Plewna

1. Kapitel

An der Kuschitza, südöstlich von Plewna in Bulgarien, einige Meilen von Gorni-Studen entfernt, das später durch das Hauptquartier des Kaisers Alexander weltbekannt werden sollte, liegt das bulgarische Dorf Muschina, ein für die Verhältnisse der dortigen Gegend wohlhabender und ziemlich stark bevölkerter Ort. Am Rande der Wiesen, welche von der Kuschitza bespült werden, ziehen sich in ziemlicher Entfernung nebeneinander liegend die Gehöfte hin, jedes einzelne von einem großen Grasplatz umgeben und mit einer dichten Hecke eingeschlossen. Die Häuser der ärmeren Bewohner sind meist nur aus Weidengeflecht zusammengesetzt und etwas in die Erde eingesenkt, so daß sie großen Körben gleichen und ein wenig an die Niederlassungen der wilden Indianer erinnern. Das Dach dieser Häuser erhebt sich kegelförmig, von Stroh oder von aufgeschichteten oder durcheinander geflochtenen Baumzweigen gebildet, und in diesen äußerst primitiven Häusern wohnen die Familien und ihre Haustiere meist friedlich beieinander. In Muschina befanden sich aber außer diesen ärmlichen Wohnungen auch größere Höfe, welche zwar ebenfalls nach der Landessitte von hohen Hecken eingeschlossen waren, aber geräumigere und festere Wohnhäuser und Stallungen enthielten, ja es gab sogar vier bis fünf steinerne Häuser, welche zwar auch nur mit Stroh gedeckt waren, doch sah man in denselben Fenster mit Glasscheiben, ein großer Luxus, da den ärmeren Bewohnern des Ortes meist nur geöltes Papier dazu diente, um das Licht durch die Fensteröffnungen einfallen zu lassen, welche dann nachts oder bei schlechtem Wetter mit Klappen von Weidengeflecht verschlossen wurden.

Das ganze Dorf, welches den Namen Muschina führte, zerfiel in zwei voneinander völlig getrennte Abteilungen, welche sich nach der christlichen und mohammedanischen Bevölkerung teilten und ungefähr eine kleine Viertelmeile auseinander lagen. Dieser türkische Teil des Dorfes war auch äußerlich von dem christlichen sehr verschieden. Man sah hier durchgängig kleine hölzerne, von Balken und Brettern erbaute Häuser mit hölzernen Dächern und in bunten Farben angemalt, und während in dem christlich-bulgarischen Teil meist ein lebhaftes, lautes Leben auf den Wiesen und Ackern und in den Gärten herrschte, lag der muselmännische Teil in tiefer Stille da; die notwendigen Arbeiten wurden von den Frauen mit den das Gesicht halb verhüllenden Schleiern und von den Kindern schweigend verrichtet, und wenn die Arbeit getan war, so zogen sich die Frauen in das Innere der Häuser zurück, während die Männer rauchend in beschaulicher Ruhe vor den Türen ihrer Häuser saßen, so daß man selten einen lauten Ton hörte, und das Dorf fast für verödet hätte halten können.

Beide Teile des Ortes hatten ihren eigenen Gottesdienst. In der Mitte des türkischen Dorfes lag eine bunt bemalte, mit einem hochragenden Minaret geschmückte Moschee, während inmitten der christlichen Niederlassungen ein breiter, viereckiger Holzbau ohne Turm und Kuppel zur Kirche eingerichtet war, neben welcher sich das kleine, saubere und von einem freundlichen Garten umgebene Haus des griechischen Popen, Vater Julian, befand. Beide Dörfer standen in keinem Verkehr miteinander. Die mißtrauische und feindliche Scheidung, welche zwischen der slawischen und türkischen Bevölkerung seit Jahrhunderten bestand, war durch die Ereignisse des letzten Jahres noch mehr verschärft worden, dennoch aber war es zwischen den Türken und Christen niemals zu ernsten Konflikten gekommen, man lebte friedlich nebeneinander, woran vielleicht die zwischen der christlichen und mohammedanischen Niederlassung liegende Entfernung das Verdienst haben mochte, und selten nur, wenn es sich durchaus nicht vermeiden ließ, notwendige Geschäfte zu erledigen, betrat ein Bewohner des einen Teiles das Gebiet des andern.

Das schönste und reichste Grundstück in dem christlichen Teil von Muschina besaß der alte Theofil Leonew, sein Haus war größer als alle anderen, es enthielt mehrere Wohnräume, hatte Fenster mit großen Scheiben und neben der Tür sogar eine Art von vorspringender Veranda mit hölzernen, buntbemalten Säulen, unter welcher im Sommer Bänke mit Polstersitzen aufgestellt wurden, ein Luxus, der das Erstaunen der ganzen Gegend erregte und den Glauben an den fabelhaften Reichtum Leonews noch mehr bestärkte. Geräumige Stallungen befanden sich neben dem Wohnhause, doch waren dieselben nicht in ihrer ganzen Ausdehnung von dem immerhin zahlreichen Viehstande des Gehöfts eingenommen, und man flüsterte sich leise zu, daß in den Räumlichkeiten, welche für die Futtervorräte und das Vieh nicht benutzt wurden, häufig kostbare Waren niedergelegt werden, welche sich der Steuer und der Zollkontrolle entzögen. Und in der Tat kamen häufig unbekannte Personen, Juden und Zigeuner mit Säcken oder bepackten Handwagen auf Leonews Hof, um dann nach einem Aufenthalt von wenigen Stunden den Ort wieder zu verlassen, ohne, daß man wußte, woher sie gekommen waren und wohin sie gingen. Leonew selbst fuhr dann von Zeit zu Zeit in einem von seinen zwei kräftigen Pferden gezogenen und mit einem leinenen Plan dicht überspannten Wagen fort und kehrte meist erst nach einer Abwesenheit von mehreren Tagen wieder zurück. Die übrige Bevölkerung hätte ihm diesen Schmuggelhandel, für welchen, wie man voraussetzte, sein Haus eine Etappe bildete, nicht verdacht, denn er schädigte durch denselben ja nur die verhaßte türkische Regierung, aber dennoch hielt man sich allgemein in scheuer Abneigung von ihm fern, denn es ruhte ein geheimnisvolles Dunkel über seinem ganzen Leben und Treiben. Man sagte, daß er größeren Grundbesitzern der Umgegend und auch Kaufleuten in den naheliegenden Städten Geld zu hohen Zinsen leihe und unerbittlich in der Eintreibung seiner schnell wachsenden Forderungen sei, so daß, wer einmal Leonews Schuldner geworden, fast immer unrettbar dem Ruin verfiel. Die türkischen Gerichte standen dabei immer auf seiner Seite, und wenn der Kaimakam oder gar der Mutessariff nach Muschina kamen, so wohnten diese türkischen Chefs des Distrikts und des Kreises stets in Leonews Hause.

Niemals wurden seine Räumlichkeiten durchsucht, niemals die Pakete und Waren, die zu ihm kamen, oder das Fuhrwerk, auf dem er dieselben fortführte, angehalten, wohl aber bemerkte man, daß die Beamten bei der Erhebung der Abgaben ganz genau über den Ertrag der Ernte eines jeden Hofes und über den Viehstand unterrichtet waren, und zwar nicht nur in Muschina selbst, sondern auch im weiten Umkreise, so daß der Verdacht immer allgemeiner wurde, Leonew diene den türkischen Behörden als Spion zur Ermittlung der Steuerkräfte der Gegend und gewähre zugleich den vorgesetzten Beamten einen Anteil an dem Gewinn aus seinen Wucher- und Schmuggelgeschäften, wodurch er die Sicherheit für seine Manipulationen und die ihm stets günstigen Richtersprüche erkaufe.

Die Bewohner von Muschina wußten, daß Leonews Vater, welcher denselben Hof, aber in weit ärmlicheren Verhältnissen, besessen, die Tochter eines jüdischen Hausierers geheiratet habe. Zwar war das Mädchen getauft, sie hatte während ihres ganzen vorwurfsfreien Lebens alle Pflichten der orthodoxen Kirche pünktlich erfüllt, aber dennoch haftete an ihrem Sohn die Abneigung, welche die slawische Bevölkerung gegen das jüdische Blut hegt, und auch dieser Umstand trug nicht wenig dazu bei, daß man sich mehr und mehr in scheuem Widerwillen von Leonew zurückzog. Er hatte vor einer Reihe von Jahren von einer seiner Reisen eine Frau mitgebracht, die niemand kannte, und von der man sagte, daß sie die Tochter eines Kaufmanns aus Tirnowa sei. Sie war schön, aber bleich und traurig gewesen, hatte selten das Haus verlassen, man hatte nur gehört, daß Leonow sie rauh, heftig und hart behandelte. Nach wenigen Jahren war sie gestorben und hatte ihrem Manne eine einzige Tochter zurückgelassen; jedenfalls mußte sie Leonew ein namhaftes Heiratsgut zugebracht haben, denn von dem Augenblick seiner Verheiratung mit der Unbekannten hatte sein stets wachsender Reichtum seinen Anfang genommen, und man flüsterte sich zu, daß jene bleiche, traurige Frau, mit welcher kaum jemand während ihres Aufenthaltes in Muschina ein Wort gesprochen hatte, wohl die Geliebte irgendeines vornehmen Herrn gewesen sein möge, der sie dann mit einer reichen Ausstattung an Leonew verheiratet habe.

Theofil Leonew war etwa vier- bis fünfundfünfzig Jahre alt; seine mittelgroße Gestalt war hager und eckig, aber ungemein kräftig und sehnig gebaut; sein leicht ergrauendes Haar war dicht und voll und kürzer geschnitten, als es sonst die Sitte des Landes mit sich brachte. Sein dunkelgebräuntes Gesicht hatte scharf markierte Züge, eine breite Stirn, eine kräftige, weit vorspringende Nase und zurückliegende, kleine, tiefschwarze Augen, deren stechende Blicke selten standhielten, wenn ihm jemand scharf ins Gesicht sah. Sein lang herabhängender Schnurrbart war noch fast ganz schwarz, ebenso seine starken, buschigen Augenbrauen. Er trug den Kopf ein wenig vorgebeugt, und trotz seines Körperbaues war sein Gang leise und schleichend, wie der einer Katze oder eines Fuchses.

Seine einzige Tochter Stjepanida war fünfzehn Jahre alt und von dem ganzen Reiz übergossen, welcher der aufbrechenden Knospe eigentümlich ist, die sich vom Kinde zur Jungfrau erschließt. Sie war hoch und schlank emporgewachsen, und trotz ihrer noch etwas unsicheren schüchternen Haltung zeigte ihr Körper das harmonische Ebenmaß der reinsten Schönheitslinien. Ihr edles Gesicht, auf welchem noch der ganze Schmelz der kindlichen Reinheit und Frische lag, begann sich zu jener sinnlich-kräftigen Schönheit der flämischen Frau zu entwickeln, ihre vollen, schwellenden, roten Lippen schienen sich durstig der Lebensfreude zu öffnen, aber auf ihrer Stirn und in ihren perlmutterglänzenden Augen mit tiefdunklen Sternen lag jene süßduftige, poetische Träumerei, welche den Töchtern des Orients einen so wundersam bestrickenden Reiz verleiht. Während ihre Lippen dem sinnlichen Leben entgegenschwellten, schienen ihre Augen unter dem Schatten der schwarzen Wimpern hervor träumend, fragend und sehnend in die fernen Wolkenfernen zu schauen. Ihr reiches, schwarzes Haar hing in breiten Flechten über den schlanken Nacken herab und umhüllte in zarten Wellenlinien ihre weiße, edle Stirn. Das malerische Kostüm des Landes, das weite, bunt ausgelegte weiße Hemd mit den aufgestreiften Ärmeln, die bunten Schürzenbänder und die glänzenden gestickten Schuhe, welche den zierlichen Fuß einschlossen, das alles trug dazu bei, die eigentümliche Schönheit des Mädchens noch reizvoller zu machen, und diese Tochter des kleinen, unbekannten bulgarischen Dorfes hätte unter den ersten und am meisten bewunderten Schönheiten der großen Welt siegreich ihren Platz behauptet.

Unter den Bauern von Muschina war seit mehreren Jahren der junge Pawjel Fjodorew der lebhafteste und unversöhnlichste Feind Theofil Leonews gewesen. Pawjel Fjodorew besaß nach Leonew den schönsten und reichsten Hof in Muschina; er hatte als einziger Sohn seinen Vater schon im Alter von zwanzig Jahren verloren und dessen Besitz angetreten. Sein Haus war geräumig und wohl eingerichtet; kräftige Pferde und Ochsen standen in seinen Ställen, seine Wiesen dehnten sich weit am Ufer des Flusses aus. Seine Stimme galt im Rat der Gemeinde, denn wenn man ihm auch vielleicht hier und da seinen Besitz beneiden mochte, so gewann er doch durch seine liebenswürdige Freundlichkeit und seine offene Heiterkeit alle Herzen, und wußte nötigenfalls auch mit kühner Entschlossenheit und gebieterischer Überlegenheit seinem Willen Nachdruck zu geben.

Pawjel Fjodorew stand in seinem sechsundzwanzigsten Jahre. Er überragte die meisten Männer des Dorfes fast um eines Kopfes Länge; seine Gestalt war breitschulterig und muskelkräftig, dabei aber doch zierlich und geschmeidig, so daß man fast glauben mochte, seine schlanken Hüften umspannen zu können. Seine breite Stirn, seine gerade vorspringende Nase mit den breit sich öffnenden Flügeln, sein frischer Mund mit den vollen Lippen und den starken, glänzenden Zähnen zeigten die Formen der slawischen Stämme in ihrer wilden Kühnheit und Kraft. Die nach der Nasenwurzel etwas schräg zusammenlaufenden Augen funkelten in dunklem Glanz voll trotzigen, feurigen Lebens. Dunkelgelocktes Haar quoll in reicher Fülle über Stirn und Nacken herab, und ein feiner, schwarzer Schnurrbart kräuselte sich auf seiner Oberlippe. Seine buntgestickte Jacke, die Weste, die weiten, bis zum Knie reichenden Beinkleider, und die geflochtenen Schuhe, das alles war von feinen Stoffen, und stets von untadelhafter Sauberkeit. Eine breite Mütze von glänzend schwarzem Schafpelz bedeckte seinen Kopf, und wenn er so stolz aufgerichtet mit leichten, elastischen Schritten durch das Dorf ging, so richteten sich wohl alle Augen der jungen, heiratsfähigen Mädchen von Muschina sehnsüchtig auf den so schönen, jungen Mann, ohne daß es jedoch einer einzigen gelungen war, in seinen Augen eine Erwiderung auf die Fragen der so beredten Augensprache zu lesen.

Pawjel Fjodorew war mit der ganzen Begeisterung seiner feurigen Seele seinem Vaterlande und seiner Kirche ergeben. Er war als Kind mit besonderer Vorliebe von dem Vater Julian erzogen worden, der sich für den feurigen, intelligenten Knaben interessierte, und, obwohl er selbst nicht gerade allzu weit in den Wissenschaften vorgeschritten war, seinem gelehrigen Zögling doch eine Bildung beibrachte, die ihn weit über die übrigen jungen Leute des Dorfes erhob. Besonders hatte er ihm erzählt von der Geschichte der großen Vergangenheit des bulgarischen Landes, von Peter und Asan, welche Bulgarien losrissen von der byzantinischen Herrschaft, von Johannes, welcher vom Papste den Königstitel erhielt, und von den heldenmütigen Kämpfen, welche das bulgarische Volk gegen die Tataren und Türken geführt, bis es endlich, von der Übermacht erdrückt, in die traurige Sklaverei geriet, unter der es noch schmachtete. Stundenlang hatte Pawjel den Erzählungen des Priesters zugehört, und immer wieder vertiefte er sich in die wenigen Bücher, welche der Alte besaß, immer neuen Haß sog er aus diesen Erzählungen und dieser Lektüre gegen die Türken ein, und immer flammender wurde seine Begeisterung für die Befreiung und Wiedergeburt seines Vaterlandes – in höchster Spannung verfolgte er die Nachrichten von den Aufständen, die ringsum gegen die türkische Herrschaft sich erhoben, und oft versuchte er seine Begeisterung, seine Wünsche und seine Hoffnungen auch in den Herzen der übrigen jungen Leute des Dorfes zu entzünden. Freilich fand er wenig Verständnis dafür; der Haß gegen die Türken war zwar allgemein, und wurde von jedem Bulgaren mit der Muttermilch eingesogen, aber ebenso groß war auch die Furcht vor der Grausamkeit, mit welcher die türkische Regierung, jede rebellische Bewegung bestrafte, und die meisten schlichen bei Pawjels flammenden Reden scheu davon.

Es war natürlich, daß das finstere, geheimnisvolle Treiben Theofil Leonews und dessen eigentümliche Beziehungen zu den verhaßten Türken bei Pawjel Fjodorew den höchsten Widerwillen erregten, und bei seiner offenen, freien, kühn herausfordernden Natur hatte er niemals Anstand genommen, diesen Widerwillen sichtbar und unverhohlen zu zeigen; während die übrigen sich von Leonew möglichst fernhielten, aber gegen denselben doch die äußeren Rücksichten beobachteten, welche sowohl sein überlegener Reichtum als sein Einfluß bei den türkischen Behörden bedingten, zeigte Pawjel bei jeder Gelegenheit auf das deutlichste seine tiefe Verachtung und seinen Haß, sobald er mit Leonew zusammentraf. Dieser haßte dafür auch seinerseits den jungen Mann auf das gründlichste; hätten seine stechenden Blicke wirklich die tückische Zauberkraft besessen, welche einzelne abergläubische Bewohner des Dorfes ihnen zuschrieben, so wäre wohl Pawjel Fjodorew nicht lange mehr so fröhlich und stolz herausfordernd an ihm vorübergegangen, und wo er es vermochte, unterließ er es nicht, dem jungen Manne Verlegenheiten und Unannehmlichkeiten zu bereiten. Bei der Steuererhebung wurde Pawjel Fjodorew ganz gewiß jedesmal um das Doppelte überschätzt, seine Vorstellungen wurden von dem Kaimakam und dem Mutessariff kurz und höhnisch zurückgewiesen, und niemand zweifelte daran, daß der Einfluß Leonews dabei tätig war, um sich für die Abneigung und Verachtung zu rächen, welche der junge Mann ihm bewies.

Die gesamte Bevölkerung von Muschina hatte nach dem türkischen Verwaltungsgesetz einen Mudir, den Ortsvorsteher, und dessen Beigeordneten, den Muavie, zu wählen. Der Mudir war natürlich immer ein Mitglied der türkischen Bevölkerung, aber Pawjel Fjodorew hatte schon seit mehreren Jahren seinen ganzen Ehrgeiz darein gesetzt, zum Muavie gewählt zu werden; Leonews Einfluß war es stets gelungen, diese Wahl zu hintertreiben, denn alle christlichen Bewohner von Muschina fürchteten, wenn sie Pawjel Fjodorew ihre Stimme geben würden, dafür durch erhöhte Steuern und andere Schikanen die Rache Leonews empfinden zu müssen, der bei jeder Gelegenheit die türkischen Behörden auf seiner Seite hatte.

Dem Mudir steht in jeder bulgarischen Gemeinde der Medschliß, der Verwaltungsrat, zur Seite; Leonew hatte es nun nicht hintertreiben können, daß Pawjel in den Medschliß gewählt wurde, aber er hatte für sich selbst auch eine Stelle in diesem kommunalen Verwaltungsrat erlangt, und bei allen Beratungen über die Angelegenheiten der Gemeinde standen sich die beiden Gegner schroff und erbittert gegenüber; meist ging Leonews Willen durch, da er nicht nur die Stimmen der türkischen Mitglieder, sondern auch den Druck der Macht der türkischen Behörden für sich hatte. Die gegenseitige Feindschaft stieg immer höher, und machte sich in allem Versammlungen des Medschliß durch heftige, zornige Ausfälle Pawjels und durch bittere, höhnische Erwiderungen Leonews bemerkbar. So wenig nun auch die christliche Bevölkerung aus Furcht vor der Rache der türkischen Machthaber es wagte, sich in den Gemeindeangelegenheiten offen und energisch auf Pawjels Seite zu stellen und sich der zähen, rücksichtslosen und unversöhnlichen Feindschaft Leonews auszusetzen, so gehörten doch die Sympathien aller Herzen dem kühnen und stolzen, jungen Manne, welcher so furchtlos die religiösen und nationalen Rechte der christlichen Bevölkerung vertrat, soweit dies unter der türkischen Gewaltherrschaft möglich war. Im Verkehr des täglichen Lebens schlossen sich alle an Pawjel an und zeigten Leonew feindselige Zurückhaltung und stille Verachtung, um welche sich dieser freilich um so weniger kümmerte, da er ohnehin den Verkehr mit der übrigen Bevölkerung mied und still und zurückgezogen in seinem Hause lebte, und unter den ärmeren Bauern dennoch stets Arbeiter für seine Felder und Wiesen fand, da er dieselben höher, als alle übrigen bezahlte.

Seit nun überall der Aufstand in den türkischen Provinzen sein Haupt erhoben hatte, seit die tapferen Montenegriner unter ihrem kühnen Fürsten die Heere der türkischen Paschas zersprengt hatten, und namentlich, seit immer bestimmter sich wiederholende Gerüchte von einem bevorstehenden Befreiungszug des großen, russischen Zaren gegen die Türken das Land durchzog, war der Widerwille gegen Leonew immer deutlicher hervorgetreten, immer offener zeigte man ihm allgemein den bisher aus Furcht halbverhüllten Haß, man wich ihm aus, und wagte es sogar vielfach, wenn man ihm begegnete, den Kopf abzuwenden, um ihn nicht zu grüßen.

Wunderbarerweise aber hatte sich gerade in der letzten Zeit, in welcher die Bevölkerung immer offener auf die Seite von Pawjel Fjodorew trat, das Leben des jungen Mannes selbst wesentlich verändert. Er hatte kein verletzendes, herausforderndes Wort mehr, wenn er dem alten Leonew begegnete, ja, man hatte es mit nicht geringem Erstaunen bemerkt, daß er zuweilen seinen langjährigen Feind, wenn er ihm auf der Straße begegnete, zwar mit finsterer Miene, dennoch gegrüßt hatte, obwohl Leonew seinen Gruß nur mit einem flüchtigen Kopfnicken und halb verwunderter, halb hämischer Miene kaum merkbar erwiderte. Auch in den Beratungen des Medschliß hatte er nicht mehr so zornig und heftig wie früher gegen Leonew seine Meinung verteidigt, und sich jeder kränkenden Äußerung enthalten, ja, mit noch größerer Verwunderung hatte man bemerkt, daß der junge Mann eines Tages auf seiner Wiese, welche an Leonews Besitzung grenzte, lange mit der schönen Stjepanida Theofilowna gesprochen hatte. Das Mädchen war mit einigen Mägden zum Flusse herabgekommen, um eine Schafherde zu tränken, einige der Schafe hatten sich verlaufen und waren auf die Nachbarswiese herübergegangen; Pawjel Fjodorew, der sich auf seinem Gebiet befand, hätte in früheren Zeiten darüber ohne Zweifel Streit begonnen und die Schafe gepfändet, jetzt aber hatte er seinen Knechten zu deren höchster Verwunderung befohlen, Leonews Schafe zusammenzutreiben, und die Tiere dann selbst zu der an der Grenze stehenden, ängstlich lockenden und rufenden Stjepanida zurückgeführt. Das Mädchen, das bereits vor dem harten und rücksichtslosen Zorn ihres Vaters über die begangene Unachtsamkeit zitterte, hatte Pawjel mit glücklichem Lächeln ihren Dank ausgesprochen und ihm ihre Hand gereicht, die er nicht zurückwies, sondern lange in der seinen hielt, während seine feurigen Blicke sich in die wunderbar schimmernden Augen der lieblichen Stjepanida tauchten.

Von jenem Tage an schien ein merkwürdiger Zufall über den beiden jungen Leuten zu walten. Regelmäßig zu gleicher Stunde erschien Stjepanida auf der Wiese ihres Vaters, und Pawjel auf der seinen; zwar betrat keines das Gebiet des andern, aber der schmale Grenzrain, dem sie sich unmittelbar näherten, verhinderte sie nicht, sich die Hände zu reichen, und so nahe beieinander zu stehen, daß ihre Blicke sich aus nächster Nähe begegnen konnten. Sie gingen dann wohl auf dem Grenzrain hin bis zum Flusse hinab, lange sah man sie so nebeneinander stehen, und in leisem, eifrigem Gespräch in die Wellen der Kuschitza hinabblicken, und wenn sie sich dann trennten, um nach Hause zurückzukehren, so drehten sich beide wohl oftmals wieder um, und die freundlichen Grüße, die sie sich aus der Ferne noch zusendeten, bewiesen, daß ihre Unterhaltung noch freundlicher gewesen sein mußte, als die bisherigen Beziehungen zwischen Pawjel und Leonew voraussetzen ließen.

Einzelne Bewohner von Muschina hatten wohl hier und da Pawjel Fjodorew ihre Verwunderung über die an ihm beobachtete Veränderung zu erkennen gegeben, bei solchen Fragen und Bemerkungen glitt dann eine flüchtige Röte über sein männlich schönes Gesicht, ruhig aber und mit der ihm eigenen Überlegenheit erwiderte er, daß Leonew ihm lange wegen seines Treibens verhaßt gewesen sei, daß man sich aber auch leicht in dem Menschen täuschen könne, und daß in den gegenwärtigen Zeiten, in welchen vielleicht bald der große Befreiungskampf gegen die türkische Herrschaft beginnen könne, jeder die patriotische Pflicht habe, die Glaubens- und Stammesgenossen nicht zurückzustoßen, sondern an die große Sache heranzuziehen, vergangene Feindschaften zu vergessen, und alle Kräfte gegen den gemeinsamen Feind zu vereinen. Solche Bemerkungen klangen nun ganz patriotisch, und hätten wohl auch Verständnis und Gehör gefunden, aber Leonew seinerseits zeigte durchaus keine Neigung, sich der christlichen und nationalen Sache anzuschließen, vielmehr hatte er bei jeder Gelegenheit nur hämische Bemerkungen für die Rebellen in den Provinzen, und seine Beziehungen zu den türkischen Behörden schienen nur um so inniger zu werden, je mehr überall der Befreiungsdrang sich zu regen begann. Pawjels versöhnliche Worte und das Beispiel, das er gab, fanden daher wenig Beachtung und Nachahmung, und offener als je zeigte man von Tag zu Tag dem alten Leonew die allgemeine Abneigung und Verachtung.

So standen die Dinge an einem schönen, hellen Sonntage des Aprilmonats im Jahre 1877. Die Nachmittagssonne schien warm und freundlich auf das Dorf Muschina und die saftgrünem Wiesen und die glitzernden Wellen der Kuschitza hinab, welche sich wie ein silbernes Band durch die Ebene hinschlängelten, während nach Tirnowa hin sich die Ausläufer des Balkan in dunklen Massen am Horizont abzeichneten. Auf einem freien Platz vor der Kirche waren alle Bewohner des christlichen Dorfes versammelt; der Vater Julian befand sich in ihrer Mitte. Man saß auf Steinen und Holzblöcken, die älteren Männer rauchten ihre halblangen Tschibuks und tranken dazu den aus den wilden Pflaumen gebrannten Sliwowitz, diesen bei allen slawischen Völkerschaften so beliebten, leicht nach Mandelkernen schmeckenden Branntwein. Man unterhielt sich flüsternd von den bevorstehenden Ereignissen; es waren Nachrichten gekommen, daß die Montenegriner sich wieder zum Kampfe rüsteten, und daß der große Zar bald seine gewaltigen und unwiderstehlichen Heeresmassen gegen den Balkan heranwälzen werde, um die christlichen Völker vom türkischen Joch zu befreien – die jungen Leute aber tanzten auf dem freien Platz in der Mitte nach den Klängen der zweisaitigen hölzernen Instrumente, welche der russischen Balalaika gleichen, und von zwei älteren Frauen der Gitarre ähnlich mit zwei Fingern gespielt wurden, jene bulgarischen Nationaltänze, die in ihren Wendungen und Verschlingungen an die Quadrille erinnern und pantomimisch das Werben, das schüchterne Zögern und endlich die Vereinigung von jungen Liebespaaren ausdrücken.

Auch Stjepanida Theofilowna war auf dem Platze erschienen; weit überstrahlte sie die übrigen Mädchen an edlerer und liebreizenderer Schönheit, aber dennoch hatte sie keinen Tänzer gefunden. Die Mädchen zogen sich scheu von ihr zurück, die jungen Leute machten, wenn sie an ihr vorüberschritten, höhnische und kränkende Bemerkungen, zu denen sie von ihren Tänzerinnen, welche Stjepanidas Reichtum und Schönheit beneideten, immer noch mehr gereizt wurden. Wohl hatte der Vater Julian, ein ehrwürdiger Greis mit weißem Bart, mehrfach den einen oder den andern gemahnt, das Mädchen nicht zu kränken, und sie nicht entgelten zu lassen, was ihr Vater verschuldet, unter dessen Heftigkeit und Härte sie selbst viel zu leiden hatte; die Ermahnungen des Alten waren nicht gehört worden, und immer lauter und höhnischer flüsterte man von allen Seiten kränkende und oft roh beleidigende Worte gegen die Tochter des jüdischen Türkenknechtes. Traurig und ängstlich zitternd saß die arme Stjepanida da, ihre großen Augen füllten sich mit Tränen, und mit sehnsüchtigen Blicken schaute sie nach der Straße hin, als suche sie eine Hilfe in ihrer peinlichen Verlassenheit.

Endlich schien sie das höhnische, verächtliche Lachen der Mädchen und die immer deutlicher und unmittelbarer an sie gerichteten Beleidigungen der jungen Burschen nicht mehr ertragen zu können; sie stand auf und wollte den Platz verlassen, aber als sie durch die tanzenden Paare hinschritt, umringten diese sie mit lautem Hohnlachen, man stieß sie zur Seite, man zupfte sie an ihren langen Zöpfen, und unter Spott und Hohn drehte sich die Runde der Tänzer und Tänzerinnen um sie her, so daß sie ratlos, wie Hilfe suchend, die schönen Arme erhob, während helle Tränen über ihre Wangen herabflossen.

Plötzlich aber leuchteten ihre Blicke freudig auf, ein halblauter Freudenruf erklang von ihren Lippen.

Langsam, den Kopf sinnend geneigt, kam Pawjel Fjodorew auf der Dorfstraße einhergeschritten, und trat auf den Tanzplatz. Es schien, daß Stjepanidas leiser Ruf trotz der lauten Stimmen und trotz der schwirrenden Töne der Instrumente sein Ohr erreichte, denn wie aus tiefer Träumerei aufschreckend, hob er den Kopf empor und erblickte das schöne Mädchen, das, ängstlich Hilfe suchend, ihm die Arme entgegenstreckte, in der Mitte des höhnenden Kreises. Er blieb stehen, – in einem Augenblick schien er zu begreifen, was vorging, helle Zornesröte übergoß sein Gesicht, Flammenstrahlen sprühten aus seinen Augen; seine kräftige Gestalt richtete sich noch höher und stolzer auf – im nächsten Augenblick hatte er den Kreis durchbrochen, und in die Mitte desselben tretend, faßte er die Hand Stjepanidas, die sich an seine Seite schmiegte, und halb noch scheu und ängstlich, halb in stolzer Sicherheit ihre Blicke über die verwundert umherstehenden jungen Leute und Mädchen hinschweifen ließ.

»Spielt weiter!« rief Pawjel laut und gebieterisch den beiden alten Frauen zu, welche die Musik unterbrochen hatten, »spielt weiter – laßt uns den Tanz noch einmal beginnen.«

Er trat, Stjepanidas Hand kräftig umspannend, in die Reihe, und winkte den übrigen, ihre Plätze einzunehmen.

Aber alle blickten finster zur Erde, keiner rührte sich.

»Nun,« rief Pawjel, dessen Augen drohend zu funkeln begannen, während die bläulichen Adern an seinen Schläfen anschwollen, »nun, worauf wartet ihr? Ich denke, ihr könntet doch wohl für mich den Tanz noch einmal beginnen, da ich später gekommen bin.«

Die einfache Musik ertönte wieder auf Pawjels Wink, aber die Tänzer blieben stumm, mit finster zur Erde gesenkten Blicken, auf ihren Plätzen stehen, während die Mädchen, boshaft lachend und untereinander flüsternd, nach Stjepanida hinübersahen, welche jetzt an der Seite ihres Beschützers keine Furcht mehr zu kennen schien und stolz und herausfordernd die boshaft auf sie gerichteten Blicke ihrer Nebenbuhlerinnen erwiderte. Endlich trat einer der jungen Leute vor:

»Wir wollen gern mit dir tanzen, Pawjel Fjodorew, aber du mußt eine andere Tänzerin wählen aus den Mädchen des Dorfes; hier, nimm die meine, wenn du willst – oder irgendeine andere, wir wollen dir gern unsere Rechte abtreten, da wir alle deine Freunde sind –«

»Ich tanze mit Stjepanida Theofilowna,« sagte Pawjel mit bebenden Lippen und dumpfer Stimme, »wer will mir Vorschriften über meine Wahl machen?«

Einen Augenblick trat wieder eine dumpfe, peinliche Stille ein; auch die älteren Männer waren herangetreten und umringten den Kreis der Tänzer, und die schwirrenden Töne der Musik klangen fast unheimlich in dem allgemeinen Schweigen. Endlich sagte der junge Bauer, welcher zuerst gesprochen:

»Nein, Pawjel Fjodorew, nein, die Mädchen wollen nicht mit Stjepanida tanzen – und wir auch nicht.«

»Kinder, Kinder, haltet Frieden,« mahnte sanft und freundlich der Vater Julian, »kränkt ein armes Mädchen nicht, dem ihr nichts vorwerfen könnt, das euch nichts Böses getan.«

»Wir wollen nicht,« rief der junge Bursche, »nein, wir wollen nicht!«

Und: »Wir wollen nicht, wir wollen nicht!« wiederholten die Mädchen, indem sie mit höhnischen Gebärden auf Stjepanida zeigten, »unter uns ist kein Platz für die Jüdin, mag sie drüben hingehen zu den Türken, zu den Freunden ihres Vaters!«

»Ihr wollt nicht,« rief Pawjel mit einer Stimme, die wie der fern heranrollende Donner eines aufsteigenden Wetters klang, »ihr wollt nicht – ihr nennt sie eine Jüdin, sie, die doch wie wir alle zur rechtgläubigen Kirche gehört? – Sprecht, Vater Julian, bezeugt es, daß sie an den Heiland glaubt, und ebenso fromm ist, wie eine von jenen.«

»Ja, das ist sie, das ist sie«, sagte der Geistliche, zu Stjepanida herantretend und seine Hand auf ihr Haar legend. »Frevelt nicht, meine Kinder, hört auf mein Wort, ihr tut Unrecht, schweres Unrecht!«

»Gleichviel, gleichviel,« riefen die Mädchen durcheinander, »sie ist von jüdischem Blut, wir wollen nichts mit ihr gemein haben!«

Und mutig gemacht durch ihre Tänzerinnen, wiederholten auch die jungen Burschen:

»Wir wollen nichts mit ihr gemein haben – fort mit ihr, mag sie zu den Türken gehen, im Harem der Paschas ist ihr Platz, nicht unter uns.«

Einige der Alten traten heran.

»Laß sie gehen, Pawjel Fjodorew,« sagte ein alter, weißbärtiger Bauer, »laß sie zu ihrem Vater gehen; die Jugend mag wohl zu heftig sein, aber er hat doch wohl diesen Zorn um uns verdient.«

Pawjels breite Brust hob sich unter tiefen Atemzügen, noch feuriger, noch drohender blitzten seine Augen, er legte seinen Arm um Stjepanidas Schultern und rief laut:

»Wenn ihr Vater unrecht tat, war sie schuld daran? Sie ist so rein, wie der blaue Himmel Gottes über uns, und Pawjel Fjodorew hat es noch nicht gelernt, die Unschuldigen und Schwachen preiszugeben der ungerechten Verfolgung. Sei ruhig, Stjepanida,« sagte er mit weichem Ton, voll tiefen, innigen Gefühls, indem er sich zu ihr herabbeugte, »du stehst unter meinem Schutz, und Pawjel Fjodorews Arm ist stark genug, dich gegen eine ganze Welt zu schützen. Ihr aber,« rief er dann, das Mädchen mit dem einen Arm noch fester an sich ziehend, während er den andern gebieterisch und drohend ausstreckte, »hört mich an. Diese hier, die ihr verschmäht in dem Reigen eures Tanzes, ich halte sie für wert, ihr meine Hand zu reichen zum heiligen Bündnis für das ganze Leben, vor Gott und den Menschen; und vor dem ehrwürdigen Vater Julian erkläre ich, daß ich Stjepanida Theofilowna zu meinem Weibe erkoren habe, daß ich sie liebe, ihr diene und sie ehren will, so lange mein Herz in der Brust schlägt, und daß jeder, der sie kränkt, auch mich zum Tode beleidigt.«

Starrer Schrecken zeigte sich auf allen Gesichtern bei dieser so feierlichen und so unerwarteten Erklärung.

Die Mädchen steckten hämisch lachend die Köpfe zusammen, die Alten traten erschrocken zurück, und selbst der Vater Julian erhob in mahnend abwehrender Bewegung die Hände.

Stjepanida ruhte zitternd in Pawjels Arm, ihr Gesicht war mit Purpur übergossen, ihre Augen senkten sich zu Boden, aber ein süßes und liebliches Lächeln spielte um ihre Lippen.

»Ihr habt es gehört,« rief Pawjel, noch lauter seine Stimme erhebend, »und nun, Stjepanida Theofilowna, frage ich dich hier unter Gottes blauem Himmel und vor dem Antlitz des ehrwürdigen Vaters Julian, willst du mir deine Hand reichen zum heiligen Bunde für das ganze Leben – willst du dich unter meinen Schutz stellen in guten und bösen Tagen und mir treu sein bis zum Tode, wie ich es dir gelobe bei der heiligen Dreieinigkeit?«

Jetzt schlug Stjepanida ihre Augen auf; unter den noch tränenfeuchten Wimpern leuchteten ihre Blicke voll seligen Entzückens zu ihm empor, und indem sie seine auf ihrer Schulter ruhende Hand ergriff und an ihre Lippen führte, hauchte sie leise:

»Ich will es, mein Geliebter, mein Beschützer, mein Herr.«

»Unmöglich, unmöglich,« riefen alle ringsumher, »es kann nicht sein, Pawjel Fjodorew, du bist verblendet, bezaubert, du vergißt, wer du bist, und wer sie ist!«

»Ich vergesse nichts,« sagte Pawjel stolz und kalt, »ihr habt mein Wort gehört, und ihr wißt, was ihr der Erwählten Pawjel Fjodorews schuldig seid. Wehe dem,« rief er, mit furchtbar drohenden Blicken im Kreise umherschauend, »der sie mit einer Miene, mit dem Hauch eines Wortes kränkt! Und nun, Stjepanida, komm, ich will mit dir vor deinen Vater treten und um dich werben, wie sich's gebührt – du, über deren Haupt die reinen Engel Gottes schweben, sollst das Pfand des Friedens sein nach langem Hader.«

Er zog seinen Arm von ihren Schultern zurück, faßte ihre Hand und ging stolzen und festen Schrittes durch den sich vor seinen flammenden Blicken öffnenden Kreis auf der Straße dahin nach Leonews Hause.

Fast die ganze Versammlung folgte den beiden in einiger Entfernung, denn jeder war begierig, die Entwicklung dieses Ereignisses zu sehen; auch der Vater Julian schloß sich dem Zuge an, um, was auch immer geschehen möge, bereit zu sein, zu Frieden, Eintracht und Versöhnung zu mahnen.

2. Kapitel

In einiger Entfernung von Leonews Hause blieb die Menge, unter welcher sich die alte, lang gewohnte Scheu vor dem einflußreichen Freunde der türkischen Behörden bei der Annäherung an sein Gehöft wieder zu regen begann, flüsternd stehen. Der ganze Vorgang hatte sich so plötzlich vollzogen, daß man jetzt erst darüber nachzudenken anfing, und den meisten wurde es allmählich klar, daß man nicht nur der armen Stjepanida unrecht getan, sondern sich noch mehr gegen Pawjel Fjodorew unverzeihlich vergangen habe, der stets ein so treuer Freund und ein so kühner Verfechter der Rechte des Volkes gegen die türkische Willkür gewesen war, und wäre es noch Zeit gewesen, so hätte man gern die vorschnelle und unüberlegte Kränkung wieder gutgemacht – aber schon war Pawjel, ohne sich nur noch einmal umzusehen, immer Stjepanida an der Hand führend, in das Haus eingetreten, in das er noch niemals vorher seinen Fuß gesetzt hatte.

Stjepanida öffnete eine unmittelbar neben dem Eingänge befindliche Tür, und führte Pawjel in das Zimmer ihres Vaters. Dies war ein großer Raum, vor dessen Fenster von innen feste Eisengitter angebracht waren, die man von außen durch die etwas trübe angelaufenen Scheiben nicht bemerken konnte. Ringsumher an den Wänden standen große, eichene Schränke mit eisernen Beschlägen und mächtigen Riegeln und Vorhängeschlössern; einer dieser Schränke war halb geöffnet, und man sah in demselben kleinere, ebenfalls verschlossene Kisten und eine Anzahl von übereinandergehäuften großen Büchern. Einige dieser Bücher waren herausgenommen und lagen aufgeschlagen auf einem großen, eichenen Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand, und vor welchem Theofil Leonew saß, über die Bücher gebückt und emsig die auf den Seiten derselben verzeichneten Zahlenreihen prüfend und miteinander vergleichend.

Leonew trug die Unterkleider des bulgarischen Kostüms, sein Rock von dunkelbraunem Tuch aber näherte sich in seinem Schnitt mehr der städtischen Mode, so daß man ihn, wie er so hinter seinem Tische dasaß, weniger für einen Bauern, als für einen städtischen Kaufmann hätte halten können, der mit scharf berechnendem Blick die Bilanz seiner Unternehmungen zieht.

Er hob beim Geräusch der geöffneten Tür den Kopf von seinen Büchern auf und blieb einen Augenblick in sprachlosem Erstaunen sitzen, als er seinen Feind in das Zimmer treten sah – dann aber verzog sich sein Gesicht zu einem feindlich höhnischen Ausdruck, schnell klappte er seine Bücher zu, als fürchte er, daß ein fremder Blick auf dieselben fallen könne, dann erhob er sich von seinem Stuhl und sah Pawjel mit lauernden, tückischen Blicken an, einem in seiner Höhle angegriffenen Raubtier ähnlich.

Stjepanida hatte sich in dem Augenblick, als sie das Zimmer ihres Vaters betrat, von Pawjels Hand losgemacht und war hinausgeeilt; im nächsten Augenblick aber schon kehrte sie wieder zurück, ehe noch Pawjel den Tisch erreicht hatte, hinter welchem Leonew, die Hand auf seine Bücher gestützt, stand. Sie trug auf einem irdenen Teller ein Stück Brot und ein Salzfaß, das sie Pawjel darbot. Dieser aß eine Brotkrume, nachdem er sie in das Salz getaucht, und sagte dann, indem er ganz nahe an den Tisch herantrat, mit ernster, voller Stimme, in welcher noch die Aufregung von der eben vorhergegangenen Szene nachklang:

»Fürchte nicht, Theofil Leonew, daß ich in feindlicher Absicht zu dir gekommen bin – du siehst, ich habe Salz und Brot in deinem Hause gegessen; alles, was dein ist, ist mir heilig, als wäre es mein eigen.«

»Ich fürchte mich nicht«, erwiderte Leonew mit rauher Stimme und bitterem, höhnischem Lachen, »vor niemand, und vor dir am wenigsten, Pawjel Fjodorew. Und was mein ist, wird mein bleiben auch ohne deinen guten Willen.«

Schüchtern, mit bittenden Blicken, näherte sich Stjepanida ihrem Vater, und bot ihm den Teller mit Salz und Brot.

»Fort damit,« rief Leonew, indem er den Teller so heftig zurückstieß, daß er zur Erde fiel und in Scherben zerbrach, »was soll das, ich bin nicht gesonnen, mit jenem da Gastfreundschaft zu halten, und wenn er wider meinen Willen mein Haus betreten hat, so wird er wohltun, so schnell als möglich dahin wieder zu gehen, woher er gekommen ist!«

Ganz erschrocken und totenbleich schwankte Stjepanida zurück, dann beugte sie sich auf die Erde nieder, um mit ängstlicher Sorgfalt das weithin verstreute Salz mit den Händen wieder zusammenzuscharren: denn verschüttetes Salz bedeutet nach slawischem Glauben schweres Unglück, und ihr Herz schnürte sich bei dem Gedanken zusammen, daß ihr Vater, der doch über ihr Schicksal zu bestimmen hatte, das Zeichen der Gastfreundschaft mit Pawjel zurückwies.

Ihre langsam und fast unbewußt erwachte und erwachsene Liebe, welche vielleicht ohne den heutigen Vorfall noch lange halb träumend in ihrem Herzen geschlummert haben würde, war plötzlich zu klarem Bewußtsein und flammender Leidenschaft aufgelodert, als der schöne, stolze Mann dem verachtenden Spott der Menge gegenüber seinen schützenden Arm um sie schlang, da, als er, wie einer plötzlichen Eingebung folgend, seine Liebe zu ihr offen vor aller Welt bekannte, war es auch ihr mit der Schnelligkeit des Blitzes klar geworden, daß sie zu ihm gehöre mit ihrem ganzen Wesen, daß sie nur an seiner Seite leben könne und daß die Trennung von ihm ihr den Tod bringen müsse. Im ersten Rausch des seligen Glücks hatte sie in seinem Arm und an seiner Hand nur die Wonne des Augenblicks gefühlt; er schien ihr so mächtig, so gewaltig, so alles beherrschend, daß sie ihr Schicksal für entschieden hielt, sobald er das Wort seines Willens gesprochen. In freudiger Zuversicht war sie glücklich an seiner Seite nach dem väterlichen Hause zurückgekehrt – der Anblick ihres Vaters aber, vor dem sie von Jugend auf zu zittern gewohnt war, der unversöhnliche Haß, den sie in seinen Augen las, erinnerte sie nun plötzlich in jähem Schreck daran, welch eine Kluft sich zwischen ihnen öffnete, und als ihr Vater das Salz zurückwies, als das heilige Zeichen der Gastfreundschaft und des häuslichen Friedens auf den Boden in den Staub fiel, da zuckte ihr Herz zusammen in schneidendem Weh, sie kniete vor den Scherben des Tellers, welche ihr wie die Trümmer ihres Glückes und ihrer Hoffnungen vorkamen, und blickte angstvoll zu ihrem Vater auf, der so bittere, feindliche Worte sprach.

Pawjel aber hatte diese Worte ruhig angehört; er, der sonst so heftig, aufbrausend, jede Beleidigung zurückgab, neigte den Kopf und warf Stjepanida einen innig liebevollen Blick zu, als wolle er ihr die beruhigende Versicherung geben, daß er sich zu keiner heftigen Erwiderung hinreißen lassen werde.

»Vielleicht hast du recht, Theofil Leonew,« sagte er, »mich so unfreundlich zu empfangen, wie du es tust, denn ich bin dir oft feindlich entgegengetreten, und habe dir Böses getan, wo ich konnte. Wohl mag es unrecht von mir gewesen sein – man soll ja nicht nach dem Scheine urteilen, und ich mag mich durch einen falschen Schein haben bestimmen lassen, dich für einen Feind unseres Glaubens und unseres Landes zu halten – ich hätte vielleicht längst zu dir kommen sollen, und manches würde sich aufgeklärt haben, das dich nur immer mehr verbitterte. Doch ich mache meinen Fehler gut. Wenn zwei Menschen sich feindlich gegenüberstehen, so haben wohl immer beide etwas schuld daran – laß uns die Vergangenheit vergessen, ich biete dir Versöhnung und Freundschaft; wir gehen wohl ernsten Zeiten entgegen, in denen es not tun wird, daß alle zusammenstehen und gemeinsam der Not und Gefahr die Stirn bieten.«

»Und du verlangst,« sagte Leonew immer in demselben feindlich höhnischen Ton, »daß ich deinen Worten trauen soll? Nein,« rief er, indem noch wilderer Haß aus seinen Blicken sprühte, – »nein, ich traue deiner Freundschaft nicht, und ich will sie nicht! Ich fürchte die Zukunft nicht, mag sie bringen, was sie will, und ich bin allein stark genug, um jeder Gefahr zu trotzen. Sieh du, wo du bleibst und wie du deinen Kopf rettest, wenn die Rebellion auch hier ihr Haupt erhebt, ich weiß, wohin ich mich zu wenden, und wo ich Schutz zu suchen habe. Man nennt mich den Juden, ich weiß es wohl, wegen des Blutes meiner Mutter, nun denn, eines habe ich mit jenem Blute in mich aufgenommen, das ist die Dankbarkeit gegen meine Freunde, und den Haß gegen meine Feinde; mein bitterster Feind aber bist du, und wer mich gekränkt und beleidigt hat, der wird meine Rache fühlen, früher oder später. Hüte dich, auch über dich wird meine Hand kommen, wie über alle die heimtückischen Feiglinge hier, die mit Grimm im Herzen vor mir gekrochen sind, so lange sie mich fürchteten. Geh hinaus, unter meinem Dache ist kein Platz für dich!«

»Theofil Leonew,« sagte Pawjel Fjodorew mit sanftem, fast bittendem Tone, »du glaubst nicht, daß ich dir aus aufrichtigem Herzen die Hand zur Versöhnung biete, und doch hättest du dich wohl überzeugen können, auch als ich dein Feind war, daß ich nicht zu heucheln und zu lügen verstehe und daß meine Lippen nur sprechen, was mein Herz fühlt. So höre denn, ich will dir beweisen, daß ich es treu und aufrichtig meine. Sieh hier Stjepanida, deine Tochter, dein einziges Kind – ich liebe sie – ich bitte dich um ihre Hand, sie soll an meiner Seite durchs Leben gehen, in meinem Hause soll dir der Ehrenplatz offen stehen, der dem Vater meines Weibes gebührt – glaubst du nun, daß ich es aufrichtig meine, wenn ich dir Versöhnung und Freundschaft biete? Laß uns zusammenstehen, laß mich die Stütze deines Alters sein, kehre zurück zum Volk, zu dem du gehörst, das dir seine Arme öffnet und dich ehren und lieben wird. Dafür stehe ich dir, und wehe dem, der Theofil Leonew, den Vater meines Weibes, beleidigen würde!«

Er hob Stjepanida vom Boden auf, und während das junge Mädchen sich zitternd an seine Seite schmiegte, streckte er die offene Hand über den Tisch hin, Leonew entgegen.

Dieser aber rief hohnlachend:

»Ah, wie freundlich, wie gütig du bist, Pawjel Fjodorew – ja, ja, man weiß es wohl, daß Theofil Leonew durch Fleiß und Arbeit seinen Besitz vermehrt und manchen Piaster erworben und erspart hat, da möchte es dir wohl gefallen, meine Erbschaft als Heiratsgut zu gewinnen und eine Frau dazu, die mehr wert ist, als alle eure Weiber zusammen! Aber die Rechnung ist zu plump, mein kluger Pawjel, meine Tochter da ist zu gut für einen Bauer wie du und, bei Gott, nicht für dich habe ich gearbeitet und gespart, und nichts soll es dir helfen, wenn du mit heuchlerischer List das verblendete Kind dort betörst hast. Fort von ihm, Stjepanida!« rief er heftig. »Ich sehe wohl, es ist Zeit, daß ich dich aus dem elenden Dorfe hier fortschaffe; ich war töricht, daß ich dich so lange hier ließ.«

Bebend und schluchzend wollte Stjepanida sich mit flehend ausgestreckten Armen ihrem Vater nähern, Pawjel aber schlang den Arm um sie und zog sie fester an sich, die Röte eines edlen Unwillens färbte sein Gesicht.

»Ich bedauere dich, Theofil Leonew,« sagte er, »wenn du in deinem Leben gelernt hast, von den Menschen so niedrig zu denken – mir aber tust du unrecht. Du weißt es, daß Gott mir der irdischen Güter mehr gegeben, als ich bedarf, und nicht um der Schätze willen, die du erworben haben magst, hat sich mein Herz deiner Tochter zugewendet; nur sie allein liebe ich, und du magst frei über alles verfügen, was du besitzest, du magst dir einen Erben suchen, wo du willst, ich werde kein Wort dagegen sprechen, ich verlange nichts von dir für die, welcher alles gehören wird, was ich habe – gib mir Stjepanida. Und kannst du den Groll nicht vergessen, kannst du mein Freund nicht sein, so laß wenigstens die Feindschaft ruhen, und überlaß der Fügung des Himmels und der Zeit die Versöhnung, zu der ich stets mit offenem Herzen bereit sein werde.«

»Nein,« rief Leonew, wild und heftig den Kopf schüttelnd, »nein, und tausendmal nein – und wenn ich nichts besäße, und wenn du noch tausendmal reicher wärest, ich würde lieber bettelnd das Land durchziehen, als mein Blut mit dem deinen verbinden. Geh also, jedes Wort ist vergeblich; du hättest früher daran denken sollen, daß man Theofil Leonew nicht ungestraft beleidigt und daß ich nicht der Mann bin, um wie ein Hund beim ersten freundlichen Wort die Mißhandlung zu vergessen.«

Schluchzend bedeckte Stjepanida das Gesicht mit den Händen. Pawjel stand bleich und finster mit zusammengepreßten Lippen und schwer atmender Brust da, seine ganze Natur bäumte sich zum Kampfe gegen den Widerstand auf, der seiner Liebe entgegentrat, und doch war es ihm selbst in diesem Augenblick erregter Leidenschaft klar, daß dieser Widerstand durch Gewalt nicht zu besiegen sei, denn das Recht des Vaters über seine Tochter war nach der Sitte des Volkes und dem Gesetz der Kirche heilig und unantastbar, und die ganze Macht der türkischen Regierung würde, so wenig sie sich auch sonst um die Volksrechte kümmerte, in diesem Falle sich wider ihn auf Leonews Seite stellen. Er fühlte sich ohnmächtig dem zähen Willen seines unversöhnlichen Feindes gegenüber und tief gedemütigt, daß die Hand der Versöhnung, die er bot, so höhnisch zurückgewiesen wurde; hätte es sich um irgendeinen anderen Gegenstand gehandelt, so würde er sich trotzig abgewendet und Leonew durch ein schneidendes Wort voll bitterer Verachtung niedergeschmettert haben – aber er blickte auf Stjepanida, ein unnennbares Weh durchzuckte sein Herz bei dem Gedanken, daß er sich von ihr trennen und sie einem ungewissen Schicksal überlassen sollte. Die Liebe überwand seinen Stolz, – er beugte das Haupt, um noch einmal ein bittendes Wort zu sprechen, da hörte man laute Stimmen draußen, die Hufschläge von mehreren Pferden klangen von der Straße her und hielten vor dem Hause an.

Lauschend streckte Leonew den Kopf vor, – ein Lächeln boshaften Triumphes flog über sein Gesicht. Im nächsten Augenblick wurde die Tür des Zimmers schnell geöffnet, und ein großer, hagerer, breitschulteriger Mann, den roten Fez auf dem Kopfe, in einem blauen, zugeknöpften Rocke mit Goldstreifen am Kragen, hohen Stiefeln an den Füßen und einen Säbel an der Seite, trat, sich unter dem Türpfosten leicht bückend, ein. Das dunkelgelbliche Gesicht dieses Mannes hatte scharfe und harte Züge, ein dichter, schwarzer Bart bedeckte seine Wangen und sein Kinn und ließ, wenn er den Mund zum Sprechen öffnete, nur die weißen Zähne sehen, welche lang und spitz unter den schmalen Lippen hervorragten; Hochmut und tückische Bosheit blitzten aus seinen kleinen, schwarzen, stechenden Augen, über welchen dichte Brauen sich bis zur Nasenwurzel zusammenzogen. Durch die geöffnete Tür sah man draußen vor dem Hause mehrere türkische Gendarmen mit Pferden.

Der Eingetretene warf einen schnellen, prüfenden Blick auf die im Zimmer befindlichen Personen, er schien betroffen, als er Pawjel Fjodorew hier erblickte, und es zuckte wie gehässige Schadenfreude über sein Gesicht.

Leonew kam schnell in demütig gebückter Haltung hinter seinem Tische hervor und rief:

»Glücklich ist mein Haus, daß der weise, tapfere und gerechte Achmed Uga, der hohe Kaimakam von Selwi, seine Schwelle betritt! Euer Eingang sei gesegnet, hoher Herr, gebietet über Euern demütigen Diener Theofil Leonew und alles, was er besitzt.«

Der Kaimakam neigte herablassend den Kopf. Pawjel Fjodorew begrüßte den türkischen Beamten mit stolzer und kühler Zurückhaltung; Stjepanida stand mit über der Brust gekreuzten Armen in sich zusammengesunken und leise weinend hinter ihrem Vater.

»Gott selbst führt Euch her,« fuhr Leonew fort, »um mir den Schutz Eurer Macht und Gerechtigkeit zuzuwenden. Pawjel Fjodorew hier, dessen trotzigen Sinn Ihr kennt, und der nur widerwillig der Regierung des erhabenen Padischah seine Steuern bezahlt, wie Ihr oft gesehen habt, ist wider meinen Willen bei mir eingedrungen, um mich zu schmähen und zu kränken. Mehrmals schon habe ich ihn aufgefordert, mein Haus zu verlassen, aber er trotzt meinem Willen, weil er jünger und stärker ist und weil das tückische Volk da draußen zu ihm steht, das mich haßt, weil ich auf Ordnung halte und Recht und ein treuer Untertan bin des großen und erhabenen Padischahs. Schützt mich vor ihm, hoher Herr, und befreit mein Haus von seiner verhaßten Gegenwart!«

»Ja, ja,« sagte Achmed Aga, indem seine Hand sich um den Griff seines Säbels spannte, »ich weiß es wohl, es lebt ein aufrührerischer Geist in diesem Volke, und es tut not, daß sie die Strenge fühlen, nachdem die milde, väterliche Hand der Regierung sie so lange verwöhnte. Ich werde das alles untersuchen, denn ich will einige Tage hierbleiben, um die neue Steuer zu erheben, welche der Padischah befohlen. Der freche Moskowiter zieht seine Truppen an den Grenzen des Reiches zusammen; bald soll ihr Blut die Erde düngen, unsere tapferen Soldaten werden sie niedermähen wie reife Garben, und die Pflicht aller guten Untertanen ist es, beizutragen zur Verpflegung der Heere des Padischahs. Darum ist eine Kopfsteuer ausgeschrieben, die jeder nach seinem Vermögen mit Freuden bezahlen wird, und ich bin hier, um die Schätzung vorzunehmen. – Ich weiß,« fuhr er zu Leonew gewendet fort, »daß du mir wie immer die Gastfreundschaft deines Hauses gern gewähren wirst.«

»Eine glückliche Sonne bescheint mein Dach,« sagte Leonew sich tief verneigend, »da ich gewürdigt bin, Euch zu beherbergen, hoher Herr.«

Achmed Aga warf einen hämischen Blick auf Pawjel Fjodorew und sagte:

»Der Padischah braucht auch Soldaten, um seine Heere zu verstärken, damit um so sicherer die nichtswürdigen Moskowiter zerschmettert werden; er hat befohlen, daß die kräftigsten und tüchtigsten Leute für den Dienst im Heere ausgehoben werden sollen. Es ist eine große Gnade, daß auch den Ungläubigen gestattet wird, die Waffen zu tragen und durch den Dienst für das Reich ihr sündhaftes Leben zu reinigen; denn wenn sie fallen im heiligen Kampfe, so wird der Prophet sich vielleicht ihrer erbarmen und für sie bei Allah bitten, daß sie in dem untersten Himmel der Gläubigen Aufnahme finden. Ich werde die Auswahl treffen,« fuhr er fort, »und hier Pawjel Fjodorew scheint mir vor allem tüchtig zum Dienst zu sein; ich werde ihn abliefern zum Regiment in Selwi, da mag er zeigen, ob sein trotziger Mut vor den Moskowitern standhält.«

Pawjel fuhr zusammen, helle Glut flammte in seinem Gesicht auf.

»Das ist wider das Recht, Herr«, rief er. »Ich habe pünktlich meinen Haradsch bezahlt und bin frei vom Dienst.«

»Es handelt sich nicht um den Haradsch,« erwiderte Achmed lachend, »der Padischah braucht Soldaten und hat befohlen, sie auszuheben, und wenn den Ungläubigen die Ehre zuteil wird, in die Reihen des ruhmvollen Heeres zu treten, so sollen sie dankbar sein für solche Gnade, und nur die Verräter werden sich ihrer Pflicht entziehen.«

»Ich habe meine Pflicht erfüllt wie jeder andere,« sagte Pawjel knirschend, »aber das dulde ich nicht, niemand kann mich zwingen, Soldat zu sein. Der Medschliß soll zusammentreten, wir werden uns an den Wesir, an den Padischah selbst wenden, um unser Recht zu fordern, denn es ist unmöglich, daß der Padischah einen solchen Befehl gegeben habe.«

»Wollt Ihr mich lehren,« rief Achmed Aga drohend, »was der Padischah in seiner Weisheit befohlen hat? – Nehmt Euch in acht, ich kenne Euch, Euer Maß ist voll! Und wenn der aufrührerische Geist sein Haupt zu erheben wagt, so werde ich den ganzen Medschliß in Ketten nach Selwi schicken, damit er lernt, was seine Pflicht ist. Morgen werde ich die Schätzung halten und meine Auswahl unter den Männern des Dorfes treffen – du weißt, was du zu tun hast, mache, daß du fortkommst, und halte dich bereit, mir zu folgen.«

Pawjels Lippen zuckten, seine Hände ballten sich – einen Augenblick schien er bereit, sich auf den Türken zu stürzen, aber er begriff, daß gewaltsamer Widerstand in diesem Augenblick nichts nützen könne, sondern ihn nur sicherer verderben müsse, nur gemeinschaftliches Handeln aller konnte die Gefahr des drohenden Rechtsbruches abwenden. Er unterdrückte die Drohung, die auf seinen Lippen schwebte, und wendete sich, um das Zimmer zu verlassen.

»Ich habe noch eine Bitte an Euch, hoher Herr,« sagte Leonew mit einem tückischen Seitenblick auf Pawjel, »die meine Tochter Stjepanida betrifft.«

Pawjel, der schon die Türschwelle erreicht hatte, blieb unruhig lauschend stehen.

»Ihr hattet früher die Gnade, hoher Herr,« fuhr Leonew fort, »mir zu versprechen, daß Ihr meine Tochter, wenn sie der Kindheit entwachsen sein würde, in Euer Haus aufnehmen wolltet, um Eure Diener anzuleiten und zu beaufsichtigen. Ich glaube, sie wird nun solchem Amte vorzustehen wissen, und wenn sie auch nicht Eures Glaubens ist, doch Eurem Hause nützlich sein. Die Zeiten sind unruhig, mich führen meine Geschäfte häufig vom Hause fort, und darum bitte ich Euch, nehmt sie jetzt mit Euch, damit ich sie sicher unter Eurem mächtigen Schutze weiß.«

Stjepanida stieß einen Angstruf aus und erhob flehend die Hände; sie blickte voll starren Entsetzens auf den Türken, der sie prüfend betrachtete.

Pawjel war totenbleich. Er drückte seine geballte Hand auf sein Herz, als wollte er dessen ungestüme Schläge zurückdrängen, und rief:

»Das ist unmöglich – unmöglich, Theofil Leonew, du darfst deine Tochter nicht von dir stoßen, du darfst ein christliches Mädchen nicht in ein türkisches Haus geben.«

»Ich darf nicht?« zischte Leonew, – »willst du die Gesetze geben darüber, was ein Vater mit seinem Kinde darf? Und ist ein christliches Mädchen nicht ehrenvoll und sicher aufgehoben im Hause des hohen Kaimakam, des Wächters der Gesetze, durch welche der erhabene Padischah den Untertanen jeden Glaubens gleichen Schutz und gleiches Recht verheißt? – Ihr hört, es, hoher Herr, er frevelt gegen die weise und gerechte Regierung.«

»Nun,« sagte Achmed Aga mit höhnischem Achselzucken, »er wird den Gehorsam lernen, wenn er erst im Regimente steht – hinaus, sage ich dir,« rief er, drohend die Hand gegen Pawjel erhebend, »ich will deine trotzigen Worte nicht gehört haben; aber bei Gott, wenn du noch ein Wort sprichst, so lasse ich dich in Ketten schließen und heute noch nach Selwi abführen!«

Einen Augenblick noch stand Pawjel mit schwer arbeitender Brust da, dann trat er schnell zu dem jungen Mädchen hin, dessen Blicke angstvoll flehend auf ihm ruhten, schloß sie in seine Arme, küßte sie auf die Stirn und rief:

»Vertraue auf mich, Stjepanida, noch lebt Gott, er wird uns schützen.«

Leonew wollte sich auf ihn stürzen, um Stjepanida aus seinen Armen zu reißen, aber Pawjel stieß ihn zurück und eilte, die Tür des Zimmers hinter sich schließend, aus dem Hause.

»Der Unverschämte,« sagte Achmed Aga, »ich sollte ihn durch die Gendarmen festhalten lassen – aber er entgeht uns nicht, ich werde ihn meinem Freunde Suleiman Bey, der das Regiment in Selwi kommandiert, empfehlen«, fügte er höhnisch hinzu; »wir brauchen christliche Freiwillige, damit die hohen Wesire in Stambul den Fremden beweisen können, wie freudig alle Untertanen für das Reich in den Kampf ziehen.«

»O mein Vater, mein Vater,« rief Stjepanida, indem sie sich zu Leonews Füßen niederwarf und seine Hand an ihre Lippen drückte, »verstoß mich nicht aus deinem Hause, sende mich nicht nach Selwi, ich beschwöre dich bei der Barmherzigkeit Gottes!«

»Verstoßen!« sagte Leonew rauh, – »törichte Närrin, was sprichst du von verstoßen! Es ist eine Ehre und ein Glück für dich, wenn du im Hause des hohen Kaimakam, meines weisen und gerechten Beschützers Achmed Aga, Aufnahme findest. Dort wirst du sicher sein vor den Zudringlichkeiten dieser tölpelhaften, trotzigen Bauern – kein Wort weiter – fort in deine Kammer! Ich selbst werde dich nach Selwi bringen, sobald der hohe Kaimakam dorthin zurückkehrt.«

»Fürchte dich nicht, mein Kind,« sagte Achmed Aga, indem er Stjepanidas Kinn emporhob und sie mit kalten, prüfenden Blicken betrachtete, wie ein Kaufmann die Ware mustert, »es wird dir bei mir an nichts fehlen. Du sollst meine Sklaven beaufsichtigen und meinen Haushalt führen, und du wirst in der Stadt mehr sehen und lernen als hier in dem öden, abgelegenen Dorfe.«

»Verzeiht ihre Torheit, Herr,« sagte Leonew, – »das wird sich geben, sie hat noch nie mein Haus verlassen, und selbst das Vieh«, fügte er mit rohem Lachen hinzu, »sträubt sich ja, wenn es aus dem Stall gehen soll, in dem es geboren wurde. – Jetzt fort!« rief er, Stjepanida heftig zurückstoßend, »ich habe keine Zeit, mich weiter mit deinen Albernheiten zu beschäftigen. Sage den Mägden, daß sie für die braven Gendarmen draußen sorgen, und sende uns hierher das Beste, was es im Hause gibt; der hohe Kaimakam wird müde und hungrig von der Reise sein und freundlich annehmen, was sein demütiger Diener ihm zur Erquickung zu bieten vermag.«

Stjepanida stand auf. Düstere Verzweiflung lag auf ihren Zügen, zugleich aber blitzte aus ihren großen, sonst so träumerisch schmachtenden Augen ein Strahl kühnen, entschlossenen Mutes aus; ohne ein Wort weiter zu sprechen, ging sie, dem Befehle ihres Vaters folgend, hinaus.

»Das Mädchen ist wirklich schön,« sagte Achmed Aga, indem er sich mit zufriedener Miene die Hände rieb, »und der erhabene Pascha wird entzückt sein, wenn ich sie ihm in seinen Harem bringe, vielleicht wird er sie gar würdig finden, sie dem großen Padischah, den Allah segnen und erhalten möge, zu senden, und ich werde nicht verfehlen, ihm zu sagen, daß sie dein Geschenk ist, Theofil Leonew, das wird dir mächtigen Schutz in allen deinen Unternehmungen bringen.«

»Ich danke Euch, Herr, ich danke Euch«, sagte Leonew. »Ich weiß ja, daß Ihr immer meiner gedenkt, und wenn Stjepanida Gnade findet vor den Augen des erhabenen Paschas, so werdet Ihr nicht vergessen zu sagen, daß sie meine Tochter ist und daß ich sie mit Freuden dem ruhmreichen, weisen und gerechten Vertreter des Padischahs, unseres Gebieters, übergebe. Es ist ja auch ihr Glück, denn wie kann ich, ein vielbeschäftigter Mann, ein Mädchen hüten; sie würde Torheiten begehen und sich selbst ins Elend, mich aber tausendfach in Sorgen und Verdruß stürzen. Auch will ich nicht hierbleiben,« fuhr er fort, »diese Bauern werden mit jedem Tage frecher und unverschämter, und wenn ihr trotziger Geist sie bis zur rebellischen Auflehnung treiben sollte, so wird wohl«, fügte er mit entsetzlichem Lachen hinzu, »hier wenig übrigbleiben, um Geschäfte zu machen. Ich möchte mit dem, was ich erworben, nach Stambul gehen, um dort ein Geschäft zu begründen, das mir vielleicht in einem Tage hundertfach den Gewinn abwirft, den ich hier, kaum in einem ganzen Jahre zusammenbringe; dazu müßt Ihr mir helfen, hoher Herr, und wenn der erhabene Pascha Wohlgefallen an Stjepanida findet, so werdet Ihr wohl von ihm einen Geleitbrief für mich an die großen Wesire in Stambul erlangen können, damit ich dort die Erlaubnis erhalte, mich niederzulassen und mein Geschäft zu betreiben – Ihr wißt, daß ich ein dankbarer Mann bin und daß ich gern von allem, was ich erwerbe, den schuldigen Anteil zu den Füßen meines großmütigen Beschützers und Wohltäters niederlegen werde.«

»Wir wollen sehen – wir wollen sehen, was sich tun läßt,« sagte Achmed Aga, indem er sich mit zufriedenem Lächeln die Hände rieb, »wenn Stjepanida Gnade findet vor den Augen des Paschas, daß er dir seinen Schutz gewähren wird. Ich weiß ja,« fuhr er mit einem eigentümlich durchdringenden Blick fort, »daß du die Dankbarkeit nicht vergessen wirst, wenn dir das Glück in Stambul günstig sein sollte, denn du bist ein kluger Mann und weißt wohl, daß die Undankbarkeit keinen Bestand hat und daß die Hand, welche schützt und erhöht, auch schlagen und zu Boden werfen kann.«

»Ihr kennt mich, Herr, Ihr, kennt mich,« sagte Leonew eifrig, »und niemals werdet Ihr bereuen, mir Euren Schutz gewährt zu haben. Doch jetzt, wenn es Euch gefällig ist, kommt hinüber und stärkt Euch an dem, was mein armes Haus Euch bieten kann.«

Er verschloß sorgfältig seine Schränke und führte, ehrerbietig gebückt voranschreitend, den Kaimakam über den Flur nach dem gegenüberliegenden Wohnzimmer des Hauses, wo bereits ein Nachtmahl bereitet stand.

Der eichene Tisch war, ein großer, Luxus für ein bulgarisches Dorf, mit einem weißen Leinentuch bedeckt. Auf demselben standen Teller von seinem Porzellan, welche Leonew für festliche Gelegenheiten von seinen Handelszügen aus den benachbarten Städten mitgebracht hatte. Geräucherte Schinken, Würste, kaltes Hammelfleisch, frisch gebackene Eierkuchen und marinierte Fische aus der Kuschitza bedeckten auf großen Schüsseln die Tafel. Achmed Aga ließ einen wohlgefälligen Blick über die zwar einfachen, aber lockenden Dinge schweifen, welche seinem durch den Ritt geschärften Appetit doppelt verlockend erschienen.

»Höre, Theofil Leonew,« sagte Achmed Aga, indem er auf einem mit Polstern bedeckten Diwan vor der Tafel Platz nahm, »meine Kräfte sind erschöpft von der Arbeit im Dienste des Padischahs, und mein Arzt hat mir geraten, von den stärkenden Getränken Gebrauch zu machen, welche die Franken aus den Beeren des Weinstocks zu bereiten verstehen, und in solchen Fällen erlaubt ja das Gesetz der heiligen Bücher, von diesem Getränk der Ungläubigen zu genießen.«

»Ich eile, Herr, ich eile,« rief Leonew, »das Beste, was ich besitze, soll sogleich für Euch bereitstehen.«

»Vergiß auch nicht,« rief ihm Achmed Aga zu, als er schon die Schwelle erreicht hatte, »jenen schäumenden Sorbet mitzubringen, welcher kühlt und belebt und so angenehm die Zunge kitzelt.«

»Seid unbesorgt, Herr, seid unbesorgt,« rief Leonew, geschäftig davoneilend, »Ihr sollt zufrieden sein.«

Nach kurzer Zeit und nachdem der Türke mit Behagen einen der duftenden Eierkuchen verzehrt hatte, erschien Leonew wieder mit einem großen Korbe, welcher mit bestäubten Flaschen alten Bordeaux und Burgunders gefüllt war, auch mehrere Champagnerflaschen mit silberschimmernden Köpfen ragten aus dem Korbe hervor, bei dessen Anblick Achmed Aga freundlich schmunzelnd seinen Beifall nickte.

Eine nach der anderen dieser Flaschen wurde entkorkt, und der Türke nahm die stärkende Medizin mit so viel Wohlbehagen und in so großen Quantitäten zu sich, daß er, als endlich die Pfropfen der Champagnerflaschen knallend emporstiegen und dem schäumenden Wein die Freiheit gaben, bereits mit dunkelgerötetem Gesicht und starr blickenden Augen dasaß und nur noch unzusammenhängende Worte hervorstieß, in welchen er bald den Moskowitern und den rebellischen Giaurs den Untergang schwor, bald dem geschäftig einschenkenden Leonew seinen gnädigen Schutz versicherte.

Endlich sank sein Haupt müde auf die Kissen des Diwans zurück. Die Nacht war hereingebrochen, Leonew führte mit einiger Mühe den Kaimakam nach der Kammer, in welcher für ihn ein Lager von weichen Kissen und feinen seidenen und wollenen Decken aufgeschlagen war, und halb entkleidet sank Achmed Aga laut schnarchend in tiefen Schlummer.

Obgleich Leonew gewohnt war, sich von allen geistigen Getränken mäßig zurückzuhalten, hatte er doch Achmed Aga, der ihm immer vergnügter und herablassender zutrank, so häufig Bescheid tun müssen, daß die schweren, feurigen Weine auch auf ihn seinen Einfluß ausgeübt hatten. Auch er suchte bald sein Lager auf und verfiel in festen Schlaf. Sein letzter Gedanke gehörte der Freude über die Rache an seinem verhaßten Feinde Pawjel Fjodorew, und ein häßliches Lächeln höhnischer Freude verschwand auch im Schlummer nicht von seinem Gesicht.

3. Kapitel

Die dichten Morgennebel lagen noch über der riesigen Hauptstadt von Großbritannien und Irland, welche eine Welt für sich bildet und so viel glänzende Pracht neben so bitterem Elend, so viel patriotische und monarchische Pietät und so viel festen, treuen Bürgersinn neben so viel Brandstätten der europäischen Revolution in ihrem Weichbilde einschließt, als der erste Lord des Schatzes, Benjamin Disraeli, Graf von Beaconsfield, bereits völlig angekleidet in dem großen, hellen Arbeitszimmer seiner Dienstwohnung in Whitehall mit der Durchsicht der während der Nacht eingegangenen Berichte und Depeschen beschäftigt war, welche ihm das Auswärtige Amt dechiffriert zugesendet hatte.

Das Arbeitszimmer des merkwürdigen Mannes, der sich nur durch die eigene Kraft des Geistes und Willens vom Kaufmannslehrling bis zu den höchsten Höhen der so stolzen und unnahbaren englischen Aristokratie hinaufgearbeitet hatte, war unendlich einfach und in dunklen Farben ausgestattet und möbliert. Ein großer Schreibtisch, auf welchem eine musterhafte Ordnung herrschte, vor Repositorien mit Büchern und Akten zeigte, daß man sich in der Werkstätte des Staatsmannes befand, dem die Leitung eines der größten Weltreiche anvertraut war. Wenige ausgezeichnete Ölgemälde und einige antike Bronzen bekundeten den edlen Geschmack des so scharf beobachtenden und so fein empfindenden Dichters, dessen Romane ihm zuerst den Weg zu den Gipfeln des Ruhmes geöffnet hatten.

Da das Tageslicht nur schwach durch den dichten Nebel schien, so waren die dichten Fenstervorhänge noch zugezogen, und eine Lampe mit breitem, blauem Schirm goß ihr mildes Licht über den Schreibtisch. Der Graf von Beaconsfield hatte die letzte Depesche gelesen und lehnte sich sinnend in seinen Sessel zurück. Sein Gesicht war eine der eigentümlichsten Physiognomien, die man sehen konnte, und wer ihm einmal im Leben begegnet war, vergaß ihn gewiß niemals wieder. Über die hohe, edel gewölbte Stirn ringelten sich einzelne länglich gedrehte Locken, welche einst voll und dunkel, jetzt dünn und grau geworden waren; die großen Augen blickten scharf beobachtend umher oder waren wie gedankenvoll nach innen gekehrt, leicht verschleiert. Seine ein wenig gebogene Nase und das Kinn erinnerten an die jüdische Abstammung, doch zeigte das Gesicht die edelste Form des orientalischen Typus, wie man sie sich bei den alten Helden und Weisen Judas denken mag. Sein seiner, beredter und ausdrucksvoller Mund war trotz des Alters noch schön in seinen Linien, auf dem ganzen Gesicht lag gewöhnlich eine kalte, vornehme Ruhe, ein gutmütig-ironisches Lächeln zuckte häufig um die seinen Lippen, wenn dieser Mann, der so sicher die vielseitigsten Gebiete beherrschte, in ruhiger Unterhaltung dasaß, das Kinn mit dem charakteristischen, vom Halse aus vorspringenden Bärtchen in den hohen Hemdkragen hinabgesenkt; wenn aber irgendein Gegenstand ihn besonders bewegte, wenn er in lebhafter Unterhaltung wissenschaftliche Fragen erörterte, wenn er im Ministerrat seine Meinung verteidigte oder seine mächtigen Reden im Unterhause gegen die Gegner schleuderte, dann leuchteten die Züge seines seinen, bleichen Gesichts in heller Begeisterung, aus seinen Augen sprühten flammende Blitze, und man hätte glauben können, einen der begeisterten Propheten des Alten Testaments vor sich zu sehen, vor deren aufwärts gerichteten Blicken die Wolkenschleier der Zukunft sich öffneten.

»Die Krisis ist nicht mehr zu beschwören,« sagte er, »was diese Konferenz hier auch endlich beschließen mag, und wenn auch wir unsere Zustimmung dazu geben, die Pforte wird die Beschlüsse ablehnen – sie muß es tun, wenn sie nicht die Bedingungen ihrer eigenen Existenz zerstören will. Und selbst wenn sie die Beschlüsse annimmt, welche sie unter die Kontrolle der Mächte stellen soll, wird sie diese Beschlüsse niemals ausführen, und in kurzer Zeit wird dennoch das schon halb aus der Scheide gezogene Schwert entscheiden müssen. Gortschakoff hält Rußland für bereit und den Augenblick für günstig, nachdem es sich nun länger als zwanzig Jahre gesammelt hat. Und er hat recht – er wird nicht zurückweichen, ich kenne ihn seit lange, wir waren befreundet, als ich noch der herablassend protegierte Schriftsteller und er der vornehme, ehrgeizige, feiner Karriere gewisse Gesandtschaftsattaché war.

»Wie lange ist das her!« sagte er seufzend, mit träumendem Blick und wehmütigem Lächeln, »man verlachte mich damals, werden wollte – nun bin ich es, alles habe ich erreicht, was meine kühnsten Träume einst kaum zu hoffen wagten und was ich fast nur in trotziger Herausforderung der Unmöglichkeit als Ziel meines Strebens aufstellte – aber wo ist die Kraft, der Mut, die Hoffnungsfreudigkeit der Jugend geblieben? Die treue Gefährtin meiner besten Lebensjahre ist von mir geschieden, so viele Freunde sind neben mir ins Grab gesunken, fast stehe ich da wie ein dürrer, einsamer Stamm, keines Triebes mehr fähig, kraftlos gegen den heranbrausenden Sturm.«

Einen Augenblick sank er zusammen und schloß wie in schmerzlichem Sinnen die Augen; dann aber plötzlich raffte er sich empor, stand von seinem Sessel auf und rief, indem seine Augen so kühn aufblitzten, daß im Glanz dieser Blicke sich sein welkes Gesicht wieder, zu verjüngen schien:

»Nein, nein, noch will ich, noch darf ich nicht gebrochen sein, das höchste, das schönste und herrlichste Ziel steht ja noch vor mir! Nicht nur nach der Macht und der Ehre habe ich gestrebt, welche die erste Stelle im Rat der Königin mir gibt, nein, mein Ehrgeiz ist es immer gewesen, diese Macht, wenn ich sie erringen und festhalten könnte, zu gebrauchen, um England emporzureißen aus der Erniedrigung, zu der es mehr und mehr herabsank durch ängstliche Scheu vor kühnem Handeln, um meinem Vaterlande den Platz wiederzugewinnen, den es einnahm unter Georg IV., als der große Canning das Staatsruder führte, als man an allen Höfen Europas ehrerbietig auf seine Stimme lauschte. Das ist heute nicht mehr so, trotz alles Selbstgefühls dürfen wir uns darüber nicht täuschen; England hat immer und immer seine wichtigsten Interessen aufgegeben, weil es nicht wagte, das letzte Wort zu sprechen, es hat sich in mürrischer Ohnmacht vor der Macht der Tatsachen zurückgezogen, es hat Dänemark und Frankreich niederwerfen lassen, die es hätte schützen sollen, um das Erstehen der deutschen Kontinentalmacht zu verhindern, deren rücksichtsloser Eintritt in das europäische Konzert heute alle Berechnungen zerstört. In der äußeren Rücksicht, welche man heute noch auf England nimmt, liegt eine gewisse verdeckte Ironie, sie glauben nicht, daß der englische Leopard noch Zähne und Krallen habe, aber bei Gott, sie sollen sich täuschen. Die Krisis, welche unvermeidlich hereinbricht, gibt mir die Gelegenheit, zu beweisen, ob ich selbst zu tun vermag, was ich oft als die Pflicht von Englands Staatsmännern bezeichnet habe, und«, sagte er, die Hand ausstreckend wie zu einem Gelöbnis, welches er sich selbst ablegte, – »ich will diese Pflicht erfüllen, der einsame, dürre Stamm, den keine Blüten mehr schmücken, soll noch eine Lorbeerkrone treiben, welche unverwelklich die Ruhmeshalle Englands zieren wird. Benjamin Disraeli wird beweisen, daß er es wert war, so hoch zu steigen, und daß nicht nur die Laune des Glücks ihn emporgehoben.«

Ein Sonnenstrahl zitterte durch die Faltenöffnung des Fenstervorhangs.

»
Accipio omen!«rief der Graf freudig, – »dieser Blick des himmlischen Lichtes, der durch den Nebel bricht, soll mir eine Bürgschaft sein, daß die Geister des Sieges über mir schweben; der schöne Glaube des Altertums traute ja den himmlischen Zeichen, auch ich will dem Zeichen dieses Lichtes vertrauen, des Lichtes, dem ich mein ganzes Leben über gedient, zu dem ich emporzustreben alle meine Kraft eingesetzt habe.«

Er zog die Vorhänge auf, der volle Sonnenschein, welcher auf wenige Augenblicke die englischen Nebel zerteilte, flutete durch das Zimmer und bestrahlte das hoffnungsvoll und freudig bewegte Gesicht des Grafen.

Der Kammerdiener trat ein und brachte auf einer silbernen Platte das Frühstück seines Herrn. Eine Kristallschale mit durchsichtigem Champagnergelee, einige leichte Biskuits und ein kleines Spitzglas mit Madeira gefüllt. Er stellte die Platte auf einen Tisch vor dem neben dem Fenster stehenden Diwan.

»Ja, ja,« sagte der Graf, indem er wehmütig lächelnd die Achseln zuckte, »das ist das Alter! Der Geist ist frisch und jung, aber der Magen verträgt nur noch dieses leichte Weingelee und schaudert bei dem Gedanken an die vortrefflichen Frühstücke von ehemals mit ihren saftigen Roastbeefs, ihren würzigen Pasteten und duftigem Ale – gleichviel, wir bedürfen ja nur den Geist und den Mut, der jungen und kräftigen Arme hat Altengland genug.«

Er setzte sich nieder und verzehrte ganz heiter sein so wenig substantielles Frühstück, während er sich freundlich mit seinem alten Diener unterhielt und demselben die Befehle für den Tag und die zu dem Diner zu erlassenden Einladungen erteilte.

Er hatte eben behaglich das kleine Glas geleert, welches in der Tat nur wenige Tropfen alten Madeiras enthielt, als ein Lakai leise die Tür öffnete und dem Kammerdiener ein Zeichen machte, um ihm leise eine Meldung zuzuflüstern.

»Der russische Botschafter«, meldete dieser dann seinem Herrn, »bittet Eure Lordschaft um Gehör.«

Graf Beaconsfield erhob sich schnell, sein Gesicht nahm den Ausdruck jener ruhigen, salonmäßigen Höflichkeit an, welche ihn in der Konversation nur sehr selten und nur in Augenblicken besonderer Erregung verließ.

Der Kammerdiener öffnete die Tür, und im nächsten Augenblick trat der Botschafter des Kaisers Alexander, Graf Peter Andrejewitsch Schuwalow, in das Kabinett. Der Graf trug einen schwarzen Morgenanzug, welcher seine Gestalt noch schlanker und eleganter erscheinen ließ als die militärische Uniform des Generals der Kavallerie, die er bei offiziellen Gelegenheiten trug. Er war damals fünfzig Jahre alt, sein etwas blasses, seines Gesicht mit den leicht ergrauenden Haaren und dem militärisch geschnittenen Bart zeigte in seiner verbindlichen Freundlichkeit und herzlichen Offenheit dennoch durchdringenden Scharfblick und kluge Selbstbeherrschung; man hatte, wenn man den Grafen ansah, das Gefühl, daß das, was er sagte, wahr sein müsse, daß er aber bei weitem nicht alles sage, was er wisse oder denke, und daß es keine leichte Mühe sei, in dasjenige einzudringen, was er zu verschweigen die Pflicht oder den Willen habe.

Ihm folgte der General Nikolaus Paulowitsch Ignatiew, der russische Botschafter in Konstantinopel. Er war ein wenig jünger als der Graf Schuwalow, er trug gleich ihm einen einfachen Zivilanzug, und auch er zeigte in seiner Haltung und Erscheinung elegante Sicherheit und diplomatische Gewandtheit. Sein etwas volles Gesicht hatte ein wenig von dem slawischen Typus; über seinem großen und breiten, aber ausdrucksvoll belebten Munde lag ein schmaler, langgedrehter, dunkler Schnurrbart, welcher die Lippen nicht bedeckte; seine hohe Stirn war von dünnen Haaren umgeben, und seine dunklen, lebhaft und scharf blickenden Augen schienen nicht wie diejenigen des Grafen Schuwalow geschickt die Gedanken zu verhüllen, wohl aber jeden Ausdruck anzunehmen und dadurch vielleicht noch sicherer die auf ihn gerichteten Blicke irrezuleiten.

Graf Schuwalaw näherte sich vertraulich dem englischen Premierminister, wahrend sich doch zugleich in seiner Haltung eine gewisse wie unwillkürliche Ehrerbietung des jüngeren Mannes gegen den älteren ausdrückte, und sagte, indem er Lord Beaconsfields dargebotene Hand schüttelte:

»Ich habe mir erlaubt, mein teurer Graf, Ihnen meinen Kollegen Ignatiew vorzustellen, welcher über Berlin, Wien und Paris hierherkommt, um mit der vollen Aufrichtigkeit, welche die Interessen unserer beiderseitigen Länder erheischen, über alles zu berichten, was er an jenen Höfen gehört hat.«

»Und ich bin außerordentlich glücklich,« fiel General Ignatiew ein, »bei dieser Gelegenheit die Ehre und die Freude zu haben, die persönliche Bekanntschaft Eurer Exzellenz zu machen. In der großen Frage, welche gegenwärtig zur Entscheidung liegt, stehen sich England und Rußland als die wichtigsten Faktoren gegenüber, und ich bin gewiß, daß wir uns über das, was geschehen muß und geschehen kann, leicht verständigen werden, wenn von beiden Seiten das eigene Interesse pflichtgemäß vertreten, zugleich aber auch dem gegenseitigen Interesse in gerechtem Entgegenkommen Rechnung getragen wird.«

»Zweifeln Sie nicht daran, mein Herr,« erwiderte Graf Beaconsfield, indem er dem General Ignatiew mit etwas zurückhaltender Artigkeit die Hand reichte, »daß dies meinerseits in vollem Maße geschieht und daß ich nichts mehr wünsche, als die zu meinem Bedauern wieder aufgetauchte orientalische Frage ohne Erschütterung des europäischen Friedens zu lösen.«

Er lud die beiden Herren ein, auf den um den Diwan stehenden Lehnstühlen Platz zu nehmen, wobei er selbst wie zufällig seinen Platz so wählte, daß er den Rücken dem Fenster zuwendete, so daß sein Gesicht in Schatten gehüllt wurde und seine Besucher nicht imstande waren, scharf und genau das Mienenspiel seiner Züge zu verfolgen. – Unmittelbar in die Sache eingehend, sagte General Ignatiew:

»Wie Euer Exzellenz wissen, komme ich hierher über Berlin, Wien und Paris, und ich habe an allen drei Höfen nur die vollste Anerkennung der Haltung gefunden, welche Rußland in den bisherigen Phasen der Verhandlung und auf der Konferenz in Konstantinopel eingenommen hat.«

Graf Beaconsfield verneigte sich schweigend.

»Ich habe«, fuhr General Ignatiew fort, »von dem Fürsten Bismarck die Versicherung erhalten, daß Deutschland die vollständigste und freundlichste Neutralität beobachten werde, wenn mein allergnädigster Herr gezwungen sein sollte, zur Ausführung der Grundsätze des Berliner Memorandums vom vorigen Jahre und des Protokolls der hier zusammengetretenen Konferenz dem Widerstände der Pforte gegenüber die Waffen zu ergreifen.«

»Das Berliner Memorandum, welchem England nicht beigetreten ist,« erwiderte Graf Beaconsfield ruhig und kalt, »scheint mir ein Aktenstück der Vergangenheit zu sein, und ein Protokoll der hier versammelten Konferenz ist noch nicht unterzeichnet.«

General Ignatiew schien diese Zwischenbemerkung zu überhören und fuhr fort:

»In Wien habe ich die gleiche Gesinnung gefunden und die gleichen Versicherungen empfangen; Österreich hat ja unmittelbarere Interessen an der Entwicklung einer orientalischen Krisis als Deutschland, aber diese Interessen ließen sich für alle Fälle sicherstellen, wenn Österreich Bosnien besetzte, vielleicht auch Serbien, unsrerseits würde nichts dagegen eingewendet werden, und wenn das Wiener Kabinett sich auf diese Weise selbst Garantie verschaffte, daß keine Erschütterung auf der Balkanhalbinsel seine Grenzen beunruhigen oder seine Interessen an der Donau in Gefahr bringen könnte. Man war in Wien sehr geneigt zu einer solchen Okkupation, und unsererseits würde dieselbe als eine berechtigte Sicherung österreichischer Interessen gern zugestanden.«

Ein Zug flüchtiger Ironie zeigte sich auf Disraelis Gesicht.

»Eine solche Okkupation«, sagte er leichthin, »würde immerhin einen Eingriff in die Souveränität der Pforte in sich schließen und wohl nur mit deren Zustimmung erfolgen können, worüber man ja in Wien ohne Zweifel klar sein wird.«

Auch auf diese Bemerkung antwortete General Ignatiew nicht.

»In Paris«, fuhr er fort, »war ich ebenfalls so glücklich, die entschiedenste Anerkennung unserer bisherigen politischen Haltung zu finden. Ich habe dort die Überzeugung gewonnen, daß Frankreich mit seiner vollen Sympathie die Aktionen Rußlands zur definitiven Lösung der Verwirrungen im Orient, zur Sicherstellung der christlichen Bevölkerung gegen die türkische Willkür begleiten werde. Die gegenwärtige französische Regierung«, fügte er mit leichtem Ton wie eine gleichgültige und bedeutungslose Bemerkung hinzu, »hat vollkommen erkannt, daß die Politik von 1855 ein Fehler des Kaiserreichs war, und daß vielmehr das freundlichste Einverständnis mit Rußland in allen europäischen Fragen für Frankreich geboten sei.«

Graf Beaconsfield zuckte die Achseln und sagte in gutmütig scherzendem Ton:

»Die Verhältnisse haben sich geändert; im Jahre 1855 nannte man die Türkei den kranken Mann, Frankreich ist heute wohl noch etwas kränker und hat vollauf zu tun, seine inneren Wunden zu heilen, ihm fehlt der Arm, um den Sympathien seines Herzens Nachdruck zu geben.«

»Die ganze Frage steht also«, fuhr General Ignatiew fort, »zwischen Rußland und England; wenn wir uns über gemeinschaftliche Grundsätze verständigen, wenn wir, die wir allein in der Lage sind, zu Lande und zur See der Pforte unsern Willen aufzuzwingen, eine gemeinsame Forderung stellen, so scheint es mir unmöglich, daß die gegenwärtige Krisis nicht friedlich beendet werde. Die Türkei wird nicht zurückweisen können, was Rußland und England gemeinschaftlich verlangen, und deshalb bitte ich Eure Exzellenz, Ihre Zustimmung zu den Punkten zu geben, über welche sich die hier versammelte Konferenz bereits geeinigt hat. Würde eine solche Einigung jetzt nicht erzielt werden,« fuhr er fort, »so würde Rußland gezwungen sein, einseitig militärisch vorzugehen, da mein allergnädigster Herr unmöglich das Vertrauen aller christlichen Völker des Balkans täuschen kann, deren Blicke hilfesuchend sich nach Rußland wenden; schon die Rücksicht auf die Stimmung des eigenen Landes, deren Bedeutung man in England vor allem zu würdigen verstehen muß, würde ihn zum Handeln zwingen. Wenn aber Rußland die Waffen ergreift, ohne daß vorher durch eine europäische Verständigung, vor allen Dingen durch eine Verständigung mit England, eine ganz bestimmte Basis der militärischen Aktion gewonnen ist, so würde das Schicksal der Zukunft dem unberechenbaren Zufall anheimfallen, denn Eure Exzellenz werden nicht verkennen, wie schwer es ist, einen siegreichen Krieg in bestimmten Grenzen zu halten, wenn nicht dem eigenen Volk und der eigenen Armee gegenüber vorher übernommene Verpflichtungen der Rechtfertigung für das Anhalten an jenen Grenzen bieten.«

»Das Protokoll, welches die Konferenz entworfen hat,« erwiderte Graf Beaconsfield, »bestimmt, daß die Vertreter der Mächte in Konstantinopel und ihre Vertreter in den Provinzen die Ausführung der Reform in den christlichen Provinzen überwachen sollen. Das ist ein für die selbständige Souveränität eines großen Staates sehr empfindlicher und sehr bedenklicher Punkt, von welchem ich nicht recht einsehe, wie er ohne neue große Verwirrungen durchgeführt werden kann. Um sich zur Annahme eines solchen Punktes entschließen zu können, müßte England die Gewißheit haben, daß der Zweck, welcher die Mächte zu der hier tagenden Konferenz zusammengeführt hat, wirklich erreicht werde. Dieser Zweck ist der Frieden, meine Herren, und der Frieden wird am meisten gesichert, wenn man die Mittel zum Kriege beseitigt. Rußland hat große Rüstungen gemacht –«

»Die gespannte Situation nötigte dazu«, fiel Graf Schuwalow ein.

»Auch die Türkei rüstet mit aller Macht«, sagte General Ignatiew.

»Nun denn, meine Herren,« sagte Graf Beaconsfield, indem es wie seiner Spott in seiner Stimme anklang, »dann ist ja das Mittel leicht und einfach. Wenn die europäischen Mächte die Durchführung und Überwachung der Reformen, die ja auch der Zweck der russischen Politik sind, übernehmen, wenn die Türkei sich verpflichtet, diese Reformen wirklich durchzuführen, dann sind die Waffen überflüssig, und die gegenseitige vollständige und schleunige Abrüstung ist die sicherste und zuverlässigste Bürgschaft des Friedens.«

»Rußland wird stets zur Abrüstung bereit sein,« sagte Graf Schuwalow, während General Ignatiew seine Betroffenheit über diese eigentümliche und plötzliche Wendung nicht verbergen konnte, – »vorausgesetzt, daß die Lage der bedrängten christlichen Provinzen und die Haltung der Türkei dazu die Möglichkeit bietet.«

»Nun denn, meine Herren,« sagte Graf Beaconsfield, »so scheint mir die Sache einfach: unter der Bedingung sofortiger und ernstlicher gegenseitiger Abrüstung und unter Rückkehr der russischen sowie der türkischen Armee auf den Friedensfuß bin ich bereit, das Protokoll der Konferenz unterzeichnen zu lassen.«

»Ich kann die Bemerkung nicht unterdrücken,« sagte Graf Schuwalow ein wenig zögernd, »und Sie werden mir darin recht geben müssen, mein teurer Lord, daß so häufig schon großen und lange dauernden Kriegen die Erörterungen über die Abrüstungsfrage vorhergingen, und das dann oft den Eindruck machte, als seien diese Verhandlungen von den Beteiligten nur geführt, um die Schuld von dem einen auf den andern zu wälzen.«

»Doch nur dann,« sagte Graf Beaconsfield mit scharfer Betonung, »wenn einer der beiden Teile oder beide es nicht ehrlich mit der Abrüstung meinten; auch würde ich ganz in Ihrem Sinne, mein lieber Graf, England wenigstens von solchen unerfreulichen und unfruchtbaren Abrüstungsverhandlungen fernhalten, und um das im vollsten Maße tun zu können, scheint es mir angemessen, bei der Unterzeichnung des Protokolls die Erklärung abzugeben, daß diese Unterzeichnung nur im Interesse des europäischen Friedens erfolge, und daß, wenn dieser Zweck durch diese gegenseitige Abrüstung Rußlands und der Türkei nicht erreicht werden würde, das Protokoll selbst, für England wenigstens, als null und nichtig angesehen werde.«

»Aber ich bitte Sie, mein teurer Lord,« rief Graf Schuwalow, »das würde ja so gut wie nichts bedeuten, denn wir können doch unmöglich früher auf den vollständigen Friedensfuß zurückkehren, bevor nicht die Türkei in der Tat mit der Ausführung der Reformen den Anfang machte, und zwar einen sehr gründlichen Anfang, denn nach meiner Überzeugung«, fügte er in fast unmutigem Tone hinzu, »wird die Pforte, sobald die Degenspitze von ihrer Brust genommen ist, sich gewiß nicht beeilen, irgend etwas in dem gegenwärtigen Zustande der Dinge zu ändern.«

»Ich glaube doch,« sagte General Ignatiew, indem er seinem Kollegen einen schnellen Seitenblick zuwarf, »daß Seine Exzellenz vollkommen recht hat, und daß wir unsererseits gewiß keinen Grund haben, irgend etwas gegen diese Verwahrung Englands einzuwenden. Der Zweck des Protokolls ist ja der Frieden, den niemand eifriger erstrebt als unser allergnädigster Herr, und wenn dieser Zweck besonders noch betont wird, so drückt das ja nur denselben Sinn und dieselbe Voraussetzung aus, die auch uns beseelt.«

Graf Schuwalow neigte den Kopf, doch zeigte seine Miene keine vollständige Überzeugung, er schien vielmehr nur zu schweigen, um dem fremden Minister gegenüber keine Diskussion zwischen zwei russischen Diplomaten eintreten zu lassen.

»Ich werde also«, sagte Graf Beaconsfield, »meinen Kollegen empfehlen, das Protokoll unterzeichnen zu lassen.«

»Graf Derby und Lord Carnarvon sind ganz meiner Meinung«, bemerkte Graf Schuwalow.

»Ebenso der Marquis von Salisbury«, fügte General Ignatiew hinzu.

»Ich weiß es«, sagte Graf Beaconsfield mit einer Miene, welche im Zweifel ließ, ob er die Meinung seiner Kollegen teile oder nicht; – »ich werde also«, fuhr er dann in trockenem Geschäftstone fort, »die Unterzeichnung des Protokolls vornehmen lassen mit der Hinzufügung der angedeuteten Erklärung, deren Wortlaut festzustellen ich mir vorbehalte, und ich will wünschen, daß durch dieses Protokoll die drohende Erschütterung der europäischen Ruhe beschworen werden möge.«

Der Ton, in dem er die letzten Worte sprach, drückte ein sehr geringes Vertrauen in die Erfüllung seines Wunsches aus, und schien zugleich anzudeuten, daß er die Unterredung für beendet halte.

Graf Schuwalow aber erhob sich nicht.

»Wir hätten also«, sagte er, »den unmittelbar auf der Tagesordnung stehenden Gegenstand erledigt, und ich kann auch meinerseits nur den Wunsch aussprechen, daß diese Erledigung den europäischen Frieden befestigen und erhalten möge; aber ich möchte die Gelegenheit der Anwesenheit meines verehrten Kollegen, des Generals Ignatiew, benutzen, um Ihnen, mein teurer Lord, ein Wort zu sagen, das vielleicht, wenn es günstige Aufnahme findet, imstande wäre, auf lange Zeit hinaus die Wiederkehr einer so peinlich gespannten Situation, wie die gegenwärtige, zu verhindern.«

Lord Beaconsfield verbeugte sich mit der Miene aufmerksamer Erwartung.

»Ich spreche dabei eigentlich nur einen Gedanken aus, den ich schon in früherer Zeit anregte, als ich die Ehre hatte, das britische Kabinett über unseren Feldzug nach Chiwa und die Eroberungspläne, die man uns damals zuschrieb, zu beruhigen.

Was«, fuhr er fort, »ist eigentlich der Kern der unglücklichen Spannung, welche in so beklagenswerter Weise zwischen England und Rußland sich fühlbar macht, sobald in irgendeiner Form die orientalischen Angelegenheiten in der europäischen Diplomatie zur Erörterung kommen? Meiner Überzeugung nach sind es die ungerechten Verdächtigungen, welche ein Teil der öffentlichen Meinung nicht müde wird, gegen Rußland zu erheben, und welche dann in England das Mißtrauen erregen, als wollte Rußland die englischen Interessen in Asien durchkreuzen und sich drohend, ja vielleicht erobernd den englischen Kolonien in Indien nähern. Nun denn,« fuhr er fort, während Lord Beaconsfield stillschweigend, ohne irgendein Zeichen der Zustimmung oder des Widerspruchs zuhörte, »was läge näher, als daß zwei Mächte, die dazu bestimmt sind, im Frieden miteinander zu leben, ja die Welt zu beherrschen, sich über ihre gegenseitigen Interessen verständigen und das Objekt derselben genau abgrenzen. Rußland ist der natürliche Beschützer der christlichen Völker des Orients, Rußland kann diese Rolle nicht zurückweisen, diese Aufgabe nicht unerfüllt lassen, wenn die Regierung sich nicht das eigene Volk entfremden will; außerdem liegen Rußlands wirtschaftliche Interessen am Schwarzen Meer, und die Handelsstraße des Schwarzen Meeres ist der natürliche Kanal des russischen Wohlstandes. Es muß dabei stets das Streben der russischen Politik sein, den Schlüssel zu dieser Handelsstraße in Rußlands Hand zu halten oder ihn wenigstens keiner andern Hand zu überlassen.«

Lord Beaconsfield hatte den Kopf auf die Brust gesenkt, wie er häufig zu tun pflegte, wenn er aufmerksam zuhörte; bei den letzten Worten schlug er die Augen auf, und in seinen Augen funkelte es wie Wetterleuchten – schnell aber senkte er den Kopf wieder nieder und hörte weiter.

»Das sind unsere Interessen,« sagte Graf Schuwalow, »diejenigen Englands liegen in Indien; wie wir uns unmöglich die Straße des Schwarzen Meeres verschließen lassen können, so müssen Sie den Weg zu Ihren indischen Kolonien offen halten und gegen jeden Angriff auf jener Seite zu schützen suchen. Nun denn, der beste Schutz eines Gebiets, besser als Festungen und Armeen, ist eine neutrale Zone; stellen wir eine solche auf, es ist mir früher schon gelungen, Sie in betreff der russischen Stellung in Chiwa und Afghanistan zu beruhigen.«

»Ich führte damals nicht die Regierung«, warf Lord Beaconsfield hin.

»Wir sind bereit,« sagte Graf Schuwalow, »Ihnen noch bestimmtere Versicherungen in betreff jener Gebiete zu geben. Wir würden nicht zögern, in Chiwa und Afghanistan jede andere Tätigkeit aufzugeben, welche nicht unmittelbar und notwendig mit dem Schutz unserer Grenzen und unseres Handels zusammenhängt, und auf der andern Seite würden wir mit Freuden bereit sein, in dem ganzen Euphratgebiet, vom Persischen Meerbusen bis zum Taurus, den englischen Einfluß als ausschließlich herrschend anzuerkennen, und, was auch immer im Orient geschehen möge, von jedem Versuche, uns dem Euphratgebiet zu nähern, abzustehen.«

Er hielt einen Augenblick inne, als erwarte er eine Antwort. Lord Beaconsfield aber schwieg und saß unbeweglich mit auf die Brust gesenktem Kopfe da.

»Wir dagegen,« fuhr der Graf dann fort, »würden freie Hand für die Ausbreitung unseres Einflusses um das Schwarze und Kaspische Meer und auf der Balkanhalbinsel in Anspruch nehmen, nicht, durch Eroberung – der Kaiser, mein Herr, hat sein Wort gegeben, daß er daran nicht denke, und daß die Absichten, welche man Rußland auf den Besitz von Konstantinopel zuschreibe, ebenso törichte wie böswillige Verdächtigungen seien – aber das Bassin und Straße des Schwarzen Meeres ist für uns ebenso notwendig, als für Sie die Straße nach Indien und der Schutz Ihrer Kolonien. Wie leicht wäre es wenn Sie, mein teurer Lord, diese Ansichten teilten, durch ein festes Abkommen diese Grenzen der gegenseitigen Machtsphären festzustellen, und wenn dies geschehen wäre, so würde heute schon von einer orientalischen Krisis keine Rede sein; ohne das Mißtrauen, welches ja leider zwischen Rußland und England besteht würde die Türkei niemals wagen, so trotzig alle Forderungen zurückzuweisen, und wenn Rußland und England sich vertrauensvoll in den Einfluß im Orient teilten, der ja ihnen beiden allein gebührt und von ihnen allein festgehalten und behauptet werden kann, dann würden keine europäischen Konferenzen mehr nötig sein, – man in London und in Petersburg beschlösse, würde geschehen und müßte von dem übrigen Europa als endgültige Entscheidung angenommen werden. Ich bitte Sie, mein teurer Graf, diesen Gedanken ernsthaft zu prüfen, es wäre für Ihr Vaterland wie für das meine mehr wert, als zehn gewonnene Schlachten, wenn dieser Gedanke zur Wahrheit werden könnte; statt daß bis jetzt das Mißtrauen zwischen England und Rußland stets einen Faktor in den Berechnungen der europäischen Politik bildet, würden wir dann gemeinsam die Welt beherrschen.«

Graf Beaconsfield hob langsam den Kopf empor.

»Der Gedanke, den Sie da eben ausgesprochen haben, lieber Graf,« sagte er, »ist von blendendem Reiz und scheint außerdem so einfach und natürlich, daß man sich wundern könnte, wie die Staatsmänner zweier großen Reiche nicht längst an seiner Ausführung gearbeitet haben; in der Politik aber muß man alles, was blendet, um so schärfer und kälter betrachten, und alles, was leicht und natürlich scheint, um so vorsichtiger prüfen. Wir haben ja, was für den Augenblick not tat, erledigt und haben also Zeit, darüber nachzudenken, wie wir für die Zukunft alles Mißtrauen beseitigen können, was auch ich ebensosehr wünsche wie Sie. Erlauben Sie mir daher über das, was Sie mir gesagt, nachzudenken und vielleicht mit dem einen oder dem andern meiner Kollegen darüber zu sprechen.«

»Der Marquis von Salisbury ist ganz in den Kreis meiner Ideen eingegangen«, sagte Graf Schuwalow schnell.

»Nun denn,« erwiderte Graf Beaconsfield, »dem Marquis von Salisbury liegt ja zunächst die Sorge für unsere indischen Kolonien ob, vielleicht erörtern Sie noch eingehender diese Gedanken mit ihm, und wir sprechen dann weiter darüber. Sie dürfen überzeugt sein,« fügte er verbindlich hinzu, »daß auch diese Sache, wie alles, was Sie die Güte haben mir mitzuteilen, der Gegenstand meines sorgfältigsten Nachdenkens sein wird.«

Diesmal lag in dem Ton der Stimme des Grafen eine so bestimmte und fast ungeduldige Andeutung, daß er den Gegenstand der Unterhaltung für erschöpft ansehe, daß Graf Schuwalow sich erhob und sich mit seinem Kollegen verabschiedete.

»Wie war es möglich,« sagte er, durch das Vorzimmer nach der Treppe zu schreitend, zu dem General Ignatiew, »daß Sie dem Vorbehalt über die Abrüstung Ihre Zustimmung geben konnten? Das ganze Protokoll, an dessen Unterzeichnung dem Fürsten Gortschakoff liegt, wird ja dadurch von vornherein bedeutungslos, denn an eine Abrüstung ist gar nicht zu denken.«

»Mein lieber Graf Peter Andrejewitsch,« sagte General Ignatiew lachend, »lassen Sie immerhin jenen Vorbehalt aussprechen, ich weiß gewiß, und ich bürge mit meinem Kopfe dafür, daß das Protokoll von der Türkei zurückgewiesen werden wird, ich weiß, wie halsstarrig sie dort sind, und außerdem gibt es dort Leute, welche den Bruch mit Europa wünschen, um sich mit uns allein zu verständigen. Zum Kriege kommt es ja doch, zum Kriege muß es kommen, damit der Gärungsstoff, der Rußland erfüllt, einen Abzugskanal finde, damit der Vorwurf verstumme, daß Rußland mit seiner kostbaren Armee eine Null in Europa sei und seine Mission nicht zu erfüllen vermöge – dann aber ist es von hoher Wichtigkeit, daß Englands Unterschrift unter dem Protokoll stehe, denn fürs erste würden wir doch ins Feld ziehen, um der Türkei dies Protokoll aufzuzwingen, und England kann sich uns ja unmöglich entgegenstellen, wenn wir etwas ausführen wollen, das seine Regierung selbst vorher gebilligt hat. Übrigens,« fügte er leiser hinzu, indem er sich ängstlich umsah, als fürchte er, daß ihn irgendeiner der Diener auf den Gängen trotz der fremden Sprache verstehen könne, »übrigens seien Sie gewiß, daß dieser alte Fuchs uns überlisten will; mit ihm werden Sie Ihren großen und schönen Gedanken, den ja auch unser allergnädigster Herr so warm im Herzen trägt, niemals zur Ausführung bringen, er wird immer der unversöhnliche Feind Rußlands bleiben und lieber durch die verrottete, ohnmächtige Türkei mit List und Tücke den Orient beherrschen, als sich mit uns in eine freie, offene Teilung einlassen.«

Sie waren am Fuß der Treppe angekommen und stiegen in ihren schnell vorfahrenden Wagen.

Einige Schritte von dem Palais des Schatzamtes fuhr der Wagen an die Seite der Straße und hielt einen Augenblick an. Graf Schuwalow blickte aus dem Fenster des Coupés und sah in schnellem Trabe die Equipage des Prinzen von Wales mit der scharlachroten Livree des englisch-hannöverschen Hauses vorüberfahren; er ließ das Fenster hinab, beugte sich hinaus und sah, wie der Wagen des Prinzen vor dem Tore hielt, von welchem sie soeben weggefahren waren.

»Der Prinz von Wales fährt zu Lord Beaconsfield,« sagte er, sich wieder in den Wagen zurücklehnend, zum General Ignatiew, »was hat das zu bedeuten? Ich habe nie vollkommen klar werden können, wie sich der Prinz zu uns stellt!«

»Lassen wir sie nur sinnen und nachdenken, wie sie uns Schaden tun,« rief der General Ignatiew, während der Wagen wieder in schnellem Trabe weiterfuhr, »wir brauchen noch ein wenig List, um sie zu verhindern, daß sie uns den Weg verlegen – und dann brauchen wir unseren Degen und ein wenig Glück; wenn wir in Konstantinopel stehen, werden sie aus anderem Tone sprechen und Gott danken, wenn wir ihnen dann noch bieten, was wir ihnen heute geboten haben.«

4. Kapitel

Als die beiden russischen Diplomaten das Kabinett des englischen Premier verlassen hatten, nahm Lord Beaconsfields Gesicht statt der gleichgültig kühlen Höflichkeit, die er bis jetzt festgehalten, einen kühnen und stolzen, fast drohenden Ausdruck an.

»Sie wollen mich überlisten,« sagte er höhnisch, »sie möchten für die russische Aktion, die bei ihnen beschlossen und in die sie auch den zögernden Kaiser Alexander durch die immer höher aufschäumende öffentliche Meinung hineinziehen werden, ein europäisches Mandat oder wenigstens den Schein eines solchen erlangen, sie möchten Rußland die Rolle einer Exekutivmacht der europäischen Zivilisation gegen die Türkei verschaffen und glauben dann hinterher nach Belieben schalten und nehmen zu dürfen, was ihnen gefällt, immer unter der Maske der Wächter über die europäischen Völker- und Menschenrechte – oder vielleicht den bedrängten Gegner durch milde Bedingungen zum Vasallen Rußlands unter dem Scheine eines Freundschaftsbündnisses zu machen. Aber sie täuschen sich, der Sieg, den sie errungen zu haben glauben, wird ihnen später teuer zu stehen kommen; diesem russischen Bären gegenüber müssen wir eine Zeitlang zu der List des Fuchses unsere Zuflucht nehmen, es wird die Zeit kommen, in welcher der Leopard seine Krallen zeigt, und für alle Fälle müssen wir uns darauf vorbereiten, um festen Boden für den Ansatz zum kühnen Sprunge zu gewinnen.«

Er öffnete eine Mappe und breitete auf einem mit grünem Tuch überzogenen Tisch, welcher vor dem Fenster stand, eine große Karte aus, die in scharfer Zeichnung die Balkanhalbinsel, Kleinasien und Nordafrika zeigte. Über den Tisch gebeugt, betrachtete er durch ein großes Augenglas aufmerksam die ausgebreitete Karte, und wie das Auge dieses alten, gebrechlichen Mannes auf das Papier herabsah, so schwebte die ganze Macht des meerbeherrschenden England über jene weiten Gebiete, deren Bild die Karte zeigte, und in denen so viele Völkerschaften zitternd der nächsten Zukunft entgegensahen. Er versank in immer tieferes Sinnen, während seine Züge sich bald düster brütend zusammenzogen, bald wie von einem plötzlichen Gedankenblitz erleuchtet aufhellten, und fuhr fast erschrocken auf, als sein Kammerdiener eilig eintrat und meldete, daß Seine Königliche Hoheit der Prinz von Wales soeben vorgefahren sei und bereits die Treppe heraufkomme.

Graf Beaconsfield eilte, während der Kammerdiener die beiden Flügel der Tür öffnete, schnell in das Vorzimmer hinaus, um mit tiefer Verbeugung den Thronerben des britischen Reiches zu begrüßen, der bereits dort eingetreten war und dem ersten Ratgeber seiner königlichen Mutter, dem Vertreter des in der Parlamentsmehrheit ausgedrückten Willens des englischen Volkes, kräftig und herzlich die Hand schüttelte.

Der Prinz von Wales war sechsunddreißig Jahre alt. Seine hohe Gestalt hatte durch die in den letzten Jahren ein wenig mehr entwickelte Körperfülle nichts von ihrer unendlich eleganten und vornehmen Haltung eingebüßt, und jede Bewegung des Prinzen zeigte so viel harmonische Anmut, so viel fürstlichen Stolz und zugleich so viel verbindliche Artigkeit, daß man ihn mit ebensoviel Berechtigung wie einst seinen Großoheim Georg IV. den ersten Gentleman von Europa nennen konnte. Sein von einem vollen, dunkelblonden Bart umrahmtes Gesicht zeigte die edlen und scharfen Linien, welche den Köpfen der englischen Könige aus dem hannöverschen Hause eigentümlich waren und sich auch auf den letzten König von Hannover vererbt hatten; seine hellen Augen blickten scharf und klar, voll geistigen Lebens umher, man sah in ihnen das Bewußtsein der erhabenen Stellung und die Gewohnheit, auf alles von oben herabzuschauen und sich nie vor einem andern Blick zu senken. Die jugendliche Frische seines Gesichts wurde nicht dadurch beeinträchtigt, daß das blonde, in der Mitte des Kopfes gescheitelte Haar nicht mehr die frühere Fülle besaß, und nach seiner äußeren Erscheinung hätte man den Prinzen für jünger halten können, als er wirklich war; auch in seiner geschmackvollen, einfachen Kleidung hätte er den Vergleich mit seinem Großoheim Georg IV., dem Freunde des berühmten Modekönigs Brummel, aushalten können, der jeden einzelnen Teil seiner Kleidungsstücke bei einem anderen Schneider arbeiten ließ und niemals das Geheimnis des bewunderten und beneideten Schnittes seiner Anzüge verriet.

Lord Beaconsfield geleitete den Prinzen in sein Kabinett und rückte einen Lehnstuhl für denselben neben seinen Schreibtisch. Der Prinz von Wales stellte seinen Hut und seinen zierlichen Stock von Ebenholz mit schön ziseliertem, goldenem Knopf auf den Diwan und setzte sich dem Grafen gegenüber, während ein tiefer Ernst sich auf seine eben noch so heiteren, sorglosen Züge legte.

»Ich bin heute nicht gekommen,« sagte er, »um mich nach dem Befinden meines teuren Freundes zu erkundigen, sondern um von dem verehrten Meister der Politik, dem die englische Nation die Leitung ihrer Geschicke anvertraut, Rat und Belehrung zu erbitten.«

»Eure Königliche Hoheit wissen,« erwiderte Graf Beaconsfield, »daß die geringen Kräfte meines Geistes stets zur Verfügung des edlen und erleuchteten Prinzen stehen, der einst mein Vaterland beherrschen wird, wenn ich längst unter dem kühlen Rasen von der Arbeit meines langen Lebens ausruhen werde.«

»Noch lange nicht, noch lange nicht,« sagte der Prinz, »Ihr Geist ist jünger als wir alle, und Gott wird England noch lange einen der edelsten seiner Söhne erhalten.«

Wehmütig schüttelte Graf Beaconsfield den Kopf; der Prinz aber fuhr schnell mit ungeduldiger Lebhaftigkeit fort:

»Die europäische Politik, mein teurer Freund, befindet sich in einer ernsten Krisis, und wenn der künftige König von England auch diejenige Person ist, welche am wenigsten bei der Lösung dieser Krisis mitzuwirken hat, so werden Sie es doch begreifen, daß ich mich zu unterrichten und meine Ansicht festzustellen wünsche, um diese Schulzeit für meinen künftigen Beruf richtig zu benutzen. So wie ich die Dinge ansehe, ist das Rollen der eisernen Kriegswürfel im Orient nicht mehr aufzuhalten; die russischen und türkischen Armeen stehen gerüstet und werden sich in wenigen Wochen gegeneinander wälzen, ganz Europa in ihrem Zusammenstoß erschütternd.«

»Eure Königliche Hoheit«, erwiderte Lord Beaconsfield, »haben mit scharfem Blick die Situation erkannt; auch ich halte den Krieg im Orient trotz aller Friedensworte und Wünsche, welche von den Lippen der Diplomatie tönen, für unvermeidlich und jeden Versuch für töricht, denselben abzuwenden oder hinauszuschieben. Das Verhängnis muß seinen Gang gehen, und an uns ist es, die rechte Stellung zu nehmen, um im richtigen Augenblick den richtigen Einfluß ausüben zu können.«

»Das ist es eben, das ist es, und deshalb bin ich hier, um mich von Ihnen belehren zu lassen, damit meine Sympathien und guten Wünsche wenigstens,« fügte er leicht lächelnd hinzu, »die rechte Richtung nehmen. Es ist ja meine Pflicht, darüber nachzudenken, was das Reich, dessen Krone ich einst tragen, soll, in so entscheidendem Augenblick zu tun hat; nach unseren alten Traditionen würden wir ja entschieden auf die Seite der Türkei treten müssen, deren Integrität und selbständige Widerstandskraft in unserer politischen Schule als das feste Bollwerk gegen jeden Angriff auf unsere Handelsstraßen gelten; wir würden entweder mit bewaffneter Hand die Pforte schützen, oder Rußland streng die Grenzen bezeichnen müssen, über welche hinaus wir keinen Schritt erlauben.«

»Die Verhältnisse sind verändert,« sagte Lord Beaconsfield, »was Lord Palmerston im Jahre 1855 tun konnte, vermögen wir heute nicht, wir würden auf ungewisse Chancen hin unsere ganze Macht einsetzen müssen und einen schweren Rückschlag erleiden, wenn nicht der volle Erfolg uns zur Seite stünde. Unsere Flotten, Königliche Hoheit, vermögen wohl Konstantinopel zu decken und allenfalls die russischen Küsten des Schwarzen Meeres zu bedrohen; ein Vorrücken Rußlands zu Lande aufzuhalten, liegt nicht in unserer Macht, denn wir haben keinen kontinentalen Alliierten, und die Truppen, die wir ausschicken könnten, würden nicht stark genug sein, um den russischen Heeren ernsten Widerstand zu leisten. Frankreich ist gebrochen, und wollte es selbst eine tätige Orientpolitik versuchen, so würde, wie ich überzeugt bin, ein Veto von Berlin aus dem entgegentreten; auch ist die heutige französische Regierung geneigt, in allem das Gegenteil von den napoleonischen Traditionen zu tun, und kokettiert in törichten und vorzeitigen Revanchehoffnungen mit dem Petersburger Kabinett. Jeder Versuch, die westmächtliche Allianz des Jahres 1855 wieder zu beleben, wäre also töricht und unserer unwürdig, denn nach meiner Überzeugung darf sich eine Macht wie England niemals einer Zurückweisung aussetzen, die man fast mit absoluter Sicherheit vorhersehen kann. Ein kategorisches Verbot des Krieges im Orient oder ein Trutzbündnis mit der Türkei ist also in diesem Augenblick absolut ausgeschlossen.«

»Aber«, sagte der Prinz von Wales, »in Wien herrscht tiefes Mißtrauen gegen Petersburg und vielleicht auch gegen Berlin trotz des so ostentativ hervorgeführten Dreikaiserbündnisses; wäre es nicht möglich, in Österreich die kontinentale Allianz zu finden, welche wir für ein entschiedenes Auftreten bedürfen? Wenn unsere Flotten im Schwarzen Meere kreuzen und die österreichischen Heersäulen gegen die Donau vorrücken, kann Rußland den Kampf nicht aufnehmen.«

Graf Beaconsfield schüttelte den Kopf.

»Österreich ist ein gebranntes Kind und scheut das Feuer«, sagte er; »nach allen Sondierungen, die wir in Wien gemacht haben, halte ich es für unmöglich, das kaiserliche Kabinett zu energischem Handeln zu bestimmen und von diesem sogenannten Dreikaiserbündnis, in welchem jeder dem andern mißtraut, zu trennen. Und würde es selbst gelingen, so würde ein aktives Vorgehen Österreichs nach dem Orient hin, wenn es Bedeutung haben sollte, seine Grenzen gegen Deutschland entblößen und den Fürsten Bismarck, der ja so schlau und kühn jede Situation auszubeuten versteht, zum Herrn der Lage, fast zum Schiedsrichter von Europa machen. Das Mißtrauen Österreichs wird bestehen, wir müssen dasselbe bestärken und vermehren; während Rußland seine Kräfte im Orient aufreibt, wird ein mißtrauischer, bis an die Zähne gerüsteter Nachbar, der seine volle Kraft an Truppen und Geld gesammelt und schlagbereit hält, peinlicher und gefährlicher sein als ein offener Gegner, der seine Kräfte verzehrt und sich von dem guten Willen Deutschlands abhängig macht.«

»Ich muß Ihnen gestehen, mein teurer Freund,« rief der Prinz von Wales ganz freudig, »daß ich alle diese Gedanken auch gehabt habe, und ich bin stolz darauf, mit Ihren Anschauungen übereinzustimmen. Aber«, fuhr er dann ein wenig zögernd fort, »wenn wir also nicht in der Lage sind, den Krieg zu verhindern, wenn wir nicht die Macht haben, in demselben uns auf die Seite der Pforte zu stellen, sollen wir darum die Dinge gehen lassen, wie sie gehen mögen, um vielleicht eines Tages Rußland als unumschränkten Herrn des Orients uns gegenüberstehen zu sehen? Erlauben Sie mir, ein Bild zu gebrauchen,« fuhr er langsam sinnend fort, als ob er sich bemühe, den richtigen Ausdruck für seine Gedanken zu finden, – »wenn zwei Gegner ein Wild vor sich sehen, das keiner dem andern gönnt, bei dessen Verfolgung jedoch der eine den andern nicht hindern kann, tun sie nicht klüger, sich zu verständigen, gemeinsam zu jagen und die Beute zu teilen?«

Lord Beaconsfield lächelte und nickte mit dem Kopfe zum Zeichen, daß er den Gedanken des Prinzen vollkommen verstanden habe.

»Nun denn,« sprach der Prinz von Wales weiter, »dieser Gedanke kommt nicht von mir allein, ich habe so etwas davon in der Luft rauschen hören, denn so wenig der künftige König von England auch bedeuten mag, so dringen doch hier und da Andeutungen zu ihm von dem, was die Welt bewegt. Mein Bruder Alfred und meine Frau sind unglücklich Wer diesen Krieg, welcher England und Rußland in so peinliche Spannung gegeneinander versetzt und sie von ihren nächsten Verwandten zu trennen droht; meine Schwägerin Marie weint bei dem Gedanken, daß sie als englische Prinzessin ihrem Vater, dem Kaiser Alexander, der sie so sehr liebt, feindlich gegenüberstehen könnte; Sie wissen, wie sehr meine Frau an ihrer Schwester, der künftigen Kaiserin von Rußland, hängt, auch sie denkt nur mit Schauder an ein ernstes Zerwürfnis, und ich muß Ihnen gestehen, mein teurer Freund, daß auch ich für meinen Schwager, den Cäsarewitsch, eine aufrichtige Zuneigung hege; wir stimmen in so vielen Punkten in unseren Neigungen und Abneigungen, in unseren Wünschen und Hoffnungen für die Zukunft der europäischen Politik überein – nun denn, meine Frau, mein Bruder und meine Schwägerin würden glücklich sein, wenn es gelänge, um in dem Gleichnis der beiden Jäger zu bleiben, die Beute zu teilen und die Freundschaft zu erhalten. In Rußland, glaube ich, findet dieser Gedanke lebhaften Anklang, und auch mir scheint er wohl der Erwägung wert. Graf Schuwalow –«

»Er war soeben bei mir,« fiel Lord Beaconsfield ein, »und hat mir den Gedanken, dem Eure Königliche Hoheit ein so treffendes Gleichnis gegeben, sehr klar und bestimmt ausgesprochen.«

»Nun,« rief der Prinz von Wales lebhaft, »und was meinen Sie dazu. Sie, der Meister, der das europäische Schachbrett mit so klarem Blicke überschaut?«

»Es ist ein Gedanke,« erwiderte Lord Beaconsfield mit feinem Lächeln, »den man nicht zurückweisen muß und den ich nicht zurückgewiesen habe, der aber auch«, fügte er ernst und bestimmt hinzu, »niemals zur Ausführung gelangen kann und wird. Ich habe den Grafen Schuwalow an meine vortrefflichen Freunde, den Grafen Derby und den Marquis von Salisbury, gewiesen, sie werden darüber sprechen und wieder sprechen, und wir werden die Zeit gewinnen, um im entscheidenden Augenblick bereit zur sein zum wohlvorbereiteten, wohlüberlegten Handeln.«

»Und warum halten Sie jenen Gedanken für unausführbar?« fragte der Prinz von Wales. »Ich habe gehört, daß man an eine Teilung der russischen und englischen Machtsphäre denkt und daß man uns das Euphratgebiet überlassen will, und wenn Indien gesichert ist, so mag Rußland das Schwarze Meer nehmen, das wir ihm vielleicht dennoch nicht streitig machen können.«

Graf Beaconsfield schüttelte den Kopf.

»Wollen Eure Königliche Hoheit die Gnade haben«, sagte er aufstehend, »und einen Blick auf diese Karte werfen?«

Er trat zu dem Tisch am Fenster, der Prinz folgte ihm.

»Nehmen wir an,« sagte Lord Beaconsfield, indem er sich auf den Tisch stützte und sein großes Glas zur Hand nahm, »daß die beiden Jäger, von denen Eure Königliche Hoheit sprachen, sich wirklich in die Beute teilten, welche Gewähr würden wir besitzen, daß der andere Jäger, nachdem wir ihm erlaubt haben, das Wild zu töten, dasselbe dennoch nicht ganz für sich behält, indem er es auf ein uns unzugängliches Gebiet schleppt? Wenn wir Rußland das Schwarze Meer einräumen und für unseren Einfluß das Gebiet des Euphrat uns vorbehalten, so liegt der Schwerpunkt der russischen Macht auf dem Element, auf welchem wir mächtig sind, das wir beherrschen, während wir unsererseits einen asiatischen Kontinent als Schlüssel unserer Macht besitzen; wenn Rußland den Schlüssel der Dardanellen in Händen hat, werden wir ohnmächtig gegen seinen Einfluß im Orient – was sollen wir aber machen, wenn Rußland, nachdem die Teilung geschehen, dennoch seine Landarmee gegen Indien wälzt, dessen Bevölkerung stets bereit ist, aufzustehen und von uns abzufallen, woher sollen wir die Armeen nehmen, um den Euphrat zu verteidigen, welcher der russischen Eroberung so bequem liegt? L'appétit vient en mangeant. Eure Königliche Hoheit werden nicht unsere Macht und Stellung von dem guten Willen Rußlands abhängig machen wollen; die Weltgeschichte zeigt uns keinen Vertrag, der gehalten worden wäre, wenn einer von denen, die ihn feierlich abschlossen, die Macht besaß, ihn zu seinem Vorteil zu brechen. Ich meinesteils bin der Überzeugung, daß England nicht eine einzige Meereswelle seinem Einfluß entziehen lassen darf, und wenn man uns dafür den Kontinent der halben Welt böte.

Deshalb, Königliche Hoheit, muß die Türkei erhalten werden, denn so lange sie aufrecht steht, werden uns die Dardanellen gehören. Die Sicherheit für Indien liegt in Konstantinopel, und was würde England ohne Indien sein!«

Der Prinz von Wales senkte den Kopf.

»Sie haben recht, wie immer«, sagte er; »aber«, fuhr er dann fort, »ich habe jenen Teilungsgedanken, der mir um meiner Verwandten willen persönlich sympathisch ist, auch nur als ein pis-aller betrachtet. Sie selbst, mein verehrter Freund, haben mir ja gesagt, daß eine militärische Aktion zum Schutz der Türkei unmöglich sei.«

»Doch habe ich nicht gesagt, Königliche Hoheit,« erwiderte Graf Beaconsfield, »daß ich die Türkei aufgeben und ihrem Schicksal überlassen wolle. Erlauben Sie mir, gnädigster Herr, daß ich Ihnen meine ganzen Gedanken ausspreche, so frei und so klar, wie sie noch niemals über meine Lippen getreten sind; ich darf dies dem Prinzen gegenüber tun, welcher die Würde, den Stolz und die Ehre der englischen Nation in seiner Person verkörpert.«

»Sprechen Sie, sprechen Sie, mein teurer Meister,« rief der Prinz, indem er lebhaft die Hand des greisen Staatsmannes ergriff, »jedes Ihrer Worte wird in den Tiefen meiner Seele verschlossen bleiben.«

»Nun denn, Königliche Hoheit,« sagte Lord Beaconsfield langsam, mit scharfer Betonung, »ich halte die militärische Intervention Englands in diesem Augenblick für unmöglich, nicht allein deshalb, weil wir keine kontinentale Allianz erlangen können, vielleicht würde ein durch unsere Flotten nach dem Bosporus getragenes Machtwort dennoch in Europa nicht ungehört verhallen; eine kühne Aktionspolitik ist in diesem Augenblick noch mehr deshalb unmöglich, weil ich mit derselben in dem Kabinett fast allein stehen würde. Der Marquis von Salisbury ist in dem edlen Vertrauen seines ideal angelegten Charakters ganz in die Schlingen der russischen Diplomatie gefallen; der Graf Derby mit seiner zögernden Natur neigt zu ihm, und Lord Carnarvon folgt beiden, wie immer. Würde ich jetzt auf eine rücksichtslose Aktionspolitik drängen, so würde das Kabinett auseinanderfallen, die Majorität im Parlament würde gefährdet werden, und wenn es mir auch gelänge, dieselbe zusammenzuhalten, so würde ich allein die Verantwortung für ein Spiel übernehmen müssen, dessen unglücklicher Ausgang sehr verhängnisvoll weiden könnte. Zu einem solchen Spiel, das ich dennoch wagen würde, wenn es notwendig wäre, ist aber keine zwingende Veranlassung vorhanden, da wir den Preis desselben auch ohne einen so hohen Einsatz erlangen können, ja nach meiner Überzeugung sicher und gewiß erlangen werden.«

»So halten Sie«, fragte der Prinz von Wales, »die Türkei für fähig, allein dem russischen Angriff zu widerstehen?«

»Ich halte«, erwiderte Graf Beaconsfield, »die Türkei für bei weitem widerstandsfähiger, als man glaubt. Der Krieg ist das Element der muselmännischen Bevölkerung, und wenn man sich in Konstantinopel dazu aufrafft, die Fahne des Propheten zu entfalten, so wird die Türkei eine militärische Macht entwickeln und Erfolge erreichen, welche Europa in Erstaunen setzen werden. Gelingt es der Türkei, den russischen Angriff zurückzuwerfen, so haben wir nichts anderes zu tun, als ruhig zuzusehen, wie Rußlands Großmachtstellung in Europa in Trümmer sinkt, und wie im Innern des gewaltigen Reiches eine zersetzende Krisis ausbricht, welche vielleicht auf ein Jahrhundert hinaus jedes Eingreifen Rußlands in die europäische Politik unmöglich machen wird.«

»Mein armer Schwager!« seufzte der Prinz von Wales.

