Um Szepter und Kronen - 1. Abteilung

Erster Band.

Erstes Kapitel.

Es war um die neunte Abendstunde eines dunklen Aprilabends des Jahres 1866. Eine berliner Droschke fuhr in dem, diesen Kommunikationsmitteln eigenthümlichen Trab die Wilhelmsstraße herauf und hielt vor dem breiten durch zwei Gaslampen hell erleuchteten Thor des Hauses Nr. 76, des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten. Das Erdgeschoß dieses langgedehnten zweistöckigen Hauses war hell erleuchtet und man sah, wenn man scharf durch die grünen Vorsätze der Fenster blickte, in mehrere Bureauzimmer hinein, welche trotz der vorgerückten Abendstunde von eifrig arbeitenden Beamten erfüllt waren. Die Fenster des ersten Stocks zeigten theilweise eine matte Erleuchtung.

Aus der Droschke, welche vor diesem Hause hielt, stieg ein Mann von Mittelgröße, in dunklem Paletot und schwarzem Hut, näherte sich der Gaslampe, um in seinem Portemonnaie die zur Bezahlung der Droschke nöthige Münze zu finden, und läutete, nachdem er seine Rechnung mit dem numerirten Automedon ausgeglichen, stark an der neben dem Thor befindlichen Glocke. Fast unmittelbar darauf öffnete sich dieß Thor und der Einlaßbegehrende trat in eine breite Einfahrt, an deren Ende sich zwischen zwei mächtigen ruhenden Löwen die Aufgangstreppe in das Innere des Hauses befindet. An der Seite der Einfahrt über Manneshöhe öffnete sich ein in die Portierloge führendes Fenster und an demselben erschien der Kopf des Portiers mit der eigentümlichen gleichgültigen Miene, welche den Thürstehern großer Häuser überall eigen ist.

Der Portier blickte den Eintretenden durch das halbgeöffnete Fenster fragend an.

Dieser erhob jedoch nur flüchtig das Gesicht gegen das Fenster und schritt mit ruhigem, gleichmäßigen Schritt der Ausgangstreppe zu.

In dem hellen Licht, das bei dieser Bewegung des Eingetretenen aus dessen Antlitz fiel, sah man die Züge eines Mannes von etwa 60 Jahren, von gesunder, ein wenig gelblicher Gesichtsfarbe. Das scharfe, lebhafte dunkle Auge funkelte stechend und durchdringend, aber zugleich ruhig, wohlwollend und freundlich durch die Gläser einer feinen goldenen Brille. Eine scharfgeschnittene, feine Nase neigte sich in leichter Krümmung zu dem schmalen, festgeschlossenen, bartlosen Munde herab, unter welchem ein energisch gewölbtes Kinn dieses eigentümliche Gesicht abschloß, das man schwer wieder vergessen mochte, wenn man es einmal gesehen.

Kaum hatte der Blick jenes Auges unter dem goldenen Brillenreif hervor einen seiner blitzenden Strahlen nach dem Fenster der Portierloge geschossen, als der Kopf des Portiers wie durch einen Zauberschlag seine Physiognomie veränderte.

Der gleichgültige, vornehm herablassende Ausdruck verschwand urplötzlich, das Gesicht legte sich so zu sagen in dienstliche Falten und der Inhaber dieses Kopfes eilte an die nach der Aufgangstreppe führende Thüre seiner Loge, wo er in straffer Haltung, die den altgedienten Militär erkennen ließ, dem Eingetretenen gegenüber stehen blieb, welcher inzwischen die bis zum Vestibüle des Erdgeschosses führenden Stufen der großen Treppe hinaufgestiegen war.

»Der Herr Ministerpräsident zu Hause?« fragte der Eintretende leicht und mit jener einfachen vornehmen Freundlichkeit, welche, gleich fern von der Höflichkeit des Bittstellers und der gezwungenen Nonchalance des Parvenüs, den Mann charakterisirt, der gewohnt ist, auf den Höhen des Lebens sich in sicherer Natürlichkeit zu bewegen.

»Zu Befehl, Excellenz,« erwiederte der Portier im Tone dienstlicher Meldung. »Soeben ist der französische Botschafter fortgegangen und es ist Niemand mehr da. Der Herr Ministerpräsident werden allein sein.«

»Nun und wie geht es bei Ihnen? Noch immer rüstig und tüchtig zum Dienst?« fragte der Eingetretene freundlich.

»Danke unterthänigst für Eurer Excellenz gnädige Nachfrage, es geht ja noch immer, freilich etwas schwächer wird man schon, es ist nicht Jeder so fest wie Excellenz.«

»Nun, nun, wir werden Alle älter und gehen dem Ende entgegen, halten Sie sich tapfer – Gott mit Ihnen« – mit diesen freundlich und herzlich gesprochenen Worten stieg der ernste Mann mit der goldenen Brille die breite Treppe zum ersten Stockwerk hinauf, während der alte Portier ihm ehrerbietig und erfreut nachblickte und sich dann in seine Loge zurückzog.

Der Eingetretene fand in dem oberen Vorzimmer den Kammerdiener des Herrn von Bismarck-Schönhausen und wurde von demselben sogleich durch den großen matterleuchteten Vorsaal in das Kabinet des Ministerpräsidenten eingeführt, dessen Thüre der Kammerdiener mit den an seinen Herrn als Meldung gerichteten Worten öffnete: »Excellenz von Manteuffel!«

Herr von Bismarck saß vor dem großen mit Akten und Papieren überdeckten und durch eine hohe Lampe mit dunkler Kuppel erleuchteten Schreibtisch in der Mitte des Zimmers. Auf der andern Seite dieses Tisches befand sich ein Fauteuil, in welchen der Minister die ihn besuchenden Personen niedersitzen zu lassen pflegte.

Bei der Meldung des Dieners erhob sich Herr von Bismarck und trat seinem Besuch entgegen, während Herr von Manteuffel mit einem einzigen Blick seines scharfen Auges das Zimmer umfaßte und dann mit einem fast unmerkbaren halb wehmüthigen Lächeln die dargebotene Hand des Ministerpräsidenten ergriff.

Es war ein charakteristisches Bild von tiefem Inhalt, diese beiden sich gegenüberstehenden Männer in dem Sekundenatome der Gegenwart berührten sich die Vergangenheit und die Zukunft, das alte und das neue Preußen.

Beide Männer fühlten selbst etwas von diesem Eindruck: sie standen einen Augenblick stumm einander gegenüber.

Wir haben Herrn von Manteuffel bereits bei seinem Eintritt in das Hotel des auswärtigen Amtes charakterisirt, es bleibt nur noch hinzuzufügen, daß der abgenommene Hut leicht graues und dünn gewordenes, kurz geschnittenes Haar zeigte. Er stand ruhig da, die rechte Hand in der des Herrn von Bismarck, während er in den weichen weißen Fingern der linken den Hut hielt. Seine Züge hielten ihre stereotype Ruhe fest, der Mund war fast noch hermetischer geschlossen und eine abwehrende Zurückhaltung drückte dem ganzen ernst dastehenden Manne ihren Stempel auf.

Fast um eines Hauptes Länge über ihn hervorragend stand Herr von Bismarck vor ihm.

Seine mächtige Gestalt zeugte in ihrer Haltung dafür, daß er gewohnt war, die militärische Uniform zu tragen; sein kernig geformtes, stark markirtes Gesicht sprach in seinen tiefen Zügen von mächtigem, leidenschaftlichem innerem Leben, das graue, klare, durchdringende Auge richtete sich fest und gerade mit kaltem und kühnem Blick auf den Gegenstand, den es beobachten wollte, und unter der hohen und breiten, weit hinauf kahlen Stirn konnte man die in elementarischer Urkraft arbeitenden, durch eisernen Willen in logische Ordnung gezwungenen Gedanken errathen.

»Ich danke für Ihren freundlichen Besuch,« begann Herr von Bismarck nach einigen Sekunden, – »Sie haben hierher kommen wollen, statt mich bei sich zu empfangen, wie ich gebeten hatte.«

»Es ist besser so,« erwiederte Herr von Manteuffel, »in meinem Hotel hätte Ihr Besuch Aufsehen erregt, – auch ist man hier sicherer unbehorcht, und da ich vermuthe, daß ein ernster Gegenstand unsere Unterredung veranlaßt –«

»Ja, leider muß es eine ernste und außergewöhnliche Veranlassung sein, die mir die Freude verschafft, den bewährten Rath meines alten Chefs zu hören. Sie wissen, wie oft ich mich darnach sehne, und doch entziehen Sie sich stets jedem eingehenden Gedankenaustausch« – sagte Herr von Bismarck mit leichtem Anflug schmerzlichen Vorwurfs.

»Wozu sollte ein solcher führen?« entgegnete Herr von Manteuffel, in verbindlichem, aber kaltem Ton, – »selbst zu handeln und selbst zu verantworten ist mein Grundsatz gewesen, als ich an der Stelle stand, an der Sie jetzt stehen; fängt ein leitender Staatsmann erst an, Rath von rechts und links zu hören, so verliert er die Kraft, in fester Thatfreudigkeit auf dem Wege vorzuschreiten, den seine Vernunft und sein Gewissen ihm als den richtigen zeigen.«

»Nun wahrlich, meine Art ist es nicht, nach allen Seiten zu hören, und an Entschluß fehlt es mir nicht, meinen Weg zu gehen,« rief Herr von Bismarck lebhaft, »und,« setzte er mit leichtem Lächeln hinzu, »meine Freunde, die Herren Kammerredner, werfen mir ja täglich vor, daß ich von ihrem guten Rath nicht genügend Gebrauch mache; darum aber werden Sie mir zugeben, daß es Augenblicke geben kann, in welchen auch der festeste Sinn sich danach sehnt, die Ansicht und den Rath eines Meisters zu hören, der auf solche Thaten zurückblickt, wie Sie, mein verehrter Freund!«

»Und ein solcher Augenblick ist jetzt gekommen?« fragte Herr von Manteuffel ruhig, indem er sein scharfes Auge einen Augenblick forschend auf Herrn von Bismarck's bewegtem Gesicht ruhen ließ, ohne daß das im Tone innerster Ueberzeugung ausgesprochene Kompliment den geringsten Eindruck auf seinen Zügen erkennen ließ.

»Wenn jemals, so ist jetzt der Augenblick gekommen, in welchem auch dem härtesten Sinne der Zweifel näher treten mag als sonst. Sie kennen die Lage Deutschlands und Europas und wissen, daß die gewaltige Krisis kommen muß, von der vielleicht Jahrhunderte der Zukunft abhängen werden,« sagte Herr von Bismarck.

»Ich glaube, daß sie kommen wird – ob sie kommen mußte? – doch,« fügte Herr von Manteuffel nach einer kurzen Pause hinzu, »unsere Unterredung wird Gegenstände der höchsten Wichtigkeit betreffen und Sie kennen meine tiefe Abneigung gegen unberufene Einmischung in Dinge, die mich nicht angehen. Darf ich daher fragen: Weiß der König um diese Unterredung und ihren Gegenstand?«

»Seine Majestät weiß und wünscht, daß ich Sie um Ihren Rath bitte,« erwiederte Herr von Bismarck.

»Dann ist es meine Pflicht, meine unmaßgebliche Meinung zu sagen, soweit ich dieselbe mir bilden kann,« sagte Herr von Manteuffel ruhig, indem er sich auf den neben dem Schreibtisch stehenden Fauteuil niederließ, während Herr von Bismarck auf seinem Arbeitsstuhle Platz nahm. »Bevor ich mich jedoch über die Lage der Dinge aussprechen kann, muß ich wissen, welches Ihre Absichten sind, wo das Ziel Ihrer Politik liegt und durch welche Mittel Sie dasselbe zu erreichen hoffen. – Erlauben Sie,« fuhr er fort, indem er mit einer leichten, artigen Handbewegung eine beabsichtigte Bemerkung des Herrn von Bismarck zurückwies, »daß ich nach meiner ganz privaten und fernstehenden Beobachtung meine Meinung über Ihre Absichten ausspreche, Sie werden mir offen sagen, ob ich Recht habe oder mich täusche.«

Herr von Bismarck verneigte sich schweigend und richtete sein klares Auge mit dem Ausdruck gespanntester Aufmerksamkeit auf Herrn von Manteuffel.

»Sie wollen,« fuhr dieser ruhig fort, »nach der Ueberzeugung, die ich mir aus der Verfolgung der Ereignisse gebildet habe, die große deutsche Frage lösen, oder vielmehr beenden. Sie wollen Preußen an die Spitze der ökonomischen und militärischen Macht Deutschlands stellen und Denjenigen die Spitze des Schwertes zeigen, welche sich Ihnen entgegenstellen. Sie wollen mit einem Wort die lange chronische Krankheit, welche man die deutsche Frage nennt, zu einer akuten Krisis treiben und« – fügte er mit leichtem Lächeln hinzu – »durch das Arkanum von Blut und Eisen ein für allemal kuriren.« –

»Das will ich,« erwiederte Herr von Bismarck, ohne eine Bewegung zu machen und ohne den Ton zu erhöhen, aber seine Stimme vibrirte so eigentümlich, daß der Klang dieser drei Worte wie ein Waffenklirren durch das Zimmer zog, während seinem unverändert auf Herrn von Manteuffel gerichteten Auge ein elektrisches Leuchten entströmte.

So erklang, als Laokoon's Lanze das Pferd von Troja berührte, aus seinem Innern heraus das leise Klirren der griechischen Waffen, der erste Ton jenes furchtbaren Akkords, vor welchem die Mauern von Pergamus zusammenstürzten und der von den Saiten der Leier Homer's wiederklingend seit zweitausend Jahren die Herzen der Menschengenerationen erbeben läßt.

»Sie werden sich auch darüber nicht täuschen,« – fuhr Herr von Manteuffel fort, »daß Sie entschlossenem Widerstand gegenüberstehen, daß die Krisis da ist und daß Sie den Kampf aufnehmen müssen und zwar sehr bald, denn wenn mich nicht Alles täuscht, so drängt man auf der andern Seite ebenso zur Entscheidung.«

»Ich weiß es,« erwiederte Herr von Bismarck.

»Nun,« fuhr Herr von Manteuffel fort, »so handelt es sich denn um die Mittel des Kampfes. Sie haben zunächst die preußische Armee – ein sehr wesentliches, sehr schwer in die Wagschale fallendes Mittel, dessen Bedeutung ich gewiß am wenigsten verkennen möchte, – Sie haben in dieser Armee Vorzüge, welche ich nicht verstehe, aber nach militärischem Urtheil sehr bedeutend sind: das Zündnadelgewehr, die Artillerie, den Generalstab. – Aber es kommen bei diesem Kampf noch andere Faktoren in Betracht; die Allianzen und die öffentliche Meinung. Die Allianzen scheinen mir sehr zweifelhaft. Frankreich? Sie müssen am besten wissen, wie Sie mit dem schweigsamen Manne stehen, – England wird den Erfolg abwarten – Rußland ist sicher. Die öffentliche Meinung –«

»Gibt es eine solche?« warf Herr von Bismarck ein. Herr von Manteuffel lächelte fein und fuhr fort: »Die öffentliche Meinung unter gewöhnlichen Verhältnissen ist ein effektvolles Dekorationsstück, das seines lebhaften Eindrucks auf die corona des Publikums nicht verfehlt und bald Fiesco's wogendes Meer, bald die himmlische Lichtwolke in Egmont's Kerker darstellt – für die Maschinisten hinter den Coulissen, ist es eine Maschinerie, welche am rechten Faden zur rechten Zeit an rechter Stelle zu erscheinen hat, – ich glaube, wir kennen Beide die Coulissen und die Maschinerie. – Doch es gibt auch eine andere öffentliche Meinung, welche kommt und da ist wie der Wind, unfaßbar und unlenkbar wie er und furchtbar wie er, wenn er zum Sturme wird. – Der Kampf, welcher im Schooße der nächsten Zukunft liegt, ist ein Kampf von Deutschen gegen Deutsche, ein Bürgerkrieg, und in einem solchen Kampf verlangt die öffentliche Meinung ihr Recht, – sie ist ein mächtiger Alliirter und ein furchtbarer Feind, furchtbar am meisten dem Besiegten, dem sie schonungslos ihr vae victis entgegenruft. Die öffentliche Meinung aber ist gegen den Krieg, in Deutschland vielleicht noch weniger als in Preußen selbst, und gerade bei der Zusammensetzung der preußischen Armee ist das nicht gleichgültig.«

Herr von Bismarck fuhr lebhaft auf: »Sollten Sie es für möglich halten, daß –«

»Die preußische Armee ihrer Pflicht vergäße und zu marschiren sich weigerte?« fiel Herr von Manteuffel ein. »Nein, niemals, gewiß nicht – es mögen vereinzelte Unregelmäßigkeiten in der Landwehr vorkommen; sie werden vereinzelt, höchst vereinzelt bleiben, die Armee wird ihre Pflicht thun, sie ist die Inkarnation des Pflichtbewußtseins – werden Sie aber leugnen wollen, daß es ein gewaltiger Unterschied ist, ob die Pflicht mit Freude und Begeisterung oder mit Widerwillen und Abneigung gethan wird?«

»Die Freude und Begeisterung kommt mit dem Erfolg,« sagte Herr von Bismarck.

»Aber bis dahin?«

»Bis dahin muß eben die Pflichterfüllung aushalten und die Leitung ihre Schuldigkeit thun.«

»Gut,« sagte Herr von Manteuffel, »ich zweifle nicht, daß das geschehen wird; ich wollte nur konstatiren, daß ein in solchem Kampfe mächtiger und bedeutungsvoller Faktor nicht für, sondern gegen Sie ist.«

»Ich gebe Ihnen Recht für den Augenblick,« entgegnete Herr von Bismarck nach einer sekundenlangen Pause, »heute ist jene öffentliche Meinung gegen mich, die Sie so treffend mit dem Wehen des Windes verglichen, – allein sie wechselt auch eben so leicht wie jener. – Und doch kann ich Ihnen nicht ganz Recht geben. Freilich wohl, diese oberflächlich gebildete Welt, der seichte Liberalismus des Parkets und der Bierstuben spricht von jenem Deutschland, das in ihren Köpfen ein blauer Begriff ist, spricht von Bürger- und Bruderkrieg gegen Oesterreich – aber, glauben Sie mir, im preußischen Volke steckt das nicht, der Geist des preußischen Volkes geht aus der Armee hervor und durch die Armee klingt der hohenfriedberger Marsch – das Volk sieht den Staat Maria Theresia's als den Feind an des preußischen Geistes, den der alte Fritz der Monarchie eingehaucht. – Und jene Redner und Phraseologen? O, sie und ihre öffentliche Meinung fürchte ich nicht, sie werden wie die Wetterfahne vor dem Winde sich zum Erfolg wenden.«

»Auch ich gebe Ihnen theilweise, nur nicht ganz Recht,« sagte Herr von Manteuffel – »aber der Erfolg? Ist er sicher? Ist er vorbereitet? Wir haben zwei Faktoren berührt; kommen wir zum dritten, vielleicht zum wichtigsten – den Bündnissen. – Wie stehen Sie mit Frankreich, mit Napoleon III.?«

Bei dieser direkten und scharf accentuirten Frage, welche fast eben so sehr mit dem stahlscharfen Blicke als mit dem Laut der Worte gestellt wurde, zuckten Herrn von Bismarck's Lippen eine Sekunde fast unmerklich und es schien etwas, wie Unsicherheit, Zweifel oder Mißtrauen oder eine Mischung von alledem zusammen über den Spiegel seines Auges zu gleiten – dieß Alles verschwand aber eben so schnell und er antwortete ruhig und mit derselben metallischen Stimme wie vorher:

»Gut, – so gut als man mit dieser räthselvollen Sphinx stehen kann.«

»Haben Sie Zusagen, Verträge – oder weit besser als das –haben Sie ein persönliches Wort Napoleon's?« fragte Herr von Manteuffel.

»Sie inquiriren scharf,« antwortete Herr von Bismarck, doch – ich stehe ja vor meinem Meister; – so hören Sie denn, was in jener Richtung geschehen ist und wie die Frage dort steht.

»Schon vor zwei Jahren – im November 1864, sprach ich mit dem Kaiser bei Gelegenheit der dänischen Frage – er wünschte lebhaft die Restitution der nordschleswig'schen Distrikte an Dänemark – über die schlimme und bedenkliche Lage der preußischen Monarchie, welche in zwei getheilte Hälften gespalten ist; ich wies ihn darauf hin, wie falsch die Errichtung eines neuen Kleinstaates im Norden wäre und wie viel besser es für Dänemark sein würde, einen großen und mächtigen Staat zum Nachbar zu haben, als an seinen Grenzen den kleinen Hof eines Fürsten, der auf die dänische Krone Ansprüche macht. Der Kaiser hörte Alles an, schien mit einigen Worten meine Ansicht über die Nothwendigkeit einer bessern Begrenzung Preußens zu billigen, war jedoch wie gewöhnlich nicht dazu zu bringen, sich klar und bestimmt zu äußern; doch war es wohl bemerkbar, daß seine Verstimmung gegen Oesterreich bedeutend sei und daß er den wiener Hof einer großen Unzuverlässigkeit anzuklagen habe.«

»Und haben Sie ihm die Distrikte von Nordschleswig versprochen, wenn er Ihren Ideen zustimmte?« fragte Herr von Manteuffel.

»Er mag es glauben« – erwiederte Herr von Bismarck mit leichtem Lächeln – »indeß da er sich auf Zuhören und Kopfnicken beschränkte, so hielt ich es nicht für nöthig, bei meinen Bemerkungen aus einer allgemein objektiven Haltung herauszugehen.«

Herr von Manteuffel neigte schweigend den Kopf und Herr von Bismarck fuhr fort:

»Bei Gelegenheit des Vertrages von Gastein fanden einige Erörterungen statt, ohne daß es mir gelang, positivere Erklärungen zu bekommen, und ich ging im November 1865 nach Biarritz, aber auch dort war es unmöglich, den schweigsamen Mann aus seiner absoluten Reserve zu bringen. Ich wußte, daß damals sehr ernstlich mit Oesterreich negoziirt wurde, um einen Abschluß der italienischen Frage zu erreichen, vielleicht lag daran der Grund der kalten Zurückhaltung gegen mich, vielleicht auch – Sie kennen den Grafen Goltz?«

»Ich kenne ihn,« sagte Herr von Manteuffel mit feinem Lächeln.

»Sie werden also auch wissen, daß man damals in gewissen Kreisen das Gerücht zirkuliren ließ, Graf Goltz werde mich ersetzen – was damals in Paris vorging, war mir nicht klar; indeß es ging Etwas vor oder vielmehr es ging nicht wie ich wollte und wie es sollte. Ich handelte selbst. Auf der Rückkehr von Biarritz sprach ich den Prinzen Napoleon.«

»Ernstlich?« fragte Herr von Manteuffel.

»Ganz ernstlich,« erwiederte Herr von Bismarck, indem ein leichtes Lächeln über seine Lippen spielte, »und ich sah, daß Italien der Punkt war, an welchem die kaiserliche Politik gefaßt werden mußte. Der gute Prinz Napoleon wurde Feuer und Flamme, ich ließ in Florenz agiren und binnen Kurzem gestalteten sich feste Negoziationen, deren Resultat ich Ihnen heute vorlegen kann.«

Herr von Manteuffel drückte durch eine Bewegung seine große Gespanntheit auf diese Mittheilung aus.

Herr von Bismarck blätterte leicht in einem kleinen Fascikel von Papieren, die im Bereich seiner Hand auf dem Schreibtisch lagen, und fuhr fort:

»Hier ist der Vertrag mit Italien, den der General Govone verhandelte und der uns den Angriff gegen Oesterreich von Süden her mit aller italienischen Land- und Seemacht sichert.« –

»Und Frankreich?« fragte Herr von Manteuffel.

»Der Kaiser gesteht zu,« erwiederte Herr von Bismarck, »die Erwerbung von Holstein und Schleswig ohne die nordschleswig'schen Distrikte, er erkennt die Notwendigkeit an, die beiden Hälften der preußischen Monarchie zu verbinden, wozu Theile von Hannover und Kurhessen erworben werden müssen, und wird sich nicht dem preußischen Kommando über das 10. Bundesarmeekorps widersetzen.«

»Und was verlangt er?« fragte Herr von Manteuffel.

»Venetien für Italien.«

»Und für sich, für Frankreich?«

»Für sich« – erwiederte Herr von Bismarck – »Nichts.«

»Nichts?« sagte Herr von Manteuffel – »Nichts? Sollten Sie nicht Vermuthungen über seine vielleicht nicht ausgesprochenen Gedanken haben? So viel ich mich erinnere, hatte er auch nichts verlangt, als er nach dem italienischen Krieg Savoyen und Nizza nahm.« –

»Was seine Gedanken betrifft,« sagte Herr voll Bismarck, »so glaube ich vermuthen zu dürfen, daß ihm die Erwerbung von Luxemburg höchst wünschenswert ist und daß vielleicht in weiterer Perspektive ein näherer Anschluß Belgiens an Frankreich eine Rolle in seinen Kombinationen spielt. Sie wissen, daß etwas orleanistische Lust in Brüssel weht.«

»Und was hat Napoleon über Ihre Stellung zu diesen seinen Gedanken Grund zu glauben?« fragte Herr von Manteuffel weiter.

»Was er will,« warf Herr von Bismarck ziemlich leicht hin. »Wenn er nichts verlangt, habe ich doch keinen Grund, ihm etwas zu versprechen, und seine Wünsche – nun, – diese als thöricht und unerfüllbar zu bezeichnen, ist gewiß nicht meine Aufgabe.«

»Ich verstehe,« nickte Herr von Manteuffel.

»Hannover soll für die Abtretung seiner Gebietsteile in Lauenburg und Holstein entschädigt werden,« fügte Herr von Bismarck hinzu.

»Hat das der Kaiser Napoleon verlangt?« fragte Herr von Manteuffel etwas verwundert.

»Durchaus nicht,« – erwiederte Herr von Bismarck. »Nach der Tradition seiner Familie liebt er die Welfen nicht und, Sie sehen es, die Basis des ganzen Arrangements ist ja die preußische Suprematie in Norddeutschland; was also dort geschieht, ist ihm gleichgültig – nein, unser allergnädigster Herr legt den größten Werth darauf, daß Hannover in dem bevorstehenden Kampfe auf unserer Seite steht und daß die alten Familienbande, welche zwischen den beiden Häusern bestehen, in der Zukunft erhalten bleiben.«

»Und Sie selbst,« forschte Herr von Manteuffel, »wie denken Sie über die hannöverische Frage?«

»Stelle ich mich auf den rein objektiv politischen Standpunkt« – entgegnete Herr von Bismarck mit Offenheit – »so muß ich wünschen, daß Hannover gar nicht existirte, und muß bedauern, daß es unserer Diplomatie auf dem wiener Kongreß nicht gelungen ist, das englische Haus zur Abtretung dieser Sekundogenitur zu bringen – was vielleicht hätte gelingen können. Hannover ist ein Nagel in unserem Fleisch und selbst bei der besten Gesinnung lähmt es uns gewaltig. Herrscht aber dort, wie seit langer Zeit, böser Wille, so wird es uns geradezu gefährlich. – Wäre ich so sehr Macchiavellist, wie man es mir zuweilen vorwirft, so müßte ich mein ganzes Augenmerk darauf richten, Hannover zu erwerben. Und vielleicht wäre das so schwer nicht, als es scheint« – fuhr Herr von Bismarck, wie unwillkürlich einer in seinem Geiste auftauchenden Gedankenreihe folgend, fort – »weder die englische Nation noch das königliche Haus dort möchte sich viel darum kümmern und – doch wie Sie wissen, unser allergnädigster Herr ist sehr konservativ und hat eine tiefe Pietät für die hannöverisch-preußischen Traditionen, welche durch Sophie Charlotte und die Königin Louise verkörpert werden – und ich – nun, ich bin nicht minder konservativ und mir sind jene Traditionen nicht minder heilig, und ich gehe von Herzen und mit Ueberzeugung auf die Ideen des Königs ein, die Zukunft jenen Traditionen gemäß zu gestalten und die dauernde Existenz Hannovers möglich zu machen. Aber so wie bisher geht es freilich nicht, Garantieen müssen wir haben, und je mehr sich das Leben der Staaten in seiner Eigentümlichkeit accentuirt und konzentrirt, je mehr sich der Verkehr entwickelt und in seinen reichen Lebensadern zu einem Faktor, ja zur Basis der Politik wird, um so weniger kann Preußen dulden, daß in seinem Körper, seinem Herzen so nahe, ein fremdes, bei jeder Krisis vielleicht feindliches Element bestehe. – Ich kann Ihnen also mit vollem Ernst erwiedern: ich strebe ehrlich und aufrichtig darnach, Hannover zu gewinnen und ihm, wenn es seinerseits die alten Traditionen achtet und treu zu uns steht, eine sichere und ehrenvolle, ja glänzende Stellung in Norddeutschland zu schaffen. – Aber freilich muß man dort aufhören, uns fortwährend fühlen zu lassen, daß man ein Hinderniß ist.«

»Und haben Sie Aussicht, zur Verständigung mit Hannover zu gelangen – zum ernsten, festen Bündniß?« fragte Herr von Manteuffel.

»Ich hoffe es,« antwortete Herr von Bismarck nach einer augenblicklichen Pause. »Graf Platen war hier – Sie kennen ihn?«

Herr von Manteuffel lächelte.

»Nun,« fuhr Herr von Bismarck fort – »man hat nichts gespart, man hat ihn überschüttet mit Liebenswürdigkeit aller Art, man hat ihm das Großkreuz vom rothen Adler gegeben.«

»Nicht den schwarzen?« fragte Herr von Manteuffel.

»Bah, – man muß immer noch Pulver behalten – er war ja überglücklich; und dann – ich habe ihm eine Familienverbindung vorgeschlagen, die von Seiner Majestät selbst lebhaft gewünscht wird und durch welche vielleicht die ganze Frage mit einem Male in der freundlichsten Weise gelöst würde.«

»Ich weiß dieß zufällig,« warf Herr von Manteuffel ein – »glauben Sie, daß dieß Projekt reüssirt?«

»Man schien demselben in Hannover selbst günstig,« erwiederte Herr von Bismarck, »und in Norderney sowohl als auf der Marienburg – doch das wird sich zeigen, für's Erste lege ich allerdings mehr Gewicht auf die Politik. –«

»Und was hat Graf Platen in dieser Beziehung versprochen?«

»Die Neutralität – wie er es bereits früher gegen den Prinzen Ysenburg gethan –«

»Und der Vertrag darüber ist geschlossen?«

»Graf Platen konnte das natürlich nicht allein, auch schien er Geheimhaltung der ganzen Sache zu wünschen, um nicht vor der Zeit in Frankfurt und Wien Susceptibilitäten zu erregen; indeß hat er mir die bestimmtesten Versicherungen gegeben und sich zugleich persönlich so beißend über Beust und die wiener Staatskanzlei ausgesprochen, daß ich ihm glauben muß.«

»Verzeihen Sie mir,« warf Herr von Manteuffel ein, »daß ich diese hannöverische Frage – auf welche ich einen gewissen Werth lege, kurz – wenn Sie wollen, etwas skeptisch resümire. Dieselbe beschränkt sich, wie mir scheint, auf Verhandlungen ohne ein bestimmtes Resultat – auf Versicherungen und Versprechungen des Grafen Platen – wäre es nicht vielleicht besser gewesen, in Hannover selbst ernstliche Schritte zu thun – Georg V. ist kein Louis XIII. und Graf Platen – kein Richelieu.«

»Ich habe auch daran gedacht,« bemerkte Herr von Bismarck, – »Sie wissen, daß der hier von Hannover akkreditirte Herr von Stockhausen mit den Baudissins verwandt ist – der eine Baudissin, Schriftsteller, Feuilletonist etc., den Sie vielleicht haben nennen hören, hat den jungen Stockhausen, den Sekretär seines Vaters, mit Keudell in Verbindung gesetzt – vielleicht gelingt es ans diesem Wege, direktere Einwirkung in Hannover zu ermöglichen – ich kann jedenfalls nur wiederholen, daß ich alles Ernstes eine feste und definitive Freundschaft mit Hannover und die Erhaltung des dortigen Thrones wünsche und Alles aufbieten werde, um zu diesem Resultat zu kommen – gegen die Ansicht vieler Preußen, wie Sie wissen. – Mit Hannover hängt Kurhessen innig zusammen, der Kurfürst scheint den Weg des Königs von Hannover gehen zu wollen, übrigens macht mir diese Frage wenig Sorgen; sie ist keine dynastische, die Nachfolger sind uns sicher.«

»Und« – fragte Herr von Manteuffel weiter, »halten Sie es für möglich, im Falle eines Krieges gegen Oesterreich die Neutralität von Bayern und Württemberg zu erlangen?«

»Nein,« erwiederte Herr von Bismarck, »die österreichische Partei ist allmächtig in München, und der Prinz Reuß schreibt mir, daß namentlich seit dort etwas von der italienischen Allianz verlautet habe, eine bayerische Neutralität absolut unmöglich sei. Das Einzige, was sich vielleicht erreichen ließe, sei eine laue Kriegführung. Nun, ich glaube, die wird sich schon von selbst ergeben, der ganze Schwerpunkt wird immer in Böhmen liegen. – Da habe ich Ihnen nun im Wesentlichen so ziemlich die ganze Lage entwickelt. Wollen Sie über irgend einen Punkt noch aufgeklärt sein, so fragen Sie mich, – und nun bitte ich Sie um Ihre Meinung en connaissance de cause.«

Herr von Manteuffel sah einige Augenblicke schweigend zu Boden; dann erhob er sein Auge zu dem äußerst gespannten Antlitz seines Gegenübers und begann mit jener sanften, ruhigen Stimme und jenem leichtfließenden, eindringenden Ton, der ihm, obgleich er durchaus niemals ein öffentlicher Redner war, im persönlichen Verkehr eine so eigentümlich wirkungsvolle Beredsamkeit verlieh:

»Ich sehe allerdings, daß Sie alle Punkte in's Auge gefaßt haben, welche bei dem großen Kampfe in Betracht kommen, und daß Vieles geschehen ist, um die Chancen des Erfolges auf Ihre Seite zu bringen – allein ich sehe nur in einem einzigen Punkte etwas wirklich Fertiges, Vollendetes und Sicheres: dieser Punkt ist die preußische Armee. – Alles Uebrige in dem Gebäude ist unsicher und schwankend. Frankreichs Stellung ist keine vollkommen klare und feste, Deutschland scheint mir feindlich, denn – aufrichtig gesprochen – ich glaube nicht an Hannover, die Politik der Sicherheit und Vorsicht liegt nicht im Charakter des Königs und, ich wiederhole es, Hannover kann sehr gefährlich werden. Bedenken Sie, daß die Brigade Kalik noch in Holstein steht, bedenken Sie, daß Hannover und Hessen eine ziemlich starke Macht aufstellen können und daß Sie nicht viel übrig haben, um dorthin zu operiren. – Italien? – Seine Allianz ist sicher, wie Sie mir sagen; nun, ich will auch glauben, daß man dort Wort hält – glauben Sie, daß die italienische Armee auf Erfolge rechnen kann? Ich glaube es nicht. Mag Oesterreichs Militärverfassung so mangelhaft sein, wie sie will, auf dem italienischen Kriegstheater, in den Gebieten des Festungsvierecks wird Oesterreich die Italiener immer schlagen, jene Gebiete kennen die österreichischen Generalstäbe wie ein Schachbrett, und dort zu schlagen, dazu werden sie erzogen, darauf werden sie – wenn Sie wollen – dressirt – ich sehe also nur eine Niederlage für Italien voraus.«

»Aber,« warf Herr von Bismarck lebhaft ein, »schon der Umstand, daß Oesterreich gezwungen wird, auf zwei Kriegstheatern zu schlagen, wiegt wahrlich schwer genug. Wie viel Truppen wird man uns denn noch entgegenstellen können? Oesterreich wirft an den verschiedenen deutschen Höfen, wie man mir mittheilt, mit 800,000 Mann um sich – ich weiß aber bestimmt, daß bei Weitem nicht die Hälfte davon da ist.«

»Nun,« sagte Herr von Manteuffel, »lassen wir die Erörterung der Chancen, ich gebe zu, daß sie vorhanden sind, wesentlich aber in der Tüchtigkeit der Armee. – Aber eine zweite, ernste Frage. Ist der Krieg nöthig? Ist die Lage so, daß alles schwere Unheil, alle großen, großen Gefahren eines so gewaltigen Kampfes heraufbeschworen werden müssen? Sie wissen, auch ich will Preußen an die Spitze von Deutschland bringen, ich wünsche das als Preuße, ich will es aus Ueberzeugung als Deutscher und ich habe dafür als Minister gearbeitet, so viel ich es vermochte. Aber ich habe geglaubt, daß solche Entwicklungen durch die Zeit in organischem Wachsthum gereift werden müssen, und ich habe als den größten Feind preußischer Führung in Deutschland das Mißtrauen der Deutschen gefunden; dieß Mißtrauen, die Furcht der Fürsten für ihre Souveränetät und die Zukunft ihrer Dynastieen, die Furcht der Volksstämme für ihre autonomische Besonderheit stemmt sich Preußen entgegen und wird von Oesterreich stets geschickt benutzt, welches durch seinen fast zu großen Komplex gegen ein gleiches Mißtrauen gesichert ist. Ich habe es für die Aufgabe Preußens gehalten – und habe meinerseits darnach gestrebt, – uns das Vertrauen der Fürsten und Völker in Deutschland zu gewinnen. – Gelingt das, so ist die Führung unser und die Rolle Oesterreichs ausgespielt, denn ohne jenes Mißtrauen wendet sich der deutsche Geist, der Geist der Bildung und Aufklärung, der Geist des fortschreitenden nationalen Lebens uns zu. – Außerdem habe ich meine bestimmte Ansicht über preußische Kriege. Unsere Macht ist groß, – aber sie ist besonders und eigenthümlich, denn sie stellt, wenn sie voll entfaltet wird, das ganze Land auf das Schlachtfeld, und bei einer unglücklichen Wendung stehen wir der äußersten Katastrophe näher, als irgend ein anderer Staat. So lange unsere Macht droht, ist sie sehr stark; sie nimmt ab, wenn sie wirklich in Aktion tritt. Stehen wir Gewehr bei Fuß, so muß man immer mit uns rechnen und« – fügte Herr von Manteuffel mit dem Ausdruck einer gewissen ruhigen Befriedigung bei, – »der Pariser Frieden spricht ein wenig für diese meine Maxime. – Wo ist nun die Notwendigkeit, jenes Vertrauen, das schon durch die neue Aera erschüttert ist, tief zu zerstören, wo ist der Zwang, die mächtige reservirte Stellung Preußens durch das ungewisse Würfelspiel des Krieges schwer zu gefährden? – Sie werden,« fuhr er mit einem trüben Lächeln fort, »mich vielleicht für einen furchtsamen, engherzigen Pedanten halten, – aber da Sie mich um meine Meinung gefragt, dringend gefragt haben, so bin ich wohl berechtigt, meinerseits diese Fragen zu stellen.«

Herr von Bismarcks Gesicht hatte, während Herr von Manteuffel sprach, eine nervöse Bewegung gezeigt, eine steigende Ungeduld zitterte über seine Züge, ohne daß er jedoch eine Miene oder eine Bewegung der Unterbrechung gemacht hätte.

Als Herr von Manteuffel geendet, stand der Ministerpräsident lebhaft auf, näherte sich seinem Gaste und rief, indem er dessen Hand ergriff:

»O mein verehrter Freund, ich kenne ja diese Ihre Ansichten, ich kenne die edlen Gesinnungen, welche Sie bewegt und geleitet haben, so lange Sie das Ruder des preußischen Staates führten, ich kenne Ihre Gewissenhaftigkeit und Vorsicht, – glauben Sie mir, auch ich bin weit entfernt, leichtsinnig mit den Schicksalen des preußischen Staates, dieser kunstvollen Schöpfung jahrhundertelangen Fleißes, zu spielen! Glauben Sie mir, nicht ich bin es, der diesen Krieg provozirt, ich befinde mich im Stand der Nothwehr, und wenn ich auch nicht mit derselben pietätvollen Scheu, wie der König, davor zurückbebe, mich endlich mit diesem perfiden Oesterreich auf die Mensur zu stellen, so möchte ich doch um keinen Preis ohne Noth das Aeußerste herbeiführen. Aber ich weiß es, daß man in Wien den Krieg will, man will uns unsere berechtigte Stellung nicht einräumen, ja man will uns herunterdrücken und ersticken in der Maschinerie des Bundes – die Sie ja kennen und die auch Ihnen so viel Qual und Sorge gemacht hat. Dieser sächsische Beust und seine Freunde in Wien, der sanguinische Meysenbug, der ehrgeizige Pedant Biegeleben und der blaue Biedermann Max Gagern träumen von einem neuen deutschen Reich, in welchem ein Parlament von ihrer Mache den Kaiser Franz Joseph auf den deutschen Kaiserthron zurückführen soll – und der Kaiser selbst lebt und webt in diesen Ideen; sie haben ihm richtig mit dieser Komödie des frankfurter Fürstentages den Kopf verdreht. Sie bedenken nicht, die Thoren,« rief er lebhafter, indem er einige starke Schritte durch das Zimmer machte, »daß in Frankfurt nicht Der der Kaiser war, der unter dem Jubel des Straßenpublikums den boeuf historique serviren und die armen deutschen Fürsten« – fügte er bitter lächelnd hinzu – »in der Morgendämmerung zu einer matinée politique aus den Betten reißen ließ, bei der man das lauwarme Wasser der Beust'schen Weisheit genoß, – nein – wahrhaftig, Der war nicht der Kaiser, sondern Der war es, vor dessen kaltem Nein, vor dessen einfacher Abwesenheit der ganze Spuk sich in Dunst auflöste. – Und ich sollte ruhig abwarten, bis man einen vielleicht günstigeren Moment findet, um jene herrlichen Pläne auszuführen? – Und dann, mein verehrter Freund,« fuhr er fort, indem er wieder nahe vor Herrn von Manteuffel hintrat, welcher ihm mit unveränderter Ruhe zugehört hatte, »und dann – gibt es nicht Augenblicke, in denen der kühne Entschluß, die rasche That nothwendig sind, um Großes zu erreichen und schwere Gefahren abzuwenden? Weist uns nicht die Geschichte unseres Preußens auf solche Momente mehr als eine andere hin? – Was wäre aus Preußen geworden, wenn Friedrich der Große abgewartet hätte, bis die – den heutigen ganz ähnlichen Pläne Oesterreichs und Sachsens in günstigem Augenblick zur Reife gediehen wären, – wenn er nicht mit dem raschen, gewaltigen Griff seiner kühnen Hand zerstörend in das Gewebe des Neides und der Bosheit gegriffen hätte? – Wohin wäre Preußen gekommen ohne York's kühnen Entschluß? – O mein verehrter Freund!« rief Herr von Bismarck lebhaft, indem seine Gestalt sich breit und hoch ausdehnte, »mein Gefühl sagt es mir und mein Verstand widerspricht nicht, daß der Geist Friedrich's des Großen und der Geist von 1813 der Lebenshauch ist, der durch die preußische Geschichte weht, und daß der Zeiger der großen Weltuhr eine Stunde zeigt, in welcher dieser Geist lebendig werden muß, um Preußen vorwärts schreiten zu lassen – und nicht vorwärts gehen heißt hier rückwärts gehen, rückwärts auf unberechenbaren Bahnen. – Soll ich mit dieser Ueberzeugung im Herzen still sitzen und das Unheil kommen lassen, abwarten,« fügte er leiser hinzu, »bis vielleicht einmal eine Hand, weniger fest als die meinige, ein Sinn, weniger muthig als ich ihn in mir fühle, berufen sein könnte, der Gefahr gegenüber zu treten?«

Herr von Manteuffel hatte bisher, den Arm leicht auf den Schreibtisch gestützt und die Augen zu Boden geschlagen, unbeweglich seinen Platz behalten.

Er erhob sich jetzt und blickte dem Ministerpräsidenten, der in lebhafter Bewegung und mit fast ängstlicher Spannung an seiner Miene hing, voll und gerade in's Auge.

»Herr von Bismarck,« sagte er dann mit ruhiger Stimme, in welcher eine etwas wärmere Nüance leise durchklang, »Sie berühren da eine Saite, die, wie Sie wissen, bei jedem Preußen anklingt und deren Ton auch durch mein Leben zieht; wer wollte es leugnen, daß es Momente gibt, in denen nur die kühne That zum Heil führt, wer wollte es leugnen, daß Preußen durch das große und mächtige Ergreifen solcher Momente zu dem geworden, was es heute ist! – Ob wir in diesem Augenblick vor einem solchen Moment stehen, darüber kann kein Sterblicher mit Unfehlbarkeit entscheiden und ich möchte darüber nicht mit Ihnen rechten, – darüber nach Pflicht und Gewissen zu urtheilen und danach zu handeln ist die Sache Desjenigen, der in solchen Augenblicken an den Stufen des Thrones steht. Sie stehen an diesem Platz – und ich danke Gott, daß ich ihm heute fern bin, Sie haben, was geschehen wird, vor der Geschichte, vor Ihrem Vaterlande und Ihrem Könige zu verantworten. – Sie müssen also entscheiden, was Sie zu thun haben, und ich möchte um keinen Preis der Welt Zweifel in Ihre Entschlüsse werfen. – Nun aber noch eine Frage – erschrecken Sie nicht – es soll die letzte sein, vielleicht ist es die wesentlichste.«

Und Herr von Manteuffel trat noch einen Schritt näher zu Herrn von Bismarck und fragte, indem er seine Stimme zu leiserem Tone herabsinken ließ und dadurch gerade einen um so tieferen Nachdruck in dieselbe legte:

»Wenn nun die Würfel des Kriegsspiels gegen Sie fallen, wenn die Berechnung der Chancen sich als falsch erweist – täuschen können wir uns Alle – wenn dann die siegreichen Gegner die Macht gewonnen und zu den lange vorbereiteten Plänen die Erbitterung des Kampfes und der Hochmuth des Sieges hinzutritt, – welchen Plan haben Sie gefaßt, welche Vorbereitungen haben Sie getroffen, um dann Preußen vor den äußersten Gefahren, vielleicht vor dem Untergange zu schützen? Sie wissen, ich habe immer dem Grundsatz gehuldigt, ein guter General müsse zunächst an den Rückzug denken und denselben vorbereiten, deßhalb werden Sie meine Frage natürlich finden und begreifen, welche Wichtigkeit ich auf dieselbe lege.«

Herrn von Bismarck's bisher so lebhaft gespanntes und bewegtes Gesicht nahm eine stolze und kalte Ruhe an, um seinen Mund zuckte es in seltsamem Nervenspiel und aus seinem Auge blitzte es wie blanke Degenklingen. Mit jenem metallisch vibrirenden Ton der Stimme, der in gewissen Augenblicken durch seine Worte klingt, erwiederte er:

»Wenn ich es für möglich halten und daran denken könnte, daß die preußische Armee von Oesterreich geschlagen würde, dann wäre ich nicht preußischer Minister!«

Bei diesen, im Tone innigster Ueberzeugung ausgerufenen Worten trat Herr von Manteuffel langsam einen Schritt zurück und blickte mit dem Ausdruck des Erstaunens und des Nichtbegreifens in das leuchtende und zuversichtliche Antlitz des Ministerpräsidenten.

Dann wendete er sich langsam zur Seite, ergriff seinen Hut und indem er sich mit ruhiger Höflichkeit gegen Herrn von Bismarck verneigte, sprach er im Tone gewöhnlicher Salonunterhaltung:

»Ich glaube, der Zweck unserer Unterredung ist erreicht, wir haben das Thema erschöpft und ich darf Ihre so knapp gemessene Zeit nicht länger in Anspruch nehmen.«

Herrn von Bismarck's lebhaft animirte Züge sanken bis zu dem Ausdruck schmerzlicher Wehmuth herab und er erwiederte mit traurigem Ton:

»Das Thema ist nicht erschöpft – sagen Sie lieber, daß Sie es nicht weiter diskutiren wollen, – da wir uns, wie ich wohl verstehe, in excentrischen Kreisen bewegen, die keinen Punkt mit einander gemein haben.«

»Wenn dieß der Fall ist,« sagte Herr von Manteuffel, »so würde ein weiteres Herumbewegen in den getrennten Sphären keinen Zweck und Nutzen haben, und – wie ich glaube,« setzte er leicht lächelnd hinzu, »in einem Punkt sind wir gewiß gleicher Ansicht: daß die Zeit zu kostbar ist, um sie mit unnützen Worten zu verlieren.«

»So leben Sie wohl,« sprach Herr voll Bismarck ernst, indem er Herrn von Manteuffel die Hand drückte, »Sie lassen mich um eine Hoffnung ärmer, um eine Stütze schwächer.«

»Sie bedürfen fremder Stützen nicht,« erwiederte Herr von Manteuffel, »und seien Sie überzeugt, was auch geschehen möge, meine innigsten Wünsche werden der Erhaltung und Entwicklung der Größe und des Ruhmes Preußens geweiht sein.«

Und mit leichter Verbeugung schritt er zur Thüre.

Herr von Bismarck begleitete ihn schweigend bis zum Vorzimmer und setzte sich sodann vor seinen Schreibtisch, wo er einige Minuten in tiefen Gedanken versunken sitzen blieb.

»Alle, Alle,« rief er dann plötzlich, indem er aufsprang und mit heftigen Schritten das Zimmer durchmaß, »Alle singen dasselbe Lied, Alle sprechen sie von der Verantwortung, von den Gefahren, von dem Elend des Krieges! – Aber fühle ich denn diese Verantwortung nicht, – sehe ich diese Gefahr nicht – bleibt denn mein Herz kalt bei dem Gedanken an die Kriegsnoth? Aber weil ich die Gefahr sehe, darf ich vor dieser Noth nicht zurückbeben, und weil ich die Ueberzeugung der Nothwendigkeit habe, muß ich die Verantwortung auf mich nehmen. Ich weiß es wohl, warum die Meisten mich von kühner That zurückhalten wollen, jene liberalen Parlamentaristen fürchten das Waffenklirren, ja, vielleicht fürchten sie sogar den Sieg – und alle die schwachen Geister, die sich an das Heute klammern möchten in feiger Trägheit, um nur dem Morgen nicht entgegen zu treten, – nun, sie wollen ja niemals etwas Rechtes und Festes, sie bleiben dieselben durch alle Jahrhunderte der Geschichte; – aber Er – er ist ein Mann der That und des Muthes, er kennt die Gefahr und fürchtet sie nicht – auch er scheut hier zurück. Das ist ernster, und ein Wort dieses Mannes läßt eine ganze Welt von Kammerrednern, Diplomaten und Bureaukraten federleicht in die Luft steigen … den Rückzug will er vorbereiten!« –

Herr von Bismarck stand einen Augenblick still und blickte sinnend vor sich nieder.

»Und hat er nicht Recht?« sprach er dann dumpf und finster – »wenn nun der Erfolg fehlte, wenn den Feinden die Macht würde, Preußen zu beugen – zu brechen, – was wäre die Folge? – abzutreten, wie ein leichtsinniger Spieler, verurtheilt von Allen, durch die ganze künftige Geschichte hindurch – ein Spott des miserablen Haufens – aber dann,« rief er lebhaft aus, indem sein Blick sich brennend aufwärts richtete, »die andere Seite, – zurückweichen mit dem Bewußtsein des Sieges im Herzen, den Augenblick verlieren und damit vielleicht jene ganze große, mächtige Zukunft Preußens, die ich so leuchtend vor mir stehen sehe –

Was du dem Augenblick verloren,
bringt keine Ewigkeit zurück.«

Und wieder stand er still und blickte in tiefem Sinnen zur Erde.

»O wer mir Licht geben könnte in diesem Dunkel!« rief er dann heftig – »ich muß den Himmel über mir haben und die frische Luft in das Blut dringen lassen« – und er ergriff einen leichten Hut, verließ das Zimmer, stieg die Treppe herab, die aus seiner Wohnung in den Hof führt, durchschritt diesen Hof mit großen Schritten und vertiefte sich in die dunkeln Gänge des großen Gartens, dessen uralte mächtige Bäume die hintere Seite des Hotels des auswärtigen Amts umgeben.

*

Zu derselben Stunde saßen in einem eleganten und freundlich erleuchteten Salon desselben Gebäudes eine ältere und eine jüngere Dame, mit einer leichten weiblichen Arbeit beschäftigt. Zur Seite stand der Theetisch und die gesellige Flamme ließ das Wasser im Kessel jene eigentümlichen Weisen singen, welche für die Engländer im Verein mit dem Zirpen des Heimchens die Musik des Herdes, den Gruß der Heimat bilden.

Die Damen waren Frau von Bismarck, die Gemahlin des Ministerpräsidenten, und ihre Tochter, – bei ihnen saß der Legationsrath von Keudell, der nächste Vertraute seines Chefs.

Man sprach über die Ereignisse des berliner Tageslebens, über die Theater und was sonst das Interesse der Gesellschaft erregen konnte. Frau von Bismarck blickte öfter mit einiger Unruhe und besorgtem Ausdruck nach der Thüre.

»Wissen Sie, ob mein Mann noch Besuch hat, lieber Keudell?« wandte sich Frau von Bismarck an den Legationsrath, »ich bin immer in Besorgniß, daß die so übermäßige Anstrengung seiner Gesundheit ernstlich schadet, und ich bin wahrhaft erbittert auf jeden Besuch, der ihm die wenigen gemüthlichen Augenblicke verkürzt, die er Abends bei uns zubringt und die der Anspannung seiner Nerven etwas Erholung bringen.«

»So viel ich weiß,« erwiederte Herr von Keudell, »war Niemand mehr bei ihm und er wird wohl noch einige eilige Sachen abmachen.«

Die Thür öffnete sich und Herr von Bismarck trat herein. Er begrüßte seine Frau und Tochter herzlich, reichte Herrn von Keudell die Hand und setzte sich zu dem kleinen Kreise.

Fräulein von Bismarck bereitete und servirte den Thee, während ein Lakai dem Ministerpräsidenten ein geschliffenes Glas schäumenden bayerischen Bieres reichte, das derselbe in einem durstigen Zug halb leerte.

»Der Feldmarschall Wrangel war bei mir,« sagte Frau von Bismarck – »er wollte Dich auch besuchen, ich habe ihn aber davon abgehalten und ihm gesagt, Du wärst dringend beschäftigt.«

»Ich danke Dir,« erwiederte ihr Gemahl,– »ich hätte auch in der That heute kaum einen freundschaftlichen Besuch empfangen können. Die Geschäfte verwickeln sich mehr und mehr und man bedarf wirklich der größten Ruhe, um die Gedanken festzuhalten und – den Willen zu konzentriren,« setzte er halb nachdenklich hinzu, indem der präokkupirte Ausdruck, der schon bei seinem Eintritt an ihm sichtbar geworden war, noch schärfer hervortrat.

»Der Feldmarschall hat mir etwas Allerliebstes mitgebracht,« fuhr Frau von Bismarck fort, indem sie ein Briefcouvert ergriff, das auf dem Tisch vor ihr lag, »und ich habe mit ihm sehr über diesen originellen Einfall lachen müssen.«

So sprechend zog sie aus dem Couvert eine kleine Karte und reichte sie ihrem Manne.

Derselbe warf einen Blick darauf und der gedrückte und sorgenvolle Ausdruck seines Gesichts wich einem heitern, fröhlichen Lachen, in das er beim Anblick der Karte ausbrach.

»Ah!« rief er, »mein Porträt mit der kleinen Lucca – ist das schon im Publikum? – Nun, ich habe nichts dagegen; wir befinden uns Beide in sehr anständiger Gesellschaft!« Lächelnd betrachtete er das kleine Bild und fuhr fort: »Ich begegnete ihr neulich unter den Linden, begleitete sie eine Strecke und sie klagte bitter über Langeweile. ›Ich weiß nichts Anderes anzufangen, als mich photographiren zu lassen,‹ rief sie unmuthig aus. Ich offerirte ihr, dieß sonderbare Amüsement mit ihr zu theilen, und so entstand dieß kleine, allerdings höchst komische Bildchen – über das man recht viel schwatzen wird. Tant mieux – der Hund des Alcibiades!«

Frau von Bismarck betrachtete das Bild nochmals und ergötzte sich unter fröhlichem Lachen höchlich über die Gruppe, während ihr Gemahl bald wieder in sein dumpfes Brüten versank.

Nach einigen Augenblicken, als das Gespräch stockte, erhob er das Haupt, wendete sich an Herrn von Keudell und sagte:

»Ein wenig Musik, lieber Keudell, wollen Sie?«

Herr von Keudell stand auf und setzte sich an den an der andern Seite des Salons stehenden offenen Flügel.

Er griff einige Akkorde und begann dann mit meisterhaftem, wunderbar klarem und kräftigem Anschlag eine Art von Präludium, das, in unregelmäßigen Gängen fortschreitend, in kämpfenden Uebergängen Dissonanzen schuf und auflöste und der Gemüthsstimmung des Ministers zu entsprechen schien.

Herr von Bismarck erhob sich und ging in langsamen großen Schritten im Salon auf und ab, leise auftretend, um die Musik nicht zu stören und nichts von dem Eindruck zu verlieren, den dieselbe auf ihn machte.

Herr von Keudell spielte weiter und weiter und versank immer tiefer in die Welt der Töne. Allmälig wurden die mit einander kämpfenden Akkorde klarer, immer reiner lösten sich die Dissonanzen und nach einem einfachen Uebergang in leisen Tönen begann er die As-Dur-Sonate von Beethoven.

Kaum erklangen die ersten so einfachen und doch so gewaltig ergreifenden Töne des Themas, so hielt Herr von Bismarck einen Augenblick an, sein Auge erweiterte sich und ein leises Lächeln der Befriedigung, das seine Lippen umspielte, schien anzudeuten, daß Herr von Keudell etwas getroffen habe, was ihn wohlthuend ansprach.

Dann nahm er seinen Spaziergang durch den Salon wieder auf und während die herrlichen Variationen, welche des Tondichters gigantische Schöpfungskraft aus jenem einfachen Thema herauswachsen ließ, ihr mächtiges Tonbild aufrollten, malte sich auf dem Gesicht des Ministers ein gewaltiges inneres Ringen. Bald hielt er einen Augenblick wie unschlüssig an, halblaute Worte flüsternd, bald schritt er wieder kraftvoll vorwärts, das Auge wie losgelöst von der nächsten Umgebung in weite Fernen tauchend.

Frau von Bismarck verfolgte von Zeit zu Zeit den Gang ihres Gemahls und blickte mit besorgter Teilnahme auf seine unruhigen, leidenden Züge, ohne jedoch durch irgend ein Wort das Spiel des Herrn von Keudell zu unterbrechen.

Derselbe war indessen bis zu jenem wunderbar schönen Satze der Sonate gekommen, den Beethoven mit der Ueberschrift bezeichnet hat: Marcia funebre sulla morte d'un Eroe, und sein meisterhaftes Spiel ließ die tief erschütternden Akkorde dieses Marsches durch den Salon klingen.

Herr von Bismarck stand still. Seine mächtige Hand umspannte die Lehne eines Sessels, sein Auge richtete sich aufwärts, und mit einem Ausdruck, als ob eine Inspiration seinen Geist durchziehe, lauschte er den erschütternden Tönen.

Die so kunstvoll nachgeahmten gedämpften Trommeln wirbelten, die Trompetenstöße erklangen, und Herr von Keudell, fortgerissen von der Schönheit der Komposition, übertraf in seinem Vortrage sich selbst.

Frau von Bismarck hatte ihre Arbeit vor sich niedergelegt und lauschte sinnend.

Der Ministerpräsident stand unbeweglich. Breiter wölbte sich seine Brust, straffer spannten sich die mächtigen Muskeln seines Armes, flammender leuchteten die Blitze, die seine Augen emporschossen und die durch die Decke des Salons den dunkeln Nachthimmel mit seinen Sternen zu suchen schienen.

Da noch einmal klangen jene tiefen Trompetenstöße, die hellen Tonsalven sprühten auf und nach einer kurzen Pause ging Herr von Keudell zu dem Finale der As-Dur-Sonate über.

Herr von Bismarck blickte um sich, als ob er aus einem Traum erwache. Einen Augenblick stand er noch still und wie unbewußt flüsterte er die Worte:

»Und wenn ich untergehen soll, so soll auf solchen Tönen meine Seele aufsteigen. Würde je ein Dichter am Grabe eines Helden das fühlen können, was hier in Tönen wiederklingt, wenn es keine Männer gäbe, deren Herz die Zweifel zu bannen vermöchte? Jacta est alea!«

Und ohne an seine Umgebung zu denken, verließ er geräuschlos den Salon.

Herr von Keudell spielte die Sonate zu Ende.

Frau von Bismarck blickte ihrem Gatten ängstlich nach.

Als die Musik beendet, sagte sie zu dem Legationsrath, der den Flügel verlassen hatte und wieder zu ihr getreten war:

»Ich bin überzeugt, mein armer Mann ist krank, suchen Sie ihn doch zu überreden, daß er mehr an seine Gesundheit denkt!«

»Ich thue was ich kann, gnädigste Frau,« erwiederte Herr von Keudell – »allein Sie wissen, er ist schwer zu überreden in diesem Punkt. Uebrigens glaube ich nicht,« fügte er hinzu, »daß er jetzt leidend ist, oft kommen ihm Gedanken während der Musik, es wird ihm etwas eingefallen sein, und er wird sich entfernt haben, um es zu notiren.«

Herr von Bismarck war indeß festen Schrittes in sein Kabinet zurückgekehrt und hatte sich an seinen Schreibtisch gesetzt. Sein Gesicht zeigte keine Spur von Unentschlossenheit oder Bewegung, über der kalten Ruhe seiner Züge lag nur, wie ein ruhiges Licht, der klare Ausdruck eines festen, unbeugsamen Willens.

Er ergriff eine Feder und schrieb, ohne zu zögern und anzuhalten, eine Reihe von Notizen auf einen der auf seinem Tische bereit liegenden Bogen.

Nachdem er ungefähr eine halbe Stunde geschrieben, schellte er mit der neben ihm stehenden Glocke.

Sein Kammerdiener erschien an der Thüre.

»Ist Herr von Keudell noch im Hause?«

»Zu Befehl, Excellenz.«

»Ich lasse ihn bitten, einen Augenblick herüberzukommen.«

Einige Minuten später trat der Legationsrath herein.

»Lieber Keudell,« sagte Herr von Bismarck, »ich habe hier die Notizen für eine Instruktion an die Gesandten in Wien, Frankfurt und Paris aufgesetzt, wollen Sie so gütig sein, für deren schleunige Expedition Sorge zu tragen. Abeken wird mit seiner gewohnten Gewandtheit die Fassung ganz in meinem Styl machen. Usedom muß dieselbe Instruktion mit dem Zusatz erhalten, den ich am Rande bemerkt.«

»Ich werde Alles so schnell als möglich besorgen,« sagte Herr von Keudell sich verbeugend, »und morgen sollen die Expeditionen abgehen.«

Er hatte inzwischen einen Blick auf den Bogen geworfen, den er in seiner Hand hielt.

»Excellenz,« sagte er fast erschrocken, »das ist der Krieg.«

»Er ist es,« sagte Herr von Bismarck, – »und nun gute Nacht, lieber Keudell, – auf morgen; wir müssen schlafen, – ich bin wirklich sehr müde und meine Nerven verlangen Ruhe.«

Herr von Keudell zog sich zurück.

Eine halbe Stunde später lag das Hotel des auswärtigen Amtes in tiefer Stille, bedeckt von der nächtlichen Dunkelheit, wie die Hand der Vorsehung ihren dichten Schleier über die Geschicke der zukünftigen Tage legt.

Zweites Kapitel.

In der Gegend der hannöverischen Stadt Lüchow liegt jener reiche und eigenthümliche Landstrich, den man – abgesehen von den offiziellen Landeseintheilungen – allgemein mit dem Namen »das Wendland« bezeichnet. Es ist dieß einer jener Striche in Deutschland, in welchen der alte Wendenstamm mit der ihm eigentümlichen Zähigkeit sich rein erhalten hat und in seiner besonderen Art und Sitte fortlebt.

Es ist ein schönes, reiches, blühendes Land, dieses Wendland; nicht schön im Sinne pittoresker Landschaften, welche durch den Wechsel der Höhen und Tiefen überraschende Gruppirungen dem Auge darbieten – aber wohlthuend durch die reiche Ruhe, welche auf den weiten Ebenen liegt. Hohe und schöne Baumgruppen sind die einzige Abwechslung, welche die Gleichmäßigkeit der Wiesen und Felder unterbrechen, aus diesen Baumgruppen von seltener Schönheit und Mächtigkeit glänzt im gelblichen Sonnenstrahle, der diesen Gegenden eigen ist, hier die einfache Kirche eines stillen Dorfes, dort das Dach eines alten Edelsitzes, weiterhin der Umriß einer kleinen Stadt hervor, von welcher man schon beim fernen Anblick das Gefühl hat, es müsse sich friedlich da wohnen lassen, fern vom Geräusch der Welt, deren brausende und rauschende Wellen nur im langsamen Abrollen hier an diese ruhigen Wohnstätten stiller Menschen heranspülen. Dazwischen breiten sich große sandige Flächen mit gewaltigen Föhrenwaldungen aus, – eintönig und einsam, haben sie etwas voll der Schönheit des Meeres – weithin zieht sich der sandige einsame Weg, das Wild nähert sich weniger scheu den Landstraßen, eine neugierige Dohle begleitet den Wagen, die starken Pferde ziehen im langsamen, aber kräftigen Schritt dahin, man sieht nichts als Himmel, Föhren und Sand, und wenn man einem anderen Wagen begegnet, der in entgegengesetzter Richtung den Weg verfolgt, und den man schon aus der Ferne erblickt, so grüßt man die Reisenden, wechselt auch wohl ein paar Worte und freut sich der Begegnung. Naht man dann dem Ende der Föhrenwaldung und senkt sich der Schatten des reichen Laubholzes auf das sonnenmüde Haupt, zeigt sich die frische Fülle der bewohnten Gegenden dem Auge, so richtet man sich froher auf, tiefer athmet die Brust die weiche Luft ein, die Pferde schütteln die Köpfe und beginnen von selbst einen munteren Trab, und der Kutscher lockt durch sein fröhliches und kunstreiches Peitschenknallen die Dorfhunde aus den Gehöften hervor.

Kurz es ist ein Land, in dem noch das Reisen seine alten Mühen und Strapazen und seine alte Poesie erhalten hat, in dem noch in den Städten die alte Sitte, die alten Gewohnheiten leben, in dem auf den Edelsitzen die alte Gastfreundschaft Thor und Thür weit aufthut, wenn ein Reisender sich naht – bringt er doch einen Athemzug frischen Lebens aus jener großen Welt mit, der man so fern ist und deren Ereignisse nur wie Sagen herüberklingen in den ruhigen Kreislauf des friedlichen Lebens im Hause.

So ist das alte, einfache, schöne und treue Wendland. Seine Bewohner sind wie das Land. Gesund und kräftig wie die Natur, in der sie leben, einfach wie diese, reich, weil sie haben, was sie bedürfen, und keine Bedürfnisse suchen, die sie nicht befriedigen können, stark in ihren einfachen Gefühlen, klar in ihrem einfachen Denken, voll natürlicher, unbewußter Poesie, in ihren Herzen voll warmen reinen Blutes.

In einer jener langgedehnten einsamen Föhrenwaldungen ritt um die untergehende Sonne eines der ersten Tage des April 1866 auf der sandigen Landstraße ein junger Offizier in der Interimsuniform des hannöverischen Cambridge-Dragoner-Regiments. Er ließ sein schönes, schlankgebautes Pferd im langsamen Schritt vorwärts gehen und saß selbst nachlässig und gedankenvoll im Sattel, ohne auf den Weg zu achten, den das Pferd zu kennen schien. Ein leichter hellblonder Schnurrbart bedeckte die Oberlippe des jungen Mannes, sein blaues Auge sah träumerisch in die Ferne, als suchte es in den hellgoldenen Abendwolken, welche die untersinkende Sonne umlagerten, die Bilder, welche sein Inneres erfüllten und beschäftigten. Das kurzgeschnittene, leicht gelockte Haar quoll mit einer gewissen Koketterie unter der leichten Dienstmütze hervor und sein etwas bleiches Gesicht zeigte bei der Kraft jugendlicher Gesundheit jene eigentümliche Zartheit, welche jungen Leuten, die sehr schnell hoch aufgeschossen sind, noch einige Jahre nach vollendetem Wachsthum anhaftet.

Der junge Offizier mochte etwa eine Viertelstunde so langsam und träumerisch durch die Föhrenwaldung hingeritten sein, während der Schatten seines Pferdes immer länger hinter ihm herzog und die Stimmen der zum Neste flatternden Vögel ihn begleiteten.

Da wendete sich der Weg und plötzlich öffnete sich der Wald breit und ließ in einiger Entfernung einen schloßartigen alten Bau sehen, der, von hohen alten Bäumen umgeben, in den letzten Strahlen der Sonne dalag und von seinen großen Fenstern flammendes Licht auszuströmen schien.

Am Ende des Waldes begannen die Häuser eines Dorfes, welches sich seitwärts von jenem großen Gebäude in Halbkreisform – wie alle wendischen Dörfer – hinzog.

Hunde schlugen an. Der junge Offizier erwachte aus seiner langen Träumerei und richtete sich fest im Sattel auf. Das Pferd fühlte diese Bewegung und ohne weiteren Antrieb verließ es seine bisherige Gangart und trabte mit gespitzten Ohren auf dem durch das Dorf sich hinziehenden Wege der Anhöhe des Schlosses zu.

Die Häuser standen an dem schönen und warmen Frühlingsabende offen. An ihren Giebeln sah man die charakteristischen Pferdeköpfe, welche in allen niedersächsischen Gegenden eine Rolle spielen und deren Kultus von den Wenden hier übernommen, gerade von ihnen besonders gepflegt wird.

Alte und junge Bauern saßen vor den Thüren mit leichten häuslichen Arbeiten beschäftigt, auf den offenstehenden Dielen der Häuser waren die Frauen beschäftigt, ihre heutige Arbeit am Webstuhle zu beschließen, wobei sie jene eigentümlichen, wehmüthig monotonen Nationallieder sangen, welche überall dem Wendenstamme eigentümlich geblieben sind.

Der junge Offizier wurde an allen Häusern freundlich begrüßt und erwiederte die Grüße eben so freundlich, indem er einzelne der Bauern bei ihren Namen nannte, in einer Weise, aus der man abnehmen konnte, daß er hier bekannt und heimisch sei.

An der einen Seite des durch das Dorf gebildeten Halbkreises, nicht weit von dem Wege, der sich nach dem Schlosse hinaufzog, stand eine einfache, alte, aber nicht alterthümliche Kirche, daneben in einem sorgsam eingehegten und bereits sauber bestellten Garten, von einer Baumgruppe umgeben, das stille freundliche Pfarrhaus.

Ein Fußpfad führte von dem Pfarrgarten nach der großen zum Schlosse hinlaufenden Straße und auf diesem Pfade gingen zwei Personen der Landstraße zu.

Die eine dieser Personen war ein älterer Herr, der sich den Sechzigern nähern mochte. Sein schwarzer bis zum Halse mit einer Reihe von Knöpfen geschlossener Rock, die blendend weiße Kravate von feinem faltigem Batist, sowie jenes eigentümliche, hohe, viereckige Baret von schwarzem Sammet, welches nach dem Muster der auf uns gekommenen Bilder Luther's und Melanchthon's von den lutherischen Pfarrern in Hannover mit Vorliebe getragen wird, ließ auf den ersten Blick den geistlichen Herrn erkennen.

Sein stark markirtes volles Gesicht von rother gesunder Farbe trug bei der freundlichen, wohlwollenden Heiterkeit, die es ausstrahlte, den Ausdruck eines energischen Willens, einer festen, in sich abgeschlossenen, überzeugungsvollen Sicherheit, welche, abgetrennt von dem großen Strome des Lebens, sich in der stillen besonderen Entwickelung eine eigene Welt erbaut hat und in dieser Ruhe und Genügen findet.

Es war der Ortsgeistliche, Pastor Berger, der seit länger als zwanzig Jahren in der Gemeinde lebte.

Neben ihm ging seine einzige Tochter, welche seit dem vor zehn Jahren erfolgten Tode ihrer Mutter das stille Leben ihres Vaters allein theilte und auf welche dieser alle Sorgfalt liebevoller und ernster Erziehung verwendet hatte, um ihr durch den Aufschluß aller allgemein menschlichen Genüsse des Geistes und Gemüthes einen Ersatz zu bieten für die große Welt, die ihr fern lag, und ihr jenes stille und friedliche Glück zu bereiten, das ihn selbst erfüllte.

Das junge Mädchen trug einen dunkeln Anzug, der bei aller ländlichen Einfachheit eine gewisse Eleganz zeigte. Ihre nicht große Gestalt war schlank und biegsam, das kastanienbraune glänzende Haar, von einem schwarzen Sammethut überdeckt, umrahmte ein feines ovales Gesicht, dessen leicht geöffneter, frischer Mund lächelnd und freudig die Lebenslust einathmete, während des sinnenden Auges feuchter Glanz wunderbare Tiefen ahnen ließ, aus denen eine reiche und lebensvolle Poesie zum Licht emporsteigen könnte.

Der junge Offizier bemerkte die beiden Personen auf dem Fußpfade, hielt sein Pferd an und rief, indem er die Hand zum militärischen Gruße an die Feldmütze emporhob: »Guten Abend, Herr Pastor, guten Abend, Fräulein Helene!«

Der geistliche Herr rief ein fröhliches und lautes »Guten Abend« zurück, indem er zugleich mit der Hand grüßte, seine Tochter neigte leicht das Haupt, ohne mit den Lippen den Gruß zu erwiedern, indeß ein Lächeln, das auf ihren Lippen zitterte, ein lichtvoller Blick, der aus den Tiefen ihres Auges hervorzutauchen schien, zeigten, daß der Gruß von ihr nicht minder freundlich aufgenommen sei, als von ihrem Vater.

Beide beschleunigten ihren Schritt und waren in wenig Augenblicken neben dem jungen Mann, der sie auf der Landstraße erwartet hatte.

Als der geistliche Herr und seine Tochter zu ihm herantraten, war der junge Offizier vom Pferde gesprungen und reichte ihnen die Hand.

»Sie wurden gestern erwartet, Herr von Wendenstein,« sagte der Pastor, »Ihr Bruder ist schon vorgestern angekommen und Ihr Vater begann bereits zu fürchten, daß Ihnen der Urlaub möchte versagt sein!«

»Ich konnte nicht früher abkommen – da ich gestern noch Dienst hatte,« erwiederte der junge Offizier, »dafür kann ich aber nun zwei Tage länger bleiben – und wieder etwas Unterricht in den Naturwissenschaften bei meiner kleinen Lehrerin nehmen« – fügte er hinzu, indem er lächelnd sich zu dem Mädchen wendete, das inzwischen den Hals und Kopf des Pferdes gestreichelt hatte.

»Wenn Sie nicht aufmerksamer und fleißiger sind als das letzte Mal, so werden Sie wenig Fortschritte machen,« erwiederte die Tochter des Pfarrers – »jetzt geben Sie mir nur die Zügel von Roland, der sich weit lieber von mir führen läßt, und kommen Sie schnell mit uns nach dem Schlosse hinauf; – wir waren auf dem Wege dahin und werden um so freundlicher empfangen werden, wenn wir Sie mitbringen.«

Und indem sie die Zügel des Pferdes ergriff, trat sie zur Seite und folgte, das Pferd führend und ihm von Zeit zu Zeit ein freundliches Wort zurufend, ihrem Vater und dem jungen Offizier auf dem Wege zum Schlosse.

Den Eingang zu diesem alten Gebäude bildete ein großes gemauertes Thor, das in einen gepflasterten Hof führte, der von leichten Mauern umgeben war, die unverkennbar die Stelle älterer verfallener Bollwerke eingenommen hatten. In der Mitte dieses weiten geräumigen Hofes stand ein einzelner uralter Lindenbaum, rechts und links lagen Ställe und Räumlichkeiten der häuslichen Wirthschaft in zwei offenbar in neuerer Zeit erbauten breiten und niedrigen Gebäuden. Im Hintergrunde des Hofes lag das eigentliche Wohnhaus, der Ueberrest eines Baues, der vordem sich in großen Umrissen ausgedehnt haben mußte. Ohne irgend architektonische Schönheit, ohne irgend einen erkennbaren Baustyl, machte dieses Haus dennoch jenen ansprechenden Eindruck, welchen große alte Steinmassen mit weiten mächtigen Dimensionen, in freier Gegend und von großen Bäumen umgeben, stets hervorbringen.

Die mächtige eichene Hausthür war weit geöffnet und führte in einen großen Flur, mit Fliesen belegt und durch zwei große, rechts und links von der Thür angebrachte Fenster von hellem Licht erfüllt.

An den Wänden dieses Flurs standen mehrere jener uralten Schränke von schwarz gewordenem Eichenholz, in welchen unsere Vorfahren durch Generationen hindurch ihre häuslichen Schätze an Leinenzeug, Silber und Zinn, ihre Familienpapiere und Alles, was sie Werthvolles und Gediegenes besaßen, zu bewahren pflegten.

Diese Schränke sprechen zu uns wie eine alte Familienchronik, fast wie eine Sage und verschwinden immer mehr vor der neuen Zeit – sie finden keinen Platz in einem unserer modernen winzigen Salons und in den mit Nippes gefüllten Boudoirs unserer heutigen Hausfrauen. Auch bedarf man ihrer nicht mehr, – denn wer wollte heute noch jene reichen Leinenschätze zur Aussteuer der Töchter von ihrer Geburt an sammeln, – man kauft das ja Alles so hübsch, bequem und vor Allem modern in den Magazinen; – wer bedarf heute noch solcher tiefen und weiten Schreine für das Silberzeug des Hauses – hat man doch das hübsche Christoffle, das man mit den Fassons der neuen Mode wechselt! Zwischen diesen ehrwürdigen alten Schränken, welche hier noch in heimischer Würde sich ausdehnten und nichts ahnen mochten von der Generation der windigen Konsolen und Etagèren, die sich draußen weit in der Welt breit machten, hingen eben so alte verdunkelte Oelbilder, Jagdstücke, aus welchen steife Herren, auf eben so steifen Rammsköpfen reitend, Hirsche verfolgten, die über bunte, blumige Wiesen hinliefen, um sich in Wälder zu verbergen, die lebhaft an die geradlinigen Alleen des versailler Parks erinnerten, – Familienporträts von alten Herren in Stutzperrücken und Sammetröcken, in längst vergessenen Uniformen und in schwarzen Talaren, von freundlich blickenden Damen mit Halskrausen, mit Fontangen und Reifröcken. – Und all' diese alte Zeit athmete und lebte hier so natürlich und ruhig, als ob es hier immer heute sei, wie es gestern war, und morgen sein werde, wie es heute gewesen.

Rechts und links von diesem weiten, mächtigen Flur führten einige alte eichene Thüren in die verschiedenen Wohnräume des Hauses, in der Mitte, der Eingangsthüre gegenüber, trat man in ein großes Zimmer, das man heute in den städtischen Wohnungen einen Saal nennen würde und das in seiner gediegenen, einfachen Ausstattung dem ganzen Hause entsprach. Der einzige moderne Gegenstand in diesem Zimmer war ein prachtvoller Flügel, welcher geöffnet dastand und auf welchem zerstreut liegende Notenhefte bewiesen, daß er benützt werde.

Ein hochlehniges, breites Kanapee stand an der Wand, davor ein mächtiger, auf Säulenfüßen ruhender Tisch von dunklem Mahagoniholz, – eine bereits angezündete Lampe mit großer Kuppel von weißem Milchglas auf hohem, schlankem, grünlackirtem Fuß mit weißen Verzierungen und kämpfte mit ihrem milden Licht gegen die Dämmerung, deren gelbe Reflexe durch zwei große Fenster und eine geöffnete, weite Glasthüre hereindrangen. Durch diese Glasthüre trat man auf eine breite, weitgedehnte Terrasse, die sich nach der Gartenseite längs des ganzen Hauses hinzog und an dessen rechter Ecke in eine runde Plattform auslief, die, auf steinernen Fundamenten ruhend, unverkennbar den Ort anzeigte, an welchem einst ein mächtiger, runder Thurm gestanden haben mußte.

Hohe Bäume umfaßten diese Terrasse in genügenden Zwischenräumen, um das volle Licht in die Fenster dringen zu lassen, und ein freier Blick in das weite, reiche Land öffnete sich von hier aus nach allen Seiten. Einzelne, mit Buchsbaum eingefaßte Blumenbeete unterbrachen den reinlichen Kies und zeigten bereits buntfarbige Crocus und volle Schneeglöckchen in freundlichen Gruppen.

So war der alte Amtssitz Blechow, auf welchem seit achtzehn Jahren der würdige Oberamtmann von Wendenstein das Amt verwaltete, in jener alten patriarchalischen Weise der hannöverischen Administration, in welcher früher die Amtshauptmänner zugleich die Pächter der großen Domänen waren und des Lebens goldenen Baum höher achteten, als die graue Theorie administrativer Form.

Die großen Domänenpachtungen hatte zwar der Herr von Wendenstein nicht mehr, wie seine Vorgänger, ein fester Gehalt hatte dieselben ersetzt und Vieles war anders, strammer, bureaukratischer geworden in der Landesverwaltung, – aber der alte Amtssitz auf dem Schlosse zu Blechow war ihm geblieben, ein nicht unbedeutendes Vermögen setzte ihn in den Stand, auf dem großen Fuße der alten hannöverischen Droste und Amtshauptmänner zu leben, und so hatte er, während er durch seine Kenntnisse und seinen klaren Verstand den neuen Anforderungen nach oben hin genügte, nach unten das alte Verhältniß so viel als möglich erhalten, und die persönliche Würde, das persönliche Vertrauen trug, erhielt und verstärkte bei ihm die dienstliche Autorität.

In dem großen Familienzimmer saß auf dem breiten Kanapee vor dem großen Tische, der sich bei der tiefer sinkenden Dämmerung immer heller in dem weißen Glanz der geselligen Lampe beleuchtete, die Herrin des Hauses, die alte Frau von Wendenstein, die würdige Lenkerin dieses alten, weiten, hallenden Hauses, mit den mächtigen Thüren, den ungeheuren Schränken und den alten ehrenfesten Bildern.

Eine einfache weiße Haube von schneeweißem Tüll, mit sorgfältig gefältelter Krause und silbergrauen Bändern umrahmte das feine und etwas bleiche Gesicht der alten Dame, das, obwohl Frau von Wendenstein nur wenige Jahre jünger war, als ihr Gemahl, noch Spuren großer Schönheit um den feingeschnittenen Mund und die großen, mandelförmig geschnittenen blauen Augen zeigte. Das fast ganz graue, aber reiche Haar fiel, oben glatt gescheitelt, an beiden Seiten unter der Haube in einigen sorgfältig gehaltenen grauen Locken hervor, welche die alte Dame häufig mit der feinen weißen Hand leicht zurückstrich und neben der Haubenkrause ordnete. Die Züge dieses Gesichts drückten eine unendliche Milde und Weichheit aus, dabei aber auch eine solch' geordnete tiefe Ruhe, eine solch' gleichmäßige Sicherheit in Blick und Mienenspiel, daß bei dem Anblick dieser Frau, wie sie in dem einfachen, weder modernen noch altfränkischen schwarzseidenen Kleid, mit dem kleinen blendend weißen Halskragen und den schneeigen glatten Manschetten auf dem Sopha saß, die Hände mit der leichten weißen Stickerei auf dem Schooße ruhend und den Blick gedankenvoll, aber freundlich und klar, durch die Scheiben der Fenster auf den Abendhimmel gerichtet, – daß bei diesem Anblick Jedem, der das Haus betrat, ein duftiger Hauch der Häuslichkeit, der Ordnung, der Milde und der herzlichen Gastlichkeit entgegenströmen mußte. In diesem Hause konnte kein unsauberer Fleck sein, kein verdorbenes Gericht und kein Abweichen von der geregelten Zeit und Stunde, – aber es konnte auch kein Kummer das Haupt eines Familiengliedes umwölken, kein Leid das Herz bedrücken, welches das scharfe, treue Auge der Gattin und Mutter nicht erspäht, welches ein freundliches gutes Wort ihres Mundes nicht verscheucht oder erleichtert hätte.

So war die Herrin des alten Amtshauses zu Blechow. Neben ihr saßen zwei junge Mädchen, ihre Töchter, frische, blühende Gestalten von 18 und 15 Jahren; die eine in der entwickelten Schönheit der erwachsenen Jungfrau, die andere im Uebergang aus dem Kindesalter, Beide mit gleicher Einfachheit in schlichter Haustoilette, welcher die feine weiße und mit großer Sorgfalt gearbeitete und gestickte Wäsche, sowie die schön und geschmackvoll geordneten Haare eine vornehme Eleganz verliehen.

Bei den Damen saß der Auditor von Bergfeld, welcher dem Oberamtmann als Hülfsarbeiter bei der Amtsverwaltung beigegeben war und in dessen Familie nach der alten Sitte gastfreie Aufnahme gefunden hatte.

Draußen auf der Terrasse ging der alte Oberamtmann von Wendenstein auf und ab mit seinem ältesten Sohne, der, im Ministerium des Innern in Hannover als Regierungsassessor und Referent beschäftigt, nach Blechow gekommen war, um den auf den nächsten Tag fallenden Geburtstag des Vaters, wie das seit Jahren Sitte war, im Kreise der Familie zu verleben.

Es war eine würdige und anziehende Gestalt, der alte Oberamtmann von Wendenstein. Das kurzgehaltene, graue, durchaus volle Haar umrahmte eine breite und stark gewölbte Stirn, unter welcher dunkle graue Augen so klug, scharf und streng, aber doch mit einem Anflug jovialer Heiterkeit hervorblickten und ein so lebendiges Feuer ausstrahlten, daß man dem alten Herrn, wenn man bloß seine Augen gesehen, gewiß zwanzig Lebensjahre weniger gegeben hätte. Seine scharf geschnittene lange Nase, sein breiter Mund mit vollen rothen Lippen und wunderbar konservirten Zähnen, seine frische Gesichtsfarbe vereinten sich zu einem lebensvollen Bilde von Willenskraft, Geist, Gesundheit und fröhlichem Lebensgenuß, das auf den ersten Blick Sympathie und Respekt zugleich einflößen mußte.

Er trug nach alter Sitte keinen Bart, einen einfachen Anzug von grauem Frühlingstoff und eine leichte Hausmütze. Die kräftige Rechte stützte sich auf einen starken Stock mit großer Elfenbeinkrücke, um den durch podagrisches Leiden etwas erschwerten Gang zu stützen, – die einzige Schwäche in der gesunden und lebendigen Erscheinung des alten Herrn.

Neben ihm ging sein ältester Sohn – dem Vater in den Gesichtszügen unverkennbar ähnlich, – und doch durchaus verschieden in Allem.

Er trug bis auf den runden Hut einen vollkommen städtischen Anzug, glatt, einfach und tadellos,– sein Gesicht, bleicher als das des Vaters, trug einen stets gleichen Ausdruck höflicher Freundlichkeit und zurückhaltender Wichtigkeit. Sein Haar war glatt und sorgfältig gescheitelt, sein coteletteförmiger Backenbart in genauester Gleichmäßigkeit kurz gehalten und seine Bewegungen waren stets ruhig, vorsichtig, gemessen.

So war der Vater in seiner Jugend nicht gewesen, das sah man sogleich, aber es war auch eine andere, ganz andere Zeit, die den Vater hatte heranwachsen sehen, als die, welche den Sohn erzogen, der Vater war eine Persönlichkeit – der Sohn ein Typus.

»Und Du magst sagen, was Du willst,« rief der alte Herr von Wendenstein lebhaft, indem er stehen blieb und sich fester auf seinen Stock stützte, »diese neue Verwaltungsmethode, die immer tiefer einreißt, taugt nichts und führt zu nichts Gutem. Diese ewigen Anfragen zwingen uns zu Berichten, die eine unendliche Zeit fortnehmen und doch selten ein klares Bild der Dinge geben, diese durch alle Instanzen laufenden Reskripte, die oft sehr stark neben den Nagelkopf treffen, nehmen der unmittelbaren Verwaltung des Landes alle Selbstständigkeit, alle eigene Verantwortung und machen den Organismus zu einer Maschinerie. Das Volk und das Land aber – die bleiben doch lebendiges Fleisch und Blut und fügen sich der Maschine nicht, und so wird die Regierung von den Regierten entfremdet und die Beamten werden Schreiber, die sich den Willen und Entschluß dienstlich abgewöhnen müssen und rathlos dastehen, wenn einmal Verhältnisse an sie herantreten, die eben nur durch Willen und Entschluß beherrscht werden können. Bis dann die gehorsamste Anfrage durch alle Instanzen heraufgegangen und das hochgeneigte Reskript vom grünen Tische heruntergekommen ist, sind die Dinge, die eben lebendig sind und nicht im Aktenrepositorium zurückgelegt werden können, ihren Weg gegangen – und,« fügte er mit jovialem Lächeln hinzu, »das ist noch das geringste Uebel, denn sie gehen oft allein am besten. – Die gute alte Zeit – nun, sie hatte auch ihre vielen Mängel – aber darin war sie doch besser. Die Beamten kannten das Volk und lebten mit ihm, sie thaten, was nöthig war, nach den Gesetzen und nach ihrem Gewissen und man ließ sie gewähren. Die Minister reisten durch das Land – so einmal im Jahr und wußten besser, wie es da aussah und auf wen sie sich verlassen konnten, als sie's jetzt aus all' den weitläufigen Berichten erfahren. Nun,« sagte er lächelnd nach einer kleinen Pause – »ich finde mich drein. Will man Berichte, man gibt mir ja Auditoren, die sie schreiben, und die Reskripte nehme ich mit schuldigem Respekt entgegen, aber verwalten thue ich doch nach alter Weise – und meine Unterthanen stehen sich gut dabei; ich glaube, in meinem Amtsbezirk wird man stets Alles in gehöriger Ordnung finden – in besserer, als in manchen anderen, wo die moderne Manier völlig eingebürgert ist.«

Der Sohn hatte den Vater mit der in dieser Familie heimischen Ehrerbietung angehört, ohne jedoch verhindern zu können, daß hin und wieder ein halb ungeduldiges, halb mitleidig überlegenes Lächeln um seine Lippen zuckte. Als der Vater geendet, antwortete er in ruhigem Tone mit jener gleichmäßigen, halb pathetischen, halb monotonen Stimme, welche man bei den Vorträgen an den grünen Sessionstischen durch die ganze Welt überall da hört, wo es grüne Tische, Referenten und Akten gibt:

»Ich finde es sehr natürlich, lieber Vater, daß Du die alte Zeit liebst und sie vertheidigst, Du wirst mir doch aber auch gewiß darin Recht geben, daß die Entwickelung der Zeit andere Anforderungen an die Verwaltung stellt. Die alte Naturalwirtschaft, welche die Basis der Nationalökonomie der früheren Generationen war, autonomisirte Land und Leute und trennte sie in verschiedene Gruppen; die Personen, die Genossenschaften bildeten besondere wirtschaftliche Elemente, die ihr eigenes gesondertes Leben lebten, und es war gewiß richtig, daß damals sich die Verwaltung dem Leben anschloß und ebenfalls gleichsam individualisirt wurde. Heute strebt das nationalökonomische Leben nach Konzentration, die gewaltigen Verkehrsmittel unserer Zeit, die sich in rapiden Progressionen täglich vermehren, verwischen die Grenzen von Raum und Zeit, die vordem die einzelnen Elemente des wirtschaftlichen Volkslebens trennten, die autonomischen Elemente fügen sich als Theile in das ineinandergreifende Ganze, und da muß denn doch auch die Regierung dieser Entwickelung des Lebens in Volk und Land folgen und eine schnellere Wechselbeziehung, eine schärfere Centralisation herstellen, es muß ein festes Prinzip, ein durchgehendes System in die Verwaltung gebracht werden, wenn das ganze Getriebe nicht stocken soll. Glaube mir, lieber Vater, es ist nicht die Regierung, welche das Leben in neue Formen hineinverwalten will, – es ist das Leben selbst, welches in seiner unwiderstehlichen Entwickelung der Regierung eine andere, schärfere und schnellere Verwaltungsmethode zur Notwendigkeit macht. Uebrigens,« fügte er hinzu, »glaube ich nicht, daß unsere Ansichten so weit auseinander gehen, bei all' Deiner Vorliebe für die alte Zeit wirst Du doch mit der neuen sehr gut fertig, und der Minister sagte mir noch neulich, daß die Pünktlichkeit, Ordnung und Raschheit in Deiner Amtsverwaltung bewundernswerth sei und bei jeder Gelegenheit von der Landdrostei rühmlichst anerkannt werde.«

Der alte Herr schmunzelte sichtlich geschmeichelt durch diese Wendung seines Sohnes, und sagte mit gutmüthigem Schmollen:

»Nun, fertig werden kann ich mit der neuen Zeit auch schon – aber ich lobe mir doch die alte, und was Du da sagst, das ließe sich Alles mit weit weniger System, Papier und Dinte machen. – Aber wir wollen uns darum nicht weiter streiten,« fügte er hinzu, indem er seinem Sohn freundlich auf die Schulter klopfte, – »ich bin ein Kind meiner Generation, Du lebst in der Deinigen – jede Zeit drückt dem Menschen ihren Stempel auf, er mag wollen oder nicht; – schade nur, daß die heutige Zeit sich die Arbeit so leicht macht und alle ihre Kinder nach der Schablone formt – sie tragen den Fabrikstempel, nicht mehr das alte gute Manufakturzeichen. – Doch, laß uns hineingehen, da kommt die Mama zur Thür, um mich zu rufen, und in der That, der alte böse Feind da« – er deutete mit dem Stock auf seinen Fuß, – »möchte mit der Abendluft eine Konspiration zu einer neuen Attake gegen meine alten Knochen machen.«

Und langsam wendete er sich zur großen Thür des Familienzimmers, in deren Rahmen so eben seine Gattin erschienen war und mit sorgendem Blick nach ihm hin sah.

Er hatte dieselbe eben erreicht und war an ihrer Seite, von seinem Sohne gefolgt, in das Zimmer getreten, als Hundegebell vom Hofe her ertönte und bald darauf Stimmen auf dem Flur laut wurden.

Ein alter Diener in einer saubern, einfach grauen Livree öffnete die Thür und der Pastor Berger mit seiner Tochter trat in den Familienkreis. Der Oberamtmann ging dem geistlichen Herrn achtungsvoll und freundschaftlich entgegen und schüttelte ihm kräftig die Hand, worauf dieser die Dame des Hauses begrüßte, während seine Tochter von den jungen Mädchen umringt wurde.

»Wir kommen,« sagte der Pastor, »um dem Lebensjahre, das Sie heute beschlossen, mein verehrter Freund, in gewohnter Weise ein freundliches Geleit zu geben, zum Dank für alles Gute, das es gebracht – und wir bringen auch den Lieutenant mit, den wir auf der Landstraße aufgelesen – er ist nur als guter Kavallerist zunächst in den Stall gegangen, um sein Pferd unterzubringen.« – »Also ist er doch gekommen,« sagte Frau von Wendenstein erfreut, »ich fürchtete schon, er möchte keinen Urlaub erhalten können.« –

Die Thür wurde lebhaft geöffnet und mit raschem, klirrendem Schritt eilte der Lieutenant von Wendenstein auf seine Mutter zu, der er die Hand küßte und welche ihn herzlich umarmte. Dann trat er zu seinem Vater, der ihn auf die Wangen küßte und mit einem Ausdruck freudiger Genugthuung auf den blühenden jungen Mann blickte, der in gerader militärischer Haltung vor ihm stand.

»Ich komme spät,« sagte der Lieutenant, »weil wir noch viel zu thun hatten. Die Kameraden lassen sich empfehlen, sie kommen morgen alle, um Dir zu gratuliren, lieber Vater, wenn es irgend angeht, denn wir haben gewaltig viel Arbeit aller Art, – die dießjährige Exerzirzeit soll früher gehalten werden, – die Ordre ist ganz plötzlich gekommen und Du kannst Dir denken, daß das keine geringe Unruhe hervorbringt.«

Der Lieutenant wendete sich dann, nachdem er seinem Bruder freundlich die Hand gedrückt, zu seinen Schwestern und der Tochter des Pfarrers und war bald mit den drei jungen Mädchen und dem Auditor von Bergfeld in eine heitere, oft von lautem Lachen unterbrochene Unterhaltung vertieft, während der geistliche Herr mit dem Oberamtmann und seinem ältesten Sohn sich zu der Dame des Hauses um den großen Tisch vor dem Sopha setzten.

»Das ist auch eine sonderbare Maßregel,« sagte der Oberamtmann, »von der da mein Sohn soeben sprach und von der ich schon in der Zeitung las – diese Verfrühung der Exerzirzeit. – Die auswärtige Politik ist nicht mein Fach und ich habe mich stets wenig darum gekümmert – aber was diese Maßregel in der jetzigen Zeit der ernsten Krisis helfen soll, das verstehe ich nicht.«

»Es ist ein Auskunftsmittel,« sprach der Regierungsassessor mit der Miene eines Eingeweihten, »welche einer mehrseitigen Verlegenheit begegnen soll. Die Spannung zwischen Preußen und Oesterreich wird täglich schärfer und die deutschen Regierungen wollen eine Mobilmachung der Bundeskontingente. Preußen verlangt von der anderen Seite strikte Neutralität, und da hat man diesen Ausweg gewählt, um der Mobilmachung zu entgehen und doch die Truppen schlagfertig unter der Hand zu haben, wenn der Konflikt ausbrechen sollte.« –

»Allen Respekt vor Deiner ministeriellen Auskunft,« sagte der Oberamtmann scherzend – »aber ich kann nicht einsehen, wozu das führen soll. Wenn Preußen die Neutralität verlangt, so wird es durch diese mindestens auffallende Maßregel fast ebenso beunruhigt und verletzt werden, als durch die Mobilmachung – für die militärische Schlagfertigkeit erreicht man viel weniger und Oesterreich mit seinen Verbündeten würde darin ein Ausschließen von ihrer gemeinsamen Aktion sehen. Ich sollte meinen, man müßte sich jetzt für eines oder das andere entscheiden. Kommt der kriegerische Konflikt nicht, – wie ich hoffe – so hat man nichts verloren, und kommt er doch – nun dann hat man wenigstens nach einer Seite Halt und feste Stellung. – Was mich betrifft,« fügte er nachdenklich und ernster hinzu – »ich liebe die Preußen nicht, – wir Hannoveraner vom alten Schlage haben keine Sympathie für das preußische Wesen – ich bedauere, daß man unserer Armee die alte hannöverische Uniform ausgezogen und viel Preußisches bei uns eingeführt hat, ich bedauere noch mehr, daß jetzt der Herr von Bennigsen und seine Nationalvereinler uns ganz unter die preußische Spitze bringen wollen – aber ich möchte doch, daß wir auf vernünftig gutem Fuß mit dem großen und gefährlichen Nachbar stehen, und uns nicht in gewagte Unternehmungen mit dem Oesterreicher einlassen, zu dem ich kein Vertrauen habe und von dem uns und Deutschland noch nichts Gutes gekommen ist, – vor Allem möchte ich nicht, daß wir uns in unserer gefährlichen exponirten Lage zwischen zwei Stühle setzen, – und – – Doch,« fügte er sich unterbrechend hinzu, »das ist die Sache der Herren da oben. Unsern auswärtigen Minister, den Grafen Platen, kenne ich nicht, ich habe ihn einmal in Hannover gesehen und da schien er mir ein artiger, angenehmer Mann zu sein – aber Bacmeister, den kenne ich und verehre seinen Geist und Charakter hoch – was sagt denn der zu der neuen Maßregel?«

Der Regierungsassessor räusperte sich und erwiederte: »Diese Sache geht in ihrer politischen Bedeutung das Ministerium des Auswärtigen und in ihrer Ausführung das Kriegsministerium an, und ich weiß nicht, ob das Gesammtministerium in Betreff der Frage zusammengetreten ist, – jedenfalls habe ich von meinem Chef eine Ansicht über dieselbe nicht aussprechen hören – wie er denn überhaupt sehr vorsichtig in seinen Aeußerungen ist. Uebrigens glaubt man in Hannover noch durchaus nicht an den wirklichen Ausbruch des kriegerischen Konflikts.«

»Gebe Gott, daß man Recht hätte,« rief der Pastor Berger mit einem tiefen Athemzuge – »ein deutscher Krieg, welch' ein gewaltiges Unglück wäre das – und ich wüßte in der That nicht, wohin sich meine Sympathieen wenden sollten, denn der Krieg möge ausfallen wie er wolle, so wird einer der mächtigen deutschen Rivalen die Oberhand in Deutschland bekommen. Ich kann dieß für das papistische Oesterreich mit seinen Kroaten, Panduren und Slaven nicht wünschen – meine unwillkürliche, persönliche Sympathie zieht mich zu unseren nordischen Brüdern, mit denen wir so viel gemein haben – aber daß der preußische Einfluß in Deutschland ohne Gegengewicht mächtig werde, kann ich wahrlich auch nicht wünschen, ist uns doch von Berlin der Nationalismus gekommen und bedroht doch die Union die ganze protestantische Kirche mit gefährlichem Indifferentismus. Gott erhalte, was wir haben, und erleuchte unsern König, daß er das Rechte wähle, um der reinen lutherischen Kirche eine sichere Stätte im lieben Hannoverlande zu erhalten!«

»Ja, Gott erhalte uns den Frieden! darum bete ich täglich,« sagte die Frau von Wendenstein mit einem besorgten Blick auf ihren jüngeren Sohn, dessen fröhliches Lachen eben aus der in der Nähe des Fensters etablirten Gruppe der jungen Leute herübertönte – »welches Elend, welchen Jammer bringt der Krieg in alle Familien, – und was ist am Ende der Gewinn? Ein Gewicht mehr auf der politischen Wagschale der einen oder der andern Macht. – Ich dächte, wenn Jeder darauf sinnen würde, in seinem Hause glücklich und zufrieden zu sein und Diejenigen glücklich und zufrieden zu machen, welche sein Wirkungskreis berührt, so würde die Welt besser bestellt sein, als wenn man sich um Dinge stritte und schlüge, die dem wahren menschlichen Glück doch so unendlich fern liegen.«

»Da haben wir meine liebe Hausfrau,« lachte der Oberamtmann – »was ihr Haus, ihre Küche und ihren Keller nicht berührt, das ist unnütz und schädlich, und ginge es nach ihr, so würde das ganze Staatsleben ein großer Familienhaushalt und die ganze Politik würde in eine abgelegene Polterkammer zurückgelegt.«

»Und hat meine verehrte Freundin nicht ganz Recht?« sagte der Pastor mit freundlichem Lächeln gegen Frau von Wendenstein – »ist es nicht der Frauen Aufgabe, des Friedens Werke zu üben und die Saat, die wir im Tempel des Herrn ausstreuen, im Hause zu pflegen und zu Blüte und Frucht zu treiben? Gott gab den Gewaltigen der Erde das Recht, das Schwert zu gebrauchen, das er in ihre Hand legte – die müssen thun, was ihre Pflicht ist und was sie dereinst verantworten können – aber ich muß glauben, daß der Ewige mehr Freude hat am friedlichen Glück eines einträchtigen Hauses, als an den kunstreichen Schöpfungen der Politik und den blutigen Lorbeeren der Feldschlachten.«

»Nun,« sagte der Oberamtmann, »wir werden in dem Gange der Dinge nichts ändern, also denken wir vorläufig an uns und unseres Leibes Nahrung, die uns Allen gewiß gut thun wird.«

Der alte Diener war an einer Seitenthür des Salons erschienen und hatte deren beide Flügel geöffnet, so daß man den daran stoßenden Speisesaal erblickte, in welchem sich eine weit und geräumig gedeckte Tafel, von schweren silbernen Armleuchtern erleuchtet, zeigte. Der kräftige Duft einer guten Küche drang zu den Versammelten und war so würzig und einladend, daß er unwillkürlich alle Blicke nach der offenen Thür lenkte.

Der Oberamtmann stand auf. Der geistliche Herr bot der Dame des Hauses die Hand und führte sie in den Speisesaal, der Oberamtmann und die übrige Gesellschaft folgte und bald saß man in dem einfachen, mit Hirschgeweihen und Rehkronen dekorirten Zimmer um die große gesellige Tafel und ließ der vortrefflichen Küche des Amtshauses und den edlen Proben der Schätze seines Kellers unter traulichen und fröhlichen Gesprächen, an denen dießmal die Politik keinen Antheil hatte, volle und allseitige Gerechtigkeit widerfahren.

Während die Gesellschaft des Oberamtmanns bei Tisch saß, herrschte in einem der größten und bedeutendsten Bauernhäuser des halbkreisförmigen Dorfes gegen die sonstige stille Gewohnheit dieser Gegenden ein reges Leben. Die große Diele des Hauses, welche noch weit offen stand, war hell erleuchtet und man sah dort verschiedene Gruppen junger Bursche und Mädchen in ihrem kleidsamen Sonntagsstaat; die kräftigen jungen Bauernsöhne in Jacken und pelzverbrämten Mützen, die Mädchen in kurzen, anschließenden Röcken und weißen Tüchern, die dichten Flechten der vollen Haare mit bunten Bändern durchwunden.

Immer kamen noch mehr junge Bursche und Mädchen aus dem Dorfe und schlossen sich den bereits auf der Diele Versammelten an, während andere Dorfbewohner, ältere Bauern, Frauen und Kinder vor dem Hause auf und ab gingen und dem geschäftigen Treiben im Innern zusahen.

Der alte Bauermeister Deyke, einer der Ersten an Besitz in Blechow, der, seit Jahren verwittwet, mit seinem einzigen Sohne Fritz den großen Hof bewohnte, ging auf der Diele von einer Gruppe zur andern in freundlicher Würde, und sein altes, starres, scharf markirtes Gesicht mit den schlauen, stechenden, dunkeln Augen unter den buschigen Brauen zeigte, wie es fähig war, den verschiedenartigsten Ausdruck anzunehmen. Bald sah man auf demselben scherzhafte, muntere Gemütlichkeit, wenn er dem Sohne eines reichen Großbauern die Hand drückte und ihm einen jener derben Späße in's Ohr raunte, zu denen der kräftige Alte aus seinen jüngeren Jahren sich Lust und Neigung bewahrt hatte, bald war es vornehm wohlwollende Herablassung, die seine Züge ausdrückten, wenn er einem der Geringeren ein freundlich aufmunterndes Wort im Vorbeigehen zurief, bald kalte und stolze Zurückhaltung, wenn er dem Bauernsohn eines Hauses, das nicht in ganz klarem Rufe stand, den Abendgruß bot, den die Gastfreundschaft seines Hauses nothwendig machte.

Mit weniger diplomatischer Würde bewegte sich sein Sohn Fritz unter den Gruppen, – ein schlanker, kräftiger Bursch mit guten, treuen blauen Augen und militärisch kurzgeschnittenem flachsblondem Haar, – er scherzte mit den Mädchen, und lustige Dinge mußten es sein, die er ihnen sagte, denn sie steckten die Köpfe zusammen und flüsterten und kicherten, daß sie dunkelroth im Gesicht wurden, noch lange nachdem der muntere Sohn des alten Großbauern sich längst zu einer andern Gruppe gewendet hatte, – und wenn er zu den Burschen trat und sie, zwei von ihnen unter die Arme greifend, zu dem langen Tische führte, der, am Ende der Diele mit weißem Leinen bedeckt, Bierflaschen, Schinken, Brod und kaltes Rindfleisch in reicher Menge trug, so sah man in den Mienen Aller nur herzliches Wohlwollen und aufrichtige Freundschaft für den Sohn des gastlichen Hauses.

Es war eben auch ein prächtiger Junge, beliebt bei Jung und Alt, dieser einzige Sohn des alten reichen Deyke, der Erbe des schönsten Hofes im Dorfe, da war keines von all' den blühenden Mädchen aus den besten Bauernhäusern, das nicht mit Herzklopfen und stillen Hoffnungen nach ihm hingesehen hätte, da war kein Vater, keine Mutter im Dorfe, die ihn nicht mit tausend Freuden zum Schwiegersohn genommen hätten.

Er aber, der junge Erbe, ging ungerührt und unergriffen durch diesen ganzen Flor schöner Bauernmädchen hin, er scherzte und lachte mit allen, tanzte mit allen bei den ländlichen Festen, schenkte bald der Einen, bald der Andern einen Blumenstrauß aus seines Vaters sorgfältig gepflegtem Garten, ein Band oder ein Bild aus dem Kasten eines herumziehenden Hausirers, dessen ausgebreitete Herrlichkeiten die Wünsche der blechower Schönheiten rege machten, – aber näher trat er Keiner und noch nie hatte er merken lassen, daß er die freundlichen Blicke der Mädchen, die aufmunternden Bemerkungen der Väter und Mütter irgend zu verstehen und zu berücksichtigen geneigt sei. Darum war keiner der jungen Bursche auf ihn neidisch – kam er doch keinem in's Gehege, benutzte er doch auch jede Gelegenheit, um mit ihnen im Wirthshause auf seine Kosten einen kameradschaftlichen Trunk zu nehmen, verwendete er doch die Thaler, die sein Vater ihm reichlich zukommen ließ, ebensoviel zum Vergnügen der Anderen, als zu seinem eigenen.

Die Gruppen der jungen Leute ordneten sich und ließen die Mitte der Diele frei, als der Schullehrer des Orts, ein alter einfacher Mann in schwarzem Rock und breitkrämpigem schwarzen Hut, in das Haus trat.

Der alte Bauer Deyke begrüßte den Lehrer mit der Manier eines Mannes, der den Stand und Charakter seines Gastes achtet, aber sich doch viel vornehmer und größer fühlt, als dieser, – sein Sohn sprang dem Lehrer rasch entgegen und rief, indem er ihm die Hand schüttelte: »Wir sind Alle fertig, Herr Niemeyer, und es wird Zeit, daß wir zum Schlosse gehen, es ist schon fast eine halbe Stunde, daß der Oberamtmann sich zu Tisch gesetzt hat, und bis wir hinkommen und uns aufstellen, geht noch eine halbe Stunde hin, – also vorwärts, vorwärts!«

Und mit rascher Geschäftigkeit ordnete er die jungen Burschen und Mädchen paarweise, – die Burschen voran, gab Jedem eine Pechfackel, deren eine große Anzahl an der Seite der Diele bereit lag, und nachdem er sich mit Feuerzeug zum Anzünden derselben versehen hatte, ergriff er den Arm des Lehrers und stellte sich mit diesem und seinem Vater an die Spitze des Zuges, der schweigend nach dem Schlosse aufbrach, während in einiger Entfernung die neugierigen Dorfbewohner leise flüsternd folgten.

Im Speisezimmer des Oberamtmanns war indeß das fröhliche, gesellige Abendessen seinem Ende nahe. Der alte Diener öffnete auf einem Seitentische den Deckel der alten mächtigen Bowle von meißner Porzellan, aus welcher das liebliche Aroma des scharzhofberger Moselgewächses, vermischt mit dem Duft der reichlich darin schwimmenden Ananas, durch das Zimmer drang. Er entkorkte einige Flaschen Champagner, goß deren Inhalt in die Bowle, legte den großen silbernen Schöpflöffel in dieselbe und stellte das Gefäß mit seinem köstlichen Inhalt auf die Tafel vor den Oberamtmann, der die großen Kristallgläser für seine Tischgenossen füllte, nachdem er die Mischung nochmals versucht und durch eine Geberde der Zufriedenheit dem Getränk seine endgültige Genehmigung ertheilt hatte.

Der geistliche Herr erhob sein Glas, sog langsam und mit einem gewissen Respekt den würzigen Duft ein, blickte einen Augenblick sinnend in die goldgelbe Flüssigkeit und sprach dann mit einer Stimme, welche die Mitte hielt zwischen der feierlichen Salbung des Geistlichen und dem Tone der freundschaftlichen Unterhaltung im geselligen Kreise: »Meine lieben Freunde! Unser verehrter Oberamtmann, um dessen gastlichen Tisch wir heute wie so oft traulich beisammen sitzen, tritt morgen ein neues Jahr seines thätigen und gesegneten Lebens an. Wir werden morgen dieß neue Jahr begrüßen – lassen Sie uns heute von dem vergangenen Abschied nehmen. Die Sorgen und Mühen, die es unserem Freunde brachte, sind vergangen und zu gutem Ende geführt, die Freuden und guten Stunden, die es so reichlich in seiner Hand trug, werden in freundlicher Erinnerung fortleben zur Stärkung und Erquickung in trüben Augenblicken, welche die Zukunft auch ihm bringen wird, wie allen Bewohnern dieser Erde, auf der Licht und Schatten mit einander ringen. So bleibe denn das Andenken des vergangenen Jahres im Segen und sei für uns Alle eine Mahnung, treu zu einander zu halten in Liebe und Freundschaft – weihen wir dem scheidenden Lebensjahre unseres lieben Oberamtmanns dieß stille Glas.«

Und indem er sein Glas an den Mund setzte, leerte er es bis auf den Grund.

Alle folgten seinem Beispiele – Frau von Wendenstein und die Mädchen nicht ausgenommen, denn diese Damen, in gesunden, kräftigen und natürlichen Verhältnissen lebend, scheuten vor einem Glase edlen Weines nicht zurück, wie jene krankhaft zarten Repräsentantinnen des schönen Geschlechts in den Kreisen der städtischen Gesellschaft.

»Gott gebe, meine Freunde, daß wir am Schlusse des nächsten Jahres, das etwas wolkenschwerer heraufzieht, eben so froh und gemüthlich hier beisammen sein mögen als heute,« sagte der Oberamtmann, indem eine tiefe Rührung über seine kräftigen, heitern Gesichtszüge hinzog und in seiner Stimme wiederklang – »doch nun,« fügte er munter hinzu in dem Gefühl, daß die Tischunterhaltung nach diesem Scheidegruß an sein vergangenes Lebensjahr nicht wieder in Gang kommen könne – »lassen Sie uns aufstehen und die Friedens-Cigarre rauchen – Johann, nimm die Bowle mit, denn mit ihr wollen wir noch ein ernstes Wort reden.«

Die Gesellschaft stand auf und begab sich in das große Familienzimmer zurück.

Hier waren die Thüren nach dem durch mehrere große Leuchter erhellten Flur weit geöffnet, und ebenso standen die mächtigen Flügel der Hausthür offen, so daß man aus dem Wohnzimmer den Hof, mit dem alten Lindenbaum in der Mitte, sehen konnte.

Der ganze Hof glühte in dunkelrothem Flammenschein und man unterschied zwischen den hie und da von Dampf unterbrochenen Lichtwellen Gruppen von Menschen, denen die Bewegung der Flammenreflexe ein phantastisches Aussehen gab, und das Geräusch flüsternder Stimmen drang von dort herüber.

Der Oberamtmann blieb erstaunt, ja erschrocken stehen, denn sein erster unwillkürlicher Gedanke war eine Feuersbrunst auf seinem Hofe, – der alte Diener aber trat zu ihm heran und sagte halbleise: »Es sind die jungen Leute aus dem Dorf, welche dem Herrn Oberamtmann zum Vorabend seines Geburtstags eine Nachtmusik bringen wollen.«

Der Oberamtmann hielt in der Bewegung, die er schon gemacht hatte, um sich eilig auf den Hof zu begeben, inne und eine freudige Rührung leuchtete aus seinem Auge. Der geistliche Herr, der wohl etwas von dieser Ueberraschung gewußt haben mochte, lächelte zufrieden der Dame des Hauses zu und die jungen Leute sahen neugierig nach dem Schauspiel im Hofe.

Kaum war jedoch der Oberamtmann in dem Wohnzimmer sichtbar geworden, so trat ein sekundenlanges tiefes Schweigen draußen ein. Unmittelbar darauf aber erklang, von kräftigen und reinen Stimmen intonirt, die einfache, ergreifende Weise: »Wer nur den lieben Gott läßt walten«, und durch den weiten alten Flur drangen mit den glühenden Flammenlichtern der Fackeln die reinen vollen Töne des Chorals in das Wohnzimmer der Familie, während durch die großen Fenster der Gartenterrasse der helle Vollmond vom dunkeln Nachthimmel hereinschien und trotz des weißen Lichtes der Lampe helle Streifen auf dem Fußboden erscheinen ließ.

So stand der Oberamtmann da, im milden Licht seines wohnlichen Zimmers von den Seinen umgeben, während der sanfte Mondglanz wie ein Gruß des versinkenden Lebensjahres vom stillen Garten hereinfiel. War es ein Bild des künftigen Jahres, dieses unstäte, blutrothe Licht, welches den Hof erfüllte? – Doch aus diesem Feuerschein heraus tönt ja die trostreiche Weise des alten frommen Liedes, das schon so viele Menschenherzen gestärkt und getröstet hat, – mag die Zukunft kommen – bringt sie Kampf und Trübsal, so wird sie auch Trost und Stärke bringen.

So dachte der Oberamtmann, indem er sinnend hinausblickte.

Seine Gattin hatte sich an seine Seite gestellt, unwillkürlich hatten sich ihre Hände gefaltet und ihr ehrwürdiges Haupt sich leicht geneigt.

»Den wird er wunderbar erhalten
In aller Noth und Fährlichkeit.« –

– erklang es von draußen herein. Die alte Dame warf einen Blick auf ihren Sohn, den Offizier, der mit strahlendem Auge hinaussah auf das wunderbare und eigentümliche Bild der vom Fackelschein beleuchteten Gruppen auf dem Hofe. – Fester falteten sich ihre Hände, ihre Lippen bewegten sich wie im stillen Gebet und eine Thräne rann langsam über ihre Wange. Dann neigte sie das Haupt tiefer und hörte unbeweglich und andächtig den Choral zu Ende. –

Nachdem die ernsten Töne verklungen waren, löste sich die bis dahin unbewegliche Gruppe im Saale auf. Der alte Bauer Deyke und der Schulmeister traten ein. In ehrbarer, würdiger Haltung näherte sich der Bauermeister seinem Oberamtmann und sprach, während der Schullehrer, sich tief verneigend, hinter ihm stand: »Die jungen Leute da haben dem Herrn Oberamtmann zur Vorfeier seines Geburtstages eine Nachtmusik bringen wollen – der Schulmeister hat sie eingeübt« – dieser verneigte sich hier abermals und machte den vergeblichen Versuch, so auszusehen, als wisse er nicht, daß Aller Blicke sich in diesem Augenblick auf ihn richteten, – »da sind sie gekommen und haben auch gefragt, ob es sich wohl schicke – und ich habe nichts dagegen gesagt, denn der Herr Oberamtmann weiß ja, daß das ganze Dorf Antheil nimmt an seinem Familienfest – nun, und wir wissen ja, daß Sie sich freuen, wenn wir Ihnen zeigen, daß wir es gut mit Ihnen und der ganzen werthen Familie meinen; darum nichts für ungut, wenn wir die Unruhe da vor dem Hause machen und wenn« – er wendete sich zur Frau von Wendenstein – »die Frau Oberamtmännin erschrocken ist über den Ueberfall – aber der Schulmeister da sagte, eine Ueberraschung müßte es sein, sonst wäre gar nicht der rechte Sinn in der Sache.«

»Ich danke euch, ich danke euch Allen von Herzen, mein guter alter Deyke!« rief der Oberamtmann lebhaft, indem er dem Bauern die Hand schüttelte – ihr habt mir eine rechte Freude gemacht und solchen Schreck, den verträgt meine Frau schon.« –

»Gewiß,« sagte Frau von Wendenstein, aus deren Augen wieder die gewohnte milde und ruhige Heiterkeit leuchtete, indem auch sie dem alten Bauern die feine weiße Hand reichte, welche dieser mit einer gewissen vorsichtigen Behutsamkeit ehrerbietig ergriff, »ich freue mich von Herzen mit an dem Zeichen der Liebe, das ihr meinem Manne bringt.«

»Aber wo ist denn der Fritz?« rief der Lieutenant lebhaft, »ich müßte mich doch sehr wundern, wenn der nicht dabei wäre, he! alter Deyke, wo ist der Junge, mein alter Spielkamerad?«

»Hier, Herr Lieutenant,« rief die muntere Stimme des jungen Deyke und aus dem dunkleren Theile des Flurs trat die kräftige Gestalt des hübschen Bauernburschen über die Schwelle des Wohnzimmers – »ich freue mich, daß der Herr Lieutenant da sind und sich an mich erinnern.«

Während der Lieutenant dem jungen Bauern entgegeneilte und ihn herzlich begrüßte, trat der Regierungsassessor mit einer gewissen steifen Freundlichkeit zu dem alten Bauern, der ihm ebenfalls derb die Hand schüttelte, und der Oberamtmann rief: »Aber nun für alle Welt zu essen und zu trinken auf den Hof, daß nur das junge Volk vergnügt ist, es soll doch nicht gesagt sein, daß meine Freunde, die mir so große Freude zu machen gekommen sind, trockenen Mundes vom Amtshause zu Blechow gehen!«

Frau von Wendenstein gab ihrer ältesten Tochter einen Wink, diese eilte hinaus und bald sah man die Mägde des Hauses in geschäftiger Eile mit Tischen, weißen Leintüchern, Tellern, Krügen und Flaschen nach dem Hofe eilen.

Der Schulmeister aber flüsterte dem alten Deyke etwas in's Ohr und dieser sagte: »Mit Verlaub, Herr Oberamtmann, der Schulmeister bittet, daß mit der freundlichen Bewirthung möchte gewartet werden, bis sie die übrigen Lieder gesungen hätten, sonst möchte er sie nicht mehr so gut in Ordnung halten können!«

»Also noch mehr wollt Ihr singen?« rief der Oberamtmann vergnügt, »nun dann vorwärts also, Herr Niemeyer, setzt Euch zu uns, lieber Deyke, und trinkt ein Glas mit uns auf die alte Zeit!«

Und indem er einige Lehnstühle in die Mitte des Zimmers rollte, ließ er den Bauern neben sich und dem Pastor Platz nehmen. Der Lieutenant brachte Cigarren und der Regierungsassessor füllte die Gläser, der alte Bauer netzte seine Cigarre mit den Lippen und brannte sie mit weit gespitztem Munde vorsichtig an, stieß sein Glas an das des Oberamtmanns und des Pastors, leerte es zur Hälfte, indem er durch bedächtiges Kopfnicken seinen Inhalt anerkannte, und blieb dann gerade auf seinem Stuhl sitzen mit einer Miene und Haltung, welche ausdrückte, daß er die hohe Ehre wohl zu würdigen wisse, neben dem Oberamtmann und dem Pastor da zu sitzen, daß er sich aber auch wohl bewußt sei, der Mann zu sein, dem solche Ehre zukäme.

Der Schulmeister und der junge Deyke waren wieder hinausgeeilt, und bald drangen in vollstimmigen Chören, richtig und sicher ausgeführt, die schönen einfachen Volkslieder jener Gegenden in den Saal.

Die drei Männer saßen in ihren Stühlen, Frau von Wendenstein hatte ihren Platz auf dem Sopha wieder eingenommen und hörte sinnend auf die melodiereichen Weisen, der Regierungsassessor stand mit dem Auditor von Bergfeld in einer Fensternische, die jüngere Tochter des Oberamtmanns war ihrer Schwester gefolgt, um ihr bei den Anordnungen zur Bewirthung der Sänger zu helfen, und der Lieutenant ging im Zimmer leise auf und nieder, dem Gesange zuhörend, man konnte ihm ansehen, daß er ungeduldig darauf wartete, sich unter die Gruppen draußen zu mischen und mit den jungen Burschen und Bauernmädchen, die er alle von Jugend auf kannte, zu scherzen und zu lachen.

Die Tochter des Pfarrers, von ihren jungen Freundinnen verlassen, war durch die große Thür auf die Terrasse hinausgetreten. Sie stand auf die Brüstung gelehnt und blickte zum Monde hinauf, dessen reiches Licht ihr schönes, sinnendes Gesicht mit silbernem Licht übergoß und ihre klaren Augen seltsam erglänzen ließ.

Nachdem der Lieutenant einige Male seinen Gang durch das Zimmer wiederholt hatte, trat er ebenfalls auf die Terrasse hinaus und sog in vollen Zügen die frische, reine Lust des Frühlingsabends ein, indem sein Auge über die weite so wohl bekannte Ebene hinschweifte, die im hellen Mondlicht vor im dalag.

Da erblickte er die Gestalt des jungen Mädchens an der Brüstung der Terrasse und mit raschem Schritt eilte er zu ihr hin.

»Sie schwärmen im Mondschein, Fräulein Helene,« rief er heiter, »erlauben Sie, daß ich mich daran betheilige – oder wollen Sie ganz allein sein?«

»Ich bin hierher gegangen,« sagte die Tochter des Pfarrers, »weil der Mond mich immer unwillkürlich hinauszieht und auch höre ich den Gesang hier lieber aus der Ferne – übrigens schwärmte ich wirklich ein wenig,« fuhr sie lächelnd fort, indem sie sich von der Brüstung, auf die sie sich gelehnt hatte, aufrichtete, »meine Gedanken waren weit von hier, dort oben bei den Wolken.«

Und sie deutete mit der Hand nach einer großen schwarzen Wolkenschicht, welche finster vom Horizont heraufstieg bis in die Nähe des Mondes, dessen Licht ihre Spitzen mit Silberglanz erhellte – es sah aus wie ein schwarzer Mantel mit lichtglänzendem Saum.

»Das bin ich von Ihnen gewohnt,« rief der Lieutenant, »daß Ihre Gedanken weit hinaus gehen und weit hinauf und ich höre Ihnen so gern zu, wenn Sie etwas schwärmen, das bringt mich in so eine eigene Welt, die ich liebe und die mich anspricht, die ich aber allein nicht finden kann, – es ist wie in den Kindermärchen, wo man in wunderbare Gärten nur gelangen kann, wenn man das Zauberwort ausspricht, vor dem sich das Felsenthor öffnet, – Sie haben dieß Wort, und Sie wissen, schon als Kind war ich nicht glücklicher, als wenn ich Ihnen zuhörte, wie Sie mir Ihre Gedanken erzählten, die mich so weit weg führten aus der täglichen Umgebung, – erzählen Sie mir auch jetzt ein wenig, was Sie mit den Wolken da oben gesprochen haben.«

»Sehen Sie,« sagte das junge Mädchen, indem ihr Blick sich aufwärts richtete und Bildern zu folgen schien, die vor ihrem innern Auge auftauchten, – »sehen Sie die schwarze Wolke dort, die so ruhig und still daliegt im freundlichen Licht des Mondes – ein Bild des Friedens, man sollte glauben, daß das ewig so gewesen ist und ewig bleibt – und doch in wie kurzer Zeit ist die Wolke weit, weit fortgezogen über das Land hin, – wird sie Segen und Fruchtbarkeit bringen oder wird sie in wildem Unwetter Verderben und Zerstörung über die Felder ergießen und die Hoffnung des Landmanns zerstören? Niemand weiß es – aber fortziehen wird sie aus dem stillen hellen Strahl des Mondes, der jetzt so friedlich auf ihr ruht – und der hier noch nach Jahren ebenso leuchten wird. – So ist das Leben, so ist das Schicksal der Menschen,« fuhr sie wehmüthig fort, »heute im freundlichen Licht – in kurzer Zeit fern im wilden Wetter.«

»Immer traurige Gedanken,« sagte der Lieutenant, indem er leicht lächelte, während ein Widerschein des schwärmerischen Ausdrucks, der von dem Gesicht des jungen Mädchens strahlte, über seine Züge flog, – »immer ernst – aber doch schön,« fuhr er nachdenklich fort, – »wenn ich nur wüßte, wo Sie immer so sonderbare Gedanken hernehmen!«

»Sollten sie mir heute nicht kommen,« erwiederte sie, wo so viel von Kriegsgefahr und von der drohenden Zukunft gesprochen ist, – wie bald vielleicht wird manches friedliche Licht verschwinden wie der Mond, wenn die schwarze Wolke höher steigt!«

Der junge Offizier war ernst geworden und blickte einen Augenblick schweigend vor sich hin.

»Wie sonderbar!« sagte er dann – »der Krieg das ist ja mein Handwerk und ich habe immer darauf gehofft, daß es einmal einen frischen, fröhlichen Krieg geben möchte, statt des langweiligen Garnisonslebens – aber was Sie da sagen, das macht mich fast traurig – sind wir Soldaten nicht die schwarze Wolke, die da fortzieht aus dem freundlichen Mondlicht, um Unheil und Verderben zu verbreiten und so viele Hoffnungen zu zerstören? – Und trifft uns vielleicht selbst nicht der Blitz, der im Schooße der Wolke ruht?«

»O, daß es menschlicher Macht vergönnt wäre,« rief die Tochter des Pfarrers lebhaft, »den Zug der Wolken zu lenken und das Schicksal der Menschen zu Licht und Frieden zu führen – doch,« sagte sie nach einer Pause – »wie das silberne Mondlicht sich dort auf die schwarze Wolke legt, so können wir mit unseren Wünschen und Gebeten Diejenigen begleiten, welche der Sturm des Schicksals in die unbekannten Fernen zieht – und das ist der Trost Derer, die zurückbleiben.« –

Der Lieutenant schwieg. Sein Auge haftete mit träumerischem Erstaunen auf den wunderbar belebten Zügen des jungen Mädchens, das im weichen Licht wie von Verklärung übergossen vor ihm stand, er trat langsam einen Schritt näher zu ihr hin – da schwieg der Gesang, laute Stimmen und Gläserklirren tönte vom Hofe herüber und die Töchter des Oberamtmanns traten auf die Terrasse. Der Lieutenant und Helene wendeten sich rasch um und gingen ihnen entgegen.

Der Oberamtmann war auf den Flur getreten und dankte nochmals allen Sängern herzlich für die Freude, die sie ihm gemacht, indem er sie zugleich aufforderte, sich nach dem Gesange den Gaumen anzufeuchten – dann mischte sich die ganze Gesellschaft unter die Gruppen der Bauern und laute fröhliche Unterhaltung, helles Lachen und klirrendes Anstoßen schallte durch den weiten Hof.

Der Lieutenant war langsam in den Saal getreten und blieb dort eine Weile ernst und nachdenklich stehen, während seine Schwestern mit der Tochter des Pfarrers zu den jungen Mädchen des Dorfes traten und mit Allen freundliche Worte wechselten.

Auch der Regierungsassessor trat zu den jungen Bauern und wußte den Ton der Unterhaltung mit ihnen ganz gut zu treffen, hatte er doch seine Jugend unter ihnen verlebt – auch sprachen sie offen und ohne Zurückhaltung mit ihm, aber es war eine gewisse feierliche, ceremonielle Unterhaltung, welche in ruhigem Tone geführt wurde und welche sich langsam und gemessen von einer Gruppe zur andern fortsetzte.

Laute Fröhlichkeit aber begrüßte den Lieutenant, als er nach einiger Zeit ebenfalls in den Hof trat und von seinem Jugendgespielen Fritz Deyke begleitet unter den jungen Bauern umherging, die sich in straffer militärischer Haltung vor ihm aufstellten, nach der Anweisung einiger älterer gedienter Kavalleristen.

So war Alles Leben und Fröhlichkeit. Endlich sah sich der Lieutenant von einer Gruppe junger Leute umgeben, als deren Wortführer Fritz Deyke ihm einen Wunsch vorzutragen schien. Der Lieutenant lachte, nickte zustimmend mit dem Kopf und trat dann zu seinem Vater:

»Die Leute möchten gern das Hannoveranerlied singen, Papa, aber sie wollen, daß Du es ihnen besonders erlaubst, sie wissen nicht, ob es sich schickt, wie sie sagen.«

»Ob es sich schickt?« rief der Oberamtmann heiter und laut, »gewiß schickt es sich und gleich sollen sie anfangen.«

Fritz Deyke, der dem Lieutenant gefolgt war, eilte zu den andern Burschen, diese stellten sich im Halbkreis vor die Thür des Hauses und bald erscholl jenes eigentümliche Lied, dessen Textworte kaum verständlich sind und oft ad libitum verändert werden, das aber von den hannöverischen Bauern und Soldaten bei jeder fröhlichen Gelegenheit mit besonderer Vorliebe gesungen wird.

Der Oberamtmann freute sich von Herzen des fröhlichen Liedes, das die munteren Burschen mit aller Kraft ihrer Lungen erklingen ließen. Er und der Lieutenant sangen den Refrain mit und

»Da sah'n wir von Weiten
Unsern König schon reiten,
Er rief nach seinem Brigadier,
Lustige Hannoveraner seien wir.«

erklang es laut in die Nacht hinein vom alten Amtshause zu Blechow.

Dann zogen langsam und in lauter Unterhaltung die Sänger und die Neugierigen nach dem Dorfe zurück, der Pastor und seine Tochter verabschiedeten sich, um nach dem stillen Pfarrhause zurückzukehren, und bald lag das Schloß in tiefem Schatten und stiller Ruhe.

Frau von Wendenstein küßte ihren jüngsten Sohn innig auf die Stirn, als er ihr gute Nacht sagte, und leise flüsterten ihre Lippen, als sie sich zurückzog:

»Wer nur den lieben Gott läßt walten
Und hoffet auf Ihn alle Zeit,
Den wird Er wunderbar erhalten
In aller Noth und Fährlichkeit.«

Der Lieutenant aber saß noch lange schweigend und nachdenkend auf dem altertümlichen tiefen Lehnstuhl in seiner Schlafkammer, und als er endlich zu Bett gegangen und eingeschlafen war, sah er sich im Traum auf einer schwarzen Wolke vom Sturmwind erfaßt, weiter und weiter in die Ferne getragen, Blitze zuckten um ihn her und der Donner umbrauste ihn, und immer weiter zog es ihn fort von der hellen leuchtenden Mondscheibe, die ihm ihren milden Strahl nachsandte.

Drittes Kapitel.

Zahlreiche Equipagen eilten dem Ballhofsplatze hinter der kaiserlichen Hofburg in Wien zu und hielten nach einander vor dem durch zwei große Gaslaternen hell erleuchteten Portal der Staatskanzlei. Vornehm rollten große Karossen mit Kutschern und Lakaien in den verschiedensten Livreen heran, der Portier in dem langen hellblauen goldgestickten Rock mit dem großen Stabe eilte an die Schläge, die Damen in reicher Soiréetoilette, in weite Mäntel und Capuchons eingehüllt, entstiegen den Wagen und eilten durch das große Portal, um rechts die mächtige Treppe hinaufzusteigen zu den oberen Räumen des weiten Palais, in welchem Kaunitz und Metternich das ›
Austria est imperatura orbi universo‹ zur Wahrheit zu machen gestrebt hatten und welches jetzt der Feldmarschalllieutenant Graf Mensdorff-Pouilly als Minister des kaiserlichen Hauses und des Aeußern bewohnte.

Dazwischen fuhren »fesche« Fiaker an, welche die Herren in Wien, und wenn sie die schönsten Marställe besitzen, ausschließlich zum Gebrauche in der Stadt benutzen, und der Portier eilte ihnen nicht minder eifrig entgegen, als den vornehmen Equipagen.

Einem dieser Fiaker entstieg ein junger Offizier in der bunten, kleidsamen, in Grün, Scharlach und Gold schimmernden Ulanen-Uniform. Er zog den großen weißen Mantel aus, warf ihn in den Wagen zurück und befahl dem Kutscher, ihn in der Nähe des Burgplatzes zu erwarten.

Dann stieg er, einen letzten Blick auf seinen untadelhaften Anzug herabwerfend und den noch sehr feinen schwarzen Schnurrbart leicht zwischen den Fingern heraufwirbelnd, die Treppen hinan, lustig und siegesgewiß, wie es ein junger Ulanenoffizier immer und überall, auf dem Parket wie zu Pferde sein muß und wie es dieser Offizier vor vielen Andern zu sein ganz besondern Grund hatte.

Denn der Lieutenant von Stielow, ein Mecklenburger und seit einigen Jahren, wie viele seiner norddeutschen Altersgenossen, im österreichischen Militärdienst, hatte vor einem Jahre von einem kinderlos verstorbenen Oheim in seinem Vaterlande einen so bedeutenden Majoratsbesitz ererbt, daß die Ziffer seiner jährlichen Revenüen selbst unter der an große Vermögen gewöhnten österreichischen Aristokratie Aufsehen erregt hatte und daß, so sehr man sich in diesen Kreisen sonst den Fremden gegenüber in kalter Höflichkeit abschließt, diesem außerdem schönen und liebenswürdigen jungen Manne, der durch eine feine norddeutsche Bildung unter seinen österreichischen Alters- und Standesgenossen sehr vorteilhaft hervorstach, sich die vertraulichere Intimität der Familien des wiener hohen Adels geöffnet hatte, namentlich derjenigen, in welchen man einige Töchter zu verheirathen hatte.

Es war also sehr natürlich, daß der junge Mann, dem das Leben so heiter sich öffnete, fröhlich und zuversichtlich die große Treppe der Staatskanzlei heraufstieg, um sich zu einer jener beschränkteren Soiréen zu begeben, in welchen die Gräfin Mensdorff außer den großen offiziellen Empfangsabenden die ihr näher stehende wiener Gesellschaft vereinigte und welche, wenn auch einen mehr privaten Charakter tragend, doch von Allem, was zur politischen Welt gehörte, sehr gesucht waren, weil man hoffte, hier irgend einen Zipfel des Schleiers heben zu können, in welchen während jener Tage bewegter Spannung und Erwartung die verschiedenen diplomatischen Lager ihre Thätigkeit einander gegenüber einhüllten, sich den Anschein gebend, als passire nichts in der Welt, wodurch die gemüthliche Ruhe des geselligen Verkehrs gestört werden könnte.

Die Lakaien in der einfachen, tadellos eleganten Livree des Mensdorff'schen Hauses öffneten die Thüren zu dem mit der Wohnung der Gräfin zusammenhängenden kleineren Appartement und der Lieutenant von Stielow trat in den hell erleuchteten, mit bunten und frischen Damentoiletten, blitzenden Uniformen und schwarzen Civilanzügen in mannigfaltigen Gruppen erfüllten Salon.

In dem zweiten, an den ersten größeren Salon anstoßenden Zimmer, das mit allen jenen tausend comfortabeln Kleinigkeiten ausgestaltet war, die zu dem täglichen Wohnraum einer vornehmen Dame gehören, saß in einem nicht großen, niedrigen Divan die Gemahlin des Ministers, eine geborne Prinzessin Dietrichstein, eine Dame von äußerst aristokratischer Erscheinung, und empfing ihre Gäste mit jener natürlichen ungezwungenen und freundlichen Gemütlichkeit, welche der vornehmen Gesellschaft Wiens eigen ist, wenn sie sich unter sich befindet.

Neben der Gräfin Mensdorff saß eine volle, üppige Gestalt, in schwarzer reicher Toilette, an der jedoch ohne Ueberladuug angebrachte farbige Steine von fürstlichem Reichthum den Gedanken an Trauer ausschlossen.

Das bleiche Gesicht dieser Dame, von schwarzen vollen Locken umrahmt, war von wunderbarer Schönheit, aber tiefem Ernst, und ihre ebenholzschwarzen großen Augen voll Feuer und Ausdruck schienen sich nicht voll Lust und Freudigkeit dem Leben zuzuwenden, sondern blickten mit jenem schwärmerischen, sinnenden Ausdruck vor sich hin, den man oft auf alten Bildern von Aebtissinnen geistlicher Orden bemerkt.

Es war die Fürstin Obrenowitsch, die Gemahlin des Fürsten Michael von Serbien, welche von ihrem Gemahl getrennt mit ihrem jungen Sohn in Wien lebte. Eine geborne Gräfin Huniady, voll des lebenswarmen ungarischen Blutes und in allen Zirkeln der ersten Gesellschaft Wiens mit offenen Armen empfangen, trotz der Trennung von ihrem Gemahl durch Beweise von dessen hoher Achtung bei jeder Gelegenheit ausgezeichnet, schloß diese schöne Dame voll Geist und Leben sich dennoch, ohne der Welt völlig zu entsagen, in ein häusliches, zurückgezogenes Leben ein, bei welchem sie vor Allem ihre ganze Aufmerksamkeit und Sorgfalt der Erziehung ihres jungen Sohnes, des dereinstigen Erben des serbischen Fürstenhutes, widmete. Es war daher immer ein évènement, wenn man die schöne, fromme und stolz abgeschlossene Fürstin in den Salons der wiener Aristokratie sah.

Vor den Damen stand ein nicht großer Herr in den Sechzigern. Er trug die graue, knapp anschließende Uniform eines österreichischen Feldmarschalllieutenants, auf welcher das einfache Maria-Theresienkreuz neben dem Kommandeur des Leopoldordens und dem Malteserkreuz glänzte. Sein rothes volles Gesicht, das auf einem auffallend kurzen Hals aus dem eng zugeknöpften Uniformkragen hervorsah, trug den Ausdruck unverwüstlicher Laune und Heiterkeit, seine dunkeln, blitzenden Augen funkelten voll Leben und lustiger Bosheit, der kurze Schnurrbart und das volle Haar waren schneeweiß und sein Kopf war so kurz geschoren, daß das bürstenartige weiße Haar auf dem rothen vollen Gesicht zu dem treffenden und in der wiener Gesellschaft verbreiteten Vergleich Anlaß gegeben hatte, des Feldmarschalllieutenants Reischach Kopf sehe aus wie eine überzuckerte Erdbeere.

Der Feldmarschalllieutenant Baron Reischach, einer der tapfersten Offiziere der österreichischen Armee, zum aktiven Dienst jetzt untauglich durch die vielen Wunden, mit denen sein ganzer Körper übersäet war und die ihn häufig viel leiden ließen, lebte in der wiener Gesellschaft als ein überall gern gesehener Hausfreund, der es möglich machte, an den verschiedensten Orten zu sein, der Alles wußte, was nur irgend zu wissen war, und der durch seine spaßhaften Geschichten aus jedem Kreise die Langeweile zu verscheuchen verstand.

Machte man Vormittags eine Visitentournée, so war man sicher, ein oder gar mehrere Male mit dem Baron Reischach zusammenzutreffen, der es nie unterließ, sich nach dem Befinden aller seiner alten Freundinnen zu erkundigen, ihnen die Tagesneuigkeiten zu bringen und kleine Attentions zu erweisen. Abends war er im Burgtheater zu finden und man sah ihn in den Zwischenakten in den Logen der älteren Damen der wiener Gesellschaft erscheinen, wobei er indeß immer noch Zeit fand, einen Blick auf die Bühne zu werfen und der einen oder der andern unter den ersten Schauspielerinnen ein Kompliment über ihre Toilette oder ihr Spiel zu sagen – nach der Theaterzeit fand man ihn in den Salons – bald einen großen Raout durcheilend, hier ein Bonmot lancirend, dort eine pikante Neuigkeit einsammelnd, bald auf eine Viertelstunde an dem Theetisch eines kleinen Zirkels verweilend und das Füllhorn seiner unerschöpflichen launigen Geschichten leerend. Noch später war er dann zu finden in einem gemüthlichen Winkel des Speisesaals im Hotel zur Stadt Frankfurt, bei einem Glase alten Ungarweins, wo er die Seele eines jovialen Abendzirkels bildete, dessen Kern aus den Grafen Wallis, Fuchs und Wrbna bestand.

So war der Feldmarschalllieutenant Baron Reischach, der da, die Hand mit dem grünbebuschten Hut auf den Säbel gestützt, vor den Damen stand.

Etwas sehr Spaßhaftes mußte er ihnen gesagt haben, denn die Gräfin Mensdorff lachte laut, und selbst über das ernste Gesicht der Fürstin von Serbien flog ein leichtes Lächeln.

»Nun erzählen Sie uns aber, Baron Reischach,« sagte die Gräfin Mensdorff, »was Sie für Beobachtungen heute an der Burg gemacht haben – nicht wie die Wolter gespielt hat, – das wissen wir schon, die ist ja für Sie immer süperbe, unvergleichlich – nein, sagen Sie uns ein wenig, was Sie sonst im Hause und in den Logen beobachtet haben – da ist gewiß wieder sehr Vieles passirt oder nicht passirt, was Sie uns zu erzählen haben. Sie sehen, Sie haben die Fürstin schon zum Lächeln gebracht, machen Sie sie ganz heiter.«

Der Feldmarschalllieutenant erwiederte mit leichter Verbeugung gegen die Fürstin Obrenowitsch: »Ich weiß nicht, ob die Fürstin einem Weltkinde wie mir lange zuhören möchte – übrigens passirte auch gar nichts. Unser junger mecklenburgischer Ulane war sehr lange in der Loge der Gräfin Frankenstein und sprach sehr lebhaft mit der Comtesse Clara, was einige unserer Freundinnen, die Sie kennen, sehr zornig machte. Ich sah –«

Hier wurden die weiteren Mittheilungen des Feldmarschalllieutenants durch den Gegenstand seiner Beobachtungen, den jungen Ulanenoffizier von Stielow, unterbrochen, der herantrat, um die Gräfin Mensdorff zu begrüßen.

Diese lächelte. »Wir sprachen von Ihnen, Baron Stielow, man will Sie heute Abend im Burgtheater so beschäftigt gesehen haben, daß Sie der Wolter nicht die gehörige Aufmerksamkeit schenken konnten, – was der Herr von Reischach sehr übel genommen hat.«

Der junge Offizier erröthete leicht, grüßte den Feldmarschalllieutenant in militärischer Haltung und sagte: »Seine Excellenz ist ein sehr scharfer Beobachter, wenn er mir die Ehre erzeigt hat, mich zu bemerken – ich war nur kurze Zeit in der Burg und habe dort nur einige Bekannte in ihren Logen besucht.«

Herr von Reischachs neckische Bemerkung, welche er auf der Zunge zu haben schien, wurde durch das Herantreten eines großen Herrn in der Generalsuniform und einer schlanken eleganten Dame unterbrochen, welche kamen, um die Dame des Hauses zu begrüßen, und dem Herrn von Stielow die Gelegenheit gaben, sich zurückzuziehen und der Fortsetzung des begonnenen Gesprächs auszuweichen.

Es war der Graf Clam Gallas, welcher soeben mit seiner Gemahlin, einer jüngeren Schwester der Gräfin Mensdorff, erschienen war. Der Graf, eine hohe Gestalt, bei dem die Uniform nicht die Nonchalance des großen österreichischen Kavaliers einzuengen im Stande war, einen fast Habsburgischen Typus in den Gesichtszügen, mit dem goldenen Vließ dekorirt, reichte seiner Schwägerin mit kordialer Einfachheit die Hand, während seine Gemahlin, eine nicht mehr ganz junge Dame von selten eleganter Figur und wunderbar konservirter Schönheit, sich neben der Fürstin Obrenowitsch in einem Fauteuil niederließ.

»Wo ist denn der Mensdorff,« fragte der Graf Clam Gallas, »ich habe ihn nicht gesehen – er ist doch nicht wieder krank geworden?«

»Er wurde zum Kaiser gerufen,« erwiederte die Gräfin, »und wenn er zurückkommt, wird er wohl noch Einiges zu erledigen haben – ich habe ihn schon entschuldigt, – er wird aber wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen.«

»Ich habe Wunderdinge von Ihrem Fest in Prag gehört, Gräfin,« wendete sich der Feldmarschalllieutenant von Reischach an die Gräfin Clam – »man kann nicht genug davon erzählen, die Gräfin Waldstein, die ich heute bei der Fürstin Lori Schwarzenberg traf, war noch ganz enchantirt davon.«

»Ja, es war sehr gelungen,« sagte die Gräfin Clam, »und hat uns Allen viel Freude gemacht. Wir hatten die Idee,« fuhr sie fort, indem sie sich zur Fürstin Obrenowitsch wendete, »in Prag Wallenstein's Lager aufzuführen, – das ist nun allerdings schon recht oft aufgeführt und würde nichts Besonderes sein – das Eigentümliche dabei war aber, daß die Vertreter der Wallenstein'schen Armee, welche Schiller so wunderbar lebendig im Geiste jener Zeiten uns vorführt, von lauter Abkömmlingen der Feldobersten des dreißigjährigen Krieges dargestellt wurden. Es kam dadurch eine ganz besondere Bedeutung und ein ganz besonderer Geist in die Vorstellung – ich versichere Sie, wir waren Alle angeweht vom Hauch der Vergangenheit, und sowohl die Darstellenden wie die Zuschauer befanden sich in wirklich gehobener Stimmung. Der Geist des alten mächtigen Oesterreichs stieg waffenklirrend vor uns empor, und wenn die schwedischen Hörner geblasen hätten, so wäre die ganze Gesellschaft zu Pferde gestiegen, um hinaus zu reiten wie ihre Vorfahren.«

»Ja,« sagte der Graf Clam, »es war ein mächtiger Eindruck, den wir Alle empfanden – nun, wenn's Gott will, wird ja wohl die Zeit kommen, wo wir noch einmal den österreichischen Degen ziehen können, um kaiserlicher Majestät wieder zu ihrer Stellung im Reich zu verhelfen. Mir will es scheinen, als ob die Zeichen der Zeit nach Sturm aussähen und als ob wir reiten werden.«

Eine augenblickliche Stille trat ein. Herr von Reischach sah ernst vor sich hin und schwieg, wie immer, wenn von Politik und kriegerischer Aktion die Rede war – es that das dem alten Soldatenherzen weh – konnte er doch mit seinen zerhauenen und zerschossenen Gliedern nicht mehr dabei sein.

Die Gräfin Mensdorff in feinem Takte wollte in ihrem Salon politischen Erörterungen keinen Raum geben und unterbrach die kleine Pause, indem sie sich lächelnd zu dem Feldmarschalllieutenant von Reischach wendete:

»Schade, daß Sie nicht dort waren, Baron Reischach, Sie hätten gewiß den Kapuziner vortrefflich gegeben und der sündigen Welt Moral gepredigt.«

»Ohne Zweifel,« sagte der Feldmarschalllieutenant und fügte mit komischem Pathos hinzu: »
Contenti estote, begnügt euch mit eurem Kommißbrode!«

»Ja, wenn eine Gänseleberpastete darauf liegt und ein alter Ungar daneben steht,« lachte Graf Clam, – »dann läßt er das Kommißbrod liegen.«

»
Nullum vinum,« rief Herr von Reischach mit der Hand abwehrend und den Kopf schüttelnd – »
nisi Hungaricum!« fügte er dann leiser, sich gegen die Fürstin Obrenowitsch verneigend, hinzu, welche durch ein leichtes Lächeln für das ihren heimischen Reben gezollte Kompliment dankte.

Neue Gäste traten hinzu, der Kreis der Damen vergrößerte sich und der Graf Clam ging mit dem Baron Reischach plaudernd in den vorderen Salon.

Hier waren die sämmtlichen Damen- und Herrengruppen im lebhaften Gespräch, – die jüngere Welt mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die älteren Damen das Treiben der jüngeren beobachtend und die Herren forschende Blicke nach den Mitgliedern des diplomatischen Korps richtend, welche mit einander bald flüchtige Worte wechselten, bald in längerem Gespräche verweilten.

In der Mitte des Salons unter der reich erleuchteten Krystallkrone stand der französische Botschafter, Herzog von Gramont, eine hohe Gestalt von untadelhafter, beinahe militärisch gerader Haltung, den weißen Stern der Ehrenlegion auf dem schwarzen Frack, das breite dunkelrothe Band über der Brust. Ein kurzer schwarzer Backenbart rahmte sein längliches, fein geschnitztes Gesicht ein, das jenen Typus der altfranzösischen Aristokratie trug – anmuthige Freundlichkeit mit vornehm zurückhaltender Würde. Sein sehr kleiner, schön geschnittener Mund wurde durch einen spitzen, aufwärts gedrehten Schnurrbart leicht beschattet, seine Stirn war hoch und frei, aber mehr sanft gerundet als kühn gewölbt, aus seinem dunkeln Auge blickte jene phlegmatische Sorglosigkeit, welche ebenfalls ein Erbtheil des alten französischen Adels ist und ihn in so vielen Phasen der Geschichte dahin geführt hat, die wichtigsten und ernstesten Dinge mit einer Leichtigkeit zu behandeln, die man sich oft nicht zu erklären weiß. Sein noch vollkommen schwarzes Haar war in sorgfältig geordneter Coiffure über der Stirne in eine Art von kleinem Toupé zusammengefaßt, das seiner ganzen Erscheinung noch mehr den Stempel jener altfranzösischen grandseigneurs aufdrückte, welche in der Umgebung der großen, mächtigen Prunkgemächer und der gerade geschnittenen, steifen Parkalleen ein so leichtes und anmuthig sorgloses Leben zu führen verstanden.

Der Herzog stand einen Augenblick allein, die Gesellschaft musternd, als, das Gespräch mit einigen Damen beendend, ein Herr in mittleren Jahren auf ihn zutrat, dessen scharf markirtes, mageres Gesicht bei Weitem nicht die sorglose, vornehme Ruhe des französischen Botschafters ausdrückte, vielmehr in stetem Wechselspiel der Züge sich veränderte. Er trug einen Backenbart und sein dunkelblondes Haar hatte jenen eigentümlichen Schnitt und Fall, den man bei norddeutschen Militärs findet. Er war kleiner als der Herzog, seine Bewegungen lebhaft und gewandt, seine Toilette von untadelhafter Einfachheit und über seine Brust lief das breite weiß und orange Band des preußischen rothen Adlerordens.

Herr von Werther, der preußische Gesandte, begrüßte den Herzog mit ausgezeichneter Höflichkeit, aber ohne jene Vertraulichkeit, welche ein näheres persönliches Verhältniß andeutet.

»Endlich finde ich eine Gelegenheit, Herr Herzog,« sagte Herr von Werther in französischer Sprache, »Ihnen guten Abend zu sagen wie befindet sich die Herzogin, ich sehe sie nicht –«

»Sie ist etwas erkältet,« erwiederte der Botschafter, – und Frau von Werther – sie scheint auch von dieser Saison der Grippe an's Haus gefesselt –«

»Sie ist in der That leidend und auch ich wäre nicht ausgegangen,« sagte Herr von Werther lächelnd – »wenn es nicht unsere Pflicht wäre, Neuigkeiten zu sammeln.«

»Und haben Sie diesen Zweck erreicht?« fragte der Herzog.

»Noch nicht – Graf Mensdorff ist beim Kaiser, wie mir die Gräfin sagte, und bisher habe ich nichts gehört, als die verschiedenen Cancans aus der Gesellschaft. – Doch,« – fügte er etwas ernster und in leiserem Tone hinzu, »scheint mir die Luft voll ernster Dinge zu sein – Sie werden wissen, daß hier eine ziemlich unverträgliche Stimmung mehr und mehr um sich greift –«

»Ich bedaure, wenn das so ist,« sagte der Herzog von Gramont, »denn ein scharfer Zusammenstoß der entgegenstehenden Ansichten – und Ansprüche kann nur zum Kriege führen, der mir persönlich nicht wünschenswert erscheint.«

»Sie wissen,« erwiederte Herr von Werther, »daß wir gewiß den Krieg nicht suchen, aber dürfen wir ihn um den Preis unserer Machtstellung und unserer Würde vermeiden? Würden Sie uns das rathen können?«

»Wir stehen den Ereignissen fern und verhalten uns ihnen gegenüber beobachtend,« sagte der Herzog zurückhaltend, »und wir können nur gute Wünsche haben, Rath zu geben kommt uns nicht zu, wenn man uns nicht zur Vermittelung auffordert. – Uebrigens sehen Sie,« fügte er mit verbindlichem Lächeln hinzu, »man beobachtet uns, wir stehen hier isolirt und man möchte Konsequenzen aus unserer harmlosen Unterredung ziehen –«

»Sie haben Recht,« erwiederte Herr von Werther, »entziehen wir uns den neugierigen Blicken.«

Und mit leichter Verbeugung gegen den Herzog wendete er sich, indem er leise vor sich hinflüsterte: »Er weiß Nichts« – zu einem großen, starken, älteren Herrn mit kahler Stirn, scharfen Zügen und lebhaften braunen Augen in der hannöverischen Generalsuniform, der einige Schritte von ihm stand.

»Guten Abend, General Knesebeck,« sagte er zu diesem, der ihn mit militärischem Anstand begrüßte, »was haben Sie für Nachrichten aus Hannover?«

»Seit einiger Zeit gar keine,« erwiederte der General langsam und zurückhaltend, »mein Bruder lebt still auf dem Lande und schreibt mir selten, kümmert sich auch wenig um das, was in Hannover vorgeht.«

»Ich freue mich herzlich,« fuhr Herr von Werther fort, »daß Graf Platen in Berlin war, und wie ich von dort höre, ist der Besuch sehr freundschaftlicher Natur gewesen, Gott gebe, daß das dazu beitragen möge, so manche kleine Verstimmungen verschwinden zu lassen, die leider hie und da zwischen Preußen und Hannover bestanden, während doch beide Staaten bestimmt sind, einig mit einander zu gehen, wie die Geschichte und die Traditionen des siebenjährigen Krieges uns ermahnen.«

»Ich bedaure von Herzen die Verstimmungen, die von beiden Seilen hie und da veranlaßt sind,« erwiederte Herr von Knesebeck, »wir sind in Hannover gewiß auf Einigkeit mit unserem Nachbar hingewiesen; vor Allem aber müssen wir, so viel an uns liegt, auch immer daran arbeiten, die Einigkeit unter allen deutschen Mächten zu erhalten. Wir finden unsere Sicherheit nach Innen und Außen vorzüglich in der Freundschaft der beiden deutschen Großmächte und in einiger Macht des deutschen Bundes. Gott erhalte diese.«

Eine weitere Bemerkung des Herrn von Werther wurde durch das Herantreten des englischen Botschafters, Lord Bloomfield, abgeschnitten, eines Mannes mit jenem scharfgeschnittenen, charakteristischen Gesicht der englischen Aristokratie, von gesundem, lebensfrischem Ausdruck, mit dem grünen Bande des irischen Ordens der Distel dekorirt, der beide Herren begrüßte und das Gespräch auf die leichten Tagesereignisse der wiener Gesellschaft leitete.

Während so in den Salons der Gräfin Mensdorff die Soirée ihren gleichmäßigen, gewöhnlichen Verlauf nahm und auf der Oberfläche der eleganten, lächelnden Gesellschaft sich nichts von der unruhigen Spannung zeigte, welche im Innern so mancher Anwesenden vorhanden war, saßen auf der andern Seite der Staatskanzlei, in dem großen, mit blauen Seidenmöbeln und gleichen blauen Fenstervorhängen ausgestatteten Vorsaal vor dem Kabinet des Ministers, zwei Männer in den weiten Fauteuils um den großen runden Tisch an der Langseite des Saales. Ein leichtes Feuer flackerte in dem großen Kamin in der Ecke und eine mächtige Lampe mit weiter Kuppel von weißem Milchglas, welche auf dem Tisch stand, ließ den großen Raum im Halbdunkel, während sie die Gesichter der beiden Personen hell erleuchtete und einen schwachen Reflex auf das lebensgroße Bild des Kaisers Franz Joseph warf, das in prachtvollem Goldrahmen die Mitte der Wand erfüllte und den Kaiser in der großen Generalsuniform in der jugendlichen Schönheit des frühen Alters zeigte, in welchem er den Thron bestiegen hatte.

Der eine dieser beiden Männer saß nachlässig hingelehnt in seinem Lehnstuhl. Er mochte die Mitte der Fünfzig erreicht haben. Sein Gesicht trug den Stempel des geistreichen Lebemannes, mit einer gewissen Beimischung von katholischer Schwärmerei, einen Gesammtausdruck, wie man ihn zuweilen auf alten Bildern von Kardinälen und Prälaten findet. Eine gewisse behagliche Haltung, die weichen, feinen und weißen Hände, die bequem elegante Toilette vervollständigten diesen Anklang an die Bilder geistlicher Herren aus der italienischen Schule.

Es war der Unterstaatssekretär Geheimerath Freiherr von Meysenbug, und neben ihm saß der Ministerialrath von Biegeleben, eine lange Gestalt, steif, trocken und pedantisch, mit leberkranker Gesichtsfarbe und bureaukratischverbissenem Ausdruck. Seine Erscheinung hielt die Mitte zwischen einem Professor und einem Kanzleidirektor, er saß gerade auf seinem Stuhl, den Hut in der Hand.

»Der Graf bleibt lange,« rief Herr von Meysenbug ungeduldig, indem er mit den feinen Fingern auf der dunkeln Decke des Tisches trommelte, »ich bin sehr gespannt, was er bringen wird – ich fürchte, ich fürchte, er spielt uns noch einen Streich und bewegt Seine Majestät zum Einlenken!«

»Das glaube ich nicht,« erwiederte Herr von Biegeleben mit langsamer und ruhiger Stimme, »Seine Majestät ist zu sehr durchdrungen von der Idee, die alte Stellung der Habsburger in Deutschland wieder herzustellen, als daß er daran denken sollte, mit den berliner Ansprüchen zu paktiren. Er hat in Frankfurt die glorreichen Erinnerungen des Reiches wiederaufleben gesehen und zugleich bitter und tief den échec empfunden, den ihm der preußische Widerstand damals bereitete, – er wird festhalten.«

»Aber Graf Mensdorff will abgehen, er will die Verantwortung der Folgen eines Bruches nicht auf sich nehmen!« sagte Herr von Meysenbug nachdenklich.

»Nun und wenn er es thäte?« fragte Herr von Biegeleben mit einem steifen Lächeln – »der Kaiser würde vielleicht noch entschiedener und rascher vorgehen.«

»Vielleicht,« sagte Herr von Meysenbug, »aber Graf Mensdorff ist doch schließlich eine lenksame Natur und – bedarf des Rathes, – würden wir die Fäden so in der Hand halten wie jetzt, wenn er einen Nachfolger fände?«

»Ich besorge nicht, daß wir überflüssig würden,« sagte Herr von Biegeleben. »Sie, Excellenz, stehen zu fest auf der römischen Basis und es würde schwer sein, Sie zu beseitigen, – ich für meine geringe Person – nun wen haben wir hier, der die deutschen Angelegenheiten kennt und bearbeiten kann? – Herrn von Gagern?«

Herr von Meysenbug zuckte mit den Achseln und machte eine leichte Bewegung mit der Hand.

In diesem Augenblick öffnete sich die äußere Thüre des Vorsaals und Graf Mensdorff trat ein.

Die Erscheinung dieses Ministers, der bestimmt war, Oesterreich einer so schweren Katastrophe entgegenzuführen, bot nichts Außergewöhnliches.

Er war ein Mann von mittlerer Größe, einem feinen, vornehmen Gesicht von französischem Typus und kränklichem Teint, kurzem schwarzem Haar und kleinem schwarzem Schnurrbart. Er trug die Uniform des Feldmarschalllieutenants und den Stern des Leopoldsordens. Seine Haltung war in Folge chronischer Kränklichkeit schwankend und unsicher und er suchte sich stets einer längeren Unterhaltung im Stehen zu entziehen, die ihn angriff.

Die beiden Herren erhoben sich.

Graf Mensdorff begrüßte sie und sagte: »Ich bedaure, daß Sie gewartet haben, meine Herren, ich wurde länger aufgehalten, als ich dachte.« Dann ging er durch den langen Saal in sein Kabinet, die Herren von Meysenbug und Biegeleben einladend, ihm zu folgen.

Alle Drei traten in das Kabinet des Ministers, einen weiten Raum, ebenfalls nur durch eine auf dem großen Schreibtisch in der Mitte stehende Lampe erleuchtet.

Graf Mensdorff ließ sich erschöpft in den vor dem Schreibtisch stehenden Lehnstuhl sinken und athmete befriedigt auf, als er auf demselben, den Arm bequem auf die Seitenlehne gestützt, Platz genommen, indem er die beiden Herren durch eine Handbewegung aufforderte, an der Seite des Schreibtisches sich neben ihn zu setzen.

Die drei Männer saßen einen Augenblick schweigend. In den Gesichtszügen der beiden Ministerialräthe drückte sich die lebhafteste Spannung aus, – Graf Mensdorff blickte ermüdet vor sich hin.

»Nun, meine Herren,« sagte er endlich, »es scheint, daß Ihre Wünsche erfüllt werden. – Seine Majestät der Kaiser will keinen Schritt rückwärts, er will um keinen Preis die Bundesreformvorschläge Preußens in Norddeutschland zur Geltung kommen lassen, mit einem Wort, er ist entschlossen, nach allen Richtungen energisch vorzugehen und die große deutsche Frage mit Entschiedenheit anzufassen – auf die Gefahr hin, daß daraus der Bruch entstehe – und der Krieg,« setzte er leise mit einem halb unterdrückten Seufzer hinzu.

Die Herren von Meysenbug und von Biegeleben sahen sich mit dem Ausdruck lebhaftester Befriedigung an und warteten dann gespannt auf die weiteren Mitteilungen des Grafen Mensdorff.

»Ich habe übrigens nichts unterlassen,« fuhr dieser fort, »um Seine Majestät von solch' entscheidendem Entschluß und so folgenschwerer Politik abzubringen. Sie wissen, ich mache keinen Anspruch, viel von der Politik zu verstehen – darin muß ich mich auf Sie und Ihr besseres Wissen verlassen – aber ich bin Soldat – und wenn ich mich auch nicht für einen großen General halte, so versteh' ich doch vollkommen, was zu einer schlagfertigen Armee gehört. – Nun, meine Herren, die Politik, die wir jetzt machen wollen, führt zum Krieg – denn der Bismarck ist halt nicht der Mann, der sich etwas bieten läßt – zum Kriege aber gehört eine schlagfertige Armee, die dem Gegner gewachsen ist – und die haben wir nicht, ganz und gar nicht, nach meiner militärischen Ueberzeugung. Wohin soll uns das also führen?« Er hielt erschöpft und nachdenklich inne.

»Aber Eure Excellenz müssen die Dinge nicht zu schwarz ansehen,« sagte Herr von Meysenbug, »wir haben 800,000 Mann, wie das Kriegsministerium konstatirt, und –«

»Das Kriegsministerium,« fiel Graf Mensdorff lebhaft ein, »mag konstatiren was es will – ich bin praktischer Soldat und frage wenig nach den Akten des Kriegsministeriums – ich kenne aber die Armeeverhältnisse ganz gut, und wenn wir die Hälfte von Ihren 800,000 Mann marschiren lassen können – so will ich froh sein. – Und damit sollen wir auf zwei Kriegstheatern operiren,« fuhr er fort, »denn Sie werden es sehen, beim ersten Kanonenschuß fängt Italien an, – ich bin sogar überzeugt, daß da schon eine Allianz mit Preußen besteht –«

Herr von Biegeleben lächelte mit der Miene eines überlegenen Fachmannes, der einen Dilettanten sprechen hört, vor sich hin und bemerkte dann in geschäftsmäßig ehrerbietigem Tone: »Eure Excellenz darf ich daran erinnern, daß unsere Gesandtschaften in Berlin und Florenz auf das Bestimmteste einberichten, daß von einer preußischitalienischen Allianz keine Rede sei, ja daß die leichte Spannung wegen der Schwierigkeiten, die Preußen der Anerkennung Italiens gemacht, noch immer fortbestehe. – Uebrigens würde Italien nicht – wie mir heute noch der Herzog von Gramont sagte – die französische Vermittelung behufs der Abtretung von Venetien gegen volle Entschädigung so eifrig nachsuchen, wenn es eine preußische Allianz geschlossen hätte oder zu schließen im Begriff stände.«

»Ja, ja,« sagte Graf Mensdorff nachdenklich, »die Gesandtschaften berichten, daß keine preußisch-italienische Allianz da sei, ich weiß es wohl – und doch bin ich vom Gegentheil überzeugt – ich bin auch überzeugt, daß die ersten Fäden dieser Allianz in Paris zusammenlaufen, – ich habe ein Gefühl für so etwas – wenn es auch nicht in den Berichten der Akten steht –«

»Aber,« warf Herr von Meysenbug ein, »der Herzog von Gramont würde doch nicht –«

»Gramont!« unterbrach ihn Graf Mensdorff lebhafter als bisher, – »und glauben Sie denn, daß Gramont weiß, was in Paris vorgeht? Glauben Sie, daß der Kaiser Napoleon das letzte Wort seiner labyrinthischen Politik in offiziellen Expeditionen an Gramont schreiben lassen wird? – Gramont weiß, was er sagen soll – und,« fügte er leiser und langsamer hinzu, – »er soll gewiß nichts sagen, was den Krieg verhindern könnte, denn dieser Krieg paßt zu sehr in die französischen Interessen; die preußisch-österreichische Waffenbrüderschaft in Holstein hat in Paris große Furcht erregt, darum soll Deutschland in blutigem Riß auseinanderklaffen, – wer in diesem Kriege geschlagen wird, in dem wird Deutschland besiegt, und wer da siegt – soll für Frankreich siegen!«

»Eure Excellenz sehen aber in der That Schwarz in Schwarz,« sagte Herr von Meysenbug mit leichtem Lächeln, – »im Gegentheil, ich hoffe, daß der Sieg der österreichischen Waffen Deutschlands Einigkeit unter der kaiserlichen Fahne wieder herstellen wird – und wenn Italien sich rührt, so werden wir diesem wüsten Königreich, das Kirche und Staatsordnung mit Vernichtung bedroht, ein schnelles Ende machen!«

»Wollte Gott, ich könnte Ihren Glauben theilen,« sagte Graf Mensdorff trübe, »allein ich kann an den Sieg der österreichischen Waffen nicht glauben, und wenn Benedek die Armee und ihre Verhältnisse kennen wird, wie ich sie kenne, so wird er dasselbe sagen. – Ich habe das auch dem Kaiser Alles gesagt,« fügte er noch leiser hinzu, »und habe gebeten, mir dieß Ministerium abzunehmen, das mir die Verantwortung für eine Politik auflegt, die schweren Katastrophen zuführt.«

»Aber Excellenz!« riefen die Herren von Meysenbug und Biegeleben erschreckt.

»Nein, nein,« sagte Graf Mensdorff mit mattem Lächeln, – »ich gehe noch nicht, Seine Majestät hat mir befohlen, auf dem Posten zu bleiben, und als Soldat bleibe ich, – als Soldat,« wiederholte er mit Betonung, »denn wäre ich ein politischer Minister der modernen Schule, so bliebe ich nicht, – so aber – nun die Ordre ist gegeben, jetzt also heißt es vorwärts. – Wie also können wir es machen, daß die Sache zur Entscheidung, zum Entweder, Oder kommt? – denn wenn einmal gehandelt werden soll, so bin ich für baldiges Handeln, jeder Tag gibt unseren Gegnern neue Stärke.«

»Das Mittel ist einfach,« sagte Herr von Biegeleben, indem er sich noch gerader auf seinem Stuhl aufsetzte und die rechte Hand in dozirender Bewegung erhob, – »die holsteinischen Stände wünschen dringend einberufen zu werden, um sich über die Lage des Landes und die Erbfolge auszusprechen – rufen wir sie zusammen; das durchkreuzt alle Absichten Preußens und zwingt die Herren in Berlin, Farbe zu bekennen; zugleich aber erhalten wir dadurch eine gewaltige Stütze in der Sympathie der Herzogthümer und der großdeutschen Partei in Deutschland.«

»Aber wir sind nur ein Kondominus in den Herzogtümern,« warf Graf Mensdorff ein, »die Souveränetätsrechte üben wir nach dem Gast einer Vertrag nur mit Preußen gemeinschaftlich aus –«

»Gerade dieser Punkt, – erlauben Eure Excellenz.« unterbrach ihn Herr von Biegeleben, »führt den Konflikt herbei, und kommt er, so tritt er für uns unter den günstigsten Bedingungen ein, für eine volkstümliche Sache.«

»Nun, mir scheint es nicht ganz recht,« sagte Graf Mensdorff, »und auf die Sympathieen der Bierhausredner in den Herzogtümern und in Deutschland, auf die Sänger und Turner gebe ich sehr wenig – lieber hätte ich eine Armee wie die preußische, – aber seien Sie so gut, mir ein kleines Memoire darüber zu machen mit der Instruktion an Gablenz, damit ich es Seiner Majestät vorlegen kann.«

Herr von Biegeleben verneigte sich im rechten Winkel und über Herrn von Meysenbug's Gesicht flog ein leichtes Lächeln der Befriedigung.

»Wie sieht es in Deutschland aus?« fragte Graf Mensdorff, »wie steht es in Sachsen? Ist man dort fertig?«

»Vollkommen,« erwiederte Herr von Biegeleben. »Herr von Beust ist sehr ungeduldig und hat eine Denkschrift gesendet, in welcher er die Notwendigkeit schnellen Handelns auseinandersetzt. Auch er hält die Einberufung der holsteinischen Stände für das beste Mittel, Licht und Klarheit in die Situation zu bringen. Die Stimmung der Bevölkerung in Sachsen ist vortrefflich. Wollen Eure Excellenz die Note des Herrn von Beust lesen?«

Er öffnete das Portefeuille, das er vor sich auf den Tisch gelegt hatte.

Graf Mensdorff wehrte mit der Hand ab.

»Wo der Beust nur die Zeit hernimmt, das Alles zu schreiben!« sagte er mit mattem Lächeln und einem leisen Seufzer. – »Wie steht es mit Hannover?« fuhr er dann fort, »haben wir dort Hoffnung?«

»So eben ist der Kurier mit dem Bericht des Grafen Ingelheim angekommen,« erwiederte Herr von Biegeleben, indem er aus seiner Mappe eine Depesche nahm und sie leicht durchblätterte, – »er ist zufrieden. Graf Platen ist von Berlin zurückgekommen und hat versichert, daß alle dort gemachten Versuche, ihn zu gewinnen und die hannöverische Politik nach Preußen herüberzuziehen, vergeblich gewesen seien. Er habe nichts versprochen und hat dem Grafen Ingelheim gesagt, er hoffe, man werde in Wien seine Gesinnungen kennen.«

»Ja wohl kenne ich ihn,« sagte Graf Mensdorff halb für sich mit leichtem Achselzucken. – »Und der König Georg?« fragte er dann.

»Der König,« erwiederte Herr von Biegeleben, »will von Krieg nichts wissen, er betont jedesmal, das gute Einvernehmen zwischen Oesterreich und Preußen sei Deutschlands Heil – indeß, wenn es zum Bruch kommt, so wird der König gewiß auf unserer Seite stehen.«

»Das scheint mir nicht sicher,« sagte Graf Mensdorff, »der König Georg ist, wie ich ihn beurtheile, deutsch und welfisch, – aber nicht österreichisch. Auch sollen die Traditionen des siebenjährigen Krieges in ihm lebendig sein.« –

»Es ist richtig,« nahm jetzt Herr von Meysenbug das Wort, »daß der König von Hannover nicht österreichisch gesinnt ist, und doch glaube ich, ist er uns sicher, trotzdem mächtige preußische Einflüsse ihn umlagern. Man muß zunächst versuchen, ihm etwas zu bieten, das seinen Ideen entspricht; der König träumt von der Größe Heinrich's des Löwen – Graf Ingelheim weiß durch den Doktor Klopp, daß er sich viel mit der Geschichte seines großen unglücklichen Vorfahren beschäftigt –«

»Doktor Klopp? Was ist das?« fragte Graf Mensdorff mit leichtem nervösem Gähnen.

»Ein früherer Lehrer, der im Jahre 1848 sich als Demokrat und Vertheidiger der Reichsverfassung schwer kompromittirte, jetzt aber konvertirt ist.«

»Zu unserer Kirche?« fragte Graf Mensdorff.

»Das – nicht« – erwiederte Herr von Meysenbug nach leichtem Zögern – »aber zu unseren Gesinnungen und Interessen. Er zeigt große Gewandtheit für historische Darstellungen in unserem Interesse und man hat ihm einen gewissen Ruf gegeben, so daß ihm die Herausgabe der Leibnitziana übertragen ist. Er sieht Graf Platen viel und ist uns sehr nützlich.«

»So so,« sagte Graf Mensdorff lächelnd, »das ist wohl Ihre Privatdomäne, lieber Meysenbug?«

»Ich interessire mich allerdings sehr für den strebsamen Schriftsteller,« erwiederte Herr von Meysenbug ruhig, »den übrigens Graf Ingelheim ganz besonders in Hannover protegirt.«

»Nun – und die Anerbietungen an den König Georg?« fragte Graf Mensdorff.

»Meine Meinung ist,« sagte Herr von Meysenbug, »daß man für das hannöverische Bündniß das preußische Westphalen und Holstein bei günstigem Ausgang des Krieges bietet. Wir schafften dadurch eine stärkere und widerstandsfähigere Position im Norden, und das so verstärkte Hannover würde demnächst nie mit Preußen in freundliche Beziehungen kommen können, sondern ganz auf uns angewiesen sein.«

»Die Verkeilung des Bärenfells, dessen Träger noch im Walde spazieren geht,« sagte Graf Mensdorff, – »nun, machen Sie mir darüber ein Memoire, ich werde es dann dem Kaiser vorlegen. Ich zweifle aber, daß der König von Hannover für diese Anerbietungen sich und sein Land in so große Gefahr bringen wird.«

»Wir müssen ihm auch die Mittel bieten, dieser Gefahr zu begegnen. Wir haben die Brigade Kalik dort oben, stellen wir ihm diese zur Disposition und den Feldmarschalllieutenant von Gablenz dazu als General.«

»Unsere besten Soldaten,« warf Graf Mensdorff ein, – »doch er steht ja dort auf sehr wichtigem Posten, – wenn aber der König Georg das Alles nicht annimmt?«

»Dann,« sagte Herr von Meysenbug – »werden die Verhältnisse das Ihrige thun. Die Unsicherheit des Grafen Platen, der nach keiner Seite einen entschiedenen Schritt thun will, wird Mißverständnisse und Mißtrauen schaffen und schließlich eine Situation herbeiführen, welche Preußen zwingen muß, Hannover zu brüskiren, dann wird der Stolz des Königs aufwallen und bedeutende preußische Kräfte werden im Norden absorbirt werden, ohne daß wir« – fügte Herr von Meysenbug lächelnd hinzu – »vertragsmäßige Pflichten gegen Hannover haben. – Man gibt sich übrigens von Berlin aus unendliche Mühe um Hannover,« fuhr er fort, »und Hai sogar, als Graf Platen in Berlin war, eine Familienverbindung vorgeschlagen –«

»So?« fragte Graf Mensdorff aufmerksam, »welche denn?«

Herr von Meysenbug nahm aus seinem Portefeuille einen Brief und reichte ihn dem Minister, indem er mit dem Finger eine Stelle desselben bezeichnete.

»Graf Platen hat dem Grafen Ingelheim erklärt, er könne sich darauf verlassen, daß nichts aus der Sache werden würde,« sagte er mit kurzem Händereiben, während der Minister las, »und in Berlin ist der uns ganz ergebene Stockhausen, der jede Verständigung zu verhindern wissen wird.«

»Nun also, meine Herren,« sagte Graf Mensdorff, indem er aufstand und das Papier dem Herrn von Meysenbug zurückreichte, »Sie kennen nun die Intentionen Seiner Majestät, machen Sie sich an's Werk. – Ich sehe Sie doch noch drüben bei der Gräfin?«

Beide Herren verneigten sich und verließen das Kabinet.

Graf Mensdorff blieb einen Augenblick zusammengesunken in seinem Lehnstuhl sitzen. Finsterer Ernst lag auf seinen Zügen, und der Blick seines Auges, losgelöst von den Umgebungen, schien sich in weite Fernen zu verlieren.

Dann erhob er langsam das Haupt und blickte in dem großen, halbdunkeln Kabinet umher:

»O ihr großen Männer, die ihr hier in diesen Räumen über Oesterreichs Größe wachtet – könntet ihr an meiner Stelle sein. Meine Hand wäre gerne bereit, den Degen zu führen für mein Vaterland – aber das Schiff des Staats zu steuern in diesem klippenvollen Meer, dazu ist sie nicht gemacht. – Ich sehe einen Abgrund vor mir, an dessen Rand Oesterreich, mein liebes Oesterreich steht, – ich kann es nicht zurückhalten – und kann auch nicht meinen Platz verlassen, der mir die ganze Verantwortung auflegt. Ich muß auf dem Posten ausharren, weil ich Soldat bin, und kann doch nicht als Soldat handeln.«

Wieder versank er in tiefe Gedanken.

Da ertönte ein leises Klopfen an der innern Thür des Kabinets und fast unmittelbar darauf traten zwei Knaben von acht und fünf Jahren ein, zuerst schüchtern und vorsichtig; als sie aber den Grafen allein sahen, eilten sie freudig auf ihn zu und stellten sich an seinen Lehnstuhl.

Graf Mensdorff erwachte aus seiner Träumerei, – seine Züge klärten sich auf und er legte lächelnd seine Arme um die beiden Knaben.

»Wir haben Dich heute noch nicht gesehen, Papa,« sagte der Jüngere, »und da haben wir gewartet, um Dir gute Nacht zu sagen. Schlaf' wohl, lieber Papa, – wir müssen gleich zu Bett und sind auch schon recht müde.«

Graf Mensdorff streichelte leicht das Haar des Kindes und drückte, indem er beide Knaben näher an sich heranzog, einen Kuß auf ihre reinen weißen Stirnen.

»Gute Nacht, meine Kinder,« sagte er dann herzlich, – »ich danke euch, daß ihr auf mich gewartet habt – hoffentlich seid ihr den ganzen Tag artig und fleißig gewesen?«

»Ja wohl, Papa,« riefen beide Kinder mit stolzer Sicherheit, »wir hätten sonst nicht die Erlaubniß erhalten, aufzubleiben und Dich noch zu sehen!«

Des Ministers Auge, vorher so düster, leuchtete freundlich und milde, und wer ihn so dasitzen gesehen hätte, den Mann mit den weichen Zügen und dem lächelnden Blick, – die beiden Kinder im Arm, – der hätte schwerlich geglaubt, daß dies der Mann sei, der ein großes Weltreich in seiner entscheidendsten Krisis zu leiten habe und der Deutschland seiner gewaltigsten und blutigsten Katastrophe entgegenführte.

»Schlaft wohl, meine Kinder,« sagte Graf Mensdorff – »Gott segne euch!« Er küßte sie nochmals und machte über dem Haupt eines jeden das Zeichen des Kreuzes.

Freundlich blickte er ihnen nach, als sie sein Kabinet verließen, – dann wurde sein Auge wieder trübe. – »Sie sind glücklich« – flüsterte er, – »ihnen raubt noch keine Sorge den Schlaf.«

Er erhob sich und klingelte.

Sein Kammerdiener trat ein.

»Ist die Gesellschaft bei der Gräfin groß?«

»Es ist der kleine Empfangstag,« – antwortete der Kammerdiener, »aber die Gesellschaft ist sehr zahlreich.«

Graf Mensdorff seufzte, warf einen kurzen Blick in den Spiegel und verließ das Kabinet, um sich in die Salons seiner Gemahlin zu begeben.

Dort war die Gesellschaft inzwischen noch zahlreicher geworden und wogte in lebhafter Bewegung durcheinander. Die Diplomaten hatten ihre Neuigkeiten ausgetauscht oder sich vergewissert, daß es nichts zu erfahren gäbe, und sich den geselligeren Gruppen angeschlossen, um in leichtem Geplauder die Zeit bis zur Rückkehr des Ministers auszufüllen; die jüngeren Herren umflatterten die jungen Damen und man sah den Lieutenant von Stielow in lebhaftem Gespräch mit einer jungen Dame von auffallender und äußerst distinguirter Schönheit.

Diese junge Dame, die einzige Tochter der verwittweten Gräfin Frankenstein, war dieselbe, welche der Feldmarschalllieutenant von Reischach vorhin als den Gegenstand der Aufmerksamkeit des Lieutenants von Stielow im Burgtheater bezeichnet hatte, und in der That schien der junge Offizier mit ganz besonderem Eifer in das anscheinend leichte Salongespräch vertieft zu sein, denn er sah mit mehr als gewöhnlicher Teilnahme zu der jungen Dame herab, die, auf die Seitenlehne ihres Fauteuils gestützt, den Blick ihres großen braunen Auges zu ihm aufgeschlagen hatte, während ihre Hand leicht mit dem Fächer von weißen Federn spielte, der in seiner Einfachheit mit ihrer ganz weißen, mit kleinen Veilchenbouquets garnirten Toilette harmonirte.

»Es bleibt also dabei, Comtesse,« sagte Herr von Stielow, »wenn Sie mit Ihrer Frau Mama nach der Schweiz gehen, so nehmen Sie mich als Reisebegleiter an – ich kenne alle schönen Punkte und werde Sie vortrefflich führen.«

»Ich habe über unsere Reisebegleitung nicht zu bestimmen, Herr von Stielow,« erwiederte die junge Dame, – »aber ich zweifle nicht, daß es meiner Mutter sehr angenehm sein wird, wenn wir Sie in der Schweiz treffen und Sie so freundlich sein wollen, uns zu führen.«

»Das ist eine unendlich höfliche Antwort, meine Gnädigste« – sagte der Lieutenant etwas mißmuthig – »aber mir etwas zu höflich. Ich weiß wohl ganz gewiß, daß die Frau Gräfin mich höflich willkommen heißen wird, wenn sie mir begegnet, und mich auch nicht abweisen wird, wenn ich um die Erlaubniß bitte, eine Tour durch die Berge mit Ihnen zu machen, – aber –«

»Nun,« unterbrach ihn die junge Dame mit feinem, schalkhaftem Lächeln, »dann ist ja unser Reiseplan fertig und Alles in Ordnung – oder wollten Sie etwa eine unhöfliche Antwort? – das können Sie doch nicht von mir erwarten.«

»Sie sind nicht freundlich, Gräfin,« antwortete Herr von Stielow, indem er sich auf die Lippe biß und einen vergeblichen Versuch machte, den kleinen Schnurrbart mit den Zähnen zu fassen, – »Sie wissen ganz gut, daß ich keine höfliche Redensart machen will, sondern daß ich eine ernsthafte Frage stellte. Ich möchte um keinen Preis zudringlich sein und es nur der Höflichkeit Ihrer Frau Mutter verdanken, daß ich nicht fortgeschickt werde. – Sehen Sie,« fuhr er nach einem Augenblick freier und wärmer fort, – »ich verspreche mir sehr viel Freude von unserer Reise, – ich liebe die weite freie Natur und die reine Luft der Berge – und ich glaube, daß auch Sie in der Freiheit jener schönen Thäler und Höhen reichen Genuß finden werden, denn Sie haben Verständniß dafür und müssen sich dort wohler fühlen als hier – im Hauch der Grüfte, wie der Dichter sagt –«

Die junge Dame hatte ihm zugehört, indem ihr Auge immer wärmer und inniger zu ihm empor leuchtete, dann hatte sie plötzlich den Blick gesenkt und unterbrach ihn jetzt mit neckischem Ton, der aber durch das sanfte Lächeln gemildert wurde, das ihre Lippen umspielte: »Und woher wissen Sie, daß ich mich in diesem Grabeshauch der Stadt nicht ganz in meinem Element fühle?«

»Das weiß ich, Comtesse Clara,« sagte der junge Offizier lebhaft, »und weil ich das weiß, möchte ich gern Ihr Führer sein und das große Gedicht der schönen Natur mit Ihnen lesen – aber nur wenn Sie es ernstlich wollen und mich wirklich gern mitnehmen –«

»Wir machen da Pläne für den Sommer,« unterbrach sie ihn abermals, »und die ganze Welt spricht von Krieg, – wer weiß,« fuhr sie fort, und ein Schatten lagerte sich über ihre Stirn, – »ob nicht alle Pläne zu Wasser werden – oder in Flammen aufgehen! –«

»Mein Gott,« rief Herr von Stielow, »wenn der Krieg kommt, so ist natürlich Alles anders – aber das hindert uns doch nicht, Pläne zu machen für den Fall, daß es ruhig bleibt. – Also –«

»Da kommt Graf Mensdorff,« sagte die junge Dame, indem sie aufstand, »vielleicht wird man etwas Neues hören – und meine Mama winkt mir, verzeihen Sie, wenn ich Sie verlasse, Herr von Stielow, – wir werden Sie ja wohl in diesen Tagen sehen, – dann werden Sie mir erzählen, ob Sie etwas über Krieg und Frieden gehört haben und ob unsere idyllischen Reisepläne Chancen haben oder nicht –«

»Also wollen Sie mich mitnehmen?« fragte er lebhaft, – »aber ich bitte um keine höfliche, sondern um eine freundliche und aufrichtige Antwort.«

Sie sah ihn einen Augenblick fest an und sagte dann, indem eine leichte Röthe das zarte Kolorit ihres Gesichtes erhöhte: »Ja – wenn Ihnen diese stille Reise pikant genug ist – und Sie Wien vergessen können.«

Und mit leichtem, elastischem Schritt schwebte sie über das Parket nach der andern Seite des Salons hinüber, wo ihre Mutier im Kreise einiger Damen stand.

Herr von Stielow sah ihr einen Augenblick betroffen nach und mischte sich dann unter die übrigen Gruppen.

Graf Mensdorff war in der Gesellschaft erschienen und hatte sich zunächst eine Zeitlang in dem Kreise aufgehalten, der sich um seine Gemahlin gebildet.

Die Diplomaten waren unruhig geworden und begannen mit mehr oder weniger höflich versteckter Unaufmerksamkeit sich von den gleichgültigen Gesprächen loszumachen, in welche sie engagirt waren.

Endlich trat der Minister allein in den zweiten Salon. Man sah den Herzog von Gramont in seiner freien und leichten Haltung ihm entgegentreten und ihn herzlich begrüßen.

Die beiden Persönlichkeiten waren der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit – Niemand aber näherte sich, um ihr eifriges Gespräch zu stören, das etwa zehn Minuten dauerte.

Als Graf Mensdorff den Herzog verließ, stand er bei seiner Wendung dem Herrn von Werther gegenüber.

Er begrüßte ihn mit vollkommenster Höflichkeit und abermals richtete sich die Aufmerksamkeit der spähenden Seitenblicke aus allen Theilen des Saales auf diese Gruppe.

Dieselbe löste sich nach zwei Minuten.

Graf Mensdorff verließ mit tiefer Verneigung den preußischen Gesandten und ging mit lebhaften Schritten durch den Salon auf den General von Knesebeck zu, nahm dessen Arm und führte ihn etwas abseits von den Gruppen zu einem lebhaften und kordialen Gespräch.

Der Herzog von Gramont hatte sich wieder unter die Gesellschaft gemischt. Die Herren von Meysenbug und von Biegeleben waren erschienen und wurden von den Diplomaten zweiten Ranges umgeben.

Nach einer Viertelstunde fühlte man, daß eine Atmosphäre voll Eiseskälte den Baron Werther umgab, der Faden eines jeden Gesprächs, das er hier oder dort begann, fiel nach einigen Phrasen voll Höflichkeit zu Boden und nur mit großer Gewandtheit konnte er den Eindruck seiner Isolirtheit verbergen, bis die vorrückende Zeit ihm erlaubte, sich zurückzuziehen.

Allmälig leerten sich die Salons des Palais am Ballplatze.

Der Lieutenant von Stielow stieg die großen Treppen hinab und fand seinen Fiaker auf der bestimmten Stelle am Burgplatze.

Herr von Stielow gab dem Kutscher eine Adresse, stieg ein und hüllte sich in seinen weißen Mantel.

»Was hat sie sagen wollen mit der Bemerkung über das Vergessen von Wien, – sollte sie wissen? – Nun, ganz Wien weiß ja, was ich thue, und ich verberge mein Leben nicht! – Wenn sie es wollte, würde ich alle Thorheiten abwerfen – aber will sie es? –«

Er versank in Nachdenken.

»Sie wird es wollen,« rief er nach einer Weile – »und dann wird mein Lebenslauf dem reinen Stern folgen, – fort dann mit allen Irrlichtern, – die aber doch sehr reizend sind!« – setzte er flüsternd hinzu.

Der Wagen hielt vor einem großen Hause auf dem Ringe.

Herr von Stielow verabschiedete den Kutscher, grüßte den Hausmeister mit bekannter Miene und stieg zwei Treppen hinauf. Auf sein Läuten öffnete eine hübsche Kammerjungfer die Glasthüre des Vorsaals.

Der junge Offizier warf seinen Mantel ab und trat in einen sehr eleganten, dunkelblau möblirten Salon, vor dessen Kamin ein geschmackvoll arrangirter Theetisch von einer mächtigen Carcellampe beleuchtet wurde.

Auf einer Chaise longue an der Seite des Kamins lag eine schlanke junge Frau in weißem Negligé.

Ihr blasses Gesicht vom edelsten griechischen Schnitt war theils von dem weichen Licht der Lampe, theils von der rothen Glut des Kamins beleuchtet, und ihre Augen, deren tiefes Schwarz noch die Ebenholzfarbe des glänzenden, glatt gescheitelten Haares überbot, schimmerten bald in weicher, süßer Träumerei, bald funkelten sie in scharfen, blitzenden Strahlen auf.

Ihre weißen, mehr mageren als vollen Arme, von den weiten Aermeln nur halb bedeckt, ruhten in ihrem Schooße, und die schlanken Finger spielten mit einer Quaste ihres Gürtels.

Die ganze Erscheinung war von wunderbarer Schönheit, deren dämonischer Eindruck durch die wechselnden Lichtreflexe erhöht wurde, welche über das Gesicht und die ganze Gestalt hinspielten.

Bei dem Eintritt des jungen Mannes sprang sie auf und aus ihrem Auge leuchtete ein Blitz, von dem man schwer hätte sagen können, ob in seiner Glut mehr Liebe, Stolz oder Triumph flammte.

So mußte Kleopatra ausgesehen haben, als Antonius zu ihr trat.

Sie flog dem Offizier entgegen und schlang die Arme um ihn, während ihr Blick sich mit heißer Glut in seine Augen tauchte.

»Kommst Du endlich, mein süßer Freund?« flüsterte sie, »Du hast mich lange warten lassen!«

Auf dem Gesicht des jungen Mannes hatte bei seinem Eintritt, etwas wie Kälte gelegen, und in der Bewegung, mit welcher er seinen Arm um ihre Schulter legte, war vielleicht etwas mehr Höflichkeit als Zärtlichkeit gewesen.

Fühlte dieß die junge Frau?

Ihr Blick wurde noch tiefer und glühender, ihre Arme rankten sich noch fester um den Hals des Offiziers und durch ihren schlanken Körper zitterte ein leises Beben.

Ein magnetischer Strom schien von ihr auszugehen und ihren Geliebten zu durchdringen. Er führte sie sanft zu der Chaise longue, kniete vor ihr nieder und küßte ihre linke, herabhängende Hand, während sie mit der Rechten seine Haare von der Stirne strich.

Der Stern verhüllte sich in Wolken, das Irrlicht schimmerte in farbenleuchtender Glut.

Viertes Kapitel.

In das dichte Menschentreiben, welches auf dem Quai Voltaire zu Paris die Ufer der Seine entlang wogte und wie die Bilder des Kaleidoskops sich in ewig wechselnden bunten Bildern erneute, bog an einem hellen Morgen um die zehnte Stunde ein Mann ein, welcher eiligen Schrittes aus der Rue Bonaparte kam und sich über die Brücke nach den Tuilerien zu wendete.

