang: Strauß, Edi, Wien aufzulösen, so wie jetzt auf der Bühne der Trau-Schau-Wem-Walzer auf den harmonischen Stufen des Adur-Dreiklanges herabstieg – geradezu in die geheimste Kammer seines Herzens hineindrang und eine neue passion d'amour aus ihr in das Leben hob – zu wem? zu Mizzi, deren Herzlosigkeit in dem leer klaffenden Parkettsitz neben ihm verbildlicht, nur tiefe Bitterkeit in ihn gießen konnte? – nein! sondern zu seiner Sitznachbarin links, dieser schwarzen, pikanten, fremdländischen Schönheit, die aus Petersburg oder aus Paris her sein mochte, dieser »Frou-Frou«, dieser . . . Ja, Frou-Frou . . . das Wort erlöste ihn und machte ihn muthig . . . .

Und jetzt, während auf der Bühne der Waldmeister verschenkt wird und im Unisono des Chores und des Orchesters der herrliche Walzer durch das Theater schwingt und klingt, während die silberne Stimme der Annie Dirkens wie ein Führer-Vogelruf das Gebrause und Gezwitscher der Stimmen und Instrumente durchschneidet – da legt er seinen Arm um die Schönheit zu seiner Linken und küsst in seinem frechen Taumel die Seidenpuffe an ihrer Achsel. Hat es jemand bemerkt? wird sie es dulden? wird man ihn hinauswerfen, durchprügeln – – was geht das ihn an! Aber niemand hatte es bemerkt, niemand warf ihn hinaus. Die Schöne erröthete tief und sah ihn mit einem Blick an, der die Ergebung auf seinen frechen Sturm bedeutete.

So hatte er Martha de Borowski, die Frau des russischen Staatsrathes Iwan de Borowski, kennen gelernt, welche eine diplomatische Mission ihres Gatten, die ihn auf längere Zeit aus Warschau, ihrer Heimatstadt, entfernte, benützte, um nach Wien zu reisen, wo ein Theil ihrer Verwandtschaft lebte.

Heute sollte es sich entscheiden, ob Martha sich von ihm trennen musste, oder ob sie – wenn auch auf kurze Zeit – ihm ganz gehören sollte. Für den letzteren Fall hatten sie verabredet, in irgend ein kleines Nest an der ligurischen Küste zu fahren und ihre Liebe mit dem italienischen Frühling vereint zu genießen.

Wird Martha kommen und ja sagen? Die Schalen der Wage standen gleich. Es war sogar möglich, dass der Gatte selbst nach Wien kam, um Martha mit sich heimzuführen. Punkt 12 Uhr musste er sie auf dem Südbahnhof erwarten. Sie hatten ausgemacht, dass, wenn alles günstig gieng, Martha mit dem 1 Uhr-Zug nach Triest vorausfahren sollte, Edi ihr in ein oder zwei Tagen folgen werde.

Edi sah auf die Uhr. Es war noch Zeit in Fülle. Die herbe Praterluft erquickte ihn so und hob etwas von der ihm selbst unbewussten Gedrücktheit und Aengstlichkeit. Er liebte ja Martha! Dessen war er gewiss. Martha war etwas, das er noch nicht gekannt hatte. Solche Frauen gab es in Wien nicht. Ja, es gab auch welche in Wien . . . O, o, da durfte ihm niemand dreinreden. Aber die waren anders. Zum Beispiel Mizzi . . . Nein, die verdiente es nicht, dass er gerade jetzt an sie dachte, wo er in zwei Stunden vielleicht den letzten Schritt gethan, um aus diesem Verhältnis zu kommen. Lieber nicht dran denken. In Weibersachen denken – das gieng gegen seinen Geschmack . . . Also nicht denken, die Luft einsaugen und frohe Miene machen! Ein anderer würde taumeln vor Freude, wenn er mit Martha . . .!

Und doch dachte Edi nach, sein eigenes Verbot vergessend. Er zerlegte seine Empfindungen. Er fand, dass er nicht den rechten Muth, nicht die rechte Freude, nicht dieses unbedachte Drauflosleben genießen werde, wenn ihm Martha heute ihr Ja zuflüstern würde. An ein Zurückgehen war freilich nicht zu denken . . . Im Gegentheil, er hätte größere Hindernisse gewünscht, die ihn aufgestachelt hätten, zum Beispiel nur ein wenig Eifersucht von Mizzi. Dass Mizzi nichts von sich hören ließ, dass er nicht einmal einen Besuch ihrer Mutter empfing! Einen Brief freilich hatte er empfangen. Da stand einfach drauf: »Lieber Herr Edi, es wird uns sehr freuen, Sie morgen zu einer Landpartie in die Höldrichsmühle bei uns zu sehen. Gruß von Mizzi. Ihre alte Sophie Grünthaler . . .« Mizzi hatte nichts eigenhändig hinzugefügt. Natürlich sagte er damals ab. Seit diesem Brief war es aus . . . aus . . .