»Doch«, fuhr Lord Beaconsfield fort, »man muß in der Politik niemals mit den günstigen Chancen rechnen. Ich nehme also an, daß Rußland siegreich vordringt, daß es die türkischen Heere aufrollt und mit seinem Schwerte an die Tore Konstantinopels klopft – dann, Königliche Hoheit, wird das von selbst eintreten, was wir jetzt nicht erreichen können: Europa wird erwachen, es wird die Gefahr erkennen, welche in der Übermacht eines den ganzen Osten umspannenden und die Verbindungsstraßen zwischen Asien und Europa ausschließlich beherrschenden Rußlands liegt, Österreich wird für die Donau eintreten müssen, und selbst Deutschland wird ein solch drohendes Übergewicht des östlichen Nachbars nicht dulden, dann, Königliche Hoheit, wird der Augenblick gekommen sein, in welchem wir die Früchte unserer Vorsicht und Zurückhaltung ernten. Man hat im vorigen Jahre in Berlin gewagt, über den Orient zu beschließen, ohne England in den Rat zu rufen – nun, wenn die russischen Vorposten vor Konstantinopel stehen, wird ganz Europa sich unserem Haltruf anschließen, England wird der Wortführer der Mächte sein, und Rußland wird die Demütigung erleben, vor dem Urteil des europäischen Areopags, in welchem wir den Vorsitz führen werden, zurückweichen zu müssen – eine tiefere Demütigung, als wenn es uns jetzt gelänge, den Krieg zu verhindern. Die Eifersucht von ganz Europa wird dann den Schlüssel der Dardanellen bewachen, und wenn«, fuhr er lebhafter fort, »auch diese Berechnung trügen sollte, obgleich ich sie für gewiß halte, so gebe ich Eurer Königlichen Hoheit mein Wort, daß ich vor der Verantwortung nicht zurückscheuen werde, die ganze Macht Englands in die Wagschale zu werfen, dann werden auch meine zaghaften oder zu edelmütigen Kollegen ihr Vertrauen aufgeben oder die drohende Gefahr erkennen, oder, wenn es sein muß, werde ich mich von ihnen trennen. Heute hätten wir es mit dem ungeschwächten, siegesfreudigen Rußland zu tun, nach einem türkischen Feldzug werden die russischen Finanzen erschöpft und die russischen Heere dezimiert sein; die Kriegsbegeisterung des russischen Volkes wird unter den furchtbaren Opfern erlahmt sein, Rußland wird dann kaum noch vermögen, einen zweiten Krieg zu beginnen – wir aber werden volle Kassen, wohlgerüstete Flotten haben und dann auch unsere Landtruppen der in ihrem Gefüge schwer erschütterten russischen Armee gegenüberstellen können. Dann, Königliche Hoheit, werden wir vielleicht, wenn Europa noch zögert, den Triumph erleben, daß das siegreiche Rußland vor unserem Machtwort allein zurückweicht – dann versichere ich Ihnen, mein Prinz, daß ich, wenn es sein muß, den letzten Mann und die letzte Guinee Englands einsetzen werde, um zu beweisen, daß ohne uns die Karte von Europa nicht verändert werden kann, denn ich werde die Zuversicht des Sieges für solches Opfer in mir tragen und freudig die Verantwortung auf mein altes Haupt nehmen. Mag Rußland auf der Balkanhalbinsel schalten, mag man Serbien, Bosnien und selbst Bulgarien von der türkischen Herrschaft lösen, wir können dem ruhig zusehen, es wird dadurch eine Menge von Verwirrungen, von unfertigen Zuständen geschaffen werden, welche Rußland und Österreich auf lange hinaus beschäftigen und dieses Dreikaiserbündnis, das in so feierlich drapierter Toga einhertritt, wie ein Schattenbild verschwinden lassen. Auf Konstantinopel aber wird Rußland seinen Fuß nicht setzen, die Schlüssel der Dardanellen wird es nicht in seine Hand nehmen, solange ich das Steuer des Staates führe und das Volk Englands mir sein Vertrauen schenkt.«

»Ich habe dem nichts zu erwidern,« sagte der Prinz von Wales sinnend, »Sie haben recht und immer wieder recht – und doch«, fügte er seufzend hinzu, »will mich der Gedanke an jene Teilung nicht verlassen – es wäre so sicher, so ruhig, so ohne Wagnis und Opfer.«

Lord Beaconsfield schwieg einen Augenblick, dann erleuchteten sich seine Blicke, er trat näher zu dem Prinzen heran und blickte durchdringend, fragend und prüfend in dessen ernst nachdenkliches Gesicht.

»Es ist eine bedeutsame Stunde,« sagte er, »Königliche Hoheit, in der ich Ihnen gegenüberstehe; ich bin die Vergangenheit, bereit, ins Grab zu steigen – in Ihnen keimt die Blüte der Zukunft, und meine letzte Pflicht auf Erden ist es, die Zukunft, die Ihnen gehört, so vorzubereiten, daß sie der Vergangenheit würdig sei und alle Hoffnungen der Feinde Englands zuschanden mache.

So mag denn auch der letzte Gedanke, den ich kaum vor mir selbst laut auszusprechen wagte, heute in Ihre Brust niedergelegt werden, denn auch Ihnen bin ich Rechenschaft schuldig über mein Streben für Englands Sicherheit und Englands Größe, das bis zu meinem letzten Atemzug mein altes Herz begeistert und die Kraft meines Geistes spannen wird. Warum, Königliche Hoheit,« fuhr er fort, indem er die Stimme dämpfte, »warum sollen wir einer Teilung, einem Vergleich mit dem Gegner das verdanken, was wir mit eigener Kraft gewinnen und festhalten können! Man bietet uns das Euphratgebiet zur Sicherung Indiens – wir haben Rußland nicht nötig, um Indien und den Weg dahin zu sichern; nicht auf dem Lande liegt unsere Macht, sondern auf dem Meere, in das Meer müssen wir die Anker werfen, die unsere Zukunft sichern sollen. Eure Königliche Hoheit erinnern sich, daß wir im vorigen Jahre die Aktien des Suezkanals von dem Vizekönig von Ägypten gekauft haben.«

»Gewiß,« rief der Prinz von Wales, »es war ein herrlicher Coup, für den Ihnen England ewig dankbar sein muß.«

»Nun wohl,« sagte Lord Beaconsfield, »die List ist häufig besser als die Gewalt, und der Staatsmann darf sie nicht verschmähen, um sein Ziel zu erreichen. Der Kaiser Napoleon auf dem Gipfel seiner Macht begünstigte die Durchstechung des Isthmus von Suez, er glaubte durch den französischen Einfluß in Ägypten die Hand auf den neuen Weg nach Indien legen zu können, und die Kaiserin Eugenie selbst erschien bei der Eröffnung des Kanals, um die Blüte dieses Triumphes der französischen Politik zu pflücken. Jetzt sind wir Herren des Suezkanals, er ist zu einem englischen Privatweg geworden, und der Besitz jener Aktien, der unser reiches Land nur wenig kostet, gibt uns das Recht, auf jener Straße, die zur Schatzkammer unserer Reichtümer führt, zu schalten nach unserem Belieben. Jenes Handelsgeschäft war der erste Schritt, um uns Indien zu sichern, das uns die Möglichkeit gibt, zu allen Zeiten Truppen und Kriegsmaterial dorthin zu werfen. Nun, Königliche Hoheit, man will uns das Euphratgebiet ausschließlich überlassen, um unsern Handelsweg durch den Persischen Meerbusen zu decken; was würde das bedeuten, wenn wir immer erst von England her die Kriegsmittel dorthin schaffen müßten, während Rußland, dessen Einfluß schon jetzt in Persien mächtige Wurzeln geschlagen hat, vom Kaspischen Meere her jeden Augenblick jenes Gebiet anzugreifen vermag! Etwas anderes ist es, wenn wir in unmittelbarer Nähe eine Flottenstation und einen Hafenplatz besitzen, um bei jeder Gefahr ohne Zögern mit überlegener Macht an den Ufern des Euphrat erscheinen zu können. Wenn Eure Königliche Hoheit diese Karte betrachten, so werden Sie sehen, daß die Insel Cypern, von welcher man heute nur noch in mythologisch-historischer Beziehung spricht, von der Natur ganz zu einem solchen Flotten- und Waffenplatz für die Beherrschung des Euphratgebietes geschaffen ist.«

»Cypern? – in der Tat,« fügte der Prinz verwundert, »Cypern beherrscht Arabien und den Euphrat bis zum Taurus.«

»Also gerade das Gebiet,« sagte Lord Beaconsfield, »das die Russen so gütig sind, dem englischen Einfluß bei der Teilung des Orients überlassen zu wollen.«

»Aber«, bemerkte der Prinz von Wales, aufmerksam die Karte betrachtend, »Cypern gehört uns nicht, wir können die Insel doch unmöglich erobern und im tiefen Frieden der Türkei entreißen.«

»Ich erlaubte mir schon, Eurer Königlichen Hoheit zu bemerken,« erwiderte Lord Beaconsfield, »daß ein Handelsgeschäft unter Umständen ebensoviel wert sein kann als eine gewonnene Schlacht, wenn hinter dem Handelsgeschäft eine Macht steht, das Gewonnene zu behaupten und zu benutzen. Wer könnte etwas dagegen einwenden, wenn wir diese Insel Cypern ebenso mit gutem englischen Gelde erwerben, wie wir die Aktien des Suezkanals erworben haben?«

Die Augen des Prinzen öffneten sich weit, voll Bewunderung sah er den Grafen an.

»Aber«, sagte er dann, ungläubig den Kopf schüttelnd, »wie wäre das möglich, wie würde die Türkei jemals sich dieser Insel entäußern, deren Besitz in unseren Händen auch nach Konstantinopel hin so wichtig wäre?«

Graf Beaconsfield lächelte mit einem fast naiven Selbstbewußtsein.

»Nun, Königliche Hoheit,« sagte er, »während die russische Diplomatie sich Mühe gibt, uns zu einem Teilungsvergleich zu locken, habe ich in aller Stille die Hand auf das Objekt jenes Vergleiches gelegt. Die Türkei ist bereit, Cypern abzutreten, gestern hat mir der Botschafter Musurus Pascha die Bereitwilligkeit des Sultans erklärt, auf die Verhandlungen einzugehen; dieselben werden beginnen, sobald der Krieg zwischen Rußland und der Türkei im Gange ist. Vorläufig ist noch nichts davon in das Auswärtige Amt gedrungen; je schneller und kürzer später der formelle Abschluß erfolgt, um so sicherer wird das Geheimnis gewahrt werden. Die Forderung wird hoch sein, allein England kann ja verschwenderischer mit seinen Guineen umgehen als mit dem Blute seiner Söhne; die Türkei braucht Geld für ihren Krieg, der Sultan braucht Geld für seinen Hofhalt – nun wohl, wir können dem Gegner Rußlands dieses Geld zufließen lassen, ohne die Grenzen der Neutralität zu überschreiten, indem wir einen Handel abschließen, der mit dem Kriege unmittelbar nichts zu tun hat und dennoch den Türken die Mittel des Krieges sichert. Wie der Krieg sich auch immer wenden möge, ich versichere Eure Königliche Hoheit, am Schluß desselben wird Cypern uns gehören, wir werden das Euphratgebiet beherrschen und eine feste Machtstellung vor Konstantinopel haben, ohne daß wir der russischen Zustimmung dazu bedürfen.«

Der Prinz von Wales blickte noch eine Zeitlang wie prüfend auf die Karte; dann faßte er mit seinen beiden Händen Lord Beaconsfields Rechte und schüttelte sie mit dem Ausdruck einer fast ehrfurchtsvollen Bewunderung.

»In der Tat,« rief er, »Sie sind der größte Mann in England! Während wir anderen über die Gegenwart grübeln, schauen Sie mit Adlerblick weit voraus und beherrschen die Zukunft; meine Mutter hat keinen Marschall und keinen Admiral nötig, solange Sie ihr Minister sind.«

»Muß ich denn nicht«, sagte Lord Beaconsfield, indem er mit glücklichem Lächeln zu dem Prinzen aufsah, »der britischen Nation meinen Dank dafür beweisen, daß sie den Abkömmling eines fremden Stammes so großmütig aufnahm und ihm den Weg zu ihren höchsten Ehren öffnete? Was mir für England zu tun vergönnt ist, wird niemals genug sein, um meinem Dank und meiner Liebe Ausdruck zu geben.«

»Ich gehe«, sagte der Prinz. »Ihr Geheimnis ruht sicher in meiner Brust, und ich werde alle Tage Gott bitten, daß er Sie am Leben erhalte, bis ich König bin, oder mir einen Mann an die Seite stelle, der Ihnen ähnlich ist. Meine Mutter hat recht, über Ihrem Haupt glänzt in leuchtender Schrift das Wort: Honni soit, qui mal y pense! Mein Blick ist klar geworden in dieser Stunde, ich weiß, was ich zu denken und was ich zu tun habe – aber freilich«, fügte er mit scherzhaft ängstlicher Miene hinzu, »werde ich einen harten Stand mit meiner Frau und meinem Bruder haben – jedoch das gehört ja mit zu den Dingen, die man als künftiger König lernen muß.«

Er schüttelte noch einmal die Hand des Grafen, dann begleitete ihn dieser durch die Vorzimmer bis zur Treppe hin, wo der Prinz mit Entschiedenheit seine weitere Begleitung zurückwies, und schnell die Stufen hinabeilend, in seinen Wagen sprang.

»
Honni soit, qui mal y pense!« sagte Graf Beaconsfield sinnend, indem er in sein Zimmer zurückkehrte, »wäre es möglich, daß die sinkende Sonne des Lebens mein Alter mit nie geahntem, in den kühnsten Träumen nicht gehofftem Glanz überstrahlen sollte, um mir den Abschied von der schönen Erde, die so viel Hoffnung, so viel frohe Arbeit, so viel edles Streben und Ringen dem Menschen bietet, desto schwerer zu machen?

Nun,« sagte er mit ruhigem Lächeln, »herrlich ist es, das Höchste zu erringen in diesem Dasein auf Erden – für das Streben aufwärts nach immer höherer Vollkommenheit wird ja auch dort im reineren Licht noch Platz sein, denn der Kern und der Wert des Lebens ist hier wie dort die Arbeit.«

Er setzte sich an seinen Schreibtisch und begann wiederum die eingegangenen Korrespondenzen durchzulesen, jedem einzelnen der so verschiedenartigen Schriftstücke die gleiche Aufmerksamkeit zuwendend.

5. Kapitel.

Pawjel Fjodorew war finster, den Kopf auf die Brust gesenkt und leise Worte vor sich hinflüsternd, auf der Straße fortgegangen bis nach dem Platz vor der Kirche. Alle Männer des Dorfes hatten sich hier wieder zusammengefunden und standen in ernsten, halblauten Gesprächen beieinander. Die Weiber waren verschwunden, eine dumpfe Schwüle schien auf der ganzen Bevölkerung von Muschina zu liegen; die Ankunft eines türkischen Machthabers wirkte auf die Bulgaren wie das Erscheinen eines Raubvogels über einem Hühnerhofe – alles versteckte sich oder drängte sich in dichte Gruppen zusammen, als ob man eng vereint sicherer gegen die Gefahr sei, denn Gefahr für Hab und Gut, ja für Leib und Leben war jedesmal vorhanden, so oft sich ein Vertreter der türkischen Regierungsmacht blicken ließ, welche trotz aller Versicherungen vor Europa die christliche Bevölkerung kaum höher achtete als das Arbeitsvieh, und welche diese Bevölkerung am liebsten ganz ausgerottet hätte, wenn das Vieh allein die Felder bestellen und die Steuererträge dem Boden hätte abringen können.

Als Pawjel den Platz betrat, wendeten die Männer beschämt und verlegen die Blicke ab – der Vater Julian aber, welcher auch in diesem Augenblick der Sorge sich inmitten seiner verschüchterten Herde befand, trat vor und sagte:

»Wendet euch nicht ab, ihr habt unrecht getan, und man macht das Unrecht nicht gut, wenn man sich scheu vor der Erkenntnis desselben versteckt. Pawjel ist ein treuer Freund euch allen gewesen, und mehr wie je tut es not, daß alle treuen Söhne des Landes und der Kirche in Eintracht und Freundschaft zusammenhalten.«

Noch einen Augenblick standen die Männer zögernd, dann eilten einige der Jüngsten, welche sich vorher am lautesten geweigert hatten, mit Stjepanida in den Reigen zu treten, schnell entschlossen dem langsam vorwärts schreitenden Pawjel entgegen und streckten ihm ihre Hände hin mit den immer noch etwas verlegenen, aber herzlichen Worten:

»Wir hatten unrecht, Pawjel Fjodorew – wir wollten dich nicht kränken, der Zorn gegen Leonew riß uns fort, verzeih uns und sei wieder unser Freund, und wenn du Stjepanida Theofilowna wirklich deine Hand reichen willst, so soll sie einen ehrenvollen Platz unter uns finden, und keines der anderen Mädchen soll es wagen, sie nur mit einem Blick zu beleidigen.«

Die übrigen jungen Leute folgten, die älteren Männer schlossen sich einer nach dem andern an – sie alle mochte im Augenblick der unbestimmten Gefahr ein ähnliches Gefühl überkommen, wie es die Griechen empfanden, als sie den Achill gekränkt und nun dem mächtig drohenden Feinde gegenüber den Verlust der Heldenkraft des Besten unter ihnen schmerzlich spürten. Alle umgaben den jungen Mann, den sie vorher so trotzig beleidigt hatten, und streckten ihm ihre Hände entgegen.

Pawjel erhob den Kopf und blickte wie aus einem Traume erwachend im Kreise umher.

Dann zuckte wilder Schmerz über sein Gesicht, und seine Lippen verzogen sich zu einem so bitteren, verzweiflungsvoll höhnischen Lachen, daß die jungen Leute, welche zunächst bei ihm standen, entsetzt zurückwichen.

»Was habt ihr mir getan?« fragte er mit dumpfer Stimme, »ich weiß es nicht – der Bach verschwindet, wenn der brausende Strom aus den Ufern tritt und alles mit seinen zerstörenden Fluten bedeckt.«

Wie mechanisch, immer das entsetzliche Lachen auf den Lippen, immer den starren Schmerz im brennenden Blick, faßte er nacheinander die ausgestreckten Hände der Nächststehenden und preßte sie mit fast schmerzhaftem Druck zusammen, voll Schrecken fühlten die Männer, daß seine Hände kalt waren wie Eis und daß seine Finger krampfhaft zitterten.

»Was ist geschehen – um Gottes willen, sprich!« rief einer der jungen Leute, dessen Hand Pawjel, wieder in finstere Träumerei zurücksinkend, festhielt, »du warst dort in Leonews Hause, du hast den Kaimakam gesehen, sage, was gibt es, welches Unheil bringt uns der tückische, gierige Türke?«

Pawjel stand stumm da, er schien die von allen Seiten immer dringender an ihn gerichteten Fragen nicht zu hören. Als endlich auch der Vater Julian zu ihm herantrat und ihn bat, zu sagen, was ihn so schwer erschüttert habe, da schüttelte er den Kopf, als ob er seine Gedanken von der Last des Jammers befreien wolle, und sagte mit rauhem, schneidendem Tone:

»Was es gibt? – Nun, ihr sollt die doppelten Steuern zahlen, damit der Türke den Krieg gegen den großen Zaren führen kann, der heranzieht, um uns zu befreien.«

»Die doppelten Steuern?« riefen die Männer ringsumher, »das ist unmöglich, dazu reicht unser Vorrat nicht, und wenn wir alles verkaufen wollten – und selbst die künftige Ernte dieses Jahres wird nicht hinreichen, um solche Abgaben zu tragen.«

»Nun, seid ruhig,« fugte Pawjel mit bitterem Hohn, »seid ruhig, der Padischah ist ein Weiser und guter Herr – er sorgt dafür, daß ihr nicht verhungern werdet, denn der Kaimakam wird die Tüchtigsten unter euch ausheben zum Waffendienst im Heere gegen die Russen – mich hat er schon ausgewählt und würdig befunden, unter der Fahne des Halbmondes gegen die Befreier unseres Vaterlandes zu kämpfen – ihr seid ja alle kräftig und kriegstüchtig, euch ist ein gleiches Schicksal sicher – und für die Zurückbleibenden wird ja dann wohl noch genug da sein, ihr Leben zu fristen.«

Ein allgemeiner Schrei des Schreckens erschallte ringsumher.

»Das ist unmöglich,« riefen alle, »unmöglich – das ist wider das Recht – wider das türkische Gesetz selbst – wir haben den Haradsch bezahlt, wir sind frei vom Heeresdienst, niemals werden wir gegen die Russen fechten – gegen unsere Brüder – unsere Retter!«

Drohend erhoben sich die geballten Hände, wilder Zorn flammte in allen Blicken – traurig senkte der Vater Julian den Kopf.

»Ihr werdet nicht gegen die Russen fechten,« rief Pawjel, »nein – nein – das weiß man in Stambul auch, und man wird nicht so töricht sein, euch in die Reihen zu stellen – in die entlegenen Festungen des Landes wird man euch verteilen, euch einsperren, und wenn ihr murrt, in Ketten legen, damit ihr nicht die Heere unserer Befreier verstärkt, wenn der Zar kommt, um unsere Fesseln zu brechen – und das Recht wird man nicht verletzen – ihr werdet ja Freiwillige sein, mit euren Namen wird man die Listen füllen, die man den fremden Mächten zeigen wird zum Beweise, wie die Christen sich herandrängen, um die Waffen zu führen im Kampfe für die türkische Herrschaft, die so milde und gerecht ist gegen alle ihre Untertanen. Oh, das Spiel ist klug und sein – morgen wird der Kaimakam seine Wahl treffen, seid gewiß, daß er keinen hier lassen wird, der imstande wäre, die Waffen zu ergreifen, wenn die Russen herannahen.«

»Das darf nicht sein,« riefen alle ringsum, »niemals werden wir gegen die Russen die Waffen tragen, wir dürfen es nicht erwarten, bis man uns aushebt und in die Festungen schleppt, wir müssen fliehen – schnell in die Berge fliehen.«

Pawjel fiel wieder in sein finster brütendes Sinnen zurück, der Vater Julian schüttelte sorgenvoll den Kopf, er war ein Mann des Friedens, seit Jahren gewöhnt zu dulden, und Mäßigung und Unterwerfung unter die schweren Schickungen zu predigen, alles Plötzliche, Heftige, Gewaltsame erschreckte ihn.

»Ihr habt recht, meine Kinder,« sagte er, »ihr habt recht, es ist wider das Recht, wider das türkische Gesetz selbst, euch auszuheben und in die Festungen zu führen – und es wäre fast eine Sünde wider den Heiligen Geist, wenn ihr unter der Fahne des Halbmondes die Waffen tragen solltet gegen die Russen – unsere christlichen Glaubensbrüder, die doch nur den Krieg führen, um uns zu befreien – aber bedenkt, was ihr tut, welcher Gefahr ihr euch aussetzt, wenn ihr in die Berge flieht – wenn ihr gefangen werdet, wird man euch grausam hinrichten – alles, was ihr besitzt, ist verloren, wartet, vielleicht ist es nicht so schlimm, der Kaimakam hat euch noch nichts gesagt, vielleicht ist es nur eine Drohung, vielleicht wird der Mutessariff oder der Pascha eure Vorstellungen hören.«

»Hört der Türke Vorstellungen?« rief es aus dem Kreise, »die Antwort auf unsere Vorstellungen würde sein, daß man uns mit noch schwereren Ketten belastet – nein, nein – wir müssen fort, diese Nacht noch fort, sobald die Sonne untergegangen, der Kaimakam wird sich bei dem schurkischen Leonew wie immer betrinken, und morgen muß er das Nest leer finden.«

Alle jungen Leute und auch viele der älteren Männer stimmten der Meinung bei, daß man sich durch die Flucht der drohenden Gewalttat entziehen müsse, – an Widerstand war ja nicht zu denken, obwohl der Kaimakam nur von wenigen Gendarmen begleitet war, denn die Bevölkerung des türkischen Dorfes wäre zu seinem Beistände herbeigeeilt, und man konnte nicht wissen, ob nicht größere Mannschaften bereits unterwegs seien.

Der Vater Julian wagte nicht mehr abzumahnen – er mußte ja das Vorhaben, im Grunde seines Herzens billigen, und alle waffenfähigen Männer berieten sogleich die Flucht, auf welcher sie ihre wenige Barschaft und so viel Lebensmittel als möglich mitzunehmen beschlossen.

»Und Pawjel Fjodorew soll uns führen,« rief derjenige der jungen Burschen, welcher am Nachmittag am heftigsten gegen Pawjel aufgetreten war, – »er ist der Mutigste, der Stärkste und der Klügste von uns; – er kennt am besten die Stege in den Wäldern und Bergschluchten, – ihm wollen wir folgen, damit er uns durchführt nach der Grenze, den Russen entgegen.«

Pawjel hob den Kopf empor und sah den Sprechenden groß an. Finster und kalt antwortete er:

»Ich werde euch nicht führen, denn ich gehe nicht mit euch.«

»Du gehst nicht mit uns? – Du willst hierbleiben, um dich von den Türken fortführen zu lasten? Hat Pawjel Fjodorew kein Herz mehr für Glauben und Vaterland? Will er sich in die türkischen Eisen schmieden lassen? – Du mußt mit uns gehen – es ist unmöglich, daß du dich von uns trennen kannst!«

So rief es durcheinander – erstaunt, unwillig; drängend schloß sich der Kreis dichter um Pawjel.

Aber dieser schob mit seinem kräftigen Arm die Nächsten, welche seine Hände gefaßt hatten, zurück und sagte mit demselben düsteren Blick und demselben kalten Ton:

»Es ist überflüssig – verliert kein Wort weiter, – ich bleibe hier, – denn ich habe noch zu tun.«

Die letzten Worte waren leise gesprochen, als ob er nur mit sich selbst redete, – aber die Umstehenden schauderten bei ihrem Ton.

»Und was hast du zu tun,« fragte endlich einer der älteren Leute, – »da doch der Türke alles nehmen wird, was uns gehört? Lohnt es, die Felder zu bauen und das Heu von den Wiesen einzufahren, da doch nichts von dem Ertrag unserer Arbeit für uns übrigbleiben wird?«

»Pfui, Joan Stanew,« rief Pawjel, »kannst du glauben, daß ich an Äcker und Wiesen denke, wenn es das Vaterland und den Glauben gilt? – Wahrlich«, sagte er, stolz den Kopf emporwerfend, »ich würde euch führen in die Berge, daß kein Türke euch erreichen sollte, und ich würde euch sicher an die Grenze und bis zu den Russen bringen, damit wir dann mit ihnen wieder einziehen in unser Land, die Türken zerschmetternd unter unseren Waffen, wie es einst der König Johannes der Große mit seinen bulgarischen Heldenscharen tat, – und freudig würde ich mit euch hinausgezogen sein, wenn das, was jetzt geschieht, vor einem Jahre geschehen wäre – heute aber,« fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort, indem seine Blicke sich wieder zu Boden senkten, »heute kann ich euch nicht begleiten, denn ich habe hier eine heilige Pflicht zu erfüllen.«

»Welche Pflicht kann heiliger sein«, fragte nun auch der Vater Julian, »als die, dich und uns alle dem Kampfe für den Glauben und das Vaterland zu erhalten?«

»Die Pflicht, ehrwürdiger Vater« erwiderte Pawjel unerschütterlich, »eine Seele vor dem ewigen Verderben zu bewahren.«

Alle sahen ihn kopfschüttelnd an, sie schienen fast zu glauben, daß sein Geist sich zu verwirren anfange.

Der Abend dunkelte bereits herab, – die Straßen waren leer, – außer den auf dem Kirchenplatz versammelten Männern waren alle übrigen Einwohner des Ortes ängstlich in ihren Häusern eingeschlossen, in banger Erwartung, was der Besuch des Kaimakams zu so ungewöhnlicher Zeit bedeute.

»Tretet nahe zu mir heran«, sagte Pawjel mit gedämpfter Stimme. »Ihr seid treue Männer, wenn ihr auch heute mich gekränkt habt in der Aufwallung eures Hasses gegen Leonew, den ich begreife und den er tausendfach verdient, ihr sollt mich nicht falsch beurteilen, ihr sollt erfahren, warum ich nicht mit euch gehen kann – und ihr werdet mir recht geben.«

Alle drängten sich lauschend dicht um ihn zusammen.

»So hört denn,« sagte er, »ich habe es vor euch allen bekannt, ich liebe Stjepanida, Leonews Tochter, und so wahr Gott im Himmel mir gnädig sein soll – sie hat nichts gemein mit aller Schlechtigkeit und Bosheit ihres Vaters, – um meiner Liebe willen wollte ich Leonew die Hand zum Frieden bieten – ich ahnte noch nicht die ganze Abscheulichkeit seiner schwarzen Seele. Er wies mich zurück – und«, fuhr er noch leiser, von Schauern geschüttelt fort, »er will Stjepanida, sein eigenes Kind, dem Kaimakam übergeben, damit sie«, fügte er mit bitterem Hohn hinzu, »in dessen Haus die Wirtschaft besorge und die Aufsicht über die Sklaven führe – vermögt ihr das zu fassen? – Ein Vater, der sein Kind an die Ungläubigen verhandelt – wo sie dem Verderben an Leib und Seele verfallen ist!«

Er ballte die Hände und sah mit wilden Blicken zum dunkelnden Abendhimmel auf, als suche er dessen rächenden Blitzstrahl.

»Das darf nicht sein!« rief der Vater Julian, während die Bauern alle in starrem Entsetzen dastanden – »Stjepanida ist durch die heilige Taufe der Gemeinschaft des Heils erworben, – sie darf den Ungläubigen nicht ausgeliefert werden, die sie zwingen werden, ihren Gott zu verleugnen und ihre Seligkeit zu verlieren – man muß den Medschliß berufen, – er muß Einsprache tun –«

»Der Medschliß?« rief Pawjel, »was vermag der Medschliß gegen die Willkür der Türken, die heute noch die Herren im Lande sind? Und«, fuhr er mit grimmigem Hohnlachen fort, – »ist nicht alles in Ordnung? Ist nicht Leonew Herr, über seiner Tochter Schicksal zu bestimmen? Gibt er sie nicht in das Haus des Kaimakam, des Schützers der Gesetze? Wer kann ihn anklagen, daß er sie in den Harem des Paschas oder des Wesirs ober gar des Padischahs verkauft, daß er sie dem Islam überliefert? Oh, Leonew ist in seinem Recht, und die Behörde wird sein Recht schützen! – Aber Ihr habt recht, ehrwürdiger Vater – das darf nicht sein – und«, fügte er mit dumpfer, bebender Stimme hinzu, »das wird nicht sein! Wißt ihr nun, was ich hier noch zu tun habe? Ich kann Stjepanida gegen die Gewalt nicht schützen – aber die Macht der Türken, gegen die wir hier auf Erden heute noch ohnmächtig sind, reicht nicht hinauf bis in den Himmel. Ich werde den Befreiungskampf für das Vaterland nicht mitkämpfen – aber morgen werden zwei Seelen an Gottes Thron für euch beten.« »Entsetzlich, du willst sie töten?« fragte Joan Stanew, während der Vater Julian sich bekreuzigte und die anderen in düsterem Schweigen zur Erde blickten.

»Ich will ihre Seele dem ewigen Leben retten,« rief Pawjel, »so lange mein Arm noch frei ist! – Was taten die heiligen Märtyrer, Vater Julian, die sich opferten, um das ewige Leben zu retten? Könnt Ihr als Priester Gottes mir raten, sie dem Verderben in den Händen der Ungläubigen zu überlassen?«

Der Vater Julian senkte schweigend das Haupt.

»Nun,« sagte Pawjel, »so laßt mich meinen Weg gehen, – er führt mich aufwärts zum ewigen Licht, und Gott wird mein Auge und meinen Arm stärken, das Opfer zu vollbringen. Ihr aber wartet, bis die Dunkelheit vollständig hereingebrochen ist – dann versammelt euch mit den schnellsten Pferden – alle meine Tiere gehören euch – vor dem Dorfe reitet langsam zur Kuschitza hinab, – ihr kennt die Furt – jenseits des Flusses jagt davon, so schnell die Pferde es vermögen, nehmt den Weg bei Plushna vorbei, seitwärts von Dobromirka beginnen die Berge mit ihren Wäldern und Felsschluchten, dort müßt ihr sein, wenn der Morgen anbricht. – Das ist mein Rat – folgt ihm, und ihr werdet gerettet sein, – in den Bergen könnt ihr rasten und euch bereithalten, bis die Stunde des Kampfes schlägt. Lebt wohl und bittet Gott, daß er mein Auge sicher und meine Hand fest mache.«

Er wendete sich um und ging festen Schrittes davon.

Alle sahen ihm in finsterem Schweigen nach, – niemand fand ein Wort, – niemand wagte ihn zurückzuhalten. Der Vater Julian segnete den Davonschreitenden mit dem Zeichen des Kreuzes.

»Geht denn«, sagte er traurig, »und bereitet eure Flucht vor, – draußen vor dem Dorf werde ich euch noch einmal segnen, wenn die Dunkelheit hereingebrochen ist, – hätte das Alter mein Haar nicht gebleicht und die Kraft meiner Glieder gebrochen, und wäre ich nicht durch das heilige Priesteramt gebunden, so ginge ich mit euch in die Freiheit der Berge, – aber so muß ich hierbleiben, die Zurückbleibenden zu trösten!«

Still gingen die Männer auseinander.

Pawjel war in sein Haus zurückgekehrt.

Er setzte sich in sein Wohngemach, zündete die kleine Öllampe an und brachte seine Waffen instand.

Er besaß zwei lange Reiterpistolen, er putzte die Läufe und lud sie mit Kugeln – dann schärfte er auf dem Stein das lange Dolchmesser und prüfte dessen Kraft durch einen mächtigen Stoß in das Holz des Tisches – die Spitze drang durch die Platte und erschien ohne Scharte und Biegung unterhalb derselben.

»Das wird genug sein,« sagte er, – »mit der Flinte kann ich nicht in Leonews Haus dringen, man würde Verdacht schöpfen und mich anhalten, – ein Schuß oder ein Stoß für sie – ein anderer für mich – und wir werden vereint sein in dem Reiche der Freiheit, wohin die Macht der Türken nicht dringt.«

Dunkler und dunkler wurde es draußen, – unbeweglich saß Pawjel vor dem Tisch, auf dem die Waffen lagen, die starren Blicke auf diese Werkzeuge der Zerstörung gerichtet, welche morgen zwei junge Herzen vernichten sollten, die vor wenigen Stunden noch hoffnungsvoll dem Glück und der Liebe entgegenschlugen.

Nur von Zeit zu Zeit stieg ein tiefer, schwerer Seufzer aus seiner Brust auf, ein Zeichen des harten Kampfes, der unter der äußeren, steinernen Ruhe seine Seele durchzitterte – von draußen drangen flüsternde Stimmen und der Klang leiser Tritte von Menschen und Pferden herein, – die jungen Leute begannen sich vor dem Dorfe zum Abzug zu versammeln.

Da knirschte die Tür des Zimmers in ihren Angeln.

Fast unwillig blickte Pawjel auf – er wollte allein sein, allein den Abschied vom Leben durchringen. Wer kam, ihn jetzt zu stören?

Entsetzt fuhr er empor von seinem Sitz, in der geöffneten Tür, von dem matten, flackernden Licht der kleinen Lampe beleuchtet, stand Stjepanida. Ein dunkles Gewand umhüllte ihre Gestalt, ihr Haar hing halb aufgelöst über den Schultern herab, geisterhaft leuchteten ihre großen, dunklen Augen aus dem bleichen Gesicht.

Sie eilte zu ihm hin – sie sank zu seinen Füßen nieder, und mit flehend zu ihm ausgestreckten Händen rief sie:

»Rette mich, Pawjel Fjodorew, – rette mich!«

Er hob sie auf, er schloß sie in seine Arme, zitternd fuhr er mit den Händen über ihr Haupt und ihre Schultern.

»Du bist es wirklich, Stjepanida, – es ist kein trügerisches Schattenbild, das mich täuscht, – du hast den Wächtern entfliehen können?«

»Man hat mich nicht bewacht,« rief sie atemlos,– »die Soldaten liegen im Stall, – mein Vater hat mit dem Kaimakam getrunken, sie schlafen fest, – die Nacht ist unser, – wenn du mich je geliebt hast, Pawjel, – um der Barmherzigkeit Gottes willen – töte mich – ich will nicht in die Gewalt des Türken fallen, dem mein Vater mich verkauft hat!« rief sie schaudernd.

Pawjel jauchzte auf, fest drückte er das Mädchen in seine Arme.

»Der Himmel ist gnädig!« rief er. – »Nein – nicht der Tod soll uns zur Freiheit führen, – noch ist es Zeit.«

Er steckte die Pistolen und den Dolch in seinen Gürtel, warf seine lange Flinte über die Schulter und füllte seine Jagdtasche mit Munition. Dann schüttete er seine ganze Barschaft, einen reichen Schatz für die armen Verhältnisse des Ortes, in einen ledernen Beutel und eilte zur Tür.

»Du willst mich verlassen?« rief sie angstvoll, – »du willst mich den Türken preisgeben?«

»Warte – einen Augenblick nur – die Rettung ist nahe.«

Er verschwand im dunklen Hofe, während das zitternde Mädchen in banger Ungewißheit wieder auf die Knie sank und mit gefalteten Händen ihre Gebete stammelte.

Nach wenigen Minuten kam Pawjel wieder.

»Komm!« sagte er, sie aufrichtend und eilig mit sich fortziehend.

Vor dem Hause standen zwei gezäumte Pferde.

Pawjel führte das eine und legte den Zaum des andern in Stjepanidas Hand.

Dann führte er sie, leise auftretend und vorsichtig durch die Dunkelheit spähend, auf der Dorfstraße fort, bis sie die letzten Häuser hinter sich hatten.

Allmählich gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit, – Stjepanida sah eine Anzahl dunkler Gestalten vor sich und blieb mit einem leisen Schreckensruf stehen.

»Fürchte nichts,« sagte Pawjel, »bald werden wir in Sicherheit sein.«

Schnell trat er, das Mädchen an der Hand, in den Kreis der jungen Bauern, welche, ihre Pferde am Zaum haltend, den Vater Julian umringten.

Es war die höchste Zeit, – schon erhob der Priester die Hand, um den Flüchtlingen den Abschiedssegen zu erteilen.

»Pawjel,« riefen die Nächsten, – »Pawjel Fjodorew, – was ist geschehen – sind wir verraten?«

»Ich gehe mit euch – ich führe euch,« erwiderte Pawjel, – »Stjepanida ist frei – Gott hat ein Wunder getan und zwei fromme und treue Herzen errettet.«

Alle drängten sich heran, sie unterdrückten die lauten Freudenrufe, die auf ihren Lippen schwebten, aber sie schüttelten Pawjels Hände und begrüßten herzlich die zitternde Stjepanida, welche sich an die Seite des Geliebten schmiegte.

»Vorwärts denn,« rief Pawjel, »jeder Augenblick ist kostbar!«

Er hob Stjepanida auf das eine seiner Pferde, küßte noch einmal die Hand des Priesters und sprang in den Sattel.

Im Nu saßen die Männer alle auf ihren Pferden, und, von Pawjel geführt, verschwand der Zug, langsamen Schrittes über die weiche Wiese seitwärts des Dorfes hinreitend, in der Dunkelheit.

Vorsichtig passierten sie die Furt des Flusses, sicher von Pawjel geführt, dessen Auge auch in der Dunkelheit alle Zeichen der seichten Stellen erkannte.

»Jetzt gilt es den Ritt um Freiheit und Leben,« rief Pawjel, als der letzte Reiter das Ufer erreicht hatte, – »haltet euch dicht hinter mir und schließt euch fest zusammen.«

Er faßte Stjepanidas Hand – ihre beiden Pferde legten sich aneinander, ihr Haar wehte um seine Wangen, er flüsterte jubelnde Worte der Liebe und Hoffnung in ihr Ohr, und in rasendem Lauf jagte die kleine Schar über die Felder dahin, den schützenden Bergen zu.

6. Kapitel

Der Zivilgouverneur von Moskau, Generalleutnant Durnowo, saß in seinem Arbeitskabinett, welches nach der einen Seite hin mit seiner Privatwohnung und nach der andern mit den in langer Reihe sich ausdehnenden Bureaus der Administration zusammenhing. Er hatte soeben die ersten der eingegangenen Schriftstücke durchlesen, welche an jedem Morgen zu seiner eigenen Erledigung auf seinen Schreibtisch gelegt wurden; aber er schien nicht allzu ernstlich mit seiner Lektüre beschäftigt, denn er hatte eine der Eingaben, welche die Ziviladministration der alten Residenz der russischen Zaren betraf, bereits zweimal durchblättert, und immer noch schienen seine Gedanken anderswo zu sein als bei dem Gegenstande, welchen das in seiner Hand befindliche Schriftstück behandelte. Es war freilich nicht zu verwundern, wenn der General, ein Mann von strenger, ernster, militärischer Erscheinung, mit kurzem, ergrauendem Haar, in dem Interimsrock der russischen Generalsuniform, sich nicht mit der ihm sonst eigentümlichen Schnelligkeit und sicheren Schärfe in die Angelegenheiten seines Dienstes zu vertiefen vermochte, denn die hohe Politik nahm fast ganz ausschließlich alles Interesse in Anspruch, und da der General ein guter Patriot war, der den Ruhm und die Größe seines Vaterlandes tief im Herzen trug, so mochte es ihm schwer werden, sich in einem Augenblick, in welchem sich Rußland zu dem seit Jahren vorbereiteten Entscheidungskampf gegen die Türkei erhob, mit den kleinen Angelegenheiten der Polizeiverwaltung zu beschäftigen. Zudem auch hatte die hohe Politik, welche ja eigentlich unmittelbar die Tätigkeit des Zivilgouverneurs von Moskau gar nicht berührte, dennoch in eigentümlich verwirrender Weise in seinen sonst so fest und regelmäßig geordneten Geschäftskreis eingegriffen.

Die öffentliche Meinung war in ganz Rußland so aufgeregt und so sehr zu einem wichtigen, von der Regierung teils geduldeten, teils geradezu begünstigten Faktor des politischen Lebens geworden wie nie zuvor, und die polizeiliche Überwachung dieser öffentlichen Meinung in der Presse und ihren sonstigen Kundgebungen nahm alle Kräfte in Anspruch. Die Mittel, welche die Regierung besaß, zeigten sich den immer gewaltiger anschwellenden Wogen des öffentlichen Geistes gegenüber ebenso unwirksam wie kleine Schleusen und Dämme bei einem Durchbruch der Meeresfluten, und außerdem richtete sich der ganze wilde Wogendrang, so unregelmäßig er sich auch bewegte und so viel er auch aus den Tiefen emporwühlte, doch gegen die Feinde Rußlands, gegen die Feinde des Zaren, und jeder Versuch, sich dem entgegenzustellen, konnte leicht als eine unpatriotische Hemmung des nationalen Geistes gedeutet werden, – es war eben eine Zeit, in welcher das Reglement nicht mehr ausreichte, und da die russischen Beamten bis zu den höchsten Chargen hinauf eigene Entscheidungen nicht gewöhnt waren und vor eigener Verantwortlichkeit zurückschreckten, so war es natürlich, daß der General Durnowo kein besonderes Interesse an den täglichen Geschäften finden konnte und, über die vorliegenden Akten gebückt, sorgenvoll den Kopf in die Hand stützte.

Allein auch die täglichen Geschäfte mußten abgemacht werden, und zwar um so pünktlicher, um so schneller und ordnungsmäßiger, als die militärischen Vorbereitungen die vollste Anspannung der Verwaltungsorganisation des Reiches in Anspruch nahmen. Seufzend begann der General eine Eingabe, welche er schon zweimal, in sinnende Gedanken verloren, hatte aus der Hand sinken lassen, zum dritten Male zu lesen, als sein Sekretär eintrat und ihm den Kollegienrat von Dobbrodorow meldete, der in dringender Angelegenheit einen Vortrag zu halten habe.

Auf den Wink des Generals, der bei dieser Meldung fast erschrocken aufsah, da alle dringenden Angelegenheiten in jenen Tagen meist peinliche und verantwortungsvolle Entschließungen nötig machten, trat der gemeldete Beamte unmittelbar ein.

Der Kollegienrat Alexis Antippowitsch Dobbrodorow, der Bureauchef des Preßdepartements der Zivilverwaltung von Moskau, war ein Mann von fast fünfzig Jahren, welcher in seiner ganzen äußeren Erscheinung den eigentümlichen Typus des Tschin, des russischen Dienstadels, zeigte, der seinen Angehörigen fast den Stempel einer Familienähnlichkeit aufdrückt und dessen zahlreiche Klassen immer die gleich mitleidig herablassende und geheimnisvoll überlegene Miene für die Angehörigen der unteren Stufen zeigen, sowie das verbindliche, dienstbereite Lächeln für die höheren Klassen. Herr von Dobbrodorow hatte eine breite, etwas niedrige Stirn, seine Augen von dunklem Stahlgrau lagen ein wenig tief unter den starken, buschigen Brauen, und in dem von dem starken Backenknochen spitz zulaufenden unteren Teil seines Gesichts bildete die starke, aber wenig vorspringende Nase den bemerkenswertesten Teil. Die Züge seines ein wenig gelblich gefärbten Gesichts zeigten eine Regelmäßigkeit und Gleichförmigkeit, welche an die Repositorien eines wohlgeordneten Bureaus erinnerten, und aus seinen schmalen, fest aufeinander geschlossenen Lippen war gewiß niemals ein Wort hervorgekommen, das nicht ganz genau den Vorschriften des Reglements entsprochen hätte; sein kaum ergrautes Haar war kurz geschnitten und stand bürstenartig auf dem Kopfe empor. Er trug den dunkelgrünen Dienstfrack mit den gelben Wappenknöpfen, eine weiße Weste, eine Diamantnadel im Busenstreifen, und aus der hohen, weißen Krawatte ragte ein sauberer, ziemlich steif geplätteter Hemdkragen hervor, in welchen er bei wichtigen Vorkommnissen nachdenklich sein Kinn zurückzuziehen pflegte.

Als er in das Kabinett seines Chefs trat und sich nach einer tiefen Verbeugung militärisch aufrichtete, lag auf seinem Gesicht das vorschriftsmäßige, freundliche Lächeln, welches anzudeuten schien, daß nicht nur von seiten des Untergebenen alle Obliegenheiten pünktlich erfüllt seien, sondern daß auch jeder Befehl des hohen Vorgesetzten den schnellsten und bedingunglosesten Gehorsam finden werde, sobald er nur ausgesprochen sei; trotzdem aber konnte man gewissermaßen zwischen den Falten dieses Lächelns ganz deutlich erkennen, daß irgend etwas den Gleichmut des Herrn von Dobbrodorow gestört und seinen Unwillen in nicht geringem Maße erregt haben mußte.

Der General, welcher durch eine jahrelange Übung gewohnt war, in dem Gesicht seines Bureauchefs ebenso deutlich zu lesen wie in dessen gleichmäßiger und klarer Handschrift, blickte ihn prüfend an und sagte, indem er ihn mit einer Handbewegung einlud, auf dem Stuhle neben seinem Schreibtisch Platz zu nehmen:

»Nun, Alexis Antippowitsch, was bringen Sie so früh? – Ich sehe Ihnen an, daß etwas nicht in Ordnung ist, und es ist gut von Ihnen, daß Sie damit sogleich den Tag beginnen, denn ich liebe es, die unangenehmen Dinge vorweg zu nehmen und die guten bis zuletzt aufzuheben.«

Der General seufzte bei diesen Worten, indem er daran dachte, daß in der letzten Zeit die unangenehmen Dinge so viel reichlicher waren als die angenehmen, und Herr von Dobbrodorow schien ganz zufrieden, daß ihm Gelegenheit gegeben wurde, in seinen Zügen den Unmut sich widerspiegeln zu lassen, welcher auf dem Gesicht seines hohen Chefs sich ausdrückte; wenn auch das Lächeln der pflichtmäßigen Devotion nicht ganz von seinen Lippen verschwand, so zeigte sich doch jener Unwille, der eben noch ganz versteckt und schüchtern zwischen den Falten seines Gesichts hervorgeblickt hatte, nun immer deutlicher und schärfer.

»Etwas nicht in Ordnung,« sagte er achselzuckend, »belieben Euer Exzellenz zu sagen – leider Gottes möchte man fragen, was denn überhaupt heutzutage noch in Ordnung sei, nachdem alle Welt sich für berechtigt hält, ungestraft die alten Regeln zu durchbrechen! – Meine Jugend und meine Lehrzeit im Dienst fiel noch unter die Regierung des höchstseligen Kaisers Nikolai, damals war alles regelrecht, fest geordnet, und die Regierung stand auf unerschütterlichen Fundamenten, die Maschine der Verwaltung arbeitete nach unabänderlichen Regeln, denen Seine Majestät selbst sich unterwarf – aber seit jener Zeit befinden wir uns in einer immer weiter um sich greifenden Auflösung, Gott weiß, wohin das noch alles führen soll, wenn nicht bald mit fester und energischer Hand eingegriffen wird. Die Leibeigenschaft ist aufgehoben, die Bauern sind ihre eigenen Herren geworden, das ganze Volk hat diese sogenannte Freiheit, aber wozu benutzt es sie als zu gotteslästerlichem Unglauben und zu nichtswürdigen Verschwörungen, deren man nicht mehr Herr werden kann, weil die Polizei keine Macht mehr hat und das weitläufige öffentliche Gerichtsverfahren den Verschwörern Gelegenheit gibt, ihre heillosen Ideen laut vor aller Welt zu verkünden.«

Er hatte immer lebhafter und aufgeregter gesprochen, der General erhob mit lächelnder Drohung den Finger und sagte:

»Ei, ei, Alexis Antippowitsch, es scheint mir, daß Sie selbst vom rebellischen Geiste gefährlich angesteckt sind, denn alles, was Sie da so scharf tadeln, sind ja Einrichtungen, welche Seine Majestät, unser allergnädigster Herr und Kaiser, gutgeheißen und Allerhöchstselbst befohlen haben.«

Ganz entsetzt fuhr der Kollegienrat zusammen.

»Gott soll mich in Gnaden bewahren,« sagte er, »daß ich es mir herausnehmen möchte, irgend etwas zu kritisieren oder gar zu tadeln, was die hohe Weisheit Seiner Majestät beschlossen hat. Alle Institutionen, welche der Kaiser getroffen, sind ohne Zweifel weise und segensreich, aber die gnädige Gesinnung des erhabenen Herrn wird mißverstanden und ausgebeutet; weil er dem Volke die wirklich drückenden Ketten abnahm, glauben nun viele, daß überhaupt alle Ordnung und Herrschaft aufhören müsse, und mir scheint es doch umgekehrt, daß gerade, wenn der Kaiser sein Volk von der Sklaverei befreien will, die Regierung um so mehr verpflichtet sei, die Zügel der Ordnung festzuhalten und scharf anzuziehen, damit die mißverstandene Freiheit nicht zur Ungebühr heranwachse.«

»Nun,« sagte der General, »Sie wissen, daß ich stets nach diesem Grundsatz gehandelt; doch was hilft es, daß wir über Grundsätze sprechen und der Zeiten gedenken, in denen es leichter und erfreulicher war, nach wohlgeordneter Regel zu regieren, – jene Zeiten sind wohl vorbei und kommen nicht wieder, denn unser Rußland«, fügte er halb mit sich selbst sprechend hinzu, »strebt ja in immer schnellerem Tempo den übrigen Ländern Europas nach, in denen es schon lange keine geordneten Regierungen mehr gibt – sagen Sie also, was Sie mir bringen, damit wir in unserem Ressort wenigstens alles in pünktlicher Ordnung erhalten.«

»Was ich bringe, Exzellenz,« erwiderte der Kollegienrat, indem er eine große, mit Papieren und Zeitungen gefüllte Mappe öffnete, »das ist ein neuer Beweis, wie weit die Unverschämtheit im Vertrauen auf die Nachsicht der Regierung, die man für Schwäche hält, zu gehen wagt, ein neuer Beweis, wie notwendig es ist, Ordnung und Gehorsam mit fester Hand wieder herzustellen. Eure Exzellenz erinnern sich, daß im März dieses Jahres jener so vorlaute Herr Iwan Aksakow in einer der Versammlungen der slawischen Wohltätigkeitskomitees, in denen man es ja liebt, die sogenannte Redefreiheit der europäischen Parlamente sich anzumaßen, einen aufregenden Vortrag hielt, der zwar von Ergebenheitsausdrücken gegen des Kaisers Majestät überfloß, aber dennoch alles, was bisher in Rußland als unumstößliche Lebensbedingung galt, verurteilte und dem russischen Volk eine politische Rolle zuwies, bei welcher es allein die Entscheidung in Händen hält und der Kaiser eigentlich nur als gehorsamer Vollstrecker des Volkswillens dargestellt wird.«

»Ich erinnere mich,« sagte der General, – »jene Rede verursachte in der Sitzung des Komitees eine ungeheure Aufregung, und wir haben infolgedessen den Abdruck derselben verboten.«

»Wir haben den Abdruck verboten, ganz recht,« erwiderte Herr von Dobbrodorow, »aber was ist denn ein Verbot heutzutage anderes als eine Aufforderung, das Gegenteil davon zu tun – was würde man vor zwanzig Jahren gesagt haben,« fügte er mit zornfunkelnden Blicken hinzu, »wenn jemand Ähnliches gewagt hätte wie dieser Herr Iwan Aksakow, der da glaubt, wie es scheint, sich alles erlauben zu dürfen! Hier,« sagtagte er, ein Zeitungsblatt aus seiner Mappe hervorziehend und dem General hinreichend, »hier, wollen sich Eure Exzellenz überzeugen, daß trotz jenes Verbotes die aufregende Rede heute in der Moskauer Zeitung abgedruckt ist, ganz wörtlich, nur sind noch schärfere, noch anmaßendere Worte hinzugefügt, welche geeignet sind, dem schon so aufgeregten und überspannten Volk völlig den Kopf zu verdrehen. Wollen Eure Exzellenz nur den Schluß lesen – ›Hinter uns‹, sagt Herr Aksakow, ›haben wir das Volk, vor uns die Worte, welche der Zar vom Kreml herab gesprochen‹ – darf ein Untertan es wagen, die Worte des Kaisers nach seinem Gutdünken zu deuten? – Und was heißt es anders, als die Revolution zugunsten solcher eigenmächtigen Deutungen zu proklamieren, wenn er sagt: Hinter uns haben wir das Volk?«

»In der Tat,« sagte der General kopfschüttelnd, »das ist etwas stark, – die Veröffentlichung jenes Vortrags gegen den bestimmten Befehl und diese Zusätze!«

Langsam durchlas er den Artikel der Zeitung, in welchem einige der bemerkenswertesten Stellen der bureaumäßigen Sitte entsprechend mit Rotstift angestrichen waren.

»Das Exemplar ist soeben angekommen,« sagte Herr von Dobbrodorow, »es ist, wie ich glaube, noch Zeit, die ganze Auflage mit Beschlag zu belegen und wenigstens die Versendung des aufregenden Artikels in die Provinzen zu verhindern. Außerdem erscheint es mir notwendig, das gesetzliche Verfahren gegen Herrn Aksakow einzuleiten und das Verbot der Zeitung ernstlich ins Auge zu fassen. Die Kenntnis des Lesens hat bedenkliche Fortschritte in unserem Volke gemacht, und wenn man fortfährt, demselben Seine Majestät den Kaiser nur als das gehorsame Werkzeug des sogenannten Nationalwillens darzustellen, so wird sehr bald alle Autorität untergraben sein, und das Volk, das heute dem Kaiser zujubelt, weil er eben seinen Willen ausführt, wird sich morgen empören, wenn die Regierung sich nicht zu Vollstreckern des Volkswillens macht, welcher dann eigentlich jedesmal der Wille des Herrn Aksakow oder sonst jemandes sein wird, der am lautesten zu schreien versteht, ganz wie es immer in allen großen Revolutionen der Fall ist.

Ich habe die Dekrete wegen der sofortigen Beschlagnahme der Zeitungsnummer und wegen der Einleitung des Verfahrens zur Unterdrückung sogleich fertiggestellt, und wenn Eure Exzellenz die Gnade haben wollen, dieselben zu unterzeichnen, so wird keine Zeit verloren sein, und wir werden den größten Teil der Auflage noch unterbrücken können.«

Der General hatte langsam immer weiter gelesen, zuweilen aufblickend und den Worten des immer eifriger sprechenden Kollegienrates zuhörend. Dieser legte die beiden Schriftstücke, welche er vorbereitet hatte und welche nur noch der Unterschrift des Gouverneurs bedurften, um die ganze Strenge des Gesetzes auf die Moskauer Zeitung fallen zu lassen, auf den Tisch, er tauchte eine Feder ein und reichte sie dem General mit den Worten:

»Ich bitte untertänigst um Eurer Exzellenz Unterschrift, denn die Augenblicke sind kostbar, – in einer Stunde«, fügte er, einen Blick auf seine Uhr werfend, hinzu, »werden die Zeitungsballen expediert sein, und dann ist diese Nummer wenigstens unserer Macht entrückt.«

Der General nahm fast mechanisch die Feder, um, wie er es gewöhnlich zu tun pflegte, seine Unterschrift unter die von seinem Bureauchef ihm vorgelegten Dekrete zu setzen – aber in dem Augenblick, in welchem er bereits mit der Spitze der Feder das Papier berührte, zog er seine Hand wieder zurück und faltete sinnend die Stirn, während seine Augen über die Schriftzeilen hinglitten, als ob er den Inhalt derselben noch einmal gründlich prüfen wolle, bevor er seine Genehmigung erteile.

Herr von Dobbrodoraw rieb sich ungeduldig die harten, mageren Hände.

»Sollte das nicht doch ein wenig zu schnell sein?« sagte der General endlich, indem er die Feder wieder aus der Hand legte und den Kollegienrat unschlüssig ansah. »Sie wissen, Alexis Antippowitsch, daß man von oben her diese slawischen Wohltätigkeitskomitees mit günstigen Blicken ansieht, und daß Herr Aksakow persönlich hohe Gönner und Fürsprecher am Hofe hat, wir könnten uns da unangenehmen Vorwürfen aussetzen – es kann zuweilen bedenklich sein, zu scharf vorzugehen; vielleicht täte ich besser, den Verleger der Zeitung hierher zitieren zu lassen und ihm Vorstellungen zu machen, oder etwa mit Herrn Aksakow selbst zu sprechen.«

Einen Augenblick verschwand von dem Gesichte des Herrn Dobbrodorow das pflichtgemäße, submisse und dienstbereite Lächeln, seine scharfen Augen funkelten vor Unwillen, und mit hartem, scharfem Tone sagte er:

»Was das Verfahren auf Unterdrückung der Zeitung betrifft, so läßt sich vielleicht ein Aufschub bewilligen und versuchen, welche Wirkung eine letzte ernste Mahnung auf den Verleger ausüben möchte, und wenn Eure Exzellenz diesen milderen Weg vorziehen, so unterwerfe ich mich darin pflichtschuldigst Hochdero so viel höherer Einsicht – aber ich möchte ebenso ehrerbietig als dringend darauf aufmerksam machen, daß über die Konfiskation dieser Nummer gar kein Zweifel obwalten kann, so gnädig und milde auch Eure Exzellenz das Verfahren des Herrn Aksakow beurteilen mögen. Es ist demselben ausdrücklich verboten worden, den von ihm in dem Wohltätigkeitskomitee gehaltenen Vortrag drucken zu lassen, und die Veröffentlichung desselben in der Moskauer Zeitung mit noch verschärfenden Zusätzen ist geradezu eine Herausforderung gegen alle Autorität, deren Aufrechterhaltung gerade in dem Augenblick, in welchem Seine Majestät die Armee gegen den auswärtigen Feind führen will, doppelt wichtig und notwendig erscheint. Wenn ein solcher Ungehorsam, eine solche offene Auflehnung straflos bleibt, so haben wir keine Mittel mehr, das Volk im Zügel zu halten, wenn es einmal Dinge verlangen sollte, die mit den Majestätsrechten der Krone in unversöhnlichem Widerspruch stehen; es ist leicht, eine Schleuse zu öffnen, aber schwer und oft unmöglich, sie wieder zu schließen, wenn der flutende Strom erst durch dieselbe hinschießt.«

»Ja, ja,« sagte der General, »Sie haben Wohl recht, diese Veröffentlichung ist ein offener Ungehorsam, wir würden die Zügel vollständig verlieren, wenn wir denselben hingehen ließen. Was die Untersuchung und das Verfahren auf Unterdrückung betrifft, so will ich darüber noch nachdenken und mit dem Generalgouverneur sprechen; diese Nummer müssen wir aber unverzüglich konfiszieren, wenn wir dazu noch Zeit haben.«

»Noch haben wir diese Zeit,« sagte Herr von Dobbrodorow, ungeduldig auf seinem Stuhle hin und her rückend, »aber wie ich schon die Ehre hatte, Eurer Exzellenz zu bemerken, es handelt sich um Minuten, und sobald Eure Exzellenz den Befehl unterzeichnet haben, bitte ich mich zu entlassen, um das Nötige anzuordnen.«

Immer noch ein wenig zögernd, ergriff der General die Feder, setzte dieselbe auf das Papier und begann langsam seinen Namen zu schreiben. Aber kaum hatte er einen Teil des ersten Buchstabens vollendet, als die Tür geöffnet wurde und schnellen Schrittes, mit wichtiger Miene der Sekretär eintrat.

»Ein Billett des Herrn Generalgouverneurs Fürsten Dolgorukow«, sagte er, dem General einen versiegelten Brief überreichend.

Dieser legte die Feder aus der Hand, ohne seine Unterschrift zu vollenden, und ergriff mit dem ehrerbietigen Eifer, welcher dem Befehl des höchsten Vorgesetzten gebührt, den Brief, indem er dem Sekretär winkte, sich wieder zurückzuziehen. Er prüfte einen Augenblick das kleine Dienstsiegel des Generalgouverneurs, öffnete dann den Umschlag und las das Billett, das nur wenige Zeilen von der eigenen Handschrift des Fürsten Dolgorukow enthielt. Grenzenloses Erstaunen malte sich zuerst auf seinem Gesicht, dann verzogen sich seine Lippen zu einem Lächeln feiner Ironie, und mit einem eigentümlichen, fast schalkhaften Seitenblick auf den in immer steigender Ungeduld wartenden Kollegienrat sagte er:

»Dies Billett kommt gerade noch zu rechter Zeit, Alexis Antippowitsch.«

»Wenn der Befehl Seiner Durchlaucht«, erwiderte Herr von Dobbrodorow, »mein Ressort angeht, so werde ich in einer halben Stunde zu Eurer Exzellenz Befehl stehen. Für jetzt bitte ich untertänigst und dringend, daß Eure Exzellenz das Dekret vollziehen wollen, denn«, sagte er, abermals seine Uhr hervorziehend, »wenn dasselbe nur noch einige Minuten verzögert wird, so werden wir keine Zeit mehr für die Beschlagnahme haben.«

»Der Befehl des Fürsten«, erwiderte der General, »betrifft allerdings Ihr Ressort und steht auch mit dem Dekret, das Sie mir soeben vorgelegt, in unmittelbarem Zusammenhang; hören Sie,« sagte er, seine Worte schärfer betonend und seinen Bureauchef mit einer kaum zurückgehaltenen Heiterkeit fixierend, »Seine Durchlaucht befiehlt, daß wir von der heutigen Nummer der Moskauer Zeitung, welche den Abdruck eines Vortrages des Herrn Iwan Aksakow enthält, dreitausend Exemplare bestellen und nötigenfalls besonders abziehen lassen sollen, um dieselben an die Starosten in den verschiedenen Bezirken des Gouvernements verteilen zu lassen, damit dieselben sie den Bauern zugänglich machen und denjenigen, die des Lesens nicht kundig sind, ihren Inhalt mitteilen.«

Herr von Dobbrodorow saß sprachlos da, sein Gesicht wurde erdfahl, seine dünnen Lippen preßten sich zusammen, und seine Augen starrten den General so entsetzt an, als ob derselbe ihm sein eigenes Todesurteil verkündigt hätte.

»Nun,« sagte der General, unwillkürlich über das Bild des so ganz aus der Fassung gebrachten Bureauchefs lächelnd, »was sagen Sie dazu, Alexis Antippowitsch, wäre das Dekret, das Sie mir vorlegten, schon ausgeführt, so könnten wir die konfiszierten Exemplare an die Starosten versenden und für das übrige Publikum auf unsere Kosten neue drucken lassen; immerhin würden wir uns dem Verleger gegenüber in einer etwas peinlichen Lage befinden; und unsere Autorität würde kaum gewonnen haben. Sie sehen, daß die Vorsicht in unseren Tagen Wohl angebracht ist.«

»Es ist nicht möglich – nicht möglich!« rief Herr von Dobbrodorow, »der Ungehorsam, die Auflehnung sollen nicht nur straflos bleiben, sondern noch ausdrücklich belohnt werden!«

»Lesen Sie selbst,« sagte der General, indem er das Billett dem Kollegienrat reichte, »es ist die eigene Handschrift des Fürsten, er muß eine ganz unmittelbare und dringende Veranlassung zu diesem Befehl gehabt haben, daß er denselben nicht einmal durch die Bureaus hat gehen lassen.«

Herr von Dobbrodorow hielt das Billett in seiner Hand, und es wäre für das Studium der Physiognomik in hohem Grade interessant und belehrend gewesen, wie in seinem Gesicht sich die pflichtschuldige Ehrfurcht vor einem eigenhändigen Billett des hochgebietenden Generalgouverneurs mit dem tiefen Abscheu vermischte, den ihm der Inhalt dieses Billetts einflößte.

Kopfschüttelnd und schweigend gab er dem General das Billett des Fürsten zurück; dann faltete er die Hände auf seinen Knien und blickte wie gebrochen, immer leise den Kopf schüttelnd, vor sich zur Erde nieder.

»Es ist vorbei,« flüsterte er, »vorbei – das ist der Anfang vom Ende; woher soll Furcht und Gehorsam kommen, wenn freche Anmaßung und Auflehnung belohnt werden? – Und Furcht und Gehorsam sind doch die Grundfundamente, auf denen die Ordnung des Staates ruht – was würde der hochselige Kaiser Nikolai sagen, wenn er das sehen könnte!«

»Mein lieber Freund,« sagte der General mit tiefem Ernst, »die Zeiten schreiten fort und ändern sich; der große Kaiser Nikolai hielt Furcht und Gehorsam mit eiserner Hand über dem Volk, und dennoch brach sich die Macht seiner Armeen im Kampfe gegen den Halbmond – vielleicht, weil die Begeisterung des Volkes nicht hinter seinen Armeen stand. Lassen wir die Zeit fortschreiten und hoffen wir, daß sie auf ihren unerforschlichen Zukunftsbahnen unser Vaterland zu Heil und Ruhm führt; jetzt aber haben wir dem Befehle zu gehorchen. Senden Sie hin nach der Druckerei und lassen Sie anfragen, wann wir die befohlenen dreitausend Exemplare erhalten können; bereiten Sie auch die Schreiben an die Starosten vor, damit die Sendungen so schnell als möglich abgehen können.«

»Zu Befehl, Exzellenz«, war alles, was Herr von Dobbrodorow zu sprechen vermochte, indem er sich langsam von seinen Stuhle erhob und seine Mappe unter den Arm nahm.

Abermals trat der Sekretär ein und meldete Herrn Iwan Aksakow.

Der General befahl, ihn einzuführen, und als Herr von Dobbrodorow ganz verstört, schwankenden Schrittes das Kabinett verließ, begegnete er auf der Schwelle dem großen Agitator des Slawentums, dem er ganz entsetzt weit auswich.

Iwan Aksakow war damals etwa fünfzig Jahre alt, doch ließen ihn seine Haltung und der lebhafte, feurige Ausdruck seines kräftig geschnittenen, geistdurchleuchteten Gesichts mit den großen, hellen, in schnell wechselnder Bewegung funkelnden Augen jünger erscheinen, als er war. Er trug einen einfachen, dunklen Überrock, ein voller Bart umrahmte sein Gesicht, und das zurückgestrichene Haar ließ die breite, hochgewölbte Stirn frei.

Der General trat ihm artig entgegen und lud ihn ein, auf dem Stuhle Platz zu nehmen, den Herr von Dobbrodorow soeben verlassen hatte, wobei er wie mit einer zufälligen Bewegung das Dekret zur Seite schob, das bereits den ersten Buchstaben seiner Unterschrift trug und bestimmt gewesen war, den Artikel seines Besuchers der Konfiskation preiszugeben.

»Ich komme,« sagte Aksakow, »um mich Eurer Exzellenz zur Verfügung zu stellen, da ich gehört habe,« fügte er mit einer fast hochmütigen Überlegenheit hinzu, »daß die Regierung einige tausend Exemplare der Moskauer Zeitung im Lande zu verteilen gedenkt. Ich habe bereits dafür gesorgt, daß die Pressen weiterarbeiten und daß in kürzester Frist die Exemplare, welche die gewöhnliche Auflage der Zeitung übersteigen, fertiggestellt sein werden; ich erlaube nur, mich Eurer Exzellenz für die Versendung zur Verfügung zu stellen. Ich glaube, daß es zweckmäßig sein wird, die Exemplare an die Vorsitzenden der slawischen Wohltätigkeitskomitees zu senden, da diese vielleicht noch besser als die Verwaltungsbeamten imstande sein werden, den Inhalt meines Vortrages, welchen die Regierung unter dem Volke verbreiten will, den Bauern zugänglich und verständlich zu machen.«

»Ich habe den Befehl des Generalgouverneurs erhalten,« sagte der General, indem er den Führer der slawischen Partei, welcher in diesem Augenblick das geistige Leben des russischen Volkes beherrschte, ernst prüfend ansah, »und werde gern Ihre Ratschläge in betreff der Versendung anhören, da es ja dem Fürsten augenscheinlich daran liegt, den Anschauungen, die Sie in Ihrem Vortrage ausgesprochen haben, die weiteste Verbreitung zu geben. Ich habe«, sagte er, auf die noch vor ihm liegende Zeitung deutend, »Ihren Vortrag mit vielem Interesse gelesen; die nationale Begeisterung, welche derselbe atmet, hat mich erfreut – aber ich kann es Ihnen nicht verhehlen, mein Herr, daß ich auch gewisse Bedenken dabei nicht unterdrücken kann: wenn der nationale Wille auf solche Weise, wie Sie es in so beredten Worten verkünden, in die Wagschale der Politik geworfen wird, sollte er da nicht zuweilen in bedenklicher Weise das Übergewicht erlangen können, und ist es nicht denkbar, daß der nationale Wille, der ja namentlich bei einem so jungen Volk wie das unsrige häufig ohne eigene Prüfung durch agitatorische Einflüsse bestimmt werden kann, auch einmal gegen die Regierung sich erheben könnte?«

»Das wird niemals geschehen,« sagte Aksakow zuversichtlich, »solange die Regierung wirklich das nationale Wohl und die nationale Größe erstrebt, und wenn dies jemals nicht der Fall sein sollte – was ich von dem Herrscher unseres Kaiserhauses nicht voraussetze – nun denn, so wird die Regierung sich dem immer mehr erstarkten und zu immer größerer Klarheit durchgearbeiteten Nationalwillen unterwerfen müssen.«

Der General blickte fast erschrocken auf diesen Mann, welcher so bestimmt und sicher, so von oben herab sprach, als ob in seiner Hand das Geschick und die Zukunft des russischen Reiches läge.

»Aber mein Herr,« sagte er, »was Sie da sagen, kann unter Umständen die Revolution sei, eine Revolution, welche die Grundfesten des durch Peter den Großen aufgebauten Reiches zerstören würde.«

»Die Revolution?« sagte Aksakow achselzuckend. »Von einer Revolution kann nur da die Rede sein, wo die Herrscher in törichter Verblendung dem Nationalwillen Widerstand leisten. Ein nationaler Kaiser von Rußland, der Hand in Hand geht mit den gesetzlichen Organen des Volkswillens, ist hoch erhaben über jede Revolution; während ein despotischer Selbstherrscher, der das große Slawenreich in kleinlicher Beschränktheit nach fremden Mustern regieren will, durch den Windhauch des Zufalls von seinem Thron herabgestürzt werden kann.«

Der General schüttelte den Kopf: es war wohl zum ersten Male, daß eine solche Sprache in diesen Räumen und vor seinen Ohren erklang – unwillkürlich fortgerissen von dem Inhalt dieses so außergewöhnlichen Gesprächs, dem er zu jeder anderen Zeit ängstlich aus dem Wege gegangen wäre, erwiderte er:

»Gesetzliche Organe des Volkswillens sagen Sie – wir haben keine solche Organe in Rußland.«

»Wir werden sie haben, Herr General,« rief Aksatow, »und dann erst wird die Schöpfung Peters des Großen ihre große, die Welt reformierende Mission beginnen, denn in Rußland allein wird das innige Zusammenwirken zwischen Kaiser und Volk eine segensreiche Wahrheit sein, weit entfernt von den parlamentarischen Zerrbildern des westlichen Europas, wo nur die Schwätzer, die Streber und die Spekulanten das große Wort führen, während das Volk in den Ketten einer schlimmeren Sklaverei liegt, als sie das finstere Mittelalter kannte. Wir haben jenen Parlamentarismus nicht nötig, welcher das Volk zu einem Spielball eigensüchtiger Intrigen macht; die Organe des nationalen Willens werden in Rußland naturgemäß hervorwachsen aus dem Volke selbst, aus der Vertretung der Gemeinden, welche man nur nötig hat zusammenzufassen und zu politischem Leben zu erwecken, um eine Volksvertretung zu schaffen, wie sie kein Reich der Welt hat, eine Volksvertretung, die ebenso in Ehrfurcht und Liebe zu dem Kaiser steht, wie die Rechte und Bedürfnisse der Nation in Gesetzgebung und Verwaltung zur Geltung bringen wird.«

»Aber mein Herr, mein Herr,« sagte der General ganz erschrocken, »wenn wirklich Wahrheit in Ihren Ideen liegt, wird die einzige Autorität, welche dazu berechtigt ist, dieselben zur Ausführung zu bringen, wird«, fügte er scheu umherblickend hinzu, »der Kaiser eine solche Vertretung des Volkes, das bis jetzt allem politischen Leben so fernstand, neben seinen Thron berufen?«

»Er wird es, Herr General«, erwiderte Aksakow. »Der Kaiser wird in dem großen Kriege, den er beginnt, Sieger bleiben und die äußere Mission des slawischen Volkes, die Herrschaft über den Osten, glänzend erfüllen – er wird Sieger bleiben, weil er sich nicht, wie dies Nikolai tat, auf den toten Mechanismus seiner Regierungsmaschine stützt, sondern auf die lebendige Begeisterung des Volkes, und wenn er jene äußere Mission erfüllt hat, so wird er mit zwingender Notwendigkeit auch die Erfüllung der inneren Mission angreifen müssen und Rußland zum leuchtenden Vorbilde aller Völker erheben, zu dem Bilde einer Nation, die, in sich geschlossen, einig in Glauben und Sitte, kraftvoll geführt wird von einer Regierung, der sie ohne Eifersucht und Mißtrauen ratend und stützend zur Seite steht in ihrer natürlichen, aus den Familien und Gemeinden hervorgewachsenen Vertretung. Wenn der Kaiser mit dem Flügelschlage des nationalen Geistes zu dem glänzenden Siege emporgehoben ist, so wird er erkennen, was der Geist dieses Volkes wert ist, das man bis jetzt durch künstliche Scheidewände vom Throne fern hielt, und der russische Kaiser des freien russischen Volkes wird der mächtige Schiedsrichter der Welt werden.

Doch, Herr General, entschuldigen Sie mich; ich vergaß mich, ich war nicht hierher gekommen zur politischen Diskussion, die vielleicht heute noch keinen Wert für Sie hat; die Überzeugung, welche mich erfüllt, riß mich hin. Ich maße mir nicht an, durch meine Worte diejenigen, welche in der alten Welt aufgewachsen und festgewurzelt sind, zu bekehren – bald genug wird diese alte Welt zerfallen, und das herrliche Morgenrot des neuen Tages wird auch in die jetzt noch bangenden und zweifelnden Herzen den Glauben einziehen lassen.

Ich werde also«, fuhr er, sich erhebend, in geschäftsmäßigem Tone fort, »die Exemplare der Moskauer Zeitung, sobald sie fertiggestellt sind, hierher senden und mir erlauben, ein Verzeichnis der Vorstände der slawischen Komitees beizulegen, damit Sie dieselben bei Ihrer Sendung berücksichtigen.«

Der General erhob sich ebenfalls und geleitete Herrn Aksakow artig bis zur Tür seines Kabinetts. Dann faltete er die Hände, ließ den Kopf auf die Brust sinken und sagte seufzend:

»Wenn dieser Geist die Zukunft beherrscht, dann freilich wird die alte Welt in Trümmer versinken, und neue Bahnen werden zu schwindelnden Sonnenhöhen aufwärts oder in furchtbare Abgründe abwärts führen. Gott schütze den Kaiser – Gott schütze Rußland!«

7. Kapitel

Der Kollegienrat von Dobbrodorow hatte trotz der Erschütterung, in welche ihn der außerordentliche Befehl des Generalgouverneurs versetzte, die Geschäfte seines Bureaus mit der gewohnten Ordnung und Pünktlichkeit abgemacht. Er hatte die Listen zur Versendung des Artikels der Moskauer Zeitung, dessen Verfasser zwanzig Jahre früher in den abgelegensten Fernen Sibiriens verschwunden wäre, aufgestellt und die Expedition der Exemplare, welche in rascher Folge von der Druckerei im Gouvernementsgebäude einliefen, geordnet. Die verwunderten Gesichter seiner Unterbeamten, welche teils noch fester als er in dem Boden der Vergangenheit wurzelten, teils von dem neuen Geiste negativer Kritik durchdrungen waren, hatte er durchaus nicht beachtet, auch auf keine der Fragen geantwortet, welche mit Schreck und Entsetzen, oder mit kaum verhülltem höhnischen Triumph an ihn gerichtet wurden; er gab sich, wie das ja auch zu den Gewohnheiten in der dienstlichen Hierarchie gehörte, mit sicherem Geschick den Anschein, als ob er in die Gründe der hohen Verfügung vollkommen eingeweiht sei und die Überzeugung von der Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit derselben vollkommen teile, denn niemand von seinen Untergebenen durfte ja ahnen, daß eine so wichtige Maßregel habe getroffen werden können, ohne daß der Herr von Dobbrodorow darüber befragt und zu Rate gezogen worden wäre.

Alle diese Erschütterungen und all der Zwang, den er sich auflegen mußte, erschöpften ihn und ließen ihn das Ende der Dienststunden freudig begrüßen. Sonst hatte er sich fast mit einer gewissen Wehmut von seinen Bureaus getrennt, denn hier war ihm alles, soweit sein Blick reichte, untertänig, alles lauschte seinem Wort, und der kleinste seiner Befehle wurde mit der ängstlichsten Pünktlichkeit befolgt. Wenn er in der kurzen Vortragszeit bei seinem Chef den schuldigen Tribut der Ehrfurcht und des Gehorsams abgetragen hatte, so konnte er dafür die ganze übrige Zeit in den Räumen, welche sein Wille beherrschte, und in welchem sein Blick nur auf demütig geneigte Häupter fiel, sich in den süßen Traum versetzen, daß die ganze unumschränkte Macht der kaiserlichen Selbstherrscher aller Reußen in seine Hände gelegt sei, denn soweit die Wände und Aktenrepositorien seiner Bureaus reichten, war er der einzige Repräsentant der kaiserlichen Macht und Autorität. Weder auf der Straße noch in seinem Hause fand er eine gleiche Anerkennung der Wichtigkeit und unumschränkten Machtvollkommenheit seiner Person, und es entstieg daher jedesmal ein leichter Seufzer der Wehmut seiner Brust, wenn er seinen Überrock anzog, seinen Hut aufsetzte und nach einem letzten Abschiedsblick auf die wohlgeordneten Aktenrepositorien mit herablassendem Gruß durch die ehrfurchtsvoll geneigten Reihen seiner Unterbeamten hinausschreitend, sein Bureau verließ, um in die Welt draußen zurückzukehren, in welcher es gar so viele Personen gab, die über ihm standen, und in welcher auch die in der Rangordnung des Tschin unter ihm Stehenden mehr und mehr anfingen, den Respekt zu vergessen, den sie seiner Würde schuldig waren.

Heute aber erwartete er den Schluß der Bureaustunden fast mit Ungeduld, denn es schien ihm nach dem Unerhörten und Unglaublichen, das er erlebt, als ob die Grundsäulen seiner ganzen Existenz ins Schwanken geraten wären, und er fühlte das Bedürfnis, sich in einsamer Ruhe zu sammeln, um darüber nachzudenken, auf welche Weise er sich in die neu hereinbrechende Zeit einfügen könne. Denn von Jugend auf war ja seine ganze geistige Tätigkeit darauf gerichtet, die in den maßgebenden Kreisen herrschenden Ideen ganz in sich aufzunehmen, sich mit denselben zu durchdringen und zu einem lebendigen Typus derselben zu machen, und so widerwärtig ihm diese neue Strömung auch war, welche von oben herab die Regierung zu durchdringen schien, so zögerte er doch keinen Augenblick, die ganze Geschmeidigkeit seines Geistes aufzubieten, um auch in dieser neuen Strömung auf der Oberfläche zu bleiben. So schnell aber war dies nicht möglich, und Herr von Dobbrodorow sehnte sich deshalb nach der stillen Einkehr in sich selbst, um den Grimm über die so verhaßte neue Richtung niederzukämpfen, welche ihn zwang, sein ganzes, inneres Wesen gewissermaßen in neue Falten zu legen.

Er stieg die Stufen der drei Treppen, welche ihn zu seiner Wohnung an der Mjanitzkaja führten, hinauf, zog sich in sein kleines, an der Hinterseite des Hauses liegendes Zimmer zurück, dessen einziges Fenster ihm einen weiten Blick über die Gärten der Stadt bot, und war sehr zufrieden, als sein Diener ihm meldete, daß die gnädige Frau noch nicht zu Hause sei, obgleich die Stunde des Diners unmittelbar bevorstand und er sonst über jede Störung der pünktlichen Hausordnung sehr ungehalten zu sein pflegte, wenn er auch seinen Unwillen, dem er seiner Frau gegenüber nicht Luft zu machen wagte, wesentlich an dem Diener ausließ, der doch die geringste Schuld an der Verletzung der regelmäßigen Ordnung hatte.

Dieser Diener führte den französischen Namen Jean, obwohl seine ganze Erscheinung deutlich zeigte, daß seine Wiege nicht in Frankreich, sondern auf dem Boden des alten, heiligen Rußland gestanden habe. Seine nach der Nasenwurzel schräg zusammenlaufenden Augen, seine breiten Backenknochen, sein großer Mund mit den vollen Lippen und den kräftigen, blendend weißen Zähnen, sein volles, dichtes, welliges Haar konnten keinen Zweifel über seine echt slawische Abstammung übriglassen – aber er war in eine blaue Livree mit etwas abgetragenen Tressen gesteckt, seine Haare waren mit dem Brenneisen bearbeitet und mit Pudermehl bestreut, und er hatte die für das Anmelden von Besuchen nötigen französischen Phrasen erlernen müssen, da Frau von Dobbrodorow es für nötig hielt, bei der Rangstellung ihres Mannes ihr Haus auf französischen Fuß einzurichten.

Der gute Jean, welcher nur schüchtern die Meldung gemacht hatte, daß das Diner sich wohl noch ein wenig verzögern werde, sah seinen Herrn ganz erstaunt an, als dieser über die Meldung recht zufrieden schien, und Herr von Dobbrodorow setzte sich in seinem Zimmer nieder, um langsam und bedächtig den Artikel der Moskauer Zeitung zu lesen, welcher ihn am Morgen in so große Aufregung versetzt hatte. Immer eifriger studierte er denselben, er wiederholte einige besonders vollklingende Sätze desselben mehrere Male mit lauter Stimme, als ob er dieselben seinem Gedächtnis einprägen wolle. Endlich schien er mit seinem Studium zu Ende zu sein, er faltete das Blatt zusammen und sagte mit zufriedenem Lächeln:

»Es ist nicht so schwer, diesen Ton anzuschlagen, und man wird sich leicht daran gewöhnen können, die eine oder die andere dieser Phrasen zuweilen anzubringen, denn da die Sache von oben kommt, so wird sie Wohl eine Zeitlang Mode bleiben, wer sie nicht mitmacht, kommt in Gefahr, ausrangiert zu werden. Ich begreife es wohl,« sagte er lächelnd, »der Krieg wird ungeheuer viel Geld kosten, und da hat man diese nationale Begeisterung nötig, damit das Volk nicht murrt, und noch über die Steuern hinaus freiwillig seine Beiträge zusammenträgt. Der Krieg,« sagte er achselzuckend, »warum dieser Krieg, der alle Ordnung und Sicherheit stört? – Nun, mir kann es gleich sein, aber wie wird es möglich sein, das alles wieder zur alten Ordnung zurückzuführen, wenn der Krieg vorbei ist – muß das nicht zur Zersetzung aller Verhältnisse, zur Revolution führen? Und kann ich die Revolution verhindern, kann ich es hindern, daß man den Geist des Aufruhrs großzieht, den man später nicht wird bannen können? – Nein, nein, mögen das die Herren dort oben mit der Zukunft ausmachen, meine Sache ist es nicht, gegen den Strom zu schwimmen.«

Er schien seine ganze Heiterkeit wiedergewonnen zu haben, und als nach einiger Zeit der Diener Jean in einer neuen Livree mit glänzenden Tressen ihm meldete, daß Madame zurückgekehrt sei, vertauschte er seinen Frack mit einem weiten, bequemen Überrock und begab sich in den nach der Straße gelegenen Salon.

Dieser dreifensterige Raum war mit mehr Glanz als Geschmack dekoriert. Man sah viel roten Samt an den Fenstervorhängen und Portieren und den Möbeln, doch zeigte der Stoff hier und da bereits die Spuren einer langen Dienstzeit. Bei den Bildern an den Wänden schienen die mächtigen Goldrahmen der wertvollste Teil zu sein, und die verschiedenen kleinen Nippes von Bronze und Porzellan, welche in großer Menge die an den Wänden befindlichen Konsolen bedeckten, standen mit keiner Kunstepoche in irgendwelchem Zusammenhang.

Ein junges Mädchen von sechzehn bis siebzehn Jahren saß in halb liegender Stellung auf einer in die Nähe des Fensters gerückten Chaiselongue und schien in die Lektüre eines Buches vertieft, das sie in ihrer Hand hielt. Dieses junge Mädchen, die jüngste Tochter des Kollegienrats, war von einer ganz außergewöhnlichen und idealen Schönheit – aschblonde Haare lockten sich in reicher Fülle über dem zarten Oval ihres Gesichts, ihre großen, von dichten, dunklen Wimpern überschatteten Augen waren von tiefblauer Farbe und schienen träumend in ferne Märchenreiche Zu blicken, ihr seiner, zarter Mund zeigte den ganzen kindlich frischen Reiz der aufknospenden Jugendblüte. Sie trug ein Kleid von leichtem, lichtblauem Seidenstoff, das ihre zarte, schlanke Gestalt anmutig hervorhob; ihre Hände und ihre von weiten Spitzen halb bedeckten Arme waren von untadelhafter Schönheit.

Die Blicke des Kollegienrats ruhten bei seinem Eintritt mit einem warmen Ausdruck, dessen man sein bureaukratisch strenges und trockenes Gesicht kaum fähig gehalten hätte, auf seiner jüngsten Tochter Darja, welche sich langsam aufrichtete und mit matten, träumerischen Blicken ihrem Vater die Hand entgegenstreckte.

»Du siehst trübe und traurig aus, mein Kind,« sagte Herr von Dobbrodorow, »bist du leidend?«

»Ich bin angegriffen,« erwiderte Darja, »meine Nerven schmerzen mich; Mama«, fügte sie etwas zögernd hinzu, »hat gescholten.«

»Gescholten – und warum?« fragte der Kollegienrat seufzend, indem er zärtlich die Hand seiner Tochter streichelte.

»Ich war mit der Mama ausgegangen,« erwiderte das Mädchen, »und da begegneten wir«, fügte sie leicht errötend hinzu, »dem Leutnant Rossianow; ich plauderte mit ihm – er weiß so hübsch zu sprechen und zu erzählen – er bat mich um ein Veilchenbukett, das ich trug – ich gab es ihm – und darüber war Mama sehr, sehr böse.«

»Warum denn?« fragte Herr von Dobbrodorow, »der Leutnant Rossianow besucht ja fast täglich unser Haus, und deine Mutter hat ihn immer freundlich empfangen.«

»Ja,« fugte Darja, »Mama ist wohl freundlich mit ihm, als Gesellschafter ist er ihr ja auch ganz recht – aber sie will nicht, daß –«

»Nein, ich will nicht, daß er dir die Cour mache und daß sich da ein Verhältnis entspinne, das doch niemals zu etwas führen wird und führen darf«, rief eine helle, scharfe Stimme, und zugleich trat die Frau Kollegienrätin raschen und entschiedenen Schrittes unter der Portiere eines kleinen Kabinetts hervor, das sie ihr Boudoir nannte und das durch einen Diwan, einen kleinen Schreibtisch und einige Blumenständer mit ziemlich trübseligen Blattpflanzen ausgefüllt wurde.

Die Dame war etwa vierzig Jahre alt, sie trug ein grünes Seidenkleid, dessen nicht mehr ganz frischer Stoff nicht recht zu dem hochmodernen Schnitt paßte. Ihr von Natur stark gerötetes Gesicht, aus dessen scharfen Zügen selbständige Entschlossenheit und Willenskraft sprach, war mit weißem Pudermehl eingerieben, die Augen blitzten durchdringend unter scharf gezeichneten Brauen hervor, und das hochtoupierte Haar war mit großen Schleifen von gelbem Seidenband durchflochten; ihre ganze Erscheinung mit der kräftigen, untersetzten Gestalt, deren ursprünglich anmutige Linien durch das steigende Embonpoint verändert waren, machte den Eindruck, als ob sie im Reiche ihres Hauses eine ebenso unbedingte Selbstherrschaft ausübe, als dies ihr Gemahl in seinen Bureaus tat.

Der Kollegienrat ging, während Darja den Kopf in die Kissen ihrer Chaiselongue zurücksinken ließ, seiner Frau entgegen, führte mit einer etwas steifen Galanterie deren Hand an die Lippen und sagte:

»Warum erzürnst du dich, meine Liebe? Wenn der Leutnant Rossianow unserer Darja Alexiewna wirklich die Cour macht und an eine ernste Verbindung denken sollte, so wäre dagegen doch kaum etwas einzuwenden. Sein Vater ist ein reicher Grundbesitzer, und er ist dessen einziger Sohn, was sollte Darja Alexiewna Besseres wünschen als eine solche Partie?«

»Ich bitte, dich, mon cher,« sagte die Frau Kollegienrätin mit scharfer Entschiedenheit im Tone einer fast mitleidigen Belehrung, »habe die Güte und überlaß meine Töchter und die Angelegenheiten unseres Hauses mir, wie ich dir ja niemals einen Rat in den Sachen deines Dienstes aufdringen werde. Der Leutnant Rossianow ist ein angenehmer, gewandter Gesellschafter, ich sehe ihn gern in meinem Hause – aber der Grundbesitz seines Vaters repräsentiert immerhin nur ein mäßiges Vermögen; er ist kein Edelmann, sein Vater war Kaufmann –«

»Er ist Offizier«, fiel Herr von Dobbrodorow ein. »Leutnant,« sagte seine Gemahlin achselzuckend, »weit unter uns also, und ob er jemals weiter emporsteigt, scheint sehr zweifelhaft, denn er hat es häufig ausgesprochen, daß er sich nach einigen Jahren vom Dienste zurückziehen und die Bewirtschaftung der Besitzung seines Vaters übernehmen wolle. Also alles in allem, er ist keine Partie für unsere Dorette, und ich will nicht, daß sie durch ihr Benehmen ihm Hoffnungen erwecke, die ich niemals zu erfüllen gesonnen bin.«

Das junge Mädchen seufzte – ein Tränentropfen perlte an ihren Wimpern.

»Aber meine Liebe,« sagte Herr von Dobbrodorow ein wenig schüchtern, »unsere Darja Alexiewna hat meines Wissens keine andere Partie in Aussicht –«

»Sie wird sie haben,« unterbrach ihn seine Frau, indem sie mit strenger Miene die Augenbrauen zusammenzog, »überlaß das mir, mon cher, ich bitte dich nochmals; ich habe die Angelegenheiten unseres Hauses wohl geordnet und eingeteilt, und es ist mir lieb, daß ich einmal Gelegenheit finde, dir klar und bestimmt meine Entschlüsse in dieser Beziehung mitzuteilen. Unsere Tochter Jewa hat durchaus die Universität besuchen wollen, ich habe dieser Phantasie kein Hindernis in den Weg gelegt, sie ist nicht besonders schön – sie gleicht mehr dir als mir – sie hat einen sprudelnden Geist, exzentrische Ideen, ein genialer Lebensweg eignet sich für sie. Sie hat eine kleine Novelle und einige Gedichte drucken lassen, über die man mir viele Komplimente gemacht –«

»Und die mich in große Verlegenheit gesetzt haben,« sagte Herr von Dobbrodorow seufzend, »denn es waren in jenen schriftstellerischen Kindereien Ideen enthalten – Ideen, die – nun heute«, sagte er halb für sich, »möchte das vielleicht besser in die Richtung der Zeit passen.«

»Gleichviel, gleichviel,« unterbrach ihn die Kollegienrätin ungeduldig, »sie mag ihren Weg verfolgen, es gehört zum vornehmen Ton, eine literarische Persönlichkeit in der Familie zu haben, das stellt eine Verbindung mit den Kreisen der Künstler, der Gelehrten und der Schriftsteller her, und ohne diese Kreise kann heute kein aristokratischer Salon mehr bestehen. Ich zweifle nicht, daß unsere Tochter Jewa sich bald einen berühmten Namen machen wird, und das wird uns dann in die Mode bringen, wie ja die vornehmsten Familien, die Meschtscherskis und die Tscherkassis, ebenfalls durch ihre Mitglieder mit der literarischen Welt zusammenhängen – aber«, fuhr sie eifrig fort, »darum darf man sich doch nicht von dem gesellschaftlichen Boden, auf den man einmal gestellt ist, entfernen, und gerade die exzentrische Richtung unserer ältesten Tochter, der ich nicht entgegengetreten bin. Zwingt uns, unsere Stellung in der vornehmen Welt um so mehr zu behaupten und zu befestigen – dazu ist Dorette bestimmt. Sie ist schön – sie gleicht mir,« fügte sie mit einem flüchtigen Seitenblick auf den Spiegel hinzu, »und es kann nicht fehlen, daß sie eine Partie macht, welche sie nicht herabzieht, sondern noch weit emporhebt, – man kann wohl eine Exzentrizität gestatten, welche zu literarischer Berühmtheit führt, aber nicht eine Gefühlsverirrung, durch welche meine Tochter als Madame Rassianow aus der vornehmen Welt verschwinden würde. Ich habe bereits bei meiner Schwester, der Generalin Prottrubin in Petersburg, meinen Besuch angemeldet, dorthin werde ich Dorette mitnehmen, und ich bin gewiß, daß sie dort eine andere Partie finden wird als Herrn Rossianow – Grafen und Fürsten verkehren im Hause meiner Schwester, und wenn Dorette meiner Anleitung folgt, so wird es nicht fehlen, daß sie, ehe ein Jahr vergeht, in einem Wagen mit fürstlichem Wappen über den Newskiprospekt fährt. Auch dir, mein Freund, wird es wohl tun, wenn wir einen Schwiegersohn finden, dem es peinlich sein wird, den Vater seiner Gemahlin in der zehnten Rangklasse stecken zu lassen. Laß mich also gewähren und bestärke durch deine Einmischung nicht den Ungehorsam, zu welchem Dorette geneigt scheint.«

Herr von Dobbrodorow hatte während der Rede seiner Frau zuerst, wie er in solchen Fällen zu tun gewohnt war, demütig den Kopf auf die Brust sinken lassen; nun aber schien ein ganz außergewöhnlicher Geist des Widerstandes in ihm zu erwachen, es blitzte trotzig in seinen Augen auf, und schon öffnete er den Mund, um seiner Frau etwas zu erwidern, was ohne Zweifel ihr unwilliges Erstaunen erregt haben würde, als sich hastig die Tür öffnete und der Eintritt zweier neuer Personen seine Erwiderung abschnitt.

Voran trat ein junges Mädchen von etwa zwanzig Jahren in einem anschließenden, bis auf die Knöchel herabreichenden Kleide, das um den Hals und in den Ärmeln fast den Schnitt eines Herrenrockes hatte. Ihr dunkles Haar hing in kurzen, etwas verworrenen Locken um den Kopf bis zu dem weit übergeschlagenen Hemdkragen herab, die Züge ihres Gesichts waren fein und regelmäßig und erinnerten ein wenig an diejenigen des Herrn von Dobbrodorow, nur lag auf dem Gesicht des Mädchens noch die Frische und Weiche der Jugend, wenn auch ihre Gesichtsfarbe die Blässe einer gewissen Überreizung zeigte. Ihre Augen waren groß und glänzend, um ihren etwas sinnlich vollen Mund lag ein Lächeln spöttischer Überlegenheit, und die ganze Erscheinung des Fräulein Jewa von Dobbrodorow war durchaus nicht so unschön, wie ihre Mutter es meinte; dieses blasse, geistvolle, jeden Ausdrucks fähige Gesicht und diese geschmeidige Gestalt konnten wohl auf manchen Geschmack einen höheren Reiz ausüben als die weiche und träumerische Erscheinung ihrer jüngeren Schwester, nur wurde dieser ganze Eindruck nicht wenig abgeschwächt und fast ins Lächerliche verkehrt durch eine Brille mit großen, blauen Gläsern, welche Fräulein Jewa auf der Nase trug, und welche ihre lebhaften, ausdrucksvollen Augen fast vollständig verdeckte.

Unmittelbar hinter ihr folgte der Neffe der Frau von Dobbrodorow, der Student Wallerjan Sebastianowitsch Prottrubin, der Sohn eines mit Generalmajorsrang im Kriegsministerium in Petersburg angestellten Schwagers des Kollegienrats. Der junge, zwanzigjährige Mensch war elegant gekleidet, aber sein Anzug zeigte, abgesehen von der etwas geschmacklosen Übertreibung der Mode, daß der junge Mann den größten Teil des Tages im Staube der Straßen oder auf den Diwans der Kaffeehäuser zugebracht haben mochte, und ein strenger Duft von türkischem Tabak strömte von ihm aus. Wallerjan Sebastianowitsch Prottrubin war nicht älter als seine Kusine Jewa, sein regelmäßiges, hübsches Gesicht trug den Ausdruck einer unnatürlichen Frühreife und einer hochmütigen, selbstzufriedenen Blasiertheit, wodurch demselben der sympathische Reiz fast ganz genommen wurde, welcher sonst der Jugend eigentümlich ist.

Der junge Mensch näherte sich der Dame des Hauses und küßte ihr die Hand in aller Form ehrerbietiger Galanterie, doch mit einer Miene, als ob er sich innerlich über diese von seiner Tante streng geforderte Zeremonie lustig mache. Fräulein Jewa eilte dagegen zuerst auf ihren Vater zu, schloß ihn kräftig in ihre Arme, und küßte ihn laut auf beide Wangen; dann reichte sie ihrer Schwester die Hand und schüttelte dieselbe, während sie prüfend Darjas leicht gerötete Augen betrachtete, so kräftig, daß das nervös empfindliche Mädchen einen leichten Schmerzensschrei ausstieß.

»Du kommst spät, ma fille,« sagte Frau von Dobbrodorow streng, als endlich Fräulein Jewa auch zu ihr hintrat, um ihr durch den vorgeschriebenen Handkuß, den sie ziemlich kavaliermäßig abmachte, ihre Ehrerbietung zu bezeigen, »du weißt, daß ich die Pünktlichkeit liebe.«

»Ich bitte um Entschuldigung, meine gnädigste Tante,« erwiderte Wallerjan statt seiner Kusine, die sich achselzuckend abwendete, »ich habe Jewuscha wie immer vom Kolleg abgeholt, es dauerte etwas länger als sonst, und dann haben wir auf dem Wege hierher eine Menge von Bekannten getroffen, mit denen wir zu sprechen hatten – es gibt ja so viel Neues; diesmal scheint es doch wirklich ernst zu werden mit dem Krieg, alles wird mobil gemacht, und wenn die Diplomatie nicht wieder im letzten Augenblick mit höflichem Danke über eine Ohrfeige quittiert, so muß es Wohl zum Schlagen kommen. Wenn man freilich die Dinge sieht, wie sie seit dem vorigen Jahre gehen, so kann das noch recht lange dauern. Man scheint zwar in Petersburg eifrig damit beschäftigt, genau bis auf den I-Punkt alles nachzumachen, was der preußische Hof in dem Kriege von 1870 tat; der Kaiser bereitet alles vor, um zur Armee zu gehen, das Hauptquartier wird ganz nach dem Muster des preußischen eingerichtet, alle Großfürsten sollen mit hinaus – aber ob man den Deutschen auch die gewonnenen Schlachten wird nachmachen können, das ist eine andere Frage, und vielleicht wird die vorsichtige Gicht des alten Reichskanzlers im letzten Augenblick noch die ganzen Proben unnütz machen und die Komödie wieder absagen lassen.«

Der junge Mann erhielt für diese kecken und aufrührerischen Reden einen streng verweisenden Blick seiner Tante. Er blickte mit verschmitztem Lächeln auf den Herrn von Dobbrodorow hin, welcher sonst bei ähnlichen kritischen Bemerkungen nicht verfehlte, eine feierliche Zurechtweisung zu erteilen und darauf hinzudeuten, daß die Regierung von ihrem höheren Standpunkte aus alles besser einzurichten verstehe, als es die Untertanen zu beurteilen vermöchten.

Der Kollegienrat aber rieb sich die Hände und sagte: »Das wollen wir nicht hoffen – das ist unmöglich! Die dunklen Wolken, welche jetzt noch über dem Schimmer der historischen Erleuchtung Rußlands schweben, werden verschwinden, Rußland wird den Weg der Wahrheit wiederfinden und die Labyrinthe der Diplomatie verlassen, in denen es zur Freude Europas umherirrt; das Blut unserer Brüder, die auf den serbischen Schlachtfeldern hingeschlachtet wurden, wird gerächt werden, – hinter uns steht das Volk, vor uns leuchten die Worte, welche der Zar vom Kreml herab gesprochen!«

Herr von Dobbrodorow hatte mit der Miene innerer Überzeugung diese verschiedenen Phrasen aus dem Artikel der Moskauer Zeitung, den er am Morgen hatte konfiszieren wollen, aneinandergereiht. Seine Frau sah ihn mit starrem Erstaunen an, seine Tochter Jewa schlug die Hände Zusammen, nahm ihre blaue Brille ab und rief, ihren Vater mit funkelnden Augen betrachtend:

»Was höre ich, Väterchen, was sagst du da, das ist ja, als ob man Katkow selbst hört! Nun, bei Gott, jetzt glaube ich auch, daß wir uns aus unserer Lethargie aufraffen werden, wenn du solche Worte aus deinem Bureau mitbringst.«

»Ich spreche,« sagte der alte Herr ernst und würdevoll, »wie jeder gute Patriot in diesem Augenblick sprechen muß, in welchem es sich um die Ehre und den Ruhm des Kaisers und des Vaterlandes handelt.«

Die Erörterungen wurden durch Jean abgeschnitten, welcher die Tür eines mittelgroßen Nebenzimmers öffnete, das man den Speisesaal zu nennen übereingekommen war, und mit lauter Stimme verkündete:

»Madame est servie.«

Herr von Dobbrodorow reichte seiner Gemahlin den Arm, Wallerjan Sebastianowitsch führte seine beiden Kusinen, und man setzte sich zu Tisch.

»Ich begreife eigentlich nicht,« sagte der Kollegienrat, während eine ziemlich dünne Bouillon serviert wurde, »warum wir diese kraftlose französische Küche nachmachen. Ich habe große Lust, einmal einen ordentlichen Tschi zu essen.«

»Ich begreife dich nicht, mon cher« erwiderte Frau von Dobbrodorow, »das ist gut für das rohe Volk, – ich glaube nicht, daß unsere Köchin imstande wäre, so etwas herzustellen.«

»Oh, ich verstehe es sehr gut, ich verstehe es, Mama,« rief Jewa, »der Jean dort hat es mir gezeigt, als ich noch kleiner war, und ich habe mir in der Küche zuweilen heimlich einen vortrefflichen Tschi gemacht mit kleinen Gurken und Heringen, – oh, wenn du willst, Väterchen, sollst du morgen einen Tschi haben.«

»Jean – ich begreife nicht –« sagte Frau von Dobbrodorow, indem sich ihre Stirn in bedenkliche Falten legte.

»Mein Kind,« unterbrach sie der Kollegienrat, »ich bitte dich, diesem armen Menschen nicht seinen ehrlichen Namen zu verstümmeln, das ist eine törichte Mode, die mir immer mißfallen hat; jetzt aber, da wir im Begriff stehen, vor ganz Europa zu zeigen, was Rußland in seiner eigenen nationalen Kraft vermag, sollen wir alle Nachahmung fremder Sitten von uns werfen, denn bald – das müssen wir hoffen – soll die ganze Welt stolz sein, uns nachzuahmen. Du sollst jetzt nicht mehr Jean heißen,« sagte er zu dem ganz freudig aufhorchenden Diener, »sondern Iwan – verstehst du wohl!«

»Ich begreife nicht, mon cher,« sagte Frau von Dobbrodorow, indem sie den Löffel aus der Hand legte, »ich begreife nicht –«

Aber sie konnte ihren Satz nicht vollenden, denn ein lautes Hurra des seines französischen Namens entkleideten Iwans unterbrach sie, und ihr Gemahl schien durchaus nicht wie sonst durch die Einleitung, mit welcher sie die Äußerungen ihrer Mißbilligungen zu beginnen pflegte, eingeschüchtert zu sein; er sah sie vielmehr ganz furchtlos mit einem jener Blicke an, vor denen seine Sekretäre zitternd die Augen niederschlugen, und auch sie senkte den Blick, im stillen darüber nachsinnend, was diesen rebellischen Widerspruchsgeist hervorgerufen haben möge, und als eine kluge Frau den Augenblick abwartend, in welchem sie die Zügel ihrer Herrschaft langsam, mit sicherer Hand wieder fest anzuziehen Gelegenheit finden würde.

Das ziemlich einfache Diner, dessen einzelne Teile möglichst voneinander getrennt serviert wurden, um eine vornehme Anzahl von Gängen herzustellen, näherte sich seinem Ende, als plötzlich die Tür ungestüm aufgerissen wurde und ein junger Offizier in der Uniform des in Moskau garnisonierenden Kürassierregiments ganz aufgeregt, mit glühenden Wangen und flammenden Blicken in das Zimmer stürzte. Der junge Offizier war groß und schlank gewachsen, von schönen, offenen Gesichtszügen, blond und blauäugig, er hätte für das Bild einer jener streitbaren Paladine gelten können, welche die alten russischen Großfürsten und Zaren umgaben, wenn sie hinauszogen, um die Tataren oder die deutschen Ritter in Livland von ihren Grenzen zurückzuwerfen.

Bei seinem Eintritt schrak die schöne Darja hocherrötend zusammen, Frau von Dobbrodorow schüttelte mißbilligend über diese so außerordentliche Verletzung aller Formen den Kopf, der Kollegienrat aber erhob sich artig, um den so plötzlich eintretenden Gast zu begrüßen. Der Leutnant Viktor Sacharjewitsch Rossianow drückte flüchtig die Hand des Kollegienrates und rief laut mit vor Aufregung zitternder Stimme:

»Ich bitte die Herrschaften um Verzeihung, daß ich so unangemeldet hier hereinbreche, aber der Augenblick, in welchem wir leben, mag mich rechtfertigen, – die ganze Stadt ist in Aufregung, soeben ist die Nachricht von der Kriegserklärung an die Türkei angelangt – alle Zeitungen verbreiten Extrablätter mit dem kaiserlichen Manifest, hier ist ein Exemplar davon, das ich mit Mühe erhalten – hören Sie«, sagte er, »die Freudenrufe auf den Straßen!«

In der Tat hörte man laute Stimmen in immer stärker anwachsendem Jubel von unten herauftönen.

Alle erhoben sich. Der Kollegienrat las mit lauter Stimme das Kriegsmanifest vor, und dann begab man sich in den Salon, wohin Frau von Dobbrodorow, welche selbst in diesem historischen Moment ihre Würde nicht vergaß, den Kaffee zu bringen befahl, den man, wenn man allein war, zu ökonomisieren pflegte, der aber nun erscheinen mußte, um dem so unwillkommen hereingebrochenen Leutnant gegenüber die Würde des vornehmen Hauses zu repräsentieren.

Der Leutnant Rossianow hatte sich einen Augenblick mit Darja angelegentlich unterhalten, welche, während der große, schlanke junge Mann zu ihr herabgebeugt eifrig sprach, hocherglühend und zitternd den Kopf schüttelte; er aber schien dies Zeichen nicht zu beachten, trat schnell zu dem Kollegienrat heran, welcher neben dem Diwan stand, auf dem seine Frau Platz genommen, und sagte mit offenem, edlem Freimut:

»Ich bitte den Herrn Kollegienrat und die gnädige Frau um Verzeihung, wenn ich am heutigen Tage ein Geständnis und eine Bitte ausspreche, welche ich sonst vielleicht noch länger zurückgehalten hätte: ich liebe Ihre Tochter Darja, und ich darf hoffen, daß sie meine Liebe nicht zurückweist. Der Krieg ist erklärt, mein Regiment ist marschfertig, morgen vielleicht schon werden wir gegen den Feind hinausziehen – lassen Sie mich in den Kampf die Gewißheit mitnehmen, daß Darjas Liebe mit dem Segen ihrer Eltern mir gehört, daß ihre Hand für mich der Preis des Kampfes sein wird, wenn wir siegreich zurückkehren, und daß ihre Gebete die Engel Gottes zu meinem Schutze anrufen werden.«

Er nahm die Hand des zitternden Mädchens, führte sie vor ihre Eltern und sagte:

»Segnen Sie den Bund unserer Liebe und lassen Sie mich als Darjas Verlobten, als Ihren Sohn der Todesgefahr des Krieges entgegengehen.«

Frau von Dobbrodorow schüttelte mit finster gefalteter Stirn den Kopf.

»Herr Leutnant Rossianow,« sagte sie mit kalter, würdevoller Zurückhaltung, »eine so wichtige, über das ganze Leben meiner Tochter bestimmende Entscheidung läßt sich nicht in solcher Übereilung treffen. Ich werde Ihren Wunsch mit meinem Mann überlegen,« fügte sie mit einem bedeutungsvollen Blick auf den Kollegienrat hinzu, »und wenn Sie nach dem beendeten Feldzuge zurückkehren, so –«

»Wozu überlegen!« rief Herr von Dobbrodorow zum starren Entsetzen seiner Frau, »dies ist wohl der Augenblick, um schnelle und gute Entschlüsse zu fassen. Dem tapferen Sohn des Vaterlandes, der zu dem heiligen Kampfe hinauszieht, haben wir Wohl die Pflicht, freudigen Mut und tröstliche Hoffnung mitzugeben, um so mehr, da sein Antrag uns ehrt und unserer Tochter eine glückliche Zukunft verspricht. Nehmen Sie Darja hin, Viktor Sacharjewitsch, – Gott erhalte Sie und führe Sie glücklich zu uns zurück, wir werden für Sie als für unseren Sohn beten.«

Darja blickte ganz erschrocken auf ihre Mutter, doch bereits hatte der Kollegienrat sie in des Leutnants Arme gelegt, der sie fest an seine Brust drückte.

»Aber Alexis Antippowitsch,« sagte die fassungslose Dame, – »ich begreife nicht –«

»Ich aber begreife,« rief der Kollegienrat, »daß alle Kinder Rußlands einig sein müssen in diesem großen Augenblick, und daß es unsere Pflicht ist, einen tapferen Soldaten des Vaterlandes nicht mit unerfüllter Sehnsucht im Herzen in den heiligen Kampf hinausziehen zu lassen.«

Iwan trat mit dem Kaffee ein. Der Kollegienrat nahm ihm die versilberte Platte ab und rief:

»Geh hin, Iwan, geh hin, hole Champagner vom nächsten Weinhändler – ich erinnere mich, daß wir keinen Vorrat mehr im Keller haben.«

Er nahm aus seinem Portefeuille eine Fünfzigrubelnote und drückte sie dem ganz erstaunten Diener in die Hand, der schnell davoneilte, um den Befehl seines Herrn auszuführen.

Jewa umarmte ihre Schwester und sagte:

»Das Leben wird langweilig hier sein, während die Armee draußen im Felde steht; ich habe mich gemeldet zum Dienst bei der Sanitätsabteilung, welche die Truppen begleiten soll – du wirst nichts dagegen haben, Väterchen, daß auch ich auf meine Weise, so gut es ein Mädchen vermag, dem Vaterlande diene.«

Herr von Dobbrodorow war einen Augenblick betroffen – dann aber umarmte er auch seine älteste Tochter und rief:

»Du hast recht, mein Kind, du hast recht, kein Opfer ist zu groß für das Vaterland; wenn jeder in Rußland denkt wie du, so ist der Sieg unser, – wir haben das Volk hinter uns und das Wort des Zaren vor uns, uns gehört die Zukunft!«

Wallerjan Sebastianowitsch blickte ganz verwirrt umher.

»Nun,« sagte er, »wenn alle hinausziehen, um dem Vaterlande ihre Opfer zu bringen, was bleibt für mich übrig? Ich bin nicht Soldat, und die Diplomatie, zu der ich mich wenden wollte, wird nun wohl für einige Zeit nichts zu tun haben; ich glaube, ich werde nach Petersburg gehen, um meinen Vater um Rat zu fragen.«

Frau von Dobbrodorow hatte ganz erstarrt dagesessen; sie schien der plötzlichen Aufwallung selbständiger Entschlossenheit ihres Mannes gegenüber jeden Widerstand aufgegeben zu haben; bei den Worten ihres Neffen blitzte es wie ein plötzlicher Gedanke in ihren Augen auf.

»Du hast recht, Wallerjan Sebastianowitsch,« sagte sie, »du kannst mich begleiten, ich stand ohnehin im Begriff, deine Mutter zu besuchen.«

Iwan erschien mit dem bestellten Champagner.

Die Gläser wurden gefüllt, bald fanden sich noch einige Freunde des Hauses ein, um ebenfalls die große Neuigkeit zu verkünden. Der Kollegienrat teilte auch ihnen die Verlobung seiner Tochter mit dem Leutnant Rossianow mit, und lauter, begeisterter Jubel erfüllte den Salon, während das junge Brautpaar leise flüsternd nebeneinander saß. Frau von Dobbrodorow aber schien gute Miene zum bösen Spiel zu machen und mit allem, was geschehen, einverstanden zu sein.

Iwan Aksakow hatte in dem Artikel der Moskauer Zeitung eine neue Ära für Rußland durch die große nationale Erhebung des slawischen Volksgeistes prophezeit, in dem Hause des Kollegienrates von Dobbrodorow war diese Prophezeiung zuerst in Erfüllung gegangen, der Aufschwung des nationalen Geistes hatte ihn plötzlich von der Vormundschaft seiner gestrengen Gemahlin befreit und zum Herrn in seinem Hause gemacht.

8. Kapitel

Ein reges und bewegtes Leben herrschte auf dem Schlosse Wolotschina, der Hauptbesitzung des jungen Grafen Wladimir Swiatowski. Den einen Flügel des Schlosses bewohnte der Graf mit seiner jungen Gemahlin, der Tochter des alten Montenegriners Marco Petrovic, welche er sich aus den schwarzen Bergen heimgeführt hatte; ein anderer Seitenflügel war für den Freund des Grafen, den Leutnant Feodor Michaelowitsch Blagonow, bestimmt, welcher sich zu gleicher Zeit mit der einzigen Tochter des Fürsten Kudiakow-Newolenski, Marpha Nikolajewna, vermählt hatte. Die beiden jungen Offiziere hatten nach ihrer Vermählung einen längeren Urlaub erhalten und sich nach dem geräumigen und neu eingerichteten Schlosse Wolotschina begeben, um hier die Flitterwochen ihres jungen Glücks zu verleben, das sie besser und ruhiger in ländlicher Stille zu genießen hofften, als auf einer Reise in das Ausland, welche ohnehin durch die hochgespannten politischen Verhältnisse und die militärischen Vorbereitungen erschwert und fast unmöglich gemacht wurde.

Das Schloß, welches lange Zeit einsam dagelegen und mehr und mehr in Verfall zu sinken schien, wimmelte von einer zahlreichen, glänzenden Dienerschaft; eine große Anzahl ausgesuchter Pferde füllte die Ställe, und an jedem Abend erhellten sich die langen Fensterreihen, strahlendes Licht über die am Fuße des Berges sich ausdehnende Ebene werfend.

Die Bewohner des Dorfes sahen die beiden jungen Paare bald miteinander in vierspänniger Kalesche, bald getrennt in kleinen, leichten Jagdwagen oder zu Pferde die Gegend durchstreifen, welche sich allmählich von den Banden des Winterfrostes löste, und alle Welt begrüßte besonders den jungen Gutsherrn und seine liebliche Gemahlin mit ehrerbietiger Herzlichkeit.

Die beiden neuvermählten Paare lebten in ihren beiderseitigen Wohnungen ganz nach ihrer Phantasie. Am Abend fanden sie sich in den neutralen Gesellschaftsräumen des Schlosses zum Diner zusammen, später blieben sie beieinander in traulicher Unterhaltung, und Marpha und Blagonow übten die Musik, welche sie zusammengeführt und in deren Tönen sie nun das Entzücken ihrer glücklichen Herzen ausklingen ließen.

Die schöne Gräfin Marica, die Tochter der schwarzen Berge, welche in ihrem einfachen Jugendleben nichts anderes gekannt hatte als die Töne der Guzla und den rauhen Gesang der montenegrinischen Krieger, hörte mit Entzücken die so weichen, in süßer Melancholie zum Herzen dringenden russischen Volkslieder und die herrliche Musik der großen italienischen und deutschen Meister, welche Blagonow und Marpha im Vollgefühl ihres Glückes in hoher Vollendung zum Ausdruck brachten; träumend saß sie da, an den Arm ihres Gemahls gelehnt, und alles, was ihr vergangenes Leben in den fernen Bergen unter ihrem rauhen Volke in dunklen, kaum verstandenen Gefühlen bewegt hatte, das schien unter dem Eindruck der ihr so ganz neuen Musik zu hellem, lichtem Verständnis zu erwachen. Zuweilen füllte bei den klagenden Tönen der russischen Volksmelodien wohl eine Träne ihr Auge, aber bald sah sie dann voll glücklicher Hingebung zu ihrem Geliebten auf, und er küßte den klaren Tränentropfen von ihren Wimpern.

Einige Wochen blieben die jungen Leute so ihrem Glück in stiller Einsamkeit überlassen. Dann aber konnte es der Fürst Kudiakow-Newolenski nicht mehr über sich gewinnen, in Petersburg zu bleiben, wo ihm der Hof und die Gesellschaft einen Zwang auferlegte, den er zwar pflichtschuldigst trug, der ihn aber dennoch lästig drückte, und obgleich die alte Gräfin Swiatowski, der er täglich seinen Morgenbesuch machte, ihn zu bestimmen versuchte, die Neuvermählten noch länger sich selbst zu überlassen, so drang er doch darauf, einmal nachzusehen, wie es den Kindern erginge, und endlich gelang es ihm, die Gräfin, welche sich ebenfalls in Petersburg einsam fühlte, zu bestimmen, daß sie einwilligte, ihn nach Wolotschina zu begleiten.

So erschienen denn die beiden eines Tages auf dem Schlosse, das in seinen weiten Räumen auch für sie noch hinlänglich Platz bot. Der Fürst, welcher trotz der Einfachheit seiner persönlichen Bedürfnisse sich für verpflichtet hielt, überall einen seinem Stande und seinem Reichtum entsprechenden Aufwand zu machen, hatte schon vor seiner Ankunft einen neuen Troß von Lakaien, sowie Pferde und Wagen für sich und die Gräfin nach Wolotschina vorausgeschickt, und so begann denn nun ein glänzendes und bewegtes Leben, welches die jungen Paare, obgleich die Gräfin dafür sorgte, daß sie einen großen Teil des Tages sich selbst überlassen wurden, doch zuweilen seufzend an die glückliche Zeit ihrer stillen Einsamkeit zurückdenken ließ. Der Fürst ging und ritt auf die Jagd, machte Besuche bei den kleinen Gutsbesitzern der Umgegend, welche darüber sich sehr stolz und geehrt fühlten und sich beeilten, wieder auf Wolotschina zu erscheinen, so daß mehrmals in der Woche dort sich ziemlich große Gesellschaften versammelten, in deren Mitte sich der Fürst weit glücklicher und zufriedener fühlte als auf dem Parkett der Salons von Petersburg. Dabei versäumte er nicht, sich, wenn er durch das Dorf ging, mit den Bauern zu unterhalten, er trat auch wohl in die Häuser und nahm hier oder dort ein Glas Branntwein oder Quas an, indem er sich dabei leutselig nach den Verhältnissen der Familie und der Wirtschaft erkundigte und sich ehrfurchtsvoll vor den in den Wohnzimmern aufgehängten Heiligen bekreuzigte, so daß er bei den Bauern von Wolotschina bald noch populärer war als der Gutsherr selbst und alle Welt ihn mit ehrerbietiger Vertraulichkeit nur noch Väterchen Nikascha nannte.

Einige Zeit nach der Ankunft des Fürsten sollten die freundlichen Beziehungen zwischen der Herrschaft auf dem Schlosse und den Bauern von Wolotschina einen besonders lebhaften Ausdruck finden. Der junge Bauer Stephan Sacharjew, welcher Eva Michaelowna, die Tochter des Starosten Michael Matfejew, heimgeführt hatte, wollte den ersten Sprößling seiner Ehe taufen lassen und hatte den Grafen Wladimir gebeten, bei seinem neugeborenen Untertan Pate zu sein. Wladimir hatte seine Bitte gern gewährt und der Fürst sogleich das Arrangement eines großen Volksfestes und die Bewirtung des ganzen Dorfes auf seine Kosten übernommen, was natürlich nicht geringe Freude unter der ganzen Bauernschaft hervorrief. Schon am Abend vor dem Tage, der das Haus des jungen Stephan Sacharjew so hoch ehren sollte, wurden auf einem freien Platze vor dem Dorfe hölzerne Tische und Bänke aufgeschlagen, ein Tanzplatz geebnet und mit Brettern bedeckt, und das helle, trockene Frühlingswetter ließ eine ungestörte Feier des für die Bewohner von Wolotschina bisher unerhörten Festes hoffen. Der Fürst hatte alles persönlich inspiziert, auch einige bekannte Gutsbesitzer der Umgegend eingeladen und schon vorher verkündet, daß man nun einmal einen Tag so recht nach altrussischer Weise verleben wolle.

Die ganze Einwohnerschaft des Dorfes befand sich in einer nicht geringen freudigen Aufregung und bewegte sich auf dem Festplatze hin und her, die daselbst getroffenen Vorrichtungen mit ebensoviel neugieriger Spannung als Bewunderung musternd, wie dies die Bevölkerung der Residenz nur am Vorabend der größten und prachtvollsten Festlichkeiten hätte tun können.

»Heute muß aller Groll und aller Hader vergessen sein«, sagte der alte Starost Michael Matfejew zu seinem Schwiegersohn, der ganz strahlend vor Stolz und Freude und ganz zitternd vor Aufregung den ganzen Tag über bald nach dem Festplatz geeilt war, um dort dem Fürsten bei seinen Anordnungen zur Hand zu sein, bald wieder atemlos nach Hause zurücklief, um seine Frau zu umarmen und seinen kleinen Sohn, dem so große Ehre widerfahren sollte, emporzuheben und gegen das Licht zu halten, worüber der kleine Weltbürger jedesmal seine höchste Unzufriedenheit durch ein gewaltiges Geschrei unzweideutig zu erkennen gab. »Der alte Mossej Nikolajew«, fuhr der Starost fort, »grollt noch mit uns, daß Eva Michaelowna dich ihm vorgezogen hat; es war vielleicht unrecht, daß ich ihm das Mädchen versprochen hatte und nachher nicht Wort hielt – aber es soll unsere Schuld nicht sein, wenn er morgen einsam und trübselig in seinem Hause sitzt; komm, laß uns zu ihm gehen und ihm die Hand zur Versöhnung reichen, dann haben wir das Unselige getan.«

Einen Augenblick verfinsterte sich Stephans Gesicht bei der Erinnerung an all den Kummer, den ihm einst der reiche Mossej als Nebenbuhler um seine Eva bereitete; aber auch sein Herz war zu voll von Glück und Freude, als daß er irgendeinen Groll darin hätte bewahren können. Er folgte also dem Alten ohne Einwendung, und beide gingen nach Mossejs Hause, das meist von den Bewohnern von Wolotschina gemieden wurde, wenn nicht besondere Geschäfte oder Gemeindeangelegenheiten sie zu dem reichen Bauern führten. Sie fanden die Tür verschlossen, und erst nach mehrmaligem Klopfen erschien Mossej Nikolajew, um zu öffnen.

Finsteren Blickes sah er die beiden an, mit denen er seit einem Jahre kein Wort und keinen Gruß gewechselt; auf der Schwelle stehend und fast den Eintritt versperrend, hörte er die freundlichen Worte der Versöhnung, mit denen der Starost ihm seine Hand entgegenstreckte, an. Einen Augenblick schien es, als wolle er die dargebotene Hand zurückweisen, und schon faltete Stephan Sacharjew finster die Stirn, als Mossej sich plötzlich anders zu besinnen schien und in das Vorzimmer seines Hauses zurückkehrte, indem er den beiden mit der Hand winkte, ihm zu folgen.

»Du hast recht, Michael Matfejew,« sagte er, als sie in das Zimmer getreten waren, »man soll Vergangenes vergessen und keinen Groll nachtragen – hier ist meine Hand, ich will dein Freund sein, und auch der deinige, Stephan Sacharjew, und ich verlange das gleiche von euch.«

»Und zweifelst du,« fragte der Starost, »daß ich mit offenem Herzen komme, um aufrichtig dein Freund zu sein?«

»Du kannst es beweisen«, sagte Mossej. »Du erinnerst dich,« fuhr er dann fort, »daß mein Sohn Jewjeni im vorigen Jahre in jugendlicher Unbesonnenheit, vielleicht im Rausch törichte Worte gesprochen hat und daß er in die schwarze Isba gesperrt wurde, um vor Gericht gestellt zu werden.«

»Ich erinnere mich,« sagte Michael Matfejew traurig, »und es tut mir leid, daß dich ein solches Unglück traf, – vielleicht war ich zu hart und würde es heute bereuen, wenn ich deinen Sohn den Behörden ausgeliefert hätte.«

»Du kannst es gutmachen«, sagte Mossej; »Gottes Hilfe hat meinen Sohn befreit, nicht ich, denn die Wachen wollten nicht auf mein Wort hören – er ist nach Petersburg zurückgekehrt und hat weiter gelernt, um einst Geistlicher werden zu können. Niemand weiß, was hier vorgefallen, wenn du darüber schweigst und die anderen alle hier bewegst, die Sache zu vergessen – du kannst es, denn sie hören auf dich – dann ist mein Sohn von aller Furcht befreit, und ich kann hoffen, ihn einst an die Stelle des Vater Christophor treten zu sehen.«

Einen Augenblick sah der Starost sinnend zur Erde, dann schüttelte er kräftig Mossejs Hand und sagte:

»Ich bin gekommen, um Vergessenheit von dir zu verlangen, ich darf sie meinerseits nicht zurückweisen; niemand soll erfahren, was hier geschehen ist, die Jugendtorheit deines Sohnes sei vergessen, und ich bürge dafür, daß auch die anderen alle schweigen werden.«

»Ich habe dein Wort?« fragte Mossej.

»Du hast es!«

»Nun denn, mein Sohn ist hier,« sagte Mossej, indem er eine innere Tür des Wohnzimmers öffnete und einen jungen Menschen von etwa zwanzig Jahren in städtischer Tracht mit blassem Gesicht und scharfen, etwas unsteten Augen hereinführte, – »hier ist Jewjeni Mossejew, er hat sich verborgen, er ist heimlich gekommen, seine Heimat zu besuchen, da er fürchten mußte, von dir ausgeliefert zu werden. Führe du ihn selbst zu den anderen und mach, daß er morgen sich zeigen dürfe, wenn die Herrschaften vom Schlosse hier sind, dann wird alles vergessen sein, und er hat nichts mehr zu fürchten.«

Der junge Student grüßte den Starosten und Stephan Sacharjew ein wenig verlegen, indem ein feindlicher, tückisch drohender Blitz aus seinen Augen hervorsprühte; der Starost aber reichte ihm mit offener Herzlichkeit die Hand und sagte:

»Sei willkommen, Jewjeni Mossejew, alles sei vergessen, gleich sollst du mit mir zu den anderen gehen, und niemand wird dir ein böses Wort sagen.«

Der Student verbeugte sich stumm.

Mossej Nikolajew öffnete einen Wandschrank, brachte eine Brotschnitte und einen Teller mit Salz herbei und füllte vier Gläser mit Wacholderbranntwein; dann brach er das Brot, jeder tauchte ein Stück davon in das Salz, und nachdem dieses heilige Zeichen unverletzlicher Gastfreundschaft genossen war, leerte man die gefüllten Gläser.

»Nun komm,« sagte der Starost, »noch ist die Sonne nicht untergegangen, laßt uns zu den anderen gehen, sie sind noch draußen auf dem Tanzplatz, damit morgen Jewjeni ohne alle Furcht bei dem Feste erscheinen kann.«

Die Bauern, welche noch vor dem Dorfe versammelt waren und eben dem zum Schlosse zurückfahrenden Fürsten Nikascha ein lautes, jubelndes Hurra nachgerufen hatten, erstaunten nicht wenig, als sie den Starosten mit Mossej Arm in Arm erscheinen sahen und neben ihnen an Stephan Sacharjews Seite den Studenten erblickten, welcher seit seinem geheimnisvollen und unerklärlichen Verschwinden aus der schwarzen Isba verschollen gewesen war. Ihre Blicke verfinsterten sich, und hier und da hörte man drohende Worte; aber als der Starost sie aufforderte, alles zu vergessen, was der junge Mensch in jugendlicher Torheit und vielleicht im Rausch gesprochen, als er erklärte, daß er selbst mit Mossej versöhnt sei, und daß an einem so frohen Tage in dem Herzen eines braven Russen kein Groll zurückbleiben dürfe, da traten sie nacheinander alle heran und reichten dem jungen Menschen freundlich die Hand; war es doch den meisten von ihnen erwünscht, daß der reiche Mossej Nikolajew, welcher so manche Gefälligkeiten zu erweisen imstande war, aus seiner abgeschlossenen Zurückhaltung wieder heraustrat.

Der Fürst hatte bereits heute zur Vorfeier einige Fässer mit Wacholderbranntwein und Quas zum besten gegeben, der Tag war hell und warm, und so blieben denn die meisten noch auf dem Festplatze beisammen. Die jungen Burschen und die Mädchen probierten im voraus den Tanzplatz, und die älteren Bauern saßen an den Tischen umher, behaglich die vortrefflichen Getränke schlürfend und die Freigebigkeit der Herrschaft rühmend, sie schienen alle durch ihr Benehmen beweisen zu wollen, daß sie sich von Herzen der Versöhnung freuten, welche der Starost mit Mossej Nikolajew und seinem Sohne geschlossen. Die Angesehensten von ihnen nahmen den Studenten in ihre Mitte und befragten ihn neugierig, wie es in Piter, wie die russischen Bauern St. Petersburg zu nennen pflegen, aussehe; denn so wenig auch die Bauern von Wolotschma sich um Politik kümmerten, so war doch auch bis zu ihnen die Kunde gedrungen, daß die Bassurmanen hartnäckig den christlichen Völkern ihre Rechte verweigerten, und daß der Zar rüste, um die Ungläubigen zu bestrafen.

Der Student begann eifrig zu erzählen von den großen Vorbereitungen zum Kriege, welche man hier noch nicht bemerkt hatte, da das Armeekorps, zu welchem Wolotschina gehörte, noch nicht mobil gemacht war. Er schien vorsichtiger geworden zu sein seit der Erfahrung, welche er hier gemacht, er hütete sich wohl, irgendein Wort zu sagen, das die loyalen Gesinnungen der Bauern verletzen konnte; er sprach mit der höchsten Ehrfurcht vom Zaren und von der Regierung überhaupt und ließ nur mit bedauerndem Achselzucken einfließen, daß der große und gerechte Zar leider manche schlechte Ratgeber in seiner Nähe habe, welche ihm nicht die Wahrheit sagten, und daß es sehr zu beklagen sei, daß das ganze treue russische Volk nicht die Möglichkeit habe, zum Zaren zu sprechen, ihn aufzuklären und ihm seinen Rat zu geben, wie dies in der Vorzeit durch die nationale Volksvertretung des Semstwo möglich gewesen sei. Die Bauern lauschten aufmerksam seinen Worten, und was er ihnen sagte, fand bei ihnen Verständnis und Widerhall, denn die alte patriarchalische Volksvertretung lebte ja, wenn auch in ziemlich unklaren Begriffen, in den Traditionen des russischen Volkes fort und erhielt in demselben einen instinktiven Widerwillen gegen die polizeilich-bureaukratische Regierungsform, welche sie dem Einfluß der Fremden und namentlich der Deutschen zuschrieben. Endlich zog der Student ein Exemplar der Moskauer Zeitung aus der Tasche und sagte den Bauern, daß er ihnen vorlesen wolle, wie es in diesem Augenblick um Rußland stehe, da das in diesem Blatte besser gesagt sei, als er ihnen zu erklären vermöge. Die Bauern, welche gewohnt waren, jedes geschriebene oder gedruckte Wort als eine Art von Heiligtum, von unfehlbarer Wahrheit, ja als eine unmittelbare Willenserklärung des großen Zaren selbst zu betrachten, hörten aufmerksam zu. Die zündenden Worte des Vortrags, den Iwan Aksakow über den Krieg und die Lage Rußlands gehalten, trafen die so leicht empfängliche nationale Seite in ihrem Herzen, immer dichter schloß sich der Kreis um den Studenten, und laute Rufe des Beifalls hörte man ringsumher.

Der Starost, welcher der tanzenden Jugend zugesehen hatte, trat finsteren Blickes heran.

»Halt, Jewjeni Mossejew,« sagte er, die Hand auf die Schulter des Studenten legend, – »wir haben die Vergangenheit vergessen und Salz und Brot miteinander gegessen, aber du darfst nicht wieder beginnen, aufrührerische Reden zu halten.«

»Nein, nein,« sagten einzelne Bauern, »es ist nicht Aufruhr, was er spricht, er ist kein Mjatjeschnik mehr wie damals, er ehrt den großen Zaren, wie es die Pflicht jedes guten Untertanen ist, und was er sagt, ist die Wahrheit.«

»Ich lese nur vor,« sagte der Student trotzig, halb scheu, »was man in Piter selbst liest und was alle Freunde und Diener des Zaren sprechen.«

»Gleichviel,« sagte der Starost einst und streng, »steck das Blatt da fort, ich darf es nicht leiden, daß du hier zu den Leuten sprichst, das ist meine Sache.«

Er nahm das Zeitungsblatt aus der Hand des jungen Menschen, faltete es zusammen und steckte es in seine Tasche.