So einfach die äußere Erscheinung dieses schmächtigen und kaum mittelgroßen Mannes war, so zog er doch die Blicke manches Vorübergehenden auf sich – allerdings nur einen Augenblick, denn länger als einen Augenblick richtet der Pariser selten seine Aufmerksamkeit auf etwas – durch die eigentümliche nervöse Geschäftigkeit und Eile seines Schrittes und durch die sichtliche nachdenkliche Voreingenommenheit, in der er, ohne rechts und links zu blicken, durch die Menge eilte mit jener Sicherheit des Ausweichens, ohne den Schritt zu mäßigen, welcher den langjährigen Bewohner der großen Weltstadt erkennen läßt.

Der Mann, welcher so dem mächtigen Bau des Königs- und Kaiserschlosses von Frankreich zueilte, war mehr als einfach gekleidet, man hätte ihn seinem Anzuge und seiner gebückten Haltung nach für den Lehrer einer Elementarschule oder den Schreiber eines Advokaten halten können, wenn nicht der schlaue, geistig bewegte Ausdruck seines scharf geschnittenen Gesichts mit dem rothweißen Teint der Nordländer, der scharfe, durchdringende Blick, der aus dem hellgrauen Auge hervorschoß, der ganzen Erscheinung einen Stempel aufgedrückt hätte, der den ersten flüchtigen Eindruck in Zweifel stellte und mehr hinter dieser unscheinbaren Gestalt vermuthen ließ, als das anspruchslose Exterieur anzeigte.

Der Mann war auf das andere Ufer der Seine gelangt und trat in das zum innern Hofe der Tuilerien führende Portal.

Er zeigte dem Posten, welcher ihm entgegentrat, ein Papier, bei dessen Anblick der Voltigeur de la Garde, welcher die Wache hatte, zurücktrat und den Eintretenden mit einem kurzen: »Es ist gut, mein Herr,« in jenen innern Hofraum der kaiserlichen Residenz einließ, den kein unberechtigter Fuß betreten durfte und in welchen nur die Equipagen des Hofes und der Großwürdenträger des Reiches einzufahren das Recht hatten.

Ohne seinen Schritt zu mäßigen, eilte der kleine Mann über den Hof vorüber an dem großen kaiserlichen Eingang, vor welchem unter dem breiten, von vergoldeten Lanzen getragenen Zeltdach eine Gruppe von Hausoffizianten und Lakaien vom Dienst sich flüsternd unterhielten, einem kleineren Portal zu, in welches er mit der Sicherheit eines mit den Lokalitäten Bekannten eintrat. Er stieg eine Treppe hinauf und trat in ein Vorzimmer, in welchem ein Huissier des Palastes, in einem großen Lehnstuhl sitzend, ruhig und würdevoll den gleichmäßigen Dienst der Antichambre verrichtete.

Der Eintretende fragte kurz: »Monsieur Pietri?«

»Monsieur Pietri ist in seinem Kabinet,« erwiederte der Huissier, sich halb in seinem Lehnstuhl erhebend.

»Fragen Sie, ob er Herrn Hansen empfangen wolle, er hat mir Rendezvous für diese Stunde gegeben.«

Der Huissier erhob sich ohne weitere Frage und trat in das Kabinet des kaiserlichen Privatsekretärs, dessen Thür er nach einigen Augenblicken mit den halblaut gesprochenen Worten öffnete: »Treten Sie ein, mein Herr!«

Der ehemalige dänische Rechtskandidat Hansen, jener unermüdliche Agitator für die Sache Dänemarks, trat in das Kabinet des vertrauten Sekretärs Napoleons III.

Dieß Kabinet war ein großer heller Raum voll von Tischen und Repositorien mit Papieren, Aktenfascikeln und Landkarten. Im Hintergrunde befand sich eine Wendeltreppe, welche in einen oberen Raum führte und deren Mündung durch eine Portière von dunklem Seidendamast verhängt war.

Vor einem großen Schreibtisch saß Herr Pietri, ein noch junger Mann von schlanker Gestalt, mit länglichem Gesicht von jenem hellen, ruhigen, geistig klaren Ausdruck, welchen die an logisch geordnete gleichmäßige Thätigkeit gewöhnte Intelligenz verleiht.

Er verneigte sich leicht gegen den Eintretenden, schob ein Paket Briefschaften zurück, mit dessen Durchsicht er sich eben beschäftigt hatte, und deutete verbindlich auf einen Lehnsessel, der in kurzer Entfernung neben dem Schreibtische stand.

»Nun,« – begann Herr Pietri die Unterhaltung indem er sein klares Auge mit einer gewissen Spannung auf den ihm Gegenübersitzenden richtete, – »Sie kommen aus Deutschland – was haben Sie gesehen und gehört? Sind die Dinge reif? Wie ist die Stimmung der Bevölkerung? Erzählen Sie mir viel, – wir müssen genau wissen, was dort vorgeht, um unsere Position zu nehmen.«

»Lassen Sie mich mit dem Mittelpunkt der Situation beginnen,« erwiederte Herr Hansen, – »ich war zunächst in Berlin und habe dort nichts versäumt, um mich über die Gesinnungen der Staatsmänner und die Stimmung der Bevölkerung zu vergewissern, und ich glaube, daß das Resultat meiner Beobachtungen ein richtiges ist.«

In diesem Augenblick ließ sich ein Geräusch am oberen Ende der Treppe im Hintergrunde des Kabinets hören, die weite, faltige Portière öffnete sich langsam, aus derselben hervor trat ein Mann und setzte den Fuß auf die oberste Stufe der Treppe.

Es war Napoleon III., der auf diesem Wege aus seinem Kabinet zu seinem Geheimsekretär herabstieg.

Bei dem Geräusch am Eingang der Treppe und dem Auseinanderschlagen der Portière erhob sich Pietri und blieb vor seinem Tische stehen.

Herr Hansen that das Gleiche.

Der Kaiser stieg langsam die Treppe herunter.

Es war nicht mehr jener schlanke Mann, den man auf den lebensgroßen Bildern über den verhüllten Thronsesseln der kaiserlichen Botschafter erblickte, der, die Hand gebieterisch auf die Krone und den Szepter Frankreichs gelegt, so stolz dasteht im wallenden Kaisermantel, die schlanke und elegante Gestalt hoch aufgerichtet.

Es war ein alter Mann, der da die Treppe herabstieg, das Embonpoint hatte die Eleganz der Gestalt zerstört, Kränklichkeit und Schmerzen die Haltung unsicher und schwankend gemacht, das ergraute Haar umfloß nicht mehr wie früher in vollen Locken die Stirn, sondern fiel matt an den Schläfen herab, und das sonst schon verschleierte und nur zuweilen in wetterleuchtendem Scheine aufblitzende Auge blickte jetzt in glanzloser, trüber Müdigkeit vor sich hin.

Der Kaiser, in einfachem schwarzen Morgenüberrock, eine Cigarrette rauchend, deren starker und feiner Duft in leichten blauen Wolken vor ihm her zog, war vorsichtig die Treppe herabgestiegen und in das Kabinet getreten.

Er kam langsam mit jenem ihm in den spätem Jahren eigentümlichen schwerfälligen und in den Hüften wiegenden Gange aus dem Hintergrunde herauf.

Vor seinem Geheimsekretär stehen bleibend, warf er einen aus dem schleierhaften Schatten seines Auges hervorleuchtenden Blick auf den sich tief verbeugenden Herrn Hansen. Er schien die ganze Erscheinung desselben in einer augenblicklichen scharfen Forschung zu erfassen und wandte dann das Haupt mit dem leichten Ausdruck einer Frage gegen Pietri.

»Sire,« sagte dieser, »Herr Hansen, ein Däne, der seinem Vaterlande ohne allen Rückhalt ergeben ist und auch uns viele Dienste geleistet hat, weil er als Däne Frankreich liebt, hat eine Reise durch Deutschland gemacht, manche Personen gesehen und war im Begriff, mir die Resultate seiner Beobachtungen mitzutheilen.«

Der Kaiser neigte das Haupt leicht gegen Herrn Hansen; jener Zug liebenswürdiger und wohlwollender Freundlichkeit, durch welche er stets eine wahrhaft bezaubernde Wirkung in der Unterhaltung hervorzubringen verstand, zog wie ein lichter Sonnenschimmer über die müde und träge Gleichgültigkeit seines Gesichts.

»Ich weiß,« sagte er mit seiner leisen, aber klaren und eindringenden Stimme, die so meisterhaft die feinsten Nüancirungen des Ausdrucks zur Geltung zu bringen verstand, »ich weiß, daß alle Dänen ihr Vaterland lieben und deßhalb auch ein warmes Herz für Frankreich, die Freundin ihres Vaterlandes, haben. Ihr Name, mein Herr, ist mir bekannt als der eines Mannes, der durch seinen glühenden und thätigen Patriotismus sich auszeichnet, – selbst in einer so patriotisch fühlenden Nation, wie die Ihrige.«

Herr Hansen verneigte sich tief, während die freudige Genugthuung über die Worte des Kaisers ihn erröthen ließ.

»Sire,« sagte er, »eine solche gnädige Anerkennung aus Eurer Majestät Munde läßt mich fast vergessen, daß der Eifer meiner Bemühungen für mein Vaterland bisher erfolglos war. Wenn Eurer Majestät mein bescheidener Name bekannt geworden ist, so wissen Sie auch, wie sehr ich Frankreich liebe und seinen Kaiser verehre, von dessen mächtigem Willen es abhängt, ob Dänemark den ihm gebührenden Platz unter den Nationen Europas wiedergewinnen und behaupten soll.«

Der Kaiser neigte leicht das Haupt. Ein eigentümlich scharfer, tief einschneidender Blick schoß aus seinen halb geschlossenen Augen auf den dänischen Agitator, dessen wieder emporgerichtetes Antlitz keinen andern Ausdruck zeigte, als die tiefste Ehrerbietung.

»Mein lieber Pietri,« sagte Napoleon III. zu seinem Sekretär gewendet, »ich kam herab, um die eingegangene Korrespondenz dieses Morgens einzusehen, haben Sie dieselbe geordnet?«

»Hier ist sie, Sire,« erwiederte Pietri, indem er einige Papiere vom Tische nahm und dieselben dem Kaiser reichte.

Napoleon nahm sie und rollte mit einem Ueberrest von jugendlicher Leichtigkeit einen Sessel in die Nähe des Fensters, auf den er sich niederließ, indem er eine neue Cigarrette aus seinem Etui nahm und dieselbe an dem Rest der früheren entzündete.

»Ich will Ihre Unterredung nicht stören,« sprach er dann mit verbindlichem Lächeln. »Thun Sie, als ob Niemand hier wäre, ich will ruhig meine Briefe lesen.«

Pietri setzte sich wieder vor seinen Schreibtisch und winkte Herrn Hansen, ebenfalls Platz zu nehmen.

Der Kaiser blickte aufmerksam auf das erste der Papiere, welche er in der Hand hielt und auf welchem man blaue Zeichen bemerken konnte, welche dazu dienten, die markantesten Stellen hervorzuheben.

»Sie waren also zunächst in Berlin?« fragte Pietri, indem er seinen klaren Blick erwartungsvoll auf Herrn Hansen richtete.

»Ich war dort,« erwiederte dieser, »und ich habe die Ueberzeugung mitgebracht, daß der große deutsche Konflikt unvermeidlich ist.«

»Will man ihn dort durchaus?«

»Man will den Konflikt nicht, – aber man will das, was ohne Konflikt nicht zu erreichen ist.«

»Und das ist?«

»Die vollständige Reform des deutschen Bundes, die militärische Hegemonie Preußens bis zum Main; die vollständige Beseitigung der Tradition des Metternich'schen Deutschlands. Graf Bismarck ist rücksichtslos entschlossen, dieß Ziel zu erreichen, und ich glaube auch, er ist überzeugt, daß es ohne Kampf nicht zu erreichen ist.«

Pietri schwieg einige Sekunden; dann erhob er seinen Blick, der einen Augenblick zu dem völlig in seine Lektüre vertieften Kaiser hinübergeglitten war, voll zu Herrn Hansen und fragte:

»Und würde man durch den alleinigen Besitz von Holstein und Schleswig nicht zufriedengestellt werden? Ich glaube, daß man geneigt war, gegen die Cession des österreichischen Kondominats in den Herzogthümern sogar eine Grenzregulirung in Schlesien zuzugestehen.«

Herrn Hansen's Gesicht überflog eine leichte Röthe – er erwiederte aber ohne Bewegung in. der Stimme:

»Nein, auf dieser Basis läßt sich der Konflikt nicht beschwören. Ich glaube zwar, daß man große Zugeständnisse zu machen geneigt wäre, um von Oesterreich den Alleinbesitz der Herzogthümer zu erlangen, – auch würden die dänischen Distrikte Nordschleswigs, wenn Frankreich ernstlich diese Forderung stellt, restituirt werden, – aber der Konflikt wird nicht durch das Palliativ beschworen werden. – Glauben Sie mir, mein Herr,« fuhr er lebhafter fort, »dieser Konflikt ist nicht ein Streit um die deutschen Herzogthümer, – daß diese schließlich an Preußen fallen müssen, weiß man in Berlin genau, und die Resolutionen des Herzogs von Augustenburg fürchtet man nicht. Der Konflikt beruht in der historischen Entwickelung Deutschlands und Preußens. Preußen ist in der That nicht der zweite deutsche Staat, sondern der erste, und der deutsche Bund weist ihm die zweite Stelle an und drückt seine natürliche Machtentfaltung durch einen Mechanismus nieder, dessen Federn von Wien aus in Bewegung gesetzt werden. – Dieß ist der wahre Konflikt, Preußen will den Platz, der ihm in Deutschland naturgemäß gehört und den Oesterreich ihm vorenthält. Dieser Konflikt ist Jahre und Jahre alt und er hätte vielleicht noch jahrelang in latenter Form weiter bestanden, zum Spiel der europäischen Diplomatie, –wenn nicht Herr von Bismarck an die Spitze dieses merkwürdig expansiven preußischen Staates berufen wäre. – Dieser Staatsmann ist die Inkarnation des preußischen Wesens, verstärkt durch eine seltene und originelle Genialität. Er versteht die reichen und wohlgegliederten Kräfte des Landes zur höchsten Entwickelung anzuspannen, und hat den festen Entschluß, dem bisherigen Zustande ein Ende zu machen. – Er wird nie nach Olmütz gehen, – er wird Preußen seinen Platz in Deutschland erkämpfen, – oder untergehen.«

Der Kaiser hatte die Hand mit den Briefschaften langsam auf den Schooß niedersinken lassen und seine plötzlich groß geöffneten und in dunklem Feuer strahlenden Augen hafteten mit sinnendem Ausdruck auf Herrn Hansen's Antlitz.

Pietri entging die Aufmerksamkeit seines Herrn nicht; er sagte leicht lächelnd:

»Es ist in der That erstaunlich, über diesen preußischen Minister hier in Paris in so warmen Ausdrücken von einem Dänen sprechen zu hören.«

»Warum nicht?« sagte Herr Hansen ruhig. »Der Mann, der weiß, was er will, und alle Kräfte aufbietet, um seinen Willen durchzusetzen, der sein Vaterland liebt und demselben zur richtigen Größe und Macht verhelfen will, imponirt mir – und hat gewiß ein Recht auf Achtung für sein Streben – auf Bewunderung, wenn er reüssirt. Zwischen mir und dem Herrn von Bismarck steht mein Vaterland Dänemark. Was deutsch ist in den Herzogtümern, wollen wir nicht und können es in Dänemark nicht brauchen, – aber wir wollen, was dänisch ist und was Dänemark braucht, um seine Grenzen zu schützen. – Wird uns dieß gegeben, so haben wir keinen Grund, Preußens oder Deutschlands Feinde zu sein. Enthält man uns dieß vor, so wird Preußen das kleine Dänemark überall und zu jeder Zeit auf der Seite seiner Feinde finden, und zwar in Folge derselben Gesinnung, welche Herrn von Bismarck's Handlungen zu Grunde liegt.«

Napoleon III. horte mit Aufmerksamkeit zu.

Herr Pietri fragte:

»Haben Sie denn den Eindruck gewonnen, daß auf eine Bereitwilligkeit Preußens zu rechnen wäre, den dänischen Wünschen entgegenzukommen?«

»Ich halte dieß nicht für unmöglich,« erwiederte Hansen mit Sicherheit, – »besonders wenn« – fügte er mit Betonung hinzu, »Preußen in seiner immerhin schwierigen Lage durch ein solches Arrangement eine Großmacht sich verbinden könnte. Es würde sich dann nur darum handeln, die Grenzlinie deutscher und dänischer Interessen festzustellen.«

Er hatte bei diesen Worten langsam den Blick dem Kaiser zugewendet. Napoleon erhob den Brief, den er in der Hand hielt, zur Sehweite und sein verschleiertes Auge haftete ohne Ausdruck auf dem Papier.

Herr Pietri forschte weiter:

»Wenn Herr von Bismarck nach Ihren Beobachtungen und Eindrücken den Konflikt will, oder vielmehr das Ziel erreichen will, welches ohne Konflikt unerreichbar ist, – wird der König bis zum Aeußersten gehen und nicht vielleicht seinen Minister fallen lassen? – Ich darf ohne Rückhalt mit Ihnen sprechen,« fügte er mit einer scheinbar rückhaltslosen Offenheit hinzu, – »Sie leben in der politischen Welt und wissen wie ich, wie man in den Kreisen spricht, welche mit der preußischen Botschaft zusammenhängen. – Haben Sie in Berlin den Eindruck empfangen, daß eine Ersetzung des Herrn von Bismarck durch den Grafen Goltz möglich sei?«

»Nein,« erwiederte Herr Hansen mit Bestimmtheit. »Der König von Preußen scheut bis zum höchsten Grade vor dem Kriege zurück, – das heißt nicht vor dem Kriege als solchem, sondern vor dem Kriege mit Oesterreich, vor dem Kriege mit Deutschland. Der König faßt einen solchen Kampf sehr ernst auf und wünscht ihn dringend zu vermeiden. Würde man ihm von Wien aus im Prinzip entgegenkommen, so würde er vielleicht im Einzelnen manche Konzessionen machen, die Herrn von Bismarck nicht recht wären. – Aber im Prinzip wird auch der König, nachdem einmal die Frage gestellt ist, nicht nachgeben. Er hat die neue Armeeorganisation geschaffen, die nach dem Urtheil aller Verständigen musterhaft sein soll, er hat diese Schöpfung trotz des Widerwillens des Parlaments durchgesetzt, – er wird nicht bei der ersten Gelegenheit, die sich bietet, um Preußens Machtstellung in Deutschland zu vertheidigen und zu erweitern, zurückweichen. – Der König wird mit schwerem Herzen schlagen, aber er wird schlagen, – und wenn der erste Kanonenschuß gefallen ist, wird er nur General sein. – Ich habe selbstverständlich Seine Majestät den König Wilhelm nicht gesehen,« fügte Herr Hansen hinzu, »indeß, was ich gesagt habe, ist das Resumé aller Unterhaltungen gewesen, die ich mit Personen geführt habe, welche die Situation und die Persönlichkeiten genau kennen. – Was nun die Stellung des Herrn von Bismarck betrifft,« fuhr er fort, »so ist dieselbe vollständig fest. Herr von Bismarck wird im Vertrauen des Königs nicht erschüttert werden.«

»Warum nicht?« warf Herr Pietri lebhaft ein.

»Weil er Soldat ist.«

»Das heißt, er trägt die Landwehruniform.«

»Das ist die Aeußerlichkeit – welche hier nicht Schein ist. Herr von Bismarck ist Soldat, er ist Mann der Aktion, der scharfen und klaren Thätigkeit, seine diplomatische Feder zittert nicht beim Klang der Kanonen und beim Waffenlärm – er wird eben so ruhig über ein Schlachtfeld reiten, als er am grünen Tisch sitzt. – Das fühlt der König, der selbst Soldat ist, und deßhalb vertraut er ihm. Ich weiß, daß Graf Goltz manche Freunde hat – allein diese Freunde machen sich gewiß Illusionen und ich kann versichern, daß wenn man hier in Paris von ihm spricht, – man es in Berlin nicht thut.«

Es trat eine kurze Pause ein.

Herr Pietri, nachdem er einen Blick nach dem Kaiser hinüber geworfen, fragte weiter:

»Was aber sagt die Bevölkerung? Nach den Stimmen der Presse zu urtheilen, ist der Krieg nicht populär.«

»Er ist es in der That nicht,« erwiederte Herr Hansen. »Man fürchtet eine Niederlage – und die parlamentarische Opposition in ihrer Kurzsichtigkeit glaubt, Herr von Bismarck wolle den Krieg nur beginnen, um sich einen Ausweg aus der Sackgasse zu schaffen, in welche man glaubt ihn gedrängt zu haben. Wie wenig kennen die Herren den Mann, mit dem sie zu thun haben!«

»Aber,« fuhr Pietri fort, »wird es nicht eine sehr gefährliche Lage für die preußische Regierung werden, einen Krieg gegen Oesterreich und Deutschland zu beginnen, während sich im Innern die Opposition erhebt und diesen Krieg verurtheilt?«

»Ich glaube,« entgegnete Herr Hansen, »diese Schwierigkeit der Lage ist nur eine scheinbare. Die Armee – und auf diese kommt es allein an – wird trotz aller Opposition in voller Kraft dastehen, und Alle, die heute gegen den Krieg sprechen und schreiben, werden nach dem ersten Erfolg Herrn von Bismarck zu Füßen liegen, – der innere Konflikt wird nach der ersten gewonnenen Schlacht gelöst sein, – jede Vergrößerung Preußens, jeder Schritt zur Einigung Deutschlands wird den Krieg, der dazu geführt, nachträglich populär machen.«

»Der Erfolg« – warf Herr Pietri ein – »wird aber der Erfolg kommen?«

»Ich glaube, er wird kommen,« sagte Hansen ruhig. »Oesterreich täuscht sich sowohl über seine eigenen und Deutschlands Kräfte, als über diejenigen, welche Preußen zu Gebote stehen. – Die preußische Macht ist ungeheuer, scharf konzentrirt und homogen. Die österreichische ist schwach, ohne festen Verband, ohne einheitliches Kommando. Süddeutsche Militärs, welche die Zustände in Oesterreich kennen und die ich sprach, haben keinen Zweifel in den preußischen Sieg. Darum wird auch die süddeutsche Kriegführung eine sehr laue sein, schon weil man dort auch nicht einmal mit den ersten Anfängen der militärischen Vorbereitung fertig ist – In Hannover und Hessen will man neutral bleiben, hat aber keine Verträge geschlossen und wird über all' der Unsicherheit überrascht werden. – Die einzige energische Unterstützung wird Oesterreich in Sachsen finden, wo Herr von Beust – die Seele der ganzen antipreußischen Bewegung – es verstanden hat, die Armee wirklich auf einen schlagfertigen Kriegsfuß zu bringen.«

»Sie glauben also einfach an den Sieg Preußens?« fragte Pietri in einem Tone, welcher bewies, daß er nicht geneigt sei, diesen Glauben unbedingt zu theilen.

»Ich glaube daran,« erwiederte Herr Hansen, »und ich halte dafür, daß eine richtige und vorsichtige Politik mit dieser Chance rechnen müsse.«

»Sie sprachen vorhin,« fragte Pietri nach einer kurzen Pause, »von Vergrößerungen Preußens – was glauben Sie, daß Preußen fordern oder nehmen wird, wenn der Erfolg ihm zur Seite steht?«

»Alles, was es bedarf und erhalten kann.«

»Das heißt, in Namen und Zahlen ausgedrückt?«

»Den ganzen Norden Deutschlands unbedingt.«

Herr Pietri machte eine Bewegung des Unglaubens.

»Sein Sie versichert, daß ich mich nicht täusche,« sagte Herr Hansen. »Das Volk selbst wird die weitesten Eroberungen verlangen, sobald einmal preußisches Blut geflossen ist, – was man von Preußen erlangen kann, muß vor dem Kriege erlangt werden, nach einem Siege wird man in Berlin nichts mehr konzediren.« –

Der Kaiser stand auf.

Pietri und Hansen erhoben sich gleichfalls.

Napoleon legte das Paket Papiere, welches er vorhin von seinem Sekretär empfangen, wieder auf dessen Tisch.

Er neigte leicht das Haupt gegen Herrn Hansen und sprach:

»Es freut mich, mein Herr, hier Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, und es wird mir stets eine Freude sein, mich einer Nation nützlich zu zeigen, welche allen ihren Mitgliedern so viel Patriotismus einzuflößen weiß.«

Herr Hansen verneigte sich tief und verließ das Zimmer.

Als die Thür sich hinter ihm geschlossen hatte, richtete sich der Kaiser lebhaft auf, sein Auge belebte sich und indem er rasch einen Schritt auf Pietri zutrat, fragte er:

»Glauben Sie, Pietri, daß der Mann scharf beobachtet und daß er gut informirt ist?«

»Ich kenne ihn als sehr scharfen Beobachter, und was seine Information betrifft, so weiß ich, daß Herr von Bismarck ihn empfangen hat, daß er mit verschiedenen politischen Personen in Deutschland verkehrte und daß er es außerdem sehr gut versteht, sich über die Richtung der öffentlichen Meinung zu vergewissern. – Indeß glaube ich, daß er die Macht Preußens überschätzt. Herr von Bismarck hat ihm imponirt und der Eindruck, den er auf ihn gemacht, spiegelt sich in seinem Referat wieder. Wir haben ja Aehnliches schon erlebt – dieser preußische Minister versteht es, wenn er will, die Leute zu nehmen und sie für sich zu gewinnen.«

Der Kaiser blickte nachdenklich vor sich hin.

»Ich fürchte oft,« sagte er dann halb leise, »der Mann hat Recht und wir stehen hier vor einem großen historischen Problem. Kann man Oesterreich unterstützen – ohne Italien zu beleidigen, das schon zu stark ist, um es zu ignoriren? Kann man Preußen gewähren lassen, Deutschland sich konstituiren lassen, ohne das Prestige von Frankreich zu gefährden, ja selbst unsere Grenzen – Elsaß und Lothringen – jene alten deutschen Länder?« –

Pietri lächelte.

»Eure Majestät beliebt zu scherzen!«

»Pietri, Pietri,« sagte der Kaiser, indem er seine Hand halb als Bekräftigung seiner Worte, halb wie eine Stütze suchend auf die Schulter seines Sekretärs legte – »Sie kennen die Deutschen nicht – ich kenne sie und verstehe sie, denn ich habe unter ihnen gelebt. Dieß deutsche Volk ist ein Löwe, der seine Kraft nicht kennt, ein Kind kann ihn lenken an einer Blumenkette – aber er hat in seinen Pranken die Kraft, die morsche europäische Welt in Trümmer zu schlagen, wenn er zum Bewußtsein seiner Natur kommt und wenn er Blut leckt. – Und Blut wird er lecken in diesem Kampf – der alte Scherz l'appetit vient en mangeant kann hier zu furchtbarem Ernst werden. Vielleicht wird dieser deutsche Löwe auch seinen preußischen Bändiger einst verschlingen, – aber vorher wird er uns ein schrecklicher Nachbar sein.«

Der Kaiser hatte dieß Alles halb zu sich selbst sprechend in einzelnen Absätzen hervorgestoßen, während seine Augen, wie einer Vision folgend, vor sich hin in das Leere starrten.

Um Pietri's Lippen spielte fortwährend ein ruhiges Lächeln.

»Eure Majestät hat eine schwarze Stunde,« sagte er mit jenem sichern kalten Ton, in dem man zu einem aufgeregten Kranken spricht – »ich glaube, das Lebenselement jenes deutschen Löwen ist der Schlaf – sollte er jemals aufwachen und so gefährliche Gelüste haben, wie Eure Majestät ihm zuschreiben, so steht an unsern Grenzen die große Armee und die kaiserlichen Adler werden jenem impertinenten Löwen seine Stellung anzuweisen wissen.«

Der Kaiser, dessen Arm noch immer auf der Schulter seines Sekretärs ruhte, ließ das Haupt fast auf die Schulter sinken, seine ganze Gestalt brach zusammen, seine Augen traten glühend, aber starr aus der schleierhaften Umhüllung der Wimpern hervor, sein Athem drang mit leisem Geräusch durch die geöffneten Lippen, wie in steigender Gradation formte sich dieß Geräusch zu Worten, und als ob unwillkürlich aus dem Innersten heraus der schwarze Gedanke, der den mächtigen Imperator mit dunklem Fittig umrauschte, sich Bahn brach, hörte man, ohne daß der Kaiser die Lippen bewegte, in leisem Tone, aber das ganze tief stille Gemach wie mit zitternden Schauern erfüllend, die Worte:

»Ich bin nicht mein Oheim!«

Der Ton dieser Worte war so tief traurig, so eisig, so schmerzerfüllt, daß der Sekretär, dessen Antlitz so ruhig, heiter und lächelnd blickte, davor erbleichte, wie vor einem kalten Frosthauch.

Er wollte etwas erwiedern, – da hörte man ein Geräusch aus dem obern Theil der Treppe, die Portière öffnete sich, auf der ersten Stufe erschien der Kammerdiener des Kaisers und meldete:

»Herr Drouyn de Lhuys bittet Eure Majestät um Audienz.«

Schon bei dem ersten Geräusch hatte der Kaiser seinen Arm von Pietri's Schulter zurückgezogen, sein Gesicht hatte den ruhigen, kalten Ausdruck angenommen, den es immer trug, in seiner gewöhnlichen Haltung nahm er die Meldung entgegen und erwiederte:

»Es ist gut, ich komme.«

Der Kammerdiener zog sich zurück.

»Ich weiß, was er will,« sagte Napoleon, – »er will mich bestimmen, in das rollende Rad einzugreifen, den Konflikt zu beschwören. – Oft möchte ich es – aber ist es möglich? Soll ich die große Entscheidung auf diese Stunde fixiren? – denn greife ich ein und mein Wort findet kein Gehör, so ist der Weltbrand entzündet, indem ich meine und Frankreichs Existenz einsetzen muß. Lasse ich die Dinge gehen, so ist vor Allem Zeit gewonnen, die Zeit bringt günstige Chancen und die Möglichkeit, ohne Kampf die Macht und den Einfluß Frankreichs zu stärken. – Wohlan, – hören wir, was er bringt.«

Und langsam schritt er der Treppe zu.

An der untersten Stufe hielt er an und trat einige Schritte in das Kabinet zurück.

»Pietri,« sagte er halb leise, »was denken Sie von Drouyn de Lhuys?«

»Sire,« entgegnete der Gefragte, »ich bewundere seine tiefen und gründlichen Kenntnisse und habe alle Achtung vor seinem Charakter.«

Der Kaiser schwieg einen Augenblick.

»Er stand dem Hause Orleans sehr nahe,« sagte er dann fast zögernd.

»Sire,« entgegnete Herr Pietri mit fester Betonung, »er hat Eurer Majestät seinen Eid geschworen – und wie ich Herrn Drouyn de Lhuys zu kennen glaube, ist sein Eid ihm heilig.«

Der Kaiser schwieg abermals einige Sekunden, grüßte dann Pietri leicht mit der Hand und stieg langsam die Treppe zu seinen Appartements hinauf.

Pietri kehrte zu seinem Schreibtisch und zur Durchsicht seiner Korrespondenzen zurück.

In sein einfaches Arbeitskabinet zurückgekehrt, schritt Napoleon III. auf seinen nicht zu großen Schreibtisch zu und bewegte eine Glocke, auf deren hellen, scharfen Ton der Kammerdiener hereintrat.

»Herr Drouyn de Lhuys!« sagte der Kaiser.

Wenige Augenblicke darauf trat der Minister der auswärtigen Angelegenheiten in das Kabinet seines Souveräns.

Herr Drouyn de Lhuys war zu jener Zeit ein Mann von fast sechzig Jahren, hoch und voll von Gestalt. Das dünne graue Haar und der ebenfalls graue, englisch geschnittene Backenbart umrahmten ein Gesicht, dessen gesundes rothes Kolorit und ruhige Züge von einer gleichmäßigen höflichen Freundlichkeit erhellt wurden.

Die ganze Erscheinung dieses so viel genannten Mannes hätte eher einen vornehmen englischen Landlord vermuthen lassen, als den vielgewandten Staatsmann, der schon dreimal und unter schwierigen und verwickelten Verhältnissen Minister der auswärtigen Angelegenheiten war.

Das Auge allein, das scharf, klar und beobachtend unter der breiten Stirn hervorblickte, konnte die Annahme hervorrufen, daß dieser so fest, würdig und vornehm dastehende Mann gewohnt sei, von den Höhen der Welt herab die sich kreuzenden Fäden der europäischen Politik zu verfolgen und zu lenken.

Der Minister trug einen schwarzen Morgenüberrock, – die große Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch.

Der Kaiser ging ihm entgegen und reichte ihm die Hand.

»Ich freue mich, Sie zu sehen, mein lieber Minister,« sagte er mit verbindlichem Lächeln, – »was bringen Sie mir, – wie geht es in Europa?«

»Sire,« erwiederte Drouyn de Lhuys mit der ihm eigentümlichen langsamen und etwas an das Pedantische anklingenden, scharf accentuirten Ausdrucksweise, »Europa ist krank und wird bald in einem gefährlichen Paroxysmus sich befinden, wenn Eure Majestät nicht ein beruhigendes Mittel anwenden.«

»Trauen Sie mir nicht zu viel zu,« sagte der Kaiser lächelnd, »wenn Sie glauben, daß ich das könnte? Doch,« fuhr er ernst fort – »ohne Metapher gesprochen, Sie wollen mir sagen, daß der deutsche Konflikt vor seinem Ausbruche steht, – nicht wahr?« Und indem er sich auf einen Fauteuil niederließ, forderte er seinen Minister durch eine leichte Handbewegung auf, sich ebenfalls zu setzen.

»Ja wohl, Sire,« sagte Drouyn de Lhuys, indem er sich setzte, sein Portefeuille öffnete und aus demselben einige Papiere nahm, »dieß ist es, was ich Eurer Majestät sagen wollte. Hier ist ein Bericht aus Wien, der konstatirt, daß man dort – in unglaublicher Verblendung – entschlossen ist, den Konflikt aufzunehmen und auf die Spitze zu treiben. Man wird in den Herzogtümern die Stände einberufen, ohne Preußen zu fragen, und Graf Mensdorff hat eine Depesche nach Berlin gerichtet, welche fast eine Sommation an Preußen ist und die sofortige Einstellung aller militärischen Vorbereitungsmaßregeln in sehr hohem Tone verlangt.«

Der Minister reichte dem Kaiser den Bericht, welchen dieser flüchtig ansah und auf seinen Tisch legte.

»Hier,« fuhr Drouyn de Lhuys fort, »ist ein Bericht von Benedetti, welcher auf das Bestimmteste konstatirt, daß Herr von Bismarck entschlossen ist, den entscheidenden Schritt zu thun, um Preußen zu der Stellung zu verhelfen, welche er für sein Land in Deutschland in Anspruch nimmt. Die Reformvorschläge, welche er an die deutsche Bundesversammlung in Frankfurt gebracht hat, sind eine moralische Kriegserklärung gegen die bisherige präponderirende Stellung Oesterreichs, welche die Wiener Verträge dieser Macht gegeben haben. – Auch ist die Depesche des Grafen Mensdorff, von welcher ich so eben die Ehre hatte Eurer Majestät zu sprechen, bereits in Berlin angelangt und durch den Grafen Karolyi übergeben. Sie hat tief verletzt – Benedetti bezeichnet sie als ein Schriftstück, wie es vor Zeiten der deutsche Kaiser gegen den Markgrafen von Brandenburg hätte erlassen können, und sie wird erheblich dazu beitragen, den Widerwillen, welchen der König von Preußen gegen den Krieg hegte, zu beseitigen. – Die Dinge gehen also von beiden Seiten mit beschleunigter Eile dem Kriege zu, und in wenig Wochen vielleicht können die Armeen einander gegenüberstehen, um die ganze Lage von Europa in Frage zu stellen, wenn Eure Majestät nicht Halt gebieten.«

Der Minister hielt inne und blickte den Kaiser fragend an.

Napoleon III. lehnte wie träumend etwas zur Seite geneigt in seinem Lehnstuhl.

»Und was rathen Sie mir zu thun, mein lieber Minister?« fragte er nach einer kurzen Pause, sich ein wenig aufrichtend und mit Spannung in das klare, ruhige Antlitz des Herrn Drouyn de Lhuys blickend.

»Eure Majestät kennt meine Meinung über diesen Punkt,« erwiederte dieser, »wenn ich auch fürchten muß, daß sie nicht von Ihnen getheilt wird. Der deutsche Krieg muß im Interesse Frankreichs und im Interesse der Ruhe Europas verhindert werden. – Ich täusche mich nicht,« fuhr er fort, »wie ich glaube, wenn ich die Ueberzeugung ausspreche, daß Preußen mächtiger und furchtbarer aus diesem Kriege hervorgehen wird – denn ich glaube an keinen militärischen Erfolg des schwachen und innerlich morschen Oesterreichs, – was das übrige Deutschland betrifft, so will ich gar nicht davon reden, das sind einzelne kleine Armeen ohne militärischen und politischen Zusammenhang. – Preußen aber mächtiger werden zu lassen, – ihm gar die Führung in Deutschland zu lassen – ist ganz gegen das Interesse Frankreichs. – Erlauben mir Eure Majestät zu bemerken, daß nach meiner Ansicht das heutige Frankreich, – das napoleonische Frankreich« – fügte er sich leicht verneigend hinzu, »Preußen und dem Hause Hohenzollern gegenüber dieselbe Politik verfolgen muß, welche das bourbonische Frankreich Oesterreich und dem Hause Habsburg gegenüber befolgt hat. – Wie damals Oesterreich die Tendenz verfolgte, die deutsche Nation militärisch und politisch zu einigen, wie Frankreich überall, wohin es die Hand legte, das Haus Habsburg sich gegenüber fand, so steht heute Preußen überall unserem legitimen Ehrgeiz entgegen, und wenn es ihm durch diesen Krieg gelingen sollte, wirklich die militärischen Kräfte Deutschlands in seiner Hand zu einigen, so wird es alle unsere Wege kreuzen und uns in dem Einfluß beschränken, den wir auf die Angelegenheiten Europas zu nehmen mit Recht berufen sind.«

»Wenn aber Preußen besiegt wird?« warf der Kaiser ein.

»Ich glaube nicht an diese Eventualität,« erwiederte Drouyn de Lhuys, »nehmen wir sie indeß an, – was würde dadurch gewonnen? Oesterreich würde dann in unumschränkter Macht an die Spitze von Deutschland treten, und die alten Traditionen des Hauses Habsburg würden, verstärkt durch den Groll über den italienischen Krieg, mit neuer Energie sich zu unserem Schaden geltend machen. – Es gibt nur eine richtige Politik für Frankreich, das ist: den jetzigen Zustand in Deutschland bestehen zu lassen, den Antagonismus von Preußen und Oesterreich zu nähren, zu verschärfen, aber ihn nie bis zum Konflikt und bis zur Entscheidung zu bringen, die Furcht vor den beiden übermächtigen Bundesgliedern aber zu benutzen, um unserem Einfluß an den kleineren deutschen Höfen Eingang und Geltung zu verschaffen. – So werden wir in unscheinbarer Weise, mit leiser Hand das erreichen, was der Kaiser Napoleon I. durch den gewaltsam konstituirten Rheinbund erreichte: – das eigentliche föderirte Deutschland gegen die beiden Großmächte zu unseren Zwecken zu benutzen. – Ich kann nicht glauben, daß es Deutschland gegenüber irgend eine andere Politik für Frankreich geben kann. – Das preußische – oder selbst das österreichische Deutschland muß und wird stets unser Feind sein, – und zwar ein sehr gefährlicher Feind, – halten wir dagegen die beiden deutschen Großmächte auseinander und treiben wir zwischen sie den Keil der auf ihre Souveränetät eifersüchtigen deutschen Königreiche und Herzogthümer, so wird Deutschland – sobald wir nur leise und vorsichtig handeln und nicht geradezu das Nationalgefühl herausfordern – stets von unserem Willen abhängig bleiben.«

»Sie meinen also –?« fragte der Kaiser nochmals.

»Daß Eure Majestät den Ausbruch des deutschen Krieges mit aller Energie verhindern müssen, wenn nicht Frankreichs Stellung in Europa den größten Gefahren ausgesetzt werden soll.«

Der Kaiser schwieg abermals einige Augenblicke und trommelte mit den Fingern auf der Lehne seines Fauteuils. Dann sagte er:

»Glauben Sie denn aber, daß ich es vermag, den Krieg zu verhindern, glauben Sie; daß ich stark genug bin, um die bereits halbgezogenen Schwerter wieder in die Scheiden zurückzutreiben? Ja, wenn Palmerston noch lebte« – fügte er sinnend hinzu – »mit ihm wäre es möglich gewesen – aber mit dem heutigen England, das nur große Worte, aber keine Thaten mehr hat? Glauben Sie, daß man meine Stimme allein hören wird? Und wenn man sie nicht hörte? Müßte ich nicht fürchten, daß die Geschichte Jason's umgekehrt sich erfüllte, und daß die beiden Gegner, bereit, über einander herzufallen und sich zu zerfleischen, sich schnell vereint gegen Denjenigen kehren würden, der sich zwischen sie zu stellen unternähme? Ein solches Spiel würde Bismarck ähnlich sehen. – O! ich habe diesen Mann zu groß werden lassen!«

Drouyn de Lhuys erwiederte ruhig:

»Ich theile die Bedenken und Besorgnisse nicht, welche Eure Majestät mir anzudeuten so gnädig sind. Ein einfaches Wort von Ihnen wird genügen, um den Krieg zu verhindern. – Ich darf Eure Majestät eine Unterredung mittheilen, welche ich mit Herrn von Bismarck das letzte Mal hatte, als wir uns sahen. – Er setzte mir mit einer großen Offenheit und mit der freiesten Rückhaltslosigkeit auseinander, welche Stellung er für Preußen in Deutschland anstreben müsse und wolle. Den Kampf mit Oesterreich erklärte er für eine in der historischen Entwickelung Deutschlands tief begründete Nothwendigkeit, da Oesterreich niemals freiwillig Preußen die ihm gebührende Stellung zugestehen werde. – ›Ist aber dieser Kampf nothwendig‹ – sagte mir der preußische Minister weiter, – ›und muß ich ihn – wie jede preußische Regierung – als etwas in der logischen Folge der Ereignisse Bedingtes in's Auge fassen – so ist doch der Augenblick, in welchem er stattfinden muß, von dem Willen der Regierungen und von der Staatskunst abhängig. Ich werde gewiß nicht so thöricht sein, einen Krieg auf zwei Kriegstheatern zu unternehmen und gegen Frankreich und Oesterreich zugleich zu schlagen. Wollen Sie also ernstlich den Austrag des chronischen deutschen Konflikts jetzt nicht, so sprechen Sie es klar und offen aus; – ich werde dann warten können?‹ – So Herr von Bismarck. Ich bitte nun Eure Majestät,« fuhr Drouyn de Lhuys fort, »mich autorisiren zu wollen, diese von ihm selbst geforderte deutliche und kategorische Erklärung dahin abgeben zu dürfen, daß Frankreich einen Krieg in Deutschland nicht wolle, und im Falle es dennoch dazu käme, seine Armeen an die Grenzen rücken lassen werde.«

Der Minister blickte gespannt in das Antlitz des Kaisers, welcher sinnend vor sich hin sah.

Nach einigen Augenblicken sagte Napoleon:

»Ich kann Ihre Ansicht nicht vollständig theilen, mein lieber Minister. Ich sehe wie Sie die großen Gefahren, welche aus einem deutschen Kriege für Frankreich erwachsen können; ich verstehe auch vollkommen die Richtigkeit Ihrer Anschauung, daß das alte deutsche Bundesverhältniß uns erlaubt, unsern bestimmenden Einfluß auf sehr bequeme und leichte Weise in Deutschland geltend zu machen. – Aber,« – fuhr er nachdenklich fort, – »läßt sich ein solches Verhältniß erhalten? – Es geht ein Zug durch die Welt, welcher die Nationen treibt, sich zu gemeinsamer Thätigkeit und Arbeit zu agglomeriren – und es scheint mir hoch gefährlich, diesem Zuge der Zeit sich entgegen zu stellen. – Ich weiß, Sie billigen nicht, was ich in Italien gethan – und vielleicht noch thun muß – und doch glaube ich Recht zu haben. Das Leben der Gesellschaft pulsirt heute zu mächtig, als daß sich das Gleichgewicht der Welt durch jene kleinen Gewichtstückchen erhalten ließe, mit denen die alte Politik spielte, indem sie bald eines, bald das andere in diese oder jene Schale der Wage legte. – Die nationalen Agglomerationen müssen sich vollziehen, und unsere Aufgabe ist es nur, auch in unsere Schale das nöthige Gewicht zu bringen, um nicht in die Höhe geschnellt zu werden. – Deutschland übrigens wird sich nicht so bedrohlich für uns gestalten, als Sie fürchten. Zunächst liegt in den germanischen Rassen nicht der Drang nach Centralisation; sie sind nicht offensiv und strebten stets nach föderativer Gestaltung. – Ich sehe auch den Ausgang des Krieges anders an, als Sie. Ich glaube nicht, daß einer der beiden Gegner vollständig und absolut über den andern triumphiren wird, sie werden sich schwächen, – wir werden dem Sieger mäßigend entgegentreten und, wie ich glaube, wird das Resultat das sein, daß Deutschland in drei Theile zerfallen wird: Preußen und Norddeutschland, – Oesterreich – und Süddeutschland. – Dann« – fügte er lächelnd hinzu – »haben Sie die beste Gelegenheit, mein lieber Minister, Ihren Grundsatz: Divide et impera, zur Geltung zu bringen – und Sie werden nicht so viele Detailarbeit haben, als bisher.«

»Eure Majestät will also den deutschen Krieg nicht verbieten?« fragte Drouyn de Lhuys.

»Ich glaube es weder zu sollen noch zu können,« antwortete der Kaiser, – »auch Italien drängt mich, mein Wort zu erfüllen: Frei bis zur Adria!«

»Ein Wort, das Eure Majestät niemals hätten aussprechen sollen,« warf Drouyn de Lhuys mit festem Tone ein.

»Vielleicht,« sprach Napoleon – »indeß es ist gesprochen – und ich kann nicht alle Fragen offen lassen – schon Mexiko lastet schwer auf mir.«

Napoleon seufzte lief. Nach einer Pause fuhr er fort:

»Ich will indeß noch einen Versuch machen, Ihre Ansicht und die meinige vielleicht zu vereinen. – Lassen Sie in Wien anfragen, ob man geneigt sei, Venetien an mich zur Uebergabe an Italien abzutreten. Das würde die Basis einer möglichen Allianz mit Oesterreich bilden, welche uns erlaubte, mit wirklicher Macht und Aussicht auf Erfolg in die komplizirten deutschen Angelegenheiten einzugreifen. – Dann haben wir ja je nach dem Erfolg dieser Negoziation noch immer die freie Entschließung.«

»Ich glaube nicht an einen Erfolg dieses Schrittes,« sagte Drouyn de Lhuys, »das Haus Habsburg hängt zu sehr an Venetien – obgleich es nur Last und Nachteile davon gehabt – auch wünschte ich diese pomme de discorde zu erhalten, denn ohne dieselbe könnte sich eines Tages eine österreichisch-italienische Allianz gegen uns erheben. – Auch möchte ich bezweifeln, daß uns später noch die Wahl und Entscheidung offen steht. Die Ereignisse sind im Rollen und es läßt sich weit eher annehmen, daß sie uns überraschen. – Indeß im Prinzip habe ich nichts gegen den Schritt zu erinnern, und da Eure Majestät ihn befiehlt, soll er sogleich ausgeführt werden.«

Der Kaiser ergriff einen Brief, welcher auf seinem Schreibtisch lag, und sprach, indem er einen flüchtigen Blick darauf warf:

»Von Sachsen aus bin ich dringend ersucht, den preußischen Bestrebungen keinen Vorschub zu leisten. Ich möchte mich nicht bestimmt erklären. Wollen Sie den Gesandten in Dresden vertraulich instruiren, daß er in ganz diskreter Weise andeute, es werde nur von dem wiener Kabinet abhängen, ob der nur ausgesprochene Wunsch die volle Wirkung haben werde, welche ich demselben sehr gern zu geben wünsche.«

Drouyn de Lhuys verneigte sich.

»Dennoch aber wird es nöthig sein,« fuhr der Kaiser fort, – »auch in Berlin in vertraulicher Weise über die Garantieen zu sprechen, welche Herr von Bismarck für den Fall, daß er seine Pläne in Deutschland erreicht, uns zu geben geneigt wäre. – Sie wissen, wie evasiv und dilatorisch man diesen Punkt in Berlin stets behandelt hat. Man will von mir Forderungen hören, die ich nicht direkt stellen will und kann.«

Drouyn de Lhuys verneigte sich abermals schweigend.

Der Kaiser stand auf.

Der Minister erhob sich ebenfalls.

Napoleon trat einen Schritt näher zu ihm und sprach mit verbindlichem Lächeln, indem ein Ausdruck unendlich anmuthigen Wohlwollens seine Züge erhellte: »Sie sind nicht zufrieden, mein lieber Minister – aber glauben Sie mir, diese Politik ist die beste. Sie läßt uns Zeit gewinnen und die Zeit ist ein Faktor im politischen Leben, der Alles Demjenigen gibt, welcher ihn richtig zu benützen versteht.«

»Ich kenne den Werth der Zeit,« antwortete der Minister – »aber vielleicht werden wir, indem wir Zeit gewinnen, den Augenblick verlieren.«

»Nun,« sagte der Kaiser, indem er sich aufrichtete und eine Haltung annahm, welche an seine früheren Jahre erinnerte, »so vertrauen wir auf meinen Stern und auf den Frankreichs.«

»Diese Sterne sind zu mächtig und zu hell leuchtend, um nicht Vertrauen einzuflößen,« erwiederte Drouyn de Lhuys sich verneigend, ohne daß indeß in seinen Mienen der Glanz dieses fatalistischen Vertrauens sichtbar wurde.

Er nahm sein Portefeuille und fragte:

»Eure Majestät hat keine weiteren Befehle?«

»Ich darf Sie nicht länger zurückhalten,« sagte Napoleon und verabschiedete seinen Minister, indem er ihm herzlich die Hand drückte.

Als derselbe das Kabinet verlassen, blieb der Kaiser eine Zeitlang in tiefem Sinnen verloren stehen.

»Ich kann nicht direkt in die Dinge eingreifen,« sagte er dann halblaut vor sich hin, – »ich muß die Ereignisse ihren Lauf gehen lassen. Würde mein Veto nicht gehört werden, so müßte ich einen furchtbaren Kampf aufnehmen, und dann –? Ich muß versuchen, durch geschicktes und vorsichtiges Eingreifen in die Ereignisse sie zu meinen Gunsten zu wenden.«

Er trat vor eine Marmorbüste Cäsar's, die auf einem schwarzen Fuße in seinem Kabinet stand, und blickte lange in die schön gemeißelten Züge des römischen Weltherrschers.

»Du großes Vorbild meines Hauses,« sprach er, indem der elektrisch leuchtende Stern seines Auges hell emporstrahlte – »ich muß noch einmal auch in diesem Augenblick sprechen wie Du: Jacta est alea!– Aber,« fügte er düster hinzu, »Deinen Würfel warfst Du Dir selber und zwangst ihn mit mächtiger Hand zu fallen, wie Du es wolltest. – Meinen Würfel aber wirft mir des Schicksals unerbittlich eherne Hand – und ich muß ihn annehmen, wie er fällt!« –

Der Kammerdiener trat ein und meldete:

»Das Frühstück des Kaisers ist servirt.«

Napoleon verließ sein Kabinet.

Fünftes Kapitel.

Durch die im ersten leichten und hellen Grün schimmernde prachtvolle Allee, welche von Hannover nach der königlichen Residenz Herrenhausen führt, fuhr an einem frischen und schönen Morgen ein Wagen und näherte sich schnell dem vergoldeten Gitter, welches die Einfahrt zu dem äußern Raum des königlichen Schlosses bildet.

Der Wagen hielt am Eingang zum innern Hofe.

Aus demselben stieg ein schlanker, nicht großer Mann von etwa sechsunddreißig Jahren, hochblond, einen langen, etwas aufwärts gebogenen Schnurrbart auf der Oberlippe, in schwarzem Salon-Anzug und grauem Ueberrock.

Dieser Mann trat in ein Seitenportal in der Ecke des Hauptgebäudes jenes alten kurfürstlichen und königlichen Schlosses, – das der berühmte Le Notre zu einer verjüngten Miniaturnachahmung von Versailles geschaffen,–und durchschritt einen langen Gang, welcher direkt zu dem Kabinet des Königs Georg V. führte.

Vor diesem Kabinet, welches zu ebener Erde mit einem unmittelbaren Ausgang nach dem Garten und Park belegen war, saß der dienstthuende Salon-Kammerdiener des Königs. Rechts neben dem Eingang zu den königlichen Zimmern befand sich der Wartesalon für die Herren, welche zum Könige befohlen waren, merkwürdiger Weise mit lauter preußischen Bildern geschmückt. Man sah dort die lebensgroßen Porträts von Blücher und Ziethen, sowie ein vorzügliches Bild des bei Saalfeld gefallenen Prinzen Louis Ferdinand von Preußen.

Der Mann, welcher den Wagen verlassen und sich dem Eingange zu den königlichen Zimmern genähert hatte, fragte den Kammerdiener:

»Ist Seine Majestät allein?«

Der Kammerdiener, welcher sich erhoben hatte und dem Ankommenden den Ueberrock abnahm, erwiederte in gebrochenem Deutsch mit stark englischem Accent:

»Der Geheime Kabinetsrath Lex ist bei Seiner Majestät.«

»Wollen Sie mich melden!«

Der Kammerdiener schlug einmal stark an die Thür des Königs. Man hörte die helle, klare Stimme Georg V., welcher rief: »
Come in!«

Der Kammerdiener trat ein und kehrte nach einigen Augenblicken zurück.

»Der König lassen Mr. Meding bitten, ein Moment zu warten.«

Und er öffnete die Thür zu dem Wartesalon, in welchen der Regierungsrath Meding eintrat.

Der Salon war leer. Der Eingetretene nahm auf dem darin befindlichen breiten Kanapee Platz.

Nach ungefähr fünf Minuten öffnete sich die Thür abermals und ein alter etwas gebückter Herr mit schneeweißem Haar und Schnurrbart in der Uniform eines hannöverischen Generallieutenants mit den goldenen Achselschnüren der Generaladjutanten trat ein. Seine Brust schmückte das Großkreuz des Guelfenordens, die Kriegsdenkmünze von 1813 und die Waterloomedaille. Es war der Generallieutenant und Generaladjutant von Tschirschnitz, des Königs rechte Hand in militärischen Angelegenheiten, der Vermittler aller Befehle in Betreff des Kommandos der Armee.

Der Regierungsrath Meding erhob sich mit den Worten: »Guten Morgen, Excellenz!«

»Guten, guten Morgen!« erwiederte der General in kurzem militärischem Ton, indem er eine große verschlossene Mappe auf den Tisch legte, – »schon so früh hier? Werden wir lange warten müssen? Ich hoffe, Sie haben nicht lange zu thun?«

»Der König arbeitet mit dem Geheimen Kabinetsrath und schreibt wahrscheinlich Briefe – wie lange das dauern wird, läßt sich schwer bestimmen. – Was mich betrifft, so habe ich nur wenig zu thun und werde gewiß nicht viel Zeit in Anspruch nehmen.«

Der General warf sich mit einem lauten Seufzer in einen Lehnsessel.

»Wissen Sie, mein lieber Regierungsrath,« sagte er nach einer Pause, »wie lange ich schon gewartet habe in meinem Leben?« – und er richtete sich etwas empor und sah fragend zu seinem Gegenüber hin.

Herr Meding deutete durch ein leises Achselzucken an, daß es ihm unmöglich sei, die gestellte Frage zu beantworten.

»Acht Jahre, sieben Monate, drei Wochen und vier Tage!« rief der General mit lauter Stimme und in tiefer Entrüstung.

Der Regierungsrath Meding konnte ein helles Lachen nicht unterdrücken und rief:

»Da haben Eure Excellenz allerdings das Möglichste geleistet und Ihre Geduld hat die Probe bestanden!«

»Ich habe ein Buch,« sagte der General finster mit einem halb humoristischen halb wirklichen Grimm, »in welches ich jeden Tag – schon seit der Zeit, da ich bei dem höchstseligen Herrn den Vortrag hatte – die Zeit eintrage, die ich im Wartezimmer zubringe. – Macht bis jetzt acht Jahre, sieben Monate, drei Wochen und vier Tage. – Was sagen Sie dazu? Man sagt,« fuhr er fort, »ich sei achtundsechzig Jahre alt – es ist nicht wahr; gelebt habe ich nur neunundfünfzig Jahre, fünf Monate, eine Woche und drei Tage. – Den Rest habe ich gewartet!«

Und der General warf sich mit resignirter Miene in seinen Fauteuil zurück.

»Ich muß sagen, Excellenz,« erwiederte Herr Meding, »daß ich noch nicht an eine solche Rechnung gedacht habe, um die Jahre zu konstatiren, die so successive in den unfruchtbaren Abgrund der Antichambre fallen – ich möchte auch vorziehen, darüber lieber im Ungewissen zu bleiben und die dunkeln Augenblicke, die man in dieser Salle des pas perdus zubringt, in den Lethe zu versenken.«

»Sie sind noch jung und geneigt, die Zeit zu vergeuden,« erwiederte der General, »aber ich –«

»Eurer Excellenz Zeit ist freilich auch weit kostbarer, als die meinige,« sagte der Regierungsrath verbindlich.

Eine helle Glocke ertönte in diesem Augenblick.

Wenige Minuten darauf erschien der Kammerdiener und rief: »Mr. Meding.«

Der Regierungsrath verneigte sich gegen den General und trat in die königlichen Appartements. – Er durchschritt das Vorzimmer, dessen Thüren nach dem Kabinet des Königs weit geöffnet waren.

In diesem Kabinet, dessen Fenster nach dem Garten offen standen und das mit blühenden Gewächsen aller Art gefüllt war, saß der König an einem viereckigen Schreibtisch.

Georg V. war damals sechsundvierzig Jahre alt, – ein schöner Mann von blühender Gesundheit. Die scharfgeschnittenen, klassisch geformten Züge seiner Rasse, welche sein Gesicht in den reinsten Linien zeigte, strahlten von Heiterkeit und Wohlwollen, ohne dem königlichen Stolz Abbruch zu thun, der ihn erfüllte. Ein leicht aufwärts gedrehter blonder Schnurrbart bedeckte die Oberlippe, und schwerlich hätte Jemand beim ersten Anblick dieses sich in so freiem und leichtem Mienenspiel bewegenden Gesichts geahnt, daß dem Könige das Augenlicht fehle.

Der König trug die Uniform des hannöverischen Gardejägerregiments, bequem aufgeknöpft. Ueber seine Brust lief unter der Uniform das große dunkelblaue Band des Ordens vom Hosenbande. Auf der Brust trug er die kleinen Kreuze des Guelfen- und Ernst-August-Ordens.

Neben dem Könige stand an der Seite des Tisches der Geheime Kabinetsrath Dr. Lex, ein kleiner, trockener Mann mit ergrauendem vollem Haar, scharfen, intelligenten Zügen und bescheidener, fast schüchterner Haltung, im Begriff, seine Papiere zu ordnen.

Ein kleiner schwarzer King Charles lag zu den Füßen des Königs.

»Guten Morgen, mein lieber Regierungsrath!« rief der König mit seiner hellen reinen Stimme dem Eintretenden zu, – »ich freue mich, Sie zu sehen. Setzen Sie sich und sagen Sie mir, was gibt es Neues – was sagt die öffentliche Meinung in meinem Königreiche?«

»Unterthänigst guten Morgen, Eure Majestät!« erwiederte Herr Meding mit tiefer Verbeugung, indem er auf einem Sessel dem Könige gegenüber Platz nahm.

Der Geheime Kabinetsrath hatte seine Papiere geordnet und entfernte sich langsam.

»Die öffentliche Meinung,« fuhr der Regierungsrath fort, »ist, wie ich Eurer Majestät mittheilen muß, sehr aufgeregt und macht einen gewaltigen Anlauf, um den Krieg zu beschleunigen und Eure Majestät insbesondere zum Anschluß an Oesterreich und zum entschiedenen Auftreten gegen Preußen zu bringen.«

»Warum denn das?« fragte der König, – »die liebenswürdigen Blätter der Opposition sehnten sich ja sonst so sehr nach der preußischen Spitze!«

»Warum? Majestät,« erwiederte der Regierungsrath,– »das möchte schwer zu konstatiren sein, – es werden da wohl viele und verschiedene Einflüsse mitwirken, – aber die Thatsache steht fest – die ganze öffentliche Meinung im Königreiche Hannover will den Anschluß an Oesterreich.«

»Sonderbar,« sagte Georg V., »aus demselben Tone sprach mir der Graf Decken, der gestern bei mir war – er war ganz furios österreichisch.«

»Graf Decken, Majestät,« erwiederte Herr Meding, »spricht aus der Seele des großdeutschen Vereins, den er gestiftet – und ist ein großer Verehrer des Herrn von Beust.«

»Ich weiß, ich weiß!« rief der König, – »er hat aber also doch Recht damit, daß alle Welt den Krieg gegen Preußen predigt, und die Armee am meisten, d. h. die jüngeren Offiziere?«

»Er hat Recht, Majestät,« erwiederte der Regierungsrath.

Der König dachte einen Augenblick nach.

»Und was thun Sie dieser Strömung gegenüber?« fragte er dann.

»Ich suche zu kalmiren, abzuleiten und aufzuklären, soweit mein Einfluß in der Presse reicht, denn ich halte diese Strömung für unheilvoll, – sie trägt dazu bei, den Krieg, das größte Unheil für Deutschland, herbeizuführen und in diesem Kriege Hannover in eine höchst gefährliche Position zu drängen.«

»Ganz recht, ganz recht!« rief der König lebhaft, – »es muß Alles geschehen, um diese kriegerische und antipreußische Aufregung zu beruhigen. Sie wissen, wie sehr ich von der Ueberzeugung durchdrungen bin, daß das gute Einvernehmen der beiden ersten Mächte des deutschen Bundes die einzig sichere Grundlage für die Wohlfahrt Deutschlands ist und wie viel mir stets daran gelegen hat, dieß zu erhalten. – Sie wissen auch, welchen Werth ich auf die preußische Allianz lege. Man nennt mich,« fuhr der König fort, – »einen Feind Preußens – ich bin es wahrlich nicht, – ich vertheidige die Rechte meiner vollen Selbstständigkeit und Souveränetät, aber Niemand kann mehr durchdrungen sein, als ich, von dem Wunsche, mit Preußen in Frieden und Einigkeit zu leben. Diejenigen, die diesen Frieden stören wollen, verkennen die Interessen beider Staaten. Man spricht in Berlin von der Politik Friedrichs des Großen – wie wenig versteht man seine Politik! Wie hohen Werth legte Friedrich II. auf die Allianz Hannovers, so hohen Werth, daß er seinen besten Feldherrn, den Herzog von Braunschweig, an Hannover abtrat! Und welche großen und segensreichen Folgen hatte nicht jene Allianz, obwohl sie gegen Oesterreich gerichtet war! O daß es möglich wäre, die beiden deutschen Mächte in inniger und freundlicher Verbindung zu erhalten, und daß es mir vergönnt wäre, der Punkt auf dem i dieser Verbindung zu sein! Sollte aber der Bruch – was Gott verhüte – erfolgen, so will ich mich an einem so traurigen Kriege weder auf der einen noch auf der andern Seite betheiligen.«

Der König hatte dieß Alles mit jener Bestimmtheit und Deutlichkeit gesprochen, mit der er es liebte, seinen Vertrauten gegenüber seine Auffassung einzelner Fragen und Materien ausführlich zu entwickeln, damit dieselben stets im Stande wären, seinen Ansichten und seinem Willen gemäß zu handeln.

»Sie thun also sehr recht,« fuhr er fort, »wenn Sie nach allen Kräften der kriegerischen und antipreußischen Propaganda entgegenarbeiten.« –

»Ich bin hocherfreut,« erwiederte der Regierungsrath Meding, »Eurer Majestät Intentionen hierin so vollständig entsprochen zu haben, um so mehr, als meine Lage als geborner Preuße gerade in dieser Krisis eine höchst peinliche ist. Was ich aus innigster Ueberzeugung im wahrsten Interesse Eurer Majestät und Hannovers für geboten erachte und stets vertrete, könnte gerade mir leicht anders gedeutet werden – und wird mir anders gedeutet, wie Eure Majestät wissen. Es liegt mir daher gerade in dieser Frage doppelt daran, immer genau vergewissert zu sein, daß ich den Ansichten Eurer Majestät gemäß handle.«

»Lassen Sie sich die falschen Deutungen nicht anfechten, mein lieber Regierungsrath,« sagte der König mit dem ihm eigentümlichen verbindlichen und freundlichen Lächeln, – »ich weiß, daß Sie nach Ihrer Ueberzeugung stets meine und Hannovers Interessen im Auge haben. Sie wissen, daß ich die öffentliche Meinung für die sechste Großmacht Europas halte – vielleicht für die erste – und darum will ich die Presse, das Organ für diese Großmacht, als mein eigenes königliches Ressort behalten, – ich will selbst hören, was das Volk denkt und sagt, und will in den Organen der Regierung nur meine Gedanken und Intentionen zum Ausdruck gebracht sehen, – ich will die wirklichen Gedanken und Meinungen des Volkes kennen – ob sie richtig oder unrichtig seien, – und das Volk soll meine Ansichten und meinen Willen kennen, – so wird Klarheit zwischen mir und meinen Unterthanen sein und das Wohl der Krone wie des Landes gefördert werden. Sie verstehen meinen Gedanken so vortrefflich und haben mir geschaffen, was ich längst schon für nöthig erkannte und so sehnlich wünschte – lassen Sie sich darum keine Mißdeutungen und Verkennungen anfechten.«

Und der König reichte Herrn Meding seine Hand hinüber. Dieser erhob sich und drückte die Lippen auf die königliche Rechte.

»Eure Majestät hat mir stets erlaubt,« sprach er dann, »in allen Fragen des Staatslebens nach Außen und im Innern meine Ansicht und Meinung frei und rückhaltslos auszusprechen, und es ist dieß schöne Recht eine unerläßliche Bedingung für die Erfüllung der schwierigen Aufgabe, welche die besondere von Eurer Majestät mir gegebene Stellung bedingt. Ich bitte Eure Majestät allerunterthänigst, auch jetzt in einem wie ich glaube ernsten Moment meine unmaßgebliche Meinung aussprechen zu dürfen.«

»Sprechen Sie, sprechen Sie, mein lieber Regierungsrath, ich höre mit Spannung,« sagte der König, lehnte sich in seinen Fauteuil zurück und stützte den Kopf leicht in die Hand.

»Eure Majestät wissen,« sagte der Regierungsrath Meding, »daß es eine Art von mot d'ordre der deutschen, ja fast der europäischen Diplomatie ist, an den Krieg zwischen Oesterreich und Preußen nicht zu glauben. Mir kommt dieß vor, wie das Verfahren des Vogels Strauß, der den Kopf versteckt, um die Gefahr nicht zu sehen, und sie so zu beschwören hofft.«

»Sie glauben also an den Krieg?« fragte der König, ohne seine Stellung zu ändern.

»Ich glaube daran, Majestät, – einmal nach der Lage der Verhältnisse – die Fragen stehen auf schiefer Ebene und sind so weit vorgerückt, daß ich eine Umkehr nicht mehr als möglich sehe. Abgesehen von den aus Wien und Berlin einlaufenden Berichten, bestätigt mich in meiner Annahme, daß der Krieg unvermeidlich sei, aber auch die Haltung der offiziellen und offiziösen Presse in Oesterreich und Preußen.«

»Sie spricht eminent friedlich, haben Sie mir gestern gesagt,« warf der König ein. –

»Gerade deßhalb glaube ich, daß man in den beiden Lagern zum Aeußersten entschlossen ist. Würde man nur drohen und die Rüstungen bei einem demnächstigen diplomatischen Kompromiß als Druckmittel in die Wagschale werfen wollen, so würden die Regierungsblätter mit dem Säbel rasseln. Diese Friedensversicherungen aber beunruhigen mich. Jeder sucht den besten casus belli und wünscht die Schuld des Ausbruchs dem Gegner zuzuspielen. Ich bin überzeugt, daß wir, wenn nicht ein Wunder geschieht, in kürzester Frist vielleicht mitten im Kriege sind. Graf Platen will zwar ebenfalls noch nicht daran glauben.«

»Der Vogel Strauß,« sagte der König.

Der Regierungsrath Meding lächelte und fuhr fort:

»Diese Situation ist aber für Eure Majestät und Hannover gefährlicher, als für irgend eine andere Regierung. Denn im Moment der Aktion wird Preußen keine Rücksichten nehmen.«

»Ich habe aber schon erklärt, daß ich unter allen Umständen neutral bleiben will,« sagte der König.

»Gewiß, Majestät, – allein es ist kein Vertrag geschlossen. – Graf Platen hat dem Prinzen Ysenburg nur im Allgemeinen die Intention Eurer Majestät, neutral zu bleiben, ausgesprochen – aber aus Furcht vor dem Lärm in Frankfurt und Wien keine eingehendere Negoziation eingeleitet und namentlich keinen Vertrag geschlossen.«

»Halten Sie den formellen Vertrag für so nöthig?« fragte der König.

»Ich halte ihn für unerläßlich, Preußen wird diesen Vertrag jetzt noch sehr gern schließen und, einmal geschlossen, ihn unter allen Umständen halten. Im Momente der Aktion wird man mehr fordern, und nach dem Sieg – ich glaube, daß der Neutralitätsvertrag die Garantie für die Selbstständigkeit – ja für die Existenz Hannovers ist.«

Der König fuhr auf.

»Halten Sie es für möglich, daß man in Berlin jemals daran denken könne, die Existenz Hannovers anzutasten?«

»Ich möchte für das Gegentheil keine Garantie übernehmen,« erwiederte der Regierungsrath Meding, – »der Kampf, welcher entbrennen wird, ist ein Kampf um die Existenz, – das alte Deutschland wird in diesem Kriege in Trümmer gehen – unter solchen Verhältnissen sind besondere Rücksichten nicht zu erwarten. Ein wirklicher Neutralitätsvertrag, jetzt abgeschlossen, sichert aber nicht nur die Existenz, sondern vielleicht sogar die volle Selbstständigkeit in einem neuen Deutschland, – denn, wie ich wiederholen muß – ich glaube fest, daß ein solcher Vertrag von Preußen unter allen Umständen gehalten werden wird.«

»Aber,« warf der König ein, »man setzt mir täglich auseinander, wie verderblich für Hannover ein Vertrag mit Preußen für den Fall wäre, daß Oesterreich siegen sollte.«

»Ich kenne diese eigentümliche Logik,« erwiederte Herr Meding – »kann sie aber in der That nicht verstehen. Soll Oesterreich vielleicht, wenn es siegreich in Deutschland dastände, Hannover an Preußen geben? – Außerdem wissen Eure Majestät, daß ich an einen österreichischen Sieg nicht glaube.«

Der König schwieg.

»Es ist eine schwierige Lage,« sagte er dann. – »Gestern war Sir Charles Wyke hier, um mich zu beschwören, am Bunde und an Oesterreich festzuhalten. Er brachte mir einen Brief von Lord Clarendon im gleichen Sinne.«

Der König öffnete mit einem kleinen Schlüssel eine der Schubladen, welche sich an der ihm zugekehrten Seite seines Schreibtisches befanden, tastete einige Augenblicke darin und reichte Herrn Meding über den Tisch einen Brief.

»Lesen Sie.«

Der Regierungsrath Meding durchflog den Inhalt des Papiers.

»Ich verstehe vollkommen die englische Politik, Majestät,« sagte er dann, – »man will in London um jeden Preis den Frieden erhalten, auch möchte man Preußen für die dänische Frage eine Lektion geben, – man hofft, wenn Eure Majestät sich entschieden und rücksichtslos auf die Seite Oesterreichs und der sächsischen Fraktion in Frankfurt stellen, daß Preußen vor dem Kampf zurückschrecken und Konzessionen machen, vielleicht die englische Vermittelung anrufen werde, – wodurch dann das englische Kabinet vielleicht Gelegenheit erhielte, etwas auf wohlfeile Weise für Dänemark zu thun. – Ich glaube, man täuscht sich in dieser Berechnung. – Dem sei aber wie ihm wolle – jedenfalls haben Eure Majestät hannöverische und nicht englische Politik zu machen, und um mich zu beruhigen, müßten hinter diesem Brief von Lord Clarendon die englischen Flotten mit Sicherheit zu sehen sein. – Sollten Eure Majestät aber, in Folge der jetzt so dringend angerathenen Politik, in Noth und Gefahr kommen, so wird nicht ein englisches Kanonenboot zu Ihrem Schutze erscheinen. England spielt hier die Rolle jenes bösen Dämons, der den Hektor in Gestalt seines Bruders Deiphobus zum Kampf gegen Achill reizte, und der dann, als der trojanische Held sich nach einer frischen Lanze umsah, verschwunden war. – Ich möchte übrigens,« fuhr Herr Meding nach einer kleinen Pause fort, »Eurer Majestät einen Gedanken aussprechen, durch dessen Ausführung die Bedenken, welche man gegen den Abschluß des Neutralitätsvertrages geltend macht, zum großen Theil verschwinden müßten.«

Der König richtete sich auf und heftete das Auge so fest und gespannt auf den Sprechenden, daß dasselbe wie durch den sehenden Blick belebt erschien.

»Eure Majestät erinnern sich,« sprach der Regierungsrath weiter, – »daß schon durch die ganze letzte Phase der Politik das stete und feste Zusammenhalten Eurer Majestät Regierung mit der kurhessischen von einem sehr starken und heilsamen Einfluß auf den Gang der Dinge war, daß durch dieß feste Zusammenhalten allein die unerhörte augustenburgische Politik des Herrn von Beust unmöglich gemacht, und die Sprengung des Bundes verhindert wurde. – Nach meiner Ueberzeugung müßte nun auch in dieser höchsten Krisis der deutschen Zustände Eure Majestät mit dem Kurfürsten zusammen handeln und auch den Großherzog von Oldenburg zum Anschluß bewegen. Eure Majestät treten damit an die Spitze einer Gruppe, in welcher Allerhöchst Sie die naturgemäße und gern zugestandene Führung haben, sichern die Zukunft Hannovers, leisten Preußen einen Dienst und vertheilen die Unzufriedenheit Oesterreichs auf mehrere Schultern. – Ich würde der unmaßgeblichen Meinung sein, daß Eure Majestät mit dem Kurfürsten von Hessen gemeinschaftlich den Neutralitätsvertrag mit Preußen schließen. Würde – was ich, ich wiederhole es, für unmöglich halte – dieser Vertrag später etwa nicht respektirt, so steht dann auch ein kompakterer Körper da, ihn zu vertheidigen. – Ich glaube, daß durch einen solchen festen und energischen Schritt in dieser Richtung der Krieg weit eher vermieden werden könnte, als durch den von Lord Clarendon angerathenen unbedingten Anschluß an Oesterreich.«

Der Regierungsrath Meding schwieg.

Der König, der mit der größten Spannung zugehört hatte, schlug lebhaft mit zwei Fingern der rechten Hand auf den Tisch.

»Sie haben Recht,« rief er laut, »Sie haben vollkommen Recht!«

Und er drückte mit der linken Hand auf einen an seinem Schreibtisch befestigten Knopf. Der Kammerdiener trat ein.

»Der Geheime Kabinetsrath soll kommen!« rief der König.

Als der Kammerdiener sich wieder entfernt, fuhr der König fort:

»Glauben Sie, daß der Kurfürst bereit sein wird, diesen Schritt mit mir zu thun?«

»Ich weiß, daß der Minister Abée ganz in diesem Sinne denkt,« erwiederte der Regierungsrath Meding, »und ich weiß auch, daß Seine Königliche Hoheit der Kurfürst unendlichen Werth darauf legt, mit Eurer Majestät in Übereinstimmung zu handeln.«

»Ich bitte Sie, mein lieber Meding,« sagte der König, »sofort selbst zum Kurfürsten zu reisen und Seiner Königlichen Hoheit meine Propositionen zu überbringen.«

Ein Schlag ertönte an der äußern Thür. – Der Kammerdiener öffnete dieselbe mit den Worten:

»Der Geheime Kabinetsrath.«

»Mein lieber Lex,« sagte der König, »der Regierungsrath Meding hat mir so eben einen Gedanken ausgesprochen, den ich sofort ausführen will. Er ist der Meinung, daß ich mit dem Kurfürsten von Hessen gemeinschaftlich und solidarisch einen Neutralitätsvertrag mit Preußen schließen soll, und ich will ihn sofort selbst nach Kassel schicken, weil er gewiß der beste Bote sein wird, um die Sache zu realisiren.«

Der Regierungsrath Meding verneigte sich gegen den König und sagte:

»Ich darf Eurer Majestät bemerken, daß Graf Platen ganz mit diesem Schritt einverstanden ist und mich autorisirt hat, dieß Eurer Majestät zu sagen.«

»
Tant mieux, tant mieux,« sagte der König – »was meinen Sie dazu, lieber Lex?«

»Ich bin vollkommen einverstanden,« erwiederte der Geheime Kabinetsrath mit einer feinen, etwas scharfen Stimme, »wenn nur Eure Majestät in irgend einer Weise den Neutralitätsvertrag werden abgeschlossen haben, so werde ich beruhigt sein, und wenn dieß in Gemeinschaft mit Hessen geschieht, so wird der Vertrag um so größere Garantieen bieten.«

»Wollen Sie nun so freundlich sein,« sagte der König, zum Kabinetsrath gewendet, »mit dem Regierungsrath zusammen das Schreiben zu entwerfen, das er von mir an den Kurfürsten mitnehmen muß, und es mir sogleich zur Unterschrift zu bringen!«

»Zu Befehl, Euer Majestät!« erwiederte der Geheime Kabinetsrath.

»Wie steht es mit der Gewerbegesetz-Angelegenheit?« fragte der König.

»Majestät,« erwiederte Herr Meding, »die Zünfte sind in großer Aufregung und sehen ihren Untergang in der Aufhebung des Zwanges. Ich thue Alles, um in dieser Richtung aufklärend zu wirken, und lasse in der Presse besonders auf das Beispiel Englands hinweisen, wo die Gilden ohne allen Zwang durch die Macht des korporativen Prinzips so gewaltig an Einfluß und Bedeutung dastehen. Ich hoffe, daß der Abscheu gegen die Neuerung auch hier der ruhigen und klaren Erkenntniß weichen wird, – der Minister Bacmeister greift übrigens die ganze Frage mit so schonender, vorsichtiger und geschickter Hand an, daß ich für den Erfolg nicht in Sorge bin.«

»Es thut mir leid,« sagte der König, »daß die braven Leute in den Zünften sich verletzt fühlen – aber sie werden bald einsehen, daß die Aufhebung des Zunftzwanges ihnen selbst nützt, – daß die Zünfte aus einer verhaßten und stagnirenden Institution zu einem lebenskräftigen Organismus werden. Wenn irgendwo, so ist die freieste Bewegung auf dem nationalökonomischen Gebiet nothwendig. – Wie freue ich mich, bei dem Minister Bacmeister ein so feines und geistreiches Verständniß für meine Ideen und eine so geschickte Hand zur Ausführung derselben gefunden zu haben!«

»In der That, Eure Majestät,« erwiederte der Regierungsrath, »der Minister Bacmeister ist der geistreichste und liebenswürdigste Mann, den ich jemals kennen gelernt habe, – er hat durch seine persönlichen Eigenschaften großen Einfluß auf die Opposition und fast jeden Abend findet er sich in einer Art von parlamentarischem Klub, den er hier gebildet, mit Miquel und Albrecht zusammen. Vieles wird dort in freundlichem Gespräch aufgeklärt, was sonst in den Kammerverhandlungen zu den bittersten Erörterungen und Streitigkeiten führen würde.«

»Das ist ja,« unterbrach der König lebhaft, »was uns hier immer gefehlt hat, – man spricht in Deutschland so viel vom öffentlichen Leben und versteht doch nichts davon, da man nicht im Stande ist, mit einem politischen Gegner auf neutralem Gebiet als Gentleman zu verkehren. – Waren Sie gestern in der Oper?« fragte er abbrechend.

»Nein,« erwiederte der Regierungsrath, »Doktor Schladebach aber hat mir gesagt, daß er sehr unzufrieden war und eine strenge Kritik schreiben werde.«

»Er hat Recht,« rief der König,, »ich bin sehr gespannt, diese Kritik zu lesen; Doktor Schladebach hat ein feines Verständniß für die Kunst und eine so richtige und taktvolle Manier, sein Urtheil auszusprechen. Wenn wir nur erst für das Schauspiel eine eben so gute Kritik gesunden hätten!«

»Ich gebe mir alle Mühe, Majestät,« sagte Herr Meding, »eine tüchtige Kritik zu schaffen, und bitte Eure Majestät nur noch um etwas Geduld, – die Kräfte lassen sich nicht so leicht und schnell finden oder bilden.«

»Gewiß, gewiß,« erwiederte der König – »
che va piano va sano – aber wir müssen dahin kommen, eine wirklich gediegene Kritik zu schaffen – sie ist unerläßlich für ein Kunstinstitut, das wirklich auf der Höhe seiner Zeit stehen und seine hohe Aufgabe erfüllen soll. – Doch nun addio, mein lieber Regierungsrath, reisen Sie mit Gott und vieles Freundliche an Seine Königliche Hoheit den Kurfürsten. Kommen Sie bald zurück!«

»Gott segne Sie!«

Der Regierungsrath Meding und der Geheime Kabinetsrath verließen das Kabinet.

Georg V. blieb allein.

Er blieb eine Zeitlang ruhig in seinem Stuhle sitzen, das Auge auf den Tisch geheftet.

»Es ist wahr, es ist wahr,« sagte er halblaut, »der große Konflikt naht sich, die segensreiche Institution des deutschen Bundes, welche fünfzig Jahre lang Deutschland die Ruhe und Europa den Frieden erhielt, kracht in ihren Fugen und wird in dem gewaltigen Kampf zusammenbrechen. – Die einzige Hand, welche mit mächtigem Wink diesen Ausbruch hätte beschwören können, ruht im Grabe. – Der Kaiser Nikolaus ist nicht mehr da, um mit gewaltigem Arm in das rollende Rad des Verhängnisses zu greifen. – Und an mich hängt sich Gewicht an Gewicht von der einen und der andern Seite – wohin mich wenden – zum Heil dieses schönen, reichen und treuen Landes, das Gott mir anvertraut, das ein Jahrtausend mit meinem Hause in Freude und Leid verbunden war?«

Der König blieb eine Zeitlang stumm, dann erhob er sich, die Hand auf die Lehne seines Sessels gestützt, wendete sich nach der Seite, wo an der Wand die lebensgroßen Brustbilder des Königs Ernst August und der Königin Friederike hingen, und ließ sich langsam auf die Kniee nieder.

»O Du allmächtiger, dreieiniger Gott,« sprach er mit leiser Stimme, deren inbrünstiger Ton das Gemach durchdrang, »Du siehst mein Herz, Du weißt, wie ich im Gebet zu Dir gerungen habe in schweren Stunden meines Lebens, Du hast mir Kraft in die Seele gegossen, die schwere Schickung zu ertragen, daß ich das Angesicht meines Weibes und meiner Kinder nicht schauen kann, Du hast mir Licht und Stärke gegeben, als ich in verhängnißvoller Zeit die Regierung dieses Landes übernahm – segne mich auch jetzt – laß mich das Rechte treffen in diesem ernsten Augenblick, erleuchte meinen Geist, zu erkennen, was meinem Lande und meinem Hause zum Heil gereicht, und führe mich gnädig durch die Stürme dieser Tage! – Doch nicht mein, sondern Dein Wille geschehe – und ist es mir beschieden, daß Leid und Trübsal mich treffe, so gib mir Kraft zum Tragen, Muth zum Ausharren!« –

Die betenden Worte des Königs verklangen, – tiefe Stille herrschte im Gemach. Da bewegte ein Luftzug klirrend den geöffneten Flügel des Fensters, etwas Schweres fiel zu Boden, man hörte das Geräusch zerbrechender Scherben.

Der kleine King Charles schlug an.

Der König schrak zusammen, erhob sich rasch und stellte sich vor seinen Lehnstuhl. Dann drückte er an den Knopf der elektrischen Glocke seines Schreibtisches.

Der Kammerdiener trat ein.

»Was fiel dort am Fenster zu Boden?« fragte der König lebhaft.

Der Kammerdiener eilte dem Fenster zu.

»Es ist der Rosenstock, den Ihre Majestät die Königin zur Blüte gebracht und hieher gestellt hat.«

»Ist die Blume beschädigt?«

»Die Blüte ist gebrochen,« erwiederte der Kammerdiener, indem er die Scherben aufhob und die verschüttete Erde zur Seite schob.

Georg V. schauerte leicht.

»Die Blüte ist gebrochen,« wiederholte er halb leise, indem er das Haupt erhob und das Auge wie fragend zum Himmel richtete.

Dann ließ er sich wieder auf seinen Sessel nieder.

»Wer ist im Vorzimmer?« fragte er den Kammerdiener.

»General von Tschirschnitz, Graf Platen, General von Brandis, Minister Bacmeister.«

»Rufen Sie die Herren alle!« befahl der König.

Der Kammerdiener stellte vier Stühle um den Tisch des Königs und entfernte sich.

Nach einigen Sekunden traten die vier Personen in das Kabinet, indem der Kammerdiener je den Namen des Eintretenden nannte.

»Guten Morgen, meine Herren,« rief der König ihnen entgegen – »setzen Sie sich!« –

Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Graf Platen zu Hallermund, – ein Nachkomme jener bekannten Gräfin Platen, welche in dem Königsmark'schen Mysterium so viel genannt wurde, setzte sich zunächst zur Seite des Königs.

Er war ein Mann von fünfzig Jahren mit scharf geschnittenem, vornehmem Gesicht. Das glänzende Schwarz seines dichten, sorgfältig gescheitelten Haares und seines Schnurrbarts schien mit seinen Jahren nicht völlig übereinzustimmen, wohl aber mit der jugendlichen und elastischen Haltung seiner schlanken, eleganten Gestalt.

Zur andern Seite des Königs setzte sich der Minister des Innern, Bacmeister, ein Mann, wenig älter als Graf Platen, dagegen weit mehr den Stempel seines Alters tragend. Sein dünnes, blondes Haar war grau geworden, die Züge seines bartlosen Gesichts trugen den Ausdruck der Ermüdung und Abgespanntheit durch geistige Arbeit, sowie durch Kränklichkeit und körperliche Leiden. Nur wenn er aufmerksam hörte, gewannen diese Züge Leben, das Auge leuchtete in dem Strahl einer hohen und außergewöhnlichen Intelligenz und ein Zug feiner Ironie umspielte oft den geistreichen Mund.

Wenn er sprach, so begleitete seine Worte ein so lebendiges und scharfes Mienenspiel, daß man glaubte, zwischen den Worten, die er sprach, noch viele unausgesprochene Gedanken zu lesen, die scharfen, klaren, wohlgewählten und genau den Sinn treffenden Worte gestalteten sich in Verbindung mit diesem Mienenspiel zu einer so hinreißenden Beredsamkeit, daß selbst seine heftigsten Gegner dem mächtigen Eindruck dieser anfangs unscheinbaren Persönlichkeit verfielen und vollständig sous le charme dieses Eindrucks sich befanden.

Beide Minister trugen den blauen Amtsfrack mit schwarzem Sammtkragen.

Der Kriegsminister, General der Infanterie von Brandis, war ein Mann von einundsiebenzig Jahren, ein alter Legionär des eisernen Herzogs von Wellington, – er hatte in Spanien gedient und die Feldzüge von 1813–15 mitgemacht. Heitere Jovialität strahlte aus seinem für seine Jahre frischen, lächelnden Gesicht, das eine schwarze kurze Perrücke umrahmte. Seine Lippe deckte ein kleiner, ebenfalls kohlschwarzer Schnurrbart.

Er setzte sich mit dem General von Tschirschnitz dem Könige gegenüber.

»Ich habe Sie gebeten, zusammen hieher zu kommen, meine Herren,« sprach der König, »weil ich in dieser ernsten Zeit nochmals Ihre Meinung hören und Ihnen meinen Willen aussprechen wollte. – Ich habe Sie gerufen, General Brandis, und Sie, meine Generaladjutanten, als Vertreter der militärischen Verhältnisse des Königreiches, Sie Graf Platen, als meinen Minister der auswärtigen Angelegenheiten, in dessen Ressort die unmittelbar vorliegenden großen Fragen fallen – und Sie, mein lieber Minister Bacmeister, weil Sie die innere Lage des Landes und die Stimmungen des Volkes genau kennen, und« – fügte er mit verbindlichem Lächeln hinzu, »weil ich in Ihre Ansicht und Ihren Rath ganz, besonderes Vertrauen setze.«

Der Minister des Innern verneigte sich.

»Sie erinnern sich, meine Herren, daß vor einiger Zeit in einem größeren Conseil, das ich hier in Ihrem Beisein abhielt, die große Frage erörtert wurde, welche Stellung Hannover in dem immer schärfer hervortretenden und sich zuspitzenden, so unendlich beklagenswerten Konflikt zwischen den beiden ersten Mächten des deutschen Bundes einnehmen solle. – Die Herren Militärs – insbesondere auch der heute nicht anwesende General von Jacobi, erklärten übereinstimmend, daß die Armee zu einer ernstlichen Theilnahme an einem etwaigen Kampfe – den Gott verhüten wolle – gegenwärtig nicht bereit sei; eine Mobilmachung und militärische Vorbereitungen ernster Natur wurden aus politischen Gründen für bedenklich erachtet, während auf der andern Seite darauf gedrängt wurde, Maßregeln zu treffen, um von den militärischen Ereignissen nicht ganz unvorbereitet überrascht zu werden. – Um zwischen den beiden Meinungen zu vermitteln, habe ich die Festsetzung eines früheren Termins für die Exerzirzeit befohlen, wodurch einmal die Truppen für alle Fälle leichter disponibel sind, und zugleich auch der Bevölkerung eine Erleichterung geschaffen wird, indem die Exerzirzeit nicht mit der Ernte zusammenfällt. – Die Ereignisse schreiten indeß weiter vor und der Ausbruch des Konflikts scheint unvermeidlich. Es tritt nun die ernste Frage hervor, – ob für Hannover eine Parteinahme nach der einen oder der andern Seite möglich oder gerathen – oder ob die strikte Neutralität zu empfehlen sei. – Ich bitte den Grafen Platen, sich zunächst zu äußern.«

Graf Platen sprach:

»Ich verkenne nicht, Majestät, den Ernst der Lage, indeß glaube ich noch nicht, daß es wirklich zum Krieg kommt. Wir haben schon oft große Echauffements in der Politik gesehen, die sich bald wieder abgekühlt haben. Ich möchte deßhalb ganz untertänigst der Meinung sein, daß noch der Augenblick nicht gekommen sei, um einen ganz bestimmten Entschluß zu fassen und auszusprechen.«

Ein leichtes, fast unmerkliches Lächeln flog über die Züge des Königs. Der General von Tschirschnitz schüttelte den Kopf.

»Wenn es nothwendig werden sollte, sich positiv und definitiv zu erklären,« fuhr Graf Platen fort, »dann würde ich auch gewiß nicht der Meinung sein, sich ganz entschieden auf die eine oder die andere Seite zu stellen. Wir haben Rücksichten nach beiden Seiten zu nehmen und dann kann man ja auch gar nicht wissen, wer denn siegen werde. Die Neutralität scheint mir in diesem Falle das Natürlichste zu sein.«

»Also würden Sie rathen, den Neutralitätsvertrag abzuschließen?« fragte der König.

»Der Vertrag, Majestät,« erwiederte Graf Platen, indem seine schlanke Gestalt sich in sich znsammenschmiegte, – »der Vertrag ist der letzte Schritt, er würde in Wien gewaltig verletzen, und wenn es nicht zum Krieg kommt, würde man uns einen solchen Vertrag schwer verzeihen.«

»Aber werden wir ohne Vertrag die Neutralität halten können?« fragte der König.

»Wir werden ihn immer schließen können,« sagte Graf Platen, »man wird in Berlin immer sehr zufrieden sein, uns nicht gegen sich zu haben.«

»Sie würden also? –« fragte der König.

»Zeit gewinnen, Majestät, – Zeit gewinnen,« sagte Graf Platen, »wir sind jetzt gesucht auf beiden Seiten und würden unsere günstige Position verlieren, wenn wir uns definitiv auf die eine Seite stellten. Je länger wir warten, um so vortheilhafter können wir unsere Lage gestalten.«

Der König bedeckte Stirn und Augen mit der Hand und schwieg einen Augenblick. Dann wendete er sich nach der anderen Seite und sprach:

»Und was meinen Sie, Minister Bacmeister?«

Der Angeredete erwiederte mit einer leisen Stimme, welche aber dennoch die Hörer in eigentümlicher Weise zur Aufmerksamkeit zwang:

»Es ist mein Grundsatz, Majestät, mir in jedem Falle die weiteren Konsequenzen der augenblicklichen Handlung klar zu machen. – Die Haltung, welche Eure Majestät jetzt einzunehmen beschließen werden, hat aber sehr weittragende Konsequenzen. – Eure Majestät können zunächst entweder mit Oesterreich oder mit Preußen gehen. – Gehen Allerhöchstdieselben mit Oesterreich, so können Sie, wenn Preußen so besiegt wird, wie man es in Wien hofft – und wie ich es nicht glaube, vielleicht eine bedeutendere Macht und größeren Einfluß in Deutschland gewinnen, – aber Sie spielen im entgegengesetzten Fall um Ihre Krone. – Eine solche Politik kann kühn und groß sein, aber sie setzt Alles auf's Spiel. – Wollen Eure Majestät sie machen, so können Sie das nur selbst beschließen, ein Minister kann dazu nicht rathen, da es ihm nicht zusteht, die Krone seines Herrn als Einsatz für ein gefährliches Spiel zu benutzen. – Gehen Eure Majestät mit Preußen, so folgen Sie der natürlichen Lage Hannovers und werden im Falle des Sieges zwar nicht eine so glänzende Stellung einnehmen, aber Sie werden auch im Falle des Unterliegens keine Gefahr laufen, da Oesterreich als Sieger Hannover nicht schwächen kann. – Nun bietet sich aber Eurer Majestät die glückliche Chance, durch eine neutrale Haltung, welche man in Berlin jetzt noch acceptirt und stipuliren will, die Sicherheit des Landes und der Krone zu bewahren und vielleicht ohne Kampf und Opfer an den Vortheilen des Sieges Theil zu nehmen. – Nach meiner Ansicht kann da der Entschluß nicht zweifelhaft sein und ich muß mich daher entschieden für die unbedingte Neutralität aussprechen. – Dann aber, Majestät,« fuhr der Minister lebhafter fort, »muß diese Neutralität so rasch wie möglich durch den bündigsten Vertrag besiegelt werden. Je mehr die Ereignisse fortschreiten, um so mehr sehe ich mit Besorgniß den Augenblick kommen, in welchem Preußen sich nicht mehr mit der Neutralität begnügen kann, und an Eure Majestät Forderungen stellen wird, die Sie nicht werden annehmen wollen und können. – Durch Zögern und Hinhalten kann nichts erreicht werden, als Mißtrauen auf beiden Seiten – und die endliche, vollkommene Isolirung Hannovers in einem Kampfe, in welchem allein und ungedeckt zu stehen wir nicht stark genug sind. – Ich stimme deßhalb für den schleunigsten Abschluß eines bündigen Neutralitätsvertrages.«

»General von Brandis,« sagte der König.

Der General antwortete, ohne daß der freundliche, lächelnde Ausdruck seines Gesichts verschwand:

»Eure Majestät wissen, daß ich die Preußen hasse. Ich habe als Kind unter den Eindrücken der Okkupation von 1803 gelebt und werde diese Eindrücke nie vergessen. Ich sage Eurer Majestät ganz offen, daß ich am liebsten meinem persönlichen Gefühl nach an der Seite Oesterreichs gegen Preußen noch einmal meinen alten Degen zöge. Aber ich erkenne alle Gründe des Herrn Ministers des Innern als richtig und schließe mich deßhalb vollständig seiner Ansicht an.«

»Und Sie, Generallieutenant von Tschirschnitz?« fragte der König weiter.

»Majestät,« erwiederte der Generaladjutant mit seiner barschen militärischen Stimme, »ich muß zunächst auch heute nochmals dagegen protestiren, daß die königliche Armee nicht im Stande sein solle, aktiv in die Entscheidung der Dinge einzugreifen. Nach meiner Ueberzeugung ist die Armee dazu im Stande und wird überall, wo sie dazu berufen wird, dem hannöverischen Namen und ihrer Geschichte Ehre machen. Ich spreche dieß mit der vollsten Zuversicht aus und werde meine Ansicht niemals ändern. – Die Rücksicht auf mangelnde Schlagfertigkeit der Armee darf also Eurer Majestät Entschlüsse nicht bestimmen. – Was die politischen Rücksichten und Gründe betrifft, so wollte ich lieber, Eure Majestät fragten mich nicht. – Ich muß die Gründe des Herrn Ministers des Innern als richtig anerkennen – als Soldat beklage ich die Neutralität und würde wahrlich lieber wünschen, an der Seite Eurer Majestät und mit der braven hannöverischen Armee in den Kampf zu ziehen. – Wenn Eure Majestät sich aber für die Neutralität entscheiden, so möchte ich auch wünschen, daß sie sobald als möglich fest und unabänderlich abgemacht wird, denn ich verabscheue die halben Maßregeln und die unklaren Situationen und habe noch nie gesehen, daß sie zu etwas Gutem geführt hätten.«

Der König richtete sich aus der zuhörenden Stellung, die er eingenommen hatte, empor.

»Ich höre also,« sprach er, »daß Sie Alle, meine Herren, die Neutralität Hannovers in dem leider immer unvermeidlicher sich nahenden, tief beklagenswerthen Kampfe zwischen Oesterreich und Preußen für geboten erachten. – Nur meint Graf Platen, daß man den festen Abschluß eines Vertrages hinziehen und Zeit gewinnen solle, während Minister Bacmeister und die Herren Generale den sofortigen Vertragsabschluß für nöthig halten, um den noch günstigen Augenblick nicht zu verlieren. – Ich meinerseits schließe mich der Ansicht des Ministers des Innern aus den von ihm vorgetragenen Gründen an. – Ich bitte Sie, mein lieber Graf,« fuhr er gegen den Grafen Platen gewendet fort, »in diesem Sinne zu handeln und sogleich die erforderlichen Besprechungen mit dem Prinzen Ysenburg zu beginnen.«

Graf Platen war augenscheinlich unangenehm berührt. –

»Zu Befehl, Euer Majestät,« sagte er sich verneigend, »indeß werden Allerhöchstdieselben gewiß einverstanden sein, daß wir wenigstens noch einige Tage warten, bis sich die Situation noch etwas mehr geklärt hat und bis wir wenigstens ganz genau wissen, was in Oesterreich geschieht und was man dort will. – Graf Ingelheim hat mir heute Morgen mitgetheilt, daß der Prinz Karl Solms in besonderem Auftrag des Kaisers an Eure Majestät unterwegs ist.«

Der König erhob das Haupt mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens.

»Mein Bruder Karl?« rief er aus, »was bringt er?«

»Ich weiß es nicht, Majestät,« sagte Graf Platen, »und Graf Ingelheim wußte es auch nicht – oder wollte nicht vorgreifen, – jedenfalls müßte doch diese Mission abgewartet werden, bevor nach Preußen hin definitive Schritte geschehen.«

Der König dachte nach.

Bacmeister schüttelte schweigend den Kopf.

Ein Schlag ertönte gegen die äußere Thür.

Der Kammerdiener meldete den Geheimen Kabinetsrath. –

Dieser trat in das Kabinet und sprach:

»Seine Durchlaucht der Prinz Karl Solms ist soeben angekommen und bittet Eure Majestät um Audienz.«

Der König stand auf.

»Wo ist der Prinz?«

»Er ist bei Ihrer Majestät der Königin und erwartet dort die Befehle Eurer Majestät.«

Der König klingelte.

»Ich lasse den Prinzen Karl bitten, zu kommen,« sagte er dem eintretenden Kammerdiener. – »Sie, meine Herren Minister, wollen so freundlich sein, hier in Herrenhausen zu bleiben, – ich bitte Sie, zu frühstücken, der Geheime Kabinetsrath wird die Honneurs machen. – Mein lieber Generaladjutant, ich danke Ihnen und will Sie nicht länger aufhalten. Aus unserer regelmäßigen Arbeit wird heute nichts werden. Ich bitte Sie, morgen wiederzukommen.«

Die vier Herren entfernten sich.

Der Geheime Kabinetsrath trat an den Tisch des Königs.

»Der Brief an den Kurfürsten, Eure Majestät – eine kurze Erklärung, daß Eure Majestät in jedem Falle neutral zu bleiben wünschten, und im Uebrigen auf die mündlichen Erklärungen des Regierungsraths Meding verwiesen.«

»Es ist gut, gehen Sie,« sagte der König.

Der Geheime Kabinetsrath legte den Brief auf den Tisch, tauchte eine große Feder ein und reichte sie dem König, legte dann dessen Hand auf die Stelle des Papiers, wohin die Unterschrift zu setzen war, und der König schrieb mit fester Hand und großen, kräftigen Zügen: Georg Rex.

»Ist es gut?« fragte er.

»Vollkommen,« erwiederte der Geheime Kabinetsrath, nahm das Papier und entfernte sich.

Kaum hatte er das Kabinet verlassen, als der Kammerdiener die Thüre mit den Worten öffnete:

»Seine Durchlaucht der Prinz Karl.«

Der Prinz trat ein.

Der Stiefbruder des Königs, aus der Ehe der nachmaligen Königin Friederike mit dem Prinzen von Solms-Braunfels, war ein Mann von einigen fünfzig Jahren, von hoher, schlanker Gestalt, das ergrauende Haar kurz geschnitten; das dem Könige ähnliche, aber weit weniger scharf geschnittene Gesicht trug die Farbe der Gesundheit, aber zeigte in den etwas erschlafften Zügen Spuren von Kränklichkeit.

Der Prinz trug die große Uniform eines österreichischen Generalmajors, in der Hand den Hut mit dem grünen Federbusch und einen versiegelten Brief, – auf der Brust den großen Stern des hannöverischen Guelphenordens, den österreichischen Leopoldorden um den Hals. –

Er eilte auf den König zu, der ihn auf das herzlichste umarmte.

»Woher kommst Du, mein lieber Karl,« rief Georg V., »was verschafft mir die so unerwartete Freude, Dich hier zu sehen? – Was machen vor Allen die Deinigen?«

»Ich danke für Deine gnädige Frage,« erwiederte der Prinz– »es geht besser zu Hause und meine Frau befindet sich jetzt wohl.«

»Und die Herzogin von Ossuna?«

»Ich habe die besten Nachrichten.«

»Und Du selbst – was macht Deine Gesundheit?«

»Die Nerven plagen mich zuweilen, sonst geht es mir gut.«

»So« – sagte der König, – »und nun setze Dich und erzähle mir, was Dich herführt – ich habe eine Andeutung davon durch Graf Ingelheim erhalten.«

Der Prinz setzte sich neben den König und antwortete:

»Ich wünschte, daß ich in weniger ernster Zeit und aus weniger ernster Veranlassung hieher käme,« sagte er seufzend, – »der Kaiser schickt mich zu Dir. Hier ist sein Brief.«

Und er reichte dem König das Schreiben, welches er in der Hand trug.

Dieser nahm es, ließ die Finger leicht über das Siegel gleiten und legte es vor sich auf den Tisch.

»Kennst Du den Inhalt, steht etwas Besonderes darin?« fragte er.

»Nichts von Bedeutung, es ist nur meine Beglaubigung. Meine Mission ist mündlich.«

»So sprich, ich bin gespannt zu hören.«

Der Prinz sprach:

»Der Kaiser ist entschlossen, den Kampf um die künftige Gestaltung Deutschlands aufzunehmen und mit allen Kräften durchzuführen, da er überzeugt ist, daß nur durch diesen Kampf und nach einem entscheidenden Siege Oesterreichs dauerhafter Frieden und dauerhafte Sicherheit für die souveräne Selbstständigkeit der deutschen Fürsten herzustellen sein werden.«

»Also habe ich mich nicht getäuscht,« sagte der König, »der Kampf ist beschlossen?«

»Er ist beschlossen,« erwiederte der Prinz, »und der Kaiser legt den höchsten Werth darauf, in diesem Kampf von den deutschen Fürsten umgeben zu sein, wie er es beim Fürstentage in Frankfurt war.«

»Wo man mich mediatisiren wollte« – warf der König halblaut ein, – »doch weiter.«

»Der Kaiser,« fuhr der Prinz fort, »legt vor Allem hohen Werth auf die feste Allianz Hannovers. Er hat mir befohlen, Dir zu sagen, daß er die Interessen des Hauses Habsburg und des Welfenhauses für identisch in Deutschland halte –«

»Das Welfenhaus hat stets gegen den Cäsarismus gekämpft« – sagte der König.

»Der Kaiser,« fuhr der Prinz fort, »hofft, daß die alte innige Verbindung zwischen Hannover und Oesterreich auch in dieser Krisis sich bewähren werde. Er sieht ein, daß bei dem Wiener Kongreß Hannover nicht die richtige Stellung in Deutschland, besonders in Norddeutschland, erhalten habe; – berufen, in Norddeutschland ein mächtiges und selbstständiges Gegengewicht gegen die preußischen hegemonistischen Bestrebungen zu bilden, sei Hannover durch die Diplomatie des Wiener Kongresses zu schwach hingestellt –«

»Weil die Bestrebungen des Grafen Münster von Metternich nicht unterstützt wurden,« bemerkte der König abermals halb für sich.

»Der Kaiser erkennt die Notwendigkeit,« fuhr der Prinz fort, »jenen Fehler des Wiener Kongresses bei einer neuen Gestaltung und Organisation Deutschlands zu verbessern, und schlägt Dir deßhalb ein festes Offensiv- und Defensivbündniß vor.«

»Auf welcher Basis?« fragte der König.

»Die wesentlichen Punkte des Bündnisses, welches der Kaiser im Sinne hat, sind folgende,« erwiederte der Prinz: »Hannover stellt sofort seine ganze Armee auf den Kriegsfuß und verpflichtet sich, gemeinschaftlich und zugleich mit Oesterreich den Krieg an Preußen zu erklären. – Dagegen stellt der Kaiser die in Holstein befindliche Brigade Kalik zu Deiner Disposition und tritt Dir den General von Gablenz für die Dauer des Feldzugs ab. – Er garantirt für alle Fälle den ungeschmälerten Besitzstand Hannovers und verspricht für den Fall des Sieges, Holstein und das preußische Westphalen Deinem Königreiche einzuverleiben.«

»Für den Fall des Sieges,« sagte der König. – »Glaubst Du an diesen Sieg?«

Der Prinz schwieg einen Augenblick.

»Ich bin österreichischer General,« sagte er dann.

»Laß den österreichischen General einen Augenblick bei Seite und antworte mir als mein Bruder!«

»Wenn unsere Kräfte richtig geleitet und in Tätigkeit gesetzt werden,« erwiederte der Prinz nach einer kurzen Zögerung, »und wenn Deutschland kräftig und energisch zu uns steht, so kann uns der Erfolg nicht fehlen. Unsere Artillerie ist vortrefflich und unsere Kavallerie der preußischen weit überlegen.«

»Hm,« machte der König, – »doch lassen wir diese Erörterung, Du könntest glauben, daß ich meine Entschlüsse nur nach dem Nützlichkeitsprinzip fassen wolle, und dem ist nicht so. Für mich liegt in dieser ganzen Krisis ein höheres Prinzip, als das des Erfolgs, und nach diesem Prinzip allein werde ich handeln.«

»Ich bitte Dich unterthänigst,« sagte der Prinz, »die Zukunft und Größe Deines Hauses zu bedenken und nicht zu vergessen, daß Preußen in seiner jetzigen Macht und mit den jetzigen Tendenzen seiner Politik eine stete Drohung und Gefahr für Hannover ist.«

Der König schwieg einige Augenblicke nachdenkend.

»Mein lieber Karl,« sagte er dann, »Du kannst überzeugt sein, daß Alles, was vom Kaiser kommt, bei mir die ernsteste Aufnahme und die höchste Beachtung findet – und daß er, indem er mir die Freude machte, Dich zu mir zu schicken, einen Boten gewählt hat, der ganz geeignet ist, diese Beachtung noch zu verstärken. Ich bin jederzeit bereit, dem Hause Habsburg und Oesterreich meine auf Neigung und Ueberzeugung beruhende Freundschaft zu beweisen. – Hier aber, – ich muß es Dir sogleich sagen, – kommen Prinzipien in Frage, die mir als Herrscher meines Landes und als Mitglied des deutschen Bundes höher stehen als Alles. – Ich will Dir in diesem Augenblick noch keine definitive Antwort geben, Du kannst doch einige Tage hier bleiben?«

»Einige Tage gewiß,« erwiederte der Prinz, »der Kaiser erwartet aber mit Spannung meine Rückkehr und lange möchte ich nicht –«

»Ich will Dich auch nicht lange aufhalten und Deine Proposition sogleich meinen Ministern vorlegen.«

Der König klingelte und sagte dem eintretenden Kammerdiener:

»Wenn die Herren Minister gefrühstückt haben, so lasse ich sie bitten!«

Kurze Zeit darauf traten Graf Platen, General Brandis und Minister Bacmeister in das Kabinet.

Der Prinz Karl begrüßte die Herren einzeln sehr herzlich und Alle setzten sich um den Schreibtisch des Königs.

Georg V. begann:

»Die Situation, über welche wir vorhin sprachen, hat sich etwas modifizirt. – Mein Bruder Karl hat mir die Proposition eines bestimmten Allianztraktats von Seiten Seiner kaiserlichen Majestät von Oesterreich überbracht, unter genau formulirten Bedingungen. – Ich bitte Dich, lieber Karl, diese Bedingungen nochmals zu bezeichnen.«

Der Prinz wiederholte die Punkte, wie er sie vorher dem Könige vorgetragen.

Graf Platen rieb sich lächelnd die Hände.

»Eure Majestät sehen,« sagte er halblaut dem Könige, »wie man sich um uns bewirbt und welche günstige Situation unsere Politik geschaffen hat.«

Bacmeister wiegte langsam das Haupt und drehte die Daumen seiner gefalteten Hände um einander, ein Zug feiner, lächelnder Ironie spielte um seinen Mund.

»Eure Durchlaucht,« sagte er, »sprechen von allerdings sehr bedeutenden Vergrößerungen Hannovers im Falle des Sieges. Was aber wird geschehen, wenn – wir müssen hier alle Fälle erwägen – Preußen siegreich sein sollte?«

»Der Kaiser garantirt für alle Fälle den Besitzstand Hannovers,« sagte der Prinz.

»Durch welche Mittel würde aber Seine kaiserliche Majestät in dem Falle, daß Oesterreich besiegt wäre, dem siegreichen Preußen gegenüber jene Garantie zu unterstützen und zu realisiren denken?« fragte Bacmeister.

»Ich bitte, mein lieber Minister, jetzt keine Diskussion,« sagte der König.

»Sie haben, meine Herren,« fuhr er fort, »die Propositionen gehört. Ich will in diesem Falle, gegen meine sonstige Gewohnheit, wie Sie wissen, Ihnen sogleich meine Anschauung sagen. – Ich meinestheils stehe unabänderlich auf dem Standpunkt, daß ein Krieg zwischen zwei Mitgliedern des deutschen Bundes nach der Verfassung und den Gesetzen des Bundes eine Unmöglichkeit ist. Ein solcher Krieg kann und wird vielleicht leider kommen, wie ein schweres Naturereigniß, wie eine Geißel Gottes, – ihn vorher in's Auge zu fassen, für ihn Verträge zu schließen – das halte ich für unvereinbar mit meinen Pflichten als deutscher Fürst; ich würde mich durch einen solchen Vertrag betheiligen und mitschuldig machen an der Infraktion in die von Deutschland und Europa geheiligte Verfassung des deutschen Bundes. Mit meinem Willen und mit vorbedachter Absicht sollen niemals hannöverische Truppen gegen Deutsche fechten und niemals wird dieß anders geschehen, als im Stande der Nothwehr. – Kann ich schon deßhalb den vorgeschlagenen Allianztraktat nicht für annehmbar erachten, so kommt dazu, daß ich die für die eventuelle Vergrößerung Hannovers gemachten Propositionen niemals annehmen kann. Ich kann keinen Vertrag unterzeichnen, durch welchen ich die Hand ausstrecke nach fremdem Gut. Es ist mein Stolz und meine Freude, daß unter den von mir beherrschten Landen sich kein Fuß breit Erde befindet, der nicht rechtmäßig meinem Hause als legitimes Besitzthum zusteht – soll ich jetzt Verträge schließen über die Eroberung von Ländern, die jedenfalls mir nicht gehören? Westphalen gehört dem Könige von Preußen, einem Fürsten, mit dem ich nicht nur in Frieden lebe, sondern im deutschen Bunde in besonders heiligen Beziehungen stehe. Holstein gehört von Rechtswegen – ich weiß nicht wem, dem Großherzog von Oldenburg, dem Herzog von Augustenburg, Preußen, – ich kann die verwickelte Frage des Erbfolgerechts nicht entscheiden – jedenfalls nicht mir. Und meine Herren, ich will um keinen Preis das schöne Bewußtsein mir trüben lassen, daß mein Königreich mir ganz und rein nach Gottes Recht und Gottes Gnade gehört, – und niemals« – der König schlug stark mit zwei Fingern der rechten Hand auf den Tisch – »niemals werde ich meine Hand ausstrecken nach fremdem Gut! – Der vorgeschlagene Vertrag ist daher nach meiner Ueberzeugung unannehmbar. – – Ein Vorschlag Seiner kaiserlichen Majestät von Oesterreich,« fuhr der König nach einer kurzen Pause fort, »hat aber das unabweisbare Recht auf eine ernste und scharfe Prüfung. – Ich bitte daher einen jeden von Ihnen, die Frage gewissenhaft zu durchdenken und alle Gründe, die etwa gegen meine eben ausgesprochene Ansicht geltend zu machen sein möchten, zu erwägen und zu formuliren. – Ich werde morgen Sie, meine Herren, mit Ihren heute nicht hier anwesenden Kollegen zu einer Sitzung des Gesammtministeriums unter meinem Vorsitz zusammentreten lassen, um dann die definitive Antwort zu hören und festzustellen. – Für heute danke ich Ihnen, die Stunde der Berathung werde ich Ihnen morgen wissen lassen.«

Der König erhob sich.

Die Minister verließen ernst und schweigend das Kabinet.

Der Prinz Solms blickte trübe vor sich hin.

»Habe ich Recht?« fragte ihn der König.

Der Prinz blickte zu seinem königlichen Bruder mit dem Ausdruck tiefer Verehrung auf.

»Du hast Recht,« sagte er leise, »und« – fügte er hinzu, indem sein Blick sich trübe verschleierte und sein Haupt niedersank, – »doch vielleicht großes Unrecht.«

»Nun, mein lieber Karl,« sagte der König mit ruhiger Heiterkeit, »sollst Du mit mir ausgehen. Ich habe das Bedürfniß, einen Gang zu machen, bei welchem Du mein bester Begleiter bist.«

Er drückte auf einen zweiten Knopf an der rechten Seite des Schreibtisches. Der Kammerdiener vom innern Dienst erschien an der Thür des Kabinets, welche zum Schlafzimmer des Königs führte.

»Ich will ausgehen,« sagte der König, indem er seine Uniform zuknöpfte.

Der Kammerdiener reichte ihm die Militärmütze der Gardejäger und die Handschuhe.

»Befehlen Eure Majestät eine Cigarre?«

»Nein! – Lassen Sie den Flügeladjutanten vom Dienst avertiren, daß ich seiner nicht bedarf. Der Prinz wird mich begleiten.«

Der König nahm den Arm des Prinzen und schritt durch die Korridors, an den sich tief verneigenden scharlachrothen Lakaien vorüber, dem großen Ausgangsportal des Schlosses zu. In der Halle vor diesem Portal hörte man ein lebhaftes Gespräch.

»Wer ist da?« fragte der König den Prinzen.

»Graf Alfred Wedel und Devrient.«

In der That standen die genannten Personen neben einander auf dem Vestibüle und waren in einem anscheinend so lebhaften Gespräch begriffen, daß sie das Herannahen des Königs nicht bemerkt hatten.

Der Graf Alfred Wedel, der Hofmarschall und Schloßhauptmann des Königs, ein großer und starker junger Mann von etwa dreißig Jahren, mit frischem Gesicht, schönen, aber starken Zügen, in der kleinen Hofuniform, blauem Frack mit roth umgeschlagenem Kragen, stand vor dem berühmten hannöverischen Hofschauspieler Devrient, einem hohen Sechziger, der die deutschen Befreiungskriege mitgemacht hatte, aber sowenig schwer an der Last seiner Jahre trug, daß er noch mit dem größten Erfolge den Hamlet spielte. Auch außerhalb der Bühne sah man weder seinem lebhaften Gesicht mit dem feurigen Auge, noch der Haltung seines Körpers sein Alter an.

»Guten Morgen, Devrient!« rief der König mit seiner hellen Stimme und blieb mitten im Vestibüle stehen. –

Die beiden Herren unterbrachen ihr Gespräch und Devrient eilte auf den König zu.

»Wie geht es Ihnen,« sprach Georg V. freundlich, »immer munter und frisch? Devrient ist ein Beispiel für uns Alle,« sagte er zum Prinzen Solms gewendet, »er hat das Geheimniß der ewigen Jugend.«

»Majestät,« antwortete Devrient, »auch diese ewige Jugend, welche Allerhöchstdieselben mir gnädigst zuschreiben, hat ihre Coulissen, und ich stehe leider nicht immer vor den Lampen – die Gicht soufflirt mir oft falsch! – Ich war gekommen, um Eurer Majestät Befehle für die nächste Vorlesung zu erbitten – doch ich sehe, Eure Majestät wollen ausgehen.« –

»Ich bin heute beschäftigt, lieber Devrient,« sagte der König, – »morgen auch – wollen Sie übermorgen zu mir kommen?«

»Zu Befehl, Majestät.«

Und freundlich mit dem Kopf nickend, schritt der König dem Ausgang zu, dessen beide große Flügel der Portier geöffnet hatte.

Als er durch das Portal in den inneren Schloßhof trat und die Schloßwache in's Gewehr trat und das Spiel rührte, fragte Prinz Karl:

»Wohin befiehlst Du zu gehen?«

»Nach dem Mausoleum,« antwortete der König.

Und am Arm seines Bruders schritt er festen und schnellen Schrittes durch den Schloßhof.

Devrient trat auf den Grafen Wedel zu, nachdem er dem König einen Augenblick nachgesehen.

»Wenn ich den Herrn so dahin schreiten sehe und an die Zeiten denke, in denen wir leben, so möchte ich fortwährend alle guten Geister des Himmels beschwören, daß sie gnädig über seinem theuren Haupte wachen. – Es gefällt mir nicht,« fuhr er finster fort, »den Herrn da jetzt am Arm eines österreichischen Generals zu sehen. Gott verhüte, daß das eine böse Vorbedeutung ist!«

»Sie sind unverbesserlich,« rief Graf Wedel – »wollen Sie schon wieder die Politik aufrühren und Ihrem Haß gegen Oesterreich Luft machen? Ganz Deutschland stellt sich auf die Seite des Kaisers – soll denn der König sich für Preußen opfern?«

»Diese österreichische Uniform gefällt mir nicht,« sagte Devrient düster.

»Ich wollte, wir hätten dreißigtausend davon hier,« rief Graf Wedel. »Ich werde Sie an den heutigen Tag erinnern, Devrient, wenn der große Sieg erfochten sein wird und wenn das dankbare Oesterreich –«

»Dank vom Haus Oesterreich!?« rief Devrient mit dem Tone und dem Gestus der Bühne, setzte seinen Hut auf und schritt, ohne weiter ein Wort zu sprechen, durch das Ausgangsportal der großen Allee zu, welche vom Schlosse Herrenhausen nach der Stadt führt.

Graf Wedel ging lächelnd und kopfschüttelnd in die innern Räume des Schlosses. –

Im Garten von Herrenhausen in tiefer Waldesstille liegt das Grabmal des Königs Ernst August und der Königin Friederike, ganz ähnlich dem Mausoleum in Charlottenburg, in welchem der König Friedrich Wilhelm III. von Preußen und die Königin Louise ruhen.

Der König und die Königin liegen in Marmor, von der Meisterhand Rauch's gemeißelt, auf ihren Sarkophagen in dem tempelartigen Bau, welcher von oben her ein Licht von wunderbarem Effekt auf die herrlichen, lebenswahren Gestalten fallen läßt. Der Bau in seiner tiefen Stille, seiner heiligen Einfachheit und seiner unübertrefflich meisterhaften Kunstbildung umfängt den Eintretenden mit der ganzen Majestät des Todes, mit den ergreifenden Schauern, aber auch mit dem tiefen Frieden der ewigen Ruhe.

Ein einziger Posten stand vor dem Eingang.

Vier Personen verließen das Mausoleum schweigend und augenscheinlich ergriffen, von dem Eindruck dieses königlichen Grabmals. Der Kastellan folgte ihnen.

Drei von diesen Personen sind Bekannte aus dem alten Amtshause von Blechow, – der Pastor Berger, seine Tochter Helene und der Regierungsassessor von Wendenstein. In ihrer Begleitung befand sich ein junger Mann von sieben- bis achtundzwanzig Jahren, in einfacher schwarzer Tracht und weißer Binde, welcher ohne irgend ein bestimmtes Zeichen doch den Geistlichen vermuthen ließ. Sein glatt gescheiteltes, blondes Haar fiel gerade an den Schläfen herunter und umrahmte ein rundes, glattes Gesicht ohne bedeutende und bemerkbare Züge. Sein graues, kleines Auge blickte scharf und oft hart unter den gesenkten Lidern hervor, und um die fest geschlossenen dünnen Lippen lag ein Zug von Selbstzufriedenheit und ascetischer Würde, welcher den vollständigsten Kontrast bildete zu dem lebensfrischen, ruhig heitern Ausdruck des alten Pastors Berger, welcher auch hier seine gewöhnliche Tracht, den zugeknöpften schwarzen Rock und das viereckige Baret der lutherischen Geistlichen, trug.

Die vier Personen schritten langsam die große Allee hinab, welche von dem Mausoleum nach dem inneren Schloßpark führt.

Sie waren nur wenige Schritte vom Mausoleum entfernt, als der Posten mit hörbarem Schlag das Gewehr präsentirte und der ihnen folgende Kastellan halblaut rief:

»Seine Majestät der König.«

Aus einer Seitenallee trat Georg V. am Arm des Prinzen Solms.

Die drei Herren entblößten das Haupt und Alle blieben ehrfurchtsvoll stehen.

»Man grüßt Dich,« sagte der Prinz leise.

Der König legte die Hand an die Mütze.

»Wer ist es?« fragte er.

»Ein lutherischer Geistlicher, nach der Tracht,« antwortete der Prinz.

Der König blieb stehen und rief:

»Herr Pastor!«

Der Pastor Berger trat auf ihn zu und sprach mit fester und lauter Stimme:

»Ich grüße in Ehrfurcht meinen königlichen Herrn und obersten Bischof!«

Der König stutzte beim Klange dieser Stimme.

»Bin ich Ihnen nicht im vorigen Jahre im Wendlande begegnet?«

»Eure Majestät sind zu gnädig, sich dessen zu erinnern. Ich bin der Pastor Berger aus Blechow.«

»Ganz recht, ganz recht!« rief der König erfreut. »Ich erinnere mich mit lebhaftem Vergnügen Ihrer schönen Begrüßung in Blechow und alles des Guten, was Sie mir über den Zustand Ihrer Gemeinde sagten. Wie glücklich macht es mich, Sie hier zu begegnen! Was führt Sie nach Hannover?«

»Majestät, die Kräfte wollen nicht mehr so ganz wie früher, und ich muß darauf denken, mir etwas Hülfe zu schaffen, damit meine Gemeinde nicht unter meinem zunehmenden Alter leidet. Der Dienst darf nicht alt und nicht müde werden, – da habe ich nun den innigen Wunsch, meinen Schwestersohn, den Kandidat Behrmann, mir zum Adjunkten bestellen zu lassen, damit er dereinst auch, so Gott will, mein Nachfolger im Amte werde. Dieß beim Konsistorio zu erbitten und zu befürworten, bin ich hergekommen.«

»Gewährt, gewährt, mein lieber Pastor!« rief der König lebhaft, »die Qualifikation Ihres Neffen ist in Ordnung, sonst würden Sie die Bitte nicht stellen. Er ist Ihr Adjunkt. Wie glücklich macht es mich gerade heute und hier, Ihren Wunsch sogleich erfüllen zu können!«

Der Pastor sagte überrascht und gerührt nichts weiter als: »Ich danke Eurer Majestät von Herzen.«

»Und nun, mein lieber Pastor, werde ich Sorge tragen, daß Ihnen Alles gezeigt wird, was in Hannover zu sehen ist. Geben Sie im Schloß Ihre Wohnung an. Morgen erwarte ich Sie zur Tafel, kommen Sie eine Stunde vorher. Sie sollen mir viel von meinem lieben, treuen Wendlande erzählen. – Haben Sie den Park und die Treibhäuser gesehen?«

»Wir wollten dahin gehen, Majestät; jetzt komme ich aus dem Mausoleum und bin noch tief erfüllt von dem erhabenen Eindruck. Ich habe dort meine Seele zum Herrn erhoben und innig gebetet, daß er Eure Majestät schützen möge in dieser schweren und bewegten Zeit.«

Der König blickte tief ernst vor sich hin.

»Ja,« sprach er dann, »wir leben in ernsten, schweren und dunkeln Tagen und der Segen des Herrn thut noth. Ich will thun, was Sie gethan. Ich will beten am Grabe meiner Eltern um Kraft und Erleuchtung. Leben Sie wohl – auf Wiedersehen morgen!«

Und mit militärischem Gruß wendete er sich und schritt dem Mausoleum zu.

Tief ergriffen blickte der Pastor Berger ihm nach. Auf seinem Angesicht zuckte es in mächtiger Rührung, von einer unwillkürlichen Bewegung erfaßt erhob er die Hand und sprach mit lauter Stimme, die wunderbar ergreifend durch die Waldeseinsamkeit schallte:

»Der Herr segne Dich und behüte Dich! Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und sei Dir gnädig. Der Herr erleuchte sein Angesicht über Dir und gebe Dir seinen Frieden! Amen!«

Bei den ersten Worten dieses Segens war Georg V. still gestanden, hatte sich zu dem Sprechenden umgewendet und seine Mütze abgenommen. Ein Ausdruck tiefer Andacht lag auf seinen Zügen.

Als der Pastor geendet, bedeckte er sich, grüßte schweigend leicht mit der Hand und trat langsam in den einfachen, ernsten Bau, der die letzte Ruhe seiner Eltern beschirmte.

Sechstes Kapitel.

In demselben Boudoir in dem Hause an der Ringstraße in Wien, in welches der Lieutenant von Stielow sich aus der Soirée des Grafen Mensdorff begeben hatte, lag jene wunderbar schöne Frau, welche damals den jungen Offizier mit so berauschender Glut umfing, auf ihrem Ruhebett.

Sie trug ein perlgraues Morgenkostüm mit leichten hellrosa Schleifen, ein weißes Spitzentuch umgab das feine Oval ihres Gesichts und bedeckte fast ganz das glänzende, glatt anliegende Haar.

Die Morgensonne warf einzelne Strahlen durch die zusammengezogenen Vorhänge des mit reizender Eleganz ausgestatteten Raums. Diese spielenden Reflexe, welche bei jeder Bewegung der jungen Frau über ihr Gesicht liefen, gaben ihrer Schönheit einen eigentümlichen Reiz, und es schien, daß sie sich dessen wohl bewußt war, denn sie warf von Zeit zu Zeit einen Blick in einen runden Spiegel, der an der entgegengesetzten Wand so aufgehängt war, daß er fast ihre ganze Gestalt erblicken ließ, und hatte Sorge, daß ihr leicht an ein großes dunkelrothes Kissen gelehntes Haupt sich nicht aus dem Bereich der leicht herüberspielenden Sonnenstrahlen entfernte.

Ihre Züge trugen aber heut nicht jenen hingebenden, bezaubernd schwärmerischen Ausdruck, mit welchem sie an jenem Abend den Lieutenant von Stielow empfangen hatte, vielmehr ruhte auf ihrem Gesicht eine eisige Kälte und ein Zug schneidenden Hohns umspielte die schönen Lippen, welche halb geöffnet die fest aufeinander gepreßten Zähne sehen ließen.

Vor ihr stand ein Mann von etwa dreißig Jahren, elegant, aber mit jener äußersten Genauigkeit der Mode gekleidet, welche man selten bei einem vornehmen Manne findet. Seine Züge waren nicht unschön, aber ziemlich gemein und trugen den Stempel der Debauche zweiten oder dritten Ranges.

Er hatte die Hände in den Taschen und wiegte sich auf den Absätzen hin und her.

Dieser Mann, dessen ganze Erscheinung so wenig zu der so äußerst vornehmen und wahrhaft eleganten Einrichtung des Boudoirs und noch weniger zu der graziösen und ätherischen Erscheinung der jungen Frau paßte, war der Gemahl derselben, der Kaufmann und Wechselagent Balzer.

Das eheliche tête à tête schien nicht der angenehmsten Natur zu sein, denn auch das Gesicht des Mannes zeigte lebhafte Aufregung und eine höhnische Ironie.

»Du kennst mich,« sagte er mit jener rauhen Stimme, welche durch den Genuß starker Spirituosen und durch fortgesetztes Nachtschwärmen erzeugt wird, und mit jener eckigen Härte der Betonung, welche man stets bei Personen ohne geistige Bildung und gute Erziehung findet, »Du kennst mich und weißt, daß ich meinen Willen durchzusetzen verstehe. – Ich muß die zwölfhundert Gulden haben und zwar bis morgen!« rief er laut, indem er mit dem Fuß auf den Boden stampfte.

Die junge Frau spielte leicht mit einer Schleife ihres Morgenrockes, deren rosige Farbe nicht zarter und duftiger war, als diejenige der feinen Fingerspitzen, die sie in Bewegung setzten, und antwortete, ohne ihre Stellung zu ändern und ohne die Augen zu ihrem Manne zu erheben, mit leiser, aber scharfer und fast zischender Stimme:

»So spiele glücklich – oder betrüge irgend einen Deiner Klienten, deren Geschäfte Du an der Börse machst.«

»Deine Beleidigungen lassen mich kalt,« – erwiderte er mit fingirter Kaltblütigkeit – »ich glaube, wir können uns die Mühe sparen, uns gegenseitig unsere Gesinnungen zu erkennen zu geben. Ich bin praktisch und vor Allem Geschäftsmann,« – fuhr er mit giftigem Lächeln fort – »Du kennst unsern Vertrag und weißt, unter welchen Bedingungen ich als Dein rechtmäßiger Herr und Gemahl über gewisse Dinge ein Auge zudrücke, die ich sehr ernst zu nehmen ein Recht hätte – wenn es mir eines Tages so gefiele.«

Sie bewegte keine Muskel, nur eine leicht auffliegende Röthe auf ihrer schönen marmorweißen Stirn zeigte eine Spur von innerer Bewegung.

Ohne den Ton ihrer Stimme im Geringsten zu modifiziren, sprach sie kalt:

»Du weißt ebenfalls, daß es mir sehr leicht ist, mich von dieser Kette, auf die Du trotzest, zu befreien, und kennst mich genügend, um überzeugt zu sein, daß der Uebertritt zum Protestantismus mir keinen Augenblick Bedenken erregen würde, um eine definitive Scheidung zu erlangen.«

»Ich glaube nicht, daß religiöse Bedenken Dir jemals zu schaffen machen können,« hohnlachte er.

»Wenn ich also,« fuhr sie ruhig und ohne aufzublicken fort, »diese lästige, aber durchaus nicht unzerreißbare Kette überhaupt dulde, so geschieht das nur, weil ich den Skandal verabscheue, und weil ich nicht will, daß ein Wesen,« – sie sprach das mit einer unendlichen Verachtung – »dessen Namen ich nun einmal nicht los werden kann, bis in die tiefsten Abgründe der Gemeinheit und des Verbrechens falle. Deßhalb dulde ich Dich und erhalte Dich – aus keinem andern Grunde. Hüte Dich also, die Kette lästiger zu machen, als sie es ohnehin schon ist. – Was übrigens Deine sogenannten Bedingungen betrifft, so werden sie pünktlich gehalten. Oder hast Du etwa nicht regelmäßig empfangen, was ich Dir ausgesetzt?«

»Es handelt sich darum nicht,« erwiederte Herr Balzer roh, »es handelt sich darum, daß ich, um unabweisbare Verpflichtungen zu decken, unaufschieblich zwölfhundert Gulden brauche und daß Du sie mir schaffen mußt, – was Dir eine Kleinigkeit ist. Dein kleiner Ulanenlieutenant ist ja eine unerschöpfliche Goldgrube,« fügte er mit gemeinem Lachen hinzu.

»Ich bedaure,« erwiederte sie kalt, »daß Du genöthigt sein wirst, eine andere Goldgrube zu suchen.«

»Du scheust den Skandal, wie Du mir eben sagst. Eh bien, ich werde Dir einen ganz hübschen Skandal arrangiren, sobald er kommt.«

»Dieser Skandal,« sagte sie leicht lächelnd, »würde darin bestehen, daß Du die Treppe hinuntergeworfen würdest und nie wieder einen Kreuzer von mir empfingst.«

Er schwieg einen Augenblick. Ihre so einfache Logik machte entschieden einen Eindruck auf ihn.

Nach einigen Sekunden aber trat er einen Schritt näher zu ihr hin, ein häßliches Lachen spielte um seinen Mund und ein Ausdruck höhnischer Freude glänzte aus seinen Augen.

»Du hast Recht,« sagte er, »ein solcher Skandal wäre zwecklos. Aber da Dein lieber Freund, der Herr von Stielow, so wenig ergiebig ist, so muß ich Sorge tragen, daß Du von dieser sterilen Verbindung losgemacht wirst und Dich wieder in Kreise begibst, die mehr goldene Früchte tragen. Ich werde dafür sorgen, daß Herr von Stielow von den süßen Ketten befreit wird, in denen Du ihn gefangen hältst. Es thut mir leid, Dir dadurch Kummer zu machen, denn es scheint, daß dieser kleine Ulan meiner schönen Gemahlin sonst so kaltes Herz etwas in Flammen gesetzt hat. – Aber – was kann's helfen – erst das Geschäft und dann das Vergnügen!«

Ein leichtes Zittern bewegte die feinen Fingerspitzen, welche die duftige Schleife stärker drückten, als deren zarte Natur vertrug, und zum ersten Mal in der ganzen Unterredung schlug sie die dunkeln Augen empor.

Ein scharfer, durchdringender Blick flog wie ein Blitz zu ihrem Manne hinüber.

Dieser fing den Blick auf und lächelte triumphirend.

Sie senkte die Lider wieder und sprach mit leicht vibrirender Stimme:

»Es steht Dir frei, zu thun was Du willst.«

»Gewiß,« erwiederte er, – »und ich werde ganz zart und ohne Skandal verfahren. Es wird dem Herrn von Stielow gewiß sehr interessant sein, die Stylübungen, welche die Dame seines Herzens ohne Zweifel an ihn richtet, mit denjenigen zu vergleichen, welche sie zu gleicher Zeit früheren und abwesenden Freunden zusendet.«

»Was willst Du damit sagen?« fragte sie lebhaft.

Ihr Haupt richtete sich von dem purpurnen Kissen empor und der volle Blick ihres Auges traf ihn mit durchdringender Schärfe.

»Ich will damit sagen,« erwiederte er brutal, »daß ich dem Herrn von Stielow einen Brief des Grafen Rivero an Dich und Deine Antwort darauf zusenden werde. Wenn die Ehemänner zuweilen gleichgültig gegen gewisse Stirnverzierungen sind, so pflegen die Liebhaber sehr empfindlich in diesem Punkt zu sein.«

Und er begann wieder, sich auf den Absätzen hin und her zu wiegen.

Sie preßte die rosigen Nägel in die zarten Hände und blickte einen Augenblick nachdenkend vor sich hin.

»Wo hast Du die Briefe, von denen Du sprachst?« fragte sie dann kalt.

»Wohl verwahrt,« erwiederte er lakonisch.

»Ich glaube Dir nicht, wie kämst Du zu einem Brief von mir an den Grafen?«

»Du warst im Begriff, ihm zu antworten. Sein Brief und der Deinige lagen auf Deinem Tisch – als Du wahrscheinlich eiligst den lieben Stielow empfangen mußtest, und einen Shawl darüber warfst. Dort wurden sie vergessen, und als ich meiner theuren Gattin einen Besuch machen wollte, fand ich sie und nahm sie an mich – damit sie nicht in falsche Hände kämen,« fügte er hohnlachend hinzu.

»Also Diebstahl,« sprach sie mit unendlicher Verachtung.

»Deine Sache ist das sechste Gebot – nicht das siebente,« erwiederte er mit rohem Ton.

»Ich muß meine Unvorsichtigkeit bezahlen,« flüsterte sie halblaut. Dann erhob sie den Blick mit eisiger Kälte zu ihm und sagte:

»Du sollst die zwölfhundert Gulden morgen haben – gegen die Auslieferung der gestohlenen Briefe.«

»Ich werde pünktlich um diese Stunde morgen hier sein,« erwiederte er mit vergnügtem Tone. »Hat meine reizende Frau sonst noch Befehle für mich?«

Sie deutete, ohne sich zu bewegen, mit dem leicht erhobenen Finger nach der Thür.

Ein heller Glockenschlag ertönte draußen.

»Herr von Stielow!« rief das eintretende Kammermädchen. Zugleich hörte man das Klirren eines Säbels im Vorzimmer.

»Gutes Geschäft und viel Vergnügen!« rief Herr Balzer und entfernte sich durch eine Seitenthür.

Kaum hatte er das Zimmer verlassen, so veränderten sich wie durch einen Zauberschlag die Züge der jungen Frau. Alle jene harten, scharfen Linien, welche in dem Gespräch mit ihrem Manne ihrem Gesicht fast den Ausdruck einer Wachsmaske gegeben hatten, verschwanden, die zusammengepreßten Zähne öffneten sich und das Auge nahm jenen feuchten, magnetischen Glanz an, der dem Blick einen so lieblichen Zauber gibt.

Sie erhob sich halb und breitete ihre Arme dem Eintretenden entgegen.

Herr von Stielow, frisch, keck und elegant wie immer, eilte auf sie zu und blieb einen Moment wie geblendet von ihrer Schönheit vor ihr stehen; dann beugte er sich zu ihr herab und drückte seine Lippen auf ihren Mund.

Sie schlang die Arme um seinen Nacken und hauchte mehr als sie sprach: »Mein süßer Freund!«

Nach einer langen Umarmung zog er ein kleines, niedliches Tabouret neben das Ruhebett, auf welchem sie lag, und setzte sich so, daß ihre Häupter fast in gleicher Höhe waren. Sie änderte mit leichter, graziöser Bewegung ihre Stellung und lehnte den Kopf an seine Schulter, während sie mit beiden Händen seine Rechte ergriff und an ihr Herz drückte. Indem sie so mit einer leisen, schlangenartig weichen Bewegung sich immer inniger an ihn schmiegte und sich um ihn ranken zu wollen schien, schloß sie die Augen und flüsterte:

»O, nun bin ich glücklich!«

Es war ein schönes, liebliches Bild, diese beiden so eng an einander geschmiegten, schönen und anmuthigen jungen Gestalten; bei aller zitternden Glut, die man in ihnen wallen sah, bot das ganze Bild keinen unedlen, niedrigen Zug, – es war ein Bild glücklicher, reiner Liebe.

Kein Zug in dem Antlitz der jungen Frau hatte auch nur entfernt die Szene ahnen lassen, welche sich so unmittelbar vorher in demselben Raum abgespielt hatte, und Niemand hätte beim Anblick dieses schönen jungen Mannes, der mit seinen Lippen das duftige Haar des an seine Schulter gelehnten Hauptes berührte, vermuthet, daß in seinem Herzen durch den duftigen Nebelhauch des Rausches, der ihn umgab, ein reiner Stern leuchtete, der immer wieder hervortauchte.

Es war ein Bild der Gegenwart, des glücklichen, flüchtigen Augenblicks, den man genießt, ohne zu fragen, was ihm vorherging, was ihm folgen werde.

Ein tiefer Seufzer hob die Brust der jungen Frau und zitterte durch ihre ganze an den Geliebten geschmiegte Gestalt.

»Warum seufzt meine süße Toni?« fragte Herr von Stielow, »welches Glück fehlt Dir, die geschaffen ist, das Glück zu spenden?«

»O mein Geliebter,« sagte sie, und ein zweiter Seufzer zitierte aus ihren Lippen, – »ich bin nicht immer so glücklich wie jetzt, wo ich an Deiner Brust ruhe – und eben noch –« – sie stockte.

»Was war eben noch?« fragte er, »was hat diese schönen Lippen nun schon zweimal seufzen lassen, die doch nur zum Lächeln – und – zum Küssen bestimmt sind?«

Und er hob leicht den Kopf der jungen Frau empor und drückte den Mund auf ihre Lippen.

»Mein Mann war hier,« sagte sie, zum dritten Mal seufzend.

»Ah,« machte er, – »und was wollte dieser Unglückliche, der eine solche Blume sein nennt und es nicht versteht, an ihrem Duft sich zu erfreuen?«

»– Und für den sie niemals duften würde,« fiel sie lebhaft und mit einer Vibration der Stimme ein, welche an die frühere Szene erinnerte, »er quälte mich,« fuhr sie fort, »mit Vorwürfen, mit Eifersucht –«

Sie stockte – dann erhob sie den schönen Kopf von seiner Schulter, rückte ein wenig zurück und lehnte sich wieder in ihr rothes Kissen, ohne seine Hände loszulassen.

»Siehst Du,« sagte sie, »früher, wenn er mir Vorwürfe machte und eine Othelloszene spielte, weil ich diesen oder jenen Herrn öfter bei mir sah, Diesem oder Jenem freundlicher zulächelte, so ließ mich das völlig gleichgültig, – ich sah hoch auf ihn herab und antwortete ihm, ohne daß mein Herz schneller schlug oder mein Blick sich senkte – jetzt aber,« fuhr sie fort, indem ihr Auge mit feuchtem Glanz auf ihm ruhte und die rosigen Schleifen auf ihrem Busen sich in schnellerer Bewegung hoben und senkten, – »jetzt zittere ich – und mein Blick möchte sich verhüllen mit dichten Schleiern, – mein Herz schlägt und treibt mein Blut durch die Adern – denn –«

Sie warf sich wieder zu ihm hin – lehnte ihr Haupt wie zusammenbrechend an seine Brust und flüsterte:

»Denn jetzt bin ich schuldig!«

Er beugte sich zu ihr und drückte sie an sich.

»Und bereust Du das?«

»Nein,« sagte sie mit Innigkeit. – »Aber es demüthigt mich, wenn ich daran erinnert werde, daß er doch mein Gemahl ist, daß ich von ihm abhängig bin, – abhängig,« fuhr sie leiser und stockend fort – »in allen materiellen Dingen – und wenn er mich diese Abhängigkeit fühlen läßt – schwer fühlen läßt –«

»Und warum,« unterbrach er sie, »sollst Du von ihm abhängig sein? Warum Dich nur einen Augenblick an solche Abhängigkeit erinnern – wenn Dein Freund, Dein Diener da ist, den Du glücklich machst, wenn Du ihm sagst, was Du bedarfst, was Du wünschest?«

»O, ich bedarf so wenig,« sagte sie, – »aber er verweigert mir Alles!«

»Arme Toni!« rief er, »ist es möglich, daß diese Lippen jemals einen Wunsch vergebens aussprechen!«

Er zog ihre Hände an seine Lippen.

»Was war es, – was hat er Dir verweigert?«

»O,« rief sie schmerzlich, »daß ich damit die.süßen Stunden unserer Liebe beflecken sollte – laß das – es ist schon vergessen!« und sie seufzte abermals.

»Es wird nicht eher vergessen sein, als bis Du es mir gesagt hast, – ich bitte Dich, wenn Du mich liebst – so sage mir, was Dich drückt, damit rasch dieser Mißton verschwinde.«

»Er zankte mit mir,« antwortete sie, ohne die Augen zu erheben, »wegen der Rechnung für meine Schneiderin und verweigerte mir rücksichtslos jeden Beistand – und,« fuhr sie lebhaft fort, – »solche Sorgen quälen mich so sehr, diese Dinge passen nicht in meinen Kopf und in mein Herz – wo nur ein Gedanke und ein Gefühl wohnen.« –

»Nun nur noch ein Wort,« rief er heiter, »den Betrag jener elenden Rechnung, welche sich untersteht, in diesem schönen Kopf und in diesem süßen Herzen den Platz mit mir theilen zu wollen?«

»Zweitausend Gulden,« flüsterte sie.

»Welche Oekonomie!« rief er, – »doch was bedarf eine so herrliche Schöpfung der Natur der Kunst einer Schneiderin! Ich bitte demüthigst um die Erlaubniß, diese Wolken von den strahlenden Augen meiner Liebe verscheuchen zu dürfen.«

Und er küßte ihre beiden Augen.

Sie drückte in rascher Bewegung die Lippen auf seine Hand.

»Daß ich empfangen und immer empfangen muß!« rief sie. – »O daß ich eine Königin wäre und Du ein armer Junker, daß ich die Strahlen des Glanzes und des Glückes über Dich leuchten lassen könnte, Dich hervorheben unter Tausenden und zu mir Heraufziehen an die goldenen Stufen meines Thrones!«

Sie hatte sich aufgerichtet und saß in wahrhaft königlicher Haltung da. Ihr Auge strahlte in dunklem Feuer und als sie leicht die Hand gegen ihn erhob, da hätte man glauben sollen, daß auf den Wink dieser schönen Hand Armeen marschiren und Tausende von Höflingen sich in den Staub bücken müßten.

Dann verschleierte sich ihr Auge leicht und mit sanftem, schmelzendem Ton sagte sie:

»So aber habe ich Nichts zu geben, als meine Liebe!«

»Und mehr verlange ich nicht von meiner Königin!« rief er, indem er von dem Tabouret herab auf die Kniee sank und sie mit glühenden Blicken ansah.

Sie nahm seinen Kopf in ihre beiden Hände und drückte einen langen Kuß auf seine Stirn.

Ein heller Glockenton durchzitterte das Gemach.

Ein Geräusch entstand im Vorzimmer.

Die Kammerjungfer trat eiligst ein und rief mehr im Tone des Schreckens, als in dem der Anmeldung:

»Der Graf von Rivero!«

Die junge Frau fuhr empor.

Mit einer fast rauhen, heftigen Bewegung stieß sie Herrn von Stielow auf das Tabouret zurück und warf sich in die andere Ecke ihres Sophas.

Tiefe Blässe überzog ihr Gesicht.

Herr von Stielow sah sie erstaunt an.

»Weise doch diesen störenden Besuch ab!« flüsterte er.

»Es ist ein alter Bekannter, den ich lange nicht gesehen,« – sagte sie mit gepreßter Stimme, »es ist –«

Ehe sie vollenden konnte, öffnete sich die Portière des Vorzimmers, und mit vornehmer, eleganter Sicherheit trat ein großer, schlanker Mann von etwa fünfunddreißig Jahren ein; er war in dunkle Farben gekleidet, sein Gesicht mit edlen, scharfgeschnittenen Zügen trug den mattblassen Teint der Südländer, die großen, dunklen Augen wurden nur durch das tiefe Schwarz der kurzgeschnittenen Haare und des kleinen Schnurrbartes überboten.

Der als Graf Rivero Angemeldete näherte sich mit der ruhigen Bewegung des vollkommenen Weltmannes der jungen Frau, während indeß sein dunkles Auge mit tiefer Glut ihr entgegenstrahlte.

Sie reichte ihm die Hand, auf welche er seine Lippen drückte und länger ruhen ließ, als es die einfache Höflichkeit verlangte.

Herrn von Stielow entging dieß nicht, und in das Erstaunen, welches seine Mienen bei dem ersten Anblick des so plötzlich und mit solcher Sicherheit hier Eintretenden ausgedrückt hatten, begann sich ein entschiedenes Mißvergnügen zu mischen.

»Ich bin durch eine plötzliche Wendung in meinen Geschäften veranlaßt, ganz unvermuthet und so viel schneller, als ich erwartete, zurückzukehren, und freue mich, meine wiener Freunde wieder begrüßen zu können. Mein erster Gruß gehört natürlich der schönen und liebenswürdigen Frau, welche die schönste Blume in dem Kranze meiner Erinnerungen an Wien bildet.«

Er drückte abermals seine Lippen auf die zarte Hand, welche er bis dahin in der seinen gehalten, und setzte sich dann auf einen Fauteuil, indem er mit leichter Verneigung gegen den Herrn von Stielow einen fragenden Blick auf die Dame richtete.

Diese hatte sich von der Unruhe und peinlichen Bestürzung, welche ihre Züge beim Eintritt des Grafen gezeigt hatten, vollständig wieder erholt. Ihr Auge war ruhig, ihre Lippen lächelten und ein sanfter Rosenhauch lag auf ihren Wangen.

Mit leichtem, anmuthigem Ton sagte sie:

»Die Herren kennen sich nicht – Herr von Stielow – das Nähere sagt seine Uniform, im Uebrigen ein thätiges Mitglied unserer jeunesse dorée – war im Begriff, mir das Neueste aus der Tageschronik unserer eleganten Welt zu erzählen, – Graf Rivero – Reisender, Gelehrter, Diplomat – je nach Laune, kommt von Rom und wird mir viel von dem Karneval erzählen – oder vielleicht von den Katakomben, je nachdem ihn sein Herz zu dem einen oder den andern gezogen hat.«

Die Herren verneigten sich gegen einander – Graf Rivero mit der kalten, aber verbindlichen Artigkeit des Weltmannes, Herr von Stielow mit ziemlich schlecht verhehltem Widerwillen.

»Mein Herz,« sagte der Graf dann, sich lächelnd gegen die junge Frau wendend, »hat weder die übermüthige Jugendlust des Karnevals, noch ist es bereits reif für die Katakomben, aber meine schöne Freundin liebt es, mir die Laune für die Extreme zuzuschreiben.«

»Sie waren lange nicht in Wien, Herr Graf?« fragte Herr von Stielow mit kaltem Tone.

»Seit einem Jahre haben mich Geschäfte in Rom zurückgehalten,« erwiederte der Graf, »und ich dachte noch längere Zeit dort zu bleiben, aber nothwendige Geschäfte haben mich zurückgerufen. – Und ich bin dieser Notwendigkeit dankbar,« fügte er zu der Dame gewendet hinzu, »denn sie führt mich zurück zu meinen Freunden in dem schönen, fröhlichen Wien.«

Die junge Frau warf einen schnellen Blick auf Herrn von Stielow, der seinen Schnurrbart mit den Lippen zerbiß, und ihre Lippen zitterten leicht.

Lächelnd sprach sie dann:

»Und wovon werden Sie mir erzählen, Herr Graf, da weder der Karneval noch die Katakomben Sie interessirt haben?«

»Von den schönen Antiken,« erwiederte er, »jenen tausendjährigen Marmorbildern, welche hier durch die lebendige Jugend überboten werden.«

»In Wien werden Sie keinen Geschmack für Antiken finden,« sagte Herr von Stielow in einem Tone, der den Grafen verwundert aufblicken ließ, – »man liebt hier die Vergangenheit nicht und hält sich an die Gegenwart.«

»Man hat Unrecht,« sagte der Graf kalt, indem er den Kopf erhob und ein stolzes Lächeln seinen Mund umspielte, »die Vergangenheit ist die Tiefe – die Gegenwart die Oberfläche.«

Herrn von Stielow's Stirn zog sich in Falten.

Die junge Frau warf ihm einen bittenden Blick zu, den er nicht bemerkte.

»Die Vergangenheit ist oft langweilig,« sagte der Offizier in kurzem Ton.

Jetzt schien auch der Graf durch diesen Ton unangenehm berührt.

Er erwiederte kurz und kalt:

»Und die Gegenwart oft sehr fade.«

Herrn von Stielow's Augen blitzten.

Der Graf stand auf.

»Meine schöne Freundin,« sprach er, »ich bin erfreut, Sie so blühend und unverändert wiedergefunden zu haben. Ich werde Sie wiedersehen und hoffe eine Zeit zu finden, wo wir ungestört plaudern und ich Ihnen von Rom und der Vergangenheit erzählen kann, ohne fürchten zu müssen, Jemand zu langweilen.«

Er küßte ihre Hand, verneigte sich leicht und fast unmerklich gegen Herrn von Stielow und verließ das Zimmer.

Herr von Stielow sprang auf, nahm seine Mütze und wollte ihm nacheilen.

Die junge Frau ergriff seine Hand und rief:

»Karl, ich bitte Dich, höre mich an!«

Er riß sich mit ungestümer Bewegung los und folgte dem Grafen.

Die junge Frau blickte ihm mit weit offenen Augen und ausgestreckten Händen nach.

Sie schien ihm folgen zu wollen – aber sie blieb stehen, ihre Hände sanken langsam nieder und ihr Kopf fiel auf die Brust herab.

So stand sie einen Augenblick da und man hörte nur die lauten Athemzüge ihres wogenden Busens.

»So ist diese Entscheidung doch gekommen, die ich zu vermeiden hoffte,« sprach sie dann langsam zu sich selbst. »Ich kann nichts thun, nicht eingreifen, ohne das Uebel schlimmer zu machen. – Sie werden sich schlagen – was wird das Ende sein? – Werde ich sie Beide verlieren? – Dieser Graf ist mir nützlich – nothwendig für die Zukunft, die ich träume, – er liebt mich nicht, – o nein, – aber er bedarf mich für seine Pläne, das fühle ich und durch ihn kann ich erreichen, wonach ich dürste: Macht, Einfluß, Herrschaft. – Und dieser kleine Offizier, – was kann er mir sein, mir bieten, – er ist reich!« flüsterte sie – »doch was will das sagen, – und doch, und doch,« rief sie lauter, »möchte ich ihn festhalten, seine schöne Gestalt, sein reizendes Haupt umklammern, um ihn zurückzuziehen vor der Gefahr. – – Antonie, Antonie,« sprach sie plötzlich kalt und rauh, das Haupt erhebend – »ich glaube, Du hast Dein Herz nicht getödtet, Du bist auf dem Wege, eine Sklavin zu werden!«

Und sie schüttelte den Kopf, wie um eine Wolke zu entfernen. Ein trotziger Zug legte sich um ihren Mund, ihre Gestalt hob sich höher empor und ihr Auge öffnete sich in flammender Energie.

»Nein,« rief sie – »nein, ich will nicht Sklavin sein – auch nicht meines Herzens. – Ich will herrschen – herrschen – herrschen,« wiederholte sie immer leiser, aber immer fester und energischer.

Dann aber löste sich allmälig die feste Spannung in ihren Gliedern, sie sank auf das Ruhebett, kreuzte die schönen Hände über der Brust, ließ das Haupt langsam auf das Kissen sinken und während ihre Augen sich mit feuchtem Schmelz verschleierten, flüsterten ihre zitternden Lippen:

»O, er war so schön!«

Und wie in träumende Bewußtlosigkeit versunken blieb sie liegen.

Herr von Stielow hatte inzwischen den Grafen eingeholt, der die Treppe hinabstieg.

»Ich habe auf Ihre letzte Bemerkung nicht geantwortet, Herr Graf,« sagte er, »weil in Gegenwart einer Dame eine Antwort nicht passend gewesen wäre. Sie schienen mir eine Lektion geben zu wollen und ich glaube, mein Name sowohl als die Uniform, die ich trage, sollten Ihnen sagen, daß ich solche Lektionen von Niemand annehme, am wenigsten von Unbekannten.«

Der Graf blieb ruhig stehen.

»Es scheint, mein Herr,« sagte er, »daß Sie Streit mit mir suchen.«

»Und wenn ich es thäte?« rief der junge Offizier aufbrausend.

»So würden Sie sehr Unrecht haben,« erwiederte der Graf.

»Ich habe niemals Unrecht, wenn ich eine Insolenz zurückweise!« erwiederte Herr von Stielow, der durch die Nähe des Grafen immer aufgeregter wurde.

»Wohlan, mein Herr,« sagte dieser, »ich glaube, jetzt ist es an uns, das Gespräch abzubrechen und die Fortsetzung desselben unsern Sekundanten zu überlassen.«

»Ich liebe in solchen Dingen Eile und Pünktlichkeit,« rief Herr von Stielow.

Er reichte dem Grafen seine Karte.

»Ich werde in meiner Wohnung Ihren Sekundanten erwarten.«

»Nichts hindert mich,« erwiederte der Graf, »diese Angelegenheit auf der Stelle zu ordnen.«

Und mit kalter Verbeugung trennten sich Beide.

Siebentes Kapitel.

Eine Stunde später hatten die Sekundanten das Nöthige verabredet.

Die erste Morgenfrühe des nächsten Tages sah zwei Wagen nach einer einsamen Stelle am entlegensten Ende des Praters fahren.

Graf Rivero und Herr von Stielow mit den Zeugen und einem Arzt betraten den thaufrischen Boden einer kleinen Lichtung.

Die Vorbereitungen waren schnell getroffen.

Zwei gekreuzte Degen bezeichneten die Stelle der Barriere. Die Pistolen wurden geladen und die beiden Gegner stellten sich je zehn Schritt hinter der Barriere auf. Der Lieutenant von Stielow war sehr bleich. Seine Züge trugen den Stempel einer durchwachten Nacht. Dunkle Ringe umzogen seine Augen. Dennoch aber lag auf seinem Gesicht eine heitere Ruhe, fast ein Ausdruck der Befriedigung.

Sein Sekundant, ein Offizier seines Regiments, trat zu ihm heran und reichte ihm die Pistole.

»Noch ist es Zeit,« sagte er, »ein kleines Wort der Entschuldigung und alles Unheil wird vermieden.«

»Du weißt, daß ich stets für meine Worte und Handlungen einstehe,« antwortete Herr von Stielow, »jetzt sich zurückziehen wäre unwürdig und feig. Uebrigens sei ruhig, meinerseits geschieht kein Unheil.«

Er nahm die Pistole. Der Sekundant trat zurück.

Die Gegner grüßten sich mit der Waffe.

Der Graf war frisch, ruhig und ohne jede Spur von Aufregung.

Er hatte den ersten Schuß und das Recht, bis zur Barriere vorzutreten.

Er that keinen Schritt, hob das Pistol, senkte es leicht, der Schuß fiel.

Das Käppi des Lieutenants von Stielow flog von dessen Kopf – die Kugel hatte es am oberen Rande erfaßt. –

Der Lieutenant erhob seine Waffe, visirte eine Sekunde – aber wie die Sekundanten bemerken konnten, zu hoch – der Schuß fiel und die Kugel flog zwei Fuß über dem Kopf seines Gegners in die Luft.

»Herr Graf,« sagte der Lieutenant mit ruhiger Höflichkeit – »es ist geschehen, was die Ehre und der Brauch unseres Standes erforderte. Ich bitte wegen meiner Worte von gestern um Entschuldigung.«

Der Graf trat rasch, aber in ruhiger, würdevoller Bewegung vor, und ein Strahl freundlichen Wohlwollens blitzte aus seinen Augen – ähnlich einem Lehrer, der mit dem Betragen eines jungen Schülers zufrieden ist.

Er reichte Herrn von Stielow die Hand.

»Kein Wort mehr darüber,« sagte er herzlich.

»Doch, Herr Graf,« erwiederte der Offizier – »ich bitte Sie noch um ein Wort, und zwar unter vier Augen.«

Der Graf verneigte sich und Beide traten in das nächste Gebüsch aus der Hörweite der Uebrigen.

»Herr Graf,« sagte der Lieutenant mit leichtem Beben der Lippe, »was ich Ihnen sagen, um was ich Sie bitten werde, mag Ihnen sonderbar erscheinen, – indeß ich hoffe, Sie werden meine Frage so auffassen, wie ich sie stelle – vor dem Kugelwechsel wäre sie eine neue Beleidigung gewesen, jetzt kann ich sie stellen als Ehrenmann dem Ehrenmann gegenüber.«

Der Graf blickte ihn gespannt an.

»Wie stehen Sie mit – jener Dame?« fragte Herr von Stielow, – »Sie haben das Recht, mir nicht zu antworten – wollen Sie es aber thun, so leisten Sie mir einen Dienst, – den ich nie vergessen werde,« fügte er mit Wärme.hinzu.

Der Graf dachte einen Augenblick nach und senkte seinen ruhigen Blick tief in die Augen des jungen Offiziers, der erwartungsvoll vor ihm stand.

»Ich will Ihnen antworten,« sagte er nach einer Pause, zog ein elegantes Portefeuille aus der Tasche seines Ueberrocks, nahm aus demselben einen Brief und reichte ihn Herrn von Stielow.

Dieser durchflog ihn. Ein halb wehmüthiges, halb verächtliches Lächeln umspielte seine Lippen. Des Grafen dunkles Auge ruhte mit tiefer Theilnahme auf ihm.

»Noch eine Bitte,« sagte Herr von Stielow, »die nur durch die ganz außergewöhnliche Lage, in der wir uns befinden, gerechtfertigt werden kann.«

Der Graf verneigte sich.

»Wollen Sie mir den Brief überlassen? Mein Ehrenwort, daß er nicht länger als eine Stunde in meinen Händen bleiben und daß kein anderes Auge, als das jener Frau, ihn erblicken wird,« sprach Herr von Stielow.

»Auch dieß sei gewährt – ein Beweis meines unbedingten Vertrauens.«

»So nehme ich es auf und ich danke Ihnen von Herzen dafür!«

»Und nun, mein Herr,« sagte der Graf mit tiefem, metallischem Ton, »erlauben Sie mir die Bitte um Ihre Freundschaft. Ich bin älter als Sie, und Vieles im Leben liegt wie ein aufgeschlagenes Buch vor mir, was Ihnen noch fremd ist – und,« fügte er wärmer hinzu, »das Buch des Lebens liest sich nicht ohne Schmerz und Kampf. Die Hand eines Freundes, eines erfahrenen, älteren Freundes, ist oft ein großer Schatz – brauchen Sie je eine solche, – die meinige steht Ihnen stets offen.«

Und mit einer edlen, freien Bewegung reichte er dem jungen Offizier seine feine weiße Hand.

Dieser ergriff sie nicht ohne Bewegung.

»Ich war ein thörichtes Kind Ihnen gegenüber,« rief er mit offener Herzlichkeit – »und habe Ihnen viel zu danken, vielleicht eine glückliche Wendung in meinem Leben.«

Beide kehrten zu ihren Sekundanten zurück und fuhren zur Stadt.

Herr von Stielow begab sich nach seiner Wohnung, setzte sich an seinen Schreibtisch und legte in eine große Enveloppe drei Bankbillets von tausend Gulden, dazu den Brief, welchen Graf Rivero ihm anvertraut.

Er siegelte und adressirte dieß Paket und klingelte.

»Dieß sogleich an Frau Balzer in der Ringstraße. Persönlich abzugeben,« sagte er dem eintretenden Diener.

Dann streckte er mit lautem Athemzuge beide Arme empor und warf sich in einen Fauteuil.

»Das Irrlicht ist versunken,« rief er – »jetzt sei mir hold, du schöner Stern, dessen klares Licht mir so friedlich und sanft lächelt!«

Und er schloß die Augen.

Die Natur forderte ihr Recht nach der durchwachten Nacht und der Aufregung des Morgens. – –

In einem großen, eleganten Salon eines schönen alten Hauses in der Herrengasse in Wien fand sich am späten Nachmittage desselben Tages ein Theil der Gesellschaft zusammen, welche wir vor einiger Zeit im Salon der Gräfin Mensdorff gesehen haben.

In dem großen Marmorkamin flackerte ein leichtes Feuer, dessen Reflexe über die glänzenden Quadrate des Parkes hinzitterten. Ein einfacher Lustre mit drei Careellampen erhellte den Salon angenehm und ließ die großen Goldrahmen der Familienbilder an den Wänden in einzelnen Lichtpunkten erglänzen; dem Kamin gegenüber befand sich ein großer Tisch, auf welchem ebenfalls eine Lampe von schöner Bronze mit großem blauem Glasschirm stand und die hochlehnigen Fauteuils mit dunkelblauem Seidenbezug beleuchtete, welche von dem gleichen Kanapee ausgehend den Tisch umstanden.

Auf diesem Kanapee saß die Herrin des Hauses, die Gräfin Frankenstein, eine ältere Dame von jenem Typus der alten österreichischen Aristokratie, welche so sehr an die alte französische noblesse des ancien régime erinnert und doch dabei die österreichische Gemütlichkeit und den österreichischen Volkston nicht verleugnen kann – eine Mischung, welche die Kreise der hohen Gesellschaft von Wien so überaus anziehend macht.

Das ergrauende Haar der Dame war sorgfältig frisirt, eine hohe Robe von dunklem, schwerem Seidenstoff umgab ihre Gestalt in reichen Falten, und schön gefaßte alte Diamanten glänzten in ihrer Broche, ihren Ohrgehängen und ihrem Bracelet.

Neben ihr saß die Gräfin Clam-Gallas.

Auf dem Fauteuil zur Seite ihrer Mutter saß die junge Gräfin in reicher Toilette, welche vermuthen ließ, daß sie am späteren Abend noch in Gesellschaft zu gehen habe. –

Neben ihr stand, auf die Lehne eines Sessels gestützt, der Graf Clam.

Man sprach von den großen Fragen des Tages und die ganze Gesellschaft war in erhöhter Stimmung wegen der immer deutlicher hervortretenden Gewißheit, daß der Krieg in nächster Zeit ausbrechen werde.

»Ich bin heute Morgen bei Mensdorff gewesen« sagte Graf Clam-Gallas – »er hat mir gesagt, daß der Ausbruch nur noch nach Tagen zählen könne. – Nachdem wir, wie ganz recht, den Bund aufgefordert, hatten, über das Schicksal der Herzogtümer zu beschließen, ist der General von Manteuffel in Holstein eingerückt.«

»Aber das ist ja der Krieg,« rief die Gräfin Frankenstein, »und was ist geschehen, was hat Gablenz gethan?«

»Gablenz ist schon hier,« erwiederte der Graf – »und seine Truppen kehren zurück, – dort sind wir in zu geringer Zahl und in zu vorgeschobener Stellung, um etwas thun zu können. – Wir erwarten Alle täglich die Ordre, zur Armee nach Böhmen zu gehen. Graf Karolyi wird von Berlin abberufen und in Frankfurt der Antrag auf Mobilmachung der ganzen Bundesarmee gegen Preußen gestellt.«

Die Gräfin Clam rief lebhaft:

»Endlich also wird dieß übermüthige Preußen die verdiente Züchtigung empfangen und alles Böse gerächt werden, was die Hohenzollern unserem erhabenen Kaiserhause gethan haben.«

»Aber wie ist es mit Hannover?« fragte die Gräfin Frankenstein. – »Sollte nicht Gablenz mit seinen Truppen dort bleiben?«

»Man hat sich dort zu nichts entschlossen,« sagte der Gras.

»Unglaublich!« rief die Gräfin Frankenstein und die Gräfin Clam fügte hinzu:

»Hat denn Graf Platen all' seine Freundschaft für Oesterreich vergessen?!« –

Die junge Gräfin Frankenstein seufzte.

»Was haben Sie, Comtesse?« fragte Graf Clam, – »unsere Damen dürfen nicht seufzen, wenn wir im Begriff stehen, zu Pferde zu steigen und unsere Degen für den alten Glanz Oesterreichs zu ziehen.«

»Ich denke an die vielen Unglücklichen,« sagte die junge Gräfin, »deren Blut fließen wird,« – und ihr Blick richtete sich nach Oben, wie einem bestimmten Bilde folgend.

Ein Lakai öffnete die Thüre.

»Feldmarschalllieutenant Baron Reischach!«

Der Baron trat ein, lächelnd und heiter wie immer. Er begrüßte die Damen in seiner ritterlichen Weise mit der Vertraulichkeit eines alten Bekannten.

»Sie sind gewachsen, Comtesse Klara,« sagte er scherzend zu der jungen Gräfin, – »diese Kinder wachsen uns wirklich über den Kopf!«

Er setzte sich und reichte Graf Clam die Hand.

»Nun,« sagte er, »ihr Glücklichen, – ihr werdet bald in's Feld gehen?«

»Ich erwarte stündlich die Ordre zum Aufbruch.«

»Wir alten Krüppel müssen zu Hause bleiben,« sagte Reischach dumpf und ein Zug ernster Traurigkeit zog über sein joviales Gesicht, verschwand aber bald wieder. – »Ich habe Benedek gesehen, ehe er nach Böhmen ging,« sagte er dann.

»Ist er schon fort?« fragte die Gräfin Clam.

»Er ist fort,« sagte der Feldmarschalllieutenant, »und befindet sich auf dem Wege, der zum Kapitol oder zum tarpejischen Felsen führt. – Er drückt das freilich anders aus, in seiner Manier, aber nicht minder treffend.«

»Sagen Sie uns, wie er das ausdrückt,« rief die Gräfin Clam, – »das ist gewiß wieder eins jener herrlichen Kraftworte, die Niemand so zu finden weiß, wie er.«

»›In sechs Wochen,‹ sagte er ganz nachdenklich,« erwiederte Herr von Reischach, »›bin ich entweder auf dem Postamentel – oder mi grunzt kein Hund an.‹«

Alle lachten laut.

»Vortrefflich,« rief die Gräfin Clam. – »Und glaubt er an das ›Postamentel‹?« fuhr sie fort.

»Nicht zu sehr,« sagte Herr von Reischach. »Er scheint dem Geist und der Ordnung in der Armee nicht zu vertrauen – und sich selbst vielleicht auch nicht.«

»Ueber sich selbst mag er urtheilen wie er will,« rief der Graf Clam-Gallas lebhaft, – »was die Armee betrifft, so hat er kein Recht, ihr zu mißtrauen. Die Armee ist vortrefflich und in musterhafter Ordnung – wenn freilich der Herr General Benedek die Offiziere und besonders die adligen Offiziere so behandelt, wie er das zu thun anfängt, und dem gemeinen Soldaten und Unteroffizier überall Recht gibt, dann wird die Ordnung auch nicht lange halten.«

Und der Graf rückte heftig den Stuhl, an den er sich gelehnt hatte, zurück und schritt im Salon auf und ab.

»Es ist gewiß meine Sache nicht,« sprach er etwas ruhiger nach einigen Augenblicken, – »Kaiserlicher Majestät Vorschriften zu machen über die Wahl Ihres Oberfeldherrn, – aber großes Vertrauen kann ich zu diesem Benedek und seiner Manier nicht haben. Was in dem Herzen des alten österreichischen Edelmanns lebt, davon hat er keinen Begriff – und seine sogenannten liberalen Prinzipien zerstören die Disziplin. Das mag gut sein für eine Armee wie die preußische, wo Jedermann Soldat ist – ich versteh' mich darauf nicht – aber für uns taugt es nichts – und am allerwenigsten taugt es, solche Neuerungen im Moment des Ausmarsches in einen großen Krieg anzufangen und fast am Tag vor der Schlacht in die ganze Armee die Opposition gegen ihre Offiziere zu bringen.«

Der Graf hatte sehr erregt gesprochen.

Niemand antwortete und es trat eine augenblickliche Stille ein.

Der Feldmarschalllieutenant von Reischach unterbrach dieselbe, indem er rief:

»Aber wissen Sie, meine gnädigsten Damen, schon das neueste große Ereigniß von Wien?«

»Nein,« erwiederte die Gräfin Clam, »was ist es? – irgend ein großer Succès der Wolter oder eine neue Excentrizität der Gallmeyer?«

»Weit besser als das,« erwiederte Herr von Reischach, – »ein sehr pikantes Duell.«

»Ein Duell? und zwischen wem? Bekannte aus der Gesellschaft?« fragte die Gräfin Frankenstein.

»Unser kleiner Ulanenlieutenant Stielow,« sagte Herr von Reischach, »und jener italienische Graf Rivero, dessen Sie sich wohl noch vom vorigen Jahre erinnern, den der Nuntius in die Gesellschaft einführte.« –

»Das ist ja sehr merkwürdig,« rief Gräfin Frankenstein, – »ist denn Graf Rivero wieder hier?« »Seit gestern,« erwiederte Herr von Reischach. »Und in vierundzwanzig Stunden ein Rencontre mit Herrn von Stielow?« fragte Gräfin Clam.

»Es scheint,« sagte Herr von Reischach, »daß eine Dame im Spiele ist. Sie haben wohl von der schönen Madame Balzer gehört, meine Gnädigsten?«

Die junge Comtesse Frankenstein stand auf und trat in den dunkleren Theil des Salons an einen Blumentisch. Sie beugte sich über die Blumen.

»Ich hörte den Namen dieser Dame in Verbindung mit dem Herrn von Stielow nennen,« sagte Gräfin Clam.

»Es werden wohl ältere und neuere Rechte in Kollision gerathen sein,« bemerkte der Feldmarschalllieutenant.

»Und ist etwas Ernstes vorgefallen?« fragte Graf Clam.

»Das habe ich nicht erfahren können,« erwiederte Herr von Reischach, – »doch fürchte ich für unsern kleinen Stielow – der Graf Rivero war als vortrefflicher Schütze bekannt. – Wo ist aber meine kleine Comtesse geblieben?« unterbrach er sich, indem er den Kopf wendete und in die Tiefe des Salons blickte.

Die junge Gräfin stand noch immer über die Blumen gebeugt.

Ihre Mutter richtete einen schnellen, besorgten Blick dorthin.

Die junge Gräfin kehrte langsam in das Licht zurück. Sie hatte eine frisch erblühte Rose in der Hand; ihre Züge waren starr, ihre Lippen aufeinander gepreßt.

»Ich habe mir eine Rose gepflückt,« sprach sie mit einer leicht zitternden Stimme, »um meine Toilette zu vollenden.«

Und sie steckte die Rose an ihren Busen, indem sie sich wie mechanisch wieder auf ihren alten Platz setzte.

»Ah, ich vergaß die Soirée bei der Gräfin Wilczek,« rief die Gräfin Clam, indem sie aufstand, »Sie werden sich vorbereiten wollen, – auch ich muß noch vorher nach Hause.«

»Ich erlaube mir, Sie zu begleiten,« sagte Herr von Reischach, und Alle verabschiedeten sich bei der Gräfin Frankenstein.

Mutter und Tochter blieben allein.

Es entstand eine Pause.

»Mama,« sagte die junge Gräfin, – »ich fühle mich nicht wohl und möchte zu Hause bleiben.«

Ein Blick voll Theilnahme und Sorge aus den Augen der Mutter traf die Tochter.

»Mein Kind,« sagte sie, »ich bitte Dich, bedenke, was man sagen könnte und würde, wenn Du heute nicht erschienest, nachdem man Dich hier soeben gesehen!«

Die junge Dame stützte den Kopf in die Hand; ein leises Schluchzen durchdrang die Stille des Salons und ihre schlanke Gestalt zitterte, – Thränen fielen auf die frische Rose an ihrer Brust.

Der Lakai öffnete die Thüre.

»Der Herr Baron von Stielow!«

Tiefes Erstaunen malte sich auf den Zügen der Gräfin Frankenstein, während ihre Tochter sich lebhaft erhob – ein glühendes Roth zog über ihr Gesicht, dann fiel sie wieder auf ihren Sessel zurück, während die noch von Thränen schimmernden Augen sich starr nach der Thüre richteten.

Der Lakai nahm das Schweigen der Gräfin, die ohnehin um diese Stunde jeden Besuch anzunehmen pflegte, für eine bejahende Antwort und verschwand.

Herr von Stielow trat ein.

Er war vollkommen frisch wie immer, keine Spur von der Abspannung des Morgens lag auf seinen Zügen, nur war jene übermüthige und leichtsinnige Heiterkeit verschwunden, welche sonst von seinem Gesicht strahlte, – ein tiefer, fast feierlicher Ernst lag in seinem Wesen und aus seinen Augen leuchtete ein milder, ruhiger Glanz, der junge Mann war in diesem Ernst schöner als sonst.

Er näherte sich den Damen.

Die junge Gräfin schlug die Augen nieder und spielte mit ihrem Taschentuch.

Ihre Mutter empfing den Lieutenant mit vollkommen ruhiger Miene.

»Wir haben Sie lange nicht gesehen, Herr von Stielow,« sagte sie, – »wo haben Sie herumgeschwärmt?«

»Der Dienst ist jetzt strenger als sonst, Frau Gräfin,« sagte Herr von Stielow, »und läßt uns wenig freie Zeit, – der Krieg scheint beschlossen – da müssen wir uns schon ein wenig an die Strapazen gewöhnen.«

»Soeben sprach uns Herr von Reischach von Ihnen,« sagte die Gräfin.

»Was hat er erzählt,« rief Herr von Stielow lebhaft, – »gewiß irgend eine boshafte Geschichte?«

Und sein Blick heftete sich auf die junge Dame, welche noch immer die Augen niedergeschlagen hielt und keine Bewegung machte.

»Er ließ uns etwas fürchten,« sagte die Gräfin, – »was –« und sie warf einen Blick auf ihn, der seine ganze Gestalt umfaßte – »was, wie ich sehe, nicht der Fall ist.«

Herr von Stielow lächelte, – aber er lächelte nicht, wie er sonst vielleicht nach einem glücklich überstandenen Duell gelächelt haben würde, – es war ein ernstes, glückliches Lächeln.

»Herr von Reischach beweist mir zu viel Teilnahme,« sagte er, »und seine Besorgnisse, wenn er solche um mich gehegt, sind jedenfalls völlig unbegründet.«

Die Gräfin Frankenstein warf einen raschen Blick auf ihre Tochter.

»Sind Sie heut Abend bei der Gräfin Wilczek?« fragte sie.

»Ich bin dort noch nicht eingeführt,« erwiederte Herr von Stielow in einem Ton, durch welchen ein leichtes Bedauern hindurchklang.

»Wenigstens werden Sie uns bis dorthin begleiten, nicht wahr?« sagte die Gräfin, indem sie aufstand – »ich habe noch ein wenig an meiner Toilette zu ändern – meine Tochter ist fertig und wird Ihnen so lange Gesellschaft leisten.«

Herr von Stielow erhob sich und sprach mit glückstrahlenden Augen:

»Zu Ihren Befehlen, gnädigste Gräfin.«

Die Gräfin Frankenstein verließ den Salon, ohne auf den fast entsetzten Blick zu achten, den ihre Tochter ihr zuwarf.

Die beiden jungen Leute blieben allein. Eine kleine Pause trat ein. – Herr von Stielow näherte sich dem Sessel der jungen Dame.

»Gräfin Klara!« sagte er mit leisem, innigem Ton.

Die junge Gräfin schlug ihre Augen auf und blickte ihn mit dem Ausdruck der Verwunderung an, indem ein schmerzlicher Zug um ihren Mund zuckte.

Das Licht fiel auf ihr Gesicht und ließ, als sie den Kopf erhob, ihre leicht gerötheten Augenlider sehen.

»Mein Gott!« rief Herr von Stielow, »Sie haben geweint?«

»Nein,« sagte die Gräfin mit fester Stimme, – »ich habe etwas Kopfweh und bat Mama schon, mich heute zu Hause zu lassen.«

»Gräfin Klara,« sagte Herr von Stielow in demselben innigen Tone wie vorhin, »ich habe Ihnen noch eine Antwort zu geben auf eine Frage – eine Andeutung,« fuhr er stockend fort, »am Schlusse unseres Gesprächs bei der Gräfin Mensdorff, – ich habe Sie seitdem nicht allein gesprochen –«

Die Comtesse unterbrach ihn:

»Ich glaube, daß jetzt nicht die Zeit zu Antworten ist – auf Fragen,« fuhr sie mit einem halb höhnischen, halb traurigen Lächeln fort, – »die ich schon vergessen habe.« –

»Ich habe sie aber nicht vergessen,« sagte er ernst, – »und ich will auf Ihre Andeutung antworten.«

Sie machte eine abwehrende Bewegung.

Ohne darauf zu achten, fragte er:

»Glauben Sie meinem Wort, wenn ich Ihnen dasselbe als Edelmann gebe?«

Sie schlug die Augen zu ihm auf und antwortete einfach:

»Ja!«

»Ich danke Ihnen für dieß Vertrauen, Gräfin Klara,« sagte er, »nun, ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich frei bin, frei wie die Luft und das Licht von jeder Fessel.«

Ein Ausdruck von freudigem Staunen flog durch ihre Züge.

»Ich verstehe Sie nicht,« sagte sie leise.

»Doch, Sie verstehen mich, Gräfin Klara,« rief er lebhaft, »aber ich habe nicht die volle Wahrheit gesagt – ich bin frei von jeder Fessel, die meiner nicht würdig ist – aber ich suche die Kette, die mich für immer an mein Glück fesseln soll – und die ich tragen darf, ohne zu erröthen.«

Sie war in unbeschreiblicher Verwirrung. Ein kurzer, flüchtiger Blick ihres schnell wieder gesenkten Auges traf ihn, – aber er mußte in diesem Blick Alles gelesen haben, wonach er fragte, denn er trat mit glücklichem Lächeln einen Schritt näher zu ihr.

»Ich verstehe das Alles nicht,« stammelte sie, – »Sie müßten mir erklären –«

»Erklären und erzählen,« unterbrach er sie, »kann ich das Alles der fremden Dame nicht, – das könnte ich nur Derjenigen, die mir das Recht gäbe, ihr mein Leben zu weihen und keine Geheimnisse vor ihr zu haben.« –

»Mein Gott, Herr von Stielow,« rief sie in höchster Verwirrung, – »ich bitte Sie wirklich – erklären Sie mir –«

»Also Sie geben mir das Recht, Ihnen zu erklären –?«

»Das habe ich nicht gesagt,« rief sie und erhob sich.

Sie machte einen Schritt nach der Thüre, durch welche ihre Mutter hinausgegangen war.

Er trat auf sie zu und ergriff ihre Hand.

»Eine Antwort, Klara!« rief er.

Sie blieb stehen und senkte den Kopf.

»Klara,« rief er nochmals in innigem, leisem Ton – »Sie tragen eine frische Rose auf der Brust – in den Zeiten des Ritterthums gab die Dame Demjenigen, dessen Dienste, dessen Liebe und Hingebung für immer sie annahm, ein Zeichen, das als ein heiliger Talisman ihn in den Kampf und bis in den Tod begleitete. – Auch wir stehen am Vorabend blutiger Tage – Klara, wollen Sie mir die Rose geben?«

»Die Rose ist das Symbol der Reinheit und Wahrheit,« sprach sie ernst.

»Also das Symbol dessen, was für Sie in meinem Herzen lebt und ewig leben wird,« rief er – und mit bittendem Ton fügte er leiser hinzu – »Klara! – ich bin der Rose würdig.«

Sie hob langsam das Auge zu ihm empor. Ein langer, tiefer Blick traf ihn. Dann hob sie die Hand, löste langsam die Rose von ihrem Busen und hielt die Blume zögernd und tief erröthend still vor sich, indem sie ihre Augen darauf senkte.

Er trat stürmisch auf sie zu, ergriff die Rose und bedeckte die Hand, welche sie ihm überließ, mit Küssen.

»Klara,« sagte er fest und ernst, »diese Blume wird verwelken, aber das Glück, das Sie mir mit ihr geben, wird in meinem Herzen blühen, so lange es schlägt. – Dank Dir, gütiger Himmel,« rief er dann, »ich habe meinen Stern gefunden!«

Und er zog sie sanft an sich.

Ohne ein Wort zu sprechen, lehnte sie den schönen Kopf an seine Brust und brach in leises Weinen aus.

Die Gräfin Frankenstein trat ein.

Bei dem Rauschen ihrer Robe erhob sich ihre Tochter lebhaft, eilte auf sie zu und schloß sie in ihre Arme.

Herr von Stielow näherte sich der alten Dame.

»Meine gnädigste Gräfin,« sagte er, »ich kann nur wiederholen, was ich eben im Gefühl des höchsten Glückes Ihrer Tochter sagte: ich habe meinen Stern gefunden! Darf er den Himmel meines Lebens für immer erleuchten?«

Die Gräfin zeigte ein Erstaunen, in welchem sich eine gewisse Befriedigung nicht verkennen ließ.

»Ich überlasse die Antwort meiner Tochter,« sagte sie, – »und genehmige ihre Entscheidung.«

»Und was sagen Sie, Gräfin Klara?« fragte Herr von Stielow.

Die junge Dame reichte ihm die Hand.

»Nun, dann segne Sie Gott,« sprach die Gräfin, indem sie ihre Tochter sanft von sich entfernte und auch ihrerseits dem jungen Mann die Hand reichte, welche dieser ehrerbietig küßte.

»Doch nun,« rief die Gräfin, »müssen wir fort. Morgen erwarten wir Sie, Herr von Stielow – heute sollen Sie uns nur Ihren Schutz bis zur Gräfin Wilczek gewähren.«

»O Mama,« rief Comtesse Klara – »könnten wir heute nicht zu Hause bleiben?«

»Nein, mein Kind,« sagte ihre Mutter, »man würde Glossen machen und Du weißt, ich liebe Alles in der gehörigen Form. Sie ist die Grundlage alles wahren und dauernden Glückes.«

»Nun denn,« rief Herr von Stielow, »bis morgen – mein neu aufgegangener Stern wird auch bis morgen die Nacht erleuchten!«

Seine Braut sah ihn lächelnd an. Es lag wie eine halb besorgte, halb schelmische Frage in ihrem Blick.

Er erhob die Rose, welche er noch in der Hand hielt, drückte sie an seine Lippen und barg sie dann unter der Uniform an seine Brust.

Die Gräfin klingelte. Ein Lakai brachte die Mäntel der Damen.

Herr von Stielow stieg mit ihnen in den Wagen und geleitete sie nach der Wallnerstraße zum Palais der Gräfin Wilczek.

Als er sich verabschiedet hatte, ging er träumerisch durch die abendlichen Straßen der Kaiserstadt.

Aus den hellerleuchteten Fenstern des Café Daun schallten laute, fröhliche Stimmen. Die an ihrem Vereinigungsorte versammelten Offiziere aller Waffen freuten sich der Kriegsaussichten und manche jubelnde Stimme tönte hier in die Nacht hinaus, die schon nach kurzer Zeit vielleicht für immer zu verstummen bestimmt war.

Herr von Stielow zögerte einen Augenblick vor dem Eingange des Café Daun.

Aber seine Stimmung paßte nicht zu der derben Fröhlichkeit seiner Kameraden.

Er ging weiter, – nachdenkend über Alles, was er heute erlebt, innerlich glücklich über die Lösung, welche der Zwiespalt in ihm gefunden.

So schritt er in Gedanken vorwärts über den Graben, die rothe Thurmstraße, und in süße Träumereien versunken folgte er dem Ufer der Donau.

Er kam in die Nähe der Aspernbrücke.

Ein Mann in dunklem Mantel trat auf ihn zu.

»Ei grüß' Gott, Herr von Stielow,« rief er, den jungen Offizier begrüßend, »Sie gehen ja hier umher, als wären Sie Philosoph geworden und wollten den Stein der Weisen suchen!«

»Guten Abend, lieber Knaak,« erwiederte der Lieutenant und reichte dem bekannten und beliebten Komiker des Karltheaters die Hand.– »was führt Sie hieher, – das Theater muß ja eben aus sein?«

»Ich habe heute nicht gespielt,« erwiederte Knaak, »und wollte eben nach dem Hotel de l'Europe gehen, wo alle unsere Leute sich zusammenfinden. Gehen Sie mit – und lachen Sie ein wenig mit uns.«

Herr von Stielow besann sich einen Augenblick. Nach Hause zu gehen widerstrebte ihm – für ernste Unterhaltung war er zu erregt, – wo konnte er besser die Abendstunden verbringen, als inmitten dieses heiteren Völkchens, das in fröhlichem Leichtsinn und heiterer Natürlichkeit eine ewig junge Welt in dem ernsten Leben sich schuf?

Er legte seinen Arm in den des Schauspielers und sagte:

»Gut, lieber Knaak, ich begleite Sie und will sehen, wie der Humor des Karltheaters sich mit der kriegerischen Zeit abfindet.«

»Mein lieber Herr von Stielow,« erwiederte Knaak – »unseren Humor zu zerstören, dazu würden alle Krupp'schen Kanonen und alle Zündnadelgewehre nicht ausreichen, – das heißt,« fügte er ernst hinzu, »wenn wir in corpore zusammen sind, ich für meine Person bin oft recht trübe gestimmt – denn ich bin Norddeutscher von Geburt und meine Jugenderinnerungen liegen dort oben, – und jetzt bin ich von Herzen Wiener und Oesterreicher, – der bevorstehende Krieg macht mir das Herz schwer!«

»So wird es Vielen gehen,« antwortete Herr von Stielow – »auch meine Heimat liegt im Norden – es ist ein trauriger Krieg – wenn ich auch als Soldat mich darüber freuen muß, daß dieser Säbel, der so lange über das Straßenpflaster gerollt ist, endlich einmal eine ernste Thätigkeit finden soll.«

Ein leichter Seufzer schien mit dieser soldatischen Freude über den Krieg nicht ganz zu harmoniren – vielleicht dachte er an den eben aufgegangenen Stern seines Lebens und wie er so schnell in blutiger Wolke verschwinden könne.

Sie waren vor das große Hotel de l'Europe gekommen, welches mit dem Hotel zum Kronprinzen die ganze Länge der Asperngasse einnimmt.

Durch das große Thor traten sie in die weiten Räume des Restaurants dieses Hotels, durchschritten dieselben und gelangten vor eine verschlossene Thür, aus welcher laute Stimmen und fröhliches Gelächter ihnen entgegenschallten.

Knaak öffnete diese Thür und trat mit Herrn von Stielow in einen nicht zu großen, viereckigen Saal, mit Jagdbildern und Hirschgeweihen geschmückt, in dem eine bunte Gesellschaft um eine Tafel versammelt war, auf welcher ein kaltes Souper stand und durch die bereits in seinem Arrangement vorhandenen Lücken, von den kräftigen Angriffen zeugte, welchen es von den Anwesenden ausgesetzt gewesen.

Auf der Tafel stand eine große Bowle mit duftendem Punsch; einzelne silberne Kühler, mit Eis gefüllt, zeigten die weißen Köpfe der darin stehenden Champagnerflaschen.

In der Mitte der Gesellschaft, welche diese Tafel umgab, saß die launige Königin des Karltheaters, der verzogene und oft ungezogene Liebling des wiener Publikums, Fräulein Josephine Gallmeyer.

Neben ihr saß der alte Grois, ihr besonderer Freund, der Letzte aus der Nestroy'schen Zeit, – ein ziemlich starker Mann mit groben Zügen, denen er aber die feinsten Nuancen des Ausdrucks zu geben verstand, und einer Stimme voll unendlich komischer Modulation.

An der Seite des Tisches saß einsam und nachdenkend der junge Komiker Matras, mit seinem feinen, intelligenten Gesicht, welcher im heutigen Bühnenleben der Repräsentant des alten, echten wiener Humors ist; neben ihm befanden sich in eifrigem Gespräch Fräulein Schwöder, eine junge schwarzäugige Sängerin, und der Doktor Herzel, Redakteur und Kritiker, ein nicht großer Mann mit scharfem, klugem Gesicht.

Der Eintritt Knaak's und des Herrn von Stielow wurde mit lautem Jubel von Seiten der Fräulein Gallmeyer begrüßt.

Sie nahm einen in ihrer Nähe liegenden Champagnerkork, warf ihn dem Eintretenden entgegen und rief:

»Gott sei Dank, daß ein paar vernünftige Menschen daher kommen. – Geh' her, Knaak, setz' Dich zu mir, und Sie, Herr von Stielow, da gegenüber, daß ich Ihre Uniform sehen kann, die mir gefällt – ich konnt's halt nit mehr aushalten in dieser langweiligen Gesellschaft, der Matras da sitzt und sagt gar nichts – und die Schwöder und der Doktor, die sitzen da nebeneinander wie ein paar ineinandergezogene Handschuhe, und da hat mir denn dieser würdige Grois« – sie schlug den alten Komiker derb auf die Schulter – »eine moralische Vorlesung gehalten – Sie können sich halt denken, wie amüsant das ist.«

Sie ergriff eine Champagnerflasche und schenkte Knaak, der sich neben sie gesetzt, ein großes Glas voll der perlenden Flüssigkeit ein.

»Da, trink' das aus,« rief sie luftig, »damit Du in Humor kommst.«

»Meiner Seel',« unterbrach sie sich, indem sie Herrn von Stielow ansah, der sich ihrer Aufforderung gemäß ihr gegenübergesetzt hatte, – »meiner Seel', Herr von Stielow, was sind Sie heut schön – Ihnen muß was besonders Gutes passirt sein, – Sie strahlen ja ordentlich!«

»Nehmen Sie sich in Acht, Herr von Stielow,« sagte Knaak, »die Pepi verliebt sich in Sie und dann müssen Sie daran glauben, denn bei der heißt's:

»Wenn mir ein Kavalier gefällt,
Da hilft kein Widerstreben!«

Fräulein Gallmeyer schlug Knaak auf den Mund und rief:

»Das hat gute Wege, solche schwärmerische Leut', wie der Stielow heut aussieht, kann ich nicht gebrauchen, – i wett', daß in seinem Herzen kein Platz mehr ist. Uebrigens,« fuhr sie mit großem Ernst fort, – »verlieb' ich mich nit mehr so leicht, ich muß erst den Taufschein seh'n von meinem Gegenstand!«

»Warum denn das?« fragte Herr von Stielow.

»Sie will erst wissen, ob er majorenn ist und frei über sein Geld verfügen kann,« sagte Matras.

»Der Matras denkt nur immer an's Geld, just weil's ihm wieder fehlt,« rief sie, – »aber nein, das ist's nit. – Schaun's« fuhr sie abermals mit großem Ernst fort, »i hab' mir fest vorgenommen, daß ich und mein Schatz zusammen niemals älter als fünfzig Jahr sein dürfen – und da muß i denn, je älter ich werd', immer ein'n jüngern Schatz haben und mich vergewissern, ob er auch nicht mehr Jahre hat, als auf ihn fall'n bei der Theilung. 'S ist nun 'mal mein Grundsatz, und davon geh' i nit ab.«

Alle lachten.

»Dann wirst Du bald zu einem Wickelkind kommen,« bemerkte der alte Grois trocken.

»Papa Grois,« rief die Gallmeyer, »thu' mir den Gefallen und mach nicht so schlechte Witze, i hab' genug vom Wickelkind als ›lustige Person‹.«

»Aber wo bleibt die Grobecker?« fragte Knaak.

»Sie zankt sich mit ihrem Herzog,« sagte Doktor Herzel.

