Europäische Minen und Gegenminen

Erstes Kapitel.

Es war Mitte März 1867.

Ein leichtes Halbdunkel herrschte in dem Wohnzimmer des kaiserlichen Prinzen von Frankreich im alten Paläste der Tuilerien. Die schweren grünen Vorhänge waren bis fast zur Mitte der Fenster zusammengezogen und die durch graue Wolken verhüllte Morgensonne sendete nur wenig Licht in das Innere des Zimmers, welches ein Helles, prasselndes Kaminfeuer mit behaglicher Warme erfüllte.

Auf dem großen Tisch in der Mitte lagen aufgeschlagene Bücher und Landkarten, auf einem Seitentisch standen kleine, statuettenartige Figuren von Papiermaché, die verschiedenen Truppenteile der französischen Armee darstellend, man sah daneben einen Zeichentisch und eine kleine Staffelei mit Gerätschaften zum Malen, einen kleinen elektrischen Apparat und rings umher eine Menge jener tausend Kleinigkeiten, welche teils zum Spiel, teils zum Unterricht des zarten Knaben dienten, den man den kaiserlichen Prinzen von Frankreich nannte, und auf welchen die Augen von ganz Europa teils mit teilnehmender Sorge, teils mit gespanntem Interesse, teils mit erbittertem Hasse ruhten.

Eine Chaiselongue stand in der Nähe des Kamins neben einem Tisch, bedeckt mit Bilderwerken, und auf derselben lag der junge, elfjährige Prinz, in einen weiten, weichen Schlafrock von schwarzer Seide gehüllt. Das blasse, magere Gesicht, von jener durchsichtigen, weißen Klarheit, welche langes körperliches Leiden hervorbringt, ruhte leicht Zurückgelehnt auf einem weißen, spitzenumsäumten Kissen, die großen, dunklen Augen blickten mit fieberhaftem Glanz aus dem perlmutterschimmernden Weiß hervor, und um den jugendlich frischen Mund mit der stolz aufgeworfenen Lippe zuckte es in erregtem Nervenspiel.

Die eine seiner feinen, schlanken und weißen Hände ruhte auf einem, auf seinen Knien aufgeschlagenen farbenreichen Bilderwerk, die Kostüme Frankreichs zu den verschiedenen historischen Epochen darstellend – das aufgeschlagene Blatt zeigte Ludwig XVI. im Krönungsornat und verschiedene Herren und Damen in glänzenden Hoftrachten jener Zeit.

Die andere Hand des Prinzen hielt der vor der Chaiselongue stehende Leibarzt des Kaisers, Doktor Conneau, in der seinen – aufmerksam auf den Sekundenzeiger seiner Uhr blickend und den Pulsschlag zählend.

Die ernsten und intelligenten Züge des alten Freundes und Arztes Napoleons III. waren nicht ganz frei von nachdenklicher Besorgnis, und länger, als sonst nötig, hielt er schon die Hand des kranken Knaben in der seinen, immer und immer wieder den Pulsschlag verfolgend und von Zeit zu Zeit in fast unmerklicher Bewegung den Kopf schüttelnd.

Auf der anderen Seite stand der Gouverneur des Prinzen, General Frossard, eine ernste, militärische Erscheinung, fest und soldatisch in seiner Haltung, Freundlichkeit, gemischt mit energischer Willenskraft, bildete den Ausdruck seiner Züge. Der forschende Blick seines Auges ruhte auf dem Arzte, der jetzt langsam die Hand des Prinzen herabsinken ließ und lange prüfend in dessen Gesicht blickte.

»Sobald das Wetter schöner wird,« sagte endlich Doktor Conneau, »muß der Prinz nach Saint Cloud; der fortwährende Aufenthalt in reiner und sonniger Luft ist jetzt erste Bedingung der weiteren Genesung.«

Die Augen des jungen Prinzen erweiterten sich, ein glückliches Lächeln umspielte seine Lippen.

»Ich danke Ihnen herzlich für diese Verordnung,« rief er mit seiner, trotz des jugendlichen Alters sonoren und wohllautenden, durch die Leiden der Krankheit etwas gedämpften Stimme, »oh, es treibt mich mit aller Gewalt hinaus aus diesen Mauern, hinaus in die weite, freie Luft zu den Blumen und Bäumen, die ich hier nur aus den Fenstern sehen kann! – Glauben Sie mir,« fuhr er nach einer kurzen Pause, während welcher sein Blick träumerisch auf dem kolorierten Kupferblatt vor ihm ruhte, – »glauben Sie mir, – hier in diesen Mauern werde ich niemals gesund, sie bringen mir Unglück, sie drücken und beängstigen mich, – o – ich bitte, lassen Sie mich gleich, – gleich heute hinausgehen!«

»Das Wetter ist noch zu rauh, mein Prinz,« sagte Doktor Conneau freundlich, indem er mit der Hand leicht und sanft über das glänzende, dunkelblonde Haar des kaiserlichen Kindes strich. – »Sie müssen noch einige Zeit warten, die Übersiedelung könnte Ihnen schaden!«

Ein Zug von Unmut und Verdruß legte sich um die Lippen des Prinzen, seine reine Stirn faltete sich über den Augenbrauen und seine Augen verhüllten sich in leichtem Tränenschimmer.

»Die Übersiedelung kann mir nicht so viel schaden,« rief er heftig, indem er die Fingerspitzen gegeneinander preßte, »als der Aufenthalt hier in diesen Tuilerien, die mich erdrücken. Ich will fort!«

»Prinz,« sagte der General Frossard mit kurzem und strengem Ton, »um das Wort: ich will – brauchen zu lernen, muß man zunächst zu gehorchen verstehen, zu gehorchen den Eltern und Lehrern – und vor allem der Notwendigkeit. Regen Sie sich nicht auf und warten Sie ruhig den Augenblick ab, wo der Doktor Ihre Übersiedelung anordnen wird.«

Der Prinz senkte die Augen, ein langer Seufzer drang aus seinen Lippen, und wie unwillkürlich deutete er mit der Hand auf das Kostümbild, das auf seinen Knien lag.

»Ich sage Ihnen aber,« sprach er nach einigen Augenblicken, indem der gereizte und eigenwillige Ausdruck von seinem Gesicht verschwand und eine tiefe Traurigkeit sich über seine Züge legte, – »ich sage Ihnen aber, daß ich hier nicht gesund werden kann! – Denken Sie, lieber Doktor,« fuhr er fort, – »ich lag hier vorher und besah diese Bilder der alten Trachten und erinnerte mich dabei alles dessen, was ich gelernt habe aus der Geschichte Frankreichs – und bei jedem neuen Bilde sah ich neues Blut und Unglück, welches dieser Louvre und diese Tuilerien, die jetzt mit ihm vereint sind, über ihre Bewohner gebracht haben, immer neue Ströme von Blut, immer neues Entsetzen, – ich wurde recht traurig, und hier bei diesem Bilde des armen Königs Ludwig schlief ich ein.«

Die Augen des Prinzen richteten sich weit und glänzend mit fieberhaftem Schimmer nach oben.

»Da träumte ich weiter,« fuhr er fort, indem seine Stimme fast zum Flüsterton herabsank, – »und ich sah den armen, kleinen Dauphin, wie er bleich und traurig die Hand gegen mich erhob – und dann sah ich den schönen König von Rom, er stieg langsam hinab in eine einsame Gruft und grüßte mich mit der Hand und blickte mich an so tief und wehmütig, daß es mir hier« – er legte die Hand auf sein Herz – »weh tat – und dann sah ich aus allen Mauern dieses Schlosses die hellen Flammen hervorbrechen, und draußen der Hof wurde ein Meer von Blut, und in dies Meer sanken die Trümmer des brennenden Schlosses hinein. – Und ich wollte fliehen, voll Angst und Entsetzen, – aber die Wellen des Blutmeeres rollten mir nach und wollten mich verschlingen, – da wachte ich auf – aber ich sehe noch das entsetzliche Bild vor mir! O lieber Doktor, lassen Sie mich fort von hier, aus diesen fürchterlichen Tuilerien, ich kann hier nicht schlafen, – aus Furcht, wieder so schrecklich zu träumen!«

Und bei Prinz faltete bittend die Hände und richtete seinen Blick mit flehendem Ausdruck auf den Arzt.

Doktor Conneau blickte ernst und sorgenvoll in die aufgeregten Züge des Knaben.

»Mein Prinz,« sagte der General Frossard mit ruhigem, festem Ton, »Sie müssen sich nicht aufregen und keinen Träumereien hingeben, – die Geschichte jedes Landes hat vieles Traurige und viele blutige und entsetzliche Momente, – denken Sie lieber an alles Große und Herrliche, das die Vergangenheit und die Gegenwart dieses schönen Frankreichs in so reichem Maße bieten!«

»Es wäre besser,« sagte Doktor Conneau zum General gewendet, »wenn der Prinz jetzt für einige Zeit jede Beschäftigung mit geschichtlichen Gegenständen aufgäbe, – Ruhe der Nerven ist für ihn notwendig.«

Der General nahm langsam das Buch von den Knien des kaiserlichen Prinzen.

»Lassen wir jetzt diese Bilder,« sprach er mit freundlichem Ernst, – »wir wollen uns einen Augenblick mit der Geometrie beschäftigen und einige kleine Aufgaben lösen.«

Und er nahm aus einer Mappe eine Tafel mit geometrischen Figuren aus der Lehre von den Dreiecken und legte sie vor den Prinzen.

Dieser blickte erheitert zu seinem Gouverneur empor und rief:

»O ja! das ist schön, – es macht mir so viel Freude, wenn ich eine Aufgabe lösen kann, – ich will mir recht viele Mühe geben!«

»Und ich verspreche Ihnen, lieber Prinz,« sagte Doktor Conneau lächelnd, »daß Sie, sobald als es irgend nur möglich ist, nach Saint Cloud gehen sollen, – ich werde sogleich mit dem Kaiser sprechen und ihn bitten, die nötigen Befehle zu geben!«

»Ihr Sohn aber geht mit mir,« rief der Prinz, – »nicht wahr? – Ich wäre nicht glücklich dort, wenn ich meinen lieben Kameraden nicht bei mir hätte.«

»Wenn der Kaiser es erlaubt, soll er Sie gewiß begleiten,« antwortete Doktor Conneau, – »und wenn Sie beide dort recht artig und fleißig sein wollen,« – fügte er freundlich lächelnd hinzu.

»Das verspreche ich!« rief der Prinz – »und,« fügte er mit einem halb ehrerbietigen, halb schelmischen Blick auf seinen Gouverneur hinzu, – »dafür sorgt der General!«

»Auf Wiedersehen!« sagte der Doktor, indem er mit einem Blick liebevoller Zärtlichkeit dem Sohne seines kaiserlichen Freundes die Hand reichte und nochmals leicht sein Haupt streichelte.

Dann verabschiedete er sich mit herzlichem Händedruck von dem General und verließ das Zimmer des Prinzen.

Mit trübem Blick und in tiefes Nachdenken versunken durchschritt er langsam die Galerie, welche zu dem Kabinett Napoleons führte.

Im Vorzimmer des Kaisers fand er den diensttuenden Adjutanten, General Favé, einen kleinen, beweglichen Mann mit leicht ergrauendem kurzen Haar und lebhaften Augen – und den Marquis de Moustier, welcher nach dem Rücktritt von Drouyn de Lhuys infolge der deutschen Katastrophe das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten übernommen hatte.

Der Marquis war soeben angekommen, hatte ein Portefeuille auf den Tisch gestellt und unterhielt sich mit dem General. Beide Herren trugen den schwarzen Überrock – nach der für den Morgenempfang am französischen Hofe herrschenden Sitte.

Herr von Moustier, einer jener altfranzösischen Edelleute, welche sich mit dem Kaiser ralliiert hatten, war damals ein Mann hoch in den Fünfzigern. Seine mittelgroße, früher so schlanke Gestalt hatte durch ein leichtes Embonpoint etwas von ihrer Eleganz eingebüßt, das vornehme, blasse Gesicht, umrahmt von kurzem schwarzen Haar, mit einem kleinen, schwarzen Schnurrbart auf der Oberlippe, trug die Spuren tiefer Kränklichkeit, zeigte aber dabei doch ein jugendlich leichtes Mienenspiel.

Der Doktor Conneau begrüßte den Marquis mit respektvoller Artigkeit und reichte dem General Favé freundlich die Hand.

»Herr Minister,« sagte er mit leichter Verbeugung, »ich bitte Sie, mir den Vorrang lassen zu wollen, ich werde Sie nicht lange zurückhalten, – ich möchte aber Seine Majestät nicht lange auf Nachrichten über das Befinden des kaiserlichen Prinzen warten lassen.«

Der Marquis von Moustier drückte durch eine verbindliche Neigung des Hauptes sein Einverständnis aus und fragte: »Und wie geht es dem Prinzen? – Sein Befinden,« fuhr er fort, »ist nicht nur eine medizinische, sondern auch eine sehr politische Frage, und ich muß mich daher doppelt dafür interessieren.«

»Der Prinz ist auf dem besten Wege zur vollständigsten Genesung, die Schmerzen in der Hüfte vermindern sich, und in kurzem wird er, wie ich hoffe, vollständig gesund sein,« erwiderte der Arzt mit zuversichtlicher Stimme, indes eine nicht ganz verschwindende Wolke auf seiner Stirn nicht durchaus mit dem Inhalt und Ton seiner Worte harmonierte.

»Das freut mich unendlich,« sagte der Minister, »Sie wissen, daß manche europäischen Kabinette und auch manche Parteien im Lande die Krankheit des Erben der Krone mit einer nicht sehr wohlwollenden Aufmerksamkeit verfolgen.«

»Es ist eine Folge des Scharlachfiebers,« sagte der Arzt ruhig, »welches das ganze Nervensystem des Kindes lebhaft erschüttert hat, wie das ja oft bei dieser Krankheit vorkommt. Es sind weiter keine ernsten Symptome vorhanden – und die Feinde des Kaisers und Frankreichs haben keinen Grund zu boshaften Hoffnungen.«

Die Tür des kaiserlichen Kabinetts öffnete sich – Napoleon III. erschien selbst in derselben und warf einen Blick in das Vorzimmer.

Mit leichter Neigung des Kopfes und freundlichem Lächeln erwiderte er die tiefen Verbeugungen des Ministers und des Leibarztes.

Der Kaiser war seit der Katastrophe des vergangenen Jahres sichtlich älter und leidender geworden. Der Winter hatte seine Gesundheit auf die Probe gestellt und ihn mit rheumatischen Leiden heimgesucht, deren schmerzhafte Affektionen sein überaus empfindliches und leicht erregbares Nervensystem angegriffen hatten. Die Spuren dieser nicht gefährlichen, aber schmerzhaften und peinlichen Leiden zeigten sich auf seinem Gesicht und in seiner Haltung, – und wie er dastand, leicht gebückt, den Kopf etwas zur Seite geneigt, da hatte das sanfte und verbindliche Lächeln, mit welchem er die Herren begrüßte, etwas Melancholisches, Schwermütiges, das bei einem Manne auf dieser Höhe der Herrschaft und Macht traurig berühren muhte.

Doktor Conneau näherte sich dem Kaiser und sprach:

»Ich komme vom kaiserlichen Prinzen, der Herr Marquis von Moustier will ein wenig Geduld haben,« fügte er mit einer Verbeugung gegen den Minister der auswärtigen Angelegenheiten hinzu.

Der Kaiser nickte dem Marquis lächelnd zu und sagte:

»Auf sogleich, mein lieber Minister!« –

Dann wandte er sich in sein Kabinett zurück.

Doktor Conneau folgte ihm.

Als die Tür sich hinter ihnen geschlossen, verließ der lächelnde Ausdruck vollständig das Gesicht des Kaisers. Er setzte sich in einen tiefen Lehnstuhl, welcher neben seinem Schreibtisch stand, und stützte beide Arme auf die Seitenlehnen.

Der von Schleiern umhüllte Blick seines Auges trat wie ein Stern aus den Wolken einer Sommernacht leuchtend hervor und richtete sich auf den langjährigen Freund, welcher ruhig vor ihm stehen blieb.

Aber dieser Blick war traurig, angstvoll bekümmert. Dieses wunderbar belebte Auge, welches da plötzlich in dem sonst so undurchdringlichen, ewig gleichen Antlitz des Imperators erschien, und aus den Zügen des Kaisers die fühlende, in reichem Leben bewegte Seele des Menschen hervorblicken ließ, dieses Auge strahlte einen Strom weichen, elektrischen Lichts aus, die großen, weiten Pupillen schienen in wechselndem Farbenspiel zu schimmern und zu zittern und richteten sich mit dem Ausdruck banger Frage auf das ruhige Gesicht des Arztes, der mit inniger Teilnahme zu dem vor ihm sitzenden Kaiser herabsah.

»Wie geht es meinem Sohne, Conneau?« fragte Napoleon.

»Sire,« erwiderte der Leibarzt mit ernster Stimme, »ich habe die beste und begründete Hoffnung auf die baldige und vollständige Genesung, aber ich kann es Eurer Majestät nicht verhehlen, der Prinz ist noch sehr ernstlich krank!«

Das Auge des Kaisers trat noch leuchtender und brennender hervor und schien in der Seele des Arztes lesen zu wollen.

»Ist Gefahr für sein Leben da?« fragte er mit fast tonloser Stimme.

»Ich würde kindisch und lächerlich handeln und wäre nicht der Freund Eurer Majestät,« sagte Doktor Conneau, »wenn ich Ihnen in diesem Augenblick auch nur ein Atom meiner Gedanken vorenthielte. – Nach der schweren Krankheit, die der Prinz durchgemacht hat,« fuhr er mit ernster und fester Stimme fort, »ist eine Art von Anämie, eine Verdünnung der Blutsubstanz eingetreten, verbunden mit einer sensitiven Reizbarkeit der Nerven, welche wie eine zu starke Flamme die ohnehin schwache und sich nicht genügend wieder ersetzende Lebenskraft verzehrt. Alles kommt darauf an, ob die geheimnisvolle Arbeit der Natur aus dem unerschöpflichen Quell ihres Reichtums die rasch sich verzehrenden Kräfte wieder ergänzen und die regelmäßige Ökonomie des Organismus wiederherstellen wird. Mein Arzneischatz besitzt dafür kein Mittel, auch wäre es hochgefährlich, mit scharfen und differenten Präparaten in die stille Entwicklung dieser zarten Natur einzugreifen. Entwickelt diese Natur die Kraft, um die Krisis, welche wesentlich eine Stagnation ist, zu überwinden, so kann der Prinz in kurzer Zeit vielleicht zu voller Jugendkraft erblühen und eine feste und kräftige Gesundheit erlangen, aber,« fuhr er fort, und sein klares, offenes Auge senkte sich vor dem brennenden Strahl des kaiserlichen Blickes, »wenn die Natur die Hilfe versagt, so kann ebenso schnell die an beiden Enden entzündete Kerze sich verzehren.«

»Und was muß geschehen, um der Natur ihre Arbeit zu erleichtern?« fragte der Kaiser, indem er die Hände faltete und sich weit zu dem Arzte hin vorbeugte.

»Absolute Ruhe, Fernhaltung jeder Aufregung und frische Luft,« erwiderte der Arzt, »der Prinz muß nach Saint Cloud, sobald das Wetter wärmer und beständiger wird, und ich wollte Eure Majestät bitten, die nötigen Befehle dazu zu geben.«

»Fahren Sie sogleich hinaus, lieber Conneau,« rief Napoleon, »und ordnen Sie alles an, wie es am besten ist, tun Sie alles, was nötig ist, und« – er streckte die Hände wie flehend dem Freunde entgegen – »erhalten Sie mir meinen Sohn, erhalten Sie den kaiserlichen Prinzen!«

Voll tiefen Mitgefühls und mit dem Ausdruck inniger, liebevoller Teilnahme blickte Doktor Conneau auf den Kaiser. Er trat einen Schritt näher zu ihm hin und sprach mit weicher, leicht zitternder Stimme:

»Was meine Kunst vermag, Sire, wird geschehen, und,« fügte er hinzu, »wo meine Kunst nicht ausreicht, wird mein Gebet den großen Arzt dort oben um seine Hilfe anflehen!«

Der Kaiser senkte den Blick und sah einige Augenblicke starr vor sich hin.

»Dringt das Gebet des Menschen zu jenem geheimnisvollen Wesen empor, das die Schicksale der Menschen und Völker lenkt?« fragte er in fast flüsterndem Ton. – »O mein lieber Freund,« rief er dann, indem er sich lebhaft emporrichtete und den Kopf langsam gegen die Lehne seines Fauteuils zurücksinken ließ, »wie schwer ruht die Hand des Schicksals auf mir! – Dieses Kind,« sagte er mit weicher Stimme, »ich liebe es – es ist so rein, so gut – wie ich einst war – vor langen, langen Jahren« – fügte er träumerisch hinzu, »es ist der Sonnenstrahl meines Lebens – aber es ist mehr – es ist die Zukunft meiner Dynastie, dieser Dynastie, die mein Oheim mit so viel Blut und Schlachtendonner gegründet, die ich mit so viel Geduld, so viel mühsamer Arbeit, so viel unermüdlicher Zähigkeit wieder errichtet habe! Wenn das Verhängnis mir dieses Kind nimmt, wird das Herz des Vaters brechen, das stolze Gebäude des Kaisers zusammensinken! – »Oh,« fuhr er fort, wie zu sich selber sprechend, »jeder Vater kann am Bette seines kranken Kindes sitzen, seine Atemzüge bewachen – ich aber muß all diese Sorge, all diesen Kummer in mich verschließen, mit lächelndem Angesicht muß ich meinen Sohn besuchen, verleugnen muß ich die Sorge, die mein Herz bedrückt, denn niemand, niemand, Conneau, darf es ahnen, daß der Wurm am Herzen meines Kaisertums frißt, o Conneau, Conneau,« rief er mit unendlich schmerzlichem Ausdruck, seinen Blick auf den Arzt richtend, »es ist recht schwer, Kaiser zu sein!«

»Alles Große ist schwer, Sire,« sagte Doktor Conneau, »jedenfalls war es schwerer, Kaiser zu werden, als es zu sein.«

»Wer weiß?« sagte Napoleon träumerisch.

»Aber warum wollen Eure Majestät so trüben Gedanken folgen?« sprach Doktor Conneau, »Sie waren so stolz und kühn in den Tagen des Unglücks, des Kampfes, haben Sie das Vertrauen auf Ihren Stern verloren, der so glänzend zum Zenith heraufgestiegen ist?«

Napoleon senkte einen langen Blick in die Augen seines Freundes.

»Oft will es mir scheinen,« sprach er düster, »als ob dieser Stern seine Mittagshöhe überschritten habe und sich niedersenken wolle zum Abend – zur Nacht, wenn dieses junge Leben erlischt, das den neuen Morgen nach meines Tages Ende herausführen soll. – Die Geschichte meines Hauses lehrt mich,« fuhr er mit dumpfem Tone fort, »daß das Schicksal Wege hat, welche von Austerlitz nach St. Helena führen!«

»Sire, welch finsterer Geist umschwebt Sie!« rief Doktor Conneau, »ist denn nicht jener Märtyrerfelsen von St. Helena der Grundstein des so glänzend wieder erstandenen Kaiserthrones geworden? – Sire, wenn die Welt hören könnte, welche Gedanken den mächtigen Herrscher des großen Frankreichs erfüllen –«

»Sie wird es nicht,« rief der Kaiser sich stolz aufrichtend, indem seine Züge den gewohnten ruhigen Ausdruck wieder annahmen, »diese Gedanken bleiben hier in der Brust des Freundes! – Conneau,« sagte er sanft, und ein unendlich anmutiges, fast kindlich freundliches Lächeln erhellte seine vorher so düsteren Züge, »ich habe doch einen Vorzug vor meinem Oheim; er lernte seine wahren Freunde erst in den späten Tagen des Unglücks kennen – ich habe sie vorher erprobt und weiß auf dem Thron, wer in der Verbannung an meiner Seite war.«

Und er reichte dem Leibarzt die Hand.

Dieser blickte mit feuchtem Auge zum Kaiser hin und sprach:

»Ich bitte Gott, daß das Glück Eurer Majestät ebenso treu bleibe, wie das Herz Ihrer Freunde.«

»Und nun gehen Sie, Conneau,« sagte Napoleon nach einer augenblicklichen Pause, »eilen Sie, die nötigen Vorkehrungen zu treffen, um das Leben des Prinzen zu retten, ich will arbeiten, um seinen künftigen Thron zu befestigen. – Noch eins,« rief er dem der Tür zuschreitenden Arzte zu, indem er einen Schritt zu ihm hintrat, niemand darf wissen, daß dem Prinzen irgendeine Gefahr droht, schon deshalb muß er fort, um aller Beobachtung zu entgehen. Niemand, Conneau! auch die Kaiserin nicht, sie würde ihren Kummer, ihre Sorge nicht verbergen können, auch mein Vetter Napoleon nicht,« fügte er hinzu, indem sein scharfer Blick sich tief in das Auge des Arztes tauchte.

»Seien Sie unbesorgt, Sire,« sagte dieser, »ich weiß die Geheimnisse des Kaisers zu bewahren!«

Und den nochmaligen herzlichen Händedruck des Kaisers erwidernd, schritt er der Tür zu und verließ das Kabinett.

Napoleon blieb allein.

Er ging einige Male langsam im Zimmer auf und nieder.

»Will das Schicksal sich wirklich gegen mich wenden?« sprach er nachdenklich, »sollte es wirklich so viel schwerer sein, sich auf der Höhe zu erhalten, als dieselbe zu erklimmen? – Und ist es die Hand des Schicksals,« fuhr er fort, »die sich gegen mich erhebt, habe ich nicht schwere Fehler gemacht? – Mexiko! – durfte ich mich in diese Unternehmung einlassen, ohne Englands sicher zu sein? – Die deutsche Katastrophe? – habe ich sie nicht herankommen lassen, da es noch Zeit war, sie zu beschwören? – Italien? war es richtig, vom Frieden von Zürich abzugehen und den Einheitsstaat erstehen zu lassen, der sich gegen mich erhebt und Rom verlangt, das ich ihm nicht geben kann, ohne die Kirche zu meinem Todfeind zu machen, ohne für immer den Einfluß Frankreichs auf der Halbinsel aufzugeben! – Und sind jene Carbonari zufrieden? – Bin ich sicher, daß nicht ein zweiter Orsini gegen mich die Hand erhebt? – Ja,« sprach er, sinnend vor sich hinblickend, »es waren große Fehler, die ich begangen habe, und ihre bösen Folgen stehen gegen mich auf! – Doch,« rief er nach einem augenblicklichen Nachdenken, indem ein Schimmer von Heiterkeit und Zuversicht über sein Gesicht flog, »es ist gut, daß diese peinliche Lage eine Folge meiner Fehler ist; menschliche Fehler kann menschlicher Wille und menschliche Klugheit verbessern und wieder gutmachen, aber des ewigen Fatums Hand ist unabänderlich und unerbittlich. – Wenn mein Sohn mir entrissen würde,« sprach er dann wieder düster, indem der Schimmer einer Träne die Wimpern seines Auges befeuchtete, »das wäre allerdings die Hand des Schicksals, aber für jetzt droht diese Hand nur, darum will ich so gut als möglich meine Fehler zu verbessern suchen, um das Schicksal zu versöhnen. – Dieser deutschen Frage gegenüber muß etwas geschehen, um der Welt und Frankreich insbesondere zu zeigen, daß meine Macht unvermindert dasteht, und daß so mächtige Veränderungen in den Verhältnissen Europas sich nicht vollziehen dürfen, ohne daß auch Frankreich in entsprechender Weise sich verstärkt, um das Gleichgewicht gegen die neue Macht zu erhalten.«

Er setzte sich in seinen Fauteuil und zündete an der daneben auf dem Tisch stehenden brennenden Kerze eine jener großen, aus den feinsten Blättern gewundenen Regaliazigarren an, welche für ihn eigens in der Havanna hergestellt wurden.

Während sein Blick sinnend den leichten, blauen Ringelwolken folgte, welche das Zimmer mit ihrem strengen, aromatischen Duft erfüllten, sprach er leise vor sich hin:

»Man rät mir zu großen Kombinationen und Koalitionen, um dies Werk von 1866 wieder zu zerstören. – Ist es das Interesse Frankreichs, das Interesse meiner Dynastie, ein so gefahrvolles Spiel zu unternehmen und in die nach den großen Gesetzen des nationalen Völkerlebens sich vollziehenden Ereignisse einzugreifen? – Wem würde ich nützen, wer würde es mir danken? – Nein,« sagte er lauter, »lassen wir jene Ereignisse ihren Entwicklungsgang gehen, die Stellung und das Prestige Frankreichs wird auch neben dem geeinten Deutschland in der Welt bestehen können, wenn ich nur auch in meine Wagschale die nötigen Gewichte zu legen verstehe. – Dieses Luxemburg ist das erste, das französische Belgien, ein neutralisierter Rheinstaat,« flüsterte er, »bei den weiteren Schritten zur Vereinigung Deutschlands werde ich vorsichtiger sein und mir meine Kompensationen vorher sichern! – Aber wird man in Berlin diese Erwerbung Luxemburgs zugestehen? – Man wird nicht so töricht sein, um dieser Frage willen mit mir zu brechen!« rief er aufstehend, »man hat wahrlich dort genug erreicht, um mir etwas wenigstens zu gewähren, dazu jetzt, wo meine Armee in ihrer verstärkten Organisation erheblich vorgeschritten ist.«

Er ergriff einen Brief, der auf dem Tische neben ihm lag, und blickte einige Augenblicke aufmerksam auf die eleganten, festen Schriftzüge, welche das stark glänzende Papier trug.

»Die Königin Sophie ist der geistreichste Politiker unserer Tage,« sagte er dann, »wie sie die feinsten Nüancen eines Gedankens versteht und erfaßt mit aller Feinheit der Frau und aller Klarheit des Mannes! – Sie glaubt nicht, daß die Frage so glatt sich löse, und befürchtet einen Konflikt –«

Er sann einen Augenblick nach und bewegte dann leicht eine kleine, neben ihm stehende Glocke.

»Ich lasse den Marquis de Moustier bitten,« befahl er dem eintretenden Kammerdiener.

Der Minister trat ein. Napoleon erhob sich und begrüßte ihn mit leichtem Kopfneigen. Dann deutete er auf einen ihm gegenüberstehenden Sessel und ließ sich wieder bequem in seinen Fauteuil sinken, während der Marquis sein Portefeuille öffnete und mehrere Papiere aus demselben hervorzog.

»Sie sehen heiter aus, mein lieber Minister,« sagte der Kaiser lächelnd, indem er die Spitze seines langen Schnurrbartes leicht durch die Finger gleiten ließ, »bringen Sie mir gute Nachrichten?«

»Sire,« sagte der Marquis, indem er den Blick über ein Papier gleiten ließ, das er aus seinem Portefeuille genommen, »die Negoziation im Haag geht vortrefflich – Baudin berichtet, daß die Regierung dort entschlossen sei, um jeden Preis die Trennung Limburgs und Luxemburgs von Deutschland zu erreichen und sich von der steten Drohung zu befreien, welche die bewaffnete Hand Preußens in der Festung Luxemburg für sie bildet. Alle Unterhandlungen in Berlin, um, nach der Auflösung des deutschen Bundes, jenes Band mit Deutschland zu lösen, sind vergeblich gewesen, und der König ist vollkommen bereit, das Großherzogtum an Frankreich abzutreten. Es müsse dann aber – was ich schon Ende des vorigen Monats in Aussicht gestellt habe – die ganze Negoziation mit Preußen hier übernommen werden. – Der Gesandte fügt hinzu,« fuhr der Marquis fort, »daß die Bevölkerung im Großherzogtum der Annexion an Frankreich durchaus geneigt sei und mit Freuden den Augenblick begrüßen werde, wo es ihr vergönnt sein möchte, einen Teil der großen französischen Nation zu bilden.«

Ein zufriedenes Lächeln umspielte die Lippen des Kaisers. Indem er leicht die Spitze seines Schnurrbarts drehte, fragte er:

»Hat man über den Preis des Verkaufs gesprochen?«

»Nicht eingehend,« erwiderte der Minister, »es ist das besonderen Verhandlungen vorbehalten.«

»Die Frage ist auch gleichgültig,« sagte der Kaiser, »man darf darauf kein besonderes Gewicht legen. Jedenfalls wird man in Holland wissen, daß der wesentlichste und wichtigste Teil des Preises in der Zukunft liegt. – Das flämische Sprachgebiet –«

»Man ist vollkommen von der gegenwärtigen und zukünftigen Bedeutung der Frage unterrichtet,« sprach der Marquis schnell, indem er in den Bericht blickte, den er in der Hand hielt, »und der Gesandte ist erstaunt, ein so eingehendes Verständnis gefunden zu haben.«

Mit leichtem Lächeln neigte der Kaiser das Haupt.

»Die allgemeine Volksabstimmung hat man als Bedingung gestellt,« fuhr der Minister fort.

»Das versteht sich von selbst,« sagte der Kaiser, indem er einen langen Zug aus seiner Zigarre tat und eine große, blaue Rauchwolke vor sich in die Luft blies, – »Doch nun, mein lieber Marquis,« fuhr er fort, und ein forschender Blick fuhr blitzschnell zu seinem Minister herüber, »wie glauben Sie, daß man die Sache in Berlin aufnehmen wird? – fürchten Sie, daß wir dort Schwierigkeiten haben werden?«

Der Marquis de Moustier zuckte leicht die Achseln und antwortete, indem er einen anderen Bericht aus seiner Mappe hervorzog:

»Benedetti hat natürlich über den Gegenstand selbst nicht mit dem Grafen Bismarck gesprochen, indes berichtet er, baß der preußische Ministerpräsident in jeder Weise den Wunsch betont, mit Frankreich auf dem besten und freundschaftlichsten Fuße zu stehen, und er zweifelt nicht, daß die preußische Regierung mit Freuden die Gelegenheit ergreifen werde, um den Wunsch der Erhaltung guter Beziehungen durch diese für sie in der Tat nicht bedeutungsvolle Konnivenz zu manifestieren.«

»Ich hoffe, daß Benedetti sich nicht täuscht.« sagte der Kaiser mit einem leichten Seufzer. – »Mein lieber Minister,« fuhr er nach einigen Sekunden fort, indem er sich leicht zu dem Marquis hinüberneigte, »Sie wissen, wie sehr man sich von Wien aus bemüht, uns nach jener Seite hinüberzuziehen, durch die Bildung eines Südbundes unter Österreichs Führung dem Werke Preußens ein unübersteigliches Bollwerk entgegenzusetzen –«

Der Marquis neigte leicht das Haupt.

»Aber ich muß Ihnen sagen,« fuhr der Kaiser fort, »ich will diesen Weg nicht gehen, die wahre Macht in Europa liegt in den Händen von Preußen und Rußland – und dieser Allianz will ich mich anschließen, denn in ihr liegt das Leben und die Zukunft. – Ich hatte schon früher einen ähnlichen Gedanken, ich dachte an die Wiederaufrichtung jener mächtigen schiedsrichterlichen Gewalt in Europa, welche Metternich unter dem Namen der heiligen Allianz geschaffen hatte, sie würde noch mächtiger, noch gewaltiger geworden sein, wenn Frankreich in ihr die Stelle Österreichs eingenommen hätte. Friedrich Wilhelm IV. verstand mich, aber sein reicher Geist verdunkelte sich – und er starb, jener große Gedanke blieb unausgeführt, vielleicht läßt er sich heute wieder anbahnen. – Wenn man mir die Konzession von Luxemburg macht und mir bewilligt, was Frankreich noch bedarf, um seine Zukunft sicher und groß zu gestalten, dann, mein lieber Marquis, sollen meine Ideen eine festere Gestalt gewinnen.«

Der Marquis verneigte sich.

»Ich kenne,« sägte er, »diesen Gedanken Eurer Majestät und habe ja damals auch daran gearbeitet, seine Ausführung vorzubereiten, leider,« fuhr er fort, indem er den Blick senkte, »war es mir nicht vergönnt, meine Tätigkeit in jener Richtung fortzusetzen –«

Der Kaiser reichte ihm die Hand hinüber, welche der Minister ehrerbietig ergriff.

»Sie waren damals das Opfer Ihres Diensteifers,« sagte Napoleon verbindlich, »eines Diensteifers, für den ich Ihnen stets dankbar bin und bleiben werde.«

»Und wenn,« rief der Marquis, »diese Konzession verweigert weiden sollte, das heißt, wenn man zunächst Schwierigkeiten machen sollte, so wird ein festes und energisches Auftreten genügen, um die Zustimmung zu erreichen; England wird uns keine Schwierigkeiten machen, und in Berlin wird man vor wirklich ernstem Auftreten zurückweichen. Die Aufregung des Krieges und das Hochgefühl des Sieges sind dort verraucht, die Schwierigkeiten der inneren Verhältnisse des Nordbundes machen sich mächtig fühlbar, und schwerlich wird man um dieses Gegenstandes willen einen ernsten Konflikt mit kriegerischer Eventualität sich zuspitzen lassen. – Ich kenne,« fuhr er mit leichtem Lächeln fort, »Berlin, und weiß, wie schwer man sich dort entschließt.«

Der Kaiser blickte ihn einen Augenblick nachdenklich an.

»Sie haben das alte Berlin gekannt,« sagte er dann, »ich fürchte, man ist dort jetzt schneller von Entschluß, und sieht auch sehr klar die letzten Konsequenzen eines ersten Schrittes. – Indes,« rief er und richtete den Kopf empor, »es muß gehandelt werden, instruieren Sie also Baudin, daß er so bald als möglich den Luxemburger Vertrag zum Abschluß bringt – und daß er vor allem bis zur definitiven Abmachung die äußerste Diskretion bewahrt, wir müssen mit einem fait accompli hervortreten.«

Der Marquis verneigte sich und stand auf, indem er seine Papiere in die Mappe verschloß.

Der Kaiser erhob sich und trat einen Schritt zu seinem Minister.

»Halten Sie aber zugleich den Faden der Negoziation mit Österreich fest,« sagte er, »wir müssen den Weg offen halten, um, wenn auf der einen Seite unseren Plänen Schwierigkeiten entgegentreten, das andere Gewicht in die Wagschale werfen zu können!«

»Seien Eure Majestät unbesorgt,« erwiderte der Marquis, »der Herzog von Gramont wird seine Konversationen mit Herrn von Beust fortsetzen – sie verstehen beide so vortrefflich zu sprechen,« fügte er mit kaum merkbarem Lächeln hinzu, »und wir werden seinerzeit daraus machen, was wir wollen, die Basis für ein politisches Gebäude, oder das lehrreiche Material für unsere Archive.«

»Auf Wiedersehen, lieber Marquis,« rief Napoleon, indem er freundlich lächelnd mit der Hand grüßte, und sich tief verneigend verließ der Minister das Kabinett.

»Ich muß eine spezielle Instruktion an Benedetti aufsetzen lassen,« sagte der Kaiser, »damit er die ganze Bedeutung der Frage versteht und dafür das Terrain vorbereitet.«

Und er wendete sich langsam nach der Seite des Zimmers wo eine dunkle Portiere den Ausgang verdeckte, welcher zu seinem geheimen Sekretär Pietri hinabführte.

Das Gemach blieb leer.

Nach einigen Minuten öffneten sich die Flügel der Eingangstür und der Kammerdiener des Kaisers rief:

»Ihre Majestät die Kaiserin!«

Die Kaiserin Eugenie trat rasch in das Kabinett, hinter ihr schloß sich geräuschlos die Türe.

Die schlanke, geschmeidig elastische Gestalt der Kaiserin ließ in ihrer jugendlich anmutigen Haltung die einundvierzig Lebensjahre nicht vermuten, welche über ihr Haupt hingezogen waren.

Trugen die Züge ihres Gesichts, von dem wunderbar schönen, in dunklem Goldblond schimmernden Haare umrahmt, auch nicht mehr den Ausdruck der früheren Jugend, so hatte doch auch das Alter noch keines seiner unerbittlichen Zeichen auf dieses nach der Antike geschnittene Antlitz gezeichnet, dessen reine und edle Schönheitslinien über dem Einfluß der Zeit zu stehen schienen.

Mit unnachahmlicher Grazie trug die Kaiserin den schönen Kopf auf dem langen, schlanken Hals; ihre großen Augen von schwer bestimmbarer Farbe, nicht strahlend von scharfem Geisteslicht, aber in schimmerndem Schmelz eine lebhafte Empfänglichkeit reflektierend, erleuchteten belebend die an den Marmor erinnernden Züge.

Die Kaiserin trug ein dunkles Seidenkleid, dessen reiche, schwere Falten, der Mode der Zeit gemäß, in weiter Ausdehnung über jene schwellenden tulles d´illusion hinabflossen, welche man in den untern Kreisen der Gesellschaft durch die häßlichen und geschmacklosen Krinolines nachahmte, eine Brosche, von einem großen Smaragd, mit Perlen umrahmt, bildete ihren einzigen Schmuck.

Sie blieb erstaunt stehen, als sie das Zimmer leer sah, der Blick ihres großen Auges suchte den Kaiser.

Indem dieser Blick die dunkle Portiere streifte, welche zu dem Kabinett Pietris führte, erschien ein Ausdruck des Verständnisses auf ihren Zügen, und zu dem Tisch in der Mitte hinschreitend, setzte sie sich langsam in den Fauteuil, welchen der Kaiser vor Kurzem verlassen hatte.

Ihr Blick lief über den Tisch hin, wie um etwas zu suchen, womit sie sich die Zeit vertreiben könne, während sie ihren Gemahl erwartete.

Da fiel ihr Auge auf den Brief, welchen der Kaiser dorthin aus der Hand gelegt hatte, und ihre Blicke hafteten auf den Schriftzügen mit einem leichten Ausdruck von unmutigem Verdruß.

Sie streckte die schöne Hand aus und indem sie das Blatt mit den Spitzen ihrer zarten, rosigen Finger ergriff, begann sie zu lesen.

»Welche Freundschaftsversicherungen!« rief sie mit kaum merklich zitternder Stimme.

Plötzlich aber öffnete sich ihr Auge weiter, und ihre Züge nahmen den Ausdruck höchster Spannung an. Mit fliegendem Blick las sie den Brief zu Ende, warf ihn dann auf den Tisch zurück und erhob sich, um mit raschen Schlitten einige Male im Zimmer auf und nieder zu gehen.

»Das also ist im Werk!« rief sie dann, indem sie wieder stehen blieb, und die weißen Finger fest auf die Lehne des Fauteuils drückte, »ich habe es gefürchtet, daß der Geist des Kaisers sich nicht frei machen kann von dem Gedanken, mit diesem Deutschland, dieser Schöpfung des preußischen Ehrgeizes, Frieden zu machen und den Gedanken an Revanche, an Rache aufzugeben. – Mit dieser armseligen Kompensation, diesem nichtsbedeutenden Großherzogtum Luxemburg soll Frankreich sich abkaufen lassen, um ruhig zuzusehen, wie Deutschland heranwächst, wie Italien sich immer mehr stärkt zum Verderben und zum Untergang der Kirche?«

Sie tat wieder einige Schritte durch das Zimmer.

»Wenn dies Arangement ausgeführt wird,« rief sie lebhaft, »so ist die Zukunft dahingegeben, das darf nicht sein, wir müssen warten und uns stärken, um dann mit der ganzen Macht Frankreichs auftreten zu können und mehr zu erreichen, als dies Luxemburg.«

Sie machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand.

»Aber wie verhindern,« sagte sie leise, das Haupt neigend, »was schon abgemacht zu sein scheint!« –

Ein Geräusch wurde hörbar, Napoleon erschien unter der Portiere.

Die Kaiserin wendete anmutig den Kopf und lächelte ihrem Gemahl entgegen.

Rasch trat der Kaiser zu ihr hin, ein freundlicher Schimmer belebte sein Gesicht.

Sie reichte ihm die Hand; mit einer fast jugendlichen Bewegung voll anmutiger Eleganz drückte er die Lippen darauf.

»Sie haben lange gewartet?« fragte er.

»Einen Augenblick,« erwiderte die Kaiserin, »ich kam, um mit Ihnen zu Louis zu gehen, der arme Kleine muß bald nach Saint Cloud, hat mir Conneau gesagt.«

»Ja,« sagte der Kaiser, »er bedarf der frischen Luft und der Ruhe, um vollständig zu genesen. Beides hat er hier nicht, um so weniger, als die Besuche der Ausstellung schon bald beginnen, und uns sehr in Anspruch nehmen werden, die Souveräne werden fast alle kommen –«

»Also der europäische Horizont zeigt keine Wolken,« fragte die Kaiserin lächelnd.

»So wenig als die schöne Stirn meiner an jedem Morgen neuverjüngten Gemahlin,« erwiderte der Kaiser, dann bewegte er die Glocke.

»Die Frau Admiralin Bruat!« befahl er dem Kammerdiener.

»Sie wartet bereits im Vorzimmer,« sagte die Kaiserin.

»Also gehen wir zu unserem Louis,« sprach Napoleon und reichte seiner Gemahlin den Arm.

Die Flügeltüren öffneten sich, mit freundlichem Lächeln begrüßte der Kaiser die ihm entgegentretende Gouvernante der Kinder von Frankreich, die Wittwe des Admirals Bruat.

Sie schritt voran; lächelnd mit einander plaudernd, begab sich das kaiserliche Paar nach den Gemächern des Prinzen.

Zweites Kapitel.

Vor dem großen Palais am Boulevard des Italiens, dessen weite Parterreräume von dem Grand Café eingenommen werden, und in dessen Beletage der weltbekannte Jockeyklub seine glänzenden Salons etabliert hat, hielt um die Mittagsstunde eines sonnigen Märztages in rascher Anfahrt ein kleines blaues Coupé von jener äußersten, einfachen Eleganz in dem Bau des Wagens und in dem Geschirr, welche man vorzugsweise in Paris, und in Paris wieder in höchster Vollkommenheit bei den Mitgliedern jenes berühmten Klubs findet, der den Sport auf die Höhe der anmutigsten Vollendung gebracht hat. Eine einfache, dunkle Chiffre, überragt von einer Grafenkrone, befand sich auf dem Schlage, und dem leichten Zügeldruck des in tadelloser dunkelblauer Livree unbeweglich auf dem Bock sitzenden Kutschers gehorchend, hielt das edle, hochelegante Pferd mit ruhiger Sicherheit vor dem großen Eingangstore den schnellen Trab ab und stand bewegungslos da, nur den schönen Kopf leicht erhebend und aus den weit geöffneten Nüstern den heißen Atem in die frische Märzluft ausstoßend.

Aus dem Coupé stieg ein großer, schlanker Mann, mit der höchsten Eleganz in dunkle Farben gekleidet. Große tiefdunkle Augen blickten ruhig, aber mit traurig sinnendem Ausdruck, aus dem edlen, scharfgeschnittenen Gesicht, dessen gleichförmige, matte Blässe nur durch einen kleinen, schwarzen Schnurrbart auf der Oberlippe unterbrochen wurde. Seine kurzen, schwarzen Haare bedeckte, in die Stirne gedrückt, einer jener niedrigen, graziösen Hüte aus den Magazinen von Pinaud und Amour, seine Hand, in elegantem, dunkelgrauem Handschuh, drückte leicht ein weißes Batisttuch gegen die Lippen, um sich gegen die rauhe Märzluft zu schützen.

Er warf einen prüfenden Blick auf das Pferd und befahl dem Kutscher, nach Hause zu fahren. Dann nahm er aus einem Körbchen, welches eine kleine Bouquetiere ihm präsentierte, einen kleinen Strauß duftender Veilchen, legte dafür ein Frankenstück in den Korb und stieg leichten, elastischen Schrittes die breite, mit dichten, weichen Teppichen belegte Treppe hinauf. Oben angelangt, wendete er sich zu dem mit mächtigen, geschnitzten Büffets und reichen silbernen Aufsätzen ausgestatteten Frühstückszimmer; die auf dem Korridor wartenden Lakaien des Klubs in ihren eleganten Livreen öffneten die Türe und ein junger Mann von etwa einundzwanzig Jahren, mit hochblondem, offenem und frischem Gesicht von norddeutschem Typus, welcher allein in dem großen Gemach an einem kleinen, zierlich gedeckten Tische saß, rief dem Eintretenden mit einem lächelnden Blick seiner großen, lichtblauen Augen entgegen:

»Guten Morgen, Graf Rivero – Gott sei Dank, daß Sie kommen, um diese langweilige Einsamkeit zu beleben, in welcher ich mich hier wie ein Einsiedler befinde. Ich weiß nicht, wo alle Welt heute noch steckt, ich bin früh geritten und habe einen ungeheuren Appetit, ich habe mir da ein sehr gutes, kleines Dejeuner komponiert, wollen Sie meinem Geschmack vertrauen und ein Kuvert nehmen?«

»Mit Vergnügen, Herr von Grabenow,« erwiderte der Graf, indem er seinen Hut einem Lakaien reichte.

Der Haushofmeister des Klubs war herangetreten und winkte bei der Antwort des Grafen den zum Dienst bereit stehenden Dienern, welche mit jener Geschwindigkeit und Unhörbarkeit, die der Bedienung in den guten Häusern eigentümlich ist, dem jungen Herrn von Grabenow gegenüber ein Kuvert auf den Tisch legten. »Nehmen Sie inzwischen ein Glas von diesem Sherry,« sagte der junge Mann, indem er dem Grafen, welcher sich ihm gegenübergesetzt hatte, aus dem vor ihm stehenden Karaffon von geschliffenem Kristall ein kleines Glas mit dem goldgelben Weine füllte, »er ist gut, und ich glaube, fast der einzige in Paris.«

Der Graf nahm mit leichter Verneigung das Glas, trank einige Tropfen und sagte dann mit seiner leisen und doch volltönenden und melodischen Stimme:

»Man sieht Sie so wenig in letzter Zeit, mein lieber Herr von Grabenow – bei Ihrem Alter,« fügte er mit einem halb schalkhaften, halb melancholischen Lächeln hinzu, »ist es überflüssig, zu fragen, welche Geschäfte Sie in Anspruch nehmen.«

Ein flüchtiges Rot überflog die Stirne des jungen Mannes und mit einiger Hast erwiderte er: »Ich war nicht ganz wohl, leicht erkältet und mein Arzt hatte mir verordnet, mich sehr zu schonen.«

Der Graf nahm eine goldbraune Seezunge, welche man ihm servierte, und sprach, indem er den Saft einer Zitrone darauf träufelte, mit scherzhaftem Ton:

»Deshalb begegnete ich Ihnen auch wohl neulich im Bois de Boulogne in der Nähe der Kaskaden in einem verschlossenen Coupé mit einer – ohne Zweifel älteren Dame, welche Sie in Ihrer Krankheit pflegt – leider,« fuhr er lächelnd fort – »war das Gesicht Ihrer Duenna in so dichte Schleier gehüllt, daß ich nichts davon sehen konnte.«

Herr von Grabenow warf aus seinen großen, fast noch kindlich reinen, blauen Augen einen schnellen, erschrockenen Blick auf den Grafen.

»Sie haben mich gesehen?« fragte er schnell.

»Ich ritt dicht an Ihrem Wagen vorüber,« erwiederte der Graf, »aber Sie waren so sehr in die Unterhaltung mit Ihrer – Krankenwärterin vertieft, daß es mir unmöglich war, Sie zu grüßen.«

Und er schenkte sich aus einer größeren Kristallkaraffe ein Glas jenes leichten, duftigen St. Emilion ein, dieser so selten rein zu findenden Perle aller edlen Rebengewächse von Bordeaux.

»Herr Graf,« sagte der junge Mann nach einem augenblicklichen Nachdenken, indem er mit treuherzigem Ausdruck hinüberblickte, – »ich bitte Sie herzlich, niemand sonst etwas von Ihren Beobachtungen mitzuteilen, ich möchte nicht, daß diese Sache Gegenstand der Bemerkungen – und der Nachforschungen der andern würde – Sie wissen, welche Ansichten und Grundsätze sie alle haben, und in diesem Falle passen dieselben nicht.« Der Graf blickte mit ernstem, teilnahmsvollen Ausdruck zu dem jungen Manne hinüber und ließ einen Augenblick seinen tiefen, dunkeln Blick in dessen klaren, blauen Augen ruhen.

»Meine Diskretion versteht sich von selbst,« sagte er dann mit leichter Neigung des Hauptes, »nur möchte ich Ihnen raten,« fuhr er mit freundlichem, wohlwollenden Lächeln fort, »künftig die Vorhänge Ihres Coupés zu schließen, denn nicht bei allen Ihren Bekannten könnten Sie der Diskretion so sicher sein, als bei mir.«

Herr von Grabenow blickte ihn mit dankbarem Ausdruck an.

»Und dann,« fuhr der Graf Rivero nach leichtem Zögern fort, »verzeihen Sie dem viel älteren Manne eine Bemerkung, welche nur in meiner aufrichtigen Teilnahme für Sie ihren Grund hat. Es gibt der künstlichen Schlingen so viel in Paris – und diejenigen sind oft die gefährlichsten, welche sich mit den bescheidenen Blüten unschuldiger Gefühle umwinden.«

Der junge Mann sah ihn groß mit ein wenig betroffenem Ausdruck an.

»Lassen Sie meine Bemerkung eine ganz allgemeine sein,« sagte der Graf, indem er die Hülle einer kleinen cotelette en papillote löste, welche der Lakai ihm darbot, »und erinnern Sie sich derselben bei entsprechender Gelegenheit.«

Herr von Grabenow sah ihn freundlich an, seine Erwiederung wurde abgeschnitten durch den Eintritt eines alten Herrn von ungefähr siebenzig Jahren im Reitanzug, welcher mit noch ziemlich fester und elastischer Haltung eintrat.

Herr von Grabenow und der Graf Rivero erhoben sich leicht zu seiner Begrüßung mit jener Courtoisie, welche eine gut erzogene Jugend stets dem höheren Alter entgegenbringt.

»Sieh' da, meine Herren,« rief der Eingetretene, indem er Hut und Reitpeitsche abgab und mit der Hand grüßte, »Sie sind beneidenswert – so frühstückt man nur in der glücklichen Zeit, da Magen und Herzen jung sind, später erfordert die gebrechliche Maschine eine andere Diät.«

Und er nahm von einem silbernen Teller, welchen der Haushofmeister ihm präsentierte, ein Glas Madeira und eine Schnitte jenes weichen, zarten Gebäckes, welches unter dem Namen Madeleines de Commercy unter den vielen vortrefflichen Dingen, welche die Provinzen Frankreichs ihrer Hauptstadt liefern, einen nicht geringen Rang einnimmt.

»Der Herr Baron von Vatry will uns verhöhnen,« sagte der Graf Rivero, »indem er von den Leiden des Alters spricht; ich habe Sie gestern einen Fuchs reiten sehen, Herr Baron, dessen Temperament mir Schwierigkeiten gemacht hätte, und den Sie mit bewundernswerter Leichtigkeit und Sicherheit führten. – Sie spotten der Herrschaft der alles bezwingenden Zeit!«

Der alte Herr lächelte geschmeichelt und sagte: »Leider ist diese Herrschaft unabänderlich und unterwirft uns endlich doch, wir mögen uns noch so lange dagegen sträuben.«

Während er seine Madeleine in den Madeira tauchte, öffnete sich schnell die Türe und in rascher Bewegung trat ein ganz junger, äußerst elegant, aber ein wenig stark nach Mode gekleideter Mann ein, dessen blasses, etwas ermüdetes und abgespanntes Gesicht unverkennbar den Typus vornehmer englischer Rasse trug.

»Woher so eilig, Herzog von Hamilton?« fragte Herr von Vatry, »zu dieser für Sie so frühen Stunde?«

»Ich bin gestern abend lange im Café Anglais gewesen,« rief der junge Herzog, indem er sich vor Herrn von Vatry verbeugte und die andern Herren mit der Hand grüßte, »wir haben ein herrliches Souper gehabt, äußerst amüsant, –

A minuit sonnant commence la fête,
Maint coupé s'arrète,
On en voit sortir
Des jolies messieurs, des dames charmantes,
Qui viennent pimpantes
Pour se divertir, –«

trällerte er, mit möglichst falscher Stimme das Lied der Metella aus Offenbachs »Vie parisienne« zitirend, »es war göttlich!«

»Daher cette mine blafarde,« rief Herr von Grabenow lachend, »das ist die Folge, wie Metella weiter singt.« –

»Jetzt aber,« sagte der Herzog, »will ich mit Poëze und einigen andern Pistolen schießen, wir haben gewettet, wer das Coeur-Aß fünfmal hintereinander trifft, da muß ich mir eine feste Hand machen in dieser frühen Morgenstunde durch ein vernünftiges Frühstück. – Kognak und Wasser,« rief er dem maître d'hotel zu – »und lassen Sie mir einige deaveld cotelets machen, ich habe dem Koch neulich das Rezept gegeben – aber viel Curry, immer noch mehr Curry; diese französischen Köche verstehen den englischen Gaumen nicht.«

Der Lakai präsentierte eine geschliffene Flasche Kognak und eine Karaffe Wasser, der Herzog füllte sein Glas zu gleichen Teilen mit beiden Flüssigkeiten und leerte es auf einen Zug.

»Ah,« rief er, »das ermuntert die Lebensgeister!«

»Apropos, Graf Rivero,« rief der Herzog, nachdem er das Glas geleert, »wer ist denn dieser neu aufgegangene Stern aus Ihrem Vaterlande, der seit einiger Zeit jeden Abend im tour du lac erscheint und alle Augen blendet durch ihre Schönheit und die Eleganz ihrer Equipagen? – Marchesa Pallanzoni hat man sie mir genannt – wissen Sie etwas von dieser strahlenden Schönheitskönigin?«

»Ich kenne die Dame ein wenig,« antwortete der Graf in ruhigem, gleichgültigem Ton, »da ich Relationen mit ihrer Familie habe, welche ein altes Geschlecht Italiens ist. – Ihren Gemahl kenne ich nicht, es soll ein sehr alter, kränklicher Mann sein, von dessen Pflege sich die junge, schöne Frau wohl ein wenig hier in Paris erholen will. Ich war einigemale in ihrem Salon und habe sie sehr geistvoll und angenehm gefunden.«

»Das nenne ich Chance!« rief der Herzog, – »dann können Sie mich also bei diesem wunderbaren Phänomen, das alle Herzen bezaubert, einführen?«

»Mit dem größten Vergnügen,« erwiderte der Graf mit leichter Neigung des Kopfes – »die Marchesa empfängt, wenn sie zu Hause ist, jeden Abend.«

Inzwischen hatte man dem Herrn von Grabenow und dem Grafen Rivero in jenen kleinen, zierlichen Tassen von Sèvresporzellan den Kaffee serviert, dessen aromatischer Duft sich im Zimmer verbreitete.

»Ich bin Sklave der Übeln deutschen Gewohnheit des Rauchens,« sagte Herr von Grabenow, indem er sich erhob, »und werde mich ein wenig in die beschauliche Stille des Rauchzimmers zurückziehen.«

»Fahren Sie mit mir zum Schießen, meine Herren!« rief der Herzog von Hamilton, »man sieht Sie ja nirgends mehr, Herr von Grabenow« – er sprach diesen deutschen Namen nach englischer Weise aus – »Sie werden zum Einsiedler!«

»Lassen Sie mich meine Zigarre konsultieren,« sagte der junge Mann, »ob ich es wagen kann, mit so guten Schützen wie Sie zu konkurrieren.« – Und mit artiger Verbeugung gegen den alten Baron Vatry wendete er sich zur Tür.

»Sie rauchen ebenfalls, Herr Graf?« fragte er den Grafen Rivero, welcher aufgestanden war und sich anschickte, ihn zu begleiten.

»Ich will im Lesezimmer ein wenig die Journale durchblättern,« erwiederte der Graf.

Beide hatten den Speisesalon verlassen.

»Ich will Ihnen aufrichtig gestehen,« sagte der junge Herr von Grabenow, als sie draußen waren, »ich habe meine Rauchpassion nur zum Vorwand genommen, um fortzugehen, ich möchte nicht unter jene Gesellschaft geraten, von der man so leicht nicht wieder losgelassen wird.«

Ein Lakai überreichte dem Grafen auf einer silbernen Platte einen Brief.

»Der Kammerdiener des Herrn Grafen hat soeben dies Billett hierher gebracht.«

Der Graf warf einen schnellen Blick auf das Kuvert, auf welchem man in blauem Druck las: Maison de S. M. I'Impératrice, Service du premier Chambellan.

»Haben Sie einige Minuten übrig, Herr von Grabenow?« fragte er.

»Gewiß, mit Vergnügen,« erwiderte dieser.

»Ich habe meinen Wagen fortgeschickt, wollen Sie mich vor meiner Wohnung in der Chaussee d' Antin absetzen? – es ist wenige Schritte von hier.«

»Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung, Herr Graf.«

Beide Herren stiegen die breiten Treppen hinab, auf einen Wink des Portiers fuhr das elegante, kleine Coupé des Herrn von Grabenow vor und beide Herren stiegen ein.

Nach wenigen Augenblicken verabschiedete sich Graf Rivero von dem jungen Manne vor seinem Hause in der Chaussee d'Antin.

Herr von Grabenow rief seinem Kutscher die Nummer eines Hauses in der Rue Notre Dame de Lorette zu und in raschem Trabe eilte der leichte Wagen durch das Treiben der Equipagen auf den Boulevards und hielt nach kurzer Zeit vor einem großen Hause in der genannten Straße. Der junge Mann verließ das Coupé, befahl dem Kutscher zu warten und stieg die nicht zu breite, aber reine und saubere Treppe hinauf.

Der Vorflur der ersten Etage war durch eine große Wand von undurchsichtigem, weißen Glase verschlossen und hatte zwei Eingänge, an deren jedem ein Glockenzug mit gläsernem Knopfe sich befand.

Unter dem einen dieser Glockenzüge sah man ein Schild von Porzellan, auf welchem in einfacher, schwarzer Schrift geschrieben war: Mr. Romano. Der andere Glockenzug hatte keinen Namen.

Der junge Mann zog lebhaft den letzteren.

Eine ältere Dienerin, halb Kammerfrau, halb Haushälterin, öffnete. Herr von Grabenow trat in das kleine Vorzimmer.

»Fräulein Julia zu Hause?« fragte er – und ohne die Antwort der sich freundlich verneigenden Dienerin abzuwarten, wendete er sich rasch zu einer links vom Eingange befindlichen Flügeltür, öffnete dieselbe und trat in einen hellen, mittelgroßen Salon mit allem jenen reizenden und anmutigen Komfort ausgestattet, welchen der französische Geschmack in dem Innern der Wohnungen herzustellen weiß.

In einem tiefen, mit lichtblauer Seide überzogenen Fauteuil, welchen eine Gruppe großer Blattpflanzen, untermischt mit Rosen und Heliotrop, umgab und fast versteckte, lag anmutig zurückgelehnt ein junges Mädchen in einfacher grauer Haustoilette.

Ihre klassisch schön geschnittenen Züge, überhaucht vom duftigen Schmelz der ersten Jugend, hatten jenen wunderbar reizenden bräunlichen Teint der Italienerinnen aus den südlichen Teilen der Halbinsel, das glänzende, kohlschwarze Haar lag glatt gescheitelt und in reichen Flechten geordnet um das Haupt, ohne eine Spur jener extravaganten Coiffüren, welche um jene Zeit die französischen Damen auf ihren Köpfen zur Schau zu tragen begannen. Ihre großen, mandelförmig geschnittenen Augen blickten träumerisch nach oben, die schönen Hände ruhten gefaltet auf einem Buch in ihrem Schoß, in dessen Lektüre ihre eigenen Gedanken sie unterbrochen zu haben schienen. – Und wehmütig und schmerzlich mußten diese Gedanken sein, denn ein leises Zucken bewegte die frischen, roten Lippen, und in den langen, weit übergebogenen Augenwimpern blinkte der zitternde Schimmer einer Träne.

Bei dem Eintritt des jungen Mannes glänzte ein lichter Strahl in ihrem Blick, den sie rasch der Türe zuwendete, und ein liebliches Lächeln umspielte ihren Mund, ohne indes ganz die schmerzlichen Linien verwischen zu können, welche denselben vorher umzogen hatten. Herr von Grabenow eilte auf sie zu.

»Ich kann nicht lange fern von meiner Julia bleiben,« rief er, sie mit entzücktem Auge betrachtend, indem er einen Arm auf den Fauteuil über ihrem Kopf stützte und mit den Lippen ihre Stirn berührte, »ich habe mich losgerissen von meinen Freunden, um hierher zu eilen.«

Und er zog einen Sessel heran, setzte sich vor sie und blickte ihr innig und liebevoll in die Augen, indem er ihre Hände an sein Herz drückte.

Sie folgte allen seinen Bewegungen mit einem träumenden, schwärmerischen Blick und sagte leise: »Wie wohl ist mir, wenn du da bist; wenn ich in deine klaren, reinen Augen blicke, so meine ich, jenen herrlichen, blauen Himmel meines Vaterlandes zu sehen, welcher mir nur als unmündiges Kind gelächelt hat, und den ich doch liebe und voll Sehnsucht im Herzen trage.«

»Und doch bist du traurig?« rief er, ihre Hand küssend, »sieh', wie schön diese herüberhängende Rose zu deinem dunkeln Haare paßt, sie scheint darum zu bitten, daß sie dich schmücken dürfe.«

Und er streckte die Hand nach einer bis zur Lehne des Fauteuils herabhängenden Moosrose aus, welche sich anmutig an die dunklen Flechten ihres Haares lehnte.

»Laß die Blume,« rief sie fast ängstlich, »warum ihr kurzes Blütenleben zerstören, für mich paßt kein Blütenschmuck,« fügte sie leise hinzu, indem sie die Hand wie abwehrend erhob.

Aber schon hatte er sich erhoben und die schöne, halb erblühte Rose ergriffen, um sie zu brechen. Plötzlich zuckte er mit leisem, unwillkürlichen Schmerzenslaut zusammen, die Rose fiel in den Schoß des jungen Mädchens.

»Non son rosa senza spine!« rief sie lächelnd, aber mit trauriger Stimme, indem sie die Blume erhob und sinnend betrachtete.

»Doch, meine Geliebte,« sagte er, »hier ist eine Rose ohne Dorn!« Er steckte die Blume leicht in die glänzend, schwarze Flechte ihres Haares und sah sie mit glückstrahlendem Blick an.

Sie seufzte tief.

»O,« rief sie mit schmerzlichem Ton, »wie scharf und schneidend ist der Dorn – in diesem Herzen, das für dich blüht, nur richtet er sich nicht nach Außen, wie bei der blühenden Rose, sondern mit bitterem Schmerz dringt er mir tief in die eigene Brust!«

»Und wie heißt der schlimme Stachel, der dich quält, selbst in meiner Gegenwart?« fragte er mit dem Tone leisen, liebevollen Vorwurfs.

Sie richtete sich empor – sah ihm mit ihrem tiefen, dunklen Blick lange in die offenen, lichten Augen und sprach langsam und ernst:

»Die Blüte meines Lebens, das ist die Gegenwart, der Gedanke an die Vergangenheit und der Gedanke an die Zukunft – das, was andere glückliche Menschen Erinnerung und Hoffnung nennen, das sind die scharfen, schneidenden Dornen! Wie bald wird die Blüte verwelkt sein, und meinem Herzen werden nur die Dornen bleiben! – Du hast eine Vergangenheit,« sprach sie, ihn innig anschauend, »du hast die Erinnerung an eine glückliche Kindheit, du hast die Hoffnung – die Zukunft – was habe ich?« flüsterte sie mit unsäglich schmerzlichem Ton und eine Träne verhüllte den Blick ihres in bläulichem Schwarz schimmernden Auges.

Der junge Mann schwieg, ein wenig betroffen, er schien nicht sogleich eine Antwort zu finden auf die aus dem bewegten Herzen des jungen Mädchens hervordringende Frage.

Sanft bog er ihr Haupt zu sich herüber und küßte den silbernen Tropfen von ihren Wimpern.

»Du hast mir noch so wenig von deiner Vergangenheit, deiner Kindheit erzählt!« sprach er leise.

»Oh, daß ich sie vergessen könnte,« rief sie, »und nur der Gegenwart leben! – Vielleicht könnte ich es« – fuhr sie düster und traurig fort, »wenn diese Gegenwart eine Zukunft hätte, aber so –! – Was soll ich dir von meiner Vergangenheit erzählen?« sagte sie nach einer Pause, während welcher sie den Blick traurig in den Schoß senkte. »Sie ist einfach, ein Bild Grau in Grau! – Ich weiß,« fuhr sie fort, »daß Italien mein Vaterland ist, ich weiß es nicht nur, weil man es mir gesagt hat, weil in der sanften, gesangreichen Sprache Dantes und Petrarcas die ersten Laute von meinen Lippen klangen, nein, ich weiß es,« rief sie mit strahlendem Blick, »weil ich in meinem Herzen trage jenen reinen, blauen Himmel, jenes schimmernde Meer mit dem flüsternden Rauschen feiner sanften Wellen, mit dem brausenden Donner seiner zürnenden Brandung – weil ich sie mit dem Auge der Seele vor mir sehe, jene dunklen, schattigen Haine, jene Marmorpaläste, jene schimmernden Statuen, weil ich vor Sehnsucht vergehe, die Lippen auf den heiligen Boden meines Vaterlandes zu drücken, zu sterben, um in dieser Erde zu ruhen.«

Sie schwieg und blickte abermals träumerisch vor sich hin. Er küßte schweigend ihre Hand.

»Und mit dieser Sehnsucht im Herzen,« fuhr sie fort, »die Seele erfüllt von diesen Bildern, die immer deutlicher, immer mächtiger in mir heraufstiegen, je mehr ich älter wurde und mich entwickelte – mußte ich hier in diesem lärmenden, staubigen, unruhigen Paris leben, allein mit der Trauer meines Herzens«

»Aber deine Eltern, deine Mutter?« fragte der junge Mann.

Sie sah ihn tief in die Augen und senkte dann schmerzlich den Blick.

»O,« rief sie, »mein Freund – das ist das Allerschmerzlichste! – Mein Herz sehnte sich danach, meine Mutter lieben zu können, es drängte ihr entgegen mit allen seinen Schlägen – aber es fand weder Liebe noch Verständnis. Meine Mutter hatte keine Zeit für ihr Kind in dem unruhigen, unstäten Leben, das wir führten, bald in Überfluß und regelloser Verschwendung, bald in dürftiger Not –«

Sie senkte errötend das Haupt.

»Mein Vater,« fuhr sie dann fort, »sorgte für mich mit treuer Teilnahme, er hielt mir Lehrer und ließ mich ausbilden, so gut er es vermochte, immer hatte er, auch in den bedrängtesten Zeiten, die Mittel übrig, die notwendigen Kosten meiner Erziehung zu bestreiten und dies war der einzige Punkt, in welchem er, sonst so weich, so nachgiebig, meiner Mutter mit unbeugsamem Ernst entgegentrat. Ich liebte ihn dafür, mein Herz suchte sich an ihn zu schließen, aber – so treu und unablässig er für mich sorgte, ebenso unnahbar blieb er der Zärtlichkeit meines Herzens. Es lag wie eine ängstliche Scheu in seinem Blick, wenn er mich ansah, und oft wendete er sich zitternd und tränenden Auges ab, wenn ich an ihn herantrat und ihm mit einem Worte der Liebe und Dankbarkeit die Hand küßte. – So blieb ich einsam,« sagte sie traurig – »und lebte in mir selbst und mit mir allein ein stilles Leben, dessen Angelpunkt die ewige unbezwingliche und unerfüllte Sehnsucht nach dem fernen Lande meiner Geburt blieb, die Sehnsucht nach der Lösung eines Rätsels, das mein einsames und einförmiges Leben umgab!«

»Arme Julia!« sagte er innig.

»Als ich herangewachsen war.« fuhr sie mit niedergeschlagenen Augen fort, »änderte sich das Benehmen meiner Mutter gegen mich; sie beobachtete mich, sie achtete auf meine Toilette, auf mein Benehmen, sie ließ sich von mir vorsingen und lobte meine Stimme, sie ordnete meine Haare und sprach über die Farben, welche mir am besten ständen, aber es war keine Teilnahme, die mir wohltat, sie war kalt und ohne Liebe und sie erschreckte und ängstigte mich. – Bald nahm sie mich mit, wenn sie ausging, sie führte mich ins Bois de Boulogne, wenn dort ganz Paris sich versammelte, in die Theater, so oft sie die Ausgabe machen konnte, sie rief mich in ihr Zimmer, wenn dort fremde Herren waren, sonst hatte sie mich hinausgeschickt, wenn Besuche zu ihr kamen, sie ließ mich vorsingen, man sagte mir, daß ich Talent und gute Stimme habe, daß ich schön sei, aber in einer Weise, die mich ängstigte, verletzte, entsetzte! So kam es,« fuhr sie leiser fort, indem ein halb scheuer, halb liebevoller Blick zu ihm hinüberstreifte, »daß du mich an jenem Abend in der avant scène-Loge des Variété-Theaters fandest, du weißt, wie leicht es dir gemacht wurde, dich mir zu nähern –«

»Und bereust du das?« fragte er liebevoll, indem er sanft seinen Arm um ihre Schultern legte.

Sie bog sich zu ihm hin, ließ den Kopf an seine Brust sinken und weinte leise.

»Ich liebte dich,« flüsterte sie, »aber glaubst du, daß meine Mutter unsere Liebe begünstigte, glaubst du nicht, daß sie mich ebenso dir entgegengeführt, mich in deine Arme gedrängt haben würde, wenn ich dich nicht geliebt hätte, wenn mein einsames Herz nicht dem deinen entgegengeschlagen hätte? – O!« rief sie und Schluchzen erstickte ihre Stimme, – »für sie genügte es, daß du der reiche Kavalier warst, der ihre Tochter kaufen konnte!«

Er schwieg und voll Wehmut ruhte sein treuherziges Auge auf der schlanken, in seinem Arm zusammengebrochenen Gestalt. »Wenn ich so an deinem Herzen ruhe,« sagte sie dann, »so vergesse ich das alles und mir ist zu Mute so voll Glück, wie es der im Schatten erwachsenen Blume sein muß, wenn sie, in frische Erde verpflanzt, in sonnenwarmer Luft ihren Kelch erschließen kann, aber wenn ich dann wieder daran denke, was das alles eigentlich ist, daß alles, was mich umgibt, dieser Luxus, diese Eleganz, die mir so wohltut, daß dies alles nicht ein Geschenk der Liebe ist, sondern – o dann möchte ich fliehen, fliehen in die Einöde, fliehen in die Stille des Klosters, in den ewigen Frieden des Todes. – Und was bleibt mir anderes für die Zukunft?« rief sie lauter, indem sie sich rasch aufrichtete und ihm schmerzvoll in die Augen sah, »welche Zukunft hat der Traum des Augenblicks, als das Erwachen zur ewigen Nacht, einer Nacht, um so fürchterlicher, als mein Herz den Strahl des Lichtes gefühlt hat! – Du wirst zurückkehren in deine Heimat, zu den deinen, du wirst in reichem Leben den kurzen Traum unserer Liebe vergessen und ich – soll ich den Weg gehen, den so viele andere gehen, und der hinabführt zum ewigen Abgrund? – Und was kann mich schützen vor diesem Wege des lächelnden Verderbens? – Nicht die Hand der Mutter, die mich vorwärts drängen wird, nur der Schleier der Nonne oder das Grab!«

Immer tiefer hatte sich sein Auge verschleiert bei dem leidenschaftlichen Schmerz des jungen Mädchens.

»Arme Julia,« sagte er nochmals leise und sanft, »welche traurigen Jugenderinnerungen! – Sieh',« fuhr er fort, »meine Jugendzeit war auch einsam und einförmig, aber doch so reich und glücklich!« – und sein helles, klares Auge schien in mildem Schimmer in die Ferne zu blicken. – »Dort oben,« sagte er, »nah dem Strande der Ostsee, liegt mein väterliches Gut, ein altes Schloß, mit dem Blick auf die weißen Dünen und das rollende Meer, umgeben von ernsten, duftigen, immergrünen Tannenwäldern. Dort verfloß meine Jugend still und einsam, denn ich bin der einzige Sohn – unter den Äugen eines strengen, ernsten Vaters und einer liebevollen, sanften Mutter; ein Hauslehrer unterrichtete mich, und in den freien Stunden war es meine höchste Lust, die dunklen, rauschenden Tannenwälder zu durchstreifen oder auf den Dünen zu ruhen, in das weite Meer zu blicken und der ewigen Melodie zu lauschen, welche seine Wellen ertönen ließen, bald in leichtem, kräuselndem Spiel, vergoldet vom lichten Sonnenglanz, bald in gewaltigem, brausenden Ringen mit den schwarzen Wolken und den tosenden Stürmen.«

Das junge Mädchen war vor ihm auf die Knie niedergesunken, faltete die Hände auf seinem Schoß und blickte mit den großen, dunklen Augen zu ihm auf, welche noch durch den leichten schimmernden Duft der Tränen feucht verhüllt waren.

»Auch meine Jugend war voll von Träumen,« fuhr er fort, »aber sie suchten nicht, wie die deinen, die Ferne, sie schweiften nicht zum leuchtenden Süden hin, nicht zu den Myrten und Orangenhainen, nein, meine Träume bevölkerten die ernsten Wälder und die stillen Dünen mit den gewaltigen Gestalten der alten Nordlandsgötter, mit den Helden jener Sagen, die nicht süß berauschen, wie die Mythen deines Vaterlandes, sondern die klirrend in die Seele tönen im Waffenklange gewaltiger Kämpfe! – Und dann folgte ich den Spuren, welche jener großartig mächtige, ernste Orden, der von Palästina über Venedig nach den Bernsteinküsten zog und dort ein blühendes, wunderbares Reich schuf, überall in dem Lande seines alten Glanzes zurückgelassen hat, und heiße Sehnsucht erfüllte mich oft als Knabe, den Eisenharnisch zu tragen, und den weißen Mantel mit dem schwarzen Kreuze der deutschen Herren, diesen Mantel, dessen einfacher Schmuck einst so viel galt, als fürstlicher Purpur! – Sieh,« sagte er nach einer Pause, »solche Träume erfüllten meine Jugend, und als ich dann hinaustrat in die Welt, von der ich freilich nur die Universität gesehen und den Feldzug im vorigen Jahre, in welchem ich glücklich mit einer leichten Verwundung davonkam, da fand ich zwar viel Schönes, aber die Ideale meiner Träume fand ich nicht, nicht jene hohen Gestalten der nordischen Sage, nicht jenen Geist des heiligen Rittertums. – Hier erst,« fuhr er fort und strich sanft mit der Hand über ihre glänzenden Haare, »hier, bei dir, steigen sie wieder empor, jene Träume meiner Jugend, bei dir, meiner Freya, der Göttin meiner Liebe!«

Sie hatte ihm schweigend zugehört, ihre Augen tranken durstig den Anblick seiner von innerer Bewegung durchleuchteten Züge, seiner in lichtem Glanze flammenden, hellen Augen.

»Weißt du,« sagte er sinnend, »wenn ich so bei dir sitze und in die süße, tiefe Glut deiner Augen schaue und dann hinausdenke nach dem Lande meiner Jugend, dann fällt mir ein Vers eines Dichters meines Vaterlandes ein« – und wie unwillkürlich seinen Gedanken folgend, sprach er halb für sich, halb zu ihr, mit inniger Betonung:

»Ein Fichtenbaum steht einsam
Im Norden auf kahler Höh',
Ihn schläfert, mit weißer Decke
Umhüllen ihn Eis und Schnee.
Er träumt von einer Palme,
Die fern im Morgenland
Einsam und schweigend trauert
An brennender Felsenwand!«

»Sie klingt schön, deine Sprache,« sagte sie, »erkläre mir, was das heißt.«

Er übersetzte ihr die Worte ins Französische, während sie mit tiefer Aufmerksamkeit zuhörte.

»Doch, ich habe meine Palme gefunden,« sagte er – und indem er schnell aufstand und sie zu sich emporhob, rief er lauter: »Und ich lasse sie nicht mehr, ich führe sie mit mir in meine schöne, stille, nordische Heimat, und die Wärme meines Herzens soll ihr die Strahlen der Sonne des Südens ersetzen!«

Hohe Begeisterung belebte seine Züge – tiefes Gefühl erleuchtete seinen Blick.

Fast entsetzt riß sie sich von ihm los.

»Um Gotteswillen.« rief sie zitternd, »sprich nicht solche Worte – rufe nicht Bilder in meiner Seele hervor, die niemals – niemals Wirklichkeit werden können!«

»Und warum nicht?« fragte er, »würdest du nicht mit mir gehen wollen?«

»Mit dir gehen wollen?« sagte sie, und in schwärmerischem Aufschlag richtete sich ihr Blick empor, »o mein Gott! – aber,« fuhr sie fort, und ihr Auge senkte sich zu Boden, »denke an deine Eltern, an deine Mutter, wie würde sie das Mädchen ohne Namen aufnehmen, das« – sagte sie leise, die zitternden Finger ineinander faltend, »dir nicht einmal mehr geben kann, was die Ärmste und Niedrigste ihrem Gatten bringen soll im Schmuck des bräutlichen Kranzes! – Niemals, niemals,« sprach sie dumpf und traurig, »niemals würde ich es ertragen! – Gehe du den Weg deines Lebens, und laß mich dir eine freundliche Erinnerung sein, werde ich doch,« fügte sie mit sanftem, schwermütigem Lächeln hinzu, »künftig auch eine Erinnerung haben, ein freundliches Licht in der Einsamkeit meiner Zukunft!«

Er blickte ernst vor sich hin.

»Ich werde den Kampf mit den Vorurteilen der Welt nicht scheuen für dich und meine Liebe! – Doch,« fuhr er dann in leichterem Tone fort, »wir haben noch Zeit, darüber nachzudenken, ich bleibe ja noch den Sommer hier, du wirst nicht immer so traurig denken, du wirst mir erlauben, für dich und mein Glück zu kämpfen, und ich verspreche dir,« sagte er mit lautem feierlichen Ton, »ich werde dich nicht verlassen und nicht ruhen, bis ich an dir gutgemacht habe alle Leiden, welche das Schicksal dir zugefügt.«

Sie schüttelte schweigend langsam den Kopf.

»Ich sehne mich, deine schöne Stimme zu hören,« bat er, »lassen wir jetzt die Zukunft und freuen wir uns der Gegenwart. Laß mich ein wenig träumen beim Klange deiner Lieder, die mir die Bilder meiner Kindheit in der Seele wachrufen.«

Und sanft ihre Hand ergreifend, führte er sie zu einem kleinen Pianino, welches neben dem einen Fenster des Salons stand. Auf einem kleinen Tisch daneben lagen verschiedene Notenhefte.

Sie blätterte leicht in denselben.

»Ich werde dir ein Lied singen,« sagte sie dann, »das mich wunderbar anspricht – ein Lied, das ein deutscher Komponist einem Sänger meines Vaterlandes in den Mund legt, ich habe es für mich aus der Klavierpartitur ausgezogen und für meine Stimme arrangiert, es bildet ja gewissermaßen ein Band zwischen deinem und meinem Vaterlande, weil es ein Deutscher schuf zum Preise Italiens.«

Sie legte ein beschriebenes Notenblatt auf das Instrument, und während der junge Mann sich in einem Fauteuil niederließ und mit liebevollem Blick ihren Bewegungen folgte, begann sie mit weicher, metallreicher und wunderbar umfangreicher Stimme Stradellas schönes Lied aus Flotows Oper:

»Italia, du mein Vaterland,
Wie schön bist du zu schauen!«

Drittes Kapitel.

Ein leichter, feiner Duft von blühenden Rosen und Veilchen, gemischt mit einem an den spanischen Jasmin erinnernden flüchtigen Parfüm, durchzog den Salon der Kaiserin Eugenie in den Tuilerien. Eine Legion jener unzählbaren Kleinigkeiten, welche sich in dem Salon jeder vornehmen Dame von Eleganz und Geschmack anhäufen, erfüllten den Raum – Albums, Zeichnungen, altes Porzellan von Sèvres und Meißen, antike Bronzen, kurz, alle jene Dinge, welche, ohne eigentlichen Zweck und Nutzen, doch so unendlich zur Verschönerung des Lebens beitragen, den Blick bald hier, bald dort anmutig fesseln und den Geist mit stets wechselnden Bildern und stets neuen Gedanken erfüllen.

Ein kleines Feuer brannte in dem großen Marmorkamin und ein seitwärts davor stehender Schirm aus einer einzigen großen Spiegelscheibe in einem einfachen Rahmen von vergoldeter Bronze hielt die unmittelbaren Wärmestrahlen der Flamme ab, ohne den Anblick des freundlichen Elements zu verdecken.

Die Kaiserin saß in elegantem Morgenkostüm von dunkler Farbe auf einer Causeuse in der Nähe des Feuers – vor ihr auf einem großen Tisch lagen verschiedene Zeichnungen von Damentoiletten in sauberer Ausführung mit leichter Farbenandeutung.

Neben dem Tisch saß auf einem niedrigen Lehnstuhl die Freundin und Vertraute der Kaiserin, die Prinzessin Anna Murat, seit achtzehn Monaten mit einem der vornehmsten Herren Frankreichs, dem Herzog von Mouchy, Fürsten von Poix, aus der erlauchten Familie der Noailles, verheiratet, eine Dame von sechsundzwanzig Jahren, hoch und voll, von angenehmem Ausdruck in ihren Zügen und in ihrer Erscheinung ein wenig an den englischen Typus erinnernd.

Der Blick der Herzogin ruhte auf den Blättern, welche die Kaiserin, sie langsam betrachtend, durch ihre schlanken, perlmutterweißen Finger gleiten ließ.

»Ich vermisse in dem allen wirklichen Geschmack,« rief Eugenie endlich, und eine unmutige Wolke zog über ihre Stirn, indem sie die Zeichnungen auf den Tisch warf, »Wiederholungen, nichts als Wiederholungen, oder geschmacklose Übertreibungen, welche die menschliche Gestalt entstellen, statt sie zu verschönern!«

»Eure Majestät werden selbst eine Idee für die Saison angeben müssen,« sagte die Herzogin lächelnd, »Sie können wirklich nicht verlangen, daß die armen Couturières schöpferische Gedanken haben. Sie find wie die Schauspieler, welche nur die Gedanken der Dichter in Szene setzen.«

Die Kaiserin dachte nach.

»Weißt du, liebe Anna,« sagte sie dann, »wir müssen mit den weiten Roben ein Ende machen, die Übertreibungen haben diese Mode wirklich abscheulich gemacht! – Und dann,« fuhr sie fort, »wir werden in diesem Sommer die Ausstellung haben, man wird viel gehen müssen, um diese Wunder der Kunst und Industrie der ganzen Welt zu betrachten. Der Raum des ganzen Ausstellungsgebäudes würde nicht ausreichen, wenn alle Damen mit den weiten Roben dort erscheinen wollten – es würde kein Platz für die Herren bleiben,« fügte sie lächelnd hinzu.

»Aber Eure Majestät werden eine Revolution proklamieren, wenn Sie den weiten Roben das Todesurteil sprechen und den Damen plötzlich enge Kleider auferlegen,« sagte die Herzogin, »das wird auch eine neue Chaussure notwendig machen, ich sehe eine allgemeine Bewegung kommen, wie gesagt eine Revolution, denn an Opposition wird es nicht fehlen – so mächtig und unumschränkt auch der Zepter Eurer Majestät in dem Reich der Mode gebietet.«

»Um so besser,« antwortete die Kaiserin sinnend, »diese kleinen Revolutionen leiten die Gedanken von der großen Revolution ab, die,« fügte sie seufzend hinzu, »immer in dem Busen dieser französischen Nation schlummert und leicht erwacht, wenn nichts die Ideen nach anderer Richtung lenkt. Und ich fürchte, diese Revolution dehnt schon in leisem Erwachen ihre Glieder! – Doch,« fuhr sie abbrechend fort, indem sie einen goldenen Crayon ergriff und einige Linien auf den weißen Raum eines der vor ihr liegenden Bilder zeichnete, »wo nehmen wir eine passende Mode her?«

Und sie überfuhr ihren Versuch mehrmals mit schwarzen Strichen. »Es ist nicht leicht, ein geschmackvolles und tragbares Kostüm zu finden! –

Apropos,« sagte sie nach einigen Augenblicken, »ich werde heute jenen römischen Grafen Rivero empfangen, welcher sich hier aufhält und von welchem ich dir gesprochen. Er muß eine sehr interessante Person sein, der Abbé Bonaparte hat ihn mir dringend empfohlen, sowie die Prinzessin Constanze, du weißt, die Äbtissin vom Sacré Coeur in Rom, auch die Gräfin Rasponi hat mir seinetwegen aus Ravenna geschrieben, alle rühmen ihn als einen Mann von hohem Geist und voll tiefer Devotion für den heiligen Stuhl, voll unermüdlichem Eifer für die Sache der Kirche. Solche Männer sind selten heutzutage. Hast du ihn gesehen oder von ihm gehört?«

»Ich habe ihn nicht gesehen,« antwortete die Herzogin, »aber ich habe meinen Bruder Joachim von ihm sprechen hören, der ihn als einen vortrefflichen Kavalier rühmte, und seine schönen Pferde lobte!«

»Ich habe den Namen nie vorher gehört,« sagte die Kaiserin, »er ist vom Papste zum römischen Grafen gemacht, der Nuntius hat ihn dem Kaiser und mir beim letzten Empfange vorgestellt, mir aber ist er von jenen Personen ganz besonders empfohlen, und sie alle sagen mir, daß es mir gewiß von ganz besonderem Interesse sein werde, ihn näher kennen zu lernen, und daß er der Sache der Kirche in vieler Beziehung nützlich sein könne. Ich bin sehr neugierig, ihn zu sehen.«

»Der Herr Baron de Pierres,« meldete der Kammerdiener der Kaiserin. Sie neigte leicht den Kopf, und der Baron de Pierres, der erste Stallmeister Ihrer Majestät, ein eleganter, schlanker Mann in schwarzem Morgenüberrock, trat ein.

»Ich wollte um Eurer Majestät Befehle für die Ausfahrt bitten,« sagte der Baron, sich mit tiefer Verbeugung der Kaiserin nähernd.

»Das Wetter ist schön,« sagte Eugenie, indem sie Herrn de Pierres mit anmutigem Lächeln begrüßte und dann einen Blick nach dem Fenster warf, durch welches helle Sonnenstrahlen hereinfielen, »ich will in offener Kalesche ausfahren, ins Bois de Boulogne, zwei Stunden vor dem Diner – werden Sie mich begleiten, lieber Baron?«

»Zu Eurer Majestät Befehl,« sagte der Baron.

»Ich denke eine lange Tour zu machen,« sagte die Kaiserin, »und wenn es Sie ermüdet, neben dem Schlage zu reiten, so –«

»Ein Ritt bei diesem schönen Wetter ist mir ein großes Vergnügen,« unterbrach sie Herr de Pierres rasch, »und eine hohe Ehre,« fuhr er sich verbeugend fort, »wenn ich ihn in Begleitung meiner Souveränin machen darf.«

»Und du, liebe Anna, fährst mit mir?« fragte Eugenie, sich zur Herzogin von Mouchy wendend.

»Wenn Eure Majestät mir erlauben wollen, vorher nach Hause zu eilen, um meine Toilette zu machen.« –

»Aber,« rief die Kaiserin, »lieber Baron, was bringen Sie denn da so sorgfältig in Papier gewickelt,« und sie deutete auf ein Paket in seinem weißen Velinpapier mit roten Seidenbändern umwunden, welches der Baron in der Hand hielt, »etwa das Modell eines neuen Sattels oder gar eine Miniaturequipage Ihrer Erfindung?«

»Nichts von alledem,« erwiderte der Baron lächelnd, »was ich Eurer Majestät bringen will, gehört nicht zu meinem Ressort, aber ich weiß,« fügte er hinzu, »daß es Ihr Interesse erregen wird.«

Er löste die Seidenbänder und entfernte die Papierumhüllung. Dann stellte er auf den Tisch vor die Kaiserin eine Art Kassette mit schwarzem Samt überzogen.

Gespannt folgte die Kaiserin und die Herzogin seinen Bewegungen.

Der Baron öffnete den Deckel der Kassette und stellte vor die Kaiserin eine Tasse und einen Milchtopf von weißem Porzellan.

»Es ist ein kleines Service,« sagte er dann, »dessen sich die Königin Marie Antoinette bei ihrem einfachen Milchfrühstück in Trianon bediente, hier sehen Eure Majestät von einer Blumengirlande gebildet die Chiffre der Königin. – Der damalige Kastellan von Trianon hat die Sachen an sich genommen und in seiner Familie sind sie bis jetzt aufbewahrt, es ist kein Zweifel an ihrer Echtheit. – Ich hörte davon, und da ich weiß, wie sehr Eure Majestät sich für alles interessiert, was an die Königin Marie Antoinette erinnert, so wollte ich nicht verfehlen, dies Andenken Ihnen zu bringen.«

Die Kaiserin hatte die Tasse ergriffen und betrachtete sie mit tiefem Ernst. Ein Ausdruck von Trauer und Wehmut lag auf ihrem Gesicht. »Aus Rosengirlanden ließ sie ihre Chiffre malen,« sagte sie dann leise und sinnend, »und volle Rosen bekränzten damals ihr Leben! – Arme, unglückliche Königin, wer dir damals gesagt hätte, wie bald diese Blumen welken würden, und in welcher blütenleeren Einöde brennender, einsamer Schmerzen dein warmes Herz seine letzten Schläge tun würde! – An den Rand dieser Tasse setzte sie die lächelnden frischen Lippen,« fuhr die Kaiserin immer träumerischer fort, »wie bald sollten sie sich in herbem Gram zusammenziehen, um den entsetzlichen Kelch so furchtbarer Leiden zu leeren!«

Und lange betrachtete sie die kleine, einfache Tasse, eine Träne zitterte an ihren Augenwimpern.

Die Herzogin von Mouchy ergriff die Hand der Kaiserin und drückte ihre Lippen darauf.

»Wie schön – und wie groß ist es von Eurer Majestät,« rief sie, »daß Sie so gern und mit so warmem Gefühl auf der Höhe der Wacht und des Glückes sich jener unglücklichen Fürstin erinnern, welche vor Ihnen einst auf dem Throne Frankreichs saß!«

»Auf dem Throne Frankreichs!« sagte die Kaiserin leise, immer die Augen auf die Tasse gerichtet, »er ist schön, dieser Thron – aber verhängnisvoll, ihr brachte er den frühen, martervollen Tod, aber sie war groß in ihrem Fall, sie war Königin auf dem Schafott, sollte dieser Thron einst unter uns zusammenbrechen« – flüsterten ihre Lippen fast unhörbar, und ihre Gedanken schienen finsteren Bildern zu folgen; düster senkten sich ihre Blicke zu Boden.

Schnell dann erhob sie das Haupt mit der ihr eigentümlichen anmutigen Bewegung des schlanken Halses.

»Ich danke Ihnen, Baron de Pierres,« sagte sie mit freundlichem Lächeln, »daß Sie mir diese Reliquie der armen Märtyrerkönigin gebracht haben. Ich hoffe, sie wird zu erwerben sein, damit ich ihr einen Platz geben kann in dem Tempel der Erinnerung an die königliche Dulderin, den ich mir im stillen aufrichte.«

»Das kleine Service, Madame, gehört einem alten Manne, der aus seinem kleinen Geschäfte ein mäßiges Vermögen erworben hat,« antwortete der Baron, »er lebt mit seiner Frau ohne Kinder, verkaufen will er das Andenken, welches er von seinen Eltern ererbt hat, nicht, aber er macht sich eine Freude daraus, dasselbe seiner Kaiserin zu schenken, wie er mir gesagt hat.«

Die Augen der Kaiserin glänzten.

»Wie schön wäre es, Kaiserin von Frankreich zu sein,« rief sie, »wenn diese Gesinnungen allgemein wären! – Wollen Sie, lieber Baron,« fuhr sie dann fort, »sogleich dem Kaiser diese kleine Geschichte erzählen und ihn bitten, dem Manne die Ehrenlegion zu geben? – Ich werde ihm selbst heute noch davon sprechen, und dann – lassen Sie ein vollständiges Teeservice von Silber anfertigen mit meiner Chiffre, ich muß doch das Geschenk der braven Leute erwidern, ich will es ihnen selbst geben, sobald es fertig ist, Sie sollen sie dann zu mir führen.«

Der Baron verbeugte sich.

»Eurer Majestät Befehle sollen sogleich ausgeführt werden.«

Die Kaiserin sann einen Augenblick nach.

Rasch ergriff sie den Crayon und eines der auf dem Tische liegenden Blätter.

»Ich danke Ihnen, Baron de Pierres,« rief sie lebhaft, »nicht nur für dieses schöne Andenken, ich danke Ihnen auch für eine Inspiration, welche die Erinnerung an die unglückliche Königin mir eingibt!«

Und mit gewandter Hand warf sie eine Zeichnung in flüchtigen Linien auf das Papier.

»Wir suchten eine Mode für die Saison, liebe Anna,« sagte sie, »die größte Schwierigkeit war es, bei einer engen und kurzen Robe die Büste angemessen zu bekleiden, die großen Schals, Mäntel und Umhänge, die wir jetzt tragen, passen nicht dazu, sie gehören zu dem reichen Faltenwurf der weiten Roben. – Jetzt habe ich gefunden, was wir brauchen, sieh da,« rief sie, indem sie ihrer Freundin das Blatt hinhielt, »ein Tuch, wie es die unglückliche Königin trug, das wird die Frage lösen!«

»Scharmant … anmutig und einfach!« rief die Herzogin, »das ist in der Tat eine Inspiration, für welche die Damen Europas dem Baron Dank wissen werden,« fügte sie lächelnd hinzu.

»Komm her,« rief die Kaiserin aufstehend, »wir wollen uns sogleich eine Idee davon machen!«

Und sie nahm einen Kaschemirschal, welchen die Herzogin neben sich gelegt hatte, faltete ihn ein wenig zusammen und legte ihn um die Schultern ihrer Freundin, dann knüpfte sie die beiden Enden hinten auf der Taille zusammen, ganz in der Weise, wie man es auf den Bildern der erhabenen und edlen Gefangenen des Temple und der Conciergerie sieht.

»Wie finden Sie das, Baron?« fragte die Kaiserin, indem sie Frau von Mouchy von allen Seiten betrachtete.

»Reizend,« rief der Baron de Pierres, »es wäre in der Tat, fuhr er sich verbeugend fort, »auch unmöglich, daß eine Toilette nicht reizend sein sollte, die Eure Majestät arrangieren und die die Frau Herzogin trägt!«

»Und dies soll die Mode der Saison sein,« rief die Kaiserin, »alle Damen sollen dem Andenken der unglücklichen Königin diese Huldigung bringen – und die neue Mode, welche wir der Welt geben, soll heißen: Fichu Marie Antoinette!«

»Welche Chance,« rief der Baron lächelnd, »daß es mir vergönnt ist, bei diesem großen Akt gegenwärtig zu sein, welcher der ganzen schönen Hälfte des Menschengeschlechts ein neues Gesetz gibt!«

Ein kurzer Schlag ertönte an der Tür.

Der Kammerdiener öffnete dieselbe, und der erste Kammerherr der Kaiserin, Herzog Tascher de la Pagerie, trat ein.

»Der Graf Rivero,« sprach er, »dem Eure Majestät die Ehre einer Audienz bewilligt haben, steht zu Ihren Befehlen.«

»Ich will den Grafen nicht warten lassen,« sagte die Kaiserin aufstehend, »führen Sie ihn sogleich herein, mein lieber Herzog! – nachher habe ich Ihnen noch Verschiedenes zu sagen,« fügte sie mit verbindlichem Lächeln hinzu.

Dann grüßte sie Herrn de Pierres leicht mit dem Kopf.

»Auf Wiedersehen, lieber Baron, auf Wiedersehen, meine Teure!« und sie reichte der Herzogin die Hand, welche diese an ihre Lippen drückte.

Baron de Pierres und Frau von Mouchy verließen den Salon. Der Herzog Tascher de la Pagerie führte den Grafen ein, stellte ihn der Kaiserin vor und zog sich dann wieder zurück.

Der Graf trug schwarzen Frack und weiße Kravatte, den Stern des Piusordens auf der Brust.

Er verneigte sich tief, trat mit leichtem und freiem Anstand bis auf drei Schritte vor die Kaiserin hin und erwartete in vollkommenster Haltung ihre Anrede.

Der Blick der Kaiserin umfaßte mit prüfendem Ausdruck diese ruhige, kalte und vornehme Erscheinung. Indem sie mit einer Neigung des Hauptes den ehrerbietigen Gruß des Grafen erwiderte, sprach sie mit freundlichem Lächeln:

»Ich freue mich, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen, Herr Graf, meine Verwandten in Italien haben mir so unendlich viel Vortreffliches über Sie geschrieben, daß ich in der Tat gespannt war, einen Mann mit so vielen außergewöhnlichen Eigenschaften kennen zu lernen.«

»Ich fürchte, Madame,« sagte der Graf ruhig, »daß diese hohen Personen, auf deren Wohlwollen ich stolz bin, mir keinen guten Dienst geleistet haben, wenn sie in ihrer freundlichen Liebenswürdigkeit ein zu vorteilhaftes Bild von mir entworfen haben, Eure Majestät werden dann vielleicht um so mehr bemerken, wie weit die Wirklichkeit hinter diesem Bilde zurückbleibt. – Eine Eigenschaft aber kann ich mit Recht für mich in Anspruch nehmen,« fuhr er fort, »das ist der ernste und kräftige Willen, mit aller Energie der Sache der heiligen Kirche zu dienen, welcher auch Eure Majestät Ihren mächtigen Schutz unausgesetzt zuwendet.«

»Und welche trotz dieses Schutzes immer mehr bedrängt wird,« sagte die Kaiserin seufzend. »Sagen Sie mir, Herr Graf,« fuhr sie fort, indem sie sich niederließ und dem Grafen mit der Hand den Fauteuil bezeichnete, welchen die Herzogin von Mouchy vorher eingenommen hatte, »sagen Sie mir ein wenig, wie stehen die Dinge in Italien, was hoffen Sie, ober was fürchten Sie für die Sicherheit des heiligen Stuhls und des Patrimoniums Petri?«

»Ich hoffe alles – und ich fürchte alles, Madame,« antwortete der Graf, »je nachdem Frankreichs Hand schützend über Rom ruht oder sich davon abzieht. Wenn Frankreich, wenn der Kaiser,« sagte er, indem sein Auge sich mit einem vollen und tiefen Blick auf sie richtete, »sich stets erinnert, daß der Herrscher dieses schönen und mächtigen Landes das edle Vorrecht hat, sich den ältesten Sohn der Kirche zu nennen –«

»Und halten Sie es für möglich,« unterbrach ihn die Kaiserin lebhaft, »daß man hier dieses Vorrecht vergessen könnte und die Pflichten, welche dasselbe uns auflegt?«

»Madame,« sagte der Graf ruhig und ernst, »die Zukunft ist mir verborgen und es ziemt mir nicht, prophetische Schlüsse aus der Vergangenheit zu ziehen, welche mir zeigt, daß französische Waffen bei Solferino die alten Dämme des Rechts niederwarfen und es möglich machten, daß die schwer zu beherrschenden Wellen dieses Königreichs Italien jetzt drohend an den Fuß des Felsens Petri schlagen.«

Die Kaiserin senkte den Kopf und glättete leicht mit der feinen Hand eine Falte ihrer Robe.

»Wenn ich aber,« fuhr der Graf fort, »trotz Solferino – vielleicht wegen Solferino und seiner Folgen – überzeugt bin, daß Frankreich sich seiner Pflichten gegen den heiligen Stuhl jetzt lebhafter erinnert als je, so beruht dessen Sicherheit doch noch auf der weiteren Frage, ob es die Macht haben werde, jene Pflichten zu erfüllen.«

In stolzer Bewegung warf die Kaiserin den Kopf empor. Ein flammender Blitz aus ihren großen Augen traf den Grafen.

»Ob Frankreich die Macht habe, Rom zu schützen?« fragte sie mit einem Tone voll Verwunderung und Unmut.

Der Graf verneigte sich leicht, ohne den Blick zu senken.

»Ich kenne die Macht Frankreichs, Madame,« sagte er, »sie ist sehr groß – aber es kommt darauf an, ob man sie zur rechten Zeit und nach der rechten Seite hin gebraucht, oder ob man sie in falscher Weise nach falschen Richtungen erfolglos verschwendet.«

Zum zweiten Male senkte sich der Blick der Kaiserin zu Boden.

»Sie sind ein strenger Kritiker, Herr Graf,« sagte sie nach einigen Augenblicken mit etwas gedämpfter Stimme, in welcher eine leichte Nuance von Verdruß wiederklang.

»Es wäre Eurer Majestät – und meiner unwürdig,« erwiderte Graf Rivero, »wollte ich Ihre Frage mit Gemeinplätzen beantworten, jedenfalls ist meine Kritik, welche Eure Majestät scharf nennen, gewiß bei weitem nicht so streng als diejenige, welche die Geschichte mit unerbittlicher Logik und Konsequenz ausübt.«

Das Auge der Kaiserin erhob sich langsam und ruhte einen Augenblick wie erstaunt auf dem ruhigen, edlen Gesicht dieses Mannes, der damit begann, ihr Wahrheiten zu sagen, an welche ihre Umgebung sie wenig gewöhnt hatte.

Dann sagte sie mit fester Stimme:

»Sie haben recht, Herr Graf! – Wir sprechen über ernste Dinge, und es wäre töricht, die Gedanken zu verschweigen oder zu verhüllen. – Sie glauben also,« fuhr sie fort, »daß Verhältnisse eintreten könnten, welche Frankreich verhindern würden, seine Macht zum Schutze der Kirche und des heiligen Stuhles anzuwenden?«

»So groß die Macht Frankreichs ist, Madame,« erwiderte der Graf, »so kann sie doch den heutigen geschlossenen Mächten, den großen und gewaltigen Bewegungen gegenüber, welche in unserer Zeit durch die Völker gehen, nur dann ihres Erfolges sicher sein, wenn sie sich nicht zersplittert, wenn sie nicht an Unmögliches gesetzt wird. Ein geringer Teil dieser Macht genügt, um Rom zu schützen, wenn man weiß, daß sie gleichsam nur ein Symbol ist, hinter welchem das ganze Frankreich steht, jede große und gefährliche Unternehmung, in welche Frankreich sich nach anderer Seite einlassen würde, müßte jenem Symbol seine Bedeutung nehmen, jede solche Unternehmung würde das Signal für die Revolution, das heißt das Königreich Italien, sein, sich in unwiderstehlicher Brandung über Rom zu ergießen.«

Die Kaiserin hörte mit lebhafter Spannung.