Ein leises Murren machte sich unter den Bauern hörbar, der Starost achtete nicht darauf und wollte sich wieder zu den Tanzenden wenden, als die Glocke einer Troika ertönte und ein kleiner, offener Wagen, mit drei kräftigen Pferden bespannt, im schnellsten Trabe durch das Dorf daherfuhr: ein Postillion führte die Zügel, ein Kurier in einem Uniformmantel saß auf dem Wagensitz. Neugierig blickten alle auf, selbst der Tanz wurde unterbrochen, und als der Wagen hielt, drängte man neugierig heran. Der Kurier rief nach dem Starosten, und als Michael Matfejew mit abgezogener Mütze sich näherte, gab er ihm einen großen Brief und ein mit dem Siegel der Regierung verschlossenes Paket; dann befahl er, flüchtig den ehrerbietigen Gruß der Bauern erwidernd, dem Postillion, nach dem Schlosse zu fahren, und schnell rollte der Wagen auf dem Wege nach dem Herrensitz davon.

»Was gibt es – was gibt es?« riefen alle, den Starosten umringend. Es muß etwas ganz Besonderes sein, daß ein Kurier des Zaren selbst hierher kommt!«

Der Starost betrachtete mit wichtiger Miene die großen Siegel und rief dann seinen kleinen, dürren Schreiber Andrej Sebastianew herbei, dem er befahl, zuerst das Paket zu öffnen, indem er die Wichtigkeit der empfangenen Sendungen nach deren Umfang zu bemessen schien.

Andrej Sebastianew löste die Siegel und fand in dem Leinenumschlag ein Paket Zeitungsblätter und ein Schreiben der Behörde, welches dem Starosten befahl, den Inhalt der übersendeten Blätter den Bewohnern seines Bezirkes bekanntzumachen.

»Ah,« sagte der Starost mit einem würdevollen Seitenblick auf den Studenten, »jetzt werdet ihr hören, was ihr hören sollt, die hohe Regierung selbst wird euch aufklären über alles, was treue Untertanen zu wissen nötig haben. Hier, Andrej Sebastianew, lies das sogleich vor, da ja einmal alle hier versammelt sind.«

Er reichte dem Schreiber eines der in dem Paket enthaltenen gedruckten Blätter, dieser trat in die Mitte des dichten Kreises, der sich um den Starosten gebildet hatte, und begann zu lesen. Aufmerksam lauschten die Bauern – kaum aber hatte der Schreiber einige Augenblicke gelesen, so rief der Student höhnisch und triumphierend:

»Nun hört ihr's, daß ich recht hatte und daß ich keine aufrührerischen Dinge zu euch sprach, das ist ja dasselbe Blatt, das ich euch vorlas.«

»Unsinn«, sagte der Starost, indem er dem Schreiber winkte fortzufahren.

»Ja doch, ja,« rief einer der Bauern, »es ist dasselbe; ich erinnere mich, das schon vorher von Jewjeni Mossejew gehört zu haben.«

Der Starost zog das Blatt, das er dem Studenten abgenommen, aus der Tasche und reichte es dem Schreiber; dieser verglich die beiden Zeitungen miteinander und sagte:

»Es ist in der Tat so, Michael Matfejew, es ist dasselbe Blatt, Wort für Wort.«

»Ihr hört es«, rief der Student triumphierend, und der alte Mossej blickte ganz stolz auf seinen Sohn, der in diesem Augenblicke den Bauern wie ein Sendbote des Zaren selbst erschien, da er schon vorher ihnen die Kundgebung der Regierung an den Starosten mitgeteilt.

Michael Matfejew schüttelte verwundert den Kopf, schweigend befahl er dem Schreiber fortzufahren und hörte selbst mit sinnend zu Boden gerichteten Blicken zu, während ringsum lauter und immer steigender Beifall die patriotischen Worte begleitete, mit denen Iwan Aksakow den nationalen Geist des russischen Volkes wachrief.

Als der Schreiber zu Ende gelesen, erhob sich ein brausender Jubel, Hochrufe für den Zaren, Verwünschungen gegen die Türken, Verwünschungen gegen die Fremden, welche sich in den Rat des Zaren drängten und ihn von seinem Volke entfremdeten, mischten sich miteinander. Der Student eilte von einem zum andern, man drückte ihm die Hände, und der junge Mensch, den man vor einem Jahre in das Gefängnis geworfen hatte, wurde fast zu einem Gegenstande der ehrfurchtsvollsten Bewunderung.

Der Starost hatte inzwischen den Brief, welchen er sogleich mit dem Paket erhalten, geöffnet und dem Schreiber gegeben; dieser durchlas den Inhalt und sprach leise mit dem Starosten, der dann mit ernster und feierlicher Miene Stille gebot.

»Unser großmächtiger, erhabener Zar«, sagte er, »ist entschlossen, gegen die Ungläubigen zu Felde zu ziehen, und ruft das ganze Volk auf, seine Pflicht im heiligen Kriege zu tun. Auch unser Armeekorps wird mobil gemacht; ihr alle,« fuhr er zu den jungen Burschen gewendet fort, »die ihr verzeichnet seid, habt euch zum Dienst zu stellen, in einer Woche müßt ihr bei dem Regiment sein – auch du, Stephan Sacharjew«, sagte er mit ernstem, trübem Blick zu seinem Schwiegersohn, »mußt eintreten, obgleich du der einzige Besitzer deines Hofes bist, jede Befreiung ist aufgehoben, der Zar braucht alle seine Untertanen im großen Kriege.«

Diese Mitteilung hätte zu jeder anderen Zeit vielleicht Bestürzung und Trauer erregt, aber in diesem Augenblick war der Eindruck der feurigen, begeisternden Worte, welche der Schreiber soeben aus dem Zeitungsblatt verlesen hatte, noch so mächtig, daß ein allgemeines lautes Hurra auf die Worte des Starosten antwortete, und selbst Stephan Sacharjew, obgleich er bei dem Gedanken, seine Frau und seinen neugeborenen Sohn verlassen zu müssen, erbleichte, schwang seine Mütze in der Luft und stimmte in den allgemeinen Ruf mit ein.

Bis spät in die Nacht blieb man beisammen, der Branntwein und der Quas, welchen der Fürst gespendet hatte, wurden bis auf den letzten Tropfen vertilgt, und wenn alle die kühnen, kampfesdurstigen Wünsche, welche hier gesprochen wurden, die Kraft der Verwirklichung gehabt hätten, so wäre in dieser Nacht schon das türkische Reich zusammengebrochen und das griechische Kreuz auf der Hagia Sophia wieder aufgerichtet worden.

Der Student aber war der Held des Augenblicks, ehrerbietig lauschte man seinen Worten, und der Starost, der ernst und traurig sich unter der immer aufgeregteren Versammlung bewegte, hätte in diesem Augenblick nicht wagen dürfen, so hoch sein Ansehen auch war, dem jungen Menschen zu widersprechen.

9. Kapitel

Die Ankunft des Kuriers hatte auch auf dem Schlosse Wolotschina große Bewegung hervorgerufen; er brachte ein Schreiben des Kriegsministers, nach welchem die Leutnants Graf Wladimir Ossipowitsch Swiatowski von der Chevaliergarde und Feodor Michaelowitsch Blagonow vom Garderegiment Ismailow auf Allerhöchsten Befehl zu Ordonnanzoffizieren Seiner Majestät bestimmt seien und sich binnen drei Tagen zum Dienst zu melden hätten, da Seine Majestät die Absicht habe, sich mit seinem militärischen Gefolge zur Inspizierung der Armee in das Hauptquartier nach Kischinew zu begeben.

Es war ein harter Schlag für die jungen Leute, sich aus der süßen Gewohnheit des jungen Glücks loszureißen und den Wechselfällen eines gewaltigen und in seiner Dauer unübersehbaren Krieges entgegenzugehen, denn man wußte ja nicht, ob der Kaiser nicht vielleicht sogleich bei der Armee bleiben werde, da man in allem entschlossen schien, den preußischen Feldzug von 1870 bis in alle Einzelheiten nachzuahmen, in dem ja auch der Kaiser Wilhelm von Anfang an inmitten seiner Armeen den Platz des Oberfeldherrn eingenommen hatte – aber das Kommando zum unmittelbaren kaiserlichen Dienst war zugleich so ehrenvoll auszeichnend für die beiden jungen Offiziere, daß der Schmerz der Trennung vor dem Gefühl der Freude und des Stolzes zurücktrat, und auch die beiden jungen Frauen unterdrückten mutig die Wehmut, welche sie beschleichen wollte.

Marica, die Tochter des kriegerischen Volkes der schwarzen Berge, kannte keine höhere Pflicht und keine größere Ehre und Freude des Mannes, als den Kampf für das Vaterland, und sie hätte es, so schmerzvoll sich auch ihr Herz bei dem Gedanken an die nahe Trennung zusammenzog, doch als eine demütigende Erniedrigung empfunden, wenn ihr Gemahl an ihrer Seite zurückgeblieben wäre, während die russischen Armeen gegen den Feind auszogen, der ja auch der Feind ihres Vaterlandes und ihres Volkes war.

Marpha war stolz und glücklich, daß der Mann, den sie zu sich emporgehoben und auf den die vornehme Gesellschaft von Petersburg noch immer hochmütig herabzublicken sich für berechtigt hielt, von neuem Gelegenheit finden sollte, sich unter den Augen des Kaisers selbst auszuzeichnen und in einer so großen und bedeutungsvollen Zeit seine Überlegenheit über so viele unbedeutende Träger vornehmer Namen zu beweisen, deren Vorfahren sich aus tieferer Niedrigkeit als er und durch unwürdige und verächtliche Mittel emporgeschwungen hatten.

So umarmten denn die beiden jungen Frauen, alle Wehmut tief in ihr Herz zurückdrängend, ihre Männer und wünschten ihnen Glück zu der ehrenvollen Berufung. Der Fürst Nikascha aber war außer sich vor Glück und Freude, er ließ alle Diener des Schlosses zusammenkommen und verkündete ihnen, daß ihre beiden jungen Herren mit dem allergnädigsten Kaiser selbst in das Feld ziehen würden; dann ließ er die edelsten Weine aus dem Keller heraufbringen und jedem einzelnen der Domestiken ein großes Glas davon vollschenken, um auf das Wohl des Kaisers und der Armee zu trinken, und nachdem er selbst bei dem Souper eine unzählige Reihe von Gesundheiten ausgebracht hatte, vom Kaiser anfangend alle Großfürsten und Großfürstinnen, alle Glieder seiner Familie, die Kommandeure der Armeekorps und die Regimenter der beiden jungen Leute einschließend, ließ er sich endlich von seinem alten russischen Diener Iwan Gregorjewitsch seinen Schafpelz und seinen Tschibuk bringen und bat Marpha und Blagonow, ihm nach der Reihe jene melodiereichen altrussischen Volkslieder vorzusingen, die er so sehr liebte und welche er, auf einem Diwan ruhend, dichte Wolken in die Luft blasend, mit seiner rauhen Stimme so falsch als möglich begleitete, während Wladimir und Marica, zärtlich aneinandergeschmiegt, leise miteinander flüsterten.

Der Fürst bestimmte die Abreise nach Petersburg auf den nächsten Abend, da er es sich durchaus nicht nehmen lassen wollte, das vorbereitete Fest im Dorfe Wolotschina mitzufeiern und noch einmal, ehe er in den Zwang der Residenz zurückkehrte, mit vollen Zügen das freie, nationale Volksleben zu genießen.

Spät erst trennte man sich. Der Fürst ließ sich schnell von seinem französischen Kammerdiener Constant entkleiden, der mit einer Miene unbegrenzter Verachtung den Schafpelz seines Herrn fortwarf und durch wiederholte Hustenanfälle seinen Abscheu vor dem strengen Tabaksgeruch zu erkennen gab. Dann behielt er Iwan Gregorjewitsch noch lange in seinem Zimmer, derselbe mußte sich vor sein Bett setzen, und bis weit in die Nacht hinein sprachen der Fürst und der seit Generationen mit dem Hause seines Herrn verwachsene Diener mit leuchtenden Blicken von den Siegen der russischen Armeen über die verhaßten Türken und von der hohen Ehre, welche dem Hause des Fürsten durch die Berufung seines Schwiegersohnes in das Gefolge des Kaisers widerfahren war und welche der alte Iwan ebenso stolz und freudig empfand als sein Herr.

Am Vormittage des nächsten Tages fuhr der Fürst in glänzender Equipage nach dem Dorfe hinab; an seiner Seite saß die Gräfin Swiatowski, welche sich ebenfalls über die erneute Trennung von ihrem Sohne durch die demselben winkende Ehre und Auszeichnung tröstete und heiter und freundlich den Starosten begrüßte, der sie an den ersten Häusern des Dorfes empfing. Die Wagen der beiden jungen Paare folgten. Wladimir und Blagonow trugen die Uniformen ihrer Regimenter, und ein begeisterter Freudenruf der ganzen Einwohnerschaft empfing die glänzenden Offiziere und die schönen jungen Frauen am Eingange der Dorfkirche, wo der Vater Christophor, der Geistliche des Ortes, denselben bis unter das Portal entgegentrat, um ihnen das Kreuz zum Kusse zu reichen.

Die Aufregung im Dorfe war groß. Die jungen Leute, welche sich infolge der neu angeordneten Mobilmachung zu ihren Regimentern stellen sollten, und deren Angehörige suchten die schmerzliche Unruhe, in welche die Trennung von der Heimat sie versetzte, durch eine kriegerische Begeisterung zu übertäuben, zu welcher sie sich um so leichter emporschwangen, da in der Tat der Kampf gegen den alten türkischen Erbfeind fast ein Glaubensartikel für jeden Russen war und der Gedanke daran jedes russische Herz höher schlagen ließ.

Der Täufling wurde gebracht, der Starost und Stephan Sacharjew, welcher blaß und traurig aussah und doch stolz erhoben einhertrat im Gefühl der hohen Ehre, welche seinem Erstgeborenen erwiesen wurde, führten den Fürsten und die Herrschaften des Schlosses zu den für sie bereiteten Sitzen. Wladimir trat mit der Frau des Starosten vor den Taufstein, um den kleinen Täufling in seine Arme zu nehmen, der mit großen Augen lächelnd auf die glänzende Uniform seines Paten blickte, und als nun der Vater Christophor in seiner kurzen Rede des bevorstehenden Krieges erwähnte und die Hoffnung aussprach, daß das Kind dereinst als Mann ebenso freudig für den Zaren und die heilige Kirche die Waffen führen werde wie sein erlauchter Pate und mit demselben die ganze Jugend des heiligen Rußland, da ging es wie ein Rauschen durch die ganze, dichtgefüllte Kirche hin, und wenig hätte gefehlt, so würde selbst an diesem heiligen Orte ein vollkräftiges Hurra für den Zaren und das heilige Rußland sich haben hören lassen.

Als der Taufakt beendet war und die Herrschaften reiche Spenden für die Kirche in das aufgestellte Becken niedergelegt hatten, begaben sich alle, von der jubelnden Bevölkerung umdrängt, nach Stephan Sacharjews Hause, um der jungen Mutter ihre Glückwünsche zu bringen. Eva Michaelowna empfing sie auf ihrem Lager, das mit den reichsten Decken geschmückt war, die ihr Haus besaß; sie trug auf dem Kopf eine goldgestickte Haube, vor ihrem Bette standen auf sauber gedeckten Tischen kalte Fleischspeisen, Fische, Branntweinflaschen und Gläser. Wladimir selbst legte das Kind in die Arme der Wöchnerin, dann reichte Stephan Sacharjew den sämtlichen Herrschaften Salz und Brot, und alle taten ihm aus den gefüllten Gläsern Bescheid auf das Wohl der jungen Mutter und ihres in den Bund der Christenheit aufgenommenen Sohnes. Die junge Frau aber schien die hohe Ehre, welche ihrem Hause widerfuhr, nicht ungetrübt zu empfinden; wohl leuchteten ihre großen, dunklen Augen stolz auf, als alle die vornehmen Herrschaften an ihr Bett herantraten und ihr ihre Glückwünsche brachten, dann aber verschleierten sich ihre Blicke wieder, Tränen strömten über ihre Wangen, und in lautes Schluchzen ausbrechend, barg sie ihr Gesicht in die Kissen. Stephan Sacharjew trat zu ihr heran, drückte ihre Hand und sprach ihr tröstend zu – aber auch seine Stimme zitterte und über seine braune Wange rann ein Tränentropfen herab.

»Was ist das, was heißt das,« rief der Fürst Nikascha, welcher mit großem Behagen ein Stück geräucherten Fisch verspeist hatte und dasselbe mit einem großen Schluck Branntwein hinunterspülte, »Tränen über dem Täufling? Das darf nicht sein, ihr bringt ja dem Kinde Unglück, wo fehlt es?« fragte er gutmütig, indem er zu dem Bett hintrat und den Kopf der schluchzenden jungen Frau aus den Kissen emporhob, »ist es irgendwo nicht richtig im Hause? Will es mit der Wirtschaft nicht gehen? – Sagt es, heute muß alles frisch und fröhlich sein, und wenn Menschenhilfe euren Kummer wenden kann, so bin ich da – also sprecht, wo fehlt's?«

»Oh, es ist nicht das, es ist nicht das!« sagte Stephan, »Gott hat ja unser Haus gesegnet, und es fehlt uns an nichts, und das Kind da wird einmal ein Erbe haben, wofür es den Heiligen des Himmels dankbar sein muß; aber –« Er stockte.

»Aber«, rief Eva Michaelowna, indem sie die tränenden Augen zum Fürsten aufschlug, »vielleicht wird dies arme Kind bald keinen Vater mehr haben: mein Mann soll sich bei seinem Regiment stellen und hinausziehen gegen die grausamen Türken, und ich soll allein hierbleiben in Angst und Bekümmernis.«

»Es ist nicht recht, daß du klagst, Eva Michaelowna«, unterbrach Stephan seine Frau, indem er gewaltsam seine eigene Bewegung unterdrückte; »ich habe die Pflicht wie jeder andere, für den Zaren und das heilige Rußland zu fechten, und wenn ich falle, so wird Gott dir und dem Kinde reich ersetzen, was du für das Vaterland verloren.«

»Recht so, recht so,« sagte der Fürst, der mitleidig auf die weinende junge Frau geblickt hatte, »das ist gesprochen, wie ein braver Russe sprechen muß; du mußt stolz sein auf deinen Mann, Eva Michaelowna, bete nur recht, und er wird wieder zurückkommen und Ehre und Segen in das Haus bringen.«

»Ja doch, ja – mein Gott, ja,« schluchzte die junge Frau, »ich weiß, daß es seine heilige Pflicht ist, ich will auch nicht murren und ergeben tragen, was Gott verhängt – aber«, rief sie lauter weinend und von neuem den Kopf in die Kissen drückend, »es ist doch hart – sehr hart für mich und das arme Kind.«

»Nun, Eva Michaelowna,« sagte Wladimir, »ich will dir helfen, so gut ich kann, ich gehöre ja zu euch als der Pate deines Kindes, dem ich versprochen habe, in Not und Gefahr beizustehen. Seine Pflicht muß dein Mann erfüllen, frei kann er nicht werden vom Dienst, und er würde es nicht wollen in so großer Zeit, wo das ganze Rußland aufsteht zum heiligen Kriege.«

»Nein, Herr, nein – niemals!«

»Aber«, fuhr Wladimir fort, »ich will ihn mit mir nehmen – du kannst das der Behörde melden,« sagte er zum Starosten gewendet, »ich werde in Petersburg dafür sorgen, daß er zu mir zum Dienst kommandiert wird; dann wird er im Hauptquartier sein, und wenn ich auch hoffe, an den Feind zu kommen, so wird doch sein Leben immer weniger gefährdet sein, als wenn er in den dichten Reihen des Regiments steht, und vor allem werde ich sorgen, daß du Nachricht von ihm erhältst, daß du immer wissen sollst, wo er ist und wie es ihm geht.«

»O Herr, Herr,« rief die junge Frau, strahlenden Blickes die Hände zu ihm erhebend, »wenn Ihr das tun wollt! Ich werde mein ganzes Leben für Euch und die gnädige Gräfin beten, daß Gott euch segne bis zu euren Kindern und Kindeskindern.«

Stephan Sacharjew und der Starost küßten den Saum von Wladimirs Uniform, indem sie innige Dankesworte stammelten.

Noch einige Augenblicke blieb die Gesellschaft. Der Fürst Nikascha trank auf das Wohl des Kindes und wünschte demselben eine lange Reihe von Brüdern und Schwestern, die junge Frau lächelte unter Tränen über die lustigen Einfälle und derben Scherze des Fürsten, und Stephan Sacharjew sprach leise mit dem Starosten von der Zukunft, deren dunkle Wolken sich plötzlich zerstreut hatten, und die ihm glänzend wie ein sonnenheller Tag entgegenschimmerte.

»Nun aber fort – hinaus auf den Tanzplatz,« rief der Fürst, »der Vater des Täuflings muß mit uns – wir wollen ihn bald wieder gehen lassen,« sagte er, freundlich die junge Wöchnerin auf die Schulter klopfend, »damit er von dir Abschied nehmen kann, Eva Michaelowna, und sich zur Abreise vorbereiten, denn die jungen Leute da müssen schon vor Abend fort, um noch die Eisenbahn in Rshew zu erreichen.«

Stephan Sacharjew umarmte noch einmal seine Frau und führte dann mit dem Starosten die Herrschaften hinaus nach dem Festplatze. Zahlreiche Fässer mit Branntwein und Quas waren auf hölzernen Gestellen aufgestellt, kaltes Fleisch, gebraten und gepökelt, geräucherte Fische, Brot und Speck und die so beliebten Salate von Kartoffeln und den grünen Spitzen der jungen Getreidesaat bedeckten auf großen Schüsseln rings die Tische.

Herr Sacharin, der Sekretär des Fürsten, machte die Honneurs und lud die noch schüchtern um alle diese Herrlichkeiten herumstehenden Bauern zum Zugreifen ein. Er war auch bei dieser Gelegenheit ernst, streng und kalt wie immer; seine Einladung, von den gastfreien Gaben der Gutsherrschaft Gebrauch zu machen, klang fast wie ein Befehl, und vielleicht würde es ihm noch schwerer geworden sein, die ehrerbietige Scheu, welche mit dem lüsternen Appetit der guten Muschiks kämpfte, zu überwinden, wenn nicht der alte Iwan Gregorjewitsch sich überall unter die Dorfbewohner gemischt hätte, um einen nach dem andern an die Tafel heranzuziehen.

Am ungezwungensten machte der Student Jewjeni Mossejew von der Gastfreundschaft der Herrschaft Gebrauch; er saß mitten vor einem der größten Tische, zog nacheinander die besten Schüsseln zu sich heran, indem er zugleich aus einem der großen zinnernen Becher kräftig von dem Wacholderbranntwein trank und die anerkennenden Worte für die Geber dieser guten Dinge mit Worten voll kriegerischer Begeisterung oder Ermahnung zur nationalen Einigkeit aller slawischen Stämme vermischte. Herr Sacharin hatte, als er auf dem Festplatze erschien, den Studenten verwundert angesehen, als ob er sich bemühe, diesem Gesicht einen Platz in seiner Erinnerung anzuweisen, und auch später noch ruhten seine scharfen Blicke prüfend auf dem jungen Menschen, bei dessen immer kühneren Reden er zuweilen unmutig den Kopf schüttelte.

Lauter Jubel erhob sich, als der Fürst mit der Gräfin, von Wladimir und Blagonow und ihren Frauen gefolgt, auf dem Platze erschienen. Die Herrschaften nahmen inmitten der Bauern an einem der Tische Platz, und der Fürst brachte mit lauter Stimme das Wohl des großen Zaren und der tapferen und siegreichen russischen Armee aus, in welches alle Anwesenden mit hoher Begeisterung einstimmten; dann begannen die Vergnügungen der Jugend, die Knaben mußten die hohen, glatten Stangen erklettern, um die an der Spitze derselben aufgehängten Geschenke zu erreichen. Allgemein war die Teilnahme an diesem Spiel, lautes Gelächter begleitete jeden verunglückten Versuch, und die Eltern der kleinen Wettkämpfer ereiferten sich in ebenso großer Spannung als jene selbst. Der Fürst begleitete die Wechselfälle dieses Spieles mit seinen kräftigen Scherzen, welche die Bauern entzückten, und fügte bei besonders geschickten Kletterern dem gewonnenen Preise noch einen ganzen oder halben Imperial aus seiner Börse hinzu, so daß die Heiterkeit immer höher stieg und selbst die jungen Paare, trotz der ernsten Stimmung, in welche sie die bevorstehende Trennung versetzte, oft in lautes, herzliches Gelächter ausbrachen.

Der Student Jewjeni hatte bei dem Erscheinen der Herrschaft den Leutnant Blagonow betroffen angesehen, und auch er schien jetzt, sich zuweilen die Stirn reibend, eifrig in seinen Erinnerungen zu suchen, wie dies bei seinem Anblick vorher Herr Sacharin getan hatte; zwar fuhr er fort, zu essen und zu trinken und die ihm Zunächstsitzenden mit seinen Reden nach dem Muster des Aksakowschen Artikels der Moskauer Zeitung zu unterhalten, aber immer wieder und wieder wendeten sich seine Blicke zu Blagonow hin, und wenn er den jungen Mann eine Zeitlang betrachtet hatte, so schüttelte er wohl den Kopf, als ob er die in ihm aufsteigenden Gedanken für töricht und unmöglich halte.

Die Spiele waren zu Ende, der Tanz der jungen Leute begann. Der Fürst hatte eine äußerst primitive Musikkapelle in einem der nächsten Flecken aufgetrieben, und bald gaben sich die jungen Burschen und Mädchen mit voller Jugendlust und Freude dem Vergnügen des Tanzes hin, der in allen Ländern und Ständen die jungen Herzen höher und feuriger zueinander schlagen läßt, während die Alten im Kreise umherstanden oder sich an den Tischen mit den leckeren Gaben aus den Vorräten des Schlosses beschäftigten. Wladimir und Blagonow hatten mit den hübschesten Dirnen des Dorfes den Tanz eröffnet, und dann bewegten sich beide mit ihren Frauen am Arme zwischen den einzelnen Gruppen umher, bald hier, bald dort den einen und den andern freundlich anredend, während Fürst Nikascha in der Mitte des Tanzplatzes stand, laut nach dem Takte der Musik in die Hände klatschte und den einzelnen Paaren seine zündenden, volkstümlichen Scherze zurief. Für die Gräfin Swiatowski war ein Armsessel herbeigebracht, auch sie sah mit freundlicher Teilnahme dem Tanze zu und unterhielt sich in liebenswürdigster Weise mit dem Vater Christophor, der neben ihr den Ehrenplatz einnahm.

Der Student war von seinem Tische aufgestanden und folgte in unmittelbarer Nähe Blagonow und Marpha, immer schärfer prüfende Blicke warf er auf den jungen Offizier, und der Ausdruck seines Gesichts deutete an, daß er immer noch in seinen Erinnerungen suche, so sonderbar und seltsam auch die aus denselben hervorsteigenden Gedanken sein mochten. Blagonow hatte mit einigen alten Bauern gesprochen, welche bei seiner Anrede sich ehrerbietig von ihren Plätzen am Tische erhoben und mit einem Segenswunsch den Saum seiner Uniform und den Pelzbesatz von Marphas Mantel küßten; er wendete sich dann zu einer anderen Gruppe hin – der Student stand unmittelbar hinter ihm, er drängte sich noch näher zu ihm heran, und wie zufällig vorbeischreitend sprach er halblaut das Wort »Nihil« aus.

Blagonow zuckte zusammen, sein Gesicht wurde totenbleich, und schnell sich umwendend, sah er mit entsetzten Blicken den jungen Menschen an, der ihm einen tückischen Seitenblick zuwarf; auch er schien in seiner Erinnerung zu suchen – es war, als ob plötzlich ein gespenstisches Schreckbild vor ihm aufstiege, und schnell sich wieder abwendend, ging er mit hastigen Schritten an den Tischen vorüber, um sich einer entfernteren Gruppe von Bauern zu nähern, die er mit zerstreuten, fast unzusammenhängenden Worten anredete, während seine scheuen Seitenblicke immer wieder nach dem Studenten hinüberstreiften, der wieder seinen Platz am Tische eingenommen hatte.

Dies alles war das Werk weniger Augenblicke gewesen.

Marpha hatte nichts von der Verwirrung ihres Gemahls bemerkt und unterhielt sich heiter und unbefangen mit den Bauern. Herr Sacharin aber, welcher sich wie zufällig immer in der Nähe des Studenten gehalten hatte, war auch in jenem Augenblick in dessen unmittelbarer Nähe gewesen, er hatte das von jenem ausgesprochene Wort gehört, und ein drohender Blitz war in seinen Augen aufgeflammt, er machte eine Bewegung, als ob er sich auf den jungen Menschen stürzen wolle. Und doch hielt er sich zurück und ging, mit unbefangener Miene durch die Reihen der Bauern weiter. Nach kurzer Zeit näherte er sich dem Fürsten und flüsterte demselben einige Worte zu. Der Fürst zog seine Uhr hervor, blickte mit einem bedauernden Seufzer auf das fröhliche Gewimmel der Tanzenden und ging dann zu seiner Tochter und Blagonow.

»Es ist Zeit,« sagte er, »daß wir aufbrechen, Paul Andrejewitsch mahnt mich, daß wir uns beeilen müssen, den Zug zu erreichen.«

»Ja, ja,« sagte Blagonow hastig, indem er wie erleichtert aufatmete, »wir müssen gehen, um keinen Preis dürfen wir zu spät in Petersburg eintreffen.«

Er eilte dem Fürsten voran zur Gräfin hin. Herr Sacharin hatte auch Wladimir benachrichtigt, die Wagen fuhren heran, und nachdem die herandrängenden Bauern noch einmal mit brausendem Hurraruf ihre freigebige Herrschaft begrüßt hatten, fuhr man zum Schlosse zurück. Eine kleine Britschka erwartete Herrn Sacharin; Stephan Sacharjew sollte mit ihm zum Schlosse fahren, um sich dort dem Grafen Wladimir anzuschließen. Der junge Bauer hatte noch einmal seine Frau und sein Kind umarmt, und noch eine Träne an den Wimpern, aber stolz und glücklich über die Ehre, die ihm widerfuhr, und die glänzende Zukunft, welche sich vor ihm auftat, stieg er, von allen laut beglückwünscht und von vielen im stillen beneidet, in den herrschaftlichen Wagen, dessen Kutscher er vorher das kleine Bündel mit seinem Reisegepäck übergeben hatte.

Herr Sacharin näherte sich dem Studenten, welcher neben dem Wagen stand.

»Ich habe Ihnen etwas zu sagen,« sprach er mit ernstem, strengem Tone, »kommen Sie heute abend auf das Schloß, aber erst spät, wenn es dunkel ist; ich habe mit der Abreise der Herrschaften zu tun und bleibe noch bis morgen hier, um die nötigen Anordnungen für die Verwaltung zu treffen.«

Der Student blickte erschrocken auf, die Worte waren so leise gesprochen, daß keiner der Umstehenden sie vernommen hatte; fast schien es, als wolle er eine trotzige Antwort geben, aber wie konnte er sich gegen den allmächtigen Geschäftsführer der Herrschaft auflehnen, und die Aufforderung, nach dem Schlosse zu kommen, hatte ja, so gebieterisch sie auch ausgesprochen war, an sich nichts Verletzendes und Beunruhigendes – er neigte also in schweigender Zustimmung den Kopf; Herr Sacharin aber hatte keine Antwort erwartet, sondern war bereits in den Wagen gestiegen, der dann schnell mit ihm und Stephan Sacharjew davonfuhr. Alle Vorbereitungen zur Abreise waren bereits auf dem Schlosse getroffen, und nach kurzer Zeit rollten die Reisewagen auf dem Wege nach Rshew dahin, um die beiden Offiziere ihrer ehrenvollen Bestimmung entgegenzuführen.

Das Fest auf dem Platze vor dem Dorfe nahm inzwischen seinen Fortgang, die jungen Leute tanzten, die alten aßen und tranken, und alles floß über von dem Lobe der Herrschaft; man wurde insbesondere nicht müde, immer wieder von dem Fürsten Nikascha zu sprechen, der so ganz und gar das Bild eines vornehmen Herrn aus der alten, guten Zeit des heiligen Rußland sei, und zahlreiche Gläser wurden auf sein Wohl geleert. Daneben tranken die jungen Leute, welche am nächsten Tage zu ihren Regimentern abgehen sollten, auf das Wohl des Zaren und den Sieg der russischen Waffen, und immer lauter und wilder wurden die Verwünschungen gegen die Türken, von denen sie nicht einen Mann übrig zu lassen schworen, so daß, als die Sonne unterging und die Dunkelheit der Nacht zum Aufbruch mahnte, alle Blicke bereits trübe geworden waren und niemand darauf achtete, daß der Student sich von den übrigen trennte und den Weg nach dem Schlosse einschlug.

Sinnend schritt er auf dem dunklen Wege dahin, ungewiß, was die Bestellung zu dem Sekretär des Fürsten, der auch die Geschäfte des Grafen Wladimir führte und in der ganzen Gegend fast ebenso hohes Ansehen genoß als die Herrschaft selbst, zu bedeuten habe, ungewiß, ob er demütig oder trotzig vor dem in der ganzen Gegend so mächtigen Manne erscheinen solle. Er betrat den Park, welcher sich über die ganze Anhöhe um das Schloß erstreckte; eine breite Allee führte langsam aufsteigend zu der Einfahrt in den großen Hof, daneben zu beiden Seiten lag dichtes Buschwerk. Tiefe Dunkelheit bedeckte den Weg, auf welchen die hohen Bäume der Allee ihren Schatten warfen, und nur von fern herüber glänzten die erleuchteten Fenster des Schlosses.

Der Student hatte, mit seinen Gedanken beschäftigt, etwa dreißig Schritte in der Allee gemacht, als sich plötzlich eine Hand auf seine Schulter legte; erschrocken wollte er zurückspringen, aber zugleich fühlte er sich am Handgelenk gefaßt, und eine tiefe Stimme sprach das Wort »Nihil«.

Er blieb zitternd stehen. Dies Wort, durch welches er heute den glänzenden Offizier, den Schwiegersohn des Fürsten, in so große Unruhe versetzt hatte, klang hier in der Einsamkeit des dunklen Gehölzes wie eine furchtbare Drohung in sein Ohr. Er strengte seine Blicke an, um die Gestalt zu erkennen, welche seine Hand festhielt; es war ein Mann in einen dunklen, weiten Mantel gehüllt, seinen Kopf bedeckte ein tief in die Stirn gedrückter runder Hut, ein dichter schwarzer Bart umhüllte den unteren Teil seines Gesichts, und Jewjeni sah in der Dunkelheit nichts weiter als zwei funkelnde, phosphorartig leuchtende Augen.

Die dunkle Gestalt schritt, ohne seine Hand loszulassen, seitwärts in das Gebüsch, und immer ängstlicher folgte Jewjeni, der vergebens versuchte, seine Hand aus der eisernen Umspannung des Fremden zu befreien. Etwa zwanzig Schritte vom Wege entfernt blieb dieser auf einem kleinen, runden Platze stehen, das Gebüsch war hier ausgeschlagen, und die Sterne funkelten von oben herab. Jewjeni konnte die Umrisse der geheimnisvollen Gestalt deutlich erkennen, ohne jedoch auch hier von deren Gesicht mehr entdecken zu können als die unheimlich funkelnden Augen.

»Jewjeni Mossejew,« sagte der Mann im Mantel, »du hast das Losungswort gehört, du weißt, daß du vor einem Mitgliede des Bundes stehst, um dessen Befehle zu empfangen.«

»Und wenn ich daran zweifelte?« sagte Jewjeni.

Er hatte kaum das Wort ausgesprochen, als unter dem Mantel des Unbekannten hervor, ohne daß dieser die Hand des Studenten losließ, ein langer, spitzer Dolch im Sternenlicht funkelnd hervorblitzte. Jewjeni fühlte, wie die scharfe Spitze seine Kleider durchdrang und seine Haut ritzte.

Er schrie entsetzt auf und machte eine neue Anstrengung, um sich loszureißen; aber der Fremde hielt seine Hand fest – die Spitze des Dolches durchdrang bereits die Haut auf der Brust des zitternden Studenten.

»Vermessener,« sagte die dumpfe Stimme noch drohender als vorher, »du wagst es, zu zweifeln und zu trotzen, weißt du nicht, daß der Bund nur Gehorsam verlangt?«

»So sprecht,« sagte der Student zitternd, »ich zweifle nicht mehr; wäret Ihr nicht ein Abgesandter des Bundes, so würdet Ihr nicht wagen, eine solche Sprache zu führen.«

Die Dolchspitze zog sich ein wenig von Jewjenis Brust zurück, doch fühlte er immer noch den leichten Druck derselben, während der Unbekannte weitersprach:

»Du wurdest vor einem Jahre hier wegen unvorsichtiger und törichter Reden gefangen genommen, die Macht des Bundes hat dich befreit, wie kannst du es wagen, hier wieder zu erscheinen und von neuem dich in Gefahr zu setzen? – Du weißt, daß du dir nicht allein gehörst, seit du dem Bunde dein Leben verschworen.«

»Es war Befehl des Bundes selbst,« rief Jewjeni, »dafür zu sorgen, daß die Ansichten über den Krieg, die ich hier ausgesprochen, in das Volk dringen; ich bin gekommen, den Befehl des Bundes zu erfüllen.«

Der Vermummte schwieg einen Augenblick.

»Und wenn es so ist, wie kommst du dazu, das Losungswort des Bundes einem Fremden gegenüber auszusprechen, wie du es heute getan?«

»Wenn Ihr denn dies wißt,« erwiderte der Student, »so müßt Ihr auch wissen, daß jener kein Fremder war; er gehört dem Bunde an, ich habe ihn lange beobachtet und ihn wohl wiedererkannt, ob er auch jetzt hier als vornehmer Herr erscheint und als Offizier der Garde. Es ist jener Mann, der mich im vorigen Jahre nach der Eisenbahnstation in seinem Wagen mitnahm und den ich auf Euer Geheiß mit dem Losungswort des Bundes anredete, als Ihr mich aus der schwarzen Isba befreit hattet – denn«, fügte er ein wenig scheu und zögernd hinzu, »Ihr wenigstens seid es, der mich damals aus den Händen dieser tölpelhaften Bauern erlöste.«

»Ob ich es war oder nicht,« erwiderte der Unbekannte, »ist hier gleichgültig, jedenfalls hast du damals erfahren, daß der Bund alles weiß, was seinen Brüdern widerfährt, und überall da ist, um ihnen beizustehen – was aber jenen betrifft, so täuschest du dich, du hast eine schwere Unvorsichtigkeit begangen, indem du vor ihm das Losungswort ausgesprochen.«

»Nein,« rief der Student lebhaft, »nein, ich täusche mich nicht, er war es.«

Abermals senkte sich die Dolchspitze fester gegen seine Brust, und der Verhüllte sprach drohend:

»Du täuschest dich, und ich verbiete dir, jemals wieder, wo du ihm auch begegnen mögest, in seiner Gegenwart das Losungswort auszusprechen oder irgendeine Anspielung auf eine Vergangenheit zu machen, die nur in deinen Träumen existiert. Dies ist der Befehl für dich, du kennst die Strafe des Ungehorsams.«

Jewjeni beugte das Haupt, er wagte nicht länger zu widersprechen.

»Nun höre weiter«, sagte der Unbekannte. »Der Bund hat dich zu einem wichtigen Dienste ausersehen, du wirst dich sogleich in das Hauptquartier der Donauarmee nach Kischinew begeben.«

»Nach Kischinew – ich?!« rief der Student in höchster Verwunderung – »und was soll ich dort tun; vor allem, wie soll ich dorthin gelangen?«

»Du wirst«, sprach der Unbekannte weiter, »morgen von hier nach Petersburg zurückkehren; in deiner Wohnung dort wirst du weiteren Befehl finden, bei wem du dich zu melden hast, um in die Bureaus der Armeelieferanten aufgenommen zu werden. Du wirst darauf im Hauptquartier selbst Verwendung finden und auch dorthin gesendet werden.«

»Und wenn ich dort bin?« fragte der Student immer erstaunter.

»So wirst du alles beobachten und über alles, was du siehst, genau und ausführlich berichten. Du wirst in deiner Stellung überall Zutritt finden, und je weniger dir entgeht, je ausführlicher deine Berichte sein werden, um so mehr Verdienste wirst du dir um den Bund und seine heilige Sache erwerben. Weitere Befehle wirst du dort erhalten.«

»Und wie soll ich meine Berichte von da absenden?« fragte der Student, den der erhaltene Auftrag mit ängstlicher Besorgnis zu erfüllen schien.

»Das alles wirst du in Petersburg erfahren«, erwiderte der Unbekannte. »Deine Sache wird es sein, genau zu beobachten, und zu zeigen, daß du des Vertrauens wert bist, das man in dich setzt. Es ist das erstemal, daß du einen wichtigen Auftrag erhältst, mach, daß du die Prüfung bestehst; vor allen Dingen eile, nach Petersburg zurückzukehren, und hüte dich, hier in irgendeiner Weise die Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen, wie du es durch dein unvorsichtiges Betragen bereits getan hast.«

Der Student wollte noch etwas erwidern, aber der Unbekannte hatte, nachdem er die letzten Worte gesprochen, seine Hand losgelassen und war wie ein Schatten verschwunden, Jewjeni hörte nur ein leises Knistern der Zweige im Gebüsch.

»Teufel, Teufel,« sagte Jewjeni vor sich hin, »es scheint in der Tat, daß der Bund allgegenwärtig und allwissend ist, mehr noch, als ich es glaubte – vielleicht«, sagte er ganz leise, indem er scheu in die Dunkelheit blickte, »war ich ein Tor, mich aufnehmen zu lassen und den Schwur zu leisten, den man mir abnahm. Diese Sendung nach dem Hauptquartier ist ja ganz unterhaltend, aber sie kann den Hals kosten, wenn die Berichte, die man von mir verlangt, abgefaßt werden.

Nun, jetzt hilft kein Überlegen mehr, ich habe keine Lust, von neuem Bekanntschaft mit der Dolchspitze zu machen, und rückwärts kann ich nicht mehr; der Bund hat mir ja auch hier schon bewiesen, daß er wohl die Macht hat, seine Mitglieder gegen Gefahr zu schützen.«

Er suchte mühsam seinen Weg durch das Gebüsch, fand die große Allee wieder und stieg nach dem Schlosse hinauf. Am Portal fragte er nach Herrn Sacharin, der Türsteher führte ihn durch lange Gänge in das Vorzimmer des Sekretärs und ließ ihn nach kurzer Meldung in dessen Kabinett treten.

Herr Sacharin saß vor seinem mit Rechnungsbüchern bedeckten Schreibtisch, auf welchem eine Lampe mit blauem Schirm brannte. Er wendete sich, ohne aufzustehen, zu dem eintretenden Studenten und sagte in kurzem und strengem Ton:

»Sie sind der Sohn des Bauern Mossej Nikolajew und sind Student in Petersburg?«

Jewjeni bejahte betroffen und ein wenig eingeschüchtert durch den Ton der Frage, welcher fast an ein gerichtliches Verhör erinnerte.

»Sie haben«, fuhr Herr Sacharin fort, »hier, wie auch schon im vorigen Jahre, politische Gespräche geführt, was sich nicht für Sie schickt; ich will nicht, daß auf den Gütern des Herrn Grafen Swiatowski, welche für jetzt meiner Verwaltung anvertraut sind, dergleichen vorkomme, das würde, wenn es bekannt wäre, das Mißfallen der hohen Behörden erregen und schickt sich nicht für die Stellung des Herrn Grafen. Ich will von dem, was hier geschehen, keine Anzeige machen, wenn Sie unverzüglich wieder abreisen und sich nach Petersburg zurückbegeben; ich erwarte, daß Sie morgen Wolotschina verlassen. Wenn Sie diesem Winke nicht folgen, so wird die Anzeige über das, was im vorigen Jahre hier vorgefallen, erfolgen, und Sie werden selbst ermessen, welche Folgen dies für Sie haben muß.«

Er winkte entlassend mit der Hand, und der Student war so betroffen über die hochmütig kurze Weise des Sekretärs, der ihm einfach seinen Willen kundgab und nicht einmal eine Antwort von ihm verlangte, daß er sich bereits auf dem Korridor befand, ehe er sich über den ganzen Vorgang vollkommen klare Rechenschaft geben konnte. Der Lakai geleitete ihn nach dem Hof zurück, und in wenigen Augenblicken befand er sich wieder in der dunklen Allee auf dem Rückwege nach dem Dorfe.

»Sonderbar,« sagte er, »da habe ich denselben Befehl von zwei so ganz verschiedenen Seiten; es wird also wohl nichts übrigbleiben, als zu tun, was man von mir verlangt. Dieser hochmütige Sekretär gibt mir einen willkommenen Vorwand, um meine Abreise bei meinem Vater zu rechtfertigen, und fast könnte man glauben,« sagte er, laut über seinen eigenen Einfall lachend, »daß auch er im Dienste des Bundes stehe.«

Er kehrte zum Dorfe zurück und mischte sich von neuem unter die jubelnde Gesellschaft, welche beschäftigt war, die von dem Fürsten gespendeten Fässer bei dem Schein brennender Kienfackeln völlig zu leeren.

Am andern Tage reiste er in der Tat ab; der alte Mossej fand es ganz natürlich, daß sein Sohn in so wichtiger Zeit in der Residenz sein müsse, wie er sagte, und schien fast zu glauben, daß er zu hohen Dingen berufen sei, nachdem er vorher schon den Bauern verkündet hatte, was der Starost ihnen mitzuteilen von der Behörde beauftragt wurde. Auch ein großer Teil der jungen Burschen reiste ab, um sich bei ihrem Regiment zu stellen. Herr Sacharin führte einen großen Teil der Dienerschaft mit sich fort, und es wurde still und einsam auf dem Schloß und in dem Dorf, wo eben noch so lautes, fröhliches Leben gewaltet hatte.

10. Kapitel

In der russischen Provinz Bessarabien am Flusse Byk liegt in einer Art von Delta, welches dieser Fluß mit dem in vielfachen Krümmungen dem Schwarzen Meere zuströmenden Dnjestr bildet, die Stadt Kischinew. Die ganze Umgegend, in welcher waldige Höhenzüge zu fruchtbaren Feldern und Wiesen abfallen, ist reich an landschaftlicher Schönheit, und inmitten dieser anmutig freundlichen Umgebung bietet die Stadt selbst ein außerordentlich buntes und lebensvolles Bild. Der Ort ist in unglaublich kurzer Zeit zu bedeutender Ausdehnung emporgewachsen; er war, als im Jahre 1812 Bessarabien mit Rußland vereinigt wurde, ein kleiner Flecken, in dem kaum einige Tausend Menschen wohnten, und zählt jetzt schon fast einhundertfünfzigtausend Einwohner. Die Bevölkerung besteht aus Einwanderern, welche durch die fruchtbare Gegend und die Handelsbeziehungen des Schwarzen Meeres herangezogen worden sind und sich außer den Russen aus Bulgaren, Moldauern, Walachen und zahlreichen Deutschen zusammensetzt, unter denen sich Tataren und Zigeuner angesiedelt haben.

Diese verschiedenen Volksstämme, welche meist ihre Sitten und Trachten beibehalten, haben der Stadt auch in der Verschiedenartigkeit ihrer Gebäude ein eigentümlich buntes, mannigfaltiges Aussehen gegeben, und man kann nichts Reizenderes und Malerischeres denken, als die weit ausgedehnte, von blühenden Gärten umgebene und an einem Höhenzuge amphitheatralisch emporsteigende Stadt Kischinew, in welcher sich um die Paläste des Gouverneurs und des Erzbischofs eine große Anzahl Kirchen, und zwar neben den griechischen auch römisch-katholische, lutherische, armenische, sowie mehrere Synagogen erheben. Wenn schon zu gewöhnlichen Zeiten die Stadt und die Umgegend, namentlich in der grünenden und blühenden Frühlingszeit, einen freundlichen, reichbelebten Eindruck machten, so bot die ganze, von der Natur so reich begünstigte und durch den menschlichen Arbeitsfleiß belebte Gegend gegen Ende April des Jahres 1877 ein so wunderbar farbenreiches Bild, wie es selten wohl dem Blick sich gezeigt haben mag; denn in Kischinew hatte der Höchstkommandierende der russischen Donauarmee, der Großfürst Nikolai Nikolajewitsch, der nächstälteste Bruder des Kaisers Alexander, sein Hauptquartier aufgeschlagen, und man erwartete den Kaiser Alexander selbst, welcher kommen sollte, um seine zum Kampf gegen die Türkei bereitstehenden Truppen zu inspizieren.

Offiziere aller Grade und aller Waffen drängten sich in den Straßen von Kischinew, um sich plaudernd vor den Kaffeehäusern zu versammeln oder in den reich ausgestatteten Läden die noch fehlenden Stücke ihrer Feldausrüstung einzukaufen, und reich war die Ernte der betriebsamen Kaufleute von Kischinew, welche immer von neuem ihre Vorräte ergänzten, um sie ebenso schnell wieder abzusetzen. Vor dem Palais des Gouverneurs sah man zahllose Ordonnanzen, welche von den verschiedenen Truppenteilen kamen oder zu denselben abgingen, oder, der Abfertigung harrend, ihre Pferde hin und her führten.

Noch malerischer und belebter aber war das Bild der ganzen Umgegend. So weit das Auge reichte, sah man Lagerplätze und biwakierende Truppen, neben deren Standplätzen sich improvisierte Märkte gebildet hatten, auf denen die Bewohner der Gegend alle Arten von Bedürfnissen feilhielten; von unabsehbarer Ausdehnung reihte sich eine Abteilung an die andere, überall sah man exerzierende Regimenter, Generale, die mit ihren glänzenden Stäben hin und her ritten, und Soldaten, die in zwanglosen Gruppen auf den Wiesen mit den Landleuten verkehrten.

Es war ein schöner, sonniger Morgen, eine erhöhte Bewegung zeigte sich in der Stadt und in den umliegenden Truppenausstellungen; die Soldaten hatten ihre Waffen geputzt, ihre besten Uniformstücke angelegt, und die Offiziere eilten hin und her, um sich überall zu überzeugen, daß nichts an der pünktlichsten militärischen Ordnung fehle, denn der Kaiser wurde erwartet und sollte in einer Stunde mit der Bahn von Tiraspol und Bender her eintreffen. Schon hatte sich eine zahlreiche, mit jedem Augenblick wachsende Menschenmenge um den Bahnhof, soweit das aufgestellte Truppenspalier dies zuließ, zusammengedrängt; an der Bahnstrecke, soweit man dieselbe verfolgen konnte, standen Truppenabteilungen, und hinter denselben dichte Scharen von Landleuten, welche herbeigeströmt waren, um den Kaiser zu sehen, und seit langer Zeit zum ersten Male waren die Straßen der Stadt fast leer, da die Offiziere bei ihren Truppen zu tun hatten und die Bevölkerung hinausgezogen war, um, wie es bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt, in dem dichten Gedränge so wenig als möglich zu sehen.

Nur die Frauen waren meist an den mit grünen Gewinden und Fahnen geschmückten Fenstern zurückgeblieben, und die Straßen, welche der Kaiser passieren mußte, um vom Bahnhof zum Gouvernementsgebäude zu gelangen, zeigten in den Fenstern ihrer Häuser die bunteste Vereinigung der verschiedenen Völkertypen, welche in Kischinew vertreten waren. Man sah hier die Russinnen mit ihren goldglänzenden Augen, blonde deutsche Mädchen, orientalische Jüdinnen und die Weiber der Tataren und Zigeuner mit ihren gelblichen Gesichtern, ihnen brennenden Augen und ihren tiefschwarzen Haaren; immer ungeduldiger beugten sich alle diese Gesichter nach der Straße hinab, um neugierig auszuschauen, ob noch immer nicht der allmächtige Selbstherrscher des weiten Reiches sich nahe, von dem die meisten sich die abenteuerlichsten Vorstellungen machten, und den sie sich mit dem schimmernden Glanz der Kaiserherrlichkeit umgeben dachten.

Schon war der Großfürst, der noch einen Ritt durch die Nächstliegenden Truppenaufstellungen gemacht, am Bahnhof eingetroffen; der Bischof war in seiner vergoldeten Karosse durch die Straßen gefahren, und immer höher stieg die Erwartung, bis endlich aus weiter Ferne her, immer näher heranbrausend, lautes Hurrarufen erscholl und unmittelbar darauf alle Glocken der Kirchen zu läuten begannen.

Weit aus den Fenstern hinaus beugten sich die neugierigen Frauenköpfe – aber immer noch wollte der glänzende kaiserliche Zug sich nicht zeigen, nur ein einfacher Wagen mit zwei Pferden, von einem Kutscher im Kaftan und der viereckigen Pelzmütze geführt, fuhr in scharfem Trabe heran, zwei Kosaken ritten vor demselben, und darin saß ein Offizier im einfachen grauen Mantel, eine weiße Mütze auf dem Kopfe, neben ihm ein General in großer Uniform, man achtete kaum auf diesen Wagen, den man nur als ein Zeichen ansah, daß nun der Kaiser bald kommen müsse. Die Frauen hoben die Blumen empor, welche sie in ihren Händen bereit hielten, um sie auf den Zaren herabzustreuen, bis endlich hier und da der Ruf ertönte:

»Das war der Großfürst in dem Wagen dort – es muß der Kaiser gewesen sein, der bei ihm saß!«

Man wollte diesen Ruf nicht glauben, man blickte erwartungsvoll auf die Straße hinauf; da kamen immer mehr Wagen, einer nach dem andern, alle von Generalen und Offizieren besetzt, endlich fuhr auch die Karosse des Bischofs wieder heran – es war in der Tat die Wahrheit gewesen, in jenem einfachen, unscheinbaren Wagen war der Kaiser, der Herr und Gebieter aller hier versammelten Armeen, der unumschränkte Gebieter des weiten russischen Reiches, unerkannt und unbeachtet vorübergefahren.

Wieder füllten sich die Straßen von der vom Bahnhof zurückströmenden Menge, und alles drängte sich um den Gouvernementspalast, in welchem der Kaiser sein Quartier genommen hatte.

In einem der Wagen, welche das kaiserliche Gefolge vom Bahnhof hereinführten, saß Graf Wladimir Ossipowitsch Swiatowski in der Weißen Uniform der Chevaliergarde, und neben ihm Feodor Michaelowitsch Blagonow in der dunkelgrünen Uniform der Ismailowschen Garden; auf dem Bock des Wagens aber neben dem Kutscher hatte Stephan Sacharjew Platz genommen, er trug die Soldatenuniform der Chevaliergarde, bei welcher er durch Wladimirs Vermittlung eingetreten war, um seinen Herrn als militärischer Diener begleiten zu können, und er blickte so stolz von seinem hohen Sitz auf die neugierige Menge hin, als ob auch er seinen Teil der kaiserlichen Hoheit und Würde in sich fühle und gewiß sei, daß die Blicke der so massenhaft zusammengeströmten Zuschauer auch auf ihm mit ehrerbietiger Bewunderung ruhten.

Endlich folgten einfache Gefährte mit Dienern und Beamten aller Art; man achtete darauf nicht mehr, aber vielleicht würde einer dieser Wagen nicht geringe Verwunderung erregt haben, wenn einer der Bewohner von Wolotschina ihn hätte vorüberfahren sehen können, denn in demselben saß, hochmütig und neugierig zugleich umherblickend, der Student Jewjeni Mossejew; er trug einen eleganten Reiseanzug, auf dem Rücksitz seines Wagens lag ein wohlgefüllter Reisekoffer, und er schien selbst sehr zufrieden mit der Veränderung seiner Verhältnisse zu sein, welche ihn in eine so behagliche, Lage gebracht und ihn in den Stand gesetzt hatte, die Reise mit dem Hauptquartier in dem kaiserlichen Train selbst mitzumachen. Der Wagen fuhr ebenfalls nach dem Gouvernementsgebäude. Der Student stieg aus, übergab seinen Koffer einem der Unterbedienten, der sich eifrig zur Verfügung des mit dem kaiserlichen Zuge angekommenen Herrn stellte, und fragte nach den Kontors der Herren Greger, Horwitz & Cohan, welche die Armeelieferungen in Generalentreprise übernommen hatten.

Man wies ihn nach einem Seitenflügel des Gouvernementsgebäudes, in welchem sich die Bureaus der Intendantur befanden, neben denen auch die Bureaus der Generalunternehmer ihren Platz gefunden hatten. Er durchschritt die Bureauzimmer der Intendantur, in denen eine große Anzahl von uniformierten Schreibern beschäftigt war, und gelangte endlich an eine Tür, auf welcher sich ein Plakat mit der in großen Buchstaben geschriebenen Firma: »Greger, Horwitz & Cohan« befand. Er ließ seinen Koffer vor dieser Tür stehen und trat in den hinter derselben befindlichen Raum ein. Dies war ein ziemlich großer Saal, an dessen Wänden hohe Repositorien und offene Schränke aufgestellt waren, in denen man eine Menge irdener und hölzerner Gefäße erblickte, welche mit Mehl, Futterkörnern aller Art, großen Stücken Brot und geräucherten Fleisch- und Fischsorten gefüllt waren; daneben standen Büchsen mit Konserven in verschiedenen Größen, und daneben zahlreiche Likör- und Weinflaschen mit den verschiedensten Etiketten, vom gewöhnlichen Wutki bis zum feinsten Allasch, vom leichtesten Moselwein bis zu den edelsten Gewächsen von Burgund und Bordeaux. In der Mitte dieses Saales waren Schreibtische aufgestellt, an denen eine Anzahl von jungen Leuten vor großen Rechnungsbüchern beschäftigt waren, sämtlich elegant gekleidet und den Ausdruck der Zufriedenheit mit einer behaglichen Lebensstellung auf ihrem Gesicht.

Der Student näherte sich einem derselben und fragte nach dem Herrn Andrej Iwanowitsch Chwoschtschinski. Der Kommis sah den ihm unbekannten jungen Menschen mit vornehmer Herablassung einen Augenblick prüfend an, dann erhob er sich langsam und trat durch eine mit einer schweren Portiere bedeckte Seitentür, aus der er nach wenigen Augenblicken wieder zurückkehrte, um dem Studenten zu sagen, daß Herr Chwoschtschinski ihn erwarte.

Der junge Mensch trat in ein etwas kleineres Zimmer, das, obwohl nur provisorisch eingerichtet, doch den ausgesuchtesten Luxus zeigte; schwere seidene Vorhänge bedeckten die Fenster, kostbare Möbel mit seidenen Überzügen standen an den Wänden, und nur ein eleganter Schreibtisch von Palisanderholz, auf welchem ein großes Kontobuch aufgeschlagen lag, schien anzudeuten, daß man sich in einem Geschäftszimmer befand. In der Mitte dieses Raumes stand ein kleiner, zierlich gedeckter Tisch, auf welchem man die feinsten Delikatessen aller Art sah: kleine Terrinen von Straßburger Pasteten, Kaviar von Astrachan, den geräucherten rosigen Sterlet der Wolga, daneben eine Flasche Chateau Lafitte und einen Krug des vortrefflichen Curaçao von Amsterdam. Neben diesem Tisch, beschäftigt, den auf demselben befindlichen guten Dingen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, saßen zwei Personen in bequemen Fauteuils; die eine derselben war Herr Andrej Iwanowitsch Chwoschtschinski, Unterbeamter der Firma Greger, Horwitz & Cohan und mit der Leitung eines der Spezialbureaus dieser Gesellschaft beauftragt.

Herr Chwoschtschinski war ein noch junger Mann von etwa neunundzwanzig bis dreißig Jahren, seine große, starke und etwas plumpe Gestalt schien ein wenig zur Korpulenz geneigt, auf seinem breiten, ziemlich gemeinen Gesicht mit kleinen, schräg geschlitzten Augen und starkem, dunklem Haar lag ein Ausdruck grober Sinnlichkeit, verbunden mit listiger Verschlagenheit; der zierlich aufgedrehte Schnurrbart auf seinem breiten, aufgeworfenen Munde vermochte nicht, seinem Gesicht die vornehme Eleganz zu geben, die er ohne Zweifel mit diesem, nach dem Muster der jungen Gardeoffiziere geschnittenen und gedrehten Bart erreichen wollte. Er war nach jener extravaganten amerikanischen Mode gekleidet, welche man zuweilen auf den Pariser Boulevards sieht, ohne daß sie jemals in die Kreise der guten Gesellschaft Eingang finden kann; doppelte Ketten von schweren Goldringen glänzten auf seiner Weste; kostbare Ringe steckten an seinen starken, roten Fingern.

Neben ihm saß ein hagerer, trockener Mann mit kurzgeschnittenem Haar und militärisch gestutztem Bart in der Uniform der Intendantur mit den breiten Achselklappen, welche den Rang eines Stabsoffiziers bezeichnen. Auf seinem blassen Gesicht lag bureaukratische Strenge, listige Klugheit blitzte aus seinen kleinen, stechenden Augen.

Mit vornehm gleichgültiger Miene, die ein wenig Ungeduld über die Störung ausdrückte, fragte Herr Chwoschtschinski kurz: »Was wollen Sie – ich bin beschäftigt und habe keinen Augenblick Zeit.«

Der Student überreichte ihm einen Brief und sagte ebenso kurz mit trotzigem Selbstbewußtsein: »Ich bin im Hause der Herren Greger, Horwitz & Cohan angestellt und habe den Auftrag, mich bei Ihnen zu melden. Dieser Brief wird Ihnen das Nähere sagen.«

Herr Chwoschtschinski erbrach schnell den Brief, während der Intendanturbeamte den neuen Ankömmling mit scharfen, prüfenden Blicken musterte.

Herrn Chwoschtschinskis Miene nahm, nachdem er das Schreiben gelesen, einen freundlicheren Ausdruck an.

»In der Tat,« sagte er, »Sie sind in das Geschäft unserer Chefs aufgenommen und für die Bureaus, welche das Hauptquartier begleiten sollen, bestimmt. Ich soll Sie mit den Geschäften bekanntmachen und in den Dienst führen. Nehmen Sie Platz und frühstücken Sie mit uns; es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Er füllte das Glas mit dem duftende Lafitte und fügte dann hinzu:

»Ich habe die Ehre, dem Herrn Oberstleutnant Christjanew, Abteilungsvorstand der kaiserlichen Intendantur des Hauptquartiers, den Herrn Jewjeni Mossejew vorzustellen. Die Herren«, sagte er mit besonderer Betonung, »werden öfter miteinander zu tun haben, wenn ich nicht im Hauptquartier anwesend sein sollte; ich erlaube mir daher auf gutes Einverständnis anzustoßen.«

Der Oberstleutnant berührte artig, aber doch mit einer gewissen würdevollen, vornehmen Zurückhaltung das Glas des Studenten, und dieser zögerte nicht, der wiederholten Einladung folgend, sich mit energischem Appetit an dem vortrefflichen Frühstück zu beteiligen.

»Es handelt sich also«, sagte der Oberstleutnant Christjanew, »darum, die Verpflegung für die Kavallerie des ersten Armeekorps zu organisieren. Die Verpflegung war ja bis jetzt leicht, da sich die ganze Armee auf russischem Gebiet befand, und sie wird vielleicht auch später sich wiederum wesentlich erleichtern, wenn wir das feindliche Gebiet erreichen und das Recht haben, zu requirieren – die größte Mühe aber macht uns der Durchzug durch Rumänien, denn dort haben wir weder die eigenen Hilfsquellen im Lande, noch dürfen wir Ansprüche an die Bevölkerung machen, da wir auf Grund eines Vertrages durch das Land marschieren und jede Requisition sofort zu diplomatischen Weiterungen führen würde. Auch ist jetzt, wo wir noch keinen Zusammenstoß mit dem Feinde haben und das Gefüge der Armee vollständig intakt bleibt, jede Unregelmäßigkeit in der Verpflegung sehr bedenklich, da sie sogleich ernste Störungen veranlassen und zu strengen Untersuchungen führen müßte; Sie begreifen also die Wichtigkeit der Aufgabe, welche an Sie herantritt, alles muß glatt gehen, ganz glatt,« fügte er mit Betonung hinzu, »denn wir müßten jede Unordnung, die etwa in der Öffentlichkeit bekannt würde und zu den Ohren seiner Majestät käme, auf das Unnachsichtlichste rügen.«

»Seien Sie unbesorgt, ganz unbesorgt, Herr Oberstleutnant,« sagte Chwoschtschinski, indem er noch einmal die Gläser seiner Gäste füllte, »ich habe meinen Plan schon gemacht; wie Sie wissen, war ich mehrmals in Bukarest, um dort alle nötigen Erkundigungen einzuziehen und alle Vorbereitungen zu treffen. Ich habe in Kottroscheni, einem Ort, der nach allen Richtungen hin ungemein bequem liegt, eine Niederlage von Konserven für Pferdefutter errichtet, und von dort aus wird die Sendung des Nötigen pünktlich und richtig jedesmal an die Quartiere gelangen, sobald mir dieselben nur zwei Tage vorher bezeichnet werden.«

Der Oberstleutnant nickte zustimmend mit dem Kopfe.

»Und sind die Konserven, von denen Sie sprechen,« fragte er dann, »auch vollkommen nahrungskräftig, in vollkommen gutem Zustande?«

»Wie können der Herr Oberstleutnant zweifeln?« fragte Chwoschtschinski mit einem fast mitleidigen Lächeln. Schnell aufstehend, ging er nach dem Nebenzimmer und kam mit einer großen Blechbüchse zurück, welche er öffnete, um daraus eine Handvoll einer gelblich-grauen, mehligen Substanz hervorzuziehen.

»Hier,« sagte er, »der Herr Oberstleutnant mögen sich selbst überzeugen, in diesem Mehl sind alle Nahrungsstoffe enthalten, welche ein Pferd bedarf, es ist dies besser noch als der natürliche Hafer und empfiehlt sich schon deshalb, weil es leichter in regelmäßigen Portionen verteilt werden kann.«

Der Oberstleutnant ließ ebenfalls etwas von dem Futtermehl durch seine Hand gleiten.

»Nun,« sagte er, »das ist ja vortrefflich – aber wie steht es mit dem Preise?«

»Der Preis«, sagte Herr Chwoschtschinski, »ist allerdings etwas höher, allein dafür ist, wie ich schon versicherte, die Nahrungskraft auch um so intensiver. Der Herr Oberstleutnant wissen, daß nach dem Vertrage mit meinen Chefs uns der eigene Einkaufspreis vergütet und dazu ein Aufschlag von zehn Prozent für unsere Bemühungen gezahlt werden soll – hier«, sagte er, einen Brief aus der Tasche hervorziehend, »sehen Sie die Mitteilung der Chefs über ihren Einkaufspreis, es wird sich also danach die Berechnung sehr leicht feststellen lassen.«

»Die Berechnung wird sich sehr hoch stellen«, sagte der Oberstleutnant.

»Und kann es darauf ankommen,« erwiderte Herr Chwoschtschinski, »wenn nur die Verpflegung gut und ausreichend ist? Die Kassen der Regierung sind ja so vortrefflich gefüllt, und immer von neuem fließen die Goldströme aus den Sammlungen der patriotischen Komitees denselben zu; was bedeutet da ein größerer oder geringerer Preis, wenn nur der Zweck erfüllt wird und Menschen und Pferde die richtige Verpflegung finden.«

»Und doch«, sagte der Oberstleutnant zögernd, »wird sich der Preis recht hoch stellen – recht hoch.«

»Nun, es läßt sich immerhin vielleicht dennoch eine Ermäßigung ermöglichen,« sagte Herr Chwoschtschinski, »wenn auch das Geschäft, das unser Haus macht, dadurch immer schlechter wird; wenn wir nun ein Prozent abrechneten,« fügte er mit lauerndem Blick hinzu – »ich glaube das vielleicht bei meinen Chefs befürworten zu können?«

»Nun, es wäre immerhin etwas,« sagte der Oberstleutnant – »doch,« warf er dann in gleichgültigem Ton hin, »wenn wir das in die Hauptbücher aufnehmen, so wird es Weiterungen machen, da es ja doch eine Abweichung von dem Vertrage in sich schließt; vielleicht ist es besser, wenn wir das unter uns abmachen – ich werde immer Gelegenheit finden, den Überschuß an einer andern Stelle den Kassen zuzuführen, das kommt ja auf dasselbe heraus.«

»Vollkommen, vollkommen!« rief Herr Chwoschtschinski – »lassen wir es also dabei. Sie zahlen mir ein Prozent weniger, als die Berechnung macht, und die Bücher werden ordnungsmäßig geführt, ich stelle die Quittung über das Ganze aus, und es ist ja dann ganz Ihre Sache, wo Sie den Überschuß wieder als Einnahme der Kasse gutschreiben wollen.«

»Abgemacht,« sagte der Oberstleutnant – »treffen Sie Ihre Vorbereitungen und stellen Sie die Berechnung auf, ich werde dann für die Anweisung des Betrages Sorge tragen.«

»Eine Zigarre?« fragte Herr Chwoschtschinski, sich ganz vergnügt die Hände reibend – »ich habe hier eine Probe von den exquisiten Havannas, welche ich für das Hauptquartier Seiner Kaiserlichen Hoheit selbst liefere.«

Er nahm aus einem zierlichen Schrank eine geöffnete Zigarrenkiste und präsentierte dieselbe den beiden Herren. Ein ungemein feiner, aromatischer Duft erfüllte das Zimmer, als die großen, dunkelbraunen Zigarren angezündet waren.

»In der Tat, vortrefflich,« sagte der Oberstleutnant, »ich habe selten etwas so Gutes geraucht.«

Er wehte sich mit der Hand die blauen Wölkchen zu, um deren Duft noch einmal einzusaugen.

»Ich bin glücklich,« rief Herr Chwoschtschinski, »daß diese Zigarre den Beifall des Herrn Oberstleutnant findet; ich habe einen großen Vorrat und werde mir erlauben, Ihnen einige Kisten davon zuzusenden – es ist ja im Kriege so schwer, an gute Sachen zu kommen, und man muß seinen Freunden darin gefällig sein. Merken Sie sich die Sorte, Herr Mossejew,« fügte er, zu dem Studenten gewendet, hinzu, »damit Sie den Vorrat des Herrn Oberstleutnant ergänzen können, wenn derselbe zu Ende geht und ich nicht im Hauptquartier anwesend bin; Sie sind mir so gut empfohlen, daß ich Ihnen einen Teil meiner Geschäfte, besonders auch den Verkehr mit dem Herrn Oberstleutnant, mit dem Sie stets wegen der Abrechnung zu tun haben werden, übertragen möchte.«

»Ich werde stets zu Befehl des Herrn Oberstleutnant stehen«, sagte Jewjeni, in dessen Augen während des Gesprächs, das er mit anhörte, zuerst einiges Erstaunen, dann der Ausdruck listigen Verständnisses aufgeblitzt war.

»Und dieser Lafitte?« fragte Herr Chwoschtschinski – »auch er ist für die Tafel des Hauptquartiers bestimmt; wenn der Herr Oberstleutnant ihn gut gefunden haben, so möchte ich mir erlauben. Ihnen einen Korb davon zur Verfügung zu stellen.«

»Sie überhäufen mich mit Liebenswürdigkeiten,« sagte der Oberstleutnant Christjanew, »allein hier im Felde hat so gute Gabe doppelten Wert, und ich nehme sie dankbar an.«

Er drückte die Hand des Herrn Chwoschtschinski, und dieser begleitete ihn, nachdem er sich artig vor Jewjeni verbeugt hatte, bis zum äußeren Ausgang der Bureaus hinaus.

»Nun, mein Herr,« sagte er dann, als er zurückkehrte, »wir haben uns heute zum ersten Male gesehen, in Zeiten wie die gegenwärtigen, muß man schnell bekannt werden und keinen Rückhalt gegen seine Freunde haben, zu denen ich Sie nach der Empfehlung, die Sie mir mitgebracht, rechnen muß. Sie sollen, wie der Sekretär des Departements unseres Hauses schreibt, ganz besonders im Hauptquartier verwendet werden; ich meinerseits werde, wie Sie gehört haben, zunächst nach Krottoscheni gehen, um dort für die Pferde von Seiner Majestät erstem Armeekorps zu sorgen, und ich habe, wie ich Ihnen gestehen muß, überhaupt keine große Lust, mich lange im Hauptquartier aufzuhalten – man ist hier geniert, man muß sich Zwang auflegen, während man auf einer entfernten Station der Herr und Gebieter ist und sein Leben ganz nach seinen Neigungen einrichten kann. Auch die Geschäfte gehen dort besser, die Förmlichkeiten sind hier lästiger und es gibt zuviel neugierige Blicke; doch werden Sie auch hier immerhin Gelegenheit genug haben, Ihre Geschäfte neben denjenigen unseres Hauses zu machen. Ich lade Sie ein, mich morgen nach Krottoscheni zu begleiten und dort einen Tag mein Gast zu sein, damit Sie sehen, daß man auch in einem elenden, abgelegenen Flecken vortrefflich leben kann.

Was Ihre Stellung hier betrifft, so haben Sie sich vorzüglich an den Oberstleutnant, den Sie soeben da sahen, zu halten; er hat die Zahlungen für die Lieferungen dieses Bureaus, und wenn Sie mit ihm im Reinen sind, so hat kein anderer etwas darein zu reden – aber auch mit den Vorständen und Mitgliedern der übrigen Bureaus müssen Sie sich in gutem Einvernehmen halten, damit Sie stets nach denselben Grundsätzen wie jene verfahren, und alles wird in vortrefflicher, glatter Ordnung bleiben. Setzen Sie sich zu mir, ich werde Sie schnell in die Geschäfte einweihen, damit Sie vollkommen Bescheid wissen, wenn ich nicht mehr hier sein werde.«

Er nahm mit dem jungen Menschen vor seinem Schreibtisch Platz, schlug das große Buch auf und erklärte ihm eingehend die in demselben befindlichen Zahlen und Notizen. Jewjeni schien von dieser Einweihung in die Geschäfte des Lieferungswesens in hohem Grade erbaut zu sein, immer lächelnder wurde seine Miene, immer vergnügter rieb er sich die Hände, und als der kurze und erschöpfende Unterricht beendet war, drückte er dem Herrn Chwoschtschinski kräftig die Hand, und beide sahen sich einen Augenblick mit jenem eigentümlichen Lächeln an, welches nach dem Sprichwort der Alten zwei sich begegnende Auguren miteinander wechselten.

»Apropos,« sagte Herr Chwoschtschinski, »haben Sie Geld?«

»Ich habe mein Reisegeld empfangen«, erwiderte Jewjeni, »und glaube noch hundert Rubel davon übrig zu haben.«

»Bah,« rief Chwoschtschinski lachend, »was heißt das, was wollen Sie hier mit hundert Rubeln machen – da, nehmen Sie,« fuhr er fort, indem er sein Portefeuille öffnete und drei Scheine über tausend Rubel auf den Tisch warf, »nehmen Sie, es wird ausreichen, bis Sie Ihre Geschäfte begonnen haben. Seien Sie ganz unbesorgt,« fügte er hinzu, als Jewjeni, der noch niemals eine solche Summe beisammen gesehen hatte, ganz erstaunt zögerte – »seien Sie unbesorgt, mich geniert das nicht; das Leben ist hier teuer und Sie dürfen nicht eingeschränkt auftreten, man taxiert Sie«, sagte er mit listigem Augenblinzeln, »nach Ihren Bedürfnissen und Ihrer Lebensweise, und wenn Sie wenig ausgeben, werden Sie wenig verdienen.

Jetzt aber kommen Sie, es ist Zeit, daß wir an unser Diner denken, man ißt hier nicht so spät wie in Petersburg, da das ganze Leben sich nach militärischer Ordnung regelt.«

Er stellte den jungen Menschen, der auf eine so wundersame und plötzliche Weise aus den Hörsälen der theologischen Fakultät in diese ihm völlig neue, fremde Welt versetzt war, den Schreibern in dem vorderen Bureauzimmer vor, und diese begrüßten demütig den vorher so hochmütig Empfangenen, als sie hörten, daß derselbe bestimmt sei, demnächst an die Stelle des Herrn Chwoschtschinski zu treten.

Darauf begaben sich beide nach dem ersten Restaurant der Stadt Kischinew, welches seine Einrichtung bereits vollständig nach Petersburger Muster getroffen hatte. Herr Chwoschtschinski bestellte ein Diner, dessen Bestandteile dem Bauernsohn von Wolotschina und dem kleinen Studenten in seinem bisherigen eingeschränkten Leben völlig unbekannt geblieben waren. Bald schäumte der Champagner in den Gläsern, einige Offiziere der um Kischinew liegenden Regimenter, welche Herrn Chwoschtschinski bekannt waren, folgten dessen Einladung, sich zu ihm zu setzen, und bald war er der Mittelpunkt einer fröhlichen Gesellschaft, in welcher er am lautesten von allen seine Überzeugung von dem zweifellosen Siege der russischen Armee in begeisterten Trinksprüchen zum Ausdruck brachte.

11. Kapitel

Der Kaiser Alexander hatte inzwischen nach kurzem Aufenthalt im Schlosse dasselbe wieder verlassen. Diesmal war er von der Menge erkannt worden, auch saß er in der offenen Kalesche mit zurückgeworfenem Mantel, den Helm mit dem wehenden Federbusch auf dem Kopfe, das große blaue Band des St.-Andreas-Ordens über der Brust, und es war bekannt geworden, daß der Großfürst-Thronfolger mit seinem kaiserlichen Vater gekommen sei, um die Armee zu begrüßen; bei der Anfahrt hatte man den Prinzen in dem grauen Mantel und der Mütze nicht von den übrigen Generalen unterschieden, jetzt saß er ebenfalls in der großen Uniform neben seinem Vater, und auch an ihn, die Hoffnung der Zukunft, richteten sich die jubelnden Zurufe, welche von allen Seiten dem von einem kleinen Kosakenpikett umgebenen kaiserlichen Wagen entgegenklangen.

Der Großfürst Nikolaus hatte sich nach der Begrüßung des Kaisers bereits vor ihm zu den Truppen hinausbegeben, welche alle von ihren Quartier- und Lagerplätzen aufmarschiert waren. In dem Gefolge des Kaisers befanden sich der Kriegsminister Miljutin und der Minister der Wegebauten und des öffentlichen Verkehrs, Vizeadmiral Posged, sowie zahlreiche Generale und Flügeladjutanten und Ordonnanzoffiziere, unter den letzteren der Graf Swiatowski und Blagonow.

Als der Kaiser langsam durch die Straßen der Stadt gefahren und bei der Truppenaufstellung angekommen war, stiegen die jüngeren Offiziere des Gefolges zu Pferde, und von dieser glänzenden Suite umgeben, fuhr der Kaiser mit dem Thronfolger an den zur Revue aufgestellten Truppen hin, überall von weitschallenden Hurrarufen, denen man die wirkliche kriegsfreudige Begeisterung anhören konnte, empfangen. Die edlen Züge Alexanders, welche durch Kränklichkeit und die Sorgen der Regierung, deren Pflichten er so ernst auffaßte, den einst so bezaubernden Reiz ihrer Jugendschönheit verloren hatten, wurden bei dem Anblick dieser prachtvollen Truppen, welche sich in unübersehbaren Linien neben seinem Wege ausdehnten, immer ernster und trauriger. Wohl war die militärische Macht, welche sich vor seinen Blicken entfaltete, geeignet, ein menschliches Herz im höchsten Stolz aufwallen zu lassen, denn alle diese zahllosen Regimenter in ihrem glänzenden Waffenschmuck gehorchtem einem Wink seines Auges und waren bereit, auf ein Wort von ihm todesmutig einer Welt von Feinden entgegenzustürmen – alle diese Musikkorps, welche ihn mit schmetternden Fanfaren begrüßten, würden auf seinen Befehl den Angriffsmarsch erklingen lassen, alle diese im Sonnenlicht glänzenden Kanonen würden Tod und Verderben in die Reihen der Feinde seines Reiches schleudern – im Bewußtsein solcher Macht konnte wohl ein fürstliches Herz sich einen Augenblick in Götterhöhe über die Vergänglichkeit des irdischen Staubes erhoben wähnen, alle irdische Schwäche vergessen und die Grenzen der Allmacht zu berühren glauben. Und dennoch wurde der Kaiser immer ernster, ein wehmütig schmerzlicher Zug umgab seinen Mund, und seine großen Augen, deren starrer, durchdringender Blick einen fast erschreckenden Eindruck machte, schienen sich zuweilen in feuchtem Schimmer zu verschleiern, denn das für den Beherrscher eines großen Weltreiches fast zu weiche Herz des Kaisers empfand mehr noch als das stolze Bewußtsein der Macht das schmerzliche Gefühl, daß alle diese Krieger, welche in der Blüte der Jugendkraft voll begeisterter Vaterlandsliebe ihm zujauchzten, dem blutigen Kampf mit einem grausamen, erbitterten und unversöhnlichen Feinde entgegengeführt werden sollten, und daß in kurzer Zeit Tausende von ihnen vom freundlichen Licht geschieden seien, und andere Tausende in Jammer und Schmerz vielleicht den Tod als Erlösung von ihren Leiden herbeiwünschen würden.

Aber der Kaiser war vielleicht der einzige, der daran dachte; die Augen seines Sohnes und Erben, des Großfürsten Alexander, blitzten in stolzem Mut und freudiger Kampflust, und alle die am Wege aufgestellten Truppen schienen mit Ungeduld den Augenblick zu erwarten, in welchem sie die Waffen, die sie jetzt vor ihrem kaiserlichen Kriegsherrn präsentierten, gegen den Feind schwingen dürften.

In scharfem Trabe fuhr der Kaiser, mit der Hand grüßend, die Fronten herunter; bei den Kommandeuren der einzelnen Abteilungen hielt er an, jedem einige freundliche, lobende und anerkennende Worte sagend, welche sich dann durch die Reihen hin von einem zum andern fortpflanzten und einen neuen, dem kaiserlichen Wagen nachschauenden Jubelruf zur Folge hatten. Der Großfürst Nikolaus hatte bei dem Kommando des ersten Armeekorps sich dem kaiserlichen Zuge angeschlossen. Derselbe fuhr immer weiter, an allen Armeekorps vorbei, bis nach dem Dorfe Ungeni an der rumänischen Grenze hin, wo der Kaiser um fünf Uhr nachmittags ankam. Hier zum ersten Male hielt der Kaiser Rast, und die Herren seines Gefolges hatten Zeit, sich von dem anstrengenden Ritt zu erholen.

Als der Kaiser ausstieg, um unter einem für ihn bereitgestellten Zelt einige Erfrischungen einzunehmen, trat ihm der Metropolit der moldauischen Geistlichkeit und eine Deputation von Bürgern aus Jassy entgegen und bat um die Erlaubnis, den erhabenen Herrscher, welcher gekommen sei, die Christen des Orients von der Türkenherrschaft zu befreien, im Namen des rumänischen Volkes begrüßen zu dürfen. Der Kaiser schien freundlich überrascht, er verneigte sich ehrfurchtsvoll vor dem greisen Metropoliten, welcher in seinem Feiergewand, das Kreuz in der Hand, vor ihm stand, und mit lauter, weithin vernehmbarer Stimme sprach er unter tiefer Stille:

»Es ist ein ernstes großes Werk, das ich zu unternehmen im Begriff stehe, und nur das heilige, erhabene Ziel, dem ich nachstrebe, wie es mein in Gott ruhender Vater und alle Vorfahren meines Hauses vor mir getan, hat mich bestimmen können, die Verantwortung für all das Blut auf mich zu nehmen, das in dem bevorstehenden Kampf vergossen werden wird. Ich empfehle«, fuhr er fort, das Haupt vor dem Kreuze des Metropoliten neigend, »mich und die Armee der Fürbitte der rechtgläubigen Priesterschaft, und«, sagte er dann, sich zu den Bürgern von Jassy wendend, »ich hoffe, daß meine Truppen bei der rumänischen Nation freundschaftliche Gesinnungen finden werden, denn die Sache aller Christen des Orients ist auch die Sache Rumäniens. Meine Vorfahren haben für Rumäniens Freiheit gestritten, und Rumäniens Herrscher gehören einem Hause an, das mir nahe verwandt und innig befreundet ist. Seien Sie gewiß, meine Herren, daß meine Truppen als Freunde zu Ihnen kommen, und nehmen Sie dieselben als solche auf.«

Diesmal waren es die Bürger von Jassy, welche zuerst den Hochruf auf den Kaiser anstimmten, und weithin durch die Reihen der Truppen setzte sich derselbe fort.

Kurz nur war der Aufenthalt des Kaisers in Ungeni, bald bestieg er wieder den Wagen, und noch einmal fuhr er an allen Lagerplätzen vorbei, wo jetzt die Biwakfeuer brannten und lautes, fröhliches Leben herrschte.

Am späten Abend erst kehrte der Kaiser nach Kischinew zurück. Die ganze Stadt war festlich erleuchtet, an den Fenstern aller Häuser brannten Lichter, Gaskronen flammten vor den öffentlichen Gebäuden, den Läden und Restaurants, welche sich vom Nachmittag an mit Offizieren der Truppen gefüllt hatten, die der Stadt zunächst lagen und die der Kaiser zuerst inspiziert hatte. Die Straßen waren tageshell, dichte Menschenmengen wogten auf denselben auf und nieder, und langsam fuhr der kaiserliche Wagen, von der glänzenden Suite auf den schnaubenden und schäumenden Pferden gefolgt, nach dem Schlosse hin, überall begrüßt von der begeisterten Bevölkerung.

Chwoschtschinski war noch in dem Restaurant, in welches er Jewjeni Mossejew, seinen neuen Kollegen geführt hatte. Immer von neuem hatte er die Offiziere der Feldtruppen mit den vortrefflichsten Weinen des Etablissements bewirtet und Jewjeni einer großen Anzahl von Herren vorgestellt, welche den kleinen Studenten der Theologie in Petersburg kaum eines Blickes gewürdigt haben würden, jetzt aber mit der artigsten Zuvorkommenheit die Vorstellung entgegennahmen, denn die Bekanntschaft mit einem Beamten der Armeelieferanten konnte ja im Kriege und während der Entbehrungen des Lagerlebens oft angenehm und vorteilhaft sein. Der junge Mensch hatte in den wenigen Stunden seiner neuen Existenz durch das allseitige Entgegenkommen, das man ihm bewies, und durch die glänzenden Aussichten, die sich ihm eröffneten, eine ganz neue, selbstbewußte Sicherheit angenommen und benahm sich in dem ungewohnten Kreise so ungezwungen, als ob er immer in demselben gelebt hätte.

Er war mit den übrigen vor die Tür des Restaurants getreten, als die Rufe des Volkes das Herannahen des Kaisers verkündeten. Herr Chwoschtschinki schwenkte am lebhaftesten von allen seinen Hut und rief am lautesten Hurra, als Seine Majestät vorüberfuhr. Jewjeni stand am Rande des Trottoirs, von einem Bogen von Gasflammen hell bestrahlt. Das Gefolge des Kaisers füllte, dicht gedrängt in langsamem Schritt vorwärtsreitend, die Mitte der Straße aus – da plötzlich blitzten die Augen des Studenten höher auf, er trat noch einen Schritt vor, ein unwillkürlicher Ausruf der Verwunderung klang von seinen Lippen – unmittelbar vor sich sah er Blagonow, dem er vor kurzem erst in Wolotschina begegnet war, auf schaumbedecktem Pferde, und abermals tauchte die Erinnerung an jene Nacht, in der er sich diesem glänzenden Offizier in der Suite des Kaisers als einen Bruder des geheimen Bundes zu erkennen gegeben, lebhaft und deutlich in ihm auf.

Blagonow hörte den Ruf, er blickte auf, und als er den jungen Menschen so unmittelbar vor sich sah, der bei dem Fest in Wolotschina das verhängnisvolle Losungswort in sein Ohr gerufen hatte, zuckte er erbleichend zusammen, parierte sein Pferd und starrte den Studenten wie eine gespenstische Erscheinung an – in demselben Augenblick aber hatte der voranfahrende Wagen des Kaisers den freien Platz erreicht, der ganze Zug setzte sich schneller in Bewegung, Blagonow spornte sein Pferd zu einem mächtigen Satze an, in wenigen Augenblicken war er in der Wolke von goldglänzenden Uniformen, welche dem Kaiser folgte, verschwunden.

Jewjeni sah ihm kopfschüttelnd nach, seine Lippen verzogen sich zu einem finsteren Lächeln, und leise sprach er vor sich hin:

»Er kennt das Losungswort, er gehört zum Bunde wie ich – er reitet im Gefolge des Kaisers und ich stehe hier neben der Goldquelle, um mit vollen Händen aus derselben zu schöpfen – was bereitet sich hier vor, hat der Bund die Macht, ihn dorthin zu bringen, wie mich hierher – was bedeuten dann alle diese Armeen, die auf das Wort des Kaisers marschieren – und was bin ich, wozu soll ich das Werkzeug sein ohne Willen, ohne Freiheit, ohne Wissen?«

Ein Schauer schüttelte seinen Körper – da fühlte er eine Hand auf seiner Schulter.

»Kommen Sie, kommen Sie,« sagte Herr Chwoschtschinski, »lassen Sie uns noch ein Glas trinken und. dann zu Bett gehen, denn wir haben morgen viel zu tun. Heute sind Sie mein Gast in meiner Wohnung, morgen werde ich Ihnen dieselbe überlassen, wenn ich mein Hauptquartier in Krottoscheni aufschlage.«

Still, mit düsterer Miene folgte Jewjeni seinem Kollegen, und dessen heitere Laune war nicht imstande, die Wolken von seiner Stirn Zu verscheuchen.

Der Kaiser hatte sich mit seinem Sohn, dem Thronfolger, und mit seinem Bruder, dem Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch, in sein Wohnzimmer im Gouvernementsgebäude zurückgezogen; für die Herren seines Gefolges war in dem großen Saal eine Marschallstafel serviert, und der Kaiser selbst hatte sie alle entlassen, da er vor der Fahrt angegriffen war und ungestört bleiben wollte. Ein silberner Samowar mit der duftenden Teekanne stand nebst einigen leichten kalten Speisen auf einem kleinen Tisch in seinem Zimmer. Der Kaiser hatte die große Uniform mit dem leichten, bequemen Überrock vertauscht, ein Glas Tee getrunken und saß, während die beiden Großfürsten einige Erfrischungen zu sich nahmen, in einem weiten Lehnstuhl vor dem Kamin, indem er gedankenvoll in das leichte, knisternde Holzfeuer blickte.

»So ist denn alles soweit vorbereitet,« sagte er, »daß es nur noch von dem Hauch eines Wortes abhängt, den gewaltigen Kampf entbrennen zu lassen, der nicht nur unser Rußland, sondern auch ganz Europa in seinen Grundfesten erschüttern wird. Es ist eine furchtbare, schwere Verantwortung, die auf mir ruht, und noch einmal möchte ich alles erwägen, ehe ich jenes Wort spreche, das, der leichten Schneeflocke gleich zur furchtbaren Lawine anwachsend, in die Zukunft hinrollen wird.«

Die beiden Großfürsten traten zu dem Kaiser heran.

»Das Herz hat mir geblutet«, fuhr Alexander fort, »bei dem Anblick all dieser braven Soldaten, von denen so viele dem Tode geweiht sind und an deren Leben die Wünsche und Gebete so vieler liebevoll schlagenden Herzen im Vaterlande hängen. Schwer wird die Arbeit sein, wenn wir siegen – die Arbeit des Kampfes und die vielleicht noch größere Arbeit, den Sieg richtig zu benutzen und das Gewonnene zu verteidigen gegen den Neid der ganzen Welt; denn wenn wir siegen, werden wir den Grund gelegt haben zu einer Macht, der in einem halben Jahrhundert das ganze übrige Europa nicht mehr wird die Wage halten können. – Aber«, fuhr er dann, die Hände in dem Schoß faltend und starr in das Feuer blickend fort – »wenn wir nicht siegen!«

»Wir werden siegen, Sascha,« rief der Großfürst Nikolaus – »dieses wurmstichige, faule Gebäude der Türkei wird beim ersten Anprall unserer Armeen zusammenbrechen.«

Der Kaiser sah seinen Bruder einen Augenblick groß an, dann sagte er ernst und feierlich:

»Der Sieg steht in Gottes Hand und kein menschlicher Wunsch und Wille kann ihn gebieten. Unser Vater, der gewaltiger war als ich, dessen Kraft und Wille von eisernem Gefüge war, ist dennoch besiegt worden; seine Niederlage hat ihm das Herz gebrochen und Rußland schwer darniedergebeugt.«

»Gegen ihn«, sagte der Thronfolger, »stand die ganze Macht von England und Frankreich, jetzt haben wir es nur mit der Türkei zu tun.«

»Sind wir dessen gewiß?« fragte der Kaiser. »Vielleicht wäre es besser, wenn wie damals offene Feinde uns gegenüberträten, damit wir darnach die Anspannung unserer Kraft bemessen könnten; schlimmer wäre es, wenn das tückische England später, da wir mitten im gefahrvollen Kampfe stehen, über uns herfiele.«

»Daran ist nicht zu denken,« rief der Großfürst Nikolaus, »die englischen Flotten können uns nicht erreichen, und die englischen Landtruppen werden sich hüten, sich uns entgegenzustellen – haben wir sie nicht immer geschlagen, hätten wir sie nicht vernichtet, wenn die Franzosen sie nicht gerettet hätten?«

»Frankreichs aber sind wir sicher«, sagte der Thronfolger; »Frankreichs alte Stellung ist gebrochen, mit uns könnte es noch etwas bedeuten in Europa – gegen uns würde es vollends dem Untergange verfallen.«

»Gleichviel,« sagte der Kaiser, »England beunruhigt mich, ich traue Disraeli nicht – ja, wenn Gladstone am Ruder wäre, doch daran ist nicht zu denken.«

»Disraeli,« sagte der Großfürst Nikolaus achselzuckend – »er ist ein Jude – der Jude schlägt nicht, er handelt. Und wir haben ja Preise zu bieten – um so höhere Preise, wenn wir die Herren des Orients sind.«

»Und dennoch,« sagte der Kaiser, »dennoch könnte er sich zu kriegerischer Aktion aufraffen – Gortschakoff kennt ihn, auch er traut ihm nicht.«

»Und wenn es dazu käme,« fügte er dumpfen Tones hinzu, »es ist nicht bloß die Besorgnis vor der englischen Macht – welch ein Schmerz ist es, zu denken, daß meine Tochter Maria, deine einzige Schwester, mein Sohn, gezwungen wäre, feindlich gegen ihr Vaterland, gegen mich und ihre Familie zu stehen, wie sie es tun müßte in der Erfüllung der Pflicht gegen ihren Gemahl.«

»Das wäre schmerzlich, sehr schmerzlich,« sagte der Thronfolger mit einem leichten Anklang von Unmut und Ungeduld – »aber kann von solchen persönlichen Empfindungen die Politik Rußlands abhängen?«

Der Kaiser blickte eine Zeitlang stumm in das Feuer, dann warf er den Kopf auf und fragte:

»Sind Depeschen angekommen? Ich habe Gortschakoff befohlen, mir sogleich seinen Bericht zu senden, sobald er Nachricht von London hätte.«

Der Thronfolger trat an den Schreibtisch, welcher, wie es der Kaiser gewohnt war, in einiger Entfernung vom Fenster aufgestellt war. Auf demselben lagen mehrere, an Seine Majestät adressierte Depeschen; der Großfürst reichte dieselben seinem Vater.

Der Kaiser öffnete hastig ein großes Kuvert, das mit dem Siegel des auswärtigen Ministeriums verschlossen war, er entfaltete die Depesche und las:

»Schuwalow meldet aus London, er glaube nach seinen vielfachen und eingehenden Unterredungen mit dem Grafen Derby folgendes als bestimmt versichern zu können. England wird, sobald die Kriegserklärung erfolgt, sein Bedauern und seine Mißbilligung bestimmt aussprechen –«

»Was uns ziemlich gleichgültig sein kann«, murrte der Thronfolger für sich.

»Aber«, las der Kaiser weiter, »England wird dessenungeachtet sich vollkommen neutral halten, sobald keine englischen Interessen berührt werden. Auf Befragen, an welchen Punkten und durch welche Maßregel nach der Ansicht der britischen Regierung eine solche Berührung englischer Interessen stattfinden könne, erwiderte Lord Derby: ein Versuch, den Suezkanal zu blockieren oder der Schiffahrt auf demselben irgendein Hindernis zu bereiten, würde von England als eine Bedrohung seiner indischen Besitzungen und als eine schwere Beschädigung des Welthandels betrachtet werden, auch werde England niemals zugeben, daß Konstantinopel in andere Hände übergehe als die des gegenwärtigen Besitzers.«

»Ich habe ihnen mein Wort gegeben, daß ich nicht erobern will!« rief der Kaiser unmutig.

Dann las er weiter: »England müsse ferner gegen einseitige Änderungen der gegenwärtigen Bestimmungen über die Schiffahrt in den Dardanellen Einwendungen machen, und ebenso seine Interessen am Persischen Meerbusen gegen jeden Angriff sicherstellen. Schuwalow versichert,« schloß die Depesche, »daß diese Auffassung ihm durch Lord Beaconsfield bestätigt sei, und spricht die Überzeugung aus, daß auf der bezeichneten Grundlage eine Sicherstellung der englischen Neutralität zu erreichen sei, wenn auch vielleicht nicht in Form eines Vertrages, so doch durch einen gegenseitigen Depeschenwechsel. Gortschakoff fügt hinzu,« sagte der Kaiser, das Blatt zusammenfaltend, »daß er kein Bedenken trage, die bestimmtesten Erklärungen über die von dem englischen Minister bezeichneten Punkte zu geben.«

»Gewiß nicht,« sagte der Großfürst Nikolaus, »nur dürfen wir uns keine Einschränkungen machen lassen in betreff der militärischen Eroberung und Besetzung von Konstantinopel. Wir sind das der Armee schuldig, und die Soldaten werden niemals an einen gründlichen Sieg über die Türkei glauben, wenn wir nicht den Fuß auf Konstantinopel gesetzt haben.«

»Ich habe nur mein Wort gegeben, Konstantinopel nicht zu erobern«, sagte der Kaiser; »was während der Wechselfälle des Krieges geschieht, hat nur militärische und keine politische Bedeutung.«

»Am besten wäre es,« sagte der Großfürst-Thronfolger, »wenn wir uns auf gar keine Erklärungen einließen, wenn wir ruhig unsern Weg gingen, unbekümmert darum, ob das der einen oder der andern Macht gefällt oder nicht, und wenn wir es ruhig jedem überließen, ob er es wagen will, sich uns auf unserem Weg entgegenzustellen. So hat man es in Deutschland im Jahre 1870 gemacht, und niemand hat den Weg der deutschen Nation gekreuzt; was Deutschland kann, sollte Rußland auch können – wenn ein großes Volk seine nationale Aufgabe erfüllen will, so darf es sich von keiner fremden Macht Vorschriften machen lassen.«

Der Kaiser sah seinen Sohn lange an. Einen Augenblick blitzte es in seinen Augen auf wie stolzer, kühner Mut, als ob die Worte des Thronfolgers in seinem Herzen einen mächtigen Widerhall erregten – dann aber trübte sich sein Blick wieder, er schüttelte den Kopf und sagte:

»Du magst recht haben – vielleicht auch nicht, ein einzelner Mensch darf sich einer großen, edlen Sache opfern und für dieselbe, wenn es sein muß, untergehen – was ich für mich tun könnte, darf ich nicht mit meinem Volk tun; für mein Volk muß ich vorsichtig, ängstlich, wenn du willst, die Wahrscheinlichkeit des Erfolges und des Sieges abwägen – und dann, alles, was irgend mit Rußlands Ehre und Rußlands Interessen zu vereinigen ist, will ich aufbieten, um den Frieden mit England zu erhalten; – wie schwer würde nicht die arme Maria leiden, wenn sie als Gemahlin eines englischen Prinzen den Himmel um Sieg für die englischen Waffen anrufen müßte, um den Sieg über ihren Vater und ihr Vaterland – ihr Herz würde brechen in solchen Konflikten; nein, nein, das darf nicht sein.«

Er sann einen Augenblick nach, dann sagte er, seinem Sohn die Depesche reichend, die er soeben gelesen:

»So ist es recht, so wird es gehen – diese Depesche beruhigt mich, weil sie mir die Hoffnung gibt, die peinlichste und schwerste Prüfung für mein Herz zu vermeiden. Laß morgen in aller Frühe den Befehl an Gortschakoff abgehen, daß er Schuwalow nach Petersburg beruft, er soll alles aufbieten, um die hier bezeichneten Bedingungen der englischen Neutralität in einer schriftlichen Erklärung der Regierung mitzubringen, damit wir unsererseits darauf antworten und nach jener Seite hin alles ordnen können.«

Der Thronfolger nahm die Depesche und verneigte sich zum Zeichen des Gehorsams, ohne daß seine Miene eine rückhaltlose Zustimmung zu der Auffassung seines Vaters ausdrückte.

»Das war«, sagte der Kaiser, »die eine Sorge, die mich noch bewegte; die zweite bezieht sich auf die militärischen Vorbereitungen, auf den Krieg selbst. Wohl mag die Türkei ein morsches, von innerer Fäulnis untergrabenes Gebäude sein, aber der Zusammenbruch dieses einst so gewaltigen Baues kann auch uns unter seinen Trümmern zerschmettern, und wir dürfen nicht vergessen, daß das einzige, was in der Türkei vielleicht noch gesund geblieben, die militärische Kraft ist, welche in der Volksrasse lebt, und der mohammedanische Fanatismus, der jene kriegerische Kraft bis zum äußersten anspannen wird. Auch Frankreich brach innerlich zusammen in dem Kriege von 1870, und dennoch bedurfte es der ganzen, so scharf konzentrierten Ordnung in der deutschen Heerführung, um mit den zerbröckelnden Trümmern der französischen Militärmacht fertig zu werden. – Ich habe viel darüber nachgedacht,« sagte er nach einem kurzen Schweigen – »sollten wir nicht Tottleben an die Spitze des Generalstabes stellen? Er hat sich in Sebastopol bewährt, er scheint mir von allen unseren Generalen am meisten fähig zu sein, dem großen preußischen Moltke ähnlich zu werden.«

»Nein, nein, Sascha,« rief der Großfürst Nikolaus heftig, »Tottleben mag ein guter Ingenieur sein, aber er ist kein Stratege im großen Maßstabe, er ist pedantisch und eigensinnig, er ist ein Deutscher, und ich brauche keinen deutschen Djandka.«

Der Kaiser lächelte über den heftigen Widerspruch seines Bruders und sagte sanft:

»Nun, nun, Nikascha, hier unter uns können wir es wohl gestehen, daß wir alle nicht so tief in die Details der Strategie eingedrungen sind, um eines Beirats entbehren zu können, der alle technischen Fragen durchdringt und die Wege zur Ausführung unserer Pläne findet, darum würde er noch immer kein Djandka, kein militärischer Erzieher sein.«

»Tottleben würde sich einbilden, es zu sein,« sagte der Großfürst Nikolaus, »und das würde mich lähmen, mich einengen, ich würde gereizt sein, er würde sich verletzt fühlen, darunter würde die Sache leiden. Außerdem ist Nepokoitschinski von erprobter Tüchtigkeit, und da du von Moltke sprachst, so möchte ich bemerken, daß er mit dem großen deutschen Strategen die meiste Ähnlichkeit hat; auch er wägt lange, ehe er handelt, er schweigt wie jener, und niemand hat jemals ein überflüssiges Wort von seinen Lippen gehört.«

»Ich achte Tottleben hoch, mein Vater«, sagte der Großfürst-Thronfolger, indem er die Hand des Kaisers ergriff, »und ich bin kaum imstande, zwischen ihm und Nepokoitschinski zu entscheiden – aber eins spricht gegen ihn, er ist ein Deutscher seiner Abstammung nach, und der Krieg, vor dessen Beginn wir stehen, ist ein russischer, ein slawischer Nationalkampf, der deutsche Name Tottlebens allein würde ein schweres Hindernis sein, das ihm für das Vertrauen der Armee entgegenstünde, und das Vertrauen der Soldaten in die Führung ist die erste Bedingung des Sieges.«

»Nun,« sagte der Kaiser, »Moltke ist dänischer Abstammung und hat dennoch die Deutschen in ihrem Nationalkampfe zum Siege geführt – Podbielski war ein Pole – Verdy du Vernois ein Franzose, und doch hat wohl selten eine Armee festeres und unbeschränkteres Vertrauen zu ihrer Führung gehabt, als die deutsche.

Doch lassen wir die Sache fallen, es war nur ein Gedanke von mir – du sollst die Armee führen, und die Hauptsache ist, daß du selbst Vertrauen zu deinem Generalstabschef hast. – Ich will seine Meinung hören,« sagte er, wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen – »laß ihn rufen.«

Der Großfürst schien mit diesem Entschluß seines kaiserlichen Bruders ungemein zufrieden zu sein; er eilte nach dem Vorzimmer hinaus, um einem der diensttuenden Adjutanten den Befehl des Kaisers zu überbringen, und nach wenigen Minuten, während welcher der Kaiser ein zweites Glas Tee trank und sich leicht fröstelnd an der flackernden Kaminflamme wärmte, trat der Generaladjutant Arthur Abrahamowitsch Nepokoitschinski, der Generalstabschef der Operationsarmee an der Donau, in das Kabinett.

Der General war damals vierundsechzig Jahre alt, seine mittelgroße Gestalt untersetzt und kräftig gedrungen, seine Haltung fest, ruhig und sicher, sein Kopf saß auf einem kurzen, gedrungenen Halse, sein rückwärts gekämmtes, kurzes Haar ließ die hohe, kräftig gewölbte Stirn frei, sein Bart war militärisch kurz geschnitten, sein starkes Kinn und seine kräftig vorspringende Nase deuteten auf Willenskraft und fester Energie. Auf seinem ganzen, etwas bleichen Gesicht lag eine eherne, unerschütterliche Ruhe, der gerade, feste Blick seiner hellen Augen zeigte klare und überlegene geistige Sicherheit – es war ein Gesicht, das unwillkürlich Vertrauen einflößte, weil man den Eindruck empfing, daß der General stets vollkommen mit sich selbst klar und einig sei, daß er ebenso sein Ziel bestimmt gesteckt, als die Mittel, dasselbe zu erreichen, sorgfältig abgewogen habe, und daß er bereit und entschlossen sei, alle in seiner Hand verfügbaren Mittel rücksichtslos zu gebrauchen.

Der Kaiser grüßte den in militärisch dienstlicher Haltung vor ihn hintretenden Generaladjutanten mit freundlichem Kopfnicken und fügte:

»Ich habe Sie rufen lassen, Arthur Abrahamowitsch, weil ich mir im Augenblick des letzten entscheidenden Entschlusses hier im Hauptquartier der Armee selbst noch einmal den Gang und die Chancen des Krieges klar machen möchte; teilen Sie mir Ihre Gedanken in großen Zügen mit.«

Keine Muskel bewegte sich in dem Gesicht des Generals. Er blickte im Zimmer umher, rollte dann einen seitwärts neben einem Diwan stehenden Tisch vor den Kaiser heran, stellte zwei Armleuchter auf denselben und breitete dann dazwischen eine große Karte aus, die er zusammengefaltet in einem Etui bei sich trug. Der Kaiser rückte seinen Stuhl ganz nahe neben den Tisch und blickte aufmerksam auf die ausgebreitete Karte, welche die ganze Balkanhalbinsel, das südliche Rußland und den westlichen Teil von Kleinasien umfaßte. Der General trat an die Seite des Kaisers, die beiden Großfürsten hinter denselben.

»Der Feldzug,« begann der General Nepokoitschinski, »welcher die Aufgabe der hier vereinigten Armeen bildet, zerfällt, wenn ich mir denselben strategisch klar mache, in drei verschiedene Teile. Der erste dieser Teile des Feldzugs geht bis an den Balkan, den zweiten bildet der Übergang über den Balkan, und den dritten die Operationen südlich vom Balkan bis Konstantinopel.

Da alle Operationen auf weit ausgedehnten Gebieten und zum Teil gegen irreguläre Truppen stattfinden müssen, so bedürfen wir, um des Erfolges überall sicher zu sein, große Truppenmassen, wir können deren kaum genug haben; Seine Kaiserliche Hoheit hat auf meine Bitte bei Eurer Majestät die Mobilisierung von noch drei Armeekorps beantragt, Eure Majestät haben diesen Antrag genehmigt, aber dennoch wird es vielleicht nötig werden, die verfügbaren Truppenmassen noch zu verstärken, denn wir werden nicht nur ausgedehnte Gebiete zu gewinnen, sondern sie demnächst auch festzuhalten, zu besetzen und zu organisieren haben. Die Deutschen würden in Frankreich niemals so sicher zerschmetternde, dauernde Erfolge gehabt haben, wenn der General Moltke nicht in der Lage gewesen wäre, über solche Truppenmassen zu verfügen, daß er überall, wo es nötig war, zu schlagen, auch wirklich schlagen konnte, und daß er das Gewonnene festzuhalten vermochte, ohne die weiteren Vorstöße abschwächen oder verzögern zu müssen.«

»Sie haben recht, vollkommen recht«, sagte der Kaiser lebhaft, während der Großfürst Nikolaus seinem Generalstabschef freundlich zunickte. »Wir dürfen vor keinen Anstrengungen zurückschrecken, und was nötig ist, muß geschehen, denn wenn der Krieg einmal begonnen ist, muß der Sieg auch gewonnen werden.«

»Ich komme also«, fuhr der General fort, »auf den Feldzug selbst. Der erste Teil desselben wird mehr Zeit in Anspruch nehmen, als es vielleicht auf den ersten Anblick nötig erscheinen möchte, denn es wird darauf ankommen, die Armee vorsichtig und in wohlgegliederter Ordnung auf dem verhältnismäßig schmalen Wege, der uns offen steht, bis nach dem Balkan hinzuführen, dort den neuen strategischen Aufmarsch vorzunehmen und diejenigen feindlichen Truppen, die uns dort entgegentreten, zu schlagen. Unsere Aufgabe muß dabei sein, die Feinde womöglich zu umzingeln, zu vernichten oder gefangen zu nehmen, statt sie über den Balkan zurückzuwerfen und so die uns hinter demselben erwartenden Streitkräfte zu verstärken. Der Aufmarsch nach dem Donauübergang ist daher von der höchsten Wichtigkeit für das Schicksal des ganzen künftigen Feldzuges und darf in keiner Weise übereilt werden, so ungeduldig vielleicht die Truppen und das Volk selbst größere Entscheidungen erwarten möchten.«

»Sie haben wieder recht, vollkommen recht,« sagte der Kaiser –»fahren Sie fort.«

»Wenn wir Herren des Gebietes bis zum Balkan sind,« sagte der General, »so werden wir Bulgarien organisieren, die Verbindungslinien mit Rußland ganz besonders sichern und auch die Militärkraft des Landes heranziehen müssen, um unsere Truppen zu ergänzen. Auch dies darf nicht übereilt werden, und erst nachdem alles vollkommen ausgeführt ist, werden wir uns zu dem zweiten Teil des Feldzuges, dem Übergang über den Balkan, wenden.

Der wichtigste Übergang ist der Schipkapaß,« sagte er, mit einem Bleistift, den er aus seinem Kartenfutteral gezogen, den Ort dem Kaiser bezeichnend – »dort werden wir den Hauptstoß zu machen haben, jedoch werden wir auch auf anderen Übergängen vordringen, um die feindlichen Kräfte zu spalten und womöglich eine Umgehung derselben zu erreichen. Ich setze voraus, daß wir dort hartnäckigen und zähen Widerstand finden werden; wir werden denselben überwinden,« fuhr er mit fester, metallisch klingender Stimme fort – »aber wir dürfen uns nicht darüber täuschen, daß der Übergang über den Balkan uns nicht nur schwere Opfer kosten, sondern auch das taktische Gefüge der Armee gewaltig erschüttern wird. Wir werden deshalb, sobald wir das Gebirge überschritten haben, gezwungen sein, zunächst von neuem Halt zu machen und die Armee wieder zu sammeln und in ihrem Gefüge wiederherzustellen, um dann den dritten Teil des Feldzuges zu beginnen, welcher die Einnahme der südlich vom Balkan liegenden Positionen und den Vormarsch nach Konstantinopel zur Aufgabe hat.

Auch dieser Teil wird nicht leicht sein, viel Anstrengung und«, fügte er mit Betonung hinzu, »viel Geduld in Anspruch nehmen, denn es läßt sich erwarten, daß die Türkei dann gerade ihre letzte und äußerste Kraft aufbieten wird.

Ich bin außerstande«, fuhr er fort, während der Kaiser mit gespanntester Aufmerksamkeit zuhörte, »Eurer Majestät eine genaue Zeitbestimmung für die von mir bezeichneten Abteilungen des zu beginnenden Feldzuges anzugeben, da die Zeitdauer, welche unsere Operationen in Anspruch nehmen, von einer Menge äußerer Zufälligkeiten abhängt, die wir wohl so viel als möglich berücksichtigen, aber nicht beherrschen können. Ich halte es indes«, fuhr er ernst fort, »nicht für unmöglich, wenn wir sehr kräftigem Widerstande begegnen, daß wir den ersten Teil des Feldzuges mit diesem Jahr abschließen und den Übergang über den Balkan auf den nächsten Frühling verschieben müssen. Es wird damit immerhin viel gewonnen sein, wir werden Bulgarien in unseren Händen halten, und ich würde niemals dafür stimmen können, über den Balkan vorzugehen, solange wir nicht im Rücken und an unseren Seiten vollkommen gegen alle Feinde gedeckt sind.«

»Zwei Jahre,« rief der Kaiser – »Sie halten einen Krieg von zwei Jahren für möglich?«

»Ich halte ihn für möglich, Majestät,« erwiderte Nepokoitschinski, »vielleicht unter Umständen für notwendig, denn in einem Kampfe wie dieser kommt es nicht auf einen glänzenden, sondern auf einen sicheren Erfolg an, den wir dann nach allen Richtungen hin zu behaupten imstande sind. Ich bitte Eure Majestät, sich erinnern zu wollen, daß der deutsche Feldzug gegen Frankreich den Winter durch bis in das zweite Jahr hinein gedauert hat und noch länger hätte dauern können, wenn die Chancen etwas weniger glücklich gewesen wären, ohne daß deshalb der eigentliche und endliche Sieg zweifelhaft geworden wäre. Wir haben mit ungleich größeren Schwierigkeiten zu kämpfen und müssen uns deshalb von vornherein auf einen zweijährigen Krieg gefaßt machen, um so mehr, als Preußen in Frankreich im Winter Krieg führen konnte, wir aber unmöglich weiter vorgehen können, wenn es uns nicht gelingt, vor der schlimmen Jahreszeit über den Balkan zu kommen.«

»Nun,« rief der Großfürst Nikolaus, »ich bin gewiß, daß die türkischen Truppen wie Spreu vor dem Winde zerstäuben werden, und daß beim ersten Stoß unserer Macht die ganze türkische Wirtschaft zusammenbricht.«

»Wir können das hoffen und wünschen,« erwiderte Nepotoitschinski ernst, »doch dürfen wir nicht darauf rechnen; wer des endlichen Sieges sicher sein will, muß immer ungünstige Chancen, ja Unglücksfälle voraussetzen. Die erste Regel für uns muß bleiben: niemals mit ungenügenden Kräften zu schlagen und niemals vorzugehen, bevor wir nicht das gewonnene Gebiet sicher in Händen halten und für uns organisiert haben.«

Der Kaiser stand auf und drückte die Hand des Generals.

»Ich danke Ihnen, Arthur Abrahamowitsch«, sagte er; »fahren Sie fort, auf das Unglück zu rechnen, dann werden Sie es überwinden. Sie haben mir Vertrauen eingeflößt und Mut gemacht, immer aber steht der Sieg in Gottes Hand, und dennoch bleibt es wahr, daß eine Niederlage ein schweres, unberechenbares Verhängnis für Rußland wäre. – Mein Leben neigt sich seinem Ende zu,« sagte er feierlich, »dir, mein Sohn gehört die Zukunft, deswegen will ich nicht allein bestimmen, entscheide du, der du die schweren Folgen einer Niederlage zu tragen haben würdest, wie ich zwanzig Jahre lang die Folgen des unglücklichen Krimkrieges getragen habe.«

Der Großfürst-Thronfolger küßte die Hand seines Vaters und rief ernst und bewegt, aber mit stolz und mutig blitzenden Augen:

»Ich will diese Folgen tragen, mein Vater, wenn es sein muß – aber ich bitte dich, ich beschwöre dich dennoch, den Kampf für Rußlands Ehre und Größe, für die Erfüllung seiner heiligsten Aufgaben zu wagen. Ich glaube an den Beistand des Himmels für unsere gerechte Sache, ich glaube an den Sieg und bitte Gott aus ganzem Herzen, daß er dich, mein Vater, die herrlichen Früchte des Sieges noch lange Jahre möge genießen lassen.«

Der Kaiser umarmte seinen Sohn und sagte:

»So sei es – der Würfel ist gefallen. Laß die Truppen morgen in Parade antreten,« sagte er zu seinem Bruder gewendet, »ich will das Kriegsmanifest verkünden, der Bischof soll der Armee den Segen erteilen, und morgen soll dieselbe die Grenze überschreiten.«

»Hurra!« rief der Großfürst Nikolaus. Er und der Thronfolger küßten nochmals die Hände des Kaisers, auch über das ernste, eiserne Gesicht des Generals Nepokoitschinski flog ein freudiger Schimmer.

»Und nun laßt mich allein,« sagte der Kaiser, »ich bedarf der Ruhe nach den Anstrengungen dieses Tages, ich bedarf der Sammlung und der Einkehr in mich selbst.«

Die Großfürsten und der General verabschiedeten sich. – Der Kaiser zog sich in sein Schlafzimmer zurück, und tiefe Stille herrschte von diesem Augenblick an in dem von ihm bewohnten Teil des Palais, während die Großfürsten bis zum frühen Morgen hin tätig waren und Adjutanten auf Adjutanten bis zu den äußersten Vorposten hinflogen.

Am nächsten Morgen standen im hellen Sonnenlicht alle Truppen in Parade aufmarschiert von Kischinew hin bis zur Grenze. Vor der Stadt, der Front des nächststehenden Korps gegenüber, war ein Altar errichtet, vor welchem der Bischof, von seiner ganzen Geistlichkeit umgeben, seinen Platz nahm. Alle Bewohner der Stadt waren hinausgeströmt und standen dicht gedrängt hinter dem Spalier, welches den weiten Platz vor der Front der Truppen frei hielt.

Endlich erschien der Kaiser zu Pferde mit seiner ganzen glänzenden Suite. Er hielt vor der Front, der Präsentiermarsch erklang, sich von einem zum andern Korps fortsetzend; die unabsehbaren Reihen präsentierten die Gewehre und begrüßten den Kriegsherrn mit lautem Zuruf.

Der Kaiser winkte; General Nepokoitschinski ritt an seine Seite, empfing aus den Händen Seiner Majestät das Kriegsmanifest und las dasselbe mit lauter Stimme vor. Obgleich eine tiefe Stille überall herrschte, so verstanden doch kaum die Nächststehenden die Worte des Manifestes – aber jeder wußte bis zur weitesten Ferne hin, daß in diesem Augenblick die Worte erklangen, durch welche der Selbstherrscher des Reiches, das halb Europa und Asien umfaßte, dem Sultan den Kampf auf Leben und Tod entbot, und alle Herzen schlugen höher.

Als die Vorlesung beendet war, donnerten die Kanonen einer in der Nähe aufgestellten Batterie hundert und einmal, und ihre eherne Stimme verkündete in weitem Widerhall der ganzen Armee, daß der Kaiser das entscheidende Wort gesprochen, welches die furchtbaren Dämonen des Krieges entfesselte.

Dann begann die feierliche Zeremonie vor dem Altar. Der Kaiser und der Thronfolger mit dem ganzen Gefolge standen seitwärts, der Großfürst Nikolaus, der Höchstkommandierende der Armee, trat mit seinem Stabe vor den Altar und empfing für sich und die sämtlichen Truppen, die unter seinem Befehl standen, den Segen der Kirche von der Hand des Bischofs – dann kehrte der Kaiser durch die jubelnde Menschenmenge nach dem Palais zurück, während in demselben Augenblicke die erste vorgeschobene Abteilung der Armee die rumänische Grenze überschritt.

Nach dem Glauben der alten Griechen würde in diesem Augenblick der ägisschüttelnde Zeus die Lose der beiden Gegner auf die Schicksalswage gelegt haben – aber kein sterbliches Auge hätte gesehen, welche der beiden Schalen sich senkte.

12. Kapitel

Der Hamburger Schnellzug fuhr von Rheinbeck aus an der Bahnstation Friedrichsruhe vor, um hier einige Augenblicke zu halten. Unter den wenigen Personen, welche den Zug verließen, befand sich ein Mann von etwa fünfundvierzig Jahren in einem einfachen Reiseanzug; ein Diener nahm ihm das Handgepäck ab und beschäftigte sich dann mit dem Koffer, welcher aus dem weiterfahrenden Zuge auf den Perron gestellt war. Der Reisende, den man bei der Einfachheit seiner Erscheinung für einen Geschäftsmann oder einen Gutsbesitzer der Umgegend hätte halten können, wenn nicht sein etwas blasses, feines Gesicht ein vielseitig geistig bewegtes Leben und zugleich jene vornehme Ruhe und überlegene Sicherheit ausgedrückt hätte, welche den höchsten Gesellschaftskreisen eigentümlich ist, sah einige Augenblicke wie suchend auf dem Perron umher; schnell nahte sich ihm ein junger, hoch und schlank gewachsener Mann, der ihn mit ehrerbietiger Artigkeit begrüßte und in französischer Sprache zu ihm sagte:

»Mein Vater hat mich beauftragt, Eure Exzellenz zu empfangen. Er ist sehr dankbar, daß Sie den Umweg haben machen wollen, um ihn in seiner ländlichen Einsamkeit zu besuchen.«

Ein leichtes Lächeln voll feiner, kaum merkbarer Ironie spielte um die Mundwinkel des Fremden, indem er mit wohlwollender Herzlichkeit die Hand des jungen Mannes drückte und seinen klugen, scharfen Blick über dessen männlich kräftiges, frisches und doch ernst-sinniges Gesicht gleiten ließ.

»Für einen Diplomaten«, sagte er, »ist es heute fast ein Umweg, wenn er die europäischen Hauptstädte berührt, um nach der Waldeinsamkeit von Friedrichsruhe zu kommen, denn hier laufen ja die Fäden zusammen, welche das Schicksal von Deutschland beherrschen und die Bewegung der europäischen Politik mit mächtigem Einfluß bestimmen; fast wird man an die graue Vorzeit erinnert, in welcher die alten nordischen Götter auch in der dunklen Tiefe der Eichenhaine wohnten und die Priester und Könige in unnahbarer Waldeinsamkeit begeisterten, das Los der Völker zu leiten.«

»Nun,« sagte der junge Mann, indem er den Fremden nach der andern Seite des Bahnhofsgebäudes hinführte, »die Kräftigung und geistige Erfrischung bietet die Frische der Wälder heute noch, wenn auch die alten Götter nicht mehr darin wohnen, meinem Vater ganz besonders, der so empfindlich ist für die nervöse Unruhe und Aufregung des Treibens im Mittelpunkt der Geschäfte und der Gesellschaft; er erholt sich jedesmal sichtlich in der Natur, und wenn er nur an seine Gesundheit zu denken hätte, so wäre es fast seine Pflicht gegen sich selbst, jenem Treiben immer fern zu bleiben.«

»Das wäre ein Unglück, ein großes Unglück,« rief der Fremde lebhaft, »ein Unglück für Deutschland, ein Unglück für uns und für die ganze Welt! Nicht wahr,« fragte er mit einem unruhig forschenden Blick, »er denkt nicht daran? Die Krisis, von welcher die Zeitungen so viel sprachen, wird keine ernsten Folgen haben?«

»Mein Vater«, erwiderte der junge Mann ein wenig zurückhaltend, »wird stets seine Pflicht gegen das Vaterland und gegen den Kaiser höher stellen, als die Sorge um sich selbst; er hat seinen Wunsch, sich ganz von den Geschäften zurückzuziehen, jener Pflicht geopfert und wird in einem längeren Urlaub seine Kräfte stärken.«

Sie hatten einen offenen Wagen mit der Livree des Fürsten Bismarck erreicht; der Diener öffnete den Schlag und Graf Peter Andrejewitsch Schuwalow, der russische Botschafter am großbritannischen Hofe, stieg mit dem Grafen Herbert Bismarck ein, um durch die frühlingsfrische Landschaft nach dem nahen Walde hinzufahren, in dem sich der Weg bald verlor, während sein Diener das Gepäck auf einen Fourgon lud, der dann dem Wagen der beiden Herren schnell folgte.

Nach kurzer Fahrt durch den wunderbar herrlichen Sachsenwald, während welcher der russische Diplomat jede Berührung des politischen Gebietes sorgfältig vermied und nur leicht und heiter über die Schönheit des Waldes, die Jagd und einige wirtschaftliche Etablissements, an denen der Weg vorüberführte, plauderte, fuhr der Wagen vor dem Schlosse vor, das diese Bezeichnung mehr seinem Herrn, als seiner Ausdehnung und Bauart verdankte. Es war ein ziemlich einfaches Gebäude mit kleinem Mittelbau und zwei Giebelflügeln, welches der Fürst aus einem früheren Gasthaus, das den Namen Frascati führte, hatte ausbauen lassen und das freundlich unter den mächtigen Bäumen des alten Waldes dalag, wie der stille Sitz eines Mannes, der weitab von dem Geräusch der großen Heerstraße des Lebens in ruhiger Zurückgezogenheit seine Arbeit der Pflege seines Bodens widmet.

In einiger Entfernung von dem Eingang zum Schlosse ging der Fürst, mit dem sich die ganze politische Welt der Diplomatie, der Parlamente und der Presse so eifrig beschäftigte, langsam auf und ab, gefolgt von einer riesigen Dogge, welche ihre Schritte genau den Bewegungen ihres Herrn anpaßte. Der Fürst hatte nicht mehr jene schlanke, sehnige Gestalt, unter der man ihn in früheren Jahren und noch während des französischen Krieges gekannt hatte; sein Körper war stärker, mächtiger und dadurch auch in seinen Bewegungen etwas schwerfälliger geworden, aber seine ganze Erscheinung ward dadurch nur noch imponierender, gewaltiger und majestätischer; sein Schnurrbart war fast ganz weiß, die Züge seines Gesichts, tief gefurcht, zeigten die Spuren schwerer geistiger und körperlicher Anstrengung. Das Alter hatte auch dieser Riesennatur seinen Stempel aufgedrückt, aber nur äußerlich, man sah, daß die alles beherrschende und zerstörende Zeit über den inneren Kern dieses eisernen Mannes keine Macht gewonnen hatte, und unter der Krempe seines großen, weichen Filzhutes blitzten die stahlgrauen Augen so geistesfrisch und willenskräftig hervor, als ob das Feuer einer unvergänglichen Jugend sie durchleuchte. Neben dem Fürsten ging sein vertrauter Mitarbeiter, der Geheimrat Lothar Bucher, in fast allem ganz das Gegenteil von der Erscheinung des Fürsten, um einen Kopf kleiner als dieser, mager, ein wenig gebückt und noch älter erscheinend, als er war, mit seinem blassen, kränklichen Gesicht und seinem grauen Bart – aber auch aus seinen Blicken funkelte und blickte trotz des mürrischen Ausdrucks seiner Züge ein jugendfrischer, durch keine Arbeit ermüdeter und abgestumpfter Geist.

Als der Wagen vorfuhr, eilte der Fürst mit schnellen Schritten, welche an die Elastizität, seiner früheren Jahre erinnerten, heran und schüttelte dem rasch aus dem geöffneten Schlage springenden russischen Botschafter herzlich die Hand.

»Ich danke Ihnen, mein lieber Graf,« sagte er mit der verbindlichen Liebenswürdigkeit, welche ihm in seinen persönlichen Umgangsformen eigentümlich ist und ihn auch da keinen Augenblick verläßt, wo er mit unbeugsamer Festigkeit die politischen Ziele über alle anderen Rücksichten hin verfolgt – »ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, um einen kranken Mann in seiner Einsiedelei aufzusuchen; aber da man mir nicht erlauben will, die Last der Geschäfte von mir zu werfen, so muß ich mir dieselbe wenigstens durch die erfrischende Einsamkeit des Waldes erleichtern, und wer mir die Ehre erweist, auf meinen Rat und meine Meinung Wert zu legen, muß sich schon die Mühe machen, diese Einsamkeit auf einen Augenblick mit mir zu teilen.«

Graf Schuwalow erwiderte einige verbindliche Worte. Der Fürst beauftragte seinen Sohn, den Gast nach den für ihn bestimmten Zimmern zu führen, um sich nach der Reise ein wenig zu erfrischen, und begab sich dann in sein Arbeitszimmer, wo er sich allein, in tiefem Nachdenken auf und nieder schreitend, für die Besprechung sammelte, welche hier in den tiefen Schatten des Sachsenwaldes die Schicksale der Welt von den Küsten des Atlantischen Ozeans bis nach dem Schwarzen Meere und den Steppen Asiens hin entscheiden sollte. Der Fürst wartete nicht lange auf seinen Gast, nach kurzer Toilette trat Graf Schuwalow im einfachsten Zivilanzug in das Kabinett des Fürsten, und man hätte diese beiden Herren, welche mit so freundlicher Unbefangenheit nebeneinander Platz nahmen, für zwei Gutsnachbarn halten können, die sich besuchten, um über die Aussichten der Ernte, über die Jagd oder über die kleinen Familiengeschichten der Gegend miteinander zu plaudern. Auch der Raum, in dem sie sich befanden, hätte einer solchen Vermutung nicht widersprochen, denn das Arbeitszimmer des Fürsten konnte kaum einfacher und schmuckloser gedacht werden; es war ein zweifenstriges Gemach im Erdgeschoß des Schlosses, sein großer, viereckiger Arbeitstisch, mit grünem Tuch überzogen, stand zwischen den beiden Fenstern, auf demselben befand sich nur das Schreibzeug, eine Zeitungsmappe, eine Zigarrenkiste mit einem Aschenbecher und einige Familienphotographien auf kleinen Staffeleien, ein Repositorium neben dem Tisch diente zur Niederlegung von Akten, ein hölzerner Lehnstuhl stand vor dem Tisch, ein Zylinderbureau an der Wand, einige einfache Bilder, ein Sofa und wenige Sessel bildeten das ganze übrige Mobiliar, daneben sah man nur noch einen kleinen braunen Klapptisch, welcher zusammengelegt in einer Ecke stand.

Graf Schuwalow umfaßte mit einem schnellen Blick die ganze Einrichtung dieses Zimmers, und trotz seiner sicheren Herrschaft über sich selbst konnte er es dennoch nicht verhindern, daß sich in seinen Blicken ein gewisses Erstaunen über die Einfachheit dieses Arbeitszimmers ausdrückte, welches die Stätte so vieler weltbewegender Ideen war.

»Ich bin hier noch nicht zu längerem, dauerndem Aufenthalt eingerichtet«, fugte der Fürst, den fragenden Blick des Grafen lächelnd beantwortend. »Der Sachsenwald, den mir der Kaiser zu schenken die Gnade gehabt, besaß keinen Herrensitz, und ich habe daher hier ein provisorisches home eingerichtet. Ich habe mich an den Aufenthalt in Barzin gewöhnt – aber die Ärzte behaupten ja nun, daß mir die dortige Luft ungesund sei, und daher werde ich doch vielleicht mich hier noch etwas bequemer einrichten müssen, wenn sich auch dies Zimmer kaum dadurch ändern wird, denn um mich her mag ich keinen embarras de richesse der mich stört und geniert.

»Übrigens,« fuhr er so heiter und behaglich plaudernd fort, als ob es sich bei dem Besuch seines Gastes in der Tat nur um eine gemütliche, freundschaftliche Konversation handle – »übrigens befinden sich in diesem Zimmer doch zwei Gegenstände, die wertvolle Erinnerungen für mich in sich schließen und mir auch bei meinen Arbeiten und bei meinem Nachdenken über die Geschäfte wertvolle Mahnungen zurufen. Sehen Sie da,« sagte er, auf ein großes Bärenfell deutend, welches als Fußdecke vor dem Schreibtisch ausgebreitet war, »diese zottige Haut da gehörte einst einem Landsmann von Ihnen, den ich selbst erlegte; es war nicht ganz leicht, ich hatte die gewaltige Bestie angeschossen, sie kam nun hochaufgerichtet, mit wutblitzenden Augen auf mich zu. Ich hatte nur noch eine Kugel in meinem Gewehr, niemand war in meiner unmittelbaren Nähe, und die Situation war in der Tat kritisch; glücklicherweise aber verließ mich mein kaltes Blut nicht, ich zielte ruhig und streckte den Bären mit einem Kernschuß nieder.

Ich habe zuweilen an jenen Moment gedacht, wenn ich mich in irgendeiner recht bedenklichen, kritischen Lage befand, und die Erinnerung an jenen Augenblick hat mir immer die Lehre gegeben: niemals die Augen vor der Gefahr niederzuschlagen, denn wenn man sie einen Moment nur aus den Augen verliert, wächst sie riesengroß, während man mit kaltblütiger Ruhe sie fast immer überwindet.«

»Sie haben bewiesen, mein Fürst,« sagte Graf Schuwalow, »daß Sie diese Lehre nie vergaßen und daß sie Ihnen immer gute Dienste leistete – vielleicht aber ist der Grundsatz bei Ihnen älter, als jener Bär, bei dem Sie ihn zur Geltung brachten.«

»Jedenfalls hat er ihn bestärkt und ein Beispiel für seine Richtigkeit geliefert«, erwiderte der Fürst; »außerdem aber«, fuhr er dann fort, »ruft mir jeder Blick auf diese Decke hier auch noch einen andern Grundsatz ins Gedächtnis, der mir in meiner diplomatischen Tätigkeit stets von großem Nutzen war, den Grundsatz nämlich, daß man das Fell des Bären nicht verteilen soll, bevor man ihn erlegt hat. Hätte ich in jenem kritischen Moment daran gedacht, was ich mit dem Fell des drohend vor mir aufgerichteten Bären anfangen wollte, statt die ganze Kraft meines Willens nur darauf zu richten, wie ich ihm am sichersten meine Kugel ins Herz jagen sollte, so würde er mich vielleicht übel zugerichtet haben, und Sie würden diese Jagdbeute heute nicht hier in meinem Zimmer sehen.«

Der Fürst hatte leichthin gesprochen, auch in dem Gesicht des Grafen Schuwalow bewegte sich keine Muskel, nur eine Sekunde lang zuckte es wie ein Blitz des Verständnisses in seinen Augen.

»Und dort in der Ecke«, sprach der Fürst in demselben Ton weiter, indem er auf den kleinen Klapptisch deutete, »sehen Sie jenes einfache Möbel, auch das ist eine Erinnerung, die vielleicht nicht für mich allein Interesse hat, wie dies Bärenfell hier – an jenem Tisch, der nur zur Ausstattung eines Gasthofszimmers bestimmt war, habe ich am 10. Mai 1871 im Hotel zum Schwan zu Frankfurt am Main den Frieden zwischen Deutschland und Frankreich mit Jules Favre und Pouyer-Quertier unterzeichnet.«

»Ah,« sagte Graf Schuwalow, »das ist in der Tat ein Möbel, auf welches die Weltgeschichte ihre Hand gelegt hat und das ebenso wie ein Denkmal von Erz und Marmor noch der spätesten Nachwelt Ihren Ruhm verkünden wird.«

Er stand auf, trat zu dem kleinen, unscheinbaren Tisch hin und betrachtete denselben einige Augenblicke mit dem Ausdruck andächtiger Bewunderung.