»Warum schon wieder?«

»Sie behauptet, erwache der kleinen Jägerpepi den Hof – und das will sie nicht haben.«

»Was das für eine Passion ist!« rief die Gallmeyer. – »Bald werden im Karltheater nur noch die Herzoginnen und die Fürstinnen spielen. – Nun meinetwegen, i bleib' halt die Pepi Gallmeyer.«

Und sie sang:

»Mei Mutter is a Wäscherin,
A Sängerin bin i;
Mein Schatz thu' i lieben,
Und gewaschen bin i.«

»Ja, das ist wahr,« sagte Grois, »zur Herzogin bist Du verdorben. Wißt ihr, was sie neulich gemacht hat?« fragte er. – »Der Herzog della Rotonda gab uns Allen ein großes Souper in seinem Hotel. Es war Alles fürstlich und die Lakaien in weißen Strümpfen servirten uns die feinsten Sachen. Die Pepi gähnte einmal über das andere – endlich fragte sie: ›Herr Herzog, wo ist hier die Schwemme? i halt's nit aus, 's ist mir zu fein hier!‹«

»Was ist Schwemme?« fragte Herr von Stielow.

»Das ist ein wiener Ausdruck,« sagte Knaak, »für den Restaurant zweiten Ranges, der sich in jedem Hotel hier befindet und in welchem die Domestiken der Reisenden beköstigt werden –«

»Und wo es noch viel tausendmal amüsanter ist, als bei dem alten langweiligen Herzog mit seinen silbernen Leuchtern und seinen storchbeinigen Lakaien,« lachte Fräulein Gallmeyer.

Die Thüre wurde lebhaft geöffnet.

Eine junge, schöne Frau trat lebhaft ein, ein Zeitungsblatt in der Hand.

Es war die damals beim Karltheater engagirte jetzige Sängerin der Oper, Frau Friedrich-Materna.

»Wißt ihr's schon?« rief sie lebhaft, »der Krieg ist erklärt oder so gut wie erklärt – hier steht's in der Abendpost – unser Gesandter ist von Berlin abgerufen und die Armee in Böhmen ist marschfertig.«

»Da haben wir's,« rief die Gallmeyer, – »hin ist das lustige Wien – und,« fügte sie hinzu, indem ihr Blick mitleidig zu Herrn von Stielow hinüberflog »wie viel schöne junge Leut' werden da wieder todtgeschossen werden!«

Der alte Grois erhob das Haupt.

»Da müssen wir etwas Patriotisches in unserem Theater machen – nach alter guter wiener Art, – das bloße Possenspiel taugt nicht, wenn da draußen das blutige Trauerspiel losgeht.«

Doktor Herzel stand auf.

»Ich muß zur Redaktion,« sagte er mit einiger Wichtigkeit und nahm seinen Hut.

Ein Kellner trat ein.

»Der Herr Baron von Stielow?« fragte er.

»Was gibt's?« rief der junge Offizier.

»Ihr Diener ist da mit einer Ordonnanz, die Sie überall gesucht hat.«

»Der Dienst,« rief Herr von Stielow und erhob sich.

»Leben Sie wohl, meine Herrschaften – Ihr Wohl, Fräulein Pepi!«

Er leerte ein Glas Punsch und verließ das Zimmer.

Ein Gefreiter in Kürassieruniform überreichte ihm ein dienstlich gesiegeltes Papier.

Der junge Offizier öffnete es. Ein freudiger Stolz leuchtete aus seinem Gesicht.

»Ordonnanzoffizier des Generals Gablenz!« rief er freudig.

»Wo ist der General?« fragte er.

»Im Hotel zur Stadt Frankfurt, Herr Lieutenant!«

»Es ist gut, – ich komme!«

Und mit raschem Schritt eilte er abermals dem Ufer der Donau entlang der innern Stadt zu, – nicht träumerisch, wie er gekommen war, sondern das Haupt stolz, den Blick leuchtend, die Lippe lächelnd, schritt er dahin, indem sein Säbel klirrend auf dem Pflaster nach schleppte.

Plötzlich mäßigte er seinen Schritt. Eine Wolke zog über seine Stirn.

»So geht es denn hinaus in den frischen, fröhlichen Krieg, dem alle Soldatenherzen entgegenschlagen, und an der Seite dieses Generals, auf den jeder österreichische Reiter mit Stolz und Bewunderung blickt – und doch – welch' ein kaum erblühtes Glück lasse ich hier – werde ich es jemals wiederfinden?«

Langsamer wurde sein Schritt, bis er fast stehen blieb, und in Sinnen verloren blickte er zu den Wellen der Donau hinab, in denen sich die glänzenden Lichter der Brücken flimmernd wiederspiegelten.

»Hier oben das strahlende Licht,« murmelte er, – »dort unten die Kälte, das Grauen, der Tod!« –

Mit schneller Bewegung fuhr er aus der Träumerei auf. –

»Was wäre die Liebe,« rief er, »wenn sie uns feig und traurig machte! Nein, meine süße Geliebte, stolz und muthig will Dein Ritter sein und Dein Talisman soll ihm Glück bringen.«

Und er zog die Rose von seiner Brust hervor und drückte die Lippen darauf. Dann ging er wieder schnellen und freudigen Schrittes vorwärts und mit lächelnder Lippe summte er vor sich hin:

»Und setzet ihr nicht das Leben ein,
Nie wird euch das Leben gewonnen sein!«

Zweiter Band.

Achtes Kapitel.

In der Hofburg zu Wien herrschte reges Leben. Adjutanten und Ordonnanzen kamen und gingen aus und nach der über der großen Hauptwache belegenen Generaladjutantur. Gruppen von Neugierigen standen trotz der frühen Stunde, um acht Uhr Morgens, hie und da in dem großen Hof und sahen jeden kommenden oder gehenden Offizier mit höchster Spannung an, als brächte er die entscheidendsten Nachrichten.

Die öffentliche Stimmung war auf das Aeußerste erregt. Jedermann fühlte, daß gewaltige Ereignisse wie ein Gewitter in der Luft lagen und daß jeder Augenblick den zückenden Strahl bringen konnte, welcher mit gewaltigem Donnerschlag die schwülen Nebel zerreißen würde.

Die guten Wiener waren kriegerisch gestimmt. Die Presse hatte seit lange die Erbitterung gegen Preußen genährt und man hörte in den verschiedenen Gruppen die heftigsten Aeußerungen gegen die nordische Macht, sowie die zuversichtlichsten Hoffnungen auf den Sieg der österreichischen Waffen.

War doch der Feldzeugmeister Benedek, der Mann der Soldaten, der Mann des Volkes, der Gegner der adeligen Offiziere, zum Oberkommandanten der großen Nordarmee ernannt und sollte es sich nun zeigen, was die österreichische Armee leisten könne, wenn sie aus den Händen der »Junker« in die eines wahren Feldsoldaten überging.

So laut und lebhaft aber auch diese Hoffnungen ausgesprochen wurden, so bemerkte man doch keinen eigentlich hoffnungsvoll freudigen Ausdruck in den Gruppen. Es waren mehr die Lippen, welche sprachen, als das Herz, und wer bis auf den Grund hätte in die Brust dieser lebhaft sprechenden und gestikulirenden Menschen blicken können, der möchte wohl manchem stillen besorgten Zweifel begegnet sein, der die Worte der Lippen Lügen strafte. Es war eben ein neuer, seit dem siebenjährigen Kriege unbekannter und von jener Zeit her traditionell gefürchteter Gegner, dem man entgegengehen sollte, und ein Gegner, von dessen mächtiger Militärorganisation man so viel, so Unglaubliches gehört und gelesen hatte.

Aber diese Zweifel, so mächtig sie sich auch regen mochten, traten nicht aus der Tiefe der Brust hervor – sie dienten nur dazu, das allgemeine Gefühl der Schwüle zu vermehren, das über dem Volke lastete und dem lustigen und leichtlebigen Wien einen ganz ungewohnten ernsten Charakter aufdrückte.

Plötzlich verstummten die Gespräche in den Gruppen und alle Blicke richteten sich nach dem Eingangsthor der Hofburg. Dort erschien der Feldmarschalllieutenant von Gablenz, dieser General, der durch seine glänzende Tapferkeit, durch seine ritterlichen Eigenschaften zum Liebling der Wiener geworden war.

Stolz und elegant schritt er in den Burghof, in der grauen, eng anschließenden Generalsuniform, die Brust mit zahlreichen Orden geschmückt, das Maria-Theresienkreuz am Halse, den Federhut auf dem schönen Kopf mit dem dunkelschwarzen dichten Bart und den feinen, ausdrucksvollen Zügen.

Ihn begleitete sein Generalstabschef Oberst von Bourguignon, zwei Adjutanten und der Lieutenant von Stielow in der kleidsamen, bunten Ulanenuniform, stolz und freudig über die Auszeichnung, sich in der unmittelbaren Umgebung des berühmten Generals zu befinden.

Die Menge grüßte den Feldmarschalllieutenant, der, wie man hoffte, so viel dazu beitragen sollte, um die laut ausgesprochenen Hoffnungen zu erfüllen, – die im Stillen gehegten besorgten Zweifel Lügen zu strafen.

Der General erwiederte die Huldigungen mit leichtem militärischem Gruß, freundlich aber mit vornehmer Würde; er war sich seiner Popularität bewußt, aber er suchte sie nicht – er nahm sie hin wie etwas Selbstverständliches, ihm Gebührendes.

Er durchschritt mit seinen Begleitern den Hof, trat in das große Portal und stieg die Treppe hinauf zu den Gemächern des Kaisers.

Mit tiefer Verneigung öffnete ihm der Thürsteher die Thüre des Vorzimmers.

Tiefe Stille herrschte in dem großen weiten Raum mit dem dunklen Getäfel, den hohen Seidenmöbeln und den schweren Vorhängen vor den mächtigen Fenstern.

An der Thür, welche zum Arbeitszimmer des Kaisers führte, stand ein Arcièren-Leibgardist in militärischer Haltung. Der dienstthuende Flügeladjutant lehnte am Fenster und blickte in den Hof hinab. Beim Eintritt des Feldmarschalllieutenants ging der Flügeladjutant, ein junger, schöner Mann mit kurzem schwarzen Haar und Schnurrbart, in der dunkelgrünen einfachen Uniform der kaiserlichen Adjutantur mit den Majorsabzeichen, demselben entgegen und grüßte militärisch. Der Feldmarschalllieutenant erwiederte den Gruß, und nachdem er ebenfalls den Arcièrengardisten, deren jeder Hauptmannsrang hat und deren Hauptmann der Feldmarschall Graf Wratislaw war, verbindlich gegrüßt, reichte er dem Flügeladjutanten die Hand.

»Wie geht es, lieber Fürst Liechtenstein – was treiben Sie hier in Wien, seit ich Sie nicht gesehen?«

»Uns schlägt des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr,« erwiederte der junge Fürst – »wir sind nicht so glücklich, wie Sie, Excellenz – uns etwas tummeln zu können – und müssen uns begnügen, hier die Berichte von Ihren Heldenthaten zu hören. – Sie gehen, um neue Lorbeeren zu pflücken –«

»Halt, mein lieber Fürst,« unterbrach ihn der General, – »von Lorbeeren muß man immer nur dann sprechen, wenn man sie gepflückt hat, – doch,« fuhr er fort, – »ist Seine kaiserliche Majestät beschäftigt? – ich will mich melden, um sofort zur Armee abzugehen.«

»Graf Mensdorff ist soeben hineingegangen,« erwiederte der Fürst, – »er wird aber gewiß nicht lange bleiben und sobald er hinaus ist, werde ich Sie melden.«

Der Feldmarschalllieutenant trat mit dem Obersten von Bourguignon in eine Fensternische, während der Fürst Liechtenstein sich mit den Adjutanten des Generals und Herrn von Stielow unterhielt.

Während dieß im Vorzimmer vorging, stand der Kaiser Franz Joseph, nach österreichisch-militärischer Sitte in den bequemen, weiten, grauen Oberrock gekleidet, vor dem großen, breiten, mit Papieren, Büchern und Karten überdeckten Schreibtisch seines luftigen und hellen, einfachen Kabinets.

Tiefer Ernst ruhte auf seinen Zügen, die Hand leicht auf den Tisch gestützt, hörte er mit Spannung den Vortrag des Grafen Mensdorff an, der einige Berichte und Depeschen in der Hand hielt.

»Daß Prinz Solms in Hannover nicht reüssirt hat und der König Georg jedes Bündniß ablehnt,« sagte der Kaiser, »ist ein sehr unangenehmer Fall. Dadurch werden nach jener Seite die preußischen Kräfte nicht beschäftigt, und wir müssen Alles thun, um den großen Entscheidungskampf in Böhmen oder hoffentlich in Sachsen mit der ganzen feindlichen Kraft aufnehmen zu können. – Glauben Sie denn, daß ein hannöverisches Bündniß mit Preußen zu befürchten ist?«

»Gewiß nicht, Eure Majestät,« erwiederte Graf Mensdorff, – »der König wird jenes Bündniß ebenso zurückweisen, wie das unsrige. Seine hannöverische Majestät hält eben einfach auf seinem Bundesstandpunkt fest und will sich nach keiner Seite engagiren! – Ich fürchte, der König bringt sich da in eine bedenkliche Isolirung, die bei seiner exponirten und abgeschnittenen Stellung, umgeben von der preußischen Macht, hochgefährlich für seine Sicherheit, – ja für seine Krone werden kann.«

»Für seine Krone?« fragte der Kaiser und warf erstaunt das Haupt empor.

»Majestät,« sagte Graf Mensdorff, »wenn der erste Kanonenschuß gefallen ist, wird sich Preußen auf den Standpunkt der rücksichtslosesten Staatsraison stellen, wie man dort sagt, – und Hannover ist längst ein Ziel der preußischen Wünsche.«

»So lange das Schwert Oesterreichs nicht vom unerbittlichen Wetter der Schlachten in meiner Hand zerbrochen wird,« – rief der Kaiser stolz, »wird keines deutschen Fürsten Krone angetastet werden.«

Graf Mensdorff schwieg.

Der Kaiser machte einige rasche Schritte durch das Zimmer.

Dann blieb er wieder vor seinem Minister stehen.

»Sie glauben immer nicht an den Erfolg?« fragte er, indem er seinen Blick durchdringend auf den Grafen richtete.

»Majestät,« erwiederte dieser, – »ich trage die Uniform eines österreichischen Generals und stehe vor meinem Kaiser – und das am Vorabend eines Krieges, in welchem alle Fahnen des Kaiserstaates entrollt werden, – wie würde es mir ziemen, an dem Erfolge der österreichischen Waffen zu zweifeln?« –

Der Kaiser trat leicht mit dem Fuß auf den Boden.

»Das ist keine Antwort,« sagte er. – »Ich frage nicht den General, sondern den Minister.«

»Ich wollte,« erwiederte Graf Mensdorff, »daß ich als General vor Eurer kaiserlichen Majestät stände – oder vor den Feinden Eurer Majestät, – dann wäre mein Herz leichter – und,« fügte er fast düster hinzu, – »dann hätte ich auch vielleicht mehr Zuversicht auf den Sieg, – wenigstens könnte ich dann mein Leben dafür einsetzen. – Als Minister,« – fuhr er nach einem augenblicklichen Schweigen fort, – »habe ich Eurer Majestät meine Ansicht gesagt – und kann nur dem innigen Wunsch wiederholt Ausdruck geben, daß es Eurer Majestät gefallen wolle, mir die schwere Verantwortung abzunehmen und mir zu erlauben, den Degen zu ziehen.«

Der Kaiser antwortete nicht auf die letztere Bemerkung des Grafen.

»Aber mein lieber Mensdorff,« sagte er dann, »ich kenne Ihr österreichisches Herz – schlägt dasselbe nicht höher bei dem Gedanken, die alte Macht des Hauses Habsburg wieder aufzurichten in Deutschland und diesen gefährlichen Nebenbuhler zu brechen, der unser Oesterreich und mein kaiserliches Haus hinauswerfen möchte aus Deutschland – dem alten Erbe unserer Väter. – Soll ich denn die Gelegenheit vorübergehen lassen, die vielleicht nie so günstig wiederkommt?«

»Eure Majestät können nicht tiefer und inniger die Liebe zu Oesterreich und den Stolz auf die kaiserliche Größe Ihres erhabenen Hauses im Herzen tragen als ich,« – erwiederte Graf Mensdorff mit warmem Ton, »und ich würde meinen letzten Blutstropfen darum geben, um Eure kaiserliche Majestät wieder im Römer zu Frankfurt, umgeben von den Fürsten des Reichs, als Herrn und Führer Deutschlands thronen zu sehen, – aber –«

»Aber,« rief der Kaiser lebhaft und sein Auge leuchtete, – »glauben Sie denn, daß das Ziel zu erreichen ist, ohne daß das Schwert in die Wagschale geworfen wird? Jener Mann in Berlin sagt ja selbst, Blut und Eisen müsse Deutschland regeneriren. Nun wohl – das Eisen mag entscheiden und das Blut komme über ihn!«

»Aber,« fuhr Graf Mensdorff mit ruhigem, fast traurigem Ton fort – »ich kann die Gelegenheit nicht für günstig halten; – auf zwei Kriegstheatern zu schlagen, das ist ein Spiel, dem ich die jetzige Machtstellung Oesterreichs und meine Hoffnungen für die Zukunft nicht aussetzen möchte, – noch dazu wenn der eine Gegner so mächtig und so rücksichtslos energisch ist, daß wir unsere ganze Kraft ihm allein gegenüber gebrauchen würden.«

»Energisch?« warf der Kaiser mit leichtem Ton hin. – »In Olmütz wich der Starke ruhig zurück!«

»Olmütz wiederholt sich nicht, Majestät, der Kaiser Nikolaus lebt nicht mehr und zwischen Alexander und uns liegt Sebastopol!«

Der Kaiser schwieg.

»Darf ich Eure Majestät noch unterthänigst darauf aufmerksam machen,« sprach Graf Mensdorff nach einigen Augenblicken, indem er seine Papiere durchblickte, »daß der Herzog von Gramont auf eine bestimmte Antwort wegen des Vorschlags einer französischen Allianz auf Grund der Abtretung von Venetien dringt?«

»Läßt sich die Antwort nicht mehr hinhalten?« fragte der Kaiser.

»Nein, Majestät – der Botschafter hat mir erklärt, daß eine unbestimmte Antwort der definitiven Ablehnung gleichkommen würde.«

»Und was würden Sie thun?«

Graf Mensdorff sprach langsam und ruhig:

»Wenn Eure Kaiserliche Majestät entschlossen sind, – wie dieß der Fall ist, – im gegenwärtigen Augenblick den gewaltigen Kampf aufzunehmen für die Wiedergewinnung der kaiserlichen Machtstellung Oesterreichs in Deutschland, so ist dieß Ziel hoch und groß genug, um darüber alles Andere zurückzusetzen, – es ist werthvoll und kostbar genug, um ihm ein Opfer zu bringen. Das Haus Habsburg war großmächtig in Europa ohne Venetien, Macht hat es durch diese Provinz nicht erworben – wohl aber viele Verlegenheiten, Mühen und Sorgen. Das Kampfspiel in Deutschland und um Deutschland hat große Chancen des Erfolges, wenn der Feind im Süden beseitigt, die dortige Armee freigemacht wird und wenn unsere Allianz mit Frankreich Preußen verhindert, seine Armeen gegen uns zu konzentriren. Dann wird unser Gegner nach zwei Seiten beschäftigt, während wir unsere ganze Macht auf einen Punkt werfen können, und das jetzt für uns ungünstige Spiel wird zu unsern Gunsten gerade umgekehrt gestaltet. – Der dann entstehenden Konstellation gegenüber wäre ein zweites Olmütz möglich – oder, wenn es dann doch zur Entscheidung der Waffen kommt, der Erfolg weit gesicherter. – Ich, Majestät,« – fuhr Graf Mensdorff fort, indem er den gespannten, forschenden Blick des Kaisers klar und ruhig erwiederte, – »ich würde Venetien abtreten.«

Der Kaiser schwieg und biß die Lippen aufeinander.

»Kaufen,« rief er endlich lebhaft, – »kaufen sollte ich die Stellung meines Hauses in Deutschland, kaufen das Recht meiner Väter, und von wem kaufen? – Von diesem Königreich Italien, das die Fürsten meines Hauses vertrieben, das die Kirche bedroht und selbst des heiligen Stuhles Patrimonium anzutasten bereit ist –! Nein! nein! Denken Sie sich an meine Stelle, Graf Mensdorff, – Sie werden begreifen, daß ich das nicht kann!«

»Majestät halten zu Gnaden,« sagte der Graf, – »kaufen muß man Alles, jede Allianz ist ein Kauf, und je weniger werthvoll das Objekt ist, welches man hingibt, um so besser ist das Geschäft. Oesterreichs italienische Stellung und frühere italienische Politik – deren Richtigkeit noch sehr zu erörtern wäre – ist mit der Lombardei aufgegeben, Venetien kann nicht viel nützen – und nur ein Hinderniß für eine mögliche Allianz mit Italien bilden.«

»Sie denken an eine Allianz mit Italien als möglich?« rief der Kaiser mit Erstaunen.

»Warum nicht?« sagte Graf Mensdorff, – »wenn Italien Alles hat, was italienisch ist, so hat es kein Oesterreich feindliches Interesse mehr und kann sich weit eher mit dem Kaiserstaat verbinden, als mit Frankreich, mit welchem es früher oder später um die erste Stelle unter den Nationen romanischer Rasse in Streit kommen muß.«

»– Und die vertriebenen Erzherzoge und die Heiligkeit des Oberhaupts der Kirche?« fragte der Kaiser. – »Ich kann es nicht,« fuhr er fort, indem er vor sich hin blickte, – »was würde mein Oheim sagen, der sich anschickt, den Italienern die Schärfe des österreichischen Schwertes fühlen zu lassen, – was würde mein ganzes Haus, die Geschichte, – was würde man in Rom sagen! – Wenn Italien geschlagen ist,« – sagte er nach einem Augenblick nachdenkend, – »wenn wir in Deutschland wieder auf der alten Höhe stehen, dann kann man über Venetien unterhandeln, – wenn dann durch dieß Opfer die Sicherheit des heiligen Vaters und des Patrimoniums Petri garantirt werden kann –«

»Wenn Eure Majestät in Deutschland Sieger sein sollten,« erwiederte Graf Mensdorff, – »dann bedürfen wir keiner Unterhandlungen mit Italien mehr. Aber –«

Ein Schlag an die Thür ertönte.

Der dienstthuende Flügeladjutant Fürst Liechtenstein trat ein.

»Eine Depesche für Kaiserliche Majestät vom Feldzeugmeister.«

Und er zog sich wieder zurück.

Die Augen des Kaisers leuchteten, als er eilig mit fast zitternder Hand den Umschlag des Telegramms zerriß.

»Vielleicht ein Zusammenstoß,« murmelte er.

Sein Auge flog mit hastiger Spannung über die Zeilen.

Er wurde todtenblaß, und den Blick starr auf das Papier gerichtet, welches er unbeweglich vor sich hielt, sank er auf den einfachen hölzernen Sessel vor seinem Schreibtisch.

Eine kurze Pause trat ein, während welcher die Brust des Kaisers keuchend arbeitete.

Graf Mensdorff blickte mit äußerster Spannung auf seinen kaiserlichen Herrn, wagte jedoch nicht, das unverkennbar peinliche Nachdenken zu unterbrechen, in welches die empfangene Nachricht ihn versetzt hatte.

Endlich richtete sich der Kaiser wieder auf.

»Eine Depesche von Benedek!« rief er.

»Und was meldet der Feldzeugmeister?« fragte Graf Mensdorff.

Der Kaiser schlug mit der Hand vor die Stirn.

»Er bittet mich, Frieden zu machen um jeden Preis, die Armee sei nicht schlagfertig, wie er näher auseinandersetzen will.«

»Eure Majestät werden nicht glauben,« sagte Graf Mensdorff traurig lächelnd, »daß der Feldzeugmeister mit mir konspirirt. – Wenn er die Armee dem Kampfe, der uns bevorsteht, nicht gewachsen findet – er, der Vertrauensmann der öffentlichen Meinung,« – Graf Mensdorff sagte dieß mit einem feinen, fast unmerklichen Lächeln, – »dann muß wohl meinen Bedenken ein ernstes Motiv zum Grunde liegen.«

Der Kaiser sprang auf und rührte heftig die goldene Glocke, welche auf seinem Schreibtisch stand.

Der Kammerdiener trat ein.

»Fürst Liechtenstein!« rief der Kaiser.

Eine Sekunde darauf stand der dienstthuende Flügeladjutant vor ihm.

»Ich lasse den Grafen Crenneville bitten, sogleich zu kommen. – Wer ist im Vorzimmer?«

»Feldmarschalllieutenant Baron Gablenz mit seinem Generalstabschef und Adjutanten!« meldete Fürst Liechtenstein in dienstlicher Haltung.

»Sehr gut,« rief der Kaiser, »lassen Sie ihn sogleich ein treten.«

Einen Augenblick später führte der Fürst den General und seine Begleiter ein.

Baron Gablenz trat an den Kaiser heran und sprach:

»Ich bitte Eure Majestät, vor meinem Abgang zur Armee mich abmelden und Allerhöchstdenselben meinen unterthänigsten Dank für das durch die Übertragung des Kommandos über das zehnte Korps bewiesene allergnädigste Vertrauen ausdrücken zu dürfen.«

Der Kaiser erwiederte gnädig:

»Dieß Vertrauen, mein lieber Feldmarschalllieutenant, ist verdient und keine Gnade, – Sie werden es rechtfertigen durch neue Lorbeeren, welche Sie an die österreichischen Fahnen knüpfen.«

Baron Gablenz stellte den Oberst Bourguignon, seine Adjutanten und Herrn von Stielow vor.

Der Kaiser richtete an Jeden einige verbindliche Worte mit der ihm eigentümlichen liebenswürdigen und verbindlichen Manier.

Herrn von Stielow fragte er:

»Sie sind Mecklenburger?«

»Zu Befehl, Majestät.«

»Ihr Herz wird vielleicht getheilt sein, denn ich fürchte, Ihr Vaterland wird zu unsern Gegnern stehen, – gezwungen durch seine Lage.«

»Majestät,« erwiederte der junge Offizier mit innigem Ton, – »so lange ich diese Uniform trage, ist mein Vaterland da, wo Eurer Majestät Fahnen wehen. Mein Herz gehört Oesterreich.«

Und er legte die Hand auf die Brust, wo unter der Uniform die Rose an seinem Herzen ruhte, welche er am Abend vorher erhalten.

Der Kaiser lächelte freundlich und legte seine Hand auf die Schulter des jungen Mannes.

»Ich freue mich, daß der Feldmarschalllieutenant Sie gewählt hat, und hoffe von Ihnen zu hören!«

Fürst Liechtenstein öffnete die Thüre mit den Worten:

»Feldmarschalllieutenant Graf Crenneville!«

Der Generaladjutant des Kaisers trat ein. Er trug die Uniform seiner Charge vom kleinen Dienst. Sein feines Gesicht von französischem Typus, mit dem schwarzen kleinen Bart auf der Oberlippe und den klugen, dunklen Augen, ließ in seinem lebhaften Mienenspiel die fünfzig Jahre nicht erkennen, welche der General bereits durchlebt hatte.

»Kaiserliche Majestät haben befohlen?« sprach er.

»Ich danke, meine Herren!« sagte der Kaiser zu den Begleitern des Baron Gablenz gewendet, – »ich hoffe, daß der Feldzug Ihnen Gelegenheit geben werde, mir und dem Vaterlande neue Dienste zu leisten. – Ich bitte Sie zu bleiben, Baron Gablenz!«

Herr von Bourguignon, die Adjutanten und Herr von Stielow traten ab.

Der Kaiser ergriff die Depesche, welche er vorher erhalten, und sprach:

»Soeben erhalte ich ein Telegramm, welches mich veranlaßt, Ihre Meinung zu hören. – Der Feldzeugmeister,« fuhr er mit leisem Beben in der Stimme fort, – »bittet mich, Frieden zu machen, weil die Armee nicht in der Verfassung sei, zu schlagen!«

»Unerhört!« rief Graf Crenneville.

»Was sagen Sie dazu, Baron Gablenz?« fragte der Kaiser den ruhig und schweigend dastehenden General.

Dieser zögerte einen Augenblick mit der Antwort.

Der Kaiser hing mit dem Blick an seinen Lippen.

»Majestät,« sagte der General, »es muß der Bitte des Feldzeugmeisters ein ernster Grund zur Seite stehen, im Allgemeinen fürchtet er keine Gefahr und rücksichtslose Kühnheit liegt mehr in seinem Charakter, als bedenkliche Vorsicht.«

»Die tapfere und glänzende Armee Eurer Majestät soll nicht schlagfertig sein?« rief Graf Crenneville lebhaft, – »womit motivirt der Feldzeugmeister diese Ansicht?«

»Er will sie motiviren,« sagte der Kaiser.

Graf Crenneville zuckte die Achseln.

Baron Gablenz fragte:

»Können Eure Majestät noch Frieden schließen?«

»Wenn ich Oesterreich für immer in die zweite Reihe in Deutschland stellen, oder es vielmehr aus Deutschland herauswerfen lassen will – ja! wenn ich den Preußen eine doppelte Revanche für Olmütz geben will – ja – sonst nicht.«

Graf Crenneville blickte gespannt auf den Feldmarschalllieutenant, welcher in ernstem Nachdenken dastand.

»Majestät,« sprach dieser endlich in ruhigem, eindringendem Ton, – »Niemand kann die gewaltige Kraft unseres Gegners höher anschlagen als ich, – ich habe mit den Preußen zusammen im Felde gestanden und kenne ihre materielle und ihre moralische Macht. Beide sind ungeheuer, – ihre Bewaffnung ist vortrefflich und das Zündnadelgewehr ist von furchtbarer Wirkung. – Würden wir ganz allein Preußen gegenüber stehen, so würde ich mit schweren Sorgen in den Kampf ziehen. Was mich beruhigt, sind unsere deutschen Bundesgenossen.«

»Die Reichsarmee!« sagte Graf Mensdorff.

»Nicht die einzelnen Kontingente fallen für mich militärisch in die Wagschale,« fuhr Baron Gablenz fort, – »sondern der Umstand, daß diese einzelnen Armeen preußische Truppen absorbiren und unsern Gegner zu einer komplizirten Kriegführung zwingen werden. Hätte ich in Hannover bleiben können, so würde diese Rechnung noch richtiger gewesen sein, – indeß, auch ohne jene Kombination wird Preußen mit sehr getheilten Kräften fechten müssen, während wir konzentrirt agiren können. – Dieß, kaiserliche Majestät, ist meine Beruhigung, – hierin beruht meine Hoffnung auf den Erfolg, der – immerhin schwer wird erkämpft werden müssen! – Soweit meine Ansicht als General. – Ueber die Zustände in der Armee, welche etwa die Schlagfertigkeit derselben hemmen könnten, kann ich nicht urtheilen, bis ich sie gesehen habe und die Gründe habe prüfen können, welche den Feldzeugmeister zu seinem Urtheil bestimmen. Was die politische Lage betrifft, so wage ich in dieser Richtung kein Urtheil, – glaube auch nicht, daß kaiserliche Majestät ein solches von mir gefordert haben. – Nur das Eine sei mir erlaubt auszusprechen: Ist Oesterreichs Ehre engagirt, so würde ich jeden Rückzug abweisen – eine verlorne Schlacht selbst kann soviel nicht schaden, als ein Rückzug, ohne den Degen zu ziehen.«

Der General schwieg.

Tiefe Stille herrschte einen Augenblick im Kabinet.

»Meine Herren,« sprach der Kaiser, »die Fragen, welche an mich herantreten, sind so ernster Natur, daß sie der eingehendsten Erwägung und eines Augenblicks stiller, ruhiger Sammlung bedürfen. – In einer Stunde will ich mich entscheiden und will Ihnen, Graf Crenneville, die Antwort für den Feldzeugmeister geben. – Auch Sie, Graf Mensdorff, sollen in einer Stunde die Entscheidung auf die Frage haben, welche Sie mir vorhin vortrugen.«

Die Herren verneigten sich.

»Der Antrag am Bunde auf Mobilisirung der nichtpreußischen Bundesarmee soll sogleich gestellt werden, wie Eure Majestät befehlen?« fragte Graf Mensdorff, indem er seine Papiere zusammenlegte.

»Gewiß,« rief der Kaiser, »es ist nothwendig, daß die deutschen Staaten bestimmt Farbe bekennen, und daß die Streitmacht des Bundes in's Feld gestellt wird. – Ich bin der Ansicht des Baron Gablenz, daß hierin ein großer Theil unserer Macht liegt.«

Und mit einer freundlichen Neigung des Hauptes entließ er die Herren, trat auf den Feldmarschalllieutenant von Gablenz zu, reichte ihm die Hand und sprach:

»Gehen Sie mit Gott, – er segne Ihren Degen und gebe mir Gelegenheit, Ihnen von Neuem dankbar zu sein!«

Der General beugte sich auf die Hand des Kaisers und sagte bewegt:

»Mein Blut und Leben für Eure kaiserliche Majestät und Oesterreich!«

Der Kaiser blieb allein.

Er ging einige Male in rascher Bewegung durch das Kabinet.

Dann setzte er sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und warf hastig einige vor ihm liegende Papiere durcheinander, ohne auf deren Inhalt zu achten.

»Welch' eine furchtbare Lage!« rief er – »mein ganzes Gefühl drängt mich zur Entscheidung dieser deutschen Kalamität, welche wie eine schleichende Krankheit, wie ein nagender Wurm am Herzen Oesterreichs frißt und dessen Erhebung und Erstarkung verkümmert, – das Blut meines Hauses treibt mich, den Handschuh aufzunehmen, den dieser gefährliche, tödtliche Feind meines Geschlechts seit so langer Zeit uns bald höhnend, bald drohend hinwirft – die Stimme des Volks in Deutschland ruft mich – und mein Minister räth mir zum Rückzug, mein General zagt im Augenblick der Entscheidung! – Ist es denn wahr, was mir wie ein schwarzer Alp in dunkeln Stunden oft auf dem Herzen gelegen hat? – bin ich prädestinirt, diesem lieben, schönen, herrlichen Oesterreich, dem ruhmreichen Erbe meiner großen Vorfahren Unglück zu bringen? – Soll mein Name einst in der Geschichte verknüpft sein mit dem Niedergang des habsburgischen Sterns, mit dem Untergang des Kaiserstaates?«

Er starrte trübe vor sich hin.

»O daß Du neben mir stehen könntest, Du großer Geist, der mit seinem edlen, festen Herzen, mit seinem klaren Blick und seinem unerschütterlichen Willen am Steuer des österreichischen Staats stand, Du, an dessen ruhiger, stolzer Kraft der dämonische Riese zerschellte, der die Welt aus den Fugen gehoben hatte – o daß ich einen Metternich hätte! – Was würde er mir rathen, jener reiche, freie Geist, den Niemand verstanden hat und Niemand versteht, weil vor seinem innern Leben der Welt gegenüber das stolze horazische Wort geschrieben stand: Odi profanum vulgus et arceo!«

Mit einer plötzlichen, raschen Bewegung ergriff er die Glocke.

»Der Staatsrath Klindworth soll sogleich kommen,« befahl er dem eintretenden Kammerdiener, »man soll ihn in der Staatskanzlei suchen!«

Der Kammerdiener entfernte sich.

»Er ist der Einzige,« sprach der Kaiser vor sich hin, – »der noch übrig ist aus jener großen Zeit des alten Oesterreichs, da die Fäden aller europäischen Politik in der Staatskanzlei zusammenliefen, da Metternichs Ohr in allen Kabinetten war und seine Hand die Entschließungen der Höfe lenkte. – Es ist wahr – er war nur ein Agent des großen Staatsmannes, nicht der Vertraute seiner letzten Gedanken – er war nicht Gentz – nein, nicht Gentz – aber er hat mitgewirkt in dem Getriebe der künstlichen Maschine und sein scharfer, durchdringender Verstand hat den Geist des Ganzen erfaßt– oder doch geahnt!. – Wenn er zu mir spricht, so glaube ich jene alte, große, wunderbar reiche, vielfarbige Zeit vor mir aufsteigen zu sehen und ich glaube oft zu ahnen und zu empfinden, was Metternich gethan hätte, wenn er heute noch der Freund und Berather des Hauses Habsburg wäre. – Ich habe das Wollen – ich habe die Kraft zur Arbeit, den Muth zum Kampfe – warum ist das Erkennen so schwer?!« –

Und der Kaiser stützte den Kopf in die Hand und blieb in tiefem Sinnen sitzen. –

Der Kammerdiener öffnete die Thür, welche nach den innern Gemächern führte und meldete:

»Der Staatsrath Klindworth steht zu Eurer kaiserlichen Majestät Befehl.«

Der Kaiser erhob das Haupt und winkte mit der Hand. –

Durch die geöffnete innere Thür trat jener merkwürdige Mann, der seine sonderbare Laufbahn als Schullehrer in der Nähe von Hildesheim begann, dann einen kurzen Augenblick eine öffentliche Rolle als Staatsrath am Hofe des Herzogs Karl von Braunschweig spielte und nach dem tragikomischen Sturze dieses Fürsten jene eigentümliche Thätigkeit, als einer der eifrigsten und gewandtesten Agenten Metternich's begann, welche ihn in alle wichtigen politischen Verhandlungen verflocht und mit allen Souveränen und Ministern Europas in Verbindung brachte, wobei er mit so großer Geschicklichkeit ein künstliches Dunkel um sich zu schaffen wußte, daß nur die Eingeweihtesten in den politischen Kreisen Europas ihn gesehen oder mit ihm verkehrt haben.

Der Staatsrath Klindworth war damals ein Mann von fast siebenzig Jahren, breitschulterig und kräftig gebaut. Der fast zwischen die Schultern gedrückte, in lauernder Haltung etwas vorgebeugte Kopf, mit ganz kurz geschnittenen grauen, fast weißen Haaren, war von jener außergewöhnlichen Häßlichkeit, welche den Blick fesselt und ebenso, wie hohe Schönheit – ja fast noch mehr anzieht. Seine kleinen Augen blitzten scharf und durchdringend unter starken grauen Augenbrauen hervor und schienen mit ihrem schnell umherlaufenden Blick, der sich nie direkt in ein anderes Auge senkte, auf einmal Alles umfassen zu wollen und auch zu können, was sich in ihrem Gesichtskreise Bemerkenswerthes finden lassen möchte.

Sein breiter, großer Mund mit dünnen, blutlosen Lippen war fest geschlossen und in der Mitte fast verdeckt durch die tief herabhängende, große und plumpe Nase, die sich an ihrem untern Theil zu ganz außergewöhnlicher Breite ausdehnte.

Er trug einen langen zugeknöpften braunen Rock und ein weißes Halstuch und zeigte in seiner Haltung das Bild eines älteren, würdigen Herrn, den man eher für einen von den Geschäften zurückgezogenen Rentier, als für einen so vielgewandten und vielgewanderten politischen Agenten gehalten hätte. Seine im politischen Leben so vielbewährte Kunst, niemals zu erscheinen, immer in den tiefsten und dunkelsten Hintergrund zurückzutreten, übte er auch in seiner persönlichen Erscheinung, – es wäre unmöglich gewesen, das Bild einer unscheinbaren, bescheidenen Persönlichkeit treffender und charakteristischer darzustellen.

Der Staatsrath trat ein, verneigte sich tief und näherte sich dem Kaiser bis auf zwei oder drei Schritte. Dann blieb er stehen und ohne ein Wort zu sprechen wartete er in ehrfurchtsvoller Haltung, während ein schneller Blick seines Auges den Monarchen streifte und dann sich wieder zu Boden senkte.

»Ich habe Sie rufen lassen, mein lieber Klindworth,« sagte Franz Joseph, indem er leicht das Haupt neigte, »weil ich begierig bin zu hören, wie Sie die Lage auffassen, in der ich mich befinde, Sie wissen, daß ich gern höre, wie die Lage der Dinge sich in Ihrem Geiste abspiegelt, der noch in den Anschauungen einer vergangenen – großen Zeit lebt.«

»Kaiserliche Majestät sind allzu gnädig,« erwiederte Herr Klindworth mit einer leisen, aber scharf accentuirten und eindringenden Stimme. »Der reiche Schatz meiner Erfahrungen, die ich in einem langen politischen Leben gesammelt, steht meinem allergnädigsten Herrn stets zu Gebot und – wie mein großer Meister, der Fürst Metternich, sagte – die Vergangenheit ist das beste Korrektiv und der richtigste Barometer für die Gegenwart. Die Fehler der Vergangenheit sieht man mit allen ihren Folgen und Konsequenzen – und lernt daraus oft die Fehler zu vermeiden, zu denen die Gegenwart verleiten könnte.«

»Ganz recht,« sagte der Kaiser, »ganz recht – nur machte man in der Vergangenheit – in Ihrer Vergangenheit, weniger Fehler – doch, welchen Fehler würden Sie für den gefährlichsten halten, der jetzt begangen werden könnte?«

Ohne zu zaudern, erwiederte der Staatsrath, indem sein schneller Blick von unten heraus den Kaiser streifte:

»Die Unschlüssigkeit, Majestät!«

Der Kaiser sah ihn betroffen an.

»Und fürchten Sie, daß dieser Fehler begangen werden möchte?« fragte er.

»Ich fürchte, er wird schon begangen!« erwiederte der Staatsrath ruhig.

»Von wem?«

»Weßhalb erzeigen Eure kaiserliche Majestät mir die hohe Ehre, mich zu hören?« fragte der Staatsrath statt der Antwort entgegen, – »Eure Majestät wollen meine bescheidene und unvorgreifliche Meinung hören, damit sie – wenn auch nur als ein Sandkorn in die Wage falle, um Eure Majestät einen Entschluß fassen zu lassen. – Eure Majestät sind also noch nicht entschlossen.«

Und er nahm eine noch demüthigere und bescheidenere Haltung an, als bisher.

Der Kaiser lächelte.

»Sie verstehen es, in den Gedanken Anderer zu lesen, und gegen Ihre Dialektik ist nichts zu machen. – Gut denn,« fuhr er fort, »wenn ich noch nicht entschlossen bin, so ist das kein Fehler, denn jetzt erst tritt der Augenblick des Entschlusses an mich heran!«

»Befehlen kaiserliche Majestät, daß ich ohne allen Rückhalt spreche?« fragte der Staatsrath.

»Gewiß,« rief der Kaiser und mit einem Ausdruck unendlicher Hoheit fügte er hinzu: »um leere Konversation zu machen, habe ich Sie nicht rufen lassen!«

Der Staatsrath legte seine Hände über der Brust zusammen und trommelte leicht mit den Fingern der rechten auf der äußeren Fläche seiner linken Hand.

Dann sprach er langsam und in gewissen Intervallen den Eindruck seiner Worte aus den Augenwinkeln beobachtend:

»Ich kann nach meiner ganz unmaßgeblichen Ansicht die Meinung kaiserlicher Majestät nicht theilen, daß jetzt erst der Augenblick des Entschlusses gekommen sei.«

Der Kaiser blickte ihn erstaunt an.

»Und wann war denn nach Ihrer Ansicht jener Moment!« fragte er.

»Er war da,« erwiederte Herr Klindworth, »bevor Preußen mit Italien seinen Vertrag geschlossen hatte, bevor Italien gerüstet und Preußen seine Vorbereitungen getroffen hatte. – Eure Majestät wollten den großen Zwiespalt zur Entscheidung bringen, Eure Majestät wollten, die Kaiserkrone in Frankfurt aufsetzen, nachdem der Graf Rechberg dort den boeuf historique etwas vorzeitig servirt hatte –«

Der Kaiser zog die Augenbrauen zusammen.

Ohne den Ton zu ändern fuhr der Staatsrath fort:

»Eure kaiserliche Majestät haben aber zu früh Ihre Absichten enthüllt – und darum den besten Moment versäumt – der Schlag mußte urplötzlich kommen und den Gegner unvorbereitet treffen. Dieser lange Depeschenwechsel erinnert mich an die Helden vor Troja, die erst sich lange Reden hielten und ihre Genealogie erzählten, bevor sie ihre Lanzen warfen. – Der Konflikt, – eine Sommation – und Eurer Majestät Armeen mußten in Sachsen stehen! So hätte ich mir die Sache gedacht. Jetzt kommt die sächsische Armee nach Böhmen, – es ist unmöglich, anderswo zu schlagen, als in Böhmen, – d. h. die Kriegslast im eigenen Lande zu tragen. – Das, kaiserliche Majestät, nenne ich Unschlüssigkeit, – ihre bösen Folgen sind schon da und werden sich mit jedem Tage vermehren.«

Der Kaiser dachte nach.

»Glauben Sie nicht, daß Preußen den Krieg fürchtet und vor der letzten Entscheidung zurückweichen wird?« fragte er.

»Nein, Majestät,« erwiederte der Staatsrath, »das wird nicht geschehen. Graf Bismarck ist dazu unfähig.«

»Aber der König,« fragte der Kaiser – »er ist gegen den Krieg, – man spricht von einer Entfernung Bismarck's im letzten Augenblick –«

»Ich glaube daran nicht, kaiserliche Majestät,« sagte Klindworth, – »zwar fehlt mir dem König von Preußen gegenüber die persönliche Basis der Beurtheilung. – Ich habe Friedrich Wilhelm IV. gekannt,« fuhr er fort, »ich habe den Kaiser Nikolaus gekannt und kenne den Kaiser Napoleon. Von jenen verstorbenen Herren hätte ich können, von Napoleon III. könnte ich, durch die geringe Menschenkenntnis die ich besitze, vorhersagen, was sie wahrscheinlicher Weise thun möchten. – Dem König Wilhelm habe ich mich niemals nähern können,« – hier klang ein leichter Ton des Unmuths und Verdrusses durch seine Stimme, – »was er thun möchte, kann ich daher nur auf Grund der Mittheilungen vermuthen, die mir über ihn gemacht sind.«

»Und was vermuthen Sie?« fragte Franz Joseph.

»Ich vermuthe, daß der König nicht nachgeben, sondern schlagen wird. Er ist kein junger Herr mehr, – deßhalb scheut er den Krieg mit seinem Elend und seiner Bedrückung, – er ist ein Hohenzoller und alle Hohenzollern haben eine gewisse traditionelle Deferenz dem Hause Habsburg gegenüber, – deßhalb wird er ganz besonders den Krieg mit Oesterreich scheuen, – aber er ist ein Mann, ein Charakter, ein Soldat, – darum wird er den Krieg lieber führen, als rückwärts zu gehen und seine Heeresorganisation, welche er unter so harten inneren Kämpfen durchgeführt hat, zum Gespött der Welt zu machen. – Der König Wilhelm wird schlagen, Majestät, – er weicht vor der Drohung nicht zurück, – deßhalb war die Drohung ein Fehler, und die Unentschlossenheit trägt ihre bösen Früchte.«

»Wenn aber der Fehler der Unentschlossenheit begangen ist,« fragte der Kaiser, – »wie muß er verbessert werden? Einen Fehler zu machen kann kein Staatsmann vermeiden, die große Kunst ist, ihn zu verbessern. – Was kann jetzt helfen?«

»Schneller Entschluß und schnelles Handeln!« erwiederte der Staatsrath.

»– Aber – Sie wissen nicht,« – sagte der Kaiser zögernd, – »Graf Mensdorff –«

»Ich weiß Alles,« erwiederte Klindworth lächelnd, – »Graf Mensdorff ist krank und kranke Leute entschließen sich schwer.«

»Würde Metternich – der Mann der Vorsicht und der ruhigen Kombination, sich entschlossen haben?« fragte der Kaiser leise, halb zu sich selbst, halb zu Klindworth sprechend.

»Metternich würde es vielleicht nie dahin haben kommen lassen,« erwiederte dieser, »würde er aber heute in der Staatskanzlei sitzen, so ständen Eurer Majestät Regimenter in Dresden und Hannover.«

»Aber Benedek –« sagte der Kaiser.

»Benedek, Majestät,« unterbrach ihn Klindworth, »steht zum ersten Male vor einer großen Verantwortlichkeit, ohne bis jetzt zu handeln. Das drückt ihn nieder.«

»Aber er sagt,« entfuhr dem Kaiser fast unwillkürlich, »die Armee sei nicht schlagfertig.«

»Sie wird es gewiß nicht vom Stillliegen in Böhmen, – lassen Eure Majestät sie schlagen und sie wird schlagfertig sein,« erwiederte Klindworth unerschütterlich.

Der Kaiser ging auf und ab. Der Staatsrath blieb unbeweglich stehen und nur sein graues Auge folgte lauernd den Bewegungen des Kaisers.

Plötzlich trat dieser dicht vor ihn hin.

»Wissen Sie von dem französischen Anerbieten?« fragte er.

»Eine Allianz gegen Abtretung von Venetien,« sagte Klindworth.

»Was denken Sie davon?«

»Ich denke, daß es Eurer Majestät im innersten Herzen widerstrebt – und mit Recht.«

»Es handelt sich nicht um Neigungen oder Abneigungen, sondern um politische Gründe,« – sagte der Kaiser.

»Die politischen Gründe sprechen ganz und gar gegen diese Allianz,« antwortete Klindworth.

»Warum? Graf Mensdorff hat mir Gründe entwickelt, die – ich muß es gestehen, großen Eindruck auf mich gemacht haben!«

Ein scharfer, blitzender Strahl fuhr aus dem Auge des Staatsraths empor, er richtete sich etwas aus seiner gebückten Haltung auf und während das Spiel seiner Finger schneller wurde, sprach er lebhafter und mit lauterer Stimme, als bisher:

»Alle politischen Gründe, Majestät, sprechen gegen diese Allianz – auf dieser Basis. – Vielleicht – ich gebe es zu – würde einer solchen Koalition gegenüber Preußen zurückweichen – vielleicht – aber wie weit? Würden Eure Majestät das erreichen, was Sie anstreben? Nein – es würde eine Verkleisterung des Konflikts sein und in solchen Zuständen würde Preußen gewinnen. – Ich glaube indeß nicht, daß man in Berlin nachgeben würde; man würde, wie ich vermuthe, auch der französischen Allianz gegenüber schlagen und dann – was würde geschehen? – Wenn Eure Majestät siegen, so wird wiederum der Preis des Sieges nicht erreicht werden. Glauben Eure Majestät, daß der Kaiser Napoleon die alleinige Suprematie Oesterreichs über ein fest geeintes Deutschland dulden werde? Niemals! Und würden Eure Majestät dann den vollen Preis des Sieges verlangen, so würden Sie ihn nur erreichen können durch einen neuen Kampf mit dem bisherigen Alliirten, welcher schnell dem besiegten Gegner die Hand reichen würde. Also der Nutzen der Allianz ist sehr zweideutig, besonders da ich weiß, daß Frankreich keiner militärischen Anstrengung fähig ist.«

»Ist das gewiß?« fragte der Kaiser betroffen.

»Eure Majestät wissen,« erwiederte Klindworth zuversichtlich, »daß ich vorsichtig bin in bestimmten Versicherungen, und daß ich Wege der Information besitze, welche sich immer als zuverlässig bewiesen haben. – Frankreich kann nicht hunderttausend Mann schlagfähige Truppen stellen … .«

Der Kaiser schwieg.

»Ist aber der Nutzen dieser Allianz,« fuhr Klindworth fort, »ein ungewisser und zweideutiger, so ist dagegen ihr Schaden nach zwei Richtungen sehr groß.«

Der Kaiser blickte ihn erwartungsvoll an.

»Zunächst, kaiserliche Majestät, wird die Stellung des Hauses Habsburg und Oesterreichs in Deutschland schwer kompromittirt durch die französische Allianz. – Mögen Eure Majestät Erfolge, – halbe Erfolge immer, – erlangen, sei es durch Nachgeben Preußens, sei es durch den Sieg, – immer wird die öffentliche Meinung in Deutschland in Preußen den nationalen Märtyrer erblicken, der vor dem Erbfeind der deutschen Nation hat weichen müssen. Darin wird eine ungeheure Stärkung für Preußen liegen und der Boden, von welchem aus es später in besserer Lage den Kampf wieder aufnimmt.«

»Die Stimmung in Deutschland ist aber für mich!« sagte der Kaiser.

»Zum Theil,« erwiederte Klindworth, »aber nicht für Frankreich. – Majestät,« fuhr er fort, – »ich gehöre nicht zu den Leuten, welche die jetzt so beliebte Nationalitätenpolitik loben – und für Oesterreich ist sie die höchste Gefahr, – ich bin aus jener Zeit, wo man mit kluger Verkeilung der großen und kleinen Staatsbildungen das Gleichgewicht erhielt, – wo man noch der Ansicht war, daß ein geschickt gefügtes Ruthenbündel stärker sei als ein grober Holzklotz – aber man darf dem Nationalgefühl nicht in's Gesicht schlagen, besonders nachdem man dasselbe auch von hier aus – leider, leider – durch großdeutsche Vereine und dergleichen demagogische Mittel, bei denen die Regierungen immer die Düpirten sind, in eine künstliche und fieberhafte Ueberreizung gebracht hat. – Alle jene Personen in Süddeutschland, in Bayern, die jetzt voll Eifer und Erbitterung gegen Preußen schreiben, sprechen und resolviren – ich würde mich nicht wundern, wenn sie bei der Nachricht von der Allianz mit Frankreich in's Lager der Gegner gingen. – Ich kenne den furor teutonicus, Majestät, früher haben wir ihn niedergehalten, jetzt aber ist er künstlich aufgeregt, – wenn eine französische Allianz in diese Stimmung der Gemüther hereintritt, so gehört Deutschland Preußen.«

Der Kaiser hörte sehr aufmerksam zu. Die Gründe des Staatsraths schienen seiner Neigung zu entsprechen und ein leichtes Lächeln spielte um seine Lippen.

Dem Blicke des Herrn Klindworth entging dieß nicht.

»Außerdem aber, kaiserliche Majestät,« sprach er, »würde ich eine solche Allianz im höchsten Grade schädlich halten, wegen des Opfers, durch welches sie erkauft werden soll.«

»Halten Sie den Besitz von Venetien also für so wichtig?« fragte der Kaiser gespannt.

»Dem Besitz von Venetien an sich,« sagte der Staatsrath, »würde ich eine so hohe Bedeutung nicht beilegen, – aber es handelt sich um ein großes Prinzip – dem ich die höchste Bedeutung beilegen muß. – Mit der freiwilligen, vertragsmäßigen Abtretung von Venetien würden Eure kaiserliche Majestät nicht nur feierlich anerkennen, was bis jetzt in Italien gegen das Haus Habsburg, gegen die Legitimität und gegen die Kirche geschehen ist, – sondern auch, was noch weiter gegen diese Faktoren, auf denen Oesterreichs Macht und Stärke beruht, geschehen soll, – das heißt den Raub des Patrimoniums Petri, die Säkularisirung des heiligen Stuhles zu Rom. – Das aber wäre die Abdikation Oesterreichs.«

Der Kaiser rief lebhaft:

»Dasselbe sagt mir mein Gefühl – aber – glauben Sie denn, daß ich überhaupt, – daß ich jemals im Stande wäre, dem Gange der Ereignisse in Italien Halt zu gebieten, daß ich im Stande wäre, wieder zu gewinnen, was verloren ist?«

»Ich glaube es,« erwiederte der Staatsrath fest.

Der Kaiser war betroffen über die Zuversichtlichkeit dieser Antwort.

»Wenn ich Sieger in Deutschland wäre – würde Deutschland einen Römerzug machen?« fragte der Kaiser, – »ich zweifle daran.«

»Das wird gar nicht nöthig sein,« erwiederte Klindworth, »man hat so oft gehört: Italia fara da se – eh bien, lassen wir die Italiener machen.«

Und mit leichtem Lachen rieb er sich die Hände.

»Was kann Italien machen?« fragte der Kaiser dringend, »wissen Sie etwas davon?«

»Es ist ein wenig mein Metier, Alles zu wissen,« sagte der Staatsrath, – »erlauben kaiserliche Majestät mir einige kurze Bemerkungen. – Italien ist dem Hause Savoyen und der Demagogie verfallen, – weil Oesterreich bei Solferino besiegt war –«

»Nicht von Italien!« rief der Kaiser.

»Nicht von Italien, – gewiß,« – fuhr der Staatsrath fort, – »indeß, es war besiegt und die Revolution war allmächtig, – die Vertheidiger des Rechts muthlos und vor Allem nicht geeinigt. – Seit jener Zeit ist viel geschehen – man hat von den Gegnern gelernt, ein festes, unsichtbares Band umzieht Alle, welche dem Recht und der Religion dienen und dafür kämpfen wollen – und der apostolische Segen ruht auf diesem Bande. Was die Carbonari der Revolution geschaffen, werden die Carbonari des Rechts wieder herstellen. – Aber wie jenen der äußere Anstoß zum Siege half, so warten auch diese darauf, daß das Schwert Oesterreichs die erste Bresche in jenen Bau des Frevels und des Unrechtes schlage. – Ein Sieg Oesterreichs über die Truppen der gekrönten Revolution – und Italien wird in Flammen stehen, der Kreuzzug gegen das Werk Cavour's wird beginnen und – siegen.«

In mächtiger Erregung hatte der Kaiser zugehört.

Er trat dicht vor den Staatsrath hin, der in seiner ruhigen Haltung blieb.

»Sprechen Sie von Träumen Ihrer Phantasie?« rief Franz Joseph, – »oder von Thatsachen?«

»Von Thatsachen, kaiserliche Majestät, die ich beweisen kann.«

»Wann, wo?« rief der Kaiser.

»In fünf Minuten, hier in Eurer Majestät Kabinet!«

»So führen Sie den Beweis.«

»Dann bitte ich Eure kaiserliche Majestät um die allergnädigste Erlaubniß, eine Person einführen zu dürfen, welche über Alles unterrichtet ist, welche ich – in der Muthmaßung, daß auch dieser Gegenstand hier zur Sprache kommen würde, mitgebracht habe, und welche unten wartet.«

Der Kaiser sah ihn erstaunt an.

»Wer ist diese Person?« fragte er gespannt.

»Der Graf von Rivero, kaiserliche Majestät!«

Der Kaiser sann nach und schien seine Erinnerung nach diesem Namen zu durchforschen.

»Wer ist das?« fragte er nach einer Pause. – »Ah, ich erinnere mich, – wurde nicht im vorigen Jahre ein römischer Graf Rivero durch den Nuntius am Hofe vorgestellt?«

»Ganz recht, Majestät,« sagte der Staatsrath, – »er ist Römer und der Nuntius sein Vertreter, – indeß der Graf Rivero, welcher in den strahlenden Sälen der Hofburg hin und her ging, geht mich nichts an, – mein Graf Rivero ist ein unermüdlicher Kämpfer für das Recht und die Kirche, der in dunkler Stille die große Erhebung vorbereitet hat, welche das Werk des Unheils wieder zerstören soll, – ein mächtiger Führer aller jener Elemente, welche durch verborgene Fäden verbunden zum gemeinsamen Kampf bereit sind.«

»Und wodurch legitimirt er sich?« fragte der Kaiser mit einem Ton, der zwischen Neugier und Mißtrauen schwankte.

Der Staatsrath zog aus seiner Tasche einen verschlossenen Brief und überreichte ihn dem Kaiser.

»Für den Fall,« sagte er, »daß es für kaiserliche Majestät von Interesse sein könnte, ihn zu sehen, hat er mir seine Legitimation anvertraut.«

Der Kaiser ergriff hastig den Brief.

»Aus dem Palaste Farnese,« rief er, – »von meiner Schwägerin!«

Er erbrach den Brief und durchflog den kurzen Inhalt.

»Führen Sie den Grafen herein!« sprach er dann.

Der Staatsrath entfernte sich mit tiefer Verneigung. –

»Ein Glück, daß ich diesen Mann gerufen, – welch' ein neuer Blick öffnet sich mir mit einem Male!« rief der Kaiser, – »wäre es möglich, daß die alte Größe meines Hauses nach allen Seiten wieder erstehen könnte?« –

Er trat sinnend zum Fenster und blickte gen Himmel, – langsam mit seinem Auge dem Zuge der Wolken folgend.

Nach kurzer Zeit meldete der Kammerdiener den Staatsrath Klindworth, und auf den Wink des Kaisers trat dieser ein.

Ihm folgte der Graf Rivero in derselben ruhigen, vornehm gemessenen Haltung, in welcher er das Boudoir der Frau Balzer betreten, und der Kugel des Herrn von Stielow sich gegenübergestellt hatte.

Er trug einen schwarzen Salonanzug von tadelloser Einfachheit und vollendetem Schnitt.

Mit jener Sicherheit, jenem leisen und festen Schritt, welchen die Gewohnheit der Höfe bezeugt, trat er einige Schritte dem Kaiser entgegen, verneigte sich tief und erwartete dann mit klar und ruhig aufgeschlagenem Auge die Anrede des Monarchen.

Der Kaiser maß ihn mit forschendem Blick und sagte:

»Ich erinnere mich, Sie im vorigen Jahre am Hofe gesehen zu haben, Herr Graf.«

»Es ist sehr gnädig, daß Eure kaiserliche Majestät sich dessen erinnern,« sagte der Graf mit seiner weichen, melodischen und eindringenden Stimme.

»Sie kommen von Rom?« fragte der Kaiser.

»Aus dem Palaste Farnese, kaiserliche Majestät.«

»Und was führt Sie hieher?«

»Der Wunsch, Eurer Majestät meine Dienste anzubieten in dem großen Kampfe, welcher Oesterreich bevorsteht.«

»Meine Schwägerin von Neapel empfiehlt Sie mir als einen Mann, der meines vollen Vertrauens würdig ist.«

»Ich glaube dieß Vertrauen verdient zu haben und hoffe auch das Eurer kaiserlichen Majestät zu verdienen,« erwiederte der Graf, sich verneigend in ruhiger Einfachheit und ohne jeden Klang von Anmaßung in seiner Stimme.

»Und wodurch glauben Sie mir nützen zu können?« fragte der Kaiser.

Der Graf erwiederte den forschenden Blick des Kaisers offen und stolz und sprach:

»Ich biete Eurer kaiserlichen Majestät den Beistand einer großen, unsichtbaren Macht, der heiligen Liga des Rechtes und der Religion!«

»Erklären Sie mir, was diese Liga ist und was sie thun kann?«

»Ich werde Eurer kaiserlichen Majestät sagen, wie sie entstanden ist, dann werden Allerhöchstdieselben verstehen, was sie ist und was sie zu thun vermag. – Als nach den gewaltigen Schlägen,« fuhr er fort, – »welche Oesterreichs Armeen in Italien sprengten, die Flut der Revolution sich unter der Führung des ehrgeizigen Hauses Savoyen über Italien ergoß, und auf das Haupt des Königs Viktor Emanuel jene Krone drückte, welche den Uebergang zur rothen Republik bilden soll, da waren alle Diejenigen, welche das Recht und die Religion im Herzen tragen und für die heilige Kirche zu streiten bereit sind, überrascht und zerstreut, – unfähig zum gemeinsamen und energischen Widerstand. – In rascher Eile vollzog sich das Werk des Unrechts und selbst der Kaiser Napoleon, welcher ein ganz anderes Italien sich gedacht hatte, konnte den einmal von ihm entfesselten bösen Geistern nicht Halt gebieten. – Nach dem Fieber folgte die Ermattung. Selbst im Vatikan war man verzagt. – Aber der Ermattung folgte die Reaktion. – In Rom, im Palaste des Königs Franz, dieses einfachen, aber in seiner Einfachheit wahrhaft großen königlichen Helden, der durch die Kanonen von Gaëta seinen Protest gegen das frevelhafte Unrecht durch Europa hatte erklingen lassen, fanden sich die ersten Männer zusammen, welche sagten: – ›Das Unrecht hat gesiegt, weil einzelne böse Männer es wollten und mit vereinten Kräften arbeiteten, – warum sollte das Recht nicht wieder erstehen können, dem doch Gott zur Seite steht, wenn entschlossene und muthige Männer sich ebenso zu gemeinsamer Arbeit verbinden, – alle schwächeren Geister um sich sammeln und mit Muth und Thatkraft erfüllen?‹ – Dieser Erkenntniß folgte der Entschluß, dem Entschluß die That. – Der König Franz billigte den Plan und die Ausführung, und Eurer kaiserlichen Majestät heldenmütige königliche Schwägerin entzündete das reine Feuer des edlen und guten Entschlusses zur hellen Lohe flammender Begeisterung. – Durch ganz Italien wurden die Komites errichtet, Männer und Frauen von erprobter Gesinnung traten der Liga bei, und in Kurzem schon zählten die Mitglieder nach Tausenden. – Die Getreuen des Königs arbeiteten an den europäischen Höfen, in Paris bleibt der kluge, gewandte und vorsichtige Canofari, – Graf Cito reist in Europa, – wir sind unterrichtet über Alles, was geschieht; Galotti organisirt Neapel und Sizilien. Der Einfluß, den die Mitglieder der Liga auf die Massen haben, ist groß, – Waffen und Munition liegen an sichern Orten – und wir stehen heute an der Spitze einer Macht, welche mit einem Wink durch den elektrischen Funken Italien von den Alpen bis zum äußersten Ende Siziliens in Flammen zu setzen vermag. – Verlangen Eure Majestät die näheren Nachweise über die Ausdehnung, die Organisation und die Macht der Liga?«

»Für den Augenblick danke ich Ihnen,« sagte der Kaiser erregt, – »später können Sie mir darüber Mitteilungen machen, die mich hoch interessiren werden! – Wie steht die römische Kurie zu Ihrer Sache?« fragte er dann.

Graf Rivero erwiederte:

»Der heilige Vater, kaiserliche Majestät, ist der oberste Priester der Kirche, – seine Waffen sind geistlicher Natur, er kann keinen unmittelbaren Antheil nehmen an dem Werke, das mit weltlichen Mitteln wirkt, aber dieß Werk kann ihm nur ein wohlgefälliges sein und sein apostolischer Segen ist Jedem gewiß, der daran arbeitet, das weltliche und geistliche Recht wiederherzustellen. – Alle treugebliebenen Priester unterstützen die Bestrebungen der Liga durch alle Mittel, welche ihr heiliges Amt ihnen anzuwenden erlaubt.«

»Und wie denkt diese Liga zu handeln, – was hofft sie zu erreichen?« fragte der Kaiser.

»Majestät,« erwiederte der Graf, – »wir erwarten den Ausbruch des großen Krieges, den Oesterreich zur Wiederherstellung seiner alten Macht und Größe zu unternehmen im Begriffe steht. – Mag im Norden der Erfolg der österreichischen Waffen ein schneller oder langsamer sein, Italien gegenüber sind wir des österreichischen Sieges sicher. – Wir können allein nichts unternehmen, denn wir stehen geordneten Heeren gegenüber, denen wir noch nicht gewachsen sind. – Sobald aber diese Heere der österreichischen Macht gegenüber engagirt und festgehalten sind, sobald der erste Schlag gefallen ist, werden wir das Signal geben und hinter der zerbröckelnden Armee Viktor Emanuel's wird Italien sich erheben, die Freischaaren des Rechts und der Kirche werden überall erstehen und das sardinische Regiment vertreiben, und die legitimen Fürsten werden in ihre Länder zurückkehren. Eurer Majestät Regimenter werden nur die Lombardei zu besetzen haben und sie wird Ihnen wieder gehören!«

»Und Napoleon?« fragte der Kaiser.

»Ich habe Grund zu glauben, daß er vielleicht es nicht ungern sehen wird, wenn das sardinische Italien durch italienische Kräfte wieder aufgelöst wird – er zittert schon vor seinem eigenen Werk – außerdem würde seine Intervention dann zu spät kommen.«

»Und Sie glauben,« fragte der Kaiser, »daß Italien selbst die Lombardei meinem Hause zurückgeben wird?«

»Ja, Majestät,« antwortete der Graf, »unter der Bedingung –«

»Ah – Bedingungen?« rief der Kaiser.

»Majestät,« sagte der Graf, – »wir Alle, die wir an dem großen Werke mitarbeiten, sind Italiener und wollen ein glückliches, starkes Italien. Wir wollen das lombardisch-venetianische Königreich im Norden unserer Halbinsel als Blut von unserem Blut und Fleisch von unserem Fleisch, wir wollen deßhalb die Lombardei Eurer kaiserlichen Majestät und dem Hause Habsburg wiedergeben – aber nicht Oesterreich.«

»Wie trennen Sie das?« fragte der Kaiser ein wenig empfindlich.

»Ich glaube,« erwiederte der Graf, »diese Trennung beweist die tiefe Verehrung, welche wir dem erhabenen Kaiserhause entgegenbringen. – Es ziemt mir nicht,« fuhr er fort, »und ich bin nicht berufen, Eurer kaiserlichen Majestät meine Ansicht über die Regierung der Länder darzulegen, welche den Kaiserstaat bilden, – ich muß aber bemerken, daß nach meiner Auffassung, welcher die Geschichte zur Seite steht, in dem großen Oesterreich nur Ein wahrhaft gemeinsames Band für Alle besteht, dieß ist: der Kaiser und die Armee.«

Der Kaiser neigte fast unwillkürlich das Haupt.

»Für Italien,« fuhr der Graf fort, »ist dieß unumstößliche Wahrheit. Niemand in der Lombardei und in Venetien, oder in meinem ganzen übrigen Vaterlande hat gegen die Herrschaft des Hauses Habsburg etwas einzuwenden. – Was das Nationalgefühl beleidigte, was auch Gutgesinnte verwirrte, war das deutsche Regiment, das man uns in Eurer Majestät Staaten fühlen ließ, – die Regierung war eine fremde und erregte im Volke das Gefühl einer fremden Okkupation. – Lassen Eure Majestät Ihre Unterthanen in Italien Italiener sein – und aller Widerwille wird verschwinden.«

Der Kaiser schwieg. Er schien nicht ganz zu verstehen.

»Erlauben mir Eure kaiserliche Majestät,« sagte der Graf, »das ganze Bild zu entwickeln, wie es vor meinem inneren Blick in leuchtender Klarheit dasteht. – Ich denke mir nach dem Sturz der dämonischen Gewalt, welche mein armes Vaterland jetzt darniederhält, dasselbe als einen großen, in einem, dem deutschen ähnlichen Bunde, geeinten Organismus. Im Süden das Königreich beider Sizilien, im Herzen das heilige Patrimonium Petri und im Norden neben dem in seine natürlichen Schranken zurückgewiesenen Sardinien und den kleineren Herzogtümern das lombardisch-venetianische Königreich. Alle diese Länder, unter ihren legitimen Fürsten italienisch regiert, bilden den großen italienischen Bund, und Eure Majestät stehen in diesem Bunde als italienischer Fürst, wie Allerhöchstdieselben in Deutschland stehen, als Herrscher deutscher Länder. – An der Spitze des Bundes, der die Institutionen für Handel und Verkehr, für die materielle Wohlfahrt und Blüte des Landes in nationalem Geiste gemeinsam entwickelte, stände der heilige Vater – das Haupt der Christenheit, – sein mächtiger weltlicher Schirmherr würden Eure kaiserliche Majestät sein, und wenn dann die Waffen Oesterreichs, wie ich vom Himmel erflehe, in Deutschland siegen, so würde der römische Kaiser von Sizilien bis zur Nordsee der geehrte und geliebte Schirmherr des Rechts und der Schiedsrichter Europas sein.«

Der Graf verneigte sich. Er hatte zuletzt lebhafter als vorher gesprochen und sein strahlender Blick schien das glänzende Bild in schimmernder Vollendung zu sehen, dessen Umrisse er dem Kaiser zeigte.

Die Augen Franz Joseph's leuchteten, während der Staatsrath Klindworth seine scharfen Blicke von dem Grafen zum Kaiser schweifen ließ und sonst ohne Zeichen inneren Antheils an dem Gespräch schweigend dastand.

»Es ist mir von hohem Interesse, was Sie mir entwickelt haben, mein lieber Graf Rivero,« sagte der Kaiser, »und ich freue mich, daß mir Ihre Eröffnungen gerade jetzt gekommen sind. Ihre Pläne entsprechen den Wünschen, die ich als Nachkomme meiner Vorfahren und als Haupt meines Hauses im Herzen tragen muß.«

»Eure Majestät billigen also,« fragte der Graf, »nehmen unsere Dienste an und wollen uns unterstützen?«

»Ich will es,« sagte der Kaiser.

Der Graf zögerte einen Augenblick, dann richtete er sein klares Auge fest auf den Kaiser.

»Und die Autonomie Allerhöchstihres italienischen Königreiches?« fragte er.

»Mein Wort dafür zum Pfande,« sagte der Kaiser.

Der Graf verneigte sich.

»Und Sie, mein lieber Graf,« fragte der Kaiser, – »welche Rolle spielen Sie in dem großen Drama?«

»Ich bleibe jetzt hier,« antwortete Graf Rivero, »um die Situation zu verfolgen und im gegebenen Moment das Signal zu geben. Ich stehe stets zu Eurer kaiserlichen Majestät Verfügung.«

»Sie haben mir durch Ihre Mittheilungen einen großen Dienst geleistet,« sagte der Kaiser, »und mich« – er wendete sich gegen Klindworth – »vielleicht vor einem Fehler bewahrt. – Ich glaube, mein lieber Staatsrath, – die Unschlüssigkeit ist vorbei. – Und nun,« rief er lebhaft, – »an's Werk nach allen Richtungen, – ich fühle Muth und Zuversicht und hoffe, das alte Wort wird wieder wahr werden:

›
Austria est imperatura ordi universo!‹«

»
Ad majorem dei Gloriam!« fügte der Graf mit leiser Stimme hinzu.

Der Kaiser neigte das Haupt und rief dem Grafen, welcher sich mit dem Staatsrath Klindworth zurückzog und in der Thür sich noch einmal verneigte, zu:

»Auf Wiedersehen!«

Dann setzte er sich an seinen Schreibtisch und schrieb mit fliegender Hand zwei Billets, die er mit seinem Handsiegel verschloß.

Er klingelte dem Kammerdiener und ließ den Flügeladjutanten rufen.

Fürst Liechtenstein trat ein.

»Lieber Fürst,« sagte der Kaiser heiter, »lassen Sie diese Billets sogleich an Crenneville und Mensdorff abgeben!«

Der Fürst nahm die Briefe und entfernte sich schweigend.

»Jetzt,« rief der Kaiser, indem er aufstand und den strahlenden Blick emporhob – »ist die Unschlüssigkeit vorbei – Gott schütze Oesterreich!«

Neuntes Kapitel.

Eine freundliche Nachmittagssonne schien auf das stille Pfarrhaus zu Blechow. Die Rosen blühten in den von Buchsbaum umrahmten Beeten des sorgfältig gepflegten Gartens, dessen weißgestrichene Lauben sich zu beranken begannen.

Die geräumige Vorflur, deren Thüren weit offen standen, war mit Sand bestreut und mit kurzen Tannenreisern umlegt.

In dem großen Wohnzimmer des Pfarrhauses, dessen einfache Einrichtung den guten Geschmack bewies, welcher hier waltete, dessen schneeweiße Fenstergardinen zugleich Zeugniß ablegten von der Sauberkeit und Ordnung des Haushalts, saß um den mit blendendem Leintuch bedeckten Kaffeetisch der Pastor Berger, seine Tochter und der Kandidat Behrmann.

Helene Berger war beschäftigt, auf einer hübschen Maschine von weißem Porzellan das braune Getränk der Levante zu bereiten, dessen duftiges Aroma das Zimmer erfüllte, – und keine Dame in den Salons der ersten Gesellschaft hätte mit mehr natürlicher Anmuth die kleinen komplizirten Operationen dieses wichtigen Geschäfts vornehmen können.

In einem großen, bequemen Lehnstuhl ihr gegenüber saß der Pastor Berger in seiner gewöhnlichen schwarzen Tracht, welche er nach der Sitte der guten alten Zeit auch zu Hause niemals mit einem Schlafrock vertauschte. Die einzige Bequemlichkeit, die er sich erlaubte, war ein kleines, schwarzes Sammtkäppchen, das er auf dem Haupte trug und das seiner Erscheinung den Stempel häuslicher Behaglichkeit aufdrückte.

Zwischen ihnen saß der junge Kandidat, ebenfalls schwarz gekleidet, ebenfalls in weißem Halstuch, aber sein Rock hatte nicht den alten Schnitt, wie der seines Oheims, und seine Erscheinung war, obgleich in den Farben der des alten Herrn vollkommen ähnlich, dennoch eine durchaus verschiedene.

Der Pastor hatte sich behaglich in die Tiefe seines Lehnstuhls zurückgelegt und die Hände ineinander gefaltet.

Er sprach, – wie das seit seiner letzten Anwesenheit in Hannover im Pfarrhause so oft geschah – von seiner Begegnung mit dem Könige.

»Es ist doch etwas Herrliches,« sagte er mit bewegter Stimme, »um so einen gottgesalbten Herrn, der mit einem Wort so glücklich machen kann und der es so gern thut, wie unser allergnädigster König. Die Unterthanen seines Königreiches sind für ihn keine Steuerzahler, sie sind fühlende Wesen, schlagende Herzen, – und wo sein königliches Herz dem Menschen begegnet, sein Leid und seine Freude fühlt, da antwortet es mit menschlichem Verständniß. – O wie anders ist das in den Republiken,« fuhr er fort, »da herrscht das Gesetz, der todte Buchstabe, die kalte Majorität, der Zufall! – Auch in den großen Monarchien steht der Herrscher so fern auf unnahbarer einsamer Höhe – aber hier bei uns in dem schönen, reichen, stillen und einfachen Hannoverland, – da wissen wir, daß der König, wenn er auch mit freiem Blick von der Höhe weit hinaus das Allgemeine umfaßt, – doch im menschlichen Herzen menschlich mit uns fühlt.«

Helene hatte den Kaffee kunstgerecht vollendet und brachte ihrem Vater die große Tasse mit der von Rosenguirlanden gebildeten Inschrift: »Dem lieben Vater.«

Der alte Herr nahm sie und that einen kurzen Schluck daraus, wobei seine Mienen die Zufriedenheit mit der Kunstfertigkeit seiner Tochter ausdrückten.

»Ich bitte um etwas Wasser in meine Tasse,« sprach der Kandidat mit ruhiger, salbungsvoller Stimme, – »ich kann den starken Kaffee nicht vertragen.«

»Was diese jetzige Generation Alles nicht vertragen kann – und wie sie das Wasser liebt!« rief der Pastor eifrig. »Wasser ist gewiß eine sehr gute Gottesgabe, aber da wo es hingehört, – ein ordentlicher Kaffee muß stark sein, wenn er das Herz erfreuen soll – gießt ihr doch jetzt auch gar Wasser in den edlen Wein – dafür hört man aber auch so viel wässerige Worte! Ich hoffe, mein lieber Hermann, Deine Predigt am nächsten Sonntage wird durch kein Wasser verdünnt sein, denn unsere Bauern sind an ein kräftiges, unverblümtes Wort gewöhnt – wie unser großer Reformator es erschallen ließ zum Schrecken der Heuchler, zur Freude der Gerechten.«

Helene hatte inzwischen des Vaters großen Meerschaumkopf mit dem auf zinnernem Teller geschnittenen Rollentabak gefüllt und brachte denselben mit einem angezündeten Fidibus.

»Du wirst wohl die alte ehrliche Pfeife nicht mehr zu rauchen verstehen,« sagte der alte Herr zu seinem Neffen, indem er mit großem Behagen auf seinen regelrecht angerauchten Kopf, den Gefährten mancher Jahre, herabblickte und mit besonderem Wohlbehagen die ersten Wolken in die Luft blies, – »dort stehen vortreffliche Cigarren, die ich mit dem Oberamtmann aus Hamburg kommen ließ.«

»Ich danke,« sagte der Kandidat abwehrend, – »ich rauche gar nicht.«

»Gar nicht?« sagte der alte Herr erstaunt, – »nun freilich, das paßt zum Wasser; doch,« fuhr er ernster fort, »jede Zeit hat ihre Sitten, und ich fürchte, sie werden nicht besser. – Hat man Dir,« fragte er, »Deine Bestellung zum Adjunkten ausgefertigt und mitgegeben?«

»Nein,« erwiederte der Kandidat, »man hat mir versprochen, sie so bald als möglich nachzusenden; – ich mochte nicht darauf warten, da es mich drängte, meinen Wirkungskreis so bald als möglich kennen zu lernen und im Kreise meiner lieben Verwandten mich einzurichten.«

Sein Blick streifte nach der Tochter des Pfarrherrn hinüber, welche sich mit einer weißen Nähterei an einem kleinen Tisch vor dem Fenster niedergelassen hatte.

»Die Herren Konsistorialräthe waren übrigens, wie es mir schien, nicht sehr erbaut über den Kabinetsbefehl Seiner Majestät, der mich hier zum Adjunkten mit der Aussicht auf die Nachfolge im Pfarramts bestimmte,« bemerkte der junge Geistliche.

»Kann mir's denken,« sagte der alte Herr, – »Jeder will gern selbst der Höchstregierende sein und ärgert sich, wenn er die höhere Autorität fühlt, – vor Allem, wenn der tiefer Stehende es erfährt, – das stört den Nimbus. – Hatten sie an Deiner Qualifikation etwas auszusetzen?« fragte er weiter.

»Nicht das Mindeste,« erwiederte der Kandidat, – »das wäre auch kaum möglich,« fügte er mit zufriedenem Lächeln hinzu, – »meine Zeugnisse sind in der besten Ordnung!«

»Nun, dann mögen sich die Herren beruhigen und Seiner Majestät das schöne Recht nicht bemängeln, glücklich zu machen und eines alten treuen Dieners Herz zu erfreuen, wenn ja doch Niemandem Unrecht geschieht und Niemand zurückgesetzt wird. – Gott gebe nur, daß diese schweren Zeiten glücklich überstanden wären und daß diese Kriegswetter vorüberziehen! Wie viel Blut wird es kosten, wenn wirklich der Kampf entbrennt!«

Helene ließ ihre Arbeit in den Schooß sinken und blickte sinnend durch das offene Fenster über die blühenden Rosen hinweg in die lachende Landschaft.

Ein hastiger Schritt näherte sich dem Pfarrhause.

Man klopfte an die Thür des Wohnzimmers.

Ein junges, ärmlich gekleidetes Mädchen trat auf des Pfarrherrn Ruf herein.

»Nun, was bringst Du, Margarethe?« fragte der alte Herr freundlich.

»Ach, Herr Pastor,« erwiederte die Kleine mit zitternder Stimme, indem große Thränen über ihre Wangen liefen, – »der Vater, ist so heftig krank geworden – und er sagt, er fürchte, daß es zu Ende gehe, und da wünscht er so sehr, den Herrn Pastor zu sprechen – um Trost zu haben und Rath – was aus unserem Haus und aus mir werden soll, wenn er wirklich sterben sollte –«

Lautes Schluchzen erstickte die Stimme der Kleinen.

Ernst stand der Pastor auf und lehnte die Pfeife an seinen Lehnstuhl.

»Was fehlt dem Vater?« fragte er.

»Er hat sich heiß gearbeitet – gestern –« antwortete das Mädchen, von Weinen unterbrochen, – »und sich erkältet, – jetzt ist sein Husten die Nacht so heftig wiedergekommen und er ist ganz verzagt und meint zu sterben!«

»Sei unbesorgt, mein Kind,« antwortete der Pfarrer, – »es wird so schlimm nicht sein, – ich komme und werde sehen, was zu thun ist.«

Und einen großen Eichenschrank öffnend, nahm er aus einem darin befindlichen Kasten einige kleine Flaschen, steckte sie in die Tasche und ergriff sein Baret.

»Man muß hier auf dem Lande ein wenig Arzt sein,« sagte er zu seinem Neffen, »um so einige kleine Linderungsmittel geben zu können, bis die ärztliche Hilfe kommt, wenn sie wirklich nöthig ist. Ich glaube, daß ich schon manches Leben mit meiner kleinen Apotheke gerettet habe,« fügte er mit glücklichem Lächeln hinzu.

»Armer Papa,« sagte Helene, – »Deine frische Pfeife!«

»Glaubst Du, daß dem armen Kranken mein Erscheinen nicht mehr Erquickung bringt, als mir die paar Züge Tabak?« fragte der Vater ernst.

»Aber lieber Oheim, könnte ich nicht den Gang für Dich thun?« fragte der Kandidat, »ich würde mich allmälig mit den Pflichten des Amtes bekannt machen –«

»Nein, mein Lieber,« erwiederte der Pastor, – »ich halte in Allem auf Ordnung, – noch bist Du nicht ernannt, auch muß Dich die Gemeinde erst kennen, ehe Du solche Gänge machen kannst; das Erscheinen eines Fremden würde den Kranken noch mehr aufregen. – Wartet ruhig, – ich komme bald wieder.«

Und mit dem Kinde, dessen Thränen versiegten, sobald es sah, daß der Pastor seinen kranken Vater besuchen wollte, verließ der alte Herr das Haus.

Der Kandidat trat an das Fenster, sein Blick fiel auf Helene, welche ihre Arbeit wieder ausgenommen hatte und über dieselbe gebeugt dasaß, dann schweifte er zum Fenster hinaus über die Rosenbeete hin nach dem waldumkränzten Horizont.

»Es ist wirklich schön hier,« sprach er, – »und im Sommer muß es sich hier sehr angenehm wohnen lassen –«

»Ja, es ist wunderschön,« erwiederte das junge Mädchen in unbefangenem Tone und dem Ausdruck jener natürlichen Ueberzeugung, welche jungen Herzen den Ort, der ihre Jugend erblühen sah, als den reizendsten der Welt erscheinen läßt, – »Du wirst es noch schöner finden, Vetter, wenn Du erst die weiter liegende herrliche Gegend mit ihren stillen Spaziergängen kennen lernst. Selbst die eintönigen dunklen Föhrenwälder haben ihren Reiz und ihre Sprache –« und ihr Auge schweifte hinüber nach den dunkelgrünen Waldzügen, welche wie ein Rahmen die sonnige Landschaft einschlossen.

Ein leichtes Lächeln, halb mitleidig, halb ironisch, zuckte um den Mund des Kandidaten.

»Ich wundere mich nur,« sagte er, »daß der Oheim mit seinem so reichen Geist, der aus seiner Unterhaltung so oft hervorleuchtet und den seine Jugendfreunde an ihm rühmen, es so lange Jahre hier hat aushalten können, so fern von allem geistigen Leben und vom Verkehr mit der fortschreitenden Bildung der Welt. – Es ist eine der ersten Pfarrstellen im Lande, und bei seiner überall anerkannten musterhaften Verwaltung derselben, bei seinen reichen Kenntnissen und seinen Verbindungen hätte es ihm ein Leichtes sein müssen, längst im Konsistorium zu sitzen. Für einen Mann wie ihn hätte diese Stelle der Uebergang zu Größerem, der Ausgangspunkt einer bedeutenden Carrière sein müssen. Ich begreife nicht, wie er es hier unter den Bauern aushält.«

Helene blickte mit ihren großen Augen ihren Vetter erstaunt an, – aus seinen Worten klang ein ganz fremdes, unbekanntes Element in ihr Leben hinein. –

»Wie wenig kennst Du den Vater!« rief sie, – »ihm geht diese schöne, friedliche Heimat, dieser stille, segensreiche Wirkungskreis weit über alle hohen Würden mit ihrem Zwang und ihren Sorgen!«

»Aber je höher und einflußreicher die Stellung,« sagte der Kandidat, »um so größer ist der Wirkungskreis, um so reicher der Segen, den eifrige Arbeit verbreiten kann!«

»Das mag wohl sein,« erwiederte das junge Mädchen, – »aber man sieht die Früchte nicht so vor sich, der Verkehr mit den Menschen fehlt und der Vater hat oft gesagt, die höchste Zufriedenheit, die er kenne, sei, unmittelbar Trost und Frieden in ein bekümmertes Menschenherz zu gießen, der größte Stolz, ein verirrtes Herz zu Gott zurückzuführen. – Aber Du selbst, Vetter,« fuhr sie fort, »willst ja hier bleiben und Dich,« fügte sie lächelnd hinzu, »ebenfalls in diese Einsamkeit begraben?«

»Ich habe meine Laufbahn zu beginnen,« antwortete er, – »ich muß arbeiten, um emporzusteigen, und die Jugend ist die Zeit der Arbeit, – aber als endliches Ziel meines Lebens möchte ich mir einen höheren Beruf stellen.« Und ein scharf aufleuchtender Blick seines Auges schien in der Ferne ein Ziel zu suchen, das weit ab lag von der stillen Landschaft, welche sich vor dem Fenster des einfachen Pfarrhauses ausbreitete.

»Und Du, Helene,« fragte er nach einer augenblicklichen Pause, »hast Du nie das Bedürfniß eines regeren geistigen Lebens empfunden, nie die Sehnsucht nach einer bewegteren Welt?«

»Nein,« antwortete sie einfach. – »Eine solche Welt würde mich beengen, erschrecken. Erst neulich wieder, als wir in Hannover waren – da war mir zu Muthe, als ob alles Blut mir nach dem Herzen zurückströmte, ich verstand nicht, was man zu mir sprach, und empfand eine unendliche Einsamkeit. – Hier verstehe ich Alles, – die Menschen; die Natur, – hier fühle ich das Leben so reich und so warm, – dort, in der großen Stadt ist es kalt und eng. – Ich würde sehr unglücklich sein, wenn der Vater jemals hier fortginge, – aber davon ist ja auch keine Rede!« sagte sie mit überzeugtem Tone.

Ein leiser Seufzer drang aus dem Munde des Kandidaten, während er nachdenklich vor sich hin sah.

»Aber im Winter,« sagte er dann, »wenn Du Deine Spaziergänge nicht hast und die Reize der Natur – da muß es doch oft öde und traurig hier sein?«

»Nein,« rief sie lebhaft, – »niemals, – niemals ist es öde hier, Du glaubst nicht, wie schön und angenehm hier die langen Abende vergehen, wenn der Vater liest und mir erzählt von so vielen Dingen, wenn ich ihm vorspiele und singe und er dann so glücklich ist nach der Arbeit des Tages!«

Der Kandidat seufzte abermals.

»Uebrigens,« fuhr sie fort, »sind wir ja auch nicht ohne Gesellschaft. Da ist die Familie des Oberamtmanns von Wendenstein auf dem Schlosse, und wir bilden schon einen ganz hübschen Kreis. – So ganz vom Verkehr abgeschnitten, wie Du glaubst, sind wir hier auch nicht. Im letzten Winter haben wir sogar recht oft im Schlosse getanzt.«

»Getanzt!?« rief der Kandidat und faltete die Hände über der Brust.

»Gewiß,« rief Helene, »die Gesellschaft von Lüchow kam oft herüber, – und wir waren eben so vergnügt, als man es in Hannover nur sein kann.«

»Und der Oheim hat nichts dagegen, daß Du Dich an solchen rauschenden, rein weltlichen Vergnügungen beteiligst?« fragte der Kandidat.

»Nicht das Geringste,« erwiederte sie, – »warum sollte er auch?«

Der Kandidat schien etwas antworten zu wollen, – doch hielt er zurück und sagte nach einer kleinen Pause mit sanftem und bescheidenem Ton:

»Man kommt doch in den maßgebenden Kreisen jetzt immer mehr zu der Ansicht, daß derartige Vergnügungen für die Stellung der Familie eines Geistlichen nicht passen.«

»Nun, dann ist es ja vortrefflich, daß wir hier recht fern von den maßgebenden Kreisen sind!« sagte Helene in kaltem Tone, durch welchen die Verstimmung über die Beurtheilung ihres Vaters und der von ihm gebilligten Zerstreuung hindurchklang.

Der Kandidat schwieg.

»Woraus besteht denn die Gesellschaft auf dem Schlosse?« fragte er nach einer Pause. – »Ich werde mich dort doch auch so bald als möglich vorstellen müssen.«

»Außer dem Oberamtmann, seiner Frau und Tochter ist da noch der Auditor von Bergfeld,« erwiederte Helene.

»Ist der schon lange hier?« fragte der Kandidat schnell, indem ein rascher Blick auf das Gesicht seiner Cousine herüberflog.

»Ein Jahr,« erwiederte diese mit vollster Unbefangenheit – »und er wird jetzt bald wieder fort gehen, – es ist immer ein junger Auditor auf dem Amte beschäftigt.«

»Aber Herr von Wendenstein hat auch Söhne?« fragte er.

»Die sind nicht mehr hier,« antwortete sie, »der eine ist im Ministerium in Hannover, der andere Offizier in Lüchow. – Doch, da kommt der Vater zurück!« rief sie und deutete auf den sich nach der großen Landstraße herabziehenden Weg, an dessen Einbiegung die Gestalt des Pfarrherrn sichtbar wurde, – »ich will ihm eine neue Tasse Kaffee machen. – Aber mein Gott!« entfuhr ihr fast unwillkürlich und dunkle Röthe übergoß ihr Gesicht.

Der Kandidat folgte der Richtung ihres Blickes und sah auf der Landstraße in schnellem Trabe einen Reiter in der blauen Uniform der Dragoner herannahen. Er mußte den Pfarrer angerufen haben, denn dieser blieb stehen, ging die wenigen Schritte bis zur Landstraße zurück und reichte dem Offizier, der sein Pferd schnell parirte, die Hand.

Nach einer kurzen Unterhaltung ritt der Offizier weiter, grüßte jedoch vorher mit der Hand nach dem Pfarrhause herauf, an dessen Fenster er Helene erblickt haben mußte.

Helene neigte das Haupt zur Erwiederung des Grußes.

»Wer ist der Offizier?« fragte der Kandidat.

»Der Lieutenant von Wendenstein,« antwortete sie und verließ das Fenster, um auf dem Tisch die Spirituslampe von Neuem anzuzünden und den unterbrochenen Nachmittags-Kaffee für ihren Vater neu zu bereiten.

Der Kandidat folgte ihren Bewegungen mit forschendem Blick.

Nach wenigen Augenblicken trat der Pastor in's Zimmer.

»Gott sei Dank!« rief er, »es war nicht schlimm, – eine sehr heftige Erkältung mit starkem Fieber, – aber es ist eine Eigentümlichkeit der Leute hier, welche in ihrem einfachen Leben und ihrer urkräftigen Konstitution so wenig mit der Krankheit bekannt sind, daß sie jede Krankheit für tödtlich halten.«

Er vertauschte sein Baret mit dem Käppchen, setzte sich wieder in den Lehnstuhl und blickte ernst vor sich hin.

»Der Lieutenant ist soeben gekommen,« sagte er.

»Ich habe ihn gesehen,« erwiederte Helene, indem sie die neue Tasse Kaffee dem Vater brachte, »was führt ihn so eilig und zu so ungewohnter Zeit her, – er pflegte doch sonst nur am Sonntage zu kommen?«

»Es sieht trübe aus,« sagte der Pastor, – »der Krieg scheint unvermeidlich, es soll für die nächste Zeit kein Urlaub mehr gegeben werden, und da hat denn der Lieutenant sich noch für heute Nachmittag frei gemacht, um zu Hause Abschied zu nehmen. – Er bittet, daß wir auch hinüber kommen, – er will früh wieder reiten, um in der Nacht noch zurück zu sein.«

Helenens Hände zitterten, während sie dem Vater die Pfeife von Neuem zurecht machte.

»Mein Gott,« fuhr der alte Herr fort, »wenn ich an den alten braven Oberamtmann denke und an seine liebe, stillsinnige Frau und mir vorstelle, daß dieser entsetzliche Krieg ihnen den Sohn rauben könnte, der da heute vor ihnen steht in der Blüte der Jugend!« – Und nachdenklich nahm er die Pfeife, auf welche Helene, sich tief bückend, den brennenden Fidibus hielt.

Dann eilte sie der Thüre zu.

»Wohin gehst Du, mein Kind?« fragte der Pastor.

»Wenn wir auf das Schloß gehen wollen,« erwiederte sie hastig und mit leise vibrirender Stimme, – »so habe ich noch nach der Wirthschaft zu sehen,« – und ohne sich umzublicken, verließ sie das Zimmer.

Der Kandidat sah ihr mit eigentümlich forschendem Blicke nach.

Dann setzte er sich neben den Pastor und sprach, indem er die Hände vor sich übereinander faltete:

»Mein lieber Oheim, ich möchte vom ersten. Augenblicke an, da ich Dein Haus betrete, um so Gott will, der helfende Gefährte Deines heiligen Amtes zu werden, meine Stellung hier nehmen auf dem Grunde der Wahrheit, welche die Richtschnur, im Leben jedes Menschen sein muß, vor Allem aber im Leben des Geistlichen.«

Der alte Herr blies einige starke Wolken aus seiner Pfeife und sah ihn an, als wisse er nicht so recht, was er aus dieser Anrede machen solle.

»Meine Mutter,« fuhr der Kandidat fort, »hat mir oft den Gedanken ausgesprochen, wie sehr es sie beglücken würde, wenn wir noch durch ein anderes Band als das der schon bestehenden Verwandtschaft verknüpft werden könnten, – sie hoffte in ihrem Herzen, daß die Fügung des Himmels mir geben möge, Deine Tochter Helene als mein christliches Eheweib dereinst heimzuführen.«

Der Pastor rauchte schweigend, – aber seine Mienen bewiesen, daß ein solcher Gedanke ihm weder fern lag, noch mißliebig war.

»Oft sagte sie zu mir,« fuhr der Kandidat fort, – »›wie würde ich mich freuen, wenn Du meinem Bruder in seinem Alter eine Stütze sein könntest und wenn es sich fügen wollte, daß Du, wenn Gott ihn einst abruft, seiner Tochter einen Halt im Leben bieten könntest. – Zwar,‹ sagte sie,« – fuhr er fort und sein scharfer Blick richtete sich durchdringend auf die Züge seines Oheims, – »›zwar wird die äußere Sorge des Lebens nicht an sie herantreten‹ –«

»Nein,« rief der alte Herr lebhaft, indem er mit zufriedenem Ausdruck eine, große Rauchwolke von sich blies, – »nein, Gott sei Dank! in dieser Beziehung kann ich ruhig heimgehen, wenn mein himmlischer Herr mich ruft, das kleine Vermögen, das mein verstorbener Oheim mir vermachte, hat sich mit Segen vermehrt, ich habe die reichen Einkünfte meiner Pfarre kaum zur Hälfte verzehrt, und so Gott mir nicht wieder nimmt, was er gegeben, so kann meine Tochter aller Sorge ledig durch's Leben gehen!«

»›Aber,‹« fuhr der Kandidat fort, indem ein fast unmerkliches Lächeln der Zufriedenheit seine dünnen Lippen umspielte, – »›aber immer bedarf sie des stützenden Armes und wenn Du ihr den bieten könntest, vielleicht dereinst in demselben Pfarrhaus, in welchem ihre Kindheit verfloß – so würde mich das hoch beglücken‹ – So sprach meine Mutter oft zu mir.«

»Ja, ja, meine gute Schwester,« – sagte der Pastor, indem er mit freundlichem Lächeln vor sich hin blickte, »das Schicksal hat uns weit auseinander geführt, – weit zwar nicht für die heutigen Verhältnisse, denn die Grenze von Braunschweig läßt sich ja in einem Tag erreichen, – aber in unserem Berufe reist man schwer – ein treues Herz aber hat sie immer für mich bewahrt.«

Der Kandidat fuhr fort:

»Mir schien der Gedanke meiner Mutter schön und gut, – aber ich habe ihn stets zurückgelegt als eine offene Frage, – denn ein Ehebündniß ist nach meiner Auffassung eine Sache, die nur aus der Zuneigung, aus dem Verständniß der Herzen entspringen kann, Und dazu muß man sich kennen. – Jetzt nun bin ich hieher gekommen, und die wenigen Tage, welche ich in Hannover in eurer Gesellschaft zubrachte, haben den Wunsch meiner Mutter zu meinem eigenen werden lassen. Ich finde an Helene alle Eigenschaften, welche ich erforderlich halte, um den Beruf als die christliche Ehefrau eines Geistlichen zu erfüllen und einen Mann glücklich zu machen, und deßhalb, um Alles klar und wahr zwischen uns zu machen, frage ich Dich, lieber Oheim, ob Du mir erlaubst, um die Neigung Deiner Tochter zu werben, und wenn sie mir dieselbe nach näherer Bekanntschaft schenkt, ob Du sie mir für's Leben anvertrauen willst?«

Der alte Herr nahm die Pfeife aus dem Munde und reichte seinem Neffen die Hand.

»Es ist brav und redlich von Dir,« sprach er, »daß Du so mit mir gesprochen, – aufrichtig und ehrlich, – und eben so aufrichtig und ehrlich will ich Dir antworten. – Sieh',« fuhr er fort, »was Deine Mutter gedacht und gesagt hat, das ist auch mir wohl durch den Kopf gegangen und ich will es nur gestehen, als ich Dich aufforderte, hieher zu kommen und mir zur Seite zu treten, da habe ich mir wohl gedacht, wie schön es wäre, wenn eure Herzen sich finden könnten, und habe mir auch so im Stillen ausgemalt, wie ich, wenn die Kräfte immer schwächer werden, resigniren könnte und noch mit eigenen Augen meine liebe Tochter als Pfarrfrau in dem lieben Hause walten sehen, in welchem sie groß geworden und in welchem einst ihre gute Mutter so freundlich und milde mir zur Seite stand.«

Der alte Mann schwieg einen Augenblick und Thränen traten in seine Augen.

Ueber die Züge des Kandidaten flog der Ausdruck innerer Befriedigung.

»Von ganzem Herzen, mein lieber Neffe,« sprach der Pastor weiter, – »erlaube ich Dir daher, um Helene zu werben, – und wenn eure Herzen sich finden, so werde ich mit Freuden den priesterlichen und väterlichen Segen zu eurem Bunde geben. – Aber,« fuhr er fort, – »übereile, nichts, – laß ihr Zeit, – sie ist eine eigene, sinnige Natur und sie schreckt vor allem Neuen, Plötzlichen zurück. Lernt euch kennen, – ihr habt Zeit!«

Der Kandidat drückte die Hand seines Oheims.

»Ich danke Dir innig und aufrichtig,« sprach er, »für Deine Erlaubniß – gewiß werde ich ihr Herz nicht bestürmen – für eine christliche Ehe taugt das plötzlich auflodernde Feuer nicht, in ruhiger, reiner Flamme müssen sich die Herzen finden.«

Helene trat ein. Sie hatte ein leichtes Tuch um, ein Strohhut mit kleinen Blumen bedeckte ihr Haupt. Ihre Wangen strahlten in frischem, rosigem Schimmer und in ihren Augen lag ein feuchter, schwärmerischer Glanz wie Thränenduft, aber ihr Mund lächelte.

Sie war wunderschön so und freundlich nickte ihr der alte Herr zu, während der Kandidat ihre Gestalt mit einem Blicke umfaßte, vor dem sie das Auge senkte.

»Ich bin fertig, Papa« sagte sie.

»Gut, mein Kind, dann können wir gehen.« – Und er stand auf und nahm sein Käppchen ab.

»Du kannst uns begleiten,« sagte er zu seinem Neffen, – »ich werde Dich dem Oberamtmann vorstellen!«

»Müßte ich aber nicht erst meinen Besuch im Schlosse machen?« fragte der Kandidat.

»Den machst Du jetzt mit mir!« erwiederte der Pfarrer, »wir sind hier nicht so förmliche Leute, ich stehe Dir dafür, daß Du bei unsern Freunden zu jeder Zeit gut ausgenommen wirst!«

Er setzte sein Baret auf, der Kandidat nahm seinen glatt gebürsteten schwarzen Hut – und alle Drei verließen das Pfarrhaus. –

*

Auf dem alten Amtshause zu Blechow war die Familie des Oberamtmanns von Wendenstein in dem großen Gartensalon versammelt.

Frau von Wendenstein saß in ihrer schneeigen Spitzenhaube und ihrem faltigen, dunklen Seidenkleid auf dem großen Sopha, – ihre Tochter bereitete den Theetisch zu früherer Stunde als gewöhnlich. Der Lieutenant hatte einen niedrigen Lehnstuhl neben seine Mutter gezogen und versuchte durch heiteres Geplauder die alte Dame zu zerstreuen, welche auf seine Bemerkungen zuweilen mit einem trüben Lächeln antwortete, ohne verhindern zu können, daß hie und da eine Thräne auf die feinen weißen Finger fiel, welche mechanisch die Nadel an ihrer Arbeit führten. Der Oberamtmann ging schweigend im Zimmer auf und ab, – zuweilen blieb er an der weit geöffneten Thür stehen und blickte über die Terrasse auf die im sommerlichen Abendlicht vor ihm ausgebreitete Landschaft.

»Verdirb dem Jungen nicht den Humor!« sagte er, vor seiner Frau stehen bleibend, mit einem forcirt barschen Ton, »ein guter Soldat muß frisch und fröhlich in den Krieg ziehen, wenn es denn einmal zum Kriege kommen soll, es ist ja sein Metier – und er muß sich ja eigentlich freuen – wenn er dazu kommt, seinen Beruf und seine Pflicht im Ernst zu erfüllen. – Uebrigens ist's ja auch noch nicht ganz sicher,« fügte er in einem Tone hinzu, dem man nicht recht anhören konnte, ob er zum Troste für seine Frau oder zu seiner eigenen Beruhigung dienen sollte, – »es ist ja nur eine Vorbereitung für alle Fälle und das Wetter kann noch vorüberziehen.«

»Ich will ihm gewiß nicht den freudigen Muth zur Erfüllung seiner Pflicht nehmen,« sagte Frau von Wendenstein mit ihrer sanften Stimme, – »aber die Wehmuth ist doch nicht zu unterdrücken in solchen schweren und ernsten Stunden. Wir müssen ja hier zu Hause sitzen, – allein mit unsern Gedanken und Sorgen, während er draußen in der freien Luft und im bunten Wechsel der Ereignisse sich herumtummelt. Er wird den fröhlichen Muth schon wieder finden. – Wie steht es mit Deiner Wäsche?« fragte sie abbrechend ihren Sohn, gleichsam als wollte sie die Bangigkeit ihres Herzens verscheuchen durch die materielle Sorge für das Kind, das so großen Gefahren entgegen gehen sollte.

»Meine Wäsche ist im vortrefflichsten Zustande, Mama,« erwiederte der Lieutenant heiter, »übrigens, wenn wir wirklich ausrücken, kann ich nicht zu viel davon mitnehmen, unser Gepäck darf nicht groß sein. – Aber wo bleibt der Pastor?« unterbrach er sich, »er hatte mir versprochen, bald zu kommen und die letzten Stunden bei uns zu bleiben. – Apropos,« fuhr er fort, »ist Besuch im Pfarrhause? Ich sah einen Herrn in geistlicher Tracht neben Helene am Fenster stehen.«

»Es ist sein Neffe, der ihm auf seinen Wunsch zum Adjunkten bestellt ist,« sagte der Oberamtmann, – »und dem er später die Pfarre übergeben mochte; ich freue mich für den guten Berger, daß der König ihm sogleich so gnädig seine Bitte gewährt – übrigens glaube ich auch, daß das Konsistorium sie ihm nicht abgeschlagen hätte. – Vielleicht macht sich da eine Partie für die gute Helene.«

Der Lieutenant warf einen schnellen Blick zu seinem Vater hinüber, stand auf und blickte stumm auf die Terrasse hinaus.

Ein Geräusch im Vorzimmer ließ sich hören.

Der alte Diener trat herein und sagte:

»Fritz Deyke ist da und wünscht den Herrn Lieutenant zu sprechen.«

Der junge Mann wandte sich rasch um und rief:

»Er soll kommen, er soll kommen, der gute Fritz, – was bringst Du, mein Junge?« sagte er, freundlich dem Eintretenden sich nähernd, der die Mütze in der Hand in strammer Haltung neben der Thür stehen blieb.

»Der Herr Lieutenant werden verzeihen,« sagte er, »ich möchte eine Bitte aussprechen!«

»Bitte frisch von der Leber weg!« rief der Lieutenant fröhlich, – »es ist schon im Voraus gewährt.«

»Ich höre im Dorf,« – sagte der junge Bauer, »daß der Krieg nun ausbrechen soll, und daß der König in's Feld ziehen wird. Da muß ich denn auch mit – und da wollte ich den Herrn Lieutenant bitten, da wir nun doch uns von Jugend auf kennen, daß der Herr Lieutenant mich zu seinem Burschen nehmen wollte, damit wir auch im Felde zusammen sind.« –

»Halt, mein guter Junge,« rief der Offizier, »so weit sind wir noch nicht, wir marschiren noch nicht, vielleicht gar nicht – bis jetzt sind noch keine Urlauber eingezogen und die Armee ist in der einfachen Friedensstärke. Also kann ich Dich beim besten Willen nicht brauchen. – Aber,« fuhr er fort – »wenn es wirklich losgeht, dann verspreche ich Dir, Dich zu nehmen, – nicht als meinen Burschen, – ich habe einen tüchtigen und ordentlichen Menschen und,« fuhr er lächelnd fort, »der Sohn des alten Deyke ist auch zu vornehm zum Bedienten.« –

»Nicht für den Herrn Lieutenant!« sagte Fritz mit einem gewissen, stolzen Ausdruck, aus welchem deutlich zu hören war, daß er sich allerdings jedem Andern gegenüber für bei Weitem zu vornehm zum Bedienten gehalten hätte.

»Nun sei ruhig,« sagte der Lieutenant, »zu mir sollst Du jedenfalls kommen – wenn die Zeit da ist, will ich dafür sorgen, daß Du in meinen Zug eintrittst, dann wollen wir zusammen von den Dragonern reden machen!«

»Also der Herr Lieutenant versprechen mir, daß ich mit soll, und bei Ihnen bleiben?« fragte der junge Bauer.

»Ich verspreche es Dir,« sagte der Lieutenant, »meine Hand darauf!«

Und er reichte seinem Jugendgespielen mit natürlicher Herzlichkeit die Hand, welche dieser mit Ehrerbietung ergriff und herzlich drückte.

»Dann Gott befohlen, Herr Lieutenant,« sagte er, »hoffentlich nicht auf lange!«

Während der junge Bauer sich von seinem Offizier verabschiedete, hatte der Diener stillschweigend die Thür geöffnet und der Pfarrherr mit seiner Tochter und seinem Neffen waren in den Saal getreten.

Der geistliche Herr stellte den Kandidaten dem Oberamtmann vor, der ihn mit herzlichem Händedruck begrüßte und ihn dann zu seiner Frau führte, welche ihn mit freundlichen Worten willkommen hieß.

Helene hatte sich bald zu Fräulein von Wendenstein gesellt und half ihr, nachdem sie ihren Hut abgelegt, die letzte Hand an das Arrangement des Theetisches zu legen.

Der Lieutenant trat zu den jungen Damen.

»Nun, Fräulein Helene,« rief er, »jetzt wird es Ernst – jetzt bitte ich Sie ernstlich um gute Wünsche, denn vielleicht bald werde ich die nöthig haben. Nicht wahr,« sagte er mit Herzlichkeit, indem ein tiefer, warmer Blick ihr Auge traf, – »Sie werden zuweilen an mich denken, wenn wir wirklich ausrücken, und mir auch einen guten Wunsch senden?«

Sie schlug ihr Auge eine Sekunde zu ihm auf und senkte es dann wieder, indem sie mit leicht zitternder Stimme sagte: »Gewiß werde ich an Sie denken und Gott bitten, daß er Sie behüten möge!«

Er sah sie betroffen an. Die Worte waren so einfach und natürlich und doch klang etwas aus denselben zu seinem Herzen, das ihn heute zum ersten Mal empfinden ließ, daß er bei dem bevorstehenden Ausmarsch zum frischen, fröhlichen Krieg noch Etwas hinter sich zurücklassen müsse.

»Ich erinnere mich noch sehr gut,« sagte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen, »der dunkeln Wolke, die wir am Abend vor meines Vaters Geburtstag sahen, wie sie aus dem Licht des Mondes weit und weiter hinauszog. Jetzt denke ich wieder so recht daran, da ich selbst für lange Zeit, vielleicht zum letzten Mal im freundlichen Licht der Heimat stehe. – Sie sehen, Fräulein Helene,« fuhr er leicht und heiter fort, als wolle er die in ihm aufsteigenden Gefühle zurückdrängen, – »ich lerne von Ihnen, – ich bin schon so weit, Ihre schönen Gedanken zu behalten, – noch einen Schritt und ich werde vielleicht schon eigene haben.«

Sie antwortete weder auf seine ernste noch auf seine scherzende Bemerkung, sondern sah still vor sich hin.

»Der Thee ist fertig, liebe Mama,« sagte Fräulein von Wendenstein, nachdem sie einen letzten prüfenden Blick auf den großen runden Tisch geworfen hatte, der heute ausnahmsweise in den Salon gebracht war und ein improvisirtes Souper trug.

Frau von Wendenstein erhob sich und näherte sich der Tafel mit dem Pastor und dem Oberamtmann, denen der Kandidat folgte.

»Sie setzen sich zu mir, nicht wahr?« sagte der Lieutenant halb leise zu Helene, – »wie in alter Zeit.«

Sie antwortete nicht, stellte sich aber schweigend vor das Couvert neben ihm.

Der Kandidat warf einen prüfenden Blick zu den jungen Leuten hinüber und setzte sich neben Fräulein von Wendenstein.

Es war nicht der Geist heute im alten Amtshause zu Blechow, der sonst am Tische des Oberamtmanns herrschte. Die Konversation war gezwungen. Niemand sprach aus, was er dachte und Niemand dachte, was er sprach. Die Scherze, welche der Oberamtmann zuweilen gewaltsam versuchte, fielen matt nieder, wie verfehlte Raketen, und auf den Teller der Frau von Wendenstein fiel mancher stille Thränentropfen.

Der Lieutenant zog die Uhr.

»Es wird Zeit,« sagte er, »Du erlaubst, Mama, daß ich aufstehe. – Johann, mein Pferd!«

Alle erhoben sich.

»Nun noch eine Bitte,« sagte der Lieutenant, »singen Sie mir noch ein Lied zum Abschied, Fräulein Helene, – Sie wissen, ich höre Sie so gern singen – und heute möchte ich eine freundliche Erinnerung an die liebe Heimat mitnehmen.«

Ein leichtes Zittern flog durch die zarte Gestalt des jungen Mädchens. Sie machte wie unwillkürlich eine leicht abwehrende Bewegung mit der Hand.

»Ich bitte,« sagte er mit halblauter Stimme.

Der Oberamtmann war an den Flügel getreten und hatte ihn geöffnet, und Helene saß bald, von dem Fräulein von Wendenstein geführt, vor dem Instrument, während der Lieutenant sich an die Thüre nach dem Garten lehnte, durch welche die helle Dämmerung hereindrang, welche in den Junitagen so lange nach dem Untergang der Sonne in die Nacht hinein dauert.

Helene hatte die Hände auf die Tasten gelegt und blickte vor sich hin.

Dann schlug sie einige Akkorde an und ohne den Blick zu erheben begann sie, wie unwillkürlich einer inneren Bewegung folgend, nach der wunderbar schönen Mendelssohn'schen Melodie das Lied zu singen:

»Es ist bestimmt in Gottes Rath,
Daß man vom Liebsten, was man hat,
Muß scheiden.«

Ihre schöne reine Stimme hatte einen tief ergreifenden Ton und füllte den Saal wie mit magnetischem Strom. Der Lieutenant trat einen Schritt hinaus in den Schalten der Abenddämmerung, Frau von Wendenstein beugte ihr Haupt tief herab und man hörte ihr leises Weinen.

Immer tiefer und inniger erklangen die Töne, obgleich das Gesicht der Sängerin in fast starrer Gleichgültigkeit blieb, und als sie zum Schluß kam, da zog es wie eine wunderbare Zuversicht, wie ein heiliger Glaube durch ihren Gesang:

»Wenn Menschen auseinandergeh'n,
So sagen sie: auf Wiederseh'n!«

Alle schwiegen unter dem mächtigen Eindruck, den das Lied und sein Vortrag gemacht hatte.

Der Lieutenant trat von der Terrasse herein. Sein Gesicht war tief ernst, – einen langen innigen Blick richtete er auf das junge Mädchen, welches aufgestanden war und, die Augen gesenkt, mit demselben ruhigen, fast starren Gesicht neben dem Flügel stand; dann ging er zu seiner Mutter und küßte ihr die Hand.

Die alte Dame stand auf, nahm seinen Kopf in ihre Hände und drückte einen heißen Kuß auf seine Stirn. Dann sagte sie leise: »Gott schütze Dich, mein Sohn!« und drängte ihn sanft von sich, als wolle sie der Bewegung des Abschieds ein Ende machen.

Der Oberamtmann drückte seinem Sohne die Hand und sprach:

»Geh' mit Gott und wenn es sein muß, so handle Deines Standes und Deines Namens würdig! – Doch nun kein Abschiednehmen weiter,« rief der alte Herr, indem er einen besorgten Blick auf seine Gattin warf, welche in das Sopha zurückgesunken war und das Gesicht mit ihrem Tuche bedeckte. – »Zu Pferde! wir begleiten Dich hinaus.«

Und er schritt durch die Thür der Vorhalle, welche der Diener geöffnet hatte.

Der Pfarrer und der Kandidat folgten ihm.

Der Lieutenant wendete sich noch einmal, umarmte seine Schwester und trat dann zu Helene.

»Ich danke von Herzen für das Lied,« sagte er, ihre Hand ergreifend und, halb als ob das Abschiedslied in ihm nachklänge, halb als spräche er zu ihr, fügte er hinzu:

»Wenn Menschen auseinandergeh'n,
So sagen sie: auf Wiederseh'n!«

»Auf Wiedersehen!« wiederholte er, hob ihre Hand an seine Lippen und drückte einen Kuß darauf.

Dann eilte er seinem Vater nach.

Eine helle Röthe schlug in dem Gesicht des jungen Mädchens auf, ihre Züge belebten sich und ihr Auge folgte ihm mit einem wunderbar schimmernden Blick. Dann sank sie aus den Stuhl vor dem Flügel nieder und eine heiße Thräne fiel in ihren Schooß, unbemerkt von Frau von Wendenstein, welche noch immer das Gesicht mit dem Taschentuch bedeckt hielt, unbeachtet von ihrer Tochter, welche die Mutter sanft umschlungen hielt und mit der Hand leicht ihr graues Haar streichelte.

Draußen aber stand Fritz Deyke, der es sich nicht hatte nehmen lassen, das Pferd des Lieutenants vorzuführen, und ungeduldig scharrte Roland mit den Hufen im Sande.

Der Lieutenant umarmte seinen Vater und den Pastor und reichte dem Kandidaten die Hand, welche dieser mit einer Verbeugung ergriff, wobei man, wenn die Dämmerung weniger vorgeschritten gewesen wäre, einen stechenden, feindlichen Blick hätte bemerken können, den er auf den Offizier warf.

Dieser sprang leicht und gewandt in den Sattel. – »Gott befohlen, Herr Lieutenant, ich komme bald nach!« rief Fritz Deyke – und in sausendem Galopp flog der junge Mann in die herabsinkende Nacht hinein.

Zehntes Kapitel.

Die Straßen Berlins lagen im Sonnenschein der achten Morgenstunde des 15. Juni 1866 ziemlich öde da. Das berliner Leben fängt nicht zu früh an und man sah um diese Stunde nur wenige den untersten Klassen angehörende Personen auf den Trottoirs unter den Linden dahin eilen, dazwischen mischten sich einzelne Beamte und Kaufleute, welche zu ihren Bureaux eilten.

Auf allen Gesichtern aber lag eine trübe Stimmung, man eilte an einander vorüber; die Bekannten blieben wohl stehen und tauschten einen Gruß und die Neuigkeiten des Tages aus, – aber diese Neuigkeiten waren trüber und trauriger Natur – der österreichische Gesandte war abgereist, der Krieg war unvermeidlich, – dieser Krieg, den Niemand wollte, den man dem Ehrgeiz des Ministers zuschrieb, der, um sich der Kammer gegenüber zu halten, Deutschland, ja Europa in Brand steckte.

So sprachen und dachten die guten Berliner, denn sie waren gewohnt, zu denken und zu sprechen am Morgen, wie Tante Voß und Onkel Spener es ihnen zu lesen gaben am Tage vorher, und diese beiden altbegründeten und allerhöchst privilegirten Organe der öffentlichen Meinung erzählten es ja täglich in spaltenlangen Artikeln, daß nur die ehrgeizige Unruhe und die waghalsige Tollheit dieses Herrn von Bismarck schuld sei an dem Lärm in Deutschland, und alle Müller, alle Schultze, alle Lehmann und alle Neumann, welche die königliche Spreestadt großgezogen, lebten der festen Überzeugung, daß zum absoluten Frieden Europas unter dem parlamentarischen Regiment nichts weiter nöthig sei, als daß Herr von Bismarck fortgeschickt werde, um in Schönhausen oder Kniephof seine uckermärkischen teltower Rüben und seinen hinterpommer'schen Kohl zu bauen.

Wenn daher die einberufenen Landwehrmänner durch die Straßen marschirten, um an den Bahnhöfen eingeschifft und zu diesem oder jenem Armeekorps abgeschickt zu werden, so standen die Gruppen von berliner Kindern – alt und jung – mit sehr unzufriedenen Gesichtern an der Seite der Straße, und Alles schimpfte wacker auf diesen Junker Bismarck, der so viel Unglück in die Familien brachte und dem Staat so viel Geld kostete.

Das hinderte sie denn freilich nicht, die guten Berliner, den Opfern der Bismarck'schen Politik, den »blauen Jungens«, der Gardelandwehr, welche da aufmarschirten zum thörichten Bruderkrieg, reichliche Liebesgaben an Bier und Cigarren, Würsten und Spirituosen aller Art zu spenden – und die »Opfer« selbst schienen auch gar nicht so unzufrieden, denn aus ihren Reihen klangen jene munteren altpreußischen Soldatenlieder, welche von Generation zu Generation unaufgeschrieben sich vererben und aus den Bivouaks sich in die Häuslichkeit verpflanzen, wo die Knaben sie lernen beim Soldatenspiel, um sie später wieder zu singen in den Bivouaks der Manöver oder des ernsten Kriegs, wohin ihres Königs und Kriegsherrn Befehl sie ruft.

Wenn aber Abends alle die Schultze, Müller, Lehmann und Neumann in die Stammkneipe gingen und hinter der »Weißen« saßen, dann hörten sie von Neuem aus dem Munde der Wortführer ihres Kreises, welche ihrerseits wieder am selbigen Tage einen Journalisten oder gar einen Deputirten gesprochen hatten, die große Lehre verkünden, daß an aller Unruhe, an aller Stockung der Geschäfte, an allem Kummer in den Familien nur Einer schuld sei, Einer, der seinem Ehrgeiz und seinen thörichten Ideen das Glück der Unterthanen opfere, Einer, der die Krone und den Staat in Gefahr bringe – der Herr von Bismarck-Schönhausen, – der feudale Junker.

Kein Wunder daher, daß alle die Leute, die am frühen Morgen unter den Linden dahin eilten, trübe in die Welt schauten, und wenn Bekannte stehen blieben und sich die Neuigkeiten des Tages mittheilten, daß in ihr Gespräch eine leise, aber grimmige Verwünschung dieses »Bismarck« sich einmischte, der die ganze Welt, die sonst so schön hätte sein können, in Unruhe und Sorgen versetzte.

Durch alle diese eiligen und geschäftigen Menschen hin, an den unzufriedenen Gruppen vorbei schritt Herr von Bismarck von der Wilhelmsstraße her die Linden herauf. Er ging so fest und sicher in seiner weißen Kürassieruniform mit dem hellgelben Kragen, dem einfachen Stahlhelm und den Majorsepauletts einher, als wäre er von dem Hauch der größten Popularität umweht. – Niemand grüßte ihn, – er achtete nicht darauf, in raschem Schritt und militärischer Haltung schritt er vorwärts, – an der Ecke, an welcher die große Friedrichsstraße die Linden durchschneidet und die bekannte Konditorei von Kranzler liegt, trat er an einen der sogenannten fliegenden Buchhändler und kaufte sich die Morgennummer der Vossischen Zeitung, – was sofort einige Neugierige stehen bleiben ließ, – denn Jedermann kannte den Ministerpräsidenten, – die ihn schweigend mit keineswegs freundlichen Blicken musterten.

Flüchtig die Zeitung durchblätternd setzte er seinen Weg fort bis zu dem einfachen viereckigen Palais des Königs, dem mächtigen Standbild Friedrichs des Großen gegenüber, – auf welchem die purpurne, mit schwarzen Adlern besäete Königsstandarte in der Morgenluft wehte.

An den präsentirenden Schildwachen vorüber trat der Ministerpräsident in das Palais ein und wendete sich links zu den im hohen Parterre liegenden Gemächern des Königs.

Hier fand er den dienstthuenden Flügeladjutanten. Major Freiherrn von Loën begrüßte denselben und erwartete in leichtem Gespräch mit ihm die Stunde der Audienz, welche der König stets mit gewissenhafter Pünktlichkeit innehielt.

In dem großen einfach möblirten Arbeits- und Empfangszimmer des Königs Wilhelm stand der greise Herr in jugendlicher, kräftiger Haltung in der Nähe des letzten Fensters, aus welchem er während der Unterhaltung oder des Vortrags über den Platz hinauszublicken pflegte, und durch welches ihn das berliner Publikum in den Vormittagsstunden zu erblicken gewohnt war.

König Wilhelm trug den schwarzen Interimsüberrock mit den weißen Knöpfen des ersten Garderegiments zu Fuß; sein frisches Gesicht mit den kräftigen, wohlwollenden Zügen, umrahmt von dem weißen Haar und dem weißen, sorgfältig geordneten Bart, war ernst und fast traurig, und aufmerksam hörte er einem Manne zu, der, im Begriff, verschiedene Papiere in eine große schwarze Mappe zu verschließen, zu ihm sprach.

Dieser Mann – über einen Kopf kleiner als der König – trug einen einfachen schwarzen Anzug mit weißer Kravatte. Sein fast weißes Haar fiel glatt gescheitelt zu beiden Seiten des Kopfes herab, sein Gesicht bewegte sich in lebhaftem Mienenspiel und sein kluges offenes Auge, aus welchem ein jugendliches Feuer und ein gutmüthiger Humor hervorblitzte, blickte frei zum Könige empor.

Es war der geheime Hofrath Louis Schneider, als Bühnenschriftsteller, Regisseur und Schauspieler eben so bekannt wie als Militärschriftsteller, – der Vorleser Friedrich Wilhelm's IV. und Wilhelm's I., der langjährige treue Diener und Vertraute des königlichen Hauses.

»Sie haben also den König gesprochen?« fragte der Monarch.

»Zu Befehl, Majestät,« erwiederte der Geheime Hofrath Schneider, – »ich mußte auf der Rückreise von Düsseldorf, wo ich einige Notizen für eine historische Arbeit suchte, in Hannover bleiben, – und da Seine Majestät der König Georg mir stets besondere Gnade bewiesen, wie Eure Majestät wissen, wie ich für diesen hohen Herrn immer große Sympathie und Verehrung gehegt habe, so fuhr ich nach Herrenhausen und meldete mich mit der Bitte um Audienz. – Der König empfing mich in seinem Arbeitszimmer und war so gnädig, mich, da man ihm gerade sein Frühstück brachte, ebenfalls zum Frühstück einzuladen. – Seine Majestät war von der größten Liebenswürdigkeit und ich empfand von Neuem den wahrhaft hinreißenden Zauber seiner Persönlichkeit.«

»Ja,« sagte der König Wilhelm, – »es ist eine edle und liebenswürdige Natur, mein Vetter Georg, – wie sehr hätte ich gewünscht, daß wir uns näher geblieben wären – Vieles stände vielleicht besser in Deutschland – leider ist er immer feindlich gegen Preußen.«

»Ich begreife das nicht recht,« sagte der Hofrath Schneider, – »persönliche Abneigung kann dabei gar nicht zum Grunde liegen, denn ich versichere Eure Majestät, der König lebt und webt in berliner Jugenderinnerungen – er hegt eine tiefe, pietätvolle Verehrung für Seine hochselige Majestät Friedrich Wilhelm III. und er hat mit seinem bewundernswerten Gedächtniß mir eine Menge kleiner Züge und Anekdoten aus der alten Zeit erzählt, – vom Grafen Neale – vom alten Fürsten Wittgenstein –«

»Vor dem wir Prinzen alle einen so gewaltigen Respekt hatten,« sagte der König lächelnd.

»Und,« fuhr der Hofrath Schneider fort, – »ich konnte sehen, wie glücklich der Herr sich in diesen Erinnerungen fühlte und wie heimisch und vertraut ihn Manches berührte, was ich aus meiner Erinnerung aus jenen Zeiten hinzufügte.«

»Und sprach er über die jetzige politische Lage?« fragte der König.

»Es konnte nicht fehlen,« erwiederte der Geheime Hofrath, »daß das Gespräch auch hierauf kam, – ich erlaubte mir, die Hoffnung auszudrücken, daß bei diesen freundlichen Erinnerungen an den preußischen Hof der König auch in dem jetzt so scharf zugespitzten Konflikt zu Eurer Majestät stehe und das alte Band, welches Hannover und Preußen in der Vergangenheit verbunden, neu befestigen werde.«

»Und was antwortete Seine Majestät?« fragte König Wilhelm gespannt.

»Der König sprach sich sehr frei und offen aus,« erwiederte der Geheime Hofrath, »wie ich das stets an diesem ritterlichen Charakter gefunden habe, so oft ich die Ehre hatte, mit ihm in Berührung zu kommen, – er versicherte mich nochmals sehr ernst, daß er nicht die geringste Animosität gegen Preußen habe, – wie man ihm das so oft nach sage, – und daß er einen deutschen Krieg für das größte Unglück halte, das er nach den Gesetzen des Bundes so lange für eine Unmöglichkeit halten müsse, bis es wirklich da sei. An einem solchen Unglück und Unrecht werde er sich niemals betheiligen.«

»Warum hat er denn den Neutralitätsvertrag nicht geschlossen?« fragte der König.

»Aber Seine hannöverische Majestät glaubt vollständig neutral zu sein,« – erwiederte der Hofrath.

»Dann begreife ich nichts mehr!« rief König Wilhelm, – »Graf Platen verweigert ja fortwährend den Abschluß, an dem mir so viel gelegen war!«

»Ich weiß nichts, Majestät,« sagte Schneider, – »von der Politik und von dem, was Graf Platen thut oder nicht thut, – aber daß König Georg auf dem Boden der absolutesten Neutralität zu stehen glaubt, – darüber bin ich gewiß.«

»Sie glauben also nicht, daß er einen Vertrag mit Oesterreich geschlossen hat?« fragte der König.

»Nein, Majestät, das glaube ich nicht, denn der König sprach sich sehr bestimmt darüber aus, daß er sich auf keiner Seite an dem unheilvollen Kampfe betheiligen wolle, indessen –«

»Indessen?« fragte der König.

»Indessen sprach sich Seine Majestät eben so bestimmt und klar darüber aus,« – fuhr der Geheime Hofrath fort, – »daß er den preußischen Bestrebungen, den deutschen Staatenbund ganz oder theilweise in einen Bundesstaat umzuwandeln, niemals entgegenkommen werde, daß er vielmehr mit allen Mitteln die diesseitigen Bundesreformvorschläge bekämpfen und die volle Souveränetät und Unabhängigkeit seiner Krone mit allen Mitteln vertheidigen werde.«

König Wilhelm schüttelte den Kopf.

»Ich erlaubte mir die Bemerkung, daß ja gewiß Niemand und Eure Majestät am wenigsten daran dächte, die Souveränetät irgend eines Fürsten anzutasten, daß aber doch eine festere militärische Einigung Deutschlands nöthig sei und daß der mächtigste Staat die Führung zu Schutz und Trutz übernehmen müsse. Ich fügte hinzu, daß Seine Majestät als englischer Prinz erzogen, sei, – daß aber doch die Politik eines kleinen Landes wie Hannover nicht nach denselben Grundsätzen rücksichtslos vorgehen könne, wie diejenige einer Weltmacht, der große Flotten und Armeen zu Gebote ständen.«

»Nahm das Seine Majestät nicht übel?« fragte König Wilhelm.

»Durchaus nicht,« erwiederte der Geheime Hofrath; »er hörte mich mit der größten Freundlichkeit an, ohne mich zu unterbrechen, und sagte mir dann ohne alle Heftigkeit, doch mit der festesten Bestimmtheit: ›Mein lieber Schneider, mein königliches Recht ist keine Machtfrage, ich habe meine Krone von Gott so gut wie der Herrscher des größten Weltreiches – und nie werde ich ein Titelchen meiner souveränen Unabhängigkeit und Selbstständigkeit ausgeben, – folge daraus was da wolle!‹ – Ich bemerkte Seiner Majestät,« fuhr der Geheime Hofrath fort, »daß es durchaus nicht meine Sache sei, irgendwie mich in die Politik zu mischen, – diese bestimmte Erklärung Seiner Majestät sei aber von solchem Ernste und solcher Wichtigkeit im gegenwärtigen Augenblick, daß ich als treuer Diener meines Herrn mich verpflichtet fühlte, bei meiner Rückkehr hieher Eurer Majestät davon Mittheilung zu machen. Der König Georg billigte dieß vollständig und erklärte, daß seine Ansicht in dieser Beziehung durchaus kein Geheimniß sei, – er werde stets danach handeln. – Dann entließ er mich auf das Freundlichste und Gnädigste!«

»So sind sie denn Alle gegen mich!« rief König Wilhelm nach kurzem Nachdenken und tiefer Ernst legte sich auf sein Gesicht.

Dann blickte er zum Fenster hinaus und sein Blick ruhte lange auf dem Standbild des großen Friedrich.

»Auch er war allein!« sagte er halblaut, »– und allein am größten!«

Der Ausdruck seines Gesichts wurde heiterer. – Er warf einen Blick auf die Uhr, sah dann einen Augenblick den Geheimen Hofrath lächelnd an und sprach:

»Und nun, mein lieber Schneider– fft« – und er machte eine zischende Bewegung mit dem Munde – ähnlich als ob man etwas wegbläst, und deutete mit dem Finger nach der Thür.

»Ich verschwinde, Majestät,« rief der Geheime Hofrath lächelnd, indem er mit komischer Hast der Thür zueilte – und indem er dort noch einen Augenblick stehen blieb, fügte er hinzu: – »und ich wünsche, daß alle Feinde Eurer Majestät eben so schnell vor dem Hauche Ihres Mundes in Nichts verfliegen mögen!«

König Wilhelm blieb allein.

»So stehe ich denn vor der letzten Entscheidung!« – sprach er sinnend, »und die Zukunft meines Hauses und meines Staates liegt auf der Spitze des Degens! – Wie hätte ich gedacht, als ich in vorgerücktem Alter die Regierung antrat, daß ein so großer Kampf mir noch zu kämpfen beschieden sei und daß ich selbst diese neu organisirte Armee, das Werk meines langen Denkens und meiner eifrigen Arbeit, welches ich meinem Sohne als Vermächtniß, als eine Bürgschaft künftiger Macht und Größe zu hinterlassen dachte, – daß ich selbst diese Armee noch in's Feld führen würde, – um sie zu erproben auf denselben Schlachtfeldern, auf welchen mein großer Ahnherr mit unauslöschlichen Zügen seinen ruhmreichen Namen eingeschrieben hat! – Und doch,« – fuhr er fort, indem sein Blick sich wie träumend niedersenkte, »hat es in mir gelegen wie eine dunkle Ahnung. – Als ich vor dem Altar zu Königsberg stand und mich feierlich schmückte mit den Insignien meines königlichen Amtes, da durchfuhr es mich unfaßbar und unerklärlich wie eine Mahnung oder Verheißung von Oben in dem Augenblick, da ich das Reichsschwert ergriff, – übermächtig zwang es mich, das Schwert hinzustrecken über die Vertreter meines Reiches, die in weiter Versammlung mich umgaben, und aus meinem tiefen Herzen herauf stieg das Gelübde zu Gott empor, – das Schwert nicht zu ziehen ohne ernste Nothwendigkeit, – aber einmal gezogen, es zu führen mit Gott, bis die Feinde meines Volkes am Boden liegen! – So ist jene Ahnung in Erfüllung gegangen,« – sagte er leise, – »nun denn vorwärts – mit Gott!«

Und der König faltete die Hände und stand einige Zeit stumm mit gesenktem Haupte da. Dann trat er mit raschem Schritt zu seinem länglichen Schreibtisch, freudige Energie und Entschlossenheit leuchtete aus seinem Blick und mit fester Hand ließ er einen Hellen Glockenschlag ertönen.

»Der Ministerpräsident Graf Bismarck!« befahl er dem eintretenden Kammerdiener.

Wenige Sekunden später trat der Ministerpräsident in das Kabinet.

Ein scharfer, forschender Blick seines grauen Auges richtete sich auf den König. – Er schien mit dem Ausdruck, den er in den Zügen seines Herrn fand, zufrieden und mit fast heiterer Miene sprach er, indem er einige Papiere aus seiner Uniform zog:

»Majestät, die Entscheidung naht! – ich hoffe, die trüben Nebel werden nun bald versinken und Preußens Waffenmacht wird sich glänzend entwickeln, um der Zukunft freie Bahn zu machen nach so langer Einengung und Hemmung!«

»Was bringen Sie?« fragte der König ruhig.

Graf Bismarck blätterte flüchtig in den Papieren. »Herr von Werther,« sagte er, »zeigt seine Abreise von Wien an. Zugleich meldet er, daß Benedek bei der Armee ist und nicht zufrieden mit dem Zustand derselben sein soll.«

»Das glaube ich!« sagte der König.

»Gablenz ist ebenfalls zur Armee abgegangen.«

»Ich bedaure, daß dieser brave General uns als Feind gegenübersteht!« bemerkte der König, – »er hat mit uns gefochten und kann uns gefährlich werden!«

»Kein General allein kann gefährlich sein, Majestät, – ihm fehlt das Material – und man wird auf seinen Rath nicht hören,« sagte Graf Bismarck zuversichtlich. – »Zugleich aber,« fuhr er fort, »ist in Frankfurt gestern der Beschluß auf Mobilmachung der Bundesarmee gegen Preußen gefaßt, damit ist der Krieg thatsächlich erklärt und es kommt nun darauf an, daß Eure Majestät schleunigst die Maßregeln befehlen, um die Gefahren zu beseitigen, die uns auf unserem eigenen Operationsgebiet drohen. Hannover und Kurhessen müssen unschädlich gemacht werden.«

»Wie ist der Beschluß in Frankfurt gefaßt?« fragte der König, – »haben Hannover und Kurhessen für Oesterreich gestimmt?«

»Sie haben die österreichischen Motive nicht angenommen,« erwiederte der Ministerpräsident, »aber die Mobilmachung mit beschlossen. – Immer das alte Schaukelspiel!« fügte er hinzu, »das uns aber hochgefährlich werden kann, wenn jene Staaten nicht schnell unschädlich gemacht werden.«

»Bis jetzt haben sie nicht gerüstet,« sagte der König.

»Nach dem Bundesbeschluß aber müssen sie rüsten, – und jedenfalls können sie auch mit ihren Armeen in Friedensstärke höchst lästig werden,« erwiederte Graf Bismarck, – »ich bitte Eure Majestät inständigst, mit der größten Energie vorgehen und den sofortigen Einmarsch in Hannover und Kurhessen befehlen zu wollen.«

Der König dachte nach.

»Sie haben in Hannover und Kassel die angebotenen Neutralitätsverträge nicht abschließen wollen,« sagte er, – »jetzt, nachdem die Bundesmobilmachung beschlossen ist, kann davon freilich nicht mehr die Rede sein. – Aber sie haben abermals eine halbe Maßregel getroffen, die vermuthen läßt, daß sie es nicht wagen, sich ernstlich und definitiv gegen uns zu erklären. Ich will sie noch einmal positiv und klar fragen und ihnen die Möglichkeit geben, auf dem gefährlichen Weg umzukehren, den sie gehen.«

»Aber, Eure Majestät!« – bemerkte Graf Bismarck, – »es wird viel Zeit verloren gehen und unsere Zeit ist kostbar –!«

»Seien Sie ganz ruhig, lieber Graf!« erwiederte der König, – »es soll keine Zeit verloren gehen, die Zeit des Zweifels und der Unruhe ist vorbei, der Augenblick des Handelns ist gekommen, – es gibt für mich keine Wahl und kein Besinnen mehr!«

Graf Bismarck athmete erleichtert auf.

»Aber pour l'acquit de ma conscience,« sagte der König, »will ich noch eine letzte und ernste Mahnung an meine Herren Vettern richten, – denn, Gott weiß es,« fügte er hinzu, – »es wird mir schwer, gegen sie vorzugehen. – Die Sommation, welche ihnen ein Bündniß auf Grund unserer Bundesreformvorschläge und unter Garantie ihres Besitzes vorschlägt, ist in den Händen der Gesandten?« fragte er.

»Zu Befehl, Majestät!« erwiederte der Ministerpräsident.

»So geben Sie sofort die telegraphische Ordre, diese Sommation zu übergeben und bis zum heutigen Abend eine Antwort zu verlangen!«

»Die Ordre soll sofort abgehen,« sagte Graf Bismarck, – »wenn aber eine ablehnende, – oder, was wahrscheinlicher ist, – eine ausweichende Antwort erfolgt?« – fragte er und blickte mit Spannung in das Gesicht des Königs.

König Wilhelm schwieg einen Augenblick, dann richtete er sein Auge mit festem, klarem Ausdruck auf den Minister und antwortete:

»Dann sollen die Gesandten den Krieg erklären.«

»Es lebe der König!« rief Graf Bismarck mit lauter Stimme und eine hohe Befriedigung erleuchtete sein Gesicht.

»Lassen Sie dasselbe in Dresden thun!« sagte der König.

»In Dresden?« rief Graf Bismarck, – »glauben Eure Majestät, daß Herr von Beust –«

»Ich habe nichts mit Herrn von Beust zu thun,« erwiederte der König mit Hoheit, »aber ich will dem König Johann auch noch einmal die Hand bieten, – ist es vergeblich, so trifft nicht mich die Schuld dessen, was folgen wird!«

»Dann aber,« sagte Graf Bismarck, »möchte ich Eure Majestät bitten, die militärischen Operationen sofort zu befehlen, welche unmittelbar nöthig sein werden, sobald die Kriegserklärung erfolgt.«

»Ich werde Moltke rufen lassen und sofort das Erforderliche anordnen,« sagte der König.

»Darf ich Eurer Majestät Aufmerksamkeit auf einen Punkt in dieser Beziehung richten?« sagte Graf Bismarck.

Der König sah ihn fragend an.

»Der General von Manteuffel kommt mit seinen Truppen von Holstein,« sagte Graf Bismarck. »Er hat die Erlaubniß von Hannover zum Durchzug nach Minden erhalten. Seine Avantgarde steht vor Harburg, die auf der Elbe stationirten Schiffe sind unter seinen Befehl gestellt. Harburg ist ohne Besatzung, – kann aber leicht von Stade aus, wohin seit Kurzem stärkere Garnison gelegt ist, besetzt werden. Es wäre, wie mir scheint, hochwichtig, – daß beim Beginn der Feindseligkeiten, falls die Kriegserklärung gegen Hannover erfolgt, – Harburg in unsern Händen ist, denn es könnte entgegengesetzten Falles viel Zeit verloren werden. Ich glaube, es wäre sehr zweckmäßig, wenn Eure Majestät sofort die Besetzung Harburgs durch den General von Manteuffel befehlen wollten. Er hat das vollkommene Recht dazu, da er sich auf einem von der hannöverischen Regierung erlaubten Durchmarsch befindet. Nimmt man in Hannover die Sommation an, – so marschirt er ruhig weiter, – verwirft man sie, so hat er den wichtigen Punkt und die Eisenbahn in Händen.«

Der König hatte aufmerksam zugehört, – lächelnd nickte er mit dem Kopf.

»Sie haben Recht!« sagte er, – »es ist doch gut, einen Minister zu haben, der auch etwas Militär ist. – Die Ordres sollen abgehen!«

»Nun aber erlauben Eure Majestät,« sprach der Ministerpräsident, »daß ich mich entferne, um eiligst die befohlenen Maßregeln zu veranlassen.«

Und er machte eine Bewegung, um sich zu entfernen.

»Was sind für Nachrichten aus Paris da?« fragte der König.

Graf Bismarck trat einen Schritt in das Kabinet zurück. Sein Gesicht nahm einen finstern Ausdruck an.

»Benedetti ist schweigsam, Majestät, – ganz gegen seine Gewohnheit,« sagte er, »dagegen berichtet Graf Goltz, daß man in Paris zur Aktion dränge, man hat ihm nicht undeutlich zu verstehen gegeben, daß der Kaiser Neigung habe, sich auf die Seite Oesterreichs zu stellen, wenn nicht bald von hier aus ein entscheidender Schritt geschehe. – Ich habe Grund zu glauben,« – fügte er hinzu, »daß da eine separate Unterhandlung wegen Venetien im Gange ist, um uns im letzten Augenblick einen bösen Streich zu spielen, – von einem zuverlässigen Agenten aus Wien wird es positiv mitgetheilt, – und auch Graf Usedom berichtet, daß er mit der Haltung Italiens nicht zufrieden sei und manchen Zweideutigkeiten begegne. – Indeß,« fuhr der Minister mit leichterem Ton fort, »bin ich über diese Intriguen nicht sehr beunruhigt, man wird in Wien nichts zugestehen, – man reitet dort noch auf zu hohem Pferde. Uebrigens habe ich nach Florenz die Instruktion geschickt, wachsam zu sein und auf energisches, mit unsern militärischen Operationen harmonirendes Handeln zu dringen.«

»Aber was will der Kaiser Napoleon?« fragte der König.

»Jedenfalls im Trüben fischen,« antwortete Graf Bismarck mit der ihm eigenen rücksichtslosen Offenheit, – »wenn er uns aber jetzt zum Handeln drängt, so scheint es mir, daß ihm der Fischzug nicht geglückt ist. – Ich habe Benedetti,« fuhr er fort, »geradezu interpellirt über die unsichtbaren Dinge, die da zwischen Paris und Wien vorgehen. Er behauptet über Nichts unterrichtet zu sein, – nun, jedenfalls kann er in Paris melden, daß wir hier nicht auf beiden Ohren taub sind.«

»Mir hat diese italienische Allianz so recht niemals gefallen wollen,« sagte der König nachdenklich, – »obgleich ich ihren großen Nutzen erkenne. – O daß es dahin hat kommen müssen – wie viel lieber würde ich, wie in meiner Jugend, mit Oesterreich zusammen nach anderer Richtung in's Feld ziehen!«

Mit besorgtem Ausdruck flog das Auge des Grafen Bismarck über die sinnenden Züge des Königs.

»Und wenn es nicht so gekommen wäre,« rief er lebhaft, »so könnten Eure Majestät nicht die hohe Aufgabe in Ihre königliche Hand nehmen, Preußen, diesen herrlichen, aufstrebenden Staat, die Schöpfung Ihrer großen Ahnen, aus seinen beengenden Fesseln zu befreien, in welche die Bosheit und der Neid der europäischen Mächte unter der Führung und Leitung dieses Oesterreichs uns geschlagen haben, dieses Oesterreichs, das niemals deutsch war, das Deutschland immer nur als Fußschemel benutzte für seinen Ehrgeiz in Europa und stets bereit war, es zu verrathen, zu verhandeln, zu zerstückeln. – Nein, Eure Majestät, ich freue mich, daß wir an dem Augenblick des Handelns angekommen sind, daß der königliche Adler endlich in freier Luft seine Schwingen ausbreitet. Nec soli cedit heißt seine Devise und zur Sonne wird er fliegen, führe der Weg auch durch Wetterwolken. Ich sehe die Zukunft Preußens und Deutschlands groß und leuchtend vor mir und bin stolz und glücklich, daß es mir vergönnt ist, dem Könige zur Seite zu stehen, der der Schöpfer dieser Zukunft sein wird!«

König Wilhelm's klares Auge ruhte nachdenklich auf dem lebhaft bewegten, von Begeisterung durchleuchteten Antlitz seines Ministers. Wohl blitzte es auf in diesem königlichen Auge bei den stolzen, freudigen Worten des kühnen Staatsmannes, der mit so siegesgewisser Zuversicht vor ihm stand, dann aber richtete er den Blick nach Oben und sprach still und einfach:

»Wie Gott will!«

Graf Bismarck blickte mit Rührung auf den königlichen Herrn, der in so einfacher Größe vor ihm stand, und wie ein Ausdruck des Erstaunens flog es durch seine Züge, diesem mächtigen, gewaltigen Herrscher gegenüber, der am Vorabend eines so furchtbaren, weithin für die Zukunft entscheidenden Kampfes seine ganze Hoffnung, seinen ganzen Ehrgeiz und seine ganze Unruhe in diese drei einfachen Worte niederlegte.

»Haben Eure Majestät weitere Befehle?« fragte er mit einem leisen Nachklang der Erregung in seiner Stimme.

»Nein!« antwortete der König, – »eilen Sie, die Depeschen abzusenden!«

Und mit leichter freundlicher Neigung des Hauptes entließ er den Minister.

Graf Bismarck verließ das Kabinet des Königs und das Palais und eilte schneller, als er gekommen, den Weg zurück nach seinem Hotel in der Wilhelmsstraße, und noch weniger als vorher achtete er der bösen Blicke, die ihm folgten, als er die Linden herab schritt. Stolze Befriedigung lag auf seinem Gesicht, freudige Zuversicht in seiner Haltung. – Der große Kampf, den sein Gefühl und seine Ueberzeugung ihm als unausweichlich und nothwendig zeigte, sollte beginnen, und er glaubte an den glücklichen Ausgang mit der Sicherheit und Festigkeit, welche das Bangen und Zaudern ausschließt.

*

Im Erdgeschoß des Hotels des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten, zu welchem der Ministerpräsident zurückeilte, saß in einem einfachen Bureauzimmer vor einem mit Papieren hoch bedeckten Schreibtisch der Legationsrath von Keudell in eifriger Unterhaltung begriffen mit einem Manne von ungefähr sechs- bis siebenunddreißig Jahren, blondem Haar und Schnurrbart, dessen offenes Gesicht von norddeutschem Typus ein lebhaftes Mienenspiel zeigte und dessen hellgraue Augen mit einer Mischung von Humor, Gutmütigkeit und Schlauheit um sich blickten. Dieser Mann, mit jener eigentümlichen Eleganz gekleidet, welche man nur in den großen Weltstädten findet, saß da in einem Fauteuil, welcher neben dem Schreibtisch des Herrn von Keudell stand, zurückgelehnt in halb burschikoser halb dandymäßiger Haltung und balancirte seinen glänzenden Hut auf den Knieen, während er ihn mit der Hand vor dem Niederfallen bewahrte.

»Sie glauben also, lieber Beckmann,« sagte Herr von Keudell, »daß es möglich sein wird, die pariser Presse während unserer Aktion uns günstig zu erhalten – und eventuell sogar durch die Stimme der öffentlichen Meinung eine Parteinahme Frankreichs für Oesterreich zu verhindern?«

»Nichts leichter als das,« erwiederte Herr Albert Beckmann, der gewandte und geistvolle Redakteur des Journals ›le Temps‹, welcher seit fast zwanzig Jahren in den journalistischen Kreisen von Paris lebte und die genaueste Kenntniß aller Verhältnisse auf dem Gebiete der Publizistik der großen Weltstadt sich erworben hatte, ohne darum die Eigentümlichkeit seines deutschen Vaterlandes zu verlieren. – »Nichts leichter als das – Neffzer ist ganz in Ihren Ideen, – er wird aus voller Ueberzeugung – denn anders handelt er überhaupt nicht – in Ihrem Interesse schreiben, – ›Siècle‹ ist für Sie, – alle liberalen Blätter überhaupt erblicken in Preußen den Fortschritt, in Oesterreich die Reaktion, und deßhalb werden sie jeden Erfolg Preußens mit Jubel begrüßen, – sie würden alle eine Allianz Frankreichs mit Oesterreich als die größte Thorheit verurteilen. Alle diese Blätter für Sie zu stimmen ist kaum noch nöthig, es wird nur darauf ankommen, ihnen die rechte Direktion zu geben und ihnen die Nachrichten – diplomatischer und militärischer Natur – schnell und richtig arrangirt zu geben. Was das betrifft – je m'en charge!«

Und er strich mit der Hand über den Boden seines Hutes, drehte leicht den kleinen blonden Schnurrbart und lehnte sich mit überzeugtem Ausdruck in seinen Lehnstuhl zurück.

»Aber die klerikalen Blätter: ›le Mondes‹ ›l'Univers‹?« fragte Herr von Keudell.

»
Ah, c'est plus difficile!« antwortete Herr Beckmann, »diese Gesellschaft ist sehr österreichisch und schwer davon abzubringen. Im ›Monde‹ schreibt die deutschen Korrespondenzen ein Vetter von mir, der Doktor Onno Klopp.«

»Dieser Onno Klopp ist Ihr Vetter?« fragte Herr von Keudell.

»
Il a cet avantage,« sagte Herr Beckmann, »und er heißt im ›Monde‹ Hermann Schultze – aber ich muß es sagen, er schreibt recht sehr langweilig, und da er nicht französisch zu schreiben versteht und man seine Artikel erst übersetzen muß, so werden sie noch ungenießbarer für das Publikum. – Das hat wenig zu sagen, – es genügt, daß diese Blätter für irgend etwas Partei nehmen, um das ganze pariser Publikum dagegen zu stimmen.«

»Aber haben sie nicht Einfluß in den Hofkreisen?« fragte Herr von Keudell.

»
Pas du tout, nicht den geringsten,« – erwiederte Herr Beckmann zuversichtlich, – »der Kaiser hört nur auf die unabhängigen Blätter und die ultramontanen Journale benützt er nicht einmal. Ich kann Sie versichern, daß ein Artikel im ›Siècle‹ oder im ›Temps‹ mehr Einfluß auf seine Entschlüsse hat, als eine ganze Campagne im ›Monde‹ und ›Univers‹.«

»Glauben Sie aber nicht,« fragte Herr von Keudell weiter, »daß von österreichischer Seite ebenfalls auf die Presse gewirkt werden wird, und daß man Alles thun wird, um die öffentliche Meinung in Frankreich auf jene Seite zu bringen? Man wird die Mittel nicht scheuen, – der Fürst Metternich –«

»Ah bah,« – rief Herr Beckmann, – »der Fürst Metternich macht gar nichts, er ist trop grand seigneur, um auf die Presse zu wirken, – er hat da den Chevalier Debraux de Saldapenha zur Seite, und der wird ihm einige Artikel in seinem Mémorial diplomatique schreiben, – die sehr schön, sehr diplomatisch und sehr vornehm sein werden, – und – die Niemand lesen wird. – Enfin,« fuhr er fort, »die wirkliche öffentliche Meinung wird für Sie sein, – auch Ollivier– Emile Ollivier, der römische Bürger mit der Sehnsucht nach dem Portefeuille im Herzen –« – fügte er lachend hinzu – »ist ganz preußisch und wird in seinen Konversationen ebensoviel wirken, wie irgend ein großes Journal.«

»Sie glauben, daß Emile Ollivier durch ein Portefeuille zu ködern wäre?« fragte Herr von Keudell erstaunt.

»Er wird eines Tages Minister sein,« – erwiederte Herr Beckmann zuversichtlich, – »
on fera cette bêtise – vorläufig aber ist er noch der Mann der Opposition und seine Stimme hat Gewicht. Er ist ganz und gar Partisan der preußischen Hegemonie in Deutschland – das genügt. – Es bleiben noch,« fuhr er fort, »die Revues hebdomadaires, welche fast ebensoviel Einfluß ausüben als die Tagesblätter, weil sie in Ruhe gelesen und digerirt werden. Aber auch in dieser Beziehung ist das Terrain günstig, ich kenne die Redakteure alle – und ich glaube, daß ich bei allen leicht für Ihre Interessen wirken kann. Sie erinnern sich, wie günstig überall meine Broschüre »
le traité de Gastein« aufgenommen wurde, die ich damals schrieb, als ich die Ehre gehabt hatte, den Ministerpräsidenten in Wiesbaden zu sprechen.«

»Ja wohl,« sagte Herr von Keudell, »ich war erstaunt über die Unterstützung, welche wir damals überall in der französischen Presse fanden, – und wir sind Ihnen noch sehr dankbar dafür.«

»
Pas de quoi,« sagte Herr Beckmann, »ich habe aus Ueberzeugung das Meinige gethan, um der Idee einer Neugestaltung Deutschlands im Sinne des Grafen Bismarck in Frankreich Eingang zu schaffen, und ich werde weiter in diesem Sinne wirken, weil ich die Idee für richtig und nothwendig halte. – Apropos,« unterbrach er sich, – »wissen Sie, daß Hansen hier ist?«

»Ah!« machte Herr von Keudell.

»Ich vermuthe, er wird einige Zeit hier bleiben,« sagte Beckmann, einen scharfen Seitenblick herüberwerfend, »um die Situation zu beobachten. Sie können durch ihn wirken: was Sie ihm mittheilen, wird an den rechten Ort gelangen und auch seinen Weg in die Presse finden.«

Herr von Keudell neigte leicht den Kopf.

»Doch nun,« sagte Beckmann, »glaube ich, daß ich so schnell als möglich nach Paris zurückkehren muß, – um die Campagne zu beginnen.«

Er stand auf.

Ein Bureaudiener trat ein.

»Seine Excellenz erwartet den Herrn Geheimen Legationsrath.«

»Ich komme,« erwiederte Herr von Keudell. – Er reichte Beckmann die Hand und sagte: »Lassen Sie bald von Ihrer Thätigkeit etwas hören, – Sie werden gerade zur Zeit durch Hannover kommen, um die Welfenflucht mit anzusehen,« fügte er lächelnd hinzu.

»Es thut mir leid, daß Hannover gegen Sie ist,« sagte Herr Beckmann, »es ist mein Vaterland und wenn ich auch lange fort bin, so habe ich doch eine natürliche und tiefe Anhänglichkeit dafür. – Doch das wird sich Alles ausgleichen, wenn erst die große Entscheidung gefallen ist. – Jetzt muß das Verhängniß seinen Weg gehen.«

Und er verabschiedete sich von Herrn von Keudell, welcher seinerseits die große Treppe zu den Zimmern des Ministerpräsidenten hinausstieg.

Elftes Kapitel.

König Georg von Hannover saß am Vormittag desselben 15. Juni in seinem Kabinet in Herrenhausen. Die frische Lust drang durch die geöffneten Fenster herein, die Blumen im Zimmer verbreiteten einen leichten milden Duft, die Springbrunnen plätscherten leise in dem vor den Zimmern des Königs befindlichen reservirten Garten. Alles athmete Ruhe und tiefen Frieden in dieser königlichen Residenz, welche fern vom geräuschvollen Treiben der Stadt in vornehmer Stille dalag.

Der Geheime Kabinetsrath Lex saß neben dem Könige am Tisch, beschäftigt, die eben eingegangenen Sachen vorzulesen.

So eben hatte der Kammerdiener dem Könige eine Cigarre in einer langen hölzernen Spitze gebracht und Georg V. lehnte sich behaglich in seinen Sessel zurück, die feinen, bläulichen Wolken des duftigen Havannahblattes langsam von sich blasend.

»Der Bericht aus Frankfurt über die gestrige Abstimmung ist da, Majestät,« sagte der Geheime Kabinetsrath.

»Nun?« fragte der König.

»Die Mobilmachung der Bundesarmee ist mit neun gegen sechs Stimmen beschlossen.«

»Das ist ein österreichischer Antrag, der nicht besonders klug erdacht ist,« sagte der König. »Wir sind dadurch in große Verlegenheit gebracht, – indeß mit der Modifikation, welche die hannöverische und hessische Abstimmung der Sache geben, wird wohl dem Antrag die Spitze abgebrochen sein.«

»Ich darf Eure Majestät untertänigst aufmerksam machen, daß diese Modifikation, welche die preußischen Armeekorps mit mobil macht und die österreichischen Motive zurückweist, nicht die Majorität erlangt hat – und außerdem scheint sie mir nach meiner bescheidenen Ansicht wenig bedeutungsvoll, – die Dinge sind auf einem Punkte angekommen, wo keine juristischen Subtilitäten mehr, sondern nur noch die Thatsachen in's Gewicht fallen.«

»Aber Graf Platen war der Ansicht,« sagte der König, »daß mit unserer Abstimmung nach Wien und Berlin hin gleich vorsichtige Rücksicht genommen sei –«

»Preußen scheint diese Auffassung nicht zu theilen,« sagte der Kabinetsrath, in die vor ihm liegende Depesche blickend, – »denn der preußische Gesandte hat die Bundesversammlung sofort nach der Abstimmung verlassen und die Erklärung abgegeben, daß seine Regierung den Bund als aufgelöst betrachte, dagegen auf der Basis ihres Reform-Entwurfs mit den einzelnen Regierungen einen neuen Bund zu schließen bereit sei.«

»So weit ist es?« rief der König betroffen und richtete sich empor. – »So ist also dieser deutsche Bund, dieses Bollwerk des deutschen und europäischen Friedens, gesprengt, – welchen Zeiten gehen wir entgegen! – Aber,« rief er nach augenblicklichem Nachdenken, – »wie kann Preußen den Bund als aufgelöst betrachten, – das ist gegen die Fundamentalgesetze und ganz Deutschland muß um so mehr an ihm festhalten!«

»Ich fürchte, daß der Bund, der, auf Oesterreich und Preußen gestützt, mächtig und sicher war, ohne Preußen keine Lebenskraft haben werde« – sagte der Kabinetsrath.

Der König schwieg.

»Ich bin in großer Besorgniß wegen der Zukunft,« sprach der Geheime Kabinetsrath weiter, – »und« – fügte er seufzend hinzu – »würde unendlich mehr befriedigt sein, wenn Eure Majestät den Neutralitätsvertrag in Händen hätten.«

»Aber mein Gott!« rief der König, »ich habe ja meinen Entschluß, neutral zu bleiben, fortwährend ausgesprochen –«

»Aber der Vertrag ist nicht geschlossen,« sagte der Kabinetsrath.

»Der Kurfürst von Hessen wollte sich auch nicht fest binden« – sagte der König, »man hat Wimpffen von Wien aus zu ihm geschickt, wie meinen Bruder Karl zu mir, – Sie wissen, daß er mir durch Meding geantwortet hat, er glaube definitive Entschlüsse erst fassen und Verträge erst schließen zu können, wenn wirklich das beklagenswerthe Faktum der Sprengung des deutschen Bundes eingetreten sei. Uebrigens ist er eben so entschlossen, wie ich, neutral zu bleiben. – Sollte ich da mit einem Vertrag vorangehen, von dem mir Graf Platen sagte, er würde die ganze Bundesversammlung allarmiren und in Wien tief verletzen?«

»Ich würde der bescheidenen Ansicht sein, daß Eure Majestät den Neutralitätsvertrag unbekümmert um allen Allarm in Frankfurt hätten abschließen können – und, wenn es noch möglich ist, daß Sie ihn so schnell als möglich jetzt abschließen und keine ausweichenden Bedenken des Grafen Platen mehr anhören. Es ist besser, auf einem Stuhl zu sitzen, als zwischen zweien.«

»Sie haben Recht,« rief der König, – »es muß ein Ende gemacht werden, die Neutralität entspricht ganz meiner Auffassung und selbst der traurige und beklagenswerte Vorgang in Frankfurt kann nichts in meiner Ueberzeugung ändern, welche mir verbietet, an einem Kriege zwischen zwei Gliedern des deutschen Bundes mich irgendwie zu betheiligen. Ich will Platen kommen lassen und ihm die sofortige Aufnahme der Verhandlungen behufs des Neutralitätsabschlusses befehlen.«

»Ich bin überzeugt,« sagte der Kabinetsrath mit Befriedigung, – »daß Eure Majestät sehr wohl daran thun, und werde erst ruhig sein, wenn der Vertrag in unserem Archiv liegt.«

Der Kammerdiener trat ein.

»Staatsminister Graf Platen bittet in dringenden Angelegenheiten um Audienz!«

»Er soll kommen!« rief der König verwundert.

Das Gesicht des Geheimen Kabinetsraths legte sich in bedenkliche Falten.

Graf Platen trat ein. Die gleichmäßige, selbstbefriedigte Ruhe, welche sonst den Ausdruck seines Gesichts bildete, hatte einem Anflug von nachdenklichem Ernst Platz gemacht.

Der Kabinetsrath sah ihn forschend und unruhig an.

»Was bringen Sie so eilig, Graf Platen?« rief der König.

»Majestät,« erwiederte der Minister, an den Schreibtisch des Königs tretend, – »eine Note, die mir Prinz Ysenburg so eben übergeben, zwingt mich, sofort Eurer Majestät allergnädigste Entscheidung zu erbitten.«

»Nun?« rief der König gespannt, – »was will man in Berlin? – So eben,« fuhr er fort, »sprach ich mit dem Geheimen Kabinetsrath über die Neutralität und es scheint mir, daß jetzt, nachdem der Bund leider tatsächlich gesprengt ist, nunmehr Ihren mündlichen Abmachungen gemäß der Vertrag geschlossen werden kann.«

»Majestät,« sagte Graf Platen, indem er ein gefaltetes Papier aus der Tasche zog, – »es scheint, daß man in Berlin jetzt weiter geht!«

»Weiter?« rief der König und ein Zug von Befremdung und Unmuth zeigte sich in seinen zusammengezogenen Augenbrauen, – »was kann man denn noch mehr verlangen?«

»Man verlangt ein Bündniß auf Grund der preußischen Reformvorschläge, wogegen man die Sonveränetät und den Besitz Eurer Majestät gewährleisten will!«

»Aber das ist ja ganz etwas Neues!« rief der König.

»Zu spät!« sagte der Geheime Kabinetsrath leise vor sich hin und senkte traurig den Kopf.

»Jene Reformvorschläge,« fuhr der König lebhaft fort, »welche mir den größten und wesentlichsten Theil meiner Souveränetät nehmen, – habe ich ein- für allemal zurückgewiesen und werde sie niemals annehmen. – Welche Souveränetät will man mir dann noch garantiren, nachdem ich die wesentlichsten Bedingungen der Souveränetät aufgegeben? – Sagen Sie dem Prinzen Ysenburg –«

»Wollen Eure Majestät die Gnade haben,« sagte Graf Platen, »die Note des Prinzen anzuhören? Die Situation ist ernst, – er verlangt Antwort bis heute Abend und wenn dieselbe nicht befriedigend ausfällt, d. h. wenn Eure Majestät das Bündniß nicht annehmen – so betrachtet sich Preußen als im Kriegszustand mit Hannover.«

Der König fuhr auf.

»So weit sind wir?« rief er, – »doch lesen Sie!«

Und er bedeckte das Gesicht mit der Hand, indem er sich in seinen Stuhl zurücklehnte; Graf Platen entfaltete das Papier, welches er in der Hand hielt, und las die preußische Sommation, von demselben Tage datirt.

Der König sprach während der Vorlesung kein Wort und bewegte sich nicht.

Als Graf Platen geendet, erhob er den Kopf, – tiefer Ernst lag auf seinen Zügen.

»Und was ist Ihre Ansicht?« fragte er kalt und ruhig.

»Majestät,« sagte Graf Platen zögernd mit etwas unsicherer Stimme, – »ich glaube in der That noch nicht, daß die Dinge ganz so weit sind, wie diese Note sie erscheinen läßt, – man will eine starke Pression ausüben, und ich glaube, wenn man nur etwas Zeit gewinnt –«

»Aber es wird eine Antwort bis heute Abend verlangt!« warf der Kabinetsrath mit einem leisen Klang von Ungeduld in der Stimme ein.

»Gewiß,« sagte Graf Platen, »eine Antwort müssen Eure Majestät auch geben, aber es läßt sich da doch immer ein moyen terme finden, wenn man erwiederte, daß Eure Majestät zu einem Vertrage mit Preußen – das Wort Bündniß müßte vermieden werden – bereit seien und daß derselbe sogleich verhandelt werden sollte, – die Bedingungen aber müßten diskutirt werden, – damit lassen sich einige Tage gewinnen – inzwischen können Ereignisse eintreten – Graf Ingelheim erwartet stündlich die Nachricht vom Einrücken der österreichischen Armee in Sachsen, – und wir können dann nach den Ereignissen handeln –«

»Meine Ansicht steht fest!« sagte der König, indem ein unbeugsamer Entschluß aus seinen stolzen Zügen leuchtete und er das Haupt mit einer Bewegung voll Hoheit und Würde zurückwarf, – »die Reformbedingungen, auf Grund deren ich dieß Bündniß eingehen soll, greifen die Selbstständigkeit und die heiligsten Rechte der Krone an, welche ich von meinen Ahnen ererbt habe, welche von ganz Europa garantirt ist und welche ich meinem Sohne in voller Selbstständigkeit wieder zu hinterlassen verpflichtet bin. Sobald ich davon überzeugt bin, gibt es für mich nur Eine Antwort auf den preußischen Vorschlag – und diese Antwort ist: Nein! – Dann aber,« fuhr er fort, »keine Unklarheit, keine dilatorischen Negoziationen, ich will, daß man über diesen Punkt ganz klar sei in Berlin, – die Neutralität, die ich versprochen, werde ich halten und will sie völkerrechtlich abschließen, – diesen Vertrag niemals!«

Der Kabinetsrath schwieg.

Graf Platen faltete die Note des Prinzen Ysenburg und entfaltete sie wieder, – er schien nach einem Ausweg zu suchen, um dem so bestimmt ausgesprochenen Entschluß des Königs eine Modifikation zu geben.

Georg V. erhob sich.

»Die Lage aber,« sprach er, »in welcher ich, mein Haus und mein Königreich uns in diesem Augenblick befinden, ist so ernst und was jetzt geschieht, greift in unberechenbaren Konsequenzen so weit in die Zukunft, daß ich bei dem zu fassenden Entschluß mein Gesammtministerium hören will.«

Graf Platen seufzte erleichtert auf und nickte zustimmend mit dem Kopf.

»Fahren Sie, mein lieber Graf,« fuhr der König fort, »sofort zur Stadt zurück und rufen Sie meine sämmtlichen Minister auf der Stelle hieher!«

»Zu Befehl, Majestät!« sagte Graf Platen schnell.

»Zugleich aber,« sprach der König weiter, »müssen sofort Maßregeln getroffen werden, um die Armee, welche zerstreut im Lande sich befindet, zu konzentriren. Ich will alles unnütze Blutvergießen hier im Lande für alle Fälle vermeiden und mit der Armee nach Süddeutschland gehen, um dort im Verein mit meinen nunmehrigen Bundesgenossen zu handeln. So wird wenigstens mein Land von den Schrecken des Krieges verschont bleiben, wenn ich es auch vor feindlicher Okkupation nicht schützen kann.«

»Eure Majestät wollen selbst –« rief Graf Platen.

»Ich will thun, was meine Pflicht ist« – unterbrach ihn der König mit Hoheit, – »und wenn meine Armee im Felde steht, so ist mein Platz in ihrer Mitte. – Senden Sie reitende Ordonnanzen zu meinem Generaladjutanten, dem Chef des Generalstabs und dem Kommandeur des Ingenieurkorps,« sagte er dem Geheimen Kabinetsrath, »und Sie, mein lieber Graf, – eilen Sie und kommen Sie bald mit den übrigen Herren zurück!«

Graf Platen und der Geheime Kabinetsrath entfernten sich.

Der König blieb allein.

Er saß da vor seinem Tisch in tiefes Sinnen versunken. Das Haupt sank tief herab und von Zeit zu Zeit drang ein schwerer Athemzug aus der arbeitenden Brust – dann hob er den Kopf empor und das blicklose Auge richtete sich nach Oben wie in stummer Frage.

Der Kammerdiener öffnete schnell beide Flügel der Thüre und rief:

»Ihre Majestät die Königin!«

Georg V. fuhr aus seinem Sinnen empor und stand auf.

Die Königin trat eilig in das Kabinet und ging auf ihren Gemahl zu, der ihr die Hände entgegenstreckte und sie auf die Stirn küßte.

Die Königin Marie war damals etwa fünfundvierzig Jahre alt, groß und von jugendlich elastischer Gestalt, anmuthig in Haltung und Bewegung. Ihr Gesicht, von dunkelblondem reichem Haar umrahmt, hatte nicht mehr die frischen, rosigen Farben und die kindlichen Züge, welche das neben dem Schreibtisch des Königs hängende große Brustbild der eben vermählten Kronprinzessin zeigte, – aber ein jugendlicher Hauch lag noch immer auf diesem reinen, wohlwollenden und heitern Gesicht, und aus den Augen von dunklem Grau strahlte ein heller, klarer Blick voll Herzensgüte und Lebensfreudigkeit. Heute jedoch war dieser Blick voll Unruhe und Sorge, und mit aufgeregter Stimme rief die Königin, indem sie zu ihrem Gemahl emporblickte:

»Ich sah aus meinem Fenster Graf Platen eilig zu Dir gehen und in dieser Zeit der Angst und Aufregung fürchte ich immer, es könne eine schlimme Nachricht kommen,« sagte sie mit ihrer wunderbar tiefen und biegsamen Altstimme. »Ist es etwas Ernstes?« fügte sie nach einigen Augenblicken hinzu, indem sie ängstlich forschend in das ernste, fast feierliche Gesicht des Königs sah.

Georg V. antwortete:

»Es wäre thöricht, Dir zu antworten, es sei Nichts – Du würdest die Wahrheit doch bald genug erfahren und – eine Königin muß auch die großen Krisen zu überwinden wissen.«

Er legte sanft die Hand auf ihr Haupt.

»Ja, es ist Ernst,« sagte er, – »heute Abend haben wir den Krieg mit Preußen.«

»O mein Gott!« rief die Königin bebend, – »wie ist das möglich – Du wolltest ja für alle Fälle neutral bleiben!« –

»Man stellt mir Bedingungen, die ich nicht annehmen kann, ohne die Würde und Ehre meiner Krone zu verletzen, – ich werde sie ablehnen und dann ist der Krieg erklärt!« sagte der König mit weicher Stimme, wie um seiner Gemahlin diese harte Nachricht milder zugänglich zu machen.

»Entsetzlich!« rief die Königin, – »ist denn gar keine Transaktion möglich, – könnte ich vielleicht etwas thun zur Verständigung!« rief sie, wie von einer plötzlichen Eingebung erfaßt, »die Königin Augusta wird wie ich vor einem solchen wahren Bruderkriege zurückschrecken.«

»Ja, ein Bruderkrieg ist es im eigentlichsten Sinne des Wortes,« sagte der König, – »denn aus manchen Familien steht ein Bruder in meinem, der andere in preußischem Dienst, – aber zu thun ist da nichts mehr, – glaube es mir, – ich bin dessen gewiß und das Einzige ist, daß ich so viel als möglich suchen werde, Blutvergießen hier im Lande zu vermeiden. Graf Platen glaubt zwar noch vermitteln zu können –«

»O hätte er nicht so lange vermittelt!« rief die Königin lebhaft, – »dann wären wir jetzt nicht in dieser schweren Lage, – nach beiden Seiten ohne Halt, – hätte er dann wenigstens nicht Gablenz und seine Truppen fortgehen lassen. Glaube mir, Männchen,« rief sie in innigem Ton, »diese lächelnde Zweiseitigkeit Platen's stürzt uns Alle in's Unglück!«

Der König blickte finster vor sich hin.

»Jetzt ist jedenfalls nichts zu ändern,« sagte er, – »die Situation muß erfaßt werden wie sie ist. – Ich gehe diese Nacht mit Ernst zur Armee, die ich nach dem Süden des Königreiches zusammenberufen will, um wo möglich die süddeutschen Truppen zu erreichen.«

»Und wir, – wohin gehen wir?« rief die Königin ängstlich.

Der König nahm ernst ihr Haupt in beide Hände, drückte einen Kuß auf ihre Stirn und sprach mit unendlicher Milde und Weichheit, aber eben so großer Entschiedenheit:

»Du und die Prinzessinnen – ihr bleibt hier!«

»Hier?!« rief die Königin, in rascher Bewegung einen Schritt zurücktretend, indem ihr Auge erschreckt zu ihrem Gemahl emporsah, – »hier? während der feindlichen Okkupation? – Nimmermehr! das kann Dein Ernst nicht sein!«

»Es ist mein Ernst,« sagte der König, – »und Du, meine Engelskönigin, wirst bei ruhiger Prüfung ganz meiner Meinung sein, – davon bin ich überzeugt.«

Die Königin blickte ihn fragend an und schüttelte leicht den Kopf.

»Ich will meinem Lande,« fuhr der König fort, »die Schrecken des Krieges, meiner Armee einen, der Uebermacht gegenüber vielleicht unnützen Kampf ersparen und sie deßhalb zu den süddeutschen Armeen führen, wo sie Gelegenheit haben wird, mit an der großen Entscheidung theilzunehmen. Mein Platz und der des Kronprinzen ist inmitten der Armee. – Die feindliche Okkupation mit ihren Bedrückungen, Leiden und Schmerzen kann ich aber meinen Unterthanen, den Familien meines Landes nicht ersparen. Sie werden die feindlichen Truppen in der Heimat sehen, sie in ihren Häusern aufnehmen müssen, während ihre Söhne im Felde stehen. – Wie ich mit meinem Sohne das Schicksal meines Heeres theile, so mußt Du, die Königin, mit unsern Töchtern das Schicksal des Landes theilen, das ist unsere königliche Pflicht, – es soll in keiner Familie Hannovers gesagt werden, daß die Familie des Königs anders handelt, als es von den Unterthanen verlangt wird – wir sind mit dem Lande durch tausendjährige Bande verwachsen, wir sind Fleisch von seinem Fleisch und Blut von seinem Blut, – wolltest Du, daß man sagen sollte, die Königin säße fern in ruhiger Sicherheit, während die schwere Zeit auf dem Lande lastet?«

Und seine ausgestreckte Hand suchte seine Gemahlin, während sein Haupt sich nach der Seite richtete, wo er das leise Rauschen ihres Kleides vernahm.

Die Königin hatte die Hände gefaltet, – ihr Auge, auf ihren Gemahl geheftet, hatte den Ausdruck der Angst und des Schreckens verloren und in feuchtem Glanz strahlte es dem Könige entgegen.

Als er geendet, ergriff sie seine suchende Hand, legte seinen Arm um ihre Schultern und schmiegte sich innig an ihn.

»Du hast Recht!« rief sie, – o Du hast Recht wie immer, – Dein großes, edles Herz findet ja immer das Rechte und Wahre. Ja, mein König und Gemahl, ich bleibe hier, getrennt von Dir – aber vereint durch unser Land, unsere Liebe, unsere Pflicht!«

»Ich wußte, daß Du meinen Entschluß billigen würdest,« sagte der König ruhig und freundlich, – »meine Königin konnte nicht anders denken und empfinden wie ich.«

Und in stummer Umarmung standen die königlichen Gatten lange umschlungen, in stillem Weinen legte die Königin ihr Haupt an die mächtige Brust des Königs, und mit leiser Hand fuhr der König sanft hin und her über ihr reiches Haar.

Die Blumen dufteten, die Wasser rauschten draußen, – die Vögel sangen in den Bäumen und die ganze Natur athmete glücklichen Frieden.

Und über all' dem sonnigen Licht, über all' dem Frühlingsduften und Singen stand unsichtbar die finstere Wetterwolke, deren zuckender Strahl bereit war, herabzufahren und all' dieß stille Glück, all' diesen königlichen Glanz zu zertrümmern für immer.

Ein Schlag an die Thür ertönte.

Der König drängte die Königin sanft von sich.

»Die Minister stehen zu Befehl,« meldete der eintretende Kabinetsrath.

»Nun,« sprach der König sanft zu seiner Gemahlin, »laß mich mit den Ministern das Nöthige abmachen, – wir sehen uns nachher!«

»Gott segne Deine Entschlüsse!« sagte die Königin innig.

»Es sind schwere Zeiten, lieber Lex,« fügte sie freundlich hinzu, indem sie an dem tief sich verneigenden Kabinetsrath vorüberschritt – »wäre erst Alles glücklich vorüber!«

Und sie verließ langsam das Kabinet des Königs.

Die Minister traten ein und setzten sich um den Tisch.

Außer Graf Platen, Bacmeister und dem General von Brandis waren hier noch um den König versammelt der Hausminister und Oberhofmarschall von Malortie, ein alter Herr mit kurzem grauen Haar und kleinem faltigen Gesicht, das mit seinem stets unzufriedenen Ausdruck in Verbindung mit der gebückten Haltung, der hohen schwarzen Binde und dem bis zum Halse zugeknöpften Frack weit eher einen unterleibskranken Kanzleirath hätte vermuthen lassen, als den geistvollen Verfasser des an allen Höfen als Autorität geltenden Buches: »Der Hofmarschall wie er sein soll.«

Es war da ferner der Justizminister Leonhardt, der berühmte Gesetzesverfasser, ein einfacher, schlichter Mann mit dünnem Haar und scharfen, intelligenten Zügen, dessen ausdrucksvolles, lebhaftes und durchdringendes Auge von einer silbernen Brille verdeckt war, – der Kultusminister von Hodenberg, ein noch junger, blonder Mann, früher Diplomat und Ministerresident im Haag, und der ebenfalls noch junge Finanzminister Dietrichs, den Graf Platen zum Generalsekretär für einen Minister mit hocharistokratischem Namen vorgeschlagen und den der König mit den Worten ernannt hatte: »Wenn er fähig ist, die Arbeiten zu machen, so soll er auch selbst Minister sein!«

Alle diese Herren traten in tiefem, ernsten Schweigen in das Kabinet des Königs.

Als sie Platz genommen hatten, sprach Georg V.:

»Meine Herren Minister! Seine Majestät der König von Preußen hat mir durch seinen Gesandten an meinem Hofe einen Vorschlag übermachen lassen, um mit ihm ein Bündniß zu schließen, nachdem der deutsche Bund aufgelöst sei. Sie kennen den Vorgang in Frankfurt a. M. Ich vermag zunächst nicht die Auflösung des Bundes durch die Erklärung des preußischen Gesandten als rechtlich vollzogen anzusehen, – leider muß ich aber anerkennen, daß der deutsche Bund tatsächlich gebrochen ist. Ich würde, wie ich hier vor Ihnen wiederhole, bei dem nunmehr zum Unglück Deutschlands unvermeidlich erscheinenden Kriege zwischen Oesterreich und Preußen bereit sein und mich für berechtigt halten, einen Neutralitätsvertrag mit der Krone Preußen abzuschließen. Allein das ist es nicht, was Seine preußische Majestät von mir verlangt. – Graf Platen, ich bitte Sie, die Note des Prinzen Ysenburg zu verlesen.«

Graf Platen las die preußische Sommation langsam vor.

Als er geendet, sprach der König:

»Ich darf voraussetzen, meine Herren, daß Ihnen sämmtlich die preußischen Reformbedingungen, auf Grund deren ich dieß Bündniß eingehen soll, bekannt sind?«

Die Minister bejahten sämmtlich.

»Ich soll also,« sagte der König weiter, »die Kriegsherrlichkeit und das Kommando über meine hannöverische Armee, die Armee von Minden, von Peninsula, von Garcia Hernandez, von Waterloo abgeben und diese Armee würde dann gegen die mit Oesterreich verbündeten deutschen Truppen marschiren müssen. – Ich frage Sie nun, meine Herren Minister, vor Gott, Ihrem Gewissen und auf den mir und dem Lande geleisteten Eid: Kann ich diese Proposition annehmen? Kann ich es als Vertreter der königlichen Rechte meines Hauses? Kann ich es als Vertreter meines Landes? Kann ich es nach der Verfassung des Königreichs? – Antworten Sie zuerst, Graf Platen, als Minister der auswärtigen Angelegenheiten!«

Graf Platen rieb sich leicht die Hände, neigte sich ein wenig vor und zurück – und antwortete: »Nein, Majestät, – es wäre vielleicht –«

Der König unterbrach ihn:

»Und Sie, Herr von Malortie? als Minister meines Hauses?«

Der Oberhofmarschall, welcher noch tiefer als gewöhnlich in seine schwarze Binde und seinen zugeknöpften Frack zusammengezogen dasaß, sagte mit leiser Stimme: »Nein, Majestät.«

»Und Sie, mein Justizminister?«

Der Justizminister Leonhardt antwortete kurz und fest mit klarer Stimme: »Nein!«

»Herr Minister des Innern?«

»Nein, – niemals!« antwortete der Minister Bacmeister.

Die gleiche Antwort gaben die Minister des Kriegs, des Kultus und der Finanzen.

Der König erhob sich. Sämmtliche Minister mit ihm.

»Es ist mir eine große Freude, meine Herren Minister,« sprach Georg V., »zu vernehmen, daß Sie alle auf die preußischen Propositionen nur eine und dieselbe Antwort haben, welche ich nach meiner Auffassung der Rechte meiner Krone und meines Landes sogleich dem Grafen Platen gegeben habe, als er mir die Sommation vorlas. Es ist mir eine große Beruhigung, mich bei diesem wichtigen Entschluß eins zu wissen mit meinem Gesammtministerium, – nicht, meine Herren, daß ich die Verantwortung scheute oder auf Ihre Schulten: zu laden wünschte,« – der König erhob stolz den Kopf, – »aber es ist mir diese übereinstimmende Antwort von Ihnen Allen eine Bürgschaft, daß die Leiden, welchen mein Land in Folge der Ablehnung der preußischen Proposition vielleicht ausgesetzt sein wird, eine unabänderliche und unvermeidliche Schickung Gottes sind. – Wenn Sie aber,« fuhr er fort, »Alle mit mir darüber einig sind, daß ich das mir angetragene Bündniß auf dieser Basis nicht annehmen kann, – so müssen sogleich und ohne Zögern diejenigen Maßregeln getroffen werden, welche die nunmehr sehr ernste Lage erheischt. Ich will die Armee nach Süddeutschland führen und sie zu diesem Zweck sofort im Süden des Königreichs konzentriren. Das Nähere werde ich sogleich mit meinen Generalen festsetzen. Die Königin und die Prinzessinnen bleiben hier und werden das Schicksal des Landes theilen!«

Ein Flüstern der Zustimmung machte sich hörbar.

»Majestät,« sagte der Minister Bacmeister, »darf ich sogleich eine hieher gehörende Entscheidung erbitten?«

»Was ist's?« fragte der König.

»Der General von Manteuffel steht in Harburg,« sagte der Minister, »und verlangt Eisenbahnwaggons, um die preußischen Truppen der ertheilten Erlaubniß zufolge nach Minden transportiren zu können. Die Eisenbahndirektion fragt an, was sie thun soll?«

Der König biß die Zähne zusammen.

»Er will bei der Kriegserklärung mitten im Lande sein!« rief er. »Geben Sie Ordre, daß alle Wagen sofort hieher gesendet werden. Wir werden sie für den Truppentransport gebrauchen.«

»Auch müßten,« sprach der Minister weiter, »unter diesen Umständen die noch versammelten Stände des Königreichs aufgelöst werden, – ich habe, als Graf Platen mir die Lage mittheilte, die Ordre aufgesetzt.« –

»Geben Sie!« rief der König.

Und der Minister legte die Ordre auf den Tisch.

»Der Generalsekretär ist draußen,« sagte er.

»Lassen Sie ihn kommen!«

Der Minister eilte hinaus und kehrte sofort mit dem Generalsekretär des Gesammtministeriums zurück, in dessen Gegenwart der König das Auflösungsdekret vollzog.

»Und nun, meine Herren,« rief er, »jetzt gehen Sie Jeder an's Werk in Ihrem Ressort, den schweren Zeiten entgegenzutreten, und der dreieinige, allmächtige und gerechte Gott gebe, daß ich Sie Alle hier glücklich wieder um mich versammeln könne. Graf Platen und General Brandis bitte ich noch zu bleiben!«

Die übrigen Minister verneigten sich ernst und schweigend und verließen das Kabinet.

»Wollen Sie nun, Graf Platen,« sagte der König, »dem Prinzen Ysenburg die Antwort geben – klar und bestimmt – wie Sie Alle sich ausgesprochen haben!«

»Zu Befehl, Majestät!« sagte Graf Platen, – »Eure Majestät befehlen aber doch, daß die Form verbindlich sei, damit die Möglichkeit von weiteren Verhandlungen nicht ausgeschlossen bleibe –«

»Sie glauben noch an Verhandlungen?!« rief der König, – »artig und höflich soll die Antwort sein,« fuhr er dann fort, – »auch meine Bereitwilligkeit zur Neutralität soll nochmals auf das Bestimmteste ausgesprochen werden, – aber über den Punkt der Reformbedingungen darf kein Zweifel bestehen!«

»Wenn Eure Majestät einverstanden sind,« sagte Graf Platen, »so könnte der Regierungsrath Meding die Antwort abfassen, er wird gewiß keine schroffe Form wählen und bei seiner Gewandtheit in der Wahl der Ausdrücke –«

»Gewiß soll der Regierungsrath Meding die Antwort machen, und ich zweifle nicht, daß er die besten Ausdrücke wählen wird, – wohl aber zweifle ich, daß hier auch die besten Worte einen Erfolg haben können. Senden Sie mir Meding mit der Antwort, sobald sie fertig ist!«

»Zu Befehl, Majestät!« sagte Graf Platen und entfernte sich eilig.

»Sie, mein lieber General,« sprach der König zum Kriegsminister gewendet, »bleiben hier, um mit dem Generaladjutauten und dem Chef des Generalstabes mir die Maßregeln zur Konzentration der Armee vorzuschlagen.«

»Herr Geheimer Kabinetsrath, – sind die Herren Generale da?«

»Sie stehen zu Eurer Majestät Befehl!« erwiederte der Geheime Kabinetsrath.

»Lassen Sie sie eintreten!«

»Ich werde noch einmal wieder jung, Majestät,« sagte der General von Brandis, während der Geheime Kabinetsrath hinausging, »bei dem Gedanken, daß ich mit Eurer Majestät und der Armee in's Feld ziehen soll. Mein Herz schlägt wieder wie zur Zeit des großen Wellington!«

»Damals war Deutschland einig!« sagte der König tief seufzend. –

Während die Generale in Herrenhausen saßen, die Adjutanten in der großen Allee nach der Stadt hin und her flogen und der Telegraph die Ordres an alle Truppenkommandanten im Königreiche trug, war die Stadt Hannover in fieberhafter Aufregung. Auf den sonst so ruhigen Straßen sammelten sich Gruppen von Neugierigen, und lebhaft wurde die Lage der Dinge diskutirt. Tiefe Bestürzung malte sich auf den Gesichtern, wenn irgend ein Eingeweihter die große Nachricht mittheilte: Die Armee marschirt nach Süddeutschland, der König geht fort. – Seit lange war die Stimmung im höchsten Grade antipreußisch gewesen, man hatte es laut getadelt, daß der König die Brigade Kalik und den General von Gablenz fortgehen ließ, man hatte den österreichischen Truppen alle möglichen Ovationen gebracht – und nun, – als man mit einem Male so vor dem wirklichen Kriege stand, als der gewaltige Ernst der Lage an Jeden herantrat, da überkam Unruhe und Besorgniß die Bevölkerung. Und daß der König fortgehen wollte, das machte die guten Hannoveraner vollständig bestürzt.

Sie hatten stets Opposition gemacht, sie hatten stets zu tadeln und zu kritisiren gehabt an Allem, was gethan und nicht gethan war, – aber die »Residenz« ohne den König – das vermochten sie nicht zu fassen, das war etwas Unglaubliches, und schon begannen sich Stimmen zu erheben, welche abermals zu tadeln anfingen: »Der König flieht und läßt uns allein,« – hörte man sagen, »der Feind wird dann gar keine Rücksichten nehmen, man wird uns brandschatzen!«

Freilich hörte man dann wieder: »Die Königin bleibt hier mit den Prinzessinnen, sie wird die Residenz durch ihre Anwesenheit beschützen, eine fürstliche Frau wird man respektiren,« – und Viele fühlten sich beruhigter durch diese Nachricht.

So wogte die Stimmung hin und her, die Verzagten eilten zum Bürgermeister und den Bürgervorstehern, um sie zu einem Schritt beim Könige zu veranlassen, der Seine Majestät bewegen solle, die Stadt nicht zu verlassen, – Andere verlangten eine Konzentration der Truppen um die Residenz, noch Andere wollten die Eisenbahnen zerstören, kurz, man konnte auf den Straßen eine reiche Menge politischer und militärischer Rathschläge hören, von deren jedem Der, welcher ihn ertheilte, überzeugt war, daß seine Befolgung die Stadt und das Land retten würde.

Dazwischen marschirten die Truppen der Garnison von Hannover nach dem Bahnhof und wurden eingeschifft, andere Bataillone und Schwadronen kamen an und wurden nach kurzem Aufenthalt weiter befördert, – Alles geschah im tiefen Geheimniß und das zahlreich den Bahnhof umstehende Publikum erfuhr nichts über die militärischen Dislokationen.

Auf dem großen Platz vor dem Bahnhof stand eine Gruppe Bürger in eifrigem Gespräch, ein kleiner schwarzer Mann mit blassem Gesicht und funkelnden Augen schien die Umstehenden zu beruhigen, kräftige Gestalten aus jener alten mannhaften niedersächsischen Bourgeoisie, welche so unerschrocken ist im Handeln, klar gegebenen Verhältnissen gegenüber, aber welche so leicht Muth und Besonnenheit verliert, wenn unklare, außergewöhnliche und verworrene Zustände sie umgeben. Der norddeutsche und der niedersächsische Charakter insbesondere bedarf der Zeit, um sich zurechtzufinden in neuen und ungewohnten Verhältnissen, er bedarf einer gewissen Gewöhnung, um seine Eigenschaften zur Geltung zu bringen, das Plötzliche, Neue und Ungewohnte erstarrt ihn und lähmt seine Thätigkeit.

So war es auch hier; jene kräftigen Männergestalten mit den groben charaktervollen Zügen standen völlig gebrochen und rathlos da, tiefe Unzufriedenheit und Mutlosigkeit lag auf ihren Gesichtern und diese Unzufriedenheit war völlig bereit, sich gegen die Regierung zu ergießen, denn man war eben gewohnt, die Regierung für Alles verantwortlich zu machen und mit ihr zu schmollen, wenn irgend etwas den langsamen, gewohnten Gang der Tagesstunden störte.

»Aber so seid doch vernünftig!« rief der kleine blasse Mann, lebhaft gestikulirend, »ihr seid doch wahrhaftig keine Kinder mehr, und daß es in Deutschland zu etwas Anderem kommen würde, als zu Reden und Resolutionen beim Bierseidel, das konnte doch in der That jeder vernünftige Mensch voraussehen. – Ueberdem wißt ihr ja noch gar nichts Gewisses von dem, was vorgeht –«

»Das ist eben unrecht!« sagte ein großer korpulenter Mann mit tiefer Baßstimme, »das ist eben unrecht, daß wir nichts wissen, – man könnte uns doch wenigstens bekannt machen, was geschieht, damit der Bürger sein Haus bestellen kann und sich einrichten auf die Zukunft –«

»So wartet doch!« rief der kleine Mann heftig, – »ihr habt gehört, daß die Generale beim König in Herrenhausen sind und die Minister sind noch nicht lange zurück, wollt ihr die Sachen eher erfahren, als sie beschlossen sind? – Es thäte wirklich noth,« sagte er zornig lachend, »daß der König die ganze Stadt und ganz Calenberg in seinen Rath riefe!« –

»Sonntag hat Recht!« sagte ein alter hagerer Mann in einfacher Bürgertracht, mit ausdrucksvollem, verwetterten Gesicht, in jenem kräftigen niedersächsischen Plattdeutsch, das in den mittleren und unteren Klassen der Städte und des Landes noch allgemein gesprochen wird, – »Sonntag hat Recht, – wir müssen abwarten, was geschieht, der König wird uns schon zur rechten Zeit mittheilen, was nöthig ist, – er wird uns so ohne Weiteres nicht verlassen, – es ist ja Ernst August's Sohn,« – sagte er wie beruhigend zu den andern Bürgern, welche ihm aufmerksamer und augenscheinlich mit größerem Vertrauen zuhörten, als dem kleinen, blassen, beweglichen Kaufmann Sonntag.

