Kreuz und Schwert

Erstes Kapitel

Die sinkende Sonne eines Spätsommertages des Jahres 1869 sendete ihre schrägen Strahlen über die einfache und gleichmäßige, aber üppig frische Landschaft, welche in der Nähe von Düsseldorf den breit und ruhig dahinfließenden Rheinstrom einfaßt. Dieser stolze deutsche Strom, in dessen Wellen die Sage rauscht, der bis in die Tiefen seiner grünen Fluten hinein belebt ist von den sinnigen Mären vergangener Heldenzeiten, der die Lebensader bildet der waffen- und sangesfreudigen Geschichte Deutschlands, – der gleicht hier im flachen Lande nicht mehr jenem wunderbaren, die Seele mit geheimnisvoller Poesie anmutenden Bilde, das er weiter hinauf bietet, wo er sich Bahn bricht durch starre Felsen – an den verfallenen Burgen vorbei, – das Rauschen seiner Wasser vermischend mit den sinnbetörenden Liedern der Loreley und dem mitternächtigen Schmerzensseufzer des grausamen Bischofs Hatto. Dort oben ist er der Jüngling voll Kampfesmut, voll tiefer Liebesglut, wie der goldene Wein, den die Sonne an seinen Ufern reift – hier ist er zum klaren, ruhigen Mann geworden, der in gesättigter Kraft nach überwundenen Lebenskämpfen den Segen einer fruchtbaren Tätigkeit um sich verbreitet.

Nicht Felsen und Burgen rahmen ihn hier ein – breite, grüne Wiesen und reiche Fruchtfelder dehnen sich weithin an seinen Ufern aus, hohe Gruppen uralter Riesenbäume ragen in einiger Entfernung daraus hervor, und zwischen den Schatten ihrer Wipfel schimmern die Dächer der großen Schlösser und der dazu gehörigen Wirtschaftsgebäude, der reichen Besitztümer des landsässigen Adels, der hier seit Jahrhunderten auf seinen Erbsitzen lebt und noch immer mehr oder weniger von dem Unabhängigkeits- und Selbständigkeitsgefühl der alten Reichsritterschaft erfüllt ist. In der Nähe der Ufer ziehen sich die mächtigen Deiche hin, welche, bis nach Holland herab, den Lauf des gewaltigen Stromes regeln und die von ihm befruchteten Felder vor der vernichtenden Gewalt seiner übermächtig anschwellenden Hochwasser schützen.

Auf dem Wege, welcher neben den Deichen her durch die Wiesen und Fruchtfelder führte, ritten zwei junge Offiziere in der grünen Husarenuniform. Beide mochten höchstens zwanzig bis einundzwanzig Jahre alt sein – trotz dieses gleichen Alters und der gleichen Uniform aber war ihre ganze Erscheinung von auffallender Verschiedenheit.

Der eine saß bequem auf seinem schönen Grauschimmel, seine Gestalt zeigte trotz seiner Jugend eine gewisse Anlage zu Fülle und Korpulenz, sein frisches Gesicht strahlte von einer sorglosen Heiterkeit, sein Mund mit den vollen, roten Lippen schien wie von innerer fröhlicher Laune bewegt zu lächeln, und die großen hellblauen Augen blickten so glücklich und vergnügt über die Wiesen, die Felder und die Bäume hin, als schienen sie zu fragen, ob es wohl etwas Schöneres und Besseres geben könnte, als diese reiche, blühende Landschaft am Ufer des königlichen Stromes. Seine grüne Mütze mit dem roten, weiß eingefaßten Streif saß etwas gebogen auf seinem Kopf und ließ das blonde, gelockte Haar hervordringen, das so lang gehalten war, als es die dienstliche Vorschrift nur irgend erlaubte.

Dieser junge Offizier, von dessen Antlitz das Morgenlicht eines sorgenfreien, glücklichen Lebens widerstrahlte, war Graf Xaver von Spangendorf, der Sohn und Majoratserbe eines der reichsten und vornehmsten Grundbesitzer der Gegend. Seine Familie saß seit unvordenklichen Zeiten auf dem von waldähnlichem Parke umgebenen Schlosse Rensenheim, dessen weitausgedehnte Nebengebäude bereits hinter einer bis hart an den Weg vorspringenden Schonung sichtbar wurden, während das Herrenhaus selbst noch hinter den hochragenden Baumwipfeln des Parkes sich verbarg.

Neben ihm ritt sein Freund und Regimentskamerad, der Leutnant von Rothenstein, der Abkömmling einer alten schlesischen Familie, der mit dem jungen Spangendorf fast gleichzeitig in das sonst beinahe ausschließlich aus den Söhnen des rheinischen Grundadels gebildete Offizierkorps des Regiments eingetreten war.

Obgleich die Züge seines länglichen, bleichen Gesichts noch die ganze Weichheit der Jugend besaßen, lag doch in demselben ein gewisser Ausdruck von sinnender, wehmütiger Trauer, gemischt mit einer fast starren und verschlossenen, eigenmütigen Willenskraft, – der feine, scharf gezeichnete Mund mit dem eben hervorkeimenden schwarzen Bart auf der Oberlippe schien sich nur selten zu heiterem Lächeln öffnen zu können; aus den tief dunklen Augen blickte es hervor wie verborgenes Feuer, wie geheimnisvoll zurückgezogenes inneres Leben, und die feinen Flügel der schlanken griechischen Nase öffneten sich zuweilen weit, als suche eine innere Glut in scharfem Atemzuge einen Ausgang.

Der Leutnant von Rothenstein saß in eleganter, fester und sicherer Haltung auf seinem schwarzen Pferde, seine Uniform schloß sich eng um die schlanke und magere Gestalt, ernst blickte er über den Kopf seines Pferdes auf die Straße hin, die sich immer mehr vom Rheinstrom ab zu den Hofgebäuden von Rensenheim hinwendete.

»Es ist wahrhaftig ein guter Gedanke gewesen,« rief der junge Graf Spangendorf, indem er seine kleine zierliche Reitpeitsche mit dem großen silbernen Knopf durch die Luft pfeifen ließ, was sein Pferd zu einem kurzen, unruhigen Satze veranlaßte, – »ein guter Gedanke, aus der heißen, staubigen Stadt herauszureiten nach dem schönen, kühlen Rensenheim – vor morgen Mittag haben wir nicht nötig zurück zu sein, wir können uns herrlich ausruhen und stärken in dem schattigen Park und in den dunkeln kühlen Zimmern – um dann wieder«, fügte er tief aufseufzend hinzu, »auf dem sonnenglühenden Exerzierplatz diese Tölpel von Rekruten das Reiten zu lehren.«

»Ja«, sagte der Leutnant von Rothenstein, – »es ist eine wohltätige Erholung – und für dich ist es ein ganz besonderes Glück, daß deine Heimat so nahe bei der Garnison liegt und dir Gelegenheit gibt, auch den kleinsten Urlaub so schön zu benützen – ich muß dir noch ganz besonders dankbar sein, daß du mich so freundlich in deine Familie eingeführt –«

»Du weißt,« rief der Graf Spangendorf, ungeduldig mit der Hand winkend, »welche Freude du mir und allen den Meinigen machst, wenn du zu uns hinauskommst – also laß uns keine Höflichkeitsredensarten machen –«

Er brach einen Augenblick ab und sah mit leuchtenden Blicken nach den hohen Bäumen des Parkes hinüber, zwischen denen jetzt ein breites, lang ausgedehntes Schieferdach und zwei nicht hohe, ebenfalls mit Schiefer gedeckte Kuppeltürme erschienen.

»Siehst du, alter Freund,« sagte er dann, mit seiner Reitpeitsche nach dem im Sonnenschein glänzenden Dach hindeutend, – »siehst du – wenn ich so mein altes väterliches Haus und die alten Bäume und das alles wiedersehe, was mich so von Jugend auf umgeben hat, dann wird es mir jedesmal leicht und frei, so wohl ums Herz, als ob ich ein liebes Menschengesicht erblicke, – es ist, als ob diese Erde mich anziehe, als ob ich auf ihr fester stände und sanfter ruhte als anderswo, – als ob die Luft hier sich leichter und freier atmete, als ob diese Sonne heller schiene! – Das ist recht kindisch,« – sagte er dann lächelnd, fast verlegen, »du wirst das töricht finden, du, der du schon ein großes Stück von der Welt gesehen hast, – und es ist auch beinahe lächerlich, dies Hangen an der Scholle – dies Heimweh, – da ich doch eigentlich noch nie von der Heimat wirklich entfernt war, – selbst als ich ein Jahr in Bonn studierte, war ich in jeden Ferien zu Hause – und jetzt bin ich ja wieder so nahe bei den Meinigen –«

»Ich finde dein Gefühl wahrlich nicht töricht,« fiel Herr von Rothenstein ein, indem er seine Blicke mit träumerischem Ausdruck auf dem immer mehr hervortretenden Schieferdach ruhen ließ, »ich kann dasselbe vollständig würdigen, – empfinde ich doch selbst Ähnliches, nur,« – sagte er seufzend, – »was bei dir Freude und Glück über den Besitz einer Heimat ist, in welcher dein Leben wurzelt, das ist bei mir tiefe, schmerzliche, ungestillte Sehnsucht.«

Mit einem Blick voll herzlicher Teilnahme sah der Graf Spangendorf seinen Freund an.

»Du hast doch«, sagte er ein wenig zögernd, »deine Heimat in Schlesien – du hast dort ein altes Familiengut, – es muß schön sein, nach dem, was du mir davon erzählt hast, – ein Schloß – Forsten mit großer Jagd, – die uns hier fehlt –«

»O ja, – ich habe das alles,« erwiderte Herr von Rothenstein, – »und es ist schön – es ist ein reicher Besitz und vortrefflich verwaltet von meinem Vormund, der mir jetzt schon vor meiner Großjährigkeit den Ertrag meines Vermögens zur freien Disposition überläßt, – aber«, rief er mit halb schmerzvoll wehmütigem, halb bitterem Ton, – »ist das eine Heimat – eine Heimat, wie du sie hast, wie sie dich grüßt mit tausend lieben Erinnerungen! – Meine Eltern starben«, fuhr er finster fort, »als ich noch keine zwei Jahre alt war, ehe noch mein Blick die Kraft hatte, ihr Bild in meine Seele zu tragen und dort zu bewahren zu heiliger Erinnerung, – mein Vormund, ein alter, unverheirateter Vetter meines Vaters, – ein braver, ein ehrenwerter Mann, dem ich stets Dank schulde, sorgte auf das Vortrefflichste für meine Erziehung, – ich wurde einem Professor in Pension gegeben, ich lebte in dessen Familie, man war freundlich gegen mich, man erzog mich mit Sorgfalt, – fast verzog man mich, – aber ich war der Fremde unter diesen Menschen, die sich einander angehörten durch die Bande der Familie, – eine Mauer von Eis umgab mich, durch die ich mich nicht herausarbeiten konnte, – ich war allein, immer allein! Und wenn ich dann zuweilen auf mein väterliches Gut kam mit meinem Vormund, – dann begrüßten mich die Beamten und Eingesessenen mit Ehrerbietung als ihren künftigen Herrn, – aber es fehlte das lebendige Liebesband, das mich mit der Heimat verknüpfte. Diese Gärten, diese Wälder, diese Wiesen waren mir fremd, – keine Erinnerung an kindliche Spiele, an Verwandte und Freunde trat mir entgegen. Die Zimmer des alten Schlosses waren erfüllt von dumpfem, schwülem Modergeruch, der die leicht empfänglichen kindlichen Sinne schaurig berührte, – waren sie doch eben erst kurz vor unserer Ankunft geöffnet, – man zeigte mir zwei große Bilder in breiten Goldrahmen, von denen man die verhüllende Florbedeckung abgenommen, und sagte mir, daß das mein Vater und meine Mutter sei; – ich sah eine schöne, sanftblickende Dame im weißen Seidengewand mit dunkeln Augen, – einen kräftigen hohen Mann in der ritterschaftlichen Uniform, aber ich suchte vergebens für diese Bilder einen Platz in meiner Erinnerung, – diese Augen, die da so vornehm ruhig aus den schimmernden Rahmen auf mich herabsahen, hatten niemals im Leben den warmen Strahl der Liebe auf mich gesendet, – trauriger als je kehrte ich zurück in die Familie meines Erziehers mit dem bitteren Gefühl im Herzen, daß das Haus meiner Vorfahren mir fremd sei, wie die Bilder meiner Eltern! – Darum habe ich auch meine heimatliche Provinz verlassen und bin in unser Regiment eingetreten, um all jenen schmerzlichen Eindrücken zu entfliehen.«

Die Pferde gingen im langsamen Schritt vorwärts, – das sonst verschlossen zurückhaltende Gesicht des jungen Offiziers zuckte und zitterte in lebhafter Bewegung, – es war, als ob ein tief im Innern verborgenes leidenschaftliches Gefühl in plötzlicher Aufwallung einen Ausdruck gefunden.

Die so gutmütigen heiteren Augen des jungen Grafen von Spangendorf ruhten halb erstaunt, halb voll tiefen Mitleids auf seinem Freunde, – er öffnete einige Male den Mund, als wolle er sprechen, ein Wort der Teilnahme und des Trostes sagen, – aber er fand nicht das Wort, das seine Teilnahme so ausgedrückt hätte, wie er sie fühlte, – und schweigend blickte er vor sich nieder, während der Leutnant von Rothenstein mit mächtiger Anstrengung die Lippen aufeinander preßte, um seiner tiefen Erregung Herr zu werden.

»Du siehst also,« sagte er tief aufatmend, indem er sich fester im Sattel aufrichtete und einen Tränentropfen zerdrückte, der zwischen seinen Wimpern hervorquoll, – »du siehst, daß ich dein Glück, deine Freude an der Heimat vollständig würdigen und verstehen kann, da ja doch mein ganzes Wesen erfüllt ist von der Sehnsucht nach diesem Glück, das der Himmel mir versagte.«

»Armer Freund,« rief der Graf Spangendorf mit treuherzigem Ton, indem er sich in rascher Bewegung zu seinem Kameraden hinüberneigte und ihm die Hand hinstreckte, – »das alles ist traurig, recht traurig – aber – vergiß das Vergangene, jetzt hast du gute Kameraden und einen treuen Freund, und die Zukunft wird dir ersetzen, was du entbehrt hast, – wenn du einst deine eigene Familie gründest, dann wird dein altes Haus sich wieder beleben und dir zur lieben Heimat werden, und du wirst deinen Kindern,« fügte er leicht lächelnd hinzu, »schaffen, was du dir in deiner Jugend ersehnt hast. Bis dahin,« – sagte er dann heiterer, aber mit dem Klange warmen und tiefen Gefühls, – »bis dahin sollst du meine Familie und meine Heimat als die deinige ansehen – ich hoffe, bei uns wirst du dich nicht fremd fühlen!«

Herr von Rothenstein drückte innig die Hand des jungen Grafen, – ein warmer Blick dankte ihm für seine herzlichen Worte, – dann richtete sich sein Auge langsam auf das glänzende Dach des Schlosses Rensenheim, – es blitzte darin auf wie eine freudig hoffnungsvolle Frage und mit etwas unsicherer Stimme sprach er: »Verzeih', daß ich da meine alten traurigen Erinnerungen vor dir berührt habe, – wenn ich sie irgendwo vergessen kann, so ist es bei dir – und im Kreise der Deinen« – fügte er leise hinzu – immer den Blick auf das Schloß gerichtet, das bei der Wendung des Weges mit seinen weit ausgedehnten Flügeln aus den Bäumen hervortrat.

Das Pferd des Grafen Spangendorf, das den gewohnten Weg genau kannte und die Vortrefflichkeit des Stalles von Rensenheim zu würdigen wußte, setzte sich in Trab – der Graf hielt es nicht zurück, Herr von Rothenstein folgte, und in wenig Augenblicken hatten beide die Wirtschaftsgebäude und die Wohnhäuser der Gutsbeamten erreicht.

Eine breite Allee von uralten Lindenbäumen führte nach dem Schlosse hin, der rasche Trab ihrer vortrefflichen Pferde brachte die jungen Husarenoffiziere schnell an das große Eisengitter, welches den inneren Hof des Schlosses von den übrigen Baulichkeiten trennte und dessen große Torflügel von geschmiedetem Eisen weit offen standen.

Das Schloß selbst zeigte keinen eigentlichen Baustil. Es war ein schwerer, massiver, zweistockiger Bau mit hohem Schieferdach – zwei lange Flügel schlossen den Hof nach der Gitterseite hin ab, – der Hauptbau hatte eine große, von einem steinernen Vorsprung überdachte Tür, zu welcher man einige breite Granitstufen hinaufstieg, die Fenster des Mittelhauses waren groß und hoch, grüne Jalousien schützten sie vor den Sonnenstrahlen, man bemerkte, wo diese nicht geschlossen waren, hinter den Spiegelscheiben schwere Vorhänge und hie und da eine große Vase oder eine Marmorstatue. An den Fenstern der Seitenflügel sah man überall leichte, schneeweiße Vorhänge, – hier waren die Fremdenzimmer des gastlichen Hauses, das oft bei großen Familienfesten mehr Gäste aufnahm, als irgendein großes Hotel nur zu beherbergen imstande gewesen wäre.

Als der Hufschlag der Pferde der beiden Offiziere auf dem Pflaster des Hofes erschallte, eilten aus den am Ende der Seitenflügel befindlichen Stallräumen mehrere Reitknechte in Stalljacken herbei, um den Herren die Pferde abzunehmen, während ein Diener in einfacher, dunkelblauer, mit kleinen Goldschnüren eingefaßter Livrée ehrerbietig dem Sohne des Hauses und seinem Freunde entgegentrat, die, bekannt mit der sorgfältigen Genauigkeit und Pünktlichkeit des Stalldienstes, ihre Tiere den Dienern überließen.

»Die Herrschaften sind im Garten,« sagte der Diener, indem er sich in der militärischen Haltung, welche dem früheren Soldaten stets eigentümlich bleibt, neben der Tür aufstellte.

»Ist Besuch da?« fragte der Graf Spangendorf, während er mit seinem Freunde unter das Portal trat.

»Nur ein Herr von der Regierung, der die Deiche besehen hat«, erwiderte der Diener, und die beiden Offiziere traten in eine hohe und weite, mit Granitfliesen ausgelegte Halle. An den mit altem Holzgetäfel bedeckten Wänden sah man mächtige Geweihe und schöne Rehkronen, alte Waffen und Trinkhörner, einen großen Eichentisch, auf dessen Mitte in eine Kupferplatte das alte, einfache Stammwappen der reichsritterschaftlichen Familie derer von Spangendorf, noch ohne die von den Königen von Preußen verliehene Grafenkrone, eingegraben war.

Die beiden jungen Leute durchschritten sporenklingenden Trittes die kühle Halle und traten durch die dem Eingange gegenüberliegende Tür in einen großen Gartensaal, dessen bis zum Fußboden herabreichende Fenster sowie die große Glastür in der Mitte weit offen standen, und der mit seinen weißen, von feinen Goldarabesken durchzogenen Tapeten, seinen großen Blumentischen und seiner von zahlreichen Kanapees, Causeuses und Fauteuils aller Art gebildeten Einrichtung ein Bild vornehmer Eleganz und behaglichen Komforts zugleich darbot.

Vor diesem Salon und in dessen ganzer Breite dehnte sich ein mächtiger, auf steinernem Fundamente ruhender Altan aus mit kunstvoll gearbeitetem eisernem Geländer und mit Orangen- und Lorbeerbäumen in großen Kübeln von Eichenholz besetzt. Wieder in der ganzen Breite dieses Altans führten mehrere Stufen in den Garten hinab. Ein weiter Platz, mit feinem gelbem Kiessande bedeckt, aus welchem sich einzelne Blumenparterres erhoben, erstreckte sich an der ganzen Front des Hauses her. Dann begannen die hohen Bäume und schlossen den ganzen Rundblick ein, bis auf eine Lichtung dem Hause gerade gegenüber, in welcher man über einen schönen englischen Rasen hin weite Wiesenflächen erblickte und in deren Hintergrunde der blinkende Wasserspiegel des Rheins erschien.

Auf dem großen freien Platz, etwa dreißig Schritte seitwärts vom Hause, stand eine mächtige uralte Linde, weit um sich her kühlen Schatten verbreitend, – unter derselben ein eiserner Tisch und ebensolche Gartenstühle.

Hier war die Familie versammelt. Auf dem mit einem weißen Tuch bedeckten Tisch stand in einem, mit großen Eisstücken bedeckten Untersatz eine silberne Bowle, gefüllt mit leichtem, duftigem Moselwein, dessen Aroma durch Schnitten frischer Aprikosen erhöht war.

Der Graf von Spangendorf, der Vater des jungen Offiziers, saß an der einen Seite des Tisches bequem in den weit ausgeschweiften Gartenstuhl zurückgelehnt. Er war ein Mann von fünf- bis sechsundvierzig Jahren, stark und voll, doch von jener gesunden, behäbigen Korpulenz, welche die Leichtigkeit und Elastizität der Bewegungen nicht hemmt und der freien Zirkulation des Blutes kein Hindernis bietet. Das volle rote Gesicht des Grafen mit dem leicht aufgekräuselten, rötlichblonden Schnurrbart und dem langen, herabhängenden, vollen Backenbart zeigte eine entschiedene Ähnlichkeit mit seinem Sohne, doch lag auf seiner hoch hinauf kahlen Stirn und in seinen sinnend und ernst blickenden Augen nicht mehr jene fröhliche, glückliche Heiterkeit, welche aus den Zügen des jungen Offiziers strahlte.

Er trug einen leichten Sommeranzug von weißem Leinen, und sein breitrandiger Strohhut lag neben ihm auf dem Boden. Ihm zur Seite saß ein Herr im schwarzen Überrock, von schlanker Gestalt und ruhiger, gerader Haltung, dessen kräftiges und gesundes Gesicht mit starkem, dunkelblondem Schnurrbart eine gewisse ernste Zurückhaltung zeigte.

Es war der Regierungsrat Rast, ein früherer Beamter des Königreichs Hannover, welcher als königlicher Kommissarius die Deichbauten besichtigt hatte und bei der Durchreise durch die Besitzungen des Grafen Spangendorf von diesem, der gastlichen Gewohnheit des Hauses und der traditionellen Deferenz gegen alle Repräsentanten der königlichen Regierung gemäß, zu Tisch eingeladen war.

Dem Grafen gegenüber saß seine Gemahlin, die Tochter einer alten Adelsfamilie des Münsterlandes, eine hohe, schlanke Dame mit edlen, scharfen Gesichtszügen, welche in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein mußten, aber jetzt einen gewissen strengen und harten Ausdruck angenommen hatten, der nur durch den sanften, fast schwärmerischen Ausdruck ihrer großen, noch immer glänzenden dunkeln Augen gemildert wurde.

Neben ihr saßen zwei junge Damen im Alter von siebzehn bis achtzehn Jahren, beide schön und elegant, aber sehr verschieden in ihrer Erscheinung.

Die Gräfin Gabriele, die Tochter des Hauses, welche zur Rechten ihrer Mutter saß, war eine schlanke, ätherische Erscheinung, ihr länglich ovales Gesicht mit dem kleinen, fast traurig und schwermütig zusammengezogenen Munde, den großen dunkelblauen, meist niedergeschlagenen und durch außerordentlich lange dichte Wimpern verhüllten Augen, mit der weißen, von aschblondem dichtem Haar umgebenen Stirn zeigte keine Ähnlichkeit weder mit den Zügen ihrer Mutter noch mit denen ihres Vaters. Wohl aber hätte man in diesem wunderbar ansprechenden Gesicht, in diesem Augenaufschlag voll inniger, tief verborgener Empfindung den Ausdruck und die Linien eines Madonnenbildes von einem alten italienischen Meister wiederfinden können, das in dem Wohnzimmer der Gräfin hing, und vor welchem ein kleiner, mit schwarzem Sammet überzogener Betschemel bewies, daß die fromme Dame oft hier ihre andächtigen Gebete zu dem Bilde der Mutter Gottes empor zu senden pflegte.

Die Gräfin Gabriele trug ein einfaches Kleid von weißem Piqué; ein goldenes Kreuz, das an einem schwarzen Bande von ihrem Halse herabhing, war der einzige Schmuck, den man an ihr bemerkte; keine Blume, kein Band zierte die einfachen Flechten ihres schönen Haares, ihre ganze Erscheinung erinnerte fast an eine Novize eines geistlichen Ordens.

Auf der anderen Seite der Gräfin saß ihre Nichte, Fräulein Josephine von Altheim-Ödenberg, die Tochter ihres früh verwitweten Bruders, welche dieser, der viel auf Reisen war und nur selten auf seinen Gütern lebte, der Erziehung seiner Schwester anvertraut hatte. Fräulein Josephine war eine blühende Erscheinung von dem gesunden und kräftigen, doch dabei vornehmen, distinguierten Typus der alten westfälischen Familien. Ihr frisches Gesicht mit dem kastanienbraunen Haar, den glänzenden, feurigen Augen und den vollen Lippen zeigte fröhliche Lebenslust und scharfen Verstand.

Ein leichtes Sommerkleid von weißem Musselin mit feiner Spitzengarnitur umschloß ihre kräftige, volle Gestalt, ein rosenrotes Band war um ihren Hals geschlungen und hing in langen Enden von ihrem Nacken herab, und eine frische Rose schmückte ihr mit einer gewissen koketten Eleganz frisiertes Haar.

Die Damen waren mit weiblichen Arbeiten beschäftigt und schienen keinen zu großen Reichtum an Unterhaltungsstoff zu besitzen, denn nur selten wechselten sie einige Worte miteinander, während der Graf Spangendorf und der Regierungsrat Rast in lebhafter Unterhaltung miteinander begriffen waren.

In einiger Entfernung von dieser Gruppe, im Schatten der den freien Platz begrenzenden Bäume, ging der Hauskaplan des Grafen, der Pater Dominikus Haug, langsam auf und nieder, in einem kleinen schwarzen Buche lesend.

Der Pater Dominikus, welcher schon mehrere Jahre als Hauskaplan auf dem Schlosse zu Rensenheim lebte, war ein Mann von etwa achtundzwanzig Jahren. Seine Gestalt war schlank und kräftig, seine Bewegungen ruhig, würdevoll und bescheiden zugleich. Sein unbedeckter Kopf, dessen ganz kurz geschnittenes schwarzes Haar die kleine Tonsur deutlich hervortreten ließ, war von eigentümlichem, charakteristischem Ausdruck. Die breite und hochgewölbte Stirn zeigte klare und freie Intelligenz, auf seinen scharf markierten Zügen lag eine stille und sanfte Ruhe, ein Zug aszetischer Zurückhaltung umgab die feinen Linien des Mundes. Seine großen dunklen Augen von unbestimmbarer Farbe blickten, wenn er sie aufschlug, scharf forschend und durchdringend auf denjenigen, mit welchem er sprach, und trotz seiner bescheidenen Haltung, trotz seiner sanften und weichen Stimme schienen diese Augen das Recht der Herrschaft über Geist und Gemüt desjenigen, auf den sie sich richteten, in Anspruch zu nehmen. Es schien, als ob eine magnetische Kraft von ihnen ausströmte, deren Einfluß sich selten jemand entziehen konnte, der sich mit dem demütigen und meist schweigsamen Kaplan längere Zeit unterhielt.

Der Pater trug den einfachen, bis zum Hals hinauf zugeknöpften Rock der Weltgeistlichen. Er schien sich ausschließlich mit seiner Lektüre zu beschäftigen, und nur von Zeit zu Zeit warf er einen schnellen Blick nach der Gesellschaft unter dem alten Lindenbaum hinüber.

Als die beiden Offiziere die Stufen des Altans hinabstiegen, erhob sich der Graf Spangendorf und ging seinem Sohn und dessen Freund mit freiem, vornehmem Anstand einige Schritte entgegen.

Der junge Graf eilte auf seine Mutter zu, küßte derselben herzlich und ehrerbietig die Hand und sagte dann:

»Ich habe bis morgen mittag Urlaub, und mein Freund Rothenstein hat die Freundlichkeit gehabt, mich hierher zu begleiten und uns Gesellschaft zu leisten.«

»Herr von Rothenstein ist sehr freundlich,« sagte die Gräfin, den Gruß des jungen Offiziers erwidernd, der dann die herzlich dargebotene Hand des Grafen ergriff, – »Herr von Rothenstein ist sehr freundlich, wenn er unsere ländliche Einsamkeit teilen will, wir können den Herren hier wenig Anregendes bieten, um sie für die Entbehrungen der Genüsse der Stadt zu entschädigen.«

Graf Spangendorf stellte den Freund seines Sohnes und den Regierungsrat einander vor, – die jungen Damen hatten den Besuch nur durch eine stumme Verbeugung begrüßt, und der junge Graf füllte zwei Kelche mit dem eiskühlen, duftigen Getränk aus der Bowle und reichte einen derselben seinem Freunde, während er selbst den anderen mit durstigem Zuge leerte.

Der Pater Haug war herangetreten und hatte den Sohn des Hauses ehrerbietig, aber zugleich mit priesterlicher Würde begrüßt, dann hatte er sich kalt und ernst gegen Herrn von Rothenstein verneigt und sich darauf wieder in den Schatten der Bäume zurückgezogen, die Lektüre in seinem schwarzen Buch fortsetzend.

»Die Sonne sinkt und es wird kühl,« rief der junge Graf Spangendorf, »es wäre schön, einen Gang durch den Park zu machen. So oft ich hier bin, drängt es mich, meine alten Spielplätze wiederzusehen und ein wenig alte Jugenderinnerungen wachzurufen,« fügte er mit einem heiteren, schalkhaften Blick auf seine Cousine hinzu, »jene alten Erinnerungen, in welchen meine kleine Freundin Josephine eine so bedeutende Rolle spielt, teils in friedlicher Eintracht, teils in heftigem Streit und Zank.«

»Zu dem ich niemals die Veranlassung gegeben habe,« rief Fräulein von Altheim, indem sie ihre lebhaften, klaren Augen mit herausforderndem Ausdruck auf ihn richtete, – »und in welchem ich jedenfalls immer recht hatte. Übrigens ist es nicht hübsch,« fuhr sie fort, »die alten Erinnerungen an Streit und Zank festzuhalten: solche Erinnerungen der Vergangenheit üben ihren schlechten Einfluß auch auf die Gegenwart aus.«

»Nun, damit hat es keine Gefahr,« rief der junge Graf Spangendorf, »jetzt ist meine Erziehung vollendet, meine liebe Cousine hat mich so gut dressiert, daß ich nicht mehr wagen würde, zu widersprechen, geschweige denn mich mit ihr zu streiten.«

Fräulein Josephine zuckte leicht mit den Achseln, doch zeigte ein unmerkliches Lächeln ihres Mundes, daß sie sich völlig der Wahrheit dessen bewußt war, was ihr Vetter sagte, und daß sie allerdings keinen Widerspruch von seiner Seite zu erfahren gewohnt sei.

»So laßt uns ein wenig durch den Park und nach den Wiesen herabgehen,« sagte Graf Xaver, »ich möchte meinem Freund dort in der Freiheit das wunderschöne Füllen zeigen, das ich mir aufziehe, noch bevor es in den Stall zurückgebracht wird; ich glaube, ihr habt jetzt genug an den langweiligen Stickereien gearbeitet. – Begleitest du uns, Mama?«

»Ich habe noch einige Anordnungen im Hause zu treffen,« sagte die Gräfin, – »bleibt aber nicht zu lange aus, ich erwarte euch pünktlich zum Abendessen.«

»Ich glaube, wir bleiben hier im kühlen Schatten dieses Baumes und an der Quelle dieses nützlichen Getränks,« sagte der Graf Spangendorf gegen den Regierungsrat gewendet, »und überlassen der unruhigen Jugend das Durchstreifen des Parkes, wenn Sie damit einverstanden sind,« fügte er mit höflich verbindlicher Wendung hinzu.

Der Regierungsrat verneigte sich zustimmend.

Die jungen Damen standen auf, Fräulein Gabriele legte langsam und fast zögernd die kleine Kelchdecke von rotem Sammet aus der Hand, in welche sie mit feinen Goldfäden ein aus einem Herzen hervorwachsendes Kreuz stickte, und warf in raschem Augenaufschlag einen Blick von eigentümlichem, fast demütigem Ausdruck nach dem Pater Haug hinüber, dessen Augen, während er fortwährend mit gleichmäßigen ruhigen Schritten auf und ab ging, streng und starr mit einem faszinierenden Schimmer auf sie gerichtet waren.

Rasch füllte Graf Xaver noch einmal die Gläser und leerte das seinige mit einer leichten galanten Verbeugung gegen seine Cousine, – dann schritten die beiden Offiziere mit den jungen Damen über den weiten freien Platz hin und verschwanden bald in einem der dunklen Laubgänge, welche aus der Tiefe des Parks nach dem Schlosse hin führten.

Die Gräfin hatte sich in das Haus zurückgezogen. Graf Spangendorf und der Regierungsrat Rast blieben unter dem Baume sitzen.

»Ich habe mich gewundert,« sagte der Regierungsrat, – »obgleich ich von der preußischen Verwaltung eine sehr vortreffliche Meinung hatte, – über die wirklich ausgezeichneten Einrichtungen des hiesigen Deichwesens. Es hat mir besonderes Vergnügen gemacht, zu sehen, wie vortrefflich hier die Interessen der Uferbewohner gewahrt sind, indem man zugleich eine möglichst gerechte und wenig drückende Verteilung der Lasten hergestellt hat.«

»Sie finden also,« sagte der Graf Spangendorf mit leichtem Lächeln, »die preußische Verwaltung besser als diejenige in dem früheren Hannover? Da weichen Sie eigentlich von den Ansichten in sehr maßgebenden Kreisen ab. Man hat mir erzählt,« fuhr er fort, »daß dort oben die Ansicht ausgesprochen worden sei, es müsse in Hannover durchgehends das preußische Verwaltungssystem eingeführt werden, um bei den Bewohnern das durch die unveränderte Fortdauer der alten Zustände erzeugte und genährte Gefühl der fremden Okkupation verschwinden zu lassen. Es sei aber an sehr maßgebender Stelle bemerkt worden, daß dies untunlich sei, weil die hannöverische Verwaltung besser sei als die preußische.«

Der Regierungsrat zuckte mit den Achseln.

»Ich möchte weder nach der einen noch nach der anderen Richtung ein unbedingtes Urteil abgeben«, sagte er. »Die hannöverische Verwaltung hat mehr Elemente des Selfgovernments, obgleich diese in der letzten Zeit auch sehr beschränkt worden waren, die preußische hat mehr bureaukratische Ordnung, Präzision und Pünktlichkeit. Jedes System hat seine Vorzüge und seine Nachteile; am besten wäre es, wenn man beide miteinander vereinigen könnte, wie das ja auch beabsichtigt werden soll in der neuen Kreisordnung, welche man, wie ich höre, projektiert.«

»Ich habe auch davon gehört,« sagte Graf Spangendorf, »daß man an etwas Derartiges denkt, doch noch immer nicht recht damit vorwärts kommen will. Eine Änderung des Bestehenden würde auch in den alten Provinzen sehr böses Blut machen und viele Hindernisse finden – und vielleicht nicht nur bei den großen Gutsbesitzern, sondern ebenso auch bei der übrigen Bevölkerung. Solche Verhältnisse müssen mit äußerster Vorsicht angefaßt oder mit einem einzigen kühnen Schlage vollkommen von Grund aus umgestaltet werden. So ist es hier bei uns geschehen, und verhältnismäßig hat man sich sehr schnell in die neue Ordnung gefunden, und ich muß Ihnen sagen, daß die Stellung und der Einfluß des wirklich großen und gefestigten Grundbesitzes durch unsere Gesetzgebung nach dem Code Napoléon nicht verschlechtert sind. Es kommt in allem weit weniger darauf an, nach welchem System und welchem Gesetzparagraphen man die Provinzen verwaltet, als darauf, daß der geschlossene Grundbesitz in festen Händen bleibt. Wo dies der Fall ist, wird sein Einfluß unter allen Gesetzgebungen und unter allen Verwaltungssystemen derselbe bleiben.«

Er schwieg einen Augenblick.

»Sie haben ja in Ihrem Lande«, sagte er dann, »auch tiefe und schwere Veränderungen erlitten, und noch immer zuckt die dadurch erzeugte Bewegung durch das Volk. Diese Bewegung wird aber, wie ich glaube, auch bei Ihnen nicht lange dauern, denn in Hannover ist ja der Grundbesitz und Ackerbau das bestimmende Element des Volkslebens, und wo das der Fall ist, bestimmt sich die öffentliche Meinung auf die Dauer niemals nach politischen Sympathien oder Antipathien, sondern immer nur nach dem Bestreben, das Land, den Grund und Boden selbst auch den neuen Verhältnissen am besten und vorteilhaftesten anzupassen.«

»Eine Generation wird doch noch vorübergehen,« sagte der Regierungsrat Rast, »bevor die Hannoveraner wirklich und ohne Rückhalt sich als Preußen fühlen werden. Ich darf dies um so ungescheuter aussprechen,« fuhr er fort, »da Sie mich hier als preußischen Beamten vor sich sehen, also bei mir jedenfalls keine Feindseligkeit oder Voreingenommenheit gegen die neuen Zustände voraussetzen können. Aber ich muß Ihnen aufrichtig sagen, daß die Erinnerung an unser früheres Königshaus tief und voll schmerzlicher Bewegung in mir lebt und daß ich erst langsam und allmählich mich mit meinen Gefühlen in den neuen Verhältnissen zurechtfinden kann.«

»Wir haben ja Ähnliches erlebt,« sagte der Graf Spangendorf, »lange Zeit wurde ja auch hier die preußische Herrschaft als eine fremde gefühlt, und charakteristisch ist es, daß noch heute, wo das längst vorüber ist, von der ganzen Bevölkerung die Soldaten einfach die ›Preußen‹ genannt werden. Es ist das eine aus der früheren Zeit überkommene Bezeichnung, die heute durchaus nicht mehr den Begriff des Fremden und Feindlichen hat, die aber doch deutlich beweist, wie man zur Zeit ihrer Entstehung gedacht und empfunden hat. Was hier geschehen ist, wird sich in Hannover wiederholen, und um so schneller und sicherer, je fester, klarer und deutlicher Preußen seiner Politik eine deutschnationale Basis gibt. Ich gehöre ein wenig«, sagte er lächelnd, »noch den Gesinnungen und Anschauungen der alten Reichsritterschaft an, und ich muß Ihnen sagen, daß, so aufrichtig ich meinem preußischen König ergeben bin, doch der Krieg mit Österreich und das gänzliche Verschwinden dieses alten Kaiserstaats aus der deutschen Geschichte mich schmerzlich berührt hat, – der Gedanke des Reichs hat für uns hier etwas zauberisch Verlockendes, und wenn Preußen die Reichsfahne zu entrollen und die alte Krone der deutschen Kaiser auf das Haupt seines Königs zu setzen in die Lage käme, so würde meine und aller mir Gleichgesinnten freudige Begeisterung einer solchen Zukunft gehören.«

»Das ist auch das Gefühl,« sagte der Regierungsrat lebhaft, »welches uns alle in Hannover beseelt, die wir eine Versöhnung der Vergangenheit mit der Zukunft anstreben. Die einfach preußische Eroberung wird noch lange antipathischen Widerstand in den Gesinnungen des Volks finden, aber die Wiederherstellung eines großen, mächtigen Deutschlands würde mit einem Male den Geistern eine andere, neue Richtung geben, die Gemüter versöhnen und alles zum guten Ende führen.«

»Nach meiner Überzeugung wird es ja dazu kommen,« sagte der Graf, indem er ernst nach dem im Abendsonnenschein schimmernden Rhein hinüberblickte, »unsere Nachbarn dort jenseits des Stroms trachten ja mehr und mehr danach, daß dieses diplomatische Spiel und Widerspiel, welches seit 1866 zwischen dem Kaiser Napoleon und dem Grafen Bismarck geführt wird, endlich zu einer kriegerischen Entscheidung gedrängt werde, und wenn Deutschland in diesem Kriege siegreich sein sollte, wie ich sicher glaube und hoffe, dann wird, dann muß ja das alte Reich wieder erstehen und die alte nationale Kaiserherrlichkeit sich wieder erheben. Dann«, fuhr er fort, »wird der Deutsche Kaiser alle die Herzen willig sich unterwerfen, welche heute noch dem Könige von Preußen Widerstand leisten.

»Auch ich«, sagte der Regierungsrat, »glaube an eine solche Zukunft, und ich wünsche und erhoffe sie auch im Interesse meines speziellen Vaterlandes Hannover. Wieviel schöner freilich«, fügte er mit leichtem Seufzer hinzu, »würde eine solche Zukunft sich gestalten, wenn jene unglückselige Spaltung des Glaubens und der Kirche unser deutsches Vaterland nicht in zwei Hälften teilte! Selbst für die kaiserliche Macht würde es schwer sein, die volle nationale Einigkeit herzustellen, solange nicht die ganze Nation im Glauben und im Gewissen einig ist.«

Ein wenig erstaunt blickte ihn der Graf an.

»Sie beklagen«, sagte er in verwundertem Ton, »die Folgen der Reformation?«

»Ich bin Katholik, Herr Graf«, sagte der Regierungsrat, »wie Sie, und als solcher sehe ich die Reformation für ein großes nationales Unglück an, vielleicht deshalb, weil die Kirche es damals nicht verstand, selbst im freien Entgegenkommen Mißbräuche abzustellen, weil sie es nicht verstand, die Bewegung der Geister zu fassen und zu leiten, und weil sie so vielleicht selbst die Schuld trug, daß diese Bewegung, statt zu einer Reformation zu führen, eine Sezession schuf.«

Der Graf blickte in sinnendem Ernst vor sich nieder.

»Sie sind Katholik,« sagte er, »ich freue mich herzlich, in Ihnen einen Glaubensgenossen zu begrüßen, und kann mich Ihnen gegenüber also freier aussprechen, als ich es sonst tue, da man uns ja, wie Sie auch wissen werden, so leicht besondere Anschauungen und Ansichten unterzuschieben geneigt ist. Aber gerade als Katholik«, fuhr er fort, »kann ich für das Wohl unserer heiligen Kirche eine Vereinigung Deutschlands in einem neuen Reiche nur als ein günstiges Ereignis betrachten.«

»Viele meiner Glaubensgenossen in Hannover«, sagte der Regierungsrat, »denken anders. Ich persönlich halte mich von jeder Vermischung politischer und religiöser Fragen geflissentlich fern. Indessen es wird Ihnen vielleicht bekannt geworden sein, Herr Graf, daß unsere Kirche in Hannover eine ganz besonders günstige und selbständige Stellung hatte, daß ihr dort viele Rechte zustanden, welche sie in Preußen nicht mehr besitzt, und es ist vielleicht nicht unnatürlich, daß unsere Glaubensgenossen dort befürchten, nach der Einverleibung in Preußen auch diese Selbständigkeit ihrer Kirche allmählich einzubüßen.«

»Diese Befürchtung«, erwiderte der Graf, »würde sich am wenigsten realisieren, wenn Deutschland wirklich zu einem einigen Reich sich gestaltete, und wenn die so ganz katholischen Gebiete Süddeutschlands sich als ein berechtigter und mächtiger Faktor in dem Gesamtleben der Nation geltend machten. Die Könige von Preußen konnten protestantische Fürsten sein, für den Deutschen Kaiser ist dies unmöglich, und wenn er persönlich protestantischen Glaubens ist, so wird er die katholische Kirche in Deutschland um so mehr in ihrem Recht und in ihrer Selbständigkeit zu schützen Veranlassung haben, – um so mehr, wenn mit der Wiedererhebung des Reichs auch unter den deutschen Bischöfen der Geist der nationalen Selbständigkeit, der sie im Mittelalter der römischen Herrschaft gegenüber erfüllte, wiedererstehen sollte, was, wie ich glaube, eine natürliche und folgerichtige Erscheinung sein müßte.«

»Sie halten eine Kirche für möglich,« fragte der Regierungsrat befremdet, »welche sich auf nationaler Basis von Rom loslösen würde, wie dies in Frankreich mehrfach, aber vergeblich versucht worden ist?«

Der Graf lächelte.

»Sie verstehen mich falsch,« sagte er, »ich bin ein eifriger Anhänger der einen und unteilbaren römischen Kirche. Als bester Beweis dafür möge Ihnen dienen, daß mein zweiter Sohn, der einzige jüngere Bruder des Offiziers, den Sie soeben hier gesehen, mit meiner Erlaubnis in den Dienst des Heiligen Vaters eingetreten ist, um dessen Recht und dessen Unabhängigkeit nötigenfalls mit seinem Leben zu verteidigen, – aber«, fuhr er fort, »so sehr ich die Unteilbarkeit und Einheit der Kirche in allen Glaubenssätzen und allen rein geistlichen Fragen für notwendig halte, so glaube ich doch, daß in ihrer äußeren Organisation und namentlich in ihren Beziehungen zur Staatsregierung die Kirche in großen Ländern ihre Eigenart und Selbständigkeit, – ich sage es geradezu, ihre Unabhängigkeit von der römischen Kurie erstreben und bewahren muß, wie das ja zum Beispiel in Ungarn und in den morgenländischen Diözesen der Fall ist. Dadurch werden alle Konflikte mit der Staatsgewalt vermieden, welche in einer national selbständigen Kirche niemals einen Gegner oder eine Gefahr erblicken kann, und deren Mißtrauen nur dadurch erzeugt und genährt wird, daß sie in der ganzen Organisation, Verwaltung und Herrschaft der Kirche sich immer der Hand Roms gegenüber befindet, das heißt, der Hand einer Macht, welche außerhalb ihrer Macht und Rechtssphäre liegt. In den geteilten Ländern Deutschlands«, fuhr er fort, »konnte eine solche Selbständigkeit der Kirche nicht erwachsen, nicht bestehen, in dem geeinigten Deutschland wird dies möglich sein, und wenn man in Rom klug und geschickt ist, und wirklich das Heil der Kirche vor Augen hat, so wird man von dort aus selbst die Hand dazu bieten.«

»Es liegt viel Wahres in ihrer Bemerkung, Herr Graf,« sagte der Regierungsrat, welcher mit hoher Aufmerksamkeit zugehört hatte, »und ich wünschte, daß diese Gedanken auch in meiner besonderen Heimat sich geltend machten; freilich wird das wohl erst möglich sein, wenn wirklich eine deutsche nationale Einheit geschaffen ist. Jetzt steht man dort noch zu sehr auf dem partikularistischen Standpunkt, von welchem aus, wie ich schon bemerkte, man in Preußen wesentlich die protestantische Macht erblickt, der gegenüber man sich eines gewissen Mißtrauens nicht erwehren kann.«

»Sie haben dort einen sehr eifrigen und geistvollen Vertreter der katholischen Interessen,« sagte Graf Spangendorf, »Ihren früheren Minister Windthorst, ich habe ihn in Berlin kennen gelernt, auch einige Male in der Kammer sprechen hören, und bin wirklich erstaunt gewesen, welch eine Fülle von Geist und scharfer Schlagfertigkeit diese anfangs so unscheinbare Persönlichkeit zu entwickeln vermag. Er scheint seine politische Tätigkeit mehr und mehr aufzugeben und sich wesentlich dem Dienst und der Verteidigung der katholischen Kirche zu widmen.«

»Vielleicht,« sagte der Regierungsrat mit einem eigentümlichen Lächeln, »weil – ihm die politische Tätigkeit verschlossen ist. Ich kenne ihn persönlich nur wenig, – aber man hat mir erzählt, daß er sehr geneigt gewesen sein solle, an leitender Stelle die Hinüberführung der hannöverischen Justizverwaltung in die neuen Verhältnisse zu übernehmen, und daß er sehr peinlich durch die Ernennung Leonhardts, seines früheren Generalsekretärs, zum preußischen Justizminister berührt worden sei. Untätigkeit ist dieser reich und vielseitig begabten und strebenden Natur unmöglich, und auf dem kirchlichen Gebiet findet er das Feld wieder, das ihm in der Politik verschlossen ist.«

»Ich habe ihn nur flüchtig kennen gelernt,« sagte der Graf, das Gespräch abbrechend, »und jedenfalls ist es mir erfreulich gewesen, daß die Interessen unserer Kirche einen so geistvollen und beredten Verteidiger gefunden haben. Doch wenn es Ihnen recht ist,« sagte er aufstehend, »so lassen Sie uns ein wenig durch den Park gehen und unseren jungen Leuten folgen. Ich habe das Abendessen etwas früher bestellt, damit Sie noch die vollkommen bequeme Zeit zur Rückkehr nach Düsseldorf haben, aber uns bleibt immerhin noch eine halbe Stunde, um wenigstens einige Punkte des Parks anzusehen, auf die ich ein wenig stolz bin.«

Der Regierungsrat verneigte sich zustimmend.

Der Graf reichte ihm aus seinem Etui eine Zigarre, und beide Herren schritten schweigend dem Schatten des Parks zu, jeder in seine Gedanken über das eben geführte Gespräch vertieft, welches keiner von beiden für den Augenblick wieder aufzunehmen Neigung und Veranlassung fand.

Der Kaplan hatte sich, fortwährend in seinem Buche lesend, während des letzten Gespräches dem Grafen und dem Regierungsrat unbemerkbar etwas mehr und mehr genähert. Als die beiden Herren im Schatten der Bäume verschwunden waren, warf er über den Rand seines Buches hin, das er keinen Augenblick aus der Sehweite herabsinken ließ, denselben einen stechenden Blick nach.

»Das sind ja tief verwerfliche Ansichten,« sagte er vor sich hin, »die ich da soeben gehört habe, um so verwerflicher für einen Vertreter des altkatholischen Adels im Gebiet des Rheinlandes. Ich habe früher niemals Ähnliches vom Grafen aussprechen hören und habe ihn stets für einen strenggläubigen Sohn der Kirche gehalten, aber freilich das Gift der Zeit dringt überall hin und diese Gedanken der nationalen Selbständigkeit dem Heiligen Stuhl gegenüber sind das gefährlichste, das bedenklichste Gift, um so gefährlicher, als ähnliche Gedanken sogar an den Bischofssitzen auftauchen und Platz gewinnen. Ich muß darüber berichten und auch meinerseits darauf aufmerksam machen, welche Gefahr hier droht. Und auch dieser fremde Offizier, der in der letzten Zeit so oft hierherkommt, bringt mir Gefahr, seine Gegenwart droht mir diese junge Seele, die mir gehört und die ich dem Schoß der Kirche zuführen will, zu entreißen.«

Er warf einen wie in vulkanischem Feuer glühenden Blick nach dem Schatten des Parks hinüber.

»Aber«, flüsterte er dann aus seinen zusammengepreßten Lippen hervor, »was mir gehört, soll man mir nicht entreißen, eine Seele, die mein ist, ein Herz, das ich in meinen Händen halte, soll keinem anderen sich zuwenden.«

Er war einen Augenblick stehen geblieben, warf einen schnellen forschenden Blick nach den Fenstern des Schlosses hinauf, schloß dann sein Buch und ging mit langsamen, würdevollen, abgemessenen Schritten in das Haus.

Die beiden Offiziere mit der Gräfin Gabriele und ihrer Cousine waren durch einen langen, breiten Gang, von den Zweigen hoher Lindenbäume überdacht, bis zu einem runden Platz gekommen, der rings von Rosenhecken eingefaßt war und auf der einen Seite einen weiten Blick nach dem Rhein hin gewährte; auf der anderen Seite dieses Platzes stand, von weißen und roten Rosenstöcken umgeben, auf hohem Piedestal ein kleiner Amor von Marmor, der eben einen Pfeil aus seinem Köcher zieht, um ihn auf den Bogen zu legen.

»Hier muß man sich in acht nehmen,« rief Graf Xaver, »wenn dieser kleine heidnische Gott da oben seinen Pfeil auf uns abschießt, so ist es um uns geschehen, und wir müssen ewig in den Fesseln der Dame bleiben, auf welche gerade in dem Augenblick unser Blick gerichtet ist, wenn er nicht vielleicht«, fügte er mit einem lächelnden Seitenblick auf seine Cousine hinzu, »die große Freundlichkeit hat, auf die Dame zu zielen, statt auf uns – dann ist die Sache umgekehrt.«

»Das kann gar nicht vorkommen,« sagte Fräulein Josephine spöttisch, »die Herzen der Damen sind gegen solche Geschosse geschützt, ich wenigstens fürchte mich vor dem Pfeil nicht und würde ruhig abwarten, wohin der kleine Gott zielen möchte.«

Graf Xaver hatte einen Rosenzweig gepflückt, und unbemerkt an seine Cousine herantretend, berührte er ganz leicht mit einem Dorn dieses Zweiges die nur durch leichten Tüll verhüllte Schulter der jungen Dame.

Fräulein Josephine zuckte zusammen und stieß einen leichten Schrei aus.

»Siehst du,« sagte ihr Vetter, »man muß den Teufel nicht an die Wand malen. Und dieser Amor ist ja ein kleiner Teufel, dich hat er für deine Vermessenheit schon getroffen. Wenn du mich jetzt ansiehst, so wird es sehr gefährlich werden.«

»Wie unartig,« sagte Fräulein Josephine, »wie ungalant!« Und schmollend wandte sie sich ab, ohne die Augen zu ihrem Vetter aufzuschlagen.

»Du sollst mich jetzt ansehen,« rief dieser, »um die Macht des kleinen Gottes, den du verhöhnt hast, zu fühlen, oder sein Pfeil trifft dich noch einmal.«

Er erhob drohend den Rosenzweig gegen die Schulter seiner Cousine. Diese bog sich zur Seite und eilte davon in der Richtung des Weges, welcher nach der Rheinaussicht hinführte.

Graf Xaver verfolgte sie mit dem Rosenzweig in der Hand, bis sie in einiger Entfernung plötzlich stehen blieb und drohend und abwehrend ihm ihre Hände entgegenstreckte. Da hielt er an, man sah ihn die Dornen von seinem Zweig brechen und dann seiner Cousine die Rose reichen, welche sie zögernd annahm und an ihre Brust steckte. Die beiden jungen Leute beeilten sich jedoch nicht, nachdem dies geschehen, wieder zurückzukehren, sondern blieben auf dem Platz, den sie erreicht, stehen, in einem Gespräch, das augenscheinlich ernster und auch inniger und verständnisvoller war als ihre bisherigen Neckereien.

Herr von Rothenstein stand allein unter dem Bilde des Liebesgottes, während die Gestalten des Grafen Xaver und des Fräulein Josephine in der Ferne von dem Hintergrunde des abendroten Himmels wie eine reizende Staffage des schönen Landschaftsbildes sich abhoben.

Eine tiefe Bewegung zuckte auf dem Gesicht des Leutnant von Rothenstein, während Fräulein Gabriele ernst und ruhig mit niedergeschlagenen Augen dastand und kaum den eigentümlichen Reiz dieser vom Abendgold verklärten Natur zu bemerken schien.

»Wie schön ist es hier bei Ihnen, Komtesse,« sagte Herr von Rothenstein, »und wie heimisch und lieb mutet mich das alles hier an, mich, der ich bisher stets allein im Leben war, und der ich den Reiz der Heimat entbehrte, welche mit dem Schimmer ihrer Erinnerung unser ganzes Leben vergoldet! Wie glücklich sind Sie und Ihr Bruder in dieser so schönen Heimat!«

»Sie haben mir erzählt,« sagte Gräfin Gabriele, »daß Sie allein, ohne Eltern und Verwandte aufgewachsen sind. Das ist recht traurig,« fuhr sie fort, indem sie das große, leuchtende Auge einen Augenblick zu ihm aufschlug, »recht traurig, und gewiß ist es ein großes Glück, eine Heimat zu haben, und eine so schöne Heimat wie diese. Es ist wahr,« fuhr sie leise fort, »man kann auch in der Heimat allein sein, unsere Seele hat ja doch nur eine wahre Heimat, in der sie zu vollem Glück gelangen kann, – und diese Heimat ist nicht auf Erden.«

Erstaunt, fast erschrocken sah Herr von Rothenstein das junge Mädchen an, welches die letzten Worte in einem Ton gesprochen hatte, der weder zu ihrem Alter noch zu der heiteren, schönen und lichten Umgebung paßte, in der sie sich befanden.

»Mein Gott, Komtesse,« rief er wie scherzend, indem jedoch ein Klang von Unruhe und Besorgnis in seiner Stimme lag, »jene ewige Heimat der menschlichen Seele liegt uns, liegt Ihnen besonders doch noch unendlich fern, Ihnen, der die Erde allen Reiz bietet, den sie besitzt, Ihnen, die Sie die Aufgabe haben, glücklich zu werden und«, fügte er mit etwas leiserer, inniger Stimme zu, »glücklich zu machen.«

»Der Mensch steht in jedem Alter«, erwiderte Fräulein Gabriele ernst und fast düster, »unmittelbar vor den Pforten seiner ewigen Heimat, in jedem Augenblick können sich dieselben öffnen, und wir müssen bereit sein, die Schwelle zu überschreiten, welche uns von allen irdischen Gütern, von allem flüchtigen irdischen Glück trennt.«

»Ich verstehe es nicht,« rief Herr von Rothenstein, »wie Sie solche traurige, düstere Gedanken in sich tragen können, hier an den Ufern des schönen Rheins, wo alles fröhliche Lust und heiteres Leben atmet, wo die Lieder der Minnesänger einst erklangen, wo uns der poetische Hauch der Sagen der Vorzeit umweht. Ich trage oft auch«, fuhr er fort, »düstere Gedanken in mir, aber wenn ich hier geboren wäre, wenn ich hier aufgewachsen wäre im lieben Heimatkreis,« sagte er, während der dunkelglühende Abendhimmel sich in seinen Augen widerspiegelte, »dann würde mein Herz ebenso voll von Glück, von Poesie, von Liebe und Freude sein, wie es das Ihres Bruders und wie es auch das Ihrige sein sollte. Ich habe immer eine so tiefe Sympathie gehabt«, sprach er immer lebhafter weiter, »für diese wunderbaren Sagengestalten des Rheins, in denen allen die heldenmütige Tapferkeit und die ritterliche Minne lebt. Ich habe mich begeistert, als ich noch fern von den grünen Fluten dieses herrlichen Stromes lebte, an den Heldengestalten der Nibelungen, an den lieblichen Märchen von Nixen und Elfen und an der unzerstörbaren Treue des Ritters von Toggenburg, der in allen Kämpfen, allen Fernen das Bild seiner Geliebten unzerstörbar im Herzen trägt.«

Er hatte immer wärmer, immer inniger gesprochen, seine sonst kalten und abgeschlossenen Züge waren von tiefem Gefühl durchleuchtet, seine Blicke ruhten mit weichem Strahl auf der zarten Gestalt des jungen Mädchens.

Gräfin Gabriele hatte ihre Augen zu ihm aufgeschlagen. Der leise Hauch einer kaum sichtbaren Röte erschien auf ihrem bleichen Gesicht und es schien, als ob das Feuer seiner Augen auch in ihren Blicken eine sanfte Wärme erzeugte. Bei seinen letzten Worten flog es wie ein leichtes Zittern durch ihre Gestalt, langsam schlug sie die Augen nieder, und indem sie die Spitzen ihrer zarten Finger aneinanderlegte, sagte sie leise, wie den durch seine Worte angeregten Gedanken folgend, vor sich hin:

»Ritter, treue Schwesterliebe
Widmet Euch dies Herz,
Fordert keine andre Liebe,
Denn es macht mir Schmerz.«

Herr von Rothenstein zuckte zusammen, auch er schlug die Augen nieder, und wie schmerzliche Trauer zuckte es um seinen Mund bei diesem durch seine Erwähnung der alten Sage so natürlichen Zitate.

Einige Augenblicke standen beide schweigend nebeneinander.

Endlich sagte Herr von Rothenstein in ruhigem und heiterem Ton, indem er auf den Grafen Xaver und seine Cousine deutete, welche langsam und in lebhafter Unterhaltung wieder auf den runden Platz zugeschritten kamen:

»Sehen Sie, Komtesse, Ihr Bruder und Ihre Cousine führen nicht so ernste Gespräche als wir – sie haben der Rose den verletzenden Dorn genommen, und Fräulein von Altheim trägt die schöne, glückbringende Blüte an ihrer Brust, – mein Leben«, fuhr er nach kurzem Zögern, wie einem schnellen Entschluß folgend, fort, »hat wenig Blüten bisher gehabt… Wollen Sie nicht auch mir eine von diesen Rosen schenken zur Erinnerung an diese Stunde, die mit ihrem schönen Blick auf diese lichte, liebliche Natur mir wie ein goldener Erinnerungspunkt unvergeßlich sein wird.«

Gräfin Gabriele schlug langsam die Augen auf, sah ihn einen Augenblick wie fragend an, dann wandte sie sich zu dem Rosenstock, welcher die kleine Statue umgab, und streckte vorsichtig, die Dornen vermeidend, ihre Hand nach den Blüten aus.

Mit glückstrahlendem Blick folgte Herr von Rothenstein ihrer Bewegung.

Das junge Mädchen wandte sich wieder um und reichte die Blumen, die sie gepflückt, dem Leutnant hin.

»Dank, tausend Dank«, rief dieser mit zitternder Stimme, indem er fortwährend in ihre Augen blickte, – dann nahm er die Blume und hob sie langsam zu seinen Lippen empor. Aber plötzlich wurden seine Blicke starr und düster, ein Zug tiefbitteren Schmerzes erschien auf seinem Gesicht – es war eine weiße Rose, die sie gepflückt und ihm gegeben hatte.

Gräfin Gabriele stand bleich und zitternd vor ihm, sie hatte den Ausdruck seines Gesichtes gesehen und machte eine Bewegung, als ob sie sich abwenden wolle, als ob sie fürchte, daß er das, was in seinen Zügen geschrieben stand, in Worten aussprechen möchte.

Graf Xaver und seine Cousine waren herangekommen. Zugleich hörte man von dem Weg zum Schlosse her die Stimmen des Grafen und des Regierungsrats, welche nach einigen Augenblicken aus dem Schatten der Allee hervortraten.

Die Unterhaltung wurde allgemein und alle kehrten gemeinschaftlich nach dem Schlosse zurück, denn die Stunde des Abendessens war herangekommen.

Herr von Rothenstein hatte die weiße Rose in seine Uniform gesteckt und ging schweigend neben der Gräfin Gabriele her, nur durch gelegentliche allgemeine und zerstreute Bemerkungen an der Unterhaltung teilnehmend.

Zweites Kapitel

König Georg V. war im Sommer 1869 wieder nach Gmunden gezogen und bewohnte dort wie im vorhergehenden Jahre die Villa Thun auf der Höhe vor der Stadt.

Der König saß in seinem Arbeitszimmer neben dem großen Speisesaal im Erdgeschoß der Villa. Die Fenster waren geöffnet und ließen die würzige Luft der hohen Waldungen mit dem frischen Hauch des Sees in das Zimmer dringen, dessen Wand einige von den früheren Bewohnern dort aufgehängte so schlechte Bilder verunzierten, daß der König, wenn er sie je hätte sehen können, gewiß sofort ihre Entfernung würde befohlen haben.

Vor dem Könige saß der Geheime Kabinettsrat, der in den letzten Jahren, wenn möglich, noch etwas kleiner, noch etwas trockener und noch etwas mürrischer geworden zu sein schien, beschäftigt, ein Paket Papiere, aus welchen er dem Könige soeben vorgelesen hatte, mit einem roten Band wieder zusammenzubinden.

Der König hatte einen Augenblick nachdenkend den Kopf sinken lassen, dann wandte er sein Gesicht mit dem so lebhaft bewegten geistigen Ausdruck nach der Seite des Kabinettsrats hin und sagte:

»Wie schwer ist es doch, den Ereignissen in dieser politischen Welt zu folgen, sie richtig zu würdigen und aus ihnen die Gestaltung der Zukunft zu kombinieren! Sie haben mir die Berichte aus Paris vorgelesen, und fast möchte ich sagen, daß ich durch dieselben noch unsicherer, noch unklarer geworden bin als vorher. Meding schreibt mir, daß der Ausbruch des Krieges wie das Schwert des Damokles an einem dünnen Faden über der politischen Welt hängt, daß dieser Faden immer dünner und schwächer wird und daß, trotz dem inneren Widerstreben des Kaisers, mit mathemetischer Gewißheit der Ausbruch urplötzlich, unvorbereitet und überraschend erfolgen werde in einem, wenn auch nicht ganz genau vorher zu bestimmenden, so doch gewiß nicht mehr sehr fernen Augenblick. Der Graf Breda dagegen«, fuhr er fort, »versichert, daß der Kaiser nie etwas unternehmen werde, daß seine Macht vollständig unterwühlt sei, und daß die Orleans die Erben dieser Macht und der Aufgaben sein würden, welche das Kaiserreich ungelöst gelassen habe. Nach dieser Richtung hin müsse man also Fäden und Verbindungen anknüpfen, denn dort seien die Führer der Aktion der Zukunft, welche dem Kampf für mein Recht Raum und Gelegenheit würden bieten müssen. Wie schwer ist es, bei so verschiedenen und von beiden Seiten mit Bestimmtheit ausgesprochenen Auffassungen die wahre Lage der Dinge zu erkennen!«

»Diese Verschiedenheit der Auffassung scheint mir natürlich, Majestät,« sagte der Geheime Kabinettsrat mit seiner dünnen scharfen Stimme, »denn die beiden Herren sehen aus ganz verschiedenen Kreisen heraus die Verhältnisse in Paris an. Der Graf Breda lebt wesentlich unter den, dem Kaiser und Kaiserreich feindlichen Elementen, während der Regierungsrat Meding vorzugsweise mit der Regierung und der diplomatischen Welt in Beziehung steht. Jedenfalls ist es gut, von allen Seiten informiert zu sein.«

Der König schüttelte den Kopf.

»Das verwirrt aber,« sagte er, – »was ich um so mehr beklage, als es gerade in meiner Lage das Wichtigste ist, genau und wirklich wahr unterrichtet zu sein über das, was vorgeht. Ich bedaure eigentlich,« sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, »daß ich mich, vom Grafen Platen veranlaßt, mit diesem Grafen Breda eingelassen habe. Der Kronprinz war so eingenommen von ihm, der Graf Breda hatte ihm Wunderdinge von seinen persönlichen Relationen in Paris erzählt, die sich doch nun auf sehr enge und beschränkte Kreise reduziert haben – und dann sollten seine Dienste so wohlfeil sein,« fügte er mit leichtem Sarkasmus hinzu, »und davon spüre ich auch nichts, denn ich habe durch Elster nicht ganz unerhebliche Summen für ihn anweisen lassen. Freilich«, fuhr er fort, »dieser Punkt kommt jetzt, Gott sei Dank, weniger in Betracht, da ja die vortrefflichen Geschäfte der Wiener Bank meine finanzielle Lage so unendlich verbessert haben, und ich, wenn die Sache weiter so günstig verläuft, bald in die Lage kommen werde, ohne alle Rücksicht und Einschränkung die ganze große Macht der Geldmittel für meine Rechte in die Wagschale werfen zu können. Nicht wahr, die Aktien der Wiener Bank stehen jetzt hoch? Über Zweihundert?«

»Zweihundertundfünfundsiebzig, Majestät«, erwiderte der Geheime Kabinettsrat kurz und trocken.

»Es ist doch eine ganz vortreffliche Idee gewesen,« sagte der König, indem er rasch die Hände aneinanderrieb, »dieses große Geldinstitut zu gründen und damit die wesentlichste und wichtigste Macht, welche heute die Welt regiert, mir dienstbar zu machen. Wer hätte«, fuhr er dann fort, »in diesem unscheinbaren und bescheidenen Elster ein solches Finanzgenie gesucht! – So bringen immer außergewöhnliche Zeiten außergewöhnliche Menschen hervor, und wenn ich wieder in mein Reich zurückkehre, so wird es mir ein großer Gewinn sein, solche Begabung in der Zeit der Not und des Exils erkannt zu haben. Dieser Elster, der einen so großen Teil seines Lebens in der untergeordneten Tätigkeit des subalternen Bureaudienstes zugebracht hat, entpuppt sich da plötzlich als eine finanzielle Kapazität ersten Ranges, welche von den Matadoren der Wiener Börse als eine Autorität betrachtet wird, und welche man mir schon abwendig zu machen sucht, denn er hat mir vor kurzem geschrieben, daß die neugegründete Forstbank ihm bedeutende Offerten gemacht habe, wenn er in ihren Verwaltungsrat eintreten wolle, was er aber abgelehnt habe, um meinem Dienst seine ganze Kraft zu erhalten.«

Der Geheime Kabinettsrat schwieg. Ein eigentümliches skeptisches Lächeln spielte um seinen kleinen, faltig zusammengepreßten Mund.

Der König sah dies Lächeln nicht, aber er schien betroffen durch das Stillschweigen seines langjährigen, vertrauten Sekretärs, von dem er eine zustimmende Antwort erwartet haben mochte.

»Sie teilen meine Ansicht über die Nützlichkeit der Wiener Bank nicht, mein lieber Lex,« sagte er dann im Ton zögernder Frage, »Sie sind noch nicht von Ihrem Vorurteil gegen dieses Institut zurückgekommen?«

»Eure Majestät«, sagte der Geheime Kabinettsrat, »haben die Sache lange und eingehend geprüft, Sie haben dieselbe beschlossen und ins Leben gerufen. Was würden jene retrospektiven Bedenken und Gründe helfen? Ich habe ja seinerzeit meine Ansichten Eurer Majestät aufrichtig und einfach ausgesprochen, und da Allerhöchstdieselben mich fragen, muß ich Ihnen gestehen, daß ich auch heute noch mich von meinem tiefen Mißtrauen gegen alle solche Bank- und Kreditinstitute nicht freimachen kann, deren Basis ja doch nur auf imaginärem Wert beruht. Für den Augenblick sind allerdings bedeutende Erfolge erzielt, aber es wird immer wesentlich Glückssache sein, ob dieselben für die Zukunft erhalten werden können und dauernde Resultate liefern. Das Glück aber, Majestät, beruht auf Zufall, und es erfüllt mich mit einiger Besorgnis, einen so großen Teil des ohnehin schon beschränkten königlichen Vermögens den Chancen des Zufalls preisgegeben zu sehen.«

Der König lachte.

»Wissen Sie, lieber Lex,« sagte er, »daß es ein wahres Glück, eine segensreiche Fügung der Vorsehung ist, daß ich Sie gefunden habe?«

»Ein Glück für mich jedenfalls, Majestät,« sagte der Geheime Kabinettsrat, sich verneigend, im Ton aufrichtigster Überzeugung, »denn wie hätte ich einen glücklicheren Beruf finden können, als einem so edlen und gnädigen Herrn meine geringen und bescheidenen Kräfte zu widmen!«

»Ich meine«, sagte der König, »nicht Sie, sondern mich. Für mich ist es ein Glück daß ich Sie gefunden habe, und abgesehen von Ihrer Treue und Hingebung, welche Sie mir stets in so unermüdlicher Weise bewiesen haben, ergänzen sich unsere Naturen auf wunderbare Weise. Ich bin geneigt zu raschen Entschlüssen, zu Illusionen und zu kühnen Handlungen, zu raschem Vertrauen in das Schicksal und in die Menschen. Sie sind das lebendige Korrelativ für meine Eigenschaften mit Ihrem unzerstörbaren Mißtrauen, mit Ihrer stets vorsichtigen Bedenklichkeit, mit Ihrer logischen und scharfen Erwägung aller Hindernisse und Gegengründe, – ich muß wirklich der Vorsehung danken, daß sie mich Sie hat finden lassen, und ich bitte Gott, Sie mir lange zu erhalten«, fügte er mit innigherzlichem Ton hinzu, indem der Ausdruck eines tiefen Gefühls sein Gesicht erleuchtete.

Er reichte dem Kabinettsrat seine Hand hin, welche dieser, sich auf dieselbe herabbeugend, mit seinen Lippen berührte.

»Haben Sie noch etwas?« fragte er nach einer augenblicklichen Pause.

Der Geheime Kabinettsrat zog einen zusammengefalteten Bogen aus der Tasche seines Rockes hervor und sagte mit einer gewissen leichten Ironie in seinem Ton:

»Graf Platen, Majestät, berichtet über eine Unterredung, die er mit dem Grafen Beust gehabt habe.«

»Nun?« fragte der König gespannt.

»Graf Platen will aus dieser Unterredung wahrgenommen haben, daß Herr von Beust unzufrieden mit Eurer Majestät Vertretung in Paris sei, und daß er es für zweckmäßig halte, wenn Eure Majestät dort Ihre offizielle und quasi persönliche Repräsentation ganz aufhören ließen, da dieselbe zu sehr die Aufmerksamkeit Ihrer Gegner auf sich zöge und dadurch Ihren Interessen mehr schadete als nützte, da es ja doch viel zweckmäßiger sei, alles, was dort geschehe, mit der Stille des tiefsten Geheimnisses zu umgeben.«

Der König stützte den Kopf in die Hand und versank einige Sekunden in schweigendes Nachdenken.

»Sollte der Reichskanzler«, sagte er dann leise, wie zu sich selber sprechend, »wirklich mit dem Grafen Platen eingehend über meine Angelegenheiten und die Zukunft meiner Sache gesprochen haben? Freilich«, fuhr er dann in demselben Ton fort, »in der Staatskanzlei würde man es vielleicht lieber sehen, wenn meine Entschlüsse und Handlungen nur von dort aus inspiriert würden, wenn ich nur den Staatsrat Klindworth allein hörte und meine eigenen, mir wirklich ergebenen Diener von mir entfernte.«

Er dachte abermals schweigend nach.

»Wollen Sie, mein lieber Lex,« sagte er dann, den Kopf aufrichtend, »ein Schreiben an den Grafen Platen aufsetzen, in welchem ich ihm sage, daß ich ihm für seine Mitteilung danke, daß mich dieselbe aber etwas habe befremden müssen, da gerade von derselben Seite, von welcher jetzt nach seinem Bericht ein abfälliges Urteil über meine Vertretung in Paris ausgesprochen sein solle, im Laufe dieses Sommers mehrfach und sehr nachdrücklich mir der Wunsch zu erkennen gegeben worden sei, ihn, Graf Platen, selbst von der Leitung meiner Geschäfte zu entfernen. Ebensowenig wie ich solchem, seine Person betreffenden Wunsch nachgegeben hätte, – ebensowenig könne und werde ich auch jetzt auf das ihm ausgesprochene Urteil, das ich nicht teilen könne, irgendwelche Rücksicht nehmen.«

Der Kabinettsrat hatte sich rasch, mit den Zügen des Bleistifts den Worten des Königs folgend, einige kurze Notizen gemacht.

Georg V. rieb sich mit heiterem Gesichtsausdruck und leicht pfeifend die Hände.

»Das ist sehr gut, sehr gut,« sagte er, »das wird diesem Dinge hoffentlich ein für allemal ein Ende machen.«

Der Kammerdiener meldete den Hofmarschall Grafen Wedel.

Der Geheime Kabinettsrat erhob sich.

»Guten Morgen, lieber Wedel«, rief der König dem Grafen mit herzlichem Ton entgegen, welcher unmittelbar darauf in das Kabinett trat. »Was haben Sie vor allem für Nachrichten von der Gräfin und von Ihrem kleinen neugeborenen Kind?«

»Es geht bis jetzt alles gut,« sagte Graf Wedel, – »ich danke Eurer Majestät für Ihre gnädige Teilnahme. Meine Frau ist wieder vollkommen wohl, und ich sehe in einigen Tagen ihrer Ankunft entgegen. Ich werde dann Eure Majestät um die Erlaubnis bitten, ihr nach Wien entgegenreisen und einige Tage abwesend sein zu dürfen.«

»Gewiß, gewiß, lieber Graf,« rief der König, »ich hoffe Ihre Frau mit den Kindern bald hier zu sehen. Je schneller sie in diese schöne, reine Luft kommt, um so eher wird sie sich ganz erholen. Es ist recht traurig,« fuhr er ernst fort, »daß das schwere Schicksal meines Hauses und meines Landes auch Sie in Ihrem Familienleben betrifft und Sie zwingt, jetzt von der Gräfin getrennt zu sein.«

»Die Ehre und Freude, Eurer Majestät in dieser Zeit zur Seite zu stehen,« erwiderte Graf Wedel, »muß auch mit einem kleinen Opfer erkauft werden, das ich doch außerdem«, fuhr er mit einem Anflug von schmerzlichem Humor fort, »sehr erheblich mir selbst bringe, denn ich kann Eurer Majestät versichern, daß ich gar keine Neigung habe, nach Hannover zurückzukehren und mich dort als Sträfling auf zehn Jahre einsperren zu lassen. Unter diesen Verhältnissen vereinige ich hier in Gmunden das Angenehme mit dem Nützlichen, die schöne Luft und Natur mit meiner persönlichen Freiheit und Sicherheit, – doch«, sagte er abbrechend, »ich bin gekommen, um Eurer Majestät mitzuteilen, daß der Staatsrat Klindworth angekommen ist. Ich habe dem alten Herrn ein Zimmer in meiner Wohnung gegeben, wo er ganz unbeachtet und ungestört ist, und wo Eure Majestät ihn ohne jedes Aufsehen sprechen können, da Allerhöchstdieselben ja wünschten, daß Ihre Beziehungen zu dem Staatsrat Klindworth so wenig wie möglich bekannt werden, was auch gewiß mit Rücksicht auf die vielen Indiskretionen, welche leider fortwährend vorgehen, sehr wünschenswert und notwendig ist.«

»Das ist vortrefflich,« rief der König lebhaft, »vortrefflich, daß der Staatsrat gerade angekommen ist. Er schreibt nicht gern und hat mich in betreff seiner Tätigkeit in Paris auf die mündlichen Mitteilungen, die er mir machen würde, verwiesen. Soeben noch sagte ich dem Geheimen Kabinettsrat, wie schwer es sei, unter den verschiedenen Mitteilungen, die von dem großen Mittelpunkt der Weltpolitik an mich gelangen, das Richtige und Wahre zu unterscheiden, und gerade jetzt kommt der Staatsrat an, der mir, wie ich hoffe, den bestimmt leitenden Faden dieses Labyrinths in die Hand geben wird.«

»Der Staatsrat Klindworth, Majestät,« sagte der Geheime Kabinettsrat mit seiner feinen, scharfen Stimme, »hat gewiß sehr gute Beziehungen und sehr viel Scharfblick in politischen Dingen, aber Eure Majestät dürfen nach meiner unvorgreiflichen Ansicht nicht vergessen, daß dieser Herr in seinem bewegten Leben schon sehr vielen Interessen gedient hat, und daß man nicht immer ganz sicher sein kann, welches denn das eigentlich bestimmende Prinzip für seine Handlungen ist. Ich komme wieder mit meiner Vorsicht und meinem Mißtrauen,« fuhr er ein wenig lächelnd fort, »aber Allerhöchstdieselben haben ja gerade dies Mißtrauen soeben an mir gebilligt.«

»Und ich werde es immer billigen, mein lieber Lex«, sagte der König aufstehend, – »immer, obgleich ich glaube, daß es diesmal nicht ganz gerechtfertigt sein möchte, denn das Interesse seines eigenen Vorteils fesselt den Staatsrat sehr fest und unmittelbar an meine Sache und an den Sieg meines Rechts.«

Der Kabinettsrat schüttelte leicht den Kopf, doch sagte er nichts mehr.

»Ich will sogleich mit Ihnen nach Ihrer Wohnung gehen, mein lieber Alfred«, sagte der König, indem er die kleine goldene Glocke auf seinem Tisch stark bewegte.

Der Kammerdiener trat ein, reichte dem Könige die Handschuhe von dänischem Leder, ein großes spanisches Rohr mit goldenem Knopf und einen runden schwarzen Hut.

Georg V. streckte die Hand aus, Graf Wedel reichte ihm seinen Arm und fast unmerklich auf denselben sich stützend, verließ der König die Villa, während der Geheime Kabinettsrat sich nach seiner im Nebengebäude belegenen Wohnung zurückzog.

Der König stieg, immer auf den Arm seines Hofmarschalls gestützt, den langsam abfallenden Abhang vor der Villa Thun nieder; alle ihm begegnenden Bewohner der Stadt grüßten ihn ehrerbietig, denn alle kannten die hohe ritterliche Erscheinung des unglücklichen Herrn, der durch seine liebenswürdige Leutseligkeit und Natürlichkeit, wo er auch immer sein mochte, alle Herzen für sich gewann.

Nach kurzer Zeit hatten sie das Landhaus erreicht, welches der Graf Wedel bewohnte. Der Graf führte den König durch das Vestibüle in seinen Salon, rollte einen großen Lehnstuhl in die Nähe des Fensters und bat dann um die Erlaubnis, sich entfernen und den Staatsrat Klindworth zu Seiner Majestät führen zu dürfen.

Nach einigen Augenblicken kehrte er mit dem alten Herrn zurück, dessen Erscheinung unverändert dieselbe war, und auf den weder Reisen, Ermüdung und Arbeiten, noch selbst die alles beherrschende Zeit irgendeinen Einfluß ausüben zu können schienen.

Der Graf stellte einen Sessel für den Staatsrat neben den König hin und entfernte sich dann, während Herr Klindworth, nachdem er die freundliche Begrüßung des Königs mit einer tiefen und demütigen Verbeugung erwidert hatte, sich Seiner Majestät gegenüber niederließ.

»Ich bin unendlich gespannt, mein lieber Staatsrat,« sagte der König, »was Sie mir für Nachrichten aus Paris bringen werden. Sie haben mir in Ihrem letzten Brief nur ganz im allgemeinen mitgeteilt, daß alles gut steht, und schon dieses Wort aus Ihrem Munde hat mich beruhigt, denn ich weiß,« sagte er mit verbindlichem Neigen des Hauptes, »wie scharf Sie zu sehen und zu beurteilen verstehen. Aber ich vermag aus der äußeren Beobachtung der Verhältnisse nicht so recht einzusehen, woher jetzt eine günstige Wendung kommen soll, da alle europäischen Mächte sich vor dem Erfolg zu beugen scheinen, da sogar das schwer gedemütigte Österreich die Freundschaft der Macht sucht, welche alle seine historischen Rechte und Traditionen vernichtet hat, und da man in Frankreich nichts anderes zu tun zu haben scheint, als fortwährend das Berliner Kabinett mit Freundschafts- und Ergebenheitsbeweisen zu überhäufen.«

»Gerade dies, Majestät,« sagte der Staatsrat, indem er von untenherauf in das freie, offene und edle Gesicht des Königs blickte, »gerade dies sollte Eurer Majestät den Beweis liefern, daß unter der Oberfläche etwas Ernstes sich vorbereitet, denn die Freundschafts- und Friedensversicherungen, welche wie die Tauben mit den Ölzweigen die Welt durchfliegen, sind nie zahlreicher und nie inniger und herzlicher als einige Zeit vor dem Ausbruch großer Konflikte. Wenn man lange Zeit zwischen zwei Staaten gereizte und scharfe Erörterungen stattfinden sieht, so wird nach meiner Erfahrung selten etwas Ernstes daraus, – und das, was sich diesmal vorbereitet, wird allerdings eine der ernstesten Katastrophen sein, welche seit lange die Welt erschüttert haben –«

»Warum,« sagte der König düster vor sich hinblickend, »warum muß es so sein, warum muß ich Erschütterungen herbeiwünschen, die so viel Blut kosten und so viele Menschenleben zerstören werden – um mein Recht zu verteidigen, das zugleich das Recht meines Hauses und meines Volkes ist, und das ich nicht aufgeben kann, mag darüber zugrunde gehen, was da wolle!«

Er seufzte tief.

»Eure Majestät«, sagte der Staatsrat, »haben mir vor einiger Zeit ein sehr großes und wahres Wort gesagt, – ein Fürst, der regieren und seine Pflicht erfüllen will, muß die Furcht nicht kennen.«

Der König nickte lebhaft mit dem Kopf.

»Das ist wahr,« rief er, »und ich habe immer an diesem Grundsatz festgehalten.«

»Erlauben mir Eure Majestät,« fuhr der Staatsrat fort, »Ihren Satz zu ergänzen und zu der Furcht noch ein Zweites hinzuzufügen, das einem Fürsten stets unbekannt bleiben muß, – und dieses Zweite, Majestät, ist das Mitleid.«

»Das ist wahr,« sagte der König abermals tief seufzend, »wahr, aber auch recht traurig. – Sie glauben also,« sprach er dann weiter, »daß zu seiner Zeit Ereignisse eintreten werden, welche mir Spielraum und die Möglichkeit geben können, wirksam für die Wiedereroberung meines Rechts einzutreten?«

»Ich kann Eurer Majestät,« erwiderte der Staatsrat, indem ein eigentümlicher Blick aus seinen Augenwinkeln zu dem in gespannter Aufmerksamkeit sich etwas vorbeugenden König hinüberzuckte, – »ich kann Eurer Majestät die bestimmteste Garantie dafür geben, daß in weniger als einem Jahr ein großer europäischer Kampf das unvollendete und in seinen Fugen noch zitternde Gebäude von 1866 niederwerfen wird –«

»Niederwerfen?« fragte der König. »Glauben Sie des Sieges gewiß zu sein?«

»Gewiß, Majestät,« erwiderte Klindworth, »da die Sache so eingeleitet werden wird, daß ein Mißerfolg unmöglich ist. Alles, was ich Ihnen sagen werde, Majestät,« fuhr er dann mit leiser Stimme fort, indem er ein wenig näher zum König heranrückte und einen schnellen Blick durch das Zimmer schweifen ließ, »ist natürlich nur für Allerhöchstdieselben bestimmt. Vor allen Dingen dürfte, wie ich schon früher hervorzuheben die Ehre hatte, nichts von allem dem nach Hietzing gelangen –«

»Ich weiß, ich weiß,« sagte der König lebhaft, »Sie können ganz beruhigt sein. Außer meinem Geheimen Kabinettsrat erfährt niemand etwas von Ihren Mitteilungen, und selbst Ihre Beziehungen zu mir sind nur den wenigen Personen bekannt, welche notwendig sind, um dieselben zu unterhalten.«

»Ich habe also«, fuhr der Staatsrat fort, »den Kaiser Napoleon gesprochen und alle politischen Elemente in Paris, welche für die Situation maßgebend sind, genau beobachtet. Der Kaiser, Majestät, empfindet tiefer und tiefer, daß er die Herrschaft, deren Zügel sogar seinen Händen schon zu entschlüpfen beginnen, für seinen Sohn nur erhalten kann, wenn er noch einmal große militärische Erfolge erzielt und die in diesem Augenblick sehr zweifelhaft gewordene Stellung Frankreichs als erste Macht in Europa von neuem wieder fest begründet, denn den Thron, vor welchem die europäischen Mächte sich beugen, werden die Franzosen sich immer gefallen lassen, – die nationale Eitelkeit ist und bleibt immer der Grundzug dieses merkwürdigen, so hochbegabten und doch wieder in manchen Beziehungen so kleinlich beschränkten Volkes. Zwar,« sprach er weiter, während der König sich immer mehr zu ihm herüberneigte, um jedes Wort genau aufzupassen, »zwar scheut der Kaiser auf das äußerste vor dem Krieg zurück aus allen möglichen Gründen, die sich aus fatalistischem Aberglauben, aus nervöser Abneigung gegen lärmende und blutige Szenen, wesentlich aber aus dem Bewußtsein seiner körperlichen Schwäche zusammensetzen, welche es ihm schwer machen wird, die Anstrengungen eines Feldzugs zu ertragen. Dennoch aber erkennt und fühlt er die Notwendigkeit, er bereitet alles vor, und im letzten Augenblick werden, wenn ihm der eigene Entschluß fehlt, die ihn umgebenden Elemente das entscheidende Wort von seinen Lippen zu ziehen wissen.«

»Aber«, sagte der König, als der Staatsrat einen Augenblick schwieg mit einem gewissen Zögern in der Stimme, »Sie wissen, daß es für mich eine Hauptbedingung meiner Beteiligung an der Aktion gegen Preußen ist, daß Frankreich eine solche nicht zu Eroberungen in Deutschland benutzt. Preußen hat mein Recht zwar schwer gekränkt,« fuhr er lebhaft fort, »und ich werde vor keinem Mittel zurückschrecken, um mein heiliges und unanfechtbares Recht wieder zu gewinnen, darum aber bleibe ich doch ein deutscher Fürst, und niemals würde ich direkt oder indirekt meine Hand dazu bieten können, deutsches Gebiet fremder Eroberung preiszugeben.«

Der Staatsrat kreuzte die Arme über der Brust, sein breiter Mund verzog sich zu einem sarkastischen Lächeln, und seine scharfen, stechenden Blicke ruhten mit fast mitleidigem Ausdruck auf dem König.

»Ich kenne vollkommen«, sagte er dann, »die Intentionen Eurer Majestät und die Instruktionen, welche Sie mir so bestimmt gegeben haben. Dieselben Rücksichten, welche Eure Majestät leiten, müssen auch für Österreich bestimmend sein, selbst wenn der Kaiser Franz Joseph in seinem persönlichen Gefühl nicht so ausschließlich deutscher Fürst wäre, – denn auch durch den entscheidendsten Sieg würde Österreich niemals einen maßgebenden Einfluß in Deutschland wiedergewinnen können, wenn unter seiner Mitwirkung oder mit seiner Zustimmung deutsches Gebiet in erheblicher Ausdehnung« – fügte er mit einer gewissen Betonung hinzu, »an Frankreich verloren gehen sollte. Auch der Kaiser Napoleon«, fuhr er fort, »ist ein viel zu klarer politischer Kopf, um dies nicht zu begreifen. Er sieht vollkommen ein, daß alle Eroberungen, welche ohnehin dem von ihm proklamierten nationalen Prinzip widersprechen würden, Frankreich nie einen Machtzuwachs, wohl aber große Verlegenheiten schaffen könnten, – ist Frankreich in einem großen Kriege siegreich gewesen, so wird es immerhin fast die erste Macht in Europa sein und allen Glanz wiedergewonnen haben, der durch die mexikanische Expedition und durch die Schlacht von Sadowa allmählich sich zu verdunkeln angefangen hat. Doch, Majestät, der Kaiser Napoleon ist nicht vollkommen frei, nach seiner eigenen Erkenntnis zu handeln. Er ist mehr noch als ein anderer Souverän abhängig von der öffentlichen Meinung und von der Stimme des Volkes, das ihn auf den Thron berufen, und ich kann Eurer Majestät nicht verhehlen, daß der Kaiser vielleicht der einzige ist, welcher klar und richtig über die Frage der Eroberungspolitik denkt. Das ganze Volk, Majestät, ist von dem Chauvinismus beherrscht, der Glanz und die Macht Frankreichs sind in seinen Ideen unzertrennlich von dem Prinzip des ersten Kaiserreichs, welches Eroberungen auf Eroberungen häufte und in souveräner Oberherrlichkeit über die Kronen von Europa verfügte. Es wird notwendig sein,« sagte er mit einem lauernden Blick auf den König, »diesem chauvinistischen Geist wenigstens eine Befriedigung zu geben, und ich glaube, daß sich dieselbe sehr leicht in einer Grenzkorrektion finden lassen könnte, welche Frankreich die Grenzen von 1814 zurückgibt, die sich ja doch nur sehr wenig von den heutigen unterscheiden und deren Wiederherstellung kaum eine Eroberung genannt werden könnte. Was das koalisierte Europa damals dem vollkommen besiegten Frankreich zugestand, das würde man heute dem siegreichen Frankreich kaum versagen können, und ich glaube auch, daß das nationale Gefühl in Deutschland, namentlich unter denjenigen Stämmen, welche durch den sich vorbereitenden Kampf ihre ersehnte Selbständigkeit und Unabhängigkeit wiedergewinnen wollen, würde in einer solchen Kombination kaum eine Beunruhigung finden können.«

Der König neigte einen Augenblick seinen Kopf auf die Brust.

»Bei einer solchen Kombination,« sagte er mit leiser Stimme, »wenn dieselbe von den übrigen europäischen Mächten gebilligt würde, käme die Zustimmung oder Nichtzustimmung eines deutschen Fürsten kaum in Betracht.«

Er sann abermals einen Augenblick nach.

»Dagegen«, fuhr der Staatsrat schnell fort, »glaube ich, daß der Kaiser, einer stets von ihm mit Vorliebe gehegten Idee entsprechend, einen sehr großen Wert darauf legen würde, an den Ufern des Rheins ein neutrales Gebiet herzustellen, welches die beiden großen Nationen von Deutschland und Frankreich so voneinander zu trennen berufen wäre, daß nie eine unmittelbare Berührung der Interessen beider Staaten stattfinden könnte.«

»Das ist ein Gegenstand europäischer Erwägung,« rief der König wie erleichtert aufatmend, »bei welchem die nationale Würde nicht in Frage kommt, und die Ausführung dieser Idee könnte ja beiden Nationen nützlich und förderlich sein, denn es liegt in der Tat viel Wahres in dem Gedanken, daß ein noch so kleines neutrales Gebiet zwischen zwei rivalisierenden Mächten den Frieden besser und sicherer erhält, als die stärkste Festung und die strategisch gesichertsten Grenzen.«

»Was nun die neue Konstituierung von Deutschland betrifft,« fuhr der Staatsrat fort, »wenn der gegenwärtige unnatürliche und halbe Zustand wiederaufgehoben sein wird, so ist der Kaiser der Ansicht, daß ein unbedingtes Übergewicht Österreichs den wahren nationalen Interessen Deutschlands ebenso schädlich sei, als eine einseitige Sympathie Preußens.«

»Wem sagen Sie das?« rief der König lebhaft, »Deutschlands Lebensprinzip ist die Föderation mit der autonomen Selbständigkeit seiner einzelnen Länder – der Cäsarismus ist stets verhängnisvoll für Deutschland gewesen, und die Welfen sind es vor allem, welche stets ihre ganze Macht gegen den Cäsarismus eingesetzt haben.«

»Es liegt also«, sprach der Staatsrat weiter, »in der Absicht des Kaisers Napoleon, daß die zukünftige Gestaltung Deutschlands ganz dem von Eurer Majestät betonten Föderationsprinzip entspreche und daß die einseitige Suprematie der einen oder der anderen der beiden Großmächte durch starke und widerstandsfähige Mittelreiche dauernd ausgeschlossen werde. Für Süddeutschland würde Bayern in dieser Beziehung den Schwerpunkt bilden, für Norddeutschland Hannover, das natürlich erheblich vergrößert und verstärkt werden müßte, um seine so hochbegünstigte geographische Lage am freien Meer, an der deutschen Nordsee, im vollen Maße benutzen und geltend machen zu können. Zu einer solchen Vergrößerung von Hannover«, fuhr er fort, indem er sich ein wenig zum König hinüberneigte und die Stimme etwas dämpfte, »bieten sich nun sehr verschiedene Objekte, und es würden in dieser Beziehung die auf althistorische Traditionen gestützten Wünsche Eurer Majestät das vollste Entgegenkommen finden, da es nur im Interesse des europäischen Friedens liegen kann, wenn Preußen, das ja in Mitteldeutschland volle Entschädigung finden könnte, möglichst weit von den deutschen Westgrenzen zurückgedrängt würde. Ich möchte mir erlauben, Eure Majestät um die Mitteilung des Memoires über die alten welfischen Besitzungen zu bitten, da dieses Memoire ein sehr wertvolles Material zur späteren Beurteilung und Entscheidung über die Frage der Gestaltung des künftigen Königreichs Hannover darbieten wird.«

»Ich werde mir«, erwiderte der König rasch, »alles zusammenstellen lassen, und werde Ihnen das Memoire selbst sogleich zuschicken.«

Der Staatsrat verneigte sich, während ein leichtes Lächeln der Befriedigung auf seinem Gesicht erschien.

»Ich kann Eurer Majestät ferner«, sagte er dann, »die Mitteilung machen, daß ich auch in London gewesen bin und dieselben Gesichtspunkte, über welche ich mit dem Kaiser Napoleon vollständig übereinstimmte, in einer ausführlichen Unterredung mit dem Grafen Clarendon erörtert habe.«

»Nun,« fragte der König mit lebhafter Spannung, »und was sagte Lord Clarendon?«

»Der Graf, Majestät,« erwiderte Klindworth, »ist einer jener alten Engländer, deren es leider nur noch wenige gibt –«

Der König seufzte tief auf.

»Ja,« sagte er, »es hat sich vieles verändert in England, viel verändert, aber leider nicht gebessert.«

»Graf Clarendon«, fuhr der Staatsrat fort, »steht noch vollständig auf dem Boden der Traditionen der großen Geschichte des früheren Englands. Er kann zwar unter den gegenwärtigen Verhältnissen und in der gegenwärtigen Regierung nicht jenen Traditionen gemäß handeln, aber wenn der Augenblick kommen sollte, in welchem durch große Ereignisse die Wiederherstellung des Throns Eurer Majestät möglich werden würde, so wird der Graf mit aller Entschiedenheit und Energie dahin wirken, daß dieselbe in einer Weise erfolge, welche jede künftige Gefahr für Eurer Majestät Recht ausschließt, und daß dem welfischen Kontinentalreich die Garantie innerer und äußerer Widerstandskraft gegeben werde. Graf Clarendon wird in dieser Beziehung, das kann ich Eurer Majestät versichern, alles tun, um Allerhöchstihre Wünsche und die Ideen des Kaisers Napoleon in der nachdrücklichsten Weise zu unterstützen.«

»Er hat gewiß Grund dazu,« sagte der König halbleise, wie zu sich selbst sprechend, – »denn sein dringender Rat war es im Jahre 1866, mich auf die Seite Österreichs zu stellen –«

Der Staatsrat hatte diese halblaut gesprochenen Worte des Königs scharf erfaßt.

»Graf Clarendon«, sprach er schnell, »fühlt vollständig die persönliche und moralische Verpflichtung, welche er Eurer Majestät gegenüber hat, und ich kann nur wiederholt versichern, daß er derselben gemäß handeln wird. Ich werde mir erlauben«, sagte er dann, »nach den Notizen, die ich mir über meine Verabredungen mit dem Kaiser Napoleon und über die Äußerungen des englischen Ministers der auswärtigen Angelegenheiten gemacht habe, einen bestimmten Vertragsentwurf aufzusetzen und denselben Eurer Majestät vorzulegen, sobald«, fügte er mit lauerndem Blick hinzu, »das Memoire über die welfischen Besitzungen in meinen Händen sein wird. Von Eurer Majestät würde man wesentlich erwarten, daß die Wiener Bank einen Teil der für die Aktion nötigen Mittel herbeischafft, und daß ferner ein hannöverisches Korps von angemessener Stärke in diese Aktion eintrete, – für die Bewaffnung und Ausrüstung könnte der Kaiser Napoleon –«

»Das wird alles besorgt werden,« rief der König lebhaft, indem er das Haupt hoch emporrichtete, – »ich werde in dieser Beziehung keine Hilfe in Anspruch nehmen. Wenn ich für mein Recht in den Kampf trete, so darf und soll nicht Frankreich mir die Waffen dazu reichen.«

»Ich werde also«, sagte der Staatsrat, »das alles sorgfältig formulieren und Eurer Majestät vorlegen, nicht daß ich es für nötig oder selbst nützlich hielte, jetzt schon irgendeinen Vertrag mit Frankreich zu schließen, aber es ist gut, daß die Sache in allen Punkten völlig fertig sei, um im gegebenen Moment, der vielleicht ziemlich schnell und unerwartet eintreten könnte, nur der Unterzeichnung zu bedürfen.«

Der König neigte schweigend den Kopf. Es schien, als habe er noch einen Gedanken, der ihn beschäftigte.

Der Staatsrat blickte ihn einige Sekunden erwartungsvoll an.

»Ich muß nun«, sprach er dann, als der König noch immer schwieg, »Eure Majestät noch besonders darauf aufmerksam machen, daß sowohl in Paris wie in London bei dem Gedanken über die mögliche zukünftige Gestaltung Deutschlands eine Restauration des Kurfürstentums Hessen vollständig ausgeschlossen ist. Der Kurfürst hat keine Deszendenz und seine präsumtiven Erben stehen in solchen Beziehungen zu Preußen, daß man gewiß kein Interesse hat, ihre Rechte und Ansprüche irgendwie zu berücksichtigen. Die darmstädtische Linie würde auch ein größere Berechtigung haben, sich durch einzelne Gebiete zu arrondieren, während die übrigen Landesteile Kurhessens«, fügte er mit Betonung hinzu, »nach anderer Seite hin zur Verwendung kommen könnten. Ich kannte diese Dispositionen im allgemeinen und habe Eurer Majestät deswegen dringend die Ausschließung des Kurfürsten von der Wiener Bank, namentlich durch die Vermittlung des Prinzen von Hanau, anraten müssen. Heute habe ich über diesen Punkt bestimmte Gewißheit, ich bitte Eure Majestät dringend, sich jetzt und künftig möglichst von jeder Verbindung mit dem Kurfürsten von Hessen fernzuhalten und den Verkehr mit ihm ausschließlich auf die äußeren Höflichkeiten zu beschränken.«

Der König schwieg.

»Und wie steht Herr von Beust«, fragte er dann, »zu allem, was Sie mir soeben gesagt haben?«

»Graf Beust«, erwiderte er, indem er die Spitzen seiner kurzen Finger schnell gegeneinander schlug, »ist kein Mann der Initiative und der Entschlüsse – in diesem Falle paßt seine persönliche vorsichtige Zurückhaltung vollständig mit den Interessen Österreichs zusammen. Die Haltung Österreichs wird im gegebenen Falle mit innerer Notwendigkeit vorgezeichnet sein, und auch der Augenblick seines Eintritts in die Aktion wird sich aus den Ereignissen selbst, und zwar dann mit zwingender Gewalt bestimmen. Für jetzt ist es nur nötig, die allgemeinen Ideen, welche ich soeben Eurer Majestät entwickelt habe, und welche auch in Paris und London maßgebend sind, in den Anschauungen des Grafen Beust und des Kaisers Franz Joseph befestigt zu sehen. Das ist meine Sache. Weitere Details zu erörtern und festzustellen, würde in diesem Augenblick nur bedenklich sein. Ich werde ja jetzt in Wien bleiben und dort mit Sorgfalt und unter steter Beobachtung der Verhältnisse Eurer Majestät Interessen vertreten –«

»Und sie könnten in keinen besseren Händen sein«, fiel der König in verbindlichem Ton ein. »Ich muß Ihnen gestehen,« sagte er dann, »daß ich mich der Staatskanzlei gegenüber stets in einer gewissen Unklarheit befinde. Soeben hat mir Graf Platen noch mitgeteilt, daß man dort mit meiner Vertretung in Paris sehr unzufrieden sei.«

Staatsrat Klindworth zuckte die Achseln.

»Ich weiß nicht,« sagte er, »ob zwischen Graf Platen und der Staatskanzlei ein vertraulicher Verkehr stattfindet. Aber ich glaube, Eurer Majestät, wie ich das schon früher getan, den bestimmten Rat geben zu sollen, Allerhöchstihre Vertretung in Paris ganz in derselben Weise bestehen zu lassen, wie bisher. Das ist gerade für meine Tätigkeit sehr wichtig und förderlich. Die öffentliche Aufmerksamkeit wird dadurch beschäftigt, die Nachforschungen Preußens werden abgelenkt, und ich kann um so wirksamer im geheimen für Eure Majestät handeln. Da aber Eure Majestät«, fuhr er fort, »soeben die Gnade gehabt haben, des Grafen Platen zu erwähnen, so glaube ich Ihnen meine persönliche und bestimmte Meinung dahin aussprechen zu müssen, daß es mir dringend wünschenswert erscheint, einen anderen Leiter für Eure Majestät Geschäfte und insbesondere für Eurer Majestät auswärtige Beziehungen zu finden, und zwar eine Persönlichkeit, welcher die Kabinette der Großmächte, wie ich glaube, mit weniger Zurückhaltung entgegentreten würden. Jedenfalls wäre es nötig, eine solche Persönlichkeit ins Auge zu fassen und zu designieren, um sie sofort bei der Hand zu haben, wenn die Ereignisse sich weiter entwickeln und der Augenblick fester Abschlüsse und bestimmter Aktionen herankommen wird. Ich bin so lange nicht in Hannover gewesen und habe wenig Kenntnis unter den dortigen politischen Persönlichkeiten. Aber Eure Majestät müssen ja darüber besser unterrichtet sein und sich klar werden können, bei welchem von Ihren Untertanen sich die Eigenschaften finden könnten, welche die Leitung der Geschäfte und der auswärtigen Politik in so schwierigen Zeiten erfordert. Und diese Eigenschaften sind vor allem Diskretion, Mut und feste Beharrlichkeit; Eigenschaften, welche ich bis jetzt in der Behandlung der Angelegenheiten Eurer Majestät nicht eben in hervorragender Weise bemerken konnte.«

Der König seufzte tief auf.

»Mein Gott,« rief er, »ich weiß ja vollkommen, was mir not tut. Aber welch eine Disette von Staatsmännern herrscht in der heutigen Welt! Fast scheint es, als ob alle großen politischen Eigenschaften nur bei dem einen Mann vereinigt wären, der mir und meinem Recht feindlich gegenübersteht. Ich wüßte in ganz Hannover nur einen, der an Geist und Charakter einer solchen Aufgabe gewachsen wäre – Bacmeister – er hat den hellen Geist, den großen, ruhigen Blick, das feste, mutige Herz – aber er ist krank und gebrochen –«

»Ich habe so viel von Windhorst gehört,« sagte der Staatsrat, »sollte er nicht –«

»Windhorst ist ein feiner Geist,« erwiderte der König, »zu fein vielleicht – aber – nein, nein, das würde nicht gehen – ich werde darüber nachdenken,« sagte er dann, – »jetzt etwas zu ändern, halte ich für bedenklich. Denn wenn man ändert, muß man auch das Bessere – das relativ Beste an die Stelle setzen.«

»Sie gehen nach Wien zurück?« fragte er dann, das Gespräch abbrechend.

»Zu Befehl, Majestät,« erwiderte der Staatsrat, »ich denke mich dort zu etablieren, um unausgesetzt für Ihre Sache tätig sein zu können. Meine Gesundheit hat sich durch die Kur in Marienbad, die ich vor meiner Reise nach Paris gebraucht habe, wieder vollkommen befestigt, und ich werde auch körperlich den Anstrengungen, welche meine Aufgabe erfordert, gewachsen sein.«

»Ich habe«, sagte der König, »vor kurzem die Freude gehabt, Ihre Tochter, Madame Street, hier zu empfangen, mit welcher Sie ja in Marienbad zusammengetroffen waren und welche mir bereits erzählte, wie vortrefflich der dortige Brunnen auf Sie gewirkt.«

»Eure Majestät sind sehr gnädig,« sagte der Staatsrat, indem seine Stimme einen gewissen salbungsvollen Ton annahm, »ich war sehr glücklich, mit meiner Tochter zusammenzutreffen, welche mit ihrer Freundin, der Prinzessin de la Tremoille, dorthin gekommen war. Es tut meinem alten Herzen so wohl, mich an der kindlichen Liebe und Aufrichtigkeit meiner einzigen Tochter zu erwärmen.«

»Eine ausgezeichnet liebenswürdige Dame,« fiel der König ein, »sie hat mir unendlich viel Interessantes erzählt. Sie hat ein ungemein feines Verständnis für Musik, und ich erfuhr durch sie viele sehr merkwürdige und interessante Züge von Liszt.«

»Abbé Liszt würdigte meine Tochter seiner ganz besonderen Freundschaft«, sagte der Staatsrat Klindworth, »und besuchte während seines Aufenthaltes in Paris häufig ihre Salons –«

»In welchen sich ja«, fiel Georg V. ein, »die größten musikalischen Autoritäten von Paris regelmäßig versammelten. Solche Salons sind der unberechenbare Vorzug von Paris. Das werden wir hier bei uns schwerlich jemals haben – vielleicht weil unsere Damen bei all ihren vortrefflichen Eigenschaften und bei all ihren Vorzügen es nicht verstehen, den Mittelpunkt einer Konversation zu bilden.«

»Oder vielleicht,« sagte der Staatsrat, »weil die Herren in Deutschland zu starr und zu ungefüge sind, um ihre Gedanken in das leichte und anmutige Gewand einer Salonkonversation zu kleiden. Meine Tochter«, sagte er dann, »ist mir übrigens auch in politischer Beziehung sehr nützlich und wird für die Sache Eurer Majestät in Paris mit Eifer tätig sein, während ich nun hier von Wien aus im stillen weiter arbeite. – Eure Majestät hatten die Gnade,« sprach er nach einer augenblicklichen Pause, »mir die materielle Grundlage für diese Arbeit mit so königlicher Großmut in Aussicht zu stellen, Eure Majestät mögen es mir verzeihen, wenn ich mir erlaube, den Gegenstand zur Sprache zu bringen – die Notwendigkeit zwingt mich dazu – ich bin ein armer Mann, ich habe immer nur die Sachen im Auge gehabt, denen ich diente – niemals meine Interessen –«

»Mein Gott,« rief der König, »das versteht sich ja von selbst. Ordnen Sie das mit Elster. Sprechen Sie ihm Ihre Wünsche aus. Sie dürfen überzeugt sein, daß ich Ihre Dienste nach ihrem vollen Wert zu würdigen weiß.«

Der Staatsrat verneigte sich.

»Und nehmen Sie vor allen Dingen nochmal meinen Dank«, rief der König, indem er aufstand, »für die Umsicht und den Eifer, mit welchem Sie in Paris und London für mich gewirkt haben, und für die so hochinteressanten und erfreulichen Nachrichten, die Sie mir von dort überbrachten. Ich hoffe Sie bald und mit immer erfreulicheren Mitteilungen hier wiederzusehen. Ist Graf Wedel da?«

Der Staatsrat eilte zur Tür hin, und von dem im Vorzimmer wartenden Diener gerufen, erschien der Graf nach wenigen Minuten.

Sein sonst so heiteres und lebensfrisches Gesicht war bleich und zeigte einen Ausdruck schmerzvoller Erregung. Tränen standen in seinen Augen, und in fast schwankender Bewegung näherte er sich dem Könige.

»Lassen Sie uns zurückgehen, lieber Alfred,« sagte der König, indem er seinen Arm ausstreckte, »meine Konferenz mit dem Herrn Staatsrat ist zu Ende, und ich habe denselben nur noch, solange er hier ist, Ihrer ganz besonderen Pflege und Sorgfalt zu empfehlen.«

»Ich bitte Eure Majestät um Verzeihung,« sagte Graf Wedel mit bebender, beinahe von Tränen erstickter Stimme, »daß ich in einem fast unzurechnungsfähigen Zustand vor Allerhöchstdenselben erscheine. Ich habe soeben eine Nachricht erhalten, welche wohl geeignet ist, auch das kräftigste und mutigste Herz zu beugen.«

»Mein Gott, was ist geschehen?!« rief der König erschrocken über den Ton der Stimme des Grafen.

»Meine älteste Tochter, Majestät, ist plötzlich gestorben,« sagte Graf Wedel, indem ein unwillkürliches Schluchzen seine Worte unterbrach, »und mein letztes Kind ist so krank, daß sein Tod fast mit Gewißheit vorherzusehen ist. Und meine arme Frau, Majestät, ist durch den namenlosen Kummer so elend, daß die Ärzte für ihren Verstand fürchten.«

Die starke Gestalt des großen, kräftigen Mannes zitterte vor schmerzlicher Erschütterung.

Der König faltete die Hände und sprach mit leiser, fast tonloser Stimme:

»Ruht denn des Unglücks Hand unerbittlich auf allen, die mich umgeben? Ist es denn nicht genug an dem zertrümmerten Throne und der Not des Vaterlandes? Müssen meine Getreuen auch in ihrem menschlichen Leben und Lieben so hart getroffen werden? Mut, mein lieber Wedel«, sagte er dann, indem er seine Hand erhob und mit einer sanften, fast väterlich zärtlichen Bewegung auf die Schulter des Grafen legte, »Mut und Vertrauen! – Gott allein vermag zu erkennen, warum er schlägt und prüft, seine ewige Gnade allein vermag aufzurichten und zu trösten.«

»Majestät,« rief der Graf, »der tiefste Schmerz in all meinem Kummer ist der, daß ich nicht hineilen kann zu meiner armen, verzweifelten Frau. Mir sind ja die preußischen Grenzen verschlossen, das Zuchthaus erwartet mich dort, wo einst meine Heimat war, und wo jetzt die Hand des Todes auf meinem Hause ruht.«

»Mein Gott,« rief der König, »das ist wahr, das ist entsetzlich hart, – und das leiden Sie für mich«, sagte er dumpf, indem er die Hand auf seine Augen drückte.

»Das, Majestät,« rief der Graf mit durch Tränen leuchtenden Blicken, »das ist das einzige, was mich in meinem Kummer tröstet, – daß ich leide für einen so edlen Herrn und sein heiliges Recht.«

Schweigend streckte der König die Hand dem Grafen entgegen, dieser ergriff dieselbe und drückte sie lange an seine Lippen.

Der Staatsrat Klindworth stand zur Seite und selbst auf seinem starren und kalten, meist so gleichgültigen, skeptischen Gesicht zuckte es wie in unwillkürlicher Rührung bei dem Anblick dieses verbannten Fürsten und seines Dieners, den seine Treue von der Leiche seines Kindes, von dem Krankenbett seiner Gattin trennte.

»Sobald meine Frau reisen kann,« sagte der Graf, »und sobald«, fügte er mit kaum hörbarer Stimme hinzu, »über Leben oder Tod meines letzten Kindes entschieden sein wird, soll meine Frau auf den Rat der Ärzte nach Franzensbad gehen, um sich dort fern von der Umgebung voll schmerzlicher Erinnerungen zu erholen. Ich möchte Eure Majestät um die Erlaubnis bitten, dann ebenfalls dorthingehen zu dürfen.«

»Dazu bedarf es kaum der Erlaubnis,« sagte der König mit sanfter Stimme, »ich bitte Gott, daß Ihre Frau bald, bald so weit kommt, um mit Ihnen vereint Trost für einen so schweren Schlag zu suchen. Sie werden jetzt nicht ausgehen wollen,« sagte er dann, »wollen Sie nach der Villa senden und Hauptmann von Adelebsen holen lassen, um mich zurückzuführen.«

»Wenn Eure Majestät die Gnade haben wollen, meine Begleitung anzunehmen,« erwiderte Graf Wedel, – »ein Gang in frischer Luft wird mir besser sein, als wenn ich hier mit meinem Kummer allein bleibe.«

»So lassen Sie uns gehen«, sagte der König ernst und still.

Graf Wedel reichte ihm seinen Hut und sein spanisches Rohr.

»Auf Wiedersehen, Herr Staatsrat«, rief Georg V. dem sich tiefverneigenden Herrn Klindworth zu und verließ dann, auf den Arm des Grafen Wedel gestützt, das Zimmer.

Der Staatsrat blieb stehen, faltete die Hände über der Brust und blickte nachdenklich vor sich hin. Auf seinem Gesicht erschien ein Zug von Rührung mit einem gewissen verwunderten Erstaunen gemischt.

»Ich bin schon lange gewöhnt,« sagte er leise, »die Verhältnisse des Lebens nur mit der logischen Schärfe des Verstandes zu beurteilen – und die Menschen durch ihre Schwächen und ihre schlechten Eigenschaften zu lenken, – mit wunderbar ungewohnter Neuheit berühren mich diese Zustände hier, – diese Hingebung eines Mannes an seinen Fürsten, der ihm nichts mehr bieten kann, – dem er vielmehr alles opfert, was das Leben Schönes und Reizvolles gewährt, – und doch wird das alles – alles vergebens sein, denn so wie hier Politik gemacht wird, ist ja nichts zu erreichen! – Ich bin auf neuem Terrain,« sagte er nach einer Pause, – »ich muß hier mit den guten Eigenschaften des menschlichen Herzens rechnen, an welche ich schon lange den Glauben verloren hatte, – nun wenigstens wird die Wiener Bank diesem armen Könige einen großen und festen materiellen Besitz schaffen, – aus dessen Boden«, fügte er mit einem zufriedenen Lächeln hinzu, – »ja auch für mich eine ergiebige Quelle fließen wird, – so werde ich dann ein wirklich gutes Werk getan – und ein gutes Geschäft zugleich gemacht haben.«

Er ging langsam in das für ihn eingerichtete Zimmer, vertauschte seinen weiten braunen Rock mit einem Ärmelkamisol von gestreiftem Leinen, setzte sich in einen Lehnstuhl und versank, den Kopf auf die Brust fallen lassend, in gerader Haltung gegen die Rücklehne des Sessels gestützt, in einen leichten und ruhigen Schlummer.

Drittes Kapitel

Die schwere Sommerwärme lag über der ewigen Stadt Rom, Seine Heiligkeit Papst Pius IX. hielt seine Residenz noch in den kühlen Räumen des quirinalischen Palastes, der mit seinen großen, tiefschattigen Gärten neben der Rione di Trevi hin den meisten Schutz gegen die brennenden Sonnenstrahlen darbot, und die meisten der großen römischen Familien hatten sich auf ihre Landsitze in der Umgegend oder an der Meeresküste zurückgezogen. Der Fremdenverkehr hatte noch nicht begonnen. Es war die letzte Zeit in der toten Saison, wenn man in dieser ewig lebenden, die ferne Vergangenheit mit der Gegenwart immer neu verbindenden Stadt überhaupt von einer toten Saison sprechen kann.

In diesem Jahre aber herrschte während dieser Zeit der Ruhe und Abspannung in allen zur päpstlichen Kurie gehörenden Kreisen unausgesetzte und lebhafte Tätigkeit. Man sah häufiger als sonst in den Straßen die schweren roten, oben schwarzen und mit reicher Vergoldung verzierten Kutschen der Kardinäle mit den roten Federbüschen der starken, schwarzen Pferde und mit den drei goldbetreßten Lakaien in hohen Hüten auf dem Trittbrett, denn es fanden zahlreiche und wiederholte Beratungen in den Kongregationen und bei Seiner Heiligkeit statt, um alles für das bevorstehende ökumenische Konzil zu ordnen, welches nach dem Willen des Papstes die katholische Welt wieder vollständig einigen und sie dem obersten Hirtenstab Roms ohne Bedingung und Widerspruch gehorsam machen sollte.

Es waren so viele Formfragen, so viele wichtige und tiefgreifende Rechtsfragen zu erledigen, daß alle diese Kardinalpriester der römischen Kirche vollauf zu tun hatten, um überall die Traditionen und Rechte aus der Zeit der früheren Konzilien zu ermitteln und jede einzelne Frage spruchreif der Entscheidung des Nachfolgers Petri unterbreiten zu können. Denn auf dem bevorstehenden Konzil sollte ja alles, was irgendwie noch unklar und zweifelhaft sein mochte, definitiv klar- und festgestellt werden, damit künftig die Kirche als eine geschlossene, nirgends angreifbare Macht sowohl dem Geiste des philosophischen Unglaubens, als auch den immer mehr hervortretenden Bestrebungen der weltlichen Mächte, sich und ihre Staatsangehörigen von der geistlichen Gewalt der Hierarchie zu befreien, mit Nachdruck und Erfolg entgegentreten könne.

Es war etwa um die sechste Abendstunde eines Tages im Anfang des Septembermonats. Die Sonne sank, und während sich auf die von den hohen Palästen eingefaßten Straßen bereits die abendlichen Schatten zu legen begannen, glänzten die Kuppeln der Kirchen und der gewaltige Kolossalbau des Kastells St. Angelo in dem intensiven, goldroten Licht, das fast wie ein greifbarer Farbstoff die Luft erfüllt und sich in wunderbarer Schärfe von dem tiefen Dunkelblau des Himmels abhebt.

Von der Richtung nach dem Meere her erhob sich ein leichter Windhauch, welcher Kühlung und frischen Lebensodem über die in träumerische Schlaffheit versunkene Stadt hintrug.

Die Straßen begannen sich mehr und mehr zu beleben, die Bettler kamen aus den schattigen Winkeln hervor und nahmen ihre Plätze an den belebteren Teilen der Stadt ein oder stellten sich an die Ausgangstüren der Kirchen, um den zur Abendandacht Eintretenden die schweren Türvorhänge aus dem mehrfach übereinandergenähten, mit dickem Leder eingefaßten Segeltuch emporzuheben und dafür ihre größere oder geringere Gabe in Empfang zu nehmen.

Vor den Häusern fanden sich die Mädchen in ihren malerischen Kostümen mit den silbernen Nadeln in den reichen Flechten der schwarzen Haare zusammen.

Die Osterias begannen sich zu füllen. Noch einmal vor der Nacht entfaltete sich all dies bunte pittoreske Leben, welches die Eigentümlichkeit dieser Stadt bildet, die durch kriegerische und geistliche Macht fast zwei Jahrtausende die Welt beherrscht hat.

Durch die bunten Gruppen, welche den Borgo San Spirito und die Piazza San Pietro erfüllten, schritt ein junger Mann in der kleidsamen Uniform eines Offiziers der päpstlichen Zuaven, dieses aus den freiwilligen Streitern für die Legitimität und die katholische Kirche gebildeten Korps, welches die ältesten und vornehmsten Namen der katholischen Christenheit in seinen Reihen aufweisen konnte.

Der junge Mann war hoch und schlank gewachsen, sein Gesicht zeigte die hellen Farben der norddeutschen Rassen, sein kurzes, leicht gelocktes, blondes Haar quoll unter dem Käppi hervor, auf seinem Gesicht mit den reinen, edlen und regelmäßigen Zügen lag die frische, fast rosig zarte Farbe der Gesundheit, und seinen Mund, auf dessen Oberlippe ein leichter blonder Flaum keimte, umgab ein Zug von fast noch kindlich harmloser Heiterkeit. Mit diesem ganzen Gesicht standen aber die Augen nicht im Einklang, denn diese Augen waren von einem so tiefdunklen Blau, daß sie fast schwarz erschienen und merkwürdig gegen das blonde Haar und die helle Gesichtsfarbe abstachen – in ihren Blicken lag eine so schwärmerisch traurige Wehmut, ein so schwerer Ernst, daß, wenn man diesen Kopf auf einem Bilde gesehen hätte, man dem Maler den Vorwurf gemacht haben würde, die lebensfrischen heiteren Züge eines Jünglings mit den Augen eines durch schwere und schmerzliche Lebenserfahrungen gereiften Mannes zusammengestellt zu haben.

Der junge Offizier schritt langsam und, wie es schien, tief mit seinen Gedanken beschäftigt einher. Er bemerkte nicht die demütigen Verbeugungen der Bettler, welche ihm ihre Hände entgegenstreckten, um eine Gabe zu empfangen. Er bemerkte nicht die Blicke, welche aus den flammenden schwarzen Augen der schönen Römerinnen ihm folgten, und erwiderte selbst nur zerstreut die liebenswürdigen und freundlichen Grüße der Priester, welche mit besonderem Wohlwollen jeden Angehörigen dieser Elitetruppe betrachteten, die sich zur Verteidigung des Glaubens, der Kirche und der Rechte des Heiligen Stuhles gebildet hatte.

Am Ende der Piazza San Pietro wandte er sich zu dem Palast des heiligen Offiziums; von dem Türsteher ehrerbietig begrüßt, durchschritt er den inneren Hof und stieg die breite Treppe hinauf, von deren Absätzen sich weite Gänge in das Innere des mächtigen Gebäudes erstreckten.

In diesen Gängen sah man alte schwere Türen, über welchen mit großen Buchstaben die Namen der Länder der verschiedenen Weltteile geschrieben waren, um die Bureaus zu bezeichnen, in welchen die heilige Inquisition ihre Herrschaft über die Gewissen in allen Teilen der Erde ausgerichtet hatte, und von welchen aus einst die Instruktionen an Torquemada und Arbuez ergangen waren. Der junge Offizier schritt an diesen Gängen vorüber und trat im ersten Stockwerk in eine schöne, geräumige Vorhalle, an deren Eingang zwei reich galonierte Lakaien standen, während in der Halle selbst mehrere junge Geistliche in ihren einfachen, enganliegenden schwarzen Kostümen auf und nieder gingen.

Die beiden Lakaien traten respektvoll zur Seite, einer der Abbates näherte sich dem Offizier der Zuaven und fragte in bescheidenem, fast demütigem Ton mit leiser Stimme nach seinem Begehr.

»Seine Eminenz der Kardinal Monaco La Valetta hat mich zu dieser Stunde zu sich beschieden,« erwiderte der junge Mann, »und diesem ehrenvollen Ruf folgend, bin ich hier, die Befehle des hochwürdigsten Kardinals entgegenzunehmen. Ich bin der Graf von Spangendorf, und wie Sie sehen«, fügte er, auf seine Uniform deutend, hinzu, »Offizier der Zuaven Seiner Heiligkeit.«

Der Geistliche verneigte sich mit einer fast weltmännischen Höflichkeit und führte den Grafen in ein geräumiges Vorzimmer, von dessen großen Fenstern die schweren seidenen Vorhänge weit zurückgezogen waren. Die Wände waren mit Marmor bekleidet, man sah an denselben einzelne Antiken, Statuen und Bronzen von tadelloser Schönheit. Ein großer Mosaiktisch, von mächtigen Lehnstühlen umgeben, bildete das ganze Ameublement.

»Ich bitte den Herrn Grafen, einen Augenblick zu warten,« sagte der Geistliche, »es ist augenblicklich Besuch bei Seiner Eminenz, und in kurzer Zeit wird der Kardinal frei sein.«

Er ging hinaus.

Der Graf von Spangendorf setzte sich in einen der Lehnstühle und erwartete, in Gedanken versunken, die Audienz bei dem Kirchenfürsten, der das wichtige Amt des Sekretärs der Bittschriften und päpstlichen Breven bekleidete.

Wenige Augenblicke vorher war in das Empfangszimmer des Kardinals ein Herr und eine Dame eingeführt. Der Herr, etwa fünfzig Jahre alt, von kleiner, magerer Gestalt, mit einem scharfmarkierten Gesicht von etwas gelblicher Farbe, mit kurzem, leicht ergrautem schwarzen Haar, dunklen Augen, mit fein beobachtendem, intelligentem Blick, war der preußische Generalkonsul Spiegelthal, welcher einst als vertrauter Sekretär des Ministerpräsidenten von Manteuffel die intimen Verhandlungen mit dem Fürsten Schwarzenberg geführt und den Ministerpräsidenten Friedrich Wilhelms IV. nach Olmütz, Warschau und Paris begleitet, dann eine Zeitlang als Generalkonsul in Smyrna sich um die Vertretung der preußischen Interessen im Orient und zugleich auch um die Erforschung altklassischer Kunstschätze sehr verdient gemacht, nun aber, seit längerer Zeit allen Geschäften fern, seit zwei Jahren in Neapel seinen Aufenthalt genommen hatte.

Herr Spiegelthal trug einen schwarzen Salonanzug mit dem Kreuz des roten Adlerordens und einigen fremden Dekorationen.

Seine Tochter, eine junge Dame von siebzehn Jahren, schlank und zart gebaut, trotz der Weichheit ihrer Züge ihrem Vater ähnlich, trug schwarze Toilette und blickte mit religiöser Ehrfurcht in der Wohnung des fürstlichen Priesters der Kirche um sich.

Das Empfangszimmer war mit vornehmer, reicher Einfachheit ausgestattet. Einige vortreffliche Gemälde, einige Antiken von besonderem Wert bildeten fast seinen ganzen Schmuck.

Unmittelbar darauf, nachdem Herr Spiegelthal und seine Tochter durch die Tür des Vorzimmers eingetreten waren, erschien der Kardinal Monaco an dem entgegengesetzten Eingang, welcher nach seinem Kabinett führte.

Dieser in dem Vertrauen des Papstes so hochstehende Kirchenfürst war damals erst dreiundvierzig Jahre alt, nur zwei Jahre älter als der jüngste der Kardinäle, der Prinz Lucian Bonaparte, und nach seiner Erscheinung mußte man ihn für noch jünger halten, als er war. Seine Gestalt war schlank und geschmeidig, sein schmales, regelmäßig geschnittenes Gesicht vereinigte in seinen Zügen die Ruhe und Milde eines Priesters mit der scharfen Intelligenz des vielgewandten Staatsmannes und der hoheitsvollen Zurückhaltung des Fürsten. Seine stets etwas von oben herabblickenden Augen waren fast ganz von den Lidern bedeckt, welche er, wie um den etwas kurzsichtigen Blick zu verschärfen, herabsinken ließ, und nur in Augenblicken, in welchen das Gespräch sein ganzes Interesse erregte, öffneten sich diese dunklen, scharfen und geistdurchleuchteten Augen zu einem durchdringend klaren und freundlichen, aber auch zugleich ebenso kalten, ruhigen und überlegenen Blick.

Er trug die einfache, so kleidsame Haustracht der Kardinalpriester, ging mit leichten, fast unhörbaren Schritten dem Generalkonsul und seiner Tochter entgegen, begrüßte dieselben mit einer Neigung des Hauptes und lud sie mit einer Bewegung voll liebenswürdiger Höflichkeit und würdevoller Hoheit zugleich ein, dem Fauteuil gegenüber Platz zu nehmen, in welchem er sich neben dem Tisch niederließ.

»Es freut mich sehr, Sie hier zu sehen, Herr Generalkonsul,« sagte er, indem er seine schlanken, weißen und mit großer Sorgfalt gepflegten Hände auf die Seitenlehne seines Sessels stützte. »Sie werden viele Freude an unseren Kunstschätzen haben, und ich habe Ihrem Wunsch gemäß veranlaßt, daß Ihnen alles ohne Schwierigkeit geöffnet und gezeigt werde.«

»Eure Eminenz sind sehr gütig,« erwiderte Herr Spiegelthal, »ich habe Ihnen meinen ehrfurchtsvollsten Dank besonders auch im Namen meiner Tochter auszusprechen, welche Rom noch nicht kannte und ganz entzückt ist über all die Schönheiten, die sich ihr hier erschlossen haben.«

Der Kardinal neigte halb mit weltmännischer Artigkeit, halb mit väterlicher Herablassung das Haupt gegen die junge Dame und sagte mit seiner weichen, wohltönenden Stimme:

»Die Kunst ist die ewige Jugend, sie behält selbst im Alter den Frühling des Geistes und des Herzens, aber am frischesten und innigsten werden ihre Schönheiten von der Jugend erfaßt, welche ihr am nächsten verwandt ist. Das Fräulein ist gewiß auch musikalisch«, fügte er hinzu, »und wird hier im Vaterlande der Musik manchen Genuß finden.«

»Ich bin unendlich glücklich hier, Eminenz,« sagte Fräulein Spiegelthal mit einer leichten verlegenen Schüchternheit im Ton der Stimme, »die berühmten Capellani Cantori zu hören, die herrliche Stimme des Dominico Mustapha hat mich mit ihrer wunderbaren Kraft und Reinheit völlig hingerissen. Man muß sich erst«, fuhr sie fort, »an diesen Gesang ohne Orgel und Instrumentalbegleitung gewöhnen, die Klangfarbe der Stimme hat fast etwas Unheimliches, und ebenso muß man sich auch in den alten Melodien von Palestrina und Marcello erst zurechtfinden, um sie zu verstehen und sie zu würdigen. Hat sich aber das Ohr in diese Musik hineingefunden, so öffnet sich uns eine neue, ganz wunderbar geheimnisvolle Welt.«

Der Kardinal neigte lächelnd den Kopf und betrachtete einen Augenblick die zierlichen Spitzen seiner schlanken Finger. »Sie sollten doch ein wenig«, sagte er, »an die Klangfarbe und an die Eigentümlichkeit dieser Musik gewöhnt sein, da Sie ja jetzt in Deutschland ebenfalls einen eifrigen Kultus für dieselbe haben.«

»Die Kirchenmusik in Deutschland, Eminenz«,erwiderte der Generalkonsul, »hat einen wesentlich anderen Charakter, sie tritt nicht so hervor, nimmt im Gottesdienst eine weit untergeordnetere Stellung ein, und auch die Kompositionen selbst tragen einen wesentlich anderen Charakter.«

»Ich meine nicht eigentlich die Kirchenmusik,« sagte der Kardinal, »das heißt die Musik, welche in den Kirchen zur Aufführung kommt. Die religiöse, um sozusagen, ganz besonders katholische Musik kommt bei Ihnen in Deutschland gegenwärtig auf den Theatern zur Erscheinung in den Opern Ihres Komponisten, der sich den Musiker der Zukunft nennt und in Deutschland so viele enthusiastische Bewunderer findet, – ich meine Richard Wagner –«

Der Generalkonsul blickte ein wenig erstaunt auf.

»Richard Wagner?« fragte er, – »Eure Eminenz halten seine Musik für eine religiöse, für eine besonders katholische? Er will ja ganz im Gegenteil das musikalische Drama schaffen, die menschlichen Leidenschaften in dramatisch musikalischer Form zum Ausdruck bringen, er gehört seiner ganzen Persönlichkeit nach der demokratischen Anschauung an, welche von kirchlicher und besonders von katholischer Auffassung sehr weit entfernt ist.«

Der Kardinal schüttelte den Kopf.

»Ich kann über die Persönlichkeit Richard Wagners nicht urteilen«, sagte er, »und weiß nicht, welches seine Gesinnungen und Anschauungen sind – vielleicht«, fügte er mit einem feinen Lächeln hinzu, »wird er sich selbst darüber nicht vollkommen klar sein – als Musiker und Komponist aber steht er durchaus auf kirchlichem, und zwar ganz katholischem Boden. Glauben Sie mir,« fuhr er fort, indem seine Augen sich ein wenig öffneten, »Richard Wagner und seine Musik wird wesentlich dazu beitragen, die Macht unserer heiligen Kirche zu stärken und ihr die Gemüter mehr und mehr wieder zurückzuführen. Das geheimnisvolle, mysteriöse Element, das in dieser Musik liegt, welche durch den sinnlichen Eindruck die Gemüter zum Übersinnlichen führt und durch die unbegrenzte Harmonie, welche die geschlossene Melodie vermeidet, das Bild der unendlichen Ewigkeit den Seelen vorführt, ist eine Darstellung des in dieser Welt unvollendeten Ringens und Strebens – schließt die Befriedigung aus und erweckt Sehnsucht und Hoffnung, – jene Sehnsucht und jene Hoffnung, welche nach Erlösung und Befreiung ringt und welche nur«, fügte er mit ernstem, salbungsvollem Ton hinzu, »durch die heilige Kirche gestillt werden kann.«

»Eurer Eminenz Auffassung«, sagte der Generalkonsul Spiegelthal, »ist mir neu und in besonderem Grade interessant. Ich muß aufrichtig gestehen, daß ich die Wagnersche Musik für eine Bizarrerie gehalten und nie daran gedacht habe, daß in derselben ein so tief bedeutungsvoller Sinn liegen könne. Ich bewundere übrigens,« fuhr er fort, »daß Eure Eminenz die Zeit gefunden haben, sich so eingehend und mit so großem Verständnis mit der modernen Richtung unserer deutschen Musik zu beschäftigen.«

»Ich liebe,« erwiderte der Kardinal, »wie alle meine Landsleute, die Musik, sie ist mir außerdem ein Gegenstand hoher Aufmerksamkeit, weil sie zu denjenigen sinnlichen Mitteln gehört, durch welche am unmittelbarsten und reinsten übersinnliche Eindrücke der menschlichen Seele zugeführt werden. Übrigens«, sagte er, »finde ich in dem, was Sie moderne deutsche Musik nennen, nur Altbekanntes. Ich kenne fast alle Opern Richard Wagners und finde in ihnen nicht nur den Zug ungestillter Sehnsucht wieder, welche das Grundelement unserer alten Kirchenmusik bildet, sondern ich habe auch überall die Motive von Palestrina, Orlando di Lasso und besonders auch von Ludovico Viadana wieder entdeckt, ja sogar noch aus der Zeit der neapolitanischen Schule hat Wagner vieles benutzt, und aus manchen Nummern seiner Opern glaubt man die Zöglinge Scarlattis, namentlich Durante und Greco zu hören. Bei uns in Italien werden diese Opern niemals Erfolg haben, bei uns ist das Volk gewöhnt, diese ihm ganz bekannte Musik in den Kirchen zu hören, man wird derselben auf der Bühne niemals Geschmack abgewinnen. In Deutschland aber ist das anders, dort kennt man eine solche musikalische Interpretation der katholischen Religion nicht, die Gemüter fühlen sich neu und wunderbar angeregt, indem sie jene Kompositionen auf der Bühne hören, und sie folgen der durch die Musik angeregten Sehnsucht nach dem Übersinnlichen, ohne sich klar darüber Rechenschaft zu geben. Die Wagnersche Musik ist ein sehr wesentliches und erfolgreiches Mittel, um die Deutschen wieder in den Schoß der Kirche zurückzuführen, und wenn diese Musik in Deutschland herrschend und tonangebend geworden ist, so wird das ganze Volk immer mehr sich von der kalten Abstraktion und der negativen Kritik des Protestantismus entfernen und zu unserer heiligen Kirche zurückkehren, welche allein imstande ist, die irdischen Disharmonien zu lösen und die unbefriedigt hinströmende Sehnsucht der Seele zu stillen.«

»Eure Eminenz«, erwiderte der Generalkonsnl, »haben soeben den Protestantismus als den wesentlichen Gegensatz der katholischen Kirche in Deutschland bezeichnet – ich möchte nicht ganz der Ansicht sein, daß dies heute noch zutreffend ist. Es hat sich, wie mir scheint, in der heutigen Welt ein anderer Gegensatz gegen die Kirche und besonders gegen die Herrschaft der Verhältnisse der Welt ausgebildet – dieser Gegensatz liegt in der so tief materiellen Richtung der Zeit; die materiellen Verhältnisse, der Besitz, der Lebensgenuß, das alles hat eine weit höhere Bedeutung in unseren Tagen gewonnen als früher, und ist zugleich der Arbeit und Tätigkeit eines jeden einzelnen leichter zugänglich und erreichbarer geworden, und darin liegt nach meiner Ansicht wesentlich der Grund für die geringere Macht, welche die kirchliche Autorität in unserer Zeit ausübt. Dazu kommt das sich immer mehr entwickelnde und ausbildende Prinzip des Rechtsstaats, welcher dahin strebt, seine Sphäre vollständig von derjenigen der kirchlichen Autorität zu trennen. Auch das Nationalitätsprinzip wirkt mit, um die Autorität der römischen Kirche zu schwächen, und ich glaube kaum, daß, wenn es auch in einzelnen Gegenden zeitweise den Anschein dazu haben könnte, die katholische Kirche in Deutschland wieder Fortschritte machen wird –«

Der Kardinal schlug einen Augenblick seine Augenlider wieder auf und sah den Generalkonsul mit einem Blick voll stolzer, zuversichtlicher Sicherheit an.

»Ich bin vom Gegenteil überzeugt,« sagte er dann, »und es wird vielleicht nicht lange mehr dauern, so wird die katholische Kirche neu und siegreich auf den Gebieten wieder vordringen, die sie einst verloren hat. Sie sprechen vom materialistischen Zug der Welt – ich kenne ihn, ich weiß sehr wohl, daß die Arbeit um Besitz und Genuß heute die menschliche Gesellschaft bewegt, aber gerade je mehr dies der Fall ist, um so mehr wird die große Masse der Menschen abgeneigt sein, sich ihren Weg zum Himmel durch jene kritische und forschende Geistesarbeit des Protestantismus selbst zu suchen, um so mehr wird sie den Wunsch und die Sehnsucht empfinden, sich zum ewigen Heil an der mütterlichen Hand der heiligen Kirche führen zu lassen, – und die Staatsautorität?« fügte er achselzuckend hinzu, »nun, je schärfer sie ihre Zügel anzieht, je härter und energischer sie den einzelnen der unerbittlichen und strengen Herrschaft der Gesetze unterwirft, um so mehr wird in den Herzen die Sehnsucht nach der Kirche erwachen, welche von jeher Schutz und Trost gewährte gegenüber dem Despotismus, möge derselbe ausgeübt werden von den Tyrannen der früheren Tage oder von den parlamentarischen Majoritäten unserer Zeiten, welche noch rücksichtsloser, noch unerbittlicher sind als jene Tyrannen. Je mehr«, fuhr er mit immer überzeugungsvollerem Ton fort, »in dem heutigen Staatsleben die Menschen zu völlig gleichen Rechtsobjekten gemacht werden, um so mehr werden sie die Sehnsucht empfinden nach der Kirche, die sie ihrer individuellen Eigentümlichkeit gemäß behandelt und die ihnen da, wo sie auf dem Gebiet des Staats nur die Strenge des rücksichtslosen, gleichmäßigen Gesetzes finden, milde, verzeihende Versöhnung entgegenträgt.«

Der Generalkonsul schüttelte leicht den Kopf, als könne er die so zuversichtlich ausgesprochene Ansicht des Kardinals nicht teilen.

»Ich fürchte,« sagte er, »Eure Eminenz vergessen, daß ein großer Teil der arbeitenden Gesellschaft die Befreiung von den einengenden Schranken der immer tiefer in alle Lebensverhältnisse eingreifenden Gesetzesherrschaft bereits in sehr klarem Bewußtsein und in sehr fester Organisation auf einem ganz anderen Wege sucht. Die sozialen Bestrebungen treten hier in Italien, wo die rein politischen Fragen in diesem Augenblick noch so sehr im Vordergrund stehen, weniger hervor, in Deutschland haben sie aber bereits eine große Bedeutung, und diese Bestrebungen stellen den gesamten Arbeiterstand immer mehr in Gegensatz nicht nur zur staatlichen, sondern auch zur kirchlichen Autorität – nach allem, was ich darüber höre, und was ich selbst zu beobachten Gelegenheit hatte, treiben diese Bestrebungen einer Katastrophe zu, welche, wenn nicht schleunig mit geschickter und kräftiger Hand entgegengearbeitet wird, die ganze bestehende Gesellschaft in einen unberechenbaren Abgrund stürzen muß.«

Abermals sah der Kardinal den Generalkonsul mit seinem Blick voll ruhiger, überlegener Zuversicht an.

»Ich kenne«, sagte er, »die sozialen Bestrebungen und die Organisation der Internationalen, wie ja nichts, was die menschliche Gesellschaft bewegt, der Aufmerksamkeit der Kirche entgehen darf, – eine Gefahr aus diesen Bestrebungen für die Gesellschaftsordnung kann meiner Überzeugung nach nur dann entstehen, wenn die Regierungen fortfahren, dieselben zu ignorieren oder mit falschen Maßregeln zu behandeln. Diese Gefahr aber,« fuhr er fort, »selbst wenn sie eintreten sollte, bedroht weit mehr die staatlichen Autoritäten als die Kirche. Die Grundsätze des Sozialismus stehen in weit größerem Gegensatz zu den Gesetzen des modernen Staats, als zu den Lehren des Evangeliums, und es würde vielleicht nicht so sehr schwer sein, den Sozialismus auf kirchlichen Boden zurückzuführen. Wenn aber auch wirklich jene Katastrophe eintreten sollte, welche Sie eben andeuteten – eine Katastrophe, welche ich gewiß tief beklagen würde, so würde dieselbe die Existenz der unzerstörbaren Kirche, welche auf dem ewigen Felsen Petri ruht, nicht erschüttern. Blicken Sie in die Geschichte; – wenn die Fluten gewaltiger Umwälzungen über die Völker dahingerauscht sind, wenn sie Throne, Verfassungen, Gesetze und selbst die Altäre hinweggeschwemmt haben – das erste, was nach allen mächtigen Erschütterungen sich wieder erhoben hat, ist stets die Kirche gewesen. Die zertrümmerten Throne, die zerstörten Gesetzesordnungen sind in die Vergangenheit und Vergessenheit versunken, aber die Kirche ist unversehrt in neuer Macht und in neuem Glanz nach dem Ablauf der Fluten wieder erstanden. So sehr daher die Kirche solche Katastrophen beklagen und verdammen muß, so hat sie dieselben dennoch nicht zu fürchten. In diesem Augenblick ist es ihre höchste und gerade im Hinblick auf die Möglichkeit revolutionärer Katastrophen doppelt wichtige Aufgabe, ihre einheitliche und scharf konzentrierte Macht zu befestigen und namentlich den in den einzelnen Ländern auftauchenden Nationalitätsideen gegenüber die unbedingte, für alle Gläubigen maßgebende Autorität des Heiligen Stuhls in absoluter und zweifelloser Reinheit wieder herzustellen, damit, was auch immer geschehen möge, alle Gläubigen stets die eine Fahne des Heils deutlich erblicken können, unter welcher sie sich sammeln und zu gemeinsamem Kampf vereinigen können. Dazu«, fügte er hinzu, »wird ja das ökumenische Konzil, das sich nach dem Willen des Heiligen Vaters in kurzer Zeit hier versammeln soll, die Mittel bieten.«

Der Generalkonsul Spiegelthal sah den Kardinal ernst und mit bedenklich sorgenvollem Ausdruck an. Er schien einen Augenblick zu zögern, dann sprach er:

»Ich möchte mir erlauben, an Eure Eminenz eine Frage zu richten, die vielleicht vermessen erscheinen könnte; – da Eure Eminenz mir jedoch die Ehre erzeigt haben, mit mir über die Verhältnisse der Kirche zu sprechen und auch des ökumenischen Konzils zu erwähnen, so darf ich vielleicht einen Gegenstand berühren, welcher gegenwärtig vielfach der öffentlichen Erörterung unterliegt. Man sagt, daß die Absicht bestehe, auf dem Konzil die Unfehlbarkeit des Heiligen Vaters zum Dogma erheben zu lassen, und viele Katholiken selbst sind von tiefer Besorgnis erfüllt, daß ein solcher Schritt sehr bedenkliche Konsequenzen haben könnte. Ich habe bisher kaum glauben können, daß wirklich Derartiges beabsichtigt werde –«

»– Und warum?« fragte der Kardinal Monaco, indem er den Generalkonsul erstaunt, mit fast strengem Ausdruck ansah.

»Ich habe vorhin schon«, erwiderte Herr Spiegelthal, »Eurer Eminenz die Bemerkung mir zu machen erlaubt, daß dem Einfluß der katholischen Kirche wesentlich die Eifersucht des Rechtsstaats auf seine Autorität gegenübersteht. Die Proklamierung der Unfehlbarkeit des Heiligen Vaters als Dogma der Kirche würde naturgemäß diese jetzt stillschweigend beobachtende Eifersucht auf das äußerste steigern und zu ernsten und scharfen Maßregeln der Abwehr reizen. Dadurch müssen Konflikte entstehen, welche dem Einfluß und der Stellung der Kirche nur im hohen Grade gefährlich werden können.«

»Ich kenne diese Ansicht,« sprach der Kardinal, »sie ist mir schon mehrfach ausgesprochen worden, doch muß ich aufrichtig sagen – ich verstehe sie nicht. Sie sind katholisch, und Ihre Tochter hier«, sagte er mit freundlichem Lächeln, das Haupt gegen die junge Dame neigend, »wird es ebensogut wissen, wie Sie, daß niemals ein rechtgläubiger Katholik an der Unfehlbarkeit des Papstes in allen Glaubenssachen gezweifelt hat.«

»Ganz recht, Eminenz,« erwiderte der Generalkonsul, »aber es ist auch niemals diese Frage erörtert und dadurch der Zweifel herausgefordert worden, der Zweifel, der ja doch auf den früheren Konzilien bestanden hat, die wenigstens ihre eigene Autorität als die oberste in der katholischen Christenheit anerkannt wissen wollten.«

»Diese Auffassung der Konzilien ist von den Päpsten nicht anerkannt worden«, erwiderte der Kardinal. »Sie haben die Jurisdiktion der katholischen Kirche stets unbestritten ausgeübt, und«, fügte er mit einem scharfen, forschenden Blick hinzu, »jeder mögliche Zweifel müßte ja schwinden, wenn das ökumenische Konzil nunmehr selbst die Unfehlbarkeit des Heiligen Vaters zur Glaubensnorm erhebt.«

»Eure Eminenz haben soeben bemerkt, daß die unfehlbare oberste Jurisdiktion von dem Papst unbestritten ausgeübt worden sei; – wenn dies der Fall ist, warum soll dann eine Frage von neuem zur Erörterung und Beschlußfassung gestellt werden, welche gegenwärtig stillschweigend gelöst ist und welche durch die feierliche und öffentliche Diskussion, durch die Aufstellung eines neuen dogmatischen Glaubenssatzes allen Gegnern der kirchlichen Autorität neue Gelegenheit zum Widerstand und neue Waffen geben kann?«

»Ich begreife das immer nicht,« sagte der Kardinal, indem er seinen Blick unter den herabsinkenden Augenlidern verhüllte, »man hat ja doch in jeder Institution eine oberste Instanz, von welcher es keine Appellation mehr gibt und welche darum das Wesen der Unfehlbarkeit besitzt. Ist denn nicht der oberste Gerichtshof Ihres Landes unfehlbar, faktisch unfehlbar, da er, ohne eine weitere Instanz zuzulassen, endgültig über Eigentums- und Besitzrechte entscheidet? Geben Ihre Geschworenen, so sehr sie doch irrende Menschen sind, nicht ein unfehlbares Verdikt ab, welches über Leben und Tod der Menschen entscheidet? Ist der Oberkirchenrat in Berlin nicht unfehlbar für die Häretiker, und ist Ihr König nicht der oberste und unfehlbare Richter in seiner Armee? Warum sollte man sich denn so sehr sträuben, den Heiligen Vater für unfehlbar gelten zu lassen, der ja doch unzweifelhaft die oberste Instanz in der katholischen Kirche ist, und von welchem es keine Appellation mehr gibt!«

»Ich glaube nicht,« erwiderte der Generalkonsul, »daß gegen diese faktische Unfehlbarkeit des Papstes als des obersten Leiters und Verwalters der Kirche irgend jemand etwas einwenden würde, wie auch bis jetzt nichts dagegen eingewendet worden ist. Etwas anderes scheint es mir aber, Eminenz, wenn diese faktische Unanfechtbarkeit der päpstlichen Entscheidung zum Dogma erhoben wird, und wenn dieselbe«, fügte er mit Betonung hinzu, »von den kirchlichen Verwaltungs- und Disziplinsachen auch auf die Glaubenssätze ausgedehnt wird, welche von den Konzilien festgestellt sind und nach der bisherigen Auffassung auch nur von diesen modifiziert oder geändert werden konnten.«

»Gerade hierin«, rief der Kardinal lebhaft, »liegt aber die Bedeutung, die hohe und segensreiche Bedeutung des Unfehlbarkeitsdogmas. Es ist das Bestreben der weltlichen Mächte, sich die geistliche Autorität zu unterwerfen, demgegenüber muß die Kirche ihre einheitlich konzentrierte Macht in höchster Schärfe entwickeln und ausüben. Will der Staat durch seine Gewalt über die materiellen Verhältnisse herrschen, so müssen wir um so fester an unserer Autorität über die Gewissen halten. Wir müssen die ganze katholische Welt von neuem mit dem Bewußtsein durchdringen, daß die heilige Kirche eine Eine und unteilbare ist, und daß das Wort des obersten Hirten unbedingt maßgebend ist für jeden, der Anspruch macht, durch ihre Hand zum ewigen Heil geführt zu werden.«

»Eure Eminenz haben«, sagte der Generalkonsul, »in diesen letzten Bemerkungen, welche Sie zu machen die Güte hatten, die ganze Frage, welche den Gegenstand unserer Unterhaltung bildet, sehr scharf als eine Machtfrage charakterisiert, und gerade hierin beruhen meine Bedenken. Die Macht der staatlichen Autorität und die Macht der öffentlichen Meinung sind beide sehr groß, – sie werden täglich größer; – ob die Macht der Kirche imstande sein wird, beide zu besiegen, scheint mir fraglich. Und wenn man in einem Kampf nicht des Sieges gewiß ist, so möchte es vielleicht besser und vorsichtiger sein, denselben nicht zu unternehmen oder ihn doch zu verschieben.«

»Wir können des Sieges vollkommen gewiß sein,« erwiderte der Kardinal, den Kopf stolz aufrichtend, – »um so gewisser«, fuhr er fort, »als die staatliche Gewalt, wenn sie um dieser Frage willen den Streit mit der Kirche aufnehmen sollte – wofür ich so recht keinen Grund zu erkennen vermag – mit jedem Schlage, den sie gegen uns führt, auch zugleich die festeste und sicherste Stütze ihrer eigenen Autorität zertrümmern muß. Doch«, fuhr er in einem Tone fort, welcher anzudeuten schien, daß er das Gespräch nicht weiter fortzusetzen Neigung habe, »auch diese Frage wird ja auf dem Konzil zur Erörterung kommen, und ich glaube, daß jeder Zweifel – in der katholischen Christenheit mindestens – durch einen rechtmäßig zustande gekommenen Konzilsbeschluß wird beseitigt werden müssen. – Sie denken nach Deutschland zurückzukehren?« fragte er abbrechend.

»Noch nicht,« erwiderte der Generalkonsul, »ich habe meinen Wohnsitz in Neapel, und wenn mich auch geschäftliche Beziehungen früher oder später nach Deutschland zurückrufen werden, so habe ich doch den großen Wunsch, wenn es irgend möglich ist, meinen dauernden Aufenthalt hier in Ihrem schönen Italien zu nehmen.«

»Ich hoffe, daß dieser Wunsch erfüllt werden wird,« sagte der Kardinal verbindlich, »und daß wir dadurch das Vergnügen haben, Sie öfter hier in Rom zu sehen. Ich werde stets erfreut sein, Ihnen nützlich sein zu können und mich mit Ihnen zu unterhalten.«

Er stand auf, indem er mit feinster Höflichkeit und zugleich mit bestimmtester Entschiedenheit die Audienz beendete.

Als der Generalkonsul Spiegelthal und seine Tochter das Zimmer verlassen hatten, trat der Geistliche, welcher vorher den Zuavenoffizier empfangen hatte, ein und meldete:

»Der Graf Spangendorf, welchen Eure Eminenz zu sprechen gewünscht hatten, befindet sich im Vorzimmer.«

»Lassen Sie ihn einen Augenblick hier eintreten, ich werde ihn selbst in mein Kabinett rufen«, erwiderte der Kardinal.

Er kehrte in sein neben dem Empfangszimmer gelegenes Arbeitskabinett zurück, welches wie die anderen Räume mit edler und reicher Einfachheit ausgestattet und mit noch selteneren Bildern und antiken Bronzen dekoriert war, – setzte sich in einen großen Lehnstuhl von Ebenholz mit Gold inkrustiert vor den breiten, neben dem hellen Fenster stehenden Schreibtisch, über welchem eine Anzahl Fächer, mit den aus Elfenbein gebildeten Buchstaben des Alphabets gezeichnet, sich befanden.

Der Kardinal zog aus dem Fach, über welchem man den Buchstaben S sah, ein kleines Aktenfaszikel und begann dasselbe mit großer Aufmerksamkeit zu durchlesen, – nachdem er die Blätter alle bis auf das letzte umgewandt, schob er das kleine Heft wieder an seinen Platz zurück und ging mit leisen, elastischen Schritten nach der Tür hin. Er öffnete dieselbe und rief mit einer sanften, väterlich wohlwollenden Stimme den Namen des Grafen Spangendorf.

Der junge Mann, welcher in Betrachtung eines antiken Marmorkopfes versunken, wendete sich bei diesem Ruf rasch um, verneigte sich tief und trat in ehrfurchtsvoller Haltung in das Kabinett des Kardinals.

Der Kardinal setzte sich neben den großen Tisch, auf welchen ein Lakai einen vierarmigen silbernen Leuchter mit brennenden Wachskerzen stellte; – er winkte dem Offizier, sich ihm gegenüberzusetzen und sah dann den jungen Mann einige Sekunden lang forschend aus seinen halb verhüllten Augen an.

Das Resultat seiner Beobachtung schien ihn zu befriedigen, ein feines, wohlgefälliges Lächeln erschien auf seinen Lippen, und mit derselben sanften und väterlich wohlwollenden Stimme wie vorhin sprach er:

»Es freut mich ungemein, Sie kennen zu lernen, mein lieber Graf; in dieser Zeit, in welcher leider so viel Abfall zu beklagen ist, tut es doppelt wohl, zu sehen, wie eine so große Anzahl junger Männer sich dem heiligen, aber auch mühe- und gefahrvollen Dienst der Verteidigung der Kirche widmen und ihre Familien und ihr Vaterland verlassen, um sich vor dem bedrohten Stuhle Petri zu versammeln. – Von Ihnen, Herr Graf«, fuhr er mit verbindlicher Neigung des Kopfes fort, – »ist mir ganz besonders viel Gutes mitgeteilt worden, und ich wünschte Sie deshalb persönlich kennen zu lernen, um Sie zu bitten, sich, – wenn Sie jemals einen Wunsch haben, – oder wenn Sie hier in dem Ihnen fremden Rom sich einsam fühlen, – vertrauensvoll an mich zu wenden. Es ist ja unsere Pflicht, – soweit wir das können, den Kämpfern für die Kirche Heimat und Familie zu ersetzen.«

Der junge Offizier errötete vor Freude über die so liebenswürdigen Worte des vielvermögenden Kirchenfürsten.

»Eure Eminenz sind zu gütig,« sagte er mit ehrfurchtsvoller Verneigung, – »daß Sie Ihren Blick mit so besonderem Wohlwollen auf meine geringe Person gerichtet haben, – ich habe dem mächtigen Gefühl meines Herzens gehorcht, als ich hierherkam, um mein Leben der Verteidigung des Heiligen Stuhles zu widmen, – ich kann dafür, was auch viele andere gleich mir getan, keine besondere Anerkennung in Anspruch nehmen; ich wüßte kaum, durch welche Bitte ich die Güte Eurer Eminenz in Anspruch nehmen sollte, – meine Wünsche –« fügte er mit einem halbunterdrückten Seufzer hinzu.

Er stockte einen Augenblick.

Der Kardinal erhob leicht seine schlanke, weiße Hand und ließ die großen Brillanten seines Ringes in dem zitternden Kerzenlicht flimmern, das immer mehr in dem hohen Gemach über das durch die Fenster hereinfallende, verblassende Abendrot zu herrschen begann.

»Alle Wünsche,« fiel er ein, ohne den Blick von den funkelnden Fassetten seines Ringes zu erheben, – »alle Wünsche, die ein so ritterliches und ergebenes Herz wie das Ihrige hegen kann, – alle Wünsche«, wiederholte er mit Betonung, – »hat die Kirche Macht zu erfüllen, – die Kirche, vor welcher das Hohe in den Staub sinkt und welche das Niedrige erhöhen kann.«

Er sah einen Augenblick aus seinen schnell aufgeschlagenen Augen scharf zu dem jungen Mann hinüber, der wie erschrocken zusammenzuckte und dann den Blick zu Boden senkte.

»Wenn also jemals«, fuhr der Kardinal im Tone ruhiger Höflichkeit fort, »die Erfüllung irgendeines Wunsches Ihnen besonders am Herzen liegen sollte, – so wissen Sie, wo Sie stets ein offenes Ohr und eine zur kräftigsten Unterstützung bereite Hand finden.«

Graf Spangendorf verneigte sich mit einer gewissen Befangenheit, – er schien über die Bedeutung der Worte des Kardinals nachzusinnen.

»Sie haben«, fuhr dieser fort, »das besondere Glück, einer Provinz anzugehören, in welcher die Hingebung für die Religion und die Anhänglichkeit an die heilige Kirche allgemein verbreitet ist, und in welcher der Protestantismus niemals Wurzel geschlagen hat.«

»Meine Heimat, das Rheinland,« erwiderte der junge Offizier wie erleichtert durch die Wendung, welche das Gespräch genommen, »hat ja zum größten Teil lange, lange Zeit unter der geistlichen Herrschaft gestanden und sich dabei ausnehmend wohl befunden, – es ist natürlich, daß dort der ketzerische Zweifel weniger als anderswo Eingang gefunden hat.«

Der Kardinal ließ abermals das Feuer der Brillanten seines Ringes im Kerzenlicht spielen.

»Jene Zeiten sind vorbei,« sagte er seufzend, – »heute will man ja der Kirche und ihren Fürsten keine weltliche Macht und Herrschaft mehr lassen, und sogar des Heiligen Vaters Erbteil wird von rebellischer Verblendung bedroht, – freilich dort in Deutschland«, fuhr er fort, – »mag es vielleicht nach dem Willen Gottes geschehen sein, daß die Bischöfe ihre weltliche Fürstenmacht verloren, denn oft wurden sie in weltliche Händel hineingezogen, welche sie ihre geistlichen Hirtenpflichten vergessen ließen, ja oft geschah es sogar, daß ihre Stellung als Kurfürsten und Fürsten des Reiches stolze Gedanken der Unabhängigkeit dem römischen Stuhl gegenüber in ihnen auftauchen ließen, welche der einigen Macht der Kirche gefährlich werden mußten, – und ihre Untertanen vergaßen über dem unmittelbaren souveränen Landesherrn den obersten Hirten und Herrn der Kirche, – was dann den weltlichen Mächten erwünschte und eifrig benutzte Gelegenheit gab, Uneinigkeit unter die geistlichen Gewalten zu bringen.«

Der Graf von Spangendorf verneigte sich mit einer gewissen Verlegenheit. Er sah den Kardinal etwas verwundert an, als begriffe er nicht, warum dieser so hocherleuchtete Fürst der Kirche seine Ansichten über so ernste und wichtige Dinge ihm, dem unbedeutenden jungen Offizier, auszusprechen veranlaßt würde.

»Es ist heute«, fuhr der Kardinal fort, »die Aufgabe und die heilige Pflicht eines jeden Katholiken, seine ganze Kraft in dem Kampfe einzusetzen, welchen die Kirche immer ernster und nachdrücklicher gegen die weltliche Macht zu führen gezwungen wird, – und nicht nur die Kraft des Armes, welche Sie, Herr Graf, wie so viele andere junge Leute, dem Heiligen Vater geweiht haben, sondern vor allem auf die Kraft des Geistes, denn der wesentlichste und entscheidendste Kampf in dieser so hochwichtigen Epoche wird auf dem geistigen Gebiet und mit geistigen Waffen ausgefochten werden müssen.«

»Jeder muß diejenige Kraft dem Dienst der Kirche widmen,« erwiderte der Graf Spangendorf, »welche er vorzugsweise besitzt. Ich, Eminenz, mache keinen Anspruch, einen hervorragenden Platz zu behaupten im Kampf der Geister, während ich mir wohl zutraue, den Degen geschickt und nachdrücklich für die Rechte des Heiligen Vaters zu führen.«

»Nicht der einzelne vermag zu beurteilen, wo sein Platz ist,« sagte der Kardinal ruhig, »und selbst die Bescheidenheit ist ein Fehler, wenn auch nicht für denjenigen, der sie im Herzen trägt, so doch für die Sache, der sie bisweilen die volle Entfaltung reicher Kräfte entziehen kann. Es kommt jetzt vor allen Dingen darauf an, den gegen die Kirche sich erhebenden weltlichen Mächten gegenüber die innere geistige Einigkeit der Kirche und ihres Regiments vollkommen wiederherzustellen und scharf zu konzentrieren, und die Unfehlbarkeit des obersten Priesters, des einzigen und wahren Statthalters Christi auf Erden, über jeden Zweifel zu erheben, denn nur so, wenn die Kirche, in Haupt und Gliedern in unteilbarer Einigkeit verbunden, einem einzigen Willen gehorcht, kann sie den Sieg über die weltlichen Mächte erringen, welche immer heftiger und immer rücksichtsloser gegen sie anstürmen.«

Der Graf Spangendorf neigte abermals zustimmend den Kopf, und abermals erschien auf seinem Gesicht jener Ausdruck der Verwunderung über diese so eingehende Ausführung des Kardinals.

»Leider«, fuhr dieser fort, »sind selbst, wie mehrfach zu meiner Kenntnis gekommen, unter den sonst gläubigen und ergebenen Katholiken Zweifel in dieser Beziehung verbreitet. Es erheben sich Stimmen, welche, bevor noch das Konzil zusammengetreten ist, das, wie Sie wissen, in kurzem sich hier vereinigen wird, die Erklärung der päpstlichen Unfehlbarkeit bekämpfen, und gerade in Ihrem, der Kirche sonst so ergebenen Vaterland werden solche Stimmen laut. Ja,« fuhr er fort, indem er sich leicht zu dem jungen Mann hinüberneigte und den Ton etwas dämpfte, »ich habe sogar erfahren, daß der Einfluß solcher Stimmen versuchte, sich an den deutschen Bischofssitzen geltend zu machen, anknüpfend an die Neigung zur Unabhängigkeit, welche an den geistlichen Höfen Deutschlands während des Mittelalters so oft bemerkbar wurde.«

Jetzt blickte der Graf fast erschrocken auf den Prälaten hin.

»Eminenz,« sagte er mit unsicherer Stimme, »ich habe diese Verhältnisse bis jetzt nicht zu beobachten Gelegenheit gehabt und muß auch aufrichtig gestehen, daß ich über dieselben nicht nachgedacht habe. Was mich betrifft, so habe ich an der Unfehlbarkeit des Heiligen Vaters nicht gezweifelt, ebensowenig als an der Unantastbarkeit seiner heiligen Rechte, welche mit Blut und Leben zu verteidigen ich hiehergekommen bin.«

»Sie haben diese Verhältnisse nicht beobachtet, mein junger Freund,« sagte der Kardinal, »weil Sie in kindlich frommem und ergebungsvollem Glauben lebten; um aber der Kirche zu dienen, darf man es sich an der eigenen Glaubensruhe und Sicherheit nicht genügen lassen, man muß auch den scharfen Blick auf die Werke der Feinde des Glaubens richten und die Gefahren zu erkennen suchen, welche der heiligen Religion drohen, und welche eben nur dann überwunden werden können, wenn sie genau und scharf übersehen werden. Sie haben jene Verhältnisse nicht beobachtet,« fuhr er fort, – »und dennoch sind Sie gerade besonders geeignet, dieselben zu beobachten.«

»Ich, Eminenz? Mein Gott,« rief der junge Mann, »wie sollte ich dazu geeignet sein, der ich kaum das Leben kennen gelernt!«

»Gerade deshalb«, erwiderte der Kardinal; »Sie werden um so klarer und vorurteilsloser beurteilen, weil Ihr Blick noch rein und frei ist, weil Ihr Verstand noch dem kindlichen und unverfälschten Glauben Ihres Herzens gehorcht, weil auf Sie die Kritik, die falsche Philosophie, der rebellische Stolz des Selbstdenkens und Selbstwollens noch keinen Einfluß hat.«

Er hatte das Haupt hoch und stolz emporgerichtet, seine Augen öffneten sich weit und groß, der Ausdruck weltmännischer Höflichkeit war vollständig von seinem Gesicht verschwunden, mit der Würde und Überlegenheit des Fürsten und des Priesters blickte er zu dem verwirrten jungen Mann hinüber.

»Ich,« fuhr er fort, »ein Kardinalpriester der heiligen Kirche, dessen Aufgabe und Beruf es ist, die Menschen zu durchschauen und die Tiefen ihrer Herzen zu erkennen, – ich sage Ihnen, mein junger Freund, daß Sie berufen sind, der Kirche andere Dienste zu leisten, als mit dem Schwert für ihr Recht zu kämpfen. Sie sind berufen, in dem schwereren Kampf auf dem Gebiet der Geister Ihren Platz einzunehmen, und ich frage Sie, ob Sie bereit sind, diesen Beruf zu erfüllen?«

»Mein Leben und alle meine Kräfte gehören dem Dienst der heiligen Kirche,« erwiderte Graf Spangendorf, indem flammende Begeisterung sein Gesicht erleuchtete, »und wenn Eure Eminenz«, fuhr er, die Hand auf die Brust legend, fort, »mich für würdig und fähig halten, in dem geistigen Streit der Kirche mitzuwirken und ihr zum Siege zu verhelfen, so bitte ich um Ihre Befehle, und Gott wird mich erleuchten und stärken, – sein Geist wird in mir, dem schwachen Werkzeuge, mächtig sein.«

Wohlgefällig lächelnd neigte der Kardinal den Kopf, indem er mit einer leichten und anmutigen Bewegung seiner Hand das Zeichen des Kreuzes gegen den jungen Mann machte.

»Sie sind ohne Falsch wie die Tauben,« sagte er mit weicher Stimme, »nehmen Sie Ihre Kraft zusammen, um klug zu werden wie die Schlangen, denn so sollen nach dem Wort der Schrift diejenigen sein, welche an der Wiederherstellung des Reiches Gottes auf Erden arbeiten.«

Er schwieg einen Augenblick, während Graf Spangendorf demütig den Kopf auf die Brust neigte.

»Es ist für uns,« sprach der Kardinal weiter, indem seine Stimme den Ton und den Ausdruck eines Staatsmannes annahm, der einem Diplomaten seine Instruktionen erteilt, »es ist für uns von hoher Wichtigkeit, ganz genau und aus völlig reiner, vorurteilsloser und objektiver Quelle zu erfahren, welche Anschauungen unter dem großen Adel und unter der Bevölkerung der Rheinprovinz über die Verkündigung des Dogmas der Unfehlbarkeit herrschen und welche Stellung diese Kreise einnehmen würden, wenn der Weg, den wir zum Heil der Kirche einzuschlagen entschlossen sind, zu ernsten und lange andauernden Konflikten mit der staatlichen Autorität führen sollte.«

»Darüber, Eminenz,« erwiderte Graf Spangendorf, »würde ich in der Lage sein, mich genau unterrichten zu können, wenn ich eine Zeitlang in meiner Heimat mich aufhalten dürfte, wo mir der Zutritt zu allen Kreisen so leicht sich öffnet.«

»Sie werden«, sagte der Kardinal, »nur einen Urlaub nachzusuchen haben, um Ihre Familie zu besuchen, und derselbe wird Ihnen sogleich erteilt werden, und zwar auf unbestimmte Zeit, denn Sie werden selbst am besten ermessen können, wie lange Sie bedürfen, um sich vollständig zu informieren. Eine baldige Mitteilung ist uns wünschenswert, noch wünschenswerter aber eine genaue, ausführliche und richtige. Deshalb sollen Ihnen in der Zeitdauer Ihrer Mission keine Beschränkungen auferlegt werden. Außerdem aber«, fuhr er in leiserem und tiefernstem Ton fort, »ist es in besonderem Grade erwünscht, genau zu wissen, und zwar aus ganz unparteiischem Munde zu wissen, ob jene Ideen nationaler kirchlicher Unabhängigkeit, welche auch in Deutschland sich zu regen beginnen, an den bischöflichen Sitzen, namentlich in Köln, Trier und Mainz, irgendwelchen Boden gefunden haben. Sie werden Gelegenheit finden, bei Ihrer Anwesenheit in Deutschland auch dorthin zu gehen und auch in dieser Beziehung sich ein Urteil zu bilden.«

»Wäre es möglich, wäre es denkbar,« rief der Graf Spangendorf erregt, »daß die hochwürdigen Bischöfe der Kirche –«

Der Kardinal erhob, ihn unterbrechend, die Hand.

»Ich habe«, sagte er, »kein Urteil, keine Meinung, keinen Verdacht ausgesprochen, ich wünsche, unterrichtet zu werden, und zwar unterrichtet durch jemand, der allen Parteiungen und allen vorgefaßten Meinungen fernsteht. Auch von Ihnen erwarte ich kein Urteil, keine persönliche Ansicht, sondern Berichte über Tatsachen und Äußerungen, die Sie hören werden, über Gespräche, die man mit Ihnen führen möchte. An Ihrem Eifer und Ihrer Einsicht zweifle ich nicht. Ihre tiefe Verschwiegenheit ist Ihre Pflicht gegen die Kirche, und ich bin gewiß, daß Sie diese Pflicht erfüllen werden. Ich werde Ihnen keine Empfehlungen, keine Einführungen mitgeben, Sie müssen Ihren Weg allein gehen, und wenn ich mich in Ihnen nicht getäuscht habe, so werden Sie diesen Weg zu finden wissen. Sie bedürfen keiner Instruktionen, ich bin gewiß, daß Sie mich verstanden haben. Kommen Sie um Ihren Urlaub ein, in acht Tagen können Sie auf dem Wege nach Deutschland sein. Vergessen Sie nicht,« fuhr er fort, »daß, wenn Sie die Dienste leisten, die von Ihnen zu fordern ich mich berechtigt halte, die Kirche die Macht hat, Ihnen alles zu gewähren, was ein junges, aufstrebendes und warmes Herz vom Leben erwarten kann, Ehre, Einfluß – und Glück!«

Die Augen des jungen Mannes leuchteten hoch auf, eine dunkle Röte flammte über sein Gesicht.

»Diese Worte, Eminenz,« sagte er aufstehend, »eröffnen mir einen großen, herrlichen Blick in die Zukunft. Voll Stolz und Mut gehe ich an die Aufgabe, die Sie mir gestellt, und ich werde alles daransetzen, sie zu erfüllen.«

Der Kardinal hatte sich erhoben und machte segnend das Zeichen des Kreuzes. Der Graf zog sich dann, noch einmal an der Tür sich ehrfurchtsvoll verneigend, zurück.

Viertes Kapitel

Die ganze Wiener Finanzwelt war in großer Aufregung. Die von dem Könige von Hannover gegründete Wiener Bank war in kurzer Zeit zu einer enormen Bedeutung und einem alle anderen Institute überragenden Einfluß emporgestiegen. Die Aktien der Bank, welche mit Achtzig ausgegeben waren, standen auf der Höhe von Zweihundertfünfundsiebenzig, der Besitz der Aktionäre und insbesondere des Hauptaktionärs, des Königs von Hannover, war also ungefähr um das Dreifache vermehrt, und die ausgedehnten und glänzenden Geschäfte, welche die Bank teils schon gemacht hatte, teils abzuschließen im Begriff stand, ließen ein immer höheres Steigen ihrer Papiere voraussetzen, wobei man einen ungünstigen Umschlag um so weniger erwarten konnte, als die Bank wirklich reell begründet war und sich nur auf Unternehmungen mit realen Werten einließ.

Die Nachfrage nach den Aktien der Bank war ungeheuer, dennoch aber waren dieselben fast nicht zu beschaffen, da sie sämtlich in festen Händen lagen, und diese Nachfrage steigerte noch von Tag zu Tage den schon so hoch hinaufgestiegenen Kurs der Bankpapiere immer mehr. Alle übrigen Kreditinstitute in Wien und die Bankhäuser sahen mit Mißgunst und Besorgnis dieses so schnelle und unwiderstehliche Emporsteigen der neuen Finanzmacht, und es bildete sich eine Kontremine, welche mit allen Mitteln dahinstrebte, die Unternehmungen der Wiener Bank zu durchkreuzen und namentlich die Stellung ihrer Aktien an der Börse zu untergraben.

Einzelne Mitglieder und Teilhaber an der Wiener Bank hatten sehr bedeutende Lieferungsgeschäfte auf Bankaktien abgeschlossen, und die Mitglieder der Kontremine gaben sich die größte Mühe, entweder den Kurs herabzudrücken oder sich Aktien zu verschaffen, um in natura liefern zu können. Allein es gelang ihnen nur schwer, dieselben zu erhalten, und man mußte darauf gefaßt sein, daß am Lieferungstage der Kurs zu einer exorbitanten Höhe hinaufsteigen würde, so daß die zur Lieferung Verpflichteten sich ganz in den Händen der Mitglieder und Parteigänger der Wiener Bank befinden mußten.

Einige Tage vor der Ultimoregulierung des Monats August saß in dem reich und elegant ausgestatteten Direktionszimmer der Wiener Bank der Doktor Elster vor einem großen, mit Kontobüchern und Rechnungspapieren bedeckten Tisch.

Er hatte die Bücher geprüft, einzelne Bogen mit Rechnungsaufstellungen durchflogen und mit Bleistift einige Notizen gemacht.

Dann lehnte er sich, zufrieden lächelnd, in den mit grünem Leder ausgeschlagenen Lehnstuhl zurück und sprach, indem er mit seiner schweren goldenen Uhrkette spielte:

»Es wird gelingen, es ist ein kühnes Spiel, das wir gespielt haben. Die Kontremine hat alle ihre Kraft aufgeboten, um uns zu werfen, aber ihre Mühe ist umsonst, unsere Berechnung ist richtig, morgen werden wir den entscheidenden Schlag führen und die ganze Wiener Finanzwelt ohne Widerstand beherrschen. Sie können«, fuhr er fort, »die Aktien, die sie liefern sollen, nicht schaffen, denn diejenigen, welche wir noch nicht angekauft haben, sind ihnen unzugänglich, und sie werden gezwungen sein, uns den von uns gestellten Kurs zu zahlen.«

Er blickte wohlgefällig auf ein Papier, das verschiedene Zahlenangaben enthielt.

»Ich habe bei der letzten Spekulation«, sagte er, »sechsmalhunderttausend Gulden gewonnen. Die gegenwärtige Abrechnung wird mir mindestens dieselbe Summe, hoffentlich mehr eintragen, damit bin ich fürs erste in Sicherheit, erhaben über alle Sorgen des Lebens, und ruhig kann ich der Zukunft entgegensehen, möge sie bringen, was sie wolle.«

Er stand auf und ging einige Male im Zimmer auf und nieder, den Kopf stolz erhoben, während seine etwas unsicher blickenden Augen in freudiger Erregung strahlten.

»Die Gunst des Schicksals«, rief er, »hebt mich höher, als ich es mir jemals hätte träumen lassen. Aus der abhängigen, untergeordneten Stellung des Subalternendienstes, in welcher ich bisher mein Leben verbrachte, bin ich zunächst hinaufgestiegen in den höheren Dienst, der mich allen denen gleichstellt, die früher auf mich herabzublicken sich für berechtigt hielten. Und dieses glückliche Unternehmen der Wiener Bank wird mich nun auch auf eine Höhe des materiellen Besitzes heben, auf welcher wenige mir gleichkommen, und in welcher ich in dem künftigen Teil meines Lebens reichen Ersatz finden werde für die Entbehrungen und Demütigungen, die ich bisher ertragen. Ich stehe in Unterhandlungen«, fuhr er fort, »wegen des Erwerbs einer großen Herrschaft; sobald die gegenwärtige Spekulation glücklich durchgeführt ist, werde ich das Geschäft zum Abschluß bringen – und dann werde ich zu den ersten Grundbesitzern des Landes gehören. Und«, sprach er dann, indem er abermals nachdenklich auf das Papier blickte, »ich werde nicht nur mich bereichert haben, sondern – was mich über die gewagte Natur meiner Spekulationen beruhigt, ich werde auch das Vermögen meines Königs in einem alle Erwartungen übersteigenden Maßstab vermehrt haben und unausgesetzt weiter zu vermehren Gelegenheit finden. Ich werde auch der österreichischen Regierung große und ernste Dienste geleistet haben und noch größere zu leisten in der Lage sein, und wenn dann die politische Katastrophe sich zuspitzt, so werden in meinen Händen wichtige Fäden der Schicksale Europas zusammenlaufen – der Orden der eisernen Krone kann mir nicht entgehen – der Ritterstand – später der Freiherrntitel, – und wenn das Glück dem Könige günstig ist und er seinen Thron wieder erobert, so wird der unbedeutende Legationskanzlist nach Hannover zurückkehren als ein großer Herr mit vornehmem Namen und einem Besitz, der nach Millionen zählt, und sie werden sich vor ihm beugen alle, die ihn früher kaum der Beachtung wert hielten – ich werde ein Haus, eine Familie gegründet haben, deren Namen sich unter den Ersten fortpflanzen wird in künftigen Zeiten.«

Er stützte die Hand auf den Tisch und blickte starr vor sich hin, als stiegen in seinem Innern die Bilder der künftigen Zeit empor, während seine Züge in einem von Glück strahlenden Lächeln sich verklärten.

Die Tür öffnete sich, und der Oberstküchenmeister, Graf Wratislaw, ein Mann von einigen fünfzig Jahren, mit leicht ergrauendem Haar, scharfem und vornehmem, etwas bleichem Gesicht trat in das Zimmer.

Doktor Elster fuhr aus seiner Träumerei empor. Er begrüßte diesen Träger eines der ältesten und vornehmsten Namen der österreichischen Aristokratie zwar ehrerbietig, aber doch mit einer gewissen vertraulichen Sicherheit.

»Nun, wie gehen die Geschäfte?« fragte der Graf Wratislaw, indem er dem Doktor die Hand reichte, der sich in so kurzer Zeit durch die großen Erfolge der Wiener Bank den Ruf eines außerordentlichen Finanzgenies erworben hatte.

»Vortrefflich, Herr Graf, vortrefflich,« erwiderte dieser, »wenn das Geschäft, das wir eingeleitet haben, seine Früchte trägt – und das wird morgen der Fall sein, – so wird unsere Bank die Herrin der Wiener Börse und wir, Herr Graf, werden Millionäre sein.«

»Das wird mich ganz besonders freuen,« sagte Graf Wratislaw mit einem leichten Seufzer, »ich wünsche sehr, meine Angelegenheiten, die ich lange Zeit ein wenig vernachlässigt habe, zu ordnen. Was die Spekulation selbst betrifft, so wissen Sie, daß ich davon nicht viel verstehe. Ich habe das volle Vertrauen, daß die Sachen, die unter Ihrer Leitung gemacht werden, richtig sind und daß sie guten Erfolg haben werden – ich habe mich persönlich tief engagiert,« sagte er mit einem leichten Anflug von Unruhe in der Stimme »und von dem Erfolg unserer Spekulation hängt auch meine finanzielle Situation ab; um so mehr freue ich mich, daß Sie Ihrer Sache so sicher sind. Übrigens hat ja auch der Baron Beke und der Reichskanzler das vollste Vertrauen zu unserem Institut.«

Graf Wratislaw setzte sich in einen der umherstehenden großen grünen Lehnstühle und begann in den auf dem Tisch liegenden Zeitungsblättern zu lesen, während Doktor Elster einige angekommene Briefe erbrach, die auf seinen Platz gelegt worden waren.

Nach einigen Augenblicken öffnete sich abermals die Tür und es trat Herr Ullmann, der frühere Sekretär des Grafen Langrand-Dumonceau, einer der eifrigsten Mitbegründer der Wiener Bank, ein.

Herr Ullmann war eine kleine, magere Gestalt mit einem länglichen Gesicht von grauer Farbe, mit großer, unschön geschnittener Nase und stark hervortretendem Mund, dessen gleichgültiger, etwas blasierter Ausdruck im Widerspruch stand mit dem scharfen, listigen Blick der kleinen lebhaften, intelligenten Augen.

Er grüßte Graf Wratislaw, der ihm leicht und etwas hochmütig zunickte, reichte dann dem Doktor Elster die Hand und ließ sich nachlässig in einen Lehnstuhl vor dem Tisch sinken.

»Sie waren auf der Börse?« fragte der Doktor Elster, immer mit der Durchsicht der von ihm geöffneten Briefe beschäftigt. – »Wie stehen die Kurse?«

Herr Ullmann warf einen schnellen Blick zu ihm hinüber und sagte dann mit einer gleichgültigen, etwas müden Stimme:

»Es ist noch alles ziemlich beim alten, nur unsere Aktien sind etwas heruntergegangen.«

Doktor Elster ließ die Hand mit den Briefen, welche er las, herabfallen, richtete einen unsicheren Blick erstaunt und befremdet, als höre er etwas Unmögliches, auf Herrn Ullmann und fragte:

»Unsere Aktien fallen? Wie ist das möglich?«

»Es scheint,« erwiderte Herr Ullmann, »daß die Kontremine sich in Besitz einer gewissen Anzahl von Aktien zu setzen gewußt hat, und daß dieselben ausgeboten werden, um den Kurs herabzudrücken – ein Manöver, das gar nicht unklug ausgedacht ist und dem wir entgegenwirken müssen.«

Doktor Elster hörte immer aufmerksamer zu, seine Blicke wurden starr und finster, unruhig zupfte er seinen langen, dünnen Schnurrbart.

»Aber was sollen wir dagegen tun?« fragte er, »unsere ganze Spekulation, wodurch wir der Bank die Herrschaft über die Wiener Börse schaffen wollten, ist gefährdet, wenn die Kontremine sich jetzt im Besitz von Aktien befindet und sie zu niedrigen Kursen ausgibt.«

»Man muß eben alle Aktien kaufen«, sagte Herr Ullmann leichthin, während Graf Wratislaw fortwährend die Zeitung las, ohne dem finanziellen Gespräch der beiden Herren weitere Aufmerksamkeit zu schenken.

»Die Aktien kaufen?« sagte Doktor Elster, indem er die Stimme dämpfte. »Mein Gott, wir haben ja keine Mittel mehr, ich begreife überhaupt nicht, wie die Kontremine in Besitz von Aktien gekommen ist, wir wußten doch, daß sie alle in festen Händen und in Depot waren!«

»Wie? – das ist gleichgültig,« erwiderte Herr Ullmann, »genug, daß sie dieselben besitzen, und daß es absolut notwendig ist, nun alle noch ausstehenden Aktien zu kaufen, denn wenn sie in den nächsten Tagen durch fortwährendes Ausbieten derselben den Kurs tief herabdrücken, so werden wir nicht imstande sein, am Lieferungstermine abnehmen zu können, und unsere so gut angelegte Spekulation wird, statt uns zu Herren der Wiener Finanzwelt zu machen, der Bank große Verlegenheiten bereiten und verschiedenen Personen, namentlich auch Ihnen,« setzte er mit scharfer Betonung hinzu, »alles bisher aus den günstigen Spekulationen Erworbene, ja vielleicht noch erheblich mehr kosten.«

Eine aschfahle Blässe bedeckte das Gesicht des Doktor Elster. Immer unruhiger und heftiger zupfte er die dünnen Haare seines Schnurrbarts und mit leiser, aber angstvoll bewegter Stimme sprach er:

»Aber mein Gott, was ist zu tun?« – das ist ja ein ganz entsetzlicher, höchst unerwarteter Schlag! Wenn die Kontremine fortfährt, Aktien in großer Zahl auf den Markt zu werfen, so bricht unser ganzes Gebäude zusammen. Die baren Mittel der Bank sind erschöpft, es sind so viele von unseren eigenen Aktien angekauft, daß wir kaum noch disponible Fonds besitzen. Wir würden, wenn die Spekulation gelungen wäre, unser Kapital fast vervierfacht haben; gelingt sie nicht, so weiß ich kaum, wie wir uns aus der Verlegenheit ziehen sollen, und dazu habe ich die zwanzigtausend, im Depot der Bank befindlichen Aktien des Königs verpfändet, ebenso die Wertpapiere des Grafen Wedel. Bricht die Spekulation zusammen, so entstehen die namenlosesten Verlegenheiten, und ich weiß in der Tat kaum einen Ausweg mehr.«

»Zusammenbrechen,« sagte Herr Ullmann, indem er leicht mit einer Feder auf dem vor ihm liegenden Bogen kritzelte, »sie darf nicht zusammenbrechen – das ist sehr klar.«

»Aber wie? Mein Gott,« rief Doktor Elster, indem er scheu nach dem Grafen Wratislaw hinüberblickte, »wie kann die Sache gehalten werden?«

»Sehr einfach,« sagte Herr Ullmann, »wir müssen alle an der Börse erscheinenden Aktien kaufen, dann haben wir wieder den Kurs in der Hand und können die Papiere von neuem zu dem von uns normierten Kurse verwerten.«

»Aber ich sage Ihnen,« rief Doktor Elster mit dem Ausdruck der Verzweiflung, »daß unsere Fonds erschöpft sind, daß ich über keine Mittel mehr disponieren kann!«

»So muß man die Mittel schaffen,« sagte Herr Ullmann kalt; »um alle Aktien, die etwa noch ausstehen könnten, zu kaufen, bedürfen wir eine und eine halbe Million Gulden. Ich habe, sobald ich den gegen die Bank geführten Coup entdeckte, sogleich auch daran gedacht, Hilfe zu suchen. Und ich glaube mit Bestimmtheit darauf rechnen zu können, daß eine Million durch das ungarische Finanzministerium, das sich ja lebhaft für unser Institut interessiert, zur Verfügung gestellt werden wird. Wir bedürfen also nur noch fünfmalhunderttausend Gulden, und diese Summe werden Sie ja mit Leichtigkeit von Ihrem Könige herbeischaffen können. Die Bank kann Ihnen eins ihrer Wertobjekte dafür verpfänden. Der König kann sich nach meiner Überzeugung keinen Augenblick besinnen, diese Summe herzugeben, denn durch die Vermeidung einer Katastrophe wird ja nicht nur augenblicklich sein Vermögen erheblich vermehrt, sondern auch der Bank wird für die Zukunft die Herrschaft über die Börse gesichert. – – Sie müssen aber schnell handeln, denn je schneller wir jenen Coup parieren, um so größer und sicherer wird unser Erfolg sein.«

Doktor Elster blickte unschlüssig vor sich nieder, während die Spitzen seiner Finger in nervösem Zittern sich auf dem grünen Teppich des Tisches bewegten.

»Es wird am besten sein,« fuhr Herr Ullmann fort, »Sie fahren gleich nach Gmunden und nehmen den Staatsrat Klindworth mit, – – wenn Sie nicht die Verantwortung übernehmen wollen, – was vielleicht das beste wäre, – aus dem Vermögen des Königs, das ja zu Ihrer Verfügung steht, die erforderliche Summe zu entnehmen. Es handelt sich ja doch eigentlich nur um wenige Tage –«

»Unmöglich,« sagte Doktor Elster, »unmöglich! Ich kann ohne die Anweisung des Grafen Platen keine Zahlungen machen – und in Gmunden – – ich weiß nicht, wie das gehen soll. Der König zieht den Kronprinzen bei allen Angelegenheiten zu – ich müßte doch, um die Notwendigkeit des Darlehens dieser halben Million zu motivieren, unsere ganze Spekulation dem Könige erklären, – – die Verpfändung seiner Aktien müßte zur Sprache kommen – der Kronprinz, dessen bin ich gewiß, wird Schwierigkeiten machen – die ganze Spekulation«, fügte er ganz leise, wie zu sich selber sprechend, hinzu, »wird dem Sinn und dem Gefühl des Königs durchaus nicht zusagen – und die Verpfändung seiner Aktien – das alles läßt sich ja gar nicht formell vor ihm rechtfertigen! Oh, welch ein schreckliches Schicksal! – Ich sehe keinen Ausweg!« rief er, wie betäubt den Kopf in die Hände stützend.

Herr Ullmann sah ihn mit einem gewissen höhnischen Mitleid an.

»Wie schwach!« murmelte er vor sich hin; – »viel zu schwach, um etwas Großes zu erreichen!«

»Gibt es Schwierigkeiten im Geschäft?« fragte Graf Wratislaw, indem er die Zeitungen, in welchen er gelesen, auf den Tisch zurückwarf und aufstehend seinen Hut ergriff.