»Es ist in der Tat«, sagte er mit fast wehmütigem Ton, »das höchste Glück für einen Diplomaten, wenn es ihm vergönnt wird, für seinen Monarchen und sein Vaterland einen solchen Frieden zu unterzeichnen, wie Sie es auf diesem Tische tun konnten.«

»Nun,« sagte der Fürst achselzuckend, »es gehört dazu freilich auch ein wenig die Armee, welche die Basis des Friedens fest auf eine Reihe gewonnener Schlachten stützt, damit die Diplomatie sich das Verdienst erwerben kann, nicht mit der Feder zu verderben, was das Schwert gut gemacht hat. Wenn mich nun dieser Tisch da«, fuhr er fort, während Graf Schuwalow wieder den Platz an seiner Seite einnahm, »mit freudiger Dankbarkeit gegen die Vorsehung erfüllt, so ruft mir sein Anblick zugleich auch wieder einen leitenden Grundsatz ins Gedächtnis, ohne den ich kaum dahin gekommen wäre, den Frieden von Frankfurt auf dieser Platte zu unterzeichnen und den Preis desselben auf die Dauer sicher festzuhalten. Es ist dies der alte Grundsatz: ›Quidquid agis, prutender agas et respice finem.‹

Ich habe mir immer bei dem Beginn eines Krieges scharf und genau das Ziel festgestellt, das ich allen Gefahren und Schwierigkeiten zum Trotz erreichen wollte, über das ich aber auch selbst bei den außerordentlichsten Glücksfällen nicht hinauszugehen entschlossen war, um nicht Unhaltbares zu schaffen und in den Frieden selbst schon den Keim neuer Kriege zu legen. Die ruhige Berechnung der Kräfte, ihre höchste, rücksichtsloseste Anspannung während des Kampfes läßt allein das Ziel erreichen, selbstbeherrschende Mäßigung nach dem Siege läßt allein das Errungene dauernd befestigen. Dieser Grundsatz, der aus dem stummen Tisch hier zu mir spricht, hat mich die Erfolge erreichen lassen, auf die ich mit Dankbarkeit gegen die Vorsehung zurückblicke; dieser Grundsatz wird«, fügte er mit festem, stolzem Ton hinzu, »mir den Erfolg sichern, wenn ich noch einmal sollte gezwungen werden, einen großen und entscheidenden Kampf für mein Vaterland aufzunehmen, was ich nicht hoffe und wünsche – aber auch nicht fürchte.«

»Nun, mein Fürst,« sagte Graf Schuwalow lächelnd, »da haben diese beiden toten Gegenstände, das Bärenfell und der Friedenstisch, uns durch ihre Erinnerungen und Mahnungen ja mit einem Male mitten in den Gegenstand hineingeführt, den ich mit Ihnen zu erörtern hierhergekommen bin.«

»Sie sehen also, mein lieber Graf,« erwiderte der Fürst, »daß ich auch hier in der Einsamkeit meines Arbeitszimmers mich nicht in schlechter Gesellschaft befinde, und daß selbst meine leblose Umgebung imstande ist, mir – und meinen Freunden«, fügte er verbindlich hinzu, »nützliche Lehren zu geben.«

Das Gesicht des Grafen wurde ernster.

»Auch wir«, sagte er, »stehen in diesem Augenblick vor einer Unternehmung, welche in ihrem Ausgange für meinen Kaiser und für Rußland nicht minder bedeutungsvoll ist, als es die Kriege gegen Österreich und gegen Frankreich für Sie waren. Wenn Preußen die Aufgabe hatte, Deutschland unter seiner Führung zu einiger Macht zu erheben und diese Einigkeit und Macht in Europa zur Anerkennung zu bringen, so hat Rußland die Mission, den christlichen Orient zu befreien und zu schützen und die Quellen wirtschaftlichen Reichtums, das Bassin des Schwarzen Meeres, zu erschließen. Wir müssen diese Mission ebenso notwendig erfüllen, wie Sie die Ihrige in Deutschland erfüllen mußten, wenn wir nicht in Erstarrung versinken und durch äußere Machtlosigkeit auch der inneren Auflösung verfallen wollen; denn nur große Aufgaben und die Anspannung der Kräfte zur Lösung derselben können große Nationen gesund erhalten. Wie für den einzelnen Menschen, so ist auch für die Völker die Arbeit und das Ringen nach großen und erhabenen Zielen die Bedingung des Lebens.«

Der Fürst neigte zustimmend den Kopf.

Graf Schuwalow fuhr fort:

»Bei einem solchen Unternehmen ist der Zeitpunkt, in welchem es beginnt, ein wesentlicher Faktor des Erfolges. Ich muß aufrichtig gestehen, daß ich meinerseits den gegenwärtigen Augenblick noch nicht zu einem entscheidenden Eingreifen gewählt haben würde; ich war der Meinung, den Zersetzungsprozeß, in welchem die Türkei sich befindet, noch etwas weiter fortschreiten zu lassen, um desto sicherer zu sein, daß das morsche Gebäude beim ersten Anprall zusammenfalle. Auch Sie haben ja mit unermüdlicher Geduld und bewunderungswürdiger Ruhe für Ihren Krieg mit Frankreich den Augenblick der höchsten Zersetzung und Erschöpfung des Napoleonischen Kaiserreiches abgewartet und mit unübertroffener Geschicklichkeit frühere Konflikte in weniger günstigen Momenten vermieden.«

Der Fürst neigte abermals schweigend den Kopf, doch ließ seine Miene kaum erkennen, ob diese Bewegung ein Ausdruck der Bestätigung oder nur eine Aufforderung für den Grafen sei, in seiner Rede fortzufahren.

»Sie müssen schon erlauben,« sagte Graf Schuwalow, »daß Ihre Zeitgenossen auch von Ihnen zu lernen versuchen, und so wäre denn auch ich der Meinung gewesen, einen noch günstigeren Moment für unseren Krieg im Orient abzuwarten, so sehr ich auch von dessen Notwendigkeit an sich überzeugt bin; allein der Kaiser, mein Herr, hat seinen Entschluß gefaßt, vielleicht habe ich bei meinen Bedenken die inneren Zustände Rußlands und das Drängen der öffentlichen Meinung nicht genügend berücksichtigt, da ich längere Zeit im Auslande gelebt und mehr unsere internationale Stellung im Auge gehabt habe – eine Diskussion über den günstigen Moment des Krieges ist also in diesem Augenblicke überflüssig, es kommt nur darauf an, für uns alle Chancen des Erfolges zu vereinigen, und auch in dieser Beziehung haben wir von Ihnen zu lernen. Sie haben stets nur mit einem Feinde zu tun gehabt und diesen einen Feind mit Aufbietung aller Kraft vernichtet, und«, fügte er mit etwas stärkerer Betonung hinzu, »der Kaiser, mein Herr; ist aufrichtig und erfolgreich bemüht gewesen, Ihnen in dieser Beziehung behilflich zur Seite zu stehen.«

»Niemals, Herr Graf,« erwiderte Fürst Bismarck mit vollem Ton, indem er den Blick groß und frei aufschlug, »werden bei meinem kaiserlichen Herrn oder bei mir die treuen Freundschaftsdienste vergessen sein, welche Ihr erhabener Gebieter uns in unseren Kriegen geleistet hat.«

Graf Schuwalow verbeugte sich.

»Nun,« sagte er, »mehr noch als dies bei Ihren Kriegen der Fall war, bedürfen wir jetzt eine freie Flanke und einen freien Rücken, um unsere ganze Kraft gegen die Türkei aufbieten zu können, deren militärische Lebensfähigkeit ich nicht so gering anzuschlagen vermag, als dies manche meiner Landsleute tun.«

»Und Sie haben recht,« sagte Fürst Bismarck lebhaft, »denn der Krieg ist das Lebenselement des Mohammedaners, und so faul auch das türkische Staatswesen in seinem übrigen Organismus sein mag, im Kriege wird es immer noch etwas von jenem wildfanatischen Heldenmut beweisen, vor dem einst das ganze Abendland zitterte.«

»Um so mehr«, fuhr Graf Schuwalow fort, »müssen wir alles aufbieten, um der Türkei allein gegenüberzustehen, wie Sie Frankreich allein gegenüberstanden. Wir können es ja nicht verhindern, daß England heimlich Instruktionsoffiziere, Geld, Waffen und Munition unseren Feinden liefert –«

»Es hat dieselben Dienste den Franzosen geleistet«, fiel Fürst Bismarck achselzuckend, mit bitterem Lächeln ein.

»Aber«, fuhr Graf Schuwalow fort, »wir müssen sicher sein, daß England nicht offen auf den Kampfplatz tritt oder gar eine Koalition gegen uns ins Leben ruft, wie dies zur Zeit des Krimkrieges geschah, und dazu, ich spreche es offen und frei aus, dazu bedürfen wir Ihrer freundlichen Gegendienste, auf welche mein kaiserlicher Herr glaubt rechnen zu dürfen und über deren Form und Maß ich mich mit Ihnen zu verständigen gekommen bin in aller freundschaftlichen Offenheit und Vertraulichkeit, die den Beziehungen unserer Länder und ihrer Herrscher entspricht.«

Fürst Bismarck blickte nachdenkend vor sich nieder, dann erwiderte er, seine klaren Augen fest auf den Grafen richtend:

»Ich habe bereits bemerkt, daß wir die Dienste, welche Sie uns geleistet, in ihrem vollen Wert anerkennen, und daß wir bereit sind, dieselben zu erwidern; es bedarf keiner erneuten Versicherung, daß Sie Deutschland niemals gegnerisch auf Ihrem Wege finden werden.«

»Davon sind wir überzeugt,« sagte Graf Schuwalow, »allein Sie werden nicht verkennen, daß wir mehr bedürfen; wir müssen sicher sein, daß England nicht in einem Moment, in welchem wir vielleicht in schwieriger Situation engagiert sind, über uns herfällt, und diese Sicherheit hoffen wir der Freundeshand Deutschlands verdanken zu dürfen.«

Abermals dachte Fürst Bismarck einen Augenblick schweigend nach, dann sagte er:

»Ihre gegenwärtige Lage entspricht nicht ganz derjenigen, in welcher wir uns im Jahre 1870 befanden; keine europäische Macht hatte damals ein unbedingtes, zwingendes Interesse an unserem Streit mit Frankreich, und so mißgünstig auch England unsere Erfolge ansah, so waren doch keine unmittelbaren Lebensbedingungen der englischen Macht und des englischen Reichtums an Frankreich geknüpft – im Orient aber liegen wirkliche englische Lebensinteressen, deren Berührung nicht nur die englische Regierung, sondern das englische Volk zum äußersten Widerstande treiben muß. Wir nun unsererseits haben im Orient keine unmittelbaren Interessen, was uns am Herzen liegt, ist die Erhaltung des europäischen Friedens, und derselbe kann nur dann erhalten werden, wenn der Krieg vollständig zwischen Ihnen und der Türkei lokalisiert wird.«

»Ganz recht,« rief Graf Schuwalow, »ganz recht, unsere Interessen also, wenn auch aus verschiedenen Gründen entspringend, decken sich völlig mit den Ihrigen.«

»Nun«, fuhr Fürst Bismarck fort, »kann niemand von uns erwarten, daß wir mit militärischen Machtmitteln eine solche Lokalisierung des Krieges erzwingen, denn dadurch allein schon würden wir ja den europäischen Brand entzünden, statt ihn zu vermeiden, und ich«, fügte er mit klangvollem Ton hinzu, »würde niemals die Verantwortung übernehmen, auch nur das Leben eines preußischen Grenadiers in einer orientalischen Frage einzusetzen, welche Preußen und Deutschland unmittelbar so gar nichts angeht.«

Trotz seiner sicheren Selbstbeherrschung zeigte sich ein Ausdruck von Unruhe und Bestürzung auf dem Gesicht des Grafen Schuwalow.

»Allein,« fuhr Fürst Bismarck fort, »es ist das auch nicht nötig, und ich glaube, daß wir Ihnen doch nützliche Dienste leisten können, ohne die gefährlichen Grenzen militärischer Konflikte zu berühren. Ich bin vollkommen überzeugt,« fuhr er fort, »daß England, so sehr es geneigt sein mag, seine Rolle im Krimkriege zu wiederholen, so sehr auch dieser ehrgeizige Disraeli sich nach einigen Lorbeerkränzen sehnt, die er mit englischem Gelde und fremdem Blute erkaufen könnte – daß England dennoch niemals bis zu einer kriegerischen Politik vorgehen wird, wenn es nicht eine kontinentale Allianz findet –«

»Das ist es und darauf kommt es an«, fiel Graf Schuwalow lebhaft ein.

»Oder«, fuhr Fürst Bismarck nachdrücklich fort, »wenn nicht solche englische Lebensinteressen berührt werden, die das englische Volk zum äußersten drängen. Für die kontinentale Allianz nun«, fuhr er fort, »handelt es sich um Frankreich und Österreich; Frankreich wird heute kaum geneigt sein, Ihnen feindlich gegenüberzutreten, man hofft ja auf Sie in Paris für eine künftige Revanche und«, sagte er mit einem flüchtigen Lächeln, »der Fürst Gortschakoff ist klug genug, diese Hoffnungen nicht völlig abzuschneiden.«

»Sie können überzeugt sein –« rief Graf Schuwalow.

»Ich kenne die Gesinnung des Kaisers«, unterbrach ihn Fürst Bismarck; »allein Frankreich könnte immerhin auf den Gedanken kommen, die Katastrophe im Orient zu benutzen, um mit uns Streit zu suchen, und in London würde man einen solchen Fall vielleicht gern sehen. Nun«, sagte er fast heiter, »dafür ist ein Riegel vorgeschoben, Moltke hat eine vortreffliche Rede gehalten, und seine Worte von der parlamentarischen Tribüne werden in Frankreich wohl beachtet werden und die chauvinistischen Heißsporne zum Schweigen bringen, nötigenfalls würde ich nach jener Richtung hin keinen Augenblick anstehen, eine sehr ernste Sprache zu führen und meinen Worten durch militärische Demonstrationen Nachdruck zu geben.«

»Aber«, sagte Graf Schuwalow, »es gibt noch die österreichische Allianz, um welche sich England bewirbt und welche uns sehr gefährlich werden kann.«

»Österreich steht im Dreikaiserbündnis,« erwiderte Fürst Bismarck, »ich will nicht behaupten, daß man in Wien allzu freundlich gegen Sie gesinnt ist, allein ich bin überzeugt, daß man dennoch fest auf dem gegebenen Boden stehen und alle englischen Lockungen zurückweisen wird. Dahin mit aller Entschiedenheit zu wirken, bin ich bereit und entschlossen, und ich glaube auch, daß meine Wirksamkeit erfolgreich sein wird, wenn die Interessen Österreichs, welche sich mit den unsrigen decken, im Orient garantiert werden – diese Interessen aber liegen in der freien Donauschiffahrt bis zum Schwarzen Meere. Österreich wird niemals dulden können, und wir werden es niemals veranlassen dürfen, es zu dulden, daß an der Donau russische Vasallenstaaten entstehen, um es mit einem klaren Wort zu bezeichnen. Die Donau ist eine österreichische und eine deutsche Handelsstraße, und die scheinbare Souveränität der Türkei über die Donauländer darf niemals durch eine wirkliche, tatsächliche, wenn auch vielleicht namenlose Oberhoheit Rußlands ersetzt werden.«

»Niemand denkt daran,« rief Graf Schuwalow lebhaft, »niemand, und der Kaiser am wenigsten!«

»Niemand,« erwiderte Fürst Bismarck mit einem feinen Lächeln, »das ist ein wenig viel gesagt, denn es gibt bei Ihnen Leute genug, welche sehr ernsthaft an eine russische Oberhoheit über die ganze Balkanhalbinsel denken, Ihre slawischen Komitees, Ihre ganze panslawistische Presse spricht das deutlich aus. Sie werden begreifen, daß solche Gedanken in Wien lebhafte Unruhe erregen müssen, und es würde daher nötig sein, zweifellos festzustellen, daß diese Gedanken, wie sie Ihre Herren Katkow und Aksakow laut aussprechen, niemals von der Regierung aufgenommen werden.«

»Diese Versicherung kann ich aussprechen,« sagte Graf Schuwalow fest und bestimmt, »ich kann im Namen des Kaisers erklären, daß er nichts beabsichtigt, als die Freiheit und Selbstbestimmung der christlichen Länder, und daß er niemals versuchen wird, in denselben eine russische Herrschaft mittelbar oder unmittelbar aufzurichten; ich kann zugleich versichern, daß der Kaiser die berechtigten Interessen Österreichs zu achten, ja zu vertreten entschlossen ist wie seine eigenen, und daß er nichts dagegen einzuwenden hat, wenn Österreich als Pfand für seine Interessen Bosnien, ja, wenn man das für nötig hält, auch Serbien besetzt.«

»Das wäre vielleicht das Vernünftigste«, sagte Fürst Bismarck; »allein«, fügte er achselzuckend hinzu, »dazu wird man sich in Wien nicht entschließen; die Ungarn haben ja mit einem Male so große türkische Sympathien gewonnen, und man wagt in Wien nichts zu tun, was den Ungarn mißfällt; auch werden Sie begreifen, daß man es auf das äußerste vermeiden wird, einen Schritt zu tun, der Österreich unwiderruflich von England trennt – man steht ja in der einen Allianz immer fester und sicherer, wenn man die Möglichkeit einer anderen in petto hat – doch Ihre Versicherung genügt, und wenn dieselbe in Wien gegeben wird, wenn ich dieselbe in gutem Glauben als ehrlicher Makler unterstützen kann, so glaube ich meinerseits die Bürgschaft übernehmen zu können, daß Österreich niemals gegen Sie auftreten wird.«

»Ich verpfände das Wort meines Kaisers, das Sie kennen, mein Fürst,« sagte Graf Schuwalow mit feierlichem Ernst, »doch«, fügte er dann ein wenig zögernd hinzu, »ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß ich nicht ganz frei von Mißtrauen bin, denn Graf Beust spielt in London eine eigentümliche Rolle, ich weiß, daß die Sprache, die er führt, der englischen Regierung immer noch die Hoffnung auf eine österreichische Allianz übrig läßt, ja, daß er fast direkt den Glauben an eine Wendung der österreichischen Politik nach England hin erweckt und nährt.«

Das Gesicht des Fürsten Bismarck verfinsterte sich, ein drohender Blitz sprühte aus seinen Augen, und mit jenem ehernen Klang der Stimme, der ihm in Augenblicken der Erregung eigentümlich ist, sagte er:

»Unglückselige Vielgeschäftigkeit des unruhigen Ehrgeizes, der immer durch dunkle Intrigen erreichen möchte, was er auf geradem Wege nicht erlangen kann, wie viel Unglück hat dies Treiben schon angerichtet; glauben Sie mir, das hat nichts zu bedeuten; wenn der Graf Beust heute noch Reichskanzler wäre, so würde, er sich wohl hüten, das Abenteuer einer englischen Allianz zu unternehmen – und ich würde ihn wohl daran zu hindern wissen. Jetzt aber ist das alles nichts weiter als eine kleine, und ich muß sagen, recht kleinliche Intrige gegen den Grafen Andrassy. Die Ungarn haben ja plötzlich eine so heiße und demonstrative Sympathie für die Türkei gefaßt, und da sucht denn wohl der gute Beust ein wenig mit den Ungarn zu kokettieren und wird wohl dort auch unter der Hand verbreiten lasten, wie viel mehr die heutige Strömung in Ungarn der österreichischen Politik die Richtung geben würde, wenn er am Ruder stünde. Diese kleinen Manöver sollen dem Grafen Andrassy seinen eigensten Boden unter den Füßen fortziehen und den magyarischen Einfluß in die Wagschale werfen, damit Herr von Beust wieder an die Spitze der Geschäfte gerufen werde, was seit seinem Rücktritt sein einziger Gedanke ist; aber ich wiederhole Ihnen, das alles hat nichts zu bedeuten, Graf Andrassy steht fest, er ist nicht der Mann, der eine doppelzüngige Politik macht, ich glaube an ihn mehr noch als Kavalier, denn als Diplomat, und was Beust da in London treibt, ist eine kleine Intrige auf seine eigene Rechnung.«

»Aber immerhin«, sagte Graf Schuwalow kopfschüttelnd, »ist er österreichischer Botschafter und die englische Regierung hat mindestens das Recht, seine Haltung und seine Worte für den Ausdruck der Anschauungen und Gesinnungen seines Hofes anzusehen.«

»Nun,« rief Fürst Bismarck, »wir wollen der Sache ein kurzes Ende machen, ich werde an Andrassy schreiben und ihn auf die eigentümlichen menées seines Botschafters aufmerksam machen; Sie werden sehen, daß diese Seifenblase der Beustschen Privatpolitik schnell zerstäuben wird.«

»Ich werde Ihnen sehr dankbar dafür sein, mein Fürst,« erwiderte Graf Schuwalow, »denn in der Tat, wenn mich auch Ihre Versicherung über die österreichische Regierung beruhigt, so ist es doch in einer so kritischen Zeit, wie die gegenwärtige, notwendig, daß nach allen Seiten hin zwischen den Kabinetten volle Klarheit herrscht. Auf der Basis, die wir besprochen haben, und unter den Bedingungen, über die wir völlig einig sind, darf die Regierung meines Herrn also darauf rechnen, daß Österreich ihr keine Verlegenheiten bereiten und sich nicht ihren Gegnern zuwenden wird.«

»Ich glaube dafür bürgen zu können«, erwiderte Fürst Bismarck. »Erlauben Sie mir nun,« fuhr er dann fort, »Ihnen meine Auffassung der Sachlage weiter zu entwickeln. Ich glaube aus fester Überzeugung annehmen zu dürfen, daß England ohne eine kontinentale Allianz sich nicht zu einem aktiven militärischen Vorgehen entschließen werde; doch auch dies ist nur bis zu einem gewissen Punkte richtig. Es gibt, wie ich vorher bemerkte, in der orientalischen Frage englische Lebensinteressen, deren Berührung die ganze englische Nation, so sehr sie auch im allgemeinen einen Krieg scheut, dennoch zu den äußersten Entschlüssen treiben und sie zu ähnlichen Anstrengungen und Opfern veranlassen würde, wie in dem großen Kampfe gegen Napoleon I., der ebenfalls das Messer an den Nerv des englischen Lebens legte; diese Interessen liegen in Konstantinopel und in dem Wege nach Indien. Ich meinerseits als deutscher Minister habe an diesen Fragen durchaus kein unmittelbares Interesse, aber eben darum würde ich auch nicht in der Lage sein, die deutsche Macht in die Wagschale zu werfen, um England zurückzuhalten, wenn wirklich seine Lebensinteressen berührt werden sollten. Es ist der Rat eines Freundes, den ich Ihnen glaube geben zu dürfen, wenn ich Ihnen empfehle, diesen Punkt zu berücksichtigen.«

»Auch hierin«, erwiderte Graf Schuwalow, »kommen sich unsere Anschauungen vollkommen entgegen. Der Kaiser, mein Herr, hat bereits im vorigen Jahre sein persönliches Wort gegeben, daß er Konstantinopel nicht erobern wolle; er geht weiter und erteilt die Versicherung, daß er in Europa keine Eroberung machen wolle und werde, auch wenn das Glück des Krieges ihm dazu die Möglichkeit bieten sollte. Was Asien betrifft, so werden wir allerdings auch unsere territorialen Positionen dort stärken müssen, aber wir werden von jeder Blockade des Suezkanals absehen, auch wenn Ägypten gegen uns auftritt, und wir werden ferner das Euphratgebiet vollkommen unberührt lassen, wie auch die kriegerischen Operationen sich wenden mögen.«

Fürst Bismarck nickte mehrmals billigend mit dem Kopfe.

»Das ist gut,« sagte er, »das ist gut, und Sie haben diese Versicherung in London abgegeben?«

»Ebenso bestimmt, wie ich sie hier abgebe.«

»Und Sie autorisieren mich,« fragte Fürst Bismarck weiter, »für diese Versicherungen gewissermaßen die moralische Bürgschaft zu übernehmen, das heißt, Sie geben mir Ihr Wort, daß jene Erklärungen wirklich der feste, unabänderliche, unter allen Umständen aufrecht zu erhaltende Wille Ihres Kaisers ist?«

»Ich gebe es«, erwiderte Graf Schuwalow.

»Gut denn,« sagte Fürst Bismarck, indem er ihm die Hand reichte, »so sind wir einig und Sie können fest darauf rechnen, daß ich sowohl in Wien wie in London meinen ganzen Einfluß aufbieten werde, um Ihnen den Rücken freizuhalten.«

»Ich danke Ihnen, mein Fürst,« erwiderte Graf Schuwalow, »im Namen meines Kaisers und meines Landes. Ich war überzeugt, daß wir uns leicht und schnell verständigen würden, da ich nichts zu verlangen kam, was Sie nicht geben können, und da ich gewiß wußte, daß Sie alles gewähren würden, was die Pflicht gegen Ihr Land erlaubt. Sie werden sich Ihrerseits überzeugt haben,« sagte er lächelnd, »daß die Mahnungen dieses Bärenfelles und jenes Friedenstisches dort auch bei uns Beachtung finden, denn auch wir haben uns gehütet, über das Fell des Bären zu verfügen, bevor wir ihn erlegt haben; auch wir haben uns feste Ziele gesteckt und dieselben zugleich so beschränkt, daß wir hoffen dürfen, sie festzuhalten, wenn uns das Glück beisteht, sie zu erreichen.«

»Ich freue mich, mit Ihnen verkehrt zu haben, lieber Graf«, sagte Fürst Bismarck mit Herzlichkeit; »wieviel leichter kommt man doch zum Ziel, wenn man offen und frei spricht, als wenn man mit jenen Waffen der spitzfindigen Diplomatie arbeitet, von welchen sich die alte Schule nicht losmachen kann, und welche unter guten Freunden die Dinge nicht fördern, sondern nur verwirren. Es wäre ein Glück,« fügte er leicht hingeworfen, aber mit scharf forschendem Blick hinzu, »wenn wir beide stets in der Lage wären, uns über die Beziehungen unserer Länder zu unterhalten und zu verständigen – ein Glück für Rußland und für Deutschland, wie für die Ruhe und das Gleichgewicht Europas.«

Graf Schuwalow zuckte die Achseln.

»Es ist gewiß nicht die Schuld des Kaisers,« sagte er nach einer kurzen Pause, »wenn Unklarheiten zwischen zwei Mächten entstehen, welche von der Natur so sehr auf gegenseitige Freundschaft angewiesen sind – wie Sie sagten, mein Fürst,« fuhr er dann mit einer gewissen Betonung fort, »die alte diplomatische Schule kann sich von gewissen Künsten nicht losmachen, die immer verwirren, aber jene Schule wird immer mehr verschwinden, eben weil sie die alte ist und weil sie ihre Zeit überlebt hat.«

»Ich werde mir erlauben,« sagte der Fürst, »die Punkte unserer Verständigung aufsetzen zu lassen, und es wird ja genügen, daß wir beide völlig klar über das sind, was wir besprochen und was wir versprochen haben. Ich rechne dann darauf,« fügte er, den Grafen fixierend, ernst und mit einem Anklang von Strenge in seinem Ton hinzu, »daß die Diplomatenkünste der alten Schule es niemals versuchen werden, die Klarheit, welche wir geschaffen haben, zu verwirren.

Jetzt, mein lieber Graf,« fuhr er dann verbindlich fort, »bitte ich Sie um die Erlaubnis, Sie zu meiner Frau zu führen, welche glücklich sein wird, Sie als Gast unseres Hauses zu begrüßen.«

Der Graf erhob sich und stieg, von dem Fürsten geführt, die Treppe in den oberen Stock des Schlosses hinauf. Sie durchschritten mehrere Räume, welche ebenso einfach ausgestattet waren, wie das Arbeitszimmer des Fürsten. Zahlreiche Hirschgeweihe zeugten von dem Reichtum der Jagdgründe des Sachsenwaldes. In einem einzigen größeren und glänzender dekorierten Salon hing ein großes Ölbild von Hünten, den Reiterangriff bei Mars la tour darstellend, fast der einzige künstlerische Wandschmuck des Schlosses, und als sie in das behagliche Wohnzimmer traten, in welchem die Fürstin und ihre Tochter den Grafen mit herzlicher Freundlichkeit empfingen, da zeigte die kleine, so heiter und ungezwungen plaudernde Gesellschaft keine Spur von den ernsten Fragen, welche den russischen Gast unter das Dach des Schloßherrn von Friedrichsruhe geführt hatten.

13. Kapitel

Der gewaltige Krieg hatte begonnen, und in mächtigen Schlägen donnerte die gewaffnete Hand Rußlands gegen den in seinen Fugen krachenden Bau des türkischen Reiches. Die ungeheuren Heersäulen Rußlands hatten sich durch Rumänien vorwärts gewälzt, die Türken waren südwärts durch Bulgarien zurückgedrängt. Der Großfürst Nikolaus hatte sein Stabsquartier bis Tirnowa vorgeschoben, um den Schlüssel des Balkan in seinen Händen zu halten, und ein Detachement des General Gurko war gegen dieses gewaltige, unwegsame und wenig bekannte Gebirge vorgeschoben, dessen Überschreitung durch den Marschall Diebitsch einst für eine von märchenhaftem Nimbus umschimmerte Heldentat galt, und dem siegreichen General den Ehrennamen Sabalkanski eintrug, ebenso wie der große Suwarow wegen seiner italienischen Feldzüge Italinski, und Potemkin wegen der Vernichtung der türkischen Flotte bei Tschesme Tschesmenski genannt wurde.

Nach dem Süden hin schien sich also trotz der verhältnismäßigen Langsamkeit, mit welcher das Vorrücken über die Donau geschehen war, alles günstig für die russischen Waffen zu gestalten, und es war bis jetzt alles so verlaufen, wie der General Nepokoitschinski es in seinem großen Feldzugsplan bestimmt und erwartet hatte, denn der Chef des Generalstabes hatte von vornherein eine längere Zeit für die Überschreitung der Donau, den Aufmarsch der russischen Armee jenseits des Flusses, die Festlegung der rückwärtigen Verbindungslinien und die Organisierung Bulgariens in Aussicht genommen. Dieses Ziel war nun nach der südöstlichen Seite hin erreicht; nach Westen leisteten die Türken noch stärkeren Widerstand. In Nikopolis, der türkischen Donaufestung, trotzte Hassan Pascha dem Baron Krüdener, der die Festung mit dem neunten Korps belagerte, und in Widdin stand Osman Pascha mit einer Armee, über deren Stellung und Stärke man im russischen Heere nur wenig Nachrichten hatte, da die große Ausdehnung des Kriegstheaters einem wohlorganisierten Kundschaftersystem viele Schwierigkeiten bereitete.

Die ganzen Operationen der russischen Armee bewiesen, daß man bei dem Oberkommando den deutschen Feldzug des Jahres 1870 in einer Beziehung sehr genau studiert und sich das maßgebende Prinzip des großen deutschen Strategen angeeignet hatte: sich nicht zu sehr mit der Verfolgung seitwärts stehender Korps aufzuhalten, da dieselben, wenn die feindliche Hauptmacht einmal zersprengt, und der Mittelpunkt der feindlichen Stellung genommen war, ihre Bedeutung verlieren müssen, man mochte auch wohl dem Korps Osman Paschas eine maßgebende Bedeutung überhaupt kaum beilegen, denn dieses Korps, dessen Stärke man nicht hoch anschlug, stand bei Widdin in einer zurückgeschobenen Ecke zwischen der rumänischen und serbischen Grenze, es mußte den bei Kalafat auf dem anderen Ufer ihm gegenüberstehenden Rumänen standhalten, und war, wenn erst ganz Bulgarien fest in russischen Händen sich befand, ringsum eingeschlossen, von der hinter den Balkan zurückgedrängten türkischen Macht abgeschnitten und, wie man annahm, fast ohne Kampf zur Übergabe gezwungen. Die ganze russische Armee drängte deshalb vorwärts, um Bulgarien bis zum Balkan zu nehmen und festzuhalten, und nur Nikopolis sollte wegen seiner unmittelbaren Nähe an der russischen Operationsbasis genommen werden.

Wer vielleicht von oben herab auf die russische Armee hätte niederblicken können, der möchte bedenklich den Kopf geschüttelt haben bei der großen Ausdehnung der Truppenaufstellungen, deren Entfernungen dem festen Zusammenhange des inneren Gefüges nicht so vollständig zu entsprechen schien, wie es die strenge militärische Vorsicht erfordert hätte. Aber in den russischen Lagern fanden solche Bedenken keinen Platz; der Übergang über die Donau war musterhaft vollzogen und konnte als ein militärisches Meisterstück gelten. Die Türken waren überall zurückgedrängt, ohne daß die Kämpfe große Opfer gefordert hatten, das ganze bulgarische Land, in welchem man stand, jubelte den Befreiern entgegen, welche nun endlich, wie jedermann überzeugt war, das verhaßte Joch für immer zerbrochen hatten. Alles war voll freudiger Siegeshoffnung, die jüngeren Offiziere sprachen mehr als je von dem militärischen Spaziergange nach Konstantinopel, und selbst die älteren, ruhigeren und besonneneren zweifelten kaum mehr, daß der ganze Feldzug sich schneller noch entscheiden werde, als man am Anfange desselben gehofft.

Man war bis zur Mitte des Juli gekommen. Der Kaiser Alexander, welcher bald nach dem Beginn des Feldzuges beschlossen hatte, das Schicksal seiner Armee zu teilen und deren Geist durch seine Anwesenheit in ihrer Mitte zu beleben, befand sich in dem kleinen rumänischen Städtchen Simnitza, wo er sein Hauptquartier in einem einfachen, inmitten eines großen Hofes gelegenen Hause aufgeschlagen hatte. Zu beiden Seiten dieses Hauses befanden sich Zelte für die Umgebung des Kaisers, in der Mitte derselben erhob sich ein größerer, zeltartiger Pavillon, welcher als Speisesaal diente. Das kleine, bisher so völlig unbeachtete und außerhalb der nächsten Umgebung kaum von irgend jemand gekannte Städtchen war nun plötzlich der Mittelpunkt geworden, um welchen sich der Regierungsmechanismus des unermeßlichen russischen Reiches drehte und in welchem sich die vielverschlungenen Fäden der europäischen Diplomatie konzentrierten. Aus der Dunkelheit, welche den Ort bisher umgeben, war er plötzlich zu der Bedeutung einer Weltstadt emporgestiegen, um demnächst, sobald der Kaiser ihn verlassen haben würde, wieder in seine frühere Bedeutungslosigkeit zurückzusinken und nur den Haltepunkt für die Erinnerungen einer bewegten Zeit zu bilden.

Am Morgen des fünfzehnten Juli herrschte früher noch als gewöhnlich ein bewegtes Leben im kaiserlichen Hauptquartier, denn der Kaiser hatte beschlossen, sich weiter vorwärts zu begeben, um immer ganz in der Nähe der vorrückenden Truppen zu sein. Die Zelte, welche neben dem vom Kaiser bewohnten Hause für die Unterbringung des Gefolges errichtet waren, wurden abgebrochen und auf Bagagewagen verpackt, um vorwärts nach dem kleinen Dorfe Zaritza gefahren zu werden, wo die nächste Rast gehalten werden sollte; nur der große Pavillon in der Mitte stand noch, und in demselben versammelten sich die Offiziere der Suite, vollkommen reisefertig, um ihren Morgentee zu nehmen. Alles trug den Stempel kampagnemäßiger Marschfertigkeit. Die Offiziere trugen Überrock und Mütze und standen in einzelnen Gruppen um das Frühstücksbüffett, auf welchem nur wenige Platten mit Gebäck und kalter Küche den mächtigen silbernen Samowar umgaben und neben welchem der unermüdliche Hoffourier Lebedjew bereits den Augenblick der Abreise erwartete, um sogleich die Verpackung vornehmen zu lassen.

Man sah hier eine große Anzahl von Generaladjutanten, Flügeladjutanten und Ordonnanzoffizieren, den Generalleutnant Fürsten Schachowskoi, welcher die aus einer kombinierten Gardekompagnie und einer Brigade des elften Korps bestehende Bedeckung kommandierte, ebenso den der Person des Kaisers von Rußland attachierten deutschen General à la suite von Werder und den österreichischen Militärattaché Major und Flügeladjutant von Bechtolsheim. Alle diese Herren standen teils in Gruppen beieinander, sich eifrig über die nächsten Wahrscheinlichkeiten des Krieges unterhaltend, teils waren sie beschäftigt, die Briefe durchzusehen, welche sie eben noch durch den von Petersburg angelangten Kurier erhalten hatten. Die frühe Sommersonne war eben über den Horizont heraufgestiegen und begann dennoch bereits glühende Strahlen zu schießen, welche einen außerordentlich heißen Tag in Aussicht stellten. Die Kosakenabteilung wartete vor dem Hoftor und daneben war schon die blaue Kalesche des Kaisers mit den beiden mächtigen, schwarzen Pferden und dem Kutscher im blauen Kaftan mit der Medaille auf der Brust angefahren, welche der Kaiser im Felde ebenso wie in Petersburg benutzte, wenn er nicht auf dem Marsche zu Pferde stieg. Von fern her erschallten ununterbrochen Kanonensalven, welche von dem belagerten Nikopolis herüberdröhnten, und zuweilen, wenn sie heftiger wurden, die lauschende Aufmerksamkeit der Offiziere in Anspruch nahmen, da keine Nachrichten von dorther gekommen waren und alle unruhig die Entscheidung über das Schicksal der von dem Baron Krüdener belagerten Donaufestung erwarteten.

Auf der einen Seite des Zeltes hatte sich eine heitere Gruppe um den Generaladjutanten Prinzen Emil von Sayn-Wittgenstein, gebildet, welcher durch seine vielseitige militärische wie literarische Bildung, durch seinen reichen Geist und seinen unverwüstlichen Humor eines der belebendsten Elemente des Hauptquartiers war.

»Hören Sie, meine Herren,« rief der Prinz, »die Türken sind in der Tat aufmerksam, sie salutieren Seiner Majestät in dem Augenblick, da er sich anschickt, ihre Grenze zu überschreiten; das ist artig und ich hätte so viel Bildung kaum von diesen Barbaren erwartet – nun, wir wollen an Höflichkeit nicht zurückstehen und recht bald den Salut erwidern, indem wir unter den Mauern von Konstantinopel den Padischah mit unseren Kanonen begrüßen.«

Die umstehenden Herren lachten laut über diese zuversichtliche Bemerkung des Prinzen, und in demselben heiteren Tone wurde die Unterhaltung weitergeführt.

In einiger Entfernung stand der Kriegsminister Miljutin, der Kommandant des Hauptquartiers Generaladjutant Rylejew, der Kommandant des kaiserlichen Feldtelegraphendienstes General Schtscholkow und der Minister des kaiserlichen Hauses Graf Adlerberg beieinander. Diese Herren lauschten ebenfalls aufmerksam dem fernen Kanonendonner, aber ihre Mienen zeigten nicht dieselbe Heiterkeit, welche die Gruppe um den Prinzen Wittgenstein belebte; ernst schüttelte der General Rylejew den Kopf und sagte mit gedämpfter Stimme:

»Mir gefällt diese immer stärker herüberklingende Kanonade nicht, sie beweist jedenfalls, daß Nikopolis noch nicht genommen ist, und wir haben keine zuverlässigen Nachrichten, wie es noch hinterwärts nach Widdin hin steht und was dort vorgeht. Die Verlegung des Hauptquartiers und der Marsch mit der kleinen Bedeckung durch feindliches Land zwischen weit auseinander stehenden Korps hin ist fast tollkühn; ich schaudere, daran zu denken, was geschehen könnte, wenn ein feindlicher Vorstoß von rechts her auf den kaiserlichen Zug träfe. Wir sollten unter allen Umständen hier warten, bis vor Nikopolis wenigstens eine Entscheidung erreicht ist.«

»Sie haben recht,« sagte der Kriegsminister, »wir müßten in der Tat Seine Majestät noch einmal darauf aufmerksam machen, welchen Gefahren er sich durch diesen unsicheren Vormarsch aussetzt.«

»Es ist unnütz,« sagte Graf Adlerberg achselzuckend, »der Kaiser weiß das alles, aber er hat seinen ganz bestimmten Befehl gegeben, da er es für seine Pflicht hält, sich nicht von der vormarschierenden Armee zu trennen. Wir werden seinen Willen nicht ändern, und er wird den Befehl jetzt, da alles zum Aufbruch bereit, nicht zurücknehmen. Sie kennen den Herrn wie ich und wissen, daß er nie etwas tun wird, was auch nur entfernt wie ängstliche Sorge für die eigene Sicherheit gedeutet werden könnte. Lassen wir es also dabei und verdoppeln wir nur all unsere Aufmerksamkeit, um jede Gefahr sogleich zu erkennen und nachdrücklich abzuwenden.«

Während die Herren in leisem Gespräch die erforderlichen Sicherheitsmaßregeln weiter erörterten und während der Prinz Wittgenstein zur höchsten Erheiterung seiner Umgebung die Organisation der künftigen Zivil- und Militärverwaltung von Konstantinopel besprach, war der Leutnant Blagonow vor das Zelt hinausgetreten, um einige Briefe, die er eben empfangen, durchzulesen. Freudig verklärte sich sein Gesicht, als er einen Brief Marphas öffnete, aber finstere Schatten bedeckten seine Stirn, während er weiter und weiter las, und in tiefe Gedanken versunken blieb er stehen, ohne das zweite Kuvert zu öffnen, welches die große und etwas ungeschickte Handschrift des Fürsten Nikascha zeigte.

Graf Wladimir trat zu ihm heran und legte die Hand auf seine Schulter.

»Nun, Feodor Michaelowitsch,« rief der junge Offizier mit heiter strahlenden Blicken, »was hast du, warum so trübe? Macht dir deine Frau das Herz schwer – singt sie dir Klagelieder über die Trennung? Das ist nicht recht, das muß eine gute Soldatenfrau nicht tun, wir bedürfen hier des Mutes und der Heiterkeit, um würdig dem Beispiel zu folgen, das der kaiserliche Herr uns und allen seinen Soldaten gibt, und wenn wir uns das Herz schwer machen lassen, so taugen wir nicht mehr zum Dienst! – Sieh, da ist meine Marica anders, die Tochter der schwarzen Berge ist im Kriege und Kampfe aufgewachsen, sie mag wohl auch traurig die Einsamkeit empfinden, das arme Kind, aber sie schreibt mir heiter und fröhlich, denn sie weiß, daß man den Soldaten, der dem Feind entgegenzieht, nicht traurig machen darf – sie trägt mir Grüße an ihren Vater auf,« sagte er, heiter lachend, »meine gute, kleine Frau hat sich mit dem Studium der Geographie nicht befaßt und glaubt wohl, daß wir schon mit den Montenegrinern zusammen auf dem Marsch gegen Konstantinopel sind, während wir doch hier eben erst den Fuß aufheben, um das feindliche Gebiet zu betreten, und während,« fügte er ernster mit einem leichten Seufzer hinzu, noch der ganze Balkan mit seinen Felsen und seinen Abgründen zwischen uns und dem Entscheidungskampfe liegt.«

Blagonow schlug düsteren Blickes die Augen zu ihm auf, sah ihn einen Augenblick nachdenklich fragend und forschend an.

»Nein, Wladimir Ossipowitsch,« sagte er dann, »meine Marpha ist eine ebenso gute Soldatenfrau wie deine Marica; sie klagt nicht über die Trennung und ist stolz darauf, daß ich in dem großen Kampfe des Vaterlandes an so ehrenvollem Platze stehe. Es ist etwas anderes,« fuhr er zögernd und unschlüssig fort, »das mir Sorge macht und ernste Gedanken in mir weckt.«

»Nun,« fragte Wladimir, betroffen über den ernsten, traurigen Ton seines Freundes, »und was ist das? Was könnte einem kaiserlichen Ordonnanzoffizier, dem jungen Ehemann einer schönen Frau und dem Schwiegersohn des so reichen und freigebigen Fürsten Nikascha, den Humor verderben?«

Blagonow blieb ernst. Er sah Wladimir noch einmal forschend und unschlüssig zögernd an, dann trat er ganz nahe zu ihm und fragte mit gedämpfter Stimme:

»Was denkst du von Sacharin, dem Sekretär des Fürsten? Hast du Vertrauen zu ihm?«

»Ich habe niemals gezweifelt,« erwiderte Wladimir verwundert, »daß das Vertrauen des Fürsten zu seinem Faktotum vollkommen gerechtfertigt sei. Ich kann eben nicht sagen,« fuhr er fort, »daß dieser Sacharin mit seiner ewig unveränderten, finsteren Miene und seinem undurchdringlichen Blick mir besonders sympathisch sei; doch ist er bescheiden und dienstbereit, und was die Hauptsache ist, die Angelegenheiten des Fürsten befinden sich in der vortrefflichsten Ordnung; trotz seines großartigen Lebens sind seine Kassen stets gefüllt, und das ist doch wohl ohne Zweifel das Verdienst des Herrn Sacharin, denn unser gutes Väterchen Nikascha versteht sich ja kaum auf die Verwaltung seiner Finanzen, auch hat dieser Sacharin alle Einrichtungen zur Verbesserung meiner Güter, bei welcher mir der Fürst so großmütig geholfen, mit großer Umsicht und Zuverlässigkeit getroffen.«

»Es ist nicht das,« sagte Blagonow, »wovon ich sprechen wollte, obwohl ich gestehen muß, daß ich auch in dieser Beziehung nicht ganz frei von Zweifeln bin; für einen geschickten Verwalter lassen sich bei dem großen Reichtum des Fürsten manche Manipulationen machen, ohne daß der Fürst etwas entbehrt oder etwas davon bemerkt, und um so sicherer, je größer die Ordnung in der Verwaltung ist – doch das wäre ja vielleicht gleichgültig,« sagte er, indem er sinnend vor sich niederblickte, als ob er Gedanken verfolge, die er auszusprechen sich scheue, – »mir ist es indessen immer vorgekommen, als ob jenen Sacharin etwas Geheimnisvolles, Unheimliches umgebe, als ob er wie ein finsterer Geist mitten in dem so hellen, heiteren und klar durchsichtigen Leben des Fürsten stehe, und was meine Frau mir schreibt –« Er stockte und blickte scheu umher.

»Nun,« fragte Wladimir aufmerksamer, »was ist es, was bewegt dich so?«

Blagonow neigte sich zu Wladimirs Ohr und sagte in flüsterndem Ton:

»Marpha hat, wie sie mir mitteilt, die Bemerkung gemacht, daß sie Briefe von mir um einen Tag später als andere Damen erhalten habe, denen ebenfalls der kaiserliche Kurier aus dem Hauptquartier Briefe mitgebracht. Durch einen Zufall«, fuhr er nach einem abermaligen kurzen Zögern fort, »hat sie dann später in einem Falle entdeckt, daß einer meiner Briefe, welcher, wie alles, was in dem Hause des Fürsten ankommt, von Herrn Sacharin in Empfang genommen wurde, fast einen Tag lang in dessen Händen geblieben ist, und dann hat ihr scheinen wollen, als ob das Kuvert, das nicht mit einem Siegel verschlossen war, leichte Spuren einer Eröffnung gezeigt habe. Sie macht mich darauf aufmerksam und bittet mich, den Kurier zu veranlassen, daß er ihr meine Briefe künftig persönlich gebe, oder ein zuverlässiges Merkzeichen zu ersinnen, um eine Verletzung der Briefe erkennen zu können.«

Wladimir war einen Augenblick ernst geworden, doch aber schüttelte er mit ungläubigem Lächeln den Kopf und sagte:

»Ich glaube, das hat kaum etwas zu bedeuten; wenn sich die Übergabe der Briefe wirklich verspätet hat, so hat das vielleicht darin seinen Grund, daß der Sekretär, ein trockener Geschäftsmann, die geschäftliche Korrespondenz zuerst erledigte. Welches Interesse sollte er an deinen Briefen haben – dieser Herr Sacharin sieht mir sehr wenig so aus, als ob eine kindische Neugier ihn plage.«

»Neugier!« sagte Blagonow; dann faßte er Wladimirs Hand und flüsterte: »Du erinnerst dich, Wladimir Ossipowitsch, daß der General Rylejew uns alle mehrfach aufgefordert, in unseren Korrespondenzen sehr vorsichtig zu sein und dieselben niemals mit der Feldpost, sondern immer mit dem kaiserlichen Kurier abzusenden, da die Polizei in Erfahrung gebracht habe, daß man in bedenklichen – sehr bedenklichen Kreisen außerordentlich genau über alle Vorgänge im kaiserlichen Hauptquartier bis in die kleinsten Einzelheiten unterrichtet sei.«

»Unmöglich,« rief Wladimir, »du glaubst –«

»Ich glaube nichts,« erwiderte Blagonow, »aber so viel ist gewiß, daß die Sache ernst – sehr ernst ist, und wunderbare Gedanken sind bei Marphas Mitteilung mir durch den Kopf gegangen, wenn ich mich des starren Gesichtes und der unheimlichen Blicke dieses Sacharin erinnerte.«

Wladimir schüttelte immer noch den Kopf, wenn auch seine Miene ernster als vorher geworden.

»Nun,« sagte er, »ich kann es immer nicht glauben, daß dieser Sacharin, ein Mann der strengen Ordnung, der vielleicht daran denken könnte, für den Vorteil seiner eigenen Tasche zu arbeiten, mit gefährlichen und bedenklichen Kreisen in Verbindung stehen sollte – aber immerhin hast du recht, schon der Gedanke eines solchen Verdachtes erfordert ernste Aufmerksamkeit, denn wir alle hier tragen eine schwere Verantwortung. Höre meinen Rat,« sagte er nach einem augenblicklichen Nachsinnen, »sage niemand etwas von deinen Gedanken.«

»Um Gottes willen,« rief Blagonow schaudernd, »wie könntest du glauben?«

»Und dann,« fuhr Wladimir fort, »wenn du den Kurier beauftragen würdest, deine Briefe persönlich an Marpha zu geben, so würde das auffallen, zu Erörterungen führen, und wir würden nichts entdecken, wenn wirklich etwas zu entdecken ist. Sage es mir, wenn du wieder einen Brief geschrieben hast, ich will dir ein untrügliches Mittel zeigen, um uns zu vergewissern, ob der Brief verletzt worden; schreibe gleichgültige Sachen hinein, die jeder lesen kann, und wenn der Verdacht sich dann wirklich bestätigen sollte, so wird es Zeit sein, zu überlegen, was weiter zu tun ist. Ich habe einige Praxis darin,« sagte er lächelnd, »aus früheren Zeiten her, da mir auch zuweilen daran lag, meine Korrespondenz, die freilich keine politische war, vor jeder Spionage zu sichern.«

Bevor Blagonow antworten konnte, hörte man das Waffenklirren der präsentierenden Wachen, die Kosaken der Begleitung schlossen ihre Glieder, die Gruppen der Offiziere im Zelt lösten sich, alles eilte auf den Hof, denn der Kaiser war aus dem Hause getreten. Er trug Überrock und Schärpe, sein Gesicht war ruhig und heiter; mit freundlicher Handbewegung erwiderte er den militärischen Gruß der Herren von seiner Suite. Hinter ihm folgten der Großfürst Alexis Alexandrowitsch, ein junger, schlanker und schöner Prinz von siebenundzwanzig Jahren, welcher als Konteradmiral die auf der Donau befindlichen Flottenabteilungen befehligte, und der Großfürst Sergei Alexandrowitsch, zwanzig Jahre alt, mit heiter lächelnden, noch fast kindlichen Zügen, in der Uniform des Gardeschützenbataillons.

Der Kaiser drückte dem preußischen General von Werder herzlich die Hand, wechselte einige flüchtige Worte mit den Generalen, wobei es fast schien, als wolle er jedes eingehende Gespräch vermeiden, und winkte dann seinen Wagen, der auf der Stelle vorfuhr. Der Großfürst Alexis nahm neben seinem kaiserlichen Vater Platz, die übrigen Herren des Gefolges stiegen zu Pferde, und langsam bewegte sich der kaiserliche Zug durch die Straßen von Simnitza.

Die kleine Stadt war dicht mit Menschen gefüllt. Mehr als sechzig Viererzüge zogen die Kutschen, Fourgons, Telegen und Britschken des kaiserlichen Hauptquartiers, denen eine ungeheure Menge von Reitpferden folgte, und zwischen diesem dichten, von Bedeckungsmannschaften umgebenen Zuge drängte sich die Bevölkerung durch, um den Kaiser mit lauten Hurrarufen zu begrüßen. Vor der Stadt senkte sich ein breiter Abhang zu dem sandigen Ufer der Donau hinab. Hier waren bis zum Wasser des Flusses hin eine Menge Zelte und Buden aufgeschlagen, in welchen den Truppen alle erdenklichen Waren und Lebensmittel verkauft wurden. Es war ein unendlich malerisches Bild, das sich hier vor den Blicken des Kaisers und seines Gefolges öffnete. Die ziemlich weit ausgedehnte und unregelmäßig gebaute Stadt lag zwischen Gärten und Baumgruppen, aus denen sich hohe Minarette und Kirchenkuppeln erhoben; das ganze, dieselbe umgebende Feld glich einem festlichen Jahrmarkt, heller Sonnenschein lag auf der Stadt, dem Flusse und der weiten Ebene. Die Pontonbrücke über die Donau lehnte sich an zwei in dem Flusse befindliche Inseln und bildete auf diese Weise drei verschiedene Abteilungen.

Am Ufer wirbelten dichte Staubwolken empor, welche den Marsch der vorrückenden Regimenter anzeigten – das ganze leuchtende, heiter belebte Bild hätte eher einem militärischen Feste als dem Einmarsch in das Gebiet eines furchtbaren Feindes gleichen können, wenn nicht von fern her unausgesetzt die Kanonensalven des Kampfes bei Nikopolis herübergeklungen wären.

Als der Zug an die Pontonbrücke gekommen war, überall mit jubelnden Rufen von den am Wege sich zusammendrängenden Menschenmassen begrüßt, trat der Generalmajor Richter, der Kommandant des Donautrajekts, an den Wagen, um sich zu melden und den Kaiser persönlich über die Brücke zu geleiten.

Der Kaiser sagte dem verdienten General, welcher bereits bei dem Beginn des Donauüberganges sich den Georgsorden, diese hohe militärische Auszeichnung der russischen Armee, erworben, einige freundliche Worte und verließ dann seinen Wagen.

»Es ist keine Gefahr auf der Brücke, Majestät,« sagte der General, »wenn nicht etwa die Pferde vor dem Wasser scheuen –«

Der Kaiser schüttelte lächelnd den Kopf.

»Sie wissen, mein lieber General,« sagte er, »daß nach der militärischen Vorschrift jede Brücke zu Fuß passiert werden muß – diese Vorschrift gilt für mich wie für jeden anderen, und ich würde meiner Armee ein schlechtes Beispiel geben, wenn ich im Wagen die Brücke passierte.«

Der Großfürst Sergei und das ganze übrige Gefolge waren sofort von den Pferden gesprungen, als der Kaiser den Wagen verließ, und der ganze Zug begab sich zu Fuß nach der Brücke hin; der Wagen des Kaisers und die von den Reitknechten geführten Pferde folgten in einiger Entfernung.

Als man die Brücke bis zur ersten Insel überschritten hatte, sagte der General Richter:

»Bevor Eure Majestät weitergehen, möchte ich mir untertänigst erlauben, Allerhöchstdieselben darauf aufmerksam zu machen, daß ich seit heute früh in südwestlicher Richtung türkische Truppenmärsche bemerkt habe, welche sich in der Gegend des Wid nach der Donau hin bewegen. Die Stärke der im Marsch befindlichen Truppen ist nicht genau festzustellen, doch müssen es nach der Ausdehnung der Staubwolken und der blinkenden Streifen, welche die Gewehre bilden, mehrere Regimenter sein. Von diesem Punkt aus können Eure Majestät die Truppenbewegung deutlich sehen, wenn Sie nach jeder Richtung hinzublicken die Gnade haben wollen.«

Der Kaiser blieb stehen und blickte gespannt nach der von dem General angegebenen Richtung hin. Man sah in der Tat an einer Stelle, an welcher die nach dem Donauufer hin abfallenden Höhenzüge einen freien Durchblick gestatteten, in weiter Ferne jene eigentümlichen, schlangengleichen weißen Linien, welche von den Staubwolken marschierender Regimenter gebildet werden und zwischen denen, wie die einzelnen Glieder eines Schuppenpanzers, die in der Sonne blinkenden Waffen hervorschimmern.

»In der Tat,« sagte der Kaiser, »es sind marschierende Truppen! Sind Sie gewiß, daß es Türken sind?«

Er nahm sein Glas und blickte aufmerksam nach der Richtung hin. Alle Herren des Gefolges beobachteten ebenfalls die Erscheinung, auf welche der General Richter aufmerksam gemacht hatte.

»Es ist kein Zweifel, Majestät,« sagte dieser, »daß es Türken sind, kein russisches Korps kann bis zu jener Gegend vorgedrungen sein.«

»Sie haben recht,« sagte der Kaiser, indem er das Glas von seinem Auge herabsinken ließ, »und was kann das bedeuten?«

»Es ist gar kein Zweifel, Majestät,« erwiderte der General, »daß das, was wir dort sehen, Truppen von den bei Widdin stehenden türkischen Korps sind, welche zum Entsatz von Nikopolis heranmarschieren.«

Des Kaisers Miene drückte Besorgnis aus.

»Hoffentlich kommen sie zu spät,« sagte er, »die Kanonade wird immer stärker, Krüdener wird hoffentlich Nikopolis bald nehmen.«

»Ich hoffe es zu Gott, Majestät«, erwiderte der General Richter. »Aber jene marschierenden Kolonnen dort sind unter allen Umständen eine ernste Gefahr; wenn sie stark genug sind, um, unterstützt von einem Ausfall der Besatzung von Nikopolis, den General Krüdener zurückzuwerfen, so wird eine türkische Macht von beträchtlicher Stärke unmittelbar hierher vordringen und jedenfalls versuchen, die Brücken hier zu zerstören; dem General Krüdener würde daraus kein Vorwurf zu machen sein, denn einer Übermacht gegenüber würde er sich unter den Mauern der Festung unmöglich halten können. Ein Vorgehen Eurer Majestät halte ich unter diesen Umständen aber für äußerst gefährlich, und wenn ich Eurer Majestät einen untertänigsten Rat geben dürfte, so wäre es der, die Entscheidung der Vorgänge vor Nikopolis hier zu erwarten.«

Unmutig faltete der Kaiser die Stirn, fragend blickte er auf den hinter ihm stehenden Kriegsminister Miljutin, welcher, schnell vortretend, die Meinung des Generals auf das entschiedenste unterstützte; dasselbe tat der General Rylejew und der Graf Adlerberg. Der Kaiser hörte sie ruhig an – dann aber schüttelte er mit ernster Hoheit den Kopf und sagte:

»Nein, ich bin im Dienst des Vaterlandes wie jeder andere Soldat, nur daß meine Pflicht noch höher und heiliger ist als diejenige jedes anderen – meine Pflicht aber ist, bei meiner Armee zu sein, und ich werde ihr folgen. Ich glaube an die russischen Waffen, ich hoffe, daß Krüdener Nikopolis wird genommen haben, bevor jene Truppen dort herankommen, und wenn nicht, so wird meine Bedeckung zu meinem Schutz hinreichen, bis ich die Armee des Cäsarewitsch erreicht habe.«

»Ich habe meine untertänigste Meinung gesagt«, erwiderte der General Richter fast traurig. »Eure Majestät sind der Herr und haben zu befehlen. Aber ich möchte mir noch die Bemerkung erlauben, daß jene türkischen Truppen, welche Eure Majestät dort sehen, nicht minder gefährlich werden können, wenn sie zum Entsatz von Nikopolis zu spät kommen; sie würden dann gezwungen werden, sich südwärts zu wenden und in den fast unzugänglichen Positionen der Umgebung der Stadt Plewna festen Fuß fassen.«

»Der General hat recht,« sagte der Kriegsminister Miljutin, welcher fortwährend durch sein Glas in die Ferne geblickt hatte, »ganz recht, es darf um keinen Preis geschehen, daß in jener Gegend starke feindliche Korps sich festsetzen.«

»Gut denn,« sagte der Kaiser, »vor allem werden wir den Fluß überschreiten und unseren Marsch antreten. Senden Sie dann sogleich den Befehl in das Hauptquartier meines Bruders voraus, daß die von dem General bezeichneten Positionen besetzt und dem Feinde verschlossen werden, wenn dies nicht schon geschehen sein sollte.

Plewna – Plewna,« fügte er, gedankenvoll vor sich niederblickend, hinzu, »ich erinnere mich, Nepokoitschinsti nannte diesen Namen, als er seinen Feldzugsplan entwickelte; auch er bezeichnete jene Position als hochwichtig – ja, ja,« sagte er dann, wie erleichtert aufatmend, »ich erinnere mich jetzt genau, man wird also ohne Zweifel beim Armeekommando Vorkehrungen getroffen haben, daß jene Stellungen nicht in die Hände des Feindes fallen können. Ich danke Ihnen«, sagte er freundlich zum General Richter, »für Ihre Mitteilung und Ihre Warnung; Sie haben von neuem bewiesen, wie würdig Sie meines Vertrauens sind.«

Mit einer Miene, welche zeigte, daß er das Gespräch für beendet ansehe, schritt er über die Brücke weiter. Bedenklich miteinander flüsternd, folgten ihm zunächst der Kriegsminister und der General Rylejew, denen sich das übrige Gefolge anschloß.

Am anderen Ufer angelangt, ließ der Kaiser sein Pferd, einen herrlichen Grauschimmel, vorführen. Er verabschiedete sich von dem Großfürsten Alexis, welcher durch sein Kommando an der Donau zurückgehalten wurde, und ritt dann an der Spitze des Gefolges, das fast einer Kavallerieeskadron glich, langsam auf dem südwärts nach Tirnowa hinführenden Wege vorwärts. Der Weg war sandig und hügelig, nur Weingärten lagen an seiner Seite, und die heißen Strahlen der Sonne fielen glühend auf den kaiserlichen Zug herab. Der Kriegsminister hatte unmittelbar vom Donauufer einen Offizier des dort haltenden Tschugojewskischen Ulanenregiments nach dem Hauptquartier gesendet, um den Befehl wegen der Positionen bei Plewna, auf welche der General Richter aufmerksam gemacht hatte, dorthin zu bringen.

Der Kaiser war trotz der Hitze und des Staubes heiter und rief bald den einen, bald den anderen der Herren des Gefolges an seine Seite, um sich mit denselben zu unterhalten. Auch die jüngeren Offiziere plauderten fröhlich und sorglos miteinander, nur die älteren Generale lauschten zuweilen unruhig auf den immer noch aus der Ferne herüberdröhnenden Kanonendonner und blickten sorgenvoll nach der Richtung hin, in welcher man vorher den Marsch der türkischen Truppen bemerkt hatte.

Am Nachmittag erreichte man das Dorf Zaritza, einen kleinen, aber freundlichen Ort mit reinlichen Bauernhäusern und frischen, wohlgepflegten Gärten. Der Kaiser befahl, hier zu halten und bis zum nächsten Morgen zu rasten, obwohl nur ein Teil der Fourgons hierhergelangt war. Trotz der Aussicht auf ein ziemlich primitives Nachtquartier begrüßte das ganze Gefolge, von der Hitze erschöpft, diesen Befehl mit großer Freude. Der General Rylejew hatte eine kleine, in einem Tale liegende Wiese für das kaiserliche Lager ausgewählt. Zwei einfache, miteinander verbundene Zelte wurden hier aufgeschlagen, in deren einem das eiserne Bett des Kaisers und zwei mit grünem Tuch bedeckte Tische aufgestellt wurden, deren einer die Schreibmaterialien, der andere die Toilettengegenstände trug. In dem Nebenzelte schlief der Kammerdiener vom Dienst, während dasselbe zugleich die Koffer mit der Garderobe und eine Badewanne enthielt. Dies war das kaiserliche Biwaksquartier; die übrigen Herren mußten in den Häusern des Dorfes oder in flüchtig aufgeschlagenen Zelten die Nacht zubringen. Gegen Abend wurde die Tafel, welche selbst unter den schwierigsten Verhältnissen Herr Bavasseur, der maître d'hôtel des kaiserlichen Hauptquartiers, wenn auch in der befohlenen Einfachheit, so doch tadellos herzustellen verstand, im Freien auf schnell aufgeschlagenen hölzernen Tischen serviert. Es durften auf Befehl des Kaisers nur drei Gänge serviert werden, und nichts erinnerte hier an die Anwesenheit des mächtigen Selbstherrschers als das ganz silberne Tafelgeschirr, von welchem man speiste, und die Musik der Kapelle des Preobraschenskischen Regiments, welches zur kombinierten Gardekompagnie kommandiert war und regelmäßig bei der Tafel spielte.

Der Kaiser, welcher sich eine Zeitlang in sein Zelt zurückgezogen hatte, nahm in der Mitte der Tafel Platz, ihm gegenüber der Generaladjutant Wojeikow, welcher als Hofmarschall fungierte; zur Rechten des Kaisers saß der Großfürst Sergei, zu seiner Linken der Kriegsminister; Graf Adlerberg und General Rylejew nahmen die Plätze zur Seite des Hofmarschalls ein, die übrigen Herren setzten sich meist zwanglos nebeneinander, ohne die strenge Rangfolge peinlich zu beachten.

Der Kaiser schien besonders heiter zu sein, er lachte herzlich über die Scherze des Prinzen Wittgenstein, doch schien es, als ob eine gewisse Ungeduld ihn beherrsche und als ob er den Gang des Diners zu beschleunigen wünsche. Gegen den Schluß der Tafel wurde, was sonst im Biwak nicht zu geschehen pflegte, zur Verwunderung der ganzen Gesellschaft Champagner serviert. Kaum war des Kaisers großer silberner Pokal, aus welchem er gewöhnlich zu trinken pflegte, gefüllt, als er schnell aufstand und mit blitzenden Augen, während sein Gesicht vor innerer, freudiger Erregung zuckte, laut rief:

»Ich trinke auf das Wohl der Tapferen, welche zuerst den Balkan überschritten haben. Hurra!«

Die Kapelle des Preobraschenskischen Regiments fiel mit einem lauten Tusch ein, jubelnd nahmen alle Anwesenden den Hurraruf ihres kaiserlichen Kriegsherrn auf; aber während die lauten, freudigen Klänge zum Abendhimmel emporstiegen, sahen sich alle verwundert an, denn keiner vermochte den Trinkspruch des Kaisers zu begreifen, da man ja eben erst Bulgariens Herr geworden war und der Übergang über den Balkan, als der zweite, wichtigste Teil des Feldzuges, noch bevorstand. Der Kaiser weidete sich einen Augenblick an dem allgemeinen Erstaunen, dann winkte er mit der Hand; eine tiefe Stille trat ein. Der Kaiser zog ein Telegramm aus seiner Uniform und las mit lauter, klarer, von innerer Bewegung leicht zitternder Stimme:

»An Seine Majestät den Kaiser.

Ich habe das Glück, Eure Majestät zu dem ersten von Ihren Truppen ausgeführten Balkanübergang beglückwünschen zu dürfen. Der Übergang vollzog sich am 13. Juni fünf Uhr abends, ohne daß dabei ein Schuß fiel.

Gestern am 14., um zwei Uhr, eroberte General Gurko Chankioi; die aus dreihundert Mann Nizams bestehende Besatzung wurde überrascht und in die Flucht gejagt. Der Feind wich östlich nach dem Dorfe Conaro.

Bei uns tot ein Kosak, verwundet ein Schütze, ein kaukasischer Schütze und drei Kosaken. Nikolai.

Hatte ich recht,« rief der Kaiser, indem das Telegramm in seiner Hand zitterte, »auf das Wohl der Braven zu trinken, die den Balkan überschritten?«

Noch einmal brauste der Hurraruf noch lauter, noch gewaltiger als vorher empor.

»Der Feldzug ist beendet,« rief der Prinz Wittgenstein, »was nun folgt, ist ein Spaziergang durch die schönen Rosentäler bis nach Konstantinopel.«

Der General von Werder sprach dem Kaiser mit warmer Herzlichkeit seinen Glückwunsch aus, etwas zurückhaltender und förmlicher schloß sich der Major von Bechtolsheim an, und während noch lauter, als es sonst die Anwesenheit des Kaisers erlaubt hätte, die Unterhaltung hin und her wogte, hörte plötzlich die Kanonade, welche den ganzen Tag über gedauert hatte, auf. Auf die Kanonenschüsse hatte man nicht mehr geachtet, das plötzliche Verstummen derselben aber erregte die allgemeine Aufmerksamkeit.

»Nikopolis hat kapituliert!« rief der Prinz Wittgenstein, »die Kanonen schweigen.«

»Wir wollen es hoffen!« sagte General Rylejew ernst, fast düster.

Der Kaiser faltete schweigend die Hände und richtete einen Augenblick die Augen aufwärts. Niemand wagte diesem Schweigen gegenüber eine weitere laute Bemerkung, aber in leisem Flüstern teilte man sich um so eifriger seine Vermutungen über den Grund dieses plötzlichen Aufhörens der Kanonade mit; diejenigen, welche Befürchtungen hegten, schwiegen, während die Optimisten um so zuversichtlicher den Fall von Nikopolis aussprachen. Bald aber schien der Kaiser seine Heiterkeit wiederzufinden. Er zog ein Zigarettenetui hervor – die ganze Gesellschaft folgte seinem Beispiel, jeder legte die Hand an das offene Etui und sah erwartungsvoll den Kaiser an, der mit fast schalkhaftem Augenblinzeln umherblickte, ob auch jede Hand gleichmäßig an die Etuis gelegt sei. Dann kommandierte er mit militärischem Ton: »Faßt Patron!« – Die ganze Gesellschaft wiederholte mit schlagender Präzision einstimmig die zweite Silbe des Wortes Patron; darauf zog ein jeder wie mit einem gleichmäßigen Schlage seine Zigarette aus dem Etui hervor, um sie an den von den Lakaien präsentierten Kerzen anzuzünden. Es war dies ein an der Tafel des kaiserlichen Hauptquartiers hergebrachter Scherz, welchen der Kaiser nie vergaß und bei welchem ihn jedesmal die militärische Genauigkeit des Exerzitiums seiner Suite von neuem erheiterte.

Noch eine Zeitlang bewegte sich die Unterhaltung zwanglos und heiter fort, dann entließ der Kaiser frühzeitig die Gesellschaft, da man am anderen Tage früh aufbrechen sollte, um in den kühlen Morgenstunden den Marsch fortzusetzen.

Auch die Herren des Gefolges bedurften der Ruhe und zogen sich bald in ihre Quartiere zurück.

Graf Wladimir, der noch mit einigen der jüngeren Herren eine Zigarre im Freien unter dem sommerlichen Sternenhimmel geraucht hatte, fand in seinem Quartier, im kleinen Zimmer eines Bauernhofes, Blagonow bereits vor, welcher an dem gebrechlichen Tische beim matten Schein einer Kerze einen Brief geschrieben hatte.

»Hier,« sagte er, seinem Freunde entgegentretend, »mein Brief ist fertig, du wolltest mir ein Mittel geben, jede Eröffnung desselben mit Sicherheit zu erkennen.«

»Gib her,« sagte Wladimir, »mein Mittel ist untrüglich, doch ich bedarf dazu eines Haares; deine Locken sind ja fast dienstwidrig lang, opfere mir eines deiner Haare.«

Blagonow zog vorsichtig ein Haar von seiner Schläfe aus, Wladimir nahm dasselbe, durchlöcherte den Brief an zwei Stellen fast unmerklich, zog dann das Haar durch die feinen Öffnungen und befestigte die beiden Enden desselben mit einem ganz kleinen Tropfen Siegellack in einer Ecke des Kuverts.

»Nun verschließe den Brief«, sagte er zu Blagonow,, der aufmerksam seinen Manipulationen gefolgt war. »Wer den Brief aufmacht, ohne unsere Vorsichtsmaßregel zu kennen, wird ohne Zweifel das Haar zerreißen, und selbst wenn er dasselbe bemerken sollte, seine Anwesenheit in dem Papier einem Zufall zuschreiben. Gib diesen Brief nun morgen dem abgehenden Kurier ohne jede weitere Empfehlung mit, später wirst du dann auf einem ganz zuverlässigen Wege Marpha fragen, ob sie das Haar in dem Brief bemerkt hat; auf diese Weise werden wir dann einen Schritt weiterkommen, um der Spur deines Verdachtes, wenn er begründet sein sollte, zu folgen. Jetzt aber laß uns schlafen.«

Blagonow verschloß seufzend den Brief und sagte mit ungläubigem Kopfschütteln:

»Dein Mittel scheint mir doch nicht vollkommen sicher, indes versuchen wir es immerhin.«

»Wir haben den Balkan,« rief Wladimir, indem er sich entkleidete, »es ist fast nicht zu glauben, die Glücksgöttin scheint vor unseren Armeen herzufliegen – und es ist nur der eine Schmerz, daß man nicht dabei sein kann, wo so viel Ruhm und Ehre gewonnen wird.«

»Ruhm und Ehre!« sagte Blagonow seufzend, indem er den vor ihm liegenden Brief betrachtete, »und was würden unsere Frauen sagen, wenn wir den Ruhm und die Ehre mit unserem Leben bezahlten?«

»Sie würden weinen«, rief Wladimir, »und dennoch auf uns stolz sein.«

»Und weißt du,« sagte Blagonow düster, »daß ich einen Gedanken nicht los werden kann: wenn ich den Kaiser so sehe, wie er in seinem leichten Zelt schläft, oder wie er auf der freien Straße dahinreitet, jedem Schuß, jedem Dolchstoß, jeder explodierenden Bombe erreichbar, so durchrieselt mich oft ein kalter Schauer, wenn ich mir denke, was geschehen könnte und was dann werden sollte.«

Wladimir sah ihn groß an.

»Du bist wahnsinnig, Feodor Michaelowitsch, dich mit solchen Gedanken zu quälen! Hier, in der Mitte seiner Armee, in unserer aller Mitte, welche Gefahr sollte dem Herrn drohen?«

Blagonow antwortete nicht, aber der finstere, trübe Ausdruck blieb auf seinem Gesicht haften, während er sich entkleidete und auf das einfache Lager von wollenen Decken ausstreckte, das auf dem Boden des Zimmers bereitet war, und als Wladimirs tiefe und ruhige Atemzüge schon längst den gesunden, kräftigen Schlaf der Jugend anzeigten, warf er sich noch unruhig und zuweilen tief seufzend hin und her.

14. Kapitel

Während der Kaiser Alexander dem Zuge seiner Truppen folgte, hatten die türkischen Korps, welche von der russischen Armee nach dem Übergange über die Donau zurückgeworfen waren, sich teils in geordneten Kolonnen, teils in wilder Auflösung südwärts nach dem Balkan zurückgezogen, um die Pässe zu gewinnen und sich mit den von Rumelien heraufrückenden Armeen zu vereinigen. Der große Strom dieser Truppenbewegungen drängte dem Schipkapasse, dem eigentlichen Übergangsweg über den Balkan, zu, und hier sammelten die Türken ihre bedeutendsten verfügbaren Kräfte, um einem möglichen russischen Übergangsversuch wirksamen Widerstand zu leisten; kaum indes erwartete man einen solchen Versuch, denn der Kern der russischen Armee war noch zu weit entfernt, die ganze russische Truppenaufstellung schien noch nicht genügend konzentriert, um den Übergang durch den schmalen Paß, der ungeheure Opfer an Menschen fordern mußte, zu erzwingen.

Während nun in der Richtung nach Schipka hin sich zahlreiche türkische Truppenabteilungen, von den russischen Vortruppen gefolgt, auf allen Straßen südwärts bewegten, um den Paß zu erreichen, herrschte in einiger Entfernung in den Abhängen und Schluchten die tiefste Ruhe und Stille, und niemand hätte vermuten können, daß man sich hier so nahe an dem Schauplätze eines furchtbaren, blutigen Krieges befinde.

Seitwärts von den großen Straßen lag an einem schmalen, durch Waldabhänge gedeckten und für den großen Verkehr niemals benutzten Bergpfad eine von Felsen eingeschlossene und von dichtem Gebüsch überragte Plattform; dieselbe war etwa fünfzehn Fuß über dem Bergpfad erhaben, eine steile Felswand machte von dieser Seite den Aufgang unmöglich. Am oberen Rande dieser Wand hatte sich ein Überhang von Rasen und Gebüsch gebildet, welcher den etwa unten auf der Straße Vorbeiziehenden den Blick auf die Plattform selbst verschloß; nach der anderen Seite hin stieg das Gebirge steil auf, während sich zugleich Schluchten zwischen den einzelnen Felshöhen öffneten, durch welche man auf gefahrvollen und nur den ganz Ortskundigen zugänglichen Wegen nach den Tälern hinabsteigen konnte.

Auf dieser Plattform zeigte sich, während weit unten hin das kriegerische Leben die Täler erfüllte, ein eigentümliches Bild, das trotz seiner engen Abgrenzung und seiner stillen, friedlichen Ruhe doch wieder auch seinerseits an den Krieg erinnerte, der das ganze Land ringsum erfüllte. Rückwärts von dem steil abfallenden Rande des kleinen Plateaus waren aus Baumästen kleine Hütten oder eigentlich nur Dächer aufgeschlagen, welche notdürftigen Schutz gegen den Regen gewährten, und unter diesen Hütten lagerten in bunten Gruppen, plaudernd, träumend oder ihre Waffen putzend, junge Männer, schön, schlank und kräftig gebaut, in der Tracht des bulgarischen Landvolkes. Man hätte sie für eine Bande kühner Räuber halten können, die in den wilden Bergschluchten den Reisenden auflauern, wenn nicht auf allen ihren Gesichtern so viel freie, harmlose Offenheit gelegen hätte.

Und doch mußte diese kleine Schar in Sorge vor Gefahr und in Bereitschaft zum Kampf leben, denn in all den kleinen Zelten sah man Waffenstücke jeglicher Art, sorgfältig vor der Witterung geschützt, hängen, und während die Kleider der Männer verwittert, abgeschabt und sogar vielfach zerrissen waren, zeigten die Waffen in ihrem hellen Glanz, daß die äußerste Sorgfalt auf sie verwendet war. Auch waren wie in einem militärischen Biwak Posten ausgestellt, welche, das Gewehr mit gespanntem Hahn im Arm, an dem nach dem Innern des Gebirges hin sich öffnenden Felspfad und an dem Rande der Plattform Wache hielten, obgleich man ringsum nichts hörte als das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln, den Schrei eines Vogels, und zuweilen aus weiter Ferne her ein dumpfes Grollen, das man für ein aufsteigendes Wetter hätte halten können, wenn nicht einzelne kurze, hintereinander folgende Schläge ein kriegsgeübtes Ohr den Kanonendonner hätten erkennen lassen.

Rückwärts, wo diese kleine, vorspringende Plattform sich an die hochaufsteigenden Bergmassen anlehnte, öffnete sich unter einem großen Felsen eine von der Natur gebildete Höhle; vor dem Ausgange derselben war eine Art von Vordach von fest aneinandergefügten Baumzweigen gebildet, das auf starken Pfosten ruhte und Vorhänge von aneinandergenähten Wildfellen trug, welche den inneren Raum verschlossen. Die Morgensonne war eben über den Rand der nächsten Berghöhen heraufgestiegen und beleuchtete mit ihren ersten Strahlen die malerischen Gruppen auf dieser einsamen Höhe. Einzelne der unter den Laubzelten ruhenden Männer waren bereits erwacht und traten gähnend und die Glieder dehnend zu den Wachen hin, welche unermüdlich auf ihren Posten gestanden hatten, ohne einen Augenblick die Augen zu schließen, andere öffneten eben erst die Augen vor den blendenden Strahlen des aufsteigenden Tageslichtes – aber plötzlich erhoben auch diese noch halb vom Schlaf Befangenen sich schnell und mit einem gewissen ehrfurchtsvollen Eifer, denn die Vorhänge vor der Felsenhöhle wurden auseinandergeschlagen, und die schöne Stjepanida Theofilowna, die Tochter des alten Leonew aus dem Dorfe Muschina, trat aus dem Innern der Höhle hervor, deren Boden mit trockenem Laub und weichen Fellen bedeckt war.

Auch Stjepanidas Anzug zeigte die Spuren eines längeren Aufenthaltes in der Einsamkeit der Wälder und Berge, dennoch aber erschien sie schöner noch und reizender als jemals früher im Hause ihres Vaters oder auf dem Tanzplatz des heimatlichen Dorfes. Sie schien fast noch gewachsen und zu höherer Kraft und reinerem Ebenmaß in ihrer Gestalt entwickelt zu sein; ihr reiches Haar hing in losen Flechten über ihre Schultern herab, ihre großen Augen schienen Feuerstrahlen auszuströmen, ihre Wangen waren gebräunt, ohne doch den zarten Schmelz der lieblichen Jugendfrische verloren zu haben, und wie sie so aus der dunklen Höhle in das helle Morgenlicht heraustrat, glich sie einer jener Waldfeen der Märchen, welche die einsamen Schluchten beherrschen und die Wanderer bald in tückischer Laune necken und höhnen, bald zu unheilbarem Liebeswahnsinn betören.

Aber so schön und strahlend sie auch erschien, als sie in das helle Morgenlicht hinaustrat, so lag doch eine trübe Wolke auf ihrer Stirn, und bange Unruhe zitterte in dem Blick ihrer dunkelglühenden Augen. Sie reichte all den jungen Leuten, welche ehrerbietig und zugleich mit treuherziger Vertraulichkeit zu ihr herantraten, um ihr guten Morgen zu wünschen, nacheinander die Hand und fragte ängstlich umherspähend:

»Noch immer ist Pawjel nicht zurück? Um Gottes Willen, wenn ihm etwas geschehen, wenn er in einen Abgrund gestürzt wäre, oder wenn sie ihn gefangen hätten, was sollte aus mir werden ohne das Sonnenlicht meines Lebens?«

Sie schloß einen Augenblick schaudernd die Augen.

»Und was sollte aus euch allen werden ohne seine Führung, seine Umsicht, seine Sorge, die uns errettet und bisher vor allen Gefahren geschützt hat? – Sollten wir nicht Boten aussenden, seiner Spur zu folgen, ihn zu suchen, ihm Hilfe zu bringen, wenn er der Hilfe bedarf? Seit gestern morgen ist er fort, er müßte längst wieder da sein – oh, wir hätten es nicht leiden sollen, daß er selbst ging, um Nahrung zu suchen und Kundschaft einzuziehen.«

»Sei ruhig, Stjepanida,« sagte einer der jungen Leute, während sich auf manchen Gesichtern bei den ängstlichen Worten des Mädchens ebenfalls bange Besorgnisse zeigten, »sei ruhig, Pawjel Fjodorew ist nicht der Mann, der sich fangen läßt, auch kennt er, die Pfade genau, die Nacht wird ihn überrascht haben, es ist in der Dunkelheit unmöglich, die Felsen zu ersteigen, er wird den Tag erwartet haben und bald hier sein; wir müssen ihn ruhig erwarten, was würde es nützen, Boten auszusenden, da wir nicht wissen, wohin er sich gewendet.«

Stjepanida schien nur wenig durch diese Worte beruhigt, doch mochte sie einsehen, daß der Mann recht habe, und den Kopf auf die Brust gesenkt, schritt sie, schweigend auf und nieder, während die übrigen leise miteinander flüsterten.

Sie sollte die bange Qual der Erwartung nicht lange ertragen, bald ließ sich aus der Tiefe einer Bergschlucht ein leiser, lang ausgehaltener Pfiff, ähnlich dem Schrei eines Raubvogels, hören; der dort stehende Wachtposten erwiderte das Zeichen durch einen ganz ähnlichen Ton – das junge Mädchen blieb stehen, lauschend beugte sie den Kopf vor, heller funkelten ihre Augen, und sie drückte ihre Hände auf ihr höher schlagendes Herz. Die jungen Männer eilten nach der Öffnung der Schlucht hin, aus welcher sich jener Ton hatte hören lassen, und nach wenigen Augenblicken stieg auf dem mit stufenartig übereinanderliegenden Felsstücken bedeckten Pfade Pawjel Fjodarew aus der Tiefe empor, gefolgt von einem kräftigen, hochgewachsenen Jüngling, der ihn auf seinem Ausflug begleitet hatte. Beide trugen, an Riemen über ihre Schultern gehängt, mehrere Hasen, Kaninchen und Birkhühner, dazu vollgefüllte Leinenbeutel und Lederschläuche. Kräftig schwang sich Pawjel von dem letzten Felsenabsatz auf die Plattform, ein allgemeiner Freudenruf begrüßte ihn. Einen Augenblick stand er tiefaufatmend still, sein flammender Blick ruhte auf Stjepanida, welche von dunkler Purpurglut übergössen dastand und in ihrer Freude kein Wort und keine Bewegung zu finden schien, dann breitete er seine Arme aus – das junge Mädchen flog ihm entgegen und schmiegte sich zitternd an seine Brust, indem ihre Augen sich mit Tränen füllten, als ob jetzt erst, nachdem die peinliche Spannung vorüber, das volle Bewußtsein ihrer Angst und Sorge in ihr erwache.

»Du weinst, Stjepanida,« sagte Pawjel, indem er sanft ihren Kopf erhob und die Tränen von ihren Wimpern küßte, »du weinst, da ich wieder bei dir bin? Bereust du, dies Leben der Gefahr, der Unruhe und Entbehrung auf dich genommen zu haben, bereust du es,« fragte er mit fast hartem Ton, indem seine Blicke sich verfinsterten, »daß du mir in die Wildnis gefolgt bist, statt jenem Türken in seinen vergoldeten Käfig?«

»O mein Pawjel,« rief sie, »welche Frage? – Welche Entbehrung wäre mir zu schwer an deiner Seite! Nicht der Reue gehören diese Tränen, sie gehören der Freude über deine Rückkehr und«, fügte sie leise hinzu, indem sie sich fester an ihn schmiegte, »sie gehören auch dem Schmerze, der meine Seele durchbebte bei dem Gedanken, daß ich dich verlieren könnte, dich, das Licht meines Lebens, dich, meinen einzigen Schutz auf der weiten Erde. Was sollte aus mir werden, wenn du nicht mehr da wärest! Oh, ich schaudere, daran zu denken, und doch konnte ich den furchtbaren Gedanken nicht bannen, als deine Rückkehr sich verzögerte, als ich entsetzt die Gefahren mir ausmalte, die auf deinem Wege dich bedrohten. Ich bitte dich, mein Geliebter, um meinetwillen schone dich, setze nicht dein Leben tollkühn ein, das mein einziger Schutz ist, mein alles auf Erden.«

»Mich schonen, Stjepanida,« sagte er, sie sanft an sich drückend, »schont sich der Feige, der ängstlich die Gefahr flieht, um ehrlos von ihr niedergeworfen zu werden? Mein Schutz ist mein scharfer Blick, mein sicherer Fuß, mein starker Arm, und vor allem mein mutiges Herz, das sich niemals beugt – außer vor dir«, fügte er lächelnd, aber mit einem Ton voll inniger Wahrheit hinzu. »Was wäre dir mein Leben wert, wenn ich es zu sichern suchte in ruhmlosem Versteck, statt es hell ausleuchten zu lassen wie eine reine, edle Flamme, dem Feinde zum Schrecken, zum Wahrzeichen des Sieges den Freunden. Aber glaube mir, du wirst dennoch nicht verlassen, nicht schutzlos sein – ihr alle,« rief er, »die ich hierhergeführt zur Rettung aus der türkischen Sklaverei, ihr werdet meine Stelle vertreten, wenn Gott mein Leben im heiligen Kampfe fordern sollte; schwört mir alle,« fuhr er feierlich fort, ein silbernes Kruzifix aus den Brustfalten seines Wamses hervorziehend, »schwört mir bei dem heiligen Blut des Erlösers, daß ihr Pawjels Geliebte schützen wollt mit eurem eigenen Leben gegen jede Gefahr, daß ihr in ihr mein Andenken ehren wollt, wenn ich nicht mehr da bin!«

Die Männer traten heran, alle berührten mit den Spitzen ihrer Finger das heilige Zeichen, und jeder sagte mit lauter, fester Stimme:

»Ich schwöre es bei dem Blute des Erlösers.«

»Du siehst nun,« sagte Pawjel, indem er die Stirn der immer noch weinenden Stjepanida küßte, »daß du niemals verlassen sein wirst, keine Königin kann besser beschützt sein von ihren Leibwachen, als du es allezeit sein wirst von den tapferen Armen meiner treuen Freunde, die ihren Schwur nicht vergessen.

Doch nun genug davon«, rief er heiter; »ich bringe gute Beute und gute Nachrichten – da ist Wild,« sagte er, seine Jagdbeute auf die Erde niederwerfend, wohin bereits sein Begleiter seine Last gelegt hatte, »und hier«, fügte er, den Sack und die Schläuche von der Schulter nehmend, hinzu, »ist Brot und Branntwein und Zwiebel, wir haben Vorrat auf lange Zeit, auf länger vielleicht, als wir bedürfen. Ich habe mich weit vorgewagt, nach Gabrowa hin; die Russen stehen nahe heran, und ich hätte mich leicht durchfinden können zu ihnen, wenn ich allein gewesen wäre und nur an mich zu denken gehabt hätte. Alles, was noch von türkischen Truppen in der Gegend hier war, zieht sich nach Schipka hin, bald werden alle Wege frei sein, und wir werden uns hervorwagen können. Einige Tage müssen wir noch warten, denn wir sind zu wenig, und ein türkisches Streifkorps würde uns durch die Übermacht überwältigen. Es wird einen harten Kampf geben am Schipkapatz, denn nach allem, was ich gehört, wollen die Russen in schnellem Zuge vordringen, auch der Zar soll schon weit voran sein nach Süden. Mein Gott,« sagte er seufzend, »wenn man nur zu ihnen dringen könnte, die Straße dort unten führt uns sicher durch die Berge nach Hankioi hin, dann würden sie Schipka von beiden Seiten fassen, und was dort von Türken steht, müßte sich ergeben oder vernichtet werden, während sie von der einen Seite allein den Schipkapaß niemals nehmen werden, wenn sie nicht die Straße mit den Leichen ganzer Regimenter pflastern. Es wäre ein großes Verdienst, unseren Befreiern diesen Weg hier zu zeigen, und ich müßte mich wohl von neuem aufmachen, um ihnen Nachricht zu bringen und sie hierher zu führen.«

Stjepanida faßte erschrocken seine Hand und sah ängstlich bittend zu ihm auf.

»Nein, mein Pawjel,« riefen mehrere der jungen Leute, »du sollst nicht fortgehen, du bist hier nötig, die anderen zu führen und zu retten; wir wollen gehen, um den Russen Kunde zu bringen.«

»Gut denn,« sagte Pawjel nach kurzem Nachdenken, »die Aufgabe ist vielleicht nicht schwer, ich muß mein Leben für euch alle erhalten; aber einer allein darf so wichtige Sendung nicht übernehmen; wenn er fiele, wäre alles umsonst. Wir wollen Lose werfen, drei von euch müssen wenigstens ausziehen, um die Russen zu erreichen und ihnen zu sagen, daß sie auf diesem Wege hier leicht und gefahrlos der türkischen, Stellung bei Schipka in den Rücken kommen können. Ihr müßt am Abend durch die Felsklüfte herabsteigen, um in der Nacht die Ebene zu erreichen, und dann auf verschiedenen Wegen jeder für sich die Russen zu erreichen suchen.«

Alle stimmten freudig zu.

Es wurden so viel Steine, als Männer da waren, in einen der geleerten Säcke geworfen, drei dieser Steine hatte Pawjel mit der Spitze seines Dolches durch ein Kreuz bezeichnet. Einzeln traten die jungen Leute heran und zogen die Lose, und stolz und freudig funkelten die Blicke der drei Auserwählten, welche die gezeichneten Steine gezogen hatten.

»Nun aber«, rief Pawjel, »laßt uns das Mahl bereiten, wir haben lange schmale Kost gehabt und dürfen uns doppelt unseres Überflusses freuen, da bald die Erlösung naht.«

Schnell machten sich einige der Männer daran, einen Teil des erbeuteten Wildes zu enthäuten und zu zerlegen, während andere in der Mitte des freien Platzes ein Helles Feuer von trockenen Baumzweigen auflodern ließen. Noch andere füllten einen dreifüßigen Kessel mit dem Wasser eines Felsenquells, der in einer nahen Schlucht zum Tal herabrauschte, und trugen dann das einfache Kochgeschirr zum flackernden Feuer.

Stjepanida hatte sich vor den Eingang ihrer Schlafhöhle auf eine Moosbank gesetzt und untersuchte den Inhalt der mitgebrachten Säcke, um daraus die Bestandteile des primitiven Gerichts zu wählen, das sie dann in dem Kessel zubereiten wollte. Pawjel setzte sich, während die übrigen ihren verschiedenen Beschäftigungen nachgingen, an ihre Seite.

»Stjepanida,« sagte er, sich zu ihr herabbeugend, »du hast gebebt und geweint in der Furcht um mich, in der Sorge, mich zu verlieren – hast du denn nicht daran gedacht, wie anders es sein würde, wenn du mir gehörtest, ganz mir als mein Weib? Du hast das immer verweigert, und ich habe mich darein gefügt, aber schmerzlich habe ich es doch empfunden, denn auch hier in der Einsamkeit der Berge würden wir unseren Bund haben schließen können, ich hätte einen Priester aus einem der Dörfer im Tal auf meinen Schultern heraufgetragen, über die Klippen der Felsen, daß er uns hier vereinte mit dem Segen der heiligen Kirche. Du hast dich gefürchtet, schutzlos in der Welt dazustehen, nun, wenn wirklich einmal Gott über mein Leben verfügen sollte, so wird Pawjel Fjodorews Witwe überall Achtung und Ehrerbietung, überall Schutz finden.«

Sie blickte mit ihren glänzenden Augen zu ihm auf, mit wehmütigem Lächeln den Kopf schüttelnd, sagte sie:

»Ich würde dich ja doch nicht überleben, mein Geliebter, lange würde ich des Schutzes auf Erden nicht bedürfen ohne dich; vor Gefangenschaft und Schmach wäre ich sicher, denn deine Stjepanida wüßte stets deiner würdig zu sterben.«

Sie berührte leicht mit der Spitze ihres Fingers den Dolch in ihrem Gürtel.

Pawjel seufzte, dann faßte er ihre Hand und sagte, seinen glühenden Blick tief in ihre Augen senkend:

»Du denkst an den Tod, Stjepanida, und sollen wir denn mit unserem jungen, warmen Herzen nicht an das Leben denken – und wenn der Tod käme, sollten wir dahingehen, ohne des Lebens süßestes Glück genossen zu haben, ohne einander anzugehören für alle Ewigkeit, vor dem Angesicht Gottes?«

Ihre Hand zitterte in der seinigen, sie schlug die Augen nieder.

»Versprich mir, Stjepanida,« sprach er, mit seinem heißen Atem ihre Wange streifend, »versprich mir, daß du mein sein willst, sobald der Weg frei ist von den Bergen herab, versprich mir, daß du mir die Hand reichen willst vor dem Altar der ersten Kirche, die wir finden. Die Gefahr wird nicht aufhören, wenn wir wieder herabsteigen können in das Tal; ich kann, ich darf nicht müßig bleiben in dem großen Kampfe für unseren Glauben und unser Vaterland; ich werde meinen Platz verlangen in den Reihen der russischen Heere – aber wenn ich dann hinausziehe zum heiligen Entscheidungskampfe, so will ich die Erinnerung mit mir tragen an deine ganze Liebe, die Gewißheit, daß ich, wenn ich falle, dir alles hinterlasse, was mein war auf Erden, meinen Besitz und meinen Namen, und daß vielleicht«, fügte er leiser hinzu, »dennoch mein Blut fortlebt durch dich.«

»O mein Pawjel,« erwiderte sie, seine Hand an ihr Herz drückend, »glaubst du, daß ich mich weniger danach sehne, dir ganz zu gehören vor Gott und Menschen, in Zeit und Ewigkeit! Aber ich bitte dich um deiner Liebe willen, laß mich, dringe nicht in mich, damit der Friede meiner Seele, die Ruhe meines Gewissens nicht gestört werde. Du weißt, daß Gottes Gebot lautet: ›Wir sollen Vater und Mutter ehren‹, und immer würde ich den Fluch des Himmels fürchten, wenn ich gegen den Willen meines Vaters dir die Hand reichte. Laß uns warten, bis alles wieder ruhig geworden ist, laß mich jenem heiligen Gebot Gottes gehorchen, damit dann der Segen des Himmels auf unserem Glück ruhe.«

Zornig blitzten seine Augen, zu einem bitteren Lachen verzogen sich seine Lippen.

»Und du glaubst, daß jemals dein Vater unseren Bund segnen wird, er, der es mit den Türken hält, er, der mich haßt; du willst meine Liebe geringer achten als die Pflicht gegen ihn, der dich den Türken verkaufen wollte?«

»Muß denn nicht«, erwiderte sie, »die Pflicht gegen Gott höher stehen, als das Glück des eigenen Herzens? Oh, ich bin gewiß, wenn die schwere Zeit, die auch meinen Vater hart trifft, vorübergegangen sein wird, so wird er anders denken, er wird uns seinen Segen geben.«

»Er wird es nicht!« sagte Pawjel finster. »Ich glaube an Gottes Macht,« sagte Stjepanida, »der die Liebe beschützt, und höre mich, mein Geliebter, ich bin heimlich meinem Vater entflohen, vielleicht bereut er schon seine Härte, darum zwingt mich mein Gewissen, ihn noch einmal um mein Glück zu bitten – aber ich schwöre dir, wenn er es mir abermals verweigert, dann, mein Pawjel, dann wird mich mein Gefühl freisprechen von jedem weiteren Opfer, dann werde ich dir meine Hand reichen und den Vater verloren geben, der kein Herz für sein Kind hat. Bis dahin aber laß mich meinem Gefühl folgen, wenn ich nicht das Glück, das ich so gern rein genießen möchte, mit bitteren Vorwürfen erkaufen soll.«

Pawjel blickte finster vor sich nieder; er widersprach ihr nicht, vielleicht war er zu stolz, um noch weiter zu bitten, aber finster preßte er die Lippen aufeinander, und wie unmutig wendete er sich von ihr ab.

Sie aber schmiegte sich an ihn, strich sanft mit der Hand über seine Wangen und wendete schmeichelnd seinen Kopf zu sich zurück; dann, als er finster und zögernd die Augen zu ihr aufschlug, sah sie ihn so innig liebevoll, so lieblich bittend an, daß seine Züge sich aufklärten und er, die Arme ausbreitend, sie an seine Brust zog, ihre Lippen küßte und leise flüsterte:

»Es sei, wie du willst, meine Stjepanida; für kein Glück der Erde möchte ich den Frieden deiner reinen Seele trüben.«

Das Wasser kochte im Kessel, in welchen bereits das zerlegte Wildbret geworfen war.

Stjepanida trat heran, warf Brot und Zwiebeln und was sie sonst noch an Nahrungsmitteln und Gewürz in den Säcken vorgefunden hatte, in den Kessel und überwachte, neben dem Feuer stehend, die Herstellung des einfachen und doch so kräftig duftenden Gerichts, indem sie von Zeit zu Zeit dessen einzelne Teile mit einem sauber abgeschälten Baumzweig umrührte.

Pawjel aber öffnete einen der Schläuche, aus welchem sich der würzige Duft des Sliwowitz, dieses aus den wilden Pflaumen gezogenen Branntweins, entwickelte. Bald waren alle Vorbereitungen getroffen.

Der Kessel wurde vom Feuer genommen, man lagerte sich um denselben, und mit kunstlos aus wildem Holz geschnittenen Löffeln aßen alle gemeinschaftlich aus dem großen Kessel, während zugleich der Schlauch mit dem würzigen Getränk die Runde machte.

Plötzlich erhob Pawjel lauschend den Kopf.

»Horcht,« sagte er, »horcht, das sind Stimmen und Waffengeklirr, auch die Tritte von Pferden – es kommen Soldaten auf dem Pfade dort unten her, auf dem, solange wir hier sind, niemand vorüberzog als einige Hirten, die ihre Herden in die Berge trieben.«

Pawjels Worte verursachten ein augenblickliches, tiefes Stillschweigen, jeder blieb in seiner Stellung unbeweglich, alle lauschten mit angehaltenem Atem.

In der Tat hörte man ziemlich nahe schon laute Stimmen, dazwischen, wie Pawjel gesagt, das Klirren von Waffen und die Tritte von Pferdehufen auf dem steinigen Pfad.

»Das sind Türken,« sagte Pawjel, »ich höre deutlich ihre Worte; es wird ein versprengter Trupp sein, der vor den Russen flieht. Sie müssen aus der hiesigen Gegend sein, oder jemand muß ihnen diesen Pfad gezeigt haben, den man sonst nicht kennt; laßt uns beobachten.«

Er erhob sich und schritt dem Rande der Plattform zu, die übrigen folgten ihm; alle legten sich auf den Boden nieder und spähten vorsichtig durch das Strauchwerk auf den am Fuße der steilen Felswand vorbeiführenden Weg hinab. Es war nur eine kleine Strecke von diesem Wege sichtbar, da derselbe bald eine Wendung machte und sich in die dichte Waldung verlor. Der Weg war hier etwa sechs bis sieben Fuß breit, und wer denselben passieren wollte, mußte fast unmittelbar unter den Lauschenden der Plattform vorüber, welche in höchster Spannung auf die immer näher kommenden Stimmen horchten. Auch Stjepanida war ganz an den Rand der Plattform herangekommen, sie lehnte sich an den Stamm einer jungen, über den Fels herabhängenden Birke, deren Laubwerk sie vollständig verbarg, und spähte ebenso aufmerksam wie die übrigen hinab, während ihr Herz höher schlug, als sie die türkischen Worte aus der Tiefe vernahm und die klirrenden Waffen der Todfeinde ihres Volkes hörte.

»Sollen wir nicht Steine abbrechen und sie zerschmettern, oder sie einzeln niederschießen, während sie vorbeiziehen?« fragte einer der jungen Leute.

»Es wäre überflüssig,« sagte Pawjel, »noch ist die Vorsicht unsere beste Waffe; es könnten ihrer zu viele sein, und wir dürfen unser Versteck nicht verraten. Laßt sie ruhig vorübergehen, sie werden ihrem Schicksal nicht entrinnen; die Hauptsache für uns ist, daß unser Land von ihnen gesäubert wird.«

Schon hörte man die Stimmen ganz nahe, noch einen Augenblick, und die ersten Türken erschienen auf dem Wege unter der Plattform. Es waren versprengte Soldaten verschiedener Waffen, auch einige mohammedanische Bewohner der nächsten Dörfer.

Einige ritten, andere gingen zu Fuß, mehrere verschleierte türkische Weiber saßen auf Maultieren, die Männer zogen kleine Handwagen, in denen jammernde Kinder auf zusammengeworfenem Hausgerät saßen; der ganze Zug bot ein Bild wilder Verwirrung – die Soldaten stießen grimmige Verwünschungen aus, die türkischen Bauern blickten ängstlich und scheu rückwärts.

»Sie fliehen,« flüsterte Pawjel, »die Erlösung winkt, die Russen müssen ganz nahe sein. Laßt sie ruhig vorüberziehen, dann wollen wir unseren Befreiern entgegeneilen, um ihnen den Weg zu zeigen, der sie über die Berge und in den Rücken der Feinde führt.«

Bald war der türkische Zug im Walde verschwunden, alle kehrten zu ihrem unterbrochenen Mahl zurück. Pawjel befahl den drei durch das Los bestimmten Boten, sich bereitzuhalten, und erklärte trotz Stjepanidas bittendem Blick, sie selbst begleiten zu wollen, um mit der sinkenden Sonne in das Tal hinabzusteigen und dann, von dunkler Nacht geschützt, die russischen Vorposten aufzusuchen.

Unter fröhlichen Gesprächen ging der Schlauch von Hand zu Hand, alle freuten sich der Befreiung ihres Landes, welche die Flucht der Türken ihnen verkündete, und von dem feurigen Sliwowitz immer mehr erregt, machten alle diese im Hasse gegen die Mohammedaner aufgewachsenen Männer ihre Pläne, wie sie sich den russischen Heeren anschließen wollten, um mit ihnen nach Stambul vorzudringen und den Halbmond, unter dessen grausamer Herrschaft sie so lange geseufzt, in den Staub zu treten, und wie sie Rache nehmen wollten an allen denen, die es mit den Türken gehalten und ihren Glauben und ihr Vaterland verraten hätten.

Pawjel und Stjepanida allein saßen still Hand in Hand nebeneinander; Pawjel machte seinen Plan, wie er sich zu den Russen durchschleichen wolle, um ihnen sichere Kunde zu bringen über den Weg, auf dem sie den gefahrvollen und stark befestigten Schipkapaß umgehen könnten – Stjepanida aber dachte bei den drohenden Reden der jungen Männer schaudernd an ihren Vater, denn auch er hatte es ja mit den Türken gehalten, auch ihm galten ja die Rachepläne, welche hier besprochen wurden und welche gewiß von vielen Tausenden in dem befreiten Lande geteilt wurden; auch lag es ihr schwer auf dem Herzen, daß Pawjel sich abermals von ihr trennen sollte zu solchem gefahrvollen Beginnen, durch ihre Seele zitterte es wie bange Ahnung, mühsam nur unterdrückte sie die schmerzlichen Seufzer, welche ihre Brust schwellten, und kaum vermochte sie die Tränen zu verbergen, welche immer und immer wieder ihre Augen füllten.

Eine Stunde mochte vergangen sein, das Mahl war beendet, die jungen Männer, auf welche das Los gefallen war, untersuchten ihre Waffen, schärften noch einmal sorgfältig die Klingen ihrer Dolchmesser und füllten ihre Taschen mit Patronen. Pawjel führte Stjepanida zu der Moosbank vor der Höhle, um in traulichem Gespräch den Abend zu erwarten – da gab die am Rande der Plattform aufgestellte Wache ein Zeichen, sogleich verstummten alle Anwesenden, und abermals hörte man den Schritt eines Pferdes und leises Waffenklirren. Alle nahmen augenblicklich wieder ihre Beobachtungsposten ein; auch Stjepanida trat wieder hinter den Birkenbusch, um auf den Talweg hinabzublicken. Bald erschien unter der Plattform ein einzelner Reiter, es war ein Baschi-Bozuk von wildem Aussehen, den Yatagan an der Seite, die Flinte über der Schulter; er ritt langsam, finster vor sich hinblickend, auf einem kleinen, kräftigen Berberpferde.

»Ha,« flüsterte einer der jungen Bulgaren, indem er den Hahn seiner Flinte spannte, »dieser Elende soll nicht lebendig vorüberkommen, er soll für alles Böse büßen, das er und seine Genossen unseren Brüdern getan hat.« Er zog sein Gewehr schußgerecht heran.

Stjepanida hatte seine Worte gehört, schaudernd machte sie eine rasche Bewegung, um den Schützen zurückzuhalten und eine Tat zu verhüten, die ihr wie ein frevelhafter Meuchelmord erschien.

Da schwankte das lose über den Felsen hervorragende Erdreich unter ihren Füßen, knisternd rissen sich die Wurzeln des Birkenbaumes, auf den sie sich stützte, aus den Felsenspalten los, und einen angstvollen Schrei ausstoßend, sank sie mit dem Rasenstück, auf dem sie stand, und dem ganzen Baum, der ihr als Stütze diente, in die Tiefe hinab.

Sie fiel unmittelbar vor dem Pferde des Türken nieder, die Erde und die belaubten Baumzweige hatten die Schwere des Falles gemildert, dennoch aber war das Mädchen von dem Schreck und der Erschütterung betäubt und blieb mit geschlossenen Augen regungslos ohne Bewußtsein inmitten der grünen Zweige liegen.

Das Pferd fuhr zurück, der Türke blickte in starrem Erstaunen auf diese so plötzlich wie vom Himmel herab vor ihm niederfallende schöne Gestalt; im nächsten Augenblick aber zog ein lauter Schrei des Entsetzens, den Pawjel ausstieß, seine Blicke nach der Plattform hinauf – er sah den über den Rand derselben vorgebeugten Kopf, er sah alle diese Gewehrläufe, deren Mündungen sich auf ihn richteten – schnell wie der Blitz glitt er an der Seite seines Pferdes herab, faßte Stjepanida in seine Arme und hob sie zu sich hinauf, so daß ihr Körper ihn bedeckte.

»Schießt,« rief er mit lautem Hohnlachen, indem er über die Schulter des Mädchens hervorblickte, »schießt, ich habe einen guten Schild gegen eure Kugeln, die nicht bis zu mir dringen werden durch den Leib dieser Tochter eines Hundes!«

»Halt!« rief Pawjel entsetzt, indem er aufsprang und, an den Rand der Plattform vortretend, die Arme ausstreckte, »halt, um Gottes willen, schießt nicht, ihr würdet sie töten. Und du dort unten, höre mich, laß sie los, tue ihr kein Leid an, reiches Lösegeld soll dein sein, und kein Haar auf deinem Haupte soll dir gekrümmt werden, wenn du kommst, es zu holen, ich schwöre es dir bei allem, was einem Christen heilig ist!«

Alle Gewehrläufe hatten sich aufwärts gerichtet, die Männer blickten voll Entsetzen in atemlosem Schweigen hinab.

Der Türke hielt die noch immer bewußtlose Stjepanida fest in seinem Arm, sich hinter ihrem Körper bergend; tückisch blickte er hinauf.

»Allah hat mir eine gute Beute zugeworfen,« rief er, »soll ich dem Schwure eines Giaurs trauen? Ich will euer Lösegeld nicht, ich behalte, was ich habe.«

Mit laut gellendem Triumphgeschrei gab er seinem Pferde einen Schenkeldruck, in raschem Trabe griff das Tier aus, und im nächsten Augenblick war er, Stjepanida vor sich über den Sattel werfend, an der Biegung des Waldweges verschwunden.

15. Kapitel

Einen Augenblick, nachdem der Türke mit Stjepanida auf dem Waldwege verschwunden war, blieben die Zuschauer, welche von den Waffen hatten keinen Gebrauch machen können, auf der Plattform von Entsetzen gelähmt; der Gedanke an das Schicksal des unglücklichen Mädchens ließ ihr Blut zu Eis erstarren. Pawjel aber raffte sich in der nächsten Sekunde schon aus seiner Betäubung auf.

»Gott sei mir gnädig,« rief er mit wildem Aufschrei, »ich muß sie retten oder mit ihr zugrunde gehen. Ihr alle habt mir geschworen auf das Bild des Erlösers,« sagte er, sein totenbleiches Gesicht mit den unheimlich blitzenden Augen zu seinen Freunden wendend, »daß ihr Stjepanida schützen und behüten wollt; nun wohl, ich erinnere euch an euren Schwur jetzt im Augenblick der höchsten Not, wer kein Meineidiger ist, der folge mir, um Stjepanida zu retten.«

Ohne einen Augenblick weiter zu zögern, trat er ganz an den Rand der Plattform vor und sprang über die steile Felswand hinab.

Es war ein gewaltiger Sprung, aber Pawjel war es gewohnt, die Berge zu durchstreifen und von den Felsen herab in die Schluchten zu dringen, auch wo kein Weg hinabführt. Er sank tief in die Knie, sein elastischer Körper schmiegte sich wie eine Feder zusammen, aber im nächsten Augenblick schnellte er wieder empor und schüttelte seine Glieder, als wolle er sich überzeugen, daß alles in richtiger Ordnung sei; dann rückte er das über seine Schulter hängende Gewehr zurecht, rief, aufwärts blickend, seinen Freunden noch einmal zu:

»Gedenkt eures Schwures und folgt mir!« und dann stürmte er auf dem in dunklen Waldesschatten sich verlierenden Weg dem Türken nach.

In finsterem Schweigen standen die Männer oben einen Augenblick da, jeder von ihnen maß mit den Blicken die Tiefe, und jeder fragte sich schaudernd, ob es möglich sei, daß auch ihm der waghalsige Sprung gelinge, den Pawjel soeben glücklich ausgeführt.

»Es ist unmöglich,« rief endlich der junge Mann, welcher Pawjel auf seinem letzten Ausflug begleitet hatte, »es ist unmöglich, ihn allein gehen zu lassen, es wäre eine unverzeihliche Feigheit, wenn wir ihm nicht folgten, sein Blut müßte über unser Haupt kommen – dort unten liegt das Erdreich, mit welchem Stjepanida hinabfiel, der weiche Boden mildert die Erschütterung des Sprunges – ich wage es.« Und ohne den übrigen Zeit Zu einer Erwiderung zu lassen, sprang er an der Stelle, an welcher Stjepanida herabgestürzt war, auf den unten liegenden Erdhaufen; zwar stürzte er taumelnd vornüber, aber er richtete sich wieder auf, frei bewegte er seine Glieder und rief hinauf:

»Es geht, folgt mir, es ist leichter, als es scheint, und wenn erst noch einige von euch unten sind, so können wir eine lebende Leiter für die übrigen bilden.«

Bald wagte einer nach dem anderen von den jüngeren Männern den Sprung, dann stieg einer auf die Schultern des anderen, an den Vorsprüngen der Felsen sich festhaltend, und so kletterten dann die übrigen an dieser aus menschlichen Körpern gebildeten Leiter von der Plattform herab. Als alle unten waren, beschlossen sie, auf jede Gefahr hin Pawjel zu folgen, um ihn und Stjepanida zu retten oder zu rächen, wenn sie zu spät kommen sollten; aber als sie sich eben geordnet hatten, um in paarweis geschlossenem Zuge in schnellem Laufschritt den Weg in die Berge einzuschlagen, erschallte von der anderen Seite her Pferdegetrappel und Waffengeklirr.

Entsetzt lauschten die Bulgaren – es war kein Zweifel, daß ein neuer türkischer Haufe heranzog, und wenn sie vorwärts gingen, um Pawjel zu folgen, so mußten sie von den neu Heranziehenden eingeholt und zwischen zwei Feinde gekeilt werden. Nach kurzer Beratung beschlossen sie, standzuhalten, vielleicht waren die Kommenden nicht in der Übermacht, und auch wenn dies der Fall sein sollte, so war es immer ehrenvoller und auch klüger, ihnen auf dem schmalen Wege mutig standzuhalten, als sich von ihnen einholen zu lassen; sie blieben also zu zwei und zwei gegliedert stehen, jeder hielt sein Gewehr schußgerecht, öffnete seine Patronentasche und überzeugte sich noch einmal, daß die Dolchmesser leicht in der Scheide spielten.

Wenige Augenblicke vergingen in atemlosem Schweigen. Da erschien die Spitze des türkischen Zuges an der Wendung der Felsecke; dies waren keine flüchtenden Landleute, sondern versprengte Truppen eines türkischen Korps, voran einige Baschi-Bozuks zu Pferde, hinter ihnen Infanteristen in blauen Röcken, den roten Fes auf dem Kopf, die Gewehre im Arm: alle sprachen durcheinander und marschierten dicht gedrängt auf dem engen Wege vorwärts. Als die voranreitenden Baschi-Bozuks bei der Wendung des Weges plötzlich die Bulgaren mit den schußfertigen Gewehren im Arm vor sich erblickten, parierten sie ihre Pferde und riefen, sich rückwärts wendend, einige türkische Worte den Nachfolgenden zu; aber die Kolonne konnte ihre Bewegung nicht so schnell anhalten, die weiter zurück Marschierenden drängten nach, die Spitze wurde unaufhaltsam weiter vorgeschoben, und ein dichter Menschenknäuel drängte sich hinter den Pferden zusammen, die wilden, gebräunten und bärtigen Gesichter blickten entsetzt und drohend zugleich zu der kleinen Schar der Bulgaren herüber.

Aber kaum eine Sekunde dauerte diese schweigende Spannung, schon krachten die Schüsse aus den Gewehren der beiden voranstehenden Bulgaren; schnell warfen sich diese auf die Knie nieder, die Hintermänner feuerten über ihre Köpfe hinweg, um sich dann ebenfalls zur Erde zu bücken und wieder den Nächstfolgenden Raum zu geben. So setzten sich die Schüsse stets zu zweien in schneller Reihenfolge fort, indem die Vorderen ihre Gewehre immer wieder luden, während die Rückwärtsstehenden nach der Reihe Feuer gaben.

Schon bei den ersten Schüssen waren die Baschi-Bozuks von den Pferden gesunken, die Tiere drängten, wild um sich schlagend, rückwärts, während von hinten her die Kolonne sich vorwärtsschob. Es entstand eine ungeheure Verwirrung – fast jede Kugel der Bulgaren traf sicher ihren Mann, und bald wälzten sich Verwundete und Sterbende mit den von den Pferden niedergerissenen Soldaten am Boden durcheinander; der schmale Weg wurde versperrt, ein Haufen von zuckenden, blutenden Menschenkörpern türmte sich auf. Einen Augenblick schienen die Türken betäubt von dem unerwarteten Angriff, dann hallte ihr wildes Wutgeheul von den Felsen wider, sie hatten die kleine Zahl ihrer Feinde erkannt und stürmten nun vorwärts, um furchtbare Rache an den verhaßten Christen zu nehmen, die sie als rebellische Sklaven gegen die von Gott selbst geheiligte Herrschaft der Mohammedaner betrachteten. So dicht gedrängt, als es der schmale Weg erlaubte, kletterten die Soldaten über die Toten und Verwundeten herüber, und ein furchtbares Gewehrfeuer krachte den Bulgaren entgegen; diese aber blieben fest und ruhig in ihren Gliedern, immer nach der Reihe schießend und mit sicherem Blick ihr Ziel wählend, so daß der Wall von Menschenleibern vor der türkischen Kolonne sich immer mehr erhöhte. Die Türken hatten in wilder Aufregung geschossen, und ihre ersten Salven waren erfolglos geblieben, die Bulgaren hielten an und warteten, bis neue Feinde auf dem schauerlichen Bollwerk erscheinen würden – aber nun schienen auch die Türken zu ernsterem und uberlegterem Angriff sich zu sammeln. Einen Augenblick blieb alles ruhig, die türkischen Soldaten zogen sich hinter den Felsenvorsprung an der Ecke des Weges zurück, man hörte nur einzelne Stimmen von dorther, sie schienen sich über die Art der Fortsetzung des Kampfes zu beraten; bald jedoch drangen sie wieder vor, diesmal aber kletterten sie nicht über die Körper der Gefallenen, sondern hinter denselben versteckt, begannen sie ein geordnetes und wohlunterhaltenes Feuer.

Die Stellung der Bulgaren wurde schwierig, sie lösten ihre Glieder auf, jeder suchte, so gut es anging, hinter einem Felsenvorsprung oder einem Baumstamm Deckung, und es begann nun ein gegenseitiges, vorsichtig unterhaltenes und wohlgezieltes Feuer; die Bulgaren schossen auf jeden Türkenkopf, der sich über die Leichenhaufen erhob, und meist erreichten ihre Kugeln sicher ihr Ziel. Aber auch das Feuer der Türken blieb nicht ohne Wirkung, bald brach auch der eine und der andere der Bulgaren zusammen, immer mehr verringerte sich die kleine Schar, und die so hart Bedrohten überlegten, immer dabei wieder ladend und feuernd, ob es nicht dennoch besser für sie sei, in schneller Flucht davonzueilen und zu versuchen, ob sie sich einzeln in die Schluchten des Waldes retten könnten; auch die Türken hielten einen Augenblick inne und schienen sich abermals zu beraten; schon hofften die Bulgaren, welche die Stärke ihrer Feinde nicht kannten, daß diese den Kampf aufgeben und sich zurückziehen würden, um einen anderen Weg in das Gebirge zu suchen – da aber plötzlich erzitterte die Luft von einem betäubenden Allahgeschrei, dicht gedrängt kletterten die Türken über die Leichenhaufen herüber; unbekümmert darum, daß die ersten zusammenbrachen, drängten immer neue Haufen heran, sie schienen des langsamen Feuers müde zu sein und entschlossen, um jeden Preis die kleine, schon fast auf die Hälfte zusammengeschmolzene Schar zu vernichten, um sich den Weg in die Berge freizumachen. Die Bulgaren gaben eine letzte Salve, welche indes die Türken kaum eine Sekunde lang in ihrem Anstürmen aufhielt; dann warfen sie ihre Gewehre zu Boden, zogen: ihre langen, zweischneidigen Dolchmesser aus den Scheiden und erwarteten, fest aneinander geschlossen, in finsterer Ergebung, an der Rettung verzweifelnd, den letzten Kampf, Mann gegen Mann, nur darauf bedacht, ihr Heben teuer zu verkaufen und im letzten Augenblick die Klinge in das eigene Herz zu stoßen, um nicht lebend den grausamen Barbaren in die Hände zu fallen.

Ein furchtbares Handgemenge begann. Im freien Felde wäre die kleine Bulgarenschar in wenigen Augenblicken hingeschlachtet gewesen, aber auf dem schmalen Wege nützte den Türken ihre Überzahl weniger, da immer nur wenige zugleich Vordringen konnten. Sicher trafen die Messer der Bulgaren ihre Feinde, fest und unerschütterlich hielten sie stand, wenn einer von einem türkischen Bajonett oder von einer aus unmittelbarer Nähe abgeschossenen Kugel getroffen, zusammenbrach, trat sogleich sein Hintermann an seine Stelle; aber mit gleicher Tapferkeit und immer steigender Wut drangen die Türken vor, und bei ihrer großen Überzahl mußte es nach kurzer Zeit, so viele ihrer auch fielen, mit den Bulgaren zu Ende sein, von denen nur noch wenige Reihen aufrecht standen.

Da mit einem Male stockte die vorstürmende Bewegung der türkischen Kolonnen, man hörte in einiger Entfernung rückwärts Hornsignale, knatterndes Gewehrfeuer und lautes Schmerz- und Wutgeheul der Türken; auch die ersten Glieder, welche unmittelbar den Bulgaren gegenüberstanden, hielten an und blickten erschrocken rückwärts – immer lauter knatterten die Salven von dorther, und durch die dicht zusammengedrängten türkischen Reihen pflanzte sich der Schreckensruf fort: »Die Russen – die Russen!«

Wie himmlische Musik erklang dieser Ruf den hart bedrängten Bulgaren, in deren Herzen neue Lebenshoffnung aufflammte. Mit lautem, jubelndem Hurra begrüßten sie die nahende Rettung; auch die am Boden liegenden Verwundeten, welche die Spitze ihrer Dolche schon gegen ihr eigenes Herz gerichtet hatten, um sich, wenn der Sieg der Türken entschieden wäre, den Tod zu geben, stimmten in den Freudenruf mit ein, und die noch aufrecht standen, stürmten mit hoch erhobener Waffe auf die entsetzten Türken los, von der verzweiflungsvollen Verteidigung zum siegesfrohen Angriff übergehend.

Immer näher krachte das Feuer, schon hörte man den Schlachtruf der Russen, dichter drängten die Türken heran, aber erschrocken wichen sie wieder vor den Bulgaren zurück, welche dicht geschlossen, die bluttriefenden Waffen in der Hand, wie eine eherne Mauer sich ihnen entgegenstemmten. Noch einige Schüsse fielen aus dem ungeordneten Haufen heraus, noch einige Verzweifelte warfen sich, gehetzten Raubtieren gleich, auf die Bulgaren, um durch ihre Reihen hindurch einen Ausweg zu erzwingen – dann schleuderten die Türken ihre Waffen zu Boden, sanken in die Knie und baten mit emporgehobenen Händen, die Gesichter von Angst und Wut zugleich verzerrt, um Gnade.

Über die Haufen der Toten hin, welche den Weg in seiner ganzen Breite versperrten, rückten die Russen vor. Es war ein Infanterieregiment; der Oberst, von einigen Offizieren begleitet, trat vor und befahl, die gefangenen Türken rückwärts zu führen – da stürmten die Bulgaren auf ihn zu, sie küßten seinen Rock und seinen Degen, sie eilten den russischen Soldaten entgegen, sie umarmten jeden einzelnen Mann, und alle diese todesmutigen Männer, deren Auge Wohl noch niemals in ihrem Leben eine Träne benetzt hatte, schluchzten laut in der Wonne dieses Augenblicks, der ihnen nach fast unabwendbarer Todesgefahr so plötzlich Leben, Freiheit, Vaterland und eine glückliche Zukunft wiedergab; jeder der russischen Soldaten erschien ihnen in diesem Augenblick wie ein Engel des Himmels, den Gott selbst zu ihrer Erlösung gesendet habe.

»Wer seid ihr?« fragte der Oberst, die jungen Leute mit einem gewissen Mißtrauen betrachtend – »wie kommt ihr hierher?«

Die Bulgaren erzählten alle durcheinander, und obgleich ihre Sprache den Russen nur teilweise verständlich war, so begriff der Oberst doch bald, was die Leute ihm sagten und durch lebhafte Gestikulationen zu erläutern suchten; er begriff vor allem, daß sie Christen und Freunde seien und hier in hartem Kampfe mit den Türken gestanden, daß sie den türkischen Zug festgehalten hätten, und daß ihnen dessen Gefangennehmung zu verdanken. Er sah die aufgetürmten Leichenhaufen, welche die Erzählung der Bulgaren bestätigten, er klopfte den Leuten freundlich auf die Schulter, die russischen Soldaten betrachteten sie mit Bewunderung und boten ihnen herzlich ihre Feldflaschen, und alles Leid der Vergangenheit war von den tapferen, treuen Herzen vergessen, als sie sich endlich inmitten ihrer russischen Brüder, der Soldaten des großen Zaren, befanden, deren Erscheinen ihnen von früher Jugend an von ihren Eltern und von den Priestern ihrer Kirche in Aussicht gestellt war als eine heilige Verheißung zur Erlösung der christlichen Länder aus der türkischen Sklaverei und zur endlichen Erhöhung des Kreuzes über den Halbmond. Auch die Verwundeten, welche der Oberst rückwärts schaffen ließ, um sie zu den Verbandplätzen zu führen, vergaßen ihre Schmerzen, und alle priesen selbst die Toten glückliche die nun eine Ruhestätte finden würden in der befreiten Erde des Vaterlandes.

Nur ein bitterer Schmerz mischte sich in die Freude der Bulgaren, das war der Gedanke an Pawjel, der nun auf seinem gefahrvollen Wege allein geblieben war, dem es vielleicht nicht gelungen war, Stjepanida von dem entsetzlichen Schicksal, das sie bedrohte, zu retten, der vielleicht gefallen war, ohne die Befreiung des Vaterlandes zu erleben, und im Glauben, daß sie ihn treulos verlassen hätten. Sie versuchten so gut als möglich, dem Obersten mitzuteilen, was vorgefallen, sie beschworen ihn, vorzugehen oder ihnen wenigstens eine Abteilung seiner Soldaten mitzugeben, um dem Freunde Hilfe zu bringen; aber der Oberst schüttelte bedenklich den Kopf, er hatte nur jene versprengte türkische Truppenabteilung verfolgt und glaubte, sich nicht in unbekannte Bergschluchten vorwagen zu dürfen.

Traurig standen die Bulgaren da. Nach kurzer Beratung waren sie einig, auch ohne russischen Beistand und trotz ihrer so sehr zusammengeschmolzenen Zahl Pawjel zu folgen, es schien ihnen unmöglich, den Freund zu verlassen, dessen Führung sie ihre Freiheit verdankten und der stets bereit gewesen, sein Leben für einen jeden von ihnen einzusetzen. Als sie sich anschickten, ihren Weg anzutreten, der sie von neuem einem unsicheren, gefahrvollen Schicksal entgegenführen sollte, hörte man rückwärts das Klirren präsentierter Gewehre und freudigen Hurraruf; die russischen Reihen öffneten sich, und in dem schmalen, freien Raum, der sich in der Mitte des Weges bildete, ritt ein russischer General, von mehreren Adjutanten gefolgt, heran.

»Hurra, Batuschka Jossif Wladimirowitsch!« riefen die Soldaten, den kühnen General Gurko begrüßend, welcher die Avantgarde kommandierte und eine Expedition gegen den Balkan unternommen hatte, um die bekannten Übergangspässe von Schipka und die Stärke ihrer Besatzung zu rekognoszieren. Der General, welcher sich stets an der Spitze seiner Truppen aufhielt, hatte das Feuer gehört und kam nun selbst, von der Halbschwadron der Gardekosaken, welche zu seinem Korps gehörte, begleitet, herangeritten, um zu sehen, was hier vorgehe.

Der General Gurko war neunundvierzig Jahre alt, seine magere Gestalt zeigte in ihren geschmeidigen, sehnigen Formen und in ihrer soldatisch festen Haltung die Kraft und Gewandtheit, welche der unermüdlich pflichteifrige Soldat in seinem militärischen Leben voll ruheloser Anstrengung sich erworben hatte. Sein kurzes, rückwärts gekämmtes Haar ließ die hohe und breite, fast viereckige Stirn frei, seine dunklen, etwas tief zurückliegenden Augen blickten scharf, klar und sicher vorwärts – man sah diesem Blick die Gewohnheit an, die kleinsten Details ebenso genau zu erfassen, als die ganze Situation auf einem Manöver- oder Schlachtfelde bis in die weiteste Ferne hin zu beherrschen. Sein dichter Schnurrbart und sein lang herabhängender Backenbart ließen das kräftig vorspringende Kinn frei; seine gerade, kräftige Nase mit den weit geöffneten Flügeln gehörte zu denjenigen, welche Napoleon I. als ein physiognomisches Kennzeichen freien Geistes und kühnen Entschlusses betrachtete und bei den Personen seines unmittelbaren Dienstes vorzugsweise als Bedingung ihrer Auswahl aufstellte. Der General trug einen staubbedeckten Überrock mit den Achselstücken seines Ranges und eine von Wind und Wetter zerknitterte Mütze; er war auf seinem schwarzen, feurigen Pferde ganz das Bild eines kriegsgehärteten Feldherrn, der keine Rücksicht noch persönliche Bequemlichkeit kennt, der überall für das Wohl seiner Truppen sorgt und eintritt, und dabei von diesen streng und unnachsichtlich die rücksichtslose Pflichterfüllung verlangt, die er sich selbst auferlegt.

Mit wenigen Worten hatte der Oberst ihm mitgeteilt, daß eine versprengte türkische Abteilung, deren Spur er verfolgt, hier von dem kleinen Häuflein der tapferen Bulgaren aufgehalten und gefangen genommen worden sei.

Der General sprach herzliche Worte der Anerkennung zu den jungen Leuten, welche fast alle aus leichten Wunden bluteten; sein ganzes offenes, freies Wesen flößte ihnen Vertrauen ein, sie wiederholten ihm die Bitte, welche der Oberst nicht zu erfüllen gewagt hatte, daß er ihnen eine Truppenabteilung mitgeben möge, um Pawjel zu folgen und ihm, wenn es noch möglich sei, Hilfe zu bringen.

Der General, welcher die bulgarische Sprache vollkommen kannte, hörte aufmerksam zu und blickte mit feinen scharfen, klaren Augen über den Weg hin, welcher sich in dem Schatten der Waldschluchten verlor.

»Dorthin ist euer Freund gegangen?« fragte er. – »Glaubt ihr, daß es möglich sein wird, ihn aufzufinden und zu erreichen?«

»Gewiß,« riefen die Bulgaren, »gewiß werden wir ihn finden, wenn er nicht im Kampf mit dem Baschi-Bozuk, den er verfolgte, getötet ist. Der Weg ist nicht breit, aber vollkommen frei, wir können nicht irren.«

»Und wohin führt dieser Weg?« fragte der General, indem ein freudiger Gedanke in seinen Augen aufzublitzen schien.

»Nach dem Flecken Chankioi«, antworteten die Bulgaren, »und weiter nach Kasanlik.«

»Nach Kasanlik,« rief der General, indem er in freudiger Überraschung zusammenzuckte, so daß sein Pferd eine unruhige Bewegung machte – »nach Kasanlik, sagt ihr – in das Rosental auf der andern Seite der Berge, rückwärts von Schipka?«

»Ja, ja, dorthin, und von jener Seite ist der Schipkapaß leichter anzugreifen, als von Norden her.« Die breite Brust des Generals dehnte sich unter einem tiefen Atemzug aus, seine Augen sprühten Flammen.

»Hört ihr's, meine Herren,« rief er, sich zu den Offizieren seines Gefolges wendend – »hört ihr's! Ich war gewiß, daß eine Umgehung möglich sei, nun öffnet sich hier vor uns eine so herrliche Aussicht, durch einen kühnen Schlag der Armee die Tore des Balkans zu öffnen.«

»Ist der Weg überall so breit wie hier?« fragte er.

»Überall, er wird sogar weiterhin noch breiter.«

»Und wieviel feindlichen Truppen können wir begegnen?«

»Wir sind seit Wochen hier«, erwiderten die Bulgaren, »auf der Flucht vor der türkischen Aushebung, es ist nichts auf diesem Wege durchgekommen als ein Trupp versprengter Soldaten und flüchtiger Türken. Was in Chankioi und Kasanlik stehen mag, wissen wir nicht, aber viel kann es nicht sein, da die Türken all ihre Truppen nach Schipka gezogen haben, um dort den Paß zu halten.«

Noch einen Augenblick saß der General stumm und unbeweglich auf seinem Pferde, den Kopf in tiefen Gedanken auf seine Brust gesenkt – dann richtete er sich hoch in den Bügeln auf und rief mit seiner ehernen, hellklingenden Stimme:

»Wir werden es wagen! Wenn es so ist, wie ihr sagt, ist der Erfolg sicher. Hört ihr,« fuhr er zu den Soldaten gewendet fort, »wir werden über den Balkan gehen, wir werden die ersten sein auf diesem Wege des Ruhmes und der Ehre, ihr werdet euren Brüdern das Tor öffnen zum Herzen des Feindes. Vorwärts mit Gott, für den Zaren und das heilige Rußland!«

»Vorwärts mit Gott, für den Zaren und das heilige Rußland!« riefen die Soldaten jubelnd, indem sie ihre Mützen in die Luft schwenkten; die Nächststehenden drängten sich zu dem General heran und küßten seinen Rock und seinen Degen.

»Führe uns,« riefen sie, »führe uns, Batuschka Jossif Wladimirowitsch, wir werden dir Ehre machen, und der Zar wird mit uns zufrieden sein!«

Der General befahl einem seiner Adjutanten, zurückzureiten und eine berittene Pionierabteilung und die Gebirgsartillerie heranzurufen. Die Soldaten, welche zur Schützenbrigade gehörten, drängten sich an die Seite des Weges, bald kamen die Pioniere heran, zwei leichte Batterien folgten.

»Leutnant Rossianow,« befahl der General Gurko einem jungen Kürassieroffizier, der sich als Ordonnanz bei ihm befand, »Sie werden mit den Pionieren vorausreiten, die Bulgaren werden Sie führen, und Sie werden dafür sorgen, daß alle Hindernisse, welche sich auf dem Wege finden, schleunigst beiseite geräumt werden, um den Geschützen den Durchzug zu öffnen. Sie werden Ihre Probe bestehen«, fügte er streng, aber mit einem Ausdruck herzlichen Wohlwollens hinzu, »und keinen Augenblick vergessen, daß der Erfolg des ganzen Feldzugs zum großen Teil von der geschickten und glücklichen Ausführung dieses Marsches abhängt. Marsch!«

Der Leutnant Rossianow errötete vor Stolz und Freude; er setzte sich an die Spitze der Pioniere, die Bulgaren gingen voraus, und der Zug rückte auf dem in die Waldberge aufsteigenden Wege vor.