»Doch,« rief dieser plötzlich, – »da steht der Wagen des Grafen Wedel vor dem Bahnhof!« – und er deutete auf eine offene elegante Equipage, welche vor dem großen Eingange des Bahnhofsgebäudes hielt und deren schöne Pferde das Pflaster scharrten, – »erwarten wir den Grafen, der muß wissen, was vergeht!«

Und mit schnellem Schritt eilte er zu dem Wagen hin, die Andern folgten ihm.

Nach kurzer Zeit trat der Schloßhauptmann Graf Alfred Wedel in der kleinen Dienstuniform aus dem Bahnhofsgebäude.

Erstaunt blickte er auf die dichte Gruppe von Bürgern, welche seinen Wagen umstellt hatte und ihm den Weg versperren zu wollen schien.

»Nun, was gibt es hier?« fragte er freundlich. – »Sie, Herr Sonntag? und sieh' da – auch Ihr, alter Konrades?« – und er trat auf den alten verwetterten Mann zu, der mit Sonntag die Gruppe verlassen und sich ihm genähert hatte, und reichte ihm die Hand.

»Herr Graf,« sagte der alte Hofsattler Konrades, ein Veteran aus den großen Kriegen und besonderer Günstling des Königs Ernst August, der es besonders liebte, sich mit ihm zu unterhalten, und den seine oft äußerst unceremoniösen, ja groben, aber immer treffenden und den Geist des Volkes wiederspiegelnden Antworten stets sehr ergötzten, – »Herr Graf,« – und er drückte den Kaufmann Sonntag, welcher ebenfalls reden wollte, mit kräftiger Hand bei Seite, – »wir sind hier in großer Unruhe und Besorgniß über das, was da werden soll. Wir hören da, hier und dort, daß der Krieg losgehen wird und daß der König fortgeht, und – da sind denn die Bürger unruhig über das Schicksal der Stadt und möchten gern etwas Gewisses wissen.«

»Ja,« rief der Kaufmann Sonntag, indem er sich von des alten Konrades zurückhaltender Hand befreite und hervortrat, »ja, Herr Graf, diese Herren hier sind alle unruhig, beängstigt und bereit, den Muth zu verlieren, ich habe mir alle Mühe gegeben, sie zu beruhigen, – aber es will nicht helfen, ich bitte Sie, Herr Graf, sagen Sie ihnen, was vorgeht und was sie thun sollen.«

Mit gespanntem Ausdruck hingen alle Blicke an dem schönen, kräftigen jungen Mann, der einen Augenblick seinen klaren, ruhigen Blick über die Gruppe schweifen ließ.

»Was vorgeht?« sagte er dann mit lauter, fester Stimme, – »das ist einfach, der Krieg steht vor der Thür und der König rückt mit der Armee in's Feld.«

»Und läßt uns hier in der offenen Stadt zurück?!« murmelte es in der Gruppe.

Ein leichtes Roth flog über die Stirn des Schloßhauptmanns, und ein zorniger Blitz flog aus seinem Auge über die Umstehenden hin.

»Marschirt der hannöverische Soldat etwa nicht in's Feld und läßt seine Familie zu Haus?« rief er, – »die Königin und die Prinzessinnen bleiben hier unter euch – und ich bleibe bei Ihrer Majestät.« –

»Ah!« ertönte es aus der Gruppe, – »wenn die Königin hier bleibt, dann kann es wohl nicht so schlimm um die Stadt aussehen.« –

»Schlimm oder nicht schlimm, die Königin theilt euer Schicksal, wie der König das seiner Soldaten, ist das recht oder nicht? – Antwortet!« rief Graf Wedel.

»Ja!« rief der alte Konrades laut und »ja, ja« tönte es leiser aus der Gruppe.

»Aber,« fuhr Graf Wedel mit ernster und lauter Stimme fort, »ihr habt mich auch gefragt, was ihr zu thun habt!«

Er trat einen Schritt näher an die Bürger heran, so daß er fast umringt von ihnen dastand, und ließ sein Auge blitzend von einem zum andern fliegen.

»Was?« rief er, »hannöverische Bürger sollten nicht wissen, was sie thun sollen, wenn das Land in Kriegsgefahr ist und der König und die Armee in's Feld ziehen? Der alte Konrades hätte es euch sagen können, besser als ich, denn der hat die alten Zeiten gesehen, von denen ich nur erzählen gehört habe. – Die Armee ist auf dem Friedensfuß,« fuhr er lebhaft fort, – »da fehlt es überall, an Bespannung, an Hülfe und Handreichung, die Kanonen vom Zeughause müssen nach dem Bahnhofe geschasst werden – und hannöverische Bürger stehen hier still und zagen und klagen? – Schafft Pferde und Arbeiter, und wo die Pferde nicht ausreichen, da werden wir selbst angreifen, denn ich werde unter euch sein, sobald mein Dienst es erlaubt. – Die Armee soll in's Feld rücken,« fuhr er fort, »und die Verpflegung muß organisirt werden, – sollen die Soldaten hungern? Bildet Komites, schafft herbei, was ihr in Küche und Keller habt, hieher zum Bahnhof, damit es in die Magazine gesendet werde, den ersten Bedürfnissen abzuhelfen. – Und,« rief er weiter, »heute oder morgen können die Truppen auf den Feind stoßen, Verwundete und Kranke wird es genug geben, .– und ihr wollt euren Frauen etwas vorklagen und vorjammern! Laßt sie Bandagen machen und Charpie zupfen, – man wird sie brauchen, – geht zu meiner Frau, sie wird euch Rath geben und sagen, wie Alles einzurichten ist! – Und weiter – wie oft habt ihr Soldaten gespielt mit euren Schützenbataillonen, – jetzt gehen die Truppen fort, – soll die Königin unbewacht in Herrenhausen bleiben? Werden keine hannöverischen Bürger da sein, um die Wache bei ihrer Königin zu beziehen, die der König seiner Residenz anvertraut? – So,« fuhr er langsam fort, – »jetzt habe ich euch gesagt, was ihr zu thun habt, – und es ist so viel zu thun, daß wahrhaftig Niemand Zeit hat, hier müßig zu stehen und ängstliche Gesichter zu machen!«

Die Bürger standen schweigend. Mit triumphirenden, glänzenden Blicken musterte sie der kleine Kaufmann Sonntag.

Der alte Konrades kratzte sich hinter dem Ohr.

»Donnerwetter,« brach er endlich los, – »der Graf hat Recht und eine Schande ist's, daß wir alten Kerls uns das hier von dem jungen Herrn erst sagen lassen müssen. – Aber nun vorwärts!« rief er laut, – »thun wir, was noth thut, vertheilen wir uns und sammeln wir die Bürger, – hier der Sonntag, der versteht das, – er soll die Komites machen, – ich gehe zum Zeughaus.« – Und er trat an den Grafen Wedel heran: »Sie sind echtes hannöverisches Blut, Herr Graf!« sagte er derb, »und Sie haben uns ordentlich die Meinung gesagt, aber es war recht – und Sie sollen sehen, daß die hannöverischen Bürger auf dem Fleck sind – und Du Alter da oben!« rief er, indem er seine Mütze abnahm und zu dem hohen Erzbilde des Königs Ernst August emporsah, das in der Mitte des Platzes dastand, – »Du sollst sehen, daß der alte Konrades und die hannöverischen Bürger zu Deinem Sohne stehen.«

Er reichte dem Grafen die Hand, der sie herzlich schüttelte.

Alle die Bürger umher waren wie durch einen Zauberschlag verwandelt. Verschwunden war aus ihren Gesichtern alle Unruhe und Bangigkeit, hoher Muth und Entschlossenheit leuchtete ans ihren Blicken.

Alle umdrängten den Grafen Wedel, als er in seinen Wagen stieg, und streckten ihm die derben, kräftigen Hände entgegen.

Schnell zogen die Pferde an, der Wagen rollte dahin, der Straße nach Herrenhausen zu. Nach kurzem Gespräch trennten sich die Bürger.

Eine Stunde später war die Physiognomie der Stadt eine völlig veränderte.

Keine flüsternden und zagenden Gruppen standen mehr auf den Straßen, – überall sah man lebhafte, freudige, geordnete Bewegung; Bürger aller Klassen, Arbeiter und Dienstmänner fuhren auf Wagen und Handkarren Waffen aus dem Zeughause zur Bahn, Andere brachten Ladungen von Viktualien aller Art, theils zur Stärkung der durchpassirenden Truppen, theils zur Einschiffung für die Magazine. Die Frauen eilten über die Straßen mit leichtem Schritt und geschäftigen Mienen, um sich zu versammeln und ihre Wirksamkeit zu besprechen; die einflußreichsten Bürgerinnen gingen hinaus vor das Thor zu dem neuen prachtvollen Hause des Grafen Wedel, wo die Gräfin sie empfing und zu einem großen Komite vereinigte.

Der alte Konrades stand am Zeughause, half die Waffen verladen, bald ordnend, bald mit derbem Fluch einen Ungeschickten znrückweisend – und überall, sich vervielfältigend, heiser vom vielen Sprechen, noch blasser als sonst vor Aufregung, aber überall ermuthigend, ordnend, anregend, sah man den Kaufmann Sonntag in hastiger, aber fruchtbarer Geschäftigkeit.

So senkte sich der Abend auf die Stadt hernieder und die Sonne sank herab, welche zum letzten Male dem welfischen König in dem Schlosse seiner Väter geleuchtet hatte.

Es war neun Uhr, als der Regierungsrath Meding ernst und nachdenkend mit der Antwort auf die preußische Sommation in die große, durch zwei Reihen Gaslaternen hell erleuchtete Allee einbog und schnell dem Schloß Herrenhausen entgegenfuhr.

Als er am Portal des Schlosses ausstieg, zeigte nichts die Unruhe und Bewegung, welche überall in der Stadt herrschte. Der Portier stand vor seiner Loge, die Lakaien in den scharlachrothen Livreen gingen mit leisen, unhörbaren Schritten auf dem weiten Vestibüle umher, – nur auf allen Gesichtern lag tiefer Ernst.

Draußen auf dem Hof aber standen bespannte Fourgons mit angezündeten Laternen, welche von Unterbedienten mit Koffern beladen wurden.

Mit ängstlicher Spannung sah die Dienerschaft den ihnen bekannten Vertrauten des Königs zu dieser ungewöhnlichen Stunde in's Schloß treten, aber die strenge Gewohnheit des Dienstes verhinderte jedes Wort, jede hastige Bewegung und nur die besorgten, ängstlichen Blicke tauschten die unruhigen Befürchtungen aus, welche Jeden bewegten.

»Ist der König in seinem Kabinet?« fragte der Regierungsrath.

»Seine Majestät ist bei Ihrer Majestät der Königin.«

Der Regierungsrath stieg schweigend die Treppe zum oberen Stockwerk hinan, auf welcher so oft um diese Stunde glänzende Uniformen und duftige Damentoiletten sich gedrängt hatten und welche jetzt so einsam und still im Lichte der strahlenden Kandelaber dalag.

Vor der Thür zu den Gemächern der Königin saß der alte schneeweiße Kammerdiener Ihrer Majestät in seinem weiten Lehnstuhl, neben ihm stand der Kammerdiener des Königs.

»Melden Sie Seiner Majestät, daß ich da bin!« sagte Herr Meding.

Der Kammerdiener zögerte einen Augenblick.

»Verzeihen Sie, Herr Regierungsrath,« sagte er, »wenn ich mir die Frage erlaube, ob wirklich der Krieg ausbricht und wir die Feinde hier haben werden?«

Der Regierungsrath Meding sah ihn traurig an.

»Es ist Ernst, mein lieber Mahlmann,« sagte er, – »doch melden Sie mich schnell, es ist keine Zeit zu verlieren.«

»O mein Gott, welche Zeiten!« rief der Kammerdiener des Königs, indem er hineinging, und der alte greise Diener der Königin bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Der Regierungsrath folgte dem Kammerdiener durch einen großen Vorsaal und trat unmittelbar darauf in den Salon der Königin.

Hier saß die königliche Familie um den Theetisch.

Der König trug die Generals-Campagne-Uniform und saß freundlich lächelnd und heiter neben der Königin, welche sich alle Mühe gab, die immer von Neuem hervorbrechenden Thränen zurückzudrängen. Neben der Königin saß die junge siebenzehnjährige Prinzessin Marie, eine schmächtige Gestalt mit schön und edel geschnittenen Zügen und großen, blauen, schwärmerischen Augen, – weniger geübt in der Selbstbeherrschung als ihre Mutter, hielt sie die strömenden Thränen nicht zurück und führte oft das Batisttuch an die rothgeränderten Augen. Zur andern Seite des Königs saß seine ältere Tochter, die Prinzessin Friederike; blond, schlank und hochgewachsen wie ihre Schwester, trug sie des Vaters edlen, fürstlichen Ausdruck, und obgleich bescheiden und fern von aller Selbstschätzung, trug sie unwillkürlich in ihrem ganzen Wesen, in jeder Bewegung den Stempel der königlichen Würde ihrer Geburt. Sie weinte nicht, ihr großes, reines, blaues Auge blitzte kühn und stolz, und zuweilen biß sie die schönen Zähne auf die volle, frische Lippe, und wer in ihr Herz hätte sehen können, der hätte gewiß darin den Wunsch gefunden, lieber mit dem Vater hinauszuziehen in's Feld, als hier in Untätigkeit zu Hause zu bleiben und in trauriger Einsamkeit die Nachrichten abzuwarten über das Schicksal der Armee und des Landes.

Gegenüber saß oder lehnte halb zurückgebogen der Kronprinz Ernst August, ein großer, lang aufgeschossener junger Mann von einundzwanzig Jahren. Kein Zug seines Gesichts erinnerte an seinen königlichen Vater. Eine schmale, zurücktretende Stirn war fast ganz von glattem, glänzendem, dunkelblondem Haar bedeckt. Die Nase, an der Wurzel tief eingedrückt, lag fast platt auf dem Gesicht und der große frische Mund öffnete sich mit einer gewissen Schwierigkeit bei den mühsam und langsam gesprochenen Worten. Schöne Zähne, glänzende und gutmüthige Augen gaben der ganzen Erscheinung des jungen Prinzen etwas Sympathisches.

Der Kronprinz trug die Uniform des Gardehusarenregiments, einen blauen Waffenrock mit silbernen Schnüren und biß mit den Zähnen die Nägel der linken Hand, während seine Rechte mit einem kleinen Dachshund spielte, der sich schmeichelnd an ihm aufgerichtet hatte.

Dieß war das Bild, welches sich dem Regierungsrath Meding bei seinem Eintritt darstellte.

Seufzend überblickte er die königliche Familiengruppe und näherte sich dem Könige.

»Guten Abend, mein lieber Meding,« rief Georg V. in seinem gewöhnlichen Ton. – »Sie bringen die Antwort an Preußen, hoffentlich ist sie deutlich und bestimmt?« –

»Ich hoffe Eurer Majestät Willensmeinung wiedergegeben zu haben,« sagte der Regierungsrath sich verneigend.

»Willst Du, daß wir Dich allein lassen?« fragte die Königin.

»Nein!« rief der König, – »euch Alle interessirt diese Sache ebensosehr wie mich. Der Regierungsrath wird die Güte haben, den Entwurf hier vorzulesen. Setzen Sie sich, mein lieber Meding, und lesen Sie.«

»Zu Befehl, Majestät!«

Herr Meding setzte sich dem König gegenüber, öffnete das zusammengefaltete Papier und las den Entwurf.

Der König lehnte sich zurück und bedeckte das Gesicht mit der Hand, wie es seine Gewohnheit war, wenn er aufmerksam einem Vortrag folgte.

Die Königin und Prinzeß Marie weinten leise, Prinzessin Friederike folgte mit gespannter Aufmerksamkeit und leuchtenden Augen jedem Wort.

Der Kronprinz spielte mit seinem Dachshund.

Langsam und mit scharfer Betonung las der Regierungsrath, nach jedem Satz anhaltend, den Entwurf vor.

Derselbe setzte in sehr ruhigen, gemäßigten Ausdrücken die Gründe auseinander, aus denen der König das auf die Reformbedingungen des Bundes gestützte Bündniß nicht annehmen könne, wiederholte die bestimmteste Versicherung der Neutralität, fügte die Erklärung hinzu, daß der König niemals gegen eine deutsche Macht fechten werde, es sei denn, daß die Grenzen des Königreichs angegriffen und er zur Vertheidigung gezwungen werde, und fügte den Ausdruck der Hoffnung hinzu, daß das so erwünschte bundesfreundliche Verhältniß zwischen Preußen und Hannover auch in diesen Tagen ungetrübt bestehen bleiben werde.

Schweigend hatte der König bis zu Ende zugehört.

Als der Regierungsrath geendet, erhob er das Haupt und sagte:

»Sie haben meine Gedanken auch dießmal vortrefflich wiedergegeben. Ich wüßte nichts hinzuzufügen und nichts davonzunehmen. – Müßte aber nicht,« sagte er nach einem augenblicklichen Nachdenken, »die Ablehnung noch etwas bestimmter und schärfer ausgedrückt werden, damit man nicht etwa auf die Idee kommt, ich wolle noch über jene Reformvorschläge in Verhandlungen treten? Das wäre nicht würdig und nicht ehrlich gegen Preußen!«

»Ich glaube, Majestät,« erwiederte der Regierungsrath, »daß über diesen Punkt die Fassung der Antwort keinen Zweifel übrig läßt. Den versöhnlichen und ruhigen Ton im ganzen Ausdruck werden aber Eure Majestät gewiß billigen, denn Allerhöchstdieselben wollen ja, wenn es irgend möglich ist, den Frieden erhalten.«

»Ja gewiß,« rief die Königin lebhaft.

»Wenn es möglich ist,« fügte der König hinzu, indem er tief Athem holte.

»Ich bitte, mein lieber Regierungsrath, lesen Sie den Entwurf noch einmal; verzeihen Sie, daß ich Sie so sehr quäle – aber die Sache ist ja wichtig genug, um sie zweimal zu überlegen.«

»O ich bitte, Majestät,« sagte der Regierungsrath und las die Antwort nochmals langsam vor.

»Es ist gut so,« rief der König, als er geendet, – »ich habe nichts auszusetzen. – Was sagst Du dazu,« fuhr er fort, sich zur Königin wendend, – »hast Du etwas zu bemerken? – ich bitte Dich – und euch Alle um eure Meinung, – ihr seid ja Alle im höchsten Grade dabei interessirt!«

»Es muß ja sein« – sagte die Königin mit ersticktem Weinen.

»Und Du, Ernst,« fragte der König, »hast Du etwas zu bemerken?«

»Nein!« erwiederte der Kronprinz seufzend, indem er seinen Dachshund auf den Schooß hob und ihm den Kopf streichelte.

»Und ihr Beiden?« fragte der König.

»Nein!« erwiederte Prinzeß Friederike, indem sie stolz den Kopf erhob, – und »nein« hauchte schluchzend ihre jüngere Schwester.

»Nun also ist die Sache erledigt!« rief der König fast heiter. »Ich habe,« fuhr er, sich an den Regierungsrath Meding wendend, fort, »auf den Vortrag meiner Generale befohlen, daß die Armee sich in Göttingen konzentriren soll, um von da nach dem Süden zu marschiren, und werde um zwei Uhr dahin abgehen. Ich bitte Sie, mein lieber Meding, zum General Brandis und zum Grafen Platen zu fahren und dieselben aufzufordern, um zwei Uhr zur Abreise bereit auf dem Bahnhof zu sein. Sie selbst bitte ich, sich ebenfalls bereit zu machen und mich zu begleiten, – ich werde Ihrer bedürfen, – Sie werden wenig Zeit haben?« fügte er freundlich hinzu.

»O vollkommen genug, Majestät,« erwiederte der Regierungsrath.

»Ich glaube,« sagte der König zu seinem Sohne, »Du wirst die nöthigen Befehle geben müssen, daß nichts von Deiner Feldadjustirung vergessen wird. – Und Sie, mein lieber Regierungsrath, – geben Sie die Antwort, damit ich sie paraphire.«

Der Regierungsrath Meding nahm von dem nebenstehenden Schreibtisch der Königin eine Feder, reichte sie dem König und legte dessen Hand auf den weißen Rand des gebrochenen Papiers.

Mit festem, kräftigen Zug schrieb der König seine Chiffre G. R.

»Setzen Sie darunter,« sagte er, »die genaue Zeitangabe, damit man später sich erinnern könne, wann ich dieß entscheidende und bedeutungsvolle Schriftstück vollzogen habe.«

Der Regierungsrath sah nach seiner Uhr. Sie zeigte zwölf Uhr zehn Minuten.

Er schrieb den Vermerk unter den Namen des Königs.

»Und nun bitte ich Eure Majestät um die Erlaubnis, zurückzukehren,« sagte er, »denn die Zeit ist gemessen. – Erlauben nun Eure Majestät,« fügte er hinzu, sich an die Königin wendend, »Ihnen meine treuesten und innigsten Wünsche für die schweren bevorstehenden Tage auszusprechen. Gott segne Eure Majestät und führe Alles glücklich vorüber!«

Die Königin neigte das Haupt, indem sie das Gesicht mit dem Tuch bedeckte.

»Auf Wiedersehen!« rief der König, und mit tiefer Verneigung verließ der Regierungsrath das Zimmer.

Im großen Vorsaal begegnete er einem jungen Mann in der Uniform der Garde du Corps, groß und schlank gewachsen, mit freundlichen, lächelnden Zügen und offenen, klaren Augen, – es war der Prinz Georg von Solms-Braunfels, des Königs Neffe.

Er reichte dem Regierungsrath die Hand und rief:

»Nun, lieber Meding, ist Alles entschieden, ist der Krieg beschlossen?«

»Ich trage die Antwort auf die preußische Note zurück!« sagte der Regierungsrath ernst, indem er auf das gefaltete Papier in seiner Hand deutete.

Der Prinz blickte einen Augenblick nachdenklich zu Boden.

»Wissen Sie,« sagte er dann, – »wie Sie mir vorkommen? – Wie Dawison, der Sekretär der Königin Elisabeth, der das Todesurtheil fortträgt!«

Wehmüthig lächelnd antwortete der Regierungsrath: »Allerdings ist es ein schweres Blatt Papier, das da in meiner Hand liegt, – ein Todesurtheil vielleicht für viele tapfere Herzen, die heute noch fröhlich schlagen, – aber Gott sei Dank ist es nicht in meine Verantwortung gegeben, – ich habe nur meine Pflicht zu erfüllen, welche mich schmerzlicher berührt, als irgend Jemand. – Auf Wiedersehen in Göttingen, Prinz,« sagte er, sich mit schnellem Händedruck verabschiedend, – eilte die Treppe hinab und stieg in seinen schnell vorfahrenden Wagen.

Als er aus dem hellerleuchteten, goldverzierten Gitterthor des äußern Hofes fuhr, begegnete ihm eine lange Reihe Wagen, die nach dem Schlosse zu fuhren.

Es waren der Magistrat und die Bürgervorsteher der Residenz, welche kamen, um von dem König Abschied zu nehmen. Als die lange Wagenreihe aus der Allee her heranfuhr, dunkel abstechend gegen die Beleuchtung des Thors, machte sie den Eindruck eines langen schwarzen Leichenzuges – und unwillkürlich unter diesem Eindruck zusammenschauernd, lehnte sich der Regierungsrath in seinen Wagen zurück und fuhr in tiefen Gedanken der Stadt zu.

Während dieß im Schlosse zu Herrenhausen vorging, saß der Staatsminister Graf Platen in seinem Kabinet in dem großen Seitenflügel des königlichen Marstalls, den er bewohnte.

Eine kleine Lampe erleuchtete den mit Papieren und Briefen bedeckten Schreibtisch, vor welchem der Graf saß und das Haupt sinnend in die Hand gestützt hatte.

»Sollte es wirklich keinen Ausweg mehr geben?« rief er endlich, indem er aufstand und das Zimmer durchschritt, – »sollte die schöne Position, welche wir hatten, nicht wiederzugewinnen sein?«

Er blickte nachdenkend zum Fenster hinaus in die warme, sternenklare Sommernacht.

»Die Konzentration der Armee ist gut,« sagte er, – »das zeigt unseren ernsten Willen, uns nicht unbedingt zu unterwerfen, – daß der König abreist, ist auch gut, – das erleichtert die Unterhandlungen. – Nun, ich glaube,« rief er mit leichterem Ton, »man wird sich besinnen in Berlin, nachdem man diesen Schreckschuß abgefeuert hat, und wird zufrieden sein, wenn wir die Neutralität annehmen. – Jetzt sind wir ja auch gezwungen, – man kann uns in Wien nichts vorwerfen – und wenn Oesterreich siegt!« – Ein freudiges Lächeln flog über seine Züge und vor seinem Geiste schienen sich weite und lachende Bilder der Zukunft zu entrollen. –

Die Uhr auf seinem Schreibtisch schlug mit hellem Ton zwölf Schläge.

»Prinz Ysenburg!« meldete der eintretende Kammerdiener.

»Jetzt, um diese Stunde?« rief Graf Platen zusammenfahrend.

Und schnell aufstehend trat er dem preußischen Gesandten entgegen, welcher langsam und ernst in der geöffneten Thür erschien.

»Was bringen Sie Gutes zu später Stunde, lieber Prinz?« fragte er.

»Ob ich Gutes bringen kann, weiß ich nicht!« antwortete der Prinz, ein kleiner, schmächtiger Mann von zweiundfünfzig Jahren, mit feinem, zierlich geschnittenen Gesicht und kleinem schwarzen Schnurrbart – indem er seine schwarzen Augen mit traurigem und fragendem Ausdruck auf den Grafen Platen richtete. – »Zunächst,« fuhr er fort, »muß ich mir Ihre Antwort auf meine heute Vormittag übergebene Note erbitten, die ich angewiesen bin, bis zum Abend des heutigen Tages mitzutheilen. – Sie sehen,« sagte er, seine Uhr hervorziehend, »daß ich meiner Instruktion die weitest mögliche Ausdehnung gebe, – es ist zwölf Uhr, der Tag ist zu Ende.«

»Mein lieber Prinz,« sagte Graf Platen, »ich habe die Note sogleich dem Könige mitgetheilt und die Antwort ist in diesem Augenblick bei Seiner Majestät; ich erwarte sie jeden Augenblick zurück und zweifle nicht, daß wir uns leicht verständigen werden.«

Der Prinz schüttelte leicht den Kopf.

»Wenn die Antwort noch bei Seiner Majestät ist, so müssen Sie dieselbe doch kennen und ich muß« – er betonte dieß Wort – »Sie dringend bitten, mir den Inhalt mitzutheilen. – Ist die Proposition angenommen, sind Sie beauftragt, das vorgeschlagene Bündniß abzuschließen?«

»Sie werden einräumen,« sagte Graf Platen, »daß tiefgreifende Vorschläge, wie die Reformbedingungen des Bundes, eine Diskussion verlangen, zu welcher die Zeit –«

»Ich bitte Sie dringend, Graf Platen,« sagte der Prinz, – »geben Sie mir nur auf den einen Punkt eine bestimmte Antwort, – auf Erörterungen mich einzulassen, habe ich keine Befugniß – hat der König das Bündniß angenommen oder nicht?«

»Nein –« sagte Graf Platen etwas zögernd, – »aber –«

»Dann erkläre ich Ihnen den Krieg!« sagte Prinz Ysenburg mit feierlichem Ernst.

Graf Platen blickte ihm starr in's Gesicht.

»Aber mein lieber Prinz –« rief er.

»Sie werden begreifen,« sagte Prinz Ysenburg, »daß mir nach der eben abgegebenen Erklärung einzig und allein nur übrig bleibt, mein tiefes persönliches Bedauern auszusprechen, daß unsere langjährigen Beziehungen, an welche ich stets mit Freude zurückdenken werde, ein so trauriges Ende haben nehmen müssen. – Leben Sie wohl und bewahren Sie mir, wie ich Ihnen, ein freundliches Andenken!«

Und er reichte dem Grafen Platen die Hand, die dieser mechanisch ergriff, und ehe der Minister sich noch von seinem Erstaunen erholt, hatte der Gesandte bereits das Zimmer verlassen.

Kurze Zeit darauf trat der Regierungsrath Meding bei ihm ein und fand ihn noch unter dem Eindruck dieser Szene. Er brachte dem Minister den Befehl des Königs zum Aufbruch nach Göttingen und dieser theilte ihm die Kriegserklärung mit.

»Haben Sie noch immer daran gezweifelt?« fragte der Regierungsrath.

»Ich hielt es für unmöglich!« sagte Graf Platen, »doch hoffe ich, daß sich in Göttingen noch etwas thun lassen wird.«

»Es wird sich nichts thun lassen, als so schnell als möglich nach Süddeutschland zu marschiren!« sagte der Regierungsrath, überließ den Minister seinen Reisevorbereitungen und entfernte sich schnell, um den General Brandis aufzusuchen.

Mit dem berliner Kurierzug war Herr Beckmann in Hannover angekommen und erfuhr zu seinem großen Mißvergnügen, daß er die durch Truppentransporte schon sehr verzögerte Reise erst fortsetzen könne, nachdem verschiedene Militärzüge, welche auf dem Bahnhofe formirt wurden, abgelassen sein würden.

Es war zwei Uhr Morgens.

Mißmuthig schlenderte er auf dem Perron hin und her, wickelte sich fröstelnd in seinen weiten Reisemantel, rauchte seine Cigarre und blickte auf das geschäftige Treiben der Bahnhofsbeamten.

Da fuhr ein rangirter Zug mit pfeifender Lokomotive dicht am Perron vor, von wenigen Wagen gebildet, in der Mitte der große, in reicher Vergoldung glänzende königliche Salonwagen, von der Krone überragt.

»Was ist das?« fragte Herr Beckmann einen der geschäftig hin und her eilenden Schaffner.

»Der König geht nach Göttingen,« antwortete dieser und eilte weiter.

Herr Beckmann trat an den Salonwagen und betrachtete denselben.

»Also richtig,« sagte er, »der König geht wirklich fort, – aber,« fuhr er fort, »wie eine Flucht sieht das noch nicht aus, – die Soldaten wenigstens scheinen gar keine Lust zum Fliehen zu haben.«

Der Perron füllte sich trotz der frühen Morgenstunde mehr und mehr mit Menschen, welche still und ruhig daher kamen und erwartungsvoll auf den königlichen Zug blickten.

Da öffneten sich die großen Thüren der königlichen Wartezimmer und man konnte in denselben die Minister, eine Anzahl von Generalen, die Hofchargen, den Geheimen Kabinetsrath und den Regierungsrath Meding erblicken.

Alles verhielt sich schweigend und ernst.

Man hörte das Heranrollen mehrerer Wagen.

Eine Bewegung entstand unter den Herren in den Wartesälen und das Publikum auf dem Perron drängte sich zu den offenen Thüren.

Man sah den König eintreten in der Generalsuniform, gestützt auf den Arm des Kronprinzen, in der Uniform der Gardehusaren. Ihm folgten die Flügeladjutanten Oberstlieutenants von Heimbruch und von Kohlrausch, und der Rittmeister Graf Wedel.

Der König begrüßte ernst die zum Abschiede Versammelten, unterhielt sich mit den einzelnen Herren und reichte ihnen die Hand.

Der Generaldirektor der Eisenbahn trat ein und meldete, daß der Zug bereit stehe.

Der König und der Kronprinz traten auf den Perron und schritten zu dem geöffneten Wagen.

Alle Häupter entblößten sich und ein dumpfes Murmeln ging durch die versammelte Menge.

Dem Könige folgten die Herren seiner Begleitung. Die Menge drängte dicht an den Wagen heran.

Da erschien Georg V. am mittelsten Fenster, beugte sich heraus und sprach mit seiner lauten, klaren Stimme:

»Ich sage den Bürgern meiner Residenz Lebewohl, indem ich zu meiner Armee mich begebe, um einen ungerechten Angriff zurückzuweisen. Meine Königin und die Prinzessinnen vertraue ich eurem Schutze an, sie werden euer Schicksal theilen. Gott sei mit euch und unserer gerechten Sache!«

»Hoch lebe der König!« rief es aus der Menge, »auf Wiedersehen, auf Wiedersehen! Gott segne Eure Majestät!« – Tücher wehten und die Hüte hoben sich hoch in die Höhe.

In der vordersten Reihe aber stand Herr Beckmann, Thränen glänzten in seinen Augen, hoch erhob er seinen Hut und seine Stimme fiel laut in den allgemeinen Ruf ein, den die Bürger Hannovers dem scheidenden Könige nachriefen.

Langsam setzte sich der Zug in Bewegung, die Lokomotive pfiff, – schneller rollten die Räder, – noch ein allgemeiner lauter Ruf: »Auf Wiedersehen!« und dahin brausten die Wagen, – der König hatte die Residenz verlassen.

Langsam entfernten sich die Generale und Hofchargen, langsam und schweigend zerstreute sich die Menge und nachdenklich schritt Herr Beckmann wieder auf dem einsamen Perron hin und her.

»
Tiens, tiens,« sagte er zu sich selbst, – »
voilà revers de la medaille. Was wird dieser Krieg Alles zerstören, – wie tief schneidet er in das menschliche Leben in seinen Höhen und Tiefen! – Große Entscheidungen liegen im Schooße der heranrollenden Zukunft – ja, – aber auch Thränen, – ist doch selbst mein Auge feucht geworden bei diesem Abschied des Königs von seinem Volk. – Nun, was geschehen soll, wird geschehen, der Einzelne kann nichts dazu und nichts davon thun, – das Verhängniß reißt uns Alle fort!«

»Der Zug nach Köln wird abgelassen,« sagte ein Schaffner, an ihn herantretend.

»Endlich!« rief Herr Beckmann freudig aufathmend, und bald führte ihn die zischende und pfeifende Lokomotive davon.

Zwölftes Kapitel.

König Georg V. war am 16. Juni früh Morgens in Göttingen angekommen und zu ihrem großen Staunen und nicht geringer Bestürzung erfuhren die Einwohner, welche am Abend vorher noch kaum einen wirklichen Begriff von dem hohen Ernst der Lage gehabt hatten, daß der Krieg ausgebrochen, der König im Gasthofe zur Krone angekommen und die Armee in der Zusammenziehung nach Göttingen begriffen sei.

Die Stadt der alten Georgia Augusta hatte kaum jemals so viel buntes und geräuschvolles Leben in ihren Mauern gesehen.

Unaufhörlich rückten durch die Thore der Stadt oder vom Bahnhofe her neue Truppen an und bezogen theils Quartiere in der Stadt, theils in den Dörfern der Umgebung.

Alle Soldaten hatten sich mit frischen Eichenreisern geschmückt, klirrend zogen die stolzen, herrlich berittenen Kavallerieregimenter heran, rasselnd rollten die Batterieen über das Pflaster und lustige Lieder erklangen von allen Seiten aus den Reihen der kriegesmuthigen Schaaren.

Vor dem Gasthofe zur Krone war ein reges Leben. Ordonnanzen von den rothen Leibhusaren hielten dort, der Befehle gewärtig, Adjutanten kamen und gingen, Lakaien eilten geschäftig hin und her, Gruppen von Bürgern standen versammelt in leisem, flüsternden Gespräch und blickten neugierig hinauf nach den mittleren Fenstern des ersten Stockwerks, wo der König wohnte.

Wenn aber ein neues Regiment anrückte und kurz vor dem Anmarsch an das Hotel die Klänge des God save the King ertönten, dann öffnete sich oben das Fenster und der König erschien an demselben in der Generalsuniform und der Feldmütze, ernst und still, freundlich herabgrüßend zu den Truppen, die daherzogen, um seinem Feldruf zu folgen und deren Fahnen sich neigten vor dem königlichen Kriegsherrn. Jubelnd und brausend aber stieg der althannöverische Hurrahruf empor, daß die Fenster klirrten und das Herz des Königs freudiger schlug, denn man konnte es hören, daß dieser Ruf aus dem Herzen drang und daß die Soldaten, welche mit demselben ihren König begrüßten, ihr Blut freudig vergießen würden zu seiner Vertheidigung.

Gegen neun Uhr erschien der Senat der Universität, geführt von dem Prorektor, dem berühmten Staatsrechtslehre Zachariä, in den schwarzen Talaren mit der Verbrämung in den Farben der Fakultäten, und die fast priesterlich dunkle Tracht der Vertreter der Wissenschaft, welche in dem Kriegsgetümmel den König zu begrüßen kamen, mischten sich mit den bunten, glänzenden Uniformen und trugen dazu bei, dem lebensvollen, wechselnden Bilde neuen Reiz zu verleihen.

Der König hatte die Professoren empfangen, hatte mit dem Generaladjutanten und dem General Gebser, welchen er zum Kommandeur der Armee bestimmt hatte, gearbeitet und saß allein in seinem Zimmer.

Sein Gesicht war bleich und ermüdet von der Unruhe und Aufregung des vergangenen Tages und der schlaflosen Nacht, aber hoher Muth und unbeugsame Entschlossenheit leuchtete aus seinen Augen.

Der Kammerdiener öffnete die Thür und meldete den Kronprinzen.

Freundlich lächelnd streckte der König seinem Sohne die Hand entgegen, welche dieser ehrerbietig küßte.

»Hast Du etwas geschlafen?« fragte der König.

»Wenig,« antwortete der Prinz, dessen Gesicht heute unter dem Eindruck des bewegten, rauschenden Treibens um ihn her etwas mehr Leben zeigte als sonst, – »ich habe mit vielen Offizieren der heranziehenden Truppen gesprochen.«

»Ein herrlicher Geist in der Armee, nicht wahr?« rief der König freudig bewegt, »es macht mich überaus glücklich, mich von solchen Truppen umgeben zu wissen!«

»Ja,« antwortete der Prinz zögernd, – »der Geist ist vortrefflich, – aber –«

»Was aber?« fragte der König gespannt und befremdet, – »hast Du irgend etwas bemerkt, das mit diesem Geist nicht übereinstimmte?«

»Der Geist ist ganz vortrefflich, Papa,« erwiederte der Kronprinz langsam und etwas mit der Stimme anstoßend, als ob er die Worte nicht recht finden könne, – »aber – aber es ist kein rechtes Vertrauen in die Führung da!«

»Kein Vertrauen in die Führung!« rief der König lebhaft aufstehend, – »beim Beginn des Feldzuges, – das wäre ja sehr schlimm!«

Er schwieg einen Augenblick.

»Bist Du dessen sicher?« fragte er, – »wer hat Dir das gesagt?«

»Viele Offiziere antwortete der Prinz, »vom Generalstab, – die Adjutanten, – und man hat mich dringend gebeten, es Dir zu sagen.«

»So?« fragte der König, – »und zu wem hat man kein Vertrauen, – hat man die Namen genannt?«

»Doch,« sagte der Prinz, – »man glaubt nicht, daß der General Gebser die richtige Energie für das Kommando im Felde habe, – auch sei sein Name nicht populär unter den Truppen, und auch General Tschirschnitz sei zu alt für die Strapazen des Krieges und zu sehr in den aktenmäßigen Bureaudienst eingelebt –«

Mit rascher Bewegung ließ der König seine Hand über den vor ihm stehenden Tisch gleiten und bewegte heftig die darauf stehende Glocke.

»Der Flügeladjutant vom Dienst!« befahl er dem eintretenden Kammerdiener.

Unmittelbar daraus trat der Flügeladjutant Rittmeister Graf Wedel, der Bruder des Schloßhauptmanns, in das Zimmer.

»Eure Majestät befehlen?«

»Mein lieber Wedel,« sagte der König, »der Kronprinz theilt mir soeben, wie das seine Pflicht ist, mit, daß unter den Offizieren und den Truppen das Vertrauen zu dem General Gebser fehle, welchem ich das Kommando über die Armee zu übertragen beschlossen habe, und daß auch der Generaladjutant nicht das nöthige Vertrauen habe. Der Augenblick ist ernst, – sagen Sie mir als Offizier und mein Flügeladjutant bei Ihrem Eid und Ihrer Pflicht, was Sie darüber wissen.«

Graf Wedel, eine schöne, kräftige Männergestalt mit kurzem schwarzen Haar und schwarzen Vollbart, richtete sein großes, dunkles Auge voll und offen auf den König und antwortete mit fester, klarer Stimme:

»Was Seine Königliche Hoheit Eurer Majestät gesagt hat, ist, soweit ich Gelegenheit gehabt, mich über die Stimmung zu orientiren, – die volle Wahrheit!«

Der König saß einen Augenblick nachdenklich.

»Und Sie haben das von ernsten und tüchtigen Offizieren gehört?« fragte er.

»Von den Offizieren des Generalstabes,« erwiederte Graf Wedel, »und mehreren andern Offizieren, die ich zu sprechen Gelegenheit gehabt.«

»Und wer würde das Vertrauen der Armee als ihr Führer haben?«

»Der Generallieutenant von Arentschildt!« erwiederte Graf Wedel ohne zu zögern.

»Ich danke Ihnen,« sagte der König ernst, »bitten Sie den General von Brandis und Graf Platen, zu mir zu kommen.«

»Zu Befehl, Majestät!«

Und in militärisch dienstlicher Haltung verließ Graf Wedel das Zimmer.

»Das ist schlimm – sehr schlimm!« sagte der König ernst und traurig, »denn eine Armee, die kein Vertrauen zu ihren Führern hat, ist halb geschlagen, – gut aber, daß ich noch zu rechter Zeit davon erfahren habe.«

Der Kronprinz war an's Fenster getreten und blickte zu den bunten Gruppen auf der Straße herab.

Die beiden Minister traten ein.

General von Brandis, lächelnd und ruhig wie immer, Graf Platen bleich und abgespannt.

»Meine Herren,« sagte der König, »ich höre, daß die Persönlichkeiten des Generaladjutanten und des von mir gewählten Kommandeurs der Armee nicht das volle Vertrauen der Truppen haben.«

Er hielt inne.

»Es ist leider so, Majestät, – ich habe dasselbe hier von allen Seiten gehört,« sagte Graf Platen.

»Und Sie, General Brandis?«

»Majestät,« sagte der General mit seiner ruhigen Stimme, – »ich habe viele ähnliche Aeußerungen hier gehört, wie ich nicht leugnen kann, indeß, wenn man auf alle solche Aeußerungen, die in so aufgeregter Zeit gemacht werden, entscheidendes Gewicht legen wollte, so müßte man oft das Kommando wechseln. – Die Hauptsache scheint mir, daß gut kommandirt und rasch vorwärts gegangen wird.« –

»Ich gebe gewiß nicht viel auf das, was hie und da gesprochen wird,« sagte der König, »indeß dieß scheint mir ernst zu sein und ich möchte wahrlich nicht, daß die Armee ohne Vertrauen zu ihren Führern in's Feld rückte!«

»Gewiß, Majestät, ist die Sache ernst,« sagte Graf Platen, – »es ist mir peinlich,« – fuhr er fort, »hier in militärischen Dingen, die nicht zu meinem Ressort gehören, eine Meinung auszusprechen und Eure Majestät wissen, daß ich mich nicht durch Aeußerungen, die von einer oder der andern Seite kommen, beeinflussen lasse –«

General Brandis lächelte leicht.

»Hier aber,« fuhr Graf Platen fort, – »liegt doch gewiß ein Fall vor, in welchem man den Aeußerungen der allgemeinen Stimmung Rechnung tragen muß.«

»Haben Sie auch den Generallieutenant von Arentschildt nennen hören?«

»Er wird allgemein genannt, Majestät!« erwiederte Graf Platen.

General Brandis schwieg.

»Ich kenne Arentschildt wenig!« sagte der König nachdenklich, – »was denken Sie über ihn, General Brandis?«

»Herr von Arentschildt ist ein tüchtiger General und ein ehrenhafter Charakter,« sagte der Kriegsminister.

»Halten Sie ihn für den Mann, um die Armee glücklich hindurchzuführen?« fragte der König.

»Majestät, die Probe für einen General ist der Erfolg, – ich bin ein alter Feldsoldat und beurtheile den Soldaten nur im Felde.«

Der König stützte den Kopf in die Hand und saß lange schweigend da.

Endlich richtete er sich empor.

»Es gilt die Zukunft meines Hauses und meines Königreichs,« sprach er ernst – »ich opfere alle persönlichen Wünsche und Rücksichten, wo jene großen Interessen in Frage kommen, – niemals würde ich es mir verzeihen, wenn durch einen begangenen Fehler der Erfolg in Frage gestellt würde, – es ist keine Zeit zu verlieren, – der Entschluß muß gefaßt werden. – Mein armer, braver Tschirschnitz,« sagte er leise, das Haupt schüttelnd, – »es wird ein harter Schlag für ihn sein. – Wen würde man denn als Generaladjutanten mit Vertrauen begrüßen?« unterbrach er sich.

»Man nennt den Oberst Dammers, Papa,« sagte der Kronprinz, der wieder vom Fenster zurückgetreten war und sich dem Könige genähert hatte.

»Oberst Dammers?« fragte der König.

»Ein tüchtiger und energischer Offizier,« sagte der General Brandis, »ein Mann der That und des Entschlusses!«

»Ich habe mich mit ihm unterhalten,« sagte Graf Platen, – »es ist ein sehr verständiger und intelligenter Mann, – ich habe ihm die Politik der letzten Zeit entwickelt und er sah vollständig deren Richtigkeit ein, – ich glaube –«

»Ist der Oberst hier?« fragte der König.

»Er war soeben im Hause,« antwortete der Kronprinz.

Der König klingelte.

»Ich lasse den General Gebser und den Generaladjutant von Tschirschnitz bitten,« sagte er seufzend.

Beide Herren traten ein.

General Gebser, eine hohe, elegante Gestalt mit kühnem Gesichtsschnitt, freiem Blick, leicht ergrauend an Haar und Schnurrbart; der Generaladjutant von Tschirschnitz trug einige Papiere in der Hand.

»Mein lieber General Gebser und Sie, mein Generaladjutant!« sagte der König mit bewegter Stimme, »ich habe ein ernstes Wort mit Ihnen zu reden und einen neuen Beweis Ihres Patriotismus und Ihrer Hingebung für mich und mein Haus von Ihnen zu fordern.«

General Gebser blickte den König gerade und frei an, der alte Generallieutenant von Tschirschnitz richtete seinen Blick erstaunt von dem Papier, das er in der Hand trug, auf seinen Herrn, als begriffe er nicht, welche Beweise der Hingebung man von ihm noch erwarten könne.

»In einer Stunde wie diese,« fuhr der König fort, »ist ein offenes, ehrliches Wort nothwendig. Ich höre, daß die Armee die Wahl, welche ich getroffen, indem ich Ihnen, mein General Gebser, das Oberkommando zu übertragen beschlossen, nicht mit der freudigen Zustimmung ausgenommen hat, welche sie verdient, und daß ein anderer Name populärer unter den Reihen der Soldaten ist. Auch,« fuhr er fort, »höre ich, daß die Sorge allgemein ausgesprochen wird, Sie, mein lieber Generaladjutant, könnten bei Ihren vorgerückten Jahren zu sehr von den Strapazen dieses ohne Zweifel überaus mühevollen und anstrengenden Feldzuges angegriffen werden und es könnte dadurch vielleicht eine Unterbrechung des Dienstes eintreten, welche mitten im Marsch verhängnißvoll werden könnte. – Meine Herren,« sagte er leiser, indem er den Kopf vorbeugte, als wolle er durch die sein Auge verhüllenden Schleier den Eindruck wahrnehmen, welchen seine Worte hervorbrachten, – »Sie wissen, daß ich stets bereit bin, meine Person und alle persönlichen Rücksichten der Sache meines Landes zum Opfer zu bringen, – ich weiß, Sie denken wie ich und ich darf von Ihren treuen Herzen ein gleiches Opfer erwarten. Ich, Ihr König, der Ihre Verdienste und Gesinnungen hoch anerkannt und stets anerkennen wird, – ich bitte Sie, dieß Opfer zu bringen.«

Der König schwieg, – ein tiefer Athemzug drang aus seiner Brust herauf.

Der General Gebser hob den Kopf stolz empor, ein Lächeln zuckte über seine Lippen. Bleich, aber ohne zu zögern, trat er einen Schritt gegen den König vor und sprach mit fester Stimme:

»Es war meine Pflicht, Majestät, auf meines Königlichen Kriegsherrn Befehl die Armee gegen den Feind zu führen und meinen Degen zur Verteidigung des Vaterlandes zu ziehen. Es ist ebenso meine Pflicht, wenn Eure Majestät einen Würdigeren finden, diesem das Kommando zu übergeben. Ich danke Eurer Majestät für das mir geschenkte Vertrauen –«

»– Das keinen Augenblick erschüttert ist,« fiel der König ein.

»Und ich hoffe,« fuhr der General fort, »daß Derjenige, welcher an meine Stelle tritt, mit demselben Eifer und derselben Hingebung Eurer Majestät und dem Vaterlande dienen möge, – ich weiß, daß dieß geschehen wird,« fügte er hinzu, »denn er ist hannöverischer Offizier!«

Der König reichte ihm stumm die Hand, und festen Schrittes, ohne den Kronprinzen oder die Minister zu beachten, verließ der General das Zimmer.

Der Generaladjutant von Tschirschnitz biß in mächtiger Bewegung auf seinen weißen Schnurrbart – eine Thräne glänzte in seinem Auge.

»Majestät,« sprach er langsam, »es ist nicht die Zeit und der Ort, die freundliche Theilnahme in ihren Motiven zu prüfen, welche so sorgsam mein Alter vor den Beschwerden des Feldzuges zu schützen sucht, – ich habe nichts weiter zu thun, als Eure Majestät um meine Entlassung vom Dienst als Generaladjutant zu ersuchen. Eure Majestät wissen, daß ich diese Entlassung schon erbeten habe und daß ich mich gern zurückziehe in die Stille, – daß dieß aber im gegenwärtigen Augenblick geschehen muß, in welcher die Armee gegen den Feind zieht, – das ist ein tiefer Schmerz für das Herz eines alten Soldaten. – Vielleicht hätte diese Erinnerung« – und er deutete auf die Waterloomedaille auf seiner Brust – »mir trotz meines Alters die Kraft gegeben, die Mühen des Feldzuges zu ertragen, doch, es ist ja ein Gesetz der Natur, daß die Alten den Jungen weichen müssen, – ich bitte Eure Majestät, Ihrem alten Generaladjutanten ein gnädiges Andenken zu bewahren.« –

Die rauhe soldatische Stimme des alten Herrn versagte ihm.

Der König trat lebhaft auf ihn zu und breitete die Arme aus.

»Wir nehmen nicht Abschied, mein lieber Tschirschnitz!« rief er, – »wir sehen uns hoffentlich glücklich und bald nach diesen schweren Kämpfen wieder und Sie werden mir noch lange Ihren bewährten Rath geben!«

Und er drückte den General an seine Brust.

»Nehmen Sie die Ernennung zum General der Infanterie als Beweis meiner Dankbarkeit und Zuneigung,« sagte er weich.

Der General schwieg und verneigte sich.

»Eure Majestät erlauben,« sagte er dann, »daß ich mich nach Hannover zurückziehe, – dem alten Invaliden wird der Feind nichts thun,« fügte er bitter hinzu.

»Gehen Sie, lieber General,« sagte der König, – »die Königin wird den Rath treuer Diener bedürfen.«

Der Kronprinz trat heran:

»Ich bitte Sie, Mama zu grüßen,« sagte er freundlich.

»Leben Sie wohl, königliche Hoheit,« erwiederte der General, »Sie sehen einen alten Diener Ihres Großvaters und Ihres Vaters scheiden – so sinkt die alte Zeit herab, möge die Zukunft neue Menschen bringen – aber die alte Treue bewahren.«

Und der General verließ ebenfalls das Zimmer.

Der König athmete tief auf.

»So,« rief er, »das Schwerste wäre gethan. – Jetzt die neuen Ernennungen – und Gott gebe, daß die Wahl eine glückliche sei. – General Brandis – wollen Sie die Patente vorbereiten,« sagte er zum Kriegsminister gewendet, »und dafür sorgen, daß der General Arentschildt sich sogleich bei mir zur Uebernahme des Kommandos meldet, ebenso Oberst Dammers, um den Dienst als Generaladjutant anzutreten.«

Der General entfernte sich ernst und schweigend.

Graf Platen näherte sich dem Könige und sagte:

»Graf Ingelheim war soeben angekommen, als Eure Majestät mich rufen ließen und er bittet um Audienz.«

»Er soll kommen!« rief der König lebhaft.

Graf Platen ging hinaus und trat wenige Augenblicke darauf mit dem Gesandten des Kaisers Franz Joseph wieder herein.

Graf Ingelheim, ein großer, schlanker Mann von achtundfünfzig Jahren, kurzem, graublonden Haar und vornehm freundlichen, bartlosen blassen Gesicht, trug einen schwarzen Anzug mit dem Stern des Guelphenordens und dem Maltheserkreuz.

»Es freut mich, mein lieber Graf, Sie hier zu sehen!« rief ihm der König heiter entgegen, – »Sie haben also das Kriegsgetümmel nicht gescheut –?«

»Majestät,« erwiederte der Graf, »mein kaiserlicher Herr hat mir befohlen, Eure Majestät nicht zu verlassen und Allerhöchstdieselben zur Armee zu begleiten, – ein Befehl,« fügte er hinzu, »der mit meinen innigsten Wünschen übereinstimmt, denn abgesehen davon, daß es mich glücklich macht, Zeuge des heldenmütigen Zuges der tapfern hannöverischen Armee zu sein, – so ist hier wie im österreichischen Lager die gleiche Sache – die Sache des Rechts und der deutschen Unabhängigkeit. – Ich bitte Eure Majestät also um die Erlaubniß, in Allerhöchstihrem Hauptquartier bleiben zu dürfen.«

»Mit tausend Freuden, mein lieber Graf, biete ich Ihnen die Gastfreundschaft meines Hauptquartiers,« rief der König, – »Sie werden vielleicht,« fügte er lächelnd hinzu, »bei Ihrer militärischen Campagne die Diners Ihrer diplomatischen Feldzüge entbehren müssen, indeß – à la guerre comme à la guerre! – Wir gehen großen Entscheidungen entgegen,« fuhr er ernster fort.

»Die ohne Zweifel für Eure Majestät zu hohem Ruhm und zu dauerndem Glück ausfallen werden,« sagte Graf Ingelheim lebhaft.

»Glauben Sie, daß es gelingen kann, Süddeutschland zu erreichen?« fragte der König.

»Ich bin dessen gewiß,« erwiederte der Graf, – »nach allen Nachrichten, die mir zugekommen sind, – ich habe soeben noch einen Brief vom Grafen Paar aus Kassel erhalten – ist die Straße frei und die wenigen preußischen Truppen, die dort sein können, werden nicht wagen, Eurer Majestät Armee aufzuhalten.«

»Ich wollte, die nächsten Tage wären vorüber,« sagte der König düster, »die Sorge über den Ausgang des Zuges lastet schwer auf mir, und ich mag nicht daran denken, daß wir von überlegenen Kräften umringt werden könnten –«

»Die brave Armee wird sich durchschlagen, Majestät, wenn es nöthig ist,« rief Graf Ingelheim, »ich zweifle nicht daran, ich habe sie auf der Reise hieher gesehen, – vor Allem aber denken Eure Majestät daran, daß Sie nicht allein stehen, – die große Entscheidung wird auf den sächsischen Schlachtfeldern fallen, und wenn der Kaiser erst dort geschlagen und gesiegt hat, dann werden Eure Majestät im Triumph wieder in Ihre Residenz einziehen!«

Der König schwieg.

»Die Hauptsache ist,« sprach er nach einer Pause, »daß wir die Bayern erreichen, – wenn dieß gelingt, so ist die Armee gerettet und kann an der großen Entscheidung über Deutschlands Geschick frei mitwirken. Wir müßten genau wissen, wo die bayerische Armee steht.«

»Wie ich gestern gehört, sollen die bayerischen Vorposten nahe bei Eisenach und Gotha stehen,« sagte Graf Ingelheim.

»Nun, dann wäre ja die Vereinigung nicht schwer! – wäre es aber nicht zweckmäßig, dem bayerischen Hauptquartier wissen zu lassen, wo wir stehen und wohin wir marschiren, damit sie dort demgemäß ihre Operationen einrichten können?«

»Ohne Zweifel, Majestät,« fiel Graf Platen ein, – »sobald der neue Kommandeur und der Generalstab unseren Marsch werden festgestellt haben.« –

»Mir scheint doch,« sagte der König, »daß der schnellste Marsch und die geradeste Linie die einfache von den Verhältnissen selbst gegebene Vorschrift sei.« –

»Ich weiß nicht,« antwortete Graf Platen, – »es scheinen mir da sehr verschiedene Ansichten und Bedenken vorhanden zu sein, die sich nicht recht vereinigen lassen.«

»Nicht vereinigen, – das verstehe ich nicht!« rief der König, – »doch,« – fügte er mit traurig schmerzlichem Ausdruck halb laut hinzu, – »das muß ich meinen Generalen überlassen! – Sorgen Sie jedenfalls dafür, Graf Platen, – daß vertraute und zuverlässige Personen auf die Straßen nach Süden gesendet werden, um genau zu erkunden, ob dort feindliche Truppen und in welcher Stärke vorhanden sind.«

»Zu Befehl, Majestät!«

»Hat man Nachrichten von Hessen?« fragte der König.

»Ja, Majestät, bis gestern,« sagte Graf Ingelheim, »der Kurfürst ist entschlossen, in Kassel zu bleiben, die Armee ist dem General von Lothberg übergeben und konzentrirt sich bei Fulda.«

»Dorthin müßten wir also auch gehen,« rief der König, denn mit der hessischen Armee vereint bilden wir ein Korps, das schon sehr ernsten Widerstand leisten und nicht so leicht aufgehalten werden kann.«

Der Kammerdiener meldete den Kriegsminister.

»Der General Arentschildt und Oberst Dammers stehen zu Eurer Majestät Befehl,« meldete der General Brandis, – »und hier sind die Ernennungspatente,« fügte er hinzu.

»Lassen Sie die Herren kommen!« rief der König. – »Mein lieber Graf, wir sehen uns bei Tisch,« und er reichte dem österreichischen Gesandten die Hand, »im Campagnekostüme, wenn ich bitten darf, – Graf Platen, ich übertrage Ihnen die Sorge dafür, daß der Graf Ingelheim alle Bequemlichkeit findet, welche mein Hauptquartier bieten kann.«

Die beiden Herren traten ab; sie begegneten in der Thür die eintretenden Offiziere.

Der General von Arentschildt, eine nicht große, überaus magere Gestalt mit scharf markirten, etwas verwitterten Zügen und einem mächtigen grauen Schnurrbart, der lang über die Lippen herabhing, trat zuerst ein. Ihm folgte der Oberst Dammers, ein noch junger Mann, hochblond, von rothen, frischen Farben und raschen, energischen Bewegungen. Sein helles, blaugraues Auge fuhr mit sicherem, scharfen Blick über die Anwesenden und blieb dann erwartungsvoll auf dem Könige haften.

Ihnen folgte der General von Brandis.

»Meine Herren,« sagte Georg V. ernst und mit einer gewissen stolzen Kälte, »ich habe Sie, wie Ihnen mein Kriegsminister mitgetheilt hat, zu den in diesem Augenblick für mich und das Vaterland wichtigsten Stellungen berufen – ich bin überzeugt, daß Sie das Vertrauen, welches man Ihnen allgemein entgegenträgt – und das ich Ihnen beweise,« – fügte er hinzu, »vollständig rechtfertigen werden. Ich bitte Sie nun, schleunig Ihre Geschäfte zu übernehmen, und Sie, mein General von Arentschildt, werden mir, sobald als irgend thunlich, über die Richtung unseres Vormarsches Ihre Meinung sagen!«

»Majestät!« rief der General und schlug sich schallend auf die Brust, »Majestät, dieß Vertrauen ehrt mich hoch, und was ein alter Soldat thun kann, um es zu rechtfertigen, wird geschehen. – Ich bitte Eure Majestät –«

»Was?« fragte der König.

»Mir den Oberst Cordemann zum Chef des Generalstabs zu geben.«

Der König schwieg einen Augenblick.

»Also auch ein neuer Generalstabschef,« sagte er halblaut. – »Es ist in der Ordnung,« fuhr er fort, »daß Sie einen Generalstabschef nach Ihrer Wahl haben, – Oberst Dammers, fertigen Sie das Nöthige aus, und Sie, General Brandis, verständigen Sie den General von Sichart auf die schonendste Weise davon.«

»Der General hat mich bereits ersucht, Eurer Majestät sein Abschiedsgesuch zu unterbreiten,« antwortete Herr von Brandis.

»Der brave Mann!« rief der König, – »ich will ihn nachher noch sehen und persönlich von ihm Abschied nehmen.«

»Jetzt, meine Herren, an die Arbeit, – Ernst, ich bitte Dich, mir den Geheimen Kabinetsrath zu schicken.«

Der Kronprinz und die Offiziere verließen das Zimmer.

Mit tiefem Athemzug lehnte sich der König in seinen Sessel zurück. Gedankenvoll lauschte er dem von unten heraufdringenden brausenden Geräusch von Stimmen und Schritten, in welches sich hie und da militärische Signale, Pferdegetrappel und Trommelschlag mischte, und leise sprach er vor sich hin:

»
Nec aspera terrent!«

Der neu organisirte Generalstab installirte sich in der Aula der Universität und in rastloser Arbeit wurde dort die Mobilmachung und Marschfertigkeit der Armee vorbereitet.

Während so die ganze Stadt in fieberhafter Bewegung und Thätigkeit war, fuhr ein Wagen schnell dem Bahnhofe zu.

In demselben saß der alte General von Tschirschnitz mit untergeschlagenen Armen, finster vor sich hinblickend.

»Das also ist das Ende so langer Dienstzeit, begonnen auf den Schlachtfeldern von 1813, durchgeführt durch lange Jahre voll Mühe und Arbeit, – und jetzt fortgeschickt vor dem Feinde, – warum? – weil einige junge Offiziere, einige ehrgeizige Kletterer, die Bahn frei haben wollten und die Gelegenheit benützten, sich von der strengen und festen Zucht des alten Tschirschnitz los zu machen.«

Er schnallte seinen Säbel ab und legte ihn auf den Rücksitz des Wagens.

»Da liege,« sagte er finster, »du alte ehrliche Waffe, – du bist zu derb und zu gerade für diese Zeit und diese Generation, – schreiben werden sie viel, auch viel hin und her laufen, – Pläne machen, Ordres und vorzüglich Contreordres erlassen, – um den Soldaten aber werden sie sich nicht kümmern, marschiren werden sie nicht und schlagen, wenn es sein muß. – Nun,« sagte er aufathmend, – »die Armee wird schlagen, die Truppen werden den Feind fassen, wenn sie ihn sehen, trotz aller Instruktionen und Theorieen, – das bin ich gewiß.«

Er war am Bahnhof angekommen, und während er, den Säbel in der Hand, in einen der leeren Züge einstieg, die nach Hannover zurückkehrten, um neue Truppen zu holen, rangirte sich am Bahnhof klirrend und rasselnd das Cambridge-Dragoner-Regiment, unter dem Befehl des Oberstlieutenants Grafen Kielmannsegge, der auf schnaubendem Pferde an der Spitze hielt, um das Regiment durch die Stadt in seine Quartiere in den vor Göttingen liegenden Dörfern Harste und Gladebeck zu führen.

Freundlich schaute der alte General von seinem Coupé hinüber nach den prächtigen, waffenschimmernden, muthstrahlenden Reitern.

Dann lehnte er sich mit wehmüthigem Lächeln zurück, – die Lokomotive pfiff und dahin brauste der Zug nach Hannover.

In demselben Augenblick schmetterten die Trompeten der Regimentsmusik durch die Lüfte, die Pferde hoben die Köpfe, die Reiter setzten sich fester in den Sattel, die Reihen schlossen sich und dahin zog das herrliche Regiment in die Stadt der Georgia Augusta.

Vor der vierten Schwadron ritt auf courbettirendem Pferde ein großer, schöner Mann, der Rittmeister von Einem, und neben seinem Zug sah man den Lieutenant von Wendenstein, frisch und strahlend im kriegerischen Waffenschmuck. Sein Auge leuchtete und man konnte ihm ansehen, daß nur die Gewohnheit des Dienstes ihn bewog, sein vorwärts strebendes Pferd in der Linie zu halten, – lieber wäre er dahingejagt in sausendem Ritt dem Feinde entgegen. Wohl klang in seinem Herzen ein leiser, wehmüthiger Ton nach, wenn er des alten Hauses in Blechow gedachte, – des letzten Abends im Kreise der Seinen und des Liedes, das ihm so wunderbar in die Seele gegriffen hatte, – aber dieser Ton mischte sich harmonisch in die fröhlichen kriegerischen Fanfaren der Trompeten, in das Wiehern der Pferde und das Klirren der Waffen, – sein Auge blitzte dem Sonnenlicht entgegen und lächelnd flüsterten seine Lippen das hoffnungsvolle Wort: »Auf Wiedersehen!«

Das Regiment zog am Gasthofe zur Krone vorbei; mit schallendem Hurrah begrüßten die Schwadronen den König am Fenster – und dann zogen sie hinaus zum andern Thor den Dörfern zu, in denen sie bei den Bauern die herzlichste Aufnahme fanden, denn der hannöverische Kavallerist war zu allen Zeiten ein willkommener Gast bei dem hannöverischen Bauer, um wie viel mehr jetzt, wo die braven Reiter mit dem Könige in's Feld zogen!

Bei dem Dorfe Gladebeck stand die vierte Schwadron auf Vorposten.

Die Pferde waren gefüttert und mit Streu versorgt, – regelrecht nach allen Vorschriften des Dienstes und nach dem Herzen der Kavalleristen, die erst für die Pferde und dann für sich sorgen.

Ein lustiges Feuer brannte neben der Straße vom Dorfe her am Fuße eines Hügels, von welchem aus man eine weite Ebene von Wiesen und Fruchtfeldern überblicken konnte. Von unten herauf leuchteten die Fenster der Bauernhäuser durch die laue Nacht herüber und von ferne schallten Stimmen, einzelne Signale und Pferdegewieher. Vom dunklen Himmel schimmerten die Sterne herab und der weiche, milde Nachtwind zog erfrischend nach der Hitze des Tages über die Felder hin.

Auf dem Hügel stand ein Reiterposten unbeweglich, den Karabiner am Schenkel.

Vor dem Feuer aber lagen auf reinem, hoch aufgeschüttetem Stroh zwei junge Offiziere, – die Lieutenante von Wendenstein und von Stolzenberg. In einem Feldkessel kochte brodelnd und prasselnd das Wasser; Cognac, Citronen und große Stücke Zucker waren reichlich vorhanden, und der Lieutenant von Stolzenberg, ein blühender, frischer junger Mann, bereitete in zwei silbernen Feldbechern das duftige, herzstärkende Getränk, welches Schiller zu seinem unsterblichen Liede begeisterte. Schinken, Brod und Würste lagen daneben und bewiesen, daß die Bauern von Gladebeck ihren Gästen geliefert hatten, was ihre Vorratskammern vermochten.

Herr von Stolzenberg hatte das Getränk gemischt, gekostet und reichte seinem Kameraden den Becher, den er mit einem Stückchen Holz umrührte.

»Glaubt Ihr an Ahnungen, Wendenstein?« fragte er.

»Das weiß ich wirklich nicht,« antwortete der Gefragte, indem er sich aus der völlig liegenden Stellung, in welcher er sich, den Blick zum Himmel gerichtet, befand, etwas aufrichtete, den Becher nahm und einen herzhaften Zug daraus that, – »das weiß ich wirklich nicht, – ich habe darüber noch niemals nachgedacht, – aber,« fügte er lächelnd hinzu, indem er den Becher vor sich auf die Erde stellte, »ich möchte wohl daran glauben, – denn wenn eine Ahnung ein gewisses unbestimmtes Gefühl ist, das uns durchdringt und uns eine Art Spiegelbild der Zukunft erblicken läßt, so muß meine Zukunft sehr schön und sehr hell sein; mir lacht Alles so froh und lustig entgegen und ich möchte vor reinem Vergnügen meilenweit in die Nacht hineinreiten. – Seht Ihr, Stolzenberg,« sagte er, indem er eine Cigarre aus seiner Tasche nahm und mit einem kleinen Messer sorgfältig die Spitze abschnitt, – »es ist doch eine wahre Freude, daß der langweilige, öde Garnisonsdienst ein Ende hat und wir nun hinausziehen in's Feld, in den wirklichen, wahrhaftigen Krieg, alter Freund, so eine Nacht wie diese im Bivouak unter freiem Himmel ist doch das Herrlichste, was ein Soldat wünschen kann, – gebt mir eine Kohle für meine Cigarre!«

Herr von Stolzenberg reichte ihm ein glimmendes Stück Holz, an welchem jener mit aller Sorgfalt eines Feinschmeckers im Gebiet des Rauchens seine Cigarre anbrannte, deren feiner Duft alsbald in leichten Wölkchen durch die Luft zog.

»Doch, was sprecht Ihr von Ahnungen, Stolzenberg?« fragte er dann, – »ist Euch etwa eine Ahnung passirt?«

Herr von Stolzenberg schürte langsam mit einem eichenen Ast das Feuer und blickte sinnend in die Glut.

»Ja,« sagte er ernst.

»Nun, nun,« rief Herr von Wendenstein, »Ihr sagt das ja mit einer Stimme, wie der steinerne Gast, – sprecht ernsthaft und erzählt mir etwas davon. – Vorher aber trinkt noch einen ordentlichen Schluck, – Ihr wißt, irgend ein Philosoph hat gesagt, die Ahnungen kämen aus dem Magen – und für den Magen ist nichts besser, als ein paar Zoll hoch vernünftiges Getränk darin.«

Herr von Stolzenberg kam der wohlmeinenden diätetischen Verordnung seines Freundes bereitwillig nach und sprach dann, wieder ernst in das Feuer blickend:

»Wißt Ihr, – ich scheue mich eigentlich, davon zu sprechen, denn es ist Nichts, – wenn Ihr wollt, – mir ist weder ein Geist erschienen, noch habe ich einen Traum gehabt, noch sonst irgend etwas, was sich bestimmt beschreiben läßt. – Als ich ganz fertig aus meinem Zimmer ging, um zu Pferd zu steigen, da fuhr mir plötzlich eine eisige Kälte wie ein elektrischer Schlag durch alle Glieder und es war, als ob eine Stimme in mir sprach: Du kehrst nicht zurück. Der Eindruck war so mächtig und so plötzlich, daß ich einen Augenblick wie festgebannt stehen blieb. Dann aber war eben so plötzlich Alles vorüber, so daß ich kaum wußte, was mir geschehen war.«

»Unsinn ist es!« sagte Herr von Wendenstein, der sich, den Kopf auf dem linken Arm, wieder ganz zurückgelegt hatte und den Blick nach den Sternen richtete, – »ich bleibe dabei, Euer Magen ist in Unordnung, natürlich auch – bei dem frühen Aufstehen und der Unruhe des Tages vorher. – Ihr werdet die Dosis Punsch verdoppeln müssen.«

»Und noch einmal,« sagte Herr von Stolzenberg sinnend und ohne auf den Scherz seines Freundes einzugehen, »hatte ich dasselbe Gefühl. – Als wir heute bei der Krone in Göttingen vorbeizogen, der König vom Fenster herabgrüßte und unsere Leute wie rasend Hurrah schrieen, da erhob ich den Säbel, um zu salutiren – und in demselben Augenblick durchfuhr mich abermals jene eisige Kälte und abermals rief es in mir: Du kehrst nicht zurück! – und der König auch nicht,« – fügte er dumpf und trübe hinzu.

»Mensch, seid Ihr rasend?« rief Herr von Wendenstein und richtete sich mit kräftigem Ruck empor, – »ahnt für Euch, soviel Ihr wollt, wenn Euch das Vergnügen macht, aber laßt den König aus dem Spiel, – thut mir wenigstens den Gefallen und sprecht zu Niemand von Euren Hallucinationen!«

Herr von Stolzenberg blickte vor sich hin.

»Wenn es sein soll« – sagte er halb leise – »nun in Gottesnamen, – kommt es zum Schlagen, so werden ja manche brave Soldaten fallen und es ist ja unser Loos so – ein schöner, ehrlicher Reitertod, das ist ja Alles, was man wünschen kann – nur keine langen Leiden und nicht zum Krüppel geschossen werden.«

»Ich antworte Euch nicht mehr,« sagte Herr von Wendenstein, – »das sind zu dumme Gedanken beim Ausrücken in's Feld. – Aber,« fügte er hinzu, indem er sich halb aufsetzte und dem Kameraden gerade in's Gesicht blickte, – »ich will Euch auch eine Confidence machen.«

Und halb scherzhaft, halb in glücklicher Erinnerung lächelnd, sagte er:

»Ich glaube, ich bin verliebt!«

»Ihr?« rief Herr von Stolzenberg lachend, – »das wäre nicht zum ersten Mal, – übrigens ist der Moment schlecht gewählt.«

»Warum?«

»Weil ein ordentlicher Reiter, wenn er in's Feld rückt, keine Gedanken zurücklassen soll! – Vorwärts heißt es – und ein Verliebter ist ein schlechter Soldat.«

»Das versteht Ihr nicht,« sagte Herr von Wendenstein, – »im Gegentheil, es macht so glücklich, wenn man hinauszieht, dem Kampf entgegen, zu denken, daß ein Herz für uns schlägt, uns folgt mit guten Gedanken und Wünschen, – und wenn man etwas Tüchtiges ausführen kann, – stolzer schlägt im Gedanken an den braven Reiter – und dann nachher, – wenn man zurückkommt, – o es muß sehr schön sein!«

»Wenn man zurückkommt,« – sagte Herr von Stolzenberg düster, – »doch,« fügte er in heiterem Tone hinzu, »wer ist denn Eure neue Flamme?«

Die mit träumerischem Ausdruck zu den Sternen aufgeschlagenen Augen des Herrn von Wendenstein richteten sich wie erstaunt auf seinen Freund und mit etwas verletztem Ton sagte er, indem er sich wieder ganz in das Stroh zurückwarf:

»Neue Flamme! – was das für ein Ausdruck ist, – übrigens werde ich Euch das nicht sagen!«

»Dann ist es Ernst,« erwiederte Herr von Stolzenberg, – »und jetzt muß ich Euch ein ordentliches Glas Punsch verordnen, – denn ich bleibe dabei, die Liebe ist eine Krankheit, besonders wenn man in's Feld zieht.« –

Herr von Wendenstein antwortete nicht, sondern fuhr fort, aufmerksam den Lauf der Sterne zu beobachten, welche ja in diesem Augenblick auch hinabfunkelten auf das alte Haus in Blechow, auf die alten Bäume und die wohlbekannten Fluren und Föhrenwälder, auf das Pfarrhaus und die blühenden Rosenbeete – und leise summte er vor sich hin:

»Wenn Menschen auseinander geh'n, –
So sagen sie: Auf Wiedersehen!«

»Halt, wer da!« rief der Posten aus dem Hügel und schlug den Karabiner an.

Die beiden jungen Offiziere sprangen im Nu auf.

Ein offener Halbwagen mit zwei Extrapostpferden kam schnell die Straße herauf und hielt auf den Ruf des Postens.

In einem Augenblick waren die beiden Offiziere am Schlage. Einige Dragoner erschienen in kurzer Entfernung.

»Wen haben wir hier?« fragte Herr von Stolzenberg in den Wagen hineinblickend, in welchem eine Gestalt im Mantel saß, – »man passirt die Vorposten nicht!«

Ein junger Mann mit offenem frischen Gesicht warf den Mantel zurück und bog sich zum Schlage heraus, die Offiziere begrüßend.

»Es ist Alles in bester Ordnung, meine Herren,« sprach er lächelnd, – »ich bin der Kanzlist Duve, vom Grafen Platen und dem General von Arentschildt abgeschickt, um eine Depesche des Grafen Ingelheim an den Baron Kübeck nach Frankfurt zu bringen und zugleich die hessische Armee zu suchen, um ihr Nachrichten von uns zu bringen, damit wir uns mit ihr vereinigen können. – Hier sind meine Depeschen und hier die Ordre zum Passiren der Vorposten.«

Der Lieutenant von Stolzenberg trat mit dem Passirschein an das Licht des Feuers, las denselben und gab ihn dann dem Herrn Duve zurück.

»Es ist in voller Ordnung,« sagte er dann. »Ich wünsche Ihnen glückliche Reise und guten Erfolg, – schaffen Sie uns bald die Hessen und wo möglich die Bayern herauf!«

»Was ich thun kann, wird geschehen,« erwiederte der Kurier.

»Stolzenberg,« rief Herr von Wendenstein, »gebt ein Glas Punsch her! Da, mein Herr,« sagte er, »nehmen Sie das mit in Ihrem Wagen, – es wird Ihnen gut thun in der Nacht, – wer weiß, wo Sie wieder etwas bekommen!«

»Auf gute Wache!« sagte Herr Duve und leerte den gebotenen Becher.

Die Pferde zogen an, der Wagen rollte davon und die beiden Offiziere kehrten zu ihrem Feuer zurück.

Nach kurzer Zeit rief der Posten abermals an – Schritte ertönten von der andern Seite des Hügels, – die Parole wurde gegeben und den schnell aufgesprungenen Offizieren trat der Rittmeister von Einem entgegen.

Die Lieutenants salutirten, – Herr von Stolzenberg meldete: »Nichts Neues, ein Kurier durchpassirt mit Depeschen und richtigem Passirschein.«

»Gut, meine Herren,« sagte der Rittmeister, – »es ist Alles in bester Ordnung, – doch nun,« – fügte er heiter lächelnd hinzu, – »lassen Sie den Dienst und geben Sie mir ein Glas von Ihrem Getränk und etwas zu essen, denn ich habe bis jetzt so viel mit den Pferden und Leuten zu thun gehabt, daß ich noch nichts für mich gefunden habe!«

Die Offiziere beeilten sich, dem Rittmeister ein Souper anzubieten, wie es ihr einfacher, aber reichlicher Vorrath erlaubte, und dazu brauten sie ihm ein so duftiges und würziges Glas Punsch, wie er es besser nicht im tiefen Frieden hinter dem behaglichsten Theetisch hätte finden können.

»Ja,« sagte Herr von Einem, indem er sich, bequem auf das Stroh niedergestreckt, eine Cigarre anzündete, – »so in den ersten Tagen ist das noch Alles sehr schön und bequem, – aber später, nach einiger Zeit, – da werden wir auch solchen Punsch nicht mehr trinken – und solche Cigarren nicht mehr rauchen.«

»Um so besser!« rief Herr von Wendenstein lustig, »da werden wir unsern Humor und unsern lustigen Reitersinn auf die Probe stellen, – aber Herr Rittmeister, – werden wir bald marschiren, – eben passirte ein Kurier zur hessischen Armee durch, – mir scheint, um uns mit der zu vereinigen, müßten wir marschiren, die Hessen können doch nicht wieder herauf kommen!«

»Ob wir marschiren werden?« sagte der Rittmeister seufzend, – »ja davon weiß ich nichts, – vorläufig sieht es noch nicht darnach aus – der hohe Generalstab sitzt und arbeitet und geschrieben wird – und wieder geschrieben, – wenn wir marschiren, das weiß ich nicht.«

»Um den General von Tschirschnitz thut es mir aber doch leid,« sagte Herr von Stolzenberg, – »es war ein alter derber Herr – und manchmal war nicht gut mit ihm Kirschen essen, – aber altes Schrot und Korn steckte drin, – warum ist er denn eigentlich fortgeschickt?«

»Graf Kielmannsegge, der vor einer Viertelstunde hier war,« sagte der Rittmeister, »hat mir erzählt, die Armee habe kein Vertrauen mehr in seine Dienstfähigkeit.«

»Nun, man hielt ihn ja schon lange für etwas gebrechlich,« bemerkte Herr von Wendenstein, »im Dienst war aber nichts davon zu merken, – wenn man je etwas damit zu thun hatte. – Wie ist denn Oberst Dammers, der neue Generaladjutant?«

»Ich kenne ihn wenig, – es soll ein energischer Mann sein. – Doch das sind Alles Dinge, die uns nichts angehen, – die Kavallerie ist noch von dem alten Schlage, – wo der Feind ist, da geht man hin und schlägt ihn oder fällt, – Punktum!«

Und er that einen großen Zug aus seinem Glase.

»Gott gebe, daß die neuen Besen da oben gut kehren – und daß wir bald vorwärts gehen.«

Er stand auf.

»Gute Nacht und gute Wache, meine Herren, auf Wiedersehen morgen, und hoffentlich auf dem Marsch!«

Die Offiziere salutirten, – langsam schritt der Rittmeister in die Dunkelheit dem Dorfe zu.

Herr von Stolzenberg und Herr von Wendenstein aber beschlossen, abwechselnd Jeder eine Stunde zu schlafen, während der Andere wachen würde, – so sank die Mitternacht herab und still ward es bei den Vorposten, während in Göttingen immer neue und neue Truppenzüge ankamen, Beurlaubte, Reservisten und ungediente junge Leute aus dem ganzen Lande zusammenströmten, um in die Armee eingereiht zu werden.

Der neue Generalstab arbeitete die ganze Nacht, es wurde viel debattirt und geschrieben in der großen Aula der Georgia Augusta und endlich beschlossen, daß die Armee vier Tage in Göttingen bleiben müßte, um sich marschfertig zu machen.

– Vier Tage ist eine lange. Zeit, wenn die Ereignisse nach Stunden zählen! –

Dreizehntes Kapitel.

Und in der That rückten die Ereignisse in jenen denkwürdigen Tagen nach Stunden vor und die Geschichte machte in Stunden so viel Schritte auf ihrem die Welt umgestaltenden Wege, wie sonst in Jahren.

Vom Norden her rückte der General von Manteuffel herab, der General Vogel von Falckenstein besetzte Hannover und übernahm die Verwaltung des Landes, dessen Beamten der König erlaubt und befohlen hatte, in ihren Stellungen zu bleiben, der General Beyer konzentrirte sein in Hessen zersplittertes Korps, der General von Seckendorf besetzte von Magdeburg her Nordhausen, von Erfurt aus rückte ein Theil der Besatzung und eine Ausfalls-Batterie nach Eisenach und vereinigte sich dort mit den Truppen des Herzogs von Koburg-Gotha, um diesen Uebergangspunkt der hannöverischen Armee nach dem Süden zu verschließen.

Die Befehle flogen von Berlin an die Truppenkommandanten und eine rasche und einheitliche Bewegung vollzog sich bei allen preußischen Armeeabtheilungen, dahin zielend, die Knotenpunkte eines Kreises festzulegen, welcher die hannöverische Armee einschloß und der sich immer dichter und fester zusammenzog.

Es blieb nur die freilich natürlichste und geradeste Straße nach Fulda offen.

Diese tapfere, von wunderbarem Geiste beseelte Armee aber lag in Göttingen und der nächsten Umgegend.

Der Generalstab arbeitete Tag und Nacht, um sie marschfertig zu machen. Wohl brausten die jüngeren Offiziere und Mannschaften vor Ungeduld, vorwärts zu gehen – und begriffen nicht, daß die Regimenter, welche aus ihren Standquartieren in so unerhörten Märschen nach Göttingen gekommen waren, nicht marschfertig sein sollten, um von da auf der nach allen Meldungen völlig offenen Straße nach dem Süden weiter zu gehen, – wohl schüttelte der alte General Brandis den Kopf und meinte, es sei wohl besser, mit der nicht marschfertigen Armee durchzubrechen, als mit der marschfertigen eingeschlossen zu werden, – wohl meinte er, daß des großen Wellington Truppen nach reglementmäßigen Begriffen oft sehr wenig marschfertig gewesen seien und doch marschirt wären, geschlagen und gesiegt hätten, – wohl biß der König die Zähne zusammen vor Ungeduld, – er konnte nichts thun, der Herr, dem des Himmels Hand das Augenlicht genommen, als fragen und antreiben und immer wieder fragen und antreiben.

Der Generalstab aber in der Aula der Georgia Augusta bewies dem braven General von Arentschildt, daß nach allen bestehenden Reglements die Armee noch nicht marschiren könne, – die Reglements lagen vor und der Generalstab hatte Recht, – und der General von Arentschildt meldete dem König, daß die Armee noch nicht marschiren könne.

Auch wartete der Generalstab auf das Vorrücken der Hessen und Bayern zur Vereinigung mit der hannöverischen Armee.

Der König mußte warten, verzehrte sich in stiller Ungeduld in seinen Zimmern im Gasthof zur Krone.

Die Truppen in ihren Quartieren und Kantonnements mußten warten, und ihre Ungeduld war nicht still, sondern machte sich Luft in lauten und derben Flüchen, und am lautesten und lebhaftesten war die Ungeduld bei den Kavallerieregimentern, deren Pferde wiehernd den Boden scharrten und deren Mannschaften meinten, sie dürften nur in den Sattel springen, um so marschfertig zu sein als irgend ein Kavallerist der Welt.

Alles wartete.

Graf Platen wartete auf eine Rückäußerung des Prinzen Ysenburg. Er hatte die Erklärung auf die preußische Sommation von Göttingen aus an den Prinzen geschickt und hoffte, daß sich auf Grund derselben irgend eine Negoziation anbahnen lassen würde. – Aber am zweiten Tage kam die Erklärung selbst zurück, – zwar eröffnet, – aber mit der kurzen und kalten Bemerkung des Prinzen Ysenburg, daß nach der Kriegserklärung seine diplomatischen Funktionen aufgehört hätten und daß er daher nicht in der Lage sei, Schriftstücke des hannöverischen Ministers anzunehmen.

So wartete Alles und immer glühender wurde die Ungeduld der nicht marschfertigen Armee, – aber es war so Vieles versäumt und ungeordnet gelassen, wie die neue Armeeleitung fand und vortrug, – daß trotz alledem und alledem – nicht marschirt werden konnte.

Der Kurier Duve hatte seinen Weg, ohne einem preußischen Soldaten zu begegnen, fortgesetzt, er hatte das kurhessische Hauptquartier nicht in Fulda, sondern in Hanau gefunden, dort hatte ihm der General von Loßberg erklärt, er könne keine Dispositionen treffen, da der Prinz Alexander von Hessen bereits das Kommando übernommen habe, – übrigens sei die kurhessische Armee immobil.

Der Kurier war weiter geeilt, hatte in Frankfurt dem österreichischen Bundespräsidialgesandten Baron Kübeck die Depesche des Grafen Ingelheim übergeben und von Herrn von Kübeck ein dringliches Schreiben an den Prinzen Alexander von Hessen erhalten, der sich in Darmstadt befand. Er hatte dem Prinzen mündlich alle Nachrichten über die Stellung der hannöverischen Armee gegeben, welche diesem völlig unbekannt war. Prinz Alexander sendete die Botschaft, daß er die Bayern, welche bei Schweinfurt standen, ersuchen wolle, schnell nach Norden vorzugehen; daß das achte Armeekorps über Fulda auf Eschwege schleunigst vorrücken solle, um der hannöverischen Armee die Hand zu reichen; daß endlich die kurhessische Brigade als Scheindemonstration von Hanau nach Gießen vorgeschoben werden solle.

Man erwartete also im Hauptquartier des Prinzen Alexander, daß die hannöverische Armee eiligst auf der Straße nach Fulda herabkommen, die kurhessische Brigade aufnehmen und sich mit dem achten Armeekorps vereinigen würde. Die Straße nach Fulda war frei und man hätte dort höchstens einzelnen Abtheilungen des zersplitterten Korps des Generals Beyer begegnen können, welche wahrscheinlich einen Kampf gar nicht aufgenommen hätten.

So rechnete man im Hauptquartier des Prinzen Alexander.

Anders aber beschloß der neue hannöverische Generalstab in der Aula der Georgia Augusta. Es waren Meldungen theils von Reisenden, theils von ausgeschickten Kundschaftern gekommen, daß sechzigtausend, achtzigtausend, ja hunderttausend Mann preußische Truppen auf der fuldaer Straße ständen, und so wurde denn beschlossen, diesen Weg nicht zu nehmen und mitten in das preußische Gebiet und zwischen die preußischen Armeen hineinzumarschiren, um über Heiligenstadt und Treffurt nach Eisenach zu kommen, dort die Bahn zu überschreiten und die Bayern zu erreichen, von welchen man keine Nachricht hatte, aber bestimmt annahm, daß sie dort stehen würden.

Vergebens schüttelte der alte General von Brandis wiederum den Kopf und bemerkte in seiner kurzen Weise, daß eine Armee, welche sich durchschlagen wolle, sich immer scharf an den Feind halten müsse, – wenn daher preußische Truppen auf der Straße nach Fulda ständen, so sei es nach den sehr praktischen Grundsätzen der Wellington'schen Kriegführung geboten, dorthin zu marschiren, – jedenfalls habe man mehr Chance, dort den Feind zu werfen und den Süden zu erreichen, als sich aus dem Kesseltreiben herauszuziehen, in welches man sich hineinbegeben wolle.

Der Generalstab beschloß einstimmig den Marsch nach Heiligenstadt und der König genehmigte diesen Marsch.

So brach denn endlich die Armee am 21. Juni Morgens um vier Uhr auf und ein einstimmiger Jubelruf durch alle Quartiere und Kantonirungen begrüßte den Marschbefehl.

In musterhafter Ordnung wie zur Parade zogen die tapfern Brigaden aus. Etwa um fünf Uhr verließ der König Göttingen, zum Abschied begrüßt von dem Senat der Universität und den Civilbehörden.

Es war ein glänzender und prachtvoller Zug, der da in das Morgenlicht hinauszog, in das preußische Gebiet hinein.

Eine halbe Schwadron des Cambridge-Dragoner-Regiments deckte als persönliche Schutzwache den königlichen Kriegsherrn.

Auf hohem, prachtvollem weißen Pferde, dem an kaum sichtbarem, feinem Leitseil der Major Schweppe von den Gardekürassieren die Richtung gab, ritt Georg V. in der stolzen, ritterlichen Haltung, welche zu Pferde seine Erscheinung so besonders königlich und imposant machte, ihm zur Seite der Kronprinz in der Gardehusarenuniform auf leichtem, kleinem Pferde. Ihn umgab das zahlreiche Gefolge vom Militär und Civil, – der alte einundsiebenzigjährige General Brandis hatte den Wagen zurückgewiesen, Graf Ingelheim ritt in grauem Anzug und hohen Ecuyerstiefeln neben dem König; – der glänzenden Kavalkade folgte des Königs sechsspänniger Reisewagen mit Stangenreitern und Piqueurs, sodann eine Reihe anderer Wagen für das Gefolge, Handpferde, Stallmeister und Lakaien.

Wo der königliche Zug vorbeikam an den marschirenden Truppen, da ertönte lautes, jubelndes Hurrah und alle diese frohen und muthigen Soldatenherzen schlugen höher, wenn sie ihren König in ihrer Mitte sahen.

Der heldenmüthige, aber strategisch etwas rätselhafte Zug der Hannoveraner, auf welchen damals die Augen nicht nur von Deutschland, sondern von Europa gerichtet waren, gehört der Geschichte an und ist in den Schriften über den Krieg von 1866 ausführlich erzählt. Späterer Zeit wird es vorbehalten bleiben, die verschiedenen unerklärlich erscheinenden Wendungen, welche die Armee machte, vielleicht zu erklären, welche in Heiligenstadt den Marsch auf Treffurt wieder aufgab und über Mühlhausen nach Langensalza ging, von dort fast unter den Kanonen von Erfurt vorbei auf Eisenach zog und dann plötzlich, nachdem dieser Ort schon so gut wie genommen war, anhielt, weil ein Parlamentär des Herzogs von Koburg-Gotha ohne Legitimation im hannöverischen Hauptquartier erschien. Um diese Mission aufzuklären, war der Major von Jacobi vom hannöverischen Generalstabe nach Gotha geschickt worden, hatte dort, getäuscht über die Zahl der bei Eisenach stehenden preußischen Truppen, den hannöverischen Obersten von Bülow telegraphisch zur Einstellung der Feindseligkeiten aufgefordert, und dieser hatte, der Aufforderung Folge leistend, seine Truppen vor Eisenach zurückgezogen und einen vorläufigen Waffenstillstand zwischen den sich gegenüberstehenden Truppen geschlossen.

Als daher – sagt der offizielle Bericht über diese Vorgänge – der kommandirende General von Arentschildt mit der Erwartung, Eisenach sei genommen, gegen acht Uhr Abends auf jenem Punkt erschien, sah er sich einer vollendeten Thatsache gegenüber, welche seinen Plan vereitelte, den Absichten Seiner Majestät des Königs widersprach, aber in welche noch einzugreifen sowohl der Abschluß des Waffenstillstandes, als auch die einbrechende Nacht ihn verhinderte.

Der Major von Jacobi wurde vor ein Kriegsgericht gestellt, dessen regelrechte Durchführung durch die späteren Ereignisse unmöglich ward.

Die Annahme des Parlamentärs, die mit ihm und dem Herzog von Koburg mitten in der militärischen Aktion begonnenen Verhandlungen, der Rückzug vor Eisenach erzeugten in Berlin die Ansicht, daß der König unterhandeln wolle, und König Wilhelm von Preußen, stets von dem Wunsche beseelt, einen blutigen Zusammenstoß mit den Hannoveranern zu vermeiden, sendete seinen Generaladjutanten von Alvensleben in das hannöverische Hauptquartier, das sich am 25. Juni in Groß-Behringen auf der Straße nach Eisenach befand.

Inzwischen war während des durch die vorläufigen Negoziationen mit dem Herzog von Koburg veranlaßten Stillstandes der hannöverischen Armee Eisenach durch Zuzüge preußischer Truppen so stark besetzt worden, daß es schwer erschien, diesen Platz noch zu nehmen.

General von Alvensleben meldete sich in Groß-Behringen als Bevollmächtigter Seiner Majestät des Königs von Preußen, um »die Befehle Seiner Majestät des Königs von Hannover entgegen zu nehmen«. Die Unterhandlungen drehten sich um den von dem hannöverischen Kriegsrath gemachten Vorschlag, den hannöverischen Truppen ohne Kampf und Blutvergießen freien Durchzug nach dem Süden zu gestatten unter der Bedingung, eine bestimmte Zeit lang nicht gegen Preußen zu fechten. Preußischerseits wurde diese Zeit auf ein Jahr bestimmt und bestimmte Garantieen und Pfänder verlangt. Der König von Hannover nahm die so gestellte Bedingung nicht an, es wurden jedoch auch die Verhandlungen nicht abgebrochen, vielmehr ein Waffenstillstand geschlossen und der König versprach seine definitive Antwort bis zum 26. Morgens zu geben. Als am 26. früh der König den Oberstlieutenant Rudorff vom Generalstabe nach Berlin absendete, wurde dieser von dem General Vogel von Falckenstein, der sich in Eisenach bereits befand und dort fast zwei Divisionen vereinigt hatte, nicht weiter befördert und zugleich erklärte der General Vogel von Falckenstein, daß er von einem Waffenstillstand nichts wisse und angreifen werde.

Die hannöverische Armee war dadurch in eine sehr bedenkliche Lage gerathen. Der König, welcher die Nacht in Groß-Behringen zugebracht hatte, bezog am 26. früh wieder sein Hauptquartier im Schützenhause zu Langensalza.

Weit vor der Stadt, rückwärts von der eisenacher Straße, liegt das Schützenhaus, ein großes, hübsches Gebäude, ein großer freier Platz vor der Vorderfront, dem gegenüber sich das große, schöne Posthaus erhebt. Hinter dem Hause liegt ein großer Garten, von hoher Mauer und bedeckten Gängen umgeben, eine weite Veranda bildet die Vermittlung zwischen dem Hause und dem Garten.

Vor dem Schützenhause stand ein Doppelposten, auf dem Platz sah man die königlichen Equipagen, Offiziere aller Truppenabtheilungen kamen und gingen, die Adjutanten und Ordonnanzen des kommandirenden Generals, welcher sein Hauptquartier in der Stadt hatte, eilten hin und her, um dem Könige Nachrichten zu bringen, – Alles war Leben und militärische Bewegung.

Die Armee war um Langensalza konzentrirt und aus den Quartieren in eitle Defensivstellung gebracht, da die Nichtanerkennung des Waffenstillstandes seitens des Generals Vogel von Falckenstein jeden Augenblick einen preußischen Angriff besorgen ließ. Zwar hatte der General später, als ihm die Verhandlungen mit dem Generaladjutanten von Alvensleben bekannt wurden, den Waffenstillstand zu respektiren erklärt, – indeß die defensive Gefechtsstellung der hannöverischen Armee war beibehalten worden.

Der König saß in seinem Zimmer. Tiefer Ernst lag auf seinen Zügen. Der alte General von Brandis stand neben ihm.

»Mein lieber Brandis,« sagte der König düster, – »ich fürchte, wir befinden uns in einer schlimmen Lage!«

»Leider bin ich dessen gewiß, Majestät!« erwiederte der General.

»Ich fürchte,« fuhr der König fort, »diese unglücklichen und unklaren Verhandlungen haben nur dazu gedient, die preußischen Kräfte, die uns gegenüberstehen, zu verstärken und unsere Stellung zu verschlimmern. Ohne diese Verhandlungen hätten wir Eisenach genommen und wären jetzt vielleicht schon in Sicherheit mit den Bayern vereinigt.« –

»Ganz gewiß,« sagte der General trocken, – »Eure Majestät werden mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen,« fuhr er fort, »daß ich mich stets sehr entschieden gegen diese Art von Verhandlungen ausgesprochen habe. Meiner unmaßgeblichen Ansicht nach muß man entweder verhandeln oder marschiren, Beides zusammen geht nicht. – Auch begreife ich nicht, wohin diese Verhandlungen führen sollten. Ich verstehe den Angelpunkt derselben nicht. Durchmarsch nach dem Süden mit der Verpflichtung, eine gewisse Zeit nicht gegen Preußen zu fechten –«

»Zwei Monate,« – fiel der König ein.

»Welche Bedeutung kann das haben?« – fuhr der General fort, – »welchen Empfang würden wir in Süddeutschland finden, wenn wir dort ankämen und sagten: Hier sind wir, Verpflegung und Quartier brauchen wir, – aber schlagen dürfen wir nicht! – Ich wüßte wahrlich nicht,« sagte er mit einer gewissen Bitterkeit, – »was ich als kommandirender General der süddeutschen Truppen zu einer solchen Ueberraschung sagen sollte. Ich glaube, dann wäre es besser gewesen, in Hannover zu bleiben!«

Ein leichter Zug von Unmuth flog über das Gesicht des Königs, verschwand jedoch sogleich wieder und freundlich, aber ernst sprach er:

»Aber mein lieber Brandis, der kommandirende General und der Generalstab haben mir vorgetragen, daß die Armee ohnehin durchaus nicht schlagfertig und zu militärischen Operationen ernster Natur nicht tüchtig sei, daß sie, wenn es gelänge, nach Süddeutschland durchzudringen, wenigstens acht Wochen bedürfe, um in schlagfertigen Zustand gebracht zu werden! Darauf hin bin ich auf jene Verhandlungen eingegangen, – wie konnte ich anders?«

»Ich wage gewiß nicht,« sagte der General, »Eurer Majestät Entschließungen und Handlungen zu beurteilen, aber ich kann nur immer wiederholen: – diese Theorieen des Generalstabs verstehe ich nicht. Ein Generalstab, der als Resultat seiner Arbeiten immer nur Negationen produzirt und Rückwärtsbewegungen vorschlägt? – Vorwärts wollen wir doch, Majestät!« rief er, »und um vorwärts zu kommen, muß man marschiren. Das Vorwärtsmarschiren kräftigt die Armee, – das Stillliegen ermüdet sie, das zwecklose Hin- und Hermarschiren aber wird sie schließlich demoralisiren.«

Der König schwieg und seufzte tief.

»Majestät,« fuhr der General warm und lebhaft fort, – »es gibt nur noch einen Weg der Rettung, – das ist der schleunige Vormarsch auf Gotha. Die Preußen erwarten nach den bisherigen Operationen, daß wir bei Eisenach den Uebergang über die Eisenbahnlinie bewirken wollen, – dort haben sie ihre Kräfte zusammengezogen. – Lassen Eure Majestät unverzüglich nach Gotha aufbrechen und in forcirtem Marsch vorgehen, – wir werden dort wenig Widerstand finden und durchbrechen. Wir haben neunzehntausend Mann, lassen wir viertausend liegen, so erreichen wir – dafür stehe ich – immer noch mit fünfzehntausend Mann Süddeutschland, bringen dort eine wesentliche Hülfe und erhalten vor Allem Eurer Majestät Fahne im Felde. Wenn wir hier warten,« fuhr er traurig fort, »so muß es böse enden.«

»Aber die Verhandlungen mit Alvensleben –« sagte der König zögernd, – »Graf Platen hofft noch immer ein Resultat –«

»Welches Resultat?« rief General von Brandis, – »die Resultate der beiderseitigen Negoziationen sind bis jetzt wahrlich nicht glänzend gewesen –«

»Der Minister Graf Platen!« meldete der Kammerdiener.

Auf den Wink des Königs trat Graf Platen ein.

»Majestät,« rief er, »der preußische Oberst von Döring ist als Parlamentär von Berlin eingetroffen und bringt eine Depesche des Grafen Bismarck, – es scheint doch, daß man in Berlin weiter verhandeln will –«

»Lassen Sie den Obersten kommen!« sagte der König, indem er aufstand.

General Brandis zuckte die Achseln und trat an's Fenster.

Graf Platen führte den preußischen Stabsoffizier ein.

»Oberst von Döring,« meldete dieser, indem er in dienstlicher Haltung an den König herantrat, »befehligt, eine Depesche Seiner Excellenz des Ministerpräsidenten Grafen Bismarck vorzulesen!«

»Ich bin bereit zu hören, Herr Oberst!« erwiederte der König.

Der Oberst öffnete ein Papier, das er in der Hand trug.

»Ich muß Eurer Majestät zuvor bemerken,« sagte er, – »daß ich meinen Auftrag für tatsächlich erledigt halte, da ich hier die Verhandlungen abgebrochen und die Truppen des Generals Vogel von Falckenstein bereits im Begriff gefunden habe, anzugreifen.«

»Dann kann also Ihre Mittheilung nichts mehr nützen?« sagte der König kalt.

»Erlauben mir Eure Majestät immerhin, meinen Befehl auszuführen.«

»Es könnte doch –« fiel Graf Platen ein.

»Lesen Sie, Herr Oberst!« sagte der König.

Der Oberst las langsam die Depesche vor, welche eine wörtliche Wiederholung der durch den Prinzen Ysenburg am 15. übergebenen Sommation enthielt und ein Bündniß auf Grund der preußischen Reformbedingungen vorschlug.

»Glaubt denn dieser Mann,« rief der König, als der Oberst geendet, »daß ich jetzt –«

»Eure Majestät,« sagte der Oberst Döring mit fester Stimme, »bitte ich unterthänigst, allergnädigst bedenken zu wollen, daß ich als preußischer Offizier über den preußischen Ministerpräsidenten Ausdrücke nicht anhören kann –«

»Ist er nicht ein Mann wie wir alle?« fragte der König mit Hoheit, – »glaubt der Graf Bismarck,« – fuhr er fort, – »daß ich jetzt im Felde, an der Spitze meiner Armee, Bedingungen eingehen kann, welche ich in meinem Kabinet in Herrenhausen zurückgewiesen habe, daß ich jetzt meine Armee gegen Oesterreich marschiren lassen würde?«

»Könnte man nicht vielleicht eine kurze Bedenkzeit –« bemerkte Graf Platen.

»Ich habe keinen Befehl, eine solche anzunehmen,« sagte der Oberst von Döring.

»Und ich bedarf sie nicht,« fuhr der König fort, »um Ihnen meine Antwort zu geben. Sie ist dieselbe wie früher und heißt auf diese Vorschläge einfach: Nein. – Ich habe die Hand zu Verhandlungen geboten, um unnützes Blutvergießen zu vermeiden und dem Bedruck der Einwohner vorzubeugen; auf dieser Basis gibt es für mich keine Unterhandlung, – das Verhängniß mag seinen Weg gehen, – ich kann nichts mehr thun, es aufzuhalten. – Ich danke Ihnen, Herr Oberst, und hätte gewünscht, Ihre Bekanntschaft bei einer erfreulicheren Gelegenheit gemacht zu haben. – Sorgen Sie, meine Herren,« fuhr er zu dem General Brandis und dem Grafen Platen gewendet fort, »daß der Oberst zu den Vorposten geleitet wird.«

Oberst von Döring grüßte militärisch und verließ mit den beiden Ministern das Zimmer des Königs.

Vor dem Hause ging Graf Ingelheim gedankenvoll auf und ab und blickte von Zeit zu Zeit mit gespanntem Ausdruck nach den Fenstern des Königs herauf. Gruppen von Offizieren standen umher und unterhielten sich lebhaft. Man wußte, daß ein preußischer Parlamentär beim Könige, und alle diese jungen kampfesmuthigen Offiziere fürchteten nichts mehr, als daß ohne zu schlagen kapitulirt werden könnte.

»Man könnte sich ja nicht mehr in der hannöverischen Uniform sehen lassen,« rief ein junger Offizier des Garderegiments mit kindlich frischem Gesicht, indem er mit dem Fuß auftrat, »wenn wir hier, ohne den Degen zu ziehen, eingefangen würden wie in einer Mäusefalle. Da marschiren wir seit vierzehn Tagen hin und her und warten bald auf Bayern, bald auf Hessen und kommen nicht vorwärts. Was erwartete man nicht Alles von diesem neuen Kommando – und nun?«

Auf raschem Pferde sprengte ein blutjunger Offizier in der Uniform der Gardejäger heran, den Stern der Kommandeure des Ernst-August-Ordens auf der Brust; er sprang vom Sattel, gab sein Pferd einem herbeieilenden Reitknecht und trat zu der Gruppe der Offiziere.

»Nun, Prinz,« rief der Lieutenant vom Garderegiment, »woher kommen Sie so eilig?«

»Ich bin etwas zu den Truppen hinausgeritten,« antwortete der Prinz Hermann von Solms-Braunfels, der jüngste der Neffen des Königs, indem er den Versuch machte, einen leicht auf der Oberlippe keimenden Flaum mit den Fingern zu fassen, – »ich bin in Verzweiflung, daß der König mich trotz meiner dringenden Bitten hier zum Hauptquartier kommandirt hat, und von Zeit zu Zeit muß ich einmal hinaus in das freie Lagerleben, um frische Luft zu schöpfen. Wo stehen Sie, Herr von Landesberg?« fragte er den Gardeoffizier.

»Vorläufig hier in Langensalza,« antwortete dieser, »und ärgere mich über das Stillsitzen, das uns der Generalstab auflegt. Der König sollte einmal uns hören, alle jungen Offiziere der Armee, – er würde sich bald überzeugen, daß die Armee marsch- und schlagfertig ist.«

»Das weiß Gott!« rief ein Offizier der Gardehusaren, indem er seinen langen Schnurrbart durch die Finger gleiten ließ, »ich begreife überhaupt nicht, wozu man einen Generalstab hat, denn solche Märsche, wie wir sie gemacht haben, die können wir auch allein zu Stande bringen. – Ich habe einmal eine alte Geschichte von Kreuzfahrern oder einem ähnlichen Korps gehört,« sagte der Gardehusar derb, – »die ließen eine Gans vor sich hergehen und folgten der Marschroute, die dieß Federvieh angab. – Das war noch viel einfacher und billiger, – jetzt ziehen sie dem armen Thier die Federn aus und schreiben damit Tag und Nacht, – und was Gescheidteres kommt auch nicht dabei heraus.«

»Doch, da kommt der Parlamentär zurück!« rief Herr von Landesberg und die Offiziere näherten sich dem Schützenhause, aus dessen Thür der Oberst Döring, vom General von Brandis und Graf Platen begleitet, heraustrat.

Während General von Brandis den Wagen des Obersten heranrief und eine Bedeckung von vier Dragonern kommandiren ließ, verabschiedete sich Graf Platen höflich von dem Obersten und eilte aus den Grafen Ingelheim zu, der ihm erwartungsvoll entgegentrat.

»Es war wieder die Sommation vom 15.,« rief der Minister dem Gesandten des Kaisers von Oesterreich zu.

»Und?« fragte Graf Ingelheim.

»Natürlich ist sie sofort abgewiesen!« rief Graf Platen.

»Nun ist also das Stadium dieser unglücklichen Verhandlungen definitiv zu Ende?« sagte Graf Ingelheim, indem er mit einer gewissen Erleichterung dem davonrollenden Wagen des Obersten von Döring nachsah.

»Es ist zu Ende,« sagte Graf Platen und ein leichter Seufzer entstieg seiner Brust.

»Wissen Sie, lieber Graf,« fuhr der Gesandte fort, »daß die Lage nach meiner Ansicht eine sehr ernste ist? Sie sind hier in einen Winkel zwischen die preußischen Armeen gedrängt und ich sehe in der That nur einen Ausweg, das ist der schleunigste Marsch auf Gotha.«

»Ja – der König ist ja so bereit als möglich, vorwärts zu gehen, – aber der Generalstab –«

»Um's Himmels willen!« rief Graf Ingelheim lebhaft, – »wenn nur Seine Majestät seine alten Offiziere behalten hätte, ich glaube gewiß, daß Tschirschnitz nicht fortwährend rückwärts gegangen wäre.«

»Ja,« sagte Graf Platen achselzuckend, »in militärischen Dingen ist es schwer für mich, etwas zu thun, in Göttingen war der Wunsch allgemein –«

»Allgemein ist der Wunsch, zu handeln und zu marschiren, – sehen Sie dort jene Gruppe von Offizieren, die werden gewiß meiner Meinung sein,« und er deutete auf den Kreis, in welchem der Lieutenant von Landesberg soeben seine Freude über die Abreise des Parlamentärs und die Hoffnung auf eine baldige Aktion aussprach.

Prinz Hermann verließ die Offiziere und trat zu den Grafen Platen und Ingelheim.

»Kommt jetzt kein Parlamentär wieder?« fragte er.

»Nein, mein Prinz,« rief Graf Ingelheim, – »ich hoffe, es war der letzte –«

Ein Extrapostsignal schmetterte lebhaft die Straße herauf und in raschem Trabe fuhr ein geschlossener Wagen mit einem Diener in Reiselivrée auf dem Bock heran.

»Was ist das?« rief Graf Platen erstaunt und alle Blicke richteten sich auf den Wagen, der vor dem Hause hielt. Der Diener sprang herab und öffnete den Schlag.

Ein alter Herr im Reisekostüm, in einen weiten Havelock gehüllt, das weiße Haupt mit einer schwarzen Mütze bedeckt, stieg langsam aus dem Wagen und blickte sich suchend nach allen Seiten um.

»Persiany!« rief Prinz Hermann.

»Mein Gott, Persiany!« rief Graf Platen erstaunt, aber mit freudigem Ausdruck und eilte schnellen Schrittes dem Gesandten des Kaisers von Rußland am hannöverischen Hofe entgegen.

»Was will er hier?« fragte Graf Ingelheim und eine finstere Wolke flog über sein Gesicht.

»Es ist jedenfalls ein gutes Zeichen für die Stellung Rußlands,« sagte der Prinz, »und,« fügte er lächelnd hinzu, – »jedenfalls ist es kein Parlamentär!«

»Wer weiß,« murmelte Graf Ingelheim.

Und sein Blick folgte forschend dem Grafen Platen, welcher Herrn von Persiany entgegengetreten war.

»Endlich finde ich Sie, mein lieber Graf!« rief der Gesandte des Kaiser Alexander, ein alter Herr mit scharf markirten Zügen und lebhaften dunkeln Augen, welche aber jetzt den Ausdruck der höchsten Abspannung trugen, – »Gott sei Dank, daß diese entsetzliche Reise zu Ende ist.« –

Und er reichte seine vor Ermattung zitternde Hand dem Minister.

»Sie glauben nicht, was ich ausgestanden habe,« fuhr er fort, indem er den Mantel abnahm, – »in diesen schrecklichen Wagen, immerfort aufgehalten durch die Truppenbewegungen, ohne Schlaf, ohne vernünftige Nahrung – in meinen Jahren –«

»Nun,« sagte Graf Platen, – »jetzt sollen Sie etwas Ruhe haben, – »viel können wir Ihnen auch nicht bieten, denn an Bequemlichkeit ist unser Hauptquartier nicht reich –«

»Doch vor Allem,« – unterbrach ihn Herr von Persiany, – »wo ist Seine Majestät, ich bitte sogleich um eine Audienz, – ich komme auf Befehl meines allergnädigsten Herrn und Kaisers –«

Graf Platen blickte erstaunt und gespannt auf und erwiederte:

»Kommen Sie mit mir, ich werde Sie sogleich Seiner Majestät melden!«

Er reichte dem vor Erschöpfung zitternden alten Herrn den Arm und stieg mit ihm die innere Treppe des Schützenhauses herauf.

Im Vorzimmer des Königs sank Herr von Persiany matt auf einen Stuhl.

Graf Platen trat in das Zimmer des Königs, der auf dem Kanape ruhte.

Der Geheime Kabinetsrath saß bei ihm und las einige eingegangene Meldungen vor.

»Verzeihen Eure Majestät die Störung!« rief der Minister, – »Herr von Persiany ist auf Befehl des Kaisers Alexander hier und bittet Eure Majestät, ihn zu empfangen.«

Georg V. erhob sich, ein freudiger Ausdruck belebte seine Züge.

»Wie?« rief er lebhaft, – »und was bringt er? – lassen Sie ihn kommen!«

Graf Platen führte den russischen Gesandten in das Zimmer.

»Willkommen im Lager, mein lieber Herr von Persiany!« rief der König und streckte dem Eintretenden seine Hand entgegen.

Der alte Herr ergriff dieselbe und sprach mit zitternder Stimme:

»Mein Gott, Majestät, welche Zeiten, – welcher Schmerz für mich, Eure Majestät unter solchen Verhältnissen wieder zu sehen!«

Seine Hand zitterte und eine Thräne blinkte in seinem Auge.

»Herr von Persiany ist sehr erschöpft von der Reise, Majestät!« sagte Graf Platen.

Der König ließ sich auf das Sopha nieder und rief:

»Setzen Sie sich, Herr von Persiany, bedürfen Sie einer Erfrischung? – Lieber Lex, suchen Sie ein Glas Wein zu schaffen!« –

»Ich danke, – ich danke untertänigst, Majestät sind zu gütig,« sagte der alte Herr, indem er wie gebrochen in einen Stuhl sank, – »ich werde nachher etwas finden, – jetzt lassen Eure Majestät mich vor Allem aussprechen, daß der Kaiser, mein allergnädigster Herr, mir befohlen hat, mich zu Eurer Majestät in's Hauptquartier zu begeben und Sie seiner freundschaftlichsten Theilnahme zu versichern.«

»Der Kaiser ist sehr gütig,« sagte der König, – »und ich erkenne darin die Freundschaft, welche er mir stets bewiesen hat und welche ich von ganzem Herzen erwiedere.«

»Der Kaiser hat mir befohlen;« fuhr Herr von Persiany tief Athem schöpfend und mühsam die Worte hervorstoßend fort, »mich Eurer Majestät zur Disposition zu stellen, da er voraussetzt, daß Verhandlungen mit Preußen stattfinden würden und daß vielleicht die freundliche Vermittlung eines neutralen, beiden Souveränen befreundeten Monarchen –«

Des Königs Stirn umwölkte sich.

»Die Verhandlungen, welche stattgefunden haben, sind abgebrochen!« sagte er.

»Mein Gott!« rief Herr von Persiany, »so wäre ich zu spät gekommen!« und er sank wie gebrochen von dem Gedanken, daß seine anstrengende Reise umsonst gewesen sein könne, in sich zusammen. – Sollte es denn gar nicht möglich sein,« rief er, die zitternden Hände faltend, – »einen blutigen Zusammenstoß zu vermeiden, – der Kaiser glaubt sicher zu wissen, daß der König von Preußen eine Verständigung dringend wünscht – und wenn Eure Majestät –«

»Mein lieber Herr von Persiany,« sagte der König, »ich wüßte in der That nicht, wie ich Verhandlungen wieder beginnen sollte, nachdem man mir unmittelbar vor Ihrer Ankunft wiederum die unannehmbare Sommation vom 15. gestellt und ich dieselbe abermals zurückgewiesen habe.«

»Mein Gott, mein Gott!« rief Herr von Persiany, – »welch' ein Unglück ist es, in solchem Augenblick, so alt und gebrechlich und nicht mehr Herr über seine Nerven zu sein! – Könnte nicht vielleicht durch meine Vermittlung – von Neuem –« – er konnte nicht weiter sprechen, die Stimme versagte ihm, er war einer Ohnmacht nahe.

»Mein lieber Gesandter,« sagte der König mit milder Stimme, – »ich habe Ihnen herzlich zu danken, daß Sie so schnell diese anstrengende Reise gemacht haben, um mir den Beweis der freundlichen und liebenswürdigen Gesinnungen des Kaisers zu bringen, – für den Augenblick ist aber Nichts zu thun, – Sie bedürfen unumgänglich einer kurzen Ruhe und einiger Stärkung, – ich bitte Sie sich zurückzuziehen, – Graf Platen wird für Sie sorgen.«

»Ich danke, ich danke, Majestät,« – sagte Herr von Persiany, mühsam aufstehend, – »ich bedarf in der That einiger Erholung und werde mich bald wieder à mon aise befinden, ich bleibe zu Eurer Majestät Disposition für alle Fälle.«

Seine Kräfte drohten ihn zu verlassen, er nahm den Arm des Grafen Platen, welcher ihn hinausführte und ihm ein Zimmer mit einem Bett besorgte, in welchem der erschöpfte alte Herr alsbald entschlummerte, während man seinem Diener einige leichte Nahrungsmittel in der sehr spärlich bestellten Küche suchte, um seinem Herrn beim Erwachen etwas Stärkung zu geben.

Graf Platen suchte den österreichischen Gesandten auf, welcher in dem Garten des Schützenhauses auf und ab ging.

»Nun? eine neue Negoziation? nicht wahr?« fragte Graf Ingelheim, indem er den Minister forschend anblickte.

»Es scheint,« antwortete dieser, »daß man in Petersburg, sei es aus eigenem Antrieb, sei es auf preußischen Wunsch, zu einer Vermittlung geneigt ist – vielleicht hängt das mit der Sendung des Obersten von Döring zusammen, – jedenfalls –«

»Mein lieber Graf,« unterbrach ihn der österreichische Gesandte ernst, »ich habe mich jeder Bemerkung enthalten diesen seit mehreren Tagen fortgesetzten Unterhandlungen gegenüber, – sie waren, in der Form wenigstens, militärischer Natur; Sie sehen, wohin diese Unterhandlungen Sie militärisch geführt haben, – fast zur Einschließung durch preußische Truppen, zur Erdrückung, – wenn nicht schnell der noch einzige Ausweg zur Rettung ergriffen wird. – Soll jetzt in diesem äußersten und letzten Moment dem Feinde Zeit gelassen werden, auch diesen vielleicht noch offenen Ausweg über Gotha zu schließen, indem hier neue Verhandlungen begonnen werden? – Dießmal übrigens,« fuhr er fort, »tritt die Sache auf das diplomatische Gebiet und ich muß nun auch ernstlich auf die politischen Folgen aufmerksam machen. Die bisherigen Negoziationen haben Sie in eine höchst gefährliche militärische Stellung gebracht, – soll die politische Stellung ihr gleich werden? – Was soll man in Wien sagen, wenn man erfährt, daß auch in diesem Augenblick kein Verlaß auf Hannover ist, – daß durch russische Vermittlung politische Verhandlungen mit Preußen stattfinden?« –

»Aber es findet nicht die geringste Verhandlung statt,« rief Graf Platen.

»Weil der gute alte Persiany jetzt schläft,« sagte Graf Ingelheim, – »weil er keine Nerven mehr hat, – aber wenn er erwacht? – Ich bitte Sie, Graf Platen, schicken Sie diesen russischen Vermittler fort, – glauben Sie denn jetzt noch irgendwo anders einen Halt finden zu können, als bei Oesterreich, – wollen Sie sich dort für immer Thüren und Ohren verschließen, sich ausschließen von der Theilnahme an den Früchten der großen Entscheidung, die dort unten bald fallen wird?«

»Aber ich bitte Sie – in welcher Form –?« sagte Graf Platen zögernd.

»In welcher Form?« rief Graf Ingelheim, »der alte kranke Mann wird jede Form mit Dank annehmen, die ihm erlaubt, hier fort zu kommen aus dem Lärm, den Strapazen und der Nähe der Kanonen. – Ich bitte Sie,« fuhr er dringend fort, »denken Sie, was man in Wien sagen würde, der Kaiser, der so fest auf Hannover baute, – alle Ihre Freunde in der Gesellschaft, welche so sicher auf Sie zählen, – die Schwarzenbergs, – die Dietrichsteins, – die Gräfin Mensdorff, – die Gräfin Clam-Gallas –«

»Persiany wird abreisen,« – rief Graf Platen, – »wie ich zu Oesterreich stehe, weiß man in Wien, – in der exponirten Lage Hannovers –«

»Thut man am besten, fest zu einer Seite zu stehen,« – sagte Graf Ingelheim, »und jetzt wenigstens, in der zwölften Stunde, einen sichern Freund zu gewinnen!«

»Ich gehe zum König,« sagte Graf Platen, und schritt langsam dem Hause zu.

Graf Ingelheim sah ihm nach und schüttelte leicht den Kopf.

»Wenn er nur unterwegs Niemand begegnet!« sagte er vor sich hin. – »Ich fürchte,« – fuhr er nachdenklich auf und nieder gehend in seinem Selbstgespräch fort, – »ich fürchte, es nimmt hier kein gutes Ende, – der bewundernswürdig heldenmüthige Sinn dieses königlichen Herrn findet keine Organe der Verbindung zwischen ihm und der tapfern Armee, – dieser Generalstab hat keinen Begriff vom Kriege und kennt nur einen Grundsatz, – dem Feinde aus dem Wege zu gehen, wo er sich zeigt, – und der Kronprinz –«

Er seufzte tief.

»Indeß,« fuhr er fort, – »es ist immer schon viel erreicht. Dieser hannöverische Feldzug hat Preußen schon viel Zeit gekostet, – viel Truppen absorbirt, – Alles das ist Gewinn da unten und fällt für uns in die Wagschale der Entscheidung, – die Okkupation des Landes absorbirt weitere Kräfte, – vor Allem muß eine Verständigung, – irgend ein politisches Abkommen verhindert werden, das den Feinden hier im Norden völlig freie Hand gibt. – Doch, da kommt ja mein nordischer Kollege!« – und er ging dem russischen Gesandten entgegen, welcher aus dem Hause in den Garten trat.

Herr von Persiany hatte ein wenig geschlafen, ein wenig Toilette gemacht und ein wenig gegessen, und sah bei weitem frischer aus als vorhin.

Mit noch immer etwas schwankenden Schritten ging er dem Grafen Ingelheim entgegen.

»Willkommen im Hauptquartier, mein lieber Kollege,« rief dieser, indem er ihm die Hand entgegenstreckte, – »das Corps diplomatique vervollständigt sich, bis jetzt war ich sein einziger Vertreter! – Sie sind ermüdet von der Reise, nicht wahr?«

»Bis zum Tode!« rief Herr von Persiany, indem er sich auf eine Gartenbank niedersinken ließ, auf welcher der Graf Ingelheim neben ihm Platz nahm, – »bis zum Tode, – und es scheint nicht, daß man hier Gelegenheit haben wird, sich zu erholen –«

»Nein, das hat man in der That nicht,« sagte Graf Ingelheim, »den ganzen Tag Lärm, Trommelschlag und Hörnerklänge –«

»Entsetzlich!« rief Herr von Persiany.

»Und des Nachts kein Bett oder eine harte Strohmatratze –«

Herr von Persiany faltete die Hände und richtete den Blick gen Himmel.

»Das sind aber kleine Schwierigkeiten, über die man leicht hinwegkommt,« sagte Graf Ingelheim.

Herr von Persiany sah ihn von der Seite mit dem Ausdruck tiefsten Erstaunens an.

»Unangenehm wird es aber werden,« fuhr der österreichische Diplomat fort, »wenn es zur wirklichen Aktion kommt, – der König wird gewiß mitten darin sein, und wir werden natürlich bei ihm sein müssen –«

»Glauben Sie, daß wir etwas zu fürchten haben?« fragte Herr von Persiany, – »unser diplomatischer Charakter –«

»Wird mich vielleicht vor Gefangenschaft nicht schützen,« sagte Graf Ingelheim, »denn wir sind ja im Krieg mit Preußen, – bei Ihnen ist das etwas Anderes, Sie sind der aufmerksamsten Behandlung sicher, sobald Sie sich vor irgend einem Truppenkommandeur legitimiren. – In dem Démêlé freilich –« und er zuckte die Achseln.

»Sollten wir etwas zu fürchten haben?« fragte Herr von Persiany.

»Mein lieber Kollege,« erwiederte Graf Ingelheim leicht seufzend, indem er von der Seite einen forschenden Blick auf den russischen Diplomaten warf, – »eine Kanonenkugel, das Pistol eines Husaren, der Säbel eines Kürassiers nehmen sehr wenig diplomatische Rücksichten –«

»Aber mein Gott!« rief Herr von Persiany, – »wenn es zum Aeußersten kommt, so weiß ich nicht, ob ich hier bleiben darf, wir sind ja im Frieden mit Preußen.«

»Das kommt plötzlich und wahrscheinlich ohne Vorbereitung, – da bleibt dann keine Wahl,« sagte Graf Ingelheim trocken. »Uebrigens glaube ich auch nicht gerade an eine ernste Lebensgefahr, – freilich bleibt es immer unangenehm, den furchtbaren Lärm des Schlachtfeldes zu hören, das Blut zu sehen, – die Leichen –«

Herr von Persiany sank auf seine Bank zurück, seine bleichen Lippen bebten bei dem Gedanken an eine solche Aufregung seiner Nerven.

»Ob man wohl etwas Sodawasser hier haben kann?« fragte er.

»Das glaube ich nicht,« sagte Graf Ingelheim, – »solche Sachen finden sich nicht, und was man auftreiben kann, wird für die Kranken und die demnächstigen Verwundeten mit Beschlag belegt. An der Tafel des Königs haben wir dünnes Bier, kaltes Rindfleisch und abgekochte Kartoffeln –«

»Aber das ist unmöglich!« rief Herr von Persiany.

Graf Ingelheim zuckte die Achseln.

»Was wollen Sie,« sagte er, »im Kriege kann man keine guten Diners verlangen; – übrigens sind wir Jäger das gewöhnt –«

»Aber ich bin kein Jäger,« sagte Herr von Persiany.

»Da kommt Graf Platen,« rief der österreichische Gesandte, – »vielleicht bringt Der Neues!«

Graf Platen kam und bat den durch die Schilderungen des Grafen Ingelheim auf's Tiefste erschütterten russischen Gesandten, ihn zum Könige zu begleiten.

»Sie glauben also, daß keine Verhandlungen mehr möglich sind?« fragte Herr von Persiany, indem sie die Treppe hinaufstiegen.

»Ich glaube nicht, daß der König sich noch auf irgend etwas einläßt,« – erwiederte Graf Platen nach kurzem Zögern.

»Dann –« sagte Herr von Persiany, – er sprach seinen Gedanken nicht aus, denn sie waren vor der Thür des Königs.

»Mein lieber Herr von Persiany,« sagte Georg V., »ich habe Sie bitten lassen, um Ihnen nun, – nachdem Sie hoffentlich ein wenig ausgeruht sind –?«

»Ich danke, Majestät!« sagte Herr von Persiany seufzend, »ein wenig gestärkt bin ich –«

»Um Ihnen,« fuhr der König fort, »nochmals zu danken für den Eifer, mit welchem Sie die bei Ihren Jahren und Ihrem schwächlichen Gesundheitszustand doppelt beschwerliche Reise hieher gemacht haben, um mir die freundlichen Gesinnungen des Kaisers auszusprechen und seine herzlich gemeinte Vermittlung anzutragen. Ich würde Sie auch bitten, länger in meinem Hauptquartier zu verweilen –«

Herr von Persiany horchte hoch auf, – ein leichter Schimmer flog über seine Züge.

»Wenn nicht,« fuhr der König fort, »die letzte Möglichkeit einer Verhandlung abgeschnitten wäre, nachdem mir der Oberst von Döring noch einmal ein Bündniß auf Grund der Reformbedingungen angetragen hat und ich dasselbe abgelehnt habe. Auch hat der Parlamentär selbst seinen Auftrag für tatsächlich erledigt erklärt, bevor er ihn ausrichtete. Ich würde Sie also nur unnütz quälen und Ihre Gesundheit durch die Entbehrungen und Strapazen des Kriegslebens ernsten Gefahren aussetzen, wenn ich Sie hier zurückhielte. Ich bitte Sie deßhalb, nach Hannover zurückzugehen. Sie können dort der Königin mit Ihrem Rath nützlich sein. Danken Sie dem Kaiser auf das Innigste und Herzlichste für seine Freundschaft und Theilnahme!«

»Wenn Eure Majestät mir sagen, daß nach der Sachlage jede Verhandlung hier unmöglich ist und ich Ihnen hier von keinem Nutzen sein kann, ja, daß ich vielleicht Ihrer Majestät der Königin in Hannover –«

»Das ist ganz bestimmt meine Meinung,« sagte der König.

»Es wäre nur möglich,« sagte Herr von Persiany, »daß vielleicht im Laufe der Ereignisse, – der Uebermacht gegenüber – nochmals der Moment für irgend welche Verhandlungen eintreten könnte, – es wäre dann meine Pflicht zu bleiben – und nur der bestimmte Befehl Eurer Majestät –«

»Wenn es sein muß, so gebe ich Ihnen diesen Befehl,« sagte der König, »reisen Sie schnell und theilen Sie der Königin mit, wie Sie mich und die Armee hier gefunden!«

»Dann muß ich gehorchen!« rief Herr von Persiany, »ich bitte Gott, Eure Majestät zu schützen und Alles zum Besten zu fügen.«

In tiefer Bewegung ergriff der alte Herr die dargebotene Hand des Königs, hielt sie lange in der seinen und eine Thräne fiel darauf nieder.

Der König lächelte gütig.

»Ich weiß, welche treuen Gesinnungen Sie für mich und mein Haus haben, Gott schütze Sie – und Ihren Kaiser!« – fügte er herzlich hinzu.

Herr von Persiany kehrte mit dem Grafen Platen in den Garten zurück, wo Graf Ingelheim sie erwartete.

»Nun, lieber Kollege!« rief er, »Sie sehen ja viel munterer aus, als vorhin; söhnen Sie sich mit dem Lagerleben aus?«

»Der König entläßt mich,« sagte Herr von Persiany, – »er sendet mich nach Hannover zurück, – ich werde meinen alten Körper nicht mehr auf diese Probe stellen. – Aber,« fuhr er fort, indem er sich an Graf Platen wendete,– »auf dem Weg, den ich gekommen, kehre ich nicht zurück, – senden Sie mich nach Gotha, ich will über Frankfurt, – von dort werde ich vielleicht auf Umwegen, aber doch schneller und sicherer zurückkommen. – Aber schnell muß ich abreisen, – ich könnte vielleicht in Hannover nützen.«

Der alte Herr drückte dem Grafen Ingelheim die Hand und trippelte eilfertig am Arm des Grafen Platen dem Hause zu, – wo sein Wagen und eine Bedeckung in Bereitschaft gesetzt wurde.

»Der Sturm wäre abgeschlagen,« sagte Graf Ingelheim, indem er sich die Hände rieb und dem russischen Gesandten lächelnd nachblickte, – »ja – wenn man in solchen Zeiten Diplomatie machen will, muß man Leute schicken, die noch feste Muskeln und zähe Nerven habend«

Und er schritt mit jugendlicher Elastizität dem Hause zu.

Eine Stunde darauf hielt der König Kriegsrath. Er versammelte den kommandirenden General und den Generalstab, den Generaladjutanten und den General von Brandis. Zugleich zog er den Grafen Platen, den Grafen Ingelheim und den Regierungsrath Meding zu.

Der König drang auf sofortigen Aufbruch nach Gotha. General von Brandis, der Oberst Dammers und die Herren vom Civil unterstützten dringend des Königs Ansicht.

Der Generalstabschef Oberst Cordemann aber setzte auseinander, daß die Armee in Folge der angestrengten Märsche und der knappen Lebensmittel unmöglich die Offensive ergreifen könne und daß man eine Defensivstellung einnehmen müsse, um einen muthmaßlichen Angriff zu erwarten. Der ganze Generalstab war der Ansicht seines Chefs und der kommandirende General glaubte unter solchen Umständen den Vormarsch nicht verantworten zu können.

Seufzend genehmigte der König die getroffenen Dispositionen, erklärte aber, die Nacht unter den Truppen zubringen zu wollen, und so zog denn um Mitternacht der königliche Herr mit seinem ganzen Gefolge hinaus, mitten in die Truppenaufstellung hinein.

In einem Getraidefelde vor dem Flecken Merxleben etablirte sich das königliche Bivouak und in gespannter Erwartung lauschte Jedermann dem grauenden Morgen entgegen.

Alles blieb ruhig. Von den Vorposten kamen keine Meldungen über irgend eine feindliche Bewegung.

Gegen vier Uhr Morgens trafen im Hauptquartier einige in den vorhergehenden Tagen nach Süden entsendete Kundschafter ein und meldeten, daß die Bayern im entschiedenen Vorrücken begriffen seien und am 25. schon in Vacha gestanden hätten. Die gänzliche Untätigkeit des Feindes schien diese Nachrichten zu unterstützen und ließ glauben, daß die preußischen Streitkräfte nach jener Richtung hin abgezogen würden.

Eine frohe Stimmung verbreitete sich im Hauptquartier und es wurde beschlossen, in einer festen Stellung die Bestätigung dieser Nachrichten und das Heraufkommen der bayerischen Armee abzuwarten. Nur General Brandis schüttelte abermals den Kopf und meinte, – wenn die Bayern heraufkämen und die Preußen vom Süden her beschäftigten, so sei dieß ein Grund mehr, ihnen so schnell als möglich entgegen zu eilen und ihnen die Hand zu reichen, bevor die preußischen übermächtigen Kräfte vom Norden herankommen könnten.

Es wurde nun Befehl gegeben, Batterieen zu errichten, der König und sein Gefolge, erschöpft von der ruhelosen Nacht, begaben sich nach Thamsbrück, einem hoch am Ufer der Unstrut belegenen Dorfe, und der König nahm Quartier im dortigen Pfarrhause.

Hell und glänzend stieg die Sonne des 27. Juni herauf und beleuchtete mit ihren ersten Strahlen das bunte, wechselvolle Bild der um die Stadt Langensalza her gelagerten hannöverischen Armee.

Vierzehntes Kapitel.

Um fünf Uhr Morgens war der König in das stille Pfarrhaus auf der Höhe von Thamsbrück eingezogen und hatte sich zurückgezogen, um zu ruhen. Man erwartete nach den Dispositionen des Generalstabs einen mehrtägigen Aufenthalt mit Defensivgefechten, um das stets vorausgesetzte, aber durch keine positiven Nachrichten unterstützte Heraufkommen der Bayern abzuwarten.

Unter einem großen, mächtigen, uralten Lindenbaum auf dem Hofe des Pfarrhauses war das Gefolge des Königs mit einem sehr einfachen und bescheidenen Frühstück angelegentlich beschäftigt.

Ein großer Tisch mit weißem Linnen bedeckt trug ein blaugeblümtes Kaffeegeschirr von Fayence, wie es in den alten, einfachen Landhaushaltungen Norddeutschlands sich traditionell vorfindet, und es war durchaus kein Mokkaduft, welcher aus dem großen Topf heraufstieg, der in der Mitte auf einem alterthümlichen Kohlenbecken stand.

Ein Schinken und einige Würste, ein großes schwarzes Brod und ein kleines Stück Butter vervollständigten die Ausstattung der Tafel, deren Honneurs der Flügeladjutant Graf Erhardt Wedel, der Hofmarschall des Hauptquartiers, mit strenger Unparteilichkeit machte.

Die ganze Gesellschaft erwies dem Frühstück alle Ehre mit einem Appetit, wie er sich kaum jemals an der Marschallstafel in Herrenhausen gezeigt hatte.

»In diesem Getränk scheint ungeheuer viel Wasser enthalten zu sein,« sagte der General von Brandis bedenklich, indem er prüfend die bräunliche Flüssigkeit in seiner blaugeblümten Tasse betrachtete.

»Dann hat das Getränk zu viel, was der Wurst an Feuchtigkeit abgeht,« bemerkte Graf Ingelheim, indem er mit seinem Taschenmesser Versuche machte, ein Stück Wurst zu zerschneiden, deren steinharte Festigkeit ihm jedoch einen ernstlichen Widerstand entgegensetzte.

»Wenigstens ist das Getränk warm,« sagte Graf Platen, der bleich und fröstelnd eine Tasse des dampfenden Kaffees schlürfte.

»Ich weiß nicht, ob das warme Wasser zuträglicher ist als das kalte,« murrte der General Brandis, – ohne sich entschließen zu können, seine Tasse zum Munde zu führen, – »es hat seine Vorzüge für den äußerlichen Gebrauch – aber ohne vorsichtige Beimischung von geistigen Stoffen es innerlich zu nehmen, – das scheint doch bedenklich, – dazu am frühen Morgen.«

»Eure Excellenz theilen die Abneigung der alten Legionäre gegen das Wasser,« sagte Graf Wedel lachend, – »jene Herren pflegten zu sagen: das Wasser ist schon so unangenehm, wenn es in die Stiefel dringt, wie viel unangenehmer müßte es sein, wenn es in den Magen käme!«

»Wellingtons Legionäre lebten vor Erfindung der Hydropathie!« bemerkte der kleine Kabinetsrath, mit der Ueberwindung eines großen Stücks Schinken beschäftigt.

»Und sie hatten vollkommen Recht!« sagte der General Brandis mit komischem Ernst, – »das Feuer war ihr Element,« – setzte er hinzu, indem er seine Tasse wieder auf den Tisch stellte – »und sie führten auch den Krieg nicht mit Zuckerwasser, wie das heutzutage Mode zu werden scheint.«

»Vielleicht kann ich Eurer Excellenz ein besseres Getränk für diese flaue Morgenstunde schaffen,« sagte der Prinz Hermann Solms, indem er eine elegante, mit Stroh umflochtene Feldflasche hervorzog, »hier habe ich noch einen Rest vortrefflichen Cognac!«

»Sie sind ein Helfer in der Noth, mein kleiner Prinz!« rief der alte General freundlich lächelnd, »ich werde mich einmal revanchiren!«

Der Prinz eilte in's Haus, kam mit einem Kuchengefäß voll warmen Wassers zurück und bald stand vor dem General ein mit vorsichtigster homöopathischer Benützung des Wassers gemischtes Glas Grog, das dem alten Herrn seine vollständige Zufriedenheit und Heiterkeit wiedergab.

Ein lautes Hurrah ertönte aus den den Hof umgebenden Stallgebäuden und unmittelbar darauf eilte von jener Seite her der Kronprinz Ernst August zu der um den Frühstückstisch versammelten Gesellschaft.

Er trug ein zusammengeknüpftes Tuch in der einen, seine Feldmütze in der andern Hand.

»Rathen Sie, was ich hier habe, meine Herren!« rief er, vorsichtig das Tuch und die Mütze in die Höhe haltend. – »Frische Eier – soeben gelegt – ist das nicht ein herrlicher Fund?« – und er leerte das Tuch und die Mütze auf den Tisch, – »jetzt wollen wir sie kochen – oder sollen wir eine Omelette machen?«

»Wozu die langen Umstände?« sagte General Brandis, indem er ein Ei ergriff, es auf dem Knopf seines Säbels aufschlug und austrank, – »man sieht, die jetzige Generation gewöhnt sich schwer an den richtigen Krieg.«

Graf Ingelheim folgte seinem Beispiel.

»Es wäre aber doch so hübsch, einen Eierkuchen zu backen!« rief der Kronprinz, indem er die Hände über seinen Vorrath breitete.

»Leider haben wir Zeit dazu!« murmelte General Brandis.

»Horch!« rief der Regierungsrath Meding, indem er aufsprang.

»Ein Kanonenschuß,« sagte Graf Ingelheim, die Hand an das Ohr haltend.

»Unmöglich,« bemerkte der Generaladjutant, – »woher sollte das kommen? – der Generalstab erwartet keinen Angriff!«

Einige kurze, sehr entfernte dumpfe Detonationen ließen sich hören.

»Das sind doch in der That Schüsse!« rief Graf Wedel.

»Ich glaube wirklich, daß sie anfangen zu brummen,« sagte der General Brandis, indem er aufstand und mit zufriedener Miene den Rest seines Grogs austrank. – »Es wäre gut, zu Pferde zu steigen!«

»Soll Seine Majestät geweckt werden?« fragte Graf Wedel.

»Es würde eine Meldung da sein, wenn etwas Ernstes sich zeigte,« sagte der Oberst Dammers, – »ich werde auf den obersten Boden des Hauses steigen, von wo aus man die ganze Ebene übersehen kann.«

Und er ging in das Haus; der Prinz Hermann folgte ihm, während die übrige Gesellschaft in gespannter Erwartung den immer deutlicher hörbaren Detonationen lauschte.

»Ein Eierkuchen wird doch zu viel Schwierigkeiten machen,« sagte der Kronprinz, that seine Eier in das Gefäß, dessen Inhalt an heißem Wasser der General Brandis durch seinen Grog nur wenig vermindert hatte, und setzte dieß auf das Kohlenbecken. Dann blies er eifrig in die Kohlen und verfolgte aufmerksam den beginnenden Siedeprozeß des Wassers.

Nach kurzer Zeit kehrte der Oberst Dammers zurück.

»Es sind am äußersten Horizont starke Kolonnen sichtbar, man sieht die Waffen durch den Staub blitzen!« rief er, – »man muß Seine Majestät wecken!«

Graf Wedel eilte in das Haus.

Aus der Ebene drangen Signale herauf; man hörte den Generalmarsch in den verschiedenen Lagerplätzen.

Georg V. trat aus dem Pfarrhause.

Alle näherten sich dem Könige.

»Majestät,« rief der General Brandis, – »ich höre mit Freuden die alte wohlbekannte Stimme der Kanonen, – das macht mein altes Herz wieder jung!«

Des Königs Antlitz strahlte von hohem Muth und Entschlossenheit.

Er reichte dem General die Hand.

»Ich höre diese Stimme zum ersten Mal im ernsten Felde,« sagte er, »aber mein lieber General – auch mein Herz schlägt höher bei diesen Tönen, – jetzt ist keine Transaktion mehr möglich, – Gott sei mit uns!«

Und er faltete die Hände und richtete stumm sein Haupt zum Himmel.

Unwillkürlich fast folgten die Umstehenden seinem Beispiel.

Pferdegetrappel ertönte, ein Offizier der Garde du Corps sprengte heran, sprang vom Sattel und meldete dem Könige vom kommandirenden General, daß der Feind in starken Kolonnen auf der Straße von Gotha heranziehe und daß der General Seine Majestät bitten ließe, Thamsbrück sofort zu verlassen und sich nach der Höhe hinter Merxleben zu begeben.

Graf Wedel eilte fort, die Pferde wurden vorgeführt, die Wagen bespannt.

»Der Generallieutenant von Arentschildt läßt Eure Majestät ferner um Befehle und Instruktionen für eine im Laufe der Aktion etwa nöthig werdende Kapitulation bitten,« – sagte der Adjutant.

General Brandis biß in seinen Schnurrbart, – Graf Ingelheim stampfte auf den Boden.

»Was heißt das?« fragte der König ruhig.

»Der Generalstab,« fuhr der Offizier fort, »hat dem General vorgestellt, daß die erschöpften und schlecht genährten Truppen vielleicht das Gefecht nicht durchführen könnten, und er bittet deßhalb um Autorisation zu kapituliren, wenn dieß nach seiner Ueberzeugung nöthig sein sollte. Er hat eine Instruktion zu diesem Behuf aufgesetzt und bittet Eure Majestät, dieselbe allerhöchst vollzogen ihm zurücksenden zu wollen.«

Und er überreichte dem König ein Papier.

Der König hatte die Zähne über einander gebissen. Ein scharfer, zischender Athemzug fuhr aus seinem Munde.

Ohne irgend eine hastige Bewegung nahm er das Papier und riß es durch.

»Reiten Sie zum Generallieutenant von Arentschildt zurück,« sprach er mit kalter, ruhiger, metallisch tönender Stimme, »und bringen Sie ihm meinen Befehl, sich zu vertheidigen bis auf den letzten Mann!«

Das Gesicht des Offiziers leuchtete.

Mit militärischem Gruß wendete er sich scharf um, saß im Nu im Sattel und sprengte wie der Sturmwind davon.

»Und nun vorwärts, meine Herren!« rief der König.

»Papa, ein frisch gesottenes Ei!« und der Kronprinz eilte herbei und bot dem Könige einen Teller mit den Proben seiner Kochkunst.

»Nehmen es Eure Majestät!« sagte der General Brandis, »man kann nicht wissen, wann und wo es wieder etwas gibt,« und er reichte dem Könige ein Ei, nachdem er die Schale an seinem Säbelgriff zerschlagen.

Der König aß es und wendete sich zu den Pferden.

Man stieg auf und der Zug setzte sich in Bewegung, die Dragoner führten und schlossen als Deckung, – die Equipagen und Handpferde folgten.

Als der König aus dem Dorfe Thamsbrück herausritt, war der Geschützkampf bereits in vollem Gange.

Von der Höhe herab sah man die feindlichen Tirailleurlinien vor der Stadt Langensalza, – die feindlichen Batterieen waren jenseits der Unstrut aufgefahren und unterhielten ein lebhaftes Feuer, die hannöverischen Batterieen von der andern Seite antworteten. Vor der Stadt war die Infanterie engagirt, hannöverische Kavallerie war zur Seite sichtbar und zog sich langsam zurück.

»Wohin reiten wir?« fragte der König.

»Nach einer Höhe bei Merxleben, von wo man das ganze Gefechtsfeld übersehen kann, Majestät,« erwiederte der Generaladjutant.

»Wir entfernen uns von dem Kanonendonner!« sagte der König.

»Der Weg macht eine Biegung und zieht sich links herum nach jener Höhe,« antwortete der Oberst Dammers.

»Dann müssen wir rechts reiten, um uns dem Gefecht zu nähern,« sagte der König ruhig und wendete den Kopf seines Pferdes nach der Richtung, woher der Geschützdonner erklang. – »Schweppe,« sagte er zu dem Major der Gardekürassiere und Regimentsbereiter, welcher sein Pferd am Leitseil führte, – »ich befehle Ihnen, in jener Richtung zu reiten.«

»Es führt kein Weg da, Majestät,« erwiederte dieser.

»Dann reiten wir durch das Feld!« Und der königliche Zug bewegte sich in der That in der vom Könige angegebenen Richtung vorwärts.

Näher und näher hörte man die Detonationen der Geschütze und das Prasseln des kleinen Gewehrfeuers.

Der Zug des Königs und seines Gefolges bewegte sich auf der Höhe der die Ebene begrenzenden Hügelkette durch das Feld hin nach dem von dem Generaladjutanten bezeichneten Punkte, scharf hervortretend durch die bedeckenden Dragoner und die glänzenden Uniformen der Suite.

Einzelne Kugeln flogen über diesen Zug hin, die Pferde begannen zu schnauben.

Da schien plötzlich die feindliche Artillerie den Zug des Königs zum Zielpunkt zu wählen und die Granaten flogen dichter und dichter darüber hin, bald hinten, bald vorn in den Boden schlagend.

Der Generaladjutant sprengte an den König heran.

»Majestät,« rief er, »wir sind im lebhaftesten Feuer, ich beschwöre Eure Majestät –«

Graf Platen und General von Brandis baten den König ebenfalls dringend, sich aus der augenscheinlichen Gefahr zurückzuziehen.

Der König hielt sein Pferd an.

Die ganze Eskorte stand still.

»Können die Truppen mich hier sehen?« fragte Georg V.

»Zu Befehl, Majestät,« erwiederte der Generaladjutant, »Eurer Majestät Stellung ist von der ganzen Ebene aus sichtbar.«

»Gut,« sagte der König einfach.

Und er hielt ruhig auf der Stelle.

Die Granaten flogen mit zischendem Schlag durch die Luft, das kleine Gewehrfeuer knatterte herauf aus dem Thal, die Pferde hoben die Köpfe, schnaubten und zitterten, – unbeweglich, einem Marmorbilde gleich, hielt der blinde König dort oben auf der Höhe, – damit seine Truppen ihn sähen – den Welfenfürsten, der sein Leben einsetzte für das, was er als Recht erkannt in seines Herzens stolzem Gefühl.

Und mit brausendem Hurrah begrüßten die hannöverischen Kolonnen den König, wenn sie an ihm vorbeizogen, und tief senkten sich die wehenden Fahnen vor dem königlichen Herrn der ruhig und kalt ihren Gruß erwiederte, sobald er ihm gemeldet wurde.

»Wenn wir noch lange hier stehen,« sagte Graf Ingelheim zum General von Brandis, »so wird doch endlich eine Kugel Gelegenheit finden, die hannöverische Frage auf sehr einfache Weise zu lösen –«

»Ja, in der That,« bemerkte Graf Platen, auf eine in der Nähe des Königs einschlagende Granate deutend, »sie kommen dem Ziel immer näher, – aber macht man Vorstellungen, so bleiben wir nur um so länger hier.«

»Majestät,« sagte General Brandis, zum König heranreitend, »das Gefecht macht eine Wendung und ich glaube, daß Eure Majestät sichtbarer auf dem Hügel sein werden, der ursprünglich für Eurer Majestät Stellung bestimmt war.«

»Ist das gewiß, Brandis?« fragte der König.

»Ich glaube gewiß, daß Eure Majestät dort besser stehen,« erwiederte der General.

»Dorthin also!« rief der König, seinem Pferde die Sporen eindrückend, daß es in mächtigem Satze empor fuhr und der Major Schweppe Mühe hatte, die Leitung zu behalten.

In raschem Ritt erreichte der Zug den Hügel, neben welchem die Reserve-Kavallerie aufgestellt war.

Der König ritt an den äußersten Abhang vor, sein Gefolge umgab ihn, stieg zum Theil vom Pferde und folgte den Bewegungen der kämpfenden Truppen mit Doppelgläsern und Fernröhren.

Die Equipagen hielten im weiten Halbkreis.

Der König stand unbeweglich. Kein Zug seines edlen, bleichen Gesichts veränderte sich. Der Generaladjutant theilte ihm mit, was man vom Gange des Gefechts sehen konnte, die Herren des Gefolges äußerten zuweilen in lauten Rufen das Resultat ihrer Beobachtungen, meist aber theilten sie in leisem Gespräch einander ihre Hoffnungen oder Befürchtungen mit. –

Während dieß im königlichen Hauptquartier vor sich ging, hatte das Regiment Herzog von Cambridge-Dragoner vom frühen Morgen an in der Gegend des Dorfes Hennigsleben auf der Straße von Langensalza nach Gotha auf Vorposten gestanden.

Vor diesem Dorfe liegt ein Chausseeeinnehmerhaus, dessen schwarz und weiß gestrichener Schlagbaum hoch aufgezogen war und neben welchem sich die am weitesten vorgeschobene Feldwache befand.

Der Lieutenant von Stolzenberg kommandirte dieselbe und bei ihm war sein etwas jüngerer Kamerad, der Lieutenant von Wendenstein.

Die Morgensonne schien hell und die beiden jungen Offiziere standen neben ihren Pferden, hinausblickend in die Ebene, welche sich weit vor ihnen ausdehnte, durchzogen von dem grauen Band der Chaussee. Etwas Stroh lag am Boden, aber von den Vorräthen, aus denen sich am Abend des Einmarsches in Göttingen die jungen Leute ihr Souper zusammengesetzt halten, war nichts mehr zu erblicken.

Mit müdem, halb schläfrigem Blick zog Herr von Wendenstein seine Feldflasche hervor, that einen kräftigen Zug und reichte sie seinem Kameraden. Dann zog er ein Stück schwarzes Brod aus der Tasche und begann langsam dasselbe zu zerbrechen und einen Brocken nach dem andern zu verzehren.

»Wißt Ihr, Stolzenberg,« sagte er, sich leicht schüttelnd, – »daß diese Art von Krieg auf die Dauer sehr ungemüthlich wird. – So haben wir uns den Feldzug nicht gedacht, als wir auszogen!« – Und er reichte seinem Pferde ein Stück Brod, das er mit Branntwein befeuchtet hatte.

»Nein, das weiß Gott,« sagte Herr von Stolzenberg seufzend, indem er einen Schluck aus der Feldflasche nahm, – »wo zum Teufel habt Ihr denn diesen Fusel aufgetrieben?«

»Ich fand ihn im Wirthshause vor dem Dorfe, – was wollt Ihr, wenn der Cognac zu Ende ist, muß man Kartoffelspiritus trinken. – Es ist übrigens ein Skandal,« fuhr er fort, »daß wir nichts zu essen und zu trinken haben, – es ist genug da, aber die Proviantkolonnen kommen niemals heran, und wenn man einmal glaubt, etwas zu bekommen, so wird allarmirt und man muß wieder vorwärts.«

»Vorwärts?« rief Herr von Stolzenberg, – »nun, ich dächte, vorwärts gehen wir schon lange nicht mehr! – Und die schönen Hammelheerden, denen wir auf beiden Seilen des Weges begegneten, die wir aber bei Leib und Leben nicht anrühren durften! – Donnerwetter!« fuhr er mit dem Fuße stampfend fort, – »in Feindes Land sein und nicht einmal die nothwendigen Lebensbedürfnisse requiriren zu dürfen, das ist denn doch wirklich zu stark!«

»Wißt Ihr,« sagte Herr von Wendenstein lachend, »der Generalstab hat so viel zu thun, um dem Feinde aus dem Wege zu gehen, daß er nicht daran denken kann, die Leute zu verpflegen, – übrigens wäre es für die Proviantkolonnen auch schwer, unsern höchst eigentümlichen Märschen zu folgen!«

»Ich begreife nur nicht, wie der König sich eine solche Kriegführung gefallen läßt,« sagte Herr von Stolzenberg, – »er will doch gewiß vorwärts und dieß Hinundherzittern entspricht doch gewiß nicht seinem Charakter!«

»Der arme Herr,« sagte Herr von Wendenstein seufzend, – »was soll er machen? – Ja, wenn er sehen könnte, – aber so –! Es ist schon wahrhaftig alles Mögliche, daß er den Feldzug mitmacht und Alles mit uns theilt.«

»Was ist das?« rief Herr von Stolzenberg, indem er sein Glas an's Auge hob und aufmerksam in die Ebene hinausblickte. – »Seht einmal dorthin, Wendenstein,« sagte er, »dort ganz hinten an der Biegung der Chaussee, – seht Ihr nicht eine lange Staubwolke?«

Herr von Wendenstein blickte ebenfalls durch sein Glas nach der angegebenen Richtung.

»Ich sehe Bajonnette durch den Staub blitzen!« rief er lebhaft, »Stolzenberg, alter Freund, – ich glaube, das ist der Feind!«

»Ich glaube es auch!« sagte dieser, immer die fernen Staubsäulen verfolgend. – »Es ist kein Zweifel!« rief er, – »eine Kolonne Infanterie, – da, dort auch Artillerie! Wendenstein, reitet sofort zur Schwadron und meldet: eine Kolonne Infanterie und Artillerie im Vorrücken auf der Chaussee von Gotha!«

»Hurrah!« rief Herr von Wendenstein, sprang in den Sattel und galoppirte rückwärts dem Dorfe zu.

Herr von Stolzenberg und seine Dragoner waren im Nu zu Pferde. In dienstlicher Haltung hielten sie auf der Chaussee und blickten gespannt in die Ebene.

Langsam zog die Staubwolke näher, deutlicher zeigten sich in derselben blitzende Punkte.

Nach kurzer Zeit sprengten mehrere Reiter vom Dorfe her der Feldwache zu. Der Regimentskommandeur Oberstlieutenant Graf Kielmannsegge mit seinem Adjutanten begleitete den Lieutenant von Wendenstein.

»Dort, Herr Oberstlieutenant!« rief Herr von Stolzenberg und deutete mit der Hand auf die nahenden feindlichen Kolonnen.

Der Oberstlieutenant sah einen Augenblick scharf durch sein Glas hin.

»Das ist wirklich der Feind!« rief er, »und sehen Sie, da auf jener Höhe fährt eine Batterie auf! – Alle Feldwachen sollen sich auf die Schwadronen zurückziehen!« rief er seinem Adjutanten zu, welcher eilig davonsprengte.

Herr von Stolzenberg rangirte seine Wache.

»Und was wird das Regiment thun, – wenn es erlaubt ist, zu fragen?« sagte er, sich zu seinem Kommandeur wendend.

»Sich langsam mit Plänklern am Feinde zurückziehen, so lautet die Ordre!« antwortete dieser seufzend und achselzuckend und sprengte rückwärts dem Dorfe zu, wohin sich bereits die andern Feldwachen zurückzogen.

»Zurückziehen und immer zurückziehen!« rief Herr von Wendenstein wüthend, – »nun, schließlich wird man bei dieser Taktik ohne die Truppen rechnen!«

Von der Höhe im Süden blitzte es auf, krachend erfolgten einige Detonationen und eine Kugel zersplitterte den aufgezogenen Schlagbaum neben dem Chausseehause.

»Die Ouverture beginnt!« rief Herr von Stolzenberg und in raschem Trabe ritt er mit seiner Wache dem Dorfe zu.

Dieß waren die Schüsse, welche man im königlichen Hauptquartier zu Thamsbrück gehört hatte.

Das Regiment zog sich – immer mit Plänklern am Feinde – langsam auf Langensalza zurück.

Die Stadt war inzwischen geräumt, – die allgemeine Ordre des kommandirenden Generals lautete, daß die Armee sich fechtend zurückziehen solle.

Bei Langensalza trafen die Dragoner die Infanterie der Brigade Knesebeck, welche sich auf erhaltenen Befehl hinter die Unstrut zurückzog. Knirschend vollzogen die Truppen diesen Befehl und gaben Position um Position auf, welche sofort vom Feinde besetzt wurden, dessen Tirailleure auf dem Fuße folgten und dessen Artillerie von allen Hügeln ein immer näheres und immer mörderischeres Feuer unterhielt.

Die Dragoner hatten die Brücke über die Unstrut überschritten und standen vor dem Dorfe Merxleben, am Abhange des Kirchberges, von dessen Höhe aus die hannöverischen Batterieen ein Feuer unterhielten, das zwar langsamer war als das preußische, dessen wohlgezielte Schüsse aber jedesmal große sichtbare Verheerungen in den preußischen Reihen anrichteten.

Rechts von den Dragonern zog sich die Brigade des Generals von Knesebeck dem erhaltenen Befehl gemäß zurück. Jenseits der Unstrut lag eine Mühle an dem kleinen Salzabach, welche sofort nach dem Rückzug der Hannoveraner von den Preußen besetzt wurde und aus welcher ein dichtes Feuer unterhalten wurde.

An den Dragonern vorbei marschirten zwei Bataillone des Garderegiments zu Fuß. An der Spitze des ersten ritt der Oberstlieutenant von Landesberg, – der Oberstlieutenant von Alten führte das zweite.

Die Bataillone marschirten an der Unstrut her und sollten sich der Ordre gemäß auf die Höhen zu der übrigen Brigade zurückziehen.

Gedankenvoll ritt der Oberstlieutenant von Landesberg vor seinem Bataillon her, in dumpfem Schweigen folgten die Grenadiere.

Das Bataillon hatte links die Unstrut und war an dem Punkte angekommen, an welchem es sich rechts wenden mußte, um die ihm vorgeschriebenen Stellungen einzunehmen.

Die Unstrut hatte an dieser Stelle sehr niedrige Ufer und war augenscheinlich leicht zu überschreiten. Ein ebenes Terrain umgab den Hügel, auf welchem das Dorf Merxleben liegt, langsam zur Höhe aufsteigend. Die vordersten Tirailleurketten des Feindes nahten sich dem jenseitigen Ufer.

Der Oberstlieutenant von Landesberg überblickte prüfend die Umgebung.

»Wenn diese Stelle unvertheidigt bleibt,« sagte er zu seinem Adjutanten, »so dringt der Feind mitten in unsere Position und trennt unsere Kräfte.«

»Das scheint mir auch, Herr Oberstlieutenant!« erwiederte der Adjutant, »und ich begreife nicht, daß sie aufgegeben wird, – indeß der Generalstab –«

Der Oberstlieutenant biß in seinen Schnurrbart.

»Es ist unmöglich, diesen Platz und diesen Uebergang dem Feinde zu überlassen!« sprach er halblaut.

Ein Blitz sprühte aus seinem Auge. Mit plötzlichem Ruck hielt er sein Pferd an.

»Bataillon halt!« rief er mit schallender Stimme.

Das Kommando wiederholte sich durch die Reihen. Das Bataillon stand. Mit erregten Gesichtern voll gespannter Erwartung blickten die Grenadiere der vordersten Glieder auf ihren Führer.

»Front gegen den Feind!« rief dieser.

Ein donnerndes, jubelndes Hurrah wie aus einem Munde ertönte aus den Reihen und im Nu standen die Grenadiere in der befohlenen Stellung.

Die feindlichen Tirailleurs erschienen am gegenüberliegenden Ufer des Flusses.

»Tirailleurs vor!« rief Herr von Landesberg.

Die Linien entwickelten sich mit unerhörter Präzision und in kurzer Zeit standen die hannöverischen Tirailleurs am Flusse, empfangen vom feindlichen Feuer.

Mehrere Grenadiere stürzten, – aber das Feuer der hannöverischen Linien erfolgte so sicher und regelmäßig, daß die vordersten feindlichen Tirailleurs bald Deckung suchten und nur schwächer antworteten.

Das zweite Bataillon des Garderegiments war inzwischen herangekommen. Der Oberstlieutenant von Alten sprengte an den Herrn von Landesberg heran, welcher fast bis zum Ufer des Flusses vorgeritten war und sich in seinen Tirailleurlinien befand.

»Was gibt es hier?« fragte Herr von Alten, »ist die Disposition geändert?«

»Sehen Sie diese Stelle an,« erwiederte Herr von Landesberg, – »sie darf nicht genommen werden und ich will sie halten!«

»Haben Sie Befehl dazu?« fragte Herr von Alten.

»Ich bedarf keinen Befehl, wenn ich sehe, daß das Schicksal des Tages und der Armee auf dem Spiele steht!« rief Herr von Landesberg. – »Feuer!«

Und das Gewehrfeuer rollte die Tirailleurlinie hinab.

Der Oberstlieutenant von Alten warf einen kurzen, prüfenden Blick um sich her.

Dann sprengte er zu seinem Bataillon zurück, welches etwa hundert Schritt zurückstand.

»Front gegen den Feind!« rief er.

Das Bataillon antwortete wie das erste mit schallendem Hurrah.

In wenig Augenblicken entwickelten sich seine Tirailleurlinien bis an das Ufer der Unstrut und der vordringende Feind sah sich plötzlich einem verheerenden Feuer gegenüber.

Wohl fielen die hannöverischen Grenadiere, aber die Linien ergänzten sich lautlos und regelmäßig und wichen nicht einen Zoll breit vom Ufer des Flusses, – in der vordersten Reihe hielt der Oberstlieutenant von Landesberg ruhig und kalt wie auf dem Exerzirplatz.

Die feindlichen Bataillone, welche gegen den Fluß vorrückten, hielten an. Eine unruhige Bewegung wurde drüben sichtbar.

Ein Adjutant sprengte heran.

»Herr Oberstlieutenant!« rief er, »der General erwartet Sie in der vorgeschriebenen Stellung!«

»Melden Sie, ich sei engagirt!« sagte Herr von Landesberg kurz.

Der Adjutant warf einen Blick auf die Situation, salutirte, warf sein Pferd herum und sprengte zurück, ohne ein Wort zu sagen.

Das Feuer des Feindes wurde schwächer. Nach kurzer Zeit hörte man Signalhörner von drüben und die feindlichen Tirailleurlinien wurden außer Schußweite zurückgezogen.

Der Oberstlieutenant steckte den Degen ein.

»So,« sagte er, – »das Erste ist gethan. Glauben Sie, daß der Fluß passirbar ist?«

»Ohne Zweifel,« sagte der Adjutant, dicht an das Ufer vorreitend, »man kann fast überall den Grund erkennen.«

»Nötigenfalls können die Leute schwimmen,« sagte Herr von Landesberg ruhig. »Sie sollen zehn Minuten ruhen, dann gehe ich vor.«

In einiger Entfernung im Dorfe Merxleben stand die Brigade des Obersten de Vaux. Das Regiment Cambridge-Dragoner hielt in der Nähe des Ufers der Unstrut. Gespannt blickten die Offiziere auf die Bewegungen der Truppen, welche sich auf beiden Flügeln zurückzogen, während im Centrum ein lebhafter Artilleriekampf fortdauerte.

»Wir stehen schon überall hinter der Unstrut!« rief Herr von Wendenstein, »es ist ein wahrer Skandal, wo soll denn dieser Rückzug enden? Wir werden so lange rückwärts gehen, bis wir auch dort auf den Feind stoßen, der doch irgendwo vom Norden kommen muß und dann –«

»Dann können wir endlich kapituliren!« rief Herr von Stolzenberg bitter und ließ sein Pferd einen Satz machen, – »denn darauf muß doch diese Art Kriegführung endlich hinauslaufen.«

Der Oberstlieutenant Graf von Kielmannsegge kam in raschem Trabe an den Zug der jungen Offiziere herangeritten.

»Sehen Sie dort, meine Herren!« rief er und deutete hinüber nach dem entfernt in der Ebene liegenden Ufer, – »was ist das, – dort ist ein lebhaftes Feuer im Gange!«

»Man wechselt einige Schüsse beim Rückzuge, – die Brigade Knesebeck marschirt dort ab,« sagte Herr von Wendenstein. –

»Wir werden von dorther bald den Feind in der Flanke haben!« sagte Herr von Stolzenberg, – und beide Offiziere nahmen ihre Gläser zur Hand und blickten nach der Richtung, welche Graf Kielmannsegge aufmerksam verfolgte.

»Es ist das Garderegiment,« sagte Herr von Stolzenberg, – »wahrhaftig, sie gehen nicht zurück, sie stehen dicht am Ufer –«

»Die feindlichen Tirailleurs werden zurückgezogen!« rief Herr von Wendenstein lebhaft.

»Sie halten –« sagte Graf Kielmannsegge, fortwährend durch sein Glas blickend, – »unsere Bataillone formiren sich, – sie gehen an den Fluß vor – hinein, – hurrah!« rief er, »sie gehen vorwärts zum Angriff!«

»Und wir stehen hier still!« rief Herr von Wendenstein, seinen Säbel halb aus der Scheide ziehend und wieder mit hellem Klirren zurückstoßend.

In diesem Augenblick sprengte der Oberst de Vaux mit dem Brigadestabe heran.

»Das Garderegiment geht über die Unstrut vor!« rief ihm Graf Kielmannsegge entgegen.

»Ich habe es gesehen!« rief der Oberst, – »und der Teufel mag hier still stehen, – jetzt muß der Würfel fallen, – schlimm genug, daß wir alle die Positionen wieder nehmen müssen, die wir vorher so ohne Weiteres dem Feinde überlassen haben! – Was steht dort in der Nähe?« fragte er seinen Adjutanten.

»Es ist das erste Bataillon des zweiten Regiments und das erste Jägerbataillon!« erwiederte dieser.

»Bringen Sie sie schnell hieher!«

Der Adjutant sprengte zu den in der Nähe stehenden Kolonnen und führte sie im Geschwindschritt dem Obersten zu.

Dieser stieg vom Pferde und setzte sich an ihre Spitze.

»Und was soll ich thun?« rief Graf Kielmannsegge.

»Reiten Sie an der Unstrut herab,« sagte der Oberst, »überschreiten Sie den Fluß, wo Sie können, und handeln Sie nach den Umständen, – wo möglich fallen Sie in die rechte Flanke des Feindes und bringen Sie jene feindlichen Batterieen da drüben zum Schweigen!«

»Zu Befehl, Herr Oberst!« rief Graf Kielmannsegge. In wenig Augenblicken war das Regiment formirt zum Marsch und dahin ritt es im scharfen Trabe den Fluß entlang.

Von der Seite her, wo die zwei Bataillone des Garderegiments den Fluß überschritten hatten, drang wieder starkes Gewehrfeuer herüber. Das erste Bataillon unter dem tapfern Oberstlieutenant von Landesberg rückte langsam in gerader Linie gegen Langensalza vor, das zweite Bataillon wendete sich links der Mühle zu, welche hier den Mittelpunkt der feindlichen Position bildete und dem Obersten de Vaux schräg gegenüber lag.

»Jetzt ist es Zeit!« rief dieser, befahl seinem Adjutanten, der ganzen Brigade die Ordres zum Vorrücken geben zu lassen, und ließ Sturmmarsch schlagen.

Vor ihm lag eine völlig schutzlose Fläche von vier- bis fünfhundert Schritt, zum Theil mit hoher dichter Rapsfrucht bestanden. Diese ganze Fläche wurde von dem Feuer der feindlichen Linien und von dem der Artillerie auf den dahinterliegenden Höhen bestrichen.

Die Tambours schlugen, der Oberst hob seinen Degen und in regelrechter Ordnung wie beim Parademarsch stiegen die Bataillone die absinkende Fläche hinab.

Mächtige Lücken riß das feindliche Feuer in die Reihen, welche, durch das Rapskraut gehindert, nur langsam vorrücken konnten, – aber ruhig schlossen sich die Glieder und in kurzer Zeit standen die Bataillone hart an den Ufern der Unstrut, von wo sie nun ihrerseits ein mörderisches Feuer zum Feinde hinübersendeten, der seine Tirailleure zurückzog und seine ganzen Kräfte um die Mühle konzentrirte.

Der Uebergang des Garderegiments über die Unstrut und der kühne Vormarsch des Obersten de Vaux war inzwischen von allen Stellungen der Armee aus gesehen worden und hatte eine allgemeine Offensive zur Folge.

Kein Offizier erwartete einen Befehl; mit lautem Hurrah brachen die Mannschaften aus den Positionen auf, wo sie gerade standen, und rückten vor, wo sie am schnellsten an den Feind kommen konnten und wo sie am wirksamsten in den Gang des Gefechts eingreifen zu können glaubten.

Ueberall überschritt die Infanterie theils schwimmend die Unstrut und drang gegen die feindlichen Stellungen vor. Die Batterieen, welche vorher zurückgezogen waren, rückten vor und unterstützten den Angriff durch ein unausgesetztes Feuer, und die Kavallerie drang, wo sie konnte, über den Fluß und rückte der Gefechtsgegend zu.

Die ganze hier operirende feindliche Macht konzentrirte sich um die erwähnte Mühle und ihre Seitengebäude, welche zugleich den Schlüssel zur Stellung des Centrums der preußischen Armee bildete und von einem tiefen Mühlgraben umgeben war.

Gegen diese Mühle rückte das Garderegiment heran; ihr gegenüber lagen zwei Brücken über die Unstrut, welche durch Barrikaden geschlossen waren und stark vertheidigt wurden.

Von den Höhen herab rückte eine Kompagnie, von ihrem Hauptmann geführt; ohne aufzuhalten ging sie vor, nahm die Brücken im Sturm und drang von dieser Seite ebenfalls gegen die Mühle vor, – während unter einzelnen Lieutenants kleine Abtheilungen überall den Fluß durchwateten und durchschwammen und von allen Seiten gegen diese feste Position des Feindes heranstürmten.

Vor dieser Mühle entwickelte sich nun ein lebhaftes Gefecht. Truppen von allen Regimentern, theilweise in kleinen Abtheilungen, vereinigten sich zum Sturm gegen die Gebäude.

Dreimal stürmten die Lieutenants Köring, Lene und Schneider mit unerhörter Tapferkeit, von Kugeln durchbohrt fiel der Lieutenant Lene an der Spitze seiner Abtheilung, – aber ihre Zahl war zu gering, der Mühlgraben zu tief und das Feuer aus der Mühle zu verheerend.

Da erschien der Generaladjutant Oberst Dammers hier, um den Stand des Gefechts zu sehen und dem Könige Bericht zu erstatten. Neben ihm ritt der Prinz Hermann Solms, welcher von Ungeduld verzehrt sich die Erlaubniß erbeten hatte, den Generaladjutanten zu begleiten.

Eben schlossen sich die stark gelichteten Reihen wieder, um einen neuen Sturm gegen die Mühle zu unternehmen.

Da plötzlich fielen von einer vorgeführten preußischen Batterie her Granaten unter die zum Sturm Bereiten, während ein neues heftiges Zündnadelfeuer aus der Mühle gegen sie begann.

Die Abteilungen stutzten unter diesem mörderischen Kugelregen.

Mit zwei Sätzen seines Pferdes war der Prinz in dem Raum zwischen ihnen und der Mühle.

»Sie sind nicht so böse, wie sie aussehen!« rief er heiter zu den Leuten gewendet, und indem er ruhig sein Pferd anhielt, nahm er die Mütze ab und grüßte scherzend eine Granate, welche über seinen Kopf hinflog und dann seitwärts in den Boden schlug.

»Hurrah!« riefen die Soldaten und von Neuem stürmten sie, von den tapfern Lieutenants geführt, gegen die Mühle.

In diesem Augenblick aber rückten von den Brücken her zwei geschlossene Kompagnieen und unmittelbar hinter ihnen das Bataillon des Oberstlieutenants Flökher heran. Zugleich krachte es hinter den Stürmenden von der Höhe von Merxleben her und in schneller Folge schlugen die Vollkugeln einer schnell heraufgefahrenen hannöverischen Batterie in die Mühle, das Dach zersplitternd und die Mauern zerreißend.

Da sah man die tapfern Vertheidiger des Gebäudes, das in kurzer Zeit ein Trümmerhaufen sein mußte, auf der entgegengesetzten Seite herausbrechen und sich in dichten Haufen über die Chaussee nach der Stadt hin zurückziehen. Aber in demselben Augenblick erhielten die Fliehenden von dem nun herangekommenen zweiten Bataillon des Garderegiments ein mörderisches Flankenfeuer und zugleich brachen über die Brücken zwei Husarenschwadronen hervor und brausten mit hochgeschwungenen Säbeln heran.

Ein Theil der Fliehenden eilte über das Feld hin und erreichte glücklich die weiter zurückstehenden preußischen Abtheilungen, die letzten der Besatzung kehrten in das zerschossene Gebäude zurück und bald sah man an einem der Fenster desselben ein weißes Tuch wehen.

Sofort hörte das Feuer auf, der Oberstlieutenant Flökher ritt an das schon zerschossene und nunmehr schnell geöffnete Thor und die letzten der braven Vertheidiger, etwa hundert Mann vom fünfundzwanzigsten preußischen Infanterieregiment, streckten das Gewehr. Der Hof der Mühle war von Leichen und Verwundeten gefüllt – vor derselben lagen die gefallenen hannöverischen Soldaten. Das ganze Gehöft starrte mit seinen leeren Fensterhöhlen, mit seinen zerrissenen Mauern in den sonnigen Tag hinein, – ein Bild der Zerstörung, des Grauens, des Todes.

Der Generaladjutant ritt an den Prinzen Hermann heran.

»Ich mache Ihnen mein Kompliment, mein Prinz,« sagte er, »Sie haben sich die schönste Feuertaufe geholt, – nur haben Sie sich unnütz exponirt; was hätte ich dem König sagen sollen, wenn Ihnen ein Unglück widerfahren wäre?«

»Was bleibt mir übrig,« sagte der Prinz lächelnd und zupfte den keimenden Flaum auf seiner Lippe, – »der König hat mich in's Hauptquartier beordert, – sollte man sagen, daß ich mich vor dem Feuer fürchte?«

»Das hätte man wohl nicht gesagt,« erwiederte der Oberst, indem sein Blick freundlich auf dem noch fast knabenhaften jungen Mann ruhte.

»Es ist besser, wenn man es gar nicht sagen kann!« rief der Prinz und sprengte mit dem Generaladjutanten davon.

Von diesem Augenblick war der Rückzug des Feindes entschieden. Langsam und geordnet, in unaufhörlichem Feuer gingen die preußischen Truppen in Quarrés geformt in der Richtung auf Gotha zurück, gedeckt von ihren Batterieen, welche den unaufhaltsam vorrückenden Hannoveranern ihr mörderisches Feuer entgegensendeten.

Längst schon hatte der kommandirende General den Befehl zur allgemeinen Offensive gegeben, – aber dieser Befehl traf nur noch die wenigsten Truppen, und wenn er sie traf, war er überflüssig, denn die Offensive war allgemein und kein Befehl hätte sie aufgehalten.

Während so im Centrum die preußische Stellung gebrochen wurde, war Graf Kielmannsegge mit seinen Dragonern an der Unstrut entlang geritten, um den besten Ort zum Uebergang über dieselbe zu finden. Aber lange konnte ein solcher nicht entdeckt werden, das Ufer fiel steil ab und war mit Gestrüpp verwachsen. Man mußte stromabwärts bis zum Dorfe Nägelstedt reiten, wo man endlich eine Brücke vorfand und so in das freie Feld am andern Ufer gelangte.

In scharfem Trabe eilten nun die Dragoner durch das Feld hin, näher und näher ertönte das Gewehrfeuer, – weit hinaus war schon der Feind zurückgedrängt und das Gefecht wogte in der Ebene südlich von Langensalza.

Eine sanft aufsteigende Anhöhe erhob sich vor den Dragonern, das Regiment ritt hinauf und sah sich der offenen Flanke des Feindes gegenüber.

Hier standen zwei preußische Quarrés im langsamen Rückzuge begriffen, fortwährend anhaltend und feuernd und auf einer Höhe den Dragonern gegenüber sah man eine preußische Batterie, welche den im Centrum anrückenden Hannoveranern ihre Kartätschen entgegensendete.

Die Dragoner waren allein, – zwischen ihnen und den hannöverischen Truppen standen die preußischen Abtheilungen.

»Jetzt endlich ist der Augenblick gekommen!« sagte der Lieutenant von Wendenstein, der mit seinem Zug neben dem Premierlieutenant von Stolzenberg hielt, – »Gott sei Dank, daß es etwas zu thun gibt. – Es ist doch in solchem Augenblick besser, verliebt zu sein,« – fügte er hinzu, indem er probirte, ob der Säbel fest in der Hand lag, – »seht Ihr, – jetzt weiß ich, woran ich denken soll, und –«

»Da war es wieder!« sagte Herr von Stolzenberg, leicht zusammenschauernd, »–lebt wohl, alter Freund, wenn wir uns nicht mehr sehen sollten –«

»Unsinn!« rief Herr von Wendenstein, – »doch paßt auf – es geht los!«

Das Kommando war gegeben, daß die vierte Schwadron die gegenüberstehende Batterie nehmen und die zweite und dritte gegen die feindlichen Quarrés vorgehen solle.

Die beiden Schwadronen rückten langsam den noch fernen Quarrés entgegen, welche sie stehenden Fußes erwarteten, während der Rittmeister von Einem an der Spitze seiner Dragoner den Abhang hinabjagte, der auf der gegenüberliegenden Aufsteigung stehenden Batterie zu.

Die Geschütze hatten ihre Mündung gegen die anstürmenden Dragoner gerichtet, – ein verheerendes Kartätschenfeuer empfing die Schwadron.

Die Reiter stürzten zahlreich, die zwei Trompeter fielen, aber unaufhaltsam jagte die Schwadron vorwärts, weit voran der Rittmeister mit hoch geschwungenem Säbel.

Immer rasender wurde der Ritt, schon war die Batterie fast erreicht, als noch einmal die Geschütze sich entluden und fast aus unmittelbarer Nähe ihre Kartätschenladungen unter die tapfern Reiter sendeten.

Wie durch ein Wunder blieb der Rittmeister unverletzt. Der Erste sprengte er zwischen die feindlichen Kanonen und schlug mit einem wuchtigen Hieb seines Säbels einen Kanonier nieder. Die Dragoner folgten ihm im dichten Feuer der die Bedeckung der Batterie bildenden Infanterie.

Eine Kugel traf das Pferd des Rittmeisters, das, zusammenstürzend, ihn fast bedeckte.

Schnell raffte er sich unter dem zuckenden Thier hervor und ließ seinen Säbel in rascher Wendung umherfliegen, um sich gegen die mit gefälltem Bajonett andringende Infanterie zu schützen, während die Dragoner im wilden Handgemenge kämpften.

»Vorwärts! Vorwärts!« rief der Rittmeister und parirte mit dem Säbel einen gegen seine Brust gerichteten Bajonettstich, – da traf ihn eine aus unmittelbarer Nähe abgeschossene Kugel, der erhobene Arm sank nieder und während er mit der linken Hand das Rad der neben ihm stehenden Kanone ergriff, um sich zu halten, senkten sich drei bis vier feindliche Bajonette tief in seine Brust.

Er brach zusammen, niedersinkend auf einen Haufen von Leichen, – seine im Todeskrampf geschlossene Hand hielt fest die Speiche der eroberten Kanone. Die Dragoner drängten über ihn hin vorwärts und bald eilten die letzten Vertheidiger der Batterie über das Feld hin.

Die Batterie war zum Schweigen gebracht, wie es befohlen war, – aber ein großer Theil der Dragoner lag da um ihren gefallenen Führer.

Bei den Schwadronen, welche langsam gegen die Quarrés vorrückten, hatte man diesen Angriff mit höchstem Interesse verfolgt, und als die Vertheidiger der Batterie in das Feld flohen, ein lautes Hurrah hinüber schallen lassen.

Als die beiden Schwadronen den Quarrés so weit nahe gekommen waren, daß der Angriff erfolgen konnte, stürmten plötzlich hinter der Anhöhe hervor, auf welcher die genommene Batterie stand, die Gardes du Corps und ihnen folgten in weiterer Entfernung die Gardekürassiere.

Die Gardes du Corps stürzten in gewaltigem Anprall auf das ihnen zunächst stehende Quarré. Zwei auf nächste Distanz abgegebene Salven hielten sie nicht auf – aber das tapfere Quarré stand ungebrochen und die Schwadronen der Gardes du Corps zogen sich seitwärts unter dem fortwährenden Feuer des Quarrés zurück, um sich zum neuen Angriff zu sammeln.

Bei dem zweiten Quarré, welches den Dragonern zunächst stand, trat der Kommandeur hervor und winkte mit einem Tuche. Der Major von Hammerstein wurde mit seinem Adjutanten und einem Trompeter ihm entgegengeschickt.

»Meine Leute sind erschöpft bis zum Umsinken!« rief der preußische Stabsoffizier, – »ich bin bereit zu kapituliren!«

»Dann bitte ich um Ihren Degen, Herr Kamerad!« erwiederte Herr von Hammerstein, – »und daß Sie die Gewehre niederlegen lassen!«

»Das Letztere soll geschehen!« sagte der preußische Offizier, »meinen Degen zu übergeben aber ist eine zu harte Bedingung! – Doch,« fügte er hinzu, »dort kommen Kürassiere!«

Und in der That kamen die Gardekürassiere, welche den Gardes du Corps gefolgt waren, an dem ersten Quarré vorbei, zum Angriff formirt, herangesprengt.

»Reiten Sie den Kürassieren entgegen und halten Sie sie auf!« rief Herr von Hammerstein seinem Adjutanten zu.

Dieser sprengte dem heranjagenden Regiment entgegen, aber in der raschen Bewegung und dem ungeheuren Lärm gelang es ihm nicht, sich verständlich zu machen. Das Kürassierregiment setzte, seinen Angriffsritt fort.

»Es ist zu spät!« rief der preußische Kommandeur. »Nehmt die Gewehre auf! – Feuer!« kommandirte er, in das Quarré zurücktretend, und eine mörderische Salve empfing die schon in unmittelbarer Nähe daherstürmenden Kürassiere. Die vordersten Reihen stürzten und in schräger Richtung traf der Choc nur die eine Flanke des Quarrés, das ungebrochen stehen blieb.

Der Major von Hammerstein war zurückgeritten und »zur Attake, Marsch, Marsch!« ertönte das Kommando durch die Reihen der Dragoner.

In rasendem Ritt stürmte die zweite Schwadron gegen das Quarré vor.

Eine furchtbare Salve empfing sie, – der Rittmeister sank fast unmittelbar vor dem Quarré zu Boden, – da sprengte mit gewaltigem Satz seines Pferdes der Lieutenant von Stolzenberg hervor, eine Sekunde hielt er fast dicht vor den Spitzen der feindlichen Bajonnette, dann drückte er die Sporen tief in die Weichen seines Pferdes, das sich hoch aufbäumte, und in mächtigem Sprung, mit geschwungenem Säbel und lautem Hurrah setzte der junge Offizier in das Quarré, sofort zusammenstürzend mit dem von Bajonetten durchstoßenen Pferde.

Aber sein Sturz hatte eine tiefe Lücke gerissen und ihm nach drang die Schwadron.

»Das war brav, alter Freund!« rief Herr von Wendenstein – und in demselben Augenblick sank er nieder neben seinem Kameraden und über ihn hin brausten die Dragoner.

Das Quarré war gesprengt, die Trümmer eilten über das Feld hin.

Aber als die Schwadron der Dragoner sich sammelte, – da war kein Offizier vorhanden und ein Drittel der Mannschaft fehlte.

Die Gardekürassiere hatten sich inzwischen raillirt und kamen an die Stätte dieses glänzenden Kampfes.

Bei der ersten Schwadron ritt ein junger Soldat in einem alten Uniformsrock, der augenscheinlich nicht für ihn gemacht war, seine einfachen grauen Hosen steckten in den Stiefeln. Auf dem Kopfe trug er eine Mütze, unter welcher er eine Stirnwunde mit einem weißen Tuche leicht verbunden hatte.

»Wo ist der Lieutenant von Wendenstein?« fragte er einen Dragoner, als die Reste der zweiten Schwadron herankamen.

»Dort liegen alle unsere Offiziere!« antwortete der Dragoner, indem er auf den Knäuel von Menschen und Pferden deutete, welcher die Stelle bezeichnete, auf welcher das feindliche Quarré gestanden hatte.

»Todt?!« rief der Kürassier, – »da kann ich ihn nicht liegen lassen, ich habe versprochen, für ihn zu sorgen, – und man soll nicht sagen, daß Fritz Deyke sein Wort nicht hält. – Mein armer Lieutenant!«

Rasch entschlossen ritt er aus dem Glied an seinen Offizier heran.

»Herr Lieutenant!« sagte er, dienstlich salutirend, – »ich bin in Langensalza zur Armee gekommen und den Kürassieren zugetheilt worden, ich hoffe, der Herr Lieutenant können mir bezeugen, daß ich meine Schuldigkeit gethan habe?«

»Du hast Dich brav gehalten,« sagte der Offizier.

»Nun, Herr Lieutenant,« fuhr der junge Mensch fort, »heute scheint's doch zu Ende zu sein und eine Schmarre habe ich ohnedieß über der Stirn, aus der mir das Blut in die Augen fließt, da möchte ich wohl um Urlaub für heute bitten.«

Der Offizier sah ihn erstaunt an.

Eine dunkle Röthe flog über das Gesicht des Kürassiers.

»Herr Lieutenant!« rief er, – »ich bin aufgewachsen in Blechow mit dem Sohn unseres Amtmanns, dem Lieutenant von Wendenstein von den Cambridge-Dragonern, – und als ich aufbrach, um die Armee zu suchen, da hat seine Mutter zu mir gesagt: ›Fritz – sorge für meinen Sohn, so gut Du kannst,‹ und das hab' ich versprochen, Herr Lieutenant, – und nun,– da liegt der junge Herr unter den Leichen, – soll ich ihn da liegen lassen?«

Der Offizier sah ihn freundlich an.

»Geh' hin, mein braver Junge,« sagte er, »und melde Dich wieder, wenn der Lieutenant Deiner nicht mehr bedarf!«

»Ich danke, Herr Lieutenant!« rief Fritz, und das Kürassierregiment rückte vor zur Verfolgung des Feindes.

Inzwischen war auch das andere Quarré durch einen erneuten Choc der Gardes du Corps gesprengt, – die Kavallerie verließ den Platz und binnen Kurzem war auf der Stätte aller dieser Kämpfe, alles dieses Lärms nur ein wüst durcheinander liegender Haufen von Leichen in einer tiefen Blutlache, Menschen und Pferde, Freund und Feind durcheinander.

Fritz Deyke war allein auf dieser Stelle des Entsetzens.

Er stieg ab, nahm den Zügel seines Pferdes in die Hand und näherte sich dem Platz, auf welchem die Dragoner in das Quarré gesprengt waren.

Das Pferd sträubte sich und riß mit dem Kopf mächtig rückwärts am Zügel.

Er führte es zurück und band es an den Stamm eines der Bäume, welche die nahe vorüberführende Chaussee einfaßten.

Dann ging er wieder gegen den Haufen von Gefallenen vor.

Einige Verwundete richteten sich ächzend empor und baten um einen Tropfen Wasser.

Ein Schauer lief durch die Glieder des jungen Menschen.

»Ich kann nicht Allen helfen, aber verschmachten sollt ihr nicht!« sagte er.

Er blickte umher. Neben der Chaussee lief ein Graben, – er konnte Wasser enthalten.

Schnell ergriff er zwei am Boden liegende Helme und eilte dem Graben zu. Es war wirklich Wasser darin, – aber wenig und trübe, – die anhaltende Hitze hatte überall die Feuchtigkeit aufgesogen.

Mühsam füllte er die Helme mit der trüben, lauwarmen Flüssigkeit und sie wie zwei Eimer an den Sturmriemen tragend, kehrte er zu den Verwundeten zurück, deren brennende Blicke mit dem Ausdruck unaussprechlicher Sehnsucht ihm entgegenstarrten. Er zog seine Feldflasche hervor, that in jeden der Helme etwas von ihrem Inhalt und tränkte mit dieser Flüssigkeit die Verschmachtenden, – unparteiisch seine Liebesgabe zwischen Hannoveranern und Preußen vertheilend.

»So – jetzt habt ein wenig Geduld!« sagte er freundlich, – »den ersten Krankenwagen, den ich sehe, werde ich herschicken!«

Und er begann den Leichenhaufen zu durchsuchen.

Da lagen sie übereinander, die tapfern Dragoner und die braven preußischen Infanteristen, theils ruhigen, friedlichen Ausdruck in den Gesichtern, theils in starren Verzerrungen, manche so furchtbar zerrissen von Kugeln und Stichen, daß dem braven Kürassier das Herz bebte und er einen Augenblick die Augen schließen mußte, um neue Kraft zu sammeln zu seinem grauenvollen Geschäft.

Aber unverdrossen suchte er weiter, die todten Körper bei Seite legend, die Pferde mit mühsamer Kraftanstrengung fortwälzend.

»Da ist Herr von Stolzenberg!« rief er, den von Blut überschwemmten Körper des jungen Offiziers, der mit dem Gesicht am Boden lag, umwendend, – »der schöne, brave Herr – und so früh zu sterben! – An dem ist Alles verloren!« – sagte er traurig, – eine Kugel hatte einen Theil des Schädels fortgerissen und aus unzähligen Stichwunden strömte noch das allmälig erstarrende Blut.

Fritz Deyke beugte sich über die Leiche, faltete die Hände und betete ein stilles Vaterunser.

»Aber hier!« rief er dann, »liegt ja der arme Roland, mausetodt, das treue, gute Thier, – und darunter – wahrhaftig, da ist mein Lieutenant!«

Er wälzte das todte Pferd zur Seite.

Unter demselben lag der Lieutenant von Wendenstein, starr und bleich, die linke Hand auf die Brust gedrückt, in der rechten den Säbel, die Augen weit geöffnet und gläsern gen Himmel starrend.

»Todt!« rief Fritz Deyke mit schmerzlichem Aufschrei, »er ist wirklich todt!« Und er beugte sich schmerzlich auf den Körper des gefallenen Offiziers nieder.

»Aber mitnehmen muß ich ihn!« rief er entschlossen, – »hier darf er nicht bleiben, – wenigstens will ich den alten Herrn und die arme Frau Mutter an sein Grab führen können. – Wie fürchterlich die schönen, freundlichen Augen starren!« sagte er schauernd, – »aber wo ist er verwundet? – der Kopf ist ganz heil, – ah hier in der Brust, er hat die Hand darauf gedrückt, – da sickert noch das Blut hervor! – Aber die Augen kann ich nicht ansehen!« rief er, – »die starren, todten Augen, die im Leben so fröhlich und freundlich waren!«

Er beugte sich nieder und legte die Hand auf das Haupt des Gefallenen, um seinem Jugendgespielen sanft die Augen zu schließen. – »Heiliger Gott im Himmel!« schrie er plötzlich auf, – »er lebt, die Augenlider bewegen sich!«

Und er faltete die Hände und blickte mit ängstlicher Spannung auf das Gesicht des am Boden Liegenden.

In der That bewegten sich die Augenlider, schlossen sich langsam und öffneten sich wieder, – einen Augenblick schien ein Blitz des Lebens in den Augen aufzuleuchten, dann nahmen sie wieder ihren starren gläsernen Ausdruck an.

Fritz Deyke sank auf die Kniee nieder.

»Großer Gott im Himmel!« sprach er zitternd und hastig, – »und wenn Du mir in meinem ganzen Leben keine Bitte mehr erhören willst, hilf mir jetzt den armen Herrn retten!«

Schnell zog er seine Feldflasche hervor, öffnete den Mund des Verwundeten und goß einen mäßigen Schluck Branntwein hinein.

Dann beobachtete er mit angstvollen Blicken den Erfolg dieser Prozedur.

Ein leises, fast unmerkliches Zittern zog durch die Glieder des Lieutenants, die Augen belebten sich einen Augenblick und richteten sich mit fragendem Ausdruck auf den jungen Bauern, leicht öffneten sich die Lippen, ein röthlicher Schaum drang am Rande derselben hervor und ein langer Athemzug hob die Brust.

Dann schlossen sich die Augenlider und das Gesicht verlor jenen entsetzlichen Ausdruck der Starrheit des Todes. Aber kein weiteres Lebenszeichen ließ sich entdecken.

»Jetzt vor Allem fort nach der Stadt!« rief Fritz Deyke, hob mit seinen kräftigen Armen den Körper des jungen Offiziers auf und trug ihn zu seinem Pferde.

Mühsam erkletterte er den Sattel, immer den bewegungslosen Körper haltend, zog diesen nach sich und brachte ihn, umschlungen von seinem rechten Arm, in eine sitzende Stellung vor sich, während er mit der Linken die Zügel führte.