»Kleine Schwierigkeiten,« sagte Herr Ullmann leichthin, »welche bei großen Unternehmungen jeden Tag vorkommen, und welche ein Finanzmann, wie unser Doktor Elster,« fügte er mit einem unbeschreiblichen Ton hinzu, »mit spielender Leichtigkeit überwindet.«

Doktor Elster hob den Kopf empor und zwang sich mit Aufbietung aller Willenskraft, einen ruhigen, heitern Ausdruck auf seinem Gesicht festzuhalten.

»Sie sehen blaß aus, lieber Doktor,« sagte Graf Wratislaw, »Sie rechnen und arbeiten zuviel – machen Sie, daß Sie an die frische Luft kommen. Mir würde auch ganz wüst zumute werden, wenn ich so viele Rechnungen und Geschäfte im Kopfe haben sollte wie Sie.«

Er reichte dem Doktor die Hand, verneigte sich leicht gegen Herrn Ullmann und verließ das Zimmer.

»Ich weiß keinen anderen Ausweg,« rief Doktor Elster, indem er die Hände rang, »als mit dem Grafen Platen zu sprechen. Ohne ihn werde ich den König niemals bewegen können, die nötige halbe Million herzugeben.«

Herr Ullmann sah ihn ganz verwundert an.

»Graf Platen?« fragte er, »Sie glauben, daß Graf Platen jemals dem Könige dazu raten wird – Graf Platen, der niemals mit der Wiener Bank einverstanden gewesen ist, und der vielleicht gern die Gelegenheit benutzen wird, dem Könige zu beweisen, daß er sich in große Verlegenheiten gestürzt habe durch ein Unternehmen, das der unmittelbaren Leitung des Grafen entzogen ist, – erlauben Sie mir, das ist töricht. Wenn Sie Ihres Einflusses auf den König nicht so sicher waren, um jetzt unmittelbar und persönlich handeln zu können, dann hätten Sie sich, verzeihen Sie mir, in diese Spekulation nicht einlassen sollen.«

»Oh, hätte ich es nie getan!« rief Doktor Elster in schmerzvollem Ton, die Hände über die Brust pressend.

Er blieb längere Zeit in schweigendem Nachdenken versunken stehen, während der Blick des Herrn Ullmann kalt und erwartungsvoll auf ihm ruhte.

»Mir bleibt nichts anderes übrig, als mit Platen zu sprechen. Wäre Wedel hier, er ist der einzige, der die Sache an den König bringen könnte. Aber er ist in Franzensbad bei seiner kranken Frau – – Ich habe getan, was ich nie hätte tun sollen,« rief er dann, »so will ich jetzt wenigstens den gerade vorgezeichneten Weg gehen. Gelingt es mir, Graf Platen von der Notwendigkeit des Schrittes zu überzeugen, so läßt sich vielleicht noch alles retten!«

Und ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, ergriff er seinen Hut und eilte hinaus. –

»Das ist wieder ein gut angelegtes Gebäude, welches durch die Schwäche und Dummheit der Menschen zusammenbricht«, sagte Herr Ullmann, indem er ihm nachsah. »Ich glaube, die Wiener Bank ist zu Ende – und man wird wohltun, sich von der Sache loszumachen.«

Und langsam folgte er dem Doktor Elster, welcher die Treppe hinabgestürmt war, sich in einen Fiaker geworfen hatte und nach Hietzing hinausfuhr. – – –

Am Nachmittage desselben Tages fuhr der Minister des Königs von Hannover, Graf von Platen-Hallermund, an der Staatskanzlei vor und wurde von dem im Vorzimmer diensttuenden Bureaudiener unmittelbar nach seiner Meldung in das Kabinett des Reichskanzlers von Österreich-Ungarn geführt.

Graf Beust erhob sich von seinem Schreibtisch, vor welchem er mit der Lektüre eines großen Aktenkonvoluts beschäftigt gewesen war und begrüßte den Grafen Platen mit der Leichtigkeit eines Welt- und Lebemannes, der einen guten Bekannten empfängt.

Graf Platen, dessen schlanke, geschmeidige Gestalt in einen eleganten, aus dem Atelier von Ebenstein hervorgegangenen schwarzen Überrock gehüllt war, zeigte in seinen Gesichtszügen eine gewisse unruhige Erregung. Er drückte leicht hüstelnd sein Taschentuch an die Lippen und setzte sich dem ihn erwartungsvoll anblickenden Reichskanzler gegenüber.

»Ich komme zu Ihnen, mein lieber Graf,« sagte er dann, »um über eine Angelegenheit mit Ihnen zu sprechen, zu der Sie und die österreichische Regierung in einer gewissen Beziehung stehen und in der ich nicht gern etwas tun möchte, ohne mit Ihnen konferiert zu haben.«

Graf Beust drückte durch eine schweigende, verbindliche Neigung des Kopfes aus, daß er zu hören bereit sei.

»Soeben ist der Doktor Elster bei mir gewesen«, sagte Graf Platen, »und hat mir Nachrichten über die Wiener Bank gebracht, die mich in hohem Grade befremdet und betrübt haben – wenn ich auch«, fügte er hinzu, »stets darauf gefaßt gewesen bin, daß dies Unternehmen des Königs einmal zu keinem guten Ende führen würde.«

Ein kaum bemerkbares, unwillkürliches Lächeln flog über die Lippen des Grafen Beust.

Fragend richteten sich die Blicke seiner klaren, hellen Augen auf Graf Platen.

»Es scheint,« fuhr dieser fort, »daß sich die Bank in Spekulationen eingelassen hat, welche sowohl ihrer innern Natur nach höchst bedenklich, als in ihrer praktischen Ausführung nicht genügend gesichert sind, und daß dadurch eine große Krisis fast unvermeidlich wird. Die österreichische Regierung hat sich lebhaft für dies Unternehmen interessiert, hat ihm ihren Schutz und ihre Unterstützung zugesagt und es fragt sich, was man nun tun kann, um die gegenwärtige Krisis nach allen Richtungen hin möglichst wenig nachteilig zu machen. Ich verstehe nicht, wie die Verwaltungsräte des Königs, und insbesondere der Graf Wedel, zu solchen Spekulationen ihre Zustimmung haben geben können.«

»Graf Wedel«, sagte der Reichskanzler leichthin, »scheint mir am wenigsten eine Verantwortung für die Wiener Bank haben zu können, da er ja mit der eigentlichen Finanzverwaltung derselben nur ganz äußerlich in Beziehung stand und außerdem jetzt, soviel ich weiß, von hier abwesend ist – was übrigens die Wiener Bank sowie meine und der Kaiserlichen Regierung Beziehungen zu derselben betrifft, so ist es in der Tat ein Verhängnis zu nennen, daß ich gerade fortwährend mit dem Institut in Verbindung gebracht werde. Ich interessiere mich gewiß für dasselbe, weil ich sehr wünsche, daß dem unklaren Treiben der Wiener Börsenwelt gegenüber ein reelles, gut begründetes Bankinstitut bestehe, welches den festen Boden und die sichere Garantie für große Geschäfte uns bietet. Im übrigen aber stehe ich, wie ich schon Ihrem Könige bei der Begründung der Sache gesagt habe, zu der Bank nur in demselben Verhältnis, in welchem sich zur Zeit des Wiener Kongresses der Fürst Schwarzenberg zu dem Maler befand, der durchaus sein Porträt malen wollte und dem Fürsten sagte, die übrigen Minister wünschten sein Bild, während er nach allen anderen Seiten die hierauf erfolgte Zustimmung Schwarzenbergs als dessen Wunsch geltend machte.«

»Es muß aber«, fiel Graf Platen ein, »doch jedenfalls im Interesse Ihrer Regierung liegen, den König und alle diejenigen, welche mit der Bank Geschäfte geschlossen, möglichst vor den nachteiligen Folgen der drohenden Katastrophe zu schützen.«

»Ist denn diese Katastrophe unvermeidlich,« fragte der Reichskanzler, »und worauf bezieht sie sich?«

»Die Bank hat ihre eigenen Aktien gekauft,« sagte Graf Platen, »um den Kurs in der Hand zu haben und die Kontremine zu sprengen. Nun aber sind die Mittel erschöpft, es befinden sich noch eine Anzahl Aktien außerhalb des Besitzes der Bank, und wenn diese in die Hände der Kontremine kommen, so ist die ganze Spekulation nicht nur gescheitert, sondern es wird das auch die Bank in die äußerste Verlegenheit setzen, da sie statt barer Gelder ihre eigenen Aktien in der Kasse hat, welche sie zu hohen Kursen kaufte, und welche nun bis auf das äußerste werden entwertet werden.«

»Woher aber weiß die Kontremine,« fragte Graf Beust ein wenig erstaunt, »daß die Mittel der Bank nicht mehr ausreichen, denn auf dieser Kenntnis und darauf, daß sie zugleich über die noch außerhalb der Bank befindlichen Aktien und über ihre Zugänglichkeit unterrichtet ist, beruht doch der ganze gegen sie geführte Schlag.«

»Das weiß ich nicht und begreife ich nicht,« sagte Graf Platen ein wenig zögernd – »indessen die Lage ist so, wie ich sie Ihnen geschildert habe – Elster hat mir ganz verzweiflungsvoll das Bekenntnis über die eingeleitete Spekulation abgelegt, und es handelt sich für mich nur darum, wie der König, für dessen Vermögen ich ihm und dem ganzen Welfenhause verantwortlich bin, vor Verlusten geschützt werden kann.«

Nach einem leisen Klopfen öffnete sich die Tür, der diensttuende Bureaudiener trat ein und überreichte dem Reichskanzler einen kleinen, leicht zusammengefalteten Zettel, worauf er sich schweigend wieder entfernte.

Graf Beust faltete das Papier auseinander, warf einen schnellen Blick über die wenigen, mit Bleistift geschriebenen Zeilen, die es enthielt, und blickte dann einen Augenblick sinnend vor sich nieder, während er das Papier zu einem langen Streifen zusammenlegte und es spielend um seine Finger wickelte.

»Mir scheint,« sagte er, »daß es doch vor allen Dingen zunächst darauf ankommt, zu konstatieren, ob denn die Katastrophe wirklich unvermeidlich sei und ob sich kein Weg finden läßt, die Spekulation, welche besser gar nicht hätte unternommen werden sollen, welche aber denn doch nun einmal unternommen worden ist, nunmehr auch glücklich durchzuführen.«

»Und wie sollte das geschehen?« fragte Graf Platen.

»Nun,« sagte Graf Beust, »man müßte eben die Mittel daran wenden, welche notwendig sind, um den gefaßten Plan bis zu Ende auszuführen. Dadurch wird die Bank Herrin der Situation bleiben, denn nicht nur der König, sondern auch alle Teilhaber und alle diejenigen, welche mit der Bank Geschäfte geschlossen haben, werden vor Verlusten gesichert bleiben –«

»Aber die Mittel der Bank sind erschöpft«, fiel Graf Platen ein.

»Und mir scheint die ganze Frage ein Rechenexempel«, erwiderte Graf Beust. »Wieviel bedarf die Bank, um die begonnene Spekulation planmäßig zu Ende zu führen?«

»Eine und eine halbe Million Gulden,« erwiderte Graf Platen, – »nach den Angaben, die mir Elster gemacht hat.«

»Es sind so viele Personen und so viele Institute an der Existenz der Wiener Bank interessiert,« sagte Graf Beust, immer den zusammengefalteten Streifen um seine Finger hin und her wickelnd, »daß auch die Regierung gewiß gern die Hand bieten wird, um die entstandene Verlegenheit zu beseitigen. Wenn das österreichische Finanzministerium zu einer helfenden Intervention nicht in der Lage ist, so glaube ich doch annehmen zu dürfen, daß der ungarische Finanzminister geneigt und imstande sein würde, der Bank mit einer Million Gulden, für welche sich ja die besten und sichersten Garantien finden lassen, zu Hilfe zu kommen.«

»Dann würde immer noch eine halbe Million fehlen«, sagte Graf Platen.

Graf Beust blickte ihn ganz erstaunt an.

»Nun, diese halbe Million, mein lieber Graf,« sagte er, »würde doch in den Kassen Ihres Königs nicht schwer zu finden sein, und es scheint mir vor allem im unmittelbaren Interesse des Königs zu liegen, die Katastrophe zu vermeiden, weil ja von der Erhaltung und dem Gedeihen der Wiener Bank seine Vermögenslage in so hohem Grade abhängig ist.«

»Der König«, rief Graf Platen erregt, »sollte noch mehr Geld in dieses Bankinstitut stecken, das sich in so unklare und bedenkliche Spekulationen eingelassen hat, und das ein mer à boire werden könnte? Auf diese Weise würde das Welfenhaus in kurzer Zeit dahin kommen können, keine Existenzmittel mehr zu haben, dazu kann ich nicht mitwirken.«

Ruhig erwiderte Graf Beust:

»Wenn aber durch diese halbe Million, welche der König den bereits in der Bank angelegten bedeutenden Summen hinzufügt, nicht nur diese gerettet und gesichert, sondern auch das so glänzend begonnene Unternehmen zur sukzessiven Vermehrung des königlichen Vermögens einer immer günstigeren Zukunft entgegengeführt wird, dann scheint es mir doch beinahe Pflicht zu sein, dieses Opfer zu bringen. Gerade dieses Opfer scheint mir der sicherste Weg zu sein, um den König nicht nur vor Verlusten zu schützen, sondern die ganze Katastrophe zu vermeiden.«

»Die ganze Bank ist ein Unglück für den König,« rief Graf Platen lebhaft, »er ist dadurch in die Hände von Personen geraten, welche ihn mißbrauchen und auf die Irrwege einer abenteuerlichen Politik führen. Das Wohl des Königs und die Zukunft seines Hauses erfordern, daß diesem Gewebe von Intrigen ein Ende gemacht wird, welche dahin arbeiten, den König von seinen treuen Dienern zu entfremden und mit lauter Ratgebern ohne Verantwortlichkeit und ohne Solidarität mit dem Schicksal des Welfenhauses zu umgeben.«

»Das ist eine Seite der Sache,« sagte Graf Beust kalt, »welche mir fremd ist und welche ich zu beurteilen nicht in der Lage bin. Für mich formuliert sich die Frage einfach folgendermaßen: Ein Bankinstitut, in welchem ein großer Teil des Vermögens Ihres allergnädigsten Herrn engagiert ist, und welches dazu dienen soll, ihn und sein Haus in Zukunft völlig unabhängig in finanzieller Beziehung der preußischen Sequestration gegenüber zu machen, befindet sich in einer Krisis, deren unglücklicher Ausgang schwere Verluste für den König und für diejenigen nach sich ziehen kann,« fügte er mit scharfer Betonung hinzu, »welche im Vertrauen auf den König sich bei seinem Institut beteiligt haben und mit demselben in Geschäftsverbindung getreten sind. Diese Krisis kann zu einem günstigen, alle Nachteile ausschließenden Ende geführt werden, wenn der König noch eine halbe Million daransetzt. Wenn nun, wie ich glaube, die weit weniger unmittelbar an der Sache beteiligte ungarische Finanzverwaltung eine Million zur Beschwörung dieser Krisis bereitstellen will, so scheint es mir nicht zweifelhaft zu sein, was der König zu tun hat. Übrigens ist die Verantwortung für das, was geschieht oder nicht geschieht, nicht die meine, ich interessiere mich für das Institut und interessiere mich noch lebhafter für Seine Majestät den König, der das Opfer des Kampfes geworden ist, in welchem er auf unserer Seite stand – Sie haben mich um meinen Rat gebeten, ich habe Ihnen denselben, soweit ich die Sachlage übersehen kann, erteilt, kann aber weiter nicht in Sie dringen. Sie müssen darüber entscheiden, was Sie tun und was Sie dem König raten wollen.«

Graf Platen bewegte sich unruhig und unschlüssig auf seinem Stuhle hin und her.

»Sie würden also«, fragte er, »es wirklich für richtig halten, daß der König, um eine unrichtige, nach meiner Ansicht nicht zu rechtfertigende Spekulation, die ohne sein Wissen unternommen ist, durchzuführen, noch ein weiteres, so erhebliches Opfer bringen sollte?«

»Ganz gewiß,« erwiderte Graf Beust mit fester Stimme, »wenn dadurch die Katastrophe beschworen werden und so großer und vielseitiger Schaden verhindert werden kann. Ob dies mit Sicherheit erreicht werden könne, darüber müßten Sie natürlich durch die Finanzverwaltung der Bank die vollständigste Versicherung und Aufklärung erhalten.«

»Mein Gott,« rief Graf Platen, »welch eine peinliche Lage, welch eine drückende Verantwortung; – einerseits,« sagte er mit einem selbstbefriedigten Lächeln, »ist es dem Könige ganz heilsam, wenn er einmal einsieht und empfindet, wohin ihn die Personen führen, mit denen er hinter meinem Rücken verkehrt.«

Graf Beust sah ihn mit einem verwunderten, fast mitleidigen Blick an.

»Ich kann Ihnen nur noch einmal bemerken,« sagte er, »daß diese Seite der Sache meinem Urteil sich völlig entzieht, das sind innere Angelegenheiten Ihres Hofes, die Sie nur allein zu beurteilen und zu behandeln vermögen. Für mich handelt es sich einfach um die finanzielle Frage, und in betreff dieser habe ich Ihnen meine Ansicht ausgesprochen und motiviert«, fügte er in einem Ton hinzu, in welchem der Wunsch, die Unterredung zu beenden, ziemlich deutlich durchklang.

»Ich werde«, sagte Graf Platen aufstehend, indem er abermals wiederholt sein Taschentuch an die Lippen drückte, »zum Könige nach Gmunden fahren und seiner Entscheidung die Sache anheimstellen. Es ist das Vermögen seines Hauses um das es sich handelt, der König selbst mag entscheiden, was er tun will.«

Wiederum erschien jener halb verwunderte, halb mitleidige Ausdruck in den Augen des Grafen Beust.

»Sie müssen wissen, was Ihnen zu tun obliegt, ich kann nur nochmal darauf aufmerksam machen, daß von der Erhaltung der Bank nicht nur des Königs Vermögen zu einem großen Teil, sondern auch der Besitz so vieler anderer Personen abhängt, die nur im Vertrauen auf den Namen des Königs bei der Sache beteiligt sind.«

»Ich danke Ihnen«, sagte Graf Platen mit etwas erzwungener Freundlichkeit, »für Ihren Rat. Derselbe wird bei der Entschließung des Königs gewiß schwer ins Gewicht fallen.«

»Vor allen Dingen vergessen Sie nicht,« sagte der Reichskanzler, indem er den Grafen bis zur Tür begleitete, »daß diese Entschließung eine schnelle sein muß, wenn der Katastrophe vorgebeugt werden soll.«

»Gewiß,« erwiderte Graf Platen, »ich werde keinen Augenblick verlieren, um den König von der Sachlage in Kenntnis zu setzen«, und dem Grafen Beust die Hand drückend, verließ er das Kabinett.

Langsam und nachdenklich kehrte der Reichskanzler zu seinem Lehnstuhl zurück.

»Ich fürchte,« sagte er, »diese Bank wird zusammenbrechen. Platen wird nicht den Entschluß finden, dem Könige zu festen und entschiedenen Schritten zu raten, die doch so naturgemäß vorgezeichnet sind. Diese Bank war eine gute, vortreffliche Idee, sie konnte das Mittel werden, dem Welfenhause für alle Eventualitäten der Zukunft eine gesicherte und von Preußen völlig unabhängige finanzielle Existenz zu bieten, aber der Fluch der halben und zweideutigen Maßregeln, welcher bereits im Jahre 1866 dies erhabene Haus ins Unglück gestürzt hat, wird auch jetzt diesen Weg zur Rettung seiner selbständigen fürstlichen Existenz abschneiden. Wie es unberechenbare Faktoren des Glücks in dem Schicksal der Menschen gibt,« sagte er tiefaufatmend, »so gibt es auch ein dunkles und unerbittliches Verhängnis, dessen Hand sich niemand entziehen kann, wenn sie einmal auf seinem Haupte ruht. Traurig, daß ein so edler Herr, wie der König Georg, diesem Verhängnis verfallen scheint.«

Fünftes Kapitel

In tiefe Gedanken versunken schritt der junge Graf Spangendorf, nachdem er den Palast del Santo Officio verlassen hatte, durch die lange gerade Via della Longoro an der Porta Septimiana vorbei und wendete sich dann vor der Via della Scala über die Piazza di San Maria in Trastevere nach der nahe am Ufer der Tiber gelegenen kleinen Via del Morohin. Fast am Ende dieser Straße lag ein kleines, unscheinbares Hans, augenscheinlich von armen Leuten bewohnt. In der Mitte derselben befand sich die einfache und ziemlich niedrige Eingangstür, welche das Haus in zwei Hälften teilte, die von verschiedenen Insassen bewohnt zu sein schienen. Die beiden Fenster rechts von der Türe waren halb geöffnet, die Scheiben derselben waren trübe und ein schwaches Licht schien aus denselben hervor, Kinderstimmen, bald lachend, bald weinend, tönten auf die Straße hin – dazwischen eine tiefe Frauenstimme, – es mußte die Wohnung einer jener armen Familien sein, welche so zahlreich zwischen den stolzen Palästen der ewigen Stadt leben und ihre Kinder meist von früher Jugend an zu tätigen und gutgeschulten Mitgliedern der großen, wohlorganisierten Bettlerzunft erziehen.

Die andere Seite des Hauses bot einen wesentlich anderen Anblick dar. Hier befanden sich größere, helle und reine Scheiben in den Fenstern, welche weit geöffnet waren, so daß die zierlichen weißen Vorhänge im lauen Abendwinde sich bewegten. An dieser Seite lag ein von einer niedrigen Mauer eingefaßter Garten, zu welchem man über eine an der Gibelwand des Hauses befindliche kleine Veranda hinabstieg, die mit dichtgeranktem Weinlaub überdacht war. Der Garten war zierlich und sauber gehalten, sorgfältig gepflegte Blumen blühten auf kleinen Beeten, und von der Veranda her zog sich eine lange dunkle Laube von dichten Weinreben an der Seite hin, welche der Straße gegenüberlag. Ein hoher, mächtiger Plantanenbaum verbreitete in der äußersten Ecke des Gartenraums tiefdunklen Schatten über eine einfache hölzerne Bank, die sich an den Fuß seines Stammes lehnte.

Aus den weitgeöffneten Fenstern dieser Seite des Hauses strömte ein helles, weißes Licht auf die dunkle Straße hinaus und man konnte, wenn man auf der anderen Seite der Straße stand und auf die dort liegenden, etwas erhöhten Steine trat, ohne Hindernis das Innere des Zimmers übersehen.

Der viereckige Raum war sehr einfach, aber mit einer gewissen zierlichen und geschmackvollen Sauberkeit eingerichtet.

Graue Tapeten bekleideten die Wände, – den Fenstern gegenüber befanden sich zwei mit dunkeln Teppichportieren verhängte Türen – in der Mitte hing über einem runden Tisch eine hübsch gearbeitete Bronzelampe herab, welche das Zimmer mit ihrem hellen, weißen Licht erfüllte.

Auf dem mit einem glänzend weißen Leinentuche bedeckten Tische stand das einfache Abendessen, mit welchem sich die so mäßigen Italiener begnügen – Früchte der Jahreszeit, Trauben, Feigen und Pfirsiche, daneben eine Schüssel mit Fritto, – in Eiern gebackenen Fischen, – wie es in den Straßen auf großen Kupferkesseln immer frisch angefertigt wird, – dann Brot und Peccorino, der Schafkäse der Umgegend.

Aber dies Abendessen, so einfach es war, zeugte dennoch nicht nur von einer sorgenfreien Wohlhabenheit der Bewohner dieses Raumes, sondern die Art, wie es auf dem Tische arrangiert war, bewies auch einen gewissen Schönheitssinn, ein Streben, auch den natürlichen und notwendigen Bedürfnissen des Lebens eine anmutige Erscheinung zu geben. Die Früchte waren auf einer hohen Schale hübsch geordnet und von grünen Weinblättern umgeben, und der Wein von Orvieto funkelte in einer Karaffe von weißem Glase, frische Blumen in einer Terrakottavase von antiker Form schmückten den Tisch mit ihren bunten, im Lampenlicht schimmernden Farben; – das Ganze bot ein anmutiges, freundliches Bild dar, das sich durch die beiden Personen, welche einander gegenüber an dem Tische saßen, zu einem interessanten Genrebild vervollständigte.

Die eine dieser Personen war ein Mann von etwa sechzig Jahren, hoch, kräftig und schlank gewachsen. Der Kopf dieses Mannes war von einer auffallenden und regelmäßigen Schönheit. Das weißgraue Haar fiel in vollen Locken an der freien, breiten Stirn herab, die Züge hatten den Schnitt der Antike, ein grauer, kurzer, leichtgekräuselter Bart umgab den Mund und das runde, etwas hervorspringende Kinn; – in den dunkeln Augen brannte noch das Feuer der Jugend, und die schöngeschwungenen dunkeln Augenbrauen waren noch fast ganz schwarz, – es war ein Kopf, wie man sie auf den alten geschnittenen Steinen und auf den Münzen aus der Zeit der Weltherrlichkeit Roms sieht, ein Kopf, bei dessen Anblick man an die ernste Würde eines Cato, an die stolze Hoheit eines Jupiterbildes erinnert wurde. Dieser Mann trug ein weites, graues Wams, das, durch einen Gürtel um die Hüften zusammengehalten, an die alte Toga erinnerte, ein leichtes Tuch von dunkelroter Seide um den Hals geschlungen und bis zu den Knien heraufreichende Gamaschenschuhe.

Er sprach mit großem Appetit dem Fritto und dem Peccorino zu, indem er zugleich von Zeit zu Zeit aus einem hohen, kelchartigen Glase einen kleinen Schluck des Orvietoweins trank.

Alle seine Bewegungen waren dabei so abgerundet, so voll Adel und Würde, als ob er an der Tafel eines Fürsten in der höchsten und vornehmsten Gesellschaft sich befände.

Dieser Mann war der allen Künstlern in Rom wohlbekannte Pietro Barghili, ein durch die Schönheit seiner Gestalt und seines Kopfes berühmtes und vielgesuchtes Modell. Er wurde oft schon lange vorher von den italienischen und fremden Malern bestellt und hoch bezahlt. Er verstand es mehr noch als alle seine anderen Berufsgenossen, sich in Stellung und Haltung den Ideen der Künstler anzupassen und in Attitüden voll natürlichen Adels und ungesuchter Würde seine bedeutende und imposante natürliche Erscheinung zur Geltung zu bringen, und fast auf keinem bedeutenden Bilde, das aus den römischen Ateliers hervorging, fehlte die edle Gestalt Pietro Barghilis.

Ihm gegenüber saß seine Tochter Lorenza, ein junges Mädchen von sechzehn Jahren und in ihrer Art eine ebenso schöne Erscheinung als ihr Vater. Ihr etwas bleiches Gesicht war von einer fast idealen Regelmäßigkeit, die großen, mandelförmig geschnittenen Augen hatten jenes eigentümliche brennende Schwarz, das man nur bei den Bewohnern des Südens findet. Auf ihrer Haut lag jener unbeschreibliche Schmelz der in der Sonne gereiften Pfirsiche, das reiche ebenholzschwarze Haar lag in einfachen, breiten Flechten um ihre reine Stirn, mit einer silbernen Nadel zusammengehalten.

Sie hatte das große Busentuch abgelegt, und das Mieder von bunter Seide, das ihre zarte Gestalt umschloß, ließ den schlanken, von einer Perlenschnur umwundenen Hals frei. Sie hatte die Arme auf den Tisch gestützt und pflückte langsam mit ihren zarten, wunderbar schöngeformten, aber etwas bräunlichen Händen von einer großen Traube eine Beere nach der anderen, um deren süßen Saft mit ihren frischen Lippen aufzusaugen.

Trotz der jugendlichen, fast noch kindlichen Erscheinung des jungen Mädchens zeigten ihre Züge nicht die Heiterkeit ihres Alters, ein gewisser düsterer Hauch schien über sie ausgebreitet zu sein, und es wäre schwer zu bestimmen gewesen, ob in dem Blick ihrer dunklen Augen mehr melancholischer Ernst oder apathische Gleichgültigkeit lag.

Eine Zeitlang hatten Vater und Tochter schweigend einander gegenüber gesessen, dann lehnte sich Pietro Barghili, nachdem er die Schüssel mit Fritto fast ganz verzehrt und noch einen Schluck Orvietowein getrunken hatte, in seinen Sessel zurück und sprach mit einer Stimme und in einem Ton, die mit seiner edlen, würdevollen Erscheinung nicht ganz im Einklang standen:

»Die Stunde, zu welcher der Graf Francesco zu kommen pflegt, ist vorüber. Erwartest du ihn heute?«

»Ich weiß es nicht«, erwiderte das junge Mädchen, indem sie ruhig fortfuhr, eine Beere nach der anderen zu essen. »Er pflegt ja sonst jeden Abend zu kommen und hat mir nicht gesagt, daß er heute zurückgehalten werde – mir wäre es aber in der Tat lieb,« fügte sie hinzu, indem sie die Lippen mit einem Tropfen Wein benetzte, »wenn er nicht käme – denn ich muß dir aufrichtig sagen, daß mich dies Spiel ermüdet. Er tut mir oft leid – er ist gut, er hat ein warmes und treues Herz, er liebt mich, und ich darf ihn ja doch nicht wieder lieben. Er wird einst unglücklich sein. Das alles wird ein böses Ende nehmen. Es wäre schon besser, ihm alles zu sagen, für mich und für ihn und für uns alle.«

Der Vater sah sie mit strengem Blick an.

»Du bist töricht«, sagte er kurz und kalt, »und darfst solche Gedanken nicht in dir aufkommen lassen. Welches Unrecht tust du ihm? Er liebt dich, das ist wahr, er will dich zu seiner Gemahlin machen, wenn er die Zustimmung seiner Familie dazu erlangt haben wird. Er verlangt nichts weiter von dir, als daß du mit ihm plauderst, ihm vorsingst und dir Mühe gibst, ein wenig Deutsch zu lernen. Was ist dabei Schlimmes? Du betrügst ihn nicht –«

»Ich betrüge ihn,« fiel das junge Mädchen ein, »ich betrüge ihn, weil ich ihm seine Hoffnungen lasse, seine Träume für die Zukunft nicht zerstöre, und doch hat Barbarino mein Wort, daß ich die Seine werde, doch bin ich ihm verlobt und habe ihm Treue geschworen.«

»Barbarino,« sagte ihr Vater nachdenklich, »vielleicht wäre es besser, wir wären nie mit ihm in Verbindung getreten – wenn man hätte wissen können – doch man darf mit ihm nicht brechen – er ist gefährlich, seine Macht ist groß, und wenn es ihm gelingt, sich einen festen Besitz zu schaffen, so kann er dir immerhin ein sicheres und freundliches Los bieten – wenn du ihn nun einmal liebst.«

Lorenza sah mit einem eigentümlichen halb verwunderten, halb fragenden Blick zu ihrem Vater hinüber.

»Doch«, fuhr dieser fort, »hängt diese Zukunft ja heute noch von so vielen unberechenbaren Möglichkeiten ab. Wenn Barbarino bei seinen kühnen, gefahrvollen Unternehmungen fällt, wenn er gefangen werden sollte, wenn er –«

Er vollendete nicht und blickte düster vor sich nieder, während seine Tochter leise zusammenschauerte.

»Der Graf Francesco«, sprach der Alte weiter, »sorgt für dich, du hast nicht mehr nötig, allen diesen Malern bald als Venus, bald als Madonna Modell zu stehen – und wenn Barbarino ein Unglück trifft – der Graf Francesco ist ein vornehmer Herr aus einer großen Familie in Deutschland, und wenn du seine Gemahlin würdest – –« er richtete den Kopf empor, seine Augen schienen in die Ferne zu blicken und seine Haltung wurde so stolz und würdevoll, als sähe er seine Tochter als große Dame von ehrerbietigen Huldigungen umgeben.

Von der Straße her ertönte, von einer gedämpften Stimme gesungen, das in seiner einfachen melancholischen Melodie bei dem römischen Volk so beliebte Ritornell:

»Fiore dell' uva
E s' angela tu sei famo la prova
In paradiso andiamo tutte e due.«

Lorenza fuhr zusammen – traurig blickte sie durch das Fenster in die Dunkelheit hinaus.

»Das ist der Graf Francesco,« rief Pietro Barghili, aus seinem träumenden Sinnen emporfahrend, »du mußt ihm antworten – das macht ihm Freude, das ist sein Lieblingsgesang.«

Lorenza seufzte tief auf. Dann sang sie mit einer klaren, ansprechenden Altstimme, aber mit einem Ausdrucke, der wenig zu den Worten paßte und die melancholische eintönige Melodie fast klagend erklingen ließ:

»Se il Papa mi donasse tutta Roma
E mi dicesse: lascia andar chi t' ama –
Jo gli direi: dinò sacra corona!«

Kaum hatte sie geendet, so hörte man einen raschen, leichten Tritt über die Straße herübereilen. Einen Augenblick erschien im Rahmen des geöffneten Fensters das freudig bewegte Gesicht des Grafen Spangendorf, welcher mit leuchtenden Blicken das von dem weißen Glanz der Lampe bestrahlte Bild im Zimmer umfaßte. Dann hörte man das Schloß der Tür klinken, und unmittelbar darauf trat der junge Zuavenoffizier in das Zimmer.

Der Alte erhob sich mit einer gewissen achtungsvollen Würde, fast so, wie ein römischer Fürst einen Fremden von Distinktion begrüßen würde, während Lorenza ihre Augen mit demselben halb traurigen, halb apathischen Ausdruck auf den jungen Mann richtete und ihm mit einem ruhigen, freundlichen Lächeln die Hand entgegenstreckte.

»Guten Abend, Lorenza, meine süße Blume, meine Liebe, meine Freude, mein Stern, meine Hoffnung!« rief der Graf Spangendorf, indem er zu dem jungen Mädchen hineilte und sein Lippen glühend und inbrünstig auf ihre Hand drückte, – »der Dienst hat mich länger aufgehalten als sonst, aber wenn es auch spät ist, so konnte ich es mir doch nicht versagen, noch hierherzueilen, um mir einen freundlichen Gruß von dir zu holen und dein Bild lebendig und frisch in die Träume meines Schlummers hinüberzunehmen. – Guten Abend, Vater Pietro,« sagte er dann, herzlich die Hand des Alten schüttelnd, »habt Ihr noch etwas übrig für mich – eine Traube, ein Glas Orvieto genügt mir, und mehr als alles erquickt und stärkt mich das Lächeln meiner angebeteten Lorenza.«

Der Alte holte ein drittes Kelchglas von einem Wandgestell und füllte es bis zum Rande mit dem funkelnden Wein aus der Karaffe.

Lorenza nahm eine dunkle große Traube und reichte sie dem jungen Mann. Sie lächelte ihn dabei an, aber es war ein Lächeln, das über ihr Gesicht glitt wie ein vereinzelter Sonnenstrahl über den trüben, grauen Himmel eines Regentages.

Graf Spangendorf nahm den Kelch, den der Alte gefüllt hatte, hob ihn empor und sagte, indem er über den im Licht funkelnden Wein nach dem jungen Mädchen hinblickte:

»Ich trinke, wie es Sitte ist in meiner Heimat, auf dein Wohl, meine holde Blume, – auf die Hoffnung, – auf die Zukunft, – auf unser Glück!«

Mit einem langen Zuge leerte er das Glas bis auf den Grund, immer den warmen, tiefen und innigen Blick auf die schöne Lorenza gerichtet.

Diese neigte langsam den Kopf, wie zum Dank für den Wunsch, mit welchem er sein Glas geleert hatte, und wieder erschien jenes traurige, matte Lächeln auf ihren feinen, frischen Lippen.

»Hoffnung – Zukunft – Glück,« sagte sie mit leiser Stimme, – »das sind schöne Dinge, aber sie sind so zerbrechlich wie das Glas, aus welchem sie getrunken, Herr Graf, – sie sind schön wie die Morgensonne, die doch so bald herabsinkt zur dunkeln Nacht, – freundlich und hold wie die Blumen, – die am nächsten Tage verwelkt im Staube liegen und zertreten werden!«

»Warum so traurige Bilder und Gedanken?« rief der junge Mann im heitern, zuversichtlichen Ton. »Die Hoffnung ist ein heller Stern am dunkeln Himmel unseres Lebens, und ob auch die Wolken darüberhinziehen und zuweilen unseren Blick verhüllen, er bricht doch wieder siegreich hervor – und unser Glück, meine geliebte Lorenza, soll sein wie ein festgepflanzter Baum; ob auch die eine oder die andere Blüte zur Erde fällt, er soll immer neue Knospen treiben, unser Leben zu bekränzen.«

Die schöne Lorenza antwortete nicht, aber ein leichter Seufzer, der ihre Brust hob, schien anzudeuten, daß sie die freudige Zuversicht des Grafen nicht teilte.

»Und gerade heute,« rief Graf Spangendorf, indem er von der Traube, die Lorenza ihm gereicht, eine Beere an der Stelle abpflückte, welche die Hand des jungen Mädchens berührt hatte, »gerade heute erfüllt mich die Hoffnung, die Zuversicht des Glücks mehr als je, denn bald, bald, meine süße Geliebte, wird unsere Zukunft entschieden sein, bald werden wir uns für immer vereinigen können, um uns nimmer wieder zu trennen.«

Der alte Pietro blickte scharf und forschend nach dem jungen Mädchen hin, während Lorenza langsam mit verwundertem Ausdruck ihre Augen zu ihm aufschlug.

»Ich werde in kurzer Zeit«, sagte der Graf, »nach Deutschland und nach meiner Heimat reisen – notwendige Geschäfte – Familienangelegenheiten«, fügte er hinzu, indem er mit leichter Verlegenheit den Blick niederschlug, »rufen mich dorthin – ich habe meinen Urlaub erhalten, ich werde dein Bild mitnehmen – dies Bild, das ich habe malen lassen und das so wunderbar treu deine lieben Züge, deine sanften Augen wiedergibt; mein Vater, meine Mutter, die so gut für mich sind, werden dies Bild sehen, ich werde ihnen von dir erzählen, und die Liebe wird meinen Worten Kraft geben – meine Eltern werden mir ihren Segen nicht versagen. – Ich bin nicht reich,« fuhr er mit treuherzigem Ton fort, »der große Besitz meiner Familie gehört einst meinem Bruder, aber mein Vater liebt mich – mein Bruder ist zugleich der treueste Freund meiner Jugend gewesen, wir werden immer genug haben, um auch äußerlich unser Glück zu begründen. Und dann,« rief er mit strahlenden Blicken, indem er mit seinen beiden Händen die Hand des jungen Mädchens ergriff, »dann werden wir glücklich sein, dann wird der Himmel für uns auf die Erde niedersteigen, dann:

In paradiso andiamo tutte e due.«

Die Hand Lorenzas, welche er mit festem Druck gefaßt hielt, zitterte leise. Sie machte eine Bewegung, um dieselbe zurückzuziehen, und sagte mit gepreßter Stimme, indem sie die Augen vor seinem Blick niederschlug:

»Und Sie glauben, Herr Graf, daß Ihre Eltern einwilligen werden, daß sie mir, dem armen Mädchen des Volks, erlauben werden – ihren Namen zu tragen, – daß sie mich, die unbekannte Fremde, in ihre Familie aufnehmen werden?«

»Ich glaube es,« rief Graf Spangendorf lebhaft, – »ich bin dessen gewiß – ich fühle tief im Herzen eine Zukunft von Glück und Licht – warum sollte der Himmel, warum sollte die heilige Mutter Gottes, zu der ich so oft inbrünstig gebetet habe, uns das Glück des Lebens versagen, uns, die wir doch nichts Böses getan haben?«

Lorenza zuckte zusammen. Mit einer raschen Bewegung zog sie ihre Hand zurück und fragte:

»Sie denken bald abzureisen, Herr Graf?«

»Sobald mein Urlaub ausgefertigt ist«, erwiderte der junge Offizier. »Das wird vielleicht in acht Tagen geschehen sein. Doch,« fuhr er dann in trübem Ton fort, indem sein Blick wehmütig und fast vorwurfsvoll auf ihrem Gesicht ruhte – »warum, meine süße Lorenza, nennst du mich Herr Graf? Warum erinnerst du mich an die Schranke, welche die Verhältnisse der Welt zwischen uns gezogen haben und welche doch für unsere Herzen nicht da ist? Bin ich denn für dich noch immer ein Fremder – warum nennst du mich nicht immer Francesco, wie ich dich so oft gebeten habe? denn für dich bin ich ja nur Francesco und nichts weiter – dein Francesco, der dir gehört mit aller Ergebenheit, mit aller Treue, mit aller Liebe seines Herzens. Ich bitte dich,« sagte er in innigem Ton, »nenne mich nur einmal deinen Francesco. Alle Musik der Welt kann keine schönere Harmonie schaffen, als der Klang dieses Wortes aus deinem Munde.«

Lorenza warf einen scheuen Blick nach ihrem Vater hinüber und bedeckte dann mit der Hand ihre Augen.

»Herr Graf,« sagte der alte Pietro Barghili, »lassen Sie meiner Tochter ihre Weise, sie ist aufgewachsen in dem Kreise des Volks, sie vermag nur schwer den Gedanken zu fassen, daß Sie, Herr Graf, der hochgeborene Kavalier, dem das Leben sich so reich und glänzend öffnet, sie zu sich emporheben könnten. Sie fürchtet, daß der goldene Hoffnungstraum dieses Glückes wieder verfliegen könnte, darum scheut sie sich, diesem Traum sich hinzugeben, um sich das Erwachen nicht zu schwer und zu schmerzlich zu machen. Lassen Sie ihr diese Scheu, – wenn Sie den Segen Ihrer Eltern mitbringen werden, wenn Sie einst vor dem Altar sich die Hände zum ewigen Bunde gereicht haben – dann wird ihr Herz sich frei erschließen, und um so schöner, je mehr sie sich jetzt schüchtern in sich selbst zurückzieht.«

Der Graf sah mit einem Blick voll Liebe und Anbetung das junge Mädchen an, das noch immer ihre Augen mit der Hand bedeckte. Dann bog er sich zu ihr hinüber, nahm ihr sanft die Hand vom Gesicht, richtete ihren Kopf empor und sagte:

»Dann aber – dann, meine süße Lorenza, wirst du an die Hoffnung und das Glück glauben, dann wirst du zu mir sagen: ›Mein Francesco?‹«

Er zog leise ihr Haupt zu sich hinüber und drückte seine Lippen auf die schwarzen, glänzenden Flechten ihres Haares.

»Versprich mir das,« sagte er in flüsterndem Tone, »versprich mir, daß du dann sagen willst: ›Mein Francesco.‹^«

Lorenza ließ einen Augenblick ihr Haupt an seiner Schulter ruhen, während der Alte einen unruhigen Blick durch das Fenster hinauswarf.

»Sage mir, wie du mich nennen wirst«, bat der Graf, seine Lippen dem Ohr des jungen Mädchens nähernd.

»Ich werde sagen,« flüsterte sie in kaum hörbarem Ton – »ich werde sagen«, wiederholte sie, indem ein Zittern durch ihren Körper lief – »mein –«

Als sie eben die Lippen öffnete, um den Namen Francesco auszusprechen, ertönte von der Straße her in einiger Entfernung von dem Hause ein kurzes, eigentümlich moduliertes Pfeifen.

Lorenza zuckte heftig zusammen und fuhr in jähem Schreck empor, schnell rückte sie vom Grafen fort und sprach mit unsicherer Stimme, indem sie die Blicke auf den Boden heftete, als wäre ihr der Anblick des jungen Mannes peinlich:

»Dann – später – ich werde mich daran gewöhnen, jetzt nicht. – Ich kann es nicht.«

Graf Spangendorf sah sie wehmütig, aber mit dem Ausdruck tiefer Liebe an.

»Ich werde warten,« sagte er sanft, – »hoffentlich nicht lange mehr warten – und während ich warte, werde ich wenigstens tausend und tausendmal sagen: Meine Lorenza! Meine liebe, meine teure, meine angebetete Lorenza!«

Ein leises Rauschen wie von einem starken Windhauch ließ sich in dem Weinlaub hören, das die Veranda nach dem Garten hin umrankte.

»Verzeihen Sie, Herr Graf,« sagte der alte Pietro, »Sie sind heute später als sonst gekommen, die Stunde ist weit vorgeschritten – böse Nachrede ist leicht hervorgerufen –«

»Ihr habt recht,« sagte Graf Spangendorf, indem er aufstand, »ich gehe, um morgen früh wiederzukommen. Ich habe ja nur noch wenige Tage das Glück, meine Lorenza zu sehen, bevor ich mich auf so lange von ihr trennen werde – das wird eine schwere, traurige Zeit sein,« sagte er seufzend – »und doch wieder eine schöne Zeit, denn ich werde ja daran arbeiten, unser Glück zu begründen, um später immer diese lieben Züge, diese süßen Augen zu sehen und immer von diesen Lippen meinen Namen zu hören, den sie jetzt noch auszusprechen sich scheuen. Auf Wiedersehen, meine Geliebte,« sagte er, ihr die Hand reichend, »auf Wiedersehen. Wirst du an mich denken, von mir träumen?«

Lorenza legte mit einer kalten, fast starren Bewegung ihre Hand in die seine; ohne die Augen aufzuschlagen, ohne die Lippen zu bewegen, neigte sie langsam den Kopf, ohne daß man hätte erkennen können, ob diese Bewegung ein Gruß des Abschieds oder eine Bejahung seiner Frage sein sollte.

Graf Spangendorf hob ihre Hand empor, drückte inbrünstig seine Lippen auf dieselbe, grüßte dann freundlich und herzlich den alten Pietro und ging, sich an der Tür noch einmal umblickend, hinaus.

Bald hörte man seinen leichten, elastischen Schritt draußen auf der Straße, wie er sich nach der Piazza Santa Maria in Trastevere entfernte.

Aufmerksam folgte der alte Pietro dem Klang dieser immer weiterhin verhallenden Schritte, während Lorenza, auf den Stuhl gelehnt, bleich und unbeweglich dasaß.

Dann stand der Alte auf, verschloß die Fenster und zog die dichten, weißen Vorhänge von innen vor dieselben. Nachdem er dies getan und sich sorgfältig überzeugt hatte, daß in den Vorhängen keine Spalte offen geblieben, durch welche man von draußen in das Zimmer hätte hineinsehen können, spitzte er ein wenig die Lippen und ließ ganz leise denselben Pfiff ertönen, welchen man vorher von der Straße herauf gehört hatte.

Unmittelbar darauf hörte man einige rasche Schritte auf der Veranda des Gartens, und durch die geöffnete Tür trat in den Lichtkreis des Zimmers eine hohe und schlanke Gestalt in der Tracht der Arbeiter aus der Umgegend von Rom.

Der Eintretende mochte vier- bis fünfundzwanzig Jahre alt sein. Seine nervige, im schönsten Ebenmaß gewachsene Gestalt war von einem blauen, faltigen Kittel umhüllt, welchen über den Hüften ein schwarzer Ledergürtel zusammenhielt; über den blauen Beinkleidern umschloß seine Oberschenkel ein mit der haarigen Seite nach außen gekehrtes Ziegenfell, während hohe Gamaschenschuhe bis zu den Knien hinaufreichten. Unter dem großen, schwarzen Hut, mit roter Binde umwunden, quollen volle rabenschwarze Locken hervor. Sein Gesicht war von klassischer Schönheit, gebräunt von Luft und Sonne, aber zart und fast weiblich weich im Schnitt seiner Züge. Ein kurzer, schwarzer Bart umgab das Kinn und den Mund mit den frischen, roten Lippen und den elfenbeinweißen Zähnen, dessen Linien von festem, entschlossenem Mut zeugten; die großen Augen, deren blauschwarze Pupille aus dem perlmutterweißen Grunde unter den langen, weit überhängenden Wimpern hervorblitzten, blickten voll scharfer Beobachtung und feiner, listiger Intelligenz umher, zugleich lag aber in ihrem Blick ein Ausdruck so wilder Leidenschaft, daß sie fast an die Augen eines Raubtieres erinnerten und mit den edlen, weichen und sanften Zügen seines Gesichts in scharfem Widerspruch standen.

Die Kleidung dieses Mannes, obgleich in Stoff und Schnitt der aller Arbeiter der ländlichen Umgebung von Rom völlig gleich, zeigte doch in der Art, wie er sie trug, wie er die Falten und den Gürtel geordnet und den dunkelblauen Mantel über die Schultern geworfen, eine gewisse kokette Eleganz.

Er trug einen einfachen Knotenstock in der Hand, eine Tasche von Ziegenfell an einem über die Brust laufenden Riemen an der Seite.

Einen Augenblick blieb dieser Mann in der Tür stehen und ließ seinen dunkelglühenden Blick mit düsterem Ausdruck über das Zimmer gleiten.

Pietro Barghili erhob sich, trat ihm entgegen und reichte ihm die Hand, welche der Angekommene flüchtig drückte, während Lorenza langsam die Augen aufschlug und den jungen Mann in der Tracht der Landarbeiter mit einem Blick voll Scheu und Verwirrung ansah.

Dieser ging an Pietro vorbei, trat mit einem raschen Schritt zu Lorenza hin und ergriff ihre Hand, die sie ihm entgegenstreckte; er drückte diese Hand an seine Lippen, deren glühende Berührung das junge Mädchen zusammenzucken ließ, – dann schleuderte er mit einer wilden Bewegung die Hand zurück, daß sie schwer in den Schoß Lorenzas fiel.

»Auf dieser Hand haben die Lippen des Fremden geruht,« rief er, die spitzen, weißen Zähne zusammenpressend, – »des Fremden, der verdammt sein möge, der es wagt, seine Augen zu meiner Liebe, zu meiner Lorenza zu erheben, – und der im Solde des Vatikanes steht!«

»Du bist verstimmt, Barbarino,« sagte Pietro ruhig, während Lorenza, zitternd vor dem heftigen Ausbruch des jungen Mannes, den Kopf auf die Brust sinken ließ, – »hast du Unglück gehabt, – ist dir ein Anschlag mißlungen? Warum ergrimmst du heute so sehr über den Besuch dieses deutschen Grafen, – kommt er doch mit deiner Einwilligung hieher, – hast du uns doch selbst geraten, ihn nicht zurückzuweisen, als er Lorenza bei einem deutschen Maler als Modell der Madonna gesehen und sich uns näherte, – und ist dir Lorenza nicht sicher? – Wahrlich, von ihm hast du nichts bei ihr zu befürchten.«

»Ja, ja,« sprach Barbarino finster, – »ja, – es ist wahr, – ich habe seine Besuche erlaubt, – sie sind nützlich, – Euer Haus ist vor jeder Überwachung sicher, wenn ein päpstlicher Offizier, ein vornehmer Herr, ein eifriger Streiter für die Kirche darin verkehrt, – Lorenza ist geschützt vor allen Nachstellungen und Zudringlichkeiten, wenn man sie für seine Geliebte hält, – aber,« rief er in heftiger Aufwallung, indem er die geballte Faust erhob, – »aber daß man sie dafür hält, – daß er es wagen darf, seine Blicke liebeglühend auf diese Züge, auf diese Augen zu richten – die mein sind, – die mein allein sein sollen, die ich neidisch verhüllen möchte selbst vor dem Strahl der Sonne und dem Licht der Sterne, – der Gedanke läßt mein Blut oft siedend aufwallen, daß meine Augen sich in roter Wolke verschleiern und meine Hand nach dem Dolche zuckt, um ihn in das Herz dieses kecken Fremden zu stoßen!«

»Des kecken Fremden?« sagte Pietro, indem er lächelnd die Achseln zuckte, – »nun, das ist er wahrlich nicht, – er blickt zu Lorenza empor wie zu einem Heiligenbilde, – er will sie zu seiner Gemahlin machen, – kann das dich kränken, dich beleidigen, dir Argwohn einflößen? – wenn du dein Ziel erreicht hast, – wenn du genug erworben, um dir einen festen Besitz zu gründen, – so wird Lorenza eines Tages mit dir verschwunden sein, – er wird um sie weinen und du – wirst die stolze Genugtuung haben, daß dein Weib um deinetwillen die Bewerbung eines vornehmen und reichen Herrn zurückgewiesen hat.«

Noch einen Augenblick stand Barbarino in düsterem Sinnen da. Dann hob er seinen Blick langsam zu Lorenza empor, die ihn scheu und bittend ansah, – allmählich verschwand der Ausdruck zorniger Erbitterung von seinen edlen, reinen Zügen, dieselben wurden immer weicher und milder, und eine leidenschaftlich flammende und zugleich tiefe und innige Glut ergoß sich aus seinen dunklen Augen.

»Verzeih meine Heftigkeit,« sagte er, zu dem jungen Mädchen sich herabbeugend, »sie mag dir ein Beweis meiner Liebe sein, ich weiß ja, daß dich kein Vorwurf trifft, – ich weiß, daß du mir gehörst und daß niemand dich mir rauben kann, – niemand, solange mein Arm den Dolch zu führen die Kraft hat.«

Er breitete seine Arme aus, schlang sie um die zarten Schultern Lorenzas und hob das Mädchen von dem Stuhle empor. Dann sah er einen Augenblick glühenden Blickes in ihre Augen und sprach leise, indem sein Atem wie ein Feuerstrom über ihr Gesicht hinzog:

»Diese Lippen sind mein, – mein allein, – sie öffnen sich nur mir zum Liebeskuß voll berauschender Wonne!«

Er drückte seinen Mund in flammender Leidenschaft auf den ihren und preßte ihren zitternden Körper fest an seine Brust.

Dann ließ er sie wieder in ihren Stuhl zurücksinken, – von neuem erschien jener Ausdruck wilden Grimmes in seinem Gesicht.

»Oder sind auch diese Lippen nicht mehr mein allein?« rief er mit heiserer Stimme, – »sind auch sie entweiht durch die Berührung dieses Fremden, – dieses Schergen der Tyrannei?« – –

Angstvoll blickte Lorenza zu ihm empor. Bittend faltete sie die Hände.

»Ich schwöre dir!« – rief sie, – »ich schwöre dir bei der heiligen Madonna –«

»Barbarino,« sagte der alte Pietro ernst mit seiner ruhigen, hoheitsvollen Würde, – »der Graf Francesco ist niemals hier gewesen, wenn ich nicht auch zugegen war, – du kränkst Lorenza unnütz durch deinen Verdacht, – deinen Vorwurf – und ich muß es wiederholen«, – fuhr er fort, »daß du selbst die Besuche des Grafen erlaubt, – ja, daß du sogar gewünscht hast, daß er oft hierherkäme –«

»Ja – ja –« sprach Barbarino leise, – »es ist wahr, – und gerade jetzt muß ich mehr als je wünschen, daß man ihn oft hier sehe, – daß seine Gegenwart mir in diesem Hause ein unverletzliches Asyl schaffe, – von dem der Argwohn der Polizei fernbleibt –

– Verzeih' mir, Lorenza,« sagte er dann, indem er sich zu den Füßen des jungen Mädchens auf die Knie niedersinken ließ und seine Lippen auf ihre Hand drückte, – »verzeih' mir, – ich vertraue dir und glaube an dich – an dich, an deine Liebe und Treue!

Sieh hier,« fuhr er fort, während Lorenza leicht aufseufzend ihre Blicke unter den dunkeln Schleiern ihrer langen Wimpern verbarg, – »sieh hier, was ich dir gebracht!«

Er öffnete die Ledertasche, welche an seiner Seite hing und zog aus derselben ein prachtvolles Kreuz, aus großen Rubinen gebildet, hervor, – dazu ein Armband, mit Perlen und Diamanten reich besetzt, und einen Ring mit einem großen Solitär, dessen Feuer in allen Farben des Regenbogens leuchtete.

Dies alles legte er in den Schoß Lorenzas, die bei dem Anblick dieser herrlichen Geschmeide unwillkürlich in einen Ruf des Entzückens ausbrach.

»Wie schön, – wie wunderbar schön!« rief sie, – indem sie das Kreuz emporhob und den dunklen Glanz der Rubinen im Licht der Lampe spielen ließ, – dann ließ sie mit einer Bewegung plötzlichen Schreckens das Kreuz fallen, bedeckte die Augen mit der Hand und rief, indem ein Schauer durch alle ihre Glieder zitterte:

»Es ist rot – rot wie Blut – und Blut trieft von diesen Steinen, – der Racheschrei, der aus diesem Blut zum Himmel aufsteigt, wird mir zum Fluch werden, – wird mich verderben. Nimm das alles hin und laß mir die freundlichen, unschuldigen Blumen zum Schmuck, – die Blumen, aus denen das reine Auge Gottes widerstrahlt und die nicht wie diese Steine, diese Kinder der finsteren Tiefen der Erde, die Menschen bezaubern, einander zu morden.«

»Sei ruhig, meine Lorenza,« sagte Barbarino sanft, – »an diesen Steinen klebt kein Blut, – wenigstens kein Blut, das meine Hand vergossen; – was ich in deine Hände lege, ist rein und frei vom Fluche der Rachegeister.«

Er blickte noch einige Sekunden in ihre Augen, die immer traurig blieben und mit ängstlicher Scheu vom Glanz der schimmernden Edelsteine sich abwendeten, dann stand er auf, füllte ein Kelchglas mit Orvietowein und leerte es mit einem schnellen, durstigen Zug.

»Ich kann leider nicht lange hier bleiben,« sagte er, das Glas wieder auf den Tisch stellend, – »ich habe eine Zusammenkunft mit einigen Freunden verabredet und muß morgen in der Frühe wieder in der Campagna sein – ihr müßt mich begleiten, Pietro«, fügte er in bestimmtem, fast befehlendem Ton hinzu.

»So spät?« fragte der Alte mit unruhigem Blicke, – »was hast du vor?«

Barbarino machte in schneller Bewegung ein Zeichen mit den Fingern, die er einen Augenblick gegen die Stirn erhob und dann auf sein Herz legte.

Der Alte schien die Bedeutung dieses Zeichens zu verstehen – er stand auf und nahm seinen spitzen, grauen Hut, steckte ein großes Dolchmesser in lederner Scheide in sein Wams und sprach ruhig:

»Wenn du es wünschest, will ich mit dir gehen, – vielleicht bist du sicherer in meiner Gesellschaft, – man kennt mich hier – auf allen Gemälden unserer Meister sieht man den Kopf Pietro Barghilis, und jedermann weiß,« fügte er mit einem Lächeln voll spöttischer Ironie hinzu, »daß ich ein sehr ergebener und andächtiger Untertan des Heiligen Vaters bin.«

»Lebe wohl, meine Lorenza,« sagte Barbarino, indem er sich zu dem jungen Mädchen herabbeugte und sie mit inniger Zärtlichkeit in seine Arme schloß, – »lebe wohl, – bald, schneller vielleicht, als ich bisher gehofft, wird die Zeit kommen, in welcher ich nicht nur in flüchtigen Augenblicken des Glückes dich sehen kann, die Zeit, in der all dies Trugspiel, all diese Heimlichkeit aufhört, in der deine Liebe mich belohnen soll für alle Mühe und Arbeit, – und auch entsühnen von aller Schuld, die ich auf mich geladen.«

Er drückte seine Lippen in langem Kusse auf ihren Mund, – dann richtete er sich auf, warf den braunen Mantel über seine Schulter und näherte sich der Tür.

»Bist du unbewaffnet?« fragte Pietro, – »ist es nicht unvorsichtig, dich so hinauszuwagen, – soll ich dir einen von meinen Dolchen geben?«

Barbarino faßte seinen Knotenstock an dem einen Ende an, und indem er mit der anderen Hand die Mitte desselben festhielt, zog er mit einem kräftigen Ruck eine fast zwei Fuß lange dreieckige Dolchklinge hervor.

»Das wird genügen«, sagte er mit einem Lächeln, das seine spitzen, glänzenden Zähne unter den dunkelroten Lippen hervorschimmern ließ.

Pietro neigte den Kopf, – noch einmal winkte Barbarino Lorenza seinen Abschiedgruß zu, – dann stieß er die glänzende Klinge wieder in den Knotenstock und verließ mit dem Alten das Haus.

Als sie allein war, warf Lorenza mit einer Gebärde des Abscheus die funkelnden Edelsteine, die noch immer in ihrem Schoße lagen, auf den Tisch, und ohne sich die Mühe zu nehmen, diese so wertvollen Schmucksachen zu verschließen oder zu verbergen, ging sie durch die eine der Seitentüren in ihr kleines Schlafzimmer, dessen Fenster neben der Veranda sich nach dem Garten hin öffnete und von Weinlaub fast verhüllt war.

Sie zündete eine kleine Lampe an, welche den bescheidenen, aber sauber und zierlich ausgestatteten Raum nur matt erleuchtete, und warf sich vor einem an der Wand neben ihrem Bett befindlichen Madonnenbild auf die Knie nieder, indem heiße Tränenströme aus ihren Augen hervorbrachen.

»O du heilige Mutter Gottes!« rief sie im Tone schmerzvollen Jammers, – »ende – ende diese Pein, die mein Herz verzehrt und meine Seele vernichtet, laß mich klar werden über mich selbst und zeige mir den Weg, der mich hinausführt aus diesem Leben voll Trug und Lüge zum Heil und zum Frieden! –

Ich habe ihn geliebt,« flüsterte sie leise, – »mein junges Herz flog ihm entgegen, dem kühnen, stolzen Sohn meines Landes, – aber«, rief sie dann, die Hände vor dem heiligen Bilde ringend, »seine Hände sind befleckt mit Blut, – mit dem Blute Unschuldiger, – und voll Entsetzen schaudere ich vor seiner Berührung zurück, – seit ich weiß, wer er ist und wodurch er das Glück unserer Zukunft gründen will, – dies Glück, das mir einst so süß – so verlockend erschien! –

Und er,« – sagte sie dann, den Kopf auf die gefalteten Hände stützend, – »er, der sanfte, fromme Fremde, – der mich so treu, so innig liebt, – der mir ein Los voll Ehre und Glanz bietet, – liebe ich ihn? – ich weiß es nicht, – aber ich weiß, daß es ihm das Herz brechen wird, wenn er mich verliert, und daß ich lieber sterben, – o tausendmal lieber sterben möchte, – als ihm wehe zu tun.«

Leise rannen die Tränen über ihre Hände, lange blieb sie in stilles Gebet versunken auf den Knien vor dem Madonnenbilde liegen, – endlich erhob sie sich – aber von ihren Zügen war der Ausdruck des Grames nicht verschwunden, der wie ein grauer Schleier dieselben bedeckte, – die Madonna hatte ihr keine Antwort auf die bange Frage ihrer Seele gegeben.

Still und wie mechanisch entkleidete sie sich, löschte die Lampe aus und legte sich auf ihr Lager, – der Nachtwind rauschte in dem Weinlaub vor dem Fenster, und von fernher klangen die verworrenen Töne aus den belebteren Teilen der ewigen Stadt herüber.

Sechstes Kapitel

Kaiser Napoleon hatte seine Sommerresidenz in St. Cloud bezogen und die Pariser Journale, die der Opposition voran, hatten begonnen, sich sehr eingehend mit dem Gesundheitszustand des Kaisers zu beschäftigen, den sie als äußerst gefährlich darstellten.

Die guten Pariser, welche den Kaiser nicht sehen konnten, der sich in die Schatten der alten Bäume von St. Cloud zurückgezogen hatte, und welche gerade keine anderen Sensationsereignisse zu besprechen hatten, folgten der angegebenen Richtung, und alle Welt beschäftigte sich mit pathologischen Erörterungen über den Zustand des Kaisers, welche oft auf einen wissenschaftlichen Mediziner einen äußerst komischen Eindruck hätten machen müssen, deren Resultat aber doch das war, daß Seine Majestät Napoleon III. sich äußerst schlecht befinde, daß nach allen medizinischen Erfahrungen seine völlige Wiedergenesung fast unmöglich sei und daß deshalb Frankreich allen Grund habe, sich auf große Ereignisse vorzubereiten und Vorsorge zu treffen für den Fall, daß die Zügel der Regierung den Händen des Kaisers entfallen sollten, der sie bisher so fest und vorsichtig zugleich geführt hatte.

Man sprach davon, daß der kaiserliche Prinz schon mit seinem vierzehnten Jahre für majorenn erklärt werden solle – man sprach davon, daß der Prinz Napoleon an die Spitze eines Ministeriums treten werde, das erforderlichenfalls sich zugleich als Regentschaft konstituieren könne, – man sprach auch von einem ganz neuen Regentschaftsgesetz – kurz, von allen möglichen Dingen, die sämtlich von der gewissen Voraussetzung ausgingen, daß das Befinden des Kaisers ungemein schlecht und seine völlige Wiederherstellung fast unmöglich sei.

Die einen bauten auf diese Voraussetzung Pläne großer Veränderungen, Pläne des Umsturzes der ganzen bestehenden Gesellschaft, während die anderen, und namentlich die ruhigen Bürger von Paris, mit Schauder der Möglichkeit entgegensahen, daß das Abtreten des Kaisers von der Bühne des Lebens und der Politik jene trüben und gefährlichen Elemente wieder zur Geltung kommen lassen könnte, welche von ihm mit kräftiger Hand niedergeworfen und bis jetzt niedergehalten waren. Mit eifriger Lebhaftigkeit riß man sich abends auf den dichtgefüllten Boulevards um die Nummern der Journale, vergebens offizielle Bulletins über das Befinden des Kaisers suchend und die mehr oder weniger mysteriösen Mitteilungen kommentierend, welche die Blätter der verschiedenen Farben über diesen das allgemeine Interesse in hohem Grade beschäftigenden Gegenstand brachten.

Während auf diese Weise sich ganz Paris und nach Paris ganz Frankreich, nach Frankreich endlich ganz Europa über des Kaisers Gesundheitszustand in Mutmaßungen ergingen, welche zugleich von der Börsenspekulation à la hausse und à la baisse benutzt wurden, befand sich Seine Majestät Napoleon III. an einem schönen, sonnigen Vormittage des 2. September in seinem auf den reservierten Garten des Schlosses von St. Cloud hinausgehenden Zimmer.

Der Kaiser trug ein Morgenkostüm von gleichfarbigem dunklen Sommerstoff. Er lag, den Kopf bequem auf ein länglich rundes Kissen gestützt, auf seiner Chaiselongue und rauchte eine seiner dunklen Zigarren von den feinsten Deckblättern der Havanna. Die Haltung des Kaisers schien anzudeuten, daß er die liegende Stellung auf seinem Ruhebett mehr aus behaglicher Bequemlichkeit als aus leidender Schwäche gewählt hatte. Auch sein Gesicht, obgleich ein wenig bleich, zeigte den Ausdruck ruhiger Heiterkeit und die Enden seines Schnurrbarts waren mit genauer Regelmäßigkeit zu gerade abstehenden, feinen Spitzen gedreht, ein Beweis, daß der Kaiser sich ebenso körperlich wohl als in guter Laune befand.

In einiger Entfernung von ihm saß an einem kleinen Tisch sein Kabinettschef, der Staatsrat Conti, welcher seit einiger Zeit zum römischen Fürsten ernannt war und den Titel Prinz von Conti führte, wodurch einer der vornehmsten und ältesten Namen der legitimen Monarchie zum großen Verdruß des Faubourg St. Germain wieder erstanden war.

Herr Conti hatte dem Kaiser die laufenden Sachen, welche zum Ressort des kaiserlichen Kabinetts gehörten, vorgetragen und mit immer gleichmäßiger Ruhe und ohne daß der regelmäßige Ausdruck seines geistvollen, kalten und fast strengen Gesichts sich jemals veränderte, die Entscheidung notiert, welche der Kaiser in kurzen, meist sehr treffenden und präzisen Worten darauf erteilte.

Dann hatte er aus einem Paket Zeitungen, die er von Paris mitgebracht, dem Kaiser alle die merkwürdigen, oft fast phantastischen Artikel, einen nach dem andern vorgelesen, welche sich mit seinem Gesundheitszustande beschäftigten, woran sich Betrachtungen, Vermutungen und Wünsche aller möglichen Art knüpften.

Napoleon hatte die Vorlesung aller dieser Artikel mit dem Ausdruck höchster Zufriedenheit angehört. Zuweilen blies er lächelnd kunstvolle blaue Ringe des feinen, aromatischen Dampfes seiner Zigarre in die Luft; zuweilen öffneten sich seine leichtgeschlossenen Augen zu einem heiteren, fast schalkhaften Blick, und einige Male hatte er sogar zum großen Erstaunen des Staatsrats Conti hell und fröhlich aufgelacht.

Herr Conti hatte seine Lektüre beendet, faltete das letzte Zeitungsblatt zusammen und legte es vor sich hin zu den übrigen, indem er ruhig und erwartungsvoll zu dem Kaiser hinüberblickte.

»Ich danke Ihnen sehr, mein lieber Herr Conti,« sagte der Kaiser, »daß Sie mir diese Kollektion von medizinischen Gutachten mitgebracht haben, Nelaton sollte sie studieren, das würde ihm vielleicht von großem Nutzen sein in der Behandlung meiner Krankheit. Wenn das noch einige Zeit so fortgeht und die Blätter sich derartig mit den Details meiner Person beschäftigen, so werde ich bei den Parisern in kurzer Zeit so populär werden, wie Mademoiselle Hortense Schneider, die Großherzogin von Gerolstein.«

»Ich glaube nicht, Sire,« sagte Herr Conti ernst, »daß die Popularität der Großherzogin von Gerolstein diejenige sei, welche für den Kaiser der Franzosen, für den Beherrscher des ersten Reichs Europas zweckmäßig und angemessen sein kann.«

Der Kaiser tat einige lange Züge aus seiner Zigarre, ohne auf Herrn Contis Bemerkung zu antworten.

»Es würde mich gar nicht wundern,« sagte er dann, still vor sich hinlächelnd, »wenn man in nächster Zeit meine anatomische Konstitution in Wachs bossierte und an allen Schaufenstern von Paris ausstellte, da könnten dann die Pariser mit diesen so lehrreichen Zeitungsartikeln in der Hand ihre Studien gleich durch den Augenschein betreiben.«

»Ich bin ein wenig erstaunt,« sagte Herr Conti, »daß Eure Majestät diese Sache so leicht nehmen. Ich wollte gerade darauf aufmerksam machen, wie nötig es sei, diesen beunruhigenden Gerüchten über Ihre Gesundheit ein Ende zu machen – sie erschüttern das Vertrauen in die Stabilität der Regierung und bestärken die Hoffnungen der Feinde des Kaiserreichs. Mir scheint es durchaus nötig, daß den Blättern ernstlich verboten würde, sich mit allen diesen medizinischen Hypothesen zu beschäftigen, daß diesem Treiben durch die Veröffentlichung amtlicher Mitteilungen über Eurer Majestät Gesundheit ein Ende gemacht werde, auch das Ausland und die fremden Höfe müssen durch diese alarmierenden Gerüchte beunruhigt werden, und auch dort werden die Gegner Frankreichs, durch solche Nachrichten ermutigt, höher ihr Haupt erheben.«

Der Kaiser richtete sich ein wenig empor, stützte sich auf den Ellenbogen und blickte aus seinen großen, geöffneten Augen wie erstaunt, aber immer heiter und ruhig zu Herrn Conti hin.

»Ich bin verwundert, wie ich Ihnen gestehen muß, mein lieber Freund,« sagte er, »daß Sie daran denken können, diese angenehmen und nützlichen Nebelwolken zerstreuen zu wollen, hinter denen ich mich so behaglich fühle und welche mir so ausgezeichnete Dienste leisten.«

»Daß Eure Majestät sich behaglich fühlen«, erwiderte Herr Conti mit einem leichten Anklang von Verstimmung, »bemerke ich zu meiner großen persönlichen Freude. Worin aber die Dienste bestehen sollten, welche Ihnen durch die falschen Nachrichten über Ihren lebensgefährlichen Krankheitszustand geleistet würden, vermag ich nicht einzusehen. Die Opposition wird kühner, die Freunde und ergebenen Diener Eurer Majestät werden unsicher und mutlos, und allem Parteiehrgeiz wird das Feld geöffnet. Es scheint doch sogar, als ob Prinz Napoleon, dessen ungeheuerliche Rede im Senat Eurer Majestät ja bekannt ist, die Gelegenheit habe benützen wollen, um sich der öffentlichen Meinung als Minister, als Regent – ja vielleicht als noch mehr zu empfehlen, und das Journal des Debats, diese Fahne der unversöhnlichsten, wenn auch vorsichtigsten Gegner des Kaiserreichs, überschüttet den Prinzen mit reichem Lob für seine Angriffe gegen das Ministerium.«

Immer heiterer, immer lächelnder blickte der Kaiser vor sich hin.

»Mein guter Vetter Napoleon«, sagte er dann, – »hat zuweilen Anwandlungen von politischem Ehrgeiz, die ihn dann ein buntes Gemisch von geistvollen, aber unklaren Ideen und von exzentrischen Tollheiten durcheinander sprechen lassen – man hat mir«, fuhr er nach einigen Augenblicken fort, »eine allerliebste Anekdote erzählt. Ich glaube, daß sie wahr ist, aber wenn sie es nicht wäre, verdiente sie es zu sein: Der Prinz Napoleon dinierte vor einigen Tagen bei Emile de Girardin. Die Konversation, welche sehr zwanglos geführt wurde, kam auch auf die Politik und die Möglichkeiten der Zukunft, und plötzlich richtete der Prinz an Girardin die Frage: ›Wenn der Zufall – wenn irgendwelche Ereignisse mich zum Kaiser machen würden, was ich durchaus nicht wünsche und nicht erstrebe, was würden Sie tun?‹ Und Emile de Girardin antwortete schnell, ohne sich zu besinnen: ›Ich würde mich auf den nächsten Eisenbahnzug setzen und das Ende Ihrer Regierung in Baden-Baden abwarten.‹ – Nicht wahr, das ist sehr hübsch,« sagte der Kaiser, herzlich lachend, während auch über die ernsten Züge des Staatsrats Conti ein leichtes Lächeln glitt – »die Anekdote bildet eine vortreffliche Ergänzung«, fuhr der Kaiser dann ernster fort, »zu den Reden des Prinzen im Senat – und sie ist doch so gut und so pikant, daß ich Sie bitten möchte, für ihre möglichst weite Verbreitung durch die Presse Sorge zu tragen.«

Der Staatsrat machte mit seinem Crayon eine kurze Notiz auf den Rand des vor ihm liegenden Zeitungsblattes.

»Das wird sehr leicht sein,« sagte er, »ein gutes Wort macht stets die Runde durch alle Pariser Journale. Aber mit diesem Bonmot wird man keinen ernsten Schwierigkeiten entgegentreten und, Sire,« fügte er hinzu, indem er den Kaiser scharf anblickte – »wenn die Anekdote vielleicht nur ben trovato wäre – wenn Emile de Girardin sie dementierte –«

»Emile de Girardin«, fiel der Kaiser schnell ein, »dementiert keine geistreichen und pikanten Bemerkungen, die man ihm zuschreibt – selbst wenn er sie nicht gemacht hat. Lassen Sie die Sache immerhin die Runde machen, wenn sie in dem Munde aller Blätter sein wird, so wird niemand mehr an eine ernste politische Rolle des Prinzen Napoleon denken.

Nun aber in allem Ernst gesprochen,« fuhr er fort, indem er sich aus seiner liegenden Stellung aufrichtete und, den Arm auf die Seitenlehne gestützt, auf seiner Chaiselongue sitzenblieb, – »in allem Ernst gesprochen, ich sehe in der Tat nicht ein, wie Sie etwas Bedenkliches in dieser so lebhaften Teilnahme der öffentlichen Meinung für meinen Gesundheitszustand finden können. Wäre ich wirklich krank, wäre mein Zustand wirklich bedenklich – so wäre das etwas anderes – ich befinde mich aber gerade in diesem Augenblick ziemlich wohl, ich bin von körperlichen Schmerzen frei, und mein Geist ist imstande, klar und kräftig zu arbeiten. Was kann es da für eine Gefahr haben, wenn die Pariser mich für todkrank halten? Sollten meine Gegner in Voraussetzung meiner Schwäche irgend etwas Ernstes zu unternehmen wagen, so werden sie«, fügte er mit dem Ausdruck stolzer Energie hinzu, »zu ihrem Erstaunen und Schrecken empfinden, daß ich noch im Besitz meiner Kraft bin.«

»Eure Majestät lieben sonst«, sagte der Staatsrat Conti, »die gewaltsamen Mittel nicht. Warum sollte denn hier zunächst die Opposition wachgerufen und durch die Voraussetzungen Ihrer Krankheit zu lebhafter Tätigkeit aufgeregt werden, um nachher mit gewaltsamen Mitteln niedergeschlagen werden zu müssen?«

Der Kaiser blickte schweigend zu Boden.

»Vielleicht«, sagte er halbleise, »würde auf diese Weise manche Maske fallen und manche Stellung klar werden – man würde diejenigen erkennen, welche es treu mit dem Kaiserreich meinen. Doch«, sagte er dann, indem er leicht den Kopf schüttelte, »dies ist kein Gesichtspunkt, der mich bestimmt. Aber sprechen wir ein wenig von der allgemeinen Lage der Dinge nach innen und nach außen. Ich bin wirklich nicht recht klar darüber, was man tun soll. Alle meine Pläne für die auswärtige Politik sind gescheitert: In Spanien ist eine Regierung, die mir mehr feindlich als freundlich gesinnt ist, und welche ich wenigstens nicht in den Kreis meiner Berechnung hineinziehen kann. Wie ich mit Österreich daran bin, weiß ich nicht, und Sie erinnern sich, daß der Herzog von Gramont, als er im Mai dieses Jahres hier war, mir gesagt hat, daß Österreichs Mitwirkung bei irgendwelcher Aktion vor dem nächsten Frühjahr unmöglich sei. Was bleibt mir zu tun, als abzuwarten und zu versuchen, mich mit Rußland so gut als möglich zu stellen, und die warme Liebe zwischen den beiden verwandten Souveränen an der Spree und an der Newa soviel als möglich erkalten zu lassen!«

»Ganz gewiß«, sagte Conti, zustimmend den Kopf neigend, »ist diese vorsichtig abwartende und vorbereitende Politik in der jetzigen Lage Europas die richtige.«

»Und wenn ich nach innen sehe,« fuhr der Kaiser fort, »da ist selbst unter meinen besten Freunden eine Partei, welche mich zur Einführung eines liberalen konstitutionellen Regierungssystems drängt. Man will mir diesen Emile Ollivier zum Minister geben, vielleicht ist das ganz richtig, doch muß auch das vorbereitet werden, und zwar vorsichtig und klug vorbereitet werden. Emile Ollivier ist heute noch eine politische Persönlichkeit, er hat die 116 des tiers-parti hinter sich, – noch ist er nicht brauchbar für ein Kabinett. Wenn man liberale Reformen machen will, so muß man die Person, in deren Hände man die Regierung legt, vollständig in der Hand haben. Emile Ollivier muß isoliert werden, er muß mit seiner eigenen Partei zum Bruch gebracht sein, wenn er mir nützlich werden soll. Er muß fühlen und empfinden, daß er nirgends eine Stütze mehr hat, als in dem Kaiserreich und meinem Willen, dann allein wird er geeignet sein, die Zwecke zu erreichen, zu deren Erfüllung ich ihn benutzen möchte – nämlich mit einer konstitutionellen Regierung Etalage zu machen und dabei doch die scharf konzentrierten Fäden der persönlichen Regierung selbst in der Hand zu behalten, ohne welche die Franzosen überhaupt nicht zu regieren sind. Aber auch dazu bedarf ich Zeit, – viel Zeit vielleicht.«

»Ich bin auch in diesem Punkt«, sagte der Staatsrat Conti, »mit Eurer Majestät vollkommen einverstanden.«

»Nun aber«, sprach der Kaiser weiter, indem ein listig blinzelnder Blick aus den Winkeln seines Auges auf seinen Kabinettschef hinüberstreifte, »wissen Sie selbst, mein lieber Staatsrat, wie wenig die Franzosen geneigt sind, zu warten, wie sehr sie stets nach irgendeinem Ereignis verlangen, das ihnen Gelegenheit gibt, zu sprechen, zu diskutieren, sich ein wenig zu streiten. Wenn ich nun warten muß,« fuhr er fort, »meine guten Franzosen aber keine Neigung zum Warten haben, so muß ich ihnen doch wohl einen annehmbaren Grund geben, der ihnen die Untätigkeit in der inneren und äußeren Politik erklärt, und ihnen zugleich Gelegenheit zur Konversation und zu politischen Konjunkturen gibt – könnte ich da einen besseren Grund finden«, sagte er, sich lächelnd die Hände reibend, »als meine Krankheit? Wenn ich so krank bin, wie die Pariser sich erzählen, so kann ich doch unmöglich Politik machen weder nach außen noch nach innen, und man wird mir wohl ohne Vorwurf die Zeit zum Abwarten lassen müssen, um so mehr, da man ja die schönste Gelegenheit hat, sich in Vermutungen und Plänen für den Fall meines Todes zu ergehen, welche zugleich auch für mich ungemein lehrreich sind, da sie mich erkennen lassen, was in einem solchen Fall von den verschiedenen Seiten wohl geschehen möchte. Seien sie überzeugt, mein lieber Staatsrat, daß ich schon wieder gesund werden will, wenn der Augenblick gekommen sein wird, in welchem ich einen Entschluß zu fassen die Möglichkeit haben werde.«

Ganz erstaunt sah der Staatsrat Conti den Kaiser an.

»Ich kann der Anschauung Eurer Majestät«, sagte er, »nicht vollständig widersprechen, indes scheint mir das Mittel, das Sie anwenden, Sire, ein wenig gewagt, vielleicht zu gewagt, um eine notwendig gewordene zeitweilige Untätigkeit zu maskieren. Es hätten sich ja vielleicht harmlosere Gegenstände finden lassen, die öffentliche Meinung zu beschäftigen, als die fortwährende Diskussion der ernstesten und verhängnisvollsten Katastrophe, welche das Kaiserreich in diesem Augenblick treffen könnte – zudem«, fuhr er fort, »wird auch dieses Mittel nicht mehr ausreichen, denn man beginnt sich bereits mit den politischen Fragen wieder zu beschäftigen, und gerade die Annahme einer schweren Krankheit Eurer Majestät wird eine neue Waffe in den Händen der Gegner des persönlichen Regiments werden.« –

»Sie bringt aber auch denjenigen,« fiel der Kaiser ein, »welche Ordnung, Ruhe und gesicherten Besitz verlangen und zugleich die Macht und Größe Frankreichs im Herzen tragen, recht klar vor Augen, was sie an mir haben, und wie sehr ihr Interesse erfordert, mich und meine Regierung zu stützen. Doch seien Sie ruhig,« sprach er abbrechend weiter, »dieser Gegenstand, welcher Sie so beunruhigt und welcher mich, wie ich wohl sagen kann, so sehr amüsiert hat, soll bald von der Tagesordnung verschwinden. Ich werde allmählich wieder gesund werden und mich meinen getreuen Parisern zeigen. Leider,« sagte er seufzend, indem plötzlich ein schmerzlicher Ausdruck seine Züge verdüsterte, »leider muß, wie meine Krankheit übertrieben wurde, auch meine Genesung halb fingiert sein, denn so ganz erholen kann ich mich doch noch immer nicht, und es wird mir fast unmöglich sein, nach Chalons zu gehen. Ich habe bereits meine Dispositionen getroffen, daß das Lager daselbst stillschweigend und ohne Aufsehen wieder aufgehoben werde. Darum aber soll es den Parisern doch nicht an Gegenständen der Konversation fehlen – und zwar an einem der Gegenstände, der sie nach allen Richtungen hin lebhaft beschäftigen wird, der pikant sein soll und zugleich der nationalen Eitelkeit nicht wenig schmeicheln wird.«

Conti blickte den Kaiser fragend an.

»Spricht man in Paris«, fragte Napoleon, »von der Einweihung des Suezkanals und von den Einladungen, welche der Vizekönig von Ägypten zu der Feierlichkeit an alle Souveräne erlassen hat?«

»Wenig oder gar nicht, Sire,« erwiderte der Staatsrat, »soviel ich gehört habe. Die Sache ist doch in der Tat von zu untergeordnetem Interesse, wenn alle Gedanken von der Krankheit Eurer Majestät und von den Konsequenzen erfüllt sind, welche dieselbe haben könnte.«

»Es wäre aber immerhin gut,« sagte Napoleon, »wenn man darüber sprechen würde, denn die Sache kann doch sehr interessant und politisch wichtig werden, die persönliche Begegnung von Souveränen –«

»Wird wenig Teilnahme erregen, wenn man weiß, daß Eure Majestät nicht in der Lage sind, dort hinzureisen, und daß also die übrigen Souveräne, welche dort erscheinen möchten, höchstens Verabredungen treffen könnten, bei denen die Interessen Frankreichs nicht in Betracht gezogen werden möchten.«

»Warum nicht?« sagte der Kaiser. »Mir wird allerdings meine Gesundheit schwerlich erlauben, dorthin zu gehen, um aus der alten ägyptischen Weisheit«, fügte er lächelnd hinzu, »neue Lehren für meine Regierung zu schöpfen – auch möchte ich, wenn ich gesund wäre, Frankreich gerade unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht verlassen – les absents ont tort – sagt unser altes Sprichwort mit Recht. Aber,« fuhr er dann fort, »wenn ich auch selbst an den Nil zu reisen verhindert bin, so scheint mir doch die Sache zu wichtig und bedeutungsvoll, als daß Frankreich dabei unvertreten sein könnte.«

»Eurer Majestät Botschafter«, – sagte Herr Conti, der noch immer den Übergang des Kaisers auf dieses Geschäftsthema nicht recht zu begreifen schien, – »wird, wenn andere Mächte durch ihre Souveräne selbst vertreten sind, schwerlich imstande sein, den Rang, der Frankreich gebührt, genügend zu behaupten.«

»Mein Botschafter,« sagte der Kaiser, – »daran allerdings ist nicht zu denken. Aber warum ein Botschafter? Wenn die Kaiserin nach Kairo ginge –«

Der Staatsrat Conti machte eine rasche Bewegung auf seinem Stuhl. Ein eigentümlicher, verständnisvoller Blick leuchtete in seinen Augen auf.

»Die Kaiserin!« rief er, – »in der Tat, wenn Ihre Majestät sich entschließen würde –«

»Glauben Sie nicht,« fragte Napoleon, »daß die Kaiserin Frankreich würdig vertreten könne?«

»So würdig als nur irgend möglich,« erwiderte der Staatsrat lebhaft, »ja, glänzender vielleicht als Eure Majestät selbst. Denn wenn auch der Kaiser von Österreich und der König von Preußen wirklich nach Ägypten gingen, wie man vor einiger Zeit verkündigte, so würde Ihre Majestät ohne alle Diskussion schon als Dame den ersten Rang behaupten und den Mittelpunkt der fürstlichen Versammlung bilden.«

»Nicht wahr,« sagte der Kaiser in heiterem Ton, indem er sich vergnügt die Hände rieb, als freue er sich, daß sein Gedanke von dem Staatsrat richtig verstanden sei, »nicht wahr, die Idee ist gut? Und glauben Sie nicht,« fuhr er fort, »daß eine Reise der Kaiserin nach Ägypten ganz Paris und ein wenig auch die ganze Welt beschäftigen wird? Denken Sie an alle Details der Reise, an die Toilettenfragen und alles, was damit zusammenhängt.«

»Vortrefflich, vortrefflich!« rief Conti, »das ist ein reicher und stets neuer Stoff, der sich nicht so schnell erschöpft – wenn Ihre Majestät die Kaiserin sich entschließen kann, eine so weite und anstrengende Reise zu unternehmen.«

»Ich zweifle nicht daran,« sagte der Kaiser mit einem eigentümlichen Lächeln, »die Nerven der Damen sind sehr stark für gewisse Dinge, und eine Reise nach dem Land der Pyramiden, bei der man noch Konstantinopel, den Sultan, die märchenhaften Geheimnisse des Serails besuchen kann, bei der eine Pilgerfahrt nach Jerusalem sich darbietet, das alles sind Dinge, welche die Nerven der zartesten Dame sofort unzerstörbar, zäh und kräftig machen können. Außerdem«, fuhr er ernster fort, »hat die Sache noch in anderer Beziehung ihre Vorzüge. Es wird sehr nützlich sein, wenn ich die Reformen, welche in der inneren Regierung Frankreichs nötig werden könnten, in tiefer Ruhe und ganz allein vorbereiten kann, während aller Blicke sich in die weite Ferne richten. Auch die Verhältnisse im Orient«, fuhr er, mehr zu sich selbst als zu Conti sprechend, fort, »müssen ein wenig geleitet und gelenkt werden, und zwar so, daß ich nicht unmittelbar persönlich engagiert werde. Der Konflikt zwischen dem Sultan und dem Vizekönig ist ein Funke, den man nicht völlig erlöschen lassen darf. Unter gewissen Voraussetzungen«, sagte er mit starren, weitgeöffneten Augen vor sich hinblickend, »kann ein Brand im Orient Rußland gebieterisch verhindern, seine Kräfte nach anderer Seite hin zu gebrauchen, und dort liegt auch der Punkt, in welchem es allein möglich ist, wenn es sein muß, die Interessen Frankreichs mit denen Rußlands zu vereinigen, und in Petersburg unsererseits mehr zu bieten, als man in Berlin geben kann.«

Er versank einige Augenblicke in ein schweigendes Nachdenken.

»Doch das sind Gesichtspunkte,« sagte er dann, »die man später in Betracht ziehen muß. Fürs erste also«, fuhr er wieder ganz heiter fort, »hoffe ich die Bedenken und Besorgnisse, welche Sie mir vorher aussprachen, vollkommen zu beseitigen, wenn ich Sie bitte, dafür Sorge zu tragen, daß von nun an täglich kurze Notizen in den Regierungsblättern erscheinen, welche mein Befinden immer besser und besser darstellen. Ich werde in kurzer Zeit dann selbst nach Paris kommen, die Pariser werden mich sehen und ihre pathologische Teilnahme an meinem Gesundheitszustand wird aufhören. Zu gleicher Zeit muß eine kurze Andeutung über die Möglichkeit einer Reise der Kaiserin nach Ägypten der öffentlichen Meinung gegeben werden. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, daß dieselbe sich dieses Gegenstandes schnell bemächtigen und sich nach kurzer Zeit mit demselben ausschließlich beschäftigen wird.«

»Zuverlässig, Sire,« rief Herr Conti, indem er mit zufriedener Zustimmung mehrere Male den Kopf neigte, – »zuverlässig wird dies sogleich ein Gegenstand ausschließlichen Interesses für die Pariser werden, und ich muß Eurer Majestät aufrichtig gestehen, daß ich damit viel zufriedener bin. Denn trotz allem, was Sie die Gnade hatten, mir zu sagen, vermag ich doch mein Bedenken nicht zu unterdrücken über die Konsequenzen und Konjekturen, die man an Eurer Majestät Krankheit knüpft.«

Bevor der Kaiser antwortete, meldete der Kammerdiener den Prinzen Napoleon.

Der Kaiser winkte zustimmend mit der Hand, trat dann zu Conti heran und sagte, indem er ihm freundlich lächelnd auf die Schulter klopfte:

»So lassen Sie mich denn gesund werden, aber überstürzen Sie meine Rekonvaleszenz nicht, damit wir keinen Rückfall nötig haben.«

Conti, der sich ebenfalls erhoben hatte, packte seine Papiere und Zeitungen zusammen, ergriff ehrerbietig die Hand des Kaisers, die dieser ihm mit freundlicher Herzlichkeit reichte und verließ das Kabinett.

Fast unmittelbar darauf trat der Prinz Napoleon ein. Er trug einen schwarzen Überrock, die große Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch, einen hohen schwarzen Zylinderhut in der Hand. Sein Kopf, der mit dem kurzen Halse fast unmittelbar auf den Schultern ruhte, zeigte in dem scharf antiken Schnitt seiner Züge, der hochgewölbten Stirn, dem stark vorspringenden Kinn, dem kurzen, schwarzen Haar eine frappierende Ähnlichkeit mit Napoleon I., seinem Oheim, und auch die kurzgedrungene, volle Gestalt sowie die schön geformten Hände erinnerten an den siegreichen Cäsar, der der Familie des korsischen Advokaten den Weg zu dem ersten Thron der Welt gebahnt hatte; nur das unstet blickende Auge, der finstere, dabei unruhige und fast hämische Zug, welcher um die Lippen des Prinzen zuckte, die Hast in seinen Bewegungen taten dieser Ähnlichkeit Eintrag und verzerrten sie zuweilen bis zur Karikatur.

Heute strahlte das Gesicht des Prinzen von freudiger und stolzer Befriedigung, aus seinen Augen leuchtete siegesgewisse Zuversicht, und mit größerer Herzlichkeit als sonst eilte er zu dem Kaiser hin, der ihm freundlich die Hand entgegenstreckte.

»Ich bin glücklich,« rief der Prinz lebhaft, »dich so wohl zu finden; obgleich ich dich erst neulich gesehen habe und besser unterrichtet bin, so kann ich doch nicht leugnen, daß alle diese fortwährend in den Zeitungen wiederholten Mitteilungen über deinen gefährlichen Krankheitszustand etwas Beunruhigendes haben, so daß ich an jedem Morgen, wenn ich die alarmierenden Notizen lese, mich der Furcht nicht erwehren kann, es könne doch etwas daran wahr sein.«

»Ich habe soeben angeordnet,« erwiderte der Kaiser, indem er sich wieder auf seine Chaiselongue niederließ, »daß man mich auch in der Presse so gesund werden lassen soll, wie ich es, Gott sei Dank, in der Tat bin. Du hast einen großen Erfolg gehabt,« sagte er dann, indem er auf einen Lehnstuhl an seiner Seite deutete, in den sich der Prinz mit einer raschen Bewegung niedersinken ließ und zugleich den Mund einen Augenblick mit der Hand bedeckte, um ein krampfhaftes, nervöses Gähnen, das ihn von Zeit zu Zeit befiel, zu verdecken – »du hast einen großen Erfolg gehabt mit deiner Rede im Senat, und die Artikel über diesen Gegenstand verdrängen in den Journalen fast die Exposés über meinen Krankheitszustand.«

»Nicht ich habe diesen Erfolg gehabt,« rief der Prinz Napoleon lebhaft, »sondern die Sache, über die ich gesprochen. Die allgemeine Meinung«, fuhr er fort, »verlangt nach einer freien, nach einer konstitutionellen Regierungsform, und der Erfolg, den meine Rede gehabt hat, liegt nur darin, daß das einmal klar und bestimmt ausgesprochen worden, was so viele denken und in sich tragen, ohne daß sie es wagen, es laut in Worte zu kleiden, und darin,« fuhr er fort, »daß gerade ich es war, der diesen Gedanken ausgesprochen hat, ich, dein Vetter, ein Prinz deines Hauses – daß man also glaubt, die Gedanken, denen ich Ausdruck gab, seien von dir gebilligt und Frankreich werde in kurzem in einer liberalen Verfassung die Garantie seiner Freiheit erhalten.«

Ein eigentümliches Lächeln flog einen Augenblick über das Gesicht des Kaisers, er beugte den Kopf herab, als wolle er den Ausdruck seines Gesichts dem scharfen, forschenden Blick seines Vetters entziehen, und sagte dann:

»Du bist in deiner Rede etwas tief in die Details eingegangen – es wäre vielleicht besser gewesen, wenn du das vermieden und dich mehr auf das Aussprechen allgemeiner Prinzipien beschränkt hättest.«

»Und warum das?« fragte der Prinz, indem er den Kopf zurückwarf und die Augenbrauen zusammenzog, »warum das? Wer Prinzipien aufstellt, hat zugleich die Pflicht, darzulegen, wie er sich deren Ausführung denkt, denn ohne eine solche Darlegung bleibt die Aufstellung allgemeiner Grundsätze nur zu leicht auf das Gebiet der leeren Phrase beschränkt. Mit Phrasen ist das französische Volk heute nicht mehr zufrieden,« fügte er mit einer gewissen Schärfe im Ton hinzu, »Phrasen hat man schon zu lange gehört, ohne daß etwas Tatsächliches darauf gefolgt wäre.«

Der Kaiser schwieg einige Sekunden.

»Du hast vorhin selbst gesagt,« sprach er dann, »daß deine Rede eine ganz besondere Wirkung hervorgebracht habe, weil sie gerade von dir gehalten sei und weil man meine Zustimmung zu deinen Äußerungen voraussetzen zu dürfen glaubte. Gerade deshalb wäre es vielleicht besser gewesen, wenn du dich auf allgemeine Grundsätze beschränkt hättest, denn in bezug auf diese stimme ich allerdings, wie du weißt, vollkommen mit dir überein. Was die Ausführung betrifft, so ist da noch sehr viel zu überlegen. Ich kann nichts tun, ohne meine Ratgeber zu hören, ohne nötigenfalls andere Ratgeber gefunden zu haben, und wenn die öffentliche Meinung durch deine Rede auch in betreff der Details in der Durchführung der künftigen Reform bereits voreingenommen ist, so wird dadurch mir und meiner Regierung bis zu einem gewissen Punkte die Freiheit des Handelns erschwert.«

»Wenn man zur Durchführung eines großen Grundsatzes, wie derjenige der konstitutionellen Freiheit, entschlossen ist,« rief der Prinz, in dem sich seine Augenbrauen zu einer finsteren Falte über seiner Nasenwurzel zusammenzogen, »dann kann man über die Ausführung kaum verschiedener Ansicht sein. Diese Ausführung muß eine ehrliche, vollständige und schnelle sein, wenn sie überhaupt irgend welchen Wert haben soll. Es gibt heutzutage fast keine Regierung, welche die konstitutionelle Freiheit nicht als ihr leitendes Prinzip aufstellt. Es gibt aber allerdings«, fuhr er mit einem kurzen, höhnischen Lachen fort, »eine Art der Ausführung dieses Prinzips, welche dasselbe vollständig in sein Gegenteil verkehrt.«

»Eben deshalb,« sagte der Kaiser vollkommen ruhig, »weil, wie du mit Recht sagtest, die Ausführung allein das Wesen konstitutioneller Reformen bedingt, muß dieselbe um so ruhiger und objektiver beraten werden, und um so mehr wäre es besser gewesen, wenn die öffentliche Meinung nicht in betreff gewisser Punkte schon präokkupiert worden wäre. Es ist dies um so bedenklicher in einem Augenblick, in welchem alle Welt glaubte, daß ich sehr gefährlich krank sei, und in welchem man an manchen Orten bereits die Durchführung jener Reformen in die Zeit nach meinem Tode zu verlegen geneigt wäre.«

Der Prinz bedeckte abermals einen Augenblick seinen Mund mit der Hand.

»Wenn dies der Fall gewesen sein mag,« sagte er dann, »so wird man deine Wiedergenesung um so freudiger begrüßen, wenn du zur Feier derselben den Franzosen das gewährst, wonach sie so lange sich sehnten –«

»Doch müssen dazu«, fiel der Kaiser mit einer gewissen Strenge in seiner Stimme ein, »die Erwartungen nicht auf ein Mehr gerichtet werden, als ich zu erfüllen imstande bin.«

Eine dunkle Röte stieg in dem gelblich-blassen Gesicht des Prinzen auf. Seine Lippen bebten leicht, und aus seinen Blicken schoß ein Strahl jenes unruhigen, zitternden Feuers, das seiner Erscheinung so oft etwas Unheimliches und Beunruhigendes gab.

»Auf mehr, als du zu gewähren imstande bist,« rief er, »das verstehe ich nicht! Würdest du denn in den Punkten, die ich in meiner Rede berührt habe, ein solches Mehr finden können?«

»Ich habe dir bereits bemerkt,« erwiderte der Kaiser immer in demselben Ton und derselben gleichmäßigen ruhigen Haltung, »daß die Ausführung konstitutioneller Reformen in das bisher einheitliche und persönliche, konzentrierte Regierungssystem eine Sache von großer Wichtigkeit ist, die eingehende Beratungen mit meinen Ministern – vielleicht längere Verhandlungen mit denjenigen nötig macht, die ich an deren Stelle setzen will. Ich kann deshalb nicht sagen, daß das, was deine Rede in Aussicht stellte, zuviel ist – aber es könnte zuviel sein, es könnte mehr sein, als der Rat erfahrener und erprobter Freunde mir zu gewähren empfehlen möchte – und dann würde ich mich in einer peinlichen Lage befinden, in einer noch peinlicheren aber vielleicht diejenigen, in deren Hand ich die künftige Reform legen möchte – sie würden statt einer freudigen, dankbaren Zustimmung sich dem Mißvergnügen unerfüllter Erwartungen gegenüber befinden.«

»Aber um Gottes willen,« rief der Prinz, »der Begriff einer konstitutionellen Regierung ist doch ein sehr klarer und bestimmter, und von denjenigen Punkten, von welchen ich gesprochen habe, läßt sich doch nicht so leicht einer beseitigen, wenn überhaupt vom verfassungsmäßigen Staatsleben die Rede sein soll.«

Der Kaiser ließ langsam die Spitzen seines Schnurrbarts durch die Finger gleiten.

»Ich bin im Augenblick nicht vorbereitet,« antwortete er, »in eine Diskussion über einzelne Punkte einzutreten. Indes scheint mir, daß durch die Ausführung deiner Rede die Erwartung erregt worden ist, als gehöre in das Programm einer künftigen reformatorischen Regierung auch die Teilnahme der konstitutionellen Faktoren an der auswärtigen Politik und der Entscheidung über Krieg und Frieden und – – –«

»Ist«, rief Prinz Napoleon heftig, »ein konstitutionelles Staatsleben ohne eine solche Mitwirkung denkbar? Soll die Vertretung des Volks nur tagen, um für das innere Leben der Nation Gesetze zu machen, welche am Ende tüchtige Juristen eines absoluten Regiments ebensogut zustande bringen würden? Soll dieser Vertretung jeder Einfluß entzogen werden auf diese hochwichtigen Beziehungen zu anderen Nationen? Soll das Volk gezwungen werden, die ungeheuren Opfer und Lasten großer Kriege zu tragen, ohne zu wissen, warum dieselben geführt werden, ohne die Möglichkeit, zu deren Verhinderung seine Stimme zu erheben?«

»Ich glaube, das sind Theorien«, sagte der Kaiser mit seiner unzerstörbaren Ruhe, indem seine Stimme fast den Ton phlegmatischer Gleichgültigkeit annahm. »Eine Diplomatie, welche an einer Mitwirkung konstitutioneller Versammlungen gebunden ist, gleicht einem an seiner Stange gefesselten Adler, der sich nicht zu freier Höhe und zu kühnem Fluge aufschwingen kann –«

»Der aber auch gesichert ist«, fiel der Prinz ein, »vor tollkühnen Unternehmungen, bei denen er zugrunde geht –«

»Eine solche Diplomatie«, fuhr der Kaiser, den Ausruf des Prinzen überhörend, fort, »muß untätig und erfolglos werden, wie uns das Beispiel Englands deutlich vor Augen führt, dessen Einfluß in Europa fast schon auf Null herabgesunken ist. – Glaubst du, daß unser Oheim«, sprach er dann, den Blick auf seinen Vetter richtend, »seine glänzenden Siege erfochten hätte, wenn er zu seinen Kriegen vorher die Erlaubnis der Kammer hätte nachsuchen müssen?«

»Gewiß aber hätte er«, rief der Prinz, »auch jene gigantischen Fehler des Feldzugs nach Rußland nicht begehen können, sein Thron wäre nicht zusammengebrochen und du hättest nicht nötig gehabt, denselben mit so vieler Mühe wieder aufzurichten.«

»Der Kaiser hätte seinen Thron erhalten,« erwiderte Napoleon, »wenn er im Unglück seinem alten System treu geblieben wäre. Indem er im Augenblick der Gefahr den Konstitutionalismus wieder ins Leben rief, band er sich die Hände und wurde, wie einst Simson, verräterischerweise seinen Feinden ausgeliefert. Nein, nein, mein Freund,« fuhr er in einem gutmütigen, aber überlegenen Ton fort, wie etwa ein erfahrener Mann ein Kind belehrt, »über Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtspflege, über die Finanzen und Steuern mögen die konstitutionellen Versammlungen debattieren und Reden halten, die auswärtige Politik und das Recht über Krieg und Frieden gebe ich nicht aus den Händen – das muß ihnen entzogen bleiben, wenn nicht Frankreich unter den Mächten Europas wieder so tief herabsinken will, als dies unter dem traurigen Kammerregiment Louis Philipps der Fall war.«

»Nun,« rief der Prinz flammenden Blicks, »bisher haben ja die Kammern wahrlich keinen Einfluß auf deine Politik und deine Kriege gehabt, und man kann wahrlich eben nicht sagen,« fügte er mit bitterem Hohn hinzu, »daß Frankreich an Achtung und Furcht bei den europäischen Mächten gewonnen habe. Hätte die öffentliche Meinung durch das Organ der Volksvertreter Gelegenheit gehabt, sich bei der übereifrigen Tätigkeit gegen Mexiko und bei der verhängnisvollen Untätigkeit im Jahre 1866 geltend zu machen, so stände Frankreich, scheint mir, heute auf einer stolzeren Höhe, als dies jetzt leider der Fall ist.«

»Hat die auswärtige Politik Fehler gemacht,« erwiderte der Kaiser kurz und fest, »so wird sie dieselben zu verbessern wissen. Dies aber würde ihr niemals gelingen, wenn sie in der Ausführung ihrer Pläne, in der Wahl der Mittel und Gelegenheiten an die indiskrete und von ephemeren Parteirücksichten geleitete Mitwirkung der Kammern gebunden wäre.«

»So soll also«, rief der Prinz aufspringend, »diese ganze konstitutionelle Reform nur ein Spielwerk, nur eine Komödie sein? So willst du mich desavouieren, während ich nach deinen früheren Äußerungen hoffen durfte, daß du einen großen Teil dieses reformatorischen Werkes in meine Hände legen würdest, daß ich, – was das Recht meines Namens und meines Blutes ist, endlich berufen sein würde, an der Entwicklung der Geschicke meiner Nation mitzuwirken?

»Du brauchst harte Ausdrücke«, sagte der Kaiser, »und gehst von Voraussetzungen aus, welche mir nicht in den Sinn gekommen sind.«

»Ich gehe von der Voraussetzung aus,« sagte der Prinz, dessen ganze Gestalt vor Erregung zitterte, während er nur mühsam einen heftigen Ausbruch des in ihm kochenden Zorns zurückhielt, »ich gehe von der Voraussetzung aus, daß du noch länger gar nichts tun wirst, und das, was endlich geschehen möchte, nur ein verstümmeltes Zerrbild politischer Freiheit sein wird. Unter dieser Voraussetzung ist mein Auftreten, meine Rede im Senat nur ein leeres Strohfeuer. Und doch«, rief er, heftig mit dem Fuß auftretend, »hat dieses Feuer schon gezündet, genug hat es überall die Geister entflammt, und man hat mich heute um die Erlaubnis gebeten, meine Rede in fünfmalhunderttausend Exemplaren drucken und verbreiten zu lassen.«

»Das würde mir nicht angemessen erscheinen,« sagte der Kaiser, »dadurch würde nur noch mehr die öffentliche Meinung voreingenommen, noch mehr der so notwendigen ruhigen Erwägung und der Entwicklung der Sache vorgegriffen.«

»Gut denn,« rief der Prinz, indem er mit einer ungestümen Bewegung den Hut ergriff, den er auf einen Tisch neben sich gestellt hatte, »gut denn, desavouiere mich! Tu, was du willst, aber verlange nicht, daß ich mich ferner um diese nebelhafte Politik kümmern soll, in welcher der Kompaß eines gesunden Menschenverstandes keinen Weg mehr finden kann. Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubnis,« sprach er mit rauher Stimme, indem er sich gerade aufgerichtet vor den Kaiser hinstellte, »auf Reisen zu gehen. Ich werde mich auf meine Jacht zurückziehen und etwas in die See fahren, dort kann wenigstens ein festgeführtes Steuer den Kurs halten, hier auf dem Meer der Politik ist das nicht möglich. Hier muß das Schiff, das unser aller Zukunft trägt, endlich an den Klippen zerschellen.«

»Mein Kind,« sagte der Kaiser sanft, indem er die Hand auf die Schulter des Prinzen legte, »du hast wieder einmal deine böse und unartige Laune. Aber reise immerhin, es wird dir gut tun, es wird dich abkühlen, es wird dir die Muße zu ruhigem Nachdenken geben und du wirst einsehen, daß ich recht habe. Kreuze im Kanal, wenn du willst, aber entferne dich nicht zu weit, ich könnte deiner bedürfen, und ich glaube, wir werden uns doch noch über die Reformen verständigen, über welche du jetzt so abweichende Ansichten hast.«

Er blickte mit groß geöffneten Augen dem Prinzen liebevoll in das Gesicht.

»Leb wohl,« rief der Prinz, »ich wollte, mein Verstand könnte ebenso mit dir übereinstimmen, wie mein Herz dir in Liebe und Ergebenheit gehört.«

Er öffnete die Arme, drückte den Kaiser einen Augenblick an seine Brust und ging dann schnell hinaus.

Der Kaiser sah dem Prinzen lange nach.

»Er ist eine ungestüme, unregelmäßige und unlenksame Natur, vielleicht sollte ich strenger gegen ihn sein, – aber – er ist von rein napoleonischem Blut – das entwaffnet mich,« sprach er mit einem leisen Seufzer, »und dann leistet er mir bisweilen gute Dienste, durch ihn kann ich meine Ballons d'essay aufsteigen lassen. Diesmal tut er mir fast leid – aber er hat es sich selbst zuzuschreiben. Warum ist er weiter gegangen, als ich ihm erlaubt habe – ich will in dem Senatkonsult im allgemeinen reformatorische Prinzipien aufstellen, mir aber die Hand in betreff der Ausführung völlig frei halten. Die kleine Reise kompromittiert ihn nicht, und wenn es zweckmäßig sein sollte, kann ich ihm ja immer noch eine Rolle bei der Ausführung meiner Reformen reservieren. Ich würde ihn mehr noch an den Geschäften teilnehmen lassen, aber«, fuhr er fort, indem sein Gesicht sich verdüsterte, »das ist nicht ohne Gefahr; er ist mir ergeben, aber wenn er einen Teil der Regierungsfäden in Händen hielte, wenn er eine ernsthafte Partei um sich versammelte, so habe ich keine Garantie, daß er nicht eines Tages, wenn ich nicht mehr da bin, für sein Blut den Vorrang in Anspruch nimmt vor dem meines Sohnes. Und das darf nicht sein – ich habe diesen Thron aufgerichtet, das zweite Kaiserreich ist mein, und es soll das Erbe meines Sohnes bleiben. In meiner Familie soll es keine Orleans geben. Doch nun«, sprach er nach einigen Augenblicken ganz heiter, »will ich ein wenig diese ägyptische Angelegenheit vorbereiten, damit die Pariser sich, statt von meinen Rheumatismen und Neuralgien, eine Zeitlang von den Pyramiden, Obelisken und Sphinxen unterhalten – die Sphinxe,« sagte er vergnügt vor sich hinlächelnd, »welche einst die Erfinder der Rätsel waren, die man den Völkern zu raten gibt, und damit zugleich das Geheimnis lehrten, wie man regieren müsse.«

Er bewegte die Glocke und fragte den eintretenden Kammerdiener:

»Ist die Kaiserin in ihrem Zimmer?«

»Ihre Majestät«, erwiderte der Kammerdiener, »promeniert in der Kastanienallee.«

»Wer ist bei ihr?« fragte der Kaiser.

»Die Damen vom Dienst und der Vicomte von Laguerronnière.«

»Der Vicomte von Laguerronnière?« fragte der Kaiser betroffen.

»Der Herr Vicomte wollte sich bei Eurer Majestät melden,« sagte der Kammerdiener, »als er aber hörte, daß der Staatsrat Conti noch da sei, hatte er zunächst gebeten, Ihrer Majestät der Kaiserin seinen Respekt bezeigen zu dürfen.«

»Rufen Sie den General Favé«, sagte der Kaiser.

Einige Augenblicke darauf trat der diensttuende Adjutant, Brigadegeneral Favé, ein kleiner, beweglicher Mann mit scharf geschnittenem Gesicht und kleinem schwarzen Schnurrbart, ein.

Der Kaiser ergriff einen leichten Sommerhut, gab dem General den Arm und schritt der Tür zu, um sich in den Garten zu begeben.

Siebentes Kapitel

Der Kaiser stieg in den Garten hinab und begab sich durch die Blumenanlagen neben dem Schloß nach der großen schattigen Kastanienallee.

In dem grünen Helldunkel dieser alten Bäume erblickte man nicht weit vom Eingang Ihre Majestät, die Kaiserin Eugenie in einem kurz aufgeschürzten Kostüm von weißem Pikee mit kleinen blauen Veilchen durchwebt. Die Kaiserin trug auf dem einfach frisierten, rötlichblonden Haar einen breitrandigen Hut von florentinischem Strohgeflecht mit violetten Bandschleifen garniert. Sie stützte sich leicht auf einen hohen, schlanken Stock von spanischem Rohr mit fein geschnitzter Elfenbeinkrücke und unterhielt sich lebhaft mit zwei Herren, welche zu ihrer Rechten und zu ihrer Linken neben ihr hergingen, während die Damen vom Dienst, die Gräfin von Poèze, die Gräfin von Lourmel und die Vorleserin Ihrer Majestät, Fräulein von Marion, in der Entfernung weniger Schritte nachfolgten.

Zur Rechten der Kaiserin ging der Vicomte von Laguerronnière, der Gesandte Frankreichs am belgischen Hof in Brüssel, ein großer Mann von sechs- bis siebenundfünfzig Jahren, breit und etwas schwerfällig von Gestalt, aber elegant und hofmännisch gewandt in seinen Bewegungen und in dem bewegten und ausdrucksvollen Mienenspiel seines bleichen, geistig belebten Gesichts mit den scharfblickenden, etwas unruhigen Augen.

Herr von Laguerronnière trug einen schwarzen Morgenanzug mit der Rosette der Kommandeure der Ehrenlegion im Knopfloch. Er hörte aufmerksam der Kaiserin zu, welche lebhaft und eifrig zu ihm sprach.

An der anderen Seite Ihrer Majestät ging der Abbé Bauer, dieser so schnell zu hohem Ansehen emporgestiegene Geistliche, welcher, von jüdischen Eltern zu Wien geboren, sich konvertiert hatte und, von der römischen Hierarchie auffallend begünstigt, seine ganze feine und scharfe Intelligenz und seine unermüdliche Tätigkeit der Sache der katholischen Kirche und insbesondere derjenigen der päpstlichen Herrschaft widmete.

Der Abbé Bauer trug die einfache geistliche Tracht, welche sich seiner schlanken und geschmeidigen Gestalt in natürlicher Eleganz anschmiegte. Die Haltung des Abbé zeigte die Ehrerbietung des Hofmannes seiner Souveränin gegenüber, aber zugleich auch die Würde des Priesters, welcher alle Dinge der Welt, so sehr er auch ihre Berechtigung erkennen mag, dennoch tief unter sich stehend betrachtet. Sein Gesicht zeigte den scharfen Schnitt und die kalte und klare Intelligenz der orientalischen Rasse. Seine dunklen, etwas kleinen und feurigen Augen schlug er nicht nach der Art so mancher Mitglieder des geistlichen Standes zu Boden, sondern blickte mit ihnen frei umher und richtete sie forschend und scharf beobachtend auf diejenigen, mit denen er sprach und die oft durch den eigentümlich durchdringenden Blick dieser Augen verwirrt wurden.

Als Napoleon III. an dem Eingang der Allee erschien, eilte die Kaiserin mit schnellen Schritten ihrem Gemahl entgegen, welcher bei ihrer Annäherung den Arm des Generals Favé losließ und artig die Hand Ihrer Majestät an seine Lippen führte, während der Vicomte von Laguerronnière und der Abbé Bauer sich ehrerbietig zu den Damen der Kaiserin zurückzogen.

»Sie sehen vortrefflich aus, mein teurer Louis,« rief die Kaiserin, »ich freue mich täglich, daß die Besorgnisse, mit denen ich von meiner Reise hierher zurückgekehrt bin, so unbegründet waren und daß ich mich täglich mehr von Ihrer fortschreitenden Genesung überzeugen kann. Lassen Sie uns nur noch recht lange hier in dieser schönen Einsamkeit von St. Cloud bleiben, dessen Luft ja auch unserem armen kleinen Louis so gut tut, und recht spät erst nach jenem traurigen Paris zurückkehren, wo man nur ärgerliche Dinge zu hören hat und wo die Politik den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend ausfüllt.«

»Nun, die Politik«, sagte der Kaiser lächelnd, »weiß ihren Weg auch nach St. Cloud zu finden und scheint auch meine liebenswürdige Gemahlin nicht freizugeben, denn ich finde sie in Gesellschaft einer wahren Inkarnation des politischen Treibens in der Presse und Diplomatie«, fügte er hinzu, indem sein Blick zu dem Vicomte von Laguerronnière hinüberstreifte.

»Herr von Laguerronnière«, sagte die Kaiserin, »versteht, so sehr er Politiker ist, auch über andere Gegenstände sehr liebenswürdig zu sprechen – aber es ist wahr, ich habe ein wenig Politik mit ihm gesprochen, denn leider«, fuhr sie fort, indem eine unmutige Erregung in ihrer Stimme widerklang, »leider gönnt man mir nicht einmal die stille Zurückgezogenheit in dieser ländlichen Einsamkeit, die Verfolgungen unserer Feinde suchen mich auch hier auf.«

»Wie das?« fragte der Kaiser im strengen Ton, »wer könnte es gewagt haben, Ihre Ruhe und Heiterkeit zu stören?«

»Meine gute Marion«, erwiderte Eugenie, »hat mir heute morgen einen Artikel übersetzt, welchen die Times über mich veröffentlicht hat und welcher voll ist von dem gehässigsten Angriffen gegen mich und gegen den schädlichen und verderblichen Einfluß, den ich auf die Politik Frankreichs ausüben soll. Eure Majestät wissen selbst,« fuhr sie fort, »wie wenig es meiner Neigung entspricht, mich in Dinge zu mischen, die nicht in der Sphäre der Frauen liegen, und wie fern ich von jedem Versuch bin, einen Einfluß auf die Regierung ausüben zu wollen.«

Ein leichtes Lächeln zuckte über die Lippen des Kaisers, er fuhr mit der Hand über seinen Schnurrbart und sagte:

»Sie sollten sich um so etwas nicht kümmern, am allerwenigsten sich darüber erzürnen und erregen. Wer auf einer solchen Höhe steht wie wir, muß sich gefallen lassen, von der Welt kritisiert zu werden, und Neid und Mißgunst, diese Kardinaleigenschaften des menschlichen Geschlechts, sorgen dafür, daß diese Kritik nicht immer freundlich und wohlwollend ausfällt.«

»Es ist mir gewiß ganz gleichgültig,« rief die Kaiserin, indem sie ihren schlanken Hals zurückbog, »was jener Zeitungsschreiber über mich urteilt, aber es empört mich, wenn Personen, die zu meiner Welt gehören, die unserem Hofe nahe stehen, die Presse benutzen, um ihrer Feindschaft gegen mich Ausdruck zu geben und die öffentliche Meinung gegen mich aufzuregen – denn das schadet nicht nur mir, das schadet auch Ihnen, das schadet dem Ansehen Frankreichs, das schadet vor allem unserem Sohn und seiner Zukunft.«

»Und warum?« fragte der Kaiser immer noch im heiteren Ton, während sich jedoch ein leichter Ausdruck von Unbehagen und Verstimmung auf seinem Gesicht zeigte, »warum setzen Sie solche Quellen und solche Ansichten bei einem unbedeutenden Artikel dieses großen englischen Journals voraus, das so vieles sagt, was der Hauch der schnell dahineilenden Zeit ebenso rasch wieder verweht, und was kaum einige Tage im Gedächtnis der Menschen haftet?«

»Weil ich«, rief die Kaiserin mit zornbebenden Lippen, »in den Ausdrücken und Wendungen ganz genau die Gesinnungen und Worte der Personen wiedererkenne, welche mich immer und überall mit ihrem Haß verfolgen, und welche durch die regelmäßige Wiederholung ihrer Angriffe dafür sorgen, daß dieselben in der öffentlichen Meinung nicht vergessen werden. Ich habe die Wendungen wiedererkannt, welche unserem teuren Vetter, dem Prinzen Napoleon,« sagte sie mit bitterer Ironie »so geläufig sind, und welche nur noch in etwas gröberer und boshafterer Weise auch diese Madame Ratazzi zu wiederholen nicht müde wird – diese Madame Ratazzi, welche sich eine Prinzessin Buonaparte nennt und doch nicht aufhört, Frankreich zu schaden wo sie nur immer kann. Sie sollten wahrlich«, rief sie mit einem zornigen Blick auf ihren Gemahl, »von dem Beispiel Ihres Oheims lernen, Ordnung unter denjenigen zu halten, die zu Ihrer Familie gehören – oder die sich herausnehmen, sich zu derselben zu rechnen.«

»Ich glaube«, erwiderte der Kaiser kalt und ruhig, »Sie legen jenem Artikel der Times zuviel Wichtigkeit bei; ich werde denselben lesen und werde Sie dann gewiß überzeugen, daß er ohne Bedeutung ist – Fräulein Marion täte übrigens viel besser, Ihnen solche Dinge nicht mitzuteilen, die Sie unnütz aufregen – und doch nicht zu ändern sind. Doch«, fuhr er abbrechend wieder in dem vorigen heiteren Ton fort, »Sie haben mir vorher gesagt, daß Sie mit Herrn von Laguerronnière von Politik gesprochen hätten – darf ich fragen, was Sie verhandelten, denn ich möchte die Meinung eines so bewährten Mannes nicht verlieren, man kann immer von ihm lernen.«

Die Kaiserin wandte sich um und rief mit einem anmutigen Wink ihrer Hand die Herren heran, welche sie vorher auf der Promenade begleitet hatten.

Herr von Laguerronnière und der Abbé Bauer näherten sich schnell und verbeugten sich ehrerbietig vor dem Kaiser.

»Guten Tag, mein lieber Vicomte«, sagte Napoleon, indem er Herrn von Laguerronnière die Hand reichte und zugleich durch eine freundliche Neigung des Kopfes den Abbé begrüßte.

»Ich freue mich, Sie hier – durch einen Zufall«, fügte er mit etwas scharfer Betonung hinzu, »bei der Kaiserin zu sehen.«

»Eure Majestät waren beschäftigt, wie man mir sagte, deshalb wollte ich zuvor Ihrer Majestät, der Kaiserin, meinen Respekt bezeigen«, erwiderte Herr von Laguerronnière. »Ich war gekommen, um Ihnen mitzuteilen, Sire, daß der Senat die Grundzüge der neuen Verfassung angenommen und daß dieselben morgen schon durch Herrn Rouher Eurer Majestät überreicht werden sollen. Ich kann Sie zugleich versichern, Sire, daß der Eindruck derselben auf die öffentliche Meinung ein ganz ausgezeichnet guter ist, trotz der Versuche, welche die unversöhnliche Opposition macht, um diesen günstigen Eindruck abzuschwächen.«

»Ich zweifle nicht daran,« sagte der Kaiser, »und Sie verstehen es ja noch,« fügte er mit verbindlichem Ton hinzu, »die öffentliche Meinung zu belauschen – sie haben ja nun, diese guten Pariser, wonach sie sich so lange gesehnt, wonach sie so lange geschrien haben. Eine Zeitlang werden sie ja wohl zufrieden sein und in Europa wird man sehen, daß das Kaiserreich auch ohne die Gewalt absoluter Autokratie bestehen kann, und daß ich nicht nötig habe, um meinen Thron zu erhalten, Europa in Krieg und Verwirrung zu stürzen.«

Er warf einen raschen Seitenblick auf die Kaiserin, welche mit ihrem Stock einige flüchtige Linien in den gelben Kies des Weges zeichnete und die Worte ihres Gemahls völlig überhört zu haben schien.

»Den Kaiser wird es gewiß interessieren,« sagte sie dann, »den Gegenstand unseres Gesprächs kennen zu lernen, bei welchem ich, wie ich bekennen muß, mich in Opposition gegen den Herrn Vicomte von Laguerronnière befand, dagegen aber die Befriedigung hatte, vom Abbé Bauer unterstützt zu werden.«

»Sire,« sagte der Vicomte von Laguerronnière, – »Ihre Majestät die Kaiserin erzeigte uns die Ehre, mit uns über das vatikanische Konzil und die möglichen Beschlüsse desselben mit ihren Folgen sich zu unterhalten.«

»Ah,« sagte der Kaiser, indem er etwas erstaunt aufblickte, »das ist allerdings ein sehr weiter und unerschöpflicher Gegenstand der Konversation, um so mehr, als er eine Reihe von Hypothesen und Konjekturen in sich schließt –«

»Das Konzil ist keine Hypothese,« sagte die Kaiserin, »es ist fest beschlossen, und alle Macht des Unglaubens und der Ketzerei wird die Ausführung dieses großen Gedankens des Heiligen Vaters nicht mehr hindern. Ich bin darüber glücklich und war nur erstaunt, bei Herrn von Laguerronnière, der mir doch sonst als guter Katholik bekannt ist und der Absolution der Kirche zuweilen dringend bedarf,« fügte sie mit einem schalkhaften Lächeln hinzu –, »nicht meine Auffassung über diesen Gegenstand geteilt zu finden.«

»Nicht?« fragte der Kaiser, indem er ernst wurde und den Blick fragend auf den Vicomte richtete, »und was haben Sie gegen das Konzil?«

Er reichte der Kaiserin den Arm und schritt langsam die große Alle hinunter.

Der Vicomte ging an der Seite des Kaisers, der Abbé schritt neben der Kaiserin her. Die Damen und der Oberst Favé folgten.

»Ich habe nichts gegen das Konzil als solches,« sagte der Vicomte von Laguerronnière, die Frage des Kaisers beantwortend, »wenn sich seine Arbeiten darauf richten würden, zwischen den einzelnen Richtungen in der Kirche zu vermitteln und Mißbräuche abzustellen, welche sich eingeschlichen haben. Aber leider«, fuhr er fort, »wird nach dem, was man darüber hört, die eigentliche Tendenz des Konzils eine ganz andere sein. Es scheint, daß die Ratgeber Seiner Heiligkeit die scharfe Konzentration der römischen Hierarchie besonders den staatlichen Autoritäten gegenüber zum Zweck der Tätigkeit des Konzils machen wollen, daß dies Konzil gewissermaßen ein für allemal die Autorität aller Konzilien begraben und den Papst zum einzigen und unfehlbaren Herrn der Kirche nicht bloß in bezug auf die Disziplin, sondern auch in bezug auf die Glaubensfragen machen wolle, und hierin, Sire, sehe ich eine schwere Gefahr, welche nicht bloß auf dem kirchlichen Gebiet, sondern auch auf dem politischen verhängnisvoll werden kann, indem durch ein solches Vorgehen des Papsttums Italien und Preußen notwendig von neuem zueinander geführt und aneinander gekettet werden müssen, und dies, Sire, ich wiederhole es, ist eine große Gefahr für Frankreich.«

»Frankreich hat keine Gefahr zu fürchten«, rief die Kaiserin, stolz den Kopf emporwerfend.

»Davon, Madame, ist jeder Franzose überzeugt,« sprach der Vicomte von Laguerronnière, sich gegen die Kaiserin verneigend, »indes, wenn man die Gefahren nicht fürchtet, darf man dennoch die Augen nicht vor denselben verschließen, und wenn Frankreich je dahin kommen sollte, ernst und fest gegen Preußen auftreten zu müssen, so ist es von der höchsten Wichtigkeit, in einem solchen Augenblick Italiens sicher zu sein, damit nicht durch einen Handstreich gegen Rom unsere dortige moralische und militärische Position zusammenbreche, während wir gezwungen sind, unsere Kräfte an den Ostgrenzen zu konzentrieren.«

»Wenn es dahin kommen sollte,« rief die Kaiserin mit flammenden Augen, »so wird Roms Macht, je höher dieselbe steht, ein um so mächtigerer Bundesgenosse für uns sein. Die katholische Kirche, welche empfinden muß, daß die preußische Herrschaft in Deutschland eine furchtbare Drohung für sie ist, wird dann fest organisiert und durchdrungen von dem Willen ihres Oberhirten Preußen isolieren und der katholischen Bevölkerung des Südens es klar zum Bewußtsein bringen, daß sie nur durch uns Rettung ihrer politischen wie ihrer religiösen Selbständigkeit finden könne.«

Der Kaiser hatte den Kopf etwas vornüber geneigt und gab durch keine Miene zu erkennen, daß er an dem neben ihm geführten Gespräch irgendwelchen Anteil nehme.

»Der Herr Vicomte von Laguerronnière,« sagte der Abbé Bauer mit seiner klaren Stimme, deren Modulation er mit seltener oratorischer Meisterschaft zu beherrschen verstand, »der Herr Vicomte von Laguerronnière legt der Frage, über welche Ihre Majestät die Kaiserin uns die Ehre erzeigte, sich mit uns zu unterhalten, wie ich glaube, eine zu große Bedeutung bei. Es handelt sich bei dem Konzil ja wesentlich darum, Dogmen und Glaubensgrundsätze, welche tatsächlich bereits anerkannt feststehen, auch von dem versammelten ökumenischen Konzil annehmen und verkündigen zu lassen, damit bei keinem katholischen Christen irgendwelcher Zweifel oder irgendwelche Unklarheit über die dogmatischen Glaubenssätze der Kirche bestehen könne. Von der feindlichen Stellung gegen die staatliche Autorität ist ja dabei gar keine Rede, es müßte denn von den weltlichen Mächten selbst eine solche Gegnerschaft provoziert werden –«

»Was nicht ausbleiben kann,« fiel der Vicomte von Laguerronnière ein, »ebensowenig wird es fehlen können, daß die Bischöfe ihre Selbständigkeit gegen den Eingriff in ihre Rechte verteidigen, der in der Unfehlbarkeitslehre des Papstes liegt.«

»Die Bischöfe«, sagte der Abbé Bauer mit scharfer Betonung, »sind Diener des Papstes und haben ihm gegenüber keine Selbständigkeit in Anspruch zu nehmen –«

»Die französischen Bischöfe«, erwiderte Herr von Laguerronnière lebhaft, »haben eine solche Auffassung niemals anerkannt, und ich glaube auch, daß die Bischöfe in Deutschland, die Nachfolger der alten Kurfürsten, sich nicht so leicht werden zu willenlosen Dienern der römischen Kurie herabdrücken lassen.«

»Berühren wir nicht die Theologie,« sagte der Kaiser lächelnd, »es ist gefährlich, mit dem Abbé auf diesem Gebiet zu streiten. Lassen wir das Konzil zusammentreten und sich mit den kirchlichen Dingen beschäftigen, entschlüpfen wir dem Abbé auf das diplomatische Gebiet, auf dem wir ein wenig zu Hause sind. Les extrêmes se touchent,« sagte er mit einem schnellen Seitenblick auf die Kaiserin, »während Sie sich hier mit dem Heiligen Vater auf dem Konzil beschäftigten, habe ich über die Ungläubigen im Orient nachgedacht. Der Kaiser von Österreich und auch der König von Preußen, wie ich höre, oder wenigstens der Kronprinz, werden der Einladung des Vizekönigs von Ägypten zur Eröffnung des Suezkanals folgen. Es wäre sehr wünschenswert, daß Frankreich dort ebenfalls vertreten sei, und doch – Nélaton und Fauvel wollen, trotzdem ich mich immer kräftiger fühle, mir die Reise dorthin nicht gestatten.« –

Er schwieg einen Augenblick. Die Augen der Kaiserin leuchteten in plötzlicher Erregung auf.

»Ich bedauere das,« sagte Napoleon, »es wird manches Schöne und Interessante dort zu sehen sein. Ich hätte nicht ungern einmal den Orient besucht, vor allem aber bedauere ich, daß Frankreich dort nicht vertreten ist, und ich hätte fast die Freundlichkeit der Kaiserin in Anspruch genommen, wenn ich nicht fürchten müßte, daß die so weite beschwerliche Reise –«

»Sie wissen,« rief die Kaiserin lebhaft, »daß ich keine Mühen und Beschwerden kenne, wenn das Interesse Frankreichs in Frage kommt.«

»Sie würden sich entschließen können?« fragte Napoleon im zögernden Ton, »bedenken Sie die weite Entfernung, die Seereise, das fremde Klima und – dann«, fuhr er in zögerndem Nachsinnen fort, »würde es sich nicht vermeiden lassen, auf der Hinreise einen Besuch in Konstantinopel zu machen, die Rücksicht auf den Sultan erfordert das –«

»Oh, das ist ja allerliebst!« rief die Kaiserin mit glückstrahlendem Gesicht – »eine Reise wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht, – ich bitte Sie, Louis, halten Sie diesen Gedanken fest, die Mühe und Anstrengungen kommen ja gar nicht in Frage. Es würde mir eine große Freude sein, die Wunder des Orients kennen zu lernen – und ich glaube,« fügte sie hinzu, den Kopf mit einer leichten, schelmischen Koketterie zu ihrem Gemahl hinwendend, »ich glaube, daß es mir auch gelingen wird, Frankreich würdig und angemessen zu vertreten.«

»Niemand kann daran zweifeln,« sagte Napoleon galant, »wenn Sie sich also entschließen könnten – eine Flotteneskorte würde Sie begleiten, ein Schiff müßte für Sie hergerichtet werden –«

»Welche reizende Aussicht!« rief die Kaiserin. »Wie danke ich Ihnen, Louis, für diesen Gedanken! Es ist also abgemacht, ich übernehme die Mission, ich übernehme es, diese stolzen Mohammedaner, welche die Frauen in vergoldete Kerker einsperren, die Pflichten ritterlicher Galanterie zu lehren – oh, das wird sehr amüsant, sehr pikant werden. Ich verspreche Ihnen, Sie sollen mit mir zufrieden sein, – Sie werden mich aber begleiten, Abbé,« rief sie lebhaft, sich zum Abbé Bauer wendend, »denken Sie, wir werden Jerusalem sehen, wir werden an den heiligen Stätten unsere Andacht verrichten, – Sie wissen ja, Louis, daß ich bei der Geburt unseres Sohnes das Gelübde ablegte, dem Himmel für seine Gnade auf jenem heiligen Boden zu danken, den der Fuß des Erlösers für alle Zeit geweiht hat. Wie glücklich bin ich, daß endlich die langverschobene Erfüllung jenes Gelübdes sich naht!«

»Wenn Eure Majestät«, erwiderte der Abbé ernst und salbungsvoll, »die Gnade haben wollen, mich zur Begleitung zu bestimmen, so wird mich das zu hoher Dankbarkeit verpflichten; denn was kann es für einen Diener der Kirche Schöneres und Erhabeneres geben, als sich an der Stätte des welterlösenden Leidens und Sterbens Christi selbst mit dem Geiste zu durchdringen, der die sündhafte Welt zur Gnade des Himmels zurückführt!«

»Und jene Welt des Orients,« sagte Herr von Laguerronnière, »welche bisher nur die kriegerische Macht Frankreichs gesehen, wird sich überzeugen, daß unsere Nation auch durch Geist und Anmut den Völkern der Erde weit voranleuchtet.«

Die Kaiserin blieb stehen, indem sie mit der Hand den Arm des Kaisers drückte, und wandte sich zu den in einiger Entfernung folgenden Damen zurück, dann, einen Augenblick zögernd, fragte sie:

»Ist es erlaubt, von meiner Mission in das Land der Pyramiden zu sprechen, oder soll dieselbe noch diplomatisches Geheimnis bleiben?«

»Durchaus nicht,« sagte Napoleon; »sobald Sie sich entschlossen haben, diese Mühe und Anstrengung zu übernehmen, müssen wir ja an die Vorbereitungen für die Reise denken, und ich sehe keinen Grund ein, warum dieselbe mit irgendwelchen Geheimnissen umgeben werden soll.«

»Kommen Sie, meine Damen,« rief die Kaiserin in fröhlichem Ton, »wir werden ernste Konseilsitzungen halten müssen,« fuhr sie fort, als die Gräfinnen von Poèze und Lourmel und Fräulein Marion schnell herantraten, – »ich werde nach dem Orient, nach Konstantinopel, nach Ägypten gehen, – das ist ein Feldzug auf dem Gebiet der Toilette, für welchen wir all unseren Geist, alle unsere Kombinationsgabe aufbieten müssen, um der Welt zu zeigen, daß unser Geschmack und unsere Erfindungskraft sich nicht nur auf die Salons und die Promenaden von Paris beschränken, sondern daß wir unsere Toiletten auch dem Meere und dem Sand der Wüste anzupassen verstehen. Ich bitte Sie, Fräulein Marion, sich aus des Kaisers Bibliothek alles geben zu lassen, was sich auf den Orient und Ägypten bezieht. Wir müssen das studieren, ich muß mich über die Geschichte und Sitten jener Länder informieren, das wird uns Gedanken geben, um schöne, angemessene und bedeutungsvolle Kostüme zu schaffen. Lassen Sie uns sogleich ans Werk gehen,« rief sie, »denn dies Werk ist von großem Umfang und von großer Bedeutung. Ich bitte Sie, mich zu entschuldigen,« sagte sie, sich zum Kaiser wendend, »Sie werden mir später meine diplomatischen Instruktionen geben – erlauben Sie mir jetzt, für das Arsenal meiner Waffen zu sorgen –«

»Die stärker und siegreicher sind als meine Chassepots und Mitrailleusen,« sagte Napoleon, indem er seiner Gemahlin die Hand küßte und sich dann artig gegen die Damen verneigte, welche der Kaiserin folgten, die rasch nach dem Schlosse zurückschritt.

»Es wird mich in hohem Grade interessieren,« sagte der Kaiser, in verbindlichem Ton zum Abbé Bauer sich wendend, »Ihre Meinung über das Konzil und seine Wirkungen zu hören. Ich würde Sie bitten, sowie ich einen Augenblick ruhiger Muße habe, sich mit mir darüber eingehender zu unterhalten.«

Der Abbé Bauer verneigte sich und blieb zurück, während der Kaiser seinen Arm in den des Vicomte von Laguerronnière legte und langsam seinen Spaziergang in der Allee fortsetzte, – dann schritt er dem Schloß zu – der General Favé ging in der Allee auf und nieder, die Rückkehr des Kaisers erwartend.

»Glauben Sie,« fragte Napoleon in heiterem Ton, indem er, auf den Arm des Vicomte gestützt, weiterging, »daß die Pariser sich ein wenig mit der Reise der Kaiserin nach dem Orient beschäftigen werden?«

»Sie werden sich mit nichts anderem beschäftigen, Sire,« erwiderte Herr von Laguerronnière, »die Feuilletons werden die Details der Reise Ihrer Majestät schildern, und die politische Welt wird sich in Kombinationen über die politische Bedeutung eines so außergewöhnlichen Ereignisses ergehen, wie es die persönliche Erscheinung einer christlichen Souveränin am Hofe des Sultans und des Vizekönigs von Ägypten ist.«

»Tant mieux, tant mieux,« sagte Napoleon, »je mehr man davon spricht, um so weniger wird man Zeit finden, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen, welche der Dunkelheit und des Schweigens bedürfen, um zu günstigem Resultat durchgeführt zu werden. Es ist mir lieb, hier mit Ihnen, mein lieber Vicomte, mich in der freien Natur unterhalten zu können, wo es keine Wände gibt und keine Türen, hinter denen ein unberufenes Ohr sich aufhalten könnte.«

Mit höchster Spannung blickte der Vicomte in das Gesicht des Kaisers, welcher ganz ernst geworden war und in sinnenden Gedanken vor sich hinblickte.

»Das Projekt,« sagte Napoleon, nachdem er einige Augenblicke schweigend weitergegangen war, – »das Projekt, durch den Vertrag der Ostbahn mit den belgischen Bahnen diese Verkehrsstraße von uns abhängig zu machen, ist gescheitert.«

»Leider, Sire,« sagte Herr von Laguerronnière, »Eure Majestät wissen, daß ich es nicht an Eifer habe fehlen lassen; aber jener maßgebende und schwerwiegende Einfluß, welcher sich am Hof in Brüssel geltend machte, machte es unmöglich, mit Nachdruck in dieser Sache aufzutreten, was ja Eure Majestät selbst bei den damaligen politischen Verhältnissen nicht wünschten.«

»Gewiß nicht,« erwiderte der Kaiser mit einem schmerzlichen Seufzer, »die ganze Kombination, welche damals die Grundlage meiner Politik bildete, als ich Sie nach Brüssel schickte, ist ja zusammengebrochen, und diese spanische Revolution, – von welcher ich noch immer nicht weiß, wie sie mit den Fäden der Berliner Politik zusammenhängt, hat alle meine Pläne zerstört.«

»Die Frage der Eisenbahnverträge«, fuhr er fort, »hätte einen guten, nationalen und populären Kriegsgrund gegeben – doch da wir allein sind, da Österreich fortwährend zaudert und Italien fast feindlich steht, so wäre es nicht möglich, diese Sache auf die Spitze zu treiben.«

»Ich verstehe das vollkommen,« erwiderte Herr von Laguerronnière, »Eure Majestät wissen, wie dringend ich stets davor gewarnt habe, einen Konflikt mit Preußen hervorzurufen, bevor wir vollkommen vorbereitet sind und ganz sichere und feste Allianzen haben – namentlich auch in Deutschland selbst – ich lege auf die letzte Frage ganz besonderen Wert und habe gerade in dieser Beziehung früher die hannöversche Frage eingehend beobachtet und verfolgt, welche für uns noch einmal von großer Bedeutung werden kann, wenn sie richtig behandelt wird und wenn besonders jene eigentliche Eroberungsidee bei einem Konflikt mit Preußen ausgeschlossen wird.«

»Mein Gott,« sagte der Kaiser achselzuckend, »Sie wissen, wie sehr ich diesen Gedanken teile, aber Sie wissen auch, wie schwer dieser französische Chauvinismus zu vernünftigen Anschauungen zu bringen ist. – Was die hannöversche Frage betrifft,« fuhr er dann fort, »so ist der König Georg in diesem Augenblick im Begriff, einen großen Fehler wieder gutzumachen, den er begangen hat, als er durch unvorsichtige Telegramme und Korrespondenzen der preußischen Regierung die Gelegenheit bot, sein Vermögen zu konfiszieren; er hat in Wien eine Bank gegründet, welche ihm die verlorenen Mittel wieder einbringen soll und ihn dann vielleicht in den Stand setzen wird, auf diese materiellen Mittel gestützt, einen ernsten Anteil an den Ereignissen zu nehmen – doch das sind Dinge, die erst in Frage kommen werden, wenn es wirklich zu einer kriegerischen Entscheidung der Differenzen kommen sollte, welche ich, aufrichtig gesagt, immer lieber vermeiden möchte, wüßte ich nur irgendeinen Weg, um ohne einen solchen Konflikt Frankreich Ersatz zu schaffen für die Einbuße an Macht und Ansehen, welche wir durch diese unglückliche Schlacht bei Sadowa erlitten haben, und welche sich bei jeder politischen Kombination, die ich ersinne und auszuführen suche, immer von neuem geltend macht. Ich habe nun,« fuhr er fort, »während ich hier wegen meiner Krankheit etwas zurückgezogen und einsam leben mußte, eine Idee hin und her erwogen, deren Ausführung, wie mir scheint, sehr dazu beitragen würde, auch ohne Eroberung den Gebietszuwachs unserer Macht zu erweitern und uns zugleich einen verstärkten Schutz zu geben gegen aggressive Tendenzen der immer stärker heranwachsenden Militärmacht. Und zur Ausführung dieser Idee, mein lieber Vicomte, nehme ich Ihren Scharfsinn, Ihre Geschicklichkeit und Ihre Hingebung in Anspruch.«

»Ich erwarte Eurer Majestät Befehle«, sagte Herr von Laguerronnière, »und werde meine ganze Kraft daransetzen, dies auszuführen.«

»Ich habe wohl früher daran gedacht,« sprach der Kaiser weiter, »bei irgendeiner Gelegenheit diesen künstlich geschaffenen belgischen Staat von der Karte Europas verschwinden zu lassen, – würde man in Berlin auf meine Ideen eingehen, so ließe sich das sehr leicht machen – es würde vielleicht ein großes Geschrei geben, – aber ich glaube, niemand in der Welt würde wagen, Frankreich und Preußen, wenn sie verbündet mit der Hand am Schwert dastehen, ernsten Widerstand entgegenzusetzen, und würde England sich vielleicht zu solcher Kühnheit emporraffen, – nun, seit der Schlacht von Trafalgar ist die Entwicklung der englischen Marine mehr und mehr in Stillstand geraten, während wir eminente Fortschritte gemacht haben, – eine siegreiche Seeschlacht,« fuhr er, seinen Gedanken folgend, fort, »und Frankreich wäre die erste Macht auf beiden Hemisphären. Doch«, sagte er dann seufzend, »diese glänzende und schöne Perspektive ist eine Unmöglichkeit, da man mich in Berlin nicht versteht – oder nicht verstehen will. Und ohne Preußen würde eine Erwerbung Belgiens nur durch einen welterschütternden Krieg möglich sein. Aber«, sagte er dann, »wir können durch einen geschickten diplomatischen Feldzug fast ebensoviel erreichen, als durch gewonnene Schlachten, wenn es uns gelingt, diese beiden kleinen Grenzstaaten Belgien und Holland durch Verträge mit Frankreich zu verbinden, welche, ohne ihre Neutralität zu verletzen, sie an die französischen Interessen knüpfen und im Falle einer militärischen Katastrophe auf unsere Seite stellen.«

»Eine solche Stellung Belgiens und Hollands«, sagte Herr von Laguerronnière, »würde für Frankreich gewiß von unberechenbarem Vorteil sein, indes,« fügte er lächelnd hinzu, »ob sich dieselbe mit ihrer Selbständigkeit, mit ihrer Neutralität vereinigen läßt – in den Augen der übrigen Mächte, darüber namentlich, Sire, möchte ich doch einige Zweifel hegen.«

Napoleon warf einen scharfen Seitenblick auf den Vicomte und sprach dann mit einem leichten Anklang von Ironie in seinem Ton:

»Mein Freund, der Graf Bismarck hat uns ja ein vortreffliches Beispiel in dieser Beziehung gegeben. Der Prager Frieden gibt den süddeutschen Staaten die Garantien ihrer vollen und absoluten Selbständigkeit und bestimmt sogar, daß dieselben zu einem besonderen Bunde zusammenzutreten das Recht haben sollen. Das ist eine ganz ähnliche Stellung, wie sie Belgien und Holland durch die europäischen Verträge gegeben worden ist. Dessenungeachtet hat man es von Berlin aus verstanden, die deutschen Südstaaten dahin zu bringen, daß sie von dem Recht ihrer Selbständigkeit nur so weit Gebrauch gemacht haben, mit Preußen militärische Verträge und Zollkonventionen zu schließen, durch welche sie tatsächlich dem Norddeutschen Bunde angehören. Warum sollten wir von dem großen Staatsmann in Berlin nicht lernen? Warum sollten wir nicht dieselben Grundsätze zur Anwendung bringen, welche er den Süddeutschen gegenüber bereits ausgeführt hat? Denken Sie sich,« fuhr er fort, »daß wir mit Belgien und Holland derartige Handels- und Zollverträge abgeschlossen hätten, welche ihre materiellen Interessen ausschließlich mit denjenigen Frankreichs verbinden, daß wir eine Militärkonvention herstellten, welche im Falle großer kriegerischer Verwickelungen in Europa die strategischen Positionen in beiden Ländern uns anvertraute, wogegen wir die Garantien für die Selbständigkeit der Länder – und für ihre Dynastien übernehmen – ich glaube, das würde im Fall eines Krieges so viel wert sein als zwei große Armeen. Und sollte es«, fuhr er fort, »den Regierungen und den Bevölkerungen jener Länder nicht einleuchten, daß Frankreich, welches gewaffnet an ihren Grenzen steht, eine festere Garantie ihrer Existenz und Selbständigkeit bieten kann als ein Blatt Papier, welches zwar die Unterschriften der europäischen Mächte trägt, für welche aber kaum eine derselben wirklich handelnd eintreten würde? Hat man doch die deutsche Bundesakte, diesen feierlichsten aller von Europa garantierten Verträge, zerreißen lassen – wie würde man sich wegen Belgiens und Hollands, deren Existenz eigentlich nur auf einem Kompromiß beruht, echauffieren? Wenn aber Frankreich diese Garantien übernimmt, Frankreich, das zugleich im anderen Falle der gefährlichste Feind werden könnte, dann ist ihre Existenz gesichert, und nach meinem Gefühl liegt es in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse, sich diese Garantien durch Verträge im angedeuteten Sinn zu verschaffen.«

»Ich bewundere die tiefen und wohlberechneten Kombinationen Eurer Majestät,« erwiderte der Vicomte ernst – »aber ich sehe kaum, wie bei dem überall wachen Mißtrauen, bei der durch die orleanistischen Beziehungen genährten übelwollenden Stimmung des belgischen Hofes die Ausführung möglich sein soll.«

»Das kommt darauf an,« erwiderte der Kaiser, »wie den betreffenden Staatsmännern und den Bevölkerungen der Gedanke klargemacht wird, auf welchem meine Kombination beruht. Ich habe die Ausführung derselben einen diplomatischen Feldzug genannt, und ich glaube, die Leitung dieses Feldzuges keinen geschickteren Händen anvertrauen zu können als den Ihrigen, mein lieber Vicomte.«

»Eurer Majestät Vertrauen ehrt mich hoch,« sagte Herr von Laguerronnière, »aber es legt mir zugleich eine schwere Verantwortung auf, welche mich mit tiefer Besorgnis erfüllt, denn die Aufgabe, welche Eure Majestät mir stellen, ist wahrlich keine leichte.«

»Jedes schwierige Unternehmen kann scheitern,« sagte der Kaiser, »und Sie wissen,« fügte er lächelnd hinzu, »daß es nicht zu den Gewohnheiten des Kaiserreichs gehört, unglücklichen Generalen und Diplomaten den Kopf vor die Füße zu legen. Übernehmen Sie immer die Verantwortung und seien Sie überzeugt, daß, wie auch das Resultat sei, Ihr Eifer und Ihre Geschicklichkeit immer meine Anerkennung finden werden. In Holland«, fuhr er fort, finden meine Gedanken Verständnis. Dort fürchtet man die drohend heranwachsende Macht Deutschlands und wird gern suchen einen festen Rückhalt gegen dieselbe zu gewinnen. Ich glaube, es kann nicht so überaus schwer sein, eine ähnliche Stimmung in Belgien zu schaffen, – gelegentliche Indiskretionen in der Presse über preußische Verhandlungen werden dabei sehr wirksam sein. Und Sie wissen ja,« sagte er mit seinem Lächeln, »wie man solche Indiskretionen begehen lassen kann.«

»Eure Majestät müssen mir erlauben,« sagte der Vicomte, »die ganze Sache zu durchdenken und mir einen Operationsplan festzustellen, – ist der Fürst La Tour d'Auvergne«, fuhr er fort, »von Eurer Majestät Intentionen genau unterrichtet und hat er vielleicht einen bestimmten Plan zur Ausführung derselben gefaßt?«

Napoleon zuckte die Achseln.

»Der Fürst La Tour d'Auvergne«, sagte er im Ton feiner Ironie, »ist in diesem Augenblick sehr eingehend damit beschäftigt, nachzuweisen, daß seine Familie von den alten Lauragais abstammt, und daß er mit dem premier grenadier de France dieselben Ahnherren hat – was wollen Sie, mein lieber Vicomte,« fuhr er heiter fort, »Sie sind ein alter und vertrauter Freund, Ihnen kann ich es wohl sagen, ich bin jetzt gezwungen, ein wenig mit der auswärtigen Politik mir selbst zu schaffen zu machen, – Sie wissen, ich werde jetzt konstitutioneller Kaiser, ich werde Minister haben, welche mit den Kammern und ihren Majoritäten rechnen müssen. Das alles verträgt sich nicht mit einer wohldurchdachten und planmäßigen Diplomatie, deren erste Lebensbedingung das Geheimnis und die dunkle Verborgenheit ist. Lassen Sie mein auswärtiges Ministerium seine offiziellen Beziehungen unterhalten, damit ich in meinen Thronreden der Welt verkünden kann, daß ich zu allen Mächten Europas in den innigsten Beziehungen des tiefsten Friedens stehe – kommen dann die Ereignisse, so wird es Sache des konstitutionellen Apparats sein, dieselben mit vortrefflichen Reden in die Welt einzuführen – vorbereiten müssen wir sie aber in stiller Verborgenheit.«

»Ich verstehe Eure Majestät vollkommen,« sagte Herr von Laguerronnière, »und werde die Ehre haben, nur Ihnen selbst über meine Tätigkeit zu berichten.«

»Ich bin überzeugt,« erwiderte Napoleon, »daß diese Tätigkeit bald den vollständigsten Erfolg haben wird, und daß ich Ihnen abermals für einen wichtigen und bedeutungsvollen Dienst zu danken haben werde.«

Sie waren fast am Ende der Kastanienallee angekommen, als am Eingang eines der schattigen Seitenwege der kaiserliche Prinz mit dem Prinzen von Asturien in Begleitung des Generals Frossard erschien.

Der kaiserliche Prinz trug einen leichten Zivilanzug von dunklem Sommerstoff. Sein längliches, etwas mageres Gesicht war noch bleich von der längeren Krankheit, die er überstanden hatte, zeigte aber doch bereits wieder einen kräftigen frischen und heiteren Ausdruck, und aus seinen großen, hellblickenden Augen strahlte fröhliche Lebenslust.

Der Prinz von Asturien, welcher damals zwölf Jahre alt war, erschien, auch abgesehen von dem Altersunterschied, bei weitem kleiner, zarter und schwächer als der kaiserliche Prinz. Er trug einen Anzug von schwarzem Sammet und einen Hut von gleichem Stoff, unter welchem das zierliche feine Gesicht mit den dunklen, etwas traurigen, schwermütig blickenden Augen noch zarter und bleicher erschien.

Der kaiserliche Prinz eilte in schnellem Lauf auf seinen Vater zu und küßte ihm voll Ehrerbietung und herzlicher Liebe die Hand.

Der General Frossard, eine magere, nervige Gestalt von strenger militärischer Haltung und ernsten und kalten Zügen, blieb in einiger Entfernung stehen, während der Prinz von Asturien langsam und mit weit über seine Jahre hinausgehendem Anstand dem kaiserlichen Prinzen folgte.

Der Kaiser hatte sich zu seinem Sohne herabgebeugt, ihn zärtlich auf die Wange geküßt und ging dann einige Schritte dem Prinzen von Asturien entgegen, indem er den Hut abnahm und dem schnell herantretenden Prinzen die Hand reichte.

»Ich habe mit meinem lieben Alphons meine Eisenbahn fahren lassen, Papa«, rief der kaiserliche Prinz vergnügt. »Ich verstehe schon sehr gut die Lokomotive zu führen und habe es Alphons gezeigt, wie er es machen muß. Bald wird er es auch können und dann werden wir darüber nachsinnen, wie man die Maschinerie verbessern kann, um Unglücksfälle zu verhüten. Ich habe eine Idee dazu, ich werde sie dir einmal zeigen, Papa, – sie ist gar nicht so unklug, ich muß nur noch darüber nachdenken – nicht wahr, mein General?« rief er, sich zu dem General Frossard wendend.

»In der Tat, Sire,« sagte der General, »der Prinz hat es sich sehr eifrig angelegen sein lassen, die Zusammensetzungen und Bewegungen der Lokomotive zu studieren. Und ich glaube, er wäre schon imstande,« fügte er lächelnd hinzu, »einen großen Zug zu führen.«

»Das ist brav von dir,« sagte Napoleon, seinem Sohn auf die Schulter klopfend, welcher inzwischen Herrn von Laguerronnière mit einer gewissen kindlichen Bescheidenheit begrüßt hatte, »es gibt nichts, was du dir nicht zu lernen vorsetzen mußt. Und die Behandlung der Lokomotive«, sagte er lächelnd, sich zu Herrn von Laguerronnière wendend, »ist eine vortreffliche Vorschule für die Regierung des Staats, auf deren Rädern die menschliche Gesellschaft so stolz und so sicher dahinfährt – und doch kann eine falsche Handhabe, ein im Wege liegendes Steinchen sie urplötzlich zertrümmern und in den Abgrund stürzen.«

»Wie geht es der Königin?« sagte er, sich zum Prinzen von Asturien wendend.

»Meine Mutter hat viel geweint,« erwiderte der Knabe ernst mit trauriger Stimme, – »es ist jetzt fast ein Jahr, daß wir vor den treulosen Freunden aus Spanien fliehen mußten – und die Königin kann das noch immer nicht vergessen – sie hat doch die Spanier so sehr geliebt und wollte sie alle so glücklich machen. Oh, warum war ich kein Mann,« sagte er, indem eine zarte Röte über sein Gesicht flog und ein brennendes Feuer aus seinen Augen leuchtete – »warum konnte ich nicht an die Spitze unserer Soldaten gegen die Verräter marschieren, um meine Mutter zu verteidigen – aber ich werde groß werden, ich werde ein Mann werden und ein Schwert führen können, und dann –«

Er vollendete nicht, wie erschrocken über den unwillkürlichen Ausbruch seiner Gefühle zuckte er zusammen und blickte mit leichter Verlegenheit den Kaiser an.

»Ja, die Zeit wird kommen,« rief der kaiserliche Prinz lebhaft, »in der das Unrecht bestraft wird und in der mein lieber Alphons König von Spanien sein und im Eskorial residieren wird. Wir haben das schon alles überlegt,« fuhr er in kindlich naiver Lebhaftigkeit fort, »wir werden ein Bündnis schließen, Spanien und Frankreich werden einig sein, alles Unrecht in der Welt bekämpfen und die Religion und die heilige Kirche beschützen und dem heiligen Vater wieder zu seinem Recht verhelfen, der so gut ist und der mir ein schönes gesegnetes Kruzifix geschickt hat, vor dem ich alle Tage bete, daß Gott mich groß und stark werden lasse, um einst würdig zu sein meiner Nation und meines Namens.«

»Doch das ist noch sehr fern,« sagte er, plötzlich abbrechend, indem eine dunkle Röte sein Gesicht bedeckte und er sich zärtlich an den Kaiser schmiegte, – »sehr fern. Ich werde Gott bitten, daß es sehr fern sei«, fügte er leise hinzu, indem er mit liebevollem Blick, als wolle er wegen seiner Worte um Verzeihung bitten, zu seinem Vater hinaufsah.

Der Kaiser streichelte sanft mit der Hand die Wange des kaiserlichen Prinzen.

»Die Zukunft steht in der Hand des Himmels,« sagte er, »möchten glückliche Sterne die deinige erleuchten.«

Er blickte einige Sekunden schweigend mit weitgeöffneten Augen in die tiefen Schatten der Bäume hinaus. Dann streifte sein Blick von dem Prinzen von Asturien, diesem purpurgeborenen, verbannten Kinde, zu seinem Sohn hinüber. Er drückte den kaiserlichen Prinzen wie schützend an sich und seufzte tief.

Ein Lakai war, vom Schloß kommend, zum General Favé getreten und hatte mit demselben einige Worte gewechselt.

Der General näherte sich dem Kaiser und sagte:

»Der Graf von Gurowsky, welchem Eure Majestät um diese Stunde Audienz gegeben, erwartet Ihre Befehle.«

»Ah,« sagte der Kaiser, indem er seinen Sohn aus seinen Armen ließ, »ich erinnere mich, ich will den Grafen empfangen. Auf Wiedersehen, Monseigneur«, sprach er, dem Prinzen von Asturien die Hand reichend. »Ich hoffe, Sie sind frei, Herr Vicomte,« fuhr er fort, sich zu Herrn von Laguerronnière wendend, »ich bitte Sie, sich heute in der reinen Luft von St. Cloud zu erholen und werde das Vergnügen haben, Sie beim Diner zu sehen.«

»Darf ich dem Herrn Vicomte noch eine Fahrt auf meiner Eisenbahn zeigen,« rief der kaiserliche Prinz, »wenn er mit mir gehen will – und – wenn es erlaubt ist?« fügte er mit einem schüchternen, fragenden Blick auf den General Frossard hinzu.

»Wenn der General glaubt,« sagte der Kaiser lächelnd, »daß du vor einem Senator und Gesandten bestehen kannst und wenn es dem Vicomte Vergnügen macht –«

Herr von Laguerronnière verneigte sich, und der Kaiser grüßte freundlich mit der Hand, nahm den Arm des Generals Favé und schritt dem Schlosse zu, während die beiden Prinzen sich mit dem General und dem Vicomte nach dem Seitenwege wandten, der zu der kleinen Eisenbahn führte, welche in großem Kreise den Park von St. Cloud durchschnitt und mit ihren kleinen Tunnels und Viadukten zur Belehrung und Unterhaltung des kaiserlichen Prinzen diente.

Achtes Kapitel

Der Kaiser war langsam in sein Kabinett zurückgekehrt, und unmittelbar darauf öffnete der Kammerdiener dem Grafen Ignaz Gurowsky die Tür.

Dieser Mann, welcher nach langem Widerstreben von seiten der Königin Christine endlich dennoch die Einwilligung zu seiner Vermählung mit der Infantin Isabella, der Schwester des Königs Francisco d'Assisi, erhalten hatte, mochte damals etwa vier- bis fünfundfünfzig Jahre alt sein. Sein bleiches, vornehmes Gesicht zeigte noch die Spuren früherer großer Schönheit, doch war es von Leidenschaften zerrissen, und die früher reinen und scharfen Züge zeigten schlaffe und welke Linien. Die dunklen Augen lagen etwas zurückgesunken im Kopf, in ihren Blicken lag eine gewisse apathische Gleichgültigkeit, welche jedoch bei lebhafter Erregung einem Ausdruck von List und scharfer Beobachtung wich.

Der Graf trug einen schwarzen Salonanzug mit dem blauen Bande und dem Stern vom Orden Karls III. Seine sichere, ruhige Haltung und seine geschmeidigen Bewegungen zeugten von seiner langjährigen Gewohnheit, auf dem Parkett der Höfe sich zu bewegen.

Er verneigte sich tief vor dem Kaiser, der ihn mit einer gewissen zeremoniellen Zurückhaltung begrüßte; er setzte sich auf seinen Wink ihm gegenüber und sagte in einem durchaus reinen, aber die Konsonanten etwas scharf betonenden Französisch:

»Ich habe mir erlaubt, Eure Majestät um Audienz zu bitten, um Ihnen, Sire, einen Gedanken mitzuteilen, welcher in mir aufgetaucht ist bei dem sorgsamen Nachsinnen über die Zukunft des spanischen Königshauses, zu welchem in so nahen Beziehungen zu stehen ich die außerordentliche Ehre habe.«

»Alles, was das Schicksal der Königin betrifft,« erwiderte der Kaiser mit verbindlicher Höflichkeit, ohne daß jedoch ein Ausdruck lebhaften Interesses auf seinem Gesicht erschien, – »alles, was das Schicksal der Königin betrifft, wird stets meine höchste Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, – Ihre Majestät war meine erhabene Verbündete, – sie ist jetzt der Gast Frankreichs, und ihr Schicksal muß mir daher nahe am Herzen liegen.«

»Ich glaube«, sagte der Graf Gurowsky, »den Weg gefunden zu haben, auf welchem die Zukunft des königlichen Hauses sich günstig gestalten läßt und auf welchem vielleicht auch für ganz Europa und den allgemeinen Frieden unseres Weltteils vortreffliche Resultate erzielt werden können. Ich habe mich entschlossen, nach genauer Überlegung mit der Infantin Isabella und dem König Don Francisco, in der Richtung tätig vorzugehen, welche sich meinem Geist geöffnet hat. Doch möchte ich dies nicht tun, ja, ich kann es nicht tun, wenn Eure Majestät nicht damit einverstanden sind.«

Der Kaiser sah einen Augenblick wie erstaunt zu dem Grafen hinüber, fast wie ein mitleidiges Lächeln zuckte es um seine Lippen. Dann sagte er mit ruhiger, kalter Höflichkeit:

»Ich bitte Sie also, Herr Graf, mir Ihre Ideen und Ansichten mitzuteilen, damit ich imstande bin, zu beurteilen, ob und inwieweit ich bei der Ausführung derselben mitzuwirken vermag.«

»Verschiedene Personen,« sagte Graf Gurowsky, »welche der Sache des königlichen Hauses sehr ergeben sind, haben mir von Spanien aus mitgeteilt, daß sie Anzeichen bemerkt haben wollen, nach welchen die Personen, die an der Vertreibung der Königin vorzugsweise Anteil genommen haben und gegenwärtig die Regierung des Landes in ihren Händen halten, ganz besonders auf die Unterstützung der preußischen Regierung glauben rechnen zu dürfen.«

Ein schneller Blitz leuchtete in den Augen des Kaisers auf, er beugte sich ein wenig vor, seine Mienen drückten gespannte Aufmerksamkeit aus, der Vortrag des Grafen, den er bisher aus höflicher Rücksicht angehört zu haben schien, gewann augenscheinlich Interesse für ihn.

Der Graf Gurowsky fuhr fort:

»Daß der Erhebung in Spanien, neben dem Ehrgeiz und persönlichen Beweggründen ihrer Führer, auch ganz besonders eine feindliche Tendenz gegen Frankreich zugrunde lag, ist mir nie zweifelhaft gewesen. Die Allianz zwischen Frankreich und Spanien, welche gerade in dem Augenblick jener Erhebung besiegelt werden und tätig ins Leben treten sollte, schien mir mindestens ebensosehr Veranlassung jener Revolution zu sein, als die inneren Zustände Spaniens.«

Der Kaiser neigte ein wenig den Kopf und senkte die Blicke vor den scharfen, beobachtenden Augen des Grafen zu Boden.

»Jene Allianz zwischen Eurer Majestät und der Königin Isabella,« fuhr der Graf Gurowsky in einem Tone fort, als spräche er von der natürlichsten und bekanntesten Sache der Welt, – »jene Allianz mußte ganz besonders in Preußen und Italien unangenehm berühren, und es liegt daher auch ohne die mir mitgeteilten Beobachtungen auf der Hand, bei den Regierungen dieser beiden Länder eine Unterstützung oder wenigstens eine günstige Beurteilung der revolutionären Erhebung vorauszusetzen.«

»Sie glauben,« fragte der Kaiser leichthin, »daß die preußische Regierung bei jener Erhebung beteiligt gewesen sei, daß sie dieselbe begünstigt habe?«

»Dies zu behaupten, bin ich nicht in der Lage,« sagte der Graf, »indessen hat eine jede Regierung außerhalb ihrer offiziellen Stellung und Tätigkeit eine große Menge von Mitteln zur Verfügung, um Ereignisse zu begünstigen, welche ihr nützlich sind und ihren Feinden schaden, und von einem Staatsmann wie Graf Bismarck muß man voraussetzen, daß ihm solche Mittel in hohem Maße zu Gebote stehen und daß er mit besonderer Geschicklichkeit und Energie dieselben zu verwenden versteht. Doch, wie dem auch sei,« fuhr er fort, während der Kaiser wieder mit gesenktem Haupt dasaß, »jedenfalls bin ich überzeugt, daß die preußische Regierung den gegenwärtigen Zustand in Spanien nicht ungern sieht und gewiß nichts dazu beitragen wird, um demselben ein Ende zu machen und dem königlichen Hause, das man als einen Verbündeten Frankreichs ansieht, den Weg zur Wiedergewinnung seines Thrones zu ebnen.«

»Es wird zunächst«, sagte der Kaiser, ohne sich aus seiner Stellung zu erheben, »die Sache der Königin sein, ihre Anhänger im Lande zu einer entschiedenen Tätigkeit zu vereinigen, Einfluß auf die Cortes und die Armee zu gewinnen, und wenn dadurch die Restauration vorbereitet ist und im Lande selbst Boden gewonnen hat, dann werden auswärtige Regierungen schwerlich imstande sein, dieselbe zu verhindern, selbst wenn sie ein Interesse daran hätten, wie Sie, Herr Graf, vorauszusetzen Grund haben.«

»Gewiß, Sire,« sagte der Graf, »wird es zunächst die Sache der Partei des königlichen Hauses sein, demselben den Weg zum Thron zu ebnen, aber dabei fällt die moralische Zuversicht sehr schwer ins Gewicht. Wenn, wie jetzt, die Anhänger des königlichen Hauses mutlos, die Führer der revolutionären Regierung dagegen stolz und siegesgewiß sind, weil sie glauben, daß die moralische und indirekte Unterstützung auswärtiger Mächte ihrer Sache zur Seite stehen, so ist es sehr schwer, eine Partei zu organisieren, noch schwerer aber, sie zu einer wirklich nachhaltigen und konsequenten Arbeit anzutreiben.«

»Ich vermag kaum zu glauben,« sagte der Kaiser, »daß die Sympathie oder Antipathie auswärtiger Mächte einen solchen Einfluß auf die Verhältnisse in Spanien auszuüben imstande wäre. Sie haben von Preußen und Italien gesprochen,« fuhr er fort, indem er das Auge langsam zu dem Grafen aufschlug, – »weder Preußen noch Italien sind in der Lage, irgendeine unmittelbare Einwirkung auf Spanien ausüben zu können. Die einzige Macht, die dazu imstande wäre,« fuhr er, den Kopf stolz erhebend, fort, »ist Frankreich, – Frankreich wird sich, seinem stets festgehaltenen Grundsatz getreu, gewiß nicht in die inneren Angelegenheiten Spaniens mischen, aber jedermann in Spanien weiß, daß Frankreich, daß ich die Wiederaufrichtung des Thrones der Königin Isabella mit Freuden begrüßen würde. Der mächtigste, ja der einzige Einfluß, der von außen kommen kann, scheint mir daher zugunsten der Königin in die Wagschale zu fallen und nur geeignet zu sein, ihren Anhängern Mut und Entschlossenheit einzuflößen.«

Der Graf schwieg einen Augenblick. Eine leichte Verlegenheit zeigte sich auf seinem Gesicht. Dann sprach er langsam, als suchte er bei jedem Satz geeignete Worte, um seine Gedanken auszudrücken:

»Eure Majestät haben soeben vollkommen richtig hervorgehoben, daß Preußen und Italien sehr wenig Möglichkeit haben, unmittelbar in die Verhältnisse Spaniens einzugreifen; dennoch aber stehen, wie ich schon die Ehre hatte zu bemerken, großen Regierungen stets zahlreiche Mittel zu Gebote, um auf indirekte Weise ihre Ziele zu verfolgen und ihre Interessen zu fördern. Davon aber abgesehen, ist es eine Tatsache, daß der Name des preußischen Ministerpräsidenten mit einer Art von zauberhaftem Nimbus umgeben ist. Man hat sich daran gewöhnt, dem Grafen Bismarck eine gewisse Allgewalt und Allmacht zuzuschreiben, und dieses Gefühl, das in der Ferne noch stärker ist als in der Nähe, erregt in der Politik fast überall Scheu, diesem fast abergläubisch Gefürchteten entgegenzutreten.«

Das bleiche Gesicht des Kaisers überzog sich einen Augenblick mit dunkler Röte.

Der Graf Gurowsky schien es nicht zu bemerken und fuhr fort:

»Wenn also, wie das in Spanien der Fall ist, in weiten Kreisen die Meinung herrscht, daß der Graf von Bismarck der gegenwärtigen Regierung und eventuell einer Thronkandidatur des Herzogs von Montpensier günstig sei, so werden Eure Majestät nicht verkennen, daß eine solche Meinung jede ernste und nachdrückliche Tätigkeit zugunsten des königlichen Hauses ganz außerordentlich erschwert.«

»Montpensier,« sagte der Kaiser schnell, mit einem scharfen, brennenden Blick den Kopf emporrichtend, – »Montpensier? Sie glauben, daß die preußische Regierung geneigt sein könnte, eine Kandidatur des Herzogs von Montpensier zu unterstützen?«

»Man glaubt es in Spanien, wie mir berichtet wird, vielfach,« erwiderte der Graf Gurowsky, »und wenn Eure Majestät die Situation genau in Erwägung ziehen wollen, so werden Sie finden, daß die preußische Regierung von ihrem Standpunkt aus nichts Besseres und Geschickteres tun kann, als den Herzog von Montpensier zu unterstützen und ihm, wenn es irgend möglich ist, den Weg zum spanischen Thron zu ebnen. – Eure Majestät werden nicht verkennen, daß diese große Rivalität, welche zwischen Frankreich und Preußen seit der Schlacht von Sadowa entstanden ist, unzweifelhaft früher oder später zu einem gewaltigen Zusammenstoß führen muß, wenn nicht auf irgendeine Weise die bestehenden Differenzen definitiv gelöst werden.«

»Ich bin unausgesetzt bestrebt,« sagte der Kaiser ruhig, »den Frieden zu erhalten und sehe kaum eine Frage am politischen Horizont, aus welcher der Krieg hervorgehen könnte.«

»Es ist keine bestimmte Frage,« erwiderte der Graf, »welche zwischen Preußen und Frankreich steht, die beiden Mächte müssen nach meiner Überzeugung aufeinanderstoßen, weil Frankreich einen solchen Zuwachs von Macht, wie Preußen ihn bereits erworben hat, nicht ruhig mit ansehen kann, ohne daß es seinerseits Garantien gewinnt, auch dieser neuen Macht gegenüber seine alte Position behaupten zu können. Daraus, Sire, muß, wie ich überzeugt bin, trotz aller Bemühungen Eurer Majestät für die Erhaltung des Friedens, dennoch endlich mit Notwendigkeit der Krieg entstehen. Man ist in Berlin jedenfalls von dieser Notwendigkeit auch durchdrungen, und ich würde es nur sehr natürlich finden, wenn man dort für einen solchen Fall Vorkehrungen trifft. Eure Majestät erinnern sich,« fuhr er fort, »daß Preußen, bevor es Österreich angriff, sich zunächst das Bündnis Italiens sicherte, um dem Gegner von der anderen Seite ebenfalls einen Feind entgegenzustellen und seine Kräfte zu teilen. Spanien könnte unter Umständen Frankreich gegenüber dieselbe Rolle übernehmen, welche Italien seinerzeit gegen Österreich spielte, und es liegt deshalb im besonderen Interesse der preußischen Politik, daß in Spanien eine frankreichfeindliche Regierung herrscht. Ich glaube nun, daß Eure Majestät kaum eine Regierung in Spanien sich denken können, welche Ihnen feindlicher wäre, als diejenige des Herzogs von Montpensier. Setzen Eure Majestät voraus, daß der Moment des Kampfes mit Deutschland käme und daß in dem Augenblick der Herzog von Montpensier König von Spanien wäre, während zu gleicher Zeit in Belgien, diesem bedeutungsvollen Grenzlande, ebenfalls die orleanistischen Einflüsse maßgebend wären, und während Italien nur den günstigen Augenblick erwarten würde, um sich auf Rom zu stürzen, – so werden Eure Majestät selbst ermessen, wie ein solches Verhältnis die Lage Frankreichs erschweren und seine Kraftanstrengungen lähmen würde.«

Der Kaiser hatte mit niedergeschlagenen Augen, langsam seinen Schnurrbart streichend, zugehört, – er blickte jetzt von untenherauf in das Gesicht des Grafen und sprach:

»Wenn es nur wahr wäre, daß Preußen vielleicht ein Interesse an der orleanistischen Regierung in Spanien haben könnte, – wenn es wahr wäre, daß man dort geneigt sei, den Herzog von Montpensier soviel als möglich zu unterstützen, so bin ich sehr gespannt zu hören, wie Sie, Herr Graf, gerade auf diese Umstände einen Plan zur Wiedererrichtung des Throns der Königin Isabella begründen können.«

»Sire,« erwiderte der Graf, – »so sehr ich überzeugt bin, daß Eure Majestät ernsthaft und aufrichtig an der Erhaltung des Friedens arbeiten, ebensosehr glaube ich auch, daß Graf Bismarck nach demselben Ziele strebt. Die Notwendigkeit des Kampfes zwischen Frankreich und Preußen wird nur dann eintreten, wenn eine Verständigung zwischen beiden Mächten nicht erfolgt, das heißt, wenn Frankreich sich der Vereinigung Deutschlands unter preußischer Führung widersetzt, und wenn Preußen seinerseits Frankreich einen angemessenen Preis für dessen Zustimmung zu seiner deutschen Politik verweigert, den zu gewähren im Interesse beider Mächte liegt. – Es ist mir nun die Idee gekommen, Sire,« fuhr er fort, während der Kaiser mit immer lebhafterer Aufmerksamkeit zuhörte, – »es ist mir nun die Idee gekommen, da in diesem Augenblick die politischen Interessen Frankreichs und Preußens sich am unmittelbarsten und schärfsten in Spanien durchkreuzen, gerade diese Frage zum Ausgangspunkt der Verhandlungen zu nehmen, welche nicht nur die unmittelbar schwebende Frage erledigen, sondern auch die gespannte Situation in Europa zum Heile der des Friedens so bedürftigen Völker ändern könnte.«

»Und wie das?« fragte der Kaiser schnell.

»Ich habe daran gedacht, Sire,« erwiderte der Graf, »im Namen des königlichen Hauses von Spanien mich nach Berlin zum Grafen Bismarck zu begeben und seine Unterstützung für die Wiederaufrichtung des königlichen Thrones zu erbitten.«

»Sie haben mir soeben«, fiel der Kaiser ein, »mit vielem Scharfsinn plausibel gemacht, daß Preußen ein viel größeres Interesse daran habe, den Herzog von Montpensier zum König von Spanien zu machen und meinen orleanistischen Feinden einen festen Stützpunkt jenseits der Pyrenäen zu geben.«

»Gewiß, Sire,« erwiderte Graf Gurowsky, »doch hört das Interesse auf, sobald zwischen Frankreich und Preußen kein Grund zu kriegerischen Verwickelungen mehr besteht, sobald diese beiden Mächte sich verständigt und womöglich zu einer festen, Europa beherrschenden Allianz vereinigt haben. Eine solche Verständigung, eine solche Allianz wird aber kaum durch direkte Verhandlungen herzustellen sein, da jede der beiden Mächte es vermeidet und vermeiden muß, eine so delikate Frage unmittelbar anzuregen.«

»Die Frage ist schon oft angeregt,« sagte der Kaiser rasch, als ob seine Gedanken unwillkürlich zum Ausdruck kämen, »sie hat aber niemals zu einem Resultat geführt.«

»Vielleicht«, fiel der Graf ein, »weil es an dem vermittelnden Elemente fehlte und weil ohnehin nicht mit voller, rückhaltloser Aufrichtigkeit von beiden Seiten verfahren wurde. Außerdem steht die Frage mit jedem Augenblick für Frankreich günstiger, weil Frankreich in jedem Augenblick mächtiger wird. Und«, fuhr er fort, »ich möchte Eure Majestät um die Erlaubnis bitten, meinerseits den Versuch zu machen, auf Grund der spanischen Angelegenheit und indem ich dem mir so nahestehenden königlichen Hause einen Dienst leiste, nochmals an diese große Frage heranzutreten.«

»Ich verstehe noch immer nicht,« sagte der Kaiser, »wie das sein sollte. Und jedenfalls«, fügte er mit kalter Höflichkeit hinzu, »bedürfen Sie zur Vertretung der Interessen der Königin nicht meiner Erlaubnis.«

»Dennoch, Sire,« sprach der Graf, »ist Eurer Majestät Erlaubnis oder vielmehr Ihre Billigung meines Gedankens die einzige Bedingung der Ausführung desselben. Wenn ich dem Grafen Bismarck sagen könnte,« fuhr er fort, »daß Eure Majestät wünsche, mit ihm gemeinschaftlich und unter Anwendung aller derjenigen Mittel, welche den beiden ersten Mächten Europas zu Gebote stehen, dahin zu wirken, daß die innere Unruhe in Spanien durch die Thronbesteigung des Prinzen Alphons von Asturien und unter der Regentschaft der gegenwärtigen Machthaber beendet würde, und daß Eure Majestät geneigt sei, wenn Preußen zu einem solchen Zusammenwirken die Hand böte, sich mit dem Grafen Bismarck über die Errichtung eines gesamten deutschen Bundes unter preußischer Führung zu verständigen und mit diesem preußischen Deutschland ein festes Bündnis zur Erhaltung des europäischen Friedens und zur Leitung der europäischen Politik zu schließen, – dann, Sire, bin ich überzeugt, daß ich in Berlin Gehör finden würde, und daß ich nicht nur der königlichen Familie ihren Thron retten, sondern auch dazu beitragen würde, eine der wesentlichsten Ursachen der gegenwärtigen allgemeinen Unruhe und Unsicherheit zu beseitigen.«

Der Kaiser blickte ein wenig erstaunt den Grafen an.

»Ich sollte im voraus die Einigung Deutschlands unter Preußen gutheißen,« sagte er, »um im Einverständnis mit dem Kabinett von Berlin für die Restauration des spanischen Thrones zu wirken? So aufrichtig,« fuhr er fort, »als mich eine solche Restauration freuen würde, so vermag ich doch nicht einzusehen, wo die für Frankreich so notwendigen Garantien und Kompensationen zu finden sein würden, welche die öffentliche Meinung jetzt schon verlangt und welche sie bei einer definitiven Einigung des ganzen Deutschlands um so gebieterischer fordern würde.«

»Eine befreundete und zuverlässige Regierung Spaniens, Sire,« erwiderte Graf Gurowsky, »ist für Frankreich von einer sehr ernsten Bedeutung, wie ja auch die französische Geschichte zeigt, daß zu allen Zeiten die klügsten Regenten dieses Landes alles aufgeboten haben, um den französischen Einfluß auf der Pyrenäischen Halbinsel fest zu begründen. Außerdem würde es aber an Eurer Majestät sein, – wenn Sie überhaupt den Gedanken einer Vermittlung mit Preußen durch die spanische Frage billigen, Ihrerseits noch diejenigen Punkte anzudeuten, welche hinzutreten müßten, um den Zielen der preußischen Politik in Deutschland die französische Zustimmung zu gewähren. Es würde dann von meinem Standpunkt aus diese so delikate Angelegenheit auf eine völlig diskrete, nach keiner Seite hin kompromittierende Weise angeregt und zu gegenseitigem Meinungsaustausch geführt werden können.«

Der Kaiser dachte einige Zeitlang schweigend nach. Seine Züge erhellten sich, er schien in dem Gedanken des Grafen Gurowsky etwas zu finden, was mit seinen Ideen harmonierte.

»Sie meinen also,« sagte er dann, »daß die orleanistischen Beziehungen auch Belgien zu einem für Frankreich gefährlichen Nachbar machen?«

»Eure Majestät werden noch besser wissen wie ich,« erwiderte Graf Gurowsky, »wie weit verzweigt die Beziehungen der Familie Orleans sind, und wie alles, was mit derselben zusammenhängt, nur daran denkt, dem kaiserlichen Frankreich zu schaden und die Macht Eurer Majestät nach innen und nach außen zu schwächen.«

»Ganz recht,« sagte der Kaiser, den Arm auf das Knie stützend und den Kopf leicht seitwärts neigend, – »ganz recht, darum ist es gewiß sehr nützlich für Frankreich, wenn die Errichtung eines orleanistischen Thrones in Spanien verhindert wird, und wenn man in Berlin dazu die Hand bieten würde, so bin ich meinerseits ebenfalls zu Zugeständnissen an die dortigen Wünsche geneigt. Aber«, fuhr er fort, »es müßte dann auch mit Konsequenz den orleanistischen Umtrieben entgegengetreten werden, wo sich dieselben auch immer zeigen mögen. Man kann ja«, fügte er halbleise hinzu, »Belgien nicht so ohne weiteres verschwinden lassen. Aber wenn Preußen einen deutschen Föderativstaat bildet, wenn es die übrigen Staaten durch militärische und Handelsverträge an sich kettet und mit seinen Interessen vollständig vereinigt, so kann man auch dort unmöglich etwas dagegen haben, wenn ich diejenigen Gebiete, welche ganz zweifellos in der Sphäre der französischen Macht liegen, durch ähnliche Verträge mit den Interessen Frankreichs verbinde. Wenn dies zum Beispiel mit Belgien geschähe, so würden alle Beziehungen, welche die Orleans zu der dortigen Dynastie haben, keinen Schaden tun können, – das wäre«, sprach er langsam, indem er jedes Wort nachdenklich zu suchen schien, – »das wäre vielleicht ein Programm, auf welchem sich eine Verständigung mit Preußen begründen ließe: die Ausschließung der Thronkandidatur des Herzogs von Montpensier für Spanien, dafür möglichste Begünstigung des Prinzen von Asturien und Genehmigung von militärischen und Handelsverträgen zwischen Frankreich, Belgien und Holland, – wobei dann auch der Ankauf der luxemburgischen Bahn wieder in Frage kommen würde, – einem solchen Programm gegenüber könnte ich es verantworten, dem preußischen Vordringen in Deutschland kein Hindernis zu bereiten und einen gesamtdeutschen Bund unter preußischer Führung aufrichten zu lassen, – ja vielleicht aufrichten zu helfen.«

»Und Eure Majestät würden mir erlauben«, fragte der Graf lebhaft, »es in Berlin auszusprechen, daß ein solches Programm Ihre Genehmigung gefunden habe und daß auf dasselbe basierte Verhandlungen zu günstigen Resultaten und zu einer definitiven Verständigung zwischen Frankreich und Preußen führen könnten?«

»Spezielle Verhandlungen«, erwiderte der Kaiser, »würden vielleicht noch verschiedene besondere Punkte zur Erörterung bringen, über welche ich jetzt noch keine endgültige Ansicht aussprechen kann. Im allgemeinen aber würden nach meiner Überzeugung diejenigen Ideen, über welche wir uns soeben unterhalten haben, wohl geeignet sein, die Grundlage einer Verständigung, ja vielleicht auch eines festen Bündnisses zwischen Frankreich und Preußen zu bilden.«

»Dies Wort Eurer Majestät genügt mir,« sagte der Graf, »ich hoffe, daß ich auch in Berlin ein so entgegenkommendes Verständnis finden werde.«

»Sie wollen nach Berlin gehen?« fragte der Kaiser. »Weiß die Königin von Ihrem Schritt und hat sie Ihnen die Autorisation gegeben, denselben zu unternehmen?«

»Ich habe mit Ihrer Majestät nicht davon gesprochen,« erwiderte Graf Gurowsky, »ich glaube auch, daß es zweckmäßiger sein möchte, zunächst zu erforschen, ob meine Pläne überhaupt Aussicht auf Realisierung haben, um dieselben dann der Genehmigung Ihrer Majestät zu unterbreiten. Die Königin«, fuhr er fort, »weigert sich bis jetzt, wie Eure Majestät wissen werden, auf das bestimmteste, auf ihre Rechte zu verzichten, jedenfalls will sie zuvor die Garantie haben, daß durch ihre Abdikation dem Prinzen von Asturien der Thron wirklich gesichert werde, – bevor man der Königin diesen Nachweis führen kann, wird es unmöglich sein, sie zur Unterzeichnung der Abdankungsurkunde zu bewegen. Ich glaube daher, daß es am besten ist, der Königin von der ganzen Sache erst dann Mitteilung zu machen, wenn ich ihr zugleich sagen kann, daß die beiden ersten Mächte Europas, daß Frankreich und Preußen für die Thronbesteigung ihres Sohnes mit Entschiedenheit ihren Einfluß geltend machen werden.«

»Sie mögen recht haben,« sagte der Kaiser, – »versuchen Sie also immerhin Ihr Glück bei der Ausführung Ihres Gedankens. Doch vergessen Sie nicht,« fuhr er in bestimmtem Ton fort, »daß ich bis jetzt nur Ihre ganz persönliche und private Idee vernommen habe, daß ich dieselbe in ihren großen Grundzügen für richtig und nützlich halte, daß ich jedoch, wenn über den Gegenstand bestimmte diplomatische Erörterungen an mich herantreten sollten, mir nach Anhörung meiner Minister die vollständige Freiheit meiner Entschlüsse vorbehalten muß.«

»Ich verstehe vollkommen,« erwiderte der Graf aufstehend, »Eure Majestät können überzeugt sein, daß ich nicht so vermessen sein werde, Ihre endgültigen Entschließungen irgendwie engagieren zu wollen, mir genügt es, daß Eure Majestät den Schritt, den ich im Interesse des königlichen Hauses von Spanien tun will, billigen und in meinen Ideen den Keim erfolgreicher Verhandlungen erblicken. Sollten dieselben eingeleitet werden und zu einem befriedigenden Resultat führen, so werde ich meinen Lohn in dem Bewußtsein finden, nach meinen geringen Kräften dazu beigetragen zu haben, die Zukunft des königlichen Hauses sicherzustellen und den Einfluß und die Macht Frankreichs gekräftigt zu haben.«

»Ich werde mich freuen,« sagte der Kaiser, indem er sich ebenfalls erhob und sich mit verbindlicher, aber noch immer etwas kalter Höflichkeit gegen den Grafen verneigte, »Sie bei Ihrer Rückkehr zu sehen und von Ihnen zu hören, welchen Erfolg Ihre Bemühungen gehabt haben.«

Graf Gurowsky ging hinaus, nachdem er sich an der Tür tief verbeugt hatte.

Der Kaiser trat sinnend an seinen Schreibtisch und blätterte in den auf demselben geordneten Papieren, ohne deren Inhalt zu beachten.

»Da ist eine Intrige im Gange,« sagte er, »deren Fäden ich noch nicht ganz durchschaue. Ich glaube nicht, daß diese Gedanken im Kopfe des Grafen entstanden sind, er kann doch unmöglich daran denken, daß er die Vormundschaft über den Prinzen von Asturien führen würde – und der König Don Francisco –«

Ein leichtes, mitleidiges Lächeln flog über sein Gesicht. –

»Mag aber der Ursprung dieser Sache«, fuhr er fort, »liegen, wo er will, es ist eine wahre Idee darin. Diese spanische Revolution ist ebensosehr gegen Frankreich gerichtet als gegen die Königin Isabella. Und wenn Montpensier, wenn ein Orleans König von Spanien sein würde, so würde Frankreich umringt sein von festen Haltpunkten für die Agitationen seiner Todfeinde. Das weiß man in Berlin«, sagte er seufzend, »ebensogut, wie ich es weiß, und ich möchte bezweifeln, daß dieser eiserne und unbeugsame Mann dort, den ich einst glaubte als ein Werkzeug für meine Pläne benützen zu können, so leicht darin einwilligen wird, mich in der Beseitigung dieser Gefahr zu unterstützen. Immer kommt mir die Sache gelegen, sie wird etwas Licht in die Verhältnisse bringen und vielleicht dazu dienen, diejenigen Schritte zu unterstützen, welche ich nach anderer Richtung hin vorbereitet habe, um die Gefahr zu beschwören, welche mir von jenem Land her droht, das schon für meinen Oheim verhängnisvoll wurde und das einst den ritterlichen König Franz I. als Gefangenen in seiner Hauptstadt sah.«

Er bewegte eine kleine Glocke und befahl dem eintretenden Kammerdiener, seinen Geheimsekretär Pietri zu rufen.