»Die mexikanische Expedition,« fuhr der Graf ruhig fort, »hat Frankreich verhindert, in dem deutschen Kriege ein seiner Würde und seiner Macht entsprechendes Wort zu sagen, ein Krieg gegen Deutschland würde den französischen Schutz für Rom illusorisch machen.«

»Sie sind also auch der Meinung,« rief die Kaiserin lebhaft, »daß wir für jetzt um jeden Preis an den Verhältnissen in Deutschland nicht rühren dürfen?«

»Nicht nur für jetzt, sondern für immer,« sagte der Graf ernst und bestimmt, indem sein klarer Blick fest auf den bewegten Zügen der Kaiserin ruhte, welche ihn mit einer gewissen Befremdung ansah.

»Ich hoffte,« fuhr er fort, »daß im vorigen Jahre Österreich siegen und das neue Italien wieder gebrochen werden würde, daß an der Spitze Deutschlands eine katholische, der Kirche ergebene Macht stehen würde, welche dann im Bunde mit Frankreich die Herrschaft des Rechts und der Religion wiederherstellen könnte in der Welt, die dem Geist des Abfalls sich zuwendet. – Meine Hoffnung ist nicht erfüllt, Österreich ist besiegt, mehr noch, es hat seine Vergangenheit aufgegeben, es wird sich nicht wieder erheben, Deutschland gehört für immer Preußen!«

Die Kaiserin bewegte die Lippen, in ihren Augen zitterte es seltsam, es schien, als ob sie sprechen wollte, aber sie schwieg, und mit forschendem Blick sah sie durch die halb gesenkten Augenlider auf den Grafen hin, die Fortsetzung seiner Rede erwartend.

»Die Sache Deutschlands ist entschieden,« fuhr der Graf fort, »und auch das kann sich zum Besten der Kirche wenden, Preußen bedarf Italiens nicht mehr, und Italien allein wird nicht in seiner jetzigen Form bestehen, wenn Frankreich in gesammelter Kraft ruhig dasteht und dem heiligen Stuhl seine Freiheit und Unabhängigkeit erhält.«

»So sind Sie auch der Meinung,« sagte die Kaiserin, immer den Blick mit den schönen, langen Wimpern ihrer Augen verschleiernd, »welche hier sich um den Kaiser geltend macht, daß die beste Politik Frankreichs ein fester und dauernder Frieden mit Preußen sei?«

»Ein Kampf zwischen Frankreich und Deutschland,« sagte der Graf mit Betonung, »würde das Ende der Sicherheit und Unabhängigkeit des römischen Stuhles und damit die höchste Gefahr für die Einheit der Kirche sein.«

»Sie werden zufrieden sein,« sprach die Kaiserin mit einem Klange unmutiger Enttäuschung in ihrer Stimme, »denn ich glaube, die Basis für einen solchen Frieden wird in diesem Augenblick gelegt, doch,« fügte sie, leicht mit ihrem Batisttuche spielend, hinzu, »glaube ich nicht so Zuversichtlich an seine Dauer.«

Die Züge des Grafen belebten sich wie durch heftige innere Erregung, sein Auge richtete sich forschend und durchdringend auf die Kaiserin.

»Bedarf es denn,« fragte er, »einer besonderen Basis für einen Frieden, der durch nichts bedroht ist, und der einfach zu erhalten ist dadurch, daß niemand ihn stört – und von Deutschland ist doch eine solche Störung nicht zu erwarten?« –

Das Auge der Kaiserin öffnete sich weit und blitzte auf in zornigem Stolz. Sie warf den Kopf in die Höhe und rief mit der Lebhaftigkeit ihres schnell erregbaren Temperaments:

»Glauben Sie denn, Herr Graf, daß Frankreich ruhig es mit ansehen könne und dürfe, daß dieses militärische Preußen die Kraft von ganz Deutschland in seiner Hand zusammenfasse und die Spitze seines Degens über den Rhein herüber nach unserem Herzen ausstrecke? Sie werden nicht voraussetzen, daß das Frankreich, welches der Erbe der Siege des ersten Napoleon ist, still und resigniert zusehen solle, wie die Ordnung von Europa über den Haufen geworfen wird, und wie eine protestantische Macht das deutsche Kaisertum wieder aufrichtet. Freilich,« rief sie immer lebhafter, »hätten wir nicht geschehen lassen sollen, was geschehen ist, da es aber einmal geschehen ist, müßten wir unsere Kraft sammeln, um mit zerschmetterndem Schlag dieses Werk des vorigen Jahres zu zertrümmern, nicht,« sagte sie leise mit bitterem Ausdruck, indem sie die Zähne zusammenbiß und ihr Auge vor Erregung flammte, »nicht uns abfinden lassen mit armseligen Kompensationen!«

Der Graf hatte mit immer gespannterer Aufmerksamkeit zugehört; sein Blick ruhte mit durchdringender Schärfe auf der Kaiserin, und ein rascher Ausruf schien aus seinem Munde hervordringen zu wollen.

Schnell aber nahm sein Gesicht wieder die gewohnte Ruhe an, und mit leichtem Lächeln fragte er:

»Welche Kompensation könnte Frankreich verlangen, welche Kompensation würde Deutschland gewähren?«

»Man wird glücklich sein in Deutschland,« rief die Kaiserin schnell mit verächtlichem Aufwerfen der Lippe, den dauernden Frieden mit Frankreich, die definitive Genehmigung der Eroberungen des vorigen Jahres zu erkaufen für den lächerlichen Preis dieses kleinen Herzogtums Luxemburg!«

»Luxemburg?« rief der Graf, indem er schnell aufstand und mit bestürztem Ausdruck die Kaiserin ansah, »Luxemburg – um Gottes willen, Madame, denkt man ernstlich daran?«

»Herr Graf,« sagte die Kaiserin, indem die Erregung ihrer Züge dem Ausdruck einer gewissen Verlegenheit wich, »ich habe da in meiner Lebhaftigkeit etwas gefügt, das ich vielleicht nicht hätte sagen sollen, ich bitte Sie, meinen Worten keine weitere Konsequenz zu geben.«

Der Graf schlug einen Augenblick die Augen sinnend zu Boden.

»Madame,« sagte er dann, »Eure Majestät hatten vorhin die Gnade, mir zu sagen, daß Ihre hohen Verwandten mich so freundlich mit vielen guten Eigenschaften ausgestattet haben, sollten sie eine vergessen habe, die ich wirklich zu besitzen mich rühmen darf, die Diskretion?«

Die Kaiserin sah ihn nachdenklich mit tief forschendem Blick an.

»Ich glaube,« fuhr er fort, »aus Eurer Majestät Worten schließen zu dürfen, daß Sie einer Verhandlung über die Abtretung Luxemburgs nicht günstig sind, nun wohl, Madame, ich würde alles daran setzen, um Eurer Majestät Intentionen in dieser Richtung zu unterstützen, und vielleicht hat man Ihnen auch gesagt, daß ich einige Kenntnis der politischen Fäden und infolgedessen einigen Einfluß besitze, es kommt also nur darauf an, ob Eure Majestät mir Vertrauen schenken wollen.« –

»Wenn Sie den dauernden Frieden Frankreichs mit Preußen wollen,« sagte die Kaiserin etwas zögernd, »welches Interesse könnten Sie haben, die luxemburger Verhandlungen zu verhindern, deren Abschluß ja die Bedingung und Grundlage eines solchen Friedens sein würde?«

Der Graf erwiderte fest und ruhig den forschenden Blick der Kaiserin und antwortete mit dem Tone überzeugter Sicherheit:

»Ich vermag Eurer Majestät Ansicht nicht zu teilen,« sagte er, »diese Frage trägt den Krieg in ihrem Schoße!«

»Den Krieg?« rief die Kaiserin, »Luxemburg gehört Holland, und wenn der König von Holland es an Frankreich abtritt, sollte Preußen es wagen, zu intervenieren, einer vollendeten Tatsache gegenüber?«

»O Madame,« rief der Graf, »dieser Weg führt um so sicherer zum Kriege; wenn es vielleicht möglich wäre, Luxemburg durch eine Negoziation mit Preußen zu erhalten, so wird das Berliner Kabinett doch niemals eine vollendete Tatsache akzeptieren, die man hinter seinem Rücken in einer Angelegenheit schaffen würde, in welcher es die Sache Deutschlands zu vertreten hat!«

Die Kaiserin schwieg. Etwas wie ein freudiger Blitz leuchtete in ihrem Auge auf.

»In diesem Kriege aber, wenn er jetzt ausbräche, würde Frankreich geschlagen werden,« sagte der Graf ruhig, »und Italien würde Rom nehmen.«

»Sie glauben an eine Niederlage Frankreichs?« fragte die Kaiserin.

»Die französische Armee ist nicht fertig,« antwortete der Graf, »die Ausführung der Pläne des Marschalls Niel hat kaum begonnen, und Deutschland würde in dieser Frage einig der preußischen Führung folgen. – »Ich bin überzeugt,« fuhr er fort, »wenn der Kaiser sicher wäre, daß der Krieg aus dieser luxemburger Frage entstünde, er würde sie nicht anrühren, er würde nicht das gefährliche Spiel spielen, Preußen mit einem fait accompli überraschen zu wollen.«

Die Kaiserin senkte den Kopf und dachte einige Augenblicke nach.

»Ich glaube, Sie haben recht,« sagte sie dann, »es darf in diesem Augenblick kein Krieg entstehen, diese luxemburgische Frage müßte also beseitigt werden. – Aber wie ist das möglich?«

»Madame,« sagte der Graf, »die Gefahr liegt in der Heimlichkeit der Sache. Tritt man mit einem fertigen Arrangement vor die Welt, und Preußen widerspricht, so ist die Ehre Frankreichs engagiert und der Krieg unausbleiblich. Die Gefahr kann nur beschworen werden, wenn Preußen Gelegenheit erhält, seine Meinung auszusprechen, so lange Frankreich noch mit Ehren sich aus der Sache zurückziehen kann.«

»Aber wie wäre das möglich?« fragte die Kaiserin.

»Dadurch, daß man in Berlin auf das schleunigste Kenntnis von der Sache erhält. Ich wiederhole, Madame, daß nach meiner festen Überzeugung der Kaiser nicht bis zum äußersten vorgeht, wenn er dem festen Entschluß Preußens gegenübersteht.«

»Eine solche Mitteilung aber könnte doch,« sagte die Kaiserin zögernd, »von – hier – nicht ausgehen, in einer Sache, welche – französisches Staatsgeheimnis ist.«

»Eure Majestät mögen vollkommen unbesorgt sein,« sprach der Graf mit leichtem Lächeln, »die Diskretion des französischen Kabinetts wird keinem Vorwurf ausgesetzt werden. – Eure Majestät sind also,« fuhr er fort, »mit mir der Ansicht, daß diese luxemburgischen Verhandlungen bedenklich und gefährlich sind, und daß sie im Interesse Frankreichs beseitigt und von einer Zuspitzung zur äußersten Schärfe ferngehalten werden müßten?«

Die Kaiserin ließ ihren vollen Blick einige Augenblicke auf dem Grafen ruhen, welcher sie erwartungsvoll ansah.

»Ich glaube,« sagte sie dann, »daß ich Ihnen recht geben muß.«

»Das genügt, Madame,« rief der Graf, »jetzt ist es meine Sache, zu handeln.«

»Und was wollen Sie tun?« fragte Eugenie mit einem leichten Anflug von Schreck und Besorgnis.

»Madame,« sagte der Graf sich verneigend, »die Sonne sendet Licht und Wärme herab und weckt den schlummernden Keim in der Erde, aber sie fragt nicht, wie er aus der dunklen Tiefe hervor in geheimnisvoller Arbeit den Stamm, die Blätter und die Blüten bildet.«

Die Kaiserin neigte mit anmutigem Lächeln das Haupt.

Dann erhob sie sich.

»Ein Baum, der aus Ihrem Herzen und Ihrem Kopf erwächst, Herr Graf,« sagte sie lächelnd, »kann der guten Sache, die uns beiden heilig ist, nur nützliche Früchte tragen. – Ich habe mich sehr gefreut,« fuhr sie fort, »Ihre Bekanntschaft zu machen, und hoffe dieselbe fortzusetzen. Es wird mir stets angenehm sein, Sie an meinen Montagen zu sehen, und wenn Sie mir etwas mitzuteilen haben, so werde ich immer erfreut sein, Sie zu empfangen – wir sind ja Alliierte.«

Und lächelnd reichte sie ihm die Hand.

Der Graf neigte sich auf dieselbe und berührte sie ehrerbietig mit den Lippen.

»Eure Majestät werden stets von mir hören, wenn ich Gutes zu verkünden oder Böses abzuwenden habe.«

Und in leichter und freier Bewegung erreichte er die Tür, verneigte sich noch einmal tief und verließ den Salon.

»Ein merkwürdiger und außergewöhnlicher Mensch,« sagte die Kaiserin, ihm sinnend nachblickend, »der Abbé Bonaparte hat recht, ein Mann, hart und geschmeidig wie der Stahl von Toledo. – Aber den ewigen Frieden mit diesem Deutschland, das uns verdrängen und erniedrigen will, erhalten – nein,« rief sie laut, mit dem zierlichen Fuß heftig auf den weichen Teppich tretend, »nein, davon wird er mich nicht überzeugen! – Aber gleichviel,« sagte sie leiser, »diese luxemburger Verhandlung muß beseitigt werden, ich will weder, daß sie reussiert und wir um diesen elenden Preis abgefunden werden, noch daß sie jetzt zum Kriege führt, denn – er könnte recht haben, und wenn wir geschlagen würden,« murmelte sie, den Kopf senkend und starr vor sich hinblickend, »es wäre das Ende –«

Einige Minuten stand sie so in Nachdenken versunken.

Dann rührte sie leicht die Glocke.

»Der Herzog Tascher de la Pagerie!« rief sie dem Kammerdiener zu.

Viertes Kapitel.

Der Graf Rivero stieg die große Treppe hinab und trat aus dem Portal, welches ein blau und weißer Baldachin, von Lanzen mit vergoldeten Spitzen getragen, überdeckte. Auf den Wink eines der dort stehenden kaiserlichen Lakaien fuhr seine Equipage, ein einfaches Coupé mit zwei tadellosen Pferden und dunkelblauer Livree mit seinen Goldschnüren, welche dem Portal gegenüber hielt, schnell heran. Der Lakai sprang ab und öffnete den Schlag, indem er zugleich den Überrock seines Herrn aus dem Wagen nahm und demselben reichte.

»Zur Marchesa Pallanzoni!« rief der Graf einsteigend, und in rascher, sicherer und leichter Bewegung rollte der Wagen davon, verließ den Tuilerienhof, folgte der Rue de Rivoli, fuhr über den Platz de la Concorde, durch die Rue Royale, wendete sich an der Madeleine links nach der Kirche St. Augustin und fuhr bis zu dem großen Platz, welcher dieser neuen und schönen Kirche am Anfange des Boulevard Malesherbes gegenüber liegt.

Hier hielt er vor einem großen, eleganten Hause. Der Graf stieg aus und eilte mit leichtem Schritt die mit Teppichen belegten Stufen einer breiten, eleganten Treppe hinauf.

Vor einer großen Glastüre des ersten Stockes drückte er auf den Knopf der Glocke, ein heller Schlag ertönte, und fast unmittelbar öffnete sich die Tür.

»Ist die Frau Marchesa zu Hause?« fragte der Graf eintretend einen Lakai in hellblauer Livree mit Silber, welcher ihm entgegentrat.

»Die Frau Marchesa ist in ihrem Boudoir,« erwiderte der Lakai, »sie hat befohlen, niemand zu melden, aber sie wird den Herrn Grafen ohne Zweifel empfangen, ich werde die Kammerfrau benachrichtigen.«

Und mit jenem ehrerbietigen Diensteifer, den die Dienerschaft, welche ein so feines Verständnis für die Beziehungen ihrer Herrschaft besitzt, stets den wirklichen Freunden und Vertrauten des Hauses beweist, öffnete er den Flügel einer gegenüberliegenden Tür und der Graf trat in einen mit reicher Eleganz und doch mit der Einfachheit des guten Geschmacks möblierten Salon, erfüllt von dem Duft zahlreicher Blumen, welche zwei große, vor den Fenstern stehende Jardinieren in reicher, farbiger Pracht füllten.

Der Graf ging mit langsamen Schlitten, das Auge nachdenklich zu Boden gesenkt, in diesem Salon auf und ab.

»Diese Kaiserin sinnt auf Rache,« sagte er in leisem Selbstgespräch, »sie will das erstehende Deutschland vernichten, sie glaubt dadurch der bedrohten Kirche zu nützen, sie irrt – ihre Absicht muß vereitelt werden! Für jetzt dient sie mir, sie soll mir helfen, diese luxemburger Frage zu beseitigen, aber ich muß sie überwachen, sie wird den Gedanken des großen Krieges gegen Deutschland in dem Kaiser nähren, und ihr Einfluß ist groß.«

Man hörte das leise Geräusch einer auf ihren Rollen gleitenden Schiebetür – eine Portiere wurde von einer feinen, weißen Hand ein wenig gelüftet und eine Damenstimme rief: »Treten Sie ein, Herr Graf!«

Der Graf Rivero durchschritt leicht den Salon, schlug die Portiere zurück und trat in ein kleines Boudoir mit einem Fenster, das von einer einzigen großen Spiegelscheibe gebildet war. Graue Seidentapeten bedeckten die Wände, Blumen, Nippesstatuetten, Bücher und Albums erfüllten den kleinen Raum, so daß fast nur der Platz vor einer zur Seite des Kamins stehenden Chaiselongue mit zwei ihr gegenüber aufgestellten Fauteuils frei war.

Die Dame, welche den Grafen in diesen innersten Raum intimer Zurückgezogenheit eingeladen, hatte sich wieder auf die Chaiselongue niedergelassen. Ihr schwarzes Haar lag in einfachen Flechten glatt um die schöne weiße Stirn. Das griechisch geschnittene Gesicht mit den dunklen, leuchtend tiefen Augen war von jener durchsichtigen Blässe, welche, ohne krankhaft zu erscheinen, die Herrschaft des Geistes über die Materie anzeigt. In halb liegender Stellung stützte sie die Füße in weißseidenen, mit Pelz verbrämten Pantoffeln auf eine kleine Fußbank, welche in die Nähe des vergoldeten Kamingitters gerückt war. Sie trug einen weiten Morgenrock von silbergrauer Seide und zeigte in ihrer ganzen Erscheinung jene leichte Unordnung, welche bewies, daß das große und wichtige Geschäft der Toilette noch nicht begonnen hatte. In dieser Unordnung lag jedoch keine Nachlässigkeit, alles atmete die höchste und vollendetste Eleganz einer vornehmen Dame.

Der Graf näherte sich schnell der Chaiselongue und ließ sich auf einen der daneben stehenden Fauteuils nieder.

Die Dame reichte ihm die Hand, er ergriff sie leicht, und wie unwillkürlich von dem Zauber des vornehmen und distinguierten Hauchs ergriffen, welcher diese ganze Erscheinung umfloß, zog er diese Hand an seine Lippen.

Ein Blitz des Triumphes leuchtete in ihrem Auge.

»Ich muß Ihnen mein Kompliment machen,« sagte der Graf mit kaltem Tone, der nicht mit dem Inhalt seiner Worte harmonierte, »Sie werden täglich schöner und eleganter.«

Ein halb stolzes, halb ironisches Lächeln umspielte den Mund der Dame, indem sie erwiderte:

»Ich muß mich bestreben, um eben so viel schöner und eleganter zu werden, als die Marchesa Pallanzoni über Madame Balzer steht. – Apropos, Herr Graf,« fuhr sie mit demselben Lächeln auf den Lippen fort, – »haben Sie mir Nachrichten von meinem würdigen Gemahl, dem Marchese Pallanzoni, zu bringen?«

Und mit kurzem Lachen lehnte sie den schönen Kopf an die Rücklehne des Sofas.

»Er lebt ruhig unter der Aufsicht eines alten Dieners in dem kleinen Hause bei Florenz, das ich ihm eingerichtet, und bringt den Rest seines Lebens damit zu, das selbstverschuldete Elend zu bereuen, aus welchem ich ihn gezogen habe. – Hüten Sie sich übrigens,« fuhr er mit ernstem Tone fort, »jemals vor anderen in diesem Tone über ihn zu sprechen; wenn auch der Mann, der Ihnen seinen Namen gegeben hat, tief gesunken und verkommen war, so ist doch dieser Name einer der ältesten und edelsten, und kein neuer Flecken soll, vor der Welt wenigstens, auf ihn fallen!«

Eine schnelle Röte flammte auf ihrer Stirn empor, ein jäher Blitz zuckte aus ihrem Blick, die Lippen öffneten sich mit stolzer Bewegung, aber sie sprach kein Wort, ihre Augenlider senkten sich, wie um den Ausdruck ihres Blickes vor dem klar und ernst auf sie gerichteten Auge des Grafen zu verhüllen, und schnell nahmen ihre Züge wieder ihre unbefangene, lächelnde Ruhe an.

»Wissen Sie, Her Graf,« sagte sie dann, »daß ich anfange, mich zu langweilen? Ich kenne jetzt dies Paris mit seinen bunten, wechselnden Bildern, die doch eigentlich nur ein ewiges Einerlei verhüllen – ich finde diese jungen Herren mit ihrer forcierten Blasiertheit höchst widerwärtig und abgeschmackt – und,« fügte sie mir einem leichten Seufzer und einem scharfen, forschenden Blick hinzu, »die eigentliche Gesellschaft bleibt mir ja doch verschlossen, trotz des stolzen Namens, den – Sie mir gegeben haben.«

»In dieser Beziehung müssen Sie Geduld haben,« sagte der Graf, »man darf den Eintritt in die Gesellschaft nicht übereilen, wenn man in Ihrer Lage ist. – Seien Sie übrigens ruhig,« fuhr er fort, »wenn Sie ernste und nützliche Dienste leisten, so werden Sie in die erste Gesellschaft nicht langsam und allmählich von unten, sondern mit einem Male und von oben eintreten – sobald ich es für nötig halte,« setzte er im Tone kalter Überlegenheit hinzu.

Wieder zitterte jenes zornige Aufflammen in ihrem Auge und wieder verhüllte sie dasselbe schnell unter den gesenkten Lidern.

»Ernste und nützliche Dienste –?« sagte sie dann mit ruhiger Stimme, – »Sie hatten mir allerdings gesagt, daß Sie meine Dienste in ernsten Dingen in Anspruch nehmen würden und daß es mir vergönnt sein würde, durch den Dienst einer heiligen Sache,« fügte sie mit niedergeschlagenen Augen hinzu, indem ein leichtes Zittern um ihre Lippen spielte, »frühere Schuld zu sühnen, bis jetzt aber habe ich nichts getan, als was – jede wahre Marquise auch tun könnte.«

Ein verächtliches Lächeln glitt über ihre Züge.

»Der Augenblick ist gekommen, wo Sie Ihre Tätigkeit beginnen können,« sagte der Graf, »Sie können einen Dienst leisten, von dessen geschickter Ausführung das Schicksal Europas abhängen kann!«

Mit funkelnden Augen richtete sie sich schnell auf.

»Sprechen Sie, Herr Graf,« rief sie, »sprechen Sie. Ich höre mit allen meinen Sinnen und allen meinen Gedanken.«

Der Graf ließ seinen klaren, ruhigen Blick einige Sekunden auf ihren erregten Zügen ruhen.

»Wenn Sie gut ausführen sollen, um was es sich handelt, so müssen Sie genau wissen, worauf es ankommt und was erreicht werden soll. – Ich erinnere Sie nochmals daran,« sagte er mit fester, kalter Stimme, »daß die erste Vorschrift bei allen Diensten, zu denen Sie berufen sein werden, die unbedingteste Verschwiegenheit ist, ein Bruch derselben zieht die Strafe des moralischen Todes nach sich.«

Eine helle Röte flammte auf ihrer Stirn auf, ihre Augen sprühten Blitze – aber schnell bezwang sie sich und fragte mit ruhiger Stimme:

»Haben Sie Grund, mir zu mißtrauen?«

»Nein,« sagte der Graf, »aber die Angelegenheiten, um welche es sich handelt, sind nicht die meinigen, es ist notwendig, die Bedingungen zu wiederholen, über welche wir übereingekommen sind.«

»Sie sind fest in mein Gedächtnis geschrieben,« sagte sie.

»So hören Sie!« sprach der Graf, indem er sich etwas vorneigte und die Stimme dämpfte.

»Wollen wir nicht die Türe schließen?« fragte sie, auf die offen gebliebene Schiebetür zum Salon deutend, indem sie eine Bewegung machte, um aufzustehen.

Der Graf legte leicht die Hand auf ihren Arm.

»Lassen Sie,« sagte er, »ich ziehe die offenen Türen vor, wenn man geheime Dinge bespricht, hinter ihnen kann niemand horchen. – Es finden Verhandlungen statt,« fuhr er dann fort, »zwischen dem Kaiser Napoleon und dem Könige von Holland über die Abtretung von Luxemburg an Frankreich.«

Sie stützte den Kopf auf die Hand und hing mit durchdringendem Blick an seinen Lippen.

»Diese Verhandlungen dürfen zu keinem Resultat führen,« sprach der Graf weiter, »es ist notwendig, daß so schnell als möglich das Berliner Kabinett, hinter dessen Rücken die ganze Sache betrieben wird, davon unterrichtet werde, und zwar in einer Weise, welche nicht den mindesten Verdacht zuläßt, daß diese Information von hier aus angeregt sei.«

»Aber wie kann ich –?« rief sie erstaunt.

»Ich glaube,« fuhr der Graf fort, »daß man sowohl hier als namentlich auch in Holland sehr fern von dem Gedanken ist, diese Verhandlungen könnten zu ernsten Verwicklungen und zu einem Kriege führen, der vielleicht ganz Europa in Flammen setzen würde. Ganz insbesondere würde der König von Holland, der den Krieg nicht liebt, und der Verwicklungen mit Preußen auf das äußerste fürchtet, weil sie sein Land zwischen den Zusammenstoß zweier gewaltiger Kolosse stürzen würden, – der König von Holland würde ganz insbesondere vor dieser geheimen Negoziation zurückschrecken, wenn er ihre Folgen klar übersähe.«

»Aber ich begreife noch immer nicht,« rief sie, »wie ich –«

»Ich finde,« sagte der Graf mit leichtem Lächeln, »daß Ihre Equipage noch immer nicht auf der Höhe der übrigen Montierung Ihres Hauses ist, Ihre Pferde sind nicht schön genug, auch gefällt mir ihre Farbe nicht.«

Sie sah ihn in stummem Erstaunen an und schüttelte leicht den Kopf.

»Sie müssen die schönsten Pferde in Paris haben,« fuhr er ruhig fort, »freilich wird das nicht ganz leicht sein, denn das schönste Gespann, das ich kenne und das vollständig für Sie passen würde, ist im Besitze von Madame Musard, und sie hat es bereits dem Stallmeister des Kaisers abgeschlagen, die schönen Tiere zu verkaufen.«

Ihr Auge blitzte auf – ein feines Lächeln zuckte um ihre Lippen –, gespannt hing ihr Blick an seinem Munde.

»Die einzige Möglichkeit, diese Pferde vielleicht zu erhalten, wäre, wenn Sie der Dame einen Besuch machten – › Paris vaut bien une messe‹ – sagte Heinrich IV., und der Besuch würde um so sicherer in seinem Erfolge sein, wenn Sie vielleicht der schönen Frau einen Dienst leisten könnten. – Madame Musard interessiert sich für Holland, sie würde vielleicht dankbar sein, wenn sie in den Stand gesetzt würde, dort eine Gefahr abzuwenden –«

Die Marquise sprang auf.

»Genug, Herr Graf,« rief sie, »ich verstehe vollkommen, Sie können sich auf mich verlassen, ich werde Ihnen beweisen,« fügte sie lächelnd hinzu, »daß ich fähig bin, Ihr Werkzeug zu sein, – ich werde mir die Sporen verdienen!«

»Vergessen Sie nicht,« sagte er, »daß schnell gehandelt werden muß, um Unglück zu verhüten. In drei Tagen muß es sich entscheiden, ob der Zweck erreicht ist, sonst müssen andere Wege eingeschlagen werden.«

»Er wird erreicht werden,« sagte sie, »ich bedarf eine Stunde zu meiner Toilette, und sogleich werde ich ans Werk gehen.«

Der Graf stand auf.

»Und die Pferde?« fragte sie mit fast unmerklichem Lächeln, »sie werden teuer sein.«

Der Graf zog ein Portefeuille aus der Tasche, nahm daraus das gedruckte Blankett einer Anweisung, trat darauf an einen kleinen, zierlichen Schreibtisch und füllte mit raschen Zügen das Papier aus.

»Hier ist eine Anweisung für meinen Bankier auf fünfzigtausend Franken, ich hoffe, das wird genügen, jedenfalls zahlen Sie jeden Preis«

Sie legte die Anweisung, ohne sie anzusehen, in eine Vermeilschale auf einem Fuß von antiker Bronze, welche auf dem Kamin stand.

»Nun aber, Herr Graf,« sagte sie lächelnd, »bitte ich um die Erlaubnis, meine Toilette zu machen, nicht, daß ich Sie vertreiben will,« fügte sie mit einem eigentümlichen Blick hinzu.

Der Graf ergriff seinen Hut.

»Ich habe Sie zur Diskretion ermahnt,« sagte er mit höflichem Lächeln, »und darf mir nicht erlauben, indiskret zu sein.«

Und mit leichter Verbeugung wendete er sich zur Tür und verließ, den Salon durchschreitend, das Appartement.

»Er ist von Eis,« sagte sie seufzend, indem sie eine kleine Glocke bewegte, »und seine Herrschaft von Eisen, doch sie führt mich dahin, wohin ich mich so lange gesehnt, und vielleicht – – Ich will ausfahren – meine Toilette, – den Wagen in einer Stunde!« befahl sie der eintretenden Kammerfrau.

Der Graf stieg die Treppe hinab.

»So liegt denn der Zündfaden, an welchem der Brand Europas hängt, in den Händen zweier Frauen!« sagte er leise, »und wenn die ernsten und wichtigen Herren vom Corps diplomatique heute abend im Bois de Boulogne diesen beiden aus Samt, Spitzen und Federn hervorlächelnden Damen begegnen, so werden sie nicht ahnen, daß in ihren zierlichen Händen in diesen Stunden das Geschick der Welt ruht. – Wie wunderbare Wege geht doch die lebendige Geschichte, welche später in so feierlich monumentalen Steinbildern vor der Nachwelt dasteht!« –

»Nach der Nunziatur!« rief er seinem Diener zu und stieg in seinen Wagen, der in schnellem Trabe davonfuhr.

Eine Stunde später fuhr die Equipage der Marchesa Pallanzoni an dem prachtvollen Hotel der Madame Musard bei den Champs Elysées vor. Alles in diesem Hause atmete die vollendetste Eleganz der allervornehmsten Welt. Die unermeßlichen Reichtümer, welche den auf den amerikanischen Erbgründen der Dame entdeckten Petroleumquellen in unerschöpflicher Fülle entströmten, zeigten sich hier nicht in überladenem Glanz, sondern in jener so schwer herzustellenden, gediegenen Einfachheit, welche nur da zu finden, wo wirklich große Mittel sich mit wirklich gutem Geschmack vereinen.

Wohl zeigte sich auf den Mienen der gepuderten Lakaien in den dunklen Livreen mit den silbergrauen Achselschnüren und den schneeweißen Strümpfen ein leichter Anflug von Erstaunen, als der Diener der Marchesa deren Karte überbrachte mit der Frage, ob Madame Musard seine Herrin empfangen wolle – denn die Damen mit aristokratischen Namen echten Klanges gehörten hier nicht zu den gewöhnlichen Erscheinungen; indes mit jener schweigenden Schnelligkeit und Pünktlichkeit, welche dem Dienst an einem Hofe Ehre gemacht haben würde, wurde die Karte dem Kammerdiener gebracht, welcher in tadellosem schwarzen Anzug im Vorzimmer der Dame des Hauses saß.

Madame Musard blickte ein wenig erstaunt auf diese Karte, welche der Kammerdiener ihr auf einem goldenen Teller mit wunderbar schön ziseliertem Rande überreichte.

»Marchesa Pallanzoni,« sagte sie, »ich habe den Namen gehört, eine sehr schöne und sehr elegante Italienerin, die seit einiger Zeit hier ist, eine wirkliche große Dame, wie man mir gesagt hat,« fügte sie mit einem leichten Lächeln der Befriedigung hinzu, »aber was kann sie von mir wollen? Gleichviel – hören wir! Es wird mir eine Freude sein, die Frau Marquise zu empfangen,« sprach sie zu dem Kammerdiener, welcher zur Türe zurückgetreten war und dort in ehrerbietiger Stellung wartete. – »Gehen Sie selbst hinab und führen Sie die Dame herauf.«

Der Kammerdiener verschwand.

Madame Musard, eine hohe, schlanke Gestalt mit feinen und intelligenten, ein wenig scharfen Zügen, dunklem Haar und dunklen Augenbrauen, welche Augen von außergewöhnlicher Schärfe und Intelligenz überwölbten, mochte ungefähr sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahre alt sein. Der Ausdruck ihrer Augen erschien älter, das Lächeln ihres frischen Mundes jünger. Sie trug eine sehr einfache dunkle Morgentoilette von schwerem Seidenstoff, welche hoch am Halse, von einer seinen Spitze überragt, durch eine Brosche von einem ungewöhnlich großen Rubin geschlossen wurde.

Nichts in ihrer Erscheinung zeigte eine Spur von jenen Übertreibungen der Eleganz und des Luxus, welche man zu jener Zeit bei den meisten Damen der großen Welt sowohl als der Halbwelt zu sehen gewohnt war. Auch der kleine Salon, in welchem sie sich befand, war mit edelster Einfachheit möbliert.

Die Flügel der Türe sprangen auf.

»Die Frau Marquise von Pallanzoni!« rief der Kammerdiener und herein rauschte Frau Antonie Balzer in reicher Promenadentoilette. Über die schweren Falten einer dunkelblauen Robe fiel eine mit Zobel besetzte Mantille von Samt herab, ein kleiner Hut von der Farbe der Robe mit einer prachtvollen weißen Feder umrahmte das feine und zarte Gesicht, das, leicht durch die Luft gerötet, in wunderbarer Schönheit und Frische strahlte.

Madame Musard ging ihrem Besuch bis fast zur Tür entgegen, mit raschem, prüfendem Blick umfaßte sie diese so jugendliche, so reizende und so vornehme Erscheinung.

»Ich freue mich, Frau Marquise, Sie in meinem Hause zu begrüßen,« sprach sie dann mit ruhiger Artigkeit, »und ich werde glücklich sein, Ihnen in etwas dienen zu können, wenn es in meiner Macht steht.«

Sie führte die Marchesa zu einem von Blumen umgebenen kleinen Sofa, welches in der Nähe des Fensters stand, und nahm ihr gegenüber auf einem niedrigen Lehnstuhl Platz, indem sie mit dem Ausdruck ruhiger Höflichkeit erwartete, daß die Dame ihr den Grund ihres Besuches mitteilte.

»Erlauben Sie zunächst, Madame,« sagte die Marchesa mit einer gewissen Herzlichkeit in dem Tone ihrer vollen metallreichen Stimme, »daß ich Ihnen meine Bewunderung ausspreche über die Einrichtung Ihres Hauses, das heißt dessen, was ich davon gesehen; man spricht in Paris so viel davon,« fuhr sie fort, »daß ich mit großen Erwartungen hieher kam, aber dennoch bin ich erstaunt, – es ist so schwer,« sagte sie mit einem naiven Lächeln, das ihr vortrefflich stand, »in all dem Pariser Glanz die wirklich vornehme einfache Eleganz in der Montierung der Häuser zu finden, ich habe sie nur in einigen alten Häusern des Faubourg St. Germain gefunden – und hier bei Ihnen.«

Madame Musard neigte leicht den Kopf, das Lächeln ihrer Lippen bewies, daß sie nicht unempfindlich war für das in so natürlicher Weise ausgesprochene Kompliment, indes schien ihr Blick zu sagen: »Ich glaube nicht, daß Sie hierher gekommen sind, um mir dies zu erzählen.«

Frau Antonie schlug vor diesem klaren und scharfen Blick in scheinbarer verlegener Verwirrung die Augen nieder. Sie drückte die Spitzen ihrer schlanken Finger in den hellgrauen Handschuhen von weichem schwedischem Leder aneinander und sprach, indem sie treuherzig bittenden Blick auf Madame Musard warf: »Ich arbeite daran, mein Haus ebenfalls zu montieren – wenn auch nur für die Dauer der Weltausstellung. Mein Gemahl,« fuhr sie seufzend fort, »ist kränklich und zu weiten Reisen nicht disponiert, doch hat er meinem glühenden Wunsche, Paris und diese wunderbare Ausstellung zu sehen, nachgegeben und mir erlaubt, einige Zeit hier zu bleiben. – Mir fehlt nun aber so manches und besonders kann ich meine Equipage nicht passend herstellen,« sagte sie mit leichtem Zögern, »da wage ich es denn, mich an Sie zu wenden, und ich freue mich, daß es eine Frau ist, an die ich mich wenden kann, ich habe ein wunderschönes Gespann vor Ihrem Wagen gesehen.« –

Das Gesicht von Madame Musard nahm einen kalten, abwehrenden Ausdruck an.

»Man sagte mir,« fuhr die Marchesa fort, »daß Sie einen vollständigen, den schönsten und bestgewählten Marstall in Paris haben, ich hoffte deshalb, baß Sie vielleicht jene Pferde – es sind zwei schwarze Karossiers – entbehren könnten, und daß Sie meine Bitte gewähren würden, sie mir zu verkaufen.«

Ein stolzes Lächeln spielte um die Lippen von Madame Musard.

»Ich handle nicht mit Pferden, Frau Marquise,« sprach sie in kaltem Tone, »und Pferde, mit denen ich selbst fahre, verkaufe ich überhaupt niemals, am wenigsten jenes Gespann, der Kaiser handelte darum; – ich habe es gekauft,« fuhr sie mit stolzem Blick fort, »weil ich wünschte, die schönste Equipage von Paris zu haben – ich bedaure, daß es mir nicht möglich ist, Ihren Wunsch zu erfüllen, da es mir große Freude gemacht hätte, Ihnen nützlich zu sein.«

Die Marchesa senkte mit dem Ausdruck von Enttäuschung und Verlegenheit den Blick.

»Verzeihen Sie mir, Madame,« sagte sie dann, »ich weiß sehr wohl, daß Sie dergleichen Handel nicht machen, ich hoffte nur, daß Sie vielleicht einer Dame, einer Fremden zu Gefallen –«

Madame Musard schüttelte mit leichtem Achselzucken den Kopf.

»– Und dann,« fuhr die Marchesa fort, »dachte ich, daß die drohenden Kriegsgefahren, welche vielleicht alle diese glänzenden Aussichten auf das schimmernde Weltfest der Ausstellung zertrümmern werden, Sie bestimmen könnten, mir diese schönen Pferde zu überlassen, die ich im Falle des Krieges mit mir nach Italien in Sicherheit bringen würde.«

Madame Musard sah sie erstaunt an.

»Sie sprechen von Kriegsgefahr, Madame,« sagte sie, »ich begreife nicht, – wie mir scheint, ist die ganze Welt in tiefem Frieden.« –

»Ja, wie es scheint,« sagte die Marchesa mit wichtiger Miene, indem sie die Augen weit öffnete und mit täuschender Natürlichkeit einen unendlich einfältigen Ausdruck annahm, »aber in Wirklichkeit, freilich wird wohl Frankreich nicht unmittelbar engagiert sein, aber es wird doch für den Kaiser eine Ehrensache sein, Holland in Schutz zu nehmen.« –

Madame Musard horchte hoch auf. Mit lebhafter Spannung richtete sich ihr scharfer Blick auf die lächelnden Züge der plaudernden Dame vor ihr.

»Holland in Schutz nehmen?« fragte sie, »gegen wen, Madame, wer bedroht Holland?«

»O mein Gott,« sagte die Marchesa, die Fingerspitzen leicht gegeneinander schlagend, »wenn man in Berlin erfährt, was vorgeht, so wird man natürlich sofort die rücksichtslosesten Maßregeln ergreifen, und das kleine Holland –«

»Aber mein Gott, was geht denn vor?« rief Madame Musard ungeduldig, »Sie erschrecken mich fast, Frau Marquise,« sagte sie, schnell sich fassend, mit lächelndem Munde, »mit Ihren Kriegsphantasien!«

»Phantasien?« rief die Marchesa wie verletzt durch den Zweifel an ihrer Kenntnis der politischen Lage, »es sind keine Phantasien, wissen Sie denn nicht, Madame, daß der König von Holland an den Kaiser ein Herzogtum verkaufen will – ein kleines Herzogtum mit einer großen Festung,« sie schien sich zu besinnen, »es heißt wie das Palais dort mit dem schönen Garten, worin Marie von Medicis wohnte, Luxemburg – ja Luxemburg, und wenn Herr von Bismarck von diesem heimlichen Handel etwas erfahren wird, und er hat schon davon gehört, so ist der Krieg unvermeidlich.«

»In der Tat, Sie setzen mich in Erstaunen, Frau Marquise,« sagte Madame Musard, indem ein schwerer Atemzug ihre Brust schwellte und ein düsterer Blick aus ihrem Auge hervorschoß, »Sie setzen mich in Erstaunen durch Ihre Kenntnis der politischen Verhältnisse, mir liegt so etwas so fern.«

»Doch ich bitte um Verzeihung, Madame,« sagte die Marchesa, indem sie Miene machte, aufzustehen, »ich habe Sie schon lange aufgehalten und da Sie Ihre Pferde behalten wollen –«

»O ich bitte, Frau Marquise,« sagte Madame Musard, indem sie leicht ihre Hand auf den Arm Antoniens legte, um sie vom Aufstehen zurückzuhalten, – »ich bitte, es ist mir ein hohes Vergnügen, mit Ihnen zu plaudern, und in der Tat,« fuhr sie, wie sich besinnend, fort, »diese Kriegsgefahr, wenn sie existiert –«

»Wenn sie existiert?« rief die Marchesa lebhaft, – sie existiert, Madame, sobald man in Berlin von dieser Luxemburger Sache hört, man kann freilich dem Kaiser nicht verbieten, dies Herzogtum zu kaufen, aber man wird dem König von Holland verbieten, es zu verkaufen, man wird über Holland herfallen und der Kaiser wird gezwungen sein, diesen armen König zu beschützen, wenn nicht –«

»Wenn nicht –?« fragte Madame Musard in atemloser Spannung.

»Wenn nicht,« sagte die Marchesa lachend, »ein Arrangement gemacht wird, welches dem Kaiser Luxemburg und dies arme Holland den Preußen gibt – und,« fügte sie achselzuckend hinzu, »diese Reihe der unglücklichen Könige ohne Thron und Land, deren unsere Zeit so viele geschaffen hat, um einen vermehrt. – Doch in der Tat,« rief sie, wir sind komisch, wenn man uns hören könnte, zwei Damen, die Politik sprechen –«

Madame Musard blickte sinnend zu Boden.

»Das alles interessiert mich ein wenig,« sagte sie dann, »ich habe – Freunde in Holland, nur begreife ich in der Tat nicht, woher Sie so gut informiert sind, Frau Marquise.«

»O,« rief die Marchesa, »einer meiner Freunde sprach mir davon, »er steht den Tuilerien sehr nahe, – aber mein Gott,« rief sie plötzlich, »ich habe da vielleicht eine Indiskretion begangen, er sagte mir, daß noch niemand etwas davon wisse.«

»Ich bin die Diskretion selbst, Frau Marquise,« rief Madame Musard rasch, »übrigens,« fuhr sie fort, ihr Spitzentaschentuch in der Hand zusammenpressend, »übrigens interessiert mich das alles nur sehr oberflächlich, allein der Krieg – das wäre ja entsetzlich, glaubte denn – Ihr Freund –« sagte sie ein wenig zögernd, »nicht, daß es irgendein Mittel gäbe, den Krieg zu vermeiden?«

»Ach,« sagte die Marchesa, »Sie wissen, wie die Männer sind, er fürchtete den Krieg nicht, er schien ihn vielleicht sogar zu wünschen, »übrigens«, sagte er, »was liegt daran, wenn Holland von Preußen genommen wird, wenn wir nur dies Luxemburg erhalten. – Der König von Holland wird selbst die Schuld haben, hätte er von dem, was vorgeht, zu rechter Zeit in Berlin Nachricht gegeben, so würde er dort den Prätext genommen haben, auf den man vielleicht nur wartet; jetzt wird die diplomatische Verständigung unmöglich gemacht.« – Doch, nun darf ich Sie wirklich nicht länger in Anspruch nehmen,« fuhr sie fort, indem sie von neuem Miene machte, aufzustehen, »ich bedaure –«

»Frau Marquise,« sagte Madame Musard, indem sie einen vollen Blick auf ihren Besuch richtete, »ich habe Ihren Wunsch abgeschlagen, es war vielleicht unrecht von mir, einer Dame, die hier fremd ist, nicht freundlicher entgegenzukommen, ich war überrascht. – Sie wissen,« fuhr sie fort und reichte der Marchesa ihre Hand, in welche diese wie erstaunt und ein wenig zögernd ihre feinen Finger legte, »Sie wissen, es gibt Sympathien, denen man sich nicht entziehen kann, erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie in den wenigen Augenblicken unserer Bekanntschaft solche Sympathie in mir erweckt haben.«

Die Marchesa sah sie lächelnd mit einem naiven Blick an, in welchem man lesen konnte, daß es ihr nichts neues sei, Sympathien zu erwecken.

»Und um Ihnen einen Beweis der Gefühle zu geben, welche Sie mir eingeflößt,« fuhr Madame Musard fort, »erlauben Sie mir, von meiner Gewohnheit abzugehen, ich will Ihnen meine Pferde überlassen, damit eine so schöne und geistvolle Dame,« fügte sie mit einem kaum merkbaren Lächeln hinzu, »eine ihrer würdige Equipage besitze.«

Eine kindliche Freude leuchtete in dem Auge der Marchesa auf.

»Wirklich?« rief sie mit fröhlichem Lächeln, »Sie könnten sich entschließen?«

Und ihrerseits ergriff sie die Hand der Madame Musard und drückte sie herzlich.

»Die Pferde gehören Ihnen,« sagte diese, »aber ich mache eine Bedingung –«

Die Marchesa neigte verbindlich das Haupt.

»Daß wir,« sagte Madame Musard mit anmutigem Lächeln, »uns nicht zum letzten Male gesehen haben, daß es mir erlaubt sei, zu versuchen, auch meinerseits Ihnen ein wenig von den sympathischen Gefühlen einzuflößen, welche ich für Sie empfinde.«

»Es wird mir stets eine Freude sein,« erwiderte die Marchesa mit leichter Zurückhaltung, »Sie bei mir zu sehen.«

Madame Musard schien die Nuance abwehrenden Stolzes, welche in dieser Antwort lag, nicht bemerken zu wollen und sagte mit verbindlichem Lächeln:

»So werde ich unendlich mehr gewinnen, als ich an meinen Pferden verliere!«

»Doch, Madame,« sagte die Marchesa aufstehend, »es bleibt noch eine Frage zu erledigen – der Preis –«

»Unsere Freundschaft ist noch zu jung,« unterbrach sie Madame Musard, »als daß ich wagen dürfte, Ihnen das Gespann als einen Beweis derselben anzubieten, ich glaube, daß ich zehntausend Franken für jedes Pferd bezahlt habe, mein Intendant wird die Rechnung aufstellen und ich werde die Ehre haben, sie Ihnen zu präsentieren.«

»Also, das Geschäft ist abgemacht,« sagte die Marchesa mit freundlichem Lachen, »o wie freue ich mich, endlich eine anständige Equipage zu haben!«

Und sie klatsche in kindlicher Freude in die Hände.

»Ich habe nicht wagen dürfen,« sagte Madame Musard, »Ihnen meine Pferde anzubieten, aber ein kleines Andenken an unsere erste Bekanntschaft müssen Sie mir erlauben, Ihnen zu überreichen.«

Und sie pflückte von der Jardiniere, welche hinter dem Sofa stand, auf welchem die Marchesa gesessen, eine prachtvolle halberblühte Moosrose und reichte sie der jungen Frau.

»Die Königin der Blumen der Königin der Schönheit,« sagte sie lächelnd.

»Wie reizend!« rief die Marchesa, indem sie leicht den Duft der Rose einsog und die Blume dann unter ihrer Mantille an die Brust steckte.

»Ich bin beschämt,« sagte sie, »ich habe nur gebeten und Sie geben mir mit vollen Händen. – Auf Wiedersehen, Madame, – auf Wiedersehen!« Sie drückte abermals Madame Musard herzlich die Hand und wendete sich zur Tür.

Madame Musard begleitete sie bis zur Schwelle und verabschiedete sich mit dem liebenswürdigsten Lächeln.

Der Kammerdiener schritt der Marchesa voran bis an ihren Wagen.

»Ins Bois de Boulogne!« rief sie dem Lakaien zu – und rasch rollte der Wagen davon.

»Ich glaube, ich habe reüssiert,« sagte Frau Antonie, mit zufriedenem Lächeln sich in die weichen Kissen zurücklehnend, »zehntausend Franken,« flüsterte sie mit zufriedenem Blick, »das macht dreißigtausend Franken Überschuß, das Geschäft war gut, es ist immer nützlich, etwas eigenes für alle Fälle zu haben!«

Madame Musard aber blieb nachdenklich in ihrem Salon stehen, als die Marchesa sie verlassen. Der lächelnde Ausdruck verschwand von ihren Zügen, in tiefem Ernst ging sie mehrmals auf und nieder.

»Der Himmel hat mir diese naive, plauderhafte Marquise gesendet!« rief sie, »welch ein gefährliches Beginnen, welches Glück, daß ich zur rechten Zeit Kenntnis von den drohenden Gefahren erhielt! – Wenn es noch zur rechten Zeit ist?« sagte sie, düster vor sich hinblickend.

Schnell trat sie an ihren Schreibtisch, setzte sich nieder und in fliegender Hast schrieb sie, zuweilen anhaltend und nachdenkend, bis die vier Seiten eines großen englischen Briefbogens voll waren. Dann schloß sie den Brief in eine doppelte Enveloppe, verschloß dieselbe mit einem kleinen Siegel, das sie aus einem geheimen Fach ihres Sekretärs nahm, und schrieb die Adresse darauf: Herrn Mansfeldt, im Haag.

Sie rührte leicht die Glocke.

Der Kammerdiener trat ein.

»Sie müssen mit dem nächsten Zug nach dem Haag reisen!«

»Zu Befehl, Madame.«

»Diesen Brief persönlich an seine Adresse!«

Der Kammerdiener empfing schweigend den Brief, verneigte sich und verließ den Salon.

»Nun gebe Gott, daß es nicht zu spät ist!« rief Madame Musard. Und sie ging in ihr Ankleidezimmer, um ihre Toilette für die Fahrt ins Bois de Boulogne zu machen.

Fünftes Kapitel.

Am Morgen des 27. März saß Graf Bismarck vor dem Schreibtisch seines Arbeitszimmers. Vor ihm lagen eine Reihe eingegangener Berichte, welche er teils flüchtig durchblätterte und schnell beiseite legte, teils aufmerksam durchlas, von Zeit zu Zeit den Blick nachdenklich vor sich hin richtend.

»Weltausstellung, Versicherungen der freundlichen Gesinnungen des Kaisers und seiner Regierung, Redensarten über die Auffassung der Lage der Dinge im Orient, indirekte Warnungen vor Rußland,« rief er unmutig, indem er ein Papier in großem Quartformat, welches er durchflogen, auf den Tisch warf, »das ist alles, was von Paris kommt! – Es ist wahrlich traurig,« sagte er seufzend, »daß man nicht überall mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Ohren hören kann! – Ich bin fest überzeugt,« fuhr er fort, »daß von Paris anderes und ernsteres zu berichten wäre, daß dort irgend etwas vorgeht. – Napoleon hat im vorigen Jahre nichts von allem erreicht, was er bei der unerwarteten Katastrophe gewinnen wollte, er hatte seine Karten falsch gemischt,« fügte er mit einem leichten Lächeln hinzu, »und das vergißt er nicht, er ist nicht der Mann, der ein Spiel so schnell verloren gibt, er sinnt auf irgend etwas, um seine moralische Niederlage wieder gut zu machen und wenigstens scheinbar vor Frankreich sein Prestige wiederherzustellen. – Und Moustier – man sagt, er sei wegen seiner Kenntnis der orientalischen Angelegenheiten berufen, das sind leere Worte, was man im Orient treibt, hat nichts zu bedeuten, man zeigt Rußland eine reizende Fata Morgana, voilà tout, das Spiel Napoleons mit Alexander I. – Es geht etwas anderes vor,« fuhr er nach kurzem Nachdenken sinnend fort, »diese Annäherungen, diese Freundschaftsversicherungen, diese Allianzprojekte, das alles muß seinen Preis haben, und dieser Preis wird eines Tages hervortreten, plötzlich und unerwartet, das alles müßte man dort doch sehen, mich davon benachrichtigen, freilich,« sagte er achselzuckend, »wenn man die Augen fortwährend hierher richtet –

»O,« rief er, die mächtige Brust weit ausdehnend und mit tiefem Atemzug die Augen aufschlagend, »wie schwer ist es, den Mut und die Ausdauer zu behalten bei der gewaltigen Aufgabe, die mir vorschwebt, seit ich mein Amt antrat, die in immer klareren Linien, in immer schärferen Umrissen und immer mächtigeren Dimensionen vor meinem Geist sich entwickelt, und die ich doch nicht aussprechen kann, die ich tief in mich verschließen muß, wenn sie zu Ende geführt werden soll! – Sie haben gejubelt über den Sieg,« fuhr er fort, »während sie doch vorher alles taten, um die Wege dazu zu verschließen, und kaum ist er errungen, so beginnen sie in dem parlamentarischen Leben schon wieder Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten zu häufen, sie bemängeln die Heeresorganisation des norddeutschen Bundes, die dreijährige Dienstzeit, die Verfassung und der alte circulus vitiosus unfruchtbaren und ermüdenden Streits der Parteidoktrinen beginnt wieder an das traurige Ende den traurigen Anfang zu knüpfen.«

Er senkte einen Augenblick das Haupt. Trüber Ernst lag auf seinen Zügen.

»Doch,« rief er dann, das Auge stolz und frei aufschlagend, »es wäre kleinmütig und undankbar gegen die Vorsehung, wollte ich jetzt ermüden, nachdem eine so mächtige Strecke meines Weges zurückgelegt ist. – Wäre Gott meinem Werke entgegen, ich wäre nicht bis hierher gekommen, also vorwärts mit Gott, und sollte auch einer anderen Hand beschieden sein, mein Werk zu vollenden und das schöne, edle Deutschland in preußische Waffen gegürtet heraufzuführen an die Spitze der Völker Europas, ich will nicht klagen – denn schon jetzt kann ich mit Dank gegen den Himmel sagen: ich habe nicht umsonst gelebt und gearbeitet!«

Und indem er sich in seinen Sessel zurücklehnte, richtete sich sein sonst so scharfes, kaltes und durchdringendes Auge in wunderbar weichem, fast träumerischem Schimmer nach oben.

Ein Schlag an die Tür ertönte.

Dem meldenden Kammerdiener auf einen Wink des Ministerpräsidenten unmittelbar folgend, trat der Legationsrat von Keudell in das Kabinett, ein Papier in der Hand haltend.

»Guten Morgen, lieber Keudell!« rief Graf Bismarck, ihm die Hand entgegenstreckend, indem noch ein Hauch jenes weichen, sinnigen Ausdrucks auf seinen Zügen lag, »soeben noch dachte ich traurig und niedergeschlagen an den fortwährenden einsamen Kampf, den ich gegen erbitterte Gegner – und unverständige Freunde – für das in meinem Herzen verborgene Ziel führen muß; ich war undankbar,« fuhr er mit herzlichem Tone und freundlichem Lächeln fort, »ich vergaß den treuen, unermüdlichen und verschwiegenen Gefährten meiner Arbeit.«

Ein inniger Ausdruck erleuchtete die edlen, scharf geschnittenen Züge des Herrn von Keudell, und indem er seine klaren, braunen Augen ruhig auf den Ministerpräsidenten richtete, sprach er ernst:

»Eure Exzellenz können immer gewiß sein, daß Ihr Vertrauen eine sichere und unnahbare Stätte in meinem Herzen findet, und daß ich nie ermüden werde im Kampf für das große Ziel, dem Ihr Geist und Ihr Willen uns entgegenführt. – Schon naht vielleicht eine neue Phase dieses Kampfes, welche die Anspannung aller Aufmerksamkeit und Kraft erfordern wird,« fügte er mit einem Blick auf das Papier in der Hand hinzu.

Graf Bismarcks Augen funkelten, indem leichte Falten auf seiner mächtigen Stirn sich zu kräuseln begannen.

»Was haben Sie?« fragte er rasch und kurz.

»Den Bericht des Grafen Perponcher aus dem Haag, welchen man soeben aus dem Chiffrierbureau zurückgebracht,« erwiderte Herr von Keudell, »der König von Holland hat ihm Eröffnungen über die Abtretung Luxemburgs an Frankreich gemacht und gefragt, wie Preußen es aufnehmen würde, wenn er sich seiner Souveränität über das Herzogtum begäbe.«

»Ich wußte es, daß etwas vorgeht!« rief Graf Bismarck flammenden Blicks, »diese lächelnd ruhige Oberfläche mußte etwas verbergen; in Paris hat man freilich keinen Blick für die dunkeln Tiefen der napoleonischen Politik,« fügte er mit bitterem Tone hinzu.

Und schnell die Hand ausstreckend, nahm er den Bericht, welchen Herr von Keudell ihm reichte, mit brennendem Blick Zeile um Zeile verfolgend.

»Das soll Deutschlands Savoyen und Nizza sein,« rief er, den Bericht auf den Tisch werfend, indem eine helle Zornesröte in seinem Gesicht aufloderte. – »Daher diese holländischen Versuche seit dem vorigen Jahre, die deutsche Garnison aus Luxemburg zu entfernen, aber,« fuhr er fort, lebhaft aufstehend und mit einigen starken Schritten im Zimmer auf und ab schreitend, »Napoleon täuscht sich – und sein Marquis de Moustier kennt das heutige Berlin nicht! – Nicht einen Fuß breit Erde, nicht eine Handvoll Staub von deutschem Boden sollen sie haben, nicht einen Atemzug Luft, durch welche je der Ton eines deutschen Liedes gezittert hat,« rief er, vor Herrn von Keudell stehen bleibend und den Fuß auf den Boden stoßend.

Mit freudigem Lächeln und glänzenden Blicken sah der Legationsrat auf den großen, reckenhaften Mann, der da vor ihm stand, als wolle er den Degen in der Hand den deutschen Heerscharen vorausreiten an die Grenzmarken des Vaterlandes.

»Deutschlands Einheit und Größe wird nicht erschachert werden, nicht um den Preis einer einzigen Perle aus der Ehrenkrone der Nation!« rief Graf Bismarck noch immer in mächtiger Erregung. – »Schlimm genug, daß jene alten Reichsländer Elsaß und Lothringen noch in ihren Händen sind, aber,« fuhr er fort, indem die Blicke seines weitgeöffneten Auges inneren Bildern zu folgen schienen, »vielleicht – wenn sie die gierigen Hände weiter ausstrecken wollen, wenn sie den Krieg provozieren –« – er schwieg einige Augenblicke nachdenkend.

Dann schwand allmählich der Ausdruck tiefer Bewegung von seinen Zügen und in ruhigem Ton sprach er:

»Ich weiß übrigens in der Tat diese Mitteilung des Königs von Holland mir nicht zu erklären, das ganze Spiel war doch augenscheinlich darauf angelegt, uns mit einem fait accompli zu überraschen, diese Eröffnung verdirbt ja vollständig die Karten Napoleons.«

»Dem Könige wird bei diesem Spiel bange geworden sein,« sagte Herr von Keudell, »die Konsequenzen würden doch für ihn vielleicht am gefährlichsten werden. – Eure Exzellenz sind also entschlossen,« fuhr er fort, »den Handel nicht zuzugeben?«

Graf Bismarck richtete das Haupt höher empor und sprach mit kaltem und klarem Blick:

»Niemals wird diese Hand einen Vertrag unterzeichnen, der deutsches Gebiet vom Vaterland loslöst – und,« fuhr er fort, »niemals wird mich der König in die Lage bringen, die Unterzeichnung eines solchen Vertrages ablehnen zu müssen! – Aber,« fuhr er nach einigen Augenblicken fort, »fangen wir die Frage nicht mit dem Ende an. – Sie will vorsichtig behandelt sein; ich wünsche in diesem Augenblick den Krieg nicht, der Kampf mit Frankreich ist unvermeidlich, unausbleiblich, aber je länger wir den Frieden erhalten, um so besser für die endliche Entscheidung, die innere Konsolidierung Deutschlands und die europäischen Konstellationen werden sich mit jedem gewonnenen Zeitraum mehr zu unsern Gunsten entwickeln.«

Nachdenkend schritt er langsam auf und nieder.

»Napoleon glaubt die definitive Einigung des ganzen Deutschlands verhindern zu können,« sprach er in einzelnen Absätzen, zuweilen stehen bleibend, während die Blicke des Herrn von Keudell mit Spannung seinen Bewegungen folgten, »er will für jetzt nur eine Kompensation für die Vergrößerungen Preußens, er will Preußen gegen Frankreich stellen, bin ich doch in den Augen der Welt fast überall noch der spezifisch preußische Minister, der nur für Preußen größeres Gebiet und höhere Macht erwerben will; er soll eine deutsche Antwort haben, man muß die Angriffe nicht nur abschlagen, sondern sie auch zu Nutzen und Gewinn verkehren. – Heute Abend ist mein Empfangstag?« fragte er Herrn von Keudell.

»Jawohl, Exzellenz!«

»Das trifft sich vortrefflich,« sagte Graf Bismarck. »Napoleon glaubt mit mir zu tun zu haben und mich zu überlisten, er soll sich unerwartet der deutschen Nation gegenüber finden, ich werde noch ein wenig der preußische Minister sein, welcher der nationalen Strömung zu folgen gezwungen wird, das wird uns eine vortreffliche Stellung auch den andern Mächten, besonders England gegenüber geben, Preußen würden sie einen kleinen échec wohl gönnen, aber vor dem Brüllen des deutschen Löwen fangen sie an, einige Schauer zu empfinden, und vor das europäische Forum muß die Sache gebracht werden. Das ist ja sonst ein so oft betontes Prinzip des Kaisers; eh bien, diesmal soll er im vollen Licht Farbe bekennen, von der einen Seite die europäischen Verträge, von der andern die öffentliche Meinung in Deutschland, das gibt mir eine vortrefflich flankierte Stellung!«

Und mit leichtem Lächeln rieb er sich die Hände.

»Ich bewundere Eurer Exzellenz Kombination,« sagte Herr von Keudell ebenfalls lächelnd, »ich bin überzeugt, daß Napoleon uns in dieser Stellung nicht erwartet.«

»Ich hoffe, daß er noch manches Unerwartete von mir erfahren wird, ich weiß ein wenig, wie man ihn nehmen muß,« sagte Graf Bismarck, »doch,« fuhr er fort, »jetzt kommt es darauf an, das Spiel zu mischen, alles offen zu halten und den letzten Gedanken fest in die Brust zu verschließen; ich werde nachher zum Könige gehen.«

Er dachte einen Augenblick nach.

»Telegraphieren Sie an Perponcher,« sagte er zu Herrn von Keudell, welcher sogleich einen Bogen Papier ergriff und sich zum Schreibtisch setzend, die langsam gesprochenen Worte des Ministerpräsidenten niederschrieb, »er solle dem Könige antworten, daß die Staatsregierung – und ihre Bundesgenossen, wir müssen die Frage sogleich zu einer Angelegenheit des norddeutschen Bundes machen, welche sie ja auch ist,« sagte er nachdenkend, »daß die Staatsregierung und ihre Bundesgenossen augenblicklich überhaupt keinen Beruf hätten, sich gegenüber dieser Frage zu äußern, daß sie Seiner holländischen Majestät die Verantwortung für die eigenen Handlungen selbst überlassen, und daß die Staatsregierung, bevor sie sich über die Frage äußern würde, wenn sie genötigt werde, es zu tun, jedenfalls vorher sich versichern würde, wie diese Frage von ihren deutschen Bundesgenossen wie von den Mitunterzeichnern der Verträge von 1839,« er sann einen Augenblick nach, »wie von der öffentlichen Meinung in Deutschland, welche gerade im gegenwärtigen Augenblick in Gestalt des Reichstags ein angemessenes Organ besitzt, aufgefaßt werden würde. – Da haben wir unsere Stellung,« sagte er lächelnd, während Herr von Keudell das Geschriebene noch einmal überlas, »zwischen zwei starken Deckungen, wir haben die Hände frei und können das Weitere ruhig abwarten, und vorbereiten.«

Herr von Keudell reichte ihm das Papier.

Graf Bismarck durchflog es schnell, ergriff eine Feder und setzte mit raschem, kräftigem Zug seinen Namen darunter.

»Ich werde die Antwort dem Könige vorlegen,« sagte er dann, »sie engagiert zwar nach keiner Richtung, indes darf sie doch nicht ohne Allerhöchste Approbation abgehen.«

»Exzellenz von Thile,« meldete der Kammerdiener.

Graf Bismarck neigte das Haupt – der Wirkliche Geheimrat und Unterstaatssekretär von Thile trat ein.

»Lord Loftus und Benedetti sind mit mir ins Vorzimmer getreten,« sagte er, den Ministerpräsidenten begrüßend, »ich habe sie gebeten, mir für einen kurzen Augenblick in meinen Vortragsangelegenheiten des Ressorts den Vortritt zu gestatten, weil ich eine Mitteilung zu Eurer Exzellenz Kenntnis bringen wollte, die mir soeben gemacht ist und die mich etwas frappiert hat.«

»Benedetti ist da?« rief Graf Bismarck, »das trifft sich vortrefflich, er macht sich selten, seit er so plötzlich, wie er sagt, zum Geburtstag des Königs von seinem Urlaub zurückgekommen, er soll eine kleine Überraschung finden. – Doch – was haben Sie?« fragte er Herrn von Thile.

»Graf Bylandt war soeben bei mir,« erwiderte dieser, »und teilte mir mit, daß die niederländische Regierung uns ihre bons offices behufs der von ihr vorausgesetzten Verhandlungen Preußens mit Frankreich über das Großherzogtum Luxemburg anbiete; ich war überrascht,« fuhr Herr von Thile fort, »und verstand in der Tat nicht recht –«

Graf Bismarck lachte.

»Sie werden sogleich vollkommen verstehen,« rief er und reichte dem Unterstaatssekretär den Bericht des Grafen Perponcher und den Entwurf seiner Antwort. »Lesen Sie. – Wäre die Sache nicht so ernst,« sagte er, während Herr von Thile die Papiere durchflog, »man müßte sie in der Tat unendlich komisch finden! Da ist der Großherzog von Luxemburg, der über den Verkauf seines Herzogtums mit Frankreich verhandelt und uns fragt, was wir dazu sagen, und zugleich,« fuhr er lachend fort, »bietet derselbe Großherzog von Luxemburg in seiner Eigenschaft als König der Niederlande uns seine Vermittelung mit Frankreich an. Das ist die Personalunion der Länder – und die Personalseparation der Souveräne!«

Und wieder ernsten Blickes vor sich hinschauend, fuhr er fort:

»Sie wollen da einen hübschen, gordischen Knoten schürzen, aber sie vergessen, daß wir das Schwert einmal in die Hand genommen haben und wahrlich nicht zögern werden, diesen Knoten zu zerschneiden.«

Herr von Thile hatte seine Lektüre beendet.

»Das ist in der Tat eine seltsame Überraschung,« sprach er, die Papiere dem Ministerpräsidenten zurückreichend.

»Nun,« rief Graf Bismarck, »Überraschung gegen Überraschung! – Ist Graf Bylandt noch da?«

»Er wird in einer Stunde wiederkommen,« erwiederte der Unterstaatssekretär, »ich habe ihm versprochen, sofort Eurer Exzellenz seine Eröffnung mitzuteilen.«

»Ich bitte Sie, Exzellenz,« sagte Graf Bismarck, »ihm zu antworten, daß wir nicht in der Lage seien, von dem – freundlichen Anerbieten seiner Regierung Gebrauch zu machen, weil die vorausgesetzten Verhandlungen nicht bestünden.«

Herr von Thile verneigte sich.

»Wollen Sie,« fuhr der Ministerpräsident fort, »aus den Archiven alle Akten über die Verhandlungen und den Abschluß der Verträge von 1839, das Großherzogtum betreffend, zusammenlegen lassen und mir zuschicken. Heute nachmittag wollen wir über die Sache nochmals sprechen. – Jetzt lassen Sie mich einen Augenblick mit den beiden Botschaftern reden, dann will ich zum König.«

Im Vorsalon vor dem Kabinett des Ministerpräsidenten wartete während dieser Zeit der englische Botschafter Lord Augustus Loftus und Herr Benedetti, der Botschafter Napoleons III.

Lord Loftus, eine durchaus englische Erscheinung, hatte sich in phlegmatisch nonchalanter Stellung auf einen Fauteuil niedergelassen, Benedetti stand vor ihm – sein glattes, lächelndes Gesicht zeigte keine Spur irgendeines Ausdrucks; in dieser eigentümlichen Physiognomie vereinigte sich auf merkwürdige Weise die nichtssagendste Gleichgültigkeit mit dem Schimmer einer scharfen Intelligenz.

»Herr von Thile schien sehr pressiert zu sein,« sagte er, »haben Sie eine Idee, Mylord, was in dieser ruhigen Zeit ein solches Empressement veranlassen könnte?«

»Bah,« sagte Lord Loftus ruhig und langsam, »gar nichts, irgend eine innere Angelegenheit des Ministeriums, eine Personalfrage, die schnell entschieden werden muß.«

Benedettis scharfer Blick senkte sich mit forschendem Ausdruck auf seinen ruhig vor ihm sitzenden Kollegen herab.

»Mir will es scheinen,« sagte er dann, ihm einen Schritt nähertretend und ein wenig die Stimme dämpfend, »daß unter dem Schein der tiefen Ruhe und der ausschließlichen Beschäftigung mit inneren Angelegenheiten hier sehr eifrig Politik gemacht wird – und zwar eine Politik, welche die Aufmerksamkeit von uns beiden im Interesse unserer Regierungen in gleicher Weise zu erwecken geeignet ist.«

Lord Loftus schlug seine Augen groß zu seinem französischen Kollegen auf und sah ihn fragend an.

»Es können Ihnen,« fuhr Benedetti immer mit gedämpfter Stimme fort, »eben so wenig wie mir die sich immer intimer gestaltenden Beziehungen des hiesigen Hofes zu Rußland entgangen sein. Sie erinnern sich der Verstimmung in St. Petersburg am Schluß des Krieges im vorigen Jahre, und wie dann der General Manteuffel plötzlich von der Armee abberufen und in außerordentlicher Mission zum Kaiser Alexander geschickt wurde. – Was kann der Vertraute des Königs in St. Petersburg getan haben?« –

Lord Loftus zuckte leicht die Achseln.

»Bald darauf,« fuhr Benedetti fort, »wurde unser hiesiger russischer Kollege, Herr von Oubril, der, wie Sie sich erinnern, sich damals so äußerst beunruhigt über die außerordentlichen Erfolge der preußischen Waffen und ihre Konsequenzen zeigte, nach St. Petersburg berufen, und als er zurückkam, war seine Sprache eine total andere, er zeigte eine Befriedigung über die Lage der Dinge, welche scharf mit seinen früheren Äußerungen kontrastierte. – Das kann nicht ohne eine ernste Veranlassung geschehen sein,« fuhr er langsam und mit Betonung fort, »es muß dort etwas stipuliert sein, in ähnlichem Geheimnis wie jene Verträge mit den süddeutschen Staaten, die man jetzt publiziert und durch welche der Prager Frieden fast illusorisch gemacht wird. Seit jener Zeit gehen die beiden Höfe von Berlin und Petersburg schärfer und energischer auf ihren Wegen vorwärts – Rußland im Orient, Preußen in Deutschland, ohne daß jemals auch nur eine Wolke von Mißtrauen zwischen ihnen bemerkbar ist. – Müssen da nicht gegenseitige Garantien geschaffen sein, welche uns mit Mißtrauen erfüllen können, bei der Solidarität, in welcher die Interessen Englands und Frankreichs im Orient verbunden sind?«

»Mein lieber Ambassadeur,« sagte Lord Loftus, sich in seinem Sessel dehnend, mit leichtem Lächeln, »ich glaube, Sie sind geneigt, schwarze Wolken zu sehen, wo keine sind, was mich betrifft, so vermag ich in den Vergrößerungen Preußens nur eine Bürgschaft mehr für die dauernde Erhaltung des europäischen Friedens zu erblicken, Preußen! war schlecht arrondiert, infolgedessen unruhig und gefährlich für den Frieden, es hat jetzt, was es wollte und bedurfte, es wird eifrig an der Erhaltung des Friedens arbeiten, um seine Erwerbungen nicht aufs Spiel zu setzen und sie sich zu assimilieren. – Und Rußland?« fuhr er fort, »nun wir haben ja den Pariser Frieden – und unsere Flotten, um seine Stipulationen aufrecht zu erhalten! – Ich sehe nichts Beunruhigendes in den Freundschaftsbeziehungen der Höfe von Berlin und St. Petersburg, die ja auf Verwandtschaft beruhen und übrigens seit langer Zeit traditionell sind.«

Benedetti zog die Augenbrauen ein wenig in die Höhe und sah leicht seufzend mit einem eigentümlichen Blick auf seinen Kollegen herab.

Bevor er etwas antworten konnte, öffnete sich die Türe des Kabinetts des Ministerpräsidenten – die Herren von Thile und von Keudell traten heraus.

»Ich danke Ihnen nochmals,« sagte Herr von Thile, »daß Sie mir einen Augenblick den Vortritt gewährt, – Sie sehen, ich habe Ihre Geduld nicht lange in Anspruch genommen.«

Und er folgte Herrn von Keudell, welcher sich gegen die Diplomaten verneigend das Zimmer verlassen hatte.

Graf Bismarck erschien in der Tür seines Kabinetts.

»Guten Morgen, meine Herren Botschafter!« rief er, mit. freundlicher Neigung des Kopfes die Herren begrüßend, »ich stehe zu Ihrer Verfügung – wer von Ihnen ist der Erste?«

Benedetti deutete mit der Hand auf Lord Loftus, und der Vertreter Großbritanniens folgte dem Grafen in sein Kabinett.

»Ich will Sie nur einen Augenblick in Anspruch nehmen, mein lieber Graf,« sagte Lord Loftus, indem er sich dem Ministerpräsidenten, der vor seinem Schreibtisch Platz nahm, gegenübersetzte, »die europäische Lage ist ja so ruhig, daß es kaum eine Frage gibt, über welche es nötig wäre, unsere Meinung auszutauschen, ich bin nur gekommen, um Sie nach dem Fortgang der Verhandlungen über das Vermögen des Königs von Hannover zu fragen, ich hoffe, das wird sich alles gut arrangieren?«

»Man macht manche Schwierigkeiten von Hietzing aus,« sagte Graf Bismarck, »welche verhindern, daß die Sache so schnell und so befriedigend erledigt wird, wie ich es wünsche. Der König Georg hat seine Bevollmächtigten angewiesen, einen Teil der Krondomänen zu verlangen, Sie begreifen, daß ich das nicht zugestehen kann, daß ich der depossedierten Dynastie nicht in ihrem früheren Königreich den Einfluß so großen Grundbesitzes geben kann, auch begreife ich diese Forderung nicht recht, denn der König tritt doch eigentlich als Grundbesitzer in seinem früheren Königreich in eine direkte Untertanenstellung – ja, wenn er die Annexion anerkennen wollte –

»Dann auch,« fuhr der Graf fort, »ist es nötig, einen Modus zu finden, um das Vermögen sicher zu stellen, damit es der König nicht etwa in törichten Unternehmungen verbraucht. Ich habe das Interesse der Agnaten zu vertreten und darf doch auch einer gegen Preußen gerichteten Agitation nicht die Mittel an die Hand geben; das alles erfordert Zeit – um so mehr, als die Bevollmächtigten des Königs klagen, daß sie vom Grafen Platen nur seltene und unklare, oft widersprechende Instruktionen erhalten.«

»Ich bitte, lieber Graf,« sagte Lord Loftus, den Ministerpräsidenten mit artiger Verneigung unterbrechend, – »ich bitte Sie, stets festzuhalten, daß ich in dieser ganzen Angelegenheit mehr die persönlichen Wünsche der Königin, als ein Interesse Englands vertrete. Ihre Majestät wünscht – natürlich – daß Ihr Vetter, der als Prinz des englischen Hauses geboren wurde, nach dem Verlust seines Thrones eine seiner Geburt und seinem Range angemessene Stellung in der Welt behaupten könne –«

»Und,« sagte Graf Bismarck, »Sie können vollkommen überzeugt sein, daß die Wünsche der Königin für mich bestimmend sind, um so mehr, da sie vollkommen übereinstimmen mit den Intentionen des Königs, meines Herrn, der auf das Innigste wünscht, daß die politische Katastrophe, welche er über das hannoversche Welfenhaus hat verhängen müssen, die Stellung der hohen Familie nicht berühre. – Auch darf ich hinzufügen, daß ich selbst dringend wünsche, ein so erhabenes, allen großen Höfen verwandtes Haus in würdigen und angemessenen Verhältnissen zu sehen. – Der König wird bei dem Abkommen unzweifelhaft das Vermögen eines royal duke von England erhalten, damit er dort seiner Würde entsprechend leben kann, wenn er, was ja doch zweifellos das Beste wäre, später nach England geht. – übrigens,« fuhr er fort, »werde ich mir sogleich über den Stand der Verhandlungen Bericht erstatten lassen und Ihnen Mitteilung machen.«

»Ich danke Ihnen,« sagte Lord Loftus, »es wird Ihrer Majestät gewiß angenehm sein, zu hören, wie die Sache steht,« er machte eine Bewegung, um sich zu erheben, »diese Frage an Sie zu richten war der einzige Grund meines Besuches.«

»Darf ich Sie bitten, noch einen Augenblick zu bleiben?« fragte Graf Bismarck in leichtem, fast gleichgültigem Tone, »Sie können Ihre Regierung auf die Prüfung einer Frage vorbereiten, welche wohl nächstens Gegenstand einer europäischen Konferenz werden könnte.«

Lord Loftus blickte mit dem höchsten Erstaunen auf.

»Einer Konferenz?« rief er erstaunt, »wo könnte eine Veranlassung dazu entstehen?«

Graf Bismarck ergriff den Bericht des Grafen Perponcher, welcher vor ihm auf dem Tische lag, und leicht in denselben hineinblickend, sprach er:

»Der König von Holland hat unserem Gesandten im Haag Mitteilungen über einen vorbereiteten Verlauf Luxemburgs an Frankreich gemacht.« –

Lord Loftus rief mit höchster Spannung: »Also ist doch etwas an jenen Gerüchten gewesen, welche seit kurzem in den Journalen auftauchten und immer wieder dementiert wurden?«

»Es scheint so,« sagte Graf Bismarck ruhig. – »Die Stellung Luxemburgs,« fuhr er dann fort, »ist wesentlich durch die internationalen Verträge bedingt, soll, nachdem der deutsche Bund nicht mehr existiert, irgend eine Änderung darin eintreten, so müssen die Vertragsmächte zusammentreten und neue Garantieren schaffen, bis dahin müssen wir den status quo verteidigen,« fügte er mit kaltem Tone hinzu.

»Aber das kann ja zu einem ernsten Konflikt führen!« rief Lord Loftus erschrocken.

»Wenn die europäischen Mächte nicht intervenieren, gewiß,« erwiderte Graf Bismarck mit unerschütterlicher Ruhe, »wir werden vor solchem Konflikt, den ich auf das Äußerste beklagen würde und gewiß nicht provozieren werde, nicht zurückschrecken. – Es scheint mir übrigens,« fuhr er nach einigen Augenblicken fort, »daß Sie ein wenig dabei interessiert sind, Luxemburg ist ein Schritt Frankreichs nach Belgien, und früher oder später könnte diese oder vielleicht eine andere französische Regierung –«

»Sie haben nichts dagegen,« sagte Lord Loftus, »daß ich über unsere Unterredung vertraulich nach London schreibe?«

»Im Gegenteil,« erwiderte Graf Bismarck, »vertraulich oder offiziell, ich habe weder die Sache noch meine Ansicht darüber zu verheimlichen. Es wird mir angenehm sein, wenn Sie mir Ihrerseits die Ansicht Ihrer Regierung über die Sache mitteilen, und es würde mich besonders freuen, wenn sie mit der meinigen übereinstimmte.«

Lord Loftus stand auf.

»Eine Gefahr für die Ruhe Europas,« sagte Graf Bismarck in leichtem Tone, »könnte aus der Sache nur dann erwachsen, wenn wir mit einem fait accompli ohne Zuziehung der Vertragsmächte überrascht würden.«

»Ich werde die Frage der schleunigsten Erwägung Lord Stanleys empfehlen!« sagte Lord Loftus, indem er sich von dem Ministerpräsidenten verabschiedete, der ihn bis zur Tür des Kabinetts begleitete und Herrn Benedetti durch eine verbindliche Handbewegung zum Eintritt aufforderte.

Der französische Botschafter nahm den Platz ein, welchen Lord Loftus soeben verlassen hatte.

»Sie werden sehen, mein lieber Botschafter,« sagte Graf Bismarck freundlich, indem er leicht mit einer Feder spielte, »ich habe lang nicht das Vergnügen gehabt, mich mit Ihnen zu unterhalten.«

»Sie wissen, Herr Graf,« erwiderte Benedetti, »daß ich ein wenig angegriffen bin, ich war nur zurückgekommen, um am Geburtsfeste Seiner Majestät nicht zu fehlen, und habe mich seitdem schonen müssen, es gibt übrigens,« fuhr er fort, »bei der tiefen und erfreulichen Ruhe, in welcher sich Europa befindet, wenig Gegenstände, über welche eine Besprechung notwendig erscheinen könnte.«

Graf Bismarck schwieg, das Auge ruhig und klar auf den Botschafter gerichtet.

»Der einzige Punkt, der mich beunruhigt,« sagte dieser, »ist der Orient, die Verhältnisse Serbiens nehmen eine gewisse bedenkliche Schärfe an und die Haltung Österreichs scheint nicht geeignet, dort beruhigend einzuwirken, ich möchte glauben, daß alle europäischen Mächte, insbesondere auch Sie in Ihrer neuen Position Ursache haben, auf der Hut zu sein, damit die russische Politik keinen Schritt nach den Donaumündungen hin mache, denn jede Position, welche die Türkei dort verliert, fällt der Macht Rußlands zu.«

»Mein lieber Botschafter,« sagte Graf Bismarck in einem nachlässigen Tone, »ich muß Ihnen gestehen, daß ich zu sehr mit dem Arrangement der etwas verwickelten deutschen Angelegenheiten beschäftigt bin, um diese mir ferner liegenden Fragen, welche ja in keiner Weise einen akuten Charakter haben, zu verfolgen. – Ich lese,« fuhr er mit einem fast unmerklichen Zucken der Augenwinkel fort, »niemals die Korrespondenz des Gesandten in Konstantinopel.«

Ein Zug von Überraschung und Erstaunen fuhr über das glatte Gesicht Benedettis und ein augenblickliches, schnell unterdrücktes Lächeln spielte um seine Lippen.

»Sollten Sie den Auftrag haben,« fuhr Graf Bismarck fort, »über irgendeine spezielle Frage des Orients meine Ansicht zu erfahren, so müßte ich Sie bitten, diese Frage zu präzisieren und mir die Zeit zu lassen, mich damit zu beschäftigen.«

»Einen solchen Auftrag habe ich durchaus nicht,« sagte der Botschafter, »indes das Interesse, welches alle Mächte an diesen Fragen haben müssen –«

»Wenn Rußland übrigens wirklich irgendwelche Schritte im Orient beabsichtigte oder vorbereitete,« sagte Graf Bismarck, »so würden doch die Interessen anderer Mächte vorzugsweise und in erster Linie engagiert sein, und,« fügte er hinzu, indem er sich emporrichtete und einen scharfen und festen Blick auf den Botschafter richtete, »daß schließlich nichts ohne Deutschlands Wissen und Zustimmung geschehen würde, versteht sich von selbst.«

Benedetti schwieg.

»Es ist mir lieb, daß Sie gekommen sind,« sagte Graf Bismarck nach einer kurzen Pause im ruhigsten Tone, »Sie können mir vielleicht ein Rätsel lösen, das ich nicht recht durchschaue.«

Benedetti verneigte sich leicht und blickte den Ministerpräsidenten erwartungsvoll an. »Graf Bylandt,« fuhr Graf Bismarck fort, indem er das Auge voll aufschlug und den französischen Diplomaten mit unbeweglichem Blick ansah, »Graf Bylandt hat uns die guten Dienste des holländischen Kabinetts angeboten für die dort vorausgesetzten Verhandlungen, welche wir mit Frankreich über das Großherzogtum Luxemburg zu führen haben würden.«

Das farblose Gesicht des Botschafters wurde um eine Nuance blässer, ein jäher Blitz zuckte aus seinem Auge – schnell senkte er den Blick zu Boden und sprach mit leichtem Beben der Lippen:

»Graf Bylandt, – die niederländische Regierung, – Luxemburg – ich weiß in der Tat nicht –«

»Auch der König von Holland,« fuhr Graf Bismarck fort, »hat unserem Gesandten Konfidenzen über ähnliche Verhandlungen gemacht.«

»Der König von Holland!« rief Benedetti in einem von Unwillen und Erstaunen gemischten Ton.

»Vielleicht können Sie mir den Schlüssel zu diesen Mitteilungen geben,« sagte Graf Bismarck immer in gleich ruhigem Ton, »die mir nicht vollkommen klar sind, da mir von irgendwelchen Verhandlungen über Luxemburg nichts bekannt ist.«

Herr Benedetti hatte seine vollkommene Ruhe und Fassung wieder gewonnen und erwiderte, ohne eine Muskel seines Gesichts zu bewegen, den fest auf ihm haftenden Blick des Grafen Bismarck.

»Ich bin in der Tat,« sagte er, »in diesem Augenblick außer stande, eine genügende Aufklärung zu geben, ich werde indes sogleich nach Paris schreiben und Ihnen die Antwort mitteilen.«

»Ich bin gespannt, sie zu hören,« sagte Graf Bismarck ruhig und kalt.

»Es möchte vielleicht,« fuhr der Botschafter fort, »sehr zweckmäßig sein, wenn ich imstande wäre, sogleich Ihre Ansicht über den Fall dort mitzuteilen.«

»Meine Ansicht?« fragte Graf Bismarck langsam, »es wird mir kaum möglich sein, dieselbe festzustellen, da mir die Basis dazu fehlt, jedenfalls aber steht es bei mir schon heute fest, daß der König von Holland, oder vielmehr der Großherzog von Luxemburg, da man ja im Haag diese beiden Personen so scharf von einander scheidet,« fügte er lächelnd hinzu, »daß der Großherzog von Luxemburg kein Recht hat, über die Souveränitätsrechte im Großherzogtum zu disponieren ohne Kenntnis und Mitwirkung der Mächte, welche die Stellung dieses Landes in den Verträgen von 1839 geregelt und garantiert haben.«

Benedetti konnte einen Ausdruck peinlicher Betroffenheit nicht verbergen.

»Es wird also,« fuhr Graf Bismarck fort, »wenn jene Verhandlungen wirklich bestehn sollten, eine Konferenz jener Mächte erforderlich sein, was ja auch gewiß ganz den Ansichten des Kaisers, Ihres Herrn, entsprechen muß, der stets dazu neigt, die schwebenden Fragen der Entscheidung des europäischen Areopags zu unterbreiten.«

Der Botschafter preßte die Lippen zusammen.

»Also würden Sie eine Konferenz vorschlagen?« fragte er lebhaft.

»Ich?« rief Graf Bismarck verwundert, »wie sollte ich dazu kommen? Will denn ich etwas an dem status quo des Großherzogtums ändern? Ich bin ja zufrieden, wenn alles bleibt, wie es ist!«

»Aber Ihre Stellung zu der Frage, die Stellung Preußens?« rief Benedetti mit einer schwer unterdrückten Nüance von Ungeduld in der Stimme.

»Preußen?« fragte Graf Bismarck, »Preußen hat kaum eine Stellung zu derselben, im jetzigen Stadium, Deutschland – der norddeutsche Bund,« fügte er langsam hinzu, »das ist etwas anderes.«

»Herr Graf,« sagte Benedetti wie einem raschen Entschluß folgend, »sprechen wir offen; wenn jene Verhandlungen bestünden, worüber ich ja wohl bald Nachricht haben werde, wenn der König von Holland entschlossen sein sollte, Luxemburg an Frankreich abzutreten, wie würden Sie diese Arrondierung der französischen Grenzen auffassen, welche doch,« fügte er lächelnd hinzu, »verschwindend klein erscheint gegen die Ausdehnung, welche die preußische Macht im vorigen Jahre gewonnen hat?«

Graf Bismarck drückte die Fingerspitzen aneinander und sprach nach einem kurzen Nachdenken:

»Sie vergessen, mein lieber Botschafter, daß ich nicht mehr auswärtiger Minister Preußens bin, sondern Kanzler des norddeutschen Bundes, und daß ich also in einer Frage, welche Deutschland angeht,« sagte er mit Betonung, »keine Ansicht aussprechen kann, ohne die Mitglieder des Bundes befragt zu haben. Außerdem –«

»Außerdem?« fragte Benedetti.

»Die staatsrechtliche Stellung Luxemburgs zu Deutschland,« sagte Graf Bismarck, »ist durch die Auflösung des deutschen Bundes wesentlich alteriert, sie ist zweifelhaft, Limburg geht uns nichts mehr an, in Luxemburg ist das Besatzungsrecht der Festung der status qou, der jedenfalls nicht ohne weiteres geändert werden darf, aber anstelle der staatsrechtlichen Beziehungen Luxemburgs zu Deutschland sind die nationalen Beziehungen wesentlich in den Vordergrund getreten.«

Benedetti sah den Ministerpräsidenten mit großen Augen an.

»Sehen Sie, mein lieber Botschafter,« fuhr jener fort, »die Ereignisse des letzten Jahres haben den nationalen Stolz und die nationale Empfindlichkeit der Deutschen sehr lebhaft erregt, ich bin, wie ich schon bemerkte, nicht mehr preußischer Minister, sondern Kanzler des norddeutschen Bundes, ich habe daher die Verpflichtung, das deutsche Nationalgefühl in Rechnung zu ziehen, und ich weiß nicht, ob die öffentliche Meinung in Deutschland über diese luxemburger Frage, wenn sie ernstlich auftauchen sollte, ebenso zweifelhaft sein wird, als es das Staatsrecht vielleicht sein könnte.«

»Aber diese öffentliche Meinung weiß nichts davon!« warf Benedetti ein.

»Was wollen Sie!« sagte Graf Bismarck in leichtem Tone, »da man im Haag einmal angefangen hat, davon zu sprechen, so werden morgen alle öffentlichen Blätter davon voll sein. Ich selbst weiß nicht, ob ich es jetzt verantworten kann; die Sache der öffentlichen Meinung vorzuenthalten, der Reichstag ist versammelt – und wenn er sich der Frage bemächtigt –«

Benedetti rieb sich mit einiger Ungeduld die Hände.

»Wenn ich Sie recht verstehe,« sagte er, »so müssen Sie die Feststellung Ihrer Meinung abhängig machen –«

»Von der Ansicht der Mächte, welche die Verträge von 1839 unterzeichnet haben,« sagte Graf Bismarck ruhig, indem er bei jedem Satz einen Finger seiner linken Hand mit der rechten berührte, »von den Entschlüssen unserer deutschen Bundesgenossen, von der öffentlichen Meinung, und,« fügte er hinzu, »von den Beschlüssen des Reichstags, wenn derselbe die Frage vor sein Forum zieht.«

Benedetti stand auf.

»Sie sehen mich ein wenig erstaunt, Herr Graf,« sagte er in ruhigem und verbindlichem Tone, »darüber, daß Ihr sonst so schneller Entschluß sich hier an so viele Bedingungen knüpft.«

»Mein Gott,« sagte Graf Bismarck mit leichtem Achselzucken, »meine Stellung ist unter diesen neuen Verhältnissen eine so komplizierte geworden, ich muß mit so vielen Faktoren rechnen –«

»Jedenfalls aber,« sagte Benedetti aufstehend, »darf ich bei meiner Anfrage nach Paris schreiben, daß die ganze Frage hier im freundlichsten und versöhnlichsten Geiste aufgefaßt und behandelt wird, wie es den so vortrefflichen Beziehungen der beiderseitigen Souveräne und Regierungen entspricht?«

»Wie könnten Sie daran zweifeln?« sprach Graf Bismarck im verbindlichsten Ton, indem er den Botschafter zur Tür geleitete. – »So,« rief er, als der französische Diplomat das Kabinett verlassen, »Dank der Indiskretion oder Besorgnis des Königs von Holland ist das Gewebe der Nacht an das Licht des Tages gebracht, morgen werden alle Kabinette Europas alarmiert sein, jetzt zum Könige – und dann – einen Wink an die deutsche Nation!«

Sechstes Kapitel.

In seinem hellen Arbeitskabinett im Palais zu Berlin stand König Wilhelm leicht über einen Tisch geneigt und blickte aufmerksam auf eine Reihe von Blättern, welche der vor ihm stehende Geheime Hofrat Schneider ihm vorlegte.

Der König, in seinem schwarzen Interimsrock, sah frisch und blühend aus, der jugendlich kräftige Ausdruck des schönen, männlichen Gesichts im schneeigen Haar und Bart hatte keine Verminderung erfahren durch die Mühen und Aufregungen des Feldzuges im vorigen Jahre, nur lag ein noch tieferer, sinnender Ernst auf diesen kräftigen Zügen, welcher, verbunden mit dem Schimmer einer ruhigen, stillen Milde, Ehrfurcht und Sympathie zugleich jedem einflößen mußte, der in dies königliche Antlitz blickte.

Der Geheime Hofrat, dessen glatt gescheiteltes Haar noch um eine kleine Färbung weißer geworben, deutete auf ein koloriertes Kostümbild, welches er dem Könige vorgelegt hatte, und sprach mit seiner schönen, sonoren und ausdrucksvollen Stimme:

»Wie Eure Majestät befahlen, habe ich die Zeichnungen der alten Uniformen, welche in dem Reiterfeste an Eurer Majestät Geburtstag zur Vorstellung kamen, mit der genauesten historischen Treue anfertigen lassen. Hier sehen Eure Majestät,« fuhr er fort, »das Kostüm der Grands Mousquetaires des großen Kurfürsten, roter Rock mit Gold, die Schöße mit weißer Seide aufgenommen, blaugoldenes Wehrgehäng, dreieckiger Hut mit weißblauen Federn und weite Stulpstiefel –«

Er legte das Blatt, welches der König aufmerksam betrachtet hatte, zur Seite.

»Und hier,« fuhr er fort, indem er ein zweites Blatt vor Seine Majestät hinlegte, »die Dragoner von Fehrbellin, in ihren weißen Röcken, um den Hals den silbernen Ringkragen mit dem roten kurbranbenburgischen Adler, blaue Stulpenaufschläge und blanke Reiterstiefel, in der Hand den wuchtigen Eisenhauer. – Hier,« sprach er dann, einige andere Bilder vorlegend, welche der König flüchtig betrachtete, »die Kostüme Louis XIII. von der Quadrille des Herzogs Wilhelm, und hier die ungarischen Magnatenkostüme und die Walachen –«

»Es war ein schönes Fest, das man da für mich arrangiert hat,« sagte der König, »und so ganz nach meinem Sinne, noch ansprechender für mich als jenes Turnier, welches damals zu Ehren meiner Schwester Charlotte gehalten wurde –«

»Dessen Bild auf der schönen Vase in Potsdam gemalt ist,« bemerkte der Hofrat.

»Wie die Zeiten vergehen!« sagte der König, indem sein Auge freundlichen Bildern der Vergangenheit zu folgen schien und zugleich ein wehmütiges Lächeln um seine Lippen spielte, »meine Schwester Charlotte ist tot – und wie wenige sind noch übrig von jener fröhlichen Schar, die sich damals so lustig tummelte unter dem ernstfreundlichen Blick meines Vaters! – Wie viele Herzen, die damals in Liebe und Jugendmut schlugen, ruhen im Grabe – und wie viele Gefühle in den Herzen, die noch schlagen, haben ebenfalls sterben müssen!«

Er stand einen Augenblick schweigend, das sinnende Auge leicht verschleiert. Der Geheime Hofrat blickte voll Teilnahme zu ihm empor.

Der König nahm das Kostümbild, welches den Dragoner des Großen Kurfürsten darstellte, in die Hand und betrachtete es lange.

»Es hat mich wunderbar erfaßt,« sprach er dann, »als ich diese Reiter der vergangenen Tage verkörpert vor mir sah, gleichsam einen lebendigen Blick in die Vergangenheit tauchend, welche die Grundsteine legte zu dem Bau der heutigen Größe Preußens. – Da ist der rote Adler von Kurbrandenburg am Ringkragen des Reiters von Fehrbellin, hat er es wohl geahnt, der große Brandenburger, der Deutschlands Ehre und Größe so warm im Herzen trug, daß dieser rote Adler dem schwarzen weichen würde, und daß der König von Preußen unter der schwarzweißen Fahne hoch hinaus vollenden würde, was der Kurfürst von Brandenburg begonnen? – Und der große Friedrich, dieser Fürst mit der französischen Zunge und dem deutschen Herzen, was würde er sagen, wenn er seinen Enkel hier sehen könnte mit der Hand am Reichsschwert der deutschen Nation, die sich um mich schart unter der schwarz-weiß-roten Fahne!«

Der Geheime Hofrat schüttelte den Kopf.

»Majestät,« sagte er mit leicht mürrischem Tone, »das Rot ist eine Farbe, die mir nirgends gefällt als an den Kragen königlich preußischer Uniformen, an Fahnen liebe ich es nicht, und meine Fahne wird immer schwarz-weiß bleiben, und diese Fahne wird Deutschland in Ordnung halten, ich hoffe, daß das Rot niemals zu viel Platz gewinnen wird in der preußischen Fahne!«

Der König lächelte. »Ich weiß, daß Sie nicht leicht für eine Neuerung zu gewinnen sind, nun – folgen Sie nur fest und unbeirrt der alten Fahne – ich glaube, Sie werden in keine Konflikte geraten, denn wohin ich siegreich die Fahne Preußens trage, da wird Deutschlands Ehre und Größe keinen Schaden leiden. – Hier ist übrigens noch eine Neuerung,« fuhr der König fort, indem er sich zu einem Seitentisch wendete, »die Sie interessieren wird, da Sie ja mit Leib und Seele Soldat sind, die Kommission, welche ich unter des Kronprinzen Vorsitz habe zusammentreten lassen, um nach den Erfahrungen des letzten Feldzuges die geeignetste Ausrüstung der Infanterie in Erwägung zu ziehen, hat mir einige Modelle vorgelegt –«

Und er nahm einen Helm und reichte ihn dem Hofrat.

»Sehen Sie ihn an,« sagte der König, »er scheint mir viel zweckmäßiger als der frühere, er ist fast ganz aus einem Lederstück gepreßt, so daß alle Metallstücke wegfallen, welche bisher die Nähte verdeckten, das wird ihn viel leichter machen.«

Der Geheime Hofrat wog den Helm in der Hand und betrachtete ihn von allen Seiten.

»Im Felde sollen übrigens nur Mützen getragen werden,« sagte der König.

»Majestät,« sagte der Hofrat Schneider, indem er den Helm wieder auf den Tisch legte, »wenn diese Kopfbedeckung nicht im Felde getragen wird, so ist sie jedenfalls sehr praktisch; im Felde, wissen Eure Majestät, welche Kopfbedeckung ich allen übrigen vorziehe?«

»Nun?« fragte der König lächelnd.

»Die alte schwarze Ledertuchmütze mit dem weißen Landwehrkreuz von 1813, die hat ihre Probe bestanden – und –«

»– Wilhelm Schultze,« lachte der König.

»Auch Wilhelm Schultze hat seine Erfolge gehabt!« erwiderte der Hofrat.

»Und welche Erfolge!« sagte der König, indem er mit freundlichem Blick dem Hofrat leicht auf die Schulter klopfte, »und so Gott will,« fügte er ernster hinzu, »wird der preußische Landwehrmann unter dem alten Kreuze mit Gott für König und Vaterland überall und immer seinen Erfolg haben – so lange sie grün bleiben, die alten Tannenbäume im märkischen Sande!« –

»Majestät,« sagte der Geheime Hofrat, indem seine klaren, lebendigen Augen sich sinnend auf den König richteten, »wenn noch einmal, und ich habe so eine Ahnung davon, eine Reprise vom Kurmärker und der Picarde auf dem großen Welttheater kommen sollte, dann nehmen Eure Majestät mich mit und erlauben Sie mir, die alte Mütze mit dem weißen Kreuz zu tragen – und so Gott will, Majestät, den Soufflet bekommen sie doch!«

In tiefem Ernst blickte König Wilhelm vor sich hin.

»Wie wunderbar ist diese Zeit!« sprach er nach längerem Schweigen, »welche gewaltigen, tiefen Erschütterungen und Veränderungen hat sie gebracht – einen unberechenbaren Schritt hat die Weltgeschichte gemacht in der kurzen Spanne weniger Wochen! – Und – sonderbar,« fuhr er fort, »wenn sonst gewaltige Umwälzungen sich vollzogen, so war es der Arm der Jugend, welchen die Vorsehung sich zum Werkzeug ausersah, jetzt aber bin ich, ein alter Mann, dazu bestimmt, so Mächtiges und Außergewöhnliches auszuführen.«

»Majestät,« rief der Hofrat, »der König von Preußen wird niemals alt – denn im umgekehrten Sinne wie Ludwig XIV. kann er von sich sagen: le roi c'est l'état, und der preußische Staat ist immer jung, denn er verkörpert sich in der stets frischen Jugendblüte der Armee!«

»Ihre Königliche Hoheit die Frau Herzogin Wilhelm von Mecklenburg!« meldete der diensttuende Kammerdiener und öffnete auf einen Wink des Königs den Flügel der Türe.

Die frische, jugendliche Herzogin, Prinzeß Alexandrine von Preußen, trat ein.

Rasch eilte sie auf den König zu und küßte ihm in kindlicher Ehrerbietung die Hand, dann nickte sie freundlich dem Geheimen Hofrat zu, der sich tief verneigte.

»Ich bringe Eurer Majestät einige der Photographien von den Damen, welche am Reiterfeste mitgewirkt haben,« sagte die Herzogin, indem sie eine kleine Mappe öffnete, die sie in der Hand trug, während der König freundlich sein Auge auf der schönen, lieblichen Erscheinung ruhen ließ.

»Schneider hat mir soeben die Kostümbilder vorgelegt,« sagte der König, »und wird,« fügte er lächelnd hinzu, »mit seiner gewohnten Gewandtheit und Genauigkeit eine Beschreibung der Sache aufsetzen zum Gedächtnis dieses schönen Festes, für dessen Arrangement ich auch dir, liebe Alexandrine, nochmals herzlich danke.«

Die Herzogin verneigte sich und warf dann einen Blick auf die Zeichnungen.

»Vortrefflich!« rief sie, »da werden wir nur die Köpfe nach den Photographien hineinfügen dürfen, und wir werden herrliche Bilder haben.«

Sie zog eine Anzahl Photographien aus ihrer kleinen Mappe und reichte sie dem Geheimen Hofrat.

Eine behielt sie in der Hand und betrachtete sie sinnend.

»Da habe ich auch,« sagte sie mit etwas unsicherer Stimme, indem sie einen schüchternen Blick auf den König warf, »eine Photographie der Königin von Hannover erhalten, Eure Majestät wissen, wie sehr ich die hannoversche Familie liebe, die Königin ist ganz weiß geworden.«

Stumm streckte König Wilhelm die Hand aus und ergriff die Photographie, welche die Herzogin ihm reichte.

Der Geheime Hofrat blickte mit bewegtem Ausdruck forschend auf den König.

Der König betrachtete lange schweigend das Bild. Seine Züge nahmen eine unendliche Weichheit und Milde an.

»Arme, arme Königin!« sagte er leise, »sie hat Schweres zu tragen! – O wie traurig ist es, daß jeder große Fortschritt in der Geschichte so viel Leiden mit sich bringen muß! – Wie gerne würde ich dieser königlichen Familie ihr Los erleichtern und ihr eine Existenz schaffen, die ihrer würdig ist und ihr eine große und schöne Zukunft bietet, leider, leider wird mir dies durch die unversöhnliche Haltung des Königs Georg so sehr erschwert. – Verbietet er doch der Königin noch immer, die Marienburg zu verlassen, wo sie sich in einer so falschen Position befindet und ihr Schicksal schmerzlicher empfindet als irgendwo!«

Große Tränen fielen aus den Augen der Herzogin.

»Mein Gott!« rief sie, »ich kann Eurer Majestät nicht sagen, wie schmerzlich es mir ist, an die arme Königin auf der Marienburg zu denken, wenn ich mich erinnere, wie ich vor zwei Jahren mit meinem Bruder dort war, als wir von Norderney zurückkamen, wie schöne Stunden wir dort in dem glücklichen Familienkreise verlebten – mit welchen Wünschen und Hoffnungen ich von dort abreiste,« fügte sie seufzend hinzu, »und nun! – Man wird doch nichts Unangenehmes gegen die Königin tun?« fragte sie mit bittendem Tone.