Rasch ritt er querfeldein der Stadt zu.

Die von den Dragonern, den Gardes du Corps und den Kürassieren zersprengten Quarrés und die von dem Rittmeister von Einem genommene Batterie waren fast der letzte Widerstand gewesen, der von preußischer Seite noch geleistet wurde.

Mächtig waren aus dem Centrum die hannöverischen Brigaden vorgedrungen und bald war das ganze Gefechtsfeld bis weit hinaus nach Gotha hin von den hannöverischen Truppen besetzt.

Wie die nicht marschfertige Armee die unerhörtesten Märsche – leider zwecklos – gemacht hatte, so hatte nun die nicht schlagfertige Armee aus eigener unwiderstehlicher Initiative geschlagen und gesiegt. – Auf dem Hügel bei Merxleben aber hatte den ganzen Tag über der König und sein Gefolge gestanden.

Nicht einen Augenblick hatte Georg V. den Sattel verlassen. Er hatte kurze Fragen gestellt über den Gang der Schlacht, die ihm von den Herren des Gefolges beantwortet wurden; vom kommandirenden General waren keine Meldungen gekommen; wurde doch die Schlacht geschlagen von den einzelnen Offizieren und ihren Abteilungen, welche nicht mehr rückwärts gehen wollten und die Offensive ergriffen hatten, wo Jeder gerade stand und in der Weise, wie es ihm am zweckmäßigsten und erfolgreichsten erschien.

Der König sah nichts, er hörte über sich den zischenden Flug der Kugeln, rings um sich her den Donner der Kanonen, – aber das wechselnde, lebendige Bild fehlte, welches die Sinne ergreift und in zitternder Erregung fesselt.

Wie ein ehernes Bild stand er da, keine Spur der inneren Bewegung zeigte sich auf seinem ruhigen Antlitz, – seine stete Frage war, ob die Truppen ihn sehen könnten.

Als endlich der Generaladjutant den Hügel herausgesprengt kam und die Nachricht brachte, daß das Centrum des Feindes durchbrochen sei, – als die Gardekürassiere, welche hinter dem Standort des Königs in Reserve gehalten hatten, rasselnd vorbeizogen, mit lautem Hurrah den königlichen Kriegsherrn begrüßend, um zur Verfolgung des Feindes in die Ebene hinab zu reiten, – als nun endlich auch ein Adjutant des kommandirenden Generals mit der Meldung erschien, daß der Sieg der hannöverischen Waffen zweifellos sei, da hob ein langer Athemzug die Brust des Königs und er sagte: »Ich will absteigen!«

Die Reitknechte eilten herbei, – der König stieg vom Pferde.

Sämmtliche Herren traten heran, ihm ihre Glückwünsche auszusprechen.

»Viele tapfere und brave Herzen haben ausgeschlagen, – Gott gebe ihnen den ewigen Frieden!« sagte der König mit tiefem Ernst.

Er stand lange gedankenvoll.

»Ich bin etwas erschöpft,« sagte er dann, – »gibt es etwas zu trinken?«

Die Nächststehenden griffen nach ihren Feldflaschen, – sie waren leer.

»In unserem Wagen ist etwas Sherry,« sagte der Regierungsrath Meding.

»Ich habe einen Reisebecher bei mir!« rief Graf Platen und zog aus einem Etui einen silbernen Becher.

Der Regierungsrath Meding eilte zu den Equipagen und kam bald mit einer halben Flasche Sherry und einem kleinen Weißbrod zurück. Er goß den Wein in den kleinen Becher und reichte ihn dem König.

Georg V. trank ihn aus und aß einen Bissen Brod.

»Jetzt bin ich gestärkt!« rief er, – »wollte Gott, daß jeder meiner Soldaten dasselbe sagen könnte!«

»Ich will etwas gehen,« sagte er dann, nahm den Arm des Regierungsraths Meding und schritt auf der Höhe des Hügels langsam auf und ab.

»Gott hat unsern Waffen den Sieg gegeben,« sprach er mit bewegter Stimme, – »was ist nun zu thun?«

»Majestät,« sagte der Regierungsrath, – »wenn so viel edles Blut nicht umsonst vergossen sein soll, so müssen wir auf der Stelle nach Gotha, dort die Eisenbahn überschreiten und die Bayern zu erreichen suchen.«

Der König seufzte.

»O daß ich mich an die Spitze der Armee setzen könnte und sie vorwärts führen! – Man wird aber Schwierigkeiten machen, Bedenken erheben, – Sie wissen, welche Bedenken der Generalstab stets erhebt, – im Kriegsrath –« er blieb sinnend stehen.

»Lassen Eure Majestät im Kriegsrath Protokoll führen, damit man wenigstens jene Bedenken schwarz auf weiß hat und sie genau konstatiren kann,« sagte der Regierungsrath.

»Das soll geschehen!« rief der König lebhaft, – »Sie sollen das Protokoll führen, – ich bin der Geschichte verantwortlich für das was geschieht – und versäumt wird!« –

Ein Adjutant des kommandirenden Generals sprengte heran.

»Der Generallieutenant von Arentschildt läßt Eure Majestät bitten, Allerhöchstihr Hauptquartier in Langensalza zu nehmen!«

»Zu Pferde!« rief der König.

Die Adjutanten eilten herbei, die Pferde wurden vorgeführt und der königliche Zug setzte sich in Bewegung, den Hügel herab über das Schlachtfeld hin.

Ernst und ruhig ritt der König der Stadt zu. An der Mühle vorbei ging der Zug, Leichenhaufen lagen am Wege, die Hufen der Pferde wurden geröthet vom Blut, das in großen Lachen am Boden stand. Der König sah es nicht. Er hörte das Hurrah der Truppenabtheilungen, welchen er begegnete und die ihn laut jubelnd begrüßten, – keine Siegesfreude belebte sein edles Gesicht, kalt und still saß er auf seinem Pferd, – er dachte der Gefallenen, welche den Sieg mit ihrem Leben erkauft, – er dachte der Zukunft und mit banger Sorge fragte er sich, ob der Preis des Sieges die ersehnte Frucht bringen werde: die Rettung der Armee aus der gefahrvollen Stellung, in welche sie geführt war.

Das königliche Hauptquartier etablirte sich im Schützenhause zu Langensalza.

Kaum hatte sich der König ein wenig erfrischt, so befahl er, den kommandirenden General und den Chef des Generalstabes zu rufen, und lud zugleich den General von Brandis, den Grafen Platen, den Grafen Ingelheim, den Kabinetsrath und den Regierungsrath Meding ein, dem Kriegsrath beizuwohnen, der über die nun zu treffenden Maßregeln entscheiden sollte.

Es war neun Uhr Abends, als die befohlenen Herren sich im Zimmer des Königs versammelten.

Der König drang auf sofortigen Vormarsch nach Gotha. Der Regierungsrath Meding schickte sich dem Befehl des Königs gemäß an, das Protokoll zu führen. Der kommandirende General und der Chef des Generalstabes aber erklärten, daß die Armee in einem solchen Zustande der Erschöpfung sei, daß sie nicht marschiren könne. Vergebens machte General Brandis geltend, daß auch für die ermüdete Armee der kurze Marsch nach Gotha, wo sie vortreffliche Quartiere und reichliche Verpflegung finden würde, besser sei als das Bivouakiren im Felde ohne Lebensmittel, – der Generalstabschef erklärte einen Marsch für absolut unmöglich und der kommandirende General lehnte jede Verantwortlichkeit für einen solchen ab. Beide Herren baten dringend, den Kriegsrath verlassen zu dürfen, da ihre Anwesenheit bei den Truppen unumgänglich nöthig sei.

Ohne Resultat ging der Kriegsrath auseinander – und der König zog sich zurück, um nach der schweren Anstrengung des Tages zu ruhen.

Rings um die Stadt her aber leuchteten die Bivouakfeuer der Truppen und so lauter Gesang, so fröhliche Stimmen drangen von allen Seiten herüber, daß es schwer war, an die tiefe Erschöpfung dieser Soldaten zu glauben, welche zu schwach sein sollten, um zwei Stunden nach Gotha zu marschiren, wo sie Ruhe und Stärkung hätten finden können.

Fritz Deyke war inzwischen mit dem Lieutenant von Wendenstein vor sich in die Stadt hineingeritten, ohne zu wissen, ob der junge Mann noch lebte oder todt war. Schwer lag der Körper in seinen Armen, schlaff hingen die Glieder herab und von dem scharfen Ritt hatte die Brustwunde wieder zu bluten angefangen.

Der junge Bauer ritt in die Stadt hinein, in deren Straßen man gefochten hatte und welche von den Einwohnern verlassen schien, die sich sämmtlich in die hintern Räume der Häuser geflüchtet hatten.

»Wo finde ich nun das beste Quartier?« sagte er zu sich selbst – »im Gasthof wird es wohl noch die beste Pflege geben,« – meinte er nach augenblicklichem Besinnen und ritt weiter in die Stadt hinein, um irgend einen Gasthof zu suchen. An einer Wendung der Straße lag hinter einem hübschen, sauber gepflegten Vorgarten ein großes weißes Haus mit ausgedehnten Nebengebäuden. Grüne verschlossene Jalousieen bedeckten die Fenster.

Als der Kürassier mit dem leblosen Körper im Arm vorbeiritt, rief aus dem ersten Stock eine frische jugendliche Stimme, mit dem Ausdruck halb des Schreckens, halb des Mitleids:

»Ach, der arme junge Offizier!«

Fritz Deyke wurde sympathisch berührt durch den Klang der Stimme sowohl als durch den Ausdruck des Mitgefühls für seinen Lieutenant und blickte an dem Hause empor.

Ein frischer blonder Mädchenkopf hatte sich hinter einer halb geöffneten Jalousie vorgestreckt und zog sich, als der Soldat heraufblickte, schüchtern zurück, ohne indeß die Jalousie ganz zu schließen.

War es der Ausdruck der Stimme, war es der theilnahmsvolle Blick der hellen blauen Augen, welche noch immer durch die geöffnete Spalte auf das sonderbare und traurige Bild da unten herabsahen, die in dem jungen Menschen den plötzlichen Gedanken aufsteigen ließen, in diesem behaglich und wohlhabend aussehenden Hause Quartier für seinen Offizier zu suchen, – genug, er hielt sein Pferd an und rief hinauf:

»Ja, der arme junge Offizier bedarf Ruhe und Pflege – und ich belege hier im Hause Quartier für ihn!«

Die Worte waren befehlend und kategorisch – gehörte er doch der Armee an, welche siegreich in die Stadt einzog, – aber der Ton war sanft und bittend und es war wohl dieser Ton, welcher das junge Mädchen bewog, das Fenster wieder ganz zu öffnen und den Kopf herauszustrecken. Zugleich erschien hinter ihr ein alter wohlbeleibter Mann mit rothem vollen Gesicht und kurzem grauen Haar, welcher finster auf den hannöverischen Soldaten herabsah.

»Quartier ist im Hause vorhanden, wenn's sein muß,« sagte er kurz und ziemlich unfreundlich, – »aber mit der Pflege wird es schlimm aussehen und zu essen haben wir selbst kaum!«

»Dafür werde ich sorgen!« rief Fritz Deyke – »kommt nur herab und helft mir meinen Lieutenant herauftragen!«

Der Alte zog sich mürrisch vom Fenster zurück, während das junge Mädchen freundlich herabrief: »Ein Bett für den armen Verwundeten werde ich gleich besorgen, – dann werden wir sehen, was weiter zu thun ist.«

Und sie verschwand ebenfalls vom Fenster.

Der alte Mann hatte inzwischen die Hausthüre geöffnet und war an den Reiter herangetreten.

»Ich kann Euch nicht willkommen heißen in meinem Hause,« sagte er finster und derb, »denn Ihr gehört zu den Feinden meines Königs und meines Landes, – aber Quartier geben muß ich Euch freilich – und,« fügte er hinzu, indem er einen mitleidigen Blick auf den bleichen Offizier warf, – »ich gebe es auch noch lieber den Verwundeten als den Gesunden.«

»Hier ist von Freund und Feind nicht die Rede,« antwortete Fritz Deyke in ruhigem und freundlichem Ton – »hier handelt sich's um Christenpflicht gegen einen armen Verwundeten.«

»So kommt!« sagte der Alte einfach und näherte sich dem Pferde.

Fritz Deyke ließ den Körper des Lieutenants sanft in die Arme des alten Mannes gleiten, stieg ab, band sein Pferd an den niedrigen Zaun des kleinen Vorgartens und Beide trugen den leblosen Offizier in das Haus.

»Hier hinauf!« sagte der Alte und deutete auf die Treppe, welche aus dem reinlichen Flur in das obere Stockwerk führte. Fritz Deyke stieg, sanft den Kopf des Verwundeten tragend, die Stufen hinan, während der Alte den Körper stützend folgte.

Oben dehnte sich ein langer Korridor aus, zu dessen beiden Seiten die Zimmerthüren lagen.

Das junge Mädchen stand hier erwartend, eilte dann voran und öffnete die Thür eines großen zweifenstrigen Zimmers nach dem Hofe, welches einfach, aber mit einer gewissen Eleganz möblirt war und in welchem ein schneeweiß überzogenes Bett den Verwundeten erwartete.

Fritz Deyke legte mit Hilfe des alten Mannes den verwundeten Offizier sanft darauf nieder.

»Nun, junger Mensch!« sagte der Alte, indem er mit ernstem Blick vor den Kürassier hintrat, »jetzt ist Euer Offizier in Sicherheit und es soll ihm nichts zu seiner Pflege mangeln, was mein Haus bieten kann, – das Haus des Bierbrauers Lohmeier« – fügte er mit einem Ausdruck von würdevollem Selbstbewußtsein hinzu, – »damit Ihr wißt, bei wem Ihr Unterkommen gefunden, – nun kommt, daß wir Euer Pferd in den Stall bringen – und,« sagte er mit etwas vertraulicherem Ausdruck, – »wenn Ihr könnt, so haltet mir andere Einquartierung vom Halse.«

Beide stiegen die Treppe hinab, während das junge Mädchen im Zimmer bei dem Verwundeten blieb – die Kissen glättend und mit wehmüthiger Theilnahme das schöne bleiche, todtenähnliche Gesicht betrachtend.

Mehrere Infanteristen kamen die Straße herauf.

»Wir sollen hier in der Straße Quartier nehmen,« rief einer von ihnen, – »dort ist ein gut aussehendes Haus, –. gehen wir hinein, es wird Raum für uns Alle haben!«

In diesem Augenblick trat Fritz Deyke mit dem alten Brauer aus der Thür.

»Ah, da sind schon Kürassiere!« riefen die Infanteristen, – »ist bei Euch noch Platz, Kamerad?«

Fritz Deyke legte den Finger auf den Mund.

»Schwerverwundete Offiziere im Hause!« sagte er, »hier darf nicht laut gesprochen und nicht hart aufgetreten werden!«

»Dann müssen wir weiter gehen,« sagten die Infanteristen, – warfen theilnehmende Blicke nach den Fenstern hinauf und zogen vorbei.

»Ich danke Euch!« sagte der alte Braver freundlich.

Fritz Deyke führte sein Pferd durch die Hofthüre in den Stall, wo es bei den vier Pferden des Brauers seinen Platz fand.

Dann bat er sich ein Stück Kreide aus, ging an die Hausthür und schrieb mit großen Buchstaben darauf: »Schwerverwundete Offiziere!«

»Und nun,« rief er, »muß ich fort, um einen Arzt zu finden, – achtet gut auf meinen Lieutenant und rührt ihn nicht an!« Er wollte davon eilen.

»Wartet,« sagte der Alte, – »Eure Aerzte werden auf den Verbandplätzen beschäftigt sein, – hier nebenan wohnt unser Hausarzt, ein tüchtiger Mann, den werde ich rufen!«

Er ging hinaus und kam nach einiger Zeit mit einem frisch aussehenden grauköpfigen, freundlichen Herrn zurück.

Sie stiegen die Treppe hinauf, nachdem die Hausthüre sorgfältig von innen verschlossen war.

Der alte Arzt trat an das Bett, während Fritz Deyke mit angstvoller Spannung den Ausdruck in seinen Mienen beobachtete.

Der Arzt schüttelte den Kopf, – öffnete eins der geschlossenen Augenlider des Leblosen, sah in das Auge und sprach dann:

»Das Leben ist nicht erloschen, – ob wir es erhalten können, steht in Gottes Hand! – Jetzt aber muß ich die Wunde sehen, – wir müssen ihn entkleiden, – und Sie, liebe Margareth, schaffen uns etwas warmes Wasser und etwas Wein.«

Das junge Mädchen eilte fort. Sorgsam schnitt Fritz Deyke die Uniform, die Beinkleider und Stiefel von dem Körper des Verwundeten.

Eine Wunde zeigte sich in der linken Brust, eine zweite in der Schulter.

»Dieß ist nichts!« sagte der Arzt, auf die Schulter deutend, – »ein Bajonettstich, der von selbst heilt, – aber hier–« und er zog aus seinem Etui eine Sonde hervor und senkte sie in die Brustwunde.

»Die Kugel steckt in den Rippen,« sagte er, – »wenn der Verwundete nicht an Blutverlust und Erschöpfung stirbt, so kann er gerettet werden. Jetzt muß er die tiefste Ruhe haben; bis ich an das Herausziehen der Kugel denken kann, müssen erst einige Kräfte wieder da sein.«

Das junge Mädchen erschien mit warmem Wasser, Leinen und einem Schwamm. Dann stellte sie eine einfache Lampe auf den Tisch, da die Nacht inzwischen herabgesunken war.

Der Arzt reinigte die Wunde und flößte etwas Wein in den Mund des Offiziers. Ein Athemzug öffnete seine Lippen, eine leichte feine Röthe stieg in seine Wangen und er schlug die Augen auf. Ein großer verwunderter Blick fiel auf seine Umgebung, die Augen schlossen sich wieder und kaum hörbar, wie ein flüsternder Hauch drang es aus seinen Lippen hervor:

»Auf Wiedersehen!«

Das junge Mädchen faltete die Hände und richtete die thränenglänzenden Augen nach Oben.

Fritz Deyke nahm seine Mütze ab, schwenkte sie in der Luft und öffnete groß den Mund, – man mußte ein Hurrah erwarten, wie er es unter den lustigen Bauernburschen von Blechow ertönen ließ, auf der Wiese vor dem Dorfe oder im großen Saale des Wirthshauses, aber dieß Hurrah ertönte nicht, der Mund schloß sich wieder, die Mütze flog in eine Ecke und nur ein glücklicher und dankbarer Ausdruck blieb wie ein heller Schimmer auf seinem vorher so traurigen Gesicht haften.

Er hatte einen Ton des Lebens von den Lippen seines Lieutenants gehört; – es war Hoffnung, ihn zu retten!

»Gut, gut,« sagte der Arzt, zufrieden mit dem Kopf nickend, »für jetzt ist nichts zu thun, als die tiefste Ruhe um den Verwundeten zu erhalten und ihm so oft als möglich etwas rothen Wein einzuflößen, damit der Blutverlust ersetzt wird. Morgen werde ich versuchen, die Kugel herauszuziehen.«

Er entfernte sich, von dem alten Lohmeier begleitet.

Fritz Deyke und Margarethe blieben bei dem Verwundeten, seine Athemzüge beobachtend; mit großer Pünktlichkeit reichte das junge Mädchen dem Kürassier alle fünf Minuten einen Löffel voll Wein, den dieser mit dankbarem Blick empfing und in den Mund des Verwundeten fließen ließ.

Der alte Lohmeier brachte ein kaltes Abendessen für Fritz Deyke und einen Trunk seines eigenen Bieres. Eilig verzehrte der junge Mensch die Speisen – und sein Appetit bewies sich gut wie immer, – das Bier wies er zurück.

»Ich könnte nicht wachen,« – sagte er.

»Nun geh' zu Bett, Margarethe,« sprach der Alte, »wir werden für den Verwundeten sorgen, – das Nachtwachen greift Dich an.«

»Was ist eine durchwachte Nacht, Vater!« rief das junge Mädchen, »hier handelt es sich um ein Menschenleben, – laß mich hier bleiben, es könnte etwas nöthig sein!«

Der Alte widersprach nicht, und ein freundlicher Blick, den er auf seine Tochter warf, schien ihr Recht zu geben, auch Fritz Deyke sagte nichts, aber mit unendlich dankbarem Ausdruck richteten sich seine großen blauen, treuherzigen Augen auf das junge Mädchen.

Der Alte setzte sich in einen Lehnstuhl und nickte bald ein, die jungen Leute blieben am Bette sitzen und vollzogen pünktlich die Verordnungen des Arztes, mit freudiger Spannung jedes Lebenszeichen beobachtend, das der Verwundete zeigte, – bald durch einen tiefen Athemzug, bald durch eine leichte Röthe, welche über sein bleiches Gesicht flog.

Lange saßen sie schweigend.

»Sie sind ein gutes Mädchen,« sagte endlich Fritz Deyke, als sie ihm wieder einen Löffel voll Wein gereicht hatte, indem er ihr mit herzlicher Freundlichkeit die Hand reichte, – »wie wird die Frau Mutter meines Lieutenants Ihnen dankbar sein für das, was Sie an ihrem Sohn thun!«

»Ach, die arme Mutter!« rief sie bewegt und erwiederte den treuherzigen Druck seiner Hand, indem eine Thräne in ihrem klaren Auge glänzte, – »das ist wohl eine sehr vornehme Dame?«

Und Fritz Deyke begann in leisem, flüsternden Tone ihr zu erzählen von der Familie des Lieutenants, von dem alten Amtshause in Blechow, von dem schönen Wendlande mit seinen reichen Fluren und seinen dunkeln Föhrenwäldern, – dann von seinem eigenen Hause, seinem Vater, seinem Hof und Acker, – und das junge Mädchen hörte schweigend und aufmerksam zu, die Bilder, die sich bei den Worten des Soldaten vor ihr öffneten, waren so einfach, so natürlich, so frisch und rein, und sie waren alle vergoldet von dem poetischen Schimmer, welcher den tapfern, braven Kürassier umfloß, der aus der blutigen Schlacht den armen todeswunden Jugendgespielen gerettet hatte und nun so ängstlich das Leben bewachte, das nur durch einen zarten Faden noch in dem gebrochenen Körper haftete.

So zog die Nacht ruhig und still über das Haus des alten Lohmeier dahin. Draußen ertönten die lauten, lustigen Stimmen aus den Quartieren in der Stadt und aus den Bivouaks herauf, überall war lautes Leben und kriegerischer Lärm, – und der alte Brauer, wenn er zuweilen auf seinem Lehnstuhl erwachte, warf einen freundlichen Blick zu dem jungen Soldaten hinüber und zu dem verwundeten Offizier, dessen Anwesenheit sein Haus von anderer Einquartierung freigehalten hatte; denn von allen Truppen waren die Worte respektirt worden, welche Fritz Deyke an die Thüre geschrieben; Niemand hatte an diese Thür geklopft und schweigend war jede Abtheilung vorbeigezogen.

Hell und strahlend stieg der Morgen des 28. Juni herauf, jubelnd begrüßt, von den siegesfreudigen, kräftigen Soldaten in ihren Kantonnements. Schon früh war im Hauptquartier Alles in Bewegung. Der König hatte in einer Ansprache an die Armee mit innigen Worten seinen Dank für ihre hingebende Anstrengung und Tapferkeit ausgesprochen.

Dann fand das Begräbniß der Gefallenen statt, welche – soweit man sie auf dem Schlachtfelde gefunden, auf dem Kirchhofe von Langensalza bestattet wurden.

Der König stand mit seinem Gefolge am Rande des offenen Grabes, in ergreifend kurzer Rede segnete der Geistliche des Ortes die im Tode zum Frieden vereinten Krieger – Preußen und Hannoveraner – zur ewigen Ruhe ein, und Georg V., der sie nicht sehen konnte, die Leichen der Tapfern, die da vor ihm in der Grube lagen, treue Kämpfer für ihre Pflicht und ihren Kriegsherrn, – er bückte sich schweigend, faßte ein Häuflein Erde und streute mit seiner königlichen Hand den ersten Staub auf jene braven Todten.

»Leicht sei euch die Erde!« flüsterten die Lippen des Königs und noch leiser fügte er hinzu: »Wohl Dem, der da ruht im ewigen Frieden!« –

Dann faltete er die Hände, betete ein stilles Vaterunser und schritt am Arme des Kronprinzen dem Schützenhause zu. Auf seinem Wege begrüßten ihn überall die auf den Straßen in Gruppen stehenden Soldaten mit lautem Hurrah und »Vorwärts! Vorwärts!« hörte man hier und da ihm entgegenrufen.

Tief senkte der König das Haupt. Ein schmerzlicher Ausdruck lag auf seinen Zügen.

Kaum in seinem Zimmer angelangt, ließ er nach dem kommandirenden General senden.

Derselbe war bei den Truppen und es verging eine Stunde, bevor er in das Zimmer des Königs trat.

»Sind die Truppen im Stande zu marschiren?« fragte der König.

»Nein, Majestät! – die Armee ist kaput! ganz kaput!« – rief der General, sich schallend an die Brust schlagend, – »es sind keine Lebensmittel vorhanden und die Munition reicht zu keinem ernsten Gefechte mehr aus.«

»Und was ist nach Ihrer Ueberzeugung zu thun?« fragte der König kalt und ruhig.

»Majestät!« rief der General, »der Generalstab ist einstimmig der Ansicht, daß eine Kapitulation unerläßlich sei!«

»Warum?« fragte der König.

»Der Generalstab ist der Meinung, daß die Armee nicht marschiren kann!« rief der General, – »außerdem,« fügte er hinzu, »ziehen von allen Seiten weit überlegene militärische Streitkräfte heran, vom Norden melden die Vorposten, daß der General Manteuffel uns einschließt, im Süden hat der General Vogel von Falckenstein bedeutende Truppen von Eisenach herauf den Weg nach Gotha herüber dirigirt –«

»Das wäre unmöglich gewesen, wenn wir gestern Abend vorgerückt wären,« sagte der König.

»Das Vorrücken war unmöglich, wie der Generalstab versicherte!« rief der General von Arentschildt.

Der König schwieg.

»Majestät!« rief der General und schlug mit der Hand auf seine Brust, – »es wird mir schwer, das Wort Kapitulation auszusprechen, – aber es bleibt nichts Anderes übrig. Ich bitte Eure Majestät um Erlaubnis, mit dem General Vogel von Falckenstein in Verhandlungen zu treten!«

»– Ich werde Ihnen meine Willensmeinung darüber in einer Stunde sagen,« sprach der König, – »lassen Sie Ihren Adjutanten hier!«

Und er wendete sich ab.

Der General verließ das Zimmer.

»So muß es denn sein!« rief Georg V. schmerzlich, – »das Blut all' dieser Tapfern vergebens vergossen, – vergebens all' diese Pein, Angst und Unruhe, – und warum vergebens? – weil die Nacht mein Auge deckt, – weil ich nicht an die Spitze dieser tapfern Armee treten kann, wie meine Ahnen, – wie der große Braunschweiger, – o – es ist hart, sehr hart!«

Und ein finsterer Ausdruck legte sich über die Züge des Königs; er biß die Zähne aufeinander und die blicklosen Augen hoben sich gen Himmel.

Dann aber verschwand der Zorn und Grimm aus seinen Zügen, eine stille Ruhe legte sich über dieselben, ein schmerzliches, aber mildes Lächeln spielte um seine Lippen, er faltete die Hände und sprach leise:

»Mein Herr und Heiland hat die Krone der Dornen getragen und auch für mich sein Blut am Kreuz vergossen, – Herr! – nicht mein – sondern Dein Wille geschehe.«

Er bewegte die goldene Glocke, welche ihm aus seinem Kabinet zu Herrenhausen in das Feld gefolgt war.

Der Kammerdiener trat ein.

»Ich bitte den Grafen Platen, General Brandis, Graf Ingelheim, den Kabinetsrath Lex und Regierungsrath Meding, sogleich zu kommen.«

In kurzer Zeit traten die Herren in das Zimmer.

»Sie kennen die Lage, in der wir uns befinden, meine Herren,« sagte der König, »wir sind von feindlicher Uebermacht umgeben und der kommandirende General erklärt mir, daß die Truppen vor Erschöpfung nicht marschiren können, daß keine Lebensmittel und keine Munition vorhanden seien, – er hält eine Kapitulation für unerläßlich, – bevor ich mich entscheide, wünsche ich auch Ihre Ansicht zu hören. – Was meinen Sie, Graf Ingelheim?«

Mit ernster, schmerzlich bewegter Miene sprach der Gesandte des Kaisers von Oesterreich:

»Es ist tief traurig, Majestät, nach einem Tage wie der gestrige von Kapitulation zu sprechen, – aber wenn die Uebermacht erwiesen ist, die uns seit gestern Abend umstellt hat,« fügte er mit Betonung hinzu, – »dann wäre es ein unnützes Opfer so vieler braven Soldaten, – wozu Niemand Eurer Majestät rathen kann.«

»Wenn man nur Jemand nach Berlin senden könnte!« – rief Graf Platen, »es wäre doch –«

»Majestät,« unterbrach ihn der General von Brandis derb und mit zitternder Stimme, – »wenn es möglich wäre, daß Eure Majestät wie der Herzog von Braunschweig den Degen ziehen und selbst an der Spitze der Truppen reiten könnten, – dann würde ich auch jetzt noch sagen: Vorwärts! – und ich glaube, wir kämen durch, – so aber –« und er stampfte mit dem Fuß auf den Boden und wendete sich ab, um eine Thräne zu zerdrücken, die sein Auge verdunkelte.

Der Regierungsrath Meding näherte sich dem Könige.

»Majestät!« sprach er mit leicht gedämpfter Stimme, »das Unvermeidliche muß ertragen werden, – die Sonne scheint auch durch den trübsten Tag! Eure Majestät dürfen das Leben Ihrer Unterthanen nicht unnütz opfern, – aber,« fuhr er fort, »Eure Majestät sind auch der Geschichte verantwortlich und es muß konstatirt werden, daß ein fernerer Vormarsch unmöglich sei. Wenn ich Eurer Majestät einen Rath geben darf, so lassen Sie von dem kommandirenden General und allen Brigadekommandeurs auf ihre militärische Ehre und den ihrem Kriegsherrn geleisteten Eid vor Gott und ihrem Gewissen erklären, daß die Truppen weder marsch- noch kampffähig seien, und daß Lebensmittel und Munition fehlen. – Dann sind Eure Majestät vor jedem Vorwurf geschützt, den Ihre Armee, Ihr Land und die Geschichte Ihnen machen könnte!«

Der König nickte zustimmend das Haupt.

»So soll es geschehen!« sprach er. – »Setzen Sie mit dem Kabinetsrath das Schreiben an den General von Arentschildt aus!«

»Und erlauben mir Eure Majestät,« rief Graf Ingelheim, »in diesem feierlichen Augenblick die Versicherung auszusprechen, daß Eure Majestät nach der schmerzlichen Prüfung, welche Gott jetzt über Sie verhängt, im Triumph in Ihre Residenz einziehen werden, so wahr Oesterreich und mein Kaiser den letzten Mann für Deutschlands Recht einsetzen werden.«

Der König reichte ihm freundlich die Hand.

»Sie haben auch unnütz die Strapazen des Feldzuges ertragen,« sagte er mit wehmüthigem Lächeln.

»Nicht unnütz, Majestät,« rief Graf Ingelheim, – »ich habe einen König und eine Armee ohne Furcht und Tadel gesehen!« –

Eine Stunde später empfing der König die geforderte Erklärung, vom kommandirenden General, dem Chef des Generalstabes und allen Brigadekommandeurs unterzeichnet. Die Kapitulation wurde mit dem General Vogel von Falckenstein geschlossen. Bald darauf aber traf der General von Manteuffel in Langensalza ein und auf Befehl des Königs von Preußen gab er Zusatzbestimmungen, welche in hohem Grade ehrenvoll für die hannöverische Armee waren.

Die Offiziere behielten Waffen, Gepäck und Pferde und alle ihre Kompetenzen, – ebenso die Unteroffiziere ihr Gehalt.

Die Mannschaften lieferten ihre Waffen und Pferde an die vom Könige von Hannover bestimmten Offiziere, welche sie sodann preußischen Kommissären übergaben, und wurden in ihre Heimat entlassen.

Vor Allem aber sprach der General auf besondern Befehl des Königs von Preußen dessen höchste Anerkennung der tapfern Haltung der hannöverischen Truppen aus.

Der König von Hannover sendete den Grafen Platen, den General von Brandis und den Regierungsrath Meding nach Linz voraus, um ihn dort zu erwarten, – er selbst begab sich zu kurzer Ruhe nach einem Schloß des Herzogs von Altenburg, – um von da nach Wien zu gehen und dort die weiteren Ereignisse abzuwarten.

Die hannöverischen Soldaten aber, welche wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel die Nachricht von der Kapitulation traf, legten voll tiefen, bittern Schmerzes ihre Waffen nieder und zogen mit dem Stab in der Hand in die Heimat zurück, welche sie so kampfesfreudig verlassen hatten.

Aber stolz und gehobenen Hauptes konnten sie zurückkehren, denn sie hatten gethan, was möglich war. Diese treue und tapfere Armee hatte auf dem letzten Ehrenfeld, auf welchem sie unter den alten Fahnen ihres Landes im Feuer stand, sich ein unvergängliches Denkmal des Ruhmes und der Ehre errichtet, und der ritterliche Kriegsherr der preußischen Armee war der Erste, der dieß Denkmal mit dem Lorbeerblatt seiner königlichen Anerkennung schmückte.

Wer aber die Geschichte jener Tage kennt und ihren wunderbar verhängnißvollen Gang verfolgt, dem drängt sich die schmerzliche Frage auf: Warum war es nicht möglich, daß die beiden so edlen, so ritterlichen und so frommen Fürsten, deren Krieger hier in blutigem Ringen gegen einander standen, – sich persönlich fanden und verständigten?

Dritter Band.

Fünfzehntes Kapitel.

Ein heißer Sommerabend lag schwül über der Ebene, welche das stille Dorf Blechow umgab, trübe und schwer hing die glühende Luft vom Himmel herab, welcher, ohne mit Wolken bedeckt zu sein, doch fast grau aussah, und obgleich die Sonne noch ziemlich hoch über dem Horizont stand, malten ihre Strahlen doch einen scharfen, blutrothen Schein auf die trübe Himmelsfarbe. Still war es überall umher. Im Dorfe fehlten die meisten jungen Bursche, welche alle auf die Nachricht, daß die Armee in Göttingen konzentrirt werde, hinausgezogen waren, um die Truppen, sei es dort, sei es auf dem Marsche, zu erreichen, – still war es vor Allem im alten Amtshause, wo der Oberamtmann mit finster gefalteter Stirn im großen Saale auf und nieder ging und von Zeit zu Zeit mit düsterem Blick hinausschaute über den Garten hin in die weite Ebene. Er hatte den Befehl des Königs erhalten, nach welchem die Beamten ruhig auf ihrem Posten bleiben sollten, er hatte durch die Landdrostei ein Schreiben des Ministeriums erhalten, nach welchem die Verwaltung des Landes von dem preußischen Civilkommissär von Hardenburg übernommen worden – und er hatte dann alle Geschäfte dem Auditor von Bergfeld übergeben und ihm gesagt: »Sie haben Geschäftskenntniß genug, um das Alles zu erledigen, und die Befehle, die von Oben kommen werden, auszuführen, – machen Sie Alles ab und wo Sie meine Unterschrift brauchen, bringen Sie mir die Sachen, – ich will auf dem Posten bleiben und unterzeichnen, weil es der König so befohlen, – aber tragen Sie mir nichts vor, – denn ich will von all' dem Elend nichts hören und mein altes Herz, das schon traurig genug ist, nicht noch mit stündlichen Nadelstichen verwunden. – Nur wenn es darauf ankommt, irgend welche Belastung von den Amtseingesessenen abzuwenden, – dann sagen Sie mir, um was es sich handelt, und der preußische Civilkommissär soll die Stimme des alten Wendenstein eben so deutlich hören, wie sie die hannöverischen Herren Referenten zu hören gewohnt waren!« Damit hatte er die Bureauzimmer verlassen, – seinen Namen geschrieben, wo es nöthig war – und wenig Worte waren über seine Lippen gekommen, seit die Okkupationsregierung das Land beherrschte.

Still und lautlos waltete Frau von Wendenstein im Hause, – sie wartete der Wirtschaft und pünktlich und ordentlich war Alles wie sonst, – zuweilen nur stand die alte Dame in plötzlicher Erstarrung still, den träumenden Blick wie in weite Fernen gerichtet, als folgte sie ihren Gedanken, die da weit hinauszogen über den waldumkränzten Horizont hin, – dann aber nahm sie mit eifriger Hast ihre Thätigkeit wieder auf, ruhelos durch die wohlbekannten Räume eilend, und je rastloser sie schaffte und ordnete, um so mehr schien sie der innern Bekümmerniß Herrin zu werden.

Still war es auch im Pfarrhause. Niemand fehlte dort, ruhig ging Alles seinen gewohnten Gang, – aber es lag doch die Schwüle der Zeit über dem friedlichen Dach und selbst die Rosen im Garten senkten die Häupter ermattet vom brennenden Strahl der Sonne.

Der Pastor war ausgegangen, um einige seiner Pfarrkinder zu besuchen, wie er es stets that, denn er meinte, mit der sonntäglichen Predigt sei es nicht gethan, und der Geistliche, der ein wirklicher guter Hirte und Seelsorger sein wolle, müsse das Wort Gottes auch hie und da im freundlichen Gespräch hineintragen in des täglichen Lebens Freuden und Sorgen.

Helene saß am Fenster und bewegte gleichmäßig die Nadel ihrer Arbeit, – ihr Blick aber richtete sich oft gedankenvoll hinaus in die Ferne und die Hände sanken müde in den Schooß.

Vor ihr saß der Kandidat Behrmann, schwarz und sauber gekleidet und glatt gescheitelt wie immer, und sein gleichmäßig wie immer zurechtgelegtes Gesicht war heute freundlicher und zufriedener als sonst.

Sein scharfes, beobachtendes Auge folgte dem Blick, den das junge Mädchen nach dem fernen Horizont warf, und um die stockende Unterhaltung nicht ganz fallen zu lassen, sagte er:

»Es ist merkwürdig, welche erdrückende Schwüle heute in der ganzen Natur liegt, man fühlt fast mechanisch den Druck dieser dichten, schweren Atmosphäre!«

»Unsere armen Truppen, – was werden sie leiden müssen bei den Märschen in dieser Hitze!« rief Helene seufzend.

»Ich bin in diesen Tagen doppelt glücklich und zufrieden,« sagte der Kandidat, »in dem Gedanken an meinen friedlichen und geistlichen Beruf, der mich so unnützen und im Grunde verwerflichen Anstrengungen und Leiden fern hält, wie sie die Soldaten jetzt ertragen müssen.«

»Unnütz und verwerflich!« rief Helene, ihn mit großen Augen ansehend, – »unnütz nennst Du es, Vetter, für seinen König und für sein Vaterland in's Feld zu ziehen?«

»Nicht im Sinne der Welt,« sagte er ruhig und salbungsvoll, »alle diese Leute thun gewiß ihre Pflicht nach ihrem besten Ermessen, – aber der Krieg selbst ist verwerflich, und die Opfer, die man ihm bringt, unnütz, denn was wird dadurch gewonnen? – O es ist gewiß ein besserer und Gott wohlgefälligerer Kampf, mit geistigen Waffen für die Veredlung der Menschen zu streiten, gegen Sünde und Unglauben, – wie Dein Vater es thut, Helene,« fügte er hinzu, – »und wie ich es ihm so gern nachthun möchte!«

»Gewiß ist das ein edler Beruf, schön und heilig, – aber darum ist doch der Soldat auch im Dienste Gottes, wenn er für eine gerechte Sache kämpft,« – sagte das junge Mädchen eifrig.

»Welche Sache ist die gerechte?« fragte der Kandidat, – »jede Partei ruft im Kriege Gott an – und oft siegt die offenbar ungerechte Sache.«

»Für den Soldaten,« rief Helene, »ist die Sache die gerechte, welche ihm seine beschworene Pflicht zu vertheidigen gebietet –«

»Gewiß, gewiß,« sagte der Kandidat wie beschwichtigend, – »aber,« fuhr er fort, – »die Frauen sollten doch mehr Freude an einem friedlichen Beruf, an einer stillen, segensreichen Wirksamkeit finden, – welche Stütze kann z. B. ein Soldat seinem Weibe und seinen Kindern bieten – jeden Augenblick kann er hinausgerissen werden in die Kämpfe der Großen und Mächtigen der Erde, – er läßt sein Leben für eine Sache, die ihn nicht berührt, und die Seinigen bleiben allein in Noth und Elend.«

»Und tragen das stolze Bewußtsein im Herzen, Den, welchen sie beweinen, einen Helden nennen zu dürfen!« rief Helene lebhaft und mit strahlenden Augen.

Der Kandidat warf einen lauernden Blick auf seine Cousine und sprach mit etwas gedämpfter Stimme:

»Ich glaube, der Kampf im Dienste Gottes hat auch sein Heldenthum!«

»Gewiß,« antwortete Helene unbefangen, »darum soll jeder Beruf seinen Kreis erfüllen, – und wir,« sagte sie lächelnd, »sind da, um zu trösten und zu helfen, wo die Kämpfe des Lebens ihre Wunden schlagen.«

Und wieder richtete sich ihr Auge träumerisch in die Ferne.

Nach einigen Augenblicken stand sie schnell auf.

»Ich glaube,« sagte sie, »draußen wird die Hitze weniger erdrückend sein, – ich will dem Vater entgegen gehen, er muß bald zurückkommen.« Und ihren Strohhut aufsetzend fragte sie: »Gehst Du mit mir, Vetter?«

»Mit großem Vergnügen,« antwortete er eifrig – und Beide gingen vom Pfarrhause hinab nach der Straße, dem Dorfe zu.

»Ich habe mich in der kurzen Zeit hier schon so eingelebt,« sagte der Kandidat, nachdem sie einige Augenblicke schweigend neben einander gegangen waren, »daß ich es mir ganz gut vorstellen kann, welchen Reiz diese friedliche, stille Abgeschlossenheit auszuüben vermag und wie man hier allmälig die Genüsse der weiteren Kreise entbehren lernt.«

»Siehst Du wohl?« sprach sie fast heiter, – »vor Kurzem noch schaudertest Du vor dieser Einsamkeit zurück, – wie ich vor der Unruhe der Stadt. – In Zeiten wie die jetzigen freilich,« fügte sie seufzend hinzu, – »ist es hart, hier so abgeschieden von der Welt zu sein, man hört so gar nichts, – wo mag die Armee stehen – und der König,« sagte sie lebhaft, – »der arme Herr!«

Der Kandidat schwieg.

»Freilich,« sagte er nach einer kurzen Pause, seinen Gedanken fortsetzend und ohne auf ihre Bemerkung einzugehen, – »freilich ist ja hier auch von Einsamkeit nicht die Rede. Die Unterhaltung Deines Vaters in ihrer Einfachheit und doch so reichen Mannigfaltigkeit bietet ja mehr als so viele Kreise der großen Welt – und Deine Gesellschaft, liebe Helene –« setzte er mit Wärme hinzu. –

Sie sah ihn groß und erstaunt an. »Nun, meine Gesellschaft,« sagte sie lächelnd, »kann wohl keinen Ersatz für die Kreise in der Stadt bieten, – meine Gelehrsamkeit –«

»Gelehrsamkeit!« unterbrach er sie lebhaft, – »ist es denn die Gelehrsamkeit, welche die Gesellschaft der Frauen anziehend macht?«

»Bei so gelehrten Herren,« sagte sie halb scherzend, »gehört doch etwas davon dazu!«

»Für mich gewiß nicht,« rief er, – »gerade die natürliche Einfachheit des Verstandes und des Herzens ist für uns ein Reiz, – der Mann muß die Frau bilden, – erziehen, – nicht sie fertig vorfinden!« rief er, unwillkürlich Ton und Ausdruck belebend.

Ihr Blick hob sich schnell zu ihm empor und senkte sich wieder.

Schweigend gingen sie eine Strecke nebeneinander.

»Helene,« sagte er dann, »es ist die Wahrheit, daß ich mich mit dem Gedanken einer stillen und einfachen Wirksamkeit auf dem Lande mehr und mehr befreundet habe, und es ist auch die Wahrheit, daß Deine Gesellschaft viel dazu beigetragen hat.«

Sie ging schweigend weiter.

»Wenn man den geistigen Anregungen der größeren Welt entsagen soll,« fuhr er fort, – »so muß ein Ersatz dafür da sein, und diesen Ersatz kann mir die Familie, – die Häuslichkeit bieten. Wenn ich hier bleibe, Deinem Vater eine Stütze zu sein in seinem geistlichen Amt, dann würde ich mit doppelter Freudigkeit wirken und arbeiten, wenn auch das eigene Herz die beglückende Blume findet, welche die stille Thätigkeit verschönt.«

»Helene,« fuhr er lebhaft fort, »würdest Du keine Befriedigung darin finden, mit mir gemeinschaftlich den Lebensabend Deines Vaters zu stützen und zu erheitern und mir in meinem Beruf helfend – beglückend zur Seite zu stehen, – wie Deine Mutter es einst Deinem Vater gethan?« – fügte er hinzu.

Das junge Mädchen blickte fortwährend schweigend zu Boden. Tiefe Athemzüge hoben ihre Brust.

»Vetter –« sagte sie.

»Es ziemt sich nicht für mich, einem Diener der Kirche,« fuhr er fort, »zu Dir zu sprechen in jener Weise und in jenem Ton, in welchem man in der Welt die Liebe behandelt und kund gibt, rein und klar muß die Flamme sein, die in dem Herzen eines Geistlichen Platz findet, – aber eine solche Flamme bietet Dir mein Herz, Helene, – und aufrichtig und offen frage ich Dich, – willst Du annehmen, was mein Herz Dir bietet und glaubst Du darin das ruhige Glück Deines Lebens finden zu können?«

Sie blieb stehen und sah ihm groß und frei in die Augen.

»Deine Worte überraschen mich, Vetter, – ich hätte nicht vermuthet, sie zu hören – und so plötzlich –«

»Das Verhältniß zwischen uns muß klar werden,« sagte er, »deßhalb habe ich Dir gesagt, was in meinem Herzen für Dich lebt, – ein Geistlicher muß anders werben, als ein Kind der Welt, – kannst Du darüber erstaunen, – die Tochter eines geistlichen Hauses?«

»Aber Vetter,« sagte sie zögernd, – »wir kennen uns ja kaum!«

»Hast Du kein Vertrauen zu mir?« fragte er, »daß ich Dir eine Stütze für's Leben sein könnte?«

Sie blickte zu Boden. Ein tiefes Roth überzog ihr Gesicht.

»Aber – dazu gehört doch auch –«

»Was denn?« fragte er und sein stechender Blick ruhte gespannt auf ihr.

»Die Liebe,« flüsterte sie.

»Und die glaubst Du nicht für mich empfinden zu können?« fragte er.

Sie sah ihn wieder groß an. Ein tiefer Seufzer hob ihre Brust und ihr Auge richtete sich einen Augenblick träumerisch in die Ferne. Dann umzog ein leichtes, fast schalkhaftes Lächeln ihre Lippen und leise sagte sie:

»Aber mein Gott, das läßt sich doch nicht so ohne Weiteres vorher wissen!«

»Vorher?« sagte er – und ein finsterer Ausdruck flog über seine Züge.

»Vetter,« sprach sie mit treuherzigem Ton und reichte ihm die Hand, »Du meinst es gut mit Deinen Worten – und für mich ist es ja nur schmeichelhaft, wenn Du glaubst, daß ich Deinem Leben Etwas sein könnte, – laß mich Dir also einfach und aufrichtig sagen, – ich glaube, Du täuschest Dich – vielleicht –« setzte sie freundlich hinzu, – »und es ist ja nicht nöthig, dieß Gespräch heute fortzusetzen, das mich so sehr überrascht hat. Laß mir Zeit, ich verspreche Dir, darüber nachzudenken – und wenn wir uns mehr kennen – Dir zu sagen –«

Er blickte stumm vor sich nieder. –

»O,« sagte er bitter, – »Dein Herz antwortet schon, – es versteht die einfache Sprache meines Gefühles nicht, – ich verstehe freilich nicht,« fuhr er fort, »es in Aufregung und Unruhe zu versetzen, ein Geistlicher ist nicht im Stande, so feurige Gefühle zu erregen, – wie – ein junger Offizier –«

Sie stand still, tiefe Blässe überzog ihr Gesicht und ein stolzer Blick ihres Auges traf ihn.

Er hielt inne, wie unzufrieden mit sich selbst, und seine erregten Züge nahmen wieder ihren gewöhnlichen glatten und ruhigen Ausdruck an.

»Vetter,« sagte sie kalt und gelassen, – »ich bitte Dich, dieß Gespräch jetzt nicht fortzusetzen, – prüfe Dich selbst und laß mir Zeit, auch mich zu prüfen. Mein Vater –«

»Meine Wünsche sind die Deines Vaters,« sagte er. Sie senkte den Kopf – tiefe Traurigkeit zog über ihr Gesicht.

»Mein Vater,« sagte sie dann, »kann nicht wünschen, daß ich einen Entschluß fassen soll, ohne mein Herz zu prüfen.« –

»Und Du wirst es mir sagen, wenn diese Prüfung geschehen ist?« –

»Ja,« sagte sie. – »Doch nun laß mich, – ich bitte Dich darum!«

Ein tiefer Athemzug fuhr durch seine geschlossenen dünnen Lippen, er senkte das Auge zu Boden, schweigend und ernst gingen sie neben einander weiter.

»Da kommt der Vater!« rief Helene und eilte dem Pastor entgegen, welcher auf einem Seitenwege von einigen abgebauten Häusern des Dorfes zurückkehrte.

Der Kandidat folgte langsam.

»Das ist schön, Kinder,« sagte der alte Herr, »daß ihr mir entgegen kommt, – es ist besser, in dieser trüben Zeit, nicht allein zu sein, – im ganzen Dorf herrscht Sorge und Bekümmerniß um die Abwesenden, – um so mehr, als eine Nachricht durch das Land zieht, die Alle in die höchste Spannung versetzt –«

»Was für eine Nachricht denn, Papa?« rief Helene, – »doch keine traurige –«

»Fröhlich und traurig zugleich,« sagte der Pastor, – »es sei eine große Schlacht gewesen, sagt man sich von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus, – unsere Armee habe glänzend gesiegt, – aber es sei viel, viel Blut vergossen!«

»O, das ist entsetzlich!« rief Helene mit dem Ausdruck lebhaftester Bewegung und faltete die Hände. Das scharfe Auge des Kandidaten ruhte forschend auf ihr, aber sie bemerkte es nicht, ihr Blick sah starr in's Leere.

»Nun wissen die Leute nicht,« sagte der Pastor ruhig fortsprechend, »welchem Gefühl sie sich hingeben sollen, der Freude über den Sieg oder der Angst um ihre Söhne und Brüder.«

»Wie gut ist es,« sagte der Kandidat, »wenn man kein Familienglied bei der Armee hat, – man bleibt frei von der Angst und Sorge –«

»Du bist nicht, wie ich, seit Jahren mit einer Gemeinde verwachsen,« antwortete der Pastor ernst, »die in allen ihren Gliedern meiner Seele so nah steht wie leibliche Verwandte, – ich fühle das Leid meiner geistlichen Familie so tief mit, als hätte es mich selbst getroffen.«

Helene ergriff in unwillkürlich rascher Bewegung die Hand ihres Vaters und drückte einen Kuß darauf. Der alte Herr fühlte eine Thräne auf seine Hand fallen. Sanft lächelnd sagte er:

»Du, mein liebes Kind, fühlst auch diese Leiden unserer Gemeinde mit, – ich weiß es, – Du bist ja unter ihnen Allen aufgewachsen!«

Helene bedeckte die Augen einen Augenblick mit ihrem Taschentuch und schluchzte leise.

Ein böser, feindlicher Seitenblick blitzte aus dem Auge des Kandidaten zu ihr hinüber, während ein kaltes, höhnisches Lächeln um seine Lippen spielte.

»Ich wollte zum Oberamtmann gehen,« sagte der Pastor, »dort müssen sie wohl am ersten bestimmte Nachrichten haben, – und sie werden auch recht in Sorge um den Lieutenant sein, – die arme Frau von Wendenstein! – Begleitet mich zum Amtshause, Kinder!«

Und sie schlugen den Weg zu der Anhöhe ein, auf welcher das alte Haus zwischen den hohen, dunkeln Bäumen lag.

Helene hatte den Arm ihres Vaters ergriffen und in unwillkürlicher Eile beschleunigte sie ihre Schritte.

Sie stiegen die Anhöhe hinauf und traten in die offene Vorhalle, wo die alten mächtigen Eichenschränke so still und würdig dastanden wie immer, und die alten Gemälde so ernst und feierlich aus ihren Rahmen blickten, als gäbe es gar keinen Wechsel und keine Sorgen und Leiden in der Welt der lebenden Menschen.

In dem großen Gartensaal schritt der Oberamtmann in gleichmäßigem Schritt auf und nieder, Frau von Wendenstein saß auf ihrem Platz vor dem großen Tische und ihre Tochter neben ihr, – es war Alles wie sonst, und doch lag die Zeit schwer und angstvoll auf allen Mienen, in allen Herzen.

Stumm reichte der Oberamtmann dem Pfarrherrn die Hand, still begrüßte Frau von Wendenstein die Eintretenden und schweigend umarmten sich die jungen Mädchen.

»Es gehen Gerüchte durch das Land von einer großen Schlacht und einem großen Siege,« sagte der Pastor, – »ich hoffte, vielleicht hier etwas Bestimmtes erfahren zu können?« –

»Ich habe keine Nachricht,« sagte der Oberamtmann finster, – »auch ich weiß nur, was die Tradition von Mund zu Mund hieher getragen, – Etwas wird gewiß daran wahr sein, – hoffen wir, daß die Siegesnachricht sich bestätigt!«

Von seiner Sorge sprach er nicht und von der Angst seines Herzens, das an den Sohn dachte, der im fernen Felde stand, – aber ein inniger Blick voll Teilnahme flog unter seinen zusammengezogenen Augenbrauen hervor zu seiner Gattin hinüber.

»Was ist doch die Welt für ein sonderbares Ding,« sagte diese, indem sie leise das Haupt schüttelte, – »sonst in ruhigen Zeiten hebt der Dampf und der Telegraph alle Entfernungen auf und die Nachrichten über die unbedeutendsten Dinge fliegen von einem Ende der Erde zum andern, – und jetzt, wo so viele Herzen in banger Sorge und Unruhe sich quälen, verpflanzen sich die Nachrichten unsicher und langsam von Mund zu Mund, wie in den alten, längst vergangenen Zeiten!«

»Das sind die stolzen Gebäude des Menschengeistes!« sagte der Pastor, – »wo Gottes Hand in die Geschicke der Völker greift, da steht der Mensch schwach und einsam da, und aller Fortschritt der Welt versinkt. Aber daß es Gottes Hand ist, welche hier waltet, muß uns trösten, der Herr hat die Macht, zu schützen und zu erhalten, – er hat auch die Macht, die Wunden zu heilen, welche seine Hand schlägt!«

Mit frommem, ergebenen Ausdruck und gefalteten Händen hörte Frau von Wendenstein die Worte des Geistlichen, – aber eine Thräne perlte in ihrem Auge und bewies, wie tief die bange Ungewißheit auf ihrem Herzen lastete.

»Von der Armee habe ich keine Nachrichten,« rief der Oberamtmann, – »aber von Hannover habe ich einen Brief meines Sohnes erhalten. – Er erzählt von der preußischen Verwaltung – und lobt sehr die Ordnung und Pünktlichkeit derselben,« fügte der alte Herr mit einer gewissen Bitterkeit hinzu.

»Die Herren in Hannover mögen in großer und peinlicher Verlegenheit sein,« sagte der Pastor, – »dort treten die politischen Rücksichten weit mehr in den Vordergrund, als hier auf dem Lande, – und es mag gewiß schwer sein, dort die Pflicht des hannöverischen Dienstes mit den Notwendigkeiten der Lage zu vereinigen.«

»Es scheint, daß die Herren Referenten das sehr leicht zu vereinigen wissen,« sagte der Oberamtmann finster, – »es ist gewiß richtig, daß die preußische Verwaltung vortrefflich, prompt und pünktlich ist, – aber es will mir doch nicht in den Kopf, daß man in diesen Tagen für diese Vorzüge so besondere Bewunderung empfindet. – Nun, die Jugend ist eben anders, als wir es waren zu meiner Zeit!« –

Eilig und mit aufgeregtem Ausdruck trat der Auditor von Bergfeld in den Salon.

»Nun, was bringen Sie Neues aus Lüchow?« rief ihm der Oberamtmann entgegen, und in stummer Frage ruhten alle Blicke auf dem bewegten Gesicht des jungen Mannes.

»Es ist wahr!« rief er, – »eine Schlacht hat stattgefunden – bei Langensalza – und unsere Armee hat gesiegt!«

»Gott sei Dank,« rief der Oberamtmann, – »und ist sie glücklich nach Süden vorgedrungen?«

»Leider nein!« sagte der Auditor trübe, – »am Tage nach der Schlacht waren unsere tapfern Truppen von einer überwältigenden Uebermacht umzingelt, – man hat kapituliren müssen!«

Finster blickte der Oberamtmann vor sich hin. – »Der König ist gefangen?« fragte er.

»Nein,« sagte der Auditor, – »der König ist frei, die Kapitulation ist sehr ehrenvoll, die Offiziere kehren mit Waffen und Pferden zurück! – Aber,« fuhr er fort, – »es sind viele Verwundete da, in Hannover haben sich Komites gebildet, – die Lebensmittel sind selten, man bittet um Leinenzeug, Brod und Fleisch aller Art –«

»Sofort soll Alles verpackt werden, was sich im Hause vorfindet!« rief der Oberamtmann lebhaft, – »die Verwundeten müssen das Beste haben, mein Keller soll geleert werden.« –

Frau von Wendenstein war aufgestanden und näherte sich ihrem Gatten.

»Laß mich die Sachen hinbringen!« sagte sie bittend.

»Wozu das?« rief der Oberamtmann, »Du kannst dort nichts nützen – und wenn Karl wiederkommt, so –«

»Wenn er wiederkommt!« rief die alte Dame, in lautes Schluchzen ausbrechend.

»Wir werden ja bald Nachrichten erhalten,« sagte der Oberamtmann, »und bis dahin –«

Ein Geräusch von Stimmen auf dem Vorflur ließ sich hören.

Johann trat ein und sagte: »Der alte Deyke ist da, – er wünscht den Herrn Oberamtmann zu sprechen.«

»Herein, herein!« rief der alte Herr– und unter die aufgeregte Gruppe trat der alte Bauer Deyke, feierlich und würdig wie immer, – aber ein tieferer, finsterer Ernst lag auf seinen scharfen Zügen.

»Nun, lieber Deyke,« rief der Oberamtmann, – »habt Ihr die Nachrichten gehört, kommt Ihr zu besprechen, was wir thun sollen, um am schnellsten unsern braven Soldaten zu senden, was ihnen noth thut?«

»Ich habe einen Brief von meinem Fritz erhalten,« sagte der Bauer ernst, indem er ehrerbietig die Hand ergriff, welche der Oberamtmann ihm bot.

»Nun, wie geht es ihm, dem braven Jungen?« rief der alte Herr.

»Hat er meinen Sohn gesehen?« fragte Frau von Wendenstein, mit ängstlicher Spannung in das Gesicht des Bauern blickend.

»Er hat den Herrn Lieutenant gefunden!« sagte dieser lakonisch.

»Und mein Sohn – lebt!« rief Frau von Wendenstein zögernd, als fürchte sie die Frage auszusprechen, deren Beantwortung die innersten Saiten ihres Herzens berühren mußte.

»Er lebt!« sagte der alte Deyke. – »Ich möchte den Herrn Oberamtmann um ein paar Worte unter vier Augen bitten,« – fügte er dann zögernd hinzu.

»Nein!« rief Frau von Wendenstein heftig, auf den Bauern zutretend, – »nein, nicht unter vier Augen, – Deyke, Ihr habt noch Schlimmes zu sagen, – aber ich will es hören, ich bin stark, jede Nachricht zu hören, – nur die Ungewißheit kann ich nicht ertragen, ich bitte Dich,« – sagte sie, innig zu ihrem Mann aufblickend, – »laß mich hören, was er zu sagen hat.«

Der Oberamtmann stand unschlüssig.

Langsam trat der Pastor heran.

»Lassen Sie Ihre Frau hören, was es auch sei, mein alter Freund,« sagte er ernst und ruhig, – »Ihr Sohn lebt, das ist das Erste und Wichtigste, – was noch kommen mag, kann so schlimm nicht sein, daß ein so frommes und treues Herz, wie das unserer Freundin, es nicht hören könnte.«

Dankbar sah Frau von Wendenstein zu dem Geistlichen empor.

Der alte Deyke zog langsam ein Papier hervor.

»Wenn der Herr Oberamtmann vielleicht den Brief meines Sohnes –«

»Gebt!« sagte der Pastor, – »es ziemt dem Diener des Herrn und dem alten Freunde des Hauses, diese Botschaft mitzutheilen.«

Und er nahm den Brief und trat an das Fenster, durch welches das letzte Licht des sinkenden Tages in den Saal fiel.

Frau von Wendenstein hing mit weit geöffneten Augen an seinen Lippen, – Helene saß, den Kopf in die Hand gestützt, ruhig und scheinbar theilnahmlos am Tische, ihr Auge erhob sich nicht und blickte starr vor sich hin, man hätte zweifeln können, ob sie von alledem etwas sah und hörte, was um sie her vorging.

Langsam las der Pastor:

»Lieber Vater!

Ich gebe Euch gleich Nachricht, wie es mir geht, und Gott sei Dank bin ich gesund und munter; ich habe die Armee in Langensalza getroffen und bin bei den Gardekürassieren eingestellt und habe die große Schlacht mitgemacht und bin im Feuer tüchtig gewesen, aber ich bin ganz gesund und wohl. Gesiegt haben wir und zwei Kanonen genommen und viele Gefangene, – aber heute sind wir umzingelt von großer Uebermacht und die Generale haben gesagt, wir könnten nicht marschiren. Da hat der König kapitulirt und Alle kehren in die Heimat zurück. Mir bricht fast das Herz, wenn ich alle die braven Soldaten mit dem weißen Stab in der Hand nach Hause gehen sehe, – und sie sehen gar nicht so elend und marode aus.

Nun, lieber Vater, muß ich Euch sagen von dem Herrn Lieutenant von Wendenstein, bei dem ich noch hier bleiben muß, denn er ist schwer verwundet und ich kann ihn nicht allein lassen. Ich habe ihn auf dem Schlachtfelde gefunden und dachte, er wäre todt, aber Gott sei Dank ist es nicht so schlimm, und der Doktor hat die Kugel herausgezogen und sagt, er würde leben bleiben, wenn er nur die Kraft hätte, das Fieber auszuhalten. Ich bin mit ihm bei dem Bierbrauer Lohmeier, einem braven Mann, obgleich es ein Preuße ist, und der Lieutenant wird gut gepflegt. Mein Wirth besorgt mir auch diesen Brief durch einen Bekannten bei der Feldpost. Geht nur gleich zum Herrn Oberamtmann und sagt es ihm und um mich sorgt Euch nicht, denn mir geht es ganz gut.

Euer Sohn

Fritz.

Geschrieben am 28. Juli 1866.«

Der Pastor schwieg.

Langsam trat der Oberamtmann zu seiner Frau, legte den Arm um ihre Schultern, küßte sie auf die grauen Locken und sagte:

»Er lebt! – mein Gott, ich danke Dir!«

»Doch nun darf ich hin zu ihm?« fragte Frau von Wendenstein.

»Und ich?« rief ihre Tochter.

»Ja!« sagte der alte Herr, – »und ich wollte, ich könnte euch begleiten, – aber ich wäre da doch nichts nütze!«

Helene war aufgestanden. Mit langsamem, festem Schritt trat sie zu Frau von Wendenstein und sprach, indem ihre Augen in wunderbarem Glanz leuchteten:

»Darf ich Sie begleiten? – wenn mein Vater es erlaubt?«

»Du, Helene?!« rief der Pastor.

»Unsere braven Soldaten bedürfen der Pflege,« – sagte das junge Mädchen, den Blick fest auf ihren Vater richtend, – »und Du hast mich gelehrt, den Leidenden zu helfen. Wolltest Du mir nicht erlauben, in dieser großen Zeit auch meine Pflicht zu thun?«

Der Pastor sah seine Tochter freundlich an. »So geh' mit Gott, mein Kind,« sagte er, und zu Frau von Wendenstein gewendet fügte er hinzu: »Sie werden meine Tochter unter Ihren Schutz nehmen?«

»Von ganzem Herzen!« rief die alte Dame und schloß die Tochter des Pfarrers in ihre Arme.

Schweigend hatte der Kandidat Behrmann die ganze Szene mit angesehen.

Er biß sich auf die Lippen, als Helene ihren Entschluß aussprach, Frau von Wendenstein zu begleiten, ein bleicher Blitz zuckte aus seinem Blick, – dann aber nahm sein Gesicht gehorsam wieder die glatten, lächelnden Züge an, – er trat vor und sprach mit sanfter Stimme:

»Ich bitte die gnädige Frau um Erlaubniß, sie auf ihrer Reise begleiten zu dürfen, – es wird immerhin gut sein, einen männlichen Schutz zu haben und dann glaube ich, daß dort an der Stätte des blutigen Kampfes auch der geistliche Zuspruch erwünscht und willkommen sein wird. – Ich glaube, daß ich dort nützlicher sein kann, als hier, – wo so lange, bis ich wiederkehre, mein Oheim wie bisher die Geschäfte seines Amtes allein wird versehen können.«

Er blickte demüthig und bescheiden auf den Oberamtmann und seinen Oheim, eine Antwort auf seinen Vorschlag erwartend.

»Das ist ein guter und richtiger Gedanke, mein lieber Neffe,« sagte der Pastor, ihm die Hand reichend, – »dort ist ein Feld ernster und segensvoller Tätigkeit für Dich und ich will hier schon inzwischen allein fertig werden.« Der Oberamtmann war erfreut, für seine Damen eine schützende Begleitung gefunden zu haben, und Frau von Wendenstein dankte dem Kandidaten herzlich dafür, daß er ihr die Reise zu ihrem leidenden Sohne erleichtern wollte.

Helene hatte, als ihr Vetter seinen Wunsch aussprach, die Damen zu begleiten, wie erschrocken aufgeblickt, dann aber schweigend und mit niedergeschlagenen Augen das fernere Gespräch angehört, ohne mit einem Worte oder Blick die geringste Theilnahme daran zu verrathen.

Emsiges und bewegtes Leben kam nun plötzlich in das alte Amtshaus.

Frau von Wendenstein eilte ordnend und leitend durch die wohlbekannten Räume, hier ihrer Tochter die Sachen bezeichnend, welche in den Reisekoffer verpackt werden sollten, – dort Lebensmittel, Wein, Zucker und Erfrischungen aller Art auswählend, dann wieder den Dienstboten Anweisungen ertheilend, wie es während ihrer Abwesenheit gehalten werden sollte, – alle jene dumpfe Erstarrung, welche die letzten Tage über auf der alten Dame gelegen hatte, war verschwunden, rüstig und mit leuchtenden Augen eilte sie umher, und wer sie so gesehen hätte, der hätte glauben müssen, daß ein großes Fest sich im Hause vorbereite.

Helene war mit ihrem Vater und dem Kandidaten in das Pfarrhaus zurückgekehrt, um die kurzen Vorbereitungen zur Reise zu treffen, und noch nicht zwei Stunden nachdem die Abreise beschlossen war, stand der bequeme Wagen des Oberamtmanns mit den wohlgenährten, kräftigen Pferden vor dem großen Eingange des Amtshauses.

Frau von Wendenstein umarmte ihren Gatten lange und innig, – es war seit Jahren das erste Mal, daß Beide sich auf längere Zeit trennten. Er legte die Hand auf ihr Haupt und sprach: »Gott segne Dich und führe Dich mit unserem Sohne zurück.«

Der alte Deyke war da und eine Menge Bauern des Dorfes waren auch da mit ihren Frauen und Töchtern, denn blitzschnell hatte sich die Nachricht verbreitet, daß die Frau des Oberamtmanns mit ihrer Tochter hinreise, um den verwundeten Sohn zu pflegen, und daß die Pfarrerstochter und der neue Kandidat sie begleiten. Sie waren Alle gekommen, um Abschied zu nehmen, und Jedem reichte Frau von Wendenstein die Hand, Jedem versprach sie freundlich Nachricht einzuziehen über diesen oder jenen Angehörigen, der bei der Armee stand. Was der Wagen fassen konnte, wurde noch eingepackt von den Gaben der Liebe, welche Jeder nach seinem Vermögen herbeibrachte, und alle Häupter entblößten sich, als endlich der Wagen davon fuhr, kein Ruf aber erscholl, kein lautes Wort wurde hörbar und still gingen Alle zurück in ihre Häuser, in banger Sorge den Nachrichten entgegensetzend, welche die nächsten Tage über Tod oder Leben der Ihrigen bringen mußten.

Still kehrte der Oberamtmann mit dem Pfarrer in das Amtshaus zurück, und die beiden alten Herren

saßen noch lange einsam bei einander. Sie sprachen wenig und doch war ihre Gesellschaft ein gegenseitiger Trost für sie in der schweren Zeit. Der Oberamtmann ließ einen Blick durch den Saal schweifen, der ruhig und freundlich dalag wie immer, – als er aber auf den Platz sah, auf welchem seine Frau zu sitzen pflegte, als er der muntern Stimmen gedachte, die sonst hier erklungen waren, und dann hinausdachte in die Ferne, wo sein Sohn vom Tode bedroht lag, da legte sich ein feuchter Nebel vor sein Auge, er drückte die Lider zusammen und ein heißer Tropfen fiel auf seine Hand nieder.

Rasch stand er auf und ging einige Male im Zimmer auf und ab.

Der Pfarrer erhob sich.

»Mein verehrter alter Freund,« sagte er, »in einem Augenblick, wie der jetzige, darf auch ein Mann wie Sie sich einer Thräne nicht schämen! – Es ist spät, suchen wir die Ruhe, – auch diese Tage werden vorübergehen!«

Der Oberamtmann blieb stehen, reichte dem geistlichen Herrn die Hand und blickte ihn an, indem ein blinkender Tropfen über seine Wange herabrann.

»Beten Sie zu Gott,« sagte er leise, »daß er mir den Sohn erhalte!«

Der Pastor war fortgegangen, still war es im Amtshause geworden und dunkel lag die Nacht darüber, aber noch lange schien das Licht aus dem Fenster des Oberamtmannes und die Domestiken hörten bis zum Morgengrauen den festen, gleichmäßigen Schritt des alten Herrn durch das stille Haus hallen.

Sechzehntes Kapitel.

Während im Norden Deutschlands sich die Katastrophe vollzog, welche dem welfischen Hause so verhängnißvoll werden sollte, erwartete man in Wien noch Alles von der Entscheidung der Waffen, die man in Böhmen von einem Tage zum andern voraussah. Die österreichischen Waffen waren in Italien, jenem Studienfelde der österreichischen Generalstabsoffiziere, siegreich gewesen, die Schlacht von Custozza war gewonnen und neue Zuversicht erfüllte die Wiener auf den Sieg in Deutschland.

Die Wiener hatten ihr Vertrauen auf den Feldzeugmeister Benedek, den Mann des Volkes, gesetzt und sie erwarteten in ihrer leichten, sanguinischen Art von ihm jeden Erfolg; – verschwunden waren bei den Meisten jene ängstlichen Zweifel, welche sie noch vor Kurzem in Unruhe versetzt hatten, – die Waffen Oesterreichs waren ja in Italien siegreich gewesen, – das Glück wendete seine Gunst dem Kaiserstaat zu – und mit Spannung, aber freudiger Zuversicht sah man den Nachrichten aus Böhmen entgegen; man erwartete mit Bestimmtheit einen großen Sieg.

Anders freilich und nicht so zuversichtlich sah es in der Staatskanzlei am Ballhausplatz und in der Hofburg aus.

Graf Mensdorff war trübe und niedergeschlagen; die Nachrichten aus Italien hatten seine düsteren Befürchtungen nicht beseitigen können und nur mit mattem Lächeln hatte er die Glückwünsche wegen des Sieges von Custozza beantwortet. Der Kaiser schwebte zwischen Furcht und freudiger Hoffnung: die Erfolge in Italien ließen in seinem Herzen die hohen und stolzen Erinnerungen von Novara wieder anklingen und eine weite, glänzende Aussicht öffnete sich vor seinem Blick. Aber wenn die Zweifel, die Mahnungen des Feldzeugmeisters Benedek an ihn herantraten, dieses einfachen Generals, der sich wenig mit strategischen Operationen abgegeben hatte, der es nur verstand, die Truppen gegen den Feind zu führen und zu schlagen, der aber fortwährend behauptete, mit diesen Truppen, in der Verfassung, in welcher er sie gefunden, den Feind nicht schlagen zu können, – dann trat eine tiefe Bangigkeit an sein Herz heran und in schwerer Sorge sah er der Zukunft entgegen.

Während so ganz Wien in fieberhafter Unruhe und Bewegung war, während Jeder wünschte, der Zeit Flügel zu verleihen, um die Entscheidung der Zukunft näher zu rücken, lag Frau Antonie Balzer in ihrem stillen Boudoir auf dem schwellenden Sopha. Die Vorhänge waren geschlossen trotz der großen Hitze und eine schwüle Dämmerung herrschte in dem von den verschiedenartigen geheimnißvollen Parfüms durchdufteten Raum, jenen Parfüms, welche die Wohnung einer eleganten und schönen Frau erfüllen und von denen man nicht weiß, was sie enthalten, welche aber wie ein unsichtbares Fluidum die Luft mit magnetischem, sympathischen Reiz durchströmen.

Die junge Frau lag da, schlaff ausgestreckt, und in ihren Zügen sah man weder die liebevolle Hingebung, mit welcher sie Herrn von Stielow empfangen hatte, noch jene eisige und stolze Kälte, welche sie ihrem Gatten entgegenzusetzen pflegte.

Düster starrten ihre großen Augen in's Leere und ein Ausdruck von abgespannter, trauriger Müdigkeit lag auf ihren Zügen.

Eine Menge verschlossener Briefe und Telegramme lag auf einem kleinen Tische neben ihr.

Ihre perlmutterweißen Hände spielten nachlässig mit einem kleinen Bologneserhündchen, welches zusammengekauert in ihrem Schooße lag.

»Ich habe mich für stark gehalten,« flüsterte sie vor sich hin, – »und doch – kann ich ihn nicht vergessen!« –

Sie sprang auf, legte den kleinen Hund auf ein Kissen und ging langsam im Zimmer auf und ab.

»Welch' eine wunderbare Organisation ist doch die menschliche Natur!« rief sie leidenschaftlich und zornig. »Ich habe geglaubt stark zu sein, – ich habe mir vorgenommen zu herrschen, hinaufzusteigen auf dieser bunten Leiter des Lebens, ohne mich aufhalten zu lassen durch die Rücksichten und Gefühle der gewöhnlichen Welt, – und nun, da die erste Sprosse der Leiter sich meinem Fuße bietet, blicke ich rückwärts, – mein Herz weint, ich bin krank vor Liebe und Sehnsucht, – wie eine kleine Nähmamsell,« stieß sie mit zornigem Ausdruck hervor, indem ihr niedlicher Fuß heftig auf den weichen Teppich trat.

Sie starrte vor sich hin.

»Und warum?« sprach sie sinnend, – »warum kann mein Herz den nicht vergessen, der sich so schnöde von mir gewendet, der mich so verächtlich aufgegeben? – Dieser Graf Rivero, – er bietet mir, was ich ersehnte, er ist ein Mann, der auf den Höhen der Welt steht und der mit mächtiger Hand in die Fäden greift, welche das Schicksal der Menschen lenken, – warum liebe ich ihn nicht? – ich könnte glücklich sein! – Und Jener,« fuhr sie fort, indem ihr Auge sich mit feuchtem Schimmer überzog und ihre Arme sich leicht erhoben, – »Jener, nach dem alle Schläge meines Herzens verlangen, den ich zurückrufe in den einsamen Stunden der Nacht, den meine Arme suchen in der leeren Luft, – wer ist er? – ein Kind, – ein Geist, der weit unter mir steht, – und doch – o er ist so schön, – so rein!« rief sie – die Hände wie nach einem Bilde ausstreckend, das sich ihrem innern Blick zeigte, – »ich liebe ihn, – ich bin Sklavin meiner Liebe!«

Und sie sank ermattet in einen weiten Fauteuil, das Gesicht mit den Händen bedeckend.

Längere Zeit saß sie so da, unbeweglich, und nur die heftigen Athemzüge, welche aus ihrer wogenden Brust hervordrangen, unterbrachen die tiefe Stille in dem halbdunkeln Gemach.

Dann sprang sie wieder auf. Blitzendes Feuer loderte in ihren Augen – der Medea gleich stand sie da mit zuckenden Lippen und mit heiserer Stimme rief sie:

»Sie aber, die ihn mir entrissen – könnte ich den Blitz der Vernichtung auf sie schleudern, – jene vornehme Dame, die von der Wiege an alles Glück des Lebens genossen, die im goldenen Schimmer die freundliche Welt um sich gesehen, – die Alles – Alles gehabt hat, was mir versagt war, – soll sie schwelgen in dieser Liebe, – die ich verloren?« –

Sie öffnete hastig ein kleines Kästchen von inkrustirtem Ebenholz und nahm daraus eine Photographie im Visitenkartenformat.

Lange betrachtete sie dieselbe mit glühenden Blicken.

»Welche einfachen, nichtssagenden Züge!« – rief sie, – »wie lauwarm, wie langweilig muß diese Liebe sein – kann sie ihn glücklich machen, ihn, der den glühenden Schlag meines Herzens gefühlt, – der in meinen Armen empfunden hat, was Liebe heißt?!«

Und mit krampfhaftem Griff drückte sie das Bild zusammen.

Die Glocke des Vorzimmers ließ sie aus ihrer starren Träumerei emporfahren, – rasch warf sie das zerknitterte Bild in das Kästchen zurück und zwang ihr Gesicht zu seinem gewöhnlichen kalten und ruhigen Ausdruck.

Unmittelbar hinter der meldenden Kammerjungfer trat der Graf Rivero in das Zimmer – in untadelhafter Eleganz wie immer, kalt, ruhig und freundlich, das Lächeln des Weltmannes auf den Lippen.

Mit leichtem, elastischem Schritt näherte er sich der jungen Frau und drückte seine Lippen leicht auf ihre Hand, – nicht mit der feurigen Inbrunst des Liebhabers, – auch nicht mit der achtungsvollen Ehrerbietung des vornehmen Mannes einer Dame der großen Welt gegenüber, – es lag in der Begrüßung des Grafen eine gewisse gleichgültige Vertraulichkeit, deren verletzender Eindruck nur durch die eigenthümliche Eleganz und Höflichkeit gemildert wurde, welche jede seiner Bewegungen auszeichnete.

Sie schien dieß zu empfinden und ein kalter, fast feindlicher Blick traf ihren Besucher.

»Wie haben Sie geschlafen, meine schöne Freundin,« sagte der Graf lächelnd, »wahrhaftig, man sollte nicht glauben, daß die ganze Welt in Sorge und fieberhafter Unruhe zittert, wenn man in dieß dunkle und stille Asyl tritt!«

»Es sind viele Briefe und Depeschen angekommen!« sagte sie ruhig, indem sie auf den kleinen Tisch neben ihrem Ruhebett deutete.

»Sind Sie sicher,« fragte der Graf, »daß diese starke Korrespondenz keine Aufmerksamkeit erregt?«

Sie lächelte kalt.

»Man ist hier gewöhnt, daß ich viele Briefe erhalte, und ich glaube nicht, daß man bei mir die Fäden ernster Angelegenheiten sucht.«

Der Graf trat an das Fenster und schob einen der geschlossenen Vorhänge zurück, so daß das volle Licht in das Zimmer fiel. Dann zog er den Tisch mit den Briefen an das Fenster und begann sie einen nach dem andern zu öffnen, während die junge Frau sich schweigend in einen Lehnstuhl sinken ließ.

Der Graf zog ein Portefeuille aus der Tasche, nahm daraus einige kleine Hefte, welche verschiedene Chiffres enthielten, und begann mit Hülfe derselben die Briefe zu entziffern.

Der Inhalt mußte ihn in hohem Grade befriedigen, denn ein Ausdruck leuchtender Genugthuung strahlte von seinem Gesicht und mit stolzem Blicke erhob er sich, nachdem er seine Lektüre beendet.

»Ich sehe das Werk sich seiner Vollendung nahen,« sprach er halb zu sich, halb zu Frau Balzer, – »bald wird der Bau der Lüge und Bosheit zertrümmert daliegen und die Wahrheit und das Recht werden wieder triumphiren!«

»Und was wird aus mir?« fragte die junge Frau, den Kopf leicht nach dem Grafen hinwendend.

Dieser trat zu ihr, setzte sich neben ihr Ruhebett und sprach mit vornehmer Höflichkeit, ihre Hand küssend, die sie ihm regungslos überließ:

»Sie haben an einem großen und ernsten Werke mitgewirkt, meine schöne Freundin, und haben demselben sogar sehr wesentliche Dienste geleistet, indem Sie die geheime Korrespondenz vermittelten und mir es möglich machten, den Schein des einfachen Weltmanns und Touristen zu bewahren, – ich verspreche Ihnen eine unabhängige und glänzende Stellung. Das Wie überlassen Sie mir, – ich hoffe, Sie trauen meinem Worte?«

Sie sah ihn mit einem scharfen Blick an und sprach:

»Ich zweifle nicht, daß Sie Ihre Versprechungen halten wollen und halten können.«

»Außerdem,« fuhr er fort, – »bleibt noch viel, viel zu thun übrig, wenn auch das nächste und erste Ziel erreicht ist, und ich denke Ihrem Geiste und Ihrer Thatkraft noch größere und reichere Gebiete zu öffnen, – wenn Sie ferner meine Verbündete bleiben wollen?« – »Ich will es,« antwortete sie, – dann hob ein tiefer Athemzug ihre Brust, ein flüchtiges Roth überzog ihre Wangen und indem ein zitterndes Feuer in ihrem Auge aufblitzte, fügte sie hinzu: – »ich habe einen Wunsch –«

»Sprechen Sie!« sagte er mit dem galanten Ton des Weltmannes, – »wenn es in meiner Macht steht, ihn zu erfüllen –«

»Ich glaube, daß es in Ihrer Macht steht – denn ich habe so viel Proben dieser Macht gesehen, daß ich großes Zutrauen zu derselben habe –«

»Nun?« fragte er, den Blick forschend auf sie gerichtet.

Sie schlug die Augen vor diesem Blicke nieder, legte die Fingerspitzen ihrer beiden Hände aneinander und sprach leise mit fast schüchternem Ton:

»Geben Sie mir Stielow wieder!« –

Ein lebhaftes Erstaunen, mit einem Schatten von Unmuth gemischt, malte sich in seinen Zügen.

»Diesen Wunsch hätte ich allerdings nicht erwartet,« sagte er, – »ich glaubte, Sie hätten diese Caprice vergessen! – Auch möchte die Erfüllung meine Kräfte übersteigen.«

»Das glaube ich nicht,« erwiederte sie und ihr Blick richtete sich wieder scharf und klar auf den Grafen, – »er ist ein Kind und Sie verstehen es, ernstere und reifere Menschen zu leiten –«

»Aber Sie vergessen,« sagte er, – »daß –«

»Daß er in einer schwärmerischen Anwandlung – im Verdruß – sich zu den Füßen einer jener faden, langweiligen Damen geworfen hat, welche im gothaischen Kalender den Platz suchen, wo sie ihr Herz unterbringen können!« rief sie, heftig aus ihrer liegenden Stellung emporfahrend, während ihr Auge Blitze schleuderte. – »Nein, das vergaß ich nicht, – aber gerade deßhalb will ich ihn wieder haben, – ich will Ihnen helfen in Allem,« fuhr sie langsamer fort, »ich will alle Kräfte meines Geistes und meines Willens aufbieten im Dienste Ihrer Pläne, – aber Etwas will ich auch für mich haben und deßhalb: geben Sie mir Stielow wieder!«

»Sie sollen ja,« sagte der Graf, »für sich haben, was Sie nur wünschen, – ich lege Ihnen keine Schranken auf für Ihre persönlichen kleinen Divertissements,« fügte er lächelnd hinzu, – »aber was wollen Sie mit diesem – Kinde – wie Sie selbst sagen? – steht Ihnen nicht Alles zu Gebote bei Ihrem Geist und – einem Blick dieser Augen?«

»Aber ich liebe ihn!« sagte sie leise.

Der Graf sah sie erstaunt an.

»Verzeihen Sie mir,« sagte er lächelnd, – »dieß Kind –«

»Weil er ein Kind ist,« rief sie lebhaft und ein Strom von Leidenschaft ergoß sich aus ihren großen, weit geöffneten Augen, – »weil er so rein ist, so gut – und so schön,« flüsterte sie, indem sich ihr Auge feucht verschleierte.

Der Graf blickte sie mit tiefem Ernst an.

»Wissen Sie aber,« sagte er, »daß eine Liebe, die über Sie herrscht – Ihnen die Fähigkeit nehmen wird, über Andere zu herrschen und – meine Alliirte zu sein?«

»Nein!« rief sie, »nein – sie wird mich stärken und erfrischen, – aber diese Sehnsucht im Herzen macht mich trübe und matt – o geben Sie ihn mir wieder – ich bekenne meine Schwäche, lassen Sie mich in diesem einen Punkt schwach sein, ich verspreche Ihnen, Sie sollen mich überall sonst stark und unerschütterlich finden!«

»Hätten Sie mir früher gesagt, was Sie mir jetzt sagen,« sprach er nachdenklich – »es wäre vielleicht möglich gewesen, – vielleicht, – jetzt aber – meine Macht reicht nicht so weit und – ich darf sie hier nicht gebrauchen – jener junge Mann soll kein Spiel Ihrer Laune sein,« sagte er ernst und bestimmt, – »streifen Sie diese Schwäche ab – seien Sie stark – und vergessen Sie diese Phantasie!«

Sie erhob sich kalt und ruhig.

»Sprechen wir nicht mehr davon!« sagte sie in gewöhnlichem Ton.

Der Graf sah sie mit forschendem Blick an.

»Also geben Sie mir Recht?« fragte er.

»Ich will diese Phantasie vergessen,« sagte sie, ohne daß irgend ein Zug ihres Gesichts sich bewegte.

Abermals ertönte die Glocke im Vorzimmer.

»Das ist Galotti!« rief der Graf und öffnete die Thüre des Boudoirs.

Ein mittelgroßer starker Mann mit vollem Gesicht trat ein. Sein dünnes Haar ließ eine hohe gewölbte Stirn vollständig frei, die hellen Augen blickten scharf und beobachtend umher und die vollen Lippen ließen auf lebhaftes Temperament und lebendige Beredsamkeit schließen.

»Es geht vortrefflich!« rief ihm der Graf entgegen, – »Alles ist bereit, um den großen Schlag zu wagen. Die sardinische Partei ist muthlos, desorganisirt unter dem Eindruck der österreichischen Siege und mit einem Schlage werden wir diese lächerliche Regierung zertrümmern, welche sich die italienische nennt.«

»Herrlich, herrlich!« rief der Eintretende, indem er dem Grafen Rivero leicht die Hand drückte und sich dann der Dame näherte, welche er mit allem Anstande der guten Gesellschaft begrüßte. – »Auch meine Nachrichten sind gut,« sagte er dann, – »man ist bereit im Palaste Farnese und der Graf von Montebello hat auf eine vertrauliche Anfrage ziemlich deutlich zu erkennen gegeben, daß er keinen Schritt thun werde, um zu verhindern, daß Italien sich konstituire, wie es der Frieden von Zürich vorgesehen habe.«

»Ich lasse die Herren hier,« sagte Frau Balzer – »im Salon werde ich ein Frühstück serviren lassen und zu Ihrer Disposition stehen, sobald Sie Ihre Unterhaltung beendet haben.« –

Graf Rivero küßte ihr artig die Hand, Signor Galotti verneigte sich und sie entfernte sich durch die Thür ihres Schlafzimmers.

»Der König wird nach Neapel gehen?« fragte der Graf, als sie hinausgegangen war.

»Auf den ersten Wink von hier aus,« erwiederte Galotti, »ein Korps von Briganten, aus ehemaligen Soldaten der neapolitanischen Garde gebildet, erwartet ihn an der Küste – die sardinischen Besatzungen sind überall schwach und beim ersten Signal wird überall das Volk aufstehen!«

»Und in Toskana?« fragte der Graf.

»Alles bereit – eine große Anzahl von Soldaten des Großherzogs sind des Winks gewärtig und die sardinische schwache Besatzung ist zum großen Theil gewonnen.«

»Glauben Sie also, daß der Moment gekommen ist, um die Lunte an das sorgfältig gefüllte Pulverfaß zu legen?« fragte der Graf.

»Ganz gewiß,« erwiederte Galotti, – »worauf sollten wir warten, die sardinische Armee ist vollständig demoralisirt nach der Schlacht von Custozza und wird vom Erzherzog Albrecht festgehalten, so daß man sie im Innern nicht verwenden kann. – Also schnelles Handeln thut Noth, – in wenigen Wochen kann Italien befreit sein von dem schweren Joche, welches das Recht zu Boden drückt, – Alles wartet mit Sehnsucht auf das Losungswort, dessen Ertheilung in Eure Hand gelegt ist.« –

Der Graf war sinnend an das Fenster getreten.

»So lange ist Alles vorbereitet, – so sorgsam überdacht,« sprach er, – »und doch, nun die Ausführung herantritt, nun das verhängnißvolle Wort: Werde! über die stillen Vorbereitungen das Leben der frischen That ergießen soll – nun möchte der Zweifel auftauchen, ob auch Alles wohl organisirt sei – doch gezögert kann nicht länger werden. – Wir müssen nach Rom, nach Neapel und nach Toskana das Losungswort senden,« sagte er, sich zu Galotti wendend – »hier sind die drei Adressen,« fuhr er fort und nahm aus seinem Portefeuille drei Karten, welche er aufmerksam überlas. »Der Text des Telegramms ist darunter verzeichnet – Namen wie Inhalt der Depeschen sind völlig gleichgültig; – sie werden nirgends Aufenthalt oder Beanstandung finden.«

Und fast zögernd reichte er die Karten Herrn Galotti.

Rasch trat Frau Balzer in das Boudoir.

»Wissen Sie, Graf Rivero,« rief sie lebhaft, »daß die Armee in Böhmen total geschlagen ist? Die Nachricht geht wie ein Lauffeuer durch Wien, meine Kammerjungfer hat sie im Hause gehört.«

Mit starrem Entsetzen sah der Graf sie an. Seine Augen erweiterten sich übermäßig, in nervöser Bewegung zuckten seine Lippen und in schneller Bewegung griff er nach seinem Hut.

»Es ist unmöglich!« rief Galotti – »General Gablenz hatte siegreiche Gefechte gehabt – eine große Entscheidung war nicht erwartet.«

»Wir müssen hören, was es gibt,« sagte der Graf fast tonlos – »es wäre entsetzlich, wenn die Nachricht wahr wäre –«

Er wollte hinaus eilen. Ein heftiger Glockenzug ertönte und fast unmittelbar darauf trat ein junger Mann in der Tracht eines Weltpriesters in das Zimmer.

»Gott sei gelobt, daß ich Sie finde, Graf Rivero,« rief er, – »es darf nichts geschehen, das Unglück ist ungeheuer, – Benedek ist total geschlagen, die ganze Armee in wilder Flucht und Auflösung.«

Der Graf stand stumm. Sein dunkles Auge richtete sich mit brennendem Ausdruck nach oben, tiefer Schmerz malte sich auf seinen Zügen.

»Wir müssen um so schneller und energischer handeln!« rief Galotti, – »wenn diese Nachricht nach Italien kommt, werden die Unsrigen erschreckt und verwirrt werden, die Feinde werden Muth bekommen und die Gleichgültigen werden Feinde werden.«

Und er streckte die Hand nach den Karten aus, welche der Graf noch immer hielt.

Dieser machte eine abwehrende Bewegung.

»Woher haben Sie Ihre Nachricht, Abbé Rosti?« fragte er ruhig.

»Sie ward soeben von der Hofburg auf die Nuntiatur gebracht,« erwiederte der Abbé, – »es ist leider kein Zweifel an ihrer völligen Richtigkeit.«

»Dann ist die Arbeit von Jahren verloren!« – sagte Graf Rivero ernst und traurig.

»Benützen wir den Moment!« rief Galotti, »handeln wir schnell, – mag dann in Deutschland geschehen, was da wolle, wir haben dann wenigstens Italien wiederhergestellt nach seinem alten Recht – und Oesterreich muß uns auch dankbar sein, wenn wir ihm für das verlorene Deutschland den Einfluß in Italien geben!«

»Nein,« sagte der Graf ruhig und kalt, – »wir dürfen uns jetzt in keine Aktion einlassen, bevor nicht die Situation vollständig klar ist. – Unsere ganze schlagfertige Macht in Italien ist wohl stark genug, um überall die piemontesische Herrschaft zu brechen, wenn die reguläre Armee von den siegreich vordringenden österreichischen Truppen festgehalten und successive zertrümmert wird, aber wir sind nicht im Stande, gegen diese piemontesische Armee irgend etwas zu thun, wenn sie frei wird, wir würden alle unsere Getreuen nutzlos opfern und würden eine Organisation zerstören, die wir mit Mühe hergestellt haben, die wir für die Zukunft nothwendig bedürfen und die wir niemals wieder schaffen könnten, wenn wir sie jetzt zertrümmern ließen.

– Und ich fürchte, daß die Armee Viktor Emanuel's frei wird – ich fürchte, daß man in Wien Italien aufgibt!«

»Italien aufgibt nach dem Sieg von Custozza?!« rief der Abbé Rosti, – »das ist unmöglich – wofür?«

»Für Deutschland – das man dennoch verlieren wird!«

»Aber mein Gott!« rief Galotti, »das hatte man vor dem Feldzuge gethan, wenn man es wollte, dann wäre man in Deutschland doppelt so stark gewesen, – aber jetzt –?«

»Mein lieber Freund!« sagte der Graf seufzend, – »erinnern Sie sich des Wortes Napoleon's I.: ›Oesterreich kommt immer zu spät – um ein Jahr, um eine Armee und um eine Idee‹?«

»Es will mir nicht in den Sinn,« rief Galotti lebhaft, »daß wir nun still sitzen sollen, nachdem Alles so wohl vorbereitet ist und wir den Erfolg schon fast in der Hand zu haben glaubten.«

»Ich verlange auch nicht, daß wir unbedingt still sitzen sollen,« sagte der Graf Rivero, – »still sitzen werden wir überhaupt niemals,« fuhr er mit leuchtendem Blicke fort, »wir werden vielleicht nun eine lange und mühsame Arbeit von Neuem beginnen müssen! – für jetzt dürfen wir nur nicht vorschnell handeln, Personen und die Sache kompromittiren und die Zukunft auf das Spiel setzen, bevor wir nicht vollkommen klar sehen. – Wissen Sie,« fragte er den Abbé, »wie der Kaiser die Nachricht aufgenommen hat und was er gethan?«

»Der Kaiser soll tief niedergeschmettert sein, – wie natürlich,« sagte der Abbé – »er hat sogleich den Grafen Mensdorff zur Armee geschickt, um sich vom Zustande derselben zu überzeugen. – Das ist Alles, was man bis jetzt wußte.«

»Mensdorff hat Recht behalten!« sagte Graf Rivero sinnend – und sich mit energischer Bewegung erhebend fügte er hinzu: »Noch einmal, meine Herren, – wir müssen klar sehen, bevor wir handeln, – und wir dürfen den Muth nicht sinken lassen, weil wir vielleicht neue jahrelange Mühe vor uns sehen. – Ich will vor Allem mir Klarheit verschaffen über die Gegenwart, – dann wollen wir über die Zukunft sprechen.«

Er näherte sich der Dame, welche theilnahmlos, den Blick vor sich hin gerichtet, dem Gespräch beigewohnt hatte, und sagte, indem er ihr die Hand küßte: »Auf Wiedersehen, chère amie!« – und etwas leiser fügte er hinzu – »vielleicht kommt bald der Augenblick, wo sich Ihnen ein größeres weites Feld öffnen wird für eine reiche Thätigkeit, die Sie alle kleinen Wünsche vergessen lassen wird!«

Ihr Auge erhob sich zu ihm in raschem Aufblick – sie antwortete nichts.

Die beiden andern Herren verabschiedeten sich und verließen mit dem Grafen das Zimmer.

Die junge Frau blieb allein.

Ein langer flammender Blick folgte den Fortgehenden.

»Du willst mich benützen für Deine Pläne,« rief sie, – »Du lockst mich mit der Hoffnung auf Freiheit und Herrschaft und willst mir eine vergoldete Dienstbarkeit bieten? – Du willst mir den Schlag des Herzens verbieten, weil er das Werkzeug vielleicht unbrauchbar machen könnte? – Ah,« fuhr sie fort, »Du täuschest Dich, Graf Rivero, Du täuschest Dich! Ich bedarf Deiner – aber ich will Deine Dienerin, – Deine Sklavin,« rief sie zähneknirschend, – »nicht sein! Wohlan denn, so beginne der Kampf zwischen uns,« – sagte sie entschlossen, »nicht der Kampf der Vernichtung, – der Kampf aber um den Preis der Herrschaft. Ich will versuchen, ob ich nicht auf Deinen stolzen Schultern mich emportragen lassen kann zu eigener Macht und Unabhängigkeit. – Unabhängigkeit!« sagte sie nach einem kurzen Stillschweigen seufzend, – »wie viel fehlt mir dazu, – – doch gehen wir langsam und vorsichtig vorwärts, – zunächst sei der Versuch gemacht, ob ich diesen Ungetreuen, an dem mein Herz hängt, nicht ohne meinen Herrn und Meister wiedergewinnen kann!«

Sie warf sich auf ihren Sopha und blickte sinnend vor sich hin.

»Aber mein Gott!« rief sie mit angstvoll starrem Blick, die zarte Hand an die Stirn drückend, – »ich will ihn wiedergewinnen und er ist da draußen vor dem Feinde, die große Schlacht ist geschlagen, – vielleicht liegt er schon todt auf dem blutigen Feld« – und ihre Augen blickten in das Leere, gleichsam als suchten sie das entsetzliche Bild, das in ihrem Innern sich bildete.

Dann lehnte sie sich zurück und ein finsterer Ausdruck überzog ihr Gesicht.

»Und wenn es wäre?« sprach sie dumpf – »vielleicht wäre mir besser und ich würde diesen brennenden Stachel los, den ich nicht aus meinem Herzen zu reißen vermag. Der Graf hat Recht, eine solche Liebe ist Schwäche, – und ich will nicht schwach sein! – Wäre er todt – vielleicht würde ich wieder stark werden – aber ihn lebend zu wissen – zu denken, daß er mir nicht mehr gehört, ihn in seiner Schönheit, seinem Reiz zu denken – wie er zu den Füßen einer Andern, – in ihren Armen –«

Sie sprang auf – wilde Glut loderte in ihren Blicken, wogend hob sich ihr Busen, ihre schönen Züge verzerrten sich in gewaltiger Aufregung.

»Nimmermehr, nimmermehr,« sprach sie leise mit zischender Stimme. »Wäre er todt, – ich könnte ihn vergessen – aber jenes Bild wird mich überall verfolgen, meinen Geist verdunkeln und mein Leben vergiften – vergiften,« wiederholte sie und es zuckte wie ein fahler Blitz über ihre Züge – langsam in mechanischer Bewegung ließ sie sich auf den Sopha sinken. »Wie leicht war es in vergangenen Tagen,« flüsterten ihre Lippen, – »die Feinde zu vernichten! – Heute –« und abermals starrte sie vor sich hin. – »Aber ist es denn nöthig, mit chemischen Mitteln den Körper zu zerstören, um Hindernisse zu besiegen?«

Ein dämonisches Lächeln spielte um ihren schönen Mund, ein elektrisches Feuer leuchtete aus ihren Augen.

Lange saß sie nachdenkend, immer schimmernder funkelten ihre Augen, immer lächelnder wölbten sich ihre Lippen – aber wer diese leuchtenden Augen und diese lächelnden Lippen hätte sehen können, den hätten sie an jene farbenglänzenden Blüten der Tropen erinnern müssen, die aus dem Schmelz ihrer sonnenschimmernden Purpurkelche in ihrem berauschenden Duft den Tod ausströmen.

Sie erhob sich und trat an einen Schreibtisch von Rosenholz. Aus einem Fach desselben nahm sie ein Paket Briefe und begann sie aufmerksam zu lesen.

Mehrere warf sie zurück, endlich schien sie gefunden zu haben, was sie suchte. Es war ein kurzer Brief – eine Seite nur beschrieben.

»Dieß hat er mir während des Manövers geschrieben,« sagte sie, – »das werde ich brauchen können.«

Sie las leise:

»Meine süße Königin!

»Ich muß Dir mit einigen Worten sagen, wie mein Herz sich nach Dir sehnt und wie schwer diese Trennung auf mir lastet. Die Mühen und Anstrengungen des Dienstes nehmen mich den Tag über in Anspruch, aber wenn ich Nachts im Bivouak liege, die Sterne auf mich herabschimmern und der weiche Athem der Nacht durch die Natur zieht, dann wird Dein süßes Bild in meinem Herzen lebendig, ich glaube den Hauch Deines Mundes zu fühlen, voll heißer Sehnsucht öffne ich die Arme, um Dich zu suchen und umfangen zu halten, – und wenn endlich der Schlaf auf meine Augen sinkt – dann bist Du bei mir im Traum – und schmiegst Dich an mich, so süß, so berauschend, so heiß, – o daß die unmelodischen Trompetenstöße der Reveille so himmlischen Traum zerschneiden müssen! Ich möchte immer träumen, so lange bis ich wieder bei Dir bin, bis die Wirklichkeit in Deinen Armen, süßer als jeder Traum, mich wieder umfängt. Ich küsse dieß Blatt, das Deine schönen Hände berühren werden.«

Während sie las, war ihre Stimme weicher geworden und wie in Erinnerung versunken blickte sie aus das Blatt.

Dann wurden ihre Züge wieder kalt und hart.

»Das paßt vollkommen!« sagte sie, »und kein Datum – Alles vortrefflich!«

Sie ergriff eine Feder, und indem sie vorsichtig die Schriftzüge des Briefes prüfte, setzte sie darüber: »30. Juni 1866«.

Aufmerksam prüfte sie die Schrift. »So ist es gut,« sprach sie, »es paßt vollkommen!«

Dann bewegte sie eine kleine silberne Glocke.

Ihre Kammerjungfer trat ein.

»Suche meinen Mann auf,« sagte Frau Balzer, »und sage ihm, ich wünschte ihn sogleich zu sprechen.«

Die Kammerjungfer ging und die junge Frau trat sinnend an das Fenster, achtlos herabblickend auf das lebendige und aufgeregte Treiben dort unten, während um ihre Lippen ein leichtes Lächeln der Befriedigung spielte.

Siebenzehntes Kapitel.

Dumpfe Stille herrschte in der kaiserlichen Hofburg. Mitten in den lauten Jubel über die italienischen Siegesnachrichten war der vernichtende Donnerschlag gefahren, welcher von Böhmen her die Zertrümmerung aller Hoffnungen brachte und in einem Augenblick das blinde Vertrauen zerstörte, welches man in den Feldzeugmeister Benedek und seine Operationen gesetzt hatte. Es war wie eine plötzliche Betäubung über Alle gekommen, langsam und düster schlichen die Lakaien über die langen Korridors und kaum sprach einer zum andern die für den Dienst nothwendigen Worte. Der Kaiser hatte unmittelbar nach der Nachricht von der verlorenen Schlacht den Grafen Mensdorff nach dem Hauptquartier des Feldzeugmeisters gesendet, um sich als Militär zu überzeugen, wie die Sachlage wäre, und seitdem hatte er sich unnahbar in seine Gemächer zurückgezogen und nur der Generaladjutant ging zu ihm ein und aus.

Tiefe Stille herrschte im kaiserlichen Vorzimmer, ruhig stand der Arcièrengardist vor der Thür der Wohnung des Kaisers, stumm lehnte der dienstthuende Flügeladjutant, Baron Fejérváry de Komlos, am Fenster und blickte auf die Gruppen herab, die dort unten sich sammelten und wieder auseinandergingen in leisem, ernsten Gespräch, – oft hinaufblickend nach den Fenstern der Burg, als sollte von dorther irgend eine neue Nachricht, irgend eine Entscheidung kommen, die die trübe Angst des Augenblicks lösen möchte.

Man hörte den gleichmäßigen Schlag der großen alten Uhr, welche eben so ruhig diese traurigsten Augenblicke des Hauses Habsburg anzeigte, wie sie in den Zeiten seines höchsten Glanzes ruhig den Fortschritt der Alles niedermähenden Zeit verkündet hatte. Denn mit ewig gleichem Schritt geht die Zeit durch die flüchtigen Augenblicke des Glückes, wie durch die schleichenden Stunden der schwarzen Tage, nur vernimmt man im Rausche der Freude ihren ehernen Schritt nicht, während in der trüben Stille des Unglücks laut vernehmbar an unser Ohr das Memento mori dringt, das uns jede in den Schooß der ewigen, starren Vergangenheit hinabsinkende Sekunde zuruft.

So war es auch hier. Der Gardist und der Flügeladjutant hatten gewiß schon oft und zu manchen Zeiten hier in diesem Zimmer ihren Dienst gethan, fröhliche Gedanken an die Welt da draußen im Herzen, – und alle jene Stunden waren verschwunden in ihrer Erinnerung oder verschmolzen zu einem allgemeinen unklaren Bilde, – diese Stunden aber, diese stillen, dunkeln Stunden gruben sich mit dem langsamen Pendelschlag ihrer zögernd dahinziehenden Sekunden tief in ihre Erinnerung.

Der Generaladjutant Graf Crenneville trat ein. Neben ihm befand sich der hannöverische Gesandte Generalmajor von dem Knesebeck in der großen hannöverischen Generalsuniform und ihnen folgte der Flügeladjutant des Königs von Hannover, Major von Kohlrausch, eine einfache, militärisch stramme Erscheinung mit kurzem schwarzen Schnurrbart und fast kahlem Kopf.

Herr von Knesebeck, der hohe stattliche Mann, welcher so zuversichtlich und fest im Salon des Grafen Mensdorff aufgetreten war, schritt gebeugt einher, Schmerz und Trauer lag auf den ernsten, scharf geschnittenen Zügen, und ohne ein Wort zu sprechen, grüßte er den Adjutanten vom Dienst.

»Wollen Sie mich melden, lieber Baron,« sagte der Graf Crenneville zu dem Major von Fejérváry.

Dieser trat in das kaiserliche Zimmer, kehrte augenblicklich wieder zurück und deutete durch eine ehrerbietige Bewegung dem Generaladjutanten an, daß der Kaiser ihn erwarte.

Graf Crenneville trat in das Kabinet Franz Joseph's.

Der Kaiser trug wieder den grauen weiten Militärmantel, – er saß in sich zusammengesunken vor dem breiten Schreibtisch, Feder, Papier und Briefschaften lagen unberührt vor ihm, nichts zeugte von der sonst so rastlosen Thätigkeit dieses Souveräns, der keine Stunde unbenützt entfliehen ließ. Es war nicht mehr Schmerz, dieser Ausdruck, welcher auf dem krampfhaft erregten und müden Antlitz des Kaisers lag, es war fast trostlose, dumpfe Verzweiflung.

Traurig blickte der Generaladjutant auf diesen so tief gebrochenen Souverän, der da vor ihm saß, und mit leiser, bewegter Stimme sprach er:

»Ich bitte Eure Kaiserliche Majestät, sich dem traurigen Eindruck dieser schwer erschütternden Nachricht nicht zu sehr hinzugeben. – Wir Alle – ganz Oesterreich blickt auf seinen Kaiser, – kein Unglück ist so groß, daß fester Wille und kühner Muth es nicht wieder zum Guten wenden können – und wenn Eure Majestät verzagen – was soll die Armee, – was soll das Volk thun?«

Der Kaiser erhob langsam den trüben, matten Blick und fuhr mit der Hand über die Stirn, wie um den Druck seiner Gedanken fortzunehmen.

»Sie haben Recht!« antwortete er dumpf, – »Oesterreich erwartet von mir Muth und Entschluß – und wahrlich!« rief er, das Haupt erhebend, indem ein zorniger Blitz aus seinem Auge fuhr, »Muth habe ich, und käme es nun darauf an, mich dem feindlichen Feuer entgegenzustellen, könnte meine persönliche Tapferkeit die Entscheidung bedingen, so sollte wahrlich der Sieg den Fahnen Oesterreichs nicht fehlen! – aber muß ich nicht glauben, daß ich zum Unglück bestimmt bin, daß mein Szepter Oesterreich verderbenbringend ist? Habe ich nicht Alles gethan, um den Erfolg zu sichern, habe ich nicht den Mann an die Spitze der Truppen gestellt, den die Armee, den das Volk als den Tüchtigsten bezeichnet – und nun!? – geschlagen!« rief er heftig und es klang wie Thränen durch seine Stimme, – »geschlagen nach so hohem, so stolzem Anlauf, geschlagen von diesem Feind, der seit Jahrhunderten das deutsche Erbe meines Hauses angreift, – den ich endlich für immer niederzuwerfen hoffte, – was helfen mir nun die Siege in Italien – wenn ich Deutschland verliere, – o – es ist zu hart!«

Und der Kaiser stützte den Kopf in die beiden flachen Hände, während ein tiefer Seufzer seine Brust hob.

Graf Crenneville trat ihm einen Schritt näher.

»Majestät!« sagte er, »noch ist nicht Alles verloren, – Mensdorff bringt vielleicht gute Botschaft – dem Feinde hat die Schlacht auch viel gekostet – vielleicht läßt sich Alles wieder gut machen.«

Der Kaiser ließ die Hände sinken und blickte den Grafen lange an.

»Mein lieber Crenneville!« sagte er dann ernst und langsam, – »ich will Ihnen etwas sagen, was mir nie so klar geworden ist wie in diesem Augenblick. – Sehen Sie,« sprach er, den Blick träumerisch vor sich hin gerichtet, »die große Stärke meines Hauses, die Kraft, welche Habsburg und Oesterreich durch alle schweren Zeiten hindurchgeführt hat, – das war die Zähigkeit, jene unerschütterliche, unbeugsame Zähigkeit, welche ruhig sich beugt unter die Schläge des Unglücks, ohne einen Augenblick das Ziel aus den Gedanken zu verlieren, welche zu dulden, zu überwinden, zu warten versteht. – Gehen Sie die Geschichte durch, blicken Sie hin auf die schwersten, dunkelsten Zeiten, Sie werden bei allen meinen Vorfahren diesen Zug der unerschütterlichen Zähigkeit finden und Sie werden finden, daß dieser Charakterzug ihre Rettung war; – diese Zähigkeit,« fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort, »diese habsburgische Ausdauer – sie fehlt mir, und das ist mein Unglück. Mich aber trägt die Freude auf leichten Schwingen himmelhoch empor, die großen Aufgaben des Lebens erfassen mich mit mächtiger Begeisterung – aber ebenso reißt mich die schwere Hand des Unglücks zu Boden – ich kann kämpfen – ich kann mich opfern– aber ich kann nicht tragen, nicht warten – o nicht warten!« rief er mit dem Ausdruck des Schauders.

Dann plötzlich erhob er das Haupt, leicht drückte er die schönen Zähne in die volle Unterlippe und sprach, indem der ganze fürstliche Stolz von Habsburg-Lothringen aus seinen Augen leuchtete:

»Sie haben Recht, Graf Crenneville – ich darf der Schwäche nicht nachgeben, – vergessen Sie, daß Sie mich so lange schon schwach gesehen, – ist das Unglück groß, so müssen wir größer sein als das Unglück!«

»Je schwerer der Schlag ist, je tiefer ihn das Herz Eurer Kaiserlichen Majestät empfindet, um so mehr bewundere ich den kühnen Muth, den Eure Majestät jetzt – wie stets vorher – wiederfinden. – Ich freue mich um so mehr,« fuhr er fort, »daß Eure Kaiserliche Majestät so hoch über dem Unglück stehen, als gerade der hannöverische Gesandte General Knesebeck um Audienz bittet – er trägt fest und ritterlich den schweren Schlag, der seinen Herrn getroffen!«

»Der arme König!« rief der Kaiser, – »er hat tapfer sein Recht vertheidigt und erwartet nun von mir Schutz und Hülfe! – Alle jene Fürsten,« fuhr er düster fort, »die ich in Frankfurt im alten Kaisersaal um mich versammelt, – wie soll ich je wieder vor ihnen erscheinen nach dieser schmählichen Niederlage –«

Und wieder starrte er brütend vor sich hin.

»Majestät!« rief Graf Crenneville mit leise bittendem Ton.

Der Kaiser stand auf.

»Führen Sie den General Knesebeck herein!«

Der Generaladjutant eilte zur Thür und trat einen Augenblick darauf mit dem General von Knesebeck und dem Major von Kohlrausch wieder herein.

Der Kaiser schritt dem General entgegen und reichte ihm in tiefer Bewegung die Hand.

»Sie bringen traurige Botschaft, mein lieber General, ich bin von tiefer Bewunderung für Ihren königlichen Herrn erfüllt und beklage tief, daß so viel Heldenmuth nicht im Stande war, ein glücklicheres Resultat zu erreichen. – Hier haben Sie leider auch wenig Tröstliches gefunden« – fügte er mit einer gewissen Ueberwindung hinzu – und richtete dann – als wolle er diesen schmerzlichen Punkt nicht weiter berühren, den fragenden Blick auf den Major von Kohlrausch.

»Majestät,« sagte der General von Knesebeck, »ich bitte vor Allem um die Erlaubniß, Allerhöchstdenselben den Major von Kohlrausch, Flügeladjutanten meines königlichen Herrn, vorzustellen, welcher um die Ehre bittet, ein Handschreiben Seiner Majestät überreichen zu dürfen.«

Der Kaiser neigte freundlich das Haupt gegen den Major, welcher in dienstlicher Haltung vortrat und ein Schreiben in die Hände des Kaisers legte.

Dieser öffnete es rasch und durchflog den kurzen Inhalt.

»Seine Majestät theilt mir mit kurzen Worten die traurige Katastrophe mit und verweist mich im Uebrigen auf mündliche Mitteilungen, welche Sie mir machen sollen, Herr Major!«

»Mein allergnädigster Herr,« sprach der Major von Kohlrausch im Tone dienstlicher Meldung, »hat mir befohlen, Eurer Kaiserlichen Majestät zu sagen, daß Er, nachdem seine Armee die größten Anstrengungen gemacht hat, um die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit seiner Krone und seines Königreichs siegreich zu vertheidigen, und nachdem diese Anstrengungen und der siegreiche Kampf bei Langensalza durch die Uebermacht erfolglos geblieben sind, – daß Seine Majestät es nunmehr für das Würdigste und Richtigste erachte, sich zu Eurer Kaiserlichen Majestät, seinem erhabenen Bundesgenossen, zu begeben.«

»Und seinem treuen Freunde!« fiel der Kaiser mit Wärme ein.

Der Major verneigte sich und fuhr fort:

»Und ich soll Eure Kaiserliche Majestät fragen, ob Allerhöchstdenselben der Besuch des Königs und sein Aufenthalt in Wien genehm sei?«

»Genehm?« rief der Kaiser lebhaft, – »ich sehne mich, den heldenmütigen Herrn zu umarmen, der uns Allen mit so hohem Beispiel fürstlicher Standhaftigkeit vorangegangen ist. – Freilich,« fuhr er seufzend fort, »findet der König hier nicht mehr den mächtigen Alliirten, – er findet eine gebrochene Kraft, die nur mit Aufbietung aller Anstrengung und alles Muthes vielleicht das Schwerste noch abwenden kann –«

»Ich glaube bestimmt im Sinne meines königlichen Herrn zu sprechen,« sagte Herr von Kohlrausch, »wenn ich Eure Kaiserliche Majestät versichere, daß der König bereit und entschlossen ist, Glück und Unglück mit seinem erhabenen Alliirten zu theilen, dessen Sache die seinige und diejenige des Rechts ist.«

Der Kaiser blickte einen Augenblick zu Boden. Dann erhob er den Blick mit leuchtendem Ausdruck und sprach, indem sein Gesicht von Muth und freudigem Stolz strahlte:

»Die Freundschaft und das Vertrauen eines so edlen und ritterlichen Herzens, wie das des Königs, muß uns Allen Muth und ebenfalls neues Vertrauen in unsere Sache geben. Sagen Sie Ihrem Herrn, daß ich ihn mit Ungeduld erwarte und daß er mich würdig finden wird, die Sache des Rechts und Deutschlands bis zum Aeußersten zu vertheidigen. Ich werde Ihnen meine Antwort an den König so schnell als möglich zugehen lassen.«

Der Kaiser schwieg. Der Major wartete stumm auf das Zeichen der Entlassung.

Nach einigen Augenblicken sprach Franz Joseph mit bewegter Stimme:

»Der König hat ein Beispiel von Heldenmuth ohne Gleichen gegeben – es drängt mich, meine Bewunderung für seine und des Kronprinzen Haltung in diesen Tagen durch ein äußeres Zeichen auszudrücken. – Ich werde sogleich das Kapitel des Maria-Theresienordens versammeln und meine Armee wird stolz sein, wenn der König und sein Sohn das edelste und höchste Ehrenzeichen der österreichischen Soldaten auf ihrer Brust tragen wollen – warten Sie so lange, bis ich Ihnen die Insignien zusende.«

»Ich kenne meinen Herrn genug,« sagte der Major mit freudigem Ausdruck, »um zu wissen, daß eine solche Auszeichnung ihn mit hoher Freude erfüllen wird – und die ganze hannöverische Armee wird darin eine Ehre und einen Stolz empfinden.«

»Ich habe mich sehr gefreut, mein lieber Major,« sagte der Kaiser huldvoll, »Sie bei dieser Gelegenheit als den Boten des Königs empfangen zu haben, ich werde Ihnen mit den übrigen Sachen das Ritterkreuz meines Leopoldordens übersenden und bitte Sie, dasselbe zur Erinnerung an diesen Augenblick und an meine freundlichsten Gesinnungen zu tragen.«

Der Major verneigte sich tief. »Ich würde,« sagte er, »auch ohne dieß gnädige Zeichen diesen Augenblick nie vergessen!«

»Nun ruhen Sie aus,« sprach der Kaiser freundlich, – »damit Sie, wenn Alles bereit ist, Kräfte zur Rückreise gesammelt haben.«

Und er neigte grüßend das Haupt. Der Major verließ mit kurzem militärischem Gruß das Kabinet.

»Sie waren im bayerischen Hauptquartier?« fragte der Kaiser den General von Knesebeck.

»Zu Befehl, Kaiserliche Majestät!« erwiederte dieser.

»Als Eure Majestät in Folge der Depesche des Grafen Ingelheim mir befahlen, dorthin zu gehen und den Prinzen Karl auch in Allerhöchsterem Namen dringend zu bitten, daß er der hannöverischen Armee zu Hülfe eilen solle, reiste ich sogleich ab und fand das bayerische Hauptquartier, das einige Tage zuvor in Bamberg gewesen war, in Neustadt a. S. Ich stellte dem Prinzen Karl auf das Dringlichste die Noth der hannöverischen Armee vor und bat ihn im Namen Eurer Majestät und meines Königs inständigst, einen raschen Vorstoß gegen Eisenach und Gotha zu machen, um dort eine Vereinigung und damit eine günstige und wichtige Wendung des ganzen Feldzuges zu ermöglichen.«

»Und der Prinz Karl?« fragte der Kaiser gespannt.

»Der Prinz sowohl als der General von der Tann, welcher bei ihm war, erkannten die Wichtigkeit der Vereinigung der bayerischen mit der hannöverischen Armee vollkommen an und waren bereit, alles Mögliche dazu zu thun, – wie sie denn ja auch schon im Vormarsch begriffen war; indeß äußerte Seine Königliche Hoheit sowohl als der Chef des Generalstabes das höchste Befremden über die Märsche, welche die hannöverische Armee gemacht habe – von der man eigentlich gar nicht wisse, wo sie sei, und welche nach den von ihr erhaltenen Nachrichten die größten strategischen Fehler gemacht habe. – Der Prinz fragte mich, wie stark unsere Armee sei, und als ich ihm antwortete, daß sie nach meiner Schätzung und meinen Nachrichten etwa neunzehntausend Mann betrage, antwortete er mir: ›Mit neunzehntausend Mann schlägt man sich durch und marschirt nicht hin und her in einen Winkel hinein, wo man eingeschlossen werden muß!‹ Der General von der Tann nickte beistimmend.«

Der Kaiser neigte das Haupt und seufzte.

»Mit tief schmerzlichen Gefühlen,« fuhr der General fort, »hörte ich dieß an und mit noch größerem Schmerz muß ich Eurer Kaiserlichen Majestät sagen, daß ich dem Urtheil des bayerischen Hauptquartiers nicht Unrecht geben konnte. – Ich bin Generalstabsoffizier, Majestät,« sagte er seufzend, – »aber ich muß es sagen, daß die Märsche, welche unsere Armee gemacht hat, mir absolut unverständlich sind – und daß es ihr sehr viel leichter gewesen wäre, in raschem Marsch ihrerseits die Bayern zu erreichen, als in anscheinend planlosem Hin- und Herziehen das Heraufrücken der Bayern zu erwarten.«

»Der arme König!« rief der Kaiser mit schmerzlichem Ton.

»Natürlich,« fuhr Herr von Knesebeck fort, »sprach ich meine Gedanken im bayerischen Hauptquartier nicht aus, drang vielmehr auf schleunigen Vormarsch zur Entsetzung der hannöverischen Armee – das Einzige übrigens, was, wie die Dinge einmal gekommen waren, nun noch möglich zur Rettung war; der Prinz Karl war, trotz seiner Verstimmung, vollständig bereit dazu, befahl auch sofort das Vorrücken über den Thüringer Wald nach Gotha und setzte den Prinzen Alexander davon in Kenntniß, um das achte Armeekorps zu gleichmäßigem Vorgehen zu bewegen. – Aber,« fuhr er seufzend fort, »die bayerische Armee war mitten aus dem Friedensstande aufgebrochen.«

»Unglaublich!« rief der Kaiser, – »und Bayern hat doch am Bunde so lebhaft die Politik geführt, welche den Krieg herbeiführen mußte!«

Herr von Knesebeck zuckte leicht die Achseln.

»Jedenfalls,« sagte er, »war die bayerische Armee nicht im Stande, rasch und kräftig zu operiren. – Indeß sie ging vor, – der Prinz Karl verlegte sein Hauptquartier nach Meiningen und mit schwerem Herzen voll banger Unruhe begleitete ich ihn dorthin. – Am folgenden Tage sollten wir weiter Vorgehen – da traf Graf Ingelheim dort ein und – brachte die Nachricht der Katastrophe von Langensalza!«

»Welche ein trauriges Zusammentreffen verhängnißvoller Umstände!« rief der Kaiser.

»Unter diesen Umständen,« fuhr der General fort, »gab der Prinz Karl – und ganz mit Recht – sofort seinen nun gegenstandslosen Vormarsch auf und befahl, durch Flankenmärsche die Verbindung mit dem 17 Meilen von Meiningen bei Friedberg stehenden achten Korps herzustellen. – Ich aber,« sagte er düster, »kehrte mit Trauer im Herzen hieher zurück und fand hier leider die Nachricht von dem größeren, verhängnißvollen Schlage, der Eure Majestät und unsere Sache getroffen!«

»Der Schlag ist schwer!« – rief der Kaiser – »aber ich habe Muth und Hoffnung, noch Alles günstig wenden zu können. – Ich freue mich,« fuhr er fort, »daß die Botschaft Ihres Königs heute an mich herangetreten ist und daß ich Sie gesehen habe, mein lieber General – das gibt mir neue Kraft, das Aeußerste einzusetzen, um meiner Pflicht gegen Deutschland treu zu bleiben. – Glauben Sie,« fragte er nach einem augenblicklichen Besinnen, »daß von Bayern eine energische Kriegführung zu erwarten ist? – Sie haben die Verhältnisse dort gesehen und haben militärischen Scharfblick – sagen Sie mir aufrichtig Ihre Meinung!«

»Majestät,« sagte Herr von Knesebeck, »Bayern wird immerhin preußische Truppen absorbiren – und das ist ein Vortheil – energische Kriegführung aber – – der Prinz Karl ist ein sehr alter Herr und in seinen Jahren ist Energie eine Seltenheit, namentlich an der Spitze einer wirklich unfertigen Armee.«

»Aber General von der Tann?« fragte der Kaiser.

»Der General von der Tann ist eine hohe militärische Kapazität, – ob er aber die Verantwortlichkeit für irgend ein Exponiren der bayerischen Truppen für nicht rein bayerische Zwecke übernehmen will, – ob er eine solche Verantwortlichkeit bei dem Charakter des Prinzen übernehmen kann – ich bezweifle es –«

»Sie erwarten also –?« fragte der Kaiser gespannt.

»Wenig!« sagte Herr von Knesebeck.

»Und von den andern deutschen Korps?« fragte der Kaiser.

»Das achte Korps kann ohne Bayern nichts machen – und über die badischen Truppen waren bei meiner Abreise eigentümliche Nachrichten gekommen,« sagte Herr von Knesebeck.

»Sollte Baden sich von uns abwenden?« rief der Kaiser.

»Ich weiß nicht,« – sagte Herr von Knesebeck, – »der Eindruck der Nachrichten von Königgrätz, die dort vielleicht übertrieben werden –« – er zuckte die Achseln.

»Die Reichsarmee!« rief der Kaiser und stampfte mit dem Fuße auf den Boden. – »Sollten Sie glauben,« rief er lebhaft, – »daß die Sonne Oesterreichs untergehe? – Abend ist's freilich,« sagte er finster, – »Nacht vielleicht – aber,« rief er mit flammendem Blick – »auf die Nacht kann ein Morgen folgen!«

»Die Sonne ist es gewohnt, in den Reichen der Habsburger nicht unterzugehen, vertrauen Eure Majestät diesem leuchtenden Stern Ihres Kaiserlichen Hauses!« sagte Herr von Knesebeck.

»Und bei Gott!« rief der Kaiser, – »wenn das Gestirn des Tages in diesem Feldzug noch einmal wieder glückbringend aufgeht über meinem Hause und Oesterreich – dann soll Ihr König im vollen Glanze der Macht und des Glücks neben mir stehen in Deutschland!« Und er reichte mit einer unnachahmlich edlen Bewegung dem General die Hand.

Der Flügeladjutant trat ein.

»Graf Mensdorff, Kaiserliche Majestät, ist zurückgekehrt und bittet um Audienz!«

»Ah!« rief der Kaiser mit tiefem Athemzug, – »sogleich, sogleich, – ich erwarte ihn mit Ungeduld!«

Und er trat schnell dem Grafen Mensdorff entgegen, der auf den Wink des Majors von Fejérváry auf der Schwelle des kaiserlichen Kabinets erschien.

»Haben Eure Kaiserliche Majestät noch Befehle für mich?« fragte Herr von Knesebeck.

»Bleiben Sie, bleiben Sie, lieber General!« rief der Kaiser, – »die Nachrichten des Grafen Mensdorff sind für Sie von eben so hohem Interesse, wie für mich!«

Der General verneigte sich.

»Und nun, Graf Mensdorff,« rief der Kaiser mit zitternder Stimme, »sprechen Sie – das Schicksal Oesterreichs hängt an Ihren Lippen!«

Graf Mensdorff stand vor seinem Souverän in fast gebrochener Haltung – die Strapazen der Reise in's Hauptquartier hatten seinen kränklichen Körper schwer erschüttert, tiefe Linien hatte die nervöse Anspannung in sein Antlitz gezogen, ein schmerzhafter Zug lag um seinen Mund und nur die dunkeln Augen leuchteten in fieberhaftem Glanz.

»Sie sind erschöpft!« rief der Kaiser, – »setzen Sie sich, meine Herren!«

Und er setzte sich auf den Sessel vor seinem Schreibtisch. Der Generaladjutant, Graf Mensdorff und Herr von Knesebeck nahmen vor dem Tische Platz.

»Majestät!« sagte Graf Mensdorff tief aufathmend mit seiner leisen Stimme, – »die Nachrichten, die ich bringe, sind traurig – sehr traurig, – aber nicht hoffnungslos!«

Der Kaiser faltete die Hände und richtete den Blick nach Oben.

»Es ist eine furchtbare Niederlage, welche die Armee erlitten hat,« sagte Graf Mensdorff, »in wilder Auflösung hat sich die Flucht daher gewalzt und jede Ordnung war gebrochen. – An eine Sammlung und neue Formirung der Massen kann erst in einigen Tagen gedacht werden.«

»Aber wie war das möglich?« rief der Kaiser, – »wie konnte Benedek –«

»Der Feldzeugmeister,« sagte Graf Mensdorff – »hatte Recht, als er Eurer Majestät sagte – er könne mit dieser Armee nicht schlagen, – die Zustände sind unerhört gewesen. Eure Majestät wissen, daß Benedek selbst, ein tapferer, braver General, der es wohl versteht, nach gegebenem Plane vorzugehen und die Soldaten zu elektrisiren, auf einem ihm unbekannten Felde operirte. – Majestät, ich muß es sagen, – er ist in keiner Weise unterstützt worden. Der Generalstab hatte einen Plan gemacht, über dessen Güte ich nicht urtheilen will, – der aber durch die raschen, unerwarteten und wunderbar kombinirten Bewegungen der preußischen Korps, durch die urplötzliche und unerwartete Ankunft der Armee des Kronprinzen von Preußen hätte modifizirt werden müssen – in eigensinniger Verblendung hat der Generalstab jede Modifikation abgelehnt, jede Warnung unbeachtet gelassen. Dazu war man so wenig auf einen Rückzug gefaßt – oder so unbegreiflich sorglos, daß die Rückzugslinie keinem Offizier bekannt war, ja daß nicht einmal die Kommandeurs der Regimenter die Brücken kannten, auf denen der Rückzug hatte bewerkstelligt werden können, – so wurde der Rückzug zur Flucht, die Flucht zur Auflösung.«

»Unerhört!« rief der Kaiser, – »man muß den Feldzeugmeister vor ein Kriegsgericht stellen.«

»Nicht ihn, Majestät,« sagte Graf Mensdorff, – »er hat gethan, was er thun konnte, er hat auf dem Posten gestanden, der ihm übertragen war – er hat sich persönlich exponirt, wie selten ein General, und mit unerhörter Bravour ist er mit seinem ganzen Stabe wie an der Spitze einer Schwadron dem Feinde entgegengesprengt – natürlich vergeblich. – Mir sind die Thränen in die Augen getreten, Majestät,« fuhr der Graf mit leise bebender Stimme fort, – »als ich den tapfern General sah, tief gebrochen, und er mir in seiner einfachen soldatischen Weise sagte: ›Ich habe Alles verloren, nur leider das Leben nicht!‹ – Majestät – man kann es tief beklagen, daß der Feldzeugmeister auf eine Stelle gebracht worden, der er nicht gewachsen war, – aber ihm zürnen, – ihn verurtheilen – das ist unmöglich.«

Der Kaiser blickte schweigend und finster vor sich nieder.

»Aber,« fuhr Graf Mensdorff fort, – »der Generalstab muß zur Verantwortung gezogen werden, – ich bin weit entfernt, ein Urtheil zu fällen, dazu ist der Augenblick nicht gekommen und eine sachgemäße und ruhige Prüfung ist jetzt unmöglich – ich will wünschen, daß die Betheiligten sich rechtfertigen können – aber strenge Rechenschaft muß gefordert werden, das verlangt die Stimme der ganzen Armee, deren heldenmüthige Tapferkeit so vergebens geopfert wurde, – das wird in wenig Tagen die Stimme des Volkes verlangen.«

»Und wer sind die Schuldigen?« fragte der Kaiser.

»Der Feldmarschalllieutenant von Henikstein und der Generalmajor von Krismanic sind die Beschuldigten,« sagte Graf Mensdorff mit Betonung, – »ob sie schuldig sind, darüber wird das Recht entscheiden.«

»Sie sollen ihrer Funktionen enthoben und hieher zur Rechtfertigung gefordert werden – Graf Crenneville!« rief der Kaiser.

»Zu Befehl, Kaiserliche Majestät!« sagte der Generaladjutant.

»Ich darf Eurer Kaiserlichen Majestät nicht verhehlen,« fuhr Graf Mensdorff mit ruhiger Stimme fort, »daß von vielen Seiten in der Armee auch dem Grafen Clam-Gallas ein schwerer Vorwurf gemacht wird, – er habe nicht rechtzeitig in die Operationen eingegriffen und die Befehle nicht befolgt, die ihm gegeben waren.«

»Graf Clam!?« rief der Kaiser, – »das glaube ich nicht!«

»Ich danke Eurer Kaiserlichen Majestät für dieß Wort,« sagte Graf Mensdorff, »und darf hinzufügen, daß, ich den Grafen Clam bei seiner Hingebung für Eure Majestät und Oesterreich einer militärischen Dienstvernachlässigung für unfähig halte, – indeß – er ist mein Verwandter, – er gehört der großen Aristokratie des Kaiserstaates an, – die öffentliche Stimme beschuldigt ihn und wird ihn gerade deßhalb um so lieber verdammen, wenn seine Rechtfertigung nicht öffentlich und glänzend erfolgt. – Ich bitte Eure Kaiserliche Majestät, ihn zur Rechenschaft zu ziehen.«

»Es sei,« sagte der Kaiser, – »man soll ihn einladen, hieher zu kommen – ich werde dann das Weitere verfügen.«

»Nun aber,« fuhr er fort, »was ist zu thun, – ist die Lage hoffnungslos?«

»Majestät,« antwortete Graf Mensdorff, »die Armee zählt noch hundertachtzigtausend Mann, welche zwar in diesem Augenblick völlig operationsunfähig sind, – jedoch um neuen Widerstand zu leisten, nur Zeit und Sammlung bedürfen. Schutz und Ruhe bietet das verschanzte Lager von Olmütz und dorthin zieht der Feldzeugmeister die Hauptmacht zurück, um den Feind nach sich und von Wien abzuziehen –«

»Von Wien abzuziehen!« wiederholte der Kaiser – »es ist entsetzlich – in so wenig Tagen bedroht mich dieser Feind, den ich für immer niederzuwerfen hoffte, in meiner eigenen Hauptstadt!«

»Es steht zu hoffen,« sagte Graf Mensdorff, »daß die preußische Armee dem Feldzeugmeister folgt und vor Olmütz festgehalten wird, – indeß es muß für alle Fälle Wien gedeckt und die Möglichkeit der Wiederaufnahme einer neuen Offensive geschaffen werden, welche den Feind von zwei Seiten fassen kann.«

General Knesebeck nickte beistimmend – der Kaiser richtete den Blick mit flammender Spannung auf seinen Minister.

»Um dieß zu erreichen,« fuhr Graf Mensdorff fort, »bedürfen wir Ungarn und die italienische Armee.«

Der Kaiser fuhr empor.

»Glauben Sie,« rief er lebhaft, »daß aus dem Munde der Ungarn noch einmal zur Rettung Oesterreichs erschallen werde: Moriamur pro rege nostro!?«

»
Pro rege nostro,« sagte Graf Mensdorff, jedes Wort scharf betonend, »ja ich glaube es, – wenn Eure Majestät der rex Hungariae sein wollen!«

»Bin ich das nicht?« rief der Kaiser, – »was soll ich thun, um Ungarn für mich in's Feld zu führen?«

»Vergessen und vergeben« – sagte Graf Mensdorff, – »und den Ungarn ihre Selbstständigkeit unter der Krone des heiligen Stephan wiedergeben.«

Der Kaiser schwieg.

»Und die italienische Armee?« fragte er dann.

»Sie muß so schnell als möglich heraufkommen, um Wien zu decken und gegen den Feind vorzugehen!«

»Und was soll aus Italien werden?« fragte der Kaiser.

»Italien muß aufgegeben werden!« sagte Graf Mensdorff seufzend.

Der Kaiser blickte ihn durchdringend an.

»Italien aufgeben?« fragte er zögernd, und sinnend senkte sich sein Auge.

»Italien oder Deutschland!« sagte Graf Mensdorff – »und ich möchte der unmaßgeblichen Meinung sein, daß da die Wahl nicht schwer sein kann.«

»Schwer genug ist's, daß ich vor dieser Wahl stehe!« flüsterte der Kaiser.

»Erlauben Eure Majestät, daß ich mich deutlicher ausdrücke und meine Gedanken klar formulire. Eure Kaiserliche Majestät erinnern sich allergnädigst, daß ich vor dem Beginn des Kampfes mit schweren Besorgnissen dem Kriege auf zwei Kriegstheatern entgegensah, ich war der Meinung, Italien für die Wiedereroberung und Befestigung der Stellung in Deutschland zu opfern und die französische Allianz dadurch zu gewinnen. Damals konnte man indeß noch hoffen, ohne dieß Opfer nach beiden Seiten siegreich aus dem Kampf hervorzugehen, und Eurer Majestät großes und muthiges Herz hielt an dieser Hoffnung fest. Heute ist das nicht mehr möglich – heute muß die schmerzliche Wahl getroffen werden. Soll in Deutschland noch etwas erreicht – soll erhalten werden, was wir besitzen, – so müssen alle Kräfte Oesterreichs auf diesen Punkt konzentrirt, die Hauptkraft der italienischen Armee hieher gezogen werden und der Erzherzog Albrecht mit seinem bewährten Feldherrnblick muß das Kommando über alle Armeen übernehmen. – So allein ist ein Aufraffen möglich, – so allein ist es möglich, Deutschland auf der Seite Oesterreichs zu erhalten. – Denn,« fuhr er traurig fort, – »Eure Majestät dürfen sich darüber nicht täuschen, – der Eindruck von Königgrätz wird niederschmetternd auf die ohnehin vorsichtig zögernden und unvorbereiteten deutschen Bundesgenossen wirken. Schon ist Baden abgefallen –«

»Baden abgefallen?« rief der Kaiser heftig auffahrend.

»So eben, – unmittelbar nach meiner Rückkehr, und als ich mich anschickte, hieher zu gehen,« sagte Graf Mensdorff, »traf in der Staatskanzlei die Nachricht aus Frankfurt ein, daß der Prinz Wilhelm von Baden am 6. erklärt hat, unter den gegenwärtigen Umständen die weitere Mitwirkung der badischen Truppen bei der Bundesarmee versagen zu müssen.«

»Das ist also die erste Folge von Königgrätz!« sagte der Kaiser bitter. »Aber,« rief er mit flammendem Blick das Haupt zurückwerfend, – »sie könnten sich verrechnet haben, diese Fürsten, deren Vorfahren demüthig den Thron meiner Ahnen umstanden, – die Macht Oesterreichs ist erschüttert – aber nicht gebrochen – und noch einmal kann die Zeit kommen, wo Habsburg zu Gericht sitzt in Deutschland – zu strafen und zu belohnen! – Graf Mensdorff!« rief er entschlossen – »meine Wahl ist getroffen – Alles für Deutschland! – Aber,« fuhr er fort – wieder in düsteres Sinnen versunken – »wie soll das geschehen, soll ich, der Sieger, mich beugen vor diesem König in Italien, – Frieden anbieten, den man mir vielleicht verweigert –«

»Majestät,« sagte Graf Mensdorff, »der Ausweg findet sich vielleicht sehr einfach, wenn man die diplomatische Situation in's Auge faßt, wie sie bei dem Beginne des Krieges war. Der Kaiser Napoleon wünscht sehnlichst mit Italien in's Reine zu kommen – er hat für den Preis von Venetien seine Allianz angeboten vor dem Kriege – sollte dasselbe nicht jetzt zu erreichen sein? – Mein Rath, Majestät, ist der, Venetien an den Kaiser der Franzosen abzutreten, der es dann seinerseits an den König Viktor Emanuel überlassen kann und dafür seine Allianz oder wenigstens im unglücklichen Falle seine kräftige Intervention zu erreichen. Dadurch wird Italien gegenüber die Würde Oesterreichs gewahrt, jede direkte Verhandlung vermieden und die ganze Macht für den Kampf in Deutschland gewonnen – Wenn Eure Majestät befehlen, will ich sogleich mit dem Herzog von Gramont darüber sprechen und dem Fürsten Metternich Instruktion senden.« –

Der Kaiser schwieg lange in tiefes Nachdenken verloren. Bewegungslos saßen die drei Herren um ihn, man konnte ihre Athemzüge hören, – so still war es in dem Kabinet und von fernher drang das wogende Geräusch des großen bewegten Wiens heran.

Endlich erhob sich der Kaiser. Die drei Herren standen auf.

»So sei es denn!« sprach Franz Joseph tief ernst – »weder Spanien noch Italien haben meinem Hause Segen gebracht – in Deutschland hat seine Wiege gestanden, in Deutschland ist seine Größe erwachsen – in Deutschland soll seine Zukunft liegen! – Sprechen Sie sogleich mit Gramont,« fuhr er fort, »und Sie, Graf Crenneville, bereiten Sie Alles vor, um meinem Oheim das Gesammt-Kommando über alle meine Armeen zu übertragen und die Südarmee hieher zu ziehen. – General Knesebeck,« sprach er, sich zu diesem wendend, – »Sie stehen hier als Vertreter des heldenmütigsten Fürsten Deutschlands, – Sie sehen, daß der Erbe der deutschen Kaiser Alles für Deutschland opfert.«

»Ich wollte, daß ganz Deutschland Zeuge des hochherzigen Entschlusses Eurer Kaiserlichen Majestät sein könnte!« sprach der General bewegt.

»Und Ungarn, Majestät?« fragte Graf Mensdorff.

»Sprechen Sie mit dem Grafen Andrassy,« sagte der Kaiser mit leichtem Zögern, »und theilen Sie mir mit, was geschehen kann und was man dort – erwartet.«

Er winkte mit der Hand und neigte freundlich lächelnd das Haupt.

Mit tiefer Verneigung verließen die drei Herren das Kabinet.

Der Kaiser ging einige Male mit raschen Schritten auf und nieder.

»So ist denn verloren,« sagte er tief seufzend, indem er vor dem Fenster stehen blieb, »was der Degen Radetzky's erhalten hat – verloren jener Boden, auf dem so viel deutsches Blut geflossen! – Mag es sein!« – rief er nach einigen tiefen Athemzügen, – »wenn nur Deutschland mir erhalten bleibt!«

Er blickte sinnend vor sich nieder.

»Aber wenn ich Italien aufgebe,« flüsterte er, – »wie soll Rom, – wie soll die Kirche sich halten gegen die Wogen, welche dann ohne jeden Widerstand von allen Seiten gegen den Felsen Petri herandrängen?«

Und finsterer Ernst lagerte sich auf seine Stirn.

Nach einem leisen Klopfen trat der Kammerdiener durch die Thür der innern Gemächer.

»Graf Rivero,« sagte er, »bittet um Audienz, und da Kaiserliche Majestät befohlen haben, ihn stets zu melden – so –«

»Ist das eine Mahnung?« sagte der Kaiser leise – und er machte eine Bewegung, als wolle er den Empfang des Angemeldeten ablehnen.

Dann aber trat er vom Fenster zurück und sprach:

»Er soll kommen.«

Der Kammerdiener ging hinaus.

»Ich will ihn hören,« sagte der Kaiser – »jedenfalls hat er ein Recht auf Offenheit und Wahrheit!«

Die Thür der innern Gemächer öffnete sich wieder und der Graf Rivero trat ernst und traurig in das Kabinet.

»Sie kommen zu ernster Stunde, Graf,« redete der Kaiser ihn an, – »die Ereignisse dieser Tage haben viele Hoffnungen begraben!«

»Man darf gerechte und heilige Hoffnungen nimmer begraben, Kaiserliche Majestät,« antwortete der Graf – »ja wenn man selbst in das Grab steigt, muß man sie vertrauensvoll der Zukunft vermachen!«

Der Kaiser sah ihn forschend an.

»Ich will auch wahrlich die Hoffnung nicht ganz aufgeben,« sagte er mit einer gewissen Befangenheit.

»Majestät,« sprach Graf Rivero nach einer kurzen Pause, da der Kaiser nichts weiter äußerte, – »ich habe nur in äußern Umrissen das große Unglück gehört, – ich weiß aber nicht, in wie fern seinen Folgen begegnet werden kann und was Eure Kaiserliche Majestät zu thun beschlossen haben. – Allerhöchstdieselben wissen, daß in Italien Alles zur Erhebung für die heilige Sache der Religion und des Rechts bereit ist. Die Siege der österreichischen Waffen haben die militärische und moralische Macht des Königs von Sardinien tief erschüttert und der Augenblick ist gekommen, wo ich das entscheidende Wort sprechen muß, um die Flammen überall zu entzünden. – Um dieß zu thun, bitte ich um Eurer Majestät Befehle und frage Allerhöchstdieselben, ob der Aufstand in Italien auf die volle und kräftige Unterstützung der österreichischen Armee rechnen könne. – Ohne dieselbe würde das Opfer so vieler Existenzen unnütz sein und unserer heiligen Sache nur schaden.«

Der Graf hatte leise und ruhig, in dem ehrfurchtsvollen Tone des Hofmannes gesprochen, – aber dennoch lag in seiner Stimme eine tiefe, ernste Festigkeit, eine gewisse stolze Ueberlegenheit.

Der Kaiser schlug einen Augenblick die Augen nieder. Dann trat er dem Grafen einen Schritt näher und sprach langsam:

»Mein lieber Graf, – der Feind bedroht von Böhmen her die Hauptstadt, – die geschlagene Armee kann ohne Sammlung und Ruhe nicht operiren, ich bedarf der ganzen Kraft Oesterreichs, um die Folgen der Niederlage abzuwenden, den drohenden Schlag zu pariren – die Südarmee muß Wien decken und mit der wieder gesammelten böhmischen Armee die Möglichkeit einer neuen Offensive geben –«

»So wollen Eure Majestät Italien aufgeben?« sagte der Graf mit einem tiefen Seufzer, aber ohne ein Zeichen von Erregung, indem er den vollen Blick seines dunklen Auges fest auf den Kaiser richtete.

»Ich muß es« – sagte der Kaiser – »ich muß es, wenn ich nicht Deutschland preisgeben und die Stellung Oesterreichs vernichten will – es ist kein Ausweg –«

»So wollen Eure Majestät,« fuhr der Graf ruhig mit dem tiefen, metallischen Ton seiner Stimme fort, – »so wollen Eure Majestät die eiserne Krone Habsburgs für immer dem Hause Savoyen überlassen, Venetien, diese stolze Königin der Adria, dem Könige Viktor Emanuel ausliefern, dessen Armeen das Schwert Oesterreichs zerschlagen hat?«

»Nicht ihm!« rief der Kaiser lebhaft, »nicht ihm!«

»Und wem denn, Majestät?«

»Ich bedarf der französischen Hülfe,« sagte der Kaiser, – »ich muß die Allianz Napoleon's, deren Preis ich vor dem Kampf nicht zahlen wollte, – »ich muß sie erkaufen!« –

»So soll denn abermals diese dämonische Hand kalt und dunkel in das Schicksal Italiens greifen!« rief der Graf mit glühendem Blick, – »so soll Rom und der heilige Stuhl für immer der Willkür des früheren Carbonaro preisgegeben werden?«

»Nicht für immer,« sagte der Kaiser, – »wenn meine Macht in Deutschland wieder aufgerichtet ist, wenn es gelingt, die drohende Gefahr zu überwinden, dann wird der heilige Stuhl einen mächtigeren Beschützer haben, als ich es ihm jetzt sein könnte, und wer weiß,« – fuhr er lebhaft fort, – »Deutschland hat die Lombardei erkämpft in früheren Jahrhunderten –«

»So ist denn Alles verloren!« rief der Graf in unwillkürlichem Ausbruch mit tief schmerzlichem Ton. Schnell aber besiegte er das aufwallende Gefühl und sprach mit seiner gewöhnlichen Ruhe: »Ist Eurer Kaiserlichen Majestät Entschluß unwiderruflich – oder darf ich mir erlauben, einige Gründe gegen denselben auszusprechen?«

Der Kaiser schwieg einen Augenblick.

»Sprechen Sie!« sagte er dann.

»Eure Majestät hoffen,« sprach der Graf, »durch das Heraufziehen der Südarmee das geschehene Unglück redressiren und durch das Aufgeben Venetiens – das heißt Italiens – die Allianz Frankreichs erkaufen zu können. – Nach meiner Ueberzeugung sind beide Hoffnungen trügerisch.«

Der Kaiser blickte ihn mit Erstaunen und großer Spannung an.

»Die Südarmee,« fuhr der Graf fort, »wird viel zu langsam heraufkommen, um irgend wesentlichen Nutzen zu bringen, – denn Eure Majestät haben es mit einem Gegner zu thun, der nicht wartet und nicht still steht, – die beklagenswerthen Ereignisse, unter deren Eindruck wir stehen, geben davon Zeugniß. – Die französische Allianz aber, – wenn Eure Majestät sie erkaufen können, wird den Preis nicht werth sein, der dafür gezahlt wird, – denn – wie ich schon früher die Ehre hatte, Eurer Majestät zu versichern – Frankreich ist unfähig zu irgend einer militärischen Aktion.«

Der Kaiser schwieg.

»Dagegen aber,« fuhr der Graf fort, »geben Eure Majestät mit Italien ein großes Prinzip auf, Sie erkennen die Revolution an, – die Revolution gegen das legitime Recht – und gegen die Kirche, Sie entziehen dem kaiserlichen Hause von Habsburg jenen mächtigen Alliirten, der hoch über den Schlachtfeldern und den Kabinetten zu Gericht sitzt und die Schicksale der Fürsten und Völker nach seinem ewigen Willen lenkt. Eure Majestät geben die Kirche, Eure Majestät geben den allmächtigen Herrn auf, dessen Burg und Waffe auf Erden die heilige Kirche ist!«

Der Kaiser seufzte.

»Aber was soll ich machend« rief er schmerzlich, »soll ich den übermüthigen Feind in meiner Hauptstadt Wien einziehen lassen – kann ein flüchtiger Fürst Schützer der Kirche sein?«

»Eurer Kaiserlichen Majestät Vorfahren,« sprach der Graf, »sind wiederholt aus Wien geflohen und weil sie festhielten am Recht und an jenem ewigen und allmächtigen Alliirten ihres Hauses, sind sie stets ruhmvoll und mächtig wieder in ihre Hauptstadt eingezogen! – Außerdem,« fuhr er fort, »liegt noch viel zwischen dem Feinde und Wien. Die feindliche Armee ist ebenfalls schwer erschüttert, und daß Wien nicht preußisch wird, dafür bürgt Europa, – dafür muß Frankreich einstehen, – auch ohne jeden Preis, – England – selbst Rußland heute noch. – Lassen Eure Majestät die siegreiche italienische Armee unter dem erhabenen Erzherzog in gewaltigem Stoß vordringen und in wenig Zeit gehört Italien Ihnen, – der Alliirte Preußens ist zerschmettert und die heilige Kirche wird ihr gewaltiges Wort erheben für Oesterreich und Habsburg; dieß Wort wird gehört werden in Bayern, in Deutschland, es muß gehört werden auch in Frankreich, und mit neuer gewaltiger Kraft werden Eure Majestät sich erheben. Lassen Allerhöchstdieselben das eine Werk nicht unvollendet, um nach der andern Seite Halbes zu schaffen, verfolgen Sie den Sieg bis zum Ende, dann wird er rückwirkend das Unglück gut machen, – opfern Sie nicht den Sieg der Niederlage, sondern heilen Sie die Niederlage durch die Vollendung des Sieges!«

Der Graf hatte wärmer als sonst gesprochen. Wie ein magnetischer Strom flossen die Worte von seinen Lippen, ein reines Feuer leuchtete aus seinen Augen und eine prophetische Verklärung überströmte seine Züge.

Er hatte die Hand leicht erhoben und stand da in wunderbarer Schönheit, ein Bild überzeugender Beredsamkeit.

Der Kaiser blickte ihn tief ergriffen an, lebhafter Kampf zuckte in seinem Antlitz.

»Und auf der andern Seite,« fuhr der Graf fort, »wenn Eure Majestät Italien aufgeben, wenn Sie die ganze Kraft nach Norden werfen, – und wenn dann doch dieß Opfer die gewünschte Frucht nicht bringt, – wo werden Sie dann Beistand und Hülfe finden? – dauernden Beistand und sichere Hülfe? – Einmal fortgerissen auf jener Bahn, – einmal getrennt von dem ewigen und unwandelbaren Alliirten, wird die Trennung größer und größer, – sie wird zur Kluft werden und die Macht der Kirche wird nicht mehr für das abgefallene Oesterreich eintreten können. Und die Staatsmänner der Welt mögen diese Macht nicht unterschätzen,« rief er, sich stolz aufrichtend, – »wenn auch der zuckende Bannstrahl des Vatikans heute nicht mehr die Kronen von den Häuptern der Fürsten wirft und sie im Büßergewand vor den Thüren der Tempel stehen läßt – der Geist und das Wort der Kirche dringt mächtig und allgewaltig durch die Welt, und wenn der flammende Wetterstrahl den Fels nicht zerschmettert, so höhlt ihn der Tropfen aus! – Erwägen Eure Majestät ernst und reiflich, bevor Sie den ersten Schritt thun, der zur Trennung von der Kirche führt!«

Des Kaisers bewegtes Antlitz hatte sich leicht geröthet. Er erhob den Kopf; ein stolzer Strahl blitzte aus seinen Augen, leicht warf er die Lippen empor.

»Eurer Majestät kaiserlicher Bruder in Mexiko,« fuhr der Graf lebhaft fort, »wandelt den gefährlichen Weg, seine Macht zu suchen in weltlichen Stützen, er hat sich von der Kirche gewendet, – er ist ein Spielball in der Hand Napoleon's und der Weg, den er betreten, wird ihn tiefer und tiefer hinabführen –«

Der Kaiser richtete sich hoch auf.

»Ich danke Ihnen, Graf Rivero,« sprach er kalt, »daß Sie mir Ihre Meinung so ausführlich ausgesprochen. Mein Entschluß ist gefaßt – und unwiderruflich! – ich kann nicht anders. Ich hoffe, daß ich auf dem von mir betretenen Wege die Macht wieder gewinnen werde, der Kirche nützlich zu sein und zu dienen, wie es mein Herz mir gebietet.«

Die begeisterte Erregung verschwand von dem Gesichte des Grafen und seine Züge nahmen die gewohnte Ruhe, sein Auge den stillen, klaren Blick wie immer an.

Er wartete einige Augenblicke, und da der Kaiser schwieg, sagte er ohne eine Spur von Bewegung im Ton seiner Stimme:

»Eure Majestät haben keine Befehle weiter?«

Der Kaiser erwiederte freundlich:

»Leben Sie wohl, Graf, seien Sie von meiner aufrichtigen Geneigtheit überzeugt – und hoffen Sie mit mir auf die Zukunft, – was Sie gewollt, kann Gott künftigen Tagen vorbehalten haben!«

»Meine Hoffnung wankt niemals,« sagte der Graf ruhig, »denn die Zukunft gehört dem Lenker der Welt!«

Und mit tiefer Verbeugung verließ er das Kabinet.

Der Kaiser blickte ihm sinnend nach.

»Sie möchten die Tage von Canossa erneuern!« sagte er vor sich hin, – »sie täuschen sich – so will ich der Diener der Kirche nicht sein, ich will ringen und kämpfen um die Macht, ihr Schirmherr zu werden. – Und nun – an's Werk!«

Er schellte, der Kammerdiener erschien.

»Der Staatsrath Klindworth soll ohne Aufsehen gerufen werden!«

»Zu Befehl, Kaiserliche Majestät!«

Der Kaiser setzte sich vor seinen Schreibtisch und begann schnell verschiedene Papiere durchzusehen. Doch war diese Beschäftigung mehr mechanisch, seine Gedanken schweiften weit ab und oft sank das Papier, das er in der Hand hielt, langsam zurück, während sein Blick sich nachdenkend in das Leere richtete.

Der Staatsrath trat ein, das Gesicht mit den gesenkten Augen unbeweglich und undurchdringlich wie immer. Die Hände vor der Brust gefaltet, blieb er nach tiefer Verneigung in der Nähe der Thür stehen.

Der Kaiser blickte auf, als der Staatsrath eintrat, und erwiederte seinen ehrfurchtsvollen Gruß durch eine leichte Kopfneigung.

»Wissen Sie, was ich beschlossen habe, mein lieber Staatsrath?« fragte er, den Blick forschend auf das Gesicht Klindworth's gerichtet.

»Ich weiß es, Kaiserliche Majestät!«

»Und – was sagen Sie dazu?«

»Ich freue mich des Entschlusses Eurer Majestät!«

Der Kaiser schien verwundert.

»Sie stimmen damit überein,« fragte er, »daß ich Italien opfern will?«

»Um Deutschland zu halten, ja –« erwiederte der Staatsrath, – »von Deutschland aus können Eure Majestät Italien wiedererobern, von Italien aus niemals Deutschland.«

»Aber Sie waren gegen das Aufgeben Italiens vor dem Kampf?« fragte der Kaiser.

»Gewiß, Kaiserliche Majestät,« erwiederte der Staatsrath, – »weil ich von dem großen Metternich gelernt habe, daß man niemals etwas aufgeben müsse, was man hat und halten kann, daß man aber auch der Notwendigkeit stets Rechnung tragen, und wenn man gezwungen wird, etwas zu opfern, immer das opfern müsse, was man am leichtesten wiedererlangen kann.«

»Aber« – warf der Kaiser leicht hin, indem er einen kurzen, forschenden Blick hinüber richtete, – »man wird mir das in Rom sehr übel nehmen – man wird sich vielleicht feindlich gegen mich stellen.«

»Uebel nehmen – ja, Majestät,« erwiederte der Staatsrath, – »feindlich stellen – das wird nicht viel zu sagen haben, man wird ja Oesterreich immer wieder bedürfen. Die Kirche und ihr Einfluß ist ein mächtiger Faktor im politischen Leben – und die politischen Faktoren muß man benützen, aber sich nicht von ihnen beherrschen lassen, – das war einer der ersten Grundsätze Metternichs.«

Der Kaiser schwieg nachdenklich.

»Wenn ich aber Italien aufgegeben habe, so muß ich auch den Preis dieses Opfers gewinnen. – Glauben Sie, daß die französische Allianz wird erreicht werden?«

»Ich hoffe es,« sagte der Staatsrath, indem sein stechender Blick eine Sekunde lang unter den gesenkten Augenlidern hervorschoß, – »wenn die Diplomatie ihre Schuldigkeit thut!«

»– Wenn sie ihre Schuldigkeit thut!« sagte der Kaiser gedehnt. – »Mein lieber Staatsrath,« fuhr er fort, »Sie müssen sogleich nach Paris und alle Ihre Geschicklichkeit aufbieten, um den Kaiser Napoleon zum sofortigen aktiven Einschreiten zu bewegen!«

»Ich reise mit dem nächsten Kurierzug, Majestät,« sagte Klindworth ohne eine Miene zu verziehen.

»Sie kennen die Situation genau und wissen, worauf es ankommt?« fragte der Kaiser.

»Eure Majestät können sich auf mich verlassen,« sagte der Staatsrath.

Der Kaiser schwieg lange und bewegte die Finger leicht auf dem Tisch.

»Was spricht man in Wien?« fragte er endlich in gleichgültigem Ton.

»Ich kümmere mich sehr wenig um das, was man spricht,« sagte der Staatsrath mit einem kurzen, forschenden Blick auf den Kaiser, – »indeß habe ich doch soviel gehört, daß die Stimmung im Ganzen muthig ist und daß man Alles vom Erzherzog Albrecht und der italienischen Armee erwartet.«

»Spricht man – von meinem Bruder Maximilian?« fragte der Kaiser mit leicht gepreßter Stimme.

Wieder fuhr ein scharfer, lauernder Blick aus dem Auge des Staatsraths.

»Ich habe nichts davon gehört,« sagte er, – »wie sollte man auch darauf kommen?«

»Es gibt Leute,« sagte der Kaiser halb leise, »die bei jeder unglücklichen Katastrophe den Namen meines Bruders im Munde führen.« – Und abermals schwieg er, indem eine finstere Wolke über seine Stirn zog.

»Das beste Mittel,« sagte der Staatsrath, »daß ganz Wien nur Einen Namen nennt, ist, daß Eure Majestät sich öffentlich zeigen!«

»Wie das – soll ich etwa eine Praterfahrt machen?« – fragte der Kaiser noch immer mit finsterem Ausdruck.

»Majestät,« sagte der Staatsrath, »es sind so eben eine Menge österreichische und sächsische verwundete Offiziere angekommen und im goldenen Lamm in der Leopoldstadt untergebracht – darf ich mir eine unterthänige Bemerkung erlauben, so würde ich Eure Majestät bitten, diese Verwundeten zu besuchen, – das würde einen vortrefflichen Eindruck machen.«

»Sogleich!« rief der Kaiser – »und nicht wegen des Eindrucks, mein Herz drängt mich, diese Braven zu begrüßen und ihnen zu danken.«

Er erhob sich.

»Befehlen Eure Kaiserliche Majestät,« sagte der Staatsrath mit leiser, demüthiger Stimme, »daß ich mir das Reisegeld nach Paris auf der Staatskanzlei zahlen lasse?«

»Nein,« sagte der Kaiser. Er öffnete eine kleine Schatulle, welche auf dem Tische vor ihm stand, nahm zwei Rollen daraus und reichte sie dem Staatsrath.

»Genügt das?« fragte er.

»Vollkommen,« erwiederte dieser, indem ein funkelnder Blitz aus seinen Augen schoß, und mit der Hand die Rollen ergreifend, ließ er sie in die Tasche seines großen braunen Rockes verschwinden.

»Nun,« sagte der Kaiser, »reisen Sie schnell und kommen Sie bald zurück – wenn es nöthig ist, geben Sie mir auf dem bekannten Wege Nachricht, – vor Allem erreichen Sie – was möglich ist.«

Er nickte leicht mit dem Kopf. Der Staatsrath verneigte sich und verschwand schnell, ohne die Thüre weiter zu öffnen, als es unumgänglich nöthig war hindurchzuschlüpfen, und ohne das mindeste Geräusch.

Der Kaiser schellte und befahl seinen Wagen und den Flügeladjutanten.

Dann fuhr er nach dem goldnen Lamm und besuchte die verwundeten Offiziere.

Die Wiener, die ihn durch die Straßen fahren sahen im offenen Wagen, heiter und stolz, sagten: »Es muß halt so schlimm nicht sein, denn der Kaiser sieht ganz wohl und zufrieden aus.«

Als er aus dem Hotel heraustrat, hatte sich eine dichte Menschenmenge vor dem Hause versammelt und begrüßte den Kaiser mit lauten, enthusiastischen Hochrufen.

Mit hellem, stolzem Blick ließ er sein Auge über die Menge schweifen und stieg in den Wagen, indem er freundlich nach allen Seiten grüßte.

Da erhoben sich laut und deutlich nah und fern die Rufe: »
Eljen! Eljen!«

Betroffen horchte der Kaiser auf und versank in tiefes Nachdenken, während der Wagen langsam die drängende Menge theilte und dann in schnellem Trabe zur Hofburg zurückfuhr.

Achtzehntes Kapitel.

Napoleon III. saß in seinem Kabinet in den Tuilerieen. Die schweren dunklen Vorhänge waren weit von den großen Fenstern zurückgezogen und das Morgenlicht fiel in hellen Strahlen herein. Der Kaiser trug einen leichten Morgenanzug, sein Haar und sein langer Schnurrbart waren frisch geordnet und sein gealtertes, müdes und abgespanntes Gesicht zeigte jenen Ausdruck der Frische, welchen selbst kranken Zügen die Ruhe der Nacht und eine sorgfältige Toilette verleiht.

Neben ihm auf einem kleinen Tisch stand eine brennende Kerze und das einfache Geschirr von Silber und Sèvresporzellan, in welchem er sich seinen Thee selbst bereitet hatte; er rauchte eine große dunkelbraune Havannahcigarre, deren blaue Wölkchen das Kabinet durchzogen und vermischt mit dem Aroma des Thees und einem leichten Duft von Eau de Lavande in dem vor dem Eintritt des Kaisers sorgfältig mit frischer Luft erfüllten Zimmer einen angenehmen und leichten Parfüm verbreiteten.

Der Kaiser hielt einige Briefe und Telegramme in der Hand und auf seinem Gesicht zeigte sich ein heiterer und zufriedener Ausdruck.

Vor ihm stand sein vertrauter Sekretär Pietri.

»Alles fällt Dem zu, der zu warten versteht,« sagte der Kaiser mit leichtem Lächeln. – »Man hat mich zum Eingreifen in diesen deutschen Krieg veranlassen wollen – zum plötzlichen, eiligen Handeln – und jetzt? – ich glaube, mehr und Besseres hätte ich nicht erreichen können, wenn ich – ganz meiner Neigung und Ueberzeugung entgegen – in die natürliche Entwicklung der Ereignisse eingegriffen hätte.

»Der Kaiser von Oesterreich« – fuhr er fort, »tritt mir Venetien ab und ruft meine Vermittlung an, um den siegreich vordringenden Feind aufzuhalten – damit habe ich Italien gegenüber die Situation in der Hand, – das geschlagene Italien wird mir die Erwerbung der letzten Provinz danken und mein Wort: frei bis zur Adria, wird erfüllt werden!« – Er seufzte erleichtert auf. »Damit habe ich viel gewonnen an Einfluß und an Prestige – was,« fügte er lächelnd hinzu, – »noch mehr wiegt als Macht und Einfluß. – Der König von Preußen,« fuhr er fort, – »nimmt meine Vermittlung – im Prinzip freilich und für den Waffenstillstand zunächst – an; – aber daraus wird das Uebrige folgen und ich bin damit zum Schiedsrichter in Deutschland geworden! – Hätte ich mehr erreichen können« – fragte er mit einem langen Zug aus seiner Cigarre, indem er wohlgefällig die weiße Asche betrachtete und den bläulichen Rauch langsam in einzelnen Absätzen von sich blies, – »hätte ich mehr erreichen können, wenn die Armeen Frankreichs im Felde stünden?«

»Gewiß nicht,« erwiederte Pietri, »und ich bewundere den Scharfblick Eurer Majestät – ich muß gestehen, daß ich selbst nicht ohne Bedenken war bei der Enthaltung Frankreichs von aller Mitwirkung bei diesen großen Ereignissen. Indeß möchte ich Eure Majestät doch darauf aufmerksam machen, daß – wie ich glaube, die Situation klarer ist Italien gegenüber – wenn auch jetzt eine leise Abneigung des Königs sich zeigt, Venetien als Geschenk anzunehmen, – als den deutschen Mächten gegenüber. Die Annahme der Vermittlung im Prinzip –«

»Wird noch zu weiten Verhandlungen führen in der praktischen Ausführung,« unterbrach der Kaiser, – »ich weiß das, – beide Theile haben dabei ihre Hintergedanken – nun wohl,« sagte er lächelnd, »so habe ich die meinigen.«

»Es ist jedenfalls eine große Sache,« fuhr er nach einem kurzen Stillschweigen fort, »daß die Kanonen schweigen, sobald mein vermittelndes Wort ertönt und daß die leise und freundliche Stimme Frankreichs die Macht hat, jene beiden gewaltigen Gegner augenblicklich wenigstens die Waffen senken zu lassen, um mit achtungsvoller Aufmerksamkeit meinem Wort zu lauschen. Das gibt mir immer die Stellung eines Schiedsrichters in Deutschland. – So muß die Sache,« fuhr er fort, »auch der öffentlichen Meinung dargestellt werden – es ist sehr wichtig, daß dieselbe in keine Bahnen einlenkt, welche meine vorsichtige und ruhige Aktion verwirren könnten.«

»Das ist geschehen, Sire,« sagte Herr Pietri, – »ganz in diesem Sinne hat der Moniteur die Vermittlung Eurer Majestät dargestellt und so wird, die Situation von den ergebenen Blättern weiter behandelt.«

»Gut, gut,« sagte der Kaiser, – »und wie nimmt die souveräne öffentliche Meinung meiner guten Pariser die Sache auf?«

»Vortrefflich« – erwiederte Pietri, »alle Organe der Presse fassen die Stellung Frankreichs in diesem Konflikt als eine der nationalen Würde entsprechende und schmeichelhafte auf.«

Der Kaiser nickte zufrieden mit dem Kopf.

»Ich kann Eurer Majestät aber nicht verbergen,« sagte Pietri, »daß sich eine starke Thätigkeit in preußischem Sinne in dem Journalismus bemerkbar macht, – der preußische Konsul Bamberg, der, wie Eure Majestät wissen, diese Angelegenheiten bei der Botschaft besorgt, wird seit einiger Zeit sehr kräftig und geschickt unterstützt durch den Temps, den Siècle und andere Blätter.«

Der Kaiser schwieg nachdenkend.

»Es fragt sich nun,« fuhr Pietri fort, – »ob dieser Agitation entgegengewirkt werden solle –«

»Nein,« sagte der Kaiser entschieden, – »es wäre mir in diesem Augenblick sehr wenig erwünscht, wenn die öffentliche Meinung eine entschiedene Parteinahme für Oesterreich verlangte, – das würde mich geniren. – Ich muß Ihnen aufrichtig sagen,« fuhr er nach einem minutenlangen sinnenden Schweigen fort, »daß ich sehr wenig Vertrauen in Oesterreich setze, welches mir dem Prozeß der Auflösung zu verfallen scheint, – ich glaube, es wird möglich sein, sich mit Preußen zu arrangiren. Der große Kaiser hatte diesen Gedanken,« fuhr er, halb zu sich selber sprechend, fort, »man verstand ihn in Berlin nicht und büßte dafür bei Jena. – Graf Bismarck aber ist kein Haugwitz und – wird denn,« fuhr er sich unterbrechend fort, – »von österreichischer Seite nichts gethan, um auf die öffentliche Meinung hier zu wirken?«

Pietri zuckte die Achseln.

»Der Fürst Metternich,« sagte er, »ist zu sehr grand seigneur, um sich darum zu kümmern und von dem Olymp herabzusteigen zu den allerdings dunkeln und trüben Regionen des Journalismus, für welche man in Oesterreich überhaupt noch eine souveräne Verachtung hat.«

»Ja, ja,« sagte der Kaiser nachdenkend, – »diese legitime Diplomatie lebt und webt auf ihren olympischen Höhen, ohne sich zu kümmern um das, was da unten vorgeht im irdischen Staub, – und doch wird sie da unten gemacht, diese öffentliche Meinung, diese unfaßbare Macht mit der Proteusgestalt, welche die Fäden zieht an dem verhängnißvollen Webestuhl des ewigen Fatums, jener dunkeln Gewalt, deren Richterspruch die stolzen Götter des Olymps in den Tartarus schleudert!«

»Uebrigens,« sagte Pietri lächelnd, »wird doch etwas österreichische öffentliche Meinung gemacht – in sehr langen, sehr vornehmen und diplomatischen Artikeln plaidirt das Mémorial diplomatique –«

»Debraux de Saldapenha?« fragte der Kaiser lächelnd.

»Zu Befehl, Majestät!«

»Uebrigens,« sagte Napoleon, indem er die herabgefallene Cigarrenasche von seinem Beinkleide stäubte, »kann doch ein kleines Gegengewicht nicht schaden, – lassen Sie,« fuhr er fort, »einige Artikel hie und da erscheinen, welche auf die Nothwendigkeit aufmerksam machen, die Stellung Oesterreichs in Europa nicht schwächen und zu sehr herabdrücken zu lassen. – Hören Sie wohl – in Europa – von Deutschland darf keine Rede sein, – und die Artikel müssen in ihrer ganzen Art und Weise den Stempel offiziösen österreichischen Ursprungs tragen – der Journalismus selbst muß glauben, daß sie dorther kommen. – Sie wissen das zu machen?«

»Vollkommen, Sire,« erwiederte Pietri.

»Da hat mir Laguerronière,« fuhr der Kaiser fort, »von einem sehr geschickten kleinen Journalisten gesprochen – Escudier– er hat Relationen in Oesterreich, – verwenden Sie ihn dazu, – überhaupt,« fuhr er fort, »müssen wir unser journalistisches Kontingent verstärken, – unsere Cadres haben sich gelichtet – und wir werden eine Campagne machen müssen. Denken Sie darüber nach!«

Pietri verneigte sich.

Der Kammerdiener meldete: »Seine Excellenz Herr Drouyn de Lhuys.«

Der Kaiser neigte den Kopf, – warf nach einem letzten Zug seine Cigarre fort und sagte zu seinem Sekretär: »Bleiben Sie in der Nähe – ich werde Ihrer noch bedürfen.«

Pietri entfernte sich durch die große schwere Portière, welche zu der nach seinem Zimmer herabsteigenden Treppe führte.

Kaum hatten sich die Falten des Vorhangs hinter ihm geschlossen, so trat Herr Drouyn de Lhuys in das Zimmer des Kaisers, ernst und ruhig wie immer, sein Portefeuille unter dem Arm.

»Guten Morgen, mein lieber Minister,« rief Napoleon III., langsam aufstehend und ihm die Hand reichend, – »nun, sind Sie zufrieden mit dem Gang der Dinge und der Stellung, welche uns die Politik des Abwartens geschaffen hat?«

»Nicht zu sehr, Sire,« erwiederte Drouyn de Lhuys ernst und ruhig.

Eine Wolke flog über die Stirn des Kaisers. Dann sagte er mit freundlichem Lächeln:

»Sie sind der unverbesserliche Pessimist, mein lieber Minister, – was können Sie denn noch mehr verlangen, – sind wir nicht in diesem Augenblick der Schiedsrichter von Europa?«

»Ein Schiedsrichter, Sire,« sagte Drouyn de Lhuys unerschütterlich, »der noch nicht weiß, ob die Parteien seinen Spruch acceptiren. Der beste Schiedsrichter ist der, der sein Schwert in die Wagschale wirft, und Brennus, der Ahnherr der Gallier, hat uns dazu das Vorbild gegeben!«

»Fast müßte ich glauben, den feurigsten meiner Marschälle zu hören und nicht meinen Staatssekretär der auswärtigen Angelegenheiten,« sagte der Kaiser lächelnd, – »doch,« fuhr er fort, »ernsthaft gesprochen, – warum sind Sie nicht zufrieden, – ich weiß wohl, daß wir uns da vor einer Reihe schwieriger und verwickelter Negoziationen befinden, aber –« sagte er verbindlich, »sollte Sie das erschrecken, den vielgewandten Staatsmann, der für alle solche Labyrinthe den Faden der Ariadne zu finden weiß? – Ich glaube« – und er rieb sich vergnügt die Hände – »daß wir gewonnenes Spiel haben, sobald wir die Dinge nur auf das Feld langer Negoziationen bringen können. Was ich am meisten fürchte, das sind die plötzlich daherstürzenden Ereignisse. Sie schließen die Logik, die Kombination, die Waffen des Geistes aus.«

Drouyn de Lhuys schwieg einen Augenblick und ließ sein Auge ruhig auf dem lebhafter als sonst bewegten Gesicht des Kaisers ruhen.

»Ich weiß,« sagte er dann, »daß Eure Majestät es lieben, gordische Knoten zu schürzen, – aber Sie vergessen, daß wir es hier mit einem Manne zu thun haben, der sehr geneigt ist, solche künstlichen Gewebe mit dem Schwerte zu durchhauen, und – der ein sehr scharfes Schwert in der Hand hat!«

»Aber mein lieber Minister,« sagte der Kaiser – »Sie werden doch nicht wollen, daß ich in diesem Augenblick, – wo meine Vermittlung acceptirt ist, mit dem Degen in der Hand zwischen die Parteien treten soll?«

»Nicht in der Hand, Majestät,« erwiederte Drouyn de Lhuys, – »aber jedenfalls mit einem scharfen Schwert an der Seite! – Sire,« fuhr er fort, »der Augenblick ist ernst, die französische Vermittlung kann keine platonische sein, – Eure Majestät müssen sich klar machen, was Sie durch Ihre Intervention erreichen wollen.«

»Zunächst jedenfalls, daß dieser unangenehme Lärm der Kanonen in Deutschland aufhört, – der alle ruhige und vernünftige Diplomatie unmöglich macht. Cedant arma togae! – Und dann – doch was ist Ihre Meinung über die Lage und das, was wir thun sollen?« unterbrach er sich, indem seine halbgeschlossenen Augen sich öffneten und der volle Blick seiner phosphorisch leuchtenden Pupille auf den Minister fiel.

Und er setzte sich, indem er mit der Hand Drouyn de Lhuys einen Fauteuil bezeichnete.

»Sire,« sagte dieser, indem er sich niederließ – »Eure Majestät müssen sich klar machen, was Sie den bereits vollzogenen Ereignissen in Deutschland gegenüber thun wollen. Zwei Wege sind möglich, und ich werde mir erlauben, sie vor Eurer Majestät zu analysiren. – Nach den Mittheilungen Benedetti's, nach den Andeutungen des Grafen Goltz ist es zweifellos, daß Preußen den ungeheuren Erfolg seiner Waffen, bei welchem – man muß es anerkennen – die Monarchie der Hohenzollern viel – vielleicht ihre Existenz – eingesetzt hat, vollständig ausnützen will.« –

Der Kaiser nickte zustimmend.

»Nach meinen Informationen und meiner Ueberzeugung von dem Charakter des Grafen Bismarck wird man nicht nur die Ausschließung Oesterreichs aus den deutschen Angelegenheiten, nicht nur die preußische Führung in Deutschland, wenigstens bis zum Main, verlangen, – man wird auch eine territoriale Vergrößerung beanspruchen, man wird Hannover, Hessen und Sachsen annektiren wollen.«

Der Kaiser richtete den Kopf in die Höhe.

»Hessen,« sagte er, – »das berührt mich nicht, – Hannover, – ich habe Achtung vor dem König Georg und wahrhafte Sympathie für ihn, seit ich ihn in Baden-Baden kennen gelernt, – indeß das mag man mit England ausmachen, – Sachsen,« sagte er, leicht mit den Fingerspitzen seinen Schnurrbart drehend, »das ist etwas Anderes, – das berührt die Tradition meines Hauses – doch,« unterbrach er sich, »fahren Sie fort!«

»Oesterreich,« sagte Drouyn de Lhuys, ruhig seinen Vortrag wieder aufnehmend – »wird diese Forderungen zugestehen müssen, denn es ist außer Stande, den Kampf wieder aufzunehmen und fortzuführen. Die Südarmee rückt zu langsam herauf, und auf Ungarn – alle meine Agenten bestätigen das – kann man sich nicht verlassen, – es wird also nur von dem Entschluß Frankreichs abhängen, ob die preußischen Forderungen gewährt werden oder nicht.«

Der Kaiser schwieg.

»Eure Majestät können,« fuhr Drouyn de Lhuys fort, »dieser Lage der Dinge gegenüber zwei Wege einschlagen.«

Napoleon III. horchte gespannt auf.

»Einmal,« sagte Drouyn de Lhuys, »können Eure Majestät sagen: der deutsche Bund, welcher unter der völkerrechtlichen Garantie Europas stand, ist aufgelöst und alle deutschen Fürsten sind damit einfach europäische Souveräne geworden, welche die Alliirten Frankreichs sind. Frankreich verbietet eine durchgreifende und das deutsche und europäische Gleichgewicht störende Veränderung ihres Besitzstandes und ihrer Souveränetät. Eure Majestät können eine Scheidung des deutschen Bundes in eine norddeutsche und eine süddeutsche Gruppe, – die erste unter preußischer, die zweite unter österreichischer Führung gestatten, jede weitere Veränderung aber verbieten. – Dieß ist der Weg,« fügte der Minister hinzu, »welchen ich Eurer Majestät einzuschlagen rathen würde.«

Der Kaiser bog sich sinnend zusammen.

»Und wenn Preußen diesen Vorschlag – oder diesen Schiedsspruch nicht annimmt?« fragte er.

»Dann müßten Eure Majestät an den Rhein marschiren und dem Beispiel des Brennus folgen,« sagte Drouyn de Lhuys.

»Was würde ich gewinnen?« fragte der Kaiser. »Würde dieß zweigetheilte Deutschland nicht stets bereit sein, sich gegen Frankreich zu einigen, vielleicht stärker organisirt in seinen zwei Hälften, als es jemals im alten deutschen Bunde gewesen? – Und der andere Weg?« – fragte er dann.

»Wenn Eure Majestät nicht wollen, was ich so eben vorgeschlagen,« sagte Drouyn de Lhuys, – »dann muß nach meiner Ueberzeugung Frankreich thun, Deutschland gegenüber, was es Italien gegenüber gethan hat, – es muß den Ereignissen ihren Lauf lassen, die ganze oder theilweise nationale Einigung unter Preußen sich vollziehen, die territorialen Vergrößerungen Preußens geschehen lassen – und seinerseits – Kompensationen fordern.«

Die Augen des Kaisers leuchteten auf.

»Und welche Kompensationen würden Sie fordern?« fragte er.

»Benedetti behauptet,« sagte Drouyn de Lhuys, »daß in Berlin große Geneigtheit bestände, uns die Erwerbung Belgiens zuzugestehen.« –

Der Kaiser nickte zustimmend.

»Ich würde,« fuhr der Minister fort, »für eine Politik in dieser Richtung nicht stimmen – wir würden dadurch an militärischen Positionen wenig gewinnen und uns große Verwickelungen mit England aufbürden.«

Der Kaiser zuckle leicht die Achseln.

»Aber Belgien ist französisch,« sagte er.

»Sire,« erwiederte Drouyn de Lhuys, – »mit demselben Recht ist der Elsaß deutsch!«

»Ah bah!« machte der Kaiser wie unwillkürlich, – »doch,« sagte er, »wo würden Sie Ihre Kompensationen suchen?«

»Sire,« erwiederte Drouyn de Lhuys, »wenn Deutschland sich in militärischer und politischer Einigung unter Preußens Führung konstituirt, so ist es in seiner neuen Macht eine ernste Drohung gegen Frankreich, eine Gefahr für unsere Macht, ja für unsere Sicherheit. – Wir müssen also unsererseits Garantieen gegen eine aggressive Politik des neukonstituirten Deutschlands verlangen. – Zunächst,« fuhr er fort, als der Kaiser schwieg, – »müssen wir, – und das ist in der That eine billige und mäßige Forderung, die Herstellung der französischen Grenzen in denjenigen Linien verlangen, wie sie der wiener Kongreß im Jahre 1814 gezogen.«

Der Kaiser neigte lebhaft das Haupt.

»Dann, Sire,« fuhr Drouyn de Lhuys fort, indem er sein klares Auge fest auf den Kaiser richtete, »müssen wir Luxemburg und Mainz haben.«

»Das ist viel!« sagte der Kaiser ohne aufzublicken.

»Aber gewiß nicht zu viel!« erwiederte Drouyn de Lhuys. – »Luxemburg ist außerdem nur eine Frage zwischen uns und Holland und bedarf nur der stillschweigenden preußischen Zustimmung, – Mainz – nun – man kann darüber transigiren, jedenfalls ist es besser, mehr zu fordern, als man unbedingt haben will. – Das ist meine Ansicht über die Kompensationen,« sagte er nach einem kurzen Stillschweigen.

»Und sie ist die meinige!« sprach der Kaiser, sich erhebend – und mit seinem langsamen, in den Hüften wiegenden Gang machte er einige Schritte im Zimmer.

Dann blieb er vor Drouyn de Lhuys stehen, der sich ebenfalls erhoben hatte, und sprach:

»Ich bedaure, mein lieber Minister, daß ich mich nicht entschließen kann, den ersten der von Ihnen bezeichneten Wege zu gehen, – obgleich derselbe Ihnen der richtigste scheint.«

»Ich habe die beiden Wege als vorgezeichnete Alternative hingestellt, Sire,« sagte Drouyn de Lhuys sich verneigend, »und – obwohl ich den ersteren vorziehen würde – doch dem zweiten die vollste Berechtigung zuerkannt!«

»Gehen wir also den zweiten,« sagte der Kaiser, »lassen wir Herrn von Bismarck Deutschland so gut er kann einigen, und stärken wir die Macht Frankreichs so sehr wir es vermögen. Schreiben Sie also sogleich an Benedetti, daß er sich in das preußische Hauptquartier begebe und zunächst einfach einen Waffenstillstand vermitteln solle – damit nur erst einmal diese Kanonen schweigen und Raum für eine ruhige Verhandlung wird. Dann soll er in vertraulicher Unterredung mit Herrn von Bismarck die Kompensationsfrage anregen und Luxemburg und Mainz dabei erwähnen.«

Drouyn de Lhuys verneigte sich.

»Aber ohne sich zu sehr zu engagiren – ohne irgend ein Ultimatum zu stellen, – ich will die Hand frei behalten« – fuhr der Kaiser lebhaft fort. –

»Unsere Interessen können nur gewahrt werden, Sire,« sagte Drouyn de Lhuys, »wenn unsere Sprache fest und unsere Haltung entschlossen ist –«

»Das soll sie auch sein,« rief der Kaiser, – »aber man muß doch nicht mit dem Ultimatum anfangen. Lassen Sie Benedetti sondiren und schleunigst berichten, wie seine Aeußerungen ausgenommen sind!«

»Und was wollen Eure Majestät Oesterreich sagen?« fragte Drouyn de Lhuys.

»Daß wir uns die größte Mühe geben würden, den Frieden so günstig als möglich zu vermitteln, und daß der Territorialbestand und die europäische Stellung Oesterreichs gewahrt werden solle. Man muß,« fügte er hinzu, »in Wien rathen, für alle Fälle die Maßregeln zum ferneren Widerstand auf dem militärischen Gebiet fortzusetzen, – wer weiß – es kann da immer noch eine Wendung eintreten und jedenfalls kann eine feste Haltung Oesterreichs und die Vermehrung der Schwierigkeiten, welche Preußen nach jener Seite noch findet, uns nur vortheilhaft sein.«

»Ich bin ganz der Meinung Eurer Majestät und werde sogleich in diesem Sinne an den Herzog von Gramont schreiben. – Nun aber,« fuhr er fort, »muß ich Eurer Majestät noch mittheilen, daß soeben Herr von Beust angekommen ist und um eine Audienz bittet.«

»Herr von Beust, der sächsische Minister?« fragte der Kaiser erstaunt.

»Er ist in Paris seit heute Morgen und war bei mir, ehe ich hierher kam,« sagte Drouyn de Lhuys.

»Und was will er?« fragte der Kaiser.

»Eurer Majestät Schutz für Sachsen anrufen.«

»Ich will ihn sogleich sehen,« sagte Napoleon nach kurzem Nachdenken – »aber ohne Ceremoniell!«

»Das wünscht auch Herr von Beust, Majestät!«

»Bitten Sie ihn, sich durch den Oberst Favé, der den Dienst hat, melden zu lassen, – ich werde den Obersten instruiren, daß er ihn ohne Aufsehen hierher führt.«

»Sehr wohl, Sire, – ich erwarte heute oder morgen den Prinzen Reuß, welchen der König von Preußen mit einem Briefe an Eure Majestät vom Hauptquartier zu Pardubitz abgesendet hat.«

»Von wo?« fragte der Kaiser.

»Von Pardubitz, Sire,« wiederholte Drouyn de Lhuys mit langsamer Betonung.

»Welche Namen!« rief Napoleon, – »und wissen Sie, was er bringt?«

»Die Grundzüge des Friedens,« sagte Drouyn de Lhuys, »ohne deren vorgängige Genehmigung der König keinen Waffenstillstand schließen will. So sagte mir Graf Goltz, der durch ein Telegramm von der Absendung des Prinzen avertirt ist.«

»Und waren dem Grafen Goltz jene Grundzüge bekannt?« fragte der Kaiser weiter.

»Nach seiner vorläufigen und allgemeinen Instruktion nehme ich an, daß es diejenigen sind, welche ich Eurer Majestät vorhin mittheilte. Ausschließung Oesterreichs aus Deutschland, preußische Führung und Annexion der zwischen den beiden Theilen der preußischen Monarchie liegenden Gebiete,« erwiederte Drouyn de Lhuys.

»Nun dann wird seine Ankunft in unserer Politik nichts ändern können,« – sagte der Kaiser, – »warten wir ihn ab.«

»Ich erlaube mir nochmals, Eure Majestät darauf aufmerksam zu machen,« sprach der Minister mit entschiedenem Tone, indem er seinen Blick durchdringend auf dem Kaiser ruhen ließ, »daß, welche Politik Frankreich auch befolgen möge, unsere Interessen nur dann gewahrt werden können, wenn unsere Sprache sehr fest und unsere Haltung sehr entschlossen ist.«

»Das soll sie sein,« sagte der Kaiser, »im Grunde der Dinge, – die Form der Anbahnung der Negoziation muß aber vorsichtig gemacht werden, – lassen Sie das Benedetti wissen.«

»Es ist um so mehr Grund vorhanden, fest aufzutreten,« sagte Drouyn de Lhuys, »als für Preußen vielleicht eine neue Verlegenheit emporsteigt, welche den berliner Hof um so mehr wird wünschen lassen, sich mit uns zu arrangiren. – Man hat mir,« fuhr er fort, »einen Artikel des offiziösen Journal de St. Petersburg gesendet, in welchem ausgeführt ist, daß ein Waffenstillstand wohl eine definitive Versöhnung bringen könne, wenn nicht Jemand in Deutschland wäre, der sich stark genug glaubte, Europa die Zustimmung zu seiner Eroberung Deutschlands aufzudrängen, indem er vergißt, daß noch in Europa starke gesammelte Mächte existiren, welchen das europäische Gleichgewicht kein leerer Wortklang ist.«

Und Drouyn de Lhuys nahm aus seinem Portefeuille ein Zeitungsblatt, das er dem Kaiser reichte.

Dieser nahm es, warf einen flüchtigen Blick darauf und legte es auf den Tisch.

»Das ist deutlich!« sagte er lächelnd – »und die Adresse, an welche die Mahnung gerichtet ist, kann nicht zweifelhaft bleiben!«

»Baron Talleyrand berichtet, daß dieser Artikel der Ausdruck der Gesinnung in den Hofkreisen ist,« sagte Drouyn de Lhuys, »und daß, wenn auch der Kaiser und Fürst Gortschakoff große Reserve beobachten, sie doch unverkennbar mit großer Besorgniß die tief einschneidende Katastrophe in Deutschland beobachten.«

»Vortrefflich, vortrefflich,« rief der Kaiser, – »instruiren Sie Talleyrand, daß er diese Stimmung auf jede Weise unterhalte. – Er muß,« fügte er nach einigem Nachdenken hinzu, »besonders darauf hinweisen, daß das Interesse Rußlands und Frankreichs gemeinsam sei, zu verhindern, daß Deutschland sich zu einer konzentrirten Militärmacht in der Hand Preußens einige.«

»Ich habe eine Instruktion in diesem Sinne vorbereitet, Sire,« sagte Drouyn de Lhuys, »indem ich glaubte, diese Intentionen Eurer Majestät voraussetzen zu dürfen.«

»Und,« sagte der Kaiser, wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen – doch unterbrach er sich schnell und sprach lächelnd:

»Sie sehen, mein lieber Minister, wie sich Alles vereint, um die Fäden der europäischen Situation wiederum in unsere Hände zu legen, – wir haben ja wirklich fast die Resultate einer gewonnenen Schlacht, und das ohne einen Schuß gethan und einen Franken ausgegeben zu haben!«

»Ich werde mich freuen, wenn Alles zu einem glücklichen Ende geführt ist,« erwiederte Drouyn de Lhuys, indem er sein Portefeuille schloß.

»Und vergessen Sie nicht,« sagte der Kaiser in verbindlichem Tone, indem er die Worte seines Ministers wiederholte, – »daß unsere Sprache fest und unsere Haltung entschlossen sein muß!«

Er reichte dem Minister die Hand.

»Ich werde also Herrn von Beust sogleich hierher senden, Sire,« sagte der Minister, indem er sich zum Fortgehen anschickte.

»Thun Sie das« – erwiederte der Kaiser, »und sobald etwas Neues sich ereignet, erwarte ich Sie.«

Und mit verbindlichem Lächeln that er einen Schritt nach der Thür, durch welche Drouyn de Lhuys sich mit tiefer Verneigung entfernte.

Der Kaiser ging einige Male nachdenkend im Kabinet auf und nieder. Dann näherte er sich der Portière, welche die geheime Treppe maskirte, und rief:

»Pietri!«

Unmittelbar darauf erschien der Gerufene.

»Kennen Sie diesen Artikel des Journal de St. Petersbourg?« fragte der Kaiser, seinem Sekretär das Zeitungsblatt reichend, welches er von Drouyn de Lhuys erhalten.

»Ich kenne ihn,« erwiederte Pietri, indem er einen flüchtigen Blick darauf warf, »und er lag bereit, um ihn Eurer Majestät mitzutheilen.«

»Alles geht vortrefflich,« sagte der Kaiser sich die Hände reibend, – »wir müssen diese Schwierigkeit, welche sich da vom Osten her für die Sieger von Königgrätz erhebt, so sehr als möglich verstärken. – Ich habe Talleyrand anweisen lassen, die Identität der französischen und russischen Interessen zu betonen.«

Pietri verneigte sich.

Der Kaiser drehte ein wenig die Spitze seines Bartes.

»Sie können ihm ganz vertraulich schreiben,« fuhr er dann fort, »daß es kein Bedenken habe, in geeigneter und sehr vorsichtiger Weise die Idee transpiriren zu lassen, daß seit 1854 und 56 die europäische Lage sich sehr verändert habe und daß eine Verständigung Frankreichs und Rußlands über die orientalischen Angelegenheiten jetzt vielleicht möglich und erwünscht wäre. – Sollte sich aus gemeinsamer Behandlung der deutschen Angelegenheiten eine nähere Verständigung entwickeln, so würde eine Revision des pariser Vertrages hier vielleicht keinen Widerstand finden. – Aber ganz privatim,« fuhr er mit Betonung fort, – »ohne sich irgend zu engagiren und in strengster Diskretion.«

»Sehr wohl – es wird sogleich geschehen,« sagte Pietri.

»Sire,« fuhr er nach einem Augenblick des Wartens fort, als der Kaiser schwieg, »Herr Klindworth ist da und wünscht Eure Majestät zu sehen.«

»Klindworth?« rief der Kaiser lächelnd,– »dieser alte Sturmvogel konnte ja auch in der großen Krise nicht fehlen, welche so mächtigen Wellenschlag in die europäische Politik gebracht hat! Was bringt er?«

»Er kommt von Wien und will Eurer Majestät viel Interessantes mittheilen.«

»Interessantes bringt er immer und gute Gedanken hat er sehr oft,« rief der Kaiser, – »führen Sie ihn sogleich her!«

Pietri stieg die Treppe hinab und wenige Augenblicke darauf erschien der Staatsrath Klindworth unter der schweren, dunklen Portière, welche der geheime Sekretär nach seinem Eintritt wieder zufallen ließ.