»Herr Oberst,« befahl der General dem Kommandeur der Schützen, »Sie werden nun der Artillerie unmittelbar folgen; wo Sie Terrainschwierigkeiten begegnen, wird man die Pferde ausspannen und einzeln vorwärts führen; Ihre Leute werden die Kanonen ziehen oder tragen, wenn es sein muß. Vergessen Sie nicht, daß wir vorwärts müssen, und wenn der Teufel selbst sich uns entgegenstellte.«

Der Oberst salutierte mit dem Degen, die Soldaten riefen Hurra, und auch die Artillerie, von dem Schützenregiment gefolgt, setzte sich in Bewegung. Schnell hintereinander rückten dann, von den Adjutanten des Generals beordert, die übrigen Schützenbataillone, die Dragoner, die Kosaken und ein Husarenregiment heran. Die höheren Offiziere des Korps hatten sich um den General Gurko versammelt und hielten mit ihren Adjutanten am Eingänge der Waldschlucht, fast unmittelbar unter der Plattform, auf welcher Pawjel Fjodorew und die von ihm geführten Flüchtlinge während der letzten Wochen ihr Lager aufgeschlagen hatten.

Der General Gurko schickte den Generalmajor von Rauch, den Kommandeur der Schützenbrigade, voraus, um den Befehl über die ganze Vorhut zu übernehmen; dann folgte er selbst, sich unmittelbar anschließend mit dem Gros seines Korps, dem er nur einige Bagagewagen folgen ließ, welche für etwa vier bis fünf Tage Proviant und Fourage mit sich führten. So bewegte sich diese kleine Truppe in lang gedehntem Zuge auf dem schmalen Wege in fast lautlosem Marsch durch die tiefe Waldeinsamkeit, bald unter düsterem Schatten, bald über sonnige Felsabhänge hinschreitend, voran die Bulgaren, ängstlich vorwärts spähend, ob sie keine Spur von Pawjel zu entdecken vermöchten, und mühsam nur ihren Schritt mäßigend, damit die vorsichtig schreitenden Pferde und die schwer über den Felsboden fortrollenden Kanonen ihnen folgen konnten. Alle Herzen schlugen höher, bangend zwischen Hoffnung und Zweifel, denn jeder fühlte, daß, wenn das tollkühne Unternehmen gelang und der ganzen Armee der Weg durch den Balkan, die natürliche Schutzmauer des türkischen Reiches, geöffnet wurde, jeder von ihnen seinen Teil haben würde an hoher Ehre und unsterblichem Ruhm, welcher noch den des Generals Diebitsch Sabalkanski überstrahlen müßte.

16. Kapitel.

Pawjel war in fliegendem Lauf vorwärts gestürmt, in die Schatten des Waldes hinein, in welchem der Türke verschwunden war, kaum berührten seine Füße den Boden, wie der gehetzte Hirsch stürmte er dahin, seine Schläfen pochten, sein Herz drohte seine Brust zu sprengen, der Atem wollte ihm versagen in seinem schnellen Lauf; aber er achtete es nicht, er hatte nur den einen Gedanken, Stjepanida zu erreichen, sie aus den Händen des wilden Feindes, der kein Mitleid kannte, zu befreien oder mit ihr zu sterben. Die Angst und Verzweiflung gaben ihm übermenschliche Kräfte, und in immer verdoppelter Schnelligkeit eilte er weiter über die spitzen, scharfen Steine hin, welche, oft den Boden bedeckten und seine Stiefel zerrissen. Endlich, als seine Kraft dennoch zu versagen drohte, als seine Knie zu zittern begannen und er mit Entsetzen fühlte, daß die menschliche Natur zusammenbrechen müsse, wenn er nicht bald sein Ziel erreiche, als er mit bebenden Lippen ein Gebet stammelte, um vom Himmel die Erhaltung seiner schwindenden Kräfte zu erflehen, entdeckte er bei der Wendung um ein dichtes Gebüsch, etwa hundert Schritte vor sich, den Türken, welcher langsam den zur Höhe des Gebirgskammes emporsteigenden Weg hinaufritt. Das Pferd mochte die schnelle Gangart auf dem felsigen, bergansteigenden Wege nicht haben fortsetzen können oder der Türke sich weit genug von den unberittenen Bulgaren entfernt glauben, um sich einige Ruhe in der Einsamkeit des Gebirges zu gönnen, in der er keine Gefahr von dem Feinde mehr befürchtete.

Stjepanida lag vor ihm über den Sattel gebeugt, sie war regungslos, Pawjel konnte deutlich die Flechten ihres Haares an der Seite des Pferdes herabhängen sehen; sie mußte noch von dem Sturze betäubt sein. Pawjel sank einen Augenblick in die Knie, er richtete aus seinen unnatürlich erweiterten und blutunterlaufenen Augen einen freudig dankbaren Blick zum Himmel und suchte durch einige tiefe und lange Atemzüge die Ruhe in seiner schmerzhaft angestrengten Brust wieder herzustellen; dann sprang er auf und wollte seinen eiligen Lauf aufs neue beginnen, um den Türken zu erreichen. Aber mit jener blitzartigen Erkenntnis, welche in den Augenblicken der höchsten Gefahr und der höchsten Erregung den Geist durchleuchtet, begriff er, daß er mit Gewalt nichts erreichen könne, sondern daß er List und Vorsicht anwenden müsse. Stjepanida war in der Gewalt seines Feindes, und er kannte den wilden, tückischen Sinn der furchtbaren Baschi-Bozuks genug, um überzeugt zu sein, daß der Räuber gewiß das Mädchen eher töten, als sich seine Beute entreißen lassen werde; er war gewiß, daß der Türke ihm, wenn er auf das äußerste getrieben werde, die blutige Leiche seiner Geliebten hohnlachend entgegenschleudern werde; außerdem war der Ausgang des Kampfes mit dem bis an die Zähne bewaffneten, mutigen und gewandten Feinde ungewiß, und wenn es dem Türken gelang, ihn zu töten nur verwundet niederzuwerfen, so war Stjepanida rettungslos in der Gewalt des erbitterten Türken.

Er mußte also vorsichtig den Augenblick erspähen, in welchem es ihm gelingen könnte, den Türken plötzlich so schnell und sicher zu überfallen, daß demselben keine Zeit zu blutiger Rache an seinem Opfer blieb; das sicherste Mittel zu Stjepanidas Rettung war, den Türken aus der Entfernung vom Pferde zu schießen, doch mußte dann der Schuß sicher und tödlich treffen, denn wenn er den Feind nur streifte oder leicht verwundete, so wurde die Gefahr für Stjepanida nur vergrößert.

Alle diese Gedanken und Überlegungen durchzuckten Pawjel in einem einzigen Augenblick; er nahm sein Gewehr von der Schulter, spannte leise den Hahn, schlich, so gut als möglich sich hinter den Gebüschen am Rande des Weges verbergend, dem immer noch langsam vorwärts reitenden Türken nach, mit seinen funkelnden Blicken jeder Bewegung desselben folgend und den Moment erspähend, der ihm zu dem sicheren Schusse Gelegenheit geben würde.

Er hatte, auf diese Weise vorwärts schreitend, allmählich die Entfernung zwischen ihm und seinem Feinde um fast ein Drittel vermindert, und als der Türke eben den Kamm des Höhenzuges erreicht hatte, trat Pawjel, schnell noch einige Schritte vorschreitend, neben einen jungen Eichenstamm, um, den Lauf des Gewehrs daran lehnend, sicherer seine Kugel zu entsenden. Aber als er schon sein Gewehr schußgerecht erhoben, ließ er, plötzlich in jähem Schreck zusammenzuckend, den Arm wieder sinken, denn das Pferd des Türken machte eine unruhige Bewegung, er hörte einen Schrei des Entsetzens und der Angst von Stjepanias Stimme und sah, wie der Körper des Mädchens, der bisher zusammengebrochen auf dem Sattel geruht hatte, sich in jäher Bewegung aufrichtete; zugleich vernahm er ein helles Hohnlachen des Türken und sah, wie derselbe Stjepanidas Haarflechten erfaßte und das Haupt des Mädchens wieder zurückriß.

Pawjel war totenbleich, seine Augen traten fast aus den Höhlen, kalter Schweiß perlte an der Wurzel seiner Haare. Er hob sein Gewehr wieder empor, aber er fühlte, wie seine Hand zitterte, er mußte seine Willenskraft sammeln und drückte das kalte Eisen des Gewehrlaufs gegen seine Stirn, um das glühende Blut zu kühlen, das seine Schläfen sprengen wollte; auch hatte das Pferd des Türken eine Wendung gemacht und das mit dem Türken ringende Mädchen sich so vorgebeugt, daß es unmöglich war zu schießen, ohne Stjepanida zu gefährden. Pawjel stand, vom Gebüsch gedeckt, hinter dem Stamm der jungen Eiche, er überlegte, ob er nicht dennoch auf alle Gefahr hin vorwärts eilen und sich auf den Türken stürzen sollte, sein wallendes Blut drängte ihn vorwärts zum entscheidenden Angriff, doch die Vorsicht hielt ihn zurück, denn wenn der Türke ihn bemerkte und mit Stjepanida davonjagte, so war es fast unmöglich, daß er nach dem erschöpfenden Lauf zum zweitenmal das schnelle Berberpferd einholen könne.

Während er noch knirschend die Zähne übereinanderbiß, um seinem Blick die Schärfe und seiner Hand die Festigkeit wiederzugeben, stieß der Türke, welcher sein Pferd wieder vorwärts gewendet hatte, um seinen Weg fortzusetzen, einen Wutschrei aus, und Pawjel sah, wie die blanke Dolchklinge, von Stjepanidas Hand geschwungen, im Sonnenstrahl blitzte. Das mutige Mädchen hatte den Handjar aus ihrem Gürtel gezogen, um die Brust des Räubers zu durchbohren.

Der scharfe Blick des Türken aber hatte die Bewegung bemerkt, schnell ihre Hand Zurückschlagend, hatte er den kräftig geführten Stoß abgelenkt, so daß nur die Spitze der zweischneidigen Klinge seine Schulter streifte und das Blut unter dem Ärmel seiner Weste hervorquellen ließ. Vor Schmerz und Wut schrie er laut auf, doch wenn auch der Stoß fehlgegangen war, so war doch Stjepanida dadurch von dem festen Griff des Türken befreit; sie ließ sich vom Pferde herabsinken, einen Moment sank sie vom Fall nieder, dann aber erhob sie sich, um sich zur Flucht rückwärts zu wenden – aber schon war der Türke aus dem Sattel gesprungen, ehe sie noch einen Schritt tun konnte, hatte er sie umschlungen, mit sicherem Griff ihr Handgelenk fassend, entwand er ihr die Waffe, die sie abermals gegen ihn erhob. Sie stieß einen lauten, verzweiflungsvollen Hilferuf aus, den der Türke mit einem gellenden Hohngelächter beantwortete, und nun begann ein furchtbares Ringen, in welchem Stjepanida mit der Kraft der Verzweiflung sich des wilden, von Gier und Rachedurst entflammten Barbaren zu erwehren versuchte.

Pawjel stand wie in den Boden gewurzelt, jeder Ruf, jeder Versuch, sich den Ringenden zu nähern, mußte Stjepanida dem sicheren Verderben weihen, denn der wild ergrimmte Türke würde sie erwürgt oder erdolcht haben, bevor er den Kampf mit ihrem Befreier aufgenommen hätte. Pawjel hatte sein Gewehr erhoben, seine ganze Seele, all sein Leben trat in sein Auge, die Züge seines Gesichts waren kalt, hart und unbeweglich, wie aus Marmor gemeißelt; er fühlte, daß all seine Hoffnung auf Erden, alles, was ihn an das Dasein band, in der Sicherheit seines Blickes und der Festigkeit seiner Hand ruhte, der Lauf seines Gewehrs schien ein Teil seines Körpers geworden zu sein und folgte jeder Bewegung des Türken, der bald sich ihm zuwendete, bald von dem Körper Stjepanidas wieder gedeckt wurde.

Die erschöpften Kräfte des Mädchens hielten den ungleichen Kampf nicht lange aus, mit einem ersterbenden Schrei, der wie ein Todesruf der Verzweiflung klang, sank sie zusammen. Laut aufjubelnd in höhnischem Triumph beugte sich der Türke über sie hin, um sie vollends niederzuwerfen – da krachte der Schuß, in hundertfachem Widerhall durch die Felsen donnernd. Die Augen des Türken öffneten sich weit, seine starren Blicke schienen den Feind zu suchen, der ihm seine Beute entreißen wollte – eine Verwünschung klang von seinen Lippen – aber schon begann sein brechender Blick sich zu trüben, er griff mit den weitausgestreckten Händen krampfhaft in die Luft, drehte sich um sich selbst und stürzte zuckend zu Boden, während sein Pferd, durch den Knall erschreckt, auf dem Wege fortstürmte.

Stjepanida lag auf ihren Knien, drückte die gefalteten Hände vor die Brust und blickte in stummem Dankgebet zum Himmel auf. Sie suchte keine Erklärung für die plötzliche, kaum noch gehoffte Errettung aus der entsetzlichen Gefahr, sie fühlte nur die unendlich berauschende Wohltat dieser Rettung, und ohne daß ihr Geist irgendeinen klaren Gedanken fassen konnte, zweifelte dennoch ihr Herz keinen Augenblick, daß es Pawjel sei, dem sie ihre Rettung verdanke.

Pawjel hatte sein Gewehr zu Boden fallen lassen und stand zitternd, mit niedergesenkten Augen an den Eichenstamm gelehnt da, es schien, als ob seine ganze Lebenskraft, welche er auf den verhängnisvollen Schuß zusammengedrängt, aus seinen Gliedern entwichen sei; er schwankte wie betäubt, er hatte ein Gefühl, als ob die Bäume und die Felsen sich in wirbelndem Kreise um ihn drehten – endlich aber schlug er dennoch zögernd die Augen auf, als zittere er, ein furchtbares Schrecknis zu erblicken; als er jedoch nun den Türken am Boden liegen sah, als er Stjepanida erblickte, die mit strahlenden Augen und leise bewegten Lippen zum Himmel aufblickte, da verklärten sich seine fahlen, verzerrten Züge in flammendes Entzücken:

»Stjepanida, meine Stjepanida!« rief er mit einer Stimme, welche die mächtige innere Bewegung fast erstickte, und weit die Arme ausbreitend, eilte er zu der Geliebten hin.

Stjepanida sah ihn mit lieblichem, glückseligen Lächeln an, keine Spur von Verwunderung über sein plötzliches Erscheinen lag auf ihrem Gesicht; er mußte ja da sein, er mußte es sein, der sie gerettet und ihr das Leben wiedergegeben hatte. Das war ja so natürlich, das konnte nicht anders sein, jedes Glück, jedes Gnadengeschenk des Himmels mußte ihr aus seiner Hand kommen, der ihr alles auf Erden war, dem ihre ganze Seele gehörte. Sie stand auf, schlang ihre Arme um seinen Hals, und lange standen sie beide in stummer Umarmung, das höchste Glück nach so namenloser Pein umfing sie wie ein dumpfer, aber unbeschreiblich seliger Rausch; Stjepanida schluchzte leise, und auch Pawjels Augen füllten sich mit ungewohnten Tränen.

Dann aber fuhr er erschrocken zusammen und blickte nach dem seitwärts am Boden liegenden Türken hin – doch seine Besorgnis war überflüssig, seine Kugel hatte sicher den Weg zum Herzen gefunden, der wilde Baschi-Bozuk war tot, seine Augen waren gebrochen, auf seinen verzerrten Lippen schien ein letzter Fluch zu schweben, seine geballten Hände waren noch im Todeskampf drohend erhoben.

»Fort,« rief Pawjel, »fort von diesem Ort des Entsetzens, laß uns zurückfliehen zu den Unsrigen! Oh,« sagte er bitter, »sie haben mich feige verlassen, sie haben nicht gewagt, mir zu folgen, aber ich verzeihe ihnen, da mich Gott so gnädig beschützte. Wir müssen zu ihnen, wir müssen sie erreichen, es könnten neue türkische Flüchtlinge auf diesem Wege kommen, und zum zweitenmal würde kein Wunder zu unserer Rettung geschehen.«

»Was haben wir zu fürchten,« sagte Stjepanida mit glücklichem Lächeln, »wir sind vereint; was ist der Tod, wenn wir miteinander sterben?!«

»Nein,« rief Pawjel, »nein, wir wollen nicht sterben, in dem Schrecken dieser Stunde habe ich den Wert des Lebens empfunden, alle Fasern meines Wesens klammern sich an das Leben und das Glück. Laß uns fliehen, Stjepanida, schnell fliehen, ich bin feige geworden, feige für dich und für unsere Liebe.«

Schnell zog er sie mit sich fort auf dem Wege, den er vorhin in so grenzenloser Qual und Angst durchmessen hatte, und mit jedem Atemzug glaubte er die Wonne neuen Lebens einzusaugen.

Als sie stumm nebeneinander herschreitend, die Arme verschlungen, die Hände ineinander ruhend, eine Strecke auf dem gekrümmten Wege weitergegangen waren, tönte ihnen der Schall eines lebhaft fortgesetzten Gewehrfeuers, durch die Schluchten gedämpft und von den Felsen widerhallend, entgegen; erschrocken lauschend blieb Pawjel stehen.

»O mein Gott,« sagte er, »ich tat meinen Freunden unrecht, sie sind angegriffen worden, darum konnten sie mir nicht folgen – dort kämpfen sie, hörst du's – das ist ein starkes Feuer, sollte der Himmel uns verlassen, sollten wir dennoch verloren sein?«

Stjepanida schmiegte sich zitternd an ihn. Einen Augenblick noch standen sie lauschend still, dann sagte Pawjel mit kalter, fester Entschlossenheit:

»Und dennoch müssen wir dorthin, Stjepanida, so schnell als möglich; auf der andern Seite ist das feindliche Land, und wir würden in jedem Fall verloren sein, wir müssen unsere Freunde erreichen, um mit ihnen zu siegen oder zu sterben. Oh«, rief er, sich hoch aufrichtend, während das Feuer sich heftiger hören ließ, »wenn ich bei ihnen wäre, ich würde ihnen Mut und Vertrauen bringen – fort, fort, daß wir sie erreichen; Gott ist mit uns, mit uns wird der Sieg sein!«

In eiligem Lauf stürmte er weiter, Stjepanida mit sich fortreißend. Nach einiger Zeit aber blieb sie zitternd, mit schmerzlichem Seufzer stehen.

»Ich kann nicht mehr, mein Geliebter,« flüsterte sie atemlos, »meine Kraft geht zu Ende. Geh allein,« sagte sie traurig, »wohin deine Pflicht dich ruft, du bist dein Leben dem Vaterlande schuldig und deinen Freunden. Laß mich hier, wenn ihr gesiegt habt, werdet ihr mich holen – aber gib mir den Dolch, damit ich nicht in die Hände der Feinde falle und euch im Tode folge, wenn Gott euren Untergang beschlossen hat.«

»Niemals,« rief Pawjel – »niemals! Ein Wunder des Himmels hat dich mir wieder geschenkt, ich werde dich nicht verlassen.«

»Ich kann nicht mehr!« hauchte sie schmerzlich.

»Meine Kraft reicht für uns beide,« rief er – »ist der Mann nicht dazu da, um des Weibes Schwächen zu stützen?«

Er faßte sie in seine Arme und trug sie wie ein Kind fort. Sie widerstand nicht, glücklich lächelnd lehnte sie den Kopf an seine Schulter, voll Stolz und Freude ruhte sie sicher in den starken Armen des Geliebten. Aber so kraftvoll er die süße Last auch trug, so konnte er dennoch nicht mehr mit der früheren Schnelligkeit vorwärts eilen; von Zeit zu Zeit mußte er ausruhen, und langsam nur verschwand der Weg unter seinen Füßen.

Das Feuer hatte aufgehört. Abermals bat Stjepanida ihn, sie zurückzulassen, er aber hob sie wieder empor und setzte seinen Weg fort.

»Der Kampf ist zu Ende,« sagte er mit finsterem Ernst, »wir bedürfen keiner Eile mehr; entweder haben unsere Freunde gesiegt, dann ist der Weg frei für uns – oder sie sind vernichtet, dann werden wir den Feinden begegnen, und es bleibt uns nichts übrig, als zu sterben.«

Schweigend, in düsterer Ergebung, schritt er weiter, aber immer langsamer wurden seine Schritte, immer mehr fühlte er die Erschöpfung von den furchtbaren Anstrengungen. Der Weg begann sich stärker herabzusenken.

»Bald werden wir Gewißheit haben,« sagte Pawjel, »denn wir müssen der Stelle unseres Lagers nahe sein.«

Stjepanida ruhte schwer in seinem Arm, auch ihre Kraft war fast erschöpft, und immer seltener schlug sie ihre matt herabsinkenden Augen wieder auf, um mit einem Blick voll Liebe zu ihm emporzusehen und ihm zuzuflüstern, daß sie nichts fürchte, da sie gewiß sei, jedes Schicksal mit ihm zu teilen.

Noch einige Schritte tat er vorwärts, dann zuckte er zusammen in plötzlichem Schreck und ließ Stjepanida sanft auf den Boden niedergleiten.

»Horch,« sagte er, »horch – das sind Pferdetritte – das ist das Klirren von Waffen – ganz nahe, hinter dem Felsenvorsprung dort. Oh, wo ist Gott, wo ist Gott?« rief er bitter; »das sind die Feinde, jetzt ist keine Hilfe mehr möglich!«

»So laß uns sterben,« sagte Stjepanida, welche vor ihm auf den Knien lag – »töte mich zuerst mit sicherem Stoß, mein letzter Blick soll dir gehören, und bald werden wir dort oben wieder vereint sein.«

In bitterem Schmerz preßte er die Lippen aufeinander; er zog seinen Handjar aus der Scheide und richtete die Spitze der blinkenden Waffe gegen Stjepanidas Brust. Seine düsteren, brennenden Blicke starrten nach dem Felsenvorsprung hin, der die Wendung des Weges deckte – immer deutlicher, immer näher hörte man die Pferdehufe auf dem steinigen Wege, das Klirren der Waffen und den Klang von Stimmen.

Da blitzten Gewehrläufe hinter dem Felsen hervor, Pawjel senkte mit einem ächzenden Wehlaut die Klinge seines Handjars gegen die Brust der Geliebten, Stjepanida sah ihn noch einmal mit einem Blick voll Liebe an.

»Lebe wohl,« hauchte sie – »auf Wiedersehen bei Gott!« – dann schloß sie die Augen, den Todesstoß erwartend. Aber lauter Jubelruf brauste durch die Luft, die Bulgaren, welche vor den Pionieren her die Truppen des Generals Gurko führten, erkannten Pawjel und Stjepanida, und mit jauchzendem Freudengeschrei eilten sie heran, die schon für verloren Gehaltenen zu begrüßen.

»Stjepanida, Stjepanida!« rief Pawjel, seinen Handjar weit von sich schleudernd.

Langsam, wie aus einem Traum erwachend, erhob sich Stjepanida. Die Bulgaren umringten die beiden und wurden nicht müde, sie immer und immer wieder zu umarmen und ihre Wangen zu küssen.

Der Zug hielt an; bald war gegenseitig das Erlebte mit hastigen Worten erzählt. Freudig und stolz führten die Bulgaren Pawjel zu dem Leutnant Rossianow, indem sie riefen:

»Dies ist unser Führer, er allein ist so viel wert als wir alle, er hat uns gerettet, er wird uns zum Siege führen.«

Der Leutnant Rossianow begrüßte Pawjel herzlich.

»Aber wir müssen weiter,« sagte er, »denn wir dürfen keinen Augenblick verlieren, um womöglich vor der Nacht den jenseitigen Abhang zu erreichen.«

»Vorwärts, vorwärts,« rief Pawjel, der, neu belebt voll Freude und Hoffnung, all seine Kraft wiedergefunden hatte – »vorwärts, wir werden die Berge überschritten haben, ehe die Sonne sinkt – aber Stjepanida ist erschöpft, sie kann nicht weitergehen«, sagte er, bestürzt auf das Mädchen blickend.

»Laß mich zurück,« bat sie, »ich bin ja jetzt in Sicherheit.«

Pawjel sah sie traurig an, auch die Bulgaren waren schmerzlich bewegt bei dem Gedanken, sich von dem kühnen Mädchen zu trennen, das alle Gefahren mit ihnen geteilt hatte.

»Ich bedarf meines Pferdes nicht,« sagte der Leutnant Rossianow, »auf diesem Wege bin ich besser zu Fuß; wenn das Mädchen da sich im Sattel halten kann, so soll sie mit uns gehen; es würde uns ohnehin Zu lange aufhalten, sie zurückzusenden, und hier am Wege können wir sie nicht verlassen.«

»Dank, Herr, tausendmal Dank«, rief Pawjel, »für Eure Güte – sie ist gewohnt zu Pferde zu sitzen von Jugend auf, und wir werden mutiger sein, wenn Stjepanida mit uns ist.«

Rossianow stieg ab, Pawjel hob Stjepanida auf das Pferd, die Bulgaren umringten sie mit freudigen Zurufen. Schon kam ein Adjutant des Generals von Rauch, um sich nach der Ursache des Aufenthalts zu erkundigen, und schnell setzte sich der Zug vorwärts in Bewegung.

Es war ein Marsch voll Mühe und Anstrengung; häufig mußten die Pioniere den Weg freimachen, oft auch war es nötig, die Pferde von den Kanonen zu spannen, und die Mannschaften trugen dann die Geschützrohre auf ihren Schultern über die schwierigen Stellen. Die Soldaten wetteiferten miteinander, alle Anstrengungen zu überwinden, allen voran die Bulgaren; von Pawjel geführt, taten sie Wunder an Kraft, Gewandtheit und zäher Ausdauer. Stjepanida hatte, durch einen Bissen Brot und einen Schluck Branntwein gestärkt, ihre Kraft wiedergewonnen, glücklich und stolz blickte sie von ihrem Pferde auf Pawjel herab, welcher nun nach so langem, heimlichem Flüchtlingsleben endlich die Seinen, wenn auch auf geringe Zahl zusammengeschmolzen, zu offenem Kampfe den Feinden des Glaubens und des Vaterlandes entgegenführte.

Der General Gurko hatte seinen Truppen nicht zu viel zugemutet, des Führers unbeugsame Willenskraft schien sich jedem Soldaten mitgeteilt zu haben, und noch war die Sonne nicht vollständig hinter die Baumwipfel herabgesunken, als der schmale Bergpfad sich breiter öffnete und langsam absteigend sich zu einem offenen Tal niedersenkte, in welchem man ein kleines, von freundlichen Gärten umgebenes Dorf erblickte.

Die Spitze des Zuges hielt, der Leutnant Rossianow ließ die Pioniere seitwärts Aufstellung nehmen, um den Weg freizumachen, die Geschützbatterien fuhren auf der Höhe des Abhanges auf, von welcher aus sie das unten liegende Dorf beherrschten; bald erschien der General von Rauch, und unmittelbar nach ihm auch der General Gurko selbst bei der Avantgarde. Der General ließ die Schützen vorrücken, um gegen das Dorf zu marschieren, zugleich befahl er, die Kosaken und das. Husarenregiment schnell heranrücken zu lassen. Noch schien man in dem etwa eine Viertelstunde abwärts liegenden Dorfe die russischen Truppen nicht bemerkt zu haben, obwohl dieselben sich auf der Anhöhe sichtbar formierten. Die Schützen rückten vor, die Bulgaren, von Pawjel geführt, an ihrer Spitze. Stjepanida hielt auf der Anhöhe neben den Generalen, ihr schien es, daß Pawjel der Feldherr all dieser Truppen sei, stolz blitzten ihre Augen, sie zitterte nicht bei dem Gedanken an die Gefahr, war es doch ein freier, offener Kampf, dem ihr Geliebter entgegenging, und war er doch kühner und stärker als alle, über seinem Haupte mußte der Sieg schweben.

Als die Schützen schon nahe an das Dorf herangekommen waren, erschienen einige Männer vor den ersten Häusern, um schnell beim Anblick der heranrückenden Russen wieder zu verschwinden. Dann hörte man Hörnersignale zwischen den Häusern und Gärten und laute Stimmen; die versprengten türkischen Truppen, welche am frühen Morgen an dem Lager der Bulgaren vorbeigezogen waren, waren in Chankioi geblieben und hatten sich vor aller Gefahr sicher geglaubt. Das plötzliche Erscheinen der russischen Truppen hatte einen panischen Schrecken in dem Dorfe verbreitet; aber mit jener wilden, fanatischen Tapferkeit, welche den türkischen Soldaten eigentümlich ist, hatten sie sich formiert und rückten dem Feinde entgegen.

Ein kräftiges Feuer der Schützenlinien empfing sie, zugleich schlugen die Kugeln der Gebirgsbatterie in die türkischen Reihen. Der Kampf währte nur kurze Zeit, bald warfen die Türken, welche die Unmöglichkeit des Widerstandes erkannten, ihre Waffen zur Erde und erhoben die Hände zum Zeichen ihrer Ergebung. Ein Teil der hinteren Glieder wendete sich zur Flucht und eilte in das Dorf zurück, um mit einer großen Unzahl von Weibern nach der andern Seite hin in das Tal hinabzueilen; die Kavallerie war herangekommen und jagte seitwärts um das Dorf her, um die Flüchtigen einzuholen. Bald waren dieselben erreicht und die ganze Besatzung des Dorfes gefangen.

General Gurko ritt nach Chankioi hinab, Stjepanida an seiner Seite. Am Eingänge standen die Bulgaren. Pawjel hob die Geliebte vom Pferde, und lange hielten sie sich in stummer Umarmung umschlungen.

»Der Balkan ist überschritten«, sagte der General Gurko kalt und ruhig, aber wundersam leuchteten seine Augen auf, als er, sich rückwärts wendend, die riesigen Bergmassen hinter sich sah. »Ihr habt euch brav gehalten,« fuhr er mit weithin schallender Stimme zu den Truppen gewendet fort, »ihr habt euren tapferen Brüdern den Weg nach Konstantinopel geöffnet, der Zar, den Gott segnen möge, wird mit euch zufrieden sein.«

Lauter Hurraruf beantwortete die Worte des Generals. Dann ritt er vorwärts in das Dorf, in welchem ihn die von den Husaren zurückgebrachten Einwohner zitternd und demütig begrüßten.

In allen Gärten blühten und dufteten die Rosen, die sinkende Abendsonne vergoldete die liebliche Landschaft mit ihren letzten Strahlen, die Truppen schlugen ein Biwak um das Dorf auf; Pawjel aber führte Stjepanida in eins der Häuser, richtete mit zärtlicher Sorgfalt ein Lager für sie ein und brachte ihr an Speisen und Trank das Beste, was er bei den Bewohnern des Ortes auftreiben konnte. Dann küßte er ihr Zärtlich die Hand, deckte sie mit weichen Decken zu, und während sich nach den furchtbaren Anstrengungen des Tages im glückseligen Gefühl der sicheren Rettung der sanfte Schlummer auf ihr Haupt herabsenkte, ging er hinaus zu seinen Freunden, um unter dem leuchtenden Sternenhimmel ihnen zu erzählen, was er erlebt, wie Gott ihn beschützt, und ihre Herzen zu erfüllen mit freudiger Hoffnung auf die endliche, dauernde Befreiung des Vaterlandes.

17. Kapitel.

Sternenhell breitete sich der nächtliche Himmel über das kleine Dorf Zaritza aus, dessen Name wohl kaum jemand in ganz Rußland kannte, und das dennoch für einige Stunden die kaiserliche Residenz geworden war, in welcher sich der das ganze weite Reich leitende Wille konzentrierte. Tiefe Stille herrschte in dem Hauptquartier, man hörte in den Zelten und im ganzen Dorfe nur hin und wieder das Schnauben der Pferde und das Klirren der Waffen von den ruhig und regelmäßig auf und ab schreitenden Posten. Alles schlief, und auch in dem kaiserlichen Zelt war lange schon das Licht erloschen.

Es war etwa zwei Uhr morgens, die ersten Lichtstreifen des langsam heraufdämmernden Tages wurden am Horizont sichtbar, als von der Straße her, an welcher etwas rückwärts die Brigade des elften Korps, die zur Deckung des kaiserlichen Hauptquartiers bestimmt war, ihr Lager aufgeschlagen hatte, der Hufschlag eines schnelltrabenden Pferdes vernehmbar wurde. Ein Kosak ritt an den rasch vortretenden Posten heran und erklärte demselben, daß er einen Brief an den General Schtscholkow zu überbringen habe. Der Posten führte den Kosaken bis zur nächsten Schildwache, hier mußte er sein Pferd zurücklassen und ging dann, von einem Posten zum andern geführt, bis zu dem kleinen Wiesenplatz hin, auf welchem neben dem kaiserlichen Zelte diejenigen für die Herren des unmittelbarsten Dienstes aufgeschlagen waren. Der Kosak trat in das ihm bezeichnete Zelt, in welchem der General Schtscholkow auf einem Deckenlager halb angekleidet ruhte.

Der General fuhr bei dem Eintritt des Soldaten erschrocken empor, nahm das nur leicht zusammengefaltete Blatt Papier, das ihm derselbe reichte, und zündete die Kerze in einer kleinen Handlaterne an. Er hielt das Blatt an das Licht und las:

»Die Türken stehen bei Sistowo; die Verwirrung ist allgemein; der Dienst unterbrochen.

Der Telegraphenstationskommandant.«

Bleich vor Schrecken fuhr der General empor, er befragte, während er sich rasch ankleidete, den Kosaken, welcher ihm bestätigte, daß in Sistowo allgemeine Verwirrung herrsche, daß die Landleute in die Stadt flüchteten und die Nachricht von dem Heranrücken türkischer Truppen brachten, aber er wußte Näheres nicht anzugeben, da der Telegraphenkommandant ihn sogleich mit der in Eile geschriebenen Meldung abgesendet habe.

Der General begab sich sofort in das Zelt des Kommandanten des Hauptquartiers, und dieser war nicht weniger erschrocken über die erhaltene Nachricht. Die Stadt Sistowo war von Zaritza nur etwa fünf Werst in gerader Linie entfernt, und wenn wirklich bedeutende türkische Truppenmassen bereits bei dem Abreiten des Kosaken vor Sistowo gestanden hatten, so konnte in jedem Augenblick eine Abteilung voranschwärmender Baschi-Bozuks vor dem kaiserlichen Hauptquartier erscheinen und die Person Seiner Majestät selbst in die höchste Gefahr bringen; war die Nachricht richtig, so mußte Baron Krüdener von Nikopolis zurückgeworfen sein und den Türken der Weg am Donauufer offenstehen.

Die beiden Generale weckten den Minister des kaiserlichen Hauses, Grafen Adlerberg, und den Kriegsminister Miljutin, denn selbst wenn die Nachricht nur auf einem bloßen Schreck beruhte und sich nicht in ihrem vollen Umfange bewahrheitete, so mußte dennoch unter allen Umständen die Person des Kaisers in Sicherheit gebracht werden.

Graf Adlerberg und der Kriegsminister traten in das kaiserliche Zelt, während die Generale Rylejew und Schtscholkow persönlich in die Zelte und Quartiere der Offiziere des Gefolges eilten, um dieselben in aller Stille zu wecken, da man durch Alarmschlagen die Aufregung und Unruhe nicht noch unnütz vermehren wollte.

Der Kaiser war bereits erwacht und fragte, ohne Schreck und Unruhe zu zeigen, nach der Ursache des ungewöhnlichen Geräusches. Als er erfahren, um was es sich handelte, sagte er kalt und ruhig: »Das wird ein Mißverständnis sein«, befahl aber gleichwohl den sofortigen Aufbruch und rief den Kammerdiener, um sich auf der Stelle ankleiden zu lassen. In weniger als einer Viertelstunde war das ganze Gefolge auf der kleinen Wiese versammelt. Der Kaiser erschien im Generalsüberrock mit den breiten silbernen Achselbändern.

»Um Gottes willen, Majestät,« rief Graf Adlerberg, »nur nicht diese glänzende Uniform, die Eure Majestät auf weite Entfernungen hin zur Zielscheibe macht!«

»Wo die Gefahr ist, muß man den Kaiser kennen«, erwiderte der Monarch mit ruhiger Würde, dann, ohne weiter auf die bestürzten Mienen der Generale zu achten, befahl er dem Kriegsminister Miljutin, sogleich dem Kommandeur der Deckungsbrigade den Befehl zu bringen, daß er auf der Stelle nach Sistowo zurückmarschieren solle, um sich den dort herandrängenden Türken entgegenzuwerfen.

»Aber, um Gottes willen, Majestät,« rief der Kriegsminister, »wenn die Brigade zurückgeschickt wird, so bleibt ja nichts zu Allerhöchstihren eigenen Deckung als die zwei Kosakensotnien Ihres persönlichen Konvoi!«

»Sie werden genügen,« sagte der Kaiser, »die beste Deckung ist es jedenfalls, wenn die Türken bei Sistowo zurückgehalten werden; außerdem aber handelt es sich hier weit weniger um mich, denn wir müssen ja bald die vor uns stehende Armee des Thronfolgers erreichen, als um die Donauübergänge, von welchen die Sicherheit der ganzen Armee abhängt. Es muß um jeden Preis verhindert werden, daß die Türken die Brücken zerstören, und deshalb müssen alle verfügbaren Truppen dorthin zurückgehen.«

Der Ton dieser Worte schnitt jede weitere Bemerkung ab, und der Kriegsminister bestieg das Pferd eines Kosaken der kaiserlichen Begleitung, um dem Kommandeur ber Deckungsbrigade sogleich den kaiserlichen Befehl zu überbringen. Dann rief der Kaiser den in der Nähe stehenden Flügeladjutanten von Negendorf heran und befahl demselben, auf der Straße von Tirnowa nach Pawlo, dem Hauptquartier des Großfürsten-Thronfolgers, voranzureiten und dem Cäsarewitsch den Befehl zu bringen, daß er alle verfügbaren Truppen dem Kaiser auf der Straße entgegensenden solle.

»Sie sehen, meine Herren,« sagte er lächelnd, »daß ich auch für unsere Sicherheit sorge. Und nun vorwärts, wir wollen uns beeilen, die Armee meines Sohnes zu erreichen, damit uns diese gefährlichen Türken nicht einholen.«

Man führte das Pferd des Kaisers vor, es war ein großer Rappe ohne Abzeichen.

»Warum nicht der Schimmel?« fragte der Kaiser; »ah, ich verstehe,« sagte er dann lächelnd zum General Rylejew, »die Zielscheibe! Nun, es sei, ich will mir keine unnütze Unvorsichtigkeit vorwerfen lassen.«

Die Herren des Gefolges stiegen zu Pferde. Der Flügeladjutant Oberst Tscherowin, der Kommandant des persönlichen Konvoi, trat an das Pferd des Kaisers heran.

»Majestät,« sagte er finster, indem er mit fast trotziger Miene zum Kaiser aufblickte, »ich übernehme für diesen Marsch keine Verantwortung. Eure Majestät wissen, daß ich und meine Leute bereit sind, bis auf den letzten Mann zu fallen, und daß wir fallen werden, bevor ein Feind zu Eurer Majestät herandrängt, aber was vermögen meine zwei Sotnien, wenn wir wirklich dem Feinde begegnen sollten! Ich wiederhole, ich weise jede Verantwortung ab.«

»Du hast recht,« sagte der Kaiser, indem er dem Obersten freundlich auf die Schulter klopfte, »ich übernehme die Verantwortung; Sie hören es alle, meine Herren, und niemand soll dir irgendeine Schuld geben, was auch immer geschehen möge.«

Der Oberst Tscherowin sprang in den Sattel und sprengte dem Kaiser voran zu den auf der Straße nach Tirnowa haltenden Kosaken des Konvoi. Der Kaiser ließ sich eine Zigarette anzünden und ritt dann, während die Bagage in vollkommener Ordnung aufbrach, von der Wiese nach der Straße hin.

Als er hier angekommen war, ritt eine Eskadron des Tschugojewskischen Ulanenregiments, welche sich in Simnika der Bedeckung angeschlossen hatte, heran. Der Kaiser befahl dem Generalmajor Weymann von seiner Suite, mit dieser Ulanenschwadron sogleich nach Sistowo zurückzureiten und so genaue Erkundigungen als möglich darüber einzuziehen, was dort vorgefallen sei, und welche Wendung die Operationen des Generals Krüdener vor Nikopolis genommen hätten.

Niemand erhob mehr Widerspruch gegen diese neue Schwächung der Bedeckung; der General Weymann sprengte mit den Ulanen davon, und der Kaiser ritt mit seinem Gefolge auf der südwestlich führenden Straße vorwärts.

Es war ein schwerer, angstvoller Ritt für die ganze Umgebung; alle waren ernst und sorgenvoll, selbst der Prinz Wittgenstein fand kaum zuweilen einen Funken seines sonst so sprühenden und zündenden Humors; ängstlich spähte jeder über die Ebene hin, neben welcher sich der schattenlose Weg hinzog, ob irgend etwas Verdächtiges zu erblicken sei, und das tiefe Schweigen, das ringsumher herrschte, machte heute einen unheimlicheren Eindruck als die unausgesetzte Kanonade der letzten Tage, denn jene Kanonensalven waren etwas Positives, Faßbares, an eine bestimmte Stelle Gebundenes, während man jetzt nach der geheimnisvollen Alarmnachricht irgendein plötzliches, aus der schweigenden Ruhe hervorbrechendes Schrecknis befürchtete. Es war in der Tat wohl Veranlassung zu der ernsten Sorge, welche sich auf allen Gesichtern malte, denn dieser glänzende kaiserliche Zug, der so wenig an den Krieg erinnerte, wie er mit seinen wenigen Bagagewagen und seiner unbedeutenden Kosakenbedeckung auf dem sommerlichen Wege sich dahinbewegte, befand sich noch weit von der Armee entfernt und in nächster Nähe von unaufgeklärten, drohenden feindlichen Truppenbewegungen, selbst ein versprengtes Streifkorps des Feindes konnte den Kaiser aufheben, mitten aus den russischen Stellungen heraus entführen und so dem Kriege ein ebenso plötzliches als entsetzliches Ende bereiten. Jeder hielt sich mehr und mehr zurück, fortwährend nach der hinterwärts liegenden Straße spähend. Einige der jüngeren Offiziere ritten oft weit seitwärts des Weges in das Feld hinaus, aber immer und immer zeigte sich nichts, alles blieb still und ruhig umher, wie im tiefsten Frieden, und die sämtlichen Begleiter des Kaisers wären ohne Zweifel noch lieber mitten über ein Schlachtfeld geritten, als hier durch diese öde, unheimliche und beängstigende Stille. Der Kaiser allein blieb unausgesetzt heiter und ruhig, wenn er auch das Schweigen nicht unterbrach und nicht, wie er sonst zu tun pflegte, die einzelnen Herren seines Gefolges heranrief, um sich mit ihnen zu unterhalten.

Man war einige Stunden vorwärts geritten, zuweilen im Trabe, dann wieder in langsamem Schritt, denn so sehr auch die Generale vorwärts drängten, da ja mit jedem Schritt, den man der Armee des Thronfolgers näher kam, die Gefahr sich verringerte, so verzögerte doch der Kaiser immer wieder den Marsch, um dem auf Erkundigungen ausgeschickten General Weymann Zeit zu geben, ihn wieder einzuholen, weil ihm vor allem daran lag, genaue Nachrichten über die Vorgänge an den Donauübergängen zu erhalten. Endlich erblickte man auf dem Wege voraus Staubwolken, und bald sprengte der Oberst von Negendorf heran, um zu melden, daß zwei Infanterieregimenter und eine Batterie von der Armee des Großfürsten, welche diesseits von Pawlo biwakiert hatten, zur Bedeckung Seiner Majestät heranrückten. Schnell ritt der Kaiser vor und begrüßte die mit musterhafter Präzision sich in langer Front aufstellenden und präsentierenden Truppen mit den laut schallenden Worten: »
Sdoroworebjata!« welche ungefähr ins Deutsche übersetzt heißen würden: »Prosit, Kinder!«

Die staubbedeckten Soldaten antworteten mit dreimaligem Hurra.

Die Kommandeure der Infanterieregimenter und der Batteriechef ritten heran, um sich zu melden. Der Kaiser befahl ihnen, auf der Stelle weiter auf der Straße nach Sistowo hin zu marschieren, um dort in den Kampf einzugreifen, welcher etwa um die Donauübergänge stattfinden könnte. Der General Rylejew wollte eine Einwendung machen, aber der Kaiser schnitt dieselbe kurz mit den Worten ab:

»Wenn diese Regimenter hinter uns sind, so decken sie uns ebensogut, als wenn wir in ihrer Mitte marschieren. Die Hauptsache ist, daß die Donauübergänge vor jedem Unfall gesichert werden, die sicheren Rückzugslinien sind die Fundamente des Sieges.«

Jeder weiteren Bemerkung ausweichend, sprengte er an der Front der längs der Straße aufgestellten Truppen vorwärts und setzte in scharfem Trabe seinen Weg auf der Straße fort; bald waren die auf den erhaltenen Befehl nordwärts marschierenden Regimenter aus den Blicken verschwunden, und abermals befand sich der kaiserliche Zug, nur von den Kosaken gedeckt, einsam auf der Landstraße.

Man kam an einen Abhang, welcher von einem schattigen Gehölz umgeben war und eine weite Aussicht über die Ebene bot; der Kaiser hielt sein Pferd an und sagte:

»Das ist eine hübsche Stelle, um ein wenig zu ruhen, wir und die Pferde haben Erholung nötig.«

Er stieg vom Pferde und befahl dem Generaladjutanten Wojeikow, ein Frühstück servieren zu lassen. Man hatte sich bereits gewöhnt, keine Einwendungen mehr zu machen, und die Rast im frischen, grünen Schatten lockte auch die Vorsichtigsten, denn die Sonne war schon hoch am wolkenlosen Himmel emporgestiegen, die Hitze begann sich mächtig fühlbar zu machen, und der Ritt auf der staubigen Landstraße nach der kurzen Nachtruhe hatte alle auf das äußerste erschöpft. Der General sprengte rückwärts zu dem unmittelbar folgenden Bagagewagen, welcher das persönliche Gepäck des Kaisers und die notwendigsten Küchenbedürfnisse enthielt. Herr Vavasseur ging sogleich ans Werk, um das befohlene Reisefrühstück mit derselben Ruhe, Sicherheit und Präzision anzuordnen, als ob er sich in den Küchen des kaiserlichen Winterpalais zu Petersburg befinde; er war ein Feldherr auf seinem Gebiet, kalt, ruhig und überlegen, und, würdig unterstützt von seinem Generalstabschef, dem Hoffourier Lebedjew, würde er es möglich gemacht haben, ohne mit einer Wimper zu zucken, mitten im feindlichen Kartätschenfeuer ein fehlerloses Diner servieren zu lassen.

Als der Kaiser im Begriff stand, über den Graben der Straße zu treten, um sich auf den Rasen des Bergabhanges zu begeben, hörte man rückwärts auf der Straße Pferdegetrappel. Der Kaiser blieb lauschend stehen; nach einigen Augenblicken schon erkannte man in der von einem leichten Windhauch zerteilten Staubwolke die Tschugojewskischen Ulanen, weit voraus an ihrer Spitze den General Weymann. Derselbe sprang in einiger Entfernung vom Pferde und näherte sich ganz erhitzt und bestäubt dem Kaiser, der erbleichend und mit unruhig bewegtem Gesicht ihm entgegenging:

»Nun, was war es – sind die Brücken in Sicherheit?«

»Es war eine übergroße Vorsicht des Telegraphenkommandanten«, erwiderte der General noch ganz atemlos. »Es hatte sich in Sistowo das Gerücht verbreitet, Nikopolis sei genommen und die von dort fliehenden Türken stürmten nun am Donauufer herab. Die Telegrafenleitung war allerdings unterbrochen, aber unsere Truppen des neunten Korps standen bereit, die fliehenden Türken, wenn sie wirklich herandrängen sollten, zu empfangen. Die Übergänge sind nicht bedroht, und auch von jenen Truppenzügen, auf welche der General Richter gestern aufmerksam machte, ist nichts mehr zu sehen; es müssen Truppen vom Widdiner Korps gewesen sein, die sich Wohl wieder zurückgezogen haben mögen, wenn wirklich inzwischen vor Nikopolis eine Entscheidung erfolgt ist. Ich bin nicht weiter dorthin vorgegangen,« schloß der General seinen Bericht, »habe auch nähere Nachrichten von dorther nicht abwarten mögen, um so schnell als möglich zurückzukehren und Eure Majestät nicht in Ungewißheit zu lassen.«

»Sie haben recht gehabt,« sagte der Kaiser, indem er, die Arme weit ausdehnend, erleichtert aufatmete, »fausse alerte!« rief er dann heiter, und nach dem Bergabhang hinschreitend, streckte er sich im Schatten eines Gebüsches auf den Rasen nieder, das Gefolge gruppierte sich um ihn, bald servierten die Lakaien ein kaltes Frühstück; nachdem die Befürchtungen vor einem feindlichen Überfall durch die Meldung des Generals Weymann zerstreut waren, stellte sich die allgemeine Heiterkeit wieder ein, und diese auf dem Rasen gruppierte, fröhlich plaudernde Gesellschaft, welche dem improvisierten Frühstück des Herrn Bavasseur alle Gerechtigkeit widerfahren ließ, machte den Eindruck einer sommerlichen Landpartie oder einer Manöverrast im tiefsten Frieden. Bald setzte man den Marsch fort, und als der Zug etwa noch eine Stunde geritten war, öffnete sich vor der sanft absteigenden Straße eine weite Talebene, in welcher man Reihen von weihen Zelten und Trainkolonnen erblickte.

»Das ist Pawlo,« rief der Kaiser, »das ist die Armee des Cäsarewitsch!«

»Und trotz alledem und alledem«, sagte der General Rylejew, »bin ich froh, daß wir da sind, denn wenn auch alles glücklich abgelaufen ist, so werde ich doch mein ganzes Leben mit Schaudern daran denken, was hätte geschehen können.«

»Du siehst,« sagte der Kaiser lächelnd, aber mit einem tiefernsten Blick seiner großen, hellaufleuchtenden Augen, »daß Gott seine Hand über Rußland hält.«

Ein Reitertrupp sprengte aus der Zeltreihe hervor auf der Straße heran, auch der Kaiser setzte sein Pferd in Galopp, und bald begrüßte der Großfürst-Thronfolger mit seinen Adjutanten seinen kaiserlichen Vater. Hinter dem Cäsarewitsch ritt in der Weißen Kürassieruniform der Herzog Sergei Maximilianowitsch von Leuchtenberg, der Sohn der Großfürstin Maria, der Schwester des Kaisers. Der junge, neunzehnjährige Prinz war von blendender, an die edelsten und reinsten Formen der Antike erinnernder Schönheit, jugendfrischer Lebensmut blitzte aus seinen feurigen Augen, eine kindlich sorglose Heiterkeit lag auf seinen lächelnden Lippen. Der Kaiser betrachtete den schönen jungen Mann, der die dargereichte Hand seines Oheims ehrerbietig küßte, mit liebevoller Freude und ritt dann an der Seite seines Sohnes dem Lager zu.

Am Eingange desselben dehnte sich ein Barackenlazarett aus. Zelte von Filz und Leinwand, rund und oben zugespitzt, standen nebeneinander; die Dächer derselben ruhten auf festen Holzpfählen, die Seitenvorhänge waren ein wenig geöffnet, um der Luft überall freien Zutritt zu lassen. Vor dem ersten Zelt stand der Oberst Steponai, der Kommandant des Lazaretts, um sich zu melden; kaum erblickte ihn der Kaiser, als er sofort anhielt und vom Pferde stieg.

»Meine erste Sorge«, sagte er ernst, »muß überall den Verwundeten gehören, welche ihr Blut für das Vaterland vergossen haben. Laß uns«, fuhr er zum Thronfolger gewendet fort, »das Lazarett besuchen.«

Die biwakierenden Truppen hatten sich an der Seite des Weges zusammengedrängt, und unter ihren grüßenden Hurrarufen trat der Kaiser in die Baracke.

Es war ein schmerzvoll trauriger Anblick, die auf ihren Lagerstätten ruhenden Verwundeten zu sehen, aber doch flog ein freudiger Schimmer über das bewegte Antlitz des Kaisers, als er die vortrefflichen Einrichtungen des Lazaretts bemerkte; er ging von einem Bett zum anderen, überall einige freundliche Worte zu den Kranken sprechend. Zahlreiche Damen aus den vornehmsten Kreisen, in gleichmäßige graue Anzüge gekleidet, waren beschäftigt, die Verwundeten zu Pflegen; der Kaiser kannte mehrere derselben und sprach ihnen in herzlichen Worten seine Anerkennung für ihre Liebesdienste aus.

In einem der Zelte war ein Bett in die Mitte gerückt, auf demselben lag ein schwerverwundeter Soldat, mehrere Ärzte und eine Pflegerin waren um denselben beschäftigt, ohne sich durch das Erscheinen des Kaisers stören zu lassen. Der Cäsarewitsch wollte seinen Vater schnell zurückführen.

»Man operiert einen Verwundeten,« sagte er, »es ist ein zu schmerzlicher Anblick.«

»Nicht doch,« erwiderte der Kaiser, »sollte ich dem Anblick der Leiden dieser Tapferen ans dem Wege gehen?«

Er trat zu dem Bett heran; ein junger, kräftig gebauter Mensch lag auf demselben; er war totenbleich, die Pflegerin hielt sein Haupt in den Armen, einer der Ärzte war beschäftigt, einen Granatsplitter aus einer tiefen Brustwunde zu ziehen, zwei andere große Wunden waren bereits verbunden. Der durch Chloroform betäubte Kranke atmete schwer. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgte der Kaiser der Operation – nach wenigen Augenblicken kam der Granatsplitter zutage. Der Verwundete tat einen tiefen Atemzug und öffnete wie erstaunt umherblickend die Augen; schnell füllte der Arzt die Öffnung der Wunde mit Charpie aus.

»Ist es gelungen,« fragte der Kaiser, »wird er leben?«

»Wenn er nicht in den nächsten Augenblicken stirbt,« erwiderte der Arzt, »so ist alle Hoffnung vorhanden, daß kein edler Teil verletzt wurde.«

Der Kaiser blickte in atemloser Spannung auf den Verwundeten. Dieser dehnte sich einigemal, dann atmete er tief auf, sein Gesicht drückte freudige Erleichterung aus.

»Ich hoffe gewiß,« sagte der Arzt, »daß er gerettet wird – die Gegenwart Eurer Majestät hat ihm Glück gebracht.«

»Majestät!« stammelte der Ulan mit seinen bleichen Lippen, »o mein Gott, es ist der große Zar selbst!«

Er machte eine Bewegung, als ob er sich vom Lager aufrichten wollte, aber kraftlos sank er zurück und vermochte nur wenig seine Arme zu erheben. Der Kaiser reichte ihm die Hand, die er mit aller Anstrengung seiner schwachen Kräfte an die Lippen führte.

»Sei ruhig, mein Sohn, sei ruhig,« sagte der Kaiser, »Gott wird dich erhalten für den Dienst des Vaterlandes. Wer bist du? Wo hast du deine Wunde erhalten?«

Der Verwundete versuchte zu sprechen, aber die Stimme versagte ihm, es drang nur ein leiser Hauch über seine Lippen.

»Es ist ein Ulan. Majestät,« sagte die Pflegerin, ein junges Mädchen mit frischen, fast kecken Gesichtszügen, welche in diesem Augenblick durch den Ausdruck inniger Teilnahme verschönert wurde – »er heißt Provirij Bolanjac und hatte drei schwere Wunden in der Brust, aus denen jetzt glücklich die Granatsplitter herausgezogen sind.«

»Er hat diese Wunden erhalten,« sagte der Oberst Steponai, »als er seinen vom Pferde gefallenen Offizier gegen den Feind deckte; seinem Heldenmut ist es gelungen, den Offizier zu retten.«

Die Augen des Kaisers wurden feucht.

»Wie herrlich ist es,« sagte er, »an der Spitze einer solchen Armee zu stehen! Du hast deine Schuldigkeit getan, mein Sohn, nimm hier den Dank deines Kaisers, der euch alle liebt wie seine Kinder.«

Er löste das kleine Georgskreuz von seinem Rock und legte dieses edelste militärische Ehrenzeichen Rußlands auf die blutige Brust des Verwundeten. Dieser breitete die Arme aus – auch jetzt kam kein deutliches Wort über seine Lippen, aber das glückselige Entzücken, das aus seinen Augen leuchtete, bewies, daß er diesen Augenblick freudig mit dem Leben bezahlt haben würde.

Die Verwundeten auf den anderen Lagern des Zeltes blickten mit gefalteten Händen herüber; einige Augenblicke herrschte eine feierliche Stille ringsum.

»Und Sie, mein Fräulein,« sagte der Kaiser, »wer sind Sie? – Auch Ihnen habe ich zu danken, daß Sie diesen Braven gepflegt.«

»Ich heiße Jewa von Dobbrodorow«, erwiderte das junge Mädchen, »und bin die Tochter des Kollegienrates von Dobbrodorow in Moskau.«

Der Kaiser neigte freundlich grüßend das Haupt, indem er halblaut den Namen wiederholte, als ob er sich denselben einprägen wollte; dann verließ er das Zelt, und als er dem Verwundeten noch einen letzten Gruß mit der Hand zuwinkte, raffte dieser all seine Kraft zusammen, ein leises, kaum hörbares Hurra klang von seinen Lippen, und glückliche Freude verklärte das Gesicht des Kaisers – dieser matte Gruß des an den Grenzen des Todes schwebenden Soldaten traf sein Herz inniger und wohltuender als die brausenden Jubelrufe, welche ihm bei den großen Revuen auf dem Marsfelde in Petersburg entgegentönten. – Er bestieg darauf mit dem Großfürsten einen Wagen und fuhr durch das ganze Lager, um überall die Truppen zu besichtigen.

Als er dann nach Pawlo zurückkehrte, überreichte ihm der General Schtscholkow ein inzwischen angekommenes Telegramm; der Kaiser öffnete dasselbe und las, während die Offiziere der Suite sich in höchster Spannung um ihn drängten, mit lauter Stimme:

»Ich habe das Glück, zu berichten, daß Nikopolis nach einem ungemein heftigen, von gestern morgen vier Uhr bis zur Nacht dauernden Kampfe zu Eurer Majestät Füßen liegt. Die Festung hat sich heute bei Tagesanbruch bedingungslos übergeben. Alle Befestigungsraine wurden nacheinander erobert. Eurer Majestät Truppen schlugen sich mit beispiellosem Heldenmut.

Zwei Paschas und sechstausend Mann gefangen.

Generalleutnant Baron Krüdener.«

Der Kaiser stimmte selbst das Hurra an, das sich von seiner Suite aus durch das ganze Lager hin fortsetzte.

Vor dem Hause des Cäsarewitsch war das Diner serviert, und als man sich von demselben erhob, fuhren schnell mehrere Wagen, von einer starken Abteilung Kosaken begleitet, heran. Aus dem ersten derselben sprang ein Offizier, dessen ganze Uniform von dichtem Staube fast unkenntlich bedeckt war, während sein Gesicht und seine Hände der Pulverdampf beinahe schwarz gefärbt hatte. Als der General näher herantrat, rief der Großfürst-Thronfolger heiter:

»Wahrhaftig, es ist Graf Tolstoi – wo kommen Sie her?«

»Von Nikopolis«, erwiderte der General mit einer Stimme, welche von der Überanstrengung fast unverständlich heiser geworden war. »Ich komme. Eurer Majestät die Einnahme der Festung zu melden und den Kommandanten Hassan Pascha als Kriegsgefangenen vorzuführen.«

»Sie konnten in keinem besseren Ehrenkleide vor mir erscheinen,« sagte der Kaiser, dem General herzlich die Hand reichend, »als in diesem Rock, auf welchem der Staub und der Pulverdampf des Heldenkampfes ruhen. Führen Sie den Pascha heran; der tapfere Feind ist unserer Achtung wert.«

Der General eilte zu dem Wagen zurück und führte dann einen kleinen, gedrungenen und untersetzten Mann vor den Kaiser; derselbe trug einen weiten Überrock von grobem Tuch mit goldenen Achselschnüren, einen roten Fes auf dem Kopfe, und war ebenso mit Staub bedeckt und von Pulverdampf geschwärzt, wie der General. Das gebräunte, kräftige Gesicht des gefangenen Pascha, mit seiner stark vorspringenden Nase und seinen kleinen, schwarzen, stechenden Augen, drückte wilden Haß und zurückgehaltene Wut aus. Er trat vor den Kaiser, blickte ihn starr an, legte mit kurzem militärischen Gruß die Hand an seinen Fes und blieb unbeweglich stehen. Die ganze Erscheinung des Gefangenen schien auf den Kaiser einen unangenehmen, peinlichen Eindruck zu machen. Er richtete durch den Dolmetscher des Großfürsten einige kurze Fragen an denselben und entließ ihn dann mit dem Befehl, ihm ein passendes und seinem Range angemessenes Quartier anzuweisen, bis er zu seiner Internierung im Innern Rußlands abgeführt würde. Der Pascha grüßte ebenso kurz als vorher, musterte das kaiserliche Gefolge mit einem grimmigen Blick und kehrte dann zu seinem Wagen zurück, welcher unter Kosakenbegleitung und von einem Adjutanten des Cäsarewitsch geleitet nach dem Dorfe fuhr.

Der General Tolstoi hatte in einem nahegelegenen Zelt sein Gesicht und seine Hände so gut als möglich von Pulverdampf gereinigt und mußte nun dem Kaiser und dem Großfürsten, umgeben von der aufmerksam lauschenden Suite, den ganzen Gang des Entscheidungskampfes vor Nikopolis ausführlich erzählen. Er tat dies mit der Lebhaftigkeit des Augenzeugen und Soldaten, und die tief erschütterten Zuhörer glaubten das blutige Ringen mit all seiner Spannung, all seinen wechselnden Hoffnungen und all seiner endlichen jubelnden Siegesfreude vor ihren Augen sich abspiegeln zu sehen.

»Es ist ein großer Erfolg,« schloß der General, »daß wir Nikopolis in unseren Händen halten, diesen Platz, der fortwährend die Donauübergänge und unsere Verbindungslinien bedrohte – aber«, fügte er mit erhobener Stimme hinzu, indem er die Hände wie beschwörend ausstreckte, »noch ist nicht alles getan, noch sind wir nicht sicher, ich habe die Gegend hier studiert, es gibt einen Punkt, der furchtbarer und gefährlicher ist, als Nikopolis es war, und dieser Punkt, Majestät, ist Plewna. Dort hat die Natur Befestigungen geschaffen, welche uneinnehmbarer sind als die Wälle von Nikopolis, und welche einer ganzen Armee Deckung geben können.«

»Plewna,« sagte der Kaiser, wie erschrocken zusammenfahrend – »wieder Plewna, immer klingt mir dieser Name wie eine finstere Mahnung entgegen – und woher«, fragte er dann, »soll die Armee kommen, welche uns von dort bedrohen könnte, wenn jene Stellungen wirklich so stark, so unnahbar sind, wie Sie sagen?«

»Bei Widdin, Majestät,« erwiderte Graf Tolstoi, »standen starke türkische Truppenmassen; man hat sich nicht um dieselben gekümmert, wir wissen nicht, wie groß sie sind, doch fürchte ich, daß sie stärker sein möchten, als man glaubt. Man hat angenommen, daß sie dort oben durch die Rumänen festgehalten würden, aber die Rumänen rühren sich nicht, und Osman Pascha, der dort befehligt, ist nach allem, was ich von ihm gehört habe, nicht der Mann, um lange still zu liegen und unnütz Kanonenkugeln über das Donauufer zu werfen. Wir haben von Nikopolis aus türkische Marschkolonnen gesehen, welche nur von Widdin herabkommen konnten; jetzt sind sie wieder verschwunden, Gott gebe, daß sie nicht wie ein Schreckbild aus der Erde auftauchen und, während unsere Vortruppen über den Balkan schwärmen, im Herzen unserer Stellung erscheinen. Wir müssen Plewna besetzen und festhalten, Majestät, ehe es zu spät ist, denn dort lauert das schwarze Gespenst der Zukunft.«

Ungläubig lächelnd schüttelten einige der umherstehenden Generale den Kopf.

»Plewna ist nicht übersehen«, sagte der Kaiser ruhig; »ich habe meinen Bruder noch besonders darauf aufmerksam gemacht, und vielleicht wird es in diesem Augenblick schon von uns besetzt.«

»Gott gebe es!« sagte der General seufzend.

Der Cäsarewitsch aber schüttelte unmutig den Kopf.

»Wenn es so ist, wie der General sagt,« bemerkte er, »so kommt es vor allem darauf an, genügende Kräfte nach Plewna hinzuwerfen, damit wir gewiß dort die Übermacht haben und der Erfolg keinem Zufall ausgesetzt wird.«

»Der Höchstkommandierende wird das Nötige befohlen haben«, sagte der Kaiser mit einem leisen Anklang von Strenge in seiner Stimme; schnell sich abwendend, brach er das Gespräch ab und unterhielt sich noch eine Zeitlang mit einzelnen Generalen in heiterer und leichter Weise; dann zog er sich zurück, und alle Welt suchte nach diesem ermüdenden und ereignisreichen Tage die Ruhe in den Zelten, welche für die kaiserliche Suite vor dem Quartier des Thronfolgers aufgeschlagen waren. Nur der General Tolstoi schien die Ruhe nicht finden zu können; seine Hände zitterten unruhig, seine Augen leuchteten fieberhaft, die Überanstrengung mochte seine Nerven in eine krankhafte Aufregung versetzt haben. In eifrigen Gesprächen suchte er jeden der sich zurückziehenden Offiziere noch festzuhalten, immer setzte er von neuem die verhängnisvolle Bedeutung von Plewna und die Notwendigkeit, diese Position unverzüglich zu besetzen, auseinander, und als endlich auch selbst die jüngeren Offiziere, welche sich vor Müdigkeit kaum aufrecht halten konnten, sich fast rücksichtslos, die Unterhaltung unterbrechend, von ihm verabschiedet hatten, kam er mehrfach noch aus seinem Zelt hervor, um überall einzutreten, wo er noch Licht hinter der Leinwand hervorschimmern sah. Er setzte sich vor die Feldbetten und wiederholte den schlaftrunkenen Offizieren fortwährend seinen mahnenden Ruf: »Nehmt euch vor Plewna in acht!« – bis diese endlich verzweiflungsvoll das Licht verlöschten und den Kopf in die Decken begruben, um die Stimme des aufgeregten Generals nicht mehr zu hören. Als er dann endlich nirgends mehr Licht fand und völlig erschöpft in seinem eigenen Zelt auf das Lager niedergesunken war, klang immer noch aus dem unruhigen Schlummer der Übermüdung heraus von seinen zuckenden Lippen das unheimlich mahnende Wort: »Hütet euch, hütet euch, nehmt euch in acht vor Plewna!«

Still und sternenklar lag die Nacht über dem weiten Lager; vom Kaiser bis zu dem geringsten Soldaten füllte Siegesfreude und Siegeshoffnung alle Herzen und belebte alle Träume mit freudigen, glänzenden Bildern; niemand mehr hörte das Wort, das immer leiser verhauchend von den Lippen des Generals Tolstoi klang, und doch lag in diesem Wort, das der Nachthauch flüchtig davontrug, die Beschwörung des neidischen, finsteren Dämons, der sich anschickte, schwarze Wetterwolken über alle Siegesfreude und Siegeshoffnung des Augenblicks heraufzuführen.

18. Kapitel

Der Kaiser Alexander hatte sein Hauptquartier in dem Dorfe Bjäla aufgeschlagen, welches in einer Talschlucht an einem kleinen Nebenfluß der Jantra liegt. Das Dorf zeugte in seinen reinlichen, sauberen Häusern von der Wohlhabenheit der Einwohner, und auch die Männer und Frauen, welche nach dem Einrücken des Kaisers vertrauensvoll wieder aus ihren Verstecken zum Vorschein kamen, trugen nun im Gefühl der gesicherten Ordnung ihre kostbaren, goldgestickten Kleider als Zeichen ihres Reichtums zur Schau, so daß das ganze Dorf einen malerischen und schönen, ja sogar prachtvollen und glänzenden Anblick darbot durch den Verein der kleidsamen und prächtigen Volkstracht mit den verschiedenen Uniformen der Bedeckungsmannschaften und des Gefolges des Kaisers und der Hofdienerschaft. Auf der einen Seite des Dorfes hatten zwei große Häuser gestanden, in welchen die Steuerpächter Schifdschi Mehemed Bey und Soliman Bey gewohnt und einen üppig glänzenden Hof gehalten hatten; sie hatten von der türkischen Regierung das Recht der Erhebung der Abgaben, und damit willkürliche Herrschaft über Eigentum, Freiheit und Leben der Untertanen erkauft und von diesem Recht in rücksichtsloser Weise Gebrauch gemacht; bei der Annäherung der Russen waren sie geflohen und die Bewohner von Bjäla hatten die Häuser ihrer beiden Bedrücker zerstört.

Innerhalb der großen Umfriedigung, welche die Gärten des Mehemed Bey eingeschlossen, hatte nun der Kaiser sein Hauptquartier aufgeschlagen, dort stand sein einfaches Kriegszelt und der große, allgemeine Zeltpavillon, in welchem die Diners stattfinden, abends der Tee genommen wurde und in welchem auch während des übrigen Tages die Offiziere des kaiserlichen Gefolges ihre dienstfreien Stunden verbrachten, die Terrainkarten studierend und miteinander die Ereignisse besprechend. Das kaiserliche Hauptquartier war vielleicht der einfachste und mindest luxuriöse Ort in der ganzen Gegend. Rings nm die Umfriedigung befanden sich die früheren Wirtschaftshilfe Mehemed Beys, angefüllt mit Schutt und Dünger; Gänse und Schweine drangen häufig schnatternd und grunzend bis in die unmittelbare Nähe des kaiserlichen Zeltes, und die Offiziere des Gefolges, welche in den verschiedenen Häusern der Einwohner Quartier gefunden hatten, waren meist sehr viel besser und bequemer untergebracht als der Kaiser selbst.

Am Morgen des 21. Juni befand sich der Kaiser mit seinem ganzen Gefolge in dem großen Zeltpavillon. Das Frühstück war beendet, der Kaiser hatte sich eine Zigarette angezündet und befahl, in seinem hölzernen Lehnstuhl sitzend, dem Grafen Adlerberg, die Telegramme der »Agence Havas« in Paris und die bemerkenswertesten Stellen aus den neuesten Zeitungen vorzulesen, welche täglich durch Kuriere in das Hauptquartier gebracht wurden.

»Wir müssen doch ein wenig hören, was in der Welt vorgeht«, sagte der Kaiser; »sonst könnten wir«, fügte er hinzu, »den Faden der Politik verlieren.«

Die Herren des Gefolges drängten näher heran, und Graf Adlerberg begann einige bedeutende Telegramme von Havas vorzulesen. Der Kaiser hörte schweigend zu und schien ganz in seine Gedanken versunken – plötzlich aber richtete er den Kopf auf, sein Gesicht wurde sehr ernst, Graf Adlerberg las eine Stelle aus dem »Journal des Debats« vor, in welchem ausgeführt wurde, daß der Krieg gegen die Türkei, den Rußland jetzt führe, eigentlich ein Krieg gegen England sei.

»Sehr richtig, sehr richtig!« sagte der Kaiser seufzend; und halb leise fügte er hinzu: »Sie liegen im Anschlag, Gott beschütze uns vor einer Niederlage, sie würden mit allen Mitteln, die sie auftreiben können, über uns herfallen.«

Graf Adlerberg las weiter und betonte eine Zeile, in welcher der Politiker des Leitartikels ausführte, daß Rußland ein geheimes Bündnis mit Italien geschlossen habe, um bei einer zweifelhaften Haltung Österreichs einen mächtigen Druck durch den italienischen Angriff ausüben zu können.

Der Kaiser sah groß auf; dann machte er lächelnd eine spöttische Verbeugung gegen den Grafen Adlerberg und sagte:

»Ich bin in der Tat sehr erfreut, davon zu hören.«

Die ganze Gesellschaft lachte.

»Und doch,« sagte der Prinz Wittgenstein, welcher in der Nähe des Kaisers saß, »doch wäre die Sache so übel nicht. Wer mag Österreich trauen, und ein solcher Druck in der Hand wäre besser als alle Versprechungen.«

Die Worte des Prinzen waren in der nächsten Umgebung vernehmlich gewesen, in vielen Mienen zeigte sich billigende Zustimmung; der Kaiser aber blickte ernst auf, legte die Hand auf den Arm des Prinzen und sagte:

»Nein, nein, das wäre unrecht, ich mag auch in der Politik den Glauben und das Vertrauen nicht verlieren; wollte ich einen solchen Hinterhalt vorbereiten, so würde ich Österreich das Recht geben, sein Wort zu vergessen und den Lockungen zu folgen, die man immer wieder in Wien hören läßt. Ich will dem Worte des Kaisers glauben, das er mir und meinen Freunden gegeben; habe ich recht?« fragte er, indem er sich mit hellen, strahlenden Blicken zu dem neben ihm sitzenden preußischen General von Werder wendete.

»Ich glaube gewiß, daß Eure Majestät vollkommen recht haben,« erwiderte dieser mit feierlichem Ernst, »wo mein allergnädigster Herr die Vermittlung führt, da wird nichts Feindliches gegen Eure Majestät geschehen, da wird auch«, fügte er mit stolzer Zuversicht hinzu, »das Abgemachte und Versprochene gehalten werden.«

»Ich weiß es,« sagte Kaiser Alexander, indem er dem General die Hand drückte.

Einen Augenblick herrschte allgemeines Schweigen; Prinz Wittgenstein neigte den Kopf, aber seine Miene zeigte deutlich, daß er dennoch nicht ganz einverstanden war und lieber wohl eine sichere militärische Garantie als das edle Vertrauen seines Herrn gesehen hätte.

»Nun,« fragte der Kaiser, »was gibt es sonst noch?«

Graf Adlerberg hielt ein wenig zögernd ein Zeitungsblatt in der Hand und sagte:

»Kaum wage ich Eurer Majestät hier einen Artikel einer deutschen Zeitung vorzulesen, er strotzt von unerhörten Schmähungen, die uns deswegen kaum berühren können, weil sie in absoluter Unkenntnis der Verhältnisse geschrieben sind.«

»Nun,« sagte der Kaiser, »lesen Sie.«

Graf Adlerberg las in deutscher Sprache einen Artikel vor, der in der Tat das Unglaublichste an Schmähungen und Verdächtigungen enthielt und mit der sicheren Erwartung schloß, daß der Kaiser von Rußland bald mit seinem barfüßigen Heere werde davonlaufen müssen, um das nackte Leben zu retten.

Rufe der Entrüstung wurden laut.

Der Kaiser sagte achselzuckend:

»Wie höflich diese Herren Journalisten sind – doch«, fuhr er dann zu dem General von Werder gewendet fort, »sagen Sie mir, mein lieber General, woher kommt dieser giftige Haß, der sich so vielfach in Deutschland gegen uns zeigt; die Russen sind freilich früher einmal in einer beklagenswerten Verirrung unserer Politik dorthin als Feinde gekommen, aber das muß doch längst vergessen sein, dazwischen liegt die große Zeit, in der wir gemeinschaftlich die Franzosen schlugen, und mein Vater sowie ich haben doch wahrlich immer gezeigt, daß wir Freunde der Deutschen sind, und auch ihre großen Kämpfe der neuesten Zeit beweisen, daß die alte Freundschaft unvergessen ist.«

»Eure Majestät«, sagte General von Werder, »müssen nicht aus den Deklamationen solcher einzelnen Zeitungsschreiber auf die Gesinnung des preußischen oder des deutschen Volkes schließen; doch will ich nicht leugnen, daß in der Tat hier und da Antipathien gegen Rußland in Deutschland bestehen. Das kommt vom Jahre 1848 her, die damalige Revolution sah in dem hochseligen Kaiser Nikolaus das drohende Schreckgespenst der Reaktion, oder vielmehr das feste Bollwerk gegen den Sturmlauf der damaligen Bewegung, und seit jener Zeit ist es denn gewissermaßen eine liberale Modesache geworden, kopfschüttelndes Mißtrauen gegen Rußland zu zeigen; jeder liberale Theoretiker muß ja in dem absolut regierten russischen Staat alles schwarz sehen, während in dem konstitutionellen England ihm alles rosig erscheint, so bedenklich bröckelnd dort auch manche Zustände sein mögen.«

»Ja, ja,« sagte der Kaiser, »das muß es sein. Wie schwer ist es doch,« fügte er mit traurigem Kopfschütteln hinzu, »zu regieren; es ist so eine alte Redensart, wir, die Fürsten, kennten die Wahrheit nicht, und wie klar, wie schmerzvoll klar sehen wir doch, während all diese Leute, die so streng über uns richten, selbst das Feld ihres engen und beschränkten Horizonts immer noch durch eine gefärbte Parteibrille überblicken.

Doch nun«, sagte der Kaiser aufstehend, »lassen Sie uns hinausgehen, es ist die Stunde,« fügte er, auf seine Uhr blickend, hinzu, »zu welcher diese guten Leute von Bjäla ein Fest in ihrer Art vorbereitet haben zur Feier des glücklichen Balkanüberganges. Sie haben mich dazu eingeladen, und es wäre unrecht, nicht an ihrer Freude teilzunehmen.«

Er verließ mit der ganzen Suite das Zelt. Vor demselben stand bereits eine Deputation der Einwohner von Bjäla, geführt von den Geistlichen und dem Lehrer des Dorfes, um den Kaiser auf den Tanzplatz zu geleiten. Derselbe war auf einem in der Nähe des Hauptquartiers befindlichen weiten, freien Platz hergerichtet; rund umher stand die Bevölkerung, mit den russischen Truppen der umliegenden Abteilungen vermischt; in weitem Kreise schlossen die Tänzerinnen den freien Platz ein, sie trugen ihre Festgewänder, mit Gold und Seide gestickt, ihre Zöpfe waren mit bunten Bändern und Streifen von Silberstoff durchflochten, alle hielten sich bei den Händen und bildeten einen weiten Reigen, der den ganzen Platz umgab. Vor den Tänzerinnen im Innern des Kreises standen einzelne Violinspieler, ebenfalls in festlichen Gewändern, welche von Zeit zu Zeit wie zur Vorbereitung einige Takte einer einfachen Melodie hören ließen, welche die jungen Mädchen wie mit einem elektrischen Schlage zu berühren und in zitternde Bewegung zu versetzen schien.

In der Mitte des großen Platzes war auf einer viereckigen Estrade von zusammengefügten Brettern ein Lehnstuhl aufgestellt, welcher mit einem langen Teppich überdeckt war. Diese eigentümliche Vorrichtung machte einen fast komischen Eindruck, und man hätte glauben können, daß sie für einen Kapellmeister oder Ballettdirigenten bestimmt sei.

Brausender Jubelruf stieg zum Himmel auf, als der Kaiser mit seinem Gefolge am Rande des Festplatzes erschien. Die Geistlichen und der Lehrer schritten vor ihm her, überall dafür sorgend, daß das Volk den Weg frei ließ und nicht in seinem Wunsche, den Kaiser zu sehen, zu nahe herandrängte.

Der Kaiser blieb am Rande des Tanzplatzes stehen, warf einen freundlichen Blick auf diesen so dicht mit fröhlichen Menschen bedeckten Platz, auf welchem nichts an die Schrecken des Krieges erinnerte; dann wendete er sich lächelnd zu den nächststehenden Herren seines Gefolges und sagte, auf den sonderbaren Sitz in der Mitte des Platzes deutend:

»Ich verstehe, das ist für mich – nicht wahr, das ist mein Platz?« fragte er die beiden Geistlichen, und als diese ehrerbietig sich verneigend bestätigten, sagte der Kaiser; indem er sich ganz vergnügt die Hände rieb, zu dem neben ihm stehenden Kriegsminister Miljutin: »Sie sehen, daß ich mich zu orientieren weiß, und daß ich vielleicht auch beim Generalstabe zu brauchen wäre.«

Dann schritt er ganz allein über den weiten Platz hin, stieg auf die Estrade und setzte sich nicht ohne einige Schwierigkeit in den mit dem Teppich umhüllten Stuhl. Unbeschreiblicher Jubel begrüßte den Kaiser, als er auf dem Sessel Platz genommen und, mit der Hand winkend, ringsum dem Volk für seinen freudigen Empfang dankte. Sogleich begannen die Violinspieler ihre weiche und klagende, aber in scharfem Rhythmus taktierte Musik, indem sie zugleich im Innern des Kreises um den Stuhl des Kaisers herumschritten und dem Reigen der Tänzerinnen, der sich sogleich in Bewegung setzte, folgten.

Der nationale Festtanz der jungen Mädchen bestand in einer Reihe anmutig verschlungener Figuren, welche die Tänzerinnen in dem unaufhörlich sich weiter fortbewegenden Kreise bildeten, bald sich zu kleinen Ronden zusammenschließend, bald in einer großen Chaine durcheinandergleitend. Das alles wurde mit einer so großen Sicherheit und Gewandtheit ausgeführt, daß der Tanz der Dorfmädchen von Bjäla auf der größten Bühne als Ballett hätte seinen Platz behaupten können. Endlich lösten sich die Figuren wieder in eine einfache Kreislinie auf, welche sich nach dem Takte der Musik um den Kaiser bewegte. Die jüngsten und schönsten der Tänzerinnen, ohne Zweifel vorher dazu ausgesucht und bestimmt, traten aus dem Kreise und führten, während die übrigen sich fortwährend in gleichmäßig langsamem Tempo weiter im Kreise bewegten, einzelne pantomimische Touren vor dem Stuhle des Kaisers aus, welche symbolisch die dem Befreier dargebrachte Huldigung des Volkes ausdrücken sollten. Die jungen Mädchen näherten sich mit zierlich schwebenden Schritten dem Kaiser, zogen sich dann wieder zurück, beugten die Knie und schwebten endlich wieder mit ausgestreckten Armen heran. Sie warfen dann die Blumensträuße, welche sie an ihrer Brust trugen, zu den Füßen des Kaisers nieder, und eine nach der andern trat, immer im Takte der Musik sich bewegend, ganz nahe heran, um, die Knie auf den Rand der Estrade gebeugt, die Hände des Kaisers zu küssen. Der Kaiser war gerührt und erfreut, er reichte jedem der jungen Mädchen ein Goldstück aus seiner Tasche und winkte, als sein Vorrat zu Ende war, den Flügeladjutanten vom Dienst heran, um keine der Tänzerinnen, welche ihm in so anmutiger Weise den Dank des bulgarischen Volkes für seine Befreiung darbrachten, unbeschenkt zu entlassen.

Während noch die allgemeine Freude über des Kaisers leutselige Herzlichkeit sich in neuem Jubel Luft machte und die beschenkten Tänzerinnen voll Entzücken ihre große Schlußtour um den Stuhl des Kaisers ausführten, machte sich eine neue Bewegung nach der Seite des Dorfes hin unter der Menge bemerkbar, und man hörte von fernher Hurrarufe, welche nicht mit den Vorgängen auf dem Tanzplatz in Zusammenhang zu stehen schienen. Der Kaiser blickte verwundert nach der Richtung, von welcher her jene neue Bewegung kam; aber schon teilte sich die Menge an der Stelle, wo das kaiserliche Gefolge stand, und am Rande des Tanzplatzes erschienen mehrere Reiter, gefolgt von einer Kosakenbedeckung. Die Reiter sprangen von den Pferden, und allen übrigen voraus eilte ein schlanker, junger Mann, die weiße Mütze auf dem Kopf, das Georgskreuz im Knopfloch des Interimsrockes, über den Platz hin, während der Reigen anhielt und alle neugierig sich so nahe als möglich um den von den Tänzerinnen eingefaßten Platz zusammendrängten.

»Nikolai,« rief der Kaiser, »es ist Nikolai!« und er streckte mit freundlicher Herzlichkeit dem jungen Offizier beide Hände entgegen.

Es war in der Tat der Großfürst Nikolai Nikolajewitsch, der Sohn des Höchstkommandierenden. Der junge Prinz, von edlen und regelmäßigen, noch fast kindlichen Zügen, die in diesem Augenblick von Glück und Stolz strahlten, küßte die Hand des Kaisers, trat dann zurück und sagte, sich dienstlich militärisch aufrichtend:

»Ich komme, Eurer Majestät im Auftrage meines Vaters drei türkische Fahnen zu überbringen, welche bei den Kämpfen am Balkan erobert wurden. Eure Majestät wissen, daß der General Gurko durch seinen kühnen Zug die Türken auf dem Schipkapaß im Rücken faßte; nach kurzem, aber hartem Kampfe haben sie sich ergeben müssen, und jene drei Fahnen sind unsere Siegesbeute. Mein Vater war mit mir zufrieden, darum hat er mir erlaubt, diese Fahnen hierher zu geleiten; Eurer Majestät zu Füßen legen soll sie der Leutnant Viktor Sacharjewitsch Rossianow von den Moskauer Kürassieren, welcher sich bei dem Übergange über den Balkan ganz besonders durch die Führung der Avantgarde ausgezeichnet hat und in dem Gefecht verwundet wurde.«

Er winkte. Aus der Reihe seines Gefolges trat der Leutnant Rossianow hervor; unter seiner Mütze sah man einen Verband, welcher die Stirn und das eine Auge verdeckte; drei Kosaken trugen hinter ihm die türkischen Fahnen mit dem Halbmond und dem Stern. Der Leutnant Rossianow nahm eine der Fahnen nach der andern und legte sie vor dem Stuhle des Kaisers nieder, wobei er mit bewegter Stimme sprach:

»So möge der Halbmond überall zu Boden sinken vor Eurer Majestät und dem Kreuz, das siegreich über Ihrem erhabenen Haupte schwebt.«

Das ganze Gefolge des Kaisers war herangekommen und hatte sich um seinen Stuhl gruppiert. Der Kaiser war tief bewegt.

»Nikolai Nikolajewitsch,« sagte er zu dem Großfürsten, »du hast dir bei dem Übergange über die Donau das Georgskreuz verdient, ich verleihe dir daher jetzt das Georgsportepee am goldenen Ehrensäbel. Und dir, Viktor Sacharjewitsch«, fuhr er zu dem jungen Offizier gewendet fort, »sei das Georgskreuz eine freudige und aufmunternde Erinnerung an diesen Tag, du hast es verdient, sonst würde dich mein Bruder nicht mit diesen Fahnen zu mir geschickt haben.«

Er winkte, und einer der Adjutanten eilte davon, um die verliehenen Ehrenzeichen sogleich aus dem kaiserlichen Zelt herbeizuholen.

Der Kaiser umarmte den Großfürsten und reichte dem Leutnant Rossianow die Hand, der, unzusammenhängende Worte des Dankes stammelnd, seine Lippen auf die kaiserliche Rechte drückte.

»Meine Sendung ist noch nicht zu Ende«, sagte der Großfürst. Auf seinen Wink öffneten sich die Reihen der Kosaken seiner Eskorte, und hervor traten die jungen Bulgaren von Muschina, welche im Kampfe mit den Türken bis auf zwölf zusammengeschmolzen waren, an ihrer Spitze Pawjel Fjodorew und Stjepanida. Alle waren in reiche bulgarische Nationalkostüme gekleidet und blickten ehrfurchtsvoll und stolz zugleich zum Kaiser auf. Es war ein eigentümlicher Anblick, alle diese markigen, heldenkräftigen und dabei doch schlanken und anmutigen Gestalten, welche, von den Kosaken umgeben, zur Seite des jugendlichen Großfürsten standen; hoch über alle ragte Pawjel Fjodorew hervor, und an seiner Seite, ihre Hand in die seine gelegt, stand Stjepanida, den Kopf leicht gesenkt, scheu errötend, als sie alle Blicke auf sich ruhen fühlte, und doch wieder wie von stolzer Freude erhoben und getragen, daß sie hier an der Seite des von allen geehrten und bewunderten Geliebten vor dem großen Zaren stand, der im Geiste aller Bulgaren von Jugend auf in dem wunderbaren Nimbus eines märchenhaften Halbgottes lebte.

»Ein Mädchen?« fragte der Kaiser ganz erstaunt, während mit ihm die Blicke aller übrigen sich fragend und bewundernd auf Stjepanida richteten.

»Ja,« sagte der Großfürst, »dieses Mädchen hat tapfer ihren Platz behauptet inmitten der braven Bulgaren hier, welche in die Berge geflohen waren, um sich dem türkischen Dienst zu entziehen, und sich hoch verdient gemacht haben bei dem Übergang des Generals Gurko über den Seitenpaß des Balkans. Mein Vater hat befohlen, sie Eurer Majestät vorzustellen – sie wollen in die bulgarische Legion aufgenommen werden, und besonders hier ihren Führer, Pawjel Fjodorew, soll ich der Gnade Eurer Majestät empfehlen.«

Der Kaiser blickte wohlwollend auf die Bulgaren.

»Ich bin glücklich,« sagte er, »für die Befreiung eines Landes kämpfen zu können, dessen Kinder so würdig sind der Opfer, die das heilige Rußland für sie bringt.«

Der Adjutant war mit dem goldenen Ehrensäbel und einer großen Ledertasche, welche Dekorationen enthielt, herbeigekommen. Der Kaiser gab seinem Neffen und dem Leutnant Rossianow die beiden so hoch angesehenen und von jedem russischen Soldaten so heiß ersehnten Auszeichnungen; dann winkte er Stjepanida heran und sagte:

»Ein so tapferes und mutiges Mädchen wie du, mein Kind, verdient eine Belohnung; hier, nimm dieses Ehrenzeichen der Tapferkeit und hefte es an die Brust deines Landsmannes Pawjel Fjodorew, des Führers dieser Braven, von denen ich gewiß bin, daß sie sich in künftigen Kämpfen neue Verdienste um ihr Vaterland erwerben werden.«

Er zog ein Kreuz des Wladimirordens aus der Tasche hervor und reichte es Stjepanida, welche, erglühend und erbleichend, zitternd vor innerer Bewegung, zu Pawjel hineilte und das kostbare Ehrenzeichen aus der Hand des Kaisers an seiner Brust befestigte. Sie sah nur ihn in diesem Augenblick, den Geliebten, dem sie gefolgt war auf schwerem, finsterem und gefahrvollem Wege, an dessen Hand sie jetzt hinaufgestiegen war auf die blendenden Höhen nie geahnter Ehre, und auch Pawjel vergaß alles um sich her, es schien ihm, daß in dieser Stunde voll überwältigenden Glücks der Himmel sich öffne und die Schutzheiligen seines Landes sich zu ihm herabbeugten, aus goldenem Füllhorn alles auf ihn herabschüttend, was irdische Wünsche ersehnen und himmlische Gnade gewähren kann. Er breitete die Arme aus, Stjepanida sank an seine Brust, und in schweigender Glückseligkeit hielten sie sich umfangen, während ringsumher die Jubelrufe des versammelten Volkes in immer neuer Begeisterung erschallten.

»So steht es?« sagte der Kaiser lächelnd; »freilich, die Liebe durfte nicht fehlen in diesem wunderbaren Stück Romantik, das sich da vor mir erschlossen hat; das ist«, fügte er, mit sympathischer Bewunderung auf das schöne Paar blickend, zum Grafen Adlerberg gewendet hinzu, »wie in der Romanze vom jungen Dunois:

›Amour á la plus belle,
Honneur au plus vaillant!‹

Wenn man das Kostüm ändern würde, könnte man sich kein schöneres Bild des tapferen Dunois und der schönen Marie denken.«

Pawjel und Stjepanida erwachten aus dem ersten Rausch des Entzückens; hoch errötend trat sie zurück, Pawjel eilte zum Kaiser hin, und vor ihm auf die Knie sinkend, küßte er mit stummem Dankesblick, unfähig zu sprechen, die Hand des Monarchen.

»Nun,« sagte der Kaiser, »da ihr euch liebt und der Himmel euch so wunderbar beschützt und bis zu mir geführt hat, so soll die Sorge für eure Zukunft mein sein, und in meiner Gegenwart soll euch vor dem Altar der Kirche hier der priesterliche Segen vereinen.«

Mit strahlender Miene wendete sich Pawjel bittenden und fragenden Blicks zu Stjepanida; sie aber schlug furchtlos die Augen auf, trat dicht vor den Kaiser hin und sagte mit fester, ruhiger Stimme:

»Nicht so, erhabener, großmächtiger Zar, noch darf ich so große Gnade nicht annehmen und der Sehnsucht meines Herzens nicht folgen; ich muß meinen Vater finden, der in meinem Dorf zurückgeblieben ist, als ich entfloh.«

»Er hat sie den Türken verkaufen wollen,« rief Pawjel heftig, »er hat jedes Recht an sein Kind vor Gott verloren.«

»Nicht vor meinem Gewissen,« erwiderte Stjepanida, »und niemals würde ich ruhig sein, wenn der Fluch des Vaters meinem Leben folgte, immer würde ich fürchten müssen, daß dieser Fluch auch ihm, den ich liebe, Verderben brächte. Laß mich warten, erhabener, großmächtiger Zar, bis ich meinen Vater gefunden – vielleicht ist er in dem Dorfe meiner Heimat, und wäre er geflohen, so wird er wiederkommen in sein Haus, wenn Ruhe und Frieden zurückkehren, und wenn du dann, erhabener Zar, mit deinem mächtigen Wort zu meinen Gunsten sprechen willst, so werde ich dir danken bis zum Ende meines Lebens. Ich bin den blutigen Weg des Krieges gegangen, auf den ein Weib nicht gehört, jetzt laß mich hier bleiben und meinen Beruf erfüllen in der Pflege der Verwundeten; Pawjel, das weiß ich, wird nicht zurückbleiben, solange der Kampf noch geführt wird um die Freiheit des Vaterlandes und des Glaubens. Laß uns beide jetzt unsere Pflicht tun, ich weiß, Gott wird meinen Pawjel beschützen, und wenn dann der Friede gekommen ist, wird unser Glück erblühen unter dem Segen, den der Gehorsam gegen das Gebot des Himmels bringt.«

Pawjel neigte schweigend den Kopf; so schmerzlich ihn Stjepanidas Worte berührten, so fand er doch keinen Widerspruch gegen dieselben.

Die Augen des Kaisers wurden feucht.

»Und da hört man,« sagte er in französischer Sprache zum Grafen Adlerberg, »daß dieses Volk entartet sei, daß es nicht wert sei der Opfer, die wir für seine Befreiung bringen; wo findet man in unserer sogenannten Zivilisation so reinen, edlen und frommen Sinn, wie in diesen einfachen Herzen!

Es sei, wie du es gewünscht, mein Kind,« sagte er dann wieder in russischer Sprache zu Stjepanida, »du sollst deinen Platz in dem Lazarett hier einnehmen, und Pawjel Fjodorew soll mit seinen tapferen Freunden Gelegenheit finden, neuen Ruhm im heiligen Kampfe zu erwerben; aber nimm mein kaiserliches Wort, ich werde dich nicht vergessen, und wenn Gott uns zum Sieg und zum Frieden führt, so soll dein Glück meine Sorge sein.«

Er befahl dem Generaladjutanten Rylejew, Stjepanida zu den Krankenpflegerinnen des Lazaretts zu führen und den Damen zu sagen, daß das junge Mädchen unter seinem besonderen Schutz stehe und seine Pflegebefohlene sei. Zugleich befahl er dem General, die jungen Männer in die bulgarische Legion einreihen und Pawjel zum Offizier in derselben ernennen zu lassen.

Während sich Pawjel und Stjepanida, unbekümmert um die Anwesenheit des Kaisers, mit wundersam aus Schmerz und Glück gemischten Gefühlen umarmten, um voneinander Abschied zu nehmen, begann der Leutnant Rossianow, welcher neben dem Großfürsten stand, zu schwanken, er drückte die Hand an seinen Kopf und stieß einen leisen Schmerzensruf aus. Der Großfürst fing den Sinkenden in seinen Armen auf, mehrere Generale eilten heran, der Kaiser selbst stand auf und fragte besorgt und teilnehmend, was dem jungen Mann widerfahren sei. Man nahm dem Leutnant die Mütze ab, der Verband um seinen Kopf zeigte sich mit Blut getränkt.

»Mein Kopf – mein Kopf!« stöhnte er leise; dann brach er ohnmächtig in den Armen des Großfürsten zusammen, der ihn sanft auf den Boden niederließ.

»Die Wunde hat sich wieder geöffnet,« sagte der Prinz Wittgenstein, den Verband lösend, »es ist ein schwerer Hieb über den Kopf, das geronnene Blut mag eine Entzündung hervorgerufen haben, die das Gehirn affiziert hat.«

»Schnell ins Lazarett«, befahl der Kaiser; »man soll ihn auf das sorgfältigste pflegen. Begleite ihn,« sagte er zu Stjepanida, »und man soll alles aufbieten, um ihn zu retten.«

Rasch war eine Tragbahre hergerichtet, Stjepanida umarmte Pawjel, noch einmal flüsterte sie ihm ein inniges, vertrauensvolles Abschiedswort zu und schritt dann, von dem General Rylejew geleitet, dem Dorfe zu.

»Ich will hinausreiten«, sagte der Kaiser, »und den Truppen in der Nähe die eroberten Fahnen zeigen lassen; der General Tolstoi soll dieselben nach Petersburg bringen«, fuhr er, zu dem General gewendet, fort. Dieser dankte dem Kaiser für den ehrenvollen Auftrag, sagte aber dann mit finsterer Miene:

»Ich wollte, daß ich zugleich die Nachricht dorthin bringen könnte, Plewna wäre unser.«

»Plewna,« rief der Großfürst Nikolai, »was kümmert uns Plewna, das wir im Vorbeigehen nehmen können, der Weg nach Konstantinopel steht uns offen, wir haben sichere Nachricht, daß Adrianopel keinen Widerstand leisten kann. Es sollen, so berichteten Kundschafter, bereits zwei Paschas unterwegs sein, um die Friedensbedingungen zu erfahren; die Nachricht von dem Übergange über den Balkan hat in Konstantinopel wie ein Blitz getroffen.«

»Es wäre nicht unmöglich,« sagte Graf Adlerberg freudig bewegt, »die Türken sind fatalistisch in hohem Grade, und ein panischer Schrecken ist bei ihnen wirksamer als irgendwo sonst; auch die Deutschen sind im französischen Kriege rücksichtslos in das Herz des Feindes vorgedrungen, ohne sich um seitwärts gelegene Positionen zu kümmern.«

Graf Tolstoi blickte düster zur Erde und murmelte leise, unverständliche Worte vor sich hin.

Die Reitknechte hatten die Pferde vorgeführt, und der Kaiser trat zu seinem schwarzen Leibpferde, um den Fuß in den Bügel zu setzen, da kam in hastiger Eile, mit bleichem, unruhig bewegtem Gesicht der General Schtscholkow heran und reichte dem Kaiser einen großen beschriebenen Bogen.

»Ein Telegramm vom Baron Krüdener, Majestät,« sagte er mit zitternder Stimme, »das soeben dechiffriert worden ist.«

Der Kaiser warf, neben seinem Pferde stehend, einen Blick auf das Papier; er hatte so viel freudige Nachrichten erhalten, daß er glauben und hoffen mochte, auch diese Mitteilung müsse ihm die Kunde von einem Erfolge der russischen Waffen bringen – aber kaum hatte er einige Zeilen gelesen, als er bleich wurde und das Papier in seinen Händen zu zittern begann; bestürzt blickten die Herren des Gefolges auf den Kaiser, dessen Züge sich, während er weiterlas, immer mehr verfinsterten. Endlich faltete er das Blatt zusammen und stand einige Augenblicke in finsterem Sinnen, die Blicke zu Boden gerichtet, da, während der General Schtscholkow die leise an ihn gerichteten Fragen nur mit stummem Achselzucken beantwortete. Endlich rief der Kaiser den Kriegsminister Miljutin, den Grafen Adlerberg, den Prinzen von Wittgenstein und den preußischen General von Werder heran; die übrigen Herren traten sogleich weiter zurück, vermochten aber die bange Unruhe nicht zu verbergen, mit welcher sie forschend auf den Kaiser und die ihn umgebende Gruppe blickten.

»Eine böse Nachricht,« sagte der Kaiser zu den um ihn stehenden Generalen, »Plewna ist von den Türken in unerwarteter Stärke besetzt und in weitem Umkreise verschanzt. General Krüdener hatte drei Regimenter von der fünften Division unter dem Generalleutnant Schildner-Schuldner vorgeschickt, um die Positionen zu nehmen; derselbe ist auch bis in die Straßen der Stadt vorgedrungen, dann aber ist, wie aus der Erde emporgestiegen, eine ganze türkische Armee, welche man auf mindestens fünfzigtausend Mann schätzt, zum Vorschein gekommen, ein Hagel von Kartätschen hat unsere Truppen dezimiert, und mit ungeheurem Verlust ist der General zurückgeworfen. Die Türken stehen in ihren Verschanzungen und beantworten jede Annäherung mit furchtbarem Feuer.«

»Plewna,« rief der General Tolstoi, »Plewna, ich wußte es wohl, dort lauert unser böser Dämon.«

»Man wird einiger Tage bedürfen,« rief der Großfürst Nikolai Nikolajewitsch, »um den Ort zu säubern; ich weiß, daß mein Vater dazu Befehle gegeben; man hat eine zu kleine Macht vorgeschickt, so bald wir genügende Kräfte entwickeln, werden die versprengten türkischen Haufen weggefegt werden.«

»Jedenfalls ist die Sache ernst«, sagte der Kaiser. »Plewna bedroht uns am rechten Flügel und ist mitten in unsere Stellung hineingeschoben, es muß sofort etwas Ernstes und Nachdrückliches geschehen. – Graf Wladimir Ossipowitsch!« rief er mit lauter Stimme.

Der Graf Swiatowsky trat heran.

»Reiten Sie sogleich, so schnell Ihr Pferd Sie trägt, in das Hauptquartier meines Bruders und bitten Sie ihn, zu mir zu Tisch zu kommen; er soll Nepokoitschinsky mitbringen. Auf dem Rückwege bringen Sie auch dem Cäsarewitsch meine Einladung.«

Wladimir grüßte militärisch, sprang in den Sattel und jagte wie der Sturmwind davon.

Der Kaiser hatte sich gefaßt, ruhiger Ernst lag auf seinen Zügen; er stieg zu Pferde, grüßte noch einmal die herandrängende Volksmenge, und ritt dann, von seinem sehr verstärkten Gefolge begleitet, zu dem nächsten Truppenkantonnement hinaus. Hinter ihm trugen die Kosaken die eroberten türkischen Fahnen, und überall wurden diese Siegeszeichen mit brausendem Hurraruf begrüßt, helle Siegesfreude erfüllte das ganze Lager, während das Unheil wie eine zusammengeringelte Schlange in den Erdhöhlen von Plewna lauerte.

19. Kapitel

Pawjel und die von seiner kleinen Schar übriggebliebenen Bulgaren wurden von den russischen Offizieren und den Einwohnern von Bjäla umringt, man räumte ihnen den Ehrenplatz neben den Geistlichen, dem Lehrer und den Ältesten der Gemeinde ein, viele der Bewohner von Bjäla kannten Pawjels Namen, seinen Reichtum, seinen Einfluß in Muschina und die Geschichte seiner kühnen Flucht in die Berge, um sich vor der türkischen Gewalttat zu retten; er war der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit und Bewunderung, und ausführlich mußte er die Geschichte seines Flüchtlingslebens, Stjepanidas Raub und Befreiung, und dann den Zug über den Balkan, den er in der vordersten Reihe des Gurkoschen Korps mitgemacht und der allen fast wie eine Legende aus alter Heldenzeit erschien, erzählen. Die Bulgaren waren stolz auf diesen Mann aus ihrem Volk, und die russischen Offiziere behandelten ihn mit hoher Achtung und Auszeichnung; er schilderte alles, was er erlebt, einfach, wahr und bescheiden, doch klang aus seinen Worten jener feurig poetische Schwung hervor, der den Slawen eigentümlich ist, und in dem berauschenden Gefühl all der hohen Ehre und Anerkennung, welche ihm zuteil wurde, vergaß er den Schmerz über die Trennung von Stjepanida, stolz und mutig schlug sein Herz den Kämpfen der Zukunft entgegen, welche ihm von leuchtendem Siegeskranz vergoldet erschien.

Ernster, voll Wehmut und Bangigkeit, aber doch freudig ergeben in die Notwendigkeit, welche sie als heilige Pflicht erkannte, trat Stjepanida dem von ihr gewählten schönen und schweren Beruf entgegen. Sie schritt, von dem General Rylejew geführt, an der Seite der Tragbahre hin, auf welcher der Leutnant Rossianow schwer atmend und zuweilen leise wimmernd lag; schon auf dem Wege begann sie ihr Amt, indem sie die hochangeschwollene und mit geronnenem Blut bedeckte Stirn des Verwundeten mit frischen Wasserumschlägen, die sie in den Häusern des Dorfes benetzen ließ, kühlte.

Das Lazarett war ein großes, von Holz aufgeschlagenes und mit Zeltwänden verhängtes Gebäude; die nächsten Häuser um dasselbe dienten zur Wohnung der Diakonissen und der Ärzte, in der Nähe befand sich die Proviantstation für das kaiserliche Hauptquartier, der ganze Raum war von Wachen umstellt, um soviel als möglich Stille und Ruhe aufrechtzuerhalten. In dem Vorraum des langgestreckten Lazarettgebäudes befanden sich einige Militärärzte und eine Krankenpflegerin in dem grauen Gewände, die weiße Binde mit dem roten Kreuz um den Arm, welche gerade im Begriff stand, sich von einem der Ärzte ihre Informationen geben zu lassen.

»Ah, Fräulein von Dobbrodorow,« sagte der General, als er in den von den Zeltvorhängen verdunkelten Raum trat, »es freut mich, daß ich Sie gerade finde. Hier ist ein bulgarisches Mädchen, das sich der Pflege der Verwundeten widmen will. Der Kaiser hat sie unter seinen besonderen Schutz gestellt und befohlen, daß sie mit höchster Auszeichnung behandelt und für alle ihre Bedürfnisse gesorgt werden soll. Ich kann sie keiner besseren Führerin anvertrauen als Ihnen.«

Die junge Krankenpflegerin trat zu Stjepanida und reichte ihr mit herzlichen Begrüßungsworten die Hand, sie schien sympathisch berührt durch die Erscheinung des schönen Mädchens, die in ihrem farbenreichen, goldgestickten Kostüm eigentümlich von der ernsten, einfachen Umgebung abstach. Stjepanida fühlte dies, und ihre erste Bitte war, ihr eine ihrer Beschäftigung angemessene Kleidung zu geben; auch sie schien wohltätig berührt durch die Erscheinung der Führerin, welcher sie der General in ihrem neuen Beruf zugewiesen hatte; ehrfurchtsvoll, mit kindlichem Vertrauen beugte sie sich auf deren Hand herab, aber Jewa Alexiewna schloß sie in ihre Arme und sagte mit innigem Ton:

»Unser Beruf macht uns zu Schwestern, und schwesterliche Liebe soll uns verbinden.«

Eine wunderbare Veränderung war mit dem jungen Mädchen vorgegangen, welche früher in dem Hause ihres Vaters in Moskau die emanzipierten Manieren der Studentinnen angenommen hatte. Die große blaue Brille, welche dort ihre Augen verdeckte, war verschwunden, und wer sie früher zu sehen gewohnt gewesen, würde jetzt erstaunt sein über die wunderbare Schönheit dieser großen Augen, welche von klarem, geistigem Licht erhellt waren, und aus denen doch wie aus unergründlichen Tiefen hervor so viel warmes Gefühl aufleuchtete. Sie war bleicher geworden, der kecke, übermütige Ausdruck war von ihrem Gesicht verschwunden, und der stille, sinnende Ernst ließ sie um so viel schöner erscheinen; auch ihre früher kurz gelockten, wirr um den Kopf herabhängenden Haare waren länger gewachsen, glatt gescheitelt und von einem schwarzen Kopftuch bedeckt; sie schien kaum dasselbe Wesen wie früher zu sein, und es war natürlich, daß Stjepanida zu dieser edlen, ernsten Erscheinung, welche der Reiz des schönsten weiblichen Berufes wie mit lichter Verklärung übergoß, mit fast andächtiger Verehrung aufblickte.

Die Ärzte hatten inzwischen den auf seiner Tragbahre am Eingange niedergesetzten Leutnant Rossianow untersucht, seine Wunde zwar nicht lebensgefährlich gefunden, aber erklärt, daß die übermäßige Anstrengung und der Druck des geronnenen Blutes eine Gehirnerschütterung veranlaßt hätten, welche die sorgfältigste Pflege erfordere. Als der Verwundete in das Innere des Lazaretts getragen werden sollte, führte Jewa ihre neue Gehilfin hinaus, um ihr in ihrer Wohnung ein Unterkommen zu schaffen und für ihre Einkleidung zu sorgen; sie schritt an der Bahre vorbei und warf einen flüchtigen, mitleidigen Blick auf den Verwundeten – aber von jähem Schreck erfaßt, blieb sie stehen, dunkle Glut färbte ihr Gesicht, dann erbleichte sie, drückte einen Augenblick beide Hände auf ihr Herz, beugte sich vor und sah prüfend in das entstellte Gesicht des Verwundeten, als ob sie sich überzeugen wolle, daß sie sich nicht täusche.

»Viktor Sacharjewitsch,« rief sie, »er ist es – der Arme, so muß ich ihn wiederfinden! Und doch, welch ein Glück, daß er da ist, hier wenigstens bin ich gewiß, daß alles geschehen wird, um ihn dem Tode zu entreißen. Dieser Offizier gehört meiner Pflege, er muß zu meiner Abteilung kommen!« rief sie dem Arzt zu, und ohne eine Antwort abzuwarten, ohne sich von dem General zu verabschieden, befahl sie sogleich den Trägern, ihr mit der Bahre zu folgen.

»Komm, meine Schwester,« sagte sie, Stjepanidas Hand ergreifend, »ich werde später für dich sorgen, jetzt mußt du mir beistehen, diesen da zu retten, er ist mein Freund, ein Freund meines Hauses, er darf nicht sterben.«

Das Innere des großen Lazaretts war in einzelne Verschläge abgeteilt, jeder Abteilung stand eine Krankenpflegerin vor. Der Raum war sauber gehalten, gut gelüftet und für die heiße Jahreszeit so frisch und kühl als möglich. Hastig schritt Jewa den Trägern voran; bald war der Verwundete entkleidet und auf eins der Betten in Jewas Abteilung niedergelegt. Der Arzt reinigte die Wunde und erklärte, daß nichts zu tun sei, als fortwährend frische Umschläge auf seinen Kopf zu legen.

Jewa sendete eine der dienenden Wärterinnen ab, um Stjepanida nach ihrer Wohnung zu führen und ihr die für den Dienst im Lazarett nötigen Kleidungsstücke zu verschaffen; sie selbst wich nicht von Rossianows Lager, immer wieder tauchte sie die Tücher, welche sich auf seiner fieberheißen Stirn schnell erhitzten, in das kühle Wasser, und wehmütige Freude verklärte ihre Blicke, wenn sie auf dem ernsten Gesicht des Kranken die Empfindung der wohltätigen Erfrischung erkannte.

Allmählich wurden seine Atemzüge ein wenig ruhiger, er öffnete einen Augenblick die Augen, sah sich verwundert um, und schien endlich, Jewa groß anschauend, in seinen Erinnerungen zu suchen.

»Darja,« flüsterte er dann leise – noch einmal wiederholte er kaum hörbar wie ein flüchtiger Hauch: »Darja«, – dann sanken seine Augenlider wieder herab, aber ein glückliches Lächeln blieb noch auf seinen Zügen haften.

Jewa zuckte zusammen, mit einem Ausdruck schmerzlicher Bitterkeit sah sie den wie leblos daliegenden und nur leise atmenden Kranken an.

»Ihr Bild hält seine Seele fest auch in der Betäubung des Fiebers,« sagte sie finster, »ihr Name schwebt auf seinen Lippen an den Grenzen des Todes – und sie?«

Ihre Worte erstarben, wie in sich selbst verloren schüttelte sie den Kopf, als ob sie einen schmerzlichen Gedanken zurückweisen wollte; dann nahm sie schweigend ihr Werk der Pflege des Verwundeten wieder auf.

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Der Kaiser hatte die nächsten Kantonnements beritten, überall ward er von den Truppen, welche den vollendeten Übergang über den Balkan erfahren hatten, mit hellen Freudenrufen begrüßt, und der Anblick der eroberten Fahnen hatte die Begeisterung auf das höchste gesteigert. Der Jubel der Soldaten, welche von allen Seiten herandrängten, bildete einen eigentümlichen Gegensatz mit dem bleichen Ernst, der auf des Kaisers Gesicht lag, denn auch das ganze Gefolge, welches schnell die verhängnisvolle Nachricht erfahren hatte, ritt finster und trübe hinter dem Kaiser her; die jubelnden Soldaten aber merkten nichts davon, sie träumten nur noch von dem schnellen Siegeszuge nach Konstantinopel, der ja nun, da die Wege über den Balkan offen standen, in schnellem, unaufhaltsamem Vordringen beginnen mußte.

Der Kaiser kürzte seinen Ritt so viel als möglich ab; er zog sich, nach dem Hauptquartier zurückgekehrt, sogleich in sein Zelt zurück, und erst als er hier in diesem kleinen Raum allein war, trat die quälende Sorge in deutlichen Zügen auf sein Gesicht, ein schwerer Seufzer entrang sich seiner Brust, er sank auf einen Feldstuhl nieder und stützte den Kopf in die Hände. Der riesige schwarze Molosserhund, welcher den Kaiser auf allen seinen Reisen begleitete, hatte sich bei dem Eintritt seines Herrn von dem Bärenfell erhoben, auf welchem er ausgestreckt lag, und schien die gewöhnliche Liebkosung zu erwarten; als er aber sah, daß sein Herr wie gebrochen zusammensank und schmerzlich stöhnend das Haupt beugte, da kam er langsam heran und leckte mit seiner breiten roten Zunge des Kaisers Hände; dann wendete er den gewaltigen Kopf nach dem Ausgange hin, und während seine Augen in grünem Glanze funkelten, ließ er ein leises, drohendes Knurren hören, als ob er diejenigen suchen wolle, welche die Ursache seines Herrn Sorge waren.

Der Kaiser richtete sich auf, seine Augen schimmerten feucht, und ein Tränentropfen fiel auf den zottigen Kopf des Hundes.

»Du richtest dich auf, Mylord, mein treues Tier,« sagte er, »um die Feinde zu fassen, die mich bedrohen – könntest du's, hätte ich unter den Menschen Freunde wie dich, so würde auch ich mir den Mut niemals beugen lassen. Aber auf wen kann ich mich verlassen – auf wen in dieser weiten Welt, die sich meinem Winke beugt und in der ich doch immer und immer wieder vergeblich nach Werkzeugen suche, die meinen Gedanken die Ausführung geben? Wie hat dies Unheil geschehen können, wie ist es möglich gewesen, daß trotz meines Befehls Plewna, dieses unglückselige Plewna, nicht rechtzeitig besetzt wurde? – Habe ich nicht vermessen das Schicksal herausgefordert, als ich diesen Kampf begann, ohne meiner Kraft zu seiner Durchführung gewiß zu sein? Und wenn diese Niederlage Folgen hat, wenn diese zerfallene und von ganz Europa verspottete Türkei dennoch vor dem Anprall der russischen Macht aufrecht stehen bliebe, was würde dann die Zukunft meines Reiches sein? – Mein Vater hat weichen müssen vor der Macht von halb Europa, und er hat den Schlag nicht überwunden, und wenn ich nun besiegt würde, oder wenn ich nur nicht zu siegen vermöchte, habe ich recht gehabt, auf die neidische Mißgunst Rücksicht zu nehmen, die doch im Herzen Österreichs lebt und auf die Entfaltung des großen Slawenbanners zu verzichten – wird es noch möglich sein, wieder zu gewinnen, was durch diese Zögerung verloren ging?«

Er sprang auf und ging, wie von innerer Angst getrieben, in dem kleinen Raum auf und nieder. Der Hund folgte langsam und würdevoll den Schritten seines Herrn. Der Kaiser verlor sich in leises Selbstgespräch, nur von Zeit zu Zeit einzelne Worte wie in plötzlich auftauchenden und sich durchkreuzenden Gedanken ausstoßend.

Eine Stunde nach der andern verging, in banger Erwartung standen die Gruppen des Gefolges auf dem großen Hofe des Hauptquartiers. Von dem Festplatz schallte immer lauter und fröhlicher der Jubel des Volkes und der Truppen herüber, aber noch immer verließ der Kaiser sein Zelt nicht, keiner der Generale wurde gerufen, und immer banger wurde die Spannung, welche auf dem Hauptquartier lastete.

Endlich drang der Schall von Pferdehufen und lauten Stimmen in das Zelt des Kaisers, knurrend hob der Hund den Kopf in die Höhe, lauschend beugte sich der Kaiser vor und erkannte die Stimme des Großfürsten-Thronfolgers. Schnell eilte er zu dem Ausgange, halb auf den Hof hinaustretend, sah er den Cäsarewitsch vom Pferde springen, und die Arme ausbreitend, rief er seinen Sohn zu sich heran. »Du weißt, was geschehen?« fragte er, nachdem er den Eingang zu dem Zelt sorgfältig wieder verschlossen hatte.

»Ich weiß es,« erwiderte der Cäsarewitsch finster – »es ist versäumt, was niemals hätte versäumt werden dürfen, wenn das Oberkommando seine Pflicht getan hätte.«

»Es war ein Unglück«, sagte der Kaiser zögernd.

»Nein,« rief der Thronfolger lebhaft, »es war eine Schuld, ein Verbrechen und«, fügte er finster hinzu, »eine Schwäche, die sich furchtbar rächt, eine Schwäche, daß wir beim Beginn eines Kampfes, bei dem es sich um Rußlands Zukunft und um Rußlands Ehre handelte, unsere Blicke nach den Fremden wendeten, welche doch immer nur unsere Feinde sind und welche immer nur Haß und Furcht für Rußland haben.«

»Sei nicht ungerecht, mein Sohn,« sagte der Kaiser, »dein Oheim –«

»Mein Oheim hat nicht das Recht, ein schlechter General zu sein,« rief der Thronfolger heftig, »weil er der Bruder des Kaisers ist, und ich wäre ungerecht gegen Rußland, das ja hoch über uns allen steht, wenn ich die Wahrheit verschweigen wollte, die Wahrheit, die allein retten kann.«

Abermals hörte man Pferdegetrappel und laute Stimmen draußen. Ehe der Kaiser die Tür öffnen konnte, erschien bereits der Flügeladjutant vom Dienst und meldete den Großfürsten Nikolaus, welcher unmittelbar darauf über die Schwelle trat. Der General Nepokoitschinsky folgte ihm. Der Großfürst, erhitzt vom scharfen Ritt, aber heiter und ruhig, eilte auf seinen kaiserlichen Bruder zu und umarmte denselben; aber als er sich dann zu seinem Neffen, dem Thronfolger, wendete, richtete sich dieser zu so strengem militärischen Gruß auf, daß sein Oheim die ausgestreckte Hand sinken ließ und, ebenfalls militärisch grüßend, nur mühsam seine Fassung behielt.

»Ich begreife, daß du in Sorge bist, Sascha«, sagte er zum Kaiser gewendet; »es ist ein peinlicher Vorfall, der dem General Schildner-Schuldner widerfahren ist. Krüdener hat unrecht gehabt, nicht mit sicherer Übermacht die bei Plewna zusammengetroffenen versprengten Truppen der Feinde anzugreifen; die Verluste sind zu beklagen, aber der Schaden wird bald wieder gutgemacht werden.«

»Das wird nicht möglich sein«, rief der Thronfolger laut, mit hartem, drohendem Ton; »um den Türken bei Plewna eine Übermacht gegenüberzustellen, reichen alle Kräfte nicht aus, über die wir hier verfügen können, und solange Osman Pascha dort steht, der beste General der Pforte, in seinen festen Positionen, so lange können wir keinen Schritt vorwärts tun, so lange können wir keine Nacht ruhig schlafen.«

»Ich kenne unsere Stellungen,« erwiderte der Großfürst Nikolaus mit hochmütiger Schärfe, »und vielleicht muß ich sie bester kennen, als irgend jemand, da der Kaiser das Oberkommando in meine Hand gelegt hat. Ich weiß, was uns vor Plewna bedroht und was wir tun müssen, um die Gefahr abzuwenden.«

»Es wird schwerer sein, sie abzuwenden, als es gewesen wäre, sie zu vermeiden«, erwiderte der Cäsarewitsch, den stolzen Ton seines Oheims überbietend.

Der Großfürst wollte noch heftiger antworten, der Kaiser aber, peinlich berührt durch diese Szene, legte die Hand auf seinen Arm und sagte:

»Wir haben keine Zeit zu verlieren, was geschehen soll, muß bald geschehen. Ich habe euch beide rufen lassen, um sogleich einen Kriegsrat zu halten. Der Kriegsminister soll kommen«, fuhr er zu dem General Nepokoitschinsky gewendet fort, der sogleich hinauseilte, um den Befohlenen zu rufen.

»Und Ignatiew?« fragte der Thronfolger.

»Er hat sich krank gemeldet«, erwiderte der Kaiser, »und liegt in heftigem Fieber; es würde vergeblich sein, ihn zu holen.«

»Du willst Kriegsrat halten,« sagte der Großfürst Nikolaus ein wenig verwundert und verstimmt – »es ist kaum nötig, ich habe schon den Befehl abgesendet, Plewna mit verstärkten Kräften anzugreifen.«

»Der uns nur eine neue Niederlage bringen wird«, fiel der Thronfolger ein.

»Die Lage ist ernst«, sagte der Kaiser; »eine unvorhergesehene Schwierigkeit zeigt sich in unserer Nähe, wir müssen die Lage genau prüfen; ich habe nicht das Recht, das Leben eines einzigen russischen Soldaten unnütz zu opfern.«

Unmutig blickte der Großfürst Nikolaus zur Erde.

Der General Nepokoitschinsky erschien wieder mit dem Kriegsminister Miljutin. Der Kaiser ließ sich neben seinem Schreibtisch nieder, auf welchem eine Karte des Kriegsterrains ausgebreitet war; die übrigen nahmen auf den umherstehenden Feldstühlen Platz.

»Ihr wißt alle, was geschehen«, sprach der Kaiser ernst; »was meinst du, Nikolai, daß zu tun sei?«

»Vor allen Dingen«, sagte der Großfürst lebhaft, »ist es nötig, den unglücklichen Zufall nicht zu ernst zu nehmen, es ist das ein Wechselfall, wie er im Kriege unvermeidlich vorkommt. Es ist ein Fehler begangen, ich räume es ein, daß man Plewna nicht schneller und stärker besetzt hat; das wird einige Opfer kosten, aber in dem Gange unseres Feldzuges nichts ändern. Wir werden Plewna nehmen, vielleicht ist das in diesem Augenblicke schon geschehen, und dann in schnellem Vormarsch nach Adrianopel dringen. Vielleicht, und ich glaube das fast als gewiß anzunehmen, werden wir dort bereits die Boten des Sultans mit der Bitte um Frieden finden; der Sultan selbst würde heute schon Frieden schließen, wenn aber der Einfluß der Engländer ihn dennoch zurückhält – nun, so liegt der Weg von Adrianopel nach Konstantinopel frei vor uns, wir werden dort kaum noch beachtenswerten Hindernissen begegnen, und der endliche Sieg wird entschieden und unser Vaterland gerächt sein.«

Der Kaiser hatte mehrmals leise den Kopf geschüttelt und mit einem Wink seiner Hand den Thronfolger zurückgehalten, welcher, heftig auffahrend, seinen Oheim unterbrechen wollte.

»Ist das auch deine Meinung, Arthur Abrahamowitsch?« fragte der Kaiser, zum General Nepokoitschinsky gewendet.

Dieser blickte auf den Großfürsten.

»Ich habe, wie es meine Pflicht ist,« sagte er dann zögernd, »die Lage, in die wir versetzt sind, genau geprüft – Seine Kaiserliche Hoheit kennt meine Meinung.«

»Der Generalstabschef«, sagte der Großfürst schnell, »muß vorsichtiger sein als der Feldherr, an ihm ist es, zu berechnen; meine Pflicht ist zu wagen, wo ich die Überzeugung von der Sicherheit des Erfolges in mir trage.«

»Ich will deine Meinung hören, Arthur Abrahamowitsch,« sagte der Kaiser, seine großen Augen mit strengem Blick auf den General richtend, »es handelt sich um Rußlands Ehre und Zukunft und das Leben von Tausenden meiner braven Soldaten. Sage, was du meinst, deutlich, und ausführlich, aber bedenke, daß du unter deiner persönlichen Verantwortung sprichst.« Das eherne, bleiche Gesicht des Generals nahm einen noch feierlicheren Ernst an; er stand auf, trat vor die auf dem Schreibtisch des Kaisers liegende Karte und sagte:

»Eure Majestät sollen ganz meine Meinung hören, und sollte sie mißfallen, so bitte ich, mir zu verzeihen, aber ich kann meine Überzeugung nicht ändern.«

»Die Wahrheit kann niemals mißfallen«, sagte der Kaiser, »und wäre sie noch so bitter. Sprich!«

»Eure Majestät werden sich erinnern,« sagte der General, »daß ich schon in Petersburg, als ich die Ehre hatte, meinen Plan des Feldzugs zu entwickeln, auf die Wichtigkeit der Position von Plewna aufmerksam gemacht habe; hätten wir diese Position vor den Feinden besetzt, und hätten wir, den Feldzug in drei Teile teilend, für dieses Jahr am Balkan angehalten, so wäre das Unglück, das wir jetzt überwinden müssen, nicht geschehen.«

»Und warum ist jener Plan nicht festgehalten worden?« fragte der Kaiser.

Abermals blickte der General zögernd auf den Großfürsten.

»Weil«, rief dieser, »der günstige Augenblick nicht wiederkommt, weil das Glück uns die Hand bot, und weil der Soldat dem Glück folgen muß.«

Der Thronfolger biß die Zähne zusammen und murmelte unverständliche Worte.

»Antworte mir, Arthur Abrahamowitsch«, sagte der Kaiser.

»Majestät,« erwiderte der General, »der begangene Fehler wird vielleicht die Verzeihung, um die ich Eure Majestät untertänigst bitte, finden, wenn ich seine Ursache erklären darf. Nachdem die Truppen bis zum Balkan vorgedrungen waren, konnte die einzige Gefahr, welche in den Positionen von Plewna lag, von der bei Widdin stehenden Armee Osman Paschas kommen; diese Armee aber mußte nach unserer Berechnung durch die rumänischen Truppen festgehalten und beschäftigt werden, und wenn wirklich Osman Pascha sich südwärts wenden sollte, so mußte man mit Gewißheit voraussetzen, daß die Rumänen ihm augenblicklich folgen, ihn gegen uns herandrängen und ihn verhindern würden, sich festzusetzen. Dies ist nicht geschehen, die rumänische Armee steht untätig an ihrer Grenze, und dadurch gewann Osman Pascha Zeit, sich in den Positionen von Plewna zu befestigen.«

»Man konnte kaum daran zweifeln,« rief der Thronfolger, »was gehen uns die Rumänen an; wo es sich um die Ehre Rußlands handelt, durften wir uns nur auf die eigene Kraft verlassen.«

»Außerdem«, fuhr General Nepokoitschinsky fort, »ist der Feldzugsplan verändert und beschleunigt durch den Balkanübergang des General Gurko, der einen glücklichen Zufall benutzte, um dieses kühne und glänzende Unternehmen auszuführen, was freilich unseren Linien eine langgestreckte und schwer zu haltende Ausdehnung verlieh. Unter diesen Umständen ist das plötzliche Erscheinen einer bedeutenden türkischen Macht in fester Position, so nahe dem Herzen unserer Stellung, eine ernste Gefahr.«

»Und was muß geschehen,« fragte der Kaiser, »um diese Gefahr zu überwinden?«

»Meine Meinung«, erwiderte der General, »wird vielleicht dennoch Eurer Majestät mißfallen, wie sie Seiner Kaiserlichen Hoheit mißfallen hat, aber ich kann sie nicht ändern. Als die deutsche Armee vor Paris stand,« fuhr er fort, »war die starke Armee des Marschall Bazaine in Metz in der Flanke der deutschen Aufstellung; die deutschen Truppen hätten nicht nach Paris vorgehen können, wenn sie nicht imstande gewesen wären, Metz vollständig einzuschließen und so den Marschall Bazaine unschädlich zu machen, bis er zur Kapitulation gezwungen wurde. Plewna, Majestät, ist unser Metz, Osman Pascha ist unser Bazaine, und er ist als Feldherr wohl ebenbürtig jenem tapferen Marschall, dem Frankreich mit so schwerem Undank gelohnt.«

»Nun denn,« sagte der Kaiser, »so meinen Sie also, daß auch wir Plewna einschließen und unschädlich machen müssen, bevor wir weiter vorrücken dürfen?«

Der Thronfolger nickte lebhaft zustimmend mit dem Kopfe, der Großfürst Nikolaus drehte unmutig seinen Schnurrbart.

»Das meine ich,« erwiderte Nepokoitschinsky, »aber –«

»Nun,« fragte der Kaiser, »noch ein Aber?«

»Die Deutschen, Majestät,« erwiderte der General, »vermochten es, Metz einzuschließen, weil sie dazu die genügenden Truppen besaßen – wir,« sagte er traurig, aber mit Bestimmtheit, »wir, Majestät, besitzen diese Truppen nicht, wir vermögen es nicht, dem gefährlichen Feinde in den Redouten von Plewna die Zufuhr abzuschneiden; wir vermögen es nicht, zu verhindern, daß er sich nicht eines Tages, während wir im trügerischen Siegeslauf vorrücken, vernichtend in unsern Rücken stürzt.«

»Aber Sie hielten selbst«, sagte der Kaiser, »unsere mobile Truppenzahl für genügend.«

»Sie war genügend, Majestät, wenn die Rumänen mitwirkten, oder wenn wir nach meinem Plan den Feldzug für dieses Jahr nur bis zum Balkan ausdehnten und Bulgarien fest in unseren Händen hielten, bevor wir den weiteren Vormarsch unternahmen. Jetzt ist unsere Macht nicht genügend, wir können Plewna nicht einschließen, wenn wir nicht uns nach anderen Richtungen bloßstellen wollen.«

Der Kaiser sprang auf und ging lebhaft in dem kleinen Raum auf und nieder, heftig arbeitete seine Brust und in lauten, zischenden Tönen stieß er den Atem zwischen den Lippen hervor.

»Sei ruhig, Sascha,« sagte der Großfürst, zu ihm herantretend und zärtlich die Hand auf seine Schulter legend, »sei ruhig, es ist nicht so schlimm, wir werden alles überwinden.«

»Wir müssen alles überwinden«, sagte der Kaiser, indem er heftig mit dem Fuß auf den Teppich trat, und gewaltsam sich überwindend, setzte er sich wieder auf seinen Stuhl nieder und sprach:

»Und was muß geschehen, Arthur Abrahamowitsch – wenn du die Gefahr der Lage erkannt hast, so wirst du auch über die Mittel nachgedacht haben, dieser Gefahr zu begegnen?«

»Ich bin nicht zweifelhaft darüber, Majestät,« erwiderte der General, »aber es wird nötig sein, manche Illusion, manche stolzen Hoffnungen aufzugeben, um mit der unerbittlichen Wirklichkeit zu rechnen. Ich halte es für unmöglich, den Marsch über den Balkan hinaus fortzusetzen, solange Osman Pascha mit seiner Armee in Plewna steht; so glänzend und großartig der Übergang über den Balkan war, er war ein Fehler, und sobald man einen Fehler erkennt, muß man ihn verbessern. Wir müssen rückwärts gehen, Majestät, kein russischer Soldat darf in den Tälern jenseits des Balkan bleiben, solange wir Plewna nicht genommen haben. Der einzige Vorteil dieser Expedition, immerhin ein großer Vorteil, bleibt der Besitz von Schipka, und diesen Paß freilich müssen wir um jeden Preis halten, um den Weg für den Zukunft frei zu haben.«

Der Großfürst wollte sprechen, schnell aber kam ihm der Kaiser zuvor und sagte:

»Das ist hart, aber notwendig; ich stimme deinem Vorschlage bei, es soll geschehen, wie du sagtest. Und wieviel Zeit werden wir bedürfen,« fragte er weiter, »um Plewna zu nehmen? Denn genommen muß dieser Unglücksplatz werden, meine Ehre, das Schicksal Rußlands, das Schicksal der Völker, die auf uns hoffen, hängt daran.«

»Majestät,« sagte der General sehr ernst, »die bloße Tapferkeit wird Plewna niemals nehmen, und wenn jeder unserer Soldaten streiten würde wie einer der Helden der alten Sage; wir müssen einen traurigen, aber notwendigen Verbündeten suchen – den Hunger. Noch hat Osman Pascha die Straße nach Sofia völlig frei, erst wenn ihm diese Lebensader abgeschnitten ist, wenn er, vollkommen eingeschlossen, keine frischen Vorräte mehr erhalten kann, wird sich berechnen lassen, in welcher Zeit wir den Fall von Plewna erzwingen können; um aber Plewna einzuschließen, wie die deutschen Truppen Metz einschlossen, dazu müssen wir über neue Armeen verfügen können. Die Korps, welche jenseits des Balkans stehen, kommen kaum in Berechnung, sie werden an den Nordabhängen bleiben müssen, um die Pässe zu halten, denn es wird binnen kurzem eine neue türkische Macht herausdringen, um uns vom Süden zu fassen. Die Armee Seiner Kaiserlichen Hoheit des Cäsarewitsch wird genug zu tun haben, um die Angriffe vom Osten auf unsern linken Flügel zurückzuweisen, auch von dort wird der Feind versuchen, in unsere Stellungen Zu dringen. Eure Majestät können überzeugt sein, daß man in Konstantinopel ebensogut weiß wie wir. daß Osman Pascha in Plewna steht und uns ins eigene Herz hinein bedroht. Wenn es dem Feinde gelänge, von außen her unsere Stellungen an irgendeinem Punkte zu durchbrechen, dann, Majestät, würde ich keinen Rat mehr wissen. Seine Kaiserliche Hoheit der Cäsarewitsch«, fügte er mit einem Blick voll Teilnahme zum Thronfolger hinzu, der mit atemloser Spannung seinen Worten lauschte, »wird eine schwere und wenig verlockende Aufgabe zu übernehmen haben; er wird nach meiner Auffassung der Notwendigkeiten unserer Lage gezwungen sein, sich streng auf die Verteidigung zu beschränken, niemals, unter keiner Bedingung zum Angriff überzugehen, denn von dem Festhalten seiner Stellung hängt die Existenz der Armee, Rußlands Ehre und Kriegsruhm und die endliche Gewißheit des Sieges ab, an den ich so fest glaube, wie an das Licht des Himmels, wenn wir nur jetzt durch strenge, kaltherzige Rücksicht wieder gut machen, was die Übereilung begeisterten Heldenmutes verdorben hat. Die Aufgabe, welche die Notwendigkeit dem erlauchten Cäsarowitsch zuweist, ist, wie ich wiederholen muß, eine peinliche, undankbare, der fortwährende Verteidigungskampf bringt keinen Ruhm, denn auch mit dem höchsten Heldenmut und mit der äußersten Anstrengung kann und darf immer nur die Stellung festgehalten werden, welche uns schon gehört. Das ist ein Kampf ohne Sieg, denn die Welt pflegt den Sieg nicht im Erhalten, sondern nur im Erobern zu sehen; dennoch aber ist dieser Kampf der edelste und wichtigste, er wird schwerer wiegen in der Geschichte des Vaterlandes, als die glänzendsten Siege, denn er wird Rußland seine Ehre und seine Zukunft retten, und deshalb bin ich überzeugt, daß Seine Kaiserliche Hoheit auch diese undankbare und scheinbar ruhmlose Aufgabe übernehmen wird. Der bloße Verteidigungskrieg ermüdet die Truppen und läßt ihre Begeisterung erschlaffen; wenn aber des Kaisers Sohn und Erbe, die verkörperte Zukunft des Reiches selbst an ihrer Spitze steht, um den schweren Kampf mit ihnen zu kämpfen, dann wird ihr Mut frisch bleiben, und sie werden ausharren, bis das Unheil überwunden ist.«

Der Thronfolger beugte sich vor und reichte dem General die Hand.