Nach wenigen Augenblicken trat dieser vertraute und ergebene Diener in das Kabinett.

»Ist der Marschall gekommen?« fragte der Kaiser, indem er mit rascher Bewegung Herrn Pietri entgegentrat.

»Zu Befehl, Sire,« erwiderte dieser, »er befindet sich seit einer halben Stunde in meinem Kabinett.«

»Und niemand hat ihn gesehen und erkannt?« fragte Napoleon.

»Niemand, Sire,« erwiderte Herr Pietri, »er ist in einem verschlossenen Hofwagen gekommen, an der Hintertür vorgefahren und von einem vertrauten Lakaien, der selbst nicht ahnte, wen er vor sich hatte, sofort zu mir geführt worden. Ich hatte vorher dafür gesorgt, daß niemand sich auf dem Korridor befand, und ich glaube außerdem, daß niemand hier ist, dem der Marschall von Ansehen bekannt sein kann.«

»Darauf muß man sich niemals verlassen,« sagte der Kaiser, »in solchen Sachen spielt der Zufall oft wunderbar und fast immer ungünstig. Sind die Vorzimmer leer?«

»Zu Befehl, Sire,« erwiderte Pietri, »nur General Favé –«

»Er ist zuverlässig und verschwiegen wie das Grab«, sagte Napoleon. »Führen Sie den Marschall zu mir.«

Nach wenigen Augenblicken öffnete Herr Pietri die Tür des Kabinetts.

Ein Mann von etwa fünfzig Jahren, dessen mittelgroße, schlanke und geschmeidige Gestalt noch die volle Elastizität jugendlicher Bewegungen besaß, erschien unter derselben, sein ausdruckvolles, bleiches Gesicht mit dem kurzen schwarzen Haar und dem kurzgestutzten schwarzen Bart zeigte Kühnheit und Entschlossenheit, dabei aber auch listige Verschlagenheit und beobachtende Zurückhaltung. Die feinen Lippen waren fest aufeinander geschlossen, die Nasenflügel öffneten sich ein wenig bei seinen Atemzügen, wie die Nüstern eines edlen Pferdes, und unter der schönen, nicht hohen, aber rein gewölbten Stirn zogen sich die schwarzen Augenbrauen in langen Bogen fast bis zur Nasenwurzel hin. Dieser Mann, der einen einfachen schwarzen Überrock trug, war der Marschall Prim, Graf von Reuß, der frühere langjährige Günstling und Vertraute der Königin Isabella, jetzt Kriegsminister der provisorischen Regierung in Spanien, deren Präsident der Marschall Serrano mit dem Titel eines Regenten geworden war.

Als der Marschall eingetreten, schloß Pietri die Tür hinter demselben. Der Kaiser ging ihm mit dem liebenswürdigsten Lächeln und freiem, offenem Blick entgegen und reichte ihm mit einer Bewegung voll freundlicher Herzlichkeit die Hand.

»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, Herr Marschall,« sagte Napoleon, »Sie haben gewünscht, unerkannt und unbeobachtet zu bleiben, ich habe Sie deshalb nicht so empfangen können, wie ich einen der Vertreter der edlen spanischen Nation zu empfangen gewünscht hätte.«

»Ich glaube, Sire,« erwiderte der Marschall in reinem und fast akzentlosem Französisch, »daß Eure Majestät meinen Wunsch, unerkannt zu bleiben, nur billigen können. Würde ich öffentlich hiehergekommen sein, so würde die Unterredung, welche Eure Majestät mir zu bewilligen die Gnade haben, der Gegenstand unzähliger Kommentare und Konjekturen in Europa, insbesondere in Spanien selbst geworden sein, und ich glaube nicht, daß eine solche Öffentlichkeit für den Austausch unserer Ideen förderlich hätte sein können.«

»Dies ist vollkommen richtig, Herr Marschall,« erwiderte der Kaiser, »vorausgesetzt, daß Sie ganz sicher sind, daß niemand von Ihrer Ankunft hier unterrichtet ist. Denn wenn dies der Fall wäre, würde allerdings die Heimlichkeit Ihres Besuchs den Konjekturen noch mehr Spielraum öffnen.«

»Ich glaube nicht, Sire,« erwiderte der Marschall, indem er sich auf den Wink des Kaisers demselben gegenüber in einen Fauteuil setzte, »ich glaube nicht, daß eine Indiskretion zu befürchten ist. Ich brauche meine Kur in Vichy, wie jedermann weiß, und habe von dort aus einen kleinen Ausflug gemacht, ich werde übermorgen dort wieder erscheinen und meinen Brunnen weiter trinken, – und in Paris wird niemand etwas von meiner Anwesenheit erfahren. Es müßte denn«, sagte er mit einem feinen Lächeln, »Eurer Majestät Polizei sein, auf deren Diskretion man ja aber stets rechnen kann. Sollte ich aber irgendwie erkannt werden, so wird man einem so kurzen Aufenthalt kaum politische Motive beilegen. Ich werde mich dann bei Eurer Majestät offiziell melden, und Sie werden ja leicht irgendeinen Vorwand finden, um mich nicht zu empfangen.«

Er schwieg.

Der Kaiser schien einen Augenblick über die Einleitung der Unterhaltung nachzudenken, dann sagte er:

»Sie werden begreifen, Herr Marschall, daß es mir von hohem Interesse sein muß, über die Verhältnisse des Nachbarlandes mich zu unterrichten, dessen Beziehungen zu Frankreich für beide Staaten von so großer Wichtigkeit sind. Olozaga ist, wie es scheint, oft selbst nicht genau unterrichtet über das, was in Madrid vorgeht, und ich habe geglaubt, daß es gewiß am besten und zweckmäßigsten sei, mich mit demjenigen Mann zu unterhalten, dessen Wille und Geist ja die einzige Triebfeder der spanischen Regierung bildet.«

»Eure Majestät dürfen überzeugt sein,« erwiderte der Marschall, »daß niemand mehr als ich den besonderen Wert freundschaftlicher Beziehungen zwischen Spanien und Frankreich zu würdigen weiß und niemand auch mehr wie ich von dem Wunsche beseelt ist, in unseren so schwierigen Verhältnissen von der hohen Einsicht und Weisheit Eurer Majestät Rat zu erhalten. Indes Eure Majestät wissen,« fuhr er fort, »daß ich nur einen Teil der Regierung bilde und daß die Leitung derselben von dem Marschall Serrano abhängt.«

Der Kaiser lächelte.

»Ich weiß sehr wohl,« sagte er, »daß der Herzog de la Torre der spanischen Regierung augenblicklich den Namen gibt, ich weiß aber auch, daß Sie, Herr Marschall, die Armee in Ihren Händen halten, – und derjenige, dem die Armee gehört, hat stets die wahre Macht.«

»Ich habe mir das Departement des Krieges vorbehalten,« erwiderte Prim, »weil ich vor allem Soldat bin und«, fügte er mit einem stolzen Ausdruck hinzu, »die Armee hat allerdings Vertrauen zu mir und ich glaube, daß mein Wort etwas bei ihr gilt, und daß sie mir mit Ergebung folgen würde, wohin ich sie auch immer führen möchte.«

Der Kaiser neigte den Kopf.

»Das ist es, das ist es,« sagte er, »in politischen Krisen gibt immer die Armee den Ausschlag, und derjenige, dem die Armee folgt, wird auf die Entwickelung der Zukunft stets einen größeren Einfluß ausüben, als derjenige, welcher die Dekrete unterzeichnet. Das Direktorium,« fuhr er mit einem schnellen, forschenden Blick auf den Marschall fort, »das Direktorium dekretierte einst in Frankreich, aber die Armee marschierte auf das Kommando des Generals Bonaparte, meines großen Oheims, – das Direktorium verschwand wie der Staub vor dem Wind, der General aber wurde erster Konsul und Kaiser.«

Prim schüttelte wie abwehrend den Kopf.

»Was Napoleon I. tat und tun konnte,« sagte er, »das kann niemand nachahmen, und was in Frankreich damals möglich war, würde heute in Spanien nicht möglich sein, selbst wenn jemand den kühnen Ehrgeiz haben sollte, dem Beispiel eines in der Weltgeschichte so erhaben dastehenden Riesen zu folgen.«

Der Kaiser blickte groß und voll in das Gesicht des Marschalls. Seine Züge nahmen den Ausdruck treuherziger Offenheit an.

»Sprechen Sie aufrichtig, Herr Marschall, ganz aufrichtig!« fragte er. »Sie haben nicht nötig, mir gegenüber Ihre Gedanken zu verhüllen, und wenn der Ehrgeiz, einen Thron zu gründen in dem Lande, das so lange eine Beute innerer Unruhe war, in Ihnen lebendig geworden wäre, so würden Sie in mir wahrlich keinen Gegner zu befürchten haben. Ich würde mit Freude und Beruhigung die Geschicke Spaniens in den Händen eines Mannes sehen, der Kraft und Energie genug hat, um dieselben in den Hafen der Ruhe und Ordnung zu führen und von dem ich zugleich voraussetzen darf, daß er mein und Frankreichs Freund ist.«

»Eure Majestät sind sehr gütig,« sagte der Marschall Prim mit leichter Verneigung, – »aber ich habe aufrichtig und ohne Rückhalt gesprochen. Ich kann Eure Majestät versichern, daß der Ehrgeiz, wie Sie ihn eben andeuteten, in meiner Brust nicht lebt, und wenn er auftauchen sollte, so würde mir die Möglichkeit und die Kraft fehlen, ihm Folge zu geben. Die Errichtung eines cäsarischen Thrones ist überhaupt in Spanien unmöglich,« fuhr er fort, während der Kaiser sich, aufmerksam zuhörend, ein wenig vorbeugte, »jeder, der dies unternehmen wollte, würde sich all den verschiedenen Parteien gegenübersehen, welche zusammengenommen die ganze Bevölkerung bilden, sein Versuch würde einen vervielfältigten Bürgerkrieg, einen Krieg aller gegen alle hervorrufen, er selbst aber würde in diesem Kriege isoliert sein und bald schimpflich unterliegen. Das spanische Volk verlangt einen in Purpur geborenen König und würde auch den populärsten Spanier, den es früher als seinesgleichen gesehen, nie als Monarchen anerkennen.«

»So glauben Sie an die Dauer der spanischen Republik?« fragte der Kaiser.

»Nein, Sire,« erwiderte Prim, »auch diese ist unmöglich. Eine rote Republik, das heißt, die allgemeine Anarchie könnte für eine kurze Zeit ihre traurige Herrschaft erhalten, aber das spanische Volk wird bald immer wieder zur Monarchie zurückkehren, wie ja auch die gegenwärtige Regierung sich nur dadurch erhält, daß sie sich fortwährend als ein Provisorium darstellt, – als eine Regentschaft für einen König, der gesucht und gefunden werden soll –«

»Der sich aber vielleicht nicht so ganz leicht finden läßt«, fiel der Kaiser ein. – »Ich zweifle nicht,« sagte er dann, »daß Sie, Herr Marschall, auch über diesen Punkt nachgedacht und bestimmte Ideen und Pläne sich gebildet haben. Ich weiß nicht, ob ich die Diskretion verletze, wenn ich mir erlaube, Sie zu fragen, nach welcher Richtung Ihre Gedanken sich wenden würden, wenn es sich um die Rekonstituierung der spanischen Monarchie handelte. Es ist das allerdings wesentlich eine innere Angelegenheit Spaniens, aber Sie werden mir gewiß zugeben, daß auch die übrigen Mächte, daß namentlich Frankreich Ursache hat, als Nachbarland Spaniens, an derselben ein sehr großes Interesse zu haben, und daß es für die Förderung und persönliche Durchführung der Angelegenheit sehr wichtig wäre, wenn wir über dieselbe unsere Anschauungen und Wünsche austauschten.«

Prim zögerte einen Augenblick, dann sah er mit seinen scharfen Augen kalt und ruhig den Kaiser fest an und sagte:

»Eure Majestät haben vorhin von dem Ehrgeiz gesprochen, welcher Ihren erhabenen Oheim auf den Thron Frankreichs führte; ein solcher Ehrgeiz ist, wie ich Eurer Majestät bemerkte, in Spanien unmöglich, – Sie werden aber begreifen, Sire, daß wenn in meinem Vaterlande keine Hand es wagen kann, sich nach der Krone auszustrecken, dagegen niemand, auch der die Macht, die wirkliche Macht besitzt, geneigt sein kann, dieselbe so leicht wieder aufzugeben und in den Schatten nichtiger Unbedeutendheit zurückzutreten.«

Ein schneller Blitz des Verständnisses zuckte aus dem Auge des Kaisers, er neigte leicht zustimmend den Kopf und erwartete dann gespannt die weitere Äußerung des Marschalls.

»Diejenigen also, Sire, welche augenblicklich in Spanien die Macht in ihren Händen halten, werden dieselbe gewiß nicht anwenden, um einen König auf den Thron zu rufen, welcher damit beginnen würde, aus eigener Kraft König zu sein und selbst regieren zu wollen, – das wäre ein politischer Selbstmord, zu dem in der Tat weniger Ehrgeiz gehörte, als man einem Mann von Selbstgefühl, Kraft und Mut zutrauen darf.«

»Ich verstehe, ich verstehe vollkommen,« sagte Napoleon, – »und deshalb –«

»Deshalb, Sire,« erwiderte Prim, »wird man nicht erwarten können, daß diejenigen, welche gegenwärtig die wirkliche Macht, die militärische Macht,« fügte er mit Betonung hinzu, »festhalten, einen König auf den Thron rufen, welcher ihrer Unterstützung entbehren und mit selbständiger Hand die Zügel der Regierung zu ergreifen versuchen könnte, einen König, der entweder im Lande selbst festen Boden für seine Autorität finden könnte, oder der, auf auswärtige Unterstützung fußend, Spanien in die Intrigen fremder Kabinettspolitik verwickeln möchte. Ausgeschlossen ist daher nach meiner Überzeugung die Kandidatur des Don Carlos.«

»Halten Sie eine solche überhaupt für möglich?« fragte Napoleon nachlässig.

»Die alte legitime Monarchie«, erwiderte der Marschall, »hat in vielen Provinzen Spaniens fanatische Anhänger, die Geistlichkeit würde sie unterstützen, jedenfalls würde Don Carlos im Lande genügenden Halt für ein festes, autokratisches Auftreten finden, das ohnehin seinem Charakter entspricht und alle, welche jetzt in Spanien regieren, würden von ihm schnell beseitigt werden. Ebensowenig«, fuhr er fort, »würde man an einen Prinzen aus den Dynastien der europäischen Großmächte denken können, der fortwährend nach außenhin blickte und durch auswärtige Einflüsse seine Macht zu stützen versuchen würde.«

»Es bleibt also –« fragte der Kaiser.

»Es bleibt also nur«, sprach Prim weiter, »die Alternative, entweder einen jungen, minorennen spanischen Prinzen zu berufen, welcher zunächst unter der Leitung desjenigen stehen würde, der die wirkliche und maßgebende Macht in den Händen hat, und welcher auch später stets demjenigen dankbar bleiben würde, welcher seine Jugend geleitet und so lange die Zügel der Regierung in Händen gehalten hat, – oder man müßte einen auswärtigen Prinzen berufen, welcher, ohne Rückhalt an seiner Familie und seinem Vaterlande, ein Fremder in dem Lande, das er beherrschen soll, gezwungen wäre, sich auf die Popularität und den Einfluß desjenigen zu stützen, der ihm den Weg zum Thron geöffnet hätte.«

»Ich sehe, Herr Marschall,« sagte Napoleon lächelnd, »daß Sie sehr tief und sehr klar über die Zukunft Spaniens nachgedacht haben, und daß auch«, fügte er hinzu, »der für einen Mann wie Sie so natürliche Ehrgeiz in Ihrer Brust seinen Platz hat. Nachdem wir uns über die Prinzipien verständigt haben,« fuhr er dann fort, »lassen Sie uns auf die Personen kommen. Für die Möglichkeit eines minorennen spanischen Königs sehe ich nur den Prinzen von Asturien. Halten Sie seine Wiederherstellung für möglich? Würden Sie dieser Kombination einen Platz unter den Eventualitäten der Zukunft einräumen?«

»Warum nicht?« sagte der Marschall, »vorausgesetzt, daß die Königin Isabella darauf verzichtet, mit ihrem Sohn wieder nach Spanien zurückzukehren, um etwa die Regentschaft für denselben zu übernehmen. Es haben zwar Kundgebungen gegen die Dynastie stattgefunden, indessen ist dieselbe im Grunde nicht so verhaßt in Spanien, als man im Auslande glauben möchte. Die spanische Nation wird einem unschuldigen Kinde, wie es der Prinz von Asturien ist, die Fehler seiner Mutter nicht vorwerfen.«

»Und an welchen auswärtigen Prinzen könnte man denken?« fragte der Kaiser rasch.

»Der Almanach de Gotha«, sagte Prim lächelnd, »bietet eine reiche Auswahl. Das Haus Koburg ist erschöpft, aber es gibt noch andere kleine Dynastien, die eben so vornehm und eben so sans conséquence sind. Doch«, fuhr er fort, »Eure Majestät werden mir erlauben, aufrichtig und ohne Rückhalt zu sprechen, da ich überzeugt bin, daß eine aufrichtige Verständigung mit Eurer Majestät im wahren Interesse Spaniens und Frankreichs liegt. So will ich Eurer Majestät nicht verhehlen, daß mir in dieser Beziehung eine Idee gekommen ist, welche vielleicht auch Eurer Majestät Billigung finden könnte. Ich habe nämlich«, fuhr er fort, »an den Erbprinzen von Hohenzollern gedacht.«

Der Kaiser zuckte zusammen.

»Sie betonten vorher, Herr Marschall,« fiel er schnell ein, »die Notwendigkeit, den künftigen König von Spanien nicht aus den Dynastien der Großmächte zu wählen, und nun haben Sie an einen preußischen Prinzen gedacht?«

»Sire,« erwiderte Prim, »der Prinz von Hohenzollern ist ja kein preußischer Prinz, er ist mit dem preußischen Hause nicht verwandt, er ist Katholik, und schon dieser Umstand scheidet ihn von den wesentlichsten Lebensinteressen der preußischen Dynastie und des preußischen Staates, und außerdem hat er die Ehre, ein Verwandter Eurer Majestät zu sein, – wie ja auch sein Bruder Eurer Majestät verwandtschaftlichem Interesse den Fürstenthron von Rumänien verdankt.«

»Ja, ja,« sagte der Kaiser sinnend, indem er den Kopf hin und her wiegte, »ja, ja, das ist richtig, er ist mein Verwandter, er ist nicht so eigentlich preußischer Prinz. – Aber«, fuhr er fort, »glauben Sie, daß er sich leiten lassen möchte, daß er nicht ein Werkzeug der preußischen Politik werden würde?«

»Sich leiten lassen?« sagte Prim achselzuckend, »ich wüßte nicht, Sire, wie ein Erbprinz von Hohenzollern, ein Fremder in Spanien, ohne die Kenntnis der Sprache, der Sitten und des Landes, ohne Leitung und Unterstützung dort auch nur ein halbes Jahr sich halten wollte. Seine verwandtschaftlichen Beziehungen zum hiesigen Hof sprechen ebenfalls für ihn und –«

»Ahnt der Prinz etwas«, fragte der Kaiser schnell, »von den Ideen, die Sie mit ihm haben?«

»Ich habe die Gedanken,« erwiderte Prim, »die ich mir über diesen Gegenstand gemacht, zum erstenmal vor Eurer Majestät ausgesprochen, nach anderer Richtung hin ist nie ein Hauch über meine Lippen gekommen. Die Sache ist noch nicht reif, in diesem Augenblick würde jeder Versuch, an dem augenblicklichen Zustande etwas zu ändern, auf den zähesten Widerstand des Marschalls Serrano und meiner Kollegen stoßen, – sie müssen sich erst noch mehr verbrauchen, in noch tiefere Ohnmacht herabsinken, – und dahin werden sie schnell genug kommen«, fügte er mit einem Ausdruck unbeschreiblicher Verachtung hinzu. »Dann wird der Augenblick gekommen sein,« sagte er, stolz den Kopf erhebend, »der spanischen Nation einen König zu geben, einen König meiner Wahl und meiner Schule.«

»Der Einfluß der Schule, Herr Marschall,« sagte der Kaiser, »dürfte bei einem minorennen Knaben größer sein, als bei dem Prinzen von Hohenzollern, der, wenn auch nicht preußischer Prinz, wie Sie sagen, dennoch aber immer preußischer Offizier ist, und doch wohl nicht ganz ohne Neigung zu eigener und selbständiger Herrschaft sein wird. Sie sind aufrichtig gegen mich gewesen, ich will es ebenso gegen Sie sein,« fuhr er fort, »Sie wissen, daß meine Politik, wenn ich auch auf die Meinung einzelner Parteien wenig Rücksicht nehme, dennoch abhängig ist und abhängig sein muß von der wirklichen und allgemeinen Meinung des französischen Volks, und ich muß Ihnen sagen, daß nach meiner Überzeugung das französische Volk den Prinzen von Hohenzollern als einen preußischen Prinzen ansehen und seine Thronbesteigung als eine feste Aufrichtung preußischen Einflusses in Spanien betrachten würde. Sie können sich denken, zu welcher Unzufriedenheit dies bei dem ohnehin schon gereizten Gefühl der Franzosen gegen Preußen Veranlassung geben muß, und wenn ich auch persönlich die größte Zuneigung für den Prinzen Leopold habe, so könnte mich die Strömung der öffentlichen Meinung in Frankreich doch vielleicht in einen feindlichen Zwiespalt zwischen meiner persönlichen Sympathie und der politischen Notwendigkeit bringen. Wenn Sie es also für möglich halten würden, den Prinzen von Asturien auf den Thron zu setzen –«

»Sobald die Königin definitiv abdankt«, fiel Prim ein, »wird dies nicht schwer sein, und auch Serrano würde dafür wirken, – in der Voraussetzung seinerseits, Regent zu bleiben, – wogegen ja auch für den Anfang nichts zu erinnern wäre.«

»Dann, mein lieber Marschall,« sagte der Kaiser, »glaube ich, daß wir über die Zukunft vollständig einig werden können, denn ich bin überzeugt, daß Sie die persönlichen Sympathien, welche der Prinz von Asturien für Frankreich hat, aus politischer Überzeugung nur bestärken und in der spanischen Politik zum Ausdruck bringen werden.«

»Wozu ich«, sagte der Marschall sich verneigend, »nur noch mehr werde bestimmt werden durch die aufrichtige persönliche Ergebenheit, welche ich stets für Eure Majestät empfunden habe. Es fragt sich nur,« fuhr er fort, »in welcher Weise diese Kombination eingeleitet werden kann, welche auch ich allen anderen vorziehe, weil sie Eurer Majestät Beifall hat und weil sie eine rein spanische ist.«

»Die Einleitung wird nicht schwer sein,« sagte der Kaiser, »ich werde dahin zu wirken suchen und glaube es mit Erfolg zu können, daß die Königin Isabella zugunsten ihres Sohnes abdankt.«

»Damit wird viel gewonnen sein,« sagte Prim, »sodann aber würde ich Eure Majestät noch besonders darum bitten müssen, strenge und energische Anordnungen zu treffen, damit die karlistische Erhebung an den Grenzen Frankreichs keine Unterstützung findet, denn, wie ich Eurer Majestät zu bemerken schon die Ehre hatte, Don Carlos ist der einzige Prätendent, welcher imstande wäre, aus eigener Kraft eine Armee zu bilden und den Kampf um den spanischen Thron aufzunehmen.«

»Ich werde sofort die bestimmtesten und strengsten Befehle nach den Grenzdepartements ergehen lassen«, erwiderte der Kaiser. »Es kommt nur darauf an, daß wir nun über die Fortführung dieser Angelegenheit, welche ebensosehr im Interesse Spaniens als in demjenigen Frankreichs liegt, uns direkt und unmittelbar verständigen können.«

»Ich werde,« sagte Prim, »so oft ich Eurer Majestät etwas mitzuteilen habe, meinen Adjutanten Campos hiehersenden, welcher auch in Beziehungen zu dem Grafen Albacete, dem Kammerherrn der Königin Isabella, steht, und also auch nach dieser Seite hin etwa notwendige Verhandlungen zu führen imstande sein wird. Ich bitte Eure Majestät ein für allemal, allem, was mein Adjutant Ihnen mitteilen wird, Glauben zu schenken.«

»Und seien Sie überzeugt, Herr Marschall,« sagte der Kaiser, indem er aufstand, »daß ich alle Ihre Intentionen auf das kräftigste und energischste unterstützen werde und daß, wenn der Prinz von Asturien den spanischen Thron besteigt, er und sein Führer an mir stets einen wahren und aufrichtigen Freund haben wird. Ich muß darauf verzichten, Sie noch einmal zu sehen, um Ihr Inkognito nicht zu gefährden. Leben Sie wohl, und möchte Spanien bald durch Ihre Hand zur ruhigen Ordnung, zum Glück zurückgeführt werden.«

Er drückte lange und herzlich die Hand des Marschalls und begleitete denselben bis zur Tür seines Kabinetts.

»Bei allem Schein von Aufrichtigkeit«, sagte er dann, ihm nachblickend, »spielt er verdecktes Spiel. Ich bin überzeugt, daß er in Berlin unterhandelt, um den Erbprinzen von Hohenzollern nach Spanien zu rufen, der mir im Grunde weit lieber wäre als Montpensier. Und was den Prinzen von Asturien betrifft, so ist er auch in dieser Beziehung nicht ganz aufrichtig gegen mich.«

Er trat an seinen Schreibtisch und öffnete einen auf demselben liegenden zusammengefalteten Bericht.

»Er ist gestern abend bei der Königin Christine gewesen und hat eine lange Unterredung mit ihr gehabt. Das hat er mir verschwiegen, – er will, daß der König, den er Spanien gibt, nur ihm dankbar, nur von ihm abhängig sein soll. Doch«, sagte er dann, sich vergnügt die Hände reibend, »ich glaube, daß dieser Gurowsky mir sehr nützlich sein wird, um nach allen Richtungen die Hand im Spiel zu behalten. Er wird in Berlin wenigstens die Verhandlungen des Marschalls Prim erschweren, dadurch wird mein Einfluß auf die Zukunft Spaniens gesichert bleiben und es wird mir wenigstens gelingen, diese spanische Revolution, welche alle meine Kombinationen zertrümmert, soviel als möglich unschädlich zu machen, und wenn ich nicht im Süden der Pyrenäen einen Verbündeten finden kann, wenigstens verhindern, daß sich dort ein Feind mir erhebt.«

»Doktor Nélaton«, meldete der eintretende Kammerdiener.

Der Kaiser seufzte tief auf und ging langsam in sein Schlafzimmer.

Neuntes Kapitel

Pietro Barghili und Barbarino gingen, nachdem sie das kleine Haus in der Villa del Moro verlassen hatten, langsamen Schrittes durch die kleine Villa della Longarita, überschritten den Ponte Rotto, den alten Pons Aemilius und wendeten sich dann an dem Circo Massimo vorbei nach der alten Via Appia, welche man jetzt Via di Porta San Sebastiano nennt.

Sie schritten schweigend nebeneinander her, solange einzelne Vorübergehende ihnen in den belebteren Straßen begegneten, Pietro Barghili ernst und feierlich in würdevoller Haltung, Barbarino leichten, sorglosen, elastischen Schrittes wie ein Arbeiter, der nach Erledigung seiner kleinen Geschäfte in Rom nach seiner Heimat in den umliegenden Ortschaften zurückkehrt. Als sie die belebteren Teile der Stadt verlassen hatten und nun auf der um diese Zeit fast einsamen Villa Appia einherschritten, verschwand der Ausdruck von Heiterkeit und Sorglosigkeit aus der Haltung und den Zügen Barbarinos, er faßte den Stock, in welchem der dreispitzige Dolch verborgen war, fest, und seine dunklen Augen funkelten in phosphoreszierendem Leuchten spähend durch die Dunkelheit, welche nur durch den Glanz der am nächtlichen Himmel heraufgestiegenen Sterne erhellt wurde.

Auch Pietro Barghili senkte seine Hand in die Tasche seines Wamses, in welche er vorher das große und breite Messer gesteckt hatte, und warf aufmerksame Blicke in das Dunkel, welches die Weinberge zur Seite der Straße einhüllte.

»Wohin führst du mich?« fragte Pietro Barghili seinen stummen Begleiter, »und was ist im Werk?«

»Du wirst es hören,« erwiderte Barbarino, »der Meister hat uns gerufen, wir gehen nach den Thermen des Caracalla. Näheres kann ich dir nicht sagen, es könnte uns jemand hören – auch ist mir mehr nicht erlaubt. Doch sieh', was ist dort?« rief er plötzlich, »es glänzt in der Dunkelheit wie Waffen. Sollten wir verraten sein?«

Mit leicht zögernden Schritten gingen beide in der Dunkelheit weiter. Einige Augenblicke später trat ihnen ein Gendarm entgegen im Dienstanzug und bewaffnet.

»Wohin geht ihr?« fragte er kurz und streng.

»Nach unserem Hause vor der Porta San Sebastiano«, erwiderte Barbarino mit demütigem Ton, indem er sich zugleich ganz nahe an Pietro Barghili stellte und unter dem Schatten seines Mantels den Dolch ein wenig aus seinem Stock herauszog.

»Euer Name?« fragte der Gendarm mit strengem, kurzem Ton.

»Barbarino Falcone«, erwiderte der junge Mann mit einer Stimme, aus welcher bereits eine leichte Ungeduld über die gestellten Fragen hervorklang. »Und warum fragt Ihr uns, Herr, da wir doch ruhig unseres Weges gehen und Eile haben, nach Hause zu kommen?«

»Ich frage,« erwiderte der Gendarm, »um den Weg freizuhalten von den Feinden der Gesellschaft der Rächer. Für Barbarino Falcone ist der Weg offen.«

Bei diesen Worten erhob er die Hand und machte mit derselben nahe vor den Augen Barbarinos ein Zeichen, indem er zwei Finger der Hand lang ausstreckte, dann wieder schnell in die innere Handfläche zurückzog.

Ganz erstaunt bog sich Barbarino ein wenig vor, um in das Gesicht des Gendarmen zu blicken.

»Mein Gott, Giuseppe,« rief er, »du hier in dieser Uniform, mit diesem Bart, der dich fast unkenntlich macht?«

»Still!« sagte der Gendarm, den Finger auf den Mund legend, »still, ich halte hier Wache, um alle Unberufenen fernzuhalten, in dieser Verkleidung wird mir das leicht. Noch drei andere sind weiter unterhalb stationiert. Es ist für niemand möglich, sich der Versammlung zu nähern.«

»Aber; mein Gott,« sagte Barbarino, noch immer ganz verwundert, »wenn nun ein wirklicher Gendarm kommt?«

»Der Meister hat uns die Losung gegeben,« erwiderte Giuseppe, »und wenn das nicht genügen sollte – nun, um so schlimmer für den, der uns in den Weg tritt – mein Karabiner ist scharf geladen. Ihr wißt den Weg?« fragte er dann.

»Ganz genau,« erwiderte Barbarino, »wir werden nicht fehlen.«

»Ihr müßt so weit wie möglich vor dem kleinen Tor abbiegen«, sagte er noch, während Barbarino und Pietro Barghili bereits rüstig weiter in der Dunkelheit hinausschritten.

Bald kamen sie an die Stelle, wo die Straße von der Marrana durchschnitten wird, diesem Gewässer, das von Albalonga her nach Rom hinfließt, und an dessen Ufer einst die Grotte der Egeria lag.

Nachdem sie noch einige Schritte getan, wandten sie sich vor der Villa Antonina, welche zu dem Eingang in die kolossalen Ruinen des Caracalla führt, rechts von der Straße ab, und schritten über die Äcker und Weinberge neben den gewaltigen Steinmassen der riesenhaften Ruinen nach deren hinteren Teilen zu; da, wo die alten Mauerüberreste des Servius Tullius sich gegen den Rundausbau der Caracallathermen hin erstreckten, wandte sich Barbarino zu einem großen Haufen mächtiger Blöcke und Steine, und voranschreitend begann er leicht und sicher über die unregelmäßig übereinandergestürzten Mauerreste zu steigen. Mit jugendlicher Gewandtheit und Geschicklichkeit folgte ihm Pietro Barghili. Nachdem sie einige Augenblicke über Geröll und große Steinblöcke geklettert waren, öffnete sich eine nicht zu große Höhle von ungefähr zwanzig Fuß Tiefe, welche in schwarzer Finsternis vor ihnen lag und aus deren Innerem ein dumpfes Gewirr von Stimmen herauftönte.

Ein steil abfallendes Mauerstück schien den Zugang zu dieser Höhlung unmöglich zu machen.

Barbarino beugte den Kopf über die dunkle Tiefe, hielt den Finger an seine Lippen und ließ in bestimmten Intervallen einen leisen, pfeifenden Ton hören, welchen man in der Stille der Nacht für den Schrei eines aus seinem Schlaf aufgeschreckten Vogels halten konnte.

Eine tiefe Stimme ertönte von unten herauf:

»Wer begehrt Zutritt zu der Gesellschaft der Rächer?«

»Barbarino Falcone«, erwiderte der junge Mann, indem er den Kopf über die Öffnung beugte und aus seinen beiden Händen eine Art Sprachrohr bildete, »und Pietro Barghili.«

»Wie heißt das Losungswort?« erwiderte die Stimme von unten.

»Tod den Priestern und Tyrannen!« erwiderte Barbarino in gleicher Weise wie vorher.

»Die Brüder erwarten euch«, antwortete es abermals von unten herauf.

»Folge mir,« sprach Barbarino zu Pietro Barghili, »ich will deinen Fuß führen.«

Und indem er sich mit dem Arm auf den Rand der Öffnung stützte, ließ er sich hinabgleiten und trat in die regelmäßig angebrachten Einschnitte der steilen Mauer. Pietro Barghili folgte ihm, und indem Barbarino sich mit der einen Hand in den Einschnitten festhielt, führte er mit der anderen den Fuß Pietros in dieselben Einschnitte ein. Auf diese Weise stiegen beide die gerade abfallende Mauer hinab und befanden sich bald in der Tiefe der Höhlung.

Im ersten Augenblicke erlaubte die Dunkelheit nicht, irgend etwas zu sehen. Bald aber erkannten Pietro und Barbarino eine Anzahl von Männern, welche ringsum teils in ihre Mäntel gehüllt auf der Erde lagen, teils auf abgefallenen Steinblöcken saßen und ihrem Äußern nach wie Barbarino sämtlich Arbeiter aus der Umgegend Roms zu sein schienen. In der tiefen Dunkelheit waren nur die Umrisse der Gestalten zu erkennen, von den Gesichtern sah man nichts und nur hier und da funkelte ein Blick, ähnlich dem eines Raubtiers, in grünem Glanz durch die Nacht.

Nachdem Barbarino und Pietro in die Höhle hinabgestiegen waren, richtete sich eine dunkle Gestalt an der einen Seite der Rundung empor und stieg auf einen hohen, viereckigen Steinblock.

»Sind alle versammelt,« sprach diese von der schwarzen Mauer sich kaum abhebende Gestalt, »welche berufen waren, an dieser Versammlung der auserwählten Führer der Gesellschaft der Rächer teilzunehmen?«

Eine kleine Blendlaterne, welche diese dunkle Gestalt unter ihrem Mantel hervorzog, öffnete sich urplötzlich und warf ihren grellen Schein über die in der Grotte befindlichen Gestalten, welche für einige Sekunden aus der schwarzen Dunkelheit hervortraten, um dann ebenso schnell wieder zu verschwinden.

Es mochten ungefähr fünfzehn Männer hier versammelt sein. Man sah unter ihnen wilde, bärtige, wettergebräunte Gesichter, man sah die weichen Züge schwärmerischer Jünglinge mit Augen, aus denen die Glut des Fanatismus leuchtete, man sah aber auch fein geschnittene, kalte, vornehme, ruhige Gesichter, die nicht zu der Tracht zu passen schienen, welche sie einhüllte, und welchen man eher in den Sälen der geistlichen und weltlichen Fürsten Roms begegnen zu sollen geglaubt hätte.

Bei dieser raschen Inspektion der Versammlung blieb das Gesicht desjenigen, welcher die kleine Blendlaterne in seiner Hand hielt, im Dunkeln, und man konnte nur unter einem großen schlaffen Hut von schwarzem Filz scharfe, stechende Augen und einen starken, ergrauenden Vollbart entdecken.

Das Licht der Blendlaterne, welches schnell im Kreise umherlief, haftete einige Augenblicke länger als sonst an einem Manne, welcher dem Leiter der Versammlung gegenüber auf einem niedrigen Steinblock zusammengekauert saß und ganz in einen dunklen Mantel gehüllt war, der auch den unteren Teil seines bleichen, bartlosen Gesichts verdeckte, während dessen Stirn von einem niedrigen, tief herabgezogenen Hut beschattet war. Als das Licht der Laterne auf ihm ruhte, machte dieser Mann eine Bewegung, als wolle er sich dem hellen Strahl entziehen, und senkte sein Gesicht noch tiefer in die Falten des um den Hals hoch hinauf gezogenen Mantels. Als die Laterne mit ihrem Lichtkreis jeden Winkel der Höhlung und jede Gestalt in derselben beleuchtet hatte, verschloß sich dieselbe ebenso plötzlich als sie geöffnet worden war, und verschwand in den Falten des Mantels des Mannes auf dem erhöhten Stein.

»Meine Brüder,« sprach dann dieselbe tiefe, klare und volltönende Stimme, »ich habe euch hierher gerufen in einer hochernsten und wichtigen Sache, um eure Mitwirkung in Anspruch zu nehmen und euch einen Plan mitzuteilen, welcher unsere große, heilige Sache mit einem Schlage weit hinaus fördert.«

Eine tiefe Stille herrschte in der Grotte, man hätte das Geräusch eines fallenden Blattes hören können.

»Bevor ich euch aber diesen Plan mitteile,« fuhr die Stimme fort, »habe ich euch eine andere ernste und traurige Eröffnung zu machen. Es hat sich in unsere Gesellschaft, welche der Befreiung des Vaterlandes, der Befreiung der ganzen Menschheit von den Fesseln der Priester und der Tyrannen geweiht ist, ein Verräter eingeschlichen.«

Man hörte, wie in einem einzigen tiefen Atemzug, einen Hauch des Entsetzens, des Abscheus durch die ganze Versammlung ziehen.

»Es hat sich«, fuhr der Redner fort, »ein Mann in unseren Bund gedrängt, welcher durch schimpflichen und niedrigen Betrug, durch nichtswürdige Heuchelei und Verstellung sich unser Vertrauen zu erschleichen gewußt hat, und welcher dann sich nicht gescheut hat, hinzugehen und das, was er von uns, unseren Plänen und unseren Unternehmungen erfahren, den Dienern jenes unversöhnlichen Feindes der Freiheit zu verraten, welcher Priester und König zugleich ist und die Körper wie die Seelen der Menschen in Fesseln zu schlagen trachtet. Die Verräterei dieses Mannes ist nur deshalb zum Teil unschädlich geblieben, weil er die wahren Namen vieler unserer Brüder nicht weiß und weil diejenigen, deren Namen er kennt, den Schergen der Tyrannei nicht leicht zugänglich sind. Aber dieser Mann, meine Brüder, ist auch heute unter uns. Er hat es verstanden, sich einen Platz unter den Vertrautesten und Eingeweihtesten zu erwerben. Er befindet sich hier in unserer Mitte, um von hieraus hinzugehen, unser Geheimnis der päpstlichen Polizei zu verraten und uns alle dem finsteren Kerker der Tyrannei zu überliefern.«

Ein Ruf tiefer Entrüstung ließ sich aus allen Teilen der Grotte vernehmen. Mehrere der dunklen Gestalten erhoben sich und traten näher zu dem Sprechenden heran.

Unter ihnen war Barbarino, der, dicht an den viereckigen Steinblock herantretend, mit einer vor Aufregung bebenden Stimme fragte:

»Und wer ist der Verräter? Ist sein Verbrechen erwiesen?«

»Wer ist der Verräter?« hörte man mit dumpfem Ton von mehreren Seiten her fragen, während zugleich das matte Leuchten entblößter Stahlklingen durch die Nacht schimmerte.

»Ihr fragt, ob das Verbrechen erwiesen ist, meine Brüder?« fuhr die dunkle Gestalt auf dem Steinblock fort, »es ist erwiesen, ich selbst habe den Verräter in den Palast des Santo Offizio gehen sehen und weiß, daß er noch gestern eine lange Audienz bei dem Kardinal Monaco gehabt hat. Ihr kennt mich alle, ich beschwöre, was ich sage, bei dem heiligen Namen der Freiheit. Ich frage euch, ob ihr meinen Worten glaubt, ob ihr mein Zeugnis als wahr und gültig annehmen wollt?«

»Wir glauben dem Meister!«

»Sein Wort ist die Wahrheit«, rief Barbarino.

»Sein Wort ist die Wahrheit«, tönte es ringsum aus dem Kreise.

»Nun denn, meine Brüder,« fuhr der Redner fort, »welche Strafe verdient der Verrat an der heiligen Sache der Freiheit der Menschen?«

»Den Tod!« rief Barbarino.

»Den Tod!« ertönte es dumpf und schaurig ringsum.

»Ihr habt es gesagt,« antwortete die Gestalt auf dem Stein, »der Verräter ist dem Tode verfallen, zur Strafe für sein Verbrechen, zur Sicherheit für uns und für das große Ziel, dem wir unser Leben geweiht. Nachdem ihr euer Urteil gesprochen, beauftrage ich hier unsern Bruder Barbarino Falcone mit dessen Vollstreckung.«

Barbarino neigte schweigend das Haupt.

»Und wer ist der Schuldige?« fragte er.

»Wer ist der Schuldige, wer ist der Verräter?« wiederholten die anderen seine Frage.

Der Mann auf dem Stein zog seine Blendlaterne hervor. Indem er sie plötzlich öffnete, fiel ihr greller Schein auf den ihm gegenüber sitzenden Mann, welcher noch tiefer als vorhin in seinen Mantel sich gehüllt hatte, dessen Gesicht in dem zitternden, scharfen Lichtstrahl geisterhaft bleich erschien und dessen Augen starr und angstvoll aus dem hellen Kreise, der sie beleuchtete, ringsumher starrten.

»Luigi Nazarri ist der Verräter, der es gewagt hat, hier unter uns zu erscheinen, um uns alle dem finsteren Kerker der Inquisition und dem Beil des Henkers auszuliefern.«

Wie von einer Feder bewegt, schnellte die zusammengekauerte Gestalt des von der Blendlaterne grell beleuchteten Mannes bei diesen Worten empor. Sein weiter Mantel fiel von den Schultern herab und ließ einen einfachen schwarzen, städtischen Anzug erkennen. Seine Lippen bebten, seine Zuge verzerrten sich konvulsivisch, seine Augen öffneten sich so weit, daß das volle Rund der dunklen Pupille auf der weißen Fläche erschien. Er streckte die Hände wie abwehrend aus und rief mit einer heisern, von Angst und Entsetzen entstellten Stimme:

»Es ist nicht wahr, ich habe euch nicht verraten. Ich verlange Gehör, ich verlange das Recht der Verteidigung.«

»Ihr habt mein Zeugnis gehört und als wahr angenommen«, sagte der Mann auf dem Stein kalt und ruhig. »Ihr habt euer Urteil gesprochen. Barbarino, tue deine Pflicht!«

»Das ist kein Gericht«, rief Luigi Nazarri mit kreischendem Ton. »Ich verlange Gehör, ich verlange Verteidigung. Das ist Mord, niederträchtiger, feiger Mord!«

Und mit einer raschen Bewegung sprang er zur Seite, um sich dem Lichtkreis der noch immer auf ihn gerichteten Laterne zu entziehen. Aber schon hatten zwei der Nächststehenden ihn ergriffen, im nächsten Augenblick rissen sie ihn zu Boden. Der Griff einer eisernen Hand umspannte seinen Hals, so daß der Versuch zu schreien, nur ein dumpfes und kaum hörbares Röcheln ertönen ließ.

Barbarino hatte die lange Dolchklinge aus seinem Stock hervorgezogen, in zwei Schritten war er bei dem Unglücklichen, der, trotz verzweifelter Versuche, sich loszureißen, am Boden festgehalten wurde, während der Strahl der Laterne sein gräßlich entstelltes, schaumbedecktes Gesicht und die fast aus ihren Höhlen hervortretenden Augen beleuchtete.

Einen Augenblick funkelte der Stahl hell auf in dem scharfen Licht, dann senkte er sich, rasch und sicher geführt, in seiner ganzen Länge tief in die Brust des verurteilten Opfers, so daß seine Spitze unter demselben in den steinigen Boden drang.

Aus dem zusammengeschnürten Halse des Getroffenen drang ein furchtbarer, entsetzlicher Ton. Man hörte die zischenden Laute eines Fluches, dann schoß ein Blutstrom aus den geöffneten Lippen hervor. Der Körper bäumte sich trotz der ihn niederhaltenden Männer hoch empor, die Arme richteten sich mit geballten Fäusten aufwärts – noch ein langer, zischender Atemzug – die krampfhaft gezogenen Glieder senkten sich und streckten sich lang auf der Erde aus – es war vorbei. Der Stahl hatte gut und sicher getroffen.

Barbarino zog seinen Dolch aus dem Leichnam, reinigte die Klinge an dem auf der Erde liegenden Mantel des Toten, und trat dann ruhig und kalt zu dem auf dem erhöhten Stein stehenden Mann hin, welcher unbeweglich und schweigend die ganze Szene mitangesehen hatte.

»Das Urteil ist vollstreckt, Meister,« sagte Barbarino, »der Verräter hat seinen Lohn und wird uns nicht mehr schaden.«

Der Mann auf dem Stein schloß seine Laterne und alles versank wieder in Dunkelheit. Die Nächststehenden legten den Leichnam des Verurteilten in eine Ecke der Höhle und bedeckten ihn mit seinem Mantel.

Der Mann auf dem Stein sprach mit seiner ruhigen Stimme:

»Nachdem nun, meine Brüder, die Gefahr des Verrats beseitigt ist und der Verräter geendet hat, wie alle Verräter unserer heiligen Sache endigen mögen, will ich euch mitteilen, weshalb ich euch hier zu dieser nächtlichen Stunde zusammenberufen. Tretet näher zu mir heran, damit auch der Hauch des Windes nicht vernehme, was ich euch zu sagen habe.«

Die dunklen Gestalten traten ganz nahe zu dem Sprechenden, und ihre Augen blitzten durch die Finsternis in Spannung und Erregung.

»Ihr wißt alle,« sprach der, welchen die anderen als ihren Meister bezeichneten, »daß in kurzem der Papst hier um seinen Thron alle Kirchenfürsten und Bischöfe der ganzen Welt versammeln wird, um mit diesen obersten Helfershelfern der geistlichen und weltlichen Tyrannei neue Mittel zu ersinnen, durch welche die Freiheit gebrochen, die Geister geknechtet und die Völker in Dummheit und Sklaverei erhalten werden sollen. Damit,« fuhr er in dumpfem Ton fort, »ist die ganze Maschine, durch welche die Päpste so lange alle Völker der Erde in Nacht und Dunkel zu erhalten bemüht waren, in unsere Hände gegeben. Wenn es gelingen kann, mit einem Schlage alle diese Führer und Leiter jener über den Erdkreis verbreiteten geistigen Polizeigewalt, welche sich die Kirche Gottes nennt, zu vernichten, so wird diese Gewalt zerstört sein. Die kleinen Priester, ohne Leitung, befreit von der Furcht, werden machtlos sein wie einzelne Maschen eines Netzes, dessen verbindenden Knoten man zerschnitten, und die Völker werden, befreit von den irreleitenden und verdunkelnden Einflüssen, schnell den Weg zur geistigen Freiheit zu finden wissen.«

Er hielt einen Augenblick an.

»Aber wie?« hörte man fragen. »Es sind ihrer zu viele, unsere Dolche werden nicht ausreichen.«

»Hört an,« sprach der Mann auf dem Stein weiter, »hört an, was ich ersonnen: Für die Versammlung des Konzils ist die Aula im Vatikan bestimmt, weil der Papst,« fuhr er in höhnischem Lachen fort, »glaubt, daß die Ausströmung des Grabes St. Peters die versammelten Prälaten mit guten Gedanken zur Knechtung und Verfinsterung der Geister erfüllen wird. In dieser Aula werden also alle, Erzbischöfe und Bischöfe, versammelt sein, und wenige Fässer Pulver werden genügen, um diese ganze Gesellschaft mit einem Schlage in Atome zu zersprengen. Die Herren werden sich nicht beklagen können, die Kirche hat so viele Ketzer langsam verbrannt und zu Tode gemartert, daß dieses schnelle und einfache Verfahren nur als eine sehr milde und nachsichtige Vergeltung erscheint, welches eigentlich kaum mit unserem Ziele der Rache für tausendjährige Folter des freien Menschengeistes zusammenstimmt. Hört nun weiter,« fuhr er dann fort, nachdem die unruhige Bewegung, welche seine Worte unter den Versammelten hervorgerufen, sich gelegt, »es kommt vor allem darauf an, von welcher Stelle unter der Aula die Sprengung am wirksamsten erfolgen kann und wie es möglich gemacht werde, die Pulvervorräte unbemerkt in die Gewölbe zu schaffen. Die Aula soll jetzt für die Beratung des Konzils instand gesetzt werden, und es werden in der nächsten Zeit Arbeiter aller Art in derselben tätig sein. Es ist nun eure Aufgabe, euch als Maurer und als Bauhandwerker Beschäftigung bei diesen Arbeiten und dadurch ungehinderten Zutritt in die Aula zu allen Zeiten zu verschaffen. Diejenigen von euch, welche dazu keine Gelegenheit finden sollten, würden als Mönche der verschiedenen Orden, am besten als Kapuziner, versuchen, in die Aula zu gelangen, was während der Arbeiten nicht so sehr schwer sein kann; sie werden durch das Mönchsgewand gedeckt und unter dem Vorwand, sich an der Stätte des künftigen Konzils zu erbauen, sich so viel und so lange als möglich dort aufhalten und genaue Vermessungen aller Bauverhältnisse in der Aula vornehmen, zugleich auch erforschen, wie und an welcher Stelle man am leichtesten unbemerkt einen Zugang zu den Gewölben öffnen könnte. Zugleich werden sie die Abdrücke von den Schlössern der Türen nehmen und sich genau über den Weg versichern, auf dem es möglich sein könnte, nachts in die Aula zu gelangen: auch müssen sie erforschen, ob und wie viele Wachen dort aufgestellt werden. Alle diese Beobachtungen müssen so schnell als möglich genau und richtig gemacht werden. Sobald die Arbeiten einige Zeit gedauert haben, werde ich euch wieder zusammenrufen, um eure Berichte zu empfangen. Ich werde euch dann weitere Anweisungen erteilen über das, was geschehen muß, um diese giftigen Wucherpflanzen der Kirche, welche wir bisher in ihren weitverzweigten Auswüchsen bekämpft haben, mit ihren tiefsten und festesten Wurzeln auszureißen. Ihr habt mich verstanden?«

»Vollkommen, Meister«, erwiderten alle.

»So denkt darüber nach,« sagte der Mann auf dem Stein »wie jeder von euch am besten seine Aufgabe erfüllen könne. Ich kann euch keine näheren Anweisungen geben. Ihr seid gewandt und ergeben. Ihr wißt, um was es sich handelt, und werdet die Wege zu finden wissen, auf welchen ihr das große Ziel am besten fördern könnt. Jetzt kein Wort weiter, wir müssen auseinandergehen. Es ist möglich, daß die Verräterei dieses Elenden uns die Polizei auf die Fersen gebracht hat. Wir dürfen hier nicht wieder zusammenkommen, wir werden auf der Straße einige der Unseren in Gendarmerieuniform verkleidet finden, sie werden euch ein Zeichen geben; – wenn eine Gefahr droht, so geht unter ihrem Schutz als ihre Arrestanten, so werdet ihr sicher nach der Stadt zurückkommen. Die Leiche des Verräters laßt hier liegen; wenn sie uns hier suchen sollten, so werden sie sehen, welcher Lohn des Verrats wartet. Und wenn sie ihn nicht finden,« sagte er mit grimmigem Ton, »so sei er den Raben verfallen. Jetzt schnell fort.«

Er zog noch einmal seine Blendlaterne hervor und beleuchtete die Stelle, an welcher in der Mauer die zum Herabsteigen bestimmten Einschnitte befindlich waren.

Die Versammelten stiegen einer nach dem anderen mit behender Geschicklichkeit hinauf.

»Ich gehe nach der Campagna,« sagte Barbarino zu Pietro, »und eher sollen sie des flüchtigen Windes Spur entdecken, als Barbarino Falcone einfangen. Lebt wohl, Pietro, tausend Grüße meiner Lorenza. In wenigen Tagen sollt ihr von mir hören. Ich denke meinen Weg in die Aula sicher zu finden.«

Er drückte Pietro Barghili die Hand, ließ ihn voransteigen und folgte ihm dann auf dem beschwerlichen Treppenwege, der aus der Höhle hinausführte.

Unmittelbar darauf verlöschte das Licht der Blendlaterne und auch derjenige, welcher diese düstere und geheimnisvolle Versammlung geleitet hatte, stieg auf demselben Weg aus der Tiefe hervor.

Nach wenigen Augenblicken waren alle diese dunklen Gestalten in der Finsternis der Nacht verschwunden, und vom hohen Himmel herab blickten die Sterne in die Tiefe der Höhle, in deren Ecke starr und unbeweglich der Leichnam des Verurteilten lag.

Der Mann, welchen die Verschworenen als ihren Meister anerkannt hatten, schritt langsam an den Riesenmauern der Thermen des Caracalla entlang der Straße der Porta San Sebastiano zu.

Tief in seinen Mantel gehüllt hatte er einige Schritte auf dieser Straße gemacht, als eine Kalesche mit geschlossenem Verdeck, von zwei starken Pferden gezogen, langsam auf dem Wege nach der Stadt hin heranfuhr. Der Kutscher, in der Phantasielivrée der Wagenverleiher, hielt ohne einen merkbaren Ruck die Pferde an, der Mann im Mantel öffnete ebenso leise und unbemerkt den Schlag und verschwand im Innern des Wagens. Schnell trieb der Kutscher die Pferde an und nach kurzer Fahrt hielt der Wagen vor dem Albergo di Europa auf der Piazza di Spagna.

Der Portier eilte, den Schlag zu öffnen, – Signor Franzeschini kam selbst diensteifrig unter das von hellem Gaslicht beleuchtete Portal.

Aus dem Wagen stieg ein Mann, der dem Anschein nach etwa sechzig bis fünfundsechzig Jahre alt sein mochte. Sein gesund aussehendes, weiß und rotes Gesicht mit langer, gerader, scharf geschnittener Nase und feinem, weich gezeichnetem frischem Munde war umgeben von einem zur Seite herabhängenden grauen Backenbart. Dieser Mann trug ein äußerst sauberes und elegantes Kostüm von sogenannter Pfeffer- und Salzfarbe, ein Zylinderhut von feinem weißem Filz bedeckte seinen Kopf, und unter dem Rande dieses Hutes blickten geistvolle und scharf beobachtende, aber zugleich vornehm abwehrende und kalt phlegmatische Augen hervor.

Er ging langsam, aber mit kräftig elastischem Schritt dem Hotel zu.

»Morgen, zwei Stunden vor dem Diner«, sagte er in fremdländischem, etwas gutturalem Akzent dem Portier, der diesen Befehl dem Kutscher wiederholte, und trat in das Tor des Hotels.

Mit leichtem Kopfnicken grüßte er den sich tief verneigenden Signor Franzeschini.

»Mylord haben Befehle?« fragte der dienstfertige Hotelier, indem er den Fremden bis zur Treppe in den ersten Stock begleitete, in ziemlich schlechtem Englisch.

»Meinen Tee und geröstete Toasts, wie gewöhnlich«, erwiderte dieser in jenem kurzen, kalten Ton der vornehmen Engländer.

Er stieg die Treppe hinauf und trat in eine Tür auf dem Korridor des ersten Stocks, welche ein alter Diener in schwarzem Frack und weißer Krawatte, der vor derselben wartend gesessen hatte, schnell aufstehend öffnete.

Zehntes Kapitel

Der Herbst war weiter und weiter vorgeschritten, und mit gelblichem Schimmer färbten sich die bis dahin so tiefgrünen Wälder, welche die Höhen um Gmunden bekränzen.

Auch der Park, welcher die Villa Thun, die Sommerresidenz des Königs Georg V., umgab, hatte seine dunklen Schatten unter dem herbstlichen Hauch gelichtet, dichter und dichter waren die welken Blätter herabgefallen, und nachdem der Wind sie spielend wie eine fliegende Erinnerung der Sommerzeit über den Plan vor dem Hause hin und her gewirbelt, kam der kalte Regen und vermischte sie mit dem erweichten Staub des Bodens, in dem sie sich auflösen sollten, um im nächsten Frühjahr den Wurzeln der Gräser und Kräuter neue Kraft zu geben.

Ein grauer Dunstkreis umgab die Bergspitzen und schloß die Villa des Königs in eine dichte und undurchdringliche Nebelmauer ein. Langsam und gleichmäßig fielen die kalten Regentropfen auf die Erde nieder, und düster wie die Natur war das edle, bleiche Antlitz des Königs Georg, welcher in seinem Zimmer im Erdgeschoß der Villa saß und dem Vortrag des Grafen Platen zuhörte, der ein großes Aktenheft vor sich aufgeschlagen hatte, während der geheime Kabinettsrat Doktor Lex, in sich zusammengekauert und unter dem durch das offene Fenster dringenden Luftzug fröstelnd, mit einem Bleistift Notizen auf einen vor ihm liegenden Bogen Papier machte.

»Die Untersuchung ist also geschlossen,« sagte der König mit trüber Stimme, »und hat das traurige Resultat ergeben, daß wiederum mein Vertrauen in Personen, welche ich zu den Treuesten rechnete, getäuscht worden ist, getäuscht um des elenden Mammons willen, den ich stets so tief verachtet, der niemals für mich bestimmend gewesen ist. Es ist traurig, sehr traurig.«

»Gewiß, Majestät,« erwiderte Graf Platen, dessen Gesicht im Gegensatz zu dem des Königs den Ausdruck einer gewissen Heiterkeit und Zufriedenheit zeigte, – »gewiß, Majestät, ist das sehr traurig, aber Allerhöchstdieselben haben bei diesen schmerzlichen Erfahrungen auch zugleich die hohe Genugtuung, daß Seine königliche Hoheit der Kronprinz, welchem Sie die Führung der Untersuchung übertragen haben, die Sache mit so großer Umsicht, mit so strengem Gerechtigkeitssinn und mit so eindringendem Scharfblick geleitet hat.«

»Das ist gewiß sehr erfreulich,« erwiderte der König tief aufseufzend, – »indeß wäre es mir doch unendlich lieber gewesen, wenn die erste praktische Geschäftstätigkeit des Kronprinzen eine andere Sache zum Gegenstand gehabt hätte. Es tut mir leid um Elster,« fuhr er fort, – »aber ich kann das verschmerzen, ich habe ihn aus der Dunkelheit des Subalterndienstes hervorgezogen, ich habe mich in ihm getäuscht, ich habe mir nur selbst den Vorwurf zu machen, daß ich ihm eine Verantwortlichkeit auflegte, der er nicht gewachsen war. Aber Wedel,« sagte er, indem er die Stirn in beide Hände stützte, – »Wedel, der einer der ersten Familien meines Königreichs angehört, – Wedel, den ich liebe wie einen Freund – daß auch er schuldig ist, daß auch er mein Vertrauen getäuscht hat, daß ist ein tiefer, bitterer Schmerz für mich, den ich lange nicht werde überwinden können.«

»Es ist allerdings unbegreiflich, Majestät,« sagte Graf Platen, indem er seinen Kopf auf das vor ihm aufgeschlagene Aktenfaszikel herabbeugte, »es ist unbegreiflich, wie es möglich gewesen, daß Graf Wedel Maßregeln hat billigen und mit sanktionieren können, welche die Rechte Eurer Majestät so tief beeinträchtigen, denn er hätte doch, sobald ihm die Operationen von Elster bekannt wurden, als Mitverwaltungsrat dagegen protestieren müssen. Ich will mir kein Urteil darüber erlauben, was den Grafen Wedel bestimmt haben kann, den Elsterschen Spekulationen freie Hand zu lassen.«

Der König hatte in tiefem Nachdenken dagesessen und schien die Worte des Grafen Platen kaum gehört zu haben.

»So ist denn das kleine Vermögen,« sagte er mit traurigem Ton, »über welches ich allein noch verfügen kann, nachdem all' mein Besitz mit Beschlag belegt worden, wieder erheblich verringert, und ich werde nicht nur von neuem in den Mitteln zu dem Kampf um mein Recht beschränkt, sondern ich werde auch in meinem eigenen Haushalt mich noch weiter einschränken müssen, – doch das will ich gern tragen. Wenn es nur möglich zu machen ist, daß die Königin und die Getreuen, welche meine Verbannung teilen, keine Not leiden.«

»Der materielle Verlust, Majestät,« sagte Graf Platen, »der Eure Majestät bei dieser Sache trifft, wird nicht so groß sein, als es am Anfang zu fürchten war, und ich hoffe, wenn die Maßregeln ausgeführt werden, welche ich mit dem Finanzassessor Kniep und dem Kommerzienrat Ezechiel Simon in Aussicht genommen habe, der königliche Haushalt keine Einschränkung zu erleiden haben wird –«

»Aber,« fiel der König ein, »meine zwanzigtausend Stück Aktien, welche im Depot der Wiener Bank lagen, sind ja von Elster für seine Spekulation verpfändet worden.«

»Diese zwanzigtausend Stück Aktien,« erwiderte Graf Platen, »sind von der Wiener Bank freigegeben worden infolge der energischen Vorstellungen, welche gegen die Verwendung derselben gemacht wurden –«

»Wie hat sich die Bank dazu verstanden?« fragte der König überrascht. »Ich kann doch weder erwarten, daß die Wiener Bank aus Rücksicht für mich einen Verlust auf sich nehme, noch würde ich eine solche Rücksicht annehmen können.«

»Die Bank hat kein Recht aufgegeben, Majestät,« erwiderte Graf Platen schnell, »denn die Verpfändung der zwanzigtausend Stück Aktien Eurer Majestät durch den Doktor Elster war nicht rechtsgültig erfolgt, da Graf Wedel derselben nicht zugestimmt hatte.«

»Wedel hatte der Verpfändung nicht zugestimmt?« rief der König – »ich habe geglaubt, daß das der Fall gewesen wäre.«

»Graf Wedel, Majestät,« sagte der Geheime Kabinettsrat Lex, »hat sogleich nach seiner Rückkehr von Franzensbad nach Wien bei dem Verwaltungsrat der Bank einen Protest gegen die Verpfändung dieser Aktien und ebenso gegen die Verpfändung seines Privatvermögens erhoben, und die Folge davon ist gewesen, daß die zwanzigtausend Stück Aktien Eurer Majestät freigegeben worden sind –«

»Ebenso wie das Privatvermögen des Grafen Wedel,« fiel Graf Platen ein, »welches ebenfalls durch Elster verpfändet worden war.«

Der König rieb sich mit der Hand die Stirn.

»Aber, mein Gott,« rief er, »dann hat mir ja Wedel eine große Summe gerettet, und wenn die Verpfändung der Aktien ohne seine Zustimmung erfolgt ist –«

»Es wäre die Pflicht des Grafen Wedel gewesen,« sagte Graf Platen rasch, »gegen die Verpfändung zu protestieren, als dieselbe geschah, und nicht erst jetzt, nachdem die Katastrophe eingetreten war. Und als von Eurer Majestät bestellter Verwaltungsrat hätte er wissen müssen, daß diese Verpfändung erfolgt sei. Und es ist kaum anzunehmen, daß er es damals nicht gewußt habe, und daß er jetzt den Protest erhoben hat, war allerdings das Mindeste, was er tun konnte, um die verderblichen Folgen für Eure Majestät so viel als möglich zu vermindern und zugleich sein ebenfalls verpfändetes Privatvermögen zu retten.«

Der König blickte lange sinnend vor sich nieder.

»Ich verstehe das nicht,« rief er, »da ist etwas nicht klar. Wenn der Graf Wedel der Verpfändung der Aktien nicht zugestimmt hat, wenn er jetzt durch seinen Protest dieselben für mich gerettet hat, so sehe ich nicht klar, welcher Vorwurf ihm dann gemacht werden könnte.«

»Eure Majestät,« sagte Graf Platen, »dürfen nicht vergessen, daß Graf Wedel selbst Mitglied des Verwaltungsrats war, daß er also von jenen Spekulationen des Doktor Elster und von der durch denselben vorgenommenen Verpfändung der Aktien hätte Kenntnis haben müssen, und das ist jedenfalls eine schwere Unterlassungsverschuldung seinerseits, daß er die Dinge, in welche er einzugreifen befugt und verpflichtet war, so lange hat gehen lassen, bis die so traurigen Folgen für die Bank und das Vermögen Eurer Majestät eintraten.«

»Aber Graf Wedel war in Franzensbad,« sagte der König, »er war schwer erschüttert durch den Verlust seiner Kinder und die Todesgefahr seiner Frau.«

»Das trat erst später ein, Majestät,« sagte Graf Platen, »und so sehr diese traurigen Umstände das Mitgefühl für den Grafen Wedel in Anspruch nehmen, ebensowenig können sie seine Unachtsamkeit in seinen Funktionen als Verwaltungsrat rechtfertigen. Graf Wedel erkennt das ja auch übrigens vollkommen selbst an, da er bei Eurer Majestät seinen Abschied eingereicht hat in der eigenen Überzeugung, daß nach dem Vorgefallenen seine Stellung als Hofmarschall eine Unmöglichkeit geworden sei.«

»Ich habe ihm,« sagte der König,« infolge des Berichts der Untersuchungskommission die Aufforderung zugehen lassen, seinen Abschied einzureichen, und da hat er kaum etwas anderes tun können, – aber wenn sich wirklich herausstellt, daß ihn keine oder doch nur eine verhältnismäßig geringe Unterlassungsschuld trifft, so –«

»Majestät,« sagte Graf Platen, »ich bin absichtlich der ganzen Sache fern geblieben, um mich vor dem Vorwurf zu sichern, daß ich möglicherweise durch eine persönliche Verstimmung gegen den Grafen Wedel geleitet würde, – Eure Majestät dürfen aber nicht vergessen, daß, wenn Allerhöchstdieselben nunmehr den Grafen in Ihrem Dienst behalten würden, der Eindruck davon in der Öffentlichkeit, namentlich aber im Königreich Hannover selbst ein äußerst ungünstiger, der Sache Eurer Majestät sehr verderblicher sein würde. Gerade in Hannover, wo man allgemein die Beteiligung Eurer Majestät an der Bank in hohem Grade mißbilligte, wo man mit äußerster Spannung der Entwickelung dieser Angelegenheit folgt, würde ein solches Desaveu des Prinzen, auf dem die zukünftigen Hoffnungen des Landes beruhen, ein tiefes Befremden hervorrufen.«

Der König schwieg eine Zeitlang, seine Miene drückte tiefe Traurigkeit aus.

»Aber wenn Wedel sich rechtfertigen könnte,« sagte er mit halblauter Stimme, »er ist vom Schicksal schon so schwer getroffen, wenn er nun auch an seiner Ehre gekränkt werden sollte, ohne daß eine eigentliche Schuld ihn träfe, nachdem er für mich schon wegen Hochverrats zur Zuchthausstrafe verurteilt worden ist?«

»Es handelt sich ja doch nur um seine Entlassung aus Eurer Majestät Dienst«, sagte Graf Platen. »Und so sehr ich persönlich Mitleid mit dem traurigen Familienschicksal des Grafen Wedel habe, so steht mir doch,« fuhr er mit einer gewissen Emphase fort, »die Sache Eurer Majestät höher. Und Eure Majestät werden mir zugeben müssen, was ich nicht genug wiederholen kann, daß, wenn der Graf Wedel nach dem Vorgefallenen in Ihrem Dienst bliebe, vor der Welt das Verfahren des Kronprinzen und das Resultat der von ihm geführten Untersuchung in ein sehr zweifelhaftes Licht gestellt würde. Mehr noch,« sprach er weiter, »die Welt würde sagen, Elster und Wippern hat man fallen lassen, den Grafen Wedel aber, weil er eben Graf und Hofmarschall war, hat man gehalten. Und ein solches Urteil in der Öffentlichkeit würde in der jetzigen Zeit noch schädlicher wirken, als wenn Eure Majestät auf Ihrem rechtmäßigen Thron säßen, denn es würde die getreuen und opferfreudigen Anhänger entfremden.«

»Es tut mir weh um Wedel,« sagte der König immer mit traurig niedergesenktem Haupt, – dann plötzlich richtete er sich empor, und indem er den Kopf nach der Seite des Kabinettsrats hinwandte, sprach er lebhafter: »aber es gibt ja ein Mittel alles zu ordnen und nach allen Seiten hin gerecht zu werden. Graf Wedel hat es selbst angegeben, wie Sie mir vorhin sagten, lieber Lex, nicht wahr?«

»Der Herr Graf,« erwiderte der Kabinettsrat mit seiner scharfen, hohen Stimme, »bittet in einem Brief dringend um persönliches Gehör bei Eurer Majestät, damit er sich wegen der gegen ihn erhobenen Beschuldigung rechtfertigen und Eurer Majestät alle erforderlichen Aufklärungen über sein Verhalten geben könne. Außerdem bittet er, da ihm jeder Rechtsweg in der Sache verschlossen sei, um die Gewährung eines Ehrengerichts, das sein ganzes Verhalten in der Angelegenheit der Wiener Bank prüfen und darüber ein endgiltiges Urteil fällen solle, ob ihn irgend ein Vorwurf träfe. Der Spruch eines solchen Ehrengerichts würde sein Schutz gegen alle nachteiligen und kränkenden Verdächtigungen sein. Der Graf behauptet,« fuhr er fort, »daß ihm bei der Untersuchung, welche der Finanzassessor Kniep und der Professor Maxen unter Vorsitz des Kronprinzen geführt, Fragen vorgelegt worden seien, die er gar nicht verstanden habe und auf welche er in der aufgeregten und erschütterten Stimmung, in welcher er sich damals befand, gar nicht zu antworten imstande gewesen sei. Die unparteiische Prüfung durch ein Ehrengericht werde das alles ins klare stellen.«

»Vortrefflich, vortrefflich,« rief der König aus, indem er erleichtert aufatmete, »das genehmige ich mit Freuden, das ist der Weg, der alles zur Klarheit und gerechten Entscheidung führen kann!«

»Die Berufung eines Ehrengerichts, Majestät,« sagte Graf Platen, »ist gewiß ein sehr günstiger Ausweg, obgleich unter den gegenwärtigen Verhältnissen die Zusammensetzung eines solchen Gerichts einige Schwierigkeiten haben wird. Aber wie die Sachen liegen, halte ich es für unmöglich, daß Eure Majestät den Grafen Wedel jetzt persönlich empfangen können. Ein solcher persönlicher Empfang würde schon seine vollkommene Freisprechung einschließen, denn von Eurer Majestät Allerhöchster Person kann unmittelbar nur Gnade ausströmen, und nach meiner Überzeugung dürfen Eure Majestät einen Diener, gegen welchen Anschuldigungen, durch den Kronprinzen bekräftigte Anschuldigungen vorliegen, niemals persönlich empfangen.«

»Das ist wahr«, sagte der König traurig. »Schreiben Sie also dem Grafen, lieber Lex, daß ich ihn jetzt nicht persönlich empfangen könne, daß ich aber seine Bitte um ein Ehrengericht genehmige und seinen Vorschlägen über dessen Zusammensetzung entgegensehe –«

»Ich glaube nicht, Majestät,« fiel Graf Platen schnell ein, »daß es dem Angeklagten zustehen kann, Vorschläge über die Zusammensetzung des Gerichts zu machen, das über ihn urteilen soll. Es würde vielmehr an Eurer Majestät sein, dies Gericht zu bestimmen –«

»Aber wie?« fragte der König nachdenklich, – »es wird nicht leicht sein –«

Die Tür nach dem Vorzimmer wurde schnell geöffnet und die Königin Marie trat in das Zimmer.

Sie trug ein einfaches Morgenkostüm von dunkelgrauem Stoff, mit kleinen, violetten Bandschleifen garniert. Das volle reiche Haar der Königin war fast ganz weiß geworden und umgab in dichten Flechten ihr Gesicht, in welches zwar die Linien des Alters sich einzugraben begonnen hatten, welches aber in seinen reinen und frischen Farben noch immer einen letzten Schimmer der Jugend zeigte, so daß dies Gesicht und die schlanke, geschmeidige Gestalt in Verbindung mit der weißen Coiffure an jene alten Bilder aus der Rokokozeit erinnerte.

Der Königin folgte unmittelbar die kleine und unscheinbare Gestalt des früheren hannöverischen Staatsministers Windthorst.

Sein weiter dunkler Rock von altmodischem Schnitt hing faltig um die in sich zusammengesunkenen Glieder. Die langen Ärmel bedeckten zur Hälfte die zierlichen, fast zu kleinen Hände mit den spitzen, nervös bewegten Fingern. Der große Kopf mit den spärlichen, aufwärts gekämmten Haaren und der breiten, hohen Stirn, der abgestumpften Nase und dem großen Munde waren vornüber geneigt, und über die großen, runden Gläser seiner etwas auf die Nase herabgesunkenen Brille blickten die kleinen klugen, leicht zusammengekniffenen Augen forschend umher.

Graf Platen und der Kabinettsrat hatten sich erhoben und begrüßten mit tiefer Verneigung die Königin. Auch Georg V. stand auf, als er nach dem Öffnen der Tür mit seinem feinen Gehör das Rauschen des Kleides seiner Gemahlin vernahm.

»Ich bitte um Verzeihung, wenn ich störe, Männchen«, rief die Königin mit ihrer vollen, sonoren Stimme, indem sie mit leichtem Kopfneigen die beiden Herren begrüßte und zum Könige hineilend demselben die Hand reichte. »Unser lieber Minister Windthorst ist angekommen, und ich wollte ihn dir sogleich selbst bringen, da ich überzeugt bin, daß du ihn mit ebensolcher Freude begrüßen wirst wie ich, und daß er dir vielleicht auch bei dieser Beratung nützlich sein kann«, fügte sie mit einem schnellen Seitenblick auf den Grafen Platen hinzu.

Sie trat zur Seite.

Der König streckte die Hand aus und rief:

»Ich danke Ihnen, mein lieber Minister Windthorst, daß Sie so schnell gekommen sind, – ich bedarf Ihres Rats, Ihrer Klugheit, Ihrer Gewandtheit, und hoffe nur,« fügte er mit einem bitteren Lächeln hinzu, »daß Ihnen Ihr Verkehr mit mir keinen Hochverratsprozeß zuziehen wird.«

»Majestät,« erwiderte der Minister Windthorst mit seiner etwas dumpfen Stimme in den Kehltönen des osnabrückischen Dialekts, »meine persönliche Ergebenheit gegen Allerhöchstdieselben bleibt unter allen Umständen unverändert, und wenn Eure Majestät meiner bedürfen, werde ich stets zu Ihrer Verfügung stehen, unbekümmert um die Folgen, welche mich treffen können. Übrigens,« fuhr er fort, »wird mir auch in Berlin niemand einen Vorwurf aus meiner Anhänglichkeit für Eure Majestät machen. Man weiß, daß ich nicht agitiere und konspiriere, und wenn ich Eurer Majestät in Ihren persönlichen Angelegenheiten meinen Rat gebe, so wird darauf schwerlich irgend ein Staatsanwalt einen Hochverratsprozeß machen können.«

»Wie wohl tut es uns,« rief die Königin, »in so unglücklicher Zeit immer noch so viel Ergebenheit und Anhänglichkeit zu begegnen, in einer Zeit,« fuhr sie seufzend fort, »in der man leider nach allen Richtungen so traurige Erfahrungen macht. Immer ist es mir eine Herzensfreude, Sie zu sehen, mein lieber Windthorst, – Ihr unzerstörbarer Humor, den sie unter allen Verhältnissen sich zu erhalten wissen, frischt mich immer wieder von neuem auf und gibt mir auf Augenblicke wenigstens die Heiterkeit wieder.«

»Ich lasse meinen Humor nicht so leicht zerstören,« erwiderte Windthorst, – »er ist für mich nicht nur ein Trostmittel, sondern auch eine kräftige Waffe, und ich versichere Eure Majestät, daß meine Gegner über meinen Humor nicht lachen werden«, fügte er hinzu, indem seine breiten Lippen sich auf einander preßten und seine kleinen Augen in schnellem Blitz aufleuchteten.

»Ich will nicht länger stören,« sagte die Königin, »ich bin jetzt ganz ruhig und glücklich, da ich Sie hier weiß. Ihr feiner Geist wird dem Könige helfen, die rechten Wege zu finden, um die Verlegenheiten zu überwinden, in welche böse und falsche Menschen ihn gestürzt haben, Menschen, welche nicht müde werden konnten,« fügte sie mit scharfer Betonung hinzu, »Zweifel an der Gesinnung der wirklich treuen und ergebenen Diener zu erregen.«

Der König hatte schweigend und ernst zugehört, anscheinend mit seinen Gedanken beschäftigt. Er küßte seiner Gemahlin die Hand. Graf Platen eilte zur Tür, um dieselbe zu öffnen. Mit leichtem Gruß verließ die Königin das Zimmer.

Der Geheime Kabinettsrat hatte einen Sessel für den Minister Windthorst herangeschoben und der König begann nach einem augenblicklichen Schweigen:

»Sie wissen, mein lieber Minister, wegen welcher traurigen und verworrenen Sache ich Sie gebeten habe hierher zu kommen, um mir Ihren so oft schon bewährten Rat zu geben. Sie haben in Hietzing den Kronprinzen und den Finanzassessor Kniep gesprochen?«

»Ich bin genau informiert, Majestät,« erwiderte der Minister Windthorst, »über die ganze traurige und verhängnisvolle Angelegenheit. Ich habe auch den Grafen Wedel gesprochen,« fügte er hinzu, »er hat mein tiefstes Mitgefühl erregt,« sagte er, indem seine Stimme einen Ausdruck persönlicher Teilnahme annahm, »er ist vollständig gebrochen durch das schmerzliche Schicksal, das ihn in seinem Hause betroffen, und durch den für Eure Majestät so verhängnisvollen Ausgang des Unternehmens, an welchem er so unmittelbar beteiligt war.«

»Und was glauben Sie,« rief der König, »was in der Angelegenheit der Wiener Bank geschehen muß? Halten Sie es für möglich, daß dieselbe weiter bestehen könne, und daß der Schaden wieder gut gemacht werde?«

»Ob die Wiener Bank,« erwiderte der Minister Windthorst, »weiter bestehen könne oder nicht, ist eine finanzielle Frage, über die ich für jetzt wenigstens mich jedes Urteils enthalten möchte, die mir auch, wie ich aufrichtig sagen muß, völlig gleichgültig ist. Daß Eure Majestät aber sich so schnell und so vollständig als möglich aus dieser ganzen Angelegenheit herausziehen müssen, halte ich für eine absolute Notwendigkeit, und je schneller Eure Majestät dies tun, um so geringer wird auch nach meiner Überzeugung der Schaden sein, welcher Allerhöchstdieselben dabei betrifft, – denn ganz ohne einen solchen, glaube ich, werden Eure Majestät nicht davon kommen.«

»Ich will alles tun, um zu verhüten,« rief der König lebhaft, »daß die Aktionäre nicht zu sehr geschädigt werden, die ja zum großen Teil im Vertrauen auf meinen Namen sich der Sache angeschlossen haben.«

»Ich habe,« sagte der Minister Windhorst, »alle Vorschläge, welche vom Finanzassessor Kniep zur Abwickelung der Sache gemacht worden sind, sowohl in finanzieller wie in juristischer Beziehung nur vollständig billigen können. Ich habe meine Randbemerkungen dazu gemacht und werde demnächst Eure Majestät bitten, sobald die Aktenstücke vollständig beisammen sind, dieselben eingehend und im Zusammenhang vortragen zu dürfen.«

»Was nun gewisse persönliche Beziehungen betrifft,« fuhr er fort, indem er über seine Brille hin einen scharfen Blick nach dem Grafen Platen hinwarf, »so bin ich der Meinung, daß dieselben völlig der Vergessenheit anheimgegeben werden müssen, und daß die betreffenden Papiere, Quittungen und so weiter den in Frage kommenden Personen wieder zurückgestellt werden sollen.«

»Ganz meine Meinung,« rief der König, »je schneller diese ganze Angelegenheit vollständig begraben wird, um so wohler wird mir sein. Wollen Sie dafür sorgen, Graf Platen, daß in dem von dem Minister Windthorst bezeichneten Sinne die mit der Bank zusammenhängenden persönlichen Angelegenheiten erledigt werden?«

»Zu Befehl, Majestät,« sagte Graf Platen, sich verneigend, »man könnte aber doch vielleicht –«

»Nein, nein,« rief der König mit der Hand abwehrend, »ich will die ganze Sache nach allen Richtungen hin definitiv und ohne Bedingungen abschließen –«

»Und dadurch werden Eure Majestät mehr Dank und mehr Nutzen haben,« fiel der Minister Windthorst ein, »als durch jedes andere Verfahren.«

»Sie haben den Grafen Wedel gesehen?« fragte der König.

»Zu Befehl, Majestät,« erwiderte Windthorst, »er war sehr niedergedrückt durch all das Unglück, das über ihn hereinbricht, und hat in der Tat mein aufrichtiges Mitgefühl erregt.«

Graf Platen blickte ein wenig befremdet und mit leichter Unruhe zu dem Minister Windthorst hinüber.

»Ja, ja,« rief der König lebhaft, »er ist hart getroffen, und ich möchte gern alles tun, um seine Lage zu erleichtern. Er hat den Wunsch ausgesprochen, daß ein Ehrengericht sein Verhalten bei der Wiener Bank prüfen und darüber urteilen solle. Und ich glaube auch, daß dies der Weg ist, auf dem man am besten zu einem gerechten und allerseits befriedigenden Abschluß der ganzen Angelegenheit kommen kann. Nur wird die Bildung eines solchen Ehrengerichts, da meine Armee aufgelöst ist, ihre großen Schwierigkeiten haben.«

»Das glaube ich nicht, Majestät,« sagte der Minister Windthorst, »es werden sich genug Personen finden, welche auf Eurer Majestät Befehl zu einem Ehrengericht zusammentreten, und auch von preußischer Seite wird man denselben daraus keinen Vorwurf machen können, da ja ein Ehrengericht eine ganz private Sache ist und sein Urteil eben nur eine moralische Wirkung haben soll und haben kann. Ich glaube, daß die Sache sich ohne große Schwierigkeiten formulieren lassen wird.«

»Das wäre ja vortrefflich,« rief der König lebhaft, »wollen Sie, mein lieber Minister, mir das Statut eines zu bildenden Ehrengerichts entwerfen, damit ich auch diese Sache zum Abschluß bringen kann.«

»Ich habe bereits darüber nachgedacht, Majestät,« erwiderte der Minister Windthorst, »und werde mich sogleich an die Arbeit machen, denn auch ich wünsche dringend,« fügte er mit einem eigentümlichen Ton der Stimme hinzu, »daß dem Grafen Wedel volle Gerechtigkeit widerfahre.«

Ein leises, fast unmerkliches Lächeln spielte um die Lippen des Grafen Platen.

»Doch nun, mein lieber Minister,« rief der König, »sollen Sie sich zunächst von Ihrer Reise erholen. Für Ihr Quartier werde ich sorgen lassen, Sie bleiben ja einige Tage hier und wir werden alle diese Sachen genau durchsprechen. Ruhen Sie sich ein wenig aus, ich sehe Sie zu Tische wieder und will meinerseits vorher noch einen Spaziergang machen, denn die frische Luft ist mein Lebenselement, und ich bin heute den ganzen Morgen in meinem Zimmer gewesen.«

Er erhob sich und reichte dem Minister Windthorst die Hand; dieser zog sich mit einer tiefen Verbeugung zurück.

»Dürfte ich Eurer Majestät Gehör noch auf einen kurzen Augenblick in Anspruch nehmen?« sagte Graf Platen, zu dem Könige herantretend, der bereits die Glocke ergriffen hatte, um nach dem Kammerdiener zu klingeln.

»Nun,« sagte Georg V., ein wenig erstaunt den Kopf wendend, »was haben Sie noch? Ist es eilig?«

»Es ist eine etwas unangenehme und peinliche Sache, und darum vielleicht doppelt eilig«, erwiderte Graf Platen.

»Sprechen Sie,« sagte Georg V., indem er sich seufzend wieder auf das Sofa setzte, während der Geheime Kabinettsrat vor seinem Stuhl stehen blieb und leise fröstelnd den Rockkragen in die Höhe schlug.

»Ich habe ein Schreiben erhalten,« sagte Graf Platen, »in welchem mir mitgeteilt wird, daß der Staatsrat Klindworth sich im Besitz eines Memoires befinde, welches Eurer Majestät Unterschrift trägt und welches über die Wiedervereinigung der ehemals welfischen Besitzungen handelt. Die Veröffentlichung dieses Memoires würde, wie man mir sagt, nach allen Seiten hin höchst peinliche Folgen haben, und es wird mir die Auslieferung desselben gegen eine Zahlung von zehntausend Gulden offeriert.«

»Von Klindworth?« fragte der König rasch.

»Nein, Majestät,« erwiderte Platen, – »in solchem Fall pflegt man nicht den geraden und direkten Weg zu gehen, – von –«

Er näherte sich leise dem Ohr des Königs und flüsterte mit gedämpfter Stimme einen Namen.

»Eure Majestät wissen,« fuhr er dann fort, »daß ich allen Beziehungen, welche Allerhöchstdieselben mit dem Staatsrat Klindworth gehabt haben, völlig ferngeblieben bin, und ich möchte Eure Majestät deshalb fragen, ob der Staatsrat sich wirklich im Besitz eines Schriftstückes befinden könne, dessen Bekanntwerden unangenehme Folgen nach sich ziehen und nach irgendeiner Richtung kompromittierend sein möchte. Sollte dies der Fall sein, so würde ich allerdings dafür stimmen, dasselbe zurückzukaufen, wobei sich ja dann vielleicht noch eine Ermäßigung des Preises würde erreichen lassen.«

Der König rieb sich mit einer gewissen Verlegenheit die Hände.

»Ich habe,« sagte er dann, »dem Staatsrat Klindworth, dessen Geist und Erfahrungen mich lebhaft interessierten, meine Meinung über viele Dinge und auch über die so eigentümlich mit der Geschichte Deutschlands verwebten Schicksale des Welfenhauses entwickelt, und vertraulich ausgesprochene Ansichten eignen sich gewiß niemals für eine öffentliche Kritik. Der Kabinettsrat,« fuhr er, sich zu dem Doktor Lex wendend, fort, »wird sich erinnern, ob etwa Kompromittierendes in jenen Notizen enthalten sein kann, welche der Staatsrat in Händen hat.«

»Bei einer Veröffentlichung vertraulich ausgesprochener Meinungen,« erwiderte der Geheime Kabinettsrat, »kann eine übelwollende Kritik stets kompromittierende Folgen haben, und ich glaube, daß es allerdings wünschenswert wäre, jenes Schriftstück wiederzuerlangen, wenn die Besorgnis entstehen sollte, daß von demselben ein indiskreter Gebrauch gemacht werden könnte.«

»Das möchte wohl mit Sicherheit zu besorgen sein«, sagte Graf Platen achselzuckend. »Es scheint mir also wohl notwendig,« fuhr er fort, »daß ich auf die angebotenen Unterhandlungen eingehe und mit möglichst geringen Opfern versuche, die angedrohte Chantage zu verhindern.«

»Tun Sie das, lieber Graf«, sagte der König, indem er abermals aufstand, und als wolle er den unangenehmen Gegenstand schnell beseitigen, fuhr er mit der Hand über den Tisch und bewegte lebhaft die goldene Glocke, welche auf einem schön ziselierten Teller vor ihm stand.

»Ich lasse den Major von Adelebsen bitten,« sagte er zu dem Kammerdiener, »ich will einen Spaziergang machen.«

Während Graf Platen seine Papiere ordnete und der König die Handschuhe anzog, die der Kammerdiener ihm mit seinem Hut gereicht hatte, trat Herr von Adelebsen in das Zimmer.

Er hielt ein Zeitungsblatt in der Hand und sagte, indem er zu dem Könige herantrat, um ihm den Arm zu reichen:

»Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Eurer Majestät eine traurige Nachricht mitteile, welche in den soeben angekommenen Zeitungen sich befindet.«

»Ich bin die unangenehmen Nachrichten seit lange gewöhnt«, sagte der König mit wehmütigem Lächeln. »Sprechen Sie. Schon Napoleon I. sagte, daß die unangenehmen Nachrichten die eiligsten sind.«

»Graf Wratislaw, Majestät,« sagte Herr von Adelebsen mit trüber Stimme, »hat sich selbst getötet, man hat ihn erstochen in seinem Bett gefunden.«

Der König zuckte zusammen, tiefe Blässe bedeckte sein Gesicht.

»Und weshalb?« fragte er nach einigen Augenblicken leise und zögernd.

»Die Katastrophe der Wiener Bank«, sagte Herr von Adelebsen, »hat seine ohnehin ungeordneten Vermögensverhältnisse vollkommen zerrüttet, er hat keine Hilfe mehr finden können und ist in finsterer Verzweiflung zu diesem entsetzlichen, äußersten Entschluß gekommen.«

»Also auch Blut hat fließen sollen?« sagte der König in dumpfem Ton, indem sein edles Gesicht in tiefem Schmerz zitterte, – »das ist der Fluch des Mammons, der Fluch dieses elenden Goldes, das die Menschen lockt und anzieht, um sie in den Abgrund des Verderbens zu stürzen. Gott sei dieser armen Seele gnädig, die ungerufen vor seinen Richterstuhl tritt,« fügte er mit tief aus der Brust hervortönender Stimme hinzu, »und verzeihe mir die Schuld an dem vielen Jammer, die ich ohne Wissen und Willen auf mich geladen habe. –

»Auf Wiedersehen, Graf Platen«, sagte er, indem er seinen Hut aufsetzte und seinen Arm in den des Major von Adelebsen legte. »Ich muß hinaus in die frische Natur, die ewig rein und schön, von aller Qual und allem Elend der Menschen unberührt bleibt.«

Und er schritt hinaus durch das Vorzimmer unter die herbstlichen Bäume des Parkes hin, indem er mit weitgespannter Brust in tiefen Zügen die reine Bergluft einatmete.

Elftes Kapitel

Der Graf Wedel saß einige Tage darauf in seinem Zimmer im Hotel de l'Europe an der Ecke der Asperngasse zu Wien mit seiner Gemahlin beim Frühstück.

Die Gräfin, eine schlanke junge Dame von feinen, geistvollen Gesichtszügen, mit dunklen, unter scharfen und schöngeschwungenen Brauen hervorblickenden Augen, lag, in einen weiten Morgenrock gehüllt, auf dem Sofa, an welchem der elegant servierte Frühstückstisch stand. Ihr bleiches Gesicht trug die Spuren schwer überstandener Krankheit: körperliches Leiden und der Kummer über den Verlust ihrer Kinder hatten schmerzvolle Linien um ihren Mund gezogen, aber ihre Augen blickten glänzend und voll Mut und Entschlossenheit zu ihrem Gemahl hinüber, der ihr gegenübersaß und mehrmals schon die Tasse mit dem duftenden Tee erhoben hatte, ohne sie an die Lippen zu bringen.

Die hohe, kräftige Gestalt des Grafen schien gebrochen, düster blickte er vor sich nieder, eine fast gleichgültige, schmerzliche Resignation lag auf seinen gramvollen Zügen.

»Laß dich nicht niederdrücken, laß den Mut nicht sinken«, sagte die Gräfin mit einer durch ihre Krankheit etwas matten, aber doch festen und energischen Stimme. »Die Hand des Schicksals hat uns schwer getroffen, wir haben die Freude unseres Lebens, unsere Kinder, verloren, aber du hast alle Klarheit deines Geistes, alle Festigkeit deines Willens nötig, um den Kampf für deinen Namen und deine Ehre durchzuführen. Du darfst in diesem Augenblick nicht an unseren persönlichen Schmerz denken, Gott hat ihn uns auferlegt, Gott wird uns Trost senden, aber in dem Kampf gegen die Feinde, die deine Ehre angreifen, kann niemand dir helfen als du selbst. Darum sei fest und mutig, du wirst und mußt siegen, denn das Recht ist auf deiner Seite, – ich werde nicht müde werden, dir Trost und Mut einzusprechen.«

Sie reichte, sich etwas aufrichtend, ihre zarte, krankhaft durchsichtige Hand dem Grafen über den Tisch hin, die derselbe mit inniger Zärtlichkeit an die Lippen führte.

»Du hast recht,« sagte er, »ich darf mich nicht beugen lassen, ich muß alle meine Kraft zusammennehmen, um diesen Kampf durchzuführen. Aber,« fuhr er fort, indem er aufstand, und mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder ging, »es gehört wahrlich eine fast übermenschliche Anstrengung dazu, um nach so schweren Erschütterungen unter diesen neuen Schlägen nicht zusammenzubrechen. Was ist in diesen wenigen Jahren aus uns geworden?« rief er, an das Fenster tretend und mit starren Blicken in das lebhafte Menschentreiben auf der Jägerzeile hinausblickend. »Wir lebten glücklich in unserer Heimat, in unserem Hause, und nun verbannt, vernichtet, in den Staub getreten von denen, von denen ich doch wenigstens Rücksicht und Teilnahme zu erwarten berechtigt gewesen wäre. Oh, wäre ich daheimgeblieben, wie so viele andere, hätte ich mich schweigend gebeugt unter die neuen Verhältnisse!«

»Kannst du bereuen,« fragte die Gräfin mit leicht vorwurfsvollem Ton, »getan zu haben, was die Pflicht der Dankbarkeit, was deine Ehre von dir forderte? Kannst du bereuen, dem Könige, dem du im Glück so nahe standest, in die Verbannung gefolgt zu sein?«

»Ja,« rief der Graf mit lauter Stimme, indem die starken Züge seines schönen Gesichts in mächtiger Erregung zitterten, »ja, ich bereue es, – denn wohin hat es mich geführt? Ich habe gehandelt,« fuhr er mit bitterem Ton fort, »wie meine Ehre mir zu handeln gebot. Wohin ist meine Ehre vor der Welt gekommen? Ich habe getan, wozu die Dankbarkeit mich verpflichtete, ich habe meine Heimat, mein Glück geopfert, – und welchen Dank gibt man mir dafür? – Doch das wollte ich verschmerzen, denn ich habe nicht Lohn und Anerkennung gesucht, aber daß man es wagt, meine Ehre und meinen guten Namen anzutasten, das ist zuviel, das bricht meine Kraft, das wirft mich nieder.«

Er trat an den Tisch, seiner Gemahlin gegenüber, und indem seine Blicke starr und schmerzvoll auf ihrer zarten Gestalt ruhten, fuhr er mit dumpfem Ton fort:

»Wohin hat es mich geführt, daß ich der Stimme der Ehre allein Gehör gab gegen alle Rücksicht auf meine persönlichen Interessen, gegen den Rat vieler Freunde? Ich bin meinem Könige ins Unglück gefolgt, dafür bin ich von den preußischen Gerichten zu zehnjährigem Zuchthaus verurteilt, und soweit die preußische Macht reicht, bin ich geächtet unter der Last einer entehrenden Strafe, und nun sendet der König, dem ich alles geopfert, mir meinen Abschied auf Grund einer Untersuchung, die ein früherer Subalternbeamter und ein junger Professor geführt haben, – man gibt mich damit jeder Verdächtigung, jeder Verleumdung preis, und während ich auf preußischem Gebiet wenigstens von einem ordentlichen Gerichtshof verurteilt bin, gegen dessen Spruch ich noch rekurrieren kann, wenn ich mich persönlich stelle, so bin ich durch dies Verfahren in den Augen der übrigen Welt moralisch verurteilt, ohne ein Mittel der Rechtfertigung, ohne eine Appellation.«

Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl nieder und stützte den Kopf in die Hände.

»Und es wäre besser,« fragte die Gräfin mit sanftem Ton, »wenn das alles nicht geschehen wäre, wenn du den inneren Vorwurf in dir tragen müßtest, die Pflicht versäumt zu haben, welche ein treuer Diener seinem Herrn, welche ein wahrer Edelmann seinem Könige schuldig ist? Glaube mir, mein teurer Freund,« sagte sie mit strahlendem Blick, »solange du das Bewußtsein in dir trägst, recht gehandelt zu haben, kannst du stolz und frei dein Haupt erheben. Der wahre Wert eines Mannes wird nicht durch das Urteil der Welt bestimmt, nur in seiner eigenen Brust finden seine Taten ihre Richter, und besser ist es bei Gott, von der ganzen Welt verkannt und verleumdet zu sein, als vor sich selber erröten zu müssen.«

Der Graf stand auf, trat zu seiner Gemahlin hin und faßte ihre beiden Hände in die seinigen.

»Ich danke dir,« sagte er mit tiefbewegter Stimme, »du gibst mir den Mut und den Glauben an mich selbst wieder. Und ich danke Gott,« fügte er mit tiefem Gefühl hinzu, indem er die Hände der Gräfin an seine Lippen führte, »daß er dich mir gegeben, denn allein würde ich der schweren Last erliegen, welche diese Zeit auf mich wälzt.«

Er stand einige Augenblicke schweigend vor der Gräfin, welche mit glücklichem Lächeln leuchtenden Blickes zu ihm hinübersah.

»Noch ist ja nicht alles verloren,« sagte sie dann, »der König hat ja das von dir beantragte Ehrengericht genehmigt, – wenn dasselbe zusammentritt, so wird sein Spruch dich vor jeder Verdächtigung und Verleumdung schützen, und wenn du aus der Verbannung zurückkehren willst in die Heimat, so bin ich überzeugt, daß auch das preußische Gericht bei einer Wiederaufnahme deines Prozesses den harten Spruch aufheben wird, der über dich in deiner Abwesenheit gefällt worden ist. Laß uns also Mut und Gottvertrauen haben; solange wir zusammenstehen und aneinander glauben, läßt sich auch das Schwerste ertragen.«

Ein Kellner des Hotels trat ein.

»Es sind zwei Herren da, welche den Herrn Grafen zu sprechen wünschen«, sagte er.

Erstaunt blickte Graf Wedel auf. Er hatte sich in dieser Zeit von aller Welt isoliert und schien nicht begreifen zu können, wer ihn, den vom Unglück so schwer Getroffenen, jetzt aufsuchen könnte.

»Lassen Sie die Herren eintreten«, sprach er.

Der Kellner öffnete die Tür und der Bankier Leo Herzel, ein Mann von feinen, intelligenten und scharfen Zügen, trat in das Zimmer. Ihm folgte der Rechtsanwalt Doktor Mauthner.

Beide verneigten sich tief vor der Gräfin, welche sich ein wenig aufrichtete, um ihren Gruß zu erwidern, und drückten dann dem Grafen herzlich die Hand.

»Wir kommen«, sagte der Bankier Herzel, »im Auftrage des Verwaltungsrats der Wiener Bank, um Ihnen, Herr Graf, die aufrichtige Teilnahme desselben an dem schmerzlichen Unglück auszusprechen, welches Sie durch den Verlust Ihrer Kinder betroffen. Wir sind glücklich,« fügte er hinzu, »daß wir die Ehre haben, die Frau Gräfin hier zu finden, um auch ihr unsere aufrichtigste und innigste Teilnahme ausdrücken zu können.«

Die Gräfin neigte dankend den Kopf und warf ihrem Gemahl einen Blick zu, welcher ihre ganze Freude über die kundgegebene Teilnahme ausdrückte.

Graf Wedel rollte zwei Sessel für die Herren heran. Dieselben setzten sich neben den Tisch und Doktor Mauthner fuhr fort:

»Wir wollten Sie zugleich bitten, Herr Graf, daß Sie zur Bank kommen möchten und sich an unseren Geschäften beteiligen. Dies wird das beste Mittel sein, um Sie von Ihrem Schmerz abzuziehen, Tätigkeit und Arbeit stärken die Seele und bewahren sie vor dem Versinken in Trauer und Schwermut.«

»Sie wissen, meine Herren,« erwiderte Graf Wedel, »daß ich mich an der Bank nur im Auftrage und Vertretung des Königs von Hannover beteiligt habe. Ich habe nach den letzten traurigen Ereignissen meinen Dienst beim Könige aufgegeben und bin daher nicht mehr in der Lage, die von ihm mir übertragenen Funktionen eines Verwaltungsrats auszuüben. Ich denke mich vollständig von den Geschäften und von der Welt zurückzuziehen,« fügte er seufzend hinzu. »Doch«, sagte er dann, »bin ich ein wenig erstaunt über Ihre gütige Aufforderung, mich weiter an den Geschäften der Wiener Bank zu beteiligen. Besteht denn die Bank noch, oder vielmehr, wird sie weiter bestehen? Ich glaubte, daß die über dieselbe hereingebrochene Katastrophe ihr ein Ende machen würde und daß es sich nur noch um die Form der Abwicklung der Geschäfte handle.«

»Wir haben die Hoffnung,« erwiderte Herr Herzel, »die Existenz der Bank zu sichern oder dieselbe wenigstens zu einer für alle Teile befriedigenden Liquidation zu führen. Und auch über diese Geschäfte wollten wir mit Ihnen sprechen, Herr Graf«, fügte er mit einem Seitenblick auf die Gräfin hinzu.

»Wenn ich die Herren störe –« sagte diese, indem sie einen Versuch machte, sich zu erheben.

»Nicht doch,« rief der Graf, »ich habe vor meiner Frau keine Geheimnisse. Meine Herren, sprechen Sie offen, was haben Sie mir zu sagen?«

»Wir stehen in Unterhandlung mit dem Könige,« sagte Doktor Mauthner, sich gegen die Gräfin verneigend, »er hat sich geneigt erklärt, zehntausend Stück Aktien von den zwanzigtausend, welche wir auf Ihren Protest hin freigegeben haben, uns zur Disposition zu stellen.«

»Und damit läßt sich alles ausgleichen?« fragte Graf Wedel.

»Ich fürchte, nicht«, erwiderte Herr Herzel. »Wir werden vielmehr, wie ich besorge, noch eine größere Summe vom Könige verlangen müssen, bevor wir den Vergleich mit ihm abschließen. Außer der Verlegenheit, in welche uns die Zurückziehung Ihres persönlichen Guthabens, Herr Graf, setzt, haben wir noch einen bedeutenden Ausfall dadurch zu erleiden, daß der Zahnarzt Faber sich entschieden weigert, das Defizit zu zahlen, welches ihm nach den von ihm gemachten Geschäften der Bank gegenüber zur Last fällt, – ein Defizit, das sich etwa auf siebenmalhunderttausend Gulden beläuft. Wir tragen nach unseren Verhandlungen mit dem Könige und nach dessen uns kundgegebenen Intentionen Bedenken, diese Forderung gegen Herrn Faber mit den äußersten Mitteln geltend zu machen.«

»Um Gottes willen,« rief Graf Wedel rasch, indem er die Hand ausstreckte, »nein, nein, das geht nicht, das darf nicht geschehen, – lieber alles andere, –Sie wissen nicht –«

»Wir wissen genug,« sagte Doktor Mauthner mit ruhiger Stimme, »um in dieser ganzen Sache mit der äußersten Rücksicht vorzugehen. Indessen auf irgendeine Weise müssen die Verlegenheiten beseitigt werden, und mit den zehntausend Aktien, welche der König uns zur Disposition stellt, wird das nicht in genügender Weise geschehen können. Indessen«, fuhr er fort, »wissen wir auch sehr wohl, daß der König der Bank helfen muß, daß er es nicht zum Einschreiten der Gerichte kommen lassen darf. Denn«, fügte er hinzu, »im äußersten Falle haben wir genügendes Material in den Händen, um, so leid es uns tun würde, eine sehr entschieden zwingende Pression auszuüben.«

Graf Wedel blickte einen Augenblick sinnend vor sich nieder, dann schlug er den Blick zu seiner Gemahlin auf, welche demselben entgegenkam, und glänzenden Auges, als habe sie den Gedanken ihres Mannes verstanden, leicht den Kopf neigte.

»Und glauben Sie,« fragte der Graf, »daß die Bank sich halten oder daß wenigstens ein Eklat vermieden werden kann, wenn ich den Protest wegen meines persönlichen Guthabens fallen lasse?«

»Wir würden dann«, erwiderte der Bankier Herzel, »den Ausfall der Faberschen Forderung leichter ertragen können und uns dem Könige gegenüber mit den zehntausend Aktien, die er zur Disposition gestellt hat, zu begnügen in der Lage sein.«

»Nun wohl,« sagte Graf Wedel schnell, »so lasse ich denn meinen Protest fallen. Ich kann unter keiner Bedingung zugeben, daß der König noch irgendwelche Verluste in dieser Sache habe. Ich will nicht, daß die Welt sagen könne, der König habe Opfer gebracht, während ich mir Vorteile vorbehalte. Ich erkläre mich mit Freuden bereit, alle meine Forderungen an die Wiener Bank fallen zu lassen und meine bei der Bank deponierten Kapitalien zum Besten des Instituts zu verwenden, wenn die Herren mir im Namen des Verwaltungsrats versprechen wollen, keine Ansprüche irgendwelcher Art an den König mehr zu machen. Es ist meine Pflicht, den König vor jedem Verlust zu schützen und zugleich meiner Verantwortung den Aktionären gegenüber, denen mein Name im Verwaltungsrat eine Garantie bieten sollte, im weitesten Sinne nachzukommen. Ich bitte Sie, meine Herren, diese meine Erklärung als bestimmt und gültig anzunehmen. Haben Sie die Güte, dieselbe in rechtsverbindlicher Form aufzusetzen, ich werde sie sofort vollziehen. Dieselbe muß aber an die ausdrückliche und bestimmte Bedingung geknüpft sein, daß die Bank vom Könige nichts mehr zu fordern sich verpflichtet.«

»Doktor Mauthner wird die Erklärung sogleich aufsetzen und Ihnen zusenden«, sagte Bankier Herzel, indem er aufstand und dem Grafen die Hand reichte. »Erlauben Sie mir, Herr Graf,« fuhr er mit bewegter Stimme fort, »Ihnen meine aufrichtigste Anerkennung Ihrer so noblen Handlungsweise auszusprechen. Was Sie soeben getan haben, ist nicht geschäftsmäßig, aber obgleich ich ein reiner Geschäftsmann bin, so habe ich doch Verständnis für die hochherzige Handlungsweise eines Kavaliers wie Sie, und ich muß Ihnen sagen, daß ich in meiner ganzen finanziellen Erfahrung noch nie einer ähnlichen Handlung begegnet bin. Der König von Hannover ist wahrhaft glücklich zu preisen, daß er solche Diener hat wie Sie, die ihm in die Verbannung gefolgt sind. Viele Herrscher auf dem Thron können sich solcher Hingebung und Aufopferung nicht rühmen.«

Graf Wedel seufzte tief und schmerzlich.

»Ich hätte besser der ganzen Finanzwelt fernbleiben sollen; da ich mich aber einmal in diese Sache gemischt habe und in diese Katastrophe geraten bin, muß ich mich auch aus derselben so herausziehen, daß mein Gewissen mir das Zeugnis gibt, der Pflicht und Ehre gemäß gehandelt zu haben.«

Die Gräfin blickte mit dem Ausdruck freudiger Zustimmung zu ihrem Gemahl hinüber.

Die beiden Herren wechselten noch einige Worte und empfahlen sich dann.

»Wie glücklich trifft es sich,« sagte die Gräfin, als sie das Zimmer verlassen, »daß diese Gelegenheit sich bietet, um deine Ehrenpflicht dem Könige und den Aktionären gegenüber so voll und ganz zu erfüllen, daß auch nicht der leiseste Vorwurf dich treffen kann! Jetzt muß wenigstens jedermann sehen, daß keine eigennützigen Motive dich geleitet haben. Und wenn du wirklich in der Form etwas versäumt haben solltest, wenn das Ehrengericht zusammentritt, wird dein Name von jedem Makel, von jedem Schatten eines Verdachts gereinigt dastehen.«

Graf Wedel ging in finstern Gedanken auf und nieder.

»Und wenn man nun,« sagte er, vor seiner Gemahlin stehenbleibend, »wenn man nun in Hietzing vielleicht gerade diesen meinen Verzicht so zu deuten versuchte, als habe ich durch denselben meine Verschuldung wieder gutmachen wollen, als hätte ich etwas abzubüßen?« –

»Welcher Gedanke!« rief die Gräfin, »du siehst zu schwarz! Wenn es Menschen gäbe, die niedrig genug dächten, eine solche Insiunation zu versuchen, glaubst du, daß der König derselben zugänglich sein könnte?«

Graf Wedel schwieg.

»Früher hätte ich nein geantwortet,« sagte er dann, »die letzte Zeit hat meine Gedanken und Anschauungen verwirrt. Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll, ich weiß nicht, ob Briefe und Darstellungen an den König richtig gelangen. Er scheint mir wie mit einer chinesischen Mauer umgeben und niemand kann zu ihm herandringen. Der arme Herr – wenn es so fort geht, wird er bald allein dastehen, von allen getrennt, die ihn geliebt und ihm gefolgt sind.«

Ein Schlag gegen die Tür ertönte. Einer der jungen hannöverischen Emigranten, welche den Ordonnanzdienst in Hietzing versahen, trat ein und überbrachte dem Grafen ein großes versiegeltes Schreiben.

»Ein Brief aus Gmunden,« sprach er, »der soeben angekommen und sogleich dem Herrn Grafen überbracht werden soll.«

Und mit kurzem militärischen Gruß entfernte sich der Soldat wieder.

Fast zitternd hielt Graf Wedel das Schreiben in seiner Hand. Dann öffnete er langsam das Siegel und durchflog den kurzen Brief, der eine größere Anlage hatte.

»Der Geheime Kabinettsrat teilt mir mit,« sagte er, nachdem er den Inhalt des Schreibens durchflogen, »daß der König das von mir beantragte Ehrengericht genehmige und sendet mir das von Seiner Majestät festgestellte Statut über die Zusammensetzung desselben.«

Er reichte der Gräfin das Schreiben, während er selbst die Anlage entfaltete und neben dem Tisch sich niedersetzend aufmerksam deren Inhalt durchlas.

»Siehst du,« sagte die Gräfin, »daß mein Vertrauen gerechtfertigt war? Der König bietet dir bereitwilligst den Ausweg, um deine Ehre von jedem Vorwurf zu reinigen – es konnte ja nicht anders sein.«

Forschend und erwartungsvoll blickte sie auf ihren Gemahl, welcher in die Lektüre des Schriftstückes vertieft war.

Immer finsterer zogen sich seine Augenbrauen zusammen, sein Gesicht wurde bleich, seine Lippen bebten, in raschen Zügen stieß er den Atem aus seiner schwer arbeitenden Brust, mehrmals fuhr er mit der Hand über die Stirn und blickte starr auf das Papier in seiner Hand, als traue er seinen Augen nicht.

»Nun,« fragte die Gräfin unruhig und besorgt, »was hast du, was bewegt dich? Es ist ja doch der beste, ja vielleicht der einzige und von dir selbst vorgeschlagene Ausweg, um alles ins gleiche zu bringen.«

Der Graf warf das Papier heftig auf den Frühstückstisch.

»Das ist eine Komödie,« rief er, »eine unwürdige Komödie, welche ersonnen ist, um den Mord meiner Ehre zu sanktionieren!«

»Mein Gott,« rief die Gräfin erschrocken, »wie ist das möglich? Du täuschest dich.«

»Ich täusche mich?« rief der Graf mit bitterem Hohn, – »nun, ich werde dies Statut Mauthner vorlegen – ich bin selbst nicht Jurist, – er wird das besser erkennen – du wirst sehen, was er sagt.«

Traurig blickte die Gräfin vor sich nieder, indem sie ihre zarten weißen Hände faltete.

»Und wenn deine Besorgnis gerechtfertigt ist, – wenn das Vertrauen, das mich bis zu diesem Augenblick erfüllte, getäuscht ist, – was denkst du zu tun?« fragte sie.

»Was ich zu tun denke?« rief der Graf heftig, »nach Hannover will ich zurückkehren, ich will mich den preußischen Gerichten stellen und meinen Hochverratsprozeß wieder aufnehmen lassen. Ich will bei den Feinden die Gerechtigkeit suchen, die ich bei dem Könige nicht finden kann, mit dem ich Verbannung und Unglück geteilt. Aber meinen Protest,« rief er dann in heftiger Aufwallung, »will ich nicht zurücknehmen. Ich will diesem Hohn gegenüber, mit dem man mich behandelt, keine Opfer bringen. Ich will –«

»Halt, mein Freund,« sagte die Gräfin, »deine Erbitterung reißt dich hin. Sie ist gerecht, sie ist natürlich, aber sie darf deine Handlungen nicht bestimmen, und sie wird es nicht, sobald du ruhig darüber nachdenkst. Daß du nach Hannover zurückkehren willst, um dich den preußischen Gerichten zu stellen, ist recht. Niemand kann es dir verdenken, nach dem, was vorgefallen ist. Ich bin überzeugt, daß man dir, wenn du zurückkehrst, freundlich entgegenkommt und kein hartes Urteil über dich sprechen wird, und wir werden die alte Heimat, die Ruhe und den Frieden wiedergewinnen, – aber deinen Verzicht zurücknehmen, – das wirst du nicht, – das kannst du nicht wollen.«

»Und warum nicht?« rief er, »was bin ich dem König schuldig, der mich so behandelt, der mir höhnisch einen Stein statt des Brotes reicht, der meine Ehre vernichten will, nachdem ich ihm meine Lebensstellung und mein Vaterland geopfert?«

»Frage nicht, was du dem Könige schuldig bist,« sagte die Gräfin sanft, »frage nur, was du dir selber schuldig bist. Dir aber bist du schuldig, deiner würdig zu bleiben, und wenn der König, durch seine Umgebung verblendet, nicht als König handelt, so mußt du als braver Edelmann handeln, und was für dich bestimmend war, als du vorhin mit den Herren sprachst, das muß es auch jetzt noch sein, nachdem der König dein Recht dir verweigert. ›L'honneur pour moi‹, heißt der alte Spruch, ihm gemäß mußt du handeln. Und du wirst es,« sagte sie mit zuversichtlichem Ton, indem sie sich mit einiger Mühe aufrichtete und auf den Arm stützte, »dein feines und richtiges Gefühl für alles, was groß und gut ist, kann auf einen Augenblick von gerechter Entrüstung verwirrt werden, aber es wird sich stets wieder zurechtfinden.«

»Das wird es,« rief der Graf, indem ein warmes Licht seine Züge überstrahlte, »das wird es, wenn ich eine solche Führerin zur Seite habe.«

Und er eilte zu ihr hin und drückte mit inniger Zärtlichkeit die Hand, die sie ihm entgegenstreckte, an seine Brust.

Nach einem kurzen Klopfen trat der Doktor Mauthner wieder in das Zimmer.

»Ich bringe die Urkunde, Herr Graf,« sagte er, »durch welche Sie die Wiener Bank autorisieren, Ihre bei derselben deponierten Kapitalien zum Besten der Bank zu verwenden, und darf Sie bitten, dieselbe zu unterzeichnen.«

»Ist die Bedingung darin aufgenommen,« fragte der Graf, »daß man keine Ansprüche irgendwelcher Art mehr an den König erheben will?«

»Deutlich und bestimmt,« erwiderte Doktor Mauthner, »wie Sie es verlangt haben.«

Er reichte das Schriftstück dem Grafen Wedel.

»Sie wissen,« sagte dieser, »daß ich von dem Könige ein Ehrengericht verlangt habe, um über mein Verhalten bei der Bankangelegenheit zu urteilen, welches den böswilligsten Verdächtigungen ausgesetzt ist, die von Hietzing aus immer neu genährt werden. Man hat mir dieses Ehrengericht gewährt,« fuhr er mit kaltem, ruhigen Ton fort, »hier ist das Statut desselben, wollen Sie die Güte haben, es durchzulesen und mir Ihre Meinung darüber zu sagen.«

Er reichte dem Doktor Mauthner das Statut des Ehrengerichts und durchlas dann seinerseits aufmerksam das ihm überbrachte Verzichtsdokument. Dann trat er an einen neben dem Fenster stehenden Schreibtisch, ergriff eine Feder und setzte mit festen kräftigen Zügen seinen Namen unter dasselbe.

Doktor Mauthner hatte das Statut durchflogen.

»Um Gottes willen,« rief er, »Sie werden sich doch keinem Ehrengericht nach diesem Statut unterwerfen! Sie sind von vornherein verurteilt, wenn Sie das tun, das ist ja ein wahres Kunstwerk spitzfindig ersonnener Fallen für Sie.

»Sehen Sie,« fuhr er fort, mit dem Finger auf einzelne Stellen des Schriftstücks deutend, »man gewährt Ihnen ein Ehrengericht, aber die Personen, welche dasselbe bilden, sollen von Hietzing ernannt werden und sollen nach den ihnen dort vorgelegten Akten urteilen, ohne daß Ihnen die Möglichkeit einer eingehenden Verteidigung gelassen wird, ohne daß Sie Ihrerseits das Recht haben, die Vorlegung von Akten und Dokumenten zu verlangen, welche man«, fügte er höhnisch hinzu, »dort etwa nicht zu produzieren für gut finden sollte. Doch damit nicht genug,« fuhr er fort, indem das Papier in seiner vor Aufregung bebenden Hand zitterte, »die Fragen, welche dem Ehrengericht vorgelegt werden sollen, beziehen sich auf keinen bestimmt bezeichneten Tatbestand, auf keine klar ausgesprochenen Anschuldigungen. Das Gericht soll nur ganz allgemein sich darüber erklären, ob Ihr Verhalten den Anforderungen der Ehre Ihres Standes entspreche. In der Tat sehr klug ausgesonnen,« sagte er mit immer steigender Bitterkeit, »damit werden Sie vollkommen dem subjektiven und persönlichen Urteil der von Hietzing ausgewählten Personen unterworfen. Es wird nicht eine bestimmte Handlung, nicht eine bestimmte Verschuldung festgestellt, über die die Welt ebenfalls zu urteilen imstande sein würde, wenn sie tatsächlich erwiesen ist, sondern es wird eben nur eine Beurteilung ausgesprochen, deren Fundament niemand kennt.

Doch es kommt noch besser. Sie sollen sich vorher durch Ehrenwort und Unterschrift verpflichten, gegen jedermann über alles, was bei dem Ehrengericht verhandelt wird, zu schweigen. Wenn Sie also freigesprochen würden, und man es in Hietzing nicht für gut fände, dies bekannt zu machen, so würden Sie Ihrerseits niemals in der Lage sein, ein freisprechendes Urteil veröffentlichen zu können. Diese geheime Verhandlung, dies geheime Urteil, das Ihnen auch die Appellation an die Öffentlichkeit und an den gesunden Menschenverstand abschneidet, ist in der Tat die Krone des ganzen Machwerks, das in seinem Abgrund von Raffinerie, Tücke und Arglist alles überbietet, was man je den Schülern des heiligen Ignaz von Loyola zugeschrieben hat.«

»Nein, lieber Doktor,« sagte der Graf, »seien Sie ganz ruhig, ich werde mich einem solchen Ehrengericht nicht unterwerfen, – ohne Jurist zu sein, habe ich doch sofort erkannt, daß ich dadurch für immer vernichtet würde. Ich werde nach Hannover zurückkehren und mich den preußischen Gerichten stellen,« fügte er mit bitterem Hohn hinzu, »dort werde ich wenigstens klares Recht und Gesetz und Freiheit für meine Verteidigung finden.«

»Aber alles, was die Bankangelegenheit betrifft,« rief der Doktor Mauthner, »und alle Verdächtigungen, denen Sie ausgesetzt sind und die sich noch immer steigern werden, dies alles muß an die weiteste Öffentlichkeit gehen, – wenn man so mit Ihnen verfährt, haben Sie wahrlich keinen Grund, irgend etwas zu schonen.«

»Wenn man mich zum Äußersten treibt,« sagte Graf Wedel still und traurig, »werde ich freilich auch das tun müssen und meine Handlungsweise vor den Richterstuhl der Öffentlichkeit und aller ehrlichen Leute stellen, aber bis es zum Äußersten kommt, werde ich noch alles versuchen, was in meinen Kräften steht, um Recht von meinem Könige zu erlangen. Es wird ja vielleicht doch noch möglich sein, den ehernen Ring zu durchbrechen, den man um ihn gezogen, und den Weg zu seinem Ohr und zu seinem Herzen zu finden.

Hier das Verzichtsdokument.«

Erstaunt nahm Doktor Mauthner das Papier.

»Sie haben es vollzogen?« fragte er, auf die Unterschrift des Grafen blickend.

»Gewiß,« erwiderte Graf Wedel, »es enthält ja alles, was es nach unserer Verabredung enthalten sollte.«

»Sie haben dies Verzichtsdokument vollzogen?« fragte Doktor Mauthner, indem er den Grafen mit großen Augen ansah, »vollzogen, nachdem Sie dies Statut erhalten haben? Herr Graf,« sagte er, indem er mit seinen beiden Händen die Hand des Grafen ergriff, »wenn Sie je meiner bedürfen, wenn ich Ihnen je nützlich sein kann, gebieten Sie über mich. Meine ganze Kraft, meine ganze Tätigkeit steht Ihnen zu Diensten.«

Er sagte nichts weiter. Die Stimme des sonst so ruhigen, kaltblütigen Geschäftsmannes zitterte vor Bewegung. Ein feuchter Schimmer glänzte in seinen Augen. Noch einmal drückte er die Hand des Grafen, dann verbeugte er sich tief vor der Gräfin und ging hinaus.

»Und nun«, sagte der Graf zu seiner Gemahlin, »laß uns den Staub von den Füßen schütteln, und so schnell als möglich nach der Heimat zurückkehren. Dort will ich, und wenn es sein muß, im Gefängnis, die bitteren Erfahrungen zu vergessen suchen, die ich hier habe machen müssen; du wirst hoffentlich bald stark genug sein, um die Reise zu ertragen?«

»Morgen, wenn du willst, mein Freund«, antwortete die Gräfin, indem sie mit freundlich schimmerndem Blick das Haupt erhob. »Und laß uns Gott danken, daß er nach all dem Schmerz und dem Kummer dieser Tage uns beieinander gelassen hat und daß wir den stolzen Trost haben, uns sagen zu können, daß wir gehandelt, wie es unsere Pflicht war.«

Zwölftes Kapitel

Das ziemlich einförmige und ruhige Leben auf dem Schloß zu Rensenheim am Rhein war durch die Ankunft des jungen Grafen Franz Spangendorf aus Rom unterbrochen worden, der nach kurzer vorhergegangener Anzeige im Kreise seiner Familie eingetroffen war, und dessen Anwesenheit nicht nur das Interesse an dem lang entbehrten Sohn und Bruder erregte, sondern auch Kunde brachte aus dem Mittelpunkt der katholischen Welt, die für diese ganze so gläubige und kirchlich gesinnte Familie den Gegenstand ehrfurchtsvoller Neugierde bildete.

Sie alle wurden nicht müde, den Erzählungen des Grafen Franz zu lauschen: vom Heiligen Vater, dessen Angesicht er selbst gesehen, von allen Kardinälen und hohen Würdenträgern der Kirche, von den großen Festen im Dom St. Peters und dann wieder von den unerschöpflichen Kunstschätzen der ewigen Stadt und von dem farbenreichen, glühenden Leben des Volks, welches das Glück hatte, auf den Trümmern einer gewaltigen Vergangenheit unmittelbar unter der Herrschaft des obersten Priesters der alleinseligmachenden Kirche zu leben.

Und der junge Graf sprach von dem allem mit so warmer Beredtsamkeit, mit so eingehendem Verständnis und zugleich mit so tiefgläubigem Gefühl, daß aus seinen Worten ein weihrauchduftender Hauch jenes wunderbaren, großartigen Lebens in das stille Schloß am Rhein zu strömen schien.

Gräfin Gabriele hing mit entzückten, schwärmerischen Blicken an den Lippen ihres Bruders, wenn derselbe von dem milden, leuchtenden Antlitz des Heiligen Vaters sprach, wenn er erzählte von dem gewaltigen Eindruck, den die Erscheinung des ehrwürdigen Greises machte in dem Augenblick da er, von weißen Gewändern umflossen, von der Sedia gestatoria herab dem knienden Volk seinen Segen erteilte, von der großen Messe am Altar St. Peters und von den wunderbaren Klängen der Gesänge in der Sixtinischen Kapelle.

Weit vorgebeugt in atemloser Spannung saß das junge Mädchen da, ihre Umgebung schien vor ihr zu verschwinden und ihre brennenden Blicke schienen alle diese schimmernden Bilder einer fremden Welt vor sich zu sehen, einer Welt, welche ihre gläubige Seele als den irdischen Vorhof des himmlischen Glückes betrachtete.

Auch Fräulein Josephine wurde nicht müde, ihren Vetter von Rom erzählen zu hören. Aber es waren weniger die Prälaten und die Kirchenfeste, welche ihr Interesse erregten, sie wußte, sobald sich eine Gelegenheit darbot, das Gespräch auf das Volksleben, auf den Karneval, auf das Pferderennen und auch auf die Briganten zu bringen, von welchen man so viele schauerlich romantische Geschichten las, Geschichten, die an dem behaglichen Kaminfeuer des wohnlichen Zimmers im sicheren und ruhigen Schloß die Phantasie so angenehm erregten.

So war seit der Ankunft des Grafen Franz das Leben im Schlosse Rensenheim zwar äußerlich ebenso ruhig und still wie sonst, aber innerlich bewegter und angeregter dahingeflossen.

Der junge Zuavenoffizier schien freundlich und wohltätig berührt durch die Umgebung der alten Heimat, durch die herzliche Liebe, welche ihm von allen Gliedern der Familie entgegengetragen wurde, aber dennoch war in seinem ganzen Wesen eine innere unruhige Bewegung erkennbar. Es schien, als sei seine Seele belastet von irgendeinem Druck; oft versank er plötzlich nach einer Schilderung voll beredter Lebhaftigkeit in ein starres Schweigen und blickte vor sich hin, als folgten seine Gedanken fernen Bildern, oft sah man ihn einsam die Alleen des weiten Parks durchstreifen, aber auf alle Fragen seiner Mutter, welche mit sorgenvoller Liebe ihn beobachtete, hatte er bisher stets nur ausweichende Antworten gegeben und sein zerstreutes und unruhiges Wesen zu verbergen gesucht.

Sein Bruder kam oft herüber, beide jungen Leute hatten die innigste brüderliche Liebe füreinander, aber sie kamen sich nicht näher, sie verstanden sich nicht. Der lebensfrische, heitere Husarenoffizier und der schwärmerische, von der geheimnisvollen Zauberluft Roms durchhauchte Soldat des Papstes hatten keine Berührungspunkte miteinander. Die Welt des einen lag außerhalb derjenigen des anderen, und wenn beide Brüder allein waren, so versiegte bald der Gesprächsstoff, da der eine kein Interesse für das hatte, was das Leben des anderen erfüllte.

Auch Herr von Rothenstein war gekommen, und zwischen ihm und dem Grafen Franz hatte eine innige, freundliche Annäherung stattgefunden. Der einsame junge Mann, welcher mit dem schmerzlichen Gefühl der Heimatlosigkeit durch die Welt gegangen war, dessen innerliche Wärme während seines Jugendlebens tief in seiner Brust verschlossen geblieben war, fühlte sich mächtig hingezogen zu dem Grafen Franz, den zwar eine glückliche Heimat und liebevolle Herzen umgeben hatten, der sich aber selbst vereinsamt hatte, um sich einer Sache zu widmen, die sein glaubenvolles Herz für die höchste und heiligste der Welt hielt, und dann lag auch in dem Antlitz des Grafen Franz eine so wunderbare, weniger körperliche als geistige Ähnlichkeit mit seiner Schwester Gabriele. Der Schnitt der Gesichter war verschieden, dennoch war es dasselbe Lächeln, welches zuweilen um die Lippen der beiden Geschwister schwebte; es war derselbe tiefe, halb fragende, halb verklärte Blick, welcher aus den blauen Augen Gabrielens und unter den dunklen Brauen des Grafen Franz hervorzitterte. Es lag die gleiche Modulation im Tonfall der Stimme, so daß trotz der äußeren Verschiedenheit doch jeder die beiden als Geschwister oder nahe Verwandte hätte erkennen müssen.

Grund genug, daß der Leutnant von Rothenstein sich besonders zu dem jungen Zuavenoffizier hingezogen fühlte, dessen Blick und Worte ihn fortwährend an diejenige erinnerten, welcher die ganze, lange zurückgedrängte Liebeswärme seines Herzens entgegenströmte.

Der Kaplan Haug ging ruhig, leise und unscheinbar, wie immer seinen Weg.

Er hatte mehrfach versucht, sich dem Grafen Franz zu nähern und, heraustretend aus seiner gewöhnlichen, halb demütig bescheidenen, halb überlegen abwehrenden Zurückhaltung, ihn in ein eingehenderes Gespräch zu ziehen, auch hatte er es öfter einzurichten gewußt, daß er dem jungen Grafen bei seinen Spaziergängen im Park begegnete, und jedesmal hatte er ihn dann nach einer ehrerbietig vertraulichen Begrüßung angeredet und eine Unterhaltung mit ihm über die Verhältnisse in Rom, über die Lage des Papstes sowie über die Zustände der Kirche überhaupt begonnen, wobei er stets weniger eigene Ansichten aussprach, als die Meinungen des päpstlichen Offiziers zu vernehmen trachtete.

Trotz aller dieser Annäherungen war es ihm aber nicht gelungen, den jungen Grafen zu vertrauensvollem Heraustreten aus sich selbst zu bringen. Er beobachtete gegen den Kaplan die in der Familie dem Hausgeistlichen gegenüber hergebrachte und ihm von Jugend auf gewohnte achtungsvolle Rücksicht, aber in seiner Haltung lag doch zugleich jene vornehm abweisende Kälte, welche in Rom dem zahlreichen niederen Klerus gegenüber von den höheren Klassen der Gesellschaft und selbst von der hohen Geistlichkeit festgehalten wird. Nur mit einsilbigen, kurzen Worten beantwortete er die Fragen und Anreden des Kaplans, und wo er es, ohne auffällig zu sein, konnte, wich er seiner Begegnung aus.

Auch schien ihm die Person des Pater Haug nicht sympathisch zu sein, – oft ruhte, von dem scharf beobachtenden Geistlichen wohl bemerkt, sein Blick mit einem widerwillig forschenden Ausdruck auf den scharfen und harten Zügen des Kaplans, als suche er sich Rechenschaft darüber zu geben, warum dies Gesicht ihn so kalt und antipathisch berührte.

Da war eines Tages eine große Bewegung im Schlosse zu Rensenheim entstanden.

Der Erzbischof von Köln hatte, auf einer Reise durch seine Diözese begriffen, den ihm persönlich bekannten und von ihm hochgeschätzten Grafen Spangendorf seinen Besuch auf einen Tag angekündigt, und diese Nachricht hatte alle Bewohner des Schlosses und des Dorfes in eine fieberhafte Unruhe versetzt. Im Schlosse wurden die Zimmer für den hochverehrten Gast hergerichtet und mit allem Luxus und Komfort versehen, den man nur irgend herstellen konnte, – nicht weil der in seinem persönlichen Leben fast aszetisch einfache Kirchenfürst dessen bedurfte, – sondern um ihm die Ehrerbietung und liebevolle Aufmerksamkeit zu beweisen, die man ihm entgegentrug, und im Dorfe bereitete man Girlanden, Embleme und Fahnen vor, um die Häuser bei dem Einzuge des kirchlichen Oberhirten festlich zu schmücken.

Der Kaplan hatte mit großer, gegen seine Gewohnheit lebhaft ausgesprochener Freude die Nachricht von dem Besuche des Erzbischofs vernommen, – Graf Franz war ernster und stiller noch als sonst geworden und auch Gräfin Gabriele ging in sich selbst versunken träumerisch einher, während der Graf und die Gräfin Spangendorf, unterstützt von dem Fräulein Josephine von Altheim, die Vorbereitungen zum festlichen Empfange anordneten und überwachten.

Am Tage vor der Ankunft des Erzbischofs war Gabriele allein in ihrem Zimmer, dessen Fenster von den Bäumen des Parkes beschattet wurden, deren Zweige sich jetzt fast blätterlos zum Himmel emporstreckten und von den schwarzen Krähen zum Nachtquartier benützt wurden.

Dies Zimmer entsprach in seiner ganzen Einrichtung der Erscheinung des jungen Mädchens. Zwar zeigte es die Zierlichkeit und Eleganz der Wohnung einer vornehmen Dame, aber auch wieder die Einfachheit ländlicher Verhältnisse, und ließ überall den von heiterer Welt und Lebenslust abgewendeten Sinn seiner Bewohnerin erkennen. An den mit weißer Ölfarbe gestrichenen Wänden sah man einige vortreffliche Kupferstiche von Bildern der großen italienischen Meister, – ein mit hellgrauem Stoff überzogener Divan stand in der Nähe des Fensters, umgeben von einigen kleinen, niedrigen Lehnstühlen, – in einiger Entfernung ein Schreibtisch, von Blumen umgeben, – ein Zeichentisch im vollen Licht des Fensters trug alle Gerätschaften für Kreidezeichnung und Aquarellmalerei; auf demselben sah man ein Landschaftsbild mit geschickter Hand sauber entworfen, aber noch unvollendet, – es stellte jenen freien runden Platz im Park vor mit dem Gebüsch von weißen und roten Rosen – der weite Ausblick auf den Rhein hin war vortrefflich im sinkenden Abendlicht wiedergegeben, – aber auf dem Piedestal, das sich zwischen den Rosengebüschen erhob, stand nicht der kleine, schalkhaft zielende Liebesgott mit dem gespannten Bogen, sondern ein Bild der Mater dolorosa mit dem Schwert im Herzen und mit weißen Rosen bekränzt, und zu den Füßen der Mutter Gottes kniete, nur leicht erst in den Umrissen angedeutet, eine weibliche Gestalt in einen weiten Schleier gehüllt und das Haupt in die Hände gestützt.

An der entgegengesetzten Wand stand ein Betpult von altem Eichenholz, der Schemel, mit schwarzem Sammet überzogen und über demselben ein großes, schön gearbeitetes Kruzifix von Ebenholz und Elfenbein.

Gräfin Gabriele in einem einfachen Kleide von lichtgrauer Seide stand vor dem Zeichentisch und blickte, in tiefe Gedanken versunken, auf das unvollendete Aquarellbild. Ihr schönes, kindlich reines Gesicht war bleich und zitterte vor innerer Bewegung, ihr Auge schimmerte bald in süßer Träumerei, bald starrte es düster und traurig auf die Zeichnung.

»Ich habe ihm die weiße Rose gegeben,« sagte sie leise, indem sie die Hand auf das Herz legte, »und doch zitterte meine Hand nach der purpurnen Blüte hin, diesem Bilde meines warm sich öffnenden Herzens! – Mein Gott,« – sprach sie schmerzlich, nachdem sie wieder längere Zeit in starrem Schweigen dagestanden hatte, – »ich war so klar über mich selbst, – über meinen Beruf und meine Zukunft, meine Seele war so erfüllt von dem stillen Glück, mein Leben dem Himmel zu weihen – und nun? – Verwirrung und Unruhe erfüllen mich, und wenn auch klar vor mir steht, was ich tun soll, so kann ich doch nicht die Wünsche des zuckenden Herzens beherrschen. – Ich habe«, rief sie dann, in schneller, entschlossener Bewegung von dem Bilde zurücktretend, – »ich habe das alles zu lange in mich verschlossen, meine Kraft ist zu schwach, um den Kampf zwischen der irdischen Natur und der heiligen Begeisterung meines Glaubens zu ertragen, – ich muß da Hilfe suchen, woher alle Hilfe kommt, in dem tröstenden, leitenden und stärkenden Wort der Kirche.«

Sie zog eine neben der Tür hängende Klingelschnur.

»Ich lasse den Pater Haug bitten, zu mir zu kommen«, sagte sie der Kammerjungfer.

Es war durchaus nichts Auffallendes, daß die Damen den Kaplan zu sich beschieden, der der Beichtvater und geistliche Ratgeber der Familie war, und kurze Zeit darauf trat der Pater Haug in das Zimmer der jungen Gräfin.

Er schloß langsam die Tür hinter sich und ging dann leisen, fast unhörbaren Schrittes bis in die Mitte des Zimmers, wo Gabriele ihn mit niedergeschlagenen Augen in einer gewissen Verlegenheit erwartete.

»Ich bin mit Freude Ihrem Rufe gefolgt,« sagte der Pater mit leisem, aber scharf akzentuiertem Ton, – »mit um so größerer Freude, als Sie lange meinen Rat und Zuspruch nicht begehrten, – ja, wie es mir hat scheinen wollen, das Gespräch mit mir zu vermeiden suchten.«

»Ich bin unruhig und in innerem Zwiespalt mit mir selber gewesen,« erwiderte Gabriele, indem ein flüchtiges Rot über ihr bleiches Gesicht zog, – »ich habe lange gekämpft, um zu Ruhe und Klarheit zu kommen –«

»Kann das bekümmerte und geängstigte Menschenherz jemals Ruhe und Klarheit finden,« fiel der Pater mit dem Ausdruck sanften und liebevollen Vorwurfs ein, – »ohne die leitende Hand und das erleuchtende Wort der Kirche?«

»Verzeihung, ehrwürdiger Vater,« sagte Gabriele, »daß ich versucht habe, aus eigener Kraft Herrin der widerstreitenden Gefühle meines Herzens zu werden, – ich habe empfunden, wie schwach diese eigene Kraft ist, und komme zu Ihnen, um Führung und Licht zu suchen.«

»Die Gnade Gottes wird mir beistehen,« erwiderte der Kaplan mit einem fromm demütigen Augenaufschlag, »Ihre zagende Seele zu kräftigen. – Sagen Sie mir, was Sie bewegt hat.«

Gabriele zögerte einen Augenblick.

Dann ging sie zu ihrem Betpult und ließ sich auf dem Sammetkissen vor demselben in die Knie sinken.

»Dem Priester will ich mein Herz öffnen,« sagte sie leise, »der schon oft in mein Inneres geblickt und mir Rat und Trost gegeben.«

Ein Blitz freudiger Genugtuung leuchtete in dem Blick des Kaplans auf. Er zog einen Sessel dicht neben das Betpult, setzte sich in denselben und beugte sich ganz nahe zu der knienden Gräfin hinab.

»Und welche Zweifel bewegen dein Herz, meine Tochter?« fragte er mit leiser Stimme, seinen Mund fast unmittelbar dem Ohr des jungen Mädchens nähernd, – »im Namen dessen, der alle Gewalt hat, zu binden und zu lösen, frage ich dich, – in seinem Namen werde ich dir die leitende Hand reichen.«

»Sie wissen, ehrwürdiger Vater,« sagte Gabriele, ohne den auf die gefalteten Hände herabgesenkten Kopf zu erheben, »daß ich fest und freudig entschlossen war, mein Leben dem Dienste Gottes und der heiligen Jungfrau zu widmen, – nicht als ein trauriges Opfer der Entsagung, sondern in freiem Entschluß.«

»Ich weiß es, meine Tochter, – meine geliebte Schwester im Glauben,« sagte der Kaplan, indem er mit einem langen Atemzug den Duft des reichen, glänzenden Haares Gabrielens einsog, dessen Flechten fast sein Gesicht berührten, – »ich weiß es, – und ich bin glücklich, daß es mir vergönnt war, diesen Entschluß zu kräftigen und zu befestigen, und deine reine, jungfräuliche Seele, unberührt von der Welt und ihrem niedrigen Treiben, dem Himmel zuzuführen.«

»Mein Entschluß wankt,« fuhr die Gräfin fort, – »ich bin unklar und unsicher,« sagte sie mit lauterer Stimme, in welcher ein gewisser zorniger Unwillen widerklang, – »ich fühle mich vom Himmel, zu dem mein ganzes Wesen sich emporschwang, zur Erde herabgezogen, – denn, – ehrwürdiger Vater,« fuhr sie stockend und schweratmend fort, – »mein Herz, – mein schwaches Herz ist erfüllt von einer irdischen Liebe.«

Der Pater fuhr zusammen, – seine Hand legte sich wie unwillkürlich auf seine Brust, als wolle er den Schlag seines Herzens zurückdrängen, seine Blicke streiften mit düsterem Feuer über die schlanke und geschmeidige Gestalt des in sich zusammengesunkenen Mädchens hin, und nach einem kurzen Schweigen sagte er mit ruhigem Ton:

»Jedes staubgeborene Menschenherz ist der Versuchung ausgesetzt, und die Krone des Sieges strahlt um so heller, je schwerer der Kampf war, durch den sie errungen wurde, – wer ist der Gegenstand dieser Liebe, – dieser Liebe, – die keine Sünde ist für ein Herz, das der Welt und ihren Pflichten gehören will, – die aber in deine Seele gesenkt ist von dem Versucher, der unserem Heiland die Reiche der Welt zeigte, und der auch dich abwendig machte von dem hohen und heiligen Beruf, zu welchem du ausersehen bist? – Wessen Bild lebt in deinem Herzen, das bisher nur ein Gefäß gotterleuchteter und heiliger Begeisterung war?« fragte er leiser, indem er seine Hand auf die weichen, gefalteten Finger Gabrielens legte.

»Der Freund meines Bruders,« sprach Gabriele, mit gewaltiger Anstrengung ihre Stimme zu festem und klarem Ton zwingend, – »der Leutnant von Rothenstein.«

Sie senkte den Kopf noch tiefer herab, so daß ihre Stirn die Hand des Paters berührte.

»Und hat er, den der Versucher dir auf dem so reinen und klaren Wege deines Lebens entgegengeführt, – hat er dir von seiner Liebe gesprochen, – hat er es versucht, dich von deinem Wege zum Himmel wieder zur Erde herabzuziehen«? fragte der Kaplan.

»Nicht mit deutlichen Worten,« erwiderte Gabriele kaum hörbar, »aber ich habe es wohl verstanden, was er mir sagen wollte mit seinen Blicken, – mit seinen Andeutungen, – oh,« sagte sie mit tiefinnigem, schmerzlichem Ton, – »er liebt mich, – ich weiß es wohl, – ich fühle es.«

Sie schwieg, indem ihre ganze Gestalt erbebte, – ein schwerer Atemzug rang sich aus ihrer wogenden Brust empor und eine Träne rann langsam aus ihrem Auge nieder.

»Und du, – meine geliebte Schwester,« sagte der Pater, seine Worte unmittelbar in ihr Ohr hauchend, – »du hast seiner Liebe Hoffnung gegeben?«

»Mein Herz flog ihm entgegen,« sagte Gabriele traurig, – »aber«, fuhr sie fort, indem sie den Kopf erhob und zum ersten Male aus ihren großen glänzenden Augen den Blick des Paters frei und fest erwiderte, – »dennoch habe ich ihn zurückgewiesen, – für immer zurückgewiesen, – er hat mich auch verstanden, – ich habe ihm keine Hoffnung gelassen, wie ich die irdischen Hoffnungen meines Herzens für immer zerstört habe.«

Der Pater atmete erleichtert tief auf.

»Du hast dir ein herrliches und großes Verdienst erworben, meine geliebte Schwester im Glauben,« sagte er, ihre sanften, zitternden Finger innig drückend, indem er mit der anderen Hand über ihr Haar hinfuhr, – »du hast das geopfert, was die Welt für das höchste irdische Glück hält, um dich ganz dem Dienste des Himmels zu weihen, – das ist ein großes Verdienst und wird dir dereinst angerechnet werden. – Aber«, fuhr er fort, – »wenn es ein Verdienst ist, was du getan, so war es dennoch auch deine Pflicht, zu handeln, wie du gehandelt hast. Ich habe dir schon früher gesagt, – es gibt eine Tugend für diese irdische Welt, – es ist die Tugend der gewöhnlichen Seelen, welche hier auf Erden noch nicht die Kraft finden, sich loszulösen aus der Einengung der fesselnden und zum Staub herabziehenden Materie des Körpers, – dann aber gibt es eine andere, höhere Tugend der Auserwählten, welche schon hienieden dem Einfluß der Materie des Körpers sich zu entziehen vermögen, deren Geist die Herrschaft gewinnt über das Fleisch – und du, meine geliebte Schwester, gehörst zu den Auserwählten, – deine Seele ist rein und empfänglich für das Glück und die selige Freude, hier auf Erden schon dem Himmel zu dienen, um am Ende ihrer irdischen Laufbahn sogleich in den Kreis der Auserkorenen überzugehen, die den Thron des Ewigen als die Diener seiner Allmacht und die Boten seines Willens umstehen.«

Gabriele löste ihre Hände aus der des Paters, hob ihren Kopf empor und richtete ihre glänzenden Blicke aufwärts, als blicke sie zu dem Kreise der Cherubim empor, die zu den Seiten des flammenden Stuhles Gottes ihre heiligen Lobgesänge durch die Sphären des Weltalls ertönen lassen.

»Und wirst du die Kraft haben, meine geliebte Schwester,« fuhr der Kaplan fort, – »auch ferneren Versuchungen zu widerstehen und deine Seele rein und jungfräulich zu erhalten für den Dienst des Himmels? – denn der jungfräulichen Seele offenbaren sich allein die heiligen Mysterien des überirdischen Reiches Gottes, – jene Geheimnisse voll Glück, voll schimmernden Lichtes, voll glühenden, seligen Entzückens, – die sich der gewöhnlichen Menge der nicht auserwählten Menschen erst dann erschließen, wenn sie des Körpers lähmende Hülle abgestreift haben, und wenn die reinigende Kraft des ewigen Feuers ihre Seelen geläutert hat; – wirst du die Kraft haben, festzuhalten an deinem himmlischen Beruf, – auch wenn die Lockung des vergänglichen Erdenglücks abermals an dich herantritt?«

Er legte seinen Arm um ihre Schulter, zog sie nahe an sich heran, drückte seine andere Hand auf ihr Haupt und bog dasselbe leicht zurück, so daß ihr bleiches, von leichter Röte überhauchtes Gesicht frei vor seinem Blick dalag.

»Antworte mir,« sagte er dann mit einer Stimme, die nur mühsam aus seiner Brust hervorzudringen schien, während seine Lippen bebten und seine Blicke mit faszinierender Gewalt sich in ihre Augen bohrten, – »antworte mir, – ich frage dich im Namen deines himmlischen Bräutigams, der mit inbrünstiger Liebe seine Arme öffnet, um dich zu umfangen in unvergänglicher und ewig reiner Liebesseligkeit.«

Er hob seine Hand von ihrem Haupte empor und richtete seine Fingerspitzen gegen ihre Stirn.

Das junge Mädchen zitterte stärker, – ein halb scheuer, halb schwärmerisch begeisterter Blick richtete sich auf den Pater, sie vermochte diesen Blick weder niederzuschlagen noch abzuwenden, – seine funkelnden Augen zogen ihn übermächtig in sich hinein.

»Ich werde stark sein, ehrwürdiger Vater,« sagte sie, – »ich werde freudig und fest jeder Versuchung widerstehen, welches irdische Glück könnte mir Ersatz bieten für die selige Wonne, mich ganz dem reinen, süßen Beruf des himmlischen Dienstes hinzugeben! – Ich werde stark sein; schon fühle ich, daß alle Zweifel und alle Unruhe von mir gewichen sind.«

»Ich danke Gott, daß er mir die Kraft gab, dein schwankendes Herz zu stärken«, sagte der Pater, immer den Blick fest auf die Augen Gabrielens geheftet, immer die Fingerspitzen gegen ihre Stirn gestreckt.

»Ich nehme dein Versprechen an,« sprach er dann, indem er seine Arme öffnete und sich noch näher zu ihr beugte, – »ich nehme es an als Diener dessen, dem du dich verlobt hast, und weihe deine Lippen in seinem Namen mit dem bräutlichen Kusse, der dich scheiden soll für immer von allen irdischen Wünschen und von aller irdischen Liebe.«

Er schlang seine Arme um ihre Schultern, zog sie zu sich heran, und nachdem er einen Augenblick ihren frischen duftigen Atem eingesogen hatte, drückte er seinen Mund auf ihre Lippen, die sie ihm, ohne sich zu bewegen, ohne zu zögern, mit einem glücklichen Lächeln darbot.

Er hielt sie einige Augenblicke fest umschlossen, – obgleich er ihren Mund nur leicht berührte, brannten seine Lippen wie glühendes Feuer auf den ihrigen.

Sie zuckte zusammen, – eine dunkle Röte flammte in ihrem Gesicht auf, – schnell zog sie sich zurück, wendete sich zur Seite und senkte das Haupt auf ihre über den Betpult gefalteten Hände nieder.

Ein schwerer Atemzug drang aus der Brust des Kaplans, – er faltete seine Hände vor der Brust und ließ langsam, wie in stillem Gebet, den Kopf herabsinken.

Man hörte in dem stillen Gemach nur die tiefen Atemzüge des jungen Mädchens, das in inbrünstigem Flehen leise die Lippen bewegte, – und des Priesters, der Gott zu danken schien, daß er eine Seele der irdischen Welt entzogen und dem Dienste des Himmels gerettet habe.

Die Türe wurde rasch aufgemacht und in dem hellen Rahmen ihrer Öffnung erschien wie ein lichter Gegensatz zu dem dunklen, ernsten Bilde, welches das Innere des Zimmers darbot, die in frische, heitere Farben gekleidete Gestalt und das lachende, fröhliche Gesicht Fräulein Josephinens.

»Gabriele,« rief sie mit ihrer hellen Stimme, – »komm herab, es ist Besuch da, – wie –«

Sie hielt plötzlich inne, als sie ihre Cousine vor dem Betpult knien und den Kaplan neben ihr sitzen sah. Ihre Züge wurden ernst und mit leiser Stimme sagte sie:

»Ich bitte um Verzeihung, – ich habe gestört, – ich wußte nicht –« Sie machte eine Bewegung, um sich zurückzuziehen.

Der Pater erhob sich.

»Bleiben Sie, Fräulein Josephine,« sagte er, – »ich habe getan, was mir oblag, – »Gräfin Gabriele hatte das Bedürfnis geistlichen Rates und Trostes, – ich habe ihr denselben gegeben, – und ich glaube, daß die unruhigen Zweifel ihres Herzens gelöst sind, – unsere Unterredung ist zu Ende.«

Gabriele hatte sich ebenfalls erhoben, – von ihrem Gesicht strahlte ruhige Heiterkeit, – aus ihren Augen leuchtete feste, mutige Entschlossenheit.

»Ich bin bereit,« sagte sie sanft, – »wer ist gekommen?«

»Dein Bruder und der Leutnant von Rothenstein,« erwiderte Fräulein Josephine, indem sie von der Schwelle in das Zimmer hereintrat, – »deine Mutter ist beschäftigt und hat uns aufgetragen, die Herren zu empfangen.«

»Ich komme«, sagte Gabriele, indem sie einen schnellen Blick über ihre Gestalt hinabwarf und eine verschobene Schleife ihres Kleides ordnete.

Der Pater richtete seine Augen mit einem scharfen, halb fragenden, halb drohenden Blick auf das junge Mädchen, – sie erwiderte denselben mit einem ruhigen Lächeln und legte eine Sekunde wie beteuernd die Hand auf die Brust.

Der Kaplan machte, leicht die Hand gegen sie erhebend, das Zeichen des Kreuzes und grüßend das Haupt neigend schritt er aus dem Zimmer.

Gräfin Gabriele legte ihre Hand in den Arm ihrer Cousine und tat einen Schritt, um dem Geistlichen zu folgen.

»Willst du nicht ein lichtes Band anlegen oder eine Schleife in dein Haar stecken?« fragte Fräulein Josephine, – »du siehst ja fast nonnenhaft aus in diesem gleichförmigen Grau.«

Langsam schüttelte Gabriele den Kopf. – »Laß mich, wie ich bin,« sagte sie, – »die hellen Farben machen mich unruhig, – du weißt es, – diese Farben sind das Bild des Kampfes zwischen dem reinen weißen Licht und der Finsternis, – das Grau ist der Frieden, den wir auf Erden erreichen können, – denn bis zum reinen Licht können wir hienieden nicht durchdringen.«

Fräulein Josephine sah sie halb verwundert, halb traurig an.

»Aber die Blumen, die Gott zur Freude der Menschen schuf, tragen diese so hellen und freundlichen Farben«, sagte sie.

»Und die prachtvollsten, glühendsten und schimmerndsten Farben glänzen auf den Kelchen, welche Gift und Tod in sich tragen, – das heilige Symbol der jungfräulichen Reinheit – die Lilie – ist weiß«, erwiderte Gabriele.

Sie zog ihre Freundin sanft zur Türe hin.

Fräulein Josephine schüttelte schweigend den Kopf.

»Armer Rothenstein,« flüsterte sie vor sich hin, indem sie mit Gabrielen über den Korridor der Treppe zuschritt, – »in diesem Herzen wird kaum die purpurne Rosenblüte der Liebe sich jemals erschließen.«

Sie seufzte wehmütig, – beide Mädchen stiegen leichten, elastischen Schrittes die Treppe hinab, ein liebliches Bild der Jugend, Schönheit und Anmut.

Als sie in den Salon traten, fanden sie dort den Grafen Xaver und den Leutnant von Rothenstein – Graf Franz, der in der letzten Zeit immer gedrückter und unruhiger erschien, war auf einem Spaziergang im Park begriffen.

Die beiden jungen Offiziere, welche still und schweigsam dagesessen hatten, sprangen schnell auf und eilten den Damen entgegen. Graf Xaver umarmte und küßte seine Schwester herzlich und wollte dann dasselbe mit seiner Cousine Josephine tun, die sich rasch abwendete mit einem zornigen Ausruf, welcher mit dem freundlichen Blick, der ihren Vetter traf, nicht ganz harmonierte; Herr von Rothenstein näherte sich der jungen Gräfin mit dem scheuen, fast ängstlich zurückhaltenden Wesen, das er ihr gegenüber seit längerer Zeit stets beobachtete. Er blickte fragend und forschend in ihr Gesicht, – sie schlug die Augen nicht zu ihm auf und erwiderte mit ruhiger Stimme höflich seine Begrüßungsworte.

Dann begann zwischen diesen vier jungen Leuten, welchen das Leben so frisch und fröhlich entgegenzulächeln schien, eine Konversation, die in verschiedenen Anläufen und wiederholten Stockungen sich fortbewegte, wie ein Vogel mit gelähmtem Flügel, der immer und immer versucht, sich emporzuschwingen und immer wieder niedersinkt, jedesmal mehr ermattet von den fruchtlosen Anstrengungen.

Gabriele antwortete stets klar, bestimmt und genau auf jede Bemerkung, die der Leutnant von Rothenstein an sie richtete, – aber kein Wort über die scharfen Grenzen der notwendigen Antwort kam aus ihrem Munde, so daß der junge Offizier mit schmerzlichem Lächeln jedesmal wieder von neuem beginnen mußte, – und jedesmal wurden seine Bemerkungen gleichgültiger, trivialer und matter.

Graf Xaver und Fräulein Josephine, die sonst so heiter und fröhlich waren und von Neckereien und Scherzen übersprudelten, schienen heute auch nichts zu finden, was sie sich hätten sagen oder wodurch sie eine allgemeine Unterhaltung hätten in Gang bringen können, – vielleicht war das, was sie sich hätten sagen mögen, nicht geeignet für andere Ohren, – auch sie schwiegen oft lange, ehe sie durch eine gewaltsam hervorgesuchte Äußerung die Unterhaltung zu fördern suchten.

Endlich war diese peinliche Situation, die sich mit jedem Augenblick verschlimmerte, fast unerträglich geworden.

Graf Xaver sprang mit ungeduldiger Bewegung auf und schlug einen Spaziergang durch den Park vor; der Vorschlag wurde von Fräulein Josephine mit freudiger Zustimmung aufgenommen, – Herr von Rothenstein stand langsam auf und richtete abermals mit schmerzlich fragendem Ausdruck seinen Blick auf Gabriele, – diese errötete leicht in flüchtiger Verlegenheit, dann aber kehrte sogleich wieder die ruhige Sicherheit und Klarheit auf ihr Gesicht zurück.

Die jungen Damen ließen sich ihre Schals und Hüte bringen, und man ging in den Park.

Unmittelbar darauf stieg der Kaplan Haug ebenfalls die Treppe des Schlosses hinab und schritt den Gängen des Parkes zu. Er öffnete, als er aus dem Schlosse getreten war, ein kleines Buch, das er in der Hand trug und schien eifrig lesend des Weges nicht zu achten, den er einschlug.

Bald waren die jungen Leute durch eine kleine Entfernung voneinander getrennt; – wie es ja natürlich war, ging Graf Xaver neben seiner Cousine, während Herr von Rothenstein an der Seite Gabrielens blieb.

Das Gespräch zwischen den beiden letzteren setzte sich ebenso langsam und unterbrochen fort wie vorher im Salon, – der Graf Xaver und Fräulein Josephine dagegen schienen, sobald sie aus der Gehörweite der anderen gekommen waren, die Gabe der Konversation in ausgedehntester Weise wiedergefunden zu haben, – in lebhaftem Gespräch zueinander geneigt schritten sie dahin, und oft schien es, als wollten ihre Häupter sich in traulicher Annäherung berühren.

Bald waren sie wieder auf jenen Platz gekommen, auf welchem noch immer der kleine Amor stand und mit seinem Bogen nach irgendeinem Herzen zielte, um dasselbe mit dem süßen Wahnsinn der Liebe zu erfüllen, – aber die Hecken, die ihn umgaben, trugen keine Rosen mehr, weder weiße noch rote, nur einzelne gelbe, verwelkende Blätter hingen an den starren, dornigen Zweigen.

Der weite Ausblick nach dem Rhein hin war in der Ferne leicht verhüllt durch einen Nebelschleier, der über den Fluten des Stromes lag, und die grüne, schimmernde Rasenfläche davor lag tot und verdorrt da.

Graf Xaver und Fräulein Josephine waren in einer Seitenallee verschwunden.

Herr von Rothenstein blieb stehen. Gabriele sah ihn verwundert an, senkte aber schnell wieder das Auge zu Boden vor dem düsteren, schmerzvollen und doch so innigwarmen Blick, den der junge Offizier auf ihr ruhen ließ.

»Gräfin Gabriele,« sagte er mit sanftem, traurigem Ton, – »erinnern Sie sich noch des Tages, an dem wir hier auch nebeneinander standen, – vor dem Bilde dieses Gottes, den die Alten als den Herrn der Welt, als den Meister Jupiters selbst verehrten?«

Gabriele schwieg einen Augenblick. Ihre Brust wogte auf und nieder.

»Ich erinnere mich«, sagte sie, ohne die Augen aufzuschlagen.

»Damals bat ich Sie um eine Rose,« fuhr er immer in demselben traurigen Ton fort, – »ich hoffte auf ein Zeichen der Freude, des Glückes, der Hoffnung, – Sie gaben mir eine weiße Blüte, – die weißen Rosen sind die Blumen der Totenkränze –«

»Aus dem Tode der irdischen Wünsche und Hoffnungen«, sagte sie leise, »erblüht das ewige Leben.«

Er seufzte tief und schmerzlich.

»Heute«, sprach er dann, »tragen diese Zweige auch keine weißen Rosen mehr, – nur die Dornen sind geblieben.«

»Wer die Dornen auf Erden auf sich nimmt,« sagte sie in demselben Tone wie vorher, – »dem werden einst die Rosen des himmlischen Glückes erblühen.«

Wie verzweifelt schüttelte er den Kopf. Rasch trat er einen Schritt näher zu ihr heran, legte leicht seine Hand auf die ihrige und rief in lebhaftem, tiefbewegtem Ton:

»Gräfin Gabriele, ich habe damals eine stumme Frage an Sie gestellt, – haben Sie diese Frage verstanden, und soll jene Blume, die Sie mir gaben und die ich noch heute auf meinem Herzen trage, obwohl sie eine Blume des Todes ist, – soll sie eine Antwort, – eine letzte und entscheidende Antwort sein?«

Sie schlug langsam den Blick zu ihm auf.

Als sie in das so schöne, bleiche, von Liebe und Schmerz zuckend bewegte Gesicht des jungen Mannes sah, glühte ihr Auge einen Augenblick in zitterndem Feuer, – dann richtete sie dasselbe aufwärts nach dem grauverhüllten Himmel und sagte mit lautem, nur kaum merklich erbebendem Tone:

»Ja.«

Er sank wie gebrochen in sich zusammen.

»Sie sprechen ein Todesurteil, Gräfin«, rief er mit dumpfem Ton, »über die ersten Hoffnungen auf Glück und Freude, die mein einsames Leben mir bietet, – die einzigen,« – fügte er bitter hinzu, – »denn nachdem diese gebrochen, werden keine anderen mehr sich erheben.«

Sie atmete tief und schwer. Abermals richtete sie ihr Auge auf sein Gesicht, das den tiefen Seelenschmerz, der ihn quälte, deutlich zeigte, und was er in dem Blick dieses Auges las, mußte ihn mit neuer, freudiger Hoffnung erfüllen, denn mit einer Bewegung voll stürmischen Entzückens ergriff er ihre beiden Hände und rief:

»O nein, – nein, meine tausendmal geliebte Gabriele, – Sie können diese süßen, seligen Hoffnungen nicht zerstören wollen, – Sie können die Liebe meines einsamen Herzens nicht vernichten, – Sie müssen ein Wort des Trostes, – ein Wort des Glückes für mich haben, – lassen Sie dies Wort heraufsteigen zu Ihren Lippen, – Gabriele, wenn Sie dies Wort sprechen, so wird mein Leben, das öde und traurig war, wie diese winterlich starren Zweige, sich mit neuen Rosen ewiger Frühlingsfreude schmücken!«

Er zog ihre Hände an seine Brust und sah flammenden Blickes in ihre Augen.

Sie schwankte zitternd hin und her, – tief errötend schien sie zu ihm hinsinken zu wollen, – da erhob sie ihr Auge zum Himmel, als wolle sie dort Kraft und Beistand suchen, – sie stand mit dem Gesicht nach der weiten Lichtung zugewendet, – und während ihr Blick sich zu derselben herabsenkte, trat in einiger Entfernung von dem runden Platz aus den Seitengebüschen der Kaplan Haug. Seine Gestalt in dem dunklen Kleide zeichnete sich scharf gegen den Hintergrund des vom Rhein aufsteigenden Nebels ab, – er hielt sein Buch in der Hand und schritt langsam durch die Lichtung. In der Mitte derselben stand er einen Augenblick still, sah mit einem langen, starren Blick zu den beiden jungen Leuten hinüber, erhob leicht wie in unwillkürlicher Bewegung die Hand und ging dann, den Kopf wieder auf sein Buch senkend, vorüber, um in den Gebüschen auf der anderen Seite der Lichtung zu verschwinden.

Dies alles währte nur einen Augenblick und blieb Herrn von Rothenstein, der fortwährend in banger Erwartung in das Gesicht Gabrielens blickte, unbemerkt.

Das junge Mädchen erbleichte. In einer raschen, krampfhaften Bewegung zog sie ihre Hände aus denen des Herrn von Rothenstein und trat einige Schritte von ihm zurück. Ihr Gesicht nahm den Ausdruck eines festen, kalten Entschlusses an, der diese so weichen und zarten Züge fast hart erscheinen ließ.

»Herr von Rothenstein,« sagte sie ruhig und bestimmt, – »ich darf, – ich will Ihre Worte nicht anhören, – mein Herz wird Ihnen keine andere Blüte bieten als die weiße Rose schwesterlicher Freundschaft.«

»O Gabriele,« rief er, wie vernichtet von diesen Worten, die er nicht erwartet hatte, – »Gabriele, – ich beschwöre Sie –«

»Lassen Sie mich,« sagte sie, die Hände abwehrend gegen ihn ausstreckend, – »lassen Sie mich, – ich bin nicht frei, – mein Leben, meine Liebe, – meine Seele gehört –«

»Wem?« rief er mit wildem Ton, – »wer hat mir diese Blume geraubt! – Doch«, sagte er dann, die Hand an seine glühende Stirn drückend, – »was frage ich, – habe ich ein Recht, darnach zu fragen?« – Genug, daß meine Hoffnung gestorben ist!«

Sie trat zu ihm hin und wollte sprechen, – Schritte ließen sich von einem der Seitenwege her vernehmen.

Graf Franz trat langsam auf den runden Platz. Aus tiefen Gedanken aufblickend sah er seine Schwester und den jungen Husarenoffizier, – näherte sich denselben schnell und begrüßte Herrn von Rothenstein mit freundschaftlicher Herzlichkeit.

Nach einigen allgemeinen, gleichgültigen Worten, welche dem jungen Mann die Zeit gaben, sich von seiner Verwirrung zu sammeln, wendete man sich zur Rückkehr nach dem Schlosse.

Gabriele stützte sich auf den Arm ihres Bruders, und als gebe ihr die Anwesenheit desselben ihre Sicherheit und Ruhe wieder, verstand sie es, ein Gespräch fortzuführen, an welchem die jungen Leute, welche beide mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt schienen, nur wenig teilnahmen.

Als sie sich dem Schlosse näherten, kamen schnell auf einem anderen Wege Graf Xaver und Fräulein Josephine zu ihnen heran, – und sie sahen nicht trübe und ernst aus, – ihre Konversation stockte nicht, – ihre Blicke leuchteten von Glück und Freude, fröhliches Lachen tönte von ihren Lippen.

Fräulein Josephine hatte ihren Arm in den des Grafen Xaver gelegt, und als sie den anderen sich näherten, zog sie ihre Hand aus derjenigen ihres Vetters zurück.

»Wir hatten euch verloren«, rief Graf Xaver, »und haben euch überall gesucht, – wo habt ihr gesteckt, – bei dem kleinen Amor in den Rosenhecken?« fügte er mit schalkhaftem Lächeln hinzu, während Fräulein Josephine ganz betroffen auf das ernste, bleiche Gesicht Gabrielens und auf die leidenschaftlich bewegten Züge des Herrn von Rothenstein blickte.

Man kehrte in das Schloß zurück und fand im Salon den Grafen und die Gräfin Spangendorf, welche die Gesellschaft bereits zum Diner erwarteten.

Während man in leichter Plauderei erwartete, daß die Türen des Speisesaals sich öffneten, trat der Graf Franz zu seinem Vater heran und sagte mit ernster, fast feierlicher Miene:

»Ich möchte dich heute nachmittag um eine ruhige Stunde Gehör bitten, mein Vater, – ich habe eine ernste Sache mit dir zu besprechen.«

Ein wenig befremdet blickte der Graf auf seinen Sohn und neigte zustimmend den Kopf.

Kaum hatte der junge Mann sich abgewendet, als auch Gabriele ihn in ähnlicher Weise um Gehör bat, da sie noch vor der Ankunft des Erzbischofs eine für sie hochwichtige Sache ihm mitzuteilen wünsche.

Der Graf schüttelte den Kopf, und sein so lebensfrisches, heiteres Gesicht wurde ernst und nachdenklich.

Da trat auch sein Sohn Xaver zu ihm heran und sagte mit glückstrahlenden Blicken:

»Ich möchte dich heute nachmittag bitten, Papa, mir eine Stunde zu schenken, – ich habe dir etwas zu sagen, das dir hoffentlich Freude machen wird.«

»Nun«, rief der Graf, – »du kommst wenigstens mit lachendem Munde und nicht so ernst und feierlich wie die anderen.«

»Und ich möchte dir fast jetzt schon mein Geheimnis mitteilen,« sagte Graf Xaver, – »wenn wir nicht alle hungrig wären und ich Furcht hätte, unser Diner zu verzögern.«

Die Türen wurden geöffnet. – Die Gesellschaft trat in den Speisesaal, und man setzte sich zu Tisch.

Das Diner verlief ziemlich still und einsilbig, – der Graf sprach wenig, – er dachte darüber nach, was ihm seine Kinder wohl zu sagen haben könnten, – Gabriele saß fast teilnamlos da und blickte nur zuweilen mit einem eigentümlichen, halb scheuen, halb verständnisvollen Ausdruck zu dem Kaplan hinüber, – Graf Xaver und Josephine waren die einzigen, die den Versuchen der Gräfin, ein Gespräch in Gang zu bringen, entgegenkamen.

Man erhob sich, – der Leutnant von Rothenstein verabschiedete sich bald unter der Angabe, daß er sich ein wenig unwohl fühle, – die Gräfin ging, die letzte Hand an die Vorbereitungen zum Empfang des Erzbischofs zu legen, und der Graf zog sich in sein Zimmer zurück, um nacheinander seine Kinder zu sich zu bescheiden und ihren Mitteilungen das erbetene Gehör zu geben.

Als Gabriele sich nach einer langen Unterredung mit ihrem Vater tränenden Auges auf ihr Zimmer zurückgezogen hatte, trat sie vor das Bild auf ihrem Zeichentisch, – sie ergriff die Stifte, und in kurzer Zeit war die vor dem Bilde der Mutter Gottes kniende Gestalt verändert. Diese Gestalt hatte den Kopf erhoben, von dem der weiße Schleier halb zurückgesunken war, und dieser Kopf zeigte in erkennbarer Ähnlichkeit die eigenen Züge der jungen Gräfin, die zu dem Marienbilde mit schmerzlicher Ergebung aufblickte.

»Ich habe mein Herz in jungfräulicher Reinheit deinem Dienste weihen wollen,« sagte Gabriele leise, indem sie zu dem Bilde niedersah, – »aber ich soll dir nicht dienen, ohne daß auch ich die Schwerter, die deinen Busen durchdringen, in meinem Herzen gefühlt habe. Es tut mir doch so wehe, den Blüten des Lebens zu entsagen!«

Sie drückte die Hände vor die Augen, lehnte sich in ihren Sessel zurück, und langsam rann ein blinkender Tränentropfen nach dem anderen durch ihre schlanken Finger herab.

Dreizehntes Kapitel

Die große Saison von Rom hatte ihren Anfang genommen, die kühlere Witterung war eingetreten. Die Fremden begannen der ewigen Stadt zuzuströmen und die römische Aristokratie kehrte von ihren Villeggiaturen in den Bergen und an der Seeküste zurück. Alle Hotels waren überfüllt, und nur mit Mühe konnte man auf lange Vorherbestellung in den großen internationalen Gasthöfen Zimmer erhalten.

Dennoch waren im Albergo di Europa, als dort ein alter Diener erschienen war, um für den Grafen Rivero und seine Tochter Wohnung zu bestellen, eine Reihe von Zimmern sofort hergerichtet worden, und als wenige Tage darauf der Graf und die Gräfin ankamen, hatte man sie mit größter, diensteifriger Aufmerksamkeit als alte bekannte Gäste empfangen.

Der Graf war merklich gealtert, seine hohe, schlanke Gestalt, welche früher noch die ganze Elastizität der Jugend zeigte, hatte sich leicht gebeugt. Sein glänzendes schwarzes Haar war mit silbernen Fäden durchzogen, sein schönes und edles Gesicht war bleicher und welker geworden und zeigte deutlich die ersten Linien jener Runenschrift, welche die Zeit in das menschliche Antlitz gräbt, jener Linien, welche nie wieder verwischt werden, sondern sich langsam und allmählich vereinigen zu dem letzten, schauerlichen Wort der Zerstörung, das der Tod unerbittlich auf die irdische Hülle der menschlichen Seele schreibt.

Seine dunklen Augen blickten kummervoll zu Boden und hatten jene stolze Sicherheit verloren, die sonst aus ihnen leuchtete, nur wenn seine Blicke auf seiner Tochter ruhten, wurden dieselben von einem milden Strahl erwärmt, und ein weiches, glückliches Lächeln flog über sein schwermütiges Gesicht.

Auch Julia hatte sich verändert, aber in anderer Weise als ihr Vater. Sie war schöner geworden, voller und kräftiger als früher, und fast schien es, als wäre sie gewachsen, so fest, sicher und stolz war die Haltung dieser früher so zierlichen und kindlichen Erscheinung. Der weiche, halb suchende und fragende Blick, mit welchem früher ihre großen Augen sich aufgeschlagen hatten, war fest und sicher geworden, hoch und frei trug sie das Haupt, und die kräftiger ausgebildeten Züge ihres Gesichts erinnerten in ihrer klassischen Reinheit an die Marmorbilder der antiken Römerinnen.

Der Graf und die Gräfin hatten in den Tagen nach ihrer Ankunft das Hotel nicht verlassen.

Der Graf hatte sogleich einen Brief an Monsignore Ricci, den Maestro di Camera Seiner Heiligkeit, in den Vatikan gesendet, und am dritten Tage hatte er eine Antwort mit dem großen Siegel des päpstlichen Hauses erhalten, welche ihm mitteilte, daß Seine Heiligkeit ihn am nächsten Vormittage in besonderer Audienz in seinen Privatzimmern empfangen werde.

Zur festgesetzten Stunde trat der Graf im schwarzen Anzuge, mit dem Stern des Piusordens auf der Brust, in den Salon seiner Tochter. Er war noch ernster als gewöhnlich und schloß Julia, die ihm entgegeneilte, lange und innig in seine Arme.

»Ich stehe vor dem großen Augenblick, meine Tochter,« sagte er, »der über mein künftiges Leben entscheiden wird, der alle meine Zweifel lösen und meinem Streben neue Bahnen öffnen, oder mir die traurige Gewißheit geben soll, daß mein vergangenes Leben vergeblich, mein vergangener Glaube ein Irrtum war.«

»Gott wird alles zum besten lenken«, sagte Julia mit ruhiger, klarer Stimme, indem der Blick ihres Auges mit dem kindlich schwärmerischen Ausdruck früherer Tage auf ihrem Vater ruhte. »Und wie es auch kommen möge, ich werde an dich glauben, mein Vater, du wirst stets der Vermittler zwischen Gott und meinem gläubigen Herzen sein, und mag all das große Streben, welchem du so viele Tage deiner Vergangenheit geopfert, verloren sein, meine Seele hast du gerettet und neugeschaffen zu einem Licht und zu einer Klarheit, von der bisher kein Strahl zu mir herabdrang. Und eine Seele zu bilden, sie zur Freiheit und zum Licht zu führen, das ist ein Schöpfungswerk, auf dem der wohlgefällige Blick der ewigen Liebe und Allmacht ruhen muß.«

Der Graf richtete sich empor. Wie in vergangener Zeit leuchteten seine Augen kühn und stolz auf. Der Schimmer jugendlicher Kraft erhellte seine Züge und mit vollem, metallischem Ton sprach er, indem er die Hand auf das Haupt seiner Tochter legte:

»Ich habe es gewagt, meine Hand an das Rad der Weltgeschichte zu legen, und wenn mein Streben verfehlt wäre, wenn mir das vernichtende Wort entgegentönte, welches der deutsche Dichter den Geist der Erde sprechen läßt: ›Du gleichst dem Geist, den du begreifst, – nicht mir‹, – so werde ich nicht zerschmettert zusammensinken wie jener deutsche Faust, sondern ich werde mich um so stolzer aufrichten und antworten: ›Hat jene große Welt, in welcher die Völker ihren Auf- und Niedergang vollenden, mich ausgestoßen, so trage ich dennoch das ewige Bild der Gottheit in mir‹, denn ich habe die Kraft, mir meine eigene Welt zu schaffen und diese Welt zu erwärmen und zu erleuchten mit dem ewigen Lichtquell der Liebe, den die göttliche Schöpfungskraft als einen Teil ihrer selbst in mich gelegt hat.«

Er küßte seine Tochter noch einmal zärtlich auf die Stirn, verließ dann schnell das Zimmer, schritt die Treppe hinab und stieg in seinen vor dem Hotel haltenden Wagen, der ihn in raschem Trabe nach dem Vatikan hinfuhr und weit seitwärts vor dem Eingangstor hielt.

Der Graf stieg aus und schritt durch die Höfe und Vorhallen des Palastes an den Schweizer Leibwachen in ihren buntgestreiften, altertümlichen Wämsern mit den glänzenden Pickelhauben auf dem Kopf und den Hellebarden in der Hand vorbei nach dem Vorzimmer der Wohnung Seiner Heiligkeit.

Hier zeigte er dem diensttuenden Kämmerer das Schreiben, durch welches er zur Audienz geladen war.

Mit ausgezeichneter Höflichkeit und mit jenem leisen, flüsternden Ton, in welchem hier in der unmittelbaren Nähe des obersten Priesters der katholischen Kirche alle Gespräche geführt werden, ersuchte der erste Kämmerer vom Dienst den Grafen, einige Augenblicke zu warten.

Graf Rivero trat an eines der großen Fenster und blickte, in tiefes Nachdenken versunken, zu dem dunkelblauen Himmel hinauf, über welchem einzelne zusammengeballte Wolkenmassen hinzogen.

Nach einiger Zeit erschien Monsignore Ricci und führte mit verbindlicher Artigkeit den Grafen durch zwei weitere Vorzimmer in das Audienzzimmer Seiner Heiligkeit, vor dessen Tür zwei Schweizer, die Hellebarde in der Hand, unbeweglich dastanden.

In dem durch hohe Fenster, von denen die Vorhänge weit zurückgezogen waren, mit hellem Licht erfüllten Gemach, an dessen Wänden man einzelne Gemälde italienischer Meister erblickte, befand sich nur ein einziger Stuhl von vergoldetem Holz mit seidenen Kissen aus einer leichten, mit einem schweren, einfarbigen Teppich bedeckten Erhöhung.

Auf diesem Sessel saß Pius IX. in einem Gewande von weißer Seide, das große Kreuz am Halse, die Füße auf einem breiten seidenen Fußkissen ruhend, die Arme auf die Seitenlehne des Sessels gestützt. Das edle Gesicht des Papstes mit den großen, leuchtenden Augen, welche dem Opal ähnlich in verschiedenen Farben zu strahlen schienen, wandte sich mit einem ernsten, fast strengen und etwas traurigen Ausdruck zu dem eintretenden Grafen hin, welcher langsam bis zu dem Sessel des Papstes vorschritt, vor demselben die Knie beugte und seine Lippen auf das goldgestickte Kreuz des weißseidenen Schuhs drückte, mit welchem der Fuß des Papstes bekleidet war. Dann erhob er sich wieder und erwartete in ehrerbietiger Haltung die Anrede Seiner Heiligkeit, indem er zugleich mit einem gewissen Befremden auf einen Mann blickte, der neben dem Stuhl Pius' IX. stand.

Dieser Mann, in der schwarzen Ordenstracht der Jesuiten, war der Pater Bekx, der General des Ordens von der Gesellschaft Jesu. Der Pater Bekx war eine Erscheinung, welche, trotz ihrer Unscheinbarkeit beim ersten Anblick, dennoch einen tiefen Eindruck auf jeden machen mußte, der diesem außergewöhnlichen Mann nähertrat. Seine magere Gestalt stand etwas gebeugt in der enganschließenden, schwarzen Ordenstracht da. Sein etwas eingefallenes, trockenes Gesicht hatte keine besonders hervortretenden Züge, der breite Mund mit den schmalen Lippen, die gerade, wenig hervorspringende Nase, die etwas tiefliegenden Augen und die breite, von dem ergrauenden Haar umgebene Stirn konnten, wenn man diesen Mann zuerst ansah und nur flüchtig den Blick auf ihm ruhen ließ, einen gewöhnlichen Ordensgeistlichen vermuten lassen, wie man denselben in der ewigen Stadt so unendlich oft begegnet. Aber dieses ganze Gesicht war durchschimmert von einem so vielbewegten geistigen Leben, diese feinen Lippen schlossen sich mit einer so festen Willenskraft hart und schneidig wie Stahl aufeinander, aus diesen Augen strahlten so scharfe, tief eindringende, Seele und Herz durchforschende Blicke hervor, daß man unwillkürlich nach wenigen Augenblicken schon den überwältigenden und fast niederdrückenden Eindruck dieser Persönlichkeit empfand.

Der Pater Bekx stand unbeweglich neben dem Sessel des Papstes, in ehrerbietiger Haltung halb gegen den Statthalter Christi auf Erden hingewendet, das Haupt in leichter Neigung demütig gebeugt. Und doch sprach aus dieser bescheidenen Haltung, aus diesem gebeugten Haupt, aus diesem Blick voll ruhiger Hingebung zugleich der Ausdruck des Gefühls der stolzen Macht, die in den Händen des unumschränkten Gebieters einer Gesellschaft ruht, welche die höchste Intelligenz in sich schließt, welche über die ganze Erde verbreitet ist und zugleich im blinden Gehorsam den Befehlen ihres Generals folgt.

»Du bist zurückgekehrt, mein Sohn,« sagte der Papst mit seiner sanften, harmonischen Stimme, »und wir haben dich auf deine Bitte vor unser Angesicht beschieden, um aus deinem Munde zu hören, ob dein Geist frei geworden ist von jenen Irrtümern, welche sich im Verkehr mit der Welt wie die Flecken eines bösen Rostes auf die Reinheit deines Glaubens und Strebens gelegt hatten.«

»Heiligster Vater,« erwiderte der Graf, indem er den Blick der Liebe und Verehrung, aber zugleich mit dem Ausdruck eines festen und schmerzlichen Entschlusses zu dem Papst aufschlug, »ich habe, wie Eure Heiligkeit mir geboten, lange und ernst in der Einsamkeit der Natur über alles das nachgedacht, worüber Eure Heiligkeit die Gnade hatten mit mir zu sprechen, und ich glaube –«

»Du beginnst, mein Sohn,« fiel der Papst ein, indem er in edler Bewegung die Hand gegen den Grafen erhob, »du beginnst damit, uns eine Unwahrheit zu sagen, – wenigstens nicht die volle Wahrheit zu sprechen, – seit du vor unserem Angesicht gestanden, hast du dich nicht, wie wir dir geboten, der Selbstprüfung in stiller Einsamkeit hingegeben, du hast vielmehr, wie uns berichtet worden, von neuem die Hand gelegt an die Entwicklung der Geschicke unserer Tage, du hast eingreifen wollen in den Gang der Politik, und deine Tätigkeit, obgleich sie unwirksam geblieben, hätte, wenn ihr Erfolg zuteil geworden wäre, nur der heiligen Sache der Kirche nachteilig werden können. Du bist dann«, fuhr er in strengerem Ton fort, »in Berührung getreten mit Personen und Verhältnissen, welche der Sache unserer heiligen Kirche fremd sind, ja derselben fast feindlich gegenüberstehen, – das ist nicht stille Einkehr in dich selbst gewesen, welche wir dir zur Pflicht machten, um dich zu befreien von den schädlichen Einflüssen, die falsche und verderbliche Ansichten auf dich gewonnen.«

Ein trauriges Lächeln spielte um die Lippen des Grafen, er ließ einen Augenblick den Kopf auf die Brust sinken, dann richtete er sich in seiner ganzen Höhe empor, und den Blick frei und fest auf den Papst richtend, erwiderte er mit voller, klarer Stimme:

»Es ist ein Beweis hoher Gnade, für welche ich tief und innig dankbar bin, daß Eure Heiligkeit sich so eingehend über mein Leben unterrichtet haben. Es ist wahr,« fuhr er dann fort, »ich bin aus der Einsamkeit, in welche ich mich zurückgezogen hatte, auf einen Augenblick in die Welt zurückgekehrt, um zu versuchen, ob ich mit der Kraft meines überzeugungsvollen Wortes ein Ereignis hindern könnte, welches nach meiner wohldurchdachten und unumstößlichen Meinung der heiligen Sache der Kirche schweren und unverbesserlichen Schaden hätte zufügen müssen. Meine Tätigkeit ist wirkungslos geblieben, die Vorsehung selbst hat verhindert, was ich für ein großes Unglück hielt. Sie hat jene Revolution in Spanien zugelassen, welche die Kombinationen des französischen Kaisers durchkreuzte und den verderblichen Krieg verhinderte, dessen Nachwirkung auch für die Kirche und für die segensreiche Macht Eurer Heiligkeit hätte verhängnisvoll werden müssen.«

»Du sprichst vermessene Worte, mein Sohn,« sagte der Papst –, »wir sind der erste Diener desjenigen, der der Welt den Frieden und die Versöhnung gebracht hat, – Frieden und Versöhnung muß das Ziel unseres Strebens auf Erden sein, aber um dahin zu gelangen, ist auch der Kampf notwendig gegen die Feinde der Kirche, denn nur der Sieg der Kirche und ihre einige und unteilbare Herrschaft über die ganze Menschheit wird der Welt den endlichen und unzerstörbaren Frieden bringen. Jenes neue Kaisertum aber, an dessen Aufrichtung ehrgeizige Personen in Deutschland arbeiten, ist einer der gefährlichsten und schlimmsten Gegner der von uns vertretenen und geführten Kirche. Nur wenn jene neuerstandene Macht, welche Österreich niedergeworfen, welche mit diesem frevelhaften, uns bedrohenden Königreich Italien verbündet ist, welche überall dem verderblichen Geist der Neuerung die Hand reicht, nur wenn diese Macht gebrochen ist, dann kann die Herrschaft der Kirche und ihr Segen sich wieder über die Welt verbreiten. Und du, mein Sohn,« fuhr er in dem Ton strengen, aber noch immer väterlichen und liebevollen Vorwurfs fort, »du hast in kühner Selbstüberhebung einen Kampf verhindern wollen, der zu so großen Siege hätte führen können. Dadurch, mein Sohn, hast du eine große Schuld auf dich geladen, – eine um so größere, als du gegen unseren Befehl gehandelt hast, – da dir aufgegeben war, dich selbst zu reinigen von den verderblichen Irrtümern, damit du wieder zu einem mächtigen und gesegneten Streiter für die heilige Sache der Kirche werden möchtest, wie du es einst warst.«

»Ich habe gehandelt,« erwiderte der Graf immer in tief ehrerbietigem, aber ebenso festem Ton, »wie meine Überzeugung und mein Gewissen mich zu handeln trieben. Denn, Heiligster Vater,« fuhr er lebhafter fort, »ich bin überzeugt, wenn es zu diesem Kriege zwischen Frankreich und Deutschland gekommen wäre, so würde Deutschland gesiegt haben, und damit würde zugleich der letzte Schutz verschwunden sein, welcher Eurer Heiligkeit gegen das andringende Italien zur Seite steht, und welcher heute noch dem päpstlichen Stuhl die Freiheit des Entschlusses sichert, in die neue und unaufhaltsame Entwickelung der Dinge herrschend und bestimmend einzugreifen und aus dem neuerstandenen Italien den Fußschemel der Kirche zu machen.«

Der strenge Ausdruck, welcher auf dem Antlitz des Papstes bei den ersten Worten des Grafen erschienen war, machte einem tiefen Erstaunen Platz.

Der Pater Bekx schüttelte langsam den Kopf und sah den Grafen Rivero fragend und erwartungsvoll an.

»Ein Fußschemel der Kirche,« rief der Papst, – »dies Italien, dessen König uns nicht nur unsere heiligsten Rechte, sondern auch den Besitz des Erbteils der Nachfolger des Apostels Petrus rauben will, der mit dem Geiste der Lüge und des Unglaubens sich verbündet, dessen räuberische Heere schon an den Grenzen unseres Gebiets lagern?«

»Und die von dem Gebiete Eurer Heiligkeit«, erwiderte Graf Rivero, »nur durch die Macht Frankreichs zurückgehalten werden, durch diese Macht, welche zusammenbrechen wird, wenn sie es unternehmen sollte, in die Entwickelung der deutschen Nation einzugreifen. Wenn Frankreich mit Deutschland Krieg führt, so wird es nicht mehr die Macht besitzen, die italienische Bewegung zum Heile der Kirche zu lenken.

Der Papst schwieg einen Augenblick, ein Blitz des Unwillens zuckte aus seinen großen, strahlenden Augen auf den Grafen hin.

»Du glaubst, mein Sohn, daß dieses preußische Deutschland, zu welchem das unserer Kirche treu ergebene Bayern nicht gehört, Frankreich besiegen würde und daß dann unser Gebiet und Rom den Heeren des von Gott verlassenen Königs Viktor Emanuel preisgegeben sein möchte. Diese Meinung«, fuhr er fort, »beweist wenig Vertrauen zu dem Schutz, welchen der Himmel endlich unserer heiligen Sache gewähren muß. Wir verwerfen deine Meinung als einen Irrtum, – aber es ist ein politischer Irrtum, ein Irrtum deines Verstandes, dessen Aufklärung wir der Zeit und deiner besseren Einsicht überlassen können. Aber«, fuhr er mit erhöhter Stimme fort, »du hast von einer Versöhnung unserer heiligen Sache mit diesem Königreich Italien gesprochen, das wie ein brandendes und drohendes Meer den Felsen Petri umdrängt; – eine solche Versöhnung für möglich zu halten, das ist ein schwererer, ein verhängnisvollerer Irrtum. Wir vermögen es nicht zu fassen, wie ein gläubiger Sohn der heiligen Kirche an eine solche Versöhnung nur denken kann.«

»Und doch,« erwiderte der Graf, indem er sich hoch aufrichtete, während sein bleiches Gesicht sich rötete und aus seinen Augen das Licht jugendlicher Begeisterung flammte, »und doch ist eine solche Versöhnung leicht, doch würde sie zur vollkommenen und sicheren Wiederherstellung der Macht und Herrlichkeit der Kirche führen. Ganz Italien ist katholisch, Heiliger Vater,« fuhr er fort, »und gut katholisch; – daß es seine nationale Einheit verlangt, kann man ihm nicht verargen, da der Zug nach nationaler Einigung und Macht heute durch alle Völker der Erde geht. In diesem Zuge an sich liegt keine Feindschaft gegen die Kirche oder gegen Eure Heiligkeit. Wenn die nationale Idee sich in diesem Augenblick dem Papsttum gegenüberstellt, so ist dies nur die Folge der Stellung, welche die Kurie ihrerseits eingenommen hat. Wenn Eure Heiligkeit selbst die nationale Größe dieses schönen Italiens, das so lange den Völkern der Erde voranschritt, in Ihre heiligen Hände genommen hätten, so würde, ich wiederhole es, nach meiner Überzeugung heute ganz Italien zu den Füßen des päpstlichen Thrones liegen. Was ist jener König von Piemont dem großen Italien? Nicht ihm fliegen die Herzen entgegen, sondern nur der Idee, welche er vertritt und welche in allen Gemütern warme Begeisterung entzündet. Wenn Eure Heiligkeit«, fuhr er immer wärmer und begeisterter sprechend fort, »von Rom aus die Einheit Italiens verkünden würden, welche wir ja einst schon in einem Bunde der Fürsten unter dem Vorsitz des Papstes erstrebten, dann würde die Begeisterung ganz Italiens nicht nur der nationalen Idee als solcher, sondern auch dem Vertreter dieser Idee, dem Oberpriester der Kirche, durch welchen Italien an der Spitze der katholischen Welt steht, entgegenfliegen. Eure Heiligkeit würden allmächtig in Italien werden, durch Italien die lateinischen Völker und durch diese die Welt beherrschen.«

Einen Augenblick zuckte es über das Antlitz des Papstes hin wie ein Verständnis dieser Gedanken, welche auch ihn einst beim Beginn seines Pontifikats erfüllt hatten.