Der Kaiser und Klindworth waren allein. Der Staatsrath stand da in derselben Haltung, in demselben braunen Rock und derselben weißen Kravatte, wie im Kabinet des Kaisers Franz Joseph, – den Blick gesenkt wartete er nach tiefer Verneigung auf die Anrede des Kaisers.

»Seien Sie willkommen, mein lieber Herr Klindworth,« sagte Napoleon mit dem ihm eigenen, so gewinnenden und liebenswürdigen Ausdruck, – »kommen Sie und setzen Sie sich zu mir, damit wir über diese merkwürdigen und stürmischen Ereignisse plaudern, welche die ganze Welt in Unruhe versetzen.«

Er ließ sich in seinen Lehnstuhl nieder und der Staatsrath setzte sich mit einem schnellen Aufblick, der den Ausdruck der Physiognomie des Kaisers prüfend überflog, ihm gegenüber.

Napoleon öffnete ein kleines Etui, drehte mit großer Geschicklichkeit eine Cigarrette von türkischem Tabak und zündete sie an der auf dem Tisch stehenden Kerze an.

»Ich freue mich,« sagte der Staatsrath, »in dieser großen Katastrophe Eure Majestät so wohl und so heiter zu finden. Seine Majestät der Kaiser Franz Joseph wird sehr erfreut sein, wenn ich ihm berichten kann, wie vortrefflich sich Eure Majestät befinden.«

»Sie kommen vom Kaiser Franz Joseph?« fragte Napoleon aufhorchend.

»Sie wissen, Sire,« sagte der Staatsrath, die Hände über der Brust faltend, – »ich bin kein Ambassadeur, – ich bin kein Mann der Repräsentation, – ich bin eben nur der alte Klindworth, der das Glück hat, daß die allerhöchsten Herrschaften ihm ihr Vertrauen schenken und der dann so viel als möglich seinen alten, gesunden Menschenverstand in dieser diplomatischen Welt zur Geltung zu bringen sucht, in der ja leider so viel unreifer Unsinn geschieht.«

Der Kaiser lachte, indem er dicke Wolken aus seiner Cigarrette blies.

»Und darum kommen Sie, ein wenig den Unsinn zu korrigiren, den man in den Tuilerieen machen könnte?« fragte er.

»Wenn Eure Majestät von den Tuilerieen sprechen,« sagte Klindworth, »so muß ich schweigen, sagen Sie aber am Quai d'Orsay, – so sage ich nicht nein, – dort könnte man ein wenig guten Rath immer brauchen!«

Der Kaiser lachte noch mehr. »Nun,« fragte er, »welchen Rath würden Sie denn am Quai d'Orsay geben, vielleicht kann ich ihn unterstützen?«

Ein scharfer Blick schoß aus dem Auge des Staatsraths herüber. Er trommelte leicht mit den Fingern der rechten Hand auf der äußern Fläche der linken und sprach:

»Ich würde Eurer Majestät Ministern und Diplomaten das alte Wort zurufen: Videant Consules ne quid detrimenti capiat res publica!«

Der Kaiser wurde plötzlich ernst, sein Auge trat scharf und glänzend aus der verschleierten Hülle der Lider hervor und richtete sich mit brennendem Ausdruck auf den Staatsrath, der ohne eine Muskel zu bewegen da vor ihm saß.

Dann lehnte er sich in seinen Fauteuil zurück, blies langsam eine dichte Rauchwolke von sich und fragte in ruhigem Ton:

»Glauben Sie denn, daß die Sachen so schlimm stehen? – Nachdem sich der Kaiser zur Abtretung von Venetien entschlossen hat, werden alle seine Streitkräfte frei und das Kriegsglück kann sich wenden.«

»Ich glaube nicht, daß es sich wendet, Sire,« sagte Klindworth ruhig, – »und Eure Majestät müssen meiner Ueberzeugung nach Sorge tragen, daß diese Niederlage später wieder ausgeglichen werde.«

»Diese Niederlage?« fragte Napoleon, sich stolz aufrichtend, indem er den Schnurrbart durch die Finger gleiten ließ.

»Sire, bei Königgrätz ist Frankreich eben so sehr geschlagen als Oesterreich,« sagte der Staatsrath.

Der Kaiser schwieg.

»Glauben Eure Majestät,« fuhr der Staatsrath fort, »daß es dem Prestige Frankreichs, – des kaiserlichen Frankreichs nützlich sein kann, wenn ohne sein Zuthun mitten in Europa alle Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden, wenn sich da eine große, preußischdeutsche Militärmonarchie erhebt ohne Frankreichs Einschreiten? – Die Kabinette Europas werden dadurch lernen, ihre Angelegenheiten ohne Frankreich zu besorgen, und Eure Majestät werden besser als ich ermessen, welchen Eindruck das auf die französische Nation machen wird.«

Der Kaiser sann nach. Dann fragte er ernst und ruhig:

»Was denkt der Kaiser Franz Joseph zu thun und was erwartet er von mir?«

Der Staatsrath zeigte nicht die mindeste Verwunderung über diese plötzliche direkte Frage, welche der ganzen Unterhaltung einen so vollständig andern Ton gab.

»Der Kaiser,« sagte er, »ist entschlossen, den Kampf auf das Aeußerste fortzusetzen. Er hofft durch das Heraufziehen der Südarmee die nöthigen Kräfte zu gewinnen, um die Aktion wieder aufzunehmen, – er hofft auf Ungarn –«

Napoleon schüttelte leicht den Kopf.

»Er hofft,« fuhr Klindworth fort, »daß die Verhandlungen über den Waffenstillstand ihm die nöthige Zeit zur Erholung gewähren werden und daß dann die Höhe der preußischen Forderungen den Frieden unmöglich machen werde, – er erwartet, daß dann Eure Majestät an den Rhein rücken, Oesterreich degagiren und Preußen von der durch den Sieg bei Königgrätz plötzlich erklommenen Höhe herabstürzen werden.«

Der Kaiser schwieg einen Augenblick.

»Sollten,« fragte er dann, ohne aufzublicken, »in dieser Reihe von Erwartungen nicht einige erhebliche Schwierigkeiten liegen?«

»Wenn Eure Majestät sie sieht,« sagte Klindworth, – »so sind sie gewiß da.«

»Und sehen Sie sie nicht?« fragte der Kaiser.

»Sire,« erwiederte Klindworth, »ich habe den Befehl erhalten, Eure Majestät zum schnellen Einschreiten mit gewaffneter Hand zu bewegen, – das ist mein Auftrag, – wenn Eure Majestät mir darauf eine Antwort gegeben haben, so werde ich, – wenn Sie es befehlen, meine Meinung sagen.«

»Sie unterscheiden scharf,« sagte der Kaiser lächelnd, – »nun wohl,« fuhr er fort, langsam seine Cigarrette zwischen den Fingern drehend, – »ich will ohne Rückhalt sprechen, – der Kaiser kann überzeugt sein, daß ich ein starkes Oesterreich für die Ruhe und das Gleichgewicht Europas unerläßlich halte und daß ich jede Störung dieser europäischen Stellung Oesterreichs mit der ganzen Macht Frankreichs verhindern werde, – wenn dieß nöthig sein sollte. Ich glaube indeß, daß vorläufig dieser äußerste Moment noch nicht eingetreten ist und daß es vielleicht mehr schädlich als nützlich wäre, wenn meine bewaffnete Einmischung – zu der in diesem Augenblick kein Grund vorhanden ist, die deutsche Frage zu einer europäischen Krisis hinaufschrauben würde.«

Klindworth hatte aufmerksam zugehört, jedes der langsam gesprochenen Worte des Kaisers mit einem stummen Neigen des Kopfes begleitend.

»Eure Majestät wollen abwarten,« – sagte er dann, – »und sich möglichst lange die freie Hand erhalten, jedenfalls aber Gebietsabtretungen Oesterreichs selbst verbieten.«

Der Kaiser nickte leicht mit dem Kopf.

»Doch bleibt ein Eingreifen in die Verhältnisse durchaus nicht ausgeschlossen,« sagte er, – »man muß vor Allem in Wien jede Anstrengung machen, um die militärische Lage der Dinge zu Gunsten Oesterreichs zu ändern.«

»Ich verstehe vollkommen, Sire,« sagte der Staatsrath.

»Doch nun, mein lieber Herr Klindworth,« fuhr der Kaiser fort, indem er den Rest seiner Cigarrette in eine kleine Porzellanvase warf und sich mit großer Aufmerksamkeit und Sorgfalt an die Herstellung einer neuen machte, – »Sie wollten mir Ihre Meinung sagen, nachdem Sie meinen Entschluß gehört haben!«

Und er neigte den Kopf leicht auf die Seite und. blickte Klindworth erwartungsvoll an.

»Meine Meinung, Sire,« sagte der Staatsrath, »ist die, daß Eure Majestät vollkommen Recht haben!«

Ein gewisses Erstaunen zeigte sich im Gesicht des Kaisers.

»Eure Majestät haben ganz Recht,« wiederholte, der Staatsrath, indem er einen kurzen lauernden Blick hinüberschießen ließ, »denn erstens,« sagte er in fast gleichgültig hingeworfenem Ton, »gibt Ihnen das Abwarten die Chance, Kompensationen für Frankreich zu erlangen.«

Die Augenlider des Kaisers schlossen sich fast ganz – er hatte seine Cigarrette vollendet, zündete sie an der Kerze an und blies eine dichte Rauchwolke vor sich in die Luft.

»Dann aber,« fuhr der Staatsrath fort, seine erste Bemerkung fallen lassend und die Stimme etwas erhebend, »haben Eure Majestät doppelt Recht, daß Sie in diesem Augenblick ein brüskes Eingreifen zurückweisen, – Sie würden Frankreich und auch Oesterreich damit wenig nützen.«

Der Kaiser hörte gespannt zu.

»Wenn Eure Majestät jetzt mit gewaffneter Hand in die deutschen Angelegenheiten eingreifen,« sagte Klindworth mit den Fingern trommelnd, »so sind zwei Fälle möglich. – Entweder Preußen fügt sich und die Dinge bleiben – abgesehen von der Theilnahme Preußens am Präsidium des Bundes und von einigen Territorialvergrößerungen – im Wesentlichen so wie sie waren, – nur wird Preußen eine ungeheure moralische Waffe in die Hand gegeben. Man wird dem deutschen Volke unausgesetzt erzählen, daß die Einigung Deutschlands durch Frankreich verhindert ist, daß Oesterreich den Nationalfeind zu Hülfe gerufen, und da man ja jetzt in Deutschland schreiben und reden und singen darf, was man will, und die Schriften und Reden und Lieder in Berlin gemacht werden, so wird Oesterreich beim deutschen Volke moralisch vollständig vernichtet werden und bei einer künftigen Gelegenheit, – wenn Frankreich vielleicht in anderer Richtung beschäftigt ist, wird die vollständig reife Frucht den Hohenzollern in die Hände fallen.«

Der Kaiser drehte leicht den Schnurrbart und nickte mehrmals leicht mit dem Kopf.

»Oder,« fuhr der Staatsrath fort, – »und dieß ist bei dem Charakter der leitenden Personen das Wahrscheinlichere, – Preußen fügt sich nicht und nimmt den Kampf trotz der ungeheuren Dimensionen desselben auf. Dann befürchte ich, daß es Herrn von Bismarck gelingt, einen Nationalkrieg zu entflammen und das vereinte Deutschland gegen Frankreich zu führen.«

»Sollte das bei der Stimmung in Deutschland möglich sein?« fragte der Kaiser.

»Sire,« sagte Klindworth, – »wenn ein bewegtes Wasser im Winter nicht zusammenfrieren will, – so wirft man Eisenstäbe hinein und sofort bildet sich die Eisrinde. Das französische Schwert in die deutsche Bewegung geworfen, würde bewirken, was jene Eisenstäbe thun, die Wellen würden still stehen und sich zu fester Masse vereinigen.«

»Aber die Süddeutschen?« fragte der Kaiser, – »Völker und Regierungen?«

»Sie haben jetzt schon die Hoffnung auf Oesterreich verloren,« sagte Klindworth – »sie fühlen sich in der Hand Preußens, mit einigen Versprechungen, mit einigen freundlichen und drohenden Worten wird es nicht schwer sein, sie auf jene Seite hinüberzuziehen, zu der sie – davon bin ich überzeugt – jetzt schon den anständigen und ehrenvollen Uebergang suchen.«

Der Kaiser schwieg.

»Dagegen,« fuhr Klindworth sich belebend fort, »wenn jetzt Preußen erreichen darf, was es will, – das heißt zunächst und wesentlich territoriale Vergrößerungen, – die vollständige Annexion von Hannover, von Hessen u. s. w., – wenn dann nur durch mäßig angewandten Druck die souveräne Selbstständigkeit der Süddeutschen gewahrt wird, – so ist das Resultat nicht die Einigung der deutschen Nation, dieß populäre Ideal aller Turner, Sänger und Biertrinker, – sondern im Gegentheil die Spaltung derselben und es bleibt als Preis so vielen Blutes nur die Vergrößerung Preußens. Die sittliche Entrüstung, diese Emotion, welche der Deutsche so sehr liebt, wird sich gegen Preußen richten und die Sympathie der Nation Oesterreich wieder zugewendet werden können.«

»Wird das möglich sein?« fragte der Kaiser.

»Gewiß,« antwortete Klindworth, – »wenn Oesterreich sich mit einem andern Geist durchdringt und eine vernünftige Politik macht mit Benutzung derjenigen Faktoren, die heute nun einmal bewegend und mächtig geworden sind, – leider sage ich – aber man muß mit den wirklichen Größen rechnen!«

»Das heißt?« fragte Napoleon.

»Sire,« sagte Klindworth, »wenn Preußen sich durch Annexionen vergrößert und die Führung in Norddeutschland übernimmt, so wird es gezwungen werden zu einem starren, rücksichtslosen Regiment, – denn leicht werden sich die deutschen Stämme nicht assimiliren – es wird seine eiserne Hand auf Norddeutschland legen und dieselbe zugleich in fortwährender Drohung gegen Süddeutschland erheben müssen. – Dann muß Oesterreich sich erheben in innerlich gekräftigter Macht, als der Hort der partikularen Autonomie und Selbstständigkeit – und der Freiheit.«

Napoleon lächelte.

»Der Freiheit?«

»Warum nicht?« rief der Staatsrath, »man heilt die schwersten Krankheiten durch Anwendung der gefährlichsten Gifte.«

»Wer wird der geschickte Arzt sein,« fragte der Kaiser lachend, »dessen Hand der kranken Austria dieses Gift in richtigen Dosen einflößen kann? – Graf Mensdorff? oder Metternich?«

»Ich glaube diesen Arzt gefunden zu haben,« sagte Klindworth ernst und ohne sich irre machen zu lassen.

Der Kammerdiener trat ein.

»Oberst Favé ist im Vorzimmer, Sire!«

Der Kaiser erhob sich.

»Einen kleinen Augenblick!« sagte er.

Klindworth stand auf und trat dem Kaiser näher.

»Dieser Arzt,« sagte er mit gedämpfter Stimme – »ist Herr von Beust!«

Betroffen und erstaunt blickte der Kaiser ihn an.

»Herr von Beust?« rief er, – »der Protestant? Glauben Sie, daß der Kaiser –«

»Ich glaube es,« sagte Klindworth, – »übrigens ist Herr von Beust hier,« sagte er, indem sein scharfes Auge länger und fester als sonst sich mit durchdringendem Blick auf den Kaiser richtete, »Eure Majestät können ja selbst sondiren, ob meine Meinung begründet ist.«

Napoleon lächelte.

»Wer mit Ihnen spielt,« sagte er, »muß die Karten auf den Tisch legen, – warten Sie bei Pietri, ich möchte Sie noch sehen, nachdem ich mit Ihrem Arzte des künftigen Oesterreichs gesprochen.«

Ein befriedigtes Lächeln umzog die breiten Lippen des Staatsraths, der sich mit tiefer Verbeugung durch die Portière zurückzog.

Der Kaiser schellte.

»Oberst Favé!«

Der Oberst, ein mittelgroßer magerer Mann mit kurzem schwarzen Haar und kleinem Schnurrbart, im schwarzen Ueberrock – halb Militär, halb Hofmann in seiner Haltung, erschien in der Thür. Er hielt den Flügel derselben für den sächsischen Minister geöffnet und entfernte sich wieder, nachdem dieser eingetreten.

Herr von Beust trug einen grauen, weit zurückgeschlagenen Ueberrock von leichtem Sommerstoff über dem schwarzen Frack, auf welchem der weißglänzende Stern der Ehrenlegion sichtbar war. Sein leicht ergrautes Haar war sorgfältig frisirt und gelockt, – das weite schwarze Beinkleid bedeckte fast ganz den auffallend kleinen Fuß im zierlichen Stiefel. Sein feines und geistreiches Gesicht mit dem fast durchsichtigen Teint, dem beredten Munde und den lebhaften, klaren Augen war blasser als gewöhnlich und zeigte heute nicht das ihm sonst eigentümliche freundliche und gewinnende Lächeln. Ein schmerzlicher Zug spielte um seinen Mund und tiefe Abspannung lag auf seinem nervös gezogenen Antlitz.

Er näherte sich dem Kaiser mit jener leichten und sichern Eleganz des vornehmen Hofmannes und verneigte sich schweigend.

Napoleon trat ihm mit verbindlichem Lächeln entgegen und reichte ihm die Hand.

»So schmerzlich auch die Veranlassung sein mag,« sagte er mit sanfter Stimme, – »ich freue mich, den bedeutendsten und geistvollsten Staatsmann Deutschlands bei mir zu sehen!«

»Den unglücklichsten, Sire,« sagte Herr von Beust traurig.

»Der Unglücklichste ist nur der, der die Hoffnung verliert,« antwortete der Kaiser, indem er sich niederließ und Herrn von Beust durch eine Geberde voll anmuthiger Höflichkeit zum Sitzen einlud.

»Sire – ich bin gekommen, um aus Eurer Majestät Munde zu vernehmen, ob ich noch Hoffnung hegen und meinem Souverän bringen kann?«

Der Kaiser ließ die Spitze seines Schnurrbartes durch die Finger gleiten.

»Sagen Sie mir,« sprach er dann, »wie Sie die Lage der Dinge in Deutschland ansehen, – ich bin begierig, ein Bild davon aus Ihrem Munde zu vernehmen, – dem Munde des Meisters in Auffassung und Darstellung –« fügte er mit verbindlichem Lächeln und leichter Neigung des Hauptes hinzu.

Das blasse Gesicht des Herrn von Beust belebte sich.

»Sire,« sagte er, »ich habe mein Spiel verloren! – Ich hoffte,« fuhr er fort, »eine neue föderative Gestaltung des nationalen Lebens in Deutschland zu schaffen, den Ehrgeiz Preußens definitiv in seine Schranken zurückzuweisen und den deutschen Bund zu neuer Kraft und Autorität in freier Entwicklung den Forderungen der Zeit entsprechend hinüberführen zu können, – ich habe mich getäuscht – ich habe ohne die Zerrissenheit Deutschlands, ohne die Schwäche Oesterreichs gerechnet. – Das Spiel ist verloren,« wiederholte er seufzend, – »wenigstens hat Sachsen alles Seinige gethan, um es zu gewinnen.«

»Und ist keine glückliche Wendung des Spiels mehr möglich?« fragte der Kaiser.

»Ich glaube nicht daran,« sagte Herr von Beust. »Man hofft in Wien noch auf die Südarmee, auf eine Wiederaufnahme der Offensive – ich glaube an das Alles nicht, – von einem Schlage, wie der bei Königgrätz, erholt sich ein Staat nicht leicht, selbst wenn sein inneres Leben nicht solcher Stagnation und Fäulniß verfallen ist, wie dasjenige Oesterreichs. – Preußen ist Sieger in Deutschland,« fuhr er fort, »und es wird das Recht des Siegers mit eiserner Hand geltend machen, – wenn nicht ein mächtiges Veto ihm entgegentritt.«

Sein klares Auge richtete sich forschend auf den Kaiser.

»Und Sie glauben, daß ich dieß Veto sprechen sollte, – daß ich es könnte?« fragte Napoleon.

»Sire,« erwiederte Herr von Beust, – »ich spreche zu Eurer Majestät zunächst als Minister Sachsens, als der Diener meines unglücklichen Herrn, der mit dem Verlust des Erbes seines Hauses bedroht ist, – soweit ihm dasselbe noch geblieben ist.«

»Glauben Sie,« warf der Kaiser ein, »daß man wirklich im preußischen Hauptquartier an die Entfernung deutscher Fürsten denkt?«

»Die Einverleibung von Hannover, Hessen und Sachsen ist beschlossen, Sire,« sagte Herr von Beust bestimmt, – »und,« fügte er mit leichtem Achselzucken hinzu, – »man hat in Berlin viel auf's Spiel gesetzt, – es ist vielleicht natürlich, daß man sich nicht mit dem Einsatz begnügen, sondern den Vortheil im Hinblick auf die Zukunft ausnützen will. – Doch,« fuhr er nach einigen Augenblicken fort – »Hannover und Hessen theilen die preußische Monarchie – Sachsen im Gegentheil scheidet Preußen von Oesterreich und verhindert die unmittelbaren Reibungen, – vor Allem aber sind Hannover und Hessen ihre eigenen Wege gegangen, sie haben sich den wahren Interessen Deutschlands gegenüber in kalter Passivität verhalten, – sie haben endlich im gegenwärtigen Kampf kein Bündniß mit Oesterreich geschlossen, – wenn das Verhängniß sie ereilt, so haben sie zum großen Theil es sich selbst zuzuschreiben. – Die Erhaltung Sachsens ist aber eine Ehrenfrage für Oesterreich – und,« fügte er mit vollem Blick auf den Kaiser hinzu – »vielleicht auch für Frankreich, für das kaiserliche Frankreich, – für den Erben der Macht und des Ruhmes Napoleon I.«

Der Kaiser neigte das Haupt und strich langsam seinen Schnurrbart.

»Sire,« fuhr Herr von Beust fort, indem der Schimmer einer feinen Röthe sein bleiches Gesicht überzog und sein klares, lichtes Auge unablässig auf dem Kaiser ruhte, – »als die Macht Ihres großen Oheims bei Leipzig unter der Hand des Schicksals zusammenbrach, – als so Viele von ihm abfielen, die er erhoben und groß gemacht hatte, da stand der König von Sachsen neben ihm, – ein treuer Freund, der Verbündete des Unglücks. Und schwer hat er diese Treue büßen müssen, mit fast der Hälfte seiner Länder bezahlte er das Festhalten an seinem kaiserlichen Freunde. – Niemals hat der Kaiser das vergessen und noch auf Sankt Helena erinnerte er sich mit Rührung und Schmerz seines edlen Bundesgenossen.«

Der Kaiser neigte das Haupt tiefer und tiefer. Herr von Beust fuhr mit erhöhter Stimme fort:

»Jetzt, Sire, ist der Erbe jenes Fürsten, der Ihrem großen Oheim in seinem Unglück treu zur Seite stand, in Gefahr, den letzten Rest dessen zu verlieren, was ihm von den früheren Besitzungen seines Hauses noch geblieben ist, – der König Johann, der Eurer Majestät stets ein aufrichtiger Freund war, ist in Gefahr, aus dem Erbe seiner Väter vertrieben zu werden, – und – nicht er, Sire, – ich, sein Diener, der die hohen Rücksichten fürstlichen Zartgefühls nicht zu nehmen nöthig hat, wie er, – ich frage Eure Majestät: wird der Erbe der Macht, des Ruhmes und des Namens jenes großen Titanen es schweigend dulden, daß der Nachkomme seines treuesten und letzten Freundes, seines Freundes in Noth und Gefahr, entthront und vertrieben werde?«

Herr von Beust schwieg und blickte in athemloser Spannung auf den Kaiser.

Napoleon erhob das Haupt. Seine Augenlider waren geöffnet. Groß und klar leuchteten seine Pupillen in schimmerndem Glanz, ein eigentümlicher Ausdruck von Stolz und Hoheit lag auf seiner Stirn, ein weiches, melancholisches Lächeln umspielte seinen Mund.

»Mein Herr,« sagte er mit weicher, metallischer Stimme, – »die Freunde meines Oheims sind die meinigen bis in die dritte und vierte Generation und kein Fürst soll es bereuen, dem unglücklichen Kaiser zur Seite gestanden zu haben, so lange ich das Schwert Frankreichs in meiner Hand halte! – Sie haben Sachsen gerettet,« fuhr er mit anmuthigem Lächeln fort, »sagen Sie dem König, Ihrem Herrn, daß er in seine Residenz und sein Königreich zurückkehren wird. Mein kaiserliches Wort darauf!«

Und mit einer Bewegung, in welcher sich die Hoheit und Würde des Souveräns mit der eleganten Höflichkeit des Weltmanns vereinigte, reichte er Herrn von Beust die Hand hinüber.

Dieser ergriff sie ehrerbietig, indem er sich schnell erhob, und rief mit bewegter Stimme:

»Wenn der Geist des großen Kaisers in diesem Augenblick zur Erde herabblicken kann, Sire, so muß er Eurer Majestät freundlich zulächeln. – Sie beweisen, daß Seine Freundschaft noch heute schwer wiegt in der Schale der Geschicke Europas!«

Eine kurze Pause trat ein. Der Kaiser blickte nachdenkend vor sich hin. Herr von Beust hatte sich wieder gesetzt und wartete.

»Sie sind also der Meinung,« sagte der Kaiser endlich, »daß ein Aufraffen Oesterreichs jetzt unmöglich ist?«

»Ich habe in Wien dringend ermahnt,« erwiederte Herr von Beust seufzend, »alles Mögliche zu thun und die äußersten Anstrengungen zu machen, – aber ich glaube, es wird erfolglos sein. Die österreichische Staatsmaschine ist rostig geworden und selbst ein großer Geist könnte sie nur schwer in Bewegung setzen. – Dieser Geist aber ist nicht da, – und,« fügte er traurig hinzu, »dürfte auch nicht mehr zu finden sein in der Heimat der Kaunitz und Metternich.«

»Dann müßte man ihn importiren,« warf der Kaiser leicht hin.

Die Augen des sächsischen Ministers richteten sich voll Erstaunen und Verwunderung fragend auf das wieder ganz ruhige und verschlossene Gesicht des Kaisers.

»Glauben Sie denn,« fuhr dieser fort, »daß es unmöglich wäre, Oesterreich zu regeneriren, wenn jener fehlende Geist gefunden würde?«

»Unmöglich?« rief Herr von Beust, – »gewiß nicht, Oesterreich hat eine immense innere Kraft, nur fehlt dieser Kraft der Nerv, der sie bewegt!«

»Sie haben in Ihrem politischen Leben über so Vieles nachgedacht – und mit großem Erfolg,« sagte der Kaiser mit liebenswürdigem Ausdruck und leichter Neigung des Hauptes, – »sollten Sie nicht auch darüber nachgedacht haben, wie diese schlummernde Kraft zu bewegen, – zu beleben sein möchte?«

Ein heller, plötzlicher Strahl blitzte im Auge des Herrn von Beust auf.

»Sire,« sagte er lebhaft, – »der erste und tiefste Grund der Schwäche Oesterreichs liegt darin, daß seine eigenen Kräfte sich binden, daß die eine Hälfte dieser Monarchie die andere bewachen und im Schach halten muß. Ungarn mit seiner gewaltigen Militärkraft, mit seinem reichen, unerschöpflichen Produktionsgebiet liegt todt da, und statt es zu beleben, wird vielmehr jede Lebensäußerung dieses Landes von Wien aus niedergehalten. – In dieser Krisis zum Beispiel,« fuhr er fort, »könnte Ungarn allein alles Verlorene retten, – aber auch jetzt wird man sich nicht entschließen, das belebende Wort zu sprechen, denn dieß Wort heißt: Freiheit, nationale Selbstständigkeit, – und bei diesem Worte zittern die staubigen Aktenrepositorien der Staatskanzlei,– und die staubigen Menschen noch mehr! – Und im Innern der Monarchie, der österreichischen Länder selbst, da muß wieder die starre Bureaukratie jede Lebensregung des Volkes bewachen, und wo das Volk nicht denkt, nicht fühlt, nicht mitarbeitet am staatlichen Leben, da ist es auch keiner Opfer, keines großartigen.Aufschwungs fähig, um den Staat zu erhalten und zu retten. – O,« fuhr er immer lebhafter fort, – »wenn Oesterreich in neuem Leben erstehen könnte, wenn seine reichen Kräfte sich entfalten und stählen könnten in natürlicher Bewegung, – dann würde Alles wieder gewonnen werden können für Oesterreich – und für Deutschland; wenn Oesterreich moralisch seinen Platz in Deutschland behauptet, wenn es die Führung übernimmt auf dem Gebiete des geistigen Fortschrittes und durch diesen Fortschritt seine materielle Kraft neu erstehen laßt, – dann würde – und nicht zu spät – der Tag erscheinen, an welchem die heutige Niederlage glänzend gerächt würde. – Die Formel, um dahin zu gelangen, ist einfach, – sie heißt: Freiheit und Selbstständigkeit für Ungarn, Freiheit und öffentliches Leben für die ganze Monarchie, – Reform der Verwaltung und Reform der Armee! – Aber um diese Formel anzuwenden und durchzuführen – dazu gehörte« – fügte er mit traurigem Lächeln und leichter Verneigung hinzu – »ein Geist und ein Willen, wie Eure Majestät ihn besitzen.«

»Sie schmeicheln,« sagte der Kaiser lächelnd und leicht den Finger erhebend, – »in diesem Augenblick lerne ich. – Sie werden nach den vollzogenen Ereignissen vielleicht nicht sächsischer Minister bleiben?« sagte er dann.

»Ich werde meinem Könige in dieser Krisis zur Seite stehen,« sagte Herr von Beust, »dann aber – ich glaube, daß ein unglücklicher Staatsmann am besten von der Bühne verschwindet.«

»Oder,« sagte der Kaiser, »auf größeren Gebieten seine Kraft versucht, welcher in den zu kleinen Verhältnissen der Erfolg versagt blieb.«

Er erhob sich.

Herr von Beust stand auf und ergriff seinen Hut.

»Ich hoffe,« sagte der Kaiser, »daß Ihre Ansichten über die Regeneration Oesterreichs sich einst zum Leben gestalten werden, – jedenfalls bitte ich Sie, sich stets zu erinnern, daß Sie hier einen Freund haben und daß Frankreich mit Oesterreich gemeinsam das Interesse hat, der deutschen Nation die freie Entwicklung zu wirklich nationalem Leben zu garantiren. – Bringen Sie Ihrem König meinen Gruß und bitten Sie ihn, meinem Wort zu vertrauen.«

In lebhafter Bewegung ergriff Herr von Beust die dargebotene Hand des Kaisers.

»Dank, Sire, innigen Dank!« rief er, »und wohin die Zukunft mich führen möge, – ich werde dieser Stunde nie vergessen.«

Und mit tiefer Verneigung verließ er das Kabinet.

Der Kaiser rief Pietri.

»Ist Klindworth da?« fragte er.

»Zu Befehl, Sire!«

»Ich bitte ihn, zu kommen.«

Der Staatsrath erschien.

Lächelnd ging ihm der Kaiser entgegen.

»Sie haben Recht,« sagte er, »der Arzt ist gefunden, um die kranke Austria zu heilen.«

Der Staatsrath verneigte sich.

»Ich wußte es,« sagte er, »daß Eure Majestät mir Recht geben werden.«

»Versuchen Sie also, ihm die Behandlung des Kranken anzuvertrauen, – meiner ganzen Unterstützung können Sie sicher sein.«

Er sann nach.

»Und sagen Sie dem Kaiser,« sagte er dann, »daß ich thun würde, was in meinen Kräften stünde, um so energisch, als es die Verhältnisse irgend gestatteten, zu seinem Beistande einzuschreiten, – – die wesentlichste Hülfe müßte aber Oesterreich aus sich selbst und der Regeneration seiner Kraft gewinnen.«

»Ich verstehe vollkommen, Sire,« sagte Klindworth.

»Halten Sie mich au fait – über – Herrn von Beust!«

Klindworth verneigte sich.

»So darf ich zurückkehren?« fragte er.

»Sie müssen sich an's Werk machen,« sagte der Kaiser, »denn Ihre Aufgabe ist nicht leicht. – Auf Wiedersehen!« Und er grüßte freundlich mit der Hand.

Der Staatsrath verschwand unter der Portière.

»So mischen sich die Karten mehr und mehr,« sagte der Kaiser, indem er sich bequem in seinen Lehnstuhl sinken ließ, – »und es kommt nur darauf an, sie mit fester Hand zu halten und mit klarem Blick das Spiel zu lenken. – Es wird gehen,« – fuhr er fort, den Kopf in die Hand stützend, – »und es öffnet sich da zugleich eine weite Perspektive für die Zukunft. – Wenn Oesterreich wirklich sich zu neuem Leben erheben kann, – Italien eingefaßt von beiden Seiten, – die Allianz ist gegeben, – Ungarn, Polen halten Rußland im Schach–«

Sein Auge leuchtete.

»Nun,« sagte er leise lächelnd – »warten wir ab, im Warten liegt ja meine Stärke. Doch immerhin kann eine kleine vorbereitende Hülfe nützlich sein – vor Allem darf ich Sachsen nicht vergessen.«

Er stand auf und rief Pietri.

»Fahren Sie zu Drouyn de Lhuys,« sagte er, »und bitten Sie ihn, der Instruktion für Benedetti die sehr bestimmte Weisung hinzuzufügen, der Annexion Sachsens auf das Ernstlichste zu widersprechen – auf das Ernstlichste,« – wiederholte er mit Nachdruck.

»Zu Befehl, Sire!«

»Und,« fragte der Kaiser – »wissen Sie, wo der General Türr in diesem Augenblick ist?«

»Bei der Armee in Italien,« antwortete Pietri – »doch kann ich es sogleich genau erfahren.«

»Schreiben Sie ihm,« sagte der Kaiser, – »nein,« unterbrach er sich, »senden Sie ihm eine vertraute Person – ich lasse ihn bitten, so bald als möglich hieher zu kommen.«

Pietri verneigte sich.

»Durch ihn,« sagte der Kaiser halb zu sich selber sprechend, »halte ich die Hand ein wenig in Turin – und in Pest, – das könnte von Wichtigkeit werden.«

»Sonst haben Eure Majestät keine Befehle?« fragte Pietri.

»Nein, ich danke Ihnen,« sagte der Kaiser und der geheime Sekretär entfernte sich.

Napoleon lehnte sich behaglich in seinen Lehnstuhl zurück, drehte sorgfältig eine neue Cigarrette und rauchte in großen Zügen, in tiefes Nachsinnen verloren.

Neunzehntes Kapitel.

In dem alten Schlosse der Fürsten von Dietrichstein zu Nikolsburg war das Hauptquartier des Königs von Preußen aufgeschlagen. Ein glänzendes und buntes Bild entfaltete sich in dem kleinen Städtchen Nikolsburg, das in seiner stillen und einfachen Einsamkeit wohl kaum jemals früher dazu bestimmt geschienen hatte, der Mittelpunkt so großer, welthistorischer Ereignisse zu werden. Vor dem Schlosse hielt die unter dem Gewehr stehende Stabswache des Königs, in mannigfaltigen Gruppen bewegten sich die in dem Städtchen einquartierten Truppen durch die Straßen, marschirende Kolonnen schoben sich dazwischen hindurch, Artillerie rasselte über das holperige Pflaster, von draußen her ertönte das vielstimmige Geräusch der Bivouaks und es war rings ein Leben und Bewegen, als wollte das Heer noch ein Heer gebären. Die Einwohner standen scheu an den Thüren der Häuser und an den allgemach wieder geöffneten Fenstern, die Furcht vor all' den Feinden lastete auf ihnen, aber sie begann sich schon mit Vertrauen zu mischen, – waren diese feindlichen Schaaren doch nicht so fürchterlich, als man sie sich vorgestellt, sah man doch hie und da preußische Soldaten in wetterverblaßten Uniformen mit mächtigen, wilden Bärten freundlich den Gruppen der Landbewohner, welche die zerstörende Kriegsnoth aus den verbrannten und verwüsteten Dörfern der Umgegend hieher getrieben hatte, sich nähern und den schüchtern zurückweichenden Kindern Brod oder andere Nahrungsmittel darbieten, oder einem schwachen Alten – einer kranken und matten Frau gutmüthig die Feldflasche zu einem stärkenden Schluck reichen.

Es entfaltete sich hier das Bild des Krieges in all' seinem Glanz, in all' seiner berauschenden Größe, welche mit der Erinnerung von Tagen lange, stille Jahre des Friedens ausfüllt, – in all' seinem Elend, welches in dem schrecklichen Schlage eines Augenblicks das Glück von Jahren zerstört, in all' seiner mächtigen Erschütterung der Menschennatur, welche unter dem Eindruck des großen, unaufhaltsam daherrollenden Völkergerichts ihre wilden Instinkte entfesselt, aber auch daneben die edelsten und reinsten Blüten der Hingebung und Aufopferung erschließt.

Hatte schon die vielfach hervortretende gutmüthige Freundlichkeit der feindlichen Soldaten das Vertrauen der Einwohner wieder hervortreten lassen, so wuchs dasselbe mehr und mehr unter dem Eindruck der von Mund zu Mund getragenen Nachrichten über die Friedensverhandlungen. Sah man doch zwischen den Generalen und Adjutanten, welche in wechselnder Eile und Geschäftigkeit im Schlosse aus und ein gingen, auch Diplomaten in einfachen Civilanzügen erscheinen, wußte man doch, daß der französische Botschafter angekommen und nach kurzem Aufenthalt nach Wien gereist war, eine vorläufige kurze Waffenruhe war für fünf Tage geschlossen und der Frieden schwebte in der Luft, von Niemand heißer ersehnt und inbrünstiger erfleht, als von den unglücklichen Bewohnern der Länder, welche das Theater des blutigen Kriegsdramas bildeten.

Inmitten all' dieses Lärms, all' dieser brausenden Stimmen, all' dieser Signale von Trommeln und Trompeten saß der preußische Ministerpräsident Graf Bismarck in dem geräumigen Zimmer seines Quartiers.

In der Mitte dieses Zimmers stand ein großer Tisch mit dunkelgrüner Decke belegt und bedeckt mit Haufen von Briefen und Papieren. Am Boden lagen geöffnete und zerrissene Briefcouverts in bunter Unordnung durcheinander. Eine große Landkarte war mitten auf dem Tisch ausgebreitet und vor ihr saß der Ministerpräsident auf einem einfachen Stuhl von Rohrgeflecht. Auf einem kleinen Tisch zur Seite stand eine Flasche mit hellgelbem böhmischen Bier und ein großes Glas. Durch einen geöffneten Fensterflügel drang die laue Luft herein.

Der Minister trug die Majorsuniform seines Kürassierregiments, bequem aufgeknöpft, hohe Reiterstiefel, den Pallasch an der Seite.

Ihm gegenüber saß der Legationsrath von Keudell in der Uniform der Landwehrreiter, beschäftigt mit der Durchsicht eingegangener Briefe.

»Benedetti bleibt lange aus,« sagte der Minister, von der Karte aufblickend, in deren Anschauen vertieft er lange dagesessen hatte – »es scheint, daß man in Wien noch große Hoffnungen hegt – oder vielleicht ein Doppelspiel spielen will. – Nun, lange soll man uns damit nicht hinhalten!« rief er lebhaft, indem er das Glas vollschenkte und es mit einem kräftigen Zug leerte, – »denn das lange Stillliegen hier kann nur unsere Position verschlimmern. Wenn auch langsam,« fuhr er fort, »wie Alles in Oesterreich, so kommt die Südarmee doch mehr und mehr herauf und die Cholera fängt an uns lästig zu werden. – Ich bedaure,« sagte er nach einem kurzen Stillschweigen, »daß der König in seiner gewohnten Milde den Einzug in Wien aufgegeben hat, – nichts hatte uns aufgehalten und dieser österreichische Dünkel müßte in seiner eigenen Residenz gebrochen werden, – nun, wenn man sich nicht schnell zum Frieden bequemt, so wird hoffentlich die Langmuth des allergnädigsten Herrn erschöpft sein! – Ist ein Bericht aus Petersburg da?« fragte er sich unterbrechend Herrn von Keudell.

»Soeben habe ich einen Bericht des Grafen Redern geöffnet, Excellenz,« sagte Herr von Keudell.

»Geben Sie,« rief Graf Bismarck lebhaft und ergriff in rascher Bewegung über den Tisch hinüber das Schreiben, welches der Legationsrath ihm reichte.

Aufmerksam las er es durch und merkwürdig kontrastirte die unmittelbare tiefe Stille des Zimmers, in welchem man die Athemzüge der beiden Personen hören konnte, mit dem von draußen hereintönenden verworrenen Lärm.

Der Graf warf das Schreiben auf den Tisch.

»Es ist richtig,« rief er, »es zieht da eine Wolke herauf, welche eine peinliche Verlegenheit in sich bergen kann. – Wird man dort etwas thun,« sagte er halb zu sich selber sprechend, – »wird die Verstimmung zur Thal werden? – – ich glaube es nicht – immer aber ist das sehr unangenehm, – findet Oesterreich irgend eine Stütze, so wird man von Neuem alle Hebel ansetzen. – Zwar für Oesterreich,« fuhr er fort, »wird man in Petersburg nichts thun, – aber die notwendigen Veränderungen in Deutschland, und diese französische Vermittlung mit ihren Hintergedanken, – die Situation ist ohnehin schwierig genug und es wird vielleicht ebensoviel Mühe kosten, dieses Spinnennetz von diplomatischen Fäden zu zerreißen, mit welchen man uns umspinnen möchte, – als die österreichischen Linien zu sprengen. – Jedenfalls muß diese russische Wolke zerstreut werden,« rief er – »für jetzt und für die Zukunft! Denn der Zukunft wird noch Manches zu thun übrig bleiben,« sagte er sinnend.

Er stand auf und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, tief nachdenkend und hin und wieder die Lippen bewegend. Widerstreitende, mächtig arbeitende Gedanken drückten sich in den bewegten Zügen seines Gesichts aus.

Endlich schien die Gewalt seines Willens klare Ordnung und Ruhe in die sich kreuzenden Ideen gebracht zu haben, – er athmete befriedigt auf, trat zum Fenster und sog die frische Luft mit tiefen Zügen ein, bei denen seine breite mächtige Brust sich weit ausdehnte.

Ein Sekretär des auswärtigen Ministeriums trat ein.

Der Graf wandte sich nach ihm um.

»Der bayerische Minister von der Pfordten ist angekommen und bittet Eure Excellenz um eine Unterredung. Hier ist sein Brief!«

Graf Bismarck ergriff schnell das kleine, versiegelte Billet, erbrach es und überflog den kurzen Inhalt.

»Sie kommen alle,« sagte er mit stolzem Ausdruck – »alle diese großen Jäger, welche das Fell des Bären schon vertheilt hatten, und jetzt seine Tatzen fühlen. – Aber so schnell sollen sie nicht gutes Wetter finden.– Außerdem sehe ich noch nicht klar genug. – Sagen Sie dem Minister von der Pfordten,« rief er dem wartenden Sekretär zu, »daß Sie mir seinen Brief gegeben hatten und daß ich ihm meine Antwort senden würde.«

Der Sekretär entfernte sich.

Nach wenigen Augenblicken kehrte er zurück und sagte:

»Der französische Botschafter!«

»Ah!« rief Graf Bismarck.

Herr von Keudell stand auf.

»Haben Sie die Güte, lieber Keudell,« sagte der Minister nach einem augenblicklichen Nachdenken, »zu Herrn von der Pfordten zu gehen und ihm zu sagen, daß ich ihn als bayerischen Minister nicht empfangen könne, da wir noch im vollen Kriege mit Bayern begriffen seien, – ich sei indeß gern zu einer persönlichen Unterredung ohne alle Konsequenzen bereit und würde ihn bald die Stunde dafür wissen lassen.«

Herr von Keudell verneigte sich und ging hinaus.

Einen Augenblick später öffnete der Sekretär auf einen Wink des Ministers dem französischen Botschafter die Thüre.

Der Ausdruck auf dem Gesicht des Grafen Bismarck hatte sich völlig verändert, kalte Ruhe und höfliche Freundlichkeit lag auf seinen Zügen, – artig ging er dem Vertreter des Kaisers Napoleon entgegen und reichte ihm die Hand.

Herr Benedetti bildete in seiner Erscheinung einen merkwürdigen Gegensatz zu der kräftigen Gestalt und der festen, soldatischen Haltung des preußischen Ministers. Er stand in den fünfziger Jahren, sein dünnes Haar ließ die Stirn weit hinauf völlig frei und bedeckte nur spärlich den obern Theil des Kopfes, sein bartloses, glattes Gesicht gehörte zu den Physiognomieen, deren Alter sich schwer erkennen und bestimmen läßt, die in der Jugend älter, im Alter jünger erscheinen als sie sind. Es wäre schwer zu sagen gewesen, welcher Charakterzug, welche Eigenthümlichkeit sich in seinen Zügen ausdrücken möchte, – es lag eben nichts darin, als der glatte Ausdruck einer rezeptiven, intelligenten Empfänglichkeit für alle Eindrücke, – was hinter dieser gleichmäßig ruhigen und freundlichen Außenseite sich verbergen mochte, hätte man schwer zu erkennen vermocht. Sein Auge war offen und frei, scheinbar sorglos und gleichgültig und nur der außerordentlich schnelle und scharfe Blick, mit welchem er zuweilen alle Gegenstände seiner Umgebung in einem einzigen Griff zusammenzufassen schien, konnte vermuthen lassen, daß ein lebendiges Interesse ihn bewegte. Sein Gesicht sagte nichts, drückte nichts aus – und doch fühlte man unwillkürlich, daß hinter diesem Nichts etwas liegen müsse, das sich sorgfältig zu verbergen Veranlassung und Fähigkeit hätte.

Die Haltung seiner schlanken, mittelgroßen Gestalt war elegant, seine Bewegungen lebhaft wie die des Italieners, geschmeidig, elastisch wie die des Levantiners, seine leichte Sommertoilette von der äußersten Einfachheit, aber trotz der Reise, von der er unmittelbar zurückkehrte, von makelloser Frische.

»Ich habe Sie mit Ungeduld erwartet,« sagte Graf Bismarck, indem der scharfe, durchdringende Blick seines stahlgrauen Auges sich fest auf das ruhige Gesicht des Botschafters richtete, – »was haben Sie in Wien gefunden – bringen Sie den Frieden?«

»Ich bringe wenigstens den Anfang dazu – ich bringe die Annahme des vom Kaiser vorgeschlagenen Programms für die Friedensverhandlungen –«

»Ah, so hat man sich in Wien entschlossen?« rief Graf Bismarck.

»Ich habe einen schweren Stand gehabt,« sagte Herr Benedetti, »und es war wahrlich nicht leicht, die Zustimmung Oesterreichs zu erlangen.«

Graf Bismarck zuckte die Achseln.

»Was kann man denn dort noch hoffen,« rief er, – »will man uns in Wien erwarten?«

»Man hofft auf den Eintritt der Südarmee in die Aktion, – auf eine große militärische Erhebung Ungarns,« sagte der Botschafter. –

»Vielleicht auch auf einen neuen Johann Sobiesky?« fragte Graf Bismarck mit leichtem Lächeln.

»Und ich muß in der That gestehen,« fuhr Benedetti ruhig fort, »daß ich nicht im Stande war, jenen Hoffnungen jede Berechtigung abzusprechen.«

Graf Bismarck sah ihn erstaunt und fragend an.

»Die Südarmee,« sagte Benedetti, »steht fast zu zwei Drittheilen in der Umgebung von Wien, – der Prater ist ein Bivouak und das verschanzte Lager bei Floridsdorf bildet eine feste Widerstandsposition, die Truppen der Südarmee sind voll Siegeszuversicht und vom besten Geiste beseelt – der Erzherzog Albrecht ein entschlossener General und der Chef seines Generalstabes, Feldmarschalllieutenant von John, ein Offizier von feiner und scharfer Intelligenz.«

Graf Bismarck hörte ruhig zu. Ein feines kaum merkbares Lächeln spielte um seine Lippen.

»Und Ungarn?« fragte er leichthin.

»Man hat mit dem Grafen Andrassy und der Deakpartei unterhandelt, und wenn man die autonome Landesverfassung gewährt und die Bewaffnung der Honveds zugesteht, – so ist eine mächtige Erhebung der Ungarn zu erwarten.«

»Wenn man das zugesteht,« sagte Gras Bismarck, »die Ungarn, sind oft getäuscht – übrigens,« fuhr er fort, »stehen unsere Truppen nach dem Gefecht von Blumenau vor Preßburg, das sie nur in Folge der dazwischengetretenen Waffenruhe nicht besetzt haben, – der Schlüssel Ungarns gehört uns.«

»Man hat in Wien die Ueberzeugung,« fuhr Benedetti fort, »daß auch die preußische Armee durch den gewaltigen Zusammenstoß schwer erschüttert ist und von Krankheiten leidet –«

»Sie leidet am meisten vom Stillliegen,« rief Graf Bismarck lebhaft.

»Aus allen diesen Gründen,« sagte der Botschafter ruhig, »war es nicht leicht, die Zustimmung zu dem Friedensprogramm meines Souveräns zu erlangen. Der Kaiser Franz Joseph war sehr schwer zu bestimmen, die Ausschließung Oesterreichs aus Deutschland zu acceptiren. Er hat indeß den dringenden Vorstellungen nachgegeben, welche ich im Namen des Kaisers und welche der Kaiser selbst ihm gemacht hat, und um Oesterreich nicht länger den Wechselfällen und Bedrückungen des Krieges auszusetzen, um nicht länger den europäischen Frieden zu gefährden, hat der Kaiser in die Annahme des Programms gewilligt.«

Graf Bismarck biß sich in den Schnurrbart.

»Und dieß Programm heißt nun definitiv? – mit der Zustimmung Oesterreichs?« fragte er. – Er lud den Botschafter mit einer Handbewegung ein, sich zu setzen, und nahm dann ebenfalls ihm gegenüber Platz.

»Es ist nichts daran geändert worden,« erwiederte Herr Benedetti: »Erhaltung der Integrität Oesterreichs – aber Ausscheiden desselben aus dem neu zu gestaltenden Deutschland; Bildung einer norddeutschen Union unter Preußens militärischer Führung; Berechtigung der süddeutschen Staaten zu einer völkerrechtlich unabhängigen Union, – aber Erhaltung des durch freies, gemeinsames Einverständniß der deutschen Staaten zu regelnden nationalen Bandes zwischen Nord- und Süddeutschland.«

Graf Bismarck hatte jeden Satz dieses Programms, welches der Botschafter langsam und deutlich aussprach, mit kurzem Kopfnicken begleitet, indem er leicht die Fingerspitzen beider Hände aneinander schlug.

»Das ist die Regelung der Stellung Oesterreichs und der unsrigen zu Deutschland,« sagte er, – »wie wir sie bereits genehmigt haben. – Als Grundlage der Verhandlungen – nachdem Oesterreich zugestimmt, ist sie genügend – als Basis für den definitiven Frieden indeß wird eine weitere Verständigung nöthig sein. Der Frieden mit Oesterreich berührt nicht und darf nicht berühren unsere Dispositionen in Betreff der übrigen Staaten Deutschlands, mit denen wir im Kriege sind.«

»Oesterreich überläßt jedem dieser Staaten, seinen Frieden zu schließen,« sagte Benedetti.

»Frieden zu schließen!« rief Graf Bismarck – »es wäre in der That sehr leicht für diese Regierungen, jetzt Frieden zu schließen, um bei der ersten Gelegenheit das alte Spiel von Neuem zu beginnen!«

Nach einer kurzen Pause fuhr er in ruhigem Tone fort:

»Schon vor einigen Tagen hat der König dem Kaiser, Ihrem Herrn, telegraphisch mitgetheilt, daß ein bestimmter Machtzuwachs Preußens durch territoriale Vergrößerung nothwendig geworden sei. Sie haben unter uns gelebt,« fuhr er fort, – »und wissen genau, was Preußen in diesem Kriege eingesetzt hat, Sie kennen die Opfer, welche wir gebracht haben, und die Wunden, welche der Krieg dem Lande geschlagen. Das preußische Volk erwartet, – verlangt die Früchte dieser Opfer, nachdem der Sieg sich für uns entschieden hat, – es verlangt, und mit vollem Recht, daß das Blut preußischer Soldaten, der Söhne des Volkes nicht umsonst vergossen sei, und daß der Zustand definitiv beseitigt werde, welcher die gegenwärtigen Kämpfe als naturgemäße Folge herbeiführen mußte und herbeigeführt hat. – Die schweren Hemmnisse, welche Preußen seine geographische Lage, seine Einengung in unvernünftige, weder natürlich noch politisch richtig gezogene Grenzen bereitete, muß beseitigt, – für immer beseitigt werden; – soll Preußen die Stellung, welche die Friedensbasis ihm in Deutschland anweist, richtig erfassen und kräftig ausfüllen, so muß es vor Allem in sich selbst stark und richtig abgerundet sein. Die Einverleibung von Hannover, Hessen und Sachsen ist nothwendig, um die beiden Hälften der Monarchie fest und unauflöslich zu verbinden und um uns gegen Oesterreich militärisch zu sichern.«

Kein Zug auf dem platten Gesicht des Botschafters veränderte sich.

»Ich finde es sehr natürlich, daß das preußische Volk die möglichst reichlichen Früchte des Krieges, in welchem es – seine ganze Kraft,« sagte er mit leichter Betonung – »auf das Schlachtfeld sendete, zu pflücken wünscht. Anders sind indeß die Wünsche der Völker und die Rücksichten, welche die Fürsten und Regierungen zu nehmen haben. Sie sind,« fuhr er mit etwas leiserer Stimme fort, – »ebensosehr wie ich überzeugt, daß jede Zeit ihre besonderen politischen Grundsätze und Rücksichten hat. Heute sind diese andere, als z. B. zur Zeit Friedrichs des Großen; damals war es gut, zu behalten, was man genommen hatte. Die Solidarität der Interessen und der Verträge war damals nicht so maßgebend wie heute.«

Eine leichte Falte zeigte sich zwischen den Augenbrauen des Grafen Bismarck.

»Nun,« sagte er mit ruhiger Stimme und leichtem Lächeln, – »ich glaube, Friedrich dem Großen wurde es nicht so ganz leicht, zu behalten, was er genommen hatte, – diese politische Praxis wurde im Anfange dieses Jahrhunderts von Napoleon I. in größerem Maßstabe ausgeübt.«

»Dieß war der Fehler des Gründers unserer kaiserlichen Dynastie,« sagte Benedetti, »welcher zuletzt das ganze Europa in Waffen gegen ihn aufstehen ließ – ich darf dieß wohl aussprechen im Hinblick auf die weise Mäßigung, welche der Kaiser, mein Souverän, stets an der Spitze siegreicher Armeen bewiesen hat, und auf die Sorgfalt, mit welcher er es vermieden hat, in jenen Fehler seines großen Oheims zu verfallen.«

Graf Bismarck blickte einen Augenblick nachdenkend vor sich hin.

»Sie wissen,« sagte er dann mit einer gewissen freien Offenheit, »wie sehr hohen Werth ich stets auf ein gutes Verhältniß mit Frankreich gelegt habe, – der Kaiser weiß es auch, – und besonders in diesem Augenblick möchte ich um keinen Preis auch nur den Schein erregen, als wollte ich die Wünsche und Interessen Frankreichs vernachlässigen, seinen guten Rath überhören. – Das gute Einvernehmen Preußens, – Deutschlands, – mit Frankreich, die Ausgleichung der beiderseitigen politischen Bedürfnisse und Nothwendigkeiten, die friedliche und freundliche internationale Verkehrsverbindung zwischen beiden Ländern ist nach meiner Ansicht die erste Bedingung für das Gleichgewicht und die Ruhe Europas. – Lassen Sie uns also mit Offenheit und Ruhe die Lage diskutiren. – Ich kann Ihnen,«, sagte er, seinen vollen durchdringenden Blick auf den Botschafter heftend, »nur wiederholen, daß die Machtvergrößerung Preußens durch die erwähnten Gebiete der feindlichen Staaten mir als eine unbedingte Nothwendigkeit erscheint. – Glauben Sie,« fuhr er fort, »daß der Kaiser es für das Interesse Frankreichs für geboten erachten könnte, dieser Machtvergrößerung ernstlich zu widersprechen?«

Herr Benedetti zögerte dieser direkten Frage gegenüber einen Augenblick mit der Antwort.

»Der Kaiser hat bereits früher anerkannt,« sagte er dann, »daß die Herstellung einer Verbindung zwischen den beiden Hälften der preußischen Monarchie eine Nothwendigkeit für Sie sei, er wird diese Nothwendigkeit nach meiner Ueberzeugung jetzt weniger als jemals verkennen. Ob dazu die vollständige Annexion deutscher Staaten, – welche doch auch unter der Garantie des europäischen Völkerrechts stehen, nöthig sei, – darüber müssen die Ansichten verschieden sein, – indeß glaube ich nicht, daß der Kaiser irgend die Absicht haben könne, sich der Ausführung Ihrer Ansicht, – auch wenn er sie nicht theilt, zu widersetzen.«

Gras Bismarck neigte zustimmend den Kopf.

»Was Sachsen betrifft,« fuhr Benedetti fort. –

Der preußische Minister blickte ihn gespannt und erwartungsvoll an.

»Was Sachsen betrifft,« – sagte der Botschafter, »so habe ich in Oesterreich den Entschluß gefunden, seine territoriale Integrität unbedingt zu erhalten, – man sieht dieß dort als eine Ehrenpflicht an gegen seinen Verbündeten, der mit Oesterreich auf denselben Schlachtfeldern gekämpft hat.«

Graf Bismarck biß sich auf die Lippen.

»Ich glaube,« fuhr Benedetti fort, »daß der Kaiser Franz Joseph eher die äußersten Chancen einer Fortsetzung des Kampfes wagen würde, als von dieser Bedingung zurückstehen.«

Graf Bismarck schwieg einen Augenblick.

»Und wie steht Frankreich, – wie steht der Kaiser Napoleon zu dieser Bedingung – – Oesterreichs?« sagte er mit festem Blick und leichtem Lächeln.

»Ich glaube annehmen zu dürfen,« sagte Benedetti, »daß der Kaiser sich diese österreichischen Wünsche in Betreff Sachsens wesentlich aneignet.«

»Im vollsten Ernste?« fragte Graf Bismarck.

»Im vollsten Ernste,« antwortete der Botschafter ruhig.

»Gut denn!« rief Graf Bismarck – »die Einverleibung Sachsens ist für uns keine unbedingte Nothwendigkeit, wie diejenige der unseren Staat durchschneidenden Gebiete – ich werde dem Könige des Kaisers Napoleon – und Oesterreichs – Wünsche in Betreff Sachsens mittheilen und sie befürworten. Selbstverständlich wird Sachsen der norddeutschen Union zugezählt werden.«

»Das ist eine innere Angelegenheit der neuen Organisation Deutschlands,« sagte Benedetti mit leichter Verbeugung, »in welche sich einzumischen der Kaiser nicht entfernt die Absicht haben kann.«

»So ist also das Programm, wie Sie es hier nochmals ausgesprochen haben, als definitive Friedensbasis anzusehen, – mit dem Zusatz, daß von Oesterreich alle Veränderungen, welche in Norddeutschland in territorialer Beziehung vorgenommen werden, gutgeheißen und acceptirt sind, – das heißt die Einverleibung von Hannover, Kurhessen, Nassau und Frankfurt –«

Das gleichmäßig ruhige Gesicht des Botschafters zeigte eine leichte Ueberraschung.

»Ich erinnere mich nicht,« sagte er, »daß wir von Nassau und Frankfurt gesprochen haben –«

»Es gehört zur vollständigen Arrondirung – namentlich wenn wir Sachsen aufgeben« – sagte Graf Bismarck.

Benedetti schwieg.

»So würden also auf dieser Basis die Friedensverhandlungen beginnen können?« fragte der preußische Minister mit einem forschenden Blick auf den Botschafter.

»Ich sehe keine Schwierigkeiten weiter,« sagte dieser – »und« – fügte er dann ohne besondere Betonung hinzu, »daß auch die Ausgleichung zwischen den gegenseitigen Interessen des neuen Deutschlands und Frankreichs sich leicht wird machen lassen bei dem Geist der Mäßigung und des Entgegenkommens, den der Kaiser bewiesen hat und von dem auch Sie und Ihre Regierung sich stets beseelt gezeigt haben.«

Der Blick des Grafen Bismarck senkte sich tief und durchdringend in das ganz ausdruckslose Auge des französischen Diplomaten, – er schien jedes von demselben gesprochene Wort sorgfältig abzuwägen.

»Und wie glauben Sie, daß diese gegenseitigen Interessen durch die neuen Verhältnisse berührt werden, – wie glauben Sie, daß sie ausgeglichen werden könnten?«

Benedetti lehnte sich ein wenig in seinen Sessel zurück und sprach dann:

»Ich glaube, Sie werden die Bereitwilligkeit anerkennen, mit welcher der Kaiser Napoleon die Einverleibung deutscher Staaten in Preußen acceptirt, – obwohl – wie ich wiederhole, dieselbe mit seiner Ansicht nicht übereinstimmend ist, und vielleicht bei andern europäischen Kabinetten ernstes Mißvergnügen erregen könnte.«

Welche Macht sollte dagegen etwas zu erinnern finden,« rief Graf Bismarck, »wenn Frankreich mit uns einverstanden ist –?«

»Vielleicht England wegen Hannover,« sagte Benedetti.

Graf Bismarck zuckte die Achseln.

»Vielleicht Rußland« – fuhr der Botschafter fort. – »Sollte der Kaiser Alexander mit seinen Anschauungen über Legitimität und monarchisches Fürstenrecht die Beseitigung der Dynastieen billigen –?«

Graf Bismarck schwieg.

»Doch dieß nur beiläufig,« sagte Benedetti, – »jedenfalls scheint es mir, daß Sie ein großes Interesse haben, mit Frankreich im vollsten Einverständniß zu handeln, und ich glaube, daß dem Entgegenkommen des Kaisers Napoleon gegenüber Sie nicht minder bereitwillig sein werden, anzuerkennen, daß gewisse territoriale Modifikationen der gegenseitigen Begrenzung notwendig sein dürften, um das Gleichgewicht und damit die guten Beziehungen dauernd zu erhalten.«

Die leichte Wolke, welche bei den ersten Worten des Botschafters, von diesem nicht unbemerkt, auf der Stirn des Grafen Bismarck erschienen war, verschwand schnell, sein Gesicht nahm eine gleichmüthige Ruhe an, und mit freundlicher, entgegenkommender Höflichkeit fragte er:

»Und können Sie mir die Ansichten des Kaisers über diese territorialen Modifikationen mittheilen?«

»
Meine Ansicht,« antwortete Benedetti mit leichter Betonung, – »ist die, daß den schwer wiegenden Veränderungen in Deutschland gegenüber Frankreich gewisse, lediglich nach militärischen Nothwendigkeiten bemessene Kompensationen beanspruchen dürfe. – Sie werden nicht verkennen,« fuhr er fort, »daß die Grenzen, welche man im Jahre 1815 Frankreich gegeben, weder den natürlichen, noch den militärischen Verhältnissen entsprechen – und daß die Wiederherstellung derjenigen Grenze, welche im Jahre 1814 das siegreiche Europa dem überwundenen Frankreich darbot, gewiß jetzt eine billige und gerechte Forderung ist, wo das mächtige Frankreich sich mit dem siegreichen Preußen über die große Verstärkung der preußischen Macht bereitwillig und freundschaftlich verständigt.«

Graf Bismarck schwieg, ohne daß einen Augenblick der lächelnde, höfliche und zuvorkommende Ausdruck von seinem Gesicht verschwand.

»Auch werden Sie,« fuhr Benedetti fort, »es gewiß natürlich finden, wenn der Kaiser wünscht, in die so verbesserten – wiederhergestellten Grenzen Frankreichs Luxemburg aufzunehmen, das nach natürlicher Lage und Sprache zu uns gehört und das uns militärisch bei der so bedeutend verstärkten Macht Deutschlands den drohenden Rheinfestungen gegenüber nothwendig ist. – Sie verzeihen,« fuhr er lächelnd fort – »man muß auch daran denken, daß Zeiten kommen könnten, in denen nicht so friedensliebende, die gegenseitige Freundschaft zu so hohem Werthe anschlagende Regierungen in Paris und Berlin sein dürften. – Das Arrangement in dieser Beziehung dürfte nicht schwer sein, – natürlich würde dem König von Holland, der ja ohnehin auf diesen lose verbundenen Besitz keinen großen Werth legen kann, volle Entschädigung zu gewähren sein.«

Graf Bismarck schwieg fortwährend, lächelnd und freundlich.

»Endlich,« sagte Benedetti – Graf Bismarck erhob aufhorchend das Haupt.

»Endlich dürfte als Schlüssel der defensiven Position Frankreichs – ich spreche immer von Zeiten einer möglichen Verstimmung, die gewiß sehr fern liegen – für Frankreich der Besitz von Mainz –«

Ein Blitz sprühte aus den Augen des Grafen.

Rasch erhob er sich und stand mächtig aufathmend in der vollen Höhe seiner reckenhaften Gestalt da. Langsam folgte der Botschafter seinem Beispiel.

»Lieber würde ich von der politischen Bühne abtreten,« rief der preußische Minister – »als daß ich jemals die Abtretung von Mainz unterzeichnete!«

Und er that rasch einige Schritte durch das Zimmer.

Der Botschafter stand unbeweglich da. Seine klaren, ruhigen Augen folgten beobachtend den lebhaften Bewegungen des Grafen.

»Wenn meine Ansichten,« sagte er mit dem Tone der einfach fortgeführten Konversation, – »mit den Ihrigen nicht übereinstimmen – so –«

Graf Bismarck hatte das Gesicht einen Augenblick nach dem Fenster gewendet und wie in heftiger Willensanstrengung die Lippen fest aufeinandergepreßt.

»–So werden wir uns bei ausführlicherer Diskussion gewiß verständigen,« sagte er im ruhigsten und verbindlichsten Ton, indem er sich zu dem Botschafter zurückwendete und den von diesem begonnenen Satz ergänzte.

Sein Gesicht war wieder gleichmäßig freundlich und höflich wie zuvor.

»Diese Diskussion aber,« fuhr er fort, »sollten wir jetzt nicht antizipiren. – Haben Sie,« fragte er, »den Auftrag, jene Wünsche, welche Sie aussprachen, im Namen des Kaisers zu formuliren und eine Antwort darauf zu verlangen, oder dieselben in irgend eine Verbindung zu den Friedensverhandlungen mit Oesterreich zu bringen?«

»Ich hatte die Ehre,« sagte Herr Benedetti – »schon beim Beginne unserer Unterhaltung über diesen Punkt zu bemerken, daß ich meine Ansichten ausspräche, ich habe keinen Auftrag, irgend etwas zu fordern, noch eine bestimmte Antwort zu erbitten, noch weniger diese Konversation mit den österreichischen Friedensverhandlungen in Beziehung zu setzen.«

»So sind Sie mit mir einverstanden,« erwiederte Graf Bismarck, »daß wir diese Unterredung fortsetzen, wenn das zunächst Liegende geschehen und der Friede mit Oesterreich unterzeichnet ist, – Sie begreifen, daß dazu tiefe und ruhige Ueberlegung gehört, um ganz objektiv die beiderseitigen Interessen abzuwägen, – und dann,« fuhr er lächelnd fort, »ist es auch nicht leicht, über Kompensationen zu diskutiren, bevor die Objekte, deren Aequivalent die Kompensationen bilden sollen, in unseren Händen sind. – Ich zweifle übrigens nicht,« fuhr er fort, »daß wir uns verständigen werden, wenn wir dann ernstlich an die Sache gehen und Sie bestimmte Aufträge haben. – Sie wissen, wie sehr ich wünsche, die Beziehungen zu Frankreich nicht nur in der bisherigen Freundlichkeit zu erhalten, sondern so dauernd und sicher zu konsolidiren, daß die Verbindung zwischen Frankreich und Deutschland zur Basis des europäischen Friedens werde. – So ist denn Alles, was für den Augenblick abzumachen ist, erledigt?« fragte er nach einer kurzen Pause.

»Vollkommen,« erwiederte Herr Benedetti.

»Die österreichischen Bevollmächtigten –?«

»Werden morgen oder übermorgen ankommen, – ich aber will mich nach der anstrengenden Reise etwas ausruhen.« Und er ergriff seinen Hut.

Graf Bismarck reichte ihm die Hand und geleitete ihn nach dem Ausgang des Zimmers.

Kaum hatte die Thüre sich hinter dem Botschafter geschlossen, als der Ausdruck in dem Gesicht des Grafen Bismarck sich vollständig veränderte. Das freundliche und verbindliche Lächeln verschwand von seinen Lippen, flammender Zorn blitzte aus seinen Augen.

»Einen guten Handel wollen sie machen,« rief er, »diese geschickten Spieler – aber sie sollen sich täuschen, – sie verrechnen sich in mir. Deutschland bezahlt die Schritte zu seiner Einigung nicht mit seinem eigenen Fleisch und Blut – wie Italien – wenigstens nicht so lange ich Einfluß auf die Geschicke der Nation habe. – Mögen sie herankommen an den Rhein – wenn es nicht anders möglich ist, – rückwärts werde ich nicht weichen;– die einzige Konzession, die ich machen kann, ist – langsam vorwärts zu gehen; – mir wäre es nicht unlieb, wenn sie den Kampf aufnähmen,« rief er mit funkelnden Augen, »ich bin noch einmal bereit zu sagen: Ich hab's gewagt! – und dießmal würde der König nicht zögern und warten. – Doch,« fuhr er ruhiger fort, – »es ist viel erreicht und tollkühn soll das Gewonnene nicht aufs Spiel gesetzt werden, – sie glauben das Spiel in der Hand zu haben, – nun wohl, ich werde die Karten ein wenig von meiner Seite mischen.«

Er bewegte eine kleine Glocke. Eine Ordonnanz trat herein.

»Suchen Sie Herrn von Keudell und bitten Sie ihn, den Herrn von der Pfordten zu mir zu führen!«

Die Ordonnanz entfernte sich.

Graf Bismarck setzte sich wieder vor die auf dem Tische ausgebreitete Landkarte und betrachtete dieselbe aufmerksam, zuweilen mit dem Finger der rechten Hand über dieselbe hinfahrend, bald die Lippen in leisem Flüstern bewegend, bald das Auge sinnend nach der Decke des Zimmers richtend.

Nach einer Viertelstunde führte Herr von Keudell den bayerischen Minister von der Pfordten in das Kabinet.

Die volle und große Gestalt dieses Staatsmannes war gebeugt und zeigte in ihrer Haltung Spuren großer körperlicher Ermattung. Sein längliches, volles und weiches Gesicht, von dem dunklen glatten Haar umrahmt, war blaß und erschöpft, trübe blickte das Auge durch die Gläser seiner Brille.

Graf Bismarck hatte sich hoch aufgerichtet, – ein Ausdruck eisiger Kälte lag auf seinen Zügen; in straff militärischer Haltung, aber mit strengster formeller Höflichkeit trat er dem bayerischen Minister entgegen und erwiederte dessen Gruß. Dann lud er ihn mit einer eben so kalten und eben so höflichen Bewegung, ein, auf dem Stuhle Platz zu nehmen, den vor Kurzem Herr Benedetti verlassen hatte, und setzte sich ihm gegenüber, seine Anrede erwartend.

»Ich bin gekommen,« sagte Herr von der Pfordten mit leicht bewegter Stimme in seinem südlich anklingenden Dialekt, »um weiteres Blutvergießen und Kriegsunglück zu verhüten. Der Feldzug ist im Wesentlichen entschieden – zu Ihren Gunsten entschieden, und Bayern darf nicht zögern, den Krieg zu beenden – den es,« fügte er leise hinzu – »vielleicht besser gar nicht begonnen hätte.«

Graf Bismarck sah ihn einen Augenblick mit seinem harten, klaren Blick streng an.

»Wissen Sie,« sagte er, »daß ich im vollen Recht wäre, Sie als Kriegsgefangenen zu behandeln?« fragte er.

Herr von der Pfordten fuhr zusammen. Er war einen Augenblick sprachlos und blickte voll tiefen Erstaunens den preußischen Minister an.

»Bayern ist im Kriege mit Preußen, – es finden keine Verhandlungen statt,« sagte Graf Bismarck, – »ein bayerischer Minister kann nur als Gefangener im preußischen Hauptquartier sein – der einzige Weg völkerrechtlichen Verkehrs geht durch die Parlamentärs.«

Herr von der Pfordten neigte traurig das Haupt. »Ich bin in Ihrer Gewalt,« sagte er ruhig, – »und daß ich es bin, beweist, wie sehr ich den Frieden wünsche – was würden Sie gewinnen, wenn Sie mich arretirten?«

Graf Bismarck schwieg.

»Ich bewundere Ihre Kühnheit, hieher zu kommen,« sagte er nach einer Pause, – »sie beweist in der That, daß Sie des Friedens bedürftig sind.«

Herr von der Pfordten schüttelte leicht den Kopf. »Ich fürchte,« sagte er, »daß mein Schritt umsonst sein wird.«

»Ein guter Schritt ist nie umsonst, selbst wenn er spät, – zu spät kommt,« sagte Graf Bismarck mit einer leicht freundlicheren Nüancirung des Tons seiner Stimme, – »welche Stellung hätte Bayern haben können, wenn Sie diesen Schritt vor vier Wochen gethan, wenn Sie vor vier Wochen zu mir nach Berlin gekommen wären!«

»Ich habe an dem von ganz Europa sanktionirten deutschen Bunde festgehalten,« erwiederte Herr von der Pfordten – »und habe geglaubt, meine Pflicht gegen Deutschland und gegen Bayern zu erfüllen; und habe ich mich geirrt – ewig still steht die Vergangenheit, – ich bin gekommen, über die Zukunft zu sprechen.«

»Die Zukunft liegt in unserer Hand,« rief Graf Bismarck – »Oesterreich schließt seinen Frieden und kümmert sich weder um den Bund noch um seine Bundesgenossen!«

»Ich weiß es,« sagte Herr von der Pfordten tonlos.

»Deutschland sieht jetzt,« fuhr Graf Bismarck fort, »wohin es im österreichischen Schlepptau gekommen ist, – besonders für Bayern thut es mir leid, denn Bayern habe ich stets für berufen gehalten, eine besonders wichtige und bedeutungsvolle Stellung in der nationalen Entwicklung Deutschlands einzunehmen und mit Preußen vereint an der Spitze der Nation zu stehen.«

»War es ein falscher Weg,« sagte Herr von der Pfordten, – »den Bayern unter meiner Leitung gegangen ist, – und der Erfolg hat entschieden, daß er falsch war, – so läßt sich jeder Fehler verbessern – wenn auch spät. Meine Thätigkeit ist nach der gefallenen Entscheidung beschlossen, mir bleibt noch eine Pflicht zu erfüllen, das ist, Alles aufzubieten, um von meinem Lande und meinem jungen König die schweren Folgen – meines Fehlers – abzuwenden. Um diese Pflicht zu erfüllen, bin ich hier, und gerade weil ich von der Zukunft nichts verlange und nichts erwarte, glaubte ich um so unbefangener und objektiver mit Ihnen, Herr Graf, über diese Zukunft sprechen zu können.«

Graf Bismarck schwieg einen Augenblick und spielte leicht mit den Fingern auf dem Tisch.

»Ich bin nicht in der Lage,« sagte er dann, »als preußischer Minister mit dem Minister Bayerns zu sprechen, – dazu fehlt die Grundlage, dazu fehlt die Genehmigung des Königs. – Doch soll diese Stunde nicht unfruchtbar sein,« fügte er mit milderem Tone hinzu, »ich will Ihnen beweisen, wie sehr ich persönlich bedaure, daß wir uns nicht haben verständigen, nicht haben zusammengehen können, Ihr Rath, Ihre Erfahrungen hätten Deutschland so nützlich sein können! Sprechen wir,« fuhr er fort, – »Baron von der Pfordten und Graf Bismarck, ein bayerischer und ein preußischer Patriot, über die Lage der Dinge – – vielleicht,« fügte er lächelnd hinzu, »kann der bayerische und der preußische Minister demnächst etwas von uns lernen.«

Das Gesicht des Herrn von der Pfordten hellte sich auf. Mit freudigem Ausdruck sah er durch die Brille zu dem Grafen hinüber.

»Was denken Sie denn,« fragte dieser, »daß mit Bayern geschehen soll, daß Preußen mit Bayern machen könne?«

»Ich setze voraus,« sagte Herr von der Pfordten, »daß Preußen seine unbedingte Hegemonie in Norddeutschland beanspruchen wird –«

»Wer wollte sie bestreiten?« fragte Graf Bismarck.

»Ich möchte dann darauf aufmerksam machen, daß eine Annexion süddeutscher Gebiete, so heterogen in Allem, kaum im preußischen Interesse liegen kann – und daß es mehr in Ihrem Vortheil ist, mit dem selbstständigen und ungeschwächten Bayern in Freundschaft und Verständniß die Zukunft Deutschlands zu gestalten –«

»Um bei jeder Gelegenheit neuen Schwierigkeiten zu begegnen?« fragte Graf Bismarck.

»Nach den Erfahrungen dieser Tage,« begann der bayerische Minister –

»Mein lieber Baron,« unterbrach ihn Graf Bismarck – »ich will ganz offen mit Ihnen sprechen. Die Zukunft gehört nicht mir und nicht Ihnen. Worte und Versprechungen, so ernst Sie dieselben auch meinen mögen, können nicht die Grundlage sein, auf der die zukünftige Ruhe und Stärke Preußens und Deutschlands beruhen. – Wir brauchen Garantieen. Preußen darf den Gefahren, die es jetzt überwunden hat, nicht noch einmal ausgesetzt sein, es darf die Opfer, die es gebracht, nicht noch einmal bringen. – Bayern ist stets – sehr zu seinem eigenen Nachtheil, wie ich jederzeit überzeugt war – uns feindlich gewesen. Wir müssen volle Sicherheit haben, daß dieß künftig nicht geschieht. Dafür gibt es zwei Wege.«

Herr von der Pfordten horchte gespannt auf.

»Entweder,«, fuhr Graf Bismarck fort, »wir nehmen von Ihrem Gebiete so viel fort, daß Bayern völlig ohnmächtig ist, uns jemals zu schaden –«

»Haben Sie an die Schwierigkeiten gedacht, bayerisches Gebiet und bayerische Bevölkerungen zu assimiliren?« fragte Herr von der Pfordten.

»Dieselben würden groß sein,« sagte Graf Bismarck ruhig, – »ich gebe es zu – allein wir würden sie überwinden und für die Sicherheit Preußens kenne ich keine Schwierigkeiten.«

Herr von der Pfordten seufzte.

»Die Verwickelungen, die ein solches Vorgehen hervorrufen könnte!« – sagte er mit halber Stimme, indem er einen forschenden Blick auf das Gesicht des preußischen Ministers warf.

Graf Bismarck sah ihn starr an.

»Woher sollten die kommen?« fragte er, – »von Oesterreich? – Und,« fuhr er fort, indem er sein Auge scharf und stolz über die ganze Gestalt des bayerischen Ministers gleiten ließ, – »da, wo sonst noch an Verwickelungen gedacht werden könnte, – würde man einen Theil an der Beute nicht verschmähen.«

Herr von der Pfordten neigte das Haupt.

»Sprechen wir also nicht davon,« sagte Graf Bismarck, – »wir sind Deutsche – machen wir deutsche Angelegenheiten ohne Seitenblicke ab.«

»Und der andere Weg?« fragte Herr von der Pfordten zögernd.

»Das innere Leben Bayerns,« sagte Graf Bismarck, nachdenklich vor sich hinblickend, »ist uns fremdartig und wir können darin nicht eingreifen wollen. Was Deutschland bedarf zu seiner Macht und Stärke, was Preußen bedarf zu seiner Sicherheit – das ist das einige Zusammenfassen der nationalen Wehrkraft in der Hand des mächtigsten Kriegsherrn der deutschen Nation, – ihres natürlichen Feldherrn. – Sollte Bayern dieser nationalen Notwendigkeit sich fügen, – sie durch einen festen Vertrag anerkennen, – mit einem Wort dem König von Preußen im Fall des nationalen Krieges die Feldherrnschaft seiner Militärmacht übertragen, so wäre die nöthige Garantie für Deutschlands Wehrhaftigkeit und Macht, – für Preußens Sicherheit vorhanden.«

Das Gesicht des bayerischen Ministers klarte sich mehr und mehr auf.

»Die Feldherrnschaft im nationalen Kriege?« fragte er.

»Natürlich mit den nöthigen Vereinbarungen, um eine gemeinsame Führung, eine Einfügung des bayerischen Korps in den Organismus der preußischen Armee möglich zu machen,« sagte Graf Bismarck.

»Ohne Eingriff in die Kriegsherrlichkeit des Königs?« fragte Herr von der Pfordten.

»Eine weitere Beschränkung derselben würde ich nicht für nöthig halten,« erwiederte der Graf.

Herr von der Pfordten athmete tief auf.

»Dieß also würden Ihre Friedensbedingungen sein?« fragte er.

»Nicht die Friedensbedingungen, sondern die Vorbedingungen für den Frieden,« erwiederte Graf Bismarck.

»Wie soll ich das verstehen?« fragte Her von der Pfordten.

»Sehr einfach,« sagte der Graf, – »wenn ein solcher Vertrag, wie ich ihn eben skizzirt habe, und den ich in seinen Detailbestimmungen sogleich von militärischer Fachseite entwerfen lassen will, geschlossen wird, ein Vertrag, der übrigens vorläufig geheim bleiben kann, – ja,« fügte er wie nachdenkend hinzu, »wohl besser geheim bleibt, um Ihnen keine Verlegenheiten bei Ihren antipreußischen Parteien im Innern zu schaffen, – wenn ein solcher Vertrag, sage ich, angenommen wird, dann wird sich der Frieden sehr leicht schließen lassen. Preußen hat durch diesen Vertrag dann die Garantie, daß Bayern wirklich und aufrichtig mit uns an dem Werk der nationalen Einigung arbeiten will und allen Fehlern seiner früheren Politik entsagt, mit dieser Garantie werden wir die Friedensbedingungen sehr leicht stellen können, – ja es liegt in unserem Interesse, Bayern dann so kräftig und selbstständig als möglich in Deutschland zu erhalten. Es würde sich dann nur um die Kriegskosten handeln, die wir voll erstattet haben müssen, und vielleicht um einige ganz unbedeutende Gebietsabtretungen zur Abrundung unserer Grenzen.«

»Herr Graf,« sagte Herr von der Pfordten bewegt, – »ich danke Ihnen, – Sie zeigen mir einen Weg, auf dem Bayern mit Ehren und zum Wohle des deutschen Vaterlandes aus der traurigen Lage herauskommen kann, in der es sich befindet – ich danke Ihnen im Namen meines Königs!«

»Ich habe für Ihren jugendlichen König die tiefste Theilnahme,« sagte Graf Bismarck, »und ich hoffe, daß Bayern im Bunde mit Preußen noch zu der Stellung in Deutschland gelangen wird, welche es so lange – nicht hat einnehmen wollen,« sagte Graf Bismarck mit milder Stimme. – »Doch nun, mein lieber Baron,« fuhr er fort, indem er sich erhob, – »vergessen wir nicht, daß hier eine Unterredung zwischen zwei Privatpersonen stattgefunden hat. Eilen Sie zu Ihrem Könige zurück und bringen Sie so bald als möglich die Zustimmung zu dem Vertrage hieher, – sobald derselbe unterzeichnet ist, sollen die Feindseligkeiten eingestellt werden, und ich verspreche Ihnen, daß der Friedensschluß schnell und ohne Schwierigkeiten erfolgen wird. – Und,« sagte er mit verbindlichem Ton – »seien Sie überzeugt, daß ich Ihren Rücktritt von den Geschäften nicht wünsche.«

»Ich weiß,« sagte Herr von der Pfordten, »was mir zu thun übrig bleibt, – eine neue Hand muß Bayern in die neuen Bahnen leiten, – meine Wünsche aber werden stets dem neuen Deutschland gehören, wie sie für das alte lebendig waren!«

»Noch eins,« sagte Graf Bismarck – »da wir uns so gut verstanden haben, könnten Sie auch Ihren Verbündeten in Stuttgart und Darmstadt einen Dienst leisten – vielleicht auch mir, – denn ich wünschte auch Württemberg und Hessen schonend behandeln zu können. Würden die dortigen Höfe einen Vertrag in ähnlichem Sinne schließen, wie wir ihn besprochen haben, so würde eine solche Schonung möglich sein. Mit der Vollmacht, jenen Vorvertrag zu schließen, – dem ich auch dort gern das Geheimniß verspreche – werden mir die Herren von Varnbüler und von Dalwigk willkommen sein und billige und leichte Friedensbedingungen finden.«

»Ich zweifle nicht, daß sie in Kurzem erscheinen werden,« sagte Herr von der Pfordten.

»Nun, mein lieber Baron – eilen Sie,« rief Graf Bismarck, – »auf baldiges Wiedersehen, – und machen Sie, daß Graf Bismarck so schnell als möglich den bayerischen Minister und Friedensbevollmächtigten hier begrüßen könne.«

Er reichte Herrn von der Pfordten die Hand, – die dieser bewegt und herzlich drückte – und geleitete ihn dann zur Thüre. – Im Vorzimmer war Herr von Keudell und der Graf ersuchte ihn, für die schleunige und unbehelligte Reise des bayerischen Ministers Sorge zu tragen.

Als Graf Bismarck in sein Zimmer zurückgekehrt war, rieb er sich zufrieden die Hände, indem er mit großen Schritten auf und nieder ging.

»So, meine Herren in Paris!« rief er lächelnd, »Sie wollen Deutschland spalten und theilen und sich Kompensationen bezahlen lassen, – nun, die Pfeiler zu seiner künftigen Einigungsbrücke sind geschlagen – und Ihre Kompensationen? – wohlan – wiegen Sie sich noch einige Zeit in der Hoffnung auf dieselben. – Doch jetzt zum Könige.«

Er knöpfte die Uniform zu, nahm seine Feldmütze und verließ das Zimmer, um sich nach dem Quartier des Königs Wilhelm zu begeben.

In seinem Vorzimmer erblickte er einen älteren Herrn mit grauem Haar und Bart in der Uniform des hannöverischen Flügeladjutanten.

Ein preußischer Offizier hatte denselben hereingeführt und näherte sich dem Ministerpräsidenten in dienstlicher Haltung:

»Oberstlieutenant von Heimbruch, Flügeladjutant des Königs von Hannover, wünscht Eure Excellenz zu sprechen, – ich habe ihn hieher geführt und wollte ihn soeben melden lassen.«

Graf Bismarck wendete sich zu Herrn von Heimbruch, legte grüßend die Hand an die Mütze und blickte ihn fragend an.

Der Oberstlieutenant näherte sich ihm und sagte: »Seine Majestät der König, mein allergnädigster Herr, welcher seit Kurzem in Wien angekommen ist, hat mich, da die Friedensverhandlungen begonnen haben, hieher gesendet, um Seiner Majestät dem König von Preußen ein Schreiben zu überreichen. Zugleich habe ich Eurer Excellenz diesen Brief des Grafen Platen zu bringen.«

Und er reichte dem Ministerpräsidenten ein versiegeltes Schreiben.

Dieser öffnete dasselbe und durchlas schnell den Inhalt.

Ernst wendete er sich zu Herrn von Heimbruch.

»Wollen Sie die Güte haben, mich hier zu erwarten, ich gehe zu Seiner Majestät und werde bald zurückkehren.«

Und er schritt mit militärischem Gruß weiter.

Im Vorzimmer des Königs waren mehrere Generale, verschiedene Ordonnanzoffiziere. Alle erhoben sich beim Eintritt des Majors Grafen Bismarck, welcher in militärischer Haltung die Generale begrüßte.

Der dienstthuende Flügeladjutant Major Freiherr von Loë trat dem Ministerpräsidenten entgegen.

»Ist Seine Majestät allein?« fragte Graf Bismarck.

»General von Moltke ist beim König,« antwortete Herr von Loë, – »doch hat Seine Majestät befohlen, Eure Excellenz sogleich zu melden.«

Und er trat nach einem kurzen Schlage in das Kabinet des Königs, aus welchem er sogleich zurückkehrte und die Thüre für den Ministerpräsidenten öffnete.

König Wilhelm stand vor einer großen über den Tisch gebreiteten Landkarte, auf welcher mit langen farbigen Nadeln die Stellung der Armeen bezeichnet war.

Er trug den Ueberrock der Campagne-Uniform, das eiserne Kreuz im Knopfloch, den Orden pour le mérite um den Hals.

Des Königs Blick folgte aufmerksam den Linien, welche der General von Moltke mit einem Bleistift, den er in der Hand hielt, über der Karte durch die Luft zog, bald hier, bald dort einen Punkt bezeichnend zur Erläuterung des Vortrags über seine Dispositionen. Die hohe, schlanke Gestalt des Generals war leicht vornüber geneigt, um die Karte zu überblicken, sein ruhiges, gleichmäßig stilles Gesicht mit den feinen, ernsten, an die Porträts Scharnhorst's erinnernden Zügen war leicht animirt, indem er seine Gedanken dem Könige entwickelte, welcher schweigend und nur von Zeit zu Zeit durch eine Neigung des Hauptes billigend zuhörte.

»Gut, daß Sie kommen,« rief der König dem eintretenden Ministerpräsidenten entgegen, – »Sie werden mir Aufklärung geben können, Moltke theilt mir so eben mit, daß General Manteuffel berichtet, der Prinz Karl von Bayern habe eine achttägige Waffenruhe und die Schonung des von Manteuffel bedrohten Würzburg proponirt, da der Abschluß eines Waffenstillstandsvertrages und die Friedensverhandlungen mit Bayern unmittelbar bevorstünden. General Manteuffel, der darüber ohne Mittheilungen ist, hat zwar die Verhandlungen nicht zurückgewiesen, indeß die Uebergabe Würzburgs als Bedingung der Waffenruhe gestellt und fragt nun an, was er thun solle. – Was sind das für Verhandlungen mit Bayern?«

Graf Bismarck lächelte.

»So eben verläßt mich Herr von der Pfordten, Majestät,« antwortete er.

»Ah,« rief der König, – »also bittet man doch um Frieden? – Was haben Sie mit ihm gesprochen?«

»Majestät,« erwiederte Graf Bismarck, – »das steht im Zusammenhange mit der ganzen augenblicklichen Situation, über welche ich mir erlauben wollte, Eurer Majestät Vortrag zu halten und Allerhöchstere Entscheidungen zu erbitten.«

General von Moltke steckte seinen Bleistift in ein großes Notizbuch, das er in der Hand hielt, und sagte: »Eure Majestät haben wohl augenblicklich keine weiteren Befehle für mich?«

»Darf ich Eure Majestät bitten,« sagte Graf Bismarck schnell, – »daß der General hier bleibe, – seine Ansicht wird wichtig sein bei den vorliegenden Fragen!«

Der König neigte zustimmend das Haupt, der General richtete den ernsten Blick fragend auf den Ministerpräsidenten.

»Majestät,« sagte Graf Bismarck, »Benedetti ist zurück und bringt die Zustimmung Oesterreichs zu dem Friedensprogramm des Kaisers Napoleon.«

»So können die Verhandlungen beginnen?« fragte der König.

»Ohne Verzögerung, Majestät,« sagte Graf Bismarck. »Benedetti,« fuhr er fort, »machte sich ein großes Verdienst daraus, Oesterreich zur Annahme des Programms bewogen zu haben, er sprach von großem Widerstand, den er in Wien gefunden habe, und suchte mir die Lage Oesterreichs als noch sehr hoffnungsreich darzustellen.«

Moltke lächelte.

»Sie können nichts mehr machen in Wien,« sagte der König ruhig. »Sie haben geglaubt, uns nach Olmütz zu locken und dort festzuhalten, Wien zu decken und Ungarn zur Erhebung zu bringen. Das Alles ist vorbei. Wir haben auf Moltke's Rath sie ruhig vor Olmütz stehen lassen und sind geradeaus gegangen, – wir stehen vor Wien – das sich nicht halten kann, – die Schanzen, die sie bei Floridsdorf gemacht haben, werden uns nicht aufhalten, – übrigens halten wir den Schlüssel von Ungarn in Händen und die Ungarn sind auch gar nicht geneigt, Oesterreich aus seiner Verlegenheit zu helfen –«

»Ich weiß, Majestät,« sagte Graf Bismarck – »und weiß auch, was ich von den Versicherungen Benedetti's zu halten habe, – seine Taktik muß es sein, uns überall Schwierigkeiten zu zeigen, um uns die Notwendigkeit immer einleuchtender zu machen, uns mit Frankreich zu arrangiren und ihm den Preis seiner Vermittlung zu zahlen.«

»Und hat man jetzt einen Preis genannt?« fragte der König mit gesteigerter Aufmerksamkeit.

»Ich habe dem Botschafter,« erwiederte Graf Bismarck, »wie Eure Majestät bereits am 18. von Brünn aus dem Kaiser Napoleon telegraphirt, unumwunden ausgesprochen, daß ein bestimmter Machtzuwachs Preußens durch territoriale Gebietserwerbungen eine Notwendigkeit sei, und ich habe ihm die zwischen unsern Staatshälften liegenden feindlichen Gebiete und Sachsen bezeichnet.«

»Und hat er Widerspruch erhoben?« fragte der König.

– 193 –

»Er hat,« erwiederte Graf Bismarck, »einige Redensarten über Verträge und europäisches Gleichgewicht gemacht, welche im Munde eines napoleonischen Diplomaten etwas eigentümlich klingen, – indeß hat er nichts eingewendet, – nur was Sachsen betrifft –«

»Nun?« fragte der König.

»Was Sachsen betrifft,« fuhr Graf Bismarck fort, »hat – wie Benedetti sich ausdrückt, der Kaiser Napoleon sich die unbedingte österreichische Forderung angeeignet, die territoriale Integrität Sachsens zu erhalten.«

Der König blickte nachdenkend zu Boden.

»Das heißt« – fuhr Gras Bismarck fort, – »man schiebt von Paris aus Oesterreich vor, – aber gleichviel, die Erhaltung Sachsens wird ernstlich verlangt. – Eure Majestät müssen sich also nun entscheiden, – ob Sie in diesem Punkte eine Konzession machen wollen, oder nicht.«

»Was ist Ihre Meinung?« fragte der König.

»Auf die Einverleibung Sachsens zu verzichten, Majestät, um die augenblickliche Lage nicht zu kompliziren, eine absolute Nothwendigkeit zur Einverleibung Sachsens liegt nicht vor, – ich glaube auch in militärischer Beziehung –«

Und er richtete den Blick fragend auf den General von Moltke.

»Wenn Sachsen in den Militärverband des norddeutschen Bundes tritt und seine Verpflichtungen ernstlich erfüllt – nein!« sagte der General.

»Der König Johann wird sein Wort unverbrüchlich halten!« sagte der König, indem ein warmes Licht in seinem Auge glänzte, – »so sei denn die Erhaltung Sachsens zugestanden, – es thut mir ungemein wohl, in diesem Falle die harten Folgen des Krieges für einen hochachtungswerthen Fürsten mildern zu können.«

Graf Bismarck verneigte sich.

»Frankreich acceptirt also,« fuhr er fort, »ebenso wie Oesterreich alle in Norddeutschland vorzunehmenden Gebietsveränderungen – doch nun beginnt eine besondere Verhandlung über die Kompensationen.«

Des Königs Antlitz verfinsterte sich.

»Hat man Forderungen gestellt?« fragte er.

»Nein – doch hat mir Benedetti sehr bestimmt diejenigen bezeichnet, die man stellen wird, – und auf die ich übrigens gefaßt war,« – erwiederte Graf Bismarck.

»Und die heißen?« fragte der König.

Ruhig und lächelnd antwortete Graf Bismarck:

»Die Grenzen von 1814, Luxemburg und – Mainz!«

Der König fuhr zusammen, wie von einem elektrischen Schlage berührt. Ueber das blasse feine Gesicht des Generals von Moltke flog eine dunkle Röthe und ein sarkastisches Lächeln umspielte seinen Mund.

»Und was haben Sie geantwortet?« fragte der König, die Zähne aufeinander pressend.

»Ich habe die Verhandlungen über diese Punkte vertagt, – bis nach dem Friedensschluß mit Oesterreich – um so mehr, da Benedetti sie nur als seine Ansicht aussprach, – ich also gar nicht gezwungen war, eine bestimmte Antwort zu geben.«

»Sie wissen doch,« sagte der König mit strengem Ausdruck und Ton, »daß ich niemals einen Fuß breit deutscher Erde abtreten werde?«

»So gewiß,« erwiederte Graf Bismarck, »als Eure Majestät, wie ich hoffe, überzeugt sind, daß meine Hand niemals einen solchen Vertrag unterzeichnen würde! – Doch,« fuhr er fort, »unnütz einen Bruch und vorzeitige Verlegenheiten und Verwickelungen hervorzurufen, halte ich nicht für richtig; – wenn jetzt Frankreich kriegerisch aufträte –«

»So würden wir nach Paris gehen,« sprach General Moltke gelassen. »Napoleon hat keine Armee!«

»Graf Goltz glaubt das nicht,« sagte der Ministerpräsident, – »wenn ich darüber Gewißheit haben könnte – – doch« – fuhr er fort, – »in jedem Fall ist es besser, den Frieden mit Oesterreich zu schließen und die Verhandlungen über die Kompensationen, welche jetzt von Frankreich nicht offiziell eingeleitet sind, nicht zu provoziren. – Sind wir hier fertig, dann soll den Herren in Paris die Antwort werden, die ihnen gebührt und eine kleine Ueberraschung dazu – ich komme jetzt auf Herrn von der Pfordten, Majestät!«

Der König blickte ihn fragend an.

»Eure Majestät erinnern sich,« sagte Graf Bismarck, »der Stellung, welche das Friedensprogramm den süddeutschen Staaten gibt –«

»Gewiß,« erwiederte der König – »und diese Stellung erregt mir noch immer große Bedenken für die Zukunft!«

»Die Absicht dabei ist klar,« erwiederte der Ministerpräsident, »in Paris will man Deutschland spalten und die eine Hälfte durch die andere im Schach halten, – in Wien will man die Wiederaufnahme des jetzt verlorenen Spieles für die Zukunft vorbereiten. Ich hoffe, man wird sich verrechnen. – Ich habe,« fuhr er fort, »Herrn von der Pfordten sehr milde Friedensbedingungen in Aussicht gestellt, wenn Bayern in einem besondern geheimen Vertrage die Oberfeldherrnschaft Eurer Majestät über das bayerische Heer im Kriegsfälle acceptirt.«

Des Königs Augen leuchteten.

»Dann würde ja Deutschland einig sein!« rief er. – »Und er hat angenommen?« fragte er weiter.

»Mit Dank und freudiger Bewegung,« erwiederte Gras Bismarck, – »und auch Württemberg und Hessen wird ihm folgen, wie er mich versicherte. Ich möchte nun bitten, daß General Moltke die Güte hatte, den betreffenden Vertrag zu entwerfen, damit wenn Herr von der Pfordten mit der Genehmigung des Königs zurückkehrt, Alles schnell abgemacht werden kann, – auch für Württemberg und Hessen. Bis dahin müßte auch der General Manteuffel die definitive Erklärung über die Waffenruhe verschieben, um eine heilsame Pression auszuüben. – Ich hoffe,« fuhr er lächelnd fort, »der Kaiser Napoleon wird nach dem Friedensschluß bemerken, daß die Atouts in dem von ihm so fein gemischten Spiel in unserer Hand sind, – und dann soll auch die Kompensationsfrage erledigt werden.«

»Sehen Sie, Moltke,« sagte der König lächelnd und mit einem freundlichen Blick auf den Ministerpräsidenten – »diese Diplomaten bleiben sich doch immer gleich – auch wenn sie Uniform tragen! – Doch,« fuhr er ernster fort, »Benedetti darf mit mir nicht über die Kompensationen sprechen, – ich würde meine Antwort nicht vertagen können!«

Graf Bismarck verneigte sich.

»Doch, Majestät,« sagte er, »wir müssen die Aufmerksamkeit noch nach einer andern Seite richten. – Die Stimmung am russischen Hofe ist nicht günstig, – ich fürchte, daß dort unsere neuen Erwerbungen sehr verstimmen werden.«

»Ich fürchtete es,« sagte der König.

»Es ist nothwendig,« fuhr Graf Bismarck fort, »nach jener Seite die Luft völlig rein zu machen, die Einflüsse und Anschauungen, die dort vorwiegen könnten, zu paralysiren und Rußland darauf aufmerksam zu machen, wie hohes Interesse es an der Freundschaft Preußens und Deutschlands hat, – jetzt – und für die Zukunft. Es wird nothwendig sein, eine geschickte Person nach Petersburg zu senden. Ich werde Eurer Majestät eine Darlegung meiner Gesichtspunkte in dieser Richtung vorlegen, welche, wenn sie die Allerhöchste Genehmigung finden, dem Abgesandten als Instruktion dienen können.«

»Thun Sie das,« – sagte der König lebhaft, – »mir liegt nicht nur politisch, sondern auch persönlich sehr viel daran, die ungetrübte Freundschaft Rußlands zu erhalten. – Ich werde Manteuffel hinschicken,« sprach er nach kurzem Nachdenken, »er ist ganz der Mann dafür – sobald die Aktion gegen Bayern beendet ist.«

Gras Bismarck verneigte sich schweigend.

Dann sagte er:

»So eben, Majestät, ist ein hannöverischer Flügeladjutant mit einem Briefe des Königs hier eingetroffen. Er hat mir ein Schreiben des Grafen Platen gebracht.«

Ein tief schmerzlicher Ausdruck zeigte sich auf dem Gesicht des Königs.

»Was schreibt er?« fragte er.

»Der König erkenne Eure Majestät als Sieger in Deutschland an und sei bereit, die Bedingungen anzunehmen, welche Eure Majestät für den Frieden stellen würden.«

Der König schwieg lange.

»O,« rief er, »wenn ich ihm helfen könnte! Der arme Georg! – Könnte man nicht ein eingeschränktes Hannover ohne militärische Selbstständigkeit bestehen lassen?«

Graf Bismarck's Augen blickten mit eiserner Ruhe und Festigkeit in das bewegte Antlitz des Königs.

»Eure Majestät haben es für Preußens Sicherheit und Macht für nothwendig erachtet, Hannover einzuverleiben. Was sollte ein Schein-Königreich – eine einfache fürstliche Domäne den Welfen nützen? – uns aber könnte eine solche Enklave, umgeben von widerspenstiger Bevölkerung, sehr gefährlich werden. Bedenken Eure Majestät, welches Unheil diese hannöverische Diversion hätte herbeiführen können, wenn man Gablenz dort behalten hätte, oder wenn nur der hannöverische Generalstab etwas weniger unglaubliche Märsche gemacht hätte. Eine solche Gefahr muß für die Zukunft auf immer beseitigt werden!«

»Die Königin Friederike war die Schwester meiner Mutter!« sagte der König mit leicht zitternder Stimme.

»Ich verehre die Beziehungen fürstlichen Blutes, welche Eure Majestät mit dem Könige Georg verbinden,« sagte Graf Bismarck, – »und ich habe persönlich die achtungsvollste Sympathie mit diesem unglücklichen Fürsten, – aber,« fuhr er mit erhöhter Stimme fort, »Eurer Majestät innigste und nächste Verwandtschaft ist die zum preußischen Volk, zu dem Volk, dessen Blut auf diesen Schlachtfeldern geflossen, zu dem Volk Friedrichs des Großen, dem Volk von 1813. Diesem Volk müssen Eure Majestät den Preis seines Blutes geben. Verzeihen Eure Majestät, wenn ich mich erkühne, im Namen dieses Volkes zu sprechen, – ich weiß, daß meine Worte nur der Ausdruck dessen sind, was Eurer Majestät königliches Herz selbst tief und klar empfindet. – Wenn Eure Majestät den Brief des Königs annehmen,« fuhr er fort, »so binden Sie sich die Hände – so beginnen Sie Verhandlungen, die – nicht begonnen werden dürfen!«

Der König athmete tief auf.

»Gott ist mein Zeuge,« sagte er, »daß ich Alles versucht habe, um den Bruch mit Hannover zu vermeiden und den König vor dem schweren Verhängniß zu behüten, das nun über ihn hereinbrechen muß. – Glauben Sie mir,« fuhr er fort, – »mein Herz bringt Preußen, seiner Größe und seinem deutschen Beruf ein schweres Opfer, indem ich mit meiner Hand diese Notwendigkeit vollziehe!«

Und ein feuchter Schimmer überzog das klare Auge des Königs.

»So lehnen Sie denn die Annahme des Schreibens ab!« sagte er mit bewegter Stimme, traurig den Kopf neigend.

»Gott segne Eure Majestät!« rief Graf Bismarck mit leuchtendem Blick – »um Preußens und Deutschlands willen!«

General von Moltke blickte ernst mit dem Ausdruck inniger Liebe und Bewunderung zu seinem königlichen Kriegsherrn hinüber.

Schweigend winkte der König mit der Hand und wendete sich zum Fenster.

Graf Bismarck und der General verließen das Kabinet.

Zwanzigstes Kapitel.

Still war es geworden in Langensalza nach den Tagen des Sturmes und der Aufregung. Die hannöverische Armee war aufgelöst und in die Heimat gezogen, die preußischen Truppen waren weiter gerückt nach Süden und Westen den übrigen Feinden entgegen, und die kleine Stadt Langensalza war äußerlich wieder so still und bewegungslos geworden, wie sie es so lange Jahre vorher gewesen war, bis die Fügung des Geschickes sie zum Schauplatz so blutiger Ereignisse machte.

Lagen aber auch äußerlich die Straßen wieder ruhig und eintönig wie vordem da im heißen Sonnenschein des Hochsommers, so bewegte sich doch im Innern der Häuser ein stilles Leben der unermüdlichen Liebe und Barmherzigkeit, jene Liebe und Barmherzigkeit, welche nach den furchtbaren Wettern der Kriege reicher denn je emporsprießt und ein schönes Zeugniß ablegt für den ewigen und unlösbaren Zusammenhang des Menschenherzens mit dem Gott der unversiegbaren Liebe, der unerschöpflichen Barmherzigkeit.

Viele der schwerverwundeten Preußen und Hannoveraner hatten nicht fortgeschafft werden können und zahlreiche Lazarethe waren eingerichtet, alle Privathäuser hatten sich geöffnet für die Aufnahme der armen Opfer des Krieges, und aus Preußen und Hannover waren außer den barmherzigen Schwestern und Diakonissinnen die Angehörigen der Verwundeten zahlreich herbeigekommen, um selbstthätig die Pflege ihrer Lieben zu übernehmen. Wenn nach der sinkenden Sonne eine leichte Kühlung die dunkelnde Luft durchzog, dann sah man Frauen und Mädchen in dunkeln, einfachen Toiletten mit ernsten Gesichtern schweigend durch die Straßen eilen zu einem kurzen Gang in's Freie, um in der frischen Luft neue Kraft zu suchen für das anstrengende Werk liebevoller Aufopferung, und mit Theilnahme und stillem Mitgefühl folgten ihnen die Blicke der Einwohner, welche vor den Thüren saßen nach der Arbeit des Tages und sich in flüsterndem Gespräch ihre Bemerkungen mittheilten bald über diese, bald über jene Gruppe der Vorübergehenden.

Frau von Wendenstein war mit ihrer Tochter und Helene freundlich aufgenommen im Hause des alten Lohmeier, und Margarethe hatte den Damen zwei Zimmer des wohlhabenden Bürgerhauses so freundlich und behaglich eingerichtet, als sie es vermochte, während der Kandidat in einem nahen Gasthause sein Unterkommen gefunden.

Zitternd vor banger Erwartung war Frau von Wendenstein an das Bett ihres Sohnes getreten, gewaltsam das krampfhafte Schluchzen unterdrückend, das sie zu ersticken drohte, ruhig und starr hatte der Lieutenant dagelegen, ohne ein Zeichen des Lebens außer dem leisen, regelmäßigen Athem.

Da hatte die Mutter seine Hand ergriffen, sich über ihn gebeugt und sanft einen Kuß auf seine Stirn gehaucht. Und der junge Mann hatte unter dem magnetischen Einfluß dieses Kusses von den mütterlichen Lippen langsam die Augen geöffnet, und mit großem leeren Blick um sich geschaut, – dann aber hatte ein freundlicher Strahl des Erkennens diese starren Augen belebt, ein bleiches Lächeln war über seine Lippen gezogen und in fast unmerkbarem Druck, der Mutter fühlbar, hatten seine Finger gezuckt.

Da war die alte Dame an der Seite des Bettes auf die Kniee gesunken, hatte das Haupt auf die Hand des Sohnes gelegt und schweigend, in stiller, wortloser Inbrunst hatte sie Gott angerufen um die Erhaltung dieses Lebens, das aus ihrem Blute entstanden war.

Hinter der alten Dame aber standen die beiden jungen Mädchen. Mit großen, brennenden Blicken hatte Helene das Bild dieses so schwach und gebrochen daliegenden Jünglings verschlungen, der so frisch und blühend von ihr gegangen war. Fräulein von Wendenstein hatte weinend ihre Augen mit dem Tuche bedeckt. Helenens Augen waren trocken und klar, ihre bleichen Züge starr und bewegungslos – mit gefalteten Händen stand sie da, ihre Lippen zitterten leise.

Des Lieutenants von Wendenstein weitgeöffnetes Auge erblickte die jungen Mädchen, als seine Mutter am Bette zu Boden sank. Ein leichter Glanz der Freude zog über sein Gesicht, es leuchtete auf in seinen Augen wie jubelndes Entzücken, seine Lippen öffneten sich leicht, – aber ein schwerer, röchelnder Athemzug drang aus dem Munde und ein leichter röthlicher Schaum erschien auf den Lippen. Seine Augenlider schlossen sich wieder und todtenblaß und starr lag das Gesicht da auf dem weißen Kissen.

Dann war der Arzt gekommen und hatte seinen bedingungsweisen Trost gebracht, – und es hatte eine Zeit begonnen der unermüdlichen Pflege, dieser stillen Arbeit, die so schwer ist in ihrer Einfachheit und auf der doch so viel Segen ruht, welche das Herz so mächtig emporzieht von dem Treiben der Erde zum ewigen Quell der Liebe, zu dem ewigen Herrn über Menschenleben und Menschenschicksal. Wie ist es so leicht, im weichen Lehnstuhl zu sitzen, um den Schlaf eines Kranken zu bewachen! wie ist die Mühe so gering, einen kühlenden Umschlag auf eine Wunde zu legen, einen stärkenden Trank, eine beruhigende Arznei den Lippen einzuflößen, – ein Kissen zu lockern und aufzurichten!

Aber wer wägt die Schwere der Angst und der bangen Spannung, mit der der Blick des liebenden Auges an jedem Zucken der Wimpern, an jedem Beben der Lippen, an jedem Hauch des Athems hängt! Von einer Minute Schlaf, von einer übersehenen Verordnung kann ja das Leben des Kranken abhängen. O wie werden sie da groß in den stillen Nächten diese kleinen, nichtsbedeutenden Handreichungen, mit wie schwerem, langsamen Fall rollen sie hinab die sonst so flüchtigen Sekunden in das unerfüllbare Meer der Ewigkeit, wie klein und farblos wird alles treibende und schimmernde Drängen da draußen außerhalb des stillen Krankenzimmers vor der heiligen Arbeit, ein Menschenleben zu erhalten und die Hand der kalten Parze mit der unerbittlichen Scheere von dem zarten Faden abzuwenden, an dem so viel Glück und Hoffnung, so viel Liebe und Freude, so viel Arbeit und Ernte hängt!

Und wenn dann die Genesung leise, leise herantritt an das Schmerzenslager, wie eine zarte Frühlingsblume schüchtern das Haupt erhebend, immer bedroht von der rauhen Hand des winterlichen Todes, der ungern und zögernd sein Reich aufgibt und mit seinen kalten Flocken die Blüte ersticken möchte, welche die pflegende Hand Tag und Nacht mit unermüdlicher Sorge behütet, – wie beugt sich da das menschliche Herz in demüthiger Ergebung vor dem Allmächtigen, in dessen Hand das menschliche Leben ein Hauch ist, den der Augenblick verwehen kann, und der doch dieses Leben so sorgsam hütet und es mit so gewaltiger Kraft und so reichem Schmuck ausstattet! Wie gering erscheint da menschliches Wollen und Vermögen, – wie lernt da das Herz so ergebungsvoll beten: »Herr, nicht mein, sondern Dein Wille geschehe!« – wie hebt sich da aber auch die Seele so vertrauensvoll und gläubig empor zu dem Vater über den Sternen, der da spricht: »Bittet, so wird euch gegeben!«

Durch all' diese stillen Wege des innern Lebens war Frau von Wendenstein hindurchgegangen am Bette ihres Sohnes; bangend und hoffend, zagend und vertrauend, hatte sie in immer gleicher äußerer Ruhe die einförmige, gleichmäßige Arbeit der Pflege gethan, unterstützt von den jungen Mädchen, und Helene hatte in bleicher, stiller Ruhe ihren Theil der Arbeit gethan, ihre großen Augen blickten träumerisch vor sich hin und suchten mit ängstlicher Schärfe jeden Zug auf dem Gesicht des Kranken zu erspähen.

Und die Hoffnung war gekommen und hatte alle diese Herzen erfrischt und gestärkt, – der Kranke hatte das erste Wundfieber überwunden, – die Kugel war glücklich herausgezogen, es war nur noch eine Krisis zu überstehen, die Lösung des geronnenen Blutes, welches die Tiefe der Wunde erfüllte, und dann die Stärkung des schwer erschütterten Nervensystems.

Die tiefste und unbedingteste Ruhe hatte der Arzt zur Bedingung gemacht, kein lauter Ton durfte in der Nähe des Kranken erschallen, auf keine Frage durfte ihm geantwortet werden, und nur das Lächeln der Lippen, der freundliche Blick der Augen durften die Sprache bilden zwischen dem Leidenden und seinen Pflegerinnen.

Und wie lebhaft war diese Sprache!

Welch' ein reines, warmes Licht ergoß sich aus den Blicken Helenens, wenn sie auf dem bleichen Gesicht des Schlafenden ruhten, wie hingen diese Blicke besorgt an jedem Athemzuge, wie richteten sie sich dankerfüllt nach Oben, wenn diese Athemzüge in gleichmäßiger, sanfter Ruhe sich folgten!

Und wenn dann der Kranke die Augen aufschlug und diesen Blicken begegnete, wie leuchtend, wie strahlend in mattem, krankhaften Glanz sprachen diese Augen, – und wunderbar ist es, was ein Auge aussprechen kann, dieses so kleine Rund, welches doch das Firmament mit seinen Sternen, die ewigen Berge und das unendliche Meer umfaßt und zurückstrahlt; was das scharf begrenzte, in feste Form geschlossene Wort nicht sagen kann, was zwischen den Versen der blühendsten Dichtung unausgesprochen bleiben muß das Alles sagt das Auge in so feiner Nüancirung, in so unmittelbar verständnißvollem Ausdruck; und vor Allem das kranke Auge, das lichter und durchsichtiger wird, weil es den wechselnden und verwirrenden Bildern der Welt fern bleibt, das reiner und klarer der still in sich selbst zurückgezogenen Seele sich öffnet.

Wenn das Auge des kranken Offiziers so auf dem jungen Mädchen ruhte und in seiner tiefen Beredsamkeit eine ganze Geschichte voll Poesie erzählte, von Erinnerungen der Vergangenheit, von hoffnungsreichen Träumen für die Zukunft, dann senkte sich ihr Blick und eine leichte Röthe zog über ihre Stirn. Und doch mußte auch sie das Auge wieder heben und durch leichten Thränenschleier schimmerte die Antwort ihres Herzens zurück.

Dann hatte er einmal, als Helene ihm einen kühlenden Trank gereicht, seine weiße magere Hand mit den dunkelblau schimmernden Adern ihr entgegengestreckt – sie hatte die ihre hineingelegt und er hatte sie innig umschlossen und lange gehalten, und dabei hatte sein Auge so wunderbar dankend, fragend und sehnend auf ihr geruht, daß sie, mit Purpur übergossen, ihre Hand zurückgezogen, – aber ihr Blick hatte geantwortet und lächelnd hatte er die Augen geschlossen – den wachen Traum sanft hinüber nehmend in den leichten und ruhigen Schlummer.

Und seitdem hatte er öfter mit bittendem Blick ihr die Hand gereicht und sie hatte sie ihm gegeben, – und dann hatte er diese Hand sanft an seine Lippen gezogen und mit dem heißen Athem der Krankheit einen Kuß darauf gehaucht, und sie hatte wieder zitternd die Hand zurückgezogen und wieder hatten ihre Augen sich dennoch zu ihm erhoben und ein glückliches Lächeln auf seinen Lippen erscheinen lassen. Und immer reicher und verständnißvoller war die stumme Sprache geworden zwischen ihnen, und oft hatte er die Lippen öffnen wollen, um mit dem Flüstern seiner matten Stimme die Sprache der Augen zu unterstützen, – aber mit süßem Lächeln hatte sie den Finger auf ihre Lippen gelegt und sein Mund war stumm geblieben. Endlich aber hatte dieser Mund sich doch geöffnet, als sie an seinem Lager saß, und leise flüsternd hatte er nichts gesagt, als: »liebe Helene!«

Da hatte sie ihm in schneller Bewegung und mit leuchtendem Blick die Hand gereicht und sie nicht zurückgezogen, als er sie an seine Lippen führte und lange und innig an seinen Mund drückte.

Frau von Wendenstein hatte sie wohl gesehen, diese stumme Sprache, und sie hatte sie auch verstanden – denn welche Frau versteht sie nicht, und welcher Mutter entgeht es, wenn das Herz eines geliebten Sohnes sich in zarter Regung Derjenigen zuwendet, die in den Kämpfen des männlichen Lebens das weibliche Liebeswerk fortführen soll, welches die Mutter in der stillen Entwicklung der Kindheit begonnen, dieses Werk der mildernden, tröstenden, sänftigenden und versöhnenden Liebe, ohne welche die männliche Kraft hart und unfruchtbar bleibt, ohne welche dem männlichen Streben die Weihe und Verklärung der Anmuth fehlt?

In diesem Nachdenken hatte sie oft dagesessen gegenüber dieser Begegnung der zwei jungen Herzen, – ob es ihr recht war, ob sie mit Freude oder Sorge Dem zusah, was sich vor ihren Augen entwickelte und worin einzugreifen ihr die Macht fehlte, das wäre schwer zu lesen gewesen in ihrem blassen, stets freundlichen und gleichmäßig ruhigen Gesicht, jedenfalls war ihr Herz tief bewegt beim Anblick dieser Liebesblüte, die da an dem Schmerzenslager ihres Sohnes sich erschloß, und als eines Tages der Kranke beide Arme ausstreckte, ihre Hand zugleich mit der Helenens ergriff und seine Blicke so liebevoll, so innig bittend von der Geliebten zur Mutter hinübergleiten ließ, da hatte sie stumm die Arme um Helene geschlungen und einen sanften Kuß auf ihre Stirn gedrückt, dann war ihre Tochter gekommen und hatte Helene zärtlich an ihr Herz geschlossen – und der Kranke hatte mit glückseligem Lächeln und verklärtem Blick, die blassen Hände über der Decke des Bettes gefaltet, dem zugesehen.

So hatte sich im stillen Krankenzimmer, ein reiches, ereignißvolles Leben vollzogen, ein Herzensbund war geschlossen, so rein, so zart, so duftig und so heilig, wie er sich kaum hätte gestalten können im rauschenden Leben, – es war kein Wort weiter über alles Das gewechselt, – aber Alle verstanden sich, – Alle wußten und fühlten, daß, was hier erwachsen war, an den Grenzmarken, welche das Leben von dem Tode scheiden, in der Stille der Einsamkeit, – daß das stark und mächtig hineinwachsen würde in das künftige Leben. So hatte Gott, während er in furchtbaren Wettern herniederstieg in die Weltgeschichte und in gewaltigem Ringen die Völker Deutschlands hinüberführte zu neuen Ordnungen – hier mit leiser und zarter Hand eingegriffen in das innere Leben der Menschenherzen, und was diese Herzen hier erlebt in schweigender innerlicher Empfindung, das blieb in ihnen für das künftige Leben eben so tief in unauslöschlichen Zügen eingeschrieben, als die Riesenschrift, mit welcher das ewige Urtheil Gottes in die Tafeln der Geschichte gegraben war. –

Fritz Deyke, mit seinen klaren, treuen und scharfen Augen, hatte nicht minder gesehen und verstanden, was da vorgegangen war am Krankenbett seines Lieutenants, – auch er hatte kein Wort darüber gesprochen, aber wohl hatte er sein Verständniß und seine volle Zufriedenheit ausgedrückt durch die ehrerbietige Aufmerksamkeit, die herzliche Theilnahme, mit welcher er die Tochter des Pfarrers umgab, und wenn er das junge Mädchen am Bette des Kranken sitzen sah, dann blickte er mit lächelndem Gesicht von dem Einen zum Andern und nickte freundlich und wie einem innern Gedanken zustimmend vor sich hin.

Seit die Damen angekommen waren, kam er nur ab und zu in das Krankenzimmer, Alles herbeibringend, was zur Pflege nöthig war, und nur Nachts ließ er es sich nicht nehmen, die letzten und schwersten Stunden der Wache zu thun, mit gutmüthiger Derbheit die Damen aus dem Zimmer des Verwundeten entfernend.

Aber unermüdlich eifrig war er gewesen, der hübschen Margarethe in allen ihren Besorgungen zu helfen, um das stille, einförmige Leben der Gäste des Hauses so angenehm als möglich zu gestalten und ihnen jede mögliche Behaglichkeit zu schaffen; dann hatte er sich dem alten Lohmeier fast unentbehrlich gemacht im Hofe, im Stall und im Garten, – überall mit geschickter Hand zugreifend und dem Alten manche Mühe erleichternd, manche Besorgung ganz abnehmend. Und am Abend saß er vor der Thüre mit dem Alten und seiner Tochter; zufrieden hörte der Vater, still lächelnd die Tochter zu, wenn der kräftige Sohn des Wendlandes, der den Soldatenrock längst wieder ausgezogen, von seiner Heimat erzählte; wohlgefällig nickte der Alte, wenn aus allen diesen Erzählungen immer klar hervorging, was der alte Deyke für ein wohlhabender Mann sein müsse und ein wie reicher Besitz einst seinem einzigen Sohn und Erben zufallen werde.

Der Kandidat kam täglich mehrmals zu den Damen, half in leiser und ruhiger Weise, so gut er konnte, bei der Pflege des Kranken und sprach der alten Dame in wohlgesetzten frommen Worten Trost zu. Er ging in allen Häusern aus und ein, wo Kranke und Verwundete lagen, brachte ihnen geistlichen Zuspruch und war unermüdlich thätig in der Einrichtung und Verwaltung der Lazarethe, so daß er sich bei den Bewohnern von Langensalza und bei allen Angehörigen der Verwundeten die allgemeine Sympathie und Anerkennung erwarb. Frau von Wendenstein war seines Lobes voll und zeigte dem jungen Geistlichen bei jeder Gelegenheit ihre achtungsvolle Dankbarkeit.

Helene hielt sich von ihrem Vetter in einer gewissen Entfernung und er suchte sich auch seinerseits ihr nicht weiter zu nähern, als es der tägliche Verkehr bedingte. Wohl ruhten seine Blicke oft mit einem eigentümlichen Ausdruck auf ihr, wohl zuckte zuweilen ein feindlicher, böser Strahl aus seinem scharfen Auge, wenn er das junge Mädchen am Bette des Verwundeten sitzen sah, wenn ihre ganze Seele in ihrem Blick lag und das Gefühl ihres Herzens warm aus ihren Zügen sprach, – aber kein Wort, keine Andeutung verrieth, daß er bemerkte, was hier in der Stille und Einsamkeit sich entwickelt hatte.

An einem späten Nachmittage der letzten Julilage saß Frau von Wendenstein mit ihrer Tochter in ihrem Zimmer, dessen Fenster weit geöffnet waren, um die kühlere Luft des herabsinkenden Abends hineinströmen zu lassen. Die Thüre zum Zimmer des Kranken war geöffnet, Helene saß an seinem Bette, mit sorgender Aufmerksamkeit den ruhigen Schlummer bewachend, in dem er dalag, den lächelnden Ausdruck stillen Glückes auf den bleichen Zügen.

Bei den Damen in ihrem Zimmer saß der Kandidat in seinem gleichmäßig unveränderten schwarzen Anzug, die weiße Kravatte in blendender Reinheit sorgfältig um den Hals geschlungen, die Haare glatt gescheitelt an den Schläfen anliegend.

Er sprach mit leiser Stimme und erzählte Frau von Wendenstein von den andern Verwundeten, die er heute besucht.

»Es ist ein schöner Beruf, den Sie gewählt haben,« sagte die alte Dame mit einem freundlichen Blick auf den jungen Geistlichen, – »in solchen Zeiten besonders muß es eine herrliche Befriedigung geben, den Leidenden den Trost des göttlichen Wortes zu bringen und unter den Leiden des Körpers die Seele aufzurichten und zu erquicken.«

»Gerade in solchen Zeiten aber,« sagte der Kandidat in demüthigem Ton und die Augen zu Boden schlagend, »fühlt man doppelt, welch' ein unwürdiges Werkzeug man ist in der Hand der Vorsehung – wenn ich zu den Leidenden spreche, welche schon der Ewigkeit die Hand reichen und schon den Glanz der jenseitigen Welt erblicken, – dann frage ich mich oft, ob ich es werth bin, zu ihnen im Namen des Herrn zu reden, und möchte fast verzagen vor dem Gewicht meines Berufs. – Aber,« fuhr er fort, leicht die Hände in einander fallend, – »auch dem unwürdigen Werkzeug gibt die ewige Kraft des göttlichen Wortes die Macht, Großes zu wirken, – und mit hoher Freude kann ich sagen, daß ich manches Herz, das im Leben leichtfertig der Welt angehörte, an den Pforten der Ewigkeit dem Glauben geöffnet, dem Heil zugeführt habe.«

»Wie viele Familien werden Ihnen dankbar sein!« sagte Frau von Wendenstein mit warmem Ton, ihm die Hand reichend.

»Nicht mir soll man danken, sondern Dem, der in mir mächtig ist,« antwortete der Kandidat, das Haupt neigend mit leiser Stimme.

Und zugleich warf er von unten herauf einen raschen, stechenden Blick nach dem Krankenzimmer, aus welchem ein leichtes Geräusch vernehmbar war.

Leise war der alte Arzt dort eingetreten, hatte sich vorsichtig schreitend dem Bette genähert und beobachtete lange ruhig den schlafenden Kranken, dann beugte er sich über ihn, entfernte mit leichter Hand das Hemd und die Kompresse von der Wunde und beobachtete dieselbe aufmerksam.

Nach wenigen Augenblicken trat er in das Nebenzimmer zu den Damen.

Mit ängstlicher Spannung richtete Frau von Wendenstein ihren Blick auf ihn, – Helene war ihm gefolgt und blieb in der Thür stehen.

»Es geht Alles vortrefflich,« sagte der Arzt, freundlich zum Gruße das Haupt neigend, »und wenn ich auch noch nicht sagen kann, daß alle Gefahr beseitigt, so darf ich doch versichern, daß die Hoffnung auf einen vollständig glücklichen Ausgang mit jedem Tage größer wird.«

Frau von Wendenstein dankte mit gerührtem Blick für die gute Botschaft. Helenens Augen leuchteten in feuchtem Schimmer.

»Es ist nur noch einige Zeit der unbedingtesten Ruhe nöthig, jeder Reiz des schwer erschütterten Nervensystems kann zu hitzigem oder typhösem Fieber führen, das den schwachen Organismus zerstören würde. Die innern tiefen Theile der Wunde sind mit geronnenem Blut gefüllt, das langsam absorbirt und entfernt werden muß, jedes plötzliche Losreißen desselben durch irgend eine Erschütterung könnte tödtlich werden, – also, ich wiederhole, unerläßliche und erste Bedingung der Genesung ist die absoluteste Ruhe, – damit die Natur in ihrer eigenen jugendlichen Kraft sich selbst helfen kann. – Außerdem nichts weiter als leichte Kompressen auf die Wunde, die kühlende Arznei und Erhaltung der Kräfte durch die leichtesten stärkenden Nahrungsmittel. – Nun aber, meine Damen, muß ich auch über Sie meine ärztliche Autorität ausüben,« fuhr er fort, – »Sie sind so lange nicht an die Luft gekommen, es ist heute eine leichte Abkühlung draußen eingetreten, – Sie müssen in's Freie!«

Frau von Wendenstein blickte ihn zögernd an.

»Es ist ja für den Kranken nothwendig,« sagte der Doktor, »daß Sie Ihre Kräfte behalten, – was sollte aus ihm werden, wenn Sie auch krank würden! – ich muß wirklich auf einen ernstlichen Spaziergang dringen. Fritz kann ja so lange den Kranken behüten, der übrigens jetzt nichts bedarf, als Schlaf!«

»O, ich will hier bleiben,« rief Helene lebhaft, – doch schnell sich besinnend schwieg sie und blickte erröthend zur Erde.

»Ich bitte Sie, meine gnädige Frau,« sagte der Kandidat, »ruhig und unbesorgt die Vorschrift des Herrn Doktors zu befolgen, – ich werde bei dem Kranken bleiben – ich habe hier gelernt, was am Krankenbette zu thun ist, gehen Sie, Sie Alle bedürfen der Erholung!«

»Dann schnell vorwärts!« rief der Doktor, – »ich werde Sie selbst hinausführen zu einem schönen schattigen Weg – und Sie werden sehen, wie wohl Ihnen dieß wunderkräftige Arzneimittel thut, das in der großen Apotheke der Natur für Jedermann bereitet wird: die frische Luft.«

Frau von Wendenstein nahm ihren Hut und ihre Mantille, die jungen Mädchen folgten ihrem Beispiel. Helene warf einen langen Blick voll Sorge und Unruhe auf den Kranken, dann folgte sie zögernd den beiden anderen Damen und dem Arzte, welche das Zimmer verlassen hatten.

Der Kandidat hatte sie mir gesenkten Augen und einem milden Lächeln bis zur Thür begleitet.

Dann kehrte er zurück, trat in das Krankenzimmer und setzte sich in den am Bette stehenden Lehnstuhl.

Von seinem bleichen Gesicht verschwand das milde Lächeln, der wohlgeordnete Zug geistlicher Ruhe und gesammelter Würde. Sein halb geschlossenes und gesenktes Auge öffnete sich mehr und richtete sich mit einem stechenden Blick voll feindlichen Hasses auf den Kranken und seine dünnen Lippen preßten sich fest aufeinander.

Es war ein wunderbarer Kontrast zwischen dem verwundeten Offiziere, der da auf dem Lager hingestreckt lag in leisem Schlummer, dessen Gesicht mit den geschlossenen Augen das Bild süßer und reiner Träume wiederstrahlte, auf dessen Stirn ein Abglanz des Himmels eine verklärte Spur des göttlichen Odems lag, – und dem Mann, der in der Tracht des Geistlichen da vor ihm saß und dessen Angesicht vom häßlichsten Ausdruck irdisch niedriger Leidenschaft, dämonisch finstern Hasses erfüllt war.

Der Verwundete warf einigemal leicht den Kopf hin und her, als fühlte er die Last der unablässig auf ihm ruhenden Blicke des Kandidaten, dann öffnete er mit einem tiefen Seufzer die Augen und richtete sie mit freudigem Ausdruck auf den Platz, wo er das geliebte Bild verkörpert zu erblicken hoffte, das seine Träume erfüllt hatte. Mit großen, erstaunten, fast erschrockenen Blicken sah er an dieser Stelle den Geistlichen, dessen Gesicht bei dem Erwachen des Kranken urplötzlich wieder den gleichmäßig ruhigen Ausdruck annahm, während seine Augen sich senkten, um den feindlichen Strahl des Hasses zu verdecken, den die starke Willenskraft nicht sogleich verschwinden zu lassen im Stande war.

»Bedürfen Sie etwas, Herr von Wendenstein?« fragte der Kandidat mit leiser, sanfter Stimme, – »die Damen sind in's Freie gegangen und haben mich hier zurückgelassen, um für Sie zu sorgen.«

Der Kranke deutete mit dem leicht erhobenen Finger nach einem kleinen neben dem Bette stehenden Tischchen, ans welchem sich eine Krystallflasche mit frischem Wasser und ein kleines Arzneifläschchen mit rother Flüssigkeit befand.

Der Kandidat goß einige Tropfen dieser Arznei in ein Glas Wasser und flößte das Getränk dem Kranken, welcher mit einiger Mühe den Kopf etwas erhob, vorsichtig ein.

Die Augen des Verwundeten sagten so deutlich als Worte: »Ich danke.«

Der Kandidat setzte das Glas wieder auf den Tisch, faltete leicht die Hände übereinander und sprach, indem er die Augen niederschlug:

»Haben Sie, Herr von Wendenstein, wenn Ihr Körper nach irdischer Erquickung verlangt, auch wohl daran gedacht, daß Ihrer Seele eine geistliche Arznei noth thut, um sie zu erquicken und zu stärken an den Grenzen des Lebens, damit sie wohl vorbereitet und gerüstet sei, wenn es der Vorsehung gefallen sollte, sie abzurufen, um vor den Richter zu treten und strenge Rechenschaft zu geben?«

Die Augen des Verwundeten, welche sich nach dem wohlthuenden kühlen Trank halb wieder geschlossen hatten in schlummernder Müdigkeit, öffneten sich groß und weit und starrten den Kandidaten erstaunt und erschrocken an. Er war es gewohnt, daß man mit Blicken, mit Zeichen, mit leise geflüsterten einzelnen Worten zu ihm sprach, so daß seine müden Nerven zusammenzuckten, als er die ungewohnte Rede vernahm. Auch hatte die zarte, liebevolle Pflege, welche seine Krankheit hütete und die Keime der Genesung mit sorgsamer Hand bewachte, ihn so sehr umgeben mit den Bildern der Hoffnung, der Zuversicht auf ein neues, blühendes Leben der Zukunft, daß die so plötzlich und scharf an ihn herantretende Mahnung an den Tod, der seine Hand noch drohend über ihn hielt, ihn berührte wie der eiskalte Hauch eines geöffneten Grabgewölbes, in das man aus sonniger, blumenduftender Tageshelle eintritt. Ein leichter Schauer zuckte durch seinen Körper und er schüttelte in schwacher Bewegung den Kopf, wie um die plötzlich vor ihm heraufsteigenden finstern Bilder von sich zu weisen.

»Haben Sie daran gedacht,« fuhr der Kandidat mit allmälig erhöhter, scharfer, einschneidender Stimme fort, »wie Sie jene schwarze, furchtbare Stunde überwinden wollen, welche Ihnen vielleicht nahe bevorsteht, jene Stunde, in welcher die Seele unter krampfhaften Schauern sich losreißt vom erkaltenden Körper, – in welcher das Herz fahren lassen muß alle irdischen Freuden, alle irdische Hoffnung, um sie niederzulegen in die dunkle Tiefe des Grabes, in der der staubgeborene Leib wieder zum Staube werden muß, aus welchem er geformt ist?«

Der Verwundete öffnete weiter und größer seine Augen, ein fieberhafter Glanz glühte in ihnen auf und es lag eine flehende Bitte in dem Blick, mit welchem er den Kandidaten ansah.

Dieser schlug seine Augen auf und mit jenem elektrisch zitternden, fascinirenden Blick, mit welchem die Klapperschlange ihr Opfer versteinert, sah er den jungen Offizier starr an.

»Haben Sie,« fuhr der Kandidat fort, und seine scharfe Stimme drang eben so tief und schneidend in die Seele des Kranken, wie sein Blick in dessen immer entsetzter starrende Augen, – »haben Sie daran gedacht, daß Sie dann unter den Posaunentönen der Ewigkeit vor den Thron des eifrigen und strengen Richters treten müssen und Rechenschaft ablegen von Ihrem Leben hienieden, Ihrem Leben, dessen letzte Handlung der Mord und das Vergießen des Blutes Ihrer Brüder gewesen, in einem Kampfe, den das irdische Gesetz rechtfertigt, der aber vielleicht vor dem Urtheil der ewigen Gerechtigkeit als ein Frevel erscheint?«

Ein leichtes Zittern flog über die Züge des Verwundeten, immer fieberhafter wurde der Glanz seiner Blicke und seine Augenlider senkten und hoben sich in schneller, unwillkürlicher Bewegung.

»Der Himmel hat Ihnen große Gnade gegeben,« sprach der Kandidat weiter, »indem er Ihnen die Zeit läßt, auf Ihrem Krankenlager sich vorzubereiten für den Uebergang in die Ewigkeit, während so Viele plötzlich abgerufen werden in der Mitte der irdischen Unruhe. Haben Sie diese Zeit benutzt, haben Sie sich der Gnade würdig bewiesen? Haben Sie Ihren Sinn und Ihre Gedanken abgewendet vom Irdischen und hinaufgerichtet zur Ewigkeit? Haben nicht irdische Wünsche und Hoffnungen auch hier noch Ihr Herz bewegt? Geben Sie sich Rechenschaft über Ihr Leben und lassen Sie die Gnadenfrist nicht unbenützt!«

Allmälig hatte sich der Kandidat mehr und mehr vornüber gebeugt und aus fast unmittelbarer Nähe hefteten sich seine stechenden Blicke auf die Augen des Lieutenants, in denen die gewaltige Erschütterung der Nerven immer deutlicher sichtlich hervortrat. Die blassen Hände des Verwundeten zitterten bis in die Fingerspitzen, er erhob sie wie zu einer abwehrenden Bewegung und deutete dann aus den Tisch, indem er mit einem schwachen, mühsamen Athemzug sagte: »Wasser!«

Der Kandidat näherte seine in grünem Feuer sprühenden Augen noch mehr dem zuckenden Antlitz des Verwundeten, streckte die rechte Hand über dessen Haupt aus, während er die Fingerspitzen der linken ihm gegen das Herz erhob, und sprach mit gedämpfter Stimme, die wie ein fühlbarer Hauch aus seinen Lippen hervordrang:

»Denken Sie an die ewige Erquickung, denken Sie daran, sich würdig zu machen des Borns der Gnade, der allein die verzehrenden Flammen der ewigen Verdammniß kühlen kann, welche Ihrer wartet, wenn Sie die Gnadenfrist nicht benützen, um die irdischen Gedanken aus Ihrem Herzen zu reißen! Kurz vielleicht ist die Zeit, welche Ihnen noch zugemessen ist, und wenn Ihre Seele sich anklammert an das Vergängliche, so werden Sie dem Abgrund verfallen, der sich schon vor Ihnen öffnet!«

Ein leichter rother Schaum trat auf die Lippen des Kranken, seine Augen öffneten sich weit und brachen in einem zuckend umherirrenden Blick. Seine Finger streckten sich starr aus und der ganze Körper dehnte sich in konvulsivischer Bewegung.

Jetzt beugte sich der Geistliche fast ganz über den Kranken und unmittelbar in dessen Ohr drang seine heiser und rauh klingende Stimme:

»Der Abgrund öffnet sich – die Flammen des ewigen Pfuhls züngeln empor, herauf steigt der Weheruf der hoffnungslosen Qual, der Jammer der Verdammten, welcher das Ohr der Gnade nicht mehr erreicht; das Licht des Himmels erlischt, und hinabgerissen versinkt die Seele in die furchtbaren Schrecken, welche kein lebender Geist denken, kein lebendes Herz fühlen kann, – tiefer – tiefer – immer tiefer –«

Ein rasches, plötzliches Zucken durch flog den Körper des Verwundeten, ein röchelndes Aechzen drang aus seiner hochaufsteigenden Brust, seine Lippen öffneten sich, ein Strom schwarzen dicken Blutes quoll aus seinem Munde, Todtenblässe überzog sein Antlitz.

Der Kandidat schwieg – langsam erhob er sich, die Augen fest auf dieß im Todeskampfe zitternde Gesicht gerichtet, langsam zog er die Hände zurück und mit kaltem, eisigem Lächeln stand er da – ruhig und unbeweglich.

Leise öffnete sich die Thüre des Nebenzimmers, man hörte einen vorsichtigen, gedämpften Schritt.

Der Kandidat zuckte zusammen. Mit gewaltiger Anstrengung zwang er seine Züge zu dem gewohnten Ausdruck ruhiger, frommer Würde, faltete die Hände vor der Brust und wendete den Kopf zur Thüre.

Fritz Deyke erschien in derselben, leise den Kopf vorstreckend.

»Ah, Sie sind da, Herr Kandidat?« sagte er in flüsterndem Tone, »ich war im Stalle beschäftigt und hörte, die Damen seien ausgegangen, da wollte ich sehen, ob mein Lieutenant – Herr Gott im Himmel!« rief er plötzlich mit lautem Aufschrei an das Bett heranstürzend – »was ist hier vorgegangen – mein Lieutenant stirbt!«

Er ergriff die starre Hand des Kranken und beugte sich über den scheinbar leblosen Körper.

»Ich fürchte das Schlimmste!« sagte der Kandidat ruhig mit milder Stimme voll trauriger Theilnahme, »ein plötzlicher Krampf hat den armen jungen Mann ergriffen und ein Blutsturz scheint unseren Hoffnungen ein Ende gemacht zu haben. Es kam schnell und augenblicklich, wahrend ich ihn aufrichten wollte durch freundlichen Zuspruch und geistlichen Trost!«

»Mein Gott, mein Gott!« rief Fritz Deyke, »das ist ja entsetzlich, die arme Frau Mutter – Fräulein Helene –«

Und schnell zur Thür eilend riß er dieselbe auf und rief mit lauter Stimme und dem Ausdruck der Angst und Verzweiflung:

»Margarethe, Margarethe!«

Das junge Mädchen eilte auf diesen Ruf schnell die Treppe herauf, der Ton der Stimme, mit welchem Fritz ihren Namen gerufen, hatte den Ausdruck tiefen Schreckens auf ihrem Gesichte erscheinen lassen und mit ängstlichen Blicken erschien sie an der Thür des Krankenzimmers.

»Mein Lieutenant stirbt, um Gotteswillen suchen Sie schnell den Doktor!« rief Fritz Deyke ihr entgegen.

Margarethe warf einen flüchtigen Blick auf das Bett des Kranken, sah dessen bleiches Gesicht, das aus dem Munde hervorquellende Blut, und mit leichtem Aufschrei die Hände zusammenschlagend eilte sie die Treppe hinab.

Fritz Deyke kniete vor dem Bett und entfernte mit einem Tuche das Blut vom Munde des Kranken, indem er einmal über das andere rief: »Mein Gott, mein Gott, was wird die Frau Mutter sagen!«

Der Kandidat war in das Nebenzimmer gegangen und hatte seinen Hut ergriffen, dann in plötzlichem Entschluß stehen bleibend, hatte er einen Augenblick nachsinnend angehalten und hatte sich dann auf einen Sessel niedergesetzt, von wo aus er in das Krankenzimmer blicken konnte.

Margarethe war hinausgeeilt; sie kannte den Weg, den der Arzt mit den Damen eingeschlagen hatte, und eilte ihnen nach. Schon an den ersten Häusern der Stadt sah sie den Doktor, welcher die Damen bis zu einer schattigen Allee geführt hatte und sich von ihnen verabschieden wollte, um zu den Geschäften seiner Praxis nach der Stadt zurückzukehren.

Athemlos lief das junge Mädchen auf die Gruppe zu. Erstaunt blickte ihr der Arzt entgegen, Helenens Augen richteten sich mit angstvoller Spannung auf sie.

»Um Gotteswillen, Herr Doktor,« rief Margarethe, mühsam nach Luft ringend, um ihre Worte hervorbringen zu können, »ich glaube, ich fürchte, – der arme Lieutenant –«

»Was ist geschehen?« rief der Arzt erschrocken.

»Ich glaube, er ist todt!« stieß Margarethe hervor, – »kommen Sie schnell, schnell!«

Frau von Wendenstein ergriff den Arm des Arztes, wie um eine Stütze zu suchen, dann aber fuhr sie empor und ohne den Arm des Doktors fahren zu lassen, begann sie eilig und schweigend zu gehen, immer schneller, den Arzt mit sich fortreißend, welcher Margarethe nach den näheren Umständen der ihm unbegreiflichen Krisis befragte.

Allen voraus aber eilte Helene in fliegendem Schritt, kaum den Boden berührend. Einen einzigen Schrei hatte sie ausgestoßen, als Margarethe das entsetzliche Wort ihrer Botschaft aussprach, und dann war sie fortgeeilt, unaufhaltsam starren Blicks durch die Straßen, bis zum Hause des alten Lohmeier, die Treppen hinauffliegend, zum Zimmer des Kranken.

Sie hatte vor der Thüre einen Augenblick angehalten, tief aufseufzend und beide Hände vor die Brust pressend.

Dann öffnete sie diese Thür und bleich und stumm stand sie da, unverwandten Blickes das todtenblasse Gesicht des jungen Mannes betrachtend, vor dem Fritz Deyke kniete, vorsichtig das seinem Munde entquellende Blut mit weißen Tüchern entfernend.

Fritz Deyke erhob den Kopf und wendete sich um. Als er Helene da vor sich stehen sah, ein Bild der starren Verzweiflung, begriff er, daß dieser Schmerz größer und gewaltiger war, als der seinige. Langsam stand er auf und sprach mit tonloser, bebender Stimme:

»Ich glaube, der liebe Gott hat ihn gerufen, kommen Sie, Fräulein Helene, wenn ihn Jemand erwecken kann, sind Sie es!«

Und sanft ihre Hand ergreifend, führte er sie an das Bett.

Sie sank auf die Kniee, ergriff die Hand des Kranken und drückte die Lippen daran, mit warmem Hauch sie überströmend; thränenlos starrte ihr Blick empor zu seinem Antlitz und leise bewegte sich zuweilen ihr Mund in den flüsternden Worten: »O mein Gott, laß mich ihm folgen!«

So blieb die Gruppe in dem Zimmer fast unbeweglich einige Zeit. Helene niedergeworfen am Bett, Fritz Deyke daneben in tiefer Bewegung sie betrachtend und die immer wieder hervorquellenden Thränen mit der Hand trocknend – im Nebenzimmer saß der Kandidat, den Ausdruck inniger Theilnahme auf den Zügen, die Hände gefaltet und die Lippen bewegend wie zu leisem Gebet.

Dann kam der Arzt und die beiden Damen.

Frau von Wendenstein wollte heraneilen an das Bett des Kranken, aber mit Ernst, fast mit Rauhheit hielt der Doktor sie zurück.

»Hier kann Niemand helfen als ich,« sagte er streng und energisch, – »mir gehört der Kranke, – die Damen müssen das Zimmer verlassen – wenn Sie nöthig sind, werde ich rufen.«

Fritz Deyke drängte mit sanfter Gewalt Frau von Wendenstein und ihre Tochter in das Nebenzimmer, – Helene erhob sich ruhig und setzte sich auf einen entfernten Stuhl im Krankenzimmer.

Der Arzt trat an das Bett und prüfte sorgfältig das Gesicht des Verwundeten, untersuchte die Wunde und hielt lange die Hand an das Herz, aufmerksam auf die Uhr blickend.

Der Kandidat näherte sich Frau von Wendenstein, welche, das Gesicht mit den Händen bedeckend, auf einen Stuhl gesunken war.

»Fassen Sie sich, meine geehrte gnädige Frau,« sagte er mit sanftem Ton, »noch ist ja nicht alle Hoffnung verloren, und wenn es der Wille der Vorsehung ist, daß das Lebensziel Ihres Sohnes erreicht sei, so müssen Sie an die Vielen, Vielen denken, welche Gleiches und oft Schwereres zu erdulden haben.«

Frau von Wendenstein antwortete nur durch ein lautes Schluchzen.

Der alte Arzt trat jetzt zu den Damen. Kaum hatte er das Bett verlassen, so nahm Helene wieder an demselben Platz, abermals die Hand des Verwundeten ergreifend und mit dem Hauch ihres Mundes erwärmend.

»Es ist eine furchtbare Krisis,« sagte der Arzt, »deren Grund ich mir nicht erklären kann und welche leider wenig Hoffnung läßt. Man muß sich auf Alles gefaßt machen, – indeß noch schlägt das Herz, und so lange noch ein Funken Leben da ist, darf der Arzt nicht verzagen. Zu thun ist freilich fast nichts – hilft die Natur sich nicht selbst, so ist die Wissenschaft machtlos.

– Aber wie,« fuhr er fort, indem er sich zu dem Kandidaten wendete, »ist diese erschütternde Krisis gekommen? – Der Kranke war doch in der letzten Zeit vollkommen ruhig –«

»Er war es auch,« sagte der Kandidat, »als ich mich an sein Bett setzte, erwachte er aus tiefem Schlummer, ich flößte ihm sein Getränk ein und er schien sich ganz wohl zu befinden, – während ich mit freundlichen Worten seine Seele durch geistlichen Zuspruch zu erquicken versuchte, stellten sich konvulsivische Bewegungen und ein Blutsturz ein; Alles kam schnell und plötzlich.«

»Ganz recht, ganz recht,« sagte der Doktor – »was ich sanft und allmälig sich entwickeln lassen wollte, ist durch eine heftige Nervenkrisis urplötzlich vollzogen, – das in den Gefäßen angesammelte Blut hat sich gelöst. – Es ist kaum möglich, daß dieß geschehen ist, ohne etwas zu zerreißen, dazu die furchtbare Erschütterung der Nerven! – Haben Sie viel mit ihm gesprochen?« unterbrach er sich, den Kandidaten anblickend.

»Ich habe ihm gesagt,« erwiederte dieser, die Hände faltend, »was mein Beruf mir befiehlt, den Kranken zu sagen, – ob er es gehört oder verstanden, weiß ich nicht –«

»Verzeihen Sie mir, Herr Kandidat,« sagte der Doktor kopfschüttelnd mit brüskem Ton, – »ich gehöre nicht zu den Aerzten, welche der Religion fern stehen, und ich glaube von Herzen, daß alle Hülfe von Gott kommt, – aber hier wäre es wahrlich besser gewesen, den Kranken schlafen zu lassen –«

»Das geistliche Wort mit seiner wunderbaren Kraft ist überall an seinem Platz,« – erwiederte der Kandidat kalt in überlegenem Ton, indem er die Augen in frommem Aufschlag nach Oben richtete.

»Mein Gott, mein Gott,« rief Helene im Nebenzimmer mit lauter, halb erschrockener, halb jubelnder Stimme, »er lebt, – er erwacht!«

Alle eilten in das Krankenzimmer, der Arzt trat an das Kopfende des Bettes, während Helene knieend die Hand des Verwundeten an die Lippen drückte.

Der Lieutenant von Wendenstein hatte die Augen weit geöffnet, sein verwunderter Blick ging von Einem zum Andern und umfaßte mit dem Ausdruck des Erstaunens alle diese tief bewegten Gesichter.

»Was ist mir widerfahren?« fragte er mit leiser, aber völlig klarer Stimme, indem noch eine leichte Blutwelle aus seinen Lippen quoll, – »ich habe einen sehr schweren, bösen Traum gehabt, – ich dachte zu sterben!«

Und er schloß die Augen wieder.

Der Arzt hob die Kissen empor, welche das Haupt des Kranken stützten, nahm sanft seine Hand aus der Helenens und verfolgte aufmerksam den Pulsschlag.

»Ein Glas Wein!« rief er.

Fritz Deyke eilte hinaus und kehrte nach einigen Augenblicken mit einem Glase dunkelrothen alten Weins zurück.

Der Arzt näherte dasselbe den Lippen des Verwundeten. In durstigem, gierigem Zuge sog dieser die Flüssigkeit bis auf den letzten Tropfen ein.

In zitternder Spannung warteten Alle, Helenens Gesicht war marmorblaß, ihre Seele lag in ihren Augen.

Nach kurzer Zeit überzog sich das Gesicht des Kranken mit leichter Röthe, ein tiefer, langer Athemzug hob seine Brust und von Neuem schlug er die Augen auf.

Sein Blick fiel auf Helme und ein Lächeln flog über sein Gesicht.

»Athmen Sie tief auf!« sagte der Doktor.

Der Kranke that einen langen Athemzug.

»Haben Sie einen Schmerz dabei?«

Der junge Mann schüttelte langsam den Kopf, immer den Blick auf Helene gerichtet.

Der Doktor prüfte nochmals den Puls, legte die Hand an die Stirn des Kranken und horchte aufmerksam auf seine Athemzüge.

Dann trat er zu Frau von Wendenstein und sagte mit freundlichem Lächeln ihr die Hand reichend: »Die Natur hat die gewaltsame Krisis überstanden, – jetzt ist nur noch Ruhe und Stärkung nöthig, – danken Sie Gott – Ihr Sohn ist gerettet!«

Die alte Dame ging auf das Bett zu, drückte einen innigen, langen Kuß auf die Stirn des Kranken und sah ihm lange in die Augen.

Dann verließ sie das Zimmer, sank auf den Sopha im Nebengemach und die furchtbare Erregung, die lange, anstrengende Anspannung aller Kräfte ihrer Seele löste sich in einen Strom wohlthätiger Thränen.

Helene aber blieb am Bett sitzen, immer die Hand des Geliebten in der ihren haltend, immer ihre Blicke in die seinigen versenkend, ruhig, unbeweglich, den Glanz stillen Glückes auf dem bleichen Gesicht.

Der Kandidat stand noch immer da mit gefalteten Händen; ein unveränderliches mildes Lächeln auf seinen Lippen festhaltend, betrachtete er starren und unverwandten Blickes die Szene am Bett des Verwundeten.

Der Doktor hatte schweigend und nachdenklich ein Rezept geschrieben. Jetzt trat er mit dem Papierstreifen in der Hand zu den Uebrigen.

»Hievon muß der Kranke jede Stunde einen starken Löffel voll nehmen,« sagte er. »Hoffentlich wird er die Nacht ruhig schlafen, – morgen oder übermorgen werden wir mit kräftiger Ernährung beginnen und wenn Gott weiter hilft, wird bald Alles glücklich vorüber sein!«

Er wendete sich zum Kandidaten Behrmann.

»Verzeihen Sie mir,« sprach er ernst, »meine raschen Worte von vorhin! Sie hatten Recht, von der Wunderkraft des göttlichen Wortes zu sprechen, – denn hier hat Gott ein Wunder gethan, – unter hundert Fällen kaum einmal hätte eine solche Krisis glücklich verlaufen können. – Ich beuge mich vor diesem Wunder und blicke mit Ihnen voll Ehrfurcht und Dank empor zu dem Lichtquell, welcher die Wissenschaft und den Glauben als verschiedene Strahlen desselben ewigen Mittelpunktes zu uns herniedersendet.«

Er hatte bewegt und warm gesprochen und reichte dem Kandidaten die Hand.

Es war ein unbeschreiblicher Ausdruck, der in dessen Gesicht sich zeigte.

Er schlug die Augen nieder, neigte tief den Kopf und schwieg.

Dann erinnerte er sich, daß noch mehrere Kranke seines Besuches harrten, und empfahl sich mit einigen Worten freundlicher Teilnahme an Frau von Wendenstein. Auch zu Helene trat er heran und reichte ihr die Hand.

Warum zog sie dieselbe so schnell in schreckhafter Bewegung wieder zurück? Warum strömte eine eisige Kälte von den Fingerspitzen bis zu ihrem Herzen?

Sah sie den Blick, der unwillkürlich, flüchtig wie ein Wetterleuchten aus seinem Auge den Verwundeten traf, oder war es jener geheimnißvolle Instinkt, der sich zuweilen auch in der menschlichen Natur regt und in unerklärlichen Sympathien und Antipathieen oft richtiger, wahrer spricht, als die längste Erfahrung, die tiefste Menschenkenntniß und die verständigste Ueberlegung?

Der Arzt und der Kandidat entfernten sich – still blieben die Damen bei dem Verwundeten, der bald in ruhigen Schlaf verfiel.

Fritz Deyke aber, auf dessen stärker organisirtes Nervensystem die Aufregungen der letzten Stunden weniger nachhaltig wirkten, gab sich ganz der Freude über die neue gewisse Hoffnung hin. Er eilte, nachdem er das Medikament für seinen Lieutenant hatte machen lassen, in den kleinen Garten, wo Margarethe beschäftigt war, die Blumen zu begießen, welche nach der drückenden Hitze des Tages matt ihre Häupter hängen ließen.

Sie sprachen wenig dabei, – er eilte ab und zu, die Gießkanne mit Wasser füllend, und dann zog er kleine Rinnen in die Erde um die Wurzeln der Gewächse, damit das Wasser besser eindringe, und freute sich, wie Margarethe geschickt und anmuthig die Pflanzen begoß, wie sie leicht und gewandt die gesunkenen Blüten aufrichtete und an die Stöcke band und wie ihr Auge dann zuweilen freundlich auf ihm ruhte, – wie sie leicht erröthete, wenn er es bemerkte.

Dann setzte er sich mit dem alten Lohmeier und seiner Tochter zu dem einfachen, kräftigen Abendessen und freute sich wieder, wie Margarethe so flink und aufmerksam in der Häuslichkeit waltete und so freundliche, ruhige Behaglichkeit um sich zu verbreiten wußte.

Und im Stillen dachte er sich, wie schön sie aussehen müßte im alten, reichen Bauernhause zu Blechow und was der alte Deyke für eine Freude haben müßte über eine solche Hausfrau und Schwiegertochter. Was Margarethe dachte, das war ihr Geheimniß; aber unendlich glücklich sah sie aus, wenn sie den Vater und den Gast bediente und alle jene kleinen Pflichten der aufmerksamen Hausfrau erfüllte mit der Sicherheit der erfahrenen Wirthin und mit der frischen Anmuth der blühenden Jugend.

So herrschte stille Freude und hoffnungsvolles Glück überall in dem stattlichen Bürgerhause zu Langensalza.

Der Kandidat Behrmann aber besuchte noch viele Kranke und Verwundete, unermüdlich in wohlgesetzter und eindrucksvoller Rede Trost zusprechend und allen Dank mit demüthiger Bescheidenheit ablehnend; in den Lazarethen rathend und ordnend, – und von allen Lippen ertönte das Lob des frommen, beredten und anspruchslos einfachen jungen Geistlichen.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Die Gräfin Frankenstein saß in dem Empfangssalon ihres Hauses in der Herrengasse zu Wien; Nichts hatte sich in diesem Salon verändert, die großen erschütternden Ereignisse, welche draußen in mächtigen Stürmen vorübergebraust waren und die tiefsten Wurzeln der habsburgischen Macht erschüttert hatten, hätte man nicht geahnt, wenn man allein in diesem Raum gewesen wäre, der den Stempel aristokratischer Unveränderlichkeit und vornehmer Ruhe trug. Aber da waren nicht nur jene alten Möbel, auf welchen bereits jene vergangenen Generationen gesessen hatten, die jetzt dort aus den mattglänzenden Rahmen von Goldbronze heruntersahen auf das Treiben ihrer Enkel und Urenkel, nicht nur jene hohen, weiten Kamine, deren Flammen sich in den jugendlich funkelnden Augen der jetzt längst dahin geschiedenen Großmütter gespiegelt hatten, nicht nur jene Uhren mit Schäfergruppen, welche schon so manchem Sprossen des Hauses die Geburts- und die Sterbestunde, die Stunden des Glückes und des Kummers in gleicher Ruhe Sekunde an Sekunde reihend geschlagen hatten, – zwischen allen diesen leblosen und doch so erinnerungsreichen Gegenständen, welche in souveräner Ruhe auf die vergänglichen Leiden und Freuden der Generationen herabzusehen gewohnt waren, saßen die Menschen von heute, tief bewegt und erschüttert von dem entsetzlichen und unerwarteten Schlage, mit welchem das Geschick das Haus Habsburg und Oesterreich getroffen hatte.

Die alte Gräfin Frankenstein, in ernster und vornehmer Würde wie immer, aber mit schmerzlichem Ausdruck in dem stolzen, ruhigen Gesicht, saß in dem weiten Sopha, – neben ihr in dunklem Anzug die Gräfin Clam-Gallas, die thränenden Augen oft mit dem feinen Spitzentuch bedeckend. Den Damen gegenüber saß der General von Reischach; in frischer Gesundheit glänzte sein Gesicht wie sonst, scharf und lebendig blickten die dunklen Augen unter dem kurz geschnittenen, dichten weißen Haar hervor, aber über dem Ausdruck unzerstörbarer jovialer Heiterkeit, welcher ihm eigentümlich war, lag ein Schleier wehmüthigen Schmerzes. In einen Fauteuil zurückgelehnt, saß Comtesse Klara neben ihrer Mutter, – auch auf ihrem schönen jugendlichen Gesicht lag ein Hauch ernster Trauer, war sie doch eine echte Tochter jener stolzen Aristokratie Oesterreichs – empfand sie doch tief und brennend die Demüthigung, welche auf dem Schlachtfelde von Königgrätz den alten Fahnen des Kaiserstaats zugefügt war, – aber diese Trauer lag nur wie ein leichter Schleier über dem Ausdruck des Glückes und der Freude, welche das träumerisch blickende Auge erfüllten. War doch der Lieutenant von Stielow, trotz schwerer Gefahren, die ihn bei Trautenau und Königgrätz umringt hatten, unverwundet geblieben, – war doch jetzt der Krieg so gut wie zu Ende und neue Gefahren nicht mehr für ihn zu besorgen – und – sollte doch gleich nach Beendigung des Krieges an die Vorbereitungen zur Hochzeit gedacht werden!

Die junge Gräfin saß da, in sinnender Träumerei der anmuthigen Bilderreihe folgend, in welcher sich die Zukunft vor ihr aufrollte – und hörte wenig von dem Gespräch, das neben ihr geführt wurde.

»Dieß Unglück ist die Folge der unglaublichen. Rücksicht, welche man auf das Geschrei von unten her genommen hat,« rief die Gräfin Clam mit vor Schmerz und Zorn bebender Stimme, – »da ist diesem Benedek das Oberkommando gegeben, bloß weil er ein Mann des Volkes war! – da wurden alle adeligen Offiziere gekränkt, beleidigt, zurückgesetzt – nun sieht man, wohin das geführt hat! – Ich habe gewiß nichts gegen das Recht des Verdienstes und des Talents,« fuhr sie fort, – »die Geschichte lehrt ja, daß große Feldherren aus dem gemeinen Soldatenstand hervorgegangen sind, aber man soll nicht Leute hervorziehen, die keine Talente und kein anderes Verdienst als Tapferkeit haben, bloß weil sie nicht vornehmer Geburt sind! Und nun soll noch die Aristokratie für das Unglück verantwortlich gemacht werden, – die Behandlung des Grafen Clam ist eine unerhörte Schmach für den ganzen österreichischen Adel!«

»So müssen Sie die Sache nicht ansehen, Gräfin,« sagte Herr von Reischach, »ich glaube, umgekehrt wird das Verfahren gegen Graf Clam alle bösen Mäuler stopfen, denn es gibt keine bessere Gelegenheit, um die wahren Ursachen der Niederlage klar zu stellen. Nachdem einmal die öffentliche Meinung, angeführt durch ein paar Journalisten, den Grafen mit Vorwürfen überhäuft hat, war es ganz richtig von ihm, strenge Untersuchung zu fordern, und Mensdorff mußte beim Kaiser darauf dringen. Warten wir den Erfolg ab, er wird zeigen, daß man dem österreichischen Adel gewiß keinen Vorwurf machen kann!«

»Es ist mir sehr hart,« rief die Gräfin Clam, »unter dem allgemeinen Unglück noch so besonders persönlich getroffen zu sein!« Und sie trocknete die hervorbrechenden Thränen mit ihrem Tuch.

»Erzählen Sie uns, Baron Reischach,« sagte die Gräfin Frankenstein nach einer kurzen Pause, um dem Gespräch eine ablenkende Wendung zu geben, – »erzählen Sie uns doch vom König von Hannover – Sie sind ja zum Dienst bei ihm kommandirt, – ich habe so große Bewunderung für diesen heldenmütigen Fürsten, und so tiefe Theilnahme für sein trauriges Schicksal!«

»Es ist wunderbar,« sagte der General, »mit welcher Fassung und Heiterkeit der König sein Schicksal und die schwere Lage erträgt, in der er sich befindet, – übrigens ist er noch immer voll Hoffnung – ich fürchte, sie wird ihn täuschen!«

»Glauben Sie denn, daß man wagen wird, ihn einfach zu entthronen?« rief die Gräfin Frankenstein.

»Ich bin leider dessen ganz gewiß,« sagte Herr von Reischach.

»Leider kann ich auch nach den Mittheilungen Mensdorff's nicht daran zweifeln,« sagte die Gräfin Clam.

»Und das muß Oesterreich dulden!« rief die Gräfin Frankenstein – über ihr sonst so ruhiges Gesicht flog eine helle Röthe des Zorns, ihre Augen blitzten vor Erregung.

»Oesterreich duldet Alles und wird noch viel mehr dulden!« sagte der General achselzuckend, – »ich sehe eine lange Reihe von Unglück heraufziehen, man wird wieder experimentiren – und jedes neue Experiment wird der Krone ein Juwel und ein Lorbeerblatt kosten. Ich fürchte, man wird in die Bahnen Joseph's II. einlenken –«

»Gott schütze Oesterreich!« sagte die Gräfin Frankenstein die Hände faltend. »Wird der König von Hannover hier bleiben?« fragte sie nach einer Pause.

»Es scheint so,« erwiederte Herr von Reischach, – »er wohnt im Hause des Baron Knesebeck in der Wallnerstraße, wo ihm die Gräfin Wilczek ihre Etage abgetreten hat, – ich habe aber gehört, daß er bald nach Hietzing in die Villa des Herzogs von Braunschweig ziehen will. – Ich würde es viel richtiger halten,« fuhr er fort, »daß der König nach England ginge, – er ist doch englischer Prinz von Geburt, und wenn es ihm dort gelingt, die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen, was bei seiner liebenswürdigen Persönlichkeit nicht schwer sein kann, so ist England die einzige Macht, die vielleicht etwas für ihn thut – und thun kann, – aber er ist nicht dazu zu bewegen – und Graf Platen scheint mir sehr wenig geeignet, den König zu festen Entschlüssen zu bewegen.«

»Graf Platen war bei mir,« sagte die Gräfin Clam, – »er glaubt nicht an die Annexion von Hannover.« –

»Dieß Völkchen spürt den Teufel nie, – bis daß er sie am Kragen hat,« rief Herr von Reischach, – »da ist der General Brandis, ein einfacher alter Soldat mit scharfem, klarem Verstand, er wäre wohl der beste Rathgeber für den König in einer Lage, in der nur feste und schnelle Entschlüsse zu Etwas führen können, – aber er findet keine Unterstützung bei Platen.« – »Wie viel Unglück haben diese wenigen Tage geboren!« rief die Gräfin Frankenstein.

»Nun,« sagte Herr von Reischach aufstehend, – »Sie müssen sich mit dem Glück trösten, das in Ihrem Hause erblüht, – ich wette, daß die Gedanken der Comtesse Klara,« fügte er lächelnd hinzu, »sich mit recht heitern Bildern beschäftigen.«

Die junge Gräfin fuhr aus ihren Gedanken auf, ein flüchtiges Erröthen flog über ihr Gesicht und lächelnd sagte sie:

»Was wissen Sie von den Gedanken junger Damen?«

»Ich weiß soviel davon,« erwiederte Herr von Reischach, »daß ich meiner kleinen Comtesse jetzt keine Puppe mehr mitbringen dürfte, sie müßte denn eine grüne Uniform mit rothen Aufschlägen tragen –«

»Ich will weder Puppen noch sonst etwas von Ihnen,« – antwortete mit lächelndem Schmollen die junge Gräfin.

Herr von Reischach und die Gräfin Clam brachen auf.

Gräfin Frankenstein und ihre Tochter geleiteten sie bis zur Thüre und waren kaum einige Augenblicke allein gewesen, als ein Diener eintrat und sagte:

»Es ist ein Herr da, welcher die Frau Gräfin dringend um einen Augenblick Gehör bittet.«

»Wer ist es?« fragte die Gräfin erstaunt, denn sie hatte wenig Beziehungen außerhalb der abgeschlossenen Welt ihrer Gesellschaft.

»Hier ist seine Karte!« sagte der Diener, der Gräfin eine Visitenkarte reichend, »er versichert, es wäre von größtem Interesse für die Frau Gräfin, ihn zu hören.«

Die Gräfin Frankenstein nahm die Karte und las mit erstauntem Ausdruck: »E. Balzer, Wechselagent.«

Ein dunkles Roth flog über das Gesicht der Comtesse Klara, ängstlich blickte sie zu ihrer Mutter herüber und drückte ihr Taschentuch an die Lippen.

»Ich verstehe nicht,« sagte die Gräfin, »was die so völlig unbekannte Persönlichkeit von mir wollen kann, – indeß – führen Sie ihn herein!«

Einige Augenblicke darauf trat Herr Balzer in den Salon.

Er war schwarz gekleidet und sein gemeines Gesicht trug den Ausdruck einer gewissen ernsten Würde, die durchaus nicht recht daraus haften wollte.

Er näherte sich den Damen mit einer Bewegung, in welcher sich die kecke Sicherheit des Habitués der Kaffeehäuser mit der verlegenen Befangenheit vermischte, welche jeder an schlechte Gesellschaft gewöhnte Mensch beim Eintritt in einen wirklich vornehmen Salon empfindet.

Die Gräfin Frankenstein sah ihn mit stolzem und kaltem Blick an, während Klara ihr großes Auge nach einem schnellen Blick auf diese gemeine Erscheinung niederschlug und zitternd erwartete, was die Ursache dieses außergewöhnlichen Besuches sein würde.

»Ich habe eingewilligt, Sie zu empfangen, mein Herr,« sagte die Gräfin mit vornehmer Ruhe, – »und bitte Sie, mir zu sagen, was Sie mir für mich Wichtiges mitzutheilen haben.«

Herr Balzer verneigte sich mit affektirter Würde und sprach:

»Es ist eine sehr traurige Angelegenheit, gnädigste Gräfin, welche mich zu Ihnen führt, – eine Angelegenheit, in welcher wir, Sie und ich, – oder eigentlich Ihr Fräulein Tochter ein gleiches – ein gemeinsames Interesse haben.«

Klara's Augen richteten sich mit dem Ausdruck tiefen Erstaunens und peinlicher Erwartung auf ihn, die klaren, hochmüthigen Blicke der Gräfin fragten deutlicher als Worte: welches Interesse kann ich mit einem Mann wie Sie gemeinsam haben?

Herr Balzer sah diesen Blick und ein fast unmerkliches höhnisches Lächeln spielte um seine Lippen.

»Ein allerdings sehr schmerzlicher und trauriger Fall,« sagte er langsam und zögernd, »zwingt mich, Frau Gräfin, Ihnen meine Ehre anzuvertrauen und mit Ihnen zu berathen, was für alle Theile am besten zu thun ist.«

»Ich bitte Sie, mein Herr,« sagte die Gräfin mit eisigem Ton, »zu dem Inhalt Ihrer Mittheilung zu kommen – meine Zeit ist gemessen.«

Ohne sich durch diese Mahnung irre machen zu lassen, fuhr Herr Balzer, in scheinbarer Verlegenheit seinen Hut zwischen den Fingern drehend, fort:

»Ihr Fräulein Tochter ist mit dem Lieutenant von Stielow verlobt?«

Die Gräfin sah ihn nunmehr wirklich starr vor Erstaunen an. Sie fing an zu fürchten, daß sie es mit einem Wahnsinnigen zu thun habe. Ein leichtes Zittern durchflog die zarte Gestalt der jungen Gräfin, tiefe Blässe überzog ihr Gesicht, sie wagte nicht das Auge zu diesem Menschen zu erheben, von dem eine instinktmäßige Ahnung ihr sagte, daß er ihr Böses bringen müsse.

Herr Balzer zog jetzt ein Taschentuch hervor und fuhr sich damit über die Augen. Er ging in theatralischer Bewegung einige Schritte gegen die Gräfin vor und rief, indem er die Hand beschwörend gegen sie ausstreckte:

»Frau Gräfin – Sie werden mich sogleich begreifen – Sie werden verstehen, warum ich mich an Sie wende, – ich vertraue mein Schicksal Ihrer Diskretion an, nur mit Ihnen gemeinsam kann diese traurige Verwicklung gelöst werden –«

»Ich muß Sie wirklich dringend bitten, mein Herr,« sagte die Gräfin Frankenstein, indem sie einen ängstlichen Blick nach dem Glockenzug warf, von welchem sie durch Herrn Balzer getrennt war – »ich muß wirklich dringend bitten, mit Ihrer Mittheilung zu beginnen –«

»Herr von Stielow« – sagte Herr Balzer, seine Augen von Neuem mit dem großen gelbseidenen Taschentuch bedeckend.

Klara faltete die Hände und hing in athemloser Spannung an seinen Lippen.

»Herr von Stielow,« wiederholte Herr Balzer in einem Tone, als ob er mühsam nach Fassung ränge – »dieser leichtfertige junge Mann, der so glücklich ist im Besitz einer so liebenswürdigen, vortrefflichen Braut,« – er verneigte sich gegen Klara, welche sich mit Widerwillen von ihm abwendete, – »dieser leichtsinnige junge Mann schreckt nicht davor zurück, mich um mein häusliches Glück zu betrügen, meinen Frieden zu zerstören, – er hat ein strafbares Verhältniß mit meiner Frau!«

Mit einem leichten Schrei sank Klara auf den Fauteuil, vor welchem sie stand, und brach in stilles Weinen aus.

Die Gräfin Frankenstein blieb hoch aufgerichtet stehen. Ihr Blick ruhte stolz und fest auf diesem ihr so widerwärtigen Unglücksboten, und mit einer Stimme, in welcher kaum eine Bewegung zu hören war, fragte sie:

»Und woher wissen Sie das, mein Herr? Sind Sie Ihrer Sache gewiß?«

»Leider nur zu gewiß!« rief Herr Balzer pathetisch, indem er abermals das Taschentuch vor die Augen hielt, welche durch das wiederholte Reiben bereits roth geworden waren.

»Seit einiger Zeit bereits,« sagte er, »hatten Freunde mich gewarnt, – aber im Vertrauen auf meine Frau, – ich liebe meine Frau, gnädigste Gräfin, – ach, sie war mein ganzes Glück, – wollte ich diesen Warnungen nicht glauben, – und als die Verlobung des Herrn von Stielow mit der liebenswürdigen Comtesse« – er verneigte sich abermals gegen Klara – »in Wien bekannt wurde, da hielt ich mich für ganz sicher, weil ich in meinem einfachen Sinn« – er legte die Hand auf sein Gilet von schwarzem Maß – »eine solche Verworfenheit nicht für möglich hielt.«

»Nun?« fragte die Gräfin.

»Bis ich endlich durch einen Zufall – o mein ganzes Herz bebt noch, wenn ich daran denke, – bis ich endlich gestern die schreckliche Wahrheit entdeckte.«

Die Gräfin machte eine Bewegung der Ungeduld.

Er warf einen Seitenblick auf die in ihrem Fauteuil bewegungslos, das Gesicht mit dem Tuch bedeckt, dasitzende junge Dame, mit der Bosheit gemeiner Naturen schien er die Qual dieser auf den Höhen der Gesellschaft lebenden Personen, die er instinktmäßig haßte, verlängern zu wollen.

»Unter den Briefen, die an mich abgegeben wurden,« fuhr er nach einigem Zögern fort, »befand sich auch einer für meine Frau. Ich beachtete die Adresse nicht und in der Ueberzeugung, daß er an mich gerichtet sei, öffnete ich ihn. – Er enthielt die schreckliche, unwiderlegliche Bestätigung meines Unglücks.«

Comtesse Klara schluchzte leise.

Die Gräfin fragte kalt und ruhig:

»Wo ist dieser Brief?«

Herr Balzer griff mit einem tiefen, stark hörbaren Seufzer in die Brusttasche seines Rockes, zog ein zusammengefaltetes Billet hervor und reichte es der Gräfin.

Diese nahm es, schlug es auseinander und las langsam den Inhalt. Dann warf sie es auf den Tisch und fragte:

»Was haben Sie gethan?«

»Frau Gräfin,« rief Herr Balzer immer in demselben pathetischen Ton, – »ich liebe meine Frau – sie hat sich schwer vergangen, – es ist wahr, – aber ich liebe sie dennoch, – und ich kann die Hoffnung nicht aufgeben, sie zu mir zurückzuführen –«

Die Gräfin zuckte fast unmerklich die Achseln, mit einem Blick voll Verachtung maß sie die Gestalt des Wechselagenten. –

»Ich möchte sie nicht von mir stoßen, – ich möchte ihr verzeihen,« fuhr dieser mit weinerlicher Stimme fort, »und deßwegen bin ich hergekommen, um mit Ihnen zu sprechen, Frau Gräfin, mit Ihnen zu überlegen, – Sie zu bitten –«

»Um was?« fragte die Gräfin.

»Sehen Sie, – ich habe gedacht,« sagte Herr Balzer, seinen Hut hin und her drehend, – »wenn Sie – es ist ja doch hier in Wien jetzt ein trauriger Aufenthalt, – wenn Sie auf Ihre Güter, – oder in die Schweiz, oder an die italienischen Seen gehen wollten, – recht weit von hier, – und wenn Sie den Lieutenant von Stielow mitnehmen würden, – dann müßte er von hier fort, – und könnte das Verhältniß mit meiner Frau nicht fortsetzen, – ich würde sie dann auch einige Zeit von hier entfernen, – nach der Hochzeit mit der liebenswürdigen Comtesse würde das junge Paar ja doch wohl auf die Familiengüter des Herrn von Stielow gehen, – er würde meine Frau vergessen, – und Alles würde wieder in Ordnung kommen, – wenn wir so gemeinsam nach demselben Plan handeln!« –

Er hatte langsam und zögernd gesprochen, oft sich unterbrechend, und mit lauernden Blicken bald die Mutter, bald die Tochter angesehen. Schon während seiner Rede war Klara aufgesprungen, die vom Weinen gerötheten Augen hatten sich mit flammender Entrüstung auf ihn gerichtet und mit ängstlicher Spannung sah sie ihre Mutter an, als er geendet, die Lippen halb geöffnet, als wolle sie sprechen, als fürchte sie, daß ihre Mutter nicht die rechte Antwort geben könne.

Die Gräfin Frankenstein richtete sich mit einer Geberde voll hohen Stolzes empor und sprach mit dem Tone eiskalter Verachtung:

»Ich danke Ihnen für Ihre Mittheilung, mein Herr, welche mir noch zur rechten Zeit die Augen geöffnet, – doch bedaure ich, Ihnen in der von Ihnen gewünschten Weise nicht zur Wiederherstellung Ihres ehelichen Glückes behülflich sein zu können. Sie werden begreifen, daß es nicht die Aufgabe der Comtesse Frankenstein sein kann, in der von Ihnen gedachten Weise den Baron Stielow von einer unter diesen Verhältnissen jedenfalls unwürdigen Passion abzuwenden und eine Verbindung fortzusetzen, für welche der Baron so wenig Rücksichten gezeigt hat. Es wird Ihnen also überlassen bleiben müssen, in welcher Weise Sie Ihre Frau zu sich zurückführen wollen und können.«

Klara's Augen drückten die vollständigste Billigung der Worte ihrer Mutter aus, in stolzer Bewegung wendete sie Herrn Balzer den Rücken und blickte schweigend und gewaltsam ihre Thränen zurückdrängend durch die großen Scheiben eines der hohen Fenster des Salons.

Herr Balzer schlug wie in höchster Bestürzung die Hände zusammen und rief in ziemlich gut gespielter Verwirrung:

»Mein Gott, Frau Gräfin, – verzeihen Sie mir, wenn ich in meinem Kummer und meiner Sorge nur an mich und meine Frau gedacht und nicht überlegt habe, daß für Sie – ich glaubte, Sie wünschten diese Partie, die ja so gut ist, – und hoffte, Sie würden deßhalb mit mir gemeinschaftlich handeln wollen, um Alles zum Besten zu lenken.« –

»Die Comtesse Frankenstein ist nicht in der Lage, eine Partie zu wünschen, welche ihrer nicht würdig ist und welche ihrem Herzen nicht zusagen könnte,« sagte die Gräfin in unveränderlicher kalter Ruhe, – »ich glaube, mein Herr,« fuhr sie dann mit einer fast unmerklichen Neigung des Hauptes fort, »daß eine Fortsetzung unserer Unterredung kaum noch nothwendig sein möchte.« –

Herr Balzer rang die Hände und rief im Tone der Verzweiflung:

»O mein Gott, mein Gott, Frau Gräfin, – was habe ich da gethan! ich verstehe ja jetzt vollkommen, daß Ihr Fräulein Tochter unter solchen Verhältnissen diese Verbindung nicht eingehen kann, – daß ich thöricht war in meiner Hoffnung, mit Ihrer Hülfe Frieden und Glück nach allen Seiten schaffen zu können. O mein Gott! – hätte ich doch lieber geschwiegen!«

Die Gräfin sah ihn fragend an.

»Dann hätte ich,« fuhr er in demselben Ton fort, »vielleicht noch Alles zum Guten wenden können, – jetzt, – ach Gott, jetzt ist Alles vorbei! – Sie werden das Verhältniß mit Herrn von Stielow auflösen, – die ganze Welt wird mein Unglück erfahren, – es wird einen unendlichen Skandal in Wien geben und ich werde meine Frau verstoßen müssen – ach, und ich liebe meine Frau, – ich möchte ihr so gern verzeihen und sie zu mir zurückführen, ich werde sie für immer verlieren –«

Er hielt eine Sekunde inne und warf einen lauernden Blick auf die Gräfin, deren Züge den Ausdruck tiefen Nachdenkens annahmen.

Dann fuhr er noch lauter sprechend und noch mehr die Hände ringend fort:

»O meine gnädigste Gräfin, haben Sie Mitleid mit mir, – ich habe in vollem Vertrauen Ihnen das schreckliche Geheimniß meines Unglücks mitgetheilt, – ich sehe ein, daß Sie mir nicht so helfen können, wie ich es hoffte, seien Sie barmherzig und machen Sie es mir nicht unmöglich, meinerseits auf Wege zu sinnen, um das Schlimmste abzuwenden. Bewahren Sie mein Geheimniß. Herr von Stielow würde in seiner Wuth und Entrüstung sich an mir rächen, – er hat ja nichts zu besorgen, – es würde einen großen, großen Skandal, – das kann zwar Ihnen und Ihrer Tochter gleichgültig sein, – aber ich – und meine Frau! – O haben Sie Mitleid mit mir!« Und er machte eine Bewegung, als wolle er sich der Gräfin zu Füßen werfen. Diese war, wie gesagt, nachdenklich geworden.

»Mein Herr,« sagte sie, »es kann durchaus nicht mein oder meiner Tochter Wunsch sein, diese – unangenehme – Angelegenheit mit dem Baron Stielow zu erörtern.«

Klara hatte den Kopf ihrer Mutier zugewendet und dankte ihr mit einem Blick.

»Ich werde das Verhältniß der Comtesse Klara mit Herrn von Stielow unter dem möglichst wenig auffallenden Grunde lösen, und es bleibt Ihnen dann überlassen, zu thun, was Sie für das Beste halten. Ihr Geheimniß soll bei mir gewahrt bleiben. Nochmals danke ich Ihnen für Ihre Mittheilung, die, so schmerzlich sie uns getroffen, nothwendig war und jedenfalls Schlimmeres für die Zukunft verhütet hat!«

Und sie neigte den Kopf, indem sie unverkennbar Herrn Balzer seine Entlassung andeutete.

Dieser hielt das Taschentuch abermals an die Augen und sagte mit weinerlicher Stimme:

»Ich danke Ihnen, Frau Gräfin, – ich werde Ihnen immer und ewig dankbar sein, – verzeihen Sie mir – ich bitte auch das Fräulein, mir zu verzeihen, – daß ich Ihnen so traurige Botschaft gebracht. – O, mein Loos ist doch das traurigste, – wenn Sie wüßten, wie ich meine Frau geliebt habe!«

Und als würde er überwältigt von dem Uebermaß seines Schmerzes, verneigte er sich stumm und verließ den Salon.

Schnell eilte er an dem im Vorzimmer stehenden Diener vorüber die Treppe hinab, und als er das Haus verlassen, verschwand der ernste und schmerzliche Ausdruck von seinem Gesicht, ein gemeines Lächeln des Triumphs spielte um seine Lippen und vergnügt sprach er zu sich selber:

»Nun, ich glaube, ich habe meine Sache sehr gut gemacht und die tausend Gulden redlich verdient, die meine so innig geliebte Gattin mir versprochen, wenn ich ihren theuren Stielow dort losmachte. Jetzt kann sie ihn sich wieder fangen, – das wird ihr gelingen, denn das versteht sie vortrefflich, – und dann« – fuhr er mit immer vergnügterem Lächeln fort – »werde ich ein Recht haben, mit etwas volleren Händen aus dem Goldstrom zu schöpfen, den dieser junge Millionär in ihren Schooß strömen lassen wird.«

Raschen Schrittes eilte er zu seiner Frau, um ihr Bericht über den Erfolg seiner Sendung abzustatten.

Klara aber hatte sich, als er den Salon verlassen, ohne Worte und laut schluchzend in die Arme ihrer Mutter geworfen. Nachdem der Zwang, den ihr die Gegenwart des widerwärtigen Fremden auferlegt, vorüber, war, strömten ihre Thränen reichlich und lösten den starren Krampf, der ihr das Herz zusammengeschnürt hatte.

»Sei stark, meine Tochter,« sagte die Gräfin, ihr sanft über das glänzende Haar streichend, – »es ist eine harte Prüfung, welche Gott Dir auflegt, – aber es ist besser, daß Du jetzt von jenem unwürdigen Verhältniß Dich losreißest, als daß dieser Schlag Dich später getroffen hätte!«

»O, meine Mutter,« rief die junge Gräfin mit tiefem Schmerz, – »diese Liebe machte mich so glücklich, – er hat mich so fest versichert, daß er ganz frei sei – und ich glaubte ihm so vertrauensvoll –«

Und sich plötzlich aus den Armen ihrer Mutter erhebend, eilte sie nach dem Tische hin, auf welchem noch der Brief lag, welchen Herr Balzer ihrer Mutter gezeigt hatte.

Sie ergriff mit leichtem Zusammenschauern das verhängnißvolle Blatt und las mit großen starren Augen den Inhalt.

Dann warf sie es mit einer Bewegung des Abscheues fort und sank schluchzend in einen Lehnstuhl.

»Geh' auf Dein Zimmer, mein Kind,« sagte die Gräfin, – »Du bedarfst der Ruhe! – Ich werde überlegen, wie am besten und ohne großes Aufsehen die Sache behandelt werden kann. Die Abwesenheit des Barons erleichtert das – wir werden auf's Land gehen, – ich werde das Alles ordnen, – beruhige und sammle Dich, damit die Welt nichts merkt, – es ist unsere Pflicht, unsere Schmerzen allein zu tragen, – nur gemeine Seelen zeigen ihren Kummer der Welt, – Gott wird Dir Trost geben, und am Herzen Deiner Mutter wirst Du immer einen Platz haben für Deine Thränen.«

Und sanft ihre Tochter aufrichtend, führte sie dieselbe aus dem Salon nach den innern Gemächern der Damen.

In dem großen weiten Raum tönte wieder der gleichmäßige Pendelschlag der alten Uhren durch die tiefe Stille und die Bilder der Urgroßeltern blickten wieder mit dem unveränderlichen, vornehmen Lächeln aus den Rahmen herab, – auch die Augen, die dort so ruhig und freundlich herabschauten, hatten geweint in vergangenen Tagen, und hatten mit stolzer Kraft ihre Thränen zurückströmen lassen zum eigenen Herzen, damit sie nicht das Mitleid oder die hämische Freude der Welt hervorrufen sollten, – und die ewig dahinrollende Zeit hatte nach den Stunden der Trauer und Pein wieder die Augenblicke des Glücks erscheinen lassen – es war das Alles nichts Neues in dem alten Hause des alten Geschlechtes.

Dann wurde es laut im Vorzimmer, Säbelklirren ertönte draußen, der Diener öffnete die Thüre und herein trat der Lieutenant von Stielow, frisch blühend und heiter, mit leuchtenden Augen das Zimmer durchforschend. Befremdet blickte er den Diener an.

»Die Damen waren soeben noch hier,« sagte dieser – »die Frau Gräfin hatte einen Geschäftsagenten empfangen, – sie müssen sich eben zurückgezogen haben, – ich will ihnen sogleich melden lassen, daß der Herr Baron –«

»Nein, mein Freund,« rief der junge Offizier, – »lassen Sie nichts melden, – die Damen werden ja wohl bald wiederkommen und ich möchte sie ein wenig überraschen – sagen Sie nichts!«

Der Diener verneigte sich und ging hinaus.

Der junge Offizier ging einige Male im Salon auf und ab. Ein glückseliges Lächeln ruhte auf seinen Zügen, die Freude des Wiedersehens nach dieser verhängnißvollen Trennung, während welcher der Tod in so vielen Gestalten ihn drohend umringt hatte, die Aussicht auf den Ausdruck glücklicher Ueberraschung in den Augen der Geliebten – das Alles erfüllte sein jugendlich frisches Herz mit Wonne und Entzücken.

Er näherte sich dem tiefen Fauteuil, in welchem Comtesse Klara gewöhnlich neben ihrer Mutter zu sitzen pflegte, und drückte seine Lippen auf die Lehne, an welcher ihr Kopf geruht haben mußte.

Dann setzte er sich in diesen Lehnstuhl, schloß halb die Augen und überließ sich einer sanften, süßen Träumerei – und die Pendel der Uhren maßen die Zeit, welche über diese glücklichen, hoffnungsseligen Träume des jungen Mannes hinzog, mit demselben gleichmäßigen Schlag, wie die Augenblicke der Qual, welche hier soeben noch das Herz Derjenigen erfüllt hatte, deren Bild in jenen Träumen lebte.

Während der junge Offizier hier träumend saß und sein Glück erwartete, war Klara in ihr Zimmer gegangen, – ein viereckiges Gemach mit einem großen Fenster, in grauer Seide dekorirt, vor dem Fenster ein Schreibtisch, daneben eine pyramidenförmig aufsteigende Etagère mit blühenden Blumen, deren feiner Duft den Raum erfüllte. Ueber dem Schreibtisch stand auf einem eleganten Bronzegestell ein großes photographisches Bild ihres Verlobten, das er noch vor seiner Abreise zur Armee ihr gegeben hatte; in einer Nische, die in der Ecke des Zimmers hergestellt war, sah man einen Betpult mit einem schönen, in Ebenholz und Elfenbein gearbeiteten Kruzifix, – eine kleine, an der Wand hängende Schale mit Weihwasser daneben.

Das Zimmer enthielt Alles, was vornehme Eleganz und Reichthum zur Verschönerung des Lebens bieten können, – dieser Raum war so erfüllt gewesen von Glück und Hoffnung, als die junge Gräfin ihn verlassen hatte, – und jetzt? Die Blumen dufteten wie vor einer Stunde, der Sonnenschein fiel durch das Fenster herein wie vorher, – aber wo war das Glück, – wo war die Hoffnung?

Klara warf sich auf die Kniee vor dem Bilde des Gekreuzigten, wo sie so oft Trost gefunden hatte in den kindlichen Bekümmernissen ihres früheren Lebens, sie rang die schönen weißen Hände in inbrünstigem Gebet, ihre thränenschimmernden Augen hingen an dem Bilde des Erlösers, ihre Lippen bewegten sich in halblauten, flehenden Worten, – aber nicht wie sonst senkte sich Frieden und Ruhe in ihre Seele.

In wilden Stürmen wogten ihre Gefühle durcheinander, es war tiefer, trauriger Schmerz über das verlorene Glück, es war zornige Entrüstung über das falsche Spiel mit ihrer Liebe, es war hochaufwallender Stolz über die Verachtung ihrer Gefühle, – es war endlich bitterer, eifersüchtiger Haß gegen die Unwürdige, der sie aufgeopfert war – das Alles wogte und wallte in ihrem Kopfe, in ihrem Herzen, in ihrem Blute durcheinander, und das Gebet, welches die Lippen sprachen, wollte nicht emporsteigen zum Himmel, das ruhige Licht gläubiger Ergebung wollte sich in ihrem Innern nicht entzünden.

Sie stand wieder auf und seufzte tief – es war nicht mehr Schmerz, es war Zorn, was aus ihren Augen flammte, – sie biß die weißen Zähne auf die Lippe und ging im Zimmer hin und her, indem sie die Hände auf die Brust drückte, gleich als wollte sie den wogenden Strom der Gefühle niederhalten, die ihr das Herz zu zersprengen drohten.

Dann blieb sie vor ihrem Schreibtische stehen und blickte mit zornigem, feindlichem Ausdruck auf das Bild des Herrn von Stielow.

»Warum mußtest Du in meinen Lebenskreis eintreten,« rief sie, – »um mir meinen Frieden zu rauben und mich einige Augenblicke trügerischen Glückes mit so tiefen, furchtbaren Qualen erkaufen zu lassen!«

Ihr Blick ruhte lange auf dem Bilde, langsam und allmälig verschwand der Ausdruck des Zorns aus ihren Zügen, ein milder, wehmüthiger Schimmer glänzte in ihrem Auge.

»Und dieß kurze Glück war so schön!« flüsterte sie, – »ist es denn möglich, daß diese offenen, treuen Augen lügen können, ist es möglich, daß zu gleicher Zeit –«

Sie sank auf den Sessel vor ihrem Tische nieder und halb unwillkürlich einer süßen Gewohnheit der letzten Zeilen folgend, öffnete sie eine Schatulle von Ebenholz, wunderbar schön in Perlmutter und Gold ausgelegt.

In dieser Schatulle lagen die Briefe ihres Geliebten, die er ihr aus dem Lager geschrieben, Alles kleine, flüchtige Zettel, viele stark beschmutzt von den vielen Händen, durch welche sie gegangen waren, um bis zu ihr zu gelangen – sie kannte sie alle auswendig, diese Liebesgrüße, welche so wenig und doch so viel sagten, welche sie mit so vieler Sehnsucht erwartet, mit so viel jubelnder Freude empfangen, mit so viel stiller Glückseligkeit gelesen und wieder gelesen hatte.

Wie mechanisch einer Gewohnheit folgend, nahm sie einen dieser Briefe und ließ ihr Auge langsam über die Zeilen gleiten.

Dann aber warf sie das Papier mit einer Bewegung des Abscheus fort.

»Und mit derselben Hand,« rief sie, »welche diese Worte schrieb –« sie vollendete nicht und blickte düster vor sich hin. – »Aber ist es denn wahr?« rief sie plötzlich, – »kann nicht die Bosheit, der Neid, – o ich wußte es ja, daß ihm diese Frau nicht fremd war – ich habe die Schriftzüge nicht nebeneinander gesehen, nicht verglichen – – mein Gott!« schrie sie erschrocken auf, »jener unglückselige Brief liegt noch im Salon, – wenn einer der Domestiken –!« und schnell aufspringend eilte sie aus ihrem Zimmer, durchschritt eilig die dazwischen liegenden Räume, trat in den Salon und näherte sich in rascher Bewegung dem Tisch, auf welchem das verhängnißvolle Blatt zwischen zwei Blumenvasen und einer Tapisseriearbeit lag.