»Ich werde die Aufgabe übernehmen,« sagte er, »ich werde es auf mich nehmen, keine Schlachten zu gewinnen, keine Lorbeeren zu pflücken, aber als treuer Wächter vor Rußlands Ehre zu stehen.«

Der Großfürst Nikolaus saß finster da, in seinen Mienen war deutlich der Unmut über die Worte des Generals zu lesen; mehrmals schüttelte er ungläubig und mißbilligend den Kopf, aber er machte keine Bemerkung mehr, da der Kaiser ja bereits die Vorschläge des Generalstabschefs angenommen hatte.

Nun sagte er mit düsterem Ton:

»Es ist eine traurige Belohnung für den kühnen General Gurko, daß er nach seinem so beispiellos glänzenden Übergang über den Balkan nun zurückgehen und die Frucht seines Sieges aufgeben soll.«

»Eure Kaiserliche Hoheit wollen zu Gnaden halten,« rief der General Nepokoitschinsky lebhafter, als er bisher gesprochen, »die Rücksicht auf einen General kann niemals die Kriegführung bestimmen; hat sich doch soeben auch Seine Kaiserliche Hoheit der Cäsarewitsch mit allen seinen persönlichen Wünschen dem großen Zweck geopfert; übrigens wird sich für den tapferen General Gurko wohl Gelegenheit finden, im Dienst des Vaterlandes seinen kühnen Mut zu bewähren, der auch dort nicht verloren war, da wir ihm den Schlüssel des Balkans, den Schipkapaß verdanken.«

»Nun,« sagte der Kaiser mit einem leichten Anklang von Ungeduld, »ich verstehe, es gilt also, zurückzugehen auf den ersten Feldzugsplan, am Balkan anzuhalten, bis kein Feind mehr auf bulgarischem Boden steht – nun aber Plewna, was soll mit Plewna geschehen, wie sollen wir den Ring ziehen, um diesen Unglücksplatz einzuschließen, wie die Deutschen Metz einschlossen?«

»Der Ring muß groß sein, Majestät,« erwiderte der General, »denn die natürlichen Verteidigungsmittel bei Plewna erstrecken sich weit über den Platz umher, und Osman Pascha hat sogleich angefangen, dieselben durch furchtbare Erdwerke zu erweitern. Es ist unerläßlich, daß Eure Majestät die Garden kommen und im übrigen im ganzen Reich noch so viele Truppen mobil machen lassen, als irgend möglich.«

»Die Garden,« rief der Kaiser erschrocken – »die letzte Reserve – was wird man in Europa sagen, was in Rußland selbst? Wird man nicht alles für verloren halten; wird nicht«, sagte er halbleise, »die lauernde Revolution ihr Haupt erheben, wenn die letzten, treuesten und unerschütterlichsten Wächter des Thrones das Land verlassen?«

»Ich bin nicht berufen, Majestät,« erwiderte der General Nepokoitschinsky, »über politische Fragen zu urteilen; ich könnte Eurer Majestät antworten, daß nach meiner militärischen Überzeugung das Erscheinen der Garden auf dem Kriegsschauplatz eine unabweisbare Notwendigkeit sei, und daß alles übrige mich nichts angeht. Aber ich möchte Eure Majestät doch um die Erlaubnis bitten, es aussprechen zu dürfen, daß der Revolution gegenüber, an deren Gefahren ich trotz einzelner böser Zeichen nicht so recht zu glauben vermag – daß auch der Revolution gegenüber die Entfernung der Garden von Petersburg lange nicht so gefährlich ist, als wenn Eure Majestät gezwungen würden, mit einem geschlagenen, entmutigten und moralisch zerrütteten Heere nach Rußland zurückzukehren. Die Gefahr ist nicht ausgeschlossen, wenn wir jetzt nicht mit der ganzen Kraft den plötzlich neben uns aus der Erde gestiegenen Feind zermalmen.«

»Der General hat recht,« rief der Thronfolger lebhaft, »er hat recht, sie werden niemals wagen, etwas zu unternehmen, so lange wir hier eine geschlossene und unbesiegte Armee um uns haben!«

»Ich würde«, sprach der General Nepokoitschinsky schnell weiter, »Eurer Majestät den untertänigsten Vorschlag machen, dem General Gurko das Kommando über die Garden zu geben und denselben nach Petersburg zu senden, um sie hierher zu führen; die tapferen Truppen können keinen besseren Führer haben, und er wird reichen und ehrenvollen Ersatz für seine unterbrochene Balkankampagne finden. Außerdem wäre es von großem Nutzen, wenn der Fürst von Rumänien sich endlich entschließen wollte, seine Truppen über die Grenze zu führen.«

»Fremde,« rief der Thronfolger finster – »sollen wir uns abermals auf Fremde verlassen?«

»Nein, Kaiserliche Hoheit,« erwiderte der General, »verlassen wollen wir uns nur auf die eigene Kraft, aber wir können niemals zu viel, ja kaum genug Truppen haben, um diesen Erdhaufen von Plewna einzuschließen und zu bezwingen, und die rumänische Armee wird in der Kette der Einschließung ihren Platz ausfüllen und ebensoviel russische Truppen nach anderen Richtungen hin frei machen.«

»Gut,« sagte der Kaiser, »es ist alles genehmigt, ich billige alles. Gurko soll sogleich zurückgerufen, sein Korps aufgelöst und unter die übrigen verteilt werden; der Kriegsminister soll sogleich den Befehl an die Garden schicken, sich marschfertig zu machen, und ohne Zögern soll Gurko sie dann hierher führen. Was den Fürsten von Rumänien betrifft, so will ich ein ernstes Wort sprechen, er hat seine Unabhängigkeit erklärt, seine Wünsche gehen weiter, er muß sich entschließen, klare Farben zu zeigen.«

Der Kaiser wollte sich erheben, aber der General Nepokoitschinsky sprach, indem er einen forschenden Blick auf den Großfürsten Nikolaus warf:

»Ich kann nicht umhin, Eure Majestät um die Erlaubnis zu bitten, noch ein letztes Wort zu sprechen. Mein allergnädigster Kaiser und Kriegsherr hat mir befohlen, in schwerer Stunde bei eigener Verantwortlichkeit zu sprechen; ich darf keinen Gedanken zurückhalten, der in mir zur Abwendung der Gefahren des Vaterlandes aufsteigt.«

Verwundert und unruhig sah ihn der Großfürst an.

»Es wird unmöglich sein,« fuhr der General fort, »die Erdredouten von Plewna mit Sturm zu nehmen, das feindliche Feuer würde unsere Reihen niederreißen und wir würden keinen Fuß breit Boden gewinnen, wenn wir nicht vorher durch regelmäßige Belagerung uns in Laufgräben den feindlichen Stellungen nähern. Das ist eine schwere Arbeit, der ich mich nicht gewachsen fühle, wenn ich zugleich die Leitung des Generalstabes der ganzen Armee führen soll; es gibt nur einen Mann in Rußland, den ich für fähig halte, dies Werk auszuführen.«

Der Großfürst Nikolaus erbleichte.

»Und der Mann ist?« fragte der Kaiser.

»Der General Tottleben, Majestät«, erwiderte Nepokoitschinsky mit klarer, fester Stimme.

»Ein Deutscher!« rief der Cäsarewitsch unmutig.

»Es gibt wahrlich keinen besseren Russen,« erwiderte Nepokoitschinsky mit unerschütterlicher Festigkeit, »als den Verteidiger von Sewastopol.«

Der Kriegsminister Miljutin rief:

»Der Mann, dem der hochselige Kaiser Nikolaus, Eurer Majestät erhabener Vater, die Verteidigung von Sebastopol anvertraute und der jenes Bollwerk des russischen Reiches so lange gegen zwei europäische Großmächte zu halten wußte, hat einen geheiligten Anspruch auf den Dank und das Vertrauen des Kaisers und des Vaterlandes.«

»Ihr habt recht,« sagte der Kaiser, »ihr habt recht, Tottleben soll kommen, man soll nicht sagen, daß irgend etwas versäumt ist. Wir wollen die traurige, langsame Schanzarbeit beginnen, da der Traum von einem stolzen Siegesflug dahin ist. Alle Befehle sollen auf der Stelle abgehen; treten wir dem Unglück entgegen mit ruhigem, unbeugsamem Willen, so ist es schon halb überwunden.«

Er stand auf. Der Großfürst Nikolaus trat bleich, die finsteren Blicke zu Boden gesenkt, vor ihn hin.

»Eure Majestät«, sagte er, »haben durch die Befehle, welche Sie soeben gegeben, meine Kriegführung verurteilt; es bleibt mir nur übrig, die Versicherung zu geben, daß ich mit meinem besten Willen und meiner besten Kraft gestrebt habe, den russischen Fahnen den Sieg zu gewinnen. Ich bitte Eure Majestät nun, mir mein Kommando abzunehmen und dasselbe würdigeren Händen anzuvertrauen.«

Ein Strahl von Freude flog über das Gesicht des Thronfolgers, zitternd stand der sonst so ruhige und unerschütterliche General Nepokoitschinsky da. Der Kaiser aber sah seinen Bruder, dessen Züge in diesem Augenblick dem gewaltigen Kaiser Nikolaus noch ähnlicher waren als sonst, mit wehmütigen Blicken an.

»Ich habe dich nicht verurteilt, mein Bruder,« sagte er sanft – »ich verurteile niemals den edlen Eifer, wenn er auf falschen Wegen das Ziel verfehlt – ich habe getan, was ich für notwendig erkenne, und wo es sich um das Heil des Vaterlandes handelt, darf es für mich keine andere Rücksicht geben, als meine Überzeugung. Ich weiß, daß du das Vaterland im Herzen trägst wie ich, im Namen des Vaterlandes, im Namen unseres Vaters, der in dieser Stunde auf uns herabsieht, mahne ich dich an die heilige Pflicht, die uns vor allem unser Blut auferlegt. Der Kaiser«, sagte er, sich hoch aufrichtend, »befiehlt dem General Nikolai Nikolajewitsch, das Oberkommando weiter zu führen – Alexander«, fügte er weich und innig hinzu, »bittet seinen Bruder Nikolai, ihn jetzt nicht zu verlassen.«

Der Großfürst schlug die Augen auf, vor dem bittenden, tränenfeuchten Blick seines kaiserlichen Bruders verschwand der finstere Unmut von seinem Gesicht.

»Du weißt es, Sascha,« sagte er, tief bewegt an die Brust des Kaisers sinkend, »ich kann dir nicht widerstehen, befiehl über mich, dir gehört meine Pflicht und mein Herz.«

Einen Augenblick hielten sich die beiden Brüder umschlungen, dann trat der Großfürst zu dem General Nepokoitschinsky, reichte ihm die Hand und sagte herzlich:

»Sie haben recht gehabt, Arthur Abrahamowitsch, ich danke Ihnen. Der ganze Feldzugsplan ist nun geändert«, sagte er dann; »da der Kaiser befiehlt, daß ich das Kommando weiter führe, so muß ich auch da sein, wo der Mittelpunkt unserer Aktion liegt; ich werde mein Hauptquartier vor Plewna nehmen, wenn es der Kaiser erlaubt.«

»Eure Kaiserliche Hoheit haben recht, tausendmal recht!« rief der General Nepokoitschinsky freudig bewegt – »dorthin gehört der Feldherr, denn dort ist die Entscheidung.«

Der Kaiser winkte entlassend den beiden Generalen, und als dieselben hinausgegangen waren, sagte er zögernd und fast schüchtern:

»Ihr seid verschiedener Meinung gewesen und tragt Groll im Herzen, das darf nicht sein. Wir stehen in gefahrvoller Stunde ernsten Kämpfen gegenüber; wie das ganze Rußland einig ist, so müssen es vor allem die Prinzen meines Hauses sein, in deren Adern das Blut der Romanow fließt – vergeßt euren Groll, reicht euch die Hände, ich bitte euch.«

Der Großfürst Nikolaus streckte seine Hand aus, der Cäsarewitsch stand unbeweglich da, die Augen zu Boden gesenkt.

»Ich will es!« sagte der Kaiser streng.

Langsam trat der Thronfolger einen Schritt vor und erfaßte die Hand seines Oheims, der Kaiser breitete die Arme aus und zog sie beide an seine Brust.

»So sind wir stark,« rief er ganz glücklich – »so von unserem Volk umgeben, werden wir eine Welt von Feinden überwinden!«

Der General Wajeikow, welcher als Hofmarschall des Hauptquartiers fungierte, trat ein und meldete, daß das Diner serviert sei. Der Kaiser begab sich mit den beiden Großfürsten nach dem großen Zelt, in welchem sich das ganze Gefolge in banger Erwartung befand. Wie mit einem Zauberschlage änderte sich die ängstliche und bedrückte Stimmung der ganzen Gesellschaft, als man den Kaiser so ruhig, ja von außergewöhnlich freudig strahlender Heiterkeit erblickte, und das Diner verlief an diesem Tage, der alle Herzen mit so banger Sorge erfüllt hatte, noch fröhlicher und heiterer als je vorher.

»Heute gibt es in Petersburg große Freude«, sagte der Kaiser im Laufe der Tafel so laut, daß alle seine Worte vernehmbar waren; »ich habe befohlen, daß die Garden herkommen, der General Gurko wird sie führen.«

Ein Augenblick tiefer Stille folgte dieser Mitteilung des Kaisers, feierlicher Ernst lag auf allen Gesichtern, jeder fühlte, daß die Gefahr, welche den bisherigen schnellen Siegeslauf unterbrochen hatte, groß und unmittelbar sei, aber jeder schöpfte aus den Worten des Kaisers die Überzeugung, daß alles geschehen werde, um den Sieg dennoch festzuhalten, und dies Bewußtsein verscheuchte alle Unruhe und alle Bangigkeit um die Zukunft.

Nach der Tafel rief der Kaiser den rumänischen General Prinzen Ghika, welcher sich als militärischer Vertreter des Fürsten Karl im Hauptquartier befand, zu sich heran, trat einige Schritte seitwärts von den übrigen und sagte mit einem Ernst, der den General erschrocken aufblicken ließ:

»Ich bin erstaunt, daß die rumänische Armee den General Osman Pascha nicht bei Widdin festgehalten, noch mehr aber, daß sie ihn nicht verfolgt hat. Ich erwarte, daß die rumänische Armee unverzüglich die Grenze überschreite und mit uns tätigen Anteil am Kriege nehme, denn bei ihrer bisherigen Haltung bin ich zweifelhaft, ob ich den Fürsten Karl für meinen Verbündeten halten darf.«

Bei diesen Worten des sonst so verbindlich artigen Kaisers verlor der Prinz Ghika fast alle Fassung.

»Wie wäre es möglich,« sagte er ganz verwirrt, »daß Eure Majestät an den Gesinnungen meines Herrn zweifeln könnten?«

»Gesinnungen«, fuhr der Kaiser in demselben strengen und rauhen Tone fort, »müssen sich durch die Tat ausdrücken. Fürst Karl ist mir wert, und ein Prinz des Hauses Hohenzollern – aber ich kann nicht leugnen, daß die Haltung Rumäniens mein Mißfallen in hohem Grade erregt. Sie werden Ihrem Herrn selbst einen Dienst leisten, wenn Sie sich unverzüglich zu ihm begeben und ihm meine Worte wiederholen – Kronen gewinnt man nur durch kühne Taten!«

Er wendete sich um und redete einen der in der Nähe stehenden Generale an.

Der Prinz Ghika blieb ganz niedergeschmettert stehen, unzusammenhängend nur antwortete er auf die an ihn gerichteten Worte; endlich verschwand er unbemerkt aus dem Zelt, um auf der Stelle sein Pferd zu besteigen und, von seinen bewaffneten Dienern gefolgt, auf der Straße nach Sistowo hinzureiten. Bald verließen auch der Großfürst Nikolaus und der Thronfolger das Hauptquartier; früh ging man an diesem Tage auseinander, und während in der langen Abenddämmerung immer noch die Landleute auf dem Festplatze jubelten, lag der Kaiser still und einsam, mit seinem Militärmantel bedeckt, auf dem eisernen Feldbett, seine herabhängende Hand ruhte auf dem Haupte des treuen Hundes, schwere, sorgenvolle Gedanken durchkreuzten sich in schmerzlicher Unruhe in seinem Kopf, und lange suchte er vergebens den Schlummer.

20. Kapitel

Die Sterne waren bereits heraufgezogen am dunkelblauen Himmel der lauen Sommernacht, die Wachtfeuer brannten weithin in das Tal hinaus, der laute Lärm, welcher den Tag über die ganze Gegend erfüllt hatte, war verklungen, und nur hier und da stiegen noch fröhlich plaudernde Stimmen oder jene weichen, melodisch klagenden Nationallieder aus den Biwakplätzen am Rande des Flusses oder zwischen den Gebüschen der hohen Abhänge empor. In den Zimmern war es heiß und dumpfig, und nachdem das kaiserliche Zelt von allen verlassen war, die nicht zum unmittelbaren Dienst gehörten, verließen auch Wladimir und Blagonow ihre Wohnung, um noch einen Spaziergang durch die erfrischende, abkühlende Abendluft zu machen. Das Bild der ruhenden Natur mit dem hier und da noch aufflackernden, lebendigen Treiben der Menschen, das aber auch allmählich sich zur Ruhe neigte, hatte einen eigentümlich poetischen Reiz, es lag wie ein Hauch des tiefsten Friedens über der ganzen Gegend, und doch barg diese beruhigende Stille den mörderischen Krieg in ihrem Schoß, und während hier Tausende sanft schliefen oder bei den freundlichen Wachtfeuern traulich plauderten, rangen vielleicht einige Meilen weiter andere Tausende in blutigem Kampfe, und noch andere schwebten in den wirren Phantasien des Wundfiebers zwischen Leben und Sterben. Mehr als jemals hatte unter dem Zufall des Krieges das menschliche Leben seine feste Sicherheit verloren, an die man in ruhigen Zeiten, fern von den unmittelbaren Mahnungen des Todes, so gern zu glauben geneigt ist; aber gerade diese schwankende Unsicherheit, das Bewußtsein, daß vielleicht morgen schon das warm schlagende Herz erstarrt sein könne, gab dem Leben einen um so höheren Wert und ließ jedermann den freudigen Atemzug des Augenblicks dankbar empfinden.

Wladimir hatte sich auf Blagonows Arm gestützt und atmete tief die würzige Nachtluft ein, während sie durch die Lagerplätze an den Biwakfronten vorbei auf der Straße nach Sistowo hinschlenderten.

»Ich bin ganz glücklich, Feodor Michaelowitsch,« sagte er, »über diese Affäre von Plewna, welche die anderen so bestürzt macht. Weißt du wohl, dieses ungeheure, schwindelhafte Glück, dieser traumhafte Übergang über den Balkan, der die Hoffnungen unserer Heißsporne schon bis vor die Tore von Konstantinopel führte, das alles hat mich beängstigt und fing an, mir schwere Sorge zu machen; ich mußte immer an jene alte griechische Sage von dem König Polykrates denken, dessen Glück den Neid der Götter erregte, und den sie deshalb zerschmetterten. Ohne Arbeit, Not und Mühe wird kein großes Ziel errungen, und ich habe nie zu denen gehört, welche den Marsch nach Konstantinopel für einen leichten Spaziergang hielten; ich habe in Montenegro gelernt, was es heißt, für ein großes, heiliges Ziel die ganze Lebenskraft eines Volkes einsetzen, und ohne solchen Einsatz wird auch Rußland sein herrliches Ziel nicht erreichen. Darum freue ich mich, daß endlich einmal ein wirklich schwerer Kampf und eine ernste Gefahr uns entgegentritt, bei der es gilt, die ganze Kraft und den ganzen Willen aufzubieten; nun glaube ich um so fester an den Sieg, nun fühle ich mich wieder freudig und zuversichtlich und habe nur den einen Wunsch, daß mein Regiment hier wäre, damit ich einmal wirklich Soldat sein könnte. Die Garden kommen freilich, aber die Kürassiere sollen in Petersburg bleiben, wie ich heute abend noch gehört habe, man kann sie hier auch kaum verwenden – aber was fehlt dir?« fragte er plötzlich abbrechend, »du bist trübe und traurig, du blickst zu Boden, statt zu dem schönen Himmel mit seinen glänzenden Sternen empor – teilst du meine Hoffnung nicht, glaubst du, daß wir wirklich dieses Osman Pascha, der sich plötzlich wie eine Schlange gegen uns aufbäumt, nicht Herr werden?«

Blagonow schüttelte mit einem tiefen Seufzer den Kopf.

»Nein, Wladimir Ossipowitsch,« sagte er, »daran dachte ich nicht, ich muß es dir gestehen, und vielleicht wirst du mich deshalb schelten, daß ich überhaupt an alle diese Dinge nur wenig gedacht habe in der letzten Zeit. Du kennst ja meine Vergangenheit, du weißt, daß nur die Verzweiflung mich damals in die Reihen des serbischen Heeres trieb; ich bin noch nicht genug Soldat, noch nicht genug eingelebt in die große Welt, als daß das Schicksal des Krieges und die stolzen Hoffnungen der ehrgeizigen Politik mein Denken und Fühlen auszufüllen vermöchten, noch lebt der Künstler in mir, dessen Glück es war, zu lieben und zu träumen, und auch heute würde ich kein anderes Glück suchen, wenn mich die Ehre und die Pflichten der neuen Welt, in die ich eingetreten bin, nicht hier fesselten. Aber verhehlen kann ich es dir nicht, mehr als dies Plewna, mehr als der Krieg und seine Wechselfälle bekümmert mich die Trennung von meiner geliebten Marpha, die ich allein und schutzlos dort zurückgelassen habe.«

Wladimir sah ihn einen Augenblick mit großen Augen ganz erstaunt an.

»Allein und schutzlos?!« rief er dann heiter lachend; »in der Tat, ihr Poeten und Künstler seid sonderbare Leute, wenn man dich hört, so sollte man glauben, daß deine Frau irgendwo in einer Hütte säße in einer einsamen Gegend, plündernden Feindesscharen preisgegeben; aber wahrlich, niemand würde glauben, daß diese einsame und schutzlose Marpha, der du so kummervolle Seufzer sendest, mitten in ihrem Palais in der Residenz lebt, von Hunderten von Dienern umgeben, die ihrem Wink gehorchen.«

»Ein Weib kann auch schutzlos sein, wenn Hunderte von Dienern sie umgeben«, erwiderte Blagonow finster. »Du weißt, welcher Verdacht gegen diesen Sacharin in mir erweckt ist, der jetzt allmächtig ist bei Marphas Vater, wenn dieser Verdacht sich bestätigt –«

»Nun,« sagte Wladimir, »ich habe dir ja das Mittel gegeben, um die Wahrheit zu entdecken; wenn sich dieser Verdacht bestätigt, was ich so recht noch nicht glauben kann, so wird man Herrn Sacharin fortjagen und nötigenfalls die Bekanntschaft mit den sibirischen Bergwerken machen lassen, aber ich sehe immer noch nicht ein, warum deshalb deine Frau so unglücklich und schutzlos sein soll, weil der Intendant deines Schwiegervaters ein Betrüger ist.«

»Die Diener des Hauses sind alle in den Händen dieses Sacharin,« erwiderte Blagonow, »der Fürst selbst sieht nur durch seine Augen, und wenn –« er vollendete nicht, aber mit einem langen, schmerzlichen Seufzer starrte er, langsam weiterschreitend, vor sich hin.

»Es ist Wohl alles Torheit,« sagte er dann, »ich bin geneigt, alles schwarz zu sehen – ich habe so lange mit den finsteren Mächten des Lebens ringen müssen.«

Schweigend gingen sie auf der Straße weiter; wie in seine Erinnerungen versunken, sang Blagonow halblaut die Melodie des altrussischen Volksliedes vom Dreigespann und dem jungen Postillion, und Wladimir blickte, von der weichen Melodie träumerisch bewegt, zum Sternenhimmel empor.

Plötzlich blieb er lauschend stehen und sagte:

»Horch, das ist in der Tat die Glocke einer Troika, die uns dort entgegentönt. Ich glaubte, das alte Lied wiegte mich in träumende Täuschung, aber immer deutlicher höre ich den Ton.«

Sie blieben stehen, Blagonow unterbrach seinen halblauten Gesang, und deutlich hörte man von fern her den gleichförmigen Ton der Schelle und auch den regelmäßigen Hufschlag der Pferde. In wenig Augenblicken blitzte das Licht der Wagenlaternen aus der Dunkelheit hervor. Die letzte Lagerwache befand sich schon eine Strecke rückwärts.

»Wir wollen sehen, was es ist,« rief Wladimir, »wir haben Wohl das Recht, den Wagen anzurufen.«

Schon blitzten die Laternen in unmittelbarer Nähe.

»Halt! – Wer da!« rief Wladimir, in die Mitte der Straße tretend, und fast unmittelbar vor ihm parierte der Kutscher die drei schnaubenden Pferde. Wladimir trat an den Wagen, in welchem zwei Personen saßen, in einiger Entfernung hörte man ein Zweites Gefährt herankommen.

»Was gibt es?« fragte einer der beiden Herren, indem er sich über den Schlag hinausbog, in französischer Sprache mit etwas hartem, fremdartigem Akzent, »ich bin der Kapitän Wellesley, Militärattaché der englischen Botschaft – ist es nötig, die Pässe zu zeigen?«

Er warf den weiten, leinenen Staubmantel zurück, und man sah beim flackernden Schein der Wagenlaternen einen jungen Mann in der Interimsuniform der englischen Grenadiergarde mit vornehmem, scharf geschnittenem Gesicht, auf dessen Zügen eine spöttisch hochmütige Überlegenheit sich ausdrückte. Er blickte mit seinen großen, hellen Augen forschend in die Dunkelheit hinaus und zog aus der Brusttasche ein Portefeuille hervor.

»Bemühen Sie sich nicht, mein Herr,« sagte Wladimir, »es bedarf Ihrer Pässe nicht, ich habe die Ehre, Sie zu kennen, und wäre es nicht so dunkel, so würden Sie sich Wohl auch des Grafen Swiatowski von der Chevaliergarde erinnern, ebenso wie hier meines Freundes Blagonow vom Regiment Ismailow.«

»In der Tat,« sagte Kapitän Wellesley verbindlich grüßend, »ich bin erfreut, den Herren hier zu begegnen. Ich komme ein wenig spät, dringende Geschäfte hatten mich abgehalten, aber ich war in der Tat ungeduldig, das Hauptquartier zu erreichen, wohin Seine Majestät mich einzuladen die Gnade gehabt – Sie begreifen, ein Soldat hat keine Ruhe, wenn er den Krieg nicht aus unmittelbarer Nähe sieht.«

Die Herren wechselten einige höfliche Redensarten und wollten sich eben voneinander verabschieden, als der Begleiter des Kapitän Wellesley, ein Offizier in russischer Jägeruniform, sich vorbeugte.

»Es ist ein glücklicher Zufall, meine Herren, daß ich Ihnen hier begegne, ich komme als Kurier ins Hauptquartier Seiner Majestät und habe zugleich Briefe für die beiden Herren. Ich kann Ihnen dieselben nun gleich übergeben, während Sie sonst wohl bis morgen würden warten müssen.«

Er zog aus einer Ledertasche, die er an den kaiserlichen Depeschenbeutel geschnallt hatte, ein Paket Briefe hervor, prüfte die Aufschriften beim Schein der Wagenlaternen und reichte dann Wladimir und Blagonow die für sie bestimmten Briefe. Der Kapitän Wellesley verabschiedete sich, die Troika rollte schnell dem Lager zu, und die beiden jungen Leute blieben allein auf der Straße.

»Das nenne ich Glück,« sagte Wladimir heiter, »der Kurier hätte uns gewiß heute abend nicht mehr aufgesucht; jetzt haben wir unsere Briefe und können um so lebhafter von unseren Frauen träumen, wenn wir ihre Grüße gelesen haben, und du«, sagte er lachend, »wirst dann Wohl auch ruhiger sein über deine arme schutzlose Marpha.«

Blagonow zog seinen Freund fort, die Briefe zitterten in seiner Hand.

»Komm, Wladimir Ossipowitsch, komm schnell,« sagte er unruhig, »daß wir ein Lagerfeuer erreichen, ich muß lesen, was sie schreibt, es ist mir, als ob ich ihre Stimme aus diesem Briefe hervortönen höre, die mich angstvoll ruft.«

»Du bist töricht«, sagte Wladimir achselzuckend; »wahrlich, ich bin auch noch ganz regelrecht verliebt in meine verliebte Phantasie denn doch nicht, daß ich verlassen müssen, und ich möchte, weiß Gott, lieber ihre Hand halten statt dieses Briefes, aber so weit geht meine verliebte Phantasie denn doch nicht, daß ich Stimmen aus den Briefenveloppen höre. Aber gleichviel, hoffentlich werden diese Stimmen deine Sorgen beruhigen.«

Ein wenig zögernd folgte er den Schritten des hastig vorwärts drängenden Blagonow; sie erreichten einen Lagerposten nach dem andern, aber überall waren die Feuer schon verlöscht, überall lagen die Soldaten auf ihren Mänteln im festen Schlaf, und nur die Posten unter dem Gewehr schritten ruhig und gleichförmig auf und nieder.

»Dieser verwünschte Engländer,« sagte Wladimir, »solange alles gut vorwärtsging, war er fern, jetzt, da uns ein böses Hindernis entgegentritt, kommt er hergeflogen wie ein Unglücksrabe – nun freilich gilt es zu sehen und aufzupassen, wo es eine schwache Stelle bei uns gibt, um dem Zufall ein wenig nachzuhelfen und die englischen Geschütze, mit denen die Türken schießen, auf unsere gefährlichsten und bedrohtesten Stellen zu dirigieren. Warum müssen wir diese Privilegierten Spione in unserem Hauptquartier dulden, da doch diese heuchlerischen Engländer sich ihrerseits so wenig an das Völkerrecht kehren und uns mit ihren perfiden Manövern mehr schaden, als wenn sie unsere erklärten Feinde wären! Es ist ein ganz angenehmer Mann, der Kapitän Wellesley, ein richtiger Gentleman und heiterer Gesellschafter, ich habe manche vergnügte Stunde mit ihm verlebt, aber, bei Gott, es würde mir kein geringes Vergnügen machen, ihm einige Zoll Eisen in die Rippen zu jagen – die Sache ist zu überlegen, es wäre in der Tat nicht übel, wenn man auf diese Weise dem Völkerrecht nachhelfen könnte.«

Blagonow hörte nicht auf seine Worte, mit hastiger Ungeduld eilte er immer weiter; überall waren die Feuer erloschen oder Zu leise glimmenden Kohlen herabgesunken. Sie erreichten das langgestreckte Dorf. Am Eingänge desselben befand sich das Lazarett und in einiger Entfernung davon ein langes, hölzernes Gebäude, welche die Bureaus der Intendantur für das Hauptquartier und die Nächstliegenden Kantonnements enthielt.

»Dort ist Licht,« rief Blagonow, nach den erhellten Fenstern des schuppenartigen Gebäudes deutend, »laß uns einen Augenblick eintreten, unsere Wohnung liegt ganz am anderen Ende des Dorfes, ich vergehe vor Ungeduld; nur einen Blick will ich in Marphas Brief werfen, um zu sehen, ob alles dort in Ordnung.«

»Nun, so komm,« sagte Wladimir, »du bist wie ein eigensinniges Kind, dem man seinen Willen lassen muß; ein Glück für dich, daß sonst niemand hier ist, denn bei Gott, ein verliebter Ehemann wie du würde den Spott des ganzen Hauptquartiers herausfordern.«

Blagonow war ihm bereits voraus in das Haus geeilt. Über den breiten, mit Ballen, Kisten und Fässern angefüllten Flur schreitend, öffnete er eine Tür, auf welcher mit großen Buchstaben geschrieben stand: »Bureau der Intendantur.«

In einem großen Zimmer mit hölzernen Wänden und rohgedieltem Fußboden saßen an großen Tischen mehrere Schreiber hinter großen, aufgeschlagenen Büchern, in welche sie aus verschiedenen Aktenheften und einzelnen Papieren lange Reihen von Zahlen eintrugen. Alle diese Leute hatten durchaus nicht das einfache, fast ärmliche Aussehen, welches man sonstwohl bei den unteren Angestellten der Bureaukratie findet, sie waren elegant gekleidet, sorgfältig frisiert; neben und zwischen ihren Büchern und Akten sah man Flaschen mit glänzenden Etiketten, feines Gebäck und kleine Terrinen mit vortrefflichen französischen Pasteten, auch schienen sie nicht allzu eifrig mit ihren Büchern beschäftigt, denn die meisten derselben waren in augenscheinlich heitere Gespräche vertieft, während sie, auf ihren Stühlen zurückgelehnt, sich zueinander hinüberneigten. Bei dem Eintritt der beiden Gardeoffiziere vom Gefolge des Kaisers sprangen die sämtlichen Schreiber sogleich ehrerbietig auf und stellten sich, ihre Uniformüberröcke zuknöpfend, in militärischer Haltung auf, während einige von ihnen den Versuch machten, eine Terrine oder ein seines Weißbrut unter ihren Aktenheften zu verbergen.

»Wir wünschen nur einen Augenblick von Ihrem Licht Gebrauch zu machen,« sagte Wladimir, indem er mit kalt-höflichem Gruß die Hand zu seiner Mütze erhob, »um Briefe zu lesen, die wir soeben empfangen.« Einer der Schreiber brachte sogleich zwei Stühle für die Offiziere, ein anderer rückte eine Lampe heran, und Blagonow öffnete mit zitternden Händen seinen Brief, während Wladimir sich neben ihn setzte und mit prüfenden, halb strengen, halb spöttischen Blicken das Bureau und die Schreiber musterte, welche plötzlich eine fieberhafte Tätigkeit in der Zusammenstellung ihrer Bücher entwickelten und immer mehr von den lockenden Nahrungsmitteln, die so wenig mit ihrer Beschäftigung in Zusammenhang zu stehen schienen, hinter aufgehäuften Papieren verschwinden ließen.

Während Blagonow in zitternder Ungeduld Marphas Brief durchflog, dem ein kleines Billett mit der großen Handschrift des Fürsten Kudiakow beilag, das er gleichgültig beiseite geschoben hatte, drangen aus der Tiefe des Gebäudes, zu welcher eine im Hintergrunde des Bureaus befindliche Tür führen mußte, eigentümliche Töne hervor, welche mehr an die Cabinets partculiers des Restaurants Vert in Petersburg erinnerten als an die Verpflegungsbureaus einer vor dem Feinde stehenden Armee. Wie aus weiter Ferne hörte man Gläser klirren und fröhliches Lachen, unter dem sich der helle Klang weiblicher Stimmen deutlich unterscheiden ließ.

Wladimir horchte, so oft diese überraschenden Töne sich vernehmen ließen, verwundert auf, die Schreiber warfen sich verstohlene Blicke zu und bemühten sich, durch lautes Umschlagen ihrer Blätter, durch plötzliche Hustenanfälle und unruhige Bewegungen mit ihren Stühlen jene Klänge zu übertönen, ohne daß ihre Bemühungen jedoch immer den gewünschten Erfolg hatten.

»Nun,« sagte Wladimir, »bist du fertig? Ich hoffe, du wirst dich überzeugt haben, daß nichts Beunruhigendes geschehen ist«, fügte er hinzu, indem er nachlässig und langsam das Siegel seines Briefes öffnete.

»Nein,« sagte Blagonow, ohne daß seine düsteren Züge sich aufhellten, »es ist nichts geschehen, Marpha schreibt ruhig und heiter, wie es scheint. Sie bittet mich, ihr recht ausführlich mitzuteilen, wie es im Hauptquartier zugeht, damit sie im Geiste mit mir leben könne; sie erwähnt ihres früheren Verdachtes nicht. Das alles ist beruhigend und zufriedenstellend, aber dennoch«, sagte er kopfschüttelnd, »will mir ihr Brief nicht gefallen; es kommt mir vor, als ob da etwas Geheimnisvolles, Dunkles zwischen den Zeilen läge, das ich nicht fassen kann und dennoch fühle.«

»Du bist töricht,« sagte Wladimir unmutig, »wie ist es möglich, sich selbst, dem Augenschein zum Trotz, mit Phantasien zu quälen!«

In diesem Augenblick erklang von neuem das sonderbare Geräusch, welches aus einem Hinteren Zimmer herkommen mußte; noch deutlicher als vorher hörte man das Aneinanderklingen von Gläsern und lautes Gelächter.

»Da ist noch etwas für dich in Maricas Brief,« sagte Wladimir, indem er Blagonow ein kleines, versiegeltes Billett reichte, das er beim Öffnen seines Umschlages in demselben gefunden hatte, »doch nun laß uns gehen,« fügte er aufstehend mit strengem Stirnfalten und spöttischem Blick hinzu, »wir wollen diese Herren hier nicht länger stören.«

Die Schreiber befanden sich in höchster Verlegenheit; einer von ihnen war aufgestanden und, in einem Aktenhefte blätternd, nach der hinteren Tür geeilt, als ob er sich über irgendeinen Zweifel in seiner Berechnung in einem anderen Bureau Auskunft holen wolle. Aber in dem Augenblick, in dem er die Tür erreicht hatte, wurde dieselbe von der anderen Seite heftig aufgerissen, und Herr Chwoschtschinski trat schnell ein, mit der rasch aufgestoßenen Tür den Schreiber seitwärts drängend. Seine Kleidung war ein wenig in Unordnung, seine kleinen Augen glänzten in funkelndem Feuer, seine Wangen glühten, und sein Schritt schien schwankend und unsicher. Die Schreiber sahen sich erschrocken an, Herr Chwoschtschinski aber rief, unsicher mit der Zunge anstoßend:

»Bringt Licht auf den Flur – wo ist die Kiste mit dem Bordeaux für die Tafel des Hauptquartiers – ich habe da einige Extraflaschen hineingepackt, die ich einmal versuchen muß, um mich ganz genau zu überzeugen,« fügte er mit plumpem Lachen hinzu, »daß das Getränk auch wirklich für die Tafel Seiner Majestät würdig ist.«

Er ging ein wenig schwankend zwischen den Tischen hindurch und befahl einem der Schreiber nochmals, ihm zu leuchten; dieser aber, entschlossen, um jeden Preis weitere Reden zu verhindern, faßte ihn energisch am Arm und sagte:

»Sehen Sie denn nicht die Fremden hier, Herren vom Gefolge Seiner Majestät?!«

Chwoschtschinski fuhr zusammen.

Wladimir stand hochaufgerichtet da und beobachtete die eigentümliche Szene mit scharfen, durchdringenden Blicken; Blagonow saß auf seinem Stuhl, er hielt das kleine Billett, das in Wladimirs Brief enthalten gewesen, in seiner Hand und starrte, bleich wie der Tod, auf die wenigen Zeilen nieder, welche dasselbe enthielt, ohne daß er zu sehen und zu hören schien, was um ihn her vorging. Chwoschtschinski stand einen Augenblick verwirrt und unschlüssig da, dann aber gewann die ruhige Sicherheit, welche sich fast immer aus der Weinlaune zu entwickeln pflegt, wieder die Oberhand; er stieß den Schreiber, welcher seinen Arm gefaßt hatte, zurück und ging unsicheren Schrittes, mit lächelnder Miene auf Wladimir zu, machte eine tiefe, ungeschickte Verbeugung, welche Wladimir mit einem kaum merklichen, unendlich hochmütigen Kopfnicken erwiderte, und sagte:

»Ich freue mich unendlich, die hochwohlgeborenen Herren hier auf dem Bureau meines Freundes zu sehen – es ist ein glückliches Zusammentreffen, ja, in der Tat, ein sehr glückliches Zusammentreffen, daß die hochwohlgeborenen Herren gerade jetzt hierher kamen. Ich probiere da eben mit meinem Freunde – dem Vorstande dieser Abteilung hier, die Sendungen, die ich für das Hauptquartier hierhergebracht – wie das unsere Pflicht ist – unsere Pflicht und Schuldigkeit – und ich bitte die hochwohlgeborenen Herren, uns einen Augenblick die Ehre ihrer Gesellschaft zu schenken, damit Sie sich überzeugen, wie gewissenhaft wir unsere Pflicht tun.«

Die Schreiber flüsterten unruhig untereinander. Wladimirs Lippen zuckten, er schien im Begriff, Herrn Chwoschtschinski eine niederschmetternde Abfertigung zu erteilen, doch im nächsten Augenblick schon besann er sich eines andern.

»Es kann nicht schaden,« flüsterte er vor sich hin, »einmal das Treiben dieser Herren kennen zu lernen. Gut denn,« sagte er mit spöttischer Artigkeit, »wir nehmen Ihre Einladung an, mein Herr, um uns selbst davon zu überzeugen, wie vortrefflich Sie für unsere Verpflegung sorgen.«

Chwoschtschinski versuchte eine Verbeugung zu machen, was ihm indes nur mangelhaft gelang, und bat dann die Herren, ihm zu folgen, indem er zugleich einem der Schreiber befahl, einige Flaschen Bordeaux aus der auf dem Flur stehenden Kiste nachzubringen. »Er ist wahnsinnig,« flüsterte der Schreiber, indem er hinging, den Auftrag zu erfüllen, »er wird uns alle ruinieren.«

»Komm,« sagte Wladimir zu Blagonow, der immer noch wie vernichtet dasaß und das erhaltene Billett anstarrte, »wir wollen ein wenig sehen, wie es hier zugeht, das kann immerhin nichts schaden – doch, was hast du, du siehst ja ganz verstört aus?«

Blagonow fuhr wie aus einem Traume auf.

»Nichts,« sagte er schnell, indem er das kleine Billett einsteckte, »nichts, komm, laß uns gehen.«

Wie träumend folgte er Wladimir, der ihn kopfschüttelnd ansah, aber es war keine Zeit mehr zu Fragen und Erklärungen, denn bereits hatte Chwoschtschinski die Hintere Tür geöffnet und lud mit unsicheren Worten die beiden Herren ein, in die inneren Räume zu treten. Wladimir nahm Blagonows Arm und trat, an Chwoschtschinski vorbeischreitend, zunächst in ein kleines, matt erleuchtetes Vorzimmer, in weichem man nun ganz nahe die lachenden Stimmen vernahm. Ehe Chwoschtschinski noch folgen konnte, schlug Wladimir einen Vorhang von schwerem Teppichstoff auseinander und trat in einen Raum, den man bei dem äußeren Anblick des großen, hölzernen Barackenbaues kaum in demselben erwartet haben würde. Weiche Teppiche bedeckten den Boden und verhüllten das Holzwerk der Wände, von den Balken der roh zusammengezimmerten Decke hingen zwei Kronleuchter herab, deren strahlende Wachskerzen den Raum mit blendendem Licht erfüllten: breite Diwane mit schwellenden Seitenpolstern standen an den Wänden, davor befand sich eine mit dem feinsten Linnen bedeckte Tafel, auf welcher eine reiche Auswahl von allen kostbaren und seltenen Delikatessen vereinigt war, die man nur in den ersten Restaurants der Residenz hätte finden können; in Eiskühlern standen Champagnerflaschen am Boden, während eine große Anzahl geöffneter und halb geleerter Flaschen der verschiedensten und edelsten Weine auf dem Tische umherstanden.

Auf dem Diwan saß Jewjeni Mossejew in ähnlicher Verfassung wie Herr Chwoschtschinski, der Uniformüberrock der Intendantur, den er trug, stand weit offen; er hatte die militärische Binde von seinem Halse gelöst, und sein Hemd, vom feinsten, blendend Weißen Batist, auf der Brust geöffnet. Eine junge Dame in äußerst eleganter, stark dekolletierter Toilette, deren Wangen und Lippen in ihren glänzenden Farben die bei der Halbwelt der großen Städte so beliebte und wohl auch notwendige Nachhilfe der Kunst zeigten, hatte sich schmeichelnd an seine Seite gelehnt und hielt einen Kelch voll schäumenden Weines an seine Lippen; an der anderen Seite des Tisches, in der Mitte des Zimmers, hatte eine zweite, nicht minder schöne und üppige junge Dame aus den Kissen des Diwans ein breites Lager gebildet, auf welchem sie sich, eine duftende Zigarette zwischen den Lippen haltend, in einer Stellung ausstreckte, welche jedem Maler als Modell zu dem Bilde einer Odaliske hätte dienen können.

Jewjeni Mossejew hatte die Augen halb geschlossen und schlürfte langsam aus dem Kelch, den seine schöne Nachbarin ihm vorhielt, während er zugleich mit der Hand in den Locken ihres an seiner Schulter ruhenden Kopfes spielte; er bemerkte den Eintritt der beiden Offiziere durch den seitwärts liegenden Vorhang nicht eher, als bis Chwoschtschinskis rauhe und unsichere Stimme rief:

»Heda, Jewjeni, mein Freund, siehst du nicht, was für Gäste uns die Ehre ihres Besuches erweisen! Und ihr da, Criquette und Azurine, füllt die Gläser und empfangt unsere erhabenen Gäste, wie sich's gebührt.«

Jewjeni öffnete langsam seine müden Augen – dann aber fuhr er wie von einer Feder emporgeschnellt auf, versuchte den Uniformrock über der Brust zuzuknöpfen und fuhr mit der Hand nach seiner Stirn, als ob er dieselbe militärisch grüßend an seine Mütze legen wollte. Die beiden jungen Damen aber schienen durch den Besuch durchaus nicht bestürzt, im Gegenteil, bei dem Anblick der eleganten jungen Männer in den Gardeuniformen stießen sie laute Freudenrufe aus und beeilten sich, Chwoschtschinskis Ausforderung nachzukommen, indem sie zwei Kelche füllten und dieselben in ihrer verführerischsten Haltung und mit ihrem reizendsten Lächeln den beiden Offizieren präsentierten.

Blagonow schien noch nicht recht zu begreifen, wie er sich plötzlich in diesem märchenhaften Raum befinde, er blickte wie träumend umher; plötzlich aber fuhr er erschrocken zusammen, entsetzt und drohend zugleich ruhten seine Blicke auf Jewjeni Mossejew, der hinter dem Tisch hervorgetreten war, um die beiden Herren zu empfangen. Jewjeni schien bei Blagonows Anblick nicht weniger betroffen, er fuhr zurück und stammelte einige unzusammenhängende Worte; aber während er bei der Taufe des Kindes von Stephan Sacharjew in Wolotschina sich seinerseits dem jungen Offizier keck und drohend gegenübergestellt und eine freudige Genugtuung bei dem verlegenen Ausweichen Blagonows empfunden hatte, schienen jetzt die Rollen gewechselt, Blagonows Blicke hafteten fest, durchdringend und forschend auf dem jungen Menschen, der ihm unter so veränderten Verhältnissen und in so veränderter Erscheinung hier plötzlich entgegentrat – Jewjeni seinerseits aber schien sich diesen Blicken ängstlich entziehen zu wollen und suchte seinem Gesicht einen so unbefangenen Ausdruck zu geben, als ob er Blagonow noch niemals gesehen.

»Von schöner Hand,« sagte Wladimir mit einem Lächeln voll unendlicher Verachtung, während seine funkelnden Blicke im Zimmer umherschweiften und alle Einzelheiten des sich ihm darbietenden Bildes aufzufassen suchten, »von schöner Hand darf man nie einen Trunk zurückweisen. Auf Ihr Wohl, meine Damen!«

Er leerte sein Glas, auch Blagonow berührte, immer Jewjeni fixierend, das seine mit seinen Lippen.

»Nehmen Sie Platz, nehmen Sie Platz, meine Herren,« rief Chwoschtschinski, »Sie finden alles hier, was Ihnen das Restaurant Vert in Petersburg nur bieten kann, und Azurine und Criquette verstehen es vortrefflich, die Honneurs aller dieser ausgezeichneten Dinge zu machen. Nehmen Sie Platz, nehmen Sie Platz, meine Herren, wir wollen uns einen lustigen Abend machen, und Sie sollen mit uns zufrieden sein.«

Taumelnd näherte er sich Wladimir und faßte dessen Arm, um ihn zu dem Diwan hinzuziehen, Wladimir aber schleuderte ihn mit einer Bewegung voll so hochmütigen Widerwillens zurück, daß er trotz seines unklaren Geisteszustandes ganz erschrocken in einiger Entfernung stehen blieb.

»In der Tat,« rief der junge Offizier höhnisch, »es scheint, daß es den Herren von der Intendantur Seiner Majestät an nichts fehlt – hoffen wir nur, daß unsere Soldaten im Felde und unsere Verwundeten und Kranken ebenso vortrefflich bedient sind.«

»Vortrefflich – vortrefflich,« rief lachend Chwoschtschinski, dem Jewjeni vergeblich zu schweigen winkte, »jeder hat, was für ihn gut ist und was er versteht; die Soldaten draußen würden den Teufel wissen, was sie mit diesen Pasteten, diesem Sterlet und diesen Trüffeln anfangen sollten, und was die Kranken betrifft, so würde dieser Bordeaux und dieser Madeira ihre Nerven aufregen und ihnen Fieber verursachen.«

»Sie haben recht,« sagte Wladimir kalt, »jedem, was ihm gebührt – ich hoffe, daß unser Besuch hier dies nach allen Seiten hin wahr machen wird. Es ist mir sehr interessant gewesen, diesen Blick in Ihr so beneidenswertes Leben zu tun; seien Sie überzeugt, ich werde nicht vergessen, was ich hier gesehen habe.«

Er grüßte die beiden Damen, welche instinktmäßig zu begreifen schienen, daß die ganze Szene nicht ihren Hoffnungen entsprechend verlaufen möchte, mit einer leichten Handbewegung und zog, schnell hinausschreitend, Blagonow mit sich fort, in der Tür den Schreiber zurückstoßend, welcher die befohlenen Bordeauxflaschen herbeibrachte.

»Du bist wahnsinnig,« rief Jewjeni, indem er Chwoschtschinskis Arm heftig schüttelte, »du bist wahnsinnig, diese beiden Offiziere des Kaisers hierherzuführen; das kann böse Folgen haben, gerade diese beiden, die stolzesten und unzugänglichsten von allen.«

»Bah,« lachte Chwoschtschinski, indem er eine der hereingebrachten Flaschen entkorkte und die Kelche mit dem weithin duftenden Gewächs der Weinberge des Schlosses Lafitte füllte, »bah, sie sind Narren, wenn sie ein solches Glas Wein verschmähen, wie es ihnen an der kaiserlichen Tafel nicht geboten wird. Und was haben wir zu fürchten, liefern wir nicht, was man von uns verlangt – ist das Hauptquartier nicht zufrieden – können wir dafür, wenn die schlechten Wege zuweilen den richtigen Transport verhindern? – Unsere Chefs sind mächtiger als diese hochmütigen Adjutanten, und beim Teufel, ich fühle mich unter ihrem Schuhe sicherer als unter dem des Kaisers selbst.«

»Gleichviel,« sagte Jewjeni, welcher seine Klarheit vollständig wiedergewonnen zu haben schien, »gleichviel, du hättest sie nicht hierherführen sollen, man darf keine unnützen Weiterungen hervorrufen, alles muß glatt und ohne Hindernis gehen, du weißt, das ist doch der Befehl unserer Chefs.«

»Ah, mach mir noch Vorwürfe,« rief Chwoschtschinski, mit seinen breiten Lippen wohlgefällig schnalzend, nachdem er seinen Kelch geleert, »mach mir noch Vorwürfe, daß ich dir diese ausgezeichneten Dinge alle mitgebracht habe, die ich ebensogut hätte für mich behalten können, und daß ich dir diese liebenswürdige Azurine hierhergeführt habe, die auch einmal etwas vom Hauptquartier sehen wollte.«

»Und doch muß sie wieder fort,« sagte Jewjeni, »du mußt sie mitnehmen morgen mit dem Frühesten, mir ahnt nichts Gutes von diesem Besuch«, fügte er dumpf und düster hinzu.

»Ja,« rief Azurine, indem sie sich an Chwoschtschinskis Arm hing, »ja, mein unaussprechlicher Freund, dessen Name der Tod jeder menschlichen Zunge ist, ja, nimm mich wieder mit, ich habe genug von dem Hauptquartier, wenn die jungen Offiziere, auf die ich mich freute, alle so sind wie diese beiden steifen, feierlichen Pedanten, die wir eben hier gesehen, so will ich lieber bei dir bleiben oder nach Bukarest zurückgehen, wo meine gezähmten Bojaren doch noch amüsanter sind als diese Gardeoffiziere Seiner russischen Majestät – schade ist es freilich um sie, denn sie waren hübsch, sehr hübsch. Nun aber,« rief sie, »da wir morgen fortgehen, laßt uns heute immerhin noch lustig sein.«

Sie schlang von neuem ihren Arm um Jewjeni und kredenzte ihm, mit ihren Lippen den Rand des Kelches berührend, den edlen Purpurwein. Noch lagen sorgenvolle Falten auf Jewjenis Stirn, aber als Azurine sich flüsternd zu seinem Ohr neigte, als ihr heißer Atem seine Wange streifte, da verschwanden jene Falten unter ihrer weichen Hand, und während Chwoschtschinski und Criquette laut lachend im Zimmer umhertollten und sich mit den Kissen des Diwans warfen, vergaß Jewjeni seine unruhigen Befürchtungen in dem doppelten Rausch, mit dem die duftigen Geister des Weines und die feurigen Blicke der schönen Azurine ihn umhüllten.

21. Kapitel

Als die beiden jungen Offiziere, welche die Schreiber des Bureaus mit ängstlicher Höflichkeit bis vor die Tür geleiteten, durch das in nächtlicher Stille daliegende Dorf nach ihren Quartieren zurückkehrten, erging sich Wladimir in heftigen Worten über das Treiben der Verpflegungsbeamten, in welches sie soeben durch Zufall einen Blick getan. Sein ganzer Zorn loderte auf bei dem Gedanken an das üppige Souper, dessen sie soeben Zeuge gewesen, und an den asiatischen Luxus, den der unscheinbare Schuppenbau des Proviantamtes in sich barg, während man von allen Seiten aus den Lagern der Truppen her häufige Klagen über unregelmäßige Verpflegung, schlechte Beschaffenheit der Nahrungsmittel und verspätetes Eintreffen der Proviantzüge vernahm.

»Diese Mehlwürmer«, rief er grimmig, »mästen sich in sicherer Ruhe, sie leben besser als der Kaiser, während die armen Soldaten draußen darben und, wenn die schlimme Jahreszeit kommt, noch viel mehr werden zu leiden haben. Und wie viel müssen sie stehlen, um solche Orgien feiern zu können. – Aber wehe ihnen, ihr guter Stern war es nicht, der mich heute zu ihnen führte, morgen schon soll der Kaiser alles erfahren; wenn es so hier im Hauptquartier zugeht, was mögen diese Elenden erst draußen in den Feldlagern treiben, wo sie vor Entdeckung noch sicherer sind! Deine Neugier nach deinen Briefen, Feodor Michaelowitsch, war doch zu etwas gut und hat uns diese Schufte in die Hände geliefert. Apropos, was wollte denn deine Frau mit dem kleinen Billett, das sie in meinen Brief gelegt?«

Blagonow war gesenkten Hauptes neben ihm hergeschritten, ohne auf seine heftigen Zornesausbrüche irgend etwas zu erwidern.

»Es war ein Gruß,« erwiderte er mit etwas unsicherer Stimme, »den mir Marpha Nikolajewna nachschickte; sie war bei deiner Frau, als diese ihre Briefe dem Kurier gab, und konnte es nicht unterlassen, mir noch ein freundliches Liebeswort nachzusenden.«

Wladimir blieb einen Augenblick stehen und blickte bei dem matten Licht der Sterne kopfschüttelnd in Blagonows Gesicht.

»Höre, Feodor Michaelowitsch,« sagte er, »ich glaube doch in unserer heutigen materiellen Welt mit meiner Marica ein gutes Stück Romantik abgespielt zu haben, und ich glaube auch, daß ich heute noch ebenso verliebt in sie bin wie damals, als ich sie mir in den schwarzen Bergen eroberte, aber das muß ich sagen, du und Marpha übertrefft uns weit, ihr seid ja wie die girrenden Turteltauben. Nun, es ist um so besser, daß das Schicksal sich zwischen mich und Marpha gestellt hat, denn so viel Hirtenzärtlichkeit, wie ihr beide zustande bringt, hätte sie bei mir nicht gefunden.«

Lachend ging er weiter, ohne den leisen Seufzer zu hören, der aus Blagonows Brust heraufstieg, und wäre das Sternenlicht heller gewesen, so hätte er sehen können, daß seines Freundes Gesicht bei seinen Worten sich zu schmerzlicher Bitterkeit verzog. Bald erreichten sie ihre Wohnung, zwei nebeneinander liegende Zimmer in einem Bauernhause zu Bjela; ihre Diener erwarteten sie schon mit einer gewissen Unruhe, und als sie dieselben entlassen hatten, warf sich Wladimir schnell, immer noch heftig scheltend über die heillosen Intendanturbeamten, auf sein Lager, um dann bald, immer leiser sprechend, in einen tiefen, gesunden Schlaf zu versinken.

Blagonow war sinnend mit leisen Schritten im Nebenzimmer auf und nieder gegangen; als Wladimir verstummte, trat er lauschend auf die Schwelle, und als die tiefen Atemzüge des Grafen bewiesen, daß derselbe fest eingeschlafen war, schloß er leise die Tür, was er sonst nicht zu tun pflegte, und schob vorsichtig den Riegel vor. Als er sich so vor jedem beobachtenden Blick geschützt, setzte er sich an den Tisch und zog das Billett, das ihm Wladimir gegeben, hervor. Beim Schein der Kerze las er noch einmal den Inhalt, leise jedes Wort vor sich hin sprechend, als ob er sich dessen Sinn und Bedeutung ganz besonders einprägen wollte; mit flüchtiger Schrift stand auf dem kleinen Blatt von Marphas Hand geschrieben:

»In flüchtiger Eile sende ich Dir diese Zeilen bei Marica Markowna, welche sie unmittelbar in die Hände des abgehenden Kuriers legt. Wenn Du ein finsteres, verhängnisvolles Geheimnis in Deiner Brust trägst – fast ahne ich, daß dem so ist und was es ist – o mein Geliebter, so schließe es doppelt vorsichtig ein, hüte Deine Blicke und Deine Worte, denn das Verderben wacht, um in die schwarzen Abgründe der Vergangenheit das Glück der Gegenwart hinabzuziehen. Ich habe Dich in meinem Brief um häufige und ausführliche Nachricht gebeten über alles, was im Hauptquartier vorgeht; schreibe mir oft, aber ich beschwöre Dich, schreibe mir nie die Wahrheit, schreibe mir nichts von dem, was wirklich dort geschieht, nichts von dem, was ihr hofft und fürchtet – nur das eine, daß Du lebst und meiner gedenkst. Vor allem forsche nicht, frage mich nicht, tue, was ich gebeten, vertraue auf mich, später wird alles, so Gott will, licht werden; jetzt würde jede Frage, jede Nachforschung die Gefahr, die über unserem Haupte schwebt, ohne Rettung auf uns herabziehen.«

Mit düsteren Blicken starrte er lange das Blatt an, er preßte die Hände gegen seine Stirn und marterte sich vergeblich, den rätselhaften Inhalt der Zeilen zu begreifen. So viel stand fest, daß Marpha sich unter dem Druck irgendeiner geheimnisvollen Gewalt befand, vor der sie sich schaudernd machtlos fühlte, es war ihm zweifellos, daß der kalte, glatte und undurchdringliche Sacharin, der ihm stets einen unwillkürlichen Schrecken eingeflößt hatte, mit diesem Geheimnis in Verbindung stehe. Marpha hatte ihm ja ihren Verdacht mitgeteilt, daß der Intendant des Fürsten ihre Briefe öffne, er hatte ihr ein Mittel angegeben, sich über ihren Verdacht Gewißheit zu verschaffen – nun aber teilte sie ihm nichts davon mit, statt dessen bat sie ihn in dem einen Briefe um ausführliche Nachrichten und beschwor ihn in dem anderen, durch Marica gesandten Billett, niemals die Wahrheit über die Vorgänge im Hauptquartier zu schreiben; es war kein Zweifel, sie befand sich unter dem Druck eines unwiderstehlichen Zwanges, und Sacharin mußte es sein, der diesen Zwang auf sie ausübte. Aber wie war das möglich, was gab dem Diener des Fürsten eine solche Macht über die einzige Tochter seines Herrn, deren mutiger, stolzer Sinn sich so leicht vor keiner Drohung beugte?

Er fand keinen Schlüssel zu diesem Geheimnis, so sehr er sich auch abmühte, aber ein Gefühl drängte alles andere in ihm zurück, die Empörung über die geheimnisvolle, tückische, unwürdige Gewalt, deren Opfer die Geliebte war, und wild bäumte sich seine Seele bei dem Gedanken auf, daß auch er sich in willenloser Ergebung dieser Gewalt beugen sollte, immer lebhafter empfand er es als seine heilige und unabweisliche Pflicht, Marpha zu schützen und von der Pein dieses Zwanges zu befreien, immer lauter und gebieterischer vernahm er die Stimme seines Herzens, welche ihm zurief, daß sein Platz in diesem Augenblick an der Seite seiner Frau sei, daß es keine Rücksicht auf Erden geben könne, welche ihn abhalten dürfe, sie zu schützen und freizumachen von einer finsteren Macht, welche das kaum gewonnene Glück seines Lebens bedrohte. Immer mehr befestigte sich sein Entschluß, um jeden Preis nach Petersburg zu eilen und mit eigener Hand die dunklen Fäden zu zerreißen, deren Netz er aus der Ferne nicht erkennen konnte; welche Gefahr ihn und sein Glück auch bedrohen mochte, er wollte ihr lieber Auge in Auge gegenüberstehen, als sich in peinvoller Angst aufreiben.

Erleichtert atmete er auf, als er diesen Entschluß gefaßt, da aber stieg plötzlich wie ein neues Schrecknis das Bild des Jewjeni Mossejew vor ihm auf, den er so unerwartet hier als Bureauchef der Intendantur des Hauptquartiers gefunden hatte; er hatte trotz der Veränderung, welche in seiner äußeren Erscheinung vorgegangen war, den Studenten wiedererkannt, der einst in Wolotschina an seinen Wagen herangetreten war und ihm das Losungswort des geheimen Bundes zugerufen hatte, um mit ihm zu entfliehen, und der später bei dem Bauernfest im Dorfe ihm abermals, wie höhnend und drohend, das verhängnisvolle Wort zugeflüstert hatte, zum Beweise, daß er ihn und das Geheimnis seiner Vergangenheit kenne. Er selbst hatte diese Vergangenheit zu vergessen gesucht und sie wie einen finster mahnenden Schatten zurückgedrängt, wenn sie aus den Tiefen seiner Erinnerung emportauchte; nun stand sie plötzlich drohend wieder vor ihm in der Gestalt dieses Menschen, der schon zweimal seinen Lebensweg gekreuzt hatte – und wie kam es, daß er diesen armen, verfolgten Studenten, den er einst in nächtlicher Flucht aus dem Gefängnis fortgeführt, jetzt hier in einer solchen Vertrauensstellung im Hauptquartier in der unmittelbaren Nähe des Kaisers wiederfand? Auch hier mußte wieder eine geheimnisvolle, dunkel wirkende Macht tätig sein, und diese Macht bedrohte nicht ihn allein, er kannte die Grundsätze, die erbarmungslose Konsequenz des Bundes, dem er sich einst in der Erbitterung gegen die Gesellschaft angeschlossen hatte, und er konnte nicht zweifeln, daß der Student von Wolotschina nur hier war, um den geheimen Absichten der furchtbaren Bundesmacht zu dienen; durfte er, der so wunderbar gerettet war, der dem Kaiser die glückliche Wiedergeburt seines Lebens dankte und durch seinen Eid als Offizier ihm verpflichtet war, die furchtbare Gefahr unbeachtet lassen, welche jedenfalls mit Jewjeni Mossejews Anwesenheit im Hauptquartier zusammenhing? – Aber wenn er diese Gefahr enthüllte, wenn er vor ihr warnte, so mußte er ja zugleich den Schleier von seiner eigenen Vergangenheit ziehen, seine neue Existenz zerstören, sein Glück vernichten und Marphas junges Leben mit erbarmungslosem Todesstoß treffen. Schaudernd fühlte er, daß ihm dazu der Mut fehle, auch mußte er sich sagen, daß seine vorzeitige Anzeige ein zweckloses Opfer sein würde, denn der Bund konnte tausend andere Werkzeuge finden, um an Jewjenis Stelle seine Absichten zu erfüllen; besser war es, den Studenten zu beobachten, sorgfältig und unablässig zu bewachen, um dann, wenn etwas wirklich Faßbares in seine Hand kam, dazwischenzufahren und das Verderben abzuwenden. Doch wenn er hierblieb, wenn er dies schwere Wächteramt übernahm, so mußte er Marpha allein und ohne Schutz lassen, hier und dort standen ihm gleich drohende Gefahren, gleich entsetzliche Geheimnisse gegenüber. Angstvoll rang er die Hände, ratlos blickte er aus seinem Fenster zum Himmel auf, an welchem allmählich die Sterne vor dem heraufdämmernden Tageslicht zu verblassen begannen.

Plötzlich schien ihm ein Gedanke zu kommen, er verließ sein Zimmer und stieg auf den Bodenraum des Hauses, wo die Dienerschaft ihre Lagerstätten hatte; auf wollenen Decken, ein Strohkissen unter dem Kopf und mit seinem Mantel bedeckt, lag Stephan Sacharjew in tiefem Schlafe, ein glückliches Lächeln schwebte auf seinen Lippen, der Traum mochte ihm das heimische Haus zeigen und Eva Michaelowna, seine Frau, mit dem kleinen Wladimir Stephanjew auf dem Arm. Er war wohl glücklicher als all die vornehmen Herren im Hauptquartier, keine Sorge lastete auf seiner Seele, die Trennung wurde aufgewogen durch das stolze Gefühl, seinem Herrn zu dienen, der so hoch in der Gnade des Kaisers stand, in ihm kam kein Zweifel auf an dem glänzenden Siege der russischen Waffen über die Heiden, und leuchtend strahlte ihm der Tag der Zukunft entgegen, an dem er, aus dem ruhmvollen Feldzuge heimkehrend, geehrt und beneidet von dem ganzen Dorfe, sein Weib und sein Kind wieder in seine Arme schließen würde.

Blagonow berührte die Schulter des Schlafenden, aber es war nicht leicht, ihn zu erwecken, und nachdem er ihn kräftig geschüttelt hatte, fuhr Stephan empor. Unwillkürlich griff er nach dem neben seinem Bett liegenden Säbel, und erst nach einigen Augenblicken erkannte er im trüben Dämmerlicht den jungen Offizier, der ihm schweigend winkte zu folgen. Mit dem mechanischen Gehorsam des Soldaten und des in den patriarchalischen Verhältnissen seines Dorfes aufgewachsenen Bauern sprang er auf, warf seinen Mantel über und stieg hinter Blagonow die Treppen herab, ohne daß einer der übrigen neben ihm schlafenden Diener erwacht wäre. In dem einfachen, kleinen Garten des Hauses setzte sich Blagonow auf eine Bank; Stephan Sacharjew war durch die frische Morgenluft völlig ernüchtert und stand mit weit geöffneten Augen vor ihm.

»Du erinnerst dich,« sagte Blagonow umherspähend, ob niemand in den Gebüschen verborgen sei, »des Studenten Jewjeni Mossejew aus Wolotschina, dessen Vater dir früher deine Frau nehmen wollte.«

»Ja, gnädiger Herr,« erwiderte Stephan Sacharjew, indem sein Gesicht sich finster zusammenzog, »ich habe mich zwar mit ihm und seinem Vater versöhnt, weil der Starost und der Vater Christophor es so wollten, aber es ist ein böser Bube, und der Alte hat auch nichts Gutes in seinem Herzen, und so aufrichtig kann ich ihnen doch nicht vergessen, was sie Böses getan.«

»Nun,« sagte Blagonow, »du erinnerst dich auch, daß jener Jewjeni schlimme und aufrührerische Reden geführt hat gegen deine Herrschaft, gegen den großen Zaren und gegen die heilige Kirche selbst.«

»Jawohl,« rief Stephan Sacharjew, indem er drohend die geballte Hand erhob, »ich erinnere mich ganz gut, und an mir hat es nicht gelegen, daß er damals nicht den Gerichten überliefert worden, als der Teufel, dem seine Seele verfallen ist, ihn aus der schwarzen Isba entführte.«

»Du hast recht,« sagte Blagonow mit dumpfem Ton, »der Teufel, der im Dunkeln herrscht und die Seelen der Menschen fängt, hat sich ihn erwählt zum Werkzeug seiner finsteren Tat. So höre, Stephan Sacharjew, jener Jewjeni Mossejew ist hier in der Nähe – in der unmittelbaren Nähe des großen Zaren, den er einst gelästert, gegen den er den Aufruhr gepredigt.«

»Hier?« rief Stephan erschrocken; »das ist ja unmöglich – wie käme er hierher von der hohen Schule in Petersburg? – Oder hat der Himmel seine Seele gerettet, will er sein Unrecht und seine bösen Gedanken sühnen, hat er die Waffen ergriffen im Kampf für den Zaren und das heilige Rußland?«

»Nein, Stephan,« sagte Blagonow, »er ist nicht Soldat, er ist dort in den Bureaus der Intendantur, wo sie Brot für die Soldaten verteilen –«

»Und wo sie oft die braven Soldaten hungern lassen,« rief Stephan knirschend, mit zornfunkelnden Blicken, »oh, da gehört er hin, alle diese Mehlwürmer gehören dem Teufel und mästen sich von dem Brot, das unser guter Vater, der Zar, für seine tapferen Soldaten bestimmt.«

»Das ist nicht alles, Stephan,« sagte Blagonow, »du weißt, welch böse Gedanken jener Jewjeni in sich trug, und ich glaube, daß sie ihn heute noch erfüllen, wenn er sie auch listig und tückisch verbirgt.«

»Das glaube ich auch«, rief Stephan; »denn wen der Teufel einmal gefaßt hat, den läßt er so leicht nicht wieder los.«

»Nun,« sagte Blagonow, so wirst du begreifen, daß es gefährlich ist, wenn ein Mensch wie Jewjeni hier im Hauptquartier so nahe der geheiligten Person des Zaren sein Wesen treibt.«

»Jawohl, jawohl,« rief Stephan, »das ist gefährlich, das darf nicht sein, man muß ihn niederschlagen, man muß ihn dem Kriegsgericht übergeben!«

»Nicht so,« sagte Blagonow, »er hat nichts getan, was ihn strafbar macht, und wenn du ihn niederschlügest ohne Grund, so würdest du selbst schwerer Strafe verfallen, niemand kann ihn richten wegen der bösen Gedanken, die er in sich trägt, die du kennst, wie ich sie kenne, die er aber leugnen wird und die man ihm nicht beweisen kann. Man muß ihn überführen, man muß entdecken, was er treibt und was er beabsichtigt, dazu gehört List und Wachsamkeit –«

»List und Wachsamkeit«, wiederholte Stephan Sacharjew leicht; er schien noch nicht zu begreifen, seiner offenen, ehrlich derben Natur lag der Gedanke fern, daß man einen Feind nicht ohne Umstände niederschlagen, einen Aufrührer nicht ohne weiteres den Gerichten überliefern solle.

»Wenn man entdeckte,« fuhr Blagonow fort, »was er treibt, wenn man Beweise gegen ihn hätte, so würde man nicht nur ihn selbst sicher fassen, sondern auch vielleicht die Genossen seines Treibens finden und großes Unheil von dem Haupte des Zaren und dem heiligen Rußland abwenden. Ich muß vielleicht das Hauptquartier für einige Zeit verlassen, aber ich möchte die Gewißheit mit mir nehmen, daß ein treues Auge über den Werken der Finsternis wacht, mit denen jener Jewjeni zusammenhängt. Du bist der Mann dazu, Stephan Sacharsew, dir möchte ich die Sorge übergeben, die mich bewegt; willst du mir versprechen, wenn ich nicht hier bin – und ich denke nicht lange fortzubleiben – willst du mir versprechen, Jewjeni Mossejew auf allen seinen Wegen zu folgen wie sein Schatten, zu erspähen, was er tut, wohin er geht, mit wem er verkehrt? – denn so allein ist es möglich, seine bösen Gedanken zu ergründen und seine bösen Anschläge unschädlich zu machen. Wenn du ihn dann auf falschem Wege ertappst, wenn du irgend etwas entdeckst, dann faß ihn und halte ihn fest, aber so lange hüte dich, daß er nichts bemerkt, daß er keinen Verdacht hegt, der ihn vorsichtig macht – willst du mir das versprechen, Stephan?«

»Ich verspreche es, Herr,« rief Stephan Sacharjew, indem er die Hand erhob, »ich schwöre es bei der heiligen Mutter Gottes, die mein Weib und Kind beschützt. Ich will seiner Spur folgen, wie der Fuchs dem Hasen, leise will ich ihn umschleichen, bis der Augenblick kommt, da ich ihn fassen kann, und dieser Augenblick wird kommen, denn ich bin gewiß, wo Jewjeni Mossejew ist, da hat der Teufel seine Hand im Spiel.«

»Gut,« sagte Blagonow, »du hast mir geschworen, und ich weiß, du wirst es halten. Aber noch eins, niemand darf davon etwas erfahren, auch dein Herr nicht, der Graf Wladimir Ossipowitsch; er würde sich unnütz Sorge machen, sein Herz ist zu gut, er vertraut den Menschen, er glaubt nicht an das Böse, und vielleicht würde teuflische List ihn bestricken.«

»Das ist wahr, gnädiger Herr, das ist wahr,« rief Stephan, »der Graf ist so gut und so treu wie das Sonnenlicht – er soll nichts erfahren, bis die Zeit gekommen ist, daß er glauben muß, jetzt würde er mich doch vielleicht nur schelten wegen meines Mißtrauens.«

»Du siehst, Stephan,« sagte Blagonow aufstehend, »daß Gott auch niedere Menschen zu großen Dingen auserwählt; deiner Wachsamkeit und Treue ist es gegeben, den Zaren und das Vaterland vor den bösen Anschlägen finsterer Mächte zu schützen – vergiß das keinen Augenblick; und nun kehre zurück zu deinem Lager, niemand darf wissen, daß ich hier mit dir gesprochen.«

Er ging in das Haus zurück, ganz stolz stieg Stephan die Treppen zum Boden hinauf.

Die Nacht verschwand vor dem immer heller aufleuchtenden Purpurstreifen am Morgenhimmel, und als die ersten Strahlen der Sonne über den Horizont emporschossen, legte sich Blagonow zu kurzem, von unruhigen Träumen unterbrochenem Schlummer nieder.

Nach wenigen Stunden war das ganze Lager wach. Blagonow teilte Wladimir, der ganz heiter und fröhlich seine Toilette machte, um sich zum Frühstück in das große kaiserliche Zelt zu begeben, mit, daß er den Entschluß gefaßt habe, sogleich nach Petersburg zu gehen, um sich zum Dienst bei seinem Regiment zu melden, denn da dasselbe nun ins Feld rückte, zieme es sich nicht für ihn, untätig im Hauptquartier zu bleiben.

Wladimir lachte.

»Du hast im Grunde recht,« sagte er, »und vielleicht würde ich ebenso handeln wie du, wenn auch mein Regiment marschierte; aber«, fügte er, mit dem Finger drohend, hinzu, »ich glaube doch, daß bei deinem Entschluß die Sehnsucht nach deiner Frau ein wenig mitspielt, denn du könntest dich ja deinem Regiment auch hier anschließen, aber freilich, dann würde mein tapferer Hektor keinen Abschied von Andromache nehmen können.«

Blagonow ließ die Neckereien seines Freundes ruhig über sich ergehen, und bald traten beide in das kaiserliche Frühstückszelt, in welchem bereits ein großer Teil des Gefolges versammelt war. Blagonow bat den Flügeladjutanten vom Dienst um eine Audienz bei Seiner Majestät, und als dieselbe schnell gewährt wurde, billigte und gewährte der Kaiser sogleich den Wunsch des jungen Offiziers, sich seinem Regiment bei dessen Ausmarsch aus Petersburg anzuschließen.

Wladimir hatte inzwischen dem General Rylejew seine Erlebnisse des gestrigen Abends in den Bureaus der Intendantur mitgeteilt; der General zuckte die Achseln und sagte:

»Man ist es ja gewohnt, daß diese Herren sich ihr Metier so angenehm als möglich machen, und ganz läßt sich das nicht abschaffen; allein was Sie gestern gesehen und gehört, ist in der Tat ein wenig zu stark; wenn es so in der unmittelbaren Nähe des Hauptquartiers zugeht, was soll denn draußen geschehen, wo gar keine Kontrolle besteht! – Ich danke Ihnen und werde sogleich an den Höchstkommandierenden eine Anzeige ergehen lassen, damit die Untersuchung eingeleitet wird.«

Wladimir war ein wenig niedergeschlagen und enttäuscht; nach seinem Gefühl hätte man die beiden Intendanturbeamten sogleich verhaften oder mindestens absetzen und nach Petersburg zurückschicken müssen – freilich sah er doch ein, daß das nicht ohne eine vom Oberkommando zu führende Untersuchung möglich sei, und so hatte er in seiner leicht beweglichen Natur bald die ganze Sache, die ihn so tief empörte, vergessen, zufrieden damit, daß er das Seinige getan, soweit er es vermochte.

Blagonow hatte schnell seine Reisevorbereitungen getroffen; er drückte Wladimir, der ihm tausend Grüße an Marica auftrug, zum Abschied die Hand, als er in seinen leichten Jagdwagen stieg, und legte wie zufällig den Finger auf den Mund, indem er dem hinter seinem Freunde stehenden Stephan Sacharjew einen Abschiedsgruß zunickte. Dann fuhr er, von schmerzlicher Unruhe bewegt, auf der Straße nach Simnitza davon.

Wie über das siegesfrohe Rußland selbst schwarze Wolken emporgezogen waren, so türmten sich auch gegen den Frieden und das Glück seines eigenen Lebens drohende Wetter auf, und sein Herz schnürte sich zusammen unter der bangen Frage, ob ihm je das helle Sonnenlicht, das so kurze Zeit sein Leben erleuchtet, wieder aufgehen werde.

22. Kapitel

In dem äußerst einfachen Kabinett seiner Wohnung in dem Palais des Fürsten Kudiakow-Newolenski saß der Intendant Sacharin vor seinem mit Aktenheften, Rechnungsbüchern und Briefen bedeckten Schreibtisch.

Das Zimmer enthielt außer diesem großen Tisch nur noch einige Lehnstühle, große Repositorien, mit Büchern und Papieren gefüllt, und einen mächtigen, feuerfesten Geldschrank, in welchem die unmittelbar disponiblen Geldsummen niedergelegt waren.

Herr Sacharin war ernst, kalt und gemessen wie immer, er übertrug mit geschäftsmäßiger Ordnung und Pünktlichkeit eine Zahl nach der andern aus einer Reihe übereinandergelegter Quittungen in das große Hauptbuch und war so tief in diese Arbeit versenkt. daß er kaum den Diener bemerkte, der ebenso ehrerbietig und vielleicht noch scheuer in das Kabinett des allmächtigen Sekretärs trat, als er vor dem Fürsten selbst erschienen wäre.

»Der Baumeister Martinow bittet den Herrn Sekretär um Gehör«, sagte der Diener. »Er kommt wegen des Baues eines Arbeiterhauses auf der fürstlichen Domäne Dwinowo, wie er sagt.«

»Ich weiß,« sagte Sacharin kurz, indem er die Meldung des Dieners mit einer ungeduldigen Bewegung unterbrach, »es ist richtig, führe den Herrn Martinow herein.«

Er legte die Feder zur Seite und lehnte sich in seinen hölzernen Schreibstuhl zurück, um den Angemeldeten zu erwarten. Nach einigen Augenblicken führte der Diener einen Mann von etwa fünfzig Jahren in einfachem, schwarzem Überrock, von etwas gebückter Haltung, mit einem scharfen, etwas kränklichen Gesicht und kurzen, grauen Haaren ein. Der Baumeister trug eine goldene Brille, und man sah deutlich, daß seine hinter den Gläsern etwas zusammengedrückten Augen schwach und kurzsichtig sein mußten. Er verbeugte sich mit der ehrerbietigen Unterwürfigkeit, welche bei einem Geschäftsmanne dem Verwalter des großen fürstlichen Vermögens gegenüber natürlich war, während Herr Sacharin mit kalt zurückhaltender Herablassung seinen Gruß erwiderte – aber kaum war der Diener hinausgegangen, als der demütig gebeugte alte Mann sich hoch aufrichtete, seine Brille abnahm und lachend sagte:

»Nun, Paul Andrejewitsch, wie findest du meine Maske? Ich glaube, jeder Schauspieler könnte von mir lernen, und die Spürhunde des allwissenden Herrn Mesenzow werden in diesem harmlosen Baumeister Martinow, der sich so demütig um die Kundschaft des hochloyalen Fürsten Kudiakow bewirbt und dessen Papiere so vollständig in Ordnung sind, wohl niemals den staatsgefährlichen Hochverräter Boris Jossisowitsch erkennen.«

»Bah,« sagte Sacharin, »es bedarf kaum der Verkleidung für diese alberne Polizei, deren eine Hälfte in unserem Solde steht, während die andere auf die harmlosesten Schwätzer Jagd macht. Doch warte,« sagte er aufstehend, »wenn wir auch die Blicke der Polizei nicht zu fürchten haben, so müssen wir uns doch vor unberufenen Ohren in acht nehmen.«

Er öffnete weit die beiden Türen des Kabinetts, deren eine nach einem großen, einfach möblierten Salon, die andere nach dem geräumigen Schlafzimmer führte.

»Und die Wände?« fragte Boris Jossisowitsch.

»Ich bin bei mir,« sagte Sacharin, »und du wirst begreifen, daß ich auch die Mauern, die Fußböden und die Decken meiner Wohnung genau kenne, habe ich doch sechs Agenten des Herrn Mesenzow hier im Palais, welche alle Gespräche der Domestiken belauschen und täglich der dritten Abteilung über die eifrige Dienstbereitschaft berichten, welche der Sekretär des Fürsten Kudiakow den Wünschen der Behörde entgegenträgt.«

Boris Jossisowitsch nahm auf einem Sessel neben dem Schreibtisch Platz, und obgleich er jetzt in seiner Haltung und seiner Sprache jede Verstellung aufgab, so war doch seine durch seine Schminke und eine täuschend gearbeitete Perücke hergestellte Maske so täuschend und natürlich, daß niemand in diesem einfachen alten Mann den eleganten modischen Weinreisenden wiedererkannt haben würde, welcher einst im Restaurant Vert mit dem Intendanten des Fürsten Kudiakow, seine Lieferungen verabredet hatte.

»Du hast mich gerufen,« sagte er, »was gibt es? Ich habe geglaubt, daß wir nach unserer früheren Verabredung jetzt nichts zu tun hätten als abzuwarten.«

»Die Zeit des Wartens ist vorbei,« erwiderte Sacharin, »der Augenblick des Handelns ist gekommen; doch habe ich es für nötig gehalten, vor dem Schlage, den wir jetzt zu führen haben, mich mit den Brüdern draußen durch dich zu verständigen, damit jeder weiß, was zu tun ist, und alle gemeinsam handeln, um die Frucht zu pflücken, welche schneller gereift ist, als ich glaubte.«

»Einen Schlag jetzt,« fragte Boris Jossifowitsch, »in diesem Augenblick, in welchem die ganze Armee unter den Waffen steht und das ganze Volk voll nationaler Begeisterung die Regierung umgibt, nichts anderes sinnend und träumend als nationale Größe? Wir alle sind niedergedrückt, und ich kann dir nicht verhehlen, daß die Brüder fast alle bedauern, daß wir diesen Krieg nicht verhindert haben, als es noch in unserer Macht lag.«

»Wir hatten recht,« erwiderte Sacharin, »der Erfolg beweist es, der schneller gekommen ist, als ich selbst es vermutete. Die Armee ist unter den Waffen, das ist richtig, aber sie ist festgehalten weit außerhalb der Grenzen des Reiches; die Garden haben den Befehl erhalten, nach dem Kriegsschauplätze abzugehen die letzte waffenfähige Mannschaft wird überall ausgehoben, um aus dem Lande geführt zu werden, das Volk ist begeistert für den Zaren, weil es von demselben Ruhm und glänzende Siege erwartet.«

»Und was sollen wir tun?« fragte Boris Jossifowitsch kopfschüttelnd.

»Schlagen,« erwiderte Sacharin, »und mit einemmal wird alles uns gehören, was wir erst in langer Arbeit mühsam zu erringen hofften. Die Siegesnachrichten«, fuhr er fort, »haben das ganze Volk in seinen Tiefen erregt, der unerwartete Übergang über den Balkan hat alles berauscht, man erwartet weitere größere Siege und träumt schon von der Eroberung Konstantinopels, welche Rußland den Schlüssel der Weltherrschaft in die Hand geben soll. Nun aber hat die Torheit der Regierenden, welche stets unsere beste Verbündete ist, den geträumten Sieg gefährdet, ja fast unmöglich gemacht; ein gewaltiges türkisches Heer steht bei Plewna mitten in den russischen Aufstellungen, die Armee kann nicht weiter vorrücken, oder wenn sie es tut, wird sie in kurzer Zeit vernichtet sein. Der an die Garden ergangene Befehl beweist, in welcher Not man sich im Hauptquartier befindet, aber auch die Garden werden nicht genügen, um die Schuld der törichten Sorglosigkeit wieder gutzumachen. Ich habe den Gang des Krieges sorgfältig studiert und weiß genau, was im Hauptquartier vorgeht; in kurzer Zeit wird die russische Armee von drei Seiten angegriffen sein, und wenn es ihr wirklich gelingt, sich wieder freizumachen, so wird darüber eine lange Zeit vergehen, eine Zeit voll ungeheurer Opfer, schwerer Verluste und bitterer Demütigungen. Unendlich schnell wird die jetzige Volksstimmung in ihr Gegenteil umschlagen, sobald die verzweiflungsvolle Lage der Armee in ihrer ganzen Wahrheit überall bekannt sein wird.«

»Ich gebe zu,« erwiderte Boris Jossifowitsch, »daß du recht hast, ich weiß, wie gut du unterrichtet bist und wie scharf du zu rechnen verstehst – aber wenn alles wirklich so geschieht, so wird das nationale Gefühl um so begeisterter aufwallen – das Unglück stärkt die Monarchie, wie das Jahr 1813 beweist.«

»1813 ist nicht 1877,« erwiderte Sacharin, »und wir haben diesmal keinen feindlichen Eroberer im Lande, der das Volk in seinen innersten Gefühlen verletzt, wir haben es mit einem unnütz begonnenen und töricht geführten Krieg zu tun, für den die Regierung die Verantwortung trägt, dessen unglückliche Wendung ihr allein zur Last fällt; das Gefühl des Volkes schließt sich nur an den Zaren, den man liebt und in dem man den Befreier der Bauern verehrt. Nun wohl,« sagte er, die Stimme dämpfend, »der Augenblick ist gekommen, in welchem der Zar verschwinden muß, die Maschine ist genügend zerrüttet, um auseinanderzufallen, sobald ihr Mittelpunkt, die einzig treibende Feder, ihr genommen ist.«

Boris Jossifowitsch fuhr erschrocken zusammen.

»Der Zar muß verschwinden?« fragte er – »du denkst den Zaren zu treffen in diesem Augenblick inmitten seiner Armee? – Ganz Rußland würde sich erheben in einem einzigen Racheschrei.«

»Ganz recht,« sagte Sacharin kalt, »aber gegen wen würde diese Rache sich richten? – Zunächst gegen den Mörder des Zaren – das Werkzeug muß der großen Sache geopfert werden – dann aber wird das Chaos beginnen, das Chaos, welches wir beherrschen, das wir zu einem neuen Weltbau ordnen werden, nachdem die Trümmer des Bestehenden hinweggeschwemmt sind; der Racheschrei wird sich richten gegen die herrschenden Personen und die herrschenden Klassen, welche das Volk um seine Siegeshoffnung betrogen und das Blut so vieler Taufende unnütz vergossen haben. Nach jeder Niederlage sucht man die Schuldigen – haben die Franzosen nicht jeden geschlagenen General zum Verräter gestempelt? – Und bei uns würde das nicht einmal falsch, nicht einmal ungerecht sein; der neue Kaiser selbst würde an die Schuld aller derer glauben, welche bisher regierten, und der Schmerz über den Tod seines Vaters würde seinen Zorn nur steigern, er wird in der wilden Erregung des Augenblicks das Werk vollenden und alles zertrümmern, was von der alten Maschine nach ganz ist, er ist von Aksakows Ideen erfüllt, er wird von neuen Einrichtungen Hilfe in der Not suchen, er wird diese Einrichtungen dekretieren, aber nicht die Macht haben, sie auszuführen, und seine Dekrete werden die Erregung des Volkes nur bis zur Siedehitze treiben; er wird, von den Feinden eingekeilt, vor allem kämpfen müssen, um den Sieg zu erringen, vielleicht um die Existenz zu erhalten, und verließe er selbst die Armee, käme er in das Land zurück, so wird er einsam auf einem Vulkan mit tausend Kratern stehen, und den Ausbruch dieses Vulkans werden wir lenken und beherrschen. Petersburg gehört uns, sobald die Garden nicht mehr da sind, die Armee wird auseinanderfallen auf den bulgarischen Schlachtfeldern, und das ganze Volk wird ratlos und verzweifelt der einzigen festen Fahne folgen, die es noch aufrecht sieht, diese Fahne aber wird die unsere sein; lassen wir diesen Augenblick vorübergehen, so wird nie ein ähnlicher sich bieten.«

»Ein Mord,« sagte Boris Jossifowitsch schaudernd – »ein Mord an einem Mann, der im Grunde gut ist, der das Volk liebt und der keine andere Schuld hat, als daß er als unumschränkter Herrscher geboren ist!«

»Haben wir dieser Rasse nicht Vernichtung geschworen, ist ihre Vernichtung nicht notwendig, um die Menschheit zu befreien und glücklich zu machen? – Auch du wirst schwach, wenn es gilt, zu handeln und zu tun, was wir längst als unerbittliche Notwendigkeit erkannt haben! Auch ich verwerfe und verabscheue den Mord, wenn er unnütz ist, wenn er keinen weiteren Zweck erfüllt als die Vernichtung eines einzelnen Feindes; aber keine Faser meines Nervensystems zuckt in unwürdiger Schwäche, wenn ich die Notwendigkeit vor mir sehe, einen Menschen zu vernichten, um das ganze Menschengeschlecht glücklich zu machen – darf denn das Mitleid einen Platz finden in unserer Arbeit? Würden denn jene, die wir bekämpfen, weil sie die Freiheit der Welt unterdrückten, Mitleid mit uns haben – würde die Hand dieses Kaisers selbst, den du für gut hältst, von dem du sagst, daß er sein Volk liebt, würde diese Hand zucken, wenn es sich darum handelte, das Todesurteil über einen von uns zu unterzeichnen?«

Boris Jossifowitsch seufzte.

»Du hast recht,« sagte er, »du hast recht, aber ich kann meinem Herzen nicht verbieten, daß es nicht zuweilen menschlich fühlt auch für diejenigen, welche unsere Feinde sind.«

»Ich weiß, daß dein Sinn fest ist und dein Wille stark,« erwiderte Sacharin – »aber«, fügte er mit strengem Vorwurf hinzu, »du mußt es lernen, auch deine Nerven zu beherrschen, denn es kann verhängnisvoll werden, wenn eine einzige dieser Fasern im entscheidenden Augenblick den Dienst versagt; ich würde meinen Bruder zerschmettern, wenn er im Augenblick der notwendigen Tat zögerte und schwankte.«

»Du bist stark,« sagte Boris, indem er mit scheuer Bewunderung in das unbewegliche, gleichmäßige Gesicht Sacharins blickte, »aber sei überzeugt, auch ich werde niemals fehlen, wo es gilt, für unsere Sache mit ganzer Kraft und vollem Willen einzutreten. Du bist also der Meinung, daß wir jetzt schlagen, den Zaren treffen müssen, um mit einem Male in kühnem Fluge unser Ziel zu erreichen, während die russische Macht am Balkan und an den Erdwällen von Plewna zerschellt. Deine Gründe haben mich fast überzeugt; wenn es gelingt, wie du es berechnet hast, so wird freilich Rußland unser sein, und unser Reich wird beginnen über der schnell versunkenen Vergangenheit; wir werden Zeit haben, unsere Gesellschaft aufzubauen, denn kaum möchten die monarchischen Mächte Europas es wagen, sich in unsere Angelegenheiten zu mischen, und wenn sie dennoch es unternehmen sollten, so würden sie noch schneller und noch vernichtender zurückgeschlagen werden, als ihnen dies einst von dem zur Freiheit erwachten Frankreich widerfuhr, und hinter ihren versprengten Heeren her würde die Revolution vom Osten aus noch sicherer ihren Siegeslauf durch die Welt unternehmen, als sie dies damals vom Westen her tat. Aber wenn nun dennoch deine Berechnung dich täuscht, wenn der Schlag dennoch nicht die Wirkung hätte, die wir erwarten, oder wenn er mißlänge, würden dann nicht die Folgen für uns verderblich sein – dürfen wir unsere große, heilige Sache, deren Sieg wir so lange vorbereiten, in einem einzigen Wurf wagen?«

»Wir wagen nichts,« erwiderte Sacharin im Tone sicherer Überzeugung, »und sollten wir wirklich diesmal nicht zum vollen, endgültigen Siege durchdringen, so wird die grenzenlose Verwirrung, die Sprengung des ganzen Räderwerks der Staatsmaschine uns wenigstens dem Siege um ein Menschenalter näher führen. Und sollte der Schlag mißlingen, so wird der erschrockene, eingeschüchterte Zar selbst die Verwirrung noch vermehren und uns in die Hände arbeiten. Übrigens möchte ich dafür stehen, daß der Schlag nicht mißlingt«, fuhr er mit ruhig sicherem Lächeln fort; »ich habe dafür gesorgt, daß unser Arm bis in das Hauptquartier reicht, und daß uns der Weg offen steht bis vor das Zelt des Kaisers. Die fortschreitende Wissenschaft hat sich in unseren Dienst gestellt – die Kugel und der Dolch sind trügerisch, das Gift entzieht sich der Berechnung und hängt oft vom Zufall ab – aber das Dynamit ist sicher, es verwundet nicht und tötet nicht, es vernichtet und zersprengt sein Opfer in Atome – das ist unsere Waffe, denn auch wir wollen ja die alte Gesellschaft zersprengen und ihre Atome in dem leeren Raum zerstreuen lassen; die Hand eines Kindes, das einen Federball werfen kann, genügt, um mit dieser neuen Waffe der Wissenschaft ein Bataillon vom Erdboden verschwinden zu lassen. Sieh hier,« sagte er, indem er die Schublade seines Schreibtisches öffnete und aus derselben eine kleine Kugel von starkem Glase hervorzog – »sieh hier, dieser leichte Ball, zu den Füßen des Zaren niedergeworfen, genügt, um ihn zu vernichten, und du wirst begreifen, daß ein einzelner Mann wenigstens sechs solcher Bälle schleudern kann, bevor man imstande sein wird, ihn daran zu hindern.«

Boris beugte sich unwillkürlich schaudernd rückwärts.

»Die Kugel ist nicht gefüllt,« sagte Sacharin mit kaltem Lächeln, »aber die Sprengmasse würde sie nicht schwerer machen. Du siehst, ich habe an alles gedacht, und es müßte ein sonderbar unglücklicher Zufall sich uns entgegenstellen, wenn der Schlag mißlingen sollte. Ich bin nicht zum Verschwörer gemacht,« sagte er finster und hart, »ich weiß wohl, daß manche von den Brüdern einen Reiz darin finden, im Dunkeln Fäden zu knüpfen und wieder zu lösen, in kleinen Streiten ihre Macht zu zeigen, das ist nicht meine Sache – ich will auf das Ziel losgehen, ich will mit einem Schlage den Preis des Kampfes erringen, um womöglich auch meinerseits noch teilzunehmen am Genuß der Frucht des Sieges.«

Boris betrachtete sinnend die Glaskugel, welche Sacharin ihm gereicht hatte.

»Diese Kugel«, sagte er, »ist ein Werkzeug, aber um sie sicher treffen und vernichten zu lassen, ist eine Hand erforderlich, die sie schleudert – hast du eine solche Hand, bist du gewiß, daß sie nicht zittert und in sicherem Wurf ihr Ziel treffen wird?«

»Ich habe sie,« erwiderte Sacharin, »sie ist bereit, die Waffe zu schleudern, und daß der Wurf fest und sicher treffen wird, dafür bürgt mir die Furcht, das beste Mittel, die Menschen zu regieren, solange noch das tausendjährige Gift des Despotismus in ihrem Blute steckt, solange sie nicht in der neuen Gesellschaft zur Freiheit erzogen wird. Derjenige, in dessen Hand ich diese Kugel legen werde, wird wissen, daß auf dem Ungehorsam der Tod steht, daß er verloren ist, wenn er schwankt und zögert, und nur sein Leben retten kann, wenn er sicher und vernichtend trifft – da er das weiß, so wird er nicht schwanken, er wird sicher treffen, und die Furcht wird ersetzen, was leider der Mut und der Wille bei den wenigsten Menschen des heutigen Geschlechtes vermag.«

»Ich sehe,« sagte Boris, »du bist auf alles gefaßt, auf alles vorbereitet. Gut denn, ich beuge mich deinem Willen – was habe ich zu tun?«

»Nichts, um die Tat zur Ausführung zu bringen,« erwiderte Sacharin – »viel, ja alles vielleicht, sobald sie geschehen ist. Du weißt, daß die bedeutendsten und hervorragendsten unserer Brüder im Auslande sind, eile zurück nach London, vereinige sie schnell, laß sie sich bereithalten, um hier zu sein, sobald der Schlag gefallen ist. Zum ersten Male werden wir dann nicht zu zerstören, sondern zu organisieren haben; die Zerstörung wird sich von selbst mit der Geschwindigkeit des fallenden Steines vollziehen – wir aber müssen bereit sein, die Zügel zu ergreifen, um auf der Stelle das herrenlose Reich in Besitz zu nehmen und von hier aus die Zersetzung in die Armee zu werfen, damit der neue Zar und seine Kaste allein bleibe inmitten der türkischen Heere. Eine Anzahl der entschlossensten unserer Brüder müssen sogleich um jeden Preis, mit guten Pässen versehen, hierherkommen; die Zahl derer, über die ich verfügen kann, reicht nicht aus, um alle Hauptplätze des Reiches zu besetzen, und doch muß dort sogleich gehandelt werden; die übrigen müssen bereit sein, sowie die Kunde von dem Schlage in die Welt dringt, hierher zu eilen. Ich selbst übernehme Petersburg, dir habe ich Moskau zugedacht, für den ersten Anlauf ist es in guten Händen, sobald du kommen kannst, gehe dorthin. Mit diesen beiden Plätzen in unseren Händen gehört Rußland uns, und wahrlich, wenn mein wohlvorgedachter Plan gelingt, so wird die neue Welt zum Heil der Menschheit sich aufbauen, ohne daß nur die Hälfte von dem Blut vergossen wird, das einst in Frankreich vergebens geopfert wurde, um einem neuen Despoten einen Thron aufzubauen. Hier,« sagte er, Boris einen großen, mit eigentümlichen Charakteren beschriebenen Bogen reichend – »hier ist die Disposition, die ich für unseren Plan entworfen; sie ist in unserer geheimen Schrift geschrieben, nimm sie mit dir, ich bin gewiß, daß du sie billigen wirst, und verfüge danach über die Brüder im Ausland; dein ist die Sorge, daß jeder an seinem Platz sei, wenn der Augenblick kommt, ich übernehme es, den Schlag zu führen und die Hauptstadt in meiner Hand zu halten.«

Boris steckte das Blatt ein und sagte: »Es soll geschehen, wie du verlangst, du wirst zufrieden sein. Wieviel Zeit gibst du uns für die Vorbereitung?«

»Drei Wochen zum höchsten,« erwiderte Sacharin, »denn wenn auch kaum eine günstige Wendung in Bulgarien zu erwarten ist, so dürfen wir doch dem Zufall nichts überlassen.«

»Gut,« erwiderte Boris, »das wird genügen, wir sind ja alle immer bereit und des Rufes zur Tat gewärtig – doch,« sagte er dann, »unsere Mittel sind erschöpft, wir bedürfen starker Unterstützungen, um frei handeln und rechtzeitig eingreifen zu können; was kannst du tun, auf welche Summen können wir rechnen?«

»Genügen hunderttausend Rubel?« fragte Sacharin – »diesen Betrag kann ich dir sogleich zur Verfügung stellen; ist mehr nötig, so bedarf ich acht Tage.«

»Es ist genug, weitaus genug,« erwiderte Boris, »mit dieser Summe bin ich gewiß, alle nötigen Ausgaben überschießend decken zu können.«

Sacharin öffnete den eisernen Geldschrank und nahm aus einem Fache desselben ein Paket mit Banknoten über tausend Rubel. Er zählte hundert Stück von denselben ab, verschloß sie in einem starken Kuvert und reichte Boris Jossifowitsch die Papiere, welche ein Vermögen repräsentierten.

»Ich kenne deine Vorsicht,« sagte er, »es ist besser, du nimmst das Geld unmittelbar mit, Wechsel und Anweisungen können Aufsehen erregen und Nachfragen veranlassen.«

Boris barg das Paket sorgfältig in seinen Taschen.

»Paul Andrejewitsch,« sagte er dann, »weißt du, daß ich oft fast mit Schrecken und Furcht zu dir aufblicke, daß mich neben dir ein Gefühl überschleicht, als ob neben mir ein Felsen zu schwindelnder Höhe aufsteige? Deine Gedanken umfassen die Welt, du kennst die Furcht nicht und das Zagen, und immer sind in deiner Hand die Mittel bereit, um auszuführen, was du ersonnen und beschlossen hast; wie machst du es möglich, über solche Summen zu verfügen – die Mittel des Bundes kommen zum größten Teil von dir, und was wir mit Mühe hier und dort zusammenbringen, das überbietest du stets mit deinen Gaben, du mußt Dämonen in deinem Dienste haben.«

»Meine Dämonen«, erwiderte Sacharin lächelnd, »sind der klare Blick und der feste Willen. Du bist erstaunt über die Summen, die mir zu Gebote stehen – du kennst das Vermögen des Fürsten Kudiakow nicht, das ich verwalte.«

»Aber,« fragte Boris, »kann das dauern, in welche Gefahren bringst du dich dadurch, bedenke, wenn wir dich verlören, wer sollte dich ersetzen?«

»Sei ruhig,« erwiderte Sacharin, »ich setze mich solcher Gefahr nicht aus. Der Fürst ist reich genug, um noch mehr, als bis jetzt geschehen, für die Zwecke des Bundes beizutragen, und vielleicht«, fügte er mit spöttischem Lächeln hinzu, »werden wir ihm einst anrechnen, was er für unsere Sache getan. Er wirft nie einen Blick in seine Rechnungen, und wenn er es tut, so würde er sie in der musterhaftesten Ordnung finden – es ist so leicht, einer Quittung in einem Ausgabeposten eine Zahl vorzuschreiben und im Laufe des Jahres große Posten verfügbar zu machen. Ich habe keine Bedürfnisse, mein Lebensziel ist die Befreiung der Menschheit aus der Sklaverei des unnatürlichen, frevelhaften Despotismus, und was andere für sich und ihren flüchtigen Lebensgenuß tun, das tue ich für die Zukunft der Menschheit. Sei also ruhig, bald, so hoffe ich, werden wir dieser Mittel nicht mehr bedürfen, denn uns wird alles gehören, worüber jetzt die entartete Kaste verfügt. Aber wäre es auch nicht, meine Quellen werden nicht versiegen, da ich arm bin für mich, werde ich immer reich sein für die heiligen Zwecke unseres Bundes.«

Er stand da, mit seinem ruhigen, stillen Lächeln, stolz blitzten seine Augen, und über sein strenges, kaltes Gesicht zog es leuchtend hin wie ein Schimmer idealer Verklärung. Boris faßte mehr ehrerbietig als vertraulich seine Hand und sagte:

»Paul Andrejewitsch, ich bewundere dich, aber fast fürchte ich dich. Wenn dein Plan gelingt, wenn deine Berechnung nicht trügt, dann wird die alte Gesellschaft zusammenbrechen – aber ich glaube, die neue Welt, an der wir bauen, wird einen Herrn haben.«

»Vielleicht,« sagte Sacharin – »vielleicht ist es ein Gesetz der Natur, daß jede neue Schöpfung einen Führer und Meister hat; aber ich schwöre dir, Boris Jossifowitsch, daß der Herr, den du fürchtest, keinen andern Wunsch und kein anderes Streben haben wird, als das Glück der freien Menschheit für alle Ewigkeit zu befestigen. Jetzt eile, daß, wenn die Stunde der großen Entscheidungsschlacht naht, jeder auf seinem Posten steht.«

Boris neigte sich tief vor Sacharin, der noch einmal mit kräftigem Druck seine Hand schüttelte; dann setzte er seine Brille wieder auf, nahm seine gebückte Haltung an, und die Diener in dem Vorzimmer sahen den bescheidenen Baumeister, dem der Intendant einen Bau auf den Gütern des Fürsten übertragen, schüchtern und demütig durch das Vorzimmer schreiten und das Palais verlassen.

Herr Sacharin fuhr so ruhig, als ob er in der Tat nur über den Bau eines Arbeiterhauses verhandelt habe, in der Beschäftigung mit seinen Akten und Rechnungsbüchern fort. Da trat hastig und aufgeregt sein Diener ein und rief:

»Soeben ist der gnädige Herr Feodor Michaelowitsch Blagonow angekommen; er bleibt einige Tage hier, um mit seinem Regiment auszurücken.«

»Ich werde die Ehre haben, mich dem gnädigen Herrn vorzustellen und nach seinen Befehlen zu fragen«, sagte Sacharin, ohne daß eine Muskel seines Gesichts sich bewegte; aber als der Diener wieder hinausgeeilt war, zog sich sein Gesicht finster zusammen, und sinnend sprach er:

»Was bedeutet das – ist das Zufall, oder sollte sie dennoch gewagt haben, ihm eine Mitteilung zu machen? Es gilt aufmerksam zu sein und fest die Zügel zu fassen, damit nicht das Sandkorn eines Zufalls das wohlgefügte Räderwerk meiner Berechnung hemme – ihn jedenfalls halte ich sicher in meiner Hand, und wenn er es wagen sollte, meinen Weg zu kreuzen, so habe ich die Zauberformel, die ihn machtlos zu meinen Füßen niederwirft.«

Er verschloß seine Bücher in den eisernen Schrank, nahm seinen Hut und ging nach den Gemächern des Fürsten, in dessen Vorzimmern sich die ganze unmittelbare Dienerschaft neugierig und leise untereinander flüsternd zusammendrängte.

23. Kapitel

Der Fürst Nikascha hatte während der Dauer des Krieges so viel zu tun, daß er kaum dazu kam, die Trennung von seinem Schwiegersohn und von Wladimir Ossipowitsch, dem Sohn seines Herzens, wie er ihn nannte, zu empfinden. Er war unermüdlich tätig, um auf seine Weise das große nationale Unternehmen zu unterstützen, dazu trieb ihn nicht nur sein natürlicher, angeborener und mit ihm großgewordener Patriotismus, sondern auch die persönliche Dankbarkeit gegen den Kaiser, der ihn und die Seinen so hoch ausgezeichnet hatte. Er war Vorsitzender von drei Hilfskomitees, und die Beiträge, die er an Geld sowie an Naturalien aller Art für die Soldaten im Felde, die Kranken und Verwundeten lieferte, erregten die allgemeine Verwunderung und wurden kaum durch die Spenden der Mitglieder des kaiserlichen Hauses selbst überboten.

An jedem Morgen frühstückte er mit seiner Tochter Marpha gemeinschaftlich, um sich von ihr die Nachrichten erzählen zu lassen, welche sie von ihrem Mann erhalten hatte. Dann besuchte er mit regelmäßiger Pünktlichkeit die Gräfin Swiatowski, um auch von ihr zu erfahren, was Wladimir aus dem Hauptquartier geschrieben, und nachdem er so viel kleine Anekdoten und gelegentliche Äußerungen des Kaisers sich eingeprägt, als sein Gedächtnis auf einmal immer nur fassen konnte, begann er dann eine Tournee durch die vornehmsten Salons von Petersburg, um überall seine kleinen Erzählungen auszustreuen und mit wichtiger Miene hinzuwerfen, daß der Mann seiner Tochter und der Sohn seiner Kusine sich im Gefolge Seiner Majestät befanden, er daher natürlich stets auf das genaueste unterrichtet sei, was dort vorging. Es geschah dabei nicht selten, daß der gute Fürst in seinem Eifer dieselbe Geschichte mehrmals in demselben Salon erzählte, daß er verschiedene, der Zeit nach nicht zusammengehörende Dinge durcheinanderwarf, die Namen von Personen verwechselte oder die Pointe vergaß, aber um solche Kleinigkeiten kümmerte er sich sehr wenig und ließ sich durch dieselben in seinem Eifer, alle Welt mit Nachrichten zu versorgen und überall den Patriotismus auf das lebhafteste anzufeuern, nicht beirren.

In der Tat gewann der Fürst, den man vorher nur wegen seines Namens und seines Reichtums beachtet und noch bitterer und unverhohlener verspottet haben würde, als man es aus Scheu vor Wladimir und Blagonow im stillen tat, in dieser Zeit eine persönliche Bedeutung und kam gewissermaßen in die Mode, der nationale Patriotismus mit stark slawischem Akzent gehörte zum guten Ton. Der Fürst bewies nicht nur durch die großartigsten Gaben seine patriotische Gesinnung, sondern er zeigte auch in seinem ganzen persönlichen Auftreten und in seinem Wesen eine ganz der Zeitrichtung entsprechende nationale Farbe. Sein ganzes Haus war, seit der Kaiser zur Armee gegangen und überall die slawischen Komitees ihre Tätigkeit entwickelten, mehr und mehr auf altrussischen Fuß zurückgebracht, die Dienerschaft war außer bei ganz großer Gala in nationale Tracht gekleidet, und auf der Tafel des Fürsten fand man die prononciertesten nationalen Gerichte in reichster Auswahl und kunstgerechtester Vollendung. Der alte Iwan Gregorjewitsch hatte das entschiedenste Übergewicht wiedergewonnen und war die unumschränkte rechte Hand des Fürsten in allem, was die Form des äußeren Lebens betraf, denn Herr Sacharin kümmerte sich um alle diese Dinge nicht, er war der Finanzminister für die Verwaltung der großen Güter und zahlte die Rechnungen des Haushalts, unbekümmert um die Phantasien, nach denen der Fürst sein Leben einrichtete. Monsieur Constant befand sich in vollständigster Ungnade, der Fürst ging frei und offen in seinem Schafpelz durch das ganze Palais, rauchte überall, fluchte im kräftigsten Russisch auf die Türken, die Engländer sowie alle europäischen Völker, welche nicht in das Feld zogen, um dem Zaren in seinem Kampf gegen die Heiden Hilfe zu leisten, und als Herr Constant eines Tages einige Bemerkungen über die tausendfältigen Verstöße gegen die von ihm eingeführten Regeln, des guten Tones gewagt, hatte der Fürst ohne weitere erläuternde Worte ihm seine Meinung so deutlich und kräftig zu erkennen gegeben, daß der von seiner Höhe herabgestürzte Kammerdiener sich von nun an damit begnügte, mit schweigendem Achselzucken und mitleidig spöttischem Lächeln im Hause umherzugehen.

Das Beispiel fand in der vornehmen Gesellschaft Nachahmung, und da die meisten Mitglieder dieser Gesellschaft durch ihre französische Erziehung dem nationalen Wesen und den nationalen Sitten ziemlich fremd geworden waren, so nahm man sich vielfach auch in der äußeren Haltung und in der Sprache den in der zeitgemäßen Richtung so entschieden voranschreitenden Fürsten Kudiakow zum Vorbild, und manche Kraftausdrücke, die er in seiner beschränkten Vergangenheit von den Bauern seiner kleinen Besitzung angenommen hatte, fanden nun Eingang in die vornehmsten Salons und wurden von den elegantesten Damen wiederholt, so daß der Fürst, den man vor kurzem nur mitleidig spöttelnd in der Gesellschaft duldete, sich plötzlich fast zum tonangebenden Führer dieser selben Gesellschaft erhoben sah.

Er selbst war überglücklich über diese Veränderung, er hatte nicht mehr nötig, sich einen lästigen und widerwärtigen Zwang aufzuerlegen, er konnte all seinen Neigungen folgen, sich in freier Natürlichkeit zeigen, und war dennoch sicher, immer in der ganzen Gesellschaft mit hochachtungsvoller Auszeichnung behandelt, um Rat gefragt und nachgeahmt zu werden.

So saß er denn an demselben Tage, an welchem Herr Sacharin in seiner bescheidenen Parterrewohnung den Baumeister Martinow empfing, in seinem Kabinett beim Frühstück. Die Trüffeln und französischen Pasteten waren verschwunden, man sah nur den Sterlet der Wolga, den Kaviar von Astrachan, die saftigen Bärenschinken und eine große Reihe von verschiedenen gebrannten Wassern in Steinkrügen und viereckigen Flaschen, auch der Quas, dieses alte Nationalgetränk aus gegorener Gerste, fehlte nicht. Iwan Gregorjewitsch brachte nach diesem kräftigen Frühstück, währenddessen der Fürst unzählige grimmige Verwünschungen gegen die Türken und die Engländer ausgestoßen hatte, den Tschibuk mit der Kohle, und Herr Constant, welcher im Schlafzimmer nebenan die Garderobe des Fürsten ordnete, schien keine Empfindung weder für die dicken Tabakswolken noch für den durchdringenden Duft der scharfen Zwiebeln zu haben, welche auf dem Tisch des Fürsten standen.

In diesem Augenblick behaglicher Ruhe, in welchem der Fürst noch einmal alle die kleinen Anekdoten aus dem Hauptquartier, welche er sich für seine heutige Visitentournee gesammelt, in seinem Geiste zu ordnen versuchte, wurde er durch die hastige Meldung eines aus dem Vorzimmer hereinstürzenden Dieners überrascht, daß der gnädige Herr Leutnant Feodor Michaelowitsch soeben in einem Fiaker vom Bahnhof in das Palais gefahren sei. Zitternd vor Aufregung, mit einem freudigen Aufschrei, sprang der Fürst empor, aber ehe er noch die Tür erreicht hatte, trat bereits Blagonow in das Kabinett. Der Fürst schloß ihn zärtlich in seine Arme, küßte ihn schallend auf beide Nacken, wobei es geschah, daß er dem jungen Mann noch den letzten Mund voll Tabak in das Gesicht blies, und fragte dann hastig, ob Wladimir nicht mitgekommen sei; als Blagonow verneinte, machte er ein so enttäuschtes, trübseliges Gesicht, daß sein Schwiegersohn fast hätte über die so deutlich gezeigte Vorliebe für Marphas früheren Verlobten eifersüchtig werden können, wenn nicht sein Herz und seine Gedanken von so ganz anderen Sorgen erfüllt gewesen wären.

Mit kurzen Worten erzählte Blagonow, daß die Garden den Befehl zum Ausmarsch nach dem Kriegsschauplatz erhalten hätten, und daß er es für seine militärische Pflicht gehalten habe, sich seinem Regimente anzuschließen.

»Recht, recht,« rief der Fürst, indem er ihn noch einmal in seine Arme zog und wiederholt küßte, »das macht mich stolz auf dich; ich hätte niemals geglaubt, daß ein Musikant ein so guter Soldat werden könnte.«

Als ihm dann Blagonow einen Gruß des Kaisers überbrachte und erzählte, daß Seine Majestät seine patriotische Haltung mehrmals anerkennend erwähnt habe, wurde der Fürst immer glücklicher und heiterer, plauderte und fragte unaufhörlich und bemerkte es nicht, daß Blagonow unruhig und finster sich umsah und immer einsilbiger antwortete; als er endlich betroffen darüber, daß Marpha, die doch seine Ankunft erfahren haben mußte, noch immer nicht erschien, um die Erlaubnis bat, sich zurückzuziehen und seine Frau zu begrüßen, rief der Fürst lachend:

»Ah, das ist richtig, ich vergaß das; ja, ja, du sollst sogleich deine Frau umarmen, die stolz sein kann, daß sie einen so tüchtigen Soldaten zum Manne hat.«

Aber statt Blagonow zu entlassen, sendete er Iwan Gregorjewitsch hin, um seine Tochter zu rufen.

Unruhig, hochklopfenden Herzens wartete Blagonow, jede Sekunde wurde ihm zu einer qualvollen Ewigkeit, es schien ihm, daß Marpha nach so langer Trennung ihm schneller hätte entgegenfliegen sollen, und immer peinlicher wurde die bange Unruhe, welche ihn während seiner ganzen Reife gequält hatte, und welche er hier nun um jeden Preis zu beenden entschlossen war.

Endlich trat Marpha ein, fast schien ihr Fuß auf der Schwelle zu zögern, und Blagonow erschrak bei ihrem Anblick; sie trug ein dunkles, ganz einfarbiges Kostüm, ein schwarzer Spitzenschleier bedeckte ihr Haupt und verhüllte fast ganz ihre reichen Haarflechten, so daß man beim ersten Anblick hätte glauben können, sie befände sich in tiefer Trauer. Ihr Gesicht war bleich und schien von schweren inneren Kämpfen bewegt, ihre Züge erschienen edler als früher, aber die Frische der Jugend und der stolze, freudige Mut war von demselben verschwunden; der Blick eines Malers hätte sie schöner gefunden, aber diese Schönheit war traurig und erregte schmerzlich wehmütiges Mitleid.

»Marpha,« rief Blagonow in einem Ton, in welchem sich alle Empfindungen zusammendrängten, die sein Herz stürmisch bewegten, »Marpha!«

Sie hatte die Augen zu Boden gesenkt, als sie eintrat, bei seinem Ruf schlug sie den Blick auf, eine Sekunde lang flammte darin freudiges Entzücken, wonniges Glück – dann aber zuckte sie zusammen wie in jähem Schreck, ihr Auge hüllte sich in Tränen und senkte sich wieder vor seinem Blick zu Boden.

Blagonow eilte zu ihr hin, umschlang sie mit seinen Armen und flüsterte, sie an seine Brust drückend, in ihr Ohr:

»Ich bin hier, Marpha, ich bin bei dir, fürchte dich nicht.«

Wieder erglühten ihre Wangen in aufflammender Freude, sie richtete den Kopf auf, und in langem, heißem Kuß fanden sich ihre Lippen Zusammen. Da ertönte hinter ihnen die trockene, klare Stimme des Herrn Sacharin, welcher, sich auf der Schwelle tief verneigend, sagte:

»Ich bitte um die Erlaubnis, den gnädigen Herrn Feodor Michaelowitsch ehrerbietigst zu begrüßen und meiner gnädigsten Herrschaft meine freudige Teilnahme an diesem frohen Ereignis auszusprechen.«

Marpha zuckte zusammen und wand sich aus Blagonows Arm; dieser stand mit zusammengepreßten Lippen da, drohender Zorn blitzte aus seinen Augen, feste Entschlossenheit lag auf seinen Zügen, während Marpha zitternd und schwankend sich an einen Sessel lehnte.

»Gib ihm die Hand, mein Sohn,« rief der Fürst, »gib ihm die Hand, dem braven Paul Andrejewitsch, der alle meine Sachen so vortrefflich verwaltet; er ist eine Perle, er verlangt nie etwas für sich, er bestiehlt mich nicht wie die anderen und verdient es Wohl, daß wir ihn zu unserem Hause rechnen, da er doch sein ganzes Leben unserem Dienste hingibt.«

Blagonow zögerte; er hatte bemerkt, wie Sacharin, der in demütiger Haltung dastand, Marpha einen flüchtigen, strengen und gebieterischen Blick zuwarf, und wie die junge Frau unter diesem Blick erbleichend sich beugte. Noch höher loderte sein Zorn auf, aber er fühlte, daß er sich noch beherrschen müsse, um volle Klarheit zu gewinnen, und seine Bewegung niederkämpfend, trat er zu dem Sekretär hin, um demselben mit einigen leise gemurmelten, unverständlichen Worten die Hand zu reichen. Sacharin verbeugte sich tief, während er seine kalte Hand in die des jungen Offiziers legte, und zog sich zurück, nachdem der Fürst ihm noch befohlen, die nächsten Bekannten des Hauses – und das war eine ziemlich bedeutende Zahl – zum Diner einzuladen.

Blagonow hoffte vergebens, während des Tages einen Augenblick zu finden, um mit Marpha allein zu sein und sie über ihre geheimnisvolle Mitteilung zu befragen; der Fürst verlangte, daß er ihn zur Gräfin Swiatowski begleite, um ihr und Marica unmittelbare Nachricht von Wladimir zu bringen, er verließ ihn keinen Augenblick und blieb sogar fortwährend sprechend und fragend in seinem Toilettenzimmer, während Blagonow sein Reifekostüm ablegte und für den Besuch sich ankleidete. Dann führte er ihn trotz seines Widerstrebens durch die halbe Stadt mit sich, um mit seinem unmittelbar aus dem kaiserlichen Hauptquartier angekommenen Schwiegersohn Parade zu machen, und endlich mußte Blagonow, trotz der Unruhe und Sorge, welche ihn innerlich verzehrten, die Pein eines großen Diners aushalten, bei welchem alle Welt ihn neugierig ausfragte, während der Fürst Nikascha, von dem Kaiser beginnend, auf alle Großfürsten und alle Generale der russischen Armee begeisterte Toaste ausbrachte.

Marpha war den ganzen Tag über bleich, traurig und einsilbig, sie unterstützte Blagonow in seinen Bemühungen, einen Augenblick zu vertraulichem Alleinsein zu gewinnen, durchaus nicht und schien sogar in scheuer Ängstlichkeit seinen Blicken auszuweichen, so daß der junge Mann immer unruhiger und sorgenvoller wurde und auf die zahllosen an ihn gerichteten Fragen oft völlig verkehrte Antworten gab.

Endlich entfernten sich die Gäste später als gewöhnlich, da jeder immer noch etwas von den Ereignissen auf dem Kriegsschauplatz und dem Leben des Hauptquartiers erfahren wollte. Der Fürst hatte sein letztes Glas Tee getrunken und seinen letzten Tschibuk geraucht, und endlich erlöste er Blagonow von seiner Qual, indem er ihn und Marpha noch einmal umarmte und sich dann in sein Zimmer zurückzog, während die Diener mit Armleuchtern der jungen Herrschaft nach deren Wohnung voranschritten. Auf dem Korridor stand Herr Sacharin, sich noch einmal ehrerbietig verneigend, und Blagonow beschleunigte seinen Schritt, als er fühlte, wie Marphas Arm in dem seinen zitterte.

Endlich, endlich waren sie dann allein in den Räumen, in denen sie nur so kurze Zeit vor dem Ausbruch des Krieges das Glück ihrer jungen Liebe genossen; alles atmete hier freundliche, behagliche Eleganz, und aus allen diesen lauschigen Räumen schien der traute Reiz der Heimat Blagonow entgegenzuatmen. Er aber beachtete das alles nicht, mit hochklopfendem Herzen faßte er die Hand seiner Frau, welche bleich und zitternd, gesenkten Blickes vor ihm stand, und sagte:

»Ich bin gekommen, Marpha, weil ich dich in Not und Sorge wußte, von tückischer Hinterlist bedroht; jetzt bin ich bei dir, sage mir alles, erkläre mir, was dein Brief bedeutet, ich bin gefaßt, jeder Gefahr entgegenzutreten, jedem Feinde zu trotzen.«

»Frage mich nicht, mein Geliebter,« erwiderte Marpha tonlos, »an jedem Wort, was ich dir antworten würde, hängt unser Glück, dein Leben vielleicht; laß mich, ich beschwöre dich bei unserer Liebe, dies Geheimnis bewahren und folge nur dem Rat, den ich dir gebe, immer und überall, so wird ja Gott vielleicht die Gefahr vorüberführen.«

»Nein, Marpha, nein,« rief Blagonow, heftig ihre Hand schüttelnd, »nein, das wird nicht geschehen, ich verlange von dir bei dem Schwur, den du mir am Altar geleistet, daß du mir sagst, was geschehen ist. Einen Feind, den man sieht, kann man bekämpfen, die Gefahr, die im Dunkeln schleicht, muß endlich uns mutlos und feig machen. Sprich, sage mir alles, ich' verlange es, ich habe das Recht, es zu verlangen.«

»Nein, nein,« rief Marpha, angstvoll die Hände ringend, »nein, ich beschwöre dich, laß mich schweigen, denn jedes Wort aus meinem Munde wäre dein Todesurteil.«

»Nun denn,« rief Blagonow, »so höre auch mich. Ich weiß, daß dies Geheimnis, das du mir verbergen willst, mit jenem elenden Sacharin zusammenhängt, und ich schwöre dir, wenn du in deinem Schweigen beharrst, so werde ich jetzt in dieser Stunde hingehen und den Nichtswürdigen, der es wagt, sich zwischen dich und mich zu stellen, mit meinen eigenen Händen erwürgen – entweder soll er sein tückisches Geheimnis bekennen oder es mit sich in die Hölle nehmen.«

Blagonows Gesicht war von wilder Wut verzerrt, er wendete sich zur Tür, und seine aufs äußerste gesteigerte Aufregung ließ keinen Zweifel darüber, daß er seine Drohung wahr machen werde. Marpha eilte ihm nach und hielt ihn mit ihren Zitternden Händen zurück.

»Höre mich, mein Geliebter, höre mich. Auch ich würde denken und handeln wie du, wenn die Gefahr nur mich bedrohte, aber die Angst für dein Leben, die Liebe zu dir macht mich feig.«

»So verwünsche ich diese Liebe,« rief Blagonow knirschend, »denn lieber will ich sterben, ja lieber will ich deine Liebe verlieren, als in elender Sklaverei mich einer dunklen, unbekannten Macht beugen. Du kennst meinen Entschluß, sprich, oder ich werde jenen zum Sprechen zwingen.«

Noch einen Augenblick stand Marpha zitternd und schwankend da, dann aber blitzte auch in ihren Augen kühner und entschlossener Mut auf, sie schlang ihre Arme um Blagonows Hals und sagte:

»Ja, ja, du hast recht, mein Geliebter, deine Gegenwart löst die bangen Zweifel und gibt auch mir den alten Mut und das alte Vertrauen wieder. Alles ist besser, als daß ein Geheimnis uns trennt, und vereint werden wir jede Gefahr überwinden oder würdig unterliegen.«

Sie zog ihn in die Mitte des Zimmers auf einen von Blumen und Blattpflanzen umgebenen Diwan, ängstlich blickte sie nach den Wänden und den Portieren, dann lehnte sie sich an seine Schulter und sprach zu seinem Ohr gebeugt in leisem, flüsterndem Ton:

»Ich hatte dir meinen Verdacht mitgeteilt, daß deine Briefe geöffnet würden; du gabst mir ein Zeichen an, mir darüber Gewißheit zu verschaffen, und in der Tat, das Haar, welches deinen Brief an dem Umschlag befestigte, war zerrissen. Der Brief war nur durch die Hände Sacharins gegangen, es war kein Zweifel, daß er der Täter sein mußte. Voll Entrüstung beschied ich ihn zu mir und warf ihm seine freche Neugier vor – aber statt zu leugnen, Ausflüchte und Entschuldigungen zu suchen oder meine Verzeihung zu erflehen, erwiderte er mir kalt, nicht wie ein angeklagter Diener, sondern in hochmütig gebieterischem Ton des Herrn, daß er allerdings die Briefe geöffnet habe, weil er im Interesse der Vermögensverwaltung meines Vaters genau unterrichtet sein wolle über alle Wechselfälle des Krieges und über alles, was im Hauptquartier vorgehe, und als ich zornig auffuhr, fast erstarrt über seine Keckheit, da erklärte er mir ganz trocken und geschäftsmäßig mit höhnischer Sicherheit, daß dein Leben in seinen Händen sei, er besitze die Beweise, daß du jener geheimen, seit Jahren von der Polizei verfolgten Verschwörung angehörest, welche den Umsturz des Thrones und des Staates verfolge, und wenn ich nicht in allem seinem Willen gehorchen würde, so werde er die Anzeige machen, die ohne Zweifel deine Verurteilung zum Tode oder die Deportation in die Bergwerke Sibiriens zur Folge haben müsse. Er befahl mir – oh, der Elende sprach als gebietender Herr – daß ich von dir immer ausführlichere und genauere Mitteilungen verlangen solle, er verlangte den Brief zu lesen, in dem ich dies tun würde, und erklärte, daß dein Leben verfallen sei, wenn ich auch nur die leiseste Andeutung über das Vorgefallene wagen würde.

Mein Blut erstarrte zu Eis, als er so sprach; im ersten Augenblick dachte ich an einen Betrug, durch den er sich retten und mich einschüchtern wolle, aber da erinnerte ich mich, was du einst zu mir gesprochen, wie du mich selbst einst zum Werkzeug jener dunklen Verschwörung hattest machen wollen, und diese Erinnerung, welche oft schon wie ein schwarzer Schatten aus den Tiefen meiner Seele aufgestiegen war, ließ mich entsetzt verstummen. Es war also dennoch wahr, was er sagte, er hatte wirklich die Macht, seine Drohung auszuführen, er hielt dein Leben in seiner Hand; mein Stolz bäumte sich auf – aber meine Liebe beugte ihn nieder, ich durfte dein Leben nicht aufs Spiel setzen, ich mußte abwarten, daß die Zeit mir Mittel der Rettung bringen würde, mit gebrochenem Herzen beugte ich mich dem Willen des Entsetzlichen.

Der Zufall schien mir eine Waffe gegen ihn zu geben«, fuhr sie fort; »ich erhielt anonyme Briefe, welche mir mit genauen Angaben mitteilten, daß Sacharin meinen Vater betrüge, daß er sich von großen Lieferanten falsche Quittungen habe geben lassen; man forderte mich auf, meinem Vater davon Mitteilung zu machen, an den man selbst nicht gelangen könne, da alle Briefe an ihn durch Sacharins Hände gingen, und man erbot sich, sobald die Sache untersucht werden solle, die Beweismittel anzugeben.

Einen Augenblick atmete ich auf, ich hoffte, ihn nun in meinen Händen zu haben, aber als ich weiter darüber nachdachte, sank meine Hoffnung schnell zusammen. Wie wäre es möglich gewesen, meinen Vater gegen Sacharin einzunehmen, dem er ja so unbeschränktes Vertrauen schenkt; vielleicht war auch jene Anzeige nur eine Tat des Neides und der Mißgunst, denn alle Welt lobte doch die musterhafte Verwaltung Sacharins, und meines Vaters Vermögen war stets so wohl geordnet, daß kaum ein Verdacht gegen seinen, Sekretär aufkommen konnte, und dann, jeder Schritt, den ich getan hätte, würde ja sogleich seine Rache geweckt und ihn zur Erfüllung seiner entsetzlichen Drohung getrieben haben. Das ist mein Geheimnis, mein Geliebter,« sagte sie, ihn fester in ihre Arme schließend, »das Geheimnis, unter dem ich mehr gelitten habe, als die Sprache es auszudrücken vermag, und vielleicht habe ich schon ein Verbrechen begangen, indem ich dir jene Warnung sendete, die dich hierhergeführt.

Nun aber, da du alles weißt, beschwöre ich dich, sage mir, ob wirklich ein Geheimnis in deiner Vergangenheit ruht, das jenem Fürchterlichen, den ich verabscheue wie einen bösen Geist der Finsternis, dein Leben in die Hände gibt. Fühlst du dich frei und sicher, hat er mich mit einer leeren Drohung getäuscht – oh, so soll er hinabgestoßen werden in die vernichtende Tiefe der Erniedrigung, so soll er tausendfach büßen, was er mich hat leiden lassen – aber«, sagte sie mit dumpfer Stimme, »wenn es wahr ist, was er sagte, wenn er imstande ist, auszuführen, was er gedroht hat, dann, mein Geliebter, laß uns schweigen, dulden und warten, Gott wird uns nicht verlassen und uns ein Mittel geben, um die furchtbare Fessel zu brechen.«

Blagonow hatte in finsterem Schweigen zugehört, jetzt stand er auf, nahm, vor sie hintretend, ihre beiden Hände in die seinen und sagte mit kalter, entschlossener Ruhe:

»Ja, Marpha, es gibt einen schwarzen, verhängnisvollen Punkt in meiner Vergangenheit, ja, ich habe jener finsteren Verschwörung angehört, deren Spuren man bis jetzt vergeblich gesucht hat und auch immer vergeblich suchen wird, weil niemand oder nur einer vielleicht ihren ganzen Umfang kennt, so daß man immer nur einzelne Maschen des großen Netzes fassen kann. Ich habe mich losgelöst von jenem Bunde, als in dir das Glück, die Liebe und der Glauben meinem Leben aufgingen, offen und frei habe ich meinen Schwur zurückgenommen, aber wahr ist es, daß, wenn jemand meine Vergangenheit kennt und sie anzeigt, mein Untergang gewiß ist.«

»Oh,« rief Marpha, »dann gibt es keine Rettung, dann müssen wir uns dem Willen dieses Fürchterlichen beugen – dann beschwöre ich dich, zu schweigen und zu dulden, denn ich habe nicht den Mut, das Glück deiner Liebe zu verlieren.«

»Nein, Marpha, nein«, sagte Blagonow; »wäre es ein Glück, in solcher Sklaverei zu leben, und wäre auch das höchste Glück einer solchen Erniedrigung wert? Ich habe mich niemals vor einer Gefahr gebeugt, ich bin niemals einem Kampf ausgewichen, ich habe dem Tode getrotzt, als ich dich mir verloren glaubte, und ich will auch jetzt lieber deiner und meiner würdig bleiben, als durch elende, feige Unterwerfung ein Glück erkaufen, das dennoch niemals sicher wäre. Mir ist leicht und Wohl, nun ich alles weiß, festen Schrittes werde ich der Gefahr entgegengehen, und ich bin gewiß, nun wir vereint sind, werde ist sie besiegen. Ich sehe«; sagte er mit feierlichem Ernst, »immer klarer den Weg vor mir, den ich gehen muß, und mein Fuß wird nicht zittern; der tückische Feind zielt nach meinem Herzen, wohlan denn, möge er es wagen, Leben um Leben.«

Hoch und stolz stand er vor ihr, alle trübe Unklarheit, alle scheue Bangigkeit war von ihm gewichen, hell und klar blickten seine Augen, und von seiner Stirn strahlte die Siegeszuversicht, welche aus dem festen Willen, dem unbeugsamen Mut und der wohlberechneten Kraft entspringt.