Mit einem Blick voll Adel und Hoheit erwiderte König Wilhelm:

»Ich war Prinz und Offizier, bevor ich König wurde, und niemals werden die Rücksichten vergessen werden, welche man einer Dame, einer verwandten – und unglücklichen Fürstin schuldig ist,« fügte er mit Betonung hinzu. – »Die Königin wird sich eben darein finden müssen,« fuhr er ernst fort, »daß sie mein Gast ist, und die Sicherheit des Staates erfordert es, Vorkehrungen zu treffen, daß ihre Anwesenheit von der welfischen Agitation nicht als Vorwand oder Stützpunkt benutzt werde. – Könnte man doch,« fuhr er fort, »auf den König Georg wirken, daß er die Königin abreisen läßt, direkt kann ich nichts dazu tun –«

Die Herzogin sann nach. – »Ich wußte,« rief sie, »daß Eure Majestät stets groß und edel handeln würden, möchte es doch möglich sein, ein wenig versöhnend auf den König Georg einzuwirken, vielleicht –«

»Doch nun,« sagte der König, »stelle ich Schneider für das Arrangement der Bilder zu deiner Disposition, nimm ihn mit – und führt alles recht hübsch und präzise aus!«

Das Gesicht der Herzogin hatte seine ganze frische Heiterkeit wiedergefunden. Mit schalkhaftem Lächeln blickte sie auf den alten Vertrauten des Königlichen Hauses.

»Ich weiß nicht,« fugte sie, »ob der Herr Geheime Hofrat gern mit mir zu tun hat, ich habe ihm viel zu schaffen gemacht – früher im Garten von Sanssouci, wenn er zum König kam, nicht wahr,« sagte sie mit scherzender Frage, »ich war zuweilen eine recht unartige kleine Prinzeß?«

Der Hofrat verneigte sich gegen den König und sagte mit einer feierlichen Stimme:

»Eure Majestät würden es vermessen finden, wenn ich wagte, Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Herzogin vor Allerhöchstdenselben ein Dementi zu geben!«

»Immer der Alte!« rief die Herzogin, »›mit ihm muß man nicht anbinden,‹« sagte schon der hochselige König –«

»Adieu!« rief König Wilhelm lachend.

Die Herzogin küßte ihm die Hand und verließ das Kabinett; mit tiefer Verneigung gegen den König folgte der Geheime Hofrat.

»Minister von Schleinitz steht zu Befehl,« meldete der Kammerdiener.

Der König neigte zustimmend das Haupt, der Minister des Königlichen Hauses trat ein, eine schlanke, jugendlich elastische Gestalt mit vollem dunkelschwarzen Haar und Schnurrbart, weder in seinem Aussehen noch in seiner Haltung das Alter von fast sechzig Jahren verratend, in welchem er damals stand. Er trug den blauen Interimsfrack der Minister mit dem schwarzen Samtkragen, auf der Brust den goldenen Stern der Großkreuze vom roten Adler.

»Guten Morgen, lieber Schleinitz!« sagte der König freundlich, »wie geht es Ihnen, was macht Ihre Frau? – und die Fürstin Hatzfeld?«

»Ich danke Eurer Majestät untertänigst,« erwiderte Herr von Schleinitz, »für die gnädige Frage, es geht alles bei mir nach Wunsch –«

»Machen Sie den Damen mein Kompliment,« sagte der König verbindlich, »und nun, haben Sie den Vertrag festgestellt?«

Herr von Schleinitz zog ein Papier aus seinem Portefeuille.

»Zu Befehl, Majestät!« sagte er, »der Heiratsvertrag zwischen Seiner Königlichen Hoheit dem Grafen von Flandern und Ihrer Hoheit der Prinzessin Marie von Hohenzollern ist nunmehr ganz nach der letzten Fassung, die ich Eurer Majestät vorgelegt habe, von Seiner Hoheit dem Fürsten und dem Baron Nothomb genehmigt, und wenn Eure Majestät demselben nun die Allerhöchste Approbation geben, so kann ich ihn morgen mit Nothomb unterzeichnen – die Vermählung ist auf den 25. April angesetzt, am 23. will des Königs der Belgier Majestät mit dem Grafen von Flandern hier eintreffen, wie Eure Majestät dann noch spezieller durch das Auswärtige Amt erfahren werden.«

»Wenn der Fürst von Hohenzollern einverstanden ist, und Belgien ebenfalls,« sagte der König, indem er den Vertrag leicht durchflog, »so ist ja alles in Ordnung – das ist ja eine Fürstlich Hohenzollernsche Familienangelegenheit, in die ich mich nur, soweit das die Form erfordert, als Chef des Gesamthauses zu mischen habe, also unterzeichnen Sie den Vertrag.« –

Ein Schlag gegen die Tür ertönte.

Der diensttuende Flügeladjutant, Rittmeister Graf Lehndorff, ein hoher, schlanker Mann, trat ein und meldete in dienstlicher Haltung:

»Der Ministerpräsident Graf Bismarck bittet Eure Majestät in dringenden Angelegenheiten um Audienz.«

Erstaunt blickte der König auf.

»Ich bitte ihn einzutreten,« sagte er.

»Also, mein lieber Schleinitz, unterzeichnen Sie den Vertrag, wie der Fürst von Hohenzollern ihn genehmigt hat – und nochmals mein Kompliment an Ihre Damen.«

Herr von Schleinitz zog sich mit tiefer Verneigung gegen den König zurück, indem er in der Tür einen leichten Gruß mit dem Grafen Bismarck wechselte, welcher raschen Schrittes hereintrat im weißen Waffenrock mit gelbem Kragen und Aufschlägen, den Stern des Schwarzen Ablerordens auf der Brust, den glänzenden Stahlhelm unter dem Arm.

»Was bringen Sie, Graf Bismarck?« sagte der König, den Ministerpräsidenten mit freundlichem Kopfnicken begrüßend, »Sie sehen heiter aus – Sie haben also gute Nachrichten.«

»Gute oder schlimme,« sagte Graf Bismarck, »wie man sie nehmen will, Majestät, für mich ist jede Nachricht gut, welche Licht in eine unklare Situation bringt. Die erste Phase der Auseinandersetzung mit Frankreich beginnt!«

Das Gesicht des Königs wurde tiefernst. Gespannt blickte er auf den Minister, welcher einige Papiere, die er in der Hand getragen, auseinander breitete.

»Die Kompensationsfrage taucht wieder auf,« sagte Graf Bismarck, »der Kaiser Napoleon will dem König von Holland Luxemburg abkaufen.«

»Luxemburg!« rief der König mit flammendem Blick, »deutsches Gebiet?«

»Zu Befehl, Majestät,« sagte Graf Bismarck, »man wollte das so ganz hübsch im stillen abmachen und uns vor ein fait accompli stellen, glücklicherweise scheint der König Wilhelm III. ein wenig besorgt geworden zu sein und hat uns das Spiel aufgedeckt – wofür man ihm in Paris wahrscheinlich sehr wenig Dank wissen wird. – Befehlen Eure Majestät, den Bericht des Grafen Perponcher zu hören?«

»Geben Sie!« rief der König, und schnell den Bericht ergreifend, durchlas er ihn aufmerksam.

»Zugleich,« sprach Graf Bismarck lächelnd, als der König geendet, »zugleich hat Graf Bylandt im Namen des Königs der Niederlande die Vermittlung bei den Verhandlungen mit Frankreich angeboten.«

»Eigentümliches Spiel!« rief der König. »Sie haben doch,« fuhr er fort, »sogleich geantwortet, daß von einer Abtretung deutschen Bodens – denn deutscher Boden ist Luxemburg – nun und nimmer die Rede sein kann!«

»Das habe ich gedacht, Majestät,« erwiderte Graf Bismarck ruhig, »und es bei mir selbst als feste Richtschnur meines Handelns festgestellt, aber,« fuhr er fort, »antworten möchte ich es noch nicht.«

Der König sah ihn fragend an.

»Ich möchte nicht,« sagte Graf Bismarck, »sogleich und in diesem Augenblick den Konflikt provozieren, den man unter diesen Umständen in Frankreich kaum wird auf die Spitze treiben wollen. – Sollte der Kaiser Napoleon dies aber tun, so müssen wir ihm vor allem die Rolle des Angreifers, der den europäischen Frieden stört, klar vor aller Welt und vor den Kabinetten zuschieben, außerdem ist es nach meiner Meinung die wesentlichste Bedingung für die Zukunft Deutschlands, daß der Krieg mit Frankreich – der nach meiner Überzeugung früher oder später kommen muß und kommen wird, ein wirklicher und wahrhafter Nationalkrieg sei, ein solcher allein gibt uns die volle Sicherheit des Sieges – und zugleich die Gewähr, daß durch den Sieg – und das Blut, das dieser kosten wird,« fügte er mit tiefernstem Tone hinzu, »Deutschland wirklich einig werden wird. Ich möchte also diese Angelegenheit zunächst weniger als Kabinettssache, vielmehr als eine nationale Frage behandeln und habe mir erlaubt, hier einen Entwurf der Antwort aufzusetzen, welche ich Perponcher geben möchte.«

Er reichte dem Könige das von Herrn von Keudell beschriebene Blatt.

König Wilhelm las es langsam und aufmerksam durch.

»Ich verstehe,« sagte er dann lächelnd mit dem Kopfe nickend, »ich verstehe, Sie haben da mit einem Schlage die Sachlage umgekehrt, gut, gut – ich sehe, Sie haben in der Schule zu Paris gelernt und verstehen die dortige dunkle Politik zu behandeln.«

Er sah einige Augenblicke sinnend zu Boden.

»Welch labyrinthische Fäden dieser geheimnisvolle Mann zieht!« sprach er dann mit fast trauriger Stimme, »ich kann es nicht leugnen, er hat für mich etwas Angenehmes, sympathisch Berührendes, ich habe oft die Feinheit und Schärfe seiner Auffassung bewundert – namentlich, als ich in Baden mit ihm sprach, und gern möchte ich mit ihm in guten Beziehungen stehen, aber man kann ihm nie trauen!«

»Weil er auch auf dem Throne niemals aufhört, Konspirateur zu sein!« sagte Graf Bismarck, »das ist stärker als er, diese ganze Sache ist wieder ganz im Verschwörungsstil arrangiert, ich bin übrigens sehr erstaunt, daß alles so weit gedeihen konnte, ohne daß irgendein Avis darüber von Paris gekommen ist.«

Der König schwieg.

»Wenn ich übrigens,« fuhr Graf Bismarck fort, »die Ansicht auszusprechen mir erlaubt habe, daß bei richtiger Behandlung diese ganze Frage keinen kriegerischen Charakter annehmen werde, so darf man doch die Augen nicht vor der Möglichkeit verschließen, daß dennoch ernste Verwicklungen daraus entstehen konnten, und da Eure Majestät entschlossen sind, in keinem Falle zu dulden, daß Luxemburg an Frankreich abgetreten werde –«

»In keinem Falle!« rief der König.

»So möchte ich Eure Majestät untertänigst bitten, sogleich nach dem Grundsätze zu verfahren: si vis pacem, para bellum – und alles vorzubereiten, damit wir durch die Ereignisse nicht überrascht weiden.«

Der König neigte das Haupt und dachte einen Augenblick nach.

Dann schritt er schnell zur Tür des Vorzimmers, öffnete dieselbe und rief: »General von Moltke!«

Der berühmte Chef des Großen Generalstabs, auf welchen damals der Feldzug von 1866 die Augen von ganz Europa gezogen hatte, trat in der Dienstuniform der Generale der Infanterie, den Helm unter dem Arme, ein.

In dienstlicher Haltung, das sinnende Auge zum Könige aufgeschlagen, erwartete er die Anrede des Monarchen.

»Mein lieber General,« sagte der König, »da Sie gerade da sind, können wir sogleich eine vorläufige Beratung über eine sehr ernste Frage halten. – Graf Bismarck teilt mir soeben mit,« fuhr er fort, »daß zwischen Frankreich und Holland Verhandlungen über den Verkauf von Luxemburg bestehen –«

Der General preßte die feinen Lippen noch fester zusammen, und ein schnelles Licht strahlte aus dem tiefen Blick seines Auges.

»Obwohl ich hoffe,« sprach der König weiter, »übereinstimmend mit dem Grafen Bismarck, daß die Sache sich friedlich ausgleichen wird, so müssen wir doch auf alles gefaßt sein, da selbstverständlich Luxemburg niemals französisch werden darf. Überlegen Sie, was geschehen muß, um uns für alle Fälle vor Überraschungen zu schützen, natürlich dürfen keine sichtbaren Vorbereitungen stattfinden.«

Das ernste, stille Gesicht des Generals belebte sich, mit ruhiger Stimme sprach er:

»Köln, Koblenz und Mainz müssen verproviantiert und alles vorbereitet werden, um diese Plätze sofort armieren zu können, außerdem muß ein zuverlässiger Kommandant von Luxemburg designiert werden, der bei der ersten ernsten Wendung der Sache sofort dorthin abgeht.«

Der König neigte zustimmend das Haupt.

»Wen würden Sie vorschlagen?« fragte er.

»Den Generalleutnant von Goeben,« erwiderte General von Moltke, ohne einen Augenblick zu zögern.

»Goeben – Goeben, ja, das ist der rechte Mann dafür, er hat etwas von Ihnen, lieber Moltke,« sagte der König.

»Er wägt wie ein Mann und wagt wie ein Jüngling,« sprach der General ruhig. »Natürlich müßten die Mobilmachungsorders vollständig vorbereitet und die eventuellen Dislokationen so angeordnet werden,« fuhr er fort, »daß wir in kürzester Frist in Frankreich sind, wenn es zum Kriege kommen sollte.«

»Moltke ist seiner Sache sicher!« sagte der König, indem er mit freundlichem Lächeln den Blick auf dem ernsten Antlitz des Generals ruhen ließ.

»Es ist nicht Vermessenheit oder übergroßes Selbstbewußtsein, Majestät,« erwiderte General von Moltke ruhig, »die französische Armee ist mitten in einer Umformung begriffen – und das ist der schlimmste Zustand für die Schlagfertigkeit einer Truppe, außerdem aber sind sie dort, wie ich meine, so vollständig unfähig, sich der Taktik der heutigen Kriegführung anzupassen, daß ich hoffe, meines Erfolges sicher zu sein, und muß es einmal zum Kriege kommen, wie ich es auch fast glaube, so wünsche ich ihn lieber heute wie morgen, denn je länger es dauert, je mehr Zeit hat der Marschall Niel, der einzige wirklich organisatorische Feldherr, den sie dort haben, seine Gedanken und Pläne auszuführen.«

»Sie machen große Anstrengungen in Frankreich,« sagte der König nachdenklich, »um ihre Armee zu reformieren, und unsere Erfahrungen für sich zu benutzen.«

»Mögen sie machen, was sie wollen, Majestät!« rief Graf Bismarck lebhaft, »eines können sie uns nicht nachmachen – das ist der preußische Sekondeleutnant!«

»Graf Bismarck hat vollkommen recht,« sagte General Moltke mit feinem Lächeln, »um solche Offizierkorps zu schaffen, wie die unsrigen, dazu gehören Jahrhunderte – eine Reihe von Regenten, wie wir sie gehabt –«

»Und,« unterbrach der König lächelnd, »eine Reihe von Generalen, wie mein Haus sie fand – Winterfeldt – Scharnhorst – Moltke –«

»Und auch ein wenig, Majestät,« sagte Graf Bismarck, »das Material der vielverschrienen preußischen Junker –«

»Welche den Gehorsam lernen und die Treue nie vergessen!« sagte der König freundlich nickend.

»Ich freue mich ungemein, Majestät,« sprach Graf Bismarck nach einer augenblicklichen Pause, »daß General von Moltke so klar und sicher die Chancen des Krieges ins Auge faßt, denn je weniger wir den Konflikt zu scheuen haben, um so sicherer werden wir ihn vermeiden. – Doch,« fuhr er fort, »ich möchte, mit Eurer Majestät Erlaubnis, die Gelegenheit zur sofortigen und vorläufigen Erörterung einer weiteren Frage benutzen. Eure Majestät wissen, daß Holland schon seit dem vorigen Jahre das deutsche Besatzungsrecht von Luxemburg beseitigt wünscht, man fingiert dort Besorgnisse, welche man wohl in der Tat nicht hat, welche indes auch jetzt wieder den Prätext zu dem vorliegenden Handel geben, und welche vielleicht auf die Kabinette nicht ohne Einfluß bleiben, um so mehr, als die staatsrechtliche Stellung der Festung Luxemburg nach der Auflösung des deutschen Bundes verändert und diskutabel ist, auch Frankreich wird nicht verfehlen, unsere Besatzung von Luxemburg als eine Bedrohung darzustellen. – Da ich es nun,« fuhr er fort, »für einen richtigen und notwendigen Grundsatz halte, bei dem Beginn einer Negoziation sich darüber klarzuwerden, welche Konzessionen man etwa im Laufe der Verhandlungen machen wolle und könne, und da es in diesem Falle sehr wesentlich ist, auch den Schein einer Bedrohung des europäischen Friedens, den Frankreich so gern auf uns werfen möchte – abzuweisen, so möchte ich die Frage aufwerfen, ob Luxemburg als Festung für das Verteidigungssystem Deutschlands notwendig sei? – Wäre dies nicht der Fall, so würde es uns noch leichter werden, die Kabinette vollständig auf unsere Seite zu bringen und Frankreich zu isolieren.«

Der König warf ernst einen fragenden Blick auf den General.

»Die Festung Luxemburg,« sagte dieser ruhig und bestimmt, »darf niemals in französischen Händen sein, sie würde uns sehr hinderlich werden, wir unsererseits aber bedürfen ihrer nicht, nötigenfalls könnte man sie durch ein festes Lager bei Trier ersetzen, aber auch das ist nicht nötig, unsere Festungen genügen vollkommen.«

»So daß also die vollständige Beseitigung Luxemburgs als Festung kein Bedenken hätte?« fragte Graf Bismarck.

»Keines!« sagte der General.

»Das müßte aber doch noch sehr genau erwogen werden,« sagte der König bedenklich und zögernd.

»Eure Majestät werden gewiß nicht glauben,« rief Graf Bismarck, »daß ich Konzessionen entgegentragen werde, man muß nur klar darüber sein, ob Zugeständnisse überhaupt möglich sind, welche hier unter Umständen unsere politische Stellung sehr verbessern können, und das dürfen wir nicht außer acht lassen, schon wegen der Süddeutschen.«

»Sollten sie zweifeln können,« rief der König, »ob hier der casus foederis vorliege?«

»Bei der Besatzungsfrage der Festung,« sagte Graf Bismarck achselzuckend, »möchte ich nicht gewiß nein sagen, eine Frage der Abtretung nationalen Gebietes – das ist etwas anderes, das ist eine deutsche Ehrensache, und daß sie als solche von der Nation erkannt und erfaßt werde, dafür kann gesorgt werden!«

»So gehen Sie denn ans Werk, mein lieber Graf,« sagte der König, »ich billige den von Ihnen genommenen Standpunkt, behalte mir aber für die weiteren Phasen – namentlich für Konzessionen – meine Entschließungen vor. – Sie, General von Moltke, bitte ich, die einschlagenden militärischen Fragen zu ausführlichem Vortrag vorzubereiten, den Sie mir morgen in Gegenwart des Kronprinzen halten sollen. – Und lassen Sie Goeben kommen!« fügte er hinzu.

»Zu Befehl, Majestät!« sagte der General.

Der König grüßte freundlich, und beide Herren verließen das Kabinett.

Siebentes Kapitel.

Die Empfangssalons des Auswärtigen Amtes in Berlin waren hell erleuchtet – es war einer jener Abende, an welchen der Kanzler des Norddeutschen Bundes die Mitglieder des Reichstages, die Herren der Diplomatie und alles empfing, was es in der Berliner Gesellschaft, im Zivil- und Militärdienst, in der Finanzwelt, in Kunst und Wissenschaft Hervorragendes gab.

Eine zahlreiche Gesellschaft bewegte sich in den mit einfacher Gediegenheit ausgestatteten Räumen. – Hohe Offiziere aller Waffen belebten durch ihre glänzenden Uniformen die Eintönigkeit des schwarzen Fracks der Herren vom Zivil, die Diplomaten mit bunten Bändern und funkelnden Sternen standen teils in flüsternden Gruppen zusammen, teils durcheilten sie die Säle, hier und da einen bekannten Deputierten anredend und aus einem Gespräch über die innere Lage Notizen sammelnd für ihre Berichte, welche dann je nach der mehr oder minder scharfen Auffassungs- und Kombinationsgabe den fremden Höfen ein mehr oder minder treues Bild von den Verhältnissen des politischen Lebens in Berlin übermittelten.

Trotz der zahlreichen Menge, welche bereits die Säle füllte, rollten immer noch neue Equipagen vor das große Tor des Hotels und zwischen ihnen traten noch immer neue Fußgänger ein, denn niemand von denen, welche eine Einladung erhalten, wollte fehlen bei diesen Soireen, bei denen man die politischen und parlamentarischen Größen sehen und sprechen konnte in leichter und ungezwungener Unterhaltung, und wo man hoffen durfte, vielleicht einen Blick in das geheime Weben und Treiben der großen politischen Maschine zu tun, welche die Welt bewegte.

In dem ersten Salon stand Graf Bismarck, die Eintretenden begrüßend, bald mit würdevoller Artigkeit einige Worte mit einem Mitgliede des Corps diplomatique wechselnd, bald in kordialer Herzlichkeit einem Deputierten des Reichstages die Hand drückend – er trug die Kürassieruniform, ungetrübte Heiterkeit lag auf seinem charaktervollen, ausdrucksreichen Gesicht.

Eben hatte er einen kleinen Mann von unscheinbarer, schwächlicher Gestalt mit scharfem, intelligentem Gesicht begrüßt, aus dessen lebhaften, dunklen Augen jener feine jüdische Verstand leuchtete, welcher bei den Nachkommen des auserwählten Volkes mit so überraschender Schärfe sich in der Beurteilung der Fragen der Wissenschaft und Politik zeigt, nachdem er, jahrhundertelang gezwungen, sich ausschließlich dem Handelsleben zuzuwenden, dieses seiner Herrschaft unterworfen.

»Ich freue mich, Sie zu sehen, Herr Doktor Lasker,« sagte der Graf mit verbindlicher Artigkeit, »hoffentlich finden wir später noch Gelegenheit, einige Worte zu wechseln, ich möchte Sie gern von Ihrer Opposition bekehren,« fügte er lächelnd und mit dem Finger drohend hinzu.

Doktor Lasker verneigte sich und sagte: »Das wird nicht ganz leicht sein, Exzellenz!«

Einige in der Tür erschienene Herren traten artig zur Seite, und rechts und links freundlich mit der Hand grüßend schritt der Generalfeldmarschall Graf Wrangel in den Salon. Freundliche Heiterkeit strahlte von des alten Herrn charakteristischem faltenreichen Gesicht mit dem aufwärts gedrehten Schnurrbart, mit beweglicher Leichtigkeit trat dieser Veteran der preußischen Armee einher in der Uniform seines ostpreußischen Kürassierregiments, den Orden Pour le mérite mit Eichenlaub um den Hals, auf der Brust die Sterne des Schwarzen Adlers und des russischen Andreasordens neben dem ehrwürdigen Zeichen des eisernen Kreuzes erster Klasse.

Rasch trat Graf Bismarck ihm entgegen, und in militärischer Haltung sprach er im Tone dienstlicher Meldung:

»Generalmajor Graf Bismarck-Schönhausen à la suite des Magdeburgischen Kürassierregiments Nr. 7, kommandiert zur Dienstleistung als Bundeskanzler und Minister der auswärtigen Angelegenheiten!«

»Danke, danke, mein lieber General!« sagte der Feldmarschall, indem er dem Ministerpräsidenten die Hand reichte und seinen Blick mit zufriedenem Lächeln über dessen militärisch feste, markige Gestalt gleiten ließ, »freue mir, freue mir sehr, Ihnen unter meinem Kommando in den Marken zu haben, und ich freue mir noch mehr,« fügte er freundlich lächelnd hinzu, »daß Seine Majestät einen Kürassier bei die auswärtigen Angelegenheiten haben – der Pallasch bringt Festigkeit in die Hand, und was der gut gemacht hat, das werden Sie nicht mit die Federn verhunzen lassen, wie die Federfuchser es dazumal dem alten Blücher getan.«

Graf Bismarck lächelte. »Das haben Eure Exzellenz bei mir nicht zu befürchten,« sagte er, sich stolz aufrichtend, »die Losung der preußischen Kürassiere heißt: Drauf!«

Freundlich mit der Hand grüßend schritt der Feldmarschall weiter.

Der Doktor Lasker war inzwischen in den zweiten Saal getreten und näherte sich einer Gruppe, welche in lebhaftem und eifrigem Gespräch begriffen war.

Hier stand der Geheimrat Wagener, der bekannte frühere Begründer und Redakteur der »Kreuzzeitung«, eine trockene Gestalt von etwas steifer, bureaukratischer Haltung, zu welcher das von lebhaftem, ungemein ausdrucksvollem Geberdenspiel bewegte blasse, bartlose Gesicht einen gewissen Kontrast bildete. Er sprach mit dem Abgeordneten Miquel, dem Bürgermeister von Osnabrück und früheren Führer der hannoverschen Opposition, einem mageren, mittelgroßen Manne, dessen bleiches, etwas kränkliches Gesicht, von einer hohen Intelligenz durchleuchtet, sympathisch berührte, und der bei aller Schärfe der Dialektik stets in seinen politischen Gesprächen die feinsten Formen der guten Gesellschaft zu bewahren wußte.

»Ich wundere mich, Herr Geheimrat,« sagte Miquel, »daß Sie so lebhaft gegen die Ministerverantwortlichkeit sprechen. Im wohlverstandenen konservativen Interesse Preußens selbst, sowie im Hinblick auf Süddeutschland ist jene Verantwortlichkeit dringend nötig. – Würden Sie etwa die Interessen Ihrer Partei einem Ministerium, einem mit dem Bundesrat regierenden Ministerium ohne Verantwortlichkeit anvertrauen wollen? Ministerien können wechseln, und die konservative Partei findet in einem Ministerium, dessen Verantwortlichkeit nicht gesetzlich genau geregelt ist, ebenso wenig Garantien wie die liberalen Richtungen.«

»Ich bin stets gegen jede Ministerverantwortlichkeit,« erwiderte der Geheimrat Wagener, »weil sie im Prinzip die Grundsätze des monarchischen Staates zerstört und in der Praxis nichts bedeutet. – Einer starken Zentralgewalt gegenüber – und ich hoffe, baß die Zentralgewalt des norddeutschen Bundes immer stark und kräftig sein wird – ist die Ministerverantwortlichkeit wirkungslos – und einer schwachen Zentralgewalt gegenüber,« fügte er mit sarkastischem Lächeln hinzu, »haben Sie ganz andere und wirksamere Mittel. Der Verfassungsentwurf ist ein Kompromiß zwischen den vorhandenen berechtigten Elementen und Faktoren, die konstitutionelle Schablone kann uns hier nicht helfen – alle diese Amendements, welche bei der Beratung von den verschiedenen Seiten gestellt werden, sind keine Mittel zur Verbesserung, sondern nur zur Verhinderung.«

»Der Geheimrat hat vollkommen Recht!« sagte der Abgeordnete von Sybel, ein noch junger, starker Mann mit hellblondem Haar und frischem, rotem Gesicht, »die wirkliche Ministerverantwortlichkeit besteht nicht in der kriminalistischen Verfolgung, sondern in der jährlich wiederkehrenden Diskussion, in der öffentlichen Meinung, jener sechsten Großmacht, vor der man sich beugen muß, und wenn auch alle anderen Großmächte wirkungslos wären. – Sehen Sie,« fuhr er fort, »gleich nach dem Kriege hat sich die Regierung beeilt, mit der öffentlichen Meinung Frieden zu machen. Darin liegt für mich die wahre Garantie! – Und dann – das Budgetrecht –, und darin hat der künftige Reichstag nach dem Verfassungsentwurf mehr Macht, als das preußische Abgeordnetenhaus je besessen.«

Miquel schüttelte den Kopf.

Lebhaft rief der Geheimrat Wagener: »Ich kann die Unterstützung des Herrn von Sybel, so sehr ich mich freue, mit ihm einer Meinung zu sein, doch nicht in ihrem Motiv akzeptieren. Wir leben in einer Zeit, in welcher die Phrase eine gewaltige und sehr bedenkliche Macht hat, und für mich ist die gefährlichste Phrase von allen die von der öffentlichen Meinung. Was ist öffentliche Meinung?« rief er, umherblickend, »woher kommt sie – und wohin geht sie? Ist die öffentliche Meinung, welche diesen Reichstag beherrscht, eine Parlamentstochter – oder nicht vielmehr eine Regimentstochter?«

Herr von Sybel lachte.

»Sie sprechen gegen die Phrase,« sagte Miquel ruhig, »und haben uns da doch soeben eine – in der Tat sehr hübsch pointierte – Phrase gemacht.«

»Das beweist, wie groß ihre Herrschaft ist, – daß selbst ihre Gegner sich ihr nicht entziehen können,« erwiderte Wagener lächelnd, »um so mehr muß man diese gefährliche Herrschaft bekämpfen!«

»Da der Herr Geheimrat Wagener uns einmal auf das Gebiet der Phrasen geführt hat,« rief der Abgeordnete Braun, welcher ebenfalls zu der Gruppe getreten war, in einer gewissen Erregung, »so muß ich ihm doch auf seine »Regimentstochter« mit dem Zitat eines französischen Schriftstellers antworten: »die Bajonette sind für vieles vortreffliche Dinge – aber sich darauf setzen kann man nicht«.«

Alle lachten.

»Ja,« fuhr Braun noch immer lebhaft animiert fort, »blicken Sie in die Geschichte, nicht der Krieg macht die öffentliche Meinung, sondern die öffentliche Meinung macht den Krieg, jeder Krieg ist überhaupt nur das Ergebnis der vorangegangenen Volksentwicklung – sein Resultat ist nur das quod erat demonstrandum der Geschichte!«

»Meine Herren, meine Herren,« rief der kleine Doktor Lasker herantretend, »Sie debattieren ja so lebhaft, als ob der Reichstag hier in diesen Salon verlegt wäre! – Lassen wir die Deputierten draußen, sie machen schon genug Lärm auf der Tribüne – Wissen Sie,« fuhr er fort, »daß der Kronprinz von Sachsen angekommen ist, um das Kommando über das Zwölfte Armeekorps zu übernehmen? Das ist sehr erfreulich – ein mächtiger Schritt zur militärischen Einheit!«

»Wenn nur die zivile Freiheit mit der militärischen Einheit käme!« sagte der Abgeordnete Braun, »aber –«

»Still, still!« rief Lasker. »Alles hat seine Zeit; lassen wir uns die eine Errungenschaft nicht verkümmern, weil wir die andere noch nicht haben, man steigt eine Leiter nicht mit einem Schritt hinauf.«

Eine gewisse Bewegung wurde im ersten Salon bemerkbar. Man sah den Grafen Bismarck schnell zur Türe schreiten – mit ehrerbietigem Gruß empfing er den Prinzen Georg von Preußen, einen großen, schlanken Mann von vierzig Jahren; ein blonder, dichter Backenbart umrahmte das blasse Gesicht von kränklichem, geistig bewegtem, aber etwas schwermütigem Ausdruck. Der Prinz trug die preußische Generalsuniform, er unterhielt sich längere Zeit mit dem Ministerpräsidenten und trat dann, indem er mit artiger Bewegung dessen weitere Begleitung ablehnte, in den zweiten Salon. Sein Blick schweifte einige Augenblicke über die Gesellschaft, dann trat er zu einem Herrn im schwarzen Frack mit mehreren Dekorationen hin, welcher soeben allein in der Mitte des Saales stand. Kaum bemerkte der die Annäherung des Prinzen, als er ihm schnell entgegeneilte und sich tief verneigte.

Der Prinz reichte ihm die Hand.

»Guten Abend, Herr von Putlitz!« rief er, »ich hätte kaum erwartet, Sie hier zu sehen, – was macht der Dichter auf dem Parkett der Politik?«

»Wenn der Dichter sich von dem Boden des Lebens loslöst, Königliche Hoheit,« erwiderte Gustav zu Putlitz mit Ton und Haltung des vornehmen Weltmannes, »so schneidet er die Wurzeln ab, welche die Blüten seiner Phantasie ernähren müssen, – übrigens,« fuhr er lächelnd fort, »könnte ich Eurer Königlichen Hoheit die Frage zurückgeben.«

Prinz Georg lächelte mit einem trüben Anflug. »Wenn ein Prinz in seinen Mußestunden einige Verse macht, so darf man ihn noch nicht einen Dichter nennen!«

»Lassen wir also den Prinzen,« sagte Putlitz, sich verneigend, »und sprechen wir von G. Conrad! – Ich habe sein Schauspiel Elektra gelesen, welches er die Güte hatte mir zuzuschicken, und ich kann Eure Königliche Hoheit versichern, daß ich darin den Geist und die Sprache des wahren Dichters erkannte.«

»Wirklich?« rief der Prinz, indem ein freudiger Strahl sein Auge belebte.

»So gewiß,« fuhr Herr von Putlitz fort, »daß ich den Verfasser bitten möchte, mir zu erlauben, dies Stück nach meiner Bühnenerfahrung für die szenische Ausführung vorzubereiten.«

»Sie glauben in der Tat,« rief Prinz Georg, indem sein bleiches Gesicht sich mit heller Röte färbte, »daß es möglich wäre, die Elektra aufzuführen?«

»Ich bin davon überzeugt und rate dringend zu dem Versuch. – G. Conrad,« fuhr er fort, »hat die Gestalt der Elektra, welche Euripides der wahren Würde der Weiblichkeit entkleidet, wieder in ihrer Reinheit hergestellt und dem Herzen sympathisch gemacht, die Verse – ich muß es sagen – erinnern zuweilen an den Reiz der Sprache Goethes.«

Ein glückliches Lächeln spielte um den Mund des Prinzen. »Sie machen mir eine große Freude, Herr von Putlitz,« sagte er, »darf ich Sie bitten, mich morgen zu besuchen, wir wollen dann weiter darüber sprechen. O,« fuhr er mit einem Seufzer fort, »es macht so glücklich, eine Tätigkeit zu haben, mit der man vielleicht hie und da ein Menschenherz erfreuen kann, das brächte Ziel und Beruf in ein Leben, dem Schwäche und Kränklichkeit den Kreis der harten Arbeit in dem Ringen und Kämpfen der Welt verschlossen haben.«

Herr von Putlitz blickte mit inniger Teilnahme in das edle, traurig bewegte Gesicht des Prinzen. »Dieses Ziel,« sagte er, »ist gewiß eben so groß und herrlich als irgend ein anderes – und vielleicht noch befriedigender für ein so großes, warmes Herz, als es aus den Dichtungen Conrads zu uns spricht,« fügte er sich verneigend hinzu.

»Was sagen Sie zu dem Tode von Cornelius?« sagte der Prinz nach einer kurzen Pause.

»Ein harter Schlag für die Kunstwelt,« erwiderte Herr von Putlitz traurig. »Der alte König Ludwig von Bayern hat an Frau von Cornelius aus Rom einen Brief geschrieben, worin er an die Sonnenfinsternis anknüpft und sagt: »Die Sonne verfinsterte sich, als der erlosch, welcher der Kunst eine Sonne war. Jene scheint wieder, aber schwerlich kommt ein Cornelius wieder.«

»Wahr, wahr!« rief der Prinz, und mit träumerischem Ausdruck fügte er hinzu: »Wie schön muß es sein, zu sterben nach einem Leben, das solche Schöpfungen hinterläßt! – Also auf morgen!« sagte er dann Zu Herrn von Putlitz und wendete sich nach einem freundlichen Kopfnicken zu dem französischen Botschafter Benedetti, welcher in seine Nähe getreten war.

Graf Bismarck war in den Saal getreten und unterhielt sich kurze Zeit mit den Mitgliedern des diplomatischen Korps.

Dann trat er auf einen ziemlich großen Mann zu, dessen rötliches Gesicht mit hoch hinauf kahler Stirn, über welche eine breite Narbe lief, und mit dunklerem Vollbart, ihm das Aussehen eines einfachen Landjunkers gab, wenn nicht die scharfen, beweglich umherspähenden Augen von einer lebhaften und erregten geistigen Tätigkeit Zeugnis abgegeben hätten.

»Guten Abend, Herr von Bennigsen!« sagte der Ministerpräsident in äußerst höflichem Tone, jedoch ohne wärmere vertrauliche Nüance, »ich freue mich, Sie bei mir zu sehen, fast fürchtete ich, daß Sie sich von hier fernhalten würden.«

»Wie könnten Eure Exzellenz das glauben!« erwiderte Herr von Bennigsen, sich verneigend, »ich habe doch seit Jahren bewiesen, daß ich dem Werke, welches Eure Exzellenz ein so gutes Stück vorwärts gefördert haben, alle meine Kräfte zu widmen bereit bin.«

»Gewiß!« erwiderte Graf Bismarck, »aber dennoch hätte ich hoffen können, Ihre Unterstützung bei dem Ausbau des Geschaffenen zu finden, statt dessen sehe ich mit großem Bedauern, daß bei den Beratungen über die Verfassung Sie und die hannoverschen Abgeordneten Ihrer Partei mir ebenso viel Schwierigkeiten in den Weg legen, als die partikularistischen Ritterschaften und die Anhänger des Welfentums. – Auf diese Weise kommen wir nicht weiter auf dem Wege zum Ziel, welches Sie als das Ihrige ebenso sehr bezeichnet haben, wie ich danach strebe.«

»Ich kann meiner Überzeugung in staatlichen Prinzipienfragen nicht untreu werden,« erwiderte Herr von Bennigsen, »in der praktischen Ausführung des Einigungswerkes werden Eure Exzellenz meiner eifrigsten Unterstützung stets sicher sein, ebenso sehr in Deutschland als in meinem besonderen Vaterlande Hannover.«

»Hannover ist sehr schwierig!« sagte Graf Bismarck nachdenklich, ich hatte gehofft, daß das preußische Regiment dort freundlicher aufgenommen werden würde, es scheint, daß auch Ihre Partei sich über die Stimmung des Landes getäuscht hatte, die Agitationen des Königs Georg finden einen fruchtbaren Boden.«

»Der König Georg, Exzellenz,« sagte Herr von Bennigsen, »ist für die Hannoveraner nur die Verkörperung der Autonomie und Selbständigkeit oder unabhängigen Selbstverwaltung des Landes. Dieses allen Hanoveranern eingeborene Unabhängigkeitsgefühl wird von den Agenten des Königs mit Geschick benutzt, während die unteren Organe der neuen Verwaltung es oft ohne Not verletzen. Die Diktatur beängstigt die Bevölkerung und läßt ihr das Vergangene in schönerem Lichte erscheinen. Das beste Mittel ist eine möglichst schnelle Organisation der Verwaltung auf autonomer Basis, man müßte dazu Vertrauensmänner des Landes heranziehen.« –

»Vertrauensmänner!« sagte Graf Bismarck, »wer hat das Vertrauen des Landes?«

Herr von Bennigsen sah ihn ein wenig befremdet an.

»Wie sollen sie ermittelt werden? Soll das Land sie wählen? – Das würde eine bedenkliche Bewegung hervorrufen und vielleicht noch bedenklichere Resultate liefern, soll ich sie berufen? Haben sie dann das Vertrauen des Landes? Die Frage ist nicht leicht,« fuhr er fort, »ich habe wohl auch schon an Vertrauensmänner gedacht, ich will mir das noch überlegen, vielleicht sprechen wir bald wieder darüber.« Herr von Bennigsen verneigte sich.

Graf Bismarck wendete sich zur Seite und stand dem damaligen Kronoberanwalt des Appellationsgerichts zu Celle, früheren hannoverschen Staatsminister Windthorst gegenüber.

Es war kaum möglich, daß zwei Persönlichkeiten einen schärferen Kontrast bildeten, als Graf Bismarck und Herr Windthorst.

Der frühere hannoversche Justizminister, im damaligen Augenblick Bevollmächtigter des Königs Georg für die Verhandlungen über die Vermögensabfindung, erschien in seiner auffallend kleinen, durch die gebückte Haltung noch niedrigeren Gestalt fast zwerghaft neben dem hohen, mächtigen Wuchs des Bundeskanzlers. Ebensoviel freie Offenheit, bewußte und stolze Kraft als in den markigen Zügen des Grafen Bismarck lag, ebensoviel versteckte List und Schlauheit drückten die geistreichen Züge des eigentümlichen, charaktervoll häßlichen Gesichts Windthorsts aus. Ein sarkastisches Lächeln spielte oft um den breiten, aber beweglichen und ausdrucksvollen Mund, eine Brille mit großen runden Gläsern schien mehr den Zweck zu haben, die Augen zu verhüllen, als das in der Tat schwache Gesicht zu unterstützen, denn der spähende Blick des kleinen grauen Auges richtete sich im Gespräch fast immer über den Rand der Brille auf den vor ihm Stehenden. Die breite, runde, mächtig gewölbte Stirn war überdeckt von sehr dünnen, kurzen grauen Haaren, die auffallend kleinen, weiblich zierlichen Hände, welche aus den weiten, Ärmeln des altmodischen Fracks hervorspielten, begleiteten die Rede mit lebhafter Gestikulation, das Kinn begrub sich oft in die weite weiße Halsbinde, wahrend das Auge von unten herauf den Eindruck der gesprochenen Worte zu verfolgen versuchte.

Er trug den Stern des österreichischen Ordens der eisernen Krone auf der Brust, das Kommandeurkreuz des hannoverschen Guelfenordens an lang herabhängendem blauen Bande um den Hals.

»Nun, mein lieber Minister,« sagte Graf Bismarck, ihn artig begrüßend, »wie stehen die Vermögensverhandlungen des Königs Georg – sind Sie zufrieden?«

»Exzellenz,« erwiderte Herr Windthorst im prononzierten Gaumenton des westfälischen Dialekts von Osnabrück, »es geht langsam vorwärts. Ihre Kommissarien sind ein wenig zäh.« –

»Ah?« rief Graf Bismarck, »das ist gegen ihre Instruktion, ich kann es nicht recht glauben; sollte nicht von Ihrer Seite die Sache etwas erschwert werden, Sie bestehen auf der Herausgabe von Dominalgut –«

»Nicht ich.« Exzellenz.« sagte Herr Windthorst, über die Brille hin zu dem Ministerpräsidenten hinaufblickend, »es ist so die Instruktion von Hietzing, wir sind ja hier nur Mandatare –«

»Aber wie ist es möglich, daß man dort halbe und zweiseitige Instruktionen gibt?« fragte Graf Bismarck, »und bei der Haltung, die der König einmal einzunehmen für gut befunden hat, würde doch ein reines Prinzip richtiger sein und die Verhandlungen befördern, was sollen dem König Domänen im preußischen Lande?

Und auf der andern Seite: Können wir einen großen Grundbesitz dem Könige in einem Lande geben, in welchem er die Landeshoheit des Königs von Preußen nicht anerkennt?«

Herr Windthorst zuckte die Achseln. »Eure Exzellenz dürfen nicht vergessen,« sagte er mit leichtem Lächeln, »daß unsere Instruktionen vom Grafen Platen kommen, es sind da verschiedene Wünsche, der Kronprinz möchte die Jagdreviere behalten, die Königin will die Marienburg nicht aufgeben –«

»Die Marienburg ist Privateigentum Ihrer Majestät,« sagte Graf Bismarck ernst, »und wird ihr nie streitig gemacht werden, auch Herrenhausen, diese historische Erinnerung des Welfenhauses, soll dem Könige gelassen werden, aber die übrigen Domänen – das geht nicht!«

»Es ist mir lieb, wenn Eure Exzellenz mir darüber eine bestimmte Erklärung geben, das wird unsere Stellung wesentlich verbessern, bis dahin werden wir keine bestimmten Anweisungen erhalten, denn Graf Platen,« er spielte mit den kleinen, spitzigen Fingern an dem Bande des Guelfenordens, »schließen Sie ihn in ein Zimmer allein mit zwei Stühlen ein, wenn Sie nach einer Stunde öffnen, so wird er zwischen beiden Stühlen auf der Erde sitzen.«

Graf Bismarck lachte.

»Übrigens, mein lieber Minister,« fuhr er ernster fort, »muß ich Ihnen sagen, daß auch die fortwährende Agitation in Hannover, deren Fäden nach Hietzing offen daliegen, nicht geeignet ist, unser Entgegenkommen in den Vermögensverhandlungen zu unterstützen.«

»Ich beklage diese vollkommen unnützen Agitationen,« sagte Windthorst, »glaube indes nicht, daß sie ernsthaft etwas zu bedeuten haben, wenn nicht,« fügte er mit einem spähenden Blick hinzu, »die Fehler der preußischen Verwaltung ihnen immer neue Nahrung geben!«

»Mein Gott!« rief Graf Bismarck, »ich kann nicht in allen unteren Organen stecken, was wäre denn zu tun, um diese Fehler zu vermeiden? Man hat mir von der Berufung von Vertrauensmännern des Landes gesprochen, um mit ihnen die Organisation der Provinz zu beraten –«

»Hm, hm,« machte Windthorst, »ich will nichts dagegen sagen, das kann vielleicht ganz gut sein, noch besser aber wäre es nach meiner Ansicht, ernste und bewährte Kräfte aus Hannover direkt in die preußische Regierung zu ziehen, das würde der Provinz Vertrauen und das Bewußtsein geben, im Rate der Krone vertreten zu sein.«

Graf Bismarcks Auge sah einen Augenblick scharf und forschend zu Herrn Windthorst hinab, ein eigentümliches Zucken bewegte eine Sekunde seine Lippen. »Das wäre ein Gedanke!« sagte er dann wie betroffen von dem Worte und nachdenklich vor sich hinblickend, »aber wie, für die innere Verwaltung? Das wäre schwierig, aber,« fuhr er fort, wie von einer plötzlichen Idee erfaßt, »die hannoversche Gesetzgebung und Rechtspflege ist ja stets ein Muster gewesen, das wäre etwas – für die Justiz«, und als folgte er einer in ihm auftauchenden Gedankenreihe, brach er ab. Herr Windthorst schlug das Auge zu Boden – ein unwillkürliches Lächeln flog über sein Gesicht.

»Die hannoversche Justiz hatte allerdings vortreffliche Kräfte,« sagte er mit bescheidenem Tone.

»Wie könnte ich das vergessen, wenn ich vor Ihnen stehe?« erwiderte Graf Bismarck verbindlich.

Herr Windthorst verneigte sich.

»Ihre speziellen Freunde, die hannoverschen Katholiken, sind uns auch nicht günstig gesinnt,« sagte Graf Bismarck.

»Ich sehe keinen Grund dafür,« sagte Herr Windthorst, »allerdings müssen sie mit Vorsicht und Geschicklichkeit behandelt werden; kann ich durch meine Erfahrung und meinen Einfluß in dieser Richtung zur Beruhigung und zur Konsolidierung der Verhältnisse beitragen, so werden Sie mich stets bereit finden.«

»Ich danke Ihnen,« sagte Graf Bismarck, »ich hoffe, wir werden noch Gelegenheit finden, eingehender über diese hannoversche Frage zu sprechen, jetzt wirken Sie soviel Ihnen möglich dahin, daß man in Hietzing, wenn man die neuen Verhältnisse nicht anerkennen kann und will, ihnen wenigstens praktisch Rechnung trägt, hier werden Sie in der Vermögensfrage die größte Liberalität finden.«

Und mit freundlicher Verneigung wendete er sich zur Seite. Sein suchender Blick fand den Dr. Lasker, welcher im Gespräch mit dem Geheimrat Wagener einige Schritte vor ihm stand. Der Ministerpräsident näherte sich, Herr Wagener trat zurück.

»Nun, mein lieber Doktor,« sagte Graf Bismarck lächelnd, »muß ich einmal ein ernstes Wort mit Ihnen sprechen. Sind Sie nicht zufrieden mit dem, was in Deutschland geschehen ist?«

»Gewiß, Exzellenz,« sagte Doktor Lasker sich verneigend und das scharfe, geistvolle Auge zu dem Ministerpräsidenten emporrichtend, »gewiß bin ich zufrieden, glücklich über den mächtigen Schritt, welchen Deutschland durch Ihre Festigkeit und Energie zu seiner Einigung getan hat, und in Ihrer auswärtigen Politik werden Sie mich stets an Ihrer Seite finden, aber in den inneren Fragen –«

»Ich begreife Ihre Unterscheidung nicht recht,« sagte Graf Bismarck ernst. »Ich kann Sie versichern, daß ich es stets für die Aufgabe einer ehrlichen Regierung gehalten habe, für möglichste Freiheit des Individuums und des Volkes zu streben und zu arbeiten, soweit das mit dem Staatswohl vereinbarlich ist.«

»Es fällt mir nicht einen Augenblick ein,« sagte Doktor Lasker, »an dieser ehrlichen und aufrichtigen Überzeugung und Absicht Eurer Exzellenz zu zweifeln, indes,« fuhr er mit leichtem Lächeln fort, »möchte es vielleicht schwerer sein, uns über das Maß der mit dem Staatswohl vereinbarlichen Freiheit und über die Mittel und Wege ihrer Begründung und Erhaltung zu verständigen.«

»Vielleicht ist mein Maß weiter noch und reicher als das Ihrige,« sagte Graf Bismarck mit gedankenvoll sinnendem Ausdruck. »Und die Wege? – Glauben Sie denn ernsthaft,« fuhr er lebhafter fort, »daß die Freiheit begründet wird, wenn die Regierung den Abgeordneten des Volkes Diäten zahlt, ist England kein freies Land, ohne daß die Deputierten besoldet werden, und,« rief er erregter, »was soll es heißen, daß die Herren gegen den Militäretat und die Feststellung des Militärbudgets Opposition machen? Wo wären wir ohne die starke Armee? Vor dem Krieg konnte ich das verstehen, Sie wollten kein Spielzeug für Paraden machen, aber jetzt? – Sie freuen sich der Früchte des Sieges und wollen das Werkzeug nicht kräftigen, das dazu berufen war, diese Früchte zu erkämpfen, das vielleicht dazu berufen sein wird, sie zu verteidigen?«

Ernst blickte Doktor Lasker auf.

»Lassen Sie mich offen sein, Exzellenz!« sagte er, – »ich gehöre nicht zu den Anbetern bei grauen Theorien, welche die Freiheit nach der Schablone dieser oder jener Doktrin formen wollen, über den Theorien stehen mir die Personen, aber,« fügte er mit seinem Lächeln und schalkhaftem Blick hinzu, »da liegt's, wenn ich Eurer Exzellenz so gegenüberstehe, so erinnere ich mich der Sage von den Centauren, man möchte freudig in die dargebotene Hand einschlagen, aber man fürchtet auch den Tritt des eisenbeschlagenen Hufs.«

Graf Bismarck lachte herzlich. »Aber wenn der Centaur diese Hufe nicht hätte,« rief er heiter, »wie sollte er vorwärts kommen auf dem coupierten Terrain, wo man ihm neben den natürlichen noch so viele künstliche Hindernisse schafft?«

»Eure Exzellenz müssen mir aber zugeben,« sagte Doktor Laster, »daß wir – ich und meine politischen Freunde, die Liberalen, – in großer Verlegenheit sind. So gern wir Sie unterstützen möchten – wir werden scheu, wenn wir Ihre Umgebungen sehen. Sie haben Gewaltiges vollbracht, Sie haben – niemand erkennt es mehr und höher an wie wir – der wahren Freiheit eine Gasse in Deutschland gebahnt, aber hier in Preußen bleibt alles beim Alten. Da ist der Graf Lippe, da ist Mühler, noch immer Mühler,« fuhr er fort, »können Sie da erwarten, daß wir Vertrauen zu der innern Verwaltung haben sollen? Diesen Männern gegenüber müssen wir in der Opposition bleiben und für uns selbst sorgen. – Und.« sprach er weiter, als Graf Bismarck schwieg, »abgesehen von diesen Ministern, verzeihen Eure Exzellenz meine Offenheit, kann es uns Vertrauen einflößen, wenn Sie Männer wie Wagener in Ihre unmittelbare Nähe ziehen? – Ich habe Wagener persönlich ganz gern und habe mich eben noch sehr gut mit ihm unterhalten, aber er ist doch zu allen Zeiten der Vertreter der äußersten Reaktion gewesen, und –«

Er schwieg.

»Glauben Sie denn,« rief Graf Bismarck in heiterem Tone, »daß ich am Gängelbande meiner Referenten gehe – und daß,« fügte er lachend hinzu, »der Huf des Centauren in ängstlichem Respekt zurückbebt vor dem Hühnerauge der Bureaukratie? – Wagener!« fuhr er fort, »sehen Sie, mein lieber Doktor, wenn Sie arbeiten, wenn Sie jene geistreichen Reden überdenken, welche ich oft bewundere, so werden Sie öfter Ihr Konservationslexikon aufschlagen. Nun sehen Sie, ich habe noch viel weniger Zeit wie Sie, ich kann nicht nachschlagen und lesen, ich bedarf eines lebendigen Konversationslexikons –«

Doktor Lasker lachte herzlich.

»Nun,« fuhr Graf Bismarck fort, »Sie werden zugeben, daß Wagener unerreichbar in dieser Beziehung ist, er hat eine Gewandtheit der Auffassung und Reproduktion, eine Geschicklichkeit in der Assimilierung fremder Gedanken, die mich oft in Erstaunen setzt, und das habe ich nötig, die Entschlüsse aber sind die meinen, mein allein,« fügte er mit stolzem Emporwerfen des Kopfes hinzu, »und ich will die Freiheit, die ich allen gönne, auch für mich!«

»So lassen Eure Exzellenz Ihrem aufrichtigsten Verehrer und Bewunderer auch die Freiheit seiner gewiß gut gemeinten Opposition, da ja doch die auswärtige Politik, in der Sie stets auf mich zählen können – Pause macht.«

»Pause?« fragte Graf Bismarck mit dem Ausdruck des Erstaunens, »Pause, die auswärtige Politik? – mir scheint, die Pause ist vorbei!«

Erstaunt und betroffen blickte Doktor Lasker auf.

Graf Bismarck schwieg einen Augenblick gedankenvoll. »Mein lieber Doktor,« sagte er dann, »ich glaube, die auswärtige Politik steht an einem Punkte, der mir viel Sorge machen wird.«

Mit höchster Spannung sagte Doktor Lasker: »Ich weiß nicht, ob die Diskretion mir erlaubt, Eure Exzellenz zu fragen, was in dieser anscheinend tiefen Ruhe Ihnen Sorge machen kann?«

»Warum nicht?« sagte Graf Bismarck. – »Sehen Sie, der König von Holland will Luxemburg an den Kaiser Napoleon verkaufen.«

Doktor Lasker machte fast einen Sprung.

»Und das wollen Eure Exzellenz dulden?« rief er mit funkelnden Augen, »Luxemburg ist deutsch, deutsches Gebiet an Frankreich?!«

»Ich bin in einer eigentümlichen Lage,« sagte Graf Bismarck achselzuckend, indem sein klares, graues Auge scharf zu dem erregten Gesichte des Deputierten herabblickte, »Sie wissen, der deutsche Bund ist aufgehoben, die staatsrechtliche Seite der Frage ist dadurch ein wenig verwickelt geworden –«

»Was Staatsrecht!« rief Doktor Lasker zitternd vor Aufregung, »dies ist eine Frage des nationalen Rechtes, der nationalen Ehre Deutschlands –«

»Damit sie das würde,« warf Graf Bismarck ein, »müßte die Nation sprechen –«

»Und wenn sie spräche,« rief Doktor Lasker, »würden Eure Exzellenz –«

»Wenn die Nation spricht,« sagte Graf Bismarck mit leuchtendem Blick und metallischer Stimme, »dann werde ich der Vollstrecker ihres Verdikts sein, so wahr ich hier vor Ihnen stehe, und wehe dem, der sich dem Willen Deutschlands entgegenstellt!«

»Exzellenz,« rief Doktor Lasker, »darf ich von dem Inhalt unserer Unterhaltung Gebrauch machen?«

»Warum nicht?« fragte Bismarck.

»Am 1. April ist Ihr Geburtstag, Exzellenz,« sagte Doktor Lasker, indem er die Hand erhob, »Sie sollen den einmütigen Ausspruch des nationalen Willens als Geburtstagsgeschenk erhalten.«

»Ein solches Geschenk wird mich seiner würdig finden,« sagte Graf Bismarck.

Und freundlich grüßend, wendete er sich zu einer Gruppe von Diplomaten, mit jedem einige Worte wechselnd.

Doktor Lasker aber durcheilte den Saal, bald hier, bald dort einen seiner Bekannten zur Seite ziehend und eifrig mit ihm sprechend.

Bald bemerkte man überall eine außergewöhnliche Bewegung. Gruppen bildeten sich in lebhaftem Gespräch, die hervorragenderen Mitglieder der Parteien sahen sich umringt, Bestürzung und Unruhe lag auf allen Gesichtern.

Bald teilte sich diese Bewegung den Diplomaten mit, man drängte sich zum Grafen Bylandt, welcher mit wenigen Worten die Nachricht bestätigte, die wie ein Lauffeuer durch die Säle zog. Die Vertreter der größeren Mächte traten an den Ministerpräsidenten heran, er antwortete mit ruhigster Miene und leichtem Achselzucken auf ihre Fragen.

Aus einer Gruppe, welche sich um den Doktor Lasker gebildet hatte, trat Herr von Bennigsen und näherte sich dem Bundeskanzler.

Graf Bismarck, dessen scharfes Auge jede Nüance der im Saale entstandenen Bewegung verfolgte, trat ihm entgegen.

»Ich bitte um Verzeihung, Exzellenz,« sagte Herr von Bennigsen mit leicht zitternder Stimme, »daß ich Sie anrede, aber die unerhörte Nachricht, welche hier die Runde macht –«

»Der Verkauf von Luxemburg?« warf Graf Bismarck leicht hin.

»Diese schmähliche Geschichte ist also wahr?« fragte Herr von Bennigsen.

»Es scheint etwas daran zu sein,« sagte Graf Bismarck ruhig, »ich sehe noch nicht klar –«

»Aber dazu kann, dazu darf,« rief Herr von Bennigsen, »die Nation, der Reichstag nicht schweigen, würden Eure Exzellenz etwas gegen eine Interpellation im Reichstage zu erinnern haben?«

»Wie sollte ich?« erwiederte Graf Bismarck, »je mehr Licht in diese Sache kommt, desto besser. – Selbstverständlich werde ich auf eine solche Interpellation nur antworten können, was ich weiß.«

»Aber der Reichstag muß seinen Standpunkt, seinen Willen klar aussprechen!« rief Herr von Bennigsen.

»Und dieser Wille wird mir maßgebend sein!« sagte Graf Bismarck.

Herr von Bennigsen verbeugte sich und bald verließen die Führer der Parteien die Säle.

»Es scheint, mein lieber General,« sagte Graf Wrangel an den Ministerpräsidenten herantretend, »daß da eine Federfuchserei im Werk ist –«

»Der Kürassier ist auf dem Posten, Exzellenz,« erwiederte Graf Bismarck mit festem Ton, »und wenn es Not tut, wird der Pallasch dazwischen fahren.«

Ruhig und still, mit glattem, lächelndem Gesicht hatte Herr Benedetti die Bewegung verfolgt, welche den Saal erfüllte. »Er ist ein furchtbarer Gegner!« flüsterte er und glitt mit leichtem Schritt über das Parkett zur Ausgangstür hin.

Die Säle leerten sich immer mehr.

Graf Bismarck trat zu Herrn von Keudell.

»Lassen Sie morgen in allen Zeitungen eine Notiz über die luxemburger Sache erscheinen, einfach und tatsächlich, ohne alles Räsonnement, äußerst friedlich und in keiner Weise provozierend.«

Herr von Keudell verneigte sich.

»Der Schneeball ist losgelöst,« sprach der Ministerpräsident leise, »warten wir ab, ob der schlaue Cäsar es wagen wird, sich der rollenden Lawine des deutschen Nationalwillens entgegenzustellen!«

Artig verabschiedete er sich von den letzten seiner Gäste und schritt langsam seinen Gemächern zu.

Achtes Kapitel.

Es war um die Mittagsstunde des ersten April.

Der Graf von Bismarck hatte im Kreise seiner Familie die Glückwünsche zu seinem Geburtstage von den nächsten Freunden seines Hauses entgegengenommen und sich dann in sein Arbeitszimmer zurückgezogen, wo er mit großen Schritten auf und nieder ging.

Er überdachte die Erklärung, welche er heute in der Sitzung des Reichstages auf die bereits angekündigte Interpellation in betreff der luxemburgischen Verhandlungen abgeben wollte.

Sinnend blieb er vor seinem Schreibtisch stehen.

»Die Geschichte Deutschlands und Europas steht vor einer großen Krisis,« sprach er langsam, »und von dem Wort, das ich heute sprechen werde, hängt der Krieg oder der Frieden ab! – Man wird in Frankreich die Wendung verstehen, welche ich der Frage gegeben habe, der Kaiser wird den hohen Ernst der Situation begreifen, er wird begreifen, daß ich in betreff der Abtretung Luxemburgs nicht weichen will und werde; wie ich ihn kenne, wird er nachdenken, überlegen – und zurückweichen, freilich mit dem Hintergedanken, später auf seine Pläne wieder zurückzukommen. – Dazu aber ist es nötig, daß ich ihm die Möglichkeit des Rückzugs lasse. Die Stimmung in Frankreich ist auf das Äußerste erregt, wenn ich heute ein Wort spreche, das wie eine Provokation, wie ein Verbot gegen Frankreich klingt, das den Verkauf von Luxemburg an Frankreich als geschehen, als feststehend annimmt und von Frankreich einen Rückzug verlangt– ein Wort, wie es mir auf der Lippe liegt und wie ich es am liebsten spräche nach dem Gefühl meines Herzens, dann würde der französische Nationalstolz aufwallen und der Kaiser würde wider seinen Willen gezwungen werden, den Krieg zu beginnen. – Den Krieg!« sprach er, wiederum langsam auf und nieder schreitend, – »den Krieg! – Ich habe ihn nicht zu fürchten, ich bin überzeugt, ich weiß es, daß wir siegen werden; nicht nur ist Moltke sowie Roon aus militärischen Gründen dessen sicher – nein,« rief er mit leuchtendem Blick, »ich fühle den Sieg Deutschlands in dem Kampf um deutschen Boden – alle diese trüben Wirrnisse, die jetzt langsam mit Vorsicht und diplomatischer Kunst der Lösung entgegengeführt werden müssen, sie würden verschwinden vor dem großen nationalen Atemzug des deutschen Volks, vor dem einstimmigen Kriegsruf, der die Oriflamme des deutschen Heerbannes begrüßen würde. Mit einem Schlag könnte ich das leuchtende Ziel meiner Gedanken erreichen – das geeinigte Reich der deutschen Nation erstehen lassen, wenn ich jetzt den Handschuh hinwerfe, oder vielmehr, wenn ich ihn aufnehme, der mir bereits hingeworfen ist!«

Er stand still und blickte nachdenkend zu Boden. Tiefer Ernst legte sich auf seine bewegten Züge.

»Aber,« sprach er dumpf, »wenn ich jetzt den Krieg entfessele, wenn ich der Versuchung nachgebe, die Hand auszustrecken nach dem lockenden Kranze des Sieges, so gilt es nicht einen Kampf, dessen Leiden und Opfer in einigen Jahren vergessen werden, nein – es gilt die Eröffnung einer fünfzigjährigen Ära des permanenten Kriegszustandes. Wir werden Frankreich besiegen, niederwerfen sogar, aber das besiegte und niedergeworfene Frankreich wird den Durst nach Rache in seinem Herzen behalten und jede Gelegenheit ergreifen, um den Kampf von Neuem wieder aufzunehmen, um das verlorene Prestige wiederzugewinnen, und der Friede, der diesem Kriege folgen wird, wird ein Friede sein, der die Hand am Schwert halten und sich vom Kopf zu den Füßen in eherne Kriegsrüstung hüllen muß! – Und dann –« fuhr er fort, »die Niederlage Frankreichs ist der Sturz des Kaiserreichs – und was wird ihm folgen? – die rote Republik oder der Kampf der Parteien, die Gärung, die Auflösung. – Das gärende, kochende Frankreich aber, das ist die stete Unruhe Europas – das ist die stete Drohung der Staats- und Gesellschaftsordnung! – Nein,« rief er mit fester Stimme, »ich darf der Versuchung nicht weichen – ich will der Vorsehung nicht vorgreifen. Ich entsage dem lockenden Reiz, durch ein kühnes und rasches Vorgehen alle Knoten der Gegenwart zu durchschlagen, ich will warten, in Ergebung warten auf die Führung Gottes. Wenn es nach seinen Ratschlüssen geschehen kann, daß mein großes Werk sich in friedlicher Entwickelung vollziehe, ohne das Blut und Elend langer Kriege, so will ich die verderbliche Flamme nicht entzünden, so lange es anders noch möglich ist, und sollte auch meine Hand dies Werk nicht mehr krönen – sollte auch mein Auge seine Vollendung nicht mehr schauen.«

Sein klares Auge blickte ruhig in fast weichem Ausdruck aufwärts.

»Diese holländische Indiskretion,« fuhr er nach einigen Augenblicken fort, »erlaubt mir so zu sprechen, daß der Friede erhalten bleiben kann, daß man in Frankreich ohne Demütigung zurückgehen kann, wenn man die Situation begreifen und den Wink verstehen, das Halt! hören will, das ich ihnen zurufe. Ich kann im Reichstage mit gutem Gewissen sagen, daß ich von den Verhandlungen Frankreichs mit Luxemburg nichts weiß, denn ich weiß in der Tat offiziell nichts davon, Benedetti hat mir keine Mitteilung darüber machen wollen oder können; man hat volle Gelegenheit, einen äußerlich ehrenvollen Rückzug anzutreten. Noch ist der Kaiser nicht engagiert, ich bin überzeugt, er wird es nicht zum Äußersten treiben wollen.«

Er trat an seinen Schreibtisch, ergriff ein Blatt Papier, auf welchem einige Notizen von seiner Hand verzeichnet standen, und las dasselbe aufmerksam, leicht die Lippen bewegend, durch.

»So ist es gut,« sagte er, »das zeigt den festen Willen und engagiert doch noch nicht, verletzt nach keiner Seite.«

Er blickte auf die Uhr.

»Es ist Zeit,« sagte er, »ich will pünktlich im Reichstag sein, um die Interpellation sogleich zu erledigen.«

Er ergriff die Militärmütze mit dem gelben Rand und seine Handschuhe.

Sein Kammerdiener trat in das Kabinett.

»Der französische Botschafter bittet Eure Exzellenz, ihn zu empfangen.«

Graf Bismarck blickte betroffen zu Boden.

»Sollte es zu spät sein?« flüsterte er.

»Ich komme,« sagte er dann laut und schritt durch die Tür, deren Flügel der Kammerdiener offen hielt, in den großen Vorsaal!, in welchen Herr Benedetti bereits eingetreten war.

Der Botschafter Napoleons III., in schwarzem Morgenanzug mit der Rosette der Ehrenlegion, trat dem Ministerpräsidenten entgegen. Auf seinem glatten Gesicht lag das gewöhnliche, höflich verbindliche Lächeln.

Graf Bismarck reichte ihm die Hand und sagte, bevor Herr Benedetti ihn anreden konnte, in gleichgültig ruhigem, artigen Ton:

»Sie sehen mich im Begriff, mein lieber Botschafter, zur Sitzung des Reichstags zu gehen, dessen Eröffnung ich heute nicht versäumen darf, wenn daher keine besonders dringliche und eilige Angelegenheit den Gegenstand der Unterhaltung bilden soll, mit welcher Sie mich beehren wollen, so möchte ich Sie bitten, dieselbe auf eine andere Stunde zu verschieben, wo wir mit Muße plaudern können.«

In den Zügen des Botschafters zeigte sich eine leichte Verlegenheit.

»Ich will Ihre Zeit jetzt durch keine lange Unterredung in Anspruch nehmen, Herr Graf,« sagte er, »wir werden ja im Laufe des Tages dazu noch Gelegenheit finden können, nur möchte ich mich des Auftrages entledigen, Ihnen eine Depesche zu übergeben, die ich soeben erhalten.«

Und er zog ein Papier aus der Tasche seines Rockes.

Graf Bismarck blickte ihn ernst an, er streckte die Hand nicht aus, das Papier in Empfang zu nehmen.

»Und was enthält die Depesche?« fragte er ruhig.

»Die Erklärung meiner Regierung in betreff der luxemburgischen Verhandlungen,« erwiederte Benedetti.

»Mein lieber Botschafter,« sagte der Graf, einen Blick auf die Uhr werfend, »es ist in der Tat die höchste Zeit für mich, zur Reichstagssitzung zu gehen, wollen Sie mich begleiten, wir können ja unterwegs noch sprechen. Sie verzeihen meine Eile – aber Sie werden meine parlamentarischen Pflichten begreifen.«

Ein wenig erstaunt, verneigte sich Herr Benedetti leicht und schickte sich an, den Grafen zu begleiten, der mit artiger Handbewegung den Botschafter voranschreiten ließ und ihm durch die Ausgangstür folgte. Sie stiegen die Treppe hinab, und gingen nach dem Durchgang, welcher durch die Gärten hinter dem Radziwillschen Palais vorbei nach der Leipzigerstraße führt.

Benedetti wartete schweigend auf die Anrede des Grafen Bismarck.

»Mein lieber Botschafter,« sagte dieser, als sie sich in dem Gartendurchgang befanden, »ich gehe soeben in den Reichstag, um die Interpellation zu beantworten, welche, wie Sie wissen, dort wegen der luxemburger Angelegenheit heute gestellt werden wird.«

»Um so mehr möchte ich bitten –« sagte Benedetti, abermals das Papier aus seiner Tasche hervorziehend.

»Erlauben Sie,« unterbrach ihn Graf Bismarck mit leicht abwehrender Handbewegung, »Ihnen zu sagen, was ich auf diese Interpellation antworten werde.«

Erwartungsvoll blickte Benedetti zu dem Grafen empor.

»Ich werde sagen,« fuhr der Ministerpräsident fort, jedes Wort scharf betonend, »daß die preußische Regierung die Empfindlichkeit der französischen Nation, soweit dies mit ihrer eigenen Ehre vereinbar, auf das Äußerste zu schonen bestrebt sei, und daß auch in dieser Frage die gerechte Würdigung des Einflusses maßgebend sei, welchen die friedlichen und freundlichen Beziehungen zu einem mächtigen und ebenbürtigen Nachbarvolke auf die Entwickelung der deutschen Angelegenheiten ausüben muß.«

Benedetti neigte leicht den Kopf. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck erwartungsvoller Spannung.

»Ich werde ferner erklären,« fuhr Graf Bismarck in demselben ruhigen und festen Tone fort, »die Staatsregierung habe keinen Anlaß, anzunehmen, daß ein Abschluß über das künftige Schicksal des Großherzogtums bereits erfolgt sei, ich werde erklären, die verbündeten Regierungen glauben, daß keine fremde Macht zweifellose Rechte deutscher Staaten und deutscher Bevölkerungen zu beeinträchtigen gesonnen sein könne, ich werde mich daher enthalten, auf die bestimmte Frage der Interpellation mit Ja ober Nein zu antworten, und die feste Zuversicht aussprechen, daß die Rechte Deutschlands werden gewahrt werden auf dem Wege friedlicher Verhandlungen und ohne Gefährdung der freundschaftlichen Beziehungen, in denen sich Deutschland bisher mit seinen Nachbarn befunden.«

Benedetti hatte, während der Ministerpräsident sprach, mehrmals nachdenklich auf das Papier in seiner Hand geblickt.

»Herr Graf –« sagte er.

»Sie begreifen,« fuhr Graf Bismarck, ihn abermals in höflichstem Tone unterbrechend, fort, »daß nach dieser Erklärung, wie ich sie abgeben will, die freundschaftlichste Verständigung über die ganze Frage nach allen Seiten offen bleibt, der Kaiser wird Gelegenheit haben, über die Angelegenheit – und ihre Konsequenzen,« fügte er mit Betonung hinzu – »nachzudenken, ohne durch die aufgeregte öffentliche Meinung Frankreichs beunruhigt zu werden, und ich zweifle nicht, daß bei den Gesinnungen, welche für Ihre Regierung ebenso maßgebend sein müssen, wie sie mich beseelen, dieser ganze Zwischenfall sich ebenso leicht als freundlich erledigen lassen wird.«

»Gewiß, gewiß, lieber Graf,« sagte Herr Benedetti, »aber – mein Gott – diese Depesche, welche über den Abschluß des Vertrages –«

Sie waren an das Ende des Durchganges gekommen.

Graf Bismarck blieb stehen und sah den Botschafter, der das Papier in seiner Hand hin und her drehte, starr an.

»Sie werden aber auch begreifen,« sagte er mit metallisch klingender Stimme, »daß ich jene Erklärung nicht abgeben kann, wenn ich eine Depesche empfangen habe, welche mir nicht erlaubt, mit gutem Gewissen zu versichern, daß ich über den Abschluß eines Vertrages nichts wisse –«

»Mein Gott, Herr Graf,« rief Benedetti, »diese Depesche, lesen Sie wenigstens« und er hielt dem Grafen das Papier hin.

Abermals streckte der Ministerpräsident abwehrend die Hand aus.

»Sie begreifen,« sagte er kalt und ruhig, »daß wenn ich von dem Abschluß eines solchen Vertrages etwas weiß, ich dies nicht verschweigen kann, und dann,« fuhr er fort, sich hoch aufrichtend und den schneidigen Blick seines klaren Auges auf den Botschafter herabsenkend, »dann muß ich und werde ich hinzusetzen, daß die Ausführung eines solchen Vertrages nicht zugelassen werden wird, so lange das deutsche Volk in Waffen gegürtet an den nationalen Grenzen auf der Wacht steht!«

Die schmächtige Gestalt des Botschafters bog sich in sich zusammen. Die sonst so gleichgültigen Züge seines Gesichts arbeiteten in heftiger Erregung – schlaff hing sein Arm mit dem verhängnisvollen Papier herab.

»Nach einer solchen Erklärung aber,« sagte Graf Bismarck, »würden die zornig entflammten Gefühle beider Nationen sich gegenüber stehen, und welche Möglichkeit bliebe dann der Diplomatie, den Gang der Ereignisse zu beherrschen? – Eine solche Erklärung,« fuhr er fort, »wäre fast der Krieg – den ich nicht will, ebensowenig wie nach meiner Überzeugung der Kaiser!«

»Wahr – wahr!« rief Benedetti, indem er in heftiger Bewegung einige Schritte hin und her tat, während der Blick des Grafen Bismarck stolz und fest auf ihm ruhte. – »O mein Gott, mein Gott, welche Verantwortung, welche entsetzliche Verantwortung! Kann ich eine Depesche, die ich offiziell erhalten, um sie zu übergeben, unterdrücken? – Können Sie mir raten –«

»Ihnen einen Rat zu geben, habe ich nicht das Recht,« sagte Graf Bismarck, »ich habe Ihnen einfach gesagt, was ich erklären werde bei dem mir jetzt bekannten Stande der Sache – und, was ich erklären müßte, wenn ich auf offiziellem Wege anders als bisher über das Sachverhältnis unterrichtet würde. An Ihnen ist es, zu tun, was Sie für die höhere Pflicht gegen Ihren Kaiser und Ihr Land halten!«

Benedetti ging unruhig hin und her. In tiefen Atemzügen arbeitete seine Brust– er zerknitterte fast das Papier in seinen Händen.

»Es ist eine furchtbare Lage!« rief er, »ich wage meine Stellung – meine Zukunft!« lief er, »eine Depesche zu unterdrücken – das ist beinahe unmöglich – wenn der Kaiser –«

»Mein lieber Botschafter,« sagte Graf Bismarck in ruhigem Tone, indem er einen Blick auf seine Uhr warf, »ich habe in der Tat keinen Augenblick mehr zu verlieren, die Sitzung muß schon begonnen haben – und ich möchte Sie bitten, mich nicht länger zu begleiten, denn ich bedarf der Augenblicke, welche mir die wenigen Schritte bis zum Reichstag noch übrig lassen, um mich zu sammeln. – Erlauben Sie mir daher nun die bestimmte Frage: »übergeben Sie mir eine Depesche? Ja oder Nein?«

Benedetti stand einige Augenblicke schweigend in mächtigem, innerem Kampf, die Augen zu Boden gesenkt, mit zitternden Lippen. Graf Bismarck machte eine leichte Wendung zum Ausgang des Durchganges.

»Ich nehme sie zurück,« sagte Benedetti tonlos und steckte das zerknitterte Papier wieder in seine Tasche.

Ein heller Strahl erleuchtete das Auge des Grafen Bismarck. »Es ist gesagt!« sprach er ernst, »ein Wort bleibt ein Wort!«

»Ich muß die Verantwortung tragen,« flüsterte Benedetti mit zitternder Stimme, und rasch die artig dargebotene Hand des Ministerpräsidenten drückend, wendete er sich und eilte gedankenvoll mit fast schwankenden Schritten die Leipzigerstraße hinab.

Graf Bismarck aber ging langsam in militärisch fester Haltung dem Reichstagsgebäude zu, freundlich die Grüße der Vorübergehenden erwiedernd, denn jetzt blieben sie stehen und blickten ihm nach voll Bewunderung und sympathischer Teilnahme, diese guten Berliner, die früher für ihn nur Blicke voll Zorn und Unmut hatten. Der feudale Junker, der Anstifter aller Unruhe und alles Unheils, der Preußen herausgeführt hatte an die Spitze Deutschlands, begann vor ihren Augen emporzuwachsen zu dem mächtigen Erbauer des neu sich einenden Reichs, und der Hauch der Zukunft begann die Herzen zu erfüllen mit seinem mächtigen Wehen.

»Vielleicht habe ich in diesem Augenblick den Frieden der Welt erhalten,« sprach Graf Bismarck leise und sinnend vor sich hin, als er die wenigen Stufen zum Eingang des damaligen Sitzungsgebäudes des Reichstags emporstieg. – »Ruhm und schnelle Vollendung meiner Lebensaufgabe konnte der Krieg bringen, aber die Erhaltung von tausend und abertausend Menschenleben ist wohl des Wartens wert. Gott möge die Eiche der deutschen Macht und Herrlichkeit erwachsen lassen, wenn es möglich ist, ohne daß sie gedüngt werden darf mit neuen Strömen von Blut und Tränen!«

Neuntes Kapitel.

In einem freundlichen und geräumigen Hause am Friedrichswall, jener breiten Avenue, welche, vom alten Schlosse in Hannover ausgehend, an den schönen, sogenannten Maschwiesen hinführt, an einer Seite nur bebaut und an der andern von einer prachtvollen Allee alter Bäume begrenzt, wohnte der Oberamtmann von Wendenstein, welcher mit ehrenvollem Abschied aus dem Staatsdienst den alten Amtssitz zu Blechow im Wendlande verlassen und sich in Hannover etabliert hatte. Frau von Wendenstein war noch stiller und ernster als früher, ein wehmütiger Zug lag auf ihrem Gesicht, aber die sanft schmerzliche Erinnerung an das alte, kühle, hallende Haus in Blechow hinderte sie nicht, die neue, vorläufige Heimat in Hannover mit liebevoller Sorglichkeit für die Ihrigen zu ordnen und zu schmücken.

Hatte sie doch alle ihre Lieben um sich, war doch ihr Sohn gerettet und vollständig zu neuem, kräftigem Leben genesen, sollte doch bald durch ihn eine neue Häuslichkeit erblühen, mochten da die Ereignisse der Welt noch so schmerzlich für sie sich gestalten, ihr Leben lag im Hause, und mit stiller Hoffnung und Freude bereitete sie alles vor, um demnächst dem geliebten Sohn die heimatliche Häuslichkeit zu gründen.

Der Oberamtmann ging ernst und schweigend einher. Er gehörte der alten Zeit an, welche er seit lange um sich her zerbröckeln – und dann in der gewaltigen, welterschütternden Katastrophe zusammenbrechen gesehen hatte, er liebte die eigenartige Selbständigkeit seines hannoverischen Landes, schmerzlich berührte es ihn, die neue Herrschaft zu sehen im Lande der Fürsten, denen seine Väter gedient hatten, aber sein klarer, praktischer und verständiger Geist hielt ihn fern von jenen demonstrativen Äußerungen des Unmuts, von jenem passiven, agitatorischen Widerstand, welchen ein Teil des Volkes und ein großer Teil seiner Standesgenossen dem preußischen Regimente entgegensetzte. Er sah die neue Zeit und verstand sie, ohne sie lieben zu können, so lebte er ziemlich allein, zurückgezogen im Kreise seiner Familie; von der neuen, um die preußischen Elemente gebildeten Gesellschaft entfernte ihn sein Herz und sein Stolz – von den sogenannten welfischen Patrioten hielt ihn sein klarer und ruhiger Verstand zurück.

Der Leutnant war vollständig genesen. In der Blüte kräftiger Gesundheit schimmerten wieder seine Wangen, und seine lange Krankheit hatte nur einen tieferen, sinnigen Ernst in dem Blick seines Auges hinterlassen. Schwerer als seinem Vater war es ihm geworden, seine Stellung zu den neuen Verhältnissen zu nehmen. im täglichen Umgang mit seinen Kameraden und Freunden, den Offizieren der früheren hannöverschen Armee, lebte er in einer Sphäre des brennenden, mit jugendlicher Lebhaftigkeit erfaßten und idealisierten Schmerzes um die Vergangenheit, der ja auch sein ganzes Herz mit allen seinen Fasern angehörte.

Der König Georg hatte allen Offizieren erklären lassen, daß sie auf ihren Wunsch und Antrag sofort den Abschied erhalten würden – die Wohlhabenden hatten diesen Abschied nicht genommen, oder waren doch nicht in preußische Dienste getreten, eine große Anzahl von jungen Leuten, welche weder die Mittel zu selbständiger Existenz noch die Ausbildung zu irgend einem andern Lebensberuf besaßen, hatten die Verhältnisse und ihre Notwendigkeit angenommen.

Während die Kämpfe, welche die Notwendigkeit dieser Entschlüsse bedingten, nicht nur die Kreise der jüngeren Offiziere, sondern auch deren Familien lebhaft bewegten und aufregten, hatte der Hauptmann von Adelebsen alle jüngeren Offiziere, die noch nicht in der preußischen Armee Dienste genommen, zu einer Versammlung berufen. Dort hatte er ihnen ein Schreiben des Königs aus Hietzing vorgelesen und gezeigt, in welchem derselbe die Hoffnung ausdrückte, daß alle Offiziere sich seiner Sache erhalten möchten, und zugleich das Versprechen gab, daß jeder eine Jahreseinnahme von fünfhundert Talern beziehen solle, sei es durch Ergänzung der eigenen Mittel, sei es durch vollständige Zahlung aus der Kasse des Königs. Die Offiziere sollten ruhig im Lande leben und der Befehle des Königs gewärtig sein, welche ihnen durch dazu bestimmte Vertrauenspersonen zugehen würden.

Diese Botschaft des Königs hatte neue, große Aufregung und beängstigende Zweifel in die Seelen dieser armen, jungen Leute geworfen, welche so hart und schwer unter den mächtig daherrollenden Ereignissen zu leiden hatten. – Viele waren der Aufforderung des Königs gefolgt und hatten opfermutig das gefahrvolle, traurige Leben auf sich genommen, zu welchem das Festhalten an dem dem Könige Georg geleisteten Fahneneide sie verurteilte, sie hatten es auf sich genommen, ein Leben von Verschwörern zu führen, immer unter der Strafe des Hochverrats stehend, ausgesetzt allen Gefahren, ohne die Ehren und den Ruhm, den der frische, fröhliche Kampf dem Soldaten bringt.

In tiefer Bewegung und lebhaftem, innerem Kampf war der Leutnant von Wendenstein aus jener Versammlung seiner Kameraden heimgekehrt. Sein Herz zog ihn auf die Seite derjenigen, welche den dornenvollen Dienst von Verschwörern und Agitatoren für ihren bisherigen König und Kriegsherrn auf sich zu nehmen entschlossen waren – nicht die persönliche Gefahr, aber der Gedanke an seine Zukunft, an die Heimat, welche er begründen wollte, machte ihn zittern. Durfte er die Geliebte, welche ihr Leben an das seine gebunden, welche von ihm Schutz und Halt erwarten mußte, den Zufällen und Fährnissen eines solchen Lebens aussetzen?

Lange war er sinnend im Kampf widersprechender Gedanken und Empfindungen umhergegangen, dann war er mit allem Vertrauen des Sohnes, mit aller Ehrfurcht des Jünglings vor dem alten, in ehrenfestem Leben bewährten Manne, zu seinem Vater gegangen und hatte ihm die Botschaft des Königs und die Kämpfe seines Herzens mitgeteilt, ihm die Entscheidung anheimstellend.

Ernst und still ging der alte Oberamtmann auf und nieder, den Blick des treuen, klugen Auges Zu Boden gesenkt.

Dann blieb er vor seinem Sohne stehen, blickte ihm voll und frei ins Gesicht und sprach mit milder, ruhiger Stimme:

»Ich danke dir, daß dein Vertrauen dich zu mir geführt. – Du verlangst meine Entscheidung – ich kann sie dir nicht geben. Ich habe meine Söhne erzogen, Männer zu sein – und in Konflikten, wie sie unsere Zeit bringt, muß der Mann der eigenen Stimme folgen fest und unbeirrt. – Aber,« fuhr er fort, indem er die Hand sanft auf die Schulter seines Sohnes legte, »meinen Rat und meine Ansicht bin ich dem Sohne, dem Jüngling schuldig, und ich will dir sagen, was ich denke – frei von allen persönlichen Rücksichten, allein der Stimme der Ehre und des Gewissens folgend, ohne daran zu denken, wie nahe deine Entschlüsse auch mich berühren. – Wenn du,« fuhr er langsam und ruhig fort, »jetzt mit deinem Eide an die Fahne des Königs gefesselt bleibst, so darfst du nicht vergessen, daß diese Fahne fortan nicht mehr diejenige der äußeren Ehre, sondern diejenige der Empörung gegen die von Europa anerkannte Obrigkeit ist, daß die Gefahr, der du entgegengehst, nicht mehr der Tod auf dem Schlachtfeld ist, sondern der Kerker, das Zuchthaus, vielleicht das Schafott. Der Schlaf wird deine Nächte fliehen, Sorge und Angst werden deine Begleiter sein. – Doch davon will ich nicht sprechen, ich weiß,« sagte er mit festem und stolzem Ton, »daß mein Sohn keine Gefahr scheut, sie möge Namen haben, welche sie wolle – wenn er ihr auf einem Wege begegnet, den seine Ehre und seine beschworene Pflicht ihm zu gehen vorschreiben. – Aber eine andere, eine größere Gefahr ist da. Stellst du dich dem Könige zur unbedingten Verfügung, so darfst du nicht vergessen, daß der unglückliche Herr heute nicht mehr auf dem von Gesetzen und Landesrechten umgebenen Throne sitzt, von welchem herab er nur Befehle geben kann, welche mit den Gesetzen und Rechten des Landes übereinstimmen. Gibst du dich ihm jetzt zu eigen mit dem höchsten und heiligsten Bande, das die Erde kennt, dem Fahneneide des Offiziers, so ist er dein absoluter Herr, und kennst du seine Umgebung, kennst du diejenigen, welche ohne verfassungsmäßige Verantwortlichkeit – und ohne persönliche Gefahr ihm ratend zur Seite stehen? Weißt du, welche Befehle du erhalten kannst, kannst du das Ende des Weges übersehen, wenn du den ersten Schritt tust? Kannst du wissen, ob nicht ein Augenblick kommt, in welchem dein Eid auf der einen Seite und deine Ehre, dein Gewissen, dein deutsches Blut,« sagte er mit Betonung, »auf der andern dich m einen furchtbaren Zwiespalt führen können? – Und dann,« fuhr er fort, »stehst du nicht allein. Helene, ich weiß es, wird dich nicht mit einem Wort, nicht mit einem Blick zurückhalten von dem Entschlusse, der dir der rechte scheinen würde, aber ihr Herz wird vergehen in der ewigen Sorge und Angst eines Lebens, das dich zum Geächteten macht!«

Der Leutnant sah traurig zu Boden.

»Helene, arme Helene!« sagte er, die Hände fallend, »aber meine Kameraden, der König!« flüsterte er.

Der Oberamtmann sah ihn lange an.

»Der König,« sagte er dann, »glaubt an einen Kampf für sein Recht, er glaubt an eine Wiedergewinnung seines Thrones, und deine Kameraden, welche sich ihm zur Verfügung stellen wollen, teilen diesen Glauben. – Ich teile ihn nicht!« fuhr er nach einer Pause fort, »denn ich sehe in dem Charakter des Königs und in seiner bisherigen Haltung nichts, was in einem so ungeheuren Kampf Erfolg versprechen könnte, es wird die moralische Wiederholung des Feldzuges vom vorigen Jahre werden, unglaubliche Hin- und Herzüge, Aufopferung heldenmütiger Hingebung, stetes Versäumen der richtigen Mittel und der richtigen Augenblicke – und endlich ein trauriges Ende in selbstgeschaffener Sackgasse, bei welchem den einzigen, schmerzlichen Ruhm die Opfer haben werden. – Sieh, mein Sohn,« fuhr der alte Herr fort, »das Unternehmen eines Fürsten, welcher allein mit seinem Recht und mit wenigen Getreuen dasteht, und welcher so gegen eine Macht, vor welcher die Großstaaten Europas zittern, in den Kampf tritt für sein Recht, das er nicht aufgeben will – hat etwas so Heldenhaftes, mächtig Ergreifendes, daß ich, der alte Mann, welcher gelernt hat, seine Gefühle durch Vorsicht und Erfahrung leiten zu lassen, davon hingerissen werden könnte. Allein – ich müßte die Möglichkeit eines Sieges, eines ehrenvollen Friedens, oder eines großen, ruhmvollen Untergangs sehen. Eine solche Möglichkeit aber sehe ich nicht. – Um zu siegen, oder um durch ehrenvollen Friedensschluß das verlorene Recht ganz oder teilweise wieder zur Geltung zu bringen – müßte der König sich furchtbar und mächtig machen, er müßte sich an die Spitze aller Ideen stellen, welche in Deutschland der preußischen Herrschaft widerstreben, damit, wenn sich je eine Bewegung gegen dieselbe erhebt, er von dieser Bewegung emporgetragen werde, er müßte die Möglichkeit schaffen, auch den Kern einer von mächtigem Gedanken durchströmten Armee bilden zu können, wenn es Not tut, um dann, wenn irgendeine Erschütterung Europas die Gelegenheit bietet, sein Recht zu reklamieren und es durch Kampf oder Vertrag geltend zu machen. Dazu fehlt aber in den bisherigen Manövern, soweit ich sie sehe, alles! Überall dasselbe schwächliche, zweideutige Spiel, man protestiert gegen die Annexion und möchte doch die Domänen unter der preußischen Herrschaft behalten, man will kämpfen und sieht ruhig zu, wie die nach London geretteten Papiere, zu deren Verkauf man so lange Zeit hatte, amortisiert werden, überall Negation statt der Handlungen, der König weiß zu befehlen, aber er versteht nicht zu herrschen! Ich habe hier manches gelernt und gesehen,« fuhr der alte Herr nach einigen Schritten durch das Zimmer fort, »das mir in der ruhigen und zurückgezogenen Tätigkeit in Blechow verborgen geblieben war, und ich muß sagen, was ich von dem Treiben in Hietzing höre – gefällt mir nicht und flößt mir wenig Vertrauen ein. Der General von Knesebeck hat mir Trauriges mitgeteilt. Ihn hat der König unglaublich schnöde behandelt, ebenso ist der alte General von Brandis fortgeschickt, und die Personen, welche sich hier als Vertreter des welfischen Patriotismus gerieren, in wohlfeilen Demonstrationen durch gelbweiße Kravatten und gelegentliche gelbweiße Fähnchen, glaubst du, daß sie die Leute sind, um im großen, geistigen und politischen Kampf Erfolge zu erringen? Mit einem Wort – ich sehe nichts vorher, als ruhmlose Gefahren, verfehltes Streben – und ein klägliches Ende. Dies ist meine Ansicht. – Doch,« fuhr er fort, »deinen Entschluß mußt du selbst fassen, – und,« fügte er mit warmem Blick hinzu, »welchen Weg du auch erwählen magst, du wirst ihn mit Ehren gehen, und mein Segen wird mit dir sein.«

Lange stand der junge Mann in schweigendem Nachdenken.

»Ich bleibe hier!« sagte er dann, seinem Vater die Hand reichend, welche dieser herzlich schüttelte. – »Ich werde meinen Kameraden meinen Entschluß mitteilen, ich will mich nicht heimlich zurückziehen, sollte jemals ein Augenblick kommen, in welchem der König mit Aussicht auf Erfolg und unter günstigen und ehrenvollen Umständen sein Recht im Felde wiederzuerobern versteht, so bin ich da und werde dann bei einem Aufruf nicht fehlen. Für jetzt werde ich meinen Abschied nehmen.«

Und erleichtert durch diesen Entschluß seufzte der junge Mann auf, ein heiteres Lächeln erleuchtete sein Gesicht.

»Hast du Bergenhof genau geprüft?« fragte sein Vater nach einer Pause, »Haus und Hofgebäude haben mir wohl gefallen –«

»Ich habe alles auf das Genaueste angesehen, Boden und Kultur sind gut, ich glaube, daß der Preis angemessen ist,« erwiderte der junge Mann.

»So laß uns in diesen Tagen noch einmal hingehen,« sagte der Oberamtmann, »und dann wollen wir abschließen, mich drängt es, wieder eine wahre, wirkliche Heimat zu haben, und dann – kannst du ja bald deine junge Hausfrau heimführen,« fügte er freundlich hinzu und nahm den Arm seines Sohnes, um seinen vom Podagra etwas schwerfällig gewordenen Gang zu unterstützen.

Beide verließen das Zimmer des Oberamtmanns, um sich in den Salon der Damen zu begeben.

Fast ähnlich waren die Zimmer der Frau von Wendenstein in dem gemieteten Hause zu Hannover den Räumen im alten Hause zu Blechow. Es waren zum Teil dieselben alten Möbel, es war überall dieselbe stille, einfache, saubere Traulichkeit, welche die sanft waltende Hand der alten Dame um sich her geschaffen hatte.

Helene war gekommen, um Einkäufe für ihre Ausstattung zu machen, und in diesem stillen Familienkreise blühte inmitten der großen Katastrophe, welche die Welt aus den Fugen riß, ein friedliches, selbstgenügendes Glück auf, das nur leicht beschattet wurde von den Wolken der Zeit.

Frau von Wendenstein saß in ihrem Lehnstuhl, freundlich lächelnd blickte sie auf die jungen Mädchen, welche verschiedene vor ihnen liegende Stoffe musterten.

Mit innigem Ausdruck blickte Frau von Wendenstein auf ihre künftige Schwiegertochter, deren sinnende Augen mehr inneren Bildern zu folgen schienen, als die vor ihr ausgebreiteten Muster zu betrachten. Das junge Mädchen war schöner als früher, ein Licht reinen Glücks verklärte ihre zarten Züge mit duftigem Hauch, aber es war nicht das lachende Glück des frischen, fröhlichen Augenblicks, es war ein träumender Ausdruck sinnigen Seelenlebens, der in wunderbarem Glanz aus den klaren Tiefen ihres Auges heraufschimmerte.

Der Oberamtmann mit seinem Sohne trat ein.

Ein flüchtiges Rot überzog Helenens Wangen. Der Leutnant führte seinen Vater zu einem Lehnstuhl neben seiner Mutter und küßte dann zärtlich und innig die Hand seiner Braut, welche mit strahlendem Blick zu ihm aufschaute.

»Nun,« sagte der Oberamtmann mit heiterem Lächeln, »ich hoffe, wir werden bald mit unseren Vorbereitungen fertig sein, beeilt also die euren, ich stehe in Unterhandlung wegen des Gutes Bergenhof, nicht zu weit von unserer alten Heimat in Blechow und von unserem Freund Berger, sobald ich abgeschlossen, wollen wir den Kindern da ihr Nest bauen.«

Errötend senkte Helene das Haupt.

»Wir werden fertig sein,« sagte Frau von Wendenstein mit einem leichten Anklang milden Selbstbewußtseins, »du weißt ja, daß ich gewöhnt bin, meinen pünktlichen Herrn Gemahl niemals warten zu lassen,« fügte sie lächelnd hinzu.

»Zuweilen auch ihn zu übertreffen und mit ihm zu schmollen, wenn er nicht zur rechten Zeit fertig ist,« lachte der Oberamtmann.

Der alte Diener öffnete die Tür und meldete:

»Der Herr Kandidat Behrmann.«

Der Oberamtmann stand auf und streckte dem eintretenden Kandidaten die Hand entgegen, der sie mit tiefer Verneigung ehrerbietig ergriff und dann die Damen und den Leutnant begrüßte.

Nichts war verändert in dem Äußern des jungen Geistlichen Sein einfacher schwarzer Anzug war ebenso sauber und glatt als die Züge seines ruhigen Gesichts, die niedergesenkten Augenlider und die würdevolle Bescheidenheit seiner Haltung vereinigten sich zu einem Ausdruck geistlicher Ruhe und Zurückhaltung.

»Ich komme nach Hannover,« sagte er mit leiser, salbungsvoller Stimme, »um mir meine Ernennung zum Adjunkten meines Oheims bestätigen zu lassen, welche in der Unruhe des vorigen Jahres noch nicht definitiv ausgefertigt wurde und bis jetzt immer im Zustande des Provisoriums erhalten ist. – Es ist traurig für mich,« fuhr er fort, »mit den Behörden der neuen Herrschaft verhandeln zu müssen, aber der Wunsch meines Oheims, diese Sache reguliert zu sehen –«

»Und wie geht es dem lieben Freunde?« rief der Oberamtmann.

»Seine Gesundheit ist vortrefflich,« antwortete der Kandidat, »aber sein Herz ist schwer bedrückt, er unterwirft sich, wie es christliche Pflicht ist, der Obrigkeit, die da Gewalt über uns hat, aber sein Herz und seine Liebe gehören dem verbannten Könige – und schwer trauert er über das Schicksal des Landes.«

Der Oberamtmann blickte schweigend und düster zu Boden.

»Der Oheim hat mir die herzlichsten Grüße für den Herrn Oberamtmann und seine Familie aufgetragen,« sprach der Kandidat, »und mir diesen Brief für Helene mitgegeben.«

Er zog aus der Tasche seines Rockes einen Brief und reichte ihn seiner Cousine.

Das junge Mädchen hatte seit dem Eintritt ihres Vetters die Augen zu Boden geschlagen, eine leichte Blässe überdeckte ihr Gesicht, rasch nahm sie den Brief, den der Geistliche ihr darreichte, ein scheuer Blick erhob sich zu ihrem Vetter und senkte sich schnell wieder vor seinem scharfen, stechenden Auge, das sich auf sie richtete.

Sie erhob sich und trat in die Nische des Fensters, um den Brief ihres Vaters zu lesen.

»Und wie geht es sonst in Blechow?« fragte der Oberamtmann, »was macht der alte, brave Deyke – und Fritz?«

»Fritz Deyke und seine junge Frau aus Langensalza,« sagte der Kandidat, »führen die Wirtschaft des Hofes, welche der alte Deyke ihnen übergeben, der sich nur sein Ehrenamt als Bauermeister vorbehalten – und es herrscht ein neues, munteres Leben aus dem sonst so ruhigen und stillen, alten Hofe. – Die junge Frau ist fromm,« fuhr er mit salbungsvollem Tone fort, »eine Beschützerin aller Armen des Dorfes, und mein Oheim hat viel Freude an ihrem Tun und Treiben, der Alte macht sich zuweilen in einigen derben Äußerungen über die neue Landesherrschaft Luft, aber ein Blick seiner Schwiegertochter bringt ihn wieder zum Schweigen. – Wenn überall die alte und die neue Zeit sich in so freundlicher Harmonie die Hand reichen, wie auf dem Bauernhofe des alten Deyke, so wäre der Frieden bald hergestellt!«

»Nun,« sagte der Oberamtmann, ernst die Hände faltend, »Gott wird alles fügen nach seinem Wohlgefallen! – In Zeiten wie die unsrigen muß der einzelne Mensch schweigend erwarten, wohin die Vorsehung die Schicksale der Völker führt.«

»Amen!« sprach der Kandidat, das Haupt neigend.

»Herr von Tschirschnitz und Herr von Hartwig!« meldete der alte Diener, und die beiden Herren, frühere hannoverische Offiziere, traten in den Salon.

Herr von Tschirschnitz, der Sohn des früheren Generaladjutanten des Königs Georg, war ein großer, schöner Mann von hohem, kräftigem Wuchs; die ausdrucksvollen Züge seines von dunkelblondem Vollbart umrahmten Gesichts drückten Intelligenz und Energie aus; Herr von Hartwig, älter als jener, hatte weiche, kränkliche Züge, sein Kopf war ganz kahl und seine hellen, freundlichen Augen blickten jetzt wehmütig und traurig.

Die Herren setzten sich zu dem Tische, nachdem sie den Oberamtmann und die Damen begrüßt und ihrem Kameraden, dem jungen Herrn von Wendenstein, herzlich die Hand gedrückt.

»Kandidat Behrmann aus Blechow,« sagte der Oberamtmann vorstellend.

Die Herren verneigten sich. »Ein guter Hannoveraner?« rief Herr von Hartwig mit freiem Ausdruck, »wie es sich ja hier von selbst versteht!« fügte er zum Oberamtmann gewendet hinzu.

Der Kandidat neigte schweigend das Haupt.

Herr von Tschirschnitz betrachtete ihn mit forschendem Blick.

»Ich habe mit tiefer Teilnahme von dem harten Schlage gehört, der Sie betroffen,« sagte Frau von Wendenstein mit innigem Ausdruck, sich an Herrn von Hartwig wendend, »wie konnte dies schwere Unglück so schnell kommen?«

»Meine arme Frau,« erwiderte Herr von Hartwig, indem eine Träne sein Auge verdunkelte, »war schwer erschüttert durch die Ereignisse, man brachte mich ihr auf den Tod verwundet, die unermüdliche Pflege, die Sorge und Angst haben ihre schon schwankende Gesundheit zerrüttet – ein chronisches Brustleiden nahm schnell eine akute Gestalt an, und als ich mich von meinem Lager erhob,« fügte er mit bebender Stimme hinzu, »da war es – um meine Frau zu Grabe zu geleiten.«

»Welche Schmerzen, welcher Jammer!« sagte Frau von Wendenstein leise, »o die Kronen der Fürsten müßten sich nur mit Perlen schmücken, statt mit Diamanten und Rubinen, wie viele Tränen haften an ihrem Glanz!«

»Aber es wird ein Tag der Rache kommen,« rief Herr von Tschirschnitz, »und vielleicht ist er nahe!«

»Rache?« sprach der Oberamtmann ernst und sinnend, »die Rache ist des Herrn, vor dessen Blick allein Schuld und Unschuld offen liegt, menschliche Rache fügt nur immer weiter Ring an Ring in der furchtbaren Kette der Leiden. – Doch,« unterbrach er sich, »Was gibt es Neues in dieser Zeit, wie sind die Herren zufrieden, welche in den preußischen Dienst getreten?«

»Sie werden mit aller Zuvorkommenheit behandelt,« erwiderte Herr von Tschirschnitz, »aber sie fühlen selbst mehr, als man es sie fühlen läßt, wie schwer die Stellung ist, in welche die Notwendigkeit sie gedrängt hat, um so mehr, als sie vielleicht bald in der neuen Uniform ins Feld ziehen sollen!«

Der Leutnant horchte hoch auf.

Der Kandidat warf einen schnellen Blick auf die Offiziere.

»Ins Feld ziehen?« rief der Oberamtmann, »wie das?«

»Seit gestern,« sagte Herr von Tschirschnitz, »spricht alle Welt von großen Verwicklungen, Frankreich hat sich Luxemburg von Holland abtreten lassen, die Zeitungen bringen die Nachricht von großen, französischen Rüstungen, auch hier sollen im stillen Vorbereitungen getroffen werden, welche auf ernste Ereignisse schließen lassen.«

»Ein Krieg gegen Frankreich?« sagte der Oberamtmann, »das könnte ja vielleicht die neue Waffenbrüderschaft fester kitten.«

Die Offiziere schwiegen.

Der Leutnant von Wendenstein stand auf und schritt im Zimmer auf und nieder.

»Ich bitte um die Erlaubnis,« sagte der Kandidat, »meinen Geschäften nachgehen zu dürfen, meine Zeit ist gemessen, und ich habe viele Gänge zu machen.«

Er stand auf.

Die Herren erhoben sich ebenfalls.

»Wir müssen Euch allein sprechen,« flüsterte Herr von Tschirschnitz dem Leutnant von Wendenstein zu.

»Sogleich – wir wollen auf mein Zimmer gehen,« erwiderte dieser und trat zu Helene, welche den Brief ihres Vaters gelesen hatte.

»Ich hoffe,« sagte der Oberamtmann zum Kandidaten, »daß wir Sie vor Ihrer Rückreise noch sehen?«

»Ich werde nicht versäumen, mich zu empfehlen, und,« fügte er mit einem schnellen Seitenblick auf seine Cousine hinzu, die ihre Hände um den Arm ihres Verlobten geschlungen und ihr Haupt leicht an seine Schulter gelehnt hatte, »und eine Antwort von Helene an ihren Vater abzuholen.«

Helene neigte den Kopf, ohne ihre Augen aufzuschlagen.

Der Kandidat verließ das Zimmer mit demütiger Verneigung, ein mildes Lächeln auf den geschlossenen Lippen.

Als er auf die Straße gekommen war, verschwand dieses Lächeln, ein scharfer Strahl blitzte aus seinem Auge, und ein harter, feindlicher Ausdruck legte sich auf seine Züge. Bald aber zeigte sein Gesicht wieder seine gewöhnliche, gleichmäßige Ruhe, und mit raschen Schlitten ging er nach dem Georgswalle und trat in das große Haus dem Theater gegenüber, in welchem der preußische Zivilkommissar, Freiherr von Hardenberg, sein Geschäftslokal eingerichtet hatte.

Ein Bureaudiener führte ihn in das Vorzimmer des Zivilkommissars. Nach einer halben Stunde stand er vor dem Chef der Preußischen Zivilverwaltung im ehemaligen Königreich Hannover.

Herr von Hardenberg, ein Mann von etwa dreiundvierzig Jahren, mit vornehmen, freundlich wohlwollenden Zügen von etwas nervös gereiztem Ausdruck, saß vor seinem Schreibtisch und lud durch eine Handbewegung den Kandidaten ein, ihm gegenüber Platz zu nehmen.