Der Wagen fuhr durch die Kronprinz Rudolfstraße im Prater. Edi ärgerte sich, dass seine Stimmung kühl und verdrossen wurde, wie die noch unbelaubten Aeste der zitternden und gleichsam auf den Frühling lauschenden Birken.

Einmal fuhr er zufällig in die Tasche seines Paletots und fühlte das kleine Etui des Ringes. Er öffnete es und ließ den Ring in den silbernen Sonnenstrahlen glitzern. Sie drangen in den Edelstein und entzündeten alle Gaukel- und Schaukelfarben des Opals. Es war dies das erste Geschenk, das er für Martha brachte. Sie hatte ihm verboten, ihr irgend etwas zu geben außer seiner Liebe. Und er liebte sie so, dass er bis heute ihrem Willen folgen konnte . . . . Wird es sie vielleicht kränken? . . .

. . . . . Der Wagen blieb knarrend stehen. Edi stieg aus und sah links das Heustadelwasser, stellenweise noch mit einer leichten Eisdecke verhüllt, im Sonnenlichte liegen. Er befahl dem Kutscher, zu warten, und stieg an das Ufer hinab, längs dessen er bis zur Hauptallee und zurück spazierengehen wollte. Während der Fahrt hatte er fast keinen Menschen erblickt. Die vegetative Stimmung des ersten Frühlingswachsthums, des Kräftesammelns, welches in der Luft lag, bevor es noch in die Erde gedrungen, strömte durch seine feinen Nerven und drängte durch seine so leicht bewegliche Natur all das hinaus, was ihn heute bedrückt hatte. Er athmete tief. Er sang Bruchstücke aus seinen Lieblingsstücken, immer mit dem unterlegten Text von Frauennamen seiner Bekanntschaft. Ohne dass er es beabsichtigte, war plötzlich der Trau-schau-wem-Walzer aus seinen Lippen gedrungen, erst in reinen, harmonischen Pfiffen, dann von seinem schönen und hohen Tenor, wie auf Händen gewiegt. »Martha – Mizzi« – sang er im Waldmeister-Dreiklang herab, und bevor er sich selbst dabei überraschte, gewahrte er eine schmale, schlanke Mädchengestalt, welche, die Arme über den Kopf geschlungen, an einer Birke lehnte. Sie kehrte ihm den Rücken. Weinte sie? War es eine Unglückliche, Verzweifelte? Sie musste ihn doch gehört haben? Er pfiff und sang doch laut? . . . Sie rührte sich nicht. Edi blieb stehen und überlegte. Der Trau-schau-wem-Walzer sang still in ihm weiter. Es war ein Unsinn, was er beschloss. Uebrigens unausführbar. Er spürte, dass er wieder in dem gewissen Stadium war, wo ihm das Unsinnige sinnig, das Unmögliche möglich schien. Drauf los! Edi schlich mit den behutsamsten Schritten an das Mädchen heran. Schon hatte er die Arme gehoben und geöffnet, um seinen Plan durchzuführen. Er wusste ja, dass es nicht dazu kommen konnte, ihn auszuführen. Sie musste ihn ja hören. Aber sie hörte ihn nicht! Zum Teufel hinein! Mit zwei Sprüngen war er bei ihr. Bevor sie den Kopf umwenden konnte, hatte er beide Hände über ihre Augen gelegt und frug mit der schmeichlerischesten, mildesten Edi-Stimme: »Wer bin ich, wie heiß ich?« Ein unterdrücktes Lachen, das halb ein Schluchzen war, antwortete ihm. Sie stand still. Ihre schmale Gestalt erbebte. Dann sagte sie leise: »O, bitte . . . lassen Sie mich!«

»Nicht umsonst – – den Preis nehm' ich mir selbst,« und Edi drückte ihr einen Kuss auf den Nacken, wo das Blondhaar in verwirrten Netzen lag.

Sie schrie auf. Edi erschrak.