»Ja, du hast recht,« rief Marpha, indem sie mit schimmernden Blicken zu ihm aufsah, »besser ist es, in kühnem Ringen mit der Gefahr zugrunde zu gehen, als in unwürdiger Furcht sich knirschend erniedrigender Knechtschaft zu beugen – du hast recht, deine Abwesenheit machte mich mutlos, nun du da bist, fühle ich wieder den alten trotzigen Sinn in mir, der sich nur der Liebe zu dir gebeugt hat. Ich frage nicht, was du tun wirst, nicht, wie du den Feind zu fassen denkst, ich glaube an dich, denn auf deiner Stirn steht der Sieg geschrieben. Nun aber fort mit aller bangen, finsteren Sorge, die den Geist trübt und das Herz belastet; ich hatte Mut und Kraft verloren in der sehnenden Einsamkeit, in der Trennung von dir – auf morgen den Kampf, heut gilt es, mich selbst wiederzufinden in unserer Liebe.«

Sie hob die Hände zu ihm empor, ein Strom von Glut brach aus ihren feuchtschimmernden Augen – er sank zu ihren Füßen nieder – ihre Arme umschlangen ihn, nach so langer Trennung vereinigten sich ihre Lippen in heißen Küssen, und im süßen Glück des Augenblickes verschwand die Erinnerung aller vergangenen Leiden aus ihren aneinander schlagenden Herzen.

24. Kapitel

Früh schon am nächsten Morgen hatte sich Blagonow erhoben, die Wonne des glücklichen Wiedersehens hatte seine Seele gestärkt, und mit klaren, ruhigen Blicken sah er durch die halbgeschlossenen Vorhänge auf den im Licht der Morgensonne schimmernden Garten des Palais hinab. Marpha lag noch in tiefem Schlummer, der sich nach langen Nächten voll qualvollen Leidens zum ersten Male wieder rein und erquickend auf ihr Haupt herabgesenkt hatte. Tiefe, friedliche Stille herrschte noch überall, und allmählich erst begann die erwachende Dienerschaft ihr Tagewerk, leise sich auf den Korridoren bewegend, um den Schlaf der Herrschaft nicht zu stören, denn auch der Fürst hatte befohlen, ihn nach der ermüdenden Unruhe des vergangenen Tages erst später zu wecken.

Blagonow hatte sich noch am Abend vorher die anonymen Briefe geben lassen, welche seine Frau in betreff Sacharins erhalten. Er durchlas dieselben eifrig und genau mit all der Klarheit und Ruhe, welche er aus dem festen Entschluß schöpfte, um jeden Preis die Fesseln zu zersprengen, welche sich um ihn und Marpha geschlungen hatten; er fühlte, daß er im Begriff stand, einen Kampf auf Leben und Tod zu beginnen, denn der ernste, ruhige und schweigsame Sacharin, der in seinem ganzen Auftreten stets so unveränderlich die Haltung eines trockenen, nur seinem Beruf lebenden Geschäftsmannes festgehalten hatte, mußte furchtbar sicher treffende und vernichtende Waffen in seinen Händen halten, wenn er es wagte, mit solcher Sicherheit gegen ihn und Marpha aufzutreten. Aber gerade das Bewußtsein von der Schwere des Kampfes, den er um der Sicherheit seiner Zukunft, um der Ruhe seiner Seele und seiner Selbstachtung willen für notwendig hielt, gab ihm den freien Blick und den festen Willen wieder, welche er in den bangen Zweifeln der letzten Zeit fast verloren hatte, und mit kaltem, geschäftsmäßigem Blick prüfte er die Wirksamkeit der einzigen Waffe, welche er gegen seinen Feind in Händen hielt.

Die Briefe enthielten genaue Angaben über Veruntreuungen, welche Sacharin in der Verwaltung des fürstlichen Vermögens begangen und durch welche große Summen in seine Hände gelangt sein sollten, ohne daß bei dem außerordentlichen Reichtum des Fürsten der Ausfall bemerklich geworden. Es waren zwar keine bestimmten Beweismittel angegeben, doch würden sich dieselben, wenn man den bezeichneten Spuren folgte, leicht haben finden lassen, und die anonymen Denunzianten hatten versprochen, ganz bestimmte Beweise beizubringen, sobald die Untersuchung eingeleitet und Herrn Sacharin die Verwaltung des fürstlichen Vermögens abgenommen sein würde.

Lange ging Blagonow, nachdem er die Briefschaften gelesen, in tiefes Sinnen versunken auf dem weichen Teppich des Schlafzimmers auf und nieder – immer höher stieg die Sonne herauf, und immer lauter ließen sich draußen auf dem Korridor die Schritte und Stimmen der mit ihrer Morgenarbeit beschäftigten Dienerschaft vernehmen, bald mußte der volle Tag beginnen, und wenn der Fürst sich erst erhoben hatte, so blieb Blagonow keine Minute mehr zu eigener Verfügung; um jeden Preis aber wollte er den Bann sprengen, der ihn gefangen hielt, und auch nicht einen Tag länger die unwürdigen Fesseln tragen, gegen die sein ganzes Wesen sich empörte. Er mußte also schnell und rücksichtslos handeln, wie er es während der ruhigen, stillen Einkehr in sich selbst beschlossen. Eilig kleidete er sich an, nahm aus seinem Reisenecessaire einen kleinen, sechsläufigen Revolver und steckte die Waffe, nachdem er sich überzeugt, daß sie vollständig montiert sei, in die Tasche seines Uniformüberrockes; dann trat er noch einmal vor das von den seidenen Gardinen beschattete Lager, auf welchem Marpha noch immer in festem Schlummer ruhte; ein glückliches Lächeln spielte um ihre Lippen, holde, freundliche Traumbilder mußten ihre Seele umschweben.

Einen Augenblick stand Blagonow in ihren Anblick versunken, seine Hände waren gefaltet, seine Lippen bewegten sich, als ob er ein stilles Gebet spräche für dieses liebliche Wesen, das ihn erwählt hatte, als er noch so tief unter ihr stand, das um seinetwegen so viel gelitten und für dessen Ruhe und Glück er nun seine ganze Kraft einzusetzen bereit war. Er beugte sich herab, um einen Kuß auf ihre Stirn zu drücken, aber schnell fuhr er wieder zurück – sie hatte eine unwillkürliche Bewegung gemacht, und er fürchtete, sie zu erwecken.

Er nahm die Briefe, verließ sein Zimmer und stieg, an den verwunderten Bedienten vorbeischreitend, nach Sacharins Wohnung hinab.

Er verbot dem Diener im Vorzimmer, ihn zu melden, und trat festen, entschlossenen Schrittes und erhobenen Hauptes in das Kabinett des Sekretärs. Herr Sacharin saß bereits an seinem Schreibtisch, erstaunt sah er auf, ein wundersamer Blitz sprühte aus seinen Augen, seine Lippen verzogen sich zu einem eisig kalten, höhnischen Lächeln, aber er empfing den unerwarteten Besuch mit all der ehrerbietigen Artigkeit, die er dem Schwiegersohn seines Herrn schuldig war, und rückte einen Lehnstuhl neben den Schreibtisch zurecht.

Blagonow aber setzte sich nicht; ernst, durchdringend, drohend ruhten seine Blicke auf Sacharin, und trotz der mächtigen Gewalt, welche er aufbot, seine Erregung niederzukämpfen, zitterte seine Stimme, als er sagte:

»Ich komme so früh zu Ihnen, Paul Andrejewitsch, um eine ernste Unterredung mit Ihnen ungestört zu Ende zu führen.«

Sacharins Gesicht zeigte nicht die leiseste Bewegung, nur aus seinen kleinen, scharfen Augen blitzte es wie überlegener Hohn. Schweigend deutete er durch eine Bewegung an, daß er bereit sei, zu hören.

»Es sind hier«, sagte Blagonow, die Briefe in seiner Hand emporhebend, »Anzeigen eingegangen, welche schwere Beschuldigungen gegen Sie enthalten über Veruntreuungen, welche Sie an dem Ihrer Verwaltung anvertrauten Vermögen begangen, indem Sie durch doppelte und gefälschte Quittungen fortgesetzt große Summen unrechtmäßig in Ihren Besitz gebracht. Die Angaben sind ernst, gewichtig und genau präzisiert, es wäre vielleicht meine Pflicht gewesen, dem Fürsten sogleich davon Mitteilung zu machen und eine strenge Untersuchung zu veranlassen; allein ich habe Rücksicht auf einen Diener genommen, der so lange im Dienste des fürstlichen Hauses steht, ich habe meinem Schwiegervater den peinlichen Eklat und die schmerzliche Aufregung ersparen wollen, wenn es möglich ist, deswegen komme ich zu Ihnen, Sie aufzufordern, sich zu rechtfertigen oder Ihre Schuld einzugestehen, damit ich zu einer milden und nachsichtigen Lösung die Hand bieten kann.«

Sacharins Haltung und Miene blieben ebenso unbeweglich wie bisher, Blagonows Worte schienen keinen Eindruck auf ihn zu machen, nur wurden seine stechenden Blicke noch höhnischer und feindlicher.

»Ich muß in meiner Stellung gewärtig sein,« erwiderte er mit schneidender Kälte, »daß Neid und Bosheit ihre Verleumdungen erheben – des Fürsten Reichtum mehrt sich, und ich bin arm, das allein sollte mich gegen alle solche Verleumdungen schützen. Ich werde dem Fürsten antworten, wenn er Rechenschaft fordert und eine Untersuchung verlangt, nicht aber demjenigen,« fügte er, jedes Wort scharf betonend, hinzu, »der, aus dem Nichts emporgestiegen, nur der Mann seiner Frau ist und keine Erinnerung mehr für seine Vergangenheit hat.«

Helle Glut flammte in Blagonows Gesicht auf, drohend machte er einen Schritt gegen Sacharin, dieser blieb unbeweglich wie ein Bild von Erz.

»Ich war auf diesen Trotz gefaßt,« sagte Blagonow, schnell wieder seine Fassung gewinnend, »so hören Sie denn. Ich bin überzeugt von der Richtigkeit dieser Anzeigen hier, ich selbst werde die Anklage gegen Sie erheben, wenn der Fürst zögern sollte, ich selbst werde die Beweise suchen und werde sie finden, ich werde Ihre Bücher prüfen und die Lieferanten vernehmen, welche Sie schonungslos preisgeben werden, sobald sie nichts mehr durch Sie gewinnen können. Ihre Verurteilung zu schimpflicher Strafe ist gewiß, Ihre Existenz ist zu Ende, und Ihr Leben wird in der Zelle des Sträflings oder in den Tiefen der Bergwerke verlaufen.«

Sacharin schwieg noch immer, sein Blick, der bisher fest auf Blagonow geheftet war, senkte sich auf die Papiere herab, welche dieser ihm vorhielt; schnell zog Blagonow seine Hand zurück und fuhr fort:

»Aber ich biete Ihnen einen Ausweg. Sie haben es gewagt,« sprach er mit bebender Stimme, »gegen meine Frau, die Tochter Ihres Herrn, eine vermessene Sprache zu führen und Drohungen auszustoßen, weil Sie irgendein Geheimnis aus meinem vergangenen Leben kennen oder zu kennen glauben – nun denn, ich bin hier, um eine solche Vermessenheit zurückzuweisen, Drohung gegen Drohung, Geheimnis gegen Geheimnis. Sie werden mir hier auf der Stelle das Bekenntnis unterzeichnen, daß Sie den Fürsten in der Ihnen anvertrauten Verwaltung wiederholt betrogen haben; Sie werden die unterschlagenen Summen, die Art des Betruges und Ihre Helfer bei demselben genau angeben; sobald diese Erklärung mit Ihrer Unterschrift versehen in meinen Händen ist, so verspreche ich Ihnen, dieselbe als unverbrüchliches Geheimnis so lange zu bewahren, bis Sie mich durch irgendeinen feindlichen Schritt oder irgendeine Drohung zwingen, von meiner Waffe Gebrauch zu machen. Sie werden bei dem Fürsten Ihre Entlassung erbitten, und ich werde für Sie eine Pension erwirken, so hoch, als sie die großmütige Freigebigkeit des Fürsten nur irgend bestimmen mag, und Sie werden dann statt der Schande und des Kerkers die allgemein geachtete Existenz eines Mannes führen, der von seinem Herrn für langjährige Dienste reich belohnt wurde, und sich für das, was Sie getan, nur noch mit Ihrem Gewissen abzufinden haben.«

»Und wenn ich die verlangte Erklärung verweigere?« fragte Sacharin mit ruhigem, geschäftsmäßigem Ton, ohne die Augen aufzuschlagen.

»Wenn Sie diese Erklärung verweigern,« erwiderte Blagonow, »die Ihnen Rettung und sicheren Rückzug bietet, so lasse ich Sie im nächsten Augenblick als Fälscher und Betrüger verhaften und zur Untersuchung abführen. Verkünden Sie dann wie und wem Sie wollen, was Sie von mir zu wissen glauben, ich fürchte es nicht – die Aussage des entlarvten Betrügers gegen den Schwiegersohn des Fürsten und den Offizier des Kaisers wird wenig Glauben finden, und würde es Ihnen wirklich gelingen, mir Verlegenheiten zu bereiten, wohlan, ich fürchte sie nicht und will alles lieber ertragen als die erniedrigende Anmaßung eines unverschämten Dieners. Sie haben meinen Entschluß gehört, er ist unabänderlich, wählen Sie, aber schnell, denn ich bin nicht gesonnen, auch nur einen Augenblick länger, als es nötig ist, einen Zweifel über unsere gegenseitige Stellung bestehen zu lassen.«

Sacharin hatte immer noch unbeweglich wie vorher dagestanden und langsam sein Haupt tiefer und tiefer geneigt, so daß Blagonow mehr und mehr an die zerschmetternde Wirkung seiner Worte glaubte. Plötzlich aber schnellte Sacharin mit einer blitzartigen Bewegung empor, hochmütiger Hohn und grimmiger Haß zuckten über sein bleiches Gesicht, drohende Blitze sprühten aus seinen Augen, und indem er die Hand gegen Blagonow ausstreckte, sprach er mit einer Stimme, welche schauerlich wie der Donner eines heraufziehenden Wetters klang:

»Armer, verblendeter Tor, der du dich für frei hältst, weil die Hand deines Herrn den Faden nachließ, an den du gekettet bist, der du glaubst, dich lösen zu können von der Vergangenheit, die dich auf ewig festhält, dein Freiheitstraum wird gefährlich, und es tut not, dich zu erinnern an die Macht, der du verfallen bist, denn auch ein Abtrünniger wie du soll nicht umsonst dem Verderben verfallen, obgleich er es tausendmal verdiente. Feodor Michaelowitsch Blagonow, hast du vergessen, daß du dein Leben mit seiner ganzen Kraft dem heiligen Bunde zur Befreiung der Menschheit verschworen hast – hast du vergessen, daß dir der Befehl geworden war, Marpha Nikolajewna, die Tochter des Fürsten Kudiakow, dem Bunde und seiner heiligen Sache zu gewinnen und durch sie dem Bunde einen neuen, geheimen Weg zu öffnen bis in die Nähe des Thrones hinauf? Du hast jenen Befehl nicht auszuführen verstanden, du hast deine eigensüchtigen Wünsche verfolgt und bist hinaufgestiegen zu ungeahnter Höhe, aber glaubst du darum frei geworden zu sein von deiner Pflicht, frei geworden von dem Gehorsam, auf dessen Verletzung der Tod steht? Dein Schicksal hat sich gewendet, anders, als es zu erwarten war, als du selbst es zu hoffen wagtest – aber auch in deiner neuen Stellung gehörst du dem Bunde, und die Dienste, die du vermitteln solltest, hast du jetzt selbst zu leisten. Wohl hatte ich unrecht, daß ich Marpha Nikolajewna das Geheimnis ahnen ließ, das sie in ihrer Angst und Schwäche nicht vor dir bewahren konnte; ich wollte dich in deiner unbefangenen Sicherheit erhalten, um dich noch besser und wirksamer den Zwecken des Bundes dienen zu lassen. Nun aber, da du erfahren, was ich dir noch verbergen wollte, befehle ich dir im Namen des Bundes, alles unweigerlich zu tun, was von dir verlangt werden wird, und fürs erste ist das nicht viel, denn der Bund«, fügte er, mit dem Ausdruck mitleidiger Verachtung die Achseln zuckend, hinzu, »verlangt von seinen Gliedern nur, was sie zu leisten vermögen. Du hast nur zu sehen und zu hören, genau auf alles zu achten, was im Hauptquartier geschieht, und mir ebenso genau darüber zu berichten. Du kennst jetzt meinen Befehl und deine Pflicht, an dir ist es, durch strengen und pünktlichen Gehorsam die Auflehnung, die du schon zweimal versucht hast, vergessen zu machen.«

Blagonow hatte Sacharin, dessen ganze Erscheinung sich, während er sprach, so vollständig verändert hatte, zuerst in zitterndem Entsetzen angestarrt, allmählich aber nahmen seine Züge wieder den Ausdruck finsterer Entschlossenheit an – als Sacharin geendet, fragte er ebenso kalt und ruhig, als jener ihm vorher gegenübergestanden hatte:

»Und wer bist du, daß du es wagst, in diesem Ton mit mir zu sprechen? Würdest du meine Beziehungen zu jenem geheimen Bunde kennen, wie du vorgibst, so würdest du auch wissen, daß dieselben gelöst sind und daß ich keine Verpflichtungen gegen denselben habe, als zu schweigen über das, was ich von ihm weiß.«

»Wer ich bin?« rief Sacharin mit flammenden Blicken, »ich bin der, dessen Leitung Feodor Michaelowitsch Blagonow anvertraut wurde, als er in den ersten Grad des Bundes eintrat, ich bin der, in dessen Händen der von dir geschriebene und unterzeichnete Schwur des Gehorsams ruht, der dich allein kennt und allein über dich zu gebieten hat – wer auch immer dich deiner Pflicht enthoben haben mag, er hat unrecht gehabt, er durfte es nicht, denn nach den Gesetzen des Bundes, die dir bekannt sind, gehört ein jeder der Brüder nur dem, der unmittelbar über ihm steht, dem er übergeben wurde, der ihn überwacht und ihm die Befehle des Bundes übermittelt, ohne daß er selbst ihm bekannt ist. Du aber bist mir übergeben worden, ich habe dich geführt, ungesehen und ungeahnt von dir selbst, ich habe dich in das Haus des Fürsten gebracht, um Marpha zu unterrichten, weil ich sie kannte wie dich, weil ich wußte, daß ihr Herz sich dir zuwenden würde, und weil ich durch dich einen neuen Weg bahnen wollte zu den Höhen der Gesellschaft, welche du damals so bitter verabscheutest, daß ich mich selbst in dir täuschte. Auch wähne nicht, daß du dich von deinen Pflichten befreien kannst, weil das Glück dich den Haß gegen die Gesellschaft vergessen ließ, wer einmal dem Bunde geschworen, hat nicht Ruhe in trägem Genuß der Güter des Lebens, die ihm nicht gehören und die er der ganzen darbenden und leidenden Menschheit wieder zu erobern geschworen hat. Wer es auch immer sei, der dich von deinen Pflichten befreit hat, ich erkenne es nicht an, ich halte dich fest, ich befehle dir, zu gehorchen und zu arbeiten für die heiligen Zwecke des Bundes; ich halte dich fest, denn in meiner Hand ruht der Schwur, mit deinem Blute unterzeichnet, und erbarmungslos werde ich dich von deiner Höhe herabstürzen, wenn du es wagst, mir zu trotzen.

Nun geh hin und mache deine Anzeige, wie du gedroht, aber sei gewiß, daß unmittelbar darauf der hochmütige Feodor Michaelowitsch Blagonow, der Schwiegersohn des Fürsten Kudiakow, der Ordonnanzoffizier des Kaisers als Hochverräter vor Gericht stehen wird – für mich aber gibt es keinen Kerker und keine Fesseln, denn ehe noch das erste Verhör über dich gehalten sein wird, werde ich frei wie der Vogel dahinziehen. Der Bund, dem du deinen Schwur brechen möchtest, weiß ebenso sicher zu schützen als unerbittlich zu strafen.«

Immer bleicher war Blagonow geworden, immer finsterer ruhten seine Blicke auf dem höhnisch triumphierenden Gesicht Sacharins.

»Ich bin gekommen,« sagte er ernst und feierlich, »um Frieden zu bieten –«

»Es gibt keinen Frieden,« rief Sacharin, »mit einem Verräter und Abtrünnigen, so lange er sich nicht in Demut beugt und zu seiner vergessenen Pflicht zurückkehrt –du bist mein, ich kann den reumütigen Gehorsam schonen, aber die trotzige Auflehnung werde ich zu beugen oder zu brechen wissen.«

»Du hast den Kampf um Leben und Tod gewollt,« sagte Blagonow, »mein ist das Leben, dein ist der Tod.«

Schnell zog er den Revolver aus seiner Tasche, ruhigen, sicheren Blickes erhob er mit fester Hand die Waffe gegen Sacharins Stirn, ehe dieser seine blitzschnelle Bewegung bemerken und begreifen konnte – der Schuß krachte und vornüber stürzte Sacharin zu Boden, nur einen dumpfen, röchelnden Laut ausstoßend und in konvulsivischen Bewegungen zuckend.

Starr, blickte Blagonow auf den Gefallenen nieder.

»Es mußte sein,« sagte er leise, »er oder ich, jedes geschaffene Wesen hat das Recht, sein Leben zu verteidigen.«

Man hatte draußen den Schuß gehört, Diener traten erschrocken durch den Salon in das Kabinett; sie schrien entsetzt auf, als sie den blutenden Leichnam am Boden erblickten. Blagonow hatte sich herabgebeugt und den Revolver neben die Hand des Toten gelegt.

»Der Arme«, sagte er ruhig, »hat sich den Tod gegeben, um sich der Rechenschaft zu entziehen, die ich von ihm forderte; er ist der Versuchung erlegen und hat des Fürsten Gelder veruntreut. Die Strafe, die er sich selbst gab, ist doch zu hart, ihm wäre wohl Nachsicht geworden, wenn er seine Schuld gestanden hätte.«

Niemand zweifelte an Blagonows Worten; seine Blässe und der finster verstörte Ausdruck seines Gesichtes waren ja vollkommen durch den plötzlichen Vorfall erklärlich, und nichts konnte den Verdacht erregen, daß er Sacharin getötet habe.

Schnell durchflog die Schreckenskunde das ganze Palais; nach wenigen Augenblicken erschien der Fürst, halb angekleidet, seinen Schafpelz über die Schultern geworfen, in höchster Aufregung. Schaudernd fuhr er vor dem in seinem Blute liegenden Körper Sacharins zurück. Blagonow führte ihn aus dem Kabinett in den Salon, wo der Fürst, ganz erschöpft und unzusammenhängende Klagen ausstoßend, in einen Sessel sank.

»Ich wollte dir Sorge und Aufregung ersparen«, sagte Blagonow; »diese Briefe hier, welche Marpha erhalten, klagten Sacharin des Betruges und der Unterschlagung an. Ich wollte die Wahrheit ermitteln, aber die Sache schonend behandeln, deshalb ging ich zu ihm, hielt ihm die Anklage vor und verlangte von ihm Geständnis oder Rechtfertigung durch Vorlegung seiner Bücher. Er hat den entsetzlichsten Beweis seiner Schuld gegeben, indem er den Revolver aus seinem Schreibtisch nahm und, ehe ich es verhindern konnte, gegen seine Stirn abschoß. Ich wollte ihn schonen und bin gewiß, daß du, mein Vater, Nachsicht geübt hättest. Gott hat gerichtet,« fügte er im Tone der Wahrheit und Überzeugung hinzu, »er möge alle irdische Schuld vergeben und dem Unglücklichen den ewigen Frieden schenken, der als Opfer seiner Taten gefallen ist.«

Der Fürst sprach und fragte in höchster Aufregung bunt durcheinander, bald verwünschte er Sacharin, der so schmählich sein Vertrauen getäuscht habe, bald jammerte und klagte er über seinen Verlust und versicherte wiederholt, daß er ihm ja alles gern verziehen hätte, wenn er seine Schuld gestanden und seine Vergebung erbeten habe.

Blagonow behielt in all dieser Aufregung, welche das ganze Haus ergriffen, seine volle Ruhe. Er hatte sogleich die Anzeige auf der Polizei machen lassen, ein Beamter erschien, um den Tatbestand zu konstatieren. Blagonow gab sicher und klar seine Erklärung zu Protokoll, er legte die Briefe vor, welche Sacharin anklagten und über welche er nach seiner Aussage des Toten Rechtfertigung verlangt hatte. Das Protokoll wurde unterzeichnet und die Leiche fortgebracht; der Fürst befahl, daß dieselbe nach seinen Gütern transportiert und ehrlich begraben werden solle, und damit war die Sache abgemacht. Niemand dachte an eine weitere Untersuchung, niemand faßte einen Verdacht, der zu weiteren Nachforschungen über das Ende des unglücklichen Sacharin hätte Veranlassung werden können. Der Fürst in seiner sanguinischen, leicht empfänglichen und ebenso leicht beweglichen Natur beruhigte sich bald; der alte Iwan Gregorjewitsch, der nie ein Freund Sacharins gewesen, versicherte seinem Herrn, daß er sich vollkommen imstande fühle, um selbst die ganze Vermögensverwaltung zu überwachen, und verschwor sich hoch und teuer, daß er allen Spitzbuben scharf auf die Finger sehen werde, und daß unter seiner Aufsicht auch nicht ein einziger Heller werde veruntreut werden.

So rauschte denn schnell die Woge der Vergessenheit über den Tod, und der Fürst schickte sich an, seine gewohnten Besuche zu machen, um allen seinen Bekannten das außerordentliche Ereignis mitzuteilen und den peinlichen Eindruck desselben in dem Aussprechen seiner Empfindungen sich verflüchtigen zu lassen. Blagonow aber stieg zu Marpha hinauf, nachdem er den Schlüssel zu Sacharins Wohnung an sich genommen, um demnächst dessen Papiere auf Grund der so schauerlich erwiesenen Anklage einer genauen Durchsicht zu unterziehen.

Marpha trat ihm bleich und zitternd entgegen, ihre ganze Seele lag in ihren starren, auf ihn gerichteten Augen.

»Was ist geschehen?« fragte sie tonlos.

»Wir sind frei,« erwiderte Blagonow, »er, der es wagte, dir zu trotzen, ist tot.«

»Entsetzlich!« rief sie, und schaudernd wich sie vor ihm zurück.

»Du fürchtest mich, Marpha,« fragte er finster, »möchtest du ungeschehen machen, was ich getan – möchtest du lieber die Sklaverei ertragen, die dich gestern zur Verzweiflung trieb, und in schwächlichem Jammern von einem Zufall Befreiung hoffen?«

»Es ist entsetzlich,« sagte sie, scheu zu ihm aufblickend, »sein Blut klebt an deiner Hand.«

»Das Blut meines Feindes,« erwiderte er, »der nach meinem Herzen zielte. O hättest du ihn gesehen, wie er in höhnischem Triumph sich die Herrschaft über meine Seele, über meinen Willen, über meine Kraft anmaßte, und ich sollte mein Leben nicht verteidigen, das Gott mir gab und das so viel wert ist wie das seine! Wenn der Soldat im Felde dem Feinde gegenübersteht, der den Arm erhebt zum tödlichen Streich gegen ihn, und wenn er ihm zuvorkommt und den Gegner niederstößt, so nennt man ihn einen Helden und schmückt ihn mit dem Lorbeerkranz des Ruhmes – ich bin Soldat geworden, und was im Felde zu tun meine Pflicht ist, das sollte ich hier nicht tun dürfen, um einen Feind niederzustrecken, der nicht nur mein Leben bedroht, sondern mich verurteilen wollte zu einem Leben in elender, entwürdigender Knechtschaft? – Nein, ich bereue nicht, was ich getan, ich habe ihm den Frieden geboten, er hat ihn zurückgewiesen, und ich würde mich selbst verachten, ich würde kein Mann, ich würde deiner nicht wert sein, wenn ich ohne Kampf mich gebeugt hätte, wenn ich die Waffe nicht gebraucht hätte gegen den Feind, den ich wahrlich ein größeres Recht hatte zu vernichten, als den armen türkischen Soldaten, der seine Waffe gegen mich zückt, ohne mich zu kennen, weil seine Pflicht ihn mir gegenüberstellt. Sei stark, Marpha, du selbst hast den Kampf gewollt gegen den höhnischen, unversöhnlichen Feind, und jetzt wolltest du zagen und zweifeln, da ich den Kampf aufgenommen und da der Himmel mir den Sieg gegeben!«

Sie breitete die Arme aus und warf sich an seine Brust.

»Verzeihe dem schwachen Weibe,« rief sie, »mein Held, mein Befreier! Du hast recht, und ich wäre deiner nicht wert, wenn ich schaudern wollte vor dem, was du für unsere Liebe getan.«

Der Fürst kam, um Blagonow abzuholen. Er fuhr mit seinem Schwiegersohn zur Kaserne von dessen Regiment und lud alle seine Kameraden zum Diner ein; er machte unzählige Besuche, überall erzählte er den traurigen Vorfall in seinem Hause – bald war es in ganz Petersburg bekannt, daß der Sekretär des Fürsten Kudiakow sich erschossen habe, weil man große Unterschiede in seiner Verwaltung entdeckt.

Der Vorfall fand namentlich in dieser bewegten Zeit wenig Beachtung in der Gesellschaft – man war dergleichen Dinge gewöhnt, wenn sie auch nicht immer einen so tragischen Ausgang nahmen – um so mehr Aufsehen aber erregte die Sache in der Geschäftswelt, und noch am Abend desselben Tages erhielt Blagonow zahlreiche Zuschriften von großen Lieferanten, welche sich erboten, jede gewünschte Auskunft zu geben, und daran die dringende Bitte knüpften, daß ihnen die Lieferungen für den Haushalt des Fürsten belassen werden möchten.

25. Kapitel

In dem Lazarett des Hauptquartiers waren inzwischen die Tage ernst und trübe hingegangen. Immer noch hatte das russische Oberkommando geglaubt, die so plötzlich mitten in dem Siegeslauf emporgestiegene Gefahr mit der äußersten Kraftanspannung erdrücken zu können – immer von neuem waren die Sturmkolonnen gegen die Redouten von Plewna vorgeschickt – immer aber waren sie, trotz des großartigen Heldenmutes der Offiziere und Soldaten, wieder zurückgeworfen worden, denn hinter den Erdwällen hervor spien die türkischen Geschütze einen so dichten und unaufhörlichen Hagel von Kugeln und Geschossen hervor, daß ganze Reihen der Angreifer in wenigen Augenblicken den Boden bedeckten, ohne daß es möglich war, den Feinden ernsten Schaden zuzufügen oder nur eine ihrer Positionen zu erobern und zu behaupten. Zugleich begannen die Türken die russischen Stellungen auf dem Schipkapaß mit wilder Tapferkeit anzugreifen, und mühsam nur konnte der General Radetzki diesen für den ganzen künftigen Feldzug so wichtigen Übergangspunkt halten.

Die Lage von Bjela ließ Bedenken wegen der Sicherheit des Kaisers aufsteigen, auch war das Klima dort ungesund, so daß sogar der Kaiser an rheumatischen Schmerzen zu leiden anfing – daher wurde denn die Verlegung des kaiserlichen Hauptquartiers nach einem zentraler gelegenen Punkte beschlossen, und am 14. August begab sich der Kaiser nach Gornij-Studen, wo sich auch das Hauptquartier des Großfürsten Nikolaus befand, und der Kaiser also im Mittelpunkt aller Operationen seine Stellung hatte, zugleich mit dem offenen Rückweg nach der Donau.

Das Dorf Gornij-Studen liegt in einer weiten Ebene, an einer dieselbe durchschneidenden Schlucht, die einen Wasserlauf einschließt.

In der Ebene neben dem Dorfe befand sich das Hauptquartier des Höchstkommandierenden, die Flagge des Großfürsten wehte über den Zelten und Baracken – ringsum dehnten sich weite Truppenlager aus.

Unmittelbar am Abhange der Schlucht lag ein hohes hölzernes Haus, welches zur Wohnung des Kaisers erwählt wurde. Hier hatte der über die Reichtümer zweier Erdteile gebietende Monarch wenigstens ein festes Dach über sich – aber dennoch hätte kaum für einen einfachen Privatmann dieses »Palais«, wie es die Soldaten nannten, die gewöhnlichsten Bequemlichkeiten bieten können. Eine Außentreppe, ähnlich wie man sie bei den Schweizerhäusern findet, führte in das obere Stockwerk, und neben den beschränkten Wohnräumen des Kaisers fanden nur noch der Graf Adlerberg, der Kriegsminister Miljutin, der Fürst Suwarow und der General Rylejew Unterkommen in der kaiserlichen Residenz.

Auf der Straße vor dem Hause war in einer kleinen Hütte die Telegraphenstation des kaiserlichen Hauptquartiers eingerichtet, ein Heuschober nahm die Kanzlei und die Hofbeamten vom unmittelbaren Dienst auf. Daneben stand das Speisezelt – die sämtlichen übrigen Herren des Gefolges wohnten in Zelten, Baracken oder Bauernhäusern des Dorfes.

So war die Residenz des Kaisers in diesem bulgarischen Dorfe beschaffen, dessen Name vorher der ganzen Welt unbekannt war, und das während einer so langen Zeit voll qualvoller Unruhe und Erwartung den Mittelpunkt aller Fäden bilden sollte, welche das Schicksal des russischen Reiches und die europäische Politik bewegten.

Eine »Stadt der Geduld« nannte der Kaiser Alexander seufzend das durch die umliegenden Truppenlager so weit ausgedehnte Residenzdorf – denn er täuschte sich am wenigsten über die Unmöglichkeit, die Erdfestung Plewna durch Sturm zu nehmen, und zweifelte trotz der sanguinischen Hoffnungen, welche immer wieder im Hauptquartier des Großfürsten auftauchten, keinen Augenblick daran, daß nur durch eine ganz regelrechte Einschließung die Armee des tapfern und zähen Osman Pascha bezwungen werden könne. Dem Kaiser folgten die Lazarette und die Verpflegungsbureaus von Bjela nach Gornij-Studen.

In einem bequemen Wagen, nachlässig in die Polster gelehnt, fuhr Jewjeni Mossejew auf der Straße hin inmitten des Wagenzuges, welcher die am schnellsten erforderlichen Verpflegungsgegenstände für das kaiserliche Hauptquartier enthielt. Er blies wohlgefällig die duftigen, bläulichen Rauchwölkchen aus seiner vortrefflichen Zigarette in die Luft und blickte hochmütig auf die einzelnen Truppenabteilungen herab, welche er im Marsch auf der staubigen Straße in den glühenden Sonnenstrahlen begegnete. Wladimir hatte von dem Vorgange, dessen Zeuge er mit Blagonow in dem Intendanturgebäude geworden, dem Kommando des Hauptquartiers Anzeige gemacht – die Anzeige war der obersten Intendanturbehörde im Hauptquartier des Höchstkommandierenden mitgeteilt und sogleich eine Untersuchung eingeleitet worden. Herr Chwoschtschinski war aber am nächsten Morgen bereits nach seinem Etappenquartier in Rumänien zurückgereist und hatte seine Begleiterinnen wieder mit sich genommen.

Die Verwaltung des Bureaus, die Bücher und die Vorräte waren in vollkommener Ordnung befunden, alle vorgekommenen Taktlosigkeiten wurden auf die Rechnung Chwoschtschinskis geschrieben, so daß ein durchaus zufriedenstellender Bericht an das Oberkommando eingegangen war, in welchem der Vorfall als eine jener Unregelmäßigkeiten dargestellt wurde, wie sie im Lagerleben wohl vorkommen, und für deren Zulassung der Sekretär Mossejew einen strengen Verweis erhalten habe. Damit war die Sache aktenmäßig befriedigend erledigt – der Verweis, den Jewjeni Mossejew von einem der Hauptagenten der Gesellschaft persönlich erhielt, klang aus dessen Munde aber weit mehr wie eine Mahnung zur Vorsicht, und alles blieb, wie es gewesen, nachdem ein starkes Aktenfaszikel vollgeschrieben war.

Jewjeni hatte an Zuversicht gewonnen, er freute sich, in dem Gefühl des geheimnisvollen Schutzes, der über ihm schwebte und ihn selbst gegen eine Anklage aus der kaiserlichen Umgebung deckte, um so mehr der Annehmlichkeiten seiner Stellung, an die er sich bereits so sehr gewöhnt hatte, daß er sie als selbstverständlich betrachtete und weder darüber nachdachte, noch sich verwunderte, wie er aus seiner früheren Dunkelheit zu so genußvollem Leben emporgestiegen sei. Eine Abteilung Kosaken deckte, vor und hinter den Wagen reitend, den Proviantzug. Bei der schließenden Abteilung befand sich Stephan Sacharjew in der kleinen Dienstuniform der Chevaliergarden und vergnügt mit den Kosaken plaudernd, welche ganz stolz darauf waren, daß ein Soldat des ersten Kavallerieregiments der Armee und Diener eines kaiserlichen Ordonnanzoffiziers sich ihnen angeschlossen hatte.

Stephan hatte den Auftrag Blagonows nicht vergessen, dessen Ausführung so vollständig mit der Abneigung und dem Mißtrauen, die er gegen den Studenten empfand, übereinstimmte, und er hatte deshalb auch bei der Verlegung des Hauptquartiers von seinem Herrn Urlaub erbeten, um den Zug mit den Proviantwagen zu machen. So lustig er nun auch mit den Kosaken lachte und scherzte, so fleißig er seine große, wohlgefüllte Feldflasche herumreichte, so verlor er doch den Wagen, in welchem Jewjeni saß, nicht einen Augenblick aus den Augen, um das Versprechen, das er Blagonow gegeben, pünktlich zu erfüllen.

Vor dem Proviantzuge war ein Teil der Krankenwagen abgegangen, da auch die Lazarette des kaiserlichen Hauptquartiers, denen der Kaiser seine ganz besondere Sorgfalt widmete, von Bjela nach Gornij-Studen gebracht werden sollten.

Auf einem breiten Wagen saß Jewa Alexiewna, die Tochter des Kollegienrats von Dobbrodorow, neben dem auf einem Matratzenlager gebetteten Leutnant Rossianow. Ein Korbgeflecht mit einem Leinenvorhang deckte den Verwundeten nach der Sonnenseite hin vor den blendenden und glühenden Strahlen, während auf der anderen Seite der Vorhang geöffnet war, um dem frischen Luftzuge freien Zugang zu gewähren.

Der junge Offizier lag mit geschlossenen Augen da. Sein Gesicht war bleich und abgemagert, aber auf seinen Zügen lag glückliche, friedliche Ruhe – die Unruhe des Fiebers und die Qual der Schmerzen hatten ihn verlassen – seine Wunde heilte regelmäßig und es blieb zu seiner Wiederherstellung nur noch die tiefe Erschöpfung zu überwinden, welche der Blutverlust und das Fieber zurückgelassen. Er trug einen weiten Uniformüberrock, auf demselben war das Georgskreuz befestigt – er hatte, sobald sein Bewußtsein zurückgekehrt war, darauf bestanden, dies Ehrenzeichen, den höchsten Stolz des russischen Soldaten, auch in seiner Krankheit zu tragen, und während er nun schlummernd dalag, ruhte seine Hand auf diesem teuren Kreuz, das ihn für alle Schmerzen so reich belohnte.

Jewa saß in dem dunklen Anzuge der Krankenpflegerinnen neben ihm, sorgsam seinen Schlummer bewachend und zuweilen den Vorhang ordnend, wenn bei einer Wendung des Weges dennoch ein Sonnenstrahl das Gesicht des Verwundeten traf.

Immer mehr hatte sie sich verändert, nicht eine Spur mehr war auf ihrem blassen, feinen Gesicht von dem früheren kecken, leichtfertigen und trotzigen Sinne zu entdecken – ihre Miene war ernst, aber doch von ruhiger Freudigkeit erfüllt, und ihre Augen ruhten mit sinnenden Blicken wie fragend auf dem blassen Gesicht des Verwundeten, als ob sie ihre eigenen Gedanken ordnen oder sich klar machen wolle.

Es hatte sich während der stillen und einförmigen Tage in den dunklen Räumen des Lazaretts zwischen den beiden jungen Leuten ein ganz eigenartiges Verhältnis gebildet, welches Jewa Alexiewna mehr noch bewegte, als den immer wieder noch in seine schlummernde Erschöpfung zurücksinkenden Kranken.

Beide hatten sich früher nur äußerlich gekannt, ohne sich jemals näher zu treten. Der feurige, kühn und ideal angelegte junge Reiteroffizier hatte in der schönen Darja das Traumbild seiner Phantasie verkörpert gefunden und ihr sein Herz zugewendet. Wohl hatte er zuweilen die apathische Gleichgültigkeit des schönen jungen Mädchens wie einen erkältenden Hauch empfunden, aber seine eigene Leidenschaft und das Feuer seines jugendlichen Blutes waren davon nur in flüchtig vorübergehenden Augenblicken berührt worden, und seine lebhafte Phantasie gestaltete die kühne Gleichgültigkeit der Geliebten zu der Scheu edler Weiblichkeit aus.

Darjas Schwester Jewa, welche er selten in der Moskauer Gesellschaft und meistens nur im Hause des Kollegienrats von Dobbrodorow begegnete, war ihm vom ersten Augenblicke ihrer Bekanntschaft an unsympathisch gewesen. Die kecken Manieren der jungen Studentin, ihre freie, burschikose Sprache, die halb männliche Tracht, in welcher sie gewöhnlich erschien – das alles stimmte so wenig mit seinen Vorstellungen von wahrer Weiblichkeit überein, daß er seinen Verkehr mit Jewa auf einen kühlen Gruß und einige allgemein höfliche Redensarten beschränkte.

Jewa ihrerseits war so sehr in die liberalen und negierenden Ideen ihrer Kreise hineingelebt, daß sie von vornherein eine mit Verachtung gemischte Abneigung gegen einen Offizier empfand, der dem Despotismus diente und deutlich zeigte, daß er ganz und gar in den Anschauungen lebte, welche sie als blöde Vorurteile einer dem Untergange geweihten Kaste betrachtete. Sie hatte auch in ihrem Benehmen gegen den jungen Mann aus ihrer Abneigung kein Hehl gemacht und seine höflich kühlen Annäherungen trotzig und spöttisch zurückgewiesen; sie hatte auch dem Dienst der Krankenpflege sich weniger aus nationaler Begeisterung und patriotischer Hingebung gewidmet, als aus dem Drange nach praktischer Tätigkeit, welche ihr kräftiger, lebhafter Geist verlangte. Nachdem sie aber eine Zeitlang ihren Dienst versehen, waren ihre bisherigen Weltanschauungen bereits wesentlich erschüttert worden. Sie sah nach den ersten Gefechten schon so viele kräftige, in der Blüte des Lebens stehende Männer trotz der schweren Wunden, welche sie im Dienste des in den Hörsälen der Universität so bitter gehaßten und so höhnisch verspotteten Despotismus empfangen hatten, von freudiger Begeisterung für den Kaiser und das Vaterland erfüllt. Sie sah diese Männer in frommer Ergebung ihre Schmerzen tragen und den tröstenden Worten der Priester lauschen, welche sie ihrerseits nur zu verspotten gewohnt war; sie sah endlich die tapferen Krieger in der Blüte ihrer Jahre ruhig und heiter sterben in dem freudigen Glauben an eine künftige Welt und an eine ewige, göttliche Liebe und Barmherzigkeit.

Diese Vorgänge, welche sich täglich vor ihren Augen wiederholten, hatten jenen seichten Skeptizismus, den sie aus den medizinischen Vorträgen und aus dem Umgange mit ihren Gefährtinnen in sich aufgenommen, ganz wesentlich in seiner sicheren Selbstgenügsamkeit irre gemacht. Wenn so viel gute, brave Männer freudig in dem Kampfe für den Kaiser und das Vaterland ihr Leben einsetzten, so mußten eben der Kaiser und das Vaterland denn doch wohl etwas mehr bedeuten, als einen bloßen widersinnigen, unwürdigen, kalt grausamen Despotismus, wenn so viel junge, lebensfrische Herzen in freudigem, festem Glauben an Gott und ein ewiges Leben zu schlagen aufhörten, so mußte doch wohl in diesem Gebäude von Knochen, Muskeln und Nerven noch etwas anderes leben, als der pulsierende Herzmuskel, dem ihre Professoren allein die menschliche Existenz zuschrieben, da sie noch nie unter ihrem Seziermesser eine Seele gefunden hatten.

Während der Tage und Nächte, die sie an den Lagern der Leidenden zubrachte, sank ihre bisherige angelernte Weltanschauung immer mehr und mehr unter ihren aufsteigenden Zweifeln zusammen, und immer mehr entwickelte sich in ihr die Überzeugung, daß die ganze Welt, welche sie bis jetzt als eine nach selbsttätigen Gesetzen durcheinander wirbelnde Zusammensetzung von Atomen betrachtet hatte, doch von einem lebendigen, ordnenden, schaffenden und liebevoll sorgenden Geiste durchweht sein müßte.

In diesem Zustande innerer Arbeit und Umwandlung traf sie mit dem verwundeten Leutnant Rossianow zusammen. Als sie ihn erkannte, war ihr erster Gedanke, daß es ihre Pflicht sei, den Geliebten ihrer Schwester mit Aufbietung all ihrer Sorgfalt und Hingebung am Leben zu erhalten, und sie widmete sich seiner Pflege mit der ganzen Energie und Willenskraft ihres Geistes.

Der schöne, junge Mann, dessen Gesicht in fiebernden Schmerzen zuckte, flößte ihr tiefes Mitleid ein. Sie verfolgte mit angstvoller Teilnahme seine Atemzüge, und als endlich leise und allmählich seine Genesung begann, da betrachtete sie sein wiederkehrendes Leben fast als ihr Werk und ihre Schöpfung.

Seine erste Frage, als sein Bewußtsein wiederkehrte und seine Erinnerungen sich wieder zu ordnen begannen, galt dem Georgskreuz, das er aus der Hand des Kaisers empfangen hatte; er verlangte, daß dasselbe auf seine Brust gelegt werde – und von neuem erstaunte Jewa über die gewaltige Macht der Idee, welche in diesem kleinen Kreuze ihren Ausdruck fand. Als nun der junge Mann sich immer mehr und mehr erholte, als das Fieber ihn verließ, als er zu sprechen begann und die Ärzte ihm erlaubt hatten, ihn durch Unterhaltung zu zerstreuen – da war sie wieder in hohem Grade erstaunt über die vielseitige Bildung, über den Reichtum an Gedanken und Empfindungen, welche ihr aus den Gesprächen des jungen Offiziers entgegentraten, den sie der Auffassung ihrer Kreise gemäß für einen beschränkten oder heuchlerischen Söldling des Despotismus gehalten hatte.

Nicht minder wurden all ihre früheren Lebensanschauungen erschüttert durch ihre Unterhaltungen mit Stjepanida, welche sich innig an sie angeschlossen hatte. Die junge Bulgarin sprach so begeistert von ihrer Liebe zu Pawjel, sie war so unerschütterlich entschlossen, sich dem zu beugen, was sie für das göttliche Gebot erkannte, und dabei so gläubig vertrauensvoll, daß die himmlische Macht, die sie so wunderbar geführt und beschützt, auch ihre Liebe zu glücklicher Zukunft führen werde, daß die angelernten Zweifel an allem Heiligen und Göttlichen in Jewas Brust immer mehr vor der Reinheit und Glaubensfreudigkeit des lieblichen Naturkindes verstummten.

Wie sich in der weiblichen Seele alle Empfindungen immer um einen konkreten Gegenstand schlingen und mit demselben zusammenwachsen, so verbanden sich auch alle diese inneren Wandlungen, welche mit Jewa Alexiewna vorgingen, mehr und mehr mit dem Bilde des jungen Mannes, dessen Pflege sie ihre ganze Kraft und Hingebung zuwendete; sie sah in ihm gewissermaßen die Verkörperung eines ihr neu erwachenden Lebens, das sie so viel glücklicher machte, als ihre früher verneinende Weltanschauung, und ihr klarer, zu scharfer Kritik entwickelter Geist erkannte in unwillkürlicher Selbstprüfung mit Schrecken, daß ihr Herz sich immer inniger und fester an den jungen Mann anschloß, der ihr doch als der Geliebte ihrer Schwester ewig unerreichbar war.

Der Leutnant Rossianow seinerseits war nicht minder erstaunt, als er, zum Bewußtsein erwacht, in seiner Pflegerin Darjas Schwester erkannte, und in dem Verkehr mit derselben die früher seinem ganzen Wesen widerstrebende Studentin äußerlich und innerlich so gänzlich verwandelt fand. Die einfache weibliche Tracht der Pflegerinnen ließ Jewas Gesicht so viel edler und schöner erscheinen; die Augen, welche früher durch die blaue Brille verdeckt waren, blickten so klar, ruhig und sinnig, daß sie ihm jetzt, durch ihren edlen Beruf noch verschönt, wie das Ideal reiner und lieblicher Weiblichkeit erschien. Das kecke, trotzige Wesen, das ihn früher abgestoßen, war verschwunden, und ihre stille, demütige Haltung verstärkte den wohltätigen Eindruck, den sie auf seinen wiedererwachenden Geist machte – sie war jetzt das, was er in ihrer Schwester gesucht und zu finden geglaubt hatte, zugleich aber fand er in ihr, was er bei Darja oft schmerzlich, ohne sich selbst darüber Rechenschaft zu geben, vermißt hatte. Ihr lebhafter Geist wußte den Gesprächen, die er mit ihr führte, stets einen neuen Reiz zu geben, sie fragte ihn über so vieles, was ihn selbst lebhaft bewegte, sie lauschte verständnisvoll seinen Worten, und ihre Antworten oder weiteren Fragen regten immer wieder neue Ideen in ihm an, so daß ganz allmählich und ihm selber unbewußt ihr Bild in seinem Herzen an Darjas Stelle trat, nur daß er in seinem durch die Krankheit erschöpften Geist über diese Wandlung nicht so klar wurde wie sie, und das Gefühl, das ihn immer wärmer erfüllte, der natürlichen Dankbarkeit für die Wohltat ihrer sorgfältigen Pflege zuschrieb.

Oft waren in ihren Gesprächen ihre Worte inniger und vertraulicher geworden, ihre Blicke hatten, wie mit magnetischer Kraft angezogen, sich ineinander versenkt, ihre Hände hatten gezittert bei zufälliger Berührung – aber immer waren sie dann nach solchen Augenblicken wieder scheu und erschreckt zurückgewichen und hatten längere Zeit nur gleichgültige Worte gewechselt, bis sie doch wieder irgendein zufällig berührter Gegenstand zu lebhafterem und wärmerem Gespräch führte.

In diesem eigentümlichen, halb glücklichen, halb peinlichen Verhältnis, welches wie eine duftige Morgendämmerung der erwachenden und erwachsenden Liebe zweier Herzen vorangeht, standen die beiden jungen Leute miteinander, als sie auf der Straße zwischen Bjela und Gornij-Studen dahinfuhren, und wundersam widersprechende und miteinander ringende Gedanken bewegten das junge Mädchen, während sie, Rossianows Schlummer behütend, auf sein bleiches Gesicht niederblickte.

Da erreichte der Proviantzug die Krankenwagen, die Wagen der Intendantur fuhren etwas schneller, und nach kurzer Zeit befand sich die offene Droschke, in welcher Jewjeni Mossejew saß, auf der schmalen Straße unmittelbar neben dem Wagen des Leutnants Rossianow. Jewa achtete kaum auf den vorüberfahrenden Provianttrain, und nur die Staubwolke, welche derselbe verursachte, ließ sie unruhig und besorgt aufblicken, da sie den schädlichen Einfluß für den Verwundeten fürchtete.

»Ah, meine schöne Krankenwärterin,« rief Jewjeni lachend, als er Jewas Gesicht unmittelbar neben sich sah, »Sie haben da eine recht schlechte und langweilige Gesellschaft; ein so hübsches, junges Mädchen wie Sie, ist wohl zu etwas anderem da, als neben einem Verwundeten zu sitzen, der kein Glied rühren kann und der kein Verständnis für das Glück hat, sich in so reizender Gesellschaft zu befinden. Lassen Sie den langweiligen Menschen ruhig weiter schlafen und steigen Sie in meinen Wagen – ich habe gesunde Arme, um Sie zu umarmen, und gesunde Lippen, um Sie zu küssen, und Sie werden mit mir eine viel amüsantere Fahrt nach Gornij-Studen machen, als mit dem halbtoten Krüppel, den Sie da neben sich haben.«

Die beiden Wagen fuhren unmittelbar nebeneinander. Jewjeni hatte sich herübergebeugt und sah Jewa mit unverschämten Blicken an. Einen Augenblick flammte helle Röte der Scham und des Unmuts in ihrem Gesicht auf; in früheren Zeiten, als sie noch die blaue Brille der Moskauer Studentinnen trug, würde sie vielleicht mit einem spöttischen Scherzwort oder einer schneidigen Abfertigung geantwortet haben, heute aber fühlte sie sich unendlich peinlich und demütigend berührt. Die Pflegerinnen wurden überall mit so viel Achtung und Ehrerbietung behandelt, daß es ihr fast schien, als ob sie in ihrer Erscheinung noch etwas von dem leichtfertig kecken, freien Geiste ihrer früheren Lebensauffassung behalten haben müsse, wodurch dem ihr ganz Unbekannten zu einer so impertinenten Annäherung Mut gemacht worden sei. Schweigend wendete sie sich ab, und schmerzlich senkte sie den Blick auf den schlafenden Rossianow.

Noch immer fuhren die Wagen nebeneinander.

»Nun,« rief Jewjeni, welcher Jewas Schweigen für eine indirekte Aufmunterung halten mochte, »erhalte ich keine Antwort – sind die schönen barmherzigen Schwestern nur barmherzig für die Verwundeten, und nicht für die Gesunden? Kommen Sie, Sie können leicht hier herübersteigen. Ich habe einen vortrefflichen Frühstückskorb hier im Wagen, und die Zeit soll Ihnen auf dem Wege nicht lang werden.«

Er beugte sich hinüber und faßte ihre Hand, um sie zu sich heranzuziehen.

Jewa stieß einen leisen Schrei aus und versuchte voll Schrecken und Abscheu ihn zurückzustoßen; er aber hielt sie fest und zog sie lachend näher zu seinem Wagen herüber.

Der Leutnant Rossianow fuhr aus seinem leichten Schlummer auf und sah, wie Jewa den Zudringlichen zurückzustoßen versuchte. Er richtete sich mit drohend blitzenden Augen ein wenig auf, aber die Kräfte versagten ihm und er vermochte nur mit einem Ruf des Zornes, der matt über seine Lippen drang, die Hand zu erheben.

Jewjeni war aufgestanden, hatte Jewa mit seinen Armen umschlungen und rief spöttisch:

»Wenigstens einen Kuß muß ich haben, kleine Widerspenstige, und wenn auch Ihr ohnmächtiger Galan da noch so wütend seine Augen verdreht.«

Schon näherte er, ihre abwehrende Hand zurückhaltend, seine Lippen ihrem flammenden Gesicht, als plötzlich ein kräftiger Arm ihn am Kragen packte und so heftig rückwärts riß, daß er mit schmerzlichem Aufschrei in seinen Wagen niedersank.

Stephan Sacharjew, welcher, hinter dem Zuge herreitend, den früheren Studenten nicht eine Sekunde aus den Augen verlor, hatte auch dessen zudringliche Annäherung an die Pflegerin und deren unwillige Zurückweisung bemerkt. Schnell wie der Blitz war er am Rande des Weges an den Wagen vorbeigesprengt und hatte das zitternde Mädchen auf so energische Weise von der unverschämten Liebeswerbung befreit. Jewjeni fuhr wütend empor, er erkannte in dem Soldaten, der, dicht neben dem Wagen reitend, den Arm noch über ihn ausgestreckt hielt, seinen verhaßten Landsmann aus Wolotschina.

»Ha,« rief er knirschend, »tölpelhafter Bauer, wie kommst du hierher, du sollst deine Frechheit bereuen! Wie kannst du es wagen, Hand an die kaiserliche Uniform zu legen?«

»Jewjeni Mossejew,« erwiderte Stephan, immer den Arm über den Wagen hinstreckend, »du warst ein Bauer in Wolotschina wie ich, und hätte dich der Teufel nicht aus der schwarzen Isba befreit, so möchte dir wohl der Galgen nicht entgangen sein, den du redlich verdient hast. Heute bin ich Soldat in unseres allergnädigsten Kaisers Garde, und du bist ein verfluchter Mehlwurm, der den braven Soldaten das Brot kurz schneidet – aber das sage ich dir, wagst du es nur noch mit einem frechen Blick, diese Dame hier zu belästigen, so werde ich dich zusammenprügeln, daß du deine Knochen einzeln aus dem Graben am Wege aufsuchen kannst.«

Giftige Wut sprühte aus Jewjenis Augen, aber Stephan hielt die geballte Faust so nahe über seinen Kopf, und seine Miene drückte so deutlich den festen Entschluß aus, den Worten unmittelbar die Tat folgen zu lassen, daß Jewjeni keinen Widerstand für geraten hielt, um so mehr, da auch unter den Kosaken der Eskorte laute Rufe der Zustimmung zu Stephans energischem Vorgehen vernehmbar wurden. Dieser sprengte zu den ersten Proviantwagen vor.

»Vorwärts,« rief er, »vorwärts, macht daß ihr weiter kommt, ihr stört die Kranken!«

Die Kutscher wagten nicht, dem Befehl zu widersprechen, die Kosaken halfen durch Lanzenstöße die Pferde antreiben, und bald fuhr der Proviantzug in schnellem Trabe vor, auch die Krankenwagen weit hinter sich zurücklassend.

»Der Elende,« sagte Rossianow, welcher der ganzen Szene mit fieberhafter Unruhe zugesehen hatte, »oh, ich werde ihn wiederfinden, wenn ich wieder kräftig sein werde, er soll seine Verwegenheit büßen. Jewa, meine gute, liebe Jewa,« bat er das still weinende Mädchen, »sei ruhig, betrübe dich nicht, denn die Frechheit eines solchen Menschen kann dich nicht beleidigen – oh, warum bin ich so schwach und gebrochen«, seufzte er dann, die Augen schließend, während sein Gesicht sich mit tiefer Blässe bedeckte.

Die Sorge um den Kranken ließ Jewa alles andere vergessen, schnell nahm sie einen Arzneikasten aus einem im Wagen stehenden Korbe und flößte Rossianow einige stärkende Tropfen ein.

Er schlug die Augen wieder auf, seine Blicke ruhten voll tiefer, inniger Zärtlichkeit auf dem zu ihm herabgebeugten Gesicht Jewas, deren Augen noch von Tränen feucht waren.

»Dank, Jewa, Dank,« sagte er, indem er ihre Hand ergriff und sie an seine Lippen zog, »du bist mein guter Engel, dich hat mir der Himmel als meinen Schutzgeist gesendet.«

Errötend senkte sie die Augen vor seinen Blicken, in zitternder Verwirrung suchte sie ihre Hand zurückzuziehen; er aber hielt sie fest.

»Laß mir deine Hand, Jewa,« sagte er, »es tut mir wohl, sie zu halten, es ist, als ob ein warmer Lebensstrom sich von dir zu meinem Herzen ergieße.«

Sie mußte ihm ihre Hand lassen. Noch einmal drückte er sie an seine Lippen, dann schloß er glücklich lächelnd seine Angen, immer aber hielten seine schlanken, krankhaft weißen Finger ihre Hand fest, es schien in der Tat, als ob ihre Berührung ihm wohltätige Beruhigung gewähre, denn bald zeigten seine gleichmäßigen, leichten Atemzüge, daß ein sanfter Schlummer sich auf ihn herabgesenkt habe.

Jewa aber saß tief und schwer atmend neben ihm. Was sie lange erkannt und oft sich selbst zu verhüllen versucht hatte, das wurde ihr jetzt in überwältigender Gewißheit klar, daß ihr ganzes Wesen, all ihr Denken und Fühlen in unwiderstehlicher Liebe dem Kranken gehöre, dessen Leben sie behütet hatte, und dem sie die Lebenswärme ihres Blutes mitteilte. Wonnevolle Seligkeit erfüllte sie, als sie, so über ihn gebeugt, seine Atemzüge und die Schläge seines Herzens hörte – dann aber schnürte bitterer Schmerz ihr Herz zusammen, denn er konnte ihr ja nie gehören, und sie fühlte, daß sie sterben müßte, wenn das Schicksal sie von ihm losreißen würde.

Langsam perlten die Tränentropfen über ihre Wangen, während die Wagen nach Gornij-Studen weiterfuhren.

Der Proviantzug war schneller vorausgefahren und erreichte bald seinen Bestimmungsort, woselbst ein großer Holzschuppen für die Bureaus und Vorräte des kaiserlichen Verpflegungsamtes bereit gestellt war. Stephan Sacharjew nahm alle diese Räume genau in Augenschein, ohne sich um die wütenden Blicke zu kümmern, welche Jewjeni ihm zuwarf, denn er mußte ja die Ortsgelegenheit genau kennen lernen, um die von Blagonow ihm aufgetragene Beobachtung wirksam fortsetzen zu können.

Bald hatte Jewjeni sein Wohngemach und sein Bureau so bequem, als es sich in der Eile tun ließ, eingerichtet. Nachdenklich saß er auf dem breiten Polsterdiwan, der auf den Wagen mitgebracht war; er hatte in seinem ersten Zorn die Absicht gehabt, sich über Stephan Sacharjew zu beschweren, aber bei ruhigerer Überlegung dachte er daran, daß sein Benehmen gegen die Krankenpflegerin, das ja dann auch zur Sprache kommen mußte, dennoch unangenehme Folgen für ihn haben könnte – so behielt er sich denn vor, bei vorkommender Gelegenheit, die sich ihm bieten würde, sich an dem verhaßten Bauer, der hier so unerwartet wieder seinen Weg gekreuzt hatte, zu rächen und sich vorläufig für den gehabten Verdruß durch das angenehme Leben zu entschädigen, das seine Stellung ihm bot.

Während er in diesen Gedanken, seine Zigarre rauchend, auf dem Diwan lag, trat ein Ordonnanzsoldat ein, übergab ihm ein Paket Briefschaften und entfernte sich dann sogleich wieder, ohne eine Frage oder einen Befehl abzuwarten.

Jewjeni schickte sich gleichgültig an, die Briefe durchzusehen, als er ganz obenauf ein kleines Billett erblickte, auf dessen Umschlag sich ein mit roter Tinte geschriebenes N. befand, das man für ein Aktenzeichen oder für die Chiffre des Absenders halten konnte. Der junge Mensch erschrak, als er dies Zeichen erblickte; erbleichend öffnete er mit zitternden Händen das Billett. Dasselbe enthielt nur die wenigen Zeilen:

»Jewjeni Mossejew wird heute abend, sobald die Dunkelheit der Nacht vollständig hereingebrochen ist, sich an eine einsame Stelle auf freiem Felde begeben, um einen Befehl derjenigen zu erhalten, denen er zu gehorchen verpflichtet ist.«

Jewjeni starrte das Papier mit entsetzten Blicken an; er hatte sich an das sorglose und genußvolle Leben, das er führte, so sehr gewöhnt, daß er vollständig aufgehört hatte, darüber nachzudenken, woher ihm dasselbe kam, und kaum hatte er sich noch des Bundes erinnert, dem er willenlosen Gehorsam schuldig war, es schien ihm, als ob eine eisige Hand sich um sein Herz spannte, als er nun so plötzlich und unerwartet daran erinnert wurde, daß er nur ein Werkzeug für die Zwecke einer unbekannten, rücksichtslos gebietenden Gewalt war.

Angstvoll blickte er umher, schnell entzündete er das Billett mit seinem Taschenfeuerzeug und zerrieb dann die Asche sorgfältig auf dem Boden. Er hatte nicht länger Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen, denn bereits traten seine Schreiber ein, um die laufenden, durch die Verlegung des Hauptquartiers gehäuften Geschäfte zu beginnen. Es waren die Vorräte zu inventarisieren und die Verbrauchs- und Verteilungslisten festzustellen – mühsam aber nur konnte der junge Mensch seine innere Bewegung unterdrücken, und oft erstaunten die Unterbeamten über die zerstreuten und verkehrten Antworten, die er auf ihre Fragen gab.

Bis Zum Abend dauerte die Arbeit, aber immer lag die Botschaft, welche er erhalten, wie ein finsterer Schatten auf Jewjenis Geist.

26. Kapitel

Die Nacht hatte sich über Gornij-Studen und die weiten umliegenden Lagerplätze herabgesenkt. Immer heller leuchteten die Wachtfeuer in der Ebene, je mehr der mit Sternen besäte Himmel sich verdunkelte, immer mehr verstummte das schwirrende und summende Geräusch der verschiedenartigen Stimmen, und nur von Zeit zu Zeit dröhnte von Plewna her ein Kanonenschuß durch die Nacht, als ob die Türken ihren Feinden beweisen wollten, daß sie wach und bereit seien, zu jeder Stunde den Kampf aufzunehmen, welcher so plötzlich und unerwartet eine vollkommen veränderte Gestalt angenommen hatte.

Stephan Sacharjew hatte sich bei dem Grafen Wladimir gemeldet, sich von der guten Unterkunft und der Besorgung der Pferde überzeugt und dann von seinem Herrn einen Urlaub erbeten, um sich das Lager anzusehen und mit den Soldaten der Kosakeneskorte noch ein wenig bei einem Glase Branntwein zu plaudern. Wladimir war zwar etwas verwundert darüber, daß der sonst so stille und zurückgezogene junge Mensch seit einiger Zeit so häufig die lustige Gesellschaft seiner Kameraden aufsuchte, aber da derselbe seinen Dienst pünktlich besorgte, und keine seiner Obliegenheiten versäumte, so hatte er ihm gern auch diesmal den erbetenen Urlaub bewilligt.

Stephan Sacharjew verließ die Wohnung des Grafen in der Nähe des kaiserlichen Hauses, doch begab er sich nicht zu einer der um die Wachtfeuer versammelten Soldatengruppen, welche hier und da noch unter heiteren Gesprächen die Feldflasche kreisen ließen, sondern näherte sich, scheinbar gleichgültig umherschlendernd, der großen Holzbaracke des kaiserlichen Proviantamtes, in deren Nähe er dann, immer die dunklen Schatten aufsuchend und die Tür scharf im Auge haltend, auf und nieder ging.

Immer dichter wurde die Dunkelheit, immer mehr verstummte das Geräusch ringsum, und schon wollte Stephan, dessen kräftige Natur die Müdigkeit zu überwältigen begann, sein Quartier aufsuchen, als er aus dem Dorfe her einen Kosaken im Interimsrock herankommen sah, der einen Augenblick auf dem Platze vor dem Proviantgebäude stehen blieb, vorsichtig umherspähte und dann langsam auf und nieder zu gehen begann.

Stephan hatte sich an einen, im tiefen Schatten liegenden Holzzaun gelehnt, der von einer Hecke überragt war, so daß er an seinem Standpunkt nicht bemerkt werden konnte. So natürlich nun auch die Erscheinung eines Kosaken, der in der kühlen Abendluft auf und nieder ging, inmitten des von so vielen Truppen der verschiedensten Waffengattungen angefüllten Lagers sein mochte, so erregte dieselbe dennoch die Aufmerksamkeit deshalb schon von seiner Schläfrigkeit übermannten Stephan Sacharjew, denn der Kosak schien mit gleicher Schärfe wie er selbst und mit derselben Miene scheinbarer Gleichgültigkeit die Tür des Barackenbaues zu beobachten – Stephan hatte eine unbestimmte Empfindung, daß dieser Kosak, dessen Gesicht von einem großen, schwarzen Barte bedeckt wurde, in irgendeinem Zusammenhang mit dem Gegenstand seiner eigenen Beobachtung stünde, er drückte sich dichter an den Zaun und blieb regungslos im Schatten der Hecke stehen.

Es mochte so eine halbe Stunde vergangen sein, als eine dunkle Gestalt aus der Tür des Proviantamtes hervortrat, mit zögernden, unsicheren Schritten eine kurze Strecke vorwärts ging, und dann wie nachsinnend einen Augenblick stehen blieb. Der Kosak verschwand sogleich, laut eine lustige Melodie pfeifend, in der Mündung der gegenüberliegenden Dorfstraße. Stephan erkannte in der aus dem Holzhause hervorgetretenen Person, deren Gestalt sich in ihren Umrissen gegen die hellfarbige Wand abzeichnete, den Studenten Jewjeni Mossejew, der, nachdem er eine Zeitlang umhergeblickt, als ob er sein Auge an die Dunkelheit gewöhnen und sich über seinen Weg orientieren wollte, langsam nach der Seite hinschritt, an welcher vor den letzten Häusern des Dorfes sich eine freie Feldstrecke bis zu den nächsten Lagerhütten ausdehnte. Schon schickte sich Stephan an, ihm eilig zu folgen, als er bemerkte, daß jener Kosak, der vorher schon seine Aufmerksamkeit erregt hatte, wieder aus dem Häuserschatten der Dorfstraße hervortrat und in einiger Entfernung hinter Jewjeni Mossejew herging, immer seine Schritte genau nach denjenigen des Studenten abmessend. Auch dies konnte Zufall sein, denn die Straßen des Dorfes und des Lagers gehörten ja jedermann, und es war an sich nicht auffallend, wenn zwei Menschen in gleicher Richtung und gleicher Geschwindigkeit ihren Weg nahmen; Stephan aber war durch seine fortgesetzten Beobachtungen mißtrauisch wachsam geworden, und so folgte er denn auch dem Studenten, nicht, wie es seine Absicht gewesen war, frei über den Platz hinschreitend, sondern er schlich sich längs des Zaunes hin und hielt sich dann dicht im Schatten eines neben der Straße sich hinziehenden Gebüsches.

Seine Vorsicht schien nicht unnütz zu sein, denn der Kosak, welcher Jewjeni Mossejew ungefähr immer in gleicher Entfernung folgte, sah sich zuweilen spähend um, und schien mit seinen Blicken die Dunkelheit durchdringen zu wollen, so daß er Stephan Sacharjew ohne Zweifel hätte erblicken müssen, wenn dieser nicht vollständig durch den Schatten des Gebüsches verdeckt worden wäre. Der Student, welcher an der Spitze der eigentümlichen Reihe dieser drei in gleichmäßigen Zwischenräumen einander folgenden dunklen Gestalten voranging, blieb noch einige Male zögernd und nachdenklich stehen und jedesmal hielt dann auch der Kosak seine Schritte an; nachdem aber Jewjeni das zwischen dem Dorfe und dem Lager liegende freie Feld erreicht hatte, eilte der Kosak ihm schnell nach. Stephan Sacharjew folgte ebenfalls mit beschleunigten Schritten, aber schon nach wenigen Augenblicken befand er sich an dem Rande des Gebüsches, das ihn bisher verdeckt hatte, und auf dem ebenen Felde ringsum war kein Gegenstand vorhanden, der ihn hätte verbergen können; er konnte es nicht wagen, über den Rand des Gebüsches hinauszuschreiten, denn diejenigen, die er beobachten wollte, hätten ihn dann auch ihrerseits sehen können, und es wäre ihm unmöglich geworden, diesen geheimnisvollen nächtlichen Spaziergang weiter zu beobachten, wenn derselbe wirklich etwas Besonderes bedeutete. Er blieb daher zunächst am Rande des Gebüsches, von dessen letzten Zweigen bedeckt, stehen, um zu sehen, welche Richtung Jewjeni einschlagen würde, und danach abzuwarten, ob und wie er ihn weiter unbemerkt beobachten könne.

Nach wenigen Schlitten hatte der Kosak den Studenten auf dem freien Felde eingeholt, er legte die Hand auf seine Schulter, beide sprachen einige Worte miteinander und gingen dann weiter auf das Feld vor.

Stephan Sacharjew hatte sich also nicht getäuscht, es bestand ein Zusammenhang zwischen jenen beiden, und ihre nächtliche Wanderung hatte einen gemeinsamen Zweck. Schon wollte er auf jede Gefahr hin sein Versteck verlassen, um den anderen zu folgen und wenigstens zu sehen, wohin sie gingen, und wenn es irgend möglich wäre, den Kosaken zu erkennen, der auf so außergewöhnliche Weise mit dem Studenten verkehrte – da sah er, wie jene beiden in einiger Entfernung mitten im Felde an einer Stelle stehen blieben, der sich von keiner Seite unbemerkt ein Lauscher nähern konnte. Sein an die Dunkelheit gewöhntes Auge konnte die beiden Gestalten deutlich erkennen, aber es war ihm unmöglich, den Schall eines Wortes zu vernehmen, wie sehr er auch lauschend vorgebeugt sein Ohr anstrengte. Er mußte sich also begnügen, sie, in dem Gebüsch versteckt, zu beobachten, zu sehen, was sie tun würden, und mit ungeduldiger Spannung blickte er nach den beiden dunklen Gestalten hin, welche, dicht nebeneinander stehend, lebhaft zu sprechen schienen.

Jewjeni war erschrocken zusammengefahren, als die Hand des Kosaken sich auf seine Schulter legte; er blickte den ihm unbekannten Soldaten forschend und zweifelnd an, doch sah er von dessen Gesicht nichts als zwei dunkle Augen, welche lebhaft unter der tief in die Stirn gedrückten Mütze hervorblitzten, und einen dichten, schwarzen Bart, welcher den unteren Teil des Gesichtes und die Wangen bis zu den Augen hinauf verdeckte.

Halb leise, aber doch deutlich vernehmbar, sprach der Kosak mit einer gewissen Feierlichkeit das Wort »
Nihil« aus und schritt dann weiter in das Feld hinein.

Zitternd und unruhig folgte ihm Jewjeni. Nach kurzer Zeit blieb der Kosak stehen, blickte umher und sagte:

»Dieser Platz ist gut, es ist kein Versteck in der Gehörweite und niemand kann sich uns unbemerkt nähern. Du hast die Ladung erhalten, ich bin hier, um dir den Befehl des Bundes mitzuteilen.«

Jewjeni neigte schweigend den Kopf.

»Du weißt,« fuhr der Unbekannte fort, trotz des einsamen Platzes seine Stimme dämpfend, aber dennoch jedes Wort nachdrücklich betonend, »du weißt, daß der Bund Alexander Nikolajewitsch, der sich Kaiser von Rußland nennt, zum Tode verurteilt hat, weil er aller Mahnungen und Warnungen ungeachtet fortfährt, sich des unsühnbaren Verbrechens der Tyrannei schuldig zu machen und sich der Befreiung des Menschengeschlechtes, welche der Bund als einen heiligen Zweck verfolgt, zu widersetzen. Das Urteil ist allen Brüdern des Bundes bekannt.«

»Ich weiß es«, sagte Jewjeni leise und zitternd.

»Nun,« fuhr der Unbekannte fort, »der Augenblick ist gekommen, in welchem das Urteil vollstreckt werden soll, und der hohe Rat hat beschlossen, die Vollstreckung desselben in deine Hand zu legen.«

»In meine Hand?« rief Jewjeni entsetzt zurückfahrend, »unmöglich!«

»Unmöglich?« fragte der Kosak drohend, »du weißt, daß der Bund dies Wort nicht kennt, weder seinen Feinden, noch seinen Mitgliedern gegenüber.«

Jewjeni atmete schwer, der Schlag, der ihn so ganz unvorbereitet traf, hatte ihn betäubt, mühsam suchte er seine Fassung wieder zu gewinnen.

»Und dennoch,« sagte er von Schauern geschüttelt, »wie sollte es möglich sein, hier im Lager, wo der Kaiser überall und in jedem Augenblick von Wachen umgeben ist – wie sollte ich eine solche Tat vollbringen, da ich keine Gelegenheit habe, in die Nähe des Kaisers zu kommen, und da ich«, fügte er eifrig hinzu, »die Führung der Waffen nicht verstehe, mein Stoß oder meine Kugel würde das Ziel verfehlen – ich würde verloren sein, ohne der Sache zu dienen.«

»Halt,« unterbrach ihn der Kosak, »wir haben keine Zeit zu überflüssigen Erörterungen, der Bund erteilt keinen Befehl, ohne zugleich die Mittel zu dessen Ausführung bereitzustellen. So höre denn. Bei der Rückkehr in deine Wohnung wirst du auf dem Tisch in deinem Zimmer eine mit dem Siegel der kaiserlichen Intendantur verschlossene Kiste finden. Du wirst dieselbe sorgfältig öffnen, sie enthält sechs Kugeln von Eisenblech, welche mit unwiderstehlich vernichtendem Sprengstoff gefüllt sind.«

»Entsetzlich,« rief Jewjeni in einem Ausbruch unwillkürlichen Schreckens, »und wenn sie unter meinen Händen explodierten!«

Der Kosak maß ihn mit einem strengen Blick und sagte mit einem Ton, aus welchem Verwunderung und Verachtung hervorklang:

»Du fürchtest dich? – Doch der Bund hat dich ausgewählt und muß dich also besser kennen; sei unbesorgt, die Kugeln werden nicht explodieren, wenn du sie nicht fallen läßt und sie vor starker Erschütterung bewahrst. Du wirst diese Kugeln leicht in deine Tasche stecken oder sie in irgendeinem Paket bei dir tragen können, das in deinen Händen bei deiner Stellung nicht auffallen wird. Es wird dir leicht werden, dich dem Verurteilten auf etwa fünf bis sechs Schritte zu nähern, wenn er sich zur Besichtigung der Truppen begibt oder die Lazarette besucht; noch besser wäre es, wenn du ihm in dem Hofe seines Hauses begegnen könntest, wenn er sich nach dem Speisezimmer begibt, und auch das wird dir in der dienstlichen Stellung, in die der Bund dich gebracht und deren Uniform du trägst, vielleicht möglich sein – doch das bleibt dir überlassen, es soll dir über die Art der Ausführung keine Vorschrift gegeben werden. Wenn du nun«, sprach er weiter, während Jewjenis Stirn sich mit kaltem Schweiß bedeckte, »dem Verurteilten auf die eine oder die andere Weise auf die angegebene Entfernung nahe gekommen bist, so wirst du diese Kugeln eine nach der anderen gegen seinen Körper oder unmittelbar vor seine Füße werfen, und«, fügte er mit einem dumpfen, schauerlichen Lachen hinzu, »der mächtige Selbstherrscher aller Reußen, welcher sich den unumschränkten Herrn über Millionen frei geborener Menschen dünkte wird in Atome zerstäuben, sobald der Wurf richtig trifft. Es ist möglich, daß der erste Wurf nicht vollständig den Zweck erfüllt, denn auch die geschickteste Hand kann fehlen, aber in der Verwirrung, die dann entsteht, wirst du Zeit haben, mindestens noch drei weitere Kugeln zu schleudern, und es müßten dann in der Tat die sogenannten Heiligen des Himmels, die sie in den Tempeln des Despotismus dem armen, geknechteten Volk zur Anbetung aufstellen, ein Wunder tun, um die Strafe der rächenden Gerechtigkeit zu vereiteln. Du hast mich also verstanden, von deiner Kaltblütigkeit und Geschicklichkeit ist der Erfolg abhängig, es ist eine große Tat für die Befreiung der Menschheit in deine Hand gelegt, zeige dich der Aufgabe würdig, welche das Vertrauen des Bundes dir überträgt.«

Er neigte leicht den Kopf und wendete sich zum Fortgehen.

»Nein, nein,« rief der Student, indem er mit zitternden Händen seinen Arm festhielt, »nein, es ist unmöglich, ich kann, ich will eine solche Tat nicht ausführen!«

Der Kosak wendete sich zurück, drohend blitzten seine Augen in der Dunkelheit.

»Du kannst nicht?« fragte er, »und doch ist die Ausführung so leicht, ein Kind vermag die Kugeln zu schleudern, die du in deiner Wohnung finden wirst. – Du willst nicht?« fügte er mit harter, schneidender Stimme hinzu, »das heißt, du verweigerst dem Bunde den Gehorsam? – Ich will dies Wort nicht gehört haben, denn schon der Gedanke, der es auf deine Lippen treten ließ, ist ein Verbrechen.«

»Aber«, rief der Student, ohne den Arm des Unbekannten loszulassen, »der Auftrag, den ich vollstrecken soll, ist, ein sicheres und unwiderrufliches Todesurteil für mich! Ob mein Wurf gelingt, ob er sein Ziel sicher erreicht, ist zweifelhaft – aber gewiß ist, daß ich verloren bin in jedem Fall. Wählt einen anderen, dessen Hand fester und geübter ist, mit gefährlichen Waffen umzugehen; warum«, knirschte er in dem Grimm der Verzweiflung, »soll ich mein Leben vielleicht zwecklos opfern?«

Jetzt faßte der Kosak mit eisernem Griff Jewjenis Hand, sich dicht zu ihm vorbeugend, tauchte er aus unmittelbarer Nähe die flammenden Blicke in seine angstvoll starrenden Augen.

»Ich bin nur der Bote der Oberen des Bundes,« sagte er, »aber wenn ich mehr wäre, so würdest du dies Wort mit der Strafe des Ungehorsams zu büßen haben. Doch«, fuhr er dann fort, »die Tat, die du ausführen sollst, ist groß und gewaltig, die Folgen können entscheidend werden für das Schicksal der Menschheit. Es mag ja menschlich erklärbar sein, daß die Natur vor der Verantwortung einer solchen Tat zurückbebt. Vergiß aber nicht, daß es keine Erörterung über die Befehle der Oberen gibt, der Gehorsam ist deine Pflicht, eine freudig und glücklich ausgeführte Tat kann dir zum Verdienst werden. Der Bund nimmt seine Befehle niemals zurück und ändert dieselben nicht. Du kennst die Frist, in welcher sie ausgeführt werden müssen: in zwei Wochen von dieser Stunde an muß die Tat geschehen sein, wenn du nicht nachweisen kannst, daß unüberwindliche Hindernisse ihre Ausführung unmöglich machten. Wenn du zögerst oder den Gehorsam versagst, so ist dein Untergang gewiß, du weißt, daß es keinen Schutz vor dem rächenden Arm des Bundes gibt; wenn du aber die Tat ausführst, und sollte auch ohne deine Schuld ihr Zweck verfehlt werden, so weißt du auch, daß der Bund mit seinem Schutz und Beistand allen den Seinen nahe ist. Die ganze Macht des Bundes wird dann hinter dir stehen, und sie versteht es wohl, auch die Riegel der Kerker zu öffnen.«

»Aber«, sagte Jewjeni, immer noch von dem Schrecken beherrscht, den ihm der unerwartete Auftrag einflößte, welcher ihn so plötzlich aus seiner behaglichen Sicherheit aufgeschreckt hatte, »man wird sich über mich stürzen im Augenblick der Tat, diese wütenden Soldaten werden mich in Stücke reißen!«

»Und wenn dies geschähe,« erwiderte der Unbekannte, »so wirst du als Opfer für die heilige Sache fallen, wie du es gelobt hast, und dein Name wird ehrenvoll genannt werden in der künftigen Befreiungsgeschichte der Menschheit. Doch genug jetzt der Worte, du kennst den Befehl, du weißt, daß du unrettbar verloren bist, wenn derselbe in der bestimmten Frist nicht ausgeführt wird. Jetzt geh und tue deine Pflicht.«

Schnell wendete er sich um, und ehe Jewjeni eine Bewegung machen konnte, um ihn zurückzuhalten, war er, mit großen Schritten in der Richtung nach dem Lager über das Feld hinschreitend, in der Dunkelheit verschwunden.

Jewjeni stand einige Augenblicke ganz gebrochen mit gerungenen Händen da; er war so plötzlich aus dem Taumel seines materiellen Genußlebens aufgeschreckt, daß er fast an der Wirklichkeit des Geschehenen zweifelte – so mußte jenen trotzigen Gottesleugnern der Legende zumute gewesen sein, welche für irdische Lust und Herrlichkeit ihre Seele dem Fürsten der Finsternis verschrieben hatten, wenn ihnen dann endlich der unerbittliche Schuldschein vorgehalten wurde und sie vergebens die Ketten zu zerreißen suchten, die sie in keckem Übermut selbst geschmiedet hatten.

Er starrte umher, schweigende Dunkelheit umgab ihn, und als er sich so allein auf dem einsamen Felde sah, ergriff ihn schauderndes Entsetzen – es schien ihm, als ob drohende Geister ihre Arme nach ihm ausstreckten, als ob blutige Dolche im matten Sternenlicht funkelnd sich gegen seine Brust richteten, und von wahnsinniger Angst getrieben, stürmte er in eiligem Lauf über das Feld hin nach dem Dorfe zurück.

Stephan Sacharjew stand hinter den Zweigen verborgen am Rande des Weges, in unmittelbarer Nähe eilte Jewjeni an ihm vorüber, und trotz der Dunkelheit bemerkte er doch die verzerrten Züge in dem Gesicht des sonst so hochmütig und sicher blickenden Studenten. Er überlegte einen Augenblick, ob er nicht hervorspringen und den flüchtig Dahineilenden festhalten solle, um ihm unter dem Druck seiner starken Hand das Geheimnis dieser nächtlichen Begegnung zu entreißen – aber er sagte sich, daß er sich durch einen solchen Angriff, wenn der Student um Hilfe rief, der ganzen Welt gegenüber ins Unrecht setzen müsse, daß er keinen Grund irgendeiner Anklage gegen denselben habe, da ja ein Spaziergang zwischen dem Dorf und dem Lager und ein Gespräch mit einem Kosaken an sich durchaus nichts Auffallendes war, und daß er durch eine gewaltsame Tat Blagonows Auftrag nur schlecht erfüllen würde. Das einzige, was er tun konnte, war, seine Überwachung um so sorgsamer fortzusetzen und Jewjeni, dessen Treiben ihm immer unheimlicher erschien, keine Stunde aus den Augen zu lassen.

Er folgte also dem Studenten auf dem Wege in das Dorf, und diesmal hatte er nicht nötig, sich zu verbergen, denn Jewjeni sah sich nicht um, sondern kehrte gesenkten Hauptes, eilig dahinschreitend, nach dem Holzbau des Verpflegungsamtes zurück. Stephan Sacharjew sah ihn in der Tür verschwinden, und da kaum vorauszusetzen war, daß er in dieser Nacht noch einmal das Haus verlassen würde, so kehrte auch Stephan nach seiner Wohnung zurück, um sich durch den Schlaf, den seine ermüdete Natur verlangte, für sein Wächteramt des nächsten Tages zu stärken.

Jewjeni war in sein Zimmer zurückgekehrt, und als er die Kerze anzündete, welche auf seinem Tisch bereit stand, sah er die von dem Unbekannten ihm angekündigte Kiste in der Tat vor sich stehen; er fuhr erschrocken zurück bei dem Anblick dieses scheinbar so harmlosen Gegenstandes, der so furchtbare Zerstörungsmittel in sich schloß, aber dennoch mußte er sich entschließen, die verhängnisvolle Kiste zu öffnen, denn leicht konnte irgendein unerwarteter dienstlicher Auftrag, trotz der späten Stunde, einen der Beamten zu ihm führen und der Befehl, den er soeben durch den unbekannten Boten erhalten hatte, ihn an die geheimnisvolle Allgegenwart des Bundes gemahnen, er hatte keine Bürgschaft dafür, daß nicht in seiner unmittelbaren Nähe Wächter vorhanden seien, um sich seines Gehorsams zu versichern.

Mit zitternder Hand durchschnitt er die von dem großen Siegel der kaiserlichen Intendantur zusammengehaltenen Schnüre, welche die Kiste umgaben. Der Deckel war nur von kleinen Nägeln festgehalten, und als er denselben aufhob, sah er sorgfältig in Baumwolle verpackt in einzelnen von Holzwänden gebildete Abteilung die Kugeln von Eisenblech vor sich, welche zu der ihm befohlenen Tat bestimmt waren. Er verbarg diese Kugeln eine nach der andern scheu, mit weit von sich gestreckten Armen forttragend, in einem Schranke unter seiner Wäsche, verschloß denselben sorgfältig und warf sich dann völlig erschöpft und abgespannt auf seinen Diwan nieder; auch seine ermattete Natur verlangte ihr Recht, er versank bald in einen festen, tiefen Schlaf, aber dieser Schlaf brachte ihm keine Erquickung, schreckensvolle Bilder mußten seine Träume durchziehen, denn häufig warf er sich hin und her, und unheimliche Laute, wie halberstickte Hilferufe, rangen sich aus seiner Brust empor.

27. Kapitel

Immer unruhiger wurde die Stimmung im Hauptquartier. Alle einzelnen Stürme gegen die Erdredouten um Plewna waren trotz der heldenmütigen Tapferkeit der russischen Truppen mit ungeheuren Verlusten zurückgeschlagen, und man überzeugte sich immer mehr, daß diese verhängnisvolle feindliche Position nur durch eine regelrechte Einschließung werde genommen werden können, zu welcher eine so große Truppenzahl erforderlich war, daß außer den dazu kommandierten Garden das Eingreifen der rumänischen Armee in hohem Grade wünschenswert erschien. Diese hatte bisher noch immer an der Grenze gestanden, und trotz der zuerst durch den General Ghika überbrachten und seitdem dringend wiederholten Aufforderung zu tätigem Eingreifen hielt sich der Fürst von Rumänien immer noch vorsichtig zurück. Zugleich erregte die russische Stellung auf dem Schipkapaß wachsende Besorgnisse. Nach der durch die Ereignisse vor Plewna notwendig gewordenen Zurückziehung des über den Balkan vorgedrungenen Korps des Generals Gurko waren zwar die Positionen jenseits des Gebirges wieder aufgegeben, allein es kam alles darauf an, den Hauptübergangspaß über den Balkan um jeden Preis festzuhalten. So vortrefflich die Position auf der Höhe nun an sich auch war, so wurden dennoch die Russen dort von der immer wieder sich ergänzenden türkischen Übermacht schwer bedrängt, und es war fast unmöglich, erhebliche Verstärkungen dorthin zu senden, wenn nicht die übrigen Positionen zu sehr geschwächt werden sollten. Die ganze Bewegung des bisher so außerordentlich glücklichen Feldzuges geriet ins Stocken, und immer bedenklicher und trüber wurde die Stimmung in der Umgebung des Kaisers und des Höchstkommandierenden, wenn auch die Offiziere des Gefolges sich alle mögliche Mühe gaben, äußerlich heiter zu erscheinen, um den Mut der Truppen nicht niederdrücken zu lassen.

An einem hellen Tage gegen Ende des August hatte der Großfürst Nikolaus den Kaiser und sein Gefolge zum Frühstück eingeladen. In einem Garten rechts von dem auf der Höhe liegenden Hauptquartier war das kaiserliche Zelt aufgestellt und der Kaiser hatte sich dort mit seinem Bruder im Kreise des beiderseitigen Gefolges zu Tisch gesetzt. Der Platz war ungemein schön gewählt, man übersah weithin das ganze Tal und den gegenüberliegenden Abhang, überall dehnten sich Truppenlager aus und die Natur schimmerte in ihrer schönsten sommerlichen Pracht. Dessenungeachtet war der Kaiser ernster als sonst. Der Prinz Wittgenstein bemühte sich vergeblich, die allgemein gedrückte Stimmung durch Anekdoten und launige Einfälle heiterer zu machen.

Als die einfache Tafel sich ihrem Ende näherte, richtete der Großfürst, über das Tal hinblickend, sein Augenglas auf den von den gegenseitigen Abhängen herabführenden Weg; er hatte dort einen einzelnen Reiter erblickt, welcher im vollen Lauf seines Pferdes auf der Straße nach Gorny-Studen heranjagte. Obwohl häufig Adjutanten und Ordonnanzen zwischen den einzelnen Truppenstellungen hin und her ritten, so erregte doch die außergewöhnliche Schnelligkeit dieses Reiters seine Aufmerksamkeit; er zeigte denselben dem Kaiser, und bald richteten sich die Blicke der ganzen Gesellschaft dorthin. Nach wenigen Augenblicken war der Reiter zwischen den am Talabhange liegenden Gärten und Häusern des Dorfes verschwunden.

»Es muß eine eilige Meldung sein,« sagte der Großfürst, »die hierher kommt; hoffen wir, daß es eine gute Nachricht ist, die uns gebracht wird.«

»Nehmen wir vielmehr an.« sagte der Kaiser düster, »daß es eine neue Unglücksbotschaft ist; wir werden dann gefaßter sein, sie zu vernehmen und dem Schlage zu begegnen, zu einer freudigen Überraschung bedarf es keiner Vorbereitung.«

Tiefe Stille herrschte einige Augenblicke in dem ganzen Kreise; der dumpfe, traurige Ton, in welchem der Kaiser gesprochen, ließ jeden die Gefahren der Lage noch schwerer empfinden, und in der Tat glaubte fast niemand an irgendeine günstige Wendung.

Bald erschien der Reiter, immer in derselben Eile vorwärts sprengend, diesseits des Dorfes und jagte nun die zum kaiserlichen Hauptquartier aufsteigende Höhe hinauf.

»Es ist Blagonow,« rief Graf Wladimir Ossipowitsch, »jetzt erkenne ich ihn genau; er kommt von Petersburg, er kann kaum Schlimmes bringen!«

Ein wenig erschrocken über diesen lauten Ruf, welcher die durch die allerhöchste Gegenwart bedingte Zurückhaltung überschritt, blickte Wladimir wie um Entschuldigung bittend, auf den Kaiser; dieser aber nickte ihm freundlich zu, gab dann, aufstehend, das Zeichen zur Aufhebung der Tafel und trat an den von einer kleinen Hecke umzäunten Garten, von wo aus man den vom Dorfe heranführenden Weg übersehen konnte.

Schon war Blagonow herangekommen. Er sprang von seinem schweißbedeckten Pferde und trat, da der Kaiser winkte, näher zu kommen, in dienstlicher Haltung vor den Monarchen.

»Der General Gurko«, meldete er, noch atemlos vom scharfen Ritt, »hat mich gesendet, um Eurer Majestät anzuzeigen, daß die Garde marschbereit ist, und den Marschplan zu übergeben. Der General bittet zugleich um möglichst genaue Befehle über die Stellungen, in welche die verschiedenen Korps hier einzurücken haben werden, damit er danach seine Position treffen kann.«

Der Kaiser nahm das ihm überreichte Papier, warf einen Blick darauf und gab es dann seinem Bruder mit den Worten:

»Gott gebe, daß sie Flügel hätten, um bald einzutreffen!«

»Ich bitte Eure Majestät um Erlaubnis,« fuhr Blagonow fort, »noch melden zu dürfen, daß Seine Hoheit der Fürst von Rumänien sich auf dem Wege hierher befindet. Ich habe denselben auf der letzten Station begegnet, wohin er seine Relais vorausgeschickt hatte, und bin vorausgeeilt, um Eurer Majestät die Ankunft des Fürsten zu melden.«

Der Kaiser atmete tief auf, ein glückliches Lächeln erhellte einen Augenblick seine finsteren Züge.

»Ah,« sagte er, »das ist eine gute Nachricht, es war wohlgetan, auf ein Unglück gefaßt zu sein, um so freudiger ist nun die Enttäuschung. Ich danke dir, Feodor Michaelowitsch,« fügte er hinzu, dem jungen Mann mit freundlich wohlwollenden Blicken die Hand reichend, »man soll ein Quartier für den Fürsten in Bereitschaft stellen; da er kommt, wird seine Armee ihm folgen!«

Während der Kommandant des Hauptquartiers und die diensttuenden Adjutanten sich beeilten, den kaiserlichen Befehl auszuführen, vernahm man auf der anderen Seite des Hauptquartiers, wo der Weg vom Balkan heranführte, unruhige Stimmen. Einen Augenblick lauschend, winkte der Kaiser, und sogleich eilte der Graf Adlerberg dorthin, um nach der Ursache der unruhigen Bewegung zu forschen; nach wenigen Augenblicken schon kehrte der Graf zurück und führte einen noch jungen Mann mit vornehm kräftigen Gesichtszügen und scharfblickenden, geistvollen Augen in dem schwarzen Überrock der preußischen Offiziere mit dem karmoisinroten Kragen der Generalstabsoffiziere heran, dessen Gesicht und Kleidung von Pulverdampf geschwärzt und mit Staub bedeckt waren.

»Unser Preußchen,« rief Graf Adlerberg ganz freudig, »er kommt von Schipka, – er muß gute Nachrichten bringen, die Gefahr muß vorüber sein, denn sonst wäre er nicht hier!«

Der Kaiser war dem preußischen Offizier rasch entgegengegangen und sagte, demselben herzlich die Hand schüttelnd:

»Es scheint in der Tat heute ein Glückstag zu sein, die preußische Uniform kann mir nichts Schlimmes bringen, und der Major von Lignitz verläßt niemals einen Kampfplatz, so lange dort noch Gefahr ist.«

»Die Gefahr ist vorüber, Majestät,« erwiderte der Major von Lignitz mit so klarer, ruhiger Stimme, daß man ohne seine von Pulver und Staub geschwärzte Kleidung hätte glauben können, er kehre von einem leichten Spazierritt zurück, »die Gefahr ist vorüber – aber sie war in der Tat groß und bedenklich.«

»Sprechen Sie, sprechen Sie,« rief der Kaiser, »was machen meine braven Truppen, denen der Schlüssel unserer Zukunft anvertraut ist?«

»Sie haben«, erwiderte der Major von Lignitz, »die türkischen Angriffe so nachdrücklich abgeschlagen, daß diese den Sturm aufgegeben, überzeugt, daß sie gegen die heldenmütigen Truppen Eurer Majestät nichts auszurichten vermögen. Aber die Türken hatten eine Maßregel getroffen, welche trotz aller tapferen Gegenwehr dennoch den Paß in ihre Hände bringen mußte; sie begannen die einzige Quelle, welche dem Schipkapaß Wasser zuführt, auf einer naheliegenden Höhe abzugraben.«

»Entsetzlich,« rief der Kaiser, »meine armen Soldaten – wie grausam!«

»Die Maßregel war geschickt,« erwiderte der Major von Lignitz, »und jedenfalls auch nach den Grundsätzen zivilisierter Kriege erlaubt, ebenso wie man einer belagerten Festung die Zufuhr abschneidet, um sie durch Hunger zur Übergabe zu zwingen, – das ist der Krieg.«

»Der Krieg,« sagte der Kaiser seufzend, »warum kann alles Große und Erhabene nur durch die Schrecknisse des Krieges erreicht werden, warum muß jeder Bau, den die Herrscher zum Wohl ihrer Völker aufführen, mit Blut gekittet werden!«

»Der General Radetzki,« fuhr Herr von Lignitz fort, »dessen wachsamen Blicken nichts entgeht, entdeckte den türkischen Plan; er stellte sich selbst an die Spitze einer Kompagnie, übertrug dem Regimentskommandeur den Befehl über eine andere und griff von der Flanke her die Türken so nachdrücklich an, daß er den Berg, an dessen Fuß die Quelle liegt, in seine Hände brachte und sofort stark befestigte. Die Gefahr ist vorüber, das Wasser wird Eurer Majestät Truppen nicht mehr abgeschnitten werden, und auch neue Stürme werden erfolglos sein; Eure Majestät dürfen gewiß sein, daß der Schipkapaß bis zur Entscheidung des übrigen Feldzuges in ihren Händen bleibt.«

»Ich wußte es,« rief der Kaiser ganz glücklich, »daß unser Preußchen mir gute Nachrichten bringen mußte! – Bei Ihnen«, fügte er, zu dem englischen Obersten Wellesley gewendet, hinzu, »wird man darüber weniger erfreut sein.«

»Ich bin Soldat, Majestät«, erwiderte der Oberst Wellesley, »und habe keine Meinung; hier in Eurer Majestät Hauptquartier habe ich nur den Krieg zu beobachten, und als Soldat freue ich mich über jede tapfere Tat, gleichviel, was die Politik dazu sagt.«

»Doch wäre es besser,« murrte Wladimir Ossipowitsch, »wenn man hier im russischen Hauptquartier keine englische Uniform sähe.«

Er unterdrückte einen kräftigen Fluch und führte dann Blagonow zur Seite, um ihn nach der Heimat und seinen Lieben dort zu fragen.

Während der Kaiser, um den sich das ganze Gefolge lauschend zusammendrängte, den Major von Lignitz noch nach verschiedenen Einzelheiten der glücklich ausgeführten Kämpfe auf dem Schipkapaß befragte, kam von dem gegenüberliegenden Abhang ein seltsamer Zug in rasender Eile dahergefahren. Voran fuhr eine offene Kalesche mit neun Pferden, drei vor einandergespannten Dreigespannen. Alle diese in so eigentümlicher Weise lang gespannten Pferde waren schwarz ohne Abzeichen; auf dem Bock stand aufrecht ein Kutscher in einem schwarzen Rock, lange, schwarze Locken quollen unter einem breitkrämpigen Hut hervor und flogen im Winde um das dunkelbraune Gesicht. Er hielt in der einen Hand die vielen, zu den neun Pferden gehörenden Zügel und schwang in der anderen eine unendlich lange, bis zum vorderen Dreigespann hinreichende Peitsche. Einige andere ähnliche Wagen, aber nur mit zwei Dreigespannen, folgten. In vollem Lauf jagte das sonderbare Gefährt den jenseitigen Abhang hinunter und kam bald diesseits des Dorfes zum Vorschein, um in ebenso unaufhaltsamer Eile unter dem lauten Peitschenknallen des phantastischen Kutschers die Höhe hinaufzufahren.

»Der Fürst von Rumänien!« rief Blagonow – der Kaiser unterbrach sein Gespräch und ging langsam mit seinem Bruder nach dem Eingange des Gartens hin.

Bereits hatte der Kutscher des fürstlichen Wagens mit einem einzigen Ruck die neun Pferde zum Stehen gebracht. Der Fürst Karl warf seinen Militärmantel ab, sprang schnell, ohne das Öffnen des Schlages abzuwarten, zur Erde und eilte dem Garten zu; der Offizier, der mit ihm im Wagen gesessen, folgte, und das aus den übrigen Wagen aussteigende Gefolge kam allmählich nach.

Der Fürst Karl hatte eine mittelgroße, schlanke, elegante Gestalt; sein schwarzes Haar war kurz geschnitten, das edle Gesicht mit adlerartigem Profil und scharfen, klar und stolz blickenden Augen war von einem kurzen, schwarzen Vollbart umrahmt; seine Haltung zeigte die Leichtigkeit des vornehmen Weltmannes, sichere, ruhige Würde und fürstlicher Stolz. Er trug die nach französischem Muster geschnittene rumänische Uniform, ein goldgesticktes Käppi und einige kleine militärische Ordenszeichen.

Der Kaiser reichte ihm mit verbindlicher Artigkeit die Hand und sagte in französischer Sprache: »Ich freue mich, endlich Eure Hoheit hier begrüßen zu können. Sie müssen entschuldigen, wenn ich Ihnen keine besonders bequeme Unterkunft bieten kann, – wir leben im Kriege.«

»Ich komme,« erwiderte der Fürst, »um Krieg zu führen, und bin glücklich, in ehrenvollem Kampfe an der Seite Eurer Majestät für mein rumänisches Volk den Preis seiner vollen Selbständigkeit und Unabhängigkeit erringen zu dürfen.«

Der Fürst stellte dem Kaiser den französischen Oberst Gaillard vor, der sich in seiner Begleitung befand und sein militärischer Ratgeber war, ebenso dann seine Adjutanten und endlich seinen Minister Bratiano, einen unter dieser militärischen Umgebung in seinem schwarzen Anzuge eigentümlich abstechenden Mann von etwa fünfundfünfzig Jahren. Er war klein von Gestalt, sein ausdrucksvolles Gesicht mit etwas starken Backenknochen war stark gebräunt, seine kleinen, schwarzen Augen funkelten von lebhaftem Geist, und die lockigen schwarzen Haare zeigten bereits eine starke graue Färbung; seine Haltung und seine Bewegungen waren gewandt und sicher, aber ohne die leichte Eleganz der vornehmen Gesellschaft, man sah diesem Manne an, daß er mehr gewohnt war, Volksversammlungen zu leiten und zu beherrschen, als sich auf dem Parkett der Höfe zu bewegen.

Der Kaiser sagte jedem der rumänischen Herren einige freundliche Worte, und zog sich nach der Vorstellung mit dem Fürsten Karl und dem Großfürsten Nikolaus in das Innere des Hauses zurück, und die Herren des Gefolges unterhielten sich artig und zuvorkommend, wenn auch immer noch ein wenig mißtrauisch, mit ihren rumänischen Gästen. Der Besuch des Fürsten bewies zwar, daß derselbe nun endlich tätig in den Kampf einzugreifen gesonnen sei, doch wies namentlich der Minister Bratiano jede forschende Äußerung ausweichend zurück, und die russischen Offiziere konnten nicht vergessen, daß das Unglück vor Plewna kaum hätte geschehen können, wenn die Rumänen rechtzeitig die Grenze überschritten und sich den russischen Operationen angeschlossen haben würden. Diese gegenseitig etwas gezwungene Unterhaltung dauerte indes nicht lange. Nach kurzer Zeit erschien ein Flügeladjutant des Kaisers, um den Minister Bratiana und den Obersten Gaillard zum Kaiser zu rufen, ebenso wurden dorthin der General Nepokoitschinski und zwei Offiziere des Generalstabes berufen. Als die Herren, von den neugierigen Blicken des ganzen übrigen Gefolges verfolgt, in das Zimmer des kleinen Hauses traten, welches dem Großfürsten zum Arbeits- und meistens auch zum Empfangszimmer diente, fanden sie den Kaiser vor einem mit einer großen Kriegskarte bedeckten Tisch sitzend. Neben ihm stand der Großfürst Nikolaus, und ihm gegenüber der Fürst von Rumänien, auf die Lehne eines Stuhles gestützt und den Blick auf die Karte geheftet. Auf dem Gesicht des Kaisers lag jener tiefe, melancholische Ernst, welcher ihm stets eigentümlich war, und sich während des Krieges häufig bis zu dem Ausdruck düsterer Schwermut steigerte. Er winkte den Eintretenden, sich zu setzen, doch da der Großfürst Nikolaus und der Fürst Karl neben ihren Stühlen stehen blieben, so stellten sich die übrigen Herren im Kreise um den Tisch.

»Seine Hoheit der Fürst von Rumänien«, sagte der Kaiser mit einem leichten Klange von Ungeduld in seiner Stimme, »hat sich entschlossen, unserem im April geschlossenen Vertrage gemäß seine Truppen mit uns zu vereinigen und zunächst die festen Stellungen des Feindes bei Plewna einzuschließen und zu nehmen. Arthur Abrahamowitsch,« fuhr er zum General Nepokoitschinski gewendet fort, »es handelt sich darum, die Stellungen zu bezeichnen, in welche die rumänischen Truppen einzurücken haben werden, um die Gesamtoperationen wirksam zu unterstützen.«

Der General Nepokoitschinski warf einen Blick auf die Karte und sagte:

»Wie mir berichtet, steht die Spitze der rumänischen Armee bei Kerabia in der Nähe von Nikopolis. Von dort heranmarschierend, werden die rumänischen Korps am richtigsten ihre Stellung vor Grivitza nehmen und sich dort dem vierten Korps anschließen.«

»Es ist dies«, sagte Fürst Karl leichthin, »eine der wichtigsten und schwierigsten Stellungen, denn vor Grivitza liegt die stärkste Redoute der türkischen Verschanzung; indes freue ich mich, meinen Truppen diesen gefährlichen und ehrenvollen Platz anzuweisen, sie treten frisch in den Kampf ein, und es ist billig, daß ihnen auch der schwerste Teil der Arbeit zugewiesen werde.«

Über das Gesicht des Kaisers flog eine leichte Röte; der Großfürst Nikolaus biß in seinen Schnurrbart und sagte:

»Es ist zu bedauern, daß die rumänische Armee jetzt erst in den Kampf eintritt; wenn dies früher geschehen wäre, als Osman Pascha noch bei Widdin stand, so würde diese ganze Affäre von Plewna unseren Vormarsch nicht aufgehalten haben.«

Die Augen des Fürsten Karl flammten höher auf, aber ehe er antworten konnte, fügte Herr Bratiano mit seiner klaren, scharfen Stimme:

»Seine Majestät wird mir erlauben, für meinen gnädigsten Fürsten zu antworten, denn dieser hat mir die Ehre erwiesen, meinen Rat zu hören, und an mir ist es deshalb auch, die bisherige Politik unseres Landes, welche die Haltung der rumänischen Armee bestimmte, zu erklären und –« fügte er mit scharfer Betonung hinzu, »wenn es sein muß, zu verteidigen.«

»Rumänien«, sagte er, während der Kaiser den Kopf in die Hand stützte, »ist in diesem Kriege der natürliche Bundesgenosse Rußlands, verbunden mit demselben durch die Notwendigkeit, den gemeinsamen Feind zu bekämpfen; aber die Lage des großen Rußland, das auch nach einer Niederlage immer seinen Platz unter den europäischen Großmächten behalten wird, und des kleinen Rumäniens, dessen Aufgaben in der Zukunft liegen und in ihrer Erfüllung von dem guten Willen der Großmächte abhängig sind, ist eine verschiedene. Rußland will viel gewinnen und kann im Grunde wenig verlieren, Rumänien spielt um seine Existenz und darf dieselbe nicht einsetzen, ohne die möglichste Bürgschaft eines sicheren Gewinnes.«

»Und ist«, rief der Großfürst Nikolaus, »die Freundschaft Rußlands nicht eine solche Bürgschaft?«

Bratiano verneigte sich und erwiderte fest und ruhig: »Gewiß, Kaiserliche Hoheit. Allein jede Freundschaft und jedes Bündnis, wenn sie dauerhaft und fruchtbringend sein sollen, müssen auf Leistungen und Gegenleistungen beruhen. Bisher fand in dieser Beziehung zwischen dem großen Rußland und dem kleinen Rumänien nicht das richtige Gleichgewicht statt. Hätten wir Osman Pascha an unseren Grenzen bei Widdin festgehalten, während die russischen Armeen siegreich nach Konstantinopel vordrangen, so hätte man leicht sagen können – man urteilt ja oft obenhin über die Kleinen – daß wir nur unsere Grenze verteidigt hätten, und nach dem großen Siege wäre dann vielleicht das vergossene rumänische Blut nicht zu seinem vollen Werte geschätzt worden.«

»Rußland wird nie seine Freunde vergessen!« rief der Kaiser lebhaft.

Fürst Karl senkte mit einer gewissen Verlegenheit den Blick, Bratiano aber fuhr ebenso ruhig wie vorher fort: »Davon war mein gnädigster Herr völlig überzeugt, Majestät. Er ist Soldat und gehört einem Hause an, dessen Namen die Geschichte auf vielen ruhmvollen Schlachtfeldern verzeichnet; wäre Seine Hoheit seinem Gefühle gefolgt, so stände er mit seinen tapferen Truppen längst im Felde, mein Rat hat ihn zurückgehalten, denn es handelt sich nicht nur um den Ruhm des Fürsten und der Armee, sondern auch um die Zukunft des Landes, das ihn zu seinem Herrscher erkor. Diese Zukunft, Majestät, glaube ich nicht von den Zufälligkeiten edler Gefühle abhängig machen zu dürfen, und deshalb habe ich es für nötig gehalten, mit den Notwendigkeiten einer folgerichtigen Politik zu rechnen und die heldenmütige Aufwallung meines Herrn zurückzuhalten. Heute steht die Sache anders, heute wird man nicht sagen können, daß wir einfach unsere Grenzen verteidigen, heute hat das kleine Rumänien ein wertvolles Gewicht auch dem großen Rußland gegenüber in die Wagschale zu werfen, heute können wir für das Blut der Söhne unseres Landes eine sichere Bürgschaft der Zukunft gewinnen, denn heute ist unsere Hilfe von hohem Werte und wird bei dem künftigen Siegespreise in Rechnung gestellt werden müssen.«

»Eure Majestät werden zugeben,« sagte Fürst Karl mit freier Offenheit, »daß Herr Bratiano recht hat. Wäre ich ein einfacher Prinz, so würde ich um einen ehrenvollen Platz in den Reihen Ihres Heeres bitten: aber ich habe die heilige Verantwortung für das Land übernommen, das mich zu seinem Fürsten gemacht, und habe die Pflicht, seine Zukunft sicher zustellen.«

Des Kaisers Blick ruhte wohlgefällig auf dem lebhaft bewegten, edlen Gesicht des Fürsten.

»Eure Hoheit hüben recht«, sagte er. »Es handelt sich also nun, bevor wir weiter über die militärischen Operationen sprechen, darum, die Grundlagen eines festen Bündnisses zwischen Rußland und Rumänien festzustellen und«, fügte er hinzu, indem ein fast unmerklicher Ausdruck seiner Ironie um seine Lippen spielte, »Herr Bratiano wird die Güte haben, uns die Bedingungen desselben zu sagen.«

»Sie sind einfach«, erwiderte Bratiano, »und ergeben sich aus der Lage der Verhältnisse. Rumänien ist arm, die Armee ist mit Mühe und Opfern geschaffen, und es fehlt hier und da an Kriegsmaterial.«

»Lassen wir jetzt«, unterbrach ihn der Kaiser, »die materiellen Fragen, sie werden nach Ihren Bedürfnissen die Summen bestimmen, welche erforderlich sind, ebenso das Kriegsmaterial, das Sie notwendig haben; das alles ist im voraus bewilligt.«

Bratiano verneigte sich.

»Es handelt sich sodann«, sagte er, »um die Zukunft unseres Landes. Die Keime seiner wirtschaftlichen Entwicklung können nur gedeihen in voller Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Wir haben«, fuhr er bitter fort, »wenig Freunde in dem christlichen Europa, in Wien und London würde man uns gern wieder unter das türkische Joch zurücktreiben; wir bedürfen dagegen einer festen Stütze in dem Rat der Großmächte, um das höchste, heiligste Ziel zu erreichen, für welches jeder Rumäne sein Herzblut zu opfern bereit ist, die Unabhängigkeit und Selbständigkeit. Wenn wir jetzt in den Kampf eintreten für die Größe, den Ruhm und die Macht Rußlands, so werden Eure Majestät uns auch Ihren festen, nachdrücklichen Beistand zusagen, um jenes Ziel allem Neide und aller Mißgunst zum Trotz zu erreichen.«

»Eure Hoheit«, sagte der Kaiser, lebhaft sich zum Fürsten wendend, »können auf mich zählen. Wenn der Zorn des Himmels nicht das Schwert Rußlands in Stücke zerbricht, so soll Rumänien künftig frei von jeder Abhängigkeit unter den europäischen Staaten dastehen, mein Wort darauf.«

Er reichte dem Fürsten über den Tisch hin die Hand, die dieser ehrerbietig und herzlich drückte.

»Die Unabhängigkeit«, sagte Bratiano, »verlangt noch ein äußeres Zeichen. Rumänien ist größer, als es einst Preußen zu jener Zeit war, in der auch ein Hohenzoller sich dort die Königskrone aufs Haupt setzte, um seinen Nachfolgern den Weg zur wachsenden Größe zu öffnen.«

Schnell ihn unterbrechend, sagte der Kaiser:

»Auf dem Haupte eines Hohenzollern wird die Königskrone stets einen würdigen Platz finden. Ich habe keine Macht, Kronen Zu verleihen, aber Eure Hoheit dürfen gewiß sein, daß Rußlands Anerkennung dem Königreiche Rumänien sicher ist, und daß ich meinen ganzen Einfluß aufbieten werde, die gleiche Anerkennung bei den übrigen Mächten zu gewinnen.«

Der Fürst neigte dankend das Haupt, Bratiano fuhr fort:

»Ich war gewiß, daß die gerechten Wünsche des rumänischen Volkes bei Eurer Majestät hochherzige Unterstützung finden würden; es handelt sich nun aber auch darum, für das Opfer des rumänischen Blutes den Anteil an dem Preise des Sieges zu sichern. Eure Majestät werden es bei einem Blick auf die Karte nicht verkennen, daß das Gebiet der Dobrudscha naturgemäß zu Rumänien gehört und uns gesichert sein muß, wenn wir uns zu gesundem und kräftigem Leben entwickeln wollen.«

Der Kaiser schwieg einen Augenblick, er schien von einem Gedanken bewegt, den er auszusprechen zögerte; gespannt hingen die Blicke des Großfürsten an den Lippen seines Bruders. Nach kurzem Besinnen sagte der Kaiser:

»Rußland hat kein Recht auf jenes Gebiet und keinen Wunsch, dasselbe zu besitzen; ich werde beim Friedensschluß dafür eintreten, daß die Dobrudscha für immer mit Rumänien vereinigt wird.«

Unmutig senkte der Großfürst Nikolaus den Kopf.

Der Fürst Karl warf einen Blick auf Bratiano und dieser fuhr fort:

»Eure Majestät haben also den wesentlichsten Bedingungen für die militärische Mitwirkung Rumäniens in dem gemeinsamen Kriege Ihre Zustimmung erteilt, und es wird nur noch nötig sein, diese Bedingungen in einem Vertrage zu formieren, der selbstverständlich bis zur Ausführung in allen Punkten geheim bleiben muß, da er ja nur die Beteiligten angeht. Es bleibt nur noch übrig, auch die Form der militärischen Mithilfe festzustellen.«

»Seine Hoheit«, sagte der Kaiser ein wenig verwundert, »war mit dem Vorschlag des General Nepokoitschinski einverstanden, die rumänische Armee in die Stellungen bei Grivitza einrücken zu lassen.«

»Ganz recht, Majestät,« erwiderte Bratiano, »dies ist eine rein strategische Frage, über welche ich meinem gnädigsten Herrn keinen Rat zu erteilen mich für berechtigt halte. Allein Eure Majestät werden mir allergnädigst zugestehen, daß ich als Rumäne auch mein Nationalgefühl und meinen nationalen Stolz habe; in diesem Augenblick ist die Unabhängigkeit und Selbständigkeit meines Landes besiegelt, denn Eurer Majestät Wort bürgt für dieselben. Mein gnädigster Herr ist der souveräne Begründer des Königreichs Rumänien – Eure Majestät sind selbst Souverän und Kriegsherr und werden es begreifen, daß mein Fürst seine Truppen nicht unter fremdem Kommando in den Kampf führen kann.«

Dunkle Röte flammte in dem Gesicht des Großfürsten Nikolaus auf. Der Kaiser warf stolz den Kopf empor und sagte: »Mein Bruder führt den Oberbefehl über die ganze Armee, ich selbst bin im Hauptquartier anwesend und –«

»Verzeihung, Majestät,« fiel der Fürst Karl ein, welcher stolz und fest den drohenden Blick des Großfürsten Nikolaus erwiderte – »es kann mir nicht in den Sinn kommen, in die Rechte Seiner Kaiserlichen Hoheit, des Höchstkommandierenden, eingreifen zu wollen. Es versteht sich von selbst, daß die großen Operationen des ganzen Krieges nach Eurer Majestät Willen und Befehl geführt werden; ich ordne mich gern dem großen Ganzen ein, aber da, wo ich mit meinen rumänischen Truppen im Felde stehe, kann ich kein Kommando über mir – kein Kommando neben mir dulden. Ich habe noch keine Proben im Felde abgelegt, aber ich bin es den Fahnen meiner braven Armee schuldig, ich bin es dem Volke schuldig, dem ich mein Leben gewidmet habe, ebenbürtig an die Seite der ruhmvollen russischen Armee zu treten.«

Der Großfürst Nikolaus atmete unruhig; ein heftiges Wort schien auf seinen Lippen zu schweben, doch erwartete er die Antwort seines Bruders, der den Kopf auf die Brust gesenkt, einige Augenblicke in tiefem Schweigen dasaß.

Endlich stand der Kaiser auf.

»Eure Hoheit haben recht,« sagte er, »Sie sind mir ein Freund in der Not, und Rußland kennt keine halbe Freundschaft. Der souveräne Fürst von Rumänien, dessen Haupt, so Gott will, die Königskrone schmücken wird, soll vor seiner und meiner Armee seiner Zukunft würdig dastehen. Ich bitte Eure Hoheit, von dem Augenblicke an, in welchem Sie in die Stellungen bei Grivitza einrücken werden, den Oberbefehl über die sämtlichen bei Plewna vereinigten russischen und rumänischen Truppen zu übernehmen.«

Stolze Freude erhellte das Gesicht des Fürsten, ein zufriedenes Lächeln umspielte Bratianos Lippen; der Großfürst blickte finster vor sich nieder.

»Eure Hoheit werden«, fuhr der Kaiser fort, »einen meiner Generale als Chef Ihres Stabes annehmen, da Sie eines Ratgebers bedürfen werden, der mit der Organisation und Taktik meiner Armee vollkommen vertraut ist. Der General Sotow, welcher das vierte Korps kommandiert, wird sich für diese Stellung besonders eignen, da ihm die Verhältnisse vor Plewna genau bekannt sind, und,« fuhr er zum General Nepokoitschinski gewendet fort, »der General Krylow soll vorläufig das Kommando des vierten Korps übernehmen.«

»Ich danke Eurer Majestät ehrerbietigst«, sagte Fürst Karl; »ich und meine Rumänen werden Ihr Vertrauen rechtfertigen, und ich hoffe, daß Gott mir beistehen wird, Eurer Majestät Truppen mit den meinen vereint zum Siege zu führen.«

»Die Geschäfte sind also abgemacht«, sagte der Kaiser heiter in leichtem Konversationston. »Herr Bratiano und der General Nepokoitschinski werden die politischen und militärischen Ausfertigungen besorgen; ich habe Eure Hoheit nur noch zu bitten, sich so gut als möglich in dem mangelhaften Quartier, das ich Ihnen bieten kann, von der Anstrengung der Reise zu erholen.«

Der Fürst verabschiedete sich herzlich vom Kaiser, reichte dem Großfürsten die Hand, der seinen Gruß mit kühler Höflichkeit erwiderte, und verließ dann mit den übrigen Herren das Haus, um sich, von dem General Rylejew und dem zu seinem Ehrendienst bestimmten Flügeladjutanten begleitet, nach dem für ihn und sein Gefolge eingerichteten Hause zu begeben.

»Welche Demütigung!« rief der Großfürst, als er mit seinem kaiserlichen Bruder allein war. – »Er schreibt uns Bedingungen vor, und wir müssen sie annehmen! – Er, der Fremde, will russische Truppen kommandieren?«

»Sotow ist sein Generalstabschef,« sagte der Kaiser, »das Kommando ist nur eine ehrenvolle Form, die wir ihm wohl zugestehen mußten – vielleicht hätte ich es dennoch verweigert – aber er ist ein Hohenzoller, und an diesem Namen haftet der Sieg.«

Der Großfürst schüttelte den Kopf, er schien dennoch seinem Bruder nicht recht geben zu wollen.

»Und die Dobrudscha,« sagte er dann – »du hast ihm die Dobrudscha versprochen – sollen wir denn an den Ufern der Donau alles verlieren?«

»Alles?« sagte der Kaiser erstaunt – »werden wir nicht Bessarabien haben?«

»Bessarabien,« rief der Großfürst, »Bessarabien, das wir den Rumänen abtreten mußten!«

»Sei ruhig, mein Bruder,« sagte der Kaiser mit feierlichem Ernst, »Bessarabien wieder zu nehmen, ist eine Ehrenschuld gegen das Andenken unseres Vaters; ich werde diese Schuld tilgen, Bessarabien wird wieder unser sein, und sollte die ganze Welt sich dagegen stellen.«

»Ah, Sascha, mein Bruder,« rief der Großfürst, indem er den Kaiser stürmisch umarmte, »dann ist alles gut – aber was wird dieser künftige König von Rumänien«, fügte er mit leicht spöttischem Lächeln hinzu, »sagen, wenn er Bessarabien abtreten soll?«

»Er muß wissen,« erwiderte der Kaiser, »daß das eine Ehrenfrage für Rußland ist. Ich habe ihm die Dobrudscha versprochen, ist das nicht Ersatz genug? Doch nun komm, ich sehne mich hinauszureiten in das Lager, die dumpfe Schwüle hier erstickt mich,« fügte er, mit dem Taschentuch die Stirn trocknend, hinzu, »ich muß mir frische Kraft holen im Anblick meiner braven Soldaten.«

Der Großfürst eilte voran, um die Pferde vorführen zu lassen, und bald ritt der Kaiser mit seinem Bruder durch das Lager hin, überall begrüßt von den jubelnden Hurrarufen der Soldaten, unter denen bereits die Nachricht von den ruhmvollen Kämpfen am Schipkapaß verbreitet war, und welche der Anblick des Kaisers mit neuen Siegeshoffnungen erfüllte.

28. Kapitel

Wladimir hatte Blagonow fortgeführt, sobald das Gefolge entlassen war, denn der Kaiser pflegte auf seinen Ritten durch das Lager immer nur einige Generale und den Flügeladjutanten vom persönlichen Dienst mitzunehmen. Er fragte und fragte immer wieder nach allem, was zu Hause vorgegangen, und kam auch auf das tragische Ende des Sekretärs Sacharin zu sprechen, von welchem ihm seine Frau geschrieben. Wohl fiel es ihm auf, daß Blagonow bleicher und bleicher wurde, als er nähere Umstände von diesem so überraschenden Ende des bisherigen Vertrauten des Fürsten hören wollte, und daß er, immer finsterer und verschlossener, nur kurze und einsilbige Antworten gab, doch schrieb er diese Zurückhaltung und Verstimmung seines Freundes dessen Ermüdung durch die lange Reise und dem düsteren Eindruck zu, den derselbe von dem in seiner Gegenwart und durch seine Veranlassung stattgefundenen schauerlichen Ereignis behalten haben mußte.

Nlagonow erklärte denn auch bald, daß er auf das äußerste erschöpft sei, und zog sich, um zu ruhen, in das kleine Zimmer zurück, das für ihn während seiner Abwesenheit offen gehalten war.

Er hatte sich, während Wladimir ausgegangen war, um noch ausführlichere Nachrichten über die Ereignisse am Schipkapaß zu sammeln, auf sein Bett niedergeworfen – aber der Schlaf, den seine ermüdete Natur unter anderen Verhältnissen gefunden haben würde, wollte sich nicht auf sein Haupt niedersenken.

Er hatte aus seiner geöffneten Brieftasche ein weißes Blatt Papier genommen, auf welchem von Sacharins Hand nur der Name Jewjeni Mossejew geschrieben war. Dies Blatt hatte er in dem Schreibtisch des Sekretärs bei der Durchsuchung der Bücher und Papiere desselben gefunden, und der Name dieses geheimnisvollen Menschen, der ihm zweimal das Erkennungswort des geheimen Bundes zugeflüstert und sich nun im Hauptquartier befand, hatte ihn in Sacharins Papieren mit dumpfem Schrecken und unbestimmter Angst erfüllt. Nichts gab Aufschluß über die Bedeutung und den Zweck dieser Aufzeichnung des Namens jenes Menschen, den er einst in der Nacht von Wolotschina entführt hatte – und doch mußte diese Notiz bei dem so vorsichtigen Sacharin einen Zweck und eine Bedeutung haben. Es lastete auf ihm die unbestimmte Ahnung irgendeiner ungeheuren dunklen Gefahr, welche mit dem unter so auffallend veränderten Verhältnissen im Hauptquartier aufgetauchten Studenten zusammenhängen mußte, und der Druck dieser peinlichen Empfindung wurde so mächtig in ihm, daß er seinen Kommandeur bat, ihn mit der Meldung über die Marschroute der Garderegimenter nach dem Hauptquartier zu senden, was dieser um so lieber tat, als die anderen Offiziere mit ihren Vorbereitungen für den Feldzug vollauf beschäftigt waren. So war er denn angekommen, immer von seinen unruhigen, angstvollen Gedanken verfolgt, und in der Einsamkeit seines Zimmers hatte er wieder jenes geheimnisvolle Papier hervorgezogen, das er schon so viel hundertmal betrachtet, und an dem er doch immer wieder irgendein Zeichen zu finden suchte, das ihm Licht bringen könnte, in dem Dunkel, das ihn umgab.

Die Tür seines Zimmers öffnete sich vorsichtig und Stephan Sacharjew trat ein.

»Herr,« sagte er, ehrfurchtsvoll Blagonows Hand küssend, »Gott segne Euch, daß Ihr wieder da seid. Ich habe getreulich befolgt, was Ihr befohlen habt, und den verwünschten Studenten beobachtet auf all seinen Schritten, und richtig ist es nicht mit ihm, er gehört dem Teufel mit Leib und Seele, der ihn schon damals in Wolotschina in seinen Krallen hielt; bei Gott, Herr, wenn Ihr nicht wieder gekommen wäret, ich hätte ihn niedergeschlagen oder an einen Baum geknüpft, um ihn unschädlich zu machen.«

Blagonow war aufgesprungen, in höchster Spannung hingen seine Blicke an Stephan Sacharjew. »Was ist's mit ihm?« rief er; – »erzähle, was hat er getan?«

»Ja, wenn ich's genau wüßte, Herr,« erwiderte Stephan – »aber Unheil ist's gewiß, was er sinnt und brütet, denn die Nacht bringt nichts Gutes, und wer auf den rechten Wegen ist, scheut den Tag nicht.«

»Sprich deutlich,« sagte Blagonow ungeduldig, »erzähle nach her Reihe, was vorgefallen ist.«

»Lange«, sagte Stephan, »hatte ich nichts Außergewöhnliches und Verdächtiges bemerkt, als daß dieser elende Jewjeni Mossejew ein Leben in Überfluß und Übermut führte, während so viele brave Soldaten darbten, und daß er sogar mit seinen unverschämten Zudringlichkeiten die frommen Krankenpflegerinnen verfolgte, die Gott segnen möge. Ich habe ihn dafür derb zurechtgewiesen, und das schwöre ich Euch, Herr, er wird seine Unverschämtheiten nicht wieder versuchen, wenn ich in der Nähe bin.«

»Du hast recht getan,« sagte Blagonow, »doch weiter!«

»Da endlich, Herr, sah ich, daß er abends spät die Tür seines Hauses verließ und in der tiefen Dunkelheit auf das freie Feld hinausging. Ein Kosak folgte ihm. Lange sprachen sie eifrig miteinander, ich konnte mich nicht nähern, sonst hätten sie mich entdeckt. Endlich verschwand der Kosak, ich weiß nicht wohin, und Jewjeni kehrte wieder in sein Haus zurück, aber er sah blaß und verstört aus, als ob Schreckliches ihm widerfahren wäre, und seit jener Zeit sitzt er still und trübselig in seinem Hause; wenn er herauskommt, um Proviantsendungen abzunehmen, stiert er vor sich hin und fährt bei jedem Wort ängstlich zusammen, als ob er irgendein Unheil fürchte. Ja, ja, Herr, es ist wohl möglich, daß jener Kosak, mit dem er so geheimnisvoll auf dem Felde in dunkler Nacht verkehrte, der Teufel selbst gewesen ist, der ihn mahnte, daß seine Zeit abgelaufen sei, und von dem er noch eine kurze Frist gewonnen haben mag zu neuen Schandtaten. Nur abends verläßt er seit jener Zeit seine Wohnung, und dann schleicht er vorsichtig um das kaiserliche Hauptquartier herum, wie ein nächtliches Raubtier, das seiner Beute nachstellt.«

»Um das kaiserliche Hauptquartier?!« rief Blagonow, heftig Stephans Arm ergreifend.

»Ja, Herr, ja!« erwiderte Stephan; »es ist eigentlich nichts dabei, dieser verdammte Jewjeni trägt die kaiserliche Uniform der Intendantur und kann ebensogut wie jeder andere im Dorf und im Lager herumgehen und ebensogut neugierig sein, einmal einen Blick auf die Wohnung unseres allergnädigsten Zaren und in dessen Fenster zu werfen, und was sollte ein solch elender Wurm auch gegen unseren großmächtigsten Herrn tun können –, aber weiß Gott, Herr, es schnürt mir immer das Herz zusammen, wenn ich ihn da so herumschleichen sehe; wenn er nur einmal etwas gegen die Ordnungen und das Reglement getan hätte, so hätte ich ihn schon längst festgehalten und auf die Wache gebracht.«

Blagonow ging in tiefer Bewegung auf und nieder, er schien seine Gedanken zu sammeln, um das, was er erfahren, in seinem Geiste zu ordnen und mit dem geheimnisvollen Papier in Zusammenhang zu bringen.

»Du hast recht getan,« sagte er endlich, vor Stephan stehen bleibend, »ich danke dir – vielleicht ist das alles nichts, vielleicht aber knüpft sich dennoch ein Unheil an diesen Menschen, so elend und unbedeutend er auch ist. Höre weiter: verdopple deine Wachsamkeit, laß ihn keine Minute aus den Augen, sobald er sein Haus verläßt, ich werde wach bleiben, du findest mich stets hier oder dort drüben am anderen Ende des Dorfes bei dem Lager des kaiserlichen Konvois vor dem Zelte des Obersten Tscherewin. Sobald du siehst, daß jener Jewjeni sich wieder zur Nachtzeit dem Hause des Kaisers nähert, wirst du sogleich durch irgendeine Ordonnanz mich rufen lassen, du selbst aber wirst in seiner Nähe bleiben wie sein Schatten, bis ich komme.«

»Gut, Herr, gut,« erwiderte Stephan, »seid gewiß, daß ich alles genau so tun werde, wie Ihr befehlt, und sollte ich noch ein ganzes Jahr darum nicht schlafen können, wenn ich nur die Freude habe, zu sehen, daß dieser giftigen Natter der Kopf zertreten wird.«

Lange noch ging Blagonow in tiefen Gedanken auf und nieder, ohne daß er nur den Versuch machte, die Ruhe zu finden, deren er nach der langen Reife bedurfte.

Das Leben im Lager nahm seinen gewöhnlichen, Verlauf. Der Fürst von Rumänien reiste am nächsten Tage ab, um von Kerabia aus seine Armee in die bestimmten Stellungen bei Plewna zu führen, und mit Spannung erwartete man allgemein die Wiederaufnahme der Kämpfe, welche die Bewegungen der ganzen Armee wieder von dem plötzlich aufgetauchten gefährlichen Hemmnis befreien sollten.

Mehrere Tage waren vergangen, ohne daß Stephan etwas Neues zu melden gehabt. Jewjeni hatte seine Wohnung nicht verlassen und der arme Stephan Sacharjew vergeblich bis zum Morgenlicht seine müden Augen offen gehalten, um die Tür der Intendantur zu überwachen.

Am vierten Tage nach der Rückkehr Blagonows ins Hauptquartier hatten die Herren des Gefolges ziemlich spät das kaiserliche Speisezelt nach Aufhebung der Tafel verlassen. Der helle Schein, des Vollmondes lag über dem Lager, in welchem allmählich die lauten Stimmen des Tageslebens verklangen. In der Ebene und auf den Anhöhen schimmerten die Wachtfeuer, und die ganze Gegend bot einen wunderbaren Anblick voll Reiz und Poesie. Blagonow, welcher häufig die Einsamkeit suchte, um mit seinen, fest auf einen Punkt gerichteten Gedanken zu verkehren, schritt langsam, von dem Reiz der wundervollen Mondnacht, welche ihren silbernen Schimmer über all dies kriegerisch bewegte und doch äußerlich scheinbar so ruhige Leben ausgoß, überwältigt, durch das Lager hin. An der Seite des Dorfes, am Saume der Gebüsche, welche dasselbe umringten, war eine Reihe von Marketenderzelten aufgestellt; um die von Windlaternen erleuchteten! Tische saßen Offiziere und Soldaten beim Abendtrunk in lebhaften Gesprächen.

Vor einem dieser Zelte vernahm Blagonow englische Worte, und unwillkürlich blieb er stehen, die Gruppe zu betrachten, welche bei einer dampfenden Punschbowle beisammen saß. Es waren Korrespondenten englischer Blätter, kenntlich an den Ärmelabzeichen, welche diese Herren tragen mußten, damit die Wachen sie der ihnen erteilten Erlaubnis gemäß passieren ließen.