In demütiger Haltung und mit niedergeschlagenen Augen sprach der junge Geistliche:

»Ich bin gekommen, um Eure Exzellenz zu bitten –«

»Ich bin nicht Exzellenz,« sagte Herr von Hardenberg kurz.

Der Kandidat verneigte sich tief. – »Mir war,« sagte er, »von der früheren Regierung die Zusicherung erteilt worden, daß ich der Adjunkt meines Oheims, des Pfarrers Berger in Blechow, und demnächst sein Nachfolger werden solle, die Ausfertigung ist in Vergessenheit geraten, und ich wollte untertänigst bitten –«

»Warum wenden Sie sich nicht an die Abteilung für Kultusangelegenheiten?« fragte Herr von Hardenberg.

»Ich habe es mehrfach vergeblich getan,« erwiderte der Kandidat, »ich weiß nicht, ob der Drang der Geschäfte oder persönliches Übelwollen schuld sind,« er schlug in schnellem Aufblick das Auge empor – »ich kann jenes starre Festhalten an den früheren Zuständen nicht zur Schau tragen,« fuhr er fort, »vielleicht, daß deshalb die hohen geistlichen Herren –«

»Sie erfassen also die neuen Verhältnisse,« fragte Herr von Hardenberg ihn forschend anblickend, »wie wir wünschen, daß sie erfaßt werden möchten Zum Wohle des Landes, dem wir alle unsere Sorgfalt widmen, und dem wir mit aufrichtiger Liebe entgegenkommen?«

»Gott hat gerichtet!« sagte der Kandidat, die Hände faltend, »und dem Diener Gottes kommt es nicht zu, dem Urteil des Herrn zu widerstreben, seine Pflicht ist es, die Härten dieses Urteils in christlicher Gesinnung, in Ergebenheit und Liebe zu mildern.«

»Ich freue mich aufrichtig, Herr Kandidat,« sagte Herr von Hardenberg, ihn forschend anblickend, »wie wir wünschen, daß sie Zeile fehlt im Buch. Re.… sinnungen zu begegnen, wenn dieselben allgemein wären – wie viel leichter würde es uns werden, dem Willen des Königs gemäß, mit schonender und liebevoller Hand das Land in die neuen Verhältnisse hinüberzufahren! – Leider,« fuhr er fort, »teilen nicht alle Ihre Standesgenossen diese Anschauungen, und gerade in den Kreisen der lutherischen Geistlichen begegnen wir einem Widerstande, der um so bedenklicher ist, als er sich hinter die Unantastbarkeit der geistlichen Würde stellt.«

Der Kandidat schwieg einen Augenblick. – »Ich bin noch jung an Jahren und im Amte,« sagte er dann, »und mein Urteil mag unrichtig sein, ab»– ich glaube nicht, daß diese widerstrebenden Gesinnungen sich so leicht werden beseitigen lassen« – er hielt inne.

»Und woher glauben Sie denn, daß jene Gesinnungen kommen?« fragte Herr von Hardenberg gespannt, »doch nicht aus der bloßen Anhänglichkeit an den König Georg – er war ja den meisten persönlich unbekannt –«

»Wenn ich mir erlauben dürfte,« sagte der Kandidat zögernd, »meine Ansicht über diese Frage, wie über die ganze Lage des Landes auszusprechen –«

»Ich bitte Sie darum!« rief Herr von Hardenberg, »ein Wort der Aufklärung von jemand, der in den Verhältnissen steht, kann für uns nur von größtem Nutzen sein, und,« fügte er artig hinzu, »uns zur größten Dankbarkeit verpflichten.«

»Ich möchte glauben,« sagte der Kandidat, indem er die Augen aufschlug und den Blick voll auf Herrn von Hardenberg richtete, »daß die feindliche Haltung der Geistlichkeit gegen die neuen Zustände nicht politischer, sondern, um mich so auszudrücken, rein theologischer Natur ist. – Die preußische evangelische Landeskirche,« fuhr er fort, »beruht auf der Union, dieser Wiedervereinigung dessen, was der Streit der Reformatoren geschieden, die hannoverische Kirche steht auf dem Boden des strengen und exklusiven Luthertums, welches eher noch zur katholischen Kirche zurückkehren würde, als den Reformierten einen Schritt entgegenkommen. Die Geistlichen in Hannover sehen nun,« sprach der Kandidat weiter, »in Preußen und allem preußischen Wesen die Verkörperung der Union, das heißt den Übergang zum reformierten Bekenntnis oder den religiösen Indifferentismus, sie finden die altlutherische Kirche bedroht – und,« fuhr er seufzend fort, »um den Grad von fanatischer Erbitterung zu begreifen, welchen diese Auffassung hervorruft, muß man innerhalb der geistlichen Kreise stehen wie ich. – Ich bin,« sagte er nach einer kleinen Pause, »in dieser Frage ein unparteiischer Beobachter. – Seit lange schon habe ich die kirchlichen Verhältnisse in Preußen zum Gegenstande meines Studiums gemacht, und seit lange schon habe ich jene weise Einrichtung der evangelischen Landeskirche bewundert, welche auf dem Boden der Union beider Bekenntnisse alle Gehässigkeiten, Feindschaften und Verketzerungen ausschließt, die das exklusive Luthertum mit sich bringt – dieses Luthertum, welches heute so weit abgeirrt ist von dem Geist der evangelischen Freiheit und Liebe, wie er die ersten Reformatoren erfüllte.«

Herr von Hardenberg hatte aufmerksam zugehört.

»In der Tat,« sagte er, »Sie mögen recht haben, aber was ist dagegen zu tun?«

»So lange die alte hannöverische Kirche besteht,« erwiderte der Kandidat langsam, »wird ihr Einfluß immer den neuen Zuständen feindlich sein – sie wird sich der Notwendigkeit beugen, aber die Rückkehr er früheren Verhältnisse ersehnen, die Einführung der Union, die Einfügung Hannovers in die preußische Landeskirche ist die einzige Möglichkeit, den Einfluß, der Geistlichkeit für das Werk der Assimilierung der Bevölkerungen zu gewinnen.«

»Die Einführung der Union?« rief Herr von Hardenberg, »wenn Sie die preußische kirchliche Entwicklung verfolgt haben, so werden Sie wissen, welche gewaltsame Erschütterungen die Einführung der Union in Preußen selbst hervorrief, und zwar in den ruhigsten Zeiten, unter einer absoluten Regierung. Sollten wir in diese gährenden, von Agitationen durchwühlten Bevölkerungen noch die furchtbaren Aufregungen werfen, welche eine gewaltsame Einführung der Union nach sich ziehen muß?«

»Gewaltsam?« fragte der Kandidat, »das ist meine Meinung nicht gewesen, die gewaltsame Einführung war – wenn ich mir erlauben darf, es auszusprechen – auch in Preußen ein Fehler, man müßte ganz langsam und unmerklich vorgehen, wie denn ja überhaupt der Prozeß, der sich hier vollzieht, ein langsamer ist, der nur allmählich durch geschickte Behandlung der Gärungen zur Abklärung führen kann.«

»Und wie würde sich dies unmerkliche und langsame Vorgehen praktisch zu gestalten haben?« fragte Herr von Hardenberg, der mit immer lebhafterem Interesse zuhörte.

»Die jüngere Geistlichkeit,« sagte bei Kandidat, »neigt sich in großer, überwiegender Mehrzahl denjenigen Anschauungen zu, welche ich mir aus dem unbefangenen Studium der kirchlichen Verhältnisse gebildet habe, sie sehen in der Union einen großen, wirklich reformatorischen und protestantischen Gedanken von segensreichem, mächtigem Einfluß sowohl für die politische Stellung, als für die innere freie Entwicklung der Kirche, sie alle würden mit Freuden eine kirchliche Einigung des ganzen Nordens, des ganzen protestantischen Deutschlands begrüßen, eine Einigung, der die politische Zerrissenheit bisher im Wege stand. – Man müßte also,« fuhr der Kandidat nach einer augenblicklichen Pause fort, »überall, wo und je nachdem die Verhältnisse es möglich machen, jüngere, der kirchlichen Unionsidee ergebene, und damit natürlich auch der politischen Assimilierung günstige Geistliche an die Stelle der alten, exklusiven Vertreter des starren Luthertums bringen, und auf diese Weise ohne alle scheinbare Absicht und ohne schroffe Übergänge den geistlichen Einfluß der neuen Ordnung der Dinge gewinnen und sichern. – Der Erfolg,« fügte er hinzu, »kann nicht ein plötzlicher sein – aber ich möchte dafür bürgen, daß er ein sicherer sein wird.«

»Sie sehen die Verhältnisse klar und unbefangen an,« sagte Herr von Hardenberg, »ich freue mich, daß mir Gelegenheit geworden ist, mich mit Ihnen zu unterhalten. Sie selbst,« fuhr er fort, den Kandidaten fixierend, »würden ohne Zweifel in der von Ihnen angedeuteten Richtung zu wirken bereit sein?«

»Ich bin Adjunkt meines Oheims und kam hierher, um Ihre Bestätigung dafür zu erbitten.«

»Ich werde sogleich das nötige veranlassen,« sagte Herr von Hardenberg, »Ihr Oheim –«

»Der Pastor Berger in Blechow,« sagte der Kandidat – Herr von Hardenberg notierte die Namen auf ein Blatt Papier – »mein Oheim,« fuhr der Kandidat fort, »gehört der allerstrengsten und exklusivsten lutherischen Richtung an, er tut gewiß nichts, um Agitationen zu befördern, aber er wird niemals die neuen Verhältnisse freundlich ansehen.«

»Aber er ist alt?« fragte Herr von Hardenberg, »und es würde vielleicht seine Emeritierung möglich sein?«

»Herr Baron,« sagte der Kandidat mit leiser Stimme, »es ist mein Oheim, den ich wie einen zweiten Vater liebe, sein Vermögen setzt ihn freilich in den Stand, sorgenfrei zu leben, doch liebt er sein Amt und seine Gemeinde.«

Herr von Hardenberg schwieg einen Augenblick. »Seien Sie versichert, Herr Kandidat,« sagte er dann, »daß ich für die Erfüllung Ihres Wunsches Sorge tragen werde. Ich hoffe, daß Sie zur Beruhigung des Landes nach Kräften mitwirken werden, und es wird mich immer freuen, Sie wiederzusehen.«

»Ich bin glücklich,« erwiderte der Kandidat, »daß meine Bemerkungen Ihnen nicht mißfallen haben, und es würde mir zur größten, Befriedigung gereichen, wenn ich durch dieselben hätte dazu beitragen können, das nach der göttlichen Weltlenkung unabwendbare Schicksal meines Landes einer freundlicheren und versöhnenden Zukunft entgegenzuführen, um so mehr, als auch auf anderen Gebieten Gefahren drohen – und vielleicht noch manche Opfer einer verderblichen Agitation zu verfallen bestimmt sind,« fügte er seufzend hinzu.

Herr von Hardenberg horchte hoch auf.

»Da Sie mit so scharfem Blick,« sagte er, »die Verhältnisse auf dem kirchlichen Gebiete beobachtet und verfolgt haben, sollten Sie sonst nicht auch gesehen haben, was nützlich – oder gefährlich sein könnte?«

»Ich habe hier gehört,« sagte der Kandidat ein wenig zögernd, »daß in Angelegenheiten Luxemburgs eine Verwicklung mit Frankreich in der Luft schwebe, ich fürchte fast, daß die Agitation, welche von dem König Georg oder dessen Umgebung ausgeht, in großer Tätigkeit ist, und daß vielleicht irregeleitete junge Leute – Offiziere zu bedenklichen Zwecken gemißbraucht werden könnten, wodurch viele Familien in Bekümmernis versetzt werden würden.«

Herr von Hardenberg blickte in höchster Spannung auf das gleichmäßig ruhige Gesicht des Kandidaten.

»Wissen Sie etwas Näheres darüber?« fragte er lebhaft, »können Sie mir einen Anhaltspunkt für meine Wachsamkeit geben, können Sie mir Personen bezeichnen?«

Der Kandidat machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand.

»Herr Baron,« sagte er, »ich kann wohl warnen, aber nicht denunzieren.«

»Die Sache ist ernst!« erwiderte der Zivilkommissar mit Betonung, »ich hätte ein Recht nach Ihrer Andeutung, Sie nach bestimmten Angaben zu fragen, indes, ich will Sie nur darauf aufmerksam machen, daß eine Mitteilung, die Sie mir machen könnten, keinen denunziatorischen, keinen gehässigen Charakter haben würde. Auch ich habe Grund zu glauben, daß in den welfischen Kreisen etwas vorgeht, im Interesse der jungen Leute selbst, welche verführt und gemißbraucht werden könnten, wünschte ich dringend, Präventivmaßregeln treffen zu können, bevor etwas geschehen ist, denn jedes wirkliche feindliche Vorgehen gegen uns in diesem Augenblick würde mit der vollsten und rücksichtslosesten Strenge der Gesetze geahndet werden müssen.«

»Das wäre schrecklich!« rief der Kandidat mit dem Ausdruck eines lebhaften Erschreckens, »wenn diese so würdige Familie –! Herr Baron,« sagte er, die Hand wie in unwillkürlicher Bewegung auf den Arm des Zivilkommissars legend, »wenn es sich um Präventivmaßregeln handelt – achten Sie auf den Leutnant von Wendenstein!«

»Von Wendenstein?« fragte Herr von Hardenberg, »der Sohn des Oberamtmanns, der seit dem vorigen Jahre hier wohnt?«

»Derselbe,« sagte der Kandidat, »ich fürchte, er verkehrt viel mit sehr preußenfeindlich gesinnten Offizieren, Herr von Tschirschnitz, Herr von Hartwig –«

»Herr von Hartwig?« rief der Zivilkommissar lebhaft, »das ist ja –« er unterbrach sich – »und Herr von Hartwig ist hier bei dem Herrn von Wendenstein gewesen, das könnte auf eine Spur fühlen,« murmelte er, »wenn es gelänge, die Fäden zu entdecken –«

»Ich bitte Sie aber um Gottes willen, Herr Baron,« rief der Kandidat, »mit Vorsicht zu verfahren – und mich nicht zu kompromittieren – vergessen Sie nicht, daß ich in der besten Absicht gehandelt habe!«

»Seien Sie unbesorgt, mein Herr,« sagte Herr von Hardenberg, »und rechnen Sie auf meine Dankbarkeit für Ihren wohlmeinenden Eifer, uns nützlich zu sein!«

Er stand auf.

Der Kandidat erhob sich und verließ, sich tief verneigend, mit niedergeschlagenen Augen das Kabinett.

»Wenn es gelingt,« flüsterte er, »diese nahe Hochzeit aufzuschieben, so habe ich noch ein weites Feld vor mir und kann das Verlorene wiedergewinnen. – Alles gestaltet sich günstig, soll ich das Vermögen des Oheims verlieren, weil es einem nichtsbedeutenden Offizier gefällt, einen Roman mit meiner Cousine zu spielen? Wir werden sehen!«

Und mit einem triumphierenden Lächeln auf seinen dünnen Lippen verließ er das Haus.

Herr von Hardenberg hatte inzwischen einige Zeilen auf ein Papier geschrieben, das er faltete und versiegelte.

»Dies sogleich dem Herrn Polizeidirektor Steinmann!« befahl er dem auf den Schall der hastig gezogenen Glocke eintretenden Bureaudiener.

Zehntes Kapitel.

In dem großen, hellen Kabinett des Palais am Ballhofplatze in Wien saß in seinem Lehnstuhl vor dem breiten Schreibtisch, den Rücken der Eingangstür zugewendet, der Minister des kaiserlichen Hauses und des Äußern Freiherr von Beust.

Das leicht ergrauende und etwas dünn gewordene Haar war sorgfältig frisiert und fiel in zwei gleichmäßigen Seitenlocken neben der hohen, weißen Stirn herab. Den an der einen Seite etwas herabhängenden Mund umspielte ein leichtes Lächeln, das im Verein mit dem heiteren Blicke der Augen dem ganzen ausdrucksvollen Gesicht des Ministers den Stempel ruhiger Zufriedenheit aufdrückte.

Herr von Beust war bequem in seinen Stuhl zurückgelehnt und durchflog mit aufmerksamem Blick einen Bericht, den ihm der Sektionschef von Hofmann, welcher zur Seite des Schreibtisches dem Minister gegenüber saß, soeben gereicht hatte.

Herr von Hofmann, eine trockene, bureaukratische Gestalt mit ziemlich unbedeutenden, faltigen Gesichtszügen, älter erscheinend als er war, beobachtete mit aufmerksamen Blicken das bewegliche Mienenspiel in dem Gesicht seines Chefs, der bei seiner Lektüre mehrmals mit dem Kopfe nickte, als wolle er seine Billigung mit dem, was er las, ausdrücken.

»Ich bin sehr erfreut,« sagte er endlich, indem er den durchgelesenen Bericht auf den Tisch warf, »daß der Fürst Michael sich geneigt zeigt, seine weitgehenden Forderungen zurückzuziehen und sich mit der Räumung der serbischen Festungen von türkischem Militär zu begnügen – dieser Prinz von Hohenzollern auf dem rumänischen Fürstenstuhl ist eine böse Sache für uns, man hat ihm durch den französischen Einfluß in Konstantinopel so große Vorrechte zugestanden, daß nun die anderen tributären Fürsten unruhig werden und uns mit ihren Querelen über Nacht die orientalische Frage über den Hals bringen können. – Das ist das Pulverfaß an unseren Grenzen,« fuhr er fort, indem der heitere Ausdruck seines Gesichts einem nachdenklichen Ernst Platz machte, »an welchem Preußen durch seinen Alliierten in Petersburg fortwährend die Lunte hält und das uns in jeder unabhängigen Aktion, in jeder freien Wahl unserer Allianzen behindert!« –

»Dank der Geschicklichkeit Eurer Exzellenz wird es aber gelingen, diese Gefahr zu beseitigen,« sagte Herr von Hofmann, »Österreich tritt ja jetzt wieder in die Reihe der Staaten, welche wirklich durchdachte und geniale Politik machen, und der Geist vergangener großer Tage weht wieder durch die Räume der alten Staatskanzlei.«

Das Lächeln kehrte aus die Lippen des Herrn von Beust zurück.

»Wir müssen nun,« sagte er, die Spitze seines zierlichen Stiefels betrachtend, welche unter dem weiten Beinkleid hervorspielte, »wir müssen allen unseren Einfluß aufbieten, um die Pforte zu bestimmen, diese Räumung zu bewilligen. Lassen Sie schleunigst eine Instruktion in diesem Sinne an den Internuntius abgehen, er soll auf schnelle Antwort dringen, damit diese serbische Frage definitiv geordnet werde.«

Herr von Hofmann verneigte sich.

»Doch wir müssen weitergehen,« sagte Herr von Beust, »diese orientalische Frage muß für lange Zeit ihres gefährlichen Charakters entkleidet werden, und zugleich,« fuhr er langsamer und nachdenklicher fort, »können wir sie benutzen, um die Verbindung Rußlands mit Preußen zu lösen, diese Verbindung, welche uns in jeder Bewegung lähmt. Rußland hält fest zu Preußen, weil es eine Rückendeckung für seine Politik im Orient bedarf, kommen wir ihm unsererseits entgegen, zeigen wir ihm, daß es hier Eingehen auf seine Wünsche findet, so wird es vielleicht gelingen, jene enge Verbindung zu lockern. Ich habe schon mit Gramont darüber gesprochen, daß es nötig wäre, durch eine gemeinsame Vorstellung der Großmächte in die Pforte zu dringen, daß sie die gerechten Anforderungen ihrer christlichen Untertanen in Kandia, Thessalien und Epirus durch genaue Ausführung des Hat Humaym befriedige. – Außerdem aber möchte eine Revision des Pariser Traktates von 1856 behufs Abänderung einiger Rußland zu stark beschränkender Bestimmungen desselben anzuregen sein, man wird uns in Petersburg für eine solche Anregung danken. Wollen Sie eine vertrauliche Instruktion in diesem Sinne an den Fürsten Metternich entwerfen, ich werde ausführlich mit Gramont sprechen.«

»Ich bewundere den genialen Scharfsinn Eurer Exzellenz,« sagte Herr von Hofmann, »Ihr Blick umfaßt das ganze Schachbrett der europäischen Politik und weiß jeden Stein an die richtige Stelle für die große Kombination zu bringen!«

»Ich muß,« sagte Herr von Beust lächelnd, »die Studien und Beobachtungen, welche ich gemacht und als sächsischer Minister nicht verwerten konnte, jetzt für Österreich nutzbar machen. – Dem Kaiser Napoleon traue ich nicht ganz,« fuhr er fort, »ich fürchte, er spielt ein doppeltes Spiel und möchte, wenn er einige Kompensationen zur Beruhigung des französischen Nationalgefühls erlangen kann, sich mit Preußen und Rußland vereinigen und diese Trias als europäischen Areopag konstituieren, mit Preußen allein wird er sich nicht zu eng verbinden. Auch aus diesem Grunde ist die Trennung Rußlands von dem Berliner Kabinett nötig, und wir bewerkstelligen sie am besten durch die geschickte Benutzung des Punktes, welcher sie gebildet, die orientalische Frage. Dies ist eine Giftpflanze für Österreich,« fügte er lächelnd hinzu, »machen wir sie nicht nur unschädlich – sondern ziehen wir aus ihr Honig, wie die geschickte Biene.«

Ein Kanzleidiener trat ein und stellte vor den Minister eine große, schwarze Mappe auf den Schreibtisch.

Herr von Beust öffnete dieselbe mit einem kleinen Schlüssel und zog einige Papiere daraus hervor, welche er eifrig durchflog. Ein Ausdruck von Erstaunen und Schreck überflog sein Gesicht.

»Da sehen Sie,« rief er, »wie recht ich hatte, der französischen Politik zu mißtrauen! – Graf Wimpffen berichtet, man sei in Berlin plötzlich über eine projektierte Abtretung Luxemburgs an Frankreich unterrichtet, die öffentliche Meinung sei aufs äußerste erregt, eine Interpellation im Reichstage werde morgen stattfinden, und trotz der äußeren, fast gleichgültigen Ruhe des Grafen Bismarck müsse die Situation als eine äußerst gespannte und bedenkliche angesehen werden. – Da haben wir,« fuhr er fort, indem er den Bericht, den er soeben gelesen, Herrn von Hofmann reichte, »da haben wir den Schlüssel zur französischen Politik! – Für die Abtretung Luxemburgs – demnächst vielleicht die Erwerbung Belgiens – will er die ernste Anerkennung der preußischen Herrschaft in Deutschland, die Allianz mit Preußen und Rußland geben, Österreichs Zukunft preisgeben! – Glücklicherweise,« fuhr er fort, »täuscht sich dieser schlaue Spieler in seiner Kombination, Graf Bismarck ist kein Faktor, mit dem er zu rechnen versteht, er wird ihm den Preis nicht zahlen – dieser Mann,« fügte er mit unmutigem Tone hinzu, »mit welchem eine regelmäßige vorberechnende Politik gar nicht möglich ist! – Aber,« sagte er nach einer Pause, während Herr von Hofmann aufmerksam den Bericht des Grafen Wimpffen durchlas, »wenn dieser Konflikt zu einem kriegerischen Zusammenstoß führte, vielleicht wäre das in Berlin gar nicht so unerwünscht, was würde die Folge sein? – Jedenfalls eine definitive Konstituierung der europäischen Zustände, und ohne Österreichs Mitwirkung, denn wir sind im Chaos der Übergänge, wir können nicht handeln! Damit wäre,« fuhr er sinnend fort, »Österreich verurteilt, für immer unter den Folgen des Schlages vom vorigen Jahre zu bleiben, das große Ziel, welches nur durch eine wohlvorbereitete, kunstvoll und vorsichtig eingeleitete Aktion der Zukunft erreicht werden kann, wäre für immer verloren. Die große Aufgabe der österreichischen Politik ist es, ohne den Anschein davon zu haben, jede definitive Konstituierung und Konsolidierung der europäischen, insbesondere der deutschen Zustände zu verhindern, durch das Spiel der entgegengesetzten Interessen Zeit zur inneren Kräftigung und zu richtigen Allianzkombinationen zu gewinnen, damit dann,« fuhr er fort, indem sein Auge mit lichtem Blick sich weit öffnete, »dann, wenn die Kraft des neuen Blutes die habsburgische Monarchie durchströmt, wenn der Bann der Isolierung Österreichs gebrochen ist, dann das Verlorene wieder eingebracht und neue, glänzende und feste Macht gewonnen werden könne!«

Er schwieg einen Augenblick, das Auge wie auf eine innere Vision gerichtet.

»Doch,« sagte er dann, »bis dahin ist noch ein weiter Weg zu machen, für jetzt gilt es, die dunklen Wege Napoleons zu durchkreuzen, er darf Luxemburg nicht erhalten, darf auf dieser Basis nicht zur Verständigung mit Deutschland kommen, aber es darf auch kein Krieg aus dieser Frage entstehen, der Österreichs Neugestaltung hemmen und die Politik der Zukunft abschneiden würde.«

»Glauben Eure Exzellenz, daß man in Frankreich bis zum äußersten vorgehen würde?« fragte Herr von Hofmann.

»Wer weiß?« sagte der Minister, »bei Napoleon muß man immer mit der Möglichkeit eines coup de tête rechnen.«

Und er durchblätterte die Papiere, welche er vorher aus der Mappe genommen hatte.

»Da ist ein Bericht von Metternich!« sagte er, lebhaft einen Bogen ergreifend, »wir werden sehen, was in Paris vorgeht.«

Er durchflog das Papier.

»Man ist in Paris sehr aufgeregt,« fuhr er fort, »der Kaiser ist entrüstet über die plötzliche Enthüllung seiner Pläne, Moustier drängt zu festem Vorgehen, eine starke, chauvinistische Bewegung umgibt den Kaiser – das ist schlimm – um jeden Preis muß ein Bruch vermieden werden, doch,« sagte er erleichtert aufatmend, indem er den Schluß des Berichts las und denselben dann Herrn von Hofmann reichte, »die Kaiserin arbeitet auf das lebhafteste für den Frieden – das ist ein Stützpunkt, den man benutzen muß – wir müssen alle Tätigkeit aufbieten, um diesen Schlag zu parieren, – Telegraphieren Sie sogleich an Metternich,« sagte er nach einem augenblicklichen Nachdenken, »daß er auf das lebhafteste unseren Wunsch, den Frieden zu erhalten, betonen und unsere bons offices nach jeder Richtung anbieten solle, ich werde ihm selbst sogleich persönlich schreiben, damit er seinen ganzen Einfluß aufbiete, die Gefahr zu beschwören. Eine gleiche Instruktion muß an Wimpffen abgehen. – Dann,« fuhr er fort, »müssen wir mit England eine gemeinsame Vermittlung vorbereiten, eine Konferenz vorschlagen, das wird man von beiden Seiten kaum ablehnen können, und,« sagte er lächelnd, »haben wir die Sache erst am grünen Tisch, so wird sich das Echauffement abkühlen; wollen Sie eine Instruktion an den Grafen Apponyi aufsetzen und mir vorlegen!«

Herr von Hofmann verbeugte sich.

»Ich müßte die Sachen wohl mit dem Unterstaatssekretär von Meysenburg verabreden?« sagte er.

»Gewiß,« erwiderte Herr von Beust mit leichtem Lächeln, »ich wünsche nicht, daß er übergangen oder verletzt werde, es ist gut, bei dem neuen Bau einige alte Stützen stehen zu lassen – bis wir weiter vorgeschritten sind, sprechen Sie sogleich mit ihm, er wird übrigens in diesem Falle ganz einverstanden sein.«

Herr von Hofmann stand auf. Der Minister zog einen über seinem Schreibtisch hängenden Glockenzug.

»Wer ist im Vorzimmer?« fragte er den eintretenden Bureaudiener.

»Der Herzog von Gramont,« antwortete dieser.

»Das ist gut,« sagte Herr von Beust, »da kann ich sogleich den Anfang machen!« –

»Und dann,« sagte der Diener, »ein Herr, welcher mir diese Karte und diesen Brief für Eure Exzellenz gegeben hat.«

Herr von Beust ergriff die Karte.

»Reverend Mr. Douglas,« las er mit dem Ausdruck des Erstaunens – »kennen Sie den Namen?«

Herr von Hofmann zuckte die Achseln.

Der Minister öffnete das Billett.

»Graf Platen empfiehlt mir Mr. Douglas,« sagte er, »es würde mir von Interesse sein, ihn zu sprechen, er kenne die englischen Verhältnisse genau, und der König von Hannover interessiere sich besonders für ihn – ich begreife nicht recht, aber hören will ich ihn. – Bitten Sie den Herren, einen Augenblick zu warten,« sagte er zu dem wartenden Diener, »und führen Sie den Herzog herein!«

Herr von Hofmann verließ das Kabinett, in der Tür den französischen Botschafter begrüßend, welchem der Minister entgegentrat.

»Guten Morgen, mein lieber Herzog,« sagte er, ihm die Hand reichend, in französischer Sprache, »es ist mir sehr lieb, daß Sie kommen, ich hatte Sie um eine Unterredung gebeten, ich sehe Sturm auf dem Barometer Europas, und wir müssen uns vereinigen, um ihn zu beschwören.«

Der Herzog, im schwarzen Überrock, die große Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch, richtete seine hohe, militärische Gestalt gerade empor, sein fein geschnittenes Gesicht mit dem leicht gekräuselten Haar, dem kurzen, aufwärts gedrehten Schnurrbart überflog ein stolzes Lächeln, und indem er den Händedruck des Herrn von Beust erwiderte, sprach er:

»Es wird vielleicht leichter sein, dem Sturme zu trotzen, als ihn zu beschwören.«

Herr von Beust neigte leicht den Kopf zur Seite, ein fast unmerklicher Schimmer feiner Ironie glitt über seine lächelnden Lippen, und indem er sich vor seinen Schreibtisch setzte, lud er den Botschafter ein, ihm gegenüber Platz zu nehmen.

»Den Stürmen zu trotzen,« sagte er, »ist kühn – und klug, wenn es keinen anderen Weg gibt, um ein großes, vorgestecktes Ziel zu erreichen, aber gegen den Sturm zu kämpfen, wenn dadurch das Ziel nicht erreicht – ja seine spätere Erreichung für immer gefährdet werden kann, das möchte ich nicht als die Aufgabe der Staatskunst anerkennen können. – Doch,« fuhr er fort, »sprechen wir ohne Metapher, »Sie sehen mich erstaunt, lieber Herzog, und – ich muß es sagen – bekümmert über die Nachrichten, welche ich soeben von Berlin und Paris zugleich in betreff einer Abtretung Luxemburgs erhalte, man scheint in Berlin nicht geneigt, dieselbe ruhig geschehen zu lassen –«

»Dann muß man Ernst zeigen!« sagte der Herzog, das Haupt emporwerfend, »man muß die gebieterische Stimme Frankreichs vernehmen lassen, welche schon zu lange geschwiegen hat.«

Herr von Beust schüttelte leicht den Kopf.

»Sie wissen, mein lieber Minister,« fuhr der Herzog von Gramont fort, »wie sehr ich es persönlich beklagt habe, daß der Kaiser sich nicht hat entschließen wollen im vorigen Jahre, im Augenblick der großen Bedrängnis Österreichs, ein energisches Veto einzulegen und mit fester Hand in die Ereignisse einzugreifen; Sie wissen, wie sehr ich zu solcher Politik geraten habe, indes,« fuhr er fort, indem er leicht die Achseln zuckte, »sie ist nicht beliebt worden, und mir als Vertreter des Kaisers steht es nicht zu, bedauernde kritische Rückblicke auf das zu werfen, was geschehen ist. Nachdem dies aber geschehen, muß Frankreich tun, was es sich selbst, seiner Sicherheit und Machtstellung und dem europäischen Gleichgewicht schuldig ist. Das vergrößerte Preußen, an der Spitze der deutschen konzentrierten Militärmacht, hat kein Recht, Positionen zu behalten, welche dem inoffensiven deutschen Bunde zugestanden waren, und Frankreich muß zur Sicherheit seiner Grenzen neue militärische Positionen als Garantie verlangen. Eine solche Position ist Luxemburg, und wenn man sie uns verweigert,« sagte der Herzog mit stolzem Ton, »so werden wir sie nehmen!«

Herr von Beust wiegte den Kopf hin und her und blickte unter den leicht gesenkten Augenlidern zu dem Herzog, welcher rasch und lebhaft gesprochen hatte, hinüber.

»Sie haben soeben,« sagte er dann mit ruhiger Stimme, »die Passivität Frankreichs gegenüber der deutschen Katastrophe als einen Fehler bezeichnet, Herr Herzog, ich darf also keinen Anstand nehmen, diesen von Ihnen selbst gegebenen Ausgangspunkt zu akzeptieren. – Glauben Sie aber,« fuhr er mit leichtem Lächeln fort, »daß es den Fehler verbessern hieße, wenn Frankreich, das im rechten Augenblick nicht schlug, nun im unrechten Augenblick schlagen würde?«

Der Herzog blickte ihn ein wenig betroffen an.

»Warum wäre es ein unrechter Augenblick?« fragte er. »Wenn Preußen diese wahrlich bescheidene und höchst berechtigte Kompensation uns verweigert, so wird das französische Nationalgefühl mächtig entflammen, und in seiner zornigen Erregung wird Frankreich unbesiegbar sein, außerdem ist jetzt die Unifikation Deutschlands noch sehr wenig vorgeschritten, die neuerworbenen Länder sind voll Erbitterung, in Süddeutschland regt sich gewaltig der antipreußische Geist, die Wunden, welche der Krieg Preußen selbst geschlagen, sind noch nicht geheilt, kann es eine bessere Gelegenheit geben, dieser neuen preußischen Großmacht eine Lektion zu geben und uns die so berechtigte Genugtuung zu nehmen?«

Herr von Beust schüttelte abermals, immer lächelnd, den Kopf.

»Und wenn Sie nun siegen, wenn Frankreich eine entscheidende Schlacht gewinnt,« fragte er, »was haben Sie dann erreicht?«

»Wir haben das erreicht, was wir forderten!« rief der Herzog in etwas erstauntem Tone, »vielleicht noch ein wenig mehr, wir haben Preußen gezeigt, daß der Augenblick noch nicht gekommen ist, um Frankreich von oben herab zu behandeln und seine Stimme zu überhören, wir haben feste Garantien für die Sicherheit unserer Grenzen.«

»Wollen Sie, lieber Herzog,« sagte Herr von Beust mit ruhiger Stimme, »mir eine Frage beantworten, – aufrichtig nach Ihrer Überzeugung?«

»Gewiß,« sagte der Herzog. »Sie wissen, daß ich mit meiner persönlichen Ansicht nicht zurückhalte, auch wenn sie nicht vollständig mit dem übereinstimmt, was ich als Vertreter meiner Regierung aufrecht halten muß.«

»Nun wohl,« sagte Herr von Beust, »meine Frage betrifft Italien. Sie haben Savoyen und Nizza erworben, um Ihre Grenzen zu sichern der militärischen Konzentration Italiens gegenüber, glauben Sie, daß diese Sicherung dauernder und fester sei, als wenn Sie an der Ausführung des Vertrages von Zürich festgehalten und ein föderatives Italien hergestellt hätten, welches in der Ruhe seines inneren Gleichgewichts niemals hätte daran denken können, Ihnen durch eine offensive Expansion gefährlich zu werden?«

Der Herzog von Gramont sagte nach einem augenblicklichen Schweigen: »Ich habe stets die Grundsätze des Vertrages von Zürich für die beste und weiseste Politik gegenüber Italien gehalten und bedaure, daß es unmöglich war, sie durchzuführen.«

»Nun,« sagte Herr von Beust, »in ähnlicher Lage sind Sie heute Deutschland gegenüber – nur mit dem Unterschiede, daß die physische Kraft Deutschlands mächtiger ist als diejenige Italiens, daß Deutschland, in preußischer Militäreinheit konzentriert, Ihnen viel gefährlicher werden kann als jemals Italien. Machen Sie es mit dem Prager Frieden nicht wie mit dem Vertrage von Zürich.«

Der Herzog blickte nachdenklich zu Boden.

»Erlauben Sie mir, ausführlicher zu sein,« sagte Herr von Beust, »und Ihnen meinen ganzen Gedanken auszusprechen, denn wir stehen vielleicht an einem ernsten Wendepunkt, von dem die künftige Gestaltung Europas und,« fügte er mit einem scharfen Blick auf den Herzog hinzu, »die künftigen Beziehungen zwischen Frankreich und Österreich abhängen.«

»Frankreich und Österreich sind durch gemeinsame Interessen verbunden,« sagte der Herzog mit verbindlichem Kopfneigen.

»Zunächst durch einen gemeinsamen Gegner,« bemerkte Herr von Beust ruhig, »das ist viel, aber es ist ein negativer Boden – und,« fuhr er fort, »politische Gegnerschaften können zuweilen wechseln. – Ich sehe indes,« sagte er nach einer augenblicklichen Pause, »eine große Anzahl positiver Verbindungspunkte, welche, richtig klargestellt und formuliert, die Grundlage einer festen und dauernden Verbindung werden können, einer Verbindung, welche für beide Länder vom bedeutendsten und glücklichsten Einfluß zu werden bestimmt zu sein scheint.«

Die Züge des Herzogs drückten die gespannteste Aufmerksamkeit aus.

»Wenn Sie jetzt Kompensationen fordern,« fuhr Herr von Beust fort, »wenn Sie dieselben mit den Waffen in der Hand erzwingen wollen, so beginnen Sie einen Krieg – verzeihen Sie, daß meine Ansicht der vorhin von Ihnen geäußerten diametral entgegensteht – einen Krieg unter den ungünstigsten Chancen im allerschlechtest gewählten Moment. – Denn Sie greifen Preußen wegen einer Sache an, welche vollkommen geeignet ist, das deutsche Nationalgefühl zu entflammen, wegen der Abtretung deutschen Gebietes, und wenn die süddeutschen Regierungen auch keine Neigung haben, preußische Interessen zu verfechten, so wird diese deutschnationale Erregung der Bevölkerungen sie um so mehr auf die Seite Preußens treiben, als sie nirgends einen Halt sehen und die traurigen Schicksale der entthronten Fürsten ihnen noch lebendig vor Augen stehen. – Wir unsererseits,« fuhr Herr von Beust achselzuckend fort, »sind vollständig außer Stande, uns auch nur zu regen, und wollten wir trotz unserer unfertigen, im Werden begriffenen Zustände wirklich eine Aktion wagen, so würde Rußland und Italien es uns unmöglich machen. Sie würden sich also ohne alle Bundesgenossen der deutschen Nationalaufregung und der mehr oder minder aktiven Gegnerschaft Rußlands und Italiens gegenüber befinden. Was Italien betrifft, so werden Sie selbst ermessen, welche Folgen ein isoliertes Engagement Frankreichs gegen Deutschland auf die römische Frage haben müßte –«

»Ich verkenne das alles nicht,« sagte der Herzog ein wenig zögernd, »aber,« rief er dann in heftigem Tone, »soll man denn diesem unersättlichen, rücksichtslosen Ehrgeize Preußens gegenüber immer nachgeben, immer zurückweichen, sollen denn alle Großmächte Europas sich beugen vor diesem Berliner Kabinett?«

Herr von Beust blickte mit ruhigem Lächeln in das erregte Gesicht des französischen Diplomaten.

»Wissen Sie,« sagte er dann, leicht mit dem Finger auf dem Tisch trommelnd, »wissen Sie, mein lieber Herzog, welches unsere schärfste und wirksamste Waffe dieser preußischen Macht gegenüber ist? – Die Geduld!«

»Das ist eine Waffe,« rief der Herzog, »welche Frankreich wenig gewöhnt ist zu führen!«

»Und doch,« sagte Herr von Beust ruhig, »kann ich nur dringend raten, zu dieser Waffe zu greifen, denn sie sichert uns nach meiner Überzeugung den Sieg, die endliche Erreichung des Zieles. – Sie werden überzeugt sein,« fuhr er fort, »daß ich nicht nur eine negative Geduld, eine indolente Zurückhaltung empfehlen will, aber ich wünsche die Aktion so ernst und so folgerichtig vorzubereiten, daß der Erfolg so sicher als möglich ist – ich wünsche den Fehler zu vermeiden, den man in Österreich begangen hat, und dessen Folgen ich jetzt wieder gut zu machen berufen bin. – Diese vordrängende preußische Macht,« sagte er, indem seine Züge sich belebten und der Schimmer einer leichten Röte auf seinem bleichen Gesicht erschien, »kann nur mit Erfolg angegriffen werden, wenn man sie isoliert und ihr eine Koalition entgegenstellt, welche sie von allen Seiten übermächtig umzingelt. Jetzt ist die Lage umgekehrt. Preußen ist von starken Allianzen flankiert – Österreich ist ohnmächtig –, Frankreich steht also allein. Unsere erste Aufgabe muß sein, Italien von Preußen zu trennen. Frankreich, Österreich und Italien bilden eine starke Macht, noch bedeutungsvoller dadurch, daß sie Süddeutschland in eisernem Ringe umfassen und von der Einigung mit dem Norden zurückhalten können. – Wird es nun möglich sein, Italien einer österreichisch-französischen Allianz einzufügen? – Ich glaube ja. Der König Viktor Emanuel wünscht dringend die Anbahnung eines besseren Verhältnisses mit unserem Kaiserhaus, der französische Einfluß ist mächtig in Florenz – das Ministerium wird diesen Einfluß unterstützen – und mit einigen Konzessionen in der römischen Frage kann man, ohne das Prinzip aufzugeben, die öffentliche Meinung günstig stimmen. Ist dies erreicht, so stehen wir schon auf einer festen, ernsten Basis. Dann aber muß Rußland von Preußen getrennt werden, und das scheint mir nicht so sehr schwer. Kommt man Rußland ein wenig im Orient entgegen, so fällt der Grund seiner festen Anlehnung an Preußen fort. Sie wissen, daß ich schon eine Revision des Pariser Traktats angeregt habe, und ich bemerke infolgedessen bereits eine fühlbare Verbesserung unseres Verhältnisses zu dem St. Petersburger Kabinett. Gehen wir vorsichtig und geschickt auf diesem Wege weiter, so werden wir, wie ich hoffe, diese kompakte Verbindung der nordischen Mächte lockern, welche für die Politik Österreichs so lähmend und erdrückend ist. – Das ist,« fuhr Herr von Beust aufatmend fort, »die diplomatische Aufgabe, welche wir uns zu stellen haben. Zugleich aber müssen wir unausgesetzt und sorgfältig daran arbeiten, alle antipreußischen Elemente in Deutschland in ihrem Widerstande zu bestärken, sie zu sammeln und zu organisieren, um, wenn der Augenblick des Handelns kommt, auf die schwankenden Regierungen einen starken Druck ausüben zu können. Aber auch dazu ist Zeit nötig. Wir haben hier den König von Hannover und den Kurfürsten von Hessen und damit die Fäden der Agitationen in jenen Gebieten, Sie werden auf die katholische Presse in Bayern wirken können, die unangenehmen Berührungen der preußischen Zentralisationsbestrebungen werden das ihrige tun und so bin ich überzeugt, wird die Zeit, anstatt, wie Sie fürchten, das unvollendete Werk des vorigen Jahres zu konsolidieren, dasselbe vielmehr zerbröckeln.«

»Ich bewundere in der Tat die weite und tiefe Kombination, welche sich in Ihren Worten vor mir öffnet,« sagte der Herzog von Gramont.

Herr von Beust lächelte.

»Um nun dies alles vorbereiten und ausführen zu können,« fuhr er fort, »ist vor allem nötig, daß die Grenze zwischen Nord- und Süddeutschland scharf aufrecht gehalten wird, und statt Kompensationen zu suchen und zu fordern, sollte die französische Politik sich mit der österreichischen zur festen Aufrechterhaltung des Prager Friedens verbinden, und die in diesem Traktat vorgesehene und völkerrechtlich stipulierte Herstellung eines Südbundes anstreben, welcher ja unter unseren beiderseitigen Einfluß fallen würde – darin liegt der Schlüssel der Zukunft.«

»Aber der Prager Frieden ist ja bereits verletzt!« rief der Herzog von Gramont, »die Militärverträge mit den süddeutschen Staaten, welche soeben bekannt gemacht werden –«

Herr von Beust lächelte fein.

»Gerade diese Verträge,« sagte er, »mischen unsere Karten. Preußen hat den Prager Traktat schon verletzt, und wir haben den Konflikt ganz fertig zur Hand, wenn der Moment gekommen sein wird, wo wir seiner bedürfen. Wenn aus dieser Frage ein Konflikt entsteht, so greift Preußen ein von ihm selbst geschaffenes Vertragsrecht an, und wir sind die Verteidiger desselben, das ist sehr wichtig, insbesondere für Frankreich, denn wenn Frankreich sich in die Angelegenheiten Deutschlands mischt, so muß es geschehen zur Verteidigung deutscher Rechte, nicht, um aus deutschem Gebiet Kompensationsobjekte zu nehmen. – Da haben Sie,« fuhr er fort, »in großen Zügen die Ideen, welche nach meiner Überzeugung für die Zukunft maßgebend sein müssen, die näheren Modalitäten ihrer Ausführung werden sich Schritt vor Schritt ergeben, wenn wir uns entschließen, gemeinsam und im Einverständnis auf diesem Wege vorzugehen, welcher zwar für jetzt uns große Zurückhaltung und Vorsicht auflegt, aber dafür mit Sicherheit endlich zum Ziele führt.«

Herr von Beust hatte lebhaft gesprochen – sein Gesicht zeigte die Erregung seines Geistes – erwartungsvoll blickte sein helles Auge auf den Herzog.

Dieser saß einige Augenblicke stumm, der feine, zierlich geschnittene und fast immer lächelnde Mund war ernst zusammengepreßt – sein Blick zu Boden gerichtet.

»Ich glaube, Sie haben recht,« sagte er endlich. »Sie sind der wahre Staatsmann, welcher von persönlichen Gefühlen, Neigungen und Erregungen abzusehen versteht und ruhig und fest alles dem großen Ziel unterordnet und dienstbar macht. Ich erkenne die Weisheit Ihrer Bemerkungen, die Größe und Klarheit Ihrer Ideen an, wenn sich auch,« fügte er mit leichtem Kopfschütteln hinzu, »mein militärisches Gefühl ungern dem System der Geduld unterwirft.«

»Seien Sie ruhig, mein lieber Herzog,« sagte Herr von Beust lächelnd, »auch Ihre Zeit wird kommen, wir haben eine starke Festung zu besiegen; nach der stillen und mühsamen Arbeit der Ingenieure in den Laufgräben kommt der Augenblick für die stürmenden Bataillone. – Für jetzt also,« fuhr er fort, »billigen Sie meinen Plan und teilen meine Ansicht?«

»So sehr,« erwiderte der Herzog, »daß ich mir alle Mühe geben werde, Ihre Anschauungen in Paris zur Geltung zu bringen. Sie erlauben mir, über unsere Unterredung ausführlich zu berichten?«

»Sie werden mich dadurch verpflichten,« sagte Herr von Beust, »ich werde den Fürsten Metternich veranlassen, in gleichem Sinne zu sprechen; vor allem vergessen Sie nicht, auf das bestimmteste zu betonen, daß, wenn der Kaiser meine Anschauungen, welche vollkommen von Seiner apostolischen Majestät geteilt werden, nicht zu den seinigen machen könnte, wenn demnach aus dieser Luxemburger Frage ein ernster kriegerischer Konflikt entstehen sollte, eine Unterstützung Österreichs in keiner Weise zu erwarten sei. Es ist meine Pflicht, mich darüber sehr klar und bestimmt auszudrücken, in keiner Weise; Österreich würde die absoluteste und vorsichtigste Neutralität zu beobachten gezwungen sein, man darf darüber in Paris keinen Augenblick im Zweifel sein.«

Der Herzog verneigte sich leicht.

»Doch,« fuhr Herr von Beust fort, »die Sache ist von so großer Wichtigkeit, daß es vielleicht noch besser wäre, wenn Sie sich entschließen könnten, selbst nach Paris zu gehen. Sie kennen die Situation hier genau und das mündliche Wort, die persönliche Einwirkung sind einflußreicher als alle Berichte –«

»Ich bin vollkommen dazu bereit,« sagte der Herzog, »und wenn Sie es wünschen, will ich sogleich abreisen.«

»Warten Sie noch einige Tage,« sagte Herr von Beust, »bis ich Mitteilungen über den weiteren Verlauf der Sache in Berlin und über die Auffassung des englischen Kabinetts habe, damit ich meine Ansicht in genauer Erwägung aller einschlagenden Verhältnisse formulieren kann, vielleicht wird sich dann auch in Paris die erste Erregung etwas gelegt haben.«

»Sie werden selbst die Güte haben zu bestimmen, wann Sie für meine Reise den Augenblick für den richtigsten halten,« erwiderte der Herzog, indem er aufstand, »ich werde inzwischen sogleich meinen Bericht absenden und meine Ankunft ankündigen.«

Herr von Beust begleitete den Herzog zur Tür und verabschiedete sich von ihm mit herzlichem Händedruck.

»Wie schwer wird es sein,« rief er seufzend, »die Ruhe zu erhalten, bis das Werk der Wiedergeburt Österreichs vollendet ist, bis alle diese so heterogenen Elemente in eine dem gemeinsamen lenkenden Willen gehorchende Maschinerie vereinigt sind!«

Er stand einen Augenblick sinnend still.

»Doch es wird gelingen!« rief er dann lächelnd, indem der Ausdruck freudiger Zuversicht auf seinem Gesicht aufleuchtete, »alle diese Faktoren, aus denen sich die politische Welt zusammensetzt, sind lenkbar durch den Geist, durch die Kombination, durch die geschickte Leitung des Widerspiels der Kräfte, es gilt nur, den vorzeitigen Ausbruch der rohen Gewalt zu verhüten. Versuchen wir mutig, was der Geist und die geschickte Staatskunst vermögen!«

Er trat zu seinem Schreibtisch und bewegte den Glockenzug.

»Lassen Sie den Herrn eintreten, der mir vorhin die Karte gesendet,« sagte er dem Bureaudiener, und erwartungsvoll blickte er dem Eintretenden entgegen.

Reverend Mr. Douglas, wie er sich durch seine Karte angemeldet, ein breitschulteriger, kleiner, untersetzter Mann von etwa fünfzig Jahren, war eine jener Erscheinungen, welche man schwer wieder vergißt, sobald man sie einmal gesehen.

Sein großes, stark markiertes Gesicht mit hoher, breiter Stirn, von glatt herabhängendem Haar umgeben, von einzelnen Narben zerrissen, trug einen aus Energie und Schwärmerei gemischten Ausdruck; die Augen, so stark schielend, daß es unmöglich war, jemals ihren Blick zu erfassen, bildeten im Verein mit dem großen, breiten Mund, den starken Kinnbacken und der mächtig hervortretenden, etwas schief im Gesicht stehenden Nase ein Bild von so ungemeiner Häßlichkeit, wie es schwer zum zweiten Male zu finden gewesen wäre. Dennoch entbehrte dies auf den ersten Anblick fast erschreckende Ensemble nicht einer gewissen Anziehungskraft durch das Licht geistigen Lebens, welches diese so absonderlich gebildeten Züge durchschimmerte.

Mr. Douglas, in einfachem schwarzen Rock, trat in ruhiger Haltung herein, verneigte sich und blieb mit jener den englischen Geistlichen eigentümlichen würdevollen Zurückhaltung vor dem Minister stehen.

Herr von Beust blickte ihn erstaunt und betroffen von der eigentümlichen Erscheinung an.

Er deutete artig auf den Stuhl, welchen der Herzog von Gramont soeben verlassen, und setzte sich vor seinen Schreibtisch.

»Graf Platen schreibt mir,« sagte er, als Mr. Douglas ihm gegenüber Platz genommen, im reinsten Englisch, »daß Sie von England kommen und mir manches Interessante mitzuteilen haben.«

Mit einer sonoren Stimme, deren Ton ein wenig an die Gewohnheit kirchlicher Vorträge erinnerte, erwiderte Mr. Douglas:

»Ich bin beglückt, den großen Staatsmann zu sehen, dessen Name uns Engländern sympathisch ist, dessen Geist ich lange bewundert habe und von dem ich überzeugt bin, daß er die Ideen, welche mich bewegen, verstehen und würdigen wird.«

Herr von Beust neigte lächelnd den Kopf. »Es freut mich sehr,« sagte er, »wenn mein Name in England einen guten Klang hat, ich bin meinerseits stets ein aufrichtiger Bewunderer des Geistes der englischen Nation gewesen.«

»Wir verfolgen in England,« sagte Mr. Douglas, »mit gespanntem Interesse alles, was Eure Exzellenz tun, um die große Aufgabe zu erfüllen, welche Ihnen übertragen ist, und,« fügte er hinzu, »welcher niemand in dem Grade gewachsen wäre als Sie. – Ich insbesondere,« fuhr er fort, »habe meine Blicke voll Aufmerksamkeit auf Ihr Werk gerichtet, weil ich dasselbe in Verbindung bringe mit einem großen Gedanken, der mich erfüllt und mächtig bewegt, so mächtig, daß ich mich aufgemacht habe aus meiner Heimat, um auszuziehen zur Ausführung dessen, was mit der leuchtenden Gewalt der Wahrheit mein Inneres durchdringt.«

Herrn von Beusts erstaunte Blicke drückten die Spannung aus, mit welcher er den Mitteilungen entgegensah, die dieser eigentümlichen Einleitung folgen sollten.

»Ich habe,« fuhr Mr. Douglas fort, »die Geschichte Europas, wie sie sich in den letzten Jahren gestaltet und entwickelt hat, genau und aufmerksam verfolgt – und ich habe zugleich infolge meines geistlichen Amtes die heiligen Schriften eingehend studiert, und aus dieser doppelten Beobachtung habe ich die Überzeugung gewonnen, daß die Offenbarungen des großen Evangelisten sich erfüllen und daß der Streit mit dem großen Drachen geführt werden muß, welcher gegen den Himmel anstürmt, damit die endliche Herrschaft des Reiches Gottes vorbereitet werde!«

Mit großen Augen sah Herr von Beust diesen Mann an, der da vor ihm saß, das scharf markierte Gesicht durchzittert von dem Ausdruck fanatischer Überzeugung, die rechte Hand erhoben mit zwei ausgestreckten Fingern, die linke auf die Brust gelegt. – Er wußte in der Tat nicht, was er mit dieser merkwürdigen Persönlichkeit anfangen sollte.

»Der Drache,« sprach Mr. Douglas weiter, »ist Preußen, das die Grundsätze des Rechts zerstört, das die Heiligkeit des Glaubens, des Christentums mit Füßen tritt, Thron und Altar zu Boden wirft und dem Unglauben, dem Heidentum die Welt überantworten möchte. Die aber von ihm niedergeworfen und erwürgt sind, die Männer in den weißen Kleidern, das sind diejenigen, die am Recht am Glauben, an der Religion festhalten, das sind diejenigen, die sich vereinigen müssen, um dem Erzengel Michael beizustehen in dem großen Kampfe gegen den Drachen der Finsternis.«

Ein eigentümliches Lächeln zuckte um die Lippen des Herrn von Beust. Schweigend und mit immer wachsender Verwunderung betrachtete er den sonderbaren Interpreten der Apokalypse.

Mr. Douglas ließ die Hand sinken, der Ausdruck der begeisterten Erregung schwand von seinem Gesicht und im Tone ruhiger Konversation fuhr er fort: »Das alles habe ich gefunden in der sorgsamen Verfolgung der Geschichte und dem Studium der Offenbarungen, es ist mir immer klarer geworden, seit ich eingedrungen bin in die Geheimnisse des Spiritismus, ich habe Verkehr gehabt mit den hervorragendsten Geistern der Vergangenheit, und alle ihre Mitteilungen haben mir bestätigt, daß der Augenblick gekommen sei, um den gemeinsamen Kampf gegen den großen Drachen zu beginnen.«

Herr von Beust schwieg immerfort.

»Diejenigen aber, welche berufen sind, diesen Kampf aufzunehmen, sich zu demselben in engem Bunde zu vereinigen, das sind diejenigen Mächte in Europa, welche jede in ihrer Weise am positiven Christentum festhalten, welche das weiße Kleid der Auserwählten tragen: das ist England, die Vertreterin der reinen Hochkirche, das ist Österreich und Frankreich, die katholischen Mächte, das ist Rußland, welches in seiner Hand das griechische Kreuz trägt, dem der Osten huldigt. Was bedeutet,« fuhr er fort, »der Unterschied, welcher die englische Hochkirche, den Katholizismus und den griechischen Kultus voneinander trennt, im Vergleich zu dem Abgrunde, welcher alle diese Vertreter des christlichen Glaubens von jener Macht trennt, welche das Recht mit Füßen tritt, die Fürsten von den Thronen wirft und die Kirche zu einer Institution der Staatsräson macht? Die großen christlichen Mächte müssen sich also vereinigen, um Preußen und seinen Satelliten Italien niederzuwerfen, das Recht, die Autorität und den Glauben auf Erden wiederherzustellen.«

Herr von Beust machte eine leichte ungeduldige Bewegung.

»Ich glaube nicht recht,« sagte er mit einem kaum merkbaren Lächeln, »daß diese der geistlich-kirchlichen Anschauungsweise entnommenen Gesichtspunkte geeignet sein möchten, die Politik der Kabinette Europas zu bestimmen, welche sehr weltlich gesinnt sind,« fügte er mit leichtem Achselzucken hinzu.

Mr. Douglas lächelte mit überlegener Würde.

»Die weltlichen Interessen stimmen vollkommen mit den Bedingungen der vorbezeichneten Entwicklung der christlichen Neuordnung überein, wie es ja überhaupt das Wesen der Religion ist, daß ihre Wahrheiten auch diejenigen beherrschen und lenken, welche sie nicht erkennen. Betrachten Exzellenz,« fuhr er fort, »die Stellung und die notwendigen Aufgaben der europäischen Mächte, Sie werden finden, daß sie in ihrem eigenen, rein politischen, rein weltlichen Interesse handeln müssen, wie sie nach meiner Auffassung der Weltlage handeln sollen. Sie, Exzellenz, stehen an der Spitze des österreichischen Staates, welcher niedergeworfen ist von dem gemeinsamen Feinde, beraubt seiner heiligsten und unantastbarsten Rechte, dem Verfall und Untergang preisgegeben, wenn er sich nicht aufrafft zu ernstem, rücksichtslosem Kampf. Sie sind bedroht von Italien, dem Bundesgenossen Ihres Feindes, Sie sind angewiesen auf die Allianz Frankreichs, das nur bestehen kann, wenn es sich fest stützt auf die Religion und das Recht, denn in seinem Innern gärt schon die Revolution, und die Kraft der Religion, das ewige Recht allein kann die aus dem Krater heraufdrängenden bösen Geister bannen. – Die beiden anderen Mächte,« fuhr Mr. Douglas seufzend fort, »welche berufen wären, an dem großen Kampfe teilzunehmen, stehen leider abseits. England, mein Vaterland, weil es versunken ist in Materialismus, aber es schläft nur, es kommt darauf an, den alten englischen Sinn zu wecken, und England wird von neuem seine ganze Kraft einsetzen, um das heilige Recht zur Geltung zu bringen. Rußland – ich bin überzeugt, daß man dort mit Besorgnis den Umsturz alles dessen sieht, was als heilig und ehrwürdig jahrhundertelang dagestanden hat, aber Rußland ist von denen, welche mit ihm gemeinsam handeln müßten, zurückgestoßen, man hat ihm den Weg seiner naturgemäßen Entwicklung verschlossen, statt sich mit ihm zu vereinigen, um die Heiden aus der alten Hauptstadt Konstantins des Großen zu vertreiben, dadurch hat man Rußland gewaltsam zu Preußen gedrängt und die Kraft des allgemeinen Feindes mächtig verstärkt.«

Herr von Beust hatte immer aufmerksamer zugehört.

»Sie würden also, um Ihre Ideen, die mich sehr interessieren, zur Ausführung zu bringen –« fragte er mit forschendem Blick.

»Rußland vor allem, diese christliche Macht, den Bannerträger des Christentums im Osten, von Preußen trennen; durch eine richtige Behandlung der orientalischen Frage würde das sehr leicht sein, England aufrütteln aus seiner Lethargie, durch zahlreiche Freunde, welche denken wie ich, durch kräftige Benutzung der Presse, würde auch das bald geschehen können, und dann,« fuhr er fort, abermals die Hand mit den emporgerichteten Fingern erhebend, »den Vernichtungskampf des großen europäischen Bundes für das christliche Recht gegen das Heidentum in Staat und Kirche beginnen. Der Sieg kann nicht fehlen.«

Herr von Beust sann einen Augenblick nach.

»Haben Sie schon mit jemand über Ihre Ideen und Ihre Pläne gesprochen?« fragte er.

»Ganz im allgemeinen mit einigen gleichgesinnten Freunden in England,« erwiderte Mr. Douglas; »eingehender und was die Durchführung der Gedanken betrifft, die mich bewegen, noch nicht, als hier. – Es ließ mir keine Ruhe,« fuhr er fort, »Tag und Nacht bewegte mich der immer mächtiger und klarer in mir sich emporarbeitende Gedanke, ich fühlte die Mission in mir, seine Ausführung den Mächtigen der Erde zu predigen, aber wie sollte meine Stimme, die Stimme eines einfachen Geistlichen, der bisher in stiller Zurückgezogenheit seinen Studien und den Pflichten seines Amtes gelebt, dahin dringen, wo die Macht wohnt, in die Geschicke der Welt einzugreifen? – Da gab mir Gott, den ich anrief, ein,« fuhr er fort, »mich an den König von Hannover zu wenden. Er ist geborener Prinz meines Landes, er ist hart und schwer von dem mächtig durch die Welt schreitenden Unrecht getroffen, er mußte besonders berufen sein, mir meinen Weg zu öffnen. Ich erhielt von einer Dame ein Einführungsschreiben an die Königin Marie, welche in trauriger Einsamkeit auf der Marienburg leidet; ohne Besorgnis ließen die preußischen Wachen mich, den einfachen Geistlichen, zu der hohen Frau, und ich brachte ihr Trost und Stärkung, ich erweckte in ihr den Glauben und das Vertrauen auf die göttliche Hilfe und deutete ihr an, wie durch die Macht des christlichen Gedankens die Mächte Europas erweckt werden müßten, um alles Recht und auch das ihrige wieder aufzurichten. – Die Königin verstand mich und sendete mich an ihren erhabenen Gemahl nach Hietzing, welchem ich in großen Zügen den Gedanken entwickelte, der mich erfüllt. Der König,« fuhr er fort, »ergriff meine Ideen mit großem Interesse, er begriff vollständig sowohl die christlich-religiösen Prinzipien, von welchen ich ausging, als auch die politischen Kombinationen, durch welche ich die Erreichung meines großen Zieles möglich machen wollte, und er befahl sogleich, mir den Weg zu Eurer Exzellenz zu öffnen, »denn,« sagte Seine Majestät zu mir, »dort werden Sie den großen Geist finden, um Ihre Gedanken zu erfassen, und die geschickte Hand, um Ihnen den Weg zu ihrer Ausführung zu zeigen und zu öffnen«.«

Herr von Beust hatte nachdenkend zugehört.

»Ich bin in der Tat frappiert von Ihrer Auffassung,« sagte er, als Mr. Douglas schwieg, »Sie fassen mit weitem Blick die ganze Gesamtlage Europas zusammen und bezeichnen so scharf und treffend die Punkte, welche die Situation bestimmen, daß ich lebhaft bedauern würde, wenn diese Gedanken lediglich private Reflexionen blieben. Ich freue mich meinerseits, Ihre Ideen gehört zu haben, allein,« fügte er achselzuckend hinzu, »ich vertrete nur eine europäische Macht, und zwar eine Macht, welche in diesem Augenblicke sehr wenig mächtig ist. Um Ihren Gedanken ernste praktische Folgen zu geben, müßten dieselben in Paris und St. Petersburg gehört und erfaßt werden.«

»Ich wünsche nichts mehr,« rief Mr. Douglas, »als dort Gehör zu finden! – Der König von Hannover hat mir versprochen, mich sowohl beim Kaiser Napoleon einzuführen als auch in St. Petersburg, wo er und besonders die Königin, mit der ich darüber schon sprach, ganz nahe Beziehungen hat. – Ich möchte indes,« fuhr er fort, »nicht ausschließlich als Verfechter der ganz besonderen Rechte des Königs von Hannover dastehen, ich möchte eine Macht wenigstens zur Seite haben, deren Zustimmung und Unterstützung meinen Worten größeres Gewicht geben würde.«

»Ich bin vollständig bereit, mein lieber Mr. Douglas,« sagte Herr von Beust, »Sie auf jede Weise in Ihrem Werke zu unterstützen, in der Weise natürlich, in der das möglich ist, denn Sie werden begreifen, daß, so sehr ich Ihre Gedanken bewundere und billige, ich sie nicht offiziell als die Formel der österreichischen Politik aufstellen kann. Das würde Ihnen den Eingang erschweren und vorzeitige Publizität und Wachsamkeit der Gegner hervorrufen. – Ich würde es indes,« fuhr er fort, »für höchst wichtig und bedeutungsvoll halten, wenn Sie persönlich mit der eindringenden Beredsamkeit, deren Wirkung ich soeben empfunden,« er verneigte sich mit verbindlichem Lächeln, »Ihre Kombinationen dem Kaiser Napoleon sowie dem Kaiser Alexander und dem Fürsten Gortschakoff entwickelten. – Ich glaube nun,« sagte er nach einem kurzen Nachdenken, »daß es das beste wäre, wenn Sie sich zunächst durch die Beziehungen des Königs von Hannover, dessen Sache mir am Herzen liegt und gegen welchen Österreich eine Ehrenverpflichtung hat, einführen ließen. Ich werde die Vertreter Österreichs anweisen, Sie in jeder Weise zu unterstützen und Ihnen überall, wo Sie es nötig finden, den Zugang zu erleichtern. Zunächst müßten Sie nach Paris gehen, lassen Sie sich einen Brief vom Könige von Hannover geben, ich werbe Ihnen eine Einführung an den Fürsten Metternich mitgeben, demnächst müßten Sie dann Ihr Werk in St. Petersburg beginnen.«

»Ich danke Eurer Exzellenz von ganzem Herzen für dies freundliche Entgegenkommen und diese wirksame Unterstützung,« sagte Mr. Douglas, »auf welche ich bestimmt hoffte, und werde sogleich mit dem Könige von Hannover sprechen, er wird sehr erfreut sein, daß ich bei Eurer Exzellenz so volles Verständnis gefunden.«

»Jedenfalls werde ich Sie noch sehen,« sagte Herr von Beust, »kommen Sie abends zu mir, da werde ich stets für Sie zu Hause sein, wenn keine drängenden Geschäfte mich mehr stören, ich werde mich freuen, mit Ihnen noch eingehender und ausführlicher mich zu unterhalten. Ich hoffe, daß Sie mich von Paris und demnächst von St. Petersburg aus fortlaufend und genau über Ihre Unterhaltungen und Ihre Erfolge unterrichten werden!«

»Ich stehe von diesem Augenblick an ganz zu Eurer Exzellenz Disposition!« sagte Mr. Douglas aufstehend, »verfügen Sie vollständig über mich und seien Sie überzeugt,« fügte er, die Hand erhebend hinzu, »daß ich alles aufbieten werde, um die Leitung der europäischen Politik in Ihre Hände zu legen.«

»Haben Sie mit dem Grafen Platen über Ihre Ideen gesprochen?« fragte Herr von Beust.

»Wenig,« antwortete Mr. Douglas achselzuckend, »ich hielt es kaum für nötig.«

Herr von Beust nickte lächelnd mit dem Kopf.

»Auf Wiedersehen also!« sagte er aufstehend und reichte Mr. Douglas die Hand, welcher sich darauf langsam und ruhigen Schritts entfernte.

»Though this be madness. – yet there is method in't!« rief Herr von Beust, indem er sich wieder in seinen Lehnstuhl setzte und nachdenklich vor sich hin blickte. – »Lassen wir diesen sonderbaren Schwärmer als ballon d'essai die Stimmung der Kabinette sondieren, jedenfalls wird er manches sehen und hören, was dem Blick der Diplomatie verborgen bleibt und mir als Information von hohem Nutzen sein kann. – Und wenn er auch von dem Standpunkt theosophischer Schwärmerei ausgeht, seine politischen Gedanken passen vollständig in meinen Plan, der Kaiser Napoleon ist zugänglich für schwärmerische Mystik, und in Petersburg, wer weiß, auch Frau von Krüdener hatte einst großen Einfluß, und sie zog aus ihren dunklen Prämissen nicht so klare Konsequenzen als dieser eigentümliche Mensch. Je mehr Fäden, je besser, und am besten und wirksamsten ist oft derjenige, welcher in verborgener Dunkelheit sich hinzieht.«

Er warf einen Blick auf seine Uhr und zog die Glocke.

»Sagen Sie meinem Diener,« befahl er dem eintretenden Bureaubeamten, »daß er mein Pferd vorführen lasse, ich will ausreiten!«

Elftes Kapitel.

In dem Hause der Rue Notredame de Lorette, dessen Bel-Etage auf der einen Seite von Mademoiselle Julia, der Freundin des Herrn von Grabenow, bewohnt wurde, saß auf der anderen Seite, an deren Eingangstür man auf einem Schild von Porzellan den Namen las: Romano, Maler, in einem ziemlich geräumigen, unvollständig möblierten Salon ein Mann über einen großen Zeichentisch gebückt, eifrig beschäftigt mit einer Zeichnung in schwarzer Tusche.

Er trug einen schwarzen, verschossenen Samtrock, sein lang an den Schläfen herabhängendes schwarzes Haar war dünn geworden und zeigte hie und da ergrauende Stellen, ja einzelne Silberfäden, obgleich die Züge seines Gesichts auf kaum mehr als ein Alter von vier- bis fünfunddreißig Jahren schließen ließen. Dies Gesicht war von schönem, edlem Schnitt. Unter der Stirn, zu hoch geworden durch das frühzeitig ausgefallene Haar, glänzten, von schön gezeichneten dunklen Brauen überwölbt, tiefschwarze Augen, deren Blick in fieberhaftem Glanz leuchtete. Die griechische Nase trat scharf aus dem mageren Gesicht hervor und um den feinen Mund, dessen Lippen sich fest aufeinander preßten, zuckten in peinlichem Nervenspiel jene eigentümlichen Linien, welche tiefer Seelenschmerz dem Menschenantlitz eingräbt.

Neben dem anderen Fenster stand ein altes Kanapee mit zerrissenem Überzug, daneben eine Staffelei und ein Tisch mit einer Palette, Pinseln und einem Blechkasten voll Ölfarben. Auf der Staffelei sah man ein großes Bild, die Auferstehung Christi darstellend; die Konturen waren genial gezeichnet, einzelne Partien fast vollendet, andere kaum angefangen, das Ganze trug den Stempel des Unvollendeten, Zerrissenen, der künstlerischen Unsicherheit.

Neben dem Kamin, in welchem die letzten Funken eines erlöschenden Feuers verglühten, hing ein lebensgroßes Bild einer jungen Frau in weißer, idealischer Gewandung, welche der jungen Julia sprechend ähnlich sah.

Der Maler Romano starrte trübe auf seine Zeichnung – schlaff sank die magere, von blauen Adern durchzogene Hand auf das Papier nieder, das brennende große Auge starrte blicklos auf die Konturen. Dann plötzlich erhob er sich in rascher Bewegung, warf den Stift, den seine Hand mechanisch gehalten, fort und schritt im Zimmer auf und ab.

»Welch ein Dasein,« rief er, »welch ein jammervolles Hinsiechen dieser atmenden Maschine, welche bestimmt war zur edlen Wohnung des nach Gottes Ebenbilde geschaffenen Geistes, und welche nichts weiter mehr ist als das öde und jammervolle Gefängnis einer gebrochenen, zerrütteten Seele, die ihren irdischen Kerker nur verlassen wird, um dem Abgrund der ewigen Qual zu verfallen!«

Er warf sich auf das alte Kanapé und starrte düster vor sich hin.

»Wie oft,« flüsterte er, »habe ich die durstigen Lippen geöffnet, um das Ende dieses entsetzlichen Daseins im erlösenden Gift zu trinken, wie oft habe ich den dreischneidigen Dolch nach diesem verzweifelten Herzen gezückt, um seinen bangen Schlägen für immer Halt zu gebieten, aber meine Lippen haben sich angstvoll geschlossen, meine Hand ist zitternd herabgesunken bei dem Gedanken, daß ich die Qual dieses Lebens nur verlassen würde, um vor dem wetterflammenden Thron des ewigen Richters zu erscheinen! – Mein Verbrechen ist groß – ungeheuer,« rief er, schmerzlich die Hände ringend, »aber meine Leiden und meine Reue sind ebenso groß, ebenso furchtbar! Wenn die Liebe Gottes wägte, nicht die unerbittliche Gerechtigkeit, meine Schuld könnte gesühnt sein, aber habe ich ein Recht an die Liebe, ich, der ich das Vertrauen der treuesten Liebe so schmählich getäuscht? – Er zwar,« sagte er leise, indem eine Träne in seinem brennenden Auge schimmerte, »er, mein verratener Bruder, er würde verzeihen mit seinem großen Herzen von Erbarmen und Milde, und oft habe ich mich aufmachen wollen, um ihn aufzusuchen und zu seinen Füßen seine Vergebung zu erflehen, aber die Scham, die Verzweiflung halten mich zurück!«

Er blickte lange auf das unvollendete Gemälde auf der Staffelei.

»O du heilige, göttliche Kunst,« rief er, indem ein träumerisch weicher Schimmer seinen Blick erleuchtete, »wie habe ich dich geliebt, wie rankte sich meine Seele empor an den erhabenen Vorbildern der großen Vergangenheit, wie glühte mein Herz von schöpferischem Drange, – o ich hätte Großes und Schönes schaffen können, denn mein Auge war geöffnet dem Heiligtum der ewigen Schönheit, und meine Hand war geschickt, die Gesichte meines Innern zu verkörpern, aber seit ich gefrevelt an der Treue und dem Vertrauen meines Bruders, seit ich der gebenedeiten Jungfrau die Züge des sündigen Weibes gab und sündige Gedanken bei dem heiligen Werk meine Seele mit Schlangenringen umzogen, seitdem verschließt sich die Harmonie der Schönheit meinem Auge und meine Hand hat die Schöpfungskraft verloren, sie kann nur sklavisch wiedergeben die Bilder des gemeinen Lebens! – Ich wollte die Auferstehung des Heilandes malen,« murmelte er finster, die brennenden Blicke auf die Leinwand gerichtet, »ich hoffte Trost zu finden in dem gnadenreichen Bilde des Erlösers, der aus dem irdischen Grabe zum Throne des Vaters emporsteigt, die Schuld der ganzen Menschheit in seinen reinen Händen tragend, um sie mit dem heiligen Blute, das er am Kreuz vergossen, zu sühnen vor dem Stuhl des Richters; aber,« rief er, die Zähne zusammenpressend und die Hände ringend, »mich berührt der Strahl der Gnade nicht. Trat auch zuweilen das von Erbarmen leuchtende Antlitz des Heilandes vor mein inneres Auge, ich konnte es nicht wiedergeben, es nahm unter meinem Pinsel die Züge des erbarmungslosen, strengen, unerbittlichen Richters an, oder die Dämonen, welche meinen Geist umschwebten, ihn erwartend für die ewige Verdammnis, entstellten des Erlösers himmlisches Antlitz zur teuflischen Fratze!«

Er sank ächzend in sich zusammen und ließ den Kopf in die Seitenkissen sinken.

Lange lag er so still und unbeweglich, man hörte nichts als die tiefen Atemzüge, welche in schmerzlichen Seufzern aus seiner Brust hervordrangen.

Die Türe des Nebenzimmers öffnete sich, man sah einen reich möblierten Salon, aus demselben trat in das Zimmer des Malers eine Frau von hoher, üppiger und voller Gestalt in einem weiten Kleide von schwerem, rauschendem, dunklem Seidenstoff, das volle schwarze Haar in großen Flechten zu einer jener sonderbaren Coiffuren verschlungen, welche jene Zeit in so vielen Formen hervorbrachte, Formen, die keiner Epoche, keinem Geschmack angehörten und höchstens an die Bewohnerinnen ferner, von der Zivilisation noch unberührter Küstenstriche erinnern konnten.

Man sah auf den ersten Blick, daß diese Frau das Urbild des über dem Kamin hängenden Porträts sein mußte, es waren dieselben edlen, klassischen Züge, dieselbe Wölbung der Augenbrauen, dieselbe frappante Ähnlichkeit mit der Geliebten des jungen Herrn von Grabenow.

Aber über das Gesicht dieser Frau waren die Jahre mit ihrer zerstörenden Macht dahingezogen, und mehr, als die Jahre es vermocht, hatte die zersetzende Kraft gewaltiger Leidenschaften die ursprünglichen Formen durchwühlt, und ihrem natürlichen Adel den Stempel sinnlicher Niedrigkeit aufgedrückt. Man sah, daß diese Frau vor der Zeit gealtert war, die tiefen Linien des Gesichts, obwohl bedeckt durch geschickte Auslegung von Rot und Weiß, das starre, ungraziöse Lächeln, welches zuweilen den von Natur so schön geformten Mund umspielte, standen nicht im Einklang mit den noch weichen und elastischen Bewegungen ihrer Gestalt.

Diese Frau blieb in der Türe stehen und ließ ihren Blick durch das einfache, ärmliche Gemach schweifen, das einen eigentümlichen Kontrast bildete mit dem luxuriös ausgestatteten Salon, den sie geöffnet hatte.

Endlich haftete ihr Auge auf dem bewegungslos in der Ecke des Kanapes daliegenden Maler. Ein Ausdruck von Hohn und Verachtung blitzte in ihrem Auge auf, mit einem bitteren Lächeln zuckte sie die Achseln.

»Ist Julia hier?« fragte sie mit einer Stimme, deren ursprünglich voller, melodischer Klang scharf und rauh geworden war.

Beim Tone dieser Stimme fuhr der Maler empor und blickte, wie erschrocken in eine fremde Welt zurückkehrend, zu ihr hin.

»Ich suchte Julia hier,« sagte sie kalt und scharf, »ich habe mit ihr zu sprechen und glaubte sie hier zu finden. Mr. Mireport wird in einer halben Stunde hier sein, um sie singen zu hören.«

Der Maler stand auf. Der trostlos apatische Ausdruck seines bleichen Gesichts machte einer unwilligen Erregung Platz, eine feine Röte erschien auf den eingesunkenen Wangen, ein krankhafter Glanz entzündete sich in seinen dunkeln, tiefliegenden Augen.

»Du hast also die Idee nicht aufgegeben, sie auf das Theater zu bringen?« fragte er.

»Wie sollte ich?« sagte sie kurz und scharf. »Ich muß an die Zukunft denken, an die Existenz des Kindes und an die unserige; bis jetzt habe ich dafür gesorgt, wenn ich alt werde, muß ich diese Sorge auf meine Tochter übertragen.«

»Unsere Existenz?« fragte er, »ich habe dich für die meinige nie in Anspruch genommen!« fügte er mit einer Aufwallung edlen Stolzes hinzu, »meine Arbeit hat mir stets meine Existenz verschafft!«

»Die Arbeit eines Zeichners für die illustrierten Journale,« sagte sie, spöttisch die Achseln zuckend, »eine Existenz wie diese!«

Und sie ließ ihren Blick verächtlich über die ärmliche Ausstattung des Zimmers gleiten.

»Ich ziehe sie der deinigen vor,« sagte er ruhig, »mein einziger Trost in der Pein meiner Gewissensangst ist diese Einfachheit und Armut, an welcher wenigstens die Sünde keinen Anteil hat, und die Schande nicht haftet.«

Ein Lächeln voll kalten Hohnes zuckte um ihre Lippen.

»Das sind Phrasen, die ich nicht verstehe,« sagte sie in gleichgültigem Tone, »und die keinen Eindruck auf mich machen, ich meinerseits lege an die Forderungen und Bedürfnisse meines Lebens einen andern Maßstab und werde auch in meiner Weise für die Zukunft meiner Tochter sorgen. – Hättest du,« fuhr sie in schneidendem Tone fort, »dein reiches Talent angewendet, um Bilder zu schaffen, aus dem vollen, heitern Leben gegriffen, voll Lust, Kraft und Wahrheit, du hättest deine Leinwand und deine Farben in Gold verwandeln können, genügend, um uns allen eine frohe und sorgenfreie Existenz zu schaffen, statt dessen brütest du träumend über idealen Heiligenbildern, die dir nicht gelingen, und zeichnest, du, der du unter den Ersten der Kunst stehen könntest, elende Holzschnitte für die blöde Menge.«

Er seufzte tief.

»Du hast die Schlange gerufen in den blühenden Garten meines Daseins,« sagte er mit schmerzlichem Lächeln, »du hast mir die berauschende Frucht der Sünde gereicht, verhöhne jetzt den vom Fluche Getroffenen! – Doch,« sagte er nach einem kurzen Schweigen, »du weißt, daß Julia das Auftreten auf diesen Bühnen verabscheut, welche nichts weiter sind als eine Ausstellung der Schönheit, eine Konkurrenz um den höchsten Preis für dieselbe; sie will den Weg nicht gehen, zu welchem diese Bühnen der erste Schritt sind, und ich werde mich widersetzen, daß man sie zu diesem ersten Schritt überredet!«

»Du?« rief sie höhnisch, »mit welchem Recht? – Wer gibt dir die Befugnis; in das einzugreifen, was ich über die Zukunft meiner Tochter bestimme? – Den ersten Schritt?« fuhr sie mit einer verächtlichen Handbewegung fort, »hat sie ihn vielleicht nicht getan, – ist sie nicht, wie das ganze Quartier weiß, die Geliebte dieses kleinen, langweiligen Deutschen, der mich mit seiner Sentimentalität zur Verzweiflung bringt?«

»Schlimm genug, daß es so ist!« rief er seufzend, »ich konnte es nicht hindern, da du ihr alle Freiheit und Gelegenheit gabst, aber sie ist nicht innerlich gefallen, es ist die Liebe, die wahre, reine Liebe ihres jungen Herzens, der sie gefolgt ist, die Welt mag urteilen wie sie will, das Verhältnis der beiden Kinder ist ein gutes – ein reines – und vielleicht –« sagte er leise und sinnend.

»Das ist alles sehr schön und gut,« rief sie, ihn rauh unterbrechend, »aber wie lange soll das dauern, wohin soll das führen? Dieser junge Mann wird abreisen, zurückkehren in seine ferne Heimat, ist er unabhängig, um ihr eine sichere Existenz für das Leben zu schaffen? – Nein, – er wird sie vergessen, und sie wird darauf angewiesen sein, für sich zu sorgen. Dazu muß ich ihr den Weg öffnen – einen Weg, den so viele gehen, welche die Welt bewundert, einen Weg, auf welchem Ruhm, Gold und Diamanten spielend zu gewinnen sind, und welcher sie zur Unabhängigkeit und zu sorgenfreiem Alter führt.«

»Und wenn er eines Tages wiederkäme,« rief der Maler mit glühendem Blick, »wenn mein Bruder vor dich hinträte und fragte: ›Lukretia, was hast du aus meiner Tochter gemacht?‹ – glaubst du ihm dann diesen Ruhm, dies Gold und diese Diamanten zeigen und ihm sagen zu können: ›so habe ich für dein Kind gesorgt?‹«

Ein leichtes Zittern lief durch die Glieder der Frau. Sie schlug die Augen nieder und schwieg.

»Ich aber,« fuhr er fort, »will nicht ablassen in der Mühe, sein Kind vor dem unrettbaren Fall in den Abgrund zu bewahren, so viel ich kann. Du weißt,« sagte er düster, »daß nur diese Pflicht, die ich mir vorgesteckt habe als die heiligste Aufgabe meines Lebens, mich bisher an deine Wege gefesselt hat, wie an das Leben,« fügte er mit dumpfer Stimme hinzu, »ich werde suchen, sie zu erfüllen bis zum letzten Augenblick, und sollte ich dazu nicht mehr allein imstande sein, so werde ich meine Scham, meine Angst überwinden, ich werde ihn suchen, ihn zu Hilfe rufen – und er wird die Macht haben, sein Kind zu retten!«

Ein feindlicher, scharfer Blick schoß aus ihrem Auge zu ihm herüber. Schnell verbarg sie diesen Blick unter den gesenkten Lidern, ein gezwungenes Lächeln erschien auf ihren Lippen und mit ruhigem, fast sanftem Tone sprach sie:

»Du weißt, daß ich meine Tochter liebe und für ihr Glück und ihre Zukunft sorgen will, in meiner Weise freilich, die nach meiner Überzeugung die beste ist. – Übrigens,« fuhr sie fort, »ist sie frei – und ich kann sie nicht zwingen, sie muß ihren endlichen Entschluß selbst fassen.«

Bevor er antworten konnte, hörte man die Türe des ersten Salons sich öffnen, mit leichtem, elastischem Schritt schwebte die schlanke Gestalt Julias über den weichen Teppich und erschien hinter ihrer Mutter in dem Rahmen der Türe.

Das junge Mädchen trug einen einfachen Anzug von leichter violetter Seide, in dem einfach geordneten, glänzenden Haar eine Schleife von gleicher Farbe, ein kleines goldenes Kreuz an schwarzem Bande um den von einer leicht gekräuselten Spitze eingefaßten Hals.

Es war ein eigentümliches Bild, diese beiden sich so ähnlichen und doch so verschiedenen Frauengestalten da neben einander zu sehen. Trauer und Wehmut mußte es erregen, zu denken, daß die Mutter einst gewesen, wie die Tochter jetzt war; bange Furcht mußte der Gedanke erwecken, daß die Tochter einst der Mutter gleichen könne.

Julia blieb in der Tür stehen, ein wenig erstaunt, wie es schien, ihre Mutter hier zu finden, welcher sie sonst nicht gewohnt war, häufig in dem einfachen Wohnzimmer des Malers zu begegnen. Sie ging auf ihre Mutter zu und küßte ihr in ehrerbietiger Weise die Hand, wobei der Blick der älteren Dame wohlgefällig über die schlanke, biegsame Gestalt des jungen Mädchens hinglitt. Dann aber eilte diese schnell zu dem Maler hin und bot ihm mit reizendem Lächeln die Stirn, auf welche er mit inniger Zärtlichkeit seine Lippen drückte.

»Wie geht es meinem teuren Vater heute?« fragte Julia mit ihrer, reinen, weichen Stimme.

Der Maler senkte den Blick vor dieser einfachen Frage und antwortete, ohne das junge Mädchen anzusehen:

»Mir ist stets wohl, wenn ich die liebe Stimme meiner teuren Julietta höre.«

»Noch immer hast du keinen weiteren Strich an diesem ewigen Bilde gemalt,« sagte Julia, einen Blick auf die Staffelei werfend, »ich kenne das nun schon seit Jahren, warum ist der Kopf des Heilands da immer in einer Wolke von Grau verborgen? Du würdest ihn doch so schön malen können, lieber Vater, oh, ich wollte, ich könnte dir das Bild zeigen, das in mir lebt, ich weiß ganz genau,« sagte sie, den tiefen Blick mit treuherziger Kindlichkeit auf den Maler richtend, »wie er aussehen müßte, der gütige Heiland, als er nach der Erlösung der Menschheit zum Himmel zurückkehrte, um dem Vater zu sagen: ›Ich habe der Welt Sünde auf mich genommen, ich habe die vergangenen und kommenden Geschlechter der Menschen in meinem Blute rein gewaschen von ihrer Schuld, ich habe dem Tode seinen Schrecken, der Hölle ihren Stachel genommen!‹«

Und wunderbare Begeisterung, glaubensvolle Andacht strahlte von ihrem frischen Gesicht. Der Maler hatte die Hände gefaltet und mit angstvoller Spannung blickte er in die erregten Züge des jungen Mädchens, als hoffe er, das Bild des verzeihenden, alle Sünde und Schuld hinwegnehmenden Christus, das sie beschrieb, solle auch seinem heißen, dürstenden Blicke sichtbar werden.

»Was macht dein Freund,« fragte Madame Lukretia in leichtem Tone, »war er heute noch nicht da? Gehst du nicht aus?«

Das junge Mädchen senkte den Blick, ein wehmütiger Zug legte sich um ihre Lippen, während eine flüchtige Röte ihre Wangen färbte.

»Er war noch nicht hier,« sagte sie, »ich erwarte ihn später, es ist mir so peinlich, so angstvoll, in die Welt zu gehen, eine stille Spazierfahrt am späten Abend, wenn man niemand mehr in den Alleen des Bois de Boulogne begegnet, macht mir mehr Freude!«

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Das sind träumerische Phantasien, die du ablegen mußt, mein Kind,« sagte sie, »im Gegenteil, du solltest dich zeigen, wenn das ganze elegante Paris sich Rendezvous an den Seen gibt, du hast in der Tat keine Ursache, dich zu verbergen,« fügte sie mit einem wohlgefälligen Blick auf ihre Tochter hinzu, »und dein Freund kann wahrlich stolz sein, mit dir vor den Blicken der schönen Welt zu erscheinen!«

Ein glühendes Rot stieg in das Gesicht Julias, ein tiefer Seufzer hob ihre Brust. Sie antwortete nichts auf die Bemerkung ihrer Mutter.

»Für heute,« sagte diese, »ist es mir übrigens lieb, daß du zu Hause geblieben bist, ich erwarte einen Freund, dem ich von deiner Stimme gesprochen habe und der begierig ist, dich zu hören, ich glaube, da ist er schon,« fügte sie hinzu, auf ein Geräusch horchend, welches sich vor der Türe des ersten Salons vernehmen ließ.

Rasch trat sie in diesen Salon zurück, während Julia mit erschrockenem Blick ihr nachsah.

»Ich habe mit dir zu sprechen, mein Kind,« sagte der Maler, zu dem jungen Mädchen herantretend, »wenn du einen Augenblick zu ungestörter Unterhaltung frei hast, so komm zu mir oder laß mir sagen, daß ich dich besuchen könne.«

»O ich komme lieber zu dir, mein Vater,« sagte das junge Mädchen lebhaft, »hier bin ich so gern, alle diese einfachen, kleinen Dinge erinnern mich an meine stille, glückliche Kindheit, welche für immer dahin ist!« fügte sie seufzend hinzu.

»Julia!« rief ihre Mutter aus dem andern Zimmer.

Das junge Mädchen folgte dem Ruf und trat in den reichen, mit dunkelroten Seidenmöbeln fast zu voll gestellten Salon ihrer Mutter.

Der Maler schloß die Türe hinter ihr.

Madame Lukretia saß auf einer schräg vor dem Kamin stehenden Caufeuse – vor ihr lehnte in einem kleinen, weiten und bequemen Fauteuil ein Mann von fünfzig bis sechzig Jahren, nach der neuesten Mode gekleidet, das frisierte Haar und den kleinen, spitzen Schnurrbart glänzend schwarz gefärbt. Seine dunkeln, stechenden Augen blickten scharf und lauernd umher, die verwitterten Züge des gelblichen Gesichts kontrastierten merkwürdig mit seiner jugendlichen Haltung und Kleidung, die scharf gebogene Nase erinnerte an den Schnabel eines Raubvogels, der große Mund mit etwas hervorstehender Unterlippe ließ bei dem häufigen, fast mechanischen Lächeln eine Reihe glänzender Zähne sehen, welche eben so sorgfältig gearbeitet waren als die übrigen Gegenstände seiner Toilette. Der starke Geruch eines durchdringenden Moschusparfüms umgab wie eine Atmosphäre diese eigentümliche und durchaus nicht sympathische Erscheinung.

»Herr Mireport, ein großer Freund der Musik,« sagte Madame Lukretia, den Fremden ihrer Tochter vorstellend, »ich sprach mit ihm von deiner Stimme, und er ist begierig, dich singen zu hören, willst du so gut sein, uns irgendetwas vorzutragen, aber,« fügte sie lächelnd hinzu, »nimm dich zusammen, denn Herr Mireport ist ein feiner Kenner.«

Herr Mireport erhob sich ein wenig zu einer kurzen Verbeugung, wobei er aus seinen schwarzen, funkelnden Augen einen prüfenden Blick auf das junge Mädchen warf, der dessen ganze Gestalt umfaßte, einen Blick, wie ihn etwa ein Pferdehändler auf ein Pferd werfen würde, das man ihm zum Kauf anbietet.

Julia senkte die Augen unter diesem Blick und verneigte sich leicht.

»Ich bin höchst erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, mein Fräulein,« sagte er mit etwas heiserer Stimme, indem ein zufriedenes Lächeln seine Lippen umspielte, und sich zu der Mutter wendend, fügte er halblaut hinzu: »Ich wette, die Kleine wird Furore machen, wenn sie nur ein wenig Stimme hat und ihre Blödigkeit ablegt.«

»Mein Gesang ist nicht gemacht, um die Prüfung eines Kenners zu bestehen,« sagte Julia in ziemlich kaltem Tone, der sehr wenig Neigung verriet, den ihr antipathischen Fremden zum Richter über ihre Stimme zu machen.

»Falsche Bescheidenheit, falsche Bescheidenheit, meine Kleine,« sagte Herr Mireport, »das müssen Sie ablegen, denn das macht befangen und hindert die Entwickelung der Kraft und Geschmeidigkeit der Stimme. Fürchten Sie übrigens nicht,« fügte er lächelnd hinzu, »daß ich ein strenger Richter sein werde, bei so viel Schönheit und Anmut ist das Urteil schon zum Voraus bestochen.«

»Singe nur, mein Kind,« sagte Madame Lukretia in bestimmtem Tone »wir sind ja ganz unter uns und ich habe den Herrn gebeten, mir ein Urteil über deine Fähigkeit zu geben.«

Auf diese Aufforderung ihrer Mutter ging das junge Mädchen langsam zu einem in der Nähe des Fensters stehenden Pianino, Herr Mireport folgte aufmerksamen Blickes ihren Bewegungen.

»Viel Elastizität im Gange,« sagte er mit halber Stimme, »schöne Bewegung der Hüften, sie wird Furore machen, ich sehe schon alle jungen Herren in Ekstase, eine Ernte von Diamanten.

Julia hatte sich vor das Pianino gesetzt, richtete einen Augenblick das Auge sinnend empor und begann mit ihrer klangvollen Stimme zu singen:

»Quand je quittais ma Normandie –«

Herr Mireport hörte aufmerksam zu; anfangs etwas betroffen über die Wahl dieses einfachen, in wehmütiger Träumerei anklingenden Liedes, das er nach seinem Gespräch mit der Mutter wohl nicht erwartet haben mochte, schien er immer mehr die Biegsamkeit und den Wohllaut der Stimme und den seelenvollen Vortrag zu bewundern. Julia hatte vergessen, daß sie Zuhörer hatte, sie folgte dem Liede, das mit ihrer Stimmung harmonierte, und sang mit tief wehmütiger Wahrheit:

»Il est un âge dans la vie
Où chaque rêve doit finir
Un âge, où l'ame recueillie
A besoin de se souvenir –«

»Bravo, bravo!« rief Herr Mireport, lebhaft in die Hände klatschend, »eine reizende Stimme, wenn sie stärker und kräftiger wäre, würde das Fräulein eine Zierde der großen Oper werden, aber ich fürchte, dazu möchte der Klang nicht ausreichen – doch seien Sie sicher,« sagte er, sich zu Madame Lukretia wendend, »Ihre Tochter wird eine glänzende Zukunft haben, ich sehe sie schon auf der Höhe der Bewunderung von ganz Paris, und werde mich glücklich schätzen, bei der Entdeckung dieser Perle beteiligt gewesen zu sein.«

Julia hatte bei der lauten Beifallsäußerung des Herrn Mireport plötzlich ihren Gesang unterbrochen und sich nach der Seite gewendet, wo ihre Mutter mit dem Fremden saß. Sie hörte dessen Bemerkungen, der weiche, träumerische Ausdruck, welchen ihr Gesicht während der letzten Strophe dieses Liedes wiedergestrahlt hatte, verschwand von ihren Zügen, eine feste, entschlossene Ruhe erfüllte ihren Blick, rasch stand sie auf und indem sie sich leicht gegen Herrn Mireport verneigte, sagte sie mit kalter Höflichkeit:

»Ich danke Ihnen, mein Herr, für Ihr freundliches Urteil, ich weiß am besten, wie wenig mein einfacher Gesang diesen Beifall verdient, den Sie so gütig waren, ihm zu spenden, meine Lieder sind die Freude meines stillen, eigenen Lebens und niemals werde ich das, was mir eine Quelle des Glückes und des Trostes im Kummer ist, der Kritik der gaffenden Menge preisgeben.«

Herr Mireport sah erstaunt die Mutter des jungen Mädchens an, dann sagte er mit einem überlegenen Lächeln, indem er leicht den kleinen, schwarzen Schnurrbart empordrehte:

»Das Fräulein wird von diesem grausamen Entschluß zurückkommen, die Blumen sind nicht gemacht, um einsam zu verblühen, und so viel Reiz und Schönheit darf sich der Bewunderung der Welt nicht entziehen.«

»Es ist natürlich,« sagte Madame Lukretia ruhig, »daß meine Tochter, welche bisher in der Stille des Hauses aufwuchs, einige Scheu empfindet bei dem Gedanken, einmal vor die Öffentlichkeit zu treten, das ist eine Scheu, die wohl alle Künstlerinnen empfunden haben, übrigens,« fügte sie mit einem bedeutungsvollen Blick auf Herrn Mireport hinzu, »ist diese ganze Erörterung vielleicht verfrüht, meine Tochter hat ja vollkommen Zeit, ihre Entschlüsse zu überlegen, die sie dann ganz nach ihrem freien Ermessen zu fassen haben wird.«

»Gewiß, gewiß,« sagte Herr Mireport, »ich habe nur meine Gedanken ausgesprochen und meinen Rat gegeben, wie ich ihn nicht anders geben kann! – Jedenfalls aber hoffe ich,« fuhr er fort, »daß das Fräulein nicht die Bitte abschlagen wird, wenigstens in einem privaten Kreise vor einigen Kunstfreunden und Kennern eine Probe ihres merkwürdigen Talentes abzulegen. Ich werde Sie um die Erlaubnis bitten, Madame,« sagte er zu Frau Lukretia gewendet, »Sie und Ihre Tochter in einigen Tagen in die Salons einer Freundin von mir, einer sehr distinguierten Dame, der Marquise de l'Estrada, einzuführen, dort wird Ihre Tochter Gelegenheit haben, einen kleinen und gewählten Kreis zu entzücken.«

Julia hatte die Augen niedergeschlagen und die Lippen zusammengepreßt.

Als er geendet, erhob sie den Blick mit kaltem, ablehnendem Ausdruck zu ihm und schien eine Antwort geben zu wollen.

Da öffnete sich die Türe, die Dienerin des jungen Mädchens blickte hinein und sagte mit einem bedeutungsvollen Wink:

»Man erwartet Mademoiselle in ihrem Salon.«

Ein helles Rot flog über das Gesicht Julias.

»Du erlaubst,« sagte sie zu ihrer Mutter, »daß ich sehe, was es ist« – und mit einer leichten, kalten Verbeugung gegen Herrn Mireport, der ihr überrascht und mit einem forschenden Blick aus seinen stechenden Augen nachsah, verließ sie das Zimmer, eilte schnell über den Korridor nach der andern Seite der Etage und trat in ihren Salon.

Herr von Grabenow blickte ihr mit strahlenden Augen entgegen und breitete die Arme nach ihr aus.

Sie eilte zu ihm hin, warf sich an seine Brust, lehnte den Kopf an seine Schulter und brach in lautes Weinen aus.

Erschrocken rief der junge Mann: »Um Gotteswillen, was fehlt dir, mein geliebtes Leben?«

»O nichts,« flüsterte sie, »wenn ich hier bei dir bin, hier an deiner Brust habe ich wenigstens für den Augenblick das Gefühl der Sicherheit, des Schutzes! – Eine schöne Täuschung,« sagte sie noch leiser, »denn für mich gibt es keine Sicherheit – und niemand kann mich schützen!«

»Mein Gott, was ist geschehen?« rief er angstvoll, »ich bitte dich – sage mir –«

»Jetzt nicht,« rief sie, sich aufrichtend und den Kopf schüttelnd, als wollte sie die Nebelschleier finsterer Gedanken von ihrem Scheitel entfernen, »du weißt, ich habe oft trübe Stimmungen, es ist nichts Unmittelbares, vielleicht kommt der Augenblick, wo ich dir sagen kann, was mich quält, wenn der Schatten der Zukunft zum Körper sich verdichten sollte, jetzt laß uns dem Augenblick leben, der Augenblick ist schön, verlieren wir ihn nicht, wer weiß, wie kurz er ist!«

Leicht hauchte sie in ihr Spitzentuch und drückte es auf die Augen. Dann sah sie mit einem reizenden Lächeln zu ihrem Geliebten empor, den Blick leicht befeuchtet vom Duft der Tränen.

»Hast du deinen Wagen hier?« fragte sie, »laß uns ins Freie – ich sehne mich nach Luft, nach den Blumen des Frühlings, nach dem frischen Grün der treibenden Blätter!«

»Wohin willst du, nach dem Bois de Boulogne, nach den Kaskaden?«

»Nein,« sagte sie, ihn groß anblickend, »laß uns nach dem Bois de Vincennes fahren, dort werden wir niemand begegnen, wir können die Welt vergessen, wir werden allein sein mit der erwachenden Natur!«

»Süße Julia!« rief er, sie in seine Arme schließend.

Sanft machte sie sich los, warf einen dunkeln Mantel von schwarzem Samt um und setzte einen kleinen Hut auf, dessen dichter, fast undurchsichtiger Schleier das ganze Gesicht verhüllte.

»Immer dieser Schleier,« sagte er lächelnd, »undurchsichtig wie die Maske einer Venetianerin, soll ich auf dem ganzen Wege dein liebes Gesicht nicht sehen?«

»Wirst du so schnell vergessen, wie es aussieht?« sagte sie in schalkhaftem Tone, »draußen, wo uns niemand mehr sieht, will ich den Schleier ablegen.«

Sie legte ihren Arm in den seinen und beide stiegen die Treppe hinab und in das unten wartende Coupé des Herrn von Grabenow. Julia lehnte sich in die Ecke und in raschem Trabe eilte der Wagen die Rue Notredame de Lorette hinab.

An der Ecke der Rue Lafayette hatte ein großer Lastwagen eine augenblickliche Stockung der Kommunikation verursacht, die hin und her fahrenden Equipagen waren gezwungen, einen Augenblick zu halten. Herr von Grabenow sah plötzlich neben sich die leichte offene Viktoria des Grafen Rivero, dessen großes, feuriges Pferd ungeduldig über die Verzögerung schnaubte und zitterte.

Der Graf warf einen kurzen, forschenden Blick in das Coupé und grüßte dann lächelnd Herrn von Grabenow mit der Hand.

Dieser beugte sich etwas vor und verdeckte das in die Ecke zurückgelehnte junge Mädchen.

»Ich danke diesem ungeschickten Frachtfuhrmann,« sagte der Graf, »das Vergnügen, Sie einen Augenblick begrüßen zu können,« und abermals lächelnd legte er den Finger auf den Mund.

Ehe noch Herr von Grabenow, welcher mit einiger Verlegenheit den Gruß des Grafen erwiedert hatte, Zeit zu einer Antwort gefunden, war das Hindernis des Verkehrs beseitigt, das ungeduldige Pferd legte sich mächtig ins Geschirr und mit dem Ruf »auf Wiedersehen!« rollte der Graf Rivero pfeilschnell davon, während das Coupé des Herrn von Grabenow in die Rue Lafayette einbog.

»Wer war das?« fragte Julia mit tiefem Atemzug.

»Ein Landsmann von dir, meine Freundin,« sagte Herr von Grabenow, »ein italienischer Graf Rivero.«

»Eine eigentümliche Erscheinung,« sagte das junge Mädchen nach einem augenblicklichen Schweigen, »der Blick, welchen er hier in den Wagen warf, fiel wie ein Lichtstrahl auf mich und der Ton seiner Stimme berührte mich wie ein elektrischer Schlag! Es ist töricht,« rief sie, »aber es war, als ob eine Stimme in meinem Herzen rief, daß dieses Mannes Hand tief in mein Leben einzugreifen bestimmt sei, den Blick seines Auges, obgleich ich ihn nur durch meinen Schleier gesehen, werde ich nie vergessen!«

»Der Graf hat einen wunderbaren Einfluß auf alle, die ihm begegnen,« sagte Herr von Grabenow, »auch ich habe den sympathischen Strom empfunden, der von ihm ausgeht, aber,« sagte er lächelnd, »ich möchte nicht, daß er mit dir zu viel in Berührung käme, das könnte mich eifersüchtig machen.«

»Eifersüchtig?« fragte sie, »welche Torheit! – das ist es nicht, aber ich kann den Eindruck nicht los werden, dieser Mann wird in mein Leben greifen!«

Sie legte ihre Hand in die des jungen Mannes und lehnte schweigend den Kopf in die Kissen der Rücklehne.

Bald waren sie aus der innern Stadt und in einer halben Stunde empfingen sie die schönen, vom ersten, leichten Grün überschimmerten, einsamen Alleen des Bois de Vincennes.

Julia schlug den Schleier zurück, der Wagen hielt und die jungen Leute stiegen aus, um sich Arm in Arm in die Wege des Parks zu vertiefen. Sonnenhelle Freude strahlte vom Gesicht Julias, wie ein fröhliches Kind lief sie hierhin und dorthin, um ein duftiges Veilchen, eine gelbe Schlüsselblume ober eine kleine Marguerite zu pflücken; mit strahlendem Blick folgte der junge Mann den anmutigen Bewegungen des schönen Mädchens, hell und lieblich ertönte ihr glockenreines Lachen durch die Gebüsche und hin und wieder ließ sie im fröhlichen Jauchzen einen langgehaltenen Triller erschallen, wie die Nachtigall in der Fülle ihres frühlingssüßen Liebesglücks.

Zwölftes Kapitel.

Die Kaiserin Eugenie saß in ihrem Salon in den Tuilerieen, ein halbgeöffneter Fensterflügel ließ die frische Luft eindringen, welche über die großen, im ersten Grün leuchtenden Bäume des Tuileriengartens hingestrichen war und sich mit allen Aromen des erwachenden Frühlings erfüllt hatte.

Der Kaiserin gegenüber saß in einfacher, dunkler Toilette ihre Vorleserin, Fräulein Marion, eine hübsche Erscheinung von bescheidener Haltung, mit stillen, anmutigen Zügen, vor ihr lagen einige geöffnete Briefe.