Der Pater Bekx sah mit scharfem, forschendem Blick auf den Papst hin, dessen Augen mit liebevollem Wohlgefallen auf dem bewegten, von begeistertem Feuer glühenden Antlitz des Grafen ruhten, – dann aber wurde das Gesicht Pius' IX. wieder kalt und strenge und er sprach, indem die seinen Brauen sich über seinen Augen zusammenzogen:

»Du vergißt, mein Sohn, daß dieses verblendete und irregeleitete Volk Italiens Rom als die Hauptstadt seines parlamentarischen Königreichs verlangt, daß es unsere weltliche Herrschaft umstürzen möchte, daß es hier auf dem Boden, auf welchem die Nachfolger des heiligen Petrus berufen sind, in unbeschränkter Autorität zu herrschen, sein Parlament versammeln will, um nach Majoritätsbeschlüssen die alten, heiligen Rechte zu zerstören und neue Gesetze zu geben, welche fehlbare Menschensatzungen an die Stelle der Gebote der Religion und der Kirche setzen.«

»Ich erkenne ganz«, sagte der Graf, »den Frevel, welcher in dem Streben nach dem weltlichen Besitz und dem Angriff gegen die Rechte des heiligen Stuhls liegt. Aber«, fuhr er fort, »ist es nicht die Aufgabe der Kirche, die fehlerhafte und verderbliche Richtung des Geistes der Zeit zu beherrschen und so zu lenken, daß auch sie zur immer größeren Ehre Gottes führe? War es nicht ein schwerer und verhängnisvoller Fehler, daß die reformatorische Bewegung Luthers, welche sich doch nur gegen die von erleuchteten Kirchenfürsten selbst anerkannten Mißbräuche und Übelstände richtete, sich selbst überlassen, mit falschen Mitteln bekämpft und so zu einer Bewegung gegen die Kirche selbst gemacht wurde, welche große Ländergebiete von ihrer Herrschaft ablöste? Welche Grundlage kann der Weltherrschaft der Kirche dieses römische Gebiet geben, das ihr nur erhalten wird durch die schützende Hand einer fremden Regierung, deren Macht einst brechen, deren Anschauung von einem Tag zum anderen wechseln kann? Die Macht der Kirche, Heiligster Vater, beruht auf der Herrschaft über die Geister, und wenn um dieses kleinen weltlichen Gebietes willen diese Herrschaft über die Geister preisgegeben wird, so ist der Gewinn wahrlich ein geringer, und selbst dieser Gewinn ist nicht sicher und dauernd. Wenn aber die Kirche jetzt mächtig in freiem Entschluß der Bewegung der Geister voranschreitend, diese beherrscht und führt, dann wird sich alles ihr unterwerfen und es kann möglich sein, selbst die traurigen Folgen jener Reformation wieder zu beseitigen, welche Deutschland spaltete und so viele Millionen der Kirche entfremdete.«

»Wir sind erstaunt,« sagte der Papst mit mildem Ernst, indem er sich zum Pater Bekx wandte, »wie auch in einer gläubigen Seele, die von treuer Hingebung für die heilige Religion stets erfüllt war, so verhängnisvolle und verderbliche Irrtümer entstehen und sich festsetzen können, so daß ein frommer und uns tief ergebener katholischer Christ das für nützlich und heilsam halten kann, was die Feinde des Glaubens verlangen und erstreben.«

»Das ist die Macht des bösen Geistes, Heiliger Vater,« sagte der Pater Bekx mit einer scharfen und trotz des ehrerbietig gedämpften Tons das ganze Gemach durchdringenden Stimme, »daß sie die menschliche Vernunft durch falsche Trugschlüsse auch von richtigen und frommen Ausgangspunkten zu den verderblichsten und unheilvollsten Irrtümern hinleitet. Das ist der Fluch des vermessenen eigenen Denkens und Forschens. In den irdischen Dingen mag der Verstand prüfen und urteilen, der Religion und dem Glauben gegenüber muß er schweigend sich beugen. Nicht umsonst hat man die Kirche als den Felsen Petri bezeichnet. An diesem Felsen möchten sie rütteln, um ihn mit den wechselnden Wellen des sogenannten Zeitgeistes zu überspülen, und darum muß es die Aufgabe aller treuen Diener der Kirche sein, diesen Felsen zu schützen und zu verteidigen, damit sich auf seinen ewigen Grund diejenigen retten können, welche«, fügte er mit einem Blick auf den Grafen hinzu, »in den Fluten der menschlichen Vernunft Schiffbruch gelitten haben.«

Wohlgefällig lächelnd neigte der Papst nochmals das Haupt.

»Unser frommer Bruder hat recht,« sagte er, »auch du hast Schiffbruch gelitten, mein Sohn, in den unruhigen Wellen, welche das stolze und selbstgenügsame Denken schlägt, – aber wir zürnen dir darum nicht«, fügte er mit mildem Ton und einem liebevollen Blick auf den Grafen hinzu. »Es ist ja unser Beruf als Nachfolger des heiligen Apostelfürsten, die Seelen zu fischen aus den trüben Fluten des Lebens und sie zu retten auf den festen Ankergrund der Kirche. Auch du wirst den Weg zurückfinden zu unserem ewigen Felsen, wenn wir erst hoch auf dessen Spitze die untrügliche Leuchte entzündet haben werden, welche weithin über der Welt und des irdischen Lebens schwankenden Wellen allen Irrenden den Weg zur Rettung zeigt, wenn nur die Autorität unseres vom heiligen Geist durchströmten oberhirtlichen Wortes über alle Zweifel und Wirrnisse erhoben sein wird. Bleibe hier, mein Sohn, am Fuße unseres apostolischen Stuhls und unter der Leitung unseres würdigen Bruders hier, dem wir ganz besonders die Führung und Klärung deiner Seele übertragen. Bald wird das Konzil, das wir berufen haben, der die ganze Welt umfassenden Kirche den festen Mittelpunkt wiedergeben und unser unfehlbares Wort als die heilige Regel und Norm für die Gewissen aller Gläubigen aufstellen. Dann wird der große Bau der Kirche«, fuhr er fort, indem schwärmerische Begeisterung von seinem Gesicht strahlte, »fest ineinandergefügt den Mächten der Welt, die alle gegen seine Mauern anstürmen, siegreich Widerstand leisten und allen Gläubigen eine feste und sichere Zuflucht gewähren.«

Tiefer Schmerz erschien auf den Zügen des Grafen.

»Eure Heiligkeit«, sagte er, »haben die Gnade gehabt, mir diesen Gedanken schon auszusprechen, als ich das letztemal vor Ihrem Antlitz zu stehen das Glück hatte. Und weil ich vor diesem Gedanken erschrocken zurückbebte, weil ich in demselben schwere und drohende Gefahren für die Kirche und die Religion erblickte, hatten Eure Heiligkeit mir befohlen, mich in stiller Zurückgezogenheit in mich selbst zu versenken und über diese so schwere und verhängnisvolle Frage nachzudenken; – ich habe getan, was Eure Heiligkeit mir befahlen. Ich habe gedacht und geforscht mit allen Kräften meines Geistes, ich habe gerungen im Gebet mit aller Kraft meines Glaubens, damit Gott mich erleuchten möge, damit ich das Recht erkenne und den Irrtum zu ergründen imstande sei. Aber, Heiligster Vater,« fuhr er fort, »ich habe die Überzeugung, welche ich vor Eurer Heiligkeit auszusprechen mich erkühnte, nicht als Irrtum erkennen können, – je tiefer ich nachgedacht habe über die Stellung der Kirche unserer Tage, um so fester und kräftiger ist in mir die Überzeugung geworden, daß die Kirche nicht durch die starre, unbewegliche Autorität den Sieg über ihre Gegner erringen kann, – daß aber auch niemals der Augenblick günstiger gewesen ist, um ihr die Weltherrschaft wieder zu erobern, wenn sie die Bewegung der Geister erfaßt und leitet, wenn sie zurückkehrt zu dem Geist der Freiheit, den der Erlöser in seinem heiligen Blut die Welt durchströmen ließ. Denn der Geist ist die Bewegung, ist das Leben, ist die Freiheit, und wenn die Kirche der Bewegung, dem Leben und der Freiheit entgegentritt, so wird der Geist der Welt sich gegen sie wenden, sie wird erstarren und absterben, wie der Felsen, der starr und tot emporragt und dessen Gipfel sich mit Eis und Schnee bedeckt, die der Strahl der Sonne nicht mehr zu schmelzen vermag. Nicht in dem unbeweglichen Felsen, heiliger Vater, wohnt der Geist Gottes, er weht über die Erde in dem Hauch des Windes, der die Luft reinigt und erfrischt, er duftet empor aus dem Kelch der Blumen, er flammt nieder in dem Wetterstrahl, er ist überall da, wo Leben und Bewegung herrscht. Vor allem aber wohnt er in dem schlagenden und fühlenden Menschenherzen, in dem vorwärtsstrebenden Menschengeist, dieser ungreifbaren, feinen und edlen Substanz, die nur wiederum durch den Geist erfaßt und geleitet werden kann. Und die Kirche, Heiligster Vater,« fuhr er immer begeisterter, immer glühender fort, »muß diesem Wesen der Gottheit entsprechen, sie darf sich nicht auf den toten, unnahbaren Felsen zurückziehen, sie muß das Leben, den Geist der ganzen Welt zu sich heranziehen, um ihn zu läutern und zu reinigen, um seinen Fortschritt und seine Bewegung führen zu können. Die Macht Eurer Heiligkeit ist groß und die Herzen aller Gläubigen beugen sich ihr, aber diese Macht ist nicht groß genug, um das geistige Leben der Welt in starre und tote Formen zu bannen. Wenn Eure Heiligkeit dem Geiste voranschreiten, so werden alle, auch die heutigen Feinde der Kirche, folgen müssen, und das Zeichen des Kreuzes wird im Geiste der Wahrheit den Geist der Lüge besiegen, wie der Erzengel den Fürsten der Hölle unter die Spitze seines flammenden Schwertes niederwarf, – wenn aber die Kirche dem Geist sich entgegenstellt, so werden auch diejenigen irre werden, welche heute noch ihre treuesten Diener sind. Das ist meine Überzeugung, Heiligster Vater, ich kann sie nicht ändern, so sehr ich geforscht und gerungen habe. Und aus dieser Überzeugung flehe ich Eure Heiligkeit an, das Konzil zu einer großen Vertretung der christlichen Weltgemeinde zu machen. Wenn sich das geistige Leben aller Völker in einem klaren Bilde vor Eurer Heiligkeit Blick darstellt, damit dann dieses Leben von dem apostolischen Stuhl aus durch die Bischöfe und Priester, je nach seiner nationalen Eigentümlichkeit abgesondert, geregelt und gelenkt werden könne, – dann, Heiligster Vater, wird die Kirche ein lebendiger Organismus werden, der wahre Leib Christi, von dessen heiligem Blut durchströmt, Leben wird aus allen Adern dieses Leibes nach dem Herzen hinfließen, Leben wird vom Herzen aus wieder zurückgeführt werden, und dann wird der Papst, das Herz dieser großen, lebendigen Kirche, der Mittelpunkt und der Herr der Welt sein, gleichviel, ob das unmittelbare, kleine Stück Erde, das seinen Thron trägt, zugleich seiner weltlichen Herrschaft unterworfen ist oder nicht.«

Der Papst sah wie erstaunt den Grafen an. Er hatte mehrere Male langsam den Kopf geschüttelt, während der Pater Bekx, die Hände faltend, mit scharfem, stechendem Blick zu dem Sprechenden hinübersah.

Pius IX. winkte leicht mit der Hand, als wolle er den Grafen veranlassen, weiterzusprechen und seine Gedanken bis zum letzten Ende vollständig zu entwickeln.

Nach einem tiefen Atemzug fuhr der Graf fort:

»Die Hauptstützen der Kirche, heiligster Vater, die Hauptorgane der verbindenden und einigenden Macht des Papstes sind die Bischöfe, welche unmittelbar in den Gemeinden der Gläubigen stehen und deren geistiges Leben aus der Nähe zu beurteilen und zu führen imstande sind. Die dogmatische Unfehlbarkeit des Heiligen Stuhls aber greift tief in das freie Hirtenamt der Bischöfe ein. Die Bischöfe stehen unmittelbar den weltlichen Mächten gegenüber, welche Gewalt haben über alle äußeren Verhältnisse der Gläubigen ihrer Diözese. An den Bischöfen liegt es, den Frieden mit diesen weltlichen Mächten zu erhalten und ihnen keine Gelegenheit zu geben, in das innere und freie Leben der Kirche einzugreifen. Können die Bischöfe, welche in den Glaubenssachen nur das Konzil über sich haben, dessen Teilnehmer sie sind, können sie sich unbedingt den dogmatisch unfehlbaren Aussprüchen des päpstlichen Stuhls unterwerfen, der doch keine unmittelbare Fühlung hat mit dem nationalen Leben und den besonderen Verhältnissen ihrer Sprengel? Und wenn sie es tun,« fuhr er fort, »wenn sie um der Einigkeit der Kirche willen dies neue Dogma annehmen, das ihre ganze Stellung in ihrem innersten Wesen verändert, werden sie nicht auch in eine ganz veränderte Stellung treten zu den weltlichen Mächten und zu ihren Diözesanen selbst, werden sie nicht die Eifersucht der Regierungen, das Mißtrauen der Gläubigen gegen sich hervorrufen, wird nicht Kampf und Zwietracht nach allen Seiten hin die Kirche in Not und Gefahr stürzen, statt sie zu stärken und zum Siege zu führen? Heiligster Vater, ich sehe schwere, dunkle Zeiten vor meinem Geist heraufsteigen, – ich sehe den alten Bau in Trümmer sinken und nur nach schweren Kämpfen wird ein neuer Tempel aus neuen Steinen entstehen können, wenn nicht Eure Heiligkeit selbst die neue Zeit mit mächtiger Hand erfassen. Ich habe gegen niemand«, fuhr er nach einem augenblicklichen Stillschweigen fort, »über das gesprochen, was in meinem Innern lebt, was ich erkenne mit meinem Geist und empfinde mit meinem glaubensvollen Herzen und was ich hier vor Eurer Heiligkeit auszusprechen für meine Pflicht halte. Ich werde wahrlich nicht Propaganda für meine Ansichten machen, ich werde sie tief in mich verschließen, ich bin ein einfacher, fehlbarer und demütiger Christ und blicke voll tiefer Ergebung zu der unendlich höher erleuchteten Einsicht Eurer Heiligkeit empor. Aber ich flehe mit der ganzen Inbrunst meines Herzens, daß Gott, wenn meine Anschauung die richtige ist, derselben bei Eurer Heiligkeit Eingang geben möge, daß er mich aber, wenn ich mich täusche, endlich meinen Irrtum erkennen lasse, – was ich bis zu dieser Stunde zu tun nicht imstande bin«, fügte er mit leisem, aber festem und entschiedenem Ton hinzu.

Langsam näherte er sich dem Sessel des Papstes, ließ sich auf die Knie nieder, faltete die Hände und senkte schweigend das Haupt auf die Brust.

Der Papst machte wie unwillkürlich eine Bewegung mit der Hand, als wolle er dieselbe zum Segen erheben, dann aber ließ er sie wieder auf die Lehne des Sessels herabsinken und sprach mit strengem Ton, aber immer noch wohlwollend zu dem Grafen herabblickend:

»Du bist kränker an deiner Seele, mein Sohn, als wir geglaubt haben, und es erfüllt uns mit tiefem Schmerz, zu sehen, daß so höchst verderbliche Irrtümer Eingang in deinen Geist gefunden haben. Wir müßten unser Antlitz von dir abwenden und dich den Strafen überlassen, welche die Kirche für alle solche ketzerische Irrtümer festsetzt. Aber«, fuhr er in sanfterem Ton fort, »wir erinnern uns der großen Verdienste, welche du dir durch dein treues und unermüdliches Wirken im Dienst der heiligen Religion erworben hast, – wir erinnern uns des Wortes des Heilandes, nach welchem mehr Freude im Himmel sein wird über einen zurückkehrenden Verirrten, als über hundert Gerechte, und deshalb wollen wir das Urteil der Verwerfung noch nicht über dich aussprechen, wir wollen dir Zeit geben, deine Irrtümer zu erkennen und zu bereuen und dich der besseren Erkenntnis zu öffnen, damit die reichen Kräfte, mit denen der Himmel dich begnadigt hat, auch fernerhin wieder, wie einst, sich im Dienst unserer heiligen Sache entwickeln können. Darum geben wir dir auf, hier in Rom zu bleiben und dich vom Verkehr mit der Welt zurückzuhalten. Unser würdiger Bruder hier, dessen Geist ebenso reich und kräftig ist, als sein Glaube kindlich und unerschütterlich, wird dir zur Seite stehen, er wird dich belehren, er wird dich führen, und seinem Eifer wird es gelingen, dich zu der ersten Pflicht eines Streiters für die Kirche zurückzuführen, – zu dem schweigenden, selbstverleugnenden Gehorsam. Wir übergeben dir, würdiger Bruder«, fügte er, sich zu dem Pater Bekx wendend, hinzu, »diese kranke und irrende Seele, du wirst sie uns geheilt und zu unserem Dienst gekräftigt zurückgeben.«

Der Graf stand auf, stolzer Mut leuchtete aus seinen Augen, seine etwas gebeugte Gestalt nahm die ganze Elastizität früherer Tage wieder an und mit vollklingender, laut durch das ganze Gemach hin tönender Stimme sprach er:

»Ich hatte die Kraft meines Lebens dem Dienst der heiligen Kirche geweiht, und ich habe mich willig allen Anordnungen gefügt, welche die einzelnen Handlungen in diesem Dienst betrafen, solange ich die freudige Überzeugung in mir trug, daß der Weg, auf dem ich voranging, wirklich zum Heile der Kirche führte. Diese Überzeugung, Heiligster Vater, habe ich verloren, und so sehr ich mich vor Eurer Heiligkeit in tiefer Demut beuge, so wenig kann ich mich in blindem Gehorsam dem ehrwürdigen Vater hier unterwerfen. Ich habe es gewagt, im Dienst der heiligen Sache, der ich mein ganzes Leben hingab, Menschenherzen, welche aus Gottes liebevoller Schöpferhand hervorgegangen sind, als Werkzeuge zu gebrauchen. Diese Herzen, unschuldiger und reiner vielleicht als das meine, sind gebrochen. Ich habe machtlos und verzweifelnd vor den Leichen derer gestanden, welche meine Vermessenheit dem Tode weihte. Ich bin schaudernd und innerlich vernichtet vor den Folgen der Taten zusammengesunken, welche ich aus freier, gläubiger Überzeugung getan habe, und diese gläubige Überzeugung allein kann eine Rechtfertigung, eine Entschuldigung meiner Taten sein. Aber, Heiligster Vater,« rief er, »sobald diese Überzeugung mir fehlt, kann ich kein blind gehorsames Werkzeug in einem Kampf mehr sein, von dem ich keinen Sieg voraussehe, und auch der ehrwürdige Pater hier wird es nicht vermögen, mir jene Überzeugung zu geben, nachdem ich sie vor dem Angesicht Eurer Heiligkeit selbst nicht habe gewinnen können.«

Jetzt verschwand der väterlich liebevolle Ausdruck von den Zügen des Papstes, seine bisher so mild und sanft leuchtenden Augen schienen plötzlich eine tiefdunkle Farbe anzunehmen, sprühende Flammen blitzten aus denselben hervor. Er richtete sich aus seiner zurückgelehnten Stellung auf, hob die Hand wie abwehrend gegen den Grafen und sprach mit einer Stimme, die wie das Grollen eines fernen Wetters von den Marmorwänden des Gemachs widertönte:

»Du bist auf dem Wege, von dem schmerzlichen, aber verzeihlichen Irrtum zur Auflehnung überzugehen. Wir haben dir jetzt nichts weiter zu sagen, wir geben dir bis zum Abend des morgenden Tages Bedenkzeit, ob du dich unserem Urteil unterwerfen, dich der belehrenden und strafenden Zucht unseres würdigen Bruders hier hingeben willst, – wo nicht, so werden wir unser liebevolles und verzeihendes Antlitz von dir abwenden und dich dem Fluche verfallen lassen, der den abtrünnigen und aufrührerischen Söhnen der Kirche gebührt.«

Er winkte mit der Hand; ein tiefer Atemzug hob die schwer arbeitende Brust des Grafen, seine Augen glänzten in düsterem Feuer. Er wollte sprechen, da fiel sein Auge auf den Pater Bekx, welcher ihn kalt und scharf ansah. Er schien das Wort von den bereits geöffneten Lippen zurückzurufen, beugte schweigend das Knie, berührte mit den Lippen das Kreuz des päpstlichen Schuhes und zog sich dann, rückwärts schreitend, nach der Tür des Gemachs zurück, immer den Blick tief eindringend, schmerzvoll und starr auf den Papst gerichtet.

Auch auf dem Antlitz Pius' IX. lag schmerzliche Wehmut, er schien mit sich selber zu kämpfen und ein Wort der Versöhnung schien auf seinen Lippen zu schweben, – aber er blieb stumm, er erhob die Hand nicht wie sonst zum Segen. und die lautlose Stille wurde nur durch das Geräusch der Tür unterbrochen, welche der Graf öffnete und welche sich hinter demselben wieder schloß.

Schweigend erwiderte der Graf die Grüße des diensttuenden Kämmerers, der ihn bis zur Tür des Vorzimmers geleitete, schweigend durchschritt er die Vorhöfe, in denen unbeweglich, wie vorher, die Schweizergarden standen, er erreichte seinen Wagen und fuhr schnell nach dem Hotel zurück.

Vierzehntes Kapitel

Der Erzbischof war in Rensenheim angekommen; mit seinem schönsten Viergespann hatte Graf Spangendorf ihn von der Bahnstation abgeholt und durch das blumen- und fahnengeschmückte Dorf, durch die zahlreiche, von allen Nachbarorten herbeigeströmte Menschenmenge nach dem Schlosse gefahren, wo der Kirchenfürst von der ganzen Familie, den Hausbeamten und der Dienerschaft am Tor des Schloßhofes empfangen und dann von dem Grafen und der Gräfin Spangendorf ehrfurchtsvoll in seine Zimmer geführt ward, während die Söhne des Hauses den geistlichen Rat, der den Erzbischof begleitete, nach der für ihn bestimmten Wohnung geleiteten. Der Erzbischof hatte mit der ganzen Familie eine Messe in der kleinen Schloßkapelle gehört, welche der Kaplan Haug gelesen, dann hatte er verschiedene Ortsgeistliche der Umgegend empfangen und all den zahlreichen Bittstellern soviel als möglich Gehör gegeben, welche sich gemeldet hatten, um ihm, dem obersten Hirten der Diözese, ihr bekümmertes und sorgenvolles Herz zu öffnen und von ihm Rat oder Trost zu erbitten.

Mit unermüdlicher Freundlichkeit und Güte hatte der hohe Diener der Kirche sie alle angehört, die sich an ihn wendeten; jeder war erfreut, getröstet und gestärkt von ihm gegangen und seine klaren, einfachen Worte hatten den bekümmerten Herzen reiche Wohltaten gebracht. Es war ein schönes Bild, diesen Mann zu sehen, der aus dem preußischen Justizdienst sich verhältnismäßig spät erst dem geistlichen Beruf zugewendet hatte, und der in seiner Erscheinung die Würde und den Ernst des Priesters mit der Feinheit und anmutigen Liebenswürdigkeit des Weltmannes vereinigte, – wie er dastand in dem reich ausgestatteten Zimmer seiner Wohnung im Schlosse Rensenheim, bald eines gebrochenen Greises oder eines zitternden Mütterchens lange Erzählung mit unermüdlicher Geduld anhörend, bald eines unglücklichen Mädchens oder einer trauernden Witwe leidenschaftlich bewegte Ergießungen sanft und milde beruhigend. Wer den Erzbischof einmal gesehen, konnte dessen so eigentümlich anziehende und bedeutende Erscheinung gewiß nicht leicht wieder vergessen. Er stand hoch aufgerichtet, fest, sicher und gebietend da, und doch lag in der Haltung dieser schlanken Gestalt in dem anschließenden bischöflichen Gewand zugleich wieder eine gewisse demütige Bescheidenheit. Sein Kopf war etwas vorgeneigt nach der Brust hin, auf welcher das bischöfliche Kreuz funkelte; sein Gesicht von scharfem Schnitt mit stark vorspringender Nase, seinen Lippen, etwas eingefallenen Wangen und breiter, hoher Stirn mit dünnen, grauen Haaren erschien beim ersten Anblick fast streng und hart, und die klaren, hellen Augen blickten so scharf und durchdringend, daß sie bis in das Innerste desjenigen sich zu senken schienen, mit dem der Erzbischof sprach. Wenn aber diese Augen und diese strengen Züge zuerst den einfachen Landleuten, die sich dem Erzbischof nahten, eine unwillkürliche Scheu einflößten, wenn seine kurzen, klaren und bestimmten Fragen leicht eine ängstliche Befangenheit hervorriefen, – so verschwand das alles wieder, sobald der milde Glanz herzlicher und inniger Teilnahme seine Züge erleuchtete, sobald das ihm eigentümliche weiche, fast kindliche Lächeln seine Lippen öffnete, sobald seine tiefe, sanfte Stimme ruhig freundliche Worte voll Klarheit und Wärme sprach.

Der Erzbischof hatte alle empfangen, die sich bei ihm um Gehör bittend gemeldet; etwas erschöpft saß er in einem weiten, alten Lehnstuhl von geschnitztem Eichenholz mit dunkelviolettem Seidenpolster, das Haupt gegen die hohe Rücklehne gestützt, die Hände gefaltet und den Blick mit dankbarem Ausdruck aufwärts gerichtet, – als freue er sich, daß es ihm vergönnt gewesen, in der Ausübung seines priesterlichen Hirtenamtes so viel Segen zu spenden, so viel Trost und Erquickung in leidende und sorgende Menschenherzen zu gießen.

Der Graf Spangendorf hatte ihm auch seine Sorgen mitgeteilt. Er hatte ihm gesagt, daß sein Sohn Franz von ihm die Erlaubnis zu seiner Heirat mit einer unbekannten Römerin aus niederem Stand erbeten, – und so groß das Vertrauen des Grafen zu dem ernsten und tiefreligiösen jungen Manne war, so hatte er doch seine Besorgnis nicht verschwiegen, daß dessen jugendliche Begeisterung ihn über die Würdigkeit der von ihm Erwählten täuschen könnte. Mit noch tieferer Sorge und Bekümmernis hatte dann der Graf von dem Entschluß Gabrielens gesprochen, sich in das Klosterleben zurückzuziehen: als guter Katholik hatte er zwar nicht gewagt, gegen diesen Entschluß Einwendungen zu erheben, allein er hatte dem tiefen Schmerz darüber Worte gegeben, daß seine einzige Tochter der Welt, die ihr so viel Genuß bot, und der Familie, die ihr so viel Liebe entgegentrug, sich für immer entziehen wolle, um sich vielleicht in später und vergeblicher Reue einst zu verzehren. Der Erzbischof hatte dem Grafen versprochen, die Sache zu erwägen und dann seinen Rat zu erteilen, auch zur Ausführung desselben, wenn es nötig sein sollte, seinen Einfluß eintreten zu lassen.

Nachdem er längere Zeit nachdenkend dagesessen, nahmen seine Züge den Ausdruck eines ruhigen, festen Entschlusses an, – er öffnete die Tür seines Vorzimmers und befahl dem dort zu seinem Dienste bereitstehenden Lakai, den Kaplan Haug zu rufen.

Nach wenigen Augenblicken trat der Pater in demütig unterwürfiger Haltung in das Zimmer, näherte sich dem Erzbischof und küßte den Ring an dessen Finger. Dann trat er einige Schritte zurück und blieb, die Hände über der Brust gefaltet, in demütiger Haltung stehen.

»Sie haben,« sagte der Erzbischof sanft und freundlich, aber doch im Ton einer gewissen hoheitsvollen Zurückhaltung, – »Sie haben das Glück, im Kreise einer vortrefflichen und fromm gläubigen Familie zu leben, – Ihr Beruf muß leicht sein und Ihnen Freude machen?«

»Ich danke Gott, hochwürdigster Herr,« erwiderte der Pater mit niedergeschlagenen Augen, »daß er mir diesen Beruf gegeben, und suche ihn nach meinen schwachen Kräften würdig auszufüllen. – Auch hat,« fuhr er fort, »der Herr meine Bemühungen gesegnet und es mir vergönnt, eine junge, reine und fromme Seele aus der Unruhe, Sorge und Versuchung der Welt dem reinen Dienste des Himmels zuzuführen.«

Er neigte das Haupt auf seine gefalteten Hände.

Der Erzbischof zog die Augenbrauen ein wenig zusammen.

»Der Graf Spangendorf hat mir von dem Entschluß seiner Tochter gesprochen, ihr Leben der klösterlichen Einsamkeit zu weihen, und er hat mir zugleich seinen Kummer darüber nicht verhehlt, wenn er auch ihrem freien Willen keine Schranke ziehen will, – ich habe mir vorbehalten, mit dem jungen Mädchen zu sprechen, wenn ich erst von Ihnen, der Sie ja der Beichtvater und geistige Beistand der Damen des Hauses sind, über den Seelenzustand und die Gründe des Entschlusses der jungen Gräfin unterrichtet sein werde.«

Der Kaplan richtete langsam den Kopf empor. Ein schneller, fragender Blick schoß aus seinen Augen zu dem Erzbischof hin, – dann senkte er denselben wieder zu Boden und sprach mit leiser, demütig bescheidener Stimme:

»Die junge Gräfin, hochwürdigster Herr, ist eine fein und zart empfindende Natur mit einer wunderbar tiefen Glaubenskraft und mit einem Blick, der besonders geöffnet ist für die höchsten Geheimnisse der Religion. Sie hat kein Verständnis und Gefühl für die Freuden der Welt, ihr Herz sehnt sich nach dem Himmel, – und ich habe diese ihre Richtung sorgfältig gepflegt und entwickelt, um ein so reich für den Dienst der Kirche begabtes Wesen in seiner jungfräulichen Reinheit der sündigen Welt zu entziehen, – ich bin überzeugt, daß sie einst ein hochbegnadigtes Werkzeug im Dienste der heiligsten Jungfrau werden wird, – ein auserlesenes Gefäß für die Offenbarungen des Heiligen Geistes.«

Der Erzbischof schwieg einen Augenblick. In Gedanken versunken sah er vor sich nieder und bemerkte den stechenden, durchdringenden Blick nicht, mit welchem der Kaplan an seinen sinnenden Zügen hing.

»Sie wissen,« sagte er dann, »daß es ein hochernster Entschluß ist, wenn ein junges Mädchen den Schoß seiner Familie verläßt und dem irdischen Beruf des Weibes entsagt, um sich und alles das, was die Welt Glück nennt, dem Dienste der Kirche zu opfern.«

Ein Strahl düsterer Glut zuckte aus dem Auge des Kaplans hervor.

»Ich habe geglaubt, hochwürdigster Herr,« sagte er, das Haupt tief niederneigend, mit noch demütigerem Ton, »daß dies Opfer das edelste und zugleich Gott wohlgefälligste sei, das der Mensch darzubringen vermag.«

»Gewiß«, erwiderte der Erzbischof ruhig und würdevoll, »ist es das edelste, höchste und reinste Opfer, sich selbst mit allen irdischen Wünschen, mit allen Hoffnungen auf irdisches Glück dem Himmel zu weihen. – Doch kann Gott an einem solchen Opfer nur dann Wohlgefallen haben, wenn es frei und freudig in voller Erkenntnis dessen, was man dahingibt, gebracht wird. Gott hat keine Freude an einem gebrochenen, verzagenden Herzen; ein Herz, das später mit Reue und Verzweiflung sein Opfer zurückkaufen möchte, kann dem Dienste der Kirche keinen Nutzen bringen und für sich die Krone der himmlischen Verklärung nicht erringen. – Haben Sie die junge Gräfin ernst geprüft,« fragte er, – »haben Sie ihr die ganze folgenschwere Wichtigkeit ihres Entschlusses klargemacht, – damit die Kirche gewiß sein kann, ein freudiges, wohlgefälliges Opfer dem Himmel darzubringen?«

Der Kaplan schlug die Augen vor dem fragenden Blick des Erzbischofs nicht auf und blieb unbeweglich in seiner gebeugten Haltung.

»Ich habe geglaubt,« erwiderte er bescheiden, aber mit einem etwas festeren Ton der Stimme, »nichts tun oder sagen zu sollen, was dies junge und reine Herz in seinem Entschluß beirren könnte, den ich als eine Eingebung des Heiligen Geistes verehrte, welcher ja den jungfräulichen Seelen oft vorzugsweise in unmittelbarer Berührung nahetritt. Ich habe geglaubt, daß ein Herz, welches sich Gott darbringt, nirgends besser bewahrt sein könne, als in dessen allmächtigen Händen.«

So einfach diese Worte gesagt waren, so demütig der junge Priester dastand, so schien der Erzbischof doch betroffen durch einen gewissen eigentümlich selbstbewußten Klang der Stimme des Sprechenden.

Er blickte den Kaplan ernst und streng an.

Dieser stand, ohne eine Bewegung zu machen, vor ihm.

»Man kann Gott auf viele Weise und in jedem Lebensberufe dienen,« sagte der Erzbischof, »wenn man die Pflichten erfüllt, welche die Gebote der Religion festsetzen, – aber man dient ihm am mindesten, wenn man Pflichten übernimmt, welche zu erfüllen die Kraft fehlt. – Hat die junge Gräfin«, sagte er dann, »irgendeinen Kummer, der ihr Herz belastet, der sie dazu treibt, Trost und Erleichterung in der Einsamkeit des Klosterlebens zu suchen? – ist etwa ihre Stellung in der Familie –«

»Gräfin Gabriele wird von ihrem Vater und auch von ihrer Mutter, obgleich diese kälter und zurückhaltender ist, mit der zärtlichsten Liebe auf den Händen getragen«, fiel der Kaplan schnell ein.

»Oder hat sie«, fragte der Erzbischof weiter, »eine Neigung im Herzen, welcher unbesiegbare Hindernisse entgegenstehen?«

»Mir ist von einer solchen Neigung nichts bekannt geworden«, erwiderte der Kaplan, ohne die Augen aufzuschlagen, ohne den Kopf zu erheben und ohne eine Bewegung zu machen.

Der Erzbischof machte einige Schritte durch das Zimmer.

»Dann geht also der Entschluß nur aus der wirklichen Begeisterung für die Religion und den Dienst der Kirche hervor,« sagte er, vor dem Kaplan stehenbleibend, der seinen Bewegungen mit beobachtenden Blicken gefolgt war, – »und das ist«, fuhr er fort, »der reinste, edelste und Gott wohlgefälligste Beweggrund eines solchen Entschlusses, – besser als Kummer, Verzweiflung und Lebensüberdruß, – aber«, sagte er, den Kopf langsam neigend, – »sie ist noch sehr jung, ein Kind fast, sie darf noch keinen Entschluß fassen, der über ihr ganzes Leben entscheidet, – sie muß Zeit haben, sich ernstlich zu prüfen.«

Er setzte sich nachdenklich in seinen Lehnstuhl nieder.

Ein feindlicher Blick schoß aus den Augen des Kaplans nach dem Erzbischof hin, – seine Lippen zuckten und verzogen sich zu einem häßlichen Lächeln, während er immer gebeugt dastand und mit unruhiger Spannung erwartete, daß der Erzbischof seine Rede fortsetzen würde.

Dieser schien nach einigen Augenblicken seine Gedanken geordnet zu haben.

»Das junge Mädchen soll noch ein volles Jahr«, sagte er, »im Hause ihrer Eltern bleiben und in ihren bisherigen Verhältnissen unverändert fortleben, – ich werde den Grafen bitten, daß er sie während des Winters in die Welt und die Gesellschaft führe und der einsamen Zurückgezogenheit entziehe, – sie soll die volle Empfindung dessen haben, was sie aufgeben will, und auch ihr Herz prüfen, ob es die Kraft habe, dem Reiz der irdischen Liebe, die ohne Zweifel an sie herantreten wird, zu widerstehen, und wenn sie nach Ablauf dieses Jahres, nachdem sie im vollen Strom des weltlichen Lebens gestanden hat, – wenn sie dann noch bei ihrem Entschlusse beharrt, dann mag sie ihr Haupt mit dem Schleier verhüllen, der sie für immer für die Welt sterben läßt, – dann wird ihr Herz stark und freudig sich dem Himmel weihen. Sie aber sollen während dieser Zeit«, fügte er hinzu, »diese kindliche Seele sich selbst überlassen und auf keine Weise auf ihre Entschlüsse einwirken, – nach Ablauf des Jahres werde ich prüfen und entscheiden.«

Der Kaplan zuckte zusammen, sein Gesicht war bleich geworden, seine Lippen zitterten, – mit gewaltsamer Willensanstrengung hielt er sich in seiner gebeugten Stellung und heftete seine Augen fest auf den Boden.

»Hochwürdigster Herr,« sagte er mit einem Ton, der schneidend und scharf aus seinem häßlich verzogenen Munde hervordrang, – »wenn nun im Lauf dieses Jahres die Lockungen der Welt Macht gewinnen über dieses junge, jetzt so reine und gottbegeisterte Herz, – wenn dem Himmel ein Rüstzeug verloren ginge, das er sich, wie ich überzeugt bin, ausersehen hat zu großen, herrlichen Offenbarungen, – wenn«, fügte er mit bebender Stimme hinzu, – »die Arbeit verloren wäre, die ich in gläubigem Eifer an die Entwickelung und Bildung dieser Seele gewendet habe! –«

Der Erzbischof sah ihn befremdet an.

»Wenn in diesem Jahre der Selbstprüfung, das ich für die junge Gräfin angeordnet habe,« sagte er mit Betonung, »die Welt mit ihren Freuden und Sorgen wieder Macht über ihre Seele gewinnt, – dann hat sie niemals den wahren Beruf für den Dienst des Himmels gehabt, – dann ist es besser, sie bleibt in ihrem Lebenskreise und sucht sich durch die Ausübung der irdischen Pflichten des Weibes der Gnade Gottes würdig zu machen.«

Er hatte ruhig und sanft, aber doch mit einer gewissen befehlenden Bestimmtheit gesprochen, welche andeutete, daß er sein letztes Wort gesagt und daß die Unterredung beendet sei.

Aber der Kaplan veränderte seine Stellung nicht. Auf seinem tief herabgeneigten Gesicht zuckten Blitze leidenschaftlichen Hasses und Zornes, – er atmete einige Male tief und schwer, als wolle er die mächtige Gährung in seinem Innern gewaltsam beherrschen, dann sprach er, die Stimme noch mehr als sonst dämpfend, um deren feindlichen, fast grimmigen Ausdruck nicht hervortönen zu lassen:

»Darf ein guter Hirt ein Lamm, das er in seiner Obhut hat, den Wölfen preisgeben und dann erwarten, daß Gott ein Wunder tun solle, um es zu retten? – Wenn nun der Keim einer irdischen Liebe in dem Herzen der Gräfin ruhte, – müßte er nicht wachsen und treiben, wenn sie in die Welt eintritt, und wenn dort dieser Keim täglich neuen Sonnenschein und neue Nahrung erhielte, – während im kühlen Schatten heiliger Einsamkeit ihre Seele frei bliebe von allem Einfluß weltlicher Gefühle?«

»Sie haben mir gesagt,« erwiderte der Erzbischof kurz, – »daß das Herz der Gräfin frei von aller Neigung sei.«

Der Kaplan preßte einen Augenblick die Lippen aufeinander, als suche er eine Antwort.

»Wer vermag die innersten Tiefen eines jungen weiblichen Herzens vollständig zu ergründen?« sagte er dann, – »der Keim irdischer Lust liegt in jeder Menschenbrust, – und ich habe geglaubt,« fuhr er mit lauterem und bestimmterem Ton fort, »daß es die heilige Aufgabe der Diener der Kirche wäre, aus würdigen und auserwählten Herzen solche Keime, die ja zugleich auch Keime der Sünde sind, zu entfernen, um dem Dienste des Himmels würdige Gefäße zu bilden. Ich habe geglaubt,« sprach er, das Haupt erhebend und den bisher niedergeschlagenen Blick scharf und durchdringend auf den Erzbischof richtend, »daß in unseren Zeiten, in welchen von allen Seiten her die Feinde der Kirche heranstürmen, in welchen alle weltlichen Mächte, untereinander verbündet, die Tempel und Altäre bedrohen, – daß in diesen Zeiten die Priester der Kirche alles aufbieten müssen, um immer mehr glaubensstarke Seelen für den unmittelbaren Dienst Gottes zu gewinnen, – ich habe geglaubt, daß es meine Pflicht als Priester sei, da eine solche reine und begeisterte Seele mir entgegentrat, sie so viel, als ich es vermochte, vor der Berührung der Welt zu hüten und sie so schnell als möglich ihrem heiligen Berufe zuzuführen.«

Der Erzbischof blickte kalt und streng auf den Kaplan, der weiche und sanfte Ausdruck verschwand vollständig von seinen scharfgeschnittenen Zügen und er sprach mit einem Ton, der jeden Widerspruch ausschloß:

»Sie haben geirrt, – in gutem Glauben geirrt, – unsichere und unklare Seelen in übereiltem Entschluß dem Dienste der Kirche zuzuführen, bringt derselben keinen Gewinn, – ich habe Ihnen meinen Willen verkündet, – ich werde auch dem jungen Mädchen und ihren Eltern dasselbe sagen, – gehen Sie hin und tun Sie, wie ich geboten.«

Der Kaplan richtete den Kopf empor, über sein vom Zorn verzerrtes Gesicht flammte eine helle Röte, seine blitzenden Augen sprühten Flammen, seine weißen Zähne traten spitz und scharf unter den geöffneten schmalen Lippen hervor und mit einer rauh und heiser klingenden Stimme sprach er:

»Und wenn nun diese Seele, die ich für den Himmel gewann, an die Welt verloren geht, – wenn meine Arbeit umsonst war und ich ihre Frucht nicht aufweisen kann, wie wird man in Rom vor dem Stuhle des Heiligen Vaters darüber urteilen? Wollen eure erzbischöfliche Gnaden dort die Verantwortung für den Verlust tragen, den die Kirche erleiden kann und den ich nicht verschuldet habe, – wollen Sie, hochwürdigster Herr, dort mein Verdienst, das Verdienst eines armen, niedrigen Priesters, das Sie mir heute nehmen, zu Anerkennung und Geltung bringen?«

Der Erzbischof richtete sich hoch auf. Ein durchbohrender Blick voll Hoheit und Würde traf den vor Erregung bebenden Pater, und er sprach, leicht die Hand mit dem Fischerring gegen ihn erhebend:

»Großer Eifer im Dienst der Kirche ist löblich, – selbst wenn er zu weit geht in glaubensvoller Begeisterung, – wenn dieser Eifer aber sich selbst als Verdienst betrachtet, – wenn er Lohn und Anerkennung sucht, – wenn er zur Verletzung der ersten und heiligsten Priesterpflicht, des Gehorsams, führt, – dann ist er fehlsam und strafbar.«

Der Kaplan hatte seine Aufregung gewaltsam niedergekämpft, – er wollte sprechen.

»Schweigen Sie!« rief der Erzbischof laut und befehlend, – »erwarten Sie die Buße, die ich über Sie verhängen werde, – und hüten Sie sich, – hüten Sie sich, gegen meine Befehle zu handeln!«

Er winkte mit der Hand, – der Kaplan verbeugte sich, die Hände über der Brust gefaltet, demütig und ging hinaus.

Als sich die Tür des Vorzimmers hinter ihm geschlossen, blieb er einen Augenblick stehen. Ohne sich ganz aus seiner gebeugten Haltung aufzurichten, wendete er den Kopf zurück, ein unbeschreibliches Lächeln fuhr wie ein düsteres Wetterleuchten über sein Gesicht, – er erhob die geballte Hand und flüsterte mit leiser, zischend aus den Lippen hervordringender Stimme.

»Den Gehorsam für uns, – die wir die Fußschemel ihrer Macht und Herrlichkeit sein sollen; – nur Geduld, ihr stolzen Kirchenfürsten, – der übermütige Trotz auf eure bischöfliche Gewalt wird auch gebrochen werden, eure hochgetragenen Häupter werden in den Staub gebeugt werden, wenn man von euch auch den Gehorsam fordern wird, – es ist wahrlich Zeit, daß die Geißel der Zucht über euch geschwungen werde!

»Und diese Seele,« fuhr er; mit glühenden Blicken, tief aufatmend fort, – »die ich mir gebildet und geformt, – die ich mir erzogen zu einer schönen, süßen und verborgenen Blüte meines Lebens, – sie sollte mir entrissen werden, – sie sollte in dem großen Garten der Welt für andere blühen, – für andere, denen das Leben alle seine Freuden bietet, während mir nur die Entbehrung, die Entsagung bleibt! –

»Nein, – nein,« sagte er, die Hände auf die Brust pressend und seinen schlanken Körper in sich zusammenschmiegend, – »nein, – sie ist mein, – und niemand soll sie mir entreißen!«

Er warf noch einen Blick voll Haß und wilder Drohung nach der Tür zurück und ging dann leisen Schrittes über den Korridor nach seiner Wohnung hin.

Der Erzbischof hatte seinen Beschluß der Gräfin Gabriele mitgeteilt und sie hatte denselben mit der demütigen Ergebung entgegengenommen, welche bei dieser frommen und tiefgläubigen Seele dem Willen des hohen Kirchenfürsten gegenüber natürlich war.

Der Graf und die Gräfin Spangendorf dankten dem Erzbischof auf das innigste für die von ihm getroffene Entscheidung, welche wenigstens die Möglichkeit offen ließ, daß ihr geliebtes Kind von seinem düsteren Entschluß zurückkäme und dem Leben der Welt und der Familie erhalten bliebe.

Bevor man sich zu dem späten Diner begab, zu welchem mehrere der Familie nahestehende große Grundbesitzer der Umgegend und einzelne Freunde aus Düsseldorf geladen waren, hatte der Erzbischof den Grafen Franz aufgefordert, mit ihm einen Spaziergang durch den Park zu machen, um, dem Wunsche der Eltern entsprechend, auch in der Herzensangelegenheit des jungen Mannes seinen Rat geben zu können.

Graf Franz stieg mit sehr gemischten und durcheinander wogenden Gefühlen an der Seite des hohen Prälaten die Schloßtreppe nach dem Park hinab. Er fühlte, daß der Erzbischof, dem sein Vater jedenfalls alles, was seine Familiensorgen betraf, anvertraut hatte, mit ihm über seine Liebe und deren Wünsche und Hoffnungen sprechen würde, – er scheute dies nicht, denn er fühlte sich kräftig und stark, auch selbst der Ermahnung aus so ehrwürdigem Munde gegenüber das Gefühl seines Herzens zu verteidigen. Dann aber gedachte er auch des Auftrags, welchen der Kardinal Monaco ihm gegeben und zu dessen Ausführung sich hier eine so unmittelbare Gelegenheit bot. Aber gerade dieser Auftrag, der ihm früher so ehrenvoll erschienen war, der seinen Geist so freudig beschäftigt hatte, drückte ihn jetzt nieder und engte sein Herz in angstvoller Beklemmung ein. Es erschien ihm fast als ein vermessener Frevel, daß er, der junge Mensch ohne Weltkenntnis und Erfahrung, prüfend und urteilend diesem hochbegabten Würdenträger der Kirche gegenübertreten sollte in einer der hochwichtigsten Fragen des kirchlichen Lebens. Er zweifelte, daß er jemals die Kühnheit haben werde, das Gespräch mit dem Erzbischof auf die Gegenstände zu führen, über welche er in Rom berichten sollte, und er zweifelte noch mehr daran, daß dieser in Alter und Stellung ihm so hoch überlegene Mann jemals ihm, dem geistig fast Unmündigen gegenüber ein solches Gespräch annehmen werde.

Mit würdevoller Freundlichkeit nahm der Erzbischof, als sie unter die Allee des Parks getreten waren, die Herzensangelegenheit des jungen Mannes auf. Er ließ sich von demselben genau und eingehend über das Leben, die Vergangenheit und Verhältnisse seiner Geliebten berichten, er ermahnte ihn ernst, seine Gefühle scharf zu prüfen und auch über die Würdigkeit seiner Geliebten, welche er aus fremden Verhältnissen, aus einem fremden Lande in seine Familie einführen wolle, ohne Leidenschaft, ohne Illusion sich Klarheit zu verschaffen.

Und der junge Graf schilderte in so glühender Begeisterung, mit so tiefinnigem Gefühl alle Eigenschaften derjenigen, welcher er die ganze Liebe seines Herzens geweiht hatte, er erzählte so ausführlich, so eingehend von ihrem Leben und all ihren Verhältnissen, zeigte so viel festes und unerschütterliches Vertrauen zu seiner Geliebten, daß der Erzbischof, indem sein Blick wohlgefällig auf dem schönen jungen Mann ruhte, mehrmals leise das Haupt neigte, als ob in seinem Inneren die Zustimmung zu dem Wunsche des Grafen mehr und mehr Platz gewänne.

Als der junge Mann seine Mitteilung beendet, sagte der Erzbischof mit sanfter Stimme:

»Einem so wahren, innigen und tiefen Gefühl, wie es aus Ihren Worten spricht, entgegenzutreten, mag ich nicht unternehmen. Ein solches Gefühl muß seinen eigenen Weg gehen, und wenn es zu Schmerzen und Leiden führt, so kommen dieselben aus der Hand desjenigen, der die Gefühle der guten, frommen und gläubigen Herzen beherrscht, und werden auch bei ihm Trost und Linderung finden. Ich will also nicht weiter gegen Ihren Wunsch sprechen, aber auf eins muß ich Sie aufmerksam machen, nicht, als ob es ein unübersteigliches Hindernis wäre, aber dennoch muß es beachtet und erwogen werden: das ist die tiefe Kluft des Standesunterschiedes zwischen dem Sohne des Grafen Spangendorf und der Tochter des niederen Volks eines fremden Landes. Ich bin ein Priester der Kirche, vor deren heiligem Altar die Bettler und die Könige gleich sind, und welche mit gleicher Liebe alle Stände umfaßt, dennoch aber haben die Unterschiede, welche tausendjährige Rechte, Sitten und Gewohnheiten zwischen den verschiedenen Menschenklassen aufgerichtet, ihre berechtigte Bedeutung. Und Sie müssen sich prüfen, ob Sie sich stark genug fühlen, auf die Dauer allen den Vorurteilen gegenüberzutreten, denen Sie auch bei der Zustimmung Ihres Vaters und Ihrer Familie in der Welt begegnen werden, in der Sie geboren sind und bis jetzt gelebt haben.«

»Hochwürdigster Herr,« erwiderte Graf Franz, »nach dem Erbrecht der Erstgeburt, welches in meiner Familie herrscht und welches ich als ein segenvolles Mittel zur Erhaltung der Familie verehre, fällt die ganze Besitzung unseres Hauses an meinen Bruder, und was mein Vater mir hinterlassen, was mein Bruder mir gewähren kann, ist nur wenig, sehr wenig im Verhältnis zu dem Namen, den ich trage, – ich muß, um diesem Namen Ehre zu machen und ihn auch äußerlich würdig zu vertreten, mir selbst eine Stellung in der Welt erwerben. Damit aber, wie ich glaube, hochwürdigster Herr, erwächst mir auch das Recht, mein Glück mir selbst zu gründen und aufzubauen, wie ich es verstehe und erfasse, und mich nicht von Vorurteilen beengen und beschränken zu lassen, für welche in meiner Lebensstellung mir kein Ersatz geboten wird. Ich stehe im Dienst Seiner Heiligkeit des Papstes und ich hoffe, in diesem Dienst mir eine Karriere und eine geachtete und würdige Stellung zu schaffen. Darin wird mir meine Verbindung mit der Tochter des römischen Volkes nicht hinderlich sein und ich darf sogar annehmen,« fügte er schnell hinzu, »daß meine Wünsche in den dort maßgebenden Kreisen Billigung und Unterstützung finden werden, – eine Andeutung des Kardinals Monaco läßt mich das hoffen.«

Der Erzbischof warf einen schnellen, scharfen Blick auf das bewegte Gesicht des jungen Mannes. Ein Gedanke schien in ihm aufzusteigen.

»Sie stehen dem Kardinal Monaco näher?« fragte er langsam.

»Nicht näher,« sagte Graf Franz mit einer gewissen Verlegenheit, »wie könnte das der Fall sein zwischen dem jungen, unbedeutenden Offizier und dem so hochstehenden Fürsten der Kirche? Der Kardinal ist gnädig gegen mich und hat mir zuweilen die Ehre erzeigt, sich mit mir zu unterhalten. Und das macht mich glücklich,« fuhr er in warmem Tone fort, während der Blick des Erzbischofs forschend auf ihm ruhte, denn ich bin tief durchdrungen von Bewunderung und Verehrung für jene gewaltige, die Geister beherrschende und die Herzen durchdringende Macht, welche in Rom, diesem heiligen Mittelpunkt der die Welt umfassenden Kirche, sich vereint. Als ich zuerst dorthin kam, war ich geblendet von dem hellen, schimmernden Licht, das mir entgegenstrahlte. Allmählich habe ich mehr und mehr gelernt, dieses Licht wie durch ein Prisma zu betrachten, sein mächtig überwältigender Strom teilt sich in verschiedene Strahlen, und diese Strahlen, wenn sie reiner und schärfer erkennbar werden, sind doch darum nicht minder glänzend, nicht minder erwärmend und belebend. Und, hochwürdigster Herr,« fuhr er in überströmendem Gefühl fort, »wenn die ganze Welt dieses so vielfarbige, herrliche Licht empfinden könnte, das von dem Thron des Heiligen Vaters ausstrahlt, wie bald würde aller Zweifel, aller Abfall verschwinden! Aber,« sagte er traurig, »wie matt, wie gebrochen dringt dieses Licht durch die auf und nieder wallenden Nebel nach den Fernen hin! Welcher Segen, welches Glück wird die Welt durchströmen, wenn alle Hirten der katholischen Völker sich um den Stuhl St. Peters vereinigt haben werden, um sich selbst mit seiner heiligen Ausströmung zu erfüllen und dieselbe wieder zurückzutragen in ihre Gebiete!«

Der Erzbischof blickte in tiefem Ernst sinnend zu Boden.

»Mein junger Freund,« sagte er dann, indem er einen Augenblick stehenblieb und das Auge mit einem liebevollen, fast wehmütigen Blick auf den Grafen richtete, »ich freue mich Ihrer jugendlichen Begeisterung für unsere heilige Kirche und für den glänzenden Mittelpunkt ihrer Gliederung, aber ich glaube nicht, daß das reine, ewige Himmelslicht des Glaubens durch die Entfernung gebrochen und geschwächt werde. Dies Licht strahlt uns hier im kalten Norden ebenso hell und warm als dort, wo der reine blaue Himmel sich über der Kuppel von St. Peter wölbt. Aber freilich,« fuhr er fort, indem er, wie seinen eigenen Gedanken folgend, zu den hohen, herbstlichkahlen Bäumen hinaufblickte, »jene vielfarbigen, blendenden und schimmernden Lichter, welche den Thron des Apostelfürsten umspielen, sie dringen nicht bis zu uns her, sie sind nicht für unsere Sinne und unsere Luft gemacht, darum aber ist der Glaube hier nicht schwächer, – vielleicht ist er noch inniger, noch treuer und überzeugungsvoller.«

»Aber wenn erst,« rief Graf Franz, wie von einem plötzlichen Entschluß bewegt, »wenn erst, hochwürdigster Herr, durch das Konzil die volle Einheit der Kirche wiederhergestellt sein wird, wenn das Wort des Heiligen Vaters mit seiner unfehlbaren Wahrheit von neuem die ganze katholische Welt durchdringen wird und jene herrlichen, das Herz erwärmenden und begeisternden Strahlen die ganze Welt erfüllen, dann werden die Mächte der Welt sich wieder von neuem in Demut beugen dem siegreichen Gebot der festgeeinigten Kirche.«

Es zuckte einen Augenblick in eigentümlicher Bewegung über das Gesicht des Erzbischofs. Er erhob leicht die Hand und schien ein ernstes Wort der Erwiderung sprechen zu wollen, da fiel sein Blick auf das jugendliche, fast noch kindliche Gesicht des Grafen – und seine Lippen schlossen sich wieder, seine Hand sank herab und seine Augen ruhten lange mit sinnendem Ausdruck auf dem jungen Mann.

»Die Kirche, mein junger Freund,« sagte er dann, »ist einig und gleich für die ganze Erde, und ihr Mittelpunkt ist der Heilige Vater auf dem Stuhl des Apostelfürsten, der erste unter den Bischöfen, den Priester und Laien in tiefer Demut verehren als den obersten Hirten, als den Wächter und Beschützer des Glaubenshortes und der Gnadenmittel der Kirche, – so«, fuhr er fort, indem sein Blick sich zum Himmel erhob, – »so ist auch die Sonne nur ein einziges und einiges Gestirn, dessen Strahlen aus dem einen brennenden Herd auf die Urwälder der Tropen und auf die Eisberge des Pols herableuchten, in die tiefen Schluchten sich senken und die Gipfel der Berge vergolden. Überall rufen diese Strahlen treibendes und blühendes Leben hervor, – aber dies Leben gestaltet sich verschieden, – so tausendfältig anders und verschieden, je nach dem Boden, aus dem es hervorwächst. Derselbe Strahl desselben Tagesgestirns, der den Keim der schlanken Palme weckt, daß er den zum Himmel aufwachsenden Riesenbaum emportreibt, – der den Kelch der Lotosblume öffnet, – er ruft auch unsere Bäume und Blumen aus dem Schoß der Erde, – er läßt auf den Schneeflächen des Nordens die zierlichen Moose wachsen und schmückt die starrenden Gipfel der Felsen mit Alpenrosen und Edelweiß. Der himmlische Lichtstrahl erweckt überall das Leben, überall blüht es aus dem irdischen Staub unter dem Kuß des Lichts dem Himmel entgegen, – aber es kann nur treiben und blühen, was der Schöpfer in seiner ewigen, unerforschlichen Weisheit in den Staub als Lebenskeim gelegt hat, – er aber, der große Herr und Vater der Welt, hat an des Mooses unscheinbar niedrigem Gewächs die gleiche Freude wie an der glühenden Pracht der Blätter und Blüten des reichen Südens.

»Sehen Sie,« sprach er weiter, »diese mächtige Eiche, – den Baum unseres deutschen Vaterlandes, – der fest und stark seine Wurzeln in unsere Erde treibt, können Sie ihn behandeln wie die Orangenbäume, die unter dem sonnigen Himmel Italiens wachsen, – oder können Sie jene Bäume hier in das Land der rauhen Winde verpflanzen?«

In tiefer Bewegung hörte Graf Franz dem Erzbischof zu; bei dessen letzten Worten wendete er sich zu der mächtigen tausendjährigen Eiche, welche an der Seite der Allee stand und ihre breiten Zweige mit dem wenigen gelben Laube weit umher ausdehnte. Er sah den großen königlichen Baum in tiefe Gedanken versunken an, als fände er in dessen kräftiger Verästung die Erläuterung zu den Worten des Erzbischofs.

Dieser, den der Gegenstand über die Grenzen des Raums und des Augenblicks fortgerissen zu haben schien, fuhr langsam fort:

»Die Sonne mit ihren belebenden Licht- und Wärmestrahlen, das ist die einige heilige katholische Kirche, der Boden mit den so verschiedenartigen Keimen, den sie bestrahlt und befruchtet, – das sind die Völker der Erde, – ebenso tausendfach verschieden in ihrem Wesen wie die Erde, auf der sie leben, und wie die Bäume und Blumen, welche diese Erde emportreibt. Wie die Sonne nichts anderes aus dem im irdischen Staube ruhenden Keim hervorziehen kann, als was des Schöpfers Hand in denselben hineingelegt, so kann auch die Kirche nur das aus den Völkern machen, wozu sie ihrer Natur nach berufen sind, – auch die Blüten der menschlichen Seelen sind verschieden, – und auch über alle diese so verschiedenen Blüten hat Gott die gleiche Freude«, sprach er, indem ein mildes, liebevolles Licht von seinem Gesicht strahlte.

»Und über diese Keime, über ihre Entwicklung zu wachen, sie nach ihrer Eigenart zu pflegen und zu behüten,« fuhr er dann fort, – »das ist die Aufgabe der Bischöfe, die wie kluge und sorgsame Gärtner jeder Pflanze die Bedingungen ihres Lebens, ihrer schönsten und reichsten Entfaltung gewähren müssen, – aber die niemals imstande sein werden, sie alle nach einer gleichen und unabänderlichen Art zu behandeln.«

»Hochwürdigster Herr,« rief Graf Franz lebhaft, – »wie soll ich Eurer erzbischöflichen Gnaden danken, daß Sie von Ihrer Höhe zu mir herabsteigen und mit so einfachen und doch so lichterfüllten Worten mir den Blick für die heiligen Wahrheiten öffnen, die mir verborgen waren?«

Der Erzbischof ließ das Auge, das noch immer aufwärts gerichtet zum Himmel emporgeblickt hatte, sanft auf den jungen Mann herabsinken.

Mit eindringendem, warmem Ton sagte er:

»Das Licht der Kirche, mein Sohn, welches überall die menschlichen Seelen zur Blüte des Glaubens und der christlichen Liebe entwickeln soll, strömt von dem Stuhl des Heiligen Vaters aus, – aber dieser lichtvolle Mittelpunkt der Kirche ist umgeben von so vielen Elementen, welche die Lebensbedingungen ihrer eigenen Existenz auf weitentfernte, selbständige und eigenartige Verhältnisse übertragen möchten und welche die Macht der Kirche zu stärken glauben, indem sie das Leben der Völker überall nach gleicher Norm und Regel lenken, – indem sie die Bischöfe aus freien Hirten der Kirche zu willenlosen Werkzeugen ihrer Herrschaft machen wollen, – indem sie versuchen,« fügte er mit einem Lächeln voll sanfter, feiner Ironie hinzu, »den Eichbaum zu behandeln wie die Orangen und die Palmen.«

Er trat zu dem Grafen heran und legte die Hand auf dessen Schulter.

»Sie sind,« sagte er, »vor vielen anderen ausgerüstet mit heiliger, eifriger Glaubenstreue, und wo der rechte, wahre und lebendige Glaube ein Herz erfüllt, da ist auch Erleuchtung und klarer Blick vorhanden, – darum glaube ich, daß Sie ein Verständnis haben für die Lage und das Bedürfnis der Kirche in unserer Zeit. Sie haben mit Ihrem jungen, empfänglichen Blick den Farbenschimmer gesehen, der das strahlende Licht der Kirche in seinem Mittelpunkt umgibt, – Sie sind geblendet worden von dem so vielschimmernden Glanz, – aber Sie haben noch die reine Empfindung nicht verloren für das einfache, wirklich belebende und erwärmende Licht der ewigen Wahrheit, Sie werden es verstehen, daß die katholischen Völker und ihre Hirten sich zwar in tiefer Demut beugen vor dem Regiment, das der Heilige Vater über die Kirche führt als Nachfolger des Apostels, zu dem der Herr sprach: ›Weide meine Schafe!‹ – aber Sie werden auch verstehen,« fuhr er mit erhöhtem Ton fort, indem sein Auge in stolzem Feuer aufleuchtete, »daß die Völker von ihren eigenen Hirten jenem ewigen Licht zugeführt werden müssen, und daß diese Hirten nicht in der schwierigen Ausübung ihrer Pflichten bis in die kleinsten Dinge hinein von denen beaufsichtigt und gemeistert werden dürfen, welche sich zu ausschließlichen Trägern und Vertretern des in den Händen des heiligen Vaters ruhenden Kirchenregiments machen möchten, – und welche«, sprach er noch lebhafter, indem eine leichte Röte sein bleiches Gesicht überflog, – »die dogmatische Unfehlbarkeit der Aussprüche des Heiligen Vaters verkünden wollen, um unter dem Schilde dieser Unfehlbarkeit die freien Hirten der Kirche, – die nationalen Bischöfe zu widerstandslosen Dienern der römischen, der italienischen Kurie zu machen.

»Ich freue mich,« sprach er dann in sanfterem Ton, »daß Sie mehr wie sonst junge Leute Ihres Alters und Standes mit Ihren Gedanken in das innere Wesen des kirchlichen Völkerlebens einzudringen versucht haben, daß Sie sich so tief haben durchdringen lassen von der Überzeugung der Notwendigkeit einer einigen, die Welt umfassenden Kirche, – aber, mein junger Freund, – vergessen Sie niemals, daß nur das einfache, reine Licht der Kirche gemeinsam sein kann, nicht das bunte prismatische Farbenspiel, welches den Herd jenes Lichtes umgibt, und,« – fügte er ernst und feierlich hinzu, »vergessen Sie nie, daß unsere deutsche Eiche deutschen Boden und deutsche Luft verlangt und niemals von römischer Gartenkunst nach den Regeln behandelt werden kann, welche für Myrten und Orangen gelten, – wenn sie nicht verkümmern, – von Wucherpflanzen erstickt werden – und absterben soll.«

Graf Franz ergriff in tiefer Bewegung ehrfurchtsvoll die Hand des Erzbischofs und drückte seine Lippen auf den Fischerring.

»O ehrwürdigster Herr,« rief er, – »tief und unauslöschlich gräbt sich Ihr Wort in meine Seele, – ich werde niemals diesen Augenblick vergessen, – ich werde der Eiche treu bleiben und dem heiligen Boden des Vaterlandes, auf dem sie erwächst! – und, – o mein Gott!« rief er in überströmendem Gefühl, – »ich kam hierher, – um – ich muß Ihnen sagen –«

Der Erzbischof wehrte mit der Hand ab.

»Sagen Sie mir nichts, mein Sohn, – denken Sie über alles nach, was ich Ihnen gesagt, – ich habe Ihnen viel Wichtiges und hoch Bedeutungsvolles ausgesprochen, was noch nie einem Jüngling gegenüber auf meine Lippen getreten ist, weil ich Sie für hochbegnadigt an Glauben wie an der aus dem Glauben sprießenden Erkenntniskraft halte. Durchdringen Sie sich mit den Wahrheiten, für welche ich Ihnen den Blick geöffnet, – und wenn Sie,« fügte er mit kaum merklicher Betonung hinzu, – »wenn Sie Gelegenheit haben, – wie Sie mir gesagt, – von großen Würdenträgern in der Umgebung des Heiligen Stuhles gehört zu werden, – so sprechen Sie die Wahrheit, welche Ihre Seele durchdringt, frei und offen aus, – Gott wirkt oft Großes durch die Schwachen, – wenn jene Wahrheit dort erkannt wird, so wird großes Unheil, große Bedrängnis von der Kirche abgewendet werden können.«

Graf Franz legte wie beteuernd die Hand auf die Brust, – der Erzbischof machte segnend das Zeichen des Kreuzes gegen ihn, – dann wendete er sich zur Rückkehr nach dem Schlosse und berührte auf dem ganzen Wege die bisherigen Gegenstände ihrer Unterhaltung nicht mehr, sondern sprach in leichter, gefälliger Weise von allen möglichen verschiedenen Gegenständen in kurzen, treffenden Bemerkungen, bald ernst, bald heiter, – immer aber das Nachdenken des jungen Mannes anregend und dessen Blicken neue und interessante Gesichtspunkte öffnend.

Eine Stunde später versammelte sich die Familie mit ihren Gästen zum Diner in dem großen Saale des Schlosses, und was das sonst so einfache gräfliche Haus an Pracht und Glanz entwickeln konnte, war aufgeboten worden zu Ehren des hochverehrten Erzbischofs. Alles war heiter und glücklich, – der Graf und die Gräfin, weil sie ohne Zweifel und Bedenken ihre Zustimmung zu den Wünschen ihres jüngeren Sohnes hatten geben können, nachdem ihr ältester Erbe ihnen die seit lange wie ein eigenes Kind geliebte Nichte als seine künftige Gemahlin zugeführt, – weil sie sicher waren, ihre Tochter Gabriele wenigstens ein Jahr noch bei sich zu behalten, und weil sie hoffen konnten, dieselbe während dieser Zeit von ihrem entsagungsvollen Entschluß zurückzubringen. Graf Franz war glücklich über die Erfüllung seiner Wünsche, – aber über seinem von reiner Freude strahlenden Gesicht lag eine Art von ernster, feierlicher Verklärung und oft blickte er, in tiefem Nachsinnen leise die Lippen bewegend, vor sich nieder, – auf wiederholte Anrede erst emporfahrend und die an ihn gerichteten Worte beantwortend.

Graf Xaver und Fräulein Josephine aber, deren Verlobung vor dem Diner proklamiert war und deren Ringe der Erzbischof mit wenigen herzlichen Worten geweiht hatte, waren ein Bild lachenden, sonnigen Glückes, sie flüsterten miteinander in scherzender Neckerei, – oft in fröhlichem Streit sich entzweiend und ebenso oft wieder mit liebevollen Blicken und flüchtig verstohlenem Händedruck sich versöhnend.

Der Leutnant von Rothenstein war auf die dringende Einladung des Grafen zum Diner wieder herausgekommen, – er saß in düsterem Ernst da, seufzend blickte er auf das junge glückliche Paar hinüber, und nur selten streifte sein traurig verschleiertes Auge die junge Gräfin Gabriele, welche, ganz weiß gekleidet, ruhig, still und ergeben dasaß und die Blicke nur aufschlug, um sie voll andächtiger Verehrung auf den Erzbischof zu richten, der in der Mitte der Tafel durch seine in reicher, geistvoller Vielseitigkeit und mit feinem, attischem Witze geführte Unterhaltung alle entzückte und belebte.

Der Kaplan saß stumm und demütig am unteren Ende der Tafel, kaum die Speisen berührend und nur von Zeit zu Zeit ein Glas mit klarem Wasser an seine Lippen führend.

Als die Tafel beendet war, strahlte Fackelglanz vom Garten herauf. Es waren die Einwohner von Rensenheim und den umliegenden Ortschaften, welche gekommen waren, um dem Oberhirten ihrer Diözese ihre Verehrung zu bezeigen.

Zugleich begann ein vollstimmiger Männerchor, verschiedene Lieder zu singen, welche in ihrem Inhalt mehr oder weniger Bezug auf die Anwesenheit des Kirchenfürsten hatten.

Der Erzbischof trat aus Fenster, den in ihrer einfachen Ausführung so schönen und so innig ergreifenden Klängen lauschend. Die übrigen gruppierten sich hinter ihm.

Da ertönte nach einer vorhergehenden kurzen Pause die volle vierstimmige, allbekannte Melodie des Arndtschen Liedes: »Was ist des Deutschen Vaterland?« – die Töne drangen voll und rein herauf, – und laut und deutlich stieg es zum dunklen Abendhimmel empor:

»Das ganze Deutschland soll es sein!«

In leichter, wie unwillkürlicher Bewegung wendete der Erzbischof sein Haupt und eine Sekunde ruhte sein Blick auf dem Grafen Franz, der in seiner Nähe stand.

In dem Auge des jungen Mannes leuchtete ein Blitz des Verständnisses auf, – er neigte den Kopf und leise wiederholten seine kaum bewegten Lippen die Worte:

»Das ganze Deutschland soll es sein!«

Dann schwieg der Gesang.

Der Erzbischof trat ganz an die Brüstung des Fensters vor und erhob die Hand.

Alle diese Männer, Weiber und Kinder da unten auf dem Plan vor dem Schlosse in ihren Sonntagskleidern, überstrahlt von dem roten Licht der Fackeln, sanken auf die Knie nieder und langsam, würdevoll und feierlich machte der Erzbischof das Segenszeichen des Kreuzes über die kniende Menge.

Dann erloschen die Fackeln, der Platz vor dem Schloß wurde leer, – der Erzbischof zog sich zurück und die Gäste, welche nicht über Nacht in Rensenheim blieben, verabschiedeten sich von ihren Wirten.

Herr von Rothenstein trat zu Gabriele.

»Ich sage Ihnen Lebewohl, Gräfin,« sprach er mit bebender Stimme, – »die Verhältnisse meiner Güter in Schlesien erfordern meine Anwesenheit dort, – ich habe einen Urlaub genommen, – denke aber nicht mehr zurückzukehren und mich zu dem ersten Kürassierregiment in Breslau versetzen zu lassen, um meinen Besitzungen näher zu sein. Ihr Bruder, der nächste Freund, den ich bei dem hiesigen Regiment hatte, wird sich verheiraten und in Rensenheim wohnen, – ich würde also hier wieder einsam sein, – einsam,« fügte er düster hinzu, – »wie ich es immer war – und immer sein werde –«

»Leben Sie wohl, Gräfin,« sagte er abbrechend, – »und seien Sie glücklich, – mögen Sie alle Freude des Lebens dort finden, wohin Ihr Herz sich gewendet.«

Sie hatte zitternd, mit niedergeschlagenen Augen ihm zugehört.

Bei seinen letzten Worten schlug sie die Augen erstaunt und fragend zu ihm auf, als verstehe sie nicht, was er sagen wolle.

»Leben Sie wohl«,wiederholte er und reichte ihr die Hand.

Diese Hand war kalt, – kalt die ihrige, die sie zögernd erhob und in die seinige legte.

Er drückte einen Augenblick ihre schlanken Finger so heftig, daß sie fast schmerzhaft zusammenzuckte, – sie schloß die Augen, – ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie sprechen – aber schon hatte er ihre Hand losgelassen und mit tiefer Verbeugung sich abgewendet. Er sah den Blick nicht, den sie ihm nachsendete und der ihn vielleicht zurückgerufen hätte, – er fühlte nur den kalten, eisigen Händedruck, – er fühlte die weiße Rose auf seiner Brust, die wie eine Totenblume auf dem Grabe seiner Hoffnungen ruhte, – er konnte es nicht sehen, daß in der Tiefe ihres Herzens die rote Rose der Liebe ihren Kelch öffnete, diese rote Rose, welche Gott erblühen ließ und welche gebrochen werden sollte, um sie tot und welk auf den Altar ihres Schöpfers als Opfer niederzulegen.

Einsam, in starrem Schweigen, ritt er durch die Nacht nach Düsseldorf zurück, – einsam lag das junge Mädchen auf ihrem Lager, ihre Tränen benetzten das Kissen, – in ihren unruhigen Träumen erschien ihr das Bild der heiligen Jungfrau mit den Schwertern im Busen, – sie legte eine rote Rose zu den Füßen der Mutter Gottes nieder, – aber diese Rose war ihr Herz, ihr zuckendes Herz, all ihr Blut hatte sein purpurnes Leben in dies aus der Brust gerissene Herz geströmt und von eisiger Todeskälte durchdrungen sank sie vor der Heiligen zu Boden.

Fünfzehntes Kapitel

Als der Graf Rivero in das Zimmer seines Hotels zurückkehrte, eilte ihm Julia entgegen, schlang ihren Arm zärtlich um seinen Hals und blickte ihm mit liebevoller, fragender Teilnahme in das Gesicht; fast erschrak sie über den starren Schmerz, der auf den Zügen ihres Vaters lag. Diese Augen, in denen sonst das Feuer stolzer Siegeszuversicht leuchtete, blickten matt und traurig zu Boden, schlaff hingen die Lippen herab, aus denen sonst so beredte Worte voll klarer Schärfe und warmer Begeisterung geflossen waren. Wie gebrochen lehnte der Graf sein Haupt an Julias Schulter, und einige Augenblicke hörte man nur seine tiefen Atemzüge in dem hohen, stillen Zimmer.

Julia wagte nicht das Schweigen zu unterbrechen, sie wartete schweigend, bis der Graf sich wieder aufrichtete und, die Hand auf ihr Haupt gelegt, mit einer dumpfen, aus tiefer Brust heraufdringenden Stimme sprach:

»Ich habe eine schwere Stunde durchlebt, meine Tochter, die Arbeit, die begeisterte Hingebung meines ganzen Lebens ist verloren, ich habe sie einer Sache geweiht, welche dem Untergang verfallen ist und welche niemals zu den Zielen gelangen wird, welche so herrlich und glänzend vor meinem inneren Blick dastanden.«

Er ließ sich erschöpft in einen Lehnstuhl zur Seite des Kamins niedersinken, welches hier in dem für die Aufnahme fremder und nordischer Gäste bestimmten Zimmer angebracht war und in dem die letzten Kohlen eines leichten Feuers eben verglimmten.

»Du hast dein Leben dem Dienste der heiligen Kirche gewidmet,« sagte Julia, indem sie sich auf ein kleines Taburett zu den Füßen des Grafen niederließ, »sollte es möglich sein, mein Vater,« fuhr sie fort, »daß die Kirche dem Untergang geweiht wäre?«

»Die Kirche, meine Tochter,« sagte der Graf, indem ein lichter Strahl zum ersten Male wieder seine Augen erhellte, »die Kirche kann niemals untergehen! Jene ewige unsichtbare Kirche, welche auf dem Felsengrund der ewigen Wahrheit erbaut ist und durch den Kitt des heiligen Blutes Christi zusammengehalten wird. Aber diese unsichtbare Kirche, dieses Reich Gottes, das die Geister umfaßt in allen Gebieten der Erde, hat eine äußere, sichtbare Form, eine Form, aufgebaut in dem Lauf der Jahrhunderte und durch das Recht der Jahrhunderte geheiligt, diese Form, dieser große, herrliche, schimmernde Tempel, zu dessen Gewölbe ich voll begeisterter Andacht emporschaute, dessen Pforten zu verteidigen ich die Arbeit meines Lebens einsetzte, dieser Tempel, meine Tochter, wird zusammenbrechen, weil diejenigen, welche berufen sind, ihn zu hüten und zu schützen, ihn zu einem Asyl der Gläubigen aus allen Völkern zu machen und von dessen Altar das erlösende Wort der Freiheit durch alle Zonen der Erde erschallen zu lassen, weil diese in verhängnisvoller Verblendung den Tempel der Luft und dem Licht verschließen wollen, weil sie den Fluch statt des Segens von seinem Altar ertönen lassen, weil sie die Welt in Ketten hinter sich herziehen wollen, statt die Feuersäule der Wahrheit und der Freiheit vor ihr herzutragen. Der Tempel wird leer werden,« fuhr er fort, indem seine Blicke sich weit öffneten, als stiege eine Vision vor ihm auf, »seine Mauern werden zusammenstürzen und diejenigen unter ihrem Sturz begraben, welche seine Hallen verödeten, und die späteren Geschlechter werden über die Trümmer des Baues dahinschreiten, der für die Ewigkeit gegründet schien. Doch Gott muß es also wollen,« sagte er dann mit dem Ton ruhiger Ergebung, »seine Kirche kann nicht untergehen, und vielleicht will sein allmächtiger Ratschluß, daß nur die Wölbung des Firmaments die Kuppel ihres Tempels, nur die hohen Berge seine Pfeiler seien. Hatte doch auch der Erlöser selbst für seine heilige Lehre nur diesen Tempel des Höchsten und Erhabensten, in welchem Gott auf Erden sich offenbart. Dieser edle Greis«, fuhr er fort, »auf dem Stuhle Petri, an dessen reiner Seele kein Makel haftet, er folgt den Ratschlägen derer, welche, wie einst die Pharisäer und Schriftgelehrten, den Buchstaben auf den Altar erhoben und den Geist fesselten, und doch nennt er sich den Stellvertreter dessen, der da sprach: ›Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig‹. Ich bin losgelöst, meine Tochter,« sagte er dann, indem er das Haupt Julias in seine Hände nahm und ihr lange in die Augen blickte, – »tief innerlich losgelöst von der Kirche, welche hier am Altar von St. Petri ihren Mittelpunkt hat, und welche bald in dem dreifach gekrönten Oberpriester ihren unfehlbaren Gebieter wird verehren sollen, indem sie so dem Diener eine Eigenschaft beilegt, welche nur der Herr besitzt und das erste seiner Gebote umstürzt: ›Du sollst keine anderen Götter haben neben mir‹. Vielleicht wird bald der Bann dieser Kirche auf mir ruhen, auf mir,« sagte er mit schmerzlich zitternder Stimme, »der einer ihrer treuesten und opferbereitesten Diener war. Wirst du, meine Tochter,« fuhr er fort, »dich auch von mir wenden, wirst du mich auch verurteilen, wenn ich werde sagen und tun müssen, was meine heiligste, gläubigste Überzeugung ist?«

Julia nahm die beiden Hände ihres Vaters sanft von ihrem Haupt und drückte sie an ihre Lippen.

»Mein Geist ist zu schwach, mein Vater,« sagte sie, »mein Blick ist zu trübe, um die Wahrheit zu erkennen, mein Herz allein kann den Weg zu Gott finden und hat ihn gefunden in allen trüben Stunden meines Lebens, – mein Herz aber gehört dir, mein Vater, dir, mit allen seinen Schlägen, mit aller seiner Liebe, an dich glaube ich, dir vertraue ich, und wohin du mich führst, da werde ich Gott finden, und wenn die Priester der Kirche dich verdammen, so wirst du mein Priester, mein Lenker und mein Leiter sein. Und solltest du irren, mein Vater, so wird dein Irrtum so schön, so edel und so heilig sein, daß ich einst vor den Gott der ewigen Liebe werde treten können, um mich gläubig zu deinem Irrtum zu bekennen.«

Sie sah mit begeisterten, leuchtenden Augen zu ihrem Vater empor.

»So ist denn mein früheres Leben abgeschlossen,« sprach dieser, »wir werden einsam, fern von der Welt und uns allein leben, Gott hat meine Vermessenheit, mit der ich in seinem Dienst mit Menschenherzen glaubte spielen zu dürfen, schwer bestraft, – vielleicht wird er in der Stille und in der Einsamkeit mich den Weg zur Wahrheit, den Weg zum ewigen Heil finden lassen. Doch nun, meine Tochter,« sagte er nach einigen Augenblicken stillen Nachdenkens, »ist unseres Bleibens nicht hier, ich bin ein Verdächtiger in den Mauern Roms und werde bald vielleicht ein Geächteter sein. Wir müssen fort, schnell fort von hier aus den Grenzen der päpstlichen Herrschaft, wir müssen heimlich fortgehen,« sagte er mit bitterem Lächeln, »denn vielleicht würde man mich, den man einst mit Ehren und Auszeichnungen überhäufte, nicht frei ziehen lassen. Nimm deine wertvollsten Sachen zu dir und halte dich bereit, wir wollen unter dem Schein eines Ausflugs in die Berge Rom verlassen und die Grenze zu gewinnen suchen. Unser Gepäck kann hier bleiben, unsere Diener werden es später uns nachführen, ihnen wird man, wenn ich einmal fort bin, keine Hindernisse in den Weg legen. Bereite alles unbemerkt vor und laß einen Wagen bestellen. In einer Stunde müssen wir fort sein, der morgende Tag darf uns nicht mehr auf römischem Gebiet finden.«

Julia küßte noch einmal die Hand ihres Vaters und ging in ihr Zimmer.

Der Graf blieb in tiefe Gedanken versunken auf seinem Lehnstuhl vor dem Kamin sitzen. Eine tiefe Stille herrschte im Zimmer, nur matt drang das Geräusch der Straße durch die geschlossenen Fenster herauf und der leise Ton der Pendelschwingung einer Stutzuhr auf dem Kamin maß in gleichmäßiger Regelmäßigkeit die dahineilenden Sekunden.

Plötzlich zuckte der Graf zusammen und fuhr aus seinem träumenden Sinnen empor, er saß einen Augenblick aufgerichtet in seinem Sessel, lauschend beugte er sich vor, seine Augen öffneten sich weit, wie in tiefem Erstaunen. Dann neigte er sein Haupt näher und näher zu der Öffnung des Kamins, in welchem die letzte Glut erloschen war.

»Es ist seine Stimme,« flüsterte er, »sein eigentümlicher Akzent. Es ist keine Täuschung möglich. Diese einzelnen Worte, welche ich vernommen habe, – welch ein Geheimnis öffnet sich mir da auf so wunderbare Weise! Fast ist es unmöglich, daß er es wagt, hier vor den Augen aller Welt zu erscheinen – und doch –«

Er lauschte wieder einige Augenblicke schweigend, dann ließ er sich auf die Knie vor dem Kamin nieder, beugte sich ganz zu demselben herab und streckte seinen Kopf, soweit es möglich war, in die Öffnung.

Fast eine Viertelstunde blieb er unbeweglich in dieser Stellung, dann richtete er sich wieder empor und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder; sein Gesicht war bleich, seine Lippen zitterten, in tiefen Atemzügen hob und senkte sich seine Brust.

»Entsetzlich,« rief er, »entsetzlich, welch ein furchtbarer Abgrund hat sich da vor meinen Blicken geöffnet! Wenn dieser furchtbare Plan wahnsinnigen Hasses ausgeführt werden sollte, die ganze Welt würde in ihren Fugen erbeben, – und was kann ich tun, ich, der Verurteilte, der Geächtete? Würde man meinem Worte glauben – und ich darf nicht hier bleiben! Darf ich meine Freiheit, darf ich das Glück und die Zukunft meiner Tochter in Gefahr bringen?«

Er ging abermals sinnend auf und nieder.

»Doch vor allem«, sagte er dann, »muß ich wissen, ob mich mein Ohr nicht getäuscht hat, ob es wirklich seine Stimme war, ob seine mächtige, eiserne Hand diesen furchtbaren Plan lenkt und leitet.«

Er trat rasch zu dem neben der Tür hängenden Glockenzug und ließ denselben laut erklingen.

Ein Kellner trat ein.

»Ich bin in meinem Raum ein wenig beschränkt,« sagte der Graf in ruhigem, gleichgültigem Ton, »wäre es nicht möglich, noch ein Zimmer mehr zu erhalten, am liebsten das hier neben meiner Wohnung? Wenn es auch nicht unmittelbar zusammenhängt, so ist es doch leicht, von einer Tür zur anderen auf dem Korridor zu gelangen, und es würde mir sehr nützlich sein, um Besuch empfangen zu können, der mich hier in meinem eigentlichen Wohnzimmer geniert.«

Der Kellner zuckte die Achseln.

»Ich bedaure sehr, Herr Graf,« erwiderte er, »wir würden Ihrem Wunsche gern entgegenkommen, aber es wird sich kaum machen lassen, denn die Zimmer dieser Etage sind sämtlich besetzt, und gerade die unmittelbar hier anstoßenden sind von einem Herrn bewohnt, der wahrscheinlich längere Zeit, vielleicht den ganzen Winter über, hier bleiben wird.«

»Das trifft sich unangenehm«, sagte der Graf. »Wer ist denn der Herr, den mir der Zufall hier zum Nachbar gegeben hat?«

»Mister Brooklane, ein Engländer,« erwiderte der Kellner, »der schon seit einiger Zeit hier wohnt, – er ist allein mit einem Diener hier und bewohnt eine Reihe von vier Zimmern, – wenn der Herr Graf großen Wert darauf legen, das Zimmer nebenan zu haben, so würde sich Mister Brooklane vielleicht bereit finden lassen, dasselbe abzutreten, falls er es, wie ich glaube, entbehren kann. Der Herr Graf müßten dann die Güte haben, ihn selbst darum zu bitten, er ist ein sehr artiger und höflicher Herr und wird vielleicht aus Rücksicht für die junge Gräfin eines seiner Zimmer abtreten.«

»Mir liegt in der Tat viel daran,« sagte der Graf, »und ich will den Herrn gern persönlich um diese Gefälligkeit bitten. Ist er zu Hause?«

»Zu Befehl, Herr Graf; es ist soeben ein junger Künstler zu ihm gegangen mit einer großen Mappe, wahrscheinlich wird er wieder einige Skizzen und Zeichnungen kaufen, er ist sehr freigebig gegen die Künstler und zahlt ihnen gern hohe Preise.«

»So fragen Sie den Herrn,« sagte der Graf, »ob ich ihm meine Aufwartung machen könne.«

Der Kellner ging hinaus und kehrte nach einigen Augenblicken mit der Mitteilung zurück, daß es Mister Brooklane sehr erfreulich sein würde, den Herrn Grafen zu empfangen.

Dann schritt er voraus, öffnete die dritte Tür auf dem Korridor und führte den Grafen in einen geschmackvoll und wohnlich eingerichteten Salon mit dem Ersuchen, einen Augenblick zu warten, da Mister Brooklane sogleich erscheinen werde.

Als der Kellner dem Engländer den Besuch des Grafen gemeldet hatte, saß derselbe in einem kleinen, an dem Schlafzimmer gelegenen Kabinett, dessen Wand an die Wohnung des Grafen Rivero stieß, neben einem offenen Kamin, beschäftigt, den Inhalt einer großen Mappe zu betrachten, welche ein junger Mann im einfachen schwarzen Sammetrock, wie ihn die römischen Maler zu tragen pflegen, ihm vorlegte.

Mister Brooklane, – jener Mann mit dem blonden, ergrauenden Haar, welcher in dem auf der Straße della Porta San Sebastiano seiner harrenden Wagen aus der Versammlung der Gesellschaft der Rächer in den Thermen des Caracalla nach dem Albergo di Europa zurückgekehrt war, – erhob, als der Kellner nach kurzem Klopfen die leicht verschlossene Tür öffnete, ruhig mit fragendem, aber vollkommen gleichgültigem Ausdruck das Haupt, indem er eine Zeichnung, die er in der Hand hielt, langsam auf seinen Schoß sinken ließ, so daß die weiße Seite sich nach oben wandte. Als der Kellner ihm den Besuch des Grafen Rivero gemeldet hatte, beauftragte er denselben, den Grafen in den Salon zu führen, und sagte mit einem leicht englisch anklingenden Akzent zu dem jungen Maler, während der Kellner im Begriff war, die Tür wieder zu schließen:

»Wir haben ja die Skizzen durchgesehen, – diese hier wünsche ich zu behalten und bitte Sie um den Preis dafür.«

Der junge Maler, dessen gebräuntes Gesicht, dessen schwarzer, kurzer Bart, dessen dunkle, feurige Augen das alte Quiritenblut der Trasteverer verrieten, neigte ehrerbietig das Haupt.

Der Kellner schloß die Tür.

»Diese Aufnahmen sind gut,« sagte Mister Brooklane in reinem Italienisch, welches nur durch den eigentümlichen, scharfen und bestimmten Akzent sich von dem römischen Dialekt unterschied, – »die Aufnahmen sind gut und lassen die Verhältnisse der Höhe und Entfernung genau erkennen. Aber es fehlt noch an einer Reihe wichtiger Punkte; es ist wesentlich notwendig, zu wissen, wie das Gewölbe sich zu der Ausdehnung der Aula verhält, und ob aus derselben irgendein Weg nach außerhalb mit Leichtigkeit gefunden werden könnte, um die Pulvervorräte hineinzuschaffen und den zündenden Faden zu leiten, dessen Funke alle diese so weit verzweigten Träger der geistlichen Tyrannei hier auf einmal der Vernichtung weihen soll.«

»Es ist nicht leicht,« sagte der junge Maler, »diese Aufnahmen zu machen, der Zutritt zur Aula ist schwer. Nur im Gewande eines Kapuziners habe ich Eingang finden können, alle Messungen habe ich nur durch möglichst gleichmäßige Schritte vornehmen können, alle Zahlen habe ich im Kopfe behalten müssen, das ist eine mühsame und langwierige Arbeit. Aber ich werde sie vollenden,« fuhr er mit blitzenden Augen fort, »Barbarino Falcone ist gewohnt durchzuführen, was er unternommen hat, und bis jetzt hat noch niemand den frommen Kapuzinerbruder beargwöhnt, der voll heiliger Erbauung die Stätten betritt, auf welchen die Vertreter der katholischen Welt aller Erdteile sich versammeln sollen.«

Mister Brooklane stand auf, schloß den Plan, welchen Barbarino ihm gegeben, in einen Schrank mit verschiedenen Fächern und sagte:

»Ich hoffe, bald die ergänzenden Angaben zu erhalten und werde die Dienste nicht vergessen, welche du, mein junger Freund, unserer Sache geleistet hast, dieser großen und herrlichen Sache, welche die Menschen rächen soll für tausendjährige tyrannische Mißhandlung.«

Er schritt dem jungen Mann durch sein Schlafzimmer voran und trat in den Salon, wo er den Grafen mit kalter, etwas steifer Höflichkeit begrüßte.

Barbarino, seine große Mappe unter dem Arm, durchschritt mit ehrerbietiger Verneigung das Zimmer und verließ dasselbe durch die auf den Korridor führende Tür.

»Ich habe mir erlaubt, mein Herr,« sagte der Graf, indem sein Blick sich mit scharfer, forschender Beobachtung auf das Gesicht Mister Brooklanes richtete und namentlich dessen Augen zu erfassen suchte, die sich unter müde herabfallenden Lidern zu Boden senkten, – »ich habe mir erlaubt, Ihre Zeit einen Augenblick in Anspruch zu nehmen, um Ihnen eine vielleicht unbescheidene Bitte vorzutragen. Sie sind allein hier, wie ich höre, und im Besitz einer Reihe von Zimmern, deren Sie vielleicht nicht alle bedürfen, – ich habe eine Dame, meine Tochter, bei mir und bin im Raum beschränkt. Vielleicht würden Sie die Güte haben, mir eines Ihrer Zimmer abzutreten.«

Mister Brooklane sann einen Augenblick nach, als überlege er die an ihn gestellte Bitte. Dann sagte er mit höflichem Ton, immer seine Augen unter den halb verschlossenen Lidern verhüllend:

»Ich bin gern bereit, den Wünschen und Bedürfnissen einer Dame in jeder Weise entgegenzukommen, für meine Person bedarf ich nur wenig Raum, aber ich habe eine Menge von Kunstsachen erworben, welche Platz in Anspruch nehmen. Erlauben Sie mir, daß ich mir die Sache einen Tag überlege und Ihnen dann sagen darf, ob ich mich so einzurichten vermag, daß ich ein Zimmer entbehren kann.«

Er schien die Unterredung für beendet zu halten, der Graf aber, welcher noch immer vergebens einen Blick des verschleierten Auges Mister Brooklanes zu erfassen versucht hatte, sagte im Ton höflicher, gleichgültiger Konversation:

»Sie beabsichtigen längere Zeit hier in Rom zu bleiben, mein Herr? Ich kenne die Stadt und alle ihre Schätze genau und kann vielleicht meine Erkenntlichkeit für Ihr freundliches Entgegenkommen gegen meine Wünsche dadurch beweisen, daß ich mich Ihnen als Führer anbiete.«

»Sie sind sehr freundlich,« erwiderte Mister Brooklane, »ich werde von Ihrem gütigen Anerbieten gern Gebrauch machen. Ich will den ganzen Winter hier bleiben, um alle Kunstschätze Roms zu betrachten und genau zu studieren.«

»Der Winter wird auch in anderer Beziehung interessant werden,« erwiderte der Graf, »durch das hier sich versammelnde Konzil, – doch das wird Sie weniger interessieren, diese Frage wird in Ihrem Vaterlande kaum Interesse erregen.«

»Sie erregt mein Interesse in besonderem Grade, mein Herr,« erwiderte Mister Brooklane, »ich bin Katholik, und Sie werden wissen, daß wir in England strengere und eifrigere Katholiken sind, als unsere Glaubensbrüder in katholischen Ländern.«

»Ich habe versucht,« sagte der Graf, »die Aula zu sehen, in welcher das Konzil gehalten werden soll und welche für die Beratung instand gesetzt wird, aber es ist sehr schwer, dorthin zu dringen, auch höre ich,« fuhr er in gleichgültigem Ton fort, »daß in diesen Tagen beschlossen sein soll, den Sitz der Beratung in einen anderen Raum zu verlegen, da die Aula sich als vollkommen ungeeignet erwiesen haben soll.«

Ein leises Zucken fuhr über das gleichgültige Gesicht Mister Brooklanes, eine Sekunde öffneten sich seine Augen, sein fragender Blick voll Spannung traf den Grafen. Dieser Blick hatte ein eigentümliches Feuer, welches wie von innen heraus durch die bläuliche Pupille hervorleuchtete, – es war ein wunderbar eigentümliches Auge, das man, wenn man es einmal gesehen, unter Tausenden hätte heraus erkennen können, unmittelbar darauf aber senkten sich die Lider wieder herab, und in gleichgültigem, ruhigem Ton sagte er:

»Ich habe einmal Gelegenheit gehabt, die Aula zu sehen, doch mir hat es scheinen wollen, als ob dieselbe nicht ganz für ihren Zweck passe. Nun, man wird ja leicht einen anderen Ort finden können.«

Nach einigen kurzen, allgemeinen Bemerkungen verabschiedete sich der Graf und kehrte, von Mister Brooklane artig bis zur Türe begleitet, nach seiner Wohnung zurück.

»Er ist es,« sagte er, dort mit großen Schritten auf- und niedergehend. »Er versteht es meisterhaft, wie niemand, seine Mienen, seine Haltung, selbst seine Züge und seine Gestalt zu verändern. Auch sind die Jahre über ihn hingegangen und erleichtern es ihm, sich unkenntlich zu machen, aber das Auge kann er nicht verändern, dieser Blick, den ich nur eine Sekunde lang gesehen habe, hat ihn mir verraten, – der Plan ist wahnsinnig, unerhört, fast unausführbar, aber wenn er von dem unergründlichen Geist, von der eisernen und doch so feinen, geschmeidigen Hand dieses Mannes gelenkt wird, der alle Hindernisse überwindet, der allen Nachforschungen entgeht, so kann er dennoch, trotz aller Unwahrscheinlichkeit, trotz aller Unmöglichkeit, gelingen.«

Lange stand er sinnend da.

»Ich muß fort von hier,« sagte er, »ich muß mein künftiges Leben für mich und mein Kind retten. Es ist ja auch keine unmittelbare Gefahr vorhanden, und wenn ich vor diesem ungeheuren Verbrechen warne, so genügt ja die einfachste Aufmerksamkeit, um es zu verhindern, und ich muß diese letzte Pflicht erfüllen, aber erst dann, wenn ich in Sicherheit bin.«

Er setzte sich an seinen Schreibtisch und füllte einen großen Briefbogen mit den Linien seiner kräftigen und klaren Handschrift, dann siegelte er den Brief mit einem kleinen Petschaft, das er an der Kette seiner Uhr trug, und betrachtete sinnend den erkaltenden Siegellack.

»Zum letztenmal sei dieses Siegel gebraucht,« sagte er traurig, »es wird meiner warnenden Botschaft den unmittelbaren Weg an die rechte Stelle öffnen.«

Julia trat ein. Sie war im einfachen Kostüm für eine Landpartie gekleidet, ein leichter Plaid hing über ihrem Arm.

»Ich bin bereit, mein Vater,« sagte sie, »laß uns gehen, – einem Leben voll Frieden und stillen Glückes entgegen.«

Der Diener des Grafen meldete, daß der Wagen bereit sei.

Der Graf reichte seiner Tochter den Arm.

»Ich werde spät in der Nacht wiederkommen,« sagte er zu seinem Diener. »Erwarte mich und trage diesen Brief im Laufe des Abends nach dem Vatikan, in die Wohnung Seiner Eminenz des Kardinalstaatssekretärs.«

Er überreichte dem Diener den Brief, den er vorher geschrieben, schritt ruhig und lächelnd mit seiner Tochter sprechend die Treppen hinab und stieg in den vor dem Hotel haltenden Wagen.

»Nach dem Campo Militare!« rief er dem Kutscher zu. »Haben wir noch Zeit, den Monte Mario zu erreichen?«

»Gewiß, gewiß, wenn Sie mit der Rückkehr nicht eilig sind, Exzellenza,« erwiderte der Kutscher, und mit einem leichten Peitschenschlag trieb er die Pferde an, während der Graf mit einer Handbewegung die tiefe Verneigung der Kellner erwiderte.

An einem kleinen, einfachen Hause vor der Porta Angelika befahl er zu halten.

Erstaunt blickte Julia ihn an.

»Ich habe noch einen Besuch zu machen,« sagte der Graf, »und zugleich die Pflicht zu erfüllen, einen verhängnisvollen Fehler meines früheren Lebens wieder gutzumachen. Begleite mich, meine Tochter, du kennst die Sache, um die es sich handelt, ich habe keine Geheimnisse vor dir.«

Er befahl dem Kutscher zu warten, stieg die Treppe hinauf und zog die Glocke an der Tür eines Vorsaales im ersten Stock.

Eine alte Dienerin öffnete.

»Ist der Marchese Pallanzoni zu Hause?« sagte der Graf.

»Zu Befehl, Exzellenza,« sagte die Alte mit einem erstaunten Blick auf diesen so vornehmen Herrn und auf die so schöne, elegante Dame an seiner Seite. »Der alte Herr muß wohl zu Hause sein, da er, von der Gicht gelähmt, sich schon seit lange kaum von seinem Lehnstuhl erheben konnte.«

Sie schritt dem Grafen voran und führte denselben durch das Vorzimmer in ein helles, geräumiges Wohngemach, in welchem in einem großen Lehnstuhl, die Füße auf ein hohes Kissen gestützt und in Decken gehüllt, ein alter Mann von fünfundsechzig bis siebenzig Jahren in dunklem Hausrock saß. Die Züge dieses Mannes waren von edlen Linien, in seinen dunklen Augen funkelte noch der letzte Schimmer früheren Feuers, aber das ganze Gesicht war zerwühlt von Leidenschaften und körperlichen Schmerzen, ungeordnet hingen die spärlichen weißen Haare von seinen Schläfen herab, und matt lagen die welken Hände auf seinem Schoß.

Beim Eintritt des Grafen machte er einen schwachen Versuch, sich zu erheben, aber kraftlos sank er wieder zusammen und sagte schmerzlich lächelnd mit einer hohlen Stimme:

»Verzeihen Sie, Herr Graf, wenn ich mich nicht erheben kann, um Sie zu begrüßen, meine Kraft ist zu Ende. Sie haben mich der Not und dem Elend entzogen, aber Sie werden mich dem Leiden und der Krankheit des Alters nicht entziehen können, – diesen Leiden, die ich so sehr verdient habe durch alle Sünden meines früheren Lebens. – Was führt Sie zu mir? Fast muß ich fürchten, daß Sie es müde geworden sind, mich mit so unverdienter Güte zu überhäufen, und daß Sie mich meinem traurigen, elenden Schicksal wieder überlassen wollen.«

Der Graf machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand.

»Ich komme, Sie um einen Dienst zu bitten, Herr Marchese,« sagte er.

Der Marchese sah ihn verwundert an.

»Einen Dienst von mir?« sagte er, mit dem Kopf schüttelnd, »welchen Dienst könnte ich armer, gebrochener Mann noch leisten? Aber sprechen Sie,« fuhr er fort, »befehlen Sie über mich.«

Und indem er sich zur Seite beugte, zog er mit seiner zitternden Hand einen Sessel für Julia heran.

»Sie haben«, sagte der Graf, »auf meinen Wunsch einer Dame, die ich Ihnen einst zuführte, Ihre Hand und Ihren Namen gegeben.«

Der alte Marchese blickte noch erstaunter auf den Grafen und ließ einen schnellen, forschenden Blick über Julia hingleiten, als wollte er fragen, ob etwa jene Dame gestorben sei und er dieser jungen, schönen Erscheinung hier abermals seinen alten und edlen Namen geben solle.

Der Graf bemerkte diesen Blick und sprach mit strengem Ton weiter:

»Jene Dame, mein Herr, welche in Paris lebt, hat sich unwürdig gemacht, Ihren Namen zu führen.«

»Ah,« sagte der Marchese, und ein bitteres, fast höhnisches Lächeln zuckte um seine Lippen, – »dieser Name war einst sehr edel und sehr rein, – doch das ist lange her, – lange, lange, und jene Dame hat nicht viel mehr daran zu verderben gehabt.«

»Jene Frau,« fuhr der Graf fort, »welche sich Madame Marchesa nennt, sollte, wie ich Ihnen gesagt habe, einer großen und heiligen Sache dienen, sie hat sich dieses Dienstes unwürdig gemacht und muß aus der Stellung entfernt werden, in welcher sie schadet und verderblich werden kann. Deshalb wünsche ich, daß Sie sogleich einen der besten Advokaten Roms zu sich rufen lassen. Sie werden durch denselben Ihrer Gemahlin, der Marchesa Pallanzoni, schreiben lassen, daß Sie die ihr erteilte Erlaubnis, in Paris zu leben, zurücknehmen, daß Sie ihr befehlen, sogleich zu Ihnen zurückzukehren um Sie in Ihrer Krankheit zu pflegen, und daß Sie ihr nach Paris keine Geldmittel mehr senden würden.«

»Ah,« sagte der Marchese abermals, »es scheint, ich habe meiner Gemahlin Gelder gesendet.«

»Sie hat in Ihrem Namen,« erwiderte der Graf, »die Mittel zu ihrer dortigen glänzenden Existenz erhalten, diese Mittel werden ihr nicht ferner zugehen, aber es ist nicht nötig, daß irgend weiter über die Quelle, aus welcher dieselben geflossen sein möchten, gesprochen werde. Sie werden dabei bleiben, daß sie von Ihnen kommen.«

Der Marchese neigte zum Zeichen gehorsamer Zustimmung das Haupt.

»Wenn die Marchesa Ihrem Befehl, zu Ihnen zurückzukehren, nicht Folge leistet, was bestimmt geschehen wird,« fuhr der Graf fort, »so werden Sie durch Ihren Notar die Scheidung von Tisch und Bett beantragen und den Prozeß, er koste, was er wolle, durchführen. Zugleich werden Sie in einem großen Pariser Journal eine Anzeige veröffentlichen, in welcher Sie jedermann davor warnen, der Marchesa Pallanzoni etwas auf Ihren Namen zu leihen.«

»Hat man meiner Gemahlin auf meinen Namen etwas geliehen?« fragte der Marchese im Ton selbstspottenden Humors.

Der Graf antwortete nicht. Er zog eine kleine Karte aus seiner Schreibtafel, setzte eine kurze Notiz darauf und reichte sie dem alten Mann hin.

»Die Adresse der Marchesa und darunter diejenige meines Bankiers in Wien, durch den Sie stets Nachricht zu mir gelangen lassen können, und hier«, sagte er, indem er ein Paket Banknoten in die zitternde Hand des Marchese legte, »die Mittel für die ersten Auslagen an Ihren Rechtsbeistand. Ich erwarte, daß in küzester Zeit jene Person, welche sich des in sie gesetzten Vertrauens unwürdig erwiesen, unschädlich gemacht sei. Und nun noch eins,« sagte er, »haben Sie Legitimationspapiere?«

»Ich habe einen Paß,« erwiderte der Marchese, »welcher von der römischen Regierung ausgestellt, aber allerdings seit mehreren Jahren nicht erneuert worden ist.«

Er öffnete die Schublade eines im Bereich seiner Hand stehenden Schranks, suchte einige Augenblicke darin herum und reichte dem Grafen ein großes zusammengefaltetes Stück Papier.

Dieser überflog es und sagte:

»Das genügt, ich bitte, mir dies Papier auf einige Zeit zu überlassen und werde es Ihnen dann wieder zurückgeben.«

Der Marchese war gewohnt, dem Grafen schweigend und unbedingt zu gehorchen. Er gab daher seiner Verwunderung keine Worte und neigte nur zustimmend den Kopf.

»Nun leben Sie wohl,« sagte der Graf, indem er dem Marchese mit dem Ausdruck teilnehmenden Mitleids die Hand reichte, »ich werde Gott bitten, daß er Ihre Leiden mildere, und seien Sie vollkommen beruhigt, – was ich Ihnen gewährt, wird Ihnen nicht entzogen werden.«

Er reichte Julia den Arm und führte sie die Treppe hinab zum Wagen.

»Jetzt habe ich alles getan,« sagte er tief aufatmend, als sie auf der alten Via Triumphalis vor der Porta Angelika dahinfuhren, »um diesem dämonischen Weibe wenigstens die Macht zu nehmen, welche ich in verhängnisvoller Verblendung einst in ihre Hand legte. Was sie jetzt noch tun kann, wird nicht in mein Schuldbuch eingetragen werden.«

Der Abend dunkelte bereits, als der Monte Mario sich vor ihnen erhob.

Die Straße war leer. Der Graf rief dem Kutscher, zu halten.

»Mein Freund,« sagte er, »ich wünsche so schnell als möglich die Grenze zu erreichen, kannst du mich dahin führen?«

Der Kutscher sah den Grafen ganz erstaunt an.

»Das kann ich wohl, Exzellenza, auf sicherem Wege, – und meine Pferde sind stark und kräftig, – aber –« sagte er zögernd und sein Blick ruhte mit einem eigentümlich fragenden und forschenden Ausdruck auf den Insassen seines Wagens, welche er für vornehme und elegante Touristen gehalten hatte, und welche nun plötzlich ein so auffallendes und verfängliches Ansinnen an ihn stellten.

Der Graf zog eine goldgefüllte Börse und eine Brieftasche mit Banknoten aus seiner Tasche.

»Siehst du, mein Freund,« sagte er, »das ist alles, was ich bei mir führe, es ist genug, um dich zeitlebens zu versorgen. Es soll dein sein, sowie du mich sicher an die Grenze geführt hast, und ich will nur so viel davon behalten, um mit der Eisenbahn zur nächsten Stadt zu fahren. Du wirst begreifen, daß es dein Vorteil ist, mich nicht den Briganten in die Hände zu führen. Du würdest das, was ich besitze, mit ihnen teilen müssen, und es würde nur wenig auf dich fallen, während, wenn du mich ehrlich und sicher zur Grenze bringst, alles auf rechtmäßige Weise dein ist.«

Dem Kutscher schien das einzuleuchten.

»Damit du ganz sicher bist,« fuhr der Graf fort, »will ich die Hälfte meiner Barschaft in deine Hände legen, die andere Hälfte erhältst du, wenn ich die Grenze erreicht habe. Nimmst du an?«

»Ich nehme an,« erwiderte der Kutscher, »und Eure Exzellenza sowie die schöne Signora sollen mit mir zufrieden sein.«

Der Graf reichte dem Kutscher die Börse, während er die Brieftasche wieder in seine Tasche steckte, dann zog er vor den Augen des seinen Bewegungen aufmerksam folgenden Vetturins einen kleinen, zierlichen Revolver mit sechs Läufen aus der Tasche, spannte den Hahn und legte die Waffe neben sich.

»Vorwärts!« rief er dann.

Der Kutscher schwang seine Peitsche, die kräftigen Pferde griffen in scharfem Trabe aus, und in ernstes Schweigen versunken, fuhren der Graf und seine Tochter durch die in dunkelrotem Abendlicht erglühte Landschaft dahin.

Sechzehntes Kapitel

Die Touristen mit ihren Führern, die Andächtigen Roms, die fremden Maler und bildenden Künstler traten an einem hellen Morgen zahlreich wie gewöhnlich in die weiten Räume der St. Peterskirche, die, wenn sie auch die größten Menschenmassen aufgenommen haben, fast immer noch leer erscheinen.

Unter den Eintretenden befand sich auch ein Kapuziner in seiner Ordenstracht. Er trug, was nicht gewöhnlich ist, die Kapuze über den Kopf geschlagen, so daß dieselbe seine Züge fast ganz beschattete und nur einen langen weißen Bart sehen ließ, der den unteren Teil seines Gesichtes bedeckte. Dieser Mönch, dessen gebückte Haltung und dessen langsamer Gang auch ohne den unter der Kutte sichtbaren weißen Bart ein hohes Alter angezeigt haben würde, ging langsam in der Mitte des hohen Domes nach dem großen Hauptaltar hin, an welchem der Papst allein die Messe liest und in dem das ungeheure, mißgestaltete Tabernakel von Bernini sich erhebt. Er machte vor allen Altären und Heiligenbildern, an denen er vorüberschritt, die denselben gebührende Reverenz, indem er zugleich mit großer Aufmerksamkeit und oft stehen bleibend die Bilder und Statuen betrachtete. Er beugte die Knie vor dem Hauptaltar und wandte sich dann rechts nach der Tür der Aula hin, welche für das Konzil vorbereitet wurde und in welcher zahlreiche Arbeiter beschäftigt waren.

An der Tür dieser Aula standen zwei Diener des Vatikans, welche allen Künstlern und Fremden höflich, aber bestimmt erklärten, daß der Eintritt in diese Räume nicht erlaubt sei.

Der Kapuziner, nachdem er eine Zeitlang die in der Nähe der Tür befindlichen Arabesken betrachtet hatte, trat dann ruhigen und gleichmäßigen Schrittes in die Aula ein, indem er mit einer langsamen, halb demütigen und halb würdevollen Kopfbewegung die beiden Türhüter begrüßte, welche ihm gegenüber das, wie es schien, nur für die Laien geltende Verbot des Eintretens nicht aussprachen.

In einiger Entfernung folgten dem Kapuziner zwei Abbates in ihrer kleidsamen schwarzen Tracht. Auch sie wandten sich, als der Mönch in die Aula getreten war, der Tür derselben zu. Es schien, daß die Türhüter nicht geneigt waren, diesen noch jungen Weltgeistlichen dieselbe Freiheit des Eintritts zu gestatten, welche sie dem geistlichen Ordensbruder gewährt hatten. Doch einer der beiden Abbates machte ein gewisses, kaum bemerkbares Zeichen mit der Hand und flüsterte dem ihm entgegentretenden Wächter zwei Worte zu, worauf die Tür zu dem für das Konzil bestimmten Raum sich ohne Schwierigkeit und Hindernis öffnete. Die beiden Geistlichen traten in die Aula, in welcher viele Arbeiter beschäftigt waren, die Sitze für die Prälaten herzurichten und alle Vorkehrungen zu treffen, um den Raum für die ehrwürdige Versammlung in den Stand zu setzen, welche die katholische Kirche Europas umzugestalten und neu zu kräftigen bestimmt war und welche gerade hier tagen sollte, um aus unmittelbarer Nähe die heilige und erleuchtende Ausströmung aus dem Grabe St. Peters in sich aufzunehmen, diese Ausströmung, an deren wundertätige Kraft Seine Heiligkeit der Papst Pius IX. so fest und unumstößlich glaubte.

Die Abbates betrachteten mit großer Aufmerksamkeit alle diese Vorkehrungen, sie fragten die Arbeiter und deren Leiter nach der Bestimmung dieser oder jener Einrichtung und schienen in dem tiefen Interesse, das sie an der Ausstattung dieses hochbedeutenden Raumes nahmen, den Kapuziner nicht zu bemerken, der mit gleicher Aufmerksamkeit, wie sie, die Arbeiten verfolgte, indem er langsam an der der Eingangstüre gegenüberliegenden Wand hinschritt. Zuweilen blieb er stehen und trat mit seinem mit harten Sandalen bekleideten Fuß stark auf den Boden, als suche er eine feste Stütze für seine vom Alter gebeugte Kraft. Er blickte nach der Kuppel hinauf, sah die Rednertribüne an, es schien, als messe er mit dem Blick die Entfernung und die Höhe der Wölbung und als wolle er in seinem Geist das Bild heraufsteigen lassen, wie das alles sein würde, wenn hier die Bischöfe der Christenheit aus allen Weltteilen der Erde versammelt sein würden.

Endlich schien er von der Betrachtung dieser heiligen Stätte, von seinen Gedanken so ergriffen, daß er, wie übermannt von seiner inneren Bewegung, in die Knie sank und in inbrünstigem Gebet das Haupt fast bis auf den Steinboden herabsenkte, welcher die unter der Aula liegenden Gewölbe bedeckte. Einige Zeit lag er, das Haupt auf die gefalteten Hände gestützt, da. Einer der bei der Anfertigung für die Sitze beschäftigten Arbeiter ging langsam an dieser Stelle vorüber; als seine Schritte auf den Fliesen ertönten, richtete sich der Mönch empor, als habe er sein Gebet beendet. Er stützte die Hand, um sich aufzurichten, auf eine Steinplatte, indem er den Zeigefinger vorstreckte und einen schnellen Blick auf den vorübergehenden Arbeiter warf.

In diesem Augenblick hatten die beiden Abbates sich dem knienden Kapuziner genähert, und als derselbe aufgestanden war, warfen sie im Vorübergehen einen schnellen, forschenden Blick unter seine über den Kopf gezogene Kapuze. Der Mönch zog dieselbe mit einer natürlichen Handbewegung fast ganz vor das Gesicht zusammen, wandte sich nach der anderen Seite und schritt dann langsam wieder dem Ausgang der Aula zu.

Ebenso natürlich, immer in die Betrachtung der an der Wand hängenden Bildwerke vertieft, schritten die Abbates, ohne daß die Entfernung zwischen ihnen und dem Kapuziner sich veränderte, auch ihrerseits dem Ausgang der Aula zu, und sie verließen dieselbe wenige Augenblicke, nachdem der Mönch in das große Schiff der St. Peterskirche eingetreten war.

Der Kapuziner beobachtete nichts und ging in demselben ruhigen, langsamen und etwas auffälligen Schritt, immer vor den Altären und Heiligenbildern sich verneigend, dem Ausgangsportal des gewaltigen Doms zu. Als er auf den Platz vor dem Portal getreten war, erschienen auch die Abbates wenige Schritte hinter ihm.

Ein Bettler näherte sich ihnen, um sie um ein Almosen anzusprechen; der eine der Abbates reichte demselben eine kleine Münze und sprach zugleich einige Worte zu ihm, indem sein Auge mit einem scharf bezeichnenden Blick auf dem durch die Menge dahinschreitenden Mönch ruhte. Der Bettler dankte mit lauten und etwas überschwenglichen Worten für die Gabe und folgte dann langsam und immer die Vorübergehenden ansprechend, den Schritten des Mönches.

Ein Blumenmädchen bot den beiden Geistlichen ihre Sträuße, der andere Abbate kaufte ein kleines Bukett, indem er abermals auch seinerseits einige Worte mit der Verkäuferin wechselte und abermals den ruhig dahinschreitenden Mönch mit dem Blick bezeichnete. Das junge Mädchen dankte und folgte in kurzer Entfernung dem hinter dem Kapuziner herschreitenden Bettler.

Die Abbates verloren sich in der Menge, welche den Platz erfüllte, und der Kapuziner, immer in seiner gebückten Haltung, mit seinem langsamen, vom Alter gehemmten Schritt, ging durch die lange, gerade Via della Longara hin zu den kleinen Straßen am Tiber und wandte sich endlich zu der Via del Moro, in welcher das von Pietro Barghili und seiner Tochter bewohnte Haus lag. Er trat in die Türen einiger Häuser der Via del Moro, eine Gabe erbittend und die Münzen, das Brot und die Früchte, die man ihm reichte, mit Dank und Segen in seine Kutte steckend, bis er endlich an das Haus von Pietro Barghili kam und auch hier in gleicher Weise eintrat, ohne jedoch wieder aus demselben zurückzukehren.

Der Bettler, welcher dem Kapuziner in gleichmäßiger Entfernung gefolgt war, schritt an dem Hause vorüber, ohne einen Blick auf dasselbe zu werfen.

Ihm folgte abermals in gleicher Entfernung das Blumenmädchen, und beide wandten sich dann nach der Via della Lungareita, wo sie wieder mehr Gelegenheit fanden, die Wohltätigkeit und die Kauflust der Vorübergehenden anzusprechen.

Der Kapuziner war, mit einem schnellen und sicheren Griff die Tür öffnend, in das Zimmer getreten, in welchem Pietro Barghili, der am frühen Morgen bereits einem Maler als Modell eines Apostels gesessen hatte, sich eben damit beschäftigte, ein leichtes Frühstück, bestehend aus einem Glase Orvietoweins, einigen Brotschnitten, etwas Ziegenkäse und Knoblauch, mit vortrefflichem Appetit und unzerstörbarer Würde zu sich nehmen, während die schöne Lorenza, in einem Hausrock von grauem Wollenstoff, auf der Veranda vor dem Hause in einem großen Sessel von Rohrgeflecht ruhte und mit ihren Träumen und Gedanken beschäftigt schien.

Beim Eintritt des Kapuziners erhob sich Pietro Barghili und griff in seine Tasche, um mit einem ehrerbietigen Gruß dem Mitglied des auf die Wohltätigkeit der Gläubigen angewiesenen Ordens seine Gabe zu reichen.

Die gebeugte Gestalt des Mönches richtete sich hoch auf, mit raschem, kräftigem Griff seines Arms schlug er die Kapuze zurück, riß eine graue Perrücke von seinem Haupt, den langen Bart von seinem Gesicht, – Barbarino Falcones jugendfrisches Gesicht mit den gebräunten Wangen und den schwarzen, funkelnden Augen wurde sichtbar, noch wilder, noch kühner erscheinend in der dunklen, weiten Kutte des Orvieterordens.

Pietro Barghili blieb erstaunt stehen, langsam zog er die bereits ausgestreckte Hand mit der für den Bettelmönch bestimmten Gabe zurück und mit einer Stimme, in welcher tiefes Erstaunen und heitere Laune sich mischten, sprach er:

»Du, Barbarino, als Kapuziner! Das ist allerdings noch merkwürdiger und überraschender, als wenn ich mich im Kostüm des heiligen Petrus oder irgendeines Märtyrers malen lasse. Wenn du mir ins Handwerk pfuschen willst,« fuhr er lachend fort, »so mußt du nicht dieses Kostüm wählen, dazu paßt dein Gesicht nicht, – als alter Römer, als Mucins Scävola oder als Tiberius Gracchus würdest du besser auftreten können.«

Er füllte das vor ihm stehende Glas mit Orvietowein und reichte es dem jungen Mann, indem er zugleich mit der Hand auf den Teller mit Käse, Brot und Knoblauch deutete.

Barbarino leerte das ihm dargebotene Glas auf einen Zug und sprach dann, indem er seine düsteren, feuern-brennenden Blick auf das lächelnde Gesicht des alten Pietro richtete, mit dumpfer Stimme:

»Es ist durchaus kein Grund zur Heiterkeit; die Verkleidung, in der du mich hier siehst, gilt keinem Scherz und keiner leichten Sache. Du kennst,« fuhr er mit leisem Ton näher zu dem Alten herantretend, fort, »den Befehl, den wir von unserem Meister empfangen haben. Um jenen Befehl auszuführen, bin ich in dieser Verkleidung in die St. Peterskirche und in die Aula eingedrungen, und ich habe, wie ich glaube, sehr eingehende und nützliche Beobachtungen gemacht. Heute aber,« fuhr er fort, »hat es mir geschienen, als wäre ich beobachtet worden. Zwei Abbates, deren Gesichter mir nicht gefielen, sind mir gefolgt und haben sich bis zur Piazza di San Pietro hin in meiner Nähe gehalten, – wir Söhne der Berge haben den Instinkt und die Vorsicht des Raubtieres, – ich muß für einige Tage von hier verschwinden und will in dieser Kutte hier nicht wieder erscheinen. Heute will ich mich hier im Hause verbergen; sobald die Nacht hereingebrochen ist, kehre ich in die Berge zurück. Und heute«, sprach er, indem seine Lippen sich fest aufeinanderpreßten, »nehme ich Lorenza – meine Lorenza mit mir. Ein Priester dort wird uns vereinigen. Ich kann dies Doppelleben, diese Qual und Aufregung nicht länger ertragen, ich muß die Sicherheit meines Glückes, meiner Liebe gewinnen, um den Gefahren trotzen zu können, welche mit der Erreichung unseres großen Ziels verbunden sind.«

Erschrocken senkte der alte Pietro das Auge vor dem in flammender Leidenschaft glänzenden Blick Barbarinos.

»Du willst Lorenza, das zarte, ängstliche Mädchen, mit dir nehmen in das wilde, unruhige Leben der Berge, und so plötzlich? – Du wolltest warten, bis du ihr ein sicheres, ruhiges Los zu bieten imstande wärest!«

»Ich will nicht warten,« rief Barbarino, indem er mit seinen spitzen, glänzenden Zähnen in die vollen Lippen biß, »ich will nicht warten, ich will des Glückes vollen Kelch leeren, bevor ein unglückliches Ungefähr, ein verhängnisvoller Zufall mich vielleicht dem Verderben verfallen läßt, das auf allen meinen Schritten lauert. Und dann,« sagte er mit einem stechenden Blick auf den Alten, indem er heftig den Kopf schüttelte, so daß die dichten, dunklen Locken seines Haares bis zu den Augenbrauen herabfielen, – »jener deutsche Graf ist zurückgekehrt, – ich will nicht, daß dieses Doppelspiel wieder anfange, ich kann jene Höllenqualen des Zweifels und der Eifersucht nicht länger ertragen, – Lorenza muß heute mit mir gehen.«

Bei dem Geräusch der lauten Stimmen im Zimmer hatte sich das junge Mädchen aus der Veranda von ihrem Sessel erhoben, – sie erschien in der von gelblichem Weinlaub umrankten Öffnung der Tür. – Als sie Barbarino erblickte, flog eine schnelle Röte über ihr zartes, bleiches Gesicht. Sie schlug die großen, dunklen Augen nieder und kreuzte ihre schlanken Arme, von denen die weiten Ärmel ihres grauen Gewandes in reichen Falten zurückfielen, über der Brust.

Barbarino umfaßte die zierliche, vom vollen Tageslicht umflossene Gestalt mit einem Blick voll glühender, wilder Leidenschaft, rasch warf er die weite Kutte zurück, welche seine Glieder umhüllte und den einfachen Bauernanzug bedeckte, der seine kräftige Gestalt umschloß. Er eilte zu Lorenza hin, drückte sie fest in seine Arme und preßte seine Lippen in stürmischer Zärtlichkeit auf ihre reine Stirn, während das junge Mädchen, leise in sich zusammenschauernd, unbeweglich dastand.

»Lorenza, meine angebetete Lorenza,« rief er, »du mußt heute noch mein sein! Du wirst mit mir gehen in meine Berge, wo weder der Himmel noch die Hölle dich mir entreißen wird. Ich habe meinen Leib einem gefahrvollen Unternehmen geweiht, und um den Gefahren trotzen zu können, muß ich meines Glückes sicher sein, – sicher sein, daß kein fremder, vermessener Blick auf diesem süßen, geliebten Antlitz ruhen darf.« – – –

Lorenza erbebte, mit einer heftigen Bewegung stieß sie den jungen Mann zurück, und indem sie die ängstlich scheuen Blicke bald auf ihn, bald auf ihren Vater richtete, rief sie:

»Mit dir gehen! – jetzt – heute – das ist unmöglich!«

»Unmöglich?« rief Barbarino finster, – »warum unmöglich? Dein Vater kann es unmöglich, kann es bedenklich finden, – aber du, wenn du mich liebst, wie ich dich liebe, so mußt du aufjubeln in lautem Entzücken, wie ich es tue bei dem Gedanken, daß das Ziel unserer langen Sehnsucht uns so nahe liegt.«

Und mit düsterem, fast feindlichem Ausdruck, blickte er unter seinen dicht zusammengezogenen Augenbrauen auf das junge Mädchen hin. Lorenza richtete ihre Augen und ihren Blick wie hilfesuchend auf ihren Vater.

»Mein Gott,« sagte sie mit gepreßter Stimme, die mühsam aus ihrer tiefatmenden Brust herausdrang, »woher diese Eile? Es war ausgemacht, daß du erst eine sichere, eine über alle Gefahren erhobene Existenz dir schaffen solltest, – bevor wir –«

»Es war ausgemacht,« rief Barbarino heftig, »was ein liebendes Herz, ein Herz, das von altem Quiritenblut durchströmt wird, nicht ertragen kann, – jene Zeiten der Ruhe, der Resignation sind vorüber. Ich will nicht länger warten, ich kann nicht länger warten, und du,« fügte er, von glühender Leidenschaft, mit bitterem Lächeln hinzu, – »du solltest empfinden wie ich, du solltest nicht meine flammende Liebe zu kalter Geduld ermahnen.«

»Mein Gott!« rief Lorenza, indem sie die Augen mit der Hand bedeckte, »jetzt gerade, – jetzt,« fügte sie mit flüsternder Stimme hinzu, »wo er zurückgekehrt ist, wo er jeden Augenblick kommen kann. Er würde Himmel und Erde in Bewegung setzen, mich zu suchen, wenn er mich hier nicht findet, – es wäre unvorsichtig.«

Mit wildem Hohnlachen rief Barbarino:

»Ah, also du weißt auch, daß er zurückgekehrt ist, du weißt, daß er dich besuchen wird, – du erwartest ihn,« fuhr er mit häßlicher Verzerrung seines Gesichtes fort, – »das alles muß ein Ende nehmen. Gerade deshalb darf er dich nicht finden. Mag er dich suchen dort in meinen Bergen, wo ich der Herr und Gebieter bin. Und wenn er dich findet, so soll er dich finden als mein Eigentum, als mein Weib. Der Augenblick, in dem er dich wiedersieht, wird dann zugleich der seines letzten Atemzuges sein.«

»Pietro,« sagte er kalt, »du kennst meinen Willen, du weißt, daß ich auszuführen gewohnt bin, was ich mir vorgenommen habe. Hüte dich, mir zu widerstehen, du kennst mich nur als Freund, nimm dich in acht, zu erfahren, was die Rache Barbarino Falcones bedeutet!«

»Sei ruhig, sei ruhig, Barbarino,« sagte Pietro unruhig und verlegen, »du weißt, sie ist leicht erregbar, alles Plötzliche erschreckt sie. Und die Sache ist auch ernst genug, um in ruhiger Überlegung erwogen zu werden.«

»Ich habe überlegt, ich habe erwogen,« rief Barbarino, »mein Entschluß steht fest, und wehe dir, wenn du seiner Ausführung Schwierigkeiten bereitest, wehe dir, wenn ihr Zögern mich an ihrer Liebe zweifeln läßt.«

Er füllte das Kelchglas mit dem funkelnden Wein und stürzte dessen Inhalt mit einem raschen Zuge hinunter.

Lorenza stand mit niedergesunkenen Armen und leicht vorgeneigtem Haupt einen Augenblick in starrer Unbeweglichkeit da. Dann blitzte es in ihren Augen auf, wie ein schnell emporschimmernder Gedanke, ein ruhiges, freundliches Lächeln erschien auf ihren Lippen. Sie näherte sich Barbarino, legte sanft den Arm auf seine Schulter und sprach mit jener harmonisch wohlklingenden Stimme, welche im Munde der Römerin fast wie Gesang erscheint:

»Verzeihe mir, Barbarino, daß diese so plötzliche und unvorbereitete Mitteilung mich erschreckt und bestürzt hat. – Du weißt, das ich mich allem unterwerfe, was der Wille meines Vaters über mich beschließt. Laß mir Zeit bis heute abend, darüber nachzudenken. Ich bedarf der Ruhe und Einkehr in mich selbst in einem so wichtigen und ernsten Augenblick.«

Barbarino legte seinen Arm um ihre Schulter und drückte sie heftig und stürmisch an seine Brust, während der alte Pietro in sinnendem Nachdenken dastand.

Man hörte starke Schritte auf dem Vorplatz.

»Was ist das?« rief Pietro auffahrend, »wenn dir wirklich Gefahr droht, so verbirg dich schnell, schnell dort in dem Zimmer meiner Tochter.«

Er ergriff die auf der Erde liegende Kutte, die Perücke und den Bart und drängte Barbarino nach der Tür zu dem Zimmer Lorenzas.

Das junge Mädchen trat einen Augenblick erschrocken, wie abwehrend, vor diese Tür, aber schnell faßte sie sich, und kehrte in die Mitte des Zimmers zurück, während Pietro den jungen Mann in das Nebengemach drängte und ihm die Gegenstände seiner Verkleidung nachreichte. Dann öffnete er die äußere Tür, an welche soeben mit starken Schlägen geklopft wurde.

Ein Lohndiener trat ein, er hielt einen kleinen versiegelten Brief in der Hand und sprach in gleichgültig fragendem Ton:

»Signora Lorenza Barghili?«

Lorenza trat rasch vor, ergriff das Billett und öffnete es, schnell das Siegel erbrechend, während der Lohndiener sich mit ruhigem Gruß wieder entfernte. Das junge Mädchen durchflog den Inhalt des kurzen Billetts.

»Er wird heute abend kommen,« rief sie, er hat die Einwilligung seiner Eltern erhalten, er will alles mit uns verabreden, um so schnell als möglich mir seine Hand zu reichen. Ich werde eine Dame, eine Gräfin sein, – ich werde glücklich sein.«

Einen Augenblick richtete sie die leuchtenden Augen aufwärts, ein Schimmer freudigen Glücks beleuchtete ihre Züge, – dann zuckte sie wie erschrocken zusammen, ihr Blick richtete sich auf die geschlossene Tür des Nebenzimmers. Rasch trat sie zu Pietro hin, umschlang ihn mit ihren Armen und flüsterte leise, fast sein Ohr mit ihren Lippen berührend:

»Oh, mein Vater, errette mich, ich kann nicht mit ihm gehen! Ich liebe ihn nicht, ich fürchte mich vor ihm. Mein Herz gehört«, fügte sie tief errötend hinzu, – »dem Grafen Francesco, die Trennung von ihm wird mein Tod sein.«

Erstaunt und betroffen blickte der Alte auf seine Tochter, die ihr Haupt an seiner Brust barg.

»Das habe ich nicht geglaubt, mein Kind,« sagte er leise, die Stimme dämpfend, »ich glaubte, du liebtest Barbarino.«

»O nein, nein,« rief sie, »ihn, der mich erschreckt, der mich fürchten und zittern läßt, ihn habe ich nie geliebt, – aber ich fürchte ihn und ich fürchte ihn so sehr, – mein Francesco wird mich vor ihm beschützen.«

Pietro Barghili warf einen scheuen Blick nach der Tür hin, dann sah er liebevoll und wehmütig zu seiner Tochter herab.

»Mein armes Kind,« sagte er, »ich kann dich nicht schützen, ich bin mit jenem,« fügte er, abermals ängstlich nach der Tür blickend, hinzu, »verbunden durch geheime, unauflösliche Bande, ich darf seinem Willen nicht entgegentreten, ohne mich einer sicheren und unerbittlichen Rache auszusetzen.«

»Oh, mein Vater,« rief Lorenza, »dann laß mich fliehen, laß mich hineilen zu meinem Geliebten. Er wird mich zu schützen wissen, wenn ich erst bei ihm bin und wenn ich ihm alles sagen kann, was ich bis jetzt unter tausend Qualen habe verheimlichen müssen. Und du, mein Vater, sollst keine Schuld haben, du sollst mich verleugnen, bis du imstande bist, dich der Rache dieses Entsetzlichen zu entziehen. Im Laufe dieses Tages bis zum Abend wird sich leicht eine Gelegenheit für mich zur Flucht bieten, sobald ich an der Ecke der nächsten Straße bin, bin ich gerettet. Und nur um das eine, das eine bitte ich dich, gehe jetzt eilends zu ihm hin und bringe ihm die Nachricht, oder nein, bringe sie ihm nicht, sende sie ihm durch einen deiner Bekannten, daß er heute nicht kommen möge, daß er zu Hause bleibe und auf eine Botschaft von mir warte. Es wäre entsetzlich, wenn er käme und hier mit Barbarino zusammenträfe, mit Barbarino in seiner wilden Erregung. Es gilt, ein großes Unglück zu verhüten. Ich bitte dich, mein Vater, ich beschwöre dich, gehe, ihm Botschaft zu bringen, zu verhüten, daß er heute hierherkommt.«

Pietro senkte sinnend den Kopf auf die Brust.

»Du würdest glücklich sein,« sagte er, »wenn du ihn liebst und noch dazu eine vornehme Dame wirst. Ich darf dich nicht diesem wilden Sohn der Berge überlassen, – aber es wird schwer sein, gefahrvoll vielleicht, sein Arm reicht weit und sein rachsüchtiges Herz kennt keine Versöhnung.«

»Oh, mein Vater,« rief sie, »nur um dies eine bitte ich dich, bringe ihm die Botschaft, daß er nicht hierherkommt, daß er mich bei sich erwartet, und ich will alles übrige auf mich allein nehmen! Ich werde zu ihm fliehen, ich werde mich zu retten wissen ohne deine Teilnahme, ohne dein Wissen, – du sollst seiner Rache nicht ausgesetzt sein.«

Die Tür des Nebenzimmers öffnete sich, vorsichtig lauschend und spähend streckte Barbarino den Kopf hervor.

»Was war es?« fragte er.

»Ein Maler hat mich zu einer kurzen Sitzung bestellt, weil er noch etwas an einem Kopfe ändern wollte, den er nach mir gemalt,« erwiderte Pietro, während Lorenza, sich zum Fenster wendend, das Billett, welches sie erhalten hatte, in ihrem Busen verbarg.

Barbarino trat in das Zimmer und schloß die Tür hinter sich.

»Ich will gehen«, sagte Pietro, »und gleich meine Sitzung halten, um so bald als möglich zurückkehren zu können. Du bist hier in Sicherheit,« fuhr er zu Barbarino gewendet fort, »Lorenza soll dir das Frühstück besorgen, in kurzem bin ich wieder zurück und wir können überlegen, was weiter zu tun ist.«

»Sowie die Nacht hereingebrochen ist, gehen wir fort«, sagte Barbarino finster. »Draußen erwartet mich mein Pferd, es wird uns beide hintragen in die Berge, wo mein Wille herrscht, wo niemand es wagen darf, die Augen zu meiner Geliebten zu erheben.«

Seine Hand legte sich auf den Griff des Dolches, den er im Gürtel trug, und sein Auge ruhte mit wilder Leidenschaft und einer düsteren, argwöhnischen Frage auf dem jungen Mädchen, welches zwar mit niedergeschlagenen Blicken, aber mit einem heiteren, unbefangenen Lächeln auf den Lippen, ein weißes Tuch auf den Tisch breitete und aus einem kleinen Wandschrank die Vorräte an Früchten, Käse, Brot und Salami hervorholte, um mit jenem den Römerinnen eigenen Schönheitssinn das einfache Frühstück für Barbarino zu ordnen.

Pietro grüßte Abschied nehmend mit der Hand und erwiderte einen bittenden Blick seiner Tochter mit einem kaum merkbaren Augenwink und ging hinaus.

Lorenza hatte das Arrangement des Tisches vollendet, füllte ein Glas mit Wein und reichte es, nachdem sie den Rand leicht mit den Lippen berührt hatte, Barbarino hin. Dieser leerte es in schnellem Zug, dann eilte er auf das junge Mädchen zu, schloß sie stürmisch in seine Arme, küßte ihr weiches, duftiges Haar und fragte, zu ihrem Ohr sich neigend, mit leisem, innigem Ton, indem sein glühender Atem ihre Wange streifte:

»Lorenza, meine geliebte Lorenza, willst du mit mir gehen, willst du mir folgen, um mir ganz zu gehören? Sage mir, ob du mich liebst und du glücklich bist wie ich, wenn uns nichts mehr trennt, wenn wir draußen in der Welt meiner Freiheit für uns allein leben, alles um uns her vergessend und vielleicht von allen vergessen.«

Lorenza zitterte in seinen Armen, leise zusammenschauernd. Einen Augenblick preßte sie ihre Lippen krampfhaft aufeinander, als zöge ein großer Schmerz ihr das Herz zusammen. Dann aber lächelte sie wieder, schlug die Augen mit klarem Blick zu Barbarino auf und sagte mit einem flüsternden Ton, der keine Bewegung in ihrer Stimme erkennen ließ:

»Kannst du mir zürnen, Barbarino, wenn der Gedanke, meinen Vater, meine Heimat hier zu verlassen, meine ganze Vergangenheit abzuschließen, – wenn der Gedanke mich einen Augenblick schmerzhaft bewegt und fast entsetzt hat?«

»Einen Augenblick,« rief Barbarino, indem ein Strahl von Entzücken aus seinen Augen blitzte, – »einen Augenblick, meine süße, geliebte Lorenza! Und ist dieser Augenblick vorüber?« fragte er, ihren Kopf in seinen Händen haltend und ihr tief in die Augen blickend.

»Er ist vorüber,« erwiderte Lorenza ruhig und fest, »ich habe mich entschlossen, meinen Vater, meine Heimat, alles zu verlassen und«, fügte sie ganz leise in fast unhörbarem Ton hinzu, »dem zu folgen, dem die Liebe meines Herzens gehört.«

Er drückte sie fest an sich und bedeckte ihr Gesicht mit glühenden Küssen.

»Oh, meine Lorenza,« rief er, »ich danke dir, – ich danke dir! Du machst mich überglücklich! Verzeihe meinen Zweifel, meinen Argwohn, – meine Eifersucht,« sagte er, indem ein düsterer Schatten über sein Gesicht dahinflog. »Es kommt ja das alles nur von meiner Liebe zu dir, die so heiß ist, wie der brennende Strahl unserer Sonne, so tief wie das Meer und so wild wie die Schluchten meiner Heimat.«

Lorenza wand sich sanft aus seinen Armen und deutete lächelnd auf den Platz am Tisch, den sie für ihn bereitet hatte.

Er setzte sich mit glühenden Wangen und strahlendem Blick zu dem einfachen Mahl nieder. Sie nahm an seiner Seite Platz und bediente ihn heiter und freundlich, und oft drückte er seine Lippen auf ihre Hand, welche ihm eine Frucht oder eine Brotschnitte reichte.

Seine brennenden Lippen fühlten es nicht, daß ihre Hand kalt war wie Eis, seine von Glück und Seligkeit strahlenden Augen sahen es nicht, daß diese zarten Finger zitterten und zuckten und daß ihre Blicke sich zuweilen wie in angstvollem Gebet aufwärts richteten.

Siebzehntes Kapitel

Herr Charles Lenoir durchschritt ruhig und ohne anscheinend seine Umgebung zu beachten die dichten Menschenmassen, welche sich auf dem Karussellplatze hin und her bewegten und begab sich durch die Rue de Rivoli und über die Place de la Concorde nach dem Boulevard Malesherbes; dort trat er in das der Augustinerkirche gegenüberliegende große Eckhaus und stieg die breite und elegante Treppe nach der ersten Etage hinauf, wo noch immer die Frau Marchesa Pallanzoni ihre Wohnung hatte.

Herr Lenoir zog die Glocke und schnell wurde die Tür geöffnet, aber nicht mehr von einem jener eleganten Lakaien in hellblauer und silberner Livree, sondern von einem zierlichen Kammermädchen in weißer Schürze und weißem Häubchen, welche beim Anblick des Einlaß Begehrenden sogleich die Tür zu den inneren Räumen der Wohnung öffnete.

Herr Lenoir trat ein, ohne sich die Mühe zu geben, seinen Hut abzunehmen.

Es war alles im allgemeinen noch wie früher in diesen Räumen. Doch fehlte jener gewisse Schmelz der Eleganz und des Luxus, der dieselben früher ausgezeichnet hatte. Die Diwans und Lehnstühle standen noch auf demselben Platz, die schweren Gardinen hingen vor den Fenstern, aber man sah nicht mehr jene tausend Kleinigkeiten von antiker Bronze, Marmor und Gold, welche in ihrer äußeren Unscheinbarkeit als Gegenstände der Kunst und der Laune oft so enorme Werte repräsentieren. Man sah nicht mehr jene frischen exotischen Blumen, die sonst jeden Winkel des Gemachs ausfüllten, und von den Wänden waren die kostbaren Ölgemälde verschwunden.

Der Salon war derselbe und doch wehte aus demselben ein anderer Geist als früher. Wer sonst diese Räume betreten hatte, dem mußten sie jetzt den Eindruck machen wie eine altgewordene Schönheit, bei welcher man noch dasselbe Profil, dieselben Züge erblickt, welche aber den unnachahmlichen Reiz der Jugend und Eleganz verloren hat.

Herr Lenoir durchschritt den Salon und öffnete die Portiere nach dem Boudoir der Marchesa Pallanzoni, welches ebenfalls jener unscheinbaren Kleinigkeiten beraubte war, die zum intimsten Wohnraum einer Dame gehören, welche den Anspruch macht, der crême de la crême der eleganten Welt zugezählt zu werden.

Auf der Chaiselongue, welche den mit blauen Gardinen verhangenen Fenstern gegenüberstand, lag die Marchesa Pallanzoni. Die wunderbare Schönheit ihrer Züge hatte sich nicht verändert; ihr Teint war ebenso perlmutterweiß und durchsichtig wie früher; ihr reiches Haar glänzte in vollen Flechten ohne jede Nachhilfe; das Feuer ihrer großen, mandelförmigen Augen war nicht ermattet, aber aus diesen Augen blickte statt des siegesgewissen Stolzes, der sie früher erleuchtete, eine finstere, trübe Resignation. Es war nicht die fromme Ergebung der von der Welt zurückgezogenen Magdalena, welche auf ihren fest zusammengepreßten Lippen lag, sondern der grimmige, höhnische Haß der Medea, welche der Welt, die ihr Unheil gebracht, sechsfaches Unheil zurückzugeben entschlossen ist.

Sie trug ein Hauskleid von dunkler Seide, elegant und geschmackvoll, aber nicht mehr von jener unbeschreiblichen Frische der Toiletten ihrer früheren Zeit, welche nur auf den Sonnenstrahl eines Tages berechnet waren wie die stets sich erneuenden Blütenkelche des Frühlings, – man sah ihrer Robe an, daß bei ihrer Bestellung auch daran gedacht war, daß einige Zeit vergehen müsse, ehe sie durch eine andere ersetzt werden könne.

Die Marchesa schlug kaum die Augen auf, als Herr Charles Lenoir in das Boudoir trat.

Auch hier hielt derselbe es nicht für nötig, seinen Hut abzunehmen. Er warf sich mit einer gewissen Nonchalance gleichgültig in einen Lehnstuhl, zog eine Zigarre aus seinem Etui und zündete dieselbe langsam und behaglich mittels eines kleinen Taschenfeuerzeugs an, ohne daß die Dame auf seine Gegenwart oder Beschäftigung zu achten schien.

»Es ist wieder etwas kahler bei dir geworden, meine liebe Toni,« sagte er, große Rauchwolken in die Luft blasend, indem er seine Blicke über die schmucklosen Wände und die leeren Etageren hingleiten ließ, –»wir gehen bergab,« fuhr er kopfschüttelnd fort, – »stark bergab, ebenso«, sagte er hohnlächelnd, »wie das Kaiserreich unseres allergnädigsten Souveräns Napoleons III. und seiner sehr schönen und sehr glänzenden kaiserlichen Gemahlin, welche von den größten Dummköpfen des Jahrhunderts umgeben sind, die nicht hören und nicht sehen wollen, sondern blindlings mit der Nase in der Luft dem Abgrund zustürmen!«

»Mögen sie in ihren Abgrund stürzen«, fuhr er nach einer augenblicklichen Pause fort, während die Marchesa fortwährend in unbeweglichem Schweigen auf ihrer Chaiselongue lag. »Wir wollen ihr Beispiel nicht nachahmen. Wir müssen ein wenig darüber nachdenken, was wir zu tun haben, um unsere Lage zu verbessern und um nicht gezwungen zu werden, deine Salons schließlich vollständig zu degarnieren.«

Ein Blick voll Zorn und Verachtung aus dem rasch aufgeschlagenen Auge der Marchesa traf Herrn Lenoir, der sich weit in seinen Stuhl zurückgelehnt hatte und mit großer Geschicklichkeit kleine Ringelwolken von Tabaksrauch in die Luft blies.

»Ich bin sehr neugierig,« sagte sie mit kaltem, schneidendem Ton, »die Resultate deines Nachdenkens zu hören. Bis jetzt hast du nichts weiter verstanden, als, so oft du meinen Lebensweg durchkreuztest, mich von der Höhe herab in den Staub und Schmutz zu ziehen. Du wagst es,« fuhr sie fort, indem sie sich halb emporrichtete und wie im Ausbruch plötzlicher Erregung Blicke voll zorniger Leidenschaft auf ihn schleuderte, »du wagst es, in diesem Ton von der Verschlechterung meiner Lage zu sprechen, von der du doch wahrlich bisher nichts empfunden hast. Du bist es gewesen, der mich dahin gebracht hat, mit jenem Grafen Rivero zu brechen, der mir unerschöpflich reiche Geldquellen fließen ließ, der mir die ersten Kreise der höchsten Gesellschaft öffnete, und dem ich dienen konnte, indem ich die Fäden der Weltgeschicke verfolgte. Aus jener lichten, schönen und glänzenden Welt bin ich herabgesunken durch dich, dem ich nie wieder zu begegnen hoffte und den ich beim ersten Anblick hätte auf jede Gefahr hin in sein Nichts zurückschleudern sollen. Ich bin herabgesunken zu einem Werkzeug dieser kaiserlichen Polizei, welche nicht wie jener Meister, gegen dessen Herrschaft ich mich auflehnte, mit feiner und kräftiger Hand die großen Fragen des Weltlebens erfaßt, – welche zu herrschen glaubt, wenn sie in die kleinen und elenden Geheimnisse des niedrigen Lebens eindringt, welche«, fügte sie hinzu, indem sie mit dem Ausdruck unendlicher Verachtung die Achseln zuckte, »die Dienste, die man ihr leistet, ebenso elend und jämmerlich bezahlt als ihre Auffassung von dem Welt- und Völkerleben ist. Was ich empfunden und gelitten habe bei diesem tiefen Fall von so glänzender Höhe, das kannst du freilich nicht verstehen und mitempfinden, – und du hast ja«, sagte sie mit bitterem Hohn, »auch keinen Grund dazu, deine Ansprüche sind ja befriedigt worden, und um sie befriedigen zu können, habe ich meine Equipage und alles, was das Leben reizvoll verschönt, hingegeben, habe ich mich verurteilen müssen zu einsamer Zurückgezogenheit von der Welt, die sich von mir abwendet, nachdem mein würdiger Gemahl, der Herr Marchese von Pallanzoni in Rom, mich öffentlich kompromittiert hat. Jetzt sind diese Ressourcen erschöpft und bald wird mir nichts mehr übrigbleiben, um deine rücksichtslosen Ansprüche zu befriedigen, als auch noch diese Wohnung aufzugeben, der ja schon jeder Schmuck genommen ist, die mich aber wenigstens noch an eine bessere Vergangenheit erinnert, und in die Welt hinauszuziehen, um mir weit von Paris und weit von dir ein neues Leben zu schaffen.«

Herr Lenoir hatte die leidenschaftlich erregten Worte der jungen Frau ruhig mit angehört. Er strich vorsichtig die Asche von seiner Zigarre und ließ dieselbe auf den zartgemusterten, aber bereits etwas verschossenen Teppich des Boudoirs fallen.

»Das wäre sehr töricht,« sagte er, indem er ein Bein über das andere schlug und die Spitze seines Stiefels betrachtete, »denn, wenn du Paris verlassen würdest, so würden ja die Quellen versiegen, aus denen du gegenwärtig schöpfst. Und außerdem«, fügte er mit scharfem, stechendem Blick hinzu, »würde man dir das auch nicht erlauben. Wer einmal dieser geheimnisvollen Macht gedient hat, den läßt sie nicht wieder frei, denn nur so ist sie seiner und dessen, was er weiß, sicher.«

»Und was wollte man tun, um mich zu halten,« rief die junge Frau, indem eine flammende Röte ihr Gesicht überzog, »bin ich nicht frei, zu gehen, wohin ich will, und zu tun, was ich will?«

»Nein,« sagte Herr Lenoir, »du vergißt, meine Liebe, daß du nicht ohne dasjenige bist, was man in den Bureaus der Polizei Antezedenzien nennt, und daß man es gewiß vorziehen würde, in diesen Antezedenzien zu forschen und auf Grund derselben die Hand auf dich zu legen, wenn du Miene machen solltest, den Zügel zu zerreißen, an welchem man dich heute leitet.«

Die junge Frau sprang auf und trat wie ein gereiztes Raubtier vor ihn hin.

»Das wagst du mir zu sagen,« rief sie, – »du, mit deiner Vergangenheit? – denkst du nicht daran, daß, wenn man jemals einen Schritt gegen mich täte, ich Macht genug hätte, um dich zunächst zu vernichten?«

Er schüttelte ruhig den Kopf.

»Du täuschest dich vollständig, mein Kind«, sagte er. »Was hat Herr Charles Lenoir, dem man hier vielen Dank für geleistete Dienste schuldig ist, mit der Marchesa Pallanzoni zu tun? Wer würde sich hier, wenn kein Interesse dazu vorliegt, mit der Frage beschäftigen wollen, ob Herr Charles Lenoir jemals in Verbindung mit einem längst verstorbenen Herrn Balzer gestanden habe, der das Unglück oder das Glück hatte, vor langer Zeit eine reizende Frau zu besitzen, welche dann Witwe wurde und einen weit entfernten italienischen Marchese heiratete, der«, fügte er hohnlachend hinzu, »allerdings in sehr rücksichtsloser Weise sich von ihr losgesagt und sie in eine ziemlich bedenkliche und zweifelhafte Lage gebracht hat. Es gab eine Zeit,« fuhr er fort, und seine tief eingesunkenen und gewöhnlich so matten und schlaffen Augen funkelten von triumphierender Bosheit, – »es gab eine Zeit, in welcher du und dein Graf Rivero Macht über mich hatten, als ihr mich aus dem Leben verschwinden lassen konntet, ohne daß ich imstande war, euch Widerstand zu leisten, – diese Zeit ist vorbei. Jener stolze und übermütige Graf ist fern, – die Grenzen Frankreichs sind ihm verschlossen, und du, mein Kind, – du bist klug genug, um das einzusehen, – du bist in meinen Händen, mehr als zu jener Zeit, da ich dein Herr und Gemahl war, dem du am Altar Gehorsam versprochen, – ein Versprechen, das du ebensowenig gehalten als irgendein anderes in deinem Leben.«

Sie machte eine Bewegung, als wolle sie sich, der gereizten Löwin gleich, auf ihn stürzen, – aber sie fühlte die Wahrheit seiner Worte. Schlaff fielen ihre Arme herab und langsam ließ sie sich wieder auf ihre Chaiselongue niedersinken.

»Ich sehe,« sagte Herr Lenoir, indem sein Blick mit grausamer Ruhe auf ihr haftete, »daß meine Toni noch immer nicht den scharfen Verstand verloren hat, den ich stets an ihr bewundert. Da du nun aber einsiehst,« fuhr er dann fort, »daß du aus dem Kreise, in den du gebannt bist, nicht heraustreten kannst, so wirst du nun wohl, statt mir Szenen unnützer und unberechtigter Aufregung zu spielen, mit darin übereinstimmen, daß es viel vernünftiger ist, an die Notwendigkeit des Augenblicks zu denken und auf Mittel zu sinnen, um reichere Geldquellen flüssig zu machen. Denn«, fügte er hinzu, indem er abermals mit höhnischem Lachen über die kahlen Wände hinblickte, »unsere Hilfsfonds sind zu Ende und auch die Hauptgrundlage deiner jetzigen Existenz könnte bald zusammenbrechen. Wenn die kaiserlichen Staatskünstler so wie bisher weiter arbeiten, so möchte der Lorbeerkranz, mit dem der ruhmvolle Kaiser seine Stirn auf den Zwanzigfrankenstücken umwunden hat, bald herabfallen und wer weiß, ob die sehr verehrliche kaiserliche Polizei noch lange existiert und ihre geschickten Diener würdig wird belohnen können.«

In düsterer Verzweiflung blickte die Marchesa vor sich hin.

Der Zug abwehrenden Stolzes, welcher bis dahin auf ihrem Antlitz gelegen hatte, war vollständig verschwunden. Sie betrachtete eine Zeitlang in schweigendem Sinnen ihre Fingerspitzen, dann sagte sie mit traurigem Ton, indem sie einen matten Blick wie hilfesuchend auf Herrn Lenoir richtete:

»Aber was ist zu tun, um unsere Lage zu verbessern? Ich habe ja nur die eine Hilfsquelle. Der Bruch mit dem Grafen Rivero ist irreparabel.«

»Es könnte mir auch wahrlich nicht in den Sinn kommen,« fiel Herr Lenoir ein, »mit jenem törichten Phantasten mich wieder in Verbindung zu setzen, der dich,« fügte er mit einem gemeinen Lachen hinzu, »der dich ja auch von hier fortnehmen könnte und dich von der sanften Kette der Liebe und Abhängigkeit zu befreien imstande wäre, welche dich in diesem Augenblick an mich fesselt. Nein, nein, meine liebe Toni, ich hänge viel zu sehr an dir und an den Erinnerungen unserer Vergangenheit, als daß ich dich von mir lassen könnte. Du mußt hier bleiben und hier müssen wir Mittel und Wege finden, um dieser Plünderung deiner so schönen Salons Einhalt zu tun und um dieselben wieder mit all jenen schönen Sachen zu füllen, welche so reizend aussehen und einen so guten Rückhalt für schlechte Zeiten bilden.

»Ich begreife übrigens nicht,« fuhr er fort, »wie meine gescheite und so welterfahrene frühere Frau und jetzige Freundin auch nur einen Augenblick in Verlegenheit darüber sein kann, wie wir die goldenen Fluten wieder in das versiegende Bett unseres Lebensstromes hineinlenken können. Ich bitte dich, sieh nur einmal in deinen Spiegel, den du, wie es scheint, seit langer Zeit vernachlässigt hast, und du wirst dich überzeugen, daß diese Augen heute noch schöner sind als damals, als ich dich kennen lernte und als du es so gut verstandest, mit den Herzen auch die Börsen zu deinen Füßen niedersinken zu lassen, – freilich waren es nur die Börsen kleiner Roués einer österreichischen Provinzialstadt, – das will nicht viel sagen, – während es sich hier um Größen der europäischen Aristokratie und der Finanzwelt handelt.«

»Nur du,« rief sie in zitternder Aufwallung, »nur du bist imstande, mir einen solchen Vorschlag zu machen, nur du bist niedrig genug, um aus dieser Quelle des Goldes die Hefe für dich schöpfen zu wollen. Niemals! Niemals!« rief sie.

Er saß einige Augenblicke schweigend vor ihr und betrachtete sie mit einem Blick, in dem die volle Sicherheit der Herrschaft über sein Opfer lag.

»Es wird wohl nötig sein,« sagte er, »daß du dich meiner Leitung unterwirfst, denn, wenn du meinen Ratschlägen nicht Folge leisten solltest, so könnte es gar leicht möglich sein, daß auch, wenn dies Kaiserreich durch ein Wunder noch bestehen bliebe, dennoch deine jetzige, gegen früher so spärliche Einnahmequelle versiegte. Auch könnte man leicht auf den Gedanken kommen, sich einer Person, die in so manche Geheimnisse eingeweiht worden ist, zu versichern, – und wäre diese Person auch so reizend, geistvoll und liebenswürdig wie die ausgezeichnete und vortreffliche Frau Marchesa von Pallanzoni.«

Die junge Frau erbleichte tief. Unruhige, widersprechende Gedanken schienen sich in ihrem Innern umherzuwälzen. Sie preßte ihre Hände so heftig gegeneinander, daß die Spitzen ihrer Nägel rote Male in ihre Haut drückten. Dann blickte sie, halb die Augen aufschlagend, durch ihre lang herabhängenden Wimpern zu Herrn Lenoir hinüber und sprach mit kaltem und ruhigem Ton:

»Deinen Ratschlägen Folge zu leisten, sagst du, – – und wenn ich es wollte, – welche Ratschläge hast du mir gegeben? Du hast mir einmal eine kleine, geckenhafte und lächerliche Persönlichkeit gezeigt, einen Menschen mit einem Lorgnon im Auge und in ziemlich verkommener Toilette, der mich seit langer Zeit auf eine ziemlich aufdringliche und unverschämte Weise verfolgt. Du hast mir gesagt, daß ich seine Annäherung nicht so scharf hätte zurückweisen sollen wie ich dies getan, – ist es dieser etwa,« fuhr sie mit forschendem Blick und spöttischem Lächeln fort, »der unsere Lage zu verbessern imstande wäre und der mir mit seinem Herzen Haufen Goldes zu Füßen zu legen vermöchte?«

»Du sprichst von Raoul Rigault,« sagte Herr Lenoir achselzuckend. »Nein, er ist es nicht, der heute diese Salons wieder mit Bronzen, Bildern und Majoliken füllen und die schönen Pferde in deine Ställe zuückführen kann, ihn meine ich nicht. Aber darum«, fuhr er fort, »ist er doch ein Mensch, den man nicht zurückstoßen sollte. Wir leben in merkwürdigen Zeiten, wunderbare Umwandlungen können sich schnell vollziehen, und dann kann dieser kleine Raoul Rigault, der heute ein Zwanzigfrankstück für ein Vermögen ansieht, eine Person werden, von der das Schicksal Frankreichs abhängt und in dessen Händen Millionen zusammenfließen. Alles ist heute möglich, und dieser junge Mensch ist eine Zukunft, die man sich konservieren müßte, – ich weiß,« sagte er mit einem gewissen Selbstgefühl, »wer er ist und was er werden kann, wenn die heutige Gesellschaft einmal gründlich zusammenbricht. Und das kann gar bald geschehen, wenn man da draußen diese unbesiegbare kaiserliche Armee noch einige Male schlägt, wie sie bisher geschlagen wurde.«

Die junge Frau war wieder in tiefes Nachdenken versunken und schien kaum die Bemerkung des Herrn Lenoir zu hören.

»Doch das sind Fragen der Zukunft,« fuhr dieser fort, »in diesem Augenblick würde allerdings Herr Raoul Rigault nicht derjenige Verehrer sein, dem eine Dame von deiner Schönheit und Distinktion – und in deiner Lage – eine größere Annäherung erlauben möchte. Auch habe ich von ihm nicht sprechen wollen, aber es gibt doch wahrlich heute noch in Paris der jungen und liebenswürdigen Männer genug, welche imstande sind, einen unerschöpflichen Goldregen in deinen Schoß niederfallen zu lassen, wenn du ihnen nur dazu die Erlaubnis geben willst, und wenn dir«, fügte er lachend hinzu, »die jungen Männer zu beunruhigend und aufregend sind, so hast du auch unter den Älteren und Gesetzten die Wahl, wenn du nur willst, und vielleicht wird der goldene Regen, über den sie gebieten können, noch dichter und nachhaltiger sein.«

Sie antwortete nicht und blickte fortwährend schweigend und gedankenvoll vor sich nieder.

»Ich habe,« fuhr er fort, »dir hier eine Einladung gebracht, welche dich sofort in die Lage setzen wird, dasjenige zu finden, was uns not tut und dir die reichste und vollständigste Auswahl gewährt.«

Verwundert erhob die junge Frau den Kopf und blickte fragend und erwartungsvoll zu demjenigen hinüber, dessen Namen sie früher getragen und an dessen Seite sie die Tiefen des Lebens durchmessen hatte.

Herr Lenoir zog aus seiner Tasche eine glänzend glacierte Karte in großem Quadratformat mit goldenem Rande und goldener Schrift, welche einen starken Duft von Patschuli und Petivert ausströmte. Er reichte diese Karte der jungen Frau, welche sie schnell ergriff und mit fliegender Spannung ihre Augen darübergleiten ließ.

Mit zitternder Stimme las sie:

»Madame Cora Pearl bittet die Frau Marchesa Pallanzoni, heute abend um sieben Uhr bei ihr zu dinieren.«

Wie von einer Schlange gebissen, schnellte sie empor und schleuderte die Karte zur Erde.

»Das ist«, rief sie mit vor Zorn ersticktem Ton, »dein Rat? Das ist dein Ausweg? – So tief soll ich herabsteigen? Aus diesem schlammigen Abgrund soll ich das Gold schöpfen, dessen du noch mehr bedarfst, als ich!«

Mit kaltem Hohnlächeln zuckte er die Achseln.

»So tief herabsteigen?« fragte er, – »ich glaube, die Soupers, welche du besuchtest, als ich die Freude hatte, dich kennen zu lernen, vereinigten eine weit weniger elegante, weit weniger gewählte und vor allen Dingen weit weniger reiche Gesellschaft, als du sie in den Salons der Madame Cora Pearl zu finden gewiß bist.«

»Damals,« sagte sie, immer noch zitternd vor Aufregung, – »damals, – oh, das war etwas anderes, damals stand ich selbst noch in jener Tiefe, – in welcher ich dich kennen lernte«, fügte sie mit unaussprechlicher Verachtung hinzu. »Damals war ich noch nicht hinaufgestiegen in die lichten Höhen der Welt, damals war ich noch nicht die Marchesa Pallanzoni, die in den Tuilerien empfangen worden und die der ganzen Welt von Paris als unerreichbares Vorbild diente –«

»Und der heute«, fiel er ein, »von ihrem würdigen Herrn Gemahl, – ich meine nicht mich, sondern jenen Herrn Marchese Pallanzoni –, der strahlende Nimbus, mit dem sie sich umgeben hatte, entzogen worden ist, – deren Fuß die Tuilerien nicht mehr betreten wird, und die, wenn sie frische Luft schöpfen will, im bescheidenen Fiaker durch das Bois de Boulogne fahren muß, das sie einst, gezogen von den berühmten Pferden der Madame Musard, durchflog.«

Sie preßte die Hände vor die Stirn, als wollte sie die wild in ihrem Kopf arbeitenden Gedanken zusammenhalten und ordnen.

»Wozu übrigens«, fuhr Herr Lenoir ruhig fort, »die lange Erörterung? Mein Entschluß ist gefaßt, er ist notwendig, und ich verlange, daß du meinem Willen gehorchst, was du auch ohne allen Zweifel tun wirst, denn du bist zu klug, um die Richtigkeit dessen, was ich dir sage, nicht einzusehen. Ich habe für dich gehandelt, ich habe dieser Dame« – er hob langsam die vor ihm liegende Karte wieder auf – »deinen Wunsch ausgesprochen, daß du sie kennen zu lernen wünschest, und sie ist deinem Wunsche durch diese Einladung bereitwilligst entgegengekommen. Du darfst mich nicht kompromittieren –«

Sie zuckte mit einem Lächeln höhnischer Verachtung die Achseln.

»Du wirst«, fuhr er, ohne diese Bewegung zu beachten, fort, »diese Einladung annehmen, die dir Gelegenheit geben wird, den Herrn Grafen Rivero vollkommen ausreichend zu ersetzen.«

»Und wenn ich es nicht tue?« fragte sie kalt und schneidend.

»Wenn du es nicht tust,« erwiderte er in demselben Ton, »so wird morgen auch die letzte Quelle, aus welcher du bisher geschöpft, versiegen, und ich meinesteils werde dich deinem Schicksal überlassen, denn ich kann nicht meine Verbindungen mit einer Frau fortsetzen, welche töricht genug ist, die reichen Hilfsquellen, welche ihr zu Gebote stehen, nicht zu benützen. Das ist mein letztes Wort«, sagte er hart und rauh. »Gib mir deine Antwort. Darf ich Madame Pearl sagen, daß sie dich erwarten kann?«

Sie stand einige Augenblicke, die Hände auf die Brust gedrückt, starr und unbeweglich da. Marmorne Ruhe lag auf ihrem Gesicht, aber ihr ganzer Körper bebte vor innerer Erregung.

»Ich werde hingehen«, sagte sie, ohne aufzublicken, ohne eine Bewegung zu machen. »Doch nun laß mich allein, ich habe meine Vorbereitungen zu treffen.«

»Ich wußte es ja,« rief er mit heiterem Ton, »daß meine kluge Toni nicht in törichtem Eigensinn Glück und Lebenslust von sich weisen würde, wenn sie nur nötig hat, die schönen Spitzen ihrer Finger danach auszustrecken.«

Und mit einer gewissen gemeinen Vertraulichkeit ergriff er ihre Hand und führte sie an die Lippen.

Sie ließ es ruhig geschehen und winkte ihm schweigend, hinauszugehen.

»Auf Wiedersehen morgen,« sagte er, seinen Hut ergreifend, »ich werde kommen, um zu sehen, was meine schöne Freundin aus dem Fischzug erbeutet hat, zu welchem ich ihr das Netz in die Hand gegeben.«

Mit einer Verbeugung voll plumpen Hohnes verließ er das Zimmer.

Achtzehntes Kapitel

Beglückten Herzens, voll Freude und Hoffnung war Graf Spangendorf nach seinem Aufenthalt in Deutschland wieder über die Alpen nach dem schönen Italien gezogen, um der Erfüllung seines Lieblingswunsches entgegenzueilen und diejenige unauflöslich an sein Leben zu knüpfen, der er sein Herz mit aller Glut und Leidenschaft einer ersten reinen und begeisterungsvollen Liebe geschenkt hatte.

So glücklich ihn aber auch die Erfüllung seiner süßesten Liebesträume machte, so kehrte er doch auf der andern Seite mit wunderbar gemischten Gefühlen nach Rom zurück. Er war hingezogen in die alte Heimat mit der Begeisterung für die die Welt durchdringende Allgewalt der römischen Kirche im Herzen; er hatte sich berauscht an der Quelle glaubensvoller Schwärmerei, welche in so reichem, schäumendem Strom aus dem Felsen Petri hervordringt. Mit stolzem Selbstgefühl hatte es ihn erfüllt, daß ein hoher Fürst der Kirche ihn für würdig befunden hatte, ein Werkzeug zu sein in dem Kampf für die weltumfassende Herrschaft des Statthalters Christi auf Erden, – aber der Flug seiner Begeisterung war zu Boden gesunken, sein Stolz hatte sich gebeugt, als er das Wehen des göttlichen Geistes durch das Wehen der deutschen Eichen empfunden hatte, als der so hoch erleuchtete, so fest in seinem Glauben, so klar in seiner Einsicht dastehende Erzbischof von Köln ihm des großen, ruhmreichen Vaterlandes eigenartiges und urkräftiges Bild vor Augen gestellt hatte. Er war auf seiner Durchreise über Mainz gekommen und hatte dort eine Audienz bei dem Bischof von Ketteler gehabt, diesem alten westfälischen Edelmann, der aus innerem Drang und Beruf die militärische Laufbahn mit dem opfer- und mühevollen Priesterstande vertauscht hatte und tief durchdrungen war von hoher Liebe und Begeisterung für den Glanz und die Macht der römisch-katholischen Kirche. Aber auch dieser ergebene Diener des Heiligen Stuhls hatte ihm gesprochen von der Eigenart der deutschen Nation. Auch aus seinen Worten war die Hingebung für die einige und allumfassende Kirche so anders hervorgeklungen, als er es in Rom von den Lippen der feinen und geschmeidigen italienischen Prälaten zu hören gewohnt war.

Der deutsche Freiherr auf dem bischöflichen Stuhl, welchen einst die Kur-Erzkanzler des deutschen Reichs einnahmen, hatte noch kräftiger und noch markiger die Selbständigkeit des kirchlichen Lebens der deutschen Nation gegenüber der römischen Kurie betont, als der ruhige und kältere Erzbischof von Köln, und in der Brust des jungen Grafen war das warme Gefühl der Angehörigkeit an seine Nation, der stolze, unabhängige Sinn des alten deutschen Edelmannes lebendig erwacht. Jede Faser seines Lebens zog ihn hin zu den alten Kirchenfürsten seiner Heimat und ließ ihn tief empfinden, daß das italienische Priestertum, welches den päpstlichen Stuhl umgab, seiner innersten Natur etwas Fremdes sei, aber in der freudigen Glückseligkeit, mit welcher die Aussicht auf das Wiedersehen seiner Geliebten sein ganzes Wesen erfüllte, löste sich auch dieser Zwiespalt in harmonische Hoffnung auf.

Er glaubte dazu beitragen zu können, daß man in Rom die Verhältnisse der deutschen Kirche richtiger und klarer beurteile, und er fühlte sich stolz in dem Gedanken, daß er, der unbedeutende junge Mensch, dazu mitwirken könne, den vollständigen Einklang herzustellen zwischen dem Glaubensleben seines Vaterlandes und dem herrschenden Mittelpunkt der Kirche.

So war er voll Glück, Hoffnung und Zuversicht in Rom angekommen. Er hatte unmittelbar nach seiner Ankunft an Lorenza geschrieben und ihr seinen Besuch zur gewohnten Abendstunde angekündigt, um zunächst mit ihr und ihrem Vater zu überlegen, in welcher Form und Weise das bisher so sorgsam gehütete Geheimnis seiner Liebe der Welt bekanntgemacht werden sollte.

Dann hatte er sich dienstlich gemeldet und unmittelbar darauf dem Kardinal Monaco seine Ankunft angezeigt, auch von demselben die Einladung erhalten, ihn zu einer späten Nachmittagstunde zu besuchen.

Der junge Mann hatte seine, nach so langer Abwesenheit ihm ungewohnte Uniform angelegt und begab sich zur festgesetzten Zeit nach dem Palazzo di Santo Ufficio.

Bereits waren die eigentümlichen Verkündiger der Weihnachtszeit von den Abruzzen nach Rom herabgestiegen. Die Pifferari, welche wie die Hirten von Bethlehem die Himmelsbotschaft der Geburt des Heilandes begrüßen und vor den Bildern der heiligen Jungfrau an den Ecken der Straßen ihren eintönigen, von der Piffera und der Zampogna begleiteten Gesang ertönen ließen.

Als der Graf Franz in tiefen Gedanken, alle Eindrücke, die er in Deutschland empfangen, wieder lebendig in seiner Seele heraufrufend, an dem alten Zirkus des Nero vorbeischritt, stand vor einem kleinen mit Lampen und Blumen geschmückten Marienbilde ein alter Mann in dunkelblauem Kragenmantel, den spitzen Hut in das scharfverwitterte, graubärtige Gesicht gedrückt, und neben ihm ein Knabe von vierzehn bis fünfzehn Jahren mit glänzendschwarzen Augen, mit schwarzem, lockigem Haar und mit dunkelgebräuntem Gesicht von klassischem Schnitt. Sie sangen jenes uralte Weihnachtslied, dessen gleichmäßige Melodie am Schluß jeder Strophe mit einem langsamen Adagio endigt, das dann wieder ein lauter, jubelnder Ton der Piffera abschließt.

Graf Franz blieb einen Augenblick stehen, sein in tiefstem Nachdenken zu Boden gesenkter Blick erhob sich zu der eigentümlich pittoresken Gruppe unter dem Madonnenbilde, welches von einigen Vorübergehenden umgeben war.

Vom dunklen Abendhimmel herab funkelten die ewigen Sterne, welche in ruhiger und unveränderter Gleichmäßigkeit bereits die alten unbeugsamen Herrscher Roms auf dem Forum Romanum gesehen, welche dann herabgeblickt hatten auf das goldene Haus des Nero, auf die Trümmer des unter dem letzten Romulus zusammenbrechenden Weltkaisertums, – welche ebenso ruhig und gleichmäßig die Macht und Hoheit des christlichen Oberpriesters auf dieser Stätte hatten erstehen sehen, auf welcher einst die ersten Märtyrer des Christentums in qualvollem Tode gestorben waren, und welche jetzt wieder mit unverändertem goldenen Schimmer niederglänzten auf die Residenz des Nachfolgers Gregor VII. und Leo X., dessen Thron von allen Seiten her bedroht war durch mächtige, siegreiche und unversöhnliche Feinde.

Unten schimmerten die farbigen Lampen und die frischen Blumensträuße zu den Füßen des einfachen Bildes derjenigen, die den Heiland der Welt geboren, deren Name in der ganzen Christenheit gesegnet wird, welche die Schwerter des Todes in ihrem Busen und die Krone der Verklärung auf ihrem Haupte trägt.

Und vor diesem Bilde standen die Hirten, einfache Kinder der Natur in unserem Jahrhundert der Wissenschaft und Aufklärung und kaum unterschieden von jenen, welche einst in der ersten Weihnachtsnacht das neu erstandene Licht der Welt mit ihrem einfachen Gesang begrüßten, der seit zweitausend Jahren mächtig und gewaltig durch alle Länder der Erde tönt:

»Venite tutti quanti voi pastori,
Venite a visitare nostro Signore«,

sang der Alte mit seiner tiefen Stimme in der uralten, einfachen und fast naiven Melodie, während der Knabe mit einem leisen Ton der Piffera den Gesang begleitete.

Einen Augenblick blieb Graf Franz schweigend bei diesem Anblick stehen, unwillkürlich faltete er die Hände und wiederholte mit leisem Ton die Worte des Gesanges: »Venite tutti quanti voi pastori, venite a visitare nostro Signore«, den Blick von dem Madonnenbilde zu dem dunklen Sternenhimmel erhebend.

»Es ist wunderbar,« sagte er, »daß hier aus dem Munde der armen Söhne der Berge mir dasselbe Wort entgegenschallt, das der Heilige Vater von seinem apostolischen Stuhl in diesem Augenblick durch die Welt ertönen läßt: – ›kommt herbei, all ihr Hirten, unsern Herrn zu begrüßen‹. Auch der oberste Regent und Fürst der Kirche ruft die Hirten der Völker herbei, um sich vor dem Herrn zu beugen, seinen heiligen Geist zu empfangen und ihn wieder hinauszutragen in die fernen Länder. Wenn aus dem Munde des Höchsten auf Erden«, sagte er, indem begeisterte Freudigkeit von seinem Gesicht strahlte, »dasselbe Wort ertönt, das die Demütigen, Armen und Einfältigen auf den Lippen tragen, dann muß ja der Segen Gottes nahe sein, dann muß ja aus der Versammlung der Hirten, der Herde Christi das Wort des Heils über die Welt hin klingen: ›Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!‹«

Die Strophe war beendet. Der Knabe mit den glänzend schwarzen Augen sah den jungen Zuavenoffizier, welcher stehengeblieben war und dem Gesang lauschte. Rasch, in demütiger Haltung näherte er sich ihm und streckte mit bittendem Blick ihm seinen Hut entgegen.

Graf Franz warf ein Geldstück in denselben.

Der Knabe hob die Münze in den Lichtkreis der unter dem Madonnenbilde brennenden Lampe empor, zeigte sie ganz erstaunt und verwundert dem Alten, und unter den lauten Segenswünschen der Hirten, in welche sich einige Evvivas der Umstehenden für den großmütigen jungen Kavalier mischten, eilte Graf Franz mit schnellen Schritten davon, trat in den Palast di Santo Ufficio und wurde nach seiner Meldung aus dem Vorzimmer unmittelbar in das Kabinett des Kardinals geführt.

Der Kardinal erhob sich beim Eintritt des jungen Mannes, ging demselben einige Schritte entgegen und reichte ihm mit einer Bewegung voll väterlicher Würde und weltmännischer Höflichkeit die Hand, auf welche Graf Franz sich niederbeugte, um seine Lippen auf den geweihten Ring zu drücken.

»Sie sind aus Deutschland zurückgekehrt, Herr Graf,« sagte der Kardinal mit seiner sanften, geschmeidigen Stimme, indem er seinen Blick unter den tief herabgesenkten Augenlidern hervor über die schlanke, kräftige Gestalt des jungen Mannes hingleiten ließ, »ich freue mich, Sie wiederzusehen und bin gespannt darauf, was Sie mir aus Ihrem Vaterlande zu erzählen haben. Sie erinnern sich unseres Gesprächs vor Ihrer Abreise,« fügte er in leichtem Konversationston, aber mit einem schnellen, scharfen, forschenden Blick hinzu, indem er sich in seinen Lehnsessel niederließ, der im Schatten eines hohen Lichtschirms stand, welcher den sechsarmigen silbernen Leuchter auf dem Tisch umgab; zugleich bezeichnete er dem Grafen mit der Hand ein in einiger Entfernung stehendes Taburett.

»Ich habe,« sagte Graf Franz, »keines von den Worten vergessen, welche Eure Eminenz an mich zu richten die Gnade hatten, und ich habe diese Worte in mir getragen, während ich in meinem Vaterlande die dortigen Zustände mit meinem allerdings so wenig geübten und so wenig erleuchteten Blick zu beobachten Gelegenheit hatte.«

»Und«, sagte der Kardinal gespannt, »was haben Sie dort gesehen? Ist es wirklich wahr, wie man hier zuweilen erzählt, daß das Gift des ketzerischen Protestantismus mit seiner Selbstvergötterung der kritisch-menschlichen Vernunft dort immer mehr um sich greift? Ist es wahr, daß die Reinheit des katholischen Glaubens dort immer mehr aus den Seelen der Menschen verschwindet?«

»Nein, Eminenz,« erwiderte Graf Spangendorf mit festem und entschiedenem Ton, »das ist nicht wahr, und wer Eurer Eminenz das berichtet hat, kennt die Verhältnisse in Deutschland nicht. In den Gegenden meines Vaterlandes, welche dem katholischen Glauben treu geblieben sind, ist derselbe tiefer, reiner und inniger vielleicht, als in irgendwelchen andern Ländern, und gerade die kritisierende und negierende Richtung der Zeit hat bei allen denen, welche in dem positiven Christentum Kraft und Tröstung suchen, noch mehr dazu beigetragen, den katholischen Glauben zu stärken und zu befestigen. Ja, vielleicht,« fuhr er fort, während der Kardinal, leicht die übereinandergekreuzten Finger bewegend, seinen Kopf gegen die hohe Lehne seines Sessels stützte und aufmerksam jedes Wort verfolgte, – »ja vielleicht wird gerade das Anstürmen gegen alles positive Christentum der katholischen Kirche auch in protestantischen Gegenden noch größere Verbreitung schaffen. In meiner unmittelbaren Heimat wenigstens, Eminenz,« fuhr er fort, »in meiner Familie und in all den Kreisen, mit welchen ich in Berührung getreten bin, habe ich ein gläubiges Festhalten an den Heilswahrheiten der Kirche gefunden und klares Bewußtsein, auf dem Boden der kirchlichen Gemeinschaft den Angriffen des verneinenden Geistes Widerstand zu leisten. Das deutsche katholische Volk steht fest und treu zu seinem Bischof.«

Der Kardinal schwieg einen Augenblick. Seine Augenlider sanken so tief herab, daß seine Augen fast geschlossen schienen und sein Blick vollständig verhüllt war.

»Und die Bischöfe?« fragte er mit leiser Stimme, »haben Sie einen derselben gesehen, haben Sie Gelegenheit gehabt, zu beobachten, in welcher Weise ihr hochwichtiges und heiliges Amt wirksam wird für die festgeschlossene Macht der um den Mittelpunkt des römischen Stuhls geeinigten Kirche?«

»Ich habe Gelegenheit gehabt,« erwiderte Graf Franz, »zweien der erleuchtetsten Prälaten meines Vaterlandes näher zu treten, und beide haben mich gewürdigt, mit mir über die Lage der Kirche in unserer Zeit zu sprechen. Auch ich habe Gelegenheit gehabt, zu beobachten, in welcher Weise die hochwürdigsten Oberhirten der Kirche durch ihre Geistlichen die Gläubigen ihrer Diözesen leiten, und ich kann Eure Eminenz versichern, daß die ganze katholische Kirche Deutschlands von der tiefsten, innigsten und gläubigsten Verehrung für den Heiligen Vater erfüllt ist, daß alle deutschen Katholiken mit tiefster Inbrunst für den Sieg des Papstes über alle seine Feinde beten, für die Erhaltung seiner weltlichen Herrschaft in dem Gebiete des Erbteils Petri und für die Wiederaufrichtung seines geistlichen Regiments über die ganze Christenheit. Aber –«, fügte er etwas zögernd hinzu.

»Aber?« fragte der Kardinal schnell.

»Eure Eminenz«, erwiderte Graf Spangendorf, »haben mir befohlen, Beobachtungen zu sammeln über das kirchliche Leben in meinem Vaterlande und meine Eindrücke Ihnen offen und frei mitzuteilen. Ich habe beobachtet,« fuhr er fort, »beobachtet mit dem Blick des Verstandes und dem Gefühle des Herzens, und ich bitte Eure Eminenz, mir zu verzeihen, wenn ich Ihnen Eindrücke wiedergeben muß, welche nicht ganz den Anschauungen entsprechen, die ich hier am Sitze des Mittelpunktes der Kirche in mir aufgenommen habe.«

»Sprechen Sie, Herr Graf,« sagte der Kardinal im Ton ruhiger, freundlicher Höflichkeit, »die unmittelbaren Eindrücke unbefangener Beobachter haben für die richtige Beurteilung der Verhältnisse einen hohen Wert.«

»Eminenz,« sagte Graf Franz, indem sein Gesicht sich mit dem Ausdruck innerer Erregung belebte, »ich habe es während meines Aufenthalts in Deutschland tief empfunden, worüber ich hier nicht so klar gedacht, daß unsere große, heilige Kirche aus lebendigen, selbständigen Gliedern sich zusammensetzt, welche zwar durch das erlösende Blut Christi und durch den heiligen Geist Gottes miteinander verbunden sind, welche aber ihre besonderen und eigenen Lebensbedingungen haben, unter denen dieser Geist mächtig ist. Diese Glieder, Eminenz, sind die verschiedenen Völker der Erde, welche in ihrem öffentlichen und Privatleben oft so unähnlich untereinander sich entwickelt haben, und auch das Leben der Kirche in diesen verschiedenen Völkern, wenn es auch innerlich eins und von demselben Geist durchdrungen ist, muß sich dennoch in seiner äußeren Form und Erscheinung den Eigentümlichkeiten der nationalen Entwickelung und den Notwendigkeiten des öffentlichen Staatslebens anpassen.«

Er schwieg einen Augenblick und der Kardinal, welcher unbeweglich und ohne daß sich ein Ausdruck auf seinem Gesicht zeigte, zugehört hatte, forderte ihn durch eine leise Bewegung des Kopfes auf, fortzufahren.

»Der bindende Mittelpunkt, Eminenz,« sprach der junge Mann weiter, indem mehr und mehr die anfängliche Befangenheit aus seiner Stimme verschwand, »von welchem aus der Geist gleichen Glaubens die Kirche in allen ihren Gliedern durchdringt, das ist der Heilige Vater, und seiner priesterlichen Oberhoheit beugen sich die Völker. Aber, Eminenz, die unmittelbaren Organe, durch welche der heilige Statthalter Christi die Kirche regiert, gehören alle der italienischen Nation an, dieser Nation, unter welcher ich lebe, welche ich liebe und hochachte, aber welche ein Verständnis für die besonderen Lebensbedingungen anderer Völker nicht haben kann.«

»Die Kirche«, sagte der Kardinal mit völlig ruhiger und gleichmäßiger Stimme, »hat niemals einen Unterschied zwischen den Nationen gemacht. Zum heiligen Kollegium gehören Prälaten aus allen Nationen.«

»Gewiß, Eminenz,« sagte Graf Franz rasch, »aber für diese hohen Kirchenfürsten ist der Purpur mehr eine weltliche Auszeichnung, an dem unmittelbaren Regiment der Kirche nehmen sie nicht teil. Dies bleibt der Kurie vorbehalten, welche den Heiligen Vater umgibt und welche wesentlich und fast ausschließlich italienisch ist. Diejenigen, welche das eigene organische Leben der Völker zu vertreten haben, – der Kurie gegenüber zu vertreten haben –«

Der Kardinal zuckte zusammen. Ein schneller, scharfer Blick schoß unter seinen Lidern hervor zu dem jungen Mann hinüber, dann senkte er das Auge wieder auf seine in dem Schoß gefalteten Hände und hörte mit schweigender Aufmerksamkeit den weiteren Worten des Grafen zu.

»Diejenigen,« wiederholte dieser mit fester Betonung, »welche die nationale Lebensentwickelung der Völker der italienischen Kurie gegenüber zu vertreten haben, sind die Bischöfe, welche mitten in ihren Diözesen stehen, aus der Nation hervorwachsen und von ihrem Blut durchströmt sind. Sie fühlen, wie die Nationen fühlen, sie verstehen die eigentümliche Regung des Volksgeistes in unmittelbarer Berührung mit demselben, sie verstehen auch die Notwendigkeiten des öffentlichen Staatslebens, mit dem sie in Berührung treten, und sie können diese Notwendigkeiten mit der inneren freien Kirche in Einklang bringen. Wenn die Kirche«, fuhr er im Ton tiefer Überzeugung fort, »aus allen gegenwärtigen Schwierigkeiten siegreich hervorgehen soll, wenn ihre Macht sich wieder ausbreiten soll über die Geister der ganzen Welt, dann, Eminenz, muß die selbständige und freie Stellung der nationalen Bischöfe nicht nur erhalten, sondern gestärkt und ausgebildet werden, sie müssen die freien Vertreter des im Heiligen Vater lebendigen Geistes der Kirche, aber nicht die Diener der römischen – der italienischen Kurie sein. Und fast,« fuhr er fort, während der Kardinal nachdenklich den Kopf auf die Brust sinken ließ, »fast muß ich fürchten, daß die Absicht besteht, sie dazu zu machen, und, Eminenz, nach innigster Überzeugung kann ich nur die Besorgnis aussprechen, daß ein solcher Schritt große Gefahren nach sich ziehen möchte, daß er das Gefühl der Völker verletzen, das Mißtrauen der Regierungen wachrufen und statt zur Stärkung und Belebung der Kirche, zu deren Gefährdung und Zersetzung führen würde.«

Der Kardinal saß noch einige Augenblicke schweigend da. Die so warmen, lebendigen, überzeugungsvollen Worte dieses gläubigen, für seine Kirche so begeisterten jungen Mannes schienen einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht zu haben.