Das Geräusch ihrer Schritte weckte den jungen Offizier aus seiner Träumerei. Schnell fuhr er aus der halb liegenden Stellung empor, in welcher ihn die hohe Rücklehne des Fauteuils verborgen hatte, und sah Diejenige, deren Bild seine Gedanken erfüllt hatte, in wirklicher Erscheinung und unbeschreiblicher Verwirrung vor sich stehen.

Es würde unmöglich sein, die Gefühle in Worten auszusprechen, welche die Brust des jungen Mädchens in diesem Augenblick erfüllten. Ihr Herz schlug zuerst hoch empor in freudigem Entzücken, so plötzlich den Geliebten vor sich zu sehen, mit schneidendem, erschütterndem Weh durchfuhr sie im nächsten Augenblick die Erinnerung an das, was sie für immer von dem verkörpert vor ihr stehenden Glücke trennte – ihre Gedanken schwirrten unklar durch einander, sie hatte weder die Kraft zu sprechen, noch sich zu entfernen, unbeweglich blieb sie stehen, die großen Augen starr auf die unerwartete Erscheinung gerichtet.

Mit einem Satz war der junge Mann bei ihr, er öffnete die Arme, als wollte er die Geliebte umschlingen, aber schnell einhaltend ließ er sich vor ihr auf ein Knie nieder, ergriff ihre Hand, die sie ihm willenlos überließ, und drückte einen langen, feurigen und innigen Kuß darauf.

»Hier,« rief er, »mein holdes Glück, süße Freude meines Herzens, Stern meiner Liebe, – hier ist Dein treuer Ritter wieder, Dein Talisman hat mich beschützt, und das heilige Licht meines Sterns war stärker und mächtiger als alle die drohenden Wolken, die mich umringten.«

Und mit leuchtenden Blicken, ganz erfüllt von Glück, Liebe und anbetender Bewunderung, sah er zu ihr empor.

Sie starrte ihn an, fast ohne Ausdruck in den weit geöffneten Augen, es schien, als ob alles Blut nach ihrem Herzen zurückgeströmt sei, als ob alle ihre Gedanken, alle ihre Willenskraft gebannt wäre unter dem überwältigenden Eindruck dieser letzten Augenblicke.

Er freute sich fast dieser starren Bewegungslosigkeit, welche er dem unerwarteten, überraschenden Wiedersehen zuschrieb, und sagte:

»Der General Gablenz ist zum Kaiser gerufen und hat mich mit hieher genommen, wodurch mir früher als sonst vergönnt ist, mein süßes Glück zu begrüßen!« – und indem er ein goldenes Etui mit einem verschlungenen 0 in Brillanten aus seiner Uniform zog, fügte er mit glücklichem Lächeln hinzu: »Hier ist der von der Hand meiner Dame geweihte Talisman, welcher mich in allen Gefahren beschützt hat, – er hat stets auf meinem Herzen geruht und kann Dir erzählen, daß alle seine Schläge meiner Liebe gehörten.« –

Er öffnete das Etui und ließ in demselben auf einer Unterlage von blauem Sammet unter gläserner Einfassung eine trockene Rose sehen.

»Jetzt,« rief er, »bedarf ich des todten Talismans nicht mehr, da die lebendige Rose meines Glücks blühend vor mir steht!«

Er stand auf, legte sanft den Arm um ihre Schultern und drückte einen Kuß auf ihre Stirn.

Ein leichter Schauer flog durch ihre Gestalt, ihre Augen schleuderten einen Blitz voll Zorn und Verachtung, flammende Röthe erglühte auf ihren Wangen.

Mit rascher Bewegung riß sie sich von ihm los.

»Herr Baron,« rief sie – »ich muß Sie bitten, – Sie haben mich überrascht!«

Sie stockte – ihre Lippen zitterten, sie konnte die Worte nicht finden, sie konnte nicht aussprechen, was sie dachte und fühlte, nicht sagen, was sie sagen wollte.

Nach einem sekundenlangen Schweigen wendete sie sich, um das Zimmer zu verlassen.

Der junge Offizier stand da wie vom Blitz getroffen, – dieß fremde Wort, mit welchem sie ihn anredete, dieser Ausdruck in den Zügen seiner Geliebten sagte ihm, daß etwas vorgegangen sein müsse, daß ein Unheil aufgestiegen sei zwischen ihm und seiner Liebe, aber es war ihm unmöglich, auch nur einen klaren Gedanken darüber zu fassen, in starrem Entsetzen blickte er sie an. Als sie sich aber abwendete und ihre Schritte nach der Thüre richtete, da breitete er beide Arme nach ihr aus und rief mit einem Tone, so voll Liebe und Sehnsucht, voll Schmerz und voll banger Frage, wie er nur aus dem tiefsten und wahrsten Gefühl hervordringen kann: »Klara!«

Sie zuckte zusammen bei diesem Ton, der die innersten Tiefen ihres zuckenden Herzens traf; sie blieb stehen, ihre Kräfte drohten sie zu verlassen, sie wankte.

Herr von Stielow war im Augenblick neben ihr, er stützte sie und führte sie zu einem Lehnstuhl, in den er sie sanft niederließ.

Dann kniete er vor ihr nieder und rief mit flehendem, angstvollem Ton:

»Um Gotteswillen, Klara, was ist geschehen, – was bewegt Dich?«

Sie hielt das Tuch vor die Augen und weinte leise, gewaltsam nach Fassung ringend.

Die Thür öffnete sich und die Gräfin Frankenstein trat ein.

Sie blickte in starrem Erstaunen auf die Gruppe, welche sie vor sich sah.

Herr von Stielow sprang auf.

»Frau Gräfin!« rief er, »können Sie mir das Räthsel lösen, dem ich hier gegenüberstehe, – was ist mit Klara vorgegangen?«

Die Gräfin sah ihn mit ernster, ruhiger Miene an.

»Ich erwartete Sie nicht in diesen Tagen, Herr von Stielow,« sagte sie, »sonst würde ich Befehl gegeben haben, Ihnen sogleich zu sagen, daß meine Tochter sehr leidend und angegriffen ist. – Wir müssen auf längere Zeit Wien verlassen und ich glaube, daß es unter diesen Umständen besser ist, auf die Pläne zu verzichten, welche wir für die Zukunft gebaut hatten. – Mein Kind,« fuhr sie fort, sich zu ihrer Tochter wendend, welche noch immer leise weinend auf dem Lehnstuhl saß, – »geh' auf Dein Zimmer!«

»Klara krank?« rief der junge Mann im Tone des höchsten Schreckens, – »mein Gott, seit wann? – doch nein, nein, es ist etwas Anderes, das hier vorgegangen – ich bitte Sie –«

Mit einer raschen Bewegung stand die junge Gräfin auf. Stolz erhob sie das Haupt und ihren Blick klar und voll auf Herrn von Stielow richtend, sprach sie zu ihrer Mutter gewendet:

»Der Zufall – oder die Vorsehung hat ihn jetzt gerade hieher geführt, – nun sei Wahrheit zwischen uns, – ich wenigstens will auch die Schuld schweigender Unwahrheit nicht tragen –«

Und ehe die Gräfin antworten konnte, ging sie mit festem Schritt auf den Tisch zu, ergriff den Brief, welcher dort noch lag, und reichte ihn mit einer Bewegung voll stolzer Würde dem jungen Offizier. Dann brach sie von Neuem in Thränen aus und warf sich in die Arme ihrer Mutter.

Herr von Stielow warf einen Blick auf das Papier.

Eine dunkle Röthe flog über sein Gesicht.

Er überflog mit den Augen die Schriftzüge; – dann sprach er, den Blick zu Boden gesenkt:

»Ich weiß nicht, wie dieser Brief hieher kommt, – doch glaubte ich – aus einigen Worten Klara's zu schließen, daß ihr eine Verirrung bekannt sei, der ich verfallen war, – ich glaubte, daß sie trotz der Vergangenheit mir ihr Herz geschenkt habe, und ich begreife nicht –«

Klara richtete sich auf und sah ihn mit flammendem Blick an.

»Trotz der Vergangenheit!« rief sie, – »ja, – weil ich Ihrem Worte glaubte, daß dieß Alles der Vergangenheit angehöre, – ich wußte nicht, daß ich mit dieser Vergangenheit mich in die Gegenwart theilen sollte!« –

»Aber mein Gott!« rief Herr von Stielow, sie erstaunt anblickend, – »ich verstehe nichts mehr, – – kann ein alter Brief –«

»Ein alter Brief?« sagte die Gräfin Frankenstein streng, – »er ist acht Tage alt.«

»– Und trägt das Datum des letzten Briefes an mich!« rief Klara mit flammenden Blicken.

Herr von Stielow blickte erstaunt auf das Papier.

Seine Augen öffneten sich weit. Stumm starrte er lange auf den Brief, den er unbeweglich vor seine Augen hielt.

Endlich wendete er sich mit blitzenden Augen und hochgeröthetem Gesicht zu den Damen.

»Ich weiß nicht, welcher Dämon hier sein Spiel hat – ich weiß nicht, wer zwei Herzen von einander reißen will, die Gott für einander bestimmt hat; – Frau Gräfin,« fuhr er fort, »Sie sind mir Wahrheit schuldig, ich fordere Sie von Ihnen, – wer gab Ihnen dieß Papier?«

Klara's Augen hafteten gespannt auf dem Gesicht des jungen Mannes. Ihr Busen wogte auf und nieder.

Das Gesicht der Gräfin zeigte den Widerwillen, den ihr dieß ganze Gespräch einflößte, – kalt antwortete sie:

»Ihr Ehrenwort, über die ganze Sache zu schweigen!«

»Ich gebe es,« sagte Herr von Stielow.

»Nun denn,« sagte die Gräfin, »dieser Brief ist irrthümlich an den Mann der – Dame – gelangt, und er –«

»Betrug! schändlicher Betrug!« rief Herr von Stielow halb zornig, halb frohlockend, – »ich durchschaue den Grund desselben noch nicht ganz, – aber sei er, welcher er wolle – Frau Gräfin, – Klara, – dieser Brief ist ein Jahr alt, – sehen Sie hier, – wenn Sie genau zusehen, werden Sie es bemerken, das Datum ist frisch geschrieben, – es ist eine schändliche Intrigue!« –

Und er reichte das Blatt der Gräfin.

Diese streckte die Hand nicht aus, um es zu berühren. Ein kalter Blick traf den jungen Mann. In Klara's Augen leuchtete ein Strahl der Hoffnung auf, – ein liebendes Herz ist so geneigt zum Glauben und Vertrauen.

Herr von Stielow warf das Papier fort.

»Sie haben Recht, Frau Gräfin,« sagte er, stolz sich aufrichtend, – »das ist eine Beweisführung für Advokaten!«

Und er trat zu Klara, ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder, zog das Etui mit der trockenen Rose aus seiner Uniform und legte die Hand.darauf.

»Klara,« sprach er mit innigem, liebevollem Tone, welcher aus der Tiefe seiner Seele hervorklang, »bei diesem heiligen Andenken an die erste Stunde unserer Liebe, bei diesem Talisman, der mich begleitet hat in die Schrecken der Schlacht, schwöre ich Dir: Dieser Brief ist geschrieben vor einem Jahr, ehe ich Dich gesehen,« – er erhob seine Hand und berührte leicht mit den Fingerspitzen ihre Brust. »Bei diesem reinen, edlen Herzen schwöre ich Dir, daß kein Gedanke an jenes Irrlicht, dessen Lockung ich früher gefolgt war, in mir gelebt hat, seit ich Dir gehöre, seit in Deiner Liebe mir der reine Stern meines Lebens aufgegangen ist, dem ich treu bleiben werde bis zum Tode!«

Er stand auf.

»Frau Gräfin,« sagte er mit ernster, ruhiger Stimme, »ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Edelmann, bei meinem Namen, der von Geschlecht zu Geschlecht ehrenvoll durch die Jahrhunderte getragen ist, bei meinem Degen, den ich ohne Vorwurf in diesen furchtbaren Tagen gegen die Feinde Oesterreichs getragen, – daß das Datum dieses Briefes gefälscht ist und daß ich, seit Klara mir ihre Liebe geschenkt, mit jener Frau keine Sylbe gewechselt habe, daß keiner meiner Gedanken bei ihr gewesen ist, es sei denn in reuiger Erinnerung an eine vergangene Verirrung meines Herzens! – Ich frage nicht, ob Sie meinen Worten glauben,« fuhr er fort, – »die Gräfin Frankenstein kann keinen Zweifel in das Wort eines Edelmanns und eines österreichischen Offiziers setzen, der das Glück seines Lebens nicht um den Preis einer Lüge erkaufen würde. – Dich aber frage ich,« sagte er in warmem Tone, sich zu der Comtesse wendend, deren strahlende Augen mit glücklichem Ausdruck an ihm hingen, – »ob Du glaubst, daß mein Herz Dir gehört ohne Rückhalt und Zweifel, ob Du nun, da die Vergangenheit einmal klar und unverhüllt zwischen uns zur Sprache gekommen ist, der Stern meines Lebens bleiben willst, oder ob ich in dunkler Einsamkeit den Weg gehen soll, den meine Hoffnung mir sonnig und blütenreich gezeigt hat!«

Er senkte die Augen und wartete schweigend.

Mit dem Ausdruck unendlicher Liebe sah ihn die junge Gräfin an. Ein glückliches Lächeln schwebte um ihre Lippen. Mit leisem Schritt schwebte sie zu ihm hin; dicht vor ihm blieb sie stehen, in reizender Bewegung streckte sie ihm die Hand hin.

Er schlug die Augen empor und begegnete ihrem sanften, schimmernden Blick, sah ihr liebliches Lächeln, ihr leichtes Erröthen. Schnell öffnete er weit seine Arme und sie lehnte sich an ihn und barg das Haupt an seiner Brust.

Mit glücklichem, mildem Lächeln sah die Gräfin auf das schöne Paar und eine lange Stille herrschte in dem hohen Gemach.

Die alten Uhren aber maßen mit ihrem ruhigen Pendelschlag auch diese Augenblicke – die Augenblicke, die in ewigem Gleichmaß sich folgen – und sich nimmer gleichen im steten Wechsel des kurzen Glückes und der langen Schmerzen, welche das Leben der Menschen auf Erden bilden.

Als am späten Abend Klara in ihr stilles Zimmer zurückkehrte, da legte sie das goldene Etui mit der trockenen Rose auf ihr Betpult zu den Füßen des Christusbildes nieder, und dießmal stieg ihr Gebet so leicht beschwingt zum Himmel empor, wie die Blumendüfte des Frühlings, und in ihrem Herzen tönte es in so reinen, wunderbaren Melodieen, wie der Lobgesang der Engel, welche den Thron der ewigen Liebe umringen.

Vierter Band.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

In dem großen, hellen Arbeitskabinet seines Palais zu St. Petersburg saß vor dem mächtigen Schreibtisch hinter einer Menge von Papieren, welche indeß trotz ihrer großen Anzahl in sichtlich musterhafter Ordnung aufgereiht waren, der Vizekanzler des russischen Reiches, Fürst Alexander Gortschakoff.

Trotz der frühen Morgenstunde war der Fürst völlig angekleidet, – er trug über Unterkleidern von weißem Sommerstoff einen leichten schwarzen Ueberrock, den er der Hitze wegen weit auseinandergeschlagen hatte. Das feine, intelligente Gesicht, mit dem leichten Zug überlegener Ironie um den geistreichen Mund, mit dem kurzen grauen Haar, steckte tief in der hohen schwarzen Cravatte mit aufstehendem Hemdkragen, – die so scharfblickenden, so klugen und gewöhnlich in so gutmüthigem, fast schalkhaftem Humor unter der goldenen Brille hervorglänzenden Augen blickten heute mißmuthig und unzufrieden in den jungen Tag hinein.

Vor dem Fürsten stand sein vertrauter Sekretär, Herr von Hamburger, in schwarzem Anzug, – ein mittelgroßer, schlanker Mann mit freiem, intelligentem Ausdruck und lebhaften, klugen Augen.

Er war im Begriff, dem Fürsten eine Reihe von Personalangelegenheiten aus dem Ressort der Diplomatie vorzutragen. Vor ihm auf dem Tisch des Fürsten lag ein großes Paket von Papieren und Akten.

Er hatte so eben einen Vortrag beendet und notirte mit einem Bleistift die Resolution des Ministers auf die Eingabe, welche er in der Hand hielt. Dann legte er das Papier auf das große Aktenpaket, nahm dieß vom Tische auf und verbeugte sich, zum Zeichen, daß sein Vortrag geschlossen sei.

Der Fürst blickte ihn etwas erstaunt an.

»Sind Sie fertig?« fragte er kurz.

»Zu Befehl, Excellenz.«

»Sie haben ja da noch eine Menge Sachen, die Sie wieder fortnehmen?« sagte der Fürst mit einem Blick auf das voluminöse Paket, welches Herr von Hamburger unter dem Arm hielt.

»Ich werde die Ehre haben, diese Sachen an einem folgenden Tage vorzutragen,« sagte der Sekretär.

»Warum nicht heute? – Sie sind ja erst eine Viertelstunde hier und wir haben noch Zeit!« rief der Minister mit einem leichten Anklang von Unzufriedenheit im Ton seiner Stimme.

Herr von Hamburger ließ sein kluges, scharfes Auge einen Augenblick schweigend auf dem Gesicht des Fürsten ruhen, dann sagte er ruhig und kalt mit einem leichten, kaum merkbaren Lächeln:

»Eure Excellenz haben heute, wie ich fürchten muß, eine schlechte Nacht gehabt und sind in keiner wohlwollenden Stimmung, – ich habe da unter den Vortragssachen aber verschiedene Angelegenheiten, bei denen es aus Gründen der Gerechtigkeit und Billigkeit sehr wünschenswerth wäre, daß sie in freundlicher Weise erledigt oder bei Seiner Majestät dem Kaiser vorgebracht würden, – ich glaube, Eure Excellenz würden mir später zürnen, wenn ich diese Angelegenheiten zu einer solchen Erledigung führte – wie sie heute vorauszusetzen ist.«

Der Fürst blickte ihn durch die goldene Brille einen Augenblick scharf an, ohne daß es ihm gelang, den offenen, ruhigen Blick seines Sekretärs zu beugen, oder den höflich und freundlich lächelnden Ausdruck von dessen Zügen verschwinden zu lassen.

»Hamburger,« sagte er dann noch immer in mürrischem Ton, während indeß um seine Augenwinkel die ersten Anfänge eines wiederkehrenden Humors sichtbar wurden, – »ich werde Sie zu meinem Arzt machen! – Leider verstehen Sie die Mittel nicht zu finden, – aber was die Diagnose betrifft, sind Sie zum Mediziner geboren, – ich habe Ihnen gegenüber nicht mehr die Freiheit, übler Laune zu sein!«

»Eure Excellenz werden doch gewiß nicht voraussetzen,« sagte Herr von Hamburger, sich lächelnd verbeugend, »daß ich mir erlauben würde, in die Freiheit Ihrer Launen eingreifen zu wollen, – ich bitte nur um die Erlaubniß, meine Vorträge diesen Launen – Eure Excellenz haben selbst diesen Ausdruck gebraucht – anzupassen«

»Soll ich nicht übler Laune sein,« rief der Fürst halb lachend, halb unmuthig, »wenn die ganze Welt aus den alten ordentlichen Fugen geht, wenn das schon so schwer erschütterte europäische Gleichgewicht ganz zusammenbricht, – und wenn das Alles geschieht, ohne daß Rußland irgend etwas dabei thun kann, – ohne daß wir wenigstens bei der neuen Gestaltung der Dinge etwas für uns gewinnen können! – Daß Oesterreich geschlagen ist,« fuhr er sinnend fort, – »ist mir recht, dieses Oesterreich, das uns in unerhörtem Undank in der Stunde der Noth verließ, dessen falsche Freundschaft uns ebensoviel schadete, als unsere offenen Feinde, – aber daß dieser Sieg so weit geht, daß man in Deutschland das legitime Fürstenrecht umstoßen wird, daß diese germanische. Nation sich drohend uns zur Seite aufrichtet, – das macht mir schwere Sorgen. – Preußen,« sagte er nach einer kurzen Pause, »war unser Freund, konnte es, mußte es sein, – aber was jetzt entstehen wird, das ist nicht mehr Preußen, das ist Deutschland – und erinnern Sie sich, mit welchem Haß gegen Rußland von 1648 an stets die deutsche Nationalbewegung durchtränkt war! – In Paris wird man nichts thun, – man wird Kompensationen fordern, – ich glaube, man wird sie nicht erhalten, – ja, wenn Napoleon dann zum Handeln sich entschließen könnte, dann wäre der Augenblick gekommen, um vielleicht eingreifen zu können, – allein ist für uns nichts zu thun möglich!«

»Eure Excellenz werden ja hören, was der General von Manteuffel bringt, – er muß ja bald hier sein,« sagte Herr von Hamburger, indem er seine Uhr hervorzog.

»Was wird er bringen?« rief der Fürst unmuthig, – »Redensarten, Erklärungen, nichts weiter, – und was sollen wir antworten? bonne mine auf mauvais jeu machen, – voilà tout!«

Herr von Hamburger lächelte fein.

»Eure Excellenz werden es hören,« sagte er, – »ich für meine Person kann mich nicht davon überzeugen, daß es richtig ist, wenn Rußland sich feindlich gegen die neue Gestaltung Deutschlands stellt, – zu hindern ist sie auf die Dauer doch nicht, jenes alte europäische Gleichgewicht ist längst aus den Fugen gegangen und Rußland wiegt schwer genug,« fügte er mit stolzem Tone hinzu, »um auch eine neue Verteilung der Gewichte nicht zu fürchten. Rußland, der große, gewaltige Nationalstaat, darf sich nicht an die alten Traditionen hängen, er muß frei und vorurtheilslos in die Zukunft hineintreten, und verstärkt sich das Gewicht anderer Mächte, – wohlan, auch Rußlands Macht ist ja nicht in unveränderliche Schranken gezwängt!«

Er nahm aus einer Mappe, welche er vorher mitgebracht hatte, ein Aktenstück und legte es auf den Tisch neben den Fürsten.

Dieser hatte ihm aufmerksam zugehört und sein scharfes Auge blickte sinnend und nachdenklich vor sich hin.

»Was legen Sie mir da auf den Tisch?« fragte er.

»Den pariser Traktat, Excellenz,« antwortete Herr von Hamburger.

Ein feines Lächeln umzog den Mund des Fürsten, ein blitzender Strahl flog aus seinem Auge auf den Sekretär.

»Hamburger,« sagte er – »Sie sind ein ganz merkwürdiger Mensch; ich glaube, man muß sich vor Ihnen in Acht nehmen!«

»Warum, Excellenz?« fragte der Sekretär in ruhigem, fast naivem Ton.

»Ich glaube, Sie lesen die Gedanken der Menschen!« antwortete der Fürst, dessen Verstimmung immer mehr verschwunden war.

»In Eurer Excellenz Schule muß man schließlich Alles ein wenig lernen,« sagte Herr von Hamburger, sich lächelnd verbeugend.

Der Fürst nahm den pariser Traktat und blätterte leicht darin hin und her.

Eine kurze Zeit folgte er schweigend seinen Gedanken.

Dann blickte er auf und fragte:

»Ist der General von Knesebeck, den der König von Hannover hergeschickt, schon in Zarskoë Selo?«

»Er ist gleich nach der Audienz bei Eurer Excellenz dorthin gefahren, Seine kaiserliche Majestät haben befohlen, daß dort für ihn eine Wohnung eingerichtet werde.«

»Hat er den Kaiser schon gesehen?« fragte der Fürst.

»Nein, Excellenz,« erwiederte Herr von Hamburger, – »Eure Excellenz hatten Seine Majestät gebeten, ihn erst zu empfangen, wenn Sie den General Manteuffel gesprochen.«

»Ganz recht,« erwiederte der Fürst nachdenklich, – »der Kaiser hat große Theilnahme für den König von Hannover, aber ich möchte nicht, daß er sich irgendwie engagirte, – thun können wir allein wenig, – das Einzige wäre, daß der Kaiser seinen persönlichen Einfluß geltend machte, um den König von Preußen von einer Politik der Annexionen abzuhalten, – das ist indeß sehr bedenklich, man muß in dieser ganzen Angelegenheit sehr vorsichtig verfahren. Seine Majestät muß sich vor jedem Schritt vollständig klar über die Folgen und Konsequenzen desselben sein.«

Ein Kammerdiener trat ein und meldete:

»Der königlich preußische General von Manteuffel.«

Herr von Hamburger zog sich durch eine Seitenthür des Kabinets zurück. Der Fürst stand auf.

Jede Spur von Verstimmung war von seinem Gesichte verschwunden, man sah auf demselben keinen anderen Ausdruck, als den der vollendetsten, ruhigsten Höflichkeit.

General von Manteuffel trat ein. Er trug die große Uniform der Generaladjutanten des Königs von Preußen, das blaue Emailkreuz des Ordens pour le mérite um den Hals, auf der Brust die Sterne des russischen Alexander Newski- und weißen Adler-Ordens mit dem großen Bande des ersteren und den Stern des preußischen rothen Adlerordens.

Das eigenthümliche scharf markirte Gesicht des Generals, mit dem dichten, buschigen, tief in die Stirn herabreichenden Haar und dem vollen, am Kinn nur wenig ausgeschnittenen Bart, hatte den gewöhnlich strengen, fast finstern Ausdruck abgelegt, mit freundlicher Verbindlichkeit und leichter Artigkeit näherte er sich dem russischen Minister, – wie zu einem einfachen Höflichkeitsbesuch, – nur die scharfen, lebhaften grauen Augen blickten forschend und durchdringend unter den starken Brauen hervor und hefteten sich mit dem Ausdruck unruhiger Erwartung auf das Gesicht des Fürsten.

Der Fürst reichte dem General die Hand und ersuchte ihn durch eine verbindliche Bewegung, in dem neben dem Schreibtisch stehenden Fauteuil Platz zu nehmen.

»Es freut mich,« sagte er, »Eure Excellenz in Petersburg, begrüßen zu können, und ich bitte um Entschuldigung,« fügte er mit einem flüchtigen Blick auf die große Uniform des Generals hinzu, »daß ich Sie in diesem Morgenkostüme empfange, – ich erwartete eine ganz freundschaftliche und private Besprechung –«

»Ich habe ein Schreiben meines allergnädigsten Herrn an Seine Majestät den Kaiser zu übergeben,« erwiederte der General, »und wollte jeden Augenblick bereit sein, vor Seiner Majestät zu erscheinen, – nachdem ich, – wie natürlich, mich Eurer Excellenz gegenüber über den Zweck meiner Sendung ausgesprochen habe.«

Der Fürst verneigte sich leicht.

»Der Zweck Ihrer Mission ist in dem Allerhöchsten Handschreiben ausgesprochen?« fragte er.

»Es beglaubigt mich nur,« erwiederte der General, »und verweist auf meine mündlichen Erklärungen, deren Inhalt durch die gegenwärtige, so eigenthümliche politische Situation geboten ist, und nicht den Gegenstand schriftlicher Instruktion für die hiesige Gesandtschaft bilden konnte.«

»Graf Redern hat mir das mitgetheilt,« sagte Fürst Gortschakoff, »als er mir die Ehre Ihres Besuches meldete.«

Und sich leicht auf die Seitenlehne seines Sessels stützend, blickte er den General mit dem Ausdruck höflicher Erwartung an.

»Der König hat mir befohlen,« sagte Herr von Manteuffel, »die Gesichtspunkte, welche für die preußische Politik in Deutschland und Europa in diesem Augenblicks maßgebend sein müssen, sowohl Eurer Excellenz, als Seiner Majestät dem Kaiser mit der größten Offenheit und dem vollständigen Vertrauen darzulegen, welche den nahen Beziehungen der hohen Regentenhäuser und den freundschaftlichen Verhältnissen der Regierungen entsprechen.«

Der Fürst verneigte sich.

»Die Erfolge der preußischen Waffen,« fuhr der General fort, »die Opfer, welche der Staat und das ganze Volk gebracht haben, um diese Erfolge zu erreichen, legen Preußen die Pflicht auf, das Erreichte für den eigenen Staat sowohl, als für die Neugestaltung Deutschlands im Sinne nationaler Einigung fest und dauernd zu sichern und vor Allem so viel als thunlich die Möglichkeit der Wiederkehr ähnlicher Ereignisse auszuschließen, wie sie sich so eben vollzogen haben.«

Der Fürst schwieg, sein Auge zeigte nun den Ausdruck höflichster Aufmerksamkeit.

»Der König hat deßhalb,« fuhr Herr von Manteuffel fort, »die Eurer Excellenz bekannten Grundbedingungen der französischen Friedensvermittlung angenommen, indeß er hat zugleich erklärt, daß eine den Gesichtspunkten, welche ich so eben zu erwähnen die Ehre hatte, entsprechende Machtvergrößerung Preußens durch territoriale Gebietserweiterung unerläßlich sei – und Oesterreich hat im Voraus jede solche Ausdehnung Preußens im Norden genehmigt.«

Ein halb mitleidiges, halb verächtliches Lächeln flog einen Augenblick über die Lippen des Fürsten, dann nahmen seine Züge wieder die vorige aufmerksame Ruhe an.

»Der König,« fuhr Herr von Manteuffel fort, indem sein Blick unbeweglich auf den Augen des Fürsten haftete, – »der König hat nun beschlossen, jene Machtvergrößerung, welche nothwendig ist für Preußen und Deutschland, durch die Einverleibung von Hannover, Kurhessen, Nassau und der Stadt Frankfurt herzustellen.«

Der General schwieg, als erwarte er eine Aeußerung des Ministers.

Kein Zug bewegte sich im Gesicht des Fürsten.

Klar und freundlich blickte sein Auge durch die goldene Brille auf den General und in diesem Auge stand deutlich geschrieben: »Ich höre.«

Herr von Manteuffel fuhr eben so ruhig fort:

»Der König ist tief und schmerzlich von dieser Notwendigkeit berührt, welche ihn zwingt, über verwandte Fürstenhäuser das harte Loos der Besiegten zu verhängen, – Seine Majestät hat lange gekämpft, aber die Pflicht gegen Preußen und Deutschland mußte in seinem königlichen Herzen den Sieg davon tragen über die Gefühle der Milde und der verwandtschaftlichen Rücksicht. Seine Majestät haben demgemäß die Einverleibung beschlossen.«

Wieder schien der General eine Antwort oder wenigstens eine Bemerkung des Fürsten zu erwarten, – aber das Gesicht desselben blieb so ruhig und unverändert wie ein Porträt und es war fortwährend nur ein Ausdruck in demselben sichtbar, – der des unerschütterlichen Entschlusses, mit der rücksichtsvollsten und artigsten Aufmerksamkeit Alles anzuhören, was man ihm sagen würde.

Herr von Manteuffel fuhr fort:

»Die vollzogenen Ereignisse bedingen eine ziemlich wesentliche Veränderung derjenigen Grundlage der europäischen Verhältnisse, welche durch die wiener Verträge festgestellt sind, – und der König hält es deßhalb für nothwendig, die zwingenden Gründe, welche ihn bestimmten und bestimmen mußten, Seiner Majestät dem Kaiser vorzulegen, – er legt einen ganz besonderen Werth darauf, daß diese Gründe gerade bei derjenigen Macht volle und gerechte Würdigung finden, welche mit Preußen gemeinsam bis jetzt fast allein in Europa an der Grundlage jener Verträge festgehalten hat.«

Der Fürst verneigte sich leicht.

»Die wiener Verträge,« sagte er achselzuckend – »man spricht davon kaum noch in den Kanzleien der heutigen Diplomatie!«

»Je mehr Seine Majestät der König,« sprach Herr von Manteuffel weiter, »innig durchdrungen ist von der Nichtigkeit der Prinzipien, welche jenen Verträgen und der heiligen Allianz zum Grunde gelegen haben, je tiefer Allerhöchstderselbe die Lossagung Oesterreichs von diesen Prinzipien und dieser Allianz beklagt, – je mehr die preußische Politik auch im Jahre 1855 ihre Vertragstreue bewiesen hat, – um so mehr liegt es meinem allergnädigsten Herrn daran, daß Seine Majestät der Kaiser sich überzeuge, wie nur die Erkenntniß der absoluten Nothwendigkeit dahin führen konnte, die Veränderungen zu beschließen, welche in Deutschland bevorstehen, und verwandte Fürstenhäuser die harten Konsequenzen des Krieges empfinden zu lassen.«

»Wir sind hier mit den Konsequenzen, welche der Krieg dem Besiegten auferlegt, vertraut,« sagte der Fürst mit ruhiger Höflichkeit, – »seit zehn Jahren tragen wir diese Konsequenzen an den Ufern des schwarzen Meeres!«

»Ein Unglück, an welchem Preußen keine Schuld trägt,« erwiederte Herr von Manteuffel, – »das man bei uns lebhaft beklagt hat, – dessen Aufhören wir gewiß mit Freude begrüßen würden.«

Der Fürst schwieg. Ein leichter Schimmer in seinem Blick zeigte dem aufmerksam beobachtenden General, daß seine Worte wohl gehört waren.

Er fuhr fort:

»Seine Majestät würde es tief beklagen, wenn die Notwendigkeiten der deutschen Politik auch nur im Geringsten die Bande inniger Freundschaft und rücksichtslosen Vertrauens lockern könnten, welche zwischen den Höfen von Berlin und St. Petersburg bestehen. – Er hofft vielmehr, daß dieselben nicht nur fortfahren werden, Preußen und das neu erstehende Deutschland mit Rußland zu verbinden, sondern daß auch eine neue und politisch noch festere Basis einer wirklichen Allianz zwischen beiden Mächten durch die Natur der Dinge geboten ist.«

Der Fürst schlug einen Augenblick die Augen nieder.

Dann sagte er im Tone ruhiger Konversation:

»Wir empfinden hier – und ich kann versichern, der Kaiser, mein allergnädigster Herr, am meisten – den vollen Werth der innigen und aufrichtigen Freundschaft mit Preußen – und ich zweifle nicht,« fügte er verbindlich hinzu, »daß im gegebenen Fall diese Freundschaft in thätiger Allianz sich bewähren würde. – Allein in diesem Augenblicke vermöchte ich kaum die tatsächlichen Bedingungen einer solchen zu entdecken. Rußland erholt sich und sammelt sich« – fuhr er mit leicht erhöhter Lebhaftigkeit des Tons fort, – »und hat keine Veranlassung, sich irgendwie in die Verhältnisse der europäischen Politik, in die Konstituirung der nationalen Gruppen zu mischen, sobald die russischen Interessen nicht direkt und unmittelbar in Mitleidenschaft gezogen werden. – Wir mögen,« sagte er mit ausdrucksvollem Blick, »die Veränderungen beklagen, unter denen in Deutschland fürstliche Häuser zusammenbrechen, welche Ihrem Könige und dem Kaiser nahe verwandt sind), – in diesen Verhältnissen eine Veranlassung zu aktiver Politik – oder die Grundlage einer praktischen Allianz zu erblicken, ist mir nicht möglich. – Außerdem,« fügte er nach einer kurzen Pause hinzu, »scheinen mir die neuen Verhältnisse Deutschlands – wie ich offen aussprechen will – nicht geeignet, die politischen Freundschaftsbeziehungen des berliner Hofes mit uns zu verstärken. Sie wissen selbst am besten vom Jahre 1848 her, daß die deutsche Bewegung stets Rußland feindlich war, – Deutschland wird vielleicht nicht überall die politischen Beziehungen Preußens acceptiren.«

»Ich glaube, daß Eure Excellenz sich in diesem Punkte täuschen,« sagte Herr von Manteuffel mit einiger Lebhaftigkeit, – »die demokratische Bewegung von 1848, welche die nationale Idee nur zum Aushängeschild gebrauchte, erblickte in Rußland das Prinzip der Reaktion und machte, den Wortführern folgend, aus dem Haß gegen Rußland eines jener Schlagworte, mit welchen man die Massen in Bewegung setzte, – die wirklich nationalen Bestrebungen in Deutschland haben keine Feindschaft gegen Rußland und würden dessen nationale Erstarkung und dessen mächtige Stellung in Europa nur mit Freude begrüßen!«

Der Fürst schwieg. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck eines leisen Zweifels.

General von Manteuffel fuhr fort:

»Erlauben Eure Excellenz mir, die Anschauungen zu entwickeln, welche Seine Majestät der König, mein allergnädigster Herr, in dieser Beziehung hegt, und welche durchaus, – wie selbstverständlich, von dem Ministerpräsidenten Grafen Bismarck getheilt werden.«

Der Fürst neigte leicht das Haupt und hörte mit gespannter Aufmerksamkeit.

Die Züge des Generals belebten sich und mit erhöhtem, überzeugungsvollem Ton sprach er:

»Die Geschichte lehrt, daß alle aus momentanen, vorübergehenden politischen Konstellationen entstehenden Allianzen, und würden sie durch die feierlichsten Verträge besiegelt, eben so vergänglich sind, wie die Ursachen, welche sie hervorgerufen haben. Wo dagegen die politischen, unwandelbaren Lebensbedingungen zweier Staaten und Völker dieselben aneinander schließen, da bleiben die Bündnisse fest im Wechsel der Zeiten und treten bei jeder praktischen Gelegenheit wieder hervor, – mögen sie durch Traktate begründet sein oder nicht. – Die erste und wesentlichste Bedingung solcher natürlichen Allianzen ist eine negative: diejenige, daß die Interessen beider Staaten sich nirgends durchkreuzen, sich nirgends feindlich entgegentreten. – Diese erste und unerläßlichste Bedingung besteht in eminentester Weise in dem Verhältniß Preußens zu Rußland, – wie Eure Excellenz mit mir anerkennen werden. – Preußens Aufgabe steckt die Ziele seiner Aktion nach Westen. Die deutsche Nation verlangt Einigkeit, verlangt starke und kräftige Führung, Preußens Beruf, Preußens edelster Ehrgeiz ist es und muß es sein, diese Führung in die starke Hand seiner Könige zu legen. Preußen muß die Führung des ganzen Deutschlands erstreben, es darf nicht eher ruhen und rasten, als bis es dieß hohe Ziel für sich und für die ganze Nation erreicht hat. Was jetzt erreicht worden, das ist ein Schritt, – ein bedeutender Schritt auf der großen Bahn, welche Preußens deutsche Politik durchlaufen muß – allein es ist noch nicht die Vollendung. Doch auch diese Vollendung wird kommen, denn das wesentlichste Hemmniß, das uns entgegenstand, Oesterreichs Macht und Einfluß in Deutschland, ist gebrochen – auf lange gebrochen – wie ich glaube für immer. – Auf dem Wege, den Preußen betreten hat, den es verfolgen muß bis zu seinem Ziel, kann es wohl die Interessen Frankreichs, Italiens, Englands durchkreuzen, – niemals aber diejenigen des großen, in seiner ruhigen, nationalen Schwerkraft mehr und mehr erstarkenden russischen Reiches. – Denn wohin richten sich die Ziele, die legitimen Ziele der russischen Politik?«

Fürst Gortschakoff's klares Auge blickte durchdringend und erwartungsvoll in das lebhafter bewegte Gesicht des Generals, – die Unterhaltung mußte jetzt sich ihrem wesentlichsten Mittelpunkte nähern.

Der General blickte einen Augenblick zu Boden, – dann fuhr er mit einem leisen Zögern fort:

»Eure Excellenz mögen mir verzeihen, wenn ich es unternehme, Ihnen, dessen Geist die russische Politik belebt und leitet, eine Anschauung über die Ziele dieser Politik auszusprechen, – indeß die vollste Offenheit ist die Grundlage der Verständigung, und gerade in unserer Auffassung der gegenseitigen politischen Aufgaben liegt die Bedingung, – die Notwendigkeit dieser Verständigung.«

Der Fürst verneigte sich wieder schweigend und wartete.

»Die Aufgabe des großen Gründers der jetzigen russischen Monarchie,« fuhr Herr von Manteuffel langsam fort, als suche er vorsichtig nach dem richtigsten Ausdruck für seine Gedanken, – »die Aufgabe Peter's des Großen war die Schöpfung eines europäischen Kulturstaates, und um diese gewaltige Aufgabe zu erfüllen, mußte er den Sitz seiner Regierung der europäischen Kultur so nahe als möglich bringen, – er mußte einen Kanal schaffen, durch welchen die Civilisation in die Adern des großen Reiches einströmen konnte, um es belebend und befruchtend zu durchdringen. – So verstehe ich die Wahl St. Petersburgs zur Residenz des neuen Rußlands, dieses Platzes, der mit Rücksicht auf die inneren Verhältnisse und Lebensbedingungen des großen Reiches niemals hätte zu dessen Residenz erhoben werden können. Denn diese inneren Lebensbedingungen liegen nicht im Norden, nicht in jener entfernten Ecke des Reiches, sie liegen im Süden, sie liegen da, wo die große nationale Produktionskraft in reicher Fülle dem Boden entströmt, sie liegen da, wo die natürliche Straße des Welthandels Asien und Europa verbindet, diese beiden Welttheile, denen Rußland seine beiden Hände reicht, – diese Lebensbedingungen,« fuhr er nach einem augenblicklichen Schweigen fort, indem er den Blick voll und fest auf den Fürsten richtete, – »sie liegen am schwarzen Meer!«

Eine leichte Bewegung flog über die Züge des russischen Staatsmannes, unwillkürlich wendete sich sein Blick nach dem Aktenstück, welches Herr von Hamburger vor ihn auf den Tisch gelegt hatte.

Herr von Manteuffel fuhr fort:

»Die erste große Aufgabe, welche Peter I. sich gesteckt hatte, ist erfüllt, – Rußlands weiter, urkräftiger und nationaler Organismus ist durchströmt von europäischer Kultur, und mit einer gewissen Beschämung müssen wir gestehen, daß Sie in einem Jahrhundert das übrige Europa eingeholt haben.«

»Wir hatten uns nur anzueignen, was Europa mühsam geschaffen,« sagte Fürst Gortschakoff verbindlich. –

»Die letzten großen Maßregeln des Kaisers Alexander,« sprach Herr von Manteuffel weiter, »vollenden das Werk und öffnen auch die tiefen Schichten des Volkes dem lebendigen Geist der Civilisation, – mit einem Wort, die erste Phase der russischen Politik ist abgeschlossen, St. Petersburg hat seine Mission erfüllt. – Nach meiner Ansicht – liegt nun die Aufgabe der Zukunft darin, aus dem eigentlich produktiven, so zu sagen ökonomischen Mittelpunkt heraus die nationale Kraft zur fruchtbaren Entwickelung zu bringen, den Organismus, der bis jetzt geschaffen wurde, zu beleben und in fruchtbarer Thätigkeit spielen zu lassen. Dazu bedürfen Sie das schwarze Meer und sein reiches Bassin, – dort liegt der wahre Mittelpunkt Rußlands, dorthin muß sich seine Zukunft entwickeln, – wie der weite Blick des Kaisers Nikolaus ganz richtig erkannte, als er jene Richtung der Zukunft Rußlands zu sichern bemüht war.«

Wieder glitt der Blick des Fürsten hinüber nach dem Aktenstück, welches das für Rußland so verhängnißvolle Dokument enthielt.

»Auf diesem Wege aber,« fuhr der General fort, – »den Rußland nach meiner Ueberzeugung eben so nothwendig gehen, – und bis in seine letzten Konsequenzen verfolgen muß« – fügte er mit Betonung hinzu, »wie wir unseren Weg in Deutschland gehen müssen, treten die russischen Interessen niemals denjenigen Deutschlands entgegen, – vielmehr können wir nur mit Freude zusehen, wenn unser starker, nationaler Nachbar seine natürliche Mission eben so glücklich erfüllt, wie wir die unsrige zu erfüllen hoffen.«

Er schwieg und blickte den Fürsten erwartungsvoll an.

Dieser sagte leicht seufzend in ruhigem Ton:

»Leider hat uns das traurige Resultat des Krimkriegs auf dem Wege, den Eure Excellenz – in so treffender Beurtheilung unserer Verhältnisse« – und er neigte leicht lächelnd den Kopf – »vorzeichnen, eine unüberwindliche Schranke gezogen – und –«

»Auch wir,« rief Herr von Manteuffel, »sind auf unserem Wege oft und lange aufgehalten worden, indeß haben wir ihn nie verlassen, – wir haben die Hoffnung nie aufgegeben, das Ziel zu erreichen.«

Der Fürst schwieg einige Sekunden. Dann sprach er langsam:

»Ich erkenne mit Eurer Excellenz an, daß die Interessen Preußens, – auch des neuen Preußens und Deutschlands mit denjenigen Rußlands nicht kollidiren, ich will auch nicht zweifeln, da Eure Excellenz es mir sagen, – daß die nationale Bewegung im heutigen Deutschland nicht die Erbschaft des Russenhasses von der demokratischen Bewegung des Jahres 1848 antreten werde, – ich sehe in diesen Verhältnissen mit Befriedigung die Bürgschaft, daß keine Wolken zwischen uns aufsteigen werden, – doch muß ich mit derselben Offenheit, mit welcher Eure Excellenz zu mir gesprochen haben – Ihnen sagen, daß ich nicht einzusehen vermag, wie gerade die gegenwärtige Situation und die – immerhin vom Standpunkte des legitimen Vertragsrechtes beklagenswerthe – Veränderung der europäischen Gleichgewichtsverhältnisse eine festere politische Verbindung – die Basis eventueller Allianzen der Zukunft darbieten könne. Sie gehen mit siegreichem Erfolge ihren Weg – uns ist der unsrige auf lange – vielleicht auf immer verschlossen.«

»Erlauben Eure Excellenz mir,« sagte Herr von Manteuffel rasch, »mich auch über diesen Punkt mit derselben rücksichtslosen Freimüthigkeit auszusprechen, die Sie« – fügte er lächelnd hinzu – »dem Soldaten zu Gute halten wollen, welcher eben aus dem Lager kommt und nur als Dilettant in die Diplomatie hineinpfuscht.«

Die Augen des Fürsten schlossen sich ein wenig und richteten sich mit einem unendlich geistreich humoristischen Blick auf den General.

Dieser fuhr leicht mit der Hand über seinen Schnurrbart und sprach:

»Der Kaiser Napoleon verlangt für die Zustimmung zu den neuen Erwerbungen Preußens und zu der neuen Konstituirung Deutschlands Kompensationen.«

»Ah!« rief der Fürst.

»Und zwar,« fuhr Herr von Manteuffel fort, »scheint man in Paris nicht blöde zu sein in dem, was man als Kompensation bezeichnen möchte.«

»Ich bin in die Verhandlungen nicht eingeweiht,« sagte der Fürst, indem sein Blick großes Interesse und lebhafte Spannung ausdrückte.

»Ich kann Eure Excellenz darüber vollständig unterrichten,« erwiederte Herr von Manteuffel, – »man wird die Grenzen von 1814, Luxemburg – und Mainz verlangen.«

Die Züge des Fürsten belebten sich immer mehr.

»Man wird verlangen?« fragte er.

»Die Forderung ist noch nicht offiziell gestellt,« erwiederte der General, »Benedetti hat sich nur zunächst vertraulich darüber ausgesprochen.«

»Und was hat Graf Bismarck geantwortet?« fragte der Fürst.

»Er hat die Erörterung der Frage und seine Antwort bis nach dem Friedensschluß mit Oesterreich vertagt,« sagte Herr von Manteuffel.

Der Fürst lächelte fein und nickte leicht mit dem Kopfe. –

»Ich kann Eurer Excellenz indeß die Antwort vorhersagen,« fuhr der General fort.

»Und sie wird lauten?« fragte der Fürst.

»Kein Fußbreit Landes, keine Festung – keine Kompensation,« sagte Herr von Manteuffel mit festem, lautem Ton.

Fürst Gortschakoff sah ihn überrascht an, als habe er diese einfache, kurze Antwort nicht erwartet.

»Und was wird Frankreich thun?« fragte er.

Der General zuckte die Achseln.

»Vielleicht den Krieg erklären,« erwiederte er – »vielleicht vorläufig schweigen, warten, rüsten – jedenfalls aber wird eine scharfe Spannung und endlich der Krieg die unausbleibliche Folge sein.«

Der Fürst sah erstaunt diesen Mann an, der mit so feinem Verständniß von den Zielen und Fäden der politischen Interessen gesprochen hatte und der nun mit solcher soldatischen Einfachheit als von einer natürlichen Sache von einem Kriege sprach, unter dessen Donnern Europa in seinen Grundfesten erbeben mußte.

»Das ist die Situation,« sagte Herr von Manteuffel, – »ich bitte Eure Excellenz um Erlaubnis meine Ansicht über ihre Folgen und über die Stellung Rußlands zu derselben aussprechen zu dürfen.«

»Ich bin begierig, zu hören!« sagte der Fürst.

»Die Situation, welche ich so eben charakterisirt habe,« fuhr der General fort, »legt in die Hand Rußlands die Entscheidung über das Verhältniß, das in alle Zukunft zwischen dem Kaiserreich und Deutschland bestehen soll. Wenn die russische Politik die gegenwärtige Lage benutzen würde, um uns irgend welche Schwierigkeiten zu machen, so würde diese Politik – verzeihen Eure Excellenz, – ich muß eben alle Möglichkeiten berühren, um meine Ansicht klar zu machen, – so würde diese Politik im für Sie günstigsten Fall Frankreich einen Machtzuwachs schaffen, die Konstituirung Deutschlands nicht verhindern und für alle Fälle der Zukunft, – für immer, – sich aus Preußen und Deutschland einen Gegner schaffen, der darauf angewiesen wäre, sich mit den Mächten des Westens über die Angelegenheiten Europas zu verständigen und die Interessen jener Mächte zu den seinigen zu machen.«

Herr von Manteuffel hatte mit fester und entschiedener Stimme gesprochen, und den Blick voll und klar auf den Vizekanzler gerichtet.

Der Fürst senkte das Auge und biß sich auf die Lippe.

»Ich bitte nochmals um Verzeihung, Excellenz,« sagte der General, »daß ich, um meine Ansicht klar zu machen, eine Eventualität habe berühren müssen, welche Ihrer erleuchteten politischen Auffassung ohne Zweifel völlig fern liegt. – Ich komme nun zu der andern Eventualität, – wenn nämlich Rußland den alten Traditionen beider Höfe gemäß die Vergrößerung Preußens mit freundlichem und wohlwollendem Auge betrachtet und diesen Augenblick benützt, um mit dem neuen Deutschland sich über die Grundzüge der innigen Beziehungen zu verständigen, welche diese beiden Mächte nach meiner Ueberzeugung für die Zukunft verbinden müssen, so würden die Interessen beider Staaten sehr gefördert werden. – Entweder,« fuhr er fort, – »nimmt Frankreich sogleich, der verweigerten Kompensation wegen, den Krieg auf, – wir fürchten ihn nicht, er würde ganz Deutschland in diesem Augenblick einigen, und ohne Zögern würde er aufgenommen werden, besonders wenn wir in Rußland einen wohlwollenden Freund im Rücken haben. – Für Rußland aber – kann es keine bessere Gelegenheit geben, um den Bann zu brechen, welchen der Traktat von 1856 auf die Entwickelung nach Ihren natürlichen und nothwendigen Zielen hin gelegt hat. Während wir Frankreich im Schach halten, wird Niemand Sie hindern, jene unnatürliche Fessel zu zerreißen, welche die Allianz der Westmächte in Verbindung mit Oesterreichs Undank Ihnen am schwarzen Meere, an dem Punkte, an welchem die Zukunft Rußlands liegt, auferlegt hat.«

Das Auge des Fürsten leuchtete, in seinen Zügen zeigte sich ein lächelndes Verständniß des Gedankens, den Herr von Manteuffel mit lebhaftem und überzeugendem Ton entwickelte.

Dieser fuhr fort:

»Geschieht aber, was ich persönlich für wahrscheinlich halte, daß Frankreich, welches den rechten Augenblick schon hat vorübergehen lassen –«

Fürst Gortschakoff nickte mehrmals mit dem Kopf. –

»Daß Frankreich,« sagte der General, »für jetzt schweigt, sich sammelt und rüstet, so steht die Partie noch besser, weil sie sicherer ist. Während der Zeit der Spannung, welche dem unausbleiblichen Krieg vorhergehen wird, ist uns die Zeit gegeben, die nationale Kraft Deutschlands immer fester und enger zusammenzufassen, und Ihnen bleibt die Zeit, alle Vorbereitungen nach dem Süden und Westen hin zu treffen und Anknüpfungen über den Ozean hin zu machen, um dort sich Ihren natürlichen Bundesgenossen für alle Fälle zu sichern.«

»Herr General,« sagte der Fürst lächelnd, – »Sie haben die Verhältnisse Rußlands eingehend und erfolgreich studirt.« –

»Weil ich Rußland liebe,« antwortete der General mit freier Offenheit, »und weil ich in der innigen, unlösbaren Freundschaft zwischen Rußland und Deutschland das Heil der europäischen Zukunft erblicke. – Doch ich komme zum Schluß,« sagte er dann. »Wenn nach kürzerer oder längerer Zwischenzeit der für Deutschlands Konstituirung entscheidende letzte Kampf mit Frankreich ausbricht, dann ist in jedem Falle die Ihnen so verderblich gewordene Allianz der Westmächte zertrümmert, Sie werden nichts zu thun haben, als etwaige Revanchegelüste Oesterreichs im Schach zu halten, und es wird Ihnen volle Freiheit gegeben sein, das schwarze Meer Ihren nationalen Interessen und Ihrer nationalen Zukunft wieder zu öffnen. – Wir unsererseits werden auf dem Wege zur Erreichung unserer natürlichen Ziele es nur mit Freude begrüßen, wenn Rußland mit mächtigem und schnellem Schritt auch der Erfüllung seiner nationalen Mission entgegengeht, – ja,« – fügte er hinzu, »wir werden Sie darin zu allen Zeiten und auf alle Weise kräftigst unterstützen. – Würde ich überhaupt zweifelhaft sein, welche Entscheidung eine stets so erleuchtete Politik, wie die Ihrige, treffen könne, so würde ich sagen können: Wählen Eure Excellenz, ob zwei Mächte, deren Interessen sich nirgends feindlich gegenüberstehen, sich durch gegenseitige Hemmungen lähmen – oder ob sie in freiem und innigem Einverständniß sich unterstützen sollen, die große Machtstellung zu erreichen, welche ihnen naturgemäß zugewiesen ist, – ob sie Hand in Hand die Schicksale Europas leiten wollen.«

Er schwieg und blickte nach einer leichten Verneigung den Fürsten erwartungsvoll an.

Von dem Gesicht des Letztern war jene kalte Zurückhaltung völlig verschwunden, welche bei dem Beginne der Unterredung darauf gelegen hatte.

Ein hoher, fast feierlicher Ernst sprach aus seinen Zügen, weit und groß richtete sich sein Blick auf den preußischen Abgesandten.

»Mein lieber General,« sagte er mit fester und klarer Stimme, – »wenn die Grundsätze und Auffassungen, welche Sie mir eben so offen als warm und überzeugend ausgesprochen haben, diejenigen Ihrer Regierung sind –«

»Sie sind in jeder Beziehung diejenigen meines allergnädigsten Herrn und seines Ministers,« sagte Herr von Manteuffel ruhig und bestimmt.

»Dann,« erwiederte der Fürst, »kann ich Ihnen eben so offen sagen, daß wir in den Grundprinzipien bei der Beurtheilung der gegenwärtigen Lage vollkommen übereinstimmen.«

Ein Blitz der Freude leuchtete in dem tiefen, ernsten Auge des Generals.

»Es wird nur darauf ankommen,« sagte der Fürst, »die Anwendung der gemeinsamen Grundsätze und Anschauungen für die Eventualitäten praktischer Verhältnisse zu präzisiren und darauf die Basis gemeinsamen Handelns für die Zukunft festzustellen.«

»Ich bin dazu jeden Augenblick bereit,« sagte der General.

»Vor Allem aber,« sprach der Fürst weiter, »müssen wir unser Einverständniß von Seiner Majestät dem Kaiser sanktioniren lassen, – wenn es Ihnen recht ist, fahren wir sogleich nach Zarskoë Selo – Sie werden die Mühe haben, was Sie mir so eben gesagt,« fügte er lächelnd hinzu, »noch einmal Seiner kaiserlichen Majestät zu entwickeln –«

Herr von Manteuffel verbeugte sich.

»Ich hoffe,« sagte er, »daß die Hingebung für mein Vaterland und meine aufrichtige Liebe für Rußland meinen Worten Klarheit und Ueberzeugungskraft geben wird.«

Fürst Gortschakoff klingelte.

»Lassen Sie den Wagen vorfahren,« befahl er dem eintretenden Kammerdiener.

»Wollen Sie mich einen Augenblick entschuldigen,« sagte er zu Herrn von Manteuffel, – »ich werde sogleich bereit sein, Sie zu begleiten.«

Er entfernte sich durch eine Seitenthür. Herr von Manteuffel trat an das Fenster und blickte sinnend durch die Scheiben.

Nach fünf Minuten kehrte der Fürst zurück. Er trug die kleine Uniform der Minister, das große orangefarbene Band des schwarzen Adlerordens unter dem Frack, auf der Brust den Stern dieses höchsten preußischen Ordens über dem Stern des Andreasordens.

Der Kammerdiener öffnete die Thüre.

»Ich bitte,« sagte der Minister mit artiger Verbeugung, – »ich bin zu Hause.«

Herr von Manteuffel schritt aus der Thüre und erwartete draußen den Fürsten, der ihm folgte.

*

Im Glanz der späten Nachmittagssonne lag am Abend desselben Tages der wunderbar schöne Park, welcher das kaiserliche Schloß Zarskoë Selo umgibt, dieser Park, von dem man sagt, daß nie ein fallendes Blatt auf den eleganten Wegen liegen bleibt, – diese großartige Schöpfung der ersten Katharina, welche eine Reihe mächtiger Autokraten durch stete Verschönerungen zu immer feenhafterem Zauber entwickelt haben.

Aus einem Seitenflügel des mächtigen Schlosses, das mit seinen Ornamenten von Goldbronze und seinen gewaltigen Kolossalkaryatiden im Strahl der sinkenden Sonne aus den dunkeln hohen Bäumen hervorleuchtete, trat der General von Knesebeck. Er war am Morgen nach Zarskoë Selo in die auf Befehl des Kaisers ihm angewiesene Wohnung gezogen und erwartete die Audienz, in welcher er dem Kaiser den Brief seines Königs übergeben sollte, der den General abgesendet hatte, um eine Einwirkung Alexanders II. zu seinen Gunsten zu erbitten.

Ernst und traurig schritt der General durch die herrlichen Alleen, trübe Gedanken erfüllten ihn. Die hohe Aufmerksamkeit, mit welcher man ihn empfangen hatte, die zu seiner Verfügung gestellten Equipagen und Lakaien – das Alles konnte den Eindruck nicht beseitigen, den er empfangen hatte, sowohl aus dem Gespräch mit dem Fürsten Gortschakoff, als aus den Aeußerungen der Herren des Hofes, welche er gesehen, daß wenig für seinen König zu hoffen sei. Alle hatten mit Sympathie und Theilnahme zu ihm gesprochen, – aber es liegt in der Atmosphäre der Höfe ein gewisses Fluidum, welches dem an diese Kreise Gewöhnten verständlich ist und fast immer vorher fühlen läßt, ob die Konstellation einer Mission günstig ist oder nicht.

Der General hatte die Politik des hannöverischen Hofes nicht gebilligt, er hatte mit klarem Blicke die Schwäche Oesterreichs erkannt und auch die unverständliche Führung der hannöverischen Armee in dem kurzen Feldzuge tief beklagt, – er hing durch viele Bande mit Preußen zusammen und erfaßte mit vollem Herzen den Gedanken einer Einigung Deutschlands, – aber er war ein treuer Diener seines Königs und tiefer Schmerz erfüllte ihn bei dem Blick in die Zukunft, die nun unabwendbar schien, – wenn seine Mission nicht den gewünschten Erfolg hatte.

Langsam schritt er weiter und weiter, in tiefe Gedanken verloren.

Plötzlich erhob sich vor ihm eine künstliche Ruine, in vortrefflicher Wirkung gebaut, einsam, zwischen hohen Bäumen gelegen.

Er schritt darauf zu, – ein Schließer in kaiserlicher Livrée öffnete beim Anblick der Generalsuniform diensteifrig die Thür und der General trat in einen hohen, runden, von oben herab erleuchteten Raum, dunkel, ernst und einfach – eine englische Kapelle. Ueberrascht blickte er empor. Vor ihm erhob sich in herrlichem karrarischem Marmor die Gestalt des Heilands – jene wunderbar schöne Schöpfung Dannecker's. Der Erlöser weist mit der einen Hand auf seine Brust und erhebt die andere in unnachahmlich schöner, erhabener Bewegung zum Himmel.

Lange stand der General schweigend in tiefe Gedanken versunken vor dem ergreifenden Bilde.

»Unsere Schmerzen sollen wir an die göttliche Brust des Heilands legen und in Demuth die Rathschlüsse des Himmels erwarten,« – sagte er leise, – »ist es eine Mahnung, die gerade jetzt und gerade hier mich vor dieß heilig schöne Bild führt?«

Ueberwältigt von dem mächtigen Eindruck des Kunstwerks faltete er die Hände und blieb lange davor stehen.

Leise die Lippen bewegend sprach er:

»Wenn dann das Rad der Weltgeschichte in seinem unaufhaltsamen Rollen über so Vieles zertrümmernd dahin gehen muß – dann möge wenigstens des deutschen Vaterlandes Größe und Macht und des deutschen Volkes Glück aus den Kämpfen und Leiden dieser Tage hervorgehen!«

Und mit einem langen Blick auf das Marmorbild wendete er sich um und schritt schweigend an dem sich tief verneigenden Schließer vorbei in den Park hinein.

Er wendete sich wieder dem Schloß zu und blieb vor dem großen See stehen, welcher künstlich aus der zwischen den beiden Hälften des Schlosses hindurchfließenden und in vielen Kaskaden herabfallenden Wasserstraße gebildet wird. Hier liegt die sogenannte Admiralität, in welcher die Großfürsten sich im Bau von Schiffsmodellen üben; – an der eleganten Anfahrt zu diesem Gebäude liegen in reicher Mannigfaltigkeit Kähne aus allen fünf Welttheilen, – der türkische Kaik, die chinesische Dschonke, der russische Tschelonok und das Walfischboot der Alëuten liegen hier nebeneinander und gewandte Matrosen im kaiserlichen Dienst stehen zur Disposition für Spazierfahrten bereit.

Der General blickte ernst auf dieß bunte, reiche Bild, als ein kaiserlicher Lakai sich ihm eilig näherte und ihm mittheilte, daß ein Flügeladjutant so eben in seiner Wohnung erschienen sei, um ihn zum Kaiser zu rufen.

Raschen Schrittes und tief aufathmend kehrte der General nach seiner Wohnung zurück und eilte, nachdem er Schärpe und Federhut angelegt, mit dem Adjutanten über die große, prachtvolle Terrasse des Schlosses nach der Wohnung des Kaisers.

Das Vorzimmer war leer, nur ein Kammerdiener befand sich in demselben und öffnete sogleich die Thüre zu dem Zimmer des Kaisers. Der Adjutant ersuchte, nach kurzer Meldung zurückkehrend, den General von Knesebeck, einzutreten.

In dem hellen Gemach, dessen große Fenster aus die Terrasse hinausgingen und die milde, würzige Sommerluft einströmen ließen, stand die hohe Gestalt Alexanders II. Er trug die russische Generalsuniform, seine schönen, immer ernsten, fast schwermüthigen Züge waren bewegt und sein großes, ausdrucksvolles Auge richtete sich mit einem Blick voll tiefer Wehmuth auf den General.

Er trat Herrn von Knesebeck einen Schritt entgegen und sagte mit seiner vollen, wohlklingenden Stimme im reinsten Deutsch:

»Sie kommen spät, Herr General! – immerhin freue ich mich, Sie hier zu sehen, einen treuen Diener Ihres Königs.«

Und er reichte dem General die Hand, welche dieser ehrerbietig und in tiefer Bewegung ergriff.

»Möchte es mir vergönnt sein,« sagte er, »meinem schwer vom Schicksal getroffenen Herrn nützlich sein zu können. – Vor Allem,« fuhr er fort, »muß ich mich meines Auftrages entledigen« – er zog einen versiegelten Brief aus seiner Uniform – »und dieß Schreiben meines Königs in die erhabenen Hände Eurer kaiserlichen Majestät legen.«

Alexander II. nahm den Brief, setzte sich in einen Lehnstuhl und deutete mit der Hand auf einen daneben stehenden Sessel, auf welchem der General Platz nahm.

Der Kaiser öffnete den Brief und las ihn langsam und mit Aufmerksamkeit durch.

Einen Augenblick sah er ernst und traurig vor sich nieder, – dann richtete er den tiefen Blick auf den General und sprach:

»Haben Sie mir noch etwas zu sagen?«

»Ich habe hinzuzufügen,« sagte Herr von Knesebeck, »daß Seine Majestät der König, mein allergnädigster Herr, in voller Anerkennung der durch die Ereignisse vollzogenen Thatsachen, welche den König von Preußen zum Sieger in Deutschland gemacht haben, bereit ist, mit Seiner preußischen Majestät Frieden zu schließen und diejenigen Bedingungen zu acceptiren, welche die Nothwendigkeit unerläßlich macht. Mein allergnädigster Herr hat dieß auch bereits in einem an Seine Majestät den König Wilhelm gerichteten Briefe ausgesprochen, der jedoch nicht angenommen worden ist. Der König hofft, daß Eurer kaiserlichen Majestät stets bewährte Freundschaft eine freundliche Vermittlung übernehmen werde, um die äußersten Maßregeln, von denen die öffentlichen Blätter bereits sprechen, – abzuwenden.«

Der Kaiser athmete tief auf und blickte zu Boden.

»Mein lieber General,« sagte er dann, – »Sie sind spät gekommen. – Ich habe in der That die innigste und aufrichtigste Freundschaft für den König und hätte von ganzer Seele gewünscht, den Konflikt vermieden zu sehen, dessen unglückselige Konsequenzen jetzt sich vollziehen. Ich habe versucht, in diesem Sinne zu wirken – es ist vergebens gewesen. – Ich muß ganz aufrichtig gegen Sie sein,« fuhr er fort, – »wie es die Lage der Dinge erfordert: Der Wunsch meines Herzens, dem Könige nützlich zu sein, steht einer unabänderlichen politischen Nothwendigkeit gegenüber, – welche,« fügte er hinzu, »der König Wilhelm, mein Oheim, eben so tief beklagt als ich.«

Der General seufzte tief. Schmerzlich zuckte es über sein Gesicht, eine Thräne schimmerte in seinem Auge.

Der Kaiser blickte ihn lange mit dem Ausdruck tiefer Wehmuth und inniger Theilnahme an.

»Ich wage kaum,« sagte er dann mit weicher Stimme, »Ihnen die einzige Proposition zu machen, welche die Verhältnisse erlauben, und welcher ich, wenn der König sie acceptirt, beim Könige von Preußen Annahme zu verschaffen gewiß bin, – wenn der König abdizirt,« – fuhr er zögernd fort, – »so wird dem Kronprinzen Ernst August die Succession in Braunschweig gesichert werden.« –

Der General schwieg einen Augenblick.

»So würde denn,« sagte er, »das Welfenhaus auf das ursprüngliche und älteste Erbe seiner Ahnen beschränkt werden! – Erlauben mir Eure kaiserliche Majestät, diese Proposition, auf welche ich irgend eine Antwort zu geben nicht in der Lage bin, sogleich meinem Könige zu melden?«

»Ich bitte Sie darum,« sagte der Kaiser, – »Sie werden,« fuhr er fort, »keinen Chiffre zur Hand haben, – senden Sie die Depesche an den Grafen Stackelberg, – er soll ebenfalls unter seiner Chiffre die Antwort zurückgehen lassen.«

»Zu Befehl, Majestät,« sagte Herr von Knesebeck.

»Seien Sie überzeugt,« sprach der Kaiser mit herzlichem Tone, »daß ich die innigste und wärmste Teilnahme für den König empfinde, – Gott wolle die Zukunft Seines Hauses so günstig als möglich gestalten, und wo ich dazu helfen kann, werde ich bereit sein. So schmerzlich der Anlaß ist,« fuhr er fort, – »so ist es mir doch besonders angenehm, daß ich bei dieser Gelegenheit die Freude gehabt habe, Ihre Bekanntschaft zu machen, mein lieber General!«

Er reichte ihm die Hand und drückte sie herzlich.

Dann klingelte er und ließ den Adjutanten rufen.

»Fahren Sie sogleich mit der Depesche, welche der General Ihnen geben wird, zum Fürsten Gortschakoff. – Sie soll unverzüglich chiffrirt an meinen Gesandten in Wien gehen. Die Antwort soll ohne Aufenthalt hieher an den General gesendet werden.«

Mit tiefer Verneigung verließ Herr von Knesebeck das Kabinet.

Eine Stunde später trug der elektrische Draht seine Depesche nach Wien.

Die Nacht sank herab, unruhig und schlaflos sah der General die Sonne, welche kurz vor Mitternacht unter den Horizont gesunken war, bald darauf wieder emporsteigen, die Dämmerung des Abends mit der des Morgens vermischend.

Um zwölf Uhr Vormittags erschien ein Sekretär des Fürsten Gortschakoff bei ihm und überreichte ihm einen versiegelten Brief.

Hastig öffnete der General das Siegel mit dem großen Doppeladler, und in sauberer Reinschrift las er die dechiffrirte Antwort auf seine Depesche.

Sie lautete:

»Der König kann die Succession in Braunschweig, welche ihm und seinem Hause nach Hausgesetz und Landesverfassung zusteht, nicht zum Gegenstand von Verhandlungen machen. Dagegen ist er bereit, sofort zu abdiziren, sobald dagegen der Kronprinz in die Regierung des Königreichs Hannover wieder eingesetzt wird.«

»Ich erwartete es,« sagte der General schmerzlich seufzend.

Und das Papier in seine Uniform steckend, setzte er den Federhut auf und stieg in den stets bereit stehenden Wagen, um sich bei dem Kaiser Alexander zu melden.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Wieder saß der Kaiser Napoleon in seinem Kabinet in den Tuilerieen, aber seine müden und abgespannten Züge zeigten nicht den Ausdruck der Zufriedenheit und sicheren Ruhe. Ein kurzer Badeaufenthalt in Vichy hatte seine Gesundheit nicht gekräftigt, und die politische Situation hatte sich nicht gestaltet, wie er es wünschte. Finsterer Ernst lag auf seinem Gesicht, – er hatte die Ellbogen auf die Kniee gestützt, den Kopf vorgeneigt, und indem er mit der linken Hand leicht die Spitze seines Schnurrbarts drehte, hörte er den Vortrag des vor ihm sitzenden Ministers der auswärtigen Angelegenheiten an.

Herr Drouyn de Lhuys war lebhaft erregt, eine leichte Röthe lag auf seinem sonst so ruhigen Gesicht, seine lebendigen, klugen Augen glänzten im Feuer einer nur durch die starke Willenskraft unterdrückten Aufregung.

»Sire,« sagte er, »Eure Majestät sehen die Folgen der schwankenden und zögernden Politik, welche ich Sie schon so lange zu verlassen gebeten habe. Hätten Eure Majestät den Krieg zwischen Preußen und Oesterreich gar nicht erlaubt, – oder hätten Sie vor vier Wochen die Armee an den Rhein marschiren lassen, – so wäre entweder die jetzige schwierige Lage gar nicht entstanden, oder Frankreich hätte erhalten, was es bei der neuen Konstituirung Deutschlands erhalten mußte. Jetzt sind wir in eine sehr peinliche Lage gekommen und es wird doppelte Anstrengungen kosten, um die Interessen Frankreichs zur Geltung zu bringen.«

Der Kaiser hob ein wenig den Kopf empor und warf aus seinen verschleierten Augen einen langen Blick auf das erregte Gesicht seines Ministers.

»Glauben Sie,« sagte er, »daß man in Berlin wirklich jede Kompensationsforderung zurückweisen wird? – Mainz können wir ja vielleicht fallen lassen, wenn es aufhört fester Platz zu sein oder auf einen Platz zweiten Ranges reduzirt wird, aber sollte man wagen –?«

Er hielt inne.

»Ich bin überzeugt,« sagte Drouyn de Lhuys, »daß man gutwillig jetzt gar nichts zugestehen wird. – Der Frieden mit Oesterreich ist geschlossen, – die preußische Armee ist frei, zu marschiren wohin sie will, und befindet sich auf dem Kriegsfuß, hat also jedenfalls einen großen Vorsprung vor uns – und von Rußland lauten die Berichte sehr ungünstig – die unmuthige Stimmung in St. Petersburg hat einer großen Reserve Platz gemacht und Baron Talleyrand hat in den letzten Tagen auf alle seine Bemerkungen über die Gefahren eines militärisch konzentrirten Deutschlands nur ausweichende Antworten erhalten. – Benedetti's kurze Andeutung läßt übrigens über die Aufnahme seiner Propositionen in Berlin für mich keinen Zweifel übrig. – Wir werden große Anstrengungen machen müssen.«

Wieder sah der Kaiser mit langem, nachdenkenden Blick auf.

Er zog seine Uhr hervor.

»Benedetti muß heute Morgen angekommen sein; ich bin begierig, seinen persönlichen Bericht zu hören,« sagte er.

»Er wird nach dem Quai d'Orsay gegangen sein,« erwiederte Drouyn de Lhuys.

Der Vorhang, welcher die Thür zu dem Zimmer des geheimen Sekretärs verdeckte, bewegte sich, der feine und intelligente Kopf Pietri's wurde unter der Portière sichtbar.

»Sire,« sagte er, »Herr Benedetti ist hier und fragt, ob Eure Majestät geruhen wollen, ihn zu empfangen?«

»Sogleich!« sagte der Kaiser lebhaft, – »führen Sie ihn her!«

Eine Minute später trat der Botschafter durch die Portière in das Kabinet.

Er war im schwarzen Morgenanzug, – sein blasses Gesicht zeigte die Spuren der Ermüdung der Reise, seine Augen glänzten in nervöser Aufregung.

Er verneigte sich tief vor dem Kaiser und begrüßte Herrn Drouyn de Lhuys.

»Ich habe Sie mit Ungeduld erwartet,« sagte Napoleon, – »setzen Sie sich und erzählen Sie, wie die Sachen in Berlin stehen.«

»Sire,« sagte der Botschafter, indem er einen Stuhl nahm und sich dem Kaiser und Drouyn de Lhuys gegenüber setzte, – »ich war nach dem Quai d'Orsay gefahren, um mich bei dem Herrn Minister zu melden, und da ich erfuhr, daß derselbe hier sei, so habe ich mir erlaubt, sogleich hieher zu kommen –«

»Sie haben Recht gethan,« sagte der Kaiser, – »Sie finden jetzt den ganzen konstitutionellen Regierungsapparat beisammen,« fuhr er lächelnd fort, – »nun berichten Sie, – ich höre mit Ungeduld.«

Herr Benedetti athmete tief und sprach:

»Ich habe, wie Eure Majestät wissen, den Vertragsentwurf, den ich aus Vichy erhalten, dem Grafen Bismarck gleich nach seiner Rückkehr nach Berlin in einer vertraulichen Unterredung vorgelegt.«

»Und?« fragte der Kaiser.

»Er hat einfach und rund jede Kompensation – vor Allem die Cession von Mainz abgelehnt.«

»Eure Majestät sehen es,« sagte Drouyn de Lhuys.

Der Kaiser drehte den Schnurrbart und senkte das Haupt.

»Ich habe,« fuhr Herr Benedetti fort, »alle Gründe hervorgehoben, welche uns die gebieterische Pflicht auferlegen, in diesem Augenblick für Frankreich Kompensationen zu fordern, ich habe ihm dargelegt, welche Rücksichten wir auf die öffentliche Meinung in Frankreich zu nehmen hätten, ich habe hervorgehoben, wie gering die geforderten Kompensationen im Vergleich zu der großen Machterweiterung Preußens seien, wie das militärisch konzentrirte Deutschland Frankreich Garantieen des künftigen Friedens schuldig sei, – es ist Alles vergebens gewesen, – der Ministerpräsident beharrte auf seiner Weigerung und wiederholte nur, daß das Nationalgefühl Deutschlands solche Kompensationen niemals zugestehen werde.«

Der Kaiser schwieg.

»Zwei Tage darauf,« fuhr Herr Benedetti fort, »hatte ich eine zweite Unterredung mit dem Grafen Bismarck – sie hatte dasselbe Resultat. Ich habe in der vorsichtigsten Weise auf die Gefahr hingedeutet, welche aus der Verweigerung unserer gerechten Forderungen für die künftigen guten Beziehungen zwischen Preußen und Frankreich erwachsen müsse, – auch diese Andeutung hatte nur den Erfolg, daß Graf Bismarck mir in eben so vorsichtiger, aber nicht mißzuverstehender Weise zu erkennen gab, daß er auch im Hinblick auf diese Gefahren bei seiner Weigerung beharren müsse, und daß er selbst vor den äußersten Konsequenzen seiner Weigerung nicht zurückschrecken würde. Uebrigens muß ich bemerken,« fuhr der Botschafter fort, »daß unsere Unterredung keinen Augenblick aus den Grenzen der höflichsten, selbst freundschaftlichsten Formen heraustrat und daß Graf Bismarck wiederholt betonte, wie sehr ihm an der Erhaltung der guten Beziehungen zu Frankreich gelegen, und wie er überzeugt sei, daß die Interessen Deutschlands und Frankreichs in Europa auch unter den neuen Verhältnissen so viele gemeinsamen Punkte haben würden, daß eine auf gegenseitiger Freundschaft beruhende Politik das Resultat der Erwägungen beider Regierungen sein werde. – Ich habe unter diesen Umständen es für nothwendig gehalten,« sagte Herr Benedetti nach einer Pause, da der Kaiser noch immer schwieg, »diesen Unterhaltungen weiter keine Folge zu geben, sondern zunächst hierher zu kommen, um persönlich über jene Negoziation – und über die Lage der Dinge in Berlin Bericht zu erstatten.«

Drouyn de Lhuys biß sich auf die Lippe. Der Kaiser richtete langsam und forschend den Blick auf Herrn Benedetti.

»Und glauben Sie,« fragte er, »daß die öffentliche Meinung in Preußen und Deutschland dem Grafen Bismarck zur Seite stehen würde, wenn er es wagen sollte, einen Krieg mit Frankreich zu provoziren, – glauben Sie, daß der König –?«

»Sire,« sagte Benedetti lebhaft, »das ist es, was ich besonders Eurer Majestät persönlich mitzutheilen wünschte, damit jeder Entschluß nur in voller Kenntniß der Sachlage gefaßt werden möge. – Der Krieg gegen Oesterreich,« fuhr er fort, »war in Preußen selbst unpopulär, – und wäre er unglücklich ausgefallen, es hätte ernste Bewegungen im Innern geben können, – ich kann indeß Eurer Majestät nicht verhehlen, daß auch hier der Erfolg seine gewöhnliche mächtige Wirkung gehabt hat. Das ganze preußische Volk fühlt sich wie aus einem Schlummer erwacht, die Ziele des Ministerpräsidenten, die jetzt so klar vor Aller Augen hervortreten, die Festigkeit und rücksichtslose Energie, mit welcher er die militärischen Erfolge politisch ausbeutet, finden nicht nur Zustimmung – sie rufen allgemeine Begeisterung hervor, Graf Bismarck ist der populärste Mann in Preußen und wenn Etwas dazu beitragen kann, diese Popularität auf ihren Gipfel zu heben, so wäre es ein Krieg, den er unternähme, um die Abtretung deutschen Gebietes zurückzuweisen. – Die Armee, die Generale und die Prinzen des königlichen Hauses theilen vollständig diese Anschauungen, nur werden sie in militärischen Kreisen noch lebhafter, rücksichtsloser und entschiedener ausgesprochen. – Der König würde vor einem solchen Kriege nicht einen Augenblick zurückweichen. – Das ist die Lage, wie ich sie wahrheitsgemäß Eurer Majestät mittheilen muß.«

»Aber Deutschland, das übrige besiegte, aber nicht vernichtete Deutschland?« fragte Drouyn de Lhuys, da der Kaiser noch immer schwieg.

»Ich kann natürlich über das übrige Deutschland nicht so genau unterrichtet sein, als über die Zustände in Berlin,« sagte der Botschafter, – »indeß habe ich aufmerksam die öffentlichen Blätter verfolgt und mit verschiedenen über die Stimmung in Deutschland wohl orientirten Personen gesprochen, – das Resultat meiner Beobachtungen ist, daß in diesem Augenblick keine deutsche Regierung es wagen würde, Angesichts der so eben gemachten Erfahrungen mit Frankreich gegen Preußen zu gehen – und das deutsche Volk, davon bin ich überzeugt, würde mit Ausnahme einiger momentan wenigstens völlig zurückgedrängter Parteien sich auf die Seite Preußens stellen. – Wir würden das ganze Deutschland gegen uns haben.«

»Frankreich darf vor keinem Feinde zurückweichen, wenn es seine Ehre und seine Interessen gilt,« rief Drouyn de Lhuys stolz.

Benedetti senkte die Augen zu Boden und sprach nach einigem Zögern:

»Ich muß Eurer Majestät noch mittheilen, daß ich aus einer Quelle, welche mir seit lange sehr gute und wichtige Mittheilungen gemacht hat, und welche Eurer Majestät bekannt ist,« fügte er sich verneigend hinzu, – »erfahren habe, es sei zwischen Preußen und den süddeutschen Staaten ein geheimer Vertrag geschlossen, welcher die Armee dieser Staaten für den Fall des Krieges, unter preußisches Kommando stellt.«

»Unerhört!« rief der Kaiser lebhaft, sich emporrichtend, – »das würde ja den Friedenstraktat illusorisch machen!«

»Unsere Vertreter an den süddeutschen Höfen berichten Nichts darüber,« sagte Drouyn de Lhuys.

»Ich glaube meiner Sache gewiß zu sein,« sagte Benedetti ruhig.

Der Kaiser stand auf. Die beiden Herren erhoben sich gleichfalls. Mit lebhafter Spannung blickte Drouyn de Lhuys auf seinen Souverän.

»Mein lieber Benedetti,« sagte der Kaiser mit liebenswürdiger Freundlichkeit, »Sie werden müde sein nach der anstrengenden Reise, – ich bitte Sie, sich vollständig auszuruhen. Ich danke Ihnen für Ihre Mittheilungen und den Eifer, den Sie bewiesen haben, sie mir persönlich zu bringen. Ich werde Sie morgen sehen und Ihnen meine weiteren Instruktionen geben.«

Und mit verbindlicher Höflichkeit reichte er dem Botschafter die Hand.

Dieser verneigte sich und zog sich durch die Thüre nach dem Zimmer Pietri's zurück.

»Eure Majestät sind nun überzeugt,« sagte Drouyn de Lhuys, »daß unsere Propositionen zurückgewiesen sind.«

Der Kaiser richtete sich stolz empor, seine Züge nahmen den Ausdruck von Energie und Willenskraft an, seine Augen öffneten sich und ein Strahl muthiger Entschlossenheit leuchtete aus seinem klaren Blick.

»So werden wir handeln,« sagte er.

Freudig erglänzte das Gesicht des Ministers.

»Frankreich wird Eurer Majestät für diesen Entschluß danken!« rief er.

Der Kaiser klingelte.

»General Fleury!« rief er dem eintretenden Kammerdiener zu.

Die gedrungene, kräftige Gestalt des Generals mit dem lebhaften, ausdrucksvollen Gesicht, dem großen Schnurrbart und Henri quatre erschien einen Augenblick darauf in dem Kabinet.

»Sind die Marschälle versammelt?« fragte Napoleon.

»Zu Befehl, Sire.«

Drouyn de Lhuys blickte mit Erstaunen auf den Kaiser.

Dieser sah ihn lächelnd an.

»Sie sollen sich überzeugen, mein lieber Minister,« sagte er, »daß ich nicht unthätig bin und daß ich an meine Vorbereitungen zu der Aktion gedacht habe, die Sie für nothwendig halten. Sie werden mit mir zufrieden sein, wie ich hoffe. Ich bitte Sie, mich zu begleiten.«

Und er verließ das Kabinet, gefolgt von dem Minister, durchschritt einen Vorsaal und trat in einen größeren, mit reicher Einfachheit dekorirten Salon, in dessen Mitte ein großer Tisch, von Fauteuils umgeben, sich befand.

Hier waren die ersten Würdenträger der französischen Armee, die Träger dieses seit Jahrhunderten so heiß ersehnten, um den Preis so vielen Blutes errungenen Marschallstabes von Frankreich versammelt.

Da war der greise Marschall Vaillant, dessen Erscheinung mehr den Hofmann als den Soldaten vermuthen ließ, der schneeweiße, militärisch kühn blickende Graf Regnault de St. Jean d'Angely, Canrobert mit dem langen Haare, einem Mann der Wissenschaft ähnlicher als einem Krieger, der trotz seines Alters elegante, ritterliche Graf Baraguay d'Hilliers, der Kriegsminister Graf Randon, der schlanke, nur aus Muskeln und Nerven zusammengesetzte Mac Mahon mit dem feinen, sanften Gesicht und den hellen, vergißmeinnichtblauen Augen, da war Niel mit seinem ernsten, geistdurchleuchteten Gesicht mit dem kränklichen, leidenden Ausdruck, welchem aber die Herrschaft eines eisernen Willens den Stempel unbeugsamer Energie aufdrückte, – da war der Marschall Forey in seiner strammen militärischen Haltung.

Der jüngste der Marschälle, Bazaine, fehlte, – er war in Mexiko und bereitete sich vor, den unglücklichen Kaiser Maximilian seinem tragischen Schicksale zu überlassen. Alle Marschälle trugen einfachen schwarzen Civilanzug.

Der Kaiser erwiederte die tiefe Verbeugung der Versammelten mit einem Gruß voll anmuthiger Würde.

Festen Schrittes ging er an die Mitte des Tisches und setzte sich in den dort stehenden Lehnstuhl, mit einem Wink der Hand die Uebrigen auffordernd, gleichfalls Platz zu nehmen.

Dem Kaiser gegenüber setzte sich Drouyn de Lhuys, zu seiner Rechten der Marschall Vaillant, zu seiner Linken der Graf Baraguay d'Hilliers, die übrigen nach ihrer Anciennetät.

»Ich habe Sie hier um mich versammelt, meine Herren Marschälle,« begann der Kaiser mit fester Stimme, »und habe auch die Herren von den auswärtigen Kommandos – selbst Sie, Herr Herzog von Magenta, hieher gerufen, weil ich in einem ernsten Augenblick, wie der gegenwärtige, den Rath und die Ansicht der ersten und bewährten Vertreter der französischen Armee zu vernehmen wünsche.«

Die Marschälle sahen den Kaiser erwartungsvoll an.

»Sie kennen Alle,« fuhr Napoleon III. fort, »die Ereignisse, welche sich so eben in Deutschland vollzogen haben. Preußen will, die Erfolge des Sieges bei Sadowa mißbrauchend, einen deutschen Militärstaat schaffen, welcher sich als eine stete Drohung an den Grenzen Frankreichs erhebt. – Ich habe mich nicht für berechtigt gehalten, in die innere Entwickelung Deutschlands einzugreifen, – die deutsche Nation hat dasselbe Recht, sich frei zu konstituiren, welches Frankreich für sich selbst in Anspruch nimmt und allen übrigen Nationen zugesteht, aber ich habe als Souverän Frankreichs die Pflicht, im Verhältniß zu der drohenden Erstarkung Deutschlands für die Sicherheit unserer Grenzen zu sorgen, – ich habe deßhalb Verhandlungen eröffnen lassen, um Frankreich diejenigen Grenzen zu geben, welche die natürliche und strategische Verteidigung sichern; ich meine die Grenzen von 1814 – Mainz und Luxemburg.«

Der Kaiser ließ seinen Blick über die Versammelten schweifen; er schien eine freudige und begeisterte Zustimmung zu erwarten.

Aber ernst und schweigend blickten die Marschälle vor sich nieder, selbst das helle Auge Mac Mahon's leuchtete nicht auf vor Freude über die kriegerische Aussicht, welche in den Worten des Kaisers lag.

Napoleon fuhr fort:

»Es scheint, nach den ersten Sondirungen, welche ich habe vornehmen lassen, daß man in Berlin nicht geneigt ist, die gerechten Forderungen zu erfüllen, welche ich geglaubt habe, im Namen Frankreichs stellen zu müssen. Bevor ich nun weiter gehe und die Dinge bis zu einem Ultimatum kommen lasse, will ich Ihre Ansicht über einen Krieg mit Preußen hören, den größten und ernstlichsten Krieg, den Frankreich in dieser Zeit führen kann.«

Drouyn de Lhuys blickte mißmuthig vor sich hin. Dieß war nicht die Wendung, welche er der Sache gegeben zu sehen wünschte.

»Ich weiß,« sagte der Kaiser, dessen scharfem Blick die finstere Miene der Marschälle nicht entgangen war und der seiner Natur gemäß sich vorsichtig zurückhielt, »daß Frankreich immer stark und gerüstet ist, um jeden Angriff zurückzuweisen; bevor wir aber einen Krieg von großen Konsequenzen unsererseits beginnen, müssen wir uns über unsere Stärke und Schlagfertigkeit sehr klar sein. – Ich bitte Sie deßhalb, meine Herren Marschälle, mir Ihre Meinung über die Eventualität eines Krieges mit Deutschland zu sagen und über die Art, wie ein solcher Krieg zu führen sein würde.«

Der alte Marschall Vaillant blickte nachdenkend vor sich nieder.

»Sire,« sagte er dann mit ernster Ruhe – »vor zwanzig Jahren noch würde mein Herz hoch aufgewallt sein bei dem Gedanken an einen solchen Krieg – an eine Revanche für Waterloo – heute muß die Vorsicht des Alters über das Feuer der Jugend, über den raschen Schlag meines französischen Herzens den Sieg davon tragen. Bevor wir über eine so schwere, ernste Frage entscheiden, wird es nöthig sein, durch eine Kommission die Verhältnisse der Armee und der Kriegs- und Vertheidigungsmittel des Landes genau zu erforschen, den Einfluß der neuen preußischen Waffen auf die Taktik zu prüfen und danach ein begründetes Urtheil festzustellen. Ich wage heute nicht, über eine Frage zu entscheiden, die tief in Frankreichs Schicksal eingreift. – Bin ich zu vorsichtig,« fügte er hinzu, »so bitte ich Eure Majestät nochmals, es meinen Jahren zu Gute zu halten.«

Der Graf Baraguay d'Hilliers und der Marschall Canrobert stimmten der von Vaillant ausgesprochenen Ansicht bei.

Der Kriegsminister Graf Randon sagte:

»Ich glaube, daß der Zustand der Armee, welcher ich alle meine Sorgfalt gewidmet habe, ein vortrefflicher ist und daß die Vertheidigungsmittel des Landes sich im besten Zustande befinden, – indeß ich kann am wenigsten einer genauen Prüfung widersprechen, da sie gewissermaßen eine Kontrole meiner Amtsführung als Kriegsminister in sich schließt, – eine genaue Prüfung des Einflusses der neuen Waffen aber kann ich nur dringend befürworten.«

Mit fester Stimme sprach der greise Graf Regnault de St. Jean d'Angely:

»Sire, ich habe die Ehre, Eurer Majestät Garde zu kommandiren. Dieß Korps ist stets bereit, gegen die Feinde Frankreichs zu marschiren, und wenn Eure Majestät heute den Krieg erklären, so wird die Garde morgen auf dem Marsch nach den Grenzen sein, voll Eifer, neue Lorbeeren um die alten Adler zu winden. – Aber mit der Garde allein können wir nicht Krieg führen, – ich muß daher der Ansicht des Marschalls Vaillant durchaus beistimmen.«

Drouyn de Lhuys zuckte mit wenig verhehlter Ungeduld die Achseln, – der Kaiser blickte in schweigendem Nachdenken vor sich hin.

»Sire,« sprach der Herzog von Magenta, mit seiner in der Konversation so weichen Stimme, welche vor der Front der Truppen so metallisch wie ein Trompetenton aus seinem Munde hervordrang, – »Sire – Eure Majestät wissen, daß ich meinen Degen lieber im freien Sonnenlicht funkeln sehe, den Feinden Frankreichs gegenüber, als daß ich ihn in der Scheide trage – aber ich kann der weisen Vorsicht des Marschalls Vaillant nur meine volle Zustimmung aussprechen. Prüfen wir – aber prüfen wir schnell, und thun wir dann eben so schnell, was noth thut.«

Langsam erhob der Marschall Niel sein geistvolles Auge zum Kaiser.

Er zögerte einen Augenblick – dann sprach er mit ruhigem, festen Tone:

»Ich bitte unsern verehrten Doyen um Verzeihung, wenn ich – so viel jünger als er, es wage, anderer Ansicht zu sein.«

Erstaunt blickten die Marschälle auf den Sprecher, – Drouyn de Lhuys hing mit freudiger Erwartung an seinen Lippen, der Kaiser hob das Haupt empor und mit lebhafter Spannung blickte er zu dem Marschall hinüber.

»Sire,« fuhr dieser fort, indem seine Züge sich belebten, – »ich halte die Prüfung nicht für nöthig, weil auch ohne solche Prüfung meine Ansicht fest steht.«

»Und Ihre Ansicht ist?« fragte Napoleon III. lebhaft.

»Meine Ansicht ist, daß Eure Majestät nicht im Stande sind zu schlagen.«

Fast entsetzt blickte Drouyn de Lhuys auf den Marschall – der Kaiser zeigte keine Bewegung. Nur schlug er die Augen nieder und neigte den Kopf etwas zur Seite, wie er immer zu thun pflegte, wenn er mit besonderer Aufmerksamkeit zuhörte.

»Sire,« fuhr Niel fort, – »wenn ein Träger des Marschallstabes von Frankreich – in solcher Versammlung vor seinem Souverän eine Ansicht ausspricht, wie die meinige, so hat er die Pflicht, sie zu begründen. Ich werde mir erlauben, dieß in den Hauptpunkten zu thun, – ich bin stets bereit, meine Gründe in einem ausführlichen Memoire Eurer Majestät vorzulegen. – Zunächst,« fuhr er fort, – »bedarf ein Krieg gegen Preußen und Deutschland – denn ich glaube, daß in diesem Augenblick Deutschland sich auf die Seite von Preußen stellen wird – die volle und ganze Kraft der französischen Nation. Diese steht uns in jetzigem Augenblick nicht zu Gebot. Die Expedition in Mexiko zieht Kräfte an Menschen und Geld ab, die wir nicht entbehren können, und ich würde nicht wünschen, daß wir, dem Beispiele Oesterreichs folgend, auf zwei Kriegstheatern uns engagirten, einem solchen Gegner gegenüber, den wir vor allen Dingen in seiner ganzen gefährlichen Stärke richtig würdigen müssen, wenn wir des Erfolges sicher sein wollen. – Zweitens,« fuhr er fort, »bedarf es meiner Ansicht nach keiner Prüfung, um überzeugt zu sein, daß wir dem preußischen Zündnadelgewehr eine mindestens ebenbürtige, wenn nicht überlegene Waffe entgegenstellen müssen. Ich will dahingestellt sein lassen, ob es, wie man jetzt in Oesterreich behauptet, lediglich und ausschließlich das Zündnadelgewehr ist, dem Preußen seine großen und überraschenden Erfolge verdankt, – ich meinerseits möchte es bezweifeln, jedenfalls aber, abgesehen von der in der That doch nicht abzuleugnenden großen Wirksamkeit jenes Gewehrs, ist es für das moralische Bewußtsein der Soldaten, für ihr Selbstvertrauen absolut nothwendig, ihnen eine dem Zündnadelgewehr gleiche oder überlegene Waffe in die Hand zu geben, – nachdem nun einmal jenes Gewehr durch Zeitungen und öffentliche Reden fast mit dem Nimbus einer märchenhaften Zauberwaffe umgeben ist. Ich würde es für sehr gefährlich halten, die Armee in ihrer jetzigen Bewaffnung den preußischen Regimentern entgegenzuführen. – Eine neue Bewaffnung, Sire, aber bedingt auch eine neue Taktik, – ich will nur auf die ganz veränderte Bedeutung der Kavallerie, auf die neuen Aufgaben der Artillerie hinweisen, – welche Eurer Majestät noch klarer sein werden, als mir,« fügte er mit einer Verbeugung gegen den Kaiser hinzu. – »Dann,« fuhr er fort, »steht es ohne jede Prüfung vollständig fest, daß unsere festen Plätze an den Grenzen weder was die Fortifikationen, noch die Verproviantirung, noch die Munitionen betrifft, in wirklich und ernsthaft kriegsfähigem Zustande sind. – Dieß ist gewiß kein Vorwurf für die Militärverwaltung,« fügte er sich leicht gegen den Grafen Randon verneigend hinzu, »es ist eine Thatsache, welche ihre volle Erklärung in dem Umstande findet, daß die politische Lage der letzten Jahre unsere militärische Aufmerksamkeit nach andern Punkten richtete. – Endlich,« sagte er mit überzeugungsvollem Ton, »ist noch ein Punkt, ein nach meiner Ansicht hochwichtiger Punkt zu berücksichtigen. – Wir haben in Preußen eine Macht vor uns, durch deren Militärorganisation jeder Mann selbst bis zum hohen Alter hinauf Soldat ist. Im Nothfalle kann Preußen nach einer verlorenen Schlacht, selbst nach der Zertrümmerung seiner im Felde stehenden Armee, ein zweites Heer aus wirklichen, mit dem Dienst und allen seinen Erfordernissen bekannten Soldaten aufstellen. – Ich will nicht davon sprechen, welche Rückwirkung eine solche äußerste Kraftanstrengung auf die inneren Verhältnisse, auf den Wohlstand des Landes haben muß, – aber militärisch wird sie erfolgreich gemacht werden. – Wir aber haben nur unsere Feldarmee, – und würde sie erschüttert, geschlagen, – bei der ruhigen Erwägung der Verhältnisse ist es Pflicht, auch dieß für einen französischen Mund so harte Wort auszusprechen, – so haben wir Nichts – als vielleicht undisziplinirte Massen mit gutem Willen, welche ohne Erfolg geopfert würden. – Ich will nicht behaupten, daß es rathsam, oder für unsere nationale Eigenthümlichkeit möglich wäre, das preußische Wehrsystem bei uns einzuführen, – jedenfalls müssen wir etwas schaffen, wie eine wirklich militärische Nationalgarde, – um mich so auszudrücken, damit hinter unserer ersten eigentlichen Armee ein kriegsfähiges Material zur Bildung eines zweiten Heeres stehe, – wenn wir nicht mit ungleichen Kräften in den Kampf gehen wollen. – Ich fasse also meine Meinung kurz zusammen: Wir müssen zunächst uns in Mexiko vollständig degagiren, um die ganze Kraft Frankreichs auf einen Punkt konzentriren zu können. Wir müssen sodann der ganzen Armee das möglichst vortrefflichste Hinterladungsgewehr geben. Wir müssen der neuen Bewaffnung die Taktik anpassen. Wir müssen die Festungen in vollkommen kriegsfähigen Anstand bringen. Wir müssen endlich eine bewegungs- und schlagfähige Nationalgarde schaffen. – Diese Bedingungen halte ich für unerläßlich, um den so ernsten und entscheidenden Kampf beginnen zu können.«

Er verneigte sich gegen den Kaiser und schwieg.

Tiefe Stille herrschte einen Augenblick in dem Gemach.

Der Kaiser richtete den Blick auf den Marschall Forey, den Jüngsten in dieser Versammlung.

»Ich stimme vollkommen der Ansicht bei, welche der Marschall Niel so klar und überzeugend entwickelt hat,« sagte dieser.

Die übrigen Marschälle schwiegen. Ihre Mienen drückten deutlich aus, daß sie nichts gegen die Äußerungen Niel's einzuwenden hatten.

»Sire,« rief Drouyn de Lhuys lebhaft, »ich bin nicht Militär und bin überzeugt, daß der ehrenwerthe Marschall militärisch vollkommen Recht hat, – aber die Erfüllung der Bedingungen, welche er für den erfolgreichen Feldzug stellt, erfordert Zeit – viel Zeit, und ich glaube, wir haben deren nicht zu verlieren, wenn die Ehre und die Interessen Frankreichs gewahrt werden sollen. Der günstige Augenblick wird vorübergehen, Preußen wird sich mehr und mehr stärken, die militärischen Kräfte Deutschlands mehr und mehr organisiren und konzentriren – und wenn dann das Alles ausgeführt ist, was der Marschall verlangt, so würde der Zuwachs unserer Kraft einer eben so bedeutenden, vielleicht bedeutenderen Verstärkung der Macht des Gegners sich gegenüber befinden. – Sire,« fuhr er in lebhafter Erregung und mit blitzenden Augen fort, »ich bitte Eure Majestät um zwei Mann und einen Offizier mit der französischen Fahne, welche an den Grenzen stehend die notwendigen Forderungen unterstützen, die wir an Preußen stellen müssen, – wenn man in Berlin nur Ernst sieht, wird man nachgeben, – und thut man es nicht, in wenig Tagen wird ganz Frankreich in Bataillone formirt unsere Armee verstärken – es waren solche Bataillone, Sire, mit denen Ihr großer Oheim die Welt eroberte, aus denen er jene gewaltige Armee schuf, welche, nicht in den Kasernen erzogen, sondern auf den Schlachtfeldern geworden, Europa unterwarf!«

Ein tief schmerzlicher Zug zeigte sich einen Augenblick auf dem Gesicht des Kaisers.

Dann richtete er den Blick fragend auf den Marschall Niel.

»Was sagen Sie dazu, Herr Marschall?« sagte er.

»Sire,« erwiederte dieser, – »die Worte des Herrn Ministers müssen voll wiederklingen in jedem französischen Herzen, – und es gehört die ganze Ueberzeugung von meiner Pflicht gegen Eure Majestät und Frankreich dazu, um ihnen nicht zuzustimmen. – Unmittelbar nach der Schlacht von Sadowa, – als Deutschland noch unter den Waffen stand, als Oesterreich noch keinen Frieden geschlossen, als die preußische Armee noch schwer erschüttert war, von dem harten Stoß des gewaltigen Kampfes, – wäre es möglich gewesen, zu thun, was der Herr Minister räth. Heute wäre es ein hochgefährliches Spiel um Frankreichs Ruhm und Größe – und um mehr noch,« fügte er mit bedeutungsvollem Blick auf den Kaiser hinzu, »ein Spiel, das Eure Majestät vielleicht wagen könnten, – zu dem aber ein gewissenhafter General Ihnen nicht rathen darf.«

»Und wenn ich dieß Spiel wagte,« sagte der Kaiser, indem ein schneller Blitz in seinem Auge aufleuchtete, – »wer von Ihnen, meine Herren, würde an meine Seite treten, um die Armee Frankreichs in's Feld zu führen?«

Ein tiefes Stillschweigen antwortete auf die Frage des Kaisers.

»Sire,« rief endlich der Marschall Mac Mahon, indem sein lichtblaues, klares Auge sich fest auf den Kaiser richtete, – »wir würden Alle, wenn Eure Majestät es befehlen, bereit sein, an der Spitze der französischen Armeen zu marschiren – und zu sterben, – vorher aber würden wir Eure Majestät bitten, den Rath des Marschalls Niel zu hören und das Schicksal Frankreichs, – des kaiserlichen Frankreichs, nicht einem so ungewissen Erfolge anheim zu geben!«

Alle Marschälle neigten das Haupt, auf ihren Gesichtern las man die volle Zustimmung zu den Worten des Herzogs von Magenta.

Drouyn de Lhuys ließ traurig den Kopf auf die Brust niedersinken.

Der Kaiser richtete, ohne ein Zeichen von Bewegung, den Blick auf den Marschall Niel.

»Wie viel Zeit würden Sie bedürfen, Herr Marschall, um das auszuführen, was Sie als nothwendig bezeichnet haben?«

»Zwei Jahre, Sire,« erwiederte der Marschall ruhig, mit klarer Stimme.

»Meine besten Wünsche werden den Marschall bei seinem Werke begleiten, wenn Eure Majestät ihm dasselbe auftragen,« sagte der Kriegsminister Graf Randon, sich gegen den Kaiser verneigend.

Nach einigen Sekunden tiefer Stille erhob sich Napoleon.

»Ich danke Ihnen, meine Herren Marschälle,« sprach er einfach und ruhig, »für Ihre Ansichten, die Sie mir so freimüthig ausgesprochen haben, und die es mir sehr erleichtern werden, in diesem wichtigen Augenblick meine Entschlüsse zu fassen. Ich werde Sie alle heute beim Diner wiedersehen.«

Und mit der ihm eigenen würdevollen Höflichkeit grüßte er und kehrte allein in sein Kabinet zurück.

Er blickte nachdenklich und ernst vor sich hin und ging mehrmals langsam in dem Kabinet auf und nieder.

»Nur die Verwegenheit könnte es unternehmen, unter diesen Umständen zu handeln,« sagte er – »und warum? – wenn die Zeit die Frucht reifen kann, wenn das Warten sicherer zum Ziele führt? – Drouyn de Lhuys, dieser so ruhige, so vorsichtige Mann, spricht plötzlich wie ein Klubredner von 1793! – Er steht mit den Orleans in Verbindung,« sagte er düster, indem er stillstand und die Augen fest auf den Boden heftete.

Dann ging er an seinen Schreibtisch, setzte sich nieder und schrieb. Schnell eilte seine Hand über das Papier, – zuweilen blickte er auf, wie ein Wort suchend, dann schrieb er wieder weiter, eine Seite nach der andern anfüllend.

Als er geendet, rief er Pietri.

»Machen Sie mir eine Kopie hievon,« sagte der Kaiser, ihm die beschriebenen Bogen hinreichend, – »doch,« fügte er hinzu, – »lesen Sie zunächst und sagen Sie mir, was Sie davon denken.«

Pietri las ruhig und aufmerksam, während der Kaiser sich eine Cigarrette machte, dieselbe an der stets auf seinem Tische brennenden Kerze anzündete und dann langsam im Zimmer auf und nieder ging, von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick auf das Gesicht seines Sekretärs werfend.

Als er sah, daß dieser seine Lektüre beendet, sagte er:

»Nun – haben Sie etwas zu bemerken?«

»Sire,« sagte Pietri, – »Eure Majestät wollen also nicht handeln?«

»Vielleicht ist es besser, zu warten,« sagte der Kaiser.

»Aber dieß Programm,« sagte Pietri, – »denn es ist doch ein politisches Programm der Zukunft, das Eure Majestät da entworfen haben, – nimmt die Veränderungen, welche sich in Deutschland vollziehen, an –«

»Nimmt sie an« – sagte der Kaiser und halb zu sich selber sprechend fügte er hinzu: – »annehmen ist nicht anerkennen, – annehmen bezeichnet einen faktischen Zustand, der dauern kann, – den man dauern lassen, kann, so lange man will.«

»Ich bewundere, wie schon so oft, die Schärfe, mit welcher Eure Majestät die Worte wählen,« sagte Pietri. – »Aber,« fuhr er fort, »diese Theorie der Nicht-Intervention, diese Ausführung, daß die drei Theile, in welche Deutschland zerfällt, den französischen Interessen volle Beruhigung gewähren, dürfte nicht mit der Ansicht des Herrn Drouyn de Lhuys übereinstimmen, ich glaube nicht, daß er dieß Programm ohne Diskussion acceptirt.« –

Der Kaiser warf einen langen Blick auf seinen Sekretär.

»Dazu kann ich ihn nicht zwingen,« sagte er dann.

»Und Eure Majestät sind fest entschlossen, dieß Programm aufzustellen?«

»Fest entschlossen?« sagte der Kaiser sinnend, – »es ist eine seltsame Sache um den Entschluß in solchen Tagen – wissen Sie, Pietri« – sagte er, ihm die Hand auf die Schulter legend, – »der Entschluß ist etwas, das meinen Nerven weh thut, – ich kenne die Furcht nicht, die Gefahr macht mich kalt und ruhig, – aber ich bin stets Demjenigen dankbar, der mich durch irgend einen Impuls zwingt, zu thun, was ich thun möchte, – machen Sie die Kopie, ich will ausfahren.« – –

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Herr Pietri hatte am nächsten Morgen seinen Vortrag bei Napoleon beendet und erhob sich, um sich in sein Zimmer zurückzuziehen.

Der Kaiser blickte ernst vor sich nieder.

»Ich muß der Kaiserin Charlotte einen Besuch machen,« sagte er leise.

»Die arme Kaiserin, – sie ist in der That zu beklagen« – bemerkte Pietri.

»Warum klammert sie sich eigensinnig an diesen lächerlichen mexikanischen Thron an?« rief Napoleon – »ich kann doch den Kaiser Maximilian nicht auf seinem Throne halten, den er selbst durch seinen liberalen Idealismus unterminirt hat? – Er hat sich von der kirchlichen Partei getrennt, hat den Klerus tief verletzt, diese einzige Macht, welche ihm dort die Massen zuführen konnte, und welche vor Allem im Stande war, ihm Geld zu schaffen, das er bedarf, denn ohne Geld wird er bald weder Truppen, noch Generale, noch Minister, noch Freunde haben. – Soll ich,« fuhr er nach einer Pause fort, – »soll ich in diesen mexikanischen Abgrund fortwährend Ströme französischen Blutes und französischen Geldes sich ergießen lassen, ohne ihn doch jemals ausfüllen zu können, – jetzt, wo diese deutsche Drohung sich neben den Grenzen Frankreichs erhebt, – wo ich schweigen und lächeln muß, weil ich nicht handeln kann?« – er biß die Zähne fest zusammen, ein Ausdruck zornigen Grimmes flog über sein Gesicht, – – »diese mexikanische Expedition war eine große Idee,« sagte er dann – »die Befestigung des monarchischen Prinzips auf der anderen Hemisphäre diesem drohenden Nordamerika gegenüber, – die Herrschaft der lateinischen Rassen; – mit der Unterwerfung der Südstaaten ist diese Idee unmöglich geworden, – der Kaiser Maximilian hat nicht verstanden, sich eigene Stützen für seinen Thron zu schaffen, – ich habe kein Interesse mehr, ihn zu halten – und ich kann es nicht.«

»Wenn Eure Majestät die Südstaaten kräftig unterstützt hätten« – warf Pietri etwas schüchtern ein.

»Konnte ich das allein?« rief der Kaiser lebhaft, – »hat mich nicht England im Stich gelassen, – England, das doch wahrlich noch ein größeres Interesse hatte als ich, dem Wachsthum und der Konsolidirung dieser amerikanischen Republik entgegenzutreten, welche das Schwert schleift, mit welchem sie einst den baumwollenen Lebensfaden des stolzen Großbritanniens durchschneiden wird? Sollte ich allein den Haß und die Feindschaft dieser Macht der Zukunft auf mich laden, ohne die Sicherheit, sie überwinden zu können, – um den Thron eines Kaisers zu erhalten, der in liberaler Experimentalpolitik Wilde mit konstitutionellen Theorieen regieren will? Er thut mir leid, – dieser Maximilian,« fuhr er nach einigen Schritten durch das Zimmer fort, – »es ist etwas Edles, Großes in ihm – aber auch viel Unklarheit – »er hat etwas von seinen Vorfahren – von Joseph II., der hundert Jahre zu früh auf die Welt kam, und von jenem anderen Maximilian, der ebensoviel zu spät geboren wurde, den die deutschen Dichter den letzten Ritter nennen, indem sie Franz I. vergessen. Ich beklage ihn,« sagte er seufzend, – »aber ich kann ihm nicht helfen. – Uebrigens ist es ja nicht so schlimm, nach dieser Expedition wieder Erzherzog von Oesterreich zu werden, – es gibt Fürsten, die keine solche Rückzugslinie haben, wenn der Thron unter ihnen zusammenbricht! – Ich wollte, die Kaiserin Charlotte wäre fort,« – sagte er dann mit dumpfer Stimme, – »sie war sehr erregt gestern, – es wird ein peinlicher Besuch werden!«

Er ließ den Adjutanten vom Dienst rufen, befahl seinen Wagen vorfahren zu lassen und zog sich in sein Toilettenzimmer zurück.

*

In ihrem Salon in der Beletage des Grand Hotel am Boulevard des Italiens saß die Kaiserin Charlotte von Mexiko in schwarzem Anzug. Ihr früher so schönes, frisches und anmuthiges Gesicht war bleich und traurig, tiefe Linien durchzogen dasselbe und gaben ihm den Ausdruck frühen Alters, ihr Haar war fast verborgen unter einem schwarzen Spitzentuch, das in die Stirn herabreichte, – um den Mund zuckte eine unruhige, nervöse Bewegung, und aus den müden Augen blitzte zuweilen ein unsteter, fieberhafter Glanz hervor.

Vor der Kaiserin stand der General Almonte, der Gesandte Mexikos in Paris – ein vornehm aussehender Mann vom Typus der Südländer – traurig blickte er auf diese Fürstin, welche vor nicht langer Zeit über das Meer hingezogen war, um den in märchenhaftem Schimmer strahlenden Thron Montezuma's zu besteigen, und welche da jetzt gebrochen in tiefem Weh vor ihm saß – statt Montezuma's Diadem hatte sie die Märtyrerkrone von Guatimozin gefunden.

»Sie glauben also nicht, General,« sagte die Kaiserin mit zitternder Stimme, »daß von Frankreich noch Etwas zu hoffen ist?«

»Ich glaube es nicht,« erwiederte der General ernst, – nach Allem, was ich hier zu sehen und zu hören Gelegenheit gehabt, ist der Kaiser fest entschlossen, sich aus der ganzen Sache schnell und definitiv zurückzuziehen; – wenn Seine Majestät der Kaiser Maximilian seinen Thron erhalten will, – was ich im Interesse des unglücklichen, so lange von Abenteurern aller Art ausgebeuteten Landes dringend wünsche, – so muß er ohne Frankreich rechnen, – er muß im eigenen Lande Stützen suchen, – vor Allem suchen, die festeste und mächtigste Stütze wieder zu gewinnen, welche er verloren – die Kirche und den Klerus, welche ihm Soldaten und Geld schaffen wird. – Nicht hier,« fuhr der General fort, »ist Hülfe zu finden, – wollen Eure Majestät meinen Rath hören, so müssen Sie nach Rom gehen, – der Papst allein kann jene in Mexiko so gewaltige Macht des Klerus dem Kaiser wieder zuführen, – freilich wird er dafür Bedingungen stellen, – aber schnell müßte gehandelt werden, – ehe es zu spät wird,« fügte er in dumpfem Tone hinzu.

»O,« rief die Kaiserin aufstehend und einige Male mit raschen Schritten durch den Salon gehend, – »o, daß mein edler, unglücklicher Gemahl den Lockungen dieses Dämons gefolgt ist, den man Napoleon nennt, – daß er unser schönes Miramar verlassen hat, um sich in diesen Abgrund zu stürzen, in den wir tiefer und tiefer versinken. – Wenn Sie wüßten,« rief sie mit funkelnden Augen, vor dem General stehen bleibend, – »wie ich ihn gebeten habe, diesen Mann, – er war in Saint-Cloud, – um mich zu vermeiden,« rief sie immer schneller und erregter sprechend, – »ich folgte ihm dorthin, ich drang fast gewaltsam zu ihm ein, – ich habe gebeten und gefleht, – ich habe allen Zorn in mein Herz zurückgedrängt, – ich habe ihn gebeten, wie man Gott bittet, – ich habe mich zu seinen Füßen geworfen, – ich, die Enkelin Louis Philipp's, zu den Füßen des Sohnes jener Hortense – o, mein Gott!«

Sie sank erschöpft auf das Kanape zurück.

»Und was antwortete der Kaiser?« fragte der General, mit tiefem Mitleid auf diese unglückliche Frau blickend, deren verhängnißvolles Diadem so schwer auf ihrem Haupte lastete.

»Nichts,« seufzte die Kaiserin, »Phrasen des Bedauerns, kalte Worte des Trostes, welche wie Hohn klangen in seinem Munde. – General,« rief sie plötzlich, sich aufrichtend und den starren Blick auf den Gesandten richtend, – »General, ich fürchte, daß mein Verstand sich verwirrt, – so vielen Kummer kann keine menschliche Seele ertragen, so viele Thränen kann kein Auge vergießen, ohne den Mächten der Finsterniß zu verfallen. – Nachts,« rief sie, den Blick in das Leere gerichtet, wie einer Vision ihres Innern folgend, – »Nachts, wenn nach langem, thränenreichen Wachen ein unruhiger Schlummer sich auf mich niederläßt, – dann sehe ich ihn heranschleichen, diesen der Hölle entstiegenen Dämon, – er reicht mir einen Becher, grünlichgelbe Flammen züngeln daraus hervor – ich schauere bis in das Innere meines Herzens, – aber er hält den Becher an meine Lippen, die Flammen schlagen in mein Gehirn mit furchtbaren Schmerzen, – ich muß trinken – trinken den entsetzlichen Trank, den er mir reicht, – und dieser Trank ist Blut, – Blut meines Gemahls!« rief sie laut aufkreischend und die Hände abwehrend in krampfhafter Bewegung vor sich streckend.

»Majestät, – um Gotteswillen beruhigen Sie sich!« rief der General entsetzt.

Ein Geräusch entstand im Vorzimmer.

Ein Lakai trat ein.

»Seine Majestät der Kaiser fährt so eben in den Hof,« rief er und öffnete die Flügel der Thüre zum Vorzimmer.

Rasch erhob sich die Kaiserin Charlotte. Sie fuhr mit ihrem Taschentuch über die Stirn, – die Starrheit verschwand aus ihren Zügen, ruhig und mit schmerzlichem Lächeln sprach sie:

»Lassen Sie mich mit ihm allein, General – vielleicht hat Gott sein Herz erweicht.«

Napoleon erschien im Vorzimmer, – er war im schwarzen Frack mit Stern und Band des Ordens unserer lieben Frau von Guadeloupe. Oberst Favé begleitete ihn.

Die Kaiserin trat ihm bis zur Schwelle ihres Zimmers entgegen. General Almonte zog sich mit tiefer Verbeugung in das Vorzimmer zurück. Die Lakaien schlossen die Thür.

Napoleon küßte der Kaiserin die Hand, führte sie zum Sopha und setzte sich in einen Lehnstuhl zu ihrer Seite. In angstvoller Spannung blickte die Kaiserin zu ihm hin, seine tief verschleierten Augen waren zu Boden geschlagen.

»Eure Majestät sind zufrieden hier?« fragte er in höflichem Ton, »ich würde mich glücklich schätzen, wenn Sie die Gastfreundschaft eines meiner Schlösser annehmen wollten –«

»Ich bedarf Nichts,« sagte die Kaiserin mit leichter Ungeduld, – »ich bin gekommen, um mein Urtheil zu hören, – ich bitte Eure Majestät mir zu sagen, ob dasselbe gefällt ist, und was ich zu hoffen habe.«

»Ich glaube Eurer Majestät gestern schon meine Auffassung über die politische Situation ausgesprochen und begründet zu haben,« – sagte der Kaiser in ruhigem Ton, – »ich kann nur nochmals mein Bedauern wiederholen, daß diese Situation mir verbietet, – absolut verbietet, den Wünschen Eurer Majestät entgegenzukommen, – wie ich es so sehr gewünscht hätte,« fügte er mit artiger Verbeugung hinzu.

Ein leichtes konvulsivisches Zittern spielte um die Lippen der Kaiserin Charlotte.

»Sire,« sagte sie mit gepreßter Stimme, – »es handelt sich nicht um meine Wünsche, – sie haben sich niemals auf jenen fernen Thron gerichtet, – es handelt sich um die Ehre, vielleicht um das Leben meines Gemahls, – denn er wird das Leben seiner Ehre opfern.«

»Aber, Madame,« sagte der Kaiser, leicht den Schnurrbart drehend, – »ich wüßte nicht, wie die Ehre verlangen könnte, sich eigensinnig unter den Trümmern eines Thrones zu begraben, welcher nicht mehr zu halten ist. Ihr Gemahl hat eine große und gute Sache unternommen; daß sie nicht durchgeführt werden kann, ist die Schuld der Verhältnisse, nicht die seine, – Niemand wird ihm einen Vorwurf machen.«

Ein bitteres Lächeln umzog den Mund der Kaiserin.

»So faßt mein Gemahl die Sache nicht auf,« sagte sie, »er wird nicht als entthronter Fürst die Welt durchziehen, – nach seiner Ansicht darf ein Fürst den Thron, den er einmal bestiegen, nur mit dem Leben aufgeben.«

»Der Kaiser Maximilian wird eine Ansicht, die auf den gegenwärtigen Fall nicht paßt, nicht bis zum Aeußersten treiben,« erwiederte Napoleon, – »ich werde den General Castelnau an ihn abschicken, – er soll ihm nochmals in meinem Namen die ganze Notwendigkeit der Lage, unter deren Herrschaft ich mich befinde, darlegen, – der Kaiser wird sie begreifen, – er wird zurückkehren, und ich bitte Sie dringend, Madame, durch Ihre Rathschläge die Mission des Generals zu unterstützen.«

Eine fliegende Röthe zog rasch über das Gesicht der Kaiserin, ihre Augen funkelten in zitterndem Glanz – ihre Lippen zuckten, und mit rauhem Ton sprach sie:

»Die Mission wird vergeblich sein – und ich – werde niemals meinem Gemahl Etwas rathen, das er in seinem hohen, ritterlichen Sinne mit seiner Ehre für unvereinbar hält.«

Der Kaiser biß sich leicht auf die Lippen, sein verschleiertes Auge öffnete sich eine Sekunde und ein harter, fast feindlicher Blick schoß daraus auf die Kaiserin hin.

Sie sah diesen Blick, – ein Schauer durchflog ihre Gestalt, – in gewaltsamer Anstrengung preßte sie die Hand auf ihr Herz und tief aufathmend sprach sie, den glühenden Blick auf den Kaiser richtend:

»Sire – es ist nicht die Ehre meines Gemahls allein, um welche es sich hier handelt, – für diese einzutreten ist allerdings zunächst unsere eigene Sache, – aber es steht noch ein Anderes auf dem Spiel, – ein Anderes, das Eure Majestät näher angeht – und das ist die Ehre Frankreichs.«

Der Kaiser lächelte kalt.

»Meine Armeen ziehen sich nur auf meinen Befehl aus Mexiko zurück, – und bringen reiche Lorbeeren mit,« sagte er.

»Lorbeeren?« rief die Kaiserin mit funkelnden Augen, – »ja – der einzelne Soldat, der dort tapfer gefochten, der bringt Lorbeeren mit und Lorbeeren wachsen auf den Gräbern der Gefallenen, – aber die Fahnen Frankreichs – welche sich abwenden von dem Thron, den Frankreichs Kaiser aufgerichtet, – von dem Fürsten, der auf Frankreichs Ruf dorthin gegangen ist und der jetzt der Erniedrigung, dem Untergang preisgegeben wird, – diese Fahnen sollten in Trauerflor sich verhüllen, denn sie haben Frankreichs Ehre verlassen! – O Sire,« rief sie gewaltsam sich zwingend, – »ich bitte Sie noch einmal – ich beschwöre Sie – kommen Sie von Ihrem harten Entschluß zurück!«

Die Stirn des Kaisers legte sich in finstere Falten, ein eisiges Lächeln umspielte seine Lippen.

»Madame,« sagte er, – »Eure Majestät wird mir zugeben, daß ich der beste – jedenfalls der einzig kompetente Richter über das bin, was die Ehre Frankreichs erfordert.«

Die Augen der Kaiserin schleuderten Blitze, ein Ausdruck voll stolzer Verachtung erschien auf ihrem Gesicht.

»Eure Majestät sind der Richter,« – sagte sie,« – »so lassen Sie mich denn den Advokaten der französischen Ehre sein, – mein Blut gibt mir das Recht dazu, – es ist das Blut Heinrich des Vierten – und mein Großvater war König der Franzosen!«

Der Blick des Kaisers trat klar und frei aus den Schleiern seines Auges hervor, wie eine Degenklinge zuckte er gegen diese aufgeregte Frau, welche nur bebenden Lippen zitternd vor ihm saß.

Er stand auf.

Die Kaiserin erhob sich ebenfalls.

Sie preßte beide Hände auf ihr Herz, – ihr ganzer Körper bog sich zusammen unter der gewaltigen Willensanstrengung, mit welcher sie ihrem Blick die Ruhe, ihrem Munde das höfliche Lächeln wiedergab.

»Sire,« sagte sie mit inniger, weicher Stimme, – »verzeihen Sie der Gattin, die für die Ehre und das Leben ihres Gemahls spricht, wenn ich im Eifer mich fortreißen ließ zu allzukühner Vertheidigung der Sache, die für mich die höchste und heiligste ist – und sein muß. – Sire, ich bitte Sie um Gottes und der ewigen Barmherzigkeit willen, haben Sie Mitleid – geben Sie uns noch ein Jahr Ihren Schutz – oder geben Sie uns Geld, – wenn Ihnen das Blut Frankreichs zu kostbar ist.«

Und mit unbeschreiblich angstvoll bittendem Blick sah sie diesen Mann an, von dessen Munde das Wort der Hoffnung ertönen sollte, das sie dann auf den Flügeln der Liebe und der Freude ihrem in banger Sehnsucht harrenden Gemahl bringen könnte, seine verzagende Seele mit neuer Stärkung zu erquicken.

Mit kaltem Ton sagte Napoleon:

»Madame, der größte Freundesdienst in ernsten Augenblicken ist volle Wahrheit und Aufrichtigkeit. Es würde ein Verbrechen gegen Eure Majestät sein, wollte ich Ihnen unerfüllbare Hoffnungen machen, – meine Entschlüsse sind unabänderlich, wie die Notwendigkeit, welche sie diktirt hat – ich habe Nichts mehr für Mexiko übrig – keinen Mann mehr, keinen Thaler.«

Da verzerrten sich die Züge der Kaiserin auf entsetzliche Weise, blutig färbte sich das Weiße in ihren Augen, in flammendem Phosphorschein glühten ihre Blicke, ihre Lippen zogen sich von den glänzend weißen Zähnen zurück – ihre Arme vorgestreckt, schritt sie auf den Kaiser zu und unter den keuchenden Athemzügen ihrer Brust die Worte hervorstoßend, rief sie mit einer Stimme, welche fast nicht mehr menschlich klang:

»Ja es ist wahr, das Bild meiner Träume – die gräßliche Erscheinung meiner Nächte, – da steht er mit dem Blutbecher vor mir, – der Dämon der Hölle, – der Henker meiner Familie. – Morde meinen Gemahl, lächelnder Teufel, – morde mich, die Enkelin Louis Philipp's, dieses Königs, der Dich dem Elend entriß und Dich vor dem Schaffot rettete!«

Wie vor einer Gespenstererscheinung wich der Kaiser langsam gegen die Thüre zurück.

Die Kaiserin blieb stehen und nur die Hand gegen ihn ausstreckend, rief sie, indem ihre Züge sich immer furchtbarer entstellten und ihre Augen immer wilder glühten:

»Geh' hin, Verdammter, – aber nimm ihn mit Dir, meinen Fluch, – den Fluch, welchen Gott auf das Haupt des ersten Mörders schleuderte, zertrümmern soll Dein Thron, – die Flammen sollen Dein Haus vertilgen, und wenn Du am Boden liegst im Staube, aus dem Du emporgestiegen, vergehend in Schande und Ohnmacht, – dann soll der Engel der Rache Dir mit Posaunentönen in die Tiefen Deiner verzweifelnden Seele hinein die Namen rufen: ›Maximilian und Charlotte!‹«

Von Entsetzen erfaßt wandte sich der Kaiser um, die Augen mit der Hand bedeckend. Er eilte der Thüre zu und schnell das Vorzimmer durchschreitend, wo der Adjutant und der General Almonte tief erschrocken der schauerlichen Stimme der Kaiserin lauschten, rief er mit halb erstickter Stimme:

»Kommen Sie, Favé, – kommen Sie schnell, die Kaiserin ist nicht wohl!«

Er stieg schnell die Treppe hinab, ängstlich zurückblickend – bestürzt folgte ihm der Adjutant.

General Almonte war in das Zimmer der Kaiserin geeilt.

Die unglückliche Fürstin war in der Mitte des Salons in die Kniee gesunken, die linke Hand auf die Brust gepreßt, die rechte weit ausgestreckt, starrte sie mit blicklosem Auge zur Decke empor, wie ein steingewordenes Bild der Verzweiflung.

Der General eilte auf sie zu.

»Um Gotteswillen,« rief er, sich zu ihr niederbeugend – »ich beschwöre Eure Majestät, fassen Sie sich, – beruhigen Sie sich, – was ist geschehen?«

Ein leichtes Zittern durchflog die Glieder der Kaiserin, langsam wendete sie den Blick dem General zu – voll Verwunderung sah sie ihn an, sie fuhr mit der Hand über die Stirn und ließ sich von dem General ausrichten, der sie zu dem Sopha hinführte. Eine Kammerfrau war ängstlich eingetreten und unterstützte den General, der Lakai stand mit erschrockenem Gesicht an der Thüre des Vorzimmers.

Plötzlich blieb die Kaiserin stehen, – ihr Blick irrte suchend im Zimmer umher.

»Wo ist er?« rief sie mit heiserer Stimme – »er ist fort, er darf nicht fortgehen, – ich will mich an seine Fersen heften, Tag und Nacht soll mein Racheschrei in seine Ohren dringen!«

»Majestät!« rief der General.

»Fort,« schrie die Kaiserin überlaut, – »laßt mich, – meinen Wagen, meinen Wagen, – ihm nach, dem Verräther, dem Mörder meines Gatten!«

Und mit Gewalt den General und die Kammerfrau von sich schleudernd, stürzte sie durch das Vorzimmer die Treppen hinab – immer rufend: »Meinen Wagen, meinen Wagen!«

Der General eilte ihr nach. Der Lakai folgte.

Im großen Hof des Grand Hotel verliefen sich eben die Neugierigen, welche die Anwesenheit der kaiserlichen Equipage angezogen. Auf dem großen Balkon saßen die Fremden, Zeitungen lesend und plaudernd.

Da hörte man die laute Stimme dieser schwarzgekleideten Frau mit den verzerrten Zügen, mit den blutig starren Augen, welche an dem Ausgang der großen Treppe erschien und mit gellendem Tone unaufhörlich rief: »Meinen Wagen! meinen Wagen!«

Der General Almonte hatte die Kaiserin erreicht. Er versuchte sie zu beruhigen – es war unmöglich – alle Blicke richteten sich auf die sonderbare Gruppe.

Der General, in der äußersten Sorge, dieser furchtbaren Szene ein Ende zu machen, befahl dem Lakai, den zum Dienst der Kaiserin im Hofe haltenden Wagen herbeizurufen.

Die Equipage fuhr vor.

Mit einem Sprunge stürzte die Kaiserin hinein. Der General trat an den Schlag, um ihr zu folgen. Da verließen sie ihre Kräfte, – sie brach zusammen, – ihre Augen schlossen sich, weißer Schaum drang aus ihrem Munde, – bewußtlos in konvulsivischem Zucken sank sie in die Kissen zurück.

Mehrere Lakaien eilten herbei. – Sanft trug man sie die Treppe hinauf in ihr Zimmer.

»Welch' ein Trauerspiel beginnt hier,« sprach der General Almonte, der langsam von Schauern geschüttelt folgte, – »und welch' eine Fortsetzung desselben liegt noch im Schooße der' Zukunft!«

*

Langsam bewegten sich am späten Nachmittag im Bois de Boulogne die glänzenden Equipagen der Aristokratie, der haute finance und der fremden Diplomatie. Die ganze Welt von Paris war in der Stadt geblieben, weil die europäische Krisis alle Interessen an den Mittelpunkt fesselte, – und diese ganze Welt machte vor dem Diner ihre gewohnte langsame Spazierfahrt um die schönen Ufer der beiden Seen in dem prachtvollen, in wunderbarer Sauberkeit gehaltenen Gehölz von Boulogne, zwischen den stolzen, schwerfälligen Equipagen mit den gepuderten Lakaien fuhren die Wagen der Damen der Halbwelt, leicht und zierlich mit eleganten tänzelnden Pferden, und die jungen Herren ritten, ohne Rücksicht auf die mißbilligenden Blicke der Damen der wirklichen Welt, an diese Wagen heran, lachend und scherzend die pikanten Bemerkungen erwiedernd, welche ihnen von den Damen der avant-scène und des Café anglais zugerufen wurden.

In offener Kalesche, von einem prachtvollen braunen Viererzug gezogen, zwei Piqueurs in grün und goldener Livree voran, ein Stallmeister am Schlage, erschien in all' diesem heitern bunten Treiben der Kaiser. Neben ihm saß der General Fleury. Das Gesicht Napoleon's strahlte von Heiterkeit, lebhaft unterhielt er sich mit dem General, mit freundlicher Verbindlichkeit erwiederte er rechts und links die Grüße und langsam fuhr die glänzende Equipage dreimal am Ufer des Sees hin und her. Eine Stunde später wußte ganz Paris, daß der Kaiser sich vortrefflich befinde und daß die Angelegenheiten sehr gut stehen müßten, denn Seine Majestät sei von einer bemerkbaren Heiterkeit gewesen.

Eben so heiter war der Kaiser bei der Tafel, zu welcher die Marschälle und einige hohe Offiziere befohlen waren.

Der Cercle war vorbei, – die Sonne war herabgesunken und der laue, aber schon dunkle Abend lag über der riesigen Stadt.

Der Kaiser trat in sein Kabinet. Er legte die Uniform ab, die er bei dem Diner getragen, und ließ sich einen einfachen schwarzen Ueberrock reichen.

Als der Kammerdiener sich entfernt, rief er Pietri.

»Ist mein Wagen ohne Livree bereit?« fragte er.

»Er steht an der Seitenthüre zu Eurer Majestät Befehl.«

»Sie haben mir,« sagte der Kaiser, »von jener merkwürdigen Schülerin der Lenormand erzählt – auch Morny hat mir davon gesprochen, – Madame Moreau? nicht wahr?«

Pietri lächelte.

»Sie hat schon vieles Wunderbare vorhergesagt, – ich habe sie selbst einmal besucht, und ihre Prophezeiungen haben mich frappirt.«

»Und sind eingetroffen?« fragte der Kaiser.

»Vieles, Sire, ist geschehen, wie sie es vorhergesagt.«

»Ich will sie hören,« sagte der Kaiser, »kommen Sie.«

Und er stieg, von seinem Sekretär gefolgt, die Treppe zu dessen Zimmer hinab.

Sie schritten durch einen Korridor und traten durch eine Seitenthür in den innern Hof der Tuilerieen, hier stand ein einfacher Wagen mit zwei schwarzen Pferden bespannt, – ein Kutscher ohne Livree auf dem Bock, – man konnte ihn für den Wagen eines Arztes halten.

Der Kaiser stieg ein.

Pietri folgte ihm, nachdem er dem Kutscher zugerufen: »Rue Tournon 5.«

In schnellem Trabe verließ der Wagen den Hof und fuhr die Rue de Rivoli hinab.

Ein zweiter, eben so unscheinbarer Wagen folgte ihm in einiger Entfernung.

Er enthielt den Chef der Polizei des Palastes und einen seiner Beamten.

Im alten Paris, in der Nähe des Palais du Luxembourg, liegt die Rue Tournon, eine jener alten Straßen, welche noch den Typus der vergangenen Zeiten trägt, mit niedrigen, einfachen Häusern, alten Läden und kleinen Fenstern.

Vor dem Hause No. 5 hielt der Wagen des Kaisers, – Pietri ging voran durch einen großen offenen Thorweg, welcher in einen kleinen Hof führte. Der Kaiser folgte ihm. Der zweite Wagen hielt an der Ecke der Straße, seine Insassen stiegen aus und begannen langsam, rauchend und plaudernd auf dem Trottoir hin und her zu gehen.

Napoleon III. folgte seinem Sekretär über den Hof, trat am Ende desselben in eine um einige Stufen erhöhte Thür und stieg eine schmale dunkle Treppe hinauf. Ein kleiner Vorplatz in der ersten Etage war durch eine einfache, aber elegante Lampe erhellt, unter derselben las man auf einem Porzellanschilde: Madame Moreau.

»Es ist dasselbe Haus und dasselbe Appartement, welches die Lenormand bewohnte,« sagte Pietri, während er die neben dem Schilde befindliche Glocke zog.

Der Kaiser blickte mit großem Interesse umher.

»Hier war also Napoleon I.,« sagte er sinnend, – »und hier wurde ihm die Krone prophezeit, welche sein Haupt zu schmücken bestimmt war!« –

Die Thüre öffnete sich. Ein junges Frauenzimmer in der Tracht der pariser Hausmädchen erschien. Der Kaiser schlug den Kragen seines Ueberrocks herauf und hielt sein Taschentuch vor den untern Theil des Gesichts.

Pietri trat vor und deckte ihn mit seiner Gestalt.

»Madame Moreau?« fragte er.

»Ich weiß nicht,« erwiederte das Mädchen, »ob Madame noch empfängt, es ist spät –«

»Wir sind Freunde,« sagte Pietri, – »Madame wird uns nicht abweisen.«

»Wollen die Herren in den Salon treten, – ich werde Sie melden.«

Sie führte den Kaiser und seinen Sekretär in einen kleinen, aber mit einer fast reichen Eleganz möblirten Salon. Dicke Teppiche bedeckten den Boden, große Fauteuils standen um einen Tisch, auf welchem verschiedene illustrirte Journale lagen, – eine große helle Ampel hing von der Decke herab und erleuchtete den Raum.

»Jetzt müssen Eure Majestät das Antichambriren lernen,« sagte Pietri scherzend, dem Kaiser einen Fauteuil hinrückend.

Dieser legte nur leicht die Hand auf die Lehne und blickte mit großem Interesse im Zimmer umher. An der Wand hing ein großer Kupferstich, sein Bild im Krönungsornat. Leicht seufzend blickte der Kaiser auf die schlanke jugendliche Gestalt des Bildes, – dann sagte er, lächelnd auf den Kupferstich deutend:

»Diese Dame scheint gut gesinnt zu sein.«

»Sie ist die Schülerin der Lenormand, Sire,« antwortete Pietri, »und lebt in den Traditionen ihrer Meisterin, – auch war sie ein besonderer Schützling des Herzogs von Morny –«

Eine kleine, von einer sehr dichten, dunkeln Portière maskirte Thüre öffnete sich, die Portière wurde zurückgeschoben und eine kleine, in eine einfache schwarzseidene Robe gekleidete, ziemlich korpulente Frau von etwa fünfzig Jahren, mit dunklem, glatt anliegenden Haar und schwarzen, lebhaften, scharf und durchdringend blickenden Augen, welche seltsam abstachen gegen das volle, etwas aufgeschwemmte und ziemlich gewöhnliche Gesicht, erschien auf der Schwelle.

Pietri trat vor.

»Ich danke Ihnen, Madame,« sagte er, »daß Sie uns noch zu dieser späten Stunde empfangen haben, – Sie haben mir vor einiger Zeit so glänzende Proben Ihrer Kunst gegeben, daß einer meiner Freunde, der auf der Durchreise hier ist, Sie bitten möchte, den Schleier von seiner Zukunft zu heben.«

»Treten Sie ein, meine Herren,« sagte Madame Moreau einfach und ruhig, mit wohlklingender Stimme und im Tone einer Dame von Welt.

Und sie kehrte in ihr Kabinet zurück. Pietri und der Kaiser folgten ihr.

Dieß Kabinet war ein kleiner viereckiger Raum, der außer der Thür zum Salon noch eine andere kleine Thür hatte, durch welche die Besucher nach der Konsultation sich zu entfernen pflegten, wenn sie mit etwa im Salon Wartenden nicht zusammentreffen wollten.

Dieß Kabinet hatte eine dunkle Tapete. Die nach dem Hof führenden Fenster waren durch dichte, faltige dunkelgrüne Vorhänge verdeckt. Ein hoher, alter Schrank stand an der einen Wand, in der Nähe des Fensters ein nicht großer Tisch mit grünem Tuch überzogen, vor demselben ein Lehnstuhl, auf welchem die Wahrsagerin Platz nahm. Auf dem Tisch stand eine Lampe mit dunkelgrünem Schirm, welche die Tischplatte hell erleuchtete, aber das übrige Zimmer im Schatten ließ. Auf der andern Seite des Tisches standen einige dunkelgrüne Fauteuils und ein kleiner Divan von gleicher Farbe.

Der Kaiser setzte sich auf einen der Lehnstühle in den Schatten, oft das Tuch gegen sein Gesicht erhebend.

Madame Moreau achtete darauf nicht. Sie war es gewohnt, daß ihre Besucher strenges Incognito zu bewahren wünschten.

Sie hatte vor ihrem Tische Platz genommen und fragte: »Wünschen Sie das große Spiel?«

»Gewiß,« antwortete Pietri, der sich neben den Lehnstuhl des Kaisers gestellt hatte.

Napoleon blickte mit forschender Aufmerksamkeit in dem kleinen Raum umher.

»Ich bitte den Herrn, mir seine Hand zu reichen, – die linke, wenn es Ihnen gefällig ist.«

Napoleon erhob sich und trat an den Tisch, so daß der Schatten des dunklen Lampenschirmes auf sein Gesicht fiel, und reichte der Wahrsagerin seine Hand, welche lang, schlank und weich, jünger erschien, als des Kaisers Haltung und seine Züge.

Madame Moreau ergriff diese Hand, kehrte die innere Fläche derselben nach oben und öffnete zunächst den Winkel, welchen der Daumen mit dem Zeigefinger bildete, bis zu seiner äußersten Spannung.

»Welche zähe, langsame Willenskraft,« – sagte sie langsam, ohne den Blick von der Hand des Kaisers zu erheben, – »aber eine Erschlaffung liegt mit darin, – eine zögernde Zurückhaltung – diese Hand ist gemacht, um sorgfältig und stetig die Sehne eines Bogens zu spannen, – aber sie wird zögern, den Pfeil dahinfliegen zu lasten, – sie möchte auch des abgeschnellten Pfeils Herrin bleiben, – der Pfeil aber gehört dem Schicksal. – Diese Hand wird die Sehne nicht schnellen lassen, wenn das Ziel erfaßt ist und der Blick den Moment erkennt, – sie wird sie fahren lassen unter der Erschütterung eines plötzlichen Anstoßes – der Pfeil aber gehört den ewigen Mächten des Verhängnisses« – fügte sie leiser hinzu. Dann fuhr sie mit aufmerksamem Blick in die Handfläche fort: »Bald nach ihrem Beginn gebrochen windet sich die Linie des Lebens in verschlungener Krümmung oft gekreuzt und durchzogen von hemmenden Falten weiter, – dann steigt sie in kühnem, weitem Bogen empor, höher und höher, bis –«

Sie sah mit starrem, träumenden Blick in die Hand und schwieg lange.

»Sie haben eine merkwürdige Hand, mein Herr,« – sagte sie dann, immer ohne aufzusehen, – »eine ähnliche Hand wie Sie hat jener große Fabius Cunctator gehabt – doch,« fuhr sie fort – »da sind auch Züge, die in Catilina's Hand gewesen sein müssen, aber ohne die unruhige Hast jenes Verschwörers, – und hier sind die Linien Cäsar's – nein – des Augustus. – Mein Herr,« sagte sie, – »Ihre Hand ist sehr merkwürdig, sie ist gemacht, langsam und vorsichtig die Fäden zu knüpfen, sie ist gemacht zum Bauen und Sammeln, zum Erhalten und Pflegen, – und doch zwingt sie das Schicksal oft zum Zerstören –«

»Und wohin führt die Linie des Lebens?« fragte der Kaiser mit so gedämpfter Stimme, daß man kaum den Ton derselben hörte.

Langsam und nachdenkend sagte Madame Moreau: »Sie wendet sich zurück nach ihrem Ausgange hin.« Der Kaiser warf einen Blick auf Pietri.

»Unklar wie die Pythia,« flüsterte er.

Hatte Madame Moreau diese Worte dennoch verstanden oder nicht, – sie sagte:

»Die Räthsel, welche die Linien der Hand übrig lassen, werden meine Karten vielleicht zu lösen im Stande sein.«

Und sie ließ die Hand des Kaisers los, nahm aus einer Schublade ihres Tisches ein Spiel großer Karten mit schön gemalten wunderlichen Bildern und Charakteren und ersuchte den Kaiser, dieselben zu mischen.

Dieser that es, immer sein Gesicht im Schatten des Lampenschirms haltend, und reichte dann das Spiel zurück.

Madame Moreau legte die Karten in langen Reihen vor sich auf den Tisch und prüfte sie aufmerksam.

»Mein Herr,« sagte sie dann, – »dieß ist eine Konstellation, wie sie selten vorkommt, – ich sehe Sie umgeben von hellem Glanz, von den Höchsten der Erde, Ihre Hand lenkt die Geschicke Vieler, – mein Gott!« rief sie, – »nur einmal habe ich diese Konstellation gesehen, es ist so – es kann nicht anders sein – hier der Adler über Ihrem Haupt; der Stern in der Diagonale, – der goldene Bienenstock – es wäre ein unwürdiges Spiel, zu schweigen, – es hieße meine Kunst erniedrigen –«

Sie stand schnell auf und sprach, indem sie sich tief verneigte, mit einer Bewegung, der es trotz ihrer kleinen und korpulenten Figur nicht an einer gewissen Anmuth und Würde fehlte:

»Mein armes Haus hat das Glück, den Souverän Frankreichs unter seinem Dach zu sehen, – Sire – ich grüße in tiefer Ehrfurcht meinen großen und geliebten Kaiser!«

Napoleon III. machte eine Bewegung der Überraschung, – dann trat er aus dem Schatten hervor und sprach lächelnd:

»Ich mache Ihnen mein Kompliment, Madame, über die Allwissenheit Ihrer Karten, – war mein großer Oheim hier bei Ihrer Meisterin, so darf wohl sein Neffe und Nachfolger die Schülerin aufsuchen. – Da wir nun ohne Maske sind,« fuhr er fort, »so lesen Sie mir weiter die Schrift des Schicksals in Ihren Karten.«

Madame Moreau kehrte zu ihrem Stuhl zurück und nahm auf einen Wink des Kaisers Platz, – welcher sich seinerseits nun dicht neben den Tisch setzte und mit aufmerksamem Blick auf die ausgebreiteten Karten sah.

»Sire,« sagte die Moreau, – »Eure Majestät können denken, daß ich, die ich Frankreich liebe und mit ganzem Herzen an dem großen Geschlecht Eurer Majestät hänge, – oft in der Stille meine Kunst versucht habe, um die Schicksale des Kaiserreiches meinem Auge klar zu machen, und – wunderbar, dieselbe Konstellation, welche sich jedesmal fast unverändert mir zeigte, liegt heute wieder vor mir in den Karten, welche Eurer Majestät kaiserliche Hand selbst gemischt hat, – ich konnte mich nicht täuschen. – Es wäre lächerlich, – wollte ich jetzt, nachdem ich weiß, wer vor mir steht, von Eurer Majestät Vergangenheit sprechen,« sagte sie dann, lange in die Karten blickend, – »nur Eines möchte ich sagen,« fuhr sie zögernd fort, – »darf ich sprechen?« fragte sie mit einem Blick auf Pietri.

»Ich habe keine Geheimnisse vor diesem Herrn,« sagte Napoleon.

»Sire,« fuhr Madame Moreau fort, immer in die Karten blickend, »Eure Majestät sind glücklich an der Seite Ihrer erhabenen Gemahlin, welche alle Tugenden in sich vereinigt – und dennoch –«

»Und dennoch?« fragte der Kaiser erstaunt in einem Ton, durch den fast ein leichter Unmuth hindurchklang.

»Sire,« sagte die Moreau langsam und feierlich, – »das Leben Eurer Majestät liegt auf der Grenze zwischen den Mächten des Lichtes und der Finsterniß, ein heller schimmernder Stern strahlt auf dasselbe herab – aber die tiefen Schatten eines dämonischen Verhängnisses dringen oft mächtig herauf, um jenes reine Licht zu verhüllen. Unter dem Schimmer jenes Sterns, unter dem Einfluß seiner segensvollen Strahlen öffnete sich das junge Herz Eurer Majestät einer von dem vollen Hauch jugendlicher Poesie durchdufteten Liebe, – der Segen des großen Kaisers, des erhabenen Märtyrers von St. Helena, lag auf dieser Liebe, sie hätte Eurer Majestät Leben erleuchtet und erwärmt, – und diese Liebe wurde erwiedert von einem Herzen, in dessen Schlägen das Blut des großen Oheims lebte –«

Betroffen sah der Kaiser vor sich nieder, – ein wehmüthiger Zug erschien auf seinem Gesicht.

»Sire,« fuhr Madame Moreau fort, »die finsteren Schatten zogen herauf, die Nacht des Verhängnisses bedeckte jene Liebe und ihre Hoffnungen. Das Herz, das für Sie schlug, ist den Leiden eines traurigen, einsamen Lebens verfallen und Ihnen fehlt die Gefährtin, welche der gute Genius Ihrer Jugend Ihnen im Strahle Ihres Sterns zugeführt hatte, und welche oft Ihr zweifelndes Herz gestärkt hätte.«

Der Kaiser schwieg. Ein Seufzer hob seine Brust.

»Fahren Sie fort,« sagte er dann.

»Auch heute, Sire,« sprach die Moreau, – »zweifelt Ihr Herz, – auch heute ringen in Ihrem Geiste die verschiedenen Mächte, – Sie schwanken zwischen Krieg und Frieden, – und merkwürdig,« – fügte sie hinzu, indem sie aufmerksam auf die Karten blickte und einige Bilder mit dem Finger bezeichnete, – »die Männer des Schwertes rathen zum Frieden –«

Gespannt hörte der Kaiser zu.

»Sire,« sagte die Moreau, »Sie haben Rußlands Stolz gebrochen, Sie haben die Königin von England an das Grab Ihres Oheims geführt, – Sie haben die Demüthigung des Königs von Rom am Hause Habsburg gerächt, – Sire, überall hat Ihr Stern Ihnen glänzend geleuchtet, – hüten Sie sich vor Deutschland!« sagte sie in dumpfem Ton, – »dort wallen die dämonischen Schatten Ihres finstern Verhängnisses herauf, – hüten Sie sich, hüten Sie sich!« rief sie lebhaft und hob die Hände wie beschwörend empor, – »wenigstens jetzt halten Sie die ehernen Würfel des Krieges zurück!«

Der Kaiser starrte vor sich hin. Ein leichter Schauer zitterte durch seine Glieder.

»Und Sie werden sie zurückhalten,« fuhr die Moreau fort, indem sie, die Bilder der Karten verfolgend, lange Linien über das ausgebreitete Spiel zog, »denn ich sehe Sie umgeben von den ruhigen Bildern des Friedens, – und nur unten im Grunde schleift der Kriegsgott eifrig das Schwert für künftige Tage –

»Und Frankreich soll sich demüthigen!« sagte der Kaiser leise, wie zu seinen eigenen Gedanken sprechend, – »soll nachgeben, zurückweichen!«

»Ich sehe keine Demüthigung,« sprach Madame Moreau, mit blitzenden Augen in die Karten blickend, – »ich sehe strahlenden Glanz, so hell, wie er kaum den Thron Ihres Oheims umleuchtete – ich sehe die Völker der Welt um die Stufen Ihres kaiserlichen Stuhls versammelt, ich sehe die Kaiser und Könige, alle Fürsten Europas – fast der Erde Sie in strahlendem Kreise umringen, – der Sultan begrüßt den kaiserlichen Herrn von Frankreich, der Nachfolger Peter's des Großen, – ha, was ist das?« rief sie, – »Sire, wachen Sie, wachen Sie über' dem heiligen Gastrecht, – der Mord lauert auf Alexander II. auf dem heiligen Boden Frankreichs, – doch Gott wendet den Streich ab, ich sehe nur Glanz, schimmernden Glanz und stolze Freude und die Völker Europas, Asiens und Amerikas, die schwarzen Nubier Afrikas vereinigt, – in staunender Bewunderung der Herrlichkeit des kaiserlichen Frankreichs.«

Die Augen des Kaisers öffneten sich – ein stolzer Strahl blitzte aus ihnen hervor.

»Und dann?« fragte er.

»Sire,« sagte die Moreau, – »Ihr Stern steht siegreich hoch am Zenith, – dann steigen die Wolken wieder herauf, blutige Blitze durchzucken sie, ich sehe Lanzenspitzen funkeln, ich sehe den Kriegsgott in donnernden Wettern über die Erde schreiten, – ich sehe Eure Majestät an der Spitze wogender Heere, – ich sehe Sie in Deutschland« – sie bedeckte die Augen mit der Hand – »doch das ist fern!« sagte sie langsam, »mein Blick verwirrt sich, – ich habe nicht die Kraft, wie die große Lenormand, die weitesten Fernen der Zukunft zu sehen, – später wird das klarer werden, – aber zu ewigem Frieden hat das Schicksal Sie nicht bestimmt, Sire, – sehen Sie hier –« und mit prophetischem Tone sprach sie:

»Wenn der Oelbaum seinen Schatten über Frankreich wirft, müssen die Lorbeeren verwelken!«

Der Kaiser blickte sie sinnend an.

»Also zunächst wird der Frieden mir Glück und Glanz bringen, – aber ich soll die Lorbeeren nicht durch den Oelbaum überwuchern lassen?«

Sie nickte leicht mit dem Kopf, immer auf die Karten blickend. Es zuckte über ihr Gesicht, sie öffnete die Lippen, als wollte sie etwas sagen, – aber sie schwieg.

Der Kaiser stand auf. Nochmals durchforschte sein Blick aufmerksam das Gemach.

»Also in diesem Zimmer hat der Kaiser Madame Lenormand besucht?« fragte er.

»In demselben Zimmer, Sire,« sagte die Moreau aufstehend, – »es sind nur die Ueberzüge der Möbeln verändert!«

»Ich danke Ihnen, Madame,« sagte Napoleon, – »verfolgen Sie mein Horoskop, – ich werde mich freuen, mehr von Ihnen zu hören!«

Und mit freundlichem Lächeln grüßend, schritt er durch die Thüre, welche Madame Moreau, die Lampe in der Hand, ihm öffnete, hinaus.

An der Treppe reichte er Pietri den Arm und sagte:

»Bleiben Sie, Madame, ich will kein Aufsehen. Ich rechne auf Ihre Diskretion. Adieu!«

Rasch fuhr die unscheinbare Equipage nach den Tuilerieen zurück.

In seinem Kabinet angelangt, setzte sich der Kaiser an seinen Schreibtisch. Pietri blieb neben ihm stehen.

Der Kaiser schrieb:

»Mein lieber Herr Drouyn de Lhuys!

»Ich sende Ihnen hiebei eine Zusammenfassung der Grundsätze, welche nach meiner unabänderlichen Ueberzeugung maßgebend sein müssen für die Politik, welche Frankreich gegenüber den Ereignissen, die sich in Deutschland vollzogen haben, beobachten muß. Ich zweifle nicht, daß Sie meine Ansichten theilen werden, und bitte Sie, an meine aufrichtige Freundschaft zu glauben.«

Und er unterzeichnete: Napoleon.

Schweigend reichte er Pietri das Papier.

»Sire,« sagte dieser, nachdem er es gelesen – »wen haben Eure Majestät zum Nachfolger des Herrn Drouyn de Lhuys bestimmt?«

»Moustier kennt die Verhältnisse in Berlin genau,« sagte der Kaiser, – »bereiten Sie einen Brief an ihn vor, um zu fragen, ob er die Leitung des auswärtigen Ministeriums übernehmen will.«

Pietri verneigte sich.

»Und noch Eins,« sagte Napoleon, – »lassen Sie morgen früh Herrn Hansen kommen, vielleicht kann man noch einen Versuch machen.«

»Zu Befehl, Sire.«

»Was denken Sie von Madame Moreau?« fragte der Kaiser, der sich bereits nach der Thür gewendet hatte, die zu seinen innern Gemächern führte, – indem er noch einmal stehen blieb, – »wie kommt sie auf jene Episode meiner Jugend?« flüsterte er leise.

»Sire,« erwiederte Pietri, – »es ist schwer, etwas darüber zu sagen –«

»There are more things in heaven and earth, then are dreamt in our philosophy,« – sagte Napoleon in reinem Englisch – und freundlich nickend entließ er seinen Sekretär, der sich mit tiefer Verbeugung zurückzog.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

In einem ziemlich großen Salon neben dem Schlafzimmer seiner eleganten Garçonwohnung, in einem jener alten, vornehmen Häuser der stillen Stadttheile, lag am Vormittag nach seiner Rückkehr der Lieutenant von Stielow auf einem langen Sopha mit dunkelrother Seide überzogen.

Halbgeschlossene Vorhänge von gleicher Farbe ließen ein gedämpftes Licht in das Zimmer dringen, in welchem die vollständigste Stille herrschte, nur von Zeit zu Zeit drang das Rollen einer schnell vorübereilenden herrschaftlichen Equipage herauf.

Neben dem jungen Mann, der einen weiten Morgenüberrock von schwarzer Seide mit scharlachrothem Futter und Aufschlägen trug, stand auf einem kleinen Tischchen ein schönes Theeservice von Silber, er rauchte mit langsamen Zügen einen kurzen Tschibuk, aus welchem die duftigen Wolken des türkischen Tabaks durch das Zimmer drangen, und der Ausdruck vollständigen Glückes und ruhiger Zufriedenheit lag auf seinen Zügen. Nach den langen Entbehrungen und Mühseligkeiten des Lagerlebens genoß der junge Offizier zum ersten Male die Ruhe eines eleganten und reichen Comforts und mit glücklichen Blicken grüßte er alle dieses Zimmer in bunter Mannigfaltigkeit erfüllenden Gegenstände, – die Gemälde, die Kupferstiche, die seltenen Waffen, die alten Nippes von meißener Porzellan, kurz alle jene tausendfältig verschiedenen Dinge, mit welchen der gute Geschmack oder die flüchtige Laune eines vornehmen und eleganten jungen Mannes sich zu umgeben pflegt.

Das Alles, was ihm sonst als tägliche Gewohnheit des Daseins kaum eines Blickes werth erschienen war, lächelte ihn heute so freundlich im Reiz der Neuheit an, – hatte doch so lange sein Auge nur Bilder der Entbehrung, des Schreckens, des Todes um sich gesehen, – so daß die Umgebung seines früheren Lebens wie mit liebevollen Grüßen ihm entgegentrat; dann dachte er an seine Liebe, an die Gefahren, welche auf den Schlachtfeldern ihn umringt, an die fast noch schrecklichere Gefahr, welche dieser so jungen und so reinen Liebe durch boshafte Machination hier gedroht hatte, – an seine glückliche Erhaltung unter den Geschossen und Degen der Feinde, – an die glückliche Fügung, welche ihn hatte im rechten Augenblick zurückkehren lassen, um jene Machination zu zerstören, – an die Hoffnung endlich, welche nun ohne Hinderniß vor ihm lag; – kein Wunder, daß sein Auge von Glück strahlte, daß seine Lippen lächelten und daß die Welt ihm so schön, so hell und so reizend erschien, wie sie nur einem jungen Herzen erscheinen kann, das in voller Empfänglichkeit sich von Allem umgeben sieht, was das Leben an süßem Genuß bieten kann.

Er hatte der Gräfin Frankenstein versprochen, keine Schritte irgendwelcher Art gegen die Urheber jenes niedrigen Versuchs zu thun, der gegen ihre Tochter und ihn gerichtet war. – »Laß uns nie wieder von jenen Menschen sprechen und von der ganzen Sache nur die Erinnerung an die Güte Gottes behalten, der ihre Bosheit zu Schanden machte,« hatte Klara mit mildem Lächeln ihm gesagt – und so groß ist die Elastizität eines Herzens von einundzwanzig Jahren, so groß ist die versöhnende Gewalt des Glücks, – er dachte kaum mehr jenes Zwischenfalles, der ihn in den heiligsten Regungen seines Herzens bedroht hatte, – anders als in dem süßen Gefühl, welches in dem höhern Bewußtsein des Besitzes eines bedrohten wiedergewonnenen Glückes liegt.

Rasch öffnete sein Diener die Thüre und trat mit bewegtem und erschrockenem Gesicht in das Zimmer.

»Herr Baron,« sagte er mit leichtem Zögern, – »ich muß –«

Der junge Offizier wendete den Kopf um und blickte fragend auf den Bedienten, – doch dieser konnte seinen Satz nicht vollenden, denn eine schlanke Frauengestalt in leichter Morgentoilette trat rasch durch die halbgeöffnete Thür, mit einer schnellen und entschlossenen Bewegung den Diener zur Seite schiebend. Ihr Gesicht war durch einen dichten, von dem kleinen runden Hut herabhängenden Schleier verdeckt.

Herr von Stielow erhob sich und trat mit dem Ausdruck tiefen Erstaunens der Eintretenden entgegen, indem er durch eine Bewegung den Diener entließ, der durch Achselzucken andeutete, daß er nicht im Stande gewesen, diesen Besuch seinem Herrn zu melden.

Kaum hatte sich die Thür geschlossen, als die Dame den Schleier zurückwarf. Herr von Stielow erblickte die schönen Züge der Frau Balzer. Sie war blaß und kaum färbte ein leiser, rosiger Hauch ihre Wangen, ihre großen Augen glänzten in tiefem, leidenschaftlichem Feuer, um ihre leicht geöffneten Lippen lag ein Zug von schüchterner Verschämtheit, gemischt mit dem Ausdruck fester und energischer Entschlossenheit. Sie war wunderbar schön, – reizender fast in dieser einfachen, fast grisettenhaften Morgentoilette, – als in der ausgesuchten und reichen Eleganz, welche sie sonst umgab.

Mit starrer Verwunderung, fast mit Schrecken, sah der junge Mann diese ihm so bekannten Züge vor sich, – welche er jetzt am wenigsten zu sehen erwartet hätte.

»Antonie!« rief er mit leiser Stimme.

»So haben Ihre Lippen doch nicht verlernt, diesen Namen auszusprechen« – sagte sie und ein Blick voll tiefen Schmerzes traf ihn, – »ich fürchtete, daß Alles – alle Erinnerung aus Ihrem Herzen verschwunden sei – bis auf den Namen Derjenigen, die Sie einst liebten – und die Sie jetzt verachten – ungehört verurteilen.«

Herr von Stielow war so erstaunt, so außer Fassung durch diesen Besuch, daß er noch immer wortlos ihr gegenüberstand, – ein Blitz des Zornes, der Entrüstung hatte in seinem Blick aufgeleuchtet – aber er war wieder verschwunden – konnte man überhaupt zornig sein dieser demüthigen Sanftmuth, diesem Blick voll Bitte und Schmerz gegenüber? Er blickte sie starr an, die widersprechendsten Gefühle stritten in seiner Seele miteinander.

»Sie haben mich verurtheilt,« fuhr sie fort mit jenem weichen Schmelz der Stimme, welcher nur wenigen Frauen gegeben ist und sich wie eine Liebkosung an das Herz des Hörers schmiegt, – »Sie haben sich von mir gewendet, ohne ein Wort der Aufklärung zu verlangen, – und doch liebten Sie mich einst, – doch,« fügte sie zögernd, flüsternd hinzu, indem ihr Auge sich senkte und ein rosiger Schein über ihr Gesicht flog, – »doch mußten Sie wissen, daß ich Sie liebte!« –

Herr von Stielow fand immer noch keine Worte, diesen Blicken, dieser Sprache gegenüber, – er war nahe daran, sich wirklich für grausam und hart zu halten, und es bedurfte der vollen Erinnerung an den gestrigen Abend, um ihm seine kalte Ruhe dieser Frau gegenüber wiederzugeben.

Antonie trat ihm einen Schritt näher und richtete mit einem wehmüthigen Ausdruck voll unendlicher Zärtlichkeit ihre Augen auf ihn.

»Meine Liebe,« sagte sie mit sanfter Stimme, – »war so rein, so vertrauensvoll, wie die eines jungen Mädchens, feurig und glühend dabei wie der Wein des Südens, und sie füllte meine Seele ganz aus, – sie hatte meinen Stolz gebändigt, – ich lag zu Ihren Füßen, – wie eine Sklavin zu den Füßen ihres Herrn!«

Ein feuchter Glanz schimmerte in ihrem schönen Auge.

»Ich bitte Sie« – sagte Herr von Stielow verwirrt, – »diese Erklärungen über die Vergangenheit, – jetzt, – wozu diese peinliche Szene –«

»Sie haben Recht,« erwiederte sie und ein stolzer Strahl leuchtete in ihrem Blick, ohne indeß den Schleier der Wehmuth vollständig zu zerreißen, welcher über ihrem Auge lag, – »Sie haben Recht, – ich darf jene Vergangenheit nicht berühren, – aber es gibt eine näher liegende Vergangenheit, von welcher ich sprechen muß, welche mich hieher führt.«

»Aber –« sagte Herr von Stielow.

Ohne auf ihn zu hören, fuhr sie fort:

»Ich hatte Ihnen gegenüber keinen Stolz – keinen Willen mehr, – es ist wahr – aber Sie haben mich kalt und grausam verlassen –« sie drückte die Hand auf das Herz und preßte die Lippen auf einander – »Sie haben mich beleidigt, – und der Stolz meines Herzens wallte mächtig wieder auf. – Ich wollte Sie hassen, Sie vergessen,« fuhr sie mit dumpfer Stimme fort, – »aber alle edleren Regungen meines Herzens sträubten sich dagegen, – ich konnte es nicht,« sagte sie mit leicht zitterndem Ton, – und mein Stolz sagte mir: – »mag er Dich nicht mehr lieben – er soll Dich nicht verachten!«

Die Züge des Herrn von Stielow wurden ruhiger. Mit kaltem Blick sah er sie an, ein kaum merkliches Lächeln lag auf seinen Lippen.

»Sie hatten das Recht,« fuhr sie fort, – »es ist wahr, – mich für falsch zu halten, Sie hatten das Recht zu glauben, daß Sie dem Spiel koketter Laune, vielleicht Schlimmerem,« sagte sie leise – »zum Opfer gefallen wären, – das sollen Sie nicht glauben, die Erinnerung an mich soll wenigstens nicht mit Verachtung gemischt sein!«

»Lassen wir die Vergangenheit,« sagte er – »ich versichere Sie –«

»Nein,« rief sie lebhaft, – »Sie sollen mich hören, – gibt mir die Vergangenheit kein anderes Recht mehr, so gibt sie mir doch das – Gehör zu verlangen!«

Er schwieg.

»Sie wissen,« fuhr sie fort, »wie mein Leben war, – mit dem Herzen voll Liebe, mit dem Geist voll Streben und Ringen nach den Höhen des Lebens, war ich in früher Jugend an den Mann gefesselt, – den Sie kennen. Er selbst begünstigte die Annäherung der jungen Männerwelt an mich, – jener Graf Rivero näherte sich mir, ich fand bei ihm den reichsten Geist, die Befriedigung aller Wünsche, – ich glaubte ihn zu lieben,« fuhr sie mit gesenktem Blick fort, – »wenigstens brachte er Licht und Interesse in mein Leben. – Ist das ein Verbrechen?«

Ohne eine Antwort zu erwarten, sprach sie lebhaft weiter:

»Als ich Sie kennen lernte, empfand ich meine Täuschung, – mein Herz sprach, und während vorher das Bedürfnis meines Geistes mich fortgerissen hatte, fühlte ich jetzt, wie alle Fasern meines Wesens sich um das neue Gefühl rankten, das tief aus dem Innersten meines Lebens empor wuchs. – Lassen Sie mich schweigen von jener Zeit,« sagte sie mit bebenden Lippen,– »die Erinnerung, welche ich ja nicht tödten kann, würde mich fortreißen. – Ich kämpfte lange und schwer mit mir selbst,« fuhr sie mit ruhiger Stimme wie in gewaltsamer Unterdrückung eines übermächtigen Gefühls fort, – »sollte ich Ihnen von jener Vergangenheit sprechen – ich wagte es nicht, – meine Liebe machte mich feig – ich fürchtete Sie zu verlieren – ich fürchtete selbst eine Wolke auf der geliebten Stirn – ich schwieg, – ich schwieg aus Furcht für meine Liebe. – Er war fort,« – sagte sie leise – »sollte ich mit ihm brechen, – o,« rief sie schmerzlich, indem ihr ganzer Körper leise zitterte, – »Sie kennen ja die schmähliche, erniedrigende Abhängigkeit, in der ich mich befinde, – der Mann, dessen Namen ich trage, der Herr über mein Schicksal ist, war ihm Verbindlichkeiten schuldig, – ich wagte nicht plötzlich und schnell in jene Verhältnisse zu greifen, – ich erwartete seine Rückkehr, – ich kannte ihn als edel und großmüthig, – ich wollte ihm mündlich Alles sagen, – erklären, – da kam jenes unglückselige Zusammentreffen, – die Verhältnisse, die ich ruhig und vorsichtig lösen wollte, – zerrissen – o!« – rief sie wie übermannt von Schmerz – »was habe ich gelitten!«

Herr von Stielow war bewegt und blickte voll Mitleid zu ihr hinüber.

»Habe ich gefehlt,« fuhr sie fort – »so bin ich doch nicht so schuldig wie ich scheine, im Herzen habe ich die Treue gegen meine Liebe nicht verletzt, – ich schwöre Ihnen, seit ich Ihnen gesagt habe: ich liebe Dich,« – sie sprach dieß Wort mit unendlichem schmelzenden Zauber aus, – »hat Ihnen jeder Schlag meines Herzens, jede Regung meiner Seele gehört, – mein erstes Gespräch mit dem Grafen wäre die Erklärung der Verhältnisse gewesen.« –

Sie trat noch näher zu ihm heran, hob die gefalteten Hände empor und blickte ihn mit dem Ausdruck unendlicher Liebe an und sagte:

»Ich habe meine Liebe nicht verrathen – ich habe sie nicht vergessen und kann sie nicht vergessen – ich bin gekommen, – weil ich diese Erklärung geben mußte, – weil ich nicht will,« sagte sie, indem Thränen ihre Stimme zu ersticken schienen, »daß Sie mich verachten, – daß Sie mich ganz vergessen,« fügte sie leiser hinzu, – »ich kann nicht glauben, daß so Alles – Alles aus Ihrem Herzen verschwunden ist, – ich kann nicht von Ihnen scheiden, ohne Ihnen zu sagen, daß wenn je Ihr Herz sich einsam fühlen sollte, eine Freundin da ist, – welche nie – ihre erste, ihre einzige Liebe verleugnen kann.«

Sie sah unbeschreiblich schön aus, indem sie so demüthig, so sanft, so ergeben vor ihm stand, die Lippen leise geöffnet, die Augen von Thränen umflort und von sanftem Feuer durchglüht, die ganze zarte Gestalt hingebend zusammengeschmiegt.

Der junge Mann hatte sie voll Mitleid angeblickt, – der Ton ihrer Stimme, der magnetische Glanz ihrer Augen hatte die Erinnerung an die Vergangenheit in ihm heraufsteigen lassen. Dann aber verschwand jener milde, sanfte Ausdruck aus seinen Zügen, – seine Augen blitzten und ein kaltes, höhnisches Lächeln spielte um seine Lippen.

»Lassen wir die Vergangenheit,« sprach er kalt und höflich, – »ich habe Ihnen keine Vorwürfe gemacht und werde Ihnen keine machen. Ich wünsche Ihnen –«

Sie blickte ihn mit tiefer Wehmuth an.

»So sind meine Worte vergeblich gewesen,« sagte sie traurig, – »Sie glauben mir nicht –«

Eine zornige Röthe flog über sein Gesicht.

»Ich glaube Ihnen,« sagte er, – »und bedarf Ihrer Worte nicht, da ich Gott sei Dank Alles weiß. Ich glaube, wir können diesem Gespräch über eine frühere Vergangenheit dadurch ein Ende machen, daß ich Ihnen einen Beitrag zur Geschichte Ihrer neuesten Thaten vorlege.«

Und in lebhafter, rascher Bewegung wendete er sich zu einer Kassette, welche auf einer Spiegelkonsole stand, öffnete dieselbe und hielt ihr seinen Brief entgegen, welchen sie durch ihren Mann an die Gräfin Frankenstein geschickt hatte.

»Sie sehen,« sagte er, »ich kenne die Art, wie Sie Erinnerungen der Vergangenheit für die Gegenwart nutzbar machen!«

Sie fuhr zusammen, wie vom Blitz getroffen. Fahle Leichenblässe überzog ihr Gesicht – ihre Züge verzerrten sich krampfhaft, ihre stieren Blicke hafteten bewegungslos auf dem Papier.

»Ich glaube, damit wird unsere Unterhaltung zu Ende sein,« sagte er mit bitterem Lächeln.

Ein dunkles Noth überflog ihr Gesicht, ihr Körper zuckte – ein Blitz flammender Leidenschaft sprühte aus ihren Augen.

»Nein,« rief sie mit wildem Ton – »nein, sie ist nicht zu Ende, – sie darf nicht zu Ende sein!«

Herr von Stielow zuckte leicht die Achseln.

»Sie darf nicht zu Ende sein,« rief sie in zitternder Erregung, – »weil ich Dich liebe, weil ich Dich nicht lassen kann, – weil Du nicht glücklich sein kannst an dem kalten Herzen jener Frau, der Du Deinen Namen geben willst, aber die Dir niemals jene feurige Glut entgegentragen wird, welche Dich an meinem Herzen durchströmte!«

»Madame, Sie gehen zu weit –« sagte Herr von Stielow und ein Ausdruck von Widerwillen und Verachtung zeigte sich auf seinem Gesicht.

»Du täuschest Dich selbst,« rief sie, die Arme gegen ihn ausstreckend, indem ihre Lippen in dunklem Karmin glänzten und ihre Augen fieberhaft in dem blassen Gesicht leuchteten, – »ich weiß, wie heiß Dein Herz an dem meinen geschlagen hat, – es kann nicht glücklich sein in jener konventionellen Liebe, die ihre lauwarmen Küsse nach dem Krämermaß der Sitte zumißt.«

Er wendete sich halb von ihr ab.

»Sie gehen zu weit,« sagte er nochmals.

»Höre mich, mein Einziger, mein Geliebter,« – rief sie und sank zu seinen Füßen nieder, indem sie die Arme zu ihm emporhob – »höre mich und verstoße mich nicht, – ich kann ohne Dich nicht leben, – und ich weiß, Du wirst schmachten und dürsten nach dem Feuerquell der Liebe, der aus meinem Herzen Dir entgegenströmt, der Dich so oft in den süßen Rausch des seligsten Entzückens versenkte! Reiche Deine Hand,« fuhr sie im Tone höchster Leidenschaft fort, »jener Frau, gib ihr Deinen Namen, – ich habe ja nie danach gestrebt, – aber laß mir Dein Herz – Du wirst in jener kalten Welt Dich sehnen nach Wärme und heißem Glück, – dann komm zurück, in meinen Armen auszuruhen, – zu träumen, zu lieben, – ich verlange nichts, nichts, – ich will Dich demüthig erwarten, ich will von der Erinnerung an die Augenblicke des heimlichen stillen Glücks leben die langen Tage, daß ich Dich nicht sehe, – thue Alles, was Du willst – aber liebe mich –«

Sie ergriff seine Hand und preßte sie an ihre glühenden Lippen, dann fiel ihr Kopf etwas zurück, ihre halb geschlossenen Augen sahen ihn mit flehendem Blick an, der heiße Athem ihres Mundes schien ihn zu umgeben mit einer berauschenden Atmosphäre von Liebe und Leidenschaft.

Ein leichter Schauer durchzitterte seine Glieder,– er schloß einen Augenblick die Augen.

Dann blickte er sie mit ruhiger, klarer Freundlichkeit au und ihre Hand festhaltend zog er sie sanft empor.

»Antonie,« sagte er mit milder Stimme, – »ich wäre unwürdig, diesen Degen zu tragen, wenn ich Ihnen jetzt etwas Anderes sagte, als: vergessen und vergeben sei Alles, was der Vergangenheit gehört, – keine andere Erinnerung soll mir bleiben, als die freundlicher Stunden, und wenn Sie je eines Freundes bedürfen, – Sie werden ihn in mir finden.«

Und sanft ihre Hand drückend ließ er dieselbe los.

War es der Ton seiner Stimme, war es der ruhige, leichte Druck seiner Hand, was sie mit jener eigenthümlichen, weiblichen, verständnißreichen Empfänglichkeit verstehen ließ, daß die Liebe dieses Herzens ihr für immer verloren war? – sie stand still und unbeweglich da, aus ihren Augen verschwand jene feucht glühende Leidenschaft, – ein Blitz dämonischen Hasses zuckte aus ihrem Blick, – aber sie verbarg ihn unter den schnell sich senkenden Augenlidern.

Mit ruhiger Bewegung zog sie den Schleier vor ihr Gesicht und sprach mit einer Stimme, welche keine Spur des früheren Klanges mehr hatte:

»Leben Sie wohl und mögen Sie glücklich sein!«

Sie wendete sich zur Thür.

Herr von Stielow geleitete sie schweigend und ernst durch das Vorzimmer bis zur äußeren Thüre seiner Wohnung, welche der vorauseilende Diener öffnete.

Raschen Schrittes ging sie hinaus.

Der junge Mann kehrte in seinen Salon zurück und sank wie erschöpft in einen Lehnstuhl.

»War das Spiel oder Wahrheit?« flüsterte er sinnend.

»Gleichviel,« rief er nach kurzem Nachdenken, – »mir ziemt es nicht, sie zu verurtheilen – möge sie ihr Glück finden!«

Und sich schnell emporrichtend sprach er, indem sein Blick sich hell verklärte:

»Dieß war die letzte Wolke, welche meinen Stern zu verhüllen drohte, – jetzt wird sein Strahl mir reines und dauerndes Licht in die Seele gießen.«

Er klingelte seinem Diener, machte schnell Toilette und fuhr in seinem Fiaker zum Hanse der Gräfin Frankenstein. -

Buntes Leben erfüllte am Nachmittage die weiten Alleen des Praters. Auf den großen Wiesen, unter den Bäumen dieses mächtigen Parks lagerten die nach Wien gezogenen Kavallerieregimenter und die mannigfaltigsten Lagerszenen sah man hier in reichen Bildern sich entfalten.

Dort standen die Pferde feldmäßig gekoppelt, wiehernd und scharrend vor Ungeduld, – hier lagerten die Soldaten im Kreise um ein loderndes Feuer, in den Feldkesseln ihre Mahlzeit bereitend, Buden waren aufgeschlagen, in welchen Speisen und Getränke, die wiener Würstel und das schwechater Lagerbier feil geboten wurden, und die Wiener strömten zahlreich hinaus, um jetzt, nachdem der wirkliche Krieg mit seinen Schrecknissen und seiner Angst vorüber war, hier die letzten Bilder desselben anzuschauen, welche nur seinen romantischen Reiz, aber nicht seinen schauervollen Ernst dem Auge darboten. Am dichtesten aber standen die Gruppen der Zuschauer vor einem freien, von hohen Bäumen umgebenen Platz, wo die braunen Söhne Ungarns ihren phantastischen Nationaltanz, den Czardas, ausführten. Einer von ihnen spielte auf einer alten Violine eine jener eigenthümlichen, bald melancholisch klagenden, bald in wilden dithyrambischen Bewegungen aufwallenden Melodieen, welche selbst in dieser Ausführung mit wunderbarem, geheimnißvollen Reiz in das Ohr klingen, – die Andern führten den eben so eigenthümlichen Tanz mit seinen merkwürdigen pantomimischen Verschlingungen aus, bald mit den Sporen aneinander klingend, bald den Boden mit den Füßen stampfend, bald den Körper in sonderbaren, aber immer anmuthigen Windungen drehend.

Auch der alte Grois, der Komiker Knaack und die allezeit fröhliche Josephine Gallmeyer standen unter den Gruppen. Die prachtvollen, von Geist und Leben sprühenden Augen der »feschen Pepi« verfolgten gespannt die Bewegungen des Czardas. Leicht den Kopf hin und her wiegend, schlug sie mit den Händen den Takt zu der scharf accentuirten Musik.

»Schau, alter Grois,« sagte sie dann, sich an ihren Begleiter wendend, welcher ernst und trüben Blickes auf das bewegte Bild schaute, – »das sind kapitale Bursche, – da möcht' ich mir wohl einen Schah aussuchen, – die gefallen mir besser, als alle unsere faden Kavaliere zusammen.«

»Ja,« sagte der alte Komiker düster, – »da tanzen sie, – und als es darauf ankam, sich für Oesterreich zu schlagen, da hat man sie hinten stehen lassen, – achtzig Regimenter sind gar nicht zur Aktion gekommen von unserer prächtigen Kavallerie – 's möcht' Einem das Herz abdrücken, wenn man dran denkt!«

»Pfui, alter blutgieriger Tiger,« rief die Gallmeyer, »sein wir froh, daß sie da noch tanzen können und daß sie nicht auch unter diese verwünschten Zündnadeln gekommen sind, – da wär' nicht viel von ihnen übrig geblieben!«

»Bah, Zündnadeln!« rief der alte Grois, – »nun sollen's mit einmal die Zündnadeln sein, die Alles gemacht haben, – erst hat das ganze Volk gesagt, es wären die Generale – und dann haben die Generale gesagt, es waren die Zündnadeln, – ich glaub' halt, das Volk hat Recht gehabt, und wenn man den Preußen unsere Generale gegeben hätte, dann hätten ihnen ihre Zündnadeln auch nicht viel geholfen!«

»Glücklich ist, wer vergißt, was nicht mehr zu ändern ist,« rief Fräulein Gallmeyer, – »gegen die Preußen ist doch nichts zu machen, die gehen noch über die Götter!«

»Woher kommt denn diese Bewunderung für die Preußen?« fragte Knaack.

»Nun, – wissen's« – sagte die Gallmeyer – »es ist wahr, sie gehen über die Götter, denn es sagt ja einer von den Dichtern, die für meine Freundin, die Wolter, so schöne Rollen geschrieben haben,« – sie nahm eine komisch-pathetische Stellung an und fuhr, Stimme und Ton der großen Künstlerin des Burgtheaters genau nachahmend, fort: »›Mit der Dummheit streiten Götter selbst vergebens!‹ – Nun die Preußen haben mit der Dummheit halt nicht vergebens gekämpft!« rief sie lachend.

»Pepi,« sagte der alte Grois mit ernstem Ton, – »Du kannst sagen, was Du willst, über mich und über die ganze Welt, – wenn Du aber über das Unglück von meinem lieben Oesterreich Witze machst, dann werden wir Feinde!«

»Das wäre ja schrecklich!« rief die Gallmeyer, – »dann müßte ich ja am Ende –« und sie sah ihn mit schalkhaftem Lächeln an.

»Was denn?« fragte er halb wieder besänftigt.

»Mit dem alten Grois vergebens kämpfen,« rief sie und ließ zwischen den frischen Lippen die äußerste Spitze der Zunge erscheinen, indem sie sich zugleich auf dem Absatz herumdrehte.

»Und mit der Person soll man vernünftig sprechen!« rief der alte Komiker halb unwillig, halb lachend.

Der Czardas war zu Ende, die Gruppen der Spaziergänger setzten sich wieder in Bewegung.

»Seht,« sagte Knaack, »dort fährt unser Freund Stielow mit seiner schönen Braut.«

Und er deutete auf eine elegante, offene Equipage, welche im langsamen Schritt durch die große Allee fuhr. Die Gräfin Frankenstein und ihre Tochter saßen im Fond, der Lieutenant von Stielow in seiner reichen Ulanenuniform ihnen gegenüber. Sein Gesicht leuchtete von Glück, indem er zu der jungen Gräfin sprach und mit der Hand nach den Gruppen des Lagers hinüberdeutete.

»Ein schönes Paar,« sagte der alte Grois, freundlich zu den beiden lächelnden jungen Leuten hinüberblickend.

»O daß sie ewig grünen bliebe, die schöne Zeit der jungen Liebe!« deklamirte die Gallmeyer – »würde meine Freundin Wolter sagen,« fügte sie lachend hinzu, – »übrigens bin ich eigentlich bös auf ihn, denn ich habe ihm eine Liebeserklärung gemacht, – und er hat mich verschmäht, – doch ich werde mich trösten!« rief sie lachend. Sie gingen weiter.

Die Equipage der Gräfin Frankenstein aber fuhr, als sie die dichten Gruppen der Spaziergänger hinter sich hatte, in schnellem Trabe der Stadt zu.

Am Nordbahnhofe kamen zu jener Zeit täglich lange Züge mit Verwundeten und Kranken an, welche von den Verbandplätzen und provisorischen Lazarethen in der Nähe der Schlachtfelder nach Wien und den weiter zurückliegenden Orten gebracht wurden, um regelmäßiger Pflege übergeben zu werden.

Die Räume des Bahnhofs waren zur vorläufigen Aufnahme der Verwundeten eingerichtet; Viele kamen in so schwachem Zustande an, daß sie nicht sogleich weiter transportirt werden konnten, – fast Alle bedurften eine Zeit der Ruhe und die weiteren Transporte mußten geordnet werden.

Es war eine regelmäßige Gewohnheit der Damen Wiens aus allen Ständen, von der höchsten Aristokratie bis zu den einfachsten Bürgersfrauen herab, bei der Ankunft solcher Züge nach dem Bahnhofe zu gehen, die Verwundeten durch kühle Getränke und leichte Speisen zu erfrischen, Leinen und Charpie zur Hand zu haben und den Aerzten bei nothwendig werdenden Operationen oder neuen Verband-Auflagen handreichend behülflich zu sein. Es zeigte sich hier in reichem Maße jener schöne, wirklich patriotische, opferwillige Geist, welcher im österreichischen Volke lebt, jener Geist, welcher von den Regierungen des Kaiserstaats so oft verkannt, so oft selbst unterdrückt, fast nie aber in seinem lebendigen Aufschwung zum Wohl des Ganzen richtig und nachhaltig benützt wurde.

»Es kommen Verwundete an,« sagte die junge Gräfin Frankenstein zu ihrer Mutter, als der Wagen am Ende der Prater-Allee in die Nähe des Nordbahnhofs gelangte, – »sollen wir nicht hingehen, – ich habe etwas Verbandzeug, Himbeeressig und Wein mitgenommen, – ich möchte,« fuhr sie mit einem reizenden Blick auf ihren Verlobten fort, »jedem verwundeten Soldaten so viel helfen, als ich irgend im Stande bin, um Gott meinen Dank darzubringen dafür, daß er mich vor Kummer und Schmerzen so gnädig bewahrt hat.«

Herr von Stielow drückte seiner Braut mit einem glücklichen Blick auf ihr lieblich erröthendes Gesicht innig die Hand.

»Ich danke Dir, daß Du daran denkst,« sagte die Gräfin, »man kann nie genug thun für Diejenigen, welche sich für das Vaterland schlagen und leiden, und wir müssen allen Ständen darin als Beispiel vorangehend –

»Ich bitte, mich zu beurlauben,« sagte Herr von Stielow mit einem Blick auf seine Uhr, – »ich muß mich beim General Gablenz melden, um zu hören, ob er Befehle für mich hat.«

Traurig sah ihn Klara an.

»Aber Abends bist Du frei?« fragte sie.

»Ich hoffe es mit Sicherheit,« sagte der junge Mann, – »denn es gibt ja jetzt für die Adjutanten nur wenig zu thun.«

Der Wagen war am Nordbahnhof angelangt. Auf einen Wink des Lieutenants hielt er am Eingang.

»Auf Wiedersehen also,« sagte die Gräfin Frankenstein zu Herrn von Stielow, der sich verabschiedete, und Klara's Blick fügte deutlicher als Worte hinzu: »Auf baldiges Wiedersehen.«

Der Lakai sprang vom Bock, öffnete den Wagenschlag und folgte mit einem aus dem Sitzkasten des Wagens hervorgenommenen Korbe den Damen in das Innere der Halle.

Diese bot ein bewegtes, ernstes und trauriges, aber auch rührendes und liebliches Bild.

In langen Reihen standen nebeneinander Feldbetten und Tragbahren, auf welchen verwundete, kranke – sterbende Krieger aller Waffen, auch preußische Soldaten lagen, theils in stummer Resignation ihre Leiden tragend, theils ächzend und wimmernd unter den furchtbaren Schmerzen ihrer oft so gräßlichen Verstümmelungen.

Dazwischen schritten die Aerzte her, den Zustand der Angekommenen prüfend und bestimmend, wohin sie gebracht werden sollten, je nach dem Grade ihrer Verwundung und der Hoffnung, welche für ihre Herstellung vorhanden war. Die Verbände wurden erneuert vor dem weiteren Transport, Arzneien und Erfrischungen wurden gereicht und unumgänglich notwendige Operationen wurden in besonders dazu hergerichteten Kabinetten und Verschlägen vorgenommen. Alles das war ernst und schmerzlich zu sehen, trübe und traurig; wer die stolzen Regimenter hatte ausrücken sehen, die Augen der Krieger blitzend beim schmetternden Hörnerklang – und wer nun diese gebrochenen, leidensmüden Jammergestalten sah, wie sie zurückgebracht wurden von den Schlachtfeldern, auf welchen sie mit dem Opfer ihres Blutes den Sieg nicht für die Fahnen des Vaterlandes hatten erkämpfen können, der mochte wohl schmerzlich aufseufzen in dem Gedanken, daß die so gerühmte fortschreitende Civilisation des Menschengeschlechtes nicht im Stande gewesen, den grausamen, mörderischen Krieg von der Erde zu verbannen, – diesen Krieg, dessen blutige Geißel die Geschlechter der Menschen heute noch ebenso gegen einander hetzt, als auf den Schlachtfeldern des grauen Alterthums, nur mit dem Unterschied, daß der erfinderische Menschengeist heute grausamere und vernichtendere Zerstörungswerkzeuge erfunden hat, welche in maschinenmäßiger Arbeit Tausende niederstrecken, wo sonst Einzelne im persönlichen Kampfe fielen.

Neben den Aerzten, welche mit dem kalten Blicke der Wissenschaft die Wunden untersuchten, sah man die barmherzigen Schwestern, diese unermüdlichen Priesterinnen der christlichen Liebe; ruhig und still, fast unhörbar, glitten sie zwischen den Betten hin, bald mit sanfter Hand bei dem Auflegen des Verbandes helfend, bald mit kurzem, aber freundlich tröstendem Wort eine stärkende Arznei, einen kühlenden Trunk den schmachtenden blassen Lippen einflößend.

Und überall sah man daneben die geschäftigen Gruppen dieser so schönen und so graziösen Frauen Wiens, die Damen der hohen Aristokratie voran, wie sie hier und dort die Verwundeten erquickten, den Aerzten Leinenzeug reichten und jedem traurigen, schmerzbewegten Antlitz ein freundliches Lächeln zusendeten.

Viel halfen sie nicht, es ist wahr, diese improvisirten Samariterinnen, welche die Liebe zu ihrem österreichischen Vaterlande bezeugen wollten durch die Pflege seiner verwundeten Krieger, – aber ihr Anblick that den Herzen dieser unglücklichen, leidenden Soldaten unendlich wohl, fühlten sie doch in dieser zarten Sorge die Anerkennung ihrer Opfer und Leiden, glaubte doch mancher vom Fieber verschleierte Blick in den anmuthigen Pflegerinnen die ferne Schwester oder Geliebte zu erkennen – und der starre, trübe Blick leuchtete auf, – die bleiche, schmerzdurchzuckte Lippe lächelte sanft den freundlichen Händen entgegen, welche hier an Stelle der Abwesenden den weiblichen Beruf erfüllten, – Leiden zu lindern und Schmerzen zu stillen.

So brachten sie dennoch Segen und Trost den armen Verwundeten, diese freiwilligen Pflegerinnen, – welche die Aerzte für eine Last erklärten, – die Aerzte aber freilich rechnen ja nur mit jenem Herzmuskel, der den Blutstrom durch die Adern treibt, – das dem anatomischen Skalpell unerfindbare Menschenherz mit seinen Abgründen von Schmerzen und seinen duftigen, zarten Blüten der Freude – das Herz kennen sie nicht – und doch macht es so oft ihre Kunst zu Schanden.

Die Gräfin Frankenstein und ihre Tochter waren bald von mehreren Damen der ersten Gesellschaft umgeben und begannen mit diesen ihren Rundgang zwischen den Betten der Verwundeten.

Unter den zahlreichen Frauen, welche hier versammelt waren, und die – man könnte sagen, zur Mode gewordene Krankenpflege übten, – wenn das Wort für eine so gute, segensvolle und bei den Meisten aus edler Regung hervorgegangene Thätigkeit paßte, – sah man auch die schöne Frau des Wechselagenten Balzer.

In dunkelgrauer, einfacher und einfarbiger Toilette, ein Körbchen mit Verbandzeug und Erfrischungen am Arm, hatte sie einem der fungirenden Aerzte mit wunderbarer Geschicklichkeit Hülfe geleistet, und er hatte ihr gedankt, – erstaunt, daß es keine barmherzige Schwester, sondern anscheinend eine vornehme Dame war, welche so geschickt und so sicher ihm ihren Beistand gewährte. Sie sah wunderschön aus, diese Frau in dem einfachen Anzug, mit dem edlen, bleichen Gesicht, wie sie mit der unnachahmlichen Eleganz ihrer Bewegungen und der sicheren, aber zarten Entschlossenheit an die Lagerstätten der Leidenden herantrat, und ein Fremder hätte sie unter den vielen hier anwesenden vornehmen Damen Wiens für die vornehmste gehalten. Diese Damen aber kannten sie nicht, – wohl fragte man sich hier und da, wer diese schöne, elegante Dame sei – aber Niemand wußte sie zu nennen, – denn in Wien fehlt jenes öffentliche Leben, das, wie in Paris, den Damen der großen Gesellschaft Gelegenheit gibt, ihre Nachahmerinnen – oder oft ihre Vorbilder – jener zweifelhaften Welt persönlich zu kennen, – den Namen der Frau Balzer kannte man, – und sie war oft der Gegenstand des Gesprächs in den Salons – sie selbst hatten wenige Damen gesehen, – um so weniger, als sie sich stets zurückhielt und streng die Dehors beobachtete.

Sie ging an den Betten der Verwundeten entlang und spendete überall Erquickung und Erfrischung, – endlich war sie am Ende einer Reihe angekommen und sah eine von den übrigen entfernte Tragbahre stehen, auf welcher ein bleicher Soldat lang ausgestreckt lag.

Sie trat heran und beugte sich langsam über ihn – ein gebrochenes Auge starrte ihr entgegen, – die bläuliche Leichenfarbe lag auf dem blassen, mageren Gesicht – eine große, klaffende Wunde stand in der Mitte der bloßen Brust offen, von Blut und Eiter gefüllt. Der Verwundete war beim Transport gestorben, – er mußte schon stundenlang todt sein. Unwillkürlich legte sie die Hand auf seine Stirn, – diese Stirn war eiskalt.

Voll Entsetzen starrte sie dieß schauervolle, schmerzliche Bild an, als lebhafte Stimmen an ihr Ohr schlugen.