Die Kaiserin hielt in der Hand zwei jener eigentümlich gekrümmten Metallstäbchen, welche man durch geschickte Bewegung ineinanderfügen und wieder trennen mußte, ohne eine Gewalt anzuwenden, ein Problem, mit welchem sich damals ganz Paris beschäftigte und welches man »la question romaine« getauft hatte.

Fräulein Marion sah lächelnd zu, wie die schönen Finger ihrer Gebieterin sich vergeblich bemühten, die verschlungenen Enden der gekrümmten Stäbe auseinanderzubringen.

Ungeduldig warf die Kaiserin die »question« auf den Tisch.

»Ich werde niemals dahin kommen,« rief sie, »diese römische Frage zu lösen!«

»Und doch kommt es nur darauf an, einmal die richtige Bewegung erfaßt zu haben,« sagte Mademoiselle Marion mit sanfter Stimme, »dann ist die Sache sehr leicht. Ich bitte Eure Majestät, genau herzusetzen.«

Sie ergriff die Stäbchen und löste sie mit einer leichten Drehung von einander. Die Kaiserin folgte aufmerksam der Bewegung ihrer Hände, dann ließ sie den Blick sinnend durch das Zimmer schweifen und sprach mit einem kleinen Seufzer:

»Das ist wieder einmal der rechte Geist der Pariser, die ernsteste und schwerste Frage, welche je die Welt bewegt hat, verwandeln sie in ein Spielzeug! – Ich glaube wirklich,« sagte sie lächelnd, »wenn einer unserer Untertanen in der guten Stadt Paris den kleinen Kunstgriff gelernt hat, der diese Stäbchen bindet und löst, so ist er glücklich und glaubt den Schlüssel zur ›römischen Frage‹ gefunden zu haben!«

»Ist es nicht besser, Madame,« sagte Fräulein Marion, »daß die Pariser sich mit dieser römischen Frage beschäftigen, als wenn sie sich die Köpfe erhitzten über die große, wirkliche Frage, welche die Kabinette in Spannung erhält? Man muß daraus lernen, diesen großen Kindern stets zur rechten Zeit ein hübsches Spielzeug zu geben, sie werden dann von gefährlicheren Aufregungen fern bleiben.«

Die Kaiserin blickte vor sich hin, ihre schönen Züge nahmen einen ernsten Ausdruck an.

»Also mein liebenswürdiger Vetter im Palais Royal predigt jetzt den Krieg?« fragte sie langsam.

»Ich höre es von allen Seiten,« sagte Fräulein Marion, »Seine kaiserliche Hoheit soll sich sehr zornig über die bisherige Nachgiebigkeit gegen Preußen aussprechen und den Kaiser bestürmen, fest und energisch aufzutreten.

Die Kaiserin lächelte.

»Nun, das mag er tun!« sagte sie achselzuckend, »wenn es einen Eindruck macht, so dürfte es der entgegengesetzte sein. – Es ist aber wahrlich traurig,« fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, »daß dieser Prinz, der uns eine Stütze sein sollte, alles tut, um das Kaiserreich zu diskreditieren und zu kompromittieren. Fast möchte man glauben, es läge eine böse Absicht dabei zugrunde!«

»O Madame,« sagte Fräulein Marion, »wie sollte das möglich sein? – der Prinz hat doch der Wiederaufrichtung des Kaisertums nicht wenig zu danken!«

»Er sieht sich als den eigentlichen Erben des ersten Kaisers an,« sagte die Kaiserin in ernstem Sinnen vor sich hinblickend, »er hat meinem Gemahl vielleicht verziehen, daß er den Thron eingenommen, aber er verzeiht ihm seine Heirat – und meinen Sohn nicht! – Es ist merkwürdig,« fuhr sie fort, »wie stolz diese Kinder Jérômes darauf sind, daß eine wirkliche purpurgeborene Prinzessin, eine deutsche Königstochter, ihre Mutter war. Zwar meine Cousine Mathilde ist eine geistreiche Frau von vortrefflichstem Herzen, sie beobachtet alle Déhors, aber sie liebt mich nicht, ich verstehe das,« fügte sie leise hinzu, »der Prinz aber, wo er kann, läßt er mich fühlen, wie feindlich er mir gesinnt ist, und bei jeder Gelegenheit markiert er die königliche Geburt seiner Gemahlin, der guten Clotilde, die daran gar nicht denkt. – Es liegt etwas darin,« sagte sie seufzend, »der Sohn des Prinzen hat eine Mutter und eine Großmutter aus jener Familie der Könige, welche sich für Wesen anderer Art halten, mein Louis hat nur die Namen Montijo und Beauharnais in seinem mütterlichen Stammbaum, an den Höfen Europas vergißt man das nicht! – Aber,« rief sie, indem ihre Lippe sich stolz über den weißen Zähnen kräuselte und ein flammender Strahl in ihrem Auge aufblitzte, »ist das Blut der Guzman von Alfarache nicht eben so edel, edler als das Blut so mancher Könige?«

»Eure Majestät folgen da Gedanken, welche wohl niemand zu hegen wagt,« sagte Fräulein Marion lächelnd.

»Wer weiß,« flüsterte die Kaiserin, »heute vielleicht nicht, aber es könnte eine Zeit kommen –. Jedenfalls,« sagte sie, den Kopf emporwerfend, »ist es traurig, daß dieser Prinz immer Verwirrung und Unruhe in die Familie und in das Land bringt, der Kaiser sollte strenger gegen ihn sein, aber er ist von einer merkwürdigen Schwäche diesem Tollkopf gegenüber, er hat eine abergläubische Verehrung vor dem Blut des großen Kaisers und die Ähnlichkeit des Prinzen mit seinem Oheim entwaffnet ihn, wenn er noch so zornig ist. – Ich weiß,« rief sie lebhaft, »daß die beißendsten Bemerkungen über mich und meine Umgebung im Palais Royal stets willkommen sind, es genügt, daß ich etwas wünsche, damit mein lieber Cousin das Gegenteil will, ich bin überzeugt, daß nur, weil ich die Erhaltung des Friedens wünsche, er mit aller Macht zum Kriege drängt!«

»Aber ist das nicht natürlich?« fragte Mademoiselle Marion, »ebenso wie Eure Majestät die Vertreterin des Friedens sind, als Frau, als die erste der Mütter Frankreichs, ebenso muß der Prinz die kriegerische Ehre und den Ruhm vertreten, als Mann, als Soldat –«

»Ein Soldat – er?« rief die Kaiserin, die Achseln zuckend, »oh,« sagte sie, den schönen Hals hoch emporstreckend und den Kopf zurückwerfend, »handelte es sich um einen Krieg, bei dem wirklich für Frankreich Ruhm und Ehre zu gewinnen wäre, – meine Stimme würde die erste sein, welche laut dazu drängte, – aber hier ist nur ein neuer Fehler zu machen, und alle Feinde des Kaisers und unseres Hauses, welche sich ja stets um den Prinzen sammeln, benutzen ihn, um diesen Fehler begehen zu lassen. – Dazu die Krankheit meines Sohnes, die Luft von St. Cloud hat noch nicht viel Besserung gebracht, oh, meine liebe Marion,« rief sie mit tief schmerzvollem Tone, die Hände faltend, »wenn dies Kind stürbe, was wäre ich?!« –

Mademoiselle Marion erhob sich rasch, ließ sich zu den Füßen der Kaiserin niedersinken und drückte ihre Lippen auf die Hand ihrer Gebieterin.

»Madame,« rief sie, »welche Gedanken.«

»Du bist ein treues Herz,« sagte die Kaiserin sanft und freundlich, »wie viele solche Herzen habe ich um mich,« fuhr sie mit dumpfer Stimme fort, »wo würden sie sein, alle, die sich vor mir neigen und mich mit den glühendsten Worten ihrer Ergebenheit versichern, wenn jemals ein Tag des Unglücks erschiene? –«

Und in schweigendem Sinnen strich sie sanft mit der Hand über das Haar ihrer Vorleserin.

Ein Schlag ertönte gegen die Türe. Der Kammerdiener Ihrer Majestät trat ein.

»Seine Exzellenz der Staatsminister.«

Die Kaiserin neigte den Kopf, Mademoiselle Marion stand auf.

»Das ist auch einer der wirklich Treuen und Ergebenen,« flüsterte sie, während der Kammerdiener Herrn Rouher die Tür öffnete.

»Weil er mit uns fallen würde,« murmelte die Kaiserin fast ohne die Lippen zu bewegen.

Der Staatsminister näherte sich mit ehrfurchtsvoller Verbeugung der Kaiserin, während Fräulein Marion geräuschlos durch eine innere Türe verschwand.

Die große, volle Gestalt des Herrn Rouher, der einen schwarzen Überrock mit der großen Rosette der Ehrenlegion trug, war weder anmutig noch imponierend, und auch sein Gesicht hatte auf den ersten Anblick wenig außergewöhnliches, der Mund lächelte freundlich, unter der breiten Stirn blickte das klare Auge scharf hervor, die Züge verschwanden fast in der glatten Rundung des Gesichts, dieser Mann, dessen Wort so lange die Kammer des Kaiserreichs mit souveräner Überlegenheit beherrschte, machte den Eindruck eines Advokaten oder Bureauchefs, nicht den eines leitenden Staatsmannes.

Nur wenn er zu sprechen begann, zeigte sich auf seinem Gesicht die feste und stolze Sicherheit dieses außergewöhnlichen Geistes, der mit seiner Arbeits- und Rezeptionskraft ohne Gleichen alle, auch die verwickeltsten Fragen zu durchdringen, zu beherrschen und in lichtvollem Vortrag so darzustellen verstand, wie er wollte, daß sie den Hörern erscheinen sollten; das Auge leuchtete nicht in dem warmen Schimmer der Begeisterung, sondern im klaren, scharfen Licht des durchdringenden, analysierenden Geistes, seine Worte reihten sich aneinander regelrecht und zusammenhängend, wie die Steine eines Baues, oder drangen scharf und schneidend im dialektischen Kampf gegen die Gegner vor, niemals gewann er das Herz der Hörer, er unterwarf ihren Verstand.

Die Kaiserin streckte, ohne aufzustehen, Herrn Rouher ihre schlanke, weiße Hand entgegen, welche dieser ehrerbietig an die Lippen zog. Dann setzte er sich auf einen Wink der Kaiserin ihr gegenüber.

»Eure Majestät haben mich wissen lassen,« sagte er, »daß Sie mir erlauben wollen, vor meinem Vortrag bei dem Kaiser Ihnen meine Ehrfurcht zu bezeigen, ich danke aufrichtigst für diese Gnade.«

Die Kaiserin sah ihn lächelnd an.

»Einem andern Manne gegenüber,« sagte sie, »würde ich einen Vorwand suchen, um zu dem zu kommen, was ich eigentlich sagen wollte, Ihnen gegenüber, mein lieber Herr Rouher, nützt das nichts, Sie würden mich doch sogleich durchschauen, also will ich Ihnen ohne Umschweife sagen, weshalb ich Sie habe rufen lassen!«

»Eure Majestät sehen mich glücklich,« sagte Herr Rouher, »daß ich Ihnen in irgendetwas nützlich sein kann.«

»Sie wissen, mein lieber Minister,« fuhr die Kaiserin fort, »daß die ganze politische Welt wieder in Unruhe versetzt ist. Diese unglückliche luxemburgische Sache, ich höre es mit Entsetzen, droht eine böse Wendung zu nehmen und uns in einen furchtbaren Krieg zu stürzen. – Ich habe eine große Scheu, mich in die Politik zu mischen, das ist nicht die Sphäre, in welcher mir die Pflicht bestimmt ist Frankreich zu nützen, aber es ist gewiß die allgemeine Politik der Frauen, für die Erhaltung des Friedens zu arbeiten, und ich möchte meine Stimme erheben so laut ich kann, um diese Kriegsgefahr zu beschwören. – Ich habe den Kaiser inständigst gebeten, die Sache nicht auf die Spitze zu treiben, und,« fügte sie mit einem graziösen Lächeln hinzu, indem sie die rosigen Spitzen ihrer Finger aneinanderlegte, »ich möchte nun auch Sie noch besonders bitten, Sie, die festeste Stütze des Kaisers, seinen treuesten Ratgeber, helfen Sie mir den Frieden erhalten, werfen Sie Ihr gewichtiges Wort in die Wagschale, damit Frankreich, das noch aus den alten Wunden blutet, nicht von neuem einem so grausamen Kampf entgegengeführt werde.«

Der Staatsminister hatte die Kaiserin bei ihren ersten Worten ein wenig betroffen angesehen, dann hatte er mit dem unbeweglichsten Ausdruck ehrerbietigster Aufmerksamkeit sie bis zu Ende angehört.

»Es ist natürlich,« sagte er in verbindlichstem Tone, »daß Eurer Majestät edles Herz vor den Schrecknissen eines Krieges zurückbebt, obgleich ich weiß, daß Sie auch mit tapferen und stolzen Wünschen die Fahnen Frankreichs begleiten, wenn sie für den Ruhm des Vaterlandes in die Ferne getragen werden –«

Die Kaiserin drückte die Zähne leicht in die Unterlippe, sie senkte einen Augenblick das Auge zu Boden.

»Auch ich,« fuhr Herr Rouher ohne Unterbrechung fort, »gehöre gewiß nicht zu denen, welche in chauvinistischer Überreizung das Heil Frankreichs nur in ewigen Kriegen, in einer unendlichen Aufhäufung blutiger Ruhmestrophäen erblicken, aber,« sagte er mit festem Tone, »ich habe es niemals verhehlt, weder vor dem Kaiser, noch vor den Vertretern des Landes, daß dieser alle Dämme des europäischen Vertragsrechts niederreißende Sieg Preußens bei Sadowa mir patriotische Beklemmungen verursacht hat. – Ich habe lebhaft davon abgeraten,« fuhr er fort, »daß der Kaiser sich damals zwischen die erhitzten Gegner stürzen möge, wie viele verlangten, man muß die Finger nicht in siedendes Wasser tun, ich finde auch nicht, daß die Form Deutschlands, welche als Endresultat des Krieges von 1866 übriggeblieben ist, für Frankreich absolut nachteilig ist, es lassen sich vielmehr aus den jetzigen Zuständen noch manche Vorteile für unsere Politik ziehen, allein die Gleichgewichtsverhältnisse in Mitteleuropa sind so wesentlich gestört, dieser preußische Degen, dessen Spitze, wie Herr Thiers früher schon sagte, gegen die Brust Frankreichs gerichtet wurde, ist so viel stärker und scharfer geworden, daß in der Tat eine Notwendigkeit da ist, die Spitze etwas abzustumpfen, um das Gleichgewicht durch eine entsprechende Kompensation wiederherzustellen. Beides wird durch die Abtretung Luxemburgs erreicht. Luxemburg in preußischen Händen ist die Spitze des Degens, in den unsrigen ist es ein starker Schild. – Ich fürchte übrigens nicht.« sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, »daß es zum Kriege kommt, man scheut in Berlin vor dem äußersten zurück, und wenn wir nur fest auftreten und nicht Zurückweichen –«

»Glauben Sie das nicht!« rief die Kaiserin lebhaft, »die preußische Zurückhaltung und Mäßigung ist nur Schein, man bereitet eine mächtige und allgemeine Aufwallung des deutschen Nationalgefühls vor, die Interpellation in der Versammlung des Reichstags ist das Losungswort gewesen, und wenn dies gelungen ist – so wird man anders sprechen. Ich bin sicher, daß man zum Kriege entschlossen ist. – Haben Sie den Grafen Goltz gesprochen?« fragte sie.

»Nein,« sagte der Staatsminister.

»Nun,« rief die Kaiserin, »ich habe ihn gestern gesehen, Sie wissen, wie tief er es beklagt, daß im vorigen Jahre keine endliche volle Verständigung zwischen Frankreich und Preußen hergestellt ist, wie sehr er die Erhaltung der guten Beziehungen wünscht, welche gesichert waren,« fügte sie nachdenklich mit leiserer Stimme hinzu, »wenn er die preußische Politik leiten könnte, er ist überzeugt, daß man in Berlin zum äußersten entschlossen ist, und hat mich beschworen, dahin zu wirken, daß man hier den Konflikt nicht auf die Spitze treiben möge.«

»Nun,« sagte Herr Rouher mit ruhigem Tone, »und wenn es zum Kriege käme? – wir würden schnell Luxemburg besetzen, die widerstrebenden Elemente in Deutschland würden Preußen große Verlegenheiten bereiten, und man würde zuletzt in Berlin froh sein, nachdem die Degen gekreuzt sind, um den mäßigen Preis von Luxemburg die unbestrittene Führung in Deutschland, die definitive Anerkennung der Erfolge von 1866 erkaufen zu können.«

»Aber wir haben keine Allianzen!« rief die Kaiserin, »während Preußen Italien hat, Rußland, das heimliche Wohlwollen dieser materiellen englischen Politik –«

»Die Geschichte zeigt,« sagte der Staatsminister, »daß das ängstliche Suchen nach Allianzen Frankreich niemals weder Stärke noch Vorteil gebracht hat, Napoleon I. hatte keine Allianzen, seine Allianzen waren die Folge seiner Siege –«

»Napoleon I.!« rief die Kaiserin mit einem unbeschreiblichen Ausdruck. – »O ich sehe es wohl,« sagte sie dann traurig mit tiefem Seufzer, »mein Wort findet nirgends Gehör, und doch,« fuhr sie fort, das Auge emporrichtend und die Hände faltend, »doch habe ich nie tiefer und sehnlicher gewünscht, die Schrecken des Krieges beschwören zu können, die Gefahr, welche das Leben des kaiserlichen Prinzen bedrohte und welche noch immer nicht vorüber ist – läßt mich tiefer als je empfinden, was es heißt, seine Söhne der Todesgefahr auf den Schlachtfeldern entgegenzuschicken, und mehr als je fühle ich mich als Vertreterin der Angst und der Besorgnisse aller Mütter Frankreichs. – Außerdem,« fuhr sie mit einem langen Blick auf das ruhig unbewegliche Gesicht des Staatsministers fort, »außerdem sehe ich weiter, und die Konsequenzen dieses Krieges würden gefährlich zurückwirken auf unsere inneren Zustände.«

»Ich glaube, ein festes Auftreten nach außen würde nur zur Befestigung der inneren Verhältnisse beitragen und alle widerstrebenden Elemente zum Schweigen bringen,« sagte der Staatsminister ruhig.

»Wenn man im Innern ebenfalls fest bleibt,« erwiderte die Kaiserin, »aber leider haben diejenigen, welche dem Kaiser zum Kriege raten, ganz besondere Absichten, die ich genau sehe – und die,« fügte sie seufzend hinzu, »vielleicht nicht ohne Aussicht auf Erfolg sein möchten.«

»Welche Absichten könnte man haben, die man durch einen Krieg zu erreichen hoffte?« fragte Herr Rouher, indem ein leichter Strahl von erhöhter Aufmerksamkeit in seinem Auge erglänzte.

»Mein Gott,« sagte die Kaiserin, indem sie leicht mit dem einen Stäbchen der question romaine spielte, welches vor ihr auf dem Tische lag, »Sie wissen, ich sehe so manches und muß manches sehen, weil die Interessen von allen Seiten sich an mich drängen und meine Feinde durch ihre Bosheit, meine Freunde durch ihren Eifer dafür sorgen, daß mir nichts entgeht, so sehe ich denn auch jetzt eine starke Pression, die man gegen den Kaiser ausübt, um die Zügel der Regierung zu lockern und ein System des Parlamentarismus einzuführen, es ist da eine lange Linie zum Angriff aufgestellt, an ihrer Spitze steht mein Vetter Napoleon, im Hintergrunde rückt Herr Ollivier heran –«

»Emile Ollivier?« rief Herr Rouher, indem er fast einen Sprung auf seinem Stuhle machte, »dieser Träumer, dieser eitle Geck, dessen Kopf voll Phrasen und Widersprüchen und dessen Herz voll kraftlosen Ehrgeizes ist? – Ich kenne ihn,« fuhr er mit höhnischem Lächeln fort, »ich weiß, was dieser Spartaner wert ist, aber wie hängt er mit der Kriegsfrage zusammen?«

»Sehr einfach,« sagte die Kaiserin mit einem scharfen Blick, der schnell unter den leicht gesenkten Augenlidern hervorblitzte, »man sagt dem Kaiser, daß nun, nachdem das Kaiserreich fast zwanzig Jahre besteht, das System der straffen Konzentrierung der Gewalt nicht mehr nötig sei, es erbittere die Gemüter, entfremde sie der Dynastie und lasse den Thron vor den Augen Europas als unsicher erscheinen, man müsse jetzt ein neues parlamentarisches System inaugurieren und die Kräfte der Opposition in die Regierungssphäre hineinziehen, um für den kaiserlichen Prinzen eine Institution zu schaffen, welche unabhängig von der persönlichen Überlegenheit des Souveräns die Dynastie zu tragen und zu stützen geeignet sei.«

Herr Rouher zuckte die Achseln.

»Um aber das System des persönlichen Regiments aufzugeben,« fuhr die Kaiserin in fast gleichgültigem Tone fort, »muß – so sagt man dem Kaiser – dies System auf der Höhe seines Prestige stehen, weil sonst das Volk nicht an ein freies Geschenk glauben und dafür danken, sondern glauben würde, einen Tribut der Schwäche zu empfangen.«

»Solche Konzessionen sind immer Schwäche!« rief der Staatsminister, indem eine zornige Röte sein Gesicht überflog.

»Nun ist aber das Prestige des persönlichen Regiments schwer erschüttert,« fuhr die Kaiserin immer in demselben Tone fort, »durch die Zurückhaltung Frankreichs der deutschen Katastrophe gegenüber –«

»Schon vorher durch den kläglichen Ausgang der mexikanischen Expedition!« rief Herr Rouher in brüskem Tone.

Ein jäher Blitz sprühte aus dem Auge der Kaiserin, sie drückte das Metallstäbchen, das sie in der Hand hielt, so heftig, daß ein roter Streif ihre weißen Finger färbte, aber kein Zug ihres Gesichts änderte sich, in noch ruhigerem Tone als bisher fuhr sie fort:

»Man hat zum ersten Male gesehen, daß eine solche Erschütterung der europäischen Verhältnisse sich vollzieht, ohne daß Frankreich gefragt oder gehört wird, dieser Eindruck muß beseitigt werden, wenn aber Frankreich das Prestige wiederhergestellt hat, wenn der Kaiser die Kompensationen, welche wir bedürfen, dem französischen Volk und seinem Selbstgefühl geboten, wenn er dasteht an der Spitze siegreicher Heere, wenn sein Wort wieder gehört wird in Europa, dann – so sagt man – sei der Augenblick gekommen, um die neuen Institutionen zu begründen, welche einst den Thron unseres Sohnes sichern sollen. – Ich,« fuhr sie seufzend fort, »kann in diesen Institutionen kein Heil erblicken, ich finde, daß das Kaiserreich der ernsten, festen, konzentrierten Gewalt bedarf, um diese unruhigen Franzosen zu beherrschen, ich habe deshalb nach allen Kräften gegen diese Ideen angekämpft – und auch aus diesem Grunde alles getan, um den Kaiser vom Kriege abzuhalten, indes,« sagte sie achselzuckend, »vielleicht täusche ich mich, ich bereue schon, daß ich meinem Prinzip untreu geworden bin, mich jemals, auch in der besten Absicht, in die Politik zu mischen –«

»Und der Kaiser?« fragte Herr Nouher, welcher mit immer steigender Aufmerksamkeit den Worten der Kaiserin gefolgt war, »der Kaiser? – was sagt er zu diesen Träumereien?«

»Der Kaiser?« sagte die Kaiserin, »mein Gott, Sie kennen ihn ja, er sagt nichts, er hört zu, indes bemerke ich, daß er lange und aufmerksam zuhört – Sie wissen ja, welchen Einfluß auf ihn große liberale und zivilisatorische Ideen stets haben, ich glaube – soll ich sagen, ich fürchte – daß er im Herzen zu jenen Leuten hinneigt, welche das Kaiserreich zu einer großen parlamentarischen Apotheose führen möchten, doch,« unterbrach sie sich, »lassen wir das, ich überschreite den Kreis, den ich mir mit bestimmten Grenzen vorgezeichnet habe, außerdem habe ich einen peinlichen Gegenstand berührt,« fügte sie mit dem Ausdruck der Verlegenheit hinzu, »denn bei allen diesen Erörterungen kommt ja auch Ihre Person sehr wesentlich in Frage! – Also, mein lieber Minister,« sagte sie mit einem reizenden Lächeln, »vergessen Sie, daß ich mit Ihnen Politik gesprochen, nehmen Sie meine Äußerungen für nichts anderes, als für die ängstlichen Aufwallungen einer Frau, die,« sagte sie mit leichter Neigung des Hauptes, »einen so starken Geist wie den Ihrigen, der so lange gewohnt ist, die Politik zu übersehen und zu beherrschen – nicht einen Augenblick irremachen sollen. – Ich fürchte und verabscheue diesen drohenden Krieg, deswegen spreche und handle ich dagegen, so viel ich kann, Sie sehen ihn anders an, der Kaiser wird entscheiden und der Stern Frankreichs wird alles zum Guten führen.«

Und sie lächelte mit einer Miene, welche deutlich sagte, daß dies Gespräch nunmehr zu Ende sein solle.

»Haben Sie schon gesehen,« fragte sie, die beiden kleinen Stäbe emporhebend, »auf welche Weise die guten Pariser jetzt die römische Frage lösen? – Sehen Sie, dies kleine Spielzeug hat man die question romaine getauft, es kommt darauf an –«

»Ich bitte Sie, Madame,« sagte der Staatsminister, ohne die question romaine der Kaiserin zu beachten, »ich bitte Sie, meine Äußerungen vorhin nicht so aufzufassen, als ob ich den Kaiser wegen dieser luxemburgischen Frage zum Kriege drängen wolle, der Krieg ist das Äußerste und Letzte, und wenn Frankreich sich selbst auch eine feste Haltung schuldig ist, so darf man die Dinge darum doch noch nicht bis zur Grenze des blutigen Konflikts treiben. – Eure Majestät können überzeugt sein –«

»O ich bitte Sie, mein lieber Herr Rouher,« rief die Kaiserin, »lassen wir das, Sie dürfen Ihre Ansichten in keiner Weise durch meine vielleicht recht törichten Befürchtungen beeinflussen lassen, vergessen Sie das alles, ich bitte darum! – Sehen Sie,« sagte sie, die Stäbchen ungeduldig hinwerfend, »auf diese Weise durch geschmeidiges Ineinanderfügen kann ich die römische Frage nicht lösen. – Niemals, niemals, niemals!« rief sie, mit feinem Lächeln in das erregte Gesicht des Staatsministers blickend.

»Madame,« rief Herr Rouher aufstehend, »Eure Majestät mögen überzeugt sein, daß, wenn immer die Lage der Dinge eine friedliche Lösung möglich macht, ich alles tun werde, was in meinen Kräften steht, um Ihre so natürlichen und edlen Wünsche zu unterstützen und den Frieden nach außen zu erhalten.«

»Der Friede nach außen,« sagte die Kaiserin mit anmutigem Lächeln, »das ist die starke Regierung im Innern – dann sind wir ja Alliierte, mein lieber Minister, ich hatte das kaum gehofft, aber ich bitte Sie nochmals, nur nach Ihrer Überzeugung zu handeln, nichts um meinetwillen –«

»Eure Majestät haben die Gnade gehabt, mich als Ihren Alliierten zu bezeichnen,« sagte der Staatsminister, »ich hoffe, daß meine erhabene Alliierte auch hier im Innern mir zur Seite stehen wird gegen die Feinde, welche die starken und festen Institutionen des Kaiserreichs zerbröckeln möchten –«

»Wenn die Zweige des Ölbaumes Europa beschatten,« sagte die Kaiserin mit seinem Lächeln, »so bedürfen wir keinen Ollivier im heimischen Garten Frankreichs!«

Und mit anmutigem Lächeln sich erhebend, reichte sie dem Staatsminister die Hand; dieser führte sie an die Lippen und verließ, sich tief verneigend, den Salon.

Die Kaiserin blickte ihm lächelnd nach.

»Die einen lenkt man mit der Hoffnung,« fügte sie leise, »die anderen mit der Furcht. – Dieser hat nichts mehr zu wünschen, man muß ihn fürchten lassen!«

Während dies im Salon der Kaiserin vorging, saß Napoleon III. in seinem Kabinett, ihm gegenüber der Marquis de Moustier, welcher verschiedene Papiere auf den Schreibtisch des Kaisers gelegt hatte.

Napoleon sah finster und erregt aus, in sich zusammengesunken saß er da, sein Schnurrbart, den er immer von neuem in ungeduldiger Bewegung durch die Finger gleiten ließ, hing weniger sorgfältig geordnet als sonst über die Lippen herab, er hielt eine Zigarette in der Hand, aber sie war ausgegangen, das Auge des Kaisers blickte trübe und verschleiert zu Boden.

»Benedetti hat eine große Verantwortung auf sich geladen,« sagte der Marquis de Moustier mit leicht erregter Stimme, »indem er die Depesche, welche ich ihm über den Vertrag mit Holland gesendet, zurückhielt. Sie jetzt noch abzugeben, würde eine fast direkte Kriegserklärung sein, nachdem die Interpellation im deutschen Reichstag stattgefunden, aber jedenfalls müßte,« fuhr er mit eindringlichem Ton fort, »der Botschafter ernstlich getadelt werden, es scheint mir überhaupt zweifelhaft, ob wir einen Vertreter in Berlin lassen können, der so unter dem persönlichen Einfluß dieses Grafen Bismarck steht –«

»Lassen Sie die Sache auf sich beruhen,« sagte der Kaiser, »Benedetti hat vielleicht Frankreich einen großen Dienst geleistet,« fügte er sinnend hinzu.

Der Marquis verneigte sich schweigend mit unzufriedener Miene, welche deutlich ausdrückte, daß er die Auffassung seines Souveräns nicht teile.

»Es ist ein böses Spiel,« sagte der Kaiser nach einer kleinen Pause in dumpfem Ton, »das uns diese Indiskretion des Königs von Holland da gemischt hat, eine so einfache, natürliche Sache, die so leicht zu ordnen schien, bei der ich so wenig ernsten Widerstand voraussetzen durfte, ist da hinaufgeschraubt worden zu einem gewaltigen Konflikt, zu einer europäischen Frage – bis an die Grenzen des Krieges, o wenn ich das gewußt hätte,« rief er seufzend, »ich hätte die ganze Sache nicht angerührt, wenigstens jetzt nicht!«

»Aber glaubten denn Eure Majestät wirklich,« fragte der Marquis verwundert, »daß die Erwerbung von Luxemburg ganz ohne Widerspruch von seiten des Berliner Kabinetts vor sich gehen könne?«

»Ich glaubte es,« sagte der Kaiser, »oft habe ich früher Andeutungen über diese Sache machen lassen, ich habe nie eine bestimmte Antwort erhalten, aber eben dies ließ mich glauben, daß man in Berlin geneigt sei, diese Konzession zu machen, um eine definitive Verständigung zu erreichen, ich habe angenommen, man wolle nicht ausdrücklich zustimmen, aber man würde zufrieden sein, das fait accompli akzeptieren zu können – und nun –?«

»Aber halten denn Eure Majestät,« fragte der Marquis, »diesen jetzigen Widerstand für ernst? – ich glaube,« sagte er lächelnd, »man will durch einiges Sträuben, durch einige Schwierigkeiten den Wert der Konzession nur größer machen!«

Der Kaiser schüttelte langsam den Kopf.

»Sie täuschen sich,«, sagte er dann, »dieser Widerstand ist ernst. Die Interpellation im Reichstag würde nicht stattgefunden haben, wenn Graf Bismarck sie ernstlich nicht gewollt hätte, und daß er die Frage auf diesen Weg bringt, beweist mir unwiderleglich, daß er fest entschlossen ist, nicht nachzugeben, denn das deutsche Nationalgefühl wird sich mehr und mehr erhitzen, und das deutsche Nationalgefühl, wenn es einmal aufgeregt wird, ist eine furchtbare Waffe in der Hand eines Mannes, wie dieser preußische Minister. – Wissen Sie, mein lieber Marquis,« sagte er nach einer kleinen Pause, indem er sich etwas emporrichtete und mit großem, starrem Blick den Minister ansah, »wissen Sie, was mich an dieser ganzen Sache so peinlich, ich möchte sagen, unheimlich berührt, das ist nicht die fehlgeschlagene Kombination, nicht die Hindernisse, welchen ich in dieser speziellen Frage begegne, man könnte ja leicht eine andere Kombination, ein anderes Arrangement finden, aber,« fuhr er mit dumpfem Tone fort, »ich begegne hier abermals jenem festen, kalten, trotz der ruhigsten Form so rücksichtslos abweisenden Widerstand, den dieser preußische Minister allen meinen Schritten entgegensetzt, um zwischen dem neuen Deutschland und Frankreich ein festes, freundliches Verhältnis herzustellen, eine Allianz zu knüpfen, welche nach meiner Überzeugung die Welt beherrschen müßte! – Er betont stets seinen Wunsch, mit mir in den besten Beziehungen zu leben, aber jedesmal, wenn ich die Basis dazu schaffen will, weist er mein Entgegenkommen zurück. – Wohin soll das führen? Kann Frankreich ruhig, ohne seinerseits sich zu stärken, dieses übermächtige Anwachsen der deutschen Macht ansehen? – Das muß endlich zu einem harten, furchtbaren Kampfe führen, zu einem Kampf der Rassen, in welchem nicht nur die politische Macht Deutschlands und Frankreichs gegeneinander streiten werden, sondern in welchem gerungen werden wird zwischen der germanischen und der lateinischen Rasse um den ersten Platz in Europa!«

»Wenn Eure Majestät überzeugt sind, daß dieser Kampf endlich mit unvermeidlicher Notwendigkeit kommen muß,« sagte der Marquis de Moustier, wahrend der Kaiser düster vor sich hinstarrte, »dann ist es doch in der Tat richtiger, die Ereignisse zu beherrschen, wozu sich jetzt die beste Gelegenheit bietet, statt sie später vielleicht über uns hereinfluten zu lassen. – Halten Eure Majestät fest, zeigen Sie jetzt, bevor die deutsche Macht sich konsolidiert hat, dem preußischen Kabinett einen ernsten Willen und einen unbeugsamen Entschluß, ich bin überzeugt, daß man dort zurückgehen wird –«

Der Kaiser schüttelte langsam den Kopf.

»Und wenn nicht,« rief der Marquis, »nun so werden wir schlagen, so werden wir endlich diesen übermütigen Soldaten von Sadowa zeigen, daß Frankreich nicht Österreich ist –«

»Wir stehen allein,« sagte der Kaiser zögernd.

»Nicht ganz, Sire,« erwiderte der Marquis, »wir haben wirksamere Bundesgenossen, als die Kabinette es vielleicht sein würden, wir haben alle die widerwillig unterworfenen Elemente in Deutschland, die katholischen Parteien Süddeutschlands, welche auf ihre Regierungen drücken werden, wir haben Hannover, das unter dem preußischen Zügel schäumt, wir haben die Bevölkerung von Luxemburg selbst, welche nicht ermangeln wird, vor ganz Europa eine Demonstration zu machen.«

»Sind Sie dessen gewiß?« fragte der Kaiser.

Der Marquis ergriff ein kleines Heft, welches vor ihm auf dem Tische lag.

»Hier ist,« sagte er, »ein sehr ausführlicher und interessanter Bericht von Herrn Jaquinot über die Zustände im Großherzogtum –«

»Herr Jaquinot?« unterbrach der Kaiser mit fragendem Ton.

»Er ist Präfekt von Verdun, Sire,« erwiderte der Marquis, »Sohn des Generals Jaquinot, er hat ein Fräulein Collart aus Luxemburg geheiratet und die Familie seiner Frau dort oft besucht, viel beobachtet und seine Beobachtungen mit großem Geschick zusammengestellt; er konstatiert, daß die ganze Bevölkerung des Großherzogtums französisch gesinnt ist, die Bemühungen, welche früher zwei Männer besonders« – der Marquis blätterte suchend in dem Bericht, den er in der Hand hielt – »zwei Männer, namens Friedemann und Stammer, zur Verbreitung der deutschen Sprache und Literatur gemacht, sind erfolglos geblieben, die Handels- und Verkehrsbeziehungen ziehen die Bevölkerung ebensosehr als Sprache und Sitten zu uns, man wird uns bei lauten Kundgebungen in diesem Sinne nicht vorwerfen können, daß wir deutsches Gebiet beanspruchen.«

»Wollen Sie mir den Bericht hier lassen,« sagte der Kaiser, nahm das Heft aus der Hand seines Ministers und legte es auf den Tisch neben sich. – »Sie sprachen von Hannover?« fragte er dann, »glauben Sie, daß dort auf etwas Ernstes zu rechnen sei? – das wäre besonders wichtig!«

»Alle Berichte lauten übereinstimmend dahin,« erwiderte der Marquis, »daß die Bevölkerung Hannovers im höchsten Grade widerwillig die preußische Herrschaft erträgt, auch habe ich heute die Nachricht erhalten, daß eine starke Anzahl früherer hannoverischer Offiziere und Soldaten sich in Arnheim in militärischer Ordnung sammeln –«

»In der Tat?« fragte der Kaiser, »das wäre ein wichtiger Punkt, ein deutsches Volk auf unserer Seite, die Nachkommen der Soldaten von Waterloo, man muß sogleich Kundschafter dorthin schicken und Baudin instruieren –«

»Zu Befehl, Sire,« sagte der Marquis, »übrigens schreibt der Herzog von Gramont, daß der König von Hannover einen persönlichen Vertreter hierher senden wolle, man wird dann eine nähere Verbindung anknüpfen können –«

»Ich habe davon gehört,« sagte der Kaiser, »der König Georg ist trotz seiner Entthronung einer der vornehmsten Herren Europas, und ich kann trotz der völkerrechtlichen Stellung zu Preußen persönliche Beziehungen zu ihm fortsetzen, man wird seinen Vertreter mit den äußersten égards umgeben; diese hannoverische Frage ist eine Sache,« sagte er lächelnd, »die wir in einem Schubfach unseres politischen Archivs sorgfältig bewahren müssen, ohne uns zu engagieren, es kann ein Augenblick kommen, wo wir sie daraus hervorziehen werden, – Ich habe,« sprach er langsam, »die Veränderungen in Deutschland, die Annexionen der souveränen Staaten akzeptiert, nicht anerkannt, das ist eine Nüance,« fügte er mit sarkastischem Lächeln hinzu, »die ich von den legitimen Kabinetten bei der Ausrichtung des Kaiserreiches gelernt habe, sollte aus irgendeinem Grunde ein Konflikt ausbrechen, so habe ich das volle Recht, die ganze deutsche Frage als eine offene zu betrachten und zu behandeln.«

»Nimmt man nun,« fuhr der Marquis fort, »die Zustände in Hannover, die Verhältnisse in Süddeutschland zusammen, denkt man dann an den Krieg in der Weise, daß eine Armee, durch die Flotte unterstützt, von Holland aus auf Hannover hin operiert, daß sodann die Hauptmacht, den Feldzug Moreaus wiederholend, vom Süden heraufdringt und immer an der Grenze der süddeutschen Staaten, deren Bevölkerungen durch unsere Agenten vorbereitet werden, die Alternative stellt: Allianz oder feindliche Invasion, so müssen mir Eure Majestät zugestehen, daß diese Chancen vielleicht schwerer wiegen, als die Allianzen und Versprechungen europäischer Höfe. Preußen wird so viel Truppen brauchen, um seine Feinde im Innern zu bewachen und niederzuhalten, daß ihm nur wenige übrigbleiben werden, um sie unseren Armeen entgegenzustellen.«

Der Kaiser lächelte. »Da ist mein Minister der auswärtigen Angelegenheiten, der Kriegspläne macht, Sie haben den Marschall Niel gesprochen?«

»Ich gestehe, Sire,« sagte der Marquis, »daß ich ein wenig den Marschall sondiert habe, indes ergibt sich jener Feldzugsplan ebensosehr aus politischen Gesichtspunkten, wie aus militärischen.«

»In der Tat,« sprach der Kaiser mehr zu sich selber, als zu dem Marquis, »sind das die Gedanken Niels, nur für später, er ist noch nicht fertig, auch will er einen Winterfeldzug machen!«

»Eure Majestät sind also entschlossen.« fragte der Minister, »ernsthaft und rücksichtslos vorzugehen?«

»Rücksichtslos?« sagte der Kaiser, »das würde unsere Position nicht verbessern; man muß uns nicht vorwerfen können, die Brandfackel in das politische Gebäude Europas geschleudert zu haben, auch ist die Situation noch nicht ganz klar. Gramont wird hierher kommen?«

»In diesen Tagen,« erwiderte der Marquis, »ich kann nach seiner Nachricht ihn heute schon erwarten.«

»Ich bin begierig, ihn zu sprechen,« sagte der Kaiser, »dieser Herr von Beust macht aus Österreich eine so komplizierte Maschine, daß ich fürchte, er wird sehr bald selbst die Direktion verlieren und diesen originellen Mechanismus nicht mehr bewegen können. – Apropos,« unterbrach er sich, »Österreich spielt ein merkwürdiges Spiel im Orient! Mich erfüllt das mit einiger Besorgnis. Sollte Herr von Beust, der sich zuweilen in höchst sonderbaren Gedanken und Experimenten gefällt, an eine Wiederaufrichtung jener alten, sogenannten heiligen Allianz denken, die wir mit so vieler Mühe getrennt haben? Er macht Rußland merkwürdige Avancen – die Revision des Vertrages von 1856 –«

»Eure Majestät sind ja selbst zu einer solchen Revision bereit,« warf der Marquis ein.

»Wenn ich,« sagte der Kaiser lächelnd, »eine Basis der Verständigung mit Rußland habe, so ist es darum nicht nötig, daß Herr von Beust sich das Verdienst derselben aneignet, eine östliche Koalition ist dasjenige, was vor allem um jeden Preis vermieden werden muß, sie könnte mit logischer Notwendigkeit ihre Spitze nur gegen uns kehren.«

»Also würden wir uns gegen die österreichischen Provositionen erklären müssen?« fragte der Marquis.

»Dadurch würden wir gerade das hervorrufen, was wir vermeiden wollen,« sagte der Kaiser, seinen Schnurrbart drehend, »wir dürfen weder Rußland feindlich gegenübertreten, noch auf der anderen Seite dulden, daß die orientalische Frage irgendwie einer endgültigen Lösung oder auch nur einem vorläufigen Abkommen entgegengeführt werde. – Wir müssen Österreich überbieten!« setzte er nach einem kurzen Nachdenken hinzu.

Der Marquis machte eine Bewegung des Erstaunens.

»Wir müssen es so weit überbieten, daß – alles beim alten bleibt!« sagte der Kaiser lächelnd.

»Ah!« machte der Marquis, indem er mehrmals mit dem Kopfe nickte.

»Lassen Sie uns vorschlagen, daß Kandia, Thessalien und Epirus, um der dortigen Unzufriedenheit ein- für allemal ein Ende zu machen, gänzlich von der Türkei abgetrennt und mit Griechenland vereinigt werden mögen! – das wird dann schließlich England erwecken – und es wird alles bleiben, wie es war. – Jedenfalls darf Österreich kein Weg zu anderen Allianzen offen gelassen werden!«

Der Marquis verneigte sich.

»Aber,« sagte er dann, »um auf die luxemburgische Frage zurückzukommen, Eure Majestät befehlen also, daß unsere Sprache in derselben sehr fest und energisch sein solle –«

»Ahmen wir das Beispiel unseres Gegners nach,« sagte der Kaiser, »und hüllen wir uns zunächst in eine kühle Zurückhaltung, echauffieren wir uns nicht vor der Zeit, die Sache wird ja doch vor eine europäische Konferenz kommen, es ist das gar nicht zu vermeiden, engagieren wir uns also nach keiner Richtung –«

»Aber, Sire,« rief der Marquis, »sollen wir denn eine neue direkte moralische Niederlage ertragen?«

»Wir wollen Zeit gewinnen,« sagte der Kaiser mit freundlichem und verbindlichem Lächeln, »und das ist ein großer Gewinn.«

Der Marquis biß mit unzufriedener Miene auf seinen kleinen Schnurrbart.

»Übrigens,« fuhr der Kaiser fort, »dürfen wir nicht versäumen, eine energische Aktion vorzubereiten, ich bitte Sie, mein lieber Marquis, sich mit Lavalette zu verständigen, um durch die Presse auf die öffentliche Meinung wirken zu lassen, damit die nationale Seite ein wenig anklinge, auch wird es gut sein, die militärischen Rüstungen scharf zu betreiben und einige Truppen gegen die Grenze zu dirigieren. – Ich werde mit dem Marschall Kriegsminister sogleich darüber sprechen.«

Die Züge des Ministers klärten sich auf.

»Lord Cowley hat die bons offices Englands angeboten,« sagte er dann, »er hat auch eine Audienz bei Eurer Majestät erbeten und wird wahrscheinlich bald hier sein.«

Napoleon zuckte die Achseln.

»Wo es die Verkleisterung eines Konfliktes gilt, sei es auch nur auf sechs Wochen – da ist man der bons offices Englands sicher!« sagte er, »ich werde ihn empfangen, um die Phrasen zu hören, die ich schon zum voraus genau kenne! Ich bitte Sie, sogleich wiederzukommen, mein lieber Marquis,« fügte er hinzu, »sobald Sie neue Nachrichten von Wichtigkeit haben.«

Der Marquis stand auf, faltete seine Papiere zusammen und entfernte sich, indem er mit tiefer Verbeugung sprach:

»Ich wünsche, daß es Frankreich diesmal vergönnt sein möge, Reparation für Sadowa zu erlangen.«

Der Kaiser blickte ihm lange schweigend nach. Sein Auge verschleierte sich tiefer und tiefer, sein Kopf sank fast auf die Brust hinab.

»Sie haben es leicht,« sagte er dumpf, »mich zum Kriege zu drängen, was setzen sie ein, was würden sie verlieren, wenn der Würfel des Krieges ungünstig fiele? – Und halte ich den Sieg in meiner Hand? gebiete ich dem Gott der Schlachten, wie mein Oheim? – Ich fühle,« sagte er immer leiser und dumpfer, immer mehr in sich zusammensinkend, »daß die Fäden eines bösen Verhängnisses mich dichter und dichter umziehen, ich sehe den Kampf mit Deutschland immer mehr mit zwingender Notwendigkeit herannahen, diesen Kampf, den ich nicht will, von dem eine innere Stimme mir sagt, daß er verderblich sein wird für mein Haus!«

Er richtete sich empor.

»Wenn es denn aber sein muß, so sollen wenigstens alle Chancen des Sieges auf meiner Seite sein,« sprach er mit festerer Stimme, »die mächtige Waffe, welche meinen Oheim niederwarf, will ich für mich benutzen, ich will Preußen die Koalition entgegenstellen, Italien und Österreich, das ist es, an der Spitze dieser dreifachen Macht wird es nicht mehr Tollkühnheit sein, das Spiel zu wagen, aber besser wäre es doch,« fuhr er wieder leise und sinnend fort, »wenn ich mit Deutschland mich verbinden könnte, bei diesem Deutschland ist die Kraft, es vereinigt und vertritt alle Ideen, welche ich als wahr und richtig erkannt habe, sollte sich der Weg nicht finden lassen, um diese jugendlich wachsende Macht zu gewinnen, sollte dieser Mann, den ich für leicht, für oberflächlich, für einen genialen Sonderling hielt, den ich zu lenken, zu beherrschen hoffte, sollte er gar keine zugängliche Seite haben?«

Er versank in tiefes Nachdenken.

Der Kammerdiener trat ein und überreichte dem Kaiser ein versiegeltes Papier. Zugleich meldete er:

»Seine Exzellenz der Staatsminister steht zu Eurer Majestät Befehl!«

Der Kaiser öffnete das Papier, durchflog seinen Inhalt und verbrannte es dann lächelnd an der Kerze, welche auf seinem Tische stand.

»Die Kaiserin wird ihn friedlich stimmen wollen,« sagte er, »vortrefflich, wenn es ihr gelingt! – Ich bitte den Staatsminister einzutreten!«

Herr Rouher näherte sich dem Kaiser, welcher aufgestanden war und ihm die Hand reichte.

»Sie waren bei der Kaiserin?« fragte er.

»Ja, Sire,« antwortete Herr Rouher mit nicht ganz unterdrücktem Erstaunen, »Ihre Majestät hatte mich rufen lassen,« fuhr er fort, indem er den Blick klar und fest auf das verschleierte Auge des Kaisers richtete, »um mir ihre so natürliche Besorgnis vor dem drohenden Kriege auszusprechen und mir ans Herz zu legen, durch meinen Rat für die Erhaltung des Friedens zu wirken.«

»Ich finde das sehr natürlich und löblich von meiner Gemahlin,« sagte der Kaiser, »aber sie ist bei Ihnen nicht glücklich gewesen, Sie waren wenigstens nicht für eine Politik des Nachgebens.«

»Gewiß nicht, Sire,« erwiderte Herr Rouher, »ebensowenig aber möchte ich auch die Verantwortung tragen für ein starres Vorgehen bis zum äußersten, ich habe viel über die Frage nachgedacht, Sire,« fuhr er fort, »und ich muß Eurer Majestät sagen, daß ich mehr und mehr bedenklich geworden bin –«

»Die Kaiserin zu kontrariieren?« fragte der Kaiser lächelnd, indem er die Spitze seines Schnurrbarts drehte.

»Eure Majestät wissen,« erwiderte Herr Rouher mit Aplomb, »daß ich stets bereit bin, Ihrer erhabenen Gemahlin nach allen Kräften meine Ergebenheit zu beweisen, ebenso wie ich Ihre Ideen, Sire, durchzuführen und zu verteidigen keinen Anstand nehme, aber meine politischen Anschauungen und der Rat, den ich Eurer Majestät in den Angelegenheiten Frankreichs gebe, sind unabhängig von allen persönlichen Rücksichten.«

»Ich weiß es, ich weiß es, mein lieber Staatsminister!« sagte der Kaiser in herzlichem Tone, ihm leicht auf die Schulter klopfend, während sein Blick sich unter den tief niedersinkenden Augenlidern verbarg.

»Sie sind also der Ansicht –?« fragte er.

»Ich habe die Überzeugung gewonnen, Sire,« erwiderte der Staatsminister, »daß diese luxemburgische Affäre nicht wert ist, in diesem Augenblick fast unvorbereitet und ohne Allianzen einen Kampf aufzunehmen, bei welchem es sich um die Machtstellung Frankreichs und – um den Ruhm der Dynastie handeln würde, um so mehr –«

»Um so mehr?« fragte der Kaiser.

»Um so mehr, als ich aus allen Anzeichen sehe, daß das Land, welches in einem seltenen Aufschwung der Industrie emporblüht, den Krieg nicht wünscht, wenn es auch die unvermeidliche Notwendigkeit mit dem ganzen altfranzösischen Patriotismus akzeptieren würde! – Ganz insbesondere aber,« fuhr er fort, »wiegt für mich die schon vorbereitete Weltausstellung besonders schwer –«

Der Kaiser ließ sich, wie ermüdet, auf seinen Lehnstuhl sinken, indem er den Minister durch eine Handbewegung einlud, sich ebenfalls zu setzen.

Herr Rouher verneigte sich, trat zu einem Fauteuil dem Kaiser gegenüber, und, indem er die linke Hand auf dessen Lehne stützte, blieb er hinter demselben stehen.

Mit der leicht erhobenen Rechten seine Worte durch ruhige und würdevolle Bewegungen begleitend, fuhr er in eindringendem Tone fort:

»Die Weltausstellung, Sire, dieser große Gedanke Eurer Majestät, durch welchen Sie dem edelsten Wettkampfe der Nationen Europas und bei ganzen Welt eine herrliche Arena eröffnen, soll unmittelbar ausgeführt werden. Tausende haben ihre Vorbereitungen getroffen, ungeheure Werte sind aus den entferntesten Stätten der Kultur bereits hier angelangt, eben so große Werte schwimmen noch auf dem Ozean und werden von Karawanen und Eisenbahnzügen Eurer Majestät kaiserlicher Residenz zugeführt, Frankreich, insbesondere Paris erwartet jene Ströme von Fremden, welche ebensoviel Ströme von Gold hierherführen sollen; – wenn nun in diesem Augenblick der Brand eines europäischen Krieges sich entzündet, eines Krieges, der von dem Worte und dem Willen Eurer Majestät abhängig war, so würden alle die Werte vernichtet, alle diese Hoffnungen zerstört werden, und alle dadurch Betroffenen – das aber ist fast die ganze Welt, und wiederum Paris vor allem –, sie alle würden die Schuld davon auf Eure Majestät weisen. – Selbst der glänzendste Erfolg eines Feldzuges aber könnte kaum wieder gutmachen, was diese Stimmung Eurer Majestät schaden würde.«

Der Kaiser nickte schweigend mit dem Kopf, ohne den Blick emporzurichten.

»Auf der anderen Seite aber, Sire,« fuhr der Staatsminister, aufmerksam den Eindruck seiner Worte auf den Kaiser beobachtend, fort, »handelt es sich bei dieser ganzen Frage in diesem Augenblick weniger um den Besitz von Luxemburg, als um das Prestige Frankreichs. – Ich komme abermals auf die Weltausstellung – und ich glaube, daß dieselbe dies Prestige höher heben wird, als es je gestanden –, denn, Sire, sie hat, wie ich Eurer Majestät kaum auszuführen nötig habe, auch ihre eminent politische Bedeutung. Alle Souveräne Europas bereiten sich vor, die Wunder der Ausstellung zu sehen, selbst der Sultan rüstet sich – eine unerhörte Neuigkeit – zur Reise hierher. – Alle diese Souveräne aber besuchen nicht nur die Ausstellung, sie besuchen Eure Majestät. Sie werden also, Sire, sich umgeben sehen von einem Parterre von Kaisern und Königen, welches weitaus dasjenige an Glanz überstrahlen wird, das Ihr großer Oheim einst in Erfurt um sich versammelte, und das auf keiner Basis von Blut und zertretenen Existenzen ruht, sondern im Gegenteil errichtet ist auf dem fruchtbaren Boden der edelsten internationalen Arbeit. – Welche Anknüpfungen können da gemacht, welcher Einfluß kann gewonnen werden, wenn alle diese Souveräne, in deren Händen sich die Schicksalsfäden der Welt vereinigen, der so mächtigen Wirksamkeit der persönlichen Unterhaltung Eurer Majestät« – er verneigte sich gegen den Kaiser – »ausgesetzt werden, dieser Wirksamkeit, welcher noch niemand widerstanden hat? Und das französische Volk, das den Souverän seiner Wahl umgeben sehen wird von allem, was die Welt an Macht und Herrlichkeit, an Glanz, an Reichtum, an Arbeit und Produktion umfaßt, welches sehen wird, wie seine Hauptstadt dem ganzen Universum eine strahlende Gastfreundschaft darbietet, wird es nicht dankbar, wird es nicht stolz sein, daß sein Kaiser ein blutiges Lorbeerblatt diesem rauschenden Hain der schönsten Lorbeeren des Friedens geopfert hat? – Diese Erwägungen, Sire,« fuhr er fort, »bestimmen mich aus vollster Überzeugung, für den Frieden zu sprechen.«

Der Kaiser erhob das Haupt, sein Blick entschleierte sich ein wenig, mit einem anmutig verbindlichen Lächeln sagte er:

»Ich muß Ihnen gestehen, mein lieber Minister, daß Ihre Worte einen mächtigen Eindruck auf mich machten, ich war gereizt über diese immerfort feindliche Haltung des Berliner Kabinetts, aber ich fühle, ein Souverän darf persönlichen Gefühlen keine Rechnung tragen! Doch,« fuhr er sinnend fort, »Sie wissen, daß nicht alle denken und sprechen wie Sie, es würde nötig sein, die großen, schönen und wahren Ideen, welche Sie mir soeben entwickelt haben, in geeigneter Weise langsam und vorsichtig in die Öffentlichkeit dringen zu lassen.«

»Nichts leichter als das, Sire!« rief Herr Rouher, »ich werde die Presse –«

»Moustier bedarf,« sagte der Kaiser, ihn unterbrechend, »um die Sache in würdiger Weise zu führen, einer gewissen kriegerischen Strömung, welche seine Worte in Berlin unterstützt – Sie wissen, daß man dort sehr aufmerksam unsere öffentliche Meinung verfolgt, würde sie zu laut den Frieden predigen, so könnten unsere Gegner zu übermütig werden. – Lassen Sie also,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, »lassen Sie das Auswärtige Amt immerhin eine kleine kriegerische Kampagne machen, damit man in Berlin nicht vergißt, daß Frankreich eine militärische Nation ist, aber sorgen Sie dafür, daß Ihre Ideen daneben immer tiefer in das Publikum dringen, und vor allem: sprechen Sie selbst dieselben bei jeder Gelegenheit mit derselben Festigkeit und Beredsamkeit aus, mit welcher Sie mir dieselben soeben entwickelten. – Ihre Autorität –«

»Eure Majestät erlauben also,« fragte der Staatsminister lebhaft, »daß ich mich persönlich engagiere?«

»Ich bitte Sie sogar darum,« sagte der Kaiser.

Der Kammerdiener trat ein.

»Lord Cowley bittet Eure Majestät um Audienz.«

Der Kaiser nickte mit dem Kopf.

»Ich danke Ihnen für den Freimut, mit welchem Sie mir Ihre Ansichten entwickelt haben,« fügte er, Herrn Rouher die Hand reichend.

Der Staatsminister verbeugte sich und verließ mit erhobenem Haupte, stolze Befriedigung auf den Zügen, das Kabinett.

»Die Kaiserin hat mir einen großen Dienst geleistet, ohne es zu wollen,« flüsterte Napoleon lächelnd, »er wird den Frieden predigen, vielleicht wird mich der Strom der öffentlichen Meinung zwingen, zu tun, was ich tun will, und die moralische Verantwortlichkeit wird auf ihn fallen, ich werde den Bock der Sühne haben, den ich schlachten kann, wenn es nötig wird.«

In anmutig höflicher Bewegung trat er dem englischen Botschafter entgegen, welcher in der Tür des Kabinetts erschien.

»Guten Morgen, Mylord,« sagte, ihm die Hand reichend, der Kaiser, von dessen Gesicht jede Spur des trüben, präokkupierten Ausdrucks verschwunden war, »ich freue mich, Sie zu sehen, haben Sie Nachrichten über das Befinden Ihrer Majestät der Königin?«

Lord Cowley, eine vornehme Erscheinung von englischem Typus, in einfachem, schwarzem Morgenanzug, ergriff ehrerbietig, aber doch mit jener der englischen Aristokratie eigentümlichen, selbstbewußten Würde die Hand des Kaisers und erwiderte in jener englischen, durch die lange Übung etwas verwischten, aber doch hörbar anklingenden besonderen Aussprache des Französischen:

»Ich danke Eurer Majestät. Der letzte Kurier, welcher gestern von London kam, brachte ziemlich befriedigende Nachrichten über das Befinden Ihrer Majestät, doch aber glaube ich kaum, daß die Königin daran wird denken können, wie sie es so sehr gewünscht hätte, die Ausstellung zu besuchen.«

»Die Ausstellung!« sagte der Kaiser, seufzend die Achseln zuckend, »wird diese Ausstellung, dies schöne und große Werk des europäischen Friedens, überhaupt stattfinden können?«

Lord Cowley sah ihn bestürzt an.

»Eure Majestät fürchten?« fragte er.

»Ich fürchte vielleicht lebhafter,« erwiderte der Kaiser, »weil ich mit großer Liebe an diesem so sorgsam vorbereiteten Werke hing!«

»Ich bitte Eure Majestät, überzeugt zu sein,« sagte Lord Cowley, »daß die Königin, meine erhabene Herrin, und ihre Regierung mit nicht minderer Besorgnis die Möglichkeit ins Auge faßt, daß der Frieden Europas gestört werden könne, und ich habe den Auftrag, Eurer Majestät die guten Dienste Englands zur Verständigung über diese beklagenswerte Frage Luxemburg anzutragen.«

»Bin ich es, der den Frieden stört?« fragte Napoleon mit einem leichten Anklang von Ungeduld. »Bei mir bedarf es sicherlich keiner vermittelnden und beruhigenden Einwirkung, in Berlin ist dieselbe mehr am Platze.«

»Ich kann Eure Majestät versichern,« sagte Lord Cowley, »daß auch in Berlin ernste Vorstellungen gemacht werden.«

»Warum stellt sich das Berliner Kabinett mir immer feindlich entgegen?« rief der Kaiser, einige Schritte durch das Zimmer machend. – »Trete ich ihm zu nahe, bin ich nicht vollständig in den Grenzen der Verträge? Ist der König von Holland nach der Auflösung des deutschen Bundes nicht freier und unabhängiger Souverän von Luxemburg? Warum, mit welchem Recht hält Preußen dort sein Besatzungsrecht fest, welches nur dem deutschen Bunde zugestanden war? – Mein lieber Ambassadeur,« fuhr er fort, vor dem Lord stehen bleibend und ihn mit einem vollen, flammenden Blick seiner plötzlich entschleierten Augen anblickend, »ich habe schweigend zugesehen, daß man den deutschen Bundesvertrag gewaltsam zerrissen hat, ich werde es aber nicht dulden, daß man einen damit zusammenhängenden Vertrag, ein anderes Glied aus jener 1815 geschmiedeten Kette, an den Grenzen Frankreichs gewaltsam aufrecht halte!«

»Aber, Sire,« rief Lord Cowley, erschrocken über diesen heftigen Ausbruch, »ich bitte Eure Majestät –«

»Oder halten Sie,« rief der Kaiser, »diese Luxemburger Verträge nicht mit dem deutschen Bunde für erloschen? Lord Stanley wenigstens hat dem Fürsten Latour d'Auvergne und ebenso auch dem preußischen und dem russischen Botschafter in London erklärt, daß nach seiner Meinung der König von Holland unbestreitbar das Recht habe, Luxemburg an Frankreich abzutreten.«

»Ganz gewiß, Sire,« sagte Lord Cowley in fast ängstlichem Tone, »ist das Recht nach der Auffassung meiner Regierung unzweifelhaft auf Ihrer Seite, die Aufhebung des deutschen Bundes hat die Verträge über die Besatzung der Festung Luxemburg aufgehoben, und der König von Holland kann darüber disponieren, wie er will, dies unterliegt gar keinem Zweifel, Mein –«

»Allein –?« fragte der Kaiser. »Soll ich zurückweichen, wenn ich im Rechte bin?«

»Sire,« sagte Lord Cowley in bittendem Tone, »Eurer Majestät hocherleuchteter Geist schätzt nach seinem wahren Werte den Frieden Europas, die Königin und ihre Regierung geben sich der Hoffnung hin, daß Eure Majestät dem hohen Wert dieses Friedens auch ein Opfer zu bringen bereit sein würden.«

»Ein Opfer an der Ehre Frankreichs?« rief der Kaiser, einen funkelnden Blick aus seinen weit geöffneten Augen auf den Botschafter werfend.

»Wer würde es wagen, daran zu denken, Sire!« rief Lord Cowley, »aber,« fuhr er fort, indem er sich einen Schritt dem Kaiser näherte, »Eure Majestät haben soeben besonders betont, daß hauptsächlich die preußische Besatzung in der Festung Luxemburg Ihnen unberechtigt erscheint und Ihr Mißfallen erregt.«

»Das Großherzogtum Luxemburg selbst ist mir höchst gleichgültig!« rief der Kaiser in wegwerfendem Tone, indem er auf den englischen Botschafter einen scharfen, beobachtenden Blick warf, der sich sogleich wieder unter den schnell sich herabsenkenden Augenlidern verbarg.

Lord Cowleys Gesicht überzog ein freudiger Schimmer.

»Eure Majestät legten also in der Tat auf den Besitz des Großherzogtums keinen Wert, und würden mit einer Neutralisation des Landes einverstanden sein?«

Der Kaiser senkte das Haupt. Langsam setzte er sich in seinen Lehnstuhl.

Lord Cowley ließ sich auf seine Aufforderung ihm gegenüber nieder.

Sie stellen da eine sehr bestimmt formulierte Frage, mein teurer Lord,« sagte Napoleon nach einigem Nachdenken, »um dem Botschafter Großbritanniens darauf zu antworten, müßte ich den Rat meiner versammelten Minister hören, und,« fügte er mit eigentümlichem Lächeln hinzu, »die öffentliche Meinung Frankreichs zu Rate ziehen, denn Sie wissen ja, mein lieber Botschafter, ich bin nicht legitimer Kaiser in jenem alten Sinne, ich bin der Erwählte der Nation, ich muß also dem Willen meiner Mandanten gehorchen, und ich weiß nicht –«

»Eure Majestät,« sagte Lord Cowley, »haben ja öfter mir schon das ausgezeichnete und mich hoch ehrende Vertrauen bewiesen, mir Ihre persönlichen Anschauungen mitzuteilen, sollte es denn jetzt –«

Der Kaiser lehnte sich, den rechten Ellenbogen auf das Knie gestützt, den Schnurrbart in den Fingerspitzen drehend, zu dem englischen Botschafter hinüber und sah ihn mit großen Augen und tief eindringendem Blick an.

»Mein teurer Lord,« sagte er, »ich habe kein Bedenken, Ihnen auch diesmal meine persönliche Anficht über die schwebende Frage zu sagen.«

Der Lord lauschte gespannt.

»Nach meiner Auffassung,« fuhr der Kaiser, immer den Schnurrbart drehend, fort, »muß Frankreich mit großem Bedauern das Herannahen eines Konflikts mit Deutschland sehen, ich stelle mich einzig und allein auf den rechtlichen Standpunkt, daß Frankreich nicht zugeben kann, das Luxemburger Land und dessen bedeutsame Festung durch die Preußen, die dort vertragsmäßig nichts mehr zu tun haben, besetzt zu sehen. – Demzufolge würde ich der Meinung sein, daß Frankreich, wenn die preußische Besatzung zurückgezogen wird, auf die Neutralisation des Landes, unter welcher Bedingung immer, eingehen könne.«

Lord Cowley atmete auf.

»Darf ich diese Ansicht Eurer Majestät nach London mitteilen?« fragte er eifrig.

»Warum nicht!« sagte der Kaiser. »Indes bitte ich Sie, nicht zu vergessen, daß es meine rein persönliche Meinung ist, gegen welche vielleicht meine Minister gewichtige Gründe anzuführen haben könnten.«

»Aber wenn es gelingen sollte, ein Arrangement auf der Basis dieser Anschauungen Eurer Majestät in Berlin annehmen zu lassen?«

»So würde ich versuchen, meinen Ministern gegenüber meine Meinung zu verfechten,« sagte der Kaiser lächelnd.

Lord Cowley erhob sich rasch.

»Ich bitte Eure Majestät um Erlaubnis,« sagte er, »meinen Kurier absenden zu dürfen, von einer Minute Verzögerung kann die Ruhe Europas abhängen.«

»Gehen Sie, lieber Ambassadeur,« sagte der Kaiser freundlich, »ich wünsche Ihren Bemühungen den besten Erfolg. Sie wissen wohl, daß niemand aufrichtiger wie ich den Frieden Europas Wünscht.«

Er stand auf und reichte dem Lord die Hand.

Dieser verbeugte sich tief und entfernte sich schnell.

»So,« sagte Napoleon, als er allein war, »nun werden Rouher, die Presse und England mich drängen, das zu tun, was ich will, und ich werde wohl nachgeben müssen,« fügte er lächelnd hinzu. Er bewegte eine kleine Glocke auf seinem Schreibtisch, welche mit besonderem Klange durch das Kabinett schallte.

Aus der Tür nach seinen inneren Gemächern trat sein alter Kammerdiener Felix, der Vertraute seiner Verbannung, ein alter Mann mit grauem Haar, scharfgeschnittenem und intelligentem, aber dabei offenem und treuem Gesicht.

»Mein lieber Felix,« sagte der Kaiser, freundlich zu ihm hintretend, »ich will ein wenig spazieren gehen, wo ist Nero, mein guter, braver Freund, der treueste nach dir, du altes Herz ohne Falsch und Hinterhalt?«

Und mit einem warmen, leuchtenden Blick reichte er dem alten Diener die Hand. Dieser drückte sie an sein Herz und führte sie dann an die Lippen.

Dann näherte er sich wieder der Tür und ließ einen zischenden Ton durch seine Lippen dringen.

Nach wenigen Augenblicken erschien in mächtigem Sprung ein großer, schwarzer Neufundländer-Hund, beschnupperte den Kammerdiener flüchtig und stürzte dann in einem großen Satze auf den Kaiser zu, hob sich auf den Hinterbeinen empor und legte die Vordertatzen auf Napoleons Schultern, indem er mit seiner großen roten Zunge zärtlich sein Gesicht leckte.

Der Kaiser ließ es geschehen. Sanft legte er seinen Arm um das Tier und ein Ausdruck unendlicher Weichheit legte sich über sein Gesicht, sein Auge strahlte in feuchtem Schimmer, er war wahrhaft schön in diesem Augenblick.

»Du gutes Tier,« sprach er mit sanfter, metallisch klangvoller Stimme, »ich gebe dir nichts als dein Futter und zuweilen einen freundlichen Blick, und du liebst mich, mich allein, du würdest ebenso freudig an mir emporspringen, wenn ich nicht Kaiser wäre, in der Verbannung, am Bettelstab, während diese alle, die ich mit Gold und Ehren überhäufte –«

Er seufzte tief, dann drückte er die Lippen auf den glänzend schwarzen Kopf des Hundes.

»Du treuer Freund,« sagte er leise, und der Hund, als verstände er die Worte seines Herrn, schmiegte sich innig an ihn an.

Felix nahte sich dem Kaiser und ließ sich auf ein Knie neben ihm nieder.

»Vergessen Eure Majestät mich?« fragte er leise.

Der Kaiser reichte ihm die Hand, ohne den Hund loszulassen.

»Nein, ich vergesse dich nicht, du Gefährte der bösen Tage, dich habe ich voraus vor allen Souveränen der Welt, einen Freund, den ich im Fischzug aus des Lebens Tiefen gewann!«

Und lange stand er so, aller Ausdruck von Sorge verschwand aus seinem Gesicht, sein Auge leuchtete in warmem Schein, es war nicht der Kaiser, der vielbeschäftigte, wachsame, gequälte, mächtige und ermüdete Imperator, es war der Mensch, der einfache Mensch, der seine Seele badete in rein menschlichem Gefühl.

Dann seufzte er tief auf und ließ den Hund sanft Zur Erde gleiten.

»Rufe den Adjutanten vom Dienst,« sagte er.

Felix stand auf und ging in das Vorzimmer.

Wenige, Augenblicke darauf kam er mit dem diensttuenden Adjutanten, General Fave, zurück. Er reichte dem Kaiser seinen Hut, die Handschuhe und einen schönen Stock von spanischem Rohr mit goldenem Knopf.

»Ich will ein wenig im Garten spazieren gehen,« sagte Napoleon mit freundlichem Lächeln, nahm den Arm des Adjutanten und stieg die Treppe hinab. – Nero folgte langsam und gravitätisch.

Felix blickte ihm mit weichem Blicke nach.

»Er wird alt,« sagte er mit tiefem Seufzer, »die Zeit fordert ihr Recht an uns allen. Gott schütze und erhalte den Prinzen!«

Dreizehntes Kapitel.

In der großen, breiten Allee des sogenannten Georgswalles in Hannover, vor dem großen, weiten Theatergebäude gingen etwas vor dem Beginn der Vorstellung drei Herren mit langsamen Schritten auf und nieder; bald stehen bleibend und einem vorübergehenden Bekannten zunickend, bald laut lachend, zeigten sie in ihrer ganzen Haltung jene sorglose Gleichgültigkeit unbeschäftigter Personen, welche nichts anderes zu tun haben, als ihre Zeit auf die möglichst wenig anstrengende Weise totzuschlagen.

Diese drei Herren, welche auch von den um diese Stunde hier zahlreich spazierengehenden Bürgern häufig gegrüßt wurden, waren der Leutnant von Tschirschnitz, der Hauptmann von Hartwig und der Leutnant von Wendenstein, alle drei natürlich in Zivilanzügen, welche sie mit so leichter und natürlicher Eleganz trugen, als hätten sie immer sich in dieser Tracht bewegt.

»Also Ihr wollt wirklich nicht mit uns gehen, Wendenstein?« fragte Herr von Hartwig, »besinnt Euch doch noch einmal, je zahlreicher wir sind, um so mehr können wir zur Entscheidung der Sache beitragen.«

»Laßt ihn,« sagte Herr von Tschirschnitz, »er hat andere Rücksichten zu nehmen als wir. – Ihr,« fuhr er fort, Herrn von Hartwig traurig anblickend, »seid frei durch Euren traurigen Verlust und bedürft des Herausreißens aus Eurem Schmerz, ich – nun, ein Junggesell, wie ich, hat nichts zu verlassen.«

»Ihr gebt die Kompagnie im sächsischen Dienst auf, die Euch zugesichert ist, alter Freund?« unterbrach ihn Herr von Hartwig.

»Was will das sagen?« rief Herr von Tschirschnitz, »ich habe dem Könige mich zur Verfügung gestellt und muß seinem Ruf folgen, ich tue es gern und leichten Herzens, aber seht, mit Wendenstein ist es etwas anderes, er ist verlobt, er will heiraten, er hat andere Pflichten.«

»Aber wenn es zum Schlagen kommt,« rief Herr von Hartwig, »so –«

»So werde ich gewiß nicht fehlen,« sagte Herr von Wendenstein ernst, »glaubt mir, wenn ein hannoverisches Korps sich bildet, so werdet Ihr meinen Platz nicht leer sehen! – Aber wenn nichts daraus wird –«

»Ja, das ist die Sache,« rief Herr von Tschirschnitz, »wenn aus der ganzen Sache nichts wird, so sind wir verbannt, auf lange, vielleicht auf immer, nun, wir können es darauf wagen, aber das wäre für ihn doch zu traurig.«

»Außerdem sagt, mein Vater,« sprach Herr von Wendenstein ein wenig zögernd, »Ihr wäret einverstanden, daß ich mit meinem Vater über die Sache sprechen wollte, er meint, daß diese ganze Emigration etwas voreilig und unüberlegt sei, und daß sie der Sache des Königs wenig nützen, vielleicht schaden könne –«

»Aber der König hat es befohlen!« rief Herr von Tschirschnitz, »ist es unsere Sache, seine Befehle zu prüfen, muß er nicht besser wissen, was zu tun ist?«

»Seid Ihr ganz gewiß, daß der König es befohlen, und daß nicht etwa –«

»Ganz gewiß!« sagte Herr von Hartwig, »ich habe selbst des Königs Order gesehen, durch welche er den Personen, die Ihr kennt, Vollmacht erteilt. Nun, wenn die Personen jetzt die Emigration anordnen, so muß doch die Sache nötig sein.«

»Und Graf Platen sendet Geld auf Geld für die Sache!« rief Herr von Tschirschnitz, »hier habe ich dreißigtausend Taler in meiner Tasche, in meinem Leben habe ich nicht soviel Geld beieinander gesehen,« fügte er lachend hinzu, »glaubt Ihr, daß diese Summen von hier kommen oder für einen Scherz gezahlt werden? – Nein, nein, in Hietzing muß man besser wissen, was nötig ist, also vorwärts, ich reise heute abend. Briefe, die an mich kommen, laßt Ihr mir wie bisher zugehen, nicht wahr, Wendenstein? – Eine sichere Adresse sollt Ihr erhalten.«

»Seht Euch nicht um,« sagte Herr von Hartwig, seinen Arm in den des Herrn von Tschirschnitz legend, »ich bemerke einen Menschen, der uns fortwährend folgt, bald geht er auf dem Trottoir, bald in der Mitte der Allee, aber so oft wir umkehren, tut er's auch, das hat etwas zu bedeuten, wir müssen uns trennen!«

»Bah!« rief Herr von Tschirschnitz, »vielleicht ein harmloser, zufälliger Spaziergänger, was kann man von uns wollen? – Wir gehen hier unter freiem Himmel vor den Augen aller Welt spazieren und übrigens haben wir nichts Kompromittierendes, alle Papiere, deren überhaupt nicht viel existieren, sind in Sicherheit.«

»Und Eure dreißigtausend Taler?« fragte Herr von Hartwig.

»Donnerwetter!« rief Herr von Tschirschnitz, »jedermann weiß, daß ich soviel Geld nicht habe – das wäre ein angenehmes Corpus delicti. – Ja, Ihr habt recht,« sagte er dann, leicht den Kopf umdrehend, »da steht der Mensch, den ich schon einige Male gesehen, vor einem Schaufenster, gehen wir auseinander, damit teilen wir die Spur und können vielleicht auch sehen, auf wen es denn eigentlich abgesehen ist. – Ich werde zur Georgshalle gehen,« fuhr er fort, »und dort etwas essen, heute nacht reise ich. – Auf Wiedersehen,« sagte er, Herrn von Hartwig die Hand drückend, – »und auch Euch hoffe ich bald zu sehen, Wendenstein, wenn es etwas Ernstes gibt.«

Die drei Herren drückten sich die Hände und gingen nach verschiedenen Seiten auseinander, Herr von Tschirschnitz trat in das große Restaurationslokal des Herrn Kasten, dem Theater gegenüber, bestellte ein kleines Souper und trat dann an das Fenster, mit sorglosem Ausdruck hinausblickend. Er sah den Leutnant von Wendenstein langsam über den Platz nach der inneren Stadt hinschreiten. Ein Mann in einfachem grauen Zivilanzug, welcher an einem großen Bilderladen gegenüber die ausgehängten Kupferstiche betrachtet hatte, verließ das Schaufenster und folgte in weiter Entfernung dem jungen Mann.

»Richtig auf der falschen Fährte!« flüsterte Hell von Tschirschnitz mit Zufriedenem Lächeln, »lassen wir ihn ruhig den Unrechten beobachten, wir werden bald in Sicherheit sein.«

Und mit heiterer Miene nahm er vor dem für ihn bereiteten Kuvert Platz.

Der Leutnant von Wendenstein ging langsam und nachdenkend seinem elterlichen Hause zu.

Er dachte an die Vergangenheit, an den frischen, fröhlichen Krieg im vergangenen Jahre, an die Kameraden, die da jetzt hinauszogen zu einem Leben voll bunten Wechsels, voll bewegter Abenteuer, und fast wollte ihn schmerzliche Wehmut überkommen, daß er nun hier Zurückbleiben sollte im stillen, häuslichen Kreise, in des Lebens ruhigem Gleichmaß abwartend, was die Zukunft bringen werde. Sein Herz schlug so jung und frisch dem glühenden, wallenden Leben entgegen, und der Reiz der reichen Fülle ritterlicher Romantik, der seinen Kameraden entgegenschimmerte, lockte und bewegte seine Seele in allem Farbenglanz jugendlicher Phantasie.

Aber dann trat Helenens Bild vor ihn, mit den tiefen, klaren Augen, mit dem Lächeln voll Liebe und Vertrauen, er dachte, daß diese Augen sich in Tränen verhüllen würden, daß dies Lächeln verschwinden würde, wenn er fortginge, er, an den diese Liebe sich rankte, auf den dies Vertrauen sich stützte, und unwillkürlich schüttelte er den Kopf, wie um die lockenden Bilder des Lebens da draußen von sich zu werfen, sein Blick leuchtete in weichem Schimmer, und leise sprach er: »Ich bin zum Leben Zurückgerufen von den Grenzen des Todes, dies neu geschenkte Leben soll allein ihr gehören, deren sanfter, treuer Blick so tröstend und hoffnungsreich auf mir ruhte, als ich im Todeskampfe dalag, deren süßer Gruß mir entgegentönte, als ich zu Kraft und Gesundheit zurückkehrte!«

Raschen Schrittes kehrte er nach Hause zurück und stieg in sein Zimmer hinauf.

Hier öffnete er einen Sekretär, nahm ein Paket Briefe und ein Blatt Papier mit Adressen, legte alles in ein großes Kouvert und siegelte es mit seinem Siegelringe zu. Dann verschloß er alles wieder und steckte den Schlüssel zu sich.

»So,« sprach er, »da sind die Papiere wohlverwahrt, mag man nun den einen oder den anderen der Abreisenden arretieren, man wird nichts bei ihnen finden, und ich,« sagte er lächelnd, mit einem leichten Anflug von Wehmut, »nun – ich werde ein so ruhiges und stilles Leben führen, daß man bei mir wohl schwerlich jemals nachsuchen wird.«

Langsam stieg er hinab in das Familienzimmer.

Hier war alles wie sonst. Der gesellige Teetisch war bereitet, die Tochter des Hauses und Helene legten eben die letzte Hand an sein Arrangement, das in den alten Familien Hannovers nach der englischen Sitte einen sehr wesentlichen Mittelpunkt des häuslichen Komforts bildet, und Frau von Wendenstein betrachtete von ihrem Eckplatze im Sofa aus mit wohlgefälligen Blicken die geschickte Geschäftigkeit der jungen Mädchen.

Helene strahlte von stiller, lächelnder Glückseligkeit. Zu der besonderen Freude, mit welcher junge Mädchen, sobald die Liebe in ihr Herz eingezogen, alle jene kleinen Pflichten der Hausfrau erfüllen, welche ihnen im lieblichen Schimmer der Hoffnung jene künftigen Tage näherführen, in denen sie das eigene Haus zur anmutigen Heimat für den Geliebten zu gestalten haben werden, zu dieser stillen, süßen und sehnsuchtsvollen Freude gesellte sich in ihrem Herzen das Gefühl einer überstandenen Gefahr, denn in dem vollen Vertrauen wahrer und ernster Liebe hatte ihr Verlobter ihr von dem gesagt, was in den Kreisen seiner Kameraden vorging, sie hatte geschwiegen und kein Wort gesprochen, um ihn zurückzuhalten, aber mit innerem, jubelndem Entzücken hatte sie endlich seinen Entschluß vernommen, jenen Weg nicht zu betreten, der ihn von ihr und den Hoffnungen der Zukunft trennen mußte.

Der alte Herr ging seiner Gewohnheit gemäß langsam im Zimmer auf und ab. Finster blickte er vor sich, traurig der versunkenen Vergangenheit gedenkend, es wollte ihm nicht behagen hier in der Stadt, in der Untätigkeit, und fast murrte er gegen die Vorsehung, daß all diese Umwälzung und Zerstörung nicht später gekommen sei, daß er nicht noch hatte heimgehen können nach seinem vollbrachten Lebenswerk im alten Hannover, bevor die Zeit, welcher sein Leben, Lieben und Wirken gehört hatte, hinabgesunken war unter dem Anprall der Wogen einer neuen Strömung im Völkerleben.

Finster blickte er zur Tür, durch welche sein Sohn eintrat. Aber als er das frische Gesicht des jungen Mannes, seine kräftige Gestalt sah, da wurde sein Blick milder und richtete sich mit weichem Ausdruck nach oben, wie um für das Murren seines alten Herzens die Verzeihung Gottes zu erbitten, der ihm ja diesen Sohn gelassen und in all dem Zusammensturz so vieler Verhältnisse seine Familie unversehrt erhalten hatte.

Helene eilte ihrem Verlobten entgegen und reichte ihm die Hand. Er schloß sie innig in seine Arme und drückte einen Kuß auf ihre reine, weiße Stirn. Zitterte in seinem Herzen noch ein leiser Klang jenes Rufes aus der Ferne nach, der so lockend zu ihm gedrungen war, so verschwand er jetzt in der reinen, lieblichen Harmonie, mit welcher der Blick der Geliebten ihn erfüllte.

»Soeben wurde mir ein Brief meines Bruders gegeben,« sagte der junge Mann, indem er seinem Vater einen Brief reichte, dann fetzte er sich zu seiner Mutter, und Helene sanft zu seiner Seite auf einen Sessel niederziehend, begann er heiter und scherzend Zu plaudern, während der Oberamtmann den Brief seines Sohnes las. »Herbert ist sehr Zufrieden mit seiner Stellung,« sagte der alte Herr nach einiger Zeit, an den Tisch herantretend, »er rühmt wiederholt die Freundlichkeit, mit welcher man ihm entgegenkommt, – nun,« sagte er lächelnd, »sie werden in Berlin sehen, daß die hannoverschen Beamten in keiner schlechten Schule waren, und daß die »Mißregierung«, von welcher die Zeitungen sprachen, doch so schlimm nicht gewesen ist. – Aber,« fuhr er ernster fort, »er schreibt auch, daß man dort von agitatorischen Bewegungen unterrichtet sei, welche in diesem Augenblick stärker als je hier im Gange wären, man sei bisher nachsichtig gewesen, jetzt aber bei der Verwicklung der auswärtigen Politik seien diese Dinge ernster, und man sei entschlossen, mit rücksichtslosester Strenge allen solchen Bewegungen, namentlich in den Kreisen der früheren Offiziere, entgegenzutreten und dieselben als Hochverrat nach der Strenge der Gesetze zu bestrafen. – »Man sollte doch,« fuhr der alte Herr mit einem bedeutungsvollen Blick auf seinen Sohn fort, »alle die jungen Herren zur äußersten Vorsicht ermahnen; wie leicht kann eine unvorsichtige Handlung sie für ihr ganzes Leben unglücklich machen!«

Frau von Wendenstein blickte sorgenvoll zu ihrem Sohne hinüber, Helene schlug die Augen nieder und zitterte leicht.

»Nun,« sagte der Leutnant lächelnd, »ich bin die Vorsicht selber, und ich hoffe auch, daß diejenigen meiner Kameraden, welche vielleicht etwas zu fürchten haben könnten – wenigstens die Vorsicht haben werden, sich nicht fangen zu lassen.«

»Ich habe heute einen ausführlichen Bericht von meinem Kommissionär erhalten,« sagte der alte Herr abbrechend, »und ich denke wegen des Kaufs von Bergenhof abzuschließen, damit wir zum Herbst dort einziehen und uns für den Winter bereits in der neuen Heimat behaglich einrichten können. Helene wird viel zu tun haben,« fügte er mit einem herzlichen Blick auf das junge Mädchen hinzu, »um sich ihr künftiges Reich zurechtzumachen, das sie freilich nicht ungeteilt beherrschen wird, denn die Mama wird wohl das Zepter nicht so leicht aus den Händen geben.«

Helene blickte errötend mit glücklichem Lächeln zu ihrem Verlobten empor, dann sprang sie auf, und zu Frau von Wendenstein eilend, küßt sie ihr zärtlich die Hand.

Die alte Dame sah sie liebevoll an. »Nun,« sagte sie freundlich, »allmählich wird mir wohl die Regierung aus den Händen gewunden werden, zunächst wollen wir ein konstitutionelles Regiment einführen und Helene soll mein verantwortlicher Minister werden!«

Der alte Diener trat ein und überreichte dem jungen Herrn von Wendenstein ein gefaltetes Papier.

»Für den Herrn Leutnant,« sagte er.

Der junge Mann betrachtete das flüchtig gefaltete Billett mit einiger Verwunderung.

»Von wem?« fragte er.

»Ein mir unbekannter Mann übergab es mir,« sagte der Diener, »mit den Worten: Eiligst abzugeben, und unmittelbar darauf eilte er wieder fort, ehe ich weiter fragen konnte.«

Er entfernte sich.

»Sonderbar,« sagte der Leutnant, der das Billett entfaltet und gelesen hatte, »soeben kam eine Warnung von meinem Bruder, hier ist die zweite, direkter und dringender.« Er las:

»Es wird ein großer Schlag gegen die Offiziere vorbereitet. Man kennt ihre Pläne. Alle sind beobachtet. Leutnant von Wendenstein ist zu besonderer Aufmerksamkeit bezeichnet. Äußerste Vorsicht, wenn etwas zu besorgen – schleunigste Flucht. Ein Freund.«

»Das ist merkwürdig,« sagte der alte Herr, »es muß wirklich etwas im Werke sein, und geht man einmal vor, so wird die preußische Regierung nicht scherzen.«

Angstvoll blickte Helene auf das Blatt Papier – alles Blut war aus ihrem Gesicht gewichen.

»Hast du gewiß nichts zu befürchten?« fragte Frau von Wendenstein, besorgt ihren Sohn anblickend.

»Nicht das geringste!« erwiderte dieser ruhig mit einem Blick auf seinen Vater, »ich bin ja hier ganz harmlos – und will mich verheiraten,« sagte er lächelnd, Helenens Hand ergreifend, »da konspiriert man nicht, man kann mich immer beobachten, selbst arretieren, verhören, man wird nichts an mir finden. Daß ich mit meinen alten Freunden und Kameraden freundschaftlich umgegangen bin, kann mich ja doch nicht strafbar machen.«

Ein plötzlicher Gedanke schien ihm zu kommen; er stand auf.

»Ich könnte zu aller Sicherheit –« sagte er.

Schnell trat der alte Diener abermals ein. Bestürzung und Unruhe lagen auf seinem Gesicht.

»Ein Polizeikommissär ist draußen und verlangt den Herrn Leutnant zu sprechen.«

Angstvoll blickten sich die Damen an. Ruhig und ernst erhob sich der Oberamtmann.

»Lassen Sie den Beamten eintreten!« sagte er mit fester Stimme.

Der Polizeikommissär trat ein, er trug Zivilkleidung; in militärischer Haltung grüßte er artig und sprach mit kurzem, aber höflichem Tone:

»Ich bedaure, eine unangenehme Störung zu veranlassen. Ich habe den Befehl, den früheren Leutnant Herr von Wendenstein zu arretieren.«

Frau von Wendenstein faltete die Hände und blickte still vor sich nieder, Helene war in ihren Stuhl zurückgesunken, blaß und bewegungslos lag ihr Kopf auf der Rücklehne.

»Mein Sohn wird Ihnen folgen,« sagte der Oberamtmann, »hier steht er.«

Und er deutete auf den jungen Mann, der lächelnd und ruhig vortrat.

Der Polizeibeamte verbeugte sich artig.

»Ist Ihnen bekannt, was meinem Sohne zur Last gelegt wird?« fragte der Oberamtmann.

»Ich habe nur den Befehl, den Herrn Leutnant zum Polizeidirektor Zu führen,« sagte der Beamte, »der Herr Direktor wird ihn selbst verhören, ich hoffe und wünsche, daß eine Aufklärung erfolge, welche alle weiteren unangenehmen Folgen abschneidet.«

»Dessen bin ich gewiß,« sagte der Leutnant, »darf ich einige Sachen mitnehmen für den Fall, daß ich vielleicht einige Tage in Haft bleiben sollte?«

»Es kann Ihnen gebracht werden, was Sie zu Ihrer Bequemlichkeit bedürfen, denn es ist Befehl gegeben, mit jeder möglichen Rücksicht zu verfahren. – Für jetzt aber muß ich Sie bitten, sich ohne Verzug zum Herrn Polizeidirektor zu begeben.«

Der Leutnant nickte mit dem Kopfe. Dann wendete er sich zu den Damen.

»Die Sache wird sich sehr bald aufklären,« sagte er ruhig und lächelnd, »man wird sich von meiner Harmlosigkeit überzeugen, ich komme vielleicht sogleich wieder zurück, jedenfalls morgen oder übermorgen.«

Er küßte seiner Mutter die Hand, die alte Dame blickte ihn mit tränenden Augen an und legte die Hand wie zum mütterlichen Segen auf sein Haupt. Dann wendete er sich zu Helene und schloß sie in seine Arme.

»Adieu, meine Geliebte – auf baldiges Wiedersehen!« sagte er leise und innig.

Das junge Mädchen war noch immer in einer Art von Erstarrung. Bei der Umarmung ihres Verlobten zuckte sie zusammen – sie sprach kein Wort – sie umfaßte seine Hand und drückte sie wie krampfhaft in die ihrige, dann heftete sie den Blick starr auf ihn, als wolle sie mit der magnetischen Kraft dieses Blickes ihn festhalten.

Der Leutnant reichte seinem Vater die Hand. – »Sende mir etwas Wäsche, irgend ein Buch und einige Zigarren!« sagte er, und zu dem Polizeikommissar sich wendend, fügte er hinzu: »Ich bin bereit, mein Herr.«

Er verließ das Zimmer, der Beamte folgte ihm.

Helene hatte ihn mit ihrem starren, unbeweglichen Blick verfolgt, bis die Türe sich hinter ihm schloß. Dann ließ sie das Haupt sinken, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und brach in leises Weinen aus.

»Seid ruhig,« sagte der alte Herr an den Tisch tretend und die Hand sanft auf Helenens Kopf legend, »es kann nichts gegen ihn vorliegen, ein falscher Verdacht – vielleicht ist seine Verhaftung ein Glück für die wirklich Kompromittierten, sie werden Zeit gewinnen, um sich in Sicherheit zu bringen.«

Der Leutnant war die Treppe herabgestiegen, vor dem Hause stand ein verschlossener Wagen. Der Beamte öffnete den Schlag – ein zweiter Polizeikommissär saß im Innern.

»Ich bitte Sie, einzusteigen,« sagte sein Begleiter zu dem jungen Mann, »mein Kollege hier wird Sie zum Polizeibureau führen.«

Ein wenig betroffen blickte ihn der Leutnant an, er stieg ein. Der erste der Beamten schloß den Schlag.

Der Wagen rollte rasch davon.

Wenige Minuten darauf trat der Polizeikommissär abermals in das Zimmer der Familie.

»Herr Oberamtmann,« sprach er, »ich muh Sie bitten, mich in das Zimmer Ihres Herrn Sohnes zu führen, ich habe Befehl, die strengste Durchsuchung anzustellen.«

Schweigend neigte der alte Herr das Haupt und schritt dem Beamten voran zum Zimmer seines Sohnes.

Dort angekommen, setzte er sich in einen Lehnstuhl und sprach:

»Erfüllen Sie Ihre Pflicht, mein Herr.«

Der Beamte warf einen forschenden Blick umher.

Er trat zu dem Sekretär.

»Haben Sie den Schlüssel hierzu?« fragte er.

»Mein Sohn hat ihn wahrscheinlich,« fügte der alte Herr, »wollen Sie ihn holen oder holen lassen?«

»Ich bedaure, keine Verzögerung eintreten lassen zu können,« erwiderte der Kommissar, »ich werde das Möbel auch ohne Schlüssel öffnen können, der Schaden soll nicht groß sein.«

Er zog eine starke, schmale Stange von poliertem Stahl aus der Tasche, schob sie vorsichtig in die feine Spalte der Schlußplatte, und indem er Zugleich einen gekrümmten Haken in das Schlüsselloch steckte, öffnete er mit einer leichten und geschickten Drehung das Schloß.

Der alte Herr sah ihm ruhig zu.

Der Beamte öffnete eine Schublade nach der andern. Es waren alle möglichen Gegenstände darin, wenig Papiere, einige Blätter mit flüchtigen Notizen. – Endlich zog der Beamte ein großes, versiegeltes Kuvert hervor. Rasch öffnete er dasselbe, und indem er mit geschickter und unabsichtlich erscheinender Wendung dem Oberamtmann den Rücken zukehrte, durchflog er schnell die Papiere, welche es enthielt. Er warf einige andere Blätter, Notizen, Rechnungen darauf. Dann wendete er sich, das ganze Paket in der Hand haltend, herum.

»Ich muß alle Papiere, welche dieser Sekretär enthält, mitnehmen,« sagte er in dienstlichem Tone.

»Sie werden nicht viel darin finden,« bemerkte der Oberamtmann mit ruhigem Lächeln.

Der Kommissar erhob ein wenig die Decken der Tische, blickte darunter, öffnete den Ofen, kurz nahm eine vollständige, aber im ganzen nicht sehr eingehende Durchsuchung vor.

Dann empfahl er sich höflich und verlieh das Haus mit eiligen Schlitten, dem Gebäude der Polizeidirektion zueilend.

Vierzehntes Kapitel.

Der Leutnant von Wendenstein war mit seinem Begleiter an dem Gebäude der Polizeidirektion in der Nähe des Waterlooplatzes angekommen. Er verließ den Wagen, man führte ihn über die große Vorhalle, wo eine Anzahl von Beamten fortwährend den Dienst hatte, auch standen hier zwei Militärposten, weiter die Treppe hinauf zu dem großen Zimmer, in welchem der Polizeidirektor Steinmann ihn erwartete.

Herr Steinmann, früher Landrat in Thorn, war ein mittelgroßer, eleganter Mann von fünfunddreißig bis sechsunddreißig Jahren, sein feines, geistvolles Gesicht mit den lebendigen, schwarzen Augen und schwarzem, kurzem Haar und Bart bewegte sich in lebhaftem, ausdrucksvollem Mienenspiel und zeigte keine Spur von dem Ausdruck eines Bureaukraten. Sein Blick war frei und offen, seine Bewegungen hatten jene vornehme und ritterliche Leichtigkeit, welche den alten Korpsburschen meist durch das ganze Leben eigentümlich bleiben.

Er erhob sich, als der Leutnant eintrat, von dem Stuhle hinter seinem großen, in der Mitte des Zimmers stehenden Schreibtisch und lud den jungen Mann ein, auf einem in der Nähe des Fensters stehenden Fauteuil Platz Zu nehmen, während er selbst sich ihm gegenüber niederließ.

»Es tut mir leid, Herr von Wendenstein,« sagte er mit einem Tone, in welchem die Höflichkeit des Weltmannes sich mit der würdevollen Zurückhaltung des höheren Beamten verband, »daß ich Sie zu diesem Besuch habe veranlassen müssen, ich hätte gewünscht, baß wir uns bei einer angenehmeren Gelegenheit kennen gelernt hätten.« »Es sind Anzeigen über lebhafte erneute Agitationen an mich gelangt,« fuhr der Polizeidirektor fort, »und Ihr Name ist damit in Verbindung – in sehr wesentliche Verbindung gebracht, ich bin deshalb gezwungen, da diesen Agitationen durchaus ein Ende gemacht werden soll,« sagte er mit scharfer Betonung, »Sie in Sicherheit bringen zu lassen, vielleicht,« fügte er mit wohlwollendem Tone hinzu, »zu Ihrem eigenen Besten, ich wünschte dringend, alle diese Sachen im Keime ersticken zu können, bevor sie zu strafbaren Handlungen werden, gegen welche wir bei der jetzigen Lage der Dinge mit aller Schärfe der Gesetze einzuschreiten gezwungen sind. – Stehen Sie mit Hietzing und mit dem König Georg in Verbindung?« fragte er nach einer kurzen Pause, »und wissen Sie etwas von dem Plan einer Emigration von früheren hannöverischen Offizieren und Soldaten?«

»Herr Direktor,« erwiderte der junge Mann ruhig, »ich beabsichtige mich zu verheiraten und auf dem Lande meine Häuslichkeit zu begründen, unter solchen Verhältnissen konspiriert man nicht, ich lebe ruhig im Hause meiner Eltern – und denke nicht daran, Hannover zu verlassen.«

»Das ist keine direkte Antwort auf meine Frage,« sagte Herr Steinmann, »doch,« fuhr er fort, »ich habe als Polizeidirektor fragen müssen, als Gentleman habe ich eine Antwort nicht erwarten können. – Ich hoffe,« sagte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen, »daß der gegen Sie erregte Verdacht sich nicht bestätigen werde, bei dem Ernst der Sache aber muß ich Sie einige Tage hier behalten. Großen Komfort kann ich Ihnen nicht bieten,« sagte er lächelnd, »indes können Sie sich alles kommen lassen, was Sie zu Ihrer Bequemlichkeit bedürfen, nur den Verkehr mit der Außenwelt bin ich gezwungen, zu beschränken, Sie können Briefe erhalten und schreiben, nur muß ich die Indiskretion begehen, sie zu lesen.«

Herr von Wendenstein verneigte sich.

»Hier habe ich,« fuhr der Polizeidirektor fort, »eine Anzahl von Fragen auf diesen Bogen Papier geschrieben, ich bitte Sie, sich an diesen Tisch zu setzen und dieselben zu beantworten, ich kann keine Denunziationen von Ihnen erwarten, indes je offener und klarer Sie sich aussprechen, um so schneller werde ich die Beschränkung Ihrer Freiheit beenden können, ich wiederhole, daß ich Schlimmes zu verhüten wünsche, aber niemand zu schaden, damit der tragische Konflikt, in welchem wir stehen, so wenig Opfer als möglich fordere.«

Herr von Wendenstein setzte sich an einen Seitentisch und begann das ihm übergebene Blatt aufmerksam zu lesen, während der Polizeidirektor vor seinem Schreibtisch Platz nahm und sich mit seinen Akten beschäftigte, von Zeit zu Zeit einen scharfen, forschenden Blick auf den jungen Mann hinüberwerfend.

»Wie schade,« flüsterte er vor sich hin, »um diese tüchtigen Leute, welche mit einem edlen Gefühl sich von einer verderblichen, zwecklosen und törichten Agitation mißbrauchen lassen, wie schwer ist es hier, die Strenge des Amtes zu üben, wo das Gefühl so oft sympathisch für die Gegner spricht!«

Es mochte eine halbe Stunde vergangen sein – die Tür wurde geöffnet und in dienstlicher Haltung trat der Beamte ein, welcher zuerst in dem Zimmer des Oberamtmanns erschienen war.

Er näherte sich seinem Chef und legte ein Paket Papiere vor ihn hin.

»Alles beendet?« fragte Herr Steinmann.

»Zu Befehl, Herr Direktor,« erwiderte der Kommissar, »hier die Ausbeute.«

»Es ist gut – bleiben Sie im Vorzimmer.«

Der Beamte entfernte sich.

Herr Steinmann durchsah die ihm übergebenen Papiere. Er warf einige achselzuckend beiseite. Dann wurde der Ausdruck seines Gesichts ernst und finster. Sorgfältig prüfte er ein Blatt nach dem anderen, mit immer größerer Aufmerksamkeit wieder und wieder den Inhalt durchlesend.

Dann nahm er das Paket, erhob sich und trat zu dem Tisch, an welchem der junge Mann saß.

Dieser stand auf.

»Herr von Wendenstein,« sagte der Polizeidirektor mit tiefem Ernst, den jungen Mann traurig und mitleidig ansehend, »ich bedauere, daß Ihre Sache nicht so gut steht, als ich hoffte.«

Der Leutnant warf einen Blick auf die Papiere, welche Herr Steinmann in der Hand hielt, und erbleichte leicht.

»Sind Ihnen diese Papiere bekannt?« fragte der Polizeidirektor, die Blätter etwas auseinander ziehend.

Herr von Wendenstein zögerte einen Augenblick.

»Ich glaube,« sagte er dann, »daß es alte Briefe und Notizen sind, die in meinem Schreibtisch lagen, in meinem verschlossenen Schreibtisch,« fügte er hinzu, »dessen Schlüssel ich hier bei mir habe.«

»Ich habe,« erwiderte der Polizeidirektor, »wie dies Vorschrift und in Fällen, wie dieser, für die Sicherheit des Staates unerläßlich ist, bei Ihnen eine Nachsuchung anstellen lassen müssen, dies hat man gefunden. So alt scheinen die Papiere nicht zu sein, einige sind ganz frisch geschrieben. Ich kann Ihnen nicht verbergen, daß dies Ihre Lage wesentlich kompliziert, es sind hier die Schlüssel zu verschiedenen Chiffrekorrespondenzen, Adressen – zum Teil im Auslande, Briefe, aus denen deutlich die Absicht und die Vorbereitungen zu einer militärischen Emigration hervorgehen, das alles, bei Ihnen gefunden, erhebt den gegen Sie vorliegenden Verdacht fast zur Gewißheit und muß eine ernste und scharfe Untersuchung zur Folge haben.«

»Herr Direktor,« sagte der junge Mann mit freiem Blick und dem Tone der Wahrheit, »ich kann Ihnen mein Wort geben, daß diese Papiere nicht mein sind, fragen Sie nach, man muß sie in einem versiegelten Kuvert gefunden haben, sie sind mir zur Aufbewahrung gegeben, und ich kann versichern, daß ihr Inhalt mir kaum – ihre Bedeutung mir noch weniger bekannt ist.«

Der Polizeidirektor sah ihn mit tief forschendem Blick an. Auf den Zügen des jungen Mannes stand die Wahrheit seiner Worte geschrieben.

Voll Mitleid ruhte der Blick des Polizeidirektors auf diesem so offenen, so freien und so edlen Gesicht.

Er schwieg einige Augenblicke. Zögernd und als ob die Worte widerstrebend von seinen Lippen sich lösten, sagte er dann:

»Ich wünsche, daß Sie die Wahrheit sprechen, Herr von Wendenstein, als Mensch mag ich Ihnen glauben, als Beamter darf ich es nicht. – Ich muß,« fügte er noch zögernder hinzu, »ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß, wenn Sie die Wahrheit sagen, es meine Pflicht ist, Sie zu fragen, wer Ihnen diese Papiere zur Aufbewahrung gegeben hat, es ist dies der einzige Weg für Sie, um der Behörde zu beweisen, daß Sie nicht unmittelbar beteiligt sind, und um ihr die Möglichkeit zu geben, den wahren Schuldigen zu entdecken und zu verfolgen.«

Herr von Wendenstein erhob stolz den Kopf.

»Ich bin hannöverischer Offizier und Edelmann,« erwiderte er.

Ein heller Strahl sympathischer Teilnahme blitzte in dem Auge des Polizeidirektors auf. Dann verschleierte sein Blick sich traurig, und mit ernstem Tone sprach er:

»Wenn Sie die Mitteilung über den Eigentümer dieser Papiere ablehnen, so müssen Sie persönlich die Verantwortung tragen, welche der Besitz derselben nach sich zieht, und – ich sage Ihnen,« fügte er hinzu, »diese Verantwortung ist schwer!«

»Ich übernehme sie,« sagte der junge Mann ruhig.

»Die Fragen, welche ich Ihnen vorher gestellt habe,« fuhr der Polizeidirektor fort, »modifizieren sich wesentlich durch diesen Zwischenfall, ich muß mit dem Zivilkommissar konferieren und dem Generalgouverneur Vortrag halten. – Ich muß Sie also bitten, sich zunächst in Ihrem Zimmer einzurichten.« Er zog die Glocke. »Führen Sie den Herrn nach seinem Zimmer,« befahl er dem eintretenden Beamten.

Und mit artiger Verbeugung entließ er den jungen Mann, welcher dem Beamten folgte, der ihn durch einen langen Korridor führte. Vor einer verschlossenen Tür blieb er stehen und rief aus einem Seitenraume den Schließer, welcher das große, schwere Schloß öffnete.