»Und glauben Sie,« fragte er dann, indem er seinen Blick mit wohlwollender Teilnahme auf dem Grafen ruhen ließ, – »glauben Sie, daß die Anschauungen, welche Sie mir soeben ausgesprochen haben, von Ihren Landsleuten geteilt werden, daß sie allgemein in Deutschland sind?«

»Ich glaube es, Eminenz,« erwiderte Graf Franz mit voller Stimme, »ich glaube es und ich habe diesem Eindruck hier Worte gegeben, – nicht aus unberufener Vermessenheit, sondern weil Eure Eminenz mir befohlen haben, auszusprechen, was ich gesehen und empfunden, was ich beobachtet habe auf dem Boden des Vaterlandes, umweht von seiner Luft, aufblickend zu den Gipfeln seiner Bäume und zu seinem Himmel, – ich habe es gefühlt, mächtiger und klarer, als meine Worte es auszudrücken vermögen, daß das Leben des Glaubens sich nach dem Herzschlag der Völker gestalten muß, daß das Gebet nur dann in seiner wahren, warmen und seiner vollen Kraft zu Gott emporsteigen kann, wenn das gebeugte Knie sich auf den heiligen Boden stützt, auf welchem unsere Wiege stand und welcher einst den Staub unseres irdischen Leibes wieder empfangen wird. Der Heilige Geist, Eminenz,« fuhr er strahlenden Auges fort, »ergoß sich als ein einiger und unteilbarer über die Apostel, und dennoch redeten sie – ein Zeichen voll hoher Bedeutung – in den Zungen der verschiedenen Völker, weil nur in ihrer besonderen und eigentümlichen Sprache und Redeweise die ewigen Wahrheiten des Heiligen Geistes verständlich zu den Völkern dringen konnten.«

»Haben Sie«, fragte der Kardinal, »die Eindrücke, welche Sie mir aussprechen, auch bei den Unterredungen mit den Erzbischöfen empfangen, denen Sie zu begegnen Gelegenheit gehabt haben?«

Graf Franz zögerte einen Augenblick.

»Diese Eindrücke, Eminenz,« erwiderte er, »sind durch meine Gespräche mit den hochwürdigsten Prälaten, die mich ihrer Unterhaltung würdigten, nicht abgeschwächt, sondern vielmehr bestärkt worden. Ich habe während meiner Unterredungen mit ihnen nur noch lebhafter und inniger empfunden, wie tief und warm das Wort eines Bischofs zu Herzen dringt, wenn dieser Bischof zugleich versteht und mitempfindet, was das nationale Gefühl höher aufwallen läßt.«

Der Kardinal erhob sich.

»Ich danke Ihnen, Herr Graf,« sagte er in verbindlichem Ton, »daß Sie die Bitte, welche ich Ihnen ausgesprochen hatte, mit so viel Eifer und scharfer Beobachtung zu erfüllen bestrebt gewesen sind. Ich werde diesen Dienst nicht vergessen, und wenn Sie jemals meiner Unterstützung bedürfen, so rechnen Sie auf mich.«

»Eure Eminenz können überzeugt sein,« sagte der Graf, »daß ich, weit entfernt, die unbedingte Richtigkeit meiner Beobachtungen behaupten zu wollen, dennoch in dem, was ich Ihnen gesagt, nur meine innigste und feste Überzeugung ausgesprochen habe.«

»Eine Überzeugung,« erwiderte der Kardinal, »welche kennen zu lernen für mich von großem Wert war. Ich setze voraus,« fügte er hinzu, »daß der Inhalt unserer Unterredung lediglich zwischen uns bleibt.«

Graf Franz legte die Hand beteuernd auf die Brust und sagte mit offenem Blick und freiem Ton:

»Eure Eminenz werden sich überzeugen, daß Ihr Vertrauen keinem Unwürdigen geschenkt worden ist.«

Der Kardinal erhob die Hand, machte in anmutiger Bewegung das Zeichen des Kreuzes und erwiderte mit leichtem Kopfnicken die tiefe Verbeugung des jungen Grafen, welcher vorwärts schreitend sich zur Tür zurückzog und das Kabinett verließ.

»Es ist eine schwere und ernste, folgenreiche Entscheidung, vor der wir stehen«, sagte der Kardinal vor sich hin, nachdem der junge Offizier sein Kabinet verlassen hatte. »Und wenn,« fuhr er fort, »der Schritt, durch welchen die einheitliche Nationalität der Kirche über die ganze Welt wiederhergestellt werden soll, wenn die Verkündigung der dogmatischen Unfehlbarkeit des Papstes auf Widerstand stößt, so könnte leicht eine bedenkliche Zersetzung der Kirche die Folge der Maßregel sein, welche zu ihrer größeren Einheit führen soll. Ich glaube,« fuhr er fort, indem er aufstand und langsam durch das Gemach schritt, »daß dieser junge Mann richtig beobachtet hat, und wenn er, der gläubige und begeisterungsvolle Streiter für den Papst und die Kirche, so empfindet, so muß eine solche Empfindung allgemein sein in seinem Lande. Auch aus Frankreich lauten die Nachrichten nicht günstig, auch dort regt sich der Sinn der Selbständigkeit unter den Bischöfen, und dieser brütende Cäsar hat ja immer schon in seinem geheimnisvoll arbeitenden Gehirn die Idee der anglikanischen Kirche getragen. Man muß vorsichtig sein, – um nicht alles zu gefährden, indem man alles gewinnen will.«

Einer der im Vorzimmer des Kardinals wartenden Geistlichen meldete den Pater Bekx, und unmittelbar hinter dem meldenden Geistlichen, ohne die Antwort des Kardinals zu erwarten, trat der General der Gesellschaft Jesu in seiner einfachen, schwarzen Ordenstracht in das Kabinett. Er begrüßte den Kardinal mit einer tiefen Verbeugung, welche dieser durch eine leichte Neigung des Kopfes erwiderte.

In dem so gleichmäßig ruhigen Gesicht des Generals und in seinen gewöhnlich so kalt und scharf blickenden Augen lag eine so deutlich erkennbare Unruhe und Aufregung, daß der Kardinal ihn ganz betroffen anblickte und, indem er ihn einlud, in einem Lehnstuhl an seiner Seite Platz zu nehmen, mit dem Ausdruck einer gewissen Spannung fragte:

»Was ist vorgefallen, ehrwürdiger Bruder, was hat die überlegene Ruhe Ihres Geistes und Ihrer Seele so in Bewegung gesetzt?«

»Ich habe böse Nachrichten erhalten, Eminenz,« erwiderte der Pater, »es regt sich in ganz Italien wieder jene weitverzweigte und unermüdlich arbeitende Partei, welche mit höllischer Wachsamkeit den Moment erspäht, in welchem sie ihren letzten Schlag wagen und das Patrimoninm Petri dem Heiligen Stuhl entreißen kann.«

Der Kardinal zuckte lächelnd die Achseln.

»Das ist nichts Neues, leider nichts Neues, ehrwürdiger Vater. Die verderbliche Tätigkeit dieser Partei wird ja scharf beobachtet und ihre Agitationen können zu keinem Resultat führen, solange die Hand Frankreichs schützend, aber freilich«, fügte er seufzend hinzu, »mit schwer lastendem Druck auf Rom ruht.«

»Freilich, Eminenz, freilich,« sagte der Pater Bekx, »aber gerade auch von Frankreich her kommen böse Nachrichten. Der Kaiser wird schwächer und schwächer und hört immer mehr auf den verderblichen Rat derjenigen, welche ihn zu liberalen Reformen drängen möchten, und ich sehe den Augenblick kommen, wo er sich mit den Männern umgeben wird, welche nicht nur durch ihre konstitutionellen Experimente die innere Kraft Frankreichs lähmen werden, sondern welche auch mit den liberalen Parteien in Italien und in Preußen in inniger Verbindung stehen und die Politik des Kaisers zu einer Versöhnung mit Preußen, zu einer definitiven Verständigung mit diesem aufrührerischen Königreich Italien führen werden, wenn Männer wie Ollivier, wie der Graf Daru die Minister des in immer tiefere Schwäche versinkenden Kaisers sind. Dann werden die Agitationen der italienischen Revolution gegen Rom ernster und gefährlicher werden, dann wird der Augenblick nahen, in welchem Frankreich auch seine Hand von Rom abziehen wird.«

»Vergessen Sie nicht, ehrwürdiger Bruder,« sagte der Kardinal ruhig, »daß in Frankreich eine zwar zarte, aber mächtige Hand uns gehört, welche, je älter und schwächer der Kaiser wird, um so mehr Macht auf die französische Politik gewinnen muß, und daß diese Hand stark und geschickt genug sein wird, um auch einen so schwachen Menschen wie diesen Ollivier zu leiten.«

»Möglich, Eminenz,« sagte der Pater Bekx, – »immerhin ist es aber doch bedenklich, das Lebensinteresse der Kirche, ihre äußere Sicherheit und Selbständigkeit in eine einzige Hand, in die Hand einer Frau zu legen, welche unsicher und wechselnd ist, wie der Hauch des Zufalls. Den Gefahren, die ich kommen sehe, muß schnell begegnet werden. Die Verkündigung der dogmatischen Unfehlbarkeit des Papstes muß durch das Konzil erfolgen, um die schon zu sehr gelockerte Disziplin des Kirchenregiments wiederherzustellen und der Kirche den Angriffen ihrer zahlreichen Gegner gegenüber die eigene Kraft wiederzugeben, welche heute fast ausschließlich nur noch in dem Orden der Gesellschaft Jesu besteht, an dessen Spitze mich trotz meiner Unwürdigkeit die Gnade und Erbarmung Gottes gestellt hat. Die Bischöfe in den einzelnen Ländern«, fuhr er fort, »beginnen mehr und mehr ihre Selbständigkeit zu fühlen, und das ist heute um so gefährlicher, als der Zug nationaler Bildung durch die Völker geht und von den weltlichen Mächten früher oder später immer bestimmter oder direkter auf die Herstellung national abgesonderter Kirchen hingearbeitet wird, wie das schon in den früheren Zeiten des Mittelalters geschah, bevor die Weisheit und Kraft erleuchteter Päpste alle solche Regungen niederwarf.«

Der Kardinal saß in tiefem Sinnen da.

»Sie haben recht, ehrwürdiger Bruder, die Gefahr ist groß, daß dies kirchliche Leben der einzelnen Länder von dem so bedrohten und in seiner unmittelbaren Macht geschwächten Mittelpunkt in Rom sich loslösen möchte. Aber ich bin«, fuhr er fort, »nicht ohne Zweifel darüber, ob ein plötzliches und rücksichtsloses Anziehen der Zügel, wie dies durch die Verkündigung der dogmatischen päpstlichen Unfehlbarkeit geschehen würde, seinen Zweck erfüllen möchte. Der nationale Geist ist bereits mächtig geworden in den Völkern, in Frankreich wie in Deutschland, und auch die Bischöfe sind von demselben erfüllt, – vielleicht«, sagte er, »finden sie darin einen Vorwand für die Neigung zur Selbständigkeit und Unabhängigkeit, welche stets den Episkopat erfüllt hat. Und namentlich«, fuhr er fort, »scheinen mir die deutschen Bischöfe ganz besonders abgeneigt zu sein, den Einfluß Roms auf die Verwaltung ihrer Diözesen noch durch ein so mächtiges Herrschaftsmittel verstärken zu wollen, als es in der Unfehlbarkeit des Heiligen Vaters liegt.«

Der Pater ließ seinen klaren, durchdringenden Blick einige Sekunden auf den feinen Zügen des Kardinals ruhen.

»Eure Eminenz«, sagte er sodann, »haben soeben den Grafen Spangendorf gesprochen, diesen jungen Offizier der päpstlichen Zuaven, welcher unmittelbar aus Deutschland zurückkommt?«

Der Kardinal neigte bejahend den Kopf, indem er ein wenig verwundert den Pater ansah.

»Ich bin dem jungen Mann«, sagte dieser, »beim Eintritt in das Palais begegnet und wundere mich nicht, Eure Eminenz ein wenig unter dem Eindruck der Mitteilungen zu finden, welche er Ihnen gemacht hat.«

»Ich habe mich«, sagte der Kardinal, »mit dem jungen Grafen, den ich als eines der gläubigsten und begeistertsten Mitglieder der heiligen Kirche kenne, über die Zustände in Deutschland besprochen, die er genau und richtig zu beurteilen weiß, und ich muß allerdings gestehen, daß die Mitteilungen, die er mir gemacht hat, ernstliche und bedenkliche Zweifel in mir wachgerufen haben, ob ein rücksichtsloses Vorgehen der Verkündigung der päpstlichen Unfehlbarkeit zweckmäßig und durch die Klugheit geboten sei.«

»Der Graf Spangendorf,« sagte der Pater Bekx im Ton ruhiger und kalter Überlegenheit, »hat in Deutschland wesentlich unter dem Einfluß der Eindrücke gestanden, die er aus seinen Unterredungen mit deutschen Prälaten geschöpft hat, und in jenen Bischöfen regt sich von neuem der Geist des Widerstandes gegen das heilige Kirchenregiment, welcher einst die geistlichen Kurfürsten erfüllte. Der Glaube der deutschen Bischöfe ist rein, treu und ohne Vorwurf, aber sie sind nicht durchdrungen von der Überzeugung der Notwendigkeit einer unbedingten und absoluten Einheit in dem Regiment und der Disziplin der Kirche. Sie vermögen sich nicht genügend loszulösen von dem nationalen Boden, aus dem sie hervorgewachsen sind. Der Gedanke einer national abgegliederten Kirche reizt ihren Stolz, sie wollen sich als die Gleichen dem ersten unter ihnen zur Seite stellen und den Papst nicht als Herrn über sich erkennen. Nicht die liberale Strömung der Geister,« fuhr er mit einer schärferen Betonung fort, »nicht die Eifersucht und das Mißtrauen der weltlichen Mächte bedrohen die katholische Kirche, deren Kraft in ihrer Einheit liegt, – ihr schlimmster Feind ist das Streben der Bischöfe nach selbständiger Gewalt und Unabhängigkeit. Dies Streben, das so oft niedergebeugt worden ist und sich immer wieder von neuem erhebt, dies Streben, das den verderblichen Keim der Zersetzung der Kirche in sich trägt, muß für immer gebrochen, zerstört und ausgerottet werden, indem die absolute Unfehlbarkeit der päpstlichen Aussprüche zum Dogma erhoben wird, damit jeder, sei er Laie oder Prälat, dem Fluche verfällt, wenn er dieser Unfehlbarkeit sich nicht unterwirft. Dieser Graf Spangendorf,« fuhr der Pater fort, während der Kardinal nachdenklich die Stirn in seine weiße Hand stützte, »dieser Graf Spangendorf ist angehaucht von dem Geist nationaler Unabhängigkeit, und wenn das bei ihm schon möglich gewesen ist, bei ihm, der hier in Rom erfüllt worden ist von der Begeisterung für die einheitliche Herrschaft der Kirche, was soll erst mit den Bevölkerungen geschehen, für welche der Heilige Vater ein abstrakter Begriff ist und welche als sichtbare Vertreter der Kirche nur ihre Bischöfe kennen? Glauben Sie mir, Eminenz,« fuhr er fort, »der ganze Schwerpunkt der Zeitfrage liegt darin, die Bischöfe zu unterwerfen, ihre Neigung zur Selbständigkeit zu brechen und wieder dahinzugelangen, daß der von dem Mittelpunkt ausströmende Wille auch an den äußersten Enden der Peripherie unmittelbar und ohne Abschwächung zur Tat wird.«

»Ich bin ganz Ihrer Meinung, ehrwürdiger Bruder,« erwiderte der Kardinal, »ich bin ganz überzeugt, daß dies der Zustand ist, in welchem allein die Kirche siegreich aus dem Kampf dieser Tage hervorgehen kann. Allein,« fuhr er fort, »wenn auch unsere Herzen von glaubensvoller Begeisterung erfüllt sein mögen, so muß doch unser Verstand darüber nachdenken, auf welche Weise am besten das notwendige Ziel der Einheit der Kirche erreicht werden könne. »Klug wie die Schlangen« ist die Vorschrift, der auch wir folgen müssen, und wenn wir erkennen, daß der Weg, den wir verfolgen, schwer zum Ziele führt und durch fast unüberwindliche Schwierigkeiten versperrt ist, so gebietet die Klugheit, von ihm uns abzuwenden und auf andere Weise die Erreichung unserer Ziele zu erstreben. Sie geben mir zu, daß die Bischöfe nicht leicht sich der absoluten Herrschaft der päpstlichen Unfehlbarkeit unterwerfen werden, – das ist eine gefährliche Klippe, – die katholische Kirche hat, wenn sie einig gewesen ist, den weltlichen Mächten gegenüber stets den Sieg davongetragen, aber ein von den Bischöfen geleitetes Schisma ist ihr stets gefährlich gewesen. Wenn nun aber gar die weltlichen Mächte diese Gelegenheit benützen, um mit den Bischöfen gemeinsam uns entgegenzutreten? Sie wissen, daß bereits der Fürst Hohenlohe, in einem traurigen Irrtum befangen, ein Zirkular an die katholischen Mächte gerichtet hat, um sie zum gemeinsamen Auftreten gegen das Dogma der Unfehlbarkeit zu veranlassen. Sie wissen, wie ich,« fuhr er fort, »daß hier auf der preußischen Botschaft derselbe Gedanke gehegt wird und daß man das Berliner Kabinett zu bestimmen sucht, eine bestimmte Stellung in der Sache zu nehmen –«

»Wenn dies geschähe,« fiel der Pater Bekx ein, »so wäre es meiner Überzeugung nach eine unendlich glückliche Fügung –«

»Eine glückliche Fügung?« fragte der Kardinal befremdet.

»Ja, Eminenz,« erwiderte der Pater, »nach meiner Überzeugung wäre nichts erwünschter, als wenn in diesem Augenblick die weltlichen Mächte sich in die innere Entwickelung der Kirche zu mischen unternehmen und dem Beschluß des Konzils vorzugreifen versuchten. Ein solches Vorgehen«, fuhr er fort, »würde am allerschnellsten und sichersten die Einigkeit in der Kirche wiederherstellen und überall würden die Bischöfe durch ein vorzeitiges Eingreifen der weltlichen Mächte in die inneren Fragen der Kirche zum festen Anschluß an den Mittelpunkt in Rom gedrängt werden, ein Konflikt mit den weltlichen Mächten, wenn er jetzt ausbräche, würde die ganze katholische Kirche einig finden, – wenn dagegen das Konzil einmal gesprochen hat, wenn auf seinen Beratungen vielleicht abweichende Ansichten der nationalen Bischöfe zutage getreten sind, und wenn dann in den einzelnen verschiedenen Gebieten über bestimmt vorliegende konkrete Fälle Differenzen mit der Staatsgewalt entstehen, so liegt die Möglichkeit viel näher, daß dann die Bischöfe einzeln ihren Frieden zu schließen versuchen. Es ist gefährlich,« sagte er, leicht die Hand erhebend, »die Finger in siedendes Wasser zu stecken; läßt man dasselbe abkühlen und den Bodensatz ausscheiden, so kann man es leichter behandeln. Würden die Regierungen tun, was Fürst Hohenlohe will und wozu Graf Arnim die preußische Regierung bestimmen möchte, so würde heute der Geist einheitlicher Opposition in die Kirche gebracht und die ganze katholische Welt würde uns gehören. Aber ich fürchte,« sprach er düster, »daß jener kaltblütige und scharf berechnende Mann in Berlin sich nicht wird zu einem solchen Vorgehen bestimmen lassen. Er wird abwarten, bis seine Zeit gekommen ist, er wird keinen Konflikt mit der römischen Kirche hervorrufen, solange er den großen Entscheidungskampf mit Frankreich nicht ausgefochten hat, und deshalb –«

»Deshalb?« fragte der Kardinal.

»Deshalb«, fuhr der Pater Bekx fort, »müssen wir mit der größten Entschiedenheit und Schnelligkeit die päpstliche Unfehlbarkeit durch das Konzil feststellen lassen. Wir müssen durch alle der Kirche zu Gebote stehenden Machtmittel den Widerstand der auf ihre Selbständigkeit eifersüchtigen Bischöfe brechen, die Möglichkeit nationaler Abgliederung für immer ausschließen, und zugleich«, fuhr er in etwas leiserem Ton fort, indem er sich zu dem Kardinal hinüberneigte, als fürchte er, daß seine Worte durch die marmornen Wände dringen könnten, »alles aufbieten, um Frankreich zu dem seit Jahren schon immer wieder und wieder vertagten Kampf gegen dies neue, vom Geist des Protestantismus emporgetragene deutsche Kaisertum zu drängen –«

»Und wenn Frankreich in diesem Krieg geschlagen würde? fragte der Kardinal, – »wir wären verloren!«

»Es ist nicht Frankreich allein,« sagte der Pater Bekx »welches Preußen gegenübertreten würde, – Österreich, – trotz des verderblichen Geistes, welcher unter diesem protestantischen Reichskanzler auch dort eingedrungen ist, würde die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen können, auch seinerseits seine alte historische Stellung wiederzuerobern. In Deutschland selbst würden die nicht vernarbten Wunden von 1866 wieder aufbrechen. Und«, fügte er hinzu, »auch am Hofe des Königs Viktor Emanuel ist die größte Neigung vorhanden, in ein Bündnis gegen Preußen einzutreten.«

Der Kardinal nickte bestätigend mit dem Kopf.

»Einer solchen Koalition gegenüber«, fuhr der Pater fort, »kann dies halbfertige Deutsche Reich nicht widerstehen, und neben dem ephemeren Erfolg von 1866 wird es jetzt gelingen müssen, den verwegenen Stolz der preußischen Macht zu brechen und die maßgebende Obergewalt der katholischen Mächte in Europa wiederherzustellen. Wenn dies geschehen ist, und wenn dann zugleich die Unfehlbarkeitsautorität des päpstlichen Worts die Bischöfe und die katholische Welt beherrscht und leitet, – dann, Eminenz, wird der endliche Sieg unserer Sache erfochten sein, dann wird Rom von neuem unbestritten auch das neunzehnte Jahrhundert beherrschen, wie es die zwei Jahrtausende zuvor beherrscht hat.«

»Ein schöner, ein herrlicher Blick in die Zukunft«, sagte der Kardinal. »Aber wann,« fügte er dann seufzend hinzu, »wann?«

»Wann?« rief der Pater Bekx, indem seine trockenen, kalten Gesichtszüge sich feurig belebten und seine klaren, ruhigen Augen leuchtend aufblitzten, »wenn alle diejenigen, welche berufen sind, an dem Regiment der Kirche teilzunehmen, wenn alle diese sich erfüllen und durchdringen mit dem unerschütterlich festen Glauben, der die Berge versetzt und den Fuß sicher auf des Meeres bewegte Wellen setzen läßt, wenn diese alle sich durchdringen mit der hohen Begeisterung und dem Kampfesmut der heiligen Märtyrer, und wenn sie zugleich die Waffen des Geistes und der Klugheit, welche der Heilige Geist ihrem Gebet nicht versagen wird, zu führen verstehen, dann ist der Sieg sicher und gewiß. Das Schwert der Gewalt wird zusammenbrechen vor diesem heiligen Zeichen,« fügte er hinzu, indem er das goldene Kreuz an seinem Halse mit dem Finger berührte, »in hoc signo vincemus – ad majorem Dei gloriam!«

Der Kardinal ließ den Kopf auf die Brust sinken.

»Wenn Sie, ehrwürdiger Bruder,« sagte er, »von dieser gläubigen Siegeszuversicht durchdrungen sind, so müssen wir alle mit frohem Mut in den Kampf gehen, denn Sie gebieten über die große Armee der streitenden Kirche, und diese Armee, welche zurückgedrängt, aber noch nicht geschlagen worden ist –«

»Welche aber«, sagte der Pater Bekx ernst und mit scharfer Betonung, »schon verleugnet und verlassen worden ist, verlassen von demjenigen, welcher die Kirche auf Erden zu vertreten hat, für dessen Herrschaft sie in allen Zonen der Erde streitet, – und daß Ähnliches nicht abermals geschehe, das ist die erste und wichtigste Bedingung des Sieges. Es muß alles geschehen, Eminenz,« fuhr er fort, »daß das Feuer glaubensvoller Begeisterung in dem Herzen des Heiligen Vaters nicht erlösche, daß Kleinmut und weltliche Rücksichten nicht in ihm mächtig werden, daß er den großen Kampf aufnimmt und durchführt mit der Zuversicht, welche dem Stellvertreter des göttlichen Siegers über die Welt gebührt, aber auch mit der Begeisterung und Selbstverleugnung der Märtyrer, welche wissen, daß ihre Krone nicht von dieser Welt ist. Und diese heilige Begeisterung im Herzen des Papstes zu nähren, zu stärken und zu erhalten, das ist die heilige Pflicht aller derer, welche dem erhabenen Lenker und Regenten unserer Kirche nahe stehen. Jeder von diesen trägt seine Verantwortung an dem Ausgang des großen Kampfes, um so höhere Verantwortung, je höher seine Stellung ist.«

Der Sekretär des Kardinals trat ein und überreichte demselben einen Brief mit artiger Neigung des Hauptes gegen den Pater Bekx.

Der Kardinal öffnete die Enveloppe und durchflog den Inhalt. Sein Gesicht wurde bleich, starr blickte sein Auge auf den Pater.

»Entsetzlich!« rief er, »welch ein furchtbarer, verbrecherischer Plan! Und welch eine Fügung der göttlichen Gnade, daß derselbe entdeckt ist und vereitelt werden kann!«

Er reichte den Brief dem Pater, welcher denselben durchflog und dann strahlenden Blickes ausrief:

»Ja, es ist eine Fügung Gottes, daß die verbrecherische Bosheit der Feinde der Kirche sich so klar und deutlich enthüllt. Wenn in der Seele des Heiligen Vaters ein Zweifel sich regen sollte, wenn der Kleinmut ihm nahetreten möchte, – so ist das eine Mahnung zum mutigen Beharren auf der Bahn des Kampfes, welche die Bahn des Sieges sein wird.«

Er stand auf.

»Ich verlasse Eure Eminenz, um nach dem Vatikan zu gehen.«

Er verneigte sich ehrerbietig vor dem Kardinal und verließ festen und sicheren Schrittes und hochgehobenen Hauptes das Kabinet.

Neunzehntes Kapitel

Der Graf Franz von Spangendorf war raschen und elastischen Schrittes nach seiner Wohnung zurückgekehrt.

Wohl hatte das Gespräch mit dem Kardinal ihn tief bewegt, wohl fühlte er sich stolz erhoben in dem Bewußtsein, dem hohen römischen Kirchenfürsten gegenüber im Namen seines Vaterlandes gesprochen zu haben, und in der Hoffnung, daß seine Worte an der Stelle, wo die Entscheidung und das Schicksal der Kirche lag, Gehör und Beachtung finden konnten. Aber alle diese Gedanken traten bald zurück vor dem Gefühle des Glücks, das sein ganzes Wesen erfüllte bei dem Gedanken, seine geliebte Lorenza wiederzusehen, ihr selbst zu verkünden, daß sie nunmehr für alle Zukunft ihm gehören solle, und mit ihr die Pläne für diese selige, lichtvolle Zukunft zu verabreden.

Als er an dem Madonnenbild vorüberschritt, waren die Pifferari nicht mehr da und der Platz mit dem mit Blumen und Lampen geschmückten Bilde war leer; er warf einen raschen Blick nach demselben, grüßte es mit leichter Neigung des Kopfes und richtete sein Auge mit dem Ausdruck dankerfüllten Gebets zum dunklen Himmel, von welchem die Sterne so licht und klar funkelten, wie die tausendfach schimmernden Hoffnungen, die sein Herz in sich schloß.

Er trat in seine einfache, aber mit geschmackvoller Eleganz ausgestattete Wohnung und rief seinem Diener, um schnell die Uniform mit einem einfachen Anzug zu vertauschen.

»Es ist ein Mann hier gewesen,« sagte der Diener, »welcher dem Grafen eine dringende Botschaft zu bringen hatte, und als er längere Zeit vergeblich gewartet, dieses Papier hinterlassen.«

Verwundert ergriff der Graf einen zusammengefalteten Zettel, welchen sein Diener ihm reichte, schlug das Papier auseinander und näherte sich einer der auf dem Tische brennenden Kerzen, um dessen Inhalt zu lesen. Auf dem Blatt groben grauen Papiers standen in einer schwerfälligen und ungeübten Handschrift die Worte:

»Graf Francesco wird dringend ersucht, den Besuch, welchen er heute abend machen will, zu unterlassen und die, welche er zu sehen wünscht, in seiner Wohnung zu erwarten.«

Der Graf ließ die Hand mit dem Papier langsam niedersinken und starrte betroffen vor sich nieder.

»Wie sah der Mann aus, der dies brachte?« fragte er.

»Es war ein alter Mann«, erwiderte der Diener, »mit grauem Bart und grauem Haar, mit schönem Gesicht und klaren, dunklen Augen.«

»Er ist es,« flüsterte Graf Franz, – »es ist Pietro, – aber was kann geschehen sein? Warum soll ich nicht zu ihr kommen? Sie wird mich hier aufsuchen, – was kann das bedeuten? Nur ein außergewöhnliches Ereignis kann sie, die so zurückhaltend ist, zu einem solchen Schritt veranlassen, – doch«, rief er dann strahlenden Auges, »sie wird kommen, und wenn sie kommen kann, so lebt sie, so ist sie wohl, – es kann kein ernstes Unglück sein, – kein Unglück für meine Liebe, – wenn sie zu mir kommt, werde ich sie sehen.«

Er breitete entzückt die Arme aus, als wolle er das geliebte Bild umfangen, das seine Seele erfüllte.

Dann versank er wieder in tiefes Sinnen und schritt schnell und unruhig im Zimmer auf und nieder, während der Diener, als er keine weiteren Befehle erhielt, sich der Tür näherte.

Ein lauter, kräftiger Schritt ertönte draußen, – nach einem kurzen Schlag trat ein Unteroffizier der päpstlichen Zuaven in ordonnanzmäßigem Anzuge und dienstlicher Haltung in das Zimmer.

Fragend blickte der junge Mann ihn an.

»Ich habe dem Herrn Grafen den Befehl zu bringen, sogleich in der Kaserne zu erscheinen.«

»Mein Gott, jetzt,« rief der Graf in lebhafter Verwirrung, »wie ungelegen, – jetzt, wo ich sie erwarte!« fügte er leise hinzu. »Und was ist es,« sagte er, sich zu dem Unteroffizier wendend, »kennen Sie die Veranlassung dieses Befehls?«

»Zu Befehl, Herr Graf,« erwiderte dieser, »es handelt sich darum, mit einer Abteilung von dreißig Mann einen Polizeikommissär zu begleiten, der den Auftrag hat, einen gefährlichen Verbrecher zu verhaften. Der Herr Oberst hat sogleich den Herrn Grafen dazu bestimmt, und ich glaube,« fügte er mit einer gewissen ehrerbietigen Vertraulichkeit hinzu, »daß dies Kommando aus besonderem Vertrauen dem Herrn Grafen übergeben worden ist, da es sich wohl um eine sehr wichtige Sache handeln muß. Die Abteilung hat bereits den Befehl zum Antreten mit scharfen Patronen erhalten.«

Der Graf stand einen Augenblick unschlüssig da.

»Es ist unvermeidlich«, sagte er mit tiefem Seufzer, indem er den Degen wieder umgürtete, den er bei seiner Rückkehr abgelegt hatte.

»Es wird«, sagte er dann im Ton einer gewissen leichten Verlegenheit, indem er sich zu seinem Diener wendete, – »eine Dame hierherkommen, die ich erwarte und die mir eine Mitteilung zu machen hat. Du wirst sie mit aller Ehrerbietung empfangen und sie bitten, mich hier zu erwarten, da ich durch den Dienst gezwungen worden sei, auf einige Zeit auszugehen; sage ihr, daß ich hoffe, sehr bald zurückzukehren, und«, fügte er, an der Tür sich noch einmal umwendend, hinzu, »bitte sie in meinem Namen, mich jedenfalls zu erwarten.«

Schnell schritt er auf die Straße hinaus, während der Sergeant ihm folgte.

*

Pietro Barghili war nach seinem Hause zurückgekehrt und hatte dort Lorenza und Barbarino in traulicher Unterhaltung miteinander gefunden, – Lorenza ruhig und lächelnd, Barbarino glühend und flammend von Glück und liebevoller Begeisterung.

Dann hatte sich Lorenza in ihr Zimmer zurückgezogen, um ihre Vorbereitungen zur Abreise mit Barbarino zu treffen, – um, wie sie mit einem eigentümlichen Blick auf den jungen Mann hinzufügte, sich durch eine kurze Ruhe für die Nachtreise zu stärken.

Barbarino hatte lange mit Pietro über die Zukunft seiner Tochter gesprochen und dem Alten das Versprechen gegeben, in kürzester Zeit sich nach einer andern Gegend Italiens zu begeben und dort eine ruhige und sichere Existenz zu gründen.

Zuweilen hatte er einen beobachtenden Blick auf die Straße hinausgeworfen; da er dort außer vorübergehenden Bettlern und Kindern nichts Außergewöhnliches bemerkte, so war schließlich auch zuletzt seine Besorgnis geschwunden, daß er am Morgen beobachtet worden sei, und er gab sich mit dem ganzen Aufschwung seiner jugendlichen und leidenschaftlichen Natur den Gefühlen des Glücks hin, endlich seine Geliebte von Rom fortführen zu können und von den Qualen unaufhörlicher eifersüchtiger Unruhe befreit zu werden.

So war der Abend herangekommen. Lorenza war wieder erschienen, strahlend von Schönheit, Mut und Hoffnung, in ein leichtes, eng anschließendes Gewand gekleidet, auf dem Kopf einen breiten roten Schleier, wie ihn die Albaneserinnen tragen, der nach dem Rücken herunterfiel und bei rauher Witterung über Hals und Brust zusammengezogen werden kann.

Das junge Mädchen sah wunderbar reizend in dieser Tracht aus, als sie mit heiterem Lächeln und strahlendem Blick in das Zimmer trat, um aus den Vorräten des Hauses ein Nachtmahl zusammenzustellen, – das letzte, bevor sie die Heimat verließ.

Mit einem Aufschrei des Entzückens eilte Barbarino auf sie zu und drückte sie einen Augenblick in seine Arme, folgte dann voll Liebe und Bewunderung ihren anmutigen Bewegungen, während der alte Pietro ernst dasaß und von Zeit zu Zeit einen sorgenvollen, fast finstern Blick auf seine Tochter richtete.

Man hatte schweigend gegessen, Lorenza hatte mit einem kräftigen Zug ein Glas des dunklen, feurigen Weines geleert und stand dann auf, indem sie sagte:

»Es ist Zeit, aufzubrechen. Ich gehe, die wenigen Sachen zu holen, welcher ich bedarf, und in einem letzten Gebet die Madonna anzurufen, daß sie mir Kraft gebe zu dem ernsten Schritt, der über mein künftiges Leben entscheiden soll.«

Sie verließ das Zimmer und zog sich in ihre Kammer zurück, während Barbarino das große Dolchmesser, das er abgelegt hatte, in seinen Gürtel steckte und den Mantel um seine Schulter schlug.

Lorenza blieb einen Augenblick vor dem Madonnenbild in ihrem Zimmer stehen, faltete die Hände und bewegte einige Sekunden lang betend die Lippen. Dann trat sie zu dem Fenster, das auf die Veranda hinausführte und welches fast bis zur Höhe der niedrigen Gartenmauer hinabreichte, sie öffnete leise den nur angelehnten Fensterflügel, schwang sich leicht und gewandt auf die Brüstung, indem sie flüsterte:

»Gott und alle seine heiligen Engel mögen mich begleiten.«

In diesem Augenblick hörte man von der Straße her Tritte von mehreren Männern, einzelne Worte klangen herauf und Lorenza glaubte im schwachen Licht der Sterne eine Gestalt zu erkennen, welche sich über die Gartenmauer erhob.

Sie sprang erschrocken in das Zimmer zurück und blieb hochklopfenden Herzens in der Mitte desselben stehen, indem ihre verworrenen Gedanken vergebens versuchten, sich diese außergewöhnliche Erscheinung zu erklären, und indem sie in höchster Seelenangst die kurze Zeit berechnete, welche ihr zur Ausführung ihrer Flucht blieb, und mit Schaudern daran dachte, daß sie, wenn diese Zeit nicht benutzt werden könnte, für immer um das Glück ihres Lebens betrogen und der dunklen, verzweiflungsvollen Zukunft verfallen sei.

Ein scheuer, angstvoller Blick durch das Fenster hin zeigte ihr nun in der Tat die Umrisse einer dunklen Gestalt, welche sich geräuschlos über die Mauer schwang und unmittelbar neben derselben unbeweglich stehenblieb.

Während sie noch ratlos und unschlüssig dastand, wurde die Tür des Wohnzimmers aufgerissen, Pietro erschien in höchster Aufregung, Barbarino in das Zimmer seiner Tochter hineinziehend.

»Das Haus ist umstellt,« sagte er atemlos mit kaum hörbarer Stimme, »an Entkommen ist nicht zu denken. Es gibt nur ein Mittel der Rettung. Hier,« sagte er, indem er Barbarino in den schmalen Raum hineindrängte, welcher zwischen dem Bett seiner Tochter und der Wand sich befand, »hier drücke dich zusammen und laß keinen Laut, keinen Atemzug vernehmen.«

Barbarino verschwand hinter dem Bett.

»Und du, Lorenza, lege dich schleunigst nieder und stelle dich schlafend.«

Zitternd vor Angst gehorchte das junge Mädchen dem Befehl ihres Vaters, warf ihr Gewand auf einen Stuhl, riß den Schleier vom Haupt und legte sich nieder, die Decke des Bettes hoch hinaufziehend und den Kopf mit geschlossenen Augen zitternd in die Kissen drückend.

Pietro kehrte in das Wohnzimmer zurück und schloß geräuschlos die Tür hinter sich. Kaum hatte er sich an den Tisch, auf welchem noch die Reste des Nachtmahls standen, niedergesetzt, als starke Schritte auf dem Flur des Hauses ertönten und ein kräftiger Schlag gegen die äußere Tür geführt wurde.

Pietro stand auf und öffnete mit ruhiger, unbefangener Miene.

Zwei Kommissäre der Polizei, deren Gesichtszüge eine merkwürdige Ähnlichkeit mit einem der Abbates, welche Barbarino in die Aula gefolgt waren und mit dem Bettler von der Piazza di San Pietro zeigten, traten in das Zimmer. Ihnen folgte ganz bestürzt, bleich und zitternd der Graf Franz von Spangendorf. Im Hintergrund auf dem dunklen Flur sah man Gewehrläufe blitzen.

Mit dem Ausdruck tiefen Erstaunens, aber anscheinend vollkommen ruhig, fragte Pietro Barghili, indem er bis in die Mitte des Zimmers zurücktrat:

»Was suchen die Herren in der Wohnung eines armen Mannes, der nie etwas gegen die Gesetze getan und sich im Dienst der Kunst seinen Lebensunterhalt erwirbt?«

»Dieser ist es nicht,« sagte einer der Beamten, »und doch hat der Kapuziner dieses Haus betreten und dasselbe bis jetzt nicht wieder verlassen.«

»Ein Kapuziner«, sagte Pietro Barghili ruhig. »Es ist allerdings ein ehrwürdiger Bruder Kapuziner hier gewesen, um eine Gabe zu erbitten, ich habe ihm Speise und Trank gereicht, – aber in der Dunkelheit des Abends hat er mein Hans wieder verlassen und ich weiß nicht, wohin er sich gewendet. Herr Graf, Sie hier?« fragte er erstaunt und freudig zugleich, den Grafen von Spangendorf erkennend, der in den Lichtkreis des hellen Zimmers trat. »Oh, das ist ein Glück,« fuhr er, zu den beiden Beamten gewendet, fort, »dieser Herr hier, ein edler Kavalier und Offizier Seiner Heiligkeit, welche Gott segnen und erhalten möge, kann bezeugen, daß Pietro Barghili ein ehrlicher Mann ist, unfähig, etwas zu tun, das gegen die Ordnung und das Gesetz verstößt!«

»Ich kenne diesen Mann,« sagte der Graf, der seine Blicke wie suchend im Zimmer umherschweifen ließ, – »ich kenne ihn als einen treuen und ergebenen Diener der Kirche und der Regierung Seiner Heiligkeit, und ich bin überzeugt, es muß ein Mißverständnis vorliegen, ich glaube nicht, daß dies Haus die Zuflucht eines Verbrechers sein kann.«

Der Beamte verneigte sich artig gegen den Grafen.

»Wir müssen unsere Pflicht erfüllen«, sagte er in höflichem, aber bestimmtem Ton, »und das Haus durchsuchen, denn wir haben fast die Gewißheit, daß derjenige, dessen Spur wir verfolgen, dasselbe nicht wieder verlassen hat. Sind alle Zugänge besetzt?«

»Das Hans ist umstellt,« erwiderte der Graf, indem sein ängstlich fragender Blick auf Pietro Barghili ruhte, dessen schönes, ehrwürdiges Gesicht keine Spur von Unruhe oder Erregung zeigte.

Zugleich erschienen zwei Soldaten an der Tür, welche nach der Veranda hinführte.

»Mein Haus«, sagte Pietro Barghili, »steht den Dienern Seiner Heiligkeit stets offen, Sie werden selbst sehen, daß hier in diesem Zimmer nichts verborgen sein kann.«

Es war in der Tat unmöglich, daß in dem so einfach ausgestatteten Wohnzimmer ein Mensch sich hätte verbergen können.

»Hier ist mein Schlafzimmer«, sagte Pietro, die eine der Seitentüren öffnend und mit der Lampe, welche er vom Tisch nahm, in das kleine Gemach hineinleuchtend.

Nach wenigen Augenblicken kehrten die Beamten aus demselben zurück.

Graf Franz stand zitternd, die Hand auf den Tisch gestützt, da. Seine Augen richteten sich starr auf die fest verschlossene Tür, welche nach dem Schlafzimmer Lorenzas führte.

»Und sie ist bei mir«, flüsterte er mit gepreßter Stimme, »und erwartet mich in Angst und Unruhe, – was wird sie denken? Welch ein trauriges, verhängnisvolles Zusammentreffen!«

»Und hier?« fragte der Polizeibeamte, auf die zweite Tür deutend.

»Es ist das Schlafzimmer meiner Tochter,« sagte Pietro, »sie ist ermüdet und hat sich früh zur Ruhe begeben. Ich bitte die Herren, ein wenig Rücksicht auf das arme Kind zu nehmen.«

Er öffnete die Tür und hob die Lampe empor, deren Strahl das Innere des Zimmers beleuchtete.

Man sah Lorenza auf ihrem Bette liegend, das Gesicht in die Kissen gedrückt, den Körper bewegt von tiefen, starken Atemzügen.

Die Beamtem blickten forschend in dem Raum umher, er schien keinen Platz für einen Versteck zu bieten.

Graf Franz hatte sich langsam der Tür genähert. Er warf einen Blick in das kleine Gemach, sah das junge Mädchen auf ihrem Bett liegen und rief im Ton schmerzlichen Erschreckens:

»Lorenza! Mein Gott, Lorenza! Sie ist hier! Sie schläft!«

Die Beamten blickten erstaunt auf den jungen Mann, der, die Hände vorgestreckt, die Augen groß und starr geöffnet, einige Schritte vor dem Bett dastand.

Beim Ton seiner Stimme war Lorenza zusammengefahren. Mit einer raschen Bewegung jähen Schrecks fuhr s ie empor, starrte den jungen Mann wie eine plötzlich vor ihr auftauchende Vision an. Sie sah ihren Vater, die Beamten, wie sie mit forschenden Blicken das Zimmer durchmusterten. Sie hörte unmittelbar neben sich die Atemzüge Barbarinos, der hinter ihrem Bett zusammengekauert sich verborgen hielt. Eine Wolke verhüllte ihren Blick, eine unsägliche Angst schnürte ihr Herz zusammen, die Arme weit ausbreitend rief sie mit dem Ton verzweifelter Todesangst.

»Francesco! Mein Francesco! Rette mich! Schütze mich! Nimm mich mit dir!«

»Lorenza,« rief der Graf, indem er zu ihr hinstürzte, »ich will dich schützen und retten. Du wirst diese Rätsel lösen, du kannst nicht schuldig sein. Meine Herren,« sagte er, indem er Lorenzas Hand in der seinigen hielt, »ich kenne dieses Mädchen, ich liebe sie, sie ist die Reinheit und Wahrheit selbst. Sie suchen hier vergeblich. Dieser Raum kann nicht das Asyl des Verbrechers sein.«

Unsicher und betroffen blickten die Beamten auf diese so unerwartete Szene.

Der Graf beugte sich über das Lager des jungen Mädchens, die auf die Kissen zurückgesunken war, und drückte sie innig in seine Arme. Plötzlich fuhr er empor, aschfahle Blässe bedeckte sein Gesicht, er hatte den keuchenden Atemzug Barbarinos gehört, er hatte aus dem dunklen Raum hinter dem Bett hervor seine von Leidenschaft und Wut funkelnden Augen gesehen, – starr wie eine Bildsäule stand er da, die großen, geöffneten Augen unbeweglich auf den engen und dunklen Versteck gerichtet, während Lorenza mit einem schmerzlichen Aufschrei ihr Gesicht mit den Händen bedeckte.

Die Beamten, denen keine Nuance dieser Szene entgangen war, sprangen fast in demselben Augenblick herbei und tauchten ihre Blicke in den schmalen Raum hinter dem Bett.

»Ah!« rief der erste derselben, »wir wußten es doch, daß er das Haus nicht verlassen hatte und daß er hier sein mußte.«

In raschem Sprung richtete sich Barbarino empor. Seine Augen funkelten in wildem Leuchten wie die eines Raubtieres, seine Züge waren verzerrt von Haß und leidenschaftlichem Zorn und mit heiserer Stimme rief er:

»Ja, ich bin hier, ich habe mich verborgen, weil mir meine Freiheit lieb ist und weil ich nicht auf falschen Verdacht hin mich habe einsperren lassen wollen. Ich weiß nicht, was die Herren von mir wollen, man wird nichts an mir finden. Aber mag man mich in den Kerker werfen, mir ist alles gleich, Leben oder Tod, Freiheit oder Gefangenschaft, ich habe doch alles verloren, was mein Leben an Glück und Hoffnung besaß, – alles verloren durch den Verrat dieses falschen Herzens, dieser schwarzen Seele, die von der Madonna die Schönheit, den Blick der Reinheit und Tugend entlehnt hat, um Menschenherzen zu betrügen und ins Verderben zu stürzen. Fluch dir, du Verworfene!« rief er, die geballten Hände gegen Lorenza erhebend, »Fluch dir, die du mir Liebe heucheltest, die du versprachst, mir zu folgen und meines Lebens Licht und Glück zu sein, die du jetzt, da die Gefahr über meinem Haupte schwebt, jenen verhaßten Fremden um Hilfe anrufst!«

Die Beamten traten heran, um Barbarino hinter dem Bett hervorzuführen.

Graf Franz stand wie vernichtet mit schlaff herabhängenden Armen da.

»Und ich wollte ihr«, sagte er mit tonloser Stimme, »die Nachricht unseres Glückes, unserer Vereinigung bringen, und sie, o mein Gott!« rief er in fast schluchzendem Ton, »sie hat mir verboten, zu ihr zu kommen, – sie ließ mich ihren Besuch erwarten, während sie hier mit diesem –«

»Francesco! Mein Francesco!« rief Lorenza, aus ihrer Betäubung emporfahrend und sich im Bett aufrichtend, »glaube mir, o glaube mir, ich will dir alles erklären, ich bin das Opfer unglücklicher, entsetzlicher Verhältnisse. Aber ich liebe dich, ich liebe dich allein. Ich war im Begriff zu fliehen, zu dir zu kommen, wie ich dir versprochen, um deinen Schutz anzurufen, um dein zu sein für immer. Glaube mir, mein Francesco, ich liebe dich, nur dich allein! Beim Heil meiner Seele, bei der gebenedeiten Madonna,« rief sie, die Hand nach dem Muttergottesbilde ausstreckend, »ich liebe dich, ich liebe dich!«

Barbarino bog sich zitternd zusammen, das Weiß seiner Augen färbte sich mit rötlichem, blutigem Schimmer.

»Bei der Madonna,« rief er mit rauher, keuchender Stimme, »bei der heiligen Mutter Gottes, welche diese Verworfene zum Zeugen ihres Meineids anruft, – sie soll niemand mehr betrügen, sie soll zur Hölle fahren, der sie entstiegen ist!«

Im Nu hatte er sein Messer aus dem Gürtel gerissen und es so mächtig und gewaltig zwischen die Schultern Lorenzas gestoßen, welche sich zu dem Grafen Franz hinüberbeugte, daß es bis zum Heft eindrang und die Spitze aus der Brust des jungen Mädchens herausfuhr.

In einem Augenblick war das Bett mit Blut überschwemmt. Mit einem dumpfen, röchelnden Seufzer sank Lorenza in die Kissen zurück, ihre auf den Grafen Franz gerichteten Augen starrten gebrochen, der zu dem Bild der Madonna erhobene Arm fiel langsam und schwer herab.

Pietro Barghili stürzte sich mit einem gellenden Aufschrei auf seine Tochter, er richtete ihren leblosen Körper in seinen Armen empor und hielt seine Wange an ihre bleichen Lippen, um zu fühlen, ob noch ein Hauch des Atems aus demselben hervordringe.

»Du suchst umsonst nach einem Hauch des Lebens,« sagte Barbarino mit kaltem, höhnischem Lachen, – »auch dich wird der Lohn deines Verrats ereilen, denn auch du bist ein Verräter.«

Die Soldaten aus dem Vorzimmer waren auf einen Wink des Polizeibeamten herangetreten und näherten sich Barbarino mit vorgestrecktem Bajonett.

»Es bedarf der Waffen nicht,« sagte dieser ruhig, »ich habe diejenige, welche mich betrogen hat, bestraft, – ich werde die Folgen meiner Tat zu tragen wissen.«

Er trat hinter dem Bett hervor und zu den Soldaten hin, welche ihn sogleich in ihre Mitte nahmen. Düster blickte er zu Boden, ohne weiter seine Umgebung und die furchtbare Szene in dem kleinen Zimmer zu beachten.

Graf Franz hatte während dieser Augenblicke unbeweglich dagestanden. Leichenblässe bedeckte sein Gesicht, mit tiefem Entsetzen starrte er die mit Blut übergossene Gestalt des jungen Mädchens an, die ihr Vater noch immer in seinen Armen hielt, als sähe er einen ihm völlig fremden Anblick vor sich, – er hatte die Hände vor der Brust gefaltet und schien mit seinen gegeneinander ringenden und sich verwirrenden Gedanken beschäftigt, – ein Zug banger, verzweiflungsvoller Frage lag um seinen zuckenden Mund.

Lorenza richtete noch einmal mühsam den Kopf empor. Noch einmal belebte sich ihr gebrochenes Auge und mit einem wunderbar durchdringenden Blick sah sie den Grafen an.

Ihre bleichen Lippen bewegten sich leise.

»Ich liebe dich!« hauchte sie mit sanft verklärtem Lächeln, – die erstarrenden Finger ihrer Hand mit den in Blut getauchten Spitzen erhoben sich noch einmal gegen das Bild der Madonna, – dann wurde ihr Blick wieder gläsern und starr, – sie zuckte zusammen und streckte sich dann mit tiefem, lang ausgehauchtem Atemzug aus, indem ihr Haupt schwer auf den Arm ihres Vaters niedersank, der sie langsam auf die Kissen legte.

Graf Franz erwachte aus seiner träumenden Erstarrung, – mit einem Sprunge war er an dem Bette, – er sank auf die Knie nieder und drückte die kalte, leblose und blutbefleckte Hand der Toten an seine Lippen.

»Wo ist Licht, – wo ist Wahrheit?« rief er mit schneidender Stimme in deutscher Sprache, – »mein Glaube und meine Liebe hat sich zum fremden Lande gewendet, – meine Liebe ist gestorben, – und mein Glaube – –«

Er richtete das brennende, tränenlose Auge auf diese blutige Gestalt, auf dieses bleiche, stumme Antlitz, welchem der Tod bereits sein furchtbares Siegel aufgedrückt hatte.

Ernst und schweigend standen die Beamten und die Soldaten da. Barbarino blickte nicht auf. Kalte, starre Ruhe lag auf seinen Zügen, – er schien kaum zu beachten, was um ihn her vorging.

Pietro näherte sich dem Grafen und berührte mit der Hand seine Schulter.

»Glauben Sie,« sagte er, – »glauben Sie, Graf Francesco, dem letzten Worte der Sterbenden, – sie hat Sie geliebt, – nur Sie geliebt, sie war im Begriff, zu Ihnen zu fliehen, – als das unglückselige Verhängnis über sie, – über uns alle hereinbrach.«

Barbarino warf einen Blick voll glühenden Hasses auf Pietro, dann sah er mit dem Ausdruck triumphierender Rache die Leiche Lorenzas an und versank dann wieder in seine kalte Ruhe.

»Wir begreifen, wir achten den Schmerz, der Sie bewegen muß, Herr Graf, wenn Sie dieser armen Ermordeten näher gestanden haben,« sagte der Polizeibeamte, – »aber wir müssen unsere Pflicht tun und Sie bitten, die Gefangenen zu eskortieren. – Ihr werdet uns folgen,« fuhr er fort, sich an Pietro wendend, – »man hat den Verbrecher bei Euch versteckt gefunden, – Ihr werdet Euch zu verantworten haben.«

Pietro trat schweigend zu den Soldaten.

Der Graf stand auf. Schweigend beugte er sich über den Leichnam Lorenzas, drückte sanft ihre noch offenstehenden, gebrochenen Augen zu und machte dann das Zeichen des Kreuzes über ihrem Haupt.

Er befahl zwei Soldaten, das Haus und die Tote zu bewachen, – dann ließ er seine Abteilung antreten, und mit Pietro und Barbarino in ihrer Mitte marschierten die Soldaten gleichmäßigen Schrittes die Straße hinab.

Graf Franz sah sich noch einmal um und ging dann in düsterem Schweigen, wie mechanisch der Gewohnheit des Dienstes folgend, an der Seite des Zuges hin.

Die Polizeibeamten folgten.

»Die Eiche kann keine Wurzel schlagen in der glühenden Heimat der Myrten und Orangen,« flüsterte der Graf leise, – o meine Heimat, mein Vaterland, – warum habe ich dich verlassen, um hier meine Liebe und meine Hoffnung zu verlieren!«

Der Zug wendete sich nach der Seite der Via della Longara und bald lag die Via del Moro still und schweigend da, – aus den benachbarten Häusern spähten einzelne ängstlich neugierige Gesichter hervor, beim Anblick der Wachtposten vor dem Hause sich schnell wieder zurückziehend.

In dem kleinen Zimmer aber lag starr und kalt die blutige Leiche des jungen Mädchens; dessen Herz noch vor kurzer Zeit so angstvoll bangend einer glückseligen Zukunftshoffnung entgegengeschlagen hatte.

*

Um dieselbe Zeit, zu welcher der Graf Spangendorf sich nach der Via del Moro begeben hatte, war ein in einen einfachen schwarzen Zivilanzug gekleideter Mann in dem Albergo di Europa erschienen, hatte Signor Franceschini hereinrufen lassen, demselben einige Worte zugeflüstert und dann nach der Wohnung des Mister Brooklane gefragt, zu welcher Signor Franceschini ihn mit höflichster Dienstfertigkeit hinaufführte.

Der Fremde klopfte an die ihm bezeichnete Tür und trat auf ein von innen heraus ertönendes »Come in!« in den Salon, in welchem Mister Brooklane ruhig vor einem großen, durch eine Lampe mit blauem Schirm beleuchteten und mit Büchern, Mappen und Albums bedeckten Tische saß.

Der alte englische Gentleman trug die sorgfältige und elegante Toilette, in welcher er an der Table d'hote erschienen war, und war beschäftigt, verschiedene an ihn eingegangene Briefe zu lesen, deren Enveloppes teils auf dem Tische, teils auf dem Boden neben ihm lagen, und welche er, nachdem er sie durchgesehen, sorgfältig übereinanderlegte. Er richtete langsam den Kopf in die Höhe und blickte durch seine Lorgnette mit grauen Gläsern auf den Eintretenden hin. Er schien ein wenig überrascht, eine ihm ganz fremde Persönlichkeit vor sich zu sehen, erhob sich mit kalter, würdevoller Höflichkeit und trat dem Fremden entgegen, der sich dem Lichtkreis der Lampe genähert hatte und mit einem schnellen, scharfen Blick die auf dem Tisch befindlichen Gegenstände umfaßte.

»Verzeihen Sie die Störung,« sagte er, »die ich Ihnen verursache, – ich bin ein Beamter der Polizei Seiner Heiligkeit und habe allen Fremden gegenüber eine kleine Formalität zu erfüllen.«

Mister Brooklane deutete ohne eine Spur von Erstaunen oder Bewegung auf seinem Gesicht auf einen Sessel und nahm wieder vor seinem Tische Platz, indem er einen Briefbeschwerer von Bronze auf die von ihm durchgelesenen und übereinandergelegten Briefe stellte.

Der Polizeibeamte folgte jeder Bewegung mit scharfer Aufmerksamkeit und fuhr immer mit der größten Höflichkeit fort:

»In diesen unruhigen Zeiten, in welchen so viele zweifelhafte Persönlichkeiten in verbrecherischer Absicht sich hier einzuschleichen suchen, ist eine sehr genaue, scharfe Fremdenkontrolle dringend geboten. Uns ist deshalb der Befehl gegeben, uns über die Identität und Beschäftigung der hier anwesenden Fremden auf das eingehendste zu vergewissern, wobei wir denselben«, fügte er mit artiger Verbeugung hinzu, »das aufrichtige Bedauern über diese durch die Verhältnisse gebotene Belästigung auszusprechen haben.«

»Ich habe«, erwiderte Mister Brooklane in einem stark fremdländisch akzentuierten Italienisch, »bei meiner Ankunft die erforderlichen Meldungen vollziehen lassen, und ich glaubte, daß damit alles in Ordnung sei. Jedoch bin ich gern bereit,« fügte er immer höflich, aber mit einem leisen Anklang von Ungeduld in der Stimme hinzu, »alle noch für notwendig erachteten Erläuterungen zu geben.«

»Ihre Beschäftigung?« fragte der Beamte, indem er ein Notizbuch hervorzog und öffnete, als wolle er die betreffenden Angaben notieren.

»Meine Beschäftigung?« erwiderte Mister Brooklane achselzuckend, »nun, sie ist sehr einfach. Ich bedarf eines milden Klimas für meine Gesundheit, und ich liebe die Kunst und die Altertümer, das ist der Grund meines Aufenthalts in Rom, – das ist meine Beschäftigung.«

Der Beamte neigte den Kopf, anscheinend mit dieser Antwort durchaus zufriedengestellt.

»Und die Identität Ihrer Person, mein Herr?« fragte er dann. »Ich bitte nochmals um Verzeihung, es ist eine allgemeine, durch die Verhältnisse gebotene Maßregel.«

Mister Brooklane öffnete ein auf dem Tische liegendes Portefeuille, zog aus demselben einen großen, zusammengefalteten Paß und reichte denselben dem Beamten hin.

Dieser warf einen flüchtigen Blick darauf und sagte, indem er das Papier zusammenfaltete und Mister Brooklane zurückreichte:

»Vollkommen in Ordnung, mein Herr. Es sind indessen Fälle vorgekommen, daß sehr gefährliche Persönlichkeiten mit sehr richtigen Pässen ausgestattet waren, und wir haben daher die bestimmte Anweisung erhalten, uns noch auf andere Weise von der Identität der Fremden zu überzeugen. Es ist, wie gesagt, eine reine Formalität, eine Briefenveloppe oder ein gleichgültiger Brief würde bei Ihnen vollkommen genügen.«

»Ich bin glücklicherweise gerade in der Lage,« sagte Mister Brooklane nunmehr mit etwas scharf gereiztem Ton, »Ihnen in dieser Beziehung den gewünschten Nachweis geben zu können. Hier, mein Herr, lesen Sie, es sind keine Geheimnisse darin enthalten«, und indem er den Briefbeschwerer zur Seite stellte, reichte er dem Beamten die sämtlichen von ihm durchgesehenen und geordneten Briefe.

Dieser nahm dieselben und durchflog ihren Inhalt. Er schien nichts seiner Aufmerksamkeit Würdiges darin zu entdecken.

Mister Brooklane saß ruhig auf seinem Stuhl und schien mit Ungeduld das Ende dieses Besuchs zu erwarten, der ihn in seiner Beschäftigung gestört hatte.

Der Beamte stand auf und bog sich zu dem Tisch hinüber, um das Briefpacket vor dessen Eigentümer niederzulegen. Bei dieser etwas schnellen Bewegung erfaßte seine Hand, wie durch eine ungeschickte Wendung, die Schnur der Lorgnette, deren graue Gläser die Augen des Engländers bedeckten. Das Glas fiel herab und mit einer Bitte um Entschuldigung bog sich der Beamte zurück und blickte forschend und scharf in die Augen des zornig aufspringenden alten Herrn, welche ihm einen Augenblick mit einem vielfarbigen glänzenden Strahl entgegenblitzten und sich dann schnell wieder unter den herabsinkenden Lidern verbargen, während Mister Brooklane in heftigem Ton sagte:

»Nehmen Sie sich in acht, mein Herr, Sie hätten mich verletzen können.«

»Er ist es!« flüsterte der Beamte vor sich hin, indem ein Schimmer freudigen Triumphs sein Gesicht erleuchtete.

Dann wiederholte er mit kaltem, ruhigem Ton seine Bitte um Entschuldigung und sprach, indem er die Hand in die Brusttasche seines Rockes senkte:

»Ich bedaure, mein Herr, Ihnen noch mehr Ungelegenheiten machen zu müssen. Die Briefe, welche Sie mir zu zeigen die Güte hatten, sind zu allgemeinen Inhalts, um mir den vollkommenen Beweis über die Identität Ihrer Person zu geben. Ich muß Sie bitten, mich zu meinem Chef zu begleiten, derselbe wird gewiß durch wenige Fragen schnell diese belästigende Nachforschung beendigen können und mich der peinlichen Lage überheben, Ihnen beschwerlich zu fallen.«

»Ich weiß nicht, mein Herr,« rief Mister Brooklane, »mit welchem Recht Sie es wagen wollen, einen Engländer, der einen richtigen Paß bei sich führt, verhaften zu wollen.«

»Verhaften?« rief der Beamte. »Oh, ich bitte, mein Herr, es handelt sich nicht um eine Verhaftung, es handelt sich nur um die Einladung zu einer Unterhaltung mit dem Chef der Polizei Seiner Heiligkeit.«

»Und ich werde dieser Einladung nicht Folge leisten,« rief Mister Brooklane heftig, »ich befehle Ihnen, mein Zimmer zu verlassen und das Recht eines freien Bürgers einer fremden Nation zu respektieren.«

Rasch trat der Beamte zum Fenster, öffnete einen Flügel desselben und ließ einen leichten Zungenschlag ertönen.

Man hörte das Heranfahren eines Wagens und mehrere Schritte auf der Straße.

»Sie werden sich«, sagte der Polizeibeamte, »bei Ihrer Weigerung, meiner Aufforderung zu folgen, unangenehme Maßregeln, zu denen ich dann genötigt sein würde, selbst zuzuschreiben haben.«

Er hatte, während er das Fenster öffnete, seine Hand aus der Tasche seines Rockes hervorgezogen.

Mister Brooklane, welcher mit einigen gleichmäßigen Schritten ihm nähergetreten war, sprang nun mit einem Satz kräftig und elastisch wie der eines Tigers, der seine Beute erfaßt, auf ihn zu. Mit eisernem Griff umfaßte er das Handgelenk seines rechten Arms, indem er zugleich mit der andern Hand seinen Hals so fest einschloß, daß der so urplötzlich und unvermutet Angegriffene nur einen leisen, stöhnenden Ton hervorzubringen vermochte und wie betäubt das Haupt rückwärts sinken ließ, indem er die Augen schloß.

In demselben Augenblick senkte sich die Hand Mister Brooklanes in die Brusttasche des Beamten, zog aus derselben einen kleinen sechsläufigen Revolver hervor und drückte den des Atems und fast der Besinnung Beraubten in einen tiefen Lehnstuhl nieder, während er zugleich den Revolver spannte und den Lauf fast unmittelbar vor das Gesicht des in zuckender Bewegung Wiederaufatmenden hielt.

»Du bist des Todes,« rief Mister Brooklane mit gedämpfter Stimme in reinem Italienisch, »wenn du einen Laut von dir gibst!«

Der Beamte, dessen Blut aus seinem Kopf, wohin es durch den eisernen Druck gedrängt war, zurückzufließen begann, ließ seine Augen, wie aus einem Traum erwachend, im Zimmer umherschweifen. Dann schienen seine Sinne sich völlig wieder zu sammeln, und er machte eine Bewegung, als wolle er sich erheben, um sich auf den Engländer zu stürzen.

Dieser näherte die Läufe des Revolvers noch etwas mehr dem Gesicht seines Gegners, indem zugleich die Blicke seiner flammensprühenden Augen fest auf dessen Händen ruhten.

»Keine Bewegung,« sagte er, »wenn dir dein Leben lieb ist! Wenn du mich erkannt hast, so weißt du, daß ich keine Scheu und Furcht kenne, und daß bei der ersten Bewegung und beim ersten Ton dein Leben unrettbar verloren ist. Ist es die Sache wert, welcher du dienst, dich ihr zu opfern und dich dem sichern Verderben zu weihen, um einen Mann zu fangen, der sein Leben an die Befreiung seines wie deines Vaterlandes gesetzt hat und den«, fügte er mit unendlich hoheitsvoller Verachtung hinzu, »noch kein Kerker festzuhalten, noch keine Kette zu fesseln vermochte?«

Der Beamte neigte den Kopf auf die Brust und senkte den Blick vor diesem flammenden, funkensprühenden Auge, das noch mehr mit dem Ausdruck der Trauer als des Zornes auf ihm ruhte, und dessen jugendliches Feuer wunderbar abstach gegen das Gesicht mit dem fast weißen Haar und Bart, aus welchem es hervorblickte.

»Ich könnte dir sagen,« fuhr Mister Brooklane fort, »rufe deine Schergen herbei, aber bevor sie erscheinen, wirst du eine Leiche sein, und du kannst mit der Gewißheit sterben, daß, wenn sie mich heute in ihren Kerker führen, ich morgen wieder frei sein werde wie die Luft, welche über die Wellen des Meeres und über die Berge unseres Vaterlandes dahinstreicht, – ich könnte dir sagen, kehre zurück mit den Dienern der heuchlerischen Priestertyrannei, – laß mich unaufgehalten und ungehindert meinen Weg verfolgen und nimm hier die Mittel, um dich freizumachen von den Fesseln eines elenden, fluchwürdigen Dienstes.«

Er öffnete, ohne den Revolver von dem Gesicht des Beamten zu entfernen, eine auf seinem Tisch stehende Kassette und ließ die hochaufgehäuften Goldstücke, die sie enthielt, in dem Licht der Lampe flimmern.

»Aber«, fuhr er dann fort, »ich will dir weder das eine noch das andere sagen, – du bist Italiener, deine Wiege hat auf dem heiligen Boden dieses Landes gestanden, welches hochgesegnet und begnadigt ist vor allen anderen Ländern der Welt, welches, jetzt erwacht, die schimpflichen Fesseln langer Erniedrigung abschüttelt, welches sich anschickt, auch diese letzte Zwingburg der Tyrannei zu brechen, in welcher ein heuchlerischer Götzendienst die freien Geister knechten möchte. Es ist unmöglich, daß dein Blut, welches die Sonne Italiens erwärmt hat, nicht schneller zu deinem Herzen strömen sollte bei dem Gedanken an die Freiheit, an die herrliche Größe deines Vaterlandes. Was bietet dir die Tyrannei der Priester? Was kann sie dir bieten, das höher, herrlicher und schöner wäre, als der Blick auf ein freies und einiges Italien, das die Erinnerungen einer großen, erhabenen Vergangenheit mit den strahlendsten Hoffnungen der Zukunft verbindet? Ich spreche zu dir im Namen des Vaterlandes, – ich habe ein Recht dazu, denn mein ganzes Leben war seinem Dienst geweiht, und ich rufe dich im Namen des Vaterlandes, in die Reihen der Kämpfer für seine Freiheit und für seine Größe zu treten, in diese Reihen, in welchen seine edelsten und besten Söhne stehen, des Vaterlandes,« fügte er mit einem Blick voll dunkelglühenden Feuers hinzu, »das furchtbar und unerbittlich zu strafen, aber auch königlich zu belohnen weiß. Du weißt, wer ich bin,« fuhr er fort, »hast du vernommen und klar erfaßt, was ich dir gesagt?«

Der Beamte neigte das Haupt und richtete dann einen Blick voll ängstlicher, scheuer Bewunderung auf die hochaufgerichtete Gestalt des Sprechenden, welche kaum noch eine Ähnlichkeit mit der früheren Erscheinung zeigte.

»Ich wußte es,« sagte dieser, indem ein Schimmer freudiger Verklärung auf seinem Gesicht erschien, »daß die Stimme des mahnenden Vaterlandes zu einem italienischen Herzen dringen muß, daß die Stimme des Bruders, die im Namen der gemeinsamen Mutter sich erhebt, von dem Bruder nicht ungehört bleiben kann. Willst du«, fuhr er mit feierlichem Ton fort, »den Dienst der Tyrannen, der Feinde Italiens verlassen? Willst du zu uns kommen, wo dich brüderlich geöffnete Arme erwarten, zu uns, die wir Tod und Rache den Feinden, aber Treue und aufopfernde Liebe den Brüdern und Freunden bringen?«

»Ich will es«, sagte der Beamte, indem er die Hände auf die Brust legte und mit bewegten Blicken zu dem vor ihm Stehenden aufsah, der noch immer den Revolver gegen ihn erhoben hatte.

»Dein Name?« fragte dieser.

»Niccolo Costanzi«, erwiderte der Polizeibeamte.

»So nehme ich dich auf«, sagte Mister Brooklane mit feierlicher Würde, »in die Gesellschaft der Rächer des geknechteten Vaterlandes, deren Führer und Meister ich bin. Schwöre mir bei dem Vaterlande und seiner Freiheit und bei deinem Leben, das von nun an dem Kampf für das Vaterland und die Freiheit gehört, daß du jedem Befehl, der dir zugehen wird, unbedingt ohne Zögern und ohne Achtung irgendwelcher Gefahr Folge leisten wirst.«

»Ich schwöre es«, sagte Niccolo Costanzi, indem er die Hand auf das Herz legte.

»Und vergiß nicht, daß jede Verletzung deines Schwurs mit dem Tode bestraft wird, mit dem Tode, der dich sicher und unabwendbar ereilen würde und zögest du über die Fernen des Meeres hin, und flüchtetest du dich an den Altar von Sankt Peter, der Arm der Rache würde dich unerbittlich ereilen. Wirst du aber treu befunden, so ist die Hand deiner Brüder mächtig genug, dich aus dem Verlies des tiefsten Kerkers hervorzuziehen und selbst auf dem Schafott das gezückte Beil des Henkers über deinem Haupte aufzuhalten.«

Niccolo Costanzi erhob sich. Er ergriff die Hand Mister Brooklanes und führte sie, ehe dieser es verhindern konnte, an seine Lippen.

»Ich danke dir, Meister,« sprach er in demütigem Ton, »du hast mich befreit und zu neuem Leben erweckt.«

»Wer dem Dienst des Vaterlandes sich weiht, wird zur Freiheit neu geboren«, sagte Mister Brooklane sanft. »Das ist die heilige Macht der großen Sache, für welche ich kämpfe, eine erlösende Macht, größer als die Schlüsselgewalt, welche der tyrannische Priester im Vatikan sich anmaßt. Und kraft dieser Gewalt weihe ich dich zum Diener der Rache und dereinst zum Diener der Herrlichkeit des gerechten und wiedererstandenen Vaterlandes.«

»Und was soll ich tun, mein Meister?« fragte Niccolo Costanzi.

»Du bleibst hier in deiner Stellung,« erwiderte Mister Brooklane, »die Befehle zu empfangen, die dir zugehen unter dem Losungswort: ›Tod den Priestern und Tyrannen!‹ – wer dir dies Wort sagt, ist ein Bote der großen Gesellschaft der Rache, und den Auftrag, den er dir bringt, hast du zu erfüllen, mag er ein Fürst, ein Priester oder ein armer Bettler sein. Du wirst vielleicht«, fuhr er fort, »zu großen Dingen ausersehen werden; mein Blick, der sich selten täuscht, erkennt die Fähigkeit in dir, wichtige Dienste zu leisten. Halte dich bereit und erwarte, was man dir entbieten wird. Hier,« sagte er dann, indem er aus der vorhin geöffneten Kassette mit vollen Händen eine große seidene Börse mit Goldstücken anfüllte, »nimm dies. Nicht als Lohn,« fügte er hinzu, als Niccolo Costanzi eine zögernde, ablehnende Bewegung machte, »sondern um die Mittel zum Handeln in Händen zu haben, wenn es not tut, und solltest du künftig mehr bedürfen, so wird es dir auf demselben Wege zugehen, auf welchem du deine Aufträge erhalten wirst. Fürs erste«, sprach er weiter, »wirst du deinen Bericht erstatten, daß du meine Papiere in voller Ordnung gefunden und nichts Verdächtiges bei mir bemerkt habest.«

»Ich bitte dich, mein Meister«, sagte Niccolo Costanzi, »dann auch dies Hotel und Rom so schnell als möglich zu verlassen. Man könnte Zweifel hegen, man könnte andere Maßregeln treffen.«

»Fürchte nichts,« sagte Mister Brooklane, »ich werde morgen Rom verlassen haben. Der Zweck meines Aufenthalts ist hier ohnehin verfehlt. Vielleicht ist es gut so, vielleicht will das Schicksal auf größere und würdigere Weise mein Vaterland zur Freiheit führen, – weißt Du,« sprach er weiter, »ob noch andere Nachforschungen stattgefunden haben?«

»Man hat einen Kapuziner verfolgt,« erwiderte Niccolo Costanzi, »welcher in der Aula verdächtige Beobachtungen anstellte.«

»Wenn man ihn gefangen hat,« rief Mister Brooklane schnell, »so muß er von heut in acht Tagen frei sein, bei deinem Leben. Dies ist der erste Befehl, den ich dir erteile. Sorge dafür, daß er pünktlich erfüllt wird. Ich erwarte von dir denselben Eifer, als ob die Erfüllung meines Willens von mir allein abhinge, und vergiß nicht, daß jedes Zögern, jede Lässigkeit bemerkt und bestraft wird.«

Er füllte eine zweite große Börse mit Gold und reichte sie dem Beamten mit den Worten:

»Schone nichts, weder Geld noch Blut, wenn es sein muß. In acht Tagen muß derjenige, den man im Gewande eines Kapuziners in der Aula gesehen, frei sein.«

Niccolo Costanzi verneigte sich tief.

Mister Brooklane erhob die Hand, berührte leicht mit den Fingern das Haupt Niccolos und sprach:

»Sei gesegnet mit dem Segen unseres Vaterlandes. Dieser Segen stärke dich zum heiligen Dienst der Freiheit.«

Er reichte mit einer Bewegung voll edler Würde dem Beamten seinen Revolver; dieser steckte denselben in seine Tasche und verließ, sich nochmals tief verneigend, das Zimmer.

Wenige Augenblicke später hörte man das Rollen eines Wagens, welcher sich vom Hotel entfernte.

Mister Brooklane zog sich in das kleine, hinter seinem Schlafzimmer gelegene Kabinett zurück, öffnete eine dort auf dem Tische liegende Mappe mit einem kleinen Schlüssel, den er an seiner Uhrkette trug, nahm einige Papiere, auf welchen Zeichnungen und Notizen sich befanden, heraus und warf dieselben in das Feuer des Kamins, aufmerksam zusehend, bis sie vollständig zu Asche verkohlt waren.

»Es war ein großer, ungeheurer Plan,« sagte er, auf die weiße, im Kamin emporwirbelnde Asche blickend, »aber er war gefährlich, schwer und unsicher. Mögen sie ruhig tagen, diese Tyrannen des Geistes aus allen Ländern der Erde, mögen sie ruhig die Ketten schmieden, mit denen sie von neuem die lebendige, zur Freiheit geborene Menschheit zu fesseln gedenken. Ich werde hingehen, um andere Flammen zu entzünden, welche in furchtbarem Ausbruch weithin das Gebäude der Tyrannei in Trümmer sprengen sollen und in deren leuchtendem Glanz das freie Italien seinen siegreichen Fuß auf das Kapitol setzen wird.«

Er kehrte in seinen Salon zurück, setzte seinen Hut auf und verließ, ruhig und heiter die Treppe hinabsteigend, das Hotel, wie er es oft zu den Abendspaziergängen durch die Straßen Roms zu tun gewohnt war.

Zwanzigstes Kapitel

Der Kaiser Napoleon war nach den Tuilerien zurückgekehrt, er saß in einem tiefen Lehnstuhl, die Füße auf ein Taburett gelehnt und die zurückgesunkene Gestalt in einen weiten Schlafrock von wattiertem Sammet gehüllt. Sein Haar war frisiert, sein Bart sorgfältig geordnet. Aber sein Gesicht war bleich und erschöpft, sein Blick matt und große, dunkle Ringe umgaben seine Augen. Seine Hände ruhten schlaff auf dem Schoß, und zuweilen zitterten die Spitzen seiner Finger und ein schmerzhaftes Zucken flog durch seinen Körper.

Sein Sekretär Pietri saß in der Nähe und war beschäftigt, dem Kaiser den Inhalt der eingegangenen Briefe vorzutragen.

Aber Napoleon hörte nicht wie sonst dem Vortrag zu. Die Zigarette, welche er angezündet hatte, lag auf einem ziselierten Teller neben der brennenden Kerze und verglimmte langsam, ohne daß der Kaiser daran dachte, ihren aromatischen Dampf mit seinen Lippen aufzufangen.

Pietri bemerkte diese Unaufmerksamkeit seines Herrn. Nachdem er die Vorlesung beendet hatte, blickte er, ein anderes Papier ergreifend, fragend auf, bevor er weiter zu lesen begann.

Napoleon fuhr zusammenzuckend mit der Hand nach seinem Knie und preßte einen Augenblick, wie um einen körperlichen Schmerz zu überwinden, seine Lippen aufeinander. Er sprach dann, tief aufseufzend:

»Lassen Sie, mein lieber Pietri; diese rheumatischen Schmerzen quälen mich so sehr, daß ich nicht imstande bin, dem Inhalt dessen scharf zu folgen, was Sie mir vorlesen. Alle diese Korrespondenzen haben ja kein augenblickliches Interesse, und ich bin, abgesehen von meinen Schmerzen, vollkommen durch den Gedanken in Anspruch genommen über die so ernstliche und bedenkliche Lage, in welche das Scheitern aller meiner Kombinationen mich versetzt hat. Scheint es doch, als ob jeder Versuch, den ich mache, dem Vordringen dieser preußischen Macht einen Damm entgegenzusetzen, mich nur dahin führt, mich noch mehr zu isolieren und den Einfluß dieses preußischen Ministers, der nur hier in Paris gewesen zu sein scheint, um zu lernen, wie man Frankreich angreifen muß, immer noch mehr zu verstärken. Italien wendet sich immer drohender gegen Rom und macht es mir schwerer und schwerer, den Papst zu schützen, den ich doch nicht aufgeben darf, wenn ich nicht die ganze Macht des Klerus gegen mich ins Feld rufen will, dieser Macht, der ich doch so sehr bedarf, um im Lande der demokratischen Propaganda entgegenzuwirken, und die noch bedeutungsvoller sein wird, wenn durch die Beschlüsse des Konzils die geistliche Gewalt des Papstes ihre Fäden noch fester zusammenziehen wird.«

»Ich habe Eurer Majestät«, sagte Pietri, indem er seine Papiere zusammenlegte, »keinen Rat zu geben, doch möchte es mir fast scheinen, als ob die Gelegenheit nie günstiger gewesen wäre, die Idee zur Ausführung zu bringen, welche Eure Majestät ja schon seit langer Zeit für eine hochwichtige und heilige erkannt haben, die Idee nämlich der Herstellung einer von Rom unabhängigen gallikanischen Kirche. Die Bischöfe sind, wie sich ja aus allen Berichten ergibt, sehr wenig geneigt, sich dem Unfehlbarkeitsdogma zu unterwerfen, das sie zu willenlosen Dienern der Kurie machen soll, und sie werden in diesem Augenblicke geneigter sein als früher, auf die Idee einer französischen Nationalkirche unter einem eigenen Primat einzugehen. Der bayerische Minister Fürst Hohenlohe hat die Mächte aufgefordert, der römischen Kurie gegenüber gemeinschaftliche Verwahrung einzulegen gegen die Absicht, eine dogmatische Unfehlbarkeit des Papstes zu proklamieren, durch welche die Stellung der Staatsgewalt zur Kirche wesentlich alteriert würde. Wenn Eure Majestät im Sinn der Aufforderung des Fürsten Hohenlohe gegen Rom aufgetreten wären, so würde sich dadurch vielleicht eine Loslösung der französischen Kirche von der päpstlichen Zentralgewalt haben anbahnen lassen, und es würde Eurer Majestät leichter geworden sein, den Papst sich selbst zu überlassen und Frankreichs Kräfte nach einer anderen Richtung hin freizumachen. Zugleich würde dadurch ein Einverständnis und ein gemeinsames Vorgehen mit Bayern, dem mächtigsten Staate Süddeutschlands, ganz naturgemäß sich ergeben haben, und der regere Verkehr mit diesem durch geschichtliche Traditionen an das kaiserliche Frankreich geknüpften deutschen Königreich würde vielleicht auch zu einer festeren Annäherung auf anderen Gebieten geführt haben. Sie verzeihen, Sire,« sagte er, während der Kaiser ihn mit etwas belebteren Blicken ansah, »daß ich mir erlaube, so frei eine von Eurer Majestät Beschlüssen abweichende Ansicht auszusprechen. Aber Eure Majestät haben mir früher erlaubt, meine Gedanken über diese oder jene Frage Ihnen mitzuteilen, und ich glaube, daß in dieser Richtung, welche ich soeben anzudeuten die Ehre hatte, in der Tat das auf verschiedenen Wegen bereits erstrebte Ziel erreicht werden könnte, Frankreich von diesem so peinlichen und lästigen Schutze des Papstes zu befreien und zugleich den Einfluß des französischen Klerus noch inniger und fester mit der Regierung zu verbinden.«

»Ich habe wohl daran gedacht,« sagte Napoleon, indem er sich etwas vorbeugte und das Kinn in die Hand stützte, »der alte Gedanke aller französischen Regierungen, Frankreich durch eine nationale Kirche von dem lähmenden Einfluß des Papstes zu befreien, hat auch mich zu allen Zeiten lebhaft beschäftigt. Vielleicht möchten in diesem Augenblick die französischen Bischöfe geneigter sein als früher, zur Ausführung eines solchen Gedankens die Hand zu bieten. Aber«, fuhr er fort, indem er wieder matt in die Polster seines Stuhls zurücksank, »um ein solches Werk zu beginnen und durchzuführen, dazu gehört die Kraft und Gesundheit der Jugend, dazu müßten wenigstens die nächsten Jahre mein sein. Und«, sagte er mit einem traurigen Lächeln, indem sein Blick über seine von den weiten Falten des Schlafrocks umhüllte Gestalt hinabglitt, »ich bin ein alter, ein gebrochener Mann, und ich weiß nicht, ob die nächsten Monate noch mir gehören.«

»So dürfen Eure Majestät nicht denken,« rief Pietri mit dem Ausdruck inniger, liebevoller Teilnahme, »ein augenblicklicher Anfall von Schmerz darf nicht entmutigen, nicht von der Ausführung großer Pläne zurückhalten.«

»Ein augenblicklicher Anfall?« sagte Napoleon mit demselben schmerzlichen Lächeln, – »mein lieber Pietri, der Anfall, unter dem ich leide, ist das Alter, und die schmerzlichen Symptome dieser Krankheit steigern sich von Tag zu Tage, bis die matter und matter brennende Flamme erlischt. Anfälle von Krankheit?« sagte er halb schmerzlich, halb scherzend, – »ich habe nur noch Anfälle von Gesundheit, und diese lichten Intervalle werden immer seltener.«

»Doch«, sagte er dann, sich wieder aufrichtend, »es ist nicht die Schwäche und Krankheit allein, welche mich abgehalten haben, auf jene Ideen einzugehen. Ich darf einen so gefährlichen Kampf nicht aufnehmen in dem Augenblick, in welchem meine ganze Wachsamkeit nach dem Rhein hin und zugleich auf die in den Tiefen der Gesellschaft gegen mich arbeitenden Elemente gerichtet sein muß. Und die Verbindung mit Bayern,« fuhr er fort, »was würde sie nützen ohne ein festes Zusammenhalten mit Österreich? Sowohl die römische als die deutsche Frage kann von den Gesichtspunkten aus, von denen sie bisher betrachtet wurde, nicht berührt werden, ohne Österreichs vollkommen sicher zu sein. Und«, sagte er mit einem leichten Achselzucken, »Österreich ist für mich aus jeder Kombination ausgeschieden. Das Wort, welches man mir einst in den Mund legte, ist jetzt wirklich eine Wahrheit geworden, Österreich ist nur noch ein politischer Leichnam, den dieser Herr von Beust künstlich galvanisiert, dem er aber kein lebendiges Blut einzuflößen, keine Bewegung zu geben versteht. Seit vier Jahren habe ich es versucht, auf eine gemeinsame Aktion mit Österreich meine Politik zu bauen, neuerdings hat mir der General Türr im Einverständnis mit dem König Viktor Emanuel den alten Gedanken der Tripelallianz angeregt. Der Kaiser Franz Joseph hat trotz aller Abneigung, die er eigentlich innerlich gegen Italien und auch gegen mich hegt, den Gedanken erfaßt, aber Herr von Beust kann sich nicht zu einem entschiedenen Wollen und Handeln erheben, – Türr ist noch einmal nach Wien gegangen, um anzudeuten, welch reicher Ersatz nach anderer Seite hin für das Opfer der italienischen Gebiete Tirols geboten werden könne, aber – das alles wird zu keinem Ziele führen, es werden leere Verhandlungen bleiben, und wenn Frankreich seine Stellung wiedergewinnen will, so muß es von allen Kombinationen absehen, in welchen Österreich eine Stelle findet. Es ist eine alte Idee des Herrn von Beust,« sagte er nach einem augenblicklichen Nachdenken, »die Verbindung zwischen Rußland und Preußen zu trennen, welche schon im Jahre 1866 so verhängnisvoll wurde und welche seither mit schwerem Druck auf Europa lastet. Die Versuche, welche in dieser Richtung von Wien aus unternommen wurden, sind gänzlich gescheitert, – wie sie scheitern mußten, denn was kann das schwache und gebrochene Österreich dem großen Reich des Ostens bieten, das den Undank seines früheren Alliierten nicht vergessen hat und das noch immer durch das Doppelspiel des Herrn von Beust in dem polnischen Galizien von neuem gereizt wird? Um dem Petersburger Hof die Freundschaft des mächtigen und siegreichen Preußens zu ersetzen, – dafür hat Österreich nichts zu bieten. Aber«, sagte er, »der Gedanke des Herrn von Beust ist darum vielleicht doch ein richtiger, wenn ich ihn annehme und – wenn ich ihn ausführen kann,« rief er, indem sein matter Blick höher aufleuchtete, »dann wird die Geschichte über dies schwankende, stets zwischen Wollen und Fürchten schwebende Österreich hinwegschreiten. Ich werde einen neuen Weg versuchen, – den einzigen, der jetzt noch übrigbleibt, und wenn auf diesem Wege nur noch einmal mein Stern leuchtet, so werde ich weder Österreichs noch dieser süddeutschen Fürsten bedürfen, welche trotz all ihres souveränen Eigensinns Stein auf Stein zusammenfügen, um ein neues Kaisertum in Deutschland zu erbauen.«

»Der General Fleury!« meldete der Kammerdiener.

Pietri stand auf und zog sich durch die den Durchgang zu seinem Bureau maskierende Portiere zurück, während der Kaiser den General einzuführen befahl.

Der General, eine kräftige, etwas untersetzte Gestalt, deren Haltung halb militärische Festigkeit des Soldaten, halb Geschmeidigkeit des Hofmannes ausdrückte, trat ein und näherte sich schnell dem Lehnstuhl des Kaisers. Das etwas volle, stark markierte Gesicht dieses langjährigen Vertrauten Napoleons III., mit dem großen, vollen Schnurrbart, dem dichten, gelockten Haar und den kleinen, aber scharf und listig blickenden Augen, zeigte innige und lebhafte Teilnahme, und indem er ehrfurchtsvoll die Hand ergriff, welche der Kaiser ihm entgegenstreckte, sagte er mit seiner vollen und kräftig klingenden, aber zugleich sanft einschmeichelnden Stimme:

»Wie glücklich bin ich, daß Eure Majestät sich wieder vollständig zu erholen beginnen! Meine Abreise wird mit leichterem Herzen stattfinden, wenn ich der Besorgnis um die Gesundheit meines teuren und geliebten Souveräns überhoben bin.«

Der Kaiser dankte mit einem matten Lächeln für die Worte des Generals und sagte dann, indem er, wie seinen Schmerz zurückdrängend, sich gerade emporrichtete:

»Setzen Sie sich zu mir, mein lieber General, ich habe Ernstes mit Ihnen zu sprechen.«

General Fleury ließ sich in einen Lehnstuhl zur Seite des Kaisers nieder, seine Züge nahmen den Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit an.

»Ich habe Sie zum Botschafter in Petersburg ernannt«, fuhr Napoleon fort, »in der Überzeugung, daß niemand so geeignet sein könnte als Sie, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem Kaiser und mir zu pflegen und zu erhalten. Ihre Mission aber hat eine ernste Seite, über welche ich Ihnen persönlich, im Vertrauen auf Ihren Eifer und Ihre Diskretion, meine Gedanken mitzuteilen wünsche. Ich überlasse es Ihrer Geschicklichkeit, dem Fürsten Gortschakoff und dem Kaiser Alexander die Angelegenheit in einer Weise mitzuteilen, welche uns die Möglichkeit gäbe, auf Grund derselben, wenn Sie entgegenkommende Aufnahme finden, zu festen Abschlüssen zu gelangen, oder aber uns, ohne uns engagiert und kompromittiert zu haben, zurückziehen zu können.«

»Mein Eifer und meine Diskretion sind Eurer Majestät bekannt«, erwiderte der General.

»Sie wissen,« fuhr der Kaiser fort, »daß die Erfolge Preußens im Jahr 1866 durch die Haltung, welche Rußland zur Zeit der Verhandlungen von Nikolsburg einnahm, sehr wesentlich unterstützt wurden, und daß die Durchführung der preußischen Pläne in Deutschland sehr wesentlich von der Freundschaft Rußlands abhängt, durch welches die Ostgrenzen der preußischen Monarchie freigehalten und zugleich Österreich in jeder möglichen Aktion gelähmt wird.«

Der General neigte den Kopf.

»Mir ist die große Vorliebe, welche das russische Kabinett für Preußen zur Schau trägt, vollständig bekannt: – ich sage: zur Schau trägt, Sire, denn unter der Oberfläche machen sich andere Strömungen bemerkbar, und der Cäsarewitsch ist in seinen Äußerungen sehr zurückhaltend. Doch ist, nach den Andeutungen aller eingeweihten Kreise, das junge Rußland sehr wenig mit der Politik der Regierung einverstanden. Ich werde meine Fäden in dieser Beziehung immer weiter verfolgen und hoffe, bald genauer unterrichtet zu werden.«

Napoleon schüttelte den Kopf.

»Wenn der Thronfolger«, sagte er, »die Politik der Herrscher mißbilligt und wenn die Mißbilligung in den Kreisen seiner Umgebung sich noch schärfer kundgibt, so ist das eine allgemeine, wenig bedeutende Erscheinung, auf welche man vernünftigerweise keine politischen Berechnungen bauen kann. Außerdem liegt in Rußland die Möglichkeit eines Thronwechsels so fern, daß diese Eventualität für die Beurteilung der gegenwärtigen Lage Europas gar nicht in Betracht gezogen werden kann. Wir haben nicht mit dem Cäsarewitsch, nicht mit möglichen Männern der Zukunft, sondern mit dem Kaiser Alexander und dem Fürsten Gortschakoff zu rechnen oder vielmehr, was noch richtiger ist, Frankreich hat mit Rußland zu rechnen, denn die wahren Interessen dieser beiden Länder werden stets für ihre gegenseitigen Beziehungen maßgebend sein, und es kommt nur darauf an, diese wahren Interessen zu erkennen und zu gegenseitiger Unterstützung zu verbinden.«

Der General schwieg, ein wenig betroffen durch diese Bemerkung des Kaisers, deren Ton etwas schärfer gewesen war, als er sich sonst auszudrücken beliebte.

»Rußland muß sich,« fuhr der Kaiser fort, »nachdem es sich von den Wunden erholt hat, die ich einst gezwungen war ihm zu schlagen, mehr und mehr wieder seiner Aufgabe im Orient zuwenden, von deren Erfüllung seine Zukunft und die Entwickelung seiner Völker abhängt. Ich habe einst den Kaiser Nikolaus auf diesem Wege aufgehalten, nicht um Rußland zu schaden, sondern um den Vertreter des Legitimitätsprinzips, der sich mir feindlich gegenüberstellte, zur Anerkennung meines Kaisertums zu zwingen. Jene Rücksicht besteht für mich heute nicht mehr, und nichts stellt sich einer Verständigung mit Rußland entgegen. Es gibt überhaupt nur zwei Mächte,« fuhr er fort, während der General Fleury mit tiefer Aufmerksamkeit seinen Worten folgte, »welche Rußland in der Verfolgung seiner naturgemäßen Ziele zu unterstützen imstande sind. Und diese Mächte sind Preußen und Frankreich. Österreich muß naturgemäß sich mit Rußland im Orient feindlich begegnen, England kann niemals gestatten, daß Rußland auf dem Schwarzen Meere mächtig wird oder sich gar in den Dardanellen festsetzt. Frankreich allein kann dies ruhig mit ansehen, ebenso wie Preußen, und beide Mächte können Rußland nützlich werden. Preußen, indem es Rußland den Rücken deckt und es ihm möglich macht, alle seine Kräfte nach dem Orient hin zu konzentrieren. Frankreich aber kann mehr tun. Es kann sich aktiv mit Rußland verbinden, um den Orient zu reformieren, und wenn Frankreich und Rußland eine bestimmte Form beschlossen haben, so sind sie imstande, auch allen Gegnern zum Trotz dieselbe durchzuführen.«

»Ich habe bereits Eure Majestät darauf aufmerksam gemacht,« sagte General Fleury, »daß diese Gesichtspunkte in Petersburg vollkommen gewürdigt werden, namentlich was das Verhältnis zu Preußen betrifft. An solche Freundschaft scheint man, wie ich fortwährend Gelegenheit habe zu bemerken, nicht recht zu glauben, – man vergißt zwar in Petersburg –«

»Eine kluge Politik«, fiel der Kaiser ein, »muß stets zu vergessen verstehen. Und Ihre Aufgabe, mein lieber General, ist es, nicht nur die Vergangenheit vergessen zu machen, sondern auch dem Gedanken einer künftigen Verständigung auf der Grundlage, die ich Ihnen soeben entwickelt, dort Eingang zu verschaffen. Sie werden sagen,« fuhr er fort, »daß, wie ich schon soeben bemerkte, Frankreich mehr für die Erfüllung der naturgemäßen politischen Wünsche Rußlands tun könne als Preußen, und daß es vor allen Dingen weniger verlangt, daß es von Rußland selbst gar nichts verlangt, als seinen Beistand zur Unterdrückung des in drohender und feindseliger Gestalt emporsteigenden Deutschen Reiches in der Mitte Europas. Ich glaube, man muß dies in Rußland begreifen. Und Ihre Sache ist es, dieselben Pläne dort wieder aufleben zu lassen, welche einst zwischen dem ersten Alexander und meinem großen Oheim verabredet waren, dabei aber zugleich das Vertrauen zu erwecken, daß ich meinerseits nicht in den Fehler verfallen würde, der für den ersten Kaiser so verhängnisvoll war, mich von der Allianz mit Rußland abzuwenden. Sie können hinzufügen,« fuhr er fort, »daß auch Nordamerika, welches sich ja Rußland naturgemäß nähert und nähern muß, der alte Alliierte Frankreichs ist, und daß die Trübung, welche in unserem Verhältnis zu den Vereinigten Staaten durch die mexikanische Expedition eingetreten ist, durch die Vermittelung des Petersburger Kabinetts leicht beseitigt werden könnte.«

»Sire,« sagte der General, »es gibt eine große Frage, welche zwischen Frankreich und Rußland steht und über welche, wenn es sich um eine Herstellung engerer und besserer Beziehungen zwischen beiden Reichen handelt, nicht stillschweigend hinweggegangen werden kann. Diese Frage, Sire, ist die polnische, und ich möchte Eure Majestät bitten –«

»Polen,« sagte der Kaiser achselzuckend, »was heißt Polen? Das alte Polen war für Frankreich eine Etappe, um den Einfluß auf den Orient nicht zu verlieren. Die polnische Revolution ist heute für uns eine mächtige Waffe, welche wir sowohl gegen Rußland als gegen Preußen und Österreich kehren können und die wir nicht aus der Hand geben dürfen, solange wir nicht feste Garantien haben, auf lange hinaus mit Rußland gleiche Ziele in Europa zu verfolgen. Sobald diese Garantien geschaffen sind, sobald ich mich mit dem Kaiser Alexander verständigt habe, das Abend- und Morgenland zwischen Frankreich und Rußland zu teilen und Europa unter die Führung der lateinischen und slavischen Rassen zu stellen, habe ich kein Interesse daran, dieses immerhin zweischneidige Schwert, das die polnische Frage für uns bietet, länger in der Hand zu halten. Sie können das sehr bestimmt aussprechen,« fügte er hinzu, »und der Kaiser kann vollkommen sicher sein, daß jede direkte oder indirekte Begünstigung der polnischen Nationalitätsbestrebungen in demselben Augenblick aufhören wird, in welchem ein festes Bündnis zwischen Frankreich und Rußland geschlossen ist.«

»Eure Majestät befehlen also,« sagte der General, »daß ich in dieser Beziehung ganz bestimmte Anträge stellen soll?«

»Ich wünsche dies«, sagte der Kaiser, »und habe Ihnen die Punkte bezeichnet, welche für diese Anträge maßgebend sind. Polen kann kein Hindernis bilden, – um so weniger als der arme Walewsky tot ist, dieses große, edle und treue Herz, welches ein lebendiges Band zwischen dem kaiserlichen Frankreich und dem Blut der polnischen Nation bildete.«

Er versank einen Augenblick in trübes, schmerzliches Nachsinnen, dann schlug er das Auge groß und voll zu dem General auf, und indem sein Blick sich mit einem eigentümlichen Feuer beleuchtete, sprach er weiter:

»Dies sind die Gesichtspunkte, welche ich Ihnen zunächst als maßgebend für Ihre diplomatische Tätigkeit in Petersburg bezeichnen möchte, es sind die Gesichtspunkte, welche eine Politik zu bestimmen haben würde, die ich als Kabinettspolitik bezeichnen möchte. Sollten Sie aber finden,« fuhr er lebhafter fort, »daß der Kaiser Alexander und der Fürst Gortschakoff weiteren und größeren Ideen zugänglich sein möchten, daß es möglich wäre, sie aus den engen Grenzen der Kabinettspolitik auf die nationale Politik hinzuführen, dann, mein lieber General, werden Sie neue und größere Gesichtspunkte zu entwickeln haben. Sie werden dann darauf aufmerksam machen, daß es vielleicht im Interesse Rußlands und Frankreichs richtiger wäre, die nationale Entwickelung des Völker- und Staatslebens in Europa zum Abschluß gelangen zu lassen, und daß es besser wäre, ein konsolidiertes Deutschland bestehen zu lassen, als fortwährend die ringenden Elemente der deutschen Nation gewaltsam niederzuhalten und so die Welt fortwährend in Unruhe und Aufregung zu erhalten. Vielleicht würde es Rußland gelingen, das Berliner Kabinett zu einer Verständigung mit mir zu bestimmen, welche ich so lange schon vergeblich suche, und es zu denjenigen Konzessionen zu bewegen, welche ich verlangen muß, um die Aufrichtung des Deutschen Reiches zu gestatten. Dann könnten Frankreich und Rußland als mächtiger Schiedsgerichtshof an die Spitze von Europa treten und die große Aufgabe erfüllen, welche sich einst die heilige Allianz gestellt hatte, – diese Allianz, die wirkungslos blieb und zusammenbrechen mußte, weil sie Frankreich ausgeschlossen hatte und weil sie Österreich, diesen künstlichen Staat ohne innere Lebenskraft, in sich aufnahm. Die lateinischen Rassen bis zum Rhein,« fuhr er fort, indem sein Auge sich weiter und weiter öffnete, »die germanischen Rassen bis zur Weichsel und bis zu den Alpen hinab und dann die Slaven in all den weiten Gebieten des Ostens, – wenn die Welt so geteilt wird und wenn diese drei großen nationalen Reiche, denen sich alle übrigen Staaten in nationaler Affinität anschließen müßten, untereinander einig sind, dann gehört ihnen die Welt, dann ist der Friede für immer gesichert. »Dann«, fügte er hinzu, indem ein düsteres Feuer aus seinen Augen blitzte, »wird auch die Rolle Englands in Europa ausgespielt sein, dieses Englands, das überall die Wege Frankreichs gekreuzt hat, das den Kaiser an den Felsen von Sankt Helena fesselte, – dann wird die wahre, die letzte Revanche für Waterloo genommen sein, und dann wird ohne Krieg, ohne Blutvergießen die Zukunft Europas, sowie die Zukunft Frankreichs und meines Hauses gesichert sein, – dann wird das Gebäude seine Krönung erhalten haben, an dessen Aufrichtung ich meines Lebens Arbeit und Kraft gesetzt.«

»Sire,« sagte der General, »Eure Majestät sehen mich von staunender Bewunderung erfüllt über die so großen, weltumfassenden und doch so einfachen Gedanken, welche Ihre Worte mir eröffnen, und ich bin glücklich und stolz, daß Allerhöchst Ihr Vertrauen mir eine so bedeutungsvolle Rolle in der Ausführung dieses Gedankens überträgt. Doch zugleich«, fuhr er fort, »fühle ich mich von banger Furcht bedrückt, ob es mir gelingen kann, die mir gestellte Aufgabe zu erfüllen. Die Schwierigkeiten sind groß, die Geschicklichkeit unserer Gegner tritt uns überall hemmend entgegen und – ich bin ein Neuling in der Diplomatie.«

»Gerade das«, sagte der Kaiser lächelnd, »ist die Bedingung des Gelingens. Um neue Bahnen zu verfolgen, darf man nicht durch die Gewohnheit im alten Geleise festgehalten werden. Die alte Diplomatie steckt zu tief in den hergebrachten Formeln und Anschauungen, um nicht vor Zielen zurückzuschrecken, welche alle früheren Kombinationen über den Haufen werfen. Gehen Sie darum mutig an das Werk, in der Überzeugung, daß, wenn dasselbe gelingt, Sie nicht nur mir, sondern der ganzen Welt einen großen Dienst geleistet haben. Ich habe«, fuhr er fort, »die Idee, welche ich Ihnen ausgesprochen, mir in ihren Hauptgesichtspunkten notiert. Ich wollte sie Ihnen jedoch zunächst mündlich entwickeln, da der lebendige Gedanke sich besser durch das lebendige Wort mitteilt, als durch schriftliche Notizen, die sich, mögen sie so klar sein als sie immer wollen, zu dem gesprochenen Wort verhalten, wie ein Porträt zu dem lebenden und bewegten Menschenantlitz.«

Er erhob sich mit einiger Mühe aus dem Lehnstuhl, öffnete eine in seiner Nähe stehende Kassette und reichte dem General einen beschriebenen Bogen in Quartformat.

»Den ersten Teil dessen, was ich Ihnen gesagt habe, mein lieber General,« sprach er dann, indem er sich wieder auf seinen Stuhl niedersinken ließ, »werden Sie zum Gegenstand Ihrer Berichte an das auswärtige Ministerium machen. Über den zweiten, weiteren Gesichtspunkt meiner Instruktionen wollen Sie nur mir berichten, dabei aber bitte ich Sie, festzuhalten, daß gerade dieser zweite Gesichtspunkt der wichtigste ist, daß Sie meinen Wünschen am besten entsprechen werden, wenn Sie das große Werk der Herstellung des nationalen Gleichgewichts in Europa anzubahnen vermögen.«

Er reichte dem General die Hand und sagte mit freundlichem Lächeln:

»Ich sehe Sie noch vor Ihrer Abreise, doch nehme ich eigentlich jetzt schon Abschied von Ihnen, denn wir werden auf unser heutiges Gespräch nicht zurückkommen, – über die wichtigsten Dinge muß man nur einmal sprechen, – um dann zu handeln.«

»Verlassen sich Eure Majestät auf mich,« sagte der General, »ich werde –«

Der eintretende Kammerdiener meldete Madame Cornu.

Der Kaiser erhob sich, legte, leicht gegen den General den Kopf neigend, seinen Finger auf den Mund und ging einer Dame von etwa sechzig bis einundsechzig Jahren entgegen, welche in einfacher, etwas matronenhafter Toilette, aber mit noch jugendlich elastischem Schritt in das Kabinett trat und die Hand des Kaisers mit inniger und herzlicher Vertraulichkeit drückte, während der General, sich an der Tür noch einmal tief verneigend, das Zimmer verließ.

Madame Cornu, die Milchschwester des Kaisers, deren scharfes, geistvolles Gesicht mit den hellen, glänzenden Augen zugleich freundliche Heiterkeit und wohlwollende Güte ausdrückte, stützte mit zärtlicher Sorgfalt den Arm Napoleons, der sich etwas unsicher aufrecht erhielt, und führte ihn zu seinem Lehnstuhl zurück, indem sie mit ihrer sanften, aber jedes Wort scharf akzentuierenden Stimme sprach:

»Mein Gott, mein teurer Sire, so ist es denn wirklich wahr, daß Sie wieder leidend sind? Sie sehen in der Tat angegriffen aus, Sie müssen sich schonen, Sie müssen sich mehr Ruhe gönnen.«

»Ruhe, meine liebe Freundin?« sagte der Kaiser seufzend, – »auf dem Thron Frankreichs gibt es keine Ruhe. Bald vielleicht«, fuhr er düster fort, »werde ich sie für immer finden. Aber weil mir diese letzte Ruhe so nahe ist, muß ich die Zeit, die mir noch bleibt, zur Arbeit benützen, um meines Kindes Zukunft sicherzustellen.«

»Sie glauben noch immer nicht«, sagte Madame Cornu, indem sie sich neben dem Kaiser niederließ und ihm treuherzig in die Augen sah, »an die Sicherheit der Zukunft, nachdem Ihr Thron nun schon seit zwanzig Jahren fest, immer fester und fester steht, weit fester, mein teurer Sire, als einst der Thron Ihres Oheims stand, dessen Kaisertum an der Spitze seines Degens hing, während das Ihrige auf der freien Zustimmung des Volkes ruht, das Sie liebt und Ihnen Glück und Wohlstand verdankt?«

»Was ist die Liebe des Volks,« sagte der Kaiser sinnend, – »und hängt nicht auch mein Kaisertum an der Spitze des Degens? Würde die Liebe des Volks mir bleiben ohne die Furcht, – wenn das Schwert in meiner Hand einst zerbrechen sollte? Oh, meine Freundin,« sagte er, »ich möchte oft, wie jener träumerische Karl V., mich aus der Welt zurückziehen in die tiefe Einsamkeit, denn es scheint mir wahrlich oft nicht wert, so viel Mühe, Sorge und Arbeit daranzusetzen, um eine Welt zu beherrschen, die uns so wenig Dank weiß und uns so schnell vergißt, wenn das Glück sich von uns wendet.«

Madame Cornu lächelte, indem ein Zug neckischer Schalkhaftigkeit sich um ihre Lippen legte.

»Ich bedaure, daß ich Eure Majestät in einer solchen Eremitenlaune finde,« sagte sie dann, »denn ich war eigentlich in der Absicht hergekommen, mit Ihnen ein wenig von Politik zu sprechen, – von jener kleinen Hauspolitik, welche die Damen zuweilen machen und welche Sie mir zu machen erlaubt haben, um meinen Freunden nützlich zu sein und zugleich auch Ihnen, der Sie immer an der Spitze aller meiner Freunde stehen, zu dienen.«

»Ah, ah!« machte der Kaiser, indem ein Schimmer von Heiterkeit einen Augenblick über seine abgespannten und leidenden Züge flog, – »handelt es sich wieder etwa darum, einem Ihrer lieben Zöglinge, einem Prinzen von Hohenzollern, für welche alle Sie eine so große Zärtlichkeit haben, ein kleines, entlegenes Fürstentum zu verschaffen, oder wollen Sie gar dem kleinen Fürsten von Rumänien einen großen walachischen Thron errichten?«

»Das kann später kommen,« sagte Madame Cornu lachend, »mein lieber Charles von Rumänien scheint noch zu großen Dingen berufen zu sein, wenn jene glimmenden Kohlen im Osten, auf welche die europäischen Mächte gelegentlich ein wenig blasen, um einander zu schrecken, einmal wirklich zu hellen Flammen aufschlagen. Für jetzt aber wollen wir ihn mit seinen Ministern, die so unaussprechliche Namen haben, die armen Walachen konstitutionell dressieren lassen. Ich habe in diesem Augenblick nicht an den Fürsten Karl gedacht, aber ich wollte ein wenig mich über den Prinzen Leopold mit Eurer Majestät unterhalten, für den es doch eigentlich nicht angenehm ist, als ein kleiner, apanagierter Prinz durch die Welt zu ziehen, während sein jüngerer Bruder auf dem Thron sitzt, der, so unsicher und schwankend er sein mag, doch immer ein Thron ist und ihm Gelegenheit bietet, für seinen Ehrgeiz zu arbeiten.«

Der Kaiser wurde ernst, zu dem Ausdruck körperlichen Leidens, den sein Gesicht zeigte, gesellte sich eine trübe Stimmung.

»Und wohin wollen Sie«, fragte er, ohne auf den heitern Ton seiner Freundin einzugehen, »den Erbprinzen Leopold placieren? – Ich habe schon einmal daran gedacht,« sagte er leise, indem seine Augenbrauen sich finster zusammenzogen, »ihm ein sort zu machen. Aber meine Absicht fand da keine Unterstützung, wo man doch am meisten daran denken sollte, für die Hohenzollern zu sorgen.«

»Ich,« sagte Madame Cornu, indem sie ein wenig betroffen in das finstere Gesicht des Kaisers blickte, »ich denke eigentlich nicht daran, diesen lieben Leopold zu placieren. Aber man hat mir von einer Idee gesprochen, ihn auf den erledigten Thron von Spanien zu setzen, für welchen man bis jetzt überall Kandidaten gesucht hat und welcher auch zwar nicht angenehm und sicher ist, aber doch eine ruhmvolle und glänzende Stellung bietet und einem ehrgeizigen und charaktervollen Prinzen Gelegenheit zu einer großen Laufbahn geben kann.«

Der Kaiser sah ernst und forschend in das Gesicht der Madame Cornu.

»Und wer hat Ihnen davon gesprochen?« fragte er.

»Eigentlich, mein teurer Sire,« erwiderte sie, »habe ich versprochen, das nicht zu sagen, aber vor Ihnen, meinem Freunde und meinem gnädigen Souverän habe ich keine Geheimnisse. Ein Herr aus der Umgebung des Marschalls Prim, Campos, war hier, und durch ihn –«

»Prim,« rief der Kaiser, indem er sich erstaunt aufrichtete, »Prim hat diesen Gedanken, während ich glaubte, daß er für die Restauration des Prinzen von Asturien tätig sein würde?!«

»Das kann ich kaum glauben,« sagte Madame Cornu, »es sind mir in so bestimmter Weise die Vorteile einer Thronbesteigung des Prinzen Leopold auseinandergesetzt worden, daß ich annehmen muß, man wolle dieser Frage ernsthaft näher treten. Man hat mir gesagt,« fuhr sie fort, »daß die vielseitige Bildung des Prinzen ihn befähige, die so verwickelten politischen Verhältnisse in Spanien zu beurteilen, daß sein militärisch fester Charakter ihm die Energie geben werde, die herrschsüchtigen Parteien unter die Monarchie zu beugen, daß seine Verwandtschaft mit dem portugiesischen Königshause ihn allen denjenigen angenehm machen würde, welche ein ungeteiltes iberisches Reich erstreben.«

»Das wäre die Beseitigung des englischen Einflusses auf der Halbinsel«, fiel der Kaiser ein, indem seine Züge sich ein wenig erheiterten.

»Endlich«, sagte Madame Cornu, »hat man betont, daß der Prinz mit Eurer Majestät verwandt sei, und daß dadurch die so wünschenswerte Einigkeit zwischen Spanien und Frankreich, welche stets das Ziel der französischen Politik war, solange die Bourbons auf dem Thron Frankreichs saßen, nun auch durch die napoleonische Dynastie hergestellt und neu befestigt werden würde.«

»Er ist mit mir verwandt,« sagte der Kaiser, sinnend vor sich hinblickend, – »aber erinnert er sich dessen? – er ist preußischer Offizier, – er führt den Namen Hohenzollern, – würde nicht seine Thronbesteigung in Spanien dort eine Filiale der preußischen Politik errichten? Würde nicht das preußische Haus dahin streben, dieselben Wege zu gehen, welche einst die Habsburger verfolgten, um Frankreich von zwei Seiten anzugreifen? – Es war ein deutscher Fürst auf dem spanischen Thron, welcher Franz I. gefangen hielt, – sie haben einen weitreichenden Arm, diese Könige aus dem Hause Hohenzollern in Preußen, und die preußische Uniform hat eine Art von magischer Kraft, sie umfaßt alle diejenigen, die sie jemals getragen, mit einer Art von Freimaurertum – –«

Er versank in schweigendes Nachsinnen.

»Endlich«, fuhr Madame Cornu fort, nachdem sie einen Augenblick auf eine Äußerung des Kaisers gewartet hatte, »hat man mir noch hervorgehoben, daß vielleicht eine solche Begünstigung des Prinzen von Hohenzollern dazu führen könne, den Konflikt zu lösen, welcher seit 1866 zwischen Frankreich und Preußen besteht.«

Der Kaiser schüttelte den Kopf und richtete sich empor.

»Man lehnt ja«, rief er mit einem zürnenden Ton der Stimme, »in Berlin jedes Entgegenkommen zur Lösung dieses Konfliktes ab. Ich habe schon so oft und bei so vielen Gelegenheiten die Hand geboten, man will dies nicht begreifen, man bleibt dabei, sich Deutschland unterwerfen zu wollen, ohne Frankreich Kompensationen zu bieten. Erst jetzt noch hat der Graf Gurowsky in diesem Sinne dort sondiert, er hat keine Antwort erhalten, und doch waren seine Ideen vielleicht annehmbar, wenn man nur den guten Willen gehabt hätte. Freilich«, fuhr er dann ruhiger fort, »war dieser Graf kaum der richtige Unterhändler und die Restauration des Prinzen von Asturien würde nicht eine so gute Basis der Verständigung zu bieten imstande sein als die Erhebung des Erbprinzen von Hohenzollern.«

Er schwieg abermals einen Augenblick.

»Und wie denkt der Prinz Leopold?« fragte er dann plötzlich, den Blick scharf und fest auf Madame Cornu richtend.

»So wie ich den Prinzen kenne,« erwiderte diese mit unbefangenem Ton, »glaube ich, daß sein Ehrgeiz ihn reizen würde, die spanische Krone anzunehmen, und vielleicht würde auch seine Gemahlin nicht ungern mit ihm einen Thron besteigen, auf welchem sie von einer heimatlicheren Luft als derjenigen Berlins umweht würde.«

»Und was werden Sie auf die Ihnen gemachten Andeutungen antworten?« fragte Napoleon.

»Ich werde antworten,« erwiderte Madame Cornu, »sobald ich wissen werde, was mein gnädigster Kaiser über die Sache denkt.«

Napoleon stand langsam auf, legte seine Hand auf den Arm der Dame und machte, von derselben unterstützt, einige Schritte durch das Zimmer.

»Der Gedanke ist nicht übel,« sagte er, halb für sich, halb zu Madame Cornu sprechend, »er ist jedenfalls wert, ihn ein wenig zu verfolgen und kann Gelegenheit geben, nützliche Fäden anzuknüpfen. Und wenn der Prinz Leopold wirklich daran denken sollte, daß er mein Verwandter wäre, bevor er preußischer Prinz und Offizier wurde – – wenn Sie über die Sache sprechen,« sagte er dann, indem er sich etwas schwerfällig wieder in seinen Stuhl setzte, »so sagen Sie, daß Ihnen der ganze Plan sehr zweckmäßig und nützlich erschiene, und suchen Sie eine weitere Verfolgung desselben anzuregen, – sprechen Sie aber nicht von mir, nennen Sie mich nicht, – man wird schon annehmen,« fügte er lächelnd hinzu, »daß Sie keine Ansicht aussprechen, welche mir ganz fremd wäre. Und vor allem«, fügte er lächelnd hinzu, »suchen Sie sich ganz auf vertraulichem Wege zu vergewissern, wie der Prinz Leopold über die Annahme der spanischen Krone denkt und wie er die Aufgabe erfaßt, welche ihm aus seiner Thronbesteigung erwachsen würde; – am besten wäre es, wenn die ganze Sache abgemacht werden könnte und wenn man imstande wäre, erst im letzten Augenblick mit derselben an Preußen heranzutreten, um sie zum Gegenstand eines Arrangements zu machen. Diese Hand ist geschickt genug,« sagte er lächelnd, indem er leicht die noch jugendlich frische und zarte Hand seiner Freundin berührte, »um, wie einst Penelope, das Gewebe zusammenzufügen, das man, wenn es sein muß, wieder aufzulösen imstande wäre.«

»Ich verstehe, mein teurer Sire,« sagte Madame Cornu, »und hoffe, in diesem Punkt die Gemahlin des Odysseus nachahmen zu können, wenn auch«, sagte sie seufzend, halb scherzend, halb wehmütig, »diese welkgewordene Hand kaum noch Hunderte von Freiern sich erwerben würde.«

»Ja, ja,« sagte der Kaiser, traurig das Haupt neigend, »die Zeit, die niemanden verschont, hat auch uns mit ihrem verdorrenden Stabe berührt – aber Sie sind glücklicher als ich, bei den Frauen bleibt der Geist jung und das Herz, das Herz vor allem, während wir, je höher wir stehen auf der Stufenleiter des Lebens, nur um so schneller stumpf und kalt werden.«

»Mein teurer Sire!« rief Madame Cornu, indem sie mit inniger Zärtlichkeit die Hand des Kaisers drückte, »die so traurigen und schmerzlichen Worte, die Sie sprechen, beweisen ja doch am besten, daß Ihr Herz noch fühlt, und Frankreich, ja die ganze Welt weiß es, wie klar und scharf Ihr Geist ist, vor dessen Überlegenheit sie sich beugt.«

»Mein Herz fühlt nur noch,« sagte der Kaiser dumpf, »um zu leiden; die freudigen Schläge seiner Jugend sind zu schmerzhaften Zuckungen geworden, und die Überlegenheit meines Geistes,« sagte er, traurig den Kopf schüttelnd, »es gibt viele, die sie nicht anerkennen wollen –«

»Die sie aber empfinden werden,« fiel Madame Cornu ein, »sobald sie es wagen sollten, ihre heimlichen Wünsche zur Tat werden zu lassen und sich gegen Frankreich und seinen Kaiser zu erheben.«

Sie stand auf, und indem sie ihren frühern heitern Ton wieder annahm, sagte sie:

»So darf ich denn Eure Majestät verlassen mit der frohen Hoffnung, diesem guten, lieben Leopold eine Krone zu verschaffen, die glänzender sein wird, als der Fürstenhut des armen Karl von Rumänien?«

»Apropos,« sagte der Kaiser, »Sie sehen ja zuweilen Alexander Dumas und seine Tochter –«

»Eine vortreffliche Frau, Sire,« sagte Madame Cornu, »welche mit allen Talenten das beste und treueste Herz vereint und in der aufopferndsten Weise für ihren Vater sorgt.«

»Man hat mir«, sagte der Kaiser, »von der Idee gesprochen, diesem armen Dumas, dessen Verhältnisse leider nicht glänzend sind, ein Vermögen oder mindestens eine lebenslängliche Revenue zu schaffen. Die Stadt Paris soll sich an die Spitze dieses Werkes stellen, und alle seine zahlreichen Freunde und Verehrer sollen angeregt werden, dazu beizutragen.«

»Ich habe davon gehört,« sagte Madame Cornu, »und es wäre in der Tat eine Ehrenpflicht für die französische Nation, diesem so wahrhaft nationalen und liebenswürdigen Dichter, der in der Wohltätigkeit ebenso verschwenderisch war, wie in seinen geistigen Schöpfungen, den Abend seines Lebens sorgenfrei zu machen.«

»Er liebt mich nicht,« sagte der Kaiser mit einem sanften, freundlichen Lächeln, »er nennt mich Monsieur Buonaparte, er hat mich nicht anerkannt und er hat mir, um ein Buch aus meiner Privatbibliothek zu haben, einen Brief geschrieben, in welchem er mich nur als Kollegen wegen meines ›Leben Cäsars‹ behandelt – aber ich, ich liebe ihn als Schriftsteller wie als Mensch. Erkundigen Sie sich ein wenig nach der Sache und teilen Sie mir mit, was ich tun kann, um dieselbe zu fördern und zu unterstützen. Ich werde mich meinerseits daran beteiligen und alles tun, um ihm zu beweisen, daß ich den Dichterfürsten anerkenne, wenn er auch den Kaiser nicht anerkennen will.«

»Oh, Sire!« rief Madame Cornu, »Sie machen mich glücklich und ich verlasse Sie voll Freude, denn ich nehme die Hoffnung mit, einem jungen Prinzen, den ich liebe, eine Krone zu schaffen und einen edlen und großen Geist vor dem Elend und den dringenden Sorgen des Lebens zu schützen. Gott segne Eure Majestät und erhalte Frankreich und Ihren Freunden noch lange das kaiserliche Herz, das trotz der Jahre nicht alt geworden ist, wenn es gilt, zu beglücken und wohlzutun.«

Sie drückte einige Augenblicke die Hand des Kaisers in der ihrigen, während sie ihm innig in die Augen sah, dann verließ sie das Zimmer, während der Kaiser ihr freundlich zunickte.

»Sie ist eine treue Freundin,« sagte er dann, indem er ihr nachblickte, – »aber wie viele Freunde bleiben mir noch?« – und der mein bester Freund werden sollte, für den ich diese Qual und Arbeit ertrage – er ist noch ein Kind, unfähig, des Lebens Stürmen zu widerstehen. Werde ich es erleben, ihn als Mann vor mir zu sehen?« Werde ich jemals mein vollendet Werk in seine kräftig erstarkten Hände niederlegen können?«

Er saß lange in trübem Sinnen da. Dann erhob er sich, öffnete die Portiere, welche zu seinem Geheimsekretär führte, und rief Pietri.

Fast unmittelbar darauf erschien der Gerufene.

»Ich habe noch einige Augenblicke Zeit,« sagte der Kaiser, »haben Sie noch Korrespondenzen, die einer eiligen Erledigung bedürfen?«

»Ich habe da«, fuhr er fort, bevor Pietri antworten konnte, »den Bericht der Person, die Sie kennen, über die preußischen Streitkräfte und die Organisation der preußischen Armee durchgelesen.«

Er reichte Pietri ein kleines Heft, das aus einem Tisch in der Nähe seines Lehnstuhles lag.

»Die Angaben stimmen fast überall mit denen des Obersten Stoffel überein. Es ist eine furchtbare, gewaltige Macht, die da an unseren Grenzen steht.«

»Der Marschall Niel, Sire,« erwiderte Pietri, »kennt ganz genau das Gefüge dieser Macht und war unermüdlich tätig, um die französische Armee derselben ebenbürtig und überlegen zu machen. Ich muß Eurer Majestät aufrichtig sagen, daß ich manche Äußerungen gehört habe, welche Zweifel aufsteigen lassen, ob das Werk des Marschalls ganz in seinem Geist erhalten und fortgeführt werde.«

»Leider, leider«, sagte Napoleon, »sind sie uns dort in vielen Dingen überlegen – ich weiß das sehr gut und wüßte ich es nicht, diesem Zustande verhängnisvoller Unsicherheit wäre schon längst ein Ende gemacht. Aber«, sagte er dann, »es gibt ein Wort, das mich beruhigt, und ich habe es auf diese Darstellung der preußischen Militärkräfte geschrieben.«

Pietri blickte auf das Papier, welches er in seiner Hand hielt.

Auf dem Umschlag des Berichts stand eine Zeile von des Kaisers kleiner und zierlicher Handschrift.

Pietri las:

»Die Mitrailleusen werden das Gleichgewicht wiederherstellen.«

»Ich hoffe, nicht das Gleichgewicht«, sagte er, »sondern das Übergewicht, welches Frankreich gebührt.«

»Ich bin mit dem Gleichgewicht zufrieden,« sagte Napoleon mit mattem Lächeln, »und am meisten zufrieden, wenn ich es ohne die Mitrailleusen herstellen kann. Was haben Sie noch?« fragte er dann.

Pietri öffnete seine Mappe und durchmusterte flüchtig die in derselben befindlichen Briefe.

»Hier ist«, begann er – doch plötzlich fuhr er, den Blick auf den Kaiser richtend, mit einem jähen Schrei des Schreckens empor.

Napoleon lag gebrochen und wie leblos in seinem Sessel, die Hände krampfhaft geballt, den Kopf auf die Lehne zurückgesunken. Seine Augen waren geschlossen, sein Gesicht erdfahl, aus dem geöffneten Munde drangen röchelnde Atemzüge hervor – ohne diese Atemzüge, das einzige Zeichen des Lebens in diesem starren Körper, hätte man glauben können, eine Leiche vor sich zu sehen.

»Mein Gott, Sire,« rief Pietri, »welch ein Zufall! Was ist Eurer Majestät widerfahren?«

Er hob das Haupt des Kaisers empor. Napoleon öffnete einen Augenblick die Augen. Ein starrer, fast gebrochener Blick traf seinen Sekretär, dann senkten sich seine Augenlider wieder herab, ein schmerzliches Zucken lief durch seinen Körper. Kaum hörbar flüsterte er:

»Ich leide, Pietri, oh, welche Schmerzen! Es ist aus!«

Starr vor Entsetzen ergriff Pietri die kleine Handglocke des Kaisers und bewegte sie heftig.

In wenigen Augenblicken war der Kammerdiener, die Adjutanten vom Dienst und einige Lakaien im Zimmer.

Der Kaiser, welcher außer seinem schmerzlichen Stöhnen kein Lebenszeichen von sich gab, wurde entkleidet und in sein Schlafzimmer getragen.

Reitende Ordonnanzen flogen davon, um Doktor Nélaton und Doktor Conneau zu suchen.

Als der Kaiser auf seinem Bett lag, öffnete er die Augen. Er schien eine gewaltsame Willensanstrengung zu machen, um Herr über seine Schmerzen und seine Ohnmacht zu werden.

»Man soll kein Aufsehen machen,« sagte er mit fester Stimme, »niemand soll von diesem Anfall etwas erfahren – niemand, weder in den Tuilerien, noch in der Stadt«, und abermals versank er in eine starre Lethargie.

Nach einigen Minuten eilte die Kaiserin angstvoll und aufgeregt in das Schlafzimmer ihres Gemahls.

»Mein Gott, Louis!« rief sie, »was ist geschehen? was haben Sie?«

Der Kaiser antwortete nicht. Pietri erzählte der Kaiserin, wie der plötzliche Anfall gekommen sei, und wiederholte ihr den Wunsch des Kaisers, alles geheimzuhalten.

Der Doktor Conneau erschien zuerst. Bald folgte ihm Nélaton.

Die Kaiserin verließ das Schlafzimmer, und die Ärzte blieben mit dem gebrochen daliegenden Imperator allein.

Eine halbe Stunde lang wartete die Kaiserin in dem Kabinett ihres Gemahls, bald finster in sich zusammengebeugt in einem Lehnstuhl dasitzend, bald wieder mit heftigen Schritten voll unruhiger Angst und Erregung auf und nieder gehend.

Endlich erschienen die Ärzte.

In atemloser Spannung trat die Kaiserin ihnen entgegen.

»Es ist ein heftiger rheumatischer Anfall,« sagte Doktor Conneau, »der sich auf die Nerven und die inneren Teile geworfen hat und der die sorgfältigste Behandlung, die tiefste Ruhe erfordert.«

»Und ist Gefahr vorhanden?« fragte die Kaiserin mit starrem Blick. »Wird es vorübergehen?«

»Rheumatische Affektionen«, sagte Doktor Nélaton, »sind unberechenbar, Madame. Wenn die Kraft des Organismus ausreicht und keine ungünstigen Zufälle eintreten, so wird der Kaiser in einigen Monaten völlig wiederhergestellt sein. – Der Kaiser hat Eure Majestät zu sehen gewünscht,« fügte er hinzu, »aber ich bitte Sie, nicht lange bei ihm zu bleiben, denn die tiefste Ruhe ist unabweislich notwendig.«

Die Kaiserin eilte in das Schlafzimmer ihres Gemahls.

Napoleon lag ruhig, blaß und abgespannt, aber mit klaren Blicken in seinem Bett.

Zu den Füßen desselben stand ein tiefer Lehnstuhl, – die Kaiserin, schnell herantretend, ließ sich in denselben nieder und ergriff die auf der Decke des Bettes liegende Hand ihres Gemahls.

»Mein teurer Louis!« rief sie, – »was haben Sie? – ich bin –«

»Hören Sie mich an Eugenie,« fiel der Kaiser ein, indem sein groß geöffnetes Auge sich mit scharfem, durchdringendem Blick auf seine Gemahlin richtete, – »ich bin ins Leben hineingetroffen, – dieser Anfall war wirklich eine Berührung der Hand des Todes, welche sich an mein Herz legte –«

»Großer Gott, Louis!« rief die Kaiserin, »welcher Gedanke – –«

Napoleon erhob die Hand, um ihre weiteren Worte abzuschneiden, und sprach:

»Ich weiß das genau, – so etwas fühlt man, – die lebendige Natur schauert unter der ersten Annäherung ihrer Zerstörung – die Ärzte sagen mir, ich werde in einiger Zeit – immerhin in keiner kurzen Zeit – von diesem Anfall hergestellt sein, – ich glaube das, es mag möglich sein, – immerhin aber ist es gewiß, daß dies der Anfang vom Ende war –«

»Ich bitte Sie,« sagte die Kaiserin, in deren Blicken Angst und Besorgnis zitterten – »regen Sie sich nicht auf –«

»Ich bin ganz ruhig,« sprach der Kaiser, »und eben deshalb will ich an das Ende denken, dessen Möglichkeit mir durch diesen Anfall wieder so recht nahe vor Augen gestellt ist. – Eugenie,« sagte er, »wenn ich sterbe, muß die Regierung in Händen sein, welche das Vertrauen der liberalen Bourgeoisie besitzen, – denn ohne diese wird niemand eine Revolution machen, – und welche zugleich von Ihnen sich lenken lassen. – Ein Krieg zur Wiederherstellung der festen Grundlage unseres Thrones ist ja in diesem Augenblick unmöglich,« – er blickte seufzend auf seine blaß und abgemagert unter der gekräuselten Manschette hervorsehende Hand, welche fast derjenigen einer Leiche glich, – »ich kann in diesem Augenblick nichts tun«, sprach er dann weiter, »und bin vollauf beschäftigt, diese gebrochene Maschine wieder in Gang zu bringen,– Sie müssen das Erforderliche vorbereiten, Eugenie, – Ollivier –«

»Sie sind entschlossen, auf Ollivier zu greifen?« rief die Kaiserin mit funkelnden Blicken.

»Ich bin es,« sagte der Kaiser, –»ziehen Sie ihn heran, besprechen Sie alles mit ihm, so daß er sogleich Minister werden kann, sobald ich wiederhergestellt sein werde, – oder Ihr Regentschaftsrat, – wenn ich sterbe.«

Die Kaiserin blickte sinnend vor sich hin, – ein stolzes, freudiges Lächeln lag auf ihren Lippen.

»Ich stelle Pietri zu Ihrer Verfügung – er ist in alles eingeweiht, ihm können Sie vertrauen,« fuhr Napoleon fort, – »vielleicht werden Sie noch besser mit Ollivier fertig als ich, – gehen Sie sogleich ans Werk, – dieser Mann wird nötigenfalls der Schild für die Unmündigkeit unseres Sohnes sein.

»Und nun, Eugenie,« sagte er, mühsam aufatmend, – »überlassen Sie mich dem Kampf gegen den Tod, – ich bedarf der Ruhe, – sie allein kann mir die Kraft geben, – und bitten Sie Gott,« fügte er sanft hinzu, »daß ich in diesem Kampfe Sieger bleibe!«

Die Kaiserin stand auf.

Noch einmal drückte sie die Hand ihres Gemahls und flüsterte leise, sich über ihn herabbeugend:

»Sie werden bald wieder kräftig und gesund werden und sollen dann mit mir zufrieden sein.«

Der Kaiser winkte ihr freundlich mit den Augen zu, – als sie sich dann abwendete und der Tür zuschritt, schloß er dieselben und blieb in starrer, leichenähnlicher Unbeweglichkeit auf seinen Kissen liegen.

Die Kaiserin schritt durch das Vorzimmer an den sich tief verneigenden Offizieren vom Dienst vorüber nach ihren Gemächern hin.

Als sie in ihr Zimmer getreten war, richtete sie sich stolz empor, – ihre Blicke leuchteten, ihre glühenden Lippen öffneten sich und leicht die Hand erhebend, als gebiete sie den unsichtbaren Geistern der Zukunft, sprach sie leise:

»Ollivier, – endlich, – alles fügt sich endlich meinem Willen, – ich werde Regentin sein, – ich werde meinen Krieg haben, – er – er wird mir meinen Krieg machen, den das Schicksal mir fast schon zu entreißen schien!«

Sie blickte eine Zeitlang unbeweglich vor sich hin, – immer stolzer erhob sich ihr Haupt, immer freudiger strahlten ihre Augen.

Dann trat sie zu ihrem Tisch und bewegte mit hellem Ton die Glocke.

»Ich lasse Herrn Pietri bitten«, sagte sie dem Salonkammerdiener, welcher eifrig davoneilte, um den Geheimsekretär des Kaisers zu Ihrer Majestät zu bescheiden.

Einundzwanzigstes Kapitel

Mehr als ein halbes Jahr war vergangen, seit der Graf Franz von Spangendorf alle Hoffnungen und Träume seiner Liebe an der Leiche Lorenzas hatte versinken sehen. Er hatte das unglückliche junge Mädchen mit allen Feierlichkeiten der Kirche bestatten lassen. Auf ihrem Grabe erhob sich ein einfaches Denkmal von weißem Marmor mit der goldenen Anfangschiffre ihres Namens, umrankt von Immergrün und Efeu. Und er war auch der einzige, welcher der Armen, deren Leben in seiner Blüte geknickt war, die letzte Liebespflicht hatte erfüllen können.

Pietro Barghili und Barbarino waren in strenge Haft genommen und einige Male verhört worden, dann aber waren sie beide auf unerklärliche Weise eines Tages aus ihren Zellen verschwunden gewesen und trotz aller Nachforschungen der römischen Polizei war es nicht gelungen, eine Spur von ihnen aufzufinden.

Graf Franz selbst war, mit aller Artigkeit zwar, die man dem fremden Kavalier, der im Dienst des Heiligen Vaters stand, schuldete, über seine Beziehungen zu Pietro Barghili und Lorenza vernommen worden, und obwohl man sich mit der völlig wahrheitsgemäßen Auskunft, die er darüber gab, zufrieden erklärte, so hatte er doch bemerkt, daß ihn von jener Zeit an eine gewisse Kälte umgab, daß die dem Vatikan näherstehenden Personen sich von ihm zurückzogen und daß er der Gegenstand einer vorsichtigen, aber scharfen Überwachung war.

Tief erschüttert durch das Ende aller seiner Liebesträume und Hoffnungen und schwer gekränkt durch das Mißtrauen, welchem er, der so begeisterte Diener der päpstlichen Sache, ausgesetzt war, hatte er seinen Abschied gefordert, um in sein Vaterland und in seine Heimat zurückzukehren und dort Trost für alle Schmerzen zu suchen, welche die letzte Zeit ihm gebracht hatte.

Er hatte seinen Abschied bereitwilligst und in auszeichnender und anerkennender Form erhalten und war dann nach Deutschland abgereist, ebenso reich an Schmerzen und Enttäuschungen, als er einst voll Begeisterung und Hoffnung nach Italien gekommen war.

Mit liebevollem Arm hatte ihn die Heimat umfangen. All die Seinigen kannten seinen Kummer, und jeder suchte auf seine Weise ihn mit dem Leben wieder auszusöhnen und ihm die Hoffnung auf künftiges Glück wiederzugeben.

Graf Xaver und Fräulein Josephine verbargen fast scheu ihre Liebe, um in dem armen Bruder keine schmerzlichen Erinnerungen an seinen Verlust wachzurufen.

Der Graf Spangendorf suchte, ohne jemals der Vergangenheit zu erwähnen, seinen Sohn für die Verwaltung seiner Besitzung zu interessieren und durch regelmäßige Beschäftigung seinen Gram zu zerstreuen. Und die Gräfin, welche, so sehr sie an dem Leid des jungen Mannes Anteil nahm, dennoch über die Katastrophe, die den Roman seines Herzens beendet hatte, eigentlich nicht unzufrieden war, tat alles mögliche, um die geselligen Beziehungen des Hauses mit der Stadt und Umgegend zu pflegen und den Grafen Franz mit den jungen Damen des rheinischen Adels in Berührung zu bringen, in der stillen Hoffnung, daß sein Herz sich einer neuen Liebe erschließen und auf diese Weise Ersatz für seine verlorenen Träume finden würde, die sie eigentlich doch immer als eine Verirrung angesehen hatte.

Gabriele, sonst so scheu und zurückhaltend, war von allen am meisten dem unglücklichen Bruder nahegetreten. Es war natürlich, daß Graf Franz in seiner schmerzvollen Gemütsstimmung, in all den Zweifeln, welche an seinem Herzen nagten, zu der Schwester, welche von so ähnlichen Gefühlen bewegt war, sich am meisten hingezogen fühlte. Und oft sah man die beiden jungen Leute, in lange, ernste und innige Gespräche vertieft, den Park durchstreifen.

Graf Franz wurde nicht müde, dem so freundlich und ruhig zuhörenden jungen Mädchen immer und immer wieder von seiner Liebe und von den Schmerzen um seinen Verlust zu erzählen, und wenn er so alle Tiefen seines kummervollen Herzens erschlossen hatte, dann sagte er wohl, sanft die Hand seiner Schwester drückend:

»Wie bist du glücklich, mein Kind, daß du das alles nicht kennst und es auch in der glückseligen Stille deines künftigen Lebens im Dienst der Kirche nicht kennen lernen wirst!«

Dann hatte Gabriele mit flüchtigem Erröten das Haupt geneigt, ein schmerzlicher Seufzer hatte ihre Brust bewegt, aber ihr Mund war stumm geblieben. Sie hatte nicht den Mut und die Kraft gefunden, dem Bruder zu sagen, daß auch in ihrem Herzen die rote Rose der Liebe erblüht war und daß sie diese Blüte gebrochen habe zum Opfer auf dem Altar Gottes, daß aber die Wunde ihres Herzens noch blute und daß aus diesem Blut immer neue Blüten emporsproßten, die sie immer wieder mit neuem Schmerz brechen müßte.

Graf Franz war der einzige in ihrer Familie, welcher den Entschluß des jungen Mädchens, sich dem Kloster zu widmen, billigte und sie in demselben bestärkte, und mehr und mehr wurde auch in ihm der Entschluß reif, seinerseits der Welt, die ihm so viele Schmerzen bereitet hatte, zu entsagen und in dem priesterlichen Dienst des Himmels die Lösung aller der Zweifel zu suchen, welche an der Sache in ihm aufgestiegen waren, der er früher mit ganzer Seele sich hingegeben hatte. Die Worte, welche einst der Erzbischof von Köln zu ihm gesprochen, als er voll Glück und Freude dem Ziel seiner Wünsche nahe stand, klangen jetzt in der gramvollen Einsamkeit seiner Seele um so mächtiger in ihm wieder. Der Glaube an das Fundament seiner Kirche stand fest und unerschütterlich wie ein Felsen in seinem Innern, aber der Schimmer, welcher, von dem apostolischen Stuhl in Rom ausstrahlend, ihn einst mit Begeisterung erfüllte, hatte seine Macht verloren, und wie er sein Leben hatte einsetzen wollen mit dem Schwert in der Hand, diesen Thron zu verteidigen, so erfüllte ihn jetzt der Gedanke mit heiliger Freude, in dem Geisteskampf dafür zu arbeiten, und immer erhabener, immer heiliger den Bau aufführen zu helfen, welcher die Gläubigen in seinem Vaterlande nach ihrer Art und Sitte zum Dienste Gottes in seinen Hallen vereinigen sollte.

Er hatte seinen Gedanken seinem Vater mitgeteilt und bei diesem keinen Widerspruch gefunden.

Der Graf Spangendorf, welcher fortwährend den Entschluß Gabrielens zu bekämpfen suchte, hatte gegen die Absicht seines Sohnes nichts einzuwenden. War es doch seit unvordenklichen Zeiten in den alten Familien des rheinischen Adels vorgekommen, ja in einigen derselben fast zur Sitte geworden, daß die jüngeren Söhne sich dem geistlichen Stande widmeten. Und dieser Stand, welcher das junge Mädchen für immer von der Welt trennte, um sie in untätige Einsamkeit zu verschließen, öffnete ja dem jungen Manne aus großer Familie ein reiches Feld segensvoller Wirksamkeit, ja ein Feld des hochstrebenden Ehrgeizes.

Und auch von diesem Ehrgeiz waren die Gedanken des jungen Grafen nicht frei. Er träumte davon, einst als Bischof den Platz einzunehmen, den schon mehrere seiner Vorfahren errungen und ruhmvoll behauptet hatten, und dann zu einem begeisterten Führer der Kirche seines Vaterlandes zu werden.

Der Pater Dominikus hatte sich kalt und still zurück gehalten. Mit scharfem Blick hatte er erkannt, daß Graf Franz Gabriele von ihren Anschauungen und Plänen nicht abwendete, und er hatte daher den innigen Verkehr zwischen den beiden Geschwistern immer noch mehr befördert. Er hatte Gabriele bei jeder Gelegenheit auf ihren Bruder hingewiesen und hatte es auch mehrfach versucht, sich dem Grafen Franz in freundlicher, tröstender und teilnehmender Weise zu nähern.

Der junge Graf aber hatte mit aller ehrerbietigen Rücksicht, welche er dem geistlichen Berater seines elterlichen Hauses schuldete, dennoch jede weitere Annäherung abgelehnt – kein sympathischer Zug führte ihn zu dem Pater hin, dessen Wesen, dessen Sprache und Blick ihn an Rom erinnerte, und ihm hier in der Heimat, auf dem vaterländischen Boden, unter dem Schatten der alten Eichen Deutschlands, fremdartig entgegentrat und die Bilder seiner so traurig beendeten Vergangenheit wieder in ihm wachriefen.

Auch Gabriele hielt sich mit einer gewissen Scheu von dem Pater fern, und selten nur fand er Gelegenheit, mit ihr über den Zustand ihres Herzens zu sprechen. Des Leutnants von Rothenstein erwähnte sie nie, und wenn der Pater vorsichtig diesen Gegenstand berührte, so brach sie schnell ab mit den Worten: »Die Vergangenheit ist tot für mich, meine Zukunft gehört Gott.«

Der Pater ging dann auch seinerseits sogleich von der Sache ab – der junge Mann war fort, – alles war aus zwischen ihm und Gabriele, und er fand diese, obgleich sie sich viel in Gesellschaften bewegte und schweigend und gehorsam alle Pflichten der Welt erfüllte, dennoch stets in ruhiger und unabänderlicher Entschlossenheit bei ihrem Vorsatze beharrend – er wartete also ruhig das Jahr ab, welches der Erzbischof für die Selbstprüfung des jungen Mädchens bestimmt hatte, und täglich wurde er sicherer und gewisser, daß diese junge Seele nicht wieder in den Kreis der Welt werde zurückgezogen werden.

Graf Xaver und Fräulein Josephine hatten im Anfang des Maimonats ihre Hochzeit gefeiert. Der Graf hatte mit seiner jungen Frau eine kurze Hochzeitsreise gemacht, und dann hatte das junge Paar sich in Düsseldorf niedergelassen, während demselben zugleich in einem Seitenflügel des Schlosses von Rensenheim eine Wohnung eingerichtet war.

So war der Juli des Jahres 1870 herangekommen. An die Stelle des regen, geselligen Lebens. welches den Winter und Frühling hindurch in Rensenheim geherrscht hatte, war eine ruhige Stille getreten.

In der schwülen Sommerhitze blieben die Bewohner der umliegenden Güter in ihren Häusern und schattigen Gärten, auch die Bekannten aus der Stadt scheuten den heißen und staubigen Weg oder waren in die Bäder gegangen, und die Familie des Grafen Spangendorf lebte still und fast ganz einsam.

Näher und näher rückte der Zeitpunkt, an welchem das vom Erzbischof vorgeschriebene Prüfungsjahr beendet sein würde, und Gabriele war mit ruhiger Festigkeit bei ihrem Entschluß geblieben, – trotz der ernsten und dringenden Bitten ihres Vaters, trotz der etwas kühleren Vorstellungen ihrer Mutter, welche sie mit demütiger Ehrerbietung anhörte, blieb sie dabei, daß das geistige Leben ihr Beruf sei und daß sie der Stimme Gottes, welche in ihrem Herzen spräche, ungehorsam sein würde, wenn sie sich jenem Beruf entzöge.

Auch die junge Gräfin Josephine, welche während der Sommermonate beständig in Rensenheim wohnte, während Graf Xaver, so oft es der Dienst irgend erlaubte, am Abend herauskam, hatte vergebens versucht, den Entschluß ihrer Freundin zu erschüttern. All ihre Bitten, all ihre heiteren Scherze, durch welche sie die Lust am Leben und an der Welt in ihrer Freundin wieder anzufachen suchte, waren vergeblich geblieben, und mit stets sich gleichbleibender, ruhiger Freundlichkeit hatte Gabriele sie gebeten, den Gegenstand nicht weiter zu berühren, da ihr Wille unabänderlich sei.

An einem schwülen Nachmittage saß die Familie unter jenem alten Lindenbaum, welcher seine breite Krone inmitten des freien Platzes vor der Gartenseite des Schlosses ausbreitete, die Damen mit leichten weiblichen Arbeiten beschäftigt, der Graf Spangendorf bequem zurücklehnend in dem großen Lehnstuhl von Rohrgeflecht und von Zeit zu Zeit ein großes Kelchglas von der duftigen Erdbeerbowle leerend, welche in einem mit Eis gefüllten Untersatz auf dem Tisch stand.

Graf Franz saß neben seinem Vater, beschäftigt, die neu angekommene Kölnische Zeitung zu lesen.

Die drückende Julihitze lag schwer und schwül auch auf dieser kühlen und schattigen Stelle. Aber es war nicht der Druck der Hitze allein, welcher die Unterhaltung, so oft sie aufgenommen wurde, wieder stocken ließ und auf alle diese Gesichter einen Hauch trüber Niedergeschlagenheit senkte.

Der Graf blickte von Zeit zu Zeit ernst nach dem bleichen Gesicht seiner Tochter hinüber, die er ansah wie eine Sterbende, für welche die Tage, die sie noch im Kreise der Ihrigen zu leben hatte, gezählt waren. Und ähnliche Gefühle bewegten auch die Herzen der beiden anderen Damen, welche Gabriele unausgesetzt mit der zartesten Aufmerksamkeit umgaben, wie man es bei einem Kranken tut, dessen Auflösung man herannahen sieht, und dem man die letzten Augenblicke seines Lebens noch mit allem Reiz liebevoller Teilnahme verschönern möchte.

»Das Konzil naht sich seinem Ende!« rief Graf Franz, indem er lebhaft das Blatt, in welchem er gelesen, auf den Tisch warf. »Die Majorität für das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit ist gesichert, und alle Vorstellungen der deutschen Bischöfe sowie der französischen scheinen vergeblich zu sein. Das Dogma soll in nächster Zeit proklamiert werden.«

Graf Spangendorf schüttelte ernst den Kopf.

»Das ist ein verhängnisvoller, beklagenswerter Schritt,« sagte er, »die Welt ist in diesem Augenblick in anderer Richtung beschäftigt, alle Blicke sind nach Paris und Ems gerichtet, wo in diesem Augenblick an seidenem Faden das zweischneidige Schwert des Krieges über die Welt herabhängt, und kaum hat jemand Zeit, sich mit diesem neuen Dogma zu beschäftigen, das man von Rom aus in die Welt zu setzen sich anschickt. Die Kriegsgefahr wird vorübergehen, wie ich glaube,« fuhr er fort, »es ist ja unmöglich, daß zwei große Nationen sich um eine an sich so wenig bedeutungsvolle Frage in blutigen Kämpfen zerfleischen sollten. Aber die Folgen jenes römischen Dogmas, welches jetzt fast unbeachtet und unbemerkt geschaffen wird, werden noch lange, lange hin das Leben der Völker erschüttern. Es ist traurig, sehr traurig, daß der Heilige Vater von Personen beraten ist, welche in starrer, abgeschlossener Einseitigkeit unsere Zeit nicht verstehen. Er hat die Vorstellungen der Bischöfe, welche innerhalb der Völker und ihres geistigen Lebens stehen, nicht beachtet und unternimmt es, heute, im neunzehnten Jahrhundert, etwas auszuführen, was selbst Gregor VII. nicht zu beginnen wagte und was durch das ganze Mittelalter hin den Widerspruch der Bischöfe und der katholischen Welt hervorgerufen haben würde.«

»Vielleicht«, sagte Graf Franz, »ist es gut, daß es so gekommen ist. Wenn die deutschen Bischöfe, namentlich gestützt auf die Hingebung und Verehrung ihrer Diözesen, von neuem dem Heiligen Vater die Unmöglichkeit der Durchführung des neuen Dogmas darlegen werden, wenn sie die Proklamierung desselben ablehnen, so wird vielleicht gerade dies dazu beitragen, die Herrschaft, welche die italienische Kurie über die ganze Kirche an sich reißen möchte, zu brechen und endlich den Heiligen Vater wieder in unmittelbare Beziehung zu den Bischöfen zu setzen. Es treten«, rief er lebhaft, »in dieser Zeit neue und große Aufgaben an das deutsche Priestertum heran, und heiliger und höher scheint mir heute dieser Beruf zu sein als je.«

Graf Spangendorf sah seinen Sohn ernst und traurig an.

»Ich glaube nicht an eine solche Wendung«, sagte er. »Wenigstens wird sie vielleicht erst eintreten können, nachdem große und schwere, das Leben der Kirche in seinem innersten Wesen erschütternde Kämpfe durchgefochten sind. Die Fäden, mit welchem Rom die ganze Welt durchzogen hat, sind zu zahlreich und zu fest, als daß selbst die Bischöfe imstande wären, sie so schnell zu zerschneiden. Der Heilige Vater ist zu sehr umgeben von denjenigen Elementen, welche keine freie und selbständige Entwicklung der Kirche wollen, und alle diejenigen, welche der Kirche selbst feindlich sind, werden die Gelegenheit benutzen, um die Fundamente des kirchlichen Lebens überhaupt anzugreifen. Ja,« fuhr er fort, »wenn wir einen obersten Bischof in Deutschland hätten, der die katholische Welt um sich sammelte und an deren Spitze im Namen des ganzen Deutschlands ein mächtiges Wort sprechen könnte – wenn wir ein Deutsches Reich, einen Deutschen Kaiser hätten, der einem solchen Bischof zur Seite stände – dann –«

Rasche, sporenklirrende Schritte erschallten vom Altan des Hauses her. Schnell eilte Graf Xaver die Stufen hinab und näherte sich mit lebhaft bewegtem Gesicht der Gruppe unter dem Lindenbaum.

Gräfin Josephine sprang mit einem leichten Aufschrei der Freude empor und eilte ihrem Gemahl entgegen, der sie flüchtig und weniger zärtlich als sonst in seine Arme schloß und lebhaft zu seinem Vater herantrat.

»Der Krieg ist beschlossen!« rief er, ohne die Seinigen zu begrüßen. »Der König ist von Ems abgereist und hat den französischen Botschafter nicht mehr empfangen. Alles ist zur Mobilmachung bereit. Die Order kann jeden Augenblick ankommen. Diesmal ist es wirklich Ernst,« sagte er, mit freudigem Klang in der Stimme, »diesmal wird der Übermut der Franzosen, der uns so lange bedroht und beunruhigt hat, endlich einmal gründlich bestraft werden!«

Sein vor Freude und Stolz leuchtender Blick traf seine junge Frau, welche zitternd dastand und sich mit der Hand auf einen Sessel stützte, während ihr sonst so heiteres, fröhliches Gesicht schmerzlich und angstvoll sich verzog und ihre weitgeöffneten Augen sich mit Tränen füllten.

Rasch trat der junge Mann zu ihr hin, schloß sie in seine Arme und legte ihren Kopf an seine Brust.

»Verzeihe,« sagte er mit sanfter Stimme, »daß mich die Nachricht freudig bewegt. Ich bin nun einmal Soldat, und der Krieg ist ja mein Beruf. Und dann regt sich auch deutsches Blut in mir und wallt auf, um die Anmaßung Frankreichs zurückzuweisen. Sei ganz ruhig – man sagt ja, der Tod werfe einen Schatten vor sich her, dessen kühle Berührung man lange vorher empfindet – ich fühle nichts davon. Eine innere Stimme sagt mir, daß ich gesund und fröhlich zu dir wiederkehren werde.«

Die Gräfin Josephine hob ihren Kopf empor und trat einen Schritt von ihrem Gemahl zurück. Der Ausdruck unruhiger Angst war von ihrem Gesicht verschwunden. Mit blitzenden Augen schaute sie auf den mutigen und siegesfreudigen Offizier hin und rief:

»Ich bin nicht schwach! Da ich eine Soldatenfrau geworden bin, muß ich mich auch in das Los des Krieges finden. Du wirst mich deiner würdig finden, und kein Seufzer, keine Klage soll dir den Abschied schwer machen, wenn du zu ruhmvollem Kampf ausziehst.«

Graf Xaver ergriff die Hände seiner Frau, drückte sie innig an seine Lippen und blickte sie mit so begeisterter, schwärmerischer Liebe an, wie sie kaum noch je aus seinen Augen ihr entgegengeflammt hatte.

»Bist du deiner Nachrichten ganz gewiß?« fragte Graf Spangendorf, der sinnend und tiefernst vor sich niedergeblickt hatte.

Graf Xaver zog ein Extrablatt aus seiner Uniform und reichte es seinem Vater.

»Es ist kein Zweifel mehr,« sagte er, »die heute abend erscheinende Kölnische Zeitung wird wohl schon Näheres und wahrscheinlich den Befehl der Mobilmachung bringen.«

»So naht denn die große Stunde der Entscheidung«, sagte der Graf ernst und feierlich, »und entweder wird unser armes deutsches Vaterland von neuem in Schmach und Ohnmacht versinken, oder es wird sich leuchtend erheben zu nie geahnter Größe und Herrlichkeit. Und dann,« fügte er hinzu, den Blick sinnend in die Ferne gerichtet, »dann, wenn das Schwert Deutschland erkämpft haben wird unter den Mächten Europas, dann vielleicht wird auch einst auf dem Boden des einigen und freien Vaterlandes sich das Kreuz seiner Kirche erheben können.«

Gabriele, welche bis jetzt ernst und schweigend dagesessen hatte, erhob sich mit einer Bewegung voll selbständiger, würdevoller Entschlossenheit, welche kaum an die sonstige, fast ängstliche Schüchternheit des jungen Mädchens erinnerte, und sprach, indem ein Strahl lichter Begeisterung in ihren Augen glänzte:

»Ihr habt mich alle in eurer Liebe und in eurer treuen Sorge um mein Glück zurückhalten wollen von dem heiligen Beruf, zu dem meine Seele sich hinwendet, ihr habt mir gesagt, daß ich in der Einsamkeit des Klosters, in beschaulicher Untätigkeit die Pflichten versäumen möchte, welche ich der Welt und meiner Familie schuldig bin – nun«, rief sie, »in diesem Augenblick hat sich mein Blick erleuchtet, um zu erkennen, was ich tun muß, um dem heiligen Drang zu folgen, der mich erfüllt, und auch allen Pflichten gerecht zu werden, welche die Welt an mich stellen kann! Ich werde den barmherzigen Schwestern in den Krieg folgen, dies soll mein Noviziat sein. In der Erfüllung tätiger Liebespflichten will ich mich vorbereiten für den späteren Dienst des Himmels, – dagegen, mein Vater, kannst du nichts einwenden, dazu mußt du mir aus vollem, freiem Herzen deinen Segen geben.«

»Aber, mein Kind,« rief die Gräfin Spangendorf erschrocken, »bedenke deine zarte Gesundheit, du bist an keine Strapazen gewöhnt, bedenke die Mühe, die Gefahren!«

»Wenn mein Bruder hinauszieht,« rief Gabriele, »wenn er seine Familie verläßt und dem Tode trotzt, um für die Ehre des Vaterlandes zu kämpfen, sollte ich dann Mühen und Anstrengungen scheuen, um die Leiden der Krieger meines Vaterlandes, der Kameraden meines Bruders zu erleichtern? Habe ich recht, mein Vater?« fragte sie, vor den Grafen hintretend, »ist mein Entschluß gut und würdig, deiner Tochter würdig, einer Gräfin Spangendorf?«

Der Graf sah das junge Mädchen, das hochaufgerichtet vor ihm stand, einen Augenblick schweigend an. Sein Auge wurde feucht, aber stolz und freudig ruhte sein Blick auf seiner Tochter.

»Ich halte dich nicht, mein Kind,« sagte er, ihr die Hand reichend, »und wenn es wirklich zum Kriege kommt, woran ich kaum noch zweifle, so mag dein schöner Beruf, Leiden zu lindern, dir wieder Lust und Mut geben, auch später in der Welt zu bleiben und Glück und Freude zu verbreiten.«

Graf Franz hatte stumm vor sich niedergeblickt, als Gabriele sich, dankend für die Worte ihres Vaters, auf dessen Hand niederbeugte, dann sagte er:

»Wenn sogar meine Schwester, dies zarte Kind, ihren Teil an dem großen Kampf des Vaterlandes in Anspruch nimmt, so kann ich wahrlich nicht in untätiger Ruhe daheim bleiben, und wäre mein Vorsatz bereits ausgeführt, hätte ich die Weihe empfangen, so würde es mir eine hohe Freude sein, hinauszuziehen, um als Priester die Kämpfenden zu ermutigen, die Sterbenden zu trösten. Aber«, rief er heftig und den Kopf schüttelnd wie ein edles Roß, das den Zügel zurückwirft, »untätig bleiben kann ich nicht, wenn mein Vaterland in die Schranken tritt, – man wird Männer genug brauchen, sei es in den Reihen der Kämpfenden, sei es beim Schutz und bei der Pflege der Verwundeten und Kranken, ein Platz wird sich finden für mich, an dem ich meinem Vaterlande dienen kann!«

Traurig blickte Josephine zu Boden.

»Alles zieht hinaus im heiligen Dienst des Vaterlandes,« sagte sie, »und ich allein soll in banger Sorge und Unruhe zu Hause bleiben?«

»Dein Platz ist im Hause«, sagte Graf Xaver, indem er den Arm um die Schulter seiner Gemahlin legte und sie sanft an sich zog.

»Du wirst das Haus hüten und alles vorbereiten,« fügte er heiter hinzu, »für die Rückkehr, für die siegreiche Rückkehr deines Mannes, die ja nicht zu lange wird auf sich warten lassen.«

Einen Augenblick zuckte Josephine schmerzlich zusammen. Ihr Blick verdunkelte sich unter einem Tränenschleier, aber bald hatte sie diese Anwandlung von Schwäche überwunden, und ein heiteres Lächeln erschien wieder auf ihren Zügen, frohe Zuversicht strahlte wieder aus ihren Augen. –

Nun begann eine rege Zeit im Schlosse zu Rensenheim. Der nächste Tag schon brachte den Mobilmachungsbefehl für das elfte Husarenregiment, und die Zeit bis zum Ausrücken desselben wurde mit Vorbereitungen für die Feldausrüstung des Grafen Xaver zugebracht, wobei seine junge Frau die innere Bangigkeit ihres Herzens durch die Tätigkeit zu übertäuben suchte, um ihren Gemahl für alle Wechselfälle des Feldzuges mit den notwendigen Gegenständen auszustatten, eine Tätigkeit, die oft vergeblich war, da von all den vielen Gegenständen, die sie als unerläßlich hielt und herbeibrachte, nur ein kleiner Teil wirklich Aufnahme in dem so wenig umfangreichen Feldkoffer finden konnte.

Gabriele hatte mit Leichtigkeit bereitwillige Aufnahme bei den barmherzigen Schwestern gefunden, welche in Düsseldorf sich organisierten, um sich im Gefolge der Armee dem so segensvollen Liebeswerk der Pflege der Verwundeten zu widmen, und auch ihre Ausstattung, welche in allem so sehr von der bisherigen Toilette des jungen Mädchens abwich, nahm Zeit und Arbeit in Anspruch.

Die Gräfin Spangendorf seufzte oft traurig auf, wenn sie diese Kleider von grobem Wollenstoff ansah, welche die zarte Gestalt Gabrielens einhüllen sollten, und wenn sie an alle die Mühen und Gefahren dachte, welche ihre Tochter erwarteten. Aber als eine Dame von streng kirchlicher Gesinnung wagte sie es nicht, dem frommen Entschluß ihrer Tochter entgegenzutreten, und nur mit leisen und gelegentlichen Andeutungen machte sie dieselbe auf die Größe der Aufgabe die sie sich gestellt, aufmerksam, und sprach einen Zweifel darüber aus, ob auch ihre Kraft dazu ausreichen würde.

Aber Gabriele hatte alle solche Zweifel jedesmal auf das bestimmteste und mit dem gläubigsten Vertrauen auf die Allmacht Gottes, welche auch in dem Schwachen mächtig sei, zurückgewiesen, so daß die Gräfin nichts mehr sagte und alles, wie sie stets in stiller Seelenruhe zu tun gewohnt war, der Vorsehung anheimstellte.

Graf Franz hatte sich dem nächsten Komitee des Johanniterordens angeschlossen und seine Dienste für dessen frommes und mühsames Werk angeboten und rüstete sich ebenfalls zum Auszug.

Abermals nach wenigen Tagen hatten die beiden Söhne das Schloß von Rensenheim verlassen. Und der Augenblick war nahe, in welchem Gabriele, das zarte und schwache Kind, ebenfalls hinausziehen sollte in die Wechselfälle und Gefahren eines blutigen Krieges.

Der Pater Dominikus war still einhergegangen, schweigsamer noch als sonst, schien er tief in ernste Gedanken versunken, wie sie die so ernste Zeit wohl rechtfertigen konnte. Als er den Entschluß Gabrielens erfuhr, den deutschen Heeren als barmherzige Schwester zu folgen, war er einen Augenblick wie in plötzlichem Schreck zusammengefahren. Dann aber faltete er die Hände, senkte den Kopf auf die Brust und sprach mit ruhigen, sanften Worten die volle Billigung dieses Entschlusses aus. Er war dann zweimal auf kurze Zeit abwesend gewesen, worauf man in diesen bewegten Stunden kaum geachtet hatte, und dann trat er eines Tages vor den Grafen Spangendorf hin mit der Erklärung, daß er entschlossen sei, in dieser Zeit, in welcher jeder nach seinen Kräften sich dem Dienst des Vaterlandes widme, nicht in untätiger Ruhe zu Hause zu bleiben, daß er sich von seinen Oberen die Erlaubnis geholt habe, die Armee als Priester zu begleiten, und daß er den Auftrag erhalten habe, die barmherzigen Schwestern, denen Gabriele sich angeschlossen, zu führen.

Diese Erklärung erregte große Freude bei dem Grafen und der Gräfin Spangendorf, welche in der Begleitung des ihrer Familie so lange nahestehenden Hausgeistlichen einen kräftigen Schutz für ihre Tochter erblickten.

Mit Gabriele selbst hatte der Pater nur wenige Worte gewechselt.

Das junge Mädchen war still und in sich gekehrt, dabei von einer so willenskräftigen Selbständigkeit wie nie zuvor. Sie suchte den geistlichen Zuspruch nicht, und der Pater Dominikus fand keine Gelegenheit, sich ihr zu nähern.

Am Morgen des Tages der Abreise war Gabriele schon früh aufgestanden – auch ihr Bruder Franz hatte das Elternhaus verlassen und war zum Hauptquartier nach Mainz abgegangen.

Die meisten der männlichen Domestiken waren einberufen worden, nur einige alte Diener waren im Schloß zurückgeblieben und tiefe, friedliche Stille ruhte über dem weiten Gebäude und dem schattigen Park, während die Welt draußen sich anschickte, mit dem Blut von Hunderttausenden den Boden zu düngen.

Die Morgensonne hatte die Kelche der Blumen auf dem Parterre vor dem Hause geöffnet; noch hingen einzelne Tautropfen an den kleinen Blütenblättern, und im bunten, heitern Leben umschwärmten die Schmetterlinge und Käfer die duftenden Beete, während die Stimmen der Vögel die tiefen Schatten des Parks erfüllten.

Gabriele, in das ernste Gewand der barmherzigen Schwestern gekleidet, trat allein auf die Rampe des Schlosses hinaus. Ihr Auge öffnete sich weit vor dem freundlichen, lebensvollen Bilde, das sich vor ihr ausbreitete und das sie von ihrer Kindheit an so oft vor sich gesehen hatte, dessen lieblichen, heimisch wohltuenden Eindruck sie aber nie in dem Maße empfunden hatte wie heute, wo sie sich anschickte, diese so reizvolle, friedliche Stille zu verlassen, um in eine Welt voll Entbehrung, Mühe und Arbeit hinauszugehen, ungewiß, ob sie die liebe Heimat ihrer Kindheit je wieder sehen würde, ob nicht auch diese blühende und duftende Stätte friedlichen Glücks berührt werden würde von dem Fuß des zerstörend und verwüstend dahinschreitenden Krieges.

Einen Augenblick stand sie in gedankenvoller Betrachtung da, dann stieg sie die Stufen hinab und schritt langsam über den Platz hin, nach den schattigen Gängen des Parkes, als wolle sie von jeder Blume, von jedem Baume noch einmal Abschied nehmen, bevor sie das Haus verließ.

Den Blick zur Erde gesenkt, schritt sie weiter und weiter in den Alleen durch den Park hin, so leise, so zart über den Boden dahinschwebend, daß kaum die Vögel auf den nächsten Zweigen sich in ihrem fröhlichen Morgengesang stören ließen, wenn sie an ihnen vorbeiging. War es Zufall oder hatte sie absichtlich, trotz ihrer zu Boden gesenkten Blicke, den Weg gewählt, welcher nach dem runden Platz führte, auf dem noch immer mit seinem weißen Schild der kleine Amor stand, und auf welchem wieder die Rosen erblüht waren, in duftiger Fülle den marmornen Liebesgott umringend? Sie stand hoch aufatmend still vor dem Steinbilde, mit einem tiefen Seufzer schlug sie die Augen empor und ließ die Blicke über diesen Blütenflor hingleiten. Ihr bleiches Gesicht färbte sich mit der zarten Farbe der roten Rose der Liebe, wie in fern hinziehende Gedanken versunken stand sie da, mit zitternden Lippen flüsterte sie kaum hörbar vor sich hin:

»Ritter, treue Schwesterliebe
Widmet Euch dies Herz.
Fordert keine andre Liebe,
Denn es macht mir Schmerz –

keine andere Liebe!« rief sie schmerzvoll, indem sie ihr Auge strahlend zum Himmel aufschlug. »Oh, du weißt es, heilige Mutter Gottes, wie ich gekämpft und gerungen habe, um mich deines reinen Dienstes wert zu machen. Warum will sie nicht weichen, diese andere Liebe, aus meinem Herzen – diese andere Liebe, die ich so oft schon glaubte überwunden zu haben, und die immer wieder von neuem aus den innersten Wurzeln meines Herzens emportreibt?«

Sie versank in tiefes Schweigen, ihre zum Himmel aufgeschlagenen Augen senkten sich und blickten düster auf den Boden.

»Und er ist hingegangen,« sagte sie, »ohne noch einmal Abschied zu nehmen, ohne noch einmal zu fragen. Kann in seinem Herzen ein wirklich tiefes und wahres Gefühl je gelebt haben? – wenn er noch einmal gekommen wäre, wenn er noch einmal gefragt hätte – oh, mein Gott!« rief sie, auf die Knie sinkend und die Hände vor der Brust haltend, »stehe mir bei, du heilige Jungfrau, und beschütze mich, beschütze mich vor meinem eigenen Herzen – mit seinen Wünschen und seiner Sehnsucht!«

Lange lag sie auf ihren Knien, schwere Atemzüge drangen aus ihrer Brust, einzelne Worte entrangen sich leise ihren Lippen. Der leichte Hauch des Morgenwindes strich über die duftenden Blüten dahin und neigte ihre Häupter zu dem jungen Mädchen herab, das in seiner dunklen Ordenstracht zu den Füßen des Liebesgottes kniete in inbrünstigem Gebet um Befreiung von dem Gefühl, welches die Herzen der Menschen durch alle Jahrhunderte hindurch bewegt, und welches schon die Alten diesen kleinen Gott als den Herrn der Götter und Menschen verehren ließ.

Gabriele stand auf, fromme Begeisterung leuchtete aus ihren Augen, die sie wieder zum Himmel emporhob.

»Ich danke dir, heilige Jungfrau,« rief sie, »du hast mir die Kraft, den Mut und die Klarheit wiedergegeben. Nicht zerstören, nicht verbannen will ich die Liebe meines Herzens, sie war ja rein wie das Morgenlicht, das diese Blumen bestrahlt, aber ich will sie groß werden lassen und weit, sie soll alle Leidenden, alle Gebeugten und Trauernden umfassen und in der Erinnerung an den, den ich nie wiedersehen werde, will ich Trost, Hilfe und Beistand allen denen bringen, die mühselig und beladen sind, nach dem Beispiel des göttlichen Weltheilands. Diese Erinnerung an meine Liebe«, sagte sie, mit kindlichem Lächeln die Hände auf die Brust drückend, »wirst du nicht verdammen, sie wird sich mit deinem heiligen Dienst vereinen und mich stärken in der Erfüllung meines Berufes.«

Sie beugte sich über die Hecke und brach eine halberschlossene rote Rose.

»Verzeihe,« sagte sie, das Haupt über die frische, taufeuchte Blüte neigend, »daß ich dich, du arme Blume, dem frischen Leben im Kreise deiner Schwestern entreiße – aber du wirst länger leben als sie, du wirst mit mir gehen und mich begleiten als ein letzter Gruß der Heimat und der Vergangenheit.«

Die Rose in der Hand kehrte sie zum Schloß zurück und stieg, von niemandem bemerkt, in ihr Zimmer hinauf. Sie öffnete eine Kassette, welche ihre Schmucksachen enthielt, und nahm aus derselben nach einigem Suchen ein großes Medaillon von schwarzemailliertem Gold und einer Perle in der Mitte. Sie schloß die Blüte in dies Medaillon ein und zog ein schwarzes Band durch dessen Ring.

»Außen die Perle, die Tränen bedeutet, innen die gebrochene Blüte,« sagte sie leise, »das ist das Bild meines Lebens.«

Sie legte das Band um den Hals und ließ das Medaillon in ihr schwarzes Kleid hinabgleiten, dann umfaßte sie dies stille, freundliche Zimmer, an welches sich alle Erinnerungen ihres jungen Lebens knüpften, mit einem letzten Blick und stieg hinab zu ihren Eltern.

Die Zeit der Abreise war da, und sie hörte den Wagen im Hof vorfahren.

Ernst und schweigend fuhr man nach Düsseldorf.

Die Straßen der Stadt boten bereits ein lebendiges, bewegtes, kriegerisches Bild. Die deutschen Heersäulen begannen, sich nach Westen zu wälzen. Der Pater Dominikus und eine Oberin der barmherzigen Schwestern mit ihrer Abteilung empfingen den Grafen Spangendorf und die Damen am Bahnhof. Noch ein kurzer Abschied und Gabriele stieg mit ihren neuen Gefährtinnen in das Coupé. Der Pater Dominikus begleitete sie, und ein Blick freudigen Triumphes leuchtete einen Augenblick in seinen schwarzen dunklen Augen auf, als Gabriele noch einmal aus dem Waggon gegrüßt hatte und dann von dem langsam abrollenden Zug fortgeführt wurde, getrennt von der Welt, der sie angehörte, und von der Heimat, die sie bisher behütet und beschützt hatte.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Die Kürassierdoppelposten standen am 14. August vor der Präfektur in Metz und in dichter Menge eilten die Adjutanten und Ordonnanzoffiziere durch das große Tor des weiten Gebäudes, in welchem das Hauptquartier Seiner Majestät des Kaisers Napoleon III. sich befand. Truppen aller Waffen sah man in wogendem Gedränge auf den Straßen hin und her ziehen – vermischt mit den Bewohnern der Stadt und mit Landleuten der Umgegend, welche hereingekommen waren, teils um Schutz zu suchen, teils um etwas Neues über die Operationen dieser Armee zu hören, auf welche das ganze Frankreich so hohes Vertrauen gesetzt hatte, und von der man noch immer eine plötzliche, gewaltige Erhebung erwartete, welche die feindlichen Armeen wieder über die Grenzen Frankreichs zurückwerfen würde. Die armen Landleute, welche hereingekommen mit mehr oder weniger Lebensmitteln, die sehr willkommen waren und gut bezahlt wurden, mußten jammernd und wehklagend die Stadt wieder verlassen, da man wohl die von ihnen gebrachten Lebensmittel brauchen konnte, nicht aber die Zahl der zu Ernährenden vermehren durfte. So fanden denn überall und namentlich nach den Toren hin heftige und lebhafte Szenen statt, indem die Soldaten, ihren erhaltenen Befehlen gemäß, die Dorfbewohner der Umgegend wieder aus der Festung hinausführen und oft Gewalt anwenden mußten, da die unglaublichsten Erzählungen, welche an die Legenden des Dreißigjährigen Krieges erinnerten, den deutschen Armeen vorausgingen. Die ganze Stadt und das Lager vor derselben bot das Bild der Unordnung, Zerfahrenheit und Ratlosigkeit dar, und selbst unter den im Dienste befindlichen Truppen machte sich bereits jene Lockerung der Disziplin bemerkbar, welche bei den so leicht erregbaren französischen Soldaten nach allen Niederlagen gar schnell einzutreten pflegt.

Um die Präfektur her herrschte nicht mehr jene ruhig ehrerbietige Stille, welche in der ersten Zeit, als das große Hauptquartier hier aufgeschlagen worden, die kaiserliche Residenz umgab, – sowohl die Truppen als die Bewohner der Stadt drängten sich hier zusammen und standen Kopf an Kopf bis in den Hof hinein, – denn hier am Mittelpunkte, in welchem alle Nachrichten zusammenliefen, von welchem alle Befehle ausgingen, hoffte man am schnellsten und sichersten Nachricht zu erhalten über die Engagements mit dem nahe herandrängenden Feinde und über die Pläne, welche beschlossen wären, um endlich mit entscheidender Kraft dem weiteren Vorgehen der deutschen Heere entgegenzutreten.

Kaum blieb der Weg bis zum Eingang in die Präfektur für die Generale und Adjutanten frei, welche unausgesetzt kamen und gingen und von der neugierigen Menge mit Fragen bestürmt wurden. Sie gaben freilich keine Antwort auf alle diese Fragen, sondern begnügten sich, achselzuckend und kopfschüttelnd davonzueilen, – aber dies Schweigen war auch eine Antwort, – denn hätten sie gute Nachrichten zu geben gehabt, hätten sie endlich die so lang ersehnte Siegesbotschaft bringen können, – sie würden nicht geschwiegen, sondern laut das Jubelwort ausgerufen haben, das Wort der Befreiung von dem Banne der Furcht und des Schreckens, der auf allen Herzen lag.

Denn Furcht und Schrecken begann zu herrschen unter den Bewohnern der jungfräulichen, uneinnehmbaren Festung Metz, welche sich so sicher hinter den noch von keinem Belagerer erstiegenen Wällen gefühlt und fest geglaubt hatten, daß der Kaiser von hier nur hinausziehen werde, um den siegreich vordringenden Heeressäulen in das Herz Deutschlands zu folgen, – Furcht und Schrecken verbreitete sich auch in der Armee, welche noch vor kurzem so zuversichtlich von der militärischen Promenade nach Berlin gesprochen hatte. Mac Mahon, der Unüberwindliche, der Held von Malakoff, der Sieger von Magenta, war geschlagen, und alle löwenmutige Tapferkeit seiner Soldaten hatte nichts weiter retten können als die Ehre; – man hatte von Tag zu Tag erwartet, daß dieser berühmteste und populärste Marschall der französischen Armee seine Truppen wieder sammeln und in der vordersten Reihe der französischen Aufstellung erscheinen würde, denn die kurzen offiziellen Bulletins ließen das erwarten, – statt dessen aber erfuhr man durch Privatnachrichten von seinem immer weiteren Rückmarsch nach Chalons hin; – dann war die Nachricht eingetroffen, daß der General Frossard geschlagen und sein ganzes Korps in voller Auflösung zurückgeworfen sei, – das Ministerium in Paris war verschwunden, wie ein Nichts verweht vor dem Hauch dieses furchtbaren Sturmes, der immer drohender von den Grenzen daherbrauste, und immer mehr war die Hoffnung geschwunden, immer mehr aber war auch die Aufregung gestiegen, immer mehr das Vertrauen gesunken, – das Vertrauen in den Kaiser, in die Regierung und in die Heerführer, – und immer lauter und kühner erhoben sich die anfangs nur leise murrenden Stimmen – sie wurden hörbar bis zur nächsten Umgebung des Kaisers hin, der sich selten nur auf den Straßen sehen ließ, und von dem Volke und den Truppen mit eisigem Schweigen empfangen wurde.

Dann hatte der Marschall Bazaine den Oberbefehl über die ganze französische Armee erhalten, und wie alles Neue Hoffnungen erweckt, so hatte auch diese Ernennung einen Augenblick die Herzen wieder erfrischt und aufgerichtet; denn man wußte ja, daß der Marschall Bazaine ein Soldat war, der von unten herauf gedient und sich bis zur höchsten militärischen Würde aufgeschwungen hatte, – aber er war keine populäre Persönlichkeit, seine Erfolge in Mexiko waren zweifelhafter Natur gewesen, und die Verbindung, in welcher sein Name mit dieser für die Ehre Frankreichs und den Wohlstand so vieler Familien wenig vorteilhaften Expedition stand, trug nicht dazu bei, das Vertrauen in ihn zu verstärken. Dazu kam, daß der Kaiser immer noch da war, und solange er da war, doch eigentlich allein den Oberbefehl führte, und wie in solchen Fällen großen nationalen Unglücks immer ein Schuldiger gesucht wird, und wie man diesen Schuldigen immer am liebsten in dem am höchsten Stehenden findet, so hatte auch in Metz, in der den Kaiser umgebenden Armee, bereits das Wort ein Echo gefunden, welches der Deputierte Jules Favre im Corps législatif gesprochen, – das Wort: »Der Kaiser muß von der Armee entfernt werden!« Es blieb nur noch das Wort zu sprechen übrig: der Kaiser muß von der Regierung entfernt werden – und auch dies Wort, bei welchem noch vor wenigen Wochen ganz Frankreich, von den Pyrenäen bis zum Kanal, erbebt wäre, schwirrte bereits durch die Luft.

Eben waren wieder mehrere Kuriere mit Depeschen in den Hof der Präfektur geritten, eifrig wurden sie umdrängt und mit Fragen bestürmt, aber noch ehe sie antworten konnten, las man auf ihren Mienen, daß sie Gutes nicht zu verkünden hätten.

»Keine Nachrichten von der Flotte?« rief ein vom Wein erhitzter Voltigeur dem letzten Kurier zu, der eben vom Pferde stieg, – »wozu haben wir unsere Marine, welche den Mund so voll genommen, – wenn sie jetzt nicht da ist, um diesen Deutschen in den Rücken zu fallen, um sie zu zwingen, uns zu Atem kommen zu lassen?«

»Dazu ist wenig Aussicht,« sagte der Kurier mit bitterem Lachen, indem er in das große Tor trat, – »die preußischen Patrouillen streifen bis höchstens zwei Meilen vor den Toren von Metz.«

Und mit einem halblauten Fluch trat er in die Tür der Präfektur.

»Zwei Meilen von hier!« riefen verschiedene Stimmen aus den Gruppen der Bürger und Soldaten in der Nahe, – »zwei Meilen vor den Toren der Festung – haben denn diese Preußen Flügel? – sie sind überall –«

»Und dabei wird Kriegsrat auf Kriegsrat gehalten,« sagte der Voltigeur hohnlachend, – »aber zu einem Entschluß können sie nicht kommen, die Herren Generale – und der Kaiser am wenigsten, – und wenn sie endlich etwas beschließen, dann kommt nichts weiter dabei heraus, als daß wir uns unnütz totschießen lassen müssen, – Gottes Blut!« rief er, die geballte Faust gegen die Fenster der Präfektur erhebend, – »ich wollte –«

»Ruhig, mein Freund,« sagte ein riesiger Kürassier, welcher aus einer danebenstehenden Gruppe herantrat und mit eisernem Griff die erhobene Faust des Voltigeurs erfaßte, – »ruhig – es steht einem guten Franzosen und kaiserlichen Soldaten sehr schlecht an, über die Kommandeurs in solcher Weise zu sprechen, – am allerwenigsten, wenn wir Unglück gehabt haben und jeder das Seinige tun muß, um den Ruhm der Armee wiederherzustellen.«

Der Voltigeur warf einen bösen Blick auf den Kürassier, doch mochte seine athletische Gestalt und feste Haltung ihm keine Neigung einflößen, etwas zu erwidern.

Er schwieg und wendete sich pfeifend zu einer anderen Gruppe.

Während unter den Gruppen, und namentlich unter den von den Ereignissen so unmittelbar berührten Bewohnern von Metz, immer mehr Äußerungen der Angst und Besorgnis über die so unmittelbare Nähe der preußischen Armee laut wurden, richtete sich plötzlich die Aufmerksamkeit auf einen Ordonnanzoffizier des Kaisers, welcher mit eifriger Eile durch die Menge den Weg für einen ihm folgenden Herrn in Zivil frei machte.

Man war hier im Hauptquartier der Armee so an militärische Erscheinungen gewöhnt, daß dieser einfache Mann im schwarzen Überrock mit der Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch, welcher von einem kaiserlichen Adjutanten nach dem Hauptquartier geführt wurde, die allgemeine Aufmerksamkeit erregte.

Derjenige, auf welchen alle diese neugierigen, forschenden Blicke sich richteten, schritt ruhig und langsam, ohne rechts oder links zu blicken, vorwärts. Seine Haltung war aufrecht und kräftig, aber dennoch merkte man an derselben, sowie an den kränklichen Zügen seines Gesichtes, mit weißem Haar und Bart, sein hohes Alter. Sein lebhaftes, dunkles Auge schien den Gedanken zu folgen, welche ihn beschäftigten, und wenig von den Dingen zu merken, die ihn äußerlich umgaben.

»Es ist ein Minister, der aus Paris kommt«, hörte man in den Gruppen flüstern.

»Es ist ein Diplomat, der wegen der Intervention der neutralen Mächte kommt«, sagte ein anderer, während der Gegenstand aller dieser Bemerkungen sich, dem Adjutanten folgend, mehr und mehr dem Eingang der Präfektur näherte.

»Nein, nein,« rief eine Stimme, »es ist kein Minister, ich kenne ihn! Ja, ja, es ist der General Changarnier –«

»General Changarnier! General Changarnier!«tönte es durch die Gruppen fort, während alle Blicke sich mit verschärfter Neugier auf diesen alten Mann richteten, dessen Name in der französischen Armee stets einen guten Klang gehabt hatte, wenn er auch seit längerer Zeit fast vergessen war – von dem aber jedermann wußte, daß er zu den entschiedensten Gegnern des Kaiserreichs und Napoleons III. persönlich gehörte und daß er Gefängnis und Verbannung wegen seines Widerstandes gegen die Aufrichtung des kaiserlichen Thrones erduldet hatte.

Das Erscheinen dieses Mannes in diesem Augenblick, in der Residenz des Kaisers, mußte etwas bedeuten, und wenn der General Changarnier zu Napoleon III. kam, so konnte das nur etwas Gutes bedeuten. Es konnte nur das bedeuten, daß in diesem Augenblick der höchsten Gefahr die edelsten und besten Kräfte Frankreichs alle Sonderinteressen und Parteiungen vergessen wollten, um lediglich und ausschließlich dem Heile des Vaterlandes sich zu widmen. Mit jenem feinen Instinkt, mit welchem jede größere versammelte Masse des Volks sofort das innerste und eigentlichste Wesen einer augenblicklichen Situation begreift, erfaßte auch hier diese ganze unruhig bewegte Menge in einem Augenblick jenen Gedanken, und ohne daß man wußte oder hören konnte, wessen Stimme sich zuerst erhoben, erschallte plötzlich laut und einstimmig über den Hof der Präfektur der Ruf:

»Es lebe der General Changarnier!«

Der General, welcher gerade im Begriff war, in die Eingangstür des Hotels zu treten, wandte sich um und blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen. Seine dunklen, feurigen Augen flogen wie erstaunt und fragend über diese Menge hin, welche ihn, den so lange Geächteten, Verbannten und von aller Welt Vergessenen, hier so unerwartet mit diesem freudigen Zuruf begrüßte. Ein halb wehmütig-schmerzliches, halb bitteres Lächeln flog über sein bleiches Gesicht, über die tief gefurchten Züge hin.

Er erhob leicht das Haupt und verneigte sich dankend.

Eine augenblickliche tiefe Stille trat ein.

»Es lebe Frankreich!« rief der General, gleichsam als Antwort auf die ihm persönlich dargebrachte Huldigung.

Und alle Welt stimmte in diesen Ruf des Generals ein, welcher einfach und klar den Punkt bezeichnete, in dem sich jetzt die Wünsche und die Anstrengungen aller Franzosen vereinigen mußten.

Einige Stimmen ließen sich hören, welche riefen:

»Es lebe der Kaiser!«

Aber sie blieben vereinzelt und fanden selbst unter den Soldaten der Garde nur ein dumpfes Echo, sie verhallten unter den mehrmals sich wiederholenden Rufen:

»Es lebe Frankreich!«

Einen Augenblick bewegte sich eine der zurückgezogenen Gardinen des ersten Stockwerks.

War es der Kaiser, welcher von dort aus die Szene beobachtet hatte, welche hier in dem Hof seiner Residenz stattfand? Hatte er es gehört, wie hier zum erstenmal seit einer langen Reihe von Jahren, ohne jede Absicht, ohne jede Agitation, der Instinkt des Volkes Frankreich und das Kaisertum voneinander trennte, den Thron und die Dynastie zurückstellend hinter jenen großen Begriff des Vaterlandes, welcher das einzige Feste ist in den Herzen der Franzosen, die sich seit langer Zeit daran gewöhnt haben, die Könige und Kaiser kommen und gehen zu sehen, bald beklatscht und bejubelt, bald ausgezischt auf jener großen Bühne der Weltgeschichte.

Der General Changarnier neigte noch einmal grüßend den Kopf und folgte dann dem Adjutanten in das Innere des Hotels. Er stieg die Treppe hinauf und wurde unmittelbar durch die mit Kurieren und Ordonnanzoffizieren angefüllten Vorzimmer in das Kabinett des Kaisers geführt.

In der Mitte dieses Zimmers stand ein großer Tisch, auf welchem eine Karte des Kriegsschauplatzes ausgebreitet war, Nadeln mit farbigen Knöpfen und kleine Fähnchen bezeichneten die Stellung der Truppen. Daneben lagen in ungeordneten Haufen eröffnete und nicht eröffnete Berichte, Telegramme, halb beschriebene Blätter auf den Stühlen und Tischen und auf dem Parkettfußboden umher.

Der Kaiser, in dem Überrock der Generalsuniform mit dem kleinen Kreuz und dem Stern der Ehrenlegion und den militärischen Medaillen, stand, die Hand auf die Lehne des Sessels gestützt, neben dem Tisch in der Mitte. Sein Gesicht war bleich, fast aschfarben, seine Wangen tief eingefallen, seine schmalen Lippen preßten sich, wie zur Unterdrückung körperlicher Schmerzen, fest aufeinander. In seinen tiefliegenden Augen glänzte die fieberhafte Erregung, welche übermäßige geistige Anstrengung und lange Schlaflosigkeit hervorruft. Sein Haar war sorgfältig frisiert, sein Bart in langen Spitzen zur Seite gedreht, und die Haltung seiner Gestalt hatte durch die Anstrengung, welche er anwandte, die körperliche Schwäche und Erschöpfung zu überwinden, etwas Gezwungenes und Steifes, das ihm sonst nicht eigentümlich war. Ebenso gezwungen erschien sein sonst so gewinnendes und verbindliches Lächeln, als er dem General Changarnier entgegenging, und ihm die Hand zur Begrüßung reichte, welche der General mit einer leichten Verbeugung ruhig und kalt ergriff, ohne ihren Druck zu erwidern.