»Sie werden sehen,« rief der eine der Engländer, »an diesem, Plewna geht die ganze russische Armee zugrunde, und der Übermut, mit welchem die Russen diesen Krieg begannen, um uns aus dem Oriente zu verdrängen, wird seine bittere und gerechte Strafe finden.«

»Das glaube ich nicht,« erwiderte ein anderer Korrespondent, welcher einen großen, militärisch geformten Helm von Guttapercha auf dem Kopfe trug, »und das kann ich als guter Engländer nicht wünschen; diese Russen sind vortreffliche Soldaten, ich bin überzeugt, daß, so viel Opfer es auch kosten mag, sie dennoch mit Osman Pascha fertig werden. Hätten wir ein Ministerium Gladstone, so würden wir nicht eine so törichte Politik machen und diese elenden Türken gegen die Russen unterstützen. Wir müssen uns offen mit ihnen verständigen und in den Orient teilen, die Welt hat Platz genug für uns beide; wir würden vereinigt Europa und Asten beherrschen, statt daß wir so unsere Kräfte aufreiben und vielleicht alles verlieren.«

Eine Zeitlang wurde das Gespräch lebhaft weitergeführt, jeder der Herren verteidigte seine Ansicht, und Blagonow, welcher die englische Sprache verstand, lauschte aufmerksam den entgegenstehenden Meinungen, welche für ihn den Wert objektiver, außerhalb des unmittelbaren Interesses stehender Urteile hatten.

»Und ich bleibe dabei,« rief der Herr mit dem Guttaperchahelm, »daß die Russen oben bleiben. Es gäbe«, fügte er hinzu, »nur ein wirkliches Unglück, das wäre,« sagte er, ein wenig die Stimme dämpfend, »wenn der Kaiser sich in irgendeinem Gefecht exponierte und von einer Kugel getroffen oder wenn in diesem Augenblick irgendein erfolgreiches Attentat unternommen würde. Dann allerdings wäre kaum abzusehen, was geschehen sollte, denn wenn diese auseinandergerissene, in so weiten Distanzen im feindlichen Lande stehende Armee plötzlich den Mittelpunkt verlöre, der sie innerlich verbindet und mit Siegesmut erfüllt, wenn dann etwa gar zugleich in Rußland selbst irgendeine revolutionäre Bewegung sich erhöbe, dann freilich wäre die Gefahr groß; aber ich bleibe dabei, auch dann würden wir wenig Vorteil von der russischen Niederlage haben, und es wäre immer besser für uns, wenn wir mit den Russen gemeinschaftlich Ordnung im Orient schaffen könnten.«

Das Gespräch wurde etwas leiser fortgesetzt, aber Blagonow hörte nichts mehr; die letzten Worte hatten ihn tief erschüttert, es war, als ob eine plötzliche Erleuchtung seinen Geist durchblitzte – ja, in der Tat, wenn der Kaiser jetzt verschwände, wenn der Armee und Rußland der Mittelpunkt genommen würde, dann wäre alles verloren, dann würde all der seit Jahren zusammengetragene Zündstoff, den er selbst so genau kannte, zu hellen Flammen auflodern, und Menschenalter würden vielleicht nicht hinreichen, den entfachten Brand zu löschen. Wie mit Flammenschrift trat Jewjenis Name aus jenem geheimnisvollen Blatt vor seinen Blick – er dachte an Stephan Sacharjew, der ihn vielleicht suchen würde, und mit schnellen Schritten eilte er weiter nach dem Lager des kaiserlichen Konvois.

Hier war vor dem Zelte des Flügeladjutanden Obersten Tscherewin eine große Hütte von Baumzweigen errichtet, aus welcher man durch die offene Langseite die lange Schlucht mit den gegenüberliegenden Abhängen und den Weg nach Plewna hin im Glänze des Mondlichtes wie ein Panorama übersehen konnte. In dieser Laubhütte pflegten sich abends, wenn der Dienst beendet und die kaiserliche Tafel aufgehoben war, die Offiziere des Gefolges zu traulichem Gespräch zu versammeln. Auch heute war das Zelt dicht gefüllt; man sah hier die Uniformen aller Waffen und Grade, Windlichter standen auf dem Tisch, und in zwanglosen Gesprächen schlürften die Herren die verschiedenen Getränke, welche die Gastfreundschaft des Obersten ihnen bot.

Blagonow schloß sich dem Kreise an und wählte seinen Platz wie immer an der äußeren Seite der Hütte, so daß er vom Wege her gesehen werden konnte und auch imstande war, sich leicht und ohne Aufsehen zu entfernen. In der Mitte des Tisches saß der von der Balkanexpedition zurückgekehrte General Michael Dmitrijewitsch Skobeljew, ein junger Mann vom einunddreißig Jahren, mit langem, blondem Schnurrbart, die Burka über den Schultern. Sein jugendlich blühendes Gesicht hatte markige, ausdrucksvolle Züge, in welchen sich die frische Heiterkeit des Lebemannes mit der ernsten Strenge des Soldaten vermischte. Der General erzählte von seinen kühnen Zügen gegen die türkische Balkanarmee, und manches Abenteuer, das er in lebendiger Schilderung vortrug, würde bei den Zuhörern bedenkliches und ungläubiges Kopfschütteln hervorgerufen haben, wenn nicht sein tollkühner, vor nichts zurückschreckender Mut und zugleich seine persönliche Bescheidenheit so allgemein bekannt gewesen wären, daß es niemandem einfiel, einen Zweifel in seine Erzählungen zu setzen, so abenteuerlich dieselben auch klingen mochten.

»Ja,« rief der General, indem er ein Glas Punsch in einem kräftigen Zuge leerte, »ja, es ist wahr, die Türken sind gute Soldaten, aber waren sie auch noch einmal so tapfer, und stünde uns die dreifache Macht entgegen, so würde ich mich beim heiligen Georg nicht vor ihnen fürchten, und wir würden ebenso gewitzt mit ihnen fertig werden, wie unser großer Schutzpatron den Drachen überwältigte. Aber wir haben einen schlimmeren Feind, als die Türken, eine gefährlichere Schlange, als der Lindwurm des heiligen Georg war, und diesen Feind nähren wir an unserer eigenen Brust, das sind – das sind die Fremden, die sich in Rußland eingenistet haben, das ist diese verdammte sogenannte Zivilisation, mit der sie unser gesundes slawisches Blut vergiften, und, da sie den gewaltigen Arm unseres Volkes nicht lähmen können, seinen Geist und sein Herz langsam und allmählich umstricken und dem schwächlichen, verrotteten Europa Untertan machen wollen.«

»Aber, Michael Dmitrijewitsch,« sagte der Fürst Wittgenstein lächelnd, »da Sie von diesen Ihnen so verhaßten Fremden sprechen, auch mein Name und meine Abstammung sind deutsch, und doch werden die Herren mir hier gewiß glauben, daß ich keinen Augenblick zögern würde, mein Blut für Rußland und unseren Kaiser zu vergießen.«

»Gut, gut,« sagte der General Skobeljew mürrisch, »ich will es gern glauben, mein Fürst, daß Sie russisch denken und russisch zu fühlen gelernt haben – aber bei Gott« sagte er, seinen langen Schnurrbart streichend, »dann sind Sie eine Ausnahme, und die Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Ein Volk ist nur dann stark, wenn es unter sich ist, und Rußland hat keine Fremden nötig, es könnte nichts schaden, wenn man einmal eine große Reinigung vornähme, und ginge es nach mir, so würden auch unsere Großfürsten gute Russinnen heiraten, damit auch das Blut der Romanows von aller fremden Beimischung befreit würde.«

Niemand wagte, dem Gespräch auf dieses Gebiet zu folgen; eine augenblickliche Stille trat ein, und der Fürst Wittgenstein suchte durch einen harmlosen Scherz die allgemeine heitere Unterhaltung wieder herzustellen.

Blagonow hatte in tiefen Gedanken dagesessen und kaum gehört, was um ihn her gesprochen wurde, plötzlich sah er einen Kosaken aus dem Dunkel herantreten; derselbe näherte sich und flüsterte ihm leise einige Worte ins Ohr. Schnell erhob sich der junge Offizier und entfernte sich eiligen Schrittes auf der Straße nach dem Dorfe; sein Aufbruch blieb fast unbemerkt, da er an der Unterhaltung keinen Anteil genommen hatte, und da es häufig vorkam, daß einer oder der andere der Offiziere in irgendeiner dienstlichen oder persönlichen Angelegenheit abgerufen wurde.

In ungeduldiger Erwartung eilte Blagonow auf der Straße dahin, bald hatte er den Platz vor dem sogenannten Palais, dem einfachen, von dem Kaiser bewohnten Hause, erreicht. Aus den Fenstern der kaiserlichen Zimmer schimmerte Licht und erhellte den leicht umzäunten Hofplatz. Als Blagonow sich dem Hause näherte, trat eine dunkle Gestalt hinter dem Gartengebüsch eines der Nächstliegenden Bauernhöfe hervor.

»Herr,« sagte Stephan Sacharjew, ganz nahe zu Blagonow herantretend und in sein Ohr flüsternd, »ich habe Euch rufen lassen, wie Ihr befahlt, denn heute endlich ist dieser heimtückische Jewjeni wieder aus seinem Bau herausgekrochen – seht, dort schleicht er umher und späht nach der Wohnung des Kaisers, den Gott segnen möge, hinauf.«

In der Tat sah Blagonow, der Richtung von Stephans ausgestreckter Hand folgend, eine Gestalt im Uniformüberrock um die Ecke des kaiserlichen Hauses hervorkommen. Diese Gestalt, in welcher er ohne Stephans Versicherung in dem dämmernden Mondlicht den Studenten kaum erkannt haben würde, ging langsam um die Umzäunung des Hofes, der das kaiserliche Wohnhaus umgab, herum, und kaum würde dieser nächtliche Spaziergang eines Mannes in der russischen Uniform bei irgend jemand Aufsehen erregt haben. Blagonow aber, dessen Seele von argwöhnischer Unruhe bewegt wurde, bemerkte, daß der nächtliche Spaziergänger so viel als möglich die vom hellen Mondschein beschienenen Stellen vermied und sich im Schatten der Gebäude und des Zaunes hielt, auch näherte er sich an verschiedenen Stellen, der Umzäunung des Hofes und schien mit gang besonderer Aufmerksamkeit die erleuchteten Fenster des kaiserlichen Wohnzimmers zu beobachten.

Trotz dieses etwas sonderbaren Benehmens war dennoch nicht der geringste Verdacht gegen das Treiben des einsamen nächtlichen Wanderers zu ergründen, und auch eine bei neben dem Eingange zum kaiserlichen Quartier aufgestellten Schildwachen, an der er vorübergeschritten war, hatte ihn nicht nur, ohne jeden Anstand passieren lassen, sondern sogar das Gewehr vor ihm angezogen, da die Uniform der Intendantur in dem unsicheren Dämmerlicht dem Interimsüberrock eines Offiziers glich. Es lag also eigentlich gar keine Veranlassung vor, Jewjeni in seinem Gange zu hindern oder irgend etwas Außergewöhnliches oder Gefährliches bei ihm vorauszusetzen; dennoch aber empfand es Blagonow wie eine unumstößliche Gewißheit, daß er sich hier vor der Lösung des unheimlichen Geheimnisses befinde, das ihn so lange beschäftigt, und nur dieser seiner inneren instinktartigen Stimme gehorchend, schritt er leise Jewjeni nach, indem er Stephan befahl, ihm in einiger, Entfernung zu folgen und ohne seinen Befehl nicht näher heran zu kommen, was auch immer geschehen möge.

Er wartete, bis Jewjeni, der, ganz in seine Gedanken vertieft, unmittelbar neben der Einzäunung weiter fortschlich, an eine von dem Wachtposten ziemlich entfernte dunkle Stelle gekommen war; hier näherte er sich ihm urplötzlich mit einigen schnellen Schritten, faßte mit kräftigem Griff seinen Arm und sagte mit gedämpfter Stimme: »Halt, Jewjeni Mossejew, was tust du hier in einsamer Nacht?«

Unter gewöhnlichen Verhältnissen wäre von dem so plötzlich Angegriffenen eine unwillige Antwort zu erwarten gewesen, und Blagonow hätte kaum die Berechtigung gefunden, eine solche Antwort von dem ihm gar nicht verpflichteten Beamten zurückzuweisen. Statt dessen aber zuckte Jewjeni angstvoll zusammen, er wendete sich schnell um, und als er im Lichte des Mondes Blagonow erkannte, dessen Augen wild und drohend in sein blasses Gesicht blickten, stieß er einen halbunterdrückten Angstschrei aus und machte eine Bewegung, als ob er, von jähem Schreck überwältigt, in die Knie sinken wollte.

»Antworte,« sagte Blagonow, »was treibst du hier?«

»Habt Erbarmen, Herr, habt Erbarmen,« ächzte Jewjeni – »laßt mich fliehen, ich will weit fort von hier, ich schwöre Euch, daß man mich nie wiedersehen soll!«

Diese angstvolle Bitte überzeugte Blagonow immer mehr, daß er sich auf der Spur eines finsteren Geheimnisses befinde.

»Folge mir!« sagte er, Jewjenis Arm festhaltend und den Zitternden mit sich fortziehend.

Er sprach kein Wort und führte, indem er, rückwärts blickend, sich überzeugte, daß Stephan ihm folgte, den früheren Studenten nach seiner Wohnung, in welcher er sicher war, Wladimir noch nicht anzutreffen, da die Herren vor dem Zelte des Herrn Tscherewin meist bis tief in die Nacht zusammenblieben. Hier angekommen, stieß er Jewjeni vor sich her in sein Zimmer.

»Sorge, daß niemand hier eintritt,« befahl er Stephan Sacharjew – »auch der Graf Wladimir Ossipowitsch nicht, bis ich dich rufen werde.

Und nun«, sagte er, die Tür hinter sich schließend, zu Jewjeni, der zitternd und erdfahl vor ihm stand, »gestehe alles. Ich weiß es,« fuhr er mit scharfen, durchdringenden Blicken fort, »du hast einen geheimen Befehl erhalten, du bist des Todes, wenn du nicht die volle Wahrheit bekennst.«

Auf dem Tisch vor Blagonows Bett lag ein Revolver; Jewjeni sah die Waffe, einen Augenblick zuckte es wie ein verzweifelter Entschluß in seinen Blicken, aber schnell wie der Blitz hatte Blagonow seinerseits die Waffe ergriffen und richtete deren Mündung auf den entsetzt bis zur Wand des Zimmers zurückweichenden Studenten.

»Habt Erbarmen, Herr,« rief Jewjeni – »ich will alles gestehen – ich kann ja die Qual doch nicht mehr ertragen, ich kann doch nicht tun, was man von mir verlangt, ich will alles gestehen, wenn man mir nur das Leben läßt.«

»Ich kann dir dein Leben nicht verbürgen,« sagte Blagonow, »aber du weißt, daß ein offenes und freies Geständnis ein Recht hat auf Gnade für jedes Verbrechen, so groß es auch sein mag, und was ich tun kann um auch dir Gnade zuteil werden zu lassen, soll geschehen.«

»O Herr,« sagte Jewjeni, »Ihr kennt ja selbst jene furchtbar finstere, unerbittliche Macht, der ich mich zu eigen gegeben, und die mit erbarmungsloser Hand jeden festhält, den sie einmal ergriffen, Ihr müßt sie kennen, denn ich bin ja einst an Euch gewiesen worden, Euch mit dem Losungswort des Bundes anzureden, um von Euch aus dem Kerker gerettet zu werden. Wie Ihr Euch freigemacht habt von den finsteren Ketten, weiß ich nicht – oder,« rief er Plötzlich, indem noch größeres Entsetzen sich auf seinen Zügen malte, »gehört Ihr noch dazu, seid Ihr gekommen, mich wegen meines zögernden Gehorsams zu bestrafen?«

»Gleichviel,« sagte Blagonow, »sprich und vergiß nicht, daß dein Leben vom der Wahrheit deiner Worte abhängt.«

Zitternd und stockend, bald von seiner Furcht zurückgehalten, bald von noch größerer Furcht angetrieben, sich ganz rückhaltlos in Blagonows Hände zu geben, um dessen Beistand desto sicherer zu erlangen, erzählte Jewjeni, wie er von dem geheimen Bunde in die Bureaus der Intendantur gebracht und dann dem kaiserlichen Hauptquartier beigegeben, und wie er nun auf so furchtbare Weise aus seinem ruhigen Leben aufgeschreckt worden sei, indem er durch einen Boten des Bundes den Befehl erhalten, den Mordversuch gegen den Kaiser zu unternehmen.

»Lange«, fuhr er händeringend fort, »habe ich mit mir gekämpft und gerungen, ich schauderte zurück vor der entsetzlichen Tat, die man von mir verlangte, und doch wußte ich, daß ich verloren war, wenn ich nicht gehorchte, man hatte ja nur nötig, mich zu denunzieren, und die Bergwerke Sibiriens waren mir gewiß. Ich überlegte hin und her, wie die Tat auszuführen sein könnte, ich umspähte das kaiserliche Hauptquartier, und ich sah, daß es möglich sei, eine jener Kugeln von der äußeren Umzäunung aus durch das Fenster in das Wohnzimmer des Kaisers zu werfen. Wenn der Wurf gelang und richtig traf, so war der Kaiser verloren; in der Dunkelheit hätte niemand bemerkt, woher der Wurf gekommen, und in der allgemeinen Aufregung, die augenblicklich nach der Tat entstehen mußte, hatte ich fast die volle Gewißheit, unentdeckt zu entkommen. Und dennoch, Herr, dennoch, glaubt es mir, ich hätte es nicht vermocht, die vernichtende Kugel zu schleudern, die Kraft hätte mir versagt; oh, Ihr glaubt nicht, was ich gelitten habe in dieser Zeit, zwischen der Angst, die mich vorwärts trieb, und der Angst, die mich zurückschreckte. Jetzt, Herr, wißt Ihr alles, tut, was Ihr wollt, aber sprecht für mich, daß man mir das Leben schenkt – oh, nur das Leben,« rief er, wie von Fieberschauern geschüttelt, »nur das Leben, es ist so entsetzlich, zu sterben!«

»Ja,« sagte Blagonow finster, »es ist entsetzlich, zu sterben, wenn das Leben so schön und so reich an Glück und Hoffnung; doch hier gilt kein Zögern, kein Besinnen.«

Er rief Stephan Sacharjew in das Zimmer und sagte:

»Du stehst mir mit deinem Leben dafür ein, daß dieser Mensch das Zimmer nicht verläßt. Ich befehle dir, bei jedem Fluchtversuch, den er machen möchte, ihn niederzuschießen, tot oder lebendig muß ich ihn hier wieder finden.«

»Oh, ich werde nicht fliehen,« rief Jewjeni, »wohin sollte ich mich wenden, hier allein kann ich Schutz finden vor der furchtbaren Macht, deren Rache ich nun verfallen bin – und die Ihr kennt«, fügte er mit einem Blick auf Blagonow hinzu, aus welchem etwas wie hämische Drohung hervorblitzte, als ob er Blagonow daran erinnern wollte, daß er ihn durch seine Aussagen verderben könne, wenn ihm keine Gnade gewahrt werde.

»Nein,« sagte Stephan Sacharjow, indem er mit düsterer Freude aus Jewjeni blickte, der ganz gebrochen auf einen Stuhl niedergesunken war, »in Wolotschina hat dich der Teufel aus meinen Händen befreit, hier sollst du mir nicht entkommen, und käme der Satan in eigener Person, so soll er nur deine Leiche davonführen.«

Er nahm den Revolver fest in die Hand und setzte sich Jewjeni gegenüber. Blagonow faltete einen Augenblick die Hände und schien mit seinen düster aufgeschlagenen Blicken den Himmel um Mut und Kraft anzuflehen, dann ging er festen Schrittes hinaus und begab sich unmittelbar nach dem Hause des Kaisers. Er teilte dem Flügeladjutanten vom Dienst mit, daß er in einer Angelegenheit von der höchsten Wichtigkeit dem Kaiser ohne jeden Aufschub eine Meldung zu machen habe, und obwohl Seine Majestät sich bereits in das kleine Arbeitskabinett zurückgezogen hatte, trat der Adjutant doch unverzüglich ein, da der furchtbare Ernst, welcher auf Blagonows Zügen lag, keinen Zweifel daran erlaubte, daß seine Meldung wirklich von äußerster und unaufschieblicher Wichtigkeit sei. Der Kaiser saß in dem weiten Militärmantel an seinem Schreibtisch, noch mit der Durchsicht der eingegangenen Briefschaften beschäftigt; er blickte verwundert, aber wohlwollend und freundlich auf den jungen Offizier und schien kaum begreifen zu können, welche hochwichtige Meldung dieser ohne eigentlich bedeutungsvolle Diensttätigkeit dem Hauptquartier attachierte junge Mann ihm zu machen habe.

»Majestät,« sagte Blagonow, welcher in dienstlicher Haltung neben den von einer einzigen Lampe beleuchteten Schreibtisch getreten war, »ich habe Allerhöchstihr edles und großmütiges Herz tief zu betrüben, und dennoch ist es meine Pflicht, keine Sekunde mit der Mitteilung der Entdeckung zu zögern, die ich soeben gemacht.«

Traurig sagte der Kaiser:

»Ich bin gewohnt, Schmerzliches zu hören, sprechen Sie!«

Blagonow erzählte nun kurz und klar, was ihm Jewjeni gestanden. Der Kaiser stützte den Kopf in seine Hände, eine Träne rann über seine Wangen und fiel auf das vor ihm liegende Papier nieder.

»Wie hart, wie schwer«, sagte er, »ist das Schicksal der Herrscher, welche die törichte Welt um ihre Macht beneidet! Da stehe ich von Feinden umgeben in diesem blutigen Kriege. Alle Schrecken, alle Leiden, unter denen ich fast erliege, wenn ich das Blut der Söhne meines Volkes in Strömen fließen sehe, ich ertrage sie nur um der Ehre und Grüße Rußlands willen, um mein Volk hoch und sicher unter den Nationen Europas zu stellen; für mein Volk leide ich, für mein Volk kämpfe ich und bete ich, und aus der Mitte dieses Volkes erhebt sich der Mord gegen mich.«

Eine Zeitlang saß er in trübes Sinnen versunken schweigend da.

»Majestät,« sagte Blagonow, »in diesem Augenblick, in welchem so Furchtbares droht, muß mein Kaiser alles wissen. Ich weiß es, daß ich das Todesurteil ausspreche über alles Glück und alle Hoffnung meines Lebens, aber dennoch darf auch nicht der leiseste Schatten von Dunkelheit auf dieser Sache ruhen. Auch ich«, fuhr er mit rauher, harter Stimme fort, »habe Eure Majestät verraten und betrogen, als ich diese Uniform anlegte, die Ihre Gnade mir gab; auch ich, Majestät, habe einst, von Haß gegen die Gesellschaft, die mich ausstieß, erfüllt, jenem Bunde angehört, der heute den mörderischen Arm gegen Sie erhebt.«

Der Kaiser machte eine unwillkürliche Bewegung des Entsetzens, dann aber sagte er ruhig mit strengem Ernst: »Und wie ist das geschehen – ich will alles wissen, ich allein will prüfen und richten, bevor ich so schwere Schuld dem Urteil anderer übergebe.«

Blagonow erzählte, wie er, arm und tief niedergedrückt durch die hochmütige Mißachtung der vornehmen Gesellschaft, sich dem geheimen Bund angeschlossen habe, welcher die Zerstörung jener Gesellschaft anstrebt, wie er aus Rußland geflohen sei, um den Tod in der serbischen Armee zu suchen, wie er dann mit Wladimir Ossivowitsch zusammengetroffen und durch des Kaisers Gnade zu so hohem, nie geahntem Glück erhoben worden sei.

»Damals schon«, sagte er, »schwebte das offene Geständnis meiner vergangenen Verirrung auf meinen Lippen, aber ich wagte es nicht, das herrliche Glück, welches das Leben mir plötzlich entgegentrug, zu verscherzen; war ich doch gewiß, daß ich den Eid der Treue, den ich Eurer Majestät schwur, das Gelübde der Dankbarkeit, das ich ablegte, unverbrüchlich halten würde. Und ich habe es getan, ich habe mich von jenem Bunde losgesagt, und bei Gott, ich würde keinen Augenblick gezögert haben, mein Leben für Eure Majestät zu lassen – jetzt aber zwingt mich dieselbe Treue, dieselbe Dankbarkeit, die ich gelobt und gehalten habe, zu sprechen: ich bin nicht so glücklich gewesen, mein Leben für Eure Majestät auf dem Schlachtfelde lassen zu können, nehmen Sie es hin und strafen Sie, wie es die Gerechtigkeit verlangt.«

Lange saß der Kaiser, als Blagonow geendet, in sich zusammengesunken da, den Kopf tief auf die Brust geneigt. Dann richtete er sich auf. Mit einem Blick voll unendlicher Milde sah er den jungen Mann an.

»Auch edle und treue Herzen können sich verirren; Gott verzeiht die sündige Tat; sollte ich eine Verirrung verurteilen, die niemals zur Tat geworden ist!«

»Und auch bei Gott niemals zur Tat geworden wäre, Majestät!« rief Blagonow – »denn selbst in jener finsteren Zeit, in welcher der Haß gegen die Gesellschaft mich gekränkt und niedergetreten hatte, mein Blut erhitzte, auch in jener Zeit hätte ich niemals meine Hand zum Morde erhoben, niemals dem Morde meine Zustimmung gegeben. Ich wollte offenen, ehrlichen Kampf; in den Reihen der Revolution hätte ich gefochten, aber im einsamsten Walde mit mir allein wäre Eure Majestät Ihres Lebens ebenso sicher gewesen wie im Winterpalais, von Ihren Garden umgeben.«

»Nun denn,« sagte der Kaiser, indem er sich erhob, »jene Zeit ist vorübergegangen, ich will Gott bitten, daß ebenso aus meinem ganzen Volke der finstere Geist des Hasses verschwinden möge. Feodor Michaelowitsch,« fuhr er in feierlichem Tone fort, »ich, dein Kaiser, lösche deine Vergangenheit aus, sie soll niemals dagewesen sein, und niemals will ich ein Wort hören, das an dieselbe erinnert, möge es mir kommen, wie und woher es wolle. Dein Leben soll beginnen von dem Tage an, an welchem du mir die Treue geschworen hast ich weiß, du wirst sie halten.– Könnte ich alle, die gefallen sind, erheben wie dich – doch an dieses herrlichste Vorrecht Gottes reicht keine irdische Macht.«

Er reichte mit einem milden Lächeln, das seinem edlen Gesicht eine wunderbare Schönheit gab, Blagonow die Hand; dieser sank stumm in die Knie und drückte seine Lippen auf die kaiserliche Rechte, er fand keine Worte, um seine Gefühle auszudrücken.

»Das war ein schöner Augenblick,« sagte der Kaiser – »nun an die schmerzliche Pflicht; doch auch jener Verbrecher soll seinen Teil an dieser Stunde haben, und wenn es möglich ist, soll ihm Gnade werden.«

Er rief den Flügeladjutanten und befahl ihm, sogleich den Kriegsminister, den Grafen Adlerberg und den Kommandeur des Hauptquartiers zu ihm zu bescheiden. Nach wenigen Augenblicken erschienen die ganz in der Nähe wohnenden Herren.

Eine kurze Beratung fand statt. Dann führte Blagonow eine Abteilung Kosaken nach seiner Wohnung, um Stephan Sacharjew von seiner Wache abzulösen, und Jewjeni, wie es der Kaiser befohlen, nach dem Palais zu führen.

»Sage die volle Wahrheit, so kannst du Gnade erhoffen«, war das einzige, was Blagonow dem jammernden Studenten sagte.

Der Kaiser ließ in seiner eigenen Gegenwart Jewjeni vernehmen, und dieser bestätigte in allen Punkten, was er Blagonow gestanden hatte. Ein Adjutant wurde nach Jewjenis Wohnung gesendet, um nach dessen Angabe die verhängnisvollen Kugeln nach einem freien Platz vor dem Dorfe zu schaffen, wo dieselben noch während der Nacht von Ingenieuroffizieren untersucht wurden. Der Kaiser war traurig, aber ruhig und gefaßt; er versprach Jewjeni selbst, bevor derselbe abgeführt wurde, daß ihm sein Leben gesichert sein solle, wenn er alles bekenne, was ihm bekannt, und befahl dann, daß über diese ganze Untersuchung das strengste Stillschweigen beobachtet werden solle. Jewjeni wurde in ein bisher von einigen Flügeladjutanten des Kaisers bewohntes Haus gebracht, eine starke Abteilung Kosaken bezog dort die Wache und erhielt den Befehl, niemand ohne schriftlichen Befehl des Kaisers eintreten zu lassen.

Als Jewjeni das für ihn bestimmte Zimmer betrat, hatte sein Gesicht einen fast glücklichen Ausdruck; er atmete, als er allein war, tief auf und sagte, weit die Arme ausbreitend:

»O welches Glück, nach so viel Qual und Pein endlich Ruhe und Sicherheit zu finden! Diese Wachen schützen mich, der Kaiser hat mir mein Leben versprochen, er wird sein Wort halten, tausendmal lieber will ich hinter den schützenden Kerkermauern leben als draußen in der Freiheit, wo die Hand dieser Entsetzlichen über mir schwebt.«

Er warf sich auf sein Lager nieder, und zum erstenmal, seit der geheimnisvolle Bote des Bundes ihm den Befehl gebracht hatte, schlossen sich seine Augen zu ruhigem, erquickendem Schlummer.

Blagonow kehrte nach seinem Quartier zurück, er fand Wladimir bereits dort. Bleich, zitternd und tief bewegt, aber mit wundersam leuchtenden Augen, umarmte er den Freund, und als dieser verwundert nach der Ursache seiner Erregung forschte, sagte er:

»Frage nicht, ich darf nicht sprechen, aber danke Gott mit mir, denn er hat mir und Marpha große Gnade erwiesen und zwei Menschenherzen vor Elend und Verzweiflung bewahrt.«

Wladimir schüttelte den Kopf, er begriff nicht und war geneigt, diesen Gefühlsausbruch auf die nervöse Überreizung des jungen Mannes zu schieben, doch drückte er dem Freunde herzlich die Hand, und Blagonow fand an diesem Abend, ebenso wie Jewjeni, zum erstenmal seit langer Zeit die Erquickung eines ruhigen, tiefen Schlafes.

Stephan Sacharjew aber ging vor das Dorf hinaus, setzte sich vor eine der noch geöffneten Marketenderbuden und trank für sich ganz allein ein großes Glas des besten Punsches, der sich aus den Vorräten des Händlers herstellen ließ, indem er, das heiße, duftende Getränk schlürfend, bald einen halblauten Fluch zwischen den Zähnen hervorstieß, bald ganz vergnügt lachend sich die Hände rieb. Als er dann wieder in seine Kammer neben Wladimirs Stall zurückkehrte, sank auch er zu festem, lange entbehrtem Schlaf auf sein Strohlager.

29. Kapitel

Die Untersuchung gegen Jewjeni wurde in der tiefsten Stille geführt, nur die unmittelbar mit derselben beauftragten Generale betraten das Haus, in welches der Gefangene gebracht worden war, und auch diese, selbst der Kriegsminister und der General Rylejew, der Kommandant des Hauptquartiers, zeigten jedesmal bei ihrem Eintritt dem Offizier der wachhabenden Kosakenabteilung ihren vom Kaiser selbst unterzeichneten Eintrittspaß. Jewjeni war ganz glücklich und zufrieden über die freundliche Behandlung und die gute Verpflegung, welche man ihm gewählt hatte. Er beantwortete ohne Zögern alle Fragen, die man an ihn richtete, und gestand alles, was er nur irgend wußte; freilich war dies wenig genug, denn er kannte, der vorsichtigen Einrichtung des Bundes gemäß, nur dasjenige Mitglied, das ihn selbst aufgenommen hatte; dies war ein Student der Petersburger Universität gewesen, und als auf telegraphischen Befehl aus dem Hauptquartier die Polizei der Residenz denselben verhaften wollte, war er verschwunden, und trotz aller Nachforschungen, trotz der sorgfältigsten Überwachung der Grenzstationen konnte man keine Spur von ihm entdecken. Die übrigen Mitglieder des Bundes, mit denen er verkehrt, hatte Jewjeni gar nicht mit ihren Namen gekannt, sie auch meist nur in Verhüllungen und Verkleidungen gesehen, und die Überbringer der Aufträge des Bundes hatten sich ihm stets nur durch das Losungswort zu erkennen gegeben und meist in nächtlichem Dunkel mit ihm gesprochen. Jewjenis Aussagen brachten deshalb sehr wenig Licht in die dunkle Sache, und die Untersuchung wurde, trotz der Bereitwilligkeit des Gefangenen, auf alles zu antworten und alles zu bekennen, ziemlich resultatlos fortgeführt.

Jewjeni erbat sich bei jeder Aussage, die er den hohen Offizieren, welche persönlich die Untersuchung führten, machte, immer von neuem Gnade für sein Leben und flehte besonders ängstlich darum, daß man ihn in ein entlegenes und sicheres Gefängnis bringen möge, in welchem er vor der Rache des Bundes geschützt Ware. Die materielle Behaglichkeit, die er genoß, und die milde Behandlung, die er von den untersuchenden Offizieren erfuhr, die stets in den freundlich höflichen Formen der guten Gesellschaft mit ihm verkehrten, ließen ihn den Kerker mehr wie einen Schutz als eine Strafe erscheinen, und seine einzige Furcht war nur die Freiheit, welche ihn der strafenden Macht seiner früheren Genossen preisgeben würde. Von seinen früheren Beziehungen zu Blagonow allein sprach er mit keinem Silbe, er glaubte in der listigen Schlauheit, welche neben der Gier mach materiellem Lebensgenuß den hauptsächlichsten Zug seines Charakters ausmachte, in jenen Beziehungen und in seiner Verschwiegenheit über dieselben eine Bürgschaft dafür zu besitzen, daß Blagonow alles aufbieten werde, um ihn zu schützen, und da er mit besonderer Milde und Freundlichkeit behandelt wurde, da auch die Generale ihm bei vollem und offenem Geständnis seinerseits die Zusicherung der kaiserlichen Gnade für sein Leben wiederholten, so fand er keine Veranlassung, Aussagen zu machen, welche Blagonow, der ihm nützlich sein konnte, hätten verderben müssen.

In den Untersuchungsakten war also nur die Tatsache verzeichnet, daß der Ordonnanzoffizier Feodor Michaelowitsch Blagonow den Verbrecher in verdächtiger Weise um das kaiserliche Hauptquartier schleichend gefunden, und daß dieser, von ihm ergriffen, ihm ein reumütiges Geständnis abgelegt habe; da auch der Kaiser mit keiner Silbe seines Gesprächs mit Blagonow und des Geständnisses, das dieser ihm abgelegt, erwähnte, so spielte der Name des jungen Offiziers in den Untersuchungsakten nur eine sehr nebensächliche und unbedeutende Rolle, und es hätte ebensogut wie er irgendein anderer der Offiziere des kaiserlichen Gefolges oder irgendein Wachtposten vom Zufall zur Ergreifung Jewjenis bestimmt gewesen sein können. Wohl wurde es namentlich in der näheren Umgebung des Kaisers bemerkt, daß in dem mit einer so starken Wache besetzten Hause etwas Besonderes vorgehen müsse, und flüsternd teilte man sich wundersame Gerüchte und Vermutungen mit; da jedoch die Generale aus des Kaisers unmittelbarster Umgebung, welche man in jenem Hause ein und aus gehen sah, jede vorsichtige Berührung dieses Gegenstandes, jede leise Andeutung mit so ernster Entschiedenheit zurückwiesen, daß man ebensowenig an der Wichtigkeit der Sache, als an dem nachdrücklichen Willen unbedingter Geheimhaltung derselben zweifeln konnte, so wagte niemand mehr, den Gegenstand mit einem Wort oder gar einer Frage zu berühren, und unter den Offizieren und Soldaten in den weiteren Kreisen des Lagers tauchte nicht einmal eine Vermutung über denselben auf.

Etwa vierzehn Tage mochten vergangen sein. Die rumänischen Truppen waren in ihre Stellungen eingerückt, Fürst Karl hatte sein Hauptquartier vor Grivitza aufgeschlagen, und die Kämpfe gegen die türkischen Verschanzungen wurden mit erneutem Eifer aufgenommen, immer aber aus den unnahbaren und dicht mit Kanonen gespickten Verschanzungen der Türken zurückgeschlagen, so daß immer deutlicher die Notwendigkeit hervortrat, die Erdfestung völlig einzuschließen und namentlich den über Sofia nach den Balkanpässen führenden Weg abzuschneiden, auf welchem die Türken fortwährend Proviant und Munition erhielten. Alles dies konnte erst nach dem Eintreffen der Garden geschehen, und so war man denn bald darauf angewiesen, die Türken, welche in mächtigen Ausfallvorstößen aus ihren Verschanzungen hervorstürmten, zurückzuwerfen, und man mußte zufrieden sein, wenn es gelang, sie bis zur Ankunft der Garden in Plewna festzuhalten und eine Durchbrechung der russischen Stellungen zu verhindern. Diese die ganze Aufmerksamkeit des Kaisers und seiner unmittelbaren Umgebung fast ausschließlich in Anspruch nehmenden Vorgänge hatten das Interesse an der Untersuchung gegen Jewjeni ein wenig in den Hintergrund gedrängt, um so mehr, als immer noch kein Licht in das Dunkel dringen wollte und alle Nachforschungen, welche die Petersburger Polizei auf Grund von Jewjenis Aussagen anstellte, erfolglos blieben.

Es hatten einige Tage keine Verhöre stattgefunden, und Jewjeni brachte seine Zeit in seinem gut möblierten Zimmer in jener Behaglichkeit des Nichtstuns zu, welches beschränkten Geistern oft als der beste Lebensgenuß erscheint. Der Kaiser war an einem schönen Septembermorgen nach den Positionen vor Plewna gefahren, ein großer Teil seines Gefolges hatte ihn begleitet, und in der Nähe des kaiserlichen Hauptquartiers herrschte stille Ruhe, da die verhältnismäßig wenig zahlreichen Truppen, welche in und um Gornij-Studen lagerten, auf der Ebene ihre täglichen Übungen machten.

Durch die Straßen des Dorfes ging festen, sicheren Schrittes ein russischer General mit starkem, grauem Schnurrbart; er trug den Interimsrock mit den Achselstücken seines Ranges und eine tief in die Stirn gedrückte Mütze. Kurz, in streng militärischer Haltung erwiderte er die Grüße der wenigen Offiziere, die ihm begegneten, und einzelne derselben sahen ihm wohl wie verwundert nach, als ob sie einen Platz für diese Erscheinung in ihrem Gedächtnis suchten. Es lagen jedoch in der unmittelbaren Nähe so verschiedenartige Truppenteile, welche früher in den entlegensten Garnisonen Rußlands gestanden hatten, und es kamen so häufig die Kommandeure der verschiedenen Abteilungen zu irgendwelchen dienstlichen Meldungen ins Hauptquartier, daß der Anblick eines unbekannten Generals für niemand etwas Auffallendes oder Befremdendes haben konnte, und so setzten denn auch die einzelnen Offiziere, wenn sie sich des vorübergehenden Generals nicht entsinnen konnten, ruhig und ohne weiter darüber nachzudenken, ihren Weg fort, während der General selbst gerade auf das Haus zuging, in welchem Jewjeni gefangen gehalten wurde.

Er öffnete die Tür – der Kosakenoffizier trat ihm entgegen und grüßte militärisch, ohne von der Schwelle zurückzutreten.

»Ich habe den Gefangenen zu sprechen!« sagte der General kurz und befehlend.

»Dann werden Eure Exzellenz wissen, daß niemand bei dem Gefangenen eintreten darf, ohne einen allerhöchsteigenen Befehl Seiner Majestät des Kaisers.«

»Ganz recht,« sagte der General, »hier ist der Befehl.«

Er zog aus seinem Uniformrock ein Papier hervor, das er dem Kosakenoffizier reichte; dieser prüfte dasselbe, es enthielt genau dieselbe Formel wie die Eintrittspässe, mit denen die Generale versehen waren, welche regelmäßig die Untersuchung führten, in deutlichen Zügen stand die Unterschrift! des Kaisers darunter. Der in dem Befehl genannte Name des Generals war dem Offizier zwar völlig unbekannt, indessen war ja der kaiserliche Erlaubnisschein die vollständigste Legitimation, und sein Befehl lautete, jeden eintreten zu lassen, der einen solchen Schein vorweisen könne; er trat daher mit ehrerbietigem Gruß seitwärts, der General stieg die kleine Treppe hinauf, die beiden Kosaken, welche vor dem Zimmer des Gefangenen unter dem Gewehr standen, machten die Honneurs, der General öffnete die Tür und trat ein.

Jewjeni lag auf seinem Bett und rauchte eine der Zigaretten, von denen man ihm täglich eine gewisse Anzahl verabreichte; er blies die blauen Dampfringe in die Luft, und man hätte bei seinem Anblick eher glauben können, in sein Studentenzimmer in Petersburg zu treten, als in den Kerker eines des schwersten Verbrechens schuldigen Gefangenen. Er erhob sich, betrachtete ein wenig erstaunt den ihm völlig unbekannten General, doch schien ihm die neue Erscheinung keine Unruhe zu verursachen, da er während seiner ganzen Haft immer nur fünfte und freundliche Behandlung erfahren; er grüßte zwar ehrerbietig und demütig, aber doch mit einer gewissen vertraulichen Sicherheit. Der General trat dicht vor ihn hin und sagte, ohne die Mütze abzunehmen, deren Schirm seine Augen verdeckte:

»Jewjeni Mossejew, deine Bitte soll gewährt werden, die Untersuchung ist zu Ende. Der Kaiser hat befohlen, daß du nach einer Festung weit im Norden gebracht werden sollst, wo du hinter sicheren Wällen eingeschlossen sein wirst.«

»Ich danke, ich danke!« rief Jewjeni – »und«, fügte er dann ein wenig zögernd, mit einem leichten Anklänge von wiedererwachendem Mißtrauen hinzu, »wird man mich nicht darben lassen? Nicht in Ketten legen? Nicht mißhandeln?«

»Das Versprechen, das dir! gegeben ist, wird gehalten werden«, sagte der General feierlich. »Deine offenen Geständnisse werden den Lohn finden, den sie verdienen.«

»O gnädiger Herr,« rief Jewjeni, »wenn ich nur mehr wüßte, ich wollte ja gern alles sagen, alles, um mich der Gnade Seiner Majestät des Kaisers würdig zu machen; aber bei Gott, ich weiß nicht mehr, als ich gesagt habe, und es ist mir ganz unmöglich, mehr zu bekennen, ich habe niemals die Personen gekannt, mit denen ich verkehrte.«

»Man weiß,« erwiderte der General, immer in demselben kalten, dienstlichen Ton, »daß du nicht mehr zu sagen hattest, als was die Protokolle enthalten, aber dein Eifer, alles zu verraten, was du wußtest, genügt, um dir den verdienten Lohn zu gewähren. Sei ganz ruhig, das Versprechen, das dir für die Enthüllung der Bundesgeheimnisse, soweit sie in deinen Kräften stand, gegeben wurde, soll dir, voll und ganz gehalten werden, ich gebe dir nochmals mein Wort darauf – aber es ziemt sich, daß du mir eine Erklärung darüber gibst; ich bin beauftragt mit der Ausführung der Befehle, die dich betreffen, und du selbst mußt mir bescheinigen, daß du empfangen hast, was dir versprochen wurde und was dir gebührt.«

Er zog ein Blatt Papier und ein kleines Taschenschreibzeug aus seiner Uniform.

Ein wenig erstaunt blickte Jewjeni auf.

»Und was soll ich schreiben?« fragte er.

Der General zuckte die Achseln und sagte mit einem Ton voll tiefer Verachtung:

»Ich werde es dir diktieren, du wirst dich selbst überzeugen, daß es unverfänglich ist und nur die Wahrheit enthält. Schreibe!«

Jewjeni nahm die Feder, welche der General ihm reichte, und sich über den Tisch beugend, schrieb er auf das Blatt Papier, was jener diktierte:

»Nachdem ich alles, was mir über den geheimen Bund, dem ich angehörte, bekannt gewesen, ausführlich ausgesagt und nichts dabei verschwiegen, zurückgehalten oder verdunkelt habe, ist mir der dafür zugesagte Lohn zuteil geworden, und ich habe erhalten, was mir gebührt.«

»Das kann ich Wohl erklären«, sagte Jewjeni, nachdem er die diktierten Worte geschrieben; »aber wenn nun das Versprechen nicht gehalten würde?« Der General war hinter den Schreibenden getreten und beugte sich über ihn herab, um die auf das Papier niedergeschriebenen Worte zu verfolgen, Jewjeni blickte fragend rückwärts auf.

»Ich habe dir schon gesagt,« erwiderte der General streng, »daß dir mein Wort Bürgschaft ist; du wirst dich überzeugen, daß dies Wort bis auf das kleinste Titelchen gehalten werden wird.«

Jewjeni seufzte, er begriff, daß er nichts anderes verlangen könne, auch glaubte er an die Erfüllung des Versprechens, das ihm der Kaiser selbst gegeben; jedenfalls hatte er keine andere Wahl, als sich vertrauensvoll zu unterwerfen, und wenn irgendein Mißtrauen noch in seiner Seele Platz fand, so war dasselbe nur verschwindend und unbedeutend im Vergleich mit seiner entsetzlichen Furcht vor der Rache des Bundes, gegen welche er nur in einem Gefängnis der Regierung Schutz finden konnte.

»Unterzeichnen!« sagte der General.

Jewjeni beugte sich abermals über den Tisch vor und schrieb in großen Zügen seinen Namen unter die Erklärung, welche ihm diktiert war. Als er den letzten Zug seiner Namensunterschrift getan hatte, zog der General schnell wie der Blitz ein langes, dreischneidiges Stilett aus seiner Uniform hervor; mit einem gewaltigen Stoß versenkte er dasselbe eine Handbreit unter der linken Schulter in Jewjenis Rücken, so daß die Spitze im nächsten Augenblick einige Zoll weit aus der Brust des Studenten hervordrang.

Der Stoß war so schnell und scharf geführt und hatte so sicher das Herz des Unglücklichen durchbohrt, daß Jewjeni, jäh emporzuckend und dann vornüberstürzend, nur einen dumpfen, röchelnden Ton ausstieß und dann mit ausgebreiteten Armen neben dem Stuhl zu Boden sank. Blutiger Schaum trat auf seine zum verhallenden Todesschrei geöffneten Lippen, entsetzlich starrten seine weit geöffneten Augen. Der General stand ruhig über sein Opfer gebeugt da; ohne daß eine Miene seines Gesichts sich bewegte, beobachtete er die letzten, krampfhaften Zuckungen des Gemordeten, dessen Hände sich noch einige Male krampfhaft öffneten und wieder schlossen. Dann nahm er das von Jewjeni geschriebene Blatt, heftete es an die aus der Brust des Toten hervorragende Dolchklinge und verließ hierauf, die Tür nur wenig öffnend und schnell hinter sich verschließend, das Zimmer.

Die Kosaken auf dem Flur machten die Honneurs, der Offizier stand in dienstlicher Haltung an der Haustür, der General erwiderte, leicht seine Mütze berührend, die militärischen Grüße und ging dann ebenso ruhigen, festen Schrittes, wie er gekommen, durch das Dorf nach dem Lager hin. Hinter den letzten Häusern verschwand er in dem die Ebene einschließenden Gehölz, welches sich etwa eine Viertelmeile ausdehnte und hinter welchem auf der anderen Seite das Lager einer Kosakenabteilung sich befand. Die Posten hatten ihn überall gegrüßt, niemand achtete weiter auf ihn, es gingen ja so viele Generale zwischen den Truppen lagern und dem Hauptquartier hin und her, keiner von den Soldaten kannte die hohen Offiziere der großen Armee, wenn dieselben nicht unmittelbar zu den Vorgesetzten seines eigenen Truppenteils gehörten.

Das Dorf und das Lager blieb ruhig wie vorher, bis nach einigen Stunden der Kaiser von den Besichtigung der Truppenstellungen vor Plewna zurückkehrte; zugleich waren die Übungen im Lager beendet, die Offiziere und die beurlaubten Soldaten kamen wieder zu den Marketendertischen, und ein fröhliches, bewegtes Leben entwickelte sich überall, während der Kaiser mit seinem Gefolge sich in dem großen Zelt zur Tafel setzte.

Gegen das Ende des Diners rief eine Ordonnanz den General Rylejew hinaus. Der General blieb lange fort, niemand achtete darauf, da der Kommandant des Hauptquartiers häufig von dringenden Dienstgeschäften in Anspruch genommen wurde. Als derselbe aber endlich Zurückkehrte und stillschweigend seinen Platz wieder einnahm, war sein Gesicht bleich wie der Tod, seine Hände zitterten, und ganz verstört umherblickend, gab er auf die Bemerkungen seiner Nachbarn nur unverständliche und unzusammenhängende Antworten. Der Zustand des sonst so ruhigen, mutigen Generals erregte peinliches Aufsehen, denn etwas Unglückliches, Unerhörtes mußte geschehen sein, um ihn so aus aller Fassung zu bringen.

Bereits hatte der Kaiser mit dem üblichen Kommando: »Faßt Patron!« die Erlaubnis zum Rauchen gegeben, aber die sonst um diese Zeit der Tafel so heiteren und lebhaften Gespräche verstummten, und der Kaiser selbst bemerkte endlich die außerordentliche Aufregung des Generals. Sofort erhob er sich und winkte denselben zu sich heran. Eifrig und leise sprach der General mit ihm, während die Herren des Gefolges unter gezwungenen Gesprächen sich in verschiedenen Gruppen zurückzogen. Finsterer Ernst legte sich auf des Kaisers Gesicht, während er den Bericht des Generals Rylejew anhörte, mit flüchtigem Gruß zog er sich in sein Zimmer zurück, der General Rylejew folgte ihm, und unmittelbar darauf wurde der Kriegsminister und der Graf Adlerberg zu Seiner Majestät gerufen. Voll Entsetzen vernahmen beide den Bericht, welchen der General Rylejew in ihrer Gegenwart noch einmal wiederholen mußte, während der Kaiser finster und traurig, mit gefalteten Händen in seinem Stuhl dasaß.

Jewjeni war, als man ihm sein Essen gebracht hatte, ermordet gefunden, und der Zettel auf seiner Brust, von dessen Inhalt der General eine Abschrift gebracht, ließ keinen Zweifel übrig, daß man es hier mit einer Tat der Rache des geheimen Bundes für den von dem Gefangenen verübten Verrat zu tun habe. Der Offizier und die Soldaten der Wache erklärten, daß niemand das Haus betreten habe als ein ihnen unbekannter General, der aber im Besitz eines vollkommen richtigen Eintrittspasses mit der kaiserlichen Unterschrift gewesen sei.

»Wer herrscht in Rußland?« sagte der Kaiser, mit trübem Blick die Augen aufschlagend – »bin ich es, oder ist es jene geheime Verschwörung, deren Arm bis in meine unmittelbare Nähe durch alle diese Tausende von Soldaten, die meinen Befehlen gehorchen, zu dringen und sein Opfer zu treffen vermag? Sie können meiner ganzen Armee zum Trotz rächen und strafen, und meine Macht findet überall ihre Grenzen, wenn ich die Hand ausstrecke, um meine Feinde zu rächen. Diesmal hat mich Gott vor dem Verderben bewahrt, aber, gibt es einen Schutz gegen solche Macht, die unsichtbar und unaufhaltsam durch alle Wachen dringt? Bin ich sicherer vor dem Mordstahl, als es jener Elende war, vor dessen tödlichem Wurf ich nur bewahrt blieb, weil seine Nervenfasern nicht fest genug waren, um das Ungeheure auszuführen?«

Wieder senkte er das Haupt auf seine Brust und blickte aus seinen feuchtverschleierten Augen auf seine gefalteten Hände herab.

»Der Mörder kann nicht weit sein,« rief der Kriegsminister, »er, darf nicht entkommen, man muß sogleich den Befehl an alle Vorposten senden, daß niemand passieren darf, wer es auch sei; jeder Offizier, jeder Soldat, jeder Bauer der Umgebung muß durchsucht und befragt werden, wir werden den Verwegenen finden, der so Unerhörtes gewagt hat.«

Der Kaiser schüttelte den Kopf.

»Nein,« sagte er, »nichts von alledem soll geschehen, man soll das tiefste Schweigen beobachten, und nur ganz im stillen, versteht ihr Wohl, ganz im stillen forschen, ob man von jenem geheimnisvollen Mörder eine Spur findet; es darf nicht bekannt werden, welch eine finstere Macht sich drohend neben der meinigen aufrichtet, ohne daß ich ihrer Herr werden und ihre Fäden verfolgen kann. Die Furcht vor der finsteren, unfaßbaren Verschwörung ist schlimmer als die Furcht vor den Granaten des Feindes, und keine Furcht darf in diesem Augenblick, in welchem die Ehre und die Zukunft Rußlands auf dem Spiele stehen, in das Herz meiner Soldaten Eingang finden. Mein Leben steht in Gottes Hand, und was die Vorsehung über mich beschlossen hat, mag geschehen, aber solange ich lebend auf meinem Platz stehe, soll das Vertrauen nicht wanken, das mein Heer und mein Volk in meine Herrschermacht setzt; ich will dies furchtbare Geheimnis allein tragen, und alle, die darum wissen, hört ihr wohl, alle, der Offizier der Wache und die Soldaten, sollen einen heiligen Eid ablegen, niemals ein Wort von dem, was geschehen ist, zu verraten.«

Der Kaiser hatte sich erhoben und streckte gebietend die Hand aus. Die Generale verneigten sich stumm, sie erkannten, daß der Kaiser recht hatte, und daß die dunkle und geheimnisvolle Gefahr nicht abgewendet werden würde, selbst wenn es gelänge, Jewjenis Mörder zu entdecken, aber tiefer Schmerz erfüllte ihre Herzen.

Die unglückliche Weisung des Feldzuges hatte das Werk von Jahrzehnten in Frage gestellt, die Zukunft Rußlands, seine militärische Ehre, sein Ansehen in Europa, seine großen Aufgaben im Orient, an deren Erfüllung man so siegesgewiß herangetreten war, das alles stand auf der Spitze des Degens – aber was bedeuteten alle diese türkischen Heere, welche ringsum mit erneuter wilder Wut gegen die russischen, weitausgedehnten Stellungen vordrangen, was bedeuteten die verderbenspeienden Erdwälle um Plewna, vor welchen Tausende auf Tausende von Leichen sich häuften, gegen den unmittelbaren, über dem Haupte des Kaisers schwebenden unsichtbaren, unfaßbaren Mord, welcher mit einem Schlage den ganzen Organismus des russische» Reiches in seinem Mittelpunkt zerstören und alle Bande der Ordnung in dem entsetzten Volke zerreißen konnte.

Eine Zeitlang herrschte tiefes Schweigen in dem kleinen Gemach, welches den Herrscher über die Hälfte zweier Weltteile einschloß, der dennoch in der Mitte seiner zahllosen Heere nicht seines Lebens sicher war, über sich das an einem Haar hängende Schwert fühlte, welches einst der Tyrann Dionysius über dem Haupte des Damokles als ein Sinnbild seiner eignen, von jenem beneideten Existenz aufhängen ließ – Dionysius aber war ein Tyrann und herrschte mit allen Mitteln blutiger Gewalt und Willkür über seine widerwilligen Untertanen, während der Kaiser Alexander sanft und milde sein Volk zu beglücken rang und von seinem Volle geliebt und verehrt wurde als der Stellvertreter der göttlichen Macht auf Erden und als der Befreier der Armen und Unterdrückten.

Der Kaiser gewann zuerst seine gleichmäßige, melancholisch freundliche Ruhe wieder.

»Man soll den Toten in aller Stille begraben,« befahl er, »Gott möge seiner Seele gnädig sein – jetzt will ich allein sein.«

Die Generale gingen hinaus.

Niemand von dem noch versammelten Gefolge wagte eine Frage, aber da keine Nachricht von irgendeinem Unglück bekannt wurde, so blieb der ganze Vorgang in tiefes Geheimnis gehüllt. Blagonow allein ahnte, was geschehen. Als er nach Hause zurückkehrte, rief er Stephan Sacharjew und sagte ihm:

»Ich glaube, daß Jewjeni vor seinem Richter steht. Höre Wohl auf meine Worte: Niemals, solange du lebst, soll der Name des Unglücklichen über deine Lippen kommen – aber so oft du dein Gebet sprichst, vergiß nicht, auch ihn darin einzuschließen und Gott anzurufen, daß er seine Seele erlöse und zur Seligkeit führe, er hat gebüßt für seine Schuld, und«, fügte er leiser hinzu, »ich darf ihn nicht, verurteilen, da ich so wunderbar von dem Schicksal errettet bin, das mich hätte treffen können wie ihn.«

»Ich will es tun, Herr,« murrte Stephan Sacharjew, »weil Ihr es befehlt, weil's christliche Pflicht ist, für alle Sünder zu beten; aber«, sagte er für sich, indem er kopfschüttelnd hinausging, »ich glaube, mein Gebet wird nicht kräftig genug sein, um ihm aus den Krallen des Teufels Zu befreien, der ihn sicher gepackt hat.«

30. Kapitel

Der General von Tottleben war angekommen und hatte den Plan zur vollständigen Einschließung der Armee von Plewna entworfen, denn trotz verschiedener siegreicher Einzelunternehmungen, trotz der so über alles Beispiel heldenmütigen und ruhmvollen Erstürmung der türkischen Redoute bei Grivitza durch die rumänischen Truppen hatte man sich mehr und mehr überzeugt, daß nur durch die vollständige Einschließung die türkische Armee bei Plewna überwunden werden könne; langsam aber nur rückten die Korps der Garden und der Grenadiere heran, um ihre Stellungen in der Umzingelung der Befestigungen von Plewna einzunehmen. Immer noch war es nicht gelungen, die nach Sofia führende Straße vollständig zu verlegen, und Chefket Pascha, welcher in der Richtung von Sofia mit einer bedeutenden Truppenmacht stand, hatte mehrfach Provianttransporte unter starker Bedeckung trotz des tapferen Widerstandes einzelner russischer Korps nach Plewna durchgeführt, so daß es Osman Pascha weder an Munition noch an Lebensmitteln fehlte; man mußte also warten, bis die genügende Truppenzahl angekommen sein würde, um auch in der Richtung nach Sofia hin die vollständige Einschließung der türkischen Armee durchzuführen.

Inzwischen standen hier so viel Streitkräfte, als man irgend entbehren konnte, namentlich starke Kavallerieabteilungen unter dem General Lowaschef, um die Proviantzufuhr so viel als möglich abzuschneiden oder zurückzuwerfen; zugleich streiften stets Patrouillen auf der Straße nach Sofia und in den Schluchten und Wäldern, welche diese Straße umgaben, um auch die einzelnen Botschaften abzufangen, welche fortwährend von den südwestwärts stehenden türkischen Stellungen an Osman Pascha gesendet wurden. Er wurde durch diese Botschaften unausgesetzt mit Nachrichten über die an anderen Punkten stattfindenden Kämpfe versehen, ebenso mußte auch um die russische Armee herum ein ausgedehnter türkischer Spionendienst organisiert sein, denn wohin auch immer die russisch-rumänischen Truppen ihre Sturmangriffe richteten, da fanden sie gewiß jedesmal die Türken vollständig vorbereitet und gerüstet, und fast immer war auf solchem Punkt eine überwältigende Übermacht vereinigt.

An einem trüben Novembertage ritt auf der breiten Straße nach Sofia eine Abteilung von etwa fünfzig Mann der bulgarischen Legion nahe gegen die ersten türkischen Stellungen bei Plewna heran. Pawjel Fjodorew befand sich an der Spitze der bulgarischen Reiter, er spähte sorgsam vorwärts nach den gegen Plewna hin sanft aufsteigenden bewaldeten Hügel; niemand in der kleinen Truppe sprach eim Wort, man hörte nur die Hufschläge und das Schnauben der Pferde und das leise Klirren der Waffen.

Pawjel Fjodorew schien noch kräftiger und männlich schöner geworden zu sein, sein Gesicht war dunkel gebräunt, er trug die geschmackvolle, nach der Nationaltracht geschnittene Uniform der bulgarischen Freikorps, Pistolen in dem breiten Gürtel, bis zum Knie heraufreichende Reitstiefel und eine dem türkischen Fes ähnliche Kopfbedeckung auf dem dunklen, lockigen Haar. Auf seiner Brust glänzte das russische Georgskreuz. Er ritt ein schwarzes Pferd von edelster türkischer Rasse, und es wäre schwer möglich gewesen, eine männlich schönere kriegerische Erscheinung zu sehen, als diesen jungen Mann an der Spitze des kleinen Trupps seiner Landsleute, unter denen sich auch die Genossen seiner Flucht aus Muschina befanden, welche den blutigen Kampf im Balkanpaß überlebt hatten. Pawjel Fjodorew war unermüdlich im Kampf gegen die Türken. Er hatte mit ausgewählten Freiwilligen der bulgarischen Legion an fast allen Stürmen gegen die Redouten von Plewna teilgenommen und meldete sich, wenn dort kein Kampf stattfand, zu allen gefährlichen Patrouillenritten, die er mit ebensoviel Geschicklichkeit und List als tollkühnem Mut ausführte. Seine Liebe zu Stjepanida und die Sehnsucht nach dem Glück seiner Zukunft machte ihn niemals für sein Leben besorgt, im Gegenteil suchte er immer begeisterter und siegesgewisser alle Gefahren auf, bei denen Ruhm und Ehre zu erringen war; Stjepanida sollte auf ihn stolz sein, als auf den Besten und Tapfersten von allen, und er war gewiß, daß sie ihn lieber im heldenmütigen Kampf gefallen beweinen würde, als daß sie die Augen niederschlagen sollte, wenn er sich um seiner Liebe willen vorsichtig zurückgehalten hätte – es schien, als ob ein besonderer Schutzgeist über Pawjels Haupt schwebte, denn, so oft er auch allen übrigen voran war, allen Gefahren trotzend, niemals hatte ihn eine feindliche Kugel auch nur gestreift, niemals die Klinge eines Säbels oder die Spitze eines Bajonetts berührt, seine Landsleute blickten zu ihm wie zu einer Art von höherem Wesen auf, das gegen alle Waffen durch überirdischen Schutz gesichert sei, und die russischen Offiziere behandelten ihn mit hoher Achtung und Auszeichnung.

So war er denn wieder, da gegen die Redouten von Plewna alle Angriffe bis zur Ankunft der Verstärkungen ruhten, mit einer Anzahl ausgewählter Freiwilligen ausgeritten, um auf der Straße nach Sofia hin zu patrouillieren; er war weit gegen die Stellungen Chefket Paschas hin vorgeritten, ohne irgend etwas zu entdecken, und zog nun zurückkehrend bis ganz in die Nähe der Armee Osman Paschas, um womöglich irgendeinen von demselben abgesandten Boten abzufangen. Er war mit seiner Truppe bis an den Fuß eines Hügels gekommen, hinter welchem ganz nahe schon türkische Truppen stehen mußten; die breite Straße führte diesen Hügel hinauf, links von derselben dehnte sich ein Gehölz aus, das den ganzen Hügel einschloß. Am Fuße der aufsteigenden Höhe hielt Pawjel sein Pferd an.

»Es wäre töricht und zwecklos,« sagte er, sich zu seinen Leuten umwendend, »hier weiter vorzugehen, wir könnten auf eine Übermacht stoßen und würden ohne Nutzen und Erfolg aufgerieben werden. Unser Ritt war vergeblich,« sagte er seufzend, »es bleibt uns nichts übrig, als hier rechts über die Felder nach dem Lager hin zurückzukehren und zu melden, daß wir nichts gesehen.«

Während er bei diesen Worten noch einmal seine Blicke ringsumher schweifen ließ, bemerkte er plötzlich, daß einige Schritte vor ihm ein sandiger, schmaler Weg aus dem Gehölz auf die Straße einmündete. Er ritt vor und blickte prüfend in die Lichtung.

»Halt,« sagte er, »dieser Weg führt dort herum in der Richtung nach Sofia, es verlohnt sich vielleicht der Mühe, hier noch ein wenig vorzudringen.«

In der Tat ritt er, langsam lauschend und vorwärts spähend, auf dem Seitenwege weiter, der sich bald hinter einer Gruppe dichten Gebüsches scharf wendete. Nahe dieser Wendung hielt Pawjel plötzlich mit scharfem Ruck sein Pferd an und erhob die Hand wie zum warnendem Zeichen, indem er sich zugleich lauschend vorbeugte.

»Hört ihr,« sagte er leise, sich zu seinen Leuten zurückwendend – »hört ihr dort hinter der Wendung des Weges Stimmen und Waffenklirren?«

Atemlos lauschten die Bulgaren; man hörte in der Tat noch fern, aber doch deutlich vernehmbar, menschliche Stimmen und den eigentümlichen Ton von klirrendem Eisen.

»Wir sind nicht umsonst geritten,« sagte Pawjel strahlenden Blickes, »haltet eure Säbel fest und folgt mir.«

Er kehrte, im Schritt reitend, auf die breite Straße zurück und befahl seinen Leuten, sich seitwärts derselben unmittelbar neben der Einmündung des Sandweges hinter dem Gebüsch aufzustellen. Etwa eine Viertelstunde warteten sie hier, keiner bewegte sich im Sattel, und nur in nächster Nähe vernahm man die zurückgehaltenen Atemzüge.

Immer näher kamen die Stimmen aus dem Walde, die Herankommenden schienen sorglos zu plaudern und hier so nahe an den türkischen Stellungen keine Vorsicht mehr für nötig zu halten. Endlich bog aus dem sandigen Seitenwege hervor ein kleiner Zug auf die Straße ein. In der Mitte desselben fuhr ein leichter, zweirädriger, mit zwei kräftigen Pferden bespannter Wagen, welchen ein Mann in einem über den Kopf gezogenen Kapuzenmantel lenkte; neben und hinter demselben ritten etwa zwanzig Mann türkischer Dragoner, welche sich laut und heiter miteinander unterhielten. Als der letzte dieser Reiter aus dem Walde hervorgekommen war, sagte Pawjel zu seinen Leuten:

»Jetzt vorwärts, sie können uns nicht entrinnen; umzingelt sie, doch keiner darf einen Schuß tun, damit uns die Türken nicht über den Hals kommen – wir müssen den Wagen haben.«

Er zog seinen Säbel, und wie eine Wetterwolke brausten die Bulgaren gegen die langsam und sorglos auf dem Wege hinziehenden Türken heran; ehe dieselben sich von ihrem ersten Schrecken erholt hatten, waren sie überholt und sahen von allen Seiten die hochgeschwungenen Säbel der Bulgaren über ihren Köpfen blitzen. Einige versuchten ihre Säbel zu ziehen oder ihre Karabiner zu ergreifen, aber mit sicheren, wuchtigen Hieben auf Arm und Hände wurden sie kampfunfähig gemacht, und in wenigen Augenblicken waren sie sämtlich gefangen.

Der Wagen hatte einen Augenblick in der Mitte dieses Knäuels von Menschen und Pferden gehalten. Als die Bedeckung überwunden war und die Bulgaren den türkischen Dragonern ihre Säbel und Pistolen abnahmen, peitschte der Mann auf dem Wagen, zu dem Pawjel nun heranritt, um ihn zu durchsuchen, plötzlich seine Pferde an, und in rasender Eile jagte das leichte Gefährt die Anhöhe hinauf nach Plewna hin. Die meisten der bulgarischen Reiter waren mit ihren Gefangenen beschäftigt, die sie nicht verlassen konnten, einige versuchten, dem Wagen zu folgen, aber schon nach wenigen Sekunden hatte derselbe, von dem edlen Gespann fortgerissen, einen solchen Vorsprung gewonnen, daß es unmöglich schien, ihn einzuholen.

»Haltet die Gefangenen!« rief Pawjel, »jenen übernehme ich.«

Er drückte seinem Pferde die Sporen ein, hochauf bäumte sich das edle Tier und flog dann pfeilschnell dem Wagen nach. Pawjel hatte seinem Pferde, das er kannte, nicht zu viel zugetraut. In rasender Schnelligkeit flog der Wagen und sein Verfolger die Straße hinauf – aber bald war Pawjel herangekommen – einige gewaltige Sätze seines Pferdes und er hatte den Wagen überholt – schnell und sicher sein Pferd an das Gespann herandrängend, fiel er demselben in die Zügel – mit kräftigem Ruck riß er die Pferde seitwärts, der Wagen stand.

»Steig ab und gib her, was du bei dir hast!« rief Pawjel, indem er seine Säbelklinge über dem Haupt des Mannes im Wagen durch die Luft sausen ließ – »du siehst, daß kein Entkommen möglich ist.«

Der Mann schlug die Kapuze seines Mantels zurück. Mit einem leisen Schreckensruf erkannte er Theofil Leonew, der ihn mit Blicken voll wilden Hasses ansah. Einen Augenblick zuckte seine Hand, der Säbel blitzte in der Luft, und schon hob Leonew seinen Arm, um den tödlichen Streich mit dem dicken Ärmel seines Filzmantels abzuschwächen.

Langsam aber ließ Pawjel seine Waffe wieder sinken.

»Er ist ihr Vater«, sagte er leise.

Eine hämische Freude blitzte in Leonews Gesicht auf, schnell aber nahmen dann seine Blicke einen ruhig kalten Ausdruck an, und mit dem Ton ruhiger Ergebung sagte er:

»Du bist es, Pawjel Fjodorow – ich bin in deiner Gewalt – du hast recht, jeder Widerstand wäre töricht, auch sehne ich mich selbst lange danach, von den Türken befreit zu werden, die mich gezwungen haben, ihnen zu dienen. Ich war zornig auf dich, weil du meine Tochter entführt hattest, nun aber ist es geschehen, und es läßt sich nicht ändern, und vielleicht ist es besser so. Führe mich in das russische Lager, ich bin dein Gefangener; du wirst mir Schonung meines Lebens und Eigentums erwirken, wenn« – fügte er mit schnell aufblitzender Wut in seinen Augen hinzu – »von meinem Eigentum noch etwas anderes übrig ist, als der zertretene Erdboden.«

Freudig bewegt erwiderte Pawjel:

»Da du so sprichst, Theofil Leonew, so glaube ich, daß Gott mich hier auf deinen Weg geführt hat. Komm mit mir, ich bürge für dein Leben und dein Eigentum, du sollst empfangen werden, wie es dem Vater von Pawjel Fjodorews Braut geziemt. Gib mir deine Briefe, denn ich bin gewiß, daß du Botschaften nach Plewna bringen sollst; sind sie wichtig, so soll dir guter Lohn werden.«

»Sie sind hier im Gesäß«, sagte Leonew, indem er seitwärts rückte und das tückische Funkeln seiner Blicke unter den niedergesenkten Augenlidern verbarg. »Steig ab und sieh selbst zu, daß nichts weiter hier versteckt ist.«

Schon war Pawjel im Begriff, aus dem Sattel zu springen, als ein Rest von Mißtrauen in ihm zu erwachen schien.

»Laß sie da,« sagte er, »wir werden sie im Lager herausnehmen – jetzt folge mir, ich werde neben dir reiten, wir haben noch einen weiten Weg zu machen und dürfen hier nicht so lange in der Nähe der Türken bleiben.«

Leonew warf einen schnellen, forschenden Blick nach den Höhen hin, dann wendete er langsam seine Pferde und fuhr, während Pawjel unmittelbar an seiner Seite ritt, auf dem Wege rückwärts den Bulgaren zu, welche die gefangenen Türken umringten. Er hatte wie fröstelnd seinen Mantel zusammengezogen, nach wenigen Schritten aber zog er schnell wie der Blitz einen, Revolver unter dem Mantel hervor und feuerte unmittelbar hintereinander aus nächster Nähe mehrere Schüsse auf Pawjel und dessen Pferd ab.

Das Pferd bäumte sich in wildem Satze auf, Pawjel fühlte einen stechenden Schmerz in seiner rechten Schulter, der Säbel entsank seiner Hand, und nur mit Aufbietung all seiner Kraft vermochte, er sich auf dem wildschnaubenden Pferde zu halten, dessen Hals sich blutig färbte.

»Nichtswürdiger Verräter,« rief er, »so dankst du mir für dein Leben, das in meiner Hand war –«

Aber schon hatte Leonew seinen Wagen gewendet und jagte, die Peitsche schwingend, im vollen Lauf seiner Pferde die Anhöhe hinauf – ein gellendes Hohnlachen schallte von seinem Wagen zu Pawjel herüber, der kaum sein Pferd zu bändigen vermochte und mit seinem verwundeten Arm an keine Verfolgung denken konnte.

Entsetzt hatten die Bulgaren den Vorgang gesehen; einige von ihnen sprengten zu Pawjel heran, aber schon erschien oben auf der Höhe des Weges, durch die Schüsse alarmiert, eine Abteilung von türkischen Zeibecks, welche, mit lautem Allahruf ihre Lanzen schwingend, an Leonews Wagen vorbei heransprengten.

Die Wunde des Pferdes war nicht tötlich, Pawjel war des Tieres, das seine Stimme kannte, wieder Herr geworden, und schnell hatte er seine Leute erreicht.

»Schneidet die Sattelgurte der Gefangenen durch und laßt ihre Pferde laufen.«

In wenigen Sekunden war sein Befehl ausgeführt, die Pferde der Türken sprengten nach allen Richtungen, die Dragoner blieben ohne Waffen auf dem Wege stehen.

»Nun gebt den anderen eine Salve,« befahl Pawjel, »und dann fort über die Felder, es gilt einen Ritt um das Leben.«

»Feuer!« kommandierte er jetzt.

Eine Salve aus den Karabinern, welche die Bulgaren den türkischen Dragonern abgenommen hatten, krachte den Zeibecks entgegen, welche bereits ganz nahe herangekommen waren; einige derselben stürzten von ihren Pferden, die übrigen hielten erschrocken an und wagten den Kampf mit der überlegenen Anzahl der Bulgaren nicht aufzunehmen.

»Nun vorwärts!« rief Pawjel. Mit einem mächtigen Satz sprengte er über den Graben am Rande des Weges; und in wildem Jagen stürmten die Bulgaren über das Blachfeld hin nach der Richtung, in welcher das russische Lager sich befand. Schon rückte auf der Höhe des Weges, von den Zeibecks mit wildem Freudengeschrei begrüßt, türkische Kavallerie heran, zugleich erschienen überall auf den Hügeln Abteilungen von türkischer Infanterie. Die letzteren eilten den fliehenden Bulgaren nach, und Salve auf Salve krachte über das Feld hin, aber sie waren zu weit entfernt, einige Kugeln zwar zischten über ihre Köpfe hin, doch ohne einen der Flüchtigen zu verwunden – die türkischen Reiter aber waren ebenfalls vom Wege abgebogen und stürmten dem Fliehenden mit furchtbarem Wut- und Rachegeheul nach, sie durchschnitten das Feld in schräger Linie, und immer kürzer wurde die Entfernung, welche die Bulgaren von ihren Verfolgern trennte.

Immer unruhiger wurde das Schnauben der Pferde, weißer Schaum bedeckte die Tiere, und das Blut perlte von ihren Flanken unter den Sporen der Reiter – aber trotz aller Anstrengung kamen die Türken immer näher, sie waren wenigstens in der vierfachen Überzahl, und rückwärts blickend, erkannte Pawjel die Unmöglichkeit, ihnen zu entrinnen.

Man war an den Vorsprung eines Gebüsches gekommen, eine halbe Meile hinter demselben mußten die Vorposten des russischen Lagers stehen, aber es war unmöglich, dieselben zu erreichen, denn bereits fingen die Pferde an zu zittern, und ihre unsicheren, schwankenden Bewegungen zeigten, daß der Augenblick nahe war, in welchem ihre Kräfte sie verlassen würden.

»Halt!« sagte Pawjel, sein Pferd parierend – »es ist aus. Schließt euch fest aneinander, es gilt nur noch, unser Leben teuer zu verkaufen; niemand soll lebendig in die Hände jener Ungeheuer fallen; wer vom Sattel sinkt, dem soll sein Nebenmann ohne Zögern eine Kugel durch den Kopf schießen.«

Er ließ den Zügel auf den Hals seines Pferdes sinken, zog mit seiner linken, unverwundeten Hand eine Pistole aus der Satteltasche und richtete die Mündung derselben gegen seine Schläfe.

»Jetzt vorwärts,« sagte er – »gebt Feuer, ich werde der letzte sein – leb wohl, Stjepanida!« flüsterte er leise.

Eine Salve aus den wieder geladenen Karabinern krachte den türkischen Reitern entgegen – einen Augenblick hielten dieselben in ihrem Anlauf an, Menschen und Pferde wälzten sich, von den Kugeln der Bulgaren getroffen, vor den ersten Gliedern am Boden – dann aber sprengte die ganze Schar in gelösten Gliedern mit verdoppeltem Wutgeschrei über die Gefallenen vorwärts.

Jeder der Bulgaren hielt seine Pistole in der Linken, den Säbel in der Rechten; ruhig, ein kurzes Stoßgebet auf den Lippen, erwarteten sie den Ansturm der erbarmungslosen Feinde – da plötzlich ertönte hinter ihnen russischer Schlachtruf, und hinter dem Gebüsch hervor sprengte ein Kürassierregiment, das zur Rekognoszierung ausgeschickt und durch das Geschrei und die Schüsse herangezogen war, den Türken entgegen. Mit lautem Freudenruf begrüßten die Bulgaren diese Hilfe in der äußersten Not, und statt den Angriff abzuwarten, sprengten sie nun ihren Feinden entgegen, in deren aufgelöste Reihen zu gleicher Zeit von der Seite her die Kürassiere eingriffen.

Der Zusammenstoß war furchtbar. Einen Augenblick sah man nichts als einen wild durcheinanderwirbelnden Knäuel von Menschen und Pferden, einzelne Schüsse krachten, die Waffen klirrten aufeinander, und die wilden Streitrufe der Kämpfenden mischten sich mit dem Jammergeschrei der Verwundeten. Bald aber hatten die Bulgaren von der einen Seite und die festgeschlossenen Kürassiere von der anderen den türkischen Haufen durchschnitten und sich in der Mitte desselben vereinigt. Der eine Teil der Türken wendete sich zur Flucht und jagte quer über das Feld hin nach den Höhen von Plewna zurück; unter den anderen, welche von der Flucht abgeschnitten waren, fand ein entsetzliches Blutbad statt, sie wehrten sich mit der hartnäckigen Tapferkeit wilder Raubtiere. Nach kurzer Zeit war der Boden mit Leichen bedeckt, denn wenige der Türken nur hatten ihre Waffen fortgeworfen und sich der Gefangenschaft ergeben, auch von den Bulgaren und den Kürassieren waren nicht wenige Opfer gefallen. Der Kommandeur der Kürassiere ritt zu Pawjel heran.

»Ah, Pawjel Fjodorew,« sagte er, ihm die Hand reichend, »der tapfere Georgsritter – kaum freilich konnte es ein anderer sein, der hier so tollkühn herumschwärmte. Nun, ich danke Gott, daß er uns hergeführt hat, um Euch zu retten – aber Ihr seid verwundet, reitet schnell zurück ins Lager und meldet im Hauptquartier, was hier geschehen ist. Sagt, daß man Wagen hersende, die Toten und Verwundeten fortzubringen; ich muß hierbleiben und Wache halten, die Barbaren würden wiederkommen, um die Verwundeten zu morden und die Toten zu beschimpfen.«

Pawjel untersuchte den Hals seines Pferdes, es war nur ein Streifschuß, der das Tier getroffen hatte; er freute sich, daß ihm der treue Gefährte so mancher Kämpfe erhalten blieb. Er selbst war freilich schwerer getroffen, sein Arm war stark geschwollen, er empfand quälende Schmerzen und vermochte keine Bewegung zu machen. Pawjel wählte zwei von seinen Leuten zu seiner Begleitung aus – auf dem Wege bis zum Lager hatte er keine gefährliche Begegnung mehr zu fürchten – und ritt dann schnell davon.

Der Kaiser hatte inzwischen sein Hauptquartier nach Poradin, nahe vor den Befestigungen vor Plewna, verlegt. In einer kleinen Entfernung davon befand sich das Dorf Bogot, in welchem sich das Hauptquartier des Großfürsten Nikolaus befand. Die Garden, soweit sie bereits angekommen waren, hatten ihre Biwaks bei dem Dorfe Dolnij-Dubnjak genommen, nachdem sie bei Gornij-Dubnjak sich in heißem Kampfe ihre Stellung in der Plewim umschließenden Kette errungen hatten.

Pawjel war, um sein Pferd und seine eigene, immer heftiger schmerzende Wunde zu schonen, langsam weitergeritten und hatte fast das Hauptquartier des Höchstkommandierenden in dem Dorfe Bogot erreicht, als auf der von Poradin herführenden Straße ein Reiterzug in schnellem Trabe sich näherte. Bald hatte dieser Zug, der eine Abteilung Kavallerie zu sein schien, Pawjel erreicht; dieser ritt auf die Seite der Straße, um die Truppe vorüberzulassen, und erkannte, als er sich umblickte, die Kosaken des kaiserlichen Konvois. Unmittelbar hinter denselben folgte eine vierspännige Kalesche, in welcher der Kaiser mit dem Großfürsten Nikolaus saß, der ihm entgegengeritten und nun vor Bogot in seinen Wagen gestiegen war. Das zahlreiche Gefolge der beiden kaiserlichen Brüder folgte hinter dem Wagen. Pawjel drängte sein Pferd ganz an die Seite des Weges und erhob zum Gruß die linke Hand an den Fes. Der Kaiser, welcher ernst und traurig im Wagen saß, trug einen Flor am Arm, denn kurz zuvor war sein Neffe, der Herzog Sergei von Leuchtenberg, im Kampfe gefallen.

Als er grüßend gegen Pawjel den Kopf neigte, bemerkte er das Blut an dessen Pferd und an dessen rechten Arm; sogleich befahl er zu halten und winkte Pawjel an den Wagenschlag heran.

Der junge Mann war von Schmerz und Blutverlust erschöpft; mit einiger Anstrengung erzählte er das Vorgefallene und machte dem Großfürsten Nikolaus die Meldung, welche der Oberst des Kürassierregiments ihm aufgetragen.

Der Großfürst gab sogleich einem seiner Adjutanten den Befehl, eine Anzahl von Krankenwagen unter starker Bedeckung nach dem von Pawjel bezeichneten Ort zu senden; der Kaiser aber sagte:

»Ich erinnere mich deiner Wohl, mein Sohn. Du hast dich des Georgskreuzes, das ich dir gegeben, von neuem würdig gezeigt, aber jetzt mußt du an dich selbst denken, um dich deinem Vaterlande zu erhalten. Ich bin auf dem Wege nach Bogot, um in dem Lazarett, das die Gemahlin meines Sohnes, des Cäsarewitsch, dort errichtet hat, die braven Verwundeten von Gornij-Dubnjak zu besuchen. Komm mit mir, ich selbst werde dafür sorgen, daß es dir an keiner Pflege fehle.«

Pawjel errötete vor Freuden, er fühlte die Schmerzen seiner Wunde nicht mehr, und ganz stolz ritt er neben dem Wagen des Kaisers her, der während der kurzen Fahrt noch verschiedene Fragen über seine Abenteuer an ihn richtete.

Bald hatte man das Dorf erreicht, fast am Eingange desselben, neben dem vom Großfürsten bewohnten Hause, dehnte sich ein großes, von Brettern aufgerichtetes Gebäude aus, auf welchem die Flagge des roten Kreuzes wehte. Der Kaiser stieg aus und befahl Pawjel, an seiner Seite zu bleiben. Die Ärzte und Pflegerinnen des Lazaretts traten dem Kaiser in dem geräumigen Vorhof entgegen, in welchem auch mehrere in der Rekonvaleszenz befindliche Verwundete auf und nieder gingen, die sich beim Eintritt des Monarchen zu militärischem Gruß aufstellten.

»Hier,« sagte der Kaiser zu dem Oberarzt des Lazaretts, auf Pawjel deutend, »bringe ich Ihnen einen tapferen Offizier. Ich empfehle ihn Ihrer besonderen Sorgfalt, untersuchen Sie seine Wunde, ich hoffe, daß sie nicht gefährlich sein wird.«

Der Oberarzt verbeugte sich gegen den Kaiser und wollte, um dessen Befehl auszuführen, Pawjel sogleich in das zur Untersuchung der Verwundeten bestimmte Zimmer führen – da aber stieß eine der Pflegerinnen, welche zur Begrüßung des Kaisers in den Vorhof getreten war, einen lauten Schrei aus, in welchem sich Freude und Schreck miteinander vermischten – im nächsten Augenblick eilte sie aus dem Kreise hervor, die Gegenwart des Kaisers vergessend, schlang sie ihre Arme um den jungen bulgarischen Offizier und rief:

»Mein Pawjel, du bist verwundet! Wie lange habe ich eine Nachricht von dir ersehnt, Gott sei Dank, daß du hier bist, niemand soll dich Pflegen als ich!«

»Stjepanida!« rief Pawjel entzückt, indem er seinen linken Arm um die Schultern des Mädchens schlang und ihre Stirn küßte – dann aber trat er erschrocken zurück, auch Stjepanida schien sich nun erst der Gegenwart des Kaisers zu erinnern und stand hoch erglühend, die Augen zu Boden gesenkt, neben ihrem Geliebten. Mit seinem weichen, melancholischen Lächeln sah der Kaiser das schöne Paar an.

»Das trifft sich glücklich,« sagte er freundlich, »ich darf nun keine Sorgen um dich haben, besseren Händen hätte ich dich nicht übergeben können, Gott wolle uns bald den Frieden schenken, damit auch euer Glück begründet werde.«

Stjepanida senkte erbleichend den Kopf, Pawjel aber faßte ihre Hand und drückte dieselbe so fest in der seinen zusammen, als wolle er hier vor dem Kaiser das Gelöbnis ablegen, daß keine Macht der Welt sich mehr zwischen ihn und seine Liebe stellen sollte.

Der Kaiser schritt freundlich grüßend weiter.

In einiger Entfernung stand in dem Vorhof der Leutnant Rossianow, welcher zur besseren Pflege in seiner Rekonvaleszenz von Gornij-Studen in dies von der Cäsarewna errichtete und mit allen Bedürfnissen reichlich ausgestattete Lazarett gebracht worden war; nun sah der junge Mann blaß und abgemagert aus, wenn auch in seinen Blicken wieder das Feuer der neu erwachenden Lebenskraft aufzuflammen begann. Unter seinen kurz geschnittenen Haaren hervor lief eine breite rote Narbe in seine Stirn hinein, er stützte sich mit der Linken auf einen Stock, seine Rechte ruhte in dem Arm von Jewa Alexiewna; er war noch zu schwach, um allein gehen zu können, und hatte, auf seine treue Pflegerin gestützt, einen Spaziergang in dem Vorhof des Lazaretts gemacht. An seinem weiten Militärüberrock war das Georgskreuz befestigt. Der Kaiser blieb vor ihm stehen:

»Auch deiner erinnere ich mich wohl, Viktor Sacharjewitsch – du hast die Ingenieure des Generals Gurko in den Balkan geführt, ich freue mich, daß du wieder geheilt bist. Es scheint,« fügte er scherzend hinzu, »daß du ebensoviel Glück gehabt hast, wie dein tapferer Kamerad von der bulgarischen Legion, und daß auch deine Wunde von liebevollen Händen gepflegt wurde.«

Iewa stand ebenso hoch errötend vor dem Kaiser wie vorher Stjepanida, aber nicht wie bei jener zitterte liebliche Verwirrung auf ihrem Gesicht, finster zogen sich ihre Züge zusammen, das Wort des Kaisers schien sie mit Schmerz und Schrecken zu erfüllen.

Der Leutnant Rossianow aber zog sie mit der auf ihren Arm gestützten Hand näher zu sich heran, ein schneller, kühner Entschluß blitzte in seinen Augen auf, und mit lauter, fester Stimme antwortete er:

»Zu befehlen, Majestät, ich liebe meine Pflegerin, deren treue und unermüdliche Sorge mich dem Tode entrissen hat, mit ganzer Seele. Ich bin gewiß, daß sie es mir nicht versagen wird, meinem Leben, das ich ihr danke, sein schönstes Glück zu geben, und ich bitte Eure Majestät um die gnädige Erlaubnis, nach Beendigung des Feldzuges dem Fräulein Jewa Alexiewna, der Tochter Allerhöchst ihres Kollegienrates Dobbrodorow in Moskau, meine Hand reichen zu dürfen.« Freundlich neigte der Kaiser den Kopf.

»Die Bitte eines so tapferen Offiziers, wie du, ist meiner Gewährung gewiß. Ich wünsche Ihnen Glück, Fräulein Jewa Alexiewna, zu einem Manne, der sich um mich und Rußland so verdient gemacht hat. Sie können Ihrem Vater schreiben, daß die Sache abgemacht ist und daß er auf seinen Schwiegersohn stolz sein kann.«

Mit freundlichem Gruß wendete er sich ab und trat mit dem Großfürsten und von den Ärzten begleitet, in das Innere des Lazaretts.

Der Oberarzt hatte einem seiner Gehilfen den Befehl gegeben, die Sorge für Pawjel zu übernehmen. Pawjel trat mit Stjepanida zu Rossianow heran; er schüttelte dem jungen Offizier herzlich die Hand und sprach ihm seine Freude aus, daß auch er hier das Glück seines Lebens gefunden; Stjepanida umarmte ihre Freundin Iewa innig, und dann folgten beide dem jungen Arzt, um für den verwundeten Pawjel, dessen Gesicht sich vom Fieber zu röten begann, zu sorgen. Der Vorhof war fast leer geworden, da alle Anwesenden dem Kaiser folgten, der später durch den Ausgang auf der anderen Seite das Lazarett verließ, um sich in das Haus seines Bruders zu begeben.

Iewa stand starr und bleich da, ihre Blicke waren auf den Boden geheftet, ein leises Zittern flog durch ihre Glieder.

»Jewa,« sagte Rossianow, indem er ihre Hand faßte – »meine Iewa, zürnst du mir – ich konnte nicht anders! Lange, lange schon liebe ich dich, diese Liebe ist mit meiner wiedererwachenden Lebenskraft in mir groß geworden, sie füllt meine ganze Seele aus, und ich kann mir nicht denken, daß es einst eine Zeit gegeben hat, in der ich dich nicht liebte und gleichgültig neben dir herging.«

Sie zog ihre Hand zurück und schüttelte, ohne die Augen aufzuschlagen, traurig den Kopf.

»Jewa,« rief er erschrocken, »wäre es möglich, hättest du kein Verständnis für mein Gefühl, hatte ich falsch gelesen in deinen Augen, aus denen mir so oft die süße Hoffnung entgegenleuchtete, daß du mich Wiederlieben könntest?«

»Und meine Schwester?« fragte sie tonlos, indem sie mit einem starren, schmerzlichen Blick zu ihm aufsah – »was soll aus Darja werden? Soll ich das Herz der Schwester brechen, soll man von mir sagen,« rief sie bitter, »daß ich ihr diebisch das Glück ihres Lebens entwendet habe?«

»War es ihr Glück,« sagte Rossianow – »ich glaube es nicht; Darin ist ein schönes Bild, ihre Schönheit blendete mich, aber hat dies Bild eine Seele, hat es ein Herz? – Oh, ich habe oft schon früher daran gezweifelt! Jetzt, meine Iewa, seit ich dich kenne, seit ich in die Tiefen deines Herzens und deiner Seele geblickt habe, jetzt weiß ich es, ich habe Darja niemals geliebt, und sie auch mich nicht. Öde und leer wäre mein Leben an ihrer Seite gewesen, nur mit dir kann ich leben, nur mit dir glücklich sein. Iewa, meine Jewa, antworte mir, willst du mir die Hoffnung nehmen, den Wert des Lebens nehmen, das deine treue Sorge mir wieder geschenkt hat?«

Iewa sah ihn lange an.

»Darja – Darja,« sagte sie leise – »es kann nicht sein – es darf nicht sein.«

Sie wollte ihre Hand, die er wieder erfaßt hatte, zurückziehen, aber sie sah, daß er schwankte, er bedurfte ja ihrer Stütze, und er mußte Wohl in ihrem Blick etwas gelesen haben, was dem abweisenden Wort ihrer Lippen widersprach, denn ganz glücklich beugte er sich zu ihr herab, küßte ihre Stirn und rief:

»Ich wußte es, Jewa, ich wußte es, du liebst mich dennoch!«

Jewa stand in sprachloser Verwirrung da.

Ehe sie ein Wort der Erwiderung fand, trat schnell ein junger Mann in elegantem Reisekostüm in die Vorhalle; er blickte prüfend umher, dann aber eilte er auf die beiden zu und rief:

»Das ist gut, da finde ich euch ja gleich. Man sagte mir, daß ihr hier wäret, und daß der arme Viktor Sacharjewitsch noch immer nicht völlig von seiner Krankheit wiederhergestellt sei.«

»Wallerjan Sebastianowitsch, du hier!« sagte Rossianow fast erschrocken.

»Ich komme von Petersburg«, erwiderte Prottrubin, der die beiden zuletzt beim Ausbruch des Krieges im Hause des Kollegienrates Dobbrodorow gesehen hatte. »Es ist mir besser gegangen wie dir, armer Viktor Sacharjewitsch, in dieser Zeit, ich bin im Ministerium angestellt und jetzt der Kanzlei des Fürsten Tscherkasky, des Zivilgouverneurs von Bulgarien, zugeteilt. Ich bin auf dem Wege zu ihm und habe euch beide aufgesucht, um euch Briefe zu bringen«, fügte er mit einiger Verlegenheit hinzu. »Deine Mutter, Jewa, und deine Schwester sind mit mir in Petersburg gewesen; ich habe sie jetzt nach Moskau zurückgebracht, und hier sind Briefe für dich, Jewa, von deiner Mutter, und für dich, Viktor Sacharjewitsch, von Darja, du wirst überrascht sein,« sagte er, den beiden die für sie bestimmten Briefe übergebend, »doch es ist nun einmal so gekommen, und ich hoffe, wir bleiben Freunde.«

Jewa führte Rossianow zu einer Bank, er setzte sich nieder und erbrach mit Zitternder Hand Darjas Brief. Prottrubin blieb vor ihm stehen und blickte mit unruhiger Spannung in sein Gesicht, während Jewa ihrerseits den Brief ihrer Mutter öffnete.

Kaum hatte Rossianow einige Zeilen gelesen, als helle Freude sein Gesicht erleuchtete, der Brief zitterte in seiner Hand, hastig durchflog er ihn bis zu Ende, dann erhob er sich trotz seiner Schwäche und schloß Prottrubin stürmisch in seine Arme.

Jewa hatte den sehr langen Brief ihrer Mutter eben erst zu lesen begonnen und blickte ganz erstaunt auf die Gruppe vor ihr.

Rossianow sank erschöpft wieder auf die Bank zurück und rief jubelnd:

»Alles ist gut, alles ist gut, Gott segne' dich, Wallerjan Sebastianowitsch, daß es so gekommen ist! Hörst du, Jewa, hörst du – Darin hat es eingesehen, daß sie sich getäuscht, als sie mir ihre Hand zusagte, sie gibt mir mein Wort zurück, sie ist die Braut dieses teuren Wallerjan Sebastianowitsch. Und hier«, rief er, Jewas Hand ergreifend und sie zu sich auf die Bank herabziehend, zu Wallerjan gewendet, »siehst du meine geliebte Braut, Jewa Alexiewna, der Kaiser selbst hat sie mir gegeben, und niemand mehr soll sie mir entreißen.«

Er schlang seinen Arm um Jewa, sie ließ ihr Haupt an seine Schulter sinken, und auch aus ihren Blicken leuchtete seliges Glück.

Wallerjan stand einen Augenblick ganz verwundert vor ihnen, er mochte kaum eine solche Aufnahme seiner Botschaft erwartet haben – dann aber faßte er ihre Hände, schüttelte sie kräftig, und während die drei glücklichen Menschen stumm nebeneinander standen, erschallte von draußen der laute Ruf, mit welchem die Truppen den aus dem Lazarett heraustretenden Kaiser begrüßten.

31. Kapitel

Pawjel Fjodorew war von dem Arzte verbunden und infolge des kaiserlichen Befehls in einem für besonders ausgezeichnete Verwundete bestimmten kleinen Kabinett einquartiert worden. Die Kugel hatte den Arm ganz nahe dem Schultergelenk getroffen, seine Wunde war nicht außerordentlich gefährlich, bedurfte aber doch längere Zeit ruhiger und sorgfältiger Pflege zu ihrer Heilung.

Stjepanida hatte sogleich ihre bisherigen Kranken anderen Pflegerinnen übergeben, um sich ganz ausschließlich der Sorge für Pawjel zu widmen. Bald war der junge Mann auf seinem weichen, bequemen Lager gebettet und empfand die Wohltat der ruhigen Stille, des kühlenden Verbandes und der beruhigenden Arznei.

Einige Tage waren vorübergegangen, das heftige Fieber, das sich zuerst eingestellt hatte, war allmählich gewichen, und Pawjel, dem anfangs jede Unterhaltung verboten gewesen war, hatte allmählich angefangen, Stjepanidas Worten zu lauschen, welche nach dem Rate des Arztes ihm von heiteren, freundlichen Erinnerungen der Vergangenheit vorplauderte. Sie sprach von ihren ersten Begegnungen in Muschina an der Grenze ihrer Gärten, und Pawjel hörte ganz glücklich zu, da ihre Worte ihm bewiesen, daß sie so viele kleine Züge aus der Zeit des Anfangs ihrer Liebe noch treu im Gedächtnis bewahrte. Beide genossen eine Zeitlang das süße Glück, das alle jungen Herzen empfinden, wenn sie miteinander die Zeit des ersten, zarten und allmählichen Aufblühens ihrer Liebe noch einmal in der Erinnerung durchleben. Dann aber verdüsterte sich Pawjels Gesicht, er sah Stjepanida lange an, faßte ihre Hand und sagte so ernst und feierlich, daß das junge Mädchen vor dem Ton seiner Stimme erschrak:

»Ja, Stjepanida, es war schön, sehr schön zu jener Zeit in Muschina, und Wohl möchte ich jeden Augenblick aus jenen Tagen noch einmal durchleben – aber,« fuhr er schaudernd fort, »was dann weiter kam, das möchte ich nie erlebt haben, das möchte ich aus meiner Erinnerung vertilgen. Stjepanida,« fuhr er fort, ihre Hand näher zu sich heranziehend, »es ist so hart, hassen zu müssen, wo die Natur verlangt, daß man lieben und achten sollte –« er zögerte einen Augenblick, dann sagte er: »Du mußt es ja dennoch wissen, Stjepanida – dein Vater –«

»Oh, sprich nicht von ihm,« rief Stjepanida bittend, »Gott wird alles zum Guten wenden – sprich jetzt nicht von ihm, ich will, ich werde niemals vergessen, was ich ihm schuldig bin.«

Zornig blitzten Pawjels Augen.

»Was du ihm schuldig bist,« rief er, »du, die er den Türken verkaufen wollte, den Türken, denen er noch heute dient und an die er seine christlichen Brüder und sein Vaterland verkauft? Sieh hier, Stjepanida, diese Kugel, die mich vielleicht die Bewegung meines Armes kosten wird, sie war meinem Herzen bestimmt in tückischer Arglist, und die Hand, Stjepanida, die dieses Geschoß gegen mich verräterisch sendete, war deines Vaters Hand.«

»Meines Vaters Hand! – Du bist ihm begegnet?«

Pawjel erzählte alles, was zwischen ihm und Leonew auf seinem Streifzuge gegen Plewna vorgegangen war. Stjepanida bedeckte das Gesicht mit den Händen und hörte, leise schluchzend, zu.

Lange noch saß sie stumm da, als Pawjel geendet hatte – dann richtete sie den Kopf auf und streckte ihm ihre beiden Hände entgegen; ihr Gesicht war blaß und traurig, aber ihre Blicke strahlten in sicherer Ruhe und festem Entschluß.

»Es ist klar in mir geworden, Pawjel,« sagte sie, »ich habe meinen Vater verloren. Das ist hart und traurig, aber vielleicht mußte es so sein, vielleicht hatte ich niemals teil an seinem Heizen. Er hat mir das Leben gegeben, aber nie habe ich seine Liebe empfunden – jetzt hat er seine Hand erhoben zu meuchlerischem Mord gegen dich, meines einsamen Lebens einziges Gut. Das löst«, sagte sie schaudernd, »die Bande der Pflicht, welche mich zurückhielten, das macht mein Gewissen frei – ich bin dein, Pawjel – ich gehöre dir, und dir allein auf Erden.«

Pawjel sah sie voll sprachlosen Glückes an und drückte stumm ihre Hand – von diesem Augenblick an war zwischen beiden nie wieder von Leonew die Rede; wohl warf die Erinnerung an ihn zuweilen einen trüben Schatten in Stjepanidas Seele, aber dieser Schatten vermochte ihr Glück nicht dauernd zu verfinstern, ihr Gewissen war frei geworden von jedem Bedenken, und mit ganzer, voller Seele gab sie sich dem Glück ihrer Liebe hin.

Prottrubin war abgereist, um sich bei dem Fürsten Tscherkasky zu melden, und in dem Lazarett, diesem Ort der Schmerzen und her Trauer, verlebten die vier jungen Leute im freundlichen und herzlichen Verkehr miteinander Tage voll reinen, ungetrübten Glücks. Pawjels Wunde heilte schnell und glücklich, und bald war auch er imstande, seine Zelle zu verlassen und, den Arm in der Binde, kleine Spaziergänge durch das Lager mit seinen Freunden zu machen.

Fester und fester hatte sich inzwischen der eiserne Ring der russischen Einschließungsarmee um Plewna geschlossen, auch die Garden und das Grenadierkorps waren vollständig in ihre Stellungen eingerückt, keine Munition, kein Proviant, keine Botschaft konnte in die engzernierten türkischen Befestigungen dringen; man wußte durch die Überläufer, daß die Lebensmittel bei den Türken knapper und knapper wurden. Am frühen Morgen des 10. Dezember bemerkte man vom russischen Lager aus, daß die Türken, nachdem schon am Tage vorher ihre Artillerie auf allen Punkten verstummt war, in starken Kolonnen die befestigten Stellungen um Plewna verließen und aus den Verschanzungen heraus nach dem Widflusse vorrückten.

Sogleich wurden die von dem General Tottleben längst für den Fall eines türkischen Durchbruches vorbereiteten Bewegungen ringsum in der ganzen russischen Einschließungsarmee ausgeführt, um die zum Ausfall drängende türkische Armee von den verlassenen Stellungen bei Plewna abzuschneiden und ihr den Rückweg zu verlegen.

Der Großfürst sendete einen Adjutanten zum Kaiser nach Poradin, um zu melden, daß die Türken aus den Verschanzungen hervorbrächen und daß eine Schlacht beginne, welche Wohl die endliche Entscheidung bringen werde. Der Kaiser befahl sofort die Pferde, und durch das Dorf sowie die umliegenden Lagerplätze rasselte der Generalmarsch, alle Truppen, auch diejenigen, welche nicht unmittelbar an der ersten Aktion beteiligt waren, unter das Gewehr rufend.

Kaum war die Meldung an den Kaiser gelangt, als auch schon von der Seite des Widflusses über Plewna her das Toben der Schlacht herüberschallte; die Gewehrsalven rollten in immer längerer Ausdehnung am Horizont her, und immer gewaltiger und betäubender krachte dazwischen der Donner der Geschütze; ja selbst das furchtbare Geschrei des erbitterten Kampfes drang hin und wieder bis nach Poradin vernehmbar herüber.

Auch in die stillen Räume des Lazaretts hinein drang das wilde Getöse des Kampfes. Rossianow und Jewa, Pawjel und Stjepunida waren, wie gewöhnlich, am Morgen in dem mit einem leichten Strohdach gegen den Schneefall gesicherten Vorhof des Lazaretts beieinander, um einige Augenblicke in der frischen Luft, welche so wesentlich zur Kräftigung der Kranken beitrug, zuzubringen. Sie achteten nicht zu sehr auf die ersten Salven und Kanonenschläge, welche zu ihnen drangen, in der letzten Zeit waren ja die Geschütze nur selten ganz verstummt; als aber der Schlachtenlärm immer furchtbarer herüberdröhnte, sagte Pawjel, aufmerksam lauschend:

»Das ist mehr als sonst, das ist kein einzelner Kampf an einer Redoute, diesmal muß die ganze Armee im Gange sein, diesmal«, fügte er lauschend hinzu, »muß um die Entscheidung gerungen werden.«

Auf den Straßen vor dem Lazarett hörte man den Generalmarsch und laute Rufe, einige Ärzte kamen und brachten die Nachricht, daß die ganze türkische Armee ihre Verschanzungen verlassen habe, um die Umzingelung zu durchbrechen, und daß die allgemeine Entscheidungsschlacht im Gange sei.

»Ich muß hin!« rief Pawjel flammenden Blickes.

Entsetzt beschwor ihn Stjepanida, zu bleiben, seine Wunde war fast geheilt, aber er konnte den in der Binde ruhenden Arm nicht bewegen.

»Ich weiß den Säbel mit der linken Hand zu führen«, sagte er, sich von dem Mädchen losmachend. Schnell war er in seiner Zelle verschwunden, um in wenigen Augenblicken in seiner Feldrüstung wieder zu erscheinen.

»Leb wohl, Stjepanida,« sagte er, die Geliebte umarmend, »dort wird für mein Vaterland gekämpft, dort ist mein Platz! Gott, der mich bisher geschützt, wird mich dir erhalten, und wenn ich falle, so wirst du mit Stolz meinen Namen unter unserem Volke nennen können.« Stjepanida war ruhig und gefaßt, das Blut ihres Volkes wallte in ihren Adern.

»Geh hin, mein Geliebter,« sagte sie, »die Engel des Himmels mögen dich umschweben – und«, flüsterte sie leise, als er zum Abschiedskuß sich zu ihr herabbeugte, »schone meinen Vater.«

Schnell ging Pawjel hinaus. Er suchte sein Pferd in den Ställen des kaiserlichen Hauptquartiers, wo dasselbe gepflegt ward, und in wenigen Augenblicken sprengte er auf dem freudig wiehernden Tier auf der Straße nach Bogot hin, immer näher dem lauter und lauter ihm entgegenschallenden Donner der Geschütze zu. Rossianow hatte ihm finster nachgeblickt.

»Ich habe beide Arme,« sagte er, »und ich sollte hier in sicherer Ruhe zurückbleiben, während dort für die Ehre Rußlands gefochten wird?«

Ehe Jewa ihn hindern konnte, war auch er in seine Zelle geeilt und hatte seine Uniform angelegt und den Säbel umgeschnallt. Zwar waren seine Schritte noch unsicher und schwankend, und die Uniform hing ihm in weiten Falten um seine abgemagerten Glieder, dennoch aber wies er Jewas Bitten zurück und durchschritt, sich mühsam zu fester Haltung zwingend, den Vorhof, das Lazarett zu verlassen.

»Ich werde ein Pferd finden,« sagte er, »und wenn ich den Kaiser selbst darum bitten sollte – soll der Bulgare den Russen beschämen?«

Er hatte die Schwelle überschritten, Jewa stand an seiner Seite, sie fühlte an seinem leicht zitternden Arm, daß er noch der Stütze bedürfe, und beschwor ihn mit Tränen, sein Leben zu schonen, auch die Ärzte schlossen sich den Bitten des weinenden Mädchens an – aber vergebens.

Da fuhr der Wagen des Kaisers, von der ganzen Suite gefolgt, heran. Jewa stürzte vor und rief:

»Erbarmen, Majestät, Erbarmen!«

Auf den Wink des Kaisers hielt der Wagen, er erkannte das Mädchen und den jungen Offizier und sagte verwundert: »Nun, was ist geschehen – ich glaubte euch glücklich und zufrieden?«

»Er will fort, Majestät, er will fort, großmächtigster Kaiser,« rief Jewa, auf Rossianow deutend, »er will in den Kampf, und doch ist er noch so schwach; er will auf meine Bitten nicht hören, Eure Majestät allein können ihm befehlen, sein Leben Ihrem Dienst zu erhalten.«

Der Kaiser blickte mit freundlichem Wohlwollen auf Rossianow, der, ebenfalls an den Wagen herantretend, mit militärischem Gruß sagte:

»Ich bitte Eure Majestät um ein Pferd, um dahin zu gehen, wo die russischen Fahnen wehen.«

»Aber dein Regiment«, sagte der Kaiser, »ist nicht im Gefecht vor Plewna, es steht am Balkan.«

»Gleichviel,« erwiderte Rossianow, »ich werde mich als Freiwilliger der ersten Truppe anschließen, der ich begegne, und werde meine Schuldigkeit tun.«

»Nein,« sagte der Kaiser, der fast mit Bewunderung in das von Begeisterung glühende Gesicht des kaum genesenen Offiziers blickte, »nein, das wirst du nicht tun.«

»So wollen Eure Majestät,« fragte Rossianow finster, »daß ich hier zurückbleibe und daß dieser Ehrentag der russischen Armee für mich immer ein Tag der Trauer, ja,« fügte er dumpf hinzu, »ein Tag der Schande bleiben solle?«

»Die erste Pflicht des Soldaten ist der Gehorsam«, sagte der, Kaiser; »aber du sollst nicht zurückbleiben, du sollst den Kampf sehen, doch dein Leben soll mir und dem Vaterlande erhalten bleiben, und die Erinnerung an diesen Tag soll keine traurige für dich sein. Der Platz neben deinem Kaiser kann dir keine Schande bringen, ich ernenne dich für heute zu meinem Ordonnanzoffizier und befehle dir, bei mir zu bleiben. Steige in meinen Wagen, wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Ganz betäubt stand Rossianow da, der Kaiser mußte seinen Befehl noch einmal wiederholen; einer der Ärzte unterstützte den jungen Offizier, der mit einiger Mühe in den Wagen stieg und seinen Platz im Rücksitz, dem Kriegsminister, Miljutin gegenüber, einnahm. Noch einmal reichte er Jewa die Hand, der Kaiser winkte ihr freundlich, und schnell fuhr der Wagen weiter.

Jewa blickte dem in einer Staubwolke verschwindenden Gefolge nach, helle Tränen rennen über ihre Wangen, aber diesmal waren es Tränen der Freude und der Dankbarkeit. Langsam kehrte sie in das Lazarett zurück. In Pawjels Zelle fand sie Stjepanida, in stummer Umarmung umschlangen sich die beiden Mädchen – dann sanken sie in die Knie, und vereint stiegen ihre Gebete zum Himmel auf, während immer lauter und furchtbarer der Donner der Geschütze zu ihnen herübertönte.

Der Kaiser, war bis in die Nähe von Grivitza gefahren. Hier bestieg er die früher von den Rumänen genommene türkische Redoute, von der aus fast das ganze Schlachtfeld übersehen werden konnte. Man stellte einen Feldstuhl auf, der Kaiser nahm, sein Glas in der Hand, auf demselben Platz, das Gefolge gruppierte sich um ihn auf den Erdwällen. Die Schlacht war ringsumher in vollem Gange, die Luft erzitterte von dem furchtbaren Geschützfeuer und dem wilden Geschrei der Kämpfenden. Der Kaiser, sprach kein Wort und verfolgte aufmerksam durch sein Glas die Bewegung des Kampfes, und die glänzende Gruppe des kaiserlichen Gefolges, in welcher sich nur flüsternd die einzelnen ihre Beobachtungen und Vermutungen mitteilten, bildete ein eigentümliches Bild inmitten des entsetzlichen Ringens, das die ganze Ebene umher erfüllte und in dem so viele Tausende röchelnd ihr Leben aushauchten.

Die Türken waren mit unwiderstehlicher Gewalt gegen die russischen Stellungen vorgedrungen, sie hatten unter Osman Paschas persönlicher Führung die russische Zernierungsfront durchbrochen und die von den Grenadierregimentern Sibirien und Kleinrußland verteidigten Bollwerke erobert. Einen Augenblick schien es, als wenn an dieser Stelle wirklich der Durchbruch gelingen solle. Der Kaiser nahm das Glas nicht von seinen Augen, das ganze Gefolge hatte sich dicht zusammengedrängt und blickte mit ängstlicher Spannung dorthin, wo man deutlich das Vordringen der Türken bemerken konnte. Da traf das Regiment Kleinrußland an jener Stelle ein – ein Bataillon den anderen voraus – einen Augenblick stand der Kampf, aber mit neuer Gewalt drangen die Türken vor. Schon begannen die russischen Reihen zu Wanken – da sah man einen Offizier, den anderen weit voran, mit hochgeschwungenem Degen den türkischen Bajonetten entgegenstürmen; sein Beispiel mußte die russischen Truppen von neuem begeistert haben, die schwankenden Reihen schlossen sich fester, die beiden feindlichen Fronten berührten sich in unmittelbarem Kampf. Eine kurze Zeit stand die Entscheidung von neuem still – da kamen die anderen Bataillone des Regiments Kleinrußland heran, neue, furchtbare Salven krachten herüber, – die Türken wichen, die Stellung war gehalten, der Durchbruch zurückgeschlagen.

Der Kaiser lehnte sich wie erschöpft in seinen Stuhl zurück und sagte, indem er die Hand mit dem Glase in seinen Schoß sinken ließ, zu dem neben ihm stehenden Kriegsminister:

»Jener Offizier dort – hast du ihn gesehen?«

»Zu befehlen, Majestät,« erwiderte der General Miljutin.

»Er hat ein großes Verdienst um die Erhaltung jener Stellung. Dort rücken«, fuhr er fort, »die Regimenter Fanagoria und Astrachan heran, jetzt ist's entschieden, an jener Stelle werden die Türken nicht mehr durchdringen. Jener Offizier soll nicht vergessen werden«, sagte der Kaiser; »man soll sich nach ihm erkundigen, und wenn er am Leben geblieben ist, soll man ihn zu mir führen.«

Der Kriegsminister machte eine Notiz in seine Schreibtafel, der Kaiser hob seufzend sein Glas wieder an das Auge.

Der Durchbruch war überall zurückgeschlagen, die Türken wollten sich nun wieder in die festen Stellungen bei Plewna zurückziehen, aber bereits waren die russischen und rumänischen Truppen hier eingedrungen. Von der sogenannten grünen Höhe seitwärts von Plewna her stürmten die Russen unter dem General Skobeljew auf die zurückgedrängten Türken, und zugleich drangen die Rumänen unter den Obersten Cerkez und Angelescu in Plewna selbst ein. Die Schlacht glich nun einem weitausgedehnten Kesseltreiben, von allen Seiten drangen die Russen vor, und immer enger wurde der Raum, auf welchem die Türken ihren letzten verzweifelten Widerstand leisteten.

Ein leichtes Schneegestöber wirbelte in der Luft, dazwischen krachten die Granaten und knatterten die Gewehrsalven; der Kampf hatte seine höchste Erbitterung erreicht, aber er mußte nun auch bald seinem Ende nahen. Um zwölf Uhr mittags wurde das Feuer schwächer und schwächer, und bald darauf sah man auf einer Anhöhe neben dem Wege, der zur. Brücke über den Widfluß führt, eine Weiße Fahne wehen.

Tausendstimmiger Jubel erschallte von allen Seiten, auch die Umgebung des Kaisers brach in einen lauten Hurraruf aus; Alexander selbst aber saß müde und gebrochen auf seinem Stuhl, nur ein dankbarer Blick seines Auges richtete sich zu dem grau bewölkten Himmel auf, aber dieser Blick war von Tränen verdunkelt, und ein schmerzlicher Seufzer stieg aus seiner Brust empor.

Der Kaiser war aufgestanden und ging schweigend auf und nieder. Er blieb vor dem General Miljutin stehen.

»Dimitri Alexejewitsch,« sagte er, den General ernst anblickend, »du hast stets für die Fortsetzung des Kampfes gesprochen, du hast nie den Mut verloren, wenn andere zaghaft wurden, vielleicht hätte ich ohne dich nicht so festgehalten; wenn die Sache eine gute Wendung nimmt, so bin ich dir viel Dank schuldig, ich werde das nie vergessen.«

Ehe der General antworten konnte, ging der Kaiser abermals auf und nieder, er schien von unruhiger Erwartung verzehrt, obgleich sein Gesicht seinen unbeweglichen, fast starben Ernst behielt. Das ganze Gefolge stand zusammengedrängt an dem Rande des Abhanges. Da sprengte ein Reiter die Höhe hinauf, von weitem schon mit lautem Hurraruf die Mütze schwenkend. Der Kaiser trat vor, der Reiter sprang vom Pferde, atemlos eilte er heran und rief:

»Osman Pascha hat sich auf Gnade und Ungnade ergeben, die ganze Armee streckt die Waffen.«

Von neuem rief er mit heiserer Stimme Hurra, und das ganze Gefolge wiederholte dreimal in jubelnder Begeisterung seinen Ruf.

Der Kaiser nahm die Mütze ab, bekreuzigte sich und sprach ein stilles Gebet. Dann trat er zu dem mit Pulverdampf und Staub bedeckten Reiter hin und sagte: »Du bist es, Feodor Michaelowitsch? Ich danke dir; du scheinst bestimmt, mir Gutes zu bringen und«, fügte er leiser hinzu, »Böses von mir abzuwenden.« »Der Großfürst hat mir die Ehre erzeigt,« erwiderte Blagonow, »mich mit dieser ersten vorläufigen Meldung zu Eurer Majestät zu senden. Seine Kaiserliche Hoheit hat sich nach Plewna begeben und wird sobald als möglich zu ausführlichem Bericht bei Eurer Majestät erscheinen.«

»Ich danke dir, ich danke dir von Herzen!« rief der Kaiser, Blagonow die Hand reichend; »doch«, sagte er dann wie in plötzlichem Besinnen, »hast du den Kampf bei den Batterien am Widfluß gesehen, den das Regiment Kleinrußland entschied?«

»Zu befehlen, Majestät!« erwiderte Blagonow. »Ich war von Seiner Kaiserlichen Hoheit abgesendet, um das Regiment Kleinrußland nach jener Stelle zu beordern und traf mit demselben auf dem Kampfplatz ein.«

»Du warst bei dem ersten Bataillon?« fragte der Kaiser forschend.

»Zu befehlen, Majestät!«

»Und wer war der Offizier,« fragte der Kaiser weiter, »der, als dies Bataillon einen Augenblick stockte, allein gegen die türkischen Reihen stürmte und die Truppen mit sich fortriß?«

Dunkle Röte bedeckte Blagonows Gesicht, er schlug die Augen nieder und erwiderte:

»Ich weiß es nicht, Majestät – ich weiß nicht, wen Eure Majestät meinen – der General Skrutow kommandierte die Brigade –«

»War es Skrutow,« fragte der Kaiser mit durchdringenden Blicken, »der vor dem Bataillon gegen den Feind stürmte? Wenn du dort warst, mußt du das gesehen haben.«

Blagonow blickte schweigend zur Erde.

»Er war es, Majestät, er war es selbst!« rief der General Miljutin, indem er, die Rücksicht auf die Gegenwart des Kaisers vergessend, die Hand Blagonows ergriff. »Ich bitte Eure Majestät, ihn anzusehen, so sieht nur jemand aus, der aus dem dichtesten Kampfgewühl kommt.«

»Sage Nein, wenn du es nicht warst!« rief der Kaiser. Blagonow schwieg.

Der Kaiser trat ganz nahe zu ihm heran, umarmte ihn und küßte ihn auf beide Wangen. Dann winkte er den Flügeladjutanten vom Dienst heran, ließ sich die Ledertasche, welche derselbe trug, reichen und nahm daraus ein Georgskreuz dritter Klasse.

»Hier«, sagte er, »dies ist das äußere verdiente Zeichen meines Dankes, der nie in meinem Herzen erlöschen wird.«

Dann wendete er sich zum Kriegsminister, und während Blagonow, keines Wortes mächtig, von dem ganzen Gefolge umringt und beglückwünscht wurde, hing der Kaiser dem General Miljutin ein Georgskreuz zweiter Klasse um den Hals. Der General nahm die Mütze ab, beugte sich auf die Hand des Kaisers und sprach mit unsicherer Stimme:

»Ich habe nichts getan, Majestät, in diesem Kampfe, in welchem Tausende ihr Leben einsetzten! belohnen Sie mich nicht, so, ich bin dessen nicht würdig.«

»Nimm das Kreuz und trage es,« sagte der Kaiser, »du verdienst es, wir danken dir viel hier.«

Dann nach kurzem Besinnen sagte er fast schüchtern:

»Würdest du dafür stimmen, Dmitri Alexejewitsch, daß ich das Georgsportepee an diesem Tage anlege?«

Die Offiziere des Gefolges hatten diese Frage gehört, ein einstimmiger Hurraruf beantwortete dieselbe. Augenblicklich war ein Georgsportepee zur Stelle, der General Miljutin befestigte dasselbe an dem Säbel des Kaisers, und ein erneuter Jubelruf schallte durch die Luft.

»Laßt den Wagen vorfahren,« sagte Alexander, »ich will nach Plewna, um meinen Bruder aufzusuchen und«, fügte er wehmütig hinzu, »den Platz zu sehen, der so viel Blut gekostet hat.«

Während der Wagen heranfuhr und die Pferde vorgeführt wurden, winkte der Kaiser Blagonow heran. Er trat einige Schritte seitwärts und sagte, die Hand auf die Schulter des jungen Offiziers legend:

»Du hast die Verirrung deiner Jugend herrlich gesühnt, Feodor Michaelowitsch. Gott hat dein Leben vor den Kugeln und Bajonetten der Türken behütet, ein unsichtbarer Dolch schwebt vielleicht über deinem Haupt – wie über dem meinen; möge auch ihn der Himmel ablenken.«

Schnell sich umwendend, stieg er in den Wagen. Abermals mußte sich Rossianow zu ihm setzen, und lächelnd sagte der Kaiser: »Ich hoffe, du wirst diesen Tag nicht vergessen, und er wird dir eine stolze und ehrenvolle Erinnerung sein.«

Pawjel war nach schnellem Ritt in Bogot angekommen. Bereits tobte der Kampf überall. Pawjel erfuhr, daß die bulgarische Legion mit den Rumänen nach Plewna vorzudringen bestimmt sei, er folgte derselben, und sobald er sie, erreicht hatte, schloß er sich einer Abteilung an, welche zwar nicht von seinen unmittelbaren Landsleuten und bisherigen Kampfgenossen gebildet wurde, ihn aber dennoch mit jubelndem Zuruf begrüßte. Mehrere kleinere türkische Truppenabteilungen wurden siegreich zurückgeworfen, Pawjel sprengte stets den Seinen voran und führte mächtig seinen Säbel mit der linken Hand. Sein Glück, das ihn auf dem Streifzuge vor Plewna verlassen hatte, schien wieder wie früher über ihm zu schweben, ohne eine Wunde erreichte er mit der Abteilung des rumänischen Obersten Cerkez die kleine Stadt Plewna, welche ein Bild der Verwüstung und des Schreckens darbot; Geschosse hatten in die Häuser geschlagen und viele derselben gänzlich niedergerissen, Leichen von türkischen und russischen Soldaten und Kadaver, von Pferden lagen umher, bulgarische Einwohner, Weiber und Kinder irrten jammernd auf den Straßen umher oder kauerten hinter den Haustüren, die einrückenden Truppen unter lautem Wehklagen um Erbarmen anflehend. Mehrere große, mit Ochsen bespannte Wagen, ganz angefüllt mit Weibern und Kindern, standen auf der Straße, sie hatten fliehen wollen, waren aber vor dem ringsum tobenden Kampfgetümmel entsetzt zurückgekehrt. Die russischen und bulgarischen Soldaten reichten ihre Feldflaschen und die wenigen Nahrungsmittel, die sie zufällig bei sich hatten, freundlich den geängstigten und verschmachtenden Einwohnern dar.

Die Hauptplätze und Gebäude der Stadt wurden besetzt, und dann wendeten sich die übrigen Truppen in die Erdbefestigungen hinaus, um den vom Widflusse zurückgeworfenen Türken sich entgegenzustellen.

Pawjel hatte einen Teil seiner Leute vor der zwar etwas zerschossenen, aber in ihrem Hauptteile erhaltenen Kirche aufgestellt und ritt nun durch die Stadt, um die Abteilung des Obersten Cerkez wieder einzuholen. Als er über einen freien Platz in der Nähe der Kirche hinritt, hörte er wilde, zornige Stimmen; an der Tür eines Hauses stand ein Haufe von Soldaten der bulgarischen Legion dicht zusammengedrängt, und als er näher heranritt, sah er, wie in der Mitte dieses Menschenknäuels ein Mann in bulgarischer Tracht auf einen Mauervorsprung emporgehoben wurde; um seinen Hals war die Schlinge eines Strickes gelegt, der um das Fensterkreuz des oberen Stockwerkes geschlungen war; laut schrie der Unglückliche um Erbarmen und wehrte sich mit Händen und Füßen gegen die kräftigen Arme, welche ihn festhielten. Schnell sprengte Pawjel heran, er drängte sich, sein Pferd rücksichtslos vorwärts treibend, in den Menschenhaufen und rief unwillig mit lautschallender Stimme: »Halt – was geht hier vor, dürfen christliche Soldaten einen feigen Mord begehen? Wißt ihr nicht, daß wir nur den Feind töten dürfen, der uns mit den Waffen in der Hand gegenübersteht? Der Wehrlose gehört dem Richterspruch des Kaisers, und wenn er ein Verbrechen begangen, so wird die Strafe ihn treffen.«

Schon war die Schlinge angezogen. Als Pawjels Stimme den Lärm übertönte, wurde der Strick nachgelassen und der Mann auf dem Mauerstein warf schnell die Schlinge über seinen Kopf zurück.

»Pawjel Fjodorew!« ertönte es rings aus den Reihen, von allen Seiten drängten sich die Bulgaren heran, um dem jungen Mann die Hand zu reichen; er erkannte seine Freunde aus Muschina. – »Pawjel Fjodorew,« rief auch der Verurteilte mit gellender Stimme, »Pawjel Fjodorew, rette mich, denke an Stjepanida!«

Pawjel blickte auf, er hatte den Mann mit den Zerrissenen Kleidern im Eifer, ihn zu retten, nicht näher betrachtet, jetzt erkannte er Theofil Leonew, dessen Gesicht von Todesangst verzerrt war und der hilfeflehend die Hände nach ihm ausstreckte. Finster zogen sich Pawjels Augenbrauen zusammen, er machte eine Bewegung, als wolle er sich von dem Elenden abwenden, aber Leonew rief noch einmal in herzzerreißendem Jammerton:

»Pawjel – Pawjel, denke an Stjepanida!«

Rasch entschlossen sprang Pawjel vom Pferde, Warf einem der Bulgaren den Zügel zu und drängte sich bis zu Leonew durch.

»Laßt ihn frei,« sagte er, »ihr habt kein Recht, ihn ungehört zu morden; hat er eine Schuld, so wird er nach Recht und Gesetz gerichtet werden, und seine Strafe wird ihn finden.«

»Ob er eine Schuld hat?« rief einer der bulgarischen Männer. »Der Tod ist eine leichte Strafe für seine Schandtaten, und wir werden nicht warten, bis er seine Richter belügt und betrügt oder heimlich entwischt. Hat er nicht den Türken gedient gegen sein Vaterland und seinen Glauben? Hat er nicht dabei gestanden, als der blutige Achmed Aga, der in seinem Hause wohnte, dem ehrwürdigen Vater Julian die Ohren abschneiden ließ, um den Priester des Herrn zum Spott vor dem Volk zu machen? Er muß sterben, wir haben ihn gerichtet und werden unser Urteil vollstrecken.«

»Pawjel, Pawjel, denke an Stjepanida!« kreischte Leonew mit heiserer Stimme; er hatte den Eindruck bemerkt, den diese Mahnung auf Pawjel machte, und wiederholte in kurzen Zwischenräumen immer dieselben Worte.

»Was er auch immer getan haben mag,« sagte Pawjel, »ihr dürft ihn so nicht morden, ich verbiete es, ich verlange ihn von euch, er ist mein. Ich verspreche, ihn vor Gericht zu stellen, und werde selbst den Kaiser bitten, sein Urteil zu sprechen.«

Zögernd, mit finsteren Blicken standen die Bulgaren da und hielten Leonew auf dem Steine fest, während er in Todesangst sich loszureißen versuchte.

Gebieterisch streckte Pawjel den Arm aus.

»Laßt ihn frei,« rief er, »ich habe euch gerettet und für euch mein Leben eingesetzt, er ist mein, ich verlange ihn von euch!«

Stolz und gebieterisch stand er da, den linken Arm ausgestreckt, mit seinen flammenden Blicken die Soldaten bannend. Er war gewohnt, zu befehlen, die Bulgaren waren gewohnt, ihm zu gehorchen.

Die Soldaten, welche Leonew festhielten, zögerten nach einen Augenblick, dann ließen sie, leise murrend, ihr Opfer los und traten von dem Stein zurück.

Leonew sprang hinab und wollte zu Pawjel hineilen – aber in demselben Augenblick krachte ein Schuß, der Soldat, welcher vorhin gesprochen, war vorgetreten, die Kugel aus seiner Pistole hatte Leonews Brust durchbohrt, mit einem halberstickten Wehruf sank der Unglückliche zuckend zu Boden.

»Er hat seinen Lohn«, sagte der Bulgare. »Du hast viel für uns getan, Pawjel Fjodorew, aber du hast nicht das Recht, uns unsere gerechte Rache zu nehmen.«

Finster blickte Pawjel zu dem Gefallenen nieder, dann sagte er traurig zu dem Soldaten, der mit trotzig entschlossener Miene vor ihm stand:

»Es ist geschehen, was ich nicht zu hindern vermochte – vielleicht hat Gott durch deine Hand sein Urteil vollstreckt: auf dein Haupt komme dies Blut, du wirst davon Rechenschaft geben vor dem Richter, der über uns allen thront.«

»Ich werde es,« erwiderte der Bulgare, »und ich weiß, daß Gott mich freisprechen wird, denn ich habe seine heilige Erde von dem Verräter am Vaterland und Glauben befreit.«

Pawjel trat zu dem Gefallenen heran, dessen Brust mit Blut überströmt war und dessen Körper leise zuckte; er faltete die Hände und bewegte seine Lippen in leisem Gebet.

Plötzlich rief er: »Er lebt noch – seine Lippen bewegen sich, es gilt, ihn zu retten – Wasser, Wasser!« Er kniete neben Leonew nieder und nahm dessen Haupt in seine Arme. In der Tat bewegten sich die Lippen des Verwundeten – er schlug die Augen auf und starrte mit gläsernen Blicken umher. Der grimmige Haß der Bulgaren schien, nachdem die Rachetat vollzogen war, verschwunden zu sein, mitleidig blickten sie auf Leonew herab, einer von ihnen brachte ein in Wasser getränktes Tuch.

Pawjel legte dasselbe auf Leonews Stirn, die erfrischende Kühle schien diesen noch einmal zu beleben; seine Blicke wurden klarer, er sah Pawjel mit fernen wundersam durchdringenden Ausdruck der Sterbenden an, und leise wie ein Hauch klang es von seinen Lippen:

»Pawjel – du hast mich retten wollen – ich danke dir. Sorge für Stjepanida – verzeihe mir um Jesu Christi willen.«

Er erhob mühsam die Hand, um das Zeichen des Kreuzes auf seiner durchschossenen Brust zu machen – dann aber zuckte sein Körper in einem letzten Kampfe, seine Augen brachen, röchelnd tat er seinen letzten Atemzug.

Tief ergriffen standen die Bulgaren umher. Pawjel ließ das Haupt des Toten auf die Erde sinken, er stand auf und sprach ernst und feierlich: »Sein letzter Atemzug hat den Namen des heiligen Erlösers angerufen; was er verschuldet, hat er gebüßt. Tragt ihn in dies Haus, er soll ein ehrliches Begräbnis haben.« Schweigend gehorchten die Bulgaren.

»Jetzt fort,« rief Pawjel, »wir haben keine Zeit zu verlieren, fort gegen die Feinde, welche Gott in unsere Hand gegeben!«

Er schwang sich in den Sattel und ritt an der Spitze der kleinen Schar aus der Stadt hinaus, um den Kampfplatz zu erreichen.

Schon aber war das Feuer verstummt. Bald begegneten sie russischen Truppen, welche gefangene Türken heranführten, die gierig das Brot verzehrten, das die Sieger ihnen mitleidig boten. Sie vernahmen, daß der Kampf beendet sei und die türkische Armee die Waffen gestreckt habe. Da fuhr ein Wagen heran, von Kosaken umgeben, in demselben saß Osman Pascha, den Arm in der Binde, das blasse Gesicht mit dem dunklen Vollbart wehmütig geneigt; er trug einen blauen Mantel ohne alle Abzeichen, den Fes auf dem Kopf. Hinter den Kosaken ritten etwa dreißig türkische Offiziere. Langsam fuhr der Wagen nach Plewna hin. Die russischen Truppen traten an die Seite des Weges und Präsentierten die Gewehre.

Ein Reitertrupp jagte über das Feld her auf den Wagen zu, an der Spitze desselben befand sich der Großfürst Nikolaus. Er ritt zu dem Wagen heran. Osman Paschas Wagen hielt. Der Großfürst grüßte militärisch und sah den feindlichen Heerführer einige Sekunden lang schweigend an, dann reichte er ihm die Hand und sagte in französischer Sprache:

»Ich wünsche Ihnen Glück zur Verteidigung von Plewna, sie gehört zu den glänzendsten Kriegstaten, welche die Geschichte kennt.«

Osman Pascha lächelte traurig und erwiderte:

»Ich glaube meiner militärischen Ehre Genüge geleistet zu haben, und das ist ein Trost in so schwerer Stunde.«

Jetzt ritt auch der Fürst von Rumänien heran und schüttelte herzlich Osman Paschas Hand; dieser verbeugte sich, aber er sprach kein Wort und sah den Fürsten, den er als den rebellischen Vasallen der Pforte betrachten mochte, mit einem Blick voll grimmigen Zornes an.

Noch einmal grüßte der Großfürst, der Wagen des Paschas fuhr weiter nach Plewna zu.

»Ein gewaltiges Gesicht,« sagte der Großfürst ernst zu seiner Umgebung, »wir können stolz sein, solchen Gegner bezwungen zu haben.«

»Es ist das Gesicht eines großen Heerführers,« rief der General Skobeljew, welcher sich im Gefolge des Großfürsten befand, »ich freue mich, ihn gesehen zu haben, und werde ihn mein ganzes Leben nicht vergessen. Osman Ghazi nennen ihn die Türken, und Osman der Siegreiche wird er trotz seiner Niederlage in der Geschichte heißen.«

Der Großfürst wendete sein Pferd und sprengte über das Feld zurück, um den Kaiser aufzusuchen, dessen Annäherung ihm gemeldet war. Pawjel ritt langsam nach dem Lager zurück, hier war nichts mehr für ihn zu tun; er mußte der bangenden Stjepanida die Nachricht bringen, daß er dem Leben und der Liebe erhalten sei.

»Gott hat gerichtet – Gott hat erlöst,« sagte er leise vor sich hin, »möge seine Gnade meiner Zukunft nach so viel Haß und Kampf Liebe und Frieden schenken.«

Noch einmal blickte er durch den stöbernden Schnee zum Himmel auf – dann sprengte er, sein Pferd anspornend, durch die aufgelösten Reihen der türkischen Truppen über die Leichen hin, welche die blutigen Kampfplätze bedeckten, nach Poradin zurück, Glück und Freude, Liebe und Hoffnung im Herzen.