Herr von Wendenstein trat in einen nicht großen, aber hellen Raum, das breite Fenster war mit starken Eisenstangen dicht vergittert, die Wände kahl und weiß gestrichen, ein einfaches, rein überzogenes Veit stand an der einen Wand, ein Tisch und zwei Stühle an der anderen, eine Wasserflasche und ein Glas vervollständigten die Ausstattung des Zimmers.

Der junge Offizier schauderte leicht zusammen beim Eintritt in dieses Gemach, das so scharf abstach von den eleganten, komfortablen Umgebungen, an welche er gewöhnt war.

»Man wird mir Wäsche und Kleidungsstücke bringen,« sagte er, »darf ich mir auch ein Sofa kommen lassen?«

»Ich sehe kein Hindernis,« antwortete der Beamte.

»Und darf ich Licht brennen?«

»Nach der Hausordnung bis neun Uhr abends, doch zweifle ich nicht, daß man eine Ausnahme gestatten wird.«

»Wollen Sie dann die Güte haben, dem Diener, welcher meine Sachen bringt, zu sagen, daß er mir Kerzen verschaffen solle?«

Der Beamte neigte schweigend den Kopf und entfernte sich.

Die Tür wurde von außen verschlossen, ein Riegel vorgeschoben. Der junge Mann blieb allein.

Er ging mit einigen großen Schlitten in dem bereits dunklen Gemach auf und nieder.

Dann blieb er vor dem vergitterten Fenster stehen und blickte zum Himmel hinauf, an welchem die Steine, noch halb überhellt von dem Schein des sinkenden Tages, in bleichem Licht zu flimmern begannen.

»Da draußen tauscht das volle, reiche Leben,« sagte er leise, »ich habe es zurückgewiesen, um in häuslicher Stille das Glück des Herzens zu finden – und nun? – Eingeschlossen in die öden Mauern des Gefängnisses, vielleicht auf lange –« Er seufzte tief. »Wenn nur wenigstens die anderen zur rechten Zeit entkommen, die anderen, welche hinausziehen wollen – in die Freiheit!«

Er warf sich auf sein Bett und versank in tiefe Träumereien, aus denen ihn das Bedürfnis der jugendlichen Natur bald in wirklichen Schlaf hinüberführte. Herr von Tschirschnitz hatte inzwischen in dem Restaurationslokal der Georgshalle mit aller Sorglosigkeit eines vollkommen unbeschäftigten jungen Mannes und mit dem ganzen kräftigen Appetit eines Magens von siebenundzwanzig Jahren sein Souper vollendet. – Er hatte sich lange bei dem Dessert aufgehalten, eine halbe Flasche Portwein getrunken, mit einigen hinzukommenden Herren geplaudert, kurz, auf die natürlichste und scheinbar angenehmste Weise von der Welt seine Zeit totgeschlagen, so daß draußen die Dunkeltzeit vollständig herabgesunken war, als er endlich seine Rechnung bezahlte und sich anschickte, das Lokal zu verlassen.

In diesem Augenblick trat rasch ein kleiner, bleicher Mann mit einem nervösen Gesicht und funkelnden, schwarzen Augen herein. Er trug ein kaufmännisch geschlossenes Paket mit einer großen Postadresse unter dem Arm.

Er trat rasch an den Schenktisch und rief dem Kellner zu: »Ein Glas Bier – aber schnell, ich habe noch einen Gang zu machen und bin sehr durstig! – Guten Abend, Herr von Tschirschnitz,« sagte er, während der Kellner ein Glas füllte, »wie geht es Ihnen? ich habe Sie lange nicht gesehen.«

»Wie Sie sehen, Herr Sonntag, ganz gut,« erwiderte Herr von Tschirschnitz lachend, indem er dem Eingetretenen, der sich ihm genähert, die Hand reichte, »man ernährt sich, so gut man kann,« fügte er hinzu, nach den Resten seines Soupers auf dem kleinen Tische hindeutend.

»Ich muh Sie sogleich sprechen – folgen Sie mir,« flüsterte der Kaufmann Sonntag, fast ohne die Lippen zu bewegen, und laut rief er: »Ja, ja, die Herren haben jetzt nichts zu tun. Nun, in Ihren Jahren erträgt sich das leicht, man ist nicht in Verlegenheit, um kleine angenehme Beschäftigungen,« er leerte mit einem durstigen Zuge sein Glas und sagte mit einer Verbeugung gegen den jungen Offizier: »Ich empfehle mich Ihnen, Herr von Tschirschnitz, ich muß versuchen, ob ich die Post noch offen finde, um dies Paket abzusenden.«

Und schnell entfernte er sich durch eine Seitentür, welche nach einem Korridor des Hauses führte, der auf eine dem Bahnhof naheliegende Straße ausmündete.

Herr von Tschirschnitz schlenderte langsam in dem Lokale auf und ab.

»Wenn ich nur wüßte, was man in dieser langweiligen Zeit mit seinem Abende anfangen sollte,« rief er laut und trat zu einer Gruppe von Herren, welche an einem Nebentische saßen.

Nachdem er sich hier einige Zeit unterhalten, ging er wieder langsam auf und nieder und verschwand dann schnell und unbemerkt durch dieselbe Seitentür, durch welche sich der Kaufmann Sonntag entfernt hatte. Dieser stand in dem matt erleuchteten Korridor.

Rasch trat er in eine Tür, welche zu einer Art von Domestikenzimmer führte, in welchem ein Licht brannte.

Herr von Tschirschnitz folgte ihm.

»Die Gefahr ist groß und unmittelbar!« rief der kleine Kaufmann Sonntag, als die Tür geschlossen war, »Sie werden alle überwacht; draußen vor dem Eingänge der Georgshalle steht ein Polizeibeamter, Herr von Wendenstein ist soeben verhaftet, Sie dürfen nicht nach Hause, Sie müssen sofort abreisen!«

»Aber mein Gott,« rief Herr von Tschirschnitz erschrocken – »wie –«

»Haben Sie Geld?« fragte Herr Sonntag, eifrig sein Paket öffnend.

»Genug,« erwiderte Herr von Tschirschnitz, »aber –«

Herr Sonntag breitete den Inhalt seines Paketes auf dem Tische aus.

»Ich bitte Sie um Gottes willen, fragen Sie nicht,« rief er, »tun Sie genau, was ich sage, und alles wird gut gehen. – Zunächst,« fuhr er eifrig fort, »mit dem Bart herunter, das ist ein zu deutliches Kennzeichen.«

Und er stellte einen kleinen Spiegel auf den Tisch, das Licht daneben, drückte Herrn von Tschirschnitz auf den Stuhl davor und reichte ihm ein Rasiermesser

Dann schlug er Seifenschaum und seifte den schönen Vollbart des Offiziers mit einer Geschwindigkeit und Geschicklichkeit ein, welche dem geübtesten Barbier Ehre gemacht hätte.

Herr von Tschirschnitz ließ mit großen, erstaunten Augen diese überraschende Manipulation an sich vollziehen.

Endlich konnte er nicht umhin, laut aufzulachen.

»Ich bitte Sie um Gottes willen, lachen Sie nicht, sondern rasieren Sie sich,« rief der kleine Sonntag, »die Augenblicke sind kostbar, oder soll ich –«

Er streckte die Hand nach dem Messer aus.

»Nein, nein,« rief Herr von Tschirschnitz immer lachend, »Sie könnten mir in Ihrem Eifer die Nase fortnehmen!«

»Diese Herren sind doch nie zum Ernst zu bringen,« rief Sonntag halb lachend, halb unmutig, »schnell, schnell –«

In einigen Minuten war der schöne, braune Bart von dem Gesicht des Offiziers verschwunden.

»Auch den Schnurrbart?« fragte er mit leichtem Zögern.

»Mein Gott, der wächst ja so schnell wieder,« rief Sonntag ungeduldig, »herunter damit!«

Und auch der lange Schnurrbart fiel unter dem scharfen Strich des Messers.

»So,« rief der kleine Sonntag, »jetzt den Rock aus – rasch – rasch – diese Bluse angezogen – hier diese Mütze auf den Kopf – so,« sagte er mit zufriedenem Tone, »das ist gut, das macht ein neues Signalement nötig.« – Er drehte den jungen Mann herum und betrachtete ihn von allen Seiten, es war in der Tat kaum möglich, in dieser einem Arbeiter ähnlichen Gestalt den schönen, eleganten Offizier wiederzuerkennen.

»Und nun?« fragte Herr von Tschirschnitz, eine große Brieftasche aus seinem Rocke nehmend und in die Tasche der Bluse steckend.

»Nun hören Sie wohl zu,« sagte der Kaufmann Sonntag, den Zeigefinger der rechten Hand emporhebend – »Sie gehen hier zur Seitentür nach der Bahnhofsstraße hinaus, ruhig und langsam, an der Ecke gegenüber dem Ernst-August-Denkmal werden Sie einen Dienstmann finden, Sie werden ihn um den Weg nach der Georgs-Marienstadt fragen; wenn er Ihnen antwortet: |›die Georgs-Marienstadt ist mein Viertel, ich werde Ihnen den Weg zeigen‹, so folgen Sie ihm und allen seinen Anordnungen – jetzt kein Wort weiter – glückliche Reise!«

»Aber?« fragte Herr von Tschirschnitz.

»Fort, fort!« rief der Kaufmann Sonntag, »die Augenblicke sind kostbar, Sie haben einen Teil der Nacht, Ihr Beobachter glaubt Sie hier in der Georgshalle, ich werde dafür sorgen, daß bis zum Morgen hier Licht, Lachen und Gläserklirren sein wird, – das wird viele Wahrscheinlichkeit haben und der Mann wird auf seinem Posten bleiben.«

Er drängte Herrn von Tschirschnitz zur Tür hinaus.

Dann legte er den Rock, welchen der junge Mann ausgezogen, in sein Paket, schloß dasselbe wieder und eilte durch das Restaurationslokal zurück, auf die Straße zur Post hin. Hier war die Expedition bereits geschlossen. Herr Sonntag klopfte an alle Türen, trat in verschiedene Bureaus und begehrte, überall seine Uhr hervorziehend und zeigend, daß die Stunde des Schlusses noch nicht lange vorüber sei, eine ausnahmsweise Expedition seines sehr eiligen Pakets. Als ihm dieselbe überall verweigert wurde, entfernte er sich endlich unter Auswechslung mehrerer wenig verbindlicher Redensarten mit den Bureaubeamten, welche ihm erklärten, daß sie ihn bei längerer Störung entfernen lassen würden.

Er hatte vor möglichst zahlreichen Zeugen acte de présence im Postgebäude gemacht.

Herr von Tschirschnitz war unterdessen mit ruhigen, langsamen Schritten die Bahnhofsstraße zu Ende gegangen.

An der Ecke des großen Hotel Royal, gegenüber dem auf der Mitte des Bahnhofsplatzes stehenden Denkmal des König Ernst August, stand gegen die Mauer gelehnt ein Dienstmann in blauer Bluse, das Blechschild mit der Nummer an der Mütze.

»Guter Freund,« sagte Herr von Tschirschnitz, geschickt das Patois des Volkes nachahmend, »könnt Ihr mir den Weg nach der Georgs-Marienstadt zeigen?«

»Die Georgs-Marienstadt ist mein Viertel,« erwiderte der Dienstmann, sich langsam von dem Mauervorsprung aufrichtend, auf den er halb sitzend sich gestützt hatte, »ich werde Sie hinführen, heute ist doch nichts mehr für mich hier zu tun.«

Er reckte die Arme aus, dehnte einige Male seinen ganzen Körper mit einem lauten Atemzuge, dann ging er langsam über den Platz hin. Er sah sich mehrmals um, der Platz war fast leer, nur vor dem Bahnhof standen einige Polizeibeamte in Uniform, eine dunkle Gestalt in Zivilkleidung lehnte am Gitter des Ernst-August-Denkmals.

Als der Dienstmann über den von den großen Gaslaternen überleuchteten Platz gekommen war, bog er in eine kleine, dunkle Nebengasse hinter dem Postgebäude ein und blieb nach wenigen Schritten vor einem Seiteneingange des Bahnhofs stehen.

Hier erwartete ihn, wie es schien, ein Bahnhofsbeamter, der ruhig im Schatten der Tür lehnte.

»Hier ist verbotener Weg«, sagte der Beamte, in der Dunkelheit einen forschenden Blick auf die herannahenden Gestalten richtend.

»Der Mann will zur Georgs-Marienstadt,« antwortete der Dienstmann, »ich wollte ihn gern auf dem kürzesten Wege dahin führen.«

»Folgen Sie mir,« sagte der Eisenbahnbeamte zu Herrn von Tschirschnitz und schritt ihm in den dunkelsten Teil dieser entlegenen Abteilung des Bahnhofs voran. Der Dienstmann verlor sich in der Dunkelheit der Straße.

Herr von Tschirschnitz folgte seinem Führer, welcher in einen großen, vollkommen finsteren Güterschuppen eintrat. Er ergriff die Hand des Offiziers und leitete ihn durch verschiedene, von großen Kisten gebildete Gänge zu einem von ungeheuren Fässern umgebenen kleinen Raum. Hier zog er eine Blendlaterne unter einem kleineren Fäßchen hervor.

Herr von Tschirschnitz blickte forschend auf den Mann, der ihn geführt hatte, er sah ein ihm völlig unbekanntes Gesicht.

»Sie können mir vertrauen,« sagte sein Führer lächelnd und zog unter einem der großen Fässer einen langen weiten Überrock, eine schwarze Perücke, einen runden, breitkrämpigen Hut und eine große Reisetasche hervor.

Herr von Tschirschnitz zog auf die Aufforderung des Beamten schnell seine Bluse aus und legte den Überrock an. Er befestigte die Perücke auf seinem Kopf und setzte den Hut auf; dann brachte er sein großes Portefeuille in der weiten Tasche seiner neuen Bekleidung unter und nahm die Reisetasche in die Hand.

»Vortrefflich!« rief der Beamte, »niemand wird Sie erkennen! – Hier,« sagte er dann, beim Schein der Laterne eine Brieftasche öffnend, »ein Billett nach Osnabrück, hier eine Paßkarte auf den Namen Meyerfeld, erinnern Sie sich wohl, daß Sie Meyerfeld beißen, einige Geschäftsbriefe an Herrn Meyerfelds Adresse in gestempelten Kouverts – zur besseren Legitimation im Notfalle, der hoffentlich nicht eintreten wird, in Osnabrück nehmen Sie sogleich für den anschließenden Zug ein Billett nach Arnheim, und nun kommen Sie, es ist keine Zeit zu verlieren!«

Er löschte die Laterne, reichte Herrn von Tschirschnitz die Hand und führte ihn aus dem Schuppen. Auf den Schienen, weit entfernt von der Halle des Bahnhofs, stand ein einzelner Wagen. Zwei Arbeiter waren in der Nähe.

Der Beamte führte Herrn von Tschirschnitz an diesen Wagen, öffnete geräuschlos den Schlag und ließ den jungen Mann in ein dunkles Kupee zweiter Klasse steigen.

»Verhalten Sie sich hier ganz ruhig,« sagte er, »und glückliche Reise!«

Er schloß den Schlag. »Alles in Ordnung?« fragte er die beiden Arbeiter, an ihnen vorbeigehend.

»Alles in Ordnung,« erwiderten diese mit leiser Stimme. Sie gingen langsam dem belebten Teile des Bahnhofes zu. Eine halbe Stunde später läutete man zum ersten Male für den Zug nach Osnabrück.

An allen Eingängen des Bahnhofsgebäudes nach der Stadt zu standen Polizeibeamte, ebenso an allen Ausgängen nach dem Perron, Die Reisenden, welche ankamen, wurden genau gemustert, – es waren sämtlich harmlose, unverdächtige Personen.

Man stieg ein. Schnell waren die Koupees besetzt, es fand sich, daß nur zwei Personenwagen einrangiert waren. Die Reisenden fanden keine Plätze und zankten ungeduldig mit den Schaffnern.

»Welche Nachlässigkeit!« rief der Zugführer. »Herr Bahnhofinspektor, es sind nicht genug Personenwagen da!« Zwei Arbeiter traten heran. »Wir haben vergessen, den einen Wagen, der noch für den Zug bestimmt war, heranzuschieben,« sagten sie, die Mützen abnehmend.

»Ihr werdet in Strafe genommen für diese Nachlässigkeit,« sagte mit strengem Tone der Bahnhofinspektor. »Jeder einen Taler Abzug, kommt so etwas noch einmal vor, so werdet ihr entlassen, nun schnell, schnell,« rief er heftig, »daß der Wagen herankommt, und noch einen mehr, es sind viele Reisende!«

Die Arbeiter eilten fort, einige andere folgten ihnen.

In kurzer Zeit waren zwei weitere Wagen einrangiert, die Reisenden drängten sich zu denselben hin und stiegen ein, das Signal wurde gegeben, der Zug rollte mit schnaubender und pfeifender Lokomotive in die Nacht hinaus.

Herr von Tschirschnitz saß in der Ecke eines vollkommen besetzten Kupees. – Der Schaffner hatte die Billetts markiert – alles war in Ordnung.

Die Polizeibeamten hatten alle Eingänge besetzt, nach der Polizeidirektion ging die Meldung:

»Zum Osnabrücker Zug niemand Verdächtiges zum Bahnhof gekommen.«

Und es kam der Befehl zurück, den Bahnhof die ganze Nacht besetzt zu halten.

Vor dem Theater aber ging langsamen Schrittes ein Mann auf und nieder, die Tür zur Georgshalle unablässig im Auge haltend. Die Fenster des Restaurationslokals waren hell erleuchtet, Gläserklirren und laute, fröhliche Stimmen ertönten in die Nacht hinaus, von Zeit zu Zeit sah man Gestalten an den hellen Fenstern vorbeigehen.

»Das ist ein schlechtes Geschäft,« murmelte der Mann draußen, »jemand zu bewachen hier in der kalten Nacht, der wohl bis morgen früh hinter dem Glase sitzen wird!«

Und fröstelnd zusammenschauernd nahm er seinen langsamen Spaziergang wieder auf.

Fünfzehntes Kapitel.

Mitten in den engen Gassen des innersten ältesten Stadtteiles von Hannover liegt der sogenannte Ballhof, ein altes Wirtshaus mit großem Vorhof. In längstvergangenen Tagen gab die erste und vornehmste Gesellschaft der Stadt und Umgegend hier ihre Reunionsbälle, und noch zeigten die Dekorationen des großen Saales des Etablissements die Spuren der früheren Glanzzeit. – Längst aber hatte sich jetzt die vornehme Welt von diesem alten Lokal und aus dem engen, alten Stadtteile zurückgezogen, der große Saal, in welchem einst der Herzog von Cambridge mit der elegantesten Gesellschaft seines Hofes sich bewegt hatte, und in welchem die hannoversche Welt die berühmten Bälle bei Almaks nachahmte, diente jetzt als Lokal für die Vergnügungen der kleineren Bürgerschaft, und in den Nebenzimmern, in welchen einst auf den Whisttischen der Minister und höchsten Beamten hoch gehäuft goldene Berge von Doppelpistolen lagen, versammelten sich jetzt die ehrbaren Handwerker, bei einem Seidel Lagerbiers oder einer Flasche St. Julien die Ereignisse des gewerblichen oder politischen Lebens besprechend.

Zahlreich war dies Lokal in jener Zeit besucht. Die in so wunderbar überraschender Schnelligkeit hereinbrechenden Ereignisse, welche alles Bestandene über den Haufen geworfen hatten, die neuen Zustände, welche so wenig zu den alten Gewohnheiten passen wollten, die souveräne, unnahbare Schnelligkeit und Schärfe des neuen Regiments, bei welchem man so gar nicht mitreden konnte nach altcalenbergischer Weise, das alles führte die Bürger zusammen, um ihre Gedanken auszutauschen und sich hier im stillen, altgewohnten Kreise so recht nach Herzenslust auszuräsonnieren.

Hier kamen nur feste Anhänger des Alten zusammen, jeder, der irgend im Verdacht stand, den neuen Zuständen günstig gesinnt zu sein oder gar mit den »Preußen« in Verbindung zu stehen, sah sich sofort isoliert, scheelen Blicken und spitzen Bemerkungen ausgesetzt, und wenn die Köpfe sich mehr und mehr erhitzten, wohl gar durch tätliche Beihülfe zum Verlassen des Lokals veranlaßt.

An dem Abende, an welchem Herr von Wendenstein verhaftet und Herr von Tschirschnitz auf seine besondere Art und Weise fast unter den Händen der Polizei abgereist war, befand sich zahlreiche Gesellschaft in den Räumen des Ballhofs. Die Verhaftung des jungen Offiziers war hie und da bekannt geworden, man hatte sich ergangen in Bemerkungen und Vermutungen über den Fall, den man sich noch nicht erklären konnte, der aber in allen das Gefühl einer über ihnen stehenden Wetterwolke erregte, aus welcher der erste Blitz herabgefahren war und aus welcher jeden Augenblick ein zweiter Strahl niederzucken konnte.

An einem Tische saßen mehrere Bürger um den alten Hofsattlermeister Conrades, einen alten Mann mit scharfen, verwetterten Zügen, welcher mit lauter Stimme und oftmals derb mit der Hand auf den Tisch schlagend seinem Unwillen über die neuen Zustände Luft machte.

»Donnerwetter,« rief er, den Deckel seines Seidels mit lautem Schlag zuklappend, »der alte Ernst August sollte noch leben, was der für ein Gesicht gemacht haben würde, wenn sie ihm so mir nichts dir nichts sein Land hätten wegnehmen wollen! – Dann wärs freilich auch nicht so gekommen; mit dem anzubinden hätten sie's nicht riskiert in Berlin, vor dem hatten sie Respekt an den größten Kaiser- und Königshöfen, und hier wären auch alle die Dummheiten nicht gemacht worden, an denen wir zugrunde gegangen sind.«

»Aber wenn der König wiederkommt,« sagte ein kleiner, untersetzter Mann mit tief in den Schultern und noch tiefer in einem hohen Rockkragen steckenden Kopfe und rundem, scharf geschnittenem Gesicht, »wenn der König wiederkommt, dann wollen wir all den schlechten Hannoveranern, die da jetzt hinlaufen zu den Preußen, zeigen wollen wir ihnen,« rief er, ingrimmig die Spitze seiner langen, mit seidenen Quasten verzierten Pfeife zwischen die Zähne beißend, »zeigen wollen wir ihnen – wo sie her sind!«

Und um sich von der tiefen Entrüstung zu erholen, in welche ihn der Gedanke an die künftige Rache gegen die schlechten Patrioten versetzt hatte, deren Bestrafungsart aus seinen Worten nicht mit völliger Klarheit hervorging, aber seiner Miene zufolge eine sehr grausame und barbarische sein muhte, nahm er einen großen Schluck aus seinem Glase und blies dann eine so dichte Tabakswolke vor sich hin, daß seine kleinen, zornsprühenden Augen einige Augenblicke von weißem Nebel verhüllt waren.

»Wenn der König wiederkommt!« sagte der alte Conrades langsam und sinnend, indem er die tief gefurchte Stirn in die magere, braune und nervige Hand stützte, »Freund,« fuhr er fort, das graue, scharfe Auge mit traurigem Ausdruck auf den alten Zunftmeister richtend, »Ihr wißt, daß ich an dem alten Hannover hänge wie einer, mir tut es weh, daß ich nicht in die Grube gefahren bin, ehe diese neue Zeit hereingebrochen ist, aber ich sage euch: es ist alles Unsinn, was sie da schwatzen und treiben und agitieren, – der König kommt nicht wieder!«

»Der König kommt nicht wieder?!« rief mit heller Stimme voll Verwunderung und Unwillen ein kleiner, magerer, blasser Mann mit feinem, lebhaftem Gesicht und hellblondem Haar und Bart. – »Ich sage euch, der König kommt wieder, und lange wird es nicht mehr dauern, alles ist vorbereitet, ihr seid hier alle in eurem eingeschränkten Kreis, unter dem Druck, ihr sehet und höret nicht klar, aber ich bin in Hietzing gewesen, ich habe einen Blick in die Politik getan, ich kann euch das freilich nicht alles erzählen, aber,« fuhr er fort, sich mit wichtiger Miene gerade auf seinem Stuhl aufrichtend, »ihr könnt mir glauben, der König kommt bald wieder, Seine Majestät hat es mir selbst gesagt.«

»Lohse,« sagte der alte Conrades derb, »Ihr mögt ein ganz guter Musikant sein, Ihr nennt Euch ja Musikdirektor, weil Ihr so einen Gesangverein dirigiert, aber von der Politik versteht Ihr nichts.«

Der Musikdirektor Lohse sah den Sattlermeister wütend an, er hatte wohl eine scharfe Entgegnung auf der Zunge, aber er sprach sie nicht aus, denn mit dem alten Conrades war nicht gut anzubinden, er hatte so scharfe und unangenehme Worte in stets schlagfertiger Bereitschaft – und dann war er einer der einflußreichsten in der Bürgerschaft, man war gewohnt, auf ihn Rücksicht zu nehmen. Herr Lohse begnügte sich daher, mit überlegener, geheimnisvoll bedeutsamer Miene die Achseln zu zucken.

»Seht,« sagte Conrades, sich etwas über den Tisch vorlegend und die rechte Hand auf und nieder bewegend, »seht, das wäre wohl alles ganz gut und könnte schon gehen, aber es ist kein Nerv und keine Kraft drin, der König Georg ist nicht sein Vater, befehlen kann er wohl, aber nicht herrschen, er versteht nicht zu wollen, ich meine, so recht ernstlich zu wollen, wie der alte Ernst August wollte. – Ich habe das alles wohl angesehen,« fuhr er fort, lebhaft weiter sprechend, unbekümmert, ob man ihm zuhörte, ob man seine Ansicht teilte oder nicht, »ich habe das alles wohl angesehen seit der neuen Regierung,« der Alte nannte die Regierung Georgs V. nach fünfzehn Jahren noch immer die neue – »das ist ein ewiges Hin« und Herschwanken gewesen, ein Minister nach dem anderen ist verbraucht und immer sind sie als Feinde fortgegangen, und die Schreiber da in den Ministerien haben räsonniert und die Herren vom Hof haben gelästert und Geschichten über Geschichten in Kurs gesetzt, und es war keine Herrschaft und keine Zucht in der Sache, denn was hat der König getan? Wenn's einer zu arg getrieben hat, so hat er ihm den Rücken gelehrt und ihm den Hof verboten und dann ist der hingegangen und hat den Mund noch ärger aufgerissen, und das ganze Land – und ihr alle mit,« rief er laut, mit der geballten Faust auf den Tisch schlagend, »ihr habt über den braven Ehrenmann geschrien und geklagt, der so ungerecht behandelt worden. – Da war's anders zu Ernst August's Zeit,« fuhr er fort, indem er sich aufrichtete und den Blick groß und fest von einem zum anderen schweifen ließ, »wenn da einer, und wenn es der Höchste und Vornehmste war, etwas getan oder gesagt hatte, was nicht in Ordnung war, dann hat er ihn kommen lassen und hat ihn abgekanzelt, so grob, na, ihr wißt gar nicht, wie grob der werden konnte, und dann war es aus – und der Betreffende wußte, was er zu tun hatte, und tut gewiß lange nichts wieder, was nicht in der Ordnung war. Und ebenso war's mit den anderen Höfen, da wußte man immer, wie man mit dem Alten daran war, und solche Doppelspielerei wie im vorigen Jahre, die hätte gar nicht vorkommen können. – Ja, ja,« fuhr er seufzend fort, »der Alte, das war ein Herr, von dem sagten sie auf englisch – wir zu meiner Zeit muhten alle etwas englisch können, wegen der hohen Herrschaften – every inch a king, sagten sie, jeder Zoll ein König, heißt das, und es war gewiß und wahrhaftig wahr, aber der jetzige Herr, der hat wohl die Gesinnung, auch den Stolz und den Mut, aber den Willen, den hat er nicht; und nun der kleine Prinz da – ja, die Husarenuniform hat er an und Ernst August heißt er, aber every inch a king? O mein Gott!«

Und er tat einen langen Zug aus seinem Glase.

»Darum sage ich euch, fuhr er, den Deckel zuklappend, fort, »es wird aus alledem nichts, was sie da jetzt treiben, sie werden immer zwei Pferde vor den Wagen und zwei dahinter spannen, und zanken werden sie sich untereinander und die ganze Geschichte wird ein böses Ende nehmen. – Warum sitzt der König in Wien,« rief er, »bei diesen Österreichern, die ihn so schmählich im Stich gelassen und die in ihrem Leben nicht wieder auf die Beine kommen, warum geht er nicht nach England, wo er seinen rechtmäßigen Platz hat? Na,« sagte er mit einem resignierten Seufzer, »mir kann's gleichgültig sein, mein Sarg steht schon offen, ich werde bald hingehen und der neuen Welt den Rücken kehren – und das ist gut. Guten Abend!«

Er stand auf, nahm seinen Hut und ging schweigend hinaus.

»Er weiß ja gar nicht, wie die Sachen stehen,« sagte der Musikdirektor Lohse, nachdem der Alte sich entfernt, »das kann man ja auch hier gar nicht beurteilen, dazu muß man die Fäden kennen,« fügte er mit geheimnisvoller Miene hinzu, »und die kennt eben nicht jeder! – Der König nicht zurückkommen?« rief er nach einigen Augenblicken, »und Seine Majestät hat mir doch selbst gesagt, daß er ganz bestimmt zurückkommen werde.«

»Hat das der König selbst ganz bestimmt gesagt?« fragte der Mann mit dem hohen Rockkragen, während die anderen Bürger näher zusammenrückten und gespannt in das Gesicht des Musiklehrers blickten.

»Ganz bestimmt,« erwiderte dieser mit wichtigem Tone, »ganz bestimmt! – »Lohse,« sagte Seine Majestät zu mir, »harren Sie ruhig aus, ich werde nicht ruhen und rasten, nicht Nacht, nicht Winter kennen, bis ich wieder in Hannover und bei meinem beispiellos treuen Volk bin, und ich werde wiederkommen!«

»Beispiellos treuen Volk hat er gesagt?« fragte der kleine Mann aus seiner Tabakswolke heraus.

»Ja, ja, er hat Recht,« riefen mehrere Bürger, »die Hannoveraner sind beispiellos treu, wenn sonstwo heutzutage ein König entthront wird, dann ist es ein allgemeiner Jubel und die Untertanen können nicht schnell genug zu dem neuen Herrn laufen. – Nein, wir wollen zeigen, daß wir anders sind.«

»Wie kamen Sie denn nach Hietzing, Herr Lohse?« fragte man dann, und rasch setzte sich der Musikdirektor Lohse gerade auf seinen Stuhl zurecht – froh, eine Gelegenheit zu seiner Erzählung zu haben, und sprach unter allgemeiner Aufmerksamkeit:

»Sie wissen Alle, daß ich Präsident des Georgs-Marienvereins bin, der hier auch sein Lokal hat, und da hatten wir ein neues Statut gemacht und mich hatten sie deputiert, um Seine Majestät zu bitten, daß er das Protektorat übernehmen möchte.«

»Und hat das der König getan?« fragten mehrere Stimmen.

»Gewiß,« sagte Herr Lohse stolz, »sogleich hat ers getan, und wie ich aufgenommen bin! Der König hat mich sofort zur Tafel dabehalten.«

»Zur Tafel – zur königlichen Tafel?« riefen alle.

»Gewiß, ich habe mit dem König und der Prinzeß und dem Kronprinzen und allen Herren gegessen, ich hatte eine große weißgelbe Schärpe um, und alle fremden Herren – österreichische Generale, der Herr von Reischach, der des Königs österreichischer Adjutant ist, und andere, alle fragten, wer ich wäre, und da sagten Seine Majestät: ›Das ist der Musikdirektor Lohse, der Präsident des Georgs-Marienvereins in Hannover!‹«

Alle sahen ihn mit einem gewissen Respekt an, ein leises Flüstern ging um den Tisch.

»Und die Herren vom Gefolge des Königs,« erzählte der Musikdirektor weiter, »das sind wirklich ganz vortreffliche, liebenswürdige Leute, den Grafen Wedel, der jetzt da ist, den kennt ihr ja, und dann ist da der Regierungsrat Meding und der Graf Platen, nicht der Minister, sein Neffe, der Graf Georg, das sind zwei ausgezeichnete Herren, die sind mit mir nach Wien ins Theater gefahren, ins Karltheater, ich habe vorn in der Loge gesessen und die Herren haben mir alles erklärt, da war die berühmte Gallmeier, die spielte reizend die gebildete Köchin, es ist eine ausgezeichnete Person und sehr gut ›hannoveranisch‹, wie sie dort sagen, und die Musik war auch vortrefflich, namentlich im Zwischenakt, besonders eine Violine, ich muß das kennen, ich hörte sie gleich heraus, ich applaudierte den Violinisten aber auch nicht wenig, das ganz Theater sah zu mir herauf. – ›Was Teufel‹, fragte mich bei Graf Platen,« fuhr Herr Lohse, sich in seine Erzählung immer mehr vertiefend, fort »›was Teufel applaudieren Sie hier im Zwischenakt?‹ – ›Herr Graf‹, sagte ich, ›das muß ich verstehen, da ist ein Violinist, der spielt vortrefflich, der verdient's!‹ – und der Regierungsrat Meding sah mich ganz erstaunt an und sagte: ›Lohse, Sie sind ein herrlicher Kerl, ich muß Ihre Photographie haben.‹ Und die hab' ich ihm auch gegeben,« sagte er, sein Glas ergreifend, »und die Herrn haben sich alle für mich auch photographieren lassen.«

Er tat einen langen Zug.

»Na – und am andern Tag, da ließ mich Seine Majestät ganz allein rufen,« fuhr er, sein Glas wieder auf den Tisch stellend, fort, »ich bin fast zwei Stunden bei Seiner Majestät geblieben, was da gesprochen wurde,« sagte er mit großer Würde, »das darf ich natürlich nicht erzählen, aber da war es, daß Seine Majestät mir sagte, daß er wiederkommen würde – und ich sage euch allen, Er kommt wieder, so wahr ich Lohse heiße!«

Stolz blickte er umher, leise tauschten die Übrigen einzelne Bemerkungen aus, mehrere baten ihn um Aufnahme in den Georgs-Marienverein, eine gesellige Verbindung der kleineren Bürger, welche aber eine höhere Bedeutung gewonnen, seit der König ihr Protektor geworden und ihr Präsident in Hietzing an der Tafel des Königs gesessen. Wenn der König wiederkam – und daran glaubten sie alle fest, diese guten Bürger, so mußte ja Herr Lohse eine bedeutende und einflußreiche Person werden und es konnte nur nützlich sein, sich als Mitglied in den Verein aufnehmen zu lassen.

Rasch trat der kleine Kaufmann Sonntag, ein Mann mit blassem Gesicht und lebhaft beweglichen schwarzen Augen, in das Lokal, er sprach hie und da mit einigen Bürgern, winkte dann unbemerkbar einem großen, blonden, schlanken Mann, welcher mit Herrn Ebers, dem Wirt des Ballhofs, an einem Seitentische Sechsundsechzig spielte und Punsch trank, und ging dann langsam in ein Nebenzimmer, von wo er rasch durch eine Türe in das Wohnzimmer des Wirts trat.

Nach kurzer Zeit folgte ihm Herr Ebers, ein kleiner Mann mit rothem, frischem Gesicht, und der Tierarzt Hische, sein Partner im Sechsundsechzig.

Vorsichtig schloß der Wirt die Türe.

»Wißt ihr,« rief Herr Sonntag eifrig, aber mit gedämpfter Stimme, »wißt ihr, daß die ganze preußische Polizei im Gange ist, alle Offiziere werden überwacht, der Leutnant von Wendenstein ist verhaftet!«

»Wendenstein?« sagte der Tierarzt Hische, »da haben sie wohl den Unrechten erwischt, den werden sie wohl wieder loslassen müssen, das wird nichts zu bedeuten haben!«

»Wohl hat es etwas zu bedeuten,« rief Sonntag, »der arme Wendenstein hat verschiedene Papiere bei sich aufbewahrt, die haben sie gefunden, natürlich sagt der Herr nicht, wem sie gehören, und da muß er denn dafür haften.«

»Schlimm, schlimm!« sagte Hische, traurig den Kopf senkend.

»Schlimm, schlimm!« rief der kleine Sonntag eifrig, »daß es schlimm ist, weiß ich allein, aber hier gilt's, es besser zu machen, der Wendenstein muß fort!«

»Fort?« rief Hische erstaunt, »fort aus diesem Polizeigebäude, das wie eine kleine Festung verwahrt ist und wo preußische Soldaten Wache stehen? – Ihr seid nicht gescheit!«

Sonntag lächelte.

»Hört mich an,« sagte er, »ich habe einen Plan, er ist ganz fertig, es handelt sich nur um die Ausführung.«

»Ja, die Ausführung!« sagte der Tierarzt Tische langsam, »das ist die Sache!«

»Es handelt sich um drei Dinge,« sagte Sonntag, die beiden andern nahe an sich heranziehend, »erstens um Geld – das besorge ich, zweitens,« fuhr er fort, »um ein Pferd, ein vortreffliches, schnelles Pferd, das müßt Ihr besorgen, Hische.«

»Aber wie?« fragte dieser.

»Das werde ich Euch sagen, es ist ganz leicht,« rief Sonntag. »Drittens,« fuhr er fort, »und das ist das Schwerste, gilt es, das Gefängnis zu öffnen und den Leutnant bis auf die Straße zu bringen.«

Herr Ebers lächelte. »Das könnte sich machen lassen,« sagte er.

»So wollen wir sogleich alles Nähere festsetzen,« rief Sonntag, »ich werde hier warten, wenn die Gäste fort sind, kommt zurück, es sind zwar alle gute Patrioten, aber von solchen Dingen muß niemand etwas wissen, der nicht bei der Ausführung tätig sein soll.«

Ebers und Hische kehrten einer nach dem andern in die Gastzimmer zurück, nach einer Stunde brachen die letzten Gäste auf, der Wirt begleitete sie hinaus, sagte ihnen mit lauter Stimme gute Nacht und verschloß geräuschvoll das Tor, die Lichter verlöschten ml Ballhofe, das Hausgesinde ging zu Bett.

Im Zimmer des Wirts aber saßen bei kleiner Lampe mit dunklem Schirm bis zum frühen Morgen die drei Männer, welche sich vorgenommen hatten, den Leutnant von Wendenstein aus seinem Gefängnis zu befreien. Am nächsten Vormittag gegen zwölf Uhr saß Frau von Wendenstein mit ihren Töchtern und Helene in ihrem Wohnzimmer. Der Oberamtmann war ausgegangen, um sich zu erkundigen, was gegen seinen Sohn vorläge, und um Vorstellungen gegen dessen Verhaftung zu machen. Die alte Dame saß ernst und still da. Man hatte ihr gesagt, daß die Verhaftung ihres Sohnes nur auf einem Mißverständnis beruhen könne, das machte sie ruhiger und ergebener, aber ihre stille Seele war nichtsdestoweniger tief erschüttert durch diesen plötzlichen, harten Eingriff in das ruhige Leben ihres Hauses und in die Hoffnungen, deren Erfüllung sie von der nächsten Zukunft schon erwartete.

Helene war bleich und schien ruhig und ergeben. Sie sprach der alten Dame Mut ein und versuchte mehrmals mit lächelndem Munde heitere Bemerkungen zu machen, in der Erwartung der baldigen Rückkehr ihres Verlobten, aber der fieberhafte Glanz ihrer Augen, das unwillkürliche Beben der Lippen, das häufige hastige Aufstehen, bei welchem sie sich irgendetwas im Zimmer zu schaffen machte, bewiesen genügend, daß ihre äußere Ruhe nur die Folge einer Willensanstrengung war, mit welcher sie die bange Unruhe ihres Herzens zurückdrängte.

Der Diener trat ein und meldete den General von Knesebeck.

Der frühere hannöverische Gesandte am wiener Hofe trat ein im einfachen Zivilanzug. Seine hohe Gestalt war fest und kräftig wie früher, aber auf seinem scharfen, ausdrucksvollen Gesicht lagen die Spuren der Eindrücke, welche das letzte ereignisschwere Jahr hinterlassen hatte; ernst und traurig blickten seine klaren, braunen Augen.

Er begrüßte die Damen, küßte Frau von Wendenstein mit ritterlicher Artigkeit die Hand und setzte sich an ihre Seite.

»Ich komme,« sagte er, »meine gnädige Frau, um Ihnen meine herzliche Teilnahme an dem unangenehmen Fall auszusprechen, der Ihre Familie betroffen hat, zu meiner Freude höre ich von allen Bekannten, daß er in keiner Weise ernstlich kompromittiert sein soll und also nichts weiter zu besorgen hat, als eine kurze Haft.«

»Gott gebe es!« sagte Frau von Wendenstein seufzend. – »O welche Zeiten, lieber General,« fuhr sie fort, indem ihre Augen sich mit leichtem Tränenduft verschleierten, »wer hätte das vor einem Jahre gedacht, als wir so ruhig in unserm alten Hause in Blechow saßen! – Für Sie,« sagte sie sanft lächelnd, »ist dieser Eingriff in die häusliche Ruhe weniger empfindlich, die Diplomaten sind daran gewöhnt, ein Leben wie die Zugvögel zu führen und ihr Haus nur wie ein Absteigequartier, eine Station auf der Reise des Lebens zu betrachten.«

»Wenn es nur das wäre,« sagte bei General, »so könnte man freilich leicht darüber hinwegkommen, obgleich trotz unseres wechselnden Lebens sich die menschliche Natur immer mit den tausend Ranken der Gewohnheit an das tägliche Dasein knüpft und schmerzlich davon losreißt, aber,« fuhr er mit schmerzlichem Tone fort, »hier handelt es sich um mehr als das, eine ganze, schöne und ehrenvolle Vergangenheit wird begraben, um nie mehr zu erstehen!«

»Viele hoffen auf eine Auferstehung,« bemerkte Frau von Wendenstein, »und trösten sich mit der Geschichte der ersten Jahre dieses Jahrhunderts.«

»Ich weiß es wohl,« erwiederte der General, »aber,« fügte er ernst und trübe hinzu, »sie täuschen sich; damals brachte die nationale Erhebung des deutschen Volkes folgerichtig die Selbständigkeit Hannovers zurück, heute ist das anders, Hannover ist geopfert der Idee der nationalen Einigung, nur große, weitumfassende Ideen, klares, festes und kluges Handeln könnten dem Welfenhause seine Bedeutung, vielleicht unter günstigen Umständen seinen Thron wiedergeben, aber davon ist man leider sehr weit entfernt,« sagte er seufzend, »man beschränkt sich auf kleinliche Agitationen, welche viele ins Unglück stürzen werden. – Leider höre ich, daß in diesem Augenblick solche Agitationen ernster und gefährlicher Natur im Gange sein sollen, deshalb auch die strengen Maßregeln. Wie traurig ist es, daß alle diese jungen Leute, aus einem in seinem innern Kern so edlen und hochachtungswerten Motiv, sich hinreißen lassen, sie werden es einst bitter bereuen –«

Er schwieg abbrechend.

»Und Sie, Herr General,« sagte Frau von Wendenstein, »werden Sie hier bleiben?«

»Ich denke mich in eine kleinere Stadt zurückzuziehen,« sagte der General, »und fern von allen Beziehungen der Welt und der Politik ruhig meinen Altersstudien und meinen Erinnerungen zu leben, leider,« fügte er seufzend hinzu, »schließen dieselben traurig genug ab.«

Der Blick der alten Dame ruhte teilnahmsvoll auf dem von schmerzlicher Bewegung durchzuckten Antlitz des Generals.

»Sie haben keine freundlichen Eindrücke von Hietzing mitgebracht?« sagte sie sanft.

Zornige Entrüstung flammte im Auge des Herrn von Knesebeck auf.

»Ich mag davon nicht sprechen, meine gnädige Frau,« sagte er mit gepreßtem Tone, »ich habe bis zum letzten Augenblick alles für die Sache des Königs getan, ich habe keine Schwierigkeiten und keine Mühen gekannt, und endlich hat man mich entlassen – wie einen Übellästigen, es ist das ein Kapitel über die Dankbarkeit der Fürsten,« fügte er mit bitterem Lächeln hinzu. – »Ich bin übrigens weit entfernt,« fuhr er nach einem tiefen Seufzer fort, »den armen Herrn verantwortlich zu machen, er ist umgeben von Einflüsterungen aller Art, das alles kann nur zu traurigem Ende führen. – Doch alle diese Dinge sind zu traurig, um davon zu sprechen,« sagte er abbrechend, »für mich ist die Vergangenheit begraben, mein Blick richtet sich hoffnungsvoll in die große Zukunft Deutschlands, ich werde an dem schönen, herrlichen Gebäude der kommenden Tage nicht mehr mitarbeiten können, aber ich werde ihm meine besten Wünsche weihen.«

Der Diener trat ein, er trug ein Paket und näherte sich Helene.

»Der Kaufmann Sonntag sendet hier die Gegenstände, welche das Fräulein zu sehen gewünscht haben,« sagte er, »und hier ein Verzeichnis der Preise.«

Er überreichte ihr das Paket und einen verschlossenen Brief.

»Einkäufe für die künftige Häuslichkeit,« sagte Herr von Knesebeck lächelnd.

»Ich weiß in der Tat nicht,« sagte Helene, erstaunt das Paket betrachtend, »ich erinnere mich nicht, etwas bei Sonntag bestellt zu haben.«

Und in unwillkürlicher Bewegung öffnete sie das Papier. Kaum hatte sie einen Blick hineingeworfen, als ein Helles Rot ihr Gesicht überzog, dem sogleich eine tiefe Blässe folgte. Sie drückte die Hand krampfhaft auf die Lehne des Sessels, und mit gewaltiger Anstrengung sich zu ruhigem Lächeln zwingend, sagte sie zu Frau von Wendenstein gewendet:

»Ich hatte es vergessen, ich hatte neulich gewünscht, einige Arbeitskörbchen zu sehen, Sonntag sendet mir eine Auswahl. – Lassen Sie Herrn Sonntag danken,« sagte sie dem Diener, »ich werde, was ich nicht brauche, zurücksenden, oder selbst bringen, wenn ich ausgehe.«

Der General von Knesebeck empfahl sich, indem er nochmals den Wunsch aussprach, daß das Mißverständnis, welches die Verhaftung des Leutnants herbeigeführt, sich bald aufklären möge.

»Was hat man dir da geschickt?« fragte Frau von Wendenstein.

»Es sind einige Arbeitskörbchen, ich äußerte neulich im Laden des Kaufmanns Sonntag, daß ich eines bedürfte, es ist eine Aufmerksamkeit, daß man mir eine Auswahl hierhersendet.« Sie öffnete das Paket und die Damen besahen flüchtig den Inhalt.

Bald darauf zog sich Frau von Wendenstein und ihre Tochter zurück, um sich zum Ausgehen vorzubereiten, Helene begleitete sie, um sich ebenfalls auf ihr Zimmer zu begeben. Kaum hatte sie sich von den Damen getrennt, so eilte sie zurück und begab sich nach der andern Seite des Korridors, wo das Zimmer des Oberamtmanns lag. Der alte Diener war im Vorzimmer seines Herrn.

»Ist der Herr Oberamtmann schon zurückgekehrt?« fragte sie in leichtem Tone.

»Soeben,« erwiederte der alte Johann, schnell aufstehend.

»So fragen Sie, ob ich ihn sprechen kann, ich bin begierig, Nachrichten zu hören.«

Der Diener beeilte sich, der natürlichen Ungeduld der jungen Braut zu entsprechen, trat in das Zimmer seines Herrn und öffnete unmittelbar darauf dem jungen Mädchen die Türe.

Der alte Herr hatte Hut und Stock abgelegt und noch im Überrock ging er mit langsamem Schritt und tief ernster Miene in feinem Zimmer auf und ab, die Hände auf dem Rücken gefaltet und den podagrischen Fuß leicht nachziehend.

Bei dem Eintritt des jungen Mädchens flog ein freundlicher Schimmer über sein Gesicht, mit herzlichem, aber etwas wehmütigem Lächeln trat er ihr entgegen und sagte:

»Nun, was bringt meine kleine Schwiegertochter? – Das Herz ist ein wenig in Unruhe, ich soll erzählen, was ich gehört, nun –«

»Papa,« unterbrach ihn Helene, auf deren Gesicht, sobald sich die Tür hinter ihr geschlossen, der Ausdruck lebhafter Unruhe und banger Besorgnis erschienen war, »Papa, es steht sehr schlimm um Karl!«

Ernst blickte der Oberamtmann in die Augen des jungen Mädchens, welche die aufsteigenden Tränen kaum zurückhielten.

»Nun,« sagte er ruhig, »es wird sich ja wohl alles zum Guten fügen, denn es liegt ja doch im Grunde nichts Bestimmtes gegen ihn vor, aber woher hast du –«

»Nein, nein,« rief Helene lebhaft, »es wird nicht gut, er ist in ernster Gefahr, es gilt, ihn zu retten! – Hier, dies habe ich soeben erhalten!«

Sie zog das Papier hervor, welches die Sendung des Kaufmanns Sonntag begleitet hatte, und reichte es dem Oberamtmann.

Es war ein Rechnungsformular, beschrieben in einzelnen Zeilen, gleich dem Posten einer Rechnung. An der Spitze stand mit großen Buchstaben: »Zeigen Sie keine Unruhe, wenn Sie diese Zeilen in Gegenwart anderer lesen!«

Der Oberamtmann las weiter:

»Die Sache des Leutnants von Wendenstein steht sehr schlimm. Man hat bei ihm kompromittierende Papiere gefunden, für welche er verantwortlich gemacht werden wird, wenn er keine Denunziationen macht, es soll ein Beispiel statuiert werden. Freunde sind entschlossen, ihn um jeden Preis zu befreien. Sprechen Sie mit seinem Vater – aber mit niemand sonst, und schaffen Sie so viel Geld als irgendmöglich, in Gold, und bringen Sie dasselbe in den beifolgenden Arbeitskörbchen, so bald als tunlich.«

Ernst und sinnend betrachtete der Oberamtmann das Papier, nachdem er es gelesen.

Mit angstvoller Spannung blickte Helene zu ihm empor.

»Wenn er flieht, gesteht er seine Schuld ein, wenn die Flucht mißlingt, wird seine Lage erheblich verschlimmert,« sagte er nachdenklich.

»Aber mein Gott,« rief Helene, »wenn er hier bleibt, wenn er lange in diesem entsetzlichen Gefängnis bleiben soll, seine Gesundheit ist noch immer nicht ganz fest nach seiner Verwundung, wenn sie ihn dann verurteilen, o ich »mag es nicht denken, ich bitte, ich bitte,« rief sie flehend, »laß ihn fliehen!«

»Wäre die Sache sicher!« sprach der Oberamtmann halb zu sich selbst, »doch, wenn auch die Flucht gelingt, so ist ihm die Heimat für lange, vielleicht für immer verschlossen. Bedenkst du das wohl, mein Kind?«

»Ich bedenke nichts,« rief Helene lebhaft, »nichts – als daß er in Gefahr ist, in ernster Gefahr, und daß es einen Weg gibt, ihn zu retten! – O, und wenn ich jahrelang von ihm getrennt sein soll, er muß fliehen, wie viel besser ist es, ihn in der Ferne, in der sicheren Freiheit zu wissen, als hier zu vergehen vor Angst – jeden Tag, jede Stunde!«

»Es ist wahr,« sagte der Oberamtmann, »auch seine Mutter würde es schwer ertragen – und im Grunde, ein Fluchtversuch, wenn er mißlingt, würde momentan seine Lage verschlimmern, aber darauf allein hin kann man ihn nicht verurteilen, und wenn es gelingt, nun, es läßt sich ja überall eine Heimat bauen.«

Mit mildem Lächeln wendete er sich zu Helene.

»Es sei gewagt,« sagte er, »in einer Stunde sollen deine Körbchen gefüllt sein, aber nichts an meine Frau und meine Töchter, sie sollen es erfahren, wenn es gelungen ist,« fügte er hinzu, indem er den Finger erhob.

»Dank, Dank!« rief Helene, indem sie die Hand des alten Herrn küßte, »ich bringe die Körbchen hierher und werde sie dann selbst zu Sonntag tragen.« [leer] Wählend dies im Hause des Oberamtmanns sich begab, ging der Tierarzt Hische langsam und ruhig über den Friedrichswall und trat in ein großes und elegantes Haus. An der Türe der rechten Parterreseite las man auf einem kleinen Schilde: Baron von Eschenberg.

Herr Hische zog die darüber befindliche Glocke.

Ein Reitknecht kam aus dem Hofe.

»Der Herr Baron zu Hause?« fragte er in gleichgültigem Tone, »ich möchte nach den Pferden sehen.«

Der Reitknecht kehrte nach einigen Minuten zurück und führte den Tierarzt in das Zimmer seines Herrn, in welchem der Baron, früherer Offizier der hannoverischen Gardes du Corps, ein junger Mann mit seinem, schwarzen Schnurrbart und vornehmen, scharf geschnittenen Zügen, auf dem Sopha lag und mit gelangweiltem Ausdruck den Dampf seiner Zigarre gegen die Decke blies.

»Guten Morgen, lieber Hische!« rief der junge Mann, sich ein wenig erhebend und dem Tierarzt die Hand reichend, »was machen Sie in diesen trostlosen Zeiten? – ich vergehe vor Langeweile und,« fügte er, seine Zigarre zwischen den Zahnen zusammenbeißend, hinzu, »vor Ärger. – Es ist doch entsetzlich, so zum Nichtstun verurteilt zu sein! – Setzen Sie sich zu mir, rauchen Sie eine Zigarre und erzählen Sie mir etwas, meine Pferde sind gesund wie die Fische!«

Der Tierarzt setzte sich neben den jungen Mann auf einen amerikanischen Schaukelstuhl und sprach ernst:

»Die Langeweile möchte ich wohl ein wenig beseitigen können, mit dem Arger wird es freilich schlimmer aussehen, der ist inkurabel in diesen Zeiten.«

Der junge Mann richtete sich halb auf und sprach, auf den Ellenbogen gestützt:

»Nun, was haben Sie, Sie sehen ja aus, als ob Sie mir etwas zu erzählen hatten!«

»Das habe ich auch;« sagte Herr Hische, »und ich will nur schnell zum Ziel kommen, denn wir haben nicht viel Zeit. – Sie wissen,« sagte er, »daß die Polizei auf den Beinen ist, man hat Wind bekommen von verschiedenen Plänen, Sie werden alle überwacht –«

»Haha,« lachte der junge Mann, »das ist nichts Neues, sehen Sie,« sagte er, nachlässig mit der Hand nach dem Fenster deutend, »ich wette, da draußen steht so eine angenehme Ehrenwache, die nicht von meinem Hause weicht, und wenn ich ausgehe, mir auf Schritt und Tritt folgt. – Den armen Wendenstein haben sie festgesetzt,« sagte er nach einer kleinen Pause, »nun, dem werden sie nicht viel tun können –«

»Sie irren, Herr Baron,« sagte Hische ernst, »sie werden ihm sehr viel tun, denn sie haben bei ihm Papiere des Herrn von Tschirschnitz gefunden, der glücklich fort ist, und da wird Herr von Wendenstein die Suppe ausessen müssen.«

»Den Teufel auch!« rief der junge Mann aufspringend, »das ist unangenehm!«

»Mehr als unangenehm,« sagte Hische, »aber die Sache darf nicht weitergehen, es ist eine Ehrenpflicht für uns alle, den Leutnant von Wendenstein fortzuschaffen.«

»Aber wie?« fragte Herr von Eschenberg lebhaft.

»Wie?« sagte Hische, »das müssen nur diejenigen wissen, welche die Sache ausführen, alle andern müssen mit bestem Gewissen und durch unanfechtbare Zeugnisse unbeteiligt sein. – Herr Baron,« sagte er nach kurzem Schweigen, »Sie haben das beste Pferd in Hannover – schnell wie der Wind und allen Strapazen gewachsen.«

»Mein Hamlet,« rief der junge Mann, »ja das ist ein Kapitalgaul, er –«

»Wollen Sie mir das Pferd geben, um den Leutnant von Wendenstein zu retten?« fragte Hische, »ob Sie es wieder bekommen, weiß ich nicht.«

»Wie können Sie fragen!« rief der junge Mann, »nehmen Sie Hamlet, aber,« fügte er hinzu, indem ein wehmütiger Ausdruck auf seinem Gesicht erschien, »wenn es möglich wäre, daß er erhalten würde, es ist ein so braves, treues Tier.«

»Herr von Wendenstein wird ihn wahrlich nicht unnütz zugrunde richten,« sagte der Tierarzt, »aber natürlich, es ist für nichts zu stehen bei einer solchen Sache, und im Grunde,« sagte er, »die Rettung des Herrn von Wendenstein ist doch immer tausend Louisd'or wert.«

»O – es ist nicht das!« rief Herr von Eschenberg lebhaft, »und hätte es den doppelten Preis, aber Sie wissen, für einen Kavalleristen ist ein Pferd keine Sache, es ist ein Freund. – Nehmen Sie Hamlet,« unterbrach er sich kurz.

»Kommen Sie in den Stall, Herr Baron,« sagte der Tierarzt, »und widersprechen Sie mir in nichts!«

Herr von Eschenberg verlieh das Zimmer und schritt über den Flur in den Hof. Der Tierarzt folgte ihm.

An der Stalltüre stand der Reitknecht. Alle traten zu den vier Pferden des Barons, welche glänzend geputzt in den sauberen Verschlagen standen.

»Nun sehen Sie nach, ob alles in Ordnung ist,« sagte der junge Mann in leichtem Tone zu dem Tierarzt, der prüfend auf die schönen Tiere blickte.

»Herr Hische wird nichts finden,« rief der Reitknecht stolz, »sie haben alle vortrefflich gefressen, es ist keine Ader an ihnen krank.«

Der Tierarzt besah und untersuchte die Pferde nach der Reihe und nickte zufrieden mit dem Kopf.

Er kam zu dem letzten, an dessen Verschlag sich eine Tafel mit dem Namen Hamlet befand.

Freundlich klopfte er den Hals des Tieres und fuhr dann mit der Hand an seinen Beinen herunter.

Mehrmals strich er aufmerksam und den Kopf schüttelnd über den linken Vorderfuß.

»Nun,« rief der Baron, »ist da etwas nicht in Ordnung?«

»Ich weiß nicht, Herr Baron,« sagte der Tierarzt, »es ist da eine kleine Verhärtung, die mir nicht recht gefallen will, bei einem andern Pferde würde ich kaum darauf achten, aber ein Tier von diesem Wert – das edle Blut ist weit empfindlicher.«

»Was kann das sein?« rief der Baron.

»Er ist doch gestern ganz gut gegangen,« sagte der Reitknecht, besorgt das Pferd anblickend.

»Noch ist es nichts,« sagte der Tierarzt, immer das Bein des Pferdes streichend, »aber es könnte wohl etwas werden, man müßte es scharf beobachten, ich würde dem Herrn Baron raten, das Pferd einige Tage in meinen Stall zu stellen, damit ich es immer unter Augen habe.«

»Wenn Sie meinen,« sagte der Baron, »aber achten Sie wohl darauf –«

»Sie kennen mich und können sich auf mich verlassen!« sprach Herr Hische ruhig, »es ist immer besser, zu vorsichtig zu sein, als daß solchem Prachtpferd etwas widerführe.«

»Gut, so will ich Ihnen das Tier zuführen lassen,« sagte der Baron.

»Es ist wohl besser, ich nehme es gleich mit,« bemerkte Herr Hische, »ich kann dann am besten seinen Gang beurteilen.«

»Auch gut, lege den Sattel auf, Johann!«

»Zuvor aber möchte ich zu aller Sicherheit die Stelle mit einer Kompresse umlegen,« sagte der Tierarzt, und mit einem schnell herbeigebrachten Stück Leinen schnürte er das Bein des Pferdes über dem Fesselgelenk ein.

Nach kurzer Zeit war das Pferd gesattelt, das Hoftor wurde geöffnet und Herr Hische stieg auf.

Der Baron klopfte den Hals des Tieres und legte sein Gesicht sanft an dessen Kopf.

»Sorgen Sie gut für das brave Tier,« sagte er, und mit wehmütiger Stimme fügte er hinzu:

»Auf Wiedersehen, mein guter Hamlet!«

Herr Hische ritt hinaus. Die festgewickelte, ungewohnte Kompresse tat ihre Wirkung, das Pferd hinkte leicht.

Ein in einfaches Zivil gekleideter Mann ging in der Allee, dem Hause gegenüber, langsam umher. Aufmerksam blickte er hinüber, als das Tor geöffnet wurde, und sah den bekannten Tierarzt auf einem verbundenen, hinkenden Pferde langsam hinausreiten. Er wendete sich um und setzte ruhig seinen Weg fort. Einige Stunden später hielt der Wagen des Oberamtmanns von Wendenstein vor dem Laden des Kaufmanns Sonntag. Frau von Wendenstein mit ihrer Tochter und Helene stiegen aus. Aufmerksam eilte Herr Sonntag und seine junge, hübsche und gewandte Frau den Damen entgegen. Helene hielt das Paket, welches ihr am Morgen gesendet war.

»Fräulein Berger bringt Ihnen die Arbeitskörbchen zurück,« sagt Frau von Wendenstein, »sie hat keines nach ihrem Geschmacke gefunden, und zugleich möchte ich einige Sachen sehen,« fügte sie hinzu, einen Zettel öffnend, auf welchem sie Notizen über ihre Besorgungen gemacht.

»Was befehlen Sie, gnädige Frau?« fügte Madame Sonntag, Frau von Wendenstein verbindlich zum Ladentische führend und ihr einen Stuhl hinstellend, und mit großer Gewandtheit unterhielt und bediente sie die alte Dame.

»Es tut mir unendlich leid,« sagte Herr Sonntag laut zu Helene, »daß Sie nichts Passendes unter den Sachen gefunden, welche ich Ihnen geschickt, aber vielleicht habe ich doch noch etwas, dort im Magazin, wenn Sie die Güte haben wollen, einen Augenblick hineinzutreten.«

Er nahm das Paket, welches Helene zurückgebracht hatte, und ging schnell durch den Laden in ein Hinterzimmer, in welchem eine Menge Waren auf Repositorien aufgestellt waren, die Türe zu diesem Zimmer blieb offen stehen, so daß man dasselbe vom Laden aus übersehen konnte.

Herr Sonntag nahm rasch von einem der Repositorien einige Körbchen und brachte sie dem jungen Mädchen.

»Das Paket enthält zweitausend Taler in Gold,« sagte Helene leise, »genügt das?«

»Vollkommen,« sagte Herr Sonntag, »ich hoffe, daß er heute abend gerettet sein wird.«

»Ich muß ihn sprechen und von ihm Abschied nehmen,« sagte Helene mit leiser Stimme, aber in festem und energischem Tone.

»Unmöglich, mein Fräulein,« rief Herr Sonntag, indem er einen Blick in den Laden warf, wo seine Frau mit Frau von Wendenstein beschäftigt war.

»Warum unmöglich?« flüsterte Helene, indem sie aufmerksam eines der Körbchen betrachtete, »ich will alles – alles tun, was die Vorsicht erfordert, aber ich bitte Sie, ich bitte Sie inständigst, machen Sie es möglich, daß ich ihn noch einmal sehe.«

Und mit tränenschimmerndem Auge blickte sie in das intelligente Gesicht des kleinen Kaufmanns.

Dieser sah sie voll Teilnahme an und dachte einen Augenblick nach.

»Gut – mein Fräulein,« sagte er dann, »vielleicht ist es sogar nützlich, wenn er mit Ihnen die Stadt verläßt, das erregt noch weniger Aufmerksamkeit. – Können Sie heute abend um neun Uhr hier sein?«

»Ich werde pünktlich kommen,« sagte Helene.

»Noch eins,« sagte Herr Sonntag, indem er durch eine Wendung dem Laben den Rücken zuwendete und ihr eine Stearinkerze reichte, »senden Sie Herrn von Wendenstein heute Abend diese Kerze, diese allein.«

Helene verbarg die Kerze in ihrer Mantille.

»Gut denn, kehren wir jetzt in den Laden zurück – nehmen Sie ein Körbchen.«

Beide verließen das Magazin, nachdem Herr Sonntag das Paket mit dem goldgefüllten Arbeitskörbchen in ein Schubfach geworfen und verschlossen hatte.

»Wie freue ich mich,« rief er Frau von Wendenstein zu, »daß das Fräulein endlich doch etwas Passendes gefunden!«

Lächelnd zeigte Helene das Arbeitskörbchen, welches sie in der Hand hielt, der alten Dame.

»Auch ich bin mit meinen Einkäufen fertig,« sagte diese aufstehend, Herr Sonntag und seine Frau begleiteten die Damen bis an den Wagen und reichten die gekauften Sachen hinein. Traurig saß am Abend der Leutnant von Wendenstein in seinem Zimmer. Der Abend dunkelte herein, in traurige Gedanken versenkt, stützte der junge Mann den Kopf auf den Tisch und blickte hinaus in das blasse Abendrot, welches matt den wolkenumzogenen Himmel erhellte.

Es war die Stunde, in welcher sich sonst die Familie um den traulichen Teetisch versammelte, und je heller dies freundliche Bild in der Seele des jungen Mannes heraufstieg, um so trüber und trauriger trat ihm die dunkle Einsamkeit um ihn her entgegen.

Er seufzte tief. »Arme Helene!« sagte er leise. »Wie anders, wie viel schöner war es doch,« flüsterte er, »der Schlacht entgegenzureiten, und doch lag in ihr die Drohung des Todes, eine größere Gefahr, als hier mir entgegentritt! Ich erinnere mich, einmal ein Bild gesehen zu haben,« sagte er, düster vor sich niederblickend, »einen jungen Mann in einer Zelle – mit der Unterschrift: ›Die erste Viertelstunde von fünfundzwanzig Jahren‹, daran erinnert mich meine jetzige Lage, doch ich bin ja schon einen Tag hier – und,« rief er, wieder mutig aufblickend, »fünfundzwanzig Jahre wird es ja wohl auch nicht dauern!«

Ein Geräusch von Schlüsseln wurde draußen hörbar, das Schloß knirschte, der Riegel wurde zurückgeschoben, die Türe öffnete sich. Der alte Diener des Oberamtmanns traf ein vom Schließer und einem Beamten begleitet, er trug einen Korb und stellte denselben auf den Tisch.

»Viele Grüße von der gnädigen Herrschaft und Fräulein Helene,« sagte er, den jungen Mann mit tiefer Teilnahme anblickend.

»Wie geht es?« rief der Leutnant lebhaft, »ist meine Mutter sehr unruhig – und Helene, was sagt sie? –«

»Die Herrschaften sind betrübt über das Unglück des Herrn Leutnants,« sagte der alte Diener, »aber sie haben guten Mut – und hoffen, daß der Herr Leutnant bald wieder frei sein werden.«

»Nun und was bringst du?« rief der junge Mann, neugierig den Korb öffnend.

»Ich bitte um Verzeihung,« sagte der Beamte, »ich muß jeden Gegenstand untersuchen.«

Der Diener zog aus dem Korbe einige Brödchen, welche der Leutnant auf das Ersuchen des Beamten vor dessen Augen zerbrach, dann einiges kaltes Fleisch, bereits zerlegt, eine Flasche Bordeaux und ein Glas, einen Leuchter, eine Kerze und Schwefelhölzchen. Der Beamte betrachtete jeden Gegenstand aufmerksam und schien an keinem etwas auszusetzen zu haben.

»Darf ich Sie bitten, auch diesen Bordeaux zu untersuchen?« sagte der Leutnant, ein Glas einschenkend.

Her Beamte zögerte einen Augenblick, dann trank er den Wein und sagte höflich: »Auf baldige Freilassung!«

»Ich kann nicht anstoßen, da ich nur ein Glas habe,« rief der Leutnant heiter, indem er das Glas wieder füllte, »allein daran sind wir Soldaten gewöhnt, wenn ich frei bin, werde ich Sie einladen, mit mir ein fröhlicheres Glas zu leeren.«

Der Abend war immer dunkler geworben.

Johann steckte die Kerze auf den Leuchter und zündete sie an.

»So sparsam?« rief der Leutnant, »nur eine Kerze?«

»Der Herr Oberamtmann glaubten, daß nicht mehr erlaubt wäre, morgen sollen der Herr Leutnant mehr haben, wenn es nicht verboten ist?« sagte er mit fragendem Blick auf den Polizeibeamten.

»Ich sehe kein Bedenken dabei,« bemerkte dieser.

»Und hier noch ein Buch,« sagte der Diener, einen Band aus der Tasche ziehend.

»Ich bitte,« rief der Beamte, das Buch ergreifend und sorgfältig schüttelnd.

Ein Zettel fiel heraus.

Der Beamte hob ihn auf und las: »Herzlichste und innigste Grüße, Helene.«

»Von meiner Braut!« rief der junge Mann, die Hand ausstreckend.

»Ich bedaure, Herr von Wendenstein,« sagte der Polizeibeamte, »ich darf Ihnen das Papier nicht lassen, es könnte eine geheime Schrift darauf sein, man hat dergleichen,« fügte er mit feinem Lächeln hinzu.

Traurig sah der junge Mann das Papier, welches die Hand seiner Geliebten berührt hatte, in der Tasche des Beamten verschwinden.

»Nun gute Nacht, Sie bedürfen nichts mehr?« fragte dieser.

»Nichts, ich danke, gute Nacht, Johann, herzliche Grüße zu Hause!«

Der Schlüssel knirschte im Schloß, die Riegel klirrten, der junge Mann blieb allein.

Traurig setzte er sich nieder, die Einsamkeit ist schmerzlicher, wenn sie einen Augenblick durch einen Lichtstrahl aus der lebensvollen, bewegten Welt erhellt worden ist.

Er schlug das Buch auf. Es waren die Papiere des Pickwickklubs von Boz, jene unerschöpfliche Fundgrube humoristischer Welt- und Menschenkenntnis.

Der Leutnant begann zu lesen und bald zog unwillkürlich ein leichtes Lächeln über sein Gesicht, er las weiter und weiter und vergaß über diesen fröhlichen, ewig jungen und frischen Lebensbildern seine Lage.

Plötzlich begann das Licht trübe zu brennen und erlosch nach kurzem Flackern gänzlich.

Überrascht erhob sich der junge Mann, suchte tastend die Zündhölzchen und wollte die Kerze wieder anzünden; statt des Dochtes fand er einen harten Gegenstand, welcher die Flamme nicht annahm.

Herr von Wendenstein nahm die Kerze vom Leuchter, um sie zu untersuchen, und fand an der Stelle des Dochtes einen kleinen, schmalen Zylinder von Metall, am untern Ende offen und so in die Mitte der Kerze gefügt, daß dieselbe äußerlich vollkommen glatt und an beiden Enden brennbar war.

Rasch kehrte der junge Mann die Kerze um, steckte sie verkehrt in den Leuchter und zündete den Docht des unteren Endes an.

Die kleine Metallröhre enthielt ein fein zusammengerolltes Blatt Papier.

Herr von Wendenstein las von einer ihm völlig unbekannten Hand die Worte:

»»Entkleiden Sie sich nicht und bleiben Sie wach, die Befreiung naht.«

»Was ist das,« lief erstaunt, »die Befreiung naht? – wie ist das möglich – aus diesem Hause? – Doch gleichviel, genug, daß die Hoffnung mir winkt, der Wink kommt von einem Freunde – warten wir.«

Und er ergriff abermals sein Buch und begann von neuem zu lesen.

Aber sein Geist folgte den Zeilen nicht, welche sein Auge las, fieberhafte Unruhe bewegte seine Nerven, er hörte in der tiefen Stille den Schlag der Uhren von den Türmen der Stadt jede Viertelstunde herüberschallen, und jede Viertelstunde schien ihm eine Ewigkeit.

Es schlug zehn Uhr, das Geräusch von Tritten und Stimmen, welches bis dahin noch durch die Korridore dumpf und unklar zuweilen zu ihm heraufgedrungen war, verstummte, die Unruhe des jungen Mannes vermehrte sich.

Es schlug ein Viertel nach zehn Uhr. Ein leises Geräusch am Schloß der Tür ließ sich hören.

Der junge Mann stand auf und blickte starr auf diese Tür, welche ihn von der Welt trennte.

Man hörte leise, kaum vernehmbar, langsam und von sicherer Hand bewegt die Feder des Schlosses spielen.

Die Tür öffnete sich ebenso langsam und geräuschlos. Ein Mann trat ein mit einem Paket unter dem Arm.

Der Leutnant sah diesen Mann mit forschender Neugier an.

Er erblickte ein völlig unbekanntes Gesicht.

»Hier, Herr von Wendenstein,« sprach der Mann flüsternd, »der Überrock eines Polizeiwachtmeisters und dessen Dienstmütze, ziehen Sie das schnell an, hier ein schwarzer Backenbart und Schnurrbart, so, jetzt den Überrock zugeknöpft, hier eine Zivilmütze, stecken Sie dieselbe in die Tasche. Jeder andere Ausweg aus dem Hause ist unmöglich, als allein der durch den großen Haupteingang. – Sie gehen die große Treppe hinab, unten stehen zwei Posten, der große Flur ist hell erleuchtet, die Tür nach der Straßentreppe offen. – Alles kommt darauf an, daß Sie schnell, fest und sicher hinausgehen, einmal aus dem Hause, sind Sie geborgen. – Hören Sie genau zu,« fuhr der Mann fort, sich nahe zu dem jungen Mann neigend und in leisem Ton in sein Ohr sprechend, »Sie gehen in das erste Bosket am Waterlooplatz, dort werfen Sie den Überrock und die Mütze fort, setzen die Zivilmütze auf, behalten aber den Bart, dann gehen Sie langsam und in ruhigem Schritt nach der Brücke, welche zum Friedrichswall führt, dort werden Sie weiteres hören. – Fragen Sie nicht,« sagte er, als der junge Mann eine Bewegung machte, »befolgen Sie genau, was ich gesagt, und nun – glückliche Reise!«

Herr von Wendenstein, der in seinem falschen schwarzen Barte, seinem Dienstüberrock und seiner Polizeimütze völlig unkenntlich war, ging mit leisen Schritten bis an das Ende des Korridors, dann stieg er rasch und fest die große Treppe hinab.

Fast hörbar schlug sein Herz, als er den großen, erleuchteten Flur betrat, auf welchem zwei Militärposten auf und ab gingen. Aus der in der Nahe gelegenen Polizeiwachtstube schallte das Geräusch ruhig sich unterhaltender Stimmen.

Der junge Mann ging mitten zwischen den beiden Posten hindurch, öffnete die äußere Tür, vor welcher auf dem Trottoir abermals ein Militärposten auf und nieder ging, und schritt in die kühle Nachtluft hinaus.

Nichts rührte sich in dem weiten Polizeigebäude, man hörte nur den ruhigen, gleichmäßigen Schritt der Schildwachen.

Herr von Wendenstein ging in ein ganz in der Nahe am Waterlooplatze befindliches Boskett, warf seine Verkleidung zur Erde, setzte die Zivilmütze auf und schritt langsam der kleinen Brücke zu, welche der Mann ihm bezeichnet.

Eine dunkle Gestalt löste sich von einer Ecke der zum Waterlooplatze führenden Straße, trat in das Boskett, welches der Leutnant verlassen, machte aus den von ihm weggeworfenen Gegenständen ein Paket und schritt dann, dies Paket unter dem Arm, langsam der inneren Stadt zu.

Der junge Mann schritt über die Brücke. Wenige Menschen gingen dort im zitternden Schein der zwischen den Bäumen hervorleuchtenden Gaslaternen.

Ein kleiner Mann mit einer bürgerlich gekleideten weiblichen Gestalt am Arm trat dem Leutnant entgegen.

»Guten Abend!« rief er mit lauter Stimme, »endlich kommst du, Vetter, wir haben dich lange erwartet, was hast du noch in der Gesellschaft getrieben? – jetzt schnell nach Hause!«

Und leise fügte er hinzu, dicht an den Leutnant herantretend:

»Kein Wort, keine Bewegung, geben Sie der Dame den Arm!«

Eine zitternde Hand legte sich auf den Arm des jungen Mannes.

»Herr Sonntag – Helene!« flüsterte dieser, aber schon schritt der kleine Kaufmann Sonntag eilig die von Bäumen eingefaßte Straße entlang, und Helene zog ihren Verlobten in raschem Schritt mit sich fort.

Bald erreichten sie das Ende des Friedrichswalls und schritten rasch dem Gehölz zu, welches man die Eilenriede nennt und das mit seinem schönen Kranze von alten, hohen Bäumen die Stadt Hannover umgibt.

Der kleine Sonntag schnitt jeden Versuch des Leutnants, zu sprechen, schnell mit der kurzen Bemerkung ab: »Warten Sie, bis wir aus der Stadt sind!«

So begnügte sich denn der junge Mann damit, in diesem eiligen, unruhevollen Gange, immerfort vorwärts schreitend, den zarten Arm sanft zu drücken, welcher auf dem seinen ruhte, und zuweilen die Hand, welche leise diesen Druck erwiderte, liebevoll mit der seinigen zu berühren.

Die drei Personen hatten die letzten Häuser der Stadt erreicht, niemand hatte sie beachtet, sie schienen aus einer Gesellschaft zurückkehrende Bürger zu sein.

Vorsichtig spähte Herr Sonntag umher. Niemand war auf weite Entfernung zu erblicken.

»Jetzt schnell in den Schatten der Bäume!« rief er und schritt den beiden jungen Leuten voran aus dem Lichtkreis der letzten Laterne hinaus.

Der Schatten der Eilenriede nahm sie auf.

»So,« rief Herr Sonntag, tief aufatmend, »die erste und dringendste Gefahr ist überwunden, mein Fräulein, Sie haben uns viel genützt, ein Mann, der eine Dame führt, erscheint niemals verdächtig, jetzt überlasse ich Sie,« fügte er lächelnd hinzu, »Ihrer Unterhaltung, wir haben noch zehn Minuten zu gehen, ich gehe zwanzig Schritt voraus, aber unter der Bedingung, daß Sie mich nicht aus den Augen verlieren und mir im Tempo meines Schrittes folgen, die Augenblicke sind kostbar.«

Und schnell schritt er auf dem in der Dunkelheit erkennbaren weißen Wege voran.

Die jungen Leute folgten ihm in leise flüsterndem Gespräch, aber sie mußten schnell schreiten, denn die dunklen Umrisse der Gestalt des Herrn Sonntag bewegten sich in unaufhaltsamer Eile vorwärts, einem Wege folgend, der zur großen, die Eilenriede durchschneidenden Chaussee führte.

Es waren Augenblicke von eigentümlicher, tiefer Bewegung, welche die beiden durchlebten. Die Freude über den glücklich gelungenen Anfang der Rettung, der Schmerz der Trennung für eine Dauer, die nicht zu bemessen war, die bange Sorge um die Gefahren der nächsten Tage, denn noch mußte ja der Flüchtling das ganze Land bis zur Grenze durchziehen, das alles füllte und schwellte diese jungen Herzen bis zum Zerspringen und schnürte sie wieder zusammen mit den eisigen Ringen einer krampfhaften, angstvollen Unruhe, es waren nur abgerissene Worte, welche sie sprachen, Worte der Liebe, Versicherungen der Treue, wehmütige Erinnerungsklänge aus der Vergangenheit, Angst und Hoffnung, Glück und Schmerz in wundersam durcheinander klingenden Tönen.

So schritten sie weiter und weiter in fliegender Eile, schnell atmend in der Erregung des hastigen Ganges und der inneren Unruhe, der frische Nachtwind strich über ihre glühenden Wangen, und vom dunklen Himmel, durch die fliegenden Wolkenstreifen, schimmerten die ewigen Sterne herab, in majestätischer Ruhe und Stille niederbückend auf diese zitternden, eilenden Menschen da unten, welche flohen vor anderen Menschen, denen sie nichts Böses getan – und die ihnen weder Haß noch Rache geweiht; des unaufhaltsam daherschreitenden Völkerschicksals verhängnisvolle Gewalt trieb die Verfolgten vor sich her, wie sie ihre Gegner trieb, sie zu verfolgen. Die Sterne aber da oben wußten nichts von diesen Kämpfen und Leiden der Bewohner der Erde, jene Steine, deren lichte Bahnen, in ewiger Ordnung und Harmonie verschlungen, sich niemals kreuzen und feindlich durchschneiden, wie die Wege der ringenden Menschen, die an der Grenze des Licht- und des Schattenreiches sich in harten Kämpfen emporringen müssen aus den Wollen der Finsternis zur ewigen Klarheit und Ruhe.

Der Weg machte eine Wendung, man sah die Öffnung der Bäume erscheinen, welche zu der großen Chaussee führte.

Herr Sonntag stand still. In wenigen Augenblicken hatten die jungen Leute ihn erreicht. Aus dem dunklen Schatten zur Seite des Weges trat ein Mann, ein Pferd am Zügel führend.

»Gott sei Dank, daß Sie glücklich da sind, Herr von Wendenstein,« sagte der Tierarzt Hische, an den jungen Mann herantretend und ihm die Hand schüttelnd, »ich habe nicht wenig Angst ausgestanden, nun, da das Schlimmste überstanden ist – wird ja Gott weiter helfen.«

»Jetzt schnell, schnell zu Pferde!« rief Herr Sonntag lebhaft drängend, »in den Halftern stecken zwei Doppelpistolen und hier,« – er zog zwei gefüllte Börsen hervor – »ist Gold, mit einer Tasche voll Gold und vier Schüssen kann man weit kommen. – Hier,« fuhr er fort, »noch einige Hände voll kleines Silbergeld, stecken Sie das in die Taschen, Sie werden es bedürfen, wo das Gold auffallen könnte. – Nun fort, suchen Sie das Meer oder die holländische Grenze zu erreichen, vor allem seien Sie bis zum Morgen irgendwo in vorläufiger Sicherheit, im dichten Walde oder bei einem Bauern, die verraten Sie nicht. Vor morgen früh wird Ihre Flucht nicht entdeckt, Sie haben acht bis neun Stunden, am Tage dürfen Sie nicht reisen, vorwärts, vorwärts!«

Der junge Mann klopfte den Hals des Pferdes.

»Das ist ja der ›Hamlet‹ von Eschenberg,« sagte er, »warum nicht mein Pferd?«

»Welche Idee!« rief Herr Sonntag, »Ihr Pferd aus dem Stall holen, das hätte ja die ganze Polizei hinter uns hergezogen.«

»Wenn es nötig ist,« sagte Herr Hische, »so opfern Sie das Pferd, aber,« fügte er hinzu, den Hals des schönen, unruhig scharrenden Tieres klopfend, »wenn es möglich ist, so erhalten Sie den braven ›Hamlet‹, geben Sie ihn irgendeinem Bauern, so wird er sicher zu seinem Herrn zurückgelangen.«

»Seien Sie versichert,« sagte Herr von Wendenstein, »daß ich das Pferd so sehr schonen werde als möglich, meinen Dank an Eschenberg für diesen Freundschaftsdienst, und vor allem auch Ihnen meinen Dank, meine Herren!« Er drückte Sonntag und Hische die Hände.

Dann wendete er sich zu Helene, welche stumm dastand, die Hände über der Brust gefaltet.

»Lebe wohl, meine Geliebte!« sprach er mit tief bewegter Stimme.

Helene breitete die Arme aus und umschlang ihn fest, das Haupt schluchzend an seine Brust gelehnt.

»Du sangst mir einst – auf Wiedersehen,« sagte er, ihr Gesicht leise emporrichtend, »als ich zum Kriege auszog, und wenn auch nach schweren Leiden, so haben wir uns doch glücklich wiedergefunden.«

»Auf Wiedersehen!« hauchte das junge Mädchen leise.

»Fort, fort, um Gottes willen!« rief der kleine Sonntag.

Herr von Wendenstein drückte sanft und innig einen Kuß auf Helenens Lippen. Dann löste er leise ihre Arme von seinen Schultern und sprang in den Sattel.

Leicht grüßte er mit der Hand, das Pferd sprang an, und in scharfem Trabe dahinreitend, verschwand er in wenigen Sekunden in der Dunkelheit.

»Gott schütze ihn!« lief Helene laut, dann brach sie in heftiges Schluchzen aus, die bange Aufregung machte nun dem tiefen Schmerze der Trennung Platz, sie brach kraftlos in sich zusammen.

»Mut, Mut, mein Fräulein,« sagte der kleine Sonntag, ihr den Arm reichend, »fassen Sie sich, er ist ja zunächst über die größte Gefahr hinaus, fassen Sie sich wenigstens, bis wir Sie nach Hause gebracht haben!«

Helene richtete sich auf und legte ihren Arm in den des Kaufmanns Sonntag.

Schweigend gingen alle Drei zur Stadt zurück. 

Sechzehntes Kapitel.

In der Rue de Cambacérès, gegenüber dem hinteren Ausgang des Ministeriums des Innern, liegt ein kleines Haus von zwei Stockwerken, im Parterre ein Einfahrtstor nach dem Hofe.

Ein kleiner Mann zwischen vierzig und fünfzig Jahren mit scharf geschnittenem Gesicht vom olivenfarbenen Teint der Südfranzosen, mit kleinem, schwarzem Schnurrbart und glänzenden, klugen Augen, näherte sich mit raschen Schlitten dem Tore und zog den an der Seite desselben befindlichen Glockenknopf.

Schnell öffnete sich das Tor, der kleine Mann trat ein und fragte den öffnenden Concierge, indem er sich zu einer in den oberen Stock führenden Treppe wendete:

»Der Herr Herzog ist zu Hause?«

Auf die bejahende Antwort stieg der Eingetretene die mit einem dicken Teppich belegte Treppe hinauf und sagte dem in einem kleinen Vorplatz ihm entgegentretenden Kammerdiener:

»Fragen Sie, ob der Herzog Herrn Escudier empfangen wolle.«

Der Kammerdiener trat in die inneren Räume und öffnete einige Augenblicke darauf die Tür mit den Worten:

»Treten Sie ein, mein Herr.«

Herr Escudier, der intelligente und gewandte Redakteur des Journals »La France«, trat in einen kleinen, vollständig im Stil Louis XV. möblierten und ausgestatteten Salon, welcher mit den Vergoldungen seiner Möbel, mit seinen Pendulen, den alten Familienbildern an den Wänden, den bunten Teppichen, welche den Boden bedeckten und hier und da das zierlich gearbeitete Parkett sehen ließen, einen ebenso reichen als behaglichen Anblick darbot.

Diese ganze elegante und altertümlich vornehme Ausstattung harmonierte vollständig mit der hohen, aristokratischen Gestalt und den seinen, altfranzösischen Zügen des Herzogs von Gramont, welcher, trotz der frühen Morgenstunde, völlig angekleidet Herrn Escudier entgegentrat.

»Ich habe gehört, daß Sie hier sind, Herr Herzog,« sagte dieser, »und wollte nicht verfehlen, Ihnen sogleich meinen Besuch zu machen. Sie kommen aus Wien und einige Renseignements können Ihnen vielleicht nützlich sein, ich war im Hotel de Gramont,« fuhr er fort, »dort hat man mich hierher gewiesen.«

Der Herzog deutete auf einen Sessel und sagte lächelnd umherblickend, indem er sich in einen weiten Faulem! niederließ:

»Ich ziehe die behaglichen Räume dieses kleinen Hauses, das ich bewohnte, als ich noch Guiche war, dem großen, schallenden Palais im Faubourg Saint Germain vor, wenn ich allein in Paris bin, doch ich freue mich vor allem, Sie zu sehen, mein lieber Herr Escudier, wie steht es hier, was sagt die öffentliche Meinung – und die politische Welt? – Niemand kann über alles das so gut unterrichtet sein wie Sie,« fügte er mit leichtem Neigen des Kopfes hinzu.

»Die politische Welt, Herr Herzog,« sagte Escudier, »ist in diesem Augenblick ein Chaos, in welchem die widerstreitendsten Elemente miteinander kämpfen – leider, leider,« fügte er seufzend hinzu, »denn niemals war ein Moment glücklicher gewählt als jetzt, um mit einem Schlage das Prestige wiederherzustellen, welches wir – wir mögen sagen was wir wollen – durch die Schlacht von Sadowa eingebüßt haben.«

Der Herzog zuckte die Achseln.

»Ich habe getan, was ich konnte, um damals eine andere Politik einschlagen zu lassen,« sagte er leichthin.

»Gewiß, gewiß,« rief Herr Escudier, »aber was hilft der Rückblick in die Vergangenheit, wir müssen wiedergewinnen, was wir verloren haben!«

»Nun, und was denkt der Kaiser?« fragte der Herzog im Konversationston, indem ein schneller Blick seines Auges forschend über die lebhaften Züge des kleinen Journalisten flog. – »Herr von Laguerronière Pflegt dafür ein seines Verständnis zu haben –«

»Herr von Laguerroniere ist überzeugt,« rief Escudier, »daß der Kaiser eine ernste Aktion will und nur einen Anstoß bedarf, um über alle Hindernisse hinwegzugehen, mit welchem man ihn umringt.«

»Man ihn umringt?« fragte der Herzog, »wer, ich glaubte, daß hier alles kriegerisch wäre.«

»Durchaus nicht,« sagte Herr Escudier eifrig, »der Marquis de Moustier will den Krieg, ich bin davon fest überzeugt, er spricht sich ziemlich unverholen darüber aus, noch mehr der Graf von Saint Ballier, sein Kabinettschef, aber Rouher und Lavalette – und alles, was dazu gehört,« fügte er achselzuckend hinzu, »arbeiten eifrig und unermüdlich am Frieden, das heißt,« sagte er mit bitterem Tone, »an einer neuen Erniedrigung Frankreichs.«

Der Herzog hörte aufmerksam zu.

»Rouher und Lavalette?« fragte er, »hat denn Herr Rouher wieder so großen Einfluß, man hörte eine Zeitlang, daß sein Stern im Sinken sei?«

»Er steht höher am Himmel als je,« rief Herr Escudier, »denn,« fuhr er leiser, den Kopf ein wenig zum Herzog hinüberneigend, fort, »die Kaiserin unterstützt ihn mit allen Kräften.«

»Die Kaiserin?« rief der Herzog erstaunt, »Ihre Majestät arbeitet für den Frieden?«

»Mit aller Macht,« sagte Herr Escudier, »niemand weiß sich das zu erklären, Ihre Majestät hat plötzlich einen so großen Abscheu vor dem Schall der Kanonen, eine solche Furcht vor vergossenem Blut –«

»Ah!« machte der Herzog und senkte nachdenkend den Kopf.

»Das bouleversiert alle Welt,« sagte Herr Escudier eifrig, »Herr von Laguerronière ist in großer Verlegenheit, es ist eine bedenkliche Sache, die Wege Ihrer Majestät der Kaiserin zu durchkreuzen, wir alle hier, die wir auf eine männliche und mutige Wiedererhebung Frankreichs hoffen und für dieselbe arbeiten, sind vollständig décontenanciert, und wir erwarten,« fügte er sich verneigend hinzu, »kräftigen Beistand von Ihnen, Herr Herzog, und von Österreich.«

»Österreich?« sagte der Herzog langsam und achselzuckend.

»Ich habe in meinen Korrespondenzen,« sagte Herr Escudier schnell – »Sie wissen, Herr Herzog, daß ich regelmäßige Korrespondenzen dorthin sende –«

Der Herzog nickte leicht mit dem Kopf.

»Ich habe in diesen Korrespondenzen,« fuhr Herr Escudier fort, »auf das lebhafteste die Notwendigkeit betont, schnell und ohne Zögern jede Gelegenheit zu ergreifen, um das unvollendete Weil des vorigen Jahres zu zertrümmern, bevor die Konstituierung Deutschlands unter Preußens Militärherrschaft sich vollzieht und konsolidiert, denn ist dies einmal geschehen, so wird Österreich für immer und ewig aus Deutschland ausgeschlossen sein.«

»Wird diese Konstituierung aber verhindert, wenn man jetzt eine Kompensation fordert und vielleicht erzwingt?« sagte der Herzog halb für sich.

»Ist nur einmal der Krieg ausgebrochen,« rief Herr Escudier, »ist einmal diese preußische Macht gebrochen, dann wird es sich nicht mehr um Konpensationen handeln, es kommt nur darauf an, den ersten Schritt zu tun, um aus der Lethargie herauszukommen, in welche wir seit dem vorigen Jahre versunken sind, seit Drouyn de Lhuys nicht mehr Minister ist.«

»Ist Herr Drouyn de Lhuys in Paris?« fragte der Herzog, »ich will ihn besuchen, wie steht er mit dem Kaiser?«

»Äußerlich sehr gut,« sagte Herr Escudier, »der Kaiser überhäuft ihn mit Aufmerksamkeiten, und Herr Drouyn de Lhuys ist zu sehr Patriot und vornehmer Herr, um den Unzufriedenen zu spielen, allein im Innern ist er sehr böse – und sieht sehr schwarz.«

»Er steht also mit dem gegenwärtigen Ministerium auf gutem Fuß?« fragte der Herzog.

»Vollkommen,« erwiderte Herr Escudier, »die einzige kleine Malice, die er sich erlaubt hat, ist, daß er seinen Empfang in seinem Hotel der Rue de François I. am gleichen Tage mit dem auswärtigen Minister halt –«

»Und?« fragte der Herzog lächelnd.

»Und,« sagte Herr Escudier, »alle Welt ist bei Drouyn de Lhuys, selbst die Beamten des auswärtigen Ministeriums, und die Salons am Kai d'Orsay bleiben leer.«

Der Herzog lachte.

»Das ist ja eine eigentümliche Situation,« sagte er. – »Sie glauben also, daß der Kaiser im Innern für den Krieg ist und mit dem Gedanken des Herrn Drouyn de Lhuys übereinstimmt?«

»Ich bin überzeugt,« sagte Herr Escudier, »daß der Kaiser den Krieg will, er hat vielleicht irgendein Hindernis gefunden, man sprach viel von den Mängeln der Armeeorganisation, und daß er die Idee hat, im Moment der Aktion, die er vorbereitet, Herrn Drouyn de Lhuys wieder zur Leitung der Geschäfte zu berufen, aber Seine Majestät täuscht sich darin, denn Drouyn de Lhuys, der im vorigen Jahre um jeden Preis den Krieg machen wollte, will ihn jetzt nicht mehr, er sagt, der rechte Moment ist versäumt – und unwiederbringlich, Sie wissen, Herr Herzog, er ist etwas eigensinnig, ich glaube nicht, daß er jemals sich dazu verstehen wird, eine Aktion zu leiten.«

»Das alles ist mir sehr interessant Zu hören, mein lieber Herr Escudier,« sagte der Herzog aufstehend, »Sie wissen, man verliert ein wenig den Faden der Situation, wenn man lange im Auslande gelebt hat. Ich hoffe Sie noch öfter zu sehen, machen Sie mein Kompliment an Herrn von Laguerronière, ich werde ihn sehen, wie ich hoffe.«

Und mit artiger Verbeugung entließ er Herrn Escudier, ihn einige Schritte bis zum Ausgang des Zimmers begleitend.

»Die Situation ist kompliziert,« sagte der Herzog, nachdenklich vor sich hinblickend, »die Kaiserin, der Kaiser, Moustier, der offizielle Minister mit der reservation mentale Drouyn de Lhuys, das alles erfordert große Vorsicht. – Nun,« sagte er lächelnd und einige Schritte durch das Zimmer gehend, »ich komme vielleicht gerade recht, um jedem gefällig zu sein und die verwickelten Fäden in einer allseitig befriedigenden Weise zu lösen.«

Ein Geräusch wurde auf dem Vorflur hörbar. Rasch öffnete sich die Tür, und an dem meldenden Kammerdiener vorbei trat eine Dame von ungefähr achtundzwanzig Jahren in den Salon.

Diese Dame trug einen kleinen, mit Pelz verbrämten Hut mit kurzem Federstutz auf den reichen Flechten ihres ebenholzschwarzen Haares, das scharfgeschnittene Gesicht von frischen und lebhaften Farben mit den roten, etwas starken Lippen würde Intelligenz, Feuer und Leben ausgedrückt haben, auch wenn in demselben nicht so wunderbar eigentümliche Augen geleuchtet hätten, Augen, welche schwer zum zweiten Male in ähnlicher Farbe und ähnlichem Schnitte zu finden sein möchten. Die Pupille dieser merkwürdig großen, von scharfgezeichneten dunklen Brauen überwölbten Augen war vom tiefsten Schwarz, dabei aber leuchtend und schimmernd wie schwarze Edelsteine, das Weiße glänzte in bläulich angehauchtem Perlmutterschimmer und war von einer Klarheit und Reinheit ohnegleichen, diese Augen aber, welche man auf einem Bilde für eine Erfindung des Malers gehalten hätte, blickten nicht sinnend und schmachtend, sie funkelten und blitzten von Geist, Leben und Willenskraft, voll Feuer und flimmernder Bewegung.

Diese Dame, welche, in einen eleganten, mit Pelz und Schnüren besetzten Mantel gehüllt, in den Salon des Herzogs trat, war Madame Marie Alexandre Dumas, die Tochter des berühmten Romanciers, welche nach einer kurzen, unglücklichen Ehe mit einem Spanier den Namen ihres Vaters wieder angenommen hatte und bei ihm lebte, mit aufopfernder Sorgfalt sein Alter pflegend und seine genialen ökonomischen Unordnungen mit unermüdlichem Eifer wieder in das Geleise häuslichen Komforts und ruhiger, eleganter Behaglichkeit zurückführend.

»Guten Tag, mein teurer Herzog,« rief sie lebhaft mit wohlklingender, metallischer Stimme, »ich höre, daß Sie angekommen sind, und eile, Sie zu begrüßen – als guter Kamerad, Sie wissen, ich bin ein Mann für meine Freunde, ich beanspruche nicht jene lächerlichen, faden Redensarten, die man den Frauen machen zu müssen glaubt, also ohne Umschweife und Redensarten – seien Sie herzlich willkommen in Paris, unter Ihren Freunden!«

Und sie ergriff die Hand des Herzogs und schüttelte sie mit ungezwungener Herzlichkeit.

Der Herzog führte sie mit anmutiger Artigkeit zu einem Kanapee mit vergoldeter Lehne und sagte lächelnd: »Ich würde glücklich sein, wenn alle meine Freunde hier mir ein ebenso freundliches Andenken bewahren und mich ebenso herzlich begrüßen, wie geht es Ihrem Vater? – ich werde ihn besuchen, sobald ich frei bin.«

»Mein armer Vater wird älter und älter,« sagte Marie Dumas seufzend, indem sich ihr reines, glänzendes Auge mit leichter Wolle trübte, »nicht sein Herz und sein Kopf, die bleiben immer jung, aber er geht selten aus und seine Kräfte vermindern sich, es ist für mich eine schöne Pflicht, den Abend dieses glänzenden und reichen Lebens so friedlich und freundlich als möglich zu gestalten.«

»Es ist traurig,« sagte der Herzog, »daß die Unsterblichkeit des Geistes – und des Ruhms,« fügte er mit artiger Verneigung hinzu, »die Herrschaft des Alters über den Körper nicht besiegen können.«

»Doch ist das Bewußtsein der Unsterblichkeit ein hoher Trost für die Leiden des Alters,« sagte Marie Dumas mit leuchtendem Blick, »aber,« fuhr sie dann abbrechend mit lebhaftem Tun, ihre Hand auf die des Herzogs legend, fort, »aber, mein lieber Herzog, nicht wahr, Sie bringen uns einen schönen, guten Krieg mit, die Rache für den Schlag, unter dem Österreich – mein liebes Österreich im vorigen Jahre zusammengebrochen ist?«

Der Herzog wurde ernst. Nach einem kurzen Schweigen hob er den Blick zu dem bewegten Gesicht der Dame empor und sagte mit einem halben Lächeln:

»Sie, meine schöne Freundin, eine Dame, eine Frau aus der Welt der Dichtung und Kunst, wünschen den Krieg?«

»Gewiß wünsche ich ihn,« rief Madame Marie Dumas lebhaft, »und zwar so schnell als möglich und so kräftig als möglich. – Soll Frankreich länger ruhig mit ansehen, daß dies Preußen, dem ich einen guten und tüchtigen Haß geschworen habe, ganz Deutschland in seine Regimenter einreiht und Österreich, das Land der Poesie – der Religion – der historischen Erinnerung, hinausdrängt, um es in den Sümpfen der Moldau und Walachei zu ertränken? – Wir haben viel verbrochen an Österreich,« fuhr sie schnell und erregt sprechend fort, »wir haben es aus Italien hinausgeworfen, mag das sein,« sagte sie achselzuckend, »mag dafür ein politischer Grund gewesen sein, obgleich wir noch sonderbare Beweise von Italiens Dankbarkeit erhalten werden, wir haben den edlen, ritterlichen, herrlichen Maximilian in jene mexikanische Räuberwüste gelockt, in der sie ihn vielleicht morden werden,« rief sie schmerzlich, indem eine Träne ihr Auge erfüllte, »wir haben Sadowa mit untergeschlagenen Armen angesehen, sollen wir denn jetzt, wo die Gelegenheit sich darbietet, nicht endlich ihm die Hand reichen, um es wieder zu erheben – und um uns einen Alliierten zu schaffen, den einzigen, den wir haben können? – Sie wissen, Herzog,« sagte sie, leicht mit dem Taschentuch die feuchtgewordenen Augen trocknend, »daß ich für Herrn Napoleon niemals große Liebe empfunden habe, und für Madame Napoleon noch weniger –«

Der Herzog lachte.

»Aber, meine teure Freundin,« rief er, die Hand erhebend, »Sie sprechen zu einem Ambassadeur des Kaisers!«

»Was frage ich danach,« sagte sie, mit den Fingern schnippend, »ich habe wohl das Recht, zu sagen, was ich will, bin ich ein Diplomat – ich?« –

Der Herzog lachte noch mehr.

»Ich liebe also Ihren erhabenen Kaiser nicht,« fuhr sie fort, sich lächelnd gegen der Herzog verneigend, »ja, ich gestehe, daß ich ihn recht von Herzen verwünscht habe wegen seiner törichten und treulosen Expedition nach Mexiko, wegen seines unwürdigen Komparsenspiels auf der Bühne des Herrn von Bismarck, aber,« sagte sie, sich etwas zurücklehnend und das glänzende Auge fest auf den Herzog richtend, »ich bin bereit, ihm zu vergeben, ich will für ihn arbeiten, da wir ja am Ende doch nichts an seine Stelle zu setzen haben, wenn er dem maßlosen Ehrgeiz dieses unersättlichen Preußens ein Ziel setzt, wenn er Österreich wieder aufrichtet, wenn er an Franz Joseph gutmacht, was er an Maximilian verbrochen hat. – Apropos,« rief sie nach einem Augenblick, »was glaubt man in Wien, wird dieser arme Maximilian wenigstens sein edles Leben aus diesem blutigen Schlamm retten, in den er immer tiefer und tiefer versinkt?«

»Man ist sehr besorgt um ihn,« sagte der Herzog, »man hat versucht, ihn zur Rückkehr zu bewegen, er will durchaus den Kampf bis zu Ende führen, übrigens ist auch die Rückkehr für ihn schmerzlich und schwer, er hat auf alle seine Rechte als österreichischer Erzherzog verzichtet, sein Vermögen verloren –«

»Während alle anderen aus dieser Expedition Gold geschöpft haben!« rief Marie Dumas, »Gott schütze den armen, unglücklichen, edlen Fürsten,« fügte sie hinzu, die Hände faltend und den ausdrucksvollen Blick nach oben richtend. – »Aber nicht wahr, Sie weiden uns den Krieg machen?« rief sie dann, »Österreich –«

»Österreich ist sehr schwach,« sagte der Herzog achselzuckend, »was sagt denn aber hier die öffentliche Meinung?« fragte er, »das ist doch von großer Wichtigkeit für die Entschlüsse des Kaisers.«

»Die öffentliche Meinung?« rief Madame Marie Dumas, indem sie den Kopf zurückwarf, »was ist die öffentliche Meinung? Wir haben zunächst zwei öffentliche Meinungen, das ist diejenige, welche man druckt und in den Zeitungen liest, und dann diejenige, welche man wirklich im Herzen trägt, welche die ernsthaften und ehrenwerten Franzosen hegen und aussprechen in den Salons, in den privaten Konversationen, diese letztere ist für den Krieg – nicht für den Krieg quand même, aber man ist überzeugt, daß weder das Kaiserreich, noch Frankreichs Stellung in Europa auf die Dauer auf diese Weise erhalten werden können. Entweder muß man mit Preußen sich verständigen, um zu erhalten, was uns gebührt, oder man muß dieses neue Deutschland wieder zerschlagen und die Föderation unter Österreich wiederherstellen. So sprechen,« fuhr sie fort, »alle vernünftigen Personen, und sie wünschen vor allem irgendeinen festen und klaren Entschluß, statt dieses ewigen Schwedens in einem bewaffneten Frieden, welcher tausendmal schlimmer ist als der Krieg.«

Der Herzog hörte aufmerksam zu.

»Diejenige öffentliche Meinung aber,« fuhr Madame Dumas fort, »welche in den Journalen erscheint, teilt sich in zwei Kategorien: die dem Kaiserreich und dem Kaiser ergebenen und die demselben feindlichen Blätter; die ersten wagen aus lauter diplomatischen Rücksichten nicht vom Krieg zu sprechen, aus Furcht, daß man der Regierung die Störung des Friedens vorwerfen möchte, und die anderen – nun sie predigen den Frieden, weil sie überzeugt sind, daß, je mehr das Prestige Frankreichs unter dem Kaiser sinkt, je weniger die Armee ins Feld geführt wirb, und je mehr sie dagegen, den zersetzenden Wühlereien im Innern ausgesetzt, sich vom Kaiser und der kaiserlichen Tradition loslöst, bah nur desto schneller der Moment kommen wirb, in welchem man – Seine Majestät Napoleon III. einladen wird – zu gehen, woher er gekommen. – Sie sehen also, mein lieber Herzog,« rief sie lachend, »wenn Sie Ihren sehr erhabenen und sehr gnädigen Souverän auf seinem Thron erhalten wollen, so müssen Sie uns schnell für einen guten Krieg sorgen.«

Der Herzog saß tief nachdenkend.