»Ich danke Ihnen, Herr General,« sagte der Kaiser mit einer etwas heiseren und matten Stimme, »daß Sie gekommen sind, mir Ihren Rat und Beistand zu geben. Ihr Erscheinen bei mir beweist, daß Sie, wie ich nicht gezweifelt habe, über persönliche Verstimmung und Gegnerschaft erhaben sind, wenn es sich darum handelt, der Gefahr zu begegnen, welche Frankreich bedroht.«

»Sire,« erwiderte der General Changarnier in festem, kaltem, aber durchaus höflichem Tone, »ich habe in Ihnen in diesem Augenblick nichts anderes zu sehen als den Souverän, welchen sich mein Vaterland durch die Willenserklärung einer überwiegenden Majorität gegeben hat, dessen Beruf es in diesem Augenblick ist, das Vaterland durch eine Vereinigung aller seiner Kräfte aus seiner Not und schweren Bedrängnis zu erretten, einer Not und Bedrängnis,« fügte er hinzu, »deren Veranlassung und Schuld mir zu erörtern in diesem Augenblick nicht zusteht. Ich wünsche von Herzen,« fuhr er mit wärmerem Ton fort, »daß alle Franzosen denken möchten wie ich, und daß es, den Feinden Frankreich gegenüber, keine Parteien und politischen Meinungen, sondern nur Franzosen geben möge. Ich wünsche auch,« fügte er hinzu, »daß es Eurer Majestät gelingen möge, durch Vereinigung aller nationalen Kräfte Frankreich zu retten und sich auf diese Weise ein neues und von allen Patrioten ohne Ausnahme anerkanntes Anrecht auf die Führung der Nation zu erwerben.«

»Setzen Sie sich, Herr General,« sagte der Kaiser, welcher unsicher schwankend, als bekämpfe er quälende Körperschmerzen, dagestanden hatte, indem er sich in einen neben dem großen Tisch stehenden Sessel niedersinken ließ.

Der General folgte der Einladung des Kaisers und erwartete ruhig und ernst dessen weitere Mitteilung.

»Die Lage ist eine schwierige und gefährliche,« sagte der Kaiser, indem er, sich in seinen Sessel zurücklehnend, erleichtert aufatmete, »aber sie ist keine verzweifelte. Ihre reiche militärische Erfahrung, Herr General, wird gewiß imstande sein, einen Weg zu finden, um alles noch zum Guten zu wenden. Und wenn Sie sich entschließen könnten, von neuem Ihren Degen für unser Vaterland zu ziehen, so würde nicht nur ich, – daran würde Ihnen wohl weniger liegen,« fügte er mit traurigem Lächeln hinzu, »sondern auch Frankreich Ihnen ewige Dankbarkeit schulden.«

»Ich muß Eurer Majestät sogleich bemerken,« sagte der General, »daß ich eine aktive Beteiligung an militärischen Operationen abzulehnen die Pflicht habe. Ich bin alt, sehr alt,« fügte er hinzu, »und die Jahre der Untätigkeit zählen doppelt; wenn auch mein Geist noch klar und mein Wille noch kräftig ist, so bin ich doch nicht mehr Herr über die gebrechliche Maschine, welche das notwendige Werkzeug zur Ausführung auch des besten und kräftigsten Willens bildet. Ein General, der eine Armee gegen den Feind führen soll, muß unumschränkter Herr über seinen Körper sein – und das, Sire, bin ich nicht mehr«, fügte er mit einem leichten Seitenblick auf die gebrochene Gestalt des Kaisers hinzu, der die Augen niederschlug und tief aufseufzte.

»Meine geistige Tätigkeit«, sprach der General dann weiter, »und die Resultate meiner Erfahrungen stehen Eurer Majestät, welche in diesem Augenblick Frankreich vertritt, zur Verfügung, den Rat aber, den ich geben kann, muß ich jüngeren und festeren Kräften überlassen in Ausführung zu bringen.«

»Auch dadurch, Herr General,« sagte der Kaiser, »werden Sie dem Vaterland einen großen und unvergeßlichen Dienst leisten, und für jeden Offizier der französischen Armee wird es eine Ehre und Freude sein, mit Eifer und Anstrengung die Ratschläge des Generals Changarnier auszuführen.«

Der General schwieg. Kein Zug seines Gesichtes zeigte, daß diese freundlichen Worte des Kaisers einen Eindruck auf ihn machten.

»Hier, Herr General,« sagte Napoleon, indem er mit der Hand auf die mit Nadeln besteckte Karte deutete, »sehen Sie die Stellung unserer Truppen und diejenige des Feindes, soweit es mir möglich geworden, mich darüber zu informieren. Leider ist das schwer,« fügte er hinzu, »denn die preußische Taktik hat, wie es scheint, eine ganz neue Verwendung der Kavallerie eingeführt, indem sie den Kern ihrer Aufstellung durch Massen von Reiterei wie mit einem dichten und undurchdringlichen Schleier umzieht, so daß es fast unmöglich wird, irgendwelche genaue Nachrichten über ihre Stellung und Bewegung zu erhalten; doch im allgemeinen werden die auf der Karte angegebenen Positionen die richtigen sein.«

Der General Changarnier erhob sich, stützte leicht die Hand auf den Tisch und warf einen Blick auf die Kriegskarte und die auf derselben befindlichen Truppenbezeichnungen. Ein eigentümliches, halb wehmütiges, halb schalkhaft spöttisches Lächeln spielte um seine Lippen, und mit feiner Betonung sagte er:

»Es ist lange her, seit ich zum letztenmal mit Eurer Majestät eine Karte mit solchen Nadeln musterte – damals handelte es sich um die Dislokationen der Regimenter zur Deckung von Paris gegen revolutionäre Unternehmungen –«

Der Kaiser ließ den Kopf auf die Brust sinken.

»Vergessen wir die Vergangenheit, General,« sagte er leise, »ich wollte Frankreich damals auf meine Weise retten gegen die inneren Feinde – habe ich unrecht gehabt, so werden Sie mir dies am besten beweisen, wenn Sie mir jetzt beistehen, das Vaterland gegen den äußeren Feind zu retten.«

Der General prüfte lange schweigend die Karte und die Nadeln auf derselben.

»Sire,« sagte er dann, »nicht um zu kritisieren, nicht um zu tadeln oder zu beschuldigen, sondern um den Weg zur Rettung zu finden, muß ich Ihnen sagen, daß von Anfang an ein schwerer und verhängnisvoller Fehler in der Aufstellung der französischen Armee begangen worden ist. Sie haben Ihre Korps zerstreut und ohne feste Verbindung untereinander auf einer weiten Linie echelonniert, somit dem Feinde Gelegenheit gegeben, durch einen wuchtigen Vorstoß die Armee auseinander zu sprengen und zugleich auf jedem Punkt Ihren zerstreuten Korps eine erdrückende Übermacht gegenüberzustellen. Dieser Fehler hat sich schwer gerächt, um so schwerer, da Sie dem Feinde zugleich Gelegenheit gegeben haben, die Offensive zu ergreifen, was ihm zugleich ein großes moralisches Übergewicht gibt, da die französischen Truppen für die Defensive unendlich weniger geeignet sind und bei notwendigen retrograden Bewegungen leicht den Elan verlieren, der eine notwendige Bedingung ihres siegreichen Erfolges bildet. Dieser Fehler ist begangen und hat sich schwer gerächt. Ihn klar zu erkennen, ist notwendig, um ihn zu verbessern. Was versäumt worden und was so schweren Schaden gebracht hat, muß nunmehr gutgemacht werden. Ein direktes Vorgehen in diesem Augenblick ist absolut unmöglich. Die Armee des Marschalls Mac Mahon, welche sich wieder sammeln und konsolidieren muß, kann nicht schnell genug hierher kommen, auch ist der Feind bereits zu weit vorgedrungen – ich sehe, daß seine Spitze unmittelbar vor uns steht und daß seine Bewegungen, so sehr dieselben auch verschleiert sein mögen, doch darauf hinausgehen, sich zwischen Chalons und Metz zu werfen, also die französischen Korps vollständig auseinanderzuschlagen. Die einzige Möglichkeit also, Sire, ist die, daß die Armee von Metz, welche nach meiner Überzeugung schon zu lange gezögert hat, unverzüglich den Rückzug antrete, um sich in Chalons, oder wenn es sein muß, vor Paris mit der Armee Mac Mahons zu vereinigen und dort im Herzen Frankreichs, unter Hinzuziehung einer allgemeinen und ausgedehnten Volksbewegung, den Feind zu erwarten. Diese Bewegung hätte«, fuhr er fort, »schon längst ausgeführt sein sollen, denn es wird jetzt nur noch wenig Zeit für dieselbe übrigbleiben, und es ist sehr fraglich, ob sie ohne Schlacht wird ausgeführt werden können; denn den Feinden muß natürlich alles daran liegen, eine Vereinigung der französischen Armeen um jeden Preis zu verhindern und womöglich die ganze Armee von Metz hier in der Festung einzuschließen, wo sich eine so große Anzahl von Truppen auf die Dauer nicht halten kann.«

»Metz einschließen?« sagte der Kaiser mit ungläubigem Lächeln, »eine solche Festung im feindlichen Lande, welche die einschließende Armee von zwei Seiten decken müßte, halten Sie das für möglich? Es wäre ein in der Kriegsgeschichte unerhörtes Beispiel.«

»Die preußische Taktik«, sagte der General ruhig, »hat uns seit dem Jahre 1866 viele solche Beispiele gezeigt, und soweit ich den Feldzug und die Bewegungen des Feinde verfolgt habe, kann seine Absicht keine andere sein. Die Sicherheit und Präzision, mit welcher der preußische Generalstab die Truppenmassen wie die Figuren eines Schachbrettes bewegt, ist erstaunlich. Ich würde diesem Generalstab und diesen Truppen gegenüber niemals auf eine Unmöglichkeit rechnen, sollte sich dieselbe auch aus den bisherigen Erfahrungen der Kriegsgeschichte begründen lassen.«

»Sie würden also –« fragte der Kaiser.

»Ich würde, Sire,« sagte der General, »ohne eine Stunde Verzug die ganze Armee in Eilmärschen nach dem Innern des Landes zurückziehen, um unter jeder Bedingung und selbst auf die Gefahr von Verlust hin die Verbindung mit Mac Mahon herzustellen, und ich würde in Metz nur die zur Verteidigung des Platzes notwendige Garnison zurücklassen, welche immerhin genügen wird, ein sehr bedeutendes preußisches Korps hier festzuhalten.«

Der Kaiser dachte einen Augenblick nach.

»Dasselbe sagte mir Bazaine«, sagte er dann. »Aber ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, Herr General,« fuhr er fort, »daß ich in einem Rückzug, namentlich in einem so eiligen und schnellen Rückzug, eine große Gefahr für die Stimmung und den Mut des ganzen Landes erblicke. Die bisherigen Niederlagen haben schon decouragiert, einen solchen Rückzug würde man überall als eine definitive Flucht ansehen. Auch ist eine so rasche Bewegung mit dem großen Train, den die Armee mit sich führen muß, sehr schwer auszuführen, – sollte es nicht möglich sein, Mac Mahon hier zu erwarten und, gestützt auf die feste Position von Metz, den Feinden eine Schlacht anzubieten?«

Der General zuckte mit einer leichten, ungeduldigen Bewegung die Achseln.

»Mac Mahon kann bei der furchtbaren Erschütterung, welche seine Korps erlitten haben, nicht so schnell vorgehen, daß es den Feinden nicht gelingen sollte, zwischen die beiden Armeen zu dringen. Die einzige Möglichkeit, die Verbindung wiederherzustellen, liegt in dem schleunigen Rückmarsch der Armee von Metz. Und wenn Eure Majestät«, fuhr er lebhaft fort, »von dem Train gesprochen haben, so verstehe ich diese Rücksicht nicht. Die Armee zieht sich in ihr eigenes Land zurück, wo sie überall in ausreichendem Maß Verpflegung finden kann, sie bedarf des Trains nicht, und mir erscheint es viel besser, denselben mit allem Proviant hier zu lassen, denn man wird dessen hier nie zu viel haben können.«

»Welch einen Eindruck«, sagte der Kaiser halb für sich, »würde die Zurücklassung des Trains auf die Armee machen, und wie demoralisierend würde der Gedanke einer wirklichen Flucht wirken müssen, und in Paris,« sagte er dann laut, »welche Schwierigkeiten würden der Regierung in Paris erwachsen, wenn dorthin entstellte und übertriebene Nachrichten von einem solchen übereilten Rückzug dringen würden!«

»In militärischen Fragen«, sagte der General Changarnier fest und bestimmt, »dürfen nur militärische Rücksichten maßgebend sein. Wollen Eure Majestät auf die Stimmung in Paris oder in Frankreich Rücksicht nehmen, so werden Sie niemals mit einem Feinde wie Preußen Krieg führen können, und damit, Sire,« fuhr er fort, während der Kaiser schweigend zu Boden blickte, – »komme ich auf einen zweiten Punkt, über den ich, da Eure Majestät mich im Namen Frankreichs um meinen Rat gefragt haben, Ihnen in rücksichtsloser Offenheit meine Ansicht aussprechen muß. Sie haben, Sire,« sagte er, sich wieder neben den Kaiser setzend, »dem Marschall Bazaine den Oberbefehl über die ganze Armee übertragen, – ich weiß nicht,« fuhr er fort, »wodurch Sie zu dieser Wahl bestimmt worden sind, auch bin ich weit entfernt, dieselbe kritisieren zu wollen, – ich würde, wenn ich heute ein Kommando in der Armee führte, mich dem von Ihnen ernannten Oberbefehlshaber ebenso unbedingt unterordnen, als dies der Marschall Mac Mahon getan hat, denn Sire, einer muß den Oberbefehl führen und die Zeit einer großen und ernsten Krisis hat für persönliche Eifersucht keinen Raum – jedes Nachgeben an eine solche Regung käme dem Hochverrat in diesem Augenblick gleich; – aber Sire, damit wirklich ein einheitlicher Oberbefehl stattfinden könne, ist eines notwendig – dringend notwendig –«

»Und?« fragte Napoleon, indem er den trübe verschleierten Blick zu dem General erhob.

»Es ist notwendig,« fuhr Changarnier fort, »daß Eure Majestät auf der Stelle das Hauptquartier des Marschalls verlassen; denn solange Sie hier anwesend sind, wird derselbe niemals in Wirklichkeit der Höchstkommandierende sein, – Eure Majestät sind der Souverän – der Marschall kann es nicht unterlassen, Ihnen seine Pläne mitzuteilen, Sie werden über dieselben Ihre Ansicht aussprechen, und diese Ansicht kann der Marschall wieder nicht unbeachtet lassen, – auf diese Weise ist er nicht absoluter Herr seiner Handlungen, was ein General im Felde immer sein soll – und vorzugsweise in einer so ernsten Zeit, wie die gegenwärtige.«

Napoleon saß schweigend in seinen Stuhl zusammengesunken, – die Spitzen seiner Finger, welche auf seinen Knien ruhten, zitterten in unruhig nervöser Bewegung.

Der General blickte hochaufgerichteten Hauptes zu dem gebrochenen Kaiser hinüber, welcher in seinen schwachen Händen die zerbröckelnde Macht Frankreichs hielt, während immer näher und näher in geheimnisvollen Windungen die deutsche Armee heranrückte, – deren Bewegungen man instinktartig spürte, ohne sie genau ermitteln und verfolgen zu können.

Ein Ordonnanzoffizier meldete den Marschall Bazaine.

»Bleiben Sie noch einen Augenblick,« sagte der Kaiser zu dem General Changarnier, der sich erhob, »der Marschall hat vielleicht eine neue Nachricht zu bringen.«

Der Marschall Bazaine trat ein. Seine kurze, gedrungene, etwas volle Gestalt hatte militärische Festigkeit in ihrer Haltung, doch keine Geschmeidigkeit und Eleganz in ihren Bewegungen. Sein etwas aufgeschwemmtes Gesicht mit dem schwarzen Schnurrbart zeigte eine gewisse zurückhaltende Verschlossenheit, und der etwas trübe Blick seiner Augen schien, wenn er sich auch fest und gerade auf denjenigen richtete, mit dem er sprach, dennoch seinen eigentlichen und letzten Gedanken zu verhüllen.

Der Marschall verneigte sich tief vor dem Kaiser und begrüßte dann mit kalter Höflichkeit den General Changarnier, der seinen Gruß noch kälter, noch zurückhaltender erwiderte.

»Der General teilt vollkommen Ihre Ansicht, Herr Marschall,« sagte Napoleon, »daß die Armee von Metz nach Chalons zurückgeführt und daß diese Bewegung so schnell als möglich ausgeführt werden müßte.«

»Ich freue mich, Sire,« sagte der Marschall Bazaine in kaltem Ton, »der Zustimmung einer solchen militärischen Autorität wie der Herr General und hätte nur gewünscht, daß derselbe in der Lage gewesen wäre, die vollendete Tatsache zu billigen, statt einem Plane zuzustimmen, dessen Ausführung mit jedem Augenblick schwieriger wird; denn ich muß Eurer Majestät mitteilen, daß die Patrouillen des Feindes sich immer mehr der Festung nähern, und daß die Bewegungen der feindlichen Armee, soweit dieselben erkennbar, durch die bestimmte Absicht geleitet zu sein scheinen, unsern Rückzug auf Chalons zu verhindern. Ich glaube kaum, daß es möglich sein wird, denselben ohne eine Schlacht zu bewerkstelligen.«

»So möge die Schlacht geliefert werden!« rief der General Changarnier, – »selbst unter den größten Schwierigkeiten, selbst beinahe zu spät, ist der Rückzug dieser Armee auf Chalons noch der einzige Weg des Heils. Gelingt dieser Rückzug nicht, so sehe ich das Schlimmste vorher, die Armee wird einzeln von überlegenen Streitkräften aufgerieben werden.«

»Der General Changarnier rät, den Train zurückzulassen«, sagte der Kaiser.

»Das ist unmöglich, Sire«, erwiderte der Marschall Bazaine. »Den Train zurücklassen, hieße die Armee demoralisieren, das hieße in Paris und in ganz Frankreich alle Hoffnungen und allen Mut vernichten, das allein wäre schädlicher als eine verlorene Schlacht.«

»Sie werden aber niemals«, bemerkte der General Changarnier, »mit diesem ganzen komplizierten Train den Rückzug so schnell bewerkstelligen können, um eine Schlacht zu vermeiden.«

»Dann ist die Schlacht besser«, erwiderte der Marschall, »als ein Rückzug, der einer Flucht gliche und der die ganze Armee auf lange Zeit unbrauchbar machen müßte.«

»Tun Sie,« sagte der Kaiser erschöpft, »was Sie für notwendig halten, – Sie tragen die Verantwortung, mein lieber Marschall, Sie müssen auch die volle Freiheit des Entschlusses haben, und um Ihnen diese zu jeder Zeit zu gewähren, habe ich mich entschlossen, Metz zu verlassen und mich heute noch über Verdun nach Chalons zu begeben.«

»Ich danke Eurer Majestät für diesen Entschluß«, sagte der Marschall Bazaine. »Eure Majestät kennen«, fuhr er fort, »meine tiefe Ergebenheit und meine unerschütterliche Treue gegen Ihre Person. Aber gerade diese Ergebenheit, Sire, lähmt mein Handeln, solange Eure Majestät persönlich im Hauptquartier sind. Meine Entschlüsse werden freier und leichter, meine Aktionen kräftiger und rücksichtsloser sein, wenn ich nicht mehr neben den militärischen Notwendigkeiten die persönliche Sicherheit Eurer Majestät zu berücksichtigen haben werde. Eure Majestät müssen als Souverän politische Rücksichten nehmen, ich erkenne das an, aber diese politischen Rücksichten hindern und lähmen in diesem Augenblick meine militärischen Bewegungen, und ohne diese Rücksichten – verzeihen mir Eure Majestät – wäre die Armee von Metz vielleicht schon gerettet.«

»Haben Sie denn die Güte,« sagte der Kaiser tief aufseufzend, »einen Eisenbahntrain zu bestellen, der mich und den kaiserlichen Prinzen mit meinen Equipagen sofort nach Verdun führt, von wo ich morgen nach Chalons weitergehen will. Wollen Sie auch dem Prinzen Napoleon den Befehl erteilen, sich ebenfalls sogleich nach Chalons zu begeben.

»Ich danke Ihnen, Herr General«, sagte er, sich zu Changarnier wendend. »Ich bitte Sie, nach Paris zurückzukehren und werde Ihnen dankbar sein, wenn Sie die Güte haben wollen, dort der Kaiserin Mut einzusprechen und ihr Ihren Rat zu erteilen.«

Er erhob sich und reichte dem General Changarnier mit offener Herzlichkeit die Hand, welche derselbe diesmal kräftig drückte.

»Gott segne Eure Majestät,« sagte er, – »Gott schütze Frankreich!«

Er ging langsam hinaus, sich an der Tür noch einmal vor dem Kaiser verneigend, und wenige Augenblicke darauf hörte man vom Hof abermals den lauten Ruf dringen.

»Es lebe der General Changarnier!«

»Ich möchte so gern«, sagte der Kaiser, als er mit dem Marschall Bazaine allein geblieben war, »den kaiserlichen Prinzen von hier fortschicken. Das arme Kind leidet unendlich unter diesen traurigen Ereignissen. Seine Gesundheit ist immer noch schwach und alle diese Nervenerschütterungen wirken sehr schädlich auf ihn ein, aber die Kaiserin beschwört mich fortwährend, ihn hier zu behalten, da sein Erscheinen in Paris den ungünstigsten Eindruck machen würde. Und doch«, fuhr er düster zur Erde blickend fort, »möchte ich dieses Kind, auf dem die ganze Zukunft Frankreichs beruht, von mir entfernen. Ich fürchte,« sagte er, den Blick wie fragend auf den Marschall richtend, »daß ich vom Unglück gezeichnet bin und daß mein Stern sich zum Untergang neigt. – Ich werde mich großen Gefahren aussetzen müssen, ich kann gefangen werden, ich möchte die Zukunft des Prinzen nicht an mein Schicksal knüpfen.«

»Eure Majestät wissen,« sagte der Marschall, »daß ich sehr wenig mit dem Rat einverstanden bin, den man in diesem Augenblick von Paris aus erteilt, wo man kaum in der Lage ist, die Situation richtig zu beurteilen. Hat doch noch der letzte Rat, den Herr Ollivier Ihnen von dort aus erteilte, den damals noch so leicht möglichen Rückzug der Armee von Metz verhindert, weil das«, fügte er bitter lächelnd hinzu, »einen schlechten Eindruck auf die Kammer machen würde, – das war der letzte Dienst, den jener Mann mit dem leichten Herzen Eurer Majestät und dem Vaterland bewies. Diesmal aber«, fuhr er fort, »hat Ihre Majestät die Kaiserin recht. Was in Paris geschehen kann, Sire, ist unberechenbar, ich würde es für höchst gefährlich halten, Ihren einzigen Sohn, den Erben Ihrer Krone, nach Paris zu schicken, wo vielleicht morgen schon eine revolutionäre Bewegung die Regentschaft stürzen kann.«

»Sie halten das für möglich,« fragte der Kaiser, »nachdem noch vor kurzem das ganze Volk von Frankreich in so großer Majorität für mich und das Kaiserreich votiert hat?«

»Paris ist nicht Frankreich, Sire,« sagte der Marschall Bazaine. »Paris ist eine wilde, chaotische Masse, welche in dem Augenblick, in dem die ganze Kraft des Kaiserreichs von äußeren Feinden in Anspruch genommen wird, in eine gefährliche Gärung geraten kann. Das Kaiserreich, Sire, der Mittelpunkt Frankreichs, ist in diesem Augenblick bei der Armee, und zwischen Ihren Armeen muß nach meiner Überzeugung der kaiserliche Prinz bleiben. Ich besorge übrigens«, fuhr er fort, als der Kaiser mit schmerzlich verzogenen Zügen schlaff zusammensank, »keine dauernde Gefahr in Paris. Die Bewegungen dort werden einem ernsten Willen und einer kompakten militärischen Macht gegenüber immer wieder in nichts zusammensinken, sie könnten nur bedeutungsvoll werden, wenn sie den Repräsentanten der Zukunft Ihrer Dynastie in ihren Kreis einzuschließen vermöchten. Behalten Eure Majestät den Prinzen bei sich und sollte ja, was ich noch nicht glauben will, die Gefahr noch ernster und größer werden, so senden Sie ihn nach Belgien oder nach England, damit vor allen Dingen die Zukunft sichergestellt sei. Ich«, fuhr er mit festem Ton fort, »garantiere Eurer Majestät eines: das ist eine kräftige und intakte Armee – ich werde den Rückzug versuchen, ich werde schlagen, wenn es sein muß, um dies durchzusetzen. Sollte aber alles erfolglos sein, so werde ich jedenfalls diese Armee Eurer Majestät erhalten, damit, wenn Sie zum Friedensschluß gezwungen werden, Ihnen augenblicklich das Mittel zu Gebote steht, die aufgärenden Elemente der Empörung in Paris wieder niederzuschmettern. Seien Eure Majestät überzeugt, da wo ich bin, wird die kaiserliche Fahne wehen; wenn auch Paris, wenn ganz Frankreich sich von Ihnen abwenden, so werde ich an der Spitze meiner Armee Ihnen Paris und Frankreich wieder erobern!«

Der Kaiser streckte dem Marschall die Hand hin, welche dieser ergriff, indem sein sonst so kaltes und gleichgültiges Gesicht eine tiefe Bewegung zeigte.

»So bitte ich Sie denn, Herr Marschall,« sagte Napoleon, »meine Equipagen nach dem Bahnhof zu senden und meinen Wagen vorfahren zu lassen. Ich will sofort abreisen.«

Der Marschall ging hinaus.

»So ist der Moment gekommen,« sagte Napoleon, indem er die Hände über seine Knie faltete und die hoffnungslosen trüben Blicke aufwärts richtete, »den ich immer und immer wieder hinauszuschieben versuchte, hoffend, daß der Stern meines Glücks mir noch einen letzten Strahl senden würde. Ich habe die Regierung Frankreichs den Händen der Minister übergeben, welche heute noch meine Diener sind, und welche vielleicht morgen schon mich verlassen haben werden oder mit der Kaiserin der Revolution weichen müssen. Ich habe jetzt auch das Kommando über meine Armee abgegeben. Szepter und Schwert ist meinen Händen entfallen, und nur wie ein Theaterschmuck sitzt diese Krone noch auf meinem Haupt, und der Sturm zerrt an dem kaiserlichen Mantel um meine Schultern. – In wenigen Stunden werde ich auf der Flucht vor den feindlichen Heeren sein. Der Kaiser ein Flüchtling in seinem Lande, ohne Heimat, ohne Stätte, um mit Ruhe sein Haupt darauf niederzulegen und dabei«, sagte er, sich in krampfhafter Bewegung zusammenkrümmend, »tobt das Fieber in meinen Nerven, und die Schmerzen zernagen meinen Körper. O mein Gott! Wenn ich gefehlt habe, so trifft mich dein Gericht mit furchtbarer Härte, und doch habe ich Frankreich so sehr geliebt, und doch habe ich niemanden mit Absicht wehe oder unrecht getan, – aber ich will alles ertragen, ich will nicht murren und den Kelch zu Ende leeren. Nur, o mein Gott!« rief er, die gefalteten Hände erhebend und die brennenden Blicke inbrünstig emporrichtend, »schütze und erhalte meinen Sohn und laß ihn, das unschuldige Kind, nicht mit mir in den Abgrund versinken, der sich unter meinen Füßen öffnet!«

Einige Augenblicke blieb er schweigend, immer den Blick aufwärts gerichtet, immer die Hände gefaltet, in seinem Stuhl sitzend. Dann erhob er sich langsam und bewegte die Glocke auf seinem Tisch.

»Meine Ärzte!« befahl er dem eintretenden Kammerdiener.

Nach kurzer Zeit traten der Doktor Nélaton und der Baron Larrey in das Zimmer.

Doktor Nélaton mit seinem bleichen, geistvollen Gesicht und seiner weichen, geschmeidigen Gestalt näherte sich dem Kaiser, ergriff, ohne dessen Aufforderung abzuwarten, seine Hand, um den Puls zu untersuchen, während der Baron Larrey, eine kräftige Gestalt mit markierten Zügen, in einiger Entfernung stehenblieb.

»Ich will abreisen«, sagte der Kaiser mit matter Stimme, »und mich nach Chalons begeben. Ich bitte Sie, meine Herren, mich zu begleiten.«

»Gott sei Dank,« sagte Doktor Nélaton, »daß Eure Majestät diesen Entschluß gefaßt haben, Sie bedürfen der Ruhe ganz unbedingt, es ist unmöglich, daß eine menschliche Organisation das länger aushält, was Eure Majestät hier in dieser Aufregung leiden müssen.«

»Werde ich auf dem Wege, der mir bevorsteht, weniger leiden?« sagte Napoleon, »wird die Krankheit, welche den Kaiser verzehrt, den Flüchtling verschonen? – Doch mein Weg ist mir vorgezeichnet, ich muß ihn gehen. Aber so kann ich nicht abreisen, es wird noch eine Operation nötig sein.«

Er erhob sich mühsam und begab sich, von Doktor Nélaton gestützt, in sein neben dem Kabinett liegendes Schlafzimmer, und der Baron Larrey folgte. Und einige Zeit hindurch tönten durch die geschlossene Tür hindurch die schmerzlichen Rufe, das laute, angstvolle Stöhnen des leidenden Kaisers, dessen Körper die Krankheit zerrüttete, während sein Thron unter ihm zu wanken begann.

Nach einer halben Stunde trat der kaiserliche Prinz, zur Abreise bereit, in das Kabinett des Kaisers.

Das arme Kind, welches so plötzlich von den Höhen der glänzendsten irdischen Herrlichkeit in die furchtbaren Szenen eines blutigen und verhängnisvollen Krieges gestürzt war, sah bleich und abgespannt aus. Seine Haltung war gebückt und schwankend, sein Gesicht blaß und eingefallen, und die großen, tiefliegenden Augen, von dunklen Ringen umgeben, waren mit Tränen gefüllt.

Unmittelbar nach ihm trat der Maire und die Munizipalität von Metz ein. Tiefe Niedergeschlagenheit lag auf allen Zügen.

Der kaiserliche Prinz trat an das Fenster und lehnte den Kopf leise weinend an die Brüstung, während die Vertreter der Stadt schweigend das Erscheinen des Kaisers erwarteten.

Die Türe des Schlafzimmers öffnete sich, Napoleon, von seinen beiden Ärzten gefolgt, trat herein. Er sah noch bleicher aus als vorher, aber auf seinen Zügen lag eine ruhige, fast heitere Ergebung. Seine Augen blickten freier und klarer, ein starker Äthergeruch umgab ihn, und er hob öfter ein mit Eau de Cologne getränktes Taschentuch, das er in der Hand hielt, zu seinem Munde empor.

Der kaiserliche Prinz eilte seinem Vater entgegen und hing sich, zärtlich zu ihm emporblickend, an seinen Arm, als suche er in diesen Tagen, in welchen alles um ihn her zusammenbrach, eine Stütze bei demjenigen, den er so lange als oberste Autorität, fast als die Vorsehung auf Erden anzusehen gewohnt war.

Der Kaiser trat zu dem Maire von Metz heran und sagte mit ernster, fester Stimme:

»Ich verlasse Sie, meine Herren, in einem schweren und unglücklichen Augenblick, aber mein Mut ist ungebrochen, und mein Glaube an die Zukunft Frankreichs ist unerschütterlich. Ich bitte Sie, meine Herren, erhalten Sie die gleichen Gefühle in Ihrer Brust und suchen Sie sie allen Bewohnern von Metz einzuflößen. Was auch kommen möge, Gott wird Frankreich nicht verlassen, und alles wird sich zum Guten wenden. Leben Sie wohl und bleiben Sie auf der Höhe der Aufgabe, welche diese Zeit jedem Franzosen, jedem Patrioten auferlegt.«

Er trat zu jedem einzelnen der Deputierten heran und reichte ihm die Hand.

»Eure Majestät und Frankreich können auf uns zählen«, sagte der Maire, unfähig vor innerer Bewegung, mehr zu sprechen.

Und dann verließen diese Vertreter der auf ihre Unüberwindlichkeit so stolzen Festungsstadt, welche noch vor so kurzer Zeit den Kaiser voll Siegeszuversicht begrüßt hatten, das Zimmer.

»Laß uns gehen«, sagte der Kaiser, indem er seinen Arm um die Schulter des kaiserlichen Prinzen legte und noch einmal mit seinem Blick das Zimmer umfaßte, welches so schwere Erinnerungen in sich schloß.

Schnell wurde die Tür geöffnet. Bleich, mit verstörten Gesichtszügen stürzte der Marschall Le Boeuf in das Zimmer.

»Ich kann nicht ertragen,« rief er, »Eure Majestät abreisen zu sehen, ohne Ihnen ein Wort des Abschieds zu sagen, ohne ein Wort der Verzeihung von Ihnen zu hören für das, was ich verschuldet, was ich, Gott ist mein Zeuge, ohne bösen Willen und im guten Glauben verschuldet habe, alles getan zu haben, was mein Pflicht mir gebot. Verzeihung, Sire, Verzeihung!«

Er eilte zum Kaiser hin, ergriff dessen Hand und drückte, fast in die Knie sinkend, seine Lippen auf dieselbe.

Der Kaiser sah mit weichem Blick, voll innigen Mitleids auf diese zusammenbrechende Gestalt des sonst so hoch und stolz einhertretenden Marschalls.

»Es ist jetzt nicht der Augenblick,« sagte er mit milder Stimme, »Verschuldungen der Vergangenheit zu richten. Sie werden einst Frankreich Rechenschaft zu geben haben, ich wünsche, daß Sie das zu tun imstande sein mögen. Was Sie an mir verschuldet haben, vergebe ich Ihnen von ganzem Herzen.«

»Oh, Sire,« rief der Marschall, »lassen Sie mich als gemeinen Soldaten in die Armee treten, um wenigstens mein Blut für Frankreich vergießen zu können.«

»Ich habe nichts mehr zu bestimmen,« sagte der Kaiser, »der Marschall Bazaine wird darüber verfügen, ob und wie Sie Ihre Kraft dem Dienst und der Rettung Frankreichs widmen können. Leben Sie wohl!«

Er winkte freundlich mit der Hand und ging hinaus, während der Marschall Le Boeuf, den Kopf in beide Hände stützend, in einen Sessel niedersank.

Im Hof der Präfektur stand der kaiserliche Wagen, der Marschall Bazaine am Schlage, den Kaiser erwartend. Eine Schwadron Kürassiere umgab die Equipage.

Der Kaiser stieg mit dem kaiserlichen Prinzen ein. Der Marschall setzte sich ihm gegenüber. Napoleon ließ einen langen Blick über die dichten Massen hingleiten, welche bis an den Wagen herandrängten.

Er erhob seinen Hut und grüßte, den Kopf neigend, nach beiden Seiten, während die Pferde anzogen.

Einzelne Stimmen riefen:

»Es lebe der Kaiser!«

Aber sie verklangen bald, und durch die schweigende Menge, welche in allen Straßen auf und nieder wogte, fuhr der Wagen nach dem Bahnhof hin.

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Der Kaiser Napoleon war, nur von seinen unmittelbaren persönlichen Adjutanten begleitet, in Verdun angekommen. Er hatte sich einen Augenblick auf die Mairie begeben, um dem Maire der Stadt ein wenig Mut einzusprechen. Dann war er sogleich zum Bahnhof gefahren, um den Weg nach Chalons fortzusetzen, denn die Spitzen der preußischen Armee waren bereits so nahe herangerückt, daß er fürchten mußte, durch einen kühnen Handstreich von der weit vorschwärmenden Reiterei aufgehoben zu werden.

Schon in Longueville, wo er einige Stunden geschlafen, hatten beim Morgengrauen des Napoleonstages, welcher sonst durch glänzende Feste in Paris und in ganz Frankreich gefeiert wurde, die preußischen Kugeln über das Haus hingepfiffen, in welchem der Kaiser und der kaiserliche Prinz ihr Quartier genommen, und die Generale hatten auf seine schleunige Weiterreise gedrungen, um in ihren Operationen durch die Anwesenheit des Souveräns nicht gehindert zu werden.

Die Equipagen des Kaisers waren noch nicht angekommen, und er befahl dem diensttuenden Adjutanten, ihm mit denselben so bald als tunlich zu folgen. Er fuhr mit dem kaiserlichen Prinzen in einem Wagen aus der Stadt, welchen der Maire ihm kommen ließ, nach dem Bahnhof.

Hier herrschte große Unordnung und Aufregung, zahlreiche Reisende, welche sich teils nach ihren Heimatsorten begeben wollten, teils vor der immer unmittelbarer herandrohenden Kriegsgefahr flüchteten, standen auf dem Perron und warteten vergebens der Beförderung, denn die zahlreichen Militärzüge hatten alle Lokomotiven und Beförderungsmittel so sehr in Anspruch genommen, daß man bereits seit länger als vierundzwanzig Stunden keinen Personenzug expediert hatte.

Der Kaiser trat mit seinem Sohn ohne jede Begleitung auf den Perron.

Bald erkannten ihn einige der versammelten Personen. Man bildete einen großen Kreis um ihn, und alle Blicke hefteten sich auf diesen so gebrechlich einherschreitenden Mann mit dem gesenkten Haupt und den unsicher schwankenden Schritten, der, selbst nur mühsam sich aufrecht haltend, seinen Arm dem zitternden, bleichen und vor Erschöpfung zusammenbrechenden Kinde als Stütze darbot, das alle Hoffnungen, zu denen es erzogen war, in diesen furchtbaren Tagen um sich her zusammensinken sah.

»Mein Gott!« riefen verschiedene Stimmen, »alles ist verloren! Der Kaiser flieht! – der arme Prinz!« hörte man hier und dort.

Der Kaiser hörte diese Worte, er hob den Kopf empor, ließ seinen matten Blick über die Zunächststehenden gleiten und berührte grüßend den Hut.

»Es wird alles wieder gut werden,« sagte er mit matter Stimme, der er vergeblich einen festen und klangvollen Ton zu geben versuchte, »die Armee steht vor dem Feind, sie wird ihn zurückwerfen und diese ersten Unglücksfälle wieder gutmachen.«

»Es lebe der Kaiser!« riefen einzelne Stimmen.

»Es lebe die Armee! Es lebe Frankreich!« fielen andere ein, während zugleich aus anderen Gruppen Zischen und Murren ertönte.

Traurig wandte sich der Kaiser ab und schritt dem Bahnhofsinspektor entgegen, welchen man benachrichtigt hatte und der schnell herbeieilte, um den Kaiser zu begrüßen und nach seinen Befehlen zu fragen.

»Ich wünsche sogleich einen Zug nach Chalons, eine Lokomotive und ein Coupé genügt mir. In einer halben Stunde werden meine Equipagen anlangen, welche ich Sie bitte, mir sogleich nachzusenden. Und senden Sie ein Telegramm an den Marschall Mac Mahon in Chalons, das ihn von meiner Ankunft benachrichtigt.«

»Sire,« sagte der Bahnhofsinspektor, »ich habe noch einige Lokomotiven, aber nichts anderes als Waggons dritter Klasse. Ich will sogleich nach den nächsten Stationen telegraphieren und anfragen, ob dort noch Coupés vorhanden sind.«

»Lassen Sie, mein Herr, lassen Sie,« sagte der Kaiser, »arrangieren Sie nur immer einen Zug mit einer Lokomotive und einem Wagen dritter Klasse. Wir sind Soldaten und sind im Kriege, wenn wir nur fortkommen und schnell fortkommen, so ist es gleichgültig, auf welche Weise.«

Der Inspektor gab die nötigen Befehle und führte den Kaiser in sein Dienstzimmer, in welchem infolge der überhäuften Geschäfte wegen der zahlreichen Truppenzüge die verworrenste Unordnung herrschte.

»Ich werde Eurer Majestät eine Lokomotive voraussenden, um die rasche Durchfahrt bis zum Mourmelon zu sichern. In wenigen Augenblicken wird Eurer Majestät Wagen bereit stehen«, sagte der Inspektor, als er nach kurzer Abwesenheit wieder in das Zimmer trat, vor dessen Tür sich die auf Beförderung wartenden Reisenden neugierig versammelten.

Der kaiserliche Prinz war erschöpft auf einen Sessel niedergesunken und sagte, indem er zu dem Eisenbahninspektor hinaufblickte:

»Ich bin so hungrig, mein Herr, wäre es nicht möglich, irgend etwas Stärkung zu erhalten?«

»Mein Gott,« sagte der Kaiser, »warum hast du das nicht in der Stadt gesagt? Dort würde man uns etwas haben geben können.«

»Du sprachst mit dem Maire, Papa,« erwiderte der Prinz, indem er seinen Vater mit einem liebevollen Lächeln ansah, »ich wollte in einem so ernsten Augenblick nicht durch meine Wünsche, durch meine kindische Schwäche stören. Ich hoffte, den Hunger und die Erschöpfung überwinden zu können – unsere braven Soldaten müssen dies ja auch überwinden, aber – ich kann wirklich nicht mehr«, fügte er hinzu, indem er wie zur Beteuerung die Hand auf die Brust legte und den Inspektor mit einem Blick ansah, in welchem die Bitte um Verzeihung zu liegen schien, daß seine Natur nicht stark genug sei, um dem Willen zu gehorchen.

Mit tiefer Rührung blickte der Beamte auf das arme erschöpfte Kind, während der Kaiser sich abwandte und mit der Hand über die Augen fuhr.

»Es ist mir ein großer Schmerz,« sagte der Inspektor, »Eurer Kaiserlichen Hoheit sagen zu müssen, das es mir unmöglich sein würde, und wenn ich den ganzen Bahnhof durchsuchen ließe, irgend etwas herbeizuschaffen als ein kleines Brot vom gestrigen Tage und eine Flasche Wein – das einzige, was ich mir selbst habe zurücklegen können, da die durchziehenden Truppen alles aufgezehrt haben, was irgend vorhanden war – man müßte nach der Stadt senden.«

»O nein, nein,« rief der kaiserliche Prinz, »das würde uns aufhalten, und alle Generale haben gesagt, daß Papa eiligst nach Chalons gehen müsse. Wollen Sie die Güte haben, mein Herr,« sagte er mit einer gewissen Verlegenheit in bittendem Ton, »mir ein wenig von Ihrem Brot und Ihrem Wein zu geben, das wird genügen.«

Der Inspektor schob einige Koffer und Pakete zur Seite, öffnete einen in der Ecke des Zimmers befindlichen Wandschrank, nahm daraus ein kleines Weißbrot, eine bereits angebrochene Flasche roten Weins und ein Glas. Er mußte zu seinem großen Taschenmesser greifen, um das in der Hitze fast steinhart gewordene Brot zu teilen. Dann füllte er das Glas und reichte es dem Prinzen mit einer Scheibe Brot.

Der Prinz tauchte das Brot in den Wein, ließ es erweichen, verzehrte es dann und leerte das Glas.

Seine bleichen Wangen färbten sich etwas höher, seine matten Augen blickten freier und heiterer.

»Wollen mir Eure Majestät auch die Ehre erzeigen,« sagte der Inspektor zum Kaiser, welcher mit glücklichen, freudigen Blicken zugesehen hatte, wie sein Sohn sich erquickte, – »wollen Eure Majestät mir die Ehre erzeigen, ein wenig von der geringen Stärkung anzunehmen, die ich Ihnen bieten kann?«

Der Kaiser neigte freundlich das Haupt, nahm das Glas, welches der Inspektor ihm reichte und sagte mit liebenswürdigem Lächeln: »Auf Ihr Wohl, mein Herr!«

Er leerte das Glas zur Hälfte, reichte es dann dem Beamten mit den Worten:

»Ich bitte Sie, den Rest zu trinken, damit mein Mund für Sie gute Wirkung hat.«

Der Inspektor ergriff ehrerbietig das Glas und rief mit bewegter Stimme:

»Auf das Wohl Eurer Majestät! Auf das Wohl des kaiserlichen Prinzen! Auf das Wohl Frankreichs!«

»Wäre es möglich, mich ein wenig zu waschen?« sagte der kaiserliche Prinz, indem er auf seine feinen, zarten Hände blickte, welche von Staub und Rauch geschwärzt waren.

»Wasser kann ich Eurer Kaiserlichen Hoheit geben,« sagte der Inspektor, »aber«, fügte er achselzuckend hinzu, »kein anderes Gefäß als dasselbe Glas.«

»Das genügt, mein Herr«, sagte der Kaiser. »Viele unserer Soldaten haben auch das nicht.«

Der Inspektor füllte das Glas aus einem Wasserkrug mit klarem, aber von der Hitze warm gewordenen Wasser.

Der Prinz zog sein Taschentuch hervor und wusch so gut, als es möglich war, seine Hände und sein Gesicht. Dann drückte er das angefeuchtete Tuch eine Zeitlang vor seine Stirn.

»So, jetzt bin ich wieder vollständig kräftig,« sagte er, »nun werde ich bis Chalons nichts mehr verlangen, du sollst mit mir zufrieden sein, Papa.« Und indem er den Arm des Kaisers ergriff und sich zärtlich an ihn schmiegte, sah er mit glänzenden Blicken zu ihm empor.

Das Pfeifen und Schnauben einer Lokomotive ertönte, man hörte das Rollen der Räder auf den Schienen.

»Der Zug Eurer Majestät ist vorgefahren«, sagte der Beamte.

»So wollen wir gehen«, sagte der Kaiser, indem er den Arm auf die Schulter des Prinzen legte.

»Leben Sie wohl, mein Herr, und nehmen Sie meinen Dank für Ihre Gastfreundschaft. Wenn das Glück uns wieder lächelt, werde ich mich derselben erinnern.«

Der Beamte öffnete die Tür. Der Kaiser, auf seinen Sohn gestützt, schritt langsam durch die neugierigen Gruppen über den Perron hin zu dem einfachen offenen Coupé dritter Klasse, welches allein mit der Lokomotive herangefahren war, um ihn weiter zu führen.

Der Kaiser stieg ein und grüßte mit der Hand die Umstehenden.

Langsam setzte sich die Lokomotive in Bewegung, als alle diese auf dem Perron wartenden Menschen, die von Gram und Verzweiflung über das Unglück Frankreichs erfüllt waren, welche die Unruhe und Sorge verzehrte nach ihrer Heimat, um zu den Ihrigen zu kommen, und den Kaiser und seinen Sohn ohne Adjutanten und Generalstab, ohne seine Hundertgarden, ohne all den Pomp und Glanz der Majestät, der ihn sonst umgab, allein, müde und erschöpft in einem Coupé dritter Klasse dahinfahren sahen, da ertönte von allen Seiten her der Ruf: »Es lebe der Kaiser!«

Und diesmal mischten sich keine Laute des Zischens und Murrens in den Gruß, welcher den scheidenden Imperator begleitete.

Als dieser Ruf verklungen war, als die Lokomotive mit dem einzelnen Wagen aus dem Gesichtskreis des Bahnhofes verschwand, da war es, als ob dumpf die Erde dröhnte, als ob der rollende Donner aus weiter Ferne her durch die Luft zitterte.

»Das ist das Artilleriefeuer! Das ist der Donner schwerer Geschütze!« rief der Inspektor, welcher, dem kaiserlichen Wagen nachblickend, am Rande des Perrons stand, – »das kommt von der Richtung aus Metz her. Der Marschall Bazaine greift den Feind an, nachdem der Kaiser in Sicherheit ist. Das ist die Entscheidung, das ist hoffentlich der Sieg!«

»Der Sieg! Der Sieg!« rief es laut in den Gruppen der Umstehenden. »Der Sieg, der uns für Reichshofen rächen, welcher den Boden Frankreichs von diesen verwegenen Feinden befreien wird!«

Und in einem Augenblick erheiterten sich alle diese vorher so traurigen Gesichter. Alle diese Menschen glaubten nicht, daß die Göttin des Sieges sich dauernd von den Fahnen Frankreichs abwenden könne. Die Gewißheit des Kampfes schien ihnen auch die Gewißheit des endlichen Erfolges zu geben.

»Es ist Bazaine, der dort schlägt! Bazaine, der Frankreich retten wird! Es lebe Bazaine!« rief eine Stimme.

»Es lebe Bazaine!« ertönte es in begeistertem Ruf über den Perron hin, während alle Hüte sich erhoben und alle Frauen ihre Tücher wehen ließen.

Es waren die Kanonen der Schlacht von Gravelotte, deren dumpfe Stimme zu diesen siegesfreudigen Gruppen herüberdrang, welche diesmal es übernommen hatten, die Salven zu ersetzen, mit denen am Tage der heiligen Jungfrau, dem Napoleon I. auf der stolzen Siegeshöhe seines Ruhms seinen Namen gab, sonst Frankreich seinen Kaiser begrüßte.

Mit aller Spannkraft der Maschine riß die Lokomotive den offenen Wagen, der die Gegenwart und Zukunft der kaiserlichen Dynastie von Frankreich in sich schloß, durch die im hellen Sonnenlicht daliegenden Felder dahin, auf welchen die reifen Feldfrüchte hin und her wogten, diese Hoffnungen einer reichen Ernte, die so bald von dem vernichtenden Schritt der Kriegsfurie zertreten werden sollten.

Der kaiserliche Prinz, welcher zuerst, erquickt und gestärkt, mit heiteren Blicken in die Landschaft hinausgesehen hatte, und welcher erleichtert aufatmete beim Anblick dieser Ruhe und dieses Friedens, nachdem er so lange von allen Schrecken und Aufregungen des Krieges umgeben gewesen war, sank allmählich wieder zusammen. Die Natur forderte ihr Recht. Er legte sich auf die hölzerne Bank des Waggons, stützte den Kopf auf seinen Arm und versank in einen tiefen Schlaf, welcher ihm freundliche Traumbilder vorführen mochte, denn auf seinen leichtgeöffneten Lippen, aus denen tiefe, regelmäßige Atemzüge hervordrangen, erschien von Zeit zu Zeit ein glückliches Lächeln. Dann aber wieder zuckte er zusammen wie in plötzlichem, jähem Schreck, und wie eine feindliche, drohende Erscheinung abwehrend, hob er wie in unwillkürlicher Bewegung die Hand.

Der Kaiser saß ihm gegenüber zusammengebeugt in der Ecke des Waggons. Hoffnungslose Trauer lag auf den schlaffen Zügen seines Gesichts, und die brennenden Blicke seiner krankhaften, glänzenden Augen ruhten starr aus dem schlafenden Kinde.

»Man sagt,« flüsterte er leise vor sich hin, »daß das Schicksal die Bilder der Zukunft zuweilen den kindlichen Seelen im Traume vorführt. Wäre es mir vergönnt, zu sehen, was jetzt in der Seele dieses armen Kindes sich zeigt, vielleicht würde ich erkennen können, was das Los des unerbittlichen Fatums über mich und mein Haus verhängt hat. Und wäre es das Schwerste, das Schlimmste,« sagte er in dumpfem Ton, »ich wäre glücklicher, wenn ich es in klarer, faßbarer Gestalt vor mir sähe, als daß ich so verhüllten Blickes der ungewissen Zukunft entgegensehe, getrieben, fortgerissen von den Ereignissen, ohne die Kraft, sie zu beherrschen und zu lenken. Die Zügel sind meinen Händen entfallen, und hier in dem Lande, dessen Regierung meinen Namen trägt, zwischen den Armeen, auf deren Fahnen meine Adler glänzen, ziehe ich einher, ein Machtloser, Verbannter! Machtloser noch als damals, da ich in dies von der Revolution bewegte Frankreich zurückkehrte, um den Thron aufzurichten, der heute in allen seinen Fugen erbebt – denn damals hatte ich die Jugend, die Kraft, die Hoffnung! Und heute? – Die Jugend ist dahin, die Kraft ist gebrochen, und statt der Hoffnung habe ich die Erinnerung, deren glänzende Bilder mein Elend nur noch qualvoller machen.«

Er senkte das Haupt tief auf die Brust und schloß die Augen.

Dahin brauste die Lokomotive, an allen Stationen nur wenige Sekunden anhaltend, um den Führer zu vergewissern, daß bis zur nächsten Station die Schienen in Ordnung und der Weg frei sei.

Schweigend und unbeweglich saß der Kaiser in seiner Ecke, ruhig schlief der Erbe der noch vor wenigen Wochen so glänzenden Krone auf der harten Bank dieses Waggons, auf welcher sonst arme Landleute Platz genommen hatten, welche die Erzeugnisse ihrer Felder und Gärten nach den nächsten Städten brachten.

Man war auf der letzten Station vor dem Mourmelon angekommen.

Der Kaiser richtete sich aus seinem brütenden Schweigen auf, – nachdem er den Prinzen einige Augenblicke mit liebevollem Mitleid betrachtet hatte, beugte er sich über ihn, küßte leicht seine Stirn und richtete dann, die Hand unter seinen Nacken legend, das Haupt des Kindes empor.

Der Prinz öffnete die Augen und sah mit großen, erstaunten Blicken um sich her. Er schien nicht zu begreifen, wo er sich befände, die Bilder des Traumes hatten die Wirklichkeit in seinem Geist verschwinden lassen.

»Wir kommen sogleich nach Chalons«, sagte der Kaiser. »Du mußt jetzt wach sein, mein Sohn, ich hoffe, der Schlaf hat dich gestärkt.«

»Vollkommen, Papa«, rief der kaiserliche Prinz, indem er zum vollen Bewußtsein der Situation zurückkehrte. »Wie freue ich mich, das Lager wiederzusehen, dort werden wir unsere braven Soldaten des Marschall Mac Mahon finden, welche sich gesammelt haben und bereit sind, gegen den Feind zu marschieren und ihn zu schlagen!«

Trübe blickte der Kaiser vor sich nieder. Diese zuversichtlich ausgesprochene Siegeshoffnung des Prinzen rief keinen Schimmer von Freude und Hoffnung auf seinem Gesicht hervor, er schwieg und wagte nicht, auch nur durch ein leises Wort die Hoffnung seines Sohnes zu erschüttern.

Der Prinz blickte aus dem mit großer Schnelligkeit dahinfahrenden Waggon hinaus.

»Ah, ich kenne die Gegend,« rief er, »wir sind gleich am Mourmelon, dort hinten sehe ich schon die Zelte!«

Die Lokomotive ließ einen gellenden, langen Pfiff ertönen, langsamer und langsamer rollten die Räder, und der kleine Zug hielt am Bahnhof des Mourmelon.

Zahlreiche Gruppen von Soldaten aller Waffen standen umher bis zum Perron hin; die Kantinieren in ihren koketten, kleidsamen Uniformen hatten ihre kleinen Tische aufgeschlagen und verkauften den lebhaft sprechenden Soldaten ihren roten Wein und ihr kleines Glas Kognak mit den so beliebten kleinen Brötchen von Pastetenteig, in deren Mitte ein Stück Farce von Kalbfleisch eingebacken ist und welches eines der hauptsächlichsten Nahrungsmittel der Arbeiter und Soldaten bildet.

Offiziere aller Grade gingen auf dem Perron auf und nieder; alle Gesichter waren trübe und düster, während die Soldaten versucht hatten, ihre Stimmung durch den Einfluß der Getränke zu erhöhen.

Als die Lokomotive mit dem unscheinbaren Wagen dritter Klasse an den Perron heranfuhr, wandten die Offiziere kaum den Kopf nach diesem kleinen, gleichgültigen, nichtsbedeutenden Zuge hin, der bestimmt schien, irgendeine Botschaft im Interesse des Eisenbahndienstes zu bringen.

Der Kaiser öffnete selbst mit einiger Mühe den Schlag des Waggons und stieg das Trittbrett herunter, und der kaiserliche Prinz folgte ihm.

Die nächste Gruppe der Offiziere blickte ganz erstaunt auf, als sie aus diesem einzelnen Wagen dritter Klasse ohne alle Begleitung den Kaiser und den kaiserlichen Prinzen heraussteigen und auf den Perron treten sahen. Fast schienen sie ihren Blicken zu mißtrauen, und langsam nähertretend, als wollten sie diese außergewöhnlichen Erscheinungen näher prüfen und deren Wirklichkeit feststellen, stellten sie sich, als sie keinen Zweifel mehr hegen konnten, daß es wirklich der Kaiser sei, der da aus dem Waggon gestiegen, ihre Käppis abnehmend, in militärischer Haltung auf.

Auch die übrigen wurden aufmerksam und blieben ebenfalls stehen, den Kaiser begrüßend, der sein Käppi ebenfalls abnahm und erst nach allen Seiten hin den Kopf neigte.

Wenn er sonst an dieser Stelle den prachtvollen kaiserlichen Salonwagen verlassen hatte, so hatten ihn schmetternde Fanfaren und laute Jubelrufe begrüßt. Heute empfing ihn ernstes, kaltes Schweigen, und die Blicke aller dieser Offiziere ruhten finster, zum Teil feindlich auf ihm. Der Lorbeerkranz war von dem Haupt des Imperators gesunken, das Schwert war seiner Hand entfallen.

Durch die Bewegung in den Gruppen der Offiziere aufmerksam gemacht, näherten sich einzelne Soldaten dem Perron, und einen Augenblick sahen sie schweigend zu dem Kaiser hinüber; dann hörte man ein lautes, höhnisches Lachen, und eine Stimme rief: »Badinguet! Da ist Badinguet – Badinguet, Vater und Sohn«, ertönte es weiter aus den Reihen der Soldaten, welche, durch den Ruf aufmerksam gemacht, näher herantraten – immer lauter wurde das höhnische Lachen, immer zahlreicher die Rufe, die diesen Spottnamen des Kaisers wiederholten.

Gellende Pfiffe durchzitterten die Luft, Murren, zischende, drohende Laute ließen sich von allen Seiten vernehmen. Immer näher drängten die aufgeregten Soldaten heran – schon waren sie wenige Schritte vom Kaiser entfernt und: »Badinguet! Nieder mit Badinguet!« rief man rings um ihn her, fast unmittelbar in seine Ohren hinein.

Der Kaiser wurde totenbleich, er richtete sich aus seiner matten, gebrochenen Haltung empor, seine Augen sprühten Blitze gegen diese zügellosen Soldaten, welche alle seine Uniform trugen, welche seinen Adlern Treue geschworen. Er wich keinen Schritt zurück, starr und unbeweglich stand er da, indem er seinen Arm um die Schultern des Prinzen legte, der sich zitternd und wie Hilfe suchend an ihn anschmiegte.

Ein graubärtiger Offizier in der Oberstenuniform trat aus der nächsten Gruppe heran und stellte sich vor den Kaiser.

»Zurück!« rief er mit fester Stimme den Soldaten zu. »Vergeßt nicht, was ihr der Disziplin, was ihr der Ehre der Armee schuldig seid!«

Einen Augenblick hielt die aufgeregte Menge, welche gegen den Kaiser herandrängte, an. Noch andere Offiziere eilten heran und bildeten eine Linie zwischen dem Kaiser und den drohenden Soldaten.

Wenige Augenblicke aber nur dauerte das Schweigen, dann drang diese wilde, aufgeregte Masse auch gegen die Offiziere vor. Man erhob die geballten Fäuste und: »Badinguet! Nieder mit Badinguet!« erscholl es abermals mit wildem Geheul. »Er soll uns die Kürassiere von Reichshofen wieder geben, welche nutzlos geopfert wurden. Er soll uns seinen Le Boeuf ausliefern, damit wir ihn zerreißen können, ihn, der uns an die Feinde verraten hat!«

Immer wütender, immer drohender wurden die Gesichter und Gebärden, immer wilder der Lärm der Stimmen, welche dem Kaiser ihre Verwünschungen zuriefen.

Der alte Oberst legte die Hand an seinen Degen.

Sanft legte der Kaiser seine Hand auf seinen Arm.

»Sie sind zu wenig gegen diese Menge, mein Herr Oberst«, sagte er. »Was ich hier sehe, ist schmerzlicher als verlorene Schlachten; wenn ein solcher Geist in der Armee sich verbreiten kann, dann werden wir keinen Sieg mehr zu verzeichnen haben. Schützen Sie den Prinzen,« sagte er zu den umstehenden Offizieren, »lassen Sie mich allein mit diesen Wütenden.«

»Ich verlasse dich nicht, Papa!« rief der kaiserliche Prinz, indem er sich fester an den Arm des Kaisers klammerte.

Der Kaiser suchte sich sanft von den Händen des Kindes loszumachen.

Die Soldaten begannen bereits unmittelbar gegen die Offiziere heranzudrängen.

Da hörte man die Hufschläge einer heransprengenden Kavallerieabteilung, man hörte das Rasseln ihrer Waffen, und vom Lager her sah man zwei Schwadronen Kürassiere im scharfen Trabe heranreiten, vor ihnen her der Marschall Mac Mahon mit seinem Stabe.

Das Falkenauge des Marschalls schien die Situation zu erkennen, man sah sein schwarzes Pferd in mächtiger Lançade emporsteigen, und in voller Karriere, seinem Stabe und den Schwadronen weit voraus, jagte er gegen den Mourmelon heran, den er in wenigen Sekunden erreicht hatte. Mit einem mächtigen Ruck parierte er sein Pferd und war in demselben Augenblick aus dem Sattel gesprungen, indem er den Zügel über den Hals seines Pferdes warf. Aus seinen vergißmeinnichtblauen Augen flammte es wie Wetterstrahl, seine magere, nervige Gestalt richtete sich so stolz empor, daß er höher und größer erschien, als die größten Gestalten in seiner Nähe.

»Platz, ihr Elenden!« rief er mit einer Stimme, deren eherner Ton durch all das Heulen, Pfeifen und Zischen mächtig hindurchdrang. Und alle diese wütenden, aufgeregten und berauschten Gestalten zuckten zusammen, als sie den Ton dieser gewaltigen Stimme hörten. Erschrocken blickten sie sich um. Sie sahen das bleiche, von Zorn und Entrüstung zitternde Gesicht des Marschalls, sie sahen seine wetterleuchtenden Blicke, und im Nu war eine Gasse geöffnet zwischen ihnen und dem Kaiser.

Mit festem Schritt trat der Marschall vor. Die Linien der Offiziere öffneten sich, den Hut in der Hand näherte er sich dem Kaiser und sprach mit einer Stimme, die noch vor Aufregung zitterte:

»Ich habe die Ehre, Eure Majestät in meinem Hauptquartier zu begrüßen. Alles ist zu Ihrer Aufnahme bereit. Wenn ich leider einen Augenblick zu spät zu Ihrem Empfang hier erschienen bin, so bitte ich, das mit der Langsamkeit der Depeschenbeförderung zu entschuldigen. Die Linien sind unterbrochen, und soeben erst habe ich die Nachricht von der Ankunft Eurer Majestät erhalten. Die schwere Verletzung der Disziplin,« fügte er hinzu, »welche hier stattgefunden zu haben scheint, wird auf das schwerste und schärfste bestraft werden.«

»Nicht doch, Herr Marschall,« sagte der Kaiser, »verzeihen Sie diesen Armen, denn das Unglück Frankreichs hat ihre Sinne verwirrt. Führen Sie sie gegen den Feind – dort mögen sie zeigen, daß sie würdig sind, die Uniform der französischen Armee zu tragen.«

Der Stab des Marschalls und die Kürassiere waren inzwischen auch herangekommen. Die Offiziere des Stabes stiegen ab und traten heran, um ebenfalls den Kaiser zu begrüßen.

Der Marschall wandte sich um.

Noch standen die Massen der Soldaten, welche den Kaiser bedroht hatten, ganz erstaunt und erschrocken in unmittelbarer Nähe umher.

»Machen Sie den Platz frei!« rief der Marschall dem kommandierenden Offizier der Kürassiere zu.

In einem Augenblick formierten sich die Schwadronen in breiten Linien, die Pallasche rasselten aus den Scheiden, diese ehernen Reihen sprengten vor, und die ganze Menge zerstob nach allen Seiten.

Der Platz vor dem Perron war leer, die Kürassiere bildeten ein großes Viereck.

»Wenn es Eurer Majestät gefällig ist,« sagte der Marschall, »nach dem kaiserlichen Pavillon aufzubrechen.«

Man führte das Pferd für den Kaiser und eines für den kaiserlichen Prinzen vor. Ein Ordonnanzoffizier sprang heran und hielt dem Kaiser den Steigbügel, der Marschall stand neben ihm, bis er und der kaiserliche Prinz im Sattel saßen, dann stieg auch er zu Pferde. Die Offiziere seines Stabes umgaben den Kaiser, und eine Schwadron der Kürassiere ritt voraus, die anderen folgten; und so bewegte sich der Zug durch das Lager nach dem kaiserlichen Pavillon hin.

Überall, wo man durch die Zelte ritt, standen die Truppen in dichten Reihen, aber ein eisiges Schweigen herrschte, und der einzige Ruf, den man zuweilen hörte, war:

»Es lebe der Marschall Mac Mahon! Die Hoffnung Frankreichs.«

Der Kaiser sprach kein Wort. Stumm und vornüber gebeugt saß er auf seinem Pferde da. Man sah keine Spur mehr von jener eleganten, sichern und ritterlichen Haltung, welche ihm einst den Namen des besten Reiters von Frankreich verschafft hatte. Mit Mühe nur schien er sich im Sattel zu halten, und die nervösen Zuckungen seines Gesichtes schienen noch mehr von körperlichen Schmerzen als von moralischen Leiden zu zeugen.

Ebenso ernst und schweigend ritt der Marschall neben ihm, ehrerbietig sein Pferd um eines Kopfes Länge hinter dem des Kaisers zurückhaltend.

Der kaiserliche Prinz blickte traurig und verwundert auf alle diese Soldaten hin. Er schien nicht zu begreifen, warum heute nicht wie sonst der laute Ruf: »Es lebe der Kaiser!« ihm entgegentönte, warum die Musikkorps ihn nicht mit den Klängen des »Partant pour la Syrie« und dem kaiserlichen Grenadiermarsch begrüßten.

Endlich ritt man in das weite Viereck des kaiserlichen Pavillons. Hier war noch alles wie sonst. Unbeweglich standen die doppelten Reiterposten vor dem Eingang, die Trikolore wehte auf dem Mittelbau des Pavillons und die Elitetruppe, welche hier die Wache besetzt hatte, begrüßte den Kaiser mit einem kräftigen und lauttönenden »Vive l'Empereur!«

Der Kaiser atmete auf, als er in diesen geschlossenen Raum einritt, in welchem wie in einer Oase noch der alte Glanz der kaiserlichen Macht und Herrlichkeit seinen Augen sich zeigte.

Der kaiserliche Prinz winkte freudig und lächelnd mit der Hand den Truppen zu, welche ihn begrüßten.

Auf der Mitteltreppe des Pavillons trat der Prinz Napoleon dem Kaiser entgegen, welcher vom Pferde gestiegen war und, vom Marschall und seinem Stabe begleitet, langsam die Stufen hinaufstieg. Der Kaiser reichte dem Prinzen, welcher finster und bleich dastand, die Hand.

»Ich habe bei der Abfahrt von Verdun«, sagte er dann, sich zum Marschall wendend, »Kanonendonner gehört. Haben Sie Nachrichten von Bazaine?«

»Keine bestimmten,« erwiderte der Marschall, »er ist mit seiner ganzen Armee engagiert. Nach den Telegrammen, die bisher gekommen sind, scheint die Schlacht einen ungünstigen Verlauf zu nehmen. Er ist von allen Seiten gefaßt, und ich fürchte, er wird nach Metz zurückgeworfen werden.«

»Ich bin dessen gewiß!« rief der Prinz Napoleon lebhaft – »das ist die Folge von diesem unseligen Zögern, die Folge davon, daß man sich nicht längst entschlossen hat, die Armee hierher zurückzuführen, solange der Rückzug noch möglich war. Das Verhängnis geht seinen Weg,« fügte er, die Zähne auf die Lippen beißend, hinzu, »dieser so wahnsinnig begonnene Krieg muß zum Verderben führen.«

»Ich bin unendlich ermüdet,« sagte der Kaiser, »ich möchte einige Stunden ruhen, bis dahin werden vielleicht ausführliche und sichere Nachrichten von Bazaine da sein. Dann wollen wir einen Kriegsrat halten, um zu überlegen, was zu tun ist. Jetzt bin ich unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Sobald meine Equipagen und mein Gefolge ankommen, senden Sie Nélaton und Larrey zu mir. Bis dahin muß ich ruhen und schlafen«, fügte er in leisem, halb fragendem Tone hinzu. »Auf Wiedersehen, mein Vetter«, sagte der Kaiser zum Prinzen Napoleon und begab sich, vom Marschall begleitet, nach seinen Appartements, während der Prinz sich zu den Offizieren des Stabes wandte.

Napoleon folgte seinem Sohn in dessen Schlafzimmer, das man neben demjenigen des Kaisers hergerichtet hatte. Mit zärtlicher und liebevoller Sorgfalt half er dem Prinzen sich entkleiden, legte einen Augenblick wie segnend die Hand auf seine Stirn, als das arme, ermüdete Kind sein Haupt in die Kissen des frischen Bettes gesenkt hatte, und begab sich dann in sein eigenes Schlafzimmer, wo er seinen Überrock abwarf und sich im Übrigen völlig angekleidet auf sein Bett legte.

Die tiefe körperliche Ermüdung brachte ihm die Wohltat des Schlafes und nach kurzer Zeit zeigten seine ruhigen Atemzüge, daß er wenigstens aus dieser Quelle des Trostes und der Stärkung für die sterbliche Menschheit die Vergessenheit all des Jammers geschöpft habe, der sich so furchtbar aus sein Haupt gehäuft.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Etwa zwei Stunden nach der Ankunft des Kaisers im Lager von Chalons war seine Equipage und sein Gefolge angekommen.

Doktor Nélaton und Baron Larrey hatten sich in das Kabinett des Kaisers begeben und waren längere Zeit bei demselben geblieben.

Dann war Napoleon in dem großen Empfangszimmer des kaiserlichen Pavillons erschienen. Er hatte Toilette gemacht, und wenn auch sein Gesicht noch immer bleich und abgespannt war, wenn seine Blicke auch trübe den Boden suchten, so war doch seine ganze Haltung und Erscheinung kräftiger und frischer als bei seiner Ankunft.

Der Kaiser hatte befohlen, daß man den kaiserlichen Prinzen nicht wecken solle, und zugleich den Marschall Mac Mahon rufen lassen, um mit ihm über die nächsten militärischen Operationen zu sprechen.

Der Marschall befand sich bereits in dem Empfangszimmer, mit ihm der Prinz Napoleon, der General Castelnau, der General Reille, der Fürst von der Moskwa und der General Vauberg de Genlis.

Napoleon begrüßte den Kreis der Generale mit einem Anflug seiner früheren liebenswürdigen und gewinnenden Freundlichkeit. Er schritt zum Marschall Mac Mahon; reichte ihm die Hand und führte ihn zu dem in der Mitte des Zimmers stehenden großen Tisch.

»Ich bitte Sie, Herr Herzog,« sagte Napoleon, indem er dem Marschall einen Stuhl vor der Mitte des Tisches bezeichnete und sich selbst zur Seite desselben niederließ, »ich bitte Sie, den Kriegsrat zu eröffnen und demselben zu präsidieren. Sie führen das Kommando, ich habe hier keine militärische Autorität. Ich wünsche nicht als General, sondern als Souverän des Landes diesem Kriegsrat beizuwohnen – und auch nur«, fügte er mit einem matten, traurigen Lächeln hinzu, »als Souverän in partibus, denn ich habe ja meine Regierungsgewalt in die Hände der Regentschaft gelegt.«

»In der einen oder der anderen Form«, sagte der Marschall Mac Mahon, indem er sich mit einer Verneigung gegen den Kaiser auf den Stuhl setzte, »wird das Schicksal Frankreichs immer in den Händen Eurer Majestät liegen und Ihre endliche Entschließung wird immer maßgebend sein; sowohl die Regentschaft als das Armeekommando wird doch nur kraft Ihres Auftrags und Ihres Willens geführt, und jede Autorität verschwindet, wenn die Grundlage dieses Willens ihr entzogen wird.«

Der Kaiser antwortete nicht, sondern machte nur eine Bewegung mit der Hand, welche den Marschall aufzufordern schien, die Entwickelung seiner Meinung über die gegenwärtige Sachlage zu beginnen. Dann zog er einen Bogen Papier und einen Bleistift, welche auf dem Tisch lagen, zu sich heran und begann, den Kopf tief herabbeugend, unregelmäßige und verworrene Linien zu zeichnen, während der Prinz Napoleon und die übrigen Generale an dem Tisch Platz nahmen.

»Sire,« sagte der Marschall, »nach meiner Überzeugung ergibt sich der Plan, nach welchem die Operationen dieser Armee geleitet werden müssen, mit unabweisbarer Notwendigkeit aus der Situation selbst. Der Marschall Bazaine hat seinen Rückzug hierher begonnen, der Feind versucht denselben zu hindern, der Marschall ist scharf engagiert. Er ist infolge einer bewunderungswürdigen kombinierten Bewegung der preußischen Armeen von verschiedenen Seiten angegriffen, und ich fürchte, daß sein Rückzug gehindert, und er gezwungen werden wird, sich nach Metz zurückzuziehen.«

»Das wäre sehr traurig«, sagte der Kaiser.

»Man muß hoffen, Sire, daß es nicht geschieht«, fiel der Marschall schnell ein. »Ich hoffe immer das Beste, aber um Entschlüsse zu fassen, muß man auch vor allem den möglichst ungünstigen Ausgang ins Auge fassen, und nach den Nachrichten, welche von Metz hierher dringen, kann ich kaum darauf rechnen, daß es der Armee gelingen werde, ihren Rückzug auszuführen. Aber die Vereinigung beider Armeen ist von hoher Wichtigkeit für das fernere Schicksal des Krieges.«

»Man müßte von hier aus vorrücken, um Bazaine Hilfe zu bringen«, sagte der schlanke General Castelnau, indem er das scharf geschnittene Profil seines Gesichtes dem Marschall zuwandte und sein dunkles, lebhaftes Auge fragend auf denselben richtete.

Der Prinz Napoleon zuckte die Achseln und trommelte ungeduldig mit den Fingern seiner vollen fleischigen Hand auf dem Tisch, während der Kaiser, ohne aufzublicken, mit dem Bleistift seine Linien über das Papier zog, Linien, welche sich nicht, wie das sonst wohl zu geschehen pflegte, unter seiner Hand zu Adlerflügeln und Krallen gestalteten, sondern welche verworren und bunt durcheinander liefen, vielfach sich kreuzend und durchschneidend, ohne irgendein Bild zu zeichnen.

»Von hier aus Bazaine entgegenzumarschieren,« sagte der Marschall ruhig, indem er auf die Bemerkung des Generals Castelnau erwiderte, »würde ich für eine sehr fehlerhafte Bewegung halten. Wir würden niemals schnell genug dorthin gelangen können, um Bazaines Armee in ihren gegenwärtigen Engagements zu Hilfe zu kommen. Ich habe mir die größte Mühe gegeben, in diesen Tagen die ganze hier vereinigte, schwer erschütterte Armee neu zu organisieren und auch moralisch ihren Mut, ihr Vertrauen und vor allen Dingen ihre Disziplin zu stärken. Eure Majestät«, sagte er, sich zum Kaiser wendend, »werden sich selbst überzeugen können, daß mir namentlich das letztere noch nicht vollständig gelungen ist, und daß die traurige Folge aller Niederlagen, die Auflösung der Disziplin, noch immer ihren so schädlichen und verderblichen Einfluß ausübt. Auch heute ist die Armee noch nicht wieder vollständig schlagfertig, und wenn sie es wäre, so würde es immerhin unmöglich sein, in die Kämpfe, welche jetzt vor Metz stattfinden, noch entscheidend und wirksam einzugreifen. Einen Marsch dorthin auch nur zu versuchen, scheint mir daher eine vollkommen unnütze Verschwendung von Zeit und ein neues Hemmnis in der so absolut notwendigen Rekonstruierung der innern Armee von Chalons. Wenn es dem Marschall Bazaine gelingt, sich die freie Rückzugslinie zu öffnen, so wird er es sein, der sich hier mit uns vereinigt. Gelingt es ihm nicht, so würde unser Vormarsch keinen andern Erfolg haben können, als uns mitten in den Kreis siegreicher feindlicher Armeen hineinzuführen, denen wir mit den heute verfügbaren Kräften noch nicht gewachsen sind.«

»Der Herr Marschall hat recht, vollkommen recht,« rief der Prinz Napoleon lebhaft, »an den Grenzen ist für uns das Spiel verloren, es kann nur darauf ankommen, das Herz des Landes zu schützen und hier alles vorzubereiten, um die volle nationale Kraft dem vordringenden Feind entgegenzustellen.«

»Auch ich, Sire, teile vollkommen die Ansicht des Marschalls,« sagte der General Reille mit seinem ernsten, militärisch festen und ruhigen Gesicht, auf welchem trotz der schweren, unheilvollen Situation eine gewisse hofmännische Ruhe lag, – »es ist ja ganz unmöglich für uns, in diesen Tagen die Armee schlagfertig nach Metz zu führen, und wenn Bazaine wirklich dort unten siegen sollte, so wird er seinerseits so schnell als möglich hierhermarschieren, um sich mit uns zu vereinigen und die Gesamtarmee zu sammeln und zu reorganisieren.«

Der Kaiser sagte nichts; ohne die Augen von seinem Papier zu erheben, ohne einen Augenblick die Bewegungen seiner Hand mit dem Bleistift zu unterbrechen, neigte er nur den Kopf gegen den Marschall, ohne daß man zu erkennen vermochte, ob dies ein Zeichen der Zustimmung zu den von demselben ausgesprochenen Ansichten sein solle oder eine Aufforderung an ihn, in der Auseinandersetzung seiner Meinung weiter fortzufahren.

»Ich gehe noch weiter,« sprach der Marschall, indem er den klaren Blick seines hellen, blauen Auges in dem Kreise der Generale hingleiten ließ, – »ich gehe noch weiter: anstatt eine vergebliche und zeitraubende Bewegung zu machen, um meinerseits zu Bazaine vorzudringen, welcher, wie ich wiederholen muß, wenn er überhaupt Freiheit seiner Bewegung sich erkämpft, seinerseits sich mit uns vereinigen wird – anstatt eine solche nutzlose und gefährliche Bewegung zu machen, halte ich es für notwendig, diese Armee von Chalons, sobald ihr innerliches Gefüge wieder vollkommen hergestellt ist, auf Paris zurückzuführen.«

Der Prinz Napoleon nickte mehrmals unter dem Ausdruck lebhaftester Zustimmung mit dem Kopf.

Der Kaiser blickte empor und sah den Marschall wie fragend und erstaunt an, indem seine Hand zugleich mitten in die verworrenen Linien hinein, welche das Papier vor ihm bedeckten, mit großen Buchstaben das Wort »Paris« schrieb.

»Wenn diese Armee auf Paris zurückgeführt wird,« fuhr der Marschall fort, »wenn sie dort auf Paris gestützt – das nach meiner Ansicht sogleich in ernsten Verteidigungszustand zu setzen ist, – wenn sie den Mittelpunkt bildet für eine innerhalb der Kaders der Mobilgarde schleunigst zu organisierende allgemeine Volksbewaffnung, so wird sie eine gewaltige und schwerwiegende Macht bilden, gewiß vollkommen geeignet, jedes weitere Vordringen des Feindes durch ihr plötzliches Dasein aufzuhalten. Bazaine, nach Metz zurückgedrängt, kann sich bei den ungeheuren Vorräten an Proviant und Munition, welche dort vorhanden sind, sehr lange halten, und dann wird der Feind gezwungen werden, zwischen unsere beiden großen und an feste Positionen gelehnten Armeen hineinzurücken, oder aber zunächst vor Metz stehen zu bleiben und uns Zeit zu lassen, unsere Kraft so zu stärken und zu organisieren, daß wir wieder zur Offensive übergehen können, zur Offensive, welche dann durch die organisierte Begeisterung des ganzen Landes gestützt sein wird. Dies meine militärischen Gründe, Sire, Gründe, welche unterstützt werden durch die Ansichten jenes großen Strategen, des Marschalls Niel, den der Tod zu unserm Unglück uns entrissen hat; denn auch er hatte für den Fall, daß sein erster Plan eines dreifachen Offensivvorstoßes nach Deutschland hinein nicht ausführbar sein sollte, die Idee entwickelt, die deutsche Armee diesseits der Festungslinie heranzuziehen und sie so zwischen zwei Feuer zu nehmen. Ich bin Soldat«, fuhr er fort, »und will nichts anderes sein. Ich könnte mich deshalb mit der Entwicklung jener militärischen Gründe begnügen. Doch in einem Augenblick, in welchem von dem Schicksal der Armee auch das Schicksal des Landes – seine Regierung,« fügte er mit fester Betonung hinzu, – »seine Zukunft auf lange hinaus abhängt – in einem solchen Augenblick, Sire, muß auch der Soldat die politischen Verhältnisse in den Kreis seiner Erwägungen ziehen und auf seine Entschlüsse einwirken lassen. Eure Majestät kennen«, fuhr er fort, »die Aufregung, welche in Paris herrscht, Eure Majestät wissen, was die Aufregung des Volkes in Paris zu bedeuten hat. Unsere ersten Niederlagen haben das Ministerium Ollivier in einem Augenblick verschwinden lassen. Weitere Niederlagen, welche ich wahrlich nicht in Aussicht stellen will, aber deren Möglichkeit ich nicht zu leugnen unternehmen kann, würden vielleicht das Ministerium Palikao noch schneller und noch spurloser verschwinden lassen, als das Ministerium Ollivier verschwand. Und welches Schicksal würde man in einem solchen Falle der Regentschaft vorhersagen können?«

»Das ist der Punkt«, sagte der Prinz Napoleon. »Diese Regentschaft ist schon heute kaum mehr vorhanden. Das Ministerium dekretiert noch in ihrem Namen, aber ihr Inhalt, ihr Wesen ist nicht mehr da. Es sind die Majoritäten des Corps législatif, welche die Maßregeln des Ministeriums inspirieren. Bald werden auch diese Majoritäten verschwinden vor den Rufen der Masse, welche aus den Tiefen der Gesellschaft von Paris heraufsteigt. Diese Rufe werden nicht heißen: »Es lebe der Kaiser!« – noch viel weniger aber: »Es lebe die Kaiserin!« fügte er mit bitterem Lachen hinzu.

Die Generale schlugen schweigend die Augen nieder.

»Fahren Sie fort, Herr Marschall«, sagte der Kaiser kalt und ernst.

»Wenn nun«, sprach Mac Mahon weiter, »Eure Majestät diesen möglichen Fall annehmen, wenn Eure Majestät daran denken, daß es geschehen könnte, daß, während die Armeen, von der Hauptstadt weit entfernt, mit einem bisher siegreichen Feind ringen, in Paris selbst die Revolution ihr Haupt erhöbe, daß dort die kaiserliche Regierung nicht mehr Herrin wäre – dann, Sire, wäre wirklich das Ende da, dann, Sire, wäre Frankreich verloren. Ich wage kaum daran zu denken, welches Schicksal die Zukunft unserm unglücklichen Vaterlande bringen müßte.«

»Ja, ja,« rief der General Castelnau, »der Herr Marschall hat recht, dieser Grund ist entscheidend.«

Beistimmend neigten die Generale Reille und Vauberg de Genlis den Kopf.

Der Prinz Napoleon sah mit brennenden Blicken, vor Ungeduld zitternd, auf den Kaiser, welcher, ohne ein Zeichen seiner Zustimmung oder seiner abweichenden Meinung zu geben, auf sein Papier niederblickte.

»Und wenn sich die Armee auf Paris zurückzieht?« fragte er mit leiser Stimme, indem er, ohne die Augen aufzuschlagen, den Kopf nach der Seite des Marschalls neigte.

»Wenn sich die Armee auf Paris zurückzieht,« erwiderte der Herzog von Magenta, »wenn die Bewaffnung des Volkes, gerade der Elemente des Volkes, welche die Revolution machen, militärisch organisiert und an die Armee unter meinem Kommando« – sagte er, stolz den Kopf erhebend – »angefügt wird, – dann, Sire, wird jede Revolution unmöglich sein. All jenes unruhige und wilde Feuer, welches die Bevölkerung von Paris erhitzt, welches ungeleitet und unbeherrscht gegen die Regierung und gegen die Dynastie seine drohenden Flammen aufschlagen lassen möchte, wird sich dann mit furchtbarer Macht gegen den Feind richten, gegen den Feind, der dann zu gleicher Zeit auch in einer strategisch für ihn höchst gefährlichen Position sich befinden wird.«

»Ich bitte Eure Majestät,« rief der Prinz Napoleon lebhaft, »ich beschwöre Sie um Frankreichs, um unseres Hauses willen, genehmigen Sie den Plan des Marschalls – in ihm allein liegt die Rettung!«

Der Kaiser schlug langsam den Blick auf und ließ ihn über die anwesenden Generale hingleiten. In allen Mienen las er die Zustimmung zu den Plänen des Marschalls.

»Ich habe keine Genehmigung zu erteilen,« sagte er dann – »der Marschall allein hat zu bestimmen. Er führt das Kommando, und ich wünsche nicht, seine Verantwortlichkeit durch Eingreifen in seine Entschließungen zu erschweren. Doch scheint es mir, daß es notwendig wäre, den Plan, welcher hier soeben entwickelt wurde, der Regentin und den Ministern mitzuteilen und deren Meinung darüber zu hören, denn in Paris allein ist man in diesem Augenblick imstande, das Ganze der Situation nach allen Richtungen zu übersehen. Ich halte eine Anfrage in Paris um so mehr für geboten und nützlich, als ja der Marschall selbst für seine Pläne auch politische Gründe angeführt hat und als gerade diese Gründe doch nur dort, im Mittelpunkt der Politik, richtig beurteilt und gewürdigt werden können.«

»Anfragen und immer Anfragen,« rief der Prinz Napoleon heftig, »in diesem Augenblick in welchem die einzelnen Armeen voneinander getrennt sind und in welchen die Regierung in Paris kaum imstande ist, irgend welche Politik machen zu können, selbst wenn sie den Mut und den Entschluß dazu hätte – in diesem Augenblick sollte wahrlich jeder auf seine eigene Verantwortung handeln, und wenn jeder dabei nach seinen Kräften das Beste tut, um das Vaterland zu retten, so wird auf diesem Wege allein eine glückliche Wendung erreicht werden können. Es ist wahrlich keine Zeit vorhanden, um Berichte zu erstatten und die Antworten darauf abzuwarten.«

»Ich bin weit entfernt,« sagte der Marschall Mac Mahon, sich gegen den Kaiser verneigend, »meine Ansichten für die allein oder absolut richtigen zu halten und bin gern bereit, sie der Beurteilung derjenigen zu unterwerfen, welche, mit den Vollmachten Eurer Majestät ausgerüstet, im Mittelpunkt der Regierung stehen. Ich werde sogleich meinen Plan und die Gründe für denselben kurz zusammenfassen und telegraphisch die Meinung des Grafen Palikao darüber einholen. Da die Verbindung von hier nach Paris in voller Ordnung ist, so kann in ganz kurzer Zeit eine Antwort hier sein, und notwendige Operationen, welche ohnehin nicht auf der Stelle begonnen werden können, werden dadurch nicht aufgehalten werden.«

»Tun Sie das, mein lieber Marschall,« sagte der Kaiser, sich langsam erhebend, »und teilen Sie es mir mit, sobald Sie eine Antwort von Paris haben; wir wollen dann diese Beratungen sogleich fortsetzen und den definitiven Entschluß feststellen.«

»Wiederum Zeit verloren, Zeit und immer Zeit, das Kostbarste, was wir in diesem Augenblick haben!« rief der Prinz Napoleon, indem er heftig aufsprang und mit einer leichten Verbeugung gegen den Kaiser das Zimmer verließ.

»Ich habe Eurer Majestät noch mitzuteilen,« sagte der Marschall, »daß vor einer Stunde der General Trochu hier angekommen ist. Er ist zum Kommandeur eines Armeekorps ernannt, welches hier in Chalons aus Mobilgarden und den schleunigst einzuziehenden Rekruten gebildet werden soll. Er hat von der Kaiserin den Auftrag erhalten, sich bei Eurer Majestät zu melden und über die Lage in Paris Bericht zu erstatten.«

»Trochu,« sagte Napoleon, – »Trochu als Retter in der Not? Glauben Sie, daß Trochu fähig und geeignet wäre, mit Ihnen zu operieren – unter Ihrem Befehl – denn unter Ihrem Befehl würde er doch stehen?«

»Ich glaube, Sire,« erwiderte der Marschall, »daß die Regentin und der Ministerrat die Idee gehabt haben, die Armee, welche der General Trochu hier organisieren soll, selbständig unter sein Kommando zu stellen – er würde allerdings mit mir gemeinschaftlich zu operieren haben und unter dem Oberbefehl Bazaines stehen, der ja das höchste Kommando über die ganze französische Armee führt. Was übrigens den General Trochu betrifft,« fuhr er fort, »so ist er einer der unterrichtetsten Offiziere der Armee. Er besitzt große und umfassende Kenntnisse und hat tiefe Studien über die Taktik und Strategie gemacht, auch über den preußisch-österreichischen Krieg von 1866 sehr eingehend und wissenschaftlich geschrieben. Ich zweifle nicht, daß er alle diese Kenntnisse, wenn er die Gelegenheit dazu findet, auch praktisch zu verwerten imstande sein wird.«

Der Kaiser schüttelte mit schweigendem Nachdenken den Kopf.

»Nun, ich bitte Sie, Herr Marschall,« sagte er nach einigen Augenblicken, »Ihr Telegramm zu redigieren und abzusenden. Denn wir können ja doch keinen bestimmten Entschluß fassen, bevor wir nicht eine Antwort auf dasselbe erhalten haben. Und wollen Sie die Güte haben, dem General Trochu zu sagen, daß ich ihn erwarte.«

Er drückte dem Marschall die Hand und verneigte sich gegen die übrigen Generale, welche in ernstem Schweigen mit dem Herzog von Magenta das Zimmer verließen.

»Dahin ist es gekommen,« sagte der Kaiser, indem er langsam an das Fenster trat, das auf den innern Hof des Pavillons führte, auf welchem alles so ruhig und geordnet war wie zur Zeit der Übungslager, – »dahin ist es also gekommen, daß man Männer zu Hilfe rufen muß wie diesen Trochu, welcher stets im innersten Herzen mein Gegner war, welcher mit den Orleans zusammenhing, diesen unversöhnlichsten Feinden meines Thrones und meines Hauses. Man muß in Paris die Lage für sehr gefährlich halten, daß man auf diesen Gedanken gekommen ist. – Doch«, sagte er dann nach längerem Schweigen, »vielleicht ist der Gedanke gut und richtig, vielleicht ist ein Mann, der mein Gegner ist, in diesem Augenblick weniger gefährlich, wenn er an der Spitze einer Armee gegen den Feind des Landes zu marschieren gezwungen ist – wenn er gezwungen ist, indem er das Vaterland verteidigt, zugleich für meinen Thron und für mich zu fechten. Und sollte das Schicksal Rettung aus dieser Not gewähren, sollte Frankreich endlich noch siegreich aus dieser Katastrophe hervorgehen, so werden ja alle diejenigen, welche in diesem Kampf den Degen geführt, mit dem Kaiserreich für immer eng und fest verbunden sein. Oh, wie schwer ist es, ein Land zu regieren, welches so viele feindliche Elemente in sich schließt, die nur durch die Macht und den Erfolg zurückgedrängt werden können und deren zersetzender Einfluß sich geltend macht, sobald der Erfolg zweifelhaft ist und die Macht erschüttert wird! – Meine Nation kann keine Niederlagen ertragen, während der König von Preußen, dem ich gegenüberstehe, auch durch die schwersten Niederlagen nur noch fester und inniger mit seinem Volk verbunden wird, wie die Geschichte von Jena und Waterloo zeigt – ich hätte das bedenken sollen, – es ist stets verhängnisvoll, wenn man die Lehren der Geschichte nicht beachtet.«

Der diensttuende Ordonnanzoffizier trat ein und meldete den General Trochu.

Mit tiefem Seufzer wandte sich der Kaiser um, befahl, den General einzuführen und trat demselben entgegen, indem sein Gesicht den Ausdruck ruhiger und verbindlicher Höflichkeit annahm.

Der General Trochu, welcher mit festem, elastischem Schritt eintrat und nach einer tiefen Verbeugung vor dem Kaiser stehen blieb, war eine mittelgroße Gestalt von schlankem, kräftigem Körperbau. Er trug mit einer gewissen, sorgfältigen, bis in die Kleinigkeiten zierlichen Eleganz die Uniform des Divisionsgenerals, welche sich eng und fest an seine kräftigen und geschmeidigen Glieder anschloß, und auf der Brust das Kreuz der Ehrenlegion. Seine hohen, glänzenden Stiefel, welche den schlanken Fuß hervortreten ließen, schienen mehr für das Parkett des Salons als für das Feld bestimmt. Sein scharfgeschnittenes, regelmäßiges Gesicht, mit der charakteristisch vorspringenden Nase, dem schwarzen, spitzen Schnurrbart, dem schmalen Henriquatre und den kleinen, funkelnden schwarzen Augen, zeigte in seinem lebhaft bewegten Mienenspiel Geist und Intelligenz, aber zugleich auch jene unerschütterliche Selbstgenügsamkeit, welche aus dem Kreise, in welche sie gebannt ist, nicht herauszutreten vermag und die selbst aufgebauten Theorien stets gegen die evidenteste Wirklichkeit aufrecht zu erhalten geneigt ist. Die Eigentümlichkeit dieses ausdrucksvollen, kriegerischen Gesichtes wurde durch einen vollkommen kahlen Schädel, auf welchem nur zur Seite der Schläfe einige wenige, aber ganz schwarze Haare bemerkbar waren, erhöht.

»Ich freue mich, Sie wieder zu sehen, Herr General,« sagte der Kaiser, »und danke Ihnen, daß Sie sich entschlossen haben, in einem Augenblick großer Gefahr des Vaterlandes, in einem Augenblick schwerer Entscheidungskämpfe wieder in den aktiven Dienst zu treten und die Bildung einer Armee zu übernehmen, welche unter Ihrer Führung jedenfalls sehr wesentlich dazu beitragen wird, das Unglück abzuwenden, welches mich und Frankreich bedroht.«

»Meine Kräfte, Sire, stehen dem Vaterlande stets zur Verfügung, sobald es derselben bedarf. Es wäre ein Verbrechen, ruhig und untätig zu bleiben, sobald Frankreich in Gefahr ist«, erwiderte der General mit seiner kräftigen, sonoren Stimme, welche der gesucht scharfen Betonung einen gewissen Anklang an theatralisches Pathos gab. »Ich habe«, fuhr er dann fort, »Eurer Majestät ein Schreiben der Kaiserin zu übergeben, welches dieselbe mich beauftragt hat, persönlich in Ihre Hände zu legen.«

Er nahm aus dem goldbordierten Generalshut mit der weißen Feder, den er in der Hand hielt, einen versiegelten Brief und reichte ihn dem Kaiser.

»Sie erlauben, General,« sagte Napoleon, indem er an das Fenster trat und das Siegel öffnete.

Langsam durchlas er den Brief der Kaiserin und ließ seine Blicke, nachdem er geendigt, nochmals eine Zeitlang über die Zeilen hingleiten, als wolle er sich den Inhalt derselben vollkommen klar machen oder als suche er einige Augenblicke Zeit zu gewinnen, um seine Gedanken über die Mitteilungen, welche der General ihm gebracht, zu sammeln.

Dann wandte er sich zum General Trochu zurück, ersuchte denselben, sich zu setzen, und ließ sich selbst in einen der von Rohr geflochtenen Fauteuils nieder, welche das Ameublement dieses mit militärischer Einfachheit ausgestatteten Lageraufenthaltes bildeten.

»Die Kaiserin schreibt mir,« sagte er, »daß nach Ihrer Ernennung zum Kommandanten einer bei Chalons zu bildenden Armee neue Erwägungen im Schoß des Ministerrats stattgefunden hätten, daß infolge dieser Erwägungen der Gedanke aufgetaucht sei, den sie Ihnen auch bereits mitgeteilt habe – Sie, Herr General, zum Gouverneur von Paris zu ernennen und Ihnen nicht nur die so hochwichtige Aufrechterhaltung der Ordnung in der Hauptstadt anzuvertrauen, sondern auch deren Verteidigung im Fall einer Belagerung durch die deutschen Armeen.«

»Die Kaiserin hat mit mir darüber gesprochen, Sire,« erwiderte der General, »und ich habe derselben meine Bereitwilligkeit erklärt, auch diese so schwierige und so hoch verantwortungsvolle Stellung zu übernehmen, um Paris in dieser großen nationalen Katastrophe die Rolle spielen zu lassen, welche seine Pflicht ist – der Mittelpunkt zu werden der großen Anstrengungen, der großen Opfer und der großen Beispiele.«

Er hatte diese Worte mit emphatischer Betonung gesprochen, indem er die linke Hand an den Degengriff legte.

»Sie halten es also für möglich,« sagte der Kaiser, »daß Paris einer Belagerung ausgesetzt werden könnte?«

»Ich will wünschen, daß es nicht geschehe,« erwiderte der General, »aber die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit ist jedenfalls dazu vorhanden. Und vielleicht«, fuhr er fort, »wäre es der sicherste Weg, dem Feldzug eine glückliche Wendung zu geben, wenn es gelänge, die Feinde vor die Mauern von Paris zu ziehen und hier längere Zeit festzuhalten, während auf der anderen Seite sich alle noch im Felde befindlichen Armeen unter der Führung des Marschalls Bazaine vereinigten.«

»Aber«, erwiderte der Kaiser, »glauben Sie denn, daß Paris sich halten, daß man es verproviantieren könnte, um eine Einschließung auszuhalten?«

»Eine Einschließung?« erwiderte der General Trochu mit überlegenem Lächeln, »wo sollten die deutschen Heerführer die Truppen hernehmen, um Paris einzuschließen, wenn man starke Korps vor Metz zurücklassen muß – um so stärkere, wenn Bazaine für den Augenblick gezwungen sein sollte, sich nach Metz zurückzuziehen – und wenn zu gleicher Zeit andere starke Korps gegen diese Armee Mac Mahons entsendet werden sollen? Das ist unmöglich. Ich habe meinen bestimmten Plan,« sagte er, den Kopf lebhaft zurückwerfend und wie von oben herab auf den Kaiser blickend, »ich habe meinen bestimmten Plan, ich muß nur über einige Details desselben noch nachdenken. Aber die Möglichkeit der Einschließung von Paris, welche doch gleichzeitig mit einer Belagerung von Metz stattfinden müßte, findet in diesem Plan keine Stelle – das liegt außerhalb jeder militärischen Kombination.«

»Sie würden also nicht der Meinung sein, Herr General,« fragte der Kaiser, indem er den Ellenbogen auf das Knie stützte und das Kinn in die Hand legte, »Sie würden also nicht der Meinung sein, daß diese Armee des Marschalls Mac Mahon, welche gegenwärtig hier in Chalons sich rekonstruiert, zur Deckung von Paris zurückgeführt werden müsse?«

Der General machte eine lebhafte Bewegung, legte seinen Hut auf die Knie und streckte die rechte Hand gegen den Kaiser aus.

»Es wäre ein großer Fehler, Sire,« rief er, »ein strategischer wie ein politischer Fehler. Die große Aufgabe der im Felde befindlichen Heere muß es sein, sich, wo dies immer geschehen könne, zu vereinigen. Der Marschall Mac Mahon muß, sobald seine Armee irgend marschbereit ist, aufbrechen, um Bazaine die Hand zu reichen und den Feind vor Metz zwischen zwei Feuer zu nehmen. Das ist der allgemeine Ruf in Paris, das ist die Stimme Frankreichs – ›rettet die Armee von Metz!‹ so tönt es in jedem Herzen, so schallt es aus jedem Munde wider. Ganz Frankreich würde einen Rückmarsch des Marschalls Mac Mahon auf Paris verurteilen. Man würde darin den letzten Grad der Niederlage erblicken – Bazaine mit seiner ganzen Armee würde preisgegeben sein. Das darf nicht geschehen,« sagte er mit kategorischem Ton, »ich würde in Paris für nichts stehen können, wenn eine solche Nachricht dorthin gelangte.«

»Und glauben Sie, in jedem Fall«, fragte der Kaiser weiter, »die Ordnung in Paris aufrecht halten zu können, sind Sie sicher, mit der Armee, welche Sie dort aus den Mobilgarden und neuen Rekruten zu bilden imstande sein werden – werden Sie«, fuhr er nach einem kurzen Zögern fort, »die Autorität der Regentin und der Regierung aufrecht erhalten können, wenn die reguläre Armee sich von der Hauptstadt entfernt und der Feind unter ihren Mauern erscheint?«

»Ich werde Paris und Frankreich retten«, erwiderte der General Trochu, indem er seine rechte Hand auf die Brust legte. »Und ich bin gewiß, daß die Bevölkerung meine Autorität respektieren und alle Opfer bringen wird, welche die Pflicht einer großen militärischen Nation sind, die in so ernster Lage mit fester Entschlossenheit die Leitung ihrer Geschicke in die Hand nimmt.«

Ein trauriges Lächeln flog einen Augenblick über die Lippen des Kaisers. Er hatte in der letzten Zeit oft schon den Ruf: »Es lebe Frankreich! Es lebe die Nation!« gehört, da, wo man sonst nur zu rufen pflegte: »Es lebe der Kaiser!« Aber es war hier zum erstenmal, daß in persönlichen Unterhandlungen ein General, der die Uniform seiner Armee trug, auf eine bestimmt gestellte Frage in seiner Antwort das Kaiserreich und die Dynastie nicht erwähnte und von der Nation sprach, welche die Leitung ihrer Geschicke selbst in die Hand nehmen müsse.

»Wenn Sie das durchführen, Herr General,« sagte er mit höflichem, aber etwas kaltem Ton, »was Sie mit so vieler Zuversicht zu unternehmen bereit sind, so werden Sie dem Thron und dem Vaterland einen Dienst leisten, welchen weder ich noch Frankreich jemals vergessen werden. Was aber«, fuhr er fort, »kann nach Ihrer Meinung der Marschall Mac Mahon tun – da Sie seinen Rückmarsch aus Paris für so verderblich halten, – um sich mit Bazaine zu vereinigen oder zu dessen Unterstützung zu operieren? Wenn Bazaine gezwungen wird, sich auf Metz zurückzuziehen, so ist jedenfalls der Weg über Verdun dorthin nicht mehr frei. In dieser Richtung würde also eine Operation unmöglich sein.«

»Ich habe darüber mit dem Kriegsminister und der Kaiserin gesprochen«, sagte der General Trochu. »Nach meiner Überzeugung, welche vollkommen von den Autoritäten in Paris geteilt wird, muß der Marschall schleunigst über Rheims nach der belgischen Grenze vorgehen, den Feind dort von einer Seite fassen, wo er jedenfalls keinen Angriff erwartet, und auf diese Weise die ganze feindliche Operation verwirren und die Vereinigung mit Bazaine erzwingen. Man wird sich dabei auf den Platz von Sedan stützen können und so den Feind zwischen unseren Festungen in eine sehr gefährliche Position bringen, welche dem Marschall Bazaine erlauben wird, in mächtigen Vorstößen von Metz herauszubrechen. Der Erfolg dieses Plans ist fast sicher, es ist der nächste Weg, um mit einem Schlage alles wieder gutzumachen und die bisherigen Niederlagen in einen glänzenden Sieg zu verwandeln. Nur müßte«, fuhr er fort, »dieser Plan mit dem äußersten Geheimnis umgeben werden, damit der Feind keine Zeit hat, seine Operationen danach einzurichten, denn in dem schnellen und unerwarteten Angriff von jener Seite her liegt die Sicherheit des Erfolges.«

Der Kaiser wiegte nachdenkend den Kopf hin und her. Seine bisher tief verschleierten Blicke leuchteten auf, es schien, daß der Gedanke, welchen der General Trochu mit so vieler Sicherheit entwickelte, ihm ebenfalls Zuversicht und Hoffnung einflößte.

»Und Sie sind sicher,« fragte er nach einigen Augenblicken, den Blick fest auf den General heftend, »auch allein, ohne die Armee Mac Mahons, die Ordnung in Paris aufrecht halten zu können und im äußersten Fall einen feindlichen Angriff auf die Hauptstadt so lange zurückznweisen, bis jene Operation ausgeführt ist und ihre Wirkung getan hat?«

»Ich bin dessen sicher«, erwiderte der General mit festem Ton. »Ich werde mich an den Patriotismus aller Parteien wenden, mir wird ihr Vertrauen entgegenkommen, da man in der Armee wie überall weiß, daß ich selbst keiner andern Partei angehöre als der des Landes. Ich werde mein Werk vollenden und dann mich wieder in die Dunkelheit zurückziehen, aus der ich jetzt hervortrete, ohne andern Ehrgeiz als den, dem Vaterlande zu dienen.«

»Gut, Herr General,« sagte der Kaiser, – »die Kaiserin, welche ja nach ihren Vollmachten das Recht hat, den Umständen gemäß zu handeln, wünscht meine persönliche Zustimmung zu Ihrer Ernennung zum Gouverneur von Paris – ich stehe keinen Augenblick an, ihr dieselbe auszusprechen, und bitte Gott, daß er die zuversichtlichen Hoffnungen erfüllen möge, welche Sie im Herzen tragen und welche jedenfalls Ihnen Mut und Kraft geben werden, um das Äußerste zu wagen. Ich werde der Kaiserin meine Meinung in einigen Worten schreiben und bitte Sie, Herr General, ihr meinen Brief zu überbringen.«

Der General verneigte sich.

Napoleon ergriff einen Bogen Papier und schrieb einen kurzen Brief, dessen Enveloppe er mit einem kleinen Siegel verschloß, das er an der Kette seiner Uhr trug.

»Hier, Herr General,« sagte er, aufstehend, indem er dem General Trochu den Brief übergab, »bringen Sie der Kaiserin meine herzlichen Grüße, sagen Sie ihr, daß sowohl ich als der Prinz uns wohl befinden und daß ich sie bitte, vor allem Kaltblütigkeit, Mut und Vertrauen zu bewahren. So habe ich denn«, fuhr er fort, indem der General den Brief in seinen Hut legte, »das Schicksal der Hauptstadt, der Kaiserin und der Regierung Ihren Händen anvertraut, und bitte Gott, daß er Ihnen seinen Beistand leihe. Auf Wiedersehen, Herr Gouverneur von Paris, am Tage des Einzugs in die von Ihnen siegreich verteidigte Hauptstadt.«

»Ich danke Ihnen, Sire,« erwiderte der General, »für das Vertrauen, das die Verhältnisse Ihnen zu mir eingeflößt haben – ich werde es rechtfertigen. Gott schütze Frankreich!« rief er, indem er mit dem rechten Fuß in einer etwas gesuchten Attitude zurücktrat, die linke Hand auf seinen Degen stützte und die rechte mit dem Federhut in die Höhe hob. Dann verneigte er sich vor dem Kaiser, wandte sich kurz um und verließ das Kabinett.

Der Kaiser sah ihm einen Augenblick mit einem eigentümlichen Ausdruck nach.

»Vertrauen,« sprach er, – »vertrauen dem, der der Freund meiner Feinde ist! – doch wenn er Erfolg hat, wenn er seine Aufgabe erfüllt, wenn er siegt, wird er für mich und meine Dynastie siegen – und wenn alles vergeblich ist – dann,« sagte er leise, mit tiefem Seufzer – »dann ist das Ende da.«

Er stand noch einige Augenblicke in tiefen, finsteren Gedanken – dann ging er leise durch sein Schlafzimmer in das Kabinett seines Sohnes.

Der kaiserliche Prinz lag noch immer in tiefem, sanftem Schlummer auf seinem Bett.

Der Kaiser trat leise auf den Fußspitzen zu ihm heran, beugte sich über ihn und sah lange in das vom Schlaf gerötete Gesicht des ruhig atmenden, lächelnden Kindes.

»Könntest du schlafen,« flüsterte er leise, »bis diese furchtbaren Tage der Entscheidung vorüber sind. Ich bin müde, ich bin gebrochen, fast möchte ich alles aufgeben, um in der Verbannung oder in der Gefangenschaft wenigstens Ruhe zu finden und Linderung dieser Schmerzen und Leiden des Körpers, welche mich zerrütten. Aber für dich will ich alles ertragen und kämpfen, solange menschliche Kräfte noch den Sieg erringen können.«

Eine Träne fiel aus seinen Augen auf die reine Stirne des Prinzen. Der Kaiser zuckte zusammen, angstvoll blickte er auf das Gesicht des Sohnes, als fürchte er, daß der aus seinen Augen herabfallende Schmerzenstropfen ihn aus seinem Schlaf erwecken könne, aber das ermattete Kind schlief ruhig weiter und die Träne trocknete langsam auf seiner Stirne. Der Kaiser machte das Zeichen des Kreuzes über dem Haupt seines Sohnes und ging leise, wie er gekommen, mit den Fußspitzen auftretend, wieder in den Empfangssaal zurück.

Er faltete dort Karten auseinander, welche auf dem Tisch lagen, setzte sich vor dieselben und verfolgte, den Kopf in die Hand gestützt, aufmerksam und sorgfältig die Linien, welche er mit der Spitze seines Fingers auf denselben zog. – – – –

So mochte er, ohne aufzublicken, beinahe eine Stunde dagesessen haben, als der Ordonnanzoffizier den Marschall Mac Mahon meldete.

Auf den Wink Napoleons trat der Marschall ein. Er hielt eine Depesche in der Hand und näherte sich in ernster, fast feierlicher Haltung dem Kaiser.

»Die Antwort aus Paris ist angekommen, Sire!« sagte er.

»Und?« fragte Napoleon, den Kopf emporrichtend und den Marschall mit gespannten Blicken ansehend, während die Spitzen seiner Finger noch immer auf den Karten ruhten.

»Der Graf von Palikao«, erwiderte Mac Mahon, »erklärt, daß er den Rückmarsch auf Paris weder aus strategischen noch aus politischen Gründen billigen könne und fordert mich auf das bestimmteste auf, entweder Bazaine freizumachen oder, wenn dies nicht mehr tunlich sei, den Marsch nach dem Norden anzutreten und von dort aus gegen Metz zu operieren.«

»Ich erwartete es,« sagte der Kaiser leise, »das ist die Idee, die Trochu mir entwickelt hat. Und was ist nun Ihre Meinung?« fragte er dann.

»Sire,« erwiderte der Marschall noch ernster als vorhin, »ich kann und darf es nicht wagen, meine Ansicht dem bestimmt ausgesprochenen Willen der obersten Autorität entgegenzusetzen, welche gesetzlich und verfassungsmäßig den Vollmachten Eurer Majestät gemäß in diesem Augenblick über die Geschicke Frankreichs zu bestimmen hat. Meine Ansicht kann nicht maßgebend sein, sobald jene Autorität, welche auch vor der Geschichte ihre Verantwortung zu tragen hat, bestimmt und klar ihren Willen ausspricht. Ich bin entschlossen, den Marsch anzutreten, sobald die Armee – und das wird in wenigen Tagen der Fall sein – dazu nur eben imstande ist – es sei denn,« fügte er hinzu, »daß Eure Majestät jene Vollmachten zurückziehen und selbst die ausschließliche Regierungsgewalt wieder übernehmen wollen.«

»Das würde die allgemeine Verwirrung und Auflösung bedeuten,« sagte der Kaiser mit der Hand abwehrend, – »wie könnte ich hier, im Hauptquartier einer operierenden Armee eingeschlossen, die Regierung führen?«

»Dann, Sire,« erwiderte der Marschall, »muß der Marsch angetreten werden.«

»Die Idee desselben erscheint mir nicht unrichtig«, sagte Napoleon mit fragendem Ton.

»Ich bitte Eure Majestät,« erwiderte der Marschall, »mir keine nochmalige Diskussion zu befehlen. Für mich ist die Sache abgemacht, ich habe als Soldat die Befehle zu befolgen und meine Pflicht ist erfüllt, wenn ich an die schnelle und sichere Ausführung derselben meinen Eifer und meine Kräfte setze. Ich werde den Generalen die erforderlichen Instruktionen erteilen, um alles zum schleunigen Aufbruch nach Rheims vorzubereiten. Dieser Aufbruch muß um so schneller erfolgen, wenn wir nicht von dem rasch heranziehenden Feinde hier überrascht und zum Kampf gezwungen werden wollen.«

Heftig wurde die Tür geöffnet und flammenden Blickes, das Gesicht von Aufregung gerötet, stürmte der Prinz Napoleon in das Zimmer.

»Nun,« rief er, bis dicht vor den Kaiser hineilend, »ist die Antwort aus Paris gekommen? Was sagen die großen Strategen der Regentschaft?«

»Sie halten den Rückzug auf Paris für bedenklich«, erwiderte der Kaiser ruhig, »und wollen, daß die Armee nach dem Norden marschiere.«

Der Prinz hob die geballte Faust empor und schüttelte sie in der Luft, indem er die Blicke nach der Decke des Zimmers richtete.

»So ist denn Frankreich,« rief er mit vor Zorn bebender Stimme, »Frankreich und unsere Dynastie dem Verhängnis verfallen! So soll denn aller nützliche und vernünftige Rat verworfen werden! Und was willst du tun?« fragte er dann. »Willst du dein Schicksal, das Schicksal unser aller, das Schicksal des Landes und der Armee jenen törichten Träumern in Paris preisgeben, welche sich in dem engen Kreise ihrer Beschränktheit hin und her bewegen?«

»Mein lieber Vetter,« sagte der Kaiser mit dem Ausdruck eines freundlichen und milden Vorwurfs, »diejenigen, welchen ich die Regierung Frankreichs und die Verantwortung dafür übertragen habe, und welche in diesem Augenblick jedenfalls am meisten imstande sind, die Notwendigkeiten der gesamten Situation zu übersehen, scheinen mir mindestens ebenso berechtigt zu sein, ihr Urteil für das richtige zu halten als du. Würde man ihrer Meinung entgegenhandeln und die Sache eine schlimme Wendung nehmen, so würden sie einen Schrei der Anklage und der Verurteilung im ganzen Lande gegen uns erheben.«

»Man hätte sie gar nicht fragen, man hätte gar nicht diskutieren, man hätte handeln sollen, handeln wie unsere Feinde, welche fortwährend vordringen, während wir in mühseligem Beraten, Hinundherfragen und Beantworten unsere Zeit verlieren. Nun,« sagte er dann, indem er einen Anfall krampfhaften nervösen Gähnens, der ihn erfaßte, unterdrückte, »wenn man denn im verblendeten Eigensinn die Wege einschlagen will, die man doch als verderblich erkannt hat, so will ich wenigstens nicht Zeuge der traurigen und schimpflichen Katastrophe sein, mit der das alles enden wird. Ich verlasse die Armee! Ich verlasse Frankreich und überlasse Dir und dem Marschall die Verantwortung für alles, was da kommen wird.«

»Ich werde die Verantwortung tragen,« erwiderte der Marschall kalt, »und wenn Eure Kaiserliche Hoheit die Armee verlassen wollen, so werden Sie damit nur den Traditionen Ihrer militärischen Vergangenheit folgen, denn ich erinnere mich, daß zur Zeit anderer Entscheidungen, die freilich nicht so ernst und gefährlich waren und die ruhmvoll für unsere Waffen ausfielen, die Armee ebenfalls Ihre Gegenwart entbehrte.«

Der Prinz fuhr zusammen, seine Augen sprühten Blitze zorniger Erregung. Er trat einen Schritt gegen den Marschall vor. Seine Lippen öffneten sich, doch es traten nur zischende Atemzüge aus denselben hervor. Er schien das Wort zu suchen, das er hervorschleudern wollte.

Der Marschall stand ruhig und unbeweglich. Die eherne Ruhe seines Gesichtes veränderte sich keine Sekunde, nur seine klaren, hellblauen Augen blickten auf den von heftiger Erregung zitternden Prinzen voll kalter Hoheit hin.

Rasch trat der Kaiser zu seinem Vetter.

»Es ist vielleicht besser,« sagte er, »wenn du die Armee verläßt, da du doch mit den Operationen, welche die Notwendigkeit gebietet, nicht einverstanden bist. Du kannst mir in anderer Weise einen großen Dienst leisten. Gehe nach Italien und biete allen deinen Einfluß auf den König Viktor Emanuel auf, daß er die Verträge halte, welche wir geschlossen, und daß er keinen Angriff gegen Rom leide, welches wir von unseren Truppen haben entblößen müssen. Ein Angriff auf den Papst würde in diesem Augenblick von schweren und gefährlichen Folgen für unsere inneren Verhältnisse sein und uns der moralischen Unterstützung der Geistlichkeit berauben. Gehe nach Florenz, mein Vetter, so schnell als möglich. Du kennst die Lage nach allen Richtungen und biete alles auf, damit Italien so günstig als möglich für uns handelt. Das ist die ganze Instruktion, die ich dir zu geben habe. Kannst du die italienische Politik für unsere Interessen bestimmen, so wird das so viel wiegen, als ob Frankreich eine Schlacht gewonnen hätte.«

Der Prinz blickte lange und traurig auf den Kaiser.

»Leben Sie wohl, Sire,« sagte er dann mit halberstickter Stimme, indem seine vorher so zornig blitzenden Augen sich mit Tränen füllten. »Wir werden uns in Frankreich nicht wiedersehen, denn dies alles wird zu einem entsetzlichen Zusammenbruch führen, aber ich werde in der Mission, die Sie mir auftragen, alle meine Kräfte aufwenden, um Ihnen und dem Lande nützlich zu sein. Leben Sie wohl und seien Sie meiner Ergebenheit überall und unter allen Verhältnissen sicher.«

In lebhafter Bewegung trat er zu dem Kaiser heran, umarmte ihn und küßte ihn auf beide Wangen.

»Du siehst zu schwarz, mein Vetter,« sagte Napoleon, seine Bewegung unter einem mühsamen Lächeln verbergend, »du siehst zu schwarz. Auf Wiedersehen!«

Der Prinz drückte nochmals die Hand des Kaisers, indem er schweigend den Kopf schüttelte.

»Leben Sie wohl, Herr Marschall,« sagte er dann, »verzeihen Sie meine Heftigkeit. Möge Ihr edler Degen Frankreich retten!«

Und sich rasch umwendend verließ er das Zimmer.

»Einer nach dem andern verläßt mich«, sagte Napoleon halb für sich, indem er ihm lange nachblickte. »Die Blätter fallen von dem absterbenden Baum.«

»Wir haben noch, Sire,« sagte der Marschall, »die Pflicht und die Ehre, lassen Sie uns die Pflicht erfüllen, die Ehre hochhalten und das übrige Gott anheimstellen.«

Und militärisch grüßend verließ er das Zimmer, während der Kaiser in tiefer Erschöpfung in seinen Lehnstuhl niedersank.

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Der Marschall Mac Mahon hatte seinen verhängnisvollen Marsch, welcher ihn nach der nordöstlichen Grenze von Frankreich führte, durch welchen er den Feinden den Weg nach Paris offen ließ und die Hauptstadt selbst mit der Kaiserin und der Regierung dem Schutze des Generals Trochu und der von diesem aus Mobilgarden und jungen Rekruten gebildeten Armee überließ, angetreten.

Der Kaiser war die letzten Tage in Chalons tief schweigend in sich versunken gewesen. Es war fast kein Wort über seine Lippen gekommen, fast den ganzen Tag saß er in seinem Zimmer über die Karten gebeugt und versuchte nach den Mitteilungen, welche durch versprengte Truppenteile oder durch flüchtende Privatpersonen anlangten, sich die Stellung und Bewegungen des Feindes klarzumachen.

Mit voller Bestimmtheit war die Meldung gekommen, daß Bazaine geschlagen, von seiner Rückzugslinie abgeschnitten und nach Metz zurückgeworfen sei. Auf der andern Seite aber schienen auch die verschiedenen Nachrichten alle dahin übereinzustimmen, daß nunmehr unter Hinterlassung eines Belagerungskorps vor Metz das Gros der feindlichen Armeen gegen Paris vorzurücken begonnen habe, eine Bewegung, welche dem Plan, auf Sedan zu marschieren und von dort her gegen Metz zu operieren, eine um so größere Bedeutung verlieh.

Ernst, still und traurig war das Diner gewesen, welches der Kaiser täglich mit den Offizieren seiner Umgebung in diesem Pavillon einnahm, welcher sonst während der Zeit der Übungslager von so lautem, fröhlichem Leben wiederhallte.

Nur auf kurze Zeit war der Marschall Mac Mahon an der Tafel des Kaisers erschienen, um noch vor Aufhebung derselben sich wieder zu beurlauben und wieder hinauszugehen zu den Truppen, an deren moralischer und taktischer Reorganisation er mit unermüdlichem Eifer arbeitete.

Der Kaiser lebte streng nach den Vorschriften seiner Ärzte und unterwarf sich deren unausgesetzter, sorgfältiger Behandlung, um diese Tage der Ruhe auch zur Wiederherstellung seiner Körperkräfte zu benützen und sich in den Stand zu setzen, die Anstrengungen und Aufregungen, welche ihm noch bevorstanden, so gut als möglich ertragen zu können.

Der kaiserliche Prinz hatte sich erholt und mit der Elastizität der Jugend, welche das Alter der Hoffnung und des Vertrauens ist, Mut und Zuversicht wieder gewonnen. Er versuchte in kindlich herzlicher Weise oft auch dem Kaiser wieder Hoffnung und Glauben an die Zukunft zu geben. Napoleon lächelte dann wohl, wenn er der Plauderei seines Sohnes zuhörte, aber es war ein trauriges, resigniertes Lächeln, und gleich darauf versank er wieder in seine finsteren Träumereien und senkte das Haupt prüfend über seine Karten nieder, als wolle er die Lösung dieser furchtbaren Frage finden, welche so unmittelbar vor ihm stand und doch durch den undurchdringlichen Schleier der Zukunft verhüllt war.

Die Disziplin unter den Truppen war wiederhergestellt, so gut es in einer so schwer erschütterten Armee möglich war, dessenungeachtet verließ der Kaiser den inneren Hof des Lagerpavillons nicht, und trotz der Bitten des Prinzen erlaubte er auch ihm nicht, zu den Truppen hinauszureiten, die Szene, welche bei seiner Ankunft am Bahnhof stattgefunden, hatte ihn noch finsterer und abgeschlossener sich in sich selbst zurückziehen lassen.

Endlich war alles für den Marsch vorbereitet; da zu gleicher Zeit die Meldung kam, daß preußische Kavalleriepatrouillen bereits in nächster Nähe von Chalons gesehen worden seien, so setzte sich die Armee am einundzwanzigsten August in Bewegung nach Rheims hin, wobei allerdings eine Anzahl von Geschützen wegen Mangels der Bespannung zurückgelassen werden mußten.

Der Marschall, welcher für das nächste Hauptquartier Courcelles bei Rheims bestimmt hatte, um von dort aus die weiteren Bewegungen zu leiten, blieb dem Kaiser zur Seite, welcher unter starker Bedeckung von Kürassieren, den kaiserlichen Prinzen neben sich, aus dem Hof des Pavillons hinausritt, einen letzten Blick auf diese Stätte des militärischen Glanzes werfend, wo er so oft, umgeben von der Armee, welche an ihre Unbesiegbarkeit glaubte, von stolzer Höhe auf das demütig vor ihm gebeugte Europa herabgeblickt hatte, welches jedes Wort aus seinem Munde als einen Orakelspruch aufnahm und als ein politisches Ereignis betrachtete.

Bald nachdem der Marschall und sein Stab das Lager verlassen, begannen unter den noch zurückgebliebenen Truppen Ordnung und Disziplin sich abermals zu lösen. Immer schneller folgten sich die Nachrichten, welche die Bewohner der Umgegend von dem schnellen Anmarsch der deutschen Heere überbrachten, die in breiter Front gegen das Lager heranrückten. Diese Nachrichten wurden, wie immer in solchen Zeiten, vergrößert und übertrieben. Aus einzelnen voranstreifenden Patrouillen machte man ganze Armeekorps, so daß sich endlich unter den noch im Lager befindlichen Truppen die Überzeugung verbreitete, daß die ganze preußische Armee bereits in unmittelbarer Nähe herandrohe.

Eine allgemeine Panik ergriff diese Regimenter. Man vergaß die Zelte zu räumen, man vergaß, die Gegenstände und Geräte, welche dieselben enthielten, mitzunehmen, man wartete den Befehl zum geordneten Abmarsch nicht ab. Alles drängte nur hinaus aus diesem Lager, das von dem gefürchteten Feind bedroht war, und den Offizieren, welche der allgemeinen Bewegung nicht Einhalt tun konnten, blieb nichts anderes übrig, als derselben zu folgen, um wenigstens bei ihren Truppenteilen zu bleiben und dort so gut als möglich die Ordnung aufrecht zu erhalten und dieselben in einigem Zusammenhang nach Rheims zu führen, wohin alles in eiligem Marsch drängte, der zuletzt fast einer wilden Flucht zu gleichen begann.

Es gelang auch, die Bewegungen der meisten Abteilungen wenigstens auf dem vorgeschriebenen Wege festzuhalten, auf welchem der Marschall und der Kern der Truppen vorangegangen waren. Einzelne Abteilungen aber, sei es durch mangelhafte Führung, sei es in der Verblendung der Furcht, welche sie trieb, so schnell als möglich von dem anrückenden Feinde sich zu entfernen, verfehlten die Richtung und man sah gegen Abend einzelne kleine Trupps, teils noch notdürftig geordnet, teils in voller Auflösung begriffen, nach allen Richtungen hin vom Lager aus in das Land hineinmarschieren.

Die Einwohner der Umgegend waren zahlreich in das Lager gekommen, teils um hier Schutz zu finden, teils um an den verschiedenen Gegenständen, welche die Armee bei dem Aufbruch zurücklassen würde, eine leichte Beute zu machen. Sie hatten sich in die Zeltreihen verteilt, trugen fort, was sie in denselben noch fanden, teils wertlose, unbedeutende Kleinigkeiten, teils aber auch kostbarere Gegenstände, welche hier zurückgelassen waren.

War es Unvorsichtigkeit, war es Absicht, als der Abend hereindunkelte, sah man an einzelnen Stellen des Lagers, das mit Stroh und so vielen leicht brennbaren, von der Sonnenhitze ausgedörrten Gegenständen erfüllt war, einzelne Flammen aufsteigen. Bald vergrößerten sich dieselben, stiegen empor, gegeneinander vorrückend und sich vereinigend, bis die Sterne am dunklen Nachthimmel aufgingen. Dann erbleichte ihr reines Licht vor dem dunkelroten Schein der Flammen, welche wie ein Meer der Zerstörung über dieses Lager, den Stolz Frankreichs und seiner Armeen, dahinwogten.

Weithin leuchtete dieser Flammenschein am Horizont, während der Kaiser, ohnmächtig gebrochen, inmitten einer Armee, die den Glauben an den Sieg verloren hatte, nach der alten Krönungsstadt der französischen Könige hinzog, während die Heere Deutschlands in unaufhaltsamem Marsch heranrückten und während in Paris lauter und lauter bereits die Stimme der Revolution ertönte und einen der Höflinge nach dem andern aus den Salons der Kaiserin in den Tuilerien verscheuchte. –

Der Kaiser war in Courcelles angekommen. Kaum war er in dem Hause der Mairie dieses kleinen Orts abgestiegen, wo man in aller Eile einige Zimmer für ihn hergerichtet hatte, als der General Reille bei ihm erschien und ihm meldete, daß der Präsident des Senats, Herr Rouher, soeben angekommen sei und den Kaiser dringend zu sprechen wünsche.

Napoleon hatte sich auf ein Ruhebett geworfen und stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Rouher hier?« sagte er; »mein Gott, was kann er wollen – man wird mich wieder zu Entschlüssen drängen wollen, die ich doch nicht fassen kann! Die Regierung in Paris hat ja meine Vollmachten, an ihr ist es, zu tun, was sie den Verhältnissen entsprechend und für notwendig hält. Lassen Sie ihn kommen«, sagte er dann. »Er meint es wenigstens treu mit mir, für ihn ist kein Platz außerhalb des Kaiserreichs, er wird weder mit den Orleans noch mit der Republik paktieren. Sein Rat ist wenigstens aufrichtig.«

»Ich hoffe, Sire,« sagte der General, »daß Herrn Rouhers Ankunft von glücklichem Einfluß sein wird. Gott wolle, daß es ihm gelingen möge, Eure Majestät zu bestimmen, diesen unglücklichen Marsch nach Norden aufzugeben, der uns in eine gefahrvolle, verzweifelte Lage führen kann.«

Er ging hinaus. Der Kaiser richtete sich ein wenig empor und streckte mit freundlichem Gruß dem unmittelbar darauf eintretenden Herrn Rouher die Hand entgegen.

»In der Gefahr und im Unglück«, sagte er mit verbindlichem Lächeln, »erkennt man seine wahren Freunde, welche kommen, um die Gefahr zu beschwören und das Unglück zu teilen.«

»Eure Majestät dürfen überzeugt sein,« erwiderte Herr Rouher mit seiner klaren, sonoren Stimme, indem er sich tief auf die Hand des Kaisers herabbeugte, »daß es mir ein Stolz und eine Ehre sein würde, auch das Unglück mit Eurer Majestät zu teilen, doch dahin wird es, so Gott will, nicht kommen. Was bis jetzt geschehen, ist ein Mißgeschick, noch kein Unglück, aber die Gefahr ist vorhanden, die höchste Gefahr, und in der Tat komme ich zu Eurer Majestät, um diese Gefahr zu beschwören und Sie zu bitten, diejenigen Entschlüsse zu fassen, welche in der augenblicklichen Lage allein zum Heil führen können.«

Ein finsterer Ausdruck von Unmut und zugleich von Abgespanntheit und Ermüdung erschien auf dem Gesicht des Kaisers.

»Ich bin im Begriff«, sagte er dann, »zu tun, was man in Paris zur Rettung aus der drohenden Gefahr für nötig hält. Ich habe Trochu zum Gouverneur von Paris ernannt, wie es die Kaiserin wünscht, und stehe im Begriff, auf dem einzigen noch offenen Wege Bazaine zu Hilfe zu kommen. Ich habe getan, was zu tun möglich ist, und muß das übrige dem Schicksal anheimstellen, das sich«, fügte er mit bitterem Lächeln hinzu, »allerdings nicht mehr um mich und um Frankreich zu kümmern scheint.«

»Sire,« sagte Herr Rouher, dessen volles Gesicht mit den sonst fast immer heiteren und lächelnden Zügen von tiefer, schmerzlicher Erregung bebte, und dessen sonst so klare, scharfblickende Augen durch Unruhe und Nachtwachen getrübt waren, – »das Schicksal wendet sich nur von denjenigen, welche die Kraft und den Glauben an sich selbst verlieren, es beugt sich unter der mächtigen Hand, welche die Verhältnisse zu erfassen und zu beherrschen den Willen hat. Ich bin hergekommen, um Eure Majestät zu beschwören, zu beschwören im Namen Frankreichs, im Namen des Kaiserreichs, im Namen Ihres Sohnes, daß Sie sich noch einmal in dieser äußersten Gefahr, wie in früheren Tagen, zu dem Willen erheben möchten, Herr des Schicksals zu werden und dem Glück zu gebieten.«

Der Kaiser zuckte fast unmerklich die Achseln.

»Dem Glück gebieten,« sagte er leise, »ich, der ich meinen eigenen Nerven und den Muskeln dieses zusammenbrechenden Körpers nicht mehr gebieten kann!«

Er hatte diese Worte leise gesprochen.

Herr Rouher hatte sie dennoch gehört und blickte voll tiefen Mitleids auf den in sich zusammengesunkenen Kaiser.

»Auch der schlaffe und kranke Körper, Sire,« sagte er, »gehorcht dem mächtigen Impuls des Willens. Nur noch einmal, Sire, fassen Sie den Mut, zu wollen, fassen Sie den Entschluß, Ihren Thron und Frankreich zu retten, dann werden Sie Zeit genug finden, Ihren Körper zu heilen. Und sollte er zusammenbrechen, Sire, so werden Sie mit seiner letzten Kraft Ihr Werk vollendet, die Zukunft Ihres Hauses gesichert haben.«

»So glauben Sie also noch an die Rettung?« fragte der Kaiser, indem ein Schimmer von Hoffnung in seinen Augen aufleuchtete, – »wie halten Sie dies für möglich und was kann ich tun, sie herbeizuführen?«

»Sire,« sagte Herr Rouher, indem eine sonst nicht gewöhnliche Erregung in seiner Stimme widerklang, »Eure Majestät haben der Kaiserin die Regentschaft übertragen und die Personen, welche die Regentin umgeben, sind die verantwortlichen Minister des Landes, und kaum möchte es unter gewöhnlichen Umständen mir, dem Präsidenten derjenigen Körperschaft, welcher vorzugsweise die Behütung der Gesetze und der Verfassung übertragen ist – kaum möchte es mir anstehen, die Beschlüsse der Regentin und ihrer Minister zu kritisieren und gegen dieselben bei Eurer Majestät Einsprache zu erheben. Aber, Sire,« fuhr er fort, indem er einen Schritt näher zum Kaiser herantrat und die Hand wie beschwörend gegen ihn ausstreckte, »die Verhältnisse dieser Tage sind so außergewöhnliche, daß einem treuen Diener Eurer Majestät auch ein außergewöhnlicher Schritt verziehen werden mag. Was in diesen Tagen auf dem Spiel steht, Sire,« fuhr er fort, »ist nicht der Ruhm einer gewonnenen Schlacht, nicht eine vorübergehende Vermehrung oder Verminderung des Einflusses von Frankreich – nein, Sire, es ist das Schicksal der französischen Nation auf Jahre hinaus, es ist das Schicksal des Kaiserreichs, das Schicksal Eurer Majestät und Ihrer Dynastie, welche zweimal Frankreich auf die höchste Höhe des Ruhmes und der Macht erhoben hat.«

»Gewiß, mein lieber Herr Rouher,« sagte der Kaiser freundlich, »ich bin von dem, was Sie mir sagen, tief durchdrungen, und gerade, um alles das zu retten, was auf dem Spiel steht, will ich ja der Ansicht meiner Minister und der Kaiserin gemäß die Wiedervereinigung mit Bazaine und seiner Armee zu erreichen suchen, damit wir den gegen die Hauptstadt herandrohenden Feind dort an den Grenzen aufhalten und, wenn das Glück unseren Waffen günstig ist, schlagen können.«

»Sire,« rief Herr Rouher, »Ihre Majestät die Kaiserin hat gewiß die Überzeugung dessen, was sie Ihnen zu raten für nötig hält, und auch Ihre Minister sind gewiß durchdrungen von der Notwendigkeit des Schrittes, den sie so lebhaft empfehlen. Aber – diese Herren haben nicht die überlegene Ruhe, welche nötig ist, um das Schiff des Staates auf hochgehender See zu steuern. Sie sind abhängig, leider zu sehr abhängig von dem Hauch der öffentlichen Meinung, deren Richtung, wie Eure Majestät wissen, nicht immer von der richtigen und wahren Erkenntnis der Verhältnisse bestimmt wird. Die öffentliche Meinung, Sire, das ist wahr, verlangt in diesem Augenblick den Marsch zur Entsetzung der Armee von Metz, die öffentliche Meinung erhebt sich gegen eine Konzentration großer Streitkräfte vor Paris, weil Paris fürchtet, dadurch einer feindlichen Belagerung ausgesetzt zu werden. Doch dies, Sire, ist nicht der alleinige Grund, es ist nur dies Gefühl, das denjenigen als Handhabe dient, welche nach wohlüberlegtem Plan in diesem Augenblick die öffentliche Meinung leiten, und diese, Sire, sind Ihre erbittertsten Gegner, die Todfeinde des Kaisertums, welche Frankreich lieber vollständig besiegt den Feinden zu Füßen werfen möchten, als es unter dem kaiserlichen Adler stark und mächtig sehen. Diese, Ihre Feinde, Sire, von Favre und Gambetta bis zu Rochefort hinab, wollen vor allem alle regulären und Eurer Majestät ergebenen Truppen, namentlich aber die Armee des treuen und loyalen Marschalls Mac Mahon, von Paris entfernen und dort höchstens ein Korps von zusammengerafften Rekruten und Nationalgarden unter dem ganz unzuverlässigen, stets mit dem Strom der Masse schwimmenden Trochu erhalten. Sobald sie dies erreicht haben, Sire,« fuhr er immer lebhafter fort, »gehört Paris ihnen. Wenn Eure Majestät und die Armee Mac Mahons an den Grenzen Frankreichs von feindlichen Armeen umgeben und bedrängt einherziehen, so wird, dessen dürfen Eure Majestät sicher sein, früher oder später, jedenfalls aber bei der ersten Nachricht von einer Niederlage oder einer verfehlten Aktion, das Corps législatif gesprengt, das Kaiserreich gestürzt, die Kaiserin vertrieben oder ermordet und die Republik proklamiert werden, und zwar die rote Republik der Kommune, zu deren Installierung auf dem Stadthause bereits, wie ich aus sicherer Quelle weiß, alle Vorbereitungen getroffen worden sind. Ich beschwöre Eure Majestät«, fuhr er, die gefalteten Hände gegen den Kaiser erhebend, fort, »bei dem Heil und der Zukunft Frankreichs – bei dem Haupt Ihres Sohnes, führen Sie die Armee nach Paris zurück, lassen Sie Mac Mahon unter den Mauern der Hauptstadt seine Stellung nehmen. Kehren Sie selbst in die Tuilerien zurück und ergreifen Sie die Zügel der Regierung wieder, welche in diesem Augenblick nur Ihre Hand allein zu führen stark genug ist. Auf diese Weise werden Sie den Feind zwingen, die große Armee Bazaines hinter sich zurücklassend, mitten durch das ihm feindliche, in immer steigender Erbitterung sich erhebende Land gegen die Hauptstadt zu dringen und hier eine Schlacht zu liefern, welche, wenn sie nicht absolut siegreich für ihn ist, durch das Vordringen Bazaines auf die feindliche Rückzugslinie zugleich verhängnisvoll werden und alle diese bisherigen Erfolge der deutschen Armeen in eine vernichtende Niederlage verwandeln wird. Eure Majestät aber wird vor allen Dingen Herr von Frankreich bleiben und auch im ungünstigsten Falle noch immer einen möglichst ehrenvollen Frieden schließen können, denn die Vernichtung der Monarchie und des Kaisertums kann niemals im Interesse des Königs von Preußen liegen. Wenn aber Eure Majestät und alle zuverlässigen Armeen ferne an den Grenzen sind, wenn hinter Ihrem Rücken die Republik in Paris proklamiert wird, so kennen Eure Majestät den Einfluß, welchen die Vorgänge in Paris auf ganz Frankreich üben, und selbst wenn Eurer Majestät Truppen an den Grenzen siegreich sein sollten, so werden Sie ein abgefallenes Land hinter sich haben und sich, nachdem Sie den Feind zurückgehalten, Ihre eigene Hauptstadt und Ihren Thron wiedererobern müssen. Und verzeihen Sie, Sire,« fuhr er fort, »daß ich so kühn, so frei und so ohne Rückhalt spreche, aber ich würde kein treuer Diener, kein bis zum Tod ergebener Freund Eurer Majestät sein, wenn ich Ihnen heute das verhehlte, was meine innigste und unwandelbarste Überzeugung ist. Eure Majestät haben so oft die leuchtenden Beispiele Ihres großen Oheims nachgeahmt, vermeiden Sie heute seinen verhängnisvollen Fehler; wenn der Kaiser damals, als die feindlichen Armeen die Grenzen Frankreichs überschritten, seine ganze Macht in Paris konzentriert hätte, statt in erfolglosen Märschen zwischen den feindlichen Korps hin und her zu ziehen, so würde, wenn auch vielleicht Frankreich für den Augenblick von der Höhe seiner damaligen Stellung herabgedrückt worden wäre, doch kaum der Zusammensturz des kaiserlichen Thrones erfolgt sein.«

Der Kaiser stand lange Zeit in schweigendem Nachdenken, während Herr Rouher zitternd vor ungeduldiger Spannung ihn beobachtete.

»Ich kann die Lage der Dinge in Paris«, sagte Napoleon »noch nicht für so unmittelbar gefahrdrohend ansehen als Sie mein lieber Rouher. Der ganze besitzende Bürgerstand steht zu mir, weil er ganz gut weiß, daß ich ihm allein seine erworbene Habe schützen kann –«

»Aber Sire,« fiel Rouher ein, »Eure Majestät wissen auch, daß der besitzende Bürgerstand sich in kritischen Augenblicken stets schweigend in seine Häuser zurückzieht, und daß in solchen Augenblicken die Politik von den Massen auf der Straße gemacht wird.«

»Sollte Trochu«, sagte der Kaiser, »nicht stark und energisch genug sein, um diese Massen im Zaum zu halten?«

»Trochu«, sagte Herr Rouher mit verächtlichem Achselzucken, »wird alle Dekrete der Masse ausführen. Er wird die Rolle Lafayettes spielen, nur mit noch weniger Geist, mit noch weniger Charakter und mit noch weniger Würde als Jener.«

Abermals sann der Kaiser längere Zeit schweigend nach, dann trat er zu Herrn Rouher hin und reichte ihm die Hand, indem sein Blick sich freudig belebte.

»Ich glaube, Sie haben recht, mein lieber Rouher«, sagte er mit fest entschlossenem Ton. »Sie haben so lange auf der Höhe der Regierung gestanden, Sie haben mit so fester Hand das Steuer des Staats geführt, Sie haben mit so klarem Blick die Gesellschaft bis in ihre Tiefen durchschaut, daß ich auch jetzt der Richtigkeit Ihres Urteils vertraue. Es soll geschehen, was Sie mir raten.«

Herr Rouher blickte mit freudiger Begeisterung auf den Kaiser hin.

»Oh, Sire,« rief er, die Hände vor der Brust faltend, »dann ist Frankreich, dann ist das Kaiserreich, dann sind Eure Majestät gerettet!«

»Darf ich Sie bitten, mir als Sekretär zu dienen?« sagte der Kaiser lächelnd.

Herr Rouher setzte sich an einen großen runden Tisch, welcher in der Nähe des Fensters stand und in Eile zum Schreibtisch des Ministers hergerichtet war, ergriff einen Bogen Papier und eine Feder und erwartete gespannt das Diktat seines Souveräns.

Der Kaiser sprach langsam mit ruhiger, klarer Stimme:

»Napoleon, von Gottes Gnaden und durch den Willen der Nation Kaiser usw. Der Marschall Mac Mahon, Herzog von Magenta, ist zum Obergeneral aller militärischen Kräfte, welche die Armee von Chalons zusammensetzen, und aller jener, welche unter den Mauern von Paris oder in der Hauptstadt selbst sich befinden oder noch dort versammelt werden, hierdurch ernannt.

»Unser Kriegsminister ist mit der Ausführung des gegenwärtigen Dekrets beauftragt.

»Gegeben zu – –«

Der Kaiser zögerte einen Augenblick.

»Courcelles ist kein geeigneter Ort für ein solches Dekret«, sagte er dann mit etwas unschlüssigem Ton.

»So datieren es Eure Majestät von Rheims«, sagte Herr Rouher. »Die alte Krönungsstadt des Reichs darf wohl die Ehre in Anspruch nehmen, einem Dekret den Ursprung zu geben, welches Frankreich rettet.«

»Gut,« sagte der Kaiser, »wir sind ja fast in Rheims – also schreiben Sie: »Gegeben zu Rheims 21. August 1870.«

Herr Rouher hatte die diktierten Worte fast so schnell geschrieben, als sie gesprochen waren. Er erhob sich und legte den Bogen dem Kaiser vor.

Dieser ergriff eine Feder und setzte mit raschem, kräftigem Zug seinen Namen unter das Dekret.

»Nun«, sagte Napoleon, »ist noch ein Brief an den Marschall Mac Mahon erforderlich und eine Proklamation an die Armee. In beiden muß die Konzentration der Truppen unter den Mauern von Paris aus militärischen Gründen erklärt werden – aus der Unmöglichkeit, den Marschall Bazaine in diesem Augenblick frei machen zu können, durch den Vorteil, welcher für unsere Operationen daraus erwächst, daß die deutschen Truppen in das Herz des Landes unter eine ihnen überall feindliche Bevölkerung hineingezogen werden. Wollen Sie die Güte haben, diese beiden Schriftstücke aufzusetzen, sehr kurz, sehr klar und in der würdigen, überzeugungsvollen Form, in welche Sie Ihre Gedanken so meisterhaft einzukleiden verstehen.«

Er lehnte sich ermüdet zurück.

Herr Rouher setzte sich wieder an den Tisch und begann zu schreiben, während der Kaiser die Augen schloß, als ob er schlummere oder von äußeren Eindrücken unbeirrt seinen Gedanken folgen wolle.

Herr Rouher schrieb mit fliegender Hast. In kaum einer halben Stunde hatte er die Entwürfe vollendet. Als das leise Geräusch seiner über dem Papier hingleitenden Feder verstummte, schlug der Kaiser die Augen auf und richtete den Blick erwartungsvoll auf seinen langjährigen Minister.

Herr Rouher trat zu ihm hin und überreichte ihm die beiden Bogen, von denen er nur die erste Seite beschrieben. Der Kaiser las einen nach dem andern langsam und sorgfältig durch, zuweilen den Blick aufwärts richtend, als sinne er über ein oder das andere Wort nach, doch machte er keine Bemerkung, sondern stand, als er die Lektüre beendet, langsam auf und unterzeichnete, ohne ein Wort zu streichen oder zu ändern, die Entwürfe.

»Nun, mein lieber Rouher,« sagte er dann mit einem Lächeln, das jedoch nur im vorübergehenden Schimmer seine traurigen, leidenden und abgespannten Gesichtszüge erhellte, »Ihre Ansicht ist auch diesmal, wie fast immer, durchgedrungen, und ich hoffe, daß auch diesmal, wie in so vielen anderen Fällen, dieselbe Frankreich zum Heil gereichen wird. Eilen Sie jetzt nach Paris zurück und bringen Sie meine Dekrete der Kaiserin und den Ministern. Ich werde den Marschall benachrichtigen, welcher glücklich über meinen Entschluß sein wird, der vollkommen mit seiner eigenen Ansicht übereinstimmt.«

Herr Rouher nahm die Papiere und steckte sie mit einer ehrfurchtsvollen Bewegung in die Brusttasche seines Rockes.

»Sire,« sagte er dann, indem er seine Hand darauf legte, »in all den langen Jahren, in denen ich die Ehre gehabt habe, Eurer Majestät zu dienen, ist dies der schönste, der erhabenste Augenblick. Ich trage den herrlichsten Schatz mit mir fort – die Rettung Frankreichs. Wenn Eure Majestät in Paris sind, wenn Mac Mahons Armee die Hauptstadt umgibt, dann können wir allen Gefahren trotzen, dann wird der Genius Frankreichs die Zeit finden, sich wieder aufzurichten und von neuem den Sieg an Eurer Majestät ruhmvollen Adler zu fesseln. Ich eile nach Paris zurück und hoffe, daß Eure Majestät mir bald folgen werden, um von neuem über meine Dienste zu verfügen.«

Der Kaiser trat zu ihm hin und reichte ihm die Hand.

Herr Rouher ergriff dieselbe in tiefer Bewegung.

Napoleon sah einen Augenblick wie fragend auf dieses sonst so ruhige, kalte Gesicht, dessen Züge jetzt zitterten und zuckten und auf dem in deutlicher Schrift rückhaltslose Treue und Hingebung zu lesen war. Langsam zog er die Hand des Ministers an seine Brust und legte den linken Arm um dessen Schulter:

»Leben Sie wohl, mein lieber Rouher,« sagte er mit unendlich weicher Stimme, – »auf Wiedersehen in Paris! Solange ich Freunde habe wie Sie, darf ich die Hoffnung nicht verlieren.«

»Gott wird Frankreich nicht verlassen!« rief Herr Rouher mit fast erstickter Stimme.

Er war unfähig, mehr zu sprechen. Langsam erhob er sich aus der Umarmung des Kaisers und ging hinaus.

»Ich habe unrecht gehabt, ihn zu entlassen«, sagte Napoleon, ihm nachblickend. »Das Unglück ist ein guter Lehrmeister; wenn ich diese Katastrophe überwinde, soll er wieder an meiner Seite stehen. Doch jetzt bedarf ich der Ruhe,« sagte er, »der Ruhe des Geistes vor allem, und sei es nur für eine kurze Stunde. Die Gedanken verwirren sich, wenn sie unaufhörlich denselben Punkt umkreisen, und die aufgeregten Nerven gehorchen dem Schlaf nicht mehr.«

Er öffnete eine Kassette von gepreßtem Leder, welche seine Reisebibliothek enthielt, und zog einen Band von Racine hervor. Dann ließ er sich langsam in seinen Lehnstuhl sinken und vertiefte sich in die Lektüre.

Bald nahmen seine Züge einen ruhigen, heitern Ausdruck an, leise die Lippen bewegend, folgte er den klassischen Versen des großen Dichters, und während draußen die Kommandorufe erschallten, die Signalhörner ertönten, Wagengerassel und das Stampfen der Pferdehufe zu den Fenstern hereindrang, zog der Geist des Kaisers, welcher der Mittelpunkt aller dieser Unruhe, aller dieser Bewegung war, immer tiefer ein in das stille Reich der Poesie.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

In höchster Unruhe und Aufregung wogte die Bevölkerung von Paris auf den Straßen umher. Diese unerwartet schnell aufeinander folgenden Nachrichten von verlorenen Schlachten, welche auch nicht durch eine einzige Siegesnachricht unterbrochen waren, hatten um so erschütternder gewirkt, als jene gleich zu Anfang des Feldzugs verbreitete Nachricht über die Aufreibung der ganzen deutschen Armee und die Gefangennahme des Kronprinzen von Preußen die Siegeszuversicht bis auf das äußerste gesteigert hatte.

Die Wirkung, welche die den Gefühlen der Pariser so wenig entsprechende Reihenfolge von verlorenen Schlachten hervorbrachte, war indes keine niederschlagende gewesen, und die Überzeugung von der Unbesiegbarkeit der französischen Waffen war durch diese so handgreiflichen und empfindlichen Lehren noch nicht erschüttert. Das Nationalgefühl sträubte sich, die Überlegenheit der deutschen Waffen anzuerkennen, und man suchte für deren überraschende und unaufhaltsame Erfolge andere Gründe.

Die Vernünftigeren fanden diese Grunde in der Unfähigkeit der Führer. Die Masse suchte überall den Verrat – als ob es möglich und denkbar sei, daß der Kaiser und die Marschälle das kaiserliche Frankreich verraten könnten, während doch ihrer aller Stellung und Existenz ausschließlich auf dem siegreichen, dem mächtigen Frankreich beruhte.

Die Stadt Paris, welche nun seit zwanzig Jahren fast das Bild der Ruhe und der regelmäßigen Ordnung dargeboten hatte, begann eine revolutionäre Physiognomie anzunehmen, und allmählich tauchten aus den Tiefen der entlegenen Stadtviertel jene düsteren, unheimlichen und fremdartigen Gestalten empor, welche man niemals in dem glänzenden Treiben der kaiserlichen Hauptstadt gesehen hatte und welche jedesmal auf der Oberfläche erscheinen, sobald die ersten Windstöße großer politischer Orkane durch die Luft zittern. Der General Trochu hatte die Nationalgarde und die Garde mobile zu einer Armee organisiert, welche hübsch genug aussah, wenn sie über die Boulevards defilierte, die voll Begeisterung ihre Käppis auf die Bajonettspitze steckte und dem General zujubelte, so oft er sie bei sich vorbeidefilieren ließ, was er mit besonderer Vorliebe fast täglich tat.

Aber ganz vermochte diese so vortrefflich aussehende Armee die Pariser nicht zu beruhigen, denn in zu bedenklicher Nähe der Hauptstadt bewegten sich bereits diese deutschen Truppen, welche man in einem einzigen Vorstoß bis Berlin hatte zurückwerfen wollen, und mit ängstlicher Spannung richteten sich aller Blicke hinaus nach Osten hin, wo Bazaine in Metz eingeschlossen war und wo Mac Mahon, der Held von Magenta, zu welchem das Vertrauen trotz seiner Niederlage unerschüttert blieb, die Armee von Chalons gesammelt hatte, um den eingeschlossenen Bazaine zu entsetzen.

Es lag wie ein dumpfer Traum auf dieser ganzen, so leicht erregbaren Bevölkerung von Paris. Man konnte und wollte nicht daran glauben, daß Frankreich noch weiter geschlagen werden könnte. Es mußte ja täglich die Nachricht anlangen, daß die von dem Grafen Palikao so bestimmt in Aussicht gestellten Siege endlich erfochten seien, und diese unruhige, gärende Menge, deren Aufregung von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde wuchs, zog bald unter begeisterten Kriegsgesängen über die Boulevards hin, bald drängten sie sich vor den Tuilerien und vor dem Palais Bourbon zusammen, um die neuesten Nachrichten vom Kriegsschauplatz zu vernehmen.

Während so ganz Paris in fieberhafter Aufregung zitterte, saß in einem kleinen Hinterzimmer des Café de Madrid eine Gesellschaft von etwa zehn bis zwölf Personen beisammen.

Die vorderen Räume des Cafés waren dicht gefüllt von einer unaufhörlich zu und ab strömenden Menge, welche in lauter und lärmender Unterhaltung sich ihre Vermutungen, ihre Hoffnungen und Befürchtungen mitteilte.

In dem abgeschlossenen Hinterraum aber, welcher durch eine Glastüre von den übrigen Lokalitäten abgetrennt war, herrschte ein dumpfes, finsteres Schweigen, und die hier versammelten Personen schienen von den großen Ereignissen da draußen wenig berührt zu werden, oder aber durch dieselben so niedergeschlagen zu sein, daß sie die sonst so lebhafte Unterhaltungsgabe, welche den Parisern unter allen frohen und traurigen Verhältnissen eigentümlich bleibt, ganz verloren hatten.

Hier saß der fenische General Cluseret, ein kräftig gebauter Mann mit starkem, scharf geschnittenem Gesicht, kurzem Haar und militärisch gestutztem Bart, in dessen brennenden Augen ein dunkles, dämonisches und wildes Feuer blitzte, während um seine festgeschlossenen Lippen ein Zug höhnischer Verachtung lag. Er stürzte ein kleines Glas jenes starken, meist glühend servierten französischen Punsches hinunter und rief, indem er das Glas von sich stieß und sich gegen die Lehne seines Stuhles zurückwarf, mit dem Ton unterdrückten Grimmes:

»Es ist alles vergeblich! Diese Welt ist eine Herde von Schafen, nichts Besseres wert, als von den Wölfen gefressen zu werden, die sie zu ihren Tyrannen gemacht haben. Ich werde mich wahrlich auf die Seite dieser Tyrannen schlagen,« rief er mit lautem Hohnlachen, »das ist in der Tat ein besserer Beruf, als sich Mühe zu geben und zu arbeiten für diesen Pöbel von Sklaven, der noch stolz auf seine Ketten ist.«

In düsterem Schweigen saßen die übrigen einen Augenblick nach diesen heftigen Worten.

Varlin, der Buchbinder, welcher die Internationale, die er einst mit Tolain gegründet, zuerst auf den Weg der politischen Konspiration geführt hatte, blickte finster vor sich nieder.

Pindi, der Zimmermann, welcher die Statuten der Gewerkvereine organisiert hatte, ein noch junger Mann mit blassem, nervösem Gesicht voll geistigen Lebens, stand auf und ging schweigend in dem kleinen Zimmer auf und nieder.

Auch Vesinier, der sonst so scharfe und schlagfertige Redner, war noch mehr als sonst gebückt und in sich zusammengezogen, und sein sonst so höhnisches Gesicht zeigte nur tiefe Niedergeschlagenheit und Entmutigung.

Nur der alte Delescluzes hob seinen, an die alten Philosophen erinnernden Kopf mit dem grauen Haar und Bart und den hellen, klaren Augen und der langen, scharfgeschnittenen Nase empor und sagte:

»Sie müssen nicht ungerecht sein gegen dieses Volk, welches so lange unter dem Druck der Tyrannei seine eigene Kraft zu brauchen verlernt hat. Es muß erst wieder aufatmen, zu sich selber kommen, dann werden wir es organisieren und leiten können. In diesem Augenblick wirkt der Stumpfsinn der langen Unterdrückung und die Betäubung der so plötzlichen Schläge zusammen, um dem öffentlichen Geist die Elastizität zu rauben. Warten wir –«

»Warten!« rief Cluseret, indem er verächtlich die Achseln zuckte und mehrere Male mit den Fingern schnippte. »Worauf sollen wir warten, worauf können wir überhaupt noch warten, nachdem diese Augenblicke unbenutzt vorübergegangen sind? Dieser Kaiser, welcher das Volk so lange geknechtet und unterdrückt, hat es jetzt in einen Abgrund von Schande und Elend gestürzt. Seine Generale sind geschlagen, seine Macht ist gebrochen, fast wie ein Geächteter irrt er an den Grenzen des Landes mit einer zweimal besiegten Armee umher, und dennoch ist er noch der Kaiser, dennoch erhebt sich keine Stimme aus diesem entnervten Volk, um seine Absetzung auszusprechen, um ihn zu verurteilen und alle seine Kreaturen der vernichtenden Strafe zu überweisen – nein, dieses Volk, das so lange entbehrt und gearbeitet hat für das elende Kaiserreich, hat jetzt keinen anderen Gedanken, als sich in dessen Uniformen zu stecken, die Waffen zu ergreifen und hinauszuziehen, um sein Blut zu vergießen für das, was man die Verteidigung, die Rettung des Vaterlandes nennt in kindischer Verblendung, was doch nichts weiter ist als die Rettung dieses tyrannischen, blut- und goldgierigen Kaisertums. Ja,« fuhr er nach einem tiefen Atemzug fort, indem er seine brennenden Blicke über die finsteren Gesichter Varlins und der übrigen gleiten ließ, – »ja – es ist wahr, zur Schande Frankreichs, daß dieses Volk sich erhebt, um das Kaisertum zu schützen, – um diesem elenden Zerrbild eines Cäsars die Möglichkeit zu geben, einen halbwegs anständigen Frieden zu schließen und dann hierher zurückzukommen, um von neuem seinen Fuß auf euren Nacken zu setzen!«

»Niemals!« rief Varlin, das Auge mit dem stechenden, zuckenden Blick von unten aufschlagend, – »niemals, – er darf nicht nach Paris zurückkehren –«

»Darf nicht?« fiel Cluseret ein, indem er abermals laut und höhnisch auflachte, – »darf nicht? – und warum darf er nicht? – werdet ihr ihn daran hindern, – ihr, die ihr euch doch geduldig beugt vor dieser lächerlichen Regentin, die in seinem Namen hier Dekrete erläßt und die diesem Gecken von Trochu schon den Marschallstab zeigt, um ihn, während die fremden Tyrannenknechte von außen heranrücken, auf diejenigen schießen zu lassen, welche etwa meinen möchten, daß Frankreich besser regiert werden könnte als durch Madame Napoleon? – Schämt euch,« sagte er, die Hand leicht auf Varlins Schulter legend, – »schämt euch, – ihr habt mir das Kommando eurer Armee angeboten, – dieser Armee, die ihr hier organisieren wolltet, während ich die amerikanischen Sektionen formierte, – ihr habt mich von New York hierhergerufen, – ich bin mit Freuden eurem Rufe gefolgt, indem ich euch sagte: Wenn ich komme, so wird es heißen: Wir oder nichts, Paris wird unser sein oder Paris wird aufgehört haben zu existieren – – und nun?« fragte er dumpf, – »ich bin gekommen, – ich habe alles so günstig gefunden als möglich, – die Prätorianer des Tyrannen sind weit von Paris entfernt, – sie sind geschlagen, – das Schwert des Kaiserreichs ist zerbrochen, – wo aber,« rief er mit schneidendem Ton, – »wo ist die Armee des Volkes, die ich führen soll?«

Ein lauter, vielstimmiger Jubelruf drang vom Boulevard her durch die vorderen Räume herein.

»Hört ihr sie,« rief Cluseret, – »hört ihr die Armee des Volkes?« – Sie jubeln diesem schwatzhaften Gouverneur von Paris zu, der sie hinausführen will, um sie im Kampf gegen die Feinde des Kaisers schlachten zu lassen und um mit ihren Leichen diesen schwankenden Thron zu stützen. – Ich will zurückkehren über den Ozean und den Staub Europas von meinen Füßen schütteln, – denn diese alte Welt ist verloren für die Freiheit, – verloren und versunken in eigener Jämmerlichkeit und Schwäche.«

Die Rufe draußen wurden lauter und lauter, man hörte, wie in den vorderen Räumen alles an die Türen und Fenster lief – und vive Trochu! – vive la garde nationale! – ertönte es im Café selbst durch die Glastüre des Hinterzimmers.

Varlin sprang auf.

»Es muß etwas geschehen!« rief er, – »so darf es nicht weiter gehen, – wir müssen handeln, – ein Sieg draußen und unsere Sache wäre verloren.«

»Sie ist verloren«, – sagte Cluseret achselzuckend und wendete sich zur Tür.

Delescluzes trat ihm entgegen und streckte die Hand aus, um ihn zurückzuhalten.

Die anderen eilten ebenfalls herbei – alles sprach durcheinander.

Da öffnete sich rasch die Tür und in die lebhaft erregte Gesellschaft trat lächelnd und die Melodie einer Chansonnette zwischen den Zähnen pfeifend Raoul Rigault, gekleidet mit der ihm eigentümlichen zweifelhaften Eleganz, den Hut seitwärts auf den Kopf gedrückt, ein Glas vor den großen, etwas blöde blickenden Augen, ein kleines Stöckchen in der Hand, eine imitierte Regaliazigarre im Munde.

Ihm folgte ein alter, fast sechzigjähriger Mann von kräftiger Haltung und noch jugendlich elastischen Bewegungen, dessen ernstes, regelmäßig und scharf geschnittenes Gesicht die Züge des Mr. Brooklane zeigte, der im Albergo di Europa in Rom an der Seite des Grafen Rivero gewohnt hatte, – nur trug er den weißgrauen Bart nicht und seine ganze Erscheinung zeigte nicht wie dort die Eleganz des vornehmen Mannes, sondern die reinliche Einfachheit eines Arbeiters in seiner Sonntagstracht. Seine Augen waren durch eine dunkle, graue Brille bedeckt.

Mit seinem unzerstörbaren Lächeln auf den Lippen blickte Raoul Rigault ganz verwundert auf alle diese finsteren und aufgeregten Gesichter hin.

»Nun, meine Freunde,« rief er, mit dem Stöckchen an seinen etwas abgenutzten Stiefel schlagend, – »was gibt es? – ihr scheint unzufrieden zu sein; – warum? – ich begreife das nicht, in einer Zeit, in welcher die Ereignisse uns die Hälfte unserer Arbeit abnehmen!«

»Sie werden uns unsere ganze Arbeit abnehmen,« rief Cluseret, indem er versuchte, an Raoul Rigault vorbei nach der Tür zu gelangen, – »unsere ganze Arbeit, – und deren Frucht dazu, – das geschlagene Kaiserreich wird ein noch schlimmerer Tyrann sein als je vorher –«

»Das Kaiserreich?« – rief Raoul Rigault ganz erstaunt, – »das Kaiserreich? – wer spricht denn noch davon? –«

»Jene Haufen da draußen,« sagte Cluseret, die Zähne aufeinander beißend, – »jene Haufen, die ich nicht mit dem edlen Namen des Volkes bezeichnen will, – sie rufen zum Kampf gegen die Fremden, unter deren Schlägen der lächerliche Thron dieses Augustulus zusammenbrechen müßte, wenn sich nicht dies – Volk – erhöbe, um ihn zu verteidigen!«

»Hört mich an, meine Freunde,« sprach Raoul Rigault mit einem überlegenen Lächeln, – »hört mich an! Ihr seid alle älter und reicher an Erfahrungen als ich, – aber –« er schüttelte achselzuckend den Kopf, – »ich sehe doch klarer als ihr! Es geschieht auf meinen Antrieb und unter Leitung meiner Freunde, daß jene da draußen schreien und diesem kleinen pathetischen Trochu den Kopf verdrehen, daß er sich für den Retter des Vaterlandes, für einen Jean d'Arc hält.«

Und selbstgefällig dieses Wortspiel belächelnd, setzte er sich vor dem Tische nieder, ließ sein Augenglas herabfallen und sah mit seinen stumpfen Augen die Gesellschaft an, während sein Begleiter sich hinter ihn stellte,

»Sie«, rief Cluseret, – »Sie regen diese Menge an, – Sie unterstützen das Kaiserreich? –«

»Das ist lächerlich, – das ist vermessen, – das ist kindisch!« – rief man durcheinander.

Raoul Rigault hob die Hand mit seinem Stöckchen empor.

»Ich habe gesagt: hört mich an,« – sprach er mit ruhiger, etwas näselnder Stimme, – »und ihr könnt in der Tat nichts Besseres tun, – denn während ihr hier brütet und tobt, habe ich beobachtet – überlegt – gehandelt.«

Das unruhige Stimmengewirr schwieg, – man setzte sich, Cluseret blieb, die Hand auf den Tisch gestützt, vor Raoul Rigault stehen, den brennenden Blick auf das blasse, etwas aufgeschwemmte, gleichgültige Gesicht des jungen Mannes gerichtet.

»Zunächst«, fuhr dieser fort, – »habe ich euch hier Herrn Antonio Valori vorzustellen, welcher von Italien, von Rom kommt und euch Nachrichten von dort zu bringen hat.«

Er deutete auf den Mann mit der grauen Brille, welcher neben Raoul Rigaults Stuhl trat und leicht den Kopf neigend und in sicherer Haltung, ohne eine Spur von Verlegenheit oder Befangenheit, in fast akzentlosem Französisch sprach:

»Ich habe euch eine Botschaft zu bringen – und eine Aufforderung an euch zu richten.«

»In wessen Auftrag?« fragte Varlin, indem er einen forschenden Blick auf den Fremden richtete.

»Im Auftrage«, erwiderte der Fremde kalt und ruhig, »der Freunde der Freiheit in Italien. Ich habe keine Legitimation«, fuhr er fort. »Es bedarf auch derselben nicht. Es genügt, daß die Botschaft und die Aufforderung an euch gelangt. Eure Sache wird es sein, darnach zu handeln. Die Befreiung der Welt«, sprach er weiter, »hängt von der Freiheit der Völker lateinischen Stammes ab, denen die übrigen folgen werden, weil sie ihnen folgen müssen, und die Freiheit der lateinischen Völker war niedergedrückt durch das Papsttum und das französische Kaiserreich, welche sich gegenseitig unterstützten, um die Welt in Fesseln zu halten. Der Augenblick der Befreiung ist da. Das französische Kaiserreich ist gezwungen gewesen, in seiner Not um die eigene Existenz seine Hand von Rom zurückzuziehen, und in kürzester Zeit werden die Truppen des Königs Viktor Emanuel, welcher der Diener der Revolution ist und der Republik die Wege bereitet, in Rom einziehen und damit die Befreiung Italiens vollenden, indem sie den einen Mittelpunkt der Welttyrannei für immer zusammenbrechen.«

»Ist das gewiß?« fragte Cluseret.

»Es ist so gewiß,« erwiderte der Fremde, »daß die militärischen Maßregeln bereits vollkommen vorbereitet sind, und daß die kurze Zögerung, welche die persönlichen Gefühle des Königs Viktor Emanuel noch veranlassen, in kurzem überwunden sein wird.«

»Dort handelt man«, rief Cluseret, die Hand auf den Tisch schlagend, »und hier –«

»Hier muß man gleichfalls so handeln«, sagte der Fremde. »Hier muß man vor allem so schnell als möglich das in allen seinen Fugen krachende Kaiserreich zusammenschlagen, damit es für immer unmöglich werde, dem Papsttum noch im letzten Augenblick Hilfe zu bringen oder dasselbe etwa später wieder aufzurichten.«

»Ihr hört es,« rief Cluseret, »ihr hört es. Und dabei schreit dies verblendete Volk nach Waffen, um gegen die Feinde des Kaiserreichs zu kämpfen!«

Raoul Rigault stand auf.

»Ihr habt die Botschaft unserer Freunde in Italien gehört,« sagte er, indem er sein Glas wieder vor das Auge drückte. »Hört nun, was geschehen muß, um in ihrem Sinn zu handeln und auch unsererseits unsere Pflicht zu erfüllen. Ich weiß,« fuhr er fort, »daß Monsieur Napoleon, welcher ein wenig das Wanken seines Thrones verspürt, den dringenden Wunsch hegt, mit der Armee, welche er bei sich hat, unter die Mauern von Paris zurückzukehren, weil er nur ein sehr mittelmäßiges Vertrauen zu diesen glänzenden Truppen des Generals Trochu hegt. Er kalkuliert ganz richtig,« sagte er, mit seinem Stöckchen einige Male durch die Luft schlagend, »denn hier unter den Mauern von Paris würde er Gelegenheit haben, mit den Herren Preußen bald zu einem Friedensschluß zu kommen, und dann würde es ihm nicht schwer werden, seine gute und getreue Residenz wieder in die wünschenswerte Ordnung zu bringen. Und würden wir dann etwas unternehmen, so würden jene Soldaten von Weißenburg und Fröschweiler sehr geneigt sein, sich hier auf dem Straßenpflaster die Lorbeeren zu pflücken, welche sie auf den Schlachtfeldern nicht erreichen konnten. Die Ausführung dieses Planes, welchen auch der Marschall Mac Mahon von seinem militärischen Standpunkt mit vollem Recht unterstützt und billigt, müßte um jeden Preis hintertrieben werden, wenn wir aus diesen Niederlagen des Kaiserreichs unsere Früchte ziehen wollen. Ich habe deshalb überall die Bevölkerung von Paris lauter und lauter rufen lassen, daß man nach Metz ziehen müsse, um den heldenmütigen Marschall Bazaine, der sich dort hinter sichere Mauern zurückgezogen hat,« fügte er hohnlachend hinzu, – »zu befreien. Und dieser vortreffliche General Trochu unterstützt mich dabei auf das ausgezeichnetste, indem er überall pomphaft verkündet, daß er stark genug sei, um Paris zu verteidigen, – er wünscht natürlich den Kaiser und die Armee durchaus nicht hierher zu ziehen, da bei deren Anwesenheit die Despotie seiner Herrschergewalt bald ausgespielt wäre. Mac Mahon«, fuhr er fort, »hat nun seinen Marsch nach dem Norden, der ihn mitten in die feindliche Armee hinein und zum kaudinischen Joch führen muß, angetreten. Aber noch einmal hat man in Courcelles angehalten; Herr Rouher, der mit dem Instinkt der Selbsterhaltung erkannt hat, wo die einzige Möglichkeit des Kaiserreichs liegt, ist dorthin geeilt und ist, wie ich ebenfalls bestimmt weiß, mit einer Order des Kaisers zurückgekommen, welche den Marschall Mac Mahon zum Chef der Armee von Paris ernennt und den Rückmarsch der Armee hierher anordnet, dessen Ausführung das Kaiserreich wahrscheinlich retten würde. Dies ist die augenblickliche Lage,« fuhr er in so leichtem Ton fort, als spräche er von den gleichgültigsten Tagesereignissen, – »in diesem Augenblick werden sich die ausgezeichneten Minister, welche den Herren Grammont und Ollivier folgten, in den Tuilerien versammeln, um die Botschaft des Kaisers zu beraten. Es ist durchaus notwendig, daß der Plan des Kaisers verworfen werde und Mac Mahon den bestimmten Befehl erhalte, nach der belgischen Grenze weiter zu marschieren, um von dorther Bazaine in Metz zu erreichen.«

Ein Blitz des Verständnisses leuchtete in dem Blick Cluserets auf. Seine finsteren Züge erhellten sich und schweigend nickte er mehrmals mit dem Kopf.

»Aber wenn nun die Vereinigung mit Bazaine gelingt?« fragte Varlin, »wenn nun jene Armeen, bei denen der Kaiser sich selbst befindet, einen Erfolg erringen –«

»Das ist unmöglich,« fiel Raoul Rigault mit überlegener Miene ein, indem er eine Karte aus der Tasche zog und auf dem Tisch ausbreitete. »Seht hier,« fuhr er fort, indem er mit dem Finger auf diese Karte deutete, »hier steht die feindliche Armee – hier die eine, dort die andere. Auf dieser Linie zieht der Kaiser mit der niedergeschlagenen und entmutigten Armee Mac Mahons wie ein untergehendes, verblassendes Meteor, und hier,« sagte er, indem er die Spitze seines Stöckchens fest auf den Punkt der Karte stützte, »hier wird es sein, hier werden sie ihn fangen. Hier wird dieser stolze Adler, der so lange Frankreich mit seinen Krallen zerfleischte, in den Staub niedersinken.«

Cluseret war mit scharfer Aufmerksamkeit den Bewegungen gefolgt, welche die Hand Raoul Rigaults über die Karte hin gemacht hatte.

»Es ist wahr,« rief er lebhaft, »es ist wahr, es kann nicht anders kommen! Er ist verloren, wenn er dorthin geht!«

Und mit einer gewissen Bewunderung blickte er auf Raoul Rigault, welcher lächelnd und unbeweglich dastand.

»Ihr seht,« fuhr der junge Mann dann immer in demselben leichten Ton fort, »daß, wenn jene Armee, welche Herr Napoleon noch um sich hat, zertrümmert sein wird, wenn er selbst flüchtig oder gefangen ist, daß dann diese Bande, welche sich in diesem Augenblick noch auf dem possenhaften Thron hier breit macht, von selbst nach allen vier Winden verfliegen und daß uns die Zukunft gehören wird. Es kommt also alles darauf an, daß jetzt in dem Tuileriengarten und auf dem Tuilerienplatz so laut als möglich geschrien wird: ›Nach Metz! Zur Befreiung von Bazaine! Rettet Bazaine!‹ – Es wäre doch möglich,« fügte er mit einem Ton unbeschreiblicher Verachtung hinzu, »daß in irgendeinem ministeriellen Gehirn ein Funke von Vernunft oder wenigstens von dem Instinkt der Selbsterhaltung aufblitzen könnte und daß man Mac Mahon von seinem Marsch zum Untergang zurückriefe, und das muß um jeden Preis verhindert werden. Und deshalb,« sagte er, sich aufrichtend und mit seinem Stöckchen auf die Karte schlagend, »deshalb dienen uns jene Leute, die da draußen schreien, am besten. Je mehr Truppen hinausgesandt werden, um so schneller wird hier im Mittelpunkt das Kaiserreich zusammenbrechen.«

»Und wenn es zusammenbricht,« sagte Varlin, der in brütendem Sinnen dagesessen hatte, – »werden wir seine Erben sein, und nicht diese Helden der hohlen Phrase, dieser Herr Jules Favre, der uns einst in seiner glänzenden Wohnung so weise Vorträge über die Notwendigkeit der Herrschaft der Bourgeoisie über die Arbeiter hielt, – werden sie nicht die Erben der zusammenbrechenden Gewalt sein, um das Volk mit der Geisel des Kapitals noch schlimmer zu mißhandeln, als es das Kaiserreich mit den Bajonetten getan?«

»In der Tat,« sagte Raoul Rigault, indem er sich ruhig zu Varlin wendete, »sie werden die Erben der Macht sein, die ersten Erben. Lassen wir sie ruhig diese Erbschaft antreten, wir bedürfen dieser schwachen Köpfe, damit sie die Gliederung der alten Gesellschaft zerstören, alle Ordnung aufhören machen, alle Autorität vernichten. Das werden sie sehr schnell besorgen, – denn darin sind sie Meister,und in kurzer Zeit werden sie es dahin bringen, daß, während alles auseinanderfällt und sich zersetzt, wir die einzig organisierte Macht sein werden. Dann wird unsere Zeit gekommen sein, – dann«, sagte er mit einem entsetzlichen Lächeln, »wird die Zeit für meine große elektrische Batterie da sein und für meine chemischen Mittel, um die letzten Reste – – –«

»Er hat recht, – er hat recht,« – rief Cluseret, indem er Raoul Rigault auf die Schulter schlug, – »er hat recht, – er ist wahrhaftig der Stärkste von uns allen, und während wir uns alle niederdrücken ließen, hat er klar gesehen und energisch gehandelt!«

»Ja, in der Tat, – er hat recht,« sagte der Fremde ruhig, – »tun Sie alle, was er Ihnen sagt, – helfen Sie den Tyrannen in jene Falle zwischen den feindlichen Armeen drängen, aus welcher es kein Entrinnen gibt, – denn dort liegt die Entscheidung, – sobald er dort vernichtet ist, wird diese schwankende Autorität, welche hier noch im letzten Aufflackern ihre ersterbende Macht in den Tuilerien fristet, von selbst erlöschen, – und auch weiter hat er recht, – mögen dann immerhin diese Schwätzer der liberalen Bourgeoisie die nächsten Erben der zusammenbrechenden Macht sein, – sie werden schnell genug die Bahn für uns freimachen, – wir in Italien werden zunächst freie Hand haben, unsere Ketten zu zerbrechen, und wir werden dann stark genug sein, um euch die Hand zu reichen, wenn die nahe Stunde der vollen Freiheit auch bei euch gekommen sein wird.«

Varlin wollte noch etwas sagen, – Cluseret rief:

»Auf, ans Werk, – auf die Boulevards – nach den Tuilerien!«

Die Tür wurde geöffnet – schnell trat Paschal Grousset, einer der Redakteure des Rappel, ein junger Mann mit blassem, abgelebtem Gesicht, zurückgestrichenen Haaren und einem dichten Schnurrbart, herein. – Ihm folgte La Cecilia, ein Italiener, der früher unter Garibaldi gedient hatte und jetzt in Paris als tätiges Mitglied der politischen Internationale lebte. Sein Gesicht mit der scharf hervorspringenden, gekrümmten Nase, den unter starken, etwas zusammengezogenen Augenbrauen klar und kalt hervorblickenden Augen, der hohen Stirne und den starken Backenknochen zeigte kaltblütige Entschlossenheit, während die unter dem herabhängenden Schnurrbart stark hervortretende volle Unterlippe Verachtung aller Gefahr und jene aus einem vielbewegten, abenteuerlichen Leben stets entspringende Gleichgültigkeit gegen die wechselnden Verhältnisse des Lebens ausdrückte. Der Maler Courbet begleitete beide, – ein kleiner, starker Mann mit dichtem, hochgescheiteltem Haar und vollem Bart, dessen kleines, etwas zusammengedrücktes Gesicht wenig Geist, aber viel kleinliche Wichtigkeit in seinen faltigen Zügen und in seinen scharf, aber etwas unstet blickenden Augen trug.

»Soeben durchläuft die Nachricht Paris,« – rief Paschal Grousset, »daß Bazaine aus Metz einen Ausfall gemacht und die deutschen Armeen zurückgedrängt habe, – ich sah Palikao nach den Tuilerien fahren, – man sagt, der Kaiser und Mac Mahon wollten auf Paris rücken, – es sind wichtige Entscheidungen im Gange –«

»Wenn diese Nachrichten wahr sind,« sprach La Cecilia, – »so werden die deutschen Armeen in eine bedenkliche Lage kommen –«

»Ihr hört es«, sagte Raoul Rigault.

»Vorwärts, – hinaus!« – rief Cluseret, – »es gilt, dem Kaiserreich den Gnadenstoß zu geben und es auf den Weg des Verderbens zu drängen!«

Während Raoul Rigault Paschal Grousset über die soeben hier besprochenen Gesichtspunkte verständigte, ruhte La Cecilias Blick forschend auf dem Fremden, der ruhig und schweigend dastand.

Dieser bemerkte es, – in natürlicher Bewegung erhob er die Hand und berührte mit der Spitze des Fingers seine Lippen.

La Cecilia neigte den Kopf und folgte Cluseret, der bereits mit mehreren anderen die vorderen Räume durchschritten hatte und über die Boulevards dahineilte, schnell die dichten Menschenmassen durchschneidend, welche sich sprechend, rufend und lebhaft gestikulierend nach den Tuilerien hindrängten.

Ein Mann mit blondem Vollbart, in der Bluse eines Arbeiters und eine Mütze mit großem Schirm tief in das Gesicht gedrückt, näherte sich dem Fremden, welchen Raoul Rigault als Antonio Valori eingeführt hatte.

»Verzeihen Sie,« sagte er, – »Sie kommen aus Italien, – aus Rom, – glauben Sie wirklich, daß dort etwas geschehen werde, und daß nicht wieder ein verfehltes Unternehmen –«

»Die Sache ist dort sicher, – gut vorbereitet und wird diesmal nicht fehlschlagen, da wir uns keinen kaiserlichen Chassepots gegenüber befinden werden,« erwiderte der Fremde, indem er etwas verwundert und betroffen den eben Eingeführten ansah.

»Ich bin nur«, sagte dieser, »ein wenig zweifelhaft gewesen, weil man nichts davon hört, daß die Anführer sich regen. Garibaldi ist ruhig und Mazzini –«

»Mazzini ist gefangen«, fiel der Fremde ein, »und Garibaldi wird zu seiner Zeit auftreten. Vielleicht wird er den Dank Italiens der verbrüderten französischen Republik darbringen.«

Er brach das Gespräch, das ihm lästig zu sein schien, ab und wandte sich dem Eingang zu, durch welchen Raoul Rigault und Courbet sich nach den Boulevards hinwendeten.

»Er ist es,« sagte der Mann in der Bluse, dem Fremden nachblickend, – »es ist kein Zweifel. Vielleicht müßte ich ihm nachgehen, um zu sehen, wo er bleibt. Aber wozu sollte das jetzt nützen, wir haben mit uns allein genug zu tun. Und ich muß zunächst nach den Tuilerien, um Botschaft zu bringen, wie es hier steht.«

Er schritt über den Boulevard hin und verlor sich in der Menschenmenge, welche auf dem gegenüberliegenden Trottoir sich nach den Tuilerien zu bewegte.

Raoul Rigault hatte seinen Arm in den des Courbet gelegt und schritt in etwas gezierter Haltung, das Glas fortwährend vor den Augen, durch die Rue de la Paix und über die Place Vendome hin.

»Das Schicksal der Zukunft«, sagte er mit seiner affektierten, leisen, etwas näselnden Stimme, »hängt jetzt von der Geduld unserer guten Freunde und von der Dummheit dieser Madame Badinguet und ihrer Minister ab. Wäre ich ein alter Grieche, so möchte ich den Zeus anrufen, um uns beizustehen, – es würde«, fügte er in zynischem Tone hinzu, »für ihn keine schwere Arbeit sein, nachdem er für uns den Kopf des Generals von Moltke erleuchtet hat, um die kaiserlichen Prätorianer zu schlagen, nun auch in den Köpfen dieser Minister den erforderlichen Grad von dichtester Finsternis zu erzeugen, damit sie das Kaiserreich vollständig in den Abgrund stürzen, an dessen Rande es hin und her taumelt.«

Sie schritten über die Place Vendome.

»Sehen Sie, mein Freund,« sagte Courbet, indem seine Blicke sich voll giftigen Hasses zu der Bildsäule Napoleons I. emporrichteten, welche jene hochragende Ehrensäule krönte, die Frankreich einst dem Ruhm seiner großen Armee errichtete, – »sehen Sie, jedesmal, wenn ich hier vorbeigehe, so reizt es mich, dies elende Monument zu zerstören, viel weniger, weil es das Bild der Tyrannei und des blutigen Cäsarismus ist, als weil es auf eine so schreckliche Weise allem Kunstgeschmack Hohn spricht.«

»Warten Sie, mein Freund,« erwiderte Raoul Rigault, indem er mit seinem Stöckchen durch die Luft einen Hieb gegen das Denkmal des Ruhmes der französischen Waffen führte, »warten Sie ein wenig, wenn unsere Zeit kommt, so wird all dieser Kram einer lächerlichen Vergangenheit verschwinden. Wo meine chemischen Mittel nicht ausreichen, werden wir die mechanischen zu Hilfe nehmen. Wenn jener Herr da oben, dem sie seinen Überrock und seine Stiefel ausgezogen haben, die sie doch jetzt so gut hätten brauchen können, wenn er hier unten im Staub liegt, dann können Sie ihn malen, er wird dann ebenso schmutzig sein, wie Ihre badenden Mädchen, – die alle Fluten des Ozeans dann nicht wieder rein waschen können.«

Sie hatten die Rue de Rivoli erreicht und mischten sich in die immer dichter nach den Tuilerien herandrängenden Volkshaufen.

In dem Conseilsaal der Tuilerien waren die neuen Minister versammelt, welche dem schnell vor der Wucht der gewaltigen Ereignisse verschwundenen Ministerium Grammont-Ollivier gefolgt waren.

Tiefer Ernst lag auf allen Gesichtern. In einem der Lehnstühle, welche den großen, mit einer grünen Decke bedeckten Tisch umgaben, saß der Fürst Latour d'Auvergne, welcher die schwierige Aufgabe übernommen hatte, die Beziehungen des halb schon zu Boden geworfenen Frankreichs zu den auswärtigen Mächten zu pflegen und bei den europäischen Kabinetten ein Wort der moralischen Unterstützung für Frankreich zu erbitten, nachdem der Herzog von Grammont es versäumt hatte, dem in dem Nimbus seiner Vollmacht dastehenden Kaiserreich irgendwelche Allianzen in Europa zu verschaffen.

Der Fürst, ein Mann von etwa vierzig bis fünfundvierzig Jahren, mit einem runden, vollen Gesicht, das sein kurz geschnittener Vollbart umgab, und mit klaren, dunklen Augen, aus welchen aber nicht der starke Geist und die willenskräftige Entschlossenheit leuchteten, welche erforderlich gewesen wären, um eine so schwierige Situation zu beherrschen, war beschäftigt, die Berichte und Depeschen zu durchfliegen, welche ihm in dem Augenblick, da er sich zum Conseil begab, überreicht worden. Aber bei jedem neuen Papier, das er durchflog, wurde seine Miene düsterer, und in trüber Resignation den Kopf schüttelnd, blickte er auf die Berichte, deren jeder ihm die Kunde von einer neuen fehlgeschlagenen Hoffnung brachte.

Am anderen Ende des Tisches war der Minister des Innern, der frühere Seine-Präfekt Chevreau, ein kräftiger, untersetzter Mann von fast fünfzig Jahren, mit lebhaften, hervorstechenden Augen, in eifriger Unterhaltung mit dem zum Handelsminister ernannten Journalisten Clement Duvernois begriffen, einem blonden, etwas vollen jungen Mann von kaum fünfunddreißig Jahren, von regelmäßigen, ein wenig schlaffen Gesichtszügen, der in seinem Wesen und in seiner Haltung eine gewisse Sorglosigkeit zeigte, die ihn auch in dieser schwierigen, verhängnisvollen Situation nicht ganz verließ.

Der Finanzminister Magne mit seinem glattrasierten, ruhig lächelnden Gesicht, den weißen Haaren und den kleinen, listig zusammengekniffenen Augen sprach mit dem Kriegsminister, Grafen Palikao, dem Präsidenten des Kabinetts und dem in diesem Augenblick jedenfalls bedeutungsvollsten aller Minister, da das Schicksal des Krieges ja auch zugleich das Schicksal Frankreichs und der Dyuastie war.

Der General Cousin de Montauban, welcher für seinen chinesischen Feldzug zum Grafen von Palikao ernannt war, und welcher, während die übrigen Minister im schwarzen Morgenanzug erschienen waren, die große Generalsuniform trug, war ebenso ruhig, sicher und fast heiterer als der Finanzminister. Das weiße Haar des Kriegsministers kontrastierte auf eine eigentümliche Weise mit seinen dunklen, in jugendlichem Feuer blitzenden Augen und mit der dunklen Farbe seines militärisch geschnittenen Schnurrbartes. Auf seinem Gesicht lag Entschlossenheit und Mut, aber mehr Verschlagenheit als klare und große Intelligenz, und in seiner Haltung zeigte er mehr die Geschmeidigkeit und Feinheit des Hofmannes als die Festigkeit des Soldaten.

Der Baron Jérôme David, welcher das Portefeuille der öffentlichen Arbeiten übernommen hatte, ging allein mit großen Schritten im Kabinett auf und nieder. Auf seinem Gesicht mit den gedrungenen, festen Zügen, dem kurzen Haar und etwas vorstehenden, funkelnden Augen, dem kleinen, aufwärts gedrehten Schnurrbart, arbeitete eine heftige Erregung. Er schien, in leisen Selbstgesprächen die Lippen bewegend, seine Gedanken zu ordnen, um Mittel und Wege zu suchen, das Kaiserreich und die Dynastie, denen er so nahe stand, von dem vernichtenden Schlage zu retten, der sie so schnell und unerwartet getroffen.

Der kalte, elegante und undurchdringliche Admiral de Genouilly, der kalte und geschmeidige Justizminister Grandpéré, der etwas steif und pedantisch blickende Unterrichtsminister Jules Brame schauten ruhig aus dem Fenster über die sich draußen immer dichter ansammelnde Menge hin und schienen ruhig zu erwarten, was die Zukunft aus Frankreich, aus dem Kaiserreich und aus ihnen machen würde.

Ein Huissier trat ein und näherte sich dem Grafen von Palikao, dem er einige Worte zuflüsterte.

Der Graf stand auf und begab sich in das Vorzimmer.

Hier befand sich in schwarzer, eleganter Kleidung jener Mann, welcher kurz zuvor im Café de Madrid der Versammlung der Führer der Internationalen beigewohnt hatte. Hier, wo sein Gesicht nicht mehr von dem breiten Schirm der Arbeitermütze bedeckt war, konnte man die abgelebten, von Leidenschaft zerrissenen Züge dieses ursprünglich regelmäßigen Gesichtes mit den tiefliegenden, matten Augen deutlich erkennen.

»Ah, Herr Lenoir«, sagte Graf Palikao, indem er mit einer gewissen vornehmen Überlegenheit diesem sich tief und demütig verneigenden Mann entgegentrat. »Was bringen Sie? – wenn es nichts besonders Wichtiges ist, so suchen Sie mich später auf, ich bin in diesem Augenblick zu sehr beschäftigt, Ihre Majestät wird sogleich erscheinen.«

»Ich wußte,« sagte der mit dem Namen Lenoir Angeredete, »daß um diese Zeit ein Conseil stattfinden soll und habe mich gerade deshalb beeilt, noch vorher hierher zu kommen, da ich voraussetzte, daß die Nachrichten, welche ich bringe, vielleicht auf Eurer Exzellenz Entschluß von Einfluß sein möchten.«

»Nun, lassen Sie hören«, sagte der Graf Palikao, indem er in eine Fensternische trat und Herrn Lenoir einen Wink gab, ihm zu folgen.

»Exzellenz,« sagte dieser mit leiser Stimme, »in kurzer Zeit wird Rom von den italienischen Truppen besetzt sein. Ein Bote von Italien ist an das hiesige Revolutionskomitee gesendet, um die Nachricht zu überbringen und zugleich aufzufordern, daß man hier alles zum Sturz des Kaiserreichs tun möge.«

Graf Palikao zuckte die Achseln.

»Das war zu erwarten,« sagte er, »wir können das nicht hindern, mögen sie jetzt tun, was sie wollen. Später,« sagte er, die Lippen aufeinanderbeißend, – »später werden wir rechnen und dann werden sie fühlen, was es heißt, uns im Augenblick der Not und Gefahr auf solche Weise zu behandeln. Und hier?« fragte er weiter.