»Ein Kuss am ersten Frühlingstag ist keine Sünde.«

»Was denken Sie von mir? Ich warte hier. Gehen Sie weg. Um Gotteswillen, gehen Sie weg! Wenn er kommt . . .!«

»So werd' ich ihm sagen, dass es eine Schandthat ist, ein so junges, schönes – –«

Das Mädchen ließ ihn nicht aussprechen, mit einem heftigen Stoß suchte sie sich aus den Armen Edis zu befreien, der jetzt erst ihr herziges, verweint-verlachtes Gesichtchen sah und entschlossen war, zehn Nebenbuhler hinzustrecken, ehe er von dieser kostbaren Beute ließe.

»Schönste – – doch nein – sagen Sie mir erst, wie Sie heißen, bitte, bitte – ich schwöre Ihnen, dass ich dann alles thun werde, was Sie wollen!« Er küsste ihre Hände, ihre Finger.

Sie sagte ganz leise: »Kathi.«

Edi durchfröstelte es. Unter allen Frauennamen war ihm dies der verhassteste. Ja, es gehörte zu seinen Lebensgrundsätzen, Frauen zu meiden, die Kathi, Mali oder Toni hießen. Mit diesen drei Namen konnte man ihm jeden Teufel der Liebe austreiben.

Vielleicht merkte sie, wie ihm dieser Name missfiel. Sie erröthete und ihr Gesichtchen schlug gleichsam Blüten in dieser reizenden Verwirrtheit. Die »holde Wirklichkeit« siegte über Edi.

Noch einmal nahm er Anlauf: »Schönste, Katharina!« Doch kaum war dieser Renovierungsversuch über seine Lippen gedrungen, als er sich schon den Namen der Schönen verwünschte. Das Mädchen war ihm unfehlbar verleidet, wenn er noch einmal ihren Namen aussprach – sei es in der Abkürzung oder in der Naturlänge.

Er schloss sie wieder in seine Arme und küsste ihr Gesicht. K. erduldete es einige Minuten bebend, selig, verwirrt. Dann stieß sie ihn plötzlich zurück.

»Ich erwarte meinen Bräutigam hier. Ich bin nicht mehr frei. Wenn er jetzt noch kommt – um Gotteswillen, gehen Sie weg. Ich bitte Sie . . .«

Nun loderte Edi auf. Was Bräutigam, was Weggehen . . . Jagdrecht – Beuterecht! Sie müsse mit ihm bleiben und wenn hundert Bräutigame heranzögen.

Ja, es sei heute vielleicht das letzte Mal. Sie hätten Streit gehabt. Seit einer Stunde warte sie auf ihn. Vielleicht kommt er gar nicht, dann sei es ja aus. Es war ohnehin eine geheime Brautschaft, ihre Eltern wüssten nichts davon . . . Edi möge nur ein paar Minuten warten, weggehen und dann wieder herschauen – dann wolle sie ja, wenn er nicht komme, bei ihm bleiben.

»Himmel-Herrgott. Er kommt!« K. schrie es auf. Edi wandte sich um, zu der Richtung ihrer Blicke . . . Er sah einen Comfortable langsam im Schritte daherfahren. Das war ja seiner – er erkannte den Kutscher . . . . Und dort kam ein junger Mann, er lief beinahe, direct zu ihnen her.

Edi richtete sich auf.

K. weinte . . .: »Was soll ich thun? Geh'n Sie weg . . . So geh'n Sie doch. Er sieht Sie ja, er kommt ja her. Meinethalben – – so geh'n Sie doch – – – – – – – –«

Da standen sich schon die beiden Männer gegenüber.

Der Bräutigam: »Kathi, was hat dieser Mensch bei Dir zu thun?«

K.: »Der Herr kam – kam zufällig – –«

Edi: »Wer ist »dieser Mensch«? Sie Lump! Wenn die Dame wirklich Ihre Braut ist, dann sind Sie ein Lump, verstanden, ein Lump – nur ein Lump lässt seine Braut – –«

Der Bräutigam schlug den ersten Hieb. Edi stürzt sich auf ihn. K. versucht jammernd, die Balgenden zu trennen. Da ist der Comfortable-Kutscher von seinem Bock gesprungen und in 5 Sätzen von der Straße hergelangt. Er trennt die Nebenbuhler und schlägt mit derben Flüchen ein paar Mal seinen Peitschenstiel auf den Kopf des »Bräutigams«. Edi nimmt eine Karte aus seiner Tasche und wirft sie dem Geprügelten ins Gesicht.