»Apropos,« rief Madame Marie Dumas, »Sie haben ja in Wien den König von Hannover, diesen armen Fürsten, für den ich so viel Sympathie habe, mein Vater schreibt einen Roman über dieses unglückliche Jahr 1866, darin soll auch der König von Hannover eine Rolle spielen; wie ist er, wie trägt er sein trauriges Schicksal?«

»Sehr würdig und mutig,« sagte der Herzog, augenscheinlich etwas präokkupiert, »der König ist eine sympathische Erscheinung, wenn Sie nach Wien kommen, müssen Sie ihn kennen lernen.«

»Ich werde kommen!« rief sie lebhaft, »aber der König hat einen Vertreter hierher geschickt, wie man mir sagt, ich möchte –«

»Ich bin mit ihm von Wien hierher gereist,« sagte der Herzog, »er ist hier – er wird noch nicht installiert sein –«

Der Kammerdiener trat ein und brachte eine Karte auf einer silbernen Platte.

Der Herzog lächelte.

»Sie sollen sogleich die Bekanntschaft Ihres Hannoveraners machen,« sagte er, »und zu dem Kammerdiener gewendet fügte er hinzu: »Lassen Sie den Herrn eintreten.«

Er stand auf und trat einem mittelgroßen, blonden Mann mit leicht gebogenem Schnurrbart im schwarzen Morgenanzug, mit der weih und gelben Schleife der Medaille von Langensalza im Knopfloch, entgegen, welcher in der Tür erschien.

»Ich freue mich, Sie in Paris wiederzusehen,« sagte der Herzog, dem Regierungsrat Meding, dem vertrauten Diener des Königs Georg von Hannover, die Hand reichend, »haben Sie sich von den Strapazen der Reise erholt?«

»Ich danke, Herr Herzog,« erwiderte Herr Meding, »ich bin vorläufig noch im Hotel und überladen durch eine Flut von Besuchen und Besorgungen, indes habe ich jetzt etwas Atem geschöpft und komme, mich nach Ihrem Befinden Zu erkundigen.«

»Erlauben Sie mir vor allem,« sagte der Herzog, »Sie mit einer warmen Freundin Ihrer Sache bekannt zu machen« – er wandte sich zu der Dame, welche den Blick ihrer großen Augen forschend auf den Geschäftsträger des Königs von Hannover richtete, »Madame Marie Dumas, die Tochter unseres großen Romandichters,« fügte er, »welche ganz besondere Sympathie für Ihren König hegt, Herr Meding –«

Der letztere verneigte sich artig gegen die Tochter Alexander Dumas', und sagte: »Ich bin glücklich, Madame, Ihre Bekanntschaft zu machen, ich hoffe, daß die Sympathie für das Unglück meines ritterlichen Herrn, welche bei einer Dame, die Ihren Namen trägt, so natürlich ist, sich ein wenig auf mich übertragen werde.«

Madame Marie Dumas war aufgestanden und reichte Herrn Meding die Hand.

»Nehmen Sie einen herzlichen Händedruck, mein Herr,« rief sie, »ich bin ein guter Freund meiner Freunde, wie der Herzog hier bestätigen wird, ich hoffe, wir werden uns öfter sehen und gute Freunde werden.«

Herr Meding verbeugte sich.

»Nun, mein lieber Herzog, leben Sie Wohl!« rief Madame Dumas, »ich wollte Ihnen nur guten Tag sagen – und Sie ein wenig in Feuer setzen,« fügte sie lächelnd hinzu, »also – bald einen guten, tüchtigen Krieg. – Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen, mein Herr,« sagte sie, sich zu Herrn Meding wendend, und schnell eilte sie aus der Tür.

»Nun,« sagte der Herzog, »wie sind Sie zufrieden hier?«

»Ich habe soeben dem Marquis de Moustier meinen ersten Besuch gemacht,« sagte Herr Meding, neben dem Herzog Platz nehmend, »und habe bei ihm ein volles und richtiges Verständnis für die delikate, rein persönliche Natur meiner Mission gefunden, ich habe nur Grund, in jeder Beziehung zufrieden zu sein, man kommt mir mit allen Aufmerksamkeiten und Rücksichten entgegen, während ich doch vollständig den privaten Charakter meiner Anwesenheit in Paris behalte, es ist nicht ganz leicht,« fügte er mit einem traurigen Lächeln hinzu, »die so zarten Grenzen der Stellung eines Gesandten in partibus infidelium zu ziehen, übrigens habe ich den Marquis sehr kriegerisch gefunden, er glaubt an den Ausbruch des Konflikts und rechnet auf sympathische Strömungen und Aktionen in Süddeutschland und den annektierten Ländern.«

Der Herzog blickte nachdenklich zu Boden.

»An der holländischen Grenze soll sich ein hannoverisches Korps sammeln,« sagte er.

»Es findet dort allerdings eine Emigration von hannöverischen Offizieren und Soldaten statt, über welche ich jedoch nur äußerlich und ungenügend informiert bin,« sagte Herr Meding,« »ich habe indes dem Marquis de Moustier nicht verhehlt, daß mir sowohl der jetzige Augenblick als auch die Veranlassung des Konflikts erhebliche Bedenken einflößt.«

Der Herzog erhob den Blick mit dem Ausdruck forschender Spannung.

»Diese luxemburgische Frage,« fuhr Herr Meding fort, »ist, wie es mir scheint, eine ganz spezifisch französische Frage, und wenn auch die Aussicht auf einen Krieg die unzufriedenen Elemente in Hannover und vielleicht noch in anderen Teilen Deutschlands in Unruhe und Bewegung versetzt, so glaube ich doch kaum, daß die nationalen Interessen der föderativen Parteien Deutschlands dabei irgendwie ihre Rechnung finden können. – Die Frage,« sagte er nach einer augenblicklichen Pause, als der Herzog schwieg, »ist wesentlich eine Kompensationsfrage, bei welcher die definitive Anerkennung alles Geschehenen zugrunde liegt, und dann, wenn dieselbe zum kriegerischen Konflikt vorschreitet, handelt es sich dabei einfach um eine Eroberung deutschen Gebietes, das heißt um eine Sache, bei welcher allen denen, die durch die letzten Ereignisse betroffen sind und eine andere Konstituierung Deutschlands wünschen, das nationale Gefühl jede aktive Beteiligung schwer – fast unmöglich machen wird.«

»Aber die Hannoveraner wollen schlagen,« sagte der Herzog.

»Einzelne junge Offiziere und Soldaten,« erwiderte Herr Meding; »würde aber hinter einer solchen Erhebung bei dieser Veranlassung Deutschland stehen, stehen können? – Frankreich muß sich vor allem hüten,« fuhr er fort, »die Frage zu stellen: Deutschland gegen Frankreich, denn bei einer so gestellten Frage bin ich überzeugt, daß alle, auch die heterogensten Elemente Deutschlands einig werden würden, und Sie selbst, Herr Herzog – jeder Franzose müßte uns verachten, wenn es anders wäre.«

Der Herzog stand auf und tat einige Schritte durch das Zimmer.

»Es ist eine sehr schwierige Situation,« sagte er.

»Die die äußerste Vorsicht erfordert,« sprach Herr Meding, sich ebenfalls erhebend, »doch Sie werden sehen, Herr Herzog,« fügte er hinzu, »wie die Verhältnisse sich entwickeln, vor allem aber muß ich hier stets meinen Rat und meine Ansicht dahin aussprechen, was man auch tun möge, jeden Gedanken an Eroberung deutschen Gebietes aus der französischen Politik fernzuhalten, wenn Frankreich sich mit den autonomischen und föderativen Elementen Deutschlands verbünden will. – Wir können arbeiten – und kämpfen,« fuhr er fort, »für die Wiederherstellung des föderativen Deutschlands und der Rechte der einzelnen Stämme und Fürsten – ein Bündnis aber mit denjenigen Elementen, welche bei einem Eroberungskriege Sie unterstützen möchten, würde Ihnen weder ehrenvoll noch nützlich sein.«

»Ich freue mich,« sagte der Herzog nach einer kurzen Pause, »Sie noch gesehen und Ihre Anschauung gehört zu haben, wir werden weiter darüber sprechen, sobald ich mich noch mehr orientiert haben werde. – Apropos,« fuhr er fort, »wann wird Ihr Journal »La Situation« erscheinen, welches Herr Holländer vorbereitet, der im Winter in Wien und Hietzing war?«

»Ich weiß es nicht,« erwiderte Herr Meding, »ich will überhaupt mit diesem Unternehmen nichts zu tun haben.«

»Sind Sie denn nicht der Ansicht, daß der König Georg hier auf die öffentliche Meinung wirken müsse?« fragte der Herzog ein wenig erstaunt.

»Gewiß,« erwiderte Herr Meding, »und ich habe auch durchaus nichts gegen die Gründung dieses Journals, doch ist Grund genug für mich vorhanden, mich absolut fern davon zu halten, denn meine Stellung hier ist ohnehin schon diffizil genug! – Doch, Herr Herzog, ich will Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen, Sie bleiben noch einige Tage hier?«

»Einige Tage gewiß,« sagte der Herzog, »und ich hoffe, Ihnen noch Gewisses über die Entwicklung der Situation mitteilen zu können. – Wo haben Sie Ihr vorläufiges pied à terre?«

»Im Hotel de Bade am Boulevard des Italiens,« sagte Herr Meding. und sich vom Herzoge verabschiedend, verließ er den Salon.

Der Herzog ging auf und nieder.

»Es ist eine sehr schwierige Situation,« sagte er für sich, »die Kaiserin, die den Frieden will, der Kaiser und Moustier, die den Krieg wollen, Österreich, das gelähmt ist und jedenfalls mit diesem Herrn von Beust niemals irgend etwas nach irgend einer Seite hin tun wird, welche Haltung ist da zu beobachten? – Aber will der Kaiser wirklich den Krieg, will er ihn jetzt?« sagte er, plötzlich stehenbleibend, »da liegt die Frage, welche das ganze Spiel regiert, und welche schwer zu lösen ist. – Doch versuchen wir immerhin, Licht in dieses Dunkel zu bringen.«

Er bewegte die Glocke.

»Meinen Wagen,« befahl er dem Kammerdiener, einen Blick auf die Uhr werfend, »ich muß nach den Tuilerien fahren.«

Siebzehntes Kapitel.

Napoleon III. hatte den Bericht des Doktor Conneau über das Befinden des kaiserlichen Prinzen erhalten, der noch immer nicht günstig lautete; noch immer verlangte der Arzt die höchste Schonung und Abgeschlossenheit für dieses Kind, auf welchem die Hoffnung der Dynastie und aller derer ruhte, welche auf die Dynastie ihre Hoffnungen für eine geordnete und sichere Zukunft Frankreichs fetzten.

Langsam ging der Kaiser, als der Arzt ihn verlassen, in seinem Kabinett auf und nieder.

»Fast möchte ich verzagen,« sagte er leise mit trübem Ausdruck,« »an der Arbeit für die Zukunft dieses Kindes, ist es nicht, als ob die Hand des Schicksals alle meine Berechnungen durcheinander wirft? – Tiefer und tiefer sinkt mein Einfluß, der Einfluß Frankreichs in Europa, ich fühle es wohl, diese schwarze Wahrheit tritt mir in den verschiedensten Gestalten in jedem Augenblick entgegen. – Oft will es mir vorkommen, als wäre die Aufmerksamkeit, mit welcher Europa meinen Worten lauscht, nur wie der succès d'estime eines Schauspielers, man bestreitet mir meine Rolle auf der Weltbühne noch nicht, aber – aus Gewohnheit, das eigentliche Interesse wendet sich ab von mir, wendet sich nach Berlin, diesem preußischen Minister zu, den ich glaubte in meiner Hand zu halten – wie Cavour – und der mir nun plötzlich so drohend auf seinen eigenen Füßen gegenübersteht.«

Er setzte sich in einen Fauteuil und drehte langsam eine Zigarette.

»Alle Versuche, die ich mache, um diesen Mann einzuschüchtern, schlagen fehl, alle Wege, um zu einer Verständigung mit ihm zu kommen, führen zu keinem Ziel, er läßt sich weder aufhalten, noch ablenken, er verlangt absolute Freiheit, die Konstituierung Deutschlands in seinem Sinne zu vollenden, und doch kann ich das nicht Zulassen, wenn ich nicht die Wurzeln meiner Dynastie zerschneiden will, denn Frankreich verlangt von dem napoleonischen Kaisertum die erste Stellung in Europa, und es hat ein Recht dazu,« sagte er, stolz den Kopf erhebend. – »Aber wie? – Wie diese Frage anfassen? Diese luxemburgische Sache war ein Fehler, ich darf sie nicht auf das Äußerste treiben, allein diesen gewaltigen Kampf aufnehmen? – Ja, wenn ich mein Oheim wäre, wenn ich selbst mit dem Degen dieses fatalistisch mich umspinnende Netz zerschneiden könnte! – Und dann,« fuhr er fort, seine Zigarette anzündend und wieder im Zimmer auf und nieder gehend, »ich will nicht mit Preußen kämpfen, ich will mich lieber mit dieser Macht alliieren, ich will den ersten und ursprünglichen Gedanken des großen Kaisers aufnehmen und ausführen, der heute um so mehr richtig ist, als diese Macht vom Strahl des Glückes beleuchtet ist, und das Glück ist ein sonderbarer Faktor in diesem geheimnisvollen Leben,« fügte er sinnend hinzu, »in der Politik wie im Spiel muß man nie gegen das Glück ankämpfen, man muß mit ihm gehen, auch wenn man seine Laune nicht versteht.«

Er schwieg längere Zeit, in tiefes Nachsinnen verloren.

Dann erheiterten sich seine Züge ein wenig.

»Ich muß das Spiel anders mischen,« sagte er, »ich muß mich rüsten für einen möglichen Kampf mit diesem Preußen, durch eine Koalition starker Allianzen, aber ich will mir,« fügte er lächelnd hinzu, »die Hand freihalten, um im letzten Moment, wenn ich die Chancen des Erfolges auf meine Seite gebracht habe, noch einmal die Verständigung, das heißt die gemeinsame Herrschaft in Europa anzubieten. – Es wird ein langer, mühsamer Weg sein, den ich gehen muß, aber sicherer als das Würfelspiel des unvorbereiteten Krieges, zu dem man mich drängen möchte, und der Besuch aller dieser Souveräne, welche die Ausstellung Hieher führen wird,« sagte er mit zufriedenem Lächeln, »wird mir dies Spiel erleichtern.«

Der diensttuende Kammerdiener trat ein und meldete:

»Der Herr Graf Walewski.«

Der Kaiser winkte lebhaft mit der Hand.

Der Graf Colonna Walewski trat in das Kabinett des Kaisers.

Die edlen Züge seines Gesichts erinnerten in ihrem Schnitt leicht an Napoleon I., nur waren sie weicher und sanfter, der sinnige, zuweilen träumend und schwärmerisch schimmernde Blick seines großen Auges hatte nichts von dem flammenden Feuer, das aus dem Blick des großen Imperators strahlte, auch der sanft lächelnde Mund zeigte nicht jenen Ausdruck trotziger Energie, den man um die Lippen der Porträts des ersten Kaisers zucken sieht, – seine hohe und elegante, obgleich etwas volle Gestalt drückte in allen Bewegungen Anmut und vornehme Würde aus.

Der Graf näherte sich ehrfurchtsvoll dem Kaiser.

»Eure Majestät haben befohlen,« sagte er, sich tief verneigend.

»Sie lassen sich nicht sehen, mein lieber Vetter,« sagte Napoleon, ihm herzlich die Hand drückend, »darum muß ich Sie bitten, zu mir zu kommen, ich muß Ihnen noch besonders und persönlich ausdrücken, wie tief es mich schmerzt, daß Sie darauf beharrt haben, Ihre Demission als Präsident des Senats zu nehmen –«

»Sire,« sagte der Graf, »Eure Majestät kennen meine Anschauungen über parlamentarisches Leben, das ich in unserer Zeit für die festeste und sicherste Grundlage der Monarchien halte, ich finde die Ansichten nicht vereinbar mit der Art und Weise, wie Ihre Regierung die parlamentarische Bewegung leitet, ich habe mich also zurückziehen müssen, da ich dem Dienste Eurer Majestät wohl meine Kräfte, meine Arbeit, mein Leben, wenn es sein muß, zu opfern bereit bin, aber nicht meine Überzeugung.«

»Ich erkenne darin von neuem Ihren edlen und großen Sinn,« sagte der Kaiser, den entschleierten Blick hell und warm auf das schöne Antlitz des Grafen richtend, »und ich bin um so stolzer auf einen Freund, der so denkt und fühlt. On ne peut s'appuyer que sur ce qui résiste,« fügte er freundlich lächelnd hinzu.

Graf Walewski verneigte sich. »Das können Eure Majestät mit aller Sicherheit,« sagte er. »Sie sind der Richter, Sire, über die Art und Weise, Frankreich zu regieren, und kann ich auf dem Platz, auf welchen Sie mich gestellt hatten, Ihnen nicht mit Überzeugung, also mit Erfolg, dienen, so bleibt doch meine Hingebung an Ihre Dynastie und an Frankreich dieselbe, ich habe nur zu bedauern, daß ich sie nicht in Taten beweisen kann.«

»Und doch hatte ich gehofft,« sagte Napoleon, indem er sich niederließ und den Grafen einlud, sich neben ihn zu setzen, »daß Sie mir einen großen Dienst nicht abschlagen würden, um den ich Sie bitten wollte.«

Der Graf sah den Kaiser erstaunt und fragend an.

»Ich will Sie nicht zu einer Tätigkeit im Innern überreden,« fuhr der Kaiser lächelnd fort, »vielleicht wird eine Zeit kommen, in der wir uns auch in dieser Richtung besser verstehen werden als jetzt, aber in der auswärtigen Politik hoffe ich auf Ihre Unterstützung.«

»Ich erwarte Eurer Majestät Befehle,« sagte Graf Walewski mit einer leichten Zurückhaltung in der Stimme.

Napoleon lehnte sich ein wenig nach der Seite des Grafen hin und sprach, indem er die Spitze seines Schnurrbarts leicht durch die Finger gleiten ließ, mit ein wenig gedämpfter Stimme:

»Es muß etwas ernstes geschehen dieser preußischen Gefahr gegenüber, welche immer drohender in Deutschland heranwächst.«

Graf Walewski blickte erstaunt auf.

»Eure Majestät wollen den Krieg, um Luxemburg zu erobern?« fragte er in einem Tone, der bewies, daß er wenig mit einem solchen Entschluß des Kaisers einverstanden sein würde.

Der Kaiser lächelte.

»Nein, mein Vetter,« sagte er, »die Partie steht nicht günstig genug und der Preis ist den Einsatz nicht wert, – bei dieser Luxemburger Sache handelt es sich für mich nur noch um einen geordneten und würdigen Rückzug von einem Wege, der vielleicht niemals hätte betreten werden sollen.«

»Ich muß gestehen, Sire,« sagte der Graf, »daß ich für diese ganze Angelegenheit niemals ein rechtes Verständnis gehabt habe. Dieser deutschen Frage gegenüber, wie sie sich nun einmal gestaltet hat, ist nach meiner Ansicht nur zweierlei möglich: vollständige Passivität oder eine groß angelegte Aktion.«

»Um unter der verhüllenden Maske der Passivität die umfassendste Aktion vorzubereiten, bedarf ich Ihres Beistandes, mein Vetter,« sagte der Kaiser.

Graf Walewski richtete sein großes Auge erwartungsvoll auf das Gesicht Napoleons, welcher den Blick senkte, wie um seine Gedanken zu sammeln und den rechten Ausdruck für dieselben zu suchen.

»Hören Sie mich an,« sagte er dann, »ich bin gesonnen, dieser in gefährlichem Wachstum drohenden preußischen Macht gegenüber das gewaltige Mittel anzuwenden, welches des großen Kaisers Macht erdrückte: die Koalition.«

»Aber wie?« fragte der Graf.

»Die Mächte, welche diese große Aufgabe zu erfüllen berufen scheinen,« fuhr der Kaiser langsam und eindringlich sprechend fort, »sind Frankreich, Österreich und Italien –«

»Italien!« rief der Graf erstaunt, »glauben Eure Majestät –«

»Italien ist absolut notwendig in diesem Bunde,« sagte der Kaiser, »ein feindliches, mit Preußen verbündetes Italien würde unsere Aktion lähmen, diejenige Österreichs unmöglich machen. – Italien kann – vielleicht – wenig nützen, aber es kann unendlich viel schaden, und eine ernste und aktive Allianz mit Österreich ist unmöglich, wenn ein feindliches oder zweifelhaftes Italien zwischen uns liegt.«

»Das ist unleugbar,« sagte der Graf, »aber wie glauben Eure Majestät, daß es möglich sein sollte, Österreich und Italien einander zu nähern, auf welcher Grundlage?«

»Die Sache ist nicht so schwer, wie sie scheinen möchte,« sagte der Kaiser, »wenn man auf den Grund der Dinge hinabsteigt, – Österreich,« fuhr er fort, »dessen bin ich gewiß, hat definitiv jeden Gedanken einer Wiedereroberung seiner italienischen Besitzungen aufgegeben, wenigstens in seinen politischen Gedanken, und wenn auch vielleicht die persönlichen Gefühle des Kaisers noch tiefer Erbitterung voll sein mögen, so wird auch er doch jedes Mittel schließlich ergreifen, um nach Deutschland hin Revanche zu nehmen. – Was nun Italien betrifft, so hat man dort noch zwei Wünsche,« sagte er, leicht den Kopf zur Seite neigend, »das ist zunächst Rom, und sodann das italienische Tirol. Dieser letztere Wunsch, allerdings der minder lebhafte, kann nur durch Österreich erfüllt werden, das töricht wäre, ihn zu versagen, nachdem es die politisch bedeutungsvollen Besitzungen in Italien aufgegeben hat, Rom aber –«

»Eure Majestät werden doch nicht den Papst opfern wollen?« rief Graf Walewski lebhaft.

Ein fast unwillkürliches seines Lächeln umspielte die Lippen Napoleons.

»Der Papst, mein lieber Vetter,« sagte er, mit der Hand über seinen Knebelbart streichend, »ist für mich – ganz abgesehen von meinen persönlichen religiösen Gefühlen – eine ernste politische Frage, welche ich nicht so leicht, selbst nicht um großen Preis aus der Hand geben kann. Sie wissen, daß Frankreich sehr katholisch ist, der Klerus ist eine große Macht in diesem Lande und ich kann seine Stütze nicht entbehren, ich kann nicht die große Kraft aufgeben, welche den Beherrschern Frankreichs aus ihrer Mission erwächst, der älteste Sohn der Kirche zu sein, ich kann auch nicht den Einfluß Frankreichs in Italien und seine Führung der lateinischen Rassen aufgeben, aber ich kann,« fuhr er fort, indem sein Auge sich langsam erhob, »dennoch den Wünschen Italiens entgegenkommen und den Papst und die Kirche mit der neuen Ordnung der Dinge versöhnen.«

Graf Walewski schüttelte langsam den Kopf. Ein Ausdruck des Zweifels erschien auf seinem Gesicht.

»Hören Sie mich an,« sagte der Kaiser, »denn dies ist der Punkt, in welchem ich auf Ihre Mitwirkung und Ihre Tätigkeit, Ihre überzeugende Beredsamkeit hoffe. – Jeder Versuch,« fuhr er fort, »den jetzigen Papst Zu einer Verständigung mit dem Königreich des einigen Italiens zu bringen, würde töricht sein, Pius IX. glaubt die liberalen Wallungen der ersten Jahre seines Pontifikats wieder gut machen zu sollen durch ein absolutes Negieren der Zeitströmung und ihrer Notwendigkeiten. Das ist ein Faktum, welches man bei allen politischen Kombinationen als unabänderlich und unumstößlich annehmen muß. – Indes«, sagte er etwas leiser, die lange Spitze seines Schnurrbarts kräuselnd, »wie lange kann das Leben dieses alten, kranken Mannes noch dauern? – Und wenn er stirbt, nun, ich darf hoffen, wenn namentlich die feste Allianz mit Österreich zustande kommt und der Einfluß von dorther ebenfalls in dieser Richtung geltend gemacht wird, daß aus dem Konklave ein Papst hervorgehen werde, welcher meine Ideen begreifen und zu ihrer Ausführung die Hand bieten wird.«

»Und in welcher Weise halten Eure Majestät eine Versöhnung der Rechte und der Würde des heiligen Stuhles mit den Wünschen, den Forderungen des nationalen Königreichs Italien für möglich?« fragte der Graf.

»Wenn der Papst,« sagte der Kaiser, »seine Souveränität über das eigentliche Patrimonium Petri behält, dagegen dies Land durch Verfassung, Gesetze und insbesondere durch Verkehrseinrichtungen als ein homogenes Glied dem nationalen Organismus einfügt, wenn er auf Militärmacht ganz verzichtet, die ja doch immer ihm keine selbstkräftige Stellung geben kann, und dafür unter den Schutz der katholischen Mächte gestellt wird, – wenn dann für große nationale Fragen ein gemeinsames Parlament in Rom errichtet wird, so wird doch Rom die Gesamthauptstadt Italiens, und der König wird, ohne seiner eigenen Würde zu schaden, wie es ja jeder katholische Souverän tut, dem Papste den Vorrang lassen können, der ihm vor dem Altare von Sankt Peter die Krone Italiens auf das Haupt setzen wird.«

Die Augen des Grafen leuchteten, mit Spannung lauschte er den Worten, welche der Kaiser in jenem tief anklingenden Tone gesprochen hatte, der ihm in gewissen Augenblicken zu Gebote stand.

»Es handelt sich also für Italien,« fuhr der Kaiser nach einem kurzen Stillschweigen fort, »nur darum, zu warten, die Entscheidung nicht zu überstürzen und demnächst eine Lösung Zu akzeptieren, welche die nationale Einigung Italiens mit der Würde und der europäischen Stellung des Oberhauptes der Kirche vereinigt und versöhnt. – Ich glaube,« sagte er, »daß der König Viktor Emanuel, dessen Gewissen jedes scharfe Vorgehen gegen den Papst peinlich berührt, diesen Gedanken sehr zugänglich sein wird, es wird nur darauf ankommen, sie den politisch einflußreichen Persönlichkeiten in Florenz annehmbar Zu machen, und dazu,« fuhr er fort, »bitte ich Sie um Ihre Unterstützung, mein lieber Vetter, ich bitte Sie, nach Florenz zu gehen und allen Ihren persönlichen Einfluß und Ihre so wirkungsvolle Beredsamkeit aufzubieten, um meinen Ideen dort Eingang zu schaffen und von italienischer Seite die große Triple-Allianz vorzubereiten – in Österreich werde ich zugleich wirken lassen –, Graf Beust ist meinen Ideen, ich setze natürlich voraus,« fügte er in fragendem Tone hinzu, »daß auch Sie dieselben billigen –«

»Ich bewundere, wie schon so oft, Sire, sagte Graf Walewski, »den weiten Blick, mit welchem Eure Majestät die Interessen zu verbinden und die verworrensten Situationen in ihren bewegenden Ursachen zu durchschauen vermögen. Vor allem bin ich hoch erfreut, daß ich Eure Majestät bereit finde, wegen dieser untergeordneten Frage von Luxemburg Frankreich nicht in einen übereilten Krieg zu stürzen, und den Papst nicht preiszugeben. Ich hoffe sehnlichst, daß die großen Pläne, welche Eure Majestät für die Zukunft hegen, sich erfüllen mögen, und was ich dazu beitragen kann, soll mit Aufbietung alles Eifers und aller Kräfte geschehen. Mit Freuden und in voller Überzeugung nehme ich die Mission an, welche Eure Majestät mir zu übertragen so gnädig sind.«

»Ich danke Ihnen,« sagte der Kaiser, dem Grafen die Hand drückend, »Sie werden bei Ratazzi eine kräftige Unterstützung finden, wenn ich ihm meine Ideen auch nicht in allen Details entwickelt habe, so weiß ich doch, daß er in diesem Sinne disponiert ist.«

»Trauen Eure Majestät Ratazzi?« fragte der Graf Walewski.

»Ich glaube es politisch zu können,« sagte der Kaiser, »er will die Macht behalten und ist klug genug, um einzusehen, daß dies nur möglich ist, wenn er die Grundlagen eines festen Gebäudes für die Zukunft legt, die revolutionäre Aktionspartei, die ohnehin sehr schwach in Italien geworden ist, seit Mazzini sich von ihr gewendet, kann ihn nicht stützen, und in der Allianz mit Frankreich und Italien, in der Ausführung meiner Ideen wird er sich eine große Rolle und einen großen Namen schaffen durch die Vollendung des Werkes von Cavour. Übrigens,« fügte er lächelnd, »ist er – sonderbar genug – sehr abhängig von dem Einfluß seiner Frau – und sie wird für uns arbeiten, – ich habe sie gesehen und ihr eine Aussöhnung in der Ferne gezeigt, welche ihrem Ehrgeiz als höchstes Ziel vorschwebt.«

»Nun,« sagte der Graf, »immerhin wird er zunächst nützlich sein; was mich betrifft, fügte er lächelnd hinzu, »so habe ich immer gefunden, daß für Ratazzi – ebenso wie für Madame Ratazzi, jenes italienische Sprichwort gemacht scheint:

›Con arte e con inganno
Si vivi mezzo l'anno
Con inganno e con arte
Si vive l'altra parte‹«

Der Kaiser lachte. »Um so besser,« sagte er, »wenn Sie ihm nicht trauen, Sie werden um so weniger überlistet werden. – Doch noch eins,« fuhr er fort, »wenn Sie das Terrain günstig finden, der Kronprinz Humbert sucht eine Frau, das Haus Savoyen ist ja mit den Habsburgern verwandt, gegen das Blut kann man keine Einwendungen erheben, es wäre ein vortrefflicher Gedanke, die neue Allianz durch eine Familienverbindung zu besiegeln, ich habe daran gedacht, eine solche Verbindung würde sowohl in Florenz wie in Wien von großer Wirkung sein.«

»Aber,« sagte der Graf, »welche Prinzessin?«

»Die Erzherzogin Mathilde,« sagte der Kaiser, »die Tochter des Erzherzogs Albrecht paßt im Alter vollkommen für den Prinzen Humbert, es soll eine sehr schöne und liebenswürdige Prinzessin sein.«

»Die Tochter des Erzherzogs Albrecht!?« rief der Graf, »die Tochter des Siegers von Custozza, des stolzesten dieses stolzen Hauses, glauben Eure Majestät –«

»Ist doch die Gemahlin des Kaisers Ferdinand eine Prinzessin von Savoyen,« sagte Napoleon, »doch was Österreich betrifft, so lassen Sie mich dort handeln, suchen Sie die Sache in Florenz anzubahnen, ich lege großen Wert gerade auf diese Verbindung, sie würde die wahre Versöhnung sein.«

»Ich werde tun, was in meinen Kräften steht,« sagte der Graf, »doch,« fuhr er fort, »da Eure Majestät die Gnade gehabt haben, mich in Ihre Pläne für die Zukunft einzuweihen, und da ich diese Pläne mit voller Überzeugung erfasse, so kann ich nicht unterlassen, Eurer Majestät meine Bedenken über einen Punkt auszusprechen, der ohne Zweifel Ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen ist,« sagte er sich verneigend, »ich meine die drohende und gefährliche Stellung, welche Rußland in seiner sichtlich hervortretenden engen Verbindung mit Preußen einnimmt. – Wenn die Allianz geschlossen wird, welche Eure Majestät beabsichtigen, so wirb die Bedeutung Österreichs in derselben und sein Anteil an der Aktion sehr wesentlich gehemmt werden durch jene geheimnisvoll sich konzentrierende nordische Macht, welche mit dem ganzen Gewicht ihrer gesammelten Kraft auf Österreich herabdrücken wird.«

Der Kaiser erhob das Haupt. Sein Auge öffnete sich weit und aus seiner aufleuchtenden Pupille strahlte ein eigentümlich ausdrucksvoller Blick auf den Grafen.

»Ich wäre ein schlechter Spieler,« sagte er leise, »wenn ich daran nicht gedacht hätte, aber ich habe auch jene furchtbare Waffe nicht vergessen, welche, richtig benutzt, die russische Macht ins Herz trifft und zugleich ihre Spitze gegen Preußen kehrt, jene Waffe, welche bis jetzt niemals in vollem Ernste gebraucht ist, »welche selbst der große Kaiser nur zögernd und halb gebrauchte, welche aber dennoch Rußland so tiefe Wunden schlug, wenn sie von den Mächten ernstlich in die Hand genommen, von Österreich insbesondere, welches das Heft dieses zweischneidigen Schwertes hält, von Österreich, welches die historische Pflicht, ein Unrecht gut zu machen, welches Maria Theresia nur wider Willen beging –«

Der Graf sprang auf.

»Polen!« rief er mit bebenden Lippen und flammenden Augen, »Eure Majestät denkt an Polen?«

»Und warum nicht,« sagte der Kaiser, lächelnd auf den Grafen blickend, der die gewöhnliche vornehme, fast phlegmatische Ruhe seiner Haltung verloren hatte und in zitternder Erregung vor ihm stand, »warum nicht, mein Vetter? Schon die letzten der Valois hatten die hohe Bedeutung eines eng mit Frankreich verbundenen Polens erkannt, der unerstickbare Klageruf dieser edlen Nation hat später stets das Herz Frankreichs erzittern lassen, die französische Politik ist aber stets nur mit unsicheren und schwankenden Schritten diesem sympathischen Instinkt gefolgt – und es war vielleicht einer der verhängnisvollsten Fehler des großen Kaisers, daß er jenes Wort nicht aussprach, welches Poniatowski von ihm erbat, – jenes Wort: Que la Pologne existe! Es war die Rücksicht auf Österreich, welches ihn daran verhinderte, auf Österreich, dessen falsche Politik seine Stützen suchte in widerwillig festgehaltenen fremden Elementen, statt seine eigenen Kräfte zu ordnen und zu freier Ausdehnung zu bringen; nun,« fuhr er fort, »wenn Österreich von diesem Fehler zurückkommt, nachdem es sich von dem Krebsschaden seiner italienischen Besitzungen befreit hat, wenn es sich zu dem großen Entschluß erheben kann, dem wiedergeborenen Polen Galizien als Patengeschenk zu geben, dann,« – er blickte wie träumend vor sich hin und seine Stimme sank zu einem leisen Tone hinab, »dann könnte vielleicht jenes belebende Wort, das der Kaiser auf der Höhe seiner Weltmacht auszusprechen zögerte, als ein Vermächtnis des Märtyrers von St. Helena aus dem Dome der Invaliden hervortönen, und wenn es ertönte,« fuhr er mit lauterer Stimme fort, den Blick fest auf den Grafen gerichtet, »ausgesprochen von Frankreich, Österreich und Italien, wo bliebe dann die drohende Macht Rußlands? – Sie würde vor diesem Flammenworte zerschmelzen, wie die Eisblöcke vor dem Strahl der Sonne.«

»Sire,« rief der Graf in tiefer Erregung, indem er beide Hände auf seine Brust legte, »ich beuge mich bewundernd vor Eurer Majestät und ich danke Ihnen innig, daß Sie die Gnade haben, mir diesen Blick in das weite Reich Ihrer großen Idee zu erschließen.«

Der Kaiser lächelte und sprach, immer vor sich hinblickend, als folge er weiter den Bildern, die sich vor seinem inneren Auge entrollten:

»Ich kann nur langsam Stein auf Stein fügen zur Aufrichtung des großen Gebäudes, welches das kaiserliche Frankreich zu bauen berufen ist, aber es wird auch der Augenblick seiner Krönung kommen, wenn Frankreichs Fahne hoch auf der Zinne der europäischen Zivilisation weht, wenn auf dem Stuhle Petri ein Sohn Frankreichs die katholische Christenheit beherrscht.«

»Der Abbé Lucian!« rief der Graf, die Hand an die Stirn legend.

»Sollte dann nicht,« fuhr der Kaiser fort, indem er aufstand und nahe zu dem Grafen hintrat, »sollte dann nicht das als mächtiges Bollwerk gegen die asiatische Barbarei wiedererstandene Polen mit Stolz seine Krone auf einem Haupte sehen, von dessen Stirn der Abglanz des großen Kaisers leuchtet –«

»Zu viel, Sire, zu viel,« rief der Graf, den Kopf auf die Brust senkend, »mein Auge wird geblendet durch den Horizont von Licht, den Eure Majestät in immer weiteren Kreisen vor mir öffnen, und ich habe doch die Schärfe des Blickes nötig, um meinen Teil der Arbeit an Eurer Majestät gigantischem Werke auszuführen!«

Der Kaiser legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit freundlichem und ruhigem Lächeln:

»Ich sehe, wir verstehen uns vollkommen, und Sie werden im Sinne meiner Gedanken wirken, als ob ich selbst dort wäre, es versteht sich von selbst,« fügte er hinzu, »daß die letzten dieser Gedanken unser Geheimnis bleiben, ein Familiengeheimnis.«

»Sire,« rief der Graf, »es gibt Dinge, welche zu groß für die Sprache sind, sie müssen geschehen wie die großen Naturerscheinungen, die Schranke des Wortes saht sie nicht ein. So sind die Gedanken Eurer Majestät, sie werden meinen Geist erleuchten und mein Herz erwärmen, aber sie werden niemals auf meine Lippen treten. – Doch nun,« fuhr er fort, »erlauben mir Eure Majestät, die Vorbereitungen zu meiner Abreise zu treffen; jede verlorene Minute tut mir weh.«

»Gehen Sie, mein lieber Vetter,« sagte der Kaiser, »ich werde Ihnen eine Instruktion senden, welche das enthalten wird,« sagte er lächelnd, »was sich in Worte kleiden läßt. – Sie wird zugleich die Grenze bezeichnen, bis zu welcher Ihre Mission Moustier und Malaret bekannt ist. Die Welt mag glauben, daß Sie sich von den Aufregungen und Widerwärtigkeiten der Politik im Anblick bei schönen Kunstwerke von Florenz erholen wollen.«

Er drückte dem Grafen herzlich die Hand und geleitete ihn bis zur Tür des Kabinetts.

»Er wird reüssieren,« sagte er, ihm nachblickend, »denn er wird mit Überzeugung und Begeisterung arbeiten.«

Sinnend machte er mehrere Gänge durch das Zimmer.

»Ich muß mich an die Spitze einer geschlossenen Koalition stellen,« sagte er, »um den Einfluß wieder zu gewinnen, der mir entschlüpft, um handeln zu können, ohne meine Dynastie aufs Spiel zu setzen, dann,« fuhr er fort, sich aufrichtend und den Schnurrbart aufwärts drehend, »dann wird man vielleicht in Berlin mehr Eifer zeigen, die Hand zu ergreifen, die man jetzt zurückstößt. Denn,« er versank in tiefes Nachdenken, »denn – diese Gedanken alle sind sehr schön, sehr groß, aber kann ich sie ausführen?« Ein schmerzliches Zucken flog über sein Gesicht.

»Meine Kraft ist gebunden,« sagte er düster, »durch diese Krankheit, deren Schmerzen ich verbergen muß, der Wille und der Entschluß bricht unter dem schmerzlichen Beben der Nerven, unter der erschöpften Abspannung der Muskelfasern, o wieviel lieber möchte ich mich verständigen zu ruhigem und sicherem Bündnis mit diesem aufstrebenden Deutschland, in welchem die nationale Jugendkraft wohnt, als mit dem zerfallenden Österreich eine glänzende Zukunftsidee verfolgen, die vielleicht eine trügerische Fata Morgana ist! O daß das Schicksal und mein glücklicher Stern mich leiten wollte in zwingend unwiderstehlicher Führung und mir die Qual des eigenen Entschlusses ersparen,« rief er tief aufseufzend, »ich habe das Heimweh nach Ruhe.«

Er lieh sich auf seinen Lehnstuhl sinken, sein Kopf fiel auf die Brust herab und in matter Abspannung saß er da, die Augen geschlossen, das Gesicht schmerzlich verzogen, die Hände schlaff herabhängend, der gefürchtete Imperator, dessen Wink die Armeen und Flotten Frankreichs bewegte und dessen doppelsinnig geheimnisvolle Worte wie Orakelsprüche das lauschende Europa durchflogen.

Der Kammerdiener trat ein.

»Der Herzog von Gramont steht zu Eurer Majestät Befehl.«

Der Kaiser fuhr zusammen.

Mit gewaltsamer Anstrengung erhob er das Haupt und rief den ruhigen, lächelnden Ausdruck auf sein Gesicht zurück.

»Lassen Sie den Herzog eintreten,« sagte er aufstehend.

Achtzehntes Kapitel.

Der Herzog von Gramont nahm auf einen Wink des Kaisers neben demselben Platz.

»Nun, lieber Herzog,« sagte Napoleon mit heiterem Ausdruck und im ruhigsten Tone, »Sie haben hier die Lage der Dinge gesehen, und ich wünsche nun noch einmal, dieselbe ernstlich zu überlegen, damit Sie vollständig klar über die Situation und meine Auffassung derselben nach Wien zurückkehren.«

Der Herzog verneigte sich.

»Sire,« sagte er, »die äußere politische Lage scheint mir klar zu sein, Eure Majestät befinden sich in der Luxemburger Frage in einer isolierten und verschobenen Stellung. – Der schnellste Rückzug, sobald er ehrenvoll geschehen kann, ist der beste, und dazu habe ich, wie ich die Ehre hatte, Eurer Majestät mitzuteilen, den Auftrag, im Namen Österreichs dringend zu raten, das jetzt nicht handeln kann, wohl aber alles tun wird, um den Rückzug so ehrenvoll als möglich zu machen. – Weniger klar,« fuhr der Herzog achselzuckend fort, »scheint mir die Lage der inneren Verhältnisse, und dieselbe läßt sich nicht ganz von der äußeren Politik trennen.«

»Leider nicht,« sagte der Kaiser, langsam den Kopf schüttelnd, »nun,« fuhr er fort und richtete das halbgeschlossene Auge auf den Herzog, »und wie denken Sie über diesen Einfluß der inneren Lage auf die auswärtige Politik?«

»Sire,« erwiderte der Herzog, »mir scheint, daß hier ein Doppelspiel stattfindet. Das französische Gefühl, die eigentliche nationale Fiber, klingt sehr kriegerisch an, immer aber noch nicht genug, um einen mächtigen Aufschwung zu veranlassen, die Presse, die der Regierung im Heizen feindliche Presse spricht friedlich, diese Leute möchten die Regierung zu einer unpopulären Politik veranlassen und würden demnächst die eisten sein, welche über dieselbe das bitterste Urteil fällen.«

Der Kaiser nickte langsam mit dem Kopf. »Sie haben scharf beobachtet, lieber Herzog,« sagte er mit verbindlichem Lächeln.

Der Herzog fuhr fort:

»Dem nationalen Gefühl muß der Rückzug daher als ein Sieg erscheinen, und ich glaube, Sire, daß sich das wird machen lassen. Das Wiener Kabinett hat sich vergewissert, daß die Forderung einer vollständigen Neutralisierung des Großherzogtums Luxemburg von England aus auf das Lebhafteste und Ernstlichste unterstützt weiden würde.«

»Mit Aufhebung der preußischen Besatzung?« fragte der Kaiser.

»Mit Schleifung der Festung,« erwiderte der Herzog.

Der Kaiser wiegte den Kopf hin und her und drehte langsam den Schnurrbart.

»Es wäre besser, die Festung bliebe stehen – mit luxemburgischer Besatzung,« sagte er halb für sich, »man könnte, indes,« fuhr er fort, »immerhin mit Schleifung der Festung – man wird dies der öffentlichen Meinung ja leicht als eine Niederlage Preußens darstellen können, und das ist für den Augenblick die Hauptsache. – Nun aber,« fuhr er fort, »mein lieber Herzog, eine Frage, die wichtiger ist als der Moment, was soll künftig aus dem allen werden?«

»Sire,« antwortete der Herzog von Gramont, sich stolz aufrichtend, mit funkelnden Augen, »das französische Gefühl empört sich unter dem Drucke der Schlacht von Sadowa und ihren Folgen, dieser Druck muß aufhören, Frankreich sich freimachen von dem Alp, der auf ihm lastet, es muß diesen drohenden Degen Zerbrechen, der bis jetzt gegen uns gezückt war, und dessen Spitze jetzt schon in unser Fleisch zu dringen beginnt!«

»Sie haben auch meine Politik im vorigen Jahre getadelt?« fragte der Kaiser mit leichtem Lächeln.

»Sire,« erwiderte der Herzog, »mein Bedauern hat es nie gewagt, sich in Worte des Tadels zu kleiden.«

»Ich war allein,« sagte der Kaiser nachdenklich, »was sollte ich tun? – ich war allein – und ich bin es noch! – Sie wollen handeln,« fuhr er fort, »und wer möchte es nicht, der französisches Blut in den Adern und im Herzen hat, aber um handeln zu können, muß man zunächst Allianzen haben!«

»Sie sind gegeben, Sire,« sagte der Herzog, »Österreich –«

»Österreich,« sagte der Kaiser sinnend, »ja – aber da liegen viele ernste Fragen in diesem Wort. Wird Österreich die Kraft haben, sich von den Schlägen, die es getroffen, zu erholen, um jemals ein wirklich mächtiger Alliierter zu sein?«

»In einem bis zwei Jahren, Sire,« sagte der Herzog, so hofft Herr von Beust.«

»Herr von Beust,« sagte der Kaiser langsam, »er ist stets ein wenig sanguinisch gewesen. – Sie haben ja nun Gelegenheit gehabt, ihn zu beobachten, was halten Sie von ihm?«

Der Herzog lächelte. »Sire,« sagte er, »man pflegte früher in der diplomatischen Welt zu sagen, Herr von Beust habe eine zu enge Jacke an – und man hatte vielleicht recht, nun – er hat diese enge Jacke ausgezogen und ich glaube, man könnte jetzt sagen, der Mantel, der jetzt um seine Schultern hängt, sei ein wenig zu groß, er läuft Gefahr, sich in den Falten zu verwickeln.«

Der Kaiser lachte. »Das heißt?« fragte er.

»Wie es mir scheint,« sagte der Herzog, »war Sachsen zu klein für Herrn von Beust – und Österreich ist ihm zu groß.«

»Aber er hat viel Geist.« sagte der Kaiser.

»Vielleicht zu viel, Sire, was Österreich bedarf, ist ein Charakter, eine starke Hand, um alle die verschiedenen Elemente zu einen, nicht ein feiner, dialektischer Geist, der damit beginnt, sie zu trennen.«

Der Kaiser richtete einen forschenden Blick auf den Herzog. »Was Sie sagen,« sprach er, »ist aber wenig ermutigend für eine Allianz mit Österreich!«

»Ich bitte Eure Majestät,« erwiderte der Herzog, »meine Worte nicht in diesem Sinne aufzufassen, ich zweifle,« fuhr er fort, »ob es Herrn von Beust jemals gelingen werde, die innere Organisation Österreich in feste, sichere und dauernde Formen zu bringen, wobei seine Stellung als Protestant und als Fremder ihm ganz besondere Schwierigkeiten macht, auf der anderen Seite bin ich aber überzeugt, daß er die äußere Politik Österreichs zu kräftiger und wirkungsvoller Aktion befähigen wird, indem er die militärischen Kräfte entwickeln, besonnenes und vorsichtiges Vorgehen veranlassen und alle die von ihm sehr wohl erkannten – und in der Katastrophe des vorigen Jahres schmerzlich empfundenen – Fehler des früheren österreichischen Systems verbessern wird. – Will er seine Aufgabe erfüllen, will er sich dauernd in seiner Stellung erhalten,« fuhr der Herzog lebhafter fort, »so muß er ja die äußere Erstarrung Österreichs, seinen glänzenden Wiedereintritt in die Reihe der maßgebenden Mächte Europas – und auch seine historische Stellung in Deutschland wiedererringen, Österreich, Sire,« sagte der Herzog, während der Kaiser aufmerksam zuhörend den Kopf zur Seite neigte, »Österreich kann überhaupt nur durch die Wiedererringung seiner äußeren Machtstellung von seinen inneren Schäden geheilt werden. Diese vielen heterogenen und untereinander feindlichen Elemente, aus denen der Kaiserstaat besteht, beugen sich einer siegreichen, machtvoll in Europa dastehenden Regierung, die zerrütteten Finanzen, deren Grund nicht im Mangel innerer Hilfsquellen, sondern in dem Mangel an Vertrauen in die Existenzfähigkeit des Staates beruht, werden nur wiederhergestellt werden durch die Wiedererlangung einer großen europäischen Stellung, welche Österreich den internationalen Kredit wiedergibt. Die Schlacht von Novara, Sire, heilte alle inneren Schäden Österreichs mit einem Schlage, nur ein großer, äußerer Erfolg also kann Herrn von Beust die innere Regeneration Österreichs möglich machen und seiner persönlichen Stellung die feste Grundlage geben, denn diese Grundlage, Sire, ist die Bedingung: Österreich von dem Schlage von Sadowa wieder aufzurichten, um diesen Preis, Sire, wird man Herrn von Beust vielleicht verzeihen, daß er nach Österreich gekommen ist und dort auf dem Stuhle Metternichs sitzt – als ein lebendiges testimonium paupertatis für die österreichische Aristokratie und die österreichischen Staatsmänner. Herr von Beust muß also handeln – und um handeln zu können, braucht er unsere Allianz.«

Der Kaiser neigte den Kopf ein wenig.

»Und wird Herr von Beust handeln können, wie er will?« fragte er dann. »Die aktionsfähige Macht Österreichs,« fuhr er fort, »liegt in Ungarn, und diese selbständige Macht wird sich vielleicht nicht nach den Wünschen der Wiener Hofburg richten. – Graf Andrassy,« sagte er nachdenklich, »steht schweigend und mit verschränkten Armen hinter dem Herrn von Beust – und es will mir den Anschein haben, als ob dieser schweigende und entschlossene Repräsentant der wirklichen Macht des heutigen Österreichs die letzte Instanz sei in dem künstlichen Getriebe dieses Staatsmechanismus, als ob er jeden Augenblick bereit sei, mit fester Hand in die Zügel zu fallen, sobald der Wagen nicht dem Wege folgt, der ihm genehm ist.«

»Ich glaube, Eure Majestät überschätzen die Bedeutung des Grafen Andrassy.« sagte der Herzog, »er hat nicht die politische Gewandtheit des Herrn von Beust.«

»Die Magyaren sind sehr fein und geschmeidig,« sprach der Kaiser kopfschüttelnd, »dabei von festem Mark und zäh, ich fürchte, ich habe von Herrn von Beust zu viel erwartet.«

»Doch,« warf der Herzog ein, »ich weiß nicht, Sire, wenn auch der Einfluß des Grafen Andrassy ein so bedeutsamer sein sollte, als er dem Blick Eurer Majestät erscheint, so sehe ich nicht ein, warum der ungarische Minister einer Allianz mit Frankreich entgegenstehen sollte, Frankreich hat stets Sympathien in Ungarn gehabt, während das deutsche Element dort stets und traditionell verhaßt war, ich zweifle nicht, daß Graf Andrassy hierin mit Herrn von Beust ganz einig sein werde.«

Der Kaiser schüttelte hartnäckig den Kopf. »Ungarn haßte das deutsche Element in Österreich, weil dieses Element seine nationale Selbständigkeit unterdrückte, Deutschland, das preußische Deutschland, kann den Ungarn nur sympathisch sein, denn ihm verdanken sie jetzt ihre nationale Autonomie, und wenn Österreich je seine Stellung in Deutschland wiedergewinnen sollte, glauben Sie, daß Ungarn seine heutige Stellung und Bedeutung behielte? – Doch,« fuhr er fort, »das alles sind Bedenken, die uns nicht hindern dürfen zu handeln, nur bitte ich Sie, diese ungarische Richtung in Österreich sehr scharf im Auge zu behalten, ich werde daran denken, einen tüchtigen Diplomaten nach Budapest zu schicken, um Ihnen, lieber Herzog, zur Seite zu stehen,« fügte er verbindlich hinzu, »und nach Ihren Instruktionen dort zu wirken und zu beobachten. – Wissen Sie eine geeignete Persönlichkeit dafür?« fragte er, »ich möchte, daß der Delegierte Ihrer Botschaft in Budapest Ihnen vollkommen genehm sei und ganz in Ihrem Sinne handle.«

Der Herzog dachte nach.

»Der junge Graf Castellane, Sire,« sagte er nach einigen Augenblicken, »möchte vielleicht eine sehr passende Wahl sein, er ist vortrefflicher Kavalier, sehr geschmeidig und intelligent und wird sich mit großer Gewandtheit in diese etwas delikate Stellung zu finden wissen.«

»Castellane?« sagte der Kaiser, »ich werde mich informieren, man muß ein diplomatisches Generalkonsulat in Budapest errichten, die neue Selbständigkeit Ungarns macht das ganz natürlich. – Doch,« fuhr er fort, »nun die Hauptsache, mein lieber Herzog! – Soll die Allianz mit Österreich wirksam werden, so muß Italien voll und ganz in die Kombination eintreten, so allein wird Frankreich und Österreich die volle Aktionsfreiheit gegeben, und außerdem schließt diese dreifache Allianz die Südstaaten Deutschlands in einen zwingenden Ring, bei sie vor dem Einfluß Preußens schützen und sie nötigenfalls zwingen kann, mit uns zu gehen. – Glauben Sie, daß eine Verständigung, eine innige und aufrichtige Verständigung zwischen Österreich und Italien möglich sei, eine Verständigung mit voller Vergessenheit alles dessen, Was geschehen ist?«

»Soweit Herr von Beust dabei in Frage kommt,« sagte der Herzog, »unbedenklich, die Kombination, welche Eure Majestät soeben als notwendig bezeichnet haben, liegt vollständig in seinen Ideen, auch zweifle ich nicht, daß der Kaiser, so sehr seine Gefühle auch, wie natürlich, gegen Italien erregt und erbittert sein mögen, die politische Notwendigkeit einer solchen Vergessenheit des Vergangenen erkennen werde, wenn Italien –«

»Was Italien betrifft,« sagte der Kaiser, »so hoffe ich, daß man dort leicht in meine Ideen eingehen wird, dort liegt die Schwierigkeit in der revolutionären Partei, deren Einfluß in; Sinken ist, in Österreich liegt sie in dem Schmerz über die Verluste, in dem gekränkten Stolz, in den tief verwundeten Familieninteressen, das ist schwieriger, doch,« sagte er mit artigem Lächeln, »dafür liegt die Aufgabe dort auch in um so geschickteren Händen.«

Der Herzog verneigte sich und sprach:

»Ich werde alles tun, um Eurer Majestät großen Gedanken zur Ausführung zu bringen.«

»Es ist die größte Aufgabe,« sagte der Kaiser, indem er mit dem vollen Blick seines geöffneten Auges den Herzog ansah, »welche dem Kaiserreiche bisher gestellt wurde, von ihrer Erfüllung hängt die Stellung Frankreichs für die Zukunft ab, es handelt sich hier in der Tat darum, das Gebäude zu krönen, dessen Grundstein bei Sebastopol gelegt wurde. Ich hoffe, mein lieber Herzog, daß, wenn die stillen Vorbereitungen getroffen sind, und wenn die Kombination, an welche wir jetzt herantreten, in kräftiger Vollendung einst mächtig eingreift in die schwankenden Verhältnisse Europas, daß Sie dann neben mir stehen werden, um die Aktion zu leiten, welche Sie vorbereitet haben werden.«

Der Herzog neigte das Haupt, indem ein Lächeln der Befriedigung seine Lippen umspielte.

»Sire,« sagte er, »Eure Majestät wissen, daß ich nicht danach strebe, die Leitung der Geschäfte zu erlangen, um einen gewöhnlichen Ehrgeiz zu befriedigen, die Stellung, welche das Vertrauen Eurer Majestät mir gegeben hat, bietet mir größere Annehmlichkeiten und weniger Verantwortung, als ein Portefeuille, wenn aber in einem Augenblicke einer so großen Zukunft, als Eurer Majestät Worte sie enthüllen, mir die Ehre werden sollte, Ihre großen Gedanken. Sire, auszuführen, so wird es mein höchster Stolz sein, alle meine Kräfte im Dienste Eurer Majestät und Frankreichs aufzubieten.«

»Wir verstehen uns also vollkommen,« sagte Napoleon, indem er dem Herzog die Hand reichte, »die Losung heißt jetzt: warten und arbeiten. Bereiten Sie das Terrain vor, wenn der Kaiser Franz Joseph zur Ausstellung kommt, so wird hoffentlich alles so weit klar sein, daß wir feste Grundlagen schaffen können. – Jetzt aber müssen wir uns diese luxemburgische Sache vom Halse schaffen,« fuhr er fort, »der Marquis de Moustier wird da sein, er ist sehr kriegerisch, unterstützen Sie mich ein wenig,« fügte er lächelnd hinzu, indem er die Glocke bewegte.

»Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten,« befahl er dem Kammerdiener.

Der Marquis de Moustier trat ein.

Der Kaiser hatte sich erhoben und trat dem Minister einen Schritt entgegen.

»Der Herzog von Gramont,« sagte er, indem er sich wieder niederließ und die beiden Herren einlud, ihm gegenüber Platz zu nehmen, »hat mir soeben nochmals die Lage Österreichs geschildert und mir alle Vorstellungen wiederholt, welche Herr von Beust für die friedliche Lösung dieses luxemburgischen Konflikts zu machen ihn ersucht hat.«

Der Marquis zuckte fast unmerklich die Achseln.

»Und ich muß gestehen,« fuhr der Kaiser fort, »daß ich ein wenig befolgt geworden bin, bei reiflicher Überlegung der Gründe des Herrn von Beust und bei genauer Erwägung der Situation.«

»Sire,« fügte der Marquis, »die Gründe des Herrn von Beust resümieren sich alle in dem einen Wort: ›Österreich bedarf Frieden!‹ Nun wohl,« rief er, »wenn Österreich des Friedens bedarf, so mag es versuchen, wie weit es damit kommt, nach meiner Überzeugung nicht weit; darf uns das abhalten, unseren Interessen zu folgen? Wie Österreich den Frieden bedarf nach der Theorie des Herrn von Beust, so bedarf – ich spreche dies nach meiner vollen Überzeugung aus – Frankreich den Krieg, das heißt,« setzte er hinzu, »wenn eine Wiederherstellung seines Prestige ohne Krieg nicht zu erreichen ist, denn dies Prestige muß um jeden Preis wieder erworben werden. – Ich für meine Person aber,« sagte er nach einer kleinen Pause, als der Kaiser schweigend seinen Schnurrbart drehte, »ich für meine Person glaube aber, daß der Krieg nicht nötig sein wird, wenn man nur sehr fest auftritt und sehr deutlich zeigt, daß man den Krieg nicht fürchtet.«

Er warf einen fragenden Blick auf den Herzog von Gramont. Dieser senkte die Augen zu Boden und schwieg.

»Mein lieber Marquis,« sagte der Kaiser nach einem minutenlangen Stillschweigen, »ich teile Ihr Gefühl, es ist dasjenige eines französischen Herzens, ich teile auch Ihre Ansicht, aber nur bis auf einen gewissen Punkt – denn ich kann nicht glauben, daß ein übereilt begonnener Krieg, ein Krieg ohne Bundesgenossen uns die Garantie der Wiederherstellung des französischen Prestige gibt. Bis jetzt erheben sich mir leise Zweifel gegen dasselbe, ein kriegerisches Mißgeschick, oder ein nicht vollständiger Erfolg würde dasselbe vernichten. Nur der wirkliche durchschlagende Erfolg kann uns nützen, und um diesen zu erreichen, scheint es mir unerläßlich, daß wir wenigstens die Bundesgenossenschaft Österreichs haben.«

»Dann ist der Krieg unmöglich,« sagte der Marquis de Moustier, »denn nach der Auffassung des Herrn von Beust werden wir diese Bundesgenossenschaft niemals haben.«

»Warum nicht?« warf der Kaiser ein, »der Hauptgrund, welcher Herrn von Beust bestimmt, zum Frieden zu raten, ist die Nichtbereitschaft Österreichs, wenn man nun Österreich zu Hilfe käme in wesentlichen Punkten der Aktionsfähigkeit – was meinen Sie, Herr Herzog, sollten sich die Ansichten des Wiener Kabinetts nicht modifizieren lassen?«

Der Herzog sah den Kaiser erstaunt an.

»Ich weiß nicht, Sire,« sagte er, »in welcher Weise –«

»Ich meine,« sprach der Kaiser weiter, »daß es Österreich wesentlich an zwei zum Kriegführen notwendigen Dingen fehlt, erstens an dem Arkanum des alten österreichischen Generals Montecuculi, am Gelde, und sodann an Waffen, an Artillerie, sie haben viel eingebüßt im letzten Feldzuge – in beiden Richtungen könnten wir aushelfen. – Wenn wir,« fuhr er nach einigen Augenblicken fort, »eine österreichische Anleihe an unserer Börse unterstützten und zugleich unseren Überschuß an Kriegsmaterial zur Verfügung stellten, – ich werde eine Aufstellung dessen, was wir entbehren könnten, machen lassen – glauben Sie nicht, daß Österreich sich zu einer ernsten Aktion aufraffen könnte?«

Er wandte den Kopf dem Herzog von Gramont zu, ohne daß sein Blick aus dem Schleier seiner tief gesenkten Augenlider hervortrat.

»Es wäre möglich, Sire,« sagte der Herzog, »es käme auf den Versuch an.«

»Wohlan,« rief der Kaiser, »so machen wir diesen Versuch, bieten Sie, Herr Herzog, sobald Sie zurückkommen, Österreich die finanzielle und militärische Unterstützung an, ich werde meinerseits durch das Kriegsministerium alle Vorbereitungen zur militärischen Aktion und zur Konzentrierung der Armeen an den Grenzen treffen lassen, damit man in Berlin sich nicht dem Gedanken an eine unbedingte Nachgiebigkeit unsererseits hingeben könne, und während dies alles geschieht, führen Sie die diplomatischen Verhandlungen mit Festigkeit und im Sinne Ihres französischen Gefühls, mein lieber Marquis. – Sie haben mich vollkommen verstanden, lieber Herzog,« sagte der Kaiser, sich zum Herzog von Gramont wendend, indem ein scharfer Blick eine Sekunde lang aus seinem Auge hervorbrach.

»Vollkommen, Sire,« erwiderte der Herzog sich verneigend.

Der Marquis schwieg.

»Wir haben die Konferenz angenommen,« sagte der Kaiser, »und müssen auf derselben alles vermeiden, was wie eine Provokation aussieht und den Machten Gelegenheit geben könnte, uns eine Störung des Friedens vorzuwerfen. Ich bitte Sie, lieber Marquis, in den diplomatischen Besprechungen durchaus die Frage der Erwerbung Luxemburgs für Frankreich beiseite zu lassen, dagegen lebhaft und bestimmt zu betonen, daß dieser unseren Grenzen so drohend nahe Platz unmöglich in den Händen eines Deutschlands bleiben könne, das nicht mehr das ruhige, inoffensive Deutschland von 1815 sei. – Lassen Sie deutlich fühlen, daß über diesen Punkt hinaus wir nicht zurückgehen würden, und instruieren Sie unsere Diplomaten in gleichem Sinne.«

»Zu Befehl, Sire,« sagte der Marquis mit einer leisen Nuance von Unzufriedenheit auf seinem vornehmen bleichen Gesicht.

»Sie sind nicht ganz zufrieden, mein lieber Minister,« sagte der Kaiser lächelnd, »aber lassen Sie mir meine Vorsicht, wir haben zu viel zu wagen, um nicht mit äußerster Klugheit zu Werke zu gehen, die Hauptsache ist, daß das Ziel endlich erreicht wird.«

Der Marquis verneigte sich.

»Sire,« sagte er dann, dem Kaiser ein Papier überreichend, »erlauben Eure Majestät mir, Sie auf diesen Bericht aus St. Petersburg aufmerksam zu machen; die Eröffnungen, welche ich auf Eurer Majestät Befehl über die Abtrennung von Kandia, Thessalien und Epirus von der Türkei und über die Vereinigung dieser Länder mit Griechenland habe machen lassen, sind auf das freundlichste aufgenommen worden, und das russische Kabinett hat den Wunsch ausgedrückt, daß Eure Majestät Ihre so entgegenkommenden Intentionen durch eine Anregung der Frage in Konstantinopel der Ausführung entgegenführen möchten.«

Der Kaiser sann nach.

»Das wäre ein sehr schneller Schritt,« sagte er, »würden wir dabei auf Österreich rechnen können?« fragte er zum Herzog von Gramont gewendet.

»Es ist mir lieb, Sire,« sagte dieser, »daß ich hier die Gelegenheit finde, über diesen Gegenstand zu sprechen, über welchen ich mich noch am Tage vor meiner Abreise mit Herrn von Beust unterhalten habe. Ich fand ihn sehr unangenehm berührt durch die Mitteilung, welche ich ihm über Eurer Majestät Gedanken machte, er erklärte, daß er durch seine Vorschläge über die Ausführung des Hat Humaym die fortwährend gärende Gefahr der orientalischen Frage habe beruhigen wollen, daß aber so weitgehende und so tiefgreifende Veränderungen der Verhältnisse im Orient gerade geeignet seien, diese für Österreich so gefährliche Frage zu einem akuten Ausbruch zu treiben.«

Der Kaiser drehte langsam den Schnurrbart, wie unwillkürlich spielte ein seines Lächeln um seine Lippen.

»Zugleich,« fuhr der Herzog fort, »machte mich Herr von Beust darauf aufmerksam, daß der Fürst Michael von Serbien, der sich einen Augenblick zu einer Einschränkung seiner Forderungen bereit gezeigt habe, sich plötzlich wieder zu sehr weitgehenden Ansprüchen erhebe und sich mit dem Abzüge der türkischen Besatzungen aus den serbischen Festungen nicht mehr begnügen wolle, sondern die volle Unabhängigkeit Serbiens und dazu noch Bosnien, Montenegro und die Herzegowina verlange. Herr von Beust sprach die bestimmte Vermutung aus, daß der Fürst zu einem solchen weitgehenden Verlangen von Rußland ermuntert sei, und deutete zugleich an, daß er die von Eurer Majestät kundgegebenen, für das russische Kabinett so günstigen Intentionen als die eigentliche und letzte Ursache dieser erneuten und lebhaften Bewegung im Orient betrachten Zu müssen glaube.«

Abermals flog jenes seine eigentümliche Lächeln schnell über das Gesicht des Kaisers.

»Und was war die Ansicht des Herrn von Beust über diese Lage der Dinge?« fragte er.

»Herr von Beust,« erwiderte der Herzog, »sprach sich mit einer ihm sonst nicht in solchem Grade eigenen Energie gegen alle diese Pläne aus, er erklärte sehr bestimmt, baß Österreich die Bildung eines großserbischen Reiches an seiner Grenze unter keiner Bedingung dulden könne, daß es ihm als eine Lebensfrage gelten müsse, jeden derartigen Versuch mit allen Mitteln zu bekämpfen, daß er aber auch in die gänzliche Abtrennung Thessaliens und Epirus' von der Türkei nicht willigen könne, weil er darin den eisten Schritt zur völligen Zerstückelung des türkischen Reiches erblicken müsse. Herr von Beust fügte hinzu,« fuhr der Herzog fort, »daß, so lange solche die Ruhe des Orients bedrohenden Absichten beständen, Österreich gezwungen sei, an der serbischen Grenze militärische Vorsichtsmaßregeln zu treffen, er bat mich zugleich, Eurer Majestät die dringendsten Vorstellungen über die Gefahren einer Erweckung der orientalischen Frage in diesem Augenblick zu machen und Eure Majestät zu beschwören, Österreich nicht in so schwere und unberechenbare Verwicklungen zu stürzen.«

»Herr von Beust denkt also nicht an die Aufrichtung einer östlichen Koalition im Sinne der alten heiligen Allianz?« fragte der Kaiser rasch, wie unwillkürlich seinen inneren Gedanken aussprechend.

Der Herzog sah ihn erstaunt an.

»Ich habe nie Veranlassung gehabt, einen solchen Gedanken zu fassen,« sagte der Herzog, »wie kommen Eure Majestät darauf?«

»Es schien mir einen Augenblick so etwas in der Luft zu liegen, Sie schrieben mir von gewissen Sondierungen durch einen Herrn von der Recke, auch der Graf Tauffkirchen –«

»Ich glaube nicht,« sagte der Herzog, »daß diese Sondierungen in Österreich irgendwelche ernste Folge gehabt haben, Herr von Beust hat vielleicht in seiner Vorliebe, alles zu hören – und über alles ein wenig zu sprechen, Gedanken erweckt, denen er wohl kaum die Absicht haben kann, Folge zu geben.«

»Um so besser,« sagte Napoleon, »nun,« fuhr er fort, »Frankreich hat, wie ich glaube, keinen Grund, sich allein in diese orientalische Frage hinein zu engagieren.«

»Gewiß nicht,« sagte der Marquis de Moustier.

»Lassen wir also unsere Ideen fallen,« fuhr der Kaiser fort, »oder beschränken wir sie ein wenig, die Vereinigung Kandias mit Griechenland würde ja schon die flagrantesten Beschwerden der christlichen Bevölkerung heben, würde Österreich so weit mit uns gehen?« fragte er den Herzog.

»Vielleicht, Sire,« erwiderte dieser, »was Österreich am nächsten und unmittelbarsten berührt – und beängstigt, ist die serbische Frage. Herr von Beust hofft übrigens dort beruhigend einwirken zu können. Er hat den Grafen Edmund Zichy, der seit lange mit dem Fürsten Michael persönlich befreundet ist, nach Belgrad geschickt, um dem Fürsten Vorstellungen zu machen, und er hofft auf deren Erfolg, wenn die russischen Absichten nicht zu sehr durch Eure Majestät unterstützt werden.«

»Also,« sagte der Kaiser, »beschränken wir unsere Proposition auf die Abtretung Kandias an Griechenland. – Sie werden, mein lieber Herzog, in Wien diese Modifikation meiner Anschauungen als einen besonderen Beweis meiner Rücksicht auf Österreich hervorheben und betonen, daß es mir vor allem daran liege, auch in dieser Frage die Interessen Österreichs zu den meinigen zu machen. – In Petersburg,« sagte er, sich an den Marquis de Moustier wendend, »muß man das lebhafte Bedauern ausdrücken, daß unsere ersten Intentionen in Wien auf so entschiedenen Widerstand gestoßen seien. Lassen Sie dabei hervorheben, daß bei der mutmaßlich feindlichen Haltung Englands die Mitwirkung Österreichs bei jedem Schritt im Orient notwendig und es daher nicht ratsam sei, weiterzugehen, als man es in voller Gemeinsamkeit mit Österreich tun könne. Wenn Österreich aber zustimme, so sei ich bereit, mit dem Wiener Kabinett und Rußland gemeinschaftlich die Abtretung Kandias in Konstantinopel zu beantragen.«

»Ich glaube nicht, daß England irgendeiner Veränderung des Status quo im Orient zustimmen wird,« sagte der Marquis. »Nach Äußerungen, welche mir Lord Cowley gestern machte, scheint man dort mit besonders aufmerksamen Augen auf den Orient zu blicken.«

Des Kaisers Auge blitzte einen Augenblick forschend zu dem Minister hinüber.

»Und haben Sie Lord Cowley von den Ideen gesprochen, welche wir hier diskutiert und in St. Petersburg angedeutet haben?« fragte er.

»Ich hatte keinen Grund dazu,« erwiderte der Marquis, »es ist diesen Ideen ja noch nach keiner Richtung eine offizielle Folge gegeben, ich habe mich in großer Reserve gehalten.«

»Wohlan,« rief der Kaiser aufstehend, »wir haben also die Grundzüge für die nächste Behandlung der wesentlichen Fragen festgestellt, ich freue mich,« sagte er mit verbindlichem Lächeln, »daß wir Ihre Ansicht und Ihren Rat, Herr Herzog von Gramont, dabei haben hören und in Betracht ziehen können, Sie werden sich mit dem Herrn Marquis über die Details der Ausführung unserer Politik in Wien verständigen. Ich sehe Sie noch vor Ihrer Abreise.«

Und mit freundlicher Neigung des Hauptes grüßte er die beiden Herren, welche das Kabinett verließen.

Ein heiteres Lächeln umspielte die Lippen des Kaisers, als er allein war. Behaglich lehnte er sich in seinen Lehnstuhl zurück, nahm aus einem kleinen Etui Seidenpapier und türkischen Tabak, bereitete sich mit großer Aufmerksamkeit eine Zigarette und zündete sie vorsichtig an.

»Wenn man einen Fehler begangen hat,« sagte er, den Kopf mit halbgeschlossenen Augen an den Rücken seines Fauteuils lehnend und langsam die seinen, blauen Ringe des aromatischen Rauches von sich blasend, »wenn man einen Fehler begangen hat, so ist es die große Aufgabe, ihn so zu verbessern, daß er sich zum Nutzen wendet. – Nun,« fuhr er fort, »ich glaube, ich habe diese Aufgabe einigermaßen gelöst. Die luxemburgische Frage war ein Fehler, es war ein Fehler, diesen preußischen Minister überrumpeln zu wollen, nun, sie wird gelöst werden in einer Weise, die sich als ein Sieg darstellen laßt – und das ist die Hauptsache, denn in Wahrheit bedeutet die Räumung der Festung nichts, darüber kann man sich nicht tauschen. – Diese heißblütige Kriegspartei, deren Unterstützung ich im Innern bedarf, wird mich zu den Ihrigen zählen, indem sie glaubt, daß ich wider Willen nachgebe, und ihr Zorn und ihre Erbitterung wird in steigender Progression wachsen bis zu dem Augenblick, wo ich ihrer bedarf, die Kabinette aber werden mir für meine Mäßigung Dank wissen, welche den Frieden erhält. – Rußland bedarf ich nicht mehr,« fuhr er nach einigem Nachdenken fort, indem er aufstand und langsam auf und nieder ging, »doch aber ist es gut, daß man dort an meinen guten Willen glaubt und Österreich die Schuld gibt, wenn man im Orient leinen Schritt vorwärts kommt. – Nun,« sagte er lächelnd, »mag Herr von Beust Pläne haben, welche er will, er wird in Petersburg die Türen verschlossen finden und Österreich wird die Wege gehen müssen, die ich ihm vorzeichne. Vor allem aber,« rief er tief aufatmend, »werde ich noch den Frieden behalten, jene äußerste Entschließung, jenes rohe Würfelspiel der Kanonen wird hinausgeschoben, und ich werde Frankreich das große, berauschende Schauspiel der Souveräne und Nationen Europas vorführen können, welche sich um meinen Thron versammeln, um den Glanz von Paris, dieses farbenschimmernden Prismas der Welt, zu bewundern.«

Er richtete sich stolz auf und ein Blitz jugendlichen Feuers leuchtete in seinem Auge auf.

Dann aber ließ er seufzend das Haupt sinken und flüsterte: »Mein schlimmster Feind ist in mir selber, das Alter, das meine Kraft bricht, die Schmerzen, welche die Spannkraft meiner Nerven Zerstören, ich darf mich nicht mehr dem Genuß des glänzenden Augenblicks hingeben, ich muß arbeiten, arbeiten, daß mein Werk nicht mit mir zerfalle, oh,« rief er tieftraurig, den Blick fragend emporrichtend, »werden die Sterne auch alt wie die Menschen, oder liegt es nur an dem getrübten Blick meines alternden Auges, daß mir mein Stern, der einst so hell über meinem Haupte leuchtete, jetzt sich in Nebel zu hüllen scheint?«

Er blieb still und nachdenkend stehen. »Das Alter bringt anderen die Ruhe,« seufzte er, »den Genuß der Früchte ihrer Jugendarbeit, mir bringt jeder Tag neue Kämpfe, während er mir die Kraft nimmt, sie zu führen, und doch habe ich so tiefe Sehnsucht nach Ruhe!«

Der Kammerdiener trat ein und meldete: »Herr Conti.«

Leicht neigte der Kaiser das Haupt, und der Staatsrat Conti, Chef des kaiserlichen Kabinetts, der Nachfolger jenes alten Vertrauten des Kaisers, Herrn Mocquard, trat ein.

Die Erscheinung dieses Mannes trug den Stempel südlicher Abstammung. Sein intelligentes, feines Gesicht zeigte bei allem in seinen Zügen liegenden Scharfsinn, bei aller beobachtenden Kälte in den dunklen Augen, bei aller listigen Klugheit in den Linien des Mundes einen gewissen Hauch von Schwärmerei, von fatalistischem Glauben. Herr Conti hatte fast die Schärfe des Verstandes seines Vorgängers, fast seine divinatorische Geschicklichkeit, die wahren Triebfedern in den menschlichen Charakteren zu erkennen und in Tätigkeit zu setzen, fast seine gewandte Unerschöpflichkeit im Auffinden von Auswegen aus verlegener Situation, nur in einem Punkte unterschied er sich wesentlich von jenem alten Freunde aus der Jugend- und Verschwörungszeit Napoleons III. – er glaubte an das Kaiserreich und seine Zukunft, ein Glaube, welcher Herrn Mocquard stets ferngelegen hatte, der bis zu seinem Tode gegen intime Vertraute oft seine Verwunderung ausgedrückt hatte, daß die Sache so lange dauere. Und vielleicht hatte gerade der Mangel dieses Glaubens ihm die Fähigkeit gegeben, durch seine Vorsicht, Unermüdlichkeit und seine stets guten Ratschläge so wesentlich zur Erstarkung und zur Dauer des Kaiserreichs beizutragen.

»Sire,« sagte er, den Kaiser mit einer tiefen Verbeugung seiner geschmeidigen Gestalt begrüßend, »ich habe, wie Eure Majestät befahlen, den Mr. Douglas hergeführt, von welchem der Fürst Metternich Eurer Majestät gesprochen, und von welchem Herr von Beust meint, daß man sich seiner bedienen könne, um die Stimmungen zu sondieren und gewisse Gedanken zu verbreiten, ohne sich zu engagieren und zu kompromittieren.«

»Ah,« sagte der Kaiser, »dieser Engländer mit der fixen Idee, welche Art von Mensch ist es?«

»Ich habe wenig mit ihm gesprochen,« sagte Herr Conti lächelnd, »kann also nur über den äußeren Menschen urteilen – und der,« fügte er achselzuckend hinzu, »ist von einer niederschmetternden Häßlichkeit.«

»Um so besser,« sagte der Kaiser, »die häßlichen Menschen verfolgen ihre Ideen mit großer Hartnäckigkeit, weil sie sich mehr in sich selbst zurückziehen und von der Außenwelt zurückgestoßen werden, ich will ihn sogleich sehen. – Apropos, mein lieber Conti,« fuhr er fort, näher zu seinem Kabinettschef herantretend, »was macht die Arbeiterbewegung, die Internationale, ich habe seit einiger Zeit nichts davon gehört?«

»Die Organisation breitet sich immer mehr aus, Sire,« erwiderte Conti, »die Arbeitersektionen gliedern sich eine an die andere, sie sind gebildet unter der Firma der gegenseitigen Hilfe und Unterstützung, der Krankenkassen, ja selbst unter dem Vorwande der Herstellung von Bibliotheken zur Belehrung und Fortbildung, und alle diese Sektionen gipfeln in einer Art von internationalem Großmeistertum. – Aber es ist keine Sektion in Frankreich, in welcher nicht einer unserer Agenten als Mitglied sich befindet. – Ich habe Eurer Majestät früher eine Übersicht darüber gegeben, seitdem hat die Organisation der Sache und,« fügte er lächelnd hinzu, »unseres Einflusses auf dieselbe Fortschritte gemacht, ich behalte mir vor, Sire, Ihnen genaue Listen darüber vorzulegen. Wir lenken die Feinde aller höheren Klassen an unsichtbaren Fäden und können diese letzteren jederzeit durch einen nützlichen und wohltätigen Schrecken beherrschen.«

»Vortrefflich, vortrefflich, mein lieber Conti,« sagte der Kaiser, sich leicht die Hände reibend, »ich freue mich, daß Sie in diesem Punkt so vollkommen meine Gedanken verstehen, die Furcht vor der Revolution muß die europäischen Kabinette sowie Frankreich jeden Tag von neuem von der Notwendigkeit überzeugen, daß das Kaiserreich erhalten werde, welches allein imstande ist, die drohende Gefahr zu beschwören.«

Er blickte vor sich nieder und indem seine Züge einen ernsten Ausdruck annahmen, fuhr er fort:

»Es ist das im Grunde kein macchiavellistisches Spiel, sondern wirklich ehrliche und wahre Politik, denn nur indem ich diese furchtbaren, von unten herauf gärenden Elemente selbst in meine leitende Hand nehme, kann ich die Gesellschaftsordnung erhalten und diese Revolution des vierten Standes, welche sich langsam vollzieht, vor den entsetzlichen Ausbrüchen bewahren, welche die Revolution des dritten Standes begleiteten, die man in törichter Verblendung sich selbst überließ. Nur durch ein vorsichtiges Erfassen und Überwachen dieser Bewegung kann man die berechtigten Forderungen, welche in ihr liegen, zur Geltung bringen und zugleich den bedrohten Klassen heilsame Winke geben, um sie zu verhindern, daß sie nicht an dem Umsturz aller Ordnung und Autorität mitarbeiten. – Doch, mein lieber Conti,« fuhr er nach einem kurzen Stillschweigen fort, »es ist mir wünschenswert, daß meine gute Bourgoisie von Paris sich nicht zu viel mit der auswärtigen Politik beschäftige und in die richtige Stimmung gebracht werde, um die Lösung der schwebenden luxemburgischen Frage, wie sie wahrscheinlich nach der Lage bei Verhältnisse notwendig werden wird, so zu akzeptieren, wie ich es wünsche. Die Presse wird das ihrige tun, indes wäre es immerhin gut, wenn die Dankbarkeit gegen das Kaiserreich, welches die Ordnung schützt und erhält, ein wenig aufgefrischt würde. Könnte man,« sagte er mit seinem Lächeln, indem er langsam über seinen Knebelbart strich und aus dem Winkel seines Auges einen schnellen Blick auf seinen Kabinettschef warf, »könnte man das rote Gespenst einen Gang über die Bühne machen lassen? – aber leise auftretend und in nicht zu erschreckender Gestalt, um die Fremden nicht abzuhalten und die Ausstellung nicht zu stören, vor allem muß es das Stichwort genau kennen, auf welches hin es in der Versenkung zu verschwinden hat.«

»Ich habe schon daran gedacht, Sire,« erwiderte Herr Conti, »Eure Majestät wissen, wie sehr ich von der Zweckmäßigkeit des Systems durchdrungen bin, die Pariser in Augenblicken, wo die auswärtige Politik vielleicht eine übelwollende Kritik hervorrufen könnte, rechtzeitig an ihre eigenen Angelegenheiten zu erinnern, ihnen ins Gedächtnis zu rufen, wie sehr sie des Schutzes einer starken Regierung bedürfen. – Ich glaube,« fuhr er fort, »das Geeignete wird sich sehr leicht machen lassen, es werden während der Ausstellung vor allen anderen die Schneider ein großes Geschäft machen, denn alle Fremden, die hierher kommen, werden einen Pariser Anzug mitnehmen wollen, es ist bereits eine Verstimmung unter den Gesellen und Arbeitern vorhanden, daß dieser Gewinn den Meistern und Magazinen allein zufallen soll, ein klein wenig Nachhilfe und Direktion, und eine Arbeitseinstellung der Schneider wird da sein.«

Napoleon lachte laut.

»Das ist vortrefflich – ganz vortrefflich,« rief er, »Paris in der Gefahr, sich nicht mehr ankleiden zu können, welch ein Gegenstand für die Presse, die Cafés, die Feuilletons, man wird von nichts anderem sprechen!«

»Die Sache müßte gerade in dem Moment eklatieren,« bemerkte Herr Conti, »in welchem diese luxemburgische Frage beendet wird, und niemand wird von dieser sprechen, die Frage der Gilets und Pantalons wird alles andere absorbieren.«

»Aber man wird doch die Sache vollständig in der Hand behalten?« fragte der Kaiser, ein wenig bedenklich.

»Vollständig, Sire,« erwiderte Herr Conti, »Eure Majestät weiden sie dauern lassen, so lange Sie wollen, dann wird die Regierung intervenieren, die Meister werden eine Lohnerhöhung bewilligen, die Arbeiter werden zufrieden sein, daß sie dieselbe erhalten, die Meister, daß sie nicht mehr geben müssen, Paris wird glücklich sein, sich von der Gefahr befreit zu sehen, im Kostüme der Wahrheit zu erscheinen, alle Welt wird Eurer Majestät dankbar sein, und – die Fremden werden alles bezahlen! – Hinterher aber wird Luxemburg und die ganze auswärtige Politik längst von der Tagesordnung verschwunden und völlig aus der Mode sein.«

»Nun denn,« sagte der Kaiser noch immer lächelnd, »arrangieren Sie mir diese ,Frage der Schneider', die Fäden aller dieser Arbeiterbewegungen laufen doch noch immer im Palais Royal zusammen?« fragte er dann mit ernstem Tone.

»Gewiß, Sire!« sagte Herr Conti.

»Es ist aber doch dafür gesorgt,« sagte der Kaiser, »daß die Fäden, welche dorthin gehen, nicht die eigentlich leitenden sind, und daß mein teurer Vetter, indem er seine Mußestunden mit kleinen konspiratorischen Unterhaltungen ausfüllt, nicht imstande sei, irgend wirklich Unheil anzurichten?«

»Eure Majestät können vollständig außer Sorge sein,« erwiderte Herr Conti, »die Lunte, welche im Palais Royal liegt, führt zu keinem Pulvermagazin.«

»Nun wohl,« sagte der Kaiser, »so bereiten Sie das vor, aber nicht zu früh, die luxemburgische Konferenz muß erst an dem entsprechenden Punkte ihrer Arbeiten angekommen sein. – Auf Wiedersehen, mein lieber Conti,« fuhr er mit freundlichem Lächeln fort, indem er seinem Kabinettschef die Hand reichte, »lassen Sie den sonderbaren Engländer eintreten.«

Herr Conti entfernte sich, und unmittelbar darauf öffnete der Kammerdiener die Tür für Mr. Douglas.

Dieser trat in das Kabinett des Kaisers in derselben geraden, selbstbewußten Haltung, in welcher er vor dem Herrn von Beust gestanden hatte.

Er näherte sich dem Kaiser bis auf einige Schritte, neigte den Kopf und blieb dann stehen, den doppelt geteilten Blick seiner Augen gerade vor sich hin gerichtet.

Napoleon blickte einen Augenblick ganz erstaunt in dieses so eigentümliche Gesicht, welches mit der Unbeweglichkeit einer Maske sich ihm gegenüber befand.

Dann setzte er sich, deutete artig auf einen Sessel gegenüber und sprach, indem ein leichtes, kaum merkbares Lächeln um seine Lippen spielte:

»Ich bin mit Vergnügen bereit gewesen, Sie zu empfangen, mein Herr, da der Fürst Metternich mir viel von Ihren eigentümlichen und neuen Anschauungen über die Lage Europas erzählt hat.«

»Ich bitte Eure Majestät, mir zu erlauben,« sagte Mr. Douglas, »daß ich in meiner Muttersprache rede, ich weiß, sie ist Eurer Majestät geläufig – und ich bin des Französischen nicht genug mächtig, um meine Ideen zu entwickeln.«

»Es macht mir immer Freude,« sagte der Kaiser in fließendem Englisch, »mich in der Sprache Ihres Vaterlandes zu unterhalten, dessen edle und großmütige Gastfreundschaft ich so lange genossen habe.«

»Ich bin von England aufgebrochen,« sagte Mr. Douglas, den Blick starr auf den Kaiser gerichtet, mit lauter Stimme und monoton pathetischem Ausdruck, »weil die Ereignisse, welche sich vollzogen haben und welche die Ordnung in Europa verwirren, zugleich dem Christentum den Untergang bereiten, wenn sich diejenigen Mächte nicht vereinigen, welche berufen find, das christliche Prinzip zu vertreten und zu verteidigen.«

Der Kaiser sah ihn schweigend und erwartungsvoll an, er schien nicht recht zu wissen, was er mit diesem Eingang machen sollte.

»Diese Mächte sind,« fuhr Mr. Douglas fort, »England, welches die positive evangelisch-protestantische Kirche vertritt, Frankreich und Österreich, die Schutzmächte der katholischen Kirche, und Rußland in der Vertretung des griechischen Christentums. Alle diese Mächte,« sagte er, die drei Finger der rechten Hand erhebend, »haben das dringende Interesse, sich zu verbinden, um diese preußische Macht zu brechen, welche Deutschland unterwerfen will, diese preußische Macht, welche den negativen, kritisierenden Protestantismus vertritt, dessen Sieg das Ende des Christentums sein wird.«

Napoleon drehte langsam seinen Schnurrbart.

»Alle diese Mächte haben ihre Aufgabe nicht erkannt,« fuhr Mr. Douglas fort, »sie stehen erstaunt und untätig den vollzogenen Ereignissen gegenüber und wagen es nicht zu handeln, obgleich sie doch stark genug wären, ihren Willen zur Ausführung zu bringen. England, geleitet von einer schwachen Regierung, welche unter der Herrschaft einer Partei steht, die in rohem Materialismus den Frieden um jeden Preis erhalten will, wagt sich nicht zu rühren und hüllt seine unwürdige Untätigkeit in das Prinzip der Nichtintervention, Frankreich – Eure Majestät hat den großen Fehler gemacht, Italien Zu unterstützen und in Deutschland nicht zu intervenieren.«

Das Auge des Kaisers hüllte sich in undurchsichtigen Schleier, kein Muskel seines Gesichts bewegte sich, und mit der Hand seinen Bart streichend, verdeckte er ein unwillkürliches Zucken seiner Lippen.

»Rußland,« fuhr Mr. Douglas immer in demselben Tone fort, »verblendet durch die Hoffnung, im Orient vorzuschreiten, erzürnt über die frühere Undankbarkeit Österreichs, begeht den großen Fehler, Preußen zu unterstützen, indem es ihm den Rücken deckt. – Österreich allein kann jetzt nichts tun, nachdem es den Fehler gemacht hat, im vorigen Jahre den Kampf ohne Alliierten aufzunehmen. Herr von Beust ist indes vollkommen durchdrungen von der Notwendigkeit gemeinsamen Handelns, um das Geschehene wieder gut zu machen, und ich bin fest überzeugt, daß Eure Majestät ebenfalls jetzt klar erkennen, welche Gefahren Frankreich aus den Ereignissen des letzten Jahres erwachsen, welche Sie nie hätten sich vollziehen lassen sollen.«

Er hielt einen Augenblick inne, wie eine Antwort erwartend, indem der doppelte Blick seiner Augen sich starr auf den Kaiser richtete.

Dieser sah unbeweglich, sein undurchdringliches Auge erwiderte müde und ausdruckslos den forschenden Blick des Engländers.

»Um nun ein gemeinsames Handeln Frankreichs und Österreichs zu ermöglichen,« fuhr dieser nach einigen Augenblicken fort, »ist die erste Bedingung, England aus seiner Lethargie aufzurütteln und – Rußland von Preußen zu trennen.«

»Und Sie glauben, daß diese Bedingung erfüllbar ist?« fragte der Kaiser in ruhigem Tone.

»Ich bin davon überzeugt,« erwiderte Mr. Douglas, »und um sie zu erfüllen, bin ich entschlossen, alles zu tun, was in meinen Kräften steht. Ich habe,« fuhr Mr. Douglas fort, »nach beiden Richtungen zum Ausgangspunkt meiner Bemühungen den König von Hannover gewählt, welcher in seiner Person die englische Nationalität und das legitime Recht vereinigt, diese beiden Prinzipien, durch welche man das Volk und die öffentliche Meinung in England – und das kaiserliche Kabinett von St. Petersburg bewegen kann. – Es sind viele in England,« fuhr er fort, »welche empört sind, daß die Regierung so stillschweigend und gleichgültig die Entthronung eines englischen Prinzen angesehen hat, wenn alle diese Elemente vereinigt werden, wenn in richtiger Weise durch die Presse, vielleicht von der Tribüne herab auf die öffentliche Meinung in England gewirkt wird, wenn vor allem der König selbst dorthin käme, so –«

»Sie glauben, daß der König Georg Sympathien, das heißt tätige Sympathien, mehr als bloßes Bedauern, dort erregen würde?« fragte der Kaiser ein wenig aufmerksamer.

»Ich bin davon überzeugt,« sagte Mr. Douglas.

»Doch,« fragte der Kaiser, den Kopf leicht auf die Seite neigend. – »Sie sprachen von Rußland –« »Dies ist die größte Aufgabe Eurer Majestät,« sagte Mr. Douglas, »in meinem Plan – Rußland von Preußen zu trennen, und,« fuhr er fort, »ich bin überzeugt, daß ich sie lösen werde.«

»Ah!« rief der Kaiser unwillkürlich.

»Ja, Eure Majestät,« sagte Mr. Douglas, die Hand erhebend, »ich werde in Rußland die Gefahren zeigen, welche die deutsche Bewegung dem russischen Reich später bringen muß, die Gefahren, welche sie dem legitimen Recht schon gebracht hat, ich werde zeigen,« fuhr er lebhafter fort, »daß Rußland Preußens nicht bedarf, wenn es sich mit Österreich über die Frage der Donauländer und mit England über den Handel des schwarzen Meeres verständigt.«

Eine urplötzliche Bewegung zuckte über die Gesichtszüge des Kaisers, ebenso schnell aber nahmen dieselben wieder ihre frühere Ruhe an und noch tiefer senkten sich die Lider auf seine Augen herab.

»Ich weiß,« fuhr Mr. Douglas fort, »es gibt viele, die diesem Gedanken in St. Petersburg zugänglich sind, und auch hier wird mir die Sache des Königs von Hannover als Einführung dienen, der Kaiser selbst ist in seinem inneren Gefühl unangenehm berührt durch die Entthronung des Königs, mehr noch der Hof des Großfürsten Konstantin, und der Großfürst-Thronfolger erblickt in dem preußischen Deutschland große Gefahren für Rußland.«

»Ist man in Wien davon unterrichtet?« fragte der Kaiser leichthin.

»Es war in Wien,« sagte Mr. Douglas, »wo ich darauf besonders aufmerksam gemacht bin.«

»Und Herr von Beust teilt Ihre Anschauungen?« fragte der Kaiser.

»Er hat mir alle Unterstützung versprochen und der österreichische Vertreter wird mich dort – neben den Empfehlungen des Königs von Hannover einführen.«

Der Kaiser schwieg.

»Ich bitte nun Eure Majestät,« sagte Mr. Douglas, »auch um Ihre Unterstützung und um eine Empfehlung an Ihren Gesandten, in der Hoffnung, daß Sie meine Ansichten richtig finden, und meine Bemühungen zu ihrer Durchführung fördern wollen.«

»Es ist mir sehr interessant gewesen,« sagte der Kaiser verbindlich, »Ihre weiten und durchdachten Anschauungen über die europäische Politik gehört zu haben,« er drehte leicht die Spitze seines Schnurrbarts, »ich werde mit nicht geringem Interesse vernehmen, welche Aufnahme dieselben in St. Petersburg finden werden, mein Gesandter wird Sie gewiß freundlich empfangen, allein, Sie begreifen, schon der Nationalität wegen – kann eine eigentliche Einführung durch ihn nicht stattfinden.«

»Es ist auch nicht die formelle Einführung, die ich wünsche,« sagte Mr. Douglas, »wenn ich nur die Gewißheit habe und dort aussprechen kann, daß Eure Majestät meine Auffassungen und Bestrebungen teilen.«

»Herr von Beust,« antwortete der Kaiser, »wird wissen, wie große Sympathie ich für Österreich hege und wie sehr ich von dem Wunsche durchdrungen bin, mit dem wiener Kabinett im Einverständnis zu handeln, alle Ansichten, die er zu den seinigen macht, haben deshalb für mich die größte Bedeutung.«

»Aber –« sagte Mr. Douglas.

»Doch,« sprach der Kaiser rasch mit dem Ausdruck verbindlicher Aufmerksamkeit, »Sie sprachen von einem Einfluß auf die englische Presse zugunsten Ihrer Ideen – und der Sache des Königs von Hannover. Haben Sie die Fäden bereits angeknüpft, um einen solchen Einfluß zu begründen? – ich kenne England genau und weiß vollkommen die Macht zu schätzen, welche die englische Presse dort über das Volk und die Regierung ausübt.«

»Ich werde die mir gleichgesinnten englischen Geistlichen zu vereinigen suchen,« sagte Mr. Douglas, »sie werden ihren bedeutenden Einfluß auf unsere Aristokratie, welche große Teilnahme für den König von Hannover hat, anwenden und ich bin gewiß, daß sie eine sehr wirksame Propaganda für meine Ideen machen werden – bis zur Königin hinauf.«

Abermals zuckten die Lippen des Kaisers in unwillkürlichem Lächeln, er beugte den Kopf herab und fuhr mit der Hand über den Bart.

Dann erhob er sich und sagte im artigsten Tone:

»Ich danke Ihnen, daß Sie die Freundlichkeit gehabt, hierher zu kommen und mir Ihre Ideen mitzuteilen, einem so überzeugungsvollen Eifer muß man den besten Erfolg wünschen, und ich kann nur wiederholen, daß es mich sehr interessieren wird, zu erfahren, welche Aufnahme Ihre Gedanken in England und Rußland finden werden.«

Mr. Douglas, der sich ebenfalls erhoben hatte, öffnete den Mund mit einem Ausdruck, als sei er mit der Beendigung der Unterredung noch nicht ganz einverstanden.

»Sie gehen von hier nach St. Petersburg?« fragte der Kaiser immer in demselben verbindlichen Tone.

»Ich habe es so mit Herrn von Beust verabredet,« erwiderte Herr Douglas, »ich will sogleich nach meiner Rückkehr nach Wien dorthin gehen, wenn meine Ansichten bei Eurer Majestät –« »Ich bitte Sie, wenn Sie nach Wien zurückkehren, Herrn von Beust meine Komplimente zu machen,« sagte der Kaiser, »und auch den König von Hannover meiner freundschaftlichsten Sympathie zu versichern, ich habe diesen liebenswürdigen Fürsten in Baden-Baden kennen gelernt und beklage aufrichtig das unglückliche Schicksal, das ihn betroffen hat. – Vor allem bitte ich Sie nochmals, überzeugt zu sein, wie sehr es mich freut, Sie kennen gelernt zu haben, ich hoffe, Sie später noch wiederzusehen und weiter mit Ihnen über Ihre Ideen zu sprechen.«

Und mit anmutiger Höflichkeit neigte er das Haupt.

Mr. Douglas, immer die weitgeöffneten Augen starr auf den Kaiser gerichtet, zog sich langsam zur Tür zurück, verbeugte sich und verließ das Kabinett.

Der Kaiser blickte ihm eine Weile schweigend nach.

»Was will Herr von Beust,« sagte er sinnend, »mit diesem neuen Peter von Amiens, der den allgemeinen Kreuzzug gegen Preußen predigt – und mit der Miene eines Inquisitors meine Erklärung über sein originelles Programm fordert, ist das ein ballon d'essai – oder eine Propaganda für wirkliche Pläne? – Metternich hat mir so dringend empfohlen, diesen sonderbaren Engländer zu hören, es muß doch irgendetwas dahinter sein. – Ich glaube,« sagte er nach einigen Augenblicken nachdenklichem Sinnens, »ich habe sehr wohl getan, diese orientalische Frage ein wenig auf die Spitze zu treiben, Herr von Beust wollte Rußland die Hand reichen, wie dieser politische Clergyman in seinem Eifer ausgeplaudert, nun,« fügte er lächelnd hinzu, »daraus wird nun wohl nichts werden, und im Orient wird alles beim alten bleiben. – Jede auch nur provisorische Lösung jener Frage würde mir ein wirksames Mittel rauben, um dem Spiel meines Einflusses in London und St. Petersburg Nachdruck zu geben.«

Er ging nachdenkend einigemale im Kabinett auf und nieder.

Der geheime Sekretär Pietri trat durch die Portiere der innern Türe.

Napoleon blieb stehen und nickte ihm freundlich zu.

»Haben Eure Majestät Zeit, einige Korrespondenzen zu erledigen?« fragte Pietri.

Der Kaiser neigte zustimmend das Haupt.

Pietri näherte sich dem Tische, seine Papiere in der Hand.

»Schreiben Sie eine vertrauliche Notiz an Baron Talleyrand nach Petersburg,« sagte der Kaiser, »es wird ein englischer Geistlicher, Mr. Douglas, dorthin kommen und ihn aufsuchen, er möge ihn freundlich empfangen, aber äußerst vorsichtig in seinen Äußerungen sein und sich in nichts engagieren.«

Pietri notierte den Namen mit seinem Crayon auf ein Blatt Papier.

»Avisieren Sie zugleich,« fuhr der Kaiser fort, »unsern geheimen Agenten dort –«

»Madame de Ronqueur?« fragte Pietri.

»Dieselbe,« sagte Napoleon. – »Sie ist sehr gewandt und nützlich?« fragte er sich unterbrechend.

»Ungemein gewandt, Sire,« sagte Pietri, »sie leistet große Dienste und weiß jeden Schein einer politischen Tätigkeit zu vermeiden –«

»Schreiben Sie ihr also: es läge mir sehr viel daran, genau zu wissen, was dieser Mr. Douglas dort tut, wen er sieht, wenn es möglich ist, – was er mit den politischen Persönlichkeiten spricht und wie weit er durch die österreichische Vertretung souteniert wird, er muß sehr genau überwacht werden.«

»Zu Befehl, Sire,« sagte Herr Pietri.

Der Kaiser trat einen Schritt näher zu ihm.

»Haben Sie einen Weg in die englische Presse?« fragte er.

»Gewiß, Sire,« erwiderte der geheime Sekretär, »Chronicle, – Herald –«

»Ein Blatt, in welchem niemand irgendwie einen hiesigen Einfluß vermuten könnte, wäre mir lieber, könnte nicht Daily News –?«

Pietii sann nach.

»Auch das würde sich machen lassen,« sagte er, »es müßte nur kein Gegenstand von spezifisch französischem Interesse sein.«

»Nein, nein,« rief der Kaiser, »das ist es nicht. – Sie wissen,« fuhr er fort, noch näher zu Herrn Pietri tretend und die Stimme ein wenig dämpfend, »Sie wissen, daß ich in Petersburg ein wenig weitgehende Ideen habe aussprechen lassen – in betreff des Orients, ich wünsche jetzt aber dieser Sache keine weitere Folge zu geben, ohne meinerseits offiziell und spontan meine Ansichten zu modifizieren, es wäre der Augenblick, daß England intervenierte und sich gegen jede Änderung des Status quo erhöbe, um jede weitere Erörterung dieser bedenklichen Frage abzuschneiden und zugleich dem Petersburger Kabinett gegenüber die Gehässigkeit auf sich zu nehmen, von welcher Herr von Beust schon einen Teil bereitwilligst übernommen hat,« fügte er lächelnd hinzu.

»Ich verstehe,« sagte Pietri, »eine kleine diplomatische Indiskretion –«

»Welche aber dem Anschein nach aus Wien kommen müßte,« warf der Kaiser ein, »oder aus Berlin,« sagte er nach einem augenblicklichen Nachdenken, den Schnurrbart drehend. »Dann einige Winke über die Gefahren, welche dem europäischen Frieden aus einem gegenwärtigen Antasten der orientalischen Frage erwachsen könnten,« fuhr Pietri fort, »über die Aufgabe Englands, dem Vordringen Rußlands im Orient entgegenzutreten –«

Der Kaiser nickte mehrmals mit dem Kopf.

»Die englische Presse wird Feuer fangen und die englische Diplomatie wird sofort ihre Schuldigkeit tun,« sagte Pietri.

»Schreiben Sie den Artikel und zeigen Sie ihn mir französisch,« sprach der Kaiser, »Sie glauben ihn in Daily News erscheinen lassen zu können?«

»Einen solchen Artikel unbedenklich,« erwiederte Pietri, »und ohne daß die Redakteure selbst ahnen sollen, woher er kommt.«

»So lesen wir denn die Briefe,« sagte der Kaiser, »aber nur das Notwendigste, ich möchte ein wenig ausfahren.«

Und er setzte sich an seinen Schreibtisch, während Pietri die Papiere auseinander breitete, welche er in der Hand hielt.

Neunzehntes Kapitel.

Die Abendsonne sank auf das stille Dorf Blechow im hannöverischen Wendlande nieder, langsam zogen sich die Bauern in die Häuser zurück, hie und da entzündete sich ein Licht im Innern und schimmerte in den immer tiefer herabbunkelnden Abend hinaus, mit seinem zitternden Strahl einzelne Gruppen von jungen Burschen und Mädchen beleuchtend, welche bald lachend und scherzend, bald leise flüsternd und kosend vor den Türen der Häuser sich zusammengefunden hatten und diese Stunde des geselligen Beisammenseins so lange als möglich ausdehnten. Dann folgten die Mädchen langsam und zögernd, mit leichtem Händedruck Abschied nehmend oder kichernd und errötend vor einem kecken Scherz flüchtend, den wiederholten Rufen, welche aus dem Innern der Häuser mahnend ertönten – und bald lag alles in tiefer Stille und Dunkelheit, nur die allmählich überall erleuchteten Fenster und die hier und dort anschlagenden Hunde zeugten von dem Dasein der Bewohner in dem schweigenden Dorfe.

Oben auf der Anhöhe zeichneten sich gegen den mehr erblassenden Abendhimmel die mächtigen Umrisse des Amtshauses mit seinen hohen Bäumen ab, aber in dem großen Gebäude, das sonst, als der Oberamtmann von Wendenstein hier Haus hielt, in hellem Lichtglanz strahlte, hatten sich nur wenige Fenster erleuchtet, der neue preußische Verwalter des Amtes war ohne Familie und wohnte allein mit seinem Diener in dem weiten Hause, auf der andern Seite schimmerte ein Licht von dem stillen Pfarrhause herab, dort oben saß der Pastor Berger in ruhigem Gespräch mit dem Kandidaten Behrmann. Wehmütig folgten seine Gedanken den seinen Freunden, mit denen er hier eine lange Reihe froher und ernster Tage durchlebt hatte, mit Trauer gedachte er der vergangenen, auf immer dahin geschwundenen Zeit, aber mit Dankbarkeit und stiller Freude dachte er auch daran, daß diese neue Zeit, wenn sie ihm auch schmerzliche Trennung von lieber Gewohnheit auferlegte, doch seinem Kinde Glück und eine frohe, sonnige Zukunft gebracht habe.

Im Innern der Häuser erklangen auch fast an jedem Herde in den Gesprächen der Familien die Erinnerungen an die Vergangenheit, mehr ober minder vermischt mit zornigen Ausbrüchen gegen die neuen Zustände, welche an die Stelle jener lieben Vergangenheit getreten waren und das, was früher alltäglich und selbstverständlich gewesen war, nun in höherem, verklärtem Reiz erscheinen ließen.