Sie sah auf und erblickte wenige Schritte entfernt eine Gruppe von mehreren Damen, welche um die Bahre eines Verwundeten standen, der die Uniform der Ulanen trug; die Binde um seinen Kopf hatte sich verschoben und er versuchte mit der schwachen Hand sie wieder zurecht zu ziehen.

In der Mitte der Damengruppe stand die junge Gräfin Frankenstein, strahlend von Anmuth und Schönheit. Tiefes Mitgefühl schimmerte in ihren Augen, ohne den Glanz des Glückes und der Freude zu verbergen, welche sie erfüllten, – mit reizendem Lächeln sagte sie:

»Dieser Uniform muß ich vor Allem beistehen, – ich gehöre ja ein wenig dazu!« und mit leichtem, elastischen Schritt trat sie ganz nahe an die Bahre heran, zog die Handschuhe aus und begann mit den schönen weißen Händen, die herabhängenden Spitzenärmel zurückwerfend, die Kopfbinde des Verwundeten zu ordnen. Sie hielt über den Arm gehängt einen Streifen feiner Leinwand, um die Binde neu zu befestigen, bis der Arzt herankäme.

Antonie Balzer hatte sich beim Klange dieser Stimme emporgerichtet, – aus der dunkleren Ecke, in welcher sie sich befand, erblickte sie im vollen Lichte dieses reizende, glückliche junge Mädchen mit den lächelnden Lippen und den strahlenden Augen.

Eine fahle Blässe überzog ihr Gesicht und gab ihm fast die Farbe des Todten, der da vor ihr lag – ein flammender, dämonischer Blitz, der keinem menschlichen Auge mehr anzugehören schien, schoß aus ihrem Blick – wilder Haß verzerrte ihre schönen Züge.

Einen Augenblick starrte sie die liebliche Erscheinung ihr gegenüber an, dann nahm ihr Blick einen finstern, entsetzlichen Ausdruck an, – ein unbeschreibliches Lächeln erschien auf ihren Lippen.

»Hier der Tod, dort das Leben!« flüsterte sie mit heiserer Stimme und beugte sich über die vor ihr liegende Leiche, so daß ihr Gesicht verschwand und von keinem Blick gesehen werden konnte.

Sie nahm eine kleine Scheere mit goldenem Griff aus ihrem Körbchen, und indem sie sich auf die Leiche beugte, tauchte sie diese Scheere tief in die Wunde auf der Brust des Todten, dann drückte sie ihr Taschentuch von feinem Batist auf diese Wunde und tränkte es mit der blutigen Feuchtigkeit, welche dieselbe erfüllte.

Plötzlich sprang sie lebhaft auf – ihr Gesicht zeigte den Ausdruck angstvoller Aufregung.

Schnell eilte sie hinüber zu der Gruppe von Damen, welche Klara Frankenstein umgab, die so eben sich anschickte, einen breiten Leinwandstreifen um die Kompresse zu winden, welche sie auf den Kopf des verwundeten Ulanen gelegt hatte.

»Um Gotteswillen!« rief Frau Balzer, – »ein Stück Leinen – einen Tropfen Eau de Cologne ich habe Alles verbraucht – hier ist ein armer Verwundeter, welcher stirbt!«

Und in rascher Bewegung sich der Comtesse Frankenstein nähernd, erfaßte sie wie flehend mit ihren beiden Händen deren ausgestreckten Arm, welcher den Leinwandstreifen hielt.

Klara stieß einen Schrei aus und zog rasch ihre Hand zurück. Ein Blutstropfen wurde über dem Handgelenk sichtbar und rollte langsam über den weißen Arm herab.

»O wie ungeschickt!« rief Frau Balzer – »ich habe Sie mit meiner Scheere verletzt, – ich bitte tausendmal um Verzeihung!«

Und rasch drückte sie ihr Taschentuch, mit dem Eiter der Leichenwunde getränkt, auf das Handgelenk der Comtesse.

»Ich bitte,« sagte diese freundlich, – »es hat nichts zu sagen, – verlieren wir keine Zeit mit diesem kleinen Riß – wo wir ernste Wunden zu pflegen haben.«

Und langsam zog sie ihren Arm zurück, welchen Frau Balzer noch immer mit ihrem Taschentuch drückte und rieb, wie um das Blut zu entfernen.

Dann reichte sie den Leinwandstreifen, welchen sie in der Hand hielt, hin und sprach:

»Bitte, nehmen Sie davon.«

Frau Balzer schnitt rasch mit ihrer Scheere ein Stück Leinwand ab, dankte mit artiger Verbindlichkeit und nochmaliger Entschuldigung wegen ihrer Ungeschicklichkeit und kehrte zu der Leiche zurück.

Mehrere Damen hatten sich während dieser kleinen, schnell vorübergehenden Szene der Bahre genähert.

»Der Arme ist todt!« riefen sie, – »hier ist nichts mehr zu helfen!«

Frau Balzer blickte trübe auf die Leiche.

»Ja, er ist todt,« sagte sie, – »wir sind zu spät gekommen!«

Und die Hände faltend, neigte sie das Haupt.und bewegte flüsternd die Lippen; tiefe Andacht sprach aus ihren Zügen. Die herumstehenden Damen folgten ihrem Beispiel und sprachen ein kurzes Gebet für die Seele des armen Todten, dessen Heimkehr vielleicht in weiter Ferne von liebenden Herzen in heißer Sehnsucht erhofft wurde.

Dann gingen Alle weiter zu anderen Betten.

Unter den wenigen Herren, welche unter den zahlreichen barmherzigen Pflegerinnen einhergingen, helfend und ordnend, befand sich auch der Graf Rivero.

Er stand nicht weit entfernt, als Frau Balzer zur Comtesse Frankenstein geeilt war, sie um Verbandzeug zu bitten.

Tief und gedankenvoll ruhte sein großes, dunkles Auge auf diesen beiden so schönen Frauengestalten während ihrer kurzen Unterhaltung, – langsam wendete er sich dann ab nach einer andern Richtung.

Einige Stunden später war die Halle leer, alle jene Damen waren zurückgekehrt in die hohen, reichen Salons der vornehmen Paläste, oder in die ruhigen, stillen Kreise der einfachen Häuslichkeit, – die armen Verwundeten waren weitergeführt zu den verschiedenen Lazarethen, um durch lange Tage voll Schmerzen der Genesung – oder dem Tode entgegen zu gehen.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Die Morgensonne schien in das Zimmer des Lieutenants von Stielow. Aber nicht wie gestern lag der junge Mann in glücklicher Träumerei auf seinem Ruhebett – mit raschen, unruhigen Schritten ging er hin und her – lebhafte, schmerzliche Unruhe lag auf seinem bleichen Gesicht, dem man eine schlaflos durchwachte Nacht ansah.

Er war am Abend vorher zu seiner Braut gekommen, – in jener reizenden, süßen Plauderei liebender Herzen, die sich so viel zu sagen haben und sich nie genug sagen können, war eine Stunde verflossen, – dann hatte Klara über heftige Schmerzen in der kleinen Wunde an ihrem Arm geklagt, man hatte kühlende Umschläge gemacht, – die Schmerzen waren heftiger und heftiger geworden und eine starke Geschwulst war am Arme heraufgestiegen – man hatte den Hausarzt kommen lassen, dieser hatte verschiedene Mittel versucht – aber immer heftiger hatte das junge Mädchen geklagt – immer bedenklicher war das Aussehen der kleinen Wunde, immer stärker die Geschwulst des Arms geworden. Bis gegen Morgen hin war der junge Mann im Hause der Gräfin Frankenstein geblieben, endlich hatte der Arzt, der sich die Geschichte der Verwundung hatte erzählen lassen, eine neue Salbe aufgelegt und der jungen Gräfin ein Schlafmittel gegeben.

Die Gräfin Frankenstein hatte Herrn von Stielow ernstlich nach Hause geschickt, um ihm einige Ruhe zu gönnen, und versprochen, in der Frühe des Morgens den berühmten Oppolzer rufen zu lassen. Niemand glaubte zwar an eine ernste Gefahr, aber in tiefer Angst und Unruhe hatte der junge Mann die Nacht zugebracht, von unüberwindlicher Bangigkeit ergriffen.

Am Morgen hatte er seinen Diener geschickt und die Antwort erhalten, daß die Comtesse geschlafen habe und daß der Doktor Oppolzer jeden Augenblick erwartet würde. Er machte seine Toilette, um selbst zu dem Hause der Gräfin zu eilen.

Als er seine Uniform angezogen hatte und eben den Säbel umschnallte, meldete sein Diener den Grafen Rivero.

Der junge Mann machte eine Bewegung der Ungeduld, – winkte indeß, den Besuch eintreten zu lassen.

Ruhig und ernst, aber frisch und elegant trat der Graf in das Zimmer.

Mit artiger Verbeugung reichte er dem jungen Offizier die Hand und sprach mit seiner klangvollen Stimme, indem ein warmer Strahl freundlichen Wohlwollens aus seinem Auge blickte:

»Ich habe gehört, daß Sie mit Feldmarschall Gablenz hier sind, und wollte mich beeilen, Sie zu begrüßen, ehe Sie vielleicht wieder fortgehen – und Ihnen meine Freude aussprechen, daß Sie die Gefahren des Krieges glücklich überstanden haben.«

»Sie sind sehr freundlich, Herr Graf,« antwortete Herr von Stielow mit leicht befangenem Tone, – »ich freue mich herzlich, Sie wiederzusehen.«

Der Graf schien eine Einladung, sich zu setzen, zu erwarten, – Herr von Stielow blickte etwas verlegen zu Boden.

Dann schlug er sein offenes Auge empor und sagte: »Herr Graf, Sie verzeihen, wenn ich ganz frei zu Ihnen spreche, – ich bitte Sie dringend, mir die Ehre Ihres Besuches zu einer andern Stunde zu schenken, um das Vergnügen der Fortsetzung unserer Bekanntschaft zu haben, – die, wie ich hoffe,« setzte er mit herzlicher Verbindlichkeit hinzu, »uns einander immer näher führen wird, – in diesem Augenblick – muß ich gestehen, bin ich unendlich pressirt, in großer Unruhe und Besorgniß.« –

»Besorgniß?« fragte der Graf, – »es ist gewiß keine Neugierde, wenn ich mir erlaube, zu fragen, – was –«

»O, ich hoffe, es wird nichts Ernstes sein,« sagte Herr von Stielow, – »meine Braut – Sie wissen, daß ich verlobt bin?«

»Ich habe es gehört,« sagte der Graf – »und wollte auch dazu Ihnen meinen herzlichsten Glückwunsch aussprechen.«

Herr von Stielow verbeugte sich leicht und sprach: »Meine Braut ist leidend, ein sonderbarer Unfall hat sie betroffen – der mich in hohem Grade beunruhigt, – ich war so eben im Begriff, zu ihr zu eilen, um zu sehen, wie es steht, und um zu hören, was Oppolzer gesagt hat, den der Hausarzt heute früh zugezogen.«

»Oppolzer konsultirt?« rief der Gras mit erschrecktem Ausdruck, – »mein Gott, – ist die Comtesse denn ernstlich leidend?«

»Man sollte es kaum glauben,« sagte Herr von Stielow, – »indeß die Symptome sind höchst bedenklich; – eine leichte Verwundung am Handgelenk hat sich so auffallend verschlimmert und einen so krankhaften Zustand hervorgerufen.« –

»Eine Verwundung!« rief der Graf – sein Gesicht wurde sehr ernst und zeigte den Ausdruck der höchsten Aufmerksamkeit.

»In der Halle des Nordbahnhofs – als meine Braut die Verwundeten besuchte,« sagte der junge Offizier, – »hat eine andere Dame bei dem Abschneiden eines Stückchens Leinwand sie leicht mit einer kleinen Scheere verletzt, – es war kaum eine Wunde zu nennen – aber im Laufe des gestrigen Abends ist eine so heftige Anschwellung des Arms, Schmerzen und Starrheit – Fieber eingetreten, der Arzt fürchtete, daß irgend ein Medikament an der Scheere gewesen sein könnte, – doch hat er es nicht ergründen können. – Sie verzeihen mir unter diesen Umständen,« sagte er, dem Grafen die Hand drückend, »daß ich Sie bitte, mich zu entschuldigen.« –

Der Graf hatte in tiefem Ernste zugehört, sein Gesicht war blaß geworden, sein großes dunkles Auge blickte sinnend in das bewegte Antlitz des jungen Mannes.

»Lieber Baron,« sagte er langsam, – »ich interessire mich lebhaft für Sie, aufrichtig und von Herzen, – vielleicht kann ich Ihnen nützlich sein. Ich habe mich in früheren Jahren sehr eingehend mit tiefen medizinischen Studien beschäftigt, – namentlich die Kenntniß der Gifte und Gegengifte, – welche einst,« fuhr er mit leichtem Seufzer fort, »in meinem Vaterlande eine so wichtige und furchtbare Rolle spielten, ist der Gegenstand meines hohen Interesses gewesen, – ist durch einen unglücklichen Zufall an jener Scheere irgend ein schädliches oder gefährliches Mittel gewesen, so wird es mir vielleicht gelingen können, Hülfe zu bringen, – wollen Sie mir erlauben, Ihre Braut zu sehen?«

Und mit tiefer Stimme, im Tone der festesten Ueberzeugung fügte er hinzu:

»Glauben Sie mir, – ich würde nicht Jedem meine Hülfe anbieten, – ich glaube aber, – wenn ernste Gefahr vorhanden und Hülfe überhaupt möglich ist, meiner Sache sicher zu sein.«

Herr von Stielow hatte zuerst mit stummem Erstaunen das Anerbieten des Grafen angehört, – dann leuchtete ein Strahl freudiger Dankbarkeit aus seinem Auge und schnell die Hand des Grafen ergreifend, rief er lebhaft:

»Kommen Sie!«

»Wir müssen an meiner Wohnung vorbeifahren, um einige Präparate mitzunehmen!« sagte der Gras, – »wenn wirklich irgend eine Art von Vergiftung stattgefunden, so kann die Rettung von Augenblicken abhängen!«

Statt aller Antwort ergriff der junge Mann den Arm des Grafen und zog ihn lebhaft mit sich fort.

Sie stiegen in den unten bereit stehenden Fiaker, einen der besten Schnellfahrer Wiens, und waren in wenig Minuten vor der nicht entfernten Wohnung des Grafen. Dieser stieg aus und kehrte schnell mit einem kleinen schwarzen Kästchen zurück. Nach einer schnellen Fahrt stiegen sie vor dem Hause der Gräfin Frankenstein aus und traten in den Empfangssalon.

Der im Vorzimmer wartende Diener hatte sie mit schmerzlicher Miene empfangen und auf die schnelle Frage des Herrn von Stielow nach dem Befinden der Comtesse mit fast weinender Stimme geantwortet:

»Ach Gott, Herr Baron, – es ist ein entsetzliches Unglück, – die arme Comtesse ist sehr schlecht, – man hat nach dem Beichtvater geschickt, und so eben auch zu Ihnen, Herr Baron,« und dann war er fortgeeilt, um die Gräfin zu benachrichtigen.

Herr von Stielow eilte mit großen Schritten im Salon auf und nieder, Schmerz und Verzweiflung im Gesicht.

Der Graf wartete ruhig und unbeweglich, die Hand auf die Lehne eines Sessels gestützt.

Nach wenigen Augenblicken erschien die Gräfin Frankenstein – blaß und abgespannt, – die Augen vom Wachen ermüdet und von Thränen geröthet.

Sie warf einen Blick des Erstaunens auf den Grafen, den sie einigemal in Gesellschaften gesehen hatte, und dessen Gegenwart hier in diesem Augenblick ihr unerklärlich war.

Herr von Stielow eilte auf sie zu und mit Ungestüm ihre Hand ergreifend rief er mit bebender Stimme:

»Um Gotteswillen, – wie steht es, – was ist es mit Klara?«

»Fassen Sie sich, lieber Stielow,« sagte die Gräfin ruhig, aber mit leichtem Schluchzen in der Stimme, – »die Hand des Herrn hat uns schwer getroffen, – wenn er kein Wunder thut, werden wir sie verlieren!«

Und sie brach in leises Weinen aus.

»Aber mein Gott, was ist es denn, – was hat der Arzt gesagt?« rief der junge Mann mit dem Blick starren Entsetzens, »was ist in der Wunde?«

»Klara muß einen Todten berührt haben, – es ist Gift ans einer Leichenwunde in ihr Blut gedrungen, – es ist kaum Hoffnung, sie zu retten« – sagte sie tonlos.

»Ich muß zu ihr – ich muß sie sehen!« rief der junge Mann in wildem Tone.

»Ihr Beichtvater ist bei ihr,« sagte die Gräfin, »um ihr Trost und Muth zuzusprechen, – lassen Sie sie erst mit Gott einig werden!«

Und das Haupt erhebend, zwang sie sich gewaltsam zur Ruhe und richtete einen fragenden Blick auf den Grafen, der schweigend und ernst dastand und dessen Blick bei der Erwähnung des ärztlichen Urtheils über die Natur des Leidens der Comtesse zornig aufgeblickt, dann aber sich mit Ausdruck freudigen Dankes zum Himmel erhoben hatte.

Als der Blick der Gräfin sich auf ihn richtete, trat er mit dem sichern Anstand des Weltmannes vor und sich leicht verbeugend sprach er:

»Sie werden sich meiner erinnern, Frau Gräfin, obgleich ich nur einigemal die Ehre hatte, Ihnen zu begegnen. – Ich glaube, Herr von Stielow wird mir erlauben, mich seinen Freund zu nennen, – er sprach mir von dem auffallenden Leiden, von welchem die Comtesse befallen ist, – und ich habe mich erboten, meine in früheren Jahren erworbenen ärztlichen Kenntnisse in Anwendung zu bringen, um zu helfen, wenn es möglich wäre, ehe ich wußte, um was es sich handelt. Jetzt habe ich gehört, welcher entsetzliche Fall hier vorliegt, und – wenn Sie mir das Vertrauen schenken wollen, so bitte ich Sie, mir schleunigst die Anwendung eines Mittels zu erlauben, von dem ich mir, – so Gott will, – Rettung verspreche.«

Mit tiefem Erstaunen hatte die Gräfin zugehört.

»Sie – Herr Graf – ein Arzt?« – fragte sie.

»Ein Arzt aus Neigung,« erwiederte er, – »darum aber nicht schlechter als Viele, die es aus Beruf sind.«

Die Gräfin blickte ihn zögernd an.

»Ich bitte Sie um Gotteswillen, lassen Sie den Grafen gewähren,« rief Herr von Stielow, – »jede Hülfe müssen wir annehmen, – mein Gott, mein Gott! ich kann sie nicht verlieren.«

»Herr Graf,« sagte die Gräfin Frankenstein, – »ich danke Ihnen von ganzem Herzen – für Ihre Teilnahme und Ihr Anerbieten, – Sie verzeihen mein Bedenken,« fuhr sie zögernd fort, – »das Leben meines Kindes –«

»Bedenken und Zögern kann hier tödtlich sein,« sagte der Graf ruhig.

Die Gräfin blickte sinnend vor sich hin, Herrn von Stielow's Blicke hingen mit dem Ausdruck der Todesangst an ihrem Gesicht.

Die Thüre nach den innern Gemächern öffnete sich und Pater Ignatius, der Beichtvater der Gräfin und ihrer Tochter, trat in den Salon.

Er trug den schwarzen Priesterrock, seine Haltung war einfach elegant und würdig zugleich, sein scharf geschnittenes, blasses, von kurzem dunklem Haar umrahmtes Gesicht trug den Ausdruck geistlicher Ruhe, festen und klaren Selbstbewußtseins, die dunklen Augen blickten voll Intelligenz unter den scharf gezeichneten Brauen hervor.

»Die Comtesse ist ergeben in den Willen Gottes und vorbereitet, das heilige Sakrament zu empfangen, um gerüstet zu sein, wenn der ewige Rathschluß Gottes unsere Gebete für ihre Erhaltung nicht erhören sollte,« sprach er langsam mit tiefer, wohltönender Stimme.

»O mein Gott, mein Gott!« rief Herr von Stielow voll Verzweiflung, »ich beschwöre Sie, Frau Gräfin, – greifen Sie zu dem Rettungsmittel, das der Himmel Ihnen bietet!«

»Der Herr Graf Rivero,« sagte die Gräfin Frankenstein, auf den Grafen deutend, zu ihrem Beichtvater, – »erbietet sich, meine Tochter zu retten durch Mittel, welche ihm sein Studium der Medizin an die Hand gibt, – Sie verstehen, – ich bitte nochmals um Verzeihung, Herr Graf, – daß ich bedenklich bin, wo es sich um das Leben meines Kindes handelt, – ich erwarte den Arzt jeden Augenblick, – auch Oppolzer wird wieder kommen, – er hatte freilich wenig Hoffnung.« –

Pater Ignatius warf einen scharfen, forschenden Blick auf den Grafen, den dieser mit ruhiger Würde, fast mit dem Ausdruck stolzer Ueberlegenheit erwiederte.

»Es ist allerdings eine schwere und ernste Frage,« sagte der Pater zögernd.

»Mit jeder Minute wird die Rettung schwerer,« rief der Graf mit einiger Lebhaftigkeit, – »ich glaube,« fuhr er dann ruhig fort, »daß der Herr Pater in diesem ausnahmsweisen und äußersten Fall gewiß meiner Ansicht sein wird, daß man Alles versuchen und auch dem außergewöhnlichen Rettungsmittel Vertrauen schenken müsse.«

Er hatte bei diesen Worten den Blick fest und voll auf den Beichtvater der Gräfin gerichtet, – leicht erhob er die Hand und machte über Stirn und Brust auf eine besondere Weise das Zeichen des Kreuzes.

Erstaunt, beinahe erschrocken sah der Pater ihn an, fast demüthig senkte sich sein Blick vor dem großen, strahlenden Auge des Grafen und schnell sich zur Gräfin wendend sprach er:

»Es wäre ein Frevel gegen die heilige Vorsehung, wollten wir nicht dankbar das Rettungsmittel ergreifen, das die sichtbare Fügung Gottes in dieser äußersten Noth und Gefahr uns sendet. Sie würden Ihr Gewissen beschweren, Frau Gräfin, wollten Sie die dargebotene Hülfe zurückweisen.«

Die Gräfin Frankenstein sah den Geistlichen ein wenig verwundert an.

»So kommen Sie,« sprach sie nach einem augenblicklichen Schweigen zu dem Grafen Rivero.

Und Alle gingen nach der Wohnung der jungen Gräfin hinüber. In ihrem Zimmer blühten noch die Blumen, ruhig stand das Christusbild in der Nische und zu seinen Füßen lag das Etui mit der trockenen Rose.

Die Portièren nach dem Schlafzimmer, einem geräumigen Gemach mit grauer Seidentapete, waren weit zurückgeschlagen, ebenso die dunklen grünen Vorhänge des Bettes, und man sah die junge Gräfin in weißem Negligé ruhig auf den Kissen liegen. Der Aermel des rechten Armes war aufgeschlagen und der stark angeschwollene Arm mit Kompressen belegt, welche die neben dem Bette sitzende Kammerjungfer in kurzen Zwischenräumen mit einer stark riechenden Feuchtigkeit aus einer Arzneiflasche befeuchtete.

Das Gesicht der Comtesse war stark geröthet, ihre Augen hatten fieberhaften Glanz, blickten aber mit ruhig ergebenem, wenn auch tief traurigem Ausdruck den Eintretenden entgegen.

Bei dem Anblick des leidenden jungen Mädchens stürzte Herr von Stielow allen Anderen voraus, fiel am Rande des Bettes auf die Kniee nieder und rief, die Hände faltend, mit halb erstickter Stimme: »Klara,– meine Klara!«

Sie blickte Ihn mit unendlich liebevollem Blick an.

»Mein geliebter Freund!« sagte sie sanft und streckte ihm ihre zarte linke Hand entgegen, – »wie schön ist das Leben, – wie schmerzlich ist es, an den Tod zu denken, – der mir so nahe sein soll, – Gott wird gnädig sein und uns nicht trennen!«

Herr von Stielow beugte das Haupt auf die Hand seiner Geliebten und berührte sie leicht mit den Lippen. Er war keines Wortes mächtig. Nur ein heiserer, schwerer Seufzer drang aus seinem Munde.

Mit festem Schritt und rascher, gebietender Bewegung trat der Graf Rivero an das Bett.

»Hoffen Sie, Comtesse,« sprach er mit sicherer, klarer Stimme, – »Gott wird meine Hand segnen! – Und nun, Herr Baron, überlassen Sie mir den Platz – die Augenblicke sind kostbar!« Er berührte leicht die Schulter des knieenden jungen Mannes.

Dieser stand schnell auf und trat zurück.

Der Graf entfernte die Kompressen und untersuchte mit kaltem, prüfendem Blick den Arm. Dieser war von unten herauf stark geschwollen, bläulich gefärbt, dick aufgelaufene Streifen zogen sich bis zum Schultergelenk herauf.

Alle Blicke ruhten mit äußerster Spannung auf dem ernsten Gesicht des Grafen, der scharf die Wunde betrachtete und mit tastendem Finger die Streifen der Geschwulst verfolgte. Die Comtesse blickte mit einem Blick, in welchem sich Erstaunen und hoffnungsvolles Vertrauen mischte, auf diesen ihr fast unbekannten Mann, der in so sicherer Ruhe vor ihr stand und mit so zuversichtlicher Stimme ihr gesagt hatte: »Hoffen Sie!«

Der Graf hatte seine Untersuchung vollendet.

»Es ist ganz richtig,« sprach er, – »verwesende Materie ist in die Wunde gedrungen, die Vergiftung ist weit vorgeschritten, – fast wäre es zu spät gewesen!«

Er öffnete das schwarze Kästchen, welches er mitgebracht und neben sich auf den Tisch gestellt hatte.

Dasselbe enthielt einen kleinen chirurgischen Apparat und mehrere Fläschchen von geschliffenem Krystall.

Der Graf nahm ein Messer mit goldenem Griff und hellpolirter glänzender Klinge.

»Ich bitte um Verzeihung, Comtesse,« sagte er mit dem ruhigen Tone des Weltmannes, – »ich muß Ihnen wehe thun, – aber es ist nothwendig.«

Die junge Gräfin lächelte.

Der Graf nahm mit fester Hand den leidenden Arm und schnell wie der Blitz machte er im Kreuz zwei tiefe Schnitte in die Wunde.

Ein dickes, mit Eiter vermischtes Blut quoll daraus hervor.

»Ein Tuch!« rief der Graf.

Man reichte ihm ein Batisttuch, – er entfernte schnell das Blut, ergriff eines der Krystallfläschchen, öffnete die Wunde weit und goß einen Theil des Inhalts in dieselbe.

Das Gesicht der Comtesse wurde todtenblaß, – sie schloß die Augen, krampfhaft drückte sie die Lippen auf einander.

»Schmerzt es?« fragte der Graf.

»Entsetzlich!« hauchte das junge Mädchen kaum hörbar.

Der Graf nahm aus dem Kästchen eine kleine Spritze mit scharfer Stahlspitze, füllte sie mit der Flüssigkeit aus dem Flacon, und der Geschwulst folgend spritzte er an den Endpunkten der angelaufenen Streifen an verschiedenen Stellen diesen Inhalt in das Fleisch des Arms.

Immer schmerzlicher verzog sich das Gesicht der Comtesse, die Gräfin Frankenstein blickte mit angstvoller Besorgniß auf die Manipulationen des Grafen, Herr von Stielow rang in stummem Schmerz die Hände, Pater Ignatius hatte die Hände über der Brust gefaltet und bewegte die Lippen in stummem Gebet.

Der Graf nahm ein anderes Flacon, füllte ein Glas zur Hälfte mit reinem Wasser und zählte langsam und vorsichtig eine Anzahl Tropfen von der in dem Fläschchen enthaltenen Flüssigkeit hinein.

Das Wasser färbte sich blutroth, – ein starker, eigentümlich durchdringender Geruch verbreitete sich im Zimmer.

Der Graf berührte leicht mit seinem Finger die Stirn der Kranken.

Sie öffnete die Augen – ihr Gesicht zuckte noch von brennendem Schmerz.

»Trinken Sie dieß!« sagte der Graf in mildem, aber unbedingt befehlendem Ton. Zugleich hob er sanft ihr Haupt empor und brachte das Glas an ihre Lippen.

Sie sog den Inhalt ein. Beobachtend ruhte der Blick des Grafen auf ihr.

Nach einiger Zeit wurden ihre Züge ruhiger, die heftigen Zuckungen des Schmerzes ließen nach. Sie öffnete die Augen und athmete, wie erleichtert, tief auf.

»Ach, wie wohl das thut!« flüsterte sie.

Ein Ausdruck von Befriedigung zeigte sich auf dem Gesicht des Grafen, – dann sprach er mit ernster, feierlicher Stimme:

»Ich habe gethan, was menschliche Kunst und Wissenschaft vermag, – jetzt steht es in der Hand Gottes, dem Werk meiner Hand seinen Segen zu geben. – Beten Sie zu Gott, Comtesse, – inbrünstig und aus voller Seele, daß er meinem Mittel die Kraft gebe, das Gift zu überwinden!«

»Ja, ja,« sagte das junge Mädchen lebhaft und ihr Blick suchte ihren Verlobten, – »komm zu mir, mein geliebter Freund!«

Herr von Stielow eilte an das Bett und sank mit gefalteten Händen vor demselben nieder.

»Ich kann meine Hände nicht in einander fügen,« sagte sie leise, ihn innig anblickend, – »aber laß mich meine Hand auf die Deinigen legen, und vereint soll unser Gebet zum Himmel aufsteigen, daß seine ewige Gnade uns bei einander lasse!«

Und sie begann mit flüsternden Lippen zu beten, während die Augen des jungen Offiziers sich mit dem Ausdruck heißer tiefer Andacht aufwärts richteten.

Plötzlich durchflog ein Zittern die Gestalt der jungen Gräfin, fast angstvoll zog sie ihre Hand zurück und mit entsetztem Blick starrte sie ihren Verlobten an.

»O,« rief sie mit bebender Stimme, – »unser Gebet kann nicht emporsteigen in reiner Harmonie, – welch' ein furchtbarer Gedanke, – wir beten nicht zu demselben Gott!«

»Klara!« rief der junge Mann, – »welcher Gedanke – es ist nur Ein Gott im Himmel – und er wird uns erhören!«

»Ach!« – rief sie, ohne auf seine Worte zu achten, »es ist nur Ein Gott, aber Du wandelst nicht die Wege, die zu ihm führen; Du bist nicht im Schooße der Kirche, – o, ich habe wohl daran gedacht im Glück des bewegten Lebens, aber ich habe mich getröstet, mein Gewissen beruhigt, – aber jetzt in dieser äußersten Noth, an den drohenden Pforten der Ewigkeit, faßt es mich mit furchtbarem Schauer; – Gott kann uns nicht hören – und,« fuhr sie mit starrem Blick fort, – »wenn ich sterben muß – wenn keine Hülfe mehr möglich ist – soll ich in die Ewigkeit gehen mit dem Bewußtsein, daß seine Seele verloren ist – entsetzlich, entsetzlich!«

»Klara, Klara!.« rief Herr von Stielow mit dem Ton der höchsten Angst, die starren Blicke auf ihr schmerzlich bewegtes Gesicht richtend, »Gott ist derselbe für Alle, die ihn mit reinem Herzen anbeten, und kein Gebet kann reiner und inniger zu ihm aufsteigen, als das meinige!«

Die Gräfin Frankenstein war auf einen Sessel gesunken und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, – forschend und durchdringend blickte der Pater auf die ergreifende Szene, auf den schönen, ruhigen Zügen des Grafen Rivero leuchtete es auf wie ein Glanz der Verklärung.

Klara blickte trübe und schmerzlich auf ihren Geliebten. Sanft schüttelte sie den Kopf. »Du betest nicht an dem Altare meiner Kirche, – uns scheidet das Höchste und Heiligste, was da lebt im Menschenherzen!«

»Klara, meine einzig Geliebte,« rief der junge Mann, die gefalteten Hände erhebend, »der Altar, an welchem Dein reines Herz zu Gott betet, muß der heiligste, der schönste sein, – o daß dieser Altar hier vor mir stünde, damit ich mich vor ihm niederwerfen könnte, um Gott um Deine Erhaltung zu bitten!« – und die brennenden Blicke mit begeistertem, strahlendem Ausdruck emporrichtend, nahm er die Hand seiner Braut und legte sie auf die seinige. Ein unbeschreiblicher Ausdruck von Entzücken leuchtete in dem Auge der jungen Gräfin auf.

»Der Altar Gottes ist hier,« sagte Graf Rivero mit tiefem, bewegtem Ton, indem er unter seiner Weste hervor ein goldenes Kreuz zog, auf welchem man den wunderbar schön in Silber ziselirten Leib des Heilands erblickte, – »und sein Priester steht neben Ihnen!«

Er löste das Kruzifix von einer feinen goldenen Kette, an welcher es befestigt war.

»Es kann keinen höheren und heiligeren Altar geben, als diesen,« sprach er, das Bild des Gekreuzigten ehrfurchtsvoll mit den Lippen berührend, – »der heilige Vater in Rom hat es geweiht mit seinem apostolischen Segen! – Junger Mann,« sagte er mit tiefem Ernst zu Herrn von Stielow, der stumm auf den Knieen lag und halb fragend, halb verklärt und begeistert seine Blicke emporrichtete, – »junger Mann, Gott hat Sie hoch begnadigt, indem er Ihnen auf so wunderbare Weise den Weg des Heils öffnet, hören Sie die Stimme Gottes, die durch diese reinen Lippen zu Ihnen spricht, ergreifen Sie die Gnade, die Ihnen winkt im Schooße der heiligen Kirche, und bekennen Sie Gott mit dem Bekenntniß, das vielleicht in der nächsten Stunde von den sterbenden Lippen Ihrer Braut zum Throne des Ewigen aufsteigen wird. Sie erbitten ein Wunder vom Himmel zur Rettung Ihrer Geliebten, – öffnen Sie Ihre Seele dem wunderbaren Gnadenborn, der Ihnen entgegenströmt.«

»Ich will es,« rief Herr von Stielow und sein Gesicht leuchtete in flammender Erregung.

Klara schloß die Augen und drückte fest ihre Hand auf die des jungen Mannes.

»Du hörst es, mein Gott,« flüsterte sie, »ich danke Dir, die Wege Deiner Gnade sind heilig und über alles Hoffen und Denken.«

»Herr Pater,« sagte der Graf mit würdevoller Hoheit, – »thun Sie Ihre Pflicht als Priester und nehmen Sie diese zum ewigen Heil erweckte Seele in den Schooß der alleinseligmachenden Kirche auf!«

Der Pater Ignatius stand da in tiefer Bewegung, freudig strahlte sein Blick, – aber zögernd antwortete er:

»Ist das möglich – hier, – ohne Vorbereitung?«

Der Graf erhob leicht die Hand.

»Ich nehme Alles auf mich,« sagte er ruhig und stolz, – »die Formen können später erfüllt werden« – und er reichte dem Pater das Kruzifix, das dieser ehrfurchtsvoll küßte.

»Legen Sie Ihre Hand auf das Bild des Heilands und sprechen Sie, was der Priester des Herrn hier Ihnen sagen wird,« sagte der Graf.

Herr von Stielow wendete sich zu dem Pater, der sich ihm genähert hatte, und that wie ihm der Graf geboten.

Langsam und feierlich sprach der Priester die Worte des katholischen Bekenntnisses; mit tiefer Andacht wiederholte sie der junge Offizier, leise flüsternd sprach Klara sie mit; hoch aufgerichtet stand der Graf da, das glänzende Auge aufwärts gehoben, das Lächeln begeisterten Triumphes auf den Lippen.

Die Gräfin Frankenstein war auf die Kniee gesunken und senkte das Haupt auf die gefalteten Hände.

Das Bekenntniß war abgelegt, – mit demüthiger Geberde reichte der Pater das Kruzifix dem Grafen zurück, der es küßte, dann wieder an die Kette befestigte und an seiner Brust barg.

»Jetzt vereinigen Sie Ihr Gebet,« sagte er dann mit unendlicher Milde, – »keine Dissonanz wird Sie mehr trennen und in reiner Harmonie wird Ihre gemeinsame Bitte zum Throne der ewigen Liebe und des Erbarmens aufsteigen.«

Herr von Stielow legte seine gefalteten Hände auf den Rand des Bettes; Klara drückte ihre linke Hand darauf und leise die Lippen bewegend sprachen diese beiden jungen liebevollen Herzen mit Gott – ihn anstehend, sie miteinander den Weg des Lebens vollenden zu lassen.

Lange beteten sie so vereint und inbrünstig – schweigend blickten die Umstehenden auf dieß so schöne, so rührende Bild. – Tiefe Stille herrschte in dem Gemach.

Endlich erhob sich Herr von Stielow, nachdem er die Hand der Comtesse leicht mit den Lippen berührt hatte. Die Gräfin Frankenstein näherte sich ihm und küßte ihn auf die Stirn. »Gottes Segen komme über Sie, mein Sohn!« sprach sie innig. Mit träumendem, schimmerndem Blick sah der junge Mann um sich, – es schien, als stiege er aus einer fremden, ihm plötzlich erschlossenen Welt herab in diese Umgebungen, als müsse er sich wieder zurecht finden nach der gewaltigen Erschütterung, welche sein ganzes Wesen in seinen Tiefen durchbebt hatte.

Der Graf näherte sich dem Bette und untersuchte den verwundeten Arm.

Die Wunde war hochroth, ein Kranz von Bläschen umgab sie. Gleiche Bläschen zeigten sich auf dem ganzen Arm.

»Das Mittel wirkt,« sagte er, – »das Gift beginnt herauszutreten, – ich habe die gewisse Hoffnung der Rettung.«

Herr von Stielow warf sich an seine Brust.

»Mein Freund für ewig!« rief er und Thränen stürzten aus seinen Augen.

»Wie soll ich Ihnen danken, Herr Graf!« sagte die Gräfin Frankenstein in tiefer Bewegung.

»Danken Sie Gott, Frau Gräfin,« erwiederte dieser, – »der heute zwei Wunder gethan hat, indem er ein Leben dem irdischen Glück erhielt und eine Seele der ewigen Gnade zuführte. – Doch,« sagte er dann lächelnd im Tone der Gesellschaft, – »ich rechne auf Ihre Diskretion, – Sie dürfen mich nicht mit der medizinischen Fakultät in Konflikt bringen.«

Er gab einige Anordnungen über die weitere Behandlung der Wunde mit dem Mittel, welches er zurückließ, flößte der Kranken noch eine Arznei ein und verließ das Haus mit dem Versprechen, nach einigen Stunden wiederzukommen.

Schnellen Schrittes ging er zum Hause der Frau Balzer, –. seine Züge nahmen einen finstern, strengen Ausdruck an, als er die Treppe zu der Wohnung der jungen Frau hinaufstieg.

In dem Salon derselben fand er den Abbé Rosti, ihn erwartend. Der junge Geistliche saß auf einem Sessel vor der Chaise longue der Dame des Hauses, welche in reizendem hellblauen Morgenanzug frisch und heiter mit ihm plauderte.

Bei dem Eintritt des Grafen erhob sich der Abbé, die junge Frau begrüßte ihn mit anmuthigem Lächeln und streckte ihm ihre schöne Hand entgegen.

»Wir haben Sie erwartet,« sagte sie, – »der arme Abbé leidet schon lange unter dem Zwange der Konversation, welche er mit mir machen mußte,« fügte sie mit neckischem Tone hinzu, – »wo waren Sie?«

»Ich habe die Ausführung eines großen Verbrechens verhütet,« erwiederte der Graf ernst und düster, indem sein Auge fest auf dem Gesicht der jungen Frau haftete.

Sie zitterte unwillkürlich unter diesem Blick.

»Ein Verbrechen?« rief sie, – »und wo sollte es begangen werden?«

»Es war begangen!« sagte der Graf ruhig, ohne seinen Blick abzuwenden, – »es war begangen an einem reinen und edlen weiblichen Wesen, das eine ruchlose Hand einem entsetzlichen Tode geweiht hatte, – an der Gräfin Klara Frankenstein.«

Frau Balzer stand starr und regungslos da. Eine tiefe Blässe legte sich auf ihr Gesicht, ihre Lippen zitierten, ihr Auge senkte sich vor dem festen und unbeweglichen Blick des Grafen. Ihre Brust hob sich – sie wollte sprechen, – aber es drang nur ein unterbrochener, zischender Athemzug aus ihren Lippen.

»Sehen Sie, Abbé,« sagte der Graf, mit der Hand leicht auf die junge Frau deutend, – »dieses Weib, das da vor Ihnen steht, das eben mit lächelnder Lippe zu Ihnen sprach, das in seinem Blick alle edlen und schönen Gefühle des Herzens wiederzuspiegeln versteht, – dieses Weib ist eine Mörderin, die mit kalter Grausamkeit das Gift der Verwesung in das warme und reine Blut eines unschuldigen Wesens flößte, eines Wesens, das ihr nichts Anderes zu Leide that, als daß es die Liebe eines jungen Mannes besaß, für den Diese da in wilden Flammen entbrannt ist. – Gott wollte es anders,« fuhr er fort, – »und gab mir die Macht, dieß Opfer der furchtbaren Bosheit zu retten!«

Erstaunt, – entsetzt hörte der Abbé die Worte des Grafen, fragend blickte er auf diese schöne, elegante Frau, gegen welche sich eine so furchtbare Anklage erhob.

Sie hatte die Hand auf die Brust gepreßt, wie um die aufwallende Bewegung derselben gewaltsam niederzudrücken. Ihr Auge hob sich bei den letzten Worten des Grafen mit dem Ausdruck des Schreckens und eines wüthenden Hasses empor – doch konnte sie seinen Blick nicht ertragen und sah wieder zur Erde nieder.

»Herr Graf« sagte sie mit mächtiger Anstrengung, aber mit kalter, ruhiger und scharfer Stimme, – »Sie sprechen Beschuldigungen aus, – Sie sprechen im Tone eines Richters mit mir, – den ich nicht verstehe, – dessen Berechtigung ich nicht anerkenne.«

Und mit gewaltiger Willenskraft erhob sie den Blick und sah dem Grafen fest und starr in's Gesicht.

Dieser richtete sich hoch empor, – sein Auge flammte, – er trat einen Schritt gegen sie vor und langsam die Hand erhebend sprach er mit gedämpfter Stimme, deren mächtiger, dumpfer Ton zitternd durch das Zimmer drang:

»Ich spreche keine Beschuldigung aus, sondern eine Anklage, welche zu beweisen mir leicht wäre, ich spreche als Richter, weil ich, wenn ich es wollte, Dein Richter sein könnte – Antonie von Steinfeld!«

Entsetzt blickte die junge Frau auf den Grafen – alle ihre Fassung verschwand, gebrochen sank sie in sich zusammen.

»Ich könnte,« fuhr der Graf fort, »der Richter sein jener unnatürlichen Tochter, welche ihre alte kranke Mutter, eine würdige Dame, die sie mit den größten Opfern erzogen, verließ, um einem abenteuernden Schauspieler zu folgen, indem sie die letzten Kostbarkeiten ihrer Mutter, die Werthpapiere, welche ihr kleines Vermögen bildeten, stahl, – welche im wilden Taumel dahin lebte, während ihre unglückliche Mutter, welche nicht wagte, ihre Schande an die Öffentlichkeit und die Gerichte zu bringen, in tiefster Dürftigkeit darbte, bis ihr der Gram das Herz brach. – Ich könnte der Richter sein der verlornen Dirne, welche tief und tiefer sank, bis sie einen erneuten Diebstahl an einem jungen Manne, den sie umgarnt, durch zwei Jahre Strafhaft büßte, – welche dann als Kunstreiterin und Schauspielerin in den kleinen Städten Böhmens und Galiziens umherzog, bis es ihr gelang, einen Mann zu finden, der wenig besser wie sie – ihr seinen Namen gab und sie in die Lage setzte, das Gewerbe im Großen zu treiben, das sie früher auf den Straßen begonnen, – ich könnte der Richter der Mörderin sein, welche ein junges, reines Leben kaltblütig und planvoll einem entsetzlichen Tode weihte. – Glaubst Du, Unwürdige,« fuhr er fort, und seine Stimme schwoll an wie rollender Donner, – »daß es mir mehr als ein Wort kosten würde, um den falschen Flitterschleier von der Fäulniß Deiner Existenz zu reißen und Dich dem Abscheu und der Verachtung der Welt preiszugeben? – glaubst Du,« rief er, dicht vor sie hintretend, indem seine Augen Blitze schleuderten, – »daß es mein Gewissen belasten würde, durch einen Tropfen von sichererer Wirkung als jenes Gift, das Du in die Adern der Unschuldigen flößtest, die Erde von Deinem schuldbeladenen Dasein zu befreien?«

Die junge Frau war bei jedem Worte des Grafen tiefer und tiefer zusammengebrochen, – als er geendet, lag sie zu seinen Füßen, ihre Augen starrten ihn an wie ein Gespenst, das höchste Entsetzen, eine hoffnungslose Angst malte sich auf ihrem Gesichte.

Der Abbé blickte mit einer Mischung von Mitleid und Abscheu auf diese vernichtete, gebrochene Gestalt.

Schweigend ließ der Graf seinen durchdringenden Blick auf ihr ruhen.

»Danke Gott,« sprach er dann, – »daß er das Opfer Deines mörderischen Hasses durch meine Hand gerettet,– ohne Erbarmen hätte meine Hand Dich vernichtet. – Versuche,« sagte er nach einem kurzen Stillschweigen, während dessen die junge Frau hochaufathmend mit den angstvollen Blicken an seinen Lippen hing, – »versuche jetzt den Himmel zu versöhnen, – indem Du die Gaben, welche die Natur Dir gab und die Du im Dienst der Sünde gemißbraucht, für die heilige Sache Gottes und seiner Kirche verwendest. Du sollst mir dienen als Werkzeug, und um der Sache willen, der Du Dich weihst, wird Dir vielleicht einst vergeben werden, was Du bisher verbrochen.«

Sie sah ihn fragend an, – das Leben und die Hoffnung kehrte in ihr Gesicht zurück.

»Ich fordere kein Versprechen von Dir, – ich werde sehen, was Du thust, und ob Dein Gehorsam die Probe besteht, – bedenke, daß stets, auch wenn ich ferne bin, mein Auge auf Dich gerichtet ist und meine Hand über Dir schwebt, – sie wird zerschmetternd auf Dein Haupt fallen, wenn Du je um eines Haares Breite von den Wegen abweichst, die ich zu gehen Dir vorschreiben werde. Ich werde Dich befreien von allen Fesseln, die Dich hier ketten, Du sollst frei sein in meinem Dienst – Deine Kräfte zu gebrauchen nach allen Richtungen, – aber noch einmal: hüte Dich, Deine eigenen Wege zu gehen, – sie würden Dich in das rettungslose Verderben führen.«

Sie hatte sich langsam erhoben und stand vor ihm mit gesenkten Augen, die Hände über der Brust gekreuzt, – es wäre schwer zu sagen gewesen, was in ihrem Innern vorging, auf ihrem Gesicht lag kein anderer Ausdruck als der der tiefsten Demuth und Ergebung.

Der Graf sah sie noch einige Augenblicke schweigend an.

»Ich habe gesprochen,« sagte er, – »ich werde nicht warnen, – sondern strafen, – wenn meine Worte vergessen werden sollten.«

Sie neigte stumm das Haupt.

Dann verschwand der feierliche Ernst aus seinem Gesicht, seine Züge nahmen wieder ihre gewohnte, gleichmäßige vornehme Ruhe an.

»Ist Herr Balzer im Hause?« fragte er.

»Ich glaube es,« erwiederte sie mit leiser Stimme, – »er hat mich vorher um eine Unterredung bitten lassen.«

»Ich wünsche ihn zu sehen,« sagte der Graf.

Sie verneigte sich schweigend und verließ das Zimmer.

»Welche Szene!« rief der junge Abbé schaudernd, als sie fort war, – »welch' ein entsetzliches Weib!«

Der Graf blickte sinnend vor sich hin.

»Und glauben Sie,« fragte der Abbé, »daß sie Ihrer Schonung danken, daß sie umkehren – sich bessern wird?«

»Ich weiß es nicht,« sagte der Graf ruhig, – »wir müssen hoffen, daß ihr Herz sich einst der Gnade öffnen wird, – jedenfalls ist sie ein Werkzeug von unschätzbarem Werth.«

»Was beabsichtigen Sie?« fragte der junge Priester erstaunt.

Langsam setzte sich der Graf in einen Lehnstuhl und winkte dem Abbé, sich an seiner Seite niederzulassen.

»Mein junger Freund,« sagte er ernst und milde, – »Sie gehören zu der heiligen Liga, Sie sind ein Soldat der streitenden Kirche, Sie haben Geist, Muth und Glaubenstreue, – Sie sind berufen, mit mir zu arbeiten an der Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden, an dem Aufbau des Tempels der Verheißung auf dem Felsen Petri, – ich sage Ihnen, ein großer Kampf, eine große Arbeit steht uns bevor, – eine Arbeit auf neuer Grundlage.«

Er schwieg nachdenkend.

»Was wir bisher gethan und vorbereitet, ist zertrümmert,« sagte er dann, »eine neue Phase beginnt. Oesterreich hat sich losgesagt von dem Grunde seiner Existenz, – es hat sich losgesagt von der Kirche, auf deren Boden dieser Kaiserstaat erwachsen ist, durch die er allein gehalten und in die Zukunft hinübergeführt werden konnte. – Dem ersten Schritt auf dieser Bahn werden schnell andere folgen nach dem unerbittlichen Gesetz der logischen Konsequenz – wir müssen Oesterreich aus unserer Rechnung streichen. Ob wir mit Frankreich rechnen können, ist mir nicht klar, – es möchte so scheinen auf den ersten Blick, – aber das Fundament des jetzigen Frankreichs bietet uns keine Garantieen, – es ist eine dämonische Gewalt, die dort herrscht, – und diese Gewalt hat ja zuerst die Hand an das alte, heilige Recht der Kirche gelegt, – ich sehe,« fuhr er, wie im Anschauen der Bilder seines Geistes verloren, fort, – »ich sehe die Welt in neue Formen sich hineinbilden, ich sehe die deutsche Nation langsam erwachen zu mächtigem Auferstehen, – sollte es der Wille der Vorsehung sein, daß das Reich deutscher Nation, das einst zerbröckelnd auseinanderfiel, der feste Grundstein des Reiches Gottes werde? – Die Zukunft wird es zeigen,« sagte er nach einer Pause, – »wir aber müssen auf der Warte stehen, wir müssen die neue Zeit mit scharfem Blick erfassen, unsere Macht in ihr begründen, um mit sicherer Hand in die Ereignisse eingreifen zu können. Was uns zu thun obliegen wird, läßt sich jetzt nicht übersehen, – jedenfalls ist hier weder etwas zu sehen, noch etwas zu thun, hier sind Trümmer, die allmälig zu Schutt zerfallen werden. – Ich gehe nach Paris,« fuhr er das Haupt emporrichtend fort, »dort ist der Mittelpunkt der sich vorbereitenden Ereignisse, dort werden wir mit klarem Blick die Fäden überschauen, welche die Welt lenken – Sie begleiten mich?« – sagte er halb fragend, halb im Tone bestimmter Aufforderung.

Der Abbé verneigte sich.

»Ich bin angewiesen,« erwiederte er, »zu Ihrer Verfügung zu stehen, und es erfüllt mich mit Freude und Stolz, unter einem Meister, wie Sie, thätig zu sein.«

»Ich werde diese Frau mit mir nehmen,« sagte der Graf, – »ich werde sie von ihren hiesigen Verhältnissen lösen und sie auf einen Boden stellen, wo sie ihre eminenten Fähigkeiten entfalten kann, – sie wird jetzt, da sie sich in meinen Händen weiß, große Dienste leisten.«

Der Abbé blickte erschrocken auf.

»Diese Frau?« sagte er, – »mit solchen Werkzeugen sollen wir unsere heilige Sache beflecken?«

Der Graf richtete sein ausdrucksvolles Auge groß und fest auf den jungen Priester.

»So sind auch Sie angesteckt von den Zweifeln der schwachen Seelen,« sagte er langsam, – »welche den Zweck wollen, aber ängstlich die Mittel prüfen?«

»Kann die Sünde dem Himmel dienen?« fragte der Abbé zögernd.

Der Graf stand auf. Hoch richtete sich seine schlanke Gestalt empor, sein leuchtender Blick maß stolz den jungen Priester vor ihm und in vollem Tone sprach er mit dem Ausdruck klarer und fester Ueberzeugung: »Dient nicht der flammende Wetterstrahl, der da tödtet und die Hütte der Armuth in Asche legt, den ewigen Absichten Gottes, – sind nicht alle zerstörenden Kräfte der Natur wiederum wunderbare Mittel in der Hand der Allmacht? Das eben ist ja die Allmacht Gottes, daß auch das Böse dem Guten dienen, zum guten Ziel sich fügen muß – und selbst jener große Dichter der Deutschen, der nicht auf dem Boden des Glaubens steht – malt seinen Teufel richtiger und wahrer, als sonst die Welt, – als eine Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft! – Nun,« rief er, und ein Ausdruck mächtiger Energie flammte in seinem Auge, »wir wollen die Krieger der streitenden Kirche sein, wir wollen ihre Feinde zertrümmern und dem Kreuz zum Siege verhelfen – und wir sollten feige zurückbeben vor dem Teufel, sollten seine Macht anerkennen und fürchten? Nein, wir müssen die Kraft in uns fühlen, die dämonischen Mächte der Finsterniß zu zwingen, daß sie dem Himmel dienstbar werden; das ist der wahre Sieg über die Sünde; nicht der Sieg des ängstlichen Schulknaben, der sie flieht, um ihr nicht zu unterliegen, sondern der Sieg des Herrn und Meisters, der im Namen Gottes den gefallenen Engel zwingt, gegen die Mächte der Welt zu fechten!«

»Verzeihen Sie,« sprach der Abbé mit zweifelndem Ton, – »ist es nicht Vermessenheit, wenn wir, die schwachen, sündhaften Geschöpfe, mit den Kräften der Finsterniß zu schalten unternehmen, wie es die allwissende und allmächtige Hand Gottes kann und darf, – können wir nicht jenen zur Beute werden, während wir glauben sie zu beherrschen?«

Der Graf sah ihn mit strengem, fast zürnendem Blick an.

»Die Welt,« sagte er, »kämpft gegen uns mit allen Mitteln, welche sie besitzt, – und sie wählt die schärfsten am meisten und liebsten, – sollen wir in den heiligsten Kampf, den es gibt, mit ungleichen Waffen eintreten, – welche uns zum Voraus die Niederlage gewiß machen? Nein und tausendmal nein, die schärfsten, die schneidendsten Waffen muß unsere Hand führen, schärfer und schneidender, als die der Gegner! – Das Schwert tödtet,« fuhr er fort, – »und es steht geschrieben: Du sollst nicht tödten! Dennoch sehen Sie, daß Hunderttausende das Schwert an der Seite tragen und ihre Lebensaufgabe darin finden, die Kunst des Tödtens regelrecht und taktisch zu erlernen! – Warum richtet man sie nicht, diese Heere, – warum bekränzt man sie mit Lorbeeren, wenn sie durch den Mord von Tausenden – von tausend Unschuldigen siegreich geworden sind? – Weil sie die Waffe führen im Dienst eines guten und wahren Prinzips, im Dienste der Vertheidigung des Herdes, im Dienste des Ruhmes und der Größe des Vaterlandes. Und das Vaterland gehört doch dieser Welt, gehört der vergänglichen Erde! – Wir aber sollten zögern und bangen, das Schwert zu führen mit der Hand und dem Geiste, wenn es gilt die Vertheidigung der ewigen Heimat unserer Seele – wenn es gilt dem Ruhm, der Macht und Größe des ewigen Vaterlandes der ganzen Menschheit, des unsichtbaren, allerheiligsten Reiches Gottes? – Wahrlich, mein junger Freund, – Diejenigen, welche für irdische Güter das Schwert ziehen und das Blut ihrer Mitmenschen vergießen, haben kein Recht, uns in der Wahl unserer Mittel zu beschränken, die wir für das ewige, unvergängliche Gut streiten. Aber – es sind unsere Feinde vor Allem, welche uns die stumpfen Waffen in die Hand drücken möchten, damit sie ihres Sieges gewiß sind, – und gelingt es ihnen, Zweifel in unsere Seelen zu werfen, so ist der Sieg ihnen im Voraus gewonnen. Verbannen Sie den Zweifel aus Ihrem Herzen, stärken Sie Ihre Seele, sonst kann Ihre Hand das Schwert der streitenden Kirche Christi nicht führen!«

Der Abbé neigte das Haupt.

»Verzeihen Sie dem jungen Herzen das schwankende Zagen,« sagte er leise, – »ich will ringen und beten, es mit dem festen Panzer gläubigen Gehorsams zu umgürten.«

Der Graf blickte ihn milde und freundlich an.

»Bitten Sie Gott,« sagte er, »daß er Ihr Herz stähle und kräftige, ohne es die Wege gehen zu lassen, welche das meinige in Verzweiflung und Schmerzen hat durchwandeln müssen, bis es zur ruhigen Festigkeit und klaren Ueberzeugung gekommen ist.«

Er trat nahe zu ihm heran und legte die Hand auf seine Schulter.

»Auch ich,« sprach er mit weicher Stimme, »war jung wie Sie, – ich war heiter und glücklich wie Sie, – ich hatte ein schönes, geliebtes Weib, an dem meine ganze Seele hing, – ich hatte ein Kind, eine Tochter von zwei Jahren, aus deren reinem Auge mir des Himmels lichter Gruß entgegenstrahlte, – ich war Arzt in Rom, meine Hand war glücklich, der Reichthum strömte mir zu, – ich hätte die ganze Menschheit an mein Herz drücken können, wenn ich mein Weib im Arm, mein süßes, liebes Kind auf den Knieen hielt, und allen Leidenden zu helfen mit allen Kräften meines Geistes war mein heiligstes Streben, mein Dank für all' das Glück, welches Gott mir gegeben, – Und ich hatte einen Bruder,« fuhr er fort, den träumerischen Blick tief in die Erinnerungen der Vergangenheit tauchend, – »ich liebte ihn von seiner zartesten Kindheit an, – ich, der Aeltere, hatte seinen Geist gebildet, sein Herz erzogen, – er war ein Jünger der edlen Kunst, jener holden Blüte meines schönen Vaterlandes, und mit Stolz sah ich auf die Schöpfungen seines Pinsels, in denen der Athem des Genius lebte und welche sich heranbildeten näher und näher zu den großen Vorbildern der Vergangenheit. – Es war eine schöne, glückselige Zeit. – Mein Bruder wollte seinen Pinsel versuchen an jenem höchsten und heiligsten Bilde, das die Kunst schaffen kann, – der gottbegnadigten Jungfrau mit dem Jesuskinde. Mein Weib saß ihm dazu als Modell, – mein Kind auf ihrem Schooß sollte die Haltung des göttlichen Kindes angeben. War es eine Sünde, ein vermessener Frevel? – Hatte doch auch der große Rafael nach den Formen irdischer Frauen die Madonna gemalt und der wunderbare Geist der Gottheit sich doch so herrlich seinem Blick geoffenbart – ich freute mich und war glücklich, in dem Gedanken, von der Hand des geliebten Bruders Alles, was ich Theures auf Erden besaß, im Bilde zum göttlichen Dienst vereinigt zu sehen. – Lange Stunden war ich abwesend in meinem Beruf,« fuhr er mit düsterem Tone fort, – »und als ich eines Tages zurückkehrte, – da waren sie verschwunden! Mein Bruder hatte mein Weib verführt, – oder sie ihn, – ich weiß es nicht, – ich weiß nichts, als daß sie fort waren, und daß sie auch mein liebes, unschuldiges Kind mitgenommen hatten, damit seine klaren, reinen Augen mir keinen Trost bringen könnten in meiner Einsamkeit.« –

Er hatte die letzten Worte leiser und leiser gesprochen, sein Blick wurde starr, seine Züge zuckten vor schmerzlicher Bewegung.

Er ließ sich wie gebrochen in einen Lehnstuhl sinken, der Abbé blickte in tiefer Erschütterung auf ihn hin.

»Es ist lange her,« sagte der Graf nach einigen Augenblicken in ruhigem, wehmüthigem Ton, »daß ich nicht mehr davon gesprochen, daß ich mit der Sonde des Wortes diese Wunde nicht mehr berührt habe, – Sie sehen,« fügte er mit unendlich schmerzlichem Lächeln hinzu, – »die Wunde ist noch nicht geschlossen. – Alle Nachforschungen waren vergeblich,« fuhr er dann fort, – »ich fand keine Spur der Verschwundenen. Soll ich Ihnen meinen Zustand schildern? Kaum vermöchten es Worte der menschlichen Sprache. Ich verzweifelte an Gott, – wild empörte sich meine Seele gegen den Himmel, ich wollte meinem Leben ein Ende machen und nur die leise Hoffnung, mein Kind, mein armes Kind wieder zu finden, ließ mich von einem Tage zum andern den letzten Entschluß verschieben. Ich verabscheute die Menschheit, ich hielt die Hülfe meiner Wissenschaft den Kranken, den Sterbenden zurück, ich freute mich in kaltem Hohne, wenn die Väter dahinstarben, wenn die Kinder ihren Eltern entrissen wurden, während sie mit Einem Mittel, mit Einer Operation meiner geschickten Hand hätten gerettet werden können. Ich haßte und verachtete Staat und Gesellschaft, – konnten ihre Gesetze, ihre Institutionen Verbrechen verhindern oder bestrafen, wie das, welches an mir begangen war? Hätte ich die ganze Menschheit vernichten können mit einem einzigen Worte, ich hätte hohnlachend dieses Wort gesprochen und alle lebende Kreatur in das ewige Nichts geschleudert! – O mein junger Freund,« sagte er mit einem tiefen, schweren Athemzug, – »es waren schreckliche Tage und Nächte, die ich da durchlebte, – auch mein Geist ist niedergefahren zur Hölle, und was in ihren Tiefen zittert und kocht, habe ich empfunden, auch in meiner Brust ist es in gräßlichen, gellenden Tönen erklungen, jenes ›Nein‹ der Auflehnung gegen den großen Schöpfer der Welt, gegen den Gott der ewigen Liebe und Gnade. – Ein alter, würdiger Priester, ein gewaltiger Kämpfer der streitenden Kirche, trat mir nahe, fast gewaltsam drängte er sich in mein Leben und der Feuerstrahl seiner Beredsamkeit drang zunächst wie ein zürnendes Wetter in die Nacht meiner Seele, alle Fasern meines Wesens erschütternd. – Aber aus den blitzenden Wettern ward Licht. – An der Hand jenes weisen Lehrers und Führers lernte ich erkennen, daß keine Ordnung des Staates und der Gesellschaft, so wohlbegründet, so weise gefügt sie sein möge, die Sünde überwinden könne, daß allein die Macht der heiligen Kirche, dieser Gesellschaftsordnung Gottes, wenn sie einst die Welt umfaßt in allgewaltiger Gliederung, die Sünde besiegen und das Verbrechen von der Erde verschwinden lassen kann. Ich lernte verstehen, daß es keine höhere, keine heiligere Aufgabe gibt, als zu streiten für die Erreichung dieses Ziels – die Alles umfassende Herrschaft der Kirche – welche das Erlösungswerk des Heilandes vollenden soll, indem sie das Blut Christi durch die ganze erschaffene Menschheit strömen läßt, – daß es keine schönere, keine stolzere und herrlichere That gibt, als die Sünde selbst zu zwingen, daß sie dem Himmel diene. – Aber,« fuhr er fort und sein Auge blitzte in gewaltiger Energie und in unbeugsamer Willenskraft, – »ich sah auch das furchtbare Rüstzeug der Feinde der Kirche und »ich lernte begreifen, daß der Sieg nur errungen werden könne, wenn wir alle Waffen des Willens, des Geistes, der Macht mit fester und rücksichtsloser Hand führen, – wenn wir vor Allem die dämonischen Gewalten der sündigen Welt mit eiserner Hand erfassen, sie zum Dienst der heiligen Sache, zum Vernichtungskampf untereinander zwingen. – Ich weihte mein Leben dem Dienste der streitenden Kirche – und Gott stärkte mein Herz und erleuchtete meinen Geist, – und er gab mir viele Macht und Gewalt über die Menschen und die verschlungenen Fäden ihrer Schicksale, – oft habe ich in meiner Hand die furchtbare Gewalt des Dämons gefühlt – aber der Engel in mir ist nicht gefallen, die dämonische Gewalt hat dem Himmel gedient – wie des Dampfes titanische Riesenkraft dem Druck der Menschenhand gehorcht! – Und ich sollte zweifeln und schwanken,« rief er lebhaft, »in der Wahl meiner Waffen, – ängstlich die Mittel prüfen, mit denen ich meine Ziele – große und heilige Ziele verfolge, – wegwerfen die Gewalt, die ich über meine Feinde habe, – mich und die Sache, der ich diene, zum Gespött der Gegner machen? O ich fürchte die Mächte der Hölle nicht,« – sprach er stolz und begeistert, – »diese Hand ist stark genug, um sie meinem Willen zu beugen und im Namen Gottes den bösen Willen zu zwingen, daß er das Gute schaffe!«

Der Abbé blickte mit Bewunderung in die schönen, erregten Züge des Grafen.

»Verzeihen Sie, mein Meister,« sprach er demüthig, – »meinen Zweifel – und entziehen Sie mir niemals Ihre starke Hand, mich zu leiten und zu stützen.«

Der Graf reichte ihm die Hand.

»Auch Ihre Kraft wird sich stählen in der Arbeit des Kampfes,« – sagte er, – »aber vergessen Sie niemals, daß nicht der Mensch – die schwache und sündige Kreatur für irdische Wünsche und Bestrebungen, es wagen darf, die Waffen zu führen, welche zu ergreifen nur Der das Recht hat, der Allem entsagt, um nur zu leben und zu sterben als ein Werkzeug zum immer größeren Ruhme Gottes!«

Die Thüre öffnete sich. Herr Balzer trat ein.

Er begrüßte den Grafen mit jener Miene gemeiner Vertraulichkeit und jener unverschämten Sicherheit, welche ihm eigenthümlich war.

Mit einer stolzen Neigung des Kopfes erwiederte der Graf seinen Gruß, kalt und ruhig blickte er ihn an.

»Sie haben gewünscht, mich zu sprechen, Herr Graf,« sagte Herr Balzer, – »womit kann ich Ihnen dienen?«

»Unsere Unterredung wird hoffentlich nur kurz sein,« erwiederte der Graf, – »ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen, den Sie annehmen werden, denn er wird Sie aus einer sehr schlimmen Lage befreien.«

Herr Balzer war betroffen über den kurzen, überlegenen Ton, in welchem der Graf zu ihm sprach, seine Sicherheit schien ein wenig erschüttert.

»Einen Vorschlag?« sprach er befremdet, – dann fügte er mit gemeinem Lächeln hinzu: »ich höre gern jeden Vorschlag an – und wenn er annehmbar ist –«

»Ich will, daß Ihre Frau vollkommen frei sei,« sagte der Graf kurz und kalt, – »und«

»Das wird ein wenig schwer sein,« rief Herr Balzer mit zufriedener Miene, – »eine Scheidung, – sie müßte protestantisch werden – und der Skandal –«

»Sie wird auch frei – wenn sie Wittwe ist,« sagte der Graf.

Herr Balzer machte fast einen Sprung von dem Grafen rückwärts.

Aengstlich blickte er umher, – dann blickte er erstaunt in das ruhige Gesicht des Grafen und sagte mit gezwungenem Lächeln:

»Sie scherzen, mein Herr.«

»Durchaus nicht,« sagte der Graf, – »Sie werden die Güte haben, mich ruhig und ohne Unterbrechung bis zu Ende anzuhören, und ich zweifle nicht, daß Sie mir vollkommen Recht geben werden.«

Herr Balzer schien nicht zu wissen, was er von diesem so ruhig und sicher sprechenden Manne denken solle, – indeß deutete er durch eine Neigung des Kopfes an, daß er bereit sei, zu hören.

Im einfachsten und natürlichsten Tone von der Welt sprach der Graf weiter:

»Ihre Verhältnisse, mein Herr, sind vollkommen zerrüttet, – Sie stehen nicht nur vor dem Bankerott, sondern befinden sich mitten in demselben, schon seit lange fristen Sie Ihre finanzielle Existenz nur durch jenes eigentümliche System, welches die alten Schulden durch neue größere deckt, – welches aber mit unerbittlicher Notwendigkeit zuletzt zum vollständigen Zusammenbrechen führt –«

Herr Balzer blickte mit tiefem Erstaunen auf den Grafen.

»Der letzte Augenblick des unausbleiblichen Ruins ist gekommen,« sprach dieser, – »ich bin im Besitz einer Reihe von Forderungen, welche, auf einmal geltend gemacht, Sie umwerfen müssen. – Außerdem aber verwickelt sich Ihre Lage in sehr unangenehmer Weise noch dadurch, daß Sie in letzter Zeit, um sich zu retten, oder vielmehr um den Augenblick des Ruins hinauszuschieben, zu dem Mittel der Wechselfälschung gegriffen haben.«

»Herr Graf,« rief Herr Balzer in einem Tone, dessen Unverschämtheit nur schlecht die Angst und den Schrecken verdeckte, – »ich –«

Mit einer stolzen Handbewegung gebot ihm der Graf Schweigen.

Er zog aus der Tasche seines Ueberrocks mehrere Wechselpapiere.

»Sie sehen,« sagte er, dieselben leicht auseinander blätternd, – »die gefälschten Wechsel sind in meinen Händen, – das Zuchthaus ist Ihnen gewiß, wenn ich dieselben der Behörde überliefere.«

Aus dem gemeinen Gesicht des Herrn Balzer war jede Spur von Sicherheit verschwunden. Mit starrem Schrecken blickte er den Grafen an, ohne ein Wort zu sprechen.

»Sie sind also verloren,« sagte dieser kalt, – »und wenn Sie noch einen Funken von Ehrgefühl besitzen, so müßten Sie den Tod der Zukunft vorziehen, welche Sie erwartet.«

Herr Balzer erhob in sprachloser Verwirrung die Hände wie bittend zu dem Grafen.

Dieser blickte ihn ernst an und fuhr fort:

»Ich will Sie aber nicht vernichten, – ich will Ihnen Gelegenheit geben, ein neues Leben zu beginnen –« Ein Strahl von Freude blitzte aus den Augen des Wechselagenten, – er verstand noch nicht, aber er begann zu hoffen.

»Herr Graf,« rief er, – »befehlen Sie – –«

»Hören Sie genau, was ich verlange,« sagte der Graf, – »von Ihrem pünktlichen Gehorsam wird Ihre Zukunft abhängen.«

Herr Balzer horchte gespannt.

»Sie werden,« sagte der Graf, »sogleich nach Gmunden fahren, – von dort werden Sie einen Brief an Ihre Frau schreiben, in welcher Sie ihr sagen, daß Sie den Bankerott nicht mehr aufhalten können und daher den Tod vorzögen, – dann werden Sie dafür sorgen, daß an irgend einer tiefen Stelle des Sees Ihr Hut, Ihr Stock und etwa ein Handschuh oder ein Taschentuch schwimmend auf dem Wasser gefunden werde. Nachdem dieß geschehen, werden Sie den Bart abschneiden, eine Perrücke aufsetzen und sich nach Salzburg begeben, wo Sie die unter dieser Adresse bezeichnete Person aufsuchen werden, welche Ihnen einen Auswanderungspaß und die Summe von fünftausend Gulden übergeben wird.« Er reichte Herrn Balzer eine beschriebene Karte. – »Dann werden Sie,« fuhr er fort, »sich unverzüglich über Hamburg mit dem ersten Schiffe nach New-York begeben und sich dort an Diejenigen wenden, welche die Person, die Sie in Salzburg finden, Ihnen bezeichnen wird. Sie werden dort jede Förderung und Unterstützung finden, um ein neues Leben zu beginnen, – wenn Sie Ihren Namen und Ihre Vergangenheit vergessen. Denken Sie aber daran, daß man Sie stets beobachtet und Sie vernichten kann, wenn Sie nicht pünktlich gehorchen!«

Herrn Balzer's Gesicht hatte bei den im einfachsten Tone gesprochenen Worten des Grafen zunächst ein hohes Erstaunen ausgedrückt, dann war etwas wie Hohn und boshafte Freude über seine Züge geflogen, endlich blickte er in tiefem Nachdenken vor sich hin.

»Nehmen Sie meinen Rettungsvorschlag an?« fragte der Graf.

»Und meine Wechsel?« sagte Herr Balzer mit einem scheuen Blick.

»Ich habe sie gekauft, – sie bleiben in meinem Portefeuille,« – erwiederte der Graf.

»Ich nehme an!« sagte Herr Balzer, – »Sie sollen mit mir zufrieden sein, – aber,« fügte er mit einem unendlich widerwärtigen Lächeln hinzu, – »fünftausend Gulden ist wenig – Sie schätzen meine Frau gering –«

»Man wird Ihnen die gleiche Summe bei Ihrer Ankunft in New-York zahlen,« sagte der Graf kalt, »wenn Sie Alles pünktlich besorgt haben.«

»Ich gehe,« sagte Herr Balzer, – »soll ich,« fügte er mit einem schlecht gespielten schmerzlichen Ausdruck hinzu – »von meiner Frau keinen Abschied nehmen?«

»Nein,« erwiederte der Graf, – »sie soll an Ihren wirklichen Tod glauben, – das ist mein bestimmter Wille, – sie soll ganz frei sein, – auch in ihrem Gewissen!«

Herr Balzer wendete sich zum Gehen.

»Ich erwarte also in drei Tagen Nachricht aus Salzburg!« sagte der Graf. – »Und nun,« fuhr er ernst und feierlich fort, – »segne Sie der Himmel und öffne Ihnen in seiner Gnade die Wege eines neuen Lebens!«

Er streckte die Hand gegen ihn aus, milde Freundlichkeit strahlte aus seinem Blick.

Herr Balzer verbeugte sich und verließ das Zimmer.

»Hier sind wir fertig,« sagte der Graf, als er mit dem Abbé allein war, – »bereiten Sie sich vor, in acht Tagen abzureisen.«

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Prachtvoll liegt das langgedehnte mächtige Schloß Schönbrunn da, – umgeben von dem mächtigen uralten Park mit den künstlichen Ruinen, den allegorischen Wasserfällen, den tiefen Schatten und den lichten, sonnigen Rasenplätzen, hoch überragt von dem luftig und leicht auf der Höhe des Berges hinter dem Schlosse erbauten Triumphbogen, der sogenannten Gloriette, von welcher die große Kaiserin Maria Theresia hinüberblickte nach Wien, das mit seinem weitragenden Thurme von St. Stephan am Horizont sich erhebt.

An das große kaiserliche Residenzschloß, voll von Erinnerungen an die Kaiserin-Königin – und – an Napoleon I., dessen Adler noch heute auf den beiden Obelisken der großen Einfahrt stehen, – und um den weiten Park her liegt das freundliche Hietzing, jene beliebte Sommervilleggiatur der Wiener. Villa reiht sich an Villa, an schönen Sommernachmittagen strömt die elegante Welt von Wien hinaus, um die Konzerte in den großen Gärten der »neuen Welt« oder des »Kasinos« von Dommayer zu hören und sich in den schattigen Gängen des Parks von Schönbrunn zu ergehen, welche dem Publikum stets offen stehen.

Seit Napoleon I. in der Lieblingsresidenz Maria Theresia's sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte und in dem weiten Schloßhofe seine alte Garde paradiren ließ, hatte aber in dem freundlichen Hietzing nicht ein so reges, bewegtes Leben geherrscht, als im Herbste 1866.

Die sächsische Armee lag in Kantonnements in und um Hietzing, der König Johann bewohnte den sogenannten Stöckl, jenes kleine Palais am Eingange des großen Parks, welches Maria Theresia einst für ihren berühmten Leibarzt van Swieten erbauen ließ, und der König von Hannover, welcher zuerst nach seiner Ankunft in Wien im Hause seines Gesandten, des Generals von Knesebeck, abgestiegen war, hatte die am entgegengesetzten Ende des eleganten Dorfes belegene Villa des Herzogs von Braunschweig bezogen, welche, nach der Straße hin durch eine lange, einfache Mauer abgegrenzt, in ihrem Innern und in dem sie umgebenden Park Wunder an Kunstschätzen und Seltenheiten birgt.

Die sächsischen Truppen, – das Gefolge der fürstlichen Herrschaften, die Equipagen der Erzherzoge und der österreichischen Aristokratie, welche in Aufmerksamkeiten gegen die beiden durch Oesterreichs Politik so schwer getroffenen Könige wetteiferte, füllten in bunter und glänzender Bewegung die Straßen von Hietzing, – zahlreicher als je strömten die Wiener hinaus, und wenn Jemand Grund hatte, mit der großen Katastrophe von 1866 zufrieden zu sein, so war es sicherlich die »neue Welt« und »Dommayer's Kasino«.

An einem Vormittage jener merkwürdigen und bewegten Zeit befanden sich zwei Personen in dem großen Mittelsalon der Villa Braunschweig.

Die Wände dieses Saales waren mit seidenen chinesischen Tapeten überzogen, die gestickten Gestalten der Bewohner des Reiches der Mitte blickten mit ihren eingelegten Gesichtern von gemaltem Porzellan ruhig und gleichgültig von den Wänden herab, – das ganze Mobiliar war von kostbarster chinesischer Arbeit, lebensgroße Pagoden standen in der Ecke, chinesische Malten vom feinsten Reisstroh deckten den Boden, die großen Glasthüren standen weit geöffnet und ließen aus dem wunderbar sauber gepflegten Park die laue Luft einströmen. Alle Seltenheiten und Merkwürdigkeiten, welche diesem Zimmer mehr das Ansehen eines chinesischen Museums als eines bewohnten Salons gaben, zogen jedoch den Blick jener Personen nicht auf sich, welche vielmehr traurig und ernst auf und nieder gingen.

Die eine der beiden Personen war der Schloßhauptmann und Hofmarschall Graf Alfred Wedel, welchen wir bereits in Hannover während der Katastrophe des Monats Juni gesehen haben. Er trug die kleine Hofuniform, den blauen Frack mit scharlachrothem Kragen – neben ihm ging ein kleiner, schmächtiger Mann von etwa 36 Jahren, dessen blasses, scharfgeschnittenes Gesicht mit dünnen blonden Haaren und langem hellen Schnurrbart den Ausdruck fester Energie und lebhafter, intelligenter Bewegung zeigte. Er trug die Hauptmannsuniform der hannöverischen Infanterie.

»Ja, mein lieber Düring,« sagte der Graf Wedel in traurigem Ton, – »es ist Alles vorbei, – Hannover hört auf, – Ihr seid der Letzte, der die Fahne hochgehalten hat, – wollte Gott,« fügte er seufzend hinzu, – »daß unsere Generale eben so energisch gewesen wären, wie Ihr, – es stünde besser um uns –«

»Ich begreife in der That nicht,« sagte der Hauptmann von Düring, »wie Alles so hat kommen können, – ich habe den ganzen Feldzug nur nach ungenauen Nachrichten verfolgen können, – aber ich begreife die Operationen weder militärisch noch politisch!«

»Wer begreift sie denn?« rief Graf Wedel mit bitterem Ton, – ich glaube, Diejenigen am wenigsten, die sie gemacht haben!«

»Glaubt Ihr denn aber, daß die Annexion von Hannover wirklich geschehen wird?« fragte Herr von Düring.

»Ich glaube es bestimmt,« sagte Graf Wedel, – »die Aeußerungen der preußischen Beamten in Hannover lassen darüber keinen Zweifel, – wir dürfen uns die traurige Wahrheit nicht verhehlen, – doch,« unterbrach, er sich, – »wir werden gerufen werden!«

Eine helle Glocke ertönte aus dem Nebenzimmer.

Einen Augenblick später erschien der Kammerdiener des Königs.

»Seine Majestät lassen die Herren bitten!«

Er öffnete die Thüre zu dem Kabinet des Königs.

Graf Wedel und Herr von Düring traten ein.

Das Kabinet, welches Georg V. bewohnte, war mit schottischen Seidentapeten bekleidet, prachtvoll gearbeitete schottische Waffen hingen an den Wänden, daneben meisterhafte Gemälde, Szenen aus Walter Scott's Romanen darstellend. Vor einem großen Tisch in der Mitte des Zimmers stand der König hoch aufgerichtet; tiefer Ernst lag auf dem schönen, ausdrucksvollen Gesicht. Er trug den weiten grauen Ueberrock der Uniform seines österreichischen Regiments.

»Gott grüße Sie, meine Herren,« sagte Georg V. mit mildem, freundlichem Lächeln zu den Eintretenden, indem er ihnen die Hand entgegenstreckte, welche Graf Wedel und Herr von Düring an die Lippen drückten, – »es ist viel geschehen, seit ich Sie nicht gesehen, – lieber Alfred!«

»Majestät,« sagte Graf Wedel und seine Stimme zitierte vor Bewegung, – »was auch geschehen sein möge – und was noch geschehen möge, – mein Herz ist dasselbe und wird dasselbe bleiben!«

»Sie bringen mir Nachricht von der Königin?« fragte der König.

»Zu Befehl, Majestät,« erwiederte der Graf, indem er mehrere Briefe hervorzog und sie dem König überreichte, – »ein Schreiben Ihrer Majestät, Briefe von den Prinzessinnen, – und einen Bericht des Herrn von Malortie über die Verwaltung des Vermögens.«

Der König legte die Briefe vor sich auf den Tisch.

»Wie geht es der Königin?« fragte er, – »wie trägt sie die schwere Zeit?«

»Ihre Majestät ist würdig und ruhig,« sagte der Graf, – »aber tief traurig, – die Königin wünscht dringend, so bald als möglich mit Eurer Majestät vereinigt zu werden.«

Ein tiefer Schatten zog über die Stirn Georg's V.

»Wann Gott uns wieder zusammenführen wird,« sprach er, »das liegt im dunklen Schooß der Zukunft, – jetzt muß die Königin dort bleiben und nur der Gewalt weichen, – das ist mein Wille.«

Graf Wedel schwieg.

»Wie geht es der Gräfin?« fragte der König. »Ich danke unterthänigst, Majestät,« erwiederte der Graf, – »sie ordnet das Haus und wird mir so bald als möglich folgen.«

»Ihnen folgen?« fragte Georg V.

»Majestät,« sagte Graf Wedel mit bewegter Stimme, – »ich bin nicht gekommen, um Nachrichten zu bringen und zurückzukehren, – ich bin gekommen, um zu bleiben, – wenn Eure Majestät mich nicht fortschicken!«

Der König blickte ihn fragend an.

»Majestät,« sagte der Graf, – »nach Allem, was ich sehe und höre, werden Allerhöchstdieselben jetzt nicht – lange nicht – nach Hannover zurückkehren, – Eure Majestät haben mich zu Ihrem Hofmarschall ernannt, und ich habe mit Stolz meinen Dienst bei Allerhöchsterer Person erfüllt, – Eure Majestät sind im Exil,« – fuhr er fort und seine Stimme erstickte fast vor innerer Bewegung, – »ich bitte Eure Majestät um die hohe Ehre, dieß Exil zu theilen und mein Amt weiter zu führen!«

Der König schwieg einen Augenblick. Er biß leicht auf seinen Schnurrbart, ein schmerzlicher Zug legte sich um seinen Mund.

»Mein lieber Alfred,« sagte er dann mit weicher Stimme, »Sie haben so eben Ihr Haus gebaut und neu eingerichtet, die Gräfin ist leidend, – ich bin von Ihrer Treue und Ergebenheit überzeugt, – aber Sie haben an Ihre Familie zu denken, – Sie werden sich Verfolgung zuziehen, – lassen Sie den Dienst an meinem Hofe, – dem Hofe der Verbannung,« sagte er mit schmerzlichem Lächeln, »Denen, die allein stehen und nur für sich zu sorgen haben –«

»Majestät,« rief Graf Wedel lebhaft, fast den König unterbrechend, – »es wäre eine harte Kränkung, wenn Sie mir nicht erlaubten, meinen Dienst zu übernehmen, – wenn Sie mir die Ehre versagten, meinem Könige im Unglück zur Seite zu stehen, – fort gehe ich nicht,« fuhr er mit einer gewissen derben Freimüthigkeit fort, – »und wenn Eure Majestät mir nicht erlauben, Ihr Hofmarschall zu sein, so werde ich wenigstens der Höfling des Unglücks sein.«

Ein freudiger Schimmer flog über das Gesicht des Königs.

»Auch das Unglück hat seine Freuden,« sagte er mit sanftem Lächeln, – »es lehrt uns die treuen Freunde kennen. – Wir sprechen weiter darüber.« –

»Nun, mein lieber Hauptmann von Düring,« sagte er, sich zu diesem wendend, – »ich habe von Ihrem wunderbaren Zug gehört, – erzählen Sie mir davon, – ich bin begierig zu hören, wie Sie es möglich gemacht haben, bis zum Ende die Fahne der hannöverischen Armee wehen zu lassen, – nachdem ich sie habe senken müssen,« fügte er mit schmerzlichem Seufzer hinzu.

»Majestät,« antwortete Herr von Düring, – »ich stand mit meiner Kompagnie in Emden, – starke feindliche Uebermacht forderte mich zur Kapitulation auf, ich erklärte, mich unter den Trümmern der Stadt zu begraben, ehe ich die Waffen strecken würde; – man gestand mir freien Abzug zu. – Ich zog aus,« fuhr er fort, »und begab mich mit meinen Leuten nach der holländischen Grenze. Eine große Anzahl junger Leute stieß in allen Ortschaften zu mir. Ich verschaffte mir auf einigen Aemtern halb durch Ueberredung, halb durch List Paßformulare, füllte sie aus und vertheilte sie unter meine Leute. Diese mußten ihre Uniformen und Waffen in Reisekoffer packen und so fuhr ich mit ihnen nach dem Haag. Hier fand ich bei Eurer Majestät Ministerresidenten, dem Grafen Georg Platen –«

»Ein vortrefflicher junger Mann!« rief der König.

»Ein treuer Diener Eurer Majestät, – voll Energie und Eifer,« sagte Herr von Düring, – »ich fand bei ihm die herzlichste Aufnahme und die kräftigste Unterstützung. Dort erreichte mich die Nachricht von der Schlacht bei Langensalza und mit hoher freudiger Begeisterung feierten wir den Sieg, – denn nun mußte ja, wie ich überzeugt war, unsere Armee nach Süden durchdringen.«

»Sie hätte es müssen,« sagte der König düster.

»Wir überlegten,« fuhr Herr von Düring fort, »wie es möglich sei, mit meinen Leuten die Armee zu erreichen, – es blieb kein anderer Weg, als der durch Frankreich.«

»Durch Frankreich?« rief der König erstaunt.

»Ja, Majestät,« sagte Herr von Düring, – »es war ein Wagniß, – aber ich unternahm es. Als einfache Reisende bestiegen wir die Bahn und glücklich gelangten wir Alle, ohne von den französischen Behörden behelligt zu werden, in getrennten Abtheilungen auf diesem sonderbaren Umwege über Thionville, Metz, Karlsruhe nach Frankfurt. Die Leute waren musterhaft an Ordnung, Vorsicht und Pünktlichkeit.«

»Ein unglaublicher Zug!« rief der König.

»In Frankfurt,« fuhr Herr von Düring fort, »wendete ich mich an den Bundestagspräsidenten, der mir die Mittel zur neuen Uniformirung der Leute zur Verfügung stellte, – der Herzog von Nassau gab die Waffen, ein Komite der Bürgerschaft schaffte Leinenzeug und sonstige Equipirung, und in vierzehn Tagen hatte ich ein Korps von 350 Mann ausgerüstet und schlagfertig. Ich ernannte die tüchtigsten Unteroffiziere zu Offizieren und wir wurden der Garnison von Mainz zugetheilt, wo ich, um mein so schnell organisirtes Korps durch Thätigkeit zu bilden, mich vorzugsweise zu Ausfällen verwenden ließ. – In Frankfurt erfuhr ich die Kapitulation von Langensalza, – Eure Majestät verzeihen mir, – ich begriff sie nicht –«

»Ich befand mich von Uebermacht umgeben,« sagte der König, – »ich konnte meine Truppen nicht nutzlos dem sichern Untergang opfern.«

»Ich begriff vollkommen, daß Eure Majestät so handeln mußten,« sagte Herr von Düring, – »was ich nicht begriff, waren die Operationen, durch welche Eure Majestät in jene Lage gebracht waren –«

Der König schwieg.

»Für mich konnte jene Kapitulation nicht bindend sein,« fuhr Herr von Düring fort, – »sie bezog sich nur auf die bei Langensalza stehende Armee, und ich hatte keine Nachricht, keinen Befehl erhalten, – ich blieb unter den Waffen – bis zum Ende.«

Dann fuhr er mit dumpfer, trüber Stimme fort: »Als Alles zu Ende war, löste ich mein Korps auf und entließ die Leute nach der Heimat, – ich aber bin hieher gekommen, um mich bei Eurer Majestät zu melden und Bericht abzustatten über meinen erfolglosen Versuch.«

»Nicht erfolglos, – mein lieber Hauptmann von Düring,« sagte der König freundlich, – »Sie konnten für meine Sache keinen Erfolg mehr erkämpfen, – das lag in den Verhältnissen, – aber Sie haben unter den schwierigsten Umständen bis zur äußersten Grenze der Möglichkeit Ihre Pflicht gethan – und damit allen Offizieren meiner Armee ein schönes Beispiel gegeben, das nie verloren gehen wird.«

Der König schwieg einen Augenblick.

»Und was haben Sie jetzt die Absicht zu thun?« fragte er dann.

»Majestät,« sagte Herr von Düring in düsterem Tone, – »in preußische Dienste will ich nicht treten, – man sucht in der Türkei – auch beim Vizekönig von Egypten Offiziere, – ich kenne die orientalischen Verhältnisse, da ich mit Eurer Majestät Erlaubniß zwei Jahre bei der französischen Armee in Algier Dienste gethan, – ich beabsichtige mir dort eine Carriere zu suchen –«

»Wollen Sie bei mir bleiben?« fragte der König.

»Majestät,« rief Herr von Düring, – »von einem Wollen kann dabei keine Rede sein, Eure Majestät haben zu befehlen, – es wäre mir ein hohes Glück, – doch,« fügte er etwas zögernd hinzu, – »ich muß Eurer Majestät offen bekennen, daß die Unthätigkeit meiner ganzen Natur widerstrebt –«

»Sie sollen nicht unthätig sein, mein lieber Düring,« sagte der König, indem er stolz das Haupt erhob, – »ich beabsichtige nicht zu verzichten auf die Wiederherstellung meines Rechts und ich brauche Männer, welche im Stande sind, mir dereinst, wenn die politische Lage der Welt erlaubt zu handeln, – eine Armee zu bilden und zu führen.«

Herrn von Düring's Blicke leuchteten.

»Majestät,« rief er, – »hienach habe ich nur meinen Degen und mein Leben für jetzt und die Zukunft meinem Könige zu Füßen zu legen.«

»Ich ernenne Sie zu meinem Flügeladjutanten,« sagte der König, – »bleiben Sie hier, – Sie sollen keinen Hofdienst thun,« fügte er lächelnd hinzu, – »auf Wiedersehen, – ich erwarte Sie um fünf Uhr zur Tafel.«

Herr von Düring verneigte sich tief.

»Ich kann Eurer Majestät meinen Dank nicht so aussprechen, wie ich ihn fühle,« sagte er, – »möge mir Gelegenheit werden, ihn durch die That zu beweisen!«

Und er verließ das Kabinet.

»Haben Eure Majestät noch Befehle für mich?« fragte Graf Wedel.

»Hat Ihnen die Königin keine Aufträge für mich gegeben?« fragte der König mit forschendem Tone.

»Aufträge,« sagte der Graf, – »nein, außer der Ueberbringung der Briefe, welche ich die Ehre hatte Eurer Majestät zu übergeben, – indeß –«

»Indeß?« fragte der König gespannt.

Die Königin hat den dringenden Wunsch, wie ich voraussetze,« sagte der Graf, – »daß Eure Majestät den Rathschlägen folgen möchten, welche von verschiedenen so wohlmeinenden Seiten ihr gegeben worden, – und –«

»Und daß ich abdiziren möge?« sagte der König lebhaft.

»Ihre Majestät glaubt, daß dadurch die Krone dem Königlichen Hause erhalten werden könne,« sagte der Graf, – »und bedauert, daß Eure Majestät dieß – allerdings schmerzliche und traurige Mittel der Rettung nicht ergriffen haben, – die Königin glaubt, daß es vielleicht noch Zeit wäre, – daß nur Eurer Majestät Umgebung Sie abhielte.«

»Und was meinen Sie davon? – ich will aufrichtig Ihre Meinung wissen!« fragte Georg V.

»Eure Majestät,« sagte Graf Wedel langsam, – »sind von meiner persönlichen Anhänglichkeit an Allerhöchstere Person überzeugt, – da aber Eure Majestät mich fragen, – so muß ich ehrlich und offen sagen, – wenn durch die Abdikation Eurer Majestät die Krone dem Welfenhause gerettet werden könnte –«

»– Wenn sie das könnte!« – sagte der König mit ernster Betonung.

Er trat einen Schritt vor und mit der Hand tastend ergriff er den Arm des Grafen.

»Es liegt mir daran,« sagte er, »daß auch Sie über diesen Punkt genau aufgeklärt werden, – denn kein Vorwurf würde mich tiefer schmerzen, als der, daß ich die Zukunft meines Hauses persönlichen Rücksichten untergeordnet habe. Ich weiß nicht,« fuhr er fort, »von welchen Seiten und aus welchen Gründen fortwährend der Königin und dem Lande erzählt wird, meine persönliche Abdankung könne die Selbstständigkeit Hannovers vor der Annexion bewahren, – nur mit mir wolle man keinen Frieden schließen; – ich will nicht untersuchen, welche Motive die verschiedenen Personen bewegen, die alle in gleichem Sinne sprechen.«

»Graf Münster, – Windthorst« – sagte Graf Wedel, – »sie hoffen allerdings unter des Kronprinzen Regierung die omnipotenten Minister zu sein –«

»Gleichviel, wer es ist,« – fuhr der König fort, – »ich kann es verstehen, daß die Königin, daß viele dem Welfenhause ergebene Personen diese Ausführungen für wahr – annehmen, nur schmerzt es mich, daß man glauben kann, ich hätte nicht längst die Rettungsmittel ergriffen, – wenn es eben ein Rettungsmittel wäre. – Als von allen Seiten die Einwirkungen in diesem Sinne kamen, – als die Königin sogar telegraphisch mich dringend bat, zu abdiziren,« fuhr der König langsamer fort, – »da beschloß ich, mit einem Schlage klar zu werden über das, was meine Pflicht sei. Konnte meine Abdankung die Krone meinem Hause retten,« sprach er mit Betonung, »so war es meine Pflicht, zu abdiziren, – that sie dieß nicht, so war es meine Pflicht, alle jene Vorschläge zurückzuweisen; ich sendete deßhalb den Kultusminister von Hodenberg, der sich gerade hier befand, nach Berlin mit dem Aufträge, dem Grafen Bismarck geradezu die Frage zu stellen, ob meine Abdikation meinem Sohne die Krone erhalten könne.«

»Ah!« machte Gras Wedel.

»Herr von Hodenberg,« fuhr der König fort, »hatte am späten Abende eine lange und eingehende Unterredung mit dem Grafen Bismarck. Dieser erklärte ihm mit einer durchaus loyalen und anerkennenswerthen Offenheit, daß die Einverleibung Hannovers eine beschlossene Sache sei, welche das Interesse der künftigen Sicherheit Preußens unbedingt nöthig mache und auf welche meine Abdikation ohne jeden Einfluß sein würde. – Herr von Hodenberg stellte dem Grafen vor, daß die Bevölkerung Hannovers der Einverleibung in Preußen widerstrebe und unendliche Schwierigkeiten schaffen werde; der Graf aber erwiederte, daß er das wohl wisse, dadurch aber nicht irre gemacht werden könne in dem, was er für seine Pflicht gegen seinen König und sein Land halte. – Doch,« sagte er, sich unterbrechend, – »das ist hier Nebensache, ich werde Ihnen durch Lex den Bericht des Herrn von Hodenberg geben lassen, – damit Sie ihn ganz lesen, – er ist sehr interessant,– vor Allem aber mußten Sie die Antwort kennen, welche ich auf meine direkte Frage erhalten habe, – jetzt sagen Sie mir – was Sie denken?«

»Eure Majestät haben tausendmal Recht,« rief Graf Wedel, – »ich sehe von Neuem, wie leicht man vorschnell und falsch urtheilt, wenn man die Verhältnisse nicht kennt.«

Der Kammerdiener öffnete beide Flügel der Thüre und rief:

»Seine Majestät der König von Sachsen!«

Georg V. legte seinen Arm in den des Grafen.

Rasch schritt er, auf den Arm des Hofmarschalls gestützt, durch das chinesische Vorzimmer.

An der äußern Thüre desselben erschien die etwas gebückte, schlanke Gestalt des Königs Johann mit dem geistreichen, scharf gezeichneten Profil, dem lebhaften klaren Auge und dem ergrauten Haar. Hinter dem Könige schritt der Flügeladjutant Oberst von Thielau. Der König trug die sächsische Campagne-Generalsuniform.

Schnell eilte er dem König Georg entgegen und ergriff lebhaft dessen Hand. Graf Wedel trat zurück.

König Georg nahm den Arm des Königs von Sachsen und schritt, von diesem geführt, in sein Kabinet zurück. Der Kammerdiener verschloß die Thüren.

Der König Johann führte den König von Hannover zu dem Sessel vor seinem Tisch und zog dann einen in der Nähe stehenden Lehnstuhl heran. Beide Fürsten setzten sich.

»Ich habe sogleich zu Dir kommen wollen,« sagte der König von Sachsen, – »um Dir mitzutheilen, daß die Grundlagen meines Friedens mit Preußen festgestellt sind.«

»So wirst Du zurückkehren?« fragte der König Georg.

»Noch nicht,« erwiederte der König von Sachsen, – »die Ausführungsbestimmungen bedürfen noch längerer Arbeiten und die Truppen können nicht früher zurückkehren, als bis alle neuen Verhältnisse definitiv geordnet sind.«

– »Und bist Du zufrieden?« fragte der König von Hannover.

König Johann seufzte.

»Ich bin zufrieden,« sagte er, »daß mein Haus nicht von meinem Lande getrennt wird, – – im Uebrigen – die Sache, für welche ich mit Ueberzeugung eintrat, ist besiegt, – der Besiegte muß sich dem Schicksal fügen.«

»Mein Schicksal ist ebenfalls besiegelt,« sagte der König Georg mit trüber Stimme.

Der König von Sachsen ergriff mit tiefer Bewegung seine Hand.

»Glaube mir,« sagte er innig, »daß Niemand tiefer und herzlicher mitfühlen kann, was Dich bewegt, – aber,« fuhr er fort, »glaube mir auch, daß ich – wenn ich nur meinem persönlichen Gefühl folgte – weit lieber in Deiner Lage wäre, als in der meinigen. – Lieber – weit lieber – würde ich abtreten vom Schauplatz, mich zurückziehen in ruhige Einsamkeit, der Wissenschaft und den Künsten den Rest meines Lebens widmen, als jetzt einzutreten in neue und fremde, – drückende und demüthigende Verhältnisse,« fügte er seufzend hinzu.

Der König Georg neigte mit düsterem Ausdruck das Haupt.

»Und,« fuhr der König Johann lebhaft fort, – »dabei bleibt Deutschland getheilt, statt des einigen, föderalen Deutschlands werden wir zwei streitende Hälften haben, – o,« rief er, »für Deutschland, für seine Größe und Macht wollte ich jedes Opfer bringen, – aber wird dieß Ziel auf diesem Wege erreicht werden?«

Und sinnend blickte er vor sich hin.

»Was sagen die Sachsen zu diesem neuen Verhältniß, – wird es nicht große Schwierigkeiten hervorrufen?« fragte der König von Hannover.

»Das sächsische Volk wird manche schmerzlichen Empfindungen durchzumachen haben,« – erwiederte der König Johann ernst, – »ebenso wie ich, – aber wenn ich meinen Namen unter den Friedenstraktat gesetzt haben werde, so wird mein Wort unverbrüchlich und unter allen Verhältnissen gehalten werden, – und mein Volk wird darin hinter mir stehen. – Ich habe nur den einen Wunsch,« fügte er mit tiefem Seufzer hinzu, – »daß die schmerzlichen Opfer, die ich bringen muß, dereinst wenigstens beitragen möchten, Deutschland groß und einig zu machen!«

»Auf diesem Wege wird Deutschland nicht zum wahren Heil und zur rechten Größe kommen!« rief der König von Hannover.

König Johann schwieg.

»Meinen Minister von Beust muß ich aufgeben,« sagte er nach einer Pause.

»Fordert man das von Berlin aus?« fragte der König von Hannover.

»Nicht eben geradezu, – indeß legt man es unabweislich nahe, – außerdem würde seine Lage eine fast unmögliche sein, – ich bedaure es, denn seine Gewandtheit hätte mir das Einleben in die neuen Verhältnisse wesentlich erleichtert. – Vielleicht steht ihm,« fuhr der König fort, »noch ein weiteres Feld offen, auf welchem er seine Fähigkeiten erproben kann, – der Kaiser machte mir Andeutungen, – er scheint die Idee zu haben, ihn demnächst an Mensdorff's Stelle zu sehen, der ja auch hier weder bleiben kann noch will!«

»Herr von Beust hier in Oesterreich?« rief der König Georg in lebhaftem Erstaunen.

»Ja,« sagte der König von Sachsen nachdenklich, – »es wird viele Schwierigkeiten haben, – der Erzherzog Albrecht und die Erzherzogin Sophie scheinen eine tiefe Abneigung gegen die Idee zu haben, selbstverständlich muß die Sache bis zur vollständigen Abwickelung aller schwebenden Verhältnisse das tiefste Geheimniß bleiben.«

»Gewiß,« sagte König Georg. – »Was denkt denn Beust mit Oesterreich zu beginnen?« fragte er sodann, – »er tritt da eine schwere Erbschaft an, – um so schwerer, als er mit vielen feindlichen Elementen im eigenen Hause zu kämpfen haben wird.«

»Ein wesentliches Element denkt er sich zur Seite zu stellen und es mit dem Hause Habsburg zu versöhnen, – den Ungarn, deren Verstimmung so sehr dazu beitrug, die Fortsetzung des Widerstandes jetzt unmöglich zu machen, würde er zunächst die von ihnen stets geforderte Autonomie wiedergeben.«

»Den Schwerpunkt nach Pesth verlegen,« sagte der König Georg mit einer gewissen Bitterkeit, – »wie es Graf Bismarck gerathen.«

»Es würde ein zweiter Schwerpunkt in Wien bleiben,« erwiederte der König von Sachsen, »und aus dem Gleichgewicht beider würde die künftige Stärke Oesterreichs hervorgehen.«

»Aber die Kirche,« fragte der König von Hannover, – »würde sie Beust gut aufnehmen?«

»Ueber kirchliche Fragen vermeide ich zu sprechen,« sagte König Johann ernst, – »ich bin glücklich, daß die Verhältnisse und die Verfassung Sachsens mich nie in die peinliche Lage bringen, zwischen den politischen Nothwendigkeiten und meinen religiösen Gefühlen entscheiden zu müssen. – Hast Du gute Nachrichten von der Königin?« fuhr er abbrechend fort.

»Ich danke Dir,« antwortete König Georg, »es geht ihr so gut, als es unter den obwaltenden Verhältnissen möglich ist.«

»Ich bewundere ihren Heldenmuth und ihre würdige Haltung,« sagte der König von Sachsen, – nach einem kurzen Stillschweigen fragte er:

»Wirst Du hier bleiben? – oder nach England gehen?«

»Nach England?« rief König Georg, – »nach England, das keinen Finger rührt, um mich zu schützen, um das Land zu vertheidigen, das ihm eine Reihe glorreicher Könige gegeben, dessen Söhne in Englands Kriegen geblutet haben? Nein, – ich bleibe hier, hier im Hause meines Vetters, das er mir so freundlich zur Verfügung gestellt hat,« er trat mit dem Fuße leicht auf den Teppich, – »hier bin ich wenigstens auf welfischem Boden, hier will ich bleiben, bis die Tage des Unglücks sich wenden!«

»Du glaubst an eine mögliche Wendung des jetzigen Schicksals?« fragte der König Johann mit einem gewissen Erstaunen.

»Ich glaube daran,« sagte der König von Hannover mit fester Stimme.

»Aber,« fuhr König Johann fort, – »hier in Oesterreich, das uns so schwer im Vertrauen auf seine Macht getäuscht, – wir sind ihnen jetzt schon eine Verlegenheit, – die Lage wird peinlich werden –«

»Hier im stillen Hietzing,« erwiederte König Georg, »werde ich die politische Welt von Wien nicht in Verlegenheit setzen, – vielleicht aber,« fuhr er ernst fort, »eine lebendige Erinnerung an Verpflichtungen sein, die man doch nicht abstreifen kann!«

Der König von Sachsen stand auf, – König Georg erhob sich ebenfalls.

»Ich erwarte meinen Sohn,« sagte König Johann, –»er wird Dir seinen Respekt bezeugen.«

»Ich werde mich von Herzen freuen, den Kronprinzen zu sehen,« sagte König Georg.

Der König von Sachsen drückte ihm die Hand, – König Georg schellte, die Flügelthüren öffneten sich und Arm in Arm durchschritten beide Fürsten das Vorzimmer. König Georg geleitete seinen Gast bis an den Ausgang des Hauses und kehrte dann, auf den Arm des Grafen Wedel, der ihm gefolgt war, gestützt, in sein Kabinet zurück.

Inzwischen war Graf Platen und der Regierungsrath Meding im Vorzimmer erschienen.

Der Kammerdiener meldete sie dem Könige.

»Rufen Sie den Kronprinzen und den Geheimen Kabinetsrath,« befahl Georg V.

Nach einigen Minuten trat der Kronprinz Ernst August und der Kabinetsrath in das Kabinet des Königs, Graf Platen und der Regierungsrath Meding folgten ihnen, – Alle setzten sich auf einen Wink des Königs um den Tisch.

Der König begann mit ernster Stimme:

»Die Einverleibung Hannovers in Preußen ist unwiderruflich beschlossen,« sagte er, »und ich stehe vor einem ernsten Entschlusse, zu dem ich Ihren Rath, meine Herren, hören will. – Wie Sie wissen, hat die englische Regierung sich erb0ten, ihre Vermittlung eintreten zu lassen für die Regelung der Vermögensverhältnisse meines Hauses, und zugleich den Wunsch ausgesprochen, daß ich meine Armee von ihrem Fahneneide entbinde, – wodurch jene Vermögensverhandlungen sehr erleichtert werden würden. – Nach meiner persönlichen Neigung würde ich einfach jede Verhandlung ablehnen und die Wendung des unglücklichen Schicksals abwarten, – indeß es kommen dabei nicht nur die Interessen meines Hauses, sondern auch die Existenzen vieler meiner Offiziere in Frage, – was meinen Sie, daß geschehen könne, Graf Platen?«

»Majestät,« sagte der Graf, sich leicht verneigend, »ich bin der Meinung, daß Eure Majestät in den jetzigen Verhältnissen danach trachten müssen, so viel Geld als möglich zu haben, – denn die verfügbaren Mittel sind sehr beschränkt. Wenn nun, wie ich annehme, die preußische Regierung einen großen Werth auf die Entbindung der Armee vom Fahneneide legt, so läßt sich damit viel erreichen, – ich glaube, daß Eure Majestät nicht zögern dürfen, die Verhandlungen einzuleiten, jedoch dürfte die Fahneneidsfrage nicht erledigt werden, bevor ein günstiges Resultat erreicht ist!«

– »Vor Allem,« sagte der Kronprinz, »müßte man die Domänen unseres Hauses mit den Jagden zu erhalten suchen.«

»Was meinen Sie, lieber Regierungsrath?« sagte der König und richtete den Kopf mit gespanntem Ausdruck nach dem Regierungsrath Meding hin.

»Majestät,« erwiederte dieser, – »ich bin durchaus der Ansicht, daß Eure Majestät in diese Verhandlungen eintreten müssen, – doch möchte ich nicht ganz die Meinung Seiner Excellenz des Grafen Platen, auch nicht diejenige Seiner Königlichen Hoheit des Kronprinzen theilen. – Nach Eurer Königlichen Majestät fest und bestimmt ausgesprochenem Willen,« fuhr er fort, »muß ich voraussetzen, daß Allerhöchstdieselben das Schicksal, welches der Krieg für Hannover gebracht hat, nicht anerkennen, sondern mit allen Mitteln Ihr Recht verteidigen wollen –«

»Das will ich,« rief der König lebhaft, mit der Hand leicht auf den Tisch schlagend, – »und wenn mein Exil zwanzig, – wenn es dreißig Jahre dauern soll, so werde ich nie aufhören, für mein Recht zu streiten!«

»Eure Majestät haben dazu die vollständigste Berechtigung,« sagte der Regierungsrath Meding, – »es ist Ihnen der Krieg erklärt und kein Frieden mit Ihnen geschlossen, – Eure Majestät sind also im Kriegszustande und können demgemäß handeln, – müssen aber dann auch erwarten, daß von der andern Seite in gleicher Weise wird verfahren werden. Für uns, Eurer Majestät Diener, ist hienach die Pflicht klar vorgezeichnet,« fuhr er sich verneigend fort, – »da Eure Majestät den Kampf aufnehmen wollen, so müssen auch alle Maßregeln diesem Willen Eurer Majestät gemäß getroffen werden. – Der Besitz von Domänen im Königreiche Hannover macht Eure Majestät vollständig von der preußischen Regierung abhängig, – jeder Grundbesitz muß außerdem fast täglich durch konkludente Handlungen die Autorität der Behörden des Landes anerkennen, das Alles paßt nicht zu der Stellung, welche Eure Majestät einnehmen wollen. – Außerdem, – verzeihen Eure Majestät, aber ich kann mich von einem Grundsatz nicht trennen, der für meinen großen Meister in der Politik, den Herrn von Manteuffel, maßgebend war –«

»Ein preußischer Grundsatz,« sagte der Kronprinz lächelnd.

»Königliche Hoheit,« erwiederte der Regierungsrath Meding ernst, – »die Grundsätze, welche ich im preußischen Dienste gelernt und befolgt habe, werde ich nie verleugnen – und in Befolgung eines der unerschütterlichsten dieser Grundsätze habe ich in diesem Augenblick die Ehre, an der Seite meines Königs im Unglück zu stehen, – ich kann durch die Verhältnisse, die Pflicht und die Liebe zu meinem Herrn dem Lande meiner Geburt feindlich entgegenzutreten gezwungen werden, – verleugnen und gering achten werde ich es nie!«

Der Kronprinz schwieg.

»Sie haben vollkommen Recht,« sagte der König lebhaft, – »Sie würden mir kein treuer Diener sein, wenn Sie Ihren früheren Herrn verleugneten. – Herr von Manteuffel also –«

»Herr von Manteuffel,« sagte der Regierungsrath Meding, »pflegte zu sagen: Ein kluger General denkt vor Allem an den Rückzug. Auch bei dem Kampf, den Eure Majestät unternehmen, möchte ich oft und sorgfältig den Rückzug in's Auge fassen, – und wenn derselbe jemals angetreten werden muß, so scheint es mir nicht würdig, daß die Welfen Grundbesitzer in dem Lande sind, in welchem sie die Krone getragen, ein unabhängiges Kapitalvermögen wird dann die Basis zur Erwerbung von neuem Besitz in dem Lande geben, in welchem auch nach dem Verlust der Krone von Hannover den Fürsten des Welfenhauses eine große und schöne Zukunft sich öffnet: – in England.«

»Aber sollen wir denn alle Besitzungen unseres Hauses, die so voll Erinnerungen sind, aufgeben?« rief der Kronprinz.

»Erlangt Seine Majestät die Krone von Hannover wieder,« sagte der Regierungsrath, »so tritt er auch wieder in den Besitz der königlichen Domänen, – wo nicht – so können jene Erinnerungen nur schmerzlich sein. – Ich glaube übrigens,« fuhr er fort, – »daß Preußen gar keine Domänen zugestehen wird, ohne ausdrückliche Anerkennung seiner Souveränetät.«

Der König schwieg nachdenkend.

»Majestät,« sagte Graf Platen, »die Bemerkungen des Regierungsraths sind gewiß beachtenswert – allein eben so sehr berechtigt ist doch gewiß auch der Wunsch Seiner Königlichen Hoheit, – man könnte ja beide Ansichten vereinigen und einen Theil des Vermögens in Domänen – etwa ein Drittel, das Uebrige in Kapital verlangen.«

»Das würde ja die ganzen Verhandlungen auf eine schiefe Basis stellen und unendlich in die Länge ziehen,« sagte der Regierungsrath.

»Lassen Sie uns diesen Ausweg ergreifen,« sagte der König, – »was meinen Sie, lieber Lex?«

»Ich bin ganz mit dem Grafen Platen einverstanden,« sagte der Geheime Kabinetsrath.

Der Regierungsrath schwieg.

»Sie hatten aber noch ein Bedenken,« sagte der König, sich zu ihm wendend.

»Majestät,« sagte der Regierungsrath Meding, »mein zweites und sehr ernstes Bedenken bezieht sich auf den Zusammenhang, in welchen der Graf Platen die Vermögensverhandlungen mit der Entbindung vom Fahneneide bringen zu wollen schien. Ein solcher Zusammenhang mag wirkungsvoll sein können, – ich glaube indeß nicht, daß er der Würde Eurer Majestät entsprechend ist.«

Lebhaft richtete der König das Haupt empor.

»Sie nehmen mir das Wort aus dem Munde!« rief er lebhaft. »Niemals – niemals, niemals werde ich das Schicksal meiner Offiziere, meiner treuen und tapfern Armee, von Vermögensfragen meines Hauses abhängig machen. – Ich will,« fuhr er mit bestimmtem Ton fort, – »daß diese beiden Fragen vollständig von einander getrennt werden, und daß dieß der englischen Regierung klar und unzweideutig gesagt werde. – Was die Armee betrifft,« – sagte er nach einer Pause, – »so ist mein Entschluß gefaßt. Ich werde niemals die Armee vom Fahneneide entbinden, aber ich werde Jedem, der darum bittet, den Abschied bewilligen, – ich werde keinen meiner Offiziere tadeln, der ohne Vermögen gezwungen ist, sich den Verhältnissen zu fügen, – aber ich werde auch diejenigen nicht von mir lösen, welche mir treu bleiben können und wollen. Ich will militärisch Kommissarien nach Berlin senden, welche in diesem Sinne verhandeln und dafür günstige materielle Bedingungen für diejenigen Offiziere erwirken sollen, welche nicht in preußischen Dienst treten wollen. Arbeiten Sie die Instruktionen in diesem Sinne aus, meine Herren,« fuhr er fort, »und legen Sie mir dieselben vor. – Vor Allem aber: keine Vermengung meiner Vermögensangelegenheiten mit dem Schicksal der Armee! – Es wird auch nöthig sein,« fuhr er nach einigem Nachdenken fort, – »eine Protestation gegen die Einverleibung Hannovers zu entwerfen und bereit zu halten, um sie den europäischen Höfen zuzusenden, sobald die Annexion proklamirt wird, – auch muß ein Plan entworfen werden für ein energisches und thätiges Handeln, um den Kampf für die Wiedererlangung meiner Rechte vorzubereiten.«

»Mit dem Entwurf der Protestation in französischer Sprache habe ich bereits den Legationsrath Lumé de Luine beauftragt,« sagte Graf Platen, – »die Data und staatsrechtlichen Ausführungen dazu finden sich in der bereits versendeten Denkschrift über die hannöverische Politik! – Was nun,« fuhr er fort, – »die Thätigkeit betrifft, die wir entwickeln können, so wird sich dieselbe wohl auf die Agitation im Lande beschränken, – und auf die scharfe Beobachtung der europäischen Politik, – die wesentlichste Chance zur Wiedererlangung der Krone Hannovers kann demnächst doch nur in dem Schutze und dem guten Willen derjenigen Großmächte liegen, welche etwa einen Krieg gegen Preußen führen.«

»Ich möchte doch der Ansicht sein, Majestät,« sagte der Regierungsrath Meding, »daß der Plan für die nächstliegende Thätigkeit, – welche ja heute hier nicht ausführlich diskutirt und definitiv festgestellt werden kann, in etwas größerem Maßstabe und auf weiteren Grundlagen entworfen werden müßte. – Was die Agitation in Hannover selbst betrifft, so ist dabei die größte Vorsicht nöthig, – um nicht unglückliche Opfer in's Verderben zu stürzen, aus dem wir keine Macht haben sie zu retten. – Der wesentliche Schwerpunkt scheint mir anderswo zu liegen,« fuhr er fort. – »Eine Wiederherstellung der Rechte Eurer Majestät und der Krone Hannovers ist nur dann möglich, wenn dasjenige Prinzip, welches heute unterlegen ist – das Prinzip der föderativen Einigung Deutschlands mit autonomischer Selbstständigkeit seiner Stämme – jemals den Kampf wieder aufnimmt und siegreich wird. Das wird aber nur geschehen können, wenn in diesem Prinzip die Monarchie mit dem Fortschritt, – mit der Demokratie sich verbindet.«

»Sie wollen doch nicht den König durch die Demokratie auf den Thron zurückführen?« rief Graf Platen.

»Wenn dieß überhaupt möglich ist,« erwiederte Herr Meding, »so ist es nur die Macht des wahren Vernünftigen Geistes der reinen Demokratie, welche uns unterstützen kann, – nicht jener Demokratie, welche alles Erhabene und Hochragende herabzieht in den schmutzigen Brei der Masse, – sondern der Demokratie, welche in Uebereinstimmung mit dem Fortschritt der geistigen Entwickelung des Volkes dieses immer mehr und mehr erhebt zur Theilnahme an seinen gemeinsamen öffentlichen Angelegenheiten. – Eure Majestät erlauben mir,« sagte er nach einer kurzen Pause, während der König mit gespanntem Ausdruck zuhörte, – »mich noch etwas deutlicher auszudrücken; die einfache Legitimität, so heilig und ehrwürdig sie für mich ist, bildet heute keinen Faktor mehr im öffentlichen Leben, – sie bewegt nicht mehr das Gefühl der Völker, nicht mehr die Politik der Kabinette. Die Monarchie, – wenn sie in ihre weise, segensreiche und durch das Recht der Jahrhunderte geheiligte Form die lebendige Entwickelung der Zukunft einschließen und begrenzen will, muß diese Form der lebendigen Bewegung anpassen – sie muß sich vermählen mit der Freiheit. Der Boden, der Grund des Rechts muß der alte sein, verwachsen mit dem Felsengrund der Jahrtausende, – aber auf diesem Boden müssen wir die Früchte der Freiheit erwachsen lassen – so allein kann die Monarchie Dauer – und Berechtigung für die Zukunft haben. – Das ist der Zug der ganzen Welt, – in Deutschland insbesondere schließt sich an das Weltbedürfniß der Freiheit die Liebe zur Autonomie und Eigenart des gesonderten Stammes; diese beiden Grundsätze, diese beiden tiefen bewegenden Kräfte sind es, welche in Kampf und Gegensatz stehen zu dem, was sich jetzt vollzogen hat, soweit sich heute die Entwickelung der Verhältnisse übersehen läßt. Die logische Folge wird für das Erste sein, daß Autonomie und Freiheit mehr beschränkt werden, als vorher, – deßhalb wird, wenn jemals eine Aenderung der heutigen Zustände möglich ist, diese nur dadurch erfolgen können, daß der im Geist des deutschen Volkes lebende Drang nach Autonomie und Freiheit sich gegen die angestrebte militärische Centralisation erhebt. – Wollen Eure Majestät daher wirksam kämpfen, so müssen Sie Allerhöchstsich und die hannöverische Sache zu einer Verkörperung jener nationalen Prinzipien Deutschlands machen, Sie müssen an sich heranziehen alle Kräfte, welche das Volk bewegen in seinen edlen Elementen, Sie müssen die Gewalt der Waffen mit der Gewalt des Geistes bekämpfen. Kommt dann ein Augenblick, in welchem der Sturm das unvollendete Gebäude dieser Tage erfaßt, dann werden Eure Majestät die Fahne erheben und Deutschlands Volk für die föderative Autonomie und die Freiheit zum Kampfe rufen. – Wie aber so in geistiger Arbeit die Vorbereitungen getroffen werden müssen, so ist es auch nöthig, für den wirklichen Kampf zu rüsten, – nicht durch Agitationen und Demonstrationen, sondern in Herstellung wirklicher Organisationen, aus denen sich dereinst die Cadres einer Armee bilden lassen, und durch wachsames und unablässiges Verfolgen der Fäden der großen europäischen Politik, damit Eure Majestät den richtigen Augenblick zum Handeln zu wählen im Stande sind und damit Sie auch so viel als möglich auf den Gang der Ereignisse einwirken können. – Ein bloßes Agitiren und Demonstriren ist völlig zweck- und erfolglos nach meiner Ueberzeugung, – ein bloßes Anschließen an diese oder jene Kabinetspolitik höchst gefährlich – denn Eure Majestät werden doch gewiß nicht als König von des Kaisers von Oesterreich oder gar Napoleon's III. Gnaden wieder auf den Thron von Hannover steigen wollen. Die vollste Selbstständigkeit des Handelns, geistig und materiell, ist nothwendig; – wir müssen womöglich die Sympathie aller europäischen Kabinette für uns gewinnen, aber von keinem abhängig sein. In dieser Selbstständigkeit allein liegt die Möglichkeit eines Erfolges – selbst unter gewissen Voraussetzungen, welche durchaus nicht außerhalb der logischen Möglichkeit liegen, durch einen ehrenvollen Frieden mit dem Gegner; – ohne diese Selbstständigkeit und ohne das feste Bündniß mit den geistigen Kräften des deutschen Volkes werden alle Bestrebungen unnütz sein, sie werden der Würde Eurer Majestät nicht entsprechen und« – fügte er mit leiserer, aber fester Stimme hinzu, »Eure Majestät werden keine Organe dafür finden.«

Eine augenblickliche Pause trat ein.

»Mit einem Wort also,« sagte der Regierungsrath Meding, – »Eure Majestät müssen den Kampf mit Waffen aufnehmen, welche schneidig und wirksam sind – und edel und würdig zugleich, damit auch die Gegner uns achten – damit, wenn Alles vergeblich ist – das Welfenhaus seiner tausendjährigen Vergangenheit gemäß endet und die Geschichte einst sagen könne: Sie sind gefallen, aber nicht gesunken – Ich habe,« fuhr er nach einem kurzen Stillschweigen fort, »nur in großen Zügen die Ideen entwickeln können, welche nach meiner unmaßgeblichen Ansicht die Richtschnur für unsere Thätigkeit bilden müssen, – ich muß mir vorbehalten, näher darauf zurückzukommen, wenn Eure Majestät es befehlen werden.«

»Eine solche Thätigkeit wird aber viel Geld kosten,« sagte der Kronprinz.

»Es läßt sich auch mit geringen Mitteln viel erreichen, Königliche Hoheit,« erwiederte der Regierungsrath Meding, – »wie ich aus Erfahrung sagen kann – indeß, wenn man um Kronen spielt, darf man den Einsatz nicht zu ängstlich zählen.«

Der König erhob das Haupt.

»Ich bin mit Ihren Ansichten vollkommen einverstanden, mein lieber Meding,« sagte er, »das legitime Recht verträgt sich vollkommen mit der Freiheit – mit der wahren und vernünftigen Freiheit, – ich scheue wahrlich den Strom des Geistes nicht, und an meiner Thätigkeit und meinem Willen soll es nicht fehlen. – Wir kommen auf die Sache zurück, – ich bin begierig, näher darauf einzugehen.«

»Es wäre gewiß sehr zweckmäßig, mit den Männern der Volkspartei in Verbindung zu treten,« sagte Graf Platen, – »und der Regierungsrath Meding könnte ja immer solche Beziehungen anknüpfen, – persönlicher Natur,« fügte er hinzu, »Eure Majestät müßten die Möglichkeit und Freiheit behalten, die Sache zu desavouiren –«

Lebhaft erwiederte Herr Meding:

»Wenn ich mit irgend einer Regierung verhandle, so gibt es Fälle, wo jeder Diplomat von vornherein bereit sein muß, sich desavouiren zu lassen, – sollte ich aber mit Organen des Volkes verhandeln, so würde beim ersten Desaveu meine Ehre und Ueberzeugung mir gebieten, auf die Seite Jener zu treten und ihre Sache zu der meinigen zu machen. – Uebrigens,« fügte er mit einer Verneigung gegen den König hinzu, – »weiß ich, daß das von Seiten Eurer Majestät niemals geschehen wird.«

Der König ließ seine Uhr repetiren.

»Es ist Zeit zum Diner,« sagte er, »ich sehe die Herren ja alle bei mir. Bereiten Sie also die Instruktionen vor, – und dann werden wir den Plan für unsere Aktion feststellen.«

Er erhob sich. Sämmtliche Anwesenden standen auf. Graf Platen, der Geheime Kabinetsrath und der Regierungsrath Meding verließen das Kabinet und kehrten in den chinesischen Salon zurück.

Hier war die zum Diner des Königs befohlene Gesellschaft schon versammelt. Sie bestand außer dem Adjutanten vom Dienst aus dem Feldmarschall-Lieutenant von Reischach, dem Prinzen Hermann von Solms und dem Hauptmann von Düring.

Graf Wedel hatte seinen Dienst angetreten und trug den Stab des Hofmarschalls.

Baron Reischach sprach mit dem Prinzen Hermann.

»Wie stolz dieser vortreffliche kleine Prinz ist,« sagte er, freundlich lächelnd, »über den ersten Pulverdampf, den er gerochen – ja, ja,« fuhr er seufzend fort, »das sind schöne Zeiten, – die nicht wiederkommen, – ein alter zerschossener Krüppel, wie ich, kommt nicht mehr dazu, die Musik der Kanonen zu hören –«

»Wenn man Sie aber sieht,« sagte der Prinz, »so frisch, so rosig, sollte man wahrlich nicht denken, daß diese Zeit Ihnen so fern läge, – wäre das weiße Haar nicht, so würde man Sie für einen jungen Mann halten.«

»Die Damen in Wien nennen meinen Kopf eine bezuckerte Erdbeere,« sagte der General lachend, – »aber diese Frucht lockt sie doch nicht mehr, – die Zeit des Kriegs und der Liebe ist vorbei, – aber das alte Herz da bleibt doch jung und freut sich stets über einen so vortrefflichen kleinen Prinzen, der sich so tapfer geschlagen hat!«

Und der alte General klopfte dem Prinzen freundlich auf die Schulter.

Graf Platen trat heran und begrüßte Herrn von Reischach.

»Was gibt es Neues in Wien?« fragte er.

»Wenig,« sagte Herr von Reischach achselzuckend. »Doch,« – fuhr er fort, »ein halber Landsmann von Ihnen, ein Mecklenburger, entführt uns eine unserer schönsten Damen.«

»Wer?« fragte Graf Platen.

»Der Baron Stielow heirathet in vierzehn Tagen die kleine Gräfin Frankenstein.«

»Ah,« sagte Graf Platen, »Herr von Stielow, der Ordonnanzoffizier bei Gablenz war?«

»Derselbe.«

»Er hat sich konvertirt, wie ich gehört habe.« sagte der Prinz Hermann.

»Ans Liebe zu seiner Braut,« erwiederte Herr von Reischach, – »und aus Dankbarkeit für ihre Rettung aus großer Lebensgefahr, – sie hatte sich bei der Pflege der Verwundeten eine Blutvergiftung zugezogen. – Sie werden nach der Hochzeit längere Zeit reisen –«

Der Haushofmeister öffnete die Thüren des Speisesaales.

Graf Wedel trat in das Kabinet des Königs.

Unmittelbar darauf öffneten sich dessen beide Flügelthüren, Graf Wedel stieß seinen Stab auf den Boden und der König erschien in der Oberstenuniforin seines österreichischen Regiments, den Stern des St. Stephansordens auf der Brust, das Maria-Theresienkreuz um den Hals, am Arm des Kronprinzen.

Er grüßte die Gesellschaft mit einem leichten Neigen des Kopfes und schritt in den Speisesaal, wohin Alle ihm folgten.

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Langsam hatte sich der Lieutenant von Wendenstein erholt, seit seine Natur die Krisis überwunden, und wenn auch oft noch Augenblicke und Stunden großer Schwäche gekommen waren, so hatte doch im Ganzen die Besserung ohne bedenkliche Schwankungen ihren Fortgang genommen und der Arzt hatte die Hoffnung gegeben, daß für die künftige Gesundheit des jungen Mannes keine nachtheiligen Folgen Zurückbleiben würden.

Je mehr die Besserung aber fortschritt, – je mehr die Kräfte des Kranken zurückkehrten, je mehr sein Blick klar, freudig und fest aus dem allmälig sich wieder mit leichter Röthe färbenden Gesicht strahlte, um so mehr hatte sich Helene zurückgezogen und die Pflege der Frau von Wendenstein und ihrer Tochter überlassen, während sie selbst ihren ganzen Eifer darauf richtete, der alten Dame alle möglichen Aufmerksamkeiten zu erweisen und ihr die gewohnte häusliche Bequemlichkeit zu ersetzen.

Das war aber gar nicht nöthig, denn Frau von Wendenstein bedurfte keine andere Stärkung, als den Blick in das täglich sich mehr und mehr belebende Gesicht ihres Sohnes.

Mit strahlenden Augen und glücklichem Lächeln folgte sie den Fortschritten der Genesung und mit der scharfen Beobachtung der Mutterliebe entdeckte sie jede noch so feine und unmerkbare Nüance, welche durch Farbe und Ausdruck auf dem Gesichte des jungen Offiziers die Rückkehr des frischen Lebens und der Jugendkraft andeutete.

Frisch und heiter wurde sie wieder und mit lebhaftem Interesse hatte sie Einblick genommen in die häusliche Wirthschaft des alten Lohmeier – sie hatte oft ihre große Zufriedenheit und zugleich ihr Erstaunen geäußert über die große Ordnung in den reichen Leinenschätzen, in allem übrigen Hausgeräth und in der Eintheilung der Tagesarbeit, – da doch nur ein so junges Mädchen, wie Margarethe, dem Allen vorstand, – dann hatte sie hier und dort guten Rath ertheilt, freundlich den reichen Schatz ihrer Erfahrung als Hausfrau geöffnet und mit inniger Liebe hatte das junge Mädchen sich ihr angeschlossen, mit tiefer Verehrung blickte der alte Lohmeier auf diese so vornehme, so würdige Dame, welche doch so genau mit allen häuslichen Angelegenheiten Bescheid wußte und welche so freundlich und mütterlich seiner Tochter, dem Stolz seines Herzens, die Hand reichte.

Der Lieutenant hatte es wohl bemerkt, daß Helene nicht mehr an seinem Bette erschien, fragend ruhte oft sein Blick auf ihr, als er wieder aufstehen durfte und im Zimmer seiner Mutter saß, – aber er sprach wenig, – war es ihm doch nicht ganz klar, ob die süßen und reizenden Bilder, welche wie eine duftige Erinnerung in seinem Innern lebten, Wahrheit oder Gebilde seiner krankhaften Phantasieen gewesen.

Träumerisch und still ging Helene einher, sie hob selten das Auge zu dem jungen Manne empor – die tiefen Gefühle ihres Herzens, welche in den Tagen der Angst und Gefahr so mächtig emporgewallt waren, hatten sich wieder still in die innerste Verborgenheit versenkt, und der zarte, dichte Schleier weiblicher Zurückhaltung deckte das Leben ihrer Seele.

Frau von Wendenstein hatte oft den milden Blick voll Theilnahme auf das junge Mädchen gerichtet, – aber sie hatte mit keinem Worte das stille innere Leben und Weben des jungfräulichen Herzens berührt, sie wußte, daß ein edles weibliches Herz eine Blume ist, die sich erschließen und blühen muß auf ihre eigene Weise – erschreckend und sich schließend bei jeder Berührung.

Sie hatte in ihrem stillen, frommen Sinn auch diese beiden jungen Herzen in die Hände Gottes befohlen, der sie lenken und führen werde nach seinen gnädigen und liebevollen Rathschlüssen.

Der Kandidat war wenig gekommen. Er war unermüdlich thätig, die Kranken zu trösten und zu erbauen, und in der ganzen Stadt sprach man von ihm mit Anerkennung und Hochachtung. Er hatte auch dem Lieutenant von Wendenstein, als dieser wieder gekräftigt der sicheren Genesung entgegensah, freundliche und herzliche Worte gesagt, ihn zur Dankbarkeit gegen die Vorsehung ermahnt, welche ihn von den Grenzen des Todes in's Leben zurückgerufen, – den Lieutenant aber hatte beim Anblick seines Gesichts und beim Ton seiner Stimme ein unwillkürliches konvulsivisches Zittern ergriffen und dann hatte er lange dagesessen in tiefem Sinnen – schauerlichen, furchtbaren Bildern folgend, welche in verworrenen Schrecknissen aus seiner Erinnerung heraufstiegen, – welche es ihn, aber nicht in feste, klare Formen zu bringen gelungen war. Und jedesmal, wenn er den Kandidaten sah, hatte er dasselbe unerklärliche Gefühl von Kälte und Todesangst, jedesmal suchte er von Neuem in seinen Erinnerungen und konnte sie doch nicht zur Klarheit bringen, – er schalt sich selbst wegen seiner Abneigung gegen den frommen jungen Geistlichen, und je mehr seine Genesung fortschritt und seine Nerven wieder die alte Spannkraft annahmen, um so mehr kämpfte er dagegen an und zwang sich, freundlich und herzlich gegen den Kandidaten zu sein.

So war in ruhigem Stillleben der Tag herangekommen, an welchem die Damen mit dem Lieutenant, der wieder langsam zu gehen begonnen hatte, nach Blechow zurückreisen sollten. In die Freude über den dem Leben wiedergegebenen Sohn hatte sich ein neuer, tiefer Schmerz für Frau von Wendenstein gemischt. Die Einverleibung Hannovers in Preußen war als beschlossen und unabänderlich bekannt, und der Oberamtmann hatte in einem ruhigen, aber traurigen Brief seiner Frau mitgetheilt, daß er seinen Abschied erbeten habe, da er in den letzten Jahren seines Lebens nicht im Stande sei, einem neuen Herrn zu dienen. Er wolle zunächst nach Hannover ziehen und dann für seinen Sohn, den Lieutenant, von dem er ebenfalls nicht wünsche, daß er in den neuen Verhältnissen im Militärdienst bleibe, ein Landgut kaufen, wo dann für die ganze Familie eine neue Heimat erwachsen solle.

Diesen Brief hatte Frau von Wendenstein am Vorabend der Abreise erhalten. Als sie ihn gelesen, rannen langsam große Thränen aus ihren Augen. So sollte sie denn nur heimkehren, um das alte Haus zu verlassen, in dem sie nun so lange Jahre geschaltet und gewaltet hatte, in dem jede Stelle verwachsen war mit lieben Erinnerungen ihres in seiner stillen und einfachen Abgeschlossenheit so glücklichen Lebens. – Aber sie konnte den Entschluß ihres Mannes, dessen Willen sie ohnehin in Allem zu gehorchen gewöhnt war, nur billigen, und als sie dann weiter dachte, über den schweren Abschied von dem Amtshause, das ja doch nicht ihr eigenes war, hinaus, als sie daran dachte, dann ihrem Sohne eine eigene Heimat zu gründen und auszustatten, ein Haus zu rüsten, das die bleibende Wohnstätte ihrer Kinder und Enkel sein solle, – da trocknete sie ihre Thränen, ein mildes Lächeln spielte um ihre Lippen und mit heiterer Ruhe las sie den Brief des Oberamtmanns den Ihrigen vor.

Freudig strahlte das Gesicht des Lieutenants.

»O, wie danke ich dem Vater!« rief er, »für diesen Entschluß, wie danke ich ihm, daß er mir erlaubt, mich vom Dienst zurückzuziehen, es wäre zu schmerzlich für mich gewesen, die alten Fahnen zu vergessen, für die ich mein Blut vergossen!«

Und lächelnd seiner Mutter die Hand reichend, sagte er:

»Und wie schön wird meine liebe Mama, unsere neue Heimat einrichten, – o – es wird reizend sein!«

Und sein voller, strahlender Blick fiel auf Helene, welche, die Augen auf ihre Arbeit gesenkt, ihm gegenüber saß. Sie blickte nicht auf, – aber sie fühlte diesen Blick und eine dunkle Röthe flog über ihr Gesicht, – und Frau von Wendenstein sah mit weichem, glücklichem Lächeln zu ihr herüber, – aus dem Kummer der Gegenwart stieg vor ihr das Bild einer lichten, freundlichen Zukunft empor.

Während dieß in den oberen Räumen des Hauses vorging, saß Margarethe mit ihrem Vater und Fritz Deyke bei dem einfachen Abendessen. Das junge Mädchen löste mit geschickter Hand die braune Schale von den schön aufgeplatzten, frischen Kartoffeln, den Erstlingen der dießjährigen Frucht, für ihren Vater und den Gast, der im Hause so heimisch geworden war.

Alle Drei schwiegen, düster blickte der junge Bauer vor sich hin.

»Sie essen nicht,« sagte der alte Mann, auf den Teller seines Gastes blickend, obgleich er selbst eben so wenig Appetit zeigte.

»Vielleicht habe ich es nicht recht gemacht,« sagte Margarethe, indem sie versuchte, den Ton scherzhaften Schmollens anzunehmen, – aber es klang wie Thränen durch diesen Ton.

Fritz Deyke warf einen schnellen Blick auf ihr bleiches Gesicht und ihre niedergeschlagenen Augen.

»Ich kann nicht!« rief er mit halb erstickter Stimme, entschlossen Messer und Gabel neben seinen Teller legend. »Wenn ich daran denke, daß ich morgen fortgehen soll,« fuhr er fort, – »dann möchte ich wahrhaftig wünschen, niemals hieher gekommen zu sein; wenn ich so wieder zu Hause sitzen und hieher denken werde, – an die ganze Zeit – an unsern Tisch hier, – wie hübsch das Margarethe Alles gemacht hat, – dann werde ich gar nichts mehr essen können!«

Der alte Lohmeier blickte ihn voll Theilnahme an, – man sah, auch ihm wurde es schwer, an die Trennung von dem frischen, treuen und guten Burschen zu denken.

»Bleiben Sie noch hier!« sagte er einfach, »Sie wissen, daß wir Sie gern behalten.«

Margarethe sah mit schimmerndem, feuchtem Blick zu dem jungen Bauern hinüber.

»Das kann nichts helfen,« sagte dieser, – »einmal muß ich ja doch fort, und je später, desto schlimmer wird es.«

Er seufzte tief und sein Auge begegnete dem Blick des jungen Mädchens.

Margarethe zuckte zusammen und brach in lautes Schluchzen aus. Schnell sprang sie auf, bedeckte das Gesicht mit den Händen und lehnte weinend den Kopf an einen großen Schrank, der in der Tiefe des Zimmers stand.

Fritz Deyke eilte zu ihr hin.

»Mein Gott, mein Gott,« rief er und versuchte die Hände von ihrem Gesicht zu ziehen, – »ich kann das nicht ansehen, – mir wird das Herz zerspringen!«

Dann stand er einen Augenblick still vor dem weinenden Mädchen, die Augen in tiefem Sinnen auf den Boden geheftet.

Schnell trat er zum Tische zurück – vor den Alten hin.

»Herr Lohmeier« sagte er mit fester Stimme, – »ich kann's nicht länger zurückhalten, – ich wollte erst nach Haus und mich mit meinem Vater verständigen, – und dann wollte ich zurückkommen, – aber es geht nicht – das Weinen kann ich nicht ansehen – da muß ich ein Ende machen, und was mein Vater sagen wird, das weiß ich schon im Voraus, – Herr Lohmeier – ich kann ohne die Margarethe nicht zufrieden und glücklich sein, – ich habe reichlich, – überreichlich – um eine Frau zu ernähren, – ich weiß, Sie glauben, daß ich ein rechtschaffener Bursche bin – geben Sie mir Ihre Tochter!«

Margarethe rührte sich nicht, sie nahm die Hände nicht von ihrem Gesicht, – ihr leises Weinen war hörbar in dem stillen Zimmer, während Fritz Deyke in athemloser Spannung auf den Alten blickte.

Dieser sah ernst vor sich hin. Ein lebhaftes Erstaunen zeigte sich nicht auf seinen Zügen, – er mochte wohl Aehnliches erwartet haben, – aber nachdenkend schwieg er eine Weile.

»Mir wäre es schon recht,« sagte er dann – »ich habe Sie liebgewonnen und würde Ihnen mit Ruhe das Glück meines Kindes anvertrauen, – aber da sind noch zwei Personen zu fragen – meine Tochter zuerst–«

Mit einem Sprunge war Fritz neben dem jungen Mädchen.

»Margarethe,« rief er, – »willst Du mit mir gehen?« Er legte den Arm um ihre Schultern und zog sie sanft nach dem Tische zu ihrem Vater hin.

Sie ließ die Hände, mit denen sie noch immer ihr Gesicht bedeckt hatte, sinken – ihre Augen standen voll Thränen, – aber sie strahlten von Liebe und Vertrauen, und indem sie frei und voll den jungen Menschen ansah, sagte sie laut und klar:

»Ja!«

»Nun, das wäre Eins,« sagte der alte Lohmeier lächelnd, – »das Zweite aber ist ernster, – das ist die Einwilligung Ihres Vaters. – Die Zeit ist ernst und traurig,« fuhr er trübe fort, – »wird Ihr Vater, der alte Hannoveraner, die preußische Schwiegertochter freundlich in seinem Hause willkommen heißen, – die Tochter des treuen und festen Preußen, die ich verleugnen würde, wenn sie jemals die Liebe zu ihrem Könige vergäße?«

Fritz Deyke schwieg einen Augenblick.

»Herr Lohmeier,« sagte er dann, »Sie wissen, daß ich Hannoveraner bin von ganzem Herzen und von ganzer Seele, und daß es mir ein großer Schmerz ist, daß wir jetzt preußisch werden sollen, – aber was kann ich, und was kann Margarethe dafür? Wir haben die Politik nicht gemacht und können sie nicht anders – wollte Gott, Preußen und Hannover könnten sich so gut verständigen wie wir Beide, – ich übrigens,« fuhr er heiterer fort, – »kann mich gar nicht beklagen, – denn wenn Preußen mein Vaterland nimmt, so nehme ich dafür das Beste, was es für mich in Preußen gibt, und meine Annexion ist friedlicher und nimmt das Herz zum Herzen!«

Er umschlang Margarethe und blickte bittend den Alten an.

Dieser aber sah noch immer ernst darein.

»Wird Ihr Vater auch so denken?« fragte er.

Fritz dachte einen Augenblick nach.

Plötzlich rief er:

»Warten Sie einen Augenblick!« und schnell eilte er aus dem Zimmer.

Betroffen blickte der Alte ihm nach. »Wohin geht er?« fragte er.

»Ich glaube, ich weiß es,« sagte Margarethe – »er hat mir oft erzählt von der hohen Verehrung, welche sein Vater für die Frau von Wendenstein hegt, und wie er auf ein Wort von ihr Alles zu thun bereit sei.«

Nach kurzer Zeit kam Fritz Deyke zurück.

»Die gnädige Frau von Wendenstein läßt Sie bitten, zu ihr zu kommen,« sagte er mit glücklichen Blicken zum alten Lohmeier.

Dieser stand sogleich auf, stäubte mit den Fingern die Aermel seines Rockes ab, strich mit der flachen Hand über das graue Haar und ging hinauf.

Fritz und Margarethe blieben allein.

Er setzte sich und zog das junge Mädchen sanft auf einen Stuhl, den er neben den seinen gestellt.

Was sie sich sagten? So wenig und doch so unendlich viel, so Altes und doch so ewig Neues – eine jener unzähligen Variationen der ewigen Liebesmelodie, die durch das Menschenleben klingt von der Wiege bis zum Grabe, und deren unvergängliche Tone die Seele hinübertragen in die große Harmonie der Ewigkeit.

Frau von Wendenstein führte den alten Lohmeier in das Krankenzimmer ihres Sohnes, – dort blieben sie eine halbe Stunde allein und das Resultat dieser Unterredung war, daß der Alte seine Zustimmung zu der Verlobung seiner Tochter mit Fritz Deyke gab, mit dem Vorbehalt der Einwilligung des alten Deyke, und damit dieser seine künftige Schwiegertochter kennen lerne, war verabredet, daß Margarethe Frau von Wendenstein begleiten sollte. Diese hatte es übernommen, sie dem Vater ihres Geliebten vorzustellen, und sie zugleich in die wirtschaftlichen Verhältnisse der Gegend einzuweihen – und mit großem Stolz hatte der alte Lohmeier diesen Vorschlag angenommen, denn seine Verehrung für diese alte Dame, welche hier jetzt viele Wochen lang am Bette ihres Sohnes in seinem Hause zugebracht hatte, war ganz ungemein groß. Mit wichtiger und würdiger Miene hatte er den jungen Leuten mitgetheilt, was er »mit der gnädigen Frau von Wendenstein verabredet,« – und das Glück war groß bei den Beiden, wenn auch Margarethe mit einigem Zagen daran dachte, daß sie dem gestrengen Bauermeister gegenübertreten sollte, von dem ihr Fritz immer mit so großem Respekt gesprochen.

So war die Abreise herangekommen. Bei einer leisen Andeutung, welche Frau von Wendenstein früher gemacht über einen Ersatz für die Kosten und die Mühe, welche ihr und ihres Sohnes länger Aufenthalt dem alten Lohmeier verursacht, hatte dieser sich so entschieden gekränkt und beleidigt gezeigt, daß nie wieder davon die Rede gewesen, – am Tage der Abreise gab sie Margarethen ein prachtvolles Kreuz in Rubinen und Diamanten an einer Schnur großer Perlen.

»Ich habe hier viele Thränen geweint,« sprach sie sanft, – »daran mögen Sie die Perlen erinnern, mein liebes Kind, – aber die ewige Liebe, die wir anbeten unter dem heiligen Leidens- und Erlösungszeichen des Kreuzes, hat meine Thränen getrocknet und mein Herz getröstet und erhoben. – Daran möge Sie das Kreuz erinnern – und wenn Sie in Ihrem Leben Thränen vergießen, dann blicken Sie auf das Kreuz mit festem Glauben und innigem Vertrauen.«

Mit feuchten Augen hatte Margarethe das Geschenk empfangen, bewegt hatte der alte Lohmeier die weiße, feine Hand der Frau von Wendenstein an seine Lippen gedrückt und das Kreuz mit der Perlenschnur sorgfältig verschlossen in einen alten Eichenschrank, in welchem die einfachen und gediegenen Schmucksachen seiner verstorbenen Frau aufbewahrt waren, – das Alles sollte seine Tochter haben, wenn sie sich verheiratete und als Hausfrau einzöge in den alten, stattlichen Bauerhof im Wendlande.

Und dann waren sie abgereist, begleitet von tausend Glück- und Segenswünschen des alten Lohmeier, der, wenn Alles geordnet wäre, versprach, nachzukommen und im Stillen schon daran dachte, für die letzten Tage seines Lebens dem einzigen Kinde nachzufolgen in die neue Heimat.

So hatte auf der Stätte, wo im blutigen Kampfe die Waffen der Hannoveraner und der Preußen sich gegen einander erhoben, die christliche Barmherzigkeit und der liebevolle Zug zweier jungen, frischen Herzen aus der Saat des Hasses Liebe geerntet – nach dem Willen des Ewigen, der überall das Böse zum Guten wendet und der auf den Wegen, welche die Dämonen des Kampfes und Streites die Menschen führen, überall mit unermüdlicher Sorge ihren finstern Spuren das lichte Kind des Himmels folgen läßt: die Versöhnung.

Traurig und ernst war das Wiedersehen in Blechow. Lange drückte der Oberamtmann schweigend den dem Tode entrissenen Sohn an die Brust; stumm küßte er die Stirn der Gattin. Trübe und ernst waren die Tage, die folgten.

Der Oberamtmann arbeitete mit dem Auditor von Bergfeld, um die Akten des Amtes in voller Ordnung als Beweis der rechten und pünktlichen Dienstführung dem Nachfolger übergeben zu können, – Frau von Wendenstein ging in stiller, wehmüthiger Geschäftigkeit im Hause umher, um alle die lange gesammelten Schätze einer fast zwanzigjährigen Haushaltung, doppelt werthvoll durch die Erinnerungen, welche sich an sie knüpften, nur ihrem Blick und ihrem Herzen verständlich, – um alle diese Schätze einzupacken in große Kisten für den Transport aus dem alten, weiten Hause. Und die großen, mächtigen Eichenschränke sahen so traurig aus mit den geöffneten Thüren und den leeren Fächern, und durch das ganze Haus wehte schaurig und kalt der Geist des Abschieds, der Trennung, – dieser Geist, der wie ein Bote des Todes finster durch das Menschenleben zieht, jedesmal, wo er uns nahe tritt, das Herz berührend mit dem bangen Vorgefühl des großen, letzten Abschiedes für die Ewigkeit. Jeder Abschied bricht eine Blüte aus dem vollen Kranz, mit welchem der Frühling des Lebens unser Herz schmückt, bis sie zuletzt alle hinabsinken unter die winterliche Schneedecke des Todes, – aber jede Blüte läßt auch eine Frucht zurück, welche die Keime in sich trägt zu reineren und schöneren Blumen, die sich dereinst erschließen werden zu unzerstörbarer Schönheit unter dem Lebenshauch des ewigen Frühlings.

Fritz Deyke hatte eine lange Unterredung mit seinem Vater gehabt, und finster hatte der Alte vor sich hingeblickt bei den Worten seines Sohnes. Er liebte diesen Sohn, er hatte unbedingtes Vertrauen zu ihm und er war fest überzeugt, daß seine Wahl keine unwürdige sei, – aber eine städtische Schwiegertochter im Hause zu haben, – eine preußische Frau im alten Bauerhofe des hannöverischen Wendlandes, das wollte ihm nicht in seinen Sinn. Doch er sagte nichts und ging auf die Bitte seines Sohnes zum Amthause zur Frau von Wendenstein.

Als nun die alte Dame, zu welcher er emporblickte wie zu einem Musterbilde aller weiblichen Vollkommenheit, ihm erzählte von der gastlichen Aufnahme, welche ihr verwundeter Sohn und sie Alle im Hause des alten Lohmeier gefunden, als sie ihm den Wohlstand des bürgerlichen Besitzes schilderte, der Margarethens Vater zugehörte – als sie ihm freundlich und herzlich zusprach, die großen Kämpfe der Zeit nicht zu übertragen an den stillen Herd des Hauses, da hatte er ernst und ruhig der alten Dame die Hand gereicht und gesagt:

»Es sei, wie mein Sohn es wünscht, – er ist brav und treu, – die Frau, die er in mein Haus führt, soll mir willkommen sein und mein väterlicher Segen soll auf ihrem Haupte ruhen.«

Dann hatte Frau von Wendenstein die Thüre des Nebenzimmers geöffnet, und tief erröthend in zitternder Verwirrung, aber mit freiem und klarem Blick war Margarethe hereingetreten, – gekleidet in die Tracht der reichen Bäuerinnen des Wendlandes. Rasch schritt sie auf den Alten zu, ergriff seine Hand und küßte sie und eine warme Thräne fiel auf diese rauhe, arbeitgewohnte Hand nieder.

Da flog ein weiches, mildes Lächeln über das starre, tiefgefurchte Gesicht des alten Bauermeisters, sanft, wie lange nicht, blickte sein Auge auf die kräftige, schlanke Gestalt des jungen Mädchens nieder, – er legte seine Hand auf ihr glänzendes Haar und sprach mit tiefer Stimme:

»Gott segne Dich, meine Tochter!«

Damit war Alles gesagt – und Alles in Ordnung; – es war ein Mann von wenig Worten der alte Deyke, – aber sein Wort war ein Felsen, und wenn es gesprochen war, so konnte man Häuser darauf bauen.

Dann war Margarethe in sein Haus gekommen, und als sie da einherging an seiner Seite, als sie mit staunender Bewunderung den Reichthum dieses alten Hofes ansah, als sie mit klugem Verständniß hie und da eine Bemerkung über die Verhältnisse der Wirthschaft machte, da war sein Gesicht immer heller und heller geworden. Als sie dann aber die Mägde aus der Küche fortgeschickt und mit geschickter Hand ganz Allein das Feuer entzündet und das Mittagsessen gekocht, als sie den Tisch gedeckt und Alles so gewandt und zierlich aufgetragen hatte, während Fritz sie mit leuchtenden Augen ansah, – als sie endlich dem Alten die Pfeife gebracht, die Kohle darauf gelegt und ihn dann mit den großen klaren Augen so lieblich und bittend angesehen, da hatte sein Blick sich leicht umflort, das Bild seiner verstorbenen Hausfrau stieg freundlich vor ihm empor, – er hatte seinem Sohn die Hand gereicht und gesagt:

»Ich danke Dir, daß Du mir diese Tochter gebracht.«

In tiefer Rührung waren beide jungen Leute vor ihm niedergekniet und mit halb erstickter Stimme hatte er leise zu ihnen gesagt:

»Gott segne und behüte euch, – meine lieben, lieben Kinder!«

Der Lieutenant ging still und sinnend umher. Seine Wunde war fast geheilt, seine Nerven stärkten sich wieder und die wunderbare Regenerationskraft der Jugend ließ das Blut immer voller und frischer durch seine Adern strömen. Er sah Helene selten; kam sie vom Pfarrhause herüber, so waren sie umgeben von den Uebrigen und wenige Worte hatten sie mit einander gewechselt. Der alte, heitere und vertrauliche Ton, welcher früher zwischen den Jugendgespielen geherrscht hatte, wollte nicht wiederkommen, – es war etwas Neues und Wunderbares zwischen ihnen, das scheu zurückbebte von der Lippe, wenn es in Worten Ausdruck suchte.

An einem Nachmittage, während der Oberamtmann mit dem Auditor arbeitete und Frau von Wendenstein mit ihren Töchtern und Margarethe bei dem traurigen Geschäfte der Auflösung des Hauses thätig war, schritt der Lieutenant langsam und gedankenvoll den Weg zum Pfarrhause heraus.

Die Rosen waren verblüht in dem kleinen, freundlichen Garten, und die herbstlichen Astern erhoben ihre bunten Häupter, hie und da überragt von großen, weithin leuchtenden Sonnenblumen.

Helene saß am offenen Fenster und blickte oft von ihrer Arbeit träumerisch in die herbstliche Gegend, – ihr Vater und der Kandidat waren hinausgegangen, um einige Besuche in der Gemeinde zu machen, – sie war allein mit ihren Gedanken.

Plötzlich fuhr ein leichtes Zittern durch ihre Glieder, eine schnelle Röthe schlug in ihrem zarten Gesicht auf, sie ließ die Arbeit in den Schooß sinken. Der Lieutenant von Wendenstein kam den Weg herauf und schritt durch den Garten dem Hause zu.

Einen Augenblick später ertönte sein Klopfen an die Thüre, mit Anstrengung rief sie: »Herein!« und der junge Mann trat in's Zimmer.

Ein freudiger Schimmer leuchtete in seinem Gesicht auf, als er Helene allein sah.

Rasch näherte er sich ihr und reichte ihr die Hand.

»Der Vater ist ausgegangen,« sagte sie mit niedergeschlagenen Augen und bebender Stimme, – »wollen Sie Platz nehmen!«

Der Lieutenant blieb vor ihr stehen und blickte sie tief und innig an. Dann hob er ihre Hand an seine Lippen und drückte einen Kuß darauf.

Tief erröthend wollte sie die Hand zurückziehen, – er hielt sie mit sanfter Gewalt fest.

»Ich bin sehr glücklich,« sagte er, – »Sie allein zu finden, – ich habe Sie schon lange etwas fragen wollen, – worüber ich nicht klar bin.«

Sie hob erstaunt und fragend den Blick zu ihm empor, – sie wollte sprechen, aber sie fand kein Wort.

»Helene,« sagte er mit leiser Stimme, – »als ich verwundet und krank in Langensalza lag, ohne Kraft zum klaren Denken, vom Fieber umfangen, da umschwebten mich so süße, freundliche Bilder, – ich sah vor mir einen tröstenden Engel, der mich so treu und liebevoll ansah, – ich hielt seine Hand in der meinen, ich drückte meine Lippen auf diese hülfreiche, gütige Hand, – und ich sagte aus dem Grunde meines Herzens: ›liebe Helene‹« –

Sie zog jetzt rasch ihre Hand zurück und setzte sich in heftiger Bewegung auf den Stuhl am Fenster, blaß und zitternd die Augen auf den Boden geheftet.

Er trat zu ihr heran und fuhr in innigem Tone fort:

»Sagen Sie mir nun – denn über meine Erinnerungen aus jener Zeit legt sich zuweilen ein trüber Schleier – sagen Sie mir, waren das Gebilde meiner Phantasie, die ich nicht aus meiner Seele entfernen kann, die mich immer und immer verfolgen – oder war es Wirklichkeit?« –

Sie antwortete noch immer nicht und saß still und regungslos da.

»Helene,« sagte er bittend, – »in diesen süßen Bildern meiner Erinnerung sah ich auch einen Blick, der mir so schöne und liebe Dinge sagte in stummer Sprache, – dieser Blick steht vor mir Tag und Nacht, – Helene, sehen Sie mich nur einmal an, damit ich sehen kann, ob das Bild in meinem Herzen den Fieberträumen oder der Wahrheit angehört.«

Er sank vor ihr in die Kniee und ergriff ihre herabhängende Hand, mit sehnendem, liebevollem Ausdruck zu ihr aufschauend.

Da schlug sie langsam das Auge auf, – und in diesem Auge las er die Antwort, dieß Auge sprach wieder jene stumme Sprache, die in seinem Herzen wiedertönte, – und wie damals drückte er ihre Hand an seine Lippen, wie damals ließ sie sie ihm lieblich lächelnd, und wie damals sagte er glücklich und strahlend, mit weichem Tone: »Liebe, liebe Helene!«

Lange saßen sie stumm und sahen sich in die Augen – er konnte nicht müde werden, diese lieben Züge zu betrachten, die sich in den Tagen der Todesgefahr so tief in seine Seele gegraben hatten.

Dann aber sprang er auf, beugte sich über sie und schloß sie innig und fest in die Arme.

Die Thüre öffnete sich, – der Pastor und der Kandidat traten ein.

Voll Erstaunen blickte der alte Herr auf diese unerwartete Szene, – ein jäher Blitz zuckte mit bösem, feindlichem Ausdruck aus den scharfen Augen des Kandidaten, schnell aber senkten sich seine Blicke zu Boden und ein glattes Lächeln spielte um seinen Mund.

Helene hatte in lieblicher Verwirrung den Kopf tief gesenkt, – der Lieutenant trat rasch dem Pastor entgegen und ergriff lebhaft dessen Hand.

»Lieber Herr Pastor,« sagte er mit entschlossenem Tone, – »meine liebe Jugendfreundin Helene hat mein Leben behütet und bewacht, als es an einem schwachen Faden noch mit der Welt zusammenhing, – ich habe sie gebeten, auch weiter – immer und immer – der treue Engel meines Lebens zu sein – und – sie will es –« fügte er mit einem glücklichen Blick auf das junge Mädchen hinzu, – »wollen Sie einst an dem Altar dieser lieben Kirche, wo ich Ihnen das Bekenntniß der Konfirmation ablegte, unsere Hände ineinander fügen?«

Und er blickte treuherzig dem alten Geistlichen in die Augen, der noch immer tief erstaunt vor dieser Wendung der Dinge stand, von welcher sein einfacher, ruhiger Blick nichts geahnt hatte.

Er sah seine Tochter an. Der Blick, welchen sie schüchtern und erröthend auf den jungen Mann warf und dann bittend zu ihm erhob, sagte ihm, daß zwischen den jungen Leuten Alles einig sei und daß Gott hier zwei Herzen zu einander geführt hatte, die es ihm nicht zukam zu trennen. Er liebte den jungen Offizier und konnte nur mit Zufriedenheit diese Fügung annehmen, welche ihm den jungen Mann so nahe führte, – aber seine Gedanken und Pläne in Bezug auf seine Tochter hatten eine so ganz andere Richtung gehabt, – er konnte sich nicht so schnell in diese neue Lage finden.

Helene sprang auf, – eilte zu ihrem Vater und lehnte sich an seine Brust.

Der alte Herr warf einen ernsten Blick auf seinen Neffen, welcher mit mildem, gleichmäßigem Lächeln und gesenkten Blicken dastand.

»Mein lieber Herr von Wendenstein,« sagte er, – »Sie wissen, wie sehr ich Sie und Ihre Familie von Jugend auf liebe, – und wenn meine Tochter Ihnen ihr Herz geschenkt, so kann ich nur als Vater und als Geistlicher die Hände segnend auf Ihre Häupter legen, – ich muß indeß gestehen, daß das Alles mich sehr überrascht, – ich hatte andere Gedanken in Bezug auf die Zukunft meiner Tochter,« – und er blickte abermals ernst und forschend zu dem Kandidaten hinüber.

Dieser trat zu ihm hin und sprach mit ruhiger Stimme und freundlichem Lächeln, ohne die Augen aufzuschlagen:

»Laß keinen Mißton in die freundliche Harmonie dieser Stunde dringen, lieber Oheim, – Du weißt, ich bin vor Allem meinem geistlichen Beruf ergeben, – irdische Wünsche, so theuer sie meinem Herzen sein mögen, können den geistlichen Frieden meiner Seele nicht stören, und wenn der Himmel es anders fügt, als ich es gewünscht und gehofft, so sehe ich darin nur eine gnädige Weisung, mich mehr und mehr mit der ganzen Kraft meiner Seele vom Irdischen abzuwenden, um diese ganze Kraft der treuen Erfüllung meines heiligen Amtes zu widmen. Ich werde aus tiefster Seele für das Glück meiner Cousine beten! – Ich bringe Ihnen meinen herzlichen Glückwunsch, Herr von Wendenstein,« fuhr er fort und reichte dem jungen Offizier die Hand.

Dieser ergriff sie lebhaft mit bewegtem Blick auf den jungen Geistlichen. Aber die Hand war kalt wie Eis und ein tiefer Schauer durchdrang unwillkürlich alle Nerven des Lieutenants, als er sie berührte und ihren zähen, schlangenartigen Druck fühlte. – –

Zum letzten Male sollte das alte Amtshaus in Blechow um seinen gastlichen Tisch die Freunde des Hauses vereinen, um die Verlobung des Lieutenants mit Helenen zu feiern. So hatte es der Oberamtmann gewollt, und er hatte auch bestimmt, daß der alte Deyke, Fritz und Margarethe und auch der alte Lohmeier, der herübergekommen war, an diesem Ehren- und Freudentage der Familie theilnehmen sollten, der zugleich ein ernster und schwerer Abschiedstag war. Der Oberamtmann wollte diesen harten, traurigen Abschied verklären durch die Vereinigung mit der Feier zweier Herzensbündnisse – Alle sollten in das Leben eine freundliche, lichte Erinnerung mitnehmen an die vergangenen Tage des alten Hauses – der alten Zeit, welche nun mit erlöschenden Strahlen hinabsank in das Meer der Vergangenheit.

Alles war bereits gepackt und zur Absendung fertig, – nur das Tischgeräth und das alte, schwere Silberzeug war noch draußen, um zum letzten Male seine gediegene Pracht zu entfalten.

Am Morgen war der Regierungsassessor von Wendenstein gekommen und hatte eine lange und ernste Unterredung mit seinem Vater gehabt.

Er theilte ihm mit, daß man ihm angetragen, als Hülfsarbeiter in das Ministerium des Innern in Berlin einzutreten, und er sprach den Wunsch aus, dem Antrage zu folgen, da er dort dafür wirken könne, mit schonender, milder Hand sein Vaterland in die neuen Verhältnisse einzufügen. Doch stellte er seinen Entschluß der Entscheidung des Vaters anheim.

Lange stand der alte Oberamtmann ernst, in tiefem Sinnen da.

»Du bist jung, mein Sohn,« sagte er dann mit ruhiger, milder Stimme, »Dein Leben gehört der Zukunft, Du mußt in die Arbeit des Lebens hinein und darfst Dich nicht in die Vergangenheit begraben. Der König hat alle Beamten ihres Eides entbunden, – Du bist also frei, – ergreife die Gelegenheit, eine Carrière zu machen und Deine Kraft für das gemeine Beste nützlich zu verwenden, – vergiß aber nie Dein gutes, treues hannöverisches Vaterland, – halte seine Erinnerung heilig in Deinem Herzen, – und wo Du kannst – wirke, daß man ihm mit Liebe entgegenkomme und seinen Schmerz um die schöne und ehrenvolle Vergangenheit achte. Mein Segen sei mit Dir auf Deinem neuen Wege!«

Schweigend hatte der Regierungsassessor die Hand seines Vaters geküßt und dann war zwischen Beiden nichts mehr darüber gesprochen worden. –

Ernst und bewegt saß die Gesellschaft um den Tisch im Speisesaal des Amtshauses. Voll Würde nahm der alte Deyke seinen Platz zur Seite des Oberamtmanns ein, – verlegen, aber stolz und glücklich saßen Fritz und Margarethe neben einander, in lichter Freude blitzte das Auge des Lieutenants, in stiller Seligkeit schimmerte das zarte, sinnige Gesicht Helenens, und wollte zuweilen eine Thräne in das sanfte, klare Auge der Frau von Wendenstein dringen, so blickte sie hin auf den wiedergeschenkten Sohn und seine liebliche Braut, – und ein glückliches Lächeln spielte um ihre Lippen, so daß es schwer gewesen wäre, zu sagen, ob der silberne Tropfen an ihrer Wimper aus dem bittern Kelche des Schmerzes oder aus der klaren Quelle der Freude entstamme.

»Denkst Du noch daran, meine süße Helene,« sagte der Lieutenant leise zu seiner Geliebten, – »wie Du mir einst auf der Terrasse die dunkle Wolke zeigtest, welche in die Ferne zog aus dem silbernen Strahl des Mondes? Siehst Du, sie ist wiedergekommen und ruht im vollen und reinen Licht, – und nun soll sie keinen Blitz und kein Wetter mehr in sich tragen, sondern Segen und Glück bringen dem Garten unseres Lebens!«

Sie sah ihn lächelnd, mit liebevollem Blick an. –

»Es scheint,« flüsterte sie, »daß Du jetzt den Schlüssel zu dem Reich der Bilder und Träume gefunden hast,– den Du damals glaubtest nur aus meinen Händen empfangen zu können.«

»Und habe ich ihn nicht aus Deinen Händen?« sagte er, – »Du hast ihn mir gegeben an den Grenzen des Todes, – und ich will ihn treu bewahren im goldenen Licht des Lebens!«

Das Dessert war aufgetragen. – Ein Posthorn erschallte draußen.

»Der Herr Baron von Klentzin,« meldete der alte Diener nach einigen Minuten.

»Das ist der Verwalter des Amtes Blechow« – sagte der Regierungsassessor, »welchen der Civilkommissär von Hardenberg bestimmt hat, um Dich abzulösen, lieber Vater.«

Ernst erhob sich die Gesellschaft.

Der preußische Beamte trat ein, ein großer, schlanker junger Mann, elegant in seiner Erscheinung, gewandt in seinen Bewegungen.

Würdig und ruhig ging ihm der Oberamtmann entgegen.

»Seien Sie mir willkommen, Herr von Klentzin, in meinem Hause, – das heute noch das meine ist, – und morgen das Ihrige sein wird,– Sie finden uns bei der Feier eines Familienfestes, der Verlobung meines Sohnes, und ich bitte Sie, sich zu uns zu sehen.«

Er stellte den jungen Mann seiner Frau und den Uebrigen vor und deutete ihm dann den Platz neben der Frau von Wendenstein an. Auf seinen Wink reichte der Diener dem Gast einen gefüllten Champagnerkelch.

»Ich werde Ihnen morgen das Amt übergeben,« sprach der alte Herr, – »und ich hoffe, Sie werden es in Ordnung finden, – heute erlauben Sie mir, Sie nur als Gast zu behandeln.«

Herr von Klentzin verneigte sich.

»Ich komme als ein Fremder in Ihren Kreis,« sprach er, – »und ich fühle, daß ich Ihrem Herzen kaum willkommen sein kann. – Aber ich bitte Sie, Herr Oberamtmann, – und Sie Alle hier, überzeugt zu sein, daß ich Ihre Gefühle auf das Tiefste würdige und achte, – wir wissen, was die Liebe zum Vaterlande heißt, – und wahrlich,« fügte er mit warmem Tone hinzu, – »wir kommen zu Ihnen mit offener Hand und offenem Herzen. Möchte die Zukunft uns Alle vereinigen ohne Schmerz und Bitterkeit in Liebe zu dem gemeinsamen, großen deutschen Vaterlande! – Jetzt erlaube ich mir auf das Wohl des Brautpaares mein Glas zu leeren!«

»Herr von Klentzin,« sagte der Oberamtmann mit einem Klange tiefer Wehmuth in der Stimme, – »solange hier um meinen Tisch sich Freunde gastlich vereinten, war es eine schöne und unabänderliche Sitte des Hauses, zu trinken auf das Wohl unseres Königs und Landesherrn, – er ist jetzt fern – er ist nicht mehr der Herr dieses Landes – Sie werden es verstehen, wenn ich wünsche, an diesem letzten Tage, den ich hier verlebe, von der alten Sitte meines Hauses nicht abzuweichen. Eine neue Zeit steigt herauf, – aber gedenken wir der alten in Segen und Liebe!«

Herr von Klentzin ergriff sein Glas.

»Nur aus der Liebe zur Vergangenheit kann der Segen der Zukunft erblühen,« sprach er mit bewegter Stimme, »und fern sei es mir, den Scheidegruß an die Vergangenheit durch meine Gegenwart zu stören.«

Alle erhoben sich.

Ernst sprach der Oberamtmann:

»Dem Könige, der unser Herr war und dem der Dienst meines Lebens gehörte! Gottes Segen folge ihm nach!«

Die Stimme versagte ihm.

Tief bewegt neigte Herr von Klentzin sein Glas gegen das des Oberamtmanns und in leiser Schwingung zitterte der Klang durch die tiefe Stille des Gemachs.

Alle leerten schweigend ihre Gläser.

Das war der letzte Toast auf den König Georg V. im alten Amtshause zu Blechow.

Sinnend blickte Herr von Klentzin nieder.

»Wir haben ein schönes, reiches Land gewonnen,« flüsterte er vor sich hin, – »Gott gebe, daß wir auch diese Herzen gewinnen zu treuer und starker Brüderschaft!«

Neunundzwanzigstes Kapitel.

König Wilhelm war nach seiner Residenzstadt Berlin zurückgekehrt, – jubelnd empfangen von dem Volke, das sich nicht zu fassen wußte in seiner Bewunderung und seinem Entzücken über diesen unerhörten Feldzug von sieben Tagen, welcher in seinen gewaltigen Resultaten Preußen unter den Großmächten Europas so hoch emporgehoben und Deutschland so mächtig seiner nationalen Einigung entgegengeführt hatte. Der erste Rausch des Entzückens der Berliner war vorüber – Alles begann wieder in das gewohnte Geleis zurückzukehren, – wenigstens äußerlich, – wenn auch in allen Herzen noch immer und immer das Hochgefühl der Siegesfreude nachklang.

In früher Morgenstunde trat König Wilhelm in sein Arbeitszimmer – wie immer im Militär-Ueberrock mit dem eisernen Kreuz und dem Orden pour le mérite.

»Ist Schneider da?« fragte er den dienstthuenden Kammerdiener.

»Zu Befehl, Majestät, der Geheime Hofrath wartet, im Vorzimmer.«

Der König winkte und herein trat der Geheime Hofrath Louis Schneider, eine große Mappe unter dem Arm.

»Guten Morgen, Schneider!« rief der König mit freundlichem Lächeln, – »nun ist Alles wieder in der alten Ordnung, – und wir können wieder die regelmäßige Arbeit beginnen, – was gibt es in der Literatur, – was haben Sie da in Ihrer großen Mappe?«

»Majestät,« sagte der Geheime Hofrath, »erlauben mir Allerhöchstdieselben zunächst nochmals hier, nachdem die gewohnte Ordnung wieder in ihre Rechte getreten ist, meinen unterthänigsten Glückwunsch zu dem so herrlich hinausgeführten Kriege auszusprechen, – hier an dieser Stelle,« fuhr er bewegt fort, »wo ich zum letzten Male vor Eurer Majestät stand an jenem Tage, als Sie sorgenvoll in die Zukunft blickten, da Alle sich von Ihnen abwendeten. Eure Majestät haben von Neuem gesehen, daß der König von Preußen nicht schwach ist, wenn er allein steht!«

»Wenn er die zwei Alliirten hat, die auf unserer Devise ihn umgeben,« sagte der König still lächelnd – »Gott – und – das Vaterland!«

Er schwieg einen Augenblick. Der Hofrath öffnete seine Mappe.

»Nun, was haben Sie Neues?« fragte der König.

»Majestät,« sagte Herr Schneider, – »es ist eigentlich Alles eine Variation auf dasselbe Thema – Freude über den Sieg, Dankbarkeit gegen den königlichen Sieger und seine Räthe und Feldherrn. Die ganze Presse ist ein großer Dithyrambus, der theils erhaben, theils rührend, theils auch komisch seine Gefühle ausspricht. Dabei fehlt es denn aber auch nicht an gutem Rathe für Preußen und den Norddeutschen Bund, – es ist unglaublich, wie viele diätetische Vorschriften für das politische Wohlbefinden Deutschlands hier gegeben werden. – Befehlen Eure Majestät einige Proben zu hören?«

Der König schwieg und blickte sinnend vor sich hin.

»Schneider,« sagte er dann ernst, – »die Menschen sind doch sehr undankbar!«

Erstaunt richtete der Geheime Hofrath den Blick auf das ernste Antlitz des Königs.

»Majestät,« rief er, – »ich will nicht leugnen, daß die Undankbarkeit ein leider sehr bemerkbarer Zug im Charakter des Menschengeschlechtes sei, aber gerade in diesen Tagen möchte man versucht sein, an eine Ausnahme zu glauben, – denn überall sieht man Ausbrüche der Dankbarkeit – gegen Eure Majestät, – gegen die Generale –«

»Gerade in diesen Tagen,« sagte der König immer in demselben ernsten Ton, – »finde ich die Welt und die Berliner besonders recht undankbar. – Man dankt mir,« fuhr er fort, »in überschwenglichen Worten, – meinem Fritz – den Generalen allen, –nur Einen vergißt man, – Einen, der doch wahrlich seinen vollen Theil hat an dem großen Erfolg, den uns Gott gegeben!«

Der Geheime Hofrath blickte noch immer fragend zum Könige auf.

»Niemand denkt in diesen Tagen an meinen Bruder, den hochseligen König!« sagte König Wilhelm mit leise zitternder Stimme.

Tiefe Rührung bewegte das bisher so heitere und ruhige Antlitz des Hofraths, – eine Thräne glänzte in der Wimper seines Auges.

»Ja, bei Gott!« rief er mit seiner vollen sonoren Stimme, – »Eure Majestät haben Recht, uns Alle undankbar zu nennen –«

»Wie tief, wie treu,« sagte der König, indem ein unendlich weiches Licht aus seinem Blick schimmerte, – »trug er Deutschlands Größe und Preußens Beruf in seinem edlen Herzen, – wie sorgte er, so weit es die Verhältnisse ihm gestatteten, unablässig für die Stärkung der Armee und des Staatsorganismus, um Preußen immer kräftiger zur Erfüllung seines Berufes zu machen, – wie groß und licht stand die Zukunft Deutschlands vor seinem Geist, – und hätte nicht die plumpe Hand der Revolution in die Ausführung seiner Pläne und Absichten hineingegriffen –«

Der König schwieg – seinen Gedanken folgend.

Mit tief warmem Blick ruhte das Auge des Geheimen Hofraths auf den sinnenden Zügen des ritterlich einfachen Herrn.

»Aber wenn uns Gott gegeben,« fuhr der König fort, »die Frucht des Baumes zu pflücken, so dürfen wir doch Den nicht vergessen, dessen sorgende Hand diesen Baum gepflegt, seine Wurzeln begossen in der Zeit der Dürre, – er hat es wahrlich nicht um uns verdient.«

Der König wendete sich zu seinem Schreibtisch und nahm ein Blatt Papier.

»Ich habe da einige Gedanken aufgesetzt,« – sagte er ein wenig zögernd, – »Data über Alles, was der hochselige König für die Stärkung Preußens, seines Heeres und Staates und für die Einigung Deutschlands erstrebt und gethan hat, – ich möchte, daß darüber ein Artikel geschrieben und – etwa in der Spener'schen Zeitung, damit alle Berliner es lesen – gedruckt werde. Wollen Sie das besorgen?«

Und er reichte dem Geheimen Hofrath das Blatt.

Dieser nahm es mit ehrfurchtsvoller Bewegung, immerfort ruhte sein Blick mit bewunderndem Erstaunen auf den bewegten Zügen des Königs.

»Ich werde das sogleich besorgen,« sagte er, – »befehlen Eure Majestät, daß der Artikel eine besondere Überschrift tragen solle?«

»Er soll bemerkbar gemacht werden,« sagte der König, »damit Jedermann ihn liest – man kann darüber setzen,« fuhr er nach einem kurzen Nachsinnen fort, – »›Dem königlichen Bruder‹ – wenn Alles ihn vergißt – so darf ihn der Bruder nicht vergessen.«

»Zu Befehl, Majestät,« sagte der Geheime Hofrath, – »ich werde das sogleich ausführen, – und,« fügte er mit tief überzeugungsvoller Stimme hinzu, – »ich werde von heute an, erlauben Eure Majestät mir es auszusprechen, als das schönste Bild aus diesen großen Tagen in meinem Herzen tragen: den Sieger von Königgrätz, der inmitten der rauschenden Jubellieder seines Volkes auf das stille Grab des königlichen Bruders die volle Hälfte seines reichen Lorbeerkranzes niederlegt.«

»Es that mir weh,« sagte der König sanft lächelnd, »daß man in diesem Siegesjubel so gar nicht der Verdienste meines Bruders gedacht hat, – ich habe doch nur auf den Grundlagen fortgebaut, die er gelegt. – Nun gehen Sie hin,« fuhr er fort, – »und sorgen Sie, daß der Artikel bald erscheint, – für heute wollen wir das Andere lassen, – Sie werden das mit dem Herzen besorgen, – ich weiß ja, wie treu Sie an dem hochseligen Herrn hingen.«

Und er reichte dem Hofrath die Hand, litt aber nicht, daß dieser sie an seine Lippen drückte.

Dann wendete der König sich um und trat still und sinnend vor seinen Schreibtisch, während der Hofrath schweigend das Kabinet verließ.

*

Auch der Graf von Bismarck war zurückgekehrt und hatte sich mit rastloser Energie den zahlreichen Arbeiten gewidmet, welche die Ordnung der neugeschaffenen, in alles Bestehende tief eingreifenden Verhältnisse bedingte.

Wieder saß der Graf in seinem Arbeitszimmer in ziemlich vorgeschrittener Abendstunde vor dem mit Papieren bedeckten großen Tisch, eifrig beschäftigt, die Entwürfe zu lesen und zu durchdenken, die man ihm vorgelegt hatte.

Ein kurzes Klopfen ertönte an der Thüre, welche nach dem Vorsaal führte.

Der Graf blickte auf. Es mußte einer seiner Vertrauten sein, der auf diese Weise zu ihm kam.

Mit kurzem, klarem Tone rief er:

»Herein!«

Der Baron von Keudell trat in das Kabinet.

Freundlich lächelnd nickte ihm der Minister zu.

»Was bringen Sie mir noch, lieber Keudell?« fragte er, ein Aktenstück zur Seite legend, das er eben durchblättert hatte, – »ist etwas Besonderes passirt?«

»Allerdings, Excellenz,« sagte Herr von Keudell, »ist eine ziemlich außerordentliche Sache an mich herangetreten, – welche ich Ihnen sogleich und ohne Zögern mittheilen wollte. – Herr Hansen ist hier und so eben zu mir gekommen.«

»Hansen, – der dänische Agitator?« fragte Graf Bismarck.

»Derselbe,« sagte Herr von Keudell, – »nur ist er dießmal nicht als dänischer Agitator, sondern als französischer Agent hier.«

Eine Wolke zog über die Stirn des Grafen Bismarck.

»Was will man denn noch in Paris?« rief er,– »ist man noch nicht zufrieden, – Benedetti hat sich ja vollständig zur Ruhe gegeben? –«

»Ich glaube, man will noch einen vertraulichen Versuch machen,« sagte Herr von Keudell, – »und ich wollte Eure Excellenz bitten, Herrn Hansen selbst zu hören, – er hat mir eine Art von Beglaubigung von Drouyn de Lhuys gegeben, nach welcher er Mitteilungen von Interesse zu machen in der Lage ist.«

»Drouyn de Lhuys ist nicht mehr Minister,« sagte Graf Bismarck.

»Er ist allerdings zurückgetreten,« erwiederte Herr von Keudell, »und Lavalette verwaltet das Ministerium bis zur Ankunft von Moustier, allein seine Beglaubigung dürfte noch immer beweisen, – daß Hansen in der That Mittheilungen zu machen hat, – die man vorläufig nicht auf diplomatischem Wege machen will, bis man weiß, wie sie aufgenommen werden.«

»In der That,« sagte Graf Bismarck nach einigem Nachsinnen, »warum sollte ich ihn nicht hören? – Mein Entschluß allen diesen direkten und indirekten Propositionen gegenüber steht ja doch fest,« fügte er mit ruhigem Lächeln hinzu. – »Wo ist Herr Hansen?«

»Ich habe ihn mitgebracht,« antwortete Herr von Keudell, – »er wartet unten, und wenn Eure Excellenz befehlen –«

»Haben Sie die Güte, ihn herzuführen,« – sagte der Minister, – »ich sehe Sie wohl noch bei der Gräfin?«

Herr von Keudell verneigte sich. Eine Minute später führte er Herrn Hansen in das Kabinet und entfernte sich, nachdem der Graf den kleinen, einfach und unscheinbar dastehenden Mann mit würdiger und zurückhaltender Freundlichkeit begrüßt und neben seinem Schreibtisch zum Sitzen eingeladen hatte.

Die klaren, durchdringenden grauen Augen des Grafen ruhten fragend auf dem klugen Gesicht des Dänen.

»Excellenz,« sagte Herr Hansen, – »ich bin Ihnen im Namen meines Vaterlandes aufrichtig dankbar für die großmüthige Rücksicht, welche Sie nach so großen Siegen und so unbestrittenen Erfolgen in dem Artikel V. der Friedensstipulationen auf die dänische Nationalität zu nehmen die Güte haben wollten.«

Graf Bismarck neigte leicht den Kopf.

»Ich habe nichts gegen Dänemark,« sagte er, – »im Gegentheil, ich achte und respektire diese kleine kräftige Nation und wünsche lebhaft, daß Deutschland mit ihr in Frieden und Freundschaft lebt. – Es wird auf Ihre Landsleute ankommen, daß sie nicht durch unmäßige und überspannte Forderungen die schleunige, praktische Ausführung der Prinzipien erschweren und verzögern, welche in den Friedensschluß zur Regelung unserer Beziehungen zu Dänemark aufgenommen werden.«

»Ich wünsche Eurer Excellenz nützlich zu sein,« sagte Herr Hansen, »und deßhalb bin ich gekommen, um Ihnen einige Gedanken mitzutheilen, auf deren Grundlage, wie ich glaube überzeugt sein zu dürfen, das so delikate Verhältniß zwischen dem neu konstituirten Deutschland und Frankreich dauernd und befriedigend hergestellt werden kann.«

Graf Bismarck deutete durch eine leichte Bewegung an, daß er bereit sei zu hören.

»Ich darf Eurer Excellenz mittheilen,« fuhr Herr Hansen fort, »daß ich eingeweiht bin in die Verhandlungen, welche stattgefunden haben.«

Graf Bismarck schwieg.

»Der Kaiser,« sagte Herr Hansen, – »befindet sich in einer peinlichen Lage. Es widerstrebt auf das Höchste seinen Anschauungen über die selbstständigen Rechte großer Völker in ihrer nationalen Entwickelung, – sich den in Deutschland vollzogenen Thatsachen feindlich gegenüber zu stellen.«

Ein fast unmerkbares, feines Lächeln flog über das ernste Gesicht des Ministers.

»Auf der andern Seite,« fuhr Herr Hansen fort, – »läßt sich nicht verkennen, daß die bedeutende politische und militärische Machtverstärkung Preußens und Deutschlands der öffentlichen Meinung in Frankreich lebhafte Besorgnisse einflößt, – Besorgnisse, welche der Kaiser weniger als jede andere Regierung unbeachtet lassen darf, – da seine Regierung auf der Basis des Volkswillens, des Votums der öffentlichen Meinung Frankreichs aufgerichtet ist. – Der Kaiser,« sagte er, da Graf Bismarck fortfuhr, ihn ruhig und schweigend anzublicken, »hatte einen Augenblick geglaubt, daß diese Verstimmung beseitigt werden könnte durch Kompensationen, welche die defensive Macht Frankreichs in richtigem Verhältniß zu dem Wachsthum der Offensivkraft Deutschlands stärken würden, – indeß ist er weit davon entfernt gewesen, diese Frage auf eine Spitze zu treiben, welche die ihm so wünschenswerthen freundschaftlichen Beziehungen Frankreichs zu Deutschland trüben und gefährden könnte.«

Wieder flog jenes feine, leichte Lächeln über das Gesicht des Grafen.

»Der Kaiser glaubt nun,« fuhr Herr Hansen fort, »daß es einen Weg gäbe, auf welchem jene Verstimmung auf eine leichte Weise für immer zu entfernen wäre; – ausgehend von dem Grundsatz, daß zwei mächtige militärisch konzentrirte Nationen gegen etwaige Reibungen besser, als durch strategische Grenzbefestigungen, durch neutrale Zwischengebiete geschützt würden, hat er – wie ich zu glauben berechtigt bin – die Idee, daß ein nach dem Muster Belgiens gebildeter neutraler Staat am Rhein ein vortreffliches Mittel wäre, das Verhältniß Deutschlands zu Frankreich definitiv friedlich und freundlich zu regeln. Man hätte daran denken können, den König von Sachsen an die Spitze dieses seiner Bevölkerung nach katholischen Landes zu stellen –«

»Der Friede mit Sachsen ist stipulirt,« sagte Graf Bismarck.

»Auch wollte ich jetzt nicht diese Idee Eurer Excellenz unterbreiten,« erwiederte Herr Hansen sich verneigend, – »es würde sich jetzt darum handeln, diesen neutralen Rheinstaat, welcher Deutschland und Frankreich zu gleicher Zeit militärisch trennen und nationalökonomisch verbinden würde, – unter den Erbprinzen von Hohenzollern zu stellen – also dort eine Dynastie einzusetzen, deren Verwandtschaft mit dem preußischen Königshause jedes Mißtrauen in Deutschland beseitigen würde.«

»Das fürstliche Haus Hohenzollern ist mit unserem Königshause nicht verwandt,« sagte Graf Bismarck.

»Doch bildet es einen Theil des Gesammthauses,« erwiederte Herr Hansen. – – »Ich glaube also Euer Excellenz versichern zu können,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort, – »daß wenn Sie mir gegenüber Ihre Zustimmung zu dem eben entwickelten Gedanken aussprechen, – die Sache sofort auf offiziellem Wege angeregt werden wird.«

Er schwieg.

Graf Bismarck blickte einen Augenblick nachdenkend vor sich nieder. Dann richtete er seinen Blick klar und ruhig auf das erwartungsvolle Gesicht Hansen's und sprach mit fester Stimme:

»Ich will Sie nicht fragen, ob und von wem Sie einen Auftrag haben, mir die Mittheilung zu machen, welche ich so eben vernommen. Ich nehme den Gedanken, den sie mir ausgesprochen, als eine private, persönliche Ansicht entgegen – und habe kein Bedenken, Ihnen dagegen sofort klar und unzweideutig meine persönliche Meinung darüber zu sagen. – Deutschland hat,« – fuhr er fort, »durch große, gewaltige Kämpfe einen mächtigen Schritt zu seiner nationalen Konstituirung gethan. Die deutsche Nation hat darüber Niemand Rechenschaft zu geben, sie hat sich nicht darum zu kümmern, ob die Ausübung ihres nationalen Rechts andern Nationen gefällt oder nicht, – sie hat vor allen Dingen andern Nationen keinen Preis irgend welcher Art zu bezahlen, um die innere Einigung zu erkaufen. So lange ich preußischer Minister bin und Einfluß auf die Geschicke Deutschlands habe,« sagte er mit metallisch klingender Stimme, »wird ein solcher Preis niemals gezahlt werden– möge er sich einkleiden in welche Form er wolle! – Das ist meine persönliche Meinung,« fuhr er fort, – »Sie sehen also, daß es überflüssig wäre, den Gedanken, den Sie mir aussprachen, in offizieller Form an mich gelangen zu lassen, – er würde von Seite der preußischen Regierung derselben Antwort sicher sein, welche ich Ihnen hier gegeben habe.«

»Excellenz,« sagte Herr Hansen, – einigermaßen betroffen durch die so bestimmte, jede weitere Diskussion ausschließende Erklärung des Grafen, – »ich bin Ihnen, wie ich die Ehre hatte zu bemerken, wirklich dankbar für die Berücksichtigung der nationalen Gefühle Dänemarks und wünschte aufrichtig, Ihnen in dieser Sache einen Dienst zu leisten. – Ich darf Ihnen nicht verhehlen,« fuhr er ernst fort, – »daß, wie ich die Lage der Verhältnisse und die maßgebenden Stimmungen in Paris kenne, der Krieg früher oder später unvermeidlich ist, wenn diese letzte Basis einer Verständigung, welche der Empfindlichkeit Frankreichs Rechnung trägt, zurückgewiesen wird. Ich glaube mit voller Überzeugung versichern zu können, daß der Krieg dann nur eine Frage der Zeit sein wird.«

Graf Bismarck stand auf, stolz und kühn leuchtete sein Auge.

»So mag der Krieg kommen,« rief er voll und fest, – »ich fürchte ihn nicht und werde ihn niemals zu vermeiden suchen auf Kosten der Würde und Macht Deutschlands! Die tapferen Armeen Preußens und seiner Verbündeten, welche Oesterreich schlugen, werden mit weit größerer Begeisterung gegen Frankreich in's Feld rücken, – wenn wir dazu gezwungen werden. – Sie können,« fuhr er kalt und ruhig fort, »meine Worte Jedermann wiederholen, den es interessiren sollte, meine Ansicht zu kennen, – aber Sie können auch hinzufügen,« fügte er freundlich hinzu, »daß Niemand höher als ich den Werth der guten Beziehungen zu Frankreich schätzen kann. Die französische und die deutsche Nation sind viel mehr geschaffen, sich zu ergänzen und Hand in Hand zu gehen, als sich zu bekriegen, – und meinerseits wird Alles geschehen, um Frieden und Freundschaft zu halten, – Alles, nur keine Opfer an Deutschlands Ehre und Würde.«

»Ich bitte Eure Excellenz, wenigstens überzeugt zu sein von der guten Absicht, welche mich bei dem Schritt geleitet hat, den ich zur Vermittlung der entgegenstehenden Interessen gethan habe.«

»Ich danke Ihnen dafür,« sagte Graf Bismarck artig, »er trägt jedenfalls zur vollständigen Klärung der Situation bei.«

Mit tiefer Verbeugung verließ Herr Hansen das Kabinet.

»Er will mit Deutschland spielen, wie mit Italien,« rief der Graf, als er allein war, – »bei mir soll ein Savoyen und Nizza zu finden sein!«

Er verließ sein Kabinet und begab sich in den Salon seiner Gemahlin.

Wieder saßen hier die Damen um den freundlichen Theetisch, Herr von Keudell bei ihnen.

Der Graf trat ein und begrüßte herzlich die Seinigen.

»Hast Du den neuesten Kladderadatsch gesehen?« fragte die Gräfin, auf das Blatt mit dem wohlbekannten, komischen Antlitz deutend, das neben dem Theeservice auf dem Tische lag.

Der Graf ergriff lächelnd das Blatt und betrachtete das Bild auf der letzten Seite.

Es stellte einen alten, schwachen Bettler dar, mit den Zügen des Kaisers Napoleon, der mit dem Hut in der Hand an der Thüre eines Hauses Almosen erbittet. Ein Fenster war geöffnet, daran sah man die Gestalt des Ministerpräsidenten mit abwehrender Bewegung – und darunter stand: Hier wird nichts gegeben.

Mit heiterem Lachen warf der Graf das Blatt auf den Tisch.

»Es ist wunderbar,« rief er, – »mit welchem feinen Verständnis; diese Leute oft die Situation zu zeichnen verstehen. In diesen Bildern steckt oft mehr Geist als in langen Leitartikeln!«

Er leerte mit kräftigem, durstigem Zug den Krystallkelch mit schäumendem Bier, welcher ihm gebracht wurde.

»Nun eine Bitte, lieber Keudell,« sagte er dann mit freundlichem Ernst in den Zügen, – »wollen Sie mir jenen Trauermarsch von Beethoven spielen, – Sie erinnern sich, – Sie spielten ihn mir eines Abends vor dem Beginn des Krieges!«

Bereitwillig erhob sich Herr von Keudell und setzte sich an den Flügel.

Mächtig und ergreifend ertönten die wunderbaren Akkorde dieser gewaltigen Todtenhymne, – erschüttert lauschten ihnen die Damen.

Hoch aufgerichtet stand Graf Bismarck da; leuchtende Begeisterung auf dem ernsten, markigen Gesicht.

Tief athmete er auf, als Herr von Keudell geendet.

»Viele Helden sind gefallen,« sprach er mit tiefer Stimme, »aber der Preis ist errungen, – ihr Blut ist nicht umsonst vergossen. – »Viele Schmerzen hat die Zeit geboren, – viele Dissonanzen klingen noch hinüber in die Zukunft; möge der Allmächtige sie lösen in der herrlichen Harmonie des ganzen, einigen, großen Deutschlands!«

Seine Stimme hatte mit voller Innigkeit das Zimmer durchdrungen, mit feuchtem Blick schaute die Gräfin zu ihm hinüber, ernst, wie in unwillkürlicher Bewegung, erhob Herr von Keudell die Hände, ließ sie niedersinken auf die Tasten und in gewaltigem Klange erschallte das mächtige Kriegslied des Glaubens, in dessen herrlichen Tönen der deutsche Reformator das felsenfeste Gottvertrauen seiner Seele einst niederlegte im Kampfe für seine Ueberzeugung.

Graf Bismarck richtete den Blick aufwärts, es schimmerte wie sonnige Verklärung über seine bewegten Züge, er faltete die Hände, und leise den Klängen der Melodie, folgend, flüsterten seine Lippen:

»Eine feste Burg ist unser Gott,
Ein' starke Wehr und Waffen!«