K. kniet weinend an der Seite ihres Bräutigams und liebkost ihn, tröstet ihn, bittet ihn um Verzeihung. Edi wirft ihr noch einen verächtlichen Blick zu und murmelt zurück: »Na ja – – Kathi – – – – – –!«

Edi kam im Wagen langsam zur Besonnenheit. Er zog seinen kleinen Spiegel aus der Westentasche, besah sich sorgfältig und begann an der Renovierung seiner Toilette zu arbeiten. Zuerst richtete er seine Cravatte, die schwer blessiert war, dann stäubte er seinen Rock aus. Aber zu seinem Schauder waren Kothflecke auf ihm, die durch all sein Wischen eine noch unglücklichere Färbung erhielten. Am schlimmsten war es dem Hut ergangen. Der Fuß seines Gegners hatte ihn zerbrochen. Edi griff in die Tasche seines Ueberrockes, um mit dem Sacktuch Reinigungsversuche vorzunehmen. Da fühlten seine Finger das kleine Etui mit dem Ring für Martha.

Wie gepeitscht sprang er im Wagen auf. Mit einem Ruck war das ganze Abenteuer vom Heustadelwasser aus seinem Gehirn geschwunden, und Martha, an die er so schmählich vergessen, stand vor seinen Augen, die sich mit Thränen füllten. Er griff nach der Uhr. ¼12 Uhr! Edi jubelte auf. Da konnte er sie ja noch erreichen!

»Kutscher, Kerl, Bruder – hauen Sie Ihr Ross zusammen – – ich muss um 12 Uhr um Südbahnhof sein. Ich muss – hören Sie – – meine Braut reist mit dem 1 Uhr-Zug ab. Sie kriegen einen Zehner, wenn Sie noch hinkommen . . .«

»Gnä' Herr täuschen Ihna wohl . . . Ans is scho vorbei. Und net amal mit an Luftballon könn' ma da noch z'recht kommen . . .«

Edi zog noch einmal seine Uhr aus der Tasche und hielt sie ans Ohr. Er erstarrte. Die Uhr gieng nicht.

»Sie haben recht« – stotterte er – »aber was thut man da?«

»Na, Gnä' Herr, in dem Aufzug hätten's eh net vor Ihre Braut treten können. Sö können Ihna freili net so als a Ganzer sehen wie'r i. Dös Fräul'n da, wegen der's Ihna g'rauft haben, war g'wiss 's frühere Fräul'n Braut? – –«

Edi sank in sich zusammen und überhörte diese Frage.

»Also bleiben Sie noch ein bisschen stehen. Ich muss mir die Geschichte überlegen.«

Der Kutscher ließ das Pferd stillstehen und spreitete eine Decke über es.

Edi sann und sann und sann. Wie konnte er nur an Martha vergessen? Welcher Teufel fuhr in ihn und zog ihn zu jener blonden Jungfrau, die auf ihren Bräutigam wartete und sich die Wartezeit durch ihn versüßen lassen wollte – während seine Geliebte auf dem Bahnhof wartete, zur Reise fertig, die sie seinetwillen unternimmt. Was wird Martha von ihm denken? Ja, er war kein Langliebender, und das Enden seiner Verhältnisse trat so oft ein als ihr Beginnen. Nie löste er eines brutal oder dumm. Im Gegentheil, es war ihm eine Sache der Kunst, des Gewissens. Lieber ein Verhältnis schlecht anfangen als schlecht lösen, war sein Grundsatz. Martha wird ihn für einen Gemeinen halten. Mit Recht. Und das alles wegen dieser . . ., die noch obendrein Kathi hieß!! Wie sie ihn in dem Moment vergaß, als der Bräutigam kam, wie sie nur diesen anflehte und zu schützen suchte.

Und wenn er auch nicht die Zeit versäumt hätte, wie konnte er in diesem Aufzug vor Martha erscheinen? Was sollte er thun? In ihre Wohnung fahren, nachfragen, ob sie abgereist sei? Aber ihr Mann konnte ja schon hier sein! . . . ihr nach Triest nachreisen? Aber wer weiß, ob sie abgereist war, da er nicht zum Bahnhof gekommen!

Und wieder flog eine Erinnerung an die blonde Katharine durch sein Herz. Er hatte wirklich gedacht, dass sie ihn plötzlich lieb gewonnen und dass das mit dem Bräutigam nur eine Fabel sei. Und doch musste es einem Kenner wie ihm dann klar werden, dass sie nur jenen liebte, und dass sie gerade aus Kummer, weil jener sie so lange warten ließ, wie um ihn und sich selbst zu strafen, mit Edi angebandelt habe. Wenn es Martha ebenso gethan? Und warum hat er mit Martha und der Blonden »angebandelt«?? – – Diese Frage durchschnitt plötzlich sein Denken und Fühlen. Und er erinnerte sich jenes Abends im Theater an der Wien, bei »Waldmeister«. Mizzi war nicht gekommen. Sie war böse mit ihm gewesen. Warum? Weil er ein Don Juan sei. Direct hatte sie ihm das einmal gesagt.