»Hier ist die Parole ausgegeben,« erwiderte Herr Lenoir, »auf jede Weise zu verhindern, daß der Kaiser und Mac Mahon auf Paris zurückkehren, weil man überzeugt ist, daß der Marsch nach der Grenze die Armee des Marschalls Mac Mahon und den Kaiser ins Verderben stürzen werden.«

Ein feines Lächeln flog über das Gesicht des Grafen Palikao.

»Sie sind verblendet,« sagte er, »diese Herren Revolutionäre, und das ist ein Glück für uns. Sie denken nur daran, für den Augenblick eine wirklich militärische Autorität von Paris fernzuhalten. Sie sehen es nicht, daß ihre augenblickliche Freiheit, hier in den Straßen etwas Unfug zu treiben, sehr schnell verschwinden wird, wenn dort draußen erst unsere Waffen wieder siegreich sein werden, wenn unsere Armeen sich vereinigt haben und den Feind im Innern des Landes einschließen, – für uns ist es gut, sehr gut, so finden wir Unterstützung bei unseren Feinden. Ich danke Ihnen, mein Herr,« sagte er leichthin, »fahren Sie fort, zu beobachten, und seien Sie meiner Erkenntlichkeit gewiß.«

Mit leichtem Kopfneigen wandte er sich ab und kehrte in den Conseilsaal zurück.

Herr Lenoir sah ihm ganz erstaunt nach.

»Wer ist nun eigentlich Herr in Frankreich?« flüsterte er vor sich hin, – »dieser glänzende General hier in den Tuilerien oder der kleine Raoul Rigault in dem Hinterstübchen des Café de Madrid?«

Kopfschüttelnd verließ er das Zimmer und schritt über die Korridors nach einer Seitentreppe hin, welche zum Tuilerienhof hinabführte.

»Die Sache bricht zusammen,« sagte er in tiefem Sinnen und immerfort den Kopf schüttelnd, während er die Stufen hinabstieg, »es wird Zeit sein, an die Zukunft zu denken, denn ich habe nur eine sehr geringe Neigung, mich unter den Trümmern dieses zusammenstürzenden Gebäudes begraben zu lassen.«

Er durchschritt den inneren Hof des Palastes, mischte sich unter die Menge und wandte sich dann über die Place la Concorde nach der Richtung des Boulevards von Malesherbes hin.

*

Kaum war der Graf Palikao in das Conseil zurückgekehrt, als ein Huissier die zu den inneren Gemächern führenden Flügeltüren aufriß und mit lauter Stimme rief:

»Die Kaiserin!«

Die Minister traten zu ihren Stühlen und begrüßten mit tiefer Verneigung Ihre Majestät die Kaiserin-Regentin, welche raschen und elastischen Schrittes in das Zimmer eintrat.

Die Kaiserin Eugenie trug ein einfaches Kleid von schwerem, schwarzem Seidenstoff, ein goldenes Kreuz am schwarzen Bande um den Hals. Keine Schleife, kein Edelstein schmückten ihr einfach geflochtenes, goldblondes Haar. Sie sah bleich und angegriffen aus, ihre großen, tiefblauen Augen glühten in fast fieberhaftem Glanz und waren von dunklen Ringen umgeben, während der zarte Teint ihres Gesichtes in fast durchsichtiger Blässe sich gegen ihre dunkle Toilette abhob.

Die Kaiserin erwiderte mit einer zugleich stolzen und anmutigen Neigung des Kopfes die Begrüßung der Minister und trat rasch an den großen Lehnsessel in der Mitte des Tisches, auf welchem sonst der Kaiser Napoleon Platz zu nehmen pflegte.

Der Graf Palikao setzte sich zu ihrer Rechten, Herr Magne zu ihrer Linken, die übrigen Minister folgten der Reihe nach.

»Es wird Ihnen bereits bekannt sein, meine Herren, daß seine Majestät der Kaiser durch den Präsidenten des Senats ein Dekret hierhergesandt hat, nach welchem Mac Mahon zum Oberkommandanten von Paris ernannt wird. Zugleich hat der Kaiser mir seine Absicht mitteilen lassen, mit der Armee des Marschalls, welche in diesem Augenblicke bei Rheims steht, hierher zurückzukehren und den Feind unter den Mauern von Paris zu erwarten. Ich habe Sie, meine Herren, um mich versammelt, um Ihren Rat zu vernehmen, was diesem kaiserlichen Dekret gegenüber zu tun sei.«

Der General Palikao verneigte sich gegen Ihre Majestät, deren Blick sich fragend auf ihn richtete, und sprach mit seiner feinen, etwas leisen, aber scharf akzentuierten Stimme:

»Seine Majestät der Kaiser, Madame, welcher Allerhöchst Ihnen die Regentschaft übertragen, als er mit der Armee ins Feld rückte, hat ohne Zweifel das Recht, in jedem Augenblick die Regentschaft wieder aufzuheben und selbst die Leitung der Regierung in die Hand zu nehmen. Dies hat seine Majestät jedoch nicht getan, und solange dies nicht geschehen, kann ein aus dem Lager des Kaisers datiertes Dekret nur dann verfassungsmäßige Gültigkeit haben, wenn es von Eurer Majestät mit Ihren Ministern zur Ausführung für geeignet befunden wird. Bei aller tiefen Ergebenheit, die uns alle hier für die Person des Kaisers erfüllt, sind wir dennoch verpflichtet, diese Verfügung zu prüfen und ihre Ausführung zu sistieren, wenn wir sie dem Wohle Frankreichs nicht angemessen finden. Ich glaube, daß alle anwesenden Herren Minister hierin mit mir vollkommen einig sein werden.

Die Kaiserin neigte einen Augenblick das Haupt auf die Brust, dann ließ sie den trüben und traurigen Blick über die versammelten Minister hingleiten und sprach:

»Lassen Sie uns keine Zeit verlieren, meine Herren, die verfassungsmäßige Gültigkeit oder Ungültigkeit des kaiserlichen Dekrets und die Kompetenz der Regentschaft zu diskutieren, lassen Sie uns nicht die Sache über der Form vergessen. Der Kaiser ist der Herr, und ich würde mich stets verpflichtet fühlen, jedem seiner Dekrete zu gehorchen, wenn diese Dekrete in voller Erkenntnis der Verhältnisse gegeben sind und zum Wohl Frankreichs führen können. Sie haben, Herr Minister, den Marsch nach der belgischen Grenze trotz der bereits aus Chalons erfolgten Gegenvorstellung des Feldmarschalls Mac Mahon für eine militärische Notwendigkeit erklärt. Sie sind der Meinung, daß durch diesen Marsch die Verbindung mit Bazaine hergestellt werden könne, und daß diese Verbindung alle Schmach und alles Unglück der letzten Zeit wieder gutmachen werde«, fügte sie mit einem funkelnden Blick hinzu. »Ist das noch heute Ihre Meinung und diejenige der anderen Herren, dann müssen wir Mac Mahon den Befehl senden, unter allen Umständen vorwärts zu marschieren und den Kaiser beschwören von seinem Entschluß zurückzukommen.«

»Es ist meine bestimmte Meinung, Madame,« sagte der General Palikao, »daß, wenn Mac Mahon mit seiner Armee in schnellen Märschen nach der belgischen Grenze vorgeht und sich von dort, wo man ihn gar nicht erwartet, und er keinen Widerstand findet, auf Metz wirft, Frankreich gerettet sein wird. Jene beiden großen Armeen werden sich dann vereinigen, um die Deutschen, die im feindlichen Lande mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen haben, zu umfassen und in einem neuen Feldzug alles wieder zu erringen, was im ersten verloren war. Dies ist meine militärische Ansicht, und ich kann durch keine Gegengründe von derselben zurückgebracht werden.«

»Und die militärische Ansicht muß maßgebend sein,« rief die Kaiserin, »denn vom militärischen Erfolg hängt ja Frankreichs Zukunft ab und die unsrige«, flüsterte sie kaum hörbar vor sich hin, indem sie die Spitzen ihrer zitternden Finger aneinanderdrückte. »Nur auf die eigene Kraft müssen wir uns stützen,« fuhr sie mit fester Stimme fort, »denn alle Freunde, welche das mächtige Frankreich in Europa hat, stehen heute schweigend zur Seite oder sind bereits unsere Feinde.«

»Leider ist es so,« sagte der Fürst Latour d'Auvergne, »die Vertreter Frankreichs an den europäischen Höfen begegnen kalter Zurückhaltung oder vorwurfsvoller Verwunderung über den so unvorbereitet begonnenen Krieg –«

»Wir werden diese Erfahrungen nicht vergessen,« rief die Kaiserin mit vor Zorn bebenden Lippen, »und der Tag wird einst kommen, an dem Frankreich sich erinnern wird.«

»England verkennt in trauriger Weise«, sagte der Fürst Latour d'Auvergne, »seine eigenen Interessen, indem es Frankreich niederbeugen läßt. Die Stunde wird kommen, wo man dort vergeblich die Allianz der Westmächte wird wiederherstellen wollen, welche Lord Palmerston einst ins Leben rief und welche der Welt Gesetze gab. Das einzige Wohlwollen,« fuhr er fort, »das uns entgegentritt, zeigt uns Rußland. Dieses Rußland, dem wir einst Sebastopol zerbrachen und das Schwarze Meer nahmen.«

»Und dem«, rief die Kaiserin lebhaft, »wir einst werden wiedergeben können, was es verloren – reich und doppelt wiedergeben, wenn es uns jetzt die Hand reichen will! Sprechen Sie, Fürst, was schreibt Fleury? – können wir von Rußland etwas erwarten? Ein einziger ernster Schritt von jener Seite würde genügen, um uns aus aller Not zu befreien. Die ganze preußische Macht ist hier, die Ostgrenzen Deutschlands stehen offen. Ein Wort des Kaisers Alexanders wiegt für uns zwei gewonnene Schlachten. Sprechen Sie!«

Der Fürst wandte die Blätter des Berichtes, den er in der Hand hielt, mit einer gewissen Verlegenheit zögernd hin und her.

»Madame,« sagte er, »der Kaiser Alexander hat in sehr freundlicher und in sehr liebenswürdiger Weise dem General Fleury seine Teilnahme an den Unglücksfällen, welche den Kaiser betroffen, ausgesprochen. Er scheint besorgt zu sein, daß zu den äußeren Niederlagen innere Unruhen in Frankreich hinzutreten könnten, und will an den König Wilhelm schreiben –«

»Nun?« fragte die Kaiserin, zitternd vor Spannung.

»Um den König zu bitten,« fuhr der Fürst Latour d'Auvergne fort, »daß er alles tun möge, um das Kaiserreich und die Dynastie zu erhalten, welche allein die Garantien eines dauernden Friedens bieten könnten und für die Ruhe und Ordnung in Europa von hoher Wichtigkeit seien.«

Eine fast leichenfarbige Blässe legte sich über das Gesicht der Kaiserin. Sie faltete die Hände auf den Tisch und blickte starr vor sich hin.

»Das also ist es,« sagte sie mit tonloser Stimme, »was der beste Freund, den wir noch in Europa finden, für uns tun kann? So weit sind wir gesunken, daß der Kaiser von Rußland nur noch die Bitte an unseren Sieger für uns hat, die Dynastie zu schonen und die Krone nicht von unserem Haupte zu schleudern? Das ist hart, sehr hart«, fuhr sie fort, indem ihre großen Augen sich mit Tränen füllten. »Aber«, rief sie dann, den Kopf emporwerfend, während ihre Blicke durch den Tränenschleier hindurch in flammendem Feuer leuchteten, »das ist auch gut, das zeigt uns den Weg der Rettung! Ist Frankreich allein nicht stark genug, um diesen Feind zurückzuwerfen, der in eiliger Überraschung uns für den Augenblick übermannt hat? Lassen wir alle Gedanken an eine Hilfe vom Ausland. Denken wir nur an unseren eigenen Mut und unsere eigene Kraft. Graf Palikao,« fuhr sie in ruhigem Ton fort, »Sie waren also der Meinung, daß aus militärischen Gründen der Marsch Mac Mahons nach dem Norden notwendig sei?«

»Ich bin dieser Meinung, Madame,« erwiderte der Graf Palikao, »und wenn in militärischer Beziehung ich meine Autorität auch nicht über diejenige des Marschalls Mac Mahon, noch weniger über diejenige Seiner Majestät des Kaisers zu stellen wagen will, so habe ich doch einen weiteren, hochwichtigen Grund, um auf meiner Meinung zu bestehen, einen Grund, welchen weder der Marschall noch der Kaiser dort inmitten ihrer Armee zu beurteilen vermögen. Dieser Grund ist der, Madame, daß die ganze Bevölkerung von Paris sich in hoch aufgeregtem Zustande befindet, daß man, ich muß es Eurer Majestät sagen, sehr eingenommen gegen den Kaiser ist, dem man die bisherigen Niederlagen schuld gibt, und daß man vor allen Dingen auf das bestimmteste die Befreiung Bazaines verlangt, von dem man die Rettung Frankreichs erwartet. Wenn nun in diesem Augenblick, Madame, bei dieser hoch aufgeregten öffentlichen Stimmung in Paris, eine Maßregel getroffen wird, welche der allgemeinen Meinung so gerade entgegenläuft, wenn der Kaiser, statt Bazaine zu befreien, hierher zurückkehren würde, so würde sich ein Sturm der Entrüstung gegen die Regierung richten, ein Sturm, Madame, den die Nationalgarde und der General Trochu nicht zu beschwören imstande sein möchten, und bevor der Kaiser mit der Armee Mac Mahons unter den Mauern von Paris angekommen wäre, würde Eure Majestät vielleicht gezwungen sein, die Hauptstadt zu verlassen und den Zentralsitz der Regierung den Händen Ihrer bittersten Feinde zu überlassen.«

Das dumpfe Stimmengeräusch der in dem Tuileriengarten und dem Karussellplatz versammelten Menge wurde immer lauter und lauter. Man unterschied einzelne Rufe, welche zum Schloß herübertönten und in die Fenster des Konseilzimmers hereinschallten.

»Nach Metz! Nach Metz!« hörte man rufen. »Rettet Bazaine!«

Die Kaiserin lauschte diesen Rufen.

»Jene Stimmen da draußen, Madame,« fuhr der Graf Palikao fort, »bestätigen meine Worte über die öffentliche Meinung, und in einem Augenblick, wie der gegenwärtige, ist die öffentliche Meinung eine Macht, mit der man rechnen muß. Ich wiederhole Eurer Majestät, wenn diese Menge da unten erführe, daß der Kaiser, statt zur Entsetzung Bazaines vorzugehen, nach Paris zurückkehrt, so würde ein einziger Schrei der Wut und der Entrüstung in ganz Paris sich erheben, und ich würde es nicht mehr mit der persönlichen Sicherheit Eurer Majestät für vereinbar halten, daß Sie hier bleiben. Dann aber«, fuhr er fort, »würde Frankreich verloren sein, dann würde es den Mittelpunkt einer legalen Regierung verlieren und neben den äußeren Gefahren würde zu der Revolution vielleicht der Bürgerkrieg hinzutreten.«

Die Kaiserin richtete den fragenden Blick auf Herrn Chevreau, Minister des Innern.

»Sie müssen ja die Stimmung in Paris am besten kennen, wie denken Sie darüber, Herr Minister?«

»Madame,« erwiderte Herr Chevreau, »ich kann Eurer Majestät nur bestätigen, daß die Stimmung so ist, wie der Herr Graf von Palikao sie geschildert hat. Ich glaube für die Ruhe nicht einstehen zu können, wenn die letzte Armee, die wir noch im Felde haben, hierher zurückmarschiert.«

Clement Duvernois und die anderen Minister bestätigten die Erklärung des Ministers des Innern.

»Und Sie, Herr Baron Jérôme David,« fragte die Kaiserin, sich zu dem Minister der inneren Arbeiten wendend, welcher in heftigem inneren Kampf dasaß und seinen kleinen Schnurrbart unruhig zwischen den Fingern drehte, »was sagen Sie uns? Sie haben den Kaiser noch in Chalons gesehen.«

»Madame,« rief Baron Jérôme David, »ich muß Eurer Majestät bekennen, daß ich durchdrungen war von der Richtigkeit des Entschlusses, welchen der Kaiser und der Marschall Mac Mahon gefaßt hatten, daß ich mich überzeugt hatte, wie gefährlich die Stellung der preußischen Armee werden würde, wenn sie zwischen Metz und Paris hineinzugehen gezwungen würde. Aber, Madame,« fuhr er fort, »das, was ich hier höre und was ich in der Stadt gesehen habe, läßt mich allerdings zweifeln, ob es möglich sei, jenen Entschluß auszuführen, und ob dadurch nicht hier für die Regierung und das Kaiserreich größere Gefahren heraufbeschworen würden, als die äußeren Feinde sie uns bringen können. Wenn nun gar die persönliche Sicherheit Eurer Majestät in Frage kommt, so weiß ich in der Tat nicht –«

»Nun, meine Herren,« rief die Kaiserin, »ich bin entschlossen! Wir können hier am Mittelpunkt die Lage der Dinge unzweifelhaft besser übersehen, als dies für den Kaiser möglich ist, der in der Einsamkeit des Lagers, von feindlichen Armeen umschwärmt, nicht den vollkommen freien Blick bewahren kann. Ich habe dem Kaiser die Gründe auseinandergesetzt, welche mich bewogen haben, gegen seinen Beschluß nochmals zu protestieren. Und Sie, Herr Graf von Palikao, senden Sie sofort dem Marschall Mac Mahon den Befehl, unter allen Umständen seinen Marsch nach dem Norden fortzusetzen.«

»Und ich werde hinzufügen,« sagte der Graf Palikao, »daß, wenn der Marschall Bedenken haben sollte, den Befehl auszuführen, ich mich sogleich zur Armee begeben würde, um meinerseits das Kommando zu übernehmen und den Marsch, von welchem nach meiner Überzeugung die Rettung Frankreichs abhängt, durchzuführen. Ich schwöre Eurer Majestät, daß ich dazu bereit und meiner Erfolge gewiß bin.«

Die Kaiserin neigte das Haupt.

Der Graf Palikao ergriff eine Feder und begann mit schnellen Zügen auf den vor ihm liegenden Bogen zu schreiben.

Es war eine tiefe, lautlose Stille im Zimmer, – man hörte nur die Atemzüge dieser Minister, welche, die letzten Diener des versinkenden Kaiserreichs, hier die letzten Zuckungen seines Daseins vor sich sahen, ohne die Mittel zu seiner Rettung finden zu können.

Die Kaiserin hatte einen Crayon ergriffen und fuhr mit demselben sanft über das Papier, – von draußen her begannen von neuem laute Rufe, und deutlich konnte man die Worte unterscheiden: »Rettet Bazaine, – Bazaine zu verlassen ist Verrat am Vaterlande, – nach Metz, nach Metz!«

Die Kaiserin zog mit dem Bleistift, den sie in ihrer zarten weißen Hand hielt, immer deutlichere Linien über das Papier, – diese Linien formten sich zu Buchstaben, und diese Buchstaben bildeten den Namen – Marie Antoinette, – den Namen dieser unglücklichen Königin, welche in den Mauern dieses verhängnisvollen Schlosses ebenfalls die letzten, ratlosen Diener des Königtums um sich gesehen hatte, – welche auch durch diese Fenster von denselben Plätzen herauf die Rufe des Volkes gehört hatte, – diese Rufe, die immer gebietender, immer herrischer geworden waren, bis sie die stolze Königin nach dem Schaffot begleiteten, wo sie ihr Haupt dem Fallbeil beugte.

Die Kaiserin starrte mit großen Augen diesen Namen an, der sich unwillkürlich unter ihrer Hand gebildet, als ob das Verhängnis dieselbe geführt hätte.

»Gefällt es Eurer Majestät,« sagte Graf Palikao, »das Telegramm zu genehmigen, welches ich zur Absendung an Seine Majestät den Kaiser entworfen habe?«

Die Kaiserin zuckte zusammen, – rasch fuhr sie mit dem Bleistift über das Papier, so daß unter dichten schwarzen Strichen der Name der armen, leidensvollen Fürstin verschwand, deren Erinnerungen sie stets mit so viel Vorliebe gepflegt und gesammelt hatte.

»Lesen Sie«, sagte sie kurz.

Der Graf von Palikao erhob den Bogen, den er beschrieben, und las mit fester Stimme:

»Wenn Eure Majestät Bazaine verlassen, so ist die Revolution in Paris, welche die Kaiserin und die Regierung in die höchste Gefahr setzt. Paris wird sich gegen jeden Angriff von außen schützen, – die Festungswerke sind fertig. Sie sind dem Kronprinzen von Preußen, welcher die Gefahr merkt, in die Ihr Umgehungsmarsch ihn bringt und seine Richtung verändert hat, um wenigstens sechsunddreißig Stunden voraus, – Sie haben nur einen Teil der Truppen vor sich, welche Metz blockieren und welche Ihr Marsch von dort abzieht. Jedermann fühlt hier die Notwendigkeit, Bazaine freizumachen, und die Angst, mit der man Ihnen folgt, ist entsetzlich, – die Kaiserin teilte mir den Brief mit, in welchem Eure Majestät anzeigen, daß Sie die Armee auf Paris führen wollen, – ich bitte Eure Majestät, auf diese Idee zu verzichten, welche als ein Aufgeben der Armee von Metz erscheinen würde.«

Er hielt einen Augenblick inne und las dann weiter:

»An den Marschall Mac Mahon!

»Die Kaiserin und der Ministerrat halten es für notwendig, daß Sie Ihren Marsch nach Norden fortsetzen, um die feindlichen Armeen zu umgehen und auf diesem Wege zu Bazaine zu gelangen. Wenn Sie den Marsch nicht ausführen wollen, so fordern Sie Ihre Entlassung und ich übernehme das Kommando und die Verantwortlichkeit der Ausführung.«

Er schwieg.

Die Kaiserin blickte fragend umher.

»Sie sind mit dem Beschluß und mit den Depeschen einverstanden, meine Herren Minister?« fragte sie.

Alle diese Männer, die da schweigend, ernst und unbeweglich um sie her saßen, neigten zustimmend ihre Häupter.

Der Baron Jérôme allein fuhr empor, – er strich mit der Hand über die Stirn, als wolle er seine Gedanken ordnen, und schon öffnete er die Lippen, um zu sprechen, da erscholl von unten herauf mit verdoppelter Kraft von tausend und tausend Stimmen der Ruf:

»Nach Metz – nach Metz, – rettet Bazaine, – rettet die Armee von Metz!«

Der Baron Jérôme David zuckte zusammen bei diesen Rufen, – seine Lippen schlossen sich wieder, und wie vor dem Urteil des Schicksals sich beugend, neigte auch er das Haupt zur Genehmigung der Beschlüsse des Ministerrats und der Depeschen des Grafen Palikao.

Die Kaiserin erhob sich.

»So lassen Sie denn die Telegramme abgehen,« sagte sie, »Gott wolle es fügen, daß alles sich zum Heil Frankreichs wende.«

Und mit leichter Neigung des Hauptes schritt sie zur Tür, um sich in ihre Gemächer zu begeben.

Ernst und traurig verließen die Minister das Zimmer.

Draußen aber wogte die Menge hin und her, immer lauter und lauter rufend: »Nach Metz, – nach Metz!« und in den dichtesten Gruppen konnte man den Feniergeneral Cluseret sehen, welcher die aufgeregten Mengen immer mehr erhitzte und in unermüdlicher Beredtsamkeit ihnen die Notwendigkeit auseinandersetzte, daß die Armee Mac Mahons nach dem Osten marschiere, um Bazaine, die Hoffnung Frankreichs, zu befreien.

Raoul Rigault stand, auf den Arm Courbets sich stützend, unter den Bäumen des Tuileriengartens, – sein Lorgnon im Auge, blickte er zu dem alten Bau des Königs- und Kaiserschlosses empor und sagte, mit seinem Stöckchen an den Stiefel schlagend:

»Nicht wahr, mein Freund, – es müßte ein schönes Schauspiel sein, diesen Sitz der Tyrannei einmal in vollen Flammen zu sehen? Man hat unrecht gehabt, dieses Nest stehen zu lassen, in welchem sich immer von neuem diese Rasse der Kaiser und Könige festsetzt, – das nächste Mal wird man das besser machen!«

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Infolge der letzten Depeschen aus Paris hatte der Marschall Mac Mahon, welcher sein ganzes Leben über Soldat gewesen war und einem Befehl seines Vorgesetzten gegenüber nur den Gehorsam kannte, dem Kaiser erkläre, daß er, der bestimmten Weisung des Grafen Palikao folgend, nunmehr jeden Gedanken an die Rückkehr nach Paris aufgebe und sofort nach Norden marschieren werde, um auf diesem Wege sich mit seiner Armee dem in Metz eingeschlossenen Marschall Bazaine zu nähern, wenn nicht der Kaiser die Vollmachten der Regentschaft zurückziehe und die oberste Leitung der Regierung und das Kommando der Armee wieder übernehmen wolle.

Dies hatte der Kaiser bestimmt abgelehnt, und so zog denn diese Armee, auf welche sich die letzte Hoffnung des kaiserlichen Frankreichs gründete, in angestrengten Märschen nordwärts.

Fast stündlich erhielten der Kaiser und Mac Mahon Depeschen von Paris, in welchen der Kriegsminister ihnen mitteilte, daß ihr Umgehungsmarsch vortrefflich gelänge, daß der Kronprinz von Preußen und seine Armee weit entfernt sei und daß es unzweifelhaft gelingen werde, nach Metz vorzudringen.

Dieser Mitteilung aus dem Kriegsministerium durchaus entgegen, gewann der Marschall Mac Mahon durch die Fühlung seiner Vorposten mit dem Feinde immer mehr die Überzeugung, daß sehr bedeutende und immer massenhafter sich verdichtende feindliche Streitkräfte gegen ihn herangezogen würden, und am 31. August war er gezwungen, die Richtung zu verändern und an der Festung Sedan einen Stützpunkt zu suchen, um gegen die immer stärker und dichter ihn umgebenden feindlichen Kräfte Stellung nehmen zu können.

Er telegraphierte dem Kriegsminister um ein Uhr fünfzehn Minuten auf dessen dringende Anfrage um Nachricht, daß er gezwungen sei, sich nach Sedan zu begeben.

Diese lakonische Mitteilung war die letzte, welche von Mac Mahon nach Paris an den Kriegsminister gelangte.

Bald darauf schloß sich der Ring um den Kaiser und seine Armee, und die erste Nachricht, welche demnächst wieder nach Paris gelangte, sollte diejenige von der Gefangennahme Napoleons und seines ganzen Heeres sein.

Der Kaiser hatte schon bei dem Beginn des Marsches den kaiserlichen Prinzen mit seinem Gouverneur nach Mézières gesandt, um von dort nötigenfalls nach Belgien gehen zu können, da die Gesundheit des zarten und reizbaren Kindes die furchtbare Aufregung dieser Tage nicht länger ertragen konnte.

Schweigend, in kalter, scheinbar gleichgültiger Apathie, hatte er seinen Sohn umarmt, der laut weinend immer wieder und wieder sich an die Brust seines Vaters warf, dessen Hände küßte und denselben beschwor, ihn bei sich zu behalten. Die Bewegung, welche im Moment des Abschieds auf dem Gesicht des Kaisers zuckte, schien mehr körperlichem Schmerz als innerem Seelenleiden anzugehören. Nachdem das arme, weinende Kind endlich von ihm entfernt war, stieg der Kaiser schweigend und gleichgültig wieder in seinen Wagen und fuhr durch die vorrückenden Truppen, welche ihn nur selten noch mit dem früher so lauten und begeisterten »vive l'empereur!« begrüßten.

Der Kaiser sprach nicht; in der Ecke seines Wagens zusammengesunken, saß er da, eine Zigarette nach der anderen rauchend und mit stumpfen, trüben Blicken die Regimenter musternd, an denen er vorüberfuhr. So war er nach Sedan gekommen, langsam nur hatte sein Wagen durch die mit Truppen gefüllten und oft von Artillerie und Kavallerie versperrten Straßen nach der Mairie vorrücken können, einem Gebäude mit breiter Front und einem von Säulen getragenen Balkon, in welchem das Quartier für den Kaiser bereitet war.

Der Marktplatz war gefüllt mit Truppen. Zwei Kürassierposten standen vor der Mairie, alle Fenster waren geöffnet, und aus allen diesen Fenstern blickten sorgende, angstvolle Gesichter.

Die ruhigen Einwohner von Sedan, dieser stillen Provinzialgarnisonsstadt, welche stets allen großen Weltereignissen ferngestanden und auch beim Beginn des Krieges kaum daran gedacht hatten, daß sie je etwas von demselben zu sehen bekommen würden, diese an ein ruhiges, fast beschauliches Stilleben gewöhnte Bevölkerung sah sich urplötzlich in den Mittelpunkt der großen Katastrophe versetzt, welche die Welt erschütterte.

Der Kaiser, der von der Höhe seiner Macht und seines Glanzes in schnell aufeinander folgenden Fällen so jäh herabgestürzt war und sich bereits auf der letzten Stufe vor dem gähnenden Abgrund befand, war mit einem Male mitten unter ihnen, und draußen in weiten Kreisen zogen sich, wie hereinflüchtende Landleute berichteten, in immer dichteren Kreisen jene furchtbaren deutschen Heerscharen zusammen, welche alle Träume von der Unbesiegbarkeit Frankreichs so grausam zerstört hatten und vor welchen der Schrecken und das Entsetzen einhergingen.

Der sechsspännige Wagen des Kaisers mit den Pikörs in der grüngoldenen Livree und mit den prächtigen Pferden des Marstalls, welche so frisch und mutig aussahen, als hätten sie nur eine Abendspazierfahrt im Bois gemacht, fuhr an der Mairie vor.

Die Wachen salutierten, der Prinz von der Moskowa und der General Reille, welche mit dem Kaiser gefahren waren, sprangen herab und, auf ihren Arm gestützt, stieg Napoleon langsam und schwerfällig, unsicher von dem Schlag auf den Boden tretend, aus dem Wagen. Er blieb einen Augenblick unter dem Säulenvorsprung der Mairie stehen und blickte über den mit Menschen gefüllten Platz und über die Fenster der umliegenden Häuser hin.

Sein Auge fiel auf das Standbild des Marschalls Turenne, welches in der Mitte des Platzes der Mairie gegenüber sich erhob. Lange blickte er dies so ruhig und fest inmitten des wogenden Treibens dastehende Bild an. Seine Brust hob sich unter einem tiefen Atemzug und leise sagte er zu dem neben ihm stehenden General:

»Warum müssen die großen Männer, welche die Nation hervorbringt, vergehen, ohne einen Ersatz für den Verlust zu hinterlassen! Einst hatte Frankreich diesen Feldherrn, der heute leider nur von Erz inmitten unserer Armee steht, – und dort drüben? – sie haben ihren Moltke.«

Langsam sich umwendend, legte er seinen Arm in den des Fürsten von der Moskowa und stieg die Treppe hinauf zu den im ersten Stock für ihn bereiteten Zimmern, während der General Reille mit den Generalen Castelneau und Vaubert, welche inzwischen mit dem Doktor Conneau im zweiten Wagen herangefahren waren, folgte. Der Maire und einige Gemeindevertreter von Sedan, welche den Kaiser am Fuß der Treppe erwarteten, folgten ihm in sein Zimmer und begrüßten ihn, indem sie die Hoffnung ausdrückten, daß das Glück Frankreichs sich wenden und der Sieg wieder die Adler der kaiserlichen Armee umschweben werde.

Napoleon hörte gleichgültig, beinahe ungeduldig diese Worte an, dann entließ er die Deputation und die Generale und zog sich, nur von Doktor Conneau begleitet, in sein Schlafzimmer zurück, woselbst bereits sein Leibchirurg verschiedene Instrumente ausgebreitet hatte.

Der Kaiser blieb in seinem Zimmer, während die Geschütze durch die Straßen der Stadt rollten, um ihre Positionen ringsumher einzunehmen, und während Regimenter auf Regimenter heranzogen, um die Wälle der Festung noch einmal mit einer lebendigen Mauer einzuschließen und den erbleichenden Ruhm Frankreichs und das Zusammensinken des Kaiserreichs zu verteidigen.

Nur der Marschall Mac Mahon, welcher alle französischen Positionen beritten und mit seiner unermüdlichen Kraft all die Truppen zu Mut und Ausdauer angefeuert hatte, wurde am späten Abend noch in das Zimmer seines Souveräns eingeführt.

Er fand den Kaiser bleich und abgespannt auf einem Ruhebett liegend, eine Lampe mit dunklem Schirm erleuchtete kaum diesen stillen Raum, welcher mehr einem Krankenzimmer glich als dem Hauptquartier des Imperators einer großen Nation, der sich anschickte, in einer letzten Entscheidungsschlacht um seine mühsam errungene und so lange behauptete Krone zu kämpfen. Mit einem matten, schmerzlichen Lächeln richtete sich der Kaiser ein wenig empor und sagte:

»Ich muß Kräfte sammeln, mein lieber Marschall, diese ganze letzte Zeit hat mich schwer angegriffen und fast erschöpft – ich werde aller Kräfte bedürfen, deren dieser arme, gebrochene Körper noch fähig ist. Denn nicht wahr, morgen wird es zur Entscheidung kommen?«

»Ich glaube, Sire,« erwiderte Mac Mahon, »daß man uns morgen angreifen wird. Von allen Seiten sind die feindlichen Truppen herangezogen, und sie werden uns schwerlich Zeit zur Ruhe und Erholung lassen. Aber«, fuhr er fort, indem er seine schlanke, nervige Gestalt fest emporrichtete, »ich bin voll Mut und Hoffnung, Sire, noch kann alles gut werden. Der Ring, mit dem sie uns umgeben haben, kann unmöglich sehr fest und dicht geschlossen sein, und wenn es uns gelingt, ihn zu durchbrechen und Bazaine dann von Metz aus einen Vorstoß hierher macht, so ist die Vereinigung erreicht und der Feind befindet sich in einer sehr gefährlichen Lage. Die Truppen sind vom besten Geiste beseelt, und wenn das alte Glück der französischen Waffen uns nur einen Augenblick wieder lächelt, so können wir in kurzer Zeit mehr gewonnen haben, als mir bisher verloren.«

»Und was sagt Wimpffen? Ich habe viel Vertrauen zu seinem militärischen Blick.«

»General Wimpffen«, erwiderte der Marschall, »ist wie ich der Meinung, daß es weit besser und vorsichtiger gewesen wäre, nach Paris zu marschieren als diese Umgehung zu versuchen, welche der Graf von Palikao so kategorisch gefordert hat. Da wir nun aber einmal hier sind, so teilt der General Wimpffen, der alle unsere Positionen inspiziert hat, soweit dies gestern nach seiner Ankunft möglich war, meine Ansicht, daß, wenn es uns gelingt, die feindlichen Linien zu durchbrechen und den Weg nach Metz zu erzwingen, alles wieder gutgemacht werden könne.«

»Nun,« sagte der Kaiser, »möge der Genius Frankreichs Ihre Hoffnungen erfüllen.«

Er sank einen Augenblick sinnend in sich zusammen, seine matten, erschöpften Züge drückten wenig Zuversicht in die soeben gesprochenen Worte aus.

»Sire,« sagte Mac Mahon, indem er einen Schritt näher zu dem Kaiser herantrat, – »ich muß Eure Majestät noch einmal darauf aufmerksam machen, daß nach allen meinen Nachrichten der Weg über Mézières nach Paris noch frei ist, – wenn Eure Majestät heute abend noch abreisen, so können Sie ungefährdet nach der Hauptstadt kommen und vielleicht«, fügte er etwas zögernd hinzu, »wäre dies das Beste, denn die Ereignisse in Paris könnten eine kräftige Hand erfordern, während hier – erlauben mir Eure Majestät ganz aufrichtig zu sprechen – während hier die notwendige Rücksicht auf die Sicherheit Ihrer Person den militärischen Maßregeln einen gewissen Zwang auflegt. Wenn Eure Majestät daher –«

Napoleon unterbrach den Marschall durch eine Bewegung seiner Hand.

»Man soll keine Rücksicht auf meine Person nehmen,« sagte er, »ich bin ein einfacher Soldat, der das Schicksal der Armee teilt, ich will nichts anderes sein, – dies ist der Platz, der in diesem Augenblick meines Namens und den Traditionen meiner Familie allein würdig ist, die Kaiserin vertritt mich vollständig in Paris, – hier liegt die Entscheidung, – hier will ich bleiben und ich bitte Sie, bei Ihren Operationen ganz so zu verfahren, als ob ich nicht bei der Armee wäre.«

Der Marschall verneigte sich.

»Ich habe da«, sprach Napoleon weiter, »eine kurze Proklamation an die Armee aufgesetzt, welche in wenigen Worten dasselbe sagt, was ich Ihnen soeben ausgesprochen, – ich glaube, daß es nur günstig auf die Stimmung der Armee wirken kann, wenn die Soldaten wissen, daß ich jedes Los mit ihnen teilen will, statt mich in die Sicherheit weit hinter den Kampfeslinien zurückzuziehen. Lassen Sie die Proklamation so viel als möglich bekannt machen.«

Der Herzog von Magenta näherte sich schweigend dem Tisch, nach welchem der Kaiser hindeutete, nahm das auf demselben liegende, mit der kleinen, zierlichen Handschrift Napoleons beschriebene Papier und durchflog dessen Inhalt.

»Nicht wahr?« sagte der Kaiser, dessen Blicke prüfend auf dem Gesicht des Marschalls ruhten, – »nicht wahr, das muß einen günstigen, ermutigenden Eindruck auf die Truppen machen?«

»Es ist das,« erwiderte Mac Mahon ruhig, – »was in diesem Augenblick zu sagen übrigbleibt.«

»Nun aber«, sagte der Kaiser, »ruhen Sie sich aus, mein lieber Marschall; wenn die Natur Sie auch von Eisen und Stahl gemacht hat, so bedürfen Sie dennoch des Schlafes und der Erholung. Bedenken Sie, daß von Ihrer Kraft und Ihrem klaren Blick morgen das Schicksal unseres Vaterlandes abhängt.«

»Die Zeit der Ruhe, Sire, wird kommen,« erwiderte Mac Mahon, »wenn wir den Sieg erfochten haben, an welchen jeder Soldat bis zum letzten Augenblick glauben muß.«

Er verneigte sich vor dem Kaiser, der ihm von seinem Ruhebett aus die Hand hinstreckte, und verließ mit festem, sporenklirrendem Tritt das halbdunkle Zimmer.

Napoleon sah ihm lange nach.

»Eine starke Hand ist in Paris nötig,« sagte er, – »aber ich habe diese starke Hand nicht mehr, – – würde ich dies Paris von heute lenken können? – Nein, nein – hier allein bin ich an meinem Platz – wenn der Sieg sich zu uns neigt, so bin ich hier inmitten der Armee wieder der Herr Frankreichs – und wenn wir unterliegen – – nun, so kann ich hier allein würdig fallen, – ohne in dem blutigen Schlamm der Revolution zu versinken, welche in Paris bereits aus den Tiefen heraufgärt!«

»Er hofft noch, – dieser tapfere Soldat,« flüsterte er dann, »oh, daß ich es auch könnte. – Aber diese absterbenden Nervenfäden, diese erschlafften Muskelfasern haben mit der Kraft des Wollens auch die Fähigkeit zu wünschen und zu hoffen verloren. Und die Hoffnung, welche man die treueste, die letzte Freundin des Menschen nennt, hat mich verlassen. Die starre Ruhe des Todes hat sich in meine Gebeine gesenkt, ich habe nur noch Gefühl für den Schmerz, für das Leiden.«

Er sank zurück auf das gegen die Lehne seines Ruhebetts gestützte Kissen, seine verworrenen grauen Haare fielen über die Schläfen herab, sein Bart hing ungeordnet über die Lippen, seine Augen schlossen sich und ohne das schmerzhafte Zucken, welches von Zeit zu Zeit über sein erdfahles Gesicht fuhr, hätte man glauben können, daß eine Leiche in diesem einsamen, dunklen Zimmer läge, zu welchem von fernher nur die dumpfen Stimmen der Hunderttausende herüberdrangen, die sich in weitem Umkreis draußen gegenüberstanden, um sich in furchtbarem Ringen zu zerfleischen und zu vernichten, – und doch hatten die bleichen, schmerzhaft zuckenden Lippen dieses kranken, hilflosen und verzweifelnden Mannes das Wort gesprochen, welches alle jene Krieger, die Blüte zweier großen Nationen, zu mörderischem Vernichtungskampf gegeneinander getrieben.

Lange hatte der Kaiser so in dumpfer Erstarrung dagelegen, dann richtete er sich langsam empor und stand von seinem Ruhebett auf; in mühsamer und schwerfälliger Bewegung ließ er sich am Fuß desselben auf die Knie nieder und stützte das Gesicht auf seine gefalteten Hände.

Man hörte nichts als seine tiefen, fast röchelnden Atemzüge. Keine Worte drangen von seinen Lippen. Aber diese Atemzüge klangen wie eine verzweifelnde Klage, wie der Hilferuf einer zum Tode ermatteten Seele.

Betete er zu dem Fatum, auf dessen unerbittliches Walten er am Tage seines Ruhms und seines Glücks so fest vertraut hatte? Betete er zu dem Gott, den er in den prächtigen Tempeln seines Reiches bekannt hatte und zu welchem schon so viele, auf ihre eigene Kraft stolze Seelen sich im Augenblick der Not und der Verzweiflung gewendet hatten – wer möchte in den Tiefen dieses geheimnisvollen, rätselhaften Herzens lesen? –

Nach einiger Zeit richtete sich der Kaiser wieder empor.

Hoffnung und Mut hatte er nicht in seinem Gebet gefunden, aber stille und ruhige Ergebung lag auf seinen Zügen.

Er bewegte die Glocke, ließ sich von seinem Kammerdiener entkleiden und befahl, ihn am anderen Morgen in der ersten Frühe zu wecken.

Die Nacht legte sich über den matten und gebrochenen Imperator und über die mutigen, tapferen Heere, welche sich voll Kampfeslust und Siegeshoffnung gegenüberstanden.

*

Während die französische Armee mit dem Mut der Verzweiflung, um die Festung Sedan zusammengedrängt, den entscheidenden Zusammenstoß erwartete, hatte sich der König Wilhelm von Preußen beim Dunkelwerden nach dem Dorfe Vendresse, etwa eine Meile südlich von Sedan, begeben.

Hier war die erste Staffel des großen Hauptquartiers angelangt, und das Quartier Seiner Majestät in dem freundlichen, schloßähnlichen Landhause des Herrn Haumont eingerichtet worden.

Das Dorf Vendresse lag weit ab von der eigentlichen Truppenaufstellung, und es herrschte hier eine tiefe Ruhe, welche kaum hätte vermuten lassen, daß so ungeheure Truppenmassen in der nächsten Nähe vereinigt und bereit seien, am folgenden Tage eine Entscheidungsschlacht zu schlagen.

Das Leibkürassierregiment (Schlesisches Nr. 1) hatte um zwei Uhr mittags enge Kantonnements zwischen Artois les Verviers, Chateau les Cassines und Vendresse bezogen, und eine Schwadron dieses herrlichen Eliteregiments gehörte mit zu der geringen militärischen Besatzung des kleinen Orts, in welchem der königliche Oberfeldherr der deutschen Armee sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte.

Seine Majestät hatte, gleich nachdem er den vierspännigen Reisewagen verlassen, in dem größten Zimmer des Haumontschen Hauses den Tee befohlen, zu welchem sich das ganze militärische Gefolge versammelte.

Der General von Moltke, welcher am Mittag bei Bésace beim König eingetroffen war, wo Seine Majestät bereits die Überzeugung gewonnen, daß es hier zur Entscheidung kommen werde und infolgedessen die Schlacht für den nächsten Tag befohlen hatte, trat in seiner ruhigen, festen und bescheidenen Haltung und mit so heiteren, klaren und sicheren Blicken, als handle es sich um ein großes Friedensmanöver, ein.

In dem Zimmer, wo neben dem Teetisch eine Art von Büffett mit kalter Küche und verschiedenen Getränken eingerichtet war, hatten sich bereits die königlichen Flügeladjutanten und das übrige unmittelbare Gefolge Seiner Majestät eingefunden.

Hier sah man den Oberhof- und Hausmarschall, den Grafen Pückler, in dem Kampagneüberrock mit den Generalleutnantsschulterstücken, welcher die Funktionen des Oberhofmarschalls ebenso sicher und unermüdlich auf dem Parkett der Säle des Berliner Schlosses als auf den Schlachtfeldern ausübte und Seine Majestät den König auf allen Feldzügen begleitet hatte und in allen Gefechten an seiner Seite gewesen war. Die schmächtige, aber dabei ernste und würdevolle Gestalt des Oberhof- und Hausmarschalls stand ruhig in militärischer Haltung da. Aus seinem freundlichen, wohlwollenden Gesicht mit dem weißen Haar blickten die hellen, klaren Augen scharf und prüfend umher, jedes Detail des Dienstes überwachend und jedes Winks seines königlichen Herrn gewärtig.

Hier sah man ferner den Hofmarschall Grafen Perponcher, Oberst der Kavallerie des zweiten Gardelandwehrregiments, den Oberst von Albedyll, den Generaladjutanten von Treskow und die kommandierenden Offiziere der Stabswache: Rittmeister Albedyll vom Kürassierregiment Königin, die Leutnants von Galen und Fürst von Lynar, und den Leibarzt Doktor von Lauer.

Der König ging dem General von Moltke, welcher noch einige Meldungen von den Vorposten empfangen hatte, lebhaft einige Schritte entgegen.

»Nun, mein lieber General,« sagte er, indem er dem Lakaien die einfache Tasse, aus welcher er seinen Tee genommen hatte, reichte, »haben Sie neue Meldungen erhalten, sind unsere und die feindlichen Stellungen noch dieselben, und sind wir sicher, daß die große Entscheidung, der wir so lange nacheilen, uns morgen nicht mehr entgehen kann?«

»Ich bin dessen ganz sicher,« erwiderte der General in seiner einfachen, schlichten Weise, »alle französischen Truppen haben sich bis zum Abend hier nach der Festung Sedan dirigiert, und es muß daher dieser Mittelpunkt von Marschall Mac Mahon als Sammelplatz der ganzen Armee bestimmt sein. Dann aber muß er schlagen, denn weitergehen kann er nicht, da die belgische Grenze alle seine Bewegungen hindert.«

»Aber«, sagte der König, »Sie wissen, daß wir die Nachricht erhalten haben, daß der kaiserliche Prinz bereits in Mézières angekommen ist. Wahrscheinlich wird der Kaiser Napoleon, von dem man nichts berichtet hat, auch dort sein, um sich auf diesem Wege nach Paris zu begeben. Müßte man nicht annehmen, daß Mac Mahon ebenfalls mit seiner Armee auf diesem Umwege nach Paris zurückkehren möchte, von wo er sich im französischen Interesse niemals hätte entfernen sollen? Werden wir«, fuhr er fort, »noch imstande sein, den Franzosen diesen Umweg nach Paris abschneiden zu können?«

»Nein, Majestät,« erwiderte der General von Moltke, »dazu sind wir noch nicht weit genug vorgerückt – wir würden nicht imstande sein, jenen Weg zu verlegen, wenn die französische Armee noch in dieser Nacht oder im Laufe des morgenden Tages denselben einschlüge. Aber«, sagte er kopfschüttelnd, »ich fürchte das nicht, die französische Armee ist durch die Märsche der letzten Tage in ihrem ganzen Gefüge erschüttert und bedarf einige Tage der Ruhe, wenn nicht der weitere Rückzug zu einer wirklichen Flucht werden soll, bei welcher sie in volle Auflösung geraten müßte. Dann aber, Majestät,« sagte er, und ein leichtes sarkastisches Lächeln zuckte in den feinen Linien seines Mundes, »scheint es mir nicht in der Absicht Mac Mahons zu liegen, nach Paris zurückzukehren – er glaubt uns ja zu umgehen und wird nach Metz hin vorstoßen wollen, um Bazaine zu entsetzen, was man ja von Paris aus ihm zur Pflicht gemacht hat, wie alle Nachrichten besagen, die von dorther zu uns gedrungen sind.«

»Welche Verblendung«, sagte der König; »ist es nicht, als ob die Vorsehung selbst die Geister unserer Feinde verwirrte, um den frevelhaften Friedensbruch zu rächen? – quos deus vult perdere –« flüsterte er leise, den Kopf neigend, und blieb einige Sekunden in schweigendem Sinnen stehen.

Der Prinz Karl von Preußen in seiner noch so kräftig ritterlichen, seinem königlichen Bruder so ähnlichen Haltung trat herein.

Ihm folgte der Erbgroßherzog von Mecklenburg-Schwerin und noch andere Generale und Offiziere des Gefolges.

Der König begrüßte die fürstlichen Herren und blieb dann noch lange in eingehender Unterhaltung mit dem General von Moltke stehen, bald den einen, bald den anderen der Offiziere heranrufend und die Dispositionen zu der auf den anderen Morgen befohlenen Schlacht erteilend.

Endlich war alles besprochen und geordnet.

»Morgen zu früher Stunde will ich aufbrechen,« sagte der König, »um die Entwickelung der Aktion übersehen zu können. Wohin meinen Sie, daß ich am passendsten meine Pferde beordern soll?«

»Ich habe dazu, Majestät,« erwiderte der General von Moltke, »das Dorf Chéhéry zwischen Chémery und Chevenge am passendsten gefunden, von dort werden Eure Majestät leicht die Höhe erreichen, von der aus Allerhöchstdieselben das ganze Feld übersehen können, aus welchem die Aktion sich entwickeln muß.«

»Gut,« sagte der König, »also nach Chéhéry. Und nun lassen Sie uns ruhen, meine Herren, wir werden alle unsere Kräfte für morgen bedürfen: Sie besonders, General von Moltke,« fügte er hinzu, indem er dem General die Hand reichte, »sollten sich schonen und ausruhen, denn es wird morgen harte Arbeit geben. Die Franzosen werden uns den Sieg nicht leicht machen und haben starke Positionen.«

Der General verneigte sich schweigend.

Der König verabschiedete sich von den fürstlichen Herrschaften und zog sich in sein Zimmer zurück.

Es war eines jener großen, bequem eingerichteten Schlafzimmer, in welchem in einer Vertiefung der Wand ein großes und breites Bett mit seinen schwellenden Matratzen und Kissen zu stehen pflegt. Dies Bett war herausgenommen. An seiner Stelle stand das eiserne Kampagnebett des Königs, nur zwei Fuß vom Boden hoch, mit wenig Polsterwerk und einer leichten Decke ausgestattet. Eine Lampe brannte auf dem von einigen Lehnstühlen umgebenen Tisch in der Mitte des Zimmers. Die Kohlen eines kleinen Feuers verglühten im Kamin.

Der König trat ernst und sinnend an den Tisch, auf welchem eine Mappe mit den letzten persönlichen Korrespondenzen sich befand. Er knöpfte den Uniformrock auf, ließ sich in einen der um den Tisch stehenden Lehnstühle nieder, öffnete die Mappe und zog einen Brief aus derselben hervor, den er aufmerksam durchlas. Langsam faltete er ihn dann zusammen und legte ihn mit einer gewissen peinlichen Sorgfalt wieder an seine Stelle.

»Der Kaiser Alexander hat recht,« sagte er, »der Sturz des Kaiserreichs in Frankreich würde unberechenbare Zustände herbeiführen, die eine Quelle der Unruhe für ganz Europa werden könnten. Die revolutionären Mächte sind in Frankreich zahlreich und mächtig, und wenn das Gefüge des Kaiserreichs zusammenbricht, möchte sich kaum eine Hand finden, die ihrer Herr werden könnte. Ich werde wahrlich nichts tun, um dies Kaiserreich zu stürzen, das in wahnsinniger Verblendung mich zum Krieg gedrängt hat. Der Kaiser muß des Krieges müde sein, und wenn er nach Paris zurückkehrt, wenn Friedensvorschläge von ihm kommen, so werde ich gewiß alles tun, was mit der Ehre Deutschlands vereinbar ist, um der Welt den Frieden wiederzugeben – aber hängt der Bestand des Kaiserreichs von mir ab? Wird dieser schwache, gebrochene Napoleon sich halten können, wenn er eine siegreiche und ihm ergebene Armee nicht mehr zu seiner Verfügung hat?«

Er saß einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken da.

»Als ich damals, fast noch ein Knabe, an der Seite meines Vaters hier in Frankreich war, da handelte es sich darum, jenen ersten Napoleon unschädlich zu machen, der Krieg galt ihm noch mehr als Frankreich. Heute ist das anders,« sagte er, aufstehend, indem er die Hand fest auf den Tisch stützte, »heute gilt es, den Übermut der französischen Nation zu brechen, die so viele gute und vortreffliche Eigenschaften hat, aber die Deutschland keinen gleichberechtigten Platz neben sich gönnen will. Wenn dies Ziel erreicht ist, wenn der vermessene Friedensbruch gesühnt ist, dann mag immerhin dieser Napoleon und sein Haus weiter in Frankreich regieren, wenn es ihm gelingt, dies unruhige Volk zu beherrschen.«

Er trat langsam zu seinem Feldbett heran und streckte die Hand nach der Glocke aus, welche auf einem kleinen Tisch neben demselben stand. Da fiel sein Auge auf die kleine Taschenuhr, welche an der Wand neben dem einfachen Lager hing, und deren leises, regelmäßiges Ticken durch das stille Zimmer tönte.

Ein Ausdruck tiefer Rührung erschien auf dem Gesicht des Königs, er streckte die Hand über das Bett hin nach der kleinen silbernen Uhr und zog sie langsam und vorsichtig mit dem daranhängenden Schlüssel auf.

»Welch eine lange Reihe von Jahren«, sagte er, »hat dieser kleine Zeiger durchlaufen, in seinem gleichmäßigen Gang Sekunde an Sekunde reihend und immer in dem stillen, kleinen Kreis sich bewegend, während die Welt sich so tief verändert hat, während so vieles versunken und vergessen und so vieles Neue erstanden ist. Es war im Jahre 1814,« fuhr er, immer den Blick auf die Uhr geheftet, fort, »als mein Vater mir diese Uhr in Neufchâtel schenkte, und mir ist seit jener Zeit ihr Schlag immer der letzte Ton gewesen, der in meinen Schlaf hineinklang, der erste, der mich am neuen Tage begrüßte. Damals lag eine schwere, dunkle Zeit hinter uns, die Morgenröte einer neuen, glänzenden Epoche war angebrochen, aber wer hätte damals voraussehen oder nur ahnen können, zu welcher Größe die Hand Gottes Preußen führen würde? Wer hätte ahnen können, daß es mir bestimmt sein würde, die Krone zu tragen und all dies Große zu vollbringen – was würde er sagen, mein Vater, mit dem ernsten, stillen und innigen Blick, wenn er sehen könnte, was aus seinem Preußen geworden ist – und sie, meine Mutter, die an gebrochenem Herzen starb – was würde sie sagen, wenn sie unsere Truppen hier siegreich in dem Lande sehen könnte, dessen Heere sie einst flüchtend bis zu den äußersten Grenzen ihres Landes vor sich her trieben?

›Il était permis à la gloire d'un Frédéric de nous tromper sur nos moyens‹« sagte er, in Erinnerungen versunken – »si toutefois nous nous sommes trompés«, fügte er noch leiser hinzu.

»Si toutefois nous nous sommes trompés«, sagte er mit festem Ton –, »ja es war ein prophetisches Wort, welches der edle Geist meiner Mutter ihr eingab. Sie hat sich nicht getäuscht und«, rief er, die Hände über der kleinen Uhr faltend und den Blick aufwärts richtend, »sie sehen herab in diesem Augenblick auf mich, die lieben, unvergeßlichen Eltern, sie sehen, daß es ihrem Sohn vergönnt ist, ihre Demütigungen, ihre Leiden zu sühnen, ohne den Beistand der Fremden wie damals – nur mit deutschen Waffen und mit deutscher Kraft. Und ihre Blicke werden auch morgen auf mir und meinem Heere ruhen, ihr Segen wird mit mir sein, – und dann muß ja auch Gott mit mir sein.«

Leise bewegte er die Lippen und fromme, freudige Zuversicht strahlte aus seinen Augen, während der Schlag der kleinen Uhr mit demselben regelmäßigen Klang, wie in jener alten, längstvergangenen Zeit, in seinen Händen tönte. Dann hing er die Uhr langsam und vorsichtig wieder über seinem Bett auf und bewegte die Glocke.

Der Kammerdiener Engel trat ein.

In wenigen Augenblicken war der König entkleidet und streckte sich auf sein einfaches Lager nieder, indem er dem Kammerdiener befahl, seinen Militärmantel über die Decke zu legen.

Der Kammerdiener löschte die Lampe aus und verließ leise das Zimmer, in welchem man bald nur noch die ruhigen Atemzüge des Königs und das leise Ticken der kleinen Uhr über seinem Bette hörte. – – –

Die Herren des Hauptquartiers hatten sich in ihre Quartiere zurückgezogen.

Der Hofstallmeister von Rauch gab die Befehle für den Aufbruch der Pferde des Königs.

Der General von Moltke hatte in dem Augenblick, in welchem er das Quartier des Königs verließ, einige Meldungen erhalten. Dann zog er sich in sein in der Nähe des Haumontschen Hauses belegenes, einfaches Quartier zurück, noch einmal in schweigendem Nachsinnen über eine auf dem Tisch seines Wohnzimmers ausgebreitete Karte gebeugt, die Stellung der Truppen überblickend und in seinen Gedanken das Spiel dieser großen Maschine ordnend, welche so scharf ineinandergriff, als würde sie von mechanischen Federn bewegt, und in welcher doch jedes Glied aus schlagenden und fühlenden Menschenherzen zusammengesetzt war.

»Hier bei Bazeilles«, sagte er, mit dem Finger auf die Karte deutend, »wird die Aktion beginnen und dorthin muß ich noch eine Instruktion senden, um ganz sicher zu sein, daß nichts versäumt wird.«

Er trat an seinen Schreibtisch und warf mit raschen Zügen einige Zeilen auf das Papier, das er verschloß und versiegelte. Dann öffnete er die Tür des Nebenzimmers, in welchem sein Adjutant sich befand und sagte:

»Ein Ordonnanzoffizier soll sogleich diesen Brief zum General von der Tann tragen, der in der Nähe von Wadelincourt sein Hauptquartier hat. Das Leibkürassierregiment steht hier in der Nähe, lassen Sie einen Offizier desselben hierher kommandieren.«

Der Adjutant entfernte sich und kehrte nach etwa einer Viertelstunde, während welcher der General aufmerksam und nachdenkend die Karte betrachtet hatte, indem sein Finger, leise über dieselbe hinfahrend, verschiedene Linien beschrieb, zurück.

Ihm folgte ein schlanker Offizier in der Uniform des schönen schlesischen Eliteregiments, mit dem weißen Waffenrock und dem schwarzen Sammetkragen, den blitzenden Stahlhelm auf dem Haupt. Die bleichen Züge des jungen Mannes waren freudig bewegt und die Blicke seiner dunklen Augen richteten sich ehrfurchtsvoll auf den großen Feldherrn, der ihm langsam einen Schritt entgegentrat.

»Sekondeleutnant von Rothenstein vom Leibkürassierregiment Schlesisches Numero eins«, sagte der junge Offizier, indem er, die Hand am Helm, vor den General trat.

Der General neigte leicht das Haupt, er nahm einen Brief von seinem Schreibtisch und sagte mit kurzem, befehlendem, dabei aber doch zugleich freundlich verbindlichem Ton:

»Ich bitte Sie, sogleich zum General von der Tann zu reiten, den Sie in der Nähe von Remilly an der Maas finden werden, um ihm diese Order zu überbringen. Je schneller Sie dorthin kommen, um so besser wird es sein; Sie werden dann zum großen Hauptquartier zurückkehren und Rapport erstatten. Lassen Sie sich bei Ihrem Eskadronschef abmelden und reiten Sie ohne Zeitverlust.«

Der Leutnant von Rothenstein wandte sich in kurzer, militärischer Bewegung um und verließ das Zimmer, in welchem kurze Zeit darauf das Licht erlosch.

Auch der große, unermüdliche Lenker dieser Truppenmassen, die im meilenweiten Umkreis ihren eisernen Ring um den Feind geschlossen hatten, suchte endlich die kurze Ruhe, welche für ihn genügte, um seinem Geist und seinem Körper die Spannkraft wiederzugeben.

Der Leutnant von Rothenstein schwang sich in den Sattel, orientierte sich auf einer Handkarte über die einzuschlagende Richtung und sprengte dann auf dem zum Dorf hinausführenden Feldwege in die Nacht hinein.

Einzelne Wolken, von einem leichten Winde getrieben, zogen über den Himmel dahin und bedeckten zeitweise die herabfunkelnden Sterne. Die Straße zog sich in manchen Windungen zunächst durch freie Felder, dann zu bewaldeten Hügeln hin.

Schon in den nächsten Ortschaften begann es von Truppen zu wimmeln, welche größtenteils in Biwaken lagerten und von allen Seiten her nach dem einen Mittelpunkt von Sedan zusammengezogen waren.

Der junge Mann ritt weiter und weiter, das Anrufen der Posten und Feldwachen kurz erwidernd, hie und da einen raschen Gruß mit einem herantretenden Kameraden austauschend, einen Schluck aus der freundlich dargebotenen Feldflasche nehmend oder sich durch einige Fragen über die weiter einzuschlagende Richtung seines Weges orientierend.

Es waren bunte, lebensvolle Bilder, welche sich in wechselnden Zwischenräumen vor den Blicken des jungen Offiziers öffneten, – bald eine Strecke einsam scheinenden Waldes, Feldwachen am Rande des Weges hinter vorspringendem Gebüsch, – bald hellodernde Biwakfeuer, Menschen und Pferde in mannigfaltigen Gruppen darumgelagert, – bald Dörfer und Gehöfte, angefüllt mit all dem regen Leben, welches den Sitz größerer oder kleinerer Kommandos umgibt.

Aber alle diese wechselnden Bilder vermochten nicht den traurigen Ernst zu verscheuchen, welcher auf dem Gesicht des Herrn von Rothenstein lag und dieses jugendfrische, schöne Gesicht wie eine graue Wolke beschattete. Der junge Mann versank oft in eine tiefe Träumerei, und in langsamerem Schritt, den Kopf auf die Brust herabgesenkt, ritt er dahin, bis irgendein Geräusch an der Seite des Weges ihn aufschreckte und, seiner Mission sich erinnernd, mit schnellem Schenkeldruck sein Pferd zu rascherer Gangart antrieb.

Er blickte zu den über dem dunkeln Himmel dahinfliegenden Wolken auf, und mit einem schmerzlichen, fast bitteren Zucken seiner Lippen sagte er leise vor sich hin:

»Ritter, treue Schwesterliebe
Widmet Euch dies Herz.
Fordert keine andre Liebe –«

Seine Worte verloren sich in einem schweren Seufzer, – schweigend ritt er eine Strecke weiter und sprach dann mit dumpfer Stimme:

»Und ein Jahr hat ers getragen,
– Trägt's nicht länger mehr –

Warum?« rief er dann laut, – »warum kann ich diese Erinnerung nicht aus meiner Seele, – warum kann ich dies Bild nicht aus meinem Herzen reißen? Es ist ja doch das größte Unglück wahrlich nicht, – die Welt steht mir groß und weit offen, – und es gibt ja noch viele Herzen, die mir freundlicher entgegenschlagen möchten, – und doch – doch,« – rief er in fast zornigem Ton, – »doch kann ich sie nicht vergessen, – doch sehe ich dies Auge Tag und Nacht vor mir, – dies Auge, aus welchem die Seligkeit aller Himmel strahlen müßte, wenn sein Blick sich liebend entzündete! – Ich kann sie nicht vergessen, – und ich will sie nicht vergessen,« fügte er leiser hinzu, – »ich habe nicht die Kraft, dies Gefühl zu bekämpfen, – wie soll ich es überwinden?

Hat sie in diese weiße Rose, die Blume der kalten Freundschaft, die sie mir gab, eine Zauberkraft gelegt, wie sie einst in jenem Kleinod wohnte, das die Gemahlin Karls des Großen in die Wassertiefe bei Aachen versenkte und das den gewaltigen Kaiser an das bezauberte Ufer fesselte? Die Blume ist verwelkt und vertrocknet, die Blume, die alle meine Hoffnungen zerstörte, – und doch ruht sie auf meiner Brust, doch kann ich sie nicht von mir werfen, wie ich die Liebe, die törichte, hoffnungslose Liebe nicht töten kann! Wäre es nicht besser, mich, den zu einsamem, liebeleerem Leben von den ersten Tagen meines Daseins an Verurteilten, träfe eine jener Kugeln, welche diejenigen dahinraffen, die mit so vielen Banden der Liebe an das Leben gefesselt sind, um die so viele Augen weinen? – um mich würde niemand weinen, – die Kameraden würden mich ein wenig vermissen, – ein wenig an mich denken, – und dann, – dann wäre ich vergessen, – verweht wie das Blatt, das der Wind über das Feld treibt!«

Eine Feldwache rief ihn an.

Nach einigen rasch gewechselten Worten ritt er in scharfem Trabe weiter in die Nacht hinein.

Achtundzwanzigstes Kapitel

Nach einer unruhigen Nacht, mehr ermüdet als gestärkt durch den Halbschlummer voll unruhiger Träume, der ihn kaum einen Augenblick die Sorge und Pein seiner Lage hatte vergessen lassen, erhob sich der Kaiser Napoleon von seinem Lager, auf dem er halb angekleidet geruht hatte.

Bald nach sechs Uhr morgens war der General Reille mit der Meldung in sein Zimmer getreten, daß das französische Korps bei Bazeilles im Feuer sei.

Fast eine Stunde lang hatte sich dann der Kaiser in den Händen des Doktor Conneau und seines Leibchirurgen befunden. Er schien einige Erleichterung seiner Schmerzen zu empfinden, seine Blicke belebten sich ein wenig, seine eingefallenen Züge wurden etwas frischer und heiterer, – er ließ sich ankleiden und bereitete auf der kleinen silbernen Maschine mit Sorgfalt seinen Tee, während der Kammerdiener ihm den blauen Interimsrock der Generalsuniform reichte.

Der Kaiser zog mit einer gewissen mühsamen Schwerfälligkeit die Uniform an, auf deren Brust sich der große silberne Stern der Ehrenlegion und die Medaille für den italienischen Feldzug befand.

»Das Schwert des schwedischen Schwertordens«, befahl er dem Kammerdiener, während er eine kleine Zigarette an der auf dem Tisch brennenden Kerze anzündete und die leichten Wölkchen mit ebensoviel Behagen und Genuß emporblies, als ob er sich in seinem Kabinett in den Tuilerien oder in St. Cloud befände.

Es schien, als ob dieses orientalische Genußmittel seinem Geist die fatalistische Gemütsruhe der Völker des Orients wiedergäbe, welche während seines ganzen Lebens einen hervorstechenden Zug seines Charakters gebildet und ihn auch in den schwersten und entscheidendsten Momenten seiner so wunderbar bewegten Laufbahn nicht verlassen hatte.

Der Kammerdiener trat mit dem Schwertzeichen des schwedischen Ordens wieder ein und befestigte dasselbe auf der Uniform des Kaisers unter dem Stern der Ehrenlegion.

Sinnend blickte der Kaiser auf seine Brust herab.

»Ich habe dieses militärische Ehrenzeichen der kriegerischen Nation Gustav Adolphs und Karls XII. für die Schlacht von Solferino erhalten, welche mich auf die Höhe der Macht und des Einflusses führte. Wie kurz ist die Zeit seit jenem Tage, und doch, welch ein Abgrund liegt zwischen damals und jetzt,« sagte er, tief seufzend, »möchte das Schwert, das damals dem Glück und dem Siege folgte, mir heute das Glück und den Sieg zurückbringen!«

Er ließ sich langsam und vorsichtig in seinen Lehnstuhl niedersinken und trank eine Tasse des frischbereiteten Tees, dessen duftiges Aroma das Zimmer erfüllte.

Die Generaladjutanten Prinz von der Moskowa, Reille und Vaubert traten in das Zimmer.

»Sind Meldungen des Marschalls gekommen?« fragte der Kaiser.

»Der Kampf hat begonnen«, erwiderte General Reille, »bei Bazeilles, wo ein bayerisches Korps gegen unsere Stellungen vordringt, und die Schlacht beginnt sich jetzt auf der ganzen Linie zu entwickeln. Der Marschall ist voll Hoffnung, und unsere Truppen halten sich vortrefflich.«

Wie zur Erläuterung der Worte des Generals begann der Kanonendonner von verschiedenen Seiten herüberzudringen.

Der Kaiser zuckte bei diesem Ton leicht zusammen wie in einer unwillkürlich nervösen Erschütterung, während ein Zug festen, entschlossenen Willens, als wolle er seiner körperlichen Schwäche Herr werden, sich um seine Lippen legte.

Einige Augenblicke saß er schweigend da. Dann fragte er in so ruhigem Ton, als handle es sich um eine ihn kaum berührende Sache:

»Glauben Sie, daß der Feind stark genug ist, um die uns umringenden Linien vollständig zu schließen?«

»Wir sind in der letzten Zeit«, erwiderte General Reille, »an so unglaubliche Märsche der deutschen Armeen gewöhnt, daß wir auch dies glauben können, obgleich es wunderbar genug wäre, wenn man so bedeutende Kräfte hierher hätte konzentrieren können. Aber«, fuhr er fort, »wir müssen zu der alten, auch in diesen Unglückstagen neu bewährten Tapferkeit unserer Truppen das Vertrauen haben, daß sie dessenungeachtet die Linien durchbrechen und den Weg nach Metz hin öffnen werden.«

Abermals saß der Kaiser still und in sich versunken längere Zeit da, während die Generale, dem immer lauter und ununterbrochener herüberschallenden Kanonendonner lauschend, in leisem Gespräch sich unterhielten.

Plötzlich stand der Kaiser auf.

»Ich will hinaus,« sagte er, »der Platz des Kaisers an einem Entscheidungstage wie der heutige, ist in der Mitte der Truppen. Versuchen wir,« fügte er mit mattem Lächeln hinzu, »ob der Stern meines Hauses noch über meinem Haupte schwebt und ob sein leuchtender Strahl meinen Adlern den Sieg verleihen wird. Lassen Sie die Pferde vorführen.«

Die Generale gingen hinaus, augenscheinlich erfreut über den Entschluß des Kaisers, der es auch den Offizieren seiner Umgebung möglich machte, an diesem Tage des heißen Kampfes in die freie Luft und unter den freien Himmel hinauszugehen.

Napoleon legte den Degen an, setzte das rote, goldgestickte Käppi auf, warf schmerzlich seufzend noch einen Blick in das Zimmer zurück, in welchem die bangen Stunden dieser schweren Nacht über sein Haupt dahingezogen waren, legte dann seinen Arm in den des Prinzen von der Moskowa und stieg langsam mit seinem in den Hüften wiegenden Gang die Treppe hinab.

Der Platz vor der Mairie war leer. Vor dem Tor des Hauses warteten die Generale Castelnau und Vaubert sowie die übrigen Ordonnanzoffiziere des Kaisers.

Napoleon grüßte dieselben leicht mit der Hand, trat dann zu seinem Pferde und untersuchte sorgfältig den Sattel, welcher mit einer besonderen Vorrichtung versehen war, um den Druck desselben zu vermindern und das längere Sitzen zu Pferde zu erleichtern. Dann setzte er den Fuß in den Bügel, schwang sich mit einer gewissen Anstrengung, aber doch immer noch mit einer an seine früheren Tage erinnernden Leichtigkeit auf sein Pferd und ritt im Schritt, gefolgt von den Offizieren seiner Begleitung und einer Abteilung der Hundertgarden, durch die Straßen der Stadt, in welchen nur wenige Menschengruppen in ängstlicher Unterhaltung sich befanden, während an den Fenstern der Häuser erschreckte Gesichter erschienen, mit verstörten Mienen dem Kanonendonner und dem Getöse der immer mehr sich entwickelnden Schlacht lauschend.

Der Kaiser, über den Kopf seines Pferdes zur Erde blickend, ritt aus der Porte Balan hinaus.

Bald öffnete sich der Blick auf das Schlachtfeld hin über die Ebene hinter der Maas, links nach den Höhen von Pierremont, la Garenne und Fond de Givonne und rechts über die Maas und ihre Niederung hin.

Immer näher ertönte der Kanonendonner. Man sah die Granaten durch die Luft fliegen und hörte ihr eigentümliches Schwirren, man sah die Rauchsäulen emporsteigen, man hörte lauter und lauter jenes furchtbare, tausendstimmige Gebrüll der immer wilder ringsum tobenden Schlacht.

Die Stellungen der Truppen waren noch fern, und fast einsam ritt der Imperator des kriegerischen Frankreichs, der den Namen des Siegers von Austerlitz und Marengo trug, dessen Fahnen siegreich auf den Mauern von Sebastopol geweht und dessen Waffen Österreichs Macht in Italien gebrochen hatten, auf der Straße dahin, nur zuweilen einem Zug flüchtiger Landleute begegnend, welche sich nach der Festung retten wollten und scheu und ängstlich, oft auch mit einer leisen Verwünschung auf den Lippen, an ihm vorbeizogen.

Da erschien plötzlich an einer Biegung des Weges, die durch ein kleines, vorspringendes Gebüsch verdeckt wurde, eine Abteilung Kürassiere, langsamen Schrittes in der Richtung nach Sedan dem Kaiser entgegenreitend.

Der Kaiser hielt sein Pferd an und erwartete erstaunt und befremdet vorwärts blickend diese kleine Truppe, welche hier inmitten des ringsum tobenden Kampfes so ruhig wie im tiefsten Frieden auf der einsamen Straße hinritt.

Die Mienen dieser prachtvollen, hochgewachsenen Reiter in den blitzenden Helmen auf den starken, dunkeln Pferden waren traurig und finster, – als sie den Kaiser bemerkten, der mitten auf der Straße haltend ihre Annäherung erwartete, öffnete sich das vordere Glied und man sah in der Mitte des kleinen Zuges, von Soldaten getragen, eine hölzerne Bahre, auf welcher ein Mann mit goldgesticktem, rotem Käppi, mit einem Mantel bedeckt, ausgestreckt dalag, den Oberkörper halb erhoben und auf den Arm gestützt.

»Mein Gott,« rief der Prinz von der Moskowa im Tone des höchsten Schreckens, – »es ist der Marschall Mac Mahon, – er ist verwundet, – welches Unglück!«

Auch der Kaiser hatte den Marschall erkannt, sein Auge richtete sich mit einem Blick schmerzlichen Vorwurfs zum Himmel empor, – er berührte die Flanke seines Pferdes mit den Sporen, und mit zwei Sätzen des edlen Tieres war er neben der Bahre.

»Welch ein schwerer Schlag,« rief er, sich zu dem Verwundeten herabbeugend, den der Oberst Marquis von Abzac, des Marschalls Adjutant, den Arm um seine Schultern legend, unterstützte, – »welch ein schwerer Schlag, mein teurer Herzog, – hoffentlich hat es keine Gefahr!«

Das stets fast durchsichtig weiße Gesicht des Marschalls war bleich wie Marmor, – ein Zug bitteren Schmerzes lag um seine Lippen und seine hellen, vergißmeinnichtblauen Augen glühten in so düsterem Feuer, daß sie fast dunkel erschienen.

»Gefahr, Sire?« sagte er mit dumpfer Stimme, – »was kümmert mich Gefahr, – wie gern würde ich mein Leben hingeben und meine Kraft für den Sieg unserer Waffen einsetzen, wenn ich diesen Tag über hätte zu Pferde bleiben können – ein Granatsplitter hat mich an der Hüfte getroffen und mich niedergeworfen, – mag die Wunde gefährlich sein oder nicht, – jedenfalls macht sie mich unfähig, das Kommando zu führen und zwingt mich, die Schlacht zu verlassen und auf meinem Lager untätig die Entscheidung abzuwarten! – Oh, Sire, – das ist hart!« rief er, indem sein Kopf auf den Arm des Obersten Abzac niedersank.

»Härter noch für Frankreich als für Sie, mein lieber Marschall,« sagte der Kaiser, »für Frankreich, das Ihrer so sehr bedarf –«.

»Für Frankreich bin ich gestorben,« fiel der Marschall ein, »bis ich geheilt sein kann, wird sein Schicksal entschieden sein, – o daß diese Kugel mit einem Male ein Ende gemacht hätte!«

»So etwas dürfen Sie nicht denken,« sprach der Kaiser, indem auf seinem starren Gesicht ein Schimmer herzlicher Freundlichkeit erschien, – »Sie müssen alles tun, um sich wiederherzustellen, – Frankreich«, sagte er wieder ernst und finster, »wird Ihrer noch bedürfen, – die Zukunft ist trübe, – und die festen und tapferen Männer werden unserem schwer getroffenen Lande mehr und mehr not tun.«

»Ich habe das Kommando dem General Ducrot übertragen, Sire,« sprach der Marschall, indem er sich, von dem Obersten Abzac unterstützt, wieder erhob, – »er ist in alle meine Ideen eingeweiht und würde die Schlacht genau so fortgeführt haben, wie ich sie begonnen, – aber –«

»Aber?« fragte der Kaiser betroffen.

»Aber, Sire,« fuhr der Marschall fort, »der General Wimpffen nahm als älterer General das Kommando in Anspruch –«

»In einem solchen Augenblick sollten persönliche Rangstreitigkeiten zurücktreten«, sagte der Kaiser.

»Ich achte die Erfahrung und den Charakter des Generals Wimpffen hoch,« sprach der Marschall weiter, – »allein er ist vor so kurzer Zeit erst bei der Armee angekommen und ich hatte deshalb gewünscht, daß Ducrot mich ersetzen möchte, – doch der General Wimpffen hatte eine Order des Kriegsministers, nach welcher er im Falle meiner Behinderung an meiner Stelle den Oberbefehl übernehmen sollte, – und«, fuhr er mit einem leichten Seufzer fort, – »da Eure Majestät alle Ihre Autorität der Regentschaft übertragen haben und es verweigern, dieselbe zurückzunehmen, – so muß wohl das Kommando an Wimpffen überlassen werden.«

Der Kaiser blickte vornübergeneigt finster vor sich nieder, – aber er antwortete nichts auf die Worte des Marschalls.

Lautes Kampfgetöse drang von der Richtung von Balan her.

»Wer steht dort?« fragte Napoleon, mit der Hand nach jener Gegend hindeutend.

»Es ist das zwölfte Korps unter dem General Lebrun, Sire,« erwiderte Marquis von Abzac für den Marschall, der wie erschöpft die Augen geschlossen hatte, – »es ist ein harter Kampf mit den Bayern und er hat den Befehl, um jeden Preis die Positionen zu halten.«

»Die Bayern,« flüsterte Napoleon, – »sie sind die ersten, die uns angegriffen, – die uns geschlagen haben, – und doch ließ man mich hoffen – –«

»Ich will dorthin reiten,« rief er, – »leben Sie wohl, Herr Marschall, – erhalten Sie sich Frankreich und mir, – Oberst von Abzac, ich empfehle Ihnen die sorgfältigste Pflege des Marschalls.«

Er beugte sich vom Pferde herab und reichte dem Herzog von Magenta, der sich mühsam emporrichtete, die Hand.

Einen Augenblick hielt er diese Hand in der seinigen und ein wunderbarer Ausdruck weichen, innigen Gefühls leuchtete aus seinen Augen.

»Leben Sie wohl, Sire,« sagte der Marschall mit matter Stimme, – »leben Sie wohl, – Gott schütze Frankreich, – Gott schütze Eure Majestät.«

Das helle, klare Auge dieses eisernen Soldaten, der so oft dem Tode in das drohende Antlitz geschaut hatte, ohne daß eine Faser seines festen Nervengefüges zitterte, – dies Auge füllte sich mit einer schimmernden Träne bei dem Anblick dieses gebrochenen Kaisers, aus dessen Händen er den Marschallstab und den Herzogshut empfangen hatte, und der jetzt gebeugt an Seele und Körper hinritt zu seinen Truppen, die mit der letzten verzweifelten Anstrengung gegen das entsetzliche Verhängnis ankämpften, welches diese schwache, unsichere Hand heraufbeschworen hatte.

Dann sank er wieder auf seine Bahre zurück, der Kaiser wendete sein Pferd und ritt nach Balan hin, während die Eskorte mit dem verwundeten Marschall, der so lange der Stolz der französischen Armee gewesen war, sich langsam wie ein Leichenzug nach der Festung hin bewegte.

Näher und näher kam Napoleon den kämpfenden Truppen. Man war fast bei dem Dorfe Balan angelangt. Da kamen aus den letzten Häusern dieses Orts flüchtige französische Truppen, – Entsetzen in den Mienen, meist ohne Waffen, mit blutüberströmten Gesichtern, dahergestürmt.

Der Kaiser hielt sein Pferd an und sah mit groß geöffneten, starren Augen auf diese flüchtigen Soldaten, die ersten Boten einer neuen Niederlage der französischen Waffen.

Der Prinz von der Moskowa sprengte vor und parierte sein Pferd mit heftigem Ruck vor einer Gruppe der Flüchtigen, so daß diese gezwungen waren, vor den Hufen des sich aufbäumenden Tieres anzuhalten.

»Woher kommt ihr? – Was ist geschehen?« rief der General.

»Alles ist verloren!« erwiderten die Soldaten, wild durcheinander sprechend und rufend, »Bazeilles ist genommen, – unser Korps ist geschlagen, – der Feind wird bald hier sein, – sie haben zuviel Artillerie, – man kann ihren Kanonen nicht widerstehen, – sie reißen ganze Glieder von uns auf einmal nieder.«

Der Kaiser blickte starr und schweigend vorwärts.

Immer näher drang jenseits des Ortes Balan das Tosen des Kampfes, das Knattern des Gewehrfeuers und die Schläge des schweren Geschützes heran.

»Halt!« rief der Prinz von der Moskowa, mitten in die Flüchtigen hineinreitend, – »sollen französische Soldaten in eiliger, feiger Flucht den Sieg preisgeben, weil der Feind einen Augenblick vorgedrungen ist? – haltet, erwartet euer Korps, es gilt, dieses Dorf zu verteidigen!«

Aber vergebens waren seine Worte. An seinem Pferde vorbei, durch die Gruppe der Generale, durch die Hundertgarden drängten die Flüchtigen auf dem Wege nach Sedan weiter mit dem Rufe:

»Rette sich, wer kann! – Alles ist verloren! – Alles ist aus! – Nieder mit dem Kaiser, – nieder mit den Generalen, die uns verraten haben! – Fort, – fort!«

Die Hundertgarden ritten heran, die Generale umgaben den Kaiser, der gebeugt auf seinem Pferde saß, die Hand leicht auf den Sattelknopf gestützt und ausdruckslos auf diese Flüchtigen hinstarrend, welche ihm ihre Verwünschungen entgegenriefen.

Laute Hufschläge ertönten auf dem Wege von Sedan her. Von einem zahlreichen Stabe umgeben sprengte der General von Wimpffen heran, eine kräftige, etwas gedrungene Gestalt von fester militärischer Haltung; sein starker Kopf mit dem kurzgeschnittenen grauen Haar saß gerade emporgerichtet auf dem etwas kurzen Halse. Seine strengen militärischen Züge mit dem gestutzten Schnurrbart waren finster und ernst zusammengezogen und seine hellen, klar blickenden Augen schienen den weiten Horizont mit seinen aufwirbelnden Dampfwolken umfassen zu wollen.

Er ritt in scharfem Trabe an den Kaiser heran, der bei seinem Erscheinen aus seiner Apathie zu erwachen schien, und sprach, indem er das goldgestickte Käppi erhob:

»Eure Majestät werden die traurige Meldung erhalten haben, daß der Marschall Mac Mahon schwer verwundet und aus der Schlacht fortgetragen ist. Ich bin der älteste General nach ihm und vom Kriegsminister zur Stellvertretung des Marschalls bestimmt, deshalb habe ich das Kommando in Anspruch nehmen müssen, – es war eine Forderung der Ehre für mich, – aber auch eine schwere – schwere Aufgabe, da ich vor achtundvierzig Stunden angekommen bin und kaum Zeit gehabt habe, mich über die Armee und ihre militärische Lage zu orientieren.«

»Ich bin Mac Mahon begegnet,« erwiderte der Kaiser finster, – »es ist ein harter Schlag, daß er gerade in diesem entscheidenden Augenblick niedergeworfen wurde, – – er war die Erinnerung an Italien und Sebastopol,« – und seufzend blickte er auf das Zeichen des Schwertordens herab, das er am Morgen an seine Brust hatte befestigen lassen.

Dann richtete er sich wieder empor, und indem das liebenswürdige, verbindliche Lächeln seiner früheren Tage auf seinem Gesicht erschien, sagte er:

»So kurz die Zeit seit Ihrer Ankunft auch sein mag, mein lieber General, so genügt sie für einen Mann von Ihrem militärischen Scharfblick und Ihrer Erfahrung, um sich vollständig orientiert zu haben, und das Kommando meiner Armee könnte in diesem wichtigen Moment keinen würdigeren Händen anvertraut werden.«

Und indem er nach dem Dorfe Balan hindeutete, aus welchem neue Gruppen von Flüchtigen heraneilten, sprach er, eine Antwort des Generals abschneidend:

»Sehen Sie dort; mein General, Bazeilles ist genommen, unsere Truppen sind auf dem Rückzug hierher.«

»Ich habe es gehört, Sire,« erwiderte der General, »und deshalb bin ich hier, denn es kommt alles darauf an, daß das Dorf Balan gehalten wird. Wenn dies geschieht, will ich einen starken Vorstoß gegen Illy hin machen, um auf jener Seite eine Bahn zu brechen und zu verhindern, daß die feindlichen Korps sich dort vereinigen. Da ich nun das Kommando übernommen habe, Sire,« fuhr er fort, »so werde ich auf der ganzen Linie die Offensive befehlen. Unsere Truppen sind nicht gemacht zur Verteidigung oder zum passiven Ertragen dieses furchtbaren Artilleriefeuers, und unsere Kavallerie soll voran, um den Weg zu öffnen. Ich bitte Eure Majestät um Erlaubnis, mich zu entfernen, um die offensive Bewegung einzuleiten.«

Er sandte einen Offizier seines Stabes den heranrückenden, im Gefecht befindlichen Truppenteilen mit dem Befehl entgegen, das Dorf Balan um jeden Preis zu halten, grüßte dann den Kaiser, wandte sein Pferd kurz herum und sprengte davon.

»Eure Majestät sollten nicht hier bleiben«, sagte der General Reille, an den Kaiser herantretend und sein Käppi lüpfend. »Der Kampf wird sich dieser Stelle sofort nähern und den Aufenthalt hier höchst gefährlich machen.«

Der Kaiser blickte den General wie aus einem Traum erwachend an.

»Gefahr,« sagte er achselzuckend, »sollte ich die Gefahr scheuen, welche ich mein ganzes Leben über verachtet habe, in dem Augenblick, in welchem ich erwarte, daß jeder französische Soldat sein Leben einsetzt?«

Er ritt eine kurze Strecke nach dem Dorfe Balan vor, in welchem bereits Wolken von Pulverdampf aufstiegen und aus welchem immer näher das Getöse des Kampfes herandrang. Eine kurze Zeit hielt der Kaiser und seine Umgebung an dieser Stelle. Napoleon blickte schweigend, in anscheinend stumpfer Gleichgültigkeit vor sich hin. Die Offiziere seines Stabes folgten mit gespannter Aufmerksamkeit dem durch das Dorf Balan sich heranziehenden Kampf.

Einzelne Granaten begannen bereits nahe der Stelle, an welcher der Kaiser hielt, niederzufallen. Sie kamen aus den Batterien des zweiten bayerischen Korps, welche auf den Befehl des Generals von der Tann in ihre Angriffspositionen gegen die Kehle der Festung Sedan gerückt waren.

Zahlreicher wurden die Flüchtigen, welche auf dem Wege von Balan her nach Sedan hineilten, gegen den Kaiser und seine Umgebung andrängend, immer dichter wurden die Haufen dieser Flüchtlinge.

Da endlich rückte noch in geschlossenen Gliedern, jeden Fußbreit Bodens verteidigend, aber hart gedrängt von heranstürmenden bayerischen Truppen, ein geordnetes französisches Regiment aus den Gehöften des Dorfes gegen den Kaiser heran.

Zu gleicher Zeit stiegen von La Moncelle, von La Ramarie und La Fonderie her die Höhen herab französische Truppen, von den Deutschen gedrängt und von der Artillerie scharf beschossen, heran.

Alle diese Korps lösten fast unmittelbar vor der Stelle, an welcher der Kaiser mit seiner Umgebung hielt, ihre Glieder auf, und in einem Augenblick befand sich Napoleon in einem wilden Gewühl ungeordneter Truppen, während von den Höhen herab und aus dem Dorfe Balan her die deutschen Kolonnen mit lautem Hurrah heranstürmten.

Der Prinz von der Moskowa ritt nun an den Kaiser heran, um ihn aus seinem dumpfen Hinbrüten zu erwecken und auf die große Gefahr der Lage aufmerksam zu machen.

Die Hundertgarden schlossen sich enger um ihren Herrn, denn in bedenklicher Nähe erschienen bereits die Spitzen der feindlichen Kolonnen und der wilde Strom der flüchtigen Franzosen drohte den Kaiser mit sich fortzureißen.

Aber bevor noch der Prinz von der Moskowa, der leicht den Arm seines Souveräns berührte, ein Wort zu ihm gesprochen hatte, richtete sich Napoleon im Sattel empor, ein Blick seines weit und groß sich öffnenden Auges flog über das so schmerzliche Bild dieser neuen Niederlage der französischen Waffen, er biß die Lippen aufeinander mit dem Ausdruck tiefen Körper- und Seelenschmerzes, aber zugleich schien ein mächtiger Aufschwung des Willens alle seine Muskeln zu spannen. Er sprengte mit einigen Sätzen seines Pferdes einem zurückweichenden Bataillon entgegen und rief mit heller und klarer Stimme, den betäubenden Lärm des Kampfes übertönend:

»Halt, Soldaten! Halt, im Namen Frankreichs! Denkt an die Vergangenheit! Denkt an den Ruhm unserer Geschichte! Denkt an das Vaterland, das auf euch blickt und dem euer Leben gehört!«

Das Bataillon stand einen Augenblick betroffen vor dem Wort des Kaisers, ein Hagel von feindlichen Kugeln fiel auf dasselbe nieder, und mit dem wilden Geschrei: »Rette sich, wer kann!« stürmte ein Teil der Soldaten rückwärts nach Sedan zu, – ein anderer Teil derselben schloß sich fest an den Kaiser an und gab eine Salve ab, welche die herandringenden feindlichen Kolonnen zum Stehen brachte.

Ein französischer Stabsoffizier bahnte sich einen Weg durch die Menge der Flüchtigen, dieselben durch die Huftritte seines Pferdes rechts und links zur Seite drängend. Er hielt beim Anblick des Kaisers ein wenig erstaunt an und sagte:

»Ich bringe den dringenden Befehl des Generals Wimpffen, Balan um jeden Preis zu halten. Er hofft, bei Illy durchzudringen und so die feindlichen Linien zu durchbrechen.«

»Ihr hört es,« rief der Kaiser, indem er seinen Degen zog, – »ihr hört es! Der Sieg wendet sich zu uns, und an euch ist es, ihn festzuhalten! Vorwärts! vorwärts! – jenes Dorf muß wieder genommen werden!«

Die Truppen, welche den Kaiser umringten, schwenkten ihre Käppis in der Luft und noch einmal erhob sich der schon lange nicht mehr gehörte Ruf:

»Es lebe der Kaiser!«

Einzelne der Fliehenden blieben stehen. Andere Gruppen, welche von La Ramarie her gedrängt wurden, schlossen sich ihnen an. Die Generale Vaubert, Castelnau, Reille und der Prinz von Moskowa vereinigten sich mit den Offizieren der zurückgeschlagenen Truppen und formierten aus den Trümmern der zurückgedrängten Bataillone eine Sturmkolonne.

»Vorwärts für Frankreich und für die Ehre der Armee!« rief der Kaiser, und mit gefälltem Bajonett drang diese Kolonne gegen Balan vor.

Ein mörderisches Feuer der bayerischen Truppen empfing sie und riß mächtige Lücken in ihre Reihen.

Aber unaufhaltsam stürmten die Franzosen vorwärts, an deren Seite der Kaiser, den Degen in der Hand, vorritt.

Die Bewegung der Fliehenden stockte und viele derselben wandten sich um, der kleinen Schar folgend, welche die Spitzen ihrer Waffen unerschrocken den Feinden wieder entgegenstreckten.

Ein heißer Kampf entspann sich. Die deutschen Truppen, welche in rascher Verfolgung der zurückweichenden Franzosen noch nicht in genügender Zahl vorgedrungen waren, um die gewonnenen Positionen vollständig zu besetzen, zogen sich langsam zurück. Nach einiger Zeit waren die Kolonnen, welche sich aus den verschiedenen Truppenteilen um den Kaiser gebildet hatten, wieder in dem Besitz des Dorfes Balan. Einen Augenblick schwieg das Gewehrfeuer. Die stark gelichtete Schar der Franzosen hielt an, die Soldaten stützten sich auf ihre Gewehre, von der erschöpfenden Anstrengung ausruhend, und die Generale ritten an den Kaiser heran, um ihm Glück zu wünschen zu diesem ersten Schritt auf der Bahn des Sieges, die er unter seiner persönlichen Führung wieder geöffnet habe.

Die Erregung, welche während des Kampfes das Gesicht Napoleons bewegt hatte, verschwand wieder. Seine Augenlider senkten sich herab, ein trübes Lächeln spielte um seine Lippen und wie in heftigem körperlichen Schmerz zuckte er zusammen.

»Der Sieg!« sagte er mit mattem Ton, – »ich glaube nicht mehr daran, – was es noch zu retten gilt, das ist die Ehre der französischen Waffen und,« fügte er leise, den Kopf auf die Brust senkend, hinzu, »vielleicht ein würdiger Tod, der mich von allen diesen Leiden befreit.«

»Was haben Sie?« sagte er wieder aufblickend zu dem Prinzen von der Moskowa, der sich herabbeugte und seinen Fuß, den er eben aus dem Bügel gezogen, betastete.

»Es ist nichts, Sire,« erwiderte der General, »ein leichter Streifschuß hat meinen Fuß getroffen, – es ist keine ernste Verletzung.«

»Und für mich ist keine Kugel vorhanden!« sagte der Kaiser mit dumpfem Ton.

Dann versank er wieder in sein schweigendes Brüten, und die Hand mit dem Degen sank schlaff an seiner Seite herab.

Die Spitzen der bayerischen Kolonnen, welche sich hinter das Dorf Balan zurückgezogen hatten, rückten inzwischen langsam wieder heran. Dichte Truppenmassen folgten ihnen und ein scharfes, ununterbrochenes Gewehrfeuer richtete sich auf die vom heißen Kampf erschöpften Franzosen.

Aber sie schlossen abermals ihre Glieder und rückten mutig gegen die herandringenden Feinde vor, während der Kaiser unbeweglich an seinem Platz hielt.

Noch einmal entspann sich ein heißer Kampf, immer verheerender schlugen die feindlichen Kugeln in die französischen Linien und langsam begannen diese wieder zurückzuweichen.

Da rasselte von Sedan mit seinen dröhnenden Hufschlägen die Erde erschütternd, ein Kürassierregiment heran. Die französischen Reihen öffneten sich, um ihm den Weg freizumachen, und an dem Kaiser vorbei stürmten die Reiter vor gegen die herandringenden Bayern. Ein furchtbares Feuer empfing sie. Ein Augenblick unbeschreiblich wilden Getümmels trat ein.

In gespannter, ängstlicher Erwartung blickten die Generale vorwärts. Aber der furchtbare Stoß der Reiterschar brach sich wie die brandenden Wellen des Meeres an den Felsen des Ufers, – rückwärts sprengten die Kürassiere, um sich von neuem zu formieren.

Noch einmal versuchten die französischen Infanteristen, diese Trümmer der gesprengten Regimenter, gegen die Bayern vorzugehen, – aber immer neue Massen rückten heran. Immer schneller rollten die Salven, immer dichter drang der Kugelregen ihnen entgegen. Zu gleicher Zeit begann ein furchtbares Artilleriefeuer von den Höhen über der Maas und an der Seite des Weges, – und reihenweise brachen die französischen Soldaten zusammen.

Da wendeten auch diese Truppen, welche das Äußerste für den Ruhm und die Ehre ihrer Waffen getan hatten, sich zum Rückzug, und schneller und schneller, mehr und mehr sich auflösend, drangen sie unter dem entsetzlichen Artilleriefeuer, das sich auf sie konzentrierte, auf dem Wege von Balan nach Sedan vorwärts.

Noch immer hielt der Kaiser den starren Blick auf die immer näher heranrückenden Bayern gerichtet.

Der General Reille ritt an ihn heran.

»Sire,« sagte er, »es ist unmöglich, hier noch etwas zu tun. Die Gefahr ist dringend und unmittelbar. Retten Sie sich.«

»Retten,« sagte er mit einem Lächeln voll bitterer Verzweiflung, das seinen Zügen einen schauerlichen Ausdruck gab, – »retten, wohin? – Das wäre meine Rettung, – die beste, die sicherste«, und er deutete mit der Spitze seines Degens auf einen Kürassier, der in Todeszuckungen, von Blut überströmt, sich unter seinem über ihn gestürzten Pferde am Boden wand.

Eine Granate fiel ganz in der Nähe nieder, sie zersprang, eine Staub- und Dampfwolke umhüllte einen Augenblick den Kaiser.

»Eure Majestät dürfen hier nicht bleiben,« rief der General Reille, »es ist nichts mehr zu tun und die Position ist verloren.«

Er ergriff das Pferd des Kaisers am Zügel und wandte dasselbe rückwärts.

Napoleon ließ es willenlos geschehen und folgte in langsamem Schritt den sich immer mehr auflösenden und immer schneller auf der Straße nach Sedan dahineilenden Kolonnen, während unter lautem Hurra die Bayern vorrückten und nach kurzer Zeit das Dorf Balan zum zweitenmal besetzten.

Als der Kaiser nach der Festung hinritt, ließ er seinen Blick über den weiten Umkreis des Schlachtfeldes streifen, und was er sah, zeigte ihm, daß alles verloren sei und daß das plötzlich in so raschen Schlägen über ihn hereingebrochene Schicksal sich hier erfüllen sollte.

Enger und enger ward die Linie der französischen Aufstellung zusammengedrängt und rund um Sedan rollte der Donner der Geschütze. Die Flammen der brennenden Dörfer schlugen zum Himmel auf. Das wilde Tosen des Kampfes rückte näher und näher. Von allen Seiten wälzten sich die wilden Scharen der flüchtigen Truppen heran, ohne Ordnung, in wildem Durcheinander, verfolgt von den jubelnden Siegesrufen der deutschen Heere und auf ihrer Flucht zerschmettert von den Granaten, welche Tod und Verderben in ihre Reihen trugen.

Immer dichter wurde das Gewühl, je mehr man sich den Toren von Sedan näherte, und unmittelbar vor dem Tor war der Weg fast versperrt von der Menge der Soldaten aller Waffen, welche Schutz hinter den Mauern der Festung suchten.

Die Offiziere von der Umgebung des Kaisers ritten voran, die Hundertgarden versuchten einen Weg zu öffnen; aber lange waren ihre Bemühungen vergebens. Alle Bande der Disziplin waren gelöst. Es war keine Armee, es waren keine Soldaten mehr, was sich hier zusammendrängte. Es war ein wilder Knäuel verzweifelnder, halb rasender Menschen, welche Rettung suchten vor der Vernichtung, die von allen Seiten auf sie hereindrang.

Eine Zeitlang hielt der Kaiser vor dem Tor, umdrängt und langsam fortgeschoben von der flüchtigen Menge.

Finster und drohend ruhten auf ihm die Blicke dieser Soldaten, welche noch vor kurzem mit jubelndem Enthusiasmus seinem Wink gefolgt waren, – da erscholl ein Ruf aus der Menge:

»Nieder mit dem Kaiser! Nieder mit den Verrätern, die uns schlachten lassen!«

Ein schnelles Echo fand dieser Ruf rings umher und alle diese Soldaten mit den von Wut und Verzweiflung verzerrten Gesichtern riefen, die Hände emporstreckend und mit drohenden Gebärden herantretend:

»Nieder mit dem Kaiser! Nieder mit den Verrätern!«

Napoleon schien diese Rufe nicht zu hören. Er saß vorgebeugt auf seinem Pferde, schmerzlich zuckte sein Gesicht und seine bleichen Lippen preßten sich fest aufeinander.

Die Hundertgarden und die Generale der Umgebung schlossen sich enger um den Kaiser, und in die drängende Menge hineinsprengend, öffneten sie einen Weg durch das Festungstor, aber noch weithin schallten dem Kaiser die Drohungen und Verwünschungen dieser von allen Banden der Disziplin gelösten Soldaten nach.

Die Straßen von Sedan waren verändert. Überall sah man Haufen von flüchtigen Soldaten, vermischt mit den Einwohnern, welche angstvoll aus den Häusern hervorstürzten, durch deren Dächer die Granaten einschlugen, und welche noch lieber die feindlichen Geschosse unter freiem Himmel erwarten wollten, als in den Häusern, in denen die zerstörende Wirkung nur um so furchtbarer war. Verwundete und Sterbende lagen überall. Es war ein Bild der Zerstörung, des Grauens, des Entsetzens. Auch hier tönten aus den Gruppen der Soldaten und der Umherirrenden Rufe des Hasses und der Verwünschung dem Kaiser entgegen, aber in schnellem Trabe, von seiner Umgebung umringt, ritt er durch die Straßen weiter hin zum Platz vor der Mairie, auf welchem noch eine Abteilung in militärischer Ordnung aufgestellt war.

Der Kaiser hielt sein Pferd gerade unter der Statue Turennes an, und hier, zu den Füßen des großen Feldherrn, der die Heere Frankreichs so oft zu Siegen über Deutschland geführt hatte, der so viel deutsches Blut vergossen, so viel deutsche Erde verwüstet hatte, hielt der Kaiser fast eine halbe Stunde unbeweglich, starr und stumm, nur in körperlichen Schmerzen erbebend und zuckend, während die Geschosse der deutschen Batterien rings um ihn her einschlugen, während immer neue Flüchtlinge an die Festung herandrängten und während immer näher heran der jubelnde Hurraruf der deutschen Heere ertönte.

Da bahnte sich auf ermüdetem Pferde ein Adjutant des General Wimpffen, mit Staub bedeckt, das Gesicht von Pulverdampf geschwärzt, einen Weg bis zum Kaiser.

»Kapitän de St. Houenne mit einer dringenden Botschaft vom General Wimpffen, Sire,« sagte er, das Käppi erhebend.

Er zog einen kleinen, mit Bleistift beschriebenen Zettel aus seiner Uniform und überreichte denselben dem Kaiser.

Napoleon ergriff das Papier, wie aus einem Traum erwachend, erhob er dasselbe und las, während die ihn umgebenden Generale sich erwartungsvoll näherten:

»Sire, ich erteile dem General Lebrun den Befehl, einen Durchbruch in der Richtung nach Carrignan zu versuchen und lasse alle disponiblen Truppen folgen. Ich befehle dem General Ducrot, diese Bewegung zu unterstützen, und dem General Douai, den Rückzug zu decken. Gefällt es Eurer Majestät, sich in die Mitte dieser Truppen zu begeben, – sie werden eine Ehre darin suchen, Ihnen einen Ausgang zu öffnen.«

Der Kaiser faltete das Papier zusammen und blickte mechanisch, schweigend auf dasselbe nieder.

»Brechen wir auf, Sire,« sagte der General Reille, »das ist der letzte Weg zur Rettung.«

»Der General Wimpffen,« sprach der Adjutant, »läßt Eure Majestät dringend bitten, seinen Vorschlag anzunehmen. Er glaubt des Erfolges gewiß zu sein und Eure Majestät werden in einigen Stunden in Sicherheit sein.«

Der Kaiser sah mit einem matten Blick die ihn umgebenden Generale an, dann richtete er sich ein wenig im Sattel empor und sprach mit einer vor Erschöpfung leicht zitternden Stimme:

»Der Vorschlag des Generals kann Frankreich und die Armee nicht retten. Wegen meiner Person will ich so viele Menschenleben nicht opfern. Sagen Sie dem General, daß er weiter keine Rücksichten auf mich nehmen soll.«

»Sire,« rief der Adjutant, »ich bitte Eure Majestät –«

»Bringen Sie dem General meine Antwort,« sagte Napoleon mit festem Ton, »sie ist unabänderlich, – es ist aus, – ich will absteigen«, sprach er leise.

Dann wandte er sein Pferd und ritt vor das Eingangstor der Mairie. Mühsam stieg er ab, während einer der Hundertgarden den Bügel hielt. Dann nahm er den Arm des Generals Reille und stieg ganz schwankend und zitternd vor Ermüdung die Treppe hinauf.

»So kehre ich also doch noch in diese Räume zurück,« sagte er, in sein Zimmer eintretend, »und keine feindliche Kugel hat den Weg zu diesem Herzen gefunden, das so müde – so müde ist und so gern zu schlagen aufhören möchte.«

Er sank gebrochen in einen Lehnstuhl zusammen und sagte mit einem Ton, der röchelnd aus seiner Brust hervordrang:

»Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr! Meine Kraft ist zu Ende! Ich muß Ruhe haben um jeden Preis. Lassen Sie mich einen Augenblick allein, damit meine erschöpfte Natur sich wieder sammeln kann und ich die Fähigkeit des Denkens wiedergewinne.«

General Reille ging hinaus und der Kaiser blieb einsam in seinem Zimmer, während rings um ihn her immer lauter, immer gewaltiger, immer erschütternder der Kampf tobte und näher und näher an die Mauern von Sedan heranrückte.

Nach einer Stunde meldete der General Castelnau dem Kaiser, daß die Kommandanten der verschiedenen Korps, welche unmittelbar an die Mauern von Sedan herangedrückt und in die Gräben der Festung geworfen waren, den Kaiser zu sprechen verlangten.

Napoleon erhob sich, ein wenig gestärkt und erfrischt durch die kurze Zeit der einsamen Ruhe und trat ernst und kalt den Generalen entgegen, welche mit düsteren Mienen, in bestäubten und zerrissenen Uniformen vor ihm erschienen und ihm die Unmöglichkeit, den Kampf länger fortzuführen, auseinandersetzten.

Man versuchte, einen Offizier zum General von Wimpffen zu senden, welcher, wie gemeldet war, mit einigen tausend Mann den verzweifelten Versuch eines Durchbruchs nach Carrignan hin erfolglos unternommen hatte.

Aber nach kurzer Zeit schon kehrte der Offizier mit der Meldung zurück, daß es ihm unmöglich sei, bei der allgemeinen Verwirrung, die in und um Sedan herrsche, zu dem General durchzudringen.

Da befahl Napoleon dem General Lauriston, die weiße Fahne auf der Zitadelle aufzuziehen.

Ernst und traurig entfernte sich der General. Und kurze Zeit darauf schwieg plötzlich wie durch einen Zauberschlag ringsumher der betäubende Lärm des Kanonendonners.

Der Kaiser atmete auf, wie von einer schweren Last befreit. Die Korpskommandanten zogen sich zurück, um die Trümmer ihrer Truppen so gut als möglich zu ordnen.

Napoleon trat an seinen Schreibtisch, und nachdem er längere Zeit, den Kopf in die Hand gestützt, sinnend dagesessen, schrieb er einige Zeilen auf einen Bogen Papier. Mehrere Male überlas er das Geschriebene, dann setzte er seinen Namen darunter, faltete das Papier zusammen, tat es in eine Enveloppe und setzte mit raschen Zügen die Adresse darauf:

»A Sa majesté le roi de Prusse.«

Der General Reille trat ein.

»Ein preußischer Parlamentär, Sire«, meldete er.

Napoleon winkte mit der Hand, und im nächsten Augenblick führte der General einen Offizier in der Oberstleutnantsuniform des großen preußischen Generalstabs in das Zimmer des Kaisers.

Der Offizier blickte erstaunt und befremdet auf die gebrochene Gestalt des Kaisers, der sich mit der Hand auf den Sessel vor seinem Schreibtisch stützte. Dann trat er in dienstlicher Haltung zu dem Kaiser heran und sagte in französischer Sprache:

»Sire, Seine Majestät der König, mein allergnädigster Herr, sendet mich hierher mit dem Auftrage, die Festung und die Armee zur sofortigen Kapitulation aufzufordern.«

Der Kaiser neigte mit ruhiger Höflichkeit den Kopf und erwiderte:

»Ich führe nicht das Kommando über die Armee und werde den General von Wimpffen beauftragen, über die Kapitulation, welche notwendig geworden ist, zu verhandeln. Melden Sie dies Seiner Majestät dem Könige von Preußen und sagen Sie demselben, daß ich sogleich einen meiner Offiziere mit einem Brief an Seine Majestät senden werde, der das Nähere enthalten wird. Ich hätte gewünscht, mein Herr,« fügte er verbindlich hinzu, »bei einer weniger ernsten und verhängnisvollen Gelegenheit Ihre Bekanntschaft zu machen. Ihr Name, wenn ich bitten darf?«

»Bronsart von Schellendorf,« erwiderte der preußische Offizier im Ton dienstlicher Meldung, »Oberstleutnant vom großen Generalstab Seiner Majestät des Königs von Preußen.«

Der Kaiser dankte mit einer höflichen Neigung des Kopfes.

Der Oberstleutnant grüßte militärisch und verließ, vom General Reille begleitet, das Zimmer.

Der Kaiser ging einige Male sinnend auf und nieder, dann öffnete er selbst die Tür zum Vorzimmer und rief den General Reille zurück.

»Ich habe Ihnen eine traurige Botschaft zu erteilen, mein lieber General«, sagte er. »Hier ist ein Brief an den König von Preußen, den Sie sogleich überbringen sollen. Sie sind Seiner Majestät persönlich bekannt und der König hat Ihnen bei seinem Besuch in Paris sein besonderes Wohlwollen geschenkt. Sie werden einer freundlichen Aufnahme gewiß sein.«

Er reichte dem General den Brief, den er vorher geschrieben. Dieser empfing das Papier mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer und schritt schweigend hinaus.

Unmittelbar darauf wurde die Tür des Vorzimmers schnell geöffnet und der General von Wimpffen, die Tür hinter sich offen lassend, trat in heftiger, zitternder Erregung ein. Die Adjutanten des Kaisers folgten.

»Sire,« rief der General, »Eure Majestät haben die weiße Fahne aufziehen lassen? Eure Majestät wollen kapitulieren?«

Der Kaiser trat zum General hin, blickte ihn ruhig und freundlich an und ergriff seine Hand.

»Das Glück ist gegen uns gewesen, mein lieber General,« sagte er, »die aufopfernde Tapferkeit der Armee war vergebens. Ein weiteres Fortsetzen des Kampfes wäre ein Verbrechen, ein unnützes Opfer so vieler Menschenleben, ein Opfer, das wir nicht verantworten können.«

»Aber, Sire,« rief der General, »die Ehre der französischen Waffen, meine militärische Ehre, die ich während meiner langen Dienstzeit unverletzt und rein erhalten habe –«

»Die Ehre der französischen Waffen«, fiel der Kaiser ein, »ist ruhmvoll aus diesem Kampf hervorgegangen. Ich bin überzeugt, daß unsere Gegner die ersten sein werden, welche die Tapferkeit und den Mut unserer Truppen anerkennen, und Sie, mein lieber General, haben bis zum letzten Augenblick mit Selbstverleugnung und Hingebung Ihre Pflicht getan. Ihr Unglück wird überall achtungsvolle Teilnahme, aber keine Verurteilung finden.«

»Oh, Sire, Sire!« rief der General, indem er zusammenbrechend auf einen Stuhl niedersank und sein Gesicht mit den Händen bedeckte, »bedenken Sie den Schmerz, welcher mein altes Soldatenherz zerreißen muß, daß ich nach so langer, ehrenvoller Laufbahn gerade hierher habe kommen müssen, um die Schmach dieses Tages unauslöschlich an meinen Namen zu heften.«

Der Kaiser trat zu ihm und legte sanft die Hand auf seine Schulter.

»Seien Sie ruhig, mein lieber General, der König von Preußen wird Ihnen und der Armee seine Anerkennung nicht versagen und Ihre Ehre wird durch diese Kapitulation nicht gekränkt werden. Ich habe den General Reille abgesandt, um mich persönlich gefangen zu geben, ich hoffe, daß durch dieses Opfer meiner Person die möglichst günstigsten Bedingungen werden erreicht werden.«

»Sire,« sagte der General aufstehend, »wenn die Kapitulation notwendig ist, so bitte ich Eure Majestät um die einzige Gnade, meinen Namen unter dieselbe nicht setzen zu dürfen. Ich bitte Sie, Sire, wenn ich mir je einen Anspruch auf Ihre Anerkennung erworben habe, geben Sie mir meine Entlassung. Lassen Sie mich das unglückselige Kommando niederlegen, welches ein unglückliches Verhängnis in meine Hände gelegt hat.«

»Aber bedenken Sie, mein lieber General –« sagte der Kaiser.

»Ich kann nichts bedenken, Sire«, rief der General Wimpffen mit bebender Stimme. »Ich kann nur den überwältigenden, zerschmetternden Schmerz empfinden, ein solches Ende meiner militärischen Karriere vor mir zu sehen. Ich bitte Eure Majestät, geben Sie mir meine Entlassung.«

Und ehe der Kaiser antworten konnte, hatte der General schwankenden Schrittes, die Hand an seine Stirn drückend, das Zimmer verlassen.

»Der arme, brave Mann,« sagte der Kaiser, ihm mit tiefer Bewegung nachblickend; »ist es nicht genug an meinen eigenen Leiden? Muß ich auch noch den Schmerz der treuen Diener sehen, welche ich in mein verhängnisvolles Schicksal mit fortgerissen habe?«

Dann trat er zu seinem Schreibtisch und warf schnell einige Zeilen auf ein Papier.

»Bringen Sie dies dem General«, sagte er zu dem General Castelnau. »Er wird ruhiger werden und die französische Nation und Geschichte wird ihm dieselbe Anerkennung gewähren, die ich ihm auszusprechen schuldig bin.«

In tiefer Bewegung ging der General Castelnau fort, um den General Wimpffen aufzusuchen und ihm das Billet des Kaisers zu bringen.

Der Kaiser entließ seine Adjutanten und befahl seinem Kammerdiener, den Doktor Conneau zu rufen.

»Der Vorhang sinkt nieder,« sagte er, starr vor sich hinblickend, – »ein Akt dieses großen Dramas ist aus, – wird der Vorhang sich wieder erheben? Wird ein zweiter Akt folgen? – – ›Plaudite!‹ riefen die alten Tragöden dem versammelten Volk zu. – – Was soll ich sagen?«

Lange stand er schweigend da, die Arme herabgesunken, den Kopf auf die Brust gebeugt.

»Doch eins werde ich noch haben,« rief er dann, tief aufatmend, »Ruhe und Stille. Und das ist jetzt die einzige Sehnsucht, welche meine Seele in der armen, zerbrochenen Hülle dieses Körpers noch empfinden kann.«

Ein fast glücklicher Ausdruck erschien auf seinem Gesicht und freundlich sagte er zu dem eintretenden Arzt:

»Kommen Sie, Doktor, und helfen Sie dem armen Kranken, – der Kaiser wird Ihre Kur nicht mehr stören.«

Neunundzwanzigstes Kapitel

Schon um 5 Uhr morgens war König Wilhelm am 1. September aufgestanden und hatte das stille Dorf Vendresse verlassen, von wo auch unmittelbar darauf das Leibkürassierregiment aufbrach, um sich der erhaltenen Order gemäß in die Stellung bei Boutencourt zu begeben.

Schon von dem ersten Morgengrauen an hatte man Kanonendonner über die Höhen her erschallen hören, welche sich neben der Maasniederung zwischen Vendresse und Sedan erheben.

Als der König um acht Uhr morgens bei Chéhéry eintraf, wohin die Pferde beordert waren, erhielt er die Meldung, daß dieselben bereits bis auf die Höhen von Chevenge vorangegangen seien, von wo aus man die bereits im Gang befindliche Aktion besser übersehen könnte.

Zugleich traf die Meldung ein, daß das erste bayerische Korps infolge der in der Nacht erhaltenen Order schon seit sieben Uhr morgens den Kampf gegen die feindliche Stellung bei Bazeilles eröffnet habe.

Der König fuhr bis Chevenge und bestieg hier mit seinem Gefolge die Pferde.

Bei Seiner Majestät befanden sich außer den Generalen und Flügeladjutanten der Chef des Generalstabs, General von Moltke mit seinem Stabe, der Kriegsminister General von Roon, der Bundeskanzler Graf Bismarck, in der Uniform des Magdeburgischen Kürassierregiments Nr. 7, mit seinem diplomatischen Stabe. Auch trafen hier der Großherzog von Sachsen-Weimar, der Erbgroßherzog von Mecklenburg und die ohne besonderes Kommando bei der Armee anwesenden Fürsten nacheinander ein. Unter allen diesen deutschen Uniformen bemerkte man auch die Generale Sheridan und Forsyth in den einfachen, kleidsamen Uniformen der Armee der Vereinigten Staaten. So war Seine Majestät von einem zahlreichen und überaus glänzenden Gefolge umgeben.

Als der König sein Pferd bestiegen hatte, trabte er schnell auf der steilen, an dem Hügel hinaufsteigenden Chaussee vorwärts an der Spitze dieses sich weit hinter ihm ausdehnenden Gefolges, das alle Organe der obersten militärischen Leitung Preußens, welche in diesem Augenblick diejenige Deutschlands war, in sich schloß.

Auf der Höhe angelangt, öffnete sich vor dem Blick des Monarchen das ganze Tal von Sedan, und man konnte gerade die bayerischen Batterien in ihre Positionen zum Angriff gegen die Kehle der Festung auffahren sehen, während aus dem rechts liegenden Gehölz sich die bayerische Infanterie zu entwickeln begann.

Der König übersah einen Augenblick prüfend das ihn umgebende Terrain, verließ dann die Chaussee, welche sich zum Maastale hinabsenkte, wandte sich in der Nähe der Ortschaft Frénois von derselben ab und ritt einen langsam aufsteigenden Hügel hinan, auf dessen Höhe er anhielt, um von hier aus die weitere Entwickelung der Schlacht zu beobachten.

Weit öffnete sich hier dem Blick das ganze Maastal. Gerade der Stellung dem Könige gegenüber erhob sich die kleine, von den Festungswällen gedeckte Stadt, zu welcher in fast gerader Linie die Chaussee hinführte und hinter der sich die Höhen hinzogen, die ringsum von den französischen Truppen besetzt waren und von den noch weiter heranrückenden deutschen Korps angegriffen wurden.

Links zog sich in weiter Krümmung, wie ein silbernes Band, die Maas durch die freundliche Niederung hin, in großem Bogen wieder die Stadt Sedan berührend. Unmittelbar am Fuße des Hügels, auf welchem der König hielt, dehnte sich die weite Niederung flach bis zur Festung hin aus.

Kaum war Seine Majestät auf der Höhe angelangt, als die bayerischen Batterien ihr Feuer begannen und sofort wurde dasselbe aus dem schweren Festungsgeschütz erwidert. Während rings auf den Höhen umher der Pulverdampf aufstieg und der entfernte Donner der Geschütze herüberdrang, schien die in der Mitte der ganzen feindlichen Stellung gelegene Festung eine einzige große Batterie zu sein, aus welcher Schuß auf Schuß herüberkrachte, um die namentlich von rechts her herandringenden Deutschen zurückzuwerfen.

Der König war abgestiegen. Das ganze Gefolge umstand ihn und alle Blicke richteten sich auf die immer lebhafter ringsumher sich entwickelnde Schlacht.

Da fielen aus den schweren Geschützen der Festung einige Granaten ganz nahe an dem Platz des Königs nieder.

Der König blickte ruhig nach der Stelle hin und befahl, die Pferde des Gefolges hinter die rückwärts liegenden Abhänge des Hügels zurückzuführen. Dann verfolgte er wieder, ohne den in einzelnen Zwischenräumen in der Nähe einschlagenden Kugeln weitere Aufmerksamkeit zu schenken, die Bewegungen der Schlacht so kaltblütig und ruhig, als handle es sich um ein bloßes Manöver, das sich nach bestimmten Dispositionen vor ihm abwickelte. Nur lag ein tieferer, feierlicherer Ernst auf seinen sonst so milden und freundlichen Zügen, und schmerzlich zuckte es um seine Lippen, sooft das Krachen einer Salve der Geschütze herüberdrang, welche jedesmal so viel junges und hoffnungsvoll erblühendes Leben zerstörte.

Schweigend und unbeweglich stand einige Schritte hinter dem Könige der General von Moltke. Sein feines, geistdurchleuchtetes Gesicht zeigte keine Unruhe, keine Erregung und Spannung. Sein klares, helles Auge verfolgte mit scharfen, hellen Blicken alle Bewegungen der Truppen auf dem weiten Felde, und fast schien es, als habe dieser Blick die Kraft, durch die Ferne hin die Kolonnen zu bewegen und zu leiten und den Geschossen ihren Weg vorzuschreiben.

Der General von Roon hielt ein großes Teleskop in der Hand und blickte durch dasselbe nach den Höhen hinter Sedan hinüber.

Hochaufgerichtet, die Hand fest auf den Pallasch gestützt, stand der Bundeskanzler da, der eiserne Graf Bismarck, dessen in langen, mühevollen Jahren vorbereitetes Werk an diesem gewaltigen Entscheidungstage zu seiner Vollendung geführt werden sollte, freudige und stolze Zuversicht strahlte aus seinen markigen Zügen. Er wechselte zuweilen einige Worte mit dem neben ihm stehenden General Sheridan, und seine ganze Erscheinung trug den Stempel des Wortes, das er einst so freudig in kühnem Mut gesprochen hatte: »Wenn ich daran dächte, daß die preußische Armee geschlagen werden könnte, so würde ich nicht preußischer Minister sein.«

Immer mehr und mehr hellte sich der Nebel auf, welcher am Morgen die Gegend bedeckt und zuweilen die Aussicht getrübt hatte, und immer deutlicher konnte man erkennen, daß auf allen Punkten die preußischen Truppen im Vorrücken waren. Immer furchtbarer rollte der Kanonendonner von allen Seiten über das Schlachtfeld hin. Dazwischen hörte man den eigentümlich rasselnden Ton der Mitrailleusen, welche ihren Kugelregen den tapferen Deutschen entgegensandten, ohne sie aufzuhalten. Man sah Bazeilles in hellen Flammen stehen. Auch aus anderen Dörfern und Gehöften auf den Höhen hinter Sedan schlug Feuer und Dampf empor.

Immer wilder tobte die Schlacht, aber immer deutlicher zeigte sich den Blicken der Umgebung des Königs das Vorschreiten der deutschen Heere zum Siege.

Es war Mittag geworden. Da schwieg das Feuer der zwei französischen Batterien, welche auf einer Höhe neben dem Dorf Floing standen – eine preußische Batterie von sechs Kanonen, auf den Abhängen neben der zerstörten Eisenbahnbrücke über die Maas, unterhalb Donchery, auf dessen Höhe der Kronprinz von Preußen seine Stellung genommen, hatte diese erste unter den feindlichen Geschützpositionen zum Schweigen gebracht, – und unmittelbar darauf konnte man sehen, daß auch die französische Infanterie das Dorf Floing räumte.

Kaum war dies geschehen, so trat der General von Roon zum König heran und meldete, daß er durch sein Teleskop deutlich gesehen, wie hinter Sedan bei Illy die Verbindung der sächsischen und preußischen Korps vollzogen sei.

Ein feines Lächeln erschien auf dem Gesicht des Generals von Moltke.

»Jetzt sind sie vollkommen umzingelt, Majestät,« sagte er, »auch ein Entweichen nach Mézières oder nach der belgischen Grenze hin ist nicht mehr möglich. Die Entscheidung ist sicher und kann nur noch eine Frage der Zeit sein.«

Immer deutlicher wurde nun der Rückzug der Franzosen, welche sich von allen Seiten her nach Sedan zurück bewegten, und man sah mehr und mehr aufgelöste Bataillone aus den verschiedenen Dörfern und aus den Gehölzen her nach der Festung hineilen.

Immer schärfer konzentrierte sich das Feuer der deutschen Batterien um die Festung Sedan, welche immer enger von dem Feuerkreis eingeschlossen wurde, der Tod und Verderben auf die französischen Stellungen niederregnen ließ. Immer vollständiger wurde die Auflösung der französischen Kolonnen. Aber eine Flucht war für sie schon nicht mehr möglich, ringsum im weiten Kreise waren alle Wege verschlossen und alles warf sich in dichteren und dichteren Massen in die Festung hinein.

Dann schienen sich die Franzosen noch einmal, zuletzt in verzweifeltem Widerstand, aufraffen zu wollen, und während sie in der letzten Zeit überall nur gesucht hatten, ihre Positionen gegen die verschiedenen deutschen Korps zu halten, begannen plötzlich von Torcy her französische Kürassiere, deren Helme und Kürasse im Schein der jetzt hervorgebrochenen Sonne funkelten, einen wilden Angriff gegen fünf kleine Bataillone in Kompagniekolonnen und einige Jägerkompagnien.

Der König trat einen Schritt vor und verfolgte durch sein Glas diesen Angriff der französischen Kavalleriekolonne, welche in Schwadronssektionen mit vernichtender Gewalt heranjagte.

»Mein Gott,« rief der General Sheridan, zum Grafen Bismarck gewendet, »diese armen Teufel werden vernichtet werden! Sie können den Angriff der Kürassiere nicht aushalten.«

»Warten wir es ab«, sagte Graf Bismarck ruhig.

Dann trat er etwas vor, um den Angriff zu verfolgen.

Alle Blicke dieses großen glänzenden Stabes des Königs richteten sich auf den ungleichen Kampf, der sich dort unten in der Ebene entspann.

Immer wilder wurde der Ritt der französischen Schwadronen. Fest standen die preußischen Bataillone, indem sie nur durch eine leichte und einfach ausgeführte Bewegung die Distanz zwischen sich ein wenig erweiterten. Hoch wirbelte der Staub empor, die geschwungenen Pallasche der Kürassiere funkelten wie zuckende Blitze aus der Staubwolke.

Da endlich hatten sie die preußischen Bataillone erreicht, und nun erst gaben diese ein Schnellfeuer ab, welches sie in weißen Dampf hüllte und dessen ununterbrochenes Geprassel trotz des Kanonendonners bis zu dem Hügel, auf welchem der König stand, hörbar herübertönte.

Einen Augenblick stutzten die Kürassiere. Ihre Reihen schienen zu wanken und wandten sich von den Bataillonen ein wenig ab, so daß sie nun durch die zwischen denselben befindlichen Intervalle hindurchjagten und sich bald auf der anderen Seite derselben befanden, während sie das ununterbrochene Schnellfeuer unausgesetzt von allen Seiten her erfaßte und verfolgte. Als die Kürassiere hinter den Bataillonen angekommen, waren ihre Reihen gelichtet und aufgelöst, und der Weg, den sie gemacht, war dicht bedeckt mit Menschen und Pferden, die sich blutend und verstümmelt am Boden wälzten.

Schnell hatten sich die tapferen Reiter wieder formiert, und von neuem jagten sie nunmehr von der anderen Seite gegen die Bataillone heran. Abermals empfing sie ebenso ruhig, eben so wohl gezielt, ebenso ununterbrochen das Schnellfeuer der unerschrockenen kleinen Abteilung, und abermals jagten sie durch die Intervalle hindurch, dezimiert von den feindlichen Kugeln und bald in vollständiger Auflösung nach dem Ort ihrer früheren Stellung zurückfliehend.

Da setzten sich die preußischen Bataillone in Bewegung und im Doppelschritt verfolgten sie in fortwährendem Feuer die davonjagende schwere Kavallerie, ein wundersamer Anblick, wie er wohl nie in der ganzen Geschichte der Kriege sich dem Auge eines Feldherrn dargeboten hatte. Der König ließ sein Glas herabsinken. Sein Auge leuchtete vor Stolz und freudiger Rührung.

»Das war eine brave Tat,« sagte er, – »es sind Bataillone des fünften Korps – sie haben fast Unmögliches geleistet, – um so anerkennenswerter, je tapferer diese französischen Kürassiere sich gehalten haben.«

Der Graf Bismarck blickte lächelnd auf den General Sheridan, welcher ganz erstaunt und kopfschüttelnd in die Ebene hinabsah.

General von Moltke sagte kurz:

»Ich glaube, Majestät, daß die Schlacht gewonnen ist. Es handelt sich nur noch darum, die ganze feindliche Armee in und um die Festung zusammenzutreiben, wo dann ihre Kapitulation unvermeidlich sein wird.«

Wenige Augenblicke darauf kam der Kronprinz herangesprengt. Er sprang vom Pferde, eilte zum Könige hin und begrüßte in tiefer Bewegung seinen Vater.

»Du hast den Vormarsch deiner Truppen auf dem linken Flügel in dem Rücken des Feindes vortrefflich geleitet,« sagte der König, indem er mit freudigem Stolz auf die hohe, kräftige Gestalt seines Sohnes blickte, »und auch heute wieder danke ich dir einen großen Teil des Erfolges, der mit Gottes Hilfe gesichert zu sein scheint.«

Die Fürsten traten heran, und die feierliche, ernste Stimmung, die das ganze Gefolge des Königs beherrscht hatte, machte einer frohen und freudigen Bewegung Platz. Alle verfolgten das immer klarer sich entwickelnde Bild der ringsum eingeschlossenen französischen Armee, welche in stets sich verengendem Kreise um die Festung zusammengedrängt wurde.

*

Der Leutnant von Rothenstein hatte noch vor Anbruch des Tages das Hauptquartier des Generals von der Tann erreicht und seine Order überbracht.

Noch kurze Zeit hatte er sich in Remilly aufgehalten, um sein Pferd zu füttern und etwas ausruhen zu lassen. Dann hatte er gehört, daß das königliche Hauptquartier sich während der Schlacht wahrscheinlich in der Nähe von Frénois und Donchery befinden werde und war auf der Straße fortgeritten, welche sich fast am Ufer der Maas hin über Wadelincourt hinzieht, um von dort aus das Hauptquartier zu erreichen und so schnell als möglich wieder zu seinem Regiment zu gelangen.

Er konnte, am Ufer der Maas hinreitend, den ersten Angriff auf die französischen Positionen bei Bazeilles sehen, und unter dem immer lauter um ihn her rollenden Donner der Kanonen ritt er weiter.

Alle die traurigen Gefühle, welche sein Herz bewegt hatten, verschwanden fast in ihm bei diesem Ritt über die einsame, stille Straße hin, während ringsumher immer gewaltiger der Kampf entbrannte, von dem jedermann fühlte, daß er die Entscheidung bringen müßte. Seine Brust dehnte sich weiter aus, er blickte hinüber über den Fluß, auf welchem die weißen Nebel hin und her wallten, neben dem Flammenschein, der von Bazeilles her glühte, und das ganze Gefühl der Bedeutung dieses Tages, des großen nationalen Kampfes kam über ihn, mächtiger und kräftiger vielleicht noch bei diesem Ritt fern von dem Gewühl, als wenn er mitten im Gefecht des Kampfes gewesen wäre. Fast war er beschämt, daß er alles Denken, Trachten und Hoffen seines Lebens an diese eine Liebe gehängt hatte, wenn er hier von allen Seiten herübertönend immer schneller, immer lauter und erschütternder die Geschützschläge hörte, bei deren jedem so viele Herzen zu schlagen aufhörten, so viele Herzen, die alle sich freudig opferten für die Ehre und die Größe des Vaterlandes; hier, rings umgeben von dem Tosen der männermordenden Schlacht, welche so unzählige Blüten und zarte Empfindungen der Menschenseele zertrat, fragte er sich, ob es denn nichts Höheres und Größeres gebe, um das Leben auszufüllen, als die Liebe zu einem Wesen, das sich ihm nicht mit gleichem Gefühle zuwendete.

Immer freier wurde sein Sinn und inmitten dieses weiten Feldes, über welches der Tod als furchtbarer und unerbittlicher Herrscher dahinschritt, fand er in sich den Mut und die Kraft zum Leben wieder.

Er versuchte, von der Straße abweichend, über die bei St. Menges beginnenden bewaldeten Höhen nach der Gegend von Frénois hin zu gelangen.

Aber die einzelnen Truppen, die er hier antraf, hinderten ihn am weiteren Vorgehen. Auch waren die Wege zu verworren, um sich in denselben zurechtzufinden, so daß er nach längerem Zeitverlust beschloß, wieder auf die Straße zurückzukehren, um trotz des Umweges sicherer und schneller nach dem Standpunkt des Hauptquartiers zu gelangen.

So kam er auf die Ebene in der Nähe von Torcy. Hier standen mehrere Bataillone Infanterie und einzelne Kompagniekolonnen. Und schnell ritt der junge Mann an eine Kompagnie des sechsundvierzigsten schlesischen Infanterieregiments heran.

»Herr Kamerad,« rief er dem an der Spitze seiner Kompagnie haltenden Hauptmann zu, »wissen Sie, wo das große Hauptquartier hält? Mein Gott, Herr Hauptmann Steinbrunn,« sagte er, als der Hauptmann grüßend zu ihm aufblickte, »Sie hier? Ich freue mich, Sie wohl zu sehen, und wünsche, daß Sie weiter glücklich die Gefahren des Feldzuges überstehen.«

Er reichte dem Hauptmann Steinbrunn die Hand, der herzlich seinen Gruß erwiderte und dann sagte:

»Sehen Sie, dort auf jenem Hügel drüben – Sie werden die großen Gruppen der Uniformen erkennen, dort ist Seine Majestät und das große Hauptquartier, soviel ich weiß. Sie werden gut tun, die Straße bis gegen Frénois hinaufzureiten, um von da nach der Höhe zu gelangen.«

»Gott befohlen, Herr Kamerad«, sagte der Leutnant von Rothenstein und wandte, nachdem er noch einmal die Hand des Hauptmanns gedrückt hatte, sein Pferd nach der Richtung hin, welche dieser ihm bezeichnete.

Da dröhnte von der anderen Seite her der Hufschlag zahlreicher Kavallerie heran.

»Mein Gott,« rief der Hauptmann, »französische Kürassiere! Sie stürmen hierher, sie sind schon ganz nahe! Wir müssen sie empfangen.«

In der Tat sah man die dichten Linien in glänzenden Panzern mit den wehenden Roßschweifen auf den Helmen heranjagen.

Ruhig und kaltblütig gab der Hauptmann die Kommandos. Der Leutnant von Rothenstein ritt an die Seite der Kompagnie und zog den Pallasch. Die Soldaten standen unbeweglich, die Gewehre im Anschlag. Der Hauptmann maß mit ruhigem, sicherem Blick die sich mit jeder Sekunde vermindernde Distanz, welche ihn von den französischen Reitern trennte.

Da waren diese in nächster Nähe vor der Kompagnie angelangt. Man mußte glauben, daß im nächsten Augenblick die mit unwiderstehlicher Gewalt daherbrausende Masse der schweren Eisenreiter dieses kleine Häuflein Infanteristen erdrücken und in die Erde stampfen werde.

»Feuer!« rief der Hauptmann Steinbrunn mit festem, klarem Kommandoton.

Und im selben Augenblick blitzte es aus allen diesen den Kürassieren entgegengestreckten Gewehren. Ein dichter Hagel von Kugeln schlug in die feindlichen Reihen. Blitz auf Blitz folgte in Sekundenschnelle. Man hörte keine einzelnen Schüsse mehr, das Feuer prasselte wie eine ununterbrochene Explosion und wie in dichten Garben flogen die Kugeln durch die Luft.

Fast das ganze erste Glied der Kürassiere stürzte nieder, die folgenden drängten darüber hin. Gewaltig rissen die Reiter ihre Pferde herum, und die ganze verderbendrohende Schar brauste seitwärts hinschwenkend an der Kompagnie vorbei, welche keinen Augenblick ihr Feuer unterbrach.

Andere Schwadronen waren in ähnlicher Weise von den übrigen Infanterieabteilungen empfangen worden, und in wenigen Augenblicken befand sich diese ganze Masse feindlicher Kavallerie hinter den schwachen Infanteriekolonnen, ohne daß die Glieder einer einzigen derselben erschüttert waren.

Einen Augenblick schwieg das Feuer. Die Kürassiere formierten sich wieder und stürmten von der anderen Seite abermals heran.

»Feuer!« kommandierte der Hauptmann Steinbrunn abermals kalt und ruhig, wie auf dem Exerzierplatz.

Und abermals prallten die Kürassiere vor diesem entsetzlichen Kugelregen zurück. Abermals streiften sie seitwärts an der Kompagnie vorbei, wenige Soldaten derselben teils mit Säbelhieben, teils mit Karabinerschüssen niederstreckend.

Der Leutnant von Rothenstein hatte an der Seite der Kompagnie gehalten und mit flammendem Blick den so ungleichen Kampf der kleinen Abteilung gegen die überlegene feindliche Kavallerie angesehen.

Als zum zweiten Male die Kürassiere gegen die Kompagnie heranprallten, als der Hauptmann Steinbrunn, seinen Degen erhebend, seinen Kommandoruf »Feuer« erschallen ließ, da wurde das Reiterblut des jungen Offiziers lebendig. Mit unwiderstehlicher Macht riß es ihn fort, sich in diesen Kampf hineinzustürzen.

Er drückte seinem Pferde die Sporen in die Seiten, mit einem mächtigen Satz stieg das edle Tier empor und hoch den Pallasch über seinem Haupte schwingend, sprengte er auf die französischen Kürassiere ein.

Einer der feindlichen Reiter hatte eben seine Waffe über dem Kopf eines Infanteristen erhoben, – ein wuchtiger Schlag von dem Pallasch des Leutnants von Rothenstein schmetterte den erhobenen Arm nieder. Einige andere der vorbeijagenden Kürassiere bemerkten den plötzlichen Angriff dieses Reiters im weißen Waffenrock auf dem hoch aufsteigenden Pferde.

Sie glaubten, die preußische Kavallerie rücke heran, und riefen im Ton des Schreckens:

»Preußische Kürassiere!«

Dieser Ruf verbreitete sich weiter und während die Kugeln der Kompagnie des Hauptmanns Steinbrunn in die Schwadronen einschlugen, flogen diese in immer schnellerer Eile dahin, hart verfolgt von diesem einzelnen Kürassier und von dieser kleinen Infanterieabteilung, welche im Dublierschritt dem Feinde nacheilte, der eine lange Spur von Verwundeten und Toten zurückließ.

Fortgerissen von dem Rausch des Kampfes, jagte der Leutnant von Rothenstein weiter und weiter, nicht daran denkend, daß er sich immer mehr und mehr von der preußischen Position entfernte und daß er, ebenso wie die Feinde, die er verfolgte, dem Schnellfeuer der Infanterie ausgesetzt wäre.

Die feindlichen Schwadronen begannen langsamer zu reiten. Einige der Kürassiere in den letzten Linien blickten zurück und sahen diesen einzelnen feindlichen Offizier, der hinter ihnen herjagte. Sie warfen ihre Pferde herum und sprengten ihm entgegen.

»Ergeben Sie sich!« rief der erste der französischen Reiter, indem er sein Pferd fast unmittelbar vor Herrn von Rothenstein parierte und den Karabiner auf ihn anlegte.

Ein wuchtiger Hieb, den der junge Offizier nach dem Haupt des Franzosen führte und der vom Helm auf die Schulter herabglitt, war die Antwort.

Der feindliche Kürassier schwankte einen Augenblick im Sattel und sank dann seitwärts vom Pferde hinab. Im Hinabsinken aber entlud sich sein Karabiner und Herr von Rothenstein, der den ihn zunächst Angreifenden entgegensprengte, fühlte es wie einen warmen Strom durch sein Knie ziehen.

Drei bis vier feindliche Kürassiere drangen auf ihn ein.

Ein heißer Kampf entspann sich. Die blitzenden Klingen sausten durch die Luft und klirrten gegeneinander. Mehrere Karabinerschüsse krachten aus unmittelbarer Nähe gegen den jungen Mann. Ein mächtiger Schlag traf seinen Helm. Wie betäubt beugte er sich vorwärts zusammen, – noch einmal raffte er sich empor und schwang seine Klinge wirbelnd über dem Kopf. Da fühlte er einen heftigen Schlag gegen die Brust, seine Blicke verdunkelten sich, seine Gedanken schwanden und in jähem Sturz sank er von seinem Pferde herab neben einige feindliche Reiter, welche von den Kugeln der preußischen Infanterie zu Boden gestreckt waren, während sein Pferd in blindem Lauf davonjagte.

Dies war der Kampf gewesen, der von dem Hügel, auf welchem das Hauptquartier stand, bemerkt worden war und die anerkennende Aufmerksamkeit des Königs auf sich gezogen hatte.

Der Kavallerieangriff war die letzte französische Offensivbewegung gewesen. Von diesem Augenblick an sah man die unordentlich durcheinander treibenden französischen Truppen sich immer enger um die Festung zusammenziehen, und auf allen Höhen umher blinkten die preußischen Helmspitzen.

Die Schlacht war gewonnen. Die feindliche Armee war fest eingeschlossen und in ihrem innern Gefüge völlig aufgelöst.

»Wir können viele Menschenleben retten,« sagte der König zum General von Moltke gewendet, indem er mit einem weiten Blick das Schlachtfeld überflog, »wenn wir jetzt das Feuer der Batterien nur noch auf die Festung konzentrieren, um diese in Brand zu schießen und so die feindlichen Generale zu überzeugen, daß die Ergebung unvermeidlich ist.«

General von Moltke neigte schweigend das Haupt und einen Augenblick darauf flogen die Ordonnanzoffiziere mit den Befehlen des Königs in scharfem Ritt nach allen Richtungen dahin.

Bald sah man, wie von den zunächstliegenden Batterien zuerst, dann immer weiter von allen Seiten her die durch die Luft fliegenden Geschosse mit den weißen Pulverwölkchen über die flüchtigen französischen Truppen hin, alle in weitem Bogen, ihren Weg nach der Festung Sedan hin nahmen und auf diesen Mittelpunkt der ganzen feindlichen Aufstellung verderbenbringend niederfielen.

Alle Blicke richteten sich gespannt dorthin, um den Ausgang dieser konzentrierten Beschießung zu erwarten.

Lange zeigte sich keine Wirkung. Endlich stieg links von dem Turme der Kirche langsam eine schwarze Wolke empor. In gerader Linie stieg sie höher und höher, unten tief schwarz, oben weißlich grau sich auseinander breitend, wie die riesige Krone eines gespenstischen Baumes. Dann leuchtete ein roter Glutschein auf und einige Sekunden später leckten die hellen Flammen empor.

»Jetzt ist es Zeit«, sagte der König. Und schnell sich umwendend, rief er den Oberstleutnant Bronsart von Schellendorf vom großen Generalstab heran und befahl ihm, nach der Festung zu reiten und den kommandierenden französischen General zur sofortigen Kapitulation und Übergabe der Festung und der Armee aufzufordern.

Der Oberstleutnant schwang sich auf sein von der hinteren Seite des Hügels herangeführtes Pferd und jagte den Abhang hinab nach der auf Sedan zu führenden Chaussee hin.

Kaum war er abgeritten, so schwieg das Feuer plötzlich in der Nähe von Sedan und zugleich erschien ein Adjutant des bayerischen Brigadekommandos, welches Frénois besetzt hielt, und meldete, daß einzelne Truppen der Brigade bereits bis auf das Glacis von Sedan vorgedrungen wären und daß auf den Mauern von Sedan die weiße Fahne aufgezogen sei.

Der König befahl, daß bei der bayerischen Brigade das Feuer eingestellt werden solle, und unmittelbar darauf schwieg auf der ganzen Linie, welche Sedan umgab, eine Batterie nach der anderen.

Wunderbar berührte die tiefe Stille, welche fast plötzlich dem furchtbaren Geschützdonner folgte.

Ernst und schweigend stand der König da, immer über das weite Feld des blutigen Kampfes hinblickend. Nur wenige Worte wechselte er hin und wieder mit dem Kronprinzen und den Fürsten und Generalen seiner Umgebung.

Da hörte man von Sedan her laute jubelnde Hurrarufe erschallen. Sie pflanzten sich nach allen Seiten hin fort und drangen immer deutlicher zu dem Hügel hinauf.

Es war sechs Uhr.

Im raschen Trabe ritt der Oberstleutnant Bronsart von Schellendorf heran, sprang vom Pferde und näherte sich mit freudig erregter Miene dem Könige.

Die Fürsten und Generale traten heran, und die ganze Suite drängte sich so nahe, als es irgend möglich und schicklich war, an die Gruppe, welche den König und den Kronprinzen unmittelbar umringte.

»Majestät,« sagte der Oberstleutnant von Bronsart im Ton dienstlicher Meldung, aber mit einer vor innerer Bewegung zitternden Stimme, »ich habe Allerhöchstihren Befehl ausgeführt, die weiße Fahne ist aufgezogen, die Kapitulation wird erfolgen, wie mir der Kaiser Napoleon gesagt hat, mit dem ich deshalb gesprochen.«

Der König trat mit einer Bewegung des lebhaften Erstaunens einen Schritt vor.

»Mit dem Kaiser selbst?« fragte er. »Ist denn der Kaiser bei der Armee? Ich habe geglaubt, er wäre schon mit dem kaiserlichen Prinzen nach Mézières gegangen, um sich auf diesem Wege nach Paris zurückzubegeben.«

»Eure Majestät halten zu Gnaden,« sagte der Oberstleutnant von Bronsart, »ich bin zum Kaiser geführt worden und habe ihn selbst gesprochen. Ein französischer General wird mir unmittelbar folgen und einen Brief des Kaisers überbringen.«

Der Oberstleutnant erzählte nun genau alle Umstände seiner Begegnung und schilderte ausführlich den Zustand entsetzlicher Ratlosigkeit und Verwirrung, welche er in der Festung bei den Truppenteilen, die er gesehen, und bei dem kaiserlichen Hauptquartier selbst gefunden.

Freude leuchtete auf allen Gesichtern, und die ganze Umgebung des Königs teilte sich untereinander, von der Bewegung des Augenblicks fortgerissen, lauter als sonst in der Nähe des Monarchen, ihre Bemerkungen über dies große, folgenschwere Ereignis mit.

Nur der König allein stand ernst da, wie tiefe Rührung zuckte es über sein Gesicht. Stille, fromme Dankbarkeit lag in dem Blick, den er zu dem vom Abendstrahl der untergehenden Sonne beleuchteten Himmel emporrichtete.

Von allen Seiten her drangen die immer lauteren Jubelrufe der Truppen heran.

Da sah man auf dem Wege von Sedan her drei Reiter heransprengen. Man erkannte die Uniform eines französischen Generals. Neben demselben ritt ein Trompeter, auf der anderen Seite ein preußischer Generalstabsoffizier.

»Es ist der General Reille,« sagte der Kronprinz, welcher durch sein Glas hinübergeblickt hatte, »der bei unserem Besuch in Paris zur Dienstleistung bei mir kommandiert war.«

Der König neigte den Kopf.

»Ich bitte alle, sich zurückzuziehen«, sagte er mit einer Handbewegung gegen seine Umgebung.

Und augenblicklich trat das ganze Gefolge, ebenso auch der Kronprinz und die Fürsten weit zurück.

Der König stand allein in seiner festen militärischen Haltung auf dem Hügel. Von unten herauf fielen noch hier und da einzelne Schüsse. Jenes leise Klirren und jenes unbestimmte, verworrene Stimmenbrausen, welches stets über großen Truppenkörpern schwebt, zitterte durch die Luft. Es war einer jener gewaltigen Momente, in denen die Weltgeschichte halt macht, um einen Denkstein aufzurichten am Wege der dahinrollenden Jahrhunderte.

Der General Reille war bis auf etwa zwanzig Schritte zum Könige herangekommen. Er hielt an, stieg vom Pferde und näherte sich, das goldgestickte Käppi in der Hand, dem siegreichen königlichen Oberfeldherrn der deutschen Heere.

»Sire,« sagte er mit tiefernstem, traurigem Ton, als er vor dem Könige stand, der, die Hand an den Helm legend, seinen Gruß erwiderte, »ich habe einen Brief des Kaisers zu übergeben, sonst aber weiter keinen Auftrag.«

Und er reichte ehrerbietig dem König das versiegelte Schreiben hin, das er trug.

Der König streckte die Hand nicht aus, dasselbe zu empfangen.

»Ich habe«, sagte er, indem sein Blick ernst und fest auf dem General ruhte, »vor allem eine Bedingung zu stellen, und zwar die, daß die französische Armee ihre Waffen niederlegt.«

General Reille verneigte sich schweigend.

Der König nahm den Brief, öffnete das Siegel und durchlas seinen Inhalt. Dann wandte er sich rückwärts, rief den Kronprinzen, den Grafen Bismarck, General von Moltke und den Kriegsminister von Roon, welche rasch herantraten und sich um seine Majestät gruppierten.

Der König las den Brief vor und sprach einige Augenblicke mit seinem Sohn und den herangerufenen Herren.

Dann rief Graf Bismarck den Legationsrat Grafen Hatzfeld, der sich bei dem Gefolge befand, und nach dem Diktat Seiner Majestät schrieb dieser auf ein Blatt seines Portefeuilles die Antwort nieder.

»Nun gilt es, einen Brief zu schreiben,« sagte der König, indem ein leichtes Lächeln einen Augenblick über seine ernsten Züge flog, »ohne Tisch, ohne Feder und Papier.«

Schnell eilten einige Offiziere davon. Aus irgendeinem in der Nähe liegenden Gehöft wurden zwei Stühle herbeigebracht. Der Flügeladjutant, Major von Alten, stellte dieselben übereinander. Der Leutnant von Gustaedt vom Gardehusarenregiment, welcher als Ordonnanzoffizier zum Kronprinzen kommandiert war, legte seine Säbeltasche als Schreibunterlage auf den Sitz des obersten Stuhles. Der Großherzog von Sachsen-Weimar reichte dem Könige aus seinem Taschenportefeuille einen Bogen Papier und eine Stahlfeder, und so schrieb Seine Majestät die dem Grafen Hatzfeld diktierte Antwort ab, während Graf Bismarck zu dem General Reille hintrat und ihn mit freundlichem Händedruck begrüßte.

Als der König den Brief beendet, reichte ihm der Kronprinz ein Kuvert aus seiner Brieftasche. Der König verschloß dasselbe und trat dann zu dem General Reille hin, welcher sich schnell näherte.

»Mein General,« sagte er, »hier meine Antwort, die ich Sie bitte, dem Kaiser zu überbringen. Ich bedaure,« fügte er mit mildem, freundlichem Ton hinzu, »daß ich Sie in einem so ernsten und für Sie schmerzlichen Augenblick wiedersehe. Ich habe mich«, fuhr er fort, »stets gern der Zeit erinnert, wo ich in Paris die Freude hatte, Ihre Bekanntschaft zu machen – unter anderen, freundlicheren Verhältnissen – an deren Änderung ich keine Schuld trage.«

Auch der Kronprinz begrüßte mit Herzlichkeit den General Reille, der sich dann mit ehrerbietiger Verbeugung vor dem Könige zurückzog und wieder, von dem Trompeter und dem Generalstabsoffizier begleitet, auf dem Wege nach Sedan fortritt. Während die Fürsten, der Bundeskanzler und die Generale den König und den Kronprinzen umringten, brachen die unbeschreiblichen Gefühle des ganzen Gefolges in lauten Jubelrufen aus. Man umarmte sich, man schüttelte sich die Hände, man konnte nicht Worte finden, um das auszudrücken, was die Herzen empfanden an diesem Siegestage, der alles überbot, was die letzten Jahre schon an großen Ereignissen herbeigeführt hatten, an diesem Tage, der die große Armee der stolzen und kriegerischen Nation zu Boden warf und den Kaiser, welcher Deutschland so vermessen herausgefordert, zum Gefangenen machte.

Der König blieb ruhig, ernst und still und hörte schweigend die begeisterten Worte seiner Umgebung an. Endlich wandte er sich zum Grafen Bismarck.

»Ein großes, welthistorisches Ereignis hat sich vollzogen,« sagte er, »aber den Frieden bringt es uns nicht, den Frieden, dessen die Völker so sehr bedürfen und den ich ihnen so gern geben möchte.«

Betroffen hörten die Generale diese Worte des Königs, deren ernster, fast trauriger Ton wunderbar gegen die allgemeine freudige Stimmung abstach.

»Endlich, Majestät,« erwiderte Graf Bismarck, »wird aber der Frieden doch kommen, und zwar«, fügte er mit metallisch klingender Stimme hinzu, »ein Friede, den keine fremden Federn verderben und verpfuschen sollen. Diesmal soll das deutsche Blut nicht umsonst vergossen sein!«

Der König neigte freundlich den Kopf und stand noch einige Augenblicke in schweigendem Sinnen da, dann befahl er, sein Pferd vorzuführen und ritt, vom ganzen Gefolge begleitet, während der Abend immer tiefer hereindunkelte, zu seinem in der Nähe von Chéhéry wartenden Wagen.

Hier befahl der König dem General von Moltke und dem Bundeskanzler Grafen Bismarck, in Donchery zurückzubleiben, um mit dem General von Wimpffen über die Kapitulationsbedingungen zu unterhandeln und am anderen Tage früh den Bericht über den Abschluß der Verhandlungen nach dem Hauptquartier zu senden.

Dann umarmte er noch einmal den Kronprinzen, der sich hier verabschiedete, und fuhr durch den bereits tiefdunklen Abend im großen Bogen nach Vendresse zurück, überall begrüßt von dem jubelnden Zuruf der Truppen, welche an den Weg herandrängten, sobald sie die dem Wagen voransprengenden Reiter der Stabswache erkannten.

In dem von der großen Bewegung der Armee zurückliegenden Dorfe Vendresse war erst spät die so wunderbare Entscheidung des Tages bekannt geworden, – die Zivilbeamten des Hauptquartiers standen in Gruppen auf dem Marktplatze, die nacheinander eintreffenden Nachrichten von der Übergabe der Festung und der Gefangennahme des Kaisers einander mitteilend und besprechend, die Soldaten beleuchteten die Fenster der Häuser, indem sie alles requirierten, was die Einwohner an Lampen und Lichtern besaßen, – noch machten sich hier und da Zweifel geltend, namentlich an der Gefangennahme des Kaisers Napoleon, da man dessen Anwesenheit in Sedan gar nicht vermutet hatte, – bis endlich an den ersten Häusern der Wagen des Königs mit der Eskorte erschien. Auf dem Marktplatze flammte ein aus aufgeschichteten Strohbündeln rasch improvisiertes Feuer empor und beleuchtete mit seinem hellen Schein alle diese frohen, glücklichen Gesichter, die dem vorüberfahrenden siegreichen Kriegsherrn ihr jubelndes Hurra entgegenriefen. Die Generale und Offiziere der königlichen Umgebung fuhren nun in rascher Folge heran und bald verbreiteten sich die bestimmten und ausführlichen Nachrichten über die gewaltigen welthistorischen Ereignisse des Tages.

Der König war vor dem Haumontschen Hause abgestiegen, die Generale und Offiziere des Hauptquartiers versammelten sich zum Tee, und vor den erleuchteten Fenstern der königlichen Zimmer standen neugierige Gruppen, nach den hinter den Scheiben erscheinenden und verschwindenden Gestalten hinblickend und spähend, ob unter ihnen nicht der geliebte und bewunderte Herrscher zu erkennen sei.

Da stellte sich die Musik des Königs-Grenadierregiments unter den Fenstern auf und bald erklangen durch die Nacht die Töne der mächtigen Melodie des preußischen Volks- und Heergesangs: »Heil dir im Siegerkranz!«

Wunderbar ergriff diese Melodie alle Herzen, diese Melodie, die in ihren wenigen, einfachen Takten ein ganzes Buch erschütternder Völkergeschichte enthält, bei deren Tönen die preußischen Heerfahnen rauschen und die Trophäen preußischen Ruhmes klirrend erbeben, – in vielen großen Augenblicken war dieses Lied schon erklungen, aber noch nie hatte ein so voller Lorbeerkranz herrlichsten Sieges das Haupt eines preußischen Königs geschmückt, noch keinem preußischen Könige war aus allen Herzen im lange geteilten Deutschland ein so einstimmiger Heil- und Segensruf entgegengebracht worden.

Drüben von Sedan herüber leuchtete noch rote Glut am schwarzen Nachthimmel herauf – hier brannten die Lichter in festlichem Schein an den Fenstern der Häuser, – die erste improvisierte Illumination im kleinen, stillen Dorfe, deren Schein bald weit sich fortpflanzend in den Freudenfeuern des ganzen Deutschlands widerstrahlen sollte – vor der einfachen Wohnung des königlichen Feldherrn, der, mit dem Schwerte Deutschlands umgürtet, die geeinigte Nation im alten Zeichen des Kreuzes zu so herrlichem Siege geführt hatte, klang das Lied einer großen Vergangenheit in die deutsche Zukunft hinein – und alle diese Gruppen bewegten leise, wie in stillem Gebet, die Lippen – aus vollem Herzen quoll es hervor in unbeschreiblicher Empfindung:

»Heil dir im Siegerkranz!«

Dreißigstes Kapitel

Während der König Wilhelm, begrüßt von dem Jubelruf seiner siegreichen Truppen, durch die erleuchteten Ortschaften hin am Abend der Schlacht nach Vendresse zurückfuhr, während der General von Wimpffen voll Verzweiflung über das traurige Schicksal, welches seine militärische Karriere auf diese Weise beendete, mit dem Grafen Bismarck und dem General von Moltke über die Kapitulationsbedingungen verhandelte, während der Kaiser Napoleon in der Geburtsstadt Turennes einsam über die Hinfälligkeit irdischen Ruhms und irdischer Größe nachdachte, sank die Nacht tiefer und tiefer auf das Schlachtfeld herab, auf welchem am Tage vorher die Blüte der Jugend zweier großer Nationen im heißen Vernichtungskampf sich gegenübergestanden hatte.

Die siegreichen und die besiegten Truppen hatten sich von diesem Felde des Schreckens zurückgezogen – die Schlacht war zu Ende. Alle, die geschlagen hatten, blickten hoffnungsfreudig oder schmerzvoll und finster in die Zukunft. Sie alle gedachten nicht mehr der vergangenen Stunden, sie sahen nicht das furchtbare, stille Nachspiel dumpfer, verzweiflungsvoller Leiden und Schmerzen auf dem weiten Plan, auf welchem so viel heldenmütige Selbstaufopferung, so viel tapfere Todesverachtung geübt worden war, – Aufopferung, – Todesverachtung – wie schön, wie groß klingen diese Worte! Wie lassen sie das Herz höher schlagen in kühner Aufwallung! Wie haben sie die Dichter aller Zeiten begeistert zu herrlichen Gesängen, von Homer und Pindar bis zu Körner und Schenkendorf!

Wenn das Opfer nur immer vollzogen werden könnte durch einen gewaltigen, vernichtenden Streich, wenn der Tod sich dem Haupte der Helden nahte, wie der aus den Wolken herabzuckende Blitzstrahl, im lichten Flammenschein das Leben und die Empfindungen zerstörend. Aber nicht alle sind auserwählt, so zu fallen, sanft und freundlich berührt vom raschen Kuß des Todesengels, der seine Lippen auf ihre stolzerhobene Stirn drückt und mit schneller Wendung die lodernde Fackel verlöscht.

Anders und schrecklich zeigt sich der Genius der Zerstörung, wenn er wie ein bleiches, kaltes Gespenst, das Haupt umwallt von den Schlangen tausendfacher Qualen, einherfährt durch die Nacht über ein blutgetränktes Schlachtfeld. Glücklich die Toten, welche da auf der kalten Erde liegen, die Kugel im Herzen, das noch tags vorher so liebevoll und hoffnungsreich schlug, die Glieder zerrissen, welche so kräftig sich spannten, das Gehirn verspritzt, das die Träume künftigen Glückes erfüllte – sie haben geendet, hinter ihnen liegt die irdische Welt mit ihren Freuden, aber auch mit ihren Leiden, – sie sind eingegangen zu ewiger Verklärung und zu ewigem Frieden, den der staubgeborene Mensch vergeblich sucht in dieser Welt des Kampfes, der Feindschaft, des Neides und der Bosheit.

Aber die Sterne, welche heraufziehen am nächtlichen Himmel über die Stätte des Kampfes der Menschen, die Gott zu Brüdern geschaffen, sie blicken nicht nur herab auf die Toten, welche die Rechnung ihres Lebens geschlossen und ihre Hoffnungen und Wünsche, ihren Kummer und ihre Leiden hinübergenommen haben in den alles versöhnenden Schoß der Ewigkeit – der zitternde, matte Strahl der Lichter des Firmaments, welche die Hand der ewigen Allmacht und Liebe entzündete, senkt sich auch nieder auf jene Tausende, welche, von der zerstörenden Waffe getroffen, zu Boden gesunken sind, ohne daß die Wurzeln des Lebens durchschnitten wurden, und welche daliegen, verstümmelt, blutend, leidend in allen Fasern ihres Wesens, ohne das Gefühl des Bewußtseins ihrer Leiden verlieren zu können, und welche starren Blickes emporschauen zum Himmel, die verzweifungsvolle Frage auf den bleichen Lippen, warum sie geboren wurden, um so viele Leiden zu ertragen, warum der Engel des Todes sie nur gestreift hat mit seinen Flügeln, ohne ihnen die Wohltat der Vernichtung zu gewähren.

Diese Unglücklichen, einsam Leidenden und Verzweifelnden sehen sie nicht, die jubelnden Sieger auf der einen Seite, die finsteren Besiegten auf der anderen, – sie sind allein unter dem dunklen Gewölbe des Himmels, das für ihre Klagen kein Echo, für ihre Leiden keinen Trost hat, – allein mit dem Tode, der ihnen nicht nahen wollte in der flammenden Wetterwolke der Schlacht, der wie eine kalte Schlange langsam ihre Glieder umwindet und sich heranringelt zu dem fühlenden, leidenden Herzen, das mit der letzten Kraft seiner Lebenswärme in hoffnungslosen Schlägen sich müht und quält. –

Doch nein – wo der Himmel schweigt, wo die Sterne kalt und teilnahmslos herabblicken, da regt sich die Liebe und das Erbarmen, welche Gott in seine Geschöpfe legte und welche nach den Taten des Hasses das Werk der Barmherzigkeit beginnen. Von allen Seiten ziehen sie heran unter dem Zeichen des roten Kreuzes, die Kolonnen, welche dem Dienst der christlichen Liebe geweiht sind, die Ambulanzen mit den Ärzten, den Johannitern, den barmherzigen Schwestern und Diakonissinnen, diesen Priesterinnen der tätigen Liebe, die den Spuren des Dämons der Zerstörung unermüdlich folgen in reinerem und schönerem Gottesdienst, als er jemals vor den Altären der hochgewölbten Dome geübt wurde. Sie bringen den Leidenden Hilfe, den Verschmachtenden Erquickung, den Verzweifelnden Trost und gläubige Ergebung.

Aber neben diesen Dienern und Boten des Heils, des Lichtes und der Liebe öffnen sich auch von der anderen Seite die finsteren Abgründe des Verbrechens und aus ihnen hervor steigen, von den Geistern niedriger Habgier getrieben, jene Gestalten hervor, welche zweifeln lassen an der göttlichen Abstammung unseres Geschlechts, und welche fast zu dem Glauben berechtigen, daß auch der Hölle die Macht gegeben ist, ihre Geschöpfe in unsere zwischen Licht und Finsternis schwebende Welt heraufzusenden.

Hoch aufgetürmt lagen die Leichenhaufen an der Stelle, an welcher die tapferen preußischen Bataillone den Angriff der französischen Kürassiere abgeschlagen hatten und an welcher der Leutnant von Rothenstein schwer getroffen vom Pferde gesunken war.

Stunden waren vergangen seit jenem wilden Kampf, einsam und still war diese Stelle, nur von weither drangen die Stimmen der biwakierenden Truppen herüber, – starr und bleich lag der junge Offizier in der weiß und schwarzen Uniform des berühmten Regiments der schlesischen Kürassiere auf dem vom Nachttau befeuchteten Boden. Der Helm war von seinem Haupt gesunken, ein Säbelhieb hatte seine Stirn gestreift und seine Haare klebten, von Blut durchströmt, an seinen Schläfen. Er hatte die Hände auf seine Brust gedrückt, Blut rieselte zwischen seinen starren Fingern hervor und seine gebrochenen Augen waren von den herabgesunkenen Lidern halb bedeckt. Um ihn her lagen französische Kürassiere und Pferde, – alle tödlich getroffen. Das Leben schien von dieser Stelle gewichen und der bleiche, starre Tod lag auf allen diesen Körpern, welche noch vor kurzer Zeit von Kraft und Kampfesmut geschwellt waren.

Da zuckten die Augenlider des unbeweglich am Boden ausgestreckten Offiziers, sie senkten sich vollständig über die halb offenstehenden, gebrochenen Augen herab und hoben sich dann wieder empor. Der starre Ausdruck des Todes war aus den Augen verschwunden und mit großen, verwunderten Blicken schauten dieselben in das vom Sternenschein matt erhellte Dunkel. Ein langer, mühsamer Atemzug hob die Brust des jungen Mannes. Er machte eine Bewegung, um sich emporzurichten, aber die Kraft versagte ihm, ein schwerer, drückender Schmerz lastete auf seiner Brust, er hatte ein Gefühl, als sei sein linker Fuß an den Boden geheftet, und ein brennender Schmerz in der linken Schulter machte ihm jede Bewegung unmöglich. Dumpfes Fieber zitterte durch seine Glieder und betäubte seine Gedanken, ein quälender Durst dörrte seine Zunge und seinen Gaumen, und allmählich gewaltsam seine Gedanken sammelnd, kam er zum Bewußtsein seiner Lage, – er sah die Leichen um sich her, er fühlte seine hilflose Einsamkeit, und der entsetzliche Gedanke, hier, umringt von den Schauern des Todes, zu verschmachten, ließ ihn fast die kaum wiedergewonnene Kraft des Denkens verlieren.

Dann aber regte sich in ihm der mächtige Instinkt der Lebenserhaltung, welchen die Natur in jedes geschaffene Wesen gelegt, und er versuchte, sich zu erheben, um irgendwie einen erquickenden Trunk zu erlangen. Aber jede Bewegung war mit unendlicher Mühe verbunden, seine ganze Kraft war durch Blutverlust erschöpft, der rechte Arm und der rechte Fuß waren die einzigen Glieder, deren Nerven und Muskeln noch dem Willen gehorchten.

Langsam richtete er sich, auf die Hand und das Knie gestützt, empor, mit mächtiger Anstrengung den Schwindel überwindend, der ihn erfaßte.

Kein Bach, keine Wasserpfütze zeigte sich seinen Blicken. Nichts als zerstampftes, trockenes Gras und verstümmelte Leichen umher.

Aber mit seiner letzten Kraft kroch er, immer auf das Knie und die Hand sich stützend, zu einem in seiner Nähe halb von seinem Pferd bedeckt liegenden französischen Kürassier, um zu versuchen, ob in den Taschen des Toten eine Feldflasche zu finden sei. Auf das gefallene Pferd gestützt, beugte er sich zu dem Toten hinüber, der in der krampfhaft geschlossenen Hand seinen Karabiner hielt, und dessen Gesicht, von einer Kugel zwischen beide Augen getroffen, ihn in gräßlicher Verzerrung anstarrte.

Er überwand den Schauder vor diesem furchtbaren Anblick, und indem er sich mit der Brust auf das tote Pferd lehnte, senkte er seine Hand in die Uniformtasche des gefallenen Soldaten, und der tote Feind bot ihm hier, so fern von aller Hilfe der Lebenden, die ersehnte Labung. Er fand eine kleine, mit Korbgeflecht umzogene Flasche. Mühsam öffnete er dieselbe mit den Zähnen und sog mit durstigem Zug den darin befindlichen Rotwein ein.

Ein neues Gefühl des Lebens durchströmte ihn, seine Blicke wurden freier, seine Gedanken klarer, sein Blut begann zu rollen und die Hoffnung hob das in diesem zertrümmerten Körper fast erstarrte Herz zu neuen Schlägen empor. Er strengte seine ganze Kraft an, um einen Hilferuf erschallen zu lassen, der vielleicht die Sanitätskolonnen zu seiner Rettung herbeiziehen konnte, aber es drang nur ein matter Ton aus seinen Lippen und traurig ließ er den Kopf auf den Sattel des toten Pferdes sinken.

Der Trunk aus der Feldflasche des französischen Kürassiers hatte zwar seine Kräfte gestärkt und neue Lebenswärme durch seine Glieder strömen lassen, aber er begann nun auch den Schmerz seiner Wunde zu fühlen, welchen er in seiner früheren Betäubung kaum empfunden hatte, und sein ganzer Körper erzitterte unter dem schneidenden Wehgefühl in seinen verwundeten Gliedern. Der Schmerz wurde so überwältigend, daß von neuem seine Sinne sich verwirrten. Er versank in einen traumartigen Zustand, eine glühende Hitze erfüllte seinen Kopf, heiße Atemzüge strömten aus seinem Munde und wunderbar verworrene Phantasiebilder stiegen vor seinem Geiste auf. Er sah einzelne Momente seines vergangenen Lebens mit photographischer Treue vor sich, in rascher Folge flogen sie an ihm vorüber, bis endlich ein kleines, blühendes Rosengebüsch vor ihm erschien, – inmitten desselben stand eine Gestalt in weißem Gewande. Sie hatte das Gesicht abgewandt, aber dennoch erkannte er diese Gestalt, er sah die Züge dieses Gesichtes, obgleich sie ihm nicht zugekehrt waren, wie es sich sinnend zu den Blumen herabbeugte.

In zitternder, atemloser Bewegung blickte er auf diese Gestalt hin, da wandte sie sich um und schwebte wie von duftigem Wolkenhauch getragen zu ihm heran. Ein warmes Licht glänzte ihm aus ihren Augen entgegen, sie reichte ihm eine weiße Rose – seine Augen füllten sich mit Tränen, er streckte seine Hand aus, um die kalte, traurige Blüte zu empfangen, aber wie er sie berührte, da erglühte die Blume in dunklem Purpur und strömte ihm einen Duft entgegen, der alle seine Sinne mit Entzücken erfüllte – und der purpurne Glanz der Rose leuchtete auf dem bleichen Antlitz der holden Gestalt wider, die sich ihm entgegenbeugte. Ein Strom von Liebe ergoß sich aus ihren Augen, er fühlte den warmen Atem ihres Mundes an seiner Stirn – – –

Da drangen Stimmen an sein Ohr – wie zurückkehrend aus einer anderen Welt öffnete er die Augen – die Erinnerung seiner Lage kam ihm zurück, freudige Hoffnung durchströmte ihn – es waren ja Menschen in der Nähe, die Rettung war gewiß.

Er sah dunkle Gestalten, welche sich über die Toten beugten, sie trugen kleine Blendlaternen in den Händen, deren helles Licht seine flackernden Streifen über das Feld hinsendete.

Mit aller Kraft, deren er fähig war, erhob er das Haupt und stieß einen langen, durch die Nacht hinhallenden Hilferuf aus.

Und der Ruf wurde gehört. Eine der Gestalten wendete ihre Laterne nach ihm hin und kam mit schnellen, leisen Schritten heran. Es war ein Mann in einem dunkeln Mantel, einen runden Hut tief in das Gesicht gedrückt. Ihm folgte rasch eine weibliche Gestalt.

Der verwundete Offizier glaubte eine Diakonissin zu erkennen, und erschöpft von der Anstrengung und der Aufregung schloß er die Augen.

Da fühlte er sich berührt an seinem verwundeten Arm. Ein jäher Schmerz durchzuckte ihn, rasch schlug er die Augen wieder auf und wollte den Mund öffnen, um seinem Retter zu danken. Aber was er vor sich sah, war nicht das Bild eines helfenden Arztes, nicht die sanften Züge einer barmherzigen Schwester.

Der Mann, welcher, über ihn gebeugt, seinen Arm hielt, hatte ein graugelbes Gesicht mit starken, unheimlichen Zügen, seine tiefliegenden Augen funkelten wild und schauerlich unter der breiten Hutkrempe hervor und in ihrem Blick lag nichts von helfender, erbarmender Liebe.

Neben ihm kniete, vom Schein der brennenden Laterne beleuchtet, ein mageres, häßliches Weib, ihre grauen Haare hingen verworren um den Kopf, ihre gelben, knöchernen Arme waren mit Blut befleckt, blutiger Schlamm lag auf ihrem Gesicht und machte dessen wilden Ausdruck noch entsetzlicher.

»Hier werden wir etwas finden,« sagte der Mann mit heiserem Ton in dem französischen Patois der Gegend, »hier ist eine Uniform mit Silbertressen – hier wird eine Uhr, hier wird Geld sein.«

»Schnell, schnell,« rief das Weib, »dort hinten bewegt sich etwas auf dem Felde. Man wird kommen, um die Verwundeten zu suchen. Wir haben nicht mehr viel Zeit.«

Mit schnellem, geschicktem Griff öffnete der Mann den Küraß, nicht achtend des schmerzvollen Stöhnens, das der verwundete Offizier, der von Entsetzen fast gelähmt war, ausstieß.

»Hier erst die Ringe!« rief das Weib, das den Handschuh von der linken Hand des Herrn von Rothenstein gerissen hatte, – »das ist ein guter Fund«, – und rasch zog sie den Siegelring von dem Finger des jungen Mannes und warf ihn in einen Sack, der um ihre Schultern hing.

»Hier ist noch ein Ring,« sagte sie dann, »es ist ein Diamant, groß und wertvoll – –«

Und sie versuchte, einen kleinen Ring mit einem à jour gefaßten Diamant von dem kleinen Finger des Verwundeten zu ziehen.

»Er sitzt fest,« rief sie, »wir haben keine Zeit. Das Messer her!«

Der Mann reichte ihr ein großes, scharfes Messer.

Mit einem schnellen Schnitt trennte sie die Haut von dem Finger und riß den Ring herunter.

Herr von Rothenstein zuckte zusammen und stieß einen gellenden Schrei aus.

»Verdammt,« rief der Mann, »er wird uns die Patrouillen auf den Hals rufen! Drück ihm die Kehle zu!«

Das Weib stürzte sich über den Verwundeten her und umspannte seinen Hals mit einem so zähen Griff ihrer dürren Finger, daß sie ihn erwürgt haben würde, wenn nicht der starke Kragen seiner Uniform den Druck gemildert hätte.

Der Mann hatte inzwischen unter der Uniform die Uhr des Verwundeten hervorgezogen und tastete auf seiner verwundeten Brust umher, um zu suchen, ob er noch andere Wertgegenstände finden könnte.

Herr von Rothenstein trug an einer goldenen Kette in einem Etui die weiße Rose, welche ihm einst Gräfin Gabriele im Garten von Rensenheim gegeben. Dies Etui hatte eine Kugel von dem Herzen des jungen Mannes abgehalten und seitwärts gelenkt, es hing plattgedrückt an der Brust herab, – der Mann entdeckte es und versuchte es von der Kette loszureißen.

Da erwachte in dem verwundeten Offizier die letzte Kraft der Verzweiflung, als er diese heilige Erinnerung seiner Liebe von den räuberischen Händen der Unmenschen bedroht sah. Er erhob seine unverwundete rechte Hand, um sich zu verteidigen und stieß dabei an den Karabiner des toten Franzosen. Mit übermenschlicher Anstrengung löste er dessen starre Finger von der Waffe, hob den Lauf des Gewehrs gegen den Kopf des über ihn gebeugten Mannes und drückte den Stecher. Der Karabiner entlud sich, die Kugel durchdrang den Kopf des Räubers, der mit einem kurzen Schrei sich hoch aufbäumte und dann als eine leblose, schwere Masse auf den Verwundeten niederfiel.

»Verdammter Preuße!« rief das Weib, indem sie ihre Finger so fest um den Hals des Herrn von Rothenstein drückte, daß derselbe Atem und Besinnung verlor.

Aber bereits klangen von der anderen Seite Stimmen herüber und das rote Licht von Fackeln durchdrang die Nacht. Der Schuß war gehört worden. Der Galopp eines Pferdes erschallte in unmittelbarer Nähe.

Rasch sprang das Weib empor, stieß einen kurzen Pfiff aus, schloß ihre Blendlaterne und verschwand wie ein geisterhafter Schatten in dem Dunkel der Nacht.

Auch die anderen Laternen, welche in einiger Entfernung wie zitternde Irrlichter über den Leichen hin und her geschwebt hatten, erloschen.

Wenige Augenblicke darauf sprengte ein Reiter in der Uniform der Johanniter, die weiße Binde mit dem roten Kreuz auf dem Arm, heran, parierte sein Pferd vor den Leichen, welche den verwundeten Offizier umgaben und rief mit lauter Stimme:

»Woher der Schuß? Was geht hier vor?«

Herr von Rothenstein, halb erstickt durch den letzten Griff, mit welchem das geflüchtete Weib seinen Hals umspannt hatte und erdrückt von der Last des über seine Brust gestürzten Mannes, hatte nur die Kraft, in einer letzten Anstrengung mit heiserer Stimme zu rufen:

»Zu Hilfe! Zu Hilfe!«

Der Reiter sprang aus dem Sattel, zog seinen Säbel und näherte sich, sein Pferd am Zügel haltend, langsamen und vorsichtigen Schrittes dem Verwundeten.

Befremdet blickte er, das Auge anstrengend, durch die Dunkelheit auf alle diese leblosen, unbeweglichen Gestalten und schien sich keine Rechenschaft darüber geben zu können, von welcher von ihnen der erstickte Hilferuf ausgegangen sei, den er soeben vernommen.

Er tastete umher, bis seine Hand endlich das noch lebenswarme Gesicht des Herrn von Rothenstein berührte.

»Mein Gott,« rief er, den toten Körper, welcher auf dem jungen Manne lag, zur Seite werfend, »wer sind Sie? Was ist hier vorgegangen?«

»Preußischer Offizier,« flüsterte Herr von Rothenstein leise, ohne die Augen öffnen zu können, – »Räuber –«

Die Stimme versagte ihm, er versank in tiefe Ohnmacht.

»Hierher,« rief der Johanniter laut über das Feld hin, »hierher, schnell zu Hilfe!«

Aus dem dunklen Schatten der Nacht fuhr rasch ein großer, mit Stroh gefüllter Leiterwagen heran. Einige Verwundete waren bereits auf die Strohbündel gebettet, zwei barmherzige Schwestern saßen auf dem Wagen, Ärzte und Mannschaften der Krankenträgerkompagnie mit Fackeln folgten.

Licht fiel auf den Ort des Schreckens. Man sah die toten französischen Reiter, auf dem gefallenen Pferde den preußischen Kürassieroffizier, und gekrümmt danebenliegend den Leichnam des Räubers, mit verzerrten Gesichtszügen und durchschossenem Kopf.

»Entsetzlich,« rief der Johanniter, ein junger Mann mit bleichen, regelmäßigen Gesichtszügen, blauen Augen und blondem Vollbart, – »wir sind gerade zur rechten Zeit gekommen, um ein furchtbares Verbrechen zu verhüten und vielleicht einen tapferen Landsmann zu retten. Kommen Sie her, Doktor, und sehen Sie, was zu tun ist.«

Der Arzt trat heran. Die barmherzigen Schwestern waren vom Wagen gestiegen und warteten, bis ihre Hilfe nötig sein würde.

Der Doktor kniete neben dem Verwundeten, legte die Hand an seine Stirn und betastete prüfend seine Glieder.

»Er ist schwer verwundet,« sagte er – »aber es ist Leben in ihm. Wir müssen versuchen, ihn zu retten. Fürs erste gilt es, die Lebenskraft ein wenig zu stärken, damit er den Transport aushält.«

Er öffnete eine an seinem Hals hängende Feldflasche, aus welcher ein starker, aromatischer Duft hervordrang, und hielt sie an die Lippen des Verwundeten.

»Ein feuchtes Tuch, um seine Stirn zu kühlen!« rief er dann, während Herr von Rothenstein Tropfen für Tropfen die belebende Flüssigkeit einsog.

Schnell eilte eine der barmherzigen Schwestern, ein weißes, mit Wasser und Essig getränktes Tuch in der Hand, herbei.

Der Doktor zog die Flasche zurück. Die barmherzige Schwester beugte sich über den Verwundeten und legte das Tuch um seine Stirn, während der Johanniter eine Fackel ergriffen hatte, deren Strahl die Szene hell beleuchtete.

Als die barmherzige Schwester den kühlenden Umschlag um die blutende Stirn des Verwundeten legte, zuckte sie wie im jähen Schreck zusammen, ein leiser Schrei drang aus ihren Lippen, und sie machte eine Bewegung, als wolle sie aufspringen und sich zurückziehen. Dann aber beugte sie sich wieder vor und drückte das Tuch mit ihren beiden Händen fest auf das Haupt des Verwundeten.

Herr von Rothenstein schlug langsam die Augen auf. Sein träumender, unsicherer Blick fiel auf das von dem Fackelschein beleuchtete Gesicht der barmherzigen Schwester – seine Augen öffneten sich weit und groß, als sähe er eine überirdische Erscheinung vor sich. Ein Ausdruck unendlichen Glückes erleuchtete sein bleiches, in schmerzlichen Linien verzogenes Gesicht und leise, kaum hörbar, als fürchte er, durch den Ton seiner Stimme die vor ihm erscheinende Vision zu verscheuchen, flüsterte er:

»Gabriele – Gabriele – Sie hier – oh, mein Traum, mein Traum, – er ist Wahrheit, glückliche, selige Wahrheit geworden!«

In unbeschreiblicher Verwirrung blickte die barmherzige Schwester in das verklärte Gesicht des Verwundeten. Unbeweglich kniete sie vor ihm, die Hände an seine Schläfen gedrückt, während der Doktor die in der Nähe liegenden französischen Kürassiere untersuchte, ohne eine Spur von Leben in ihnen zu entdecken.

Herr von Rothenstein suchte mit seiner rechten unverwundeten Hand auf seiner Brust. Er fand das goldene, von der feindlichen Kugel plattgedrückte Etui, hob dasselbe empor und rief mit fieberhaft leuchtenden Blicken: »Hier, Gabriele, hier die weiße Rose – sie hat auf meinem Herzen geruht, sie hat den Tod von demselben abgewehrt, sie ist rot geworden, rot von meinem Blut –«

Noch immer kniete Gabriele unbeweglich vor ihm, aber in dem Schein der Fackel färbte sich ihr zartes, bleiches Gesicht mit dunklem Purpur, und aus ihren Augen strahlte im warmen Widerschein die helle Glut zurück, welche aus den Blicken des Verwundeten leuchtete.

»So war mein Traum,« rief Herr von Rothenstein mit kräftiger Stimme, – »so habe ich Sie gesehen! Es ist Wahrheit, glückliche Wahrheit!«

Ein zitternder Schauer flog durch seinen Körper. Langsam senkten sich seine Augenlider herab – – seine Kraft war erschöpft.

»Sie haben einen Bekannten wiedergefunden?« fragte der Johanniter in höflichem Ton, durch welchen eine innige, bewegte Teilnahme hindurchklang, als Gabriele sich erhob und, den Blick fortwährend auf den bleichen, jungen Mann gerichtet, in unruhiger Verlegenheit dastand.

»Es ist Herr von Rothenstein,« sagte sie mit leiser Stimme, »den ich oft im Hause meiner Eltern gesehen.«

»Ich bin der Baron von Rantow«, sagte der Johanniter, sich artig verneigend, »und darf vielleicht um den Namen Ihrer Eltern bitten«?

»Mein Vater ist der Graf Spangendorf,« erwiderte Gabriele, »sein Gut liegt am Rhein, und Herr von Rothenstein stand früher bei den Husaren in Düsseldorf.«

»Wir müssen ihn retten«, rief der Baron von Rantow. »Und es wird gelingen; haben wir ihn aus den Händen dieser unmenschlichen Leichenräuber befreien können, so hat die Vorsehung nicht gewollt, daß er sterben sollte.«

Er rief die Krankenträger heran.

Herr von Rothenstein wurde sorgsam und vorsichtig auf das Strohlager des Wagens gehoben, Gabriele setzte sich neben ihn, Herr von Rantow stieg zu Pferde, und der Zug bewegte sich weiter über das Schlachtfeld hin, um die Verwundeten unter Obdach und zu heilender Pflege zu führen.

Einunddreißigstes Kapitel

Die Stille der Nacht hatte sich auf das große Schlachtfeld gelegt, über welches am Tage vorher die markerschütternden Töne des Kampfes, des Entsetzens, des Todes nach allen Richtungen hin widerhallt hatten. Die Sterne blickten ruhig und still aus den Fernen des Himmels, wo sie in dem Frieden ewiger Ordnung und Harmonie ihre Bahnen durchlaufen, herab auf diesen kleinen Teil der Erde, in welchen soeben die Weltgeschichte mit blutigen Lettern eines der Urteile eingegraben hatte, die in der Entwicklung des Menschengeschlechts die Abschnitte zwischen den einzelnen Epochen des Völkerlebens bezeichnen.

Ruhiger und ruhiger war es auf den Schlachtfeldern geworden. Auch jenes leise Summen, welches stets über einer nach Tausenden und Tausenden zählenden Menschenmenge in geheimnisvoll schwellenden und sinkenden Tönen schwebt, jenes leise Klirren der Waffen, welches die Bewegungen der Truppenteile in der Stille der Nacht auch in weite Entfernung hin vernehmen läßt, war allmählich verstummt.

Alle diese Krieger, die am Tage vorher in fast übermenschlichem Ringen den glänzendsten und entscheidendsten Sieg erkämpft hatten, den die Annalen des deutschen Volkes aufweisen können, den ersten, der von allen Stämmen der Nation in gemeinsamer, einmütiger Verbindung unter einiger, frei und freudig anerkannter Führung erfochten war: sie alle hatten für die Nacht ihre Quartiere oder ihre Ruhelager gefunden und ruhten aus im tiefen Schlaf von der furchtbaren Blutarbeit.

Nur weit herüber aus der, von den verzweifelnden, physisch und moralisch gebrochenen französischen Truppen dicht erfüllten Festung klangen von Zeit zu Zeit unruhige, wilde Laute, wie die Schmerzensseufzer eines im Fieberwahn ringenden Riesen. Die Flammen brennender Dörfer stiegen zum Himmel auf und einzelne Schüsse krachten hin und wieder durch die schweigende Nacht, deren Stunden gleichmäßig dahinzogen, während nach den blutigen Taten des Hasses und des Streites am Tage jetzt in stiller Nacht die barmherzige Liebe ihr segensreiches Werk unermüdlich fortsetzte – während die Sanitätskolonnen mit ihren Wagen, begleitet von den barmherzigen Schwestern und Diakonissinnen, über das Schlachtfeld hinzogen, den armen, verschmachtenden Verwundeten Hilfe und Beistand bringend und sie fortführend von der kalten, blutgetränkten Erde nach den überall errichteten Lazaretten und Verbandplätzen.

Auch diese welthistorische Nacht zog vorüber, ebenso gleichmäßig wie so viele andere Nächte, welche eine friedlich ruhende Welt umschlossen.

Das Morgengrauen des 2. Septembers – dieses Tages, der durch die Jahrhunderte der Zukunft hin wie eine ewige Denksäule hohen Ruhmes, wie ein Markstein einer neuen Zeitepoche dastehen wird – begann am Horizont aufzusteigen. Die Signale der Reveille ertönten rings umher, die vielstimmigen Laute der erwachenden Biwake klangen über das weite Feld hin. Überall begann sich das vielgestaltige militärische Leben zu regen, noch lebendiger, noch bewegter durch die Spannung, in welcher diese Soldaten sich befanden, welche alle fühlten, daß ein gewaltiges, die Welt in ihren tiefsten Fugen erschütterndes Ereignis sich hier vollzogen habe, welche wußten, daß der Kaiser Napoleon dem Könige seinen Degen angeboten habe, daß über die Kapitulationsbedingungen verhandelt werde, und welche alle von dem heraufdämmernden Tage die endliche Entscheidung dieses furchtbaren Völkerkampfes erwarteten.

Der Kaiser Napoleon hatte in tiefer Abspannung die ersten Stunden der Nacht ruhend verbracht. Schon um vier Uhr morgens hatte er seine Arzte rufen lassen, sich dann angekleidet und seinen Wagen befohlen.

Als er unter die im Vorzimmer versammelten Generale seiner Umgebung trat, sah er trotz seiner gebückten, zusammengesunkenen Haltung, trotz der eingefallenen Züge seines aschfarbenen Gesichtes frischer als sonst aus und ein fast heiteres Lächeln lag auf seinen Lippen, als er, das Haupt neigend, die Generale begrüßte. Es schien, daß er die endlich gefallene Entscheidung, so schwer sie war, leichter ertrüge als die vorhergegangene Unruhe und Aufregung, – als fände er eine Beruhigung, eine Art von Glück in dem Gedanken, nun von der Bühne abtreten zu können und unter dem Schutze der Gefangenschaft dem unabänderlichen Schluß des Fatums gegenüber nur Mensch zu sein und seine körperlichen Leiden zu heilen.

Der General von Wimpffen trat in das Vorzimmer und näherte sich dem Kaiser. Man sah ihm an, daß er die ganze Nacht gewacht und die Kleider nicht gewechselt hatte.

»Sire,« sagte er mit dumpfer Stimme, »noch wenige Stunden und die Frist ist abgelaufen, die der General Moltke mir gestern abend gegeben, – ich habe die Kommandanten der Korps gehört, fast ohne Ausnahme stimmen sie für die Notwendigkeit der Kapitulation – und doch«, rief er, indem sein brennendes Auge sich mit Tränen füllte, – »doch kann ich den Entschluß nicht finden, meinen Namen unter dies entsetzliche Dokument zu setzen!«

»Seien Sie ruhig, mein General,« sagte Napoleon, »die Geschichte wird die eiserne Notwendigkeit erkennen, die Sie heute zwingt, die Folgen einer Katastrophe zu tragen, an welcher Sie keine Schuld haben. Sie können in Wahrheit sagen: alles ist verloren, nur die Ehre nicht. Wollte Gott,« fügte er leise hinzu, »daß jeder heute in Frankreich so dastände wie Sie! Doch noch ist vielleicht eine Milderung möglich – ich will hinausfahren, um den König Wilhelm aufzusuchen, vielleicht kann ich noch günstigere Bedingungen für die Armee erlangen, – ein längerer Aufenthalt hier wäre für mich ohnehin nicht geziemend, nachdem ich dem Könige meinen Degen angeboten. Lassen Sie uns gehen, meine Herren. – Leben Sie wohl, General,« sagte er, dem General Wimpffen die Hand drückend, – »seien Sie meiner Anerkennung und Dankbarkeit gewiß!«

Ohne sich auf den Arm eines seiner Adjutanten zu stützen, stieg er die Treppe hinab.