Edi begann zu lächeln. Es war ja etwas Wahres an diesem Urtheil. In allem, was Frauen sagen, ist etwas wahr. In manchem, was die Frauen über den Mann sagen, ist alles wahr. Mizzi hatte recht. In ihm steckte Don Juan-Blut. Er empfand das nicht als Untreue, was Mizzi so empfand. Die Frauen, die ihm in den Weg kamen, waren dazu da, von ihm geliebt zu werden. Er liebte nur die, die ihm in den Weg liefen. Schuldlos kam er zu seinen Verhältnissen, gezwungen. Kein Mann würde die Gelegenheiten, die sich ihm boten, vorübergehen lassen. Was konnte er dafür, dass das Schicksal ihm so viele Gelegenheiten gab? Gelegenheit macht Liebe, Gelegenheit schafft Untreue. Ihm die Gelegenheiten wegräumen, das würde heißen, ihn vor Untreue bewahren. Es war ihm ja selber oft unbequem. Nachträglich bereute er es oft.

Nein, nein, er war kein Don Juan. Er war ein Mensch mit warmem Blut und Sinnen, die nach Schönheit dürsteten. Die Göttin Zufall, dem einen Verführer, dem anderen Warner, dem dritten Lehrmeister und Tugendwärter – war ihm die große Kupplerin, die Gelegenheitsmacherin der Liebe. Er musste sich vor Zufällen hüten, sich gegen die Lockungen der alten Dame Zufall einhegen – dann war er gegen die jungen Damen geschützt. Wie sollte er sich schützen?! Konnte er es selbst? Edi betrog sich nicht. Eine konnte es . . . eine liebe, blauäugige, gute – die mit ihrem leichtverletzlichen Herzchen ihn so schnell, so unvorsichtig aus ihren süßen Händen ließ.

Mizzi, »Blauerl«, Grünthaler-Mädel, weißt Du nicht, dass ich nur Dich liebe, und dass ich von hunderten, ja tausenden zu Dir heimkehren müsste? Weißt Du nicht, dass Du mich schützen musst, dass Deine Augen und Deine Hände das Palladium sind, das mich von der alten Vettel rettet, die den großen Schlüsselbund des Zufalls trägt? Dass Dein süßer Mund das festeste Schloss ist, um meine Flucht aus dem Kämmerlein unserer Liebe zu hindern, in das kein Schlüssel der alten Vettel Zufall passt? Hast Du noch immer nicht gelernt, mich fest zu halten, da ich doch Dir gehöre, weil Du die Verkörperung meiner Ideale bist, weil in Dir Wiens Himmel, Wiens Leben, Wiens Schönheit weibgeworden, Sehnsucht trägt nach mir, der dies und Dich genießen kann, wie kein anderer? Weißt Du nicht, dass Du allein mir bist, was ich, ein liebestoller Schmetterling, an meinen Gassen und Gebäuden und Liedern und Mädchen naschend suche? . . .

Und Edi sprang im Wagen auf und rief dem Kutscher zu: Zu meiner Braut, Landstraße, Marxergasse 16!

Der Kutscher schüttelte den Kopf. Die Miene hätte Edi verrathen können, dass dieser Mann an seine Zurechnungsfähigkeit zu glauben aufgehört – wenn Edi daran gedacht hätte, ihn zu beobachten.

Edi schwamm in weicher, wollüstiger Freude und Hoffnungen und Erlöstheit. So sollte es heute seine letzte Untreue gewesen sein, so wahr er der Edi Hoffinger war, der Mizzi »Blauerl« liebte.

Er zog noch einmal den Ring aus dem Etui und betrachtete das Wogen der Lichter, das Farbengeglitzer des Opals. Bei diesem Ringe, schwur er sich zu, bei diesem Ringe, der heute noch an Mizzis Hand seine Farbenlieder singen sollte, dass er von nun an ihr, nur ihr treu bleiben wolle. Die alte Vettel Zufall werde seinen Willen wohl merken und ihn nicht mehr zu versuchen wagen . . .

Und Edi schritt mit strahlenden Augen die Stiegen zu Mizzis Wohnung hinauf. Auch wenn er es gewusst hätte, dass er die »alte Kupplerin« in sich trug und ihrer ewig nicht ledig werden sollte, hätte er heute Frau Sophie Grünthaler zum ersten Mal um Mizzis Hand gebeten.