General Wimpffen blieb in finsterem Sinnen im Zimmer zurück.

Der Platz vor der Mairie war noch leer, – einzelne ermüdete Soldaten lagen in festem Schlaf auf der Erde; die kaiserlichen Equipagen standen da so frisch, als gelte es eine Spazierfahrt ins Bois de Boulogne, – die Hundertgarden waren verschwunden, – keine Eskorte umgab die Kalesche des Kaisers, keine Deputation der Stadt war da, um ihn zu begrüßen, – die Statue Turennes stand da in eherner Ruhe, das Haupt verhüllt von den wallenden Schleiern der Morgennebel.

Der Kaiser stieg leise fröstelnd in den Wagen, die Generale Reille, Castelnau und der Prinz von der Moskowa nahmen neben ihm und ihm gegenüber Platz – die übrigen Offiziere des Gefolges folgten teils in den anderen Wagen, teils zu Pferde, – und so schnell, als es die zuweilen durch Trümmer und Leichen versperrten Straßen erlaubten, bewegte sich dieser Leichenzug einer zwanzigjährigen Kaiserherrlichkeit nach dem Tore hin. Hier war keine alte Garde, wie sie einst im Hofe von Fontainebleau den von seinem stolzen Throne herabsteigenden ersten Kaiser mit tränenden Augen umringte. Die Adler senkten sich nicht zum letzten Scheidegruß des Feldherrn, – stumm in die Ecke seines Wagens zurückgesunken, fuhr der Erbe des Namens und des Reiches Napoleons I. dahin, die einzelnen, schlaftrunkenen, ermatteten und hungrigen Soldaten, an deren Gruppen er vorüberkam, wendeten sich ab, – oder ballten, mit einer Verwünschung auf den Lippen, die Faust nach dem kaiserlichen Wagen hin.

Napoleon schien das alles nicht zu sehen, – seine Augenlider waren tief herabgesunken, – sein Kopf auf die Brust geneigt, es schien, als ob er schliefe, – die Generale blickten finster auf diese aufgelösten Reste einer noch vor kurzem so stolzen, so siegesfreudigen, so ergebenen Armee hin.

Man fuhr durch das Festungstor und aus den letzten Werken heraus. Hier waren dichtere Gruppen von Soldaten aller Waffen versammelt – oft drängten sie wild an den Wagen des Kaisers heran; die Hände erhebend, die Augen funkelnd vor Haß und verzweifelter Wut, überschütteten sie den besiegten Cäsar, zu dessen Fahnen sie alle geschworen, mit ihren Verwünschungen.

Die berittenen Offiziere sprengten an den Schlag, im schärfsten Trabe eilte der Zug dahin und war bald auf der freien Straße angelangt.

Napoleon atmete tief auf – sah mit einem unbeschreiblichen Blick nach der Festung zurück und zündete dann eine Zigarette an, die er ruhig und bedächtig aus seinem Etui nahm und zu der der General Reille ihm Feuer reichte.

Nach wenigen Augenblicken wurden die voransprengenden Pikörs angerufen – man war an eine weit vorgeschobene preußische Feldwache gekommen.

Der Offizier trat an den Wagen.

»Wo ist der König?« fragte Napoleon in deutscher Sprache mit dem ihm eigentümlichen bayerischen Akzent.

Erstaunt über diese unerwartete Anrede des Kaisers erwiderte der Offizier, daß es ihm unbekannt sei, wo das große Hauptquartier sich befinde, soviel er vermute, könne dasselbe in Donchery sein.

Der Kaiser neigte dankend den Kopf, griff an seine Mütze und befahl, nach Donchery zu fahren.

Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht von seiner Anwesenheit unter den in der Nähe biwakierenden preußischen Abteilungen verbreitet, – die Soldaten eilten an die Straße heran und blickten neugierig, aber ernst und ruhig auf diesen Zug hin – den schönsten Triumphzug des Ruhmes deutscher Waffen. Aber man hörte keinen Laut, keinen kränkenden Ruf aus den dichten Reihen dieser siegreichen Truppen – schweigend ließen sie den besiegten Kaiser an sich vorüberziehen, den Urheber dieses blutigen Krieges, der so viele ihrer Brüder schon dahingerafft hatte, – sie alle fühlten, daß hier die Tatsache lauter sprach als jedes Wort, und daß Achtung vor dem besiegten Gegner die höchste Ehre einer großen und tapferen Armee ist.

Der Kaiser war bis vor Donchery gefahren, ohne ermitteln zu können, wo das königliche Hauptquartier sei.

Er ließ halten, – ein Zug von Wagen bedeckte die Straße und auf diesen Wagen stand mit großen Buchstaben zu lesen: »Königlich preußische Feldpolizei«. Napoleon blickte mit einem gewissen neugierigen Interesse auf diese Wagen hin, – unschlüssig wollte er sich eben mit einer Frage an einen neben denselben stehenden Beamten wenden, als in raschem Trabe zwei Reiter von Donchery aus heransprengten.

»Graf Bismarck!« sagte der General Reille zum Kaiser gewendet, indem er auf die Chaussee hindeutete.

Der Kaiser richtete sich auf und erkannte die hohe Gestalt des Bundeskanzlers in der Kürassieruniform mit dem gelben Kragen, den Stahlhelm auf dem Haupt.

Graf Bismarck parierte sein Pferd ganz in der Nähe des kaiserlichen Wagens, sprang herab und trat an den Schlag, indem er den Helm abnahm und den Kaiser, der ebenfalls das Käppi vom Haupt nahm, ehrerbietig begrüßte und nach den Befehlen Seiner Majestät fragte.

»Ich möchte den König sehen,« sagte Napoleon, »der, wie mir gesagt worden, in Donchery sein soll.«

Als Graf Bismarck bemerkte, daß das Hauptquartier des Königs drei Meilen rückwärts von Donchery läge, flog ein Ausdruck von Verstimmung und getäuschter Erwartung über das Gesicht des Kaisers – dann fragte er, wohin er sich vorläufig begeben könne, und der Graf stellte ihm sein eigenes Quartier in Donchery zur Verfügung, worauf der Wagen in langsamem Schritt nach der Stadt hinfuhr, während Graf Bismarck wieder zu Pferde stieg und zur Seite des kaiserlichen Wagens ritt.

Der Kaiser blickte unruhig und verlegen umher.

Etwa hundert Schritte vor der Stadt befahl er zu halten, deutete auf ein an der Seite der Straße liegendes Arbeiterhaus und fragte, ob er nicht in demselben bleiben könne.

Graf Bismarck sendete den Legationsrat Grafen Bismarck-Bohlen, der hinter ihm ritt, hinauf, um das Haus zu untersuchen, und auf die Meldung, daß keine Verwundeten in demselben befindlich seien, stieg der Kaiser aus, schritt langsam dem Hause zu und ersuchte den Grafen Bismarck, ihm zu folgen, während die Generale seines Gefolges vor der Tür stehenblieben.

Napoleon und der Graf traten in ein kleines Zimmer, das nichts enthielt als einen Tisch und zwei Stühle – Graf Bismarck mußte sich bücken, um durch die niedrige Tür zu schreiten.

Matt und erschöpft ließ sich der Kaiser auf einen dieser Stühle niedersinken, während Graf Bismarck auf seinen Wink neben ihm Platz nahm.

Der Kaiser spielte einen Augenblick mit seinen nervös zitternden Fingern, als sei er um die Worte zum Beginn der Unterhaltung verlegen.

»Ich habe«, sagte er dann, indem er einen unsicheren, fast schüchternen Blick auf den Grafen warf, dessen stahlgraue, scharfe Augen mit dem Ausdruck des Mitleids auf dieser gebrochenen Gestalt ruhten, – »ich habe vor allem den Wunsch, Seine Majestät den König um günstigere Kapitulationsbedingungen für meine Armee zu bitten, – dies ist die wesentlichste Sorge, die mich bewegt, – die einzige, mit der ich mich in diesem Augenblick beschäftigen kann«, – fügte er seufzend hinzu.

»Sire«, erwiderte Graf Bismarck, »darüber kann ich mit Eurer Majestät nicht verhandeln, auch in dieser Beziehung keine Mitteilungen an den König vermitteln, diese Frage ist eine rein militärische und lediglich durch die Verhandlungen des Generals von Moltke mit dem General von Wimpffen zu erledigen. – Aber«, fuhr er fort, indem er den Kaiser fest und gerade ansah, – »eine andere Frage ist es, ob Eure Majestät geneigt sind, mit mir über Friedensbedingungen zu verhandeln?«

»Ich bin Gefangener«, erwiderte der Kaiser achselzuckend.

»Es hängt nur von Eurer Majestät ab,« erwiderte Graf Bismarck, »das nicht mehr zu sein. Sobald Sie erklären, Frieden schließen zu wollen, so werde ich dies sogleich seiner Majestät dem Könige melden und derselbe wird, wie ich nicht zweifle, mir den Befehl erteilen, mit Ihnen und Ihren Ministern in Verhandlung zu treten, um diesen traurigen, blutigen Krieg zu beenden. Eure Majestät würden in solchem Falle nicht der Gefangene, sondern der freie Gast des königlichen Hauptquartiers sein.«

Der Kaiser wiegte nachdenkend den Oberkörper hin und her.

»Ich habe Eurer Majestät keinen Rat zu erteilen,« sprach Graf Bismarck weiter, »allein ich glaube, daß ein schneller Friedensschluß für Frankreich in diesem Augenblick die größte Wohltat wäre.«

Der Kaiser zuckte wie in einem Anfall körperlichen Schmerzes zusammen.

»Nein,« sagte er mit dumpfem Tone, »ich führe die Regierung nicht, – ich bin nicht in der Lage, hier in Friedensverhandlungen einzutreten.«

»Wenn Eure Majestät dabei beharren,« sagte Graf Bismarck, – »so möchte ich mir erlauben, zu fragen, wer denn in diesem Augenblick der Vertreter der kaiserlichen Regierung ist, mit dem wir über den Frieden verhandeln könnten?«

Der Kaiser blickte erstaunt auf.

»Ich habe der Kaiserin die Regentschaft übertragen,« erwiderte er, – »sie und ihr Ministerium in Paris bilden die gesetzliche Regierungsgewalt.«

Wieder erschien jener mitleidige Zug auf dem Gesicht des Grafen.

»Und glauben Eure Majestät,« sagte er, ein wenig den Ton dämpfend, »daß diese Regierung, der keine zuverlässigen Truppen mehr zur Verfügung stehen, unter den gegenwärtigen Verhältnissen Bestand haben könne, – daß sie die Nachricht der gestrigen und heutigen Ereignisse überdauern werde?«

Der Kaiser schlug den trüben, unsicheren Blick auf.

»– Sie glauben?« – sagte er, mit den zitternden Fingern auf den Tisch trommelnd, – »Sie halten es für möglich, daß –«

»Ich bedaure es,« erwiderte Graf Bismarck, »Eurer Majestät etwas Unangenehmes und Schmerzliches sagen zu müssen, – aber ich kenne Paris, und ich glaube nicht, daß die Regentschaft dort Bestand haben kann.«

Napoleon stützte den Kopf in die Hand. Ein tiefer, schmerzlicher Seufzer rang sich aus seiner Brust hervor.

»Unter diesen Umständen, Sire,« fuhr der Graf fort, – »wenn Eure Majestät selbst nicht in Friedensverhandlungen eintreten wollen, ist es nicht möglich, die Lage anders als vom militärischen Gesichtspunkt aus zu betrachten, und die unbedingte Kapitulation der Festung Sedan und der Armee ist eine notwendige und materielle Garantie für die militärischen Vorteile, die wir gewonnen.«

Der Kaiser erwiderte nichts – einige Minuten herrschte ein peinliches Schweigen in dem kleinen Zimmer.

»Wir erkennen mit Achtung die Tapferkeit der französischen Armee an,« sagte Graf Bismarck endlich, – »aber es ist unmöglich, günstigere Bedingungen zu gewähren, ohne die deutschen Interessen, für welche so viel deutsches Blut geflossen, zu gefährden.«

Der Kaiser sprach noch immer nichts – Graf Bismarck rückte in unruhiger Bewegung leicht mit seinem Stuhle, als dränge es ihn, dieser drückenden Situation ein Ende zu machen.

Man hörte einen Wagen vorfahren.

Der Prinz von der Moskowa trat auf die Schwelle der Tür und meldete, daß General von Moltke soeben angekommen sei.

Der Kaiser erhob sich und trat dem General entgegen, der ihn in ernster militärischer Haltung begrüßte, während der General von Podbielski, der Oberst von Verdy und der Adjutant de Claer bei den französischen Offizieren draußen blieben.

»Ich habe«, sagte der General, »die Details der Kapitulation aufgesetzt, nachdem ich die Bedingungen im allgemeinen gestern abend mit dem General Wimpffen besprochen, und bin im Begriff, mich zum Könige zu begeben, um dessen Genehmigung einzuholen.«

»Die Bedingungen sind hart«, sprach Napoleon mit trüber Stimme.

»Auch der Kampf war hart, Sire,« erwiderte der General, – »wir wissen, was wir einem tapferen Feinde schuldig sind, – aber wir dürfen vor allem nicht vergessen, was wir unserer Nation schuldig sind.«

»Wollen Sie, Herr General«, sagte der Kaiser mit weichem Ton, »dem Könige meine Bitte übermitteln, die harten Bedingungen großmütig zu mildern?«

»Gewiß, Sire,« erwiderte der General von Moltke, – »aber«, fuhr er fort, »ich muß Eurer Majestät offen sagen, daß ich diese Bitte bei meinem allergnädigsten Herrn nicht befürworten werde.«

Napoleon blickte wie hilfesuchend auf den Grafen Bismarck – kein Muskel zuckte in dem eisernen Gesicht des Grafen.

Der Kaiser senkte stumm den Kopf, während General von Moltke militärisch grüßend das Zimmer verließ.

Was mochte die in diesem zuckenden, gebrochenen Körper des brütenden Imperators arbeitende Seele in diesem Augenblick fühlen?

Und der Graf von Bismarck, der so fest und hoch dastand, die Hand auf den Pallasch gestützt, – fühlte er seinen Scheitel berührt von dem Genius Preußens, der einst in schwarze Trauerschleier sein Haupt verhüllte über jenem Hause in Tilsit, in welchem der stolze Oheim dieses vernichteten Mannes vor ihm der Königin Luise das schneidende Wort zurief: »Erinnern sich Eure Majestät, daß ich es bin, der anbietet, und daß Sie nur die Wahl haben, anzunehmen oder nicht?«

– Die Rache ist des Herrn, der in ewiger Gerechtigkeit über den wachsenden und vergehenden Generationen des Menschengeschlechtes waltet.

Der Kaiser atmete tief auf.

»Es ist schwül hier,« sagte er, – »lassen Sie uns hinausgehen.«

Er trat vor das Haus, Graf Bismarck folgte ihm.

Eine Eskadron des Leibkürassierregiments hielt am Wege, zur Eskorte des Kaisers befohlen, – die französischen Generale bewunderten diese herrliche Truppe, – auf der Chaussee fuhren langsam die Wagen der Feldpolizei hin.

Die Herren des Gefolges brachten zwei Stühle aus dem Hause, der Kaiser lud den Grafen Bismarck ein, sich neben ihm zu setzen und zündete eine Zigarette an.

»Wäre es denn nicht möglich,« sagte er nach einem längeren Stillschweigen, »die Armee über die belgische Grenze treten und dort entwaffnen zu lassen?«

»Ich bedaure, Eurer Majestät nochmals sagen zu müssen,« erwiderte Graf Bismarck, »daß ich außerstande bin, auf die Frage der militärischen Kapitulation einzugehen!«

»Welch ein Unglück!« sagte der Kaiser seufzend, – »dieser unselige Krieg, – ich habe ihn nicht gewollt, – ich konnte nicht anders, – man hat mich von allen Seiten gedrängt.«

Graf Bismarck schwieg, – der Kaiser saß gebeugt auf seinem Stuhl, dichte blaue Tabakswolken in die Luft blasend.

Endlich meldeten die ausgesendeten Generalstabsoffiziere, daß ein passender Ort für das Unterkommen des Kaisers ermittelt sei, – Napoleon stand erleichtert auf und stieg in seinen Wagen, Graf Bismarck geleitete ihn, – die Kürassiere ritten voran, und durch die dichten Reihen der Soldaten, welche an dem Weg zusammenströmten, fuhr der kaiserliche Zug nach dem kleinen Schlößchen Bellevue bei Frénois, einem aus drei Türmen zusammengesetzten Bau, dessen Teile durch Glassalons verbunden sind, und der von einem schön gehaltenen Park, zu welchem Freitreppen herabführen, umgeben ist. Vor dem Hause befanden sich Blumenparterres von buntem Geranium – das Ganze machte einen stillen, friedlichen Eindruck, der merkwürdig abstach gegen die Szenen der Verwüstung und Zerstörung in der Umgebung ringsumher.

Vor dem Hause standen bereits die aus Sedan angekommenen kaiserlichen Equipagen und Handpferde, neben dem Garten sah man eine bayerische Kompagnie aufmarschiert, – dahinter württembergische Batterien in Angriffsstellung, um jeden Augenblick ihre Kugeln nach Sedan hineinwerfen zu können.

Der Kaiser warf einen Blick auf die Blumenparterres, den Park und das in schönen Linien erbaute kleine Schloß – dann verließ er den Wagen und stieg die Freitreppe hinauf.

»Wem gehört das Haus?« fragte er, einen Augenblick stehen bleibend.

General Reille rief einen der bei den Equipagen stehenden Lakaien heran.

»Einem Fabrikanten namens Amour, Sire«, sagte er, nachdem er den Lakaien befragt.

»Amour – répentir –« flüsterte Napoleon und trat in den ersten, hinter der Vorflur liegenden Salon, in welchem sich nur ein ovaler Tisch und einige Rohrstühle befanden. Aus diesem Zimmer gelangte man in einen größern Mittelsalon, in welchem ein großer Spiegel über einem schön gearbeiteten Kamin sich befand, vor demselben ein Tisch und zahlreiche Lehnstühle, mit geblümtem Kattun überzogen. Der Kaiser ließ sich erschöpft in einen derselben niedersinken.

Man hörte den Hufschlag mehrerer heransprengenden Pferde, und bald meldete der Prinz von der Moskowa, daß der General Wimpffen angekommen sei, um die Schlußverhandlungen über die Kapitulation aufzunehmen.

Napoleon hörte die Meldung schweigend an.

Graf Bismarck beurlaubte sich vom Kaiser, der ihn einige Schritte nach der Tür hin geleitete und dann wieder still und scheinbar teilnahmlos in seinen Sessel niedersank.

Der Bundeskanzler stieg die Treppe hinab und trat in das im Erdgeschoß liegende, elegant eingerichtete Speisezimmer, in welchem der General von Wimpffen mit dem General von Podbielski die Details der Kapitulationsbedingungen besprach. Der Oberstleutnant von Verdy und der Stabschef des Generals Wimpffen führten das Protokoll. In dem Augenblick, als der Graf Bismarck eintrat und der General von Wimpffen sich erhob, um ihn zu begrüßen und noch einmal eine Milderung der Kapitulationsbedingungen zu erbitten, erschien der Rittmeister Graf von Nostiz vom ersten Gardedragonerregiment und meldete im Auftrag des Generals von Moltke, daß Seine Majestät der König den Kaiser erst nach der Vollziehung der Kapitulation sehen wolle und dann nach Bellevue kommen werde.

Graf Bismarck teilte diese Meldung dem General von Wimpffen mit. Dieser erbleichte, schmerzliche Resignation erschien auf seinem Gesicht, – er begriff, daß damit das letzte Wort gesprochen sei – und den Kopf auf die Brust gebeugt, hörte er stumm und ohne Gegenbemerkungen die einzelnen Paragraphen der Kapitulation an. Nur als der General von Podbielski die Entlassung der französischen Offiziere auf ihr Ehrenwort verlas und dabei bemerkte, daß der König diese bewilligt habe, um den Gefühlen einer Armee, welche sich so tapfer geschlagen, eine Genugtuung zu gewähren, – da leuchtete das Auge des braven Generals auf – er beugte sich herüber und drückte dem General von Podbielski die Hand.

»Dank – Dank,« sagte er mit bebender Stimme, – »das werde ich dem Könige niemals vergessen.«

Graf Bismarck war indes hinausgeritten, um seinem königlichen Herrn Bericht zu erstatten, – nicht weit von Sedan traf er den General Moltke, welcher mit dem vom Könige genehmigten Text der Kapitulation zurückkehrte, – er kehrte mit ihm um, und kurze Zeit darauf setzten die Generale von Moltke und von Wimpffen ihre Namen unter dies Dokument, welches den in der Kriegsgeschichte beispiellosen Sieg der deutschen Waffen besiegelte.

Der General Wimpffen stieg allein die Treppe hinauf und trat in den Salon, in welchem noch immer der Kaiser zusammengebeugt und schweigend in seinem Lehnstuhl saß.

Bei dem Geräusch der geöffneten Tür richtete er den Kopf auf und sah den Eintretenden mit mattem Blick an.

»Es ist vollbracht, Sire!« sagte der General, – »dieser Federzug ist furchtbarer für mich gewesen, als feindliche Granaten, – das Ende meiner militärischen Karriere fällt mit dem schwersten Unglückstage Frankreichs zusammen – und ewig wird mein Name mit diesem schwarzen Tage verbunden bleiben.«

Der Kaiser stand langsam auf, legte seine beiden Hände auf die Schultern des Generals und sah ihn mit groß geöffneten Augen voll tiefer Innigkeit an.

»Möge mein Sohn Ihnen einst vergelten,« sprach er, »was Sie um meinetwillen leiden!«

Dann drückte er ihm die Hand, – der General wendete sich um und verließ den Salon, verabschiedete sich kurz von den im Vorzimmer wartenden Offizieren und ritt mit seinem Stabschef nach Sedan zurück.

Der Kaiser aber saß unbeweglich, mit geschlossenen Augen, wie ein lebloses Bild da, die Ankunft des Siegers erwartend.

*

Früh schon hatte nach kurzem Schlummer König Wilhelms Auge dem Morgenlicht sich geöffnet.

Wenige Stunden der Ruhe auf dem einfachen Feldbett hatten die jugendlichen, unermüdlichen Kräfte des greisen Feldherrn wieder gestärkt. Er hatte mit gewohnter militärischer Pünktlichkeit seine Toilette gemacht, sein einfaches Frühstück eingenommen, und während er die Meldungen von den Truppenteilen, namentlich aber die Meldungen des Generals von Moltke über die Kapitulationsverhandlungen, welche in Donchery stattfinden sollten, erwartete, wollte der König die in den letzten Tagen unterbrochenen regelmäßigen Morgenbeschäftigungen wieder aufnehmen, zu denen neben der Durchsicht und Beantwortung von eingegangenen Briefen und Depeschen auch die Mitteilung des wesentlichsten Inhalts der Tagespresse und Zeitschriften gehörte, welche der König stets mit Aufmerksamkeit verfolgte und deren Sichtung und Vorlesung dem langjährigen vertrauten Diener des Monarchen, dem Geheimen Hofrat Schneider, oblag, der ihn während des ganzen Feldzugs begleitete, um stets die wenigen Mußestunden mit der den König interessierenden Lektüre auszufüllen.

Wenige Augenblicke, nachdem der Kammerdiener dem Geheimen Hofrat, welcher stets in der Nähe des Königs sein Quartier hatte und, rüstig und unermüdlich wie sein Herr, vom frühen Morgen an auf war, den Befehl des Königs überbracht hatte, trat dieser in das einfache Zimmer des königlichen Heerführers der deutschen Streitmächte.

Der Geheime Hofrat trug, wie immer bei dem Vortrag, einen schwarzen Frack und weiße Krawatte – von allen seinen Orden nur die Dienstschnalle im Knopfloch, – sein frisches Gesicht mit den jugendlich hellen Farben, dem freundlichen, wohlwollenden Lächeln, in welchem stets ein leiser Zug von gutmütiger Ironie sich zeigte, den hellen, klaren, scharfblickenden Augen, in welchen sinnig tiefer Ernst mit freundlicher Herzlichkeit und heiterer Schalkhaftigkeit sich vermischte, hätten ebensowenig wie die elastischen Bewegungen seiner kurzen, etwas vollen Gestalt das Alter von fünfundsechzig Jahren erraten lassen, in welchem er stand und welches nur durch das ganz weißgewordene dichte und glattgescheitelte Haar äußerlich zur Erscheinung kam.

Der Hofrat trat ebenso ruhig, frisch und heiter hier in das Kriegsquartier des Königs, wie er in dessen Zimmer im Berliner Palais zu erscheinen gewohnt war. Das einzige Zeichen, daß er im Krieg und im Feldlager sich befand, bestand in einem weißen Bart, der sein Gesicht umgab und dasselbe in eigentümlicher Weise veränderte. Er hielt eine große schwarze Mappe unter dem Arm und in der Hand eine hohe, runde Mütze von schwarzem, glänzendem Ledertuch, genau von der Form, wie die Landwehrmänner von 1813 sie einst trugen, und über dem weit vorstehenden Schirm dieser Kopfbedeckung sah man die Kokarde mit dem weißen Landwehrkreuz und der Inschrift: »Mit Gott für König und Vaterland.«

Als Schneider in das Zimmer trat, saß König Wilhelm vor einem großen Tisch in der Mitte desselben, auf welchem die Mappen mit den dem Hauptquartier folgenden Papieren und Korrespondenzen geöffnet ausgebreitet lagen und auf dem eine mit Nadeln besteckte Karte des Terrains um Sedan sich befand.

Der König hatte nachdenkend den Kopf in die Hand gestützt und schien in tiefes Sinnen verloren. Er richtete sich bei dem Geräusch der Tür nicht empor, und seine Gedanken schienen ihn den Eindrücken der Außenwelt zu entfremden.

Der Geheime Hofrat blieb einige Augenblicke an der Tür stehen, nachdem er sich tief verbeugt hatte. Als der König immer noch schweigend und unbeweglich dasaß, räusperte er sich und machte, fest auftretend, einige Schritte vorwärts.

Langsam, wie aus einem Traum erwachend, erhob König Wilhelm das Haupt.

»Guten Morgen, Schneider,« sagte er dann, indem ein freundliches, wohlwollendes Lächeln einen Augenblick um seine Lippen spielte, ohne daß jedoch der tiefernste Ausdruck aus seinen Zügen verschwand, – »guten Morgen, Schneider, Sie sind pünktlich und matinös wie immer – wie ein richtiger Soldat der alten Schule«, fügte er mit einem Seitenblick auf die große Landwehrmütze des Hofrats hinzu, indem wieder ein leiser Schimmer von Heiterkeit über sein Gesicht flog. »Das war ein großer, großer Tag gestern,« fuhr er dann fort, bevor der Hofrat antworten konnte, »ein Tag, gewaltig erschütternd und unvergeßlich. Ich bin noch unter dem Eindruck des Ereignisses, welches mich erfaßt hat wie ein unmittelbares Eingreifen der Hand Gottes.«

»Und das ist es auch, Majestät,« erwiderte der Geheime Hofrat mit seiner vollklingenden, tiefen Stimme, »das ist es auch, – wenn die Welt einmal lange ihre eigenen Wege gegangen ist und sich gründlich verfahren hat, dann muß der liebe Gott wohl selbst eingreifen und Ordnung machen – und diesmal hat er es hoffentlich auf lange Zeit getan.«

»Ja, ja,« sagte der König, »auf lange Zeit. Das, was hier geschehen ist, zieht einen Strich zwischen Vergangenheit und Zukunft – eine neue Zeit beginnt – während mein Leben sich zum Abend neigt.«

Und wieder versank er in tiefes Sinnen.

»Majestät,« sagte der Geheime Hofrat, indem er nahe herantrat und seine Mappe neben sich auf die Erde stellte, »ich habe noch nicht an die Zukunft gedacht, die sich aus den gewaltigen Ereignissen dieser Tage entwickeln wird, – sie wird kommen, wie Gott es will, sie wird über mein Grab dahinschreiten, und die kommende Generation mag sehen, wie sie mit ihr fertig wird. Aber, Majestät,« fuhr er fort, »an die Vergangenheit habe ich gedacht, recht lange gedacht, und das hat mir viel Freude gemacht und auch viel Vertrauen in die Zukunft gegeben. An diesem großen Sieges- und Ehrentage habe ich an jene Zeit der Trauer und Demütigung gedacht, als Preußen von diesen Franzosen zu Boden geworfen und in den Staub getreten wurde. Hier in Sedan habe ich an Tilsit gedacht und an all die schweren Jahre, die darauf folgten, – an alle Herzen,« fügte er mit zitternder Stimme hinzu, »welche in jener Zeit verzagten und brachen, an all den Kummer und all das Elend, für welches Leipzig und Waterloo noch immer nicht die richtige und vollgültige Vergeltung waren. Heute, Majestät,« fuhr er fort, indem er mit blitzenden Augen stolz den Kopf erhob, »heute ist der Tag der wahren, endlichen Vergeltung für die Zeit von Jena und Tilsit, – heute haben uns keine Russen und Schweden, keine Engländer und Österreicher geholfen. Heute hat der König von Preußen allein mit seinen deutschen Bundesgenossen Frankreich niedergeworfen und das napoleonische Kaiserreich vor sich gebeugt. Heute bin ich zufrieden, Majestät, heute ist geschehen, was ich einst in fester Zuversicht in Berlin Eurer Majestät zu sagen gewagt habe. Heute, Majestät,« fügte er hinzu, indem über sein tief bewegtes Gesicht ein leichtes, scherzhaftes Lächeln glitt und indem er seine Landwehrmütze ein wenig erhob, »heute ist der Kurmärker wieder einmal mit seinen dröhnenden Schritten auf die Weltbühne getreten.«

Der König hob den Kopf empor und blickte mit freundlich wohlwollendem Lächeln auf seinen alten Diener.

»Ja, Schneider,« sagte er, »es ist ein braver, tüchtiger Mensch, der alte Kurmärker Wilhelm Schulze, der unter dem frischen Duft der immergrünen Tannenbäume aufwächst und so kräftig dreinschlägt für König und Vaterland. Gott erhalte die alte Mark und alle, die es treu mit ihr meinen.«

Er reichte dem Hofrat Schneider in herzlicher Bewegung die Hand hin und zog dieselbe dann schnell zurück, als dieser sich niederbeugte, um seine Lippen darauf zu drücken.

»Und Gott erhalte der alten Mark,« sagte der Hofrat, mit inniger Liebe zu dem König emporblickend, »ihre treuen, heldenmütigen Fürsten, die aus Brandenburg Preußen gemacht und die durch Preußen das ganze Deutschland zu Heil und Ehre geführt haben. – Was sich heute hier vollzieht, Majestät,« fuhr er fort, »das geht weit hinaus über alles, was bisher die Könige von Preußen und das Volk von Preußen und Deutschland je getan haben, dieser Erfolg ist noch gewaltiger und größer als die Siege von 1866, – anfangs August sind Eure Majestät ausgezogen in den Krieg gegen das stolze, gefürchtete Frankreich, und heute – vier Wochen später – sind die Heere der großen Nation vernichtet, der Kaiser gefangen und alles beendet!«

»Alles beendet?« sagte der König, indem er erstaunt in das von stolzer Freude leuchtende Gesicht des Geheimen Hofrats blickte, – »alles beendet? – Nein, Schneider,« fuhr er, den Kopf schüttelnd, fort, – »wie wenig kennen Sie das französische Volk! – Heute fängt der Krieg in Frankreich erst an – und viel Blut wird noch vergossen werden, bevor der Welt der Friede wiedergegeben werden kann.«

Traurig sinnender Ernst lag in dem Blick, mit welchem er in die draußen hin und her wogenden Morgennebel hinausschaute.

»Eure Majestät halten zu Gnaden,« sagte der Hofrat ganz betroffen, »wenn ich mir Allerhöchstihre Worte nicht zu erklären vermag, – nachdem die französischen Armeen geschlagen und der Kaiser gefangen ist, – wie sollte da der Krieg noch weitergeführt werden, was sollte da dem Frieden entgegenstehen?«

»Mit wem sollten wir Frieden schließen,« sagte der König, – »der gefangene Napoleon, der die Regierung an die Regentschaft übertragen hat und nicht einmal das Kommando seiner Armeen führt, ist dazu nicht imstande, – und die Kaiserin Eugenie in Paris – unter dem Einfluß der dortigen Volksstimmung – was wird sie tun, – was wird sie tun können?«

Abermals blieb er lange in sinnendes Schweigen versunken, das der Hofrat nicht zu unterbrechen wagte.

»Wir stehen noch vor großen und schweren Kämpfen,« sagte er dann, »Metz ist noch zu nehmen, – Straßburg – Paris – – Paris wird sich verteidigen und uns Mühe genug machen, der wahre Krieg, der bitterböse Nationalkrieg fängt jetzt erst an und unseren braven Truppen steht noch ein harter Winterfeldzug bevor.«

Der Flügeladjutant von Alten trat herein und meldete, daß der Wagen Seiner Majestät bereit sei.

»Noch keine Meldung von General von Moltke?« fragte der König.

»Nein, Majestät«, erwiderte Herr von Alten.

»So will ich nach dem Schlachtfeld hinausfahren«, sagte der König. »Ich habe das mit Moltke verabredet. Er wird mich dann dort treffen. Adieu, Schneider«, sagte er, dem Geheimen Hofrat freundlich zunickend, setzte den Helm auf und verließ das Zimmer.

Auf den Wink des Flügeladjutanten fuhr der königliche Wagen heran. Die Stabswache rangierte sich, die Offiziere des Gefolges stiegen zu Pferde und schnell fuhr der König durch die mit lauten, jubelnden Hurrarufen ihn begrüßenden Truppenabteilungen, die vor dem Dorfe und an der Chaussee entlang biwakierten, dem Schlachtfelde zu. In Chéhéry traf der Kronprinz mit dem königlichen Zuge zusammen und stieg zu seinem Vater in den Wagen – eine ganze Reihe schwerer Batterien der preußischen, bayerischen und württembergischen Korps versperrten den Weg, und man konnte nur mit Mühe die Straße für den Wagen und das Gefolge des Königs frei machen. In gespannter Erwartung blickte der König voraus auf den von Höhenzügen oft verdeckten Weg hin, – endlich in der Nähe von Cheveuge, als der Weg eine Höhe erreichte, ritt General von Moltke heran – der greise Feldherr sprang mit jugendlicher Leichtigkeit vom Pferde und trat ruhig, in dienstlicher Haltung, an den Wagenschlag.

Der König stieg aus, – der Kronprinz folgte ihm, – Seine Majestät trat, indem er den General durch einen Wink aufforderte, ihm zu folgen, an den Rand der Chaussee, überschritt den schmalen, trockenen Graben und blieb in einiger Entfernung auf dem Acker stehen. Auf der Chaussee dehnte sich in weiter Reihe um den königlichen Wagen das Gefolge des Königs und des Kronprinzen aus; in der Nähe stand ein kleines Haus mit einer jener französischen Gastwirtschaften, welche man Buvette nennt und welche dazu dienen, den Vorüberreisenden einen Trunk des einfachen roten Landweins und vielleicht ein Brot und eine Schnitte Kalbfleischpastete darzubieten; über der Tür dieses Hauses sah man ein Schild mit der Inschrift: Mr. Alexandre, menuisier ébéniste. Hinter den Fenstern dieses Hauses blickten einige bleiche, scheue Gesichter nach dem glänzenden, zahlreichen Gefolge und nach dem Könige, dem Kronprinzen und dem General von Moltke hin, von deren Gespräch in diesem Augenblick das Schicksal der Hunderttausende abhing, die das weite Tal ringsum erfüllten.

»Majestät,« sagte der General mit seiner klaren Stimme, – »wir haben gestern abend noch sehr spät mit dem General Wimpffen über die Kapitulation verhandelt, – der General war tief erschüttert und schmerzlich bewegt über das traurige Schicksal, daß er, vor wenig Tagen aus dem Innern Afrikas eingetroffen, hier im Augenblick einer solchen Katastrophe das Kommando habe übernehmen müssen.«

»Ich verstehe das«, sagte der König, mit dem Kopf nickend.

»Er wollte Weiterungen machen,« fuhr General von Moltke fort, – »und erklärte sich an die Befehle des Kaisers, seit derselbe sich gefangen gegeben, nicht mehr für gebunden, – er versuchte bessere Bedingungen zu erlangen und bemerkte, daß bei einer Wiederaufnahme des Kampfes sich die Situation ändern könne, da er bei der schnellen Übernahme des Kommandos die Verhältnisse nicht genügend überblickt habe und andere Dispositionen treffen könne.«

»Unmöglich«, sagte der König, indem er mit einem raschen Blick das Tal und die Truppenaufstellungen um Sedan umfaßte.

Der Kronprinz zuckte lächelnd die Achseln.

»Ich habe ihm ebenfalls, wie Eure Majestät zu bemerken die Gnade hatten, erwidert: unmöglich«, sagte General von Moltke, – »und ihm anheimgegeben, sich durch seine Offiziere überzeugen zu lassen, daß er vollkommen umzingelt sei und daß seine Armee keine Bewegung machen könne, – auch hat er keine Munition und keine Lebensmittel, – er wollte eine Bedenkzeit von vierundzwanzig Stunden, um sich mit seinen Generalen zu beraten, – ich habe auch das abgeschlagen und ihm erklärt, daß um neun Uhr die Feindseligkeiten beginnen sollten, wenn bis dahin die Kapitulation nicht vollzogen sei. Graf Bismarck erklärte ihm von seinem politischen Standpunkt aus dasselbe, – er sagte, daß Deutschland so oft von Frankreich angegriffen worden sei und daß wir um so mehr materieller Garantien bedürften, als kaum noch eine Regierung in Frankreich existiere, welche eine Bürgschaft für die Bedingungen des Friedens bieten könne.«

Über die tief ernsten Züge des Königs glitt einen Augenblick ein leichtes Lächeln.

»Da war also Militär und Diplomatie einig – was früher so oft nicht der Fall war«, sagte er.

»Wenn das der alte Blücher erlebt hätte,« rief der Kronprinz, – »er würde sein Urteil über die Diplomatie zurücknehmen!«

»Doch nun, Majestät,« fuhr der General von Moltke fort, »da bis jetzt keine Meldung vom General Wimpffen gekommen ist, so habe ich Befehl gegeben, daß alle schweren Batterien aus der Umgegend herangezogen werden, um die Beschießung von Sedan zu beginnen. Die Batterien rücken in ihre Positionen und ich bitte um Eurer Majestät Befehl, wann das Feuer eröffnet werden soll.«

Der König blickte über die Ebene hin, welche so still im friedlichen Morgenlicht dalag – nur leichte Rauchsäulen kräuselten über der Festung empor, und man hörte ringsumher nur das dumpfe Rollen der schweren Batterien, die in ihre Positionen einrückten, bereit, auf ein Wort aus dem Munde des Kriegsherrn Zerstörung, Tod und Verderben über dieses Stück Erde zu ergießen, das gestern schon so viel Blut getrunken hatte.

Ein Zug milder Wehmut erschien auf seinem Gesicht.

»Lassen Sie«, sprach er, »alle Batterien ihre Positionen einnehmen, – aber reiten Sie sofort zurück und nehmen Sie die Verhandlungen wieder auf – es ist meine Pflicht, alles zu versuchen, um das entsetzliche Blutvergießen zu vermeiden. Melden Sie mir dann das Resultat, bis dahin behalte ich mir meinen Befehl über das Bombardement der Festung vor.«

»Hier ist der Text der einzelnen Paragraphen der Kapitulation,« sagte der General, dem König ein Papier überreichend, – »wie ich ihn in der Nacht aufgesetzt, – die Entlassung der Offiziere auf Ehrenwort ist nach Eurer Majestät Befehl darin aufgenommen, – es ist die einzige Konzession, die ich nach pflichtmäßiger Überzeugung für zulässig halte.«

Der König durchlas das Papier aufmerksam, reichte es dem Kronprinzen und gab es dann dem General mit zustimmendem Kopfnicken zurück.

»Ich habe nun Eurer Majestät noch zu melden,« sagte der General, »daß der Kaiser Napoleon schon früh die Festung verlassen und nach Eurer Majestät gefragt hat, – es scheint, daß er es scheue, unter seinen Soldaten zu bleiben –«

»Welch ein Fall – von solcher Höhe!« sagte der König.

»Ich habe mich zum Kaiser hinaus begeben,« fuhr General von Moltke fort, – »Graf Bismarck war schon bei ihm, – der Kaiser hat mich beauftragt, Eurer Majestät seine Bitte um Milderung der Kapitulationsbedingungen zu überbringen, – ich habe dies versprochen, – ihm aber auch gesagt, daß ich seine Bitte nicht befürworten kann.«

»Es ist unmöglich«, sagte der König ernst und ruhig. – »Wo ist der Kaiser jetzt?« fragte er dann.

»In der Nähe von Donchery, Majestät,« erwiderte der General, »ich habe Befehl gegeben, ihm ein passendes Unterkommen zu suchen.«

Der König sann einige Augenblicke schweigend nach.

»Wenn die Kapitulation unterzeichnet ist,« sagte er dann, – »werde ich zum Kaiser kommen, – er ist leidend, – ich kann ihm nicht zumuten, den steilen Berg hinaufzufahren oder zu reiten, – er ist freiwillig aus der Festung herausgekommen und hat das von meinen Truppen besetzte Terrain betreten, – damit hat er den ersten Schritt zur persönlichen Begegnung getan, – ich kann ihm also wohl einen Gegenbesuch machen. – Lassen Sie ihn das wissen, und nun«, fuhr er fort, »gebe Gott, daß Sie mir bald die vollzogene Kapitulation senden können, damit nicht noch neue Opfer fallen müssen.«

Der General verabschiedete sich, stieg zu Pferd und sprengte davon.

Der König stieg mit dem Kronprinzen wieder in den Wagen und fuhr nach der Höhe über Donchery, um dort die Entscheidung abzuwarten.

Hier umgaben den König und seinen Sohn die Prinzen Karl und Albrecht von Preußen, die Großherzöge von Sachsen und Baden, der Herzog von Sachsen-Koburg, der Prinz Luitpold von Bayern, der Erbgroßherzog von Mecklenburg-Schwerin, der Prinz Wilhelm von Württemberg und alle Offiziere des königlichen und kronprinzlichen Hauptquartiers, – eine glänzende Versammlung deutscher Fürsten, umringt von den siegreichen Truppen aller deutschen Länder und Stämme, hoch über der Ebene, in welcher die gefangene Armee Frankreichs und sein gefangener Kaiser zu den Füßen des siegreichen Königs lagen.

Es war elf Uhr vorüber – der König hatte sich auf einen zur Abgrenzung der Feldmarken errichteten Stein gesetzt und sich ein wenig Brot und kaltes Fleisch aus seinem Wagen bringen lassen, als der Generalstabsoffizier Hauptmann von Alten heransprengte, die Meldung brachte, daß die Kapitulation vollzogen sei, und den Befehl des Königs erbat, daß die siebenhundert auf Sedan gerichteten Geschütze wieder aufprotzen dürften, da das Bombardement nicht mehr nötig sei.

Die Fürsten umringten den König mit lauten Glückwünschen, und dieser warf einen dankbaren Blick zum Himmel empor, da ein neues, furchtbares Blutbad erspart war.

Bald erschien der General von Moltke mit der vollzogenen Kapitulationsurkunde.

Der König nahm mit feierlichem Ernst dies verhängnisvolle Papier, las dasselbe durch und reichte es dann seinem Generaladjutanten, Generalleutnant von Treskow, mit dem Befehl, es laut vorzulesen.

Das ganze Gefolge drängte sich so nahe als möglich um den König und die Fürsten, und der General von Treskow las mit lauter Stimme die Kapitulation vor, welche, obgleich ihre Grundbestimmungen ja schon bekannt waren, dennoch wie ein märchenhafter Traum klang.

Als er geendet, sprach der König mit bewegter Stimme, in seiner einfachen, schlichten und dadurch um so tiefer ergreifenden Weise seinen Dank für die Taten der Armee ihren Fürsten und Führern aus, wies aber zugleich darauf hin, daß der Feldzug noch nicht beendet sei und die Armee schlagfertig bleiben müsse.

Dann befahl er die Pferde vorzuführen und, von allen Fürsten und dem ganzen großen Gefolge begleitet, ritt er die Höhe hinab nach Bellevue hin.

Der Kaiser Napoleon hatte sich einen Augenblick in das neben dem Salon befindliche Schlafzimmer des Herrn Amour zurückgezogen und sich dann wieder in den Glassalon niedergesetzt, um den König zu erwarten.

Der König ritt nicht in den Hof des Schlosses ein, sondern stieg an dem Seitenturm vom Pferde und trat mit dem Kronprinzen und den Prinzen Karl und Albrecht an den Eingang, empfangen von dem lauten Hurra der württembergischen Artilleristen und eines präsentierenden bayerischen Bataillons.

Die übrigen Fürsten und das ganze Gefolge blieb vor dem Schlosse zu Pferde.

An den Stufen der Treppe erschienen die französischen Generale, – hier blieben auch die Prinzen Karl und Albrecht zurück, und der König stieg mit dem Kronprinzen allein die Treppe hinauf.

Der Kaiser trat aus dem Glassalon dem König entgegen – er trug den blauen Interimsrock der französischen Generalsuniform, die rote Feldmütze und wie am gestrigen Schlachttage die Medaille für den italienischen Feldzug und das Schwert des schwedischen Schwertordens neben dem Stern der Ehrenlegion.

Als der Kaiser den König erreicht hatte, nahm er seine Feldmütze ab, der König streckte ihm die rechte Hand entgegen, – der Kaiser, welcher die Mütze in der Rechten hielt, ergriff die Hand des Königs mit der Linken und stand einen Augenblick bewegt und leise zusammenschauernd still, – dann begrüßte er den Kronprinzen, der nun auch in dem Glassalon zurückblieb, und trat mit dem König allein in den mittlern Salon, dessen Tür der Kronprinz schloß.

Einen Augenblick standen sich die beiden Monarchen, der siegreiche König und der geschlagene, gefangene Kaiser, stumm gegenüber.

»Ich bedaure, Sire,« sagte der König sanft, ohne jede Härte in seiner Stimme, »daß es dahin hat kommen müssen daß wir uns so gegenüberstehen, – Gott hat mir den Sieg in dem Krieg gegeben, der mir erklärt worden ist –«

»Nicht ich, Sire,« fiel der Kaiser ein, »habe den Krieg gewollt, – die öffentliche Meinung in Frankreich hat mich gezwungen, den Krieg zu beginnen.«

»Davon bin ich überzeugt,« erwiderte der König, – »Eure Majestät haben den Krieg geführt, um der öffentlichen Meinung genug zu tun, – aber Ihre Minister haben diese öffentliche Meinung gemacht, – künstlich hervorgerufen.«

Der Kaiser seufzte.

Eine kleine Pause trat ein.

»Die französische Armee, Sire,« sagte der König, »hat, wie ich mit Achtung anerkennen muß, mit hoher Tapferkeit sich geschlagen und uns den Sieg schwer genug gemacht.«

»Ja, es sind brave Soldaten,« erwiderte der Kaiser trübe, – »aber die Disziplin war ihnen abhanden gekommen, – Eurer Majestät Truppen sind bewundernswürdig in der Disziplin.«

»Die preußische Armee«, bemerkte der König, »hat es sich stets zur Aufgabe gestellt, sich alle neuen und guten Ideen anzueignen und die Erfahrungen anderer Nationen zu benützen.«

»Ihre Artillerie, Sire,« sagte der Kaiser in lebhafterem Ton, als er bisher gesprochen, »ist die beste der Welt, – sie gewann die Schlacht, – durch Ihre Artillerie bin ich persönlich besiegt!«

Der König verbeugte sich.

»Die Artillerie besonders ist stets bemüht gewesen, aus den Erfahrungen aller Nationen zu lernen«, erwiderte er.

»Und mit hoher Bewunderung«, sagte der Kaiser, »hat mich auch Ihre Kavallerie erfüllt, – sie umgab Ihre Armee wie mit einem Schleier, der es unmöglich machte, deren Bewegungen zu erkennen.«

»Prinz Friedrich Karl«, fuhr er dann fort, »entschied das Schicksal des gestrigen Tages, – seine Armee durchbrach unsere wichtigsten Stellungen.«

»Prinz Friedrich Karl?« fragte der König erstaunt, – »Eure Majestät täuschen sich, – die Armee meines Sohnes stand vor Sedan und trug wesentlich zum Gewinn der Schlacht bei.«

»Und wo ist Prinz Friedrich Karl?« fragte der Kaiser verwundert.

»Er steht mit sieben Armeekorps vor Metz, Sire«, erwiderte der König.

Das fast graue Gesicht des Kaisers wurde noch bleicher, seine Augen schlossen sich, und er faßte krampfhaft die Lehne des Sessels.

»Ich glaubte, die Armee des Prinzen wäre unserem Marsch ebenfalls gefolgt«, sagte er, mühsam seine Fassung wieder gewinnend.

Abermals stockte die Unterhaltung einige Augenblicke.

»Darf ich Eure Majestät fragen,« sagte der König, »ob Sie irgendwelche Vorschläge für Friedensverhandlungen zu machen haben?«

Beinahe erschrocken antwortete der Kaiser:

»Ich habe keine Vorschläge zu machen, Sire, – ich habe keine Macht, – ich bin Gefangener –«

»Und mit wem würde ich unterhandeln können?« fragte der König weiter.

»Die Kaiserin und ihre Minister, Sire,« erwiderte Napoleon, »sind die legale Regierung in Frankreich, – ich kann nichts tun, – nichts vorschlagen, – ich bin nur noch ein einfacher Soldat, – ein Kriegsgefangener Eurer Majestät.«

»Wenn es Eurer Majestät genehm ist,« sagte der König abbrechend, »so werde ich Befehl geben, das Schloß Wilhelmshöhe bei Kassel für Ihre Aufnahme in Bereitschaft zu setzen, es wird Eurer Majestät dort an keiner Bequemlichkeit fehlen.«

Ein eigentümliches, halb bitteres, halb wehmütiges Lächeln zuckte eine Sekunde über das Gesicht des Kaisers.

»Ich bedaure,« fuhr der König freundlich fort, »die Gastfreundschaft, welche Eure Majestät mir in Paris erwiesen, nicht unter erfreulicheren Verhältnissen erwidern zu können.«

Der Kaiser verneigte sich schweigend.

»So leben Sie denn wohl, Sire,« sagte der König, – »möchte bald der Friede möglich werden.«

Er drückte dem Kaiser die Hand, der ihn bis zur Treppe begleitete, nachdem er in dem Glassalon sich vom Kronprinzen verabschiedet hatte.

»Die Güte des Königs hat mich tief gerührt«, sagte er dabei mit zitternder Stimme zum Kronprinzen, – eine Träne rollte aus seinem Auge über die welke, eingefallene Wange herab, – er trocknete sie schnell mit dem Handschuh, den er in der Hand hielt.

Der Kaiser blieb in der Tür stehen, bis der König und der Kronprinz zu Pferde gestiegen waren und, noch einmal grüßend, mit dem ganzen Gefolge davonsprengten.

Napoleon aber kehrte in das Haus zurück, rief die Generale seiner Umgebung und erteilte ruhig wie zur Zeit des Friedens seine Befehle für die Reise nach Wilhelmshöhe, die in der Frühe des nächsten Tages angetreten werden sollte. Dann entließ er die Generale, um bis zur Stunde des späten Diners allein zu bleiben.

Nach der Entfernung des Königs rückten bald auch die württembergischen Batterien ab, es blieb nur die Wache von den Leibkürassieren zurück, und stille Einsamkeit umgab diese letzte Wohnung des gefallenen Kaisers auf dem Boden Frankreichs.

Napoleon hatte sich in das neben dem Salon befindliche Bibliothekzimmer zurückgezogen und trat vor den großen, offenen Bücherschrank mit langen Reihen elegant gebundener Bücher.

Sein Auge flog gleichgültig über die Titel hin, welche die Namen aller französischen Klassiker zeigten – endlich heftete sich sein Blick auf eine große, in Broschürenform kartonierte Lieferung der illustrierten Ausgabe seines Werks »Das Leben Cäsars«, welche zur Seite auf einigen Bänden von Buffon lag.

Er nahm dies Heft und betrachtete sinnend die auf dem Umschlag befindliche Vignette, welche den großen römischen Imperator von Emblemen seiner Apotheose umgeben darstellte.

»Das Leben Cäsars!« sagte er seufzend, – »hier – an diesem Tage! – Er fiel auf der Höhe seiner Macht, – aber sein Werk fiel nicht mit ihm – seine Erben bestiegen den Thron, dessen Grundsäulen er errichtet – das römische Volk weinte um ihn und errichtete ihm Altäre! – Er war glücklicher, als er blutend zu den Füßen der Bildsäule des Pompejus lag, – ich habe lebend vor meinem siegreichen Gegner gestanden, – und ich muß weiter leben – leben und leiden!«

Er ließ sich in einen weiten Fauteuil sinken und schlug das Heft aufs Geratewohl auf.

Betroffen blickte er auf die Überschrift des Kapitels, welche die geöffneten Blätter ihm zeigten.

»Les Germains dans la Gaule« las er leise – und ein trauriges Lächeln flog über sein Gesicht.

Dann las er, langsam die Blätter umschlagend, dies Kapitel seines Werkes über die Geschichte einer fernen Vergangenheit, – während die Geschichte der Gegenwart sich anschickte, über ihn hinweg das Leben der Völker auf neue Bahnen zu führen.

Zweiunddreißigstes Kapitel

Immer unruhiger war das Leben in Paris geworden, seit es mit Bestimmtheit bekannt geworden war, daß der Kaiser mit der Armee Mac Mahons den Marsch nach dem Norden angetreten, um auf diese Weise durch eine Umgehung der feindlichen Truppen gegen Metz vorzudrängen, sich mit dem Marschall Bazaine zu vereinigen und die deutschen Heere von ihren Rückzugslinien und von der Verbindung mit Deutschland abzuschneiden. Der General Trochu, wie er und seine Freunde laut verkündeten, hatten diesen Marsch geraten, der Marschall hatte auf das energischste bei der Kaiserin und bei den Ministern gegen die Zurückführung der Armee unter die Mauern von Paris protestiert, – der General Trochu aber war der Held des Augenblicks, er war der große Stratege, von welchem man die Rettung Frankreichs erwartete, und den man allein für fähig hielt, diesem so furchtbaren preußischen General Moltke die Spitze zu bieten. Grund genug, daß man von dem Marsch, den der General angeraten und den der Kaiser ausgeführt hatte, die entscheidendsten Erfolge erwartete. In allen Cafés, in allen Salons, auf den Boulevards und in den Foyers der Theater wurde diese große militärische Operation besprochen und diskutiert, und man war überzeugt, daß nun der Tag der Rache nicht mehr fern sein würde für alle diese Schlachten, welche die deutschen Barbaren zu gewinnen sich erlaubt hatten; denn wenn nur erst die vereinigten Armeen von Mac Mahon und Bazaine im Rücken des Feindes standen, wenn Trochu dann mit der Armee, welche er in Paris organisierte, einen Vorstoß machte, so war ja die Vernichtung des Feindes gewiß, und die übermütigen Eindringlinge mußten auf dem heiligen Boden Frankreichs ihren Untergang finden.

Es schien keinem von allen diesen Strategen der Cafés und Boulevards der Gedanke zu kommen, daß unter allen militärischen Operationen diejenige einer Umgehung feindlicher Armeen vor allem das höchste Geheimnis erfordert, niemand schien daran zu denken, daß ein Marsch, welcher von der ganzen Bevölkerung von Paris vom Morgen bis zum Abend besprochen wurde, kaum dem so feinhörigen preußischen Generalstab verborgen bleiben könne. – Der General Trochu hatte die Bewegung für gut erklärt, Mac Mahon führte sie aus, – an ihrem vollständigen Gelingen war nicht zu zweifeln, und die einzelnen Nachrichten, welche teils auf Privatwegen anlangten, teils offiziell verkündet wurden, bestätigten ja fortwährend, daß einzelne feindliche Abteilungen geschlagen seien, und daß auf dem Wege, den Mac Mahon zu nehmen habe, um sich mit Bazaine zu vereinigen, keine deutschen Truppen vorhanden seien.

So war Paris fröhlich und hoffnungsvoll bis zum Anfang des September, man erwartete täglich entscheidende Siegesnachrichten und man sprach von allem, wovon man in diesem vielköpfigen Paris zu sprechen pflegt, vor allem aber von der Revanche, die man an diesem törichten und verwegenen Deutschland nehmen wolle, welches das großherzige Frankreich von der preußischen Herrschaft hatte befreien wollen, und welches nun in schreiender Undankbarkeit mit Preußen ausgezogen war, um einen Einfall in das französische Gebiet zu machen. Am wenigsten aber sprach man von dem Kaiser und von der Regierung, das alles war fast vergessen in den Erschütterungen dieser Tage, und die einzige Autorität, welche in Paris anerkanntermaßen bestand, war die des Gouverneurs, des großen Generals Trochu.

Die Tuilerien waren einsamer und einsamer geworden. Wohl wehte die kaiserliche Trikolore auf dem Pavillon de l'Horloge, wohl standen die Posten vor dem Gittereingang zu dem inneren Hof, aber die Reihen von Equipagen, welche sonst in diesem Hof dem großen Eingang gegenüber für den Dienst der Marschälle und Minister, der Botschafter und Großwürdenträger, der Adjutanten und Hofchargen bereit standen, waren nicht mehr da; denn alle jene bunte, schimmernde Welt, welche die Vorzimmer der kaiserlichen Residenz erfüllte, war nach und nach fortgeblieben, und die Kaiserin Eugenie befand sich allein in ihren Salons mit den Damen und Herren des unmittelbaren Dienstes.

Mit unsäglicher Mühe und Selbstverleugnung hatte die Kaiserin den zuversichtlichen Blick in ihren Augen und das Lächeln auf ihren Lippen festgehalten; mit hocherhobener Stirn schien sie den immer finsterer und drohender sich um sie her zusammenballenden Wolken Trotz bieten zu wollen, – aber es gelang ihr nicht, ihrer Umgebung den Glauben und das Vertrauen auf die Zukunft einzuflößen, welche doch das Volk da draußen auf den Straßen noch erfüllte, und wie man auf den Höhen der Berge den heranbrausenden Gewittersturm zuerst empfindet, bevor er in die Täler herabdringt, so schienen diejenigen, welche auf den Höhen des Lebens der kaiserlichen Majestät zunächst standen, auch zuerst den Orkan zu fühlen, welcher heranzog, um diese Majestät von ihrer Sonnenhöhe hinab in den Staub zu schleudern.

Aber wenn sie allein war, wenn sie sich frei wußte von allen diesen auf sie gerichteten Blicken, dann brach der Stolz und die Kraft der Kaiserin zusammen, dann beugte sie ihre Stirn auf die gefalteten Hände nieder, dann verschwand das Lächeln von ihren Lippen, und heiße Tränen strömten aus ihren Augen über die bleichen Wangen nieder. Gewaltsam suchte sie den Mut und die Hoffnung in ihrem Herzen zu erhalten, aber es gelang ihr nicht, – sie suchte den Trost in der Religion, aber selten und seltener waren die Besuche ihres Beichtvaters, des Abbé Bauer, geworden, und oft kam es vor, daß, wenn sie zu ihm sandte, um ihn zu sich zu bitten, er nicht gefunden wurde und lange außerhalb des Schlosses blieb.

Endlich hatte die Kaiserin die Nachricht erhalten, daß der kaiserliche Prinz in Mézières angekommen und von dort auf belgischem Gebiet in Sicherheit gebracht worden sei.

Und auch diese Nachricht hatte nicht wenig dazu beigetragen, ihren Mut und ihren Stolz zu beugen.

So war der 4. September herangekommen, und obwohl man fortwährend günstige Depeschen von seiten der Regierung veröffentlichte, obwohl die ganze Bevölkerung mit Ostentation ihr Vertrauen in die Zukunft zur Schau trug, so hatte sich doch der ganzen Stadt eine gewisse fieberhafte Unruhe bemächtigt. Es war, als ob der äußerste Saum der Wolke, welche ihr furchtbares Wetter über Sedan entladen hatte, seine Nebel bis nach Paris hin erstreckte und wie in einem geheimnisvollen Vorgefühl die Empfindung der furchtbaren Nachrichten, die man erhalten sollte, voraussendete.

Die Straßen waren voll Menschen, welche sich in zitternder, unruhiger Bewegung, aber ohne laute Unterhaltung hin und her bewegten; und Bekannte, die sich begegneten, fragten sich mit einem gewissen bangen Ausdruck nach neuen Nachrichten, – fast alle fürchteten sie die Antwort auf ihre Frage.

Es waren heute nicht wie sonst die Depeschen an die Kioske angeschlagen, auch die Morgenblätter hatten weder Telegramme noch irgendeine Kundgebung des an Proklamationen und Erlassen so fruchtbaren Gouverneurs von Paris erhalten.

Die Kaiserin Eugenie saß in ihrem Privatsalon in den Tuilerien. Ein Fensterflügel war geöffnet und ließ die reine, frische Herbstluft aus dem Tuileriengarten hereinströmen. Es war still draußen auf den Champs Elysées, es war still im Innern des Schlosses, und nur im Tuileriengarten gingen wie in den Zeiten des tiefsten Friedens einzelne Spaziergänger auf und nieder, während zahlreiche Kinder unter der Aufsicht ihrer Bonnen ihre Reife vor sich hertrieben oder sich mit anderen Spielen beschäftigten. Nichts schien verändert gegen die früheren Tage, in denen dies Schloß der mächtigste und glänzendste Herrschersitz in Europa war, nichts als das Antlitz dieser Frau, welche vor dem mit tausend reizenden Kleinigkeiten überladenen Schreibtisch dasaß, die Hände auf den Schoß gefaltet und die Blicke starr und düster vor sich zur Erde gerichtet.

Die Kaiserin trug ein anliegendes, hohes Kleid von schwarzer Seide mit einer Brosche von Perlen, ein schwarzes spanisches Spitzentuch, um ihren Kopf und ihren Hals geschlungen, verdeckte fast ganz die goldblonden Haarflechten, und unter dieser ganz schwarzen Umhüllung erschien die marmorähnliche Blässe ihres Gesichtes geisterhaft und erschreckend.

Vor Ihrer Majestät stand Madame Lebreton, eine ihrer Vertrauten, die Schwester des glänzenden Generals Bourbaki, welcher an der Spitze der kaiserlichen Garden in den Krieg hinausgezogen war voll Kampfesmut und Siegeshoffnung. Madame Lebreton, eine noch junge Dame von feinen Zügen, dunklen Augen und stark brünettem, südlichem Teint, blickte voll Teilnahme auf die Kaiserin hin und sagte mit sanfter Stimme:

»Ich bitte Eure Majestät, sich nicht der Mutlosigkeit, der Verzweiflung hinzugeben. Noch kann, noch wird ja alles wieder gut werden, und wenn Eure Majestät den Mut verlieren –«

»Ich verliere den Mut nicht!« rief die Kaiserin, den Kopf aufrichtend. »Haben Sie mich je vor meinem Hof – vor diesem Hof,« fügte sie mit bitterem Ton hinzu, »dessen Reihen sich täglich mehr lichten, – haben Sie mich je zittern oder zagen sehen? Ich weiß, was ich meiner Stellung, was ich der Geschichte schuldig bin, – aber wenn ich allein bin, allein mit meinen wahren Freunden, – wie mit Ihnen,« sagte sie mit liebevoller Zärtlichkeit, – »mit denen, die mich nicht nur lieben, weil ich die Kaiserin bin, – dann muß das gequälte Herz sich Luft machen, dann muß ich meinen Jammer aussprechen, um die Kraft zu finden, mich wieder zu beherrschen, wieder lächeln zu können, wenn alle Blicke auf mich gerichtet sind.«

»Aber vielleicht«, sagte Madame Lebreton, »hat sich alles in diesem Augenblick schon zum Bessern gewendet, – alle Welt verspricht sich so viel von diesem Marsch des Kaisers nach Norden.«

»Ich verstehe nichts von militärischen Operationen,« rief die Kaiserin lebhaft, – »sie mögen vortrefflich sein, – aber ich habe mein Gefühl, mein Gefühl, das mich noch selten getäuscht hat, und das mir jetzt immer noch größeres Unheil verkündet! Denken Sie,« rief sie, rasch aufspringend und, wie von innerer Unruhe getrieben, schnell auf und ab schreitend, »denken Sie, wie weit es bereits gekommen ist, – mein Sohn, der Erbe dieser herrlichen Krone von Frankreich, die noch vor kurzem alle Kronen Europas mit ihrem Schimmer verdunkelte, er hat bereits die Grenzen des Landes verlassen müssen und irrt flüchtig in dem kleinen Belgien umher –, ein willkommenes Schauspiel für die dortige königliche Familie, die uns haßt, wie ihre Verwandten, die Orleans, uns hassen, – in Belgien – o mein Gott!« rief sie, das Gesicht mit den Händen bedeckend, – »der Heimat dieser unglücklichen Kaiserin Charlotte, welche mit dem letzten klaren Blick ihres in Irrsinn brechenden Auges den Himmel um Rache angefleht hat an dem Kaiser und seinem Stamm! Oh,« fuhr sie, in sich zusammengebrochen, fort, indem sie Madame Lebreton scharf und durchdringend ansah, – »für uns ist das alles viel ernster und viel schlimmer als für jene Fürsten, die im Purpur geboren sind und zu der großen Familie der Könige gehören; die Bourbons waren aus Frankreich vertrieben, aber sie waren Könige im Exil, sie waren die Brüder aller dieser gekrönten Häupter, die sich untereinander als ein besonderes, von Gott auserwähltes Geschlecht betrachten. Wir aber, wenn uns das Schwert aus den Händen genommen, wenn unsere Macht gebrochen ist, – was sind wir?«

»Ich bitte Eure Majestät,« erwiderte Madame Lebreton, indem sie die Hände der Kaiserin ergriff und an die Lippen drückte, »verbannen Sie diese traurigen Phantasien in einem Augenblick, wo Klarheit, Ruhe und Entschlossenheit not tut. Und wenn,« fuhr sie mit innigem Ton fort, »wenn wirklich noch schwereres Unglück bevorstehen sollte, – was auch immer kommen möge, für alle die treuen Herzen, die Sie umgeben, werden Eure Majestät immer die Kaiserin, die gnädige und geliebte Gebieterin bleiben.«

»Für alle treuen Herzen,« sagte die Kaiserin bitter, – »aber wie viele gibt es deren? Gehen Sie hinaus in die leeren Vorzimmer, dort können Sie sie zählen, die Getreuen, die Einsamkeit richtet sich um mich auf; mit jenem Instinkt, der das nahende Unglück fühlt, zieht sich alles von mir zurück, gerade wie es damals geschah, als in demselben unglücklichen Schlosse die arme Königin Marie Antoinette ihrem entsetzlichen Ende entgegenging, diese unglückliche Königin, deren Bild in den Tagen des höchsten Glücks fortwährend in meiner Seele lebte, – und deren Schicksal nun vielleicht auch das meine sein wird –«

»Majestät, ich beschwöre Sie!« rief Madame Lebreton zusammenschauernd.

Die Kaiserin war an eine zierliche Konsole herangetreten, auf welcher ein kleines, einfaches Service von weißem Porzellan mit Blumengirlanden stand.

»Das war das Frühstücksgeschirr der Königin in Trianon, in der Zeit, als sie noch ihr Porzellan wie ihr Leben mit Blumen bekränzte, – oft sind mir die Tränen in die Augen getreten, wenn ich diese Tasse betrachtete, welche von denselben Lippen berührt wurde, die später aus dem schmutzigen Geschirr der Conciergerie eine flüchtige Erquickung suchen sollten, – nun – vielleicht wird man späteren Generationen diese Gefäße zeigen und ihnen erzählen, daß dieselben einst der unglücklichen Königin gehörten, welche auf dem Schafott starb – und dann der unglücklichen Kaiserin, welche –« sie blickte mit großgeöffneten, starren Augen in die kleine Tasse hinein, als zeigten sich ihr in derselben ebenso finstere und entsetzliche Bilder der Zukunft, wie sie der geheimnisvolle Graf von Cagliostro einst vor der Dauphine Marie Antoinette in einem Glase Wasser erscheinen ließ.

Der Kammerdiener der Kaiserin trat leise und geräuschlos ein und meldete, daß der Fürst Metternich Ihre Majestät um Gehör bitte.

Rasch wandte sich die Kaiserin um.

»Der Botschafter Österreichs«, flüsterte sie leise, – »in dem Augenblick, in welchem das Bild der unglücklichen Erzherzogin mahnend vor mir aufsteigt – –«

»Der Fürst ist mir willkommen!« rief sie dann.

Und raschen Schrittes ging sie dem Botschafter entgegen, welcher durch die von dem Kammerdiener offengehaltene Tür in den Salon trat.

Fürst Metternich war im schwarzen Morgenanzug. Sein Gesicht war bleich, voll unruhiger Erregung, seine großen, etwas weichen Augen blickten mit tieftraurigem Ausdruck auf die Kaiserin hin, welche ihm die Hand entgegenstreckte und mit ängstlicher Eile sprach:

»Was bringen Sie mir, mein Fürst, in diesen Stunden der bangen Erwartung? Von einem so treuen und bewährten Freunde wie Sie kann nur eine gute Nachricht kommen.«

Der Fürst beugte sich auf die Hand der Kaiserin nieder, berührte dieselbe mit seinen Lippen und sprach dann, ohne die Augen wieder aufzuschlagen:

»Ich wünschte, Madame, Ihnen immer nur frohe Botschaften bringen zu können. Aber leider«, fügte er leise hinzu, »erhört der Himmel nicht immer unsere Wünsche, und oft muß es uns schon zur Beruhigung dienen, wenn wir, statt das Glück zu verkünden, im Unglück Trost bringen können.«

Die Kaiserin stützte sich einen Augenblick auf die Lehne des Sessels, neben welchem sie stand. Ihr ganzer Körper zitterte, kaum schien sie sich aufrecht halten zu können.

Madame Lebreton eilte zu ihr hin, um sie zu unterstützen.

»Sprechen Sie, mein Fürst,« sagte die Kaiserin, mühsam aufatmend, »ich bin gefaßt, das Schlimmste zu hören, – es bleibt ja nicht viel mehr übrig, nach allem, was uns schon betroffen.«

»Ich habe ein Telegramm erhalten, Madame,« sagte der Fürst Metternich, indem er ein Papier aus der Tasche zog, »das über die große Schlacht berichtet, welche unter den Mauern von Sedan stattgefunden hat.«

»Sedan,« wiederholte die Kaiserin mechanisch, – »also ist man dort auf den Feind gestoßen, die Umgehung ist nicht gelungen?«

»Es scheint,« sagte der Fürst, »daß die preußische Hauptmacht bei Sedan vereinigt gewesen, und die große Schlacht, welche vom frühen Morgen bis zum späten Abend dauerte, – ist verloren.«

»Verloren!« rief die Kaiserin, – »wie alle diese Schlachten bisher, eine nach der anderen, – oh, welche Täuschung, welche Täuschung! – welche Hoffnungen haben wir auf diese Armee gebaut! Doch, mein Fürst,« sagte sie dann, »teilen Sie alles mit, was Sie wissen.«

»Es ist nur wenig,« sagte Fürst Metternich, »ein kurzes Telegramm, – aber allerdings von Bedeutung, voll schmerzlichen Inhalts.«

Er faltete das Papier auseinander und las:

»Eine große Schlacht bei Sedan, der König von Preußen gegenwärtig, Mac Mahon verwundet, die ganze französische Armee hat die Waffen gestreckt. – –« Er hielt einen Augenblick inne und fuhr dann rasch, als wolle er sich von einer Last befreien, fort: »Der Kaiser hat dem Könige von Preußen seinen Degen übergeben und ist als Gefangener nach Wilhelmshöhe abgereist.«

Ein dumpfer, röchelnder Schrei rang sich aus der Brust der Kaiserin empor. Sie brach zusammen, Madame Lebreton fing sie in ihren Armen auf und ließ sie in den Sessel niedersinken.

Der Fürst war einen Schritt nähergetreten und blickte ängstlich und besorgt auf diese so hartgeprüfte Frau, welche mit schwerarbeitender Brust und geschlossenen Augen in den Sessel zurückgelehnt dalag.

»Nun ist alles vorbei!« rief sie endlich, drückte ihr Taschentuch vor die Augen und begann heftig zu schluchzen, während ihr Körper in konvulsivischen Bewegungen zitterte.

Madame Lebreton hielt sie in ihren Armen.

Der Fürst stand schweigend und unbeweglich daneben. – Er konnte nichts helfen, der Sturm dieser furchtbaren Gemütsbewegung mußte austoben.

Endlich sprang die Kaiserin empor.

»Wo ist Palikao?« rief sie, »warum habe ich von ihm diese Nachricht nicht erhalten? Man soll Palikao rufen! Hier ist sein Platz in diesem Augenblick, neben mir, neben der Regentin, die seinen Souverän, seinen Kaiser vertritt.

»Ich bitte Eure Majestät«, sagte der Fürst Metternich ruhig, »zu warten. Der Graf Palikao wird nicht verfehlen, Eurer Majestät spezielle Nachrichten über dieses unglückliche Ereignis mitzuteilen. Aber bedenken Sie, daß er den ersten Anlauf auszuhalten hat, daß seine Anwesenheit in dem Ministerium, in der Kammer unumgänglich notwendig ist, entziehen Sie ihn in diesem Augenblick nicht den dringenden Pflichten seiner Stellung.«

»Aber was soll ich tun?« rief die Kaiserin, »es müssen Entschlüsse gefaßt werden, es muß etwas geschehen, man muß ganz Frankreich bewaffnen, man muß das Volk an die Stelle dieser vernichteten Armeen treten lassen!«

»Ich glaube nicht,« sagte der Fürst Metternich, achselzuckend, mit trauriger Stimme, »daß auf diesem Wege durch eine Fortsetzung des Krieges noch etwas zu erreichen sein möchte, – doch steht es mir nicht zu, in dieser Beziehung Eurer Majestät eine Meinung auszusprechen. Wenn ich mir erlauben darf, Ihnen, Madame, persönlich meinen Rat, den Rat eines tief ergebenen Freundes zu geben, so würde ich Eurer Majestät empfehlen, für einige Zeit Paris zu verlassen und, fern von dem Einfluß der durch dieses Ereignis natürlich in hohem Grade aufgeregten Volksmassen, die Zukunft zu erwarten und zu überlegen, was zu tun übrigbleibt.«

»Paris verlassen«, rief die Kaiserin mit flammendem Blick, »im Augenblick der Gefahr den Platz verlassen, auf welchen der Kaiser, mein Gemahl, mich hingestellt hat, – den Platz, welchen ich behaupten muß für die Zukunft meines Sohnes? – nimmermehr, mein Fürst! Dadurch würde ich vielleicht mein Leben und meine Person in Sicherheit bringen, aber – eine Kaiserin muß auch zu sterben wissen –«

»Wenn dies Opfer seinen Preis wert ist«, erwiderte der Fürst. »In diesem Augenblick aber, Madame, wird die Zukunft nicht in Paris entschieden werden. Und Eure Majestät sind hier von zwei Seiten bedroht, Sie sind bedroht von dem aufgeregten Volk und bedroht von den feindlichen Armeen, welche sich nunmehr in raschen Märschen hierherbewegen und die Hauptstadt angreifen werden. In einem Augenblick aber, wie der gegenwärtige, muß die Regierung des Landes vor allem von innerem und äußerem Druck frei sein, und deswegen bleibe ich dabei, daß Eure Majestät Paris so schnell wie möglich verlassen müssen. Denn schon nach kurzer Zeit möchten Sie vielleicht gezwungen sein können, Frankreich zu verlassen.«

Die Kaiserin schritt unschlüssig auf und nieder.

»Ich kann mich nicht entschließen,« sagte sie endlich, vor dem Fürsten stehenbleibend, »wie würden sie jubeln, alle meine Feinde, wie würden sie alle mögliche Schmach an meinen Namen heften, wie würden sie mir nachsagen, daß ich vor der Gefahr geflohen sei, nachdem ich das Glück und den Glanz eines Thrones genossen! Verzeihen Sie,« sagte sie, dem Fürsten die Hand reichend, »ich zweifle nicht an der Aufrichtigkeit Ihres treugemeinten Rates, aber ich kann mich nicht zu einem so schweren Schritt entschließen, ohne wenigstens die unmittelbaren nächsten Ereignisse abzuwarten, ohne den Rat meiner Minister gehört zu haben.«

Der Fürst verneigte sich.

»Es steht mir nicht zu,« sagte er, »in Eure Majestät zu dringen, – ich bin nicht befugt, eine solche Verantwortlichkeit auf mich zu nehmen. Gestatten Eure Majestät mir, mich zurückzuziehen, und vergönnen Sie mir, nur noch einmal zu bemerken, daß die Zeit in solchen Krisen, wie die gegenwärtige, unendlich schnell fortschreitet und schnelle Entschließungen fordert. Mag geschehen, was da wolle,« fügte er mit Wärme hinzu, »Eure Majestät haben über mich zu gebieten und werden mich im Augenblick der Gefahr an Ihrer Seite sehen.«

Er küßte die Hand der Kaiserin und ging hinaus.

Die Kaiserin sah ihm lange nach.

»Er hat recht,« sagte sie, »die Zeit geht schnell, Entschlüsse müssen gefaßt werden, aber – was – was soll ich tun? – Paris verlassen? – das heißt alles aufgeben – das heißt die Abdankung – das heißt der Sturz in das Nichts. Und Palikao, der mich hier allein läßt, ich muß ihn sprechen oder irgendeinen anderen von den Ministern. Sehen Sie, wer im Vorzimmer ist, wen ich dorthin senden kann«, sagte sie zu Madame Lebreton.

Diese ging hinaus und kehrte nach einigen Augenblicken, noch ernster und trauriger als vorher, zurück.

»Es ist niemand da,« sagte sie, »das Vorzimmer ist leer.«

»Niemand da!« rief die Kaiserin mit einem fast krankhaften Hohnlachen, »die Kaiserin von Frankreich hat niemanden, den sie zu ihrem Minister senden könnte, – aber bin ich noch die Kaiserin? Bin ich nicht die Gemahlin eines Besiegten, eines Gefangenen, dem man nicht zögern wird, die Krone vom Haupt zu reißen, – oh, warum bin ich nicht draußen gewesen, dort hätte ich vielleicht etwas tun können, zu etwas nützen, hier bin ich allein – allein, hilflos und wehrlos in diesen blutgetränkten Mauern, welche schon so viele Throne zertrümmern sahen, – o mein Gott, welch ein Schicksal – und welch einen Ausgang wird das alles nehmen!«

Sie sank zusammenbrechend auf ihren Stuhl nieder; fahle Blässe bedeckte ihr Gesicht.

»Mag kommen, was da wolle,« rief Madame Lebreton, indem sie den Kopf der Kaiserin in ihre Hände nahm, »Eure Majestät bedürfen zunächst der Ruhe, um irgendeinen Entschluß zu fassen. Ich beschwöre Sie, Madame, legen Sie sich nieder, nur für kurze Zeit, – Sie werden die offiziellen Nachrichten erhalten, die Minister werden kommen, und Sie werden dann die Kraft haben, zu beschließen und zu handeln.«

Langsam richtete sich die Kaiserin auf, und fast willenlos, starr vor sich hinblickend, mit schlaff herabhängenden Armen, ließ sich die unglückliche Fürstin von ihrer treuen Dienerin nach ihrem Schlafzimmer führen, wo sie ganz angekleidet auf ihr Bett niedersank und in einen Schlummer der Ermattung verfiel.

Dreiunddreißigstes Kapitel

Auf jene unerklärliche Weise, welche die Nachrichten großer Ereignisse ohne die Vermittelung des gedruckten oder geschriebenen Wortes wie eine geheimnisvolle Zanbermacht unter den Menschen verbreitet, begann die Katastrophe von Sedan auf den Straßen von Paris bekannt zu werden.

Es war kein Telegramm publiziert, keine Proklamation erlassen, – dennoch erzählte da draußen in allen Teilen der riesigen Stadt, welche eine so vielgestaltige Welt für sich bildet, einer dem anderen, daß die Armee Mac Mahons geschlagen und der Kaiser gefangen nach Deutschland geführt sei. Und fragte man, woher die Nachricht käme, so hatte der eine sie eben wieder vom andern gehört und niemand konnte bis zur ersten Quelle hinaufsteigen. Nichtsdestoweniger aber glaubte man diese Nachricht, denn sie kam von allen Seiten ohne Widerspruch, sie lag wie ein Miasma in der Luft, sie schien wie ein finsterer Nebel aus der Erde zu steigen, und diese ganze Welt von Paris, soeben noch von Siegeshoffnungen getragen und nun so jäh aus ihren Illusionen zur Wirklichkeit erweckt, zitterte und zuckte wie im Fieberparoxismus.

Gruppen bildeten sich überall, man hörte überall Verwünschungen gegen den Kaiser ausstoßen, von dem man so lange vorher gar nicht mehr gesprochen, – hatte doch der Kaiser diesen Krieg unternommen, der ein so entsetzliches Ende nahm, und mußte man nun doch den Schuldigen haben, auf dessen Schultern man die ganze Last des Unglücks wälzen konnte –man vergaß, wie das französische Volk ja so leicht vergißt, daß die ganze Nation zum Kriege gedrängt, die Kriegserklärung mit Jubel begrüßt hatte und den siegreichen Kaiser fast zu den Göttern erhoben haben würde.

Endlich begannen einige Stimmen zu rufen:

»Nach dem Corps législatif, dort werden wir hören, was vorgeht!«

Und alle diese Gruppen drängten ohne bestimmten Plan, ohne bestimmte Absicht, zunächst nur von der Neugierde geleitet, von allen Seiten her nach dem Palais des Corps législatif. Bald waren die Kais, die Place de la Concorde und die Eingänge des Champs Elysées dicht mit Menschen gefüllt, und nach einiger Zeit hörte man bereits von allen Seiten Stimmen erschallen, welche erst in einzelnen Rufen und dann immer lauter und lauter sich vernehmen ließen.

»Nieder mit dem Kaiserreich! – die Absetzung! – Es lebe die Republik!«

Und nicht lange währte es, so stimmte diese ganze dichtgedrängte Menschenmenge in jene Rufe ein, welche herüberdrangen nach dem langgestreckten Palast der Tuilerien, auf welchem immer noch die kaiserliche Fahne wehte und unter dessen Dach fast einsam und verlassen die Kaiserin Eugenie in bewußtloser Erschöpfung dalag. –

In dem zweiten Zimmer des Café de Madrid, auf dem Boulevard St. Martin, dessen Räume heute ziemlich leer waren, da die Pariser in der unruhigen Erwartung neuer Nachrichten sich selten nur von den Straßen entfernen mochten, saß wieder jene kleine Kreis von Männern beisammen, welche von der Zukunft die Früchte ihrer finstern Arbeit erwarteten. Ihre auf den ersten Blick wenig außergewöhnlichen und einfachen Erscheinungen hätten bei näherer Betrachtung interessieren müssen, da alle diese Köpfe einen eigentümlichen, charakteristischen Ausdruck zeigten und die von diesen Personen halb leise geführte Unterhaltung in dieser Zeit der allgemeinen, hochgehenden Aufregung jedenfalls nicht gewöhnlich war.

Hier sah man Cluseret, den General der Fenier, mit seinem verbitterten, finstern Gesicht und den unsteten, verschleierten Augen; Paschal Grousset mit seinen welken, abgelebten Zügen; Courbet, den Maler des schmutzigen Materialismus, mit den stechenden Augen, dem beweglichen Gesicht und dem großen Vollbart; Delescluze mit den strengen Zügen, dem grauen Haar und Bart und den ruhigen, denkenden Augen; Mégy mit dem freien, offenen Blick und den heiteren Zügen, und Felix Pyat mit dem scharfen, ruhigen Profil, dem dichten, dunklen Haar und Bart, den düster flammenden Augen, aus welchen ein wilder, unversöhnlicher Haß gegen alles, was glücklich, fröhlich und rein in der Welt war, hervorsprühte.

Alle diese Männer saßen traurig und niedergeschlagen in einem engen Kreise nahe beieinander, die großen Nachrichten, welche die Welt draußen auf den Straßen von Paris zu bewegen anfingen, waren noch nicht zu ihnen gedrungen.

»Unmöglich ist es,« rief Felix Pyat, indem er mit der Hand durch seinen krausen Bart fuhr, »aus allen diesen widersprechenden Nachrichten die Wahrheit herauszufinden – die Wahrheit, welche diese traurige Regierung so sorgsam zu verhüllen bestrebt ist, um wenigstens noch einen Tag oder eine Woche länger ihr elendes Dasein zu fristen! Und doch,« sagte er, zähneknirschend, »wenn ich denke, daß vielleicht dennoch diese Hoffnungen sich erfüllen könnten, daß vielleicht dennoch ein Sieg könnte erfochten werden, und daß diese ganze kaiserliche Wirtschaft triumphierend hier wieder einrückte, daß ich aus der Verbannung zurückgekehrt wäre, um das zu erleben – – es wäre entsetzlich! Wir wären von unserem Ziele weiter entfernt als je!«

»Ein Sieg?« rief der Maler Courbet, »bah! glaubt das nicht, diese Armeen, die alle schon einmal geschlagen sind, werden keinen Sieg mehr erkämpfen! – Sie müssen verschwinden! Siegreich kann nur noch das Volk sein, das Volk in seinen Tiefen, das von der kaiserlichen Korruption noch nicht berührt worden.«

»Und dies Volk wird siegreich sein,« rief Mégy, »laß es nur erst heraufsteigen auf den Platz, welchen diese feige, verderbte Bourgeoisie jetzt einnimmt; das Volk wird siegreich sein!«

»Gewiß,« rief Felix Pyat, indem er sein Glas heißen Punsches bis zur Hälfte leerte, »aber wenn jetzt der Kaiser mit seiner Armee noch einmal die Feinde schlägt und das Glück an seine Fahnen fesselt, dann werden wir wohl«, sagte er mit bitterem Lachen, »die Siege des Volks nicht mehr erleben, denn dann wird eine neue Aera der Tyrannei beginnen, – einer stärkeren und entsetzlichern Tyrannei, als sie jemals dagewesen ist!«

»Ich habe immer davor gewarnt,« sagte Delescluze mit seiner ruhigen, klaren und schneidend scharfen Stimme, »die Durchführung unserer Prinzipien von äußeren Ereignissen abhängig zu machen, welche mehr oder weniger in der Hand des Zufalls liegen. Wir müssen mit unseren Ideen das Volk erfüllen, in diesen Ideen die zukünftige Generation erziehen, dann wird unser Sieg vielleicht später kommen, wir alle werden uns seiner Früchte vielleicht nicht mehr erfreuen, aber er wird um so sicherer kommen und wird keinem zufälligen Ereignis, sondern nur der Arbeit des Volkes allein zu danken sein.«

»Auch die günstigsten äußeren Ereignisse, auch die vollständige Niederlage des Kaisers,« sagte der General Cluseret, indem er sich mit seinem Stuhl zurücklehnte und eine dichte Wolke aus seiner Zigarette in die Luft blies, »das alles wird die wahre Freiheit und Gleichheit nicht zum Siege führen, wenn das Volk nicht militärisch organisiert und gut geführt wird; denn nach den kaiserlichen Armeen werden es die Truppen der Bourgeoisie sein, welche uns gegenüberstehen, und welche für ihren Besitz und ihre Existenz kämpfen. Das wird sie tapfer und ausdauernd machen, und weder mit Phrasen noch mit Ideen werden wir ihre Bataillone vernichten.«

Delescluze sah ihn mit einem strengen Blick an, – bevor er antwortete, öffnete sich klirrend die Glastür des ersten Zimmers und mit raschen Schritten trat Raoul Rigault in das Zimmer.

Dieser kaum dem Collège entwachsene Agitator war wenn möglich noch blasierter und kecker geworden. Er vereinigte in seiner Erscheinung die wenig gewählten, etwas zynischen Manieren des Quartier Latin mit der falschen und übertünchten Eleganz jener Stutzer dritten und vierten Ranges, welche auf den entlegeneren Boulevards und in den öffentlichen Lokalen der basse volée den Ton und die Manieren der Dandies aus der großen Welt kopieren. Sein Haar und sein gleichmäßiger, starker Vollbart waren mit einer gewissen koketten Prätension geordnet, sein blasses, etwas aufgeschwemmtes Gesicht trug den Stempel niedriger Debauche, seine etwas vorstehenden, großen und starr blickenden Augen waren von einem Pincenez bedeckt, das er mit einiger Mühe auf seiner Nase festhielt. Seine Wäsche und seine Handschuhe waren von äußerst zweifelhafter Frische, und das kleine Stöckchen, das er in der Hand hielt, war mit seinem imitierten Korallenknopf nur eine schwache Nachbildung jener eleganten und kostbaren Stils der Stutzer aus der großen Welt.

»Ich dachte es doch,« rief Raoul Rigault höhnisch, »daß ich meine vortrefflichen philosophischen Freunde hier finden würde, Vermutungen austauschend und Hypothesen bauend, während draußen die wirkliche Welt fortschreitet und ein wenig durcheinander gerüttelt wird, – was ihr sehr not tut.«

Er rieb sich vergnügt die Hände und trat vor einen großen, an der Wand hängenden Spiegel, in welchem er sich wohlgefällig betrachtete und seine Krawatte zu ordnen begann.

»Sind neue Nachrichten aus dem Felde gekommen?« fragte Felix Pyat.

»Die allerneuesten,« sagte Raoul Rigault, in dem er fortfuhr, sich mit dem Knoten seiner Krawatte zu beschäftigen, »Mac Mahon ist geschlagen, die ganze Armee hat die Waffen gestreckt und unser vielgeliebter, großmächtiger Kaiser Badinguet der Große ist encoffriert und nach einem hübschen kleinen Gefängnis in Deutschland abgeführt worden.«

Er hatte diese Worte im gleichgültigsten Ton gesprochen, als handle es sich um die natürlichste Sache der Welt, ohne einen Augenblick aufzuhören, sich mit seiner Toilette zu beschäftigen.

Alle übrigen aber waren aufgesprungen bei dieser Nachricht, welche in ihren wenigen Worten einen Umsturz alles Bestehenden bedeutete.

»Die ganze Armee gefangen,« rief Felix Pyat, »der Kaiser nach Deutschland abgeführt, dann ist der Moment für uns gekommen, wir müssen hinaus in die Vorstädte, wir müssen alle unsere Kräfte in Bewegung setzen –«

»Wir müssen das Volk bewaffnen und in Bataillone formieren,« sagte Cluseret, – »das alles muß militärisch organisiert werden!«

»Man muß eine Versammlung auf das Marsfeld berufen«, rief Delescluze, »und die Herrschaft der Kommune nach dem Vorbild von 1793 einrichten.«

»Auf! auf!« riefen alle Stimmen durcheinander, »laßt uns in unsere Quartiere gehen, unsere Freunde in Tätigkeit zu setzen!«

Und alle suchten ihre Hüte, um das Lokal zu verlassen.

Raoul Rigault hatte seine etwas abgetragene Krawatte zu einer kunstvollen Schleife geknüpft, warf noch einen Blick in den Spiegel und trat dann vor die Ausgangstür, indem er sein kleines Stöckchen emporhob und Felix Pyat, der eben hinausstürmen wollte, mit der Hand zurückschob.

»Halt, meine Freunde!« rief er, »halt, – ihr wollt wieder eine große Torheit begehen, eine Torheit, die ihr später lange zu bereuen haben würdet!«

»Eine Torheit,« rief Felix Pyat, »eine Torheit, wenn wir den Augenblick ergreifen, der vielleicht so bald nicht wieder kommt? Unsere größte, unsere ewige Torheit ist das Zaudern und Warten!«

Er versuchte, Raoul Rigault zur Seite zu schieben, dieser aber behauptete seinen Platz vor der Tür und sprach ein wenig ernster, aber immer noch mit jenem halb selbstzufriedenen, halb höhnischen Lächeln, welches fast nie von seinen Lippen verschwand:

»Hört mich an, meine Freunde, ich habe gesagt, es wäre eine große Torheit, wenn ihr jetzt hinausstürmen wolltet, um die Revolution zu entzünden. Für die Revolution, das heißt für unsere, für die ernsthafte Revolution ist die Zeit noch nicht gekommen. Der Kaiser ist gefangen, seine Armeen sind gesprengt,« fuhr er fort, während die übrigen sich um ihn drängten und ihm mit einer gewissen Ungeduld zuhörten, »diese Gesellschaft, welche hier in Paris die öffentlichen Gebäude okkupiert und sich die Regentschaft nennt, wird vor dem Hauch dieser Nachricht in Nichts zerstäuben, man wird die Republik proklamieren, aber es wird die Republik der Bourgeoisie sein, dieser vortrefflichen Bourgeoisie, welche uns so sehr liebt und hundertmal eher von den siegreichen Preußen auf den Knien den gefangenen Kaiser zurückerbitten würde, als daß sie mit uns etwas zu tun haben möchte, – dies wird die Republik der Trochu, der Jules Favre, der Gambetta und aller dieser Phraseurs sein, welche die kaiserliche Tyrannei nur verdrängen wollen, um sich an ihre Stelle zu setzen und das Volk ebenso zu mißbrauchen und zu unterdrücken, wie jene es getan.«

»Gewiß, gewiß,« rief Felix Pyat, »das wird geschehen, wenn wir uns nicht hineinmischen. Damit dies aber nicht geschehe, müssen wir hinaus, um die Unseren zu versammeln und zur Tat zu rufen!«

»Wir werden sie nicht so schnell sammeln können,« erwiderte Raoul Rigault, »daß jene nicht zuvor die Erbschaft der kaiserlichen Regierung angetreten haben, und wir werden uns dann diesen Herren der Bourgeoisie, und vor allen Dingen den Bataillonen des Generals Trochu, dieses Mannes der Proklamationen und der Pläne, gegenüber befinden. Wenn auch seine strategischen Pläne den Preußen nicht viel schaden werden, auf uns wird er mit besonderem Vergnügen feuern lassen, er wird stolz sein, doch irgendwo siegen zu können, und die ganze Folge des Unternehmens, welches ihr so vorschnell beginnen wollt, wird der Tod von vielen der Unsrigen, von uns selbst sein, denn es wird uns kaum gelingen, uns in Sicherheit zu bringen, und diese Herren von der Bourgeoisie werden uns noch viel eifriger verfolgen, als es die kaiserliche Polizei je getan hat.«

Alle schienen betroffen von den Worten Raoul Rigaults, – ein augenblickliches Schweigen trat ein.

»So sollen wir ruhig den Augenblick vorübergehen lassen? rief Felix Pyat, – »das ist unmöglich!«

»Wir werden nichts verlieren,« erwiderte Raoul Rigault, »wir werden den falschen Augenblick vorübergehen lassen, um den richtigen zu ergreifen. Diese Republik der Bourgeoisie wird sich selbst vernichten, die Uneinigkeit liegt in ihrem Schoß, die Feinde von außen werden sie beschäftigen und im Schach halten. Wir werden Zeit haben, alles vorzubereiten und nach festen Plänen zu ordnen, unsere Minen zu ziehen, um dann im gegebenen Moment, der bald kommen wird, alle diese Komödianten in die Luft zu sprengen. Unsere Freunde Varlin und Pindy sind abgereist, um in allen Provinzen die Gewerkvereine zu gemeinsamer, kaltblütiger und ruhiger Tätigkeit zu ermahnen, – die Gewerkvereine, welche die Armeeorganisation des streitenden Volkes bilden. Sie müssen alle dahin wirken, daß zunächst diese Bourgeoisregierung sich konstituiere, um sich selbst zu vernichten und uns Zeit zu lassen, unsere Kräfte vollständig zu ordnen. Heute würden wir geschlagen und niedergeworfen werden, in einigen Monaten vielleicht wird der Sieg mit Gewißheit unser sein. Darum, meine Freunde, muß heute unsere Losung sein, die Dinge gehen zu lassen, ohne uns auch nur mit dem Druck des Fingers daran zu beteiligen. Ich meinesteils gehe hinaus und rufe so laut ich kann: Es lebe Trochu! Es lebe Jules Favre! Es lebe Gambetta!« –

»Dann will ich wenigstens doch noch rufen: Nieder mit dem Kaiser! Nieder mit der Regentschaft!« sagte Courbet.

»Das ist nicht mehr nötig,« erwiderte Raoul Rigault achselzuckend, indem er sein herabgefallenes Pincenez von neuem auf der Nase befestigte, »ich liebe es nicht, meine Kehle unnütz anzustrengen.«

Felix Pyat war zur Seite getreten und drückte, in tiefen Gedanken versunken, beide Hände vor die Stirn.

»Unser Freund Raoul Rigault hat recht,« sagte Delescluze, »vollkommen recht, er ist der Jüngste von uns allen, aber ich muß ihm zugestehen, daß sein Blick klar und weitsichtig ist, handeln wir nach seiner Ansicht.«

»Er hat recht,« sagte Felix Pyat finster, »aber es ist doch hart, noch warten zu müssen, nachdem wir so lange schon gewartet haben, – indes, es muß sein –«

»Und Bakunin?« fragte Mégy, »er war angekommen, ich habe ihn seit vorgestern nicht gesehen; was ist aus ihm geworden?«

»Dieser tatarische Wilde,« erwiderte Raoul Rigault, mit seinem Stöckchen spielend, »in dessen Geist alles Unordnung, alles Dunkelheit und Überstürzung ist, kann natürlich nicht warten, bis die Frucht reif ist, er ist nach Lyon gegangen, um dort die Revolution zu entzünden. Man wird das niederschlagen, er wird fliehen müssen, oder man wird ihn fangen, und wenn der rechte Augenblick kommt, wird viel Kraft umsonst verpufft sein.«

Cluseret trank den Rest seines Punsches und sagte, indem er seinen Hut ergriff: »So laßt uns denn gehen, hier werden wir nicht erfahren, was draußen vorgeht.«

»Ich werde mir wenigstens das Vergnügen machen«, rief Courbet, indem er den übrigen folgte, »zu rufen: Nieder mit dem Kaiser! um einmal laut auf der Straße das zu sagen, was ich so lange in meinen Gedanken habe verschließen müssen.«

Die ganze Gesellschaft wandte sich nach der Seite der Boulevards, welche zu der Madeleine und der Rue Royale hinführte.

Cluseret blieb unbemerkt zurück und murmelte vor sich hin, indem er in die Rue Richelieu einbog:

»Bakunin ist nach Lyon gegangen, um die Revolution zu entzünden, – ich werde Bakunin folgen.«

*

Der Tag war vorübergegangen, das Volk war in die Sitzungen des Corps législatif gedrungen, die Regierung war verschwunden, man hatte die Absetzung des Kaisers ausgesprochen, die neue Regierung der nationalen Verteidigung hatte sich auf dem Stadthause konstituiert, und die Sonne sank am Abend dieses so ereignisreichen Tages ebenso ruhig und langsam zum Horizont herab als an all den anderen Tagen, welche sich in regelmäßiger Gleichförmigkeit folgen, und ohne eine Erinnerungsspur in den sich immer mehr verdichtenden Nebel der Vergessenheit versinken.

Das ganze öffentliche Leben von Paris wogte auf den Boulevards und in der Gegend des Hotels de Ville.

Vor dem Gittertor der Tuilerien standen ruhig wie immer die Posten. Die Kaiserin hatte sich nach einigen Stunden der Ruhe wieder erhoben, aber keine Botschaft vom Grafen Palikao kam zu ihr, und nur durch die Mitteilungen der geängstigten Dienerschaft erfuhr diese einsame Frau, welche gestern noch die Regentin von Frankreich war, was sich draußen begab.

Die Kaiserin war noch immer mit Madame Lebreton allein. Sie war eine Zeitlang in fieberhafter Unruhe hin und her geeilt. Dann, als man ihre Salons erleuchtete, hatte sie sich an ihren Schreibtisch gesetzt, um an den General Trochu zu schreiben, ihn zur Verteidigung des Thrones aufzurufen und sich unter seinen Schutz zu stellen. Einen Briefbogen nach dem anderen hatte sie wieder zerrissen, und müde und erschöpft saß sie da, die brennenden Augen, vor denen die Buchstaben sich zu verwirren begannen, mit den Händen bedeckend.

Der alte Kammerdiener der Kaiserin trat ein und überreichte Ihrer Majestät auf einem schön gearbeiteten Teller von Vermeil ein Billet, indem er sagte:

»Der Fürst Metternich sendet diesen Brief durch einen Beamten der Botschaft. Der Fürst wird in kurzer Zeit selbst bei Eurer Majestät erscheinen.«

Hastig erbrach die Kaiserin das Billett und durchflog den Inhalt, dann warf sie das Blatt mit einem tiefen Seufzer vor sich hin.

»Der Fürst dringt auf die Abreise,« sagte sie zu Madame Lebreton, die ihr gegenübersaß, – »aber wenn ich es auch wollte, wie wäre es möglich?«

»Der Ritter Nigra ist im Vorzimmer«, sagte der Kammerdiener, »und bittet Eure Majestät um Gehör.«

»Lassen Sie ihn eintreten!« rief die Kaiserin, und sich zu Madame Lebreton wendend, fügte sie mit einem traurigen Lächeln hinzu: »Da ist wenigstens noch jemand, der mein Vorzimmer nicht flieht, – aber es ist kein Franzose.«

Der Cavaliere Nigra, der Gesandte des Königs Viktor Emanuel und frühere Privatsekretär des Grafen Cavour, war ein mittelgroßer, schlanker Mann von etwa vierzig bis einundvierzig Jahren. Sein bleiches Gesicht mit dem dichten, langen, dunkelblonden Schnurrbart hatte nicht den feinen Schnitt des italienischen Typus, aber die etwas starken und kräftigen Züge zeugten von Geist und Willenskraft. Das dunkle, volle Haar war einfach gescheitelt, und aus den kleinen, etwas zurücktretenden Augen blickte feine und durchdringende Beobachtung. Herr Nigra, den seine geschmeidige Gestalt und seine eleganten Bewegungen noch jünger erscheinen ließen, als er war, näherte sich der Kaiserin mit tiefer Verbeugung und sprach, ohne ihre Anrede abzuwarten:

»Ich bitte Eure Majestät um Verzeihung, daß ich es wage, Ihnen meine Dienste und meinen Rat aufzudrängen, aber ich halte es für unerläßlich, daß Eure Majestät sich so bald als möglich entschließen, Paris zu verlassen. Eure Majestät wissen, was vorgegangen ist?«

»Ich habe wenigstens die Hauptsachen gehört,« erwiderte die Kaiserin mit matter Stimme, »und wenn man vielleicht auch einiges übertrieben hat, so genügt doch das, was geschehen, um mich die Notwendigkeit erkennen zu lassen, Ihren Rat zu befolgen, wenn der General Trochu, dem ich soeben schreiben wollte, mich nicht zu schützen vermag.«

»Trochu!« rief Herr Nigra, »Eure Majestät denken noch an Trochu? – Er ist Mitglied der Regierung, welche sich auf dem Stadthause konstituiert hat und sich die Regierung der nationalen Verteidigung nennt.«

Die Kaiserin schüttelte langsam den Kopf.

»Der nationalen Verteidigung?« sagte sie, – »sie wollen Frankreich verteidigen, nachdem die Marschälle des Kaisers geschlagen sind? Und wer sind die anderen Mitglieder der Regierung?« fragte sie dann, »man hat mir Herrn Jules Favre genannt.«

»Jules Favre,« erwiderte Herr Nigra, – »Gambetta – und,« sagte er mit leichtem Zögern, – Rochefort.«

Eine Leichenblässe überzog das Gesicht der Kaiserin.

»Rochefort!« rief sie in gellendem Aufschrei, indem sie die Hände auf ihr Herz drückte, – »ah, das ist das Ende, – ich will fliehen, mein Herr, ich will Paris verlassen, ich will Frankreich verlassen! – in einem Lande, in welchem Rochefort regiert, ist kein Platz für mich! – Aber wie«, fuhr sie fort, »ist es möglich, aus Paris hinauszukommen? – wird es mir nicht gehen, wie es der Marie Antoinette ging – auf ihrer Flucht – in Varennes –«

»Wir werden Mittel und Wege finden; aber zuvor erlauben mir Eure Majestät, einige Sicherheitsmaßregeln zu treffen.«

»Verfügen Sie«, sagte die Kaiserin.

Herr Nigra rief den Kammerdiener aus dem Vorzimmer herein.

»Haben Sie eine Anzahl von Leuten,« fragte er, »für deren Treue gegen Ihre Majestät Sie einstehen können?«

»Für zwanzig bis fünfundzwanzig Lakaien vom Dienst der Kaiserin möchte ich mit meinem Kopf haften«, sagte der alte Kammerdiener.

»So verteilen Sie dieselben sofort an alle Ausgänge des Schlosses, wenigstens an alle Zugänge zu den Appartements Ihrer Majestät, mit dem strengen Befehl, niemanden von der übrigen Dienerschaft hinein- oder herauszulassen. Die Freiheit, vielleicht das Leben der Kaiserin hängt davon ab«, fügte er leise hinzu.

Der Kammerdiener neigte schweigend den Kopf und ging hinaus.

»Jetzt sind wir für einige Zeit vor Verrat sicher«, sagte Herr Nigra. »Ich bitte Eure Majestät, nunmehr das Nötigste, aber auch nur das Allernötigste, mit sich zu nehmen. Ich werde versuchen einen unscheinbaren Wagen zu finden, den ersten Weg müssen wir jedenfalls zu Fuß machen.«

Er wendete sich zum Vorzimmer, während Madame Lebreton nach dem Schlafzimmer der Kaiserin eilte, um einige flüchtige Vorbereitungen zur Abreise zu treffen.

Als Herr Nigra die Tür des Vorzimmers öffnete, trat rasch der Fürst Metternich ein, eilte auf die Kaiserin zu und sprach:

»Das Vorzimmer Eurer Majestät ist leer, auch der Kammerdiener vom Dienst ist nicht darin, ich bitte deshalb, meinen Eintritt gnädigst zu entschuldigen. Die Zeit drängt, man beginnt verdächtige Rufe auf den Straßen zu hören. Ich beschwöre Eure Majestät, es ist kein Augenblick zu verlieren. Ein einfacher Fiaker steht auf dem Karussellplatz, in demselben werden Eure Majestät die Nordbahn erreichen, – wenn nur Ihre Entfernung von hier nicht bemerkt wird, so sind Sie gerettet.«

»Ich bin bereit«, sagte die Kaiserin, »und danke Ihnen mein Fürst, und Ihnen, Herr Chevalier, für Ihre Freundschaft, die in diesem Augenblick einen so hohen Wert hat.«

Madame Lebreton kam zurück, eine kleine Reisetasche am Arm. Sie reichte der Kaiserin einen einfachen Mantel und einen Hut.

Die Kaiserin machte ihre Reisetoilette, blickte noch einmal rings in dem Salon umher, in welchem sie so viele Tage des höchsten Glückes und Glanzes verlebt hatte, und der bestimmt war, nur wenige Monate später unter dem Schutt und den Trümmern des alten Tuilerienschlosses zu versinken, dieses Schlosses, das jene kaltherzige Mediceerin, welche so viele Augen hatte weinen machen, einst erbaut und das seitdem so vieler Herrscherinnen tränende Abschiedsblicke gesehen hatte, bis es als flammendes Sühnopfer eines im Fieberwahnsinn ringenden Volkes von der Erde verschwinden sollte.

Dann reichte die Kaiserin dem Fürsten Metternich den Arm, Herr Nigra folgte mit Madame Lebreton.

Der alte Kammerdiener war wieder in das Vorzimmer gekommen, nachdem er überall seine Wachen ausgestellt.

»Bleiben Sie hier«, sagte der Fürst zu ihm, »und sorgen Sie dafür, daß die Entfernung Ihrer Majestät so spät als möglich bekannt wird, – und nun«, fuhr er fort, »müssen wir das Schloß durch den unbemerktesten und unscheinbarsten Ausgang verlassen.«

Madame Lebreton trat mit dem Ritter Nigra voran.

»Ich weiß den Weg,« sagte sie, »folgen Sie mir.«

Und sich von dem großen Vorplatz seitwärts wendend, schritt sie durch einen langen, schwach erleuchteten Korridor über kleine Seitentreppen hinab zu einer Ausgangstür, welche weit ab von dem großen Portal in den Hof hinausführte.

Ein Lakai in der kaiserlichen Livree stand vor dieser Tür.

»Man passiert nicht!« sagte er, indem er sich vor die Schwelle stellte.

Die Kaiserin trat in das Licht einer kleinen Lampe, welche neben der Ausgangstür brannte.

Der Lakai wandte sich ehrerbietig zur Seite und ließ die Tür frei.

»Halten Sie gute Wache, mein Freund«, sagte der Fürst Metternich.

Und die vier Personen schritten auf den dunklen Hof hinaus.

Auf dem Karussellplatz war eine ziemlich zahlreiche Menschenmenge versammelt, und man hörte laute und heftige Stimmen von dort herüberdringen.

Die Kaiserin hielt einen Augenblick an und machte eine Bewegung, als wolle sie zurückkehren.

»Eilen wir, Madame,« sagte der Fürst Metternich, »Eure Majestät hat dort nichts zu fürchten, wir werden ruhig bei diesen Menschen vorbeigehen, ohne daß man uns beobachtet.«

Und man ging weiter im Schatten der Mauern, dem Orte zu, von welchem die lauten Stimmen herüberdrangen.

Dort befanden sich etwa hundert Menschen, Arbeiter aus den Vorstädten und einige Vorübergehende, welche sich zu denselben gesellt hatte. Sie umringten ein einfaches Coupé von dunkler Farbe, einige hielten das kräftige, mit den Füßen scharrende und den Kopf schüttelnde Pferd an den Zügeln, während andere sich bemühten den Schlag zu öffnen, welcher von innen festgehalten wurde.

»Nun, meine Freunde, was gibt es hier?« fragte Raoul Rigault, welcher, langsam über den Karussellplatz schlendernd, diese Menschenansammlung bemerkt hatte und herantrat, um zu sehen, was sie zu bedeuten habe, zugleich machte er sich, sein Stöckchen in der Luft umherwirbelnd, Bahn zu dem Schlage des Coupés.

»Oho, mein guter Freund,« rief ein großer, kräftiger Mann mit langem, struppigem Haar, das er nicht für nötig gehalten hatte, mit einem Hut zu bedecken, »oho, man spricht nicht in solchem Ton mit den Bürgern von Paris. Wir sind jetzt die Herren hier, und wir tun, was uns beliebt, – und wenn man vielleicht«, sagte er, mit eisernem Griff seiner Faust den Arm Raoul Rigaults erfassend, »ein Mouchard der Cidevantpolizei ist, so steht nichts im Wege, daß man eine Luftfahrt bis zur Höhe der nächsten Laterne macht!«

»Dummkopf,« sagte Raoul Rigault, indem er mit einem durchaus nicht sanften Hieb seines Stöckchens die Hand traf, welche seinen Arm umfaßt hielt, – »Dummkopf, was fällt Euch ein? ich glaube, ich habe so viel für das Volk getan, daß man mich wohl kennen sollte. Ist denn niemand hier von den Vorstädten Belleville oder St. Antoine, niemand, der den Bürger Raoul Rigault kennt?«

Einige Arbeiter in blauen Blusen traten heran.

»In der Tat,« sagte einer von ihnen, »es ist der Bürger Rigault, ein guter Freund des Volks, wir haben ihn oft in unseren Versammlungen gesehen.«

Er trat näher und reichte mit einer gewissen ehrerbietigen Scheu Raoul Rigault seine derbe Hand hin, welche dieser mit herablassender Gönnermiene ergriff.

Alle waren zurückgewichen, als die Identität des Agitators, dessen Name in den Kreisen der niedern Demokratie allgemein bekannt war, festgestellt worden.

Raoul Rigault stand allein am Wagenschlag.

»Und nun meine Freunde, sagt mir, was ist es mit diesem Coupé? warum habt Ihr es angehalten?«

»Wir haben es angehalten,« sagte der große Arbeiter, welcher zuerst die Tür zu öffnen versucht hatte, »weil wir hierhergekommen waren, um ein wenig zu sehen, was man da drinnen in dem Nest der Tyrannei treibt.«

Er deutete mit der Hand nach den Tuilerien.

»Ganz wie ich,« sagte Raoul Rigault, – »ganz wie ich, auch mich hat die Neugierde hierhergeführt.«

»Nun fuhr dieses Coupé,« sprach der Arbeiter weiter, »hier schnell vorüber, es schien sich hastig entfernen, sich verbergen zu wollen, – und ich weiß nicht, woher mir der Gedanke gekommen, daß Madame Badinguet darin sitze, – da schien es uns doch besser, diese vortreffliche Frau, welche solche Eile hat, ihrem Mann zu folgen, noch ein wenig hier zu behalten, da vielleicht die Republik ein Wörtchen mit ihr zu sprechen haben könnte.«

»Ah, ist es das?« sagte Raoul Rigault, indem ein Blitz in seinen matten Augen aufleuchtete, – »wir wollen sehen.«

Mit einem schnellen Druck riß er die Tür des Coupés auf, welche von innen nicht mehr gehalten wurde.

Eine Dame von schlanker Gestalt, in einem dunklen Kostüm, das Gesicht mit einem schwarzen Schleier bedeckt, beugte sich aus dem Wagen heraus.

»Wir haben sie,« riefen verschiedene Stimmen, »wir haben sie! In der Tat, es ist Madame Badinguet!«

Die Dame schlug den Schleier zurück und man sah die regelmäßigen, schönen Züge der Marchesa Pallanzoni, deren große Augen sich mehr voll Unwillen als voll Furcht auf die den Wagen umringende Gruppe richteten.

Raoul Rigault fuhr im ersten Augenblick betroffen zurück, dann erschien ein freudiges Lächeln auf seinem Gesicht.

»Ich hoffe, mein Herr,« sagte die Marchesa, »daß Sie die Augenblicke, in welchen ich die Ehre hatte, Ihnen zu begegnen, nicht vergessen haben, und daß Sie mir bezeugen können, daß ich nichts mit der Person gemein habe, welche man in mir vermutet!«

»Mit Freuden, meine schöne Dame!« rief Raoul Rigault. »Hört mich an, meine Freunde,« sagte er dann, »diese Dame hier kenne ich genau, sie ist eine Italienerin, die die Gastfreundschaft Frankreichs genießt, eine Tochter jenes Landes, das in diesem Augenblick die Tyrannei der Priester zerbricht. Ich, Raoul Rigault, gebe euch mein Wort, daß sie keine Beziehungen zu derjenigen hat, die ihr sucht, und welche wahrscheinlich«, fügte er höhnisch lachend hinzu, »dort oben noch beschäftigt ist; als gute Hausfrau ihre Diamanten einzupacken.«

»Nein, nein, sie ist es nicht,« riefen mehrere Stimmen, – »wenn der Bürger Rigault sie kennt, so genügt das!« hörte man von anderer Seite.

»Es lebe der Bürger Rigault! Es lebe der Bürger Rigault!« rief die ganze Gruppe. Und die Marchesa neigte lächelnd den Kopf, als wolle sie ihre Zustimmung zu diesem Ruf ausdrücken.

In diesem Augenblick schritt die Kaiserin am Arm des Fürsten Metternich fast unmittelbar an der rufenden Menge vorüber. Ein Strahl der nächsten Laterne fiel auf ihr Gesicht, die Aufmerksamkeit aller Anwesenden war auf die Szene am Wagenschlag des Coupés gerichtet. Niemand beobachtete die vier ruhig und ohne jede sichtbare Eile über den Karussellplatz dahinschreitenden Personen. Nur einer jener kleinen Pariser Gamins, welche überall sind, welche alles hören, alles sehen, von welchen niemand weiß, woher sie kommen und was später aus ihnen wird, rief mit gellender Stimme:

»Das ist die Kaiserin! Das ist die Kaiserin!«

»Willst du schweigen,« rief der große Arbeiter, indem er seine mächtige Faust auf den Kopf des Kleinen legte und ihn herabdrückte, »du hörst ja, daß sie es nicht ist, – daß der Bürger Rigault sie kennt!«

Raoul Rigault hatte sich bei dem Ruf des kleinen Gamins einen Augenblick umgewendet. Seine Augen öffneten sich weit, er hatte mit einem raschen Blick die Vorübergehenden gesehen. Es schien, als wolle er in einem wilden Sprung ihnen nachstürzen wie das Raubtier, das seine Beute verfolgt. Da fühlte er einen leisen Druck auf seinem Arm, zugleich hörte er die flüsternde Stimme der Marchesa, welche zu ihm sprach:

»Bleiben Sie hier, schweigen Sie, ich bitte Sie darum.«

Raoul Rigault stand unschlüssig.

»Steigen Sie zu mir ein und begleiten Sie mich,« sagte die Marchesa, »ich habe mit Ihnen zu sprechen.«

Raoul Rigault zuckte zusammen, sein glühender Blick ruhte einen Augenblick wie zweifelnd und fragend auf dem schönen Gesicht der Marchesa. Dann ergriff er die Hand, die sie ihm reichte, und stieg zu ihr in das Coupé.

Die Kaiserin mit ihren Begleitern war im Dunkel der Nacht verschwunden.

»Nach Hause!« rief die Marchesa Pallanzoni dem Kutscher zu.

Das Pferd zog an, und schnell rollte das kleine Coupé dem Eingang nach der Rue de Rivoli zu, während die Gruppe welche dasselbe bis jetzt umringt hatte, nochmals rief:

»Es lebe Raoul Rigault!«

Und unmittelbar daran schloß sich der noch lautere, noch leidenschaftlichere Ruf:

»Nieder mit dem Kaiserreich! Nieder mit dem Kaiser! Nieder mit der Kaiserin!«

Die Gruppe teilte sich und ging nach verschiedenen Seiten auseinander, immer noch jene Rufe ausstoßend.

Und mitten durch sie hindurch fuhr unbemerkt und unbeachtet ein einfacher Fiaker in seinem kurzen, kleinen Trabe auf demselben Wege aus dem Karussellplatz heraus, welchen vorher das Coupé der Marchesa Pallanzoni genommen hatte.

Vierunddreißigstes Kapitel

Der Baron von Rantow hatte die übrigen Verwundeten, welche er auf dem Schlachtfeld gefunden, an die Ambulanzen und schnell errichteten Notlazarette abgegeben und sich dann der Gräfin Gabriele zur Verfügung gestellt, um möglichst ein besonderes Quartier und eine gute Pflege für den verwundeten Freund ihres Hauses zu finden.

Gabriele teilte ihm mit, daß ihr Bruder, der Graf Franz von Spangendorf, sich ebenfalls zur freiwilligen Hilfeleistung bei der Krankenpflege der Johanniter hier befinde, daß sie ihn gestern gesehen und daß er wahrscheinlich in Donchery sei.

Herr von Rantow erkundigte sich und erfuhr bald, daß der Graf Spangendorf in einem kleinen Gartenhause vor Donchery stationiert sei, um eine dort eingerichtete Lazarettabteilung zu leiten.

Schnell fuhr man dorthin, – der Morgen begann inzwischen anzubrechen, und Graf Franz, erfreut, einem Freund seines Bruders Rettung und Pflege bringen zu können, richtete für den Verwundeten ein kleines, nach dem Garten gehendes Zimmer ein, welches an das Kabinett stieß, das die mit der weiblichen Pflege betraute barmherzige Schwester bewohnte. Man war bald übereingekommen, daß die hier beschäftigte Schwester ihren Platz mit Gabriele vertauschte, so daß der Leutnant von Rothenstein unmittelbar unter den Händen seiner Freunde sich befand.

Gabriele ließ alle diese Anordnungen schweigend geschehen, sie unterstützte dieselben nicht, aber sie widersprach ihnen auch nicht. Nur als der Verwundete in dem kleinen, freundlichen Zimmer zu Bett gebracht war, und nun bleich und leidend, aber mit dem Ausdruck glücklichen Friedens in seinem Gesicht in den weißen Kissen dalag, da sah sie mit einem Blick zu ihm hin, welchen nicht nur Teilnahme menschlichen Mitgefühls so warm erleuchtete. Sie faltete die Hände und richtete ihre Augen aufwärts, wie in innigem Gebet, und wenn Herr von Rothenstein sie in diesem Augenblicke hätte sehen können, so hätte ihr Anblick ihn vielleicht mehr gestärkt, als alle Arzneien der Welt.

Aber er sah sie nicht, der arme Verwundete. Er lag ruhig atmend zwar, aber in einer Art von starrem Halbschlummer betäubt da. Die körperlichen Schmerzen und die Seelenleiden, welche in so kurzer Zeit ihn erschüttert, hatten seine Kraft erschöpft. Das geheimnisvolle Walten der Natur hüllte ihn in gleichgültige Ruhe ein, um den übermäßig angestrengten Nervenfasern Zeit zur Erholung zu geben.

Gabriele zog sich in ihr Zimmer zurück und hatte dort bald ihre einfachen Einrichtungen getroffen. Sie besuchte die übrigen im Hause untergebrachten Verwundeten, leitete sorgsam und umsichtig deren Pflege und versäumte keine der Pflichten, welche sie übernommen. Aber wenn sie alle Anordnungen getroffen, alle Befehle der Ärzte ausgeführt hatte, dann zog sie sich in ihr Zimmer zurück, setzte sich in einen Stuhl neben der offenen Tür und horchte, nach den herbstlichen Bäumen des Gartens hinausblickend, auf die Atemzüge des Kranken, schnell herbei eilend, wenn er eine unruhige Bewegung machte, bald mit leiser Hand die Kissen unter seinem Kopf ordnend, bald einen kühlenden Trunk seinen Lippen einflößend.

Auch Graf Franz widmete sich mit unermüdlichem Eifer seinem Beruf. Der tiefe Schmerz, welcher sein ganzes Wesen erfüllte, verklärte und milderte sich in der Tätigkeit, die der Linderung fremder Leiden gewidmet war. Und wenn er in den Abendstunden in das Zimmer seiner Schwester kam, um nach des Tages mühevoller, aber segensreicher Tätigkeit einige Augenblicke der Ruhe zu genießen, da löste sich zum erstenmal seit langer Zeit der Bann, welcher sein schmerzvoll erschüttertes Herz gefangen hielt. Er erzählte ruhig und ergeben von Lorenza, von seiner Liebe und ihrem traurigen Ende. Der schauerliche, starre Ausdruck des letzten Augenblickes, in welchem er seine Geliebte gesehen, löste sich in weiche Wehmut, und die Bilder seiner Erinnerung verbanden sich zu harmonischem Frieden.

Gabriele hörte ihm still und ruhig zu, nur mit wenigen sanften Worten sprach sie ihm ihre Teilnahme aus, aber ihre Blicke zeigten, wie tief sie den Schmerz ihres Bruders mitempfand. Und wenn er mit bebender Stimme von der starren Verzweiflung sprach, mit welcher er vor dem blutenden Leichnam seiner Geliebten gestanden, dann flogen wohl ihre Augen mit langem, angstvollem Ausdruck hinüber nach dem Nebenzimmer, in welchem der Leutnant von Rothenstein in ruhigem Halbschlummer auf seinem Schmerzenslager ruhte.

Die Ärzte hatten seine Wunden untersucht, sein Kopf war nur leicht verletzt, ein schwerer Säbelhieb war tief in die linke Schulter gedrungen, ohne indeß lebensgefährliche Verletzungen zu verursachen. Seine Brust war von der durch das Etui abgehaltenen Kugel ebenfalls nur äußerlich verletzt. Aber eine andere Kugel hatte ihm das Knie zerschmettert und bei der Anlegung des ersten Verbandes hatten die Ärzte die Befürchtung ausgesprochen, daß eine Amputation notwendig werden würde.

Man wollte den erschütterten Nerven zunächst einige Ruhe gönnen und versuchen, ob durch Entfernung der Kugel und der Knochensplitter eine Heilung der Wunde als möglich erscheinen möchte, und mit banger Erwartung sahen Graf Franz und Gabriele der Entscheidung über das Schicksal des jungen Mannes entgegen, der mit lächelnden Lippen dalag, als lebe sein Geist, den irdischen Schmerzen und Leiden entrückt, in einer Welt glücklicher, lichter Träume. Das zerdrückte Etui hing an einer feinen, goldenen Kette an seinem Halse. Bei jedem Versuch der Ärzte, dasselbe zu entfernen, hatte er, ohne aus seiner schlummernden Betäubung zu erwachen, die Hand krampfhaft um dasselbe geschlossen und sich so unruhig hin und her zu werfen begonnen, daß man ihm diesen auch in seiner Bewußtlosigkeit ihm so teuren Schatz hatte lassen müssen.

Am Tage, nach welchem Gabriele die Leitung der Pflege in der Lazarettabteilung ihres Bruders übernommen, war der Pater Haug, welcher die Abteilung der barmherzigen Schwestern, der Gabriele zugehörte, begleitet hatte, in das Zimmer Gabrielens getreten.

Verwundert fragte er nach der Ursache des erfolgten Tausches.

Gabriele schlug beim Eintritt des Paters, der mit leisen, elastischen Schritten ihr nahte und seine brennenden Blicke mit magnetischer Macht auf ihr ruhen ließ, die Augen nieder, als fürchte sie, daß die durchdringende Gewalt dieser Blicke sich in die Tiefen ihres Herzens hinabsenken möchte.

»Sie wissen, ehrwürdiger Vater,« sagte sie mit leiser, zitternder Stimme, »daß ich meinen Bruder hier begegnet habe. Wir dienen demselben frommen Zweck, und er wünschte, daß wir unsere Tätigkeit gemeinsam ausübten, um uns gegenseitig stärken und unterstützen zu können.«

Sie sprach die Wahrheit und dennoch flog ein flüchtiges Rot über ihr Gesicht. Ihr niedergeschlagenes Auge blieb am Boden haften und ein Zug von Unruhe und Verlegenheit zuckte um ihren Mund.

Der Pater sah sie erstaunt an. Er trat einen Schritt näher zu ihr und sprach mit strengem Ton:

»Die Liebe zu ihrem Bruder an sich ist nicht zu tadeln, aber sie ist ein irdisches Gefühl, und jedes irdische Gefühl ist für die Seele, welche sich dem Himmel und seinem heiligen Dienst weiht, eine Fessel. Sie hätten besser getan, den Weg Ihrer frommen Pflicht allein zu gehen. Wer den höchsten und heiligsten Beruf der menschlichen Seele gewählt hat, wie Sie, muß vollkommen frei werden von allen irdischen Gefühlen, und seien sie auch gut und rein, frei von allen irdischen Erinnerungen und stark genug, um ohne Stütze und Beistand seinen Weg zum Ziele der Vollendung zu gehen. Sie vor allem,« fuhr er fort, indem er einen Stuhl neben Gabriele zog und ihre Hand ergriff, die bei seiner Berührung leicht zusammenzuckte, »Sie vor allem, Gabriele, die Sie doch, glücklicher als andere, des Beistandes eines irdischen Bruders, den der Zufall der Geburt Ihnen gegeben, nicht bedürfen; haben Sie nicht mich, um Ihre Seele zu stützen, zu tragen, zu leiten? Erinnern Sie sich nicht, daß Sie sich mir gelobt haben, mir als dem Vertreter Ihres himmlischen Bräutigams, dem alle Liebe Ihres Herzens gehören sollte?«

»Ich erinnere mich, – und ich werde mein Gelöbnis halten,« sagte Gabriele, ohne die Augen aufzuschlagen, indem sie versuchte, ihre Hand aus der des Paters zurückzuziehen, – »Sie haben gesehen, daß die irdischen Versuchungen keinen Reiz für mich haben, – aber für meinen Bruder ist es eine Freude, hier seinen Beruf mit mir zu teilen, – seine Seele steht ja auch nicht unter dem Einfluß der Welt und ihrer Freuden, – im Umgang mit ihm kann mein Herz sich nur mehr und mehr dem Himmel zuwenden.«

»Ich will es nicht zu scharf tadeln,« sagte der Pater in milderem Ton, »daß Sie der Bewegung Ihres Herzens gefolgt sind, das Sie zu gemeinsamer Tätigkeit mit Ihrem Bruder hinzog, – vor allen irdischen Gefühlen ist dies das edelste und beste, – aber ein irdisches Gefühl bleibt es, und die Seele, welche sich dem Priesterdienste des Himmels weiht, darf irdischen Gefühlen keine Macht einräumen. Ich bedaure nur, daß Sie mir Ihren Entschluß nicht mitgeteilt haben, hier das Lazarett Ihres Bruders zu übernehmen, – daß Sie meinen Rat nicht gehört haben, – ich fand Sie bei meiner Rückkehr von den Besuchen bei anderen deutschen Verwundeten nicht mehr dort, und erfuhr –«

»Ich glaubte recht zu tun!« fiel Gabriele in demütiger Haltung zwar, aber in einem Ton ein, aus welchem es wie erwachendes Selbstgefühl hervorklang.

»Das eigene Herz und seine irdische Regung führt oft irre, – es bedarf des steten Rates und Beistandes der Kirche, um nicht vom rechten Wege abzuweichen,« sagte der Pater sanft, – »o Gabriele,« fuhr er dann fort, indem er näher zu ihr heranrückte und seine brennenden Blicke so scharf auf ihre noch immer niedergeschlagenen Augenlider richtete, als wolle er durch dieselben in die Tiefen ihrer Seele dringen, – »Gabriele, – vertrauen Sie niemals den Regungen der vergänglichen Natur, – auch Ihre Eltern und Geschwister gehören der irdischen Welt an, von der Sie sich loslösen müssen, – Ihre einzige Heimat ist die Kirche, – Ihr einziger Freund bin ich, der Sie zu dieser ewigen Heimat hinüberzuführen auserwählt ist. – Gabriele, vergessen Sie nicht, daß Sie meine Schwester sind, – daß mir allein Ihre Seele gehören darf in inbrünstiger, heiliger Liebe, – die Welt um uns mag vorüberrauschen, – sie darf uns nicht berühren, – wir müssen uns tiefer und tiefer ineinanderleben, – Bruder und Schwester in überirdischer, reiner Flamme inniger Seelengemeinschaft, – Gabriele, schwören Sie mir noch einmal, mir treu zu bleiben, – ungeahnte Wonne, Vorgefühl der ewigen Himmelsfreuden wird Ihr Lohn sein!«

Er hatte sie zu sich herangezogen, sein glühender Atem strich über ihre Wangen, – seine flammenden Blicke ruhten fast körperlich fühlbar auf ihrem Gesicht, – wie von übermächtiger Gewalt gezwungen, schlug sie die Augen auf und sah ihn mit angstvollem Schauer an, als befände sie sich unter der unbeschränkten Herrschaft seines Willens.

»Gelobe mir, meine Schwester,« sagte er leise, »mit diesem Kuß, in dem unsere Seelen sich berühren – –«

Ein tiefes, schmerzliches Stöhnen ertönte aus dem anderen Zimmer, dessen Türe halb offen stand.

»Mein Gott, der Kranke, – er wird etwas bedürfen!« rief Gabriele, und als ob durch diesen zu ihrem Ohr dringenden Ton der Bann gebrochen sei, unter dem sie der faszinierende Blick des Paters gehalten, sprang sie auf und eilte nach dem Nebenzimmer.

Herr von Rothenstein lag auf seinem Bett, den Kopf etwas emporgehoben und den Körper auf seinen rechten Arm gestützt. Seine Augen waren weit geöffnet, zwar noch fieberhaft glänzend, aber vollkommen klar und frei blickten sie mit dem Ausdruck tiefen Erstaunens im Zimmer umher.

Als Gabriele in der Tür erschien, flog ein Ausdruck des Verständnisses über sein Gesicht, – helles Glück erleuchtete seine Züge.

»Es war kein Traum, – sie ist bei mir!« hauchte er leise, – sein Kopf sank wieder in die Kissen zurück, und immer die glänzenden, glücklichen Blicke auf Gabriele geheftet, streckte er ihr in matter Bewegung seine gesunde Hand entgegen.

Es lag in dieser Bewegung, in diesem Blick des hilflosen Kranken eine so rührende, unwiderstehliche Bitte, daß das junge Mädchen schnell zu ihm herantrat, ihre Hand in die seine legte und ihn mit liebevoll-inniger Teilnahme ansah.

Er drückte ihre Hand fest in seine zitternden Finger und sagte ganz leise nur das Wort »Gabriele«, – als wolle er in dies eine Wort all seine Freude, all sein Glück über die Erscheinung der Geliebten an seinem Schmerzenslager zusammenfassen.

Hocherglühend stand Gabriele vor ihm.

Der Pater war dem jungen Mädchen langsam gefolgt, in dem Glauben, daß irgendein fremder Verwundeter ihre Pflege in Anspruch nehme, – als er in die Tür trat, sah er den Leutnant von Rothenstein, den sein scharfer Blick sogleich erkannte, – er sah dessen glückstrahlende Augen, er sah Gabrielens errötende Verwirrung, – er hörte ihren Namen von den Lippen des Verwundeten, – er hörte diesen Ruf, der in seinem schnell verwehenden Ton dennoch die ganze Empfindung eines von Liebe überströmenden Herzens aussprach, – starr und unbeweglich blieb er in der Tür stehen, den Blick wie geblendet auf dieses so schöne, reine Bild der beiden jungen Leute gerichtet, welche in diesem Augenblick die Welt um sich her vergessen zu haben schienen.

Der Priester des Evangeliums der Liebe und Erbarmung hätte Freude haben müssen an diesem Bilde, welches ihm die Dienerin der tätigen Barmherzigkeit zeigte an dem Lager des verwundeten Kriegers, – aber es war keine Freude, was flimmernd aus seinen Blicken hervorbrach. Sein bleiches Gesicht färbte sich mit gelblichem Schein, – aus seinen Augen schossen Blitze unbändiger Wut und grimmigen Hasses, – seine geöffneten Lippen schienen einen Fluch ausstoßen zu wollen, – und seine Glieder bogen sich zusammen wie die eines Raubtieres, das zum Sprung auf seine Beute sich anschickt. Einen Augenblick stand er so, – den Kopf vorgebeugt, die Hände erhoben wie zu feindlichem Angriff, – da wendete Gabriele, wie angezogen von seinen Blicken, den Kopf nach ihm hin, – ein Schauer des Entsetzens rieselte durch ihre Glieder, sie erblaßte und senkte den Blick zu Boden, – aber sie zog ihre Hand nicht aus der des Verwundeten zurück, und ein fester, stolzer Entschluß drückte sich in den zarten Linien ihres Gesichtes aus.

Der Pater faltete die Hände krampfhaft zusammen und drückte sie gegen seine Brust, als wolle er gewaltsam niederhalten, was in derselben gärte und kochte, – er schlug die Augen nieder, – ruhiger, strenger Ernst erschien an der Stelle der wilden Bewegung in seinen Zügen, und langsam trat er näher zu dem Bette des Verwundeten heran, der nichts von allem zu bemerken schien, was um ihn vorging, und unbeweglichen Auges Gabriele ansah, – als fürchte er, daß dieses glückbringende Bild verschwinden könne, wenn er den Blick wendete.

»Sie haben lange geschlafen, Herr von Rothenstein,« sagte Gabriele mit freundlicher Herzlichkeit, indem sie mit einem Blick voll ruhiger Würde den Pater streifte, – »ich hoffe, daß Sie die Kräfte gesammelt haben, die Sie zu Ihrer Heilung bedürfen.«

»Ich habe geschlafen«, erwiderte der Verwundete, »und habe geträumt, lange geträumt. Und es war ein schöner, lieber Traum, – ich fürchtete zu erwachen, aber jetzt sehe ich, daß das Erwachen schöner ist, als alle Bilder der Träume.«

Gabriele zog langsam ihre Hand zurück.

»Ich muß meinen Bruder benachrichtigen«, sagte sie. »Der Arzt wollte es sogleich wissen, wenn Sie erwachen.«

»Ihr Bruder hier?« sagte Herr von Rothenstein, »ist sein Regiment –«

»Mein Bruder Franz,« sagte Gabriele, »den Sie gesehen haben, als Sie zum letztenmal bei uns waren,« fügte sie in fast vorwurfsvollem Ton hinzu, – »er tut Dienst bei den Johannitern.«

»Aber Sie kommen wieder?« rief der Verwundete, mit angstvollem Blick die Hand ausstreckend.

»Gewiß,« sagte Gabriele mit sanftem Lächeln, – »ich habe ja hier die Krankenpflege zu leiten, und hier ist in diesem Augenblick meine Heimat, – die Heimat meines Bruders. Gedulden Sie sich einen Augenblick, ich werde die Ärzte rufen, und ich hoffe, daß sie Ihnen Gutes verkünden werden.«

Der Pater hatte sich bei den letzten Worten, welche zwischen Herrn von Rothenstein und Gabriele gewechselt wurden, zurückgezogen.

Der Verwundete folgte der von dem weiten, schwarzen Gewande umhüllten Gestalt des jungen Mädchens, bis sie das Zimmer verlassen hatte, dann schloß er, den Kopf tief in die Kissen zurückdrückend, die Augen, als wolle er durch keinen Eindruck der Außenwelt das liebe Bild verwischen lassen, das ihn in seinen Träumen umschwebt hatte und im Erwachen ihm glückverheißend entgegengetreten war.

Der Pater Haug stand in der Mitte des zweiten Gemachs. Als Gabriele aus dem Krankenzimmer heraustrat, schloß der Pater die Türe desselben und blieb mit unterschlagenen Armen, die strengen Blicke auf sie geheftet, vor ihr stehen.

»Sie haben Ihr Gelübde gebrochen,« sprach er mit einer Stimme, die in keuchendem, heiserem Ton aus seiner Brust hervordrang, – »Sie haben mir die Unwahrheit gesagt. Sie haben den Himmel, Sie haben Gott betrogen.«

Gabriele wollte antworten.

Der Pater streckte abwehrend die Hand gegen sie aus und fuhr in demselben Ton fort:

»Sie haben mir gesagt, daß die Liebe zu Ihrem Bruder, daß der Wunsch, mit ihm gemeinsam Ihren Beruf zu erfüllen, Sie hierhergezogen habe. Das war eine Lüge. Eine Lüge gegen mich, gegen den Himmel und gegen Ihr ewiges Heil. Denn nicht um Ihres Bruders, nicht um Ihres Berufes willen sind Sie hierhergekommen, sondern um jenes verwundeten Offiziers willen, der Ihnen einst in irdischer Liebe genaht ist, der Ihr Herz betört hat, um es von dem reinen Dienst des Himmels abzuwenden. Antworten Sie mir! Ich will die Wahrheit wissen, und ich habe das Recht, Sie an Ihr Gelübde zu mahnen.«

Die zarte, sonst so demütig zusammengeschmiegte Gestalt Gabrielens richtete sich hoch empor. Stolz erwiderte sie den stechenden, durchdringenden Blick des Paters:

»Ich habe mich dem Dienst der tätigen, helfenden Liebe gelobt,« erwiderte sie, »und diesem Dienst bin ich treu geblieben. Der Verwundete dort hat ein Recht auf meine Pflege, ein Recht auf meine Teilnahme, wenn er auch nicht der Freund meines Bruders wäre. Und ich habe nicht das Recht, die helfende Hand zurückzuziehen, weil er in edler und zarter Weise einst meinem Herzen näher zu treten versuchte. Hier ist er nur der Leidende, der Verwundete für mich, dem ich meine Dienste schuldig bin wie jedem anderen.«

Ein bitteres Hohnlachen umspielte die Lippen des Paters.

»Wie jedem andern,« sagte er, die Worte wiederholend, »warum sind Sie dann hierhergekommen? Warum sind Sie nicht bei jenen anderen geblieben, welche Ihrer Pflege ebensosehr bedürfen als dieser? Warum haben Sie ihn nicht den Händen Ihrer Schwestern überlassen, die für ihn ebensogut gesorgt haben würden als Sie, – ich wiederhole Ihnen, Sie betrügen mich und betrügen sich selbst. Die irdische Versuchung ist mächtig geworden in Ihnen, aber meine Pflicht ist es, Sie dieser Versuchung nicht zu überlassen. Meine Pflicht ist es, Sie zurückzuführen zu dem heiligen Beruf, von dem Sie sich abwenden wollen in sündhafter Selbsttäuschung. Ich befehle Ihnen im Namen der Kirche, im Namen des Himmels, dessen Dienst Sie sich gelobt, zurückzukehren von dem Irrwege, der Sie zum ewigen Verderben führen wird. Verlassen Sie sofort dies Haus,« fuhr er fort, indem er in heftigem Druck den Arm Gabrielens erfaßte, »senden Sie die Schwester hierher zurück, mit der Sie getauscht haben, und ich will vergessen und verzeihen, daß Sie schwankten und mir die Unwahrheit sagten.«

Durchdringend bohrten sich seine Blicke in die Augen Gabrielens, indem er versuchte, sie von der Eingangstür abzuziehen. Aber diese Blicke hatten ihre überwältigende Macht über das junge Mädchen verloren. Sie machte sich von der Hand los, trat einen Schritt zurück und sprach hoch erhobenen Hauptes mit kaltem Ton:

»Ich kann Ihren Wunsch nicht erfüllen, ehrwürdiger Pater, denn mein eigenes Gefühl und mein Gewissen spricht mich von jedem Vorwurf frei. Ich habe die Pflege dieses Kranken übernommen, meine Gegenwart tut ihm wohl, meine Entfernung würde ihn kränken und beunruhigen. Ich werde der Stimme meines Gewissens folgen und meine Pflicht hier erfüllen.«

Und ruhig an ihm vorbeischreitend, ging sie aus der Türe hinaus.

Der Pater machte eine Bewegung, als wolle er ihr nachstürzen, aber vor der verschlossenen Tür hielt er an und stand einige Augenblicke wie in dumpfer Betäubung da. Er vermochte es nicht zu fassen, daß dies Wesen, das er als sein Eigentum betrachtete, das sich so lenksam und demütig seiner Fügung unterworfen hatte, so plötzlich und unerwartet sich gegen ihn empörte. In gewaltigem inneren Kampf schritt er auf und nieder, seine Brust arbeitete in unruhigen Atemzügen, und alle dämonischen Geister des Hasses und der Rache schienen aus den wilden Flammen seiner Augen hervorzubrechen.

Wie gebrochen sank er in einen Stuhl am Fenster.

»Ich habe allem entsagt,« flüsterte er dumpf, »was die Welt an Reiz und Freude bietet, dies eine Wesen zu beherrschen und mein zu nennen, dies Wesen, mit dem ich lieber die Qualen des ewigen Abgrundes teilen möchte, als ohne sie die Seligkeit der Heiligen genießen. Und doch bin ich ohnmächtig, – wenn meine Gewalt über ihren Geist und ihre Seele zusammenbricht, wenn sie es wagt, sich mir zu entziehen, – was bin ich, der arme, nichtsbedeutende Priester, ihr gegenüber, die mit einem Wort eine unausfüllbare Kluft zwischen uns öffnen kann, – wenn sie es wagt, dies Wort zu sprechen!«

Er versank in schweigendes Brüten. Starr blickte er vor sich hin, wilde Glut leuchtete aus seinen Augen. Ein dämonisches Lächeln zuckte um seine fest geschlossenen Lippen, nur in einzelnen zitternden und unverständlichen Worten machte sich der Sturm Luft, der sein Inneres durchtobte.

Eine Viertelstunde mochte er so dagesessen haben, als Gabriele mit ihrem Bruder Franz zurückkehrte.

Der Militärarzt und ein Chirurg folgten.

Graf Franz und die Ärzte traten in das Zimmer des Verwundeten.

Gabriele setzte sich schweigend dem Pater gegenüber, der den Blick nicht zu ihr aufschlug und stumm und starr in seinen Sessel gelehnt dasaß.

Die Wunden des Herrn von Rothenstein wurden nochmals sorgfältig untersucht. Die beiden Mediziner führten ein kurzes, leises Gespräch in einer Ecke des Zimmers. Dann trat der Militärarzt an das Bett des jungen Offiziers und verkündete ihm in teilnahmsvoller, aber ernster und bestimmter Weise, daß eine Amputation des linken Beins über dem Knie unumgänglich notwendig werden würde, wenn nicht sein Leben unabweislicher Gefahr ausgesetzt werden sollte.

Der junge Mann schloß einen Augenblick die Augen und lag in stillem Nachdenken da. Dann hob er sich ein wenig auf seinem unverwundeten Arm empor und sprach, indem er den Arzt mit klarem, vollem Blick ansah:

»Ich bin ein Mann, Doktor, und weiß jeder Gefahr, auch dem Tode, ruhig und gefaßt ins Auge zu sehen. Sagen Sie mir die volle und ganze Wahrheit: Sind Sie gewiß, daß durch die Amputation mein Leben gerettet wird?«

Der Arzt blickte forschend in das Gesicht des Verwundeten, aus dessen Augen Mut und ruhige, ergebungsvolle Entschlossenheit ihm entgegenleuchteten.

»Ich kann Ihnen mit Bestimmtheit sagen, Herr Leutnant,« sprach er dann, »daß Sie ohne Amputation unrettbar verloren sind, die Heilung Ihrer Wunde im Knie ist unmöglich. Ob eine Amputation Ihr Leben retten kann, vermag ich nicht zu verbürgen – das hängt von der Kraft Ihrer Natur ab – Ihr ganzer Organismus ist schwer erschüttert durch die Schmerzen und den Blutverlust, und von Gott hängt es ab, ob Sie die Erschütterung ertragen werden, welche die Operation verursachen muß.«

»Ich verstehe,« sagte Herr von Rothenstein mit traurigem, schmerzvollem Lächeln, »und ich danke Ihnen für Ihre Aufrichtigkeit, – die Operation ist das letzte Mittel, mich von dem gewissen Tode zu retten, aber Ihre Wissenschaft gibt Ihnen kein unbedingtes Vertrauen in die Wirksamkeit dieses Mittels.«

Der Doktor schwieg.

»Ich werde Ihnen in einigen Augenblicken meinen Entschluß mitteilen«, sagte Herr von Rothenstein, »und bitte vorher nur um eine kurze Unterredung mit dem Herrn Grafen Spangendorf und seiner Schwester.«

Der Doktor verneigte sich stumm und ging in das Nebenzimmer.

Graf Franz rief Gabriele und schloß die Türe.

Herr von Rothenstein lehnte sich in die Kissen zurück, richtete den Blick seines mattglänzenden Auges auf Gabriele, welche mit ihrem Bruder am Fuße seines Bettes stand, und sprach mit ruhiger und sicherer Stimme:

»Sie kennen mich wenig, Herr Graf, aber Ihr Bruder ist mein Freund und kennt mich und meine Verhältnisse genau. Ich bin reich, sehr reich, und meine Familie steht nicht zurück hinter den ältesten und ersten des deutschen Adels. Der Arzt hat mir seinen Ausspruch verkündet, welcher fast ein Todesurteil für mich ist. Durch eine schmerzvolle Operation soll der Versuch gemacht werden, mich zu retten, aber der Doktor selbst hat kein Vertrauen in den Erfolg dieses Versuches. Ich stehe an der Grenze des irdischen Lebens, ich bin ein Sterbender, deshalb habe ich das Recht, aufrichtig zu sein und einen letzten Wunsch, eine letzte Bitte auszusprechen. Ich liebe Gabriele,« fuhr er fort, während das junge Mädchen zitternd das Haupt niedersenkte und, wie eine Stütze suchend, die Hände auf das Bettgestell stützte, »seit lange trage ich diese Liebe als mein höchstes Heiligtum im Herzen, Gabriele weiß es, sie konnte meine Liebe nicht erwidern, denn Ihr Herz war nicht mehr frei,« – tief aufseufzend hielt er einen Augenblick inne, während Gabriele das Haupt emporhob und ihn erschrocken ansah, – »ich habe schweigend entsagt und bin fortgegangen, um nur der Erinnerung an meine verlorene Liebe zu leben. Jetzt aber,« sprach er schneller und in lebhafterem Ton, indem seine Blicke sich in banger Frage auf Gabrielens zitterndes Antlitz richteten, »in dem Augenblick, da die Pforten des Todes sich vor mir öffnen, erfüllt mich die innere, tiefe Sehnsucht, meinen Besitz, die Wohnstätte meiner Ahnen, in welcher meine Eltern, die ich nie gekannt, lebten und glücklich waren, geliebten Händen zu hinterlassen, – den Händen Gabrielens, welche, des bin ich gewiß, jene Stätte achten und ehren wird, mehr als es Unbekannte, Gleichgültige tun würden, und welche freundlich dessen gedenken wird, der dort nicht glücklich sein sollte. Deshalb, Herr Graf, bitte ich Ihre Schwester Gabriele, mir hier auf meinem Schmerzenslager, das wohl mein Sterbebette sein wird, ihre Hand zu reichen, die sie mir im Leben nicht gewähren konnte. Sie sind der einzige Vertreter der Familie, Ihr Bruder, wenn er hier wäre, würde meinem Wunsch nicht entgegentreten und auch Ihr Vater nicht, der mich und meine Verhältnisse kennt. Ich bürge Ihnen mit meinem Ehrenwort für alles, was ich gesagt habe, und bitte Ihre Schwester um ihre Entscheidung.«

Gabriele wollte sprechen.

Herr von Rothenstein erhob die Hand und fuhr fort:

»Wenn Gabriele, die ich mehr liebe, als menschliche Sprache es zu sagen vermag, meine Bitte gewährt, so will ich mich ruhig und mutig der furchtbaren Operation unterwerfen, welche die Ärzte über mich verhängt haben. Sie wird mich nicht retten, aber ich werde wenigstens alles versucht haben, um das Leben, das Gott mir gegeben hat, zu erhalten. Meine Bitte ist kühn, vermessen, vielleicht aber«, fuhr er fort, »verzeihen Sie dieselbe dem zum Tode Verwundeten, der in die Ewigkeit den Trost hinübernehmen möchte, daß das, was sein war hier auf Erden, in den frommen Händen treuer Freundschaft zurückbleibt, und daß sein Name wenigstens eine Zeitlang von derjenigen getragen wird, die er über alles liebte.«

Graf Franz stand ernst, in tiefer Bewegung da. Er blickte fragend auf Gabriele und sprach dann:

»Ich habe kein Recht, Herr von Rothenstein, meine Familie zu vertreten, aber ich glaube, daß mein Vater, wenn er hier wäre, Ihrem Wunsche nicht entgegentreten würde, vorausgesetzt, daß meine Schwester –«

»Gabriele,« rief der Verwundete, – »Gabriele, Sie sind das Bild der Milde, der Barmherzigkeit, entscheiden Sie. Können Sie mit einem andern Gefühl im Herzen meine Bitte erfüllen?«

»Einem andern Gefühl?« rief Gabriele schnell, den erstaunten Blick auf das bleiche, unruhig bewegte Antlitz des Kranken richtend.

»Sie haben mir gesagt,« sprach Herr von Rothenstein, – »als das tiefe Gefühl aus meiner Brust herausbrach, – daß Ihr Herz bereits –«

»Einem heiligen Beruf gehöre,« rief Gabriele tief errötend ein, – »daß ich mich dem Dienste des Himmels und der heiligen Jungfrau geweiht, – ich sprach von keinem andern Gefühl«, fügte sie leise hinzu.

Einen Augenblick sah der Verwundete sie mit großen Augen an, als müsse er den Sinn dieser Worte erst fassen, welche so plötzlich die trübe Wolke von Schmerz und Kummer zerstreuten, die ein Jahr lang sein ganzes Leben mit dunklem Trauerschleier umhüllt hatte, – dann strahlte der Glanz lichter Glückseligkeit über seine Züge, und noch inniger, noch dringender bat er:

»Wenn also kein anderes Gefühl Sie abhält, dem Sterbenden so hohen Trost zu gewähren, – dann, Gabriele, – dann – darf ich hoffen, alles, was ich besitze, alles, was mir lieb ist auf der Welt, Ihren Händen überlassen zu können?«

Gabriele stand zitternd da, – zögernd blickte sie auf ihren Bruder.

»Herr von Rothenstein,« sagte Graf Franz, – »ich habe, wie ich Ihnen wiederholen muß, kein Recht, meinen Vater und meine Familie zu vertreten, – es ist ein wunderbarer, eigentümlicher, einziger Fall, – eine schwere Verantwortung ruht auf mir, – aber,« fuhr er entschlossen fort, – »ich will sie tragen, – ich kenne meinen Vater, – er liebt Gabriele über alles, – er vertraut ihrem Gefühl, das stets das Beste, das Reinste, das Richtigste zu treffen weiß, unbedingt, – was sie tut, wird er billigen, bei Gabrielen liegt die Entscheidung, was sie beschließt, werde ich vertreten. Sprich, meine Schwester,« wandte er sich zu dem jungen Mädchen, »welche Antwort gibst du auf die Frage des Herrn von Rothenstein?«

»Gabriele, ich beschwöre Sie,« rief der Verwundete, – »gewähren Sie mir den letzten Trost in meiner Hilflosigkeit, in den Leiden, denen ich entgegengehe und die mich schnell in den Tod hinüberführen werden –«

»Halt – nicht so,« fiel Graf Franz ein, – »nicht so darf meine Schwester Ihnen antworten, – bedenke, Gabriele,« sagte er ernst, – »wenn du dich jetzt entschließest, dem Herrn von Rothenstein deine Hand zu reichen, so darf er kein Sterbender für dich sein, – mit noch tieferer Inbrunst als bisher müssen dann deine Gebete den Himmel anflehen, – wie es die meinigen tun werden, – daß sein Leben erhalten bleibe, – und wenn der allmächtige Gott unser Flehen erhört, – dann, Gabriele, mußt du bereit sein, dein Leben dem zu weihen, dem du hier an der Schwelle des Todes dich mit dem heiligsten Bande verbunden hast, willst du, meine Schwester, in diesem Sinne und Verständnis, in Freiheit und Klarheit dem Herrn von Rothenstein deine Hand reichen, so antworte mir und ich werde es auf mich nehmen, im Namen unserer Eltern und unserer Familie meine Einwilligung und Zustimmung zu erteilen.«

Mit zitternder banger Erwartung hingen die Blicke des Verwundeten an Gabriele, die unbeweglich, tiefatmend, die Hände über die Brust gefaltet, dastand.

»Ich will es«, sagte sie mit festem, klarem Ton, ohne die Augen aufzuschlagen, ohne ihre Stellung zu ändern.

»Dank!« rief Herr von Rothenstein, – »Dank, – tausendmal Dank, – dieser Augenblick des Glücks söhnt mich mit meinem ganzen traurigen und einsamen Leben aus, – und wenn aus meinem gebrochenen Körper meine Seele entflieht, so mag die Erinnerung an mich wie ein Hauch des Segens Ihr Leben begleiten und jeden Kummer von Ihnen fernhalten!«

Gabriele schlug die Augen zu ihm auf, – sie sagte nichts, – aber was er in ihren Blicken las, mußte ihn mit hoher Glückseligkeit erfüllen, denn er schloß die Augen und flüsterte leise: »Oh, mein Gott, – warum muß des Lebens höchster Lichtglanz sich mir erschließen in dem Augenblick, da die Nacht des Todes mir ihre Schatten entgegensendet!«

Dann aber richtete er sich auf seinem Arm empor und rief:

»Doch, ich will mit allen Gebeten meiner Seele, mit aller Kraft meines Willens das Leben festzuhalten versuchen, – rufen Sie den Arzt, Herr Graf, – er mag sein Werk beginnen.«

Graf Franz öffnete die Tür des Nebenzimmers, der Arzt trat ein, der Pater folgte, – sein Gesicht war kalt und ernst, seine Haltung demütig und bescheiden, er hielt die Augen fest auf den Boden geheftet und sah den scheuen Blick nicht, den Gabriele bei seinem Eintritt auf ihn richtete.

»Ich bin bereit, Doktor,« sagte Herr von Rothenstein, – »Sie können Ihre Operation beginnen, – sagen Sie mir ehrlich,« fügte er ernster hinzu, »haben Sie Hoffnung auf einen guten Ausgang?«

»Je heiterer und zuversichtlicher Ihre Stimmung ist, um so sicherer darf ich auf einen guten Ausgang der Operation hoffen«, erwiderte der Arzt.

»Nun, dann will Gott mir vielleicht helfen,« rief der Verwundete mit einem strahlenden Blick auf Gabriele, – »denn ich bin glücklicher hier auf meinem Krankenbett, als ich es seit langer Zeit gewesen! – wann wollen Sie beginnen?«

»Ich möchte Ihre Nerven vorher vollständig beruhigen«, sagte der Arzt, »und will Ihnen bis morgen früh einen festen, ruhigen Schlaf schaffen, der Sie stärken wird, die Operation zu ertragen, hier haben Sie eine Anzahl Pulver, – nehmen Sie zunächst zwei davon, – ich hoffe, sie werden genügen. –Morgen früh wollen wir dann, im Vertrauen auf Ihre gute Natur, ans Werk gehen.«

Er legte ein Paket abgeteilter Pulver auf den Tisch und entfernte sich, um die anderen Verwundeten zu besuchen.

»Morgen früh also,« sagte Herr von Rothenstein, – »und vorher, unmittelbar vor der entscheidenden Stunde möchte ich Gabriele bitten, mir Trost, Kraft und Hoffnung durch ihre Hand zu geben.«

Gabriele neigte leise das Haupt.

»Herr Pater,« sprach Graf Franz, sich zu dem Pater Haug wendend, der bei den letzten Worten des Verwundeten in jähem Schreck zusammengefahren war, »Herr von Rothenstein hat meine Schwester gebeten, ihm hier in extremis, im Angesicht des Todes ihre Hand zum ehelichen Bunde zu reichen, – sie willigt ein, und ich als hier anwesendes Mitglied der Familie übernehme die Verantwortung namens meines Vaters, die Zustimmung zu erteilen, – wollen Sie die Güte haben, morgen die Trauung vorzunehmen?«

Die Gestalt des Paters zitterte unter der gewaltsamen Anstrengung, mit welcher er seine Gefühle in sein Inneres zusammendrängte, sein Gesicht blieb unbeweglich, nur schien es, als ob alles Blut aus demselben zurückwiche und als ob diese starren Züge einer Wachsmaske angehörten. Dann schlug er langsam das Auge zu Gabrielen auf, – starr und tot war sein Blick, alles Leben schien aus diesen Augen entflohen zu sein, und doch drang aus denselben ein Strom voll drohenden Grimms zu dem jungen Mädchen hin, daß sie in scheuer, ängstlicher Bewegung sich zu ihrem Bruder hinwendete.

In demselben Augenblick hatte aber der Pater seine Augen wieder zu Boden geschlagen und sprach mit ruhiger, eisig tonloser Stimme:

»Ich glaube nicht tun zu dürfen, was Sie von mir verlangen, – ohne die bestimmte Einwilligung der Eltern, – auch war, – wie ich weiß, Gräfin Gabriele für einen heiligeren Beruf bestimmt.«

»Diese Bestimmung, für welche meine Schwester geneigt war, hat mein Vater niemals gebilligt,« fiel Graf Franz ein, – »und es wird eine hohe Freude für ihn sein, wenn sie derselben entsagt, – wenn Sie übrigens Bedenken haben, so will ich nicht in Sie dringen, – der Pfarrer des Ortes wird auf meinen Wunsch die Trauung vollziehen, – im Angesicht der Todesgefahr müssen dem bestimmt erklärten Willen der Beteiligten gegenüber alle Rücksichten schwinden.«

»Und will die Gräfin Gabriele in voller Klarheit und Freiheit des Entschlusses dem Herrn von Rothenstein ihre Hand reichen?« fragte der Pater.

Wieder richtete sich sein Auge mit jenem schauerlich starren Blick auf das junge Mädchen.

Diese richtete, leise erbebend, das Haupt empor, ergriff die Hand ihres Bruders und sagte mit fester Stimme:

»Ich will es.«

»So bin ich bereit,« sprach der Pater, »die heilige Handlung vorzunehmen, – die Folgen habe ich nicht zu vertreten, und Gräfin Gabriele wird dem Himmel gegenüber bei ihrem ewigen Heil ihren Entschluß zu verantworten haben.«

»Sie wird es können,« sagte Graf Franz ernst und ruhig, – »denn diese,« fügte er hinzu, die Hand seiner Schwester dem Verwundeten hinreichend, der sie mit ehrfurchtsvoller Innigkeit an seine Lippen zog, – »diese hat wahrlich des Himmels Hand zusammengeführt, – dieselbe Hand,« sprach er leise vor sich hin, – »welche in ihrem unerforschlichen Ratschluß das Liebesband meines Herzens mit blutigem Dolche zerschneiden ließ.«

»Doch jetzt gilt es,« fuhr er dann laut fort, »die Vorschrift des Arztes zu erfüllen und unserem armen Freund die Kräfte zu geben, deren er so sehr bedarf für die schwere Stunde, die seiner wartet.«

Er schüttete zwei von den Pulvern, welche der Arzt zurückgelassen, in ein Glas mit etwas Wasser, – Gabriele reichte das Glas Herrn von Rothenstein, der mit dankbarem, glücklichem Lächeln dessen Inhalt trank.

»Jetzt müssen Sie Ruhe haben,« sagte Graf Franz, – »Gabriele, auch du bedarfst der Stärkung, – begleite mich, – ein Gang in frischer Luft wird dir wohl tun.«

»Ja,« sagte Herr von Rothenstein, – »gehen Sie, – das Glück läßt nicht schlafen – und Ihre Gegenwart ist das Glück!«

»Aber er kann doch nicht allein –« sprach Gabriele zögernd.

»Ich werde einen der Wärter rufen«, erwiderte Graf Franz.

»Lassen Sie mich hierbleiben,« sagte der Pater ruhig und kalt, – »es ist ja nur nötig, den Schlaf zu überwachen, – es handelt sich um keine besondere Pflege, – und das werde ich ja verstehen.«

Wie erschrocken blickte Gabriele auf, – Herr von Rothenstein winkte mit der Hand, Graf Franz führte sie hinaus, – der Pater ging in das Nebenzimmer, – Herr von Rothenstein ließ den Kopf in die Kissen sinken und schloß die Augen.

Als der Pater allein war, verschwand die kalte Ruhe aus seinen Zügen und aus seiner Haltung. Alle Dämonen des Hasses und der Rache schienen in den Flammen zu leben, die aus seinen Blicken sprühten, er faßte mit wildem Griff das Fenstersims und starrte in den Garten hinaus.

Einzelne unartikulierte Laute, abgerissene Worte drangen rauh aus seiner schwer arbeitenden Brust.

Endlich schien er Herr des Sturmes zu werden, der in seinem Innern tobte, er ließ sich langsam auf einen Stuhl sinken, und die Arme über die Brust gekreuzt, saß er lange in düsterem Nachdenken da.

»So ist denn das einzige Glück, das ich mir in der Stille bereitete, zerstört,« sprach er mit dumpfem Ton, – »dies Glück, nach dem die Sehnsucht meiner Seele lechzte, – dies Wesen mir entrissen, das ich für mich erzogen und gebildet, – das ich mein glaubte –

»Und warum? – weil dieser Verhaßte, dem die Welt alles geboten, was sie an Reichtum und Glanz bietet, seine Hand ausstreckt nach meiner Blume, deren berauschenden Duft ich langsam einsog, die in glühender Herrlichkeit an meinem Herzen erblühen sollte!«

»Und was hindert mich,« sprach er, sich erhebend, mit heiserer Stimme, »diesen Feind, der in mein Eigentum einbricht, zu erwürgen? – Er ist in meine Hand gegeben, – ein Druck dieser Finger und er ist nicht mehr, – und ich nehme ihm weniger, als er mir rauben will, – ich nehme ihm das Leben, – er will mir das Glück stehlen, das ich mir selbst herangezogen!«

Die Hände ausgestreckt, in zitternder Aufregung, wilde Leidenschaft in den zuckenden Zügen seines Gesichts, ging er dem Nebenzimmer zu.

Der Verwundete lag in tiefem Schlaf, – ruhige, tiefe Atemzüge drangen aus seinem Munde, sanfter, stiller Frieden lag auf seinem Gesicht. Langsam trat der Pater auf das Bett zu, – seine Augen schleuderten Blitze, die Finger seiner Hand spannten sich nach dem Verwundeten hin.

Plötzlich stand er still, – sein Blick fiel auf die Pulver auf dem Tisch, – die flammende Leidenschaft verschwand aus seinem Gesicht, ein stilles, unbeschreibliches Lächeln spielte um seinen Mund.

»Und was würde ich erreichen?« flüsterte er, »wenn ich diesen halbzerstörten Leib vollends vernichtete? Würde ich wiedergewinnen, was er mir geraubt? – würde man nicht meine Tat entdecken, – würde man mich nicht wie ein Wild des Feldes hetzen und verfolgen bis zum Tode?«

»Nein, nein – ihn will ich seinem Schicksal überlassen, – den Messern der Ärzte, – die ihn kaum werden retten können, – aber die Blüte, die ich mir erzog, – wenn ich mich ihres Duftes nicht erfreuen soll in ruhigem, sicherem Glück, – ich will sie brechen in glühender Wonne des Augenblicks, – mein soll sie sein, trotz aller Mächte des Himmels und der Hölle, – und später,« sprach er sinnend, indem das Lächeln seiner Lippen immer entsetzlicher in seinem finstern, triumphierenden Ausdruck wurde, – »später, – wenn er stirbt, – oder auch nicht, – wenn sie einmal mein ist –«

Er versank einige Augenblicke in stilles Brüten.

Dann näherte er sich mit leisen Schritten dem Tisch am Bette des Kranken, nahm vier von den dort befindlichen Pulvern und kehrte in Gabrielens Zimmer zurück.

Er schüttete diese Pulver in die Wasserflasche, welche auf dem Nachttisch vor dem Bette des jungen Mädchens stand und deren Inhalt er zuvor zur Hälfte aus dem Fenster goß.

Er schüttelte die Flasche, – die Flüssigkeit blieb hell und klar.

»Nun seid mir günstig, ihr dunklen Mächte, die ihr die Welt regiert und so oft dem Schwachen Macht gebt über die Stolzen und Starken!« sagte er, indem er die Flasche wieder an ihren Platz stellte.

Dann setzte er sich vor das Fenster und erwartete ruhig die Rückkehr des Grafen Franz und seiner Schwester.

Fünfunddreißigstes Kapitel

Der Abend dunkelte tief herein, als Graf Franz und Gabriele zurückkehrten. In ernsten Gesprächen hatten sie einen Spaziergang um Donchery herum gemacht, von wo die Truppen sich immer mehr und mehr zurückzogen, um den Marsch nach Paris anzutreten, wo die Regierung der nationalen Verteidigung den äußersten Widerstand organisierte, und wo der große Nationalkampf, der an die Stelle des Krieges gegen den Kaiser und die kaiserlichen Armeen getreten war, seine endliche Entscheidung finden mußte, – eine Entscheidung, die, nach dem prophetischen Worte des Königs Wilhelm – daß mit dem Tage von Sedan der eigentliche Krieg gegen Frankreich erst beginne –, noch in weite Ferne gerückt zu sein schien.

Gabriele war lange schweigend neben ihrem Bruder hergegangen, der sie liebevoll und dringend nochmals gebeten hatte, sich ernst zu prüfen, ob sie die Bitte des Leutnants von Rothenstein mit freiem und freudigem Herzen erfüllen könne, da sie, selbst um die Bitte eines Sterbenden zu erfüllen, ein so heiliges Gelöbnis nicht mit einem widerstrebenden Herzen ablegen dürfe, – denn von dem Augenblick an, wo sie dem Verwundeten ihre Hand gereicht, dürfe sie nicht mehr an seinen Tod denken, sondern müsse aus voller und ganzer Seele für sein Leben beten.

»Für sein Leben beten?« rief Gabriele wie verwundert, – »o mein Gott, – wenn ich mit meinem eigenen Leben das seinige erkaufen könnte, – wie freudig wollte ich es hingeben!«

Betroffen blickte Graf Franz sie an.

»So bringst du«, fragte er, – »dem armen Leidenden, der mit dem Tode ringt, kein Opfer, – so –«

Er vollendete nicht und drückte nur leise ihre Hand, die auf seinem Arm lag.

»Ja,« rief Gabriele, tief aufatmend, als wolle sie ihre Brust von einer schweren Last befreien, die darauf ruhte, – »ja, mein Bruder, – ich liebe ihn, – ich habe ihn lange geliebt, und sein Bild ist zwischen mich und den Himmel getreten, dem ich mich gelobt von den Tagen meiner Kindheit an, – aber ich habe die Kraft gehabt, mein Herz zu bezwingen, – als er mir mit Worten, die tief in meine Seele drangen, von seiner Liebe sprach, – da habe ich das Gefühl niedergedrückt, das mich mächtig zu ihm hinzog, – ich habe ihm die weiße Rose gegeben, statt der roten Liebesblüte, die er ersehnte, – ich habe versucht, ihn zu vergessen! – jetzt,« fuhr sie fort, mit ihren großen Augen zu ihrem Bruder emporblickend, – »jetzt, da ich ihn wiedergefunden, wund und krank, – die weiße Rose rot von seinem Herzblut, – jetzt kann ich mein Gefühl nicht mehr niederdrücken, – es wäre Sünde, es zu tun, – denn dies Gefühl, – das empfinde ich tief in meiner Seele, – hat Gott in mein Herz gelegt, – ich bin sein, – und wenn er stirbt, wird mein künftiges Leben der Trauer um ihn gehören!«

Sanft beugte sich Graf Franz zu ihr herab und sagte:

»Ich danke dir, daß du mir dein Herz geöffnet, – du hast mir eine schwere Last abgenommen, – nun ich weiß, was in dir lebt, übernehme ich getrost die Verantwortung für deinen Schritt, – jetzt bin ich des Vaters gewiß, er wird glücklich sein, daß alles sich so gefügt.«

Sie kehrten zurück, – Gabriele wurde nicht müde, von ihrem inneren Leben, von dem Entstehen und Wachsen ihrer Liebe zu sprechen, – schweigend hörte Graf Franz zu, in schmerzlicher Erinnerung seiner Liebe gedenkend, die so traurig und blutig geendet.

Sie fanden den Leutnant von Rothenstein in ruhigem, festem Schlaf, – der Pater entfernte sich mit kurzem Gruß, – noch eine Stunde blieb der Bruder bei seiner Schwester, mit ihr das einfache Abendessen teilend, das man bereits vor ihrer Ankunft gebracht. Er wollte bei dem Verwundeten wachen, damit sie ungestört der Ruhe pflegen könne, – aber sie lehnte es ab, – »ich würde doch nicht schlafen,« sagte sie mit sanftem Lächeln, – »und meine Pflicht ist es ja nun, für ihn zu sorgen.«

Graf Franz ging und Gabriele blieb allein.

Noch einmal trat sie an das Bett des Leutnants von Rothenstein, in dem matten Lichtschein, der aus dem Nebenzimmer hereindrang, ihn betrachtend, mit schüchternem Zögern legte sie ihre Hand auf seine Stirn und hauchte leise: »Gute Nacht!«

Dann kehrte sie in ihr Zimmer zurück.

Sie nahm die weiße Haube von ihrem Haupt, setzte sich in den Lehnsessel neben ihr Bett und schlug ihr Gebetbuch auf, um zu lesen.

»Wie heiß, wie schwül,« sagte sie nach einiger Zeit, – »die Unruhe und Aufregung dieser Tage wogt durch mein Blut.« –

Sie nahm die Wasserflasche, schenkte das Glas voll und leerte es rasch.

»Ein eigentümlicher, bitterer Geschmack«, flüsterte sie mit leisem Schauder, und begann wieder in ihrem Buche zu lesen.

Bald aber verwirrten sich die Buchstaben vor ihren Augen, sie atmete schwer und fuhr mit der Hand über die Stirn.

Eine tiefe Ermattung überkam sie, – ihre Gedanken wogten unklar durcheinander. Einige Zeit kämpfte sie gegen diese unerklärliche Müdigkeit an.

»Ich bin erschöpft,« sagte sie, mit trübem Blick umherschauend, – »ein Augenblick der Ruhe wird mir die Kraft wiedergeben.«

Sie legte sich auf ihr Bett, – schon halb bewußtlos sank sie zurück und in wenigen Augenblicken hielt ein tiefer Schlaf ihre Sinne gefangen.

Fast lautlose Stille herrschte über dem Hause, in welchem nur einige barmherzige Schwestern in den Zimmern der anderen Verwundeten wachten, und nur von fern her drangen einzelne Laute aus den Biwaks durch die Nacht herüber.

Da klang es wie leise Schritte auf dem Korridor, – leicht und vorsichtig wurde die Tür geöffnet und die dunkle Gestalt des Pater Haug trat in das Zimmer, das von einer kleinen Lampe matt erhellt war.

Er blieb einen Augenblick an der Tür stehen, – sah das junge Mädchen auf dem Bett ausgestreckt, hörte ihre tiefen, schweren und regelmäßigen Atemzüge und ein düsteres Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

Langsam, immer die funkelnden Augen auf Gabriele geheftet, trat er näher, hob die Flasche empor und prüfte ihren Inhalt.

Dann blickte er mit wilder Glut auf das bleiche Gesicht des schlafenden Mädchens, das mit dem halbgeöffneten Munde und dem leicht gelösten Haar wunderbar schön erschien.

»Jetzt bist du mein,« stieß er in zischendem Ton aus seiner schwer arbeitenden Brust hervor, – »mein, – der Himmel und die Hölle kann dich mir nicht streitig machen, – und habe ich dich einmal gewonnen in stürmendem Anlauf, – so wird die Zeit Mittel geben, zu verhüten, daß man dich mir wieder entreiße!«

Seine Augen traten in dunkel flammendem Glanz fast aus ihren Höhlen hervor, – er streckte seine zitternden Hände aus und strich über das weiche, glänzende Haar des jungen Mädchens, – er beugte sich herab über ihr Gesicht, der brennende Atem seines Mundes streifte ihre Stirn –

Da ertönte ein lauter, angstvoller Schrei durch die Stille der Nacht.

»Gabriele, – Gabriele!« rief Herr von Rothenstein im Nebenzimmer, – man hörte eine Bewegung und schwere, röchelnde Atemzüge.

Der Pater fuhr empor.

»Was ist das,« flüsterte er bebend, – »ist der Verwundete erwacht, – sollte er, – ha, – dann wehe ihm, wenn er sich jetzt mir entgegenstellt!«

Er eilte nach dem Nebenzimmer hin.

Herr von Rothenstein lag wieder still in seinem Bett. Er schlief fest und ruhig, die gesunde Hand auf die Brust gedrückt.

Der Pater betrachtete ihn einige Augenblicke.

»Es war nichts,« sagte er hohnlachend, – »er hat geträumt, – mag er träumen, – ich lasse ihm das Glück des Traumes, denn mein ist die Wirklichkeit.«

Leise kehrte er zurück und rasch stürzte er nach dem Lager Gabrielens hin.

Da erklang lauter als vorher die Stimme des Verwundeten aus dem Nebenzimmer:

»Gabriele! – Gabriele! – Hinweg, schwarzes Gespenst der Hölle, – hinweg!«

Der Pater schlug sich mit den geballten Händen vor die Stirn, blutig färbte sich das Weiße in seinen Augen.

»Jetzt ist es um dich geschehen, Verhaßter,« knirschte er, – »ich will deinen Mund für immer schließen!«

Er wendete sich, die Hände vor sich ausgestreckt, nach dem Zimmer des Verwundeten.

Da schallte eine Glocke durch das Haus, man hörte in der Ferne Türen öffnen.

Der Schrei des Leutnants von Rothenstein mußte gehört worden sein, – man mußte kommen.

Eine Sekunde nur lauschte der Pater, – einen Blick warf er auf Gabriele, – aber in diesem einzigen Blicke lagen die Qualen der Verdammten, welchen die Hoffnung auf irdisches und auf ewiges Glück genommen ist.

Dann verschwand er wie ein Schatten und ohne daß man die Türe klirren hörte, aus dem Zimmer.

Ein Licht kam von der anderen Seite des Korridors, – der Pater glitt hinter einen großen Schrank in der Nähe der Tür und wenige Augenblicke später trat eine der barmherzigen Schwestern aus den vorderen Räumen des Hauses in das Zimmer Gabrielens.

Sie sah Gabriele schlafend auf ihrem Bett liegen und trat dann zu dem Verwundeten, der wieder vollkommen ruhig war.

Sie prüfte seinen Puls und legte die Hand auf seine Stirn.

»Es ist nichts,« sagte sie, »er hat in unruhigem Traum gerufen, wie sie das oft tun, die armen Verwundeten.«

»Das arme, zarte Kind ist fest eingeschlafen,« sagte sie dann, mit einem mitleidigen Blick auf Gabriele, – »die Anstrengung erschöpft sie, – ich will hier bleiben und über beide wachen.«

Sie setzte sich in den Stuhl neben Gabrielens Bett und begann in dem noch aufgeschlagenen Buche zu lesen, um durch irgendeine Gedankentätigkeit den Schlaf fernzuhalten, der auch den festesten Willen in einsamer Nacht mit übermächtiger Gewalt zu überwinden trachtet.

*

Ruhig und still gingen die Stunden der Nacht dahin, – allmählich begann es laut zu werden in der Gegend, man hörte militärische Signale, Truppen marschierten vorüber, das Rollen der Artillerie drang durch die Morgennebel, und endlich stieg die helle, reine Sonne eines heiteren Septembertages am Himmel empor, noch einmal das Licht und die Wärme des dahingegangenen Sommers über die Erde ergießend, – dieses Sommers, der so viel Blut und Tränen über die Welt gebracht hatte.

Noch immer lag Gabriele in festem Schlaf da. Die barmherzige Schwester, welche in ihrem Zimmer saß, blickte verwundert auf das junge Mädchen hin, das sonst allen voraus in früher Morgenstunde zu ihrem aufopfernden Tagewerk sich zu erheben pflegte.

Endlich, als lauter und lauter das Geräusch des erwachenden Lebens ertönte und das helle Sonnenlicht auf das Gesicht der Schlafenden fiel, wurden ihre Atemzüge lebhafter und unruhiger, sie warf sich mehrfach hin und her, strich mit den Händen über ihre Stirn, als wollte sie einen darauf lastenden Druck entfernen, und fuhr dann, sich in ihrem Bett aufsetzend, empor, indem sie mühsam die Augen öffnete und mit trübem Blick wie verwundert umhersah.

»Mein Gott, wie spät es ist,« rief sie, – »da ist bereits der helle Sonnenschein, wie fest habe ich geschlafen! Was ist mir widerfahren, – wundersame, furchtbare Träume hielten mich gefangen in verworrenen Bildern, als ob finstere Dämonen mich zum Abgrund hinabziehen wollten, – Gott sei Dank, daß die Nacht vorüber ist,« sagte sie, tief aufatmend, – und schnell von ihrem Bett sich erhebend, eilte sie zu einem auf einem kleinen Tisch vor der Wand stehenden Kruzifix hin, kniete vor demselben nieder und sprach, die Hände faltend, leise ein kurzes Gebet.

»Mein Kopf schmerzt mich,« sagte sie dann, »ich fühle einen Druck, als wolle mein Gehirn auseinanderspringen.«

Sie goß schnell den Rest des Inhalts der Wasserflasche in das Glas auf ihrem Nachttisch und führte dasselbe an die Lippen. Aber mit einem leichten Schauder zog sie es wieder zurück, und nachdem sie einige Augenblicke wie in träumendem Nachsinnen dagestanden hatte, sprach sie:

»Ich bitte Sie, liebe Schwester, um etwas frisches Wasser, dies ist abgestanden und schal geworden.«

Sie reichte der barmherzigen Schwester das Glas und die Flasche. Diese ging hinaus und kehrte nach wenigen Augenblicken mit einer frisch gefüllten Karaffe und einem reinen Glase zurück.

Gabriele trank in durstigem Zug, wusch sich dann Stirn und Gesicht mit dem kalten Wasser und sagte, erleichtert aufatmend:

»Es ist vorüber, es muß von dem festen Schlaf und den Anstrengungen der letzten Tage gekommen sein. Doch,« sagte sie dann, indem sie leicht ihr glänzendes Haar ordnete und dasselbe mit ihrer weißen Haube bedeckte, »wie kommen Sie hierher? Wie ist es möglich gewesen, daß ich so fest geschlafen habe?«

»Der Verwundete«, erwiderte die barmherzige Schwester, »hat während der Nacht schmerzvoll gerufen und sich unruhig bewegt. Wir haben es gehört, Sie waren in Ermattung fest eingeschlafen und ich bin hier geblieben, um die Wache zu halten.«

Gabriele schüttelte verwundert, als könne sie sich von dem allen keine Rechenschaft geben, den Kopf.

»Der Verwundete,« sagte sie dann mit schmerzlichem Seufzer, »mein Gott, wie geht es mit ihm? Es ist ihm doch nichts Schlimmes widerfahren?«

»Er hat die letzten Stunden ruhig und fest geschlafen,« erwiderte die barmherzige Schwester.

Schnell schritt Gabriele, welche ihre einfache Toilette vollendet hatte, zu der leicht angelehnten Tür des Nebenzimmers, öffnete dieselbe leise und ging, leise auftretend, zu dem Bett des Leutnants von Rothenstein, welcher, regelmäßig atmend, in ruhigem Schlaf dalag.

Lange stand Gabriele neben dem Bett, den sanften Blick ihrer großen Augen mit wunderbarem Glanz auf den Verwundeten geheftet, und obwohl ein feuchter Schleier diesen Blick verhüllte, schien der schlafende junge Mann denselben doch zu empfinden, denn seine Züge verklärten sich, er bewegte langsam seine rechte Hand und schlug dann die Augen auf. Einige Augenblicke starrte er das junge Mädchen an, dessen Bild ihn so lange im Wachen und Träumen begleitet hatte und das nun, in lieblicher Verwirrung errötend, vor ihm stand.

Bald schien die klare Erinnerung des vergangenen Tages in ihm aufzusteigen.

»Gabriele,« sagte er mit leiser Stimme, »Sie hier, – Sie wachen über meinen Schlaf? – wie danke ich Ihnen! – Der Tag ist da,« fuhr er fort, auf die in das Zimmer hineinspielenden Sonnenstrahlen blickend, – »der Tag, welcher mir das höchste Glück meines Lebens bringen soll, – um es mir vielleicht sogleich wieder für immer zu nehmen.«

Und wie von Schmerz übermannt, schloß er die Augen.

»Mut, mein Freund,« sagte Gabriele, die Hand auf seine Stirn legend, indem sie gewaltsam ihre bebende Stimme zu festem Ton zwang, – »Mut und Hoffnung!«

Während sie noch so, die Hand auf sein Haupt gelegt und über ihn gebeugt dastand, trat Graf Franz mit dem Arzt ein.

»Nun,« sagte der Doktor in heiterem Ton, sich zu dem Verwundeten wendend, »wie befinden Sie sich? Wie haben Sie geschlafen?«

»Gut, lieber Doktor,« erwiderte Herr von Rothenstein, während Gabriele zurücktrat, »ich fühle mich leichter und kräftiger, die Wunden schmerzen, aber doch fühle ich mehr Lebenskraft als gestern, – ein schwerer Druck auf dem Kopf –«

»Das ist die Wirkung des Morphiums,« sagte der Arzt, »eine Tasse schwarzen Kaffees wird das beseitigen.«

Gabriele eilte hinaus und kehrte bald mit einer Tasse des duftenden Getränks der Levante zurück.

Der Doktor hatte indessen den Herzschlag und den Puls des Verwundeten untersucht. Er flößte ihm den Kaffee ein und sagte dann:

»Die Kräfte haben sich merklich gehoben, wir können die Operation beginnen.«

Herr von Rothenstein neigte zustimmend das Haupt und blickte fragend auf den Grafen Franz.

»Ich habe alles vorbereitet,« sagte dieser, »ein Notar ist hier, um den Akt aufzunehmen. Ich werde den Pater Haug rufen lassen.«

Er ging hinaus und kehrte mit einem Notar des Orts wieder zurück.

Der Doktor rief seinen Assistenten, um mit ihm als Zeugen zu fungieren.

Bald war der Akt aufgenommen, durch welchen der Baron von Rothenstein und Gräfin Gabriele von Spangendorf ihren Willen erklärten, sich ehelich zu verbinden, und in welchem zugleich Herr von Rothenstein für den Fall seines Todes die Gräfin zur alleinigen Erbin seines gesamten Vermögens einsetzte.

Der Akt wurde auf das Bett des Verwundeten gelegt, und den Blick auf Gabriele geheftet, setzte derselbe seinen Namen darunter. Gabriele unterschrieb neben ihm und ein Tränentropfen fiel auf ihre zierlichen Schriftzüge.

Während der Notar und die Zeugen ernst und schweigend das Dokument vollzogen, trat der Pater Haug ein.

Er war bleich wie der Tod, dunkle, fast schwarze Ringe umzogen seine tiefliegenden Augen, aber keine Muskel seines Gesichtes bewegte sich.

Graf Franz brachte einen Kranz von Myrten und Orangen herbei, nahm die Haube von dem Scheitel Gabrielens und setzte die Blütenkrone auf ihr Haupt.

»Es sind Blüten aus dem Treibhause des Schlosses Bellevue,« sprach er, »jenes Schlosses, in welchem der stolze französische Kaiser sich vor dem deutschen Könige beugte; – die Weltgeschichte hat diese Blumen berührt, mögen sie auch eurem Leben Heil und Segen bringen.«

Dann nahm er einen Ring von seinem Finger, reichte ihn Gabrielen und gab einen kleinen Reif mit einem Saphir, den sie getragen, dem Herrn von Rothenstein.

Gabriele trat an das Bett des Verwundeten.

Der Pater vollzog die Zeremonie mit dumpfer Stimme, ohne die Augen aufzuschlagen und ohne ein Wort weiter zu sprechen als die Trauungsformel erforderte. Als er das letzte Amen gesprochen, ging er schweigend, ohne sich umzublicken, hinaus. Draußen auf dem Korridor blieb er stehen, die ganze Glut der Hölle loderte in dem Blick, den er zurückwarf, und die geballte Hand auf seine Brust pressend, flüsterte er:

»Mögen die Geister des Abgrundes mich hören und den Segen, den ich über euch gesprochen, in Fluch und Verderben verwandeln.«

Langsam, mit leisem, gleichmäßigem Schritt verließ er das Haus.

»Und nun«, sagte der Doktor, sich gewaltsam zu heiterem Ton zwingend, »Mut, Herr Leutnant, alles wird gut gehen.«

In rascher Bewegung beugte sich Gabriele über den Verwundeten, ihre Lippen berührten seine Stirn und nur ihm hörbar, sagte sie:

»Glaube und hoffe, die ewige Liebe wird dich mir erhalten.«

Sie ging hinaus, sank im Nebenzimmer vor dem Kruzifix nieder und unbeweglich, im stillen Gebet, blieb sie dort, den Blick auf das Bild des Gekreuzigten geheftet, der alle Schuld und alles Leid der Welt auf sich genommen und der bangenden und verzweifelnden Menschheit das kraftreiche Wort zugerufen: »Bittet, so wird euch gegeben.«

Der Arzt hatte die Tür verschlossen. Man hörte aus dem Nebenzimmer einzelne Tritte, – zuweilen das Klirren eiserner Instrumente, – schmerzliches Stöhnen, – einzelne kurze, befehlende Worte.

Gabriele schien nichts zu hören, – unverwandt hing ihr Blick an dem Kruzifix, in fast überirdischem Glanz strahlte ihr Auge. – –

Eine halbe Stunde war vergangen. Der Arzt öffnete die Tür und sprach ernst und ruhig:

»Es ist vorbei. Bis jetzt ist alles gut gegangen, wir dürfen die beste Hoffnung haben.«

Der Assistent eilte schnell mit einem in weiße Tücher gehüllten Gegenstand durch das Zimmer.

Graf Franz trat zu Gabriele, erhob sie sanft und führte sie in das Zimmer des Verwundeten.

Ein weißes Tuch war über das Bett gebreitet, eine dichte Decke lag auf dem Boden vor demselben. Herr von Rothenstein lag, bleich, wie das Leichentuch, das seinen Körper bedeckte, in die Kissen zurückgelehnt da. Stolze Entschlossenheit, fast trotziger Mut sprach aus seinen Zügen. Mit matter Bewegung streckte er seine unverwundete Hand Gabrielen entgegen und sagte:

»Das Schwerste ist vorüber. Es war sehr schmerzhaft, – aber meine Seele ist glücklich, – glücklich durch dich, meine einzige Gabriele!«

Gabriele, keines Wortes mächtig, hob seine Hand empor und drückte sie an ihre Brust.

»Jetzt aber,« sagte der Doktor, »ist Ruhe die einzige Vorschrift, – Ruhe und immer Ruhe! Der Kranke muß allein bleiben, er darf kein Wort sprechen, kein Wort hören, Sie dürfen keinen Verkehr mit ihm haben, als ihm zur bestimmten Zeit das Getränk und die Arznei, die ich senden werde, einzuflößen.«

»Ruhe, Ruhe,« flüsterte Herr von Rothenstein, indem er ermattet die Augen schloß, – »Ruhe, – Glück – und Hoffnung.«

Der Arzt ging hinaus. Graf Franz und Gabriele folgten ihm, innig umarmte der Bruder die Schwester und ermahnte sie in kurzen, herzlichen Worten, in Ergebung zu erwarten, was der Ratschluß der Vorsehung verhängen werde.

Gabriele stand einige Augenblicke in sich versunken da. Dann nahm sie den Kranz von ihrem Haupt, hing ihn über das Kruzifix und rief in heftigem Ausbruch des so lange in ihrer Brust verschlossenen Gefühls:

»Dir gebe ich diesen Kranz, du erlösender Heiland, und bitte dich, um deines Blutes willen, das auch für mich vergossen, gib ihn mir wieder zum freudigen, segensvollen Glück! Das Schwert hat die Wunde geschlagen, das Kreuz kann sie heilen, dein Kreuz, von dem Licht und Gnade ausstrahlt für alle Herzen, die es auf sich nehmen in demütiger Ergebung und gläubiger Hoffnung. – Dein Wille geschehe!«