In dem großen, reichen Hause des Bauermeister Deyke war das Abendessen fast beendet.

Der alte Deyke saß an dem Ende des Tisches, das Brot mit dem großen Messer vor sich, ihm zur Seite seine junge Schwiegertochter Margarete, welche seit den Weihnachtstagen als glückliche, junge Frau eingezogen war und mit ihren geschickten Händen dem alten, wohlgeordneten Haushalt neues Leben eingeflößt hatte. Sie trug die kleidsame Tracht der Bäuerinnen des Landes sauber und zierlich von feinerem Stoff gearbeitet und mit sicherer Gewandtheit versah sie ihre Pflichten als Hausfrau, den Knechten und Mädchen die kräftigen Speisen zuteilend, strahlendes Glück leuchtete aus ihren Augen, ihr Mann, der ihr gegenüber zur andern Seite des Vaters saß, folgte mit den entzückten Blicken seiner blauen, treuen Augen den anmutig geschäftigen Bewegungen der jungen Frau, und die strengen, scharfen Züge des Alten verklärten sich in freundlichem Schmunzeln, wenn seine Schwiegertochter ihm mit sorgsamer Aufmerksamkeit die besten Bissen auswählte und auf den Teller legte. Wenn dann die junge Frau den Blicken ihres Mannes oder seines Vaters begegnete, dann überflog wohl eine flüchtige Röte ihre Wangen und in lieblicher Verschämtheit schlug sie die Augen nieder, befangen durch die noch neue Würde ihrer Stellung.

Der Alte warf einen scharfen Blick über die Tafel hin, als er sah, daß alle Teller geleert waren, erhob er sich, faltete die Hände, und nachdem alle seinem Beispiele gefolgt waren, sprach er langsam mit ernstem, kräftigem Tone das alte, einfache Tischgebet des lutherischen Katechismus, alle sprachen, das Haupt neigend, das »Amen« mit, so war es unvordenkliche und unabänderliche Sitte in dem alten Bauernhause.

Dann nahm die junge Hausfrau das Brot vom Tisch, das »liebe Brot«, dem man in den rechten, alten Bauernhäusern eine Art von religiöser Ehrfurcht zollt, als der unmittelbarsten und reinsten Gottesgabe, der Frucht bäuerlicher Arbeit, der Grundlage alles bäuerlichen Wohlstandes, sie trug es selbst an seinen Ort im großen Schranke, die Knechte entfernten sich mit einem kurzen, ehrerbietigen »Gute Nacht« – und bald hatten die Mägde unter der Aufsicht Margaretens das Geschirr und Tischtuch abgeräumt und fortgetragen.

Der alte Deyke setzte sich in einen weiten, bequemen Lehnstuhl mit braunem Leder überzogen, seine Schwiegertochter stellte die Lampe mit der Glocke von weißem Milchglas – eine städtische Neuerung, welche sie in das alte Bauernhaus gebracht hatte, welche aber von dem Alten sehr wohlgefällig aufgenommen war – auf den Tisch und reichte ihrem Schwiegervater mit freundlichem Lächeln die gestopfte, halblange Pfeife, zugleich mit einer kleinen Zange die rotglühende Kohle auf den Tabak legend. Der alte Deyke tat einige große Züge und blickte dann mit einem so milden Ausdruck, dessen man sein hartes, scharfes Gesicht gar nicht für fähig gehalten hätte, auf die anmutige, junge Frau hin, welche zwei Gläser mit schäumendem Braunbier füllte und dann vor den Alten auf den Tisch die große Hausbibel in schwarzem Lederband niederlegte, in welcher er des Abends, wenn er nicht den Plaudereien seiner Kinder lächelnd zuhörte, wohl ein oder das andere Kapitel zu lesen pflegte.

Dann rückte sie einen Stuhl nahe zu ihrem Manne, welcher dem Vater gegenüber saß, und indem sie zum erstenmale am Tage in dieser traulichen Abendstunde die fleißigen Hände im Schoße ruhen lieh, lehnte sie ihr Haupt leicht an die Schulter des kräftigen, jungen Bauern, der sanft und leise mit seiner starken, arbeitsfesten Hand über ihr reiches, zierlich gescheiteltes Haar strich.

»Bald ist's ein Jahr,« sagte der alte Deyke sinnend, indem er einen langen Schluck aus seinem Glase tat und bedächtig die ringelnden Rauchwolken von sich blies, »bald ist's ein Jahr, daß wir hier des braven Oberamtmanns Geburtstag zum letztenmal« feierten, der gute, vortreffliche Herr, er ahnte damals wohl nicht, was das Jahr bringen würde, ihm, dem König und dem Lande!«

Margarete neigte das Haupt tiefer an die Brust des Gatten, es bewegte sie stets schmerzlich, wenn die großen Ereignisse berührt wurden, welche ihr angeborenes preußisches Vaterlandsgefühl in Konflikt brachten mit den Empfindungen, welche sie bei all den braven und treuen Menschen fand, die sie in ihrer neuen und lieben Heimat umgaben.

Fritz Deyke biß die Zähne zusammen, ein zorniger Ausdruck flammte über sein Gesicht und mit gepreßter Stimme sprach er:

»Ich muß nicht daran denken, was dies Jahr über uns gebracht hat, sonst erfaßt mich ein wütender Grimm, wenn ich an den König denke, der da fern in der Verbannung lebt, wenn ich an unsere Soldaten denke, die sich so tapfer geschlagen haben – überall und immer, bis zuletzt, und wenn ich dann die fremden Uniformen sehen muß, da möchte man an der Gerechtigkeit Gottes verzweifeln!«

Ernst sprach der Alte: »Das muß man niemals, können wir die Wege des Herrn ermessen? – wohl blicke ich mit Schmerz in die Vergangenheit, in welcher mein altes Leben fester gewurzelt ist, als das deine, mein Sohn, aber ich vermesse mich nicht, Gott zu meistern in seinen großen Urteilen über Fürsten und Völker. – ›Seid Untertan der Obrigkeit, die über euch Gewalt hat‹,« fuhr er nach einigen Augenblicken fort, »sagt unser würdiger Pastor Berger, der ja wahrlich die alte Zeit in treuer Erinnerung trägt und von ganzem Herzen unserem armen Könige ergeben ist, und wir haben ja auch hier gewiß nicht über die neue Obrigkeit, der Gott die Gewalt gegeben, zu klagen, der Herr von Klentzin, das muß man ihm lassen, ist ein tüchtiger, gerechter und wohlwollender Mann, wenn er auch nicht so versteht zum Herzen des hannoverischen Bauern zu reden, wie der Oberamtmann, er meint es doch gut, und was mir am besten gefällt, er achtet unsere Liebe und Anhänglichkeit für das Alte –«

»Aber –« rief Fritz in unwilligem Tone.

Schnell erhob Margarete ihren Kopf von seiner Schulter, ihr Auge blitzte und indem eine flüchtige Röte ihre Wangen überzog, sprach sie lebhaft:

»Es ist nicht recht von dir, zu murren über das Schicksal, und du hast auch keinen Grund dazu, hat das letzte Jahr, das so viel verändert in der Welt, uns nicht zusammengeführt, und hat uns und unserem Hause der Segen Gottes gefehlt? – Was haben wir hinauszusehen in die Welt, wenn Frieden und Glück in unserem Hause wohnt! – Laß den Streit der Könige, er liegt uns nicht so nahe, als unser Haus und Hof und – unsere Liebe, Gott ist Richter über sie, und ist ein Unrecht geschehen, so wird er es zu finden und zu vergelten wissen! – Sieh,« sprach sie sanfter, »dort hängt das Bild deines Königs, ich ehre es – und ich bete oft für den armen Herrn, aus Liebe zu dir, ich habe nicht verlangt, auch das Bild meines Königs dort aufzuhängen, wie es mir Gewohnheit ist, seit ich denken kann, aber es tut mir weh im Herzen, wenn ich Zorn und Haß bei dir sehe, wenn ich sehe, daß du nicht daran denkst, daß – wir beide doch vor allem Eintracht, Versöhnung und Liebe in diese Zeit des Streites und der Feindschaft tragen sollten.«

Ihre klaren Augen schimmerten in feuchtem Glanz und eine Träne rann langsam über ihre Wange herab.

Rasch reichte der junge Bauer ihr die Hand, zog sie an sich und küßte ihre Augen. Er sagte nichts, aber der zornige Ausdruck verschwand von seinem Gesicht und mild und freundlich ruhte der warme Blick seines blauen Auges auf ihrem erregten Gesicht.

»Margarete hat Recht,« sagte der Alte, ernst zu den Kindern hinüberblickend, »pflegen wir den Frieden des Hauses, wenn da draußen die Stürme brausen, sorgen wir, daß auch unter der neuen Obrigkeit Recht und Gerechtigkeit im Lande walten, und danken wir Gott für das Gute, das er uns gab, hat er uns doch viel Segen ins Haus geführt.«

Sein Blick ruhte freundlich auf der jungen Frau, dann schlug er wie unwillkürlich die Bibel auf, das große Buch öffnete sich an der Stelle der Psalmen, wo der Alte so oft Trost und Erbauung gesucht hatte, langsam wendete er einige Blätter um, dann hielt er inne, sein Blick heftete sich auf eine Stelle des aufgeschlagenen Buches und mit ruhiger, fester Stimme las er:

»Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, daß in unserem Lande Ehre wohne; daß Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; daß Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue; daß uns auch der Herr Gutes tue, damit unser Land sein Gewächs gebe; daß Gerechtigkeit dennoch vor ihm bleibe und im Schwange gehe!«

Sanft drückte Fritz seine junge Frau an sich, dann erhob sich diese, eilte hinüber zu dem Alten, der langsam das Buch wieder geschlossen hatte, und küßte in lieblich, demütiger Bewegung seine Hand, wahrend er die andere liebevoll auf ihr Haupt legte.

Während so das Leben des Dorfes Blechow sich in das Innere der Häuser zurückzog und tiefe Stille sich auf den Straßen und weit umher auf den Feldern verbreitete, erschien am Saume des dunkeln Föhrenwaldes, welcher sich ganz nahe an das Dorf heranzog, ein Reiter auf einem schlanken, schönen Pferde.

Langsam bog er sich vor und spähte rechts und links am Walde hin und die Straße hinab.

Als sich seinem Blick nichts zeigte, als die stillen Bäume und der weiße Strich des zum Dorfe hinabführenden Weges, da stieg er langsam ab, klopfte sein Pferd auf den schlanken, schweißbebeckten Hals, führte es ein wenig von der Straße in den Wald hinein und band es sorgfältig mit den Zügeln an einen Baum.

»Dank, mein tapferes Tier, sagte er, während das Pferd ihn erstaunt mit den großen, klugen Augen ansah, »du sollst bald geholt werden und den Lohn für deine Mühe erhalten, wir haben einen schönen Ritt gemacht, und einen guten Vorsprung gewonnen, freilich,« sagte er seufzend, »hilft das nicht viel in der heutigen Zeit der Telegraph«, nun immerhin vorwärts, hier bin ich auf bekannten Wegen.«

Er zog die Pistolen aus den Halftern und schritt langsam den Weg zum Dorfe hinab, von wundersam wechselnden Gefühlen bewegt. Tiefe Wehmut erfüllte ihn, wenn er der vergangenen Zeit gedachte, da er hier als Knabe gespielt, da er von der Garnison her froh dem elterlichen Hause zugeeilt war, das jetzt dort oben so finster und schweigend da lag, während er flüchtig, verfolgt dieser Straße folgte, an welcher jeder Stein, jeder Strauch ihn heimisch begrüßte. Mit Schmerz und Trauer dachte er an das Glück, das er hier gefunden, dessen höchster Blütenkranz ihm so nahe gewesen war und von dem er nun so plötzlich fern hinaus in die unbekannte Zukunft geschleudert wurde, aber bei dem allem schlug sein Herz doch mit einer gewissen freudigen Erregung unter dem Reiz dieser abenteuerlichen Lage. Diese Flucht mit ihren Gefahren, das Leben voll bunten Wechsels, voll reicher Bewegung, dem er entgegenging, das alles sprach zu seinem jungen, lebensdurstigen Herzen mit geheimnisvollen Zaubertönen, welche um so tiefer in seiner Seele wiederklangen, da sie sich mit der wehmütigen Erinnerung an die Vergangenheit vermischten.

Leichten Schrittes, die aus den Fenstern fallenden Lichtstreifen sorgfältig vermeidend, schritt der junge Mann durch die Dorfstraße und erreichte, ohne jemand zu begegnen, das Haus des alten Deyke. Er ging zur Seite nach dem erleuchteten Fenster hin, der Haushund sprang laut anschlagend gegen ihn an, erkannte aber sogleich den früher oft gesehenen Freund des Hauses und richtete sich freundlich wedelnd an ihm empor.

Der junge Mann näherte sein Gesicht den Scheiben und sah den alten Deyke mit der Bibel in der Hand, er sah Margarete aufstehen und die Hand des Alten küssen, die Familie war allein, rasch eilte er zur Tür, öffnete dieselbe so geräuschlos als möglich und trat im nächsten Augenblick in das Wohnzimmer unter diese drei braven und treuen Menschen, welche noch bewegt waren von der vorhergegangenen Szene.

»Mein Gott, der Herr Leutnant!« rief Fritz aufspringend und eilte dem jungen Mann entgegen.

Der alte Deyke richtete mit tiefem Erstaunen den Kopf empor und erhob sich langsam, wahrend Margarete ihre Schürze glatt strich und in zögernder Verlegenheit ihrem Manne folgte.

Herr von Wendenstein drückte Fritz herzlich die Hand und trat dann zu dem Alten in den hellen Lichtkreis der Lampe.

»Willkommen, Herr Leutnant,« rief dieser, kräftig die Hand des jungen Mannes schüttelnd, »herzlich willkommen! was führt Sie hierher, zu so später Stunde, wohin –«

»Aber um Gotteswillen,« rief Fritz, »wie sehen Sie aus, bestaubt, erschöpft, Pistolen in der Hand, was gibt es, was ist passiert –?«

»Ruhig, meine lieben Freunde,« sagte der Leutnant, »ruhig, sprecht nicht so laut,« und mit einem eigentümlichen, halb heitern, halb wehmütigen Lächeln setzte er hinzu: »ich bin auf der Flucht –«

»Auf der Flucht!?« rief Margarete in angstvollem Tone, wählend der alte Deyke und sein Sohn in stummem Erstaunen den jungen Mann ansahen, dessen außergewöhnliche Lage und plötzliche Anwesenheit sie nicht begreifen konnten.

»Ah,« sagte der Leutnant, sich schnell zu der jungen Frau wendend, »da ist ja die liebe Margarete, der ich auch einen guten Teil meines Lebens danke, und hübscher als je in der neuen Würde als Hausfrau, meinen herzlichen Glückwunsch!«

Er reichte der jungen Frau die Hand und sagte lächelnd zu Fritz hinüberblickend: »Dir vor allem meinen Glückwunsch, uns beiden hat der Krieg Glück gebracht, du hast das deine in Sicherheit, während ich –«

»Aber nun, ich bitte, Herr Leutnant,« rief Fritz, »erzählen Sie, was gibt es? – ist es Ernst oder Scherz –?«

»Es ist Ernst, wirklicher Ernst,« sagte der Leutnant, »ich bin auf der Flucht und die ganze Polizei, alle Gendarmen sind wohl jetzt schon auf meiner Fährte!«

»Warum, mein Gott, was ist geschehen?«

»Warum?« sagte Herr von Wendenstein, »ich weih es selbst kaum, was geschehen ist – das ist einfach, man hat mich arretiert, in das Polizeigefängnis in Hannover gesetzt, und ich bin geflohen, meine Rettung hängt davon ab, daß ich so schnell als möglich Hamburg erreiche und dort auf ein Schiff gelange, bis hierher bin ich glücklich gekommen, jetzt mußt du mir weiter helfen und mir diesmal die Freiheit retten, wie du mir das Leben gerettet hast, ich werde niemals aus deine Schuld herauskommen. – Doch vor allem bitte ich die junge Frau, mir etwas zu essen zu geben, denn ich verkomme vor Hunger und Durst.«

Margarete eilte hinaus.

Der Leutnant setzte sich an den Tisch.

»Nun aber sagen Sie uns, was diese traurige Sache bedeutet,« sprach der alte Deyke, ich habe wohl etwas gehört von Dingen, die im Werke! sind, verzeihen Sie die Frage, Herr Leutnant, sind Sie unvorsichtig gewesen und haben sich in Verschwörungen eingelassen?«

Mit fast väterlicher Teilnahme und sorgenvoller Spannung ruhte sein Blick auf dem jungen Mann.

»Nein, guter Deyke,« antwortete dieser, »ich bin nicht unvorsichtig gewesen und habe mich auf Nichts eingelassen, wißt Ihr,« fuhr er fort, »es sieht nach Krieg aus in der Welt und bald vielleicht kann der Moment kommen, wo der König wieder ins Feld zieht, um sein Land wieder zu erobern, da sind denn viele Offiziere und Soldaten ausgezogen, um sich jenseits der Grenze zu vereinen und bereit zu halten; ich aber hatte mich entschlossen, ruhig abzuwarten, ob wirklich der Krieg ausbräche, wie mein Vater es riet.«

»Er hat Recht gehabt wie immer, der Herr Oberamtmann,« rief der alte Deyke, kräftig auf den Tisch schlagend, »auch hier im Dorfe spukte so etwas herum – und mancher junge Bursche sind zu mir gekommen und haben mich um Rat gefragt, ich habe aber allen geraten, hier zu bleiben und zu warten –«

»Aber,« sagte Fritz, der mit lebhafter Spannung dem Leutnant zugehört hatte, »früher, zur Franzosenzeit, da waren doch so viele junge Burschen ausgezogen und dienten in der deutschen Legion, Ihr habt uns selbst oft davon erzählt, Vater.«

»Das war etwas anderes,« sagte der Alte ernst, »damals hatte der König sein englisches Land und seine Armee im Felde, und die hannoverschen Jungen, die da auszogen, waren rechtliche Soldaten und standen im offenen Felde, jetzt aber sollen sie herumziehen in fremden Ländern ohne regelrechte Tätigkeit und Ordnung, ohne Heimat und Schutz, das tut nicht gut, wenn der König wieder dasteht im Felde und seine Soldaten ruft, dann werde ich keinen zurückhalten, der hingehen will zu der alten Fahne, aber so weit ist es noch nicht, und so weit wird es auch wohl nicht kommen,« sagte er das Haupt neigend. – »Doch,« fragte er nach einem kurzen Schweigen, das sein Sohn nicht zu unterbrechen wagte, obgleich seine Mienen deutlich zeigten, daß er die Ansicht seines Vaters nicht teilte, »warum hat man Sie denn verhaftet, Herr Leutnant?« »Ich weiß es nicht, man muß Verdacht geschöpft haben, und dann nach meiner Verhaftung hat man meine Wohnung durchsucht und Papiere gefunden, die meinen Freunden gehörten, da muß ich denn nun die Verantwortung tragen, und wie es scheint, will man sehr strenge vorgehen, darum bin ich mit Hilfe von Freunden, die ich zum Teil selbst nicht kenne, geflohen, und gelingt es mir nicht zu entkommen, so sehe ich langer, langer Haft entgegen.«

Der Alte schüttelte traurig den Kopf.

»Welcher Schmerz für Ihre Frau Mutter!« sagte er leise.

»Wir bringen Sie fort, Herr Leutnant,« rief Fritz, »durch die Heide, da findet Sie kein Mensch.«

Margarete kam zurück. Sie trug eine große Platte mit kalten Fleischspeisen und eine Flasche Wein, breitete ein schneeweißes Tuch auf den Tisch, und bald war der Leutnant eifrig beschäftigt, durch die kräftigsten Angriffe auf die Erzeugnisse der Küche des wohlhabenden Hauses seine erschöpften Kräfte wieder zu ersetzen.

Der alte Deyke sah einen Augenblick mit zufriedenem Lächeln und mit jener fast ehrerbietigen Rücksicht, welche in den alten rechten Bauernhäusern dem Appetit des Gastes gezollt wird, der eifrigen Tätigkeit des jungen Mannes zu, dann sprach er langsam und bedächtig:

»Da das Unglück nun einmal geschehen und es so weit gekommen ist, so muß alles geschehen, um Sie so schnell als möglich in Sicherheit zu bringen, klären sich die Sachen später zu Ihren Gunsten auf, so ist es immer besser, Sie warten das in sicherer Ferne ab. – Mein Rat ist,« fuhr er fort, »Sie ruhen eine Stunde aus, dann spannen wir den kleinen Korbwagen an und Fritz fährt Sie durch die Heide, er kennt die Wege, und, so Gott will, sind Sie morgen in Hamburg.«

»Vortrefflich, vortrefflich,« rief der junge Mann, »aber,« fügte er zögernd hinzu, »ich möchte gern, da ich einmal hier bin, den alten Pastor Berger sehen, von ihm Abschied nehmen, ihm Grüße für Helene auftragen, wer weiß, wann ich alle wiedersehe,« sagte er mit weichem Tone.

»Ich will gleich zum Pfarrhause gehen,« rief Fritz, »der Pastor kommt gewiß gern her, Sie dürfen nicht ausgehen, man könnte Sie doch sehen, und wenn Sie hier auch gewiß niemand mit Absicht verrät, so ist es doch besser, daß Sie vollkommen ungesehen bleiben –«

»Ich weiß nicht, ob es gut ist,« sagte der Alte, »den armen Herrn in Unruhe zu versetzen und die Gefahr der Entdeckung zu vermehren,« doch schon war Fritz hinausgegangen, leichten Schritts das Dorf durcheilend stieg er die sanfte Anhöhe zum Pfarrhause hinauf.

Er fand den Pastor in seinem Lehnstuhl, seine lange Pfeife im Munde, auf dem Tische befanden sich mehrere Zeitschriften und einige Bogen Papier. Der Kandidat las aus einem der Hefte vor und der alte Herr hörte aufmerksam zu, machte von Zeit zu Zeit einige Bemerkungen zu dem Gelesenen, welche der Kandidat mit ruhiger, freundlicher Aufmerksamkeit entgegennahm, und notierte auch wohl hie und da einen Gedanken, der ihm während der Lektüre gekommen war.

Bei dem Eintritt des jungen Bauern zu dieser ungewöhnlichen Stunde erhob der alte Herr verwundert den Kopf.

Fritz Deyke drehte mit einem Seitenblicke auf den Kandidaten verlegen die Mütze hin und her.

»Herr Pastor,« sagte er zögernd, »mein Vater, der gerne mit Ihnen über etwas gesprochen hätte, läßt Sie recht freundlich bitten, ob Sie nicht die Güte haben wollten, einen Augenblick zu ihm zu kommen.«

Es war eine so ungewöhnliche Bitte, die der junge Bauer da aussprach, daß der alte Deyke zu dieser für die Gewohnheiten des Landlebens so späten Stunde den Pastor sprechen wollte, daß er dazu dann nicht selbst kam, das lag so ganz außerhalb der gewohnten Verhältnisse, daß der Pastor einen Augenblick schweigend den jungen Menschen ansah, während der scharfe Blick des Kandidaten von der Seite forschend auf ihm ruhte.

»Der Herr Pastor werden verzeihen,« sagte Fritz mit einiger Verlegenheit, »es ist eine Familienangelegenheit, der Vater hat eben eine Nachricht bekommen und er ist nicht ganz wohl, da möchte er Ihren Rat haben, und wenn die Bitte, noch jetzt zu ihm zu kommen, nicht zu unbescheiden ist –«

Der Kandidat stand auf.

»Es ist wohl eine Sache, die nur an dich persönlich gerichtet ist, lieber Oheim,« sprach er mit sanfter Stimme, »ich lasse dich mit Fritz allein, soll ich dich abholen?« fragte er, »der Weg ist uneben –« und abermals richtete sich sein Blick forschend auf den jungen Bauer.

»Ich werde den Herrn Pastor zurückführen;« rief dieser, »ich bitte den Herrn Kandidaten, sich nicht zu bemühen.«

Dieser senkte die Augen und leicht den Kopf gegen Fritz neigend, verließ er das Zimmer durch die Tür, welche in das Nebengemach führte.

Diese Tür schloß sich langsam hinter ihm, man hörte das laute Klappen des Schlosses. War es Zufall, daß das Schloß nicht faßte und die Tür zurückspringend eine kleine Spalte offen ließ?

Fritz bemerkte es nicht, denn kaum hatte der Kandidat sich entfernt, so trat er eilig einen Schritt naher zu dem Pastor und rief mit einer Stimme, welche durch das seiner einfachen Natürlichkeit so ungewohnte Bestreben, sie zu dämpfen, nur noch lauter wurde:

»Der Herr Leutnant von Wendenstein ist auf der Flucht hier, sie haben ihn in Hannover verhaftet, er muß schnell durch die Heide weiter und wünscht den Herrn Pastor zu sprechen, um von Ihnen Abschied zu nehmen!«

»Mein Gott!« rief der Pastor, erschrocken aufspringend, »warum, – wie?«

»Kommen Sie, kommen Sie schnell, er wird Ihnen alles erzählen, es ist keine Zeit zu verlieren.«

Fast mechanisch vertauschte der Pastor sein Hauskäppchen mit dem Barett, zündete eine kleine Laterne an und verließ, auf den Arm des jungen Bauern gestützt, das Haus.

Kaum war er hinausgegangen, so öffnete sich langsam die Tür des Nebenzimmers, der Kandidat trat herein.

Der Ausdruck evangelischer Milde war von seinem Gesicht verschwunden, hart und streng waren die Züge, feindlicher Haß zuckte um seine festgeschlossenen Lippen, sein scharfes Auge blickte sinnend gerade vor sich hin.

»Er ist entflohen,« flüsterte er in leise zischendem Tone, »er ist auf dem Wege zur Rettung, aber ein glücklicher Zufall gibt sein Schicksal vielleicht in meine Hände.«

Er schritt schweigend einige Male auf und nieder.

»Ist es nicht besser,« sprach er, »ihn fliehen zu lassen, er kann nicht wieder zurückkommen, wenigstens lange nicht, die Zeit ist mein. – Doch,« fuhr er nach längerem Nachdenken fort, »die Familie wird ihm folgen, sie können in der Schweiz eine Heimat gründen, Helene wird ihm folgen. – Nein, nein,« rief er dann, »er darf nicht entkommen, man wird mit Strenge vorgehen, sein Fluchtversuch kompromittiert ihn noch mehr, der Hochverrat wird mindestens mit einer langen Gefängnishaft bestraft werden, und im Gefängnis heiratet man nicht,« fügte er mit einem bleichen, kalten Lächeln hinzu, er darf nicht entkommen. – Aber wie es verhindern?« sagte er dann, »ich darf persönlich nicht hervortreten.«

Und finster die Augenbrauen zusammenziehend ging er abermals auf und nieder.

Endlich glitt ein leichter Ausdruck von Zufriedenheit über seine Züge.

»Das Mittel ist nicht sicher,« flüsterte er stehen bleibend, »er wird vielleicht einigen Vorsprung gewinnen, es ist indes das einzige, das mir zu Gebote steht.«

Er trat an den Tisch, nahm ein Blatt Papier und beschrieb es eifrig, sorgsam seine Handschrift durch rückwärts gelehnte Buchstaben verstellend.

Dann faltete er das Blatt zusammen, schloß es mit einer Oblate und schrieb auf die Rückseite mit derselbe verstellten Handschrift: »Dem Herrn Baron von Klentzin. – Eilig und dringend!« nahm dann seinen Hut und geräuschlos die Tür öffnend, schritt er in die dunkle Nacht hinaus.

Schnell, aber vorsichtig ringsum spähend eilte er dem Amtshause zu, das in tiefer Stille dalag, er näherte sich dem großen geschlossenen äußeren Tor, lehnte das Papier gegen dasselbe und zog dann mit raschem, starkem Zug an dem Glockenknopf.

Ein schriller Ton durchzitterte die tiefe nächtliche Stille, während der Kandidat mit eiligen Schritten in der Dunkelheit verschwand.

Der Leutnant von Wendenstein hatte inzwischen ein wenig auf dem Bett des alten Deyke geruht und mit jener wunderbaren Elastizität der Jugend, in welcher die körperliche Natur selbst unter den schwersten Aufregungen und Bekümmernissen der Seele ihre Rechte geltend macht, hatte ein kurzer Schlummer seine ermüdeten Glieder erquickt.

Schnell fuhr er empor, als der alte Deyke an sein Lager trat, um ihm zu sagen, daß der Pastor gekommen sei.

Er eilte dem Vater seiner Geliebten entgegen und umarmte ihn in tiefer Bewegung.

Während er dann dem geistlichen Herrn, der noch immer diesen so plötzlich und unerwartet hereinbrechenden Ereignissen gegenüber seine ruhige Fassung nicht wiedergefunden hatte, in schnellen Worten seine Erlebnisse der letzten Zeit erzählte, brachten Fritz und der alte Deyke einen kleinen Korbwagen in Ordnung und spannten eins der kräftigen, wohlgepflegten Pferde davor, Margarete aber füllte einen Korb mit mancherlei Speisevorräten, einer der ältesten und vertrautesten Knechte war geweckt worden und leistete hilfreiche Hand. Alles geschah schweigend und ohne Geräusch.

Es war Mitternacht, als der alte Deyke hereintrat, um zum Aufbruch zu mahnen. Der Pastor hatte ruhig die Erzählung des jungen Offiziers angehört. In stiller Ergebung hatte er die Hände gefaltet und mit tiefem Seufzer leise gesagt: »Arme Helene!«

»Wenn ich in Sicherheit bin,« rief der Leutnant, »so senden Sie ihr meine Grüße, meine treuesten, liebevollsten Grüße, noch weiß ich nicht, wie die Zukunft sich gestaltet, aber was sie auch bringen möge, mein Herz gehört ihr für ewig, und wenn es nicht anders ist, so wird sich ja auch in fremdem Lande eine Heimat gründen lassen, die unserer Liebe und unserem Glück eine Stätte bietet.«

Mit wehmütigem Lächeln sprach, der Pastor: »Gottes Wille geschehe, auch wenn er so schmerzlich eingreift in unsere Hoffnungen und Wünsche. Ich habe seit lange,« fuhr er ernst fort, »meine Gedanken gewöhnt, ihre Richtung nach unserer ewigen Heimat dort oben zu nehmen, aber das Herz zieht sich doch recht traurig zusammen, wenn so die gewohnte irdische Heimat mit ihren Erinnerungen und Hoffnungen zerstört wird.«

»Es ist Zeit zum Aufbruch,« sagte der alte Deyke, »wenn Sie noch vor dem Morgen die schützende Heide erreichen wollen, so ist keine Minute zu verlieren.«

Der Leutnant sprang auf.

»Ihren Segen, mein Vater!« rief er, das Knie vor dem Pastor beugend.

Der geistliche Herr legte die Hand auf sein Haupt und sprach:

»Der Herr segne deinen Ausgang, und beschere dir dereinst wiederum einen gesegneten Eingang, wenn aber sein heiliger Wille es anders beschlossen hat, so sei er mit dir auf deinen Wegen. Amen.«

Dann breitete er die Arme aus und schloß den jungen Mann innig an seine Brust.

»Sie müssen sich auf den Boden des Wagens ins Stroh legen,« sagte der Alte, »damit niemand Sie sieht, bis Sie ganz aus der Umgebung des Dorfes heraus sind.«

»Wird aber nicht diese nächtliche Fahrt Aufsehen erregen,« fragte der Leutnant, »und Eure Knechte und Mägde, sie müssen doch etwas merken?«

»Mein Sohn bricht immer nachts auf, wenn er zur Stadt fährt,« sagte der Alte, »um früh dort zu sein, und meine Leute sind gute und treue Hannoveraner, sie werden schweigen wie das Grab.«

»Aber Margarete, die kleine Preußin?« sagte der Leutnant lächelnd.

Eine unmutige Röte flog über das Gesicht der jungen Frau.

»Hier ist sie nur die Frau Ihres Jugendgespielen,« rief sie lebhaft,« »übrigens,« sagte sie, stolz den Kopf aufwerfend, »ist es in Preußen nicht Sitte, seine Freunde zu verraten!«

Rasch trat der junge Mann zu ihr.

»Ich bitte um Verzeihung,« sagte er mit herzlichem Tone. »Du erlaubst es, mein alter Fritz,« fuhr er dann fort, legte seinen Arm um die Schulter der jungen Frau und drückte einen Kuß auf ihre reine, weiße Stirn.

»Noch eins,« sagte ei, »oben am Ausgang des Waldes dicht neben dem Wege steht das brave Pferd, das mich bis hierher, getragen, es gehört dem Herrn von Eschenberg in Hannover, holt es herein und pflegt es gut in eurem Stall, aber verbergt den Sattel, und habt Ihr Gelegenheit, so laßt Eschenberg wissen, daß es hier ist. – Und nun Gott mit euch!« Er nahm seine Pistolen, stieg in den Wagen und legte sich auf dessen Boden nieder, Fritz folgte ihm, ergriff die Zügel, ein Zungenschlag und dahin rollte der Wagen in die Nacht hinaus.

Lange sahen die Zurückbleibenden ihm nach. Dann führte Margarete den Pastor nach Hause, während der alte Deyke zum Walde hinausging, um das Pferd des Flüchtlings zu holen und ihm ein gastliches Asyl in seinem Stalle zu gewahren.

Der Baron von Klentzin war in seinem Zimmer beschäftigt gewesen, die Arbeiten des täglichen Amtswaltung zu erledigen, und schickte sich eben an, die Ruhe zu suchen, als jener heftige plötzliche Klingelzug das weite Haus durchschallte.

Erstaunt horchte er auf, nach einiger Zeit wurde es langsam im Hause lebendig, der Amtsdiener ging mit schweren Schlitten durch den Korridor, dann hörte Herr von Klentzin die Tür öffnen, lange Zeit darauf wieder schließen, sein Schritt kam herauf und lebhafte Worte wurden im Vorzimmer gewechselt. Der Diener des Herrn von Klentzin trat ein, ihm folgte der Amtsbedienstete.

»Der Herr Baron,« sagte der letztere, »haben gewiß den heftigen Glockenzug gehört, ich habe nachgesehen, es war niemand da, nur dieser Brief war gegen die Tür gelehnt.«

Und er reichte das Papier dem Amtsverwalter.

Dieser nahm es kopfschüttelnd, öffnete es und durchflog den Inhalt. Ein Zug tiefen Unmuts erschien auf seinem Gesicht.

»Ein Drohbrief, wie einige in der letzten Zeit gekommen sind,« sagte er leichthin, das Papier auf den Tisch werfend, und auf seinen Wink entfernten sich die beiden Personen.

»Welche Niedrigkeit!« rief Herr von Klentzin, als er allein war, »nie hätte ich geglaubt, daß unter diesem Volk, dessen Treue und Zähigkeit ich so hoch achten gelernt habe, obgleich sie mir mein Amt so schwer macht, sich diese gemeine Angeberei finden könnte!«

Er ergriff nochmals das Papier und las: »Der frühere Leutnant von Wendenstein, in Hannover wegen Hochverrats verhaftet, ist entflohen, er befindet sich hier im Hause des Bauern Dyke und wird wahrscheinlich seine Flucht selbst durch die Heide nehmen?«

Herr von Klentzin sann nach.

»Noch ist mir amtlich nichts davon mitgeteilt,« sagte er, »die Sache ist möglich, eine Bewegung unter den jungen Offizieren und Soldaten ist im Gange, aber ist es meine Aufgabe, freiwillige Polizeidienste zu tun, diesen Leuten gegenüber, die ja doch,« sagte er seufzend, »im Grunde aus Motiven handeln, die ich achten muß, auf anonyme Denunziationen hin? – Nein, gewiß nicht!« rief er lebhaft, »ist etwas an der Sache, so ist es ja wahrlich auch für uns besser, wenn der Verfolgte entkommt. Was kann es uns nützen, Märtyrer zu schaffen, welchen die Sympathie des Landes gehört und deren Strafe die Erbitterung gegen uns nur steigern kann? Und warum? Weil sie nicht von heute zu morgen die Treue vergessen können, welche sie beschworen hatten. Wahrlich, nicht durch Abschreckung und Einschüchterung werden wir die Herzen in diesem Lande gewinnen, die wir nur mit uns versöhnen können, wenn wir ihnen Achtung und Vertrauen zeigen, wenn wir ihren Schmerz ehren und sie mit schonender Hand in die neuen Verhältnisse einführen.«

Er warf das Papier auf den Tisch und ging in sein Schlafzimmer.

Eine Stunde mochte vergangen sein, als abermals mit lautem Ton die Glocke durch das Haus schallte.

Diesmal war es ein Bote mit einem expressen Brief an den Amtsverwalter.

Herr von Klentzin, der sich schnell erhoben und angekleidet hatte, öffnete denselben und seufzte tief, als er ihn gelesen.

Der Gendarm soll sogleich kommen!« befahl er dem Amtsdiener, der sich eilig entfernte. »Die Sache ist richtig,« sagte er dann traurig, »hier ist die Requisition und der Steckbrief, armer junger Mann, den ich so glücklich hier im Kreise der Seinigen sah, soll ich ihn hier vielleicht von dem Hause seiner Heimat aus dem Gefängnis, der Verurteilung ausliefern? Es ist ein trauriges, trauriges Amt! – Doch meine Pflicht muß ich erfüllen,« fugte er, »der dienstliche Befehl ist da, ich werde ihn ausführen, – aber nicht mehr!«

Er ergriff den Brief des Kandidaten, näherte ihn der Flamme der Kerze und ließ ihn langsam zu Asche verbrennen.

Der Gendarm trat ein.

»Hier ist eine Requisition und der Steckbrief, es ist wahrscheinlich, wie man schreibt, daß der Verfolgte sich in die Heide gewendet hat, reiten Sie sofort aus und suchen Sie ihn zu erreichen.«

Er gab dem Gendarm die Papiere, dieser blickte in den Steckbrief, mit finsterem Ausdruck biß er die Zähne in den Schnurrbart. – Dann grüßte er militärisch und ging hinaus, kurze Zeit darauf hörte man den Hufschlag seines Pferdes, das im scharfen Trabe davoneilte.

»Und nun,« rief Herr von Klentzin, »gebe Gott, daß er ihn nicht erreiche.«

Fritz Deyke war in kurzem, ruhigem Trabe zum Dorfe hinausgefahren auf der Straße nach Lüchow zu. Als die letzten Häuser des Dorfes in der Dunkelheit verschwunden waren, hielt er sein Pferd an und ließ den Leutnant auf den Sitz neben sich steigen, dann wendete er in einen Seitenweg, und das Dorf seitwärts liegen lassend, fuhr er mit aller Schnelligkeit, welche das kräftige Pferd zu entwickeln im Stande war, der Lüneburger Heide Zu.

Beide sprachen wenig, Fritz achtete sorgfältig auf den in der Dunkelheit nur wenig erkennbaren Weg, und der Leutnant folgte, seinen Gedanken, welche bald zurückträumten in den Kreis der Lieben, die er verlassen, bald weit vorausflogen in den geheimnisvollen Reiz der unbekannten Ferne, der er entgegenging.

In einer Stunde hatten sie den Anfang dieses weiten wogenden Meeres von Heidekraut erreicht, in welchem wie auf dem wirklichen Meer nur der Horizont dem Blick sich als Grenze darbietet, der Horizont, der wie eine große Glocke rings diese weite, in kräuselnder Bewegung zitternde Fläche von kleinen Blättchen einfaßt.

Wer nie in dieser Heide war, verbindet mit ihr den Begriff des Wüsten, Öden, traurig Einsamen. So aber ist sie nicht, diese weite, weite, gleichmäßige Fläche; ein reges, wunderbares Leben webt da unten in diesen Wellen der kleinen, zierlichen beweglichen Pflanzenblättchen, welche im Hauch des Windes hin und her beben mit einem leisen, säuselnden Flüstern, und auch noch unter diesen Pflänzchen, da lebt es wieder so reich und mannigfaltig, da bauen kleine Ameisen, unberührt von dem zerstörenden Schritt des menschlichen Lebens, ihre kunstreichen Städte und Magazine, da gehen die kleinen Käfer, die bunten Fliegen einher, und blickt man aufmerksam hinab an irgend einer Stelle, so glaubt man das mikroskopische Bild eines Urwaldes zu sehen, in der freien Entwicklung der schaffenden Natur. Und wenn das Heidekraut in der Blüte steht und dies ganze graugrün wogende Meer sich mit rötlich schimmerndem Hauch überzieht, dann ruht ein süßer, lieblich seiner Duft über dieser weiten Ebene, alle jene kleinen Blütenkelche in ihrer zierlichen Unscheinbarkeit strömen ihre Wohlgerüche wie ein dem Schöpfer dargebrachtes Dankopfer zum Himmel empor, summende Bienenschwärme ziehen darüber hin und farbenschimmernde Schmetterlinge gaukeln und schaukeln auf den Blüten.

Fährt man dann durch diese Welt des stillen Pflanzen- und Insektenlebens, sorgfältig der Spur folgend, welche der letztvorhergehende Wagen das Kraut niederdrückend zurückgelassen hat, so begegnet man hie und da den Herden der Heidschnucken, jener dichtwolligen Schafe mit dem Hirten in seinem Räderkarren, und lange vorher am Horizont auftauchend tritt näher und naher das Gehöft eines Heidebauern heran, eine kleine Oase kultivierten Landes. Man hält an, erfrischt sich, wechselt freundliche Grüße, läßt sich die Spur und Richtung zur nächsten Etappe zeigen und fährt wieder weiter hinaus in die stille Ebene, auf deren unveränderte Ruhe seit Jahrhunderten der Himmel herabblickt, während ringsumher die Welt in schaffendem und zerstörendem Wechsel ihre Gestalt immer von neuem formt und wieder zerbricht.

Rasch und sicher lenkte Fritz sein Pferd durch die schweigende Heide hin, er konnte die Spur nicht sehn in dem Kraut am Boden, aber er kannte die Sternbilder, welche ihm die Richtung angeben mußten, wie alle Bewohner und Anwohner der Heide, und tiefer und tiefer drangen die Flüchtlinge in die gleichförmig wogende Ebene, umhaucht von dem kräftig tannenartigen Geruch der Heidekräuter. In einiger Entfernung folgte dem Wagen der Gendarm von Blechow.

Er ritt langsam an die Grenze der Heide vor, hielt sein Pferd an und lauschte aufmerksam dem immer schwächer werdenden Geräusch des in die schweigende Nacht hinausfahrenden Wagens.

»Dorthin fahren sie,« sagte er dann, »gut – so werde ich sie nach jener Richtung suchen, wo ich sicher bin, sie nicht zu finden. – Glauben sie etwa, die Herren da oben,« murrte er, sich im Sattel zurechtrückend, daß ich den Sohn meines alten Oberamtmanns arretieren würde, den braven jungen Herrn – wegen des neuerfundenen Hochverrats? Ich will ordentlich und pünktlich die Spitzbuben fangen, aber zu solchen Diensten, da mögen sie andere Leute suchen.«

Mit scharfem Schenkeldruck ließ er das Pferd hingehen und ritt rasch in die Heide hinein, weit seitwärts ab von der Richtung, welche der Wagen genommen hatte.

Fritz mäßigte den Schritt seines Pferdes ein wenig, um das Tier nicht zu sehr anzustrengen.

»Hier hat's keine Gefahr,« sagte er, »ich glaube nicht, daß uns irgend jemand hier begegnen wird, die Hauptsache ist, daß wir auf der anderen Seite glücklich heraus und nach Hamburg kommen.«

»Ich bin müde,« sagte der Leutnant, »laß mich die Zeit benützen, um zu schlafen.«

Fritz hielt an, dem Leutnant wurde auf dem Boden des Wagens ein Lager aus Stroh bereitet, auf welches er sich so behaglich als möglich niederstreckte, dann nahm der junge Bauer dem Pferde das Gebiß ab und reichte ihm etwas Brot und Branntwein aus dem Vorratskorbe, und nach kurzem Aufenthalt ging die Fahrt weiter, der Leutnant von Wendenstein war bald in tiefen Schlaf versunken, in welchem ihn die leichte Bewegung des flüchtig über die weiche Ebene hinrollenden Wagens nicht störte.

Die wenigen Stunden bei Nacht flogen dahin, gegen fünf Uhr morgens erhob sich ein gelblicher Schein zur Rechten der Flüchtigen, ein scharfer Wind strich über die Heide hin, das Kraut in rauschenden Wirbeln bewegend, allmählich verblaßten die Sterne, man begann die Linie des aus den äußersten Grenzen des Blickes auf der Ebene ruhenden Horizonts zu erkennen, immer klarer wurde das Licht, leichte Nebel wallten auf und zogen vor dem schärfer wehenden Winde in vielgestaltigen weißen Streifen über die weite Fläche. Gelbrot erhob sich endlich die Sonnenscheibe über den Horizont, im klaren Morgenlicht glänzten die Spitzen der kleinen Blättchen des Heidekrauts.

Fritz ermunterte das Pferd durch einen leichten Zungenschlag zu schnellerem Lauf, zog eine Branntweinflasche hervor und tat einen kräftigen Schluck.

Er hatte einen Reiter nicht bemerkt, welcher hinter dem Wagen von der Seite herkommend durch die Heide hinritt.

Als das erste Licht die weite Ebene erhellte, konnte man die Knöpfe der Uniform dieses Reiters blinken sehen, er hielt sein Pferd einen Augenblick an und folgte dann in schnellem Trabe dem Wagen.

Als der Reiter dem Wagen etwa auf fünfzig Schritt nahe gekommen war, hörte Fritz das Klirren des Säbels, welcher im scharfen Ritt gegen den Steigbügel schlug.

Er blickte schnell rückwärts, erkannte im Strahl der Morgensonne den Gendarm, ein scharfer Peitschenhieb sauste durch die Luft, das Pferd zuckte zusammen, schüttelte schnaubend den Kopf und flog über die Heide dahin, den leichten Wagen fast in Sprüngen nach sich reißend.

Der Gendarm setzte sein Pferd in Galopp.

Herr von Wendenstein fuhr empor, geweckt von den heftigen Bewegungen des Wagens.

»Bleiben Sie liegen, Herr Leutnant, bleiben Sie um Gotteswillen liegen,« rief Fritz, »wir werden verfolgt, ein Gendarm!« und indem er mit der einen Hand den jungen Mann, der sich halb aufgerichtet hatte, in das Stroh zurückdrückte, führte er einen sausenden Peitschenschlag.

Das Pferd, solcher Behandlung ungewohnt, schien instinktmäßig zu begreifen, daß es sich um einen höchst außergewöhnlichen Fall handle, den Kopf weit vorstreckend, öffnete es schnaubend die Nüstern und flog in langen Sätzen dahin, das leichte Gefährt nach sich reißend.

Aber das Gefährt, so leicht es war, hemmte die Schnelligkeit seiner Bewegung, der Gendarm, dessen Pferd in seinem Laufe durch nichts gehemmt war, gewann Terrain, er war dem Wagen bis vierzig Schritt nahe gekommen.

»Halt! – da vorn der Wagen!« rief er mit lauter Stimme.

»Geben Sie die Pistolen, Herr Leutnant,« rief Fritz, »wir können ihm nicht entkommen, und selbst wenn sein Pferd ermüdete, er verliert uns meilenweit nicht aus dem Gesicht –«

Er nahm eine der doppelläufigen Pistolen aus dem Stroh vom Boden des Wagens, und die Zügel mit den Zähnen haltend, spannte er die Hähne.

»Halt da!« rief der Gendarm, »oder ich gebe Feuer!«

Er ließ die Zügel auf den Sattelknopf fallen, man hörte das Knacken des Hahnes an seinem Karabiner.

Mit scharfem Ruck hielt Fritz sein Pferd an.

In wenigen Sekunden war der Gendarm an der Seite des Wagens.

»Halt – zurück!« rief Fritz seinerseits, seine Pistole schußgerecht erhebend, »die Sache ist ernst, mein Freund, ich bin nicht gesonnen, mich ohne weiteres hier anhalten zu lassen, die erste Kugel für Euer Pferd, die zweite für Euch, wenn Ihr mich nicht meines Weges ziehen laßt!«

Der Gendarm erhob den Karabiner und schlug an.

Die Mündungen der Waffen befanden sich in beinahe unmittelbarer Nähe einander gegenüber.

In schneller Bewegung sprang Herr von Wendenstein empor und stand aufrecht im Wagen.

»Ab das Gewehr!« rief er laut im militärischen Kommandoton.

Der Gendarm nahm den Karabiner von der Backe und wie in unwillkürlicher Bewegung rückte er in dienstlicher Haltung sich im Sattel zurecht.

»Kennen Sie mich?« fragte der junge Mann ruhig.

»Zu Befehl, Herr Leutnant,« sagte der Gendarm, »ich bin zuweilen mit Meldungen nach Blechow gekommen, und auch nach Lüchow und habe den Herrn Leutnant öfter gesehen!«

»Haben Sie Order, mich zu arretieren?« fragte Herr von Wendenstein weiter.

»Zu Befehl, Herr Leutnant, an alle Ämter ist eine Requisition und ein Steckbrief gekommen, und von allen Seiten wird nach dem Herrn Leutnant gesucht.«

»Wo haben Sie gedient?«

»Bei den Cambridge-Dragonern, Herr Leutnant, aber lange vor Ihrer Zeit bin ich zur Gendarmerie kommandiert.«

»Ihr seht,« rief Fritz mit ungeduldiger Lebhaftigkeit, »Ihr seid einer und wie sind zwei, Ihr habt einen Schuß und wir haben vier, jetzt kommt an und wagt es ein wenig, uns aufzuhalten!«

Der Gendarm hob seinen Karabiner und schlug gegen das Wagenpferd an.

»Sei still, Fritz und sprich keinen Unsinn!« rief Herr von Wendenstein, »glaubst du, daß ein alter Kavallerist sich fürchtet? – Hören Sie mich an,« sagte er, zu dem Gendarm gewendet, der seine Waffe wieder sinken ließ, »glauben Sie, daß ich eine gemeine Handlung, ein ehrloses Verbrechen begangen habe?«

»Nein, Herr Leutnant, das glaube ich nicht!« rief der Gendarm mit lauter, fester Stimme.

»Nun denn,« sagte Herr von Wendenstein, »ich sage Ihnen, ich weiß nicht, weshalb man mich verfolgt, ich bin im Herzen meinem alten Herrn treu, aber ich habe auch von allem dem nichts getan, was man jetzt Hochverrat nennt, aber wenn man mich fängt, so wird man mich verurteilen, zum Zuchthaus verurteilen – mit Dieben und Fälschern. Wollen Sie, ein alter Soldat, einen Offizier Ihres früheren Regiments dem Zuchthaus ausliefern, so greifen Sie mich an, versuchen Sie mich zu arretieren, aber ich bitte Sie um eins, wenn Sie schießen, so zielen Sie gut, denn ich will lieber von der Kugel eines alten Soldaten fallen, als im ehrlosen Gefängnis zugrunde gehen.«

Tiefe Bewegung zuckte über das Gesicht des Gendarmen.

»Ich habe Weib und Kind, Herr Leutnant,« sagte er, »wenn man erführe –«

»Was soll man erfahren?« rief Fritz, »Seht, um uns ist die alte treue Heide, über uns der Himmel und darin der alte Gott, kein Mensch sieht und hört uns, und ich bin auch Soldat gewesen, kurze Zeit freilich, ich habe meinen Leutnant da zum Tode verwundet vom Schlachtfeld von Langensalza getragen, glaubt Ihr, daß ich Euch verraten werbe, wenn Ihr helft, ihn zu retten?«

Der Gendarm schwieg einen Augenblick.

»Glückliche Reise, Herr Leutnant, der liebe Gott sei mit Ihnen!« rief er dann, wendete schnell sein Pferd und jagte seitwärts in die Heide hinein.

»Gott segne den braven Kerl,« rief Fritz. »Nun vorwärts, hoffentlich begegnen wir keinem zweiten!«

Und sie fuhren schnell weiter.

Nach einiger Zeit erschien in der Ferne, schräg durch die Heide kommend, ein anderer Wagen, eine Chaise mit Halbdeck, mit zwei Pferden bespannt.

»Sollen wir ausweichen?« fragte Fritz, »wir würden viel Zeit verlieren.«

»Der Wagen sieht nicht bedenklich aus,« sagte der Leutnant, »also immer vorwärts!«

Der zweite Wagen hatte etwas hinter den Flüchtlingen die in das Heidekraut eingedrückte Wegspur erreicht, auf welcher sie sich befanden, und dieser ebenfalls folgend, näherte er sich ihnen schnell, da seine zwei kräftigen Pferde ihn schneller vorwärts brachten, als das bereits ermüdete Pferd des jungen Bauern zu laufen vermochte.

Ein Kutscher in der Tracht der Landleute saß auf dem Bock der Chaise, er nickte freundlich, als er an Fritz und dem Leutnant vorbeifuhr.

Ein junger Mann, in einen Mantel gehüllt, mit blondem Bart, sah unter dem Halbdeck hervor.

»Mein Gott!« rief er, »Herr Leutnant, wie kommen Sie hierher?«

Sein Kutscher hielt an.

Fritz brachte sein Pferd zum Stehen – und griff unwillkürlich nach der Pistole.

»Guten Tag, mein Herr!« sagte der Leutnant, »ich erinnere mich, Sie gesehen zu haben, aber ich kann mich in der Tat nicht besinnen –«

»Sie standen auf Feldwache, Herr Leutnant, vor Göttingen,« sagte der junge Mann in der Chaise, »ich passierte die Vorposten als Kurier, ich bin der Kanzlist Duve, Sie waren mit einem andern Offizier Ihres Regiments – und gaben mir ein Glas Grog auf den Weg –«

»Der arme Stolzenberg,« sagte Herr von Wendenstein seufzend, »ja, ja, ich besinne mich, Sie gingen zu den Hessen, und nun,« fuhr er abermals seufzend fort, »treffen wir uns hier in der Heide.«

Herr Duve sah ihn mit seinem Lächeln an.

»Sollten wir uns vielleicht in gleicher Lage befinden?« fragte er.

Herr von Wendenstein blickte ihn forschend an.

»Was mich betrifft,« fuhr Herr Duve fort, »so bin ich auf der Flucht, hier dieser Mann« – er deutete auf den Kutscher – »ist ein braver Bauer, der niemand verrät, ich gehe nach Altona, um mich nach England zu retten.«

»Man hat Sie arretiert?« fragte Herr von Wendenstein ein wenig zögernd, »und wie sind Sie entkommen?«

Herr Duve lachte. »Zwei preußische Polizeibeamte holten mich von meinem Bureau,« sagte er, »da man Papiere bei mir vermutete, die man haben wollte, sie führten mich nach dem Ministerium des Innern, wo man mich vernehmen sollte, da sie aber mit den Lokalitäten unbekannt waren, so führte ich sie durch einen wenig betretenen Gang in ein abgelegenes Zimmer, sprang schnell hinaus, drehte von außen den Schlüssel um und überließ sie einstweilen ihrem Schicksale, während ich bei einem ganz unbeobachteten und unverdächtigen Freunde Zuflucht suchte.«

»Und hat man Sie nicht gesucht und verfolgt?« fragte Herr von Wendenstein lachend.

»Man hat mich gesucht und verfolgt durch das ganze Königreich,« sagte Herr Duve, »aber ich bin vier Wochen in Hannover geblieben, jetzt glaubt man wohl, ich sei längst fort! – Sie können mir trauen,« sagte er dann, »und wenn ich Ihnen vielleicht behilflich sein kann –«

»Wohlan, mein Herr,« sagte der junge Offizier, »ich bin der Leutnant von Wendenstein – und –«

»Ich weiß alles,« rief Herr Duve, »denn in meinem Versteck bin ich immer gut unterrichtet gewesen, die ganze Polizei ist nach Ihnen auf den Beinen, kommen Sie mit mir, alles ist für meine Flucht vorbereitet, wenn wir nicht ganz besonderes Unglück haben, so bringe ich Sie glücklich durch, steigen Sie in meinen Wagen, Ihr Pferd ist ohnedies müde, lassen Sie uns keine Zeit verlieren!«

Fritz hatte den jungen Mann und den Kutscher forschend beobachtet.

»Tun Sie es, Herr Leutnant,« sagte er, »Sie kommen schneller fort, und wir haben ja auch noch nichts für die Überfahrt vorbereitet, da würden Sie noch große Gefahr laufen, ich werde so schnell als möglich nach Lüchow fahren und von dort mit Einkäufen zurückkommen, das wird allen Verdacht ablenken –«

Der Leutnant stieg ab, Fritz sprang ebenfalls zur Erde.

»So lebe denn wohl, mein alter Freund,« rief Herr von Wendenstein, »tausend Dank für diese zweite Rettung, und tausend Grüße an alle – alle!« sagte er mit inniger, wehmütiger Stimme.

Fritz ergriff ehrerbietig seine Hand, der Leutnant breitete seine Arme aus und drückte ihn an seine Brust.

»Gute Reise, Herr Leutnant – und glückliches Wiedersehen!« sagte er mit halb erstickter Stimme, die sich in ein leises Schluchzen verlor.

Herr von Wendenstein sprang in die Chaise, rasch zogen die Pferde an und dahin rollte der Wagen in die Ferne.

Lange sah ihm Fritz mit seinen treuen, klaren Augen nach, dann stieg er auf seinen Wagen, und seinem Pferde Zeit zur Erholung gönnend, fuhr er langsam seinen einsamen Weg rückwärts durch die schweigende Haide.

Der Leutnant von Wendenstein fuhr mit Herrn Duve ohne jede bedenkliche Begegnung in die Gegend von Hamburg. Hier verließen sie den Wagen, ließen Mantel und Pistolen in demselben zurück und schlenderten lachend und plaudernd wie harmlose Spaziergänger in die alte Hansestadt hinein. Ebenso langsam, oft die Schaufenster der glänzenden Läden betrachtend, durchschritten sie die Straßen, und als die Abendsonne unter dem Horizont zu sinken begann, gelangten sie an den Hafen.

Langsam gingen sie auf dem Kai auf und nieder, als mit nachlässigem Gruß ein Mann mit rotem, wetterrauhem Gesicht auf sie zutrat und neben ihnen herging.

»Lassen Sie uns noch einige Augenblicke auf und niedergehen, wenn jemand da sein sollte, der uns beobachtete, was ich aber nicht glaube.«

Er zog ein Zigarrenetui von Panamastroh aus der Tasche und offerierte ihren Inhalt den beiden Flüchtlingen, indem er einen leicht forschenden Blick auf Herrn von Wendenstein warf.

»Ein Leidensgefährte, den Sie auch in Sicherheit bringen müssen,« flüsterte Herr Duve, indem er seine Zigarre an der des Fremden anzündete und sie dann an Herrn von Wendenstein reichte.

»Gut,« sagte der Mann, »aber warten wir noch etwas, bis es dunkler wird.«

Der Abend sank immer mehr herein, die Gaslaternen entzündeten sich. Die Häuser und Schiffe warfen ihre langen Schatten über den Kai. Der Fremde blieb an einer Landungstreppe stehen.

Mit leichtem, kaum hörbarem Ruderschlag schoß ein kleines Boot heran, von zwei Matrosen bedient.

Die drei Personen stiegen ein.

Wie ein Pfeil schoß das Boot durch das Labyrinth von nebeneinanderliegenden Schiffen hin und legte sich in kurzer Zeit an die Seite einer Brigg, an deren Spiegel mit großen goldenen Buchstaben: »Johanna von Emden« stand.

Man stieg hinauf. Schweigend folgten die beiden Flüchtlinge ihrem Führer in die Kajüte.

»Hier,« sagte dieser, eine kleine Lampe anzündend, »sind Sie in Sicherheit, glänzend ist die Gastfreundschaft meiner Kajüte nicht, aber sie wird Sie schützen. – Nur müssen Sie noch zwei Tage hier bleiben und die Kajüte nicht verlassen, die beiden Matrosen, die uns hergerudert, sind zuverlässig und treu, die übrige Mannschaft habe ich heute an Land beordert. Übermorgen werde ich klar zum Auslaufen sein, dann müssen Sie auf eine Stunde in den Holzraum, wenn die Hafenpolizei an Bord kommt. Jetzt aber eine kleine Stärkung, das wird Ihnen Not tun.«

Und mit geschäftigem Eifer brachte der Kapitän seine kräftigen Speisevorräte und einige Flaschen vortrefflichen Bordeaux herbei, die jungen Leute erwiesen seiner Gastfreundschaft alle Ehre – und versanken dann auf Lagerstätten, die man am Boden der Kajüte aus den Bettvorräten des Kapitäns improvisierte, in einen so tiefen und süßen Schlaf, wie ihn die Jugend und das Gefühl überstandener Gefahren nur verleihen kann.

Am dritten Tage lief die Brigg aus, alle Formalitäten waren erfüllt, die Beamten der Hafenpolizei hatten alle Räume genau durchsucht und alles in Ordnung gefunden.

Die Brigg segelte die Elbe hinab an Cuxhaven vorbei, und als sie auf der hohen See angekommen war, da traten der Leutnant von Wendenstein und Herr Duve auf das Verdeck heraus und blickten ernst hinüber nach dem grauen Landstreif der Küste, der immer mehr mit dem Horizont zu verschwimmen begann.

»Leb' wohl, mein Vaterland, leb' wohl, Deutschland!« flüsterte Herr von Wendenstein, »wann werde ich dich wiedersehen? leb wohl, Helene!« sagte er noch leiser, während ein tiefer Seufzer seine Brust hob.

Der Kapitän trat heran und klopfte ihm auf die Schulter.

»Jetzt sind Sie gerettet,« sagte er, indem ein helles Lächeln über sein rotes, ehrliches Gesicht flog, »nun lassen Sie das Land hinter sich liegen und sehen Sie vorwärts, kommen Sie, wir wollen ein Glas trinken – auf gute Fahrt in Ihre Zukunft!«

Zwanzigstes Kapitel.

Heller Sonnenschein strahlte vom wolkenlosen Himmel auf die große Ebene von Longchamps herab, glänzender als je strömten die bunten Wogen von Equipagen und Reitern durch die Avenüen der Champs-Elysees und der Kaiserin nach dem Bois de Boulogne hinaus, um das Frühlingsrennen zu sehen, und allmählich füllte sich der weite Rennplatz dichter und dichter. Die zahlreichen Fremden, welche die bereits eröffnete Ausstellung in schnell steigender Zahl nach Paris geführt, sahen sich hier staunend zum erstenmal in vollem Reichtum, umgeben von jener funkelnden, schimmernden, brausenden und wogenden Welt dieses wunderbaren Paris, dieser Welt, deren zauberischer Farbenglanz das Auge entzückt, ohne es zu blenden, deren seines duftiges Parfüm wie ein unsichtbarer Hauch die Atmosphäre durchdringt, die Nerven berauschend, ohne Schwerfälligkeit und Ermüdung zurückzulassen.

Die langen Reihen der Tribünen waren besetzt mit Damen in den neuesten Frühjahrstoiletten, wehende Federn und farbenschimmernde Blumen zitterten auf den rastlos bewegten, kleinen Hütchen, funkelnde Augen, blitzten nach allen Richtungen – Freunde suchend und begrüßend, und weithin war die sonnenwarme Luft erfüllt von jenen seinen und zarten Düften, welche die Kunst der Destillationen von Pivar aus allen Blüten des Abends- und Morgenlandes vereinigt, und welche die vornehme Damenwelt von Paris umschweben wie ein Atem von Anmut und Reiz. Vor dem Eingange zu den Tribünen hielten in langer Reihe die prachtvollen offenen Kaleschen mit den hohen, schnaubenden Pferden, die Kutscher in unbeweglicher Würde auf dem Bock, die Lakaien neben den mit glänzenden Wappen bemalten Schlägen.

Die Herren tummelten sich zu Pferde oder in leichten Viktorias innerhalb des weiten, abgeschlossenen Raums, der den Tribünen gegenüber die Rennbahn umgibt, nur wenige Damen sah man hier, vorzüglich die Damen der Demimonde, und von der wirklichen, großen Welt nur diejenigen, welche durch besonders glänzende und tadellose Equipagen in der Lage waren, sich den kritischen Blicken des ganzen, versammelten Sports auszusetzen.

Hin und wieder sprengte auf schlankem Renner ein Jockey in der eleganten Seidenjacke mit den Farben seines Pferdes durch die Bahn, und aufmerksam richteten sich die Blicke der Kenner auf die Bewegungen der edlen Tiere, um aus denselben Anhaltspunkte für die Beurteilung ihrer Leistungsfähigkeit und Disposition zu gewinnen.

Die eifrigsten Mitglieder des Jockeyklubs und fremde Sportsmen umstanden die Wagen, ihre Wettbücher in der Hand, in eifriger Unterhaltung, die oft ungeheuren Summen notierend, welche auf dieses oder jenes Pferd gewettet wurden. Große Aufregung herrschte überall, der große Preis der Stadt Paris stand heute zu gewinnen, und es war nicht der hohe Betrag dieses Preises allein, sondern die mit seinem Gewinn verbundene höchste Ehre der Frühjahrsrennen von Longchamps, welche alles, was zum Sport gehörte, in fieberhafte Spannung versetzte.

In einer Viktoria von fast zerbrechlicher Zierlichkeit rollte die Marchesa Pallanzoni in den abgegrenzten Raum. Schnaubend und tänzelnd paradierten vor ihrem Wagen, mit frischen Veilchen und Maiblumen geschmückt, die wunderbar schönen, schwarzen Pferde, welche sie von Madame Musard gekauft, das ganze Gefährt schien kaum den Boden zu berühren. Die hellblaue, mit Silber eingefaßte Livree ihres Kutschers und ihres Grooms, welche in gelb aufgeschlagenen, lackierten Stulpstiefeln, mächtige Buketts von Veilchen und Maiblumen vor der Brust, auf dem Bock saßen, die zarte Toilette der Marchesa in Violett und Weiß, ihre ausgezeichnete durch die Wirkung der frischen Luft erhöhte Schönheit, das alles konnte nicht verfehlen, die Augen dieser ganzen eleganten und lebenslustigen Welt auf die junge Frau zu richten, welche die Neugier aller jungen Herren erregte und nur wenigen bisher bekannt geworden war.

Langsam fuhr die Marchesa hin und her, plötzlich berührte sie leicht mit der Spitze ihres Sonnenschirms die Schulter des Kutschers, die Pferde standen unbeweglich und die Dame grüßte anmutig mit der Hand nach einem leichten, offenen Wagen hinüber, in welchem der Graf Rivero allein saß und ruhig in das bunte Treiben hineinblickte.

Der Graf erwiderte den Gruß mit ausgezeichneter Artigkeit, stieg schnell aus und eilte an den Schlag des Wagens der Marchesa.

»Ich mache Ihnen mein Kompliment,« sagte er lächelnd, »Ihre Equipage ist jetzt tadellos, Sie haben in jeder Beziehung reüssiert.«

»Das alles verhindert nicht,« sagte die Marchesa mit leichtem Seufzer, »daß ich mich langweile.«

»Ich werde Ihnen heute noch ein Mittel gegen die Langeweile geben,« erwiderte der Graf mit ernstem Blick, »das Ihnen etwas romantische Abwechselung bringen wird, ich bitte um einen Platz in Ihrem Wagen bei der Rückfahrt, ich habe mit Ihnen zu sprechen.«

Ein halb freudiger, halb forschender Blick zuckte aus den schönen Augen der Marchesa über das ruhige Gesicht des Grafen, schweigend neigte sie das Haupt.

Rasch trat der Herzog von Hamilton, welcher das Gespräch des Grafen mit der Marchesa bemerkt hatte, aus der Gruppe von Herren, welche die Wage umstanden, heran.

»Guten Morgen, Herr Graf!« rief er, mit der Hand grüßend, und indem er näher trat und den Hut abnehmend, sich tief vor der Marchesa verneigte, fügte er hinzu: »Ich freue mich um so mehr, Ihnen hier zu begegnen, als sich mir zugleich die Gelegenheit bietet, Sie um die Erfüllung eines Versprechens zu bitten. – Sie wollten die Güte haben, mich Ihrer schönen Landsmännin vorzustellen.« Er trat an den Wagenschlag.

»Der Herr Herzog von Hamilton,« sagte der Graf, den jungen Mann vorstellend, »meine schöne Freundin, die Frau Marchesa Pallanzoni, wird erfreut sein, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Herzog,« fuhr er fort, »sie beklagte sich soeben über Langeweile in diesem bunten, lebensvollen Paris; wenn Sie dem Sport einige Stunden entreißen können, so wird die Frau Marchesa sich freuen, einen so vortrefflichen Kavalier in ihrem Salon zu sehen.«

Die Marchesa neigte mit liebenswürdiger Zustimmung das Haupt und unter ihren halbgesenkten Augenwimpern hervor traf den jungen Engländer ein wunderbar aus vornehmer Sicherheit und halb verlegener Schüchternheit gemischter Blick.

»Ich werde mich stets glücklich schätzen, bei der Frau Marchesa erscheinen zu dürfen,« rief er in einem Tone, dessen feuriger Ausdruck weit über diese so gewöhnliche Phrase der Höflichkeit hinausging.

Eine leichte Viktoria mit dunkler Livree und Kokarden in den hannoverischen Farben rollte rasch durch den Eingang der Longchampswiese und hielt in der Nähe. Der Regierungsrat Meding, der, den Leutnant von Wendenstein zur Seite, darin saß, grüßte artig zum Grafen Rivero herüber. Dieser verließ mit leichter Verbeugung den Wagen der Marchesa, welche ihn mit einem schnellen, forschenden Blick verfolgte, und trat zu den beiden soeben angekommenen Herren. – Der Herzog von Hamilton blieb im Gespräch mit der Marchesa – bald traten mehrere Herren heran und in kurzer Zeit war der Wagen der schönen Frau wie der Thron einer Königin von einem Kreise dienstbereiter Höflinge umgeben, unter welche sie mit der liebenswürdigsten Anmut und der vornehmen Würde einer wahren Fürstin ihre Worte, ihre Blicke und ihr Lächeln verteilte – alle entzückend und alle zugleich in ehrerbietiger Ferne haltend.

»Sie beteiligen sich nicht an den Wetten, Herr Graf?« fragte Herr Meding, »nach den schönen Pferden, die ich bei Ihnen gesehen, hätte ich Sie für einen der ersten Sportsmen gehalten –«

»Ich liebe die Pferde,« erwiderte der Graf, »aber ich beschäftige mich nicht eigentlich mit dem Sport, die Jahre dafür sind bei mir vorüber, ich bin vom Ernst des Lebens schon zu sehr berührt.«

»Wer wäre es nicht in dieser erschütternden Zeit, welche die Menschen durcheinander weht, wie der Herbstwind die fallenden Blätter!« sagte Herr Meding seufzend, »doch,« fuhr er fort, »erlauben Sie mir, Ihnen hier Herrn von Wendenstein, einen Landsmann, vorzustellen, der soeben von Hannover auf einigermaßen ungewöhnlichen Wegen angekommen ist. Die preußische Polizei hatte ihn sorgfältig encoffriert, er hat ein wenig das Beispiel Casanovas nachgeahmt und seinen eigenen Weg in die Freiheit gesucht.«

Die beiden Herren wechselten einen höflichen Gruß, forschend ruhte der Blick des Grafen auf dem frischen, gebräunten Gesicht des jungen Offiziers, dessen blaues, freies Auge durstig die schimmernden Bilder des reichen, bewegten Lebens ringsumher einzusaugen schien.

»Es ist eine merkwürdige Zeit,« sagte Herr Meding mit leichtem, traurigem Lächeln, »die loyalsten Legitimisten wie wir, sehen sich plötzlich in verfolgte Hochverräter und Verbannte verwandelt.«

»Und haben Sie,« fragte der Graf, »die hiesigen Verhältnisse befriedigend gefunden, glauben Sie Hoffnungen für Ihre Sache schöpfen zu können?«

»Mein Gott,« sagte Herr Meding, indem er nach einem schnellen, durchdringenden Blick auf den Grafen das Auge senkte, »es ist schwer, sich in diesem kreisenden Wirbel des pariser Lebens zurechtzufinden, ich beobachte und orientiere mich, das ist ja auch alles, was wir jetzt in unserer Lage tun können.«

In offener, prachtvoller Kalesche, Kutscher und Lakai gepudert und in weißen Strümpfen, fuhr Madame Musard in den abgeschlossenen Raum. Ihre herrlichen Pferde glichen denen, welche sie der Marchesa Pallanzoni abgetreten, auf ein Haar, kaum hätte man einen Vorzug des einen Gespanns vor dem andern bemerken können, sie grüßte verbindlich, aber wenig auffallend zu der von dem eleganten Herrenkreise umgebenen jungen Frau hinüber, welche mit einer gewissen Verlegenheit den Gruß erwiderte, und fuhr dann langsam in die Nähe der Rennbahn.

Der Graf Rivero umfaßte mit einem kurzen Blick diese Begegnung und den flüchtigen Gruß der beiden Frauen, ein eigentümliches Lächeln kräuselte seine Lippen.

Eine leichte Bewegung machte sich unter der Menge bemerkbar.

Vom Bois de Boulogne her fuhren die kaiserlichen Equipagen in raschem Trabe heran, die grüngoldenen Piqueurs voran, in offenem Wagen von vier tadellosen Pferden gezogen, saß der Kaiser und die Kaiserin, Baron de Pierres ritt am Schlage, der General Fleury saß dem kaiserlichen Paar gegenüber.

Napoleon trug schwarzen Überrock und Hut; in sich zusammengesunken saß er in die Ecke gelehnt, leicht erhob er hin und wieder die Hand, wenn die Häupter der am Wege dicht gedrängten Menge sich entblößten und zuweilen aus den Gruppen ein mehr oder minder vollstimmiges Vive I'Empereur! sich hören ließ, aufgerichtet in freier, anmutiger Haltung saß die Kaiserin in dunkelgrauer, unendlich einfacher Toilette neben ihm, weithin über die bunte, in farbenreicher Bewegung schimmernde Ebene schweifte der stolze Blick ihres großen Auges, unablässig grüßte sie nach allen Seiten in unnachahmlicher, reizender Wendung des schlanken Halses, den Kopf rechts und links neigend.

Eine Hofdame und ein Adjutant, ebenfalls in Zivil, folgten in einen zweiten Wagen. In einiger Entfernung konnte man das einfache und unscheinbare Coupé des Chefs der Palastpolizei bemerken.

Die kaiserlichen Wagen fuhren um den Platz und hielten vor dem großen Eingange zu den Tribünen.

Bald erschienen die Majestäten in dem großen, mittleren Pavillon, die Kaiserin setzte sich in ihren Fauteuil, der Kaiser nahm ein Opernglas und blickte nach verschiedenen Richtungen über den Platz hin, ohne daß der müde, abgespannte und gleichgültige Ausdruck einen Augenblick von seinem Gesicht gewichen wäre.

»Sehen Sie diese bunte, summende und schwirrende Menge,« sagte der Graf Rivero ernst, »sehen Sie diesen bleichen, träumenden Imperator, diese strahlende Kaiserin; das alles scheint versammelt, um seinen Glanz der Bewunderung – und dem Neide – zu zeigen, alles Interesse scheint sich auf die Schnelligkeit der Pferde, auf die Chancen des Rennspiels zu konzentrieren, und doch, welch eine zahllose Menge ernster Fäden durchziehen dies leichte, heitere Treiben, Fäden, welche in wunderbar gekreuzten Beziehungen die Schicksale der Völker Europas bewegen und lenken.«

»Ja,« sagte Herr Meding, »es ist ein großes Labyrinth, dieses Paris mit seinem vielgestaltigen Leben, aber wer gibt uns den leitenden Faden in diesen Wegen voll Finsternis und dunkeln Abgründen, die sich unter der schonen, sonnigen Oberfläche bergen?«

»Kein Theseus findet den leitenden Faden,« erwiderte der Graf Rivero lächelnd, »wenn er ihn nicht aus Ariadnes Hand empfängt, glauben Sie mir, nur die Hand der Frauen kann Sie hier in Paris richtig leiten, es ist anders hier als bei Ihnen in Deutschland, haben Sie hier die Damen zu Verbündeten, so werden Ihnen alle Geheimnisse sich öffnen, alle Ziele erreichbar werden, dies ist ein Rat, den ich mir erlaube, Ihnen zu geben, ich glaube, daß er gut ist.«

»Ich danke Ihnen und werde mich bemühen, ihn nutzbar zu machen,« sagte Herr Meding sich leicht verneigend, »doch das Rennen beginnt, treten Sie herauf, Herr Graf.

Er schwang sich rasch auf den Bock, der Graf Rivero und Herr von Wendenstein stellten sich in dem Wagen auf, alles blickte mit gespannter Erwartung nach den bereits in einer Linie aufgestellten Pferden, obgleich man über die Equipagen und die darauf stehenden Menschen hinweg in der Tat nur wenig von dem Wettkampf sehen konnte, der diese ganze Menge hier versammelt hatte.

Nach einem falschen Départ, der die Spannung des Publikums noch mehr steigerte, flogen die Pferde mit ihren Jockeys in den buntfarbigen Seiden- und Sammetjacken durch die Bahn hin und verloren sich bald in der Ferne, hier und da am äußersten Ende der weiten Bahn, am Saume des Gehölzes oder am Fuße eines Hügels wieder auftauchend.

Alle Lorgnetten und Doppelgläser richteten sich auf diese Punkte des weiten Bogens der Rennbahn, an welchem man die Pferde zuweilen erscheinen sah. Fast schweigend erwartete die vorher so laute und unruhige Menschenmenge die Rückkehr der Renner, und nur hier und da hörte man einen lauten Ausruf der Freude ober des Ärgers, je nachdem der eine oder der andere in der Reihenfolge der Pferde, welche er zu erkennen glaubte, Aussicht auf den Gewinn oder den Verlust seiner Wette erblickte.

Endlich erschienen die Pferde auf der, am Bois de Boulogne her, den Tribünen gegenüber zurück ans Ziel führenden Seite der Bahn, atemlose Stille lag auf dieser ganzen, weiten Ebene, als der erste Renner den anderen weit voraus heranflog, ein lauter Ruf begrüßte ihn, als er durch das Ziel ging, alles, was zum Sport gehörte, lief und drängte nach der Wage hin, das Publikum begann sich wieder zu bewegen und jenes eigentümliche, schwirrende Geräusch einer großen Menschenmenge stieg wieder über der Ebene empor.

»Ich dachte es,« sagte der Graf Rivero. »daß das Pferd des Grafen Lagrange den Preis gewinnen würde, ich habe die Renner zwar nur flüchtig gesehen, aber dieses Tier war den übrigen weit überlegen.«

»Dies ist alles sehr schön,« sagte Herr von Wendenstein lächelnd, indem er seinen leuchtenden Blick über das weite, glänzende Schauspiel schweifen ließ, »aber vom Standpunkt des Pferderennens aus betrachtet, scheint es mir doch ein wenig naiv.«

»Herr von Wendenstein war hannoverischer Offizier der Kavallerie,« bemerkte Herr Weding, »er nimmt alles, was die Pferde betrifft, sehr ernst.«

»Das tun nun die Pariser eben nicht,« sagte der Graf Rivero, »man kommt hierher, wie man in die Oper geht – um zu sehen und gesehen zu werden, und ich bin überzeugt, daß das große Publikum sich für die bunten Jockeys mehr interessiert als für die Pferde. Der wirklich ernste Sport, wie er in England getrieben wird, ist keine französische Nationalleidenschaft, doch,« unterbrach er sich, »wer kommt dort in den Pavillon des Kaisers?«

Man sah in dem kaiserlichen Pavillon einen großen und schlanken, jungen Mann in leicht vornüber geneigter Haltung, schwarz gekleidet, erscheinen. Sein feines, blasses Gesicht war von einem dunklen Vollbart umrahmt, er drückte die Hand Napoleons, der ihm einige Schritte entgegengetreten war, und näherte sich dann der Kaiserin, welche ihn mit freundlicher Neigung des Kopfes begrüßte.

»Es ist der Prinz Oskar von Schweden,« sagte Herr Meding, der durch sein Glas hinüber gesehen, »der Prinz ist seit einigen Tagen hier, um die Ausstellung zu sehen, er beginnt den Reigen der europäischen Fürsten, die sich hier versammeln werden.«

Der schwedische Prinz war neben den Kaiser an die Brüstung der Loge getreten, Napoleon deutete mit der Hand über die Ebene hin, er schien seinem Gaste etwas zu erklären, und zum erstenmal erhellte der Schimmer eines Lächelns seine müden, abgespannten Züge, als er an der Seite dieses Prinzen, der vom Blute eines der Kriegsgefährten seines Oheims stammte, auf diese zu seinen Füßen wimmelnde Elite der Bevölkerung des schönen Frankreichs herabblickte, dessen kaiserlichen Thron er in so blendendem Glanze wieder aufgerichtet hatte.

Mit der Entscheidung über den großen Preis der Stadt Paris war der Höhepunkt des Interesses vorüber, die große Menge schenkte den noch folgenden kleineren Rennen nur geringere Aufmerksamkeit, der Kaiser stieg von seiner Loge herab und unterhielt sich mit einigen Damen auf den Tribünen, und überall bildeten sich lachende und plaudernde Gruppen.

»Ich sah Sie vorhin am Wagen jener schönen und eleganten Dame,« sagte Herr von Wendenstein, indem er einen langen Blick zu dem Kreise hinüberwarf, dessen Mittelpunkt noch immer die Marchesa bildete, »ich habe selten etwas Distinguierteres gesehen, als diese Equipage – und etwas Schöneres und Anmutigeres als diese Dame!«

»Es ist eine Bekannte aus Italien,« erwiderte der Graf, »welche hier als ein neues Gestirn am Himmel der eleganten Welt von Paris aufgeht. Wenn Sie ihre Bekanntschaft zu machen wünschen,« fügte er in verbindlichem Tone hinzu, »so will ich mir erlauben, Sie ihr vorzustellen, wir können sogleich hinübergehen.«

Herr von Wendenstein verließ den Wagen. »Ich werde Ihnen sehr dankbar sein,« sagte er rasch, sich gegen den Grafen verneigend.

»Sie wollen meinen kaum dem Kerker entronnenen Landsmann sogleich in neue Fesseln schlagen, Herr Graf,« sagte Herr Meding lächelnd, »dagegen mühte ich eigentlich protestieren.«

»Diese Fesseln,« erwiderte der Graf, werden jedenfalls angenehmer zu tragen – und,« fügte er lächelnd hinzu, »leichter abzustreifen sein; begleiten Sie uns zu meiner schönen Freundin?« fragte er mit einem schnellen, forschenden Blick.

»Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit,« erwiderte Herr Meding, später vielleicht werde ich von Ihrer Güte Gebrauch machen, für jetzt möchte ich mich nach allen Richtungen sehr zurückhalten.«

Der Graf und Herr von Wendenstein traten zu dem Wagen der Marchesa, welche sie mit reizendem Lächeln empfing, und bald war der junge hannoverische Offizier in das heitere, leichte Gespräch engagiert, welches die schöne Frau umspielte, er gab sich freudigen und leichten Herzens dem Zauber dieser sprudelnden Causerie hin und trug durch seine etwas fremdartige Aussprache der französischen Worte und seine eigentümlichen Redewendungen viel zur allgemeinen Heiterkeit bei.

Das letzte Rennen war vorbei – der Kaiser verließ seine Loge und man sah die kaiserliche Equipage, in welcher der Prinz von Schweden jetzt den Platz des Generals Fleury eingenommen, schnell dem Bois de Boulogne zueilen. Die Tribünen leerten sich, eine Equipage nach der andern löste sich aus der Reihe und rollte an den Kaskaden vorbei der Stadt zu, zugleich verließen langsam nach einander die Wagen den innern abgeschlossenen Raum und diese ganze glänzende und bunte Menge strömte nach diesem großen Reservoir Paris zurück, das so viel schimmernden Glanz auf seiner Oberfläche zeigt und so viel furchtbare und schauerliche Elemente des Entsetzens in seinen Tiefen birgt.

»Ich hoffe Sie bei mir wieder zu sehen, mein Herr,« sagte die Marchesa Pallanzoni mit liebenswürdigem Lächeln zu Herrn von Wendenstein, »wir sind beide Fremde und müssen zusammenhalten in diesem großen Paris, auf Wiedersehen, meine Herren!« fuhr sie fort, sich gegen die übrigen ihren Wagen umstehenden jungen Leute leicht verneigend, »Herr Graf, darf ich Sie bitten, sich zu mir zu setzen und mich unter Ihrem Schutz nach Paris zurückzuführen?«

Der Graf gab seinem in der Nähe haltenden Kutscher einen Wink und stieg in den Wagen der Marchesa, die Herren traten zurück, die Pferde zogen an und noch einmal grüßend fuhr die schöne Frau schnell über die bereits leer gewordene Wiese der Stadt zu.

»Wie finden Sie den jungen Deutschen, den ich Ihnen vorgestellt?« fragte der Graf, als sie in die große Allee einbogen und langsam in der Menge von Wagen der Stadt zufuhren.

»Allerliebst,« erwiderte die Marchesa, »er hat etwas so Frisches und Ritterliches, so viel natürliche Eleganz und fast unschuldige Naivität, er erinnerte mich –« sagte sie halblaut, mit einem leisen Seufzer abbrechend.

Der Graf sah sie scharf von der Seite an.

»Würde es Ihnen unangenehm sein, diese Erinnerung zu kultivieren?« fragte er lächelnd, »vielleicht fände sich hier ein Heilmittel für eine Wunde der Vergangenheit.«

»Lassen wir die Vergangenheit,« sagte sie finster, indem ein scharfer und kalter Ernst sich auf ihre Züge legte, »ich habe aller Schwäche entsagt und will stark und ruhig sein.«

»Wenn aber hier ein ernster Zweck sich mit einer angenehmen Unterhaltung verbinden ließe?« fragte der Graf.

Sie hob ihr Auge erstaunt zu ihm empor und sah ihn fragend an.

»Die ganze Welt ist in Gärung in diesen Zeiten, deren gewaltige Erschütterungen noch nicht abgeschlossen sind, und mir liegt daran, alle durch einander und gegen einander arbeitenden Kräfte genau zu kennen und in ihren Ursachen zu verfolgen. Es entwickelt sich hier eine Tätigkeit von Seiten der in Deutschland besiegten Parteien, der König von Hannover hat einen Vertreter hierher gesendet und es bildet sich ein Mittelpunkt einer stillen und nachdrücklichen Aktion, welche ernste Dimensionen annimmt; mir liegt sehr viel daran, so genau als möglich darüber unterrichtet zu sein, was man in jenen Kreisen wünscht und hofft, was man tut und vorbereitet und wie man hier auf die Regierung und die Parteien in Frankreich wirkt.«

Ein Lächeln zuckte um die Lippen der Marchesa.

»Und dieser junge Mann?« fragte sie, indem ein eigentümlicher Strahl aus ihrem Auge blitzte.

»Dieser junge Mann,« sagte der Graf, »steht im Mittelpunkt der Verhältnisse, welche mich interessieren, er wird das letzte Wort der Geheimnisse nicht haben, aber er wird genug sehen und hören, um aus dem, was man durch ihn erfährt, die Basis zu bilden für die Schlüsse auf dasjenige, was sich verbirgt, nun,« fuhr er fort, »dieser junge Mann wird schwerlich ein verschlossenes Buch bleiben für die schönen Augen einer so geistvollen Frau wie Sie, welche als italienische Legitimistin auch seines Vertrauens und seiner politischen Sympathie sicher ist. – Er wird einen schönen Traum träumen – und so auf die angenehmste Weise zum Werkzeug meiner Absichten werden.«

»Ich verstehe vollkommen,« sagte die Marchesa, »führen Sie ihn an einem dieser Tage zu mir, wenn ich allein bin. – Ich bedaure nur,« fügte sie achselzuckend hinzu, »daß die Aufgabe, welche Sie mir stellen, nicht schwerer ist.«

Der Graf blickte nachdenkend vor sich hin.

»Sie sollen nicht lange auf die schwerere Aufgabe warten,« sagte er in ernstem Tone, »sie liegt bereit, und es war diese Aufgabe, welche ich mit Ihnen besprechen wollte.«

Ihre Züge belebten sich wie durch einen elektrischen Schlag, gespannt hing ihr funkelndes Auge an den Lippen des Grafen.

»Ich habe diesen Ort dazu gewählt,« sagte er, »weil ein Geheimnis, ein ernstes Geheimnis nur in der freien Luft besprochen werden kann, neigen Sie sich ein wenig hierher, damit die Leute auf dem Bock nichts hören können, der allgemeine Lärm der Equipagen hüllt ohnehin jeden Schall der Worte ein.«

Sie lehnte sich nachlässig in den Fond des Wagens zurück, so daß ihr Ohr seinem Munde nahe kam, und mit gedämpfter Stimme sprach er, fortwährend auf seinem Gesicht den Ausdruck heiterer, gleichgültiger Konversation festhaltend:

»Der ganze Schwerpunkt bei Gegenwart und der Zukunft liegt in diesem Augenblick in dem Verhältnis Preußens zu Frankreich, dies Verhältnis so klar und scharf zu durchschauen als möglich, ist daher für mich von allergrößter Wichtigkeit. Nun liegt aber in diesem Verhältnis ein dunkler Punkt, der sich meinem Blicke verbirgt und dessen Aufhellung ich um jeden Preis wünsche.«

»Und der Schlüssel zu diesem Geheimnis?« fragte die Marchesa mit blitzenden Augen und zitternden Lippen.

»Der Schlüssel dazu liegt in der geheimen, persönlichen Korrespondenzen des preußischen Botschafters Grafen Goltz, diese Korrespondenz ist verwahrt in einer Kassette, welche sich auf dem Schreibtisch seines Arbeitszimmers befindet.«

»Ah!« machte die Marchesa.

»Und soll zum Inhalt dieser Kassette ein ähnlicher Weg führen,« fragte sie dann lächelnd mit einem fast mutwilligen Blick, »wie zur Ermittelung der hannoverischen Geheimnisse? – Das dürfte weniger unterhaltend sein.«

»Vielleicht aber vorteilhafter,« sagte der Graf, indes seien Sie ruhig, jener Weg, an den ich anfangs gedacht, würde kaum zum Ziel führen, es muß ein Umweg gemacht werden, der etwas Mühe macht, aber vielleicht auch einige Unterhaltung gewährt.«

»Ich bin begierig zu hören,« sagte sie.

»Das Gedränge hat sich verloren,« sagte der Graf umherblickend, »der Lärm hat aufgehört, ich besorge, daß ein Wort zu den Ohren der Domestiken dringen könnte, lassen Sie uns ein wenig aussteigen, hier diese weite Allee isoliert uns vollkommen.«

Sie berührte leicht mit dem Sonnenschirm die Schulter des Kutschers, der Wagen stand.

Beide stiegen aus; die Marchesa legte ihre Hand in den Arm des Grafen und der Wagen folgte langsam dem in lebhafter Unterhaltung dahinschreitenden eleganten Paar.

In dem Salon der Wohnung des Grafen Rivero in der Chaussee d'Antin ging um dieselbe Stunde ein junger Mann in der Tracht der Weltgeistlichen auf und nieder. Seine schlanke Figur bewegte sich mit ruhiger Leichtigkeit in dem geistlichen Gewande, das zwar etwas bleiche, aber gesunde und frische Gesicht mit seinen, geistig belebten Zügen, das dunkle Auge, das sorgfältig gepflegte, leicht gelockte Haar, welches die kleine Tonsur fast ganz verdeckte, das alles vereinigte sich zu einer vornehmen, ansprechenden Erscheinung, erinnernd an jene Abbés des ancien régime, welche ein so anregendes Element der Konversation, eine so hübsche Staffage der Rokokosalons bildeten.

Der junge Abbé Rosti, welcher dem Grafen Rivero von Wien nach Paris gefolgt war, hielt einige Briefe in der Hand und ging im Salon auf und nieder, die Rückkehr des Grafen erwartend.

Nach einiger Zeit, während welcher der junge Mann ohne alle Ungeduld bald einen Blick in einen der Briefe geworfen, bald einige Augenblicke durch das Fenster auf das belebte Treiben der Straße herabgeblickt hatte, trat der Kammerdiener des Grafen herein und sagte:

»Der Kommandeur Klindworth aus Wien ist draußen. Soll ich ihn hereinführen, um den Herrn Grafen zu erwarten, der gewiß bald zurückkehrt?«

»Es wird dem Grafen gewiß sehr angenehm sein, Herrn Klindworth sogleich zu sehen, sagte der Abbé, »ich glaube, Sie werden wohl tun, ihn zu ersuchen, daß er hier warten möge.«

Der Kammerdiener verneigte sich und öffnete eine Minute später die Tür des Salons dem Staatsrat Klindworth.

Das verflossene Jahr hatte in der Erscheinung dieses merkwürdigen alten Nachtfalters der Diplomatie nicht die geringste Veränderung hervorgebracht.

In seiner gewohnten bescheidenen, fast demütigen Haltung trat er herein, der weite, braune Rock war fast bis an den Hals zugeknöpft, aus der weißen Kravatte blickte das scharf markierte, in seiner geistvollen Häßlichkeit so eigentümliche Gesicht hervor, ein schneller Blick seiner kleinen, scharfen Augen umfaßte den Salon und ruhte eine Sekunde prüfend auf der eleganten und angenehmen Erscheinung des jungen Geistlichen, der ihn mit artiger Zuvorkommenheit begrüßte.

Der Staatsrat näherte sich ihm und sagte mit seiner gleichmäßigen, fast flüsternd leisen Stimme:

»Herr Abbé Rosti, wenn ich nicht irre, ich habe in Wien das Vergnügen gehabt, Sie zu sehen?«

»Ich hatte die Ehre, Ihnen bei dem Herrn Grafen Rivero dort zu begegnen,« erwiderte der Abbé mit leichter Verbeugung, »der Graf,« fuhr er fort, »ist ausgefahren, ich glaube indes, daß er jeden Augenblick zurückkommen kann, und bat Sie deshalb, ihn hier zu erwarten, da ich vermute, daß Sie ihn bald zu sehen wünschen.«

Der Staatsrat neigte das Haupt und ließ sich in einen Fauteuil nieder, während der Abbé ihm gegenüber auf einem kleinen Sessel Platz nahm.

»Nun,« sagte der Staatsrat, indem er einen scharfen Blick auf den jungen Geistlichen warf und mit den Fingern auf der Lehne des Sessels trommelte, »wie sieht es hier in Paris aus? – ich mußte einmal kommen und mich selbst unterrichten, der Graf wird nicht untätig gewesen sein, ich bin überzeugt, daß Sie hier inmitten der Bewegung stehen – oder vielmehr der Stagnation, denn,« fuhr er achselzuckend fort, »man hat, wie es scheint, in der heutigen Welt das Handeln verlernt, man sitzt still und träumt, während die Gegner unermüdlich tätig sind, so muß man freilich ein Terrain nach dem anderen verlieren!«

»Wie ich glaube, herrscht hier jetzt allerdings vollständige Ruhe,« sagte der Abbé, »die luxemburgische Frage, welche einen Augenblick alles in Bewegung setzte, ist in den stillen Hafen der Konferenz eingelaufen und wird wohl die Ruhe Europas und das internationale Rendezvous der Ausstellung nicht mehr stören. – Doch haben Sie ja von Wien aus,« fügte er hinzu, »ganz besonders eifrig an der Beruhigung dieses Intermezzos gearbeitet –«

»Natürlich,« rief der Staatsrat lebhaft, »ganz natürlich, sollten wir denn ruhig zusehen, daß dies törichte Spiel weitergespielt wurde, das entweder zu einem Arrangement mit Preußen führen mußte und alle Zukunftspläne zerstören, oder die ganze Welt in einen unübersehbaren Krieg gestürzt hätte, aus welchem unter diesen unvorbereiteten Verhältnissen nichts Gutes hätte kommen können! – Glauben Sie,« fuhr er nach einem kurzen Stillschweigen fort, indem ein rascher Blick zu dem jungen Manne hinüberfuhr, »glauben Sie hier, daß der Kaiser Napoleon entschlossen sei, Frankreichs Prestige, das heißt die Grundlage der Berechtigung seiner Dynastie, wiederherzustellen, ernstlich – in kraftvoller und planmäßiger Aktion, ober schwankt er wie gewöhnlich hin und her zwischen widersprechenden Entschlüssen? – Mir hat es vorkommen wollen, als ob er zuweilen ganz besondere Lust hätte, sich mit Preußen zu alliieren, er täuscht sich,« fügte er achselzuckend hinzu, »man wird ihm dort für seine Allianz keinen Preis bezahlen!«

Des Abbés ruhiges und freundliches Gesicht hatte keinerlei Bewegung bei den Worten des Staatsrats gezeigt, in einfachem, höflichem Ton antwortete er:

»Nach der Sprache, welche die Blätter führen, die der Regierung nahestehen, kann ich kaum annehmen, daß die Gesinnung des Kaisers gegen Preußen freundlich sei, die offizielle Haltung der Regierung ist eine überaus artige und freundliche der preußischen Botschaft gegenüber, man legt großen Wert auf den Besuch des Königs Wilhelm, und ich bin ganz überzeugt, daß man ernstlich alles vermeiden will, was die guten Beziehungen stören könnte.«

»Das alles sind äußere Dinge, Notwendigkeiten der augenblicklichen Lage, aber was ist der innerste, letzte Gedanke? – diesen müßte man kennen, um danach zu operieren,« sagte der Staatsrat, die letzten Worte halb leise zu sich selbst sprechend, »oder,« fuhr er fort, »sollte hinter alledem gar kein Gedanke stecken? – die wunderbaren Blasen, welche dieses Gehirn treibt, spotten aller Berechnung, der klare Verstand und der konsequente Willen ist allein in Berlin zu finden,« flüsterte er in kaum hörbarem Tone, indem ein Zug tiefen Unmuts sich auf sein Gesicht legte.

Ein Geräusch im Vorzimmer wurde hörbar.

Der Graf Rivero trat rasch ein und reichte dem langsam aufstehenden Staatsrat die Hand.

»Gibt es irgendeine Unordnung in der politischen Maschine Europas,« rief er lachend, »daß Sie eine Inspektionsreise für nötig halten?«

Der Staatsrat schlug schnell seine grauen, scharfen Augen empor und sagte dann, indem er den Blick wieder zu Boden senkte und die Hände über der Brust faltete, mit einem in eigentümlicher Weise aus Salbung und Ironie gemischten Tone:

»Die Maschine ist in so guten Händen und unter so kluger Leitung, daß sie mit der bewunderungswürdigsten Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit arbeitet; ich bin hierher gekommen, um mich ein wenig in der Pflege meiner Tochter zu erholen, man ist Vater, Herr Graf, und sehnt sich zuweilen nach der stillen Ruhe der Familie.«

»Und Madame Street – wie befindet sie sich?« fragte der Graf in verbindlichem Tone und mit fast unmerklichem Lächeln.

»Vortrefflich, Herr Graf,« sagte der Staatsrat, »sie hat sich vom weltlichen Leben und seiner Unruhe und Aufregung zurückgezogen, ich erhole mich in der Ruhe, die sie umgibt.«

»Ich hoffe,« sagte der Graf, indem er dem Staatsrat einen Fauteuil bezeichnete und sich selbst neben ihm niederließ, »daß Sie nicht so sehr allen weltlichen Dingen fremd geworden sind, um mir nicht ein wenig erzählen zu können, was dort unten in Wien vorgeht, und – wie der neue Besen kehrt, wenn ich diesen trivialen Vergleich gebrauchen darf, mit welchem die alten Hemmnisse der österreichischen Kraft beseitigt werden sollen.«

»Dort geht es gut,« sagte der Staatsrat, indem der gleichgültige Ausdruck aus seinem Ton verschwand, »der Ausgleich mit den Ungarn ist fertig, in kurzem wird der Kaiser sich auf dem Königshügel in Budapest die Stephanskrone aufsetzen, und damit wird dieses Ungarn, das so lange wie ein Bleigewicht die Bewegungen des österreichischen Staates hemmte, zu einem neuen Faktor lebendiger Kraftentwicklung gemacht sein. – Im inneren Verfassungsleben,« fuhr er achselzuckend fort, »wird viel liberaler Wind gemacht – und der weht uns schon ganz hübsch die Sympathien aus Deutschland zu – wir spielen mit Erfolg das Spiel, welches Preußen jahrelang gegen Österreich gespielt hat, und,« sagte er mit höhnischem Lächeln, »die Regierung in Berlin ist durch die Verhältnisse gezwungen, die Rolle des starren, rücksichtslosen Absolutismus zu übernehmen, zu deren Schreckbild man so lange das österreichische Kabinett gestempelt hatte.«

Mit tiefem Ernst blickte der Graf in das Gesicht des Sprechenden.

»Reden Sie im Ernst, mein lieber Staatsrat?« fragte er mit ruhiger Stimme.

»Gewiß,« erwiderte Herr Klindworth etwas erstaunt aufblickend, »warum zweifeln Sie daran?«

»Weil ich,« erwiderte der Graf langsam nach einem augenblicklichen Schweigen, »in Ihren Worten nicht jenen scharfen, durchdringenden Verstand, nicht jene unerbittlich folgerichtige Logik wiederfinde, welche ich stets so sehr an Ihnen bewunderte.«

Der Staatsrat trommelte in schneller Bewegung mit den Fingern seiner rechten Hand auf der äußeren Fläche der Linken.

»Was wollen Sie,« sprach er mit einem scharfen, schnellen Seitenblick auf den Grafen, »Verstand und Logik regieren heute nicht mehr die Welt, die unvernünftige Masse ist mündig geworden, wie sie das nennen, das heißt, man hat ihr Zügel und Gebiß abgenommen, um sie nun zu lenken, um diese unverständigen Riesenungeheuer, die man Majorität und öffentliche Meinung nennt, dienstbar zu machen, muß man sie mit dem Futter ködern, das sie am liebsten fressen.«

Der Graf schüttelte schweigend mit fast traurigem Lächeln den Kopf.

»Das ist eine Ansicht, die ich nicht teilen kann,« sagte er, »die ich bedauern muß. Sind die Völker frei geworden, so wird man sie mit falschem Köder nicht mehr regieren, man muß ihnen gesunde und kräftige Nahrung bieten. – Doch,« fuhr er mit leichtem Seufzer abbrechend fort, »wie ich höre, beabsichtigt man auch Änderungen in der Stellung Österreichs zur Kirche, das Konkordat –«

»Das Konkordat,« sagte Klindworth lebhaft, »ist ein Popanz, gegen welchen man die sogenannte öffentliche Meinung gesetzt hat, ganz Deutschland blickt mitleidig auf dieses vom Konkordat beherrschte Österreich herab, und diese guten Österreicher selbst schreien und deklamieren gegen das Konkordat, das doch keiner – kein einziger von ihnen kennt, man muß dieser Richtung, die ich bedauere, aber die jetzt einmal nicht zu ändern ist, ein Opfer schlachten, die Einführung der fakultativen Zivilehe –«

Graf Rivero schüttelte abermals den Kopf.

»Auf diese Weise glauben Sie,« sagte er, den Staatsrat unterbrechend, »Österreich verjüngen und zu neuer Kraft erstarken lassen zu können?«

»Das Volk wird jubeln,« erwiderte Herr Kindworth, »und wird für jede große politische Aktion der Regierung alle Opfer bringen.«

»Selbst diese Voraussetzung als richtig angenommen,« sagte der Graf, »was werden die Folgen sein? – Haben Sie in Österreich die eiserne Hand, welche diesem Fortschritt auf der schiefen Ebene Halt gebieten kann?«

»Diese Hand wird sich dann später vielleicht finden,« sagte der Staatsrat mit einem schnellen, stechenden Blick.

Verwundert blickte der Graf ihn an.

»Vielleicht?« fragte er, »und auf dieses Vielleicht bauen Sie Ihre Zukunft? – Doch,« fuhr er fort, »davon jetzt abgesehen, ist Herr von Beust mit der Kirche, mit der römischen Kurie über die Aufhebung des Konkordats einig?«

»Einig?« rief Klindworth, »wie könnte man darüber einig werden, wie könnte Herr von Beust überhaupt jemals mit der Kirche einig werden! – Nein,« fuhr er lebhaft fort, »hier kann von einer Einigung nicht die Rede sein, man wird zwar unterhandeln, das versteht sich von selbst, aber man wird schließlich einseitig vorgehen müssen, man wird einen großen Coup durch den Reichstag machen, und wenn dann später mit Hilfe dieser Volksaufwallung die Macht Österreichs wieder in Europa glänzend aufgerichtet ist, dann –«

»Dann –?« fragte Graf Rivero.

»Dann werden sich Männer finden,« sagte Klindworth mit einem eigentümlichen Lächeln, »welche den Frieden mit Rom machen und der Kirche wieder zu ihrem Rechte verhelfen werden.«

Der Graf sah ihn scharf an, sein klarer Blick ruhte tief forschend auf diesem listig verschlossenen Gesicht.

»Nennen wir die Sache bei ihrem rechten Namen,« sagte er, »das ist ein falsches Spiel nach allen Richtungen, gegen das Volk, gegen die Kirche – und gegen Herrn von Beust.«

»Haben Sie vielleicht gesehen, daß man mit Ehrlichkeit eine politische Partie gewinnt?« fragte Klindworth.

Der Graf schwieg einen Augenblick.

»Graf Bismarck dürfte vielleicht das Gegenteil beweisen,« sagte er sinnend. – »Wir leben in einer eigentümlichen Zeit,« fuhr er nach einem Augenblick fort, »neben der alten Staatskunst, der Politik der Kabinette, welche mit geheimen, tief verborgenen Faktoren ihr seines Spiel spielte, ersteht heute eine neue Politik, nachdem die Völker selbst als lebendige, beseelte Elemente in die Aktion getreten sind, und ich glaube, daß man jetzt mit größeren, machtvolleren Mitteln operieren muß.«

Der Staatsrat neigte das Haupt ein wenig und blickte von unten herauf erwartungsvoll in das geistdurchleuchtete Gesicht des Grafen.

»Ich glaube,« sagte der Graf ruhig, »daß diese Frage, die Sie berührt und die allerdings für das innere Leben Österreichs von hoher Wichtigkeit ist, anders erfaßt und behandelt werden muß. – Auch ich,« fuhr er fort, indem er sich erhob und die Hand leicht auf die Lehne seines Sessels stützte, »auch ich glaube, daß dem Geiste der Freiheit, welcher durch die Welt weht und den Atem der heutigen Völker bildet, Rechnung getragen werden muß, aber nicht durch halbe – und falsche Zugeständnisse, sondern dadurch, daß man sich selbst mit diesem Geiste durchdringt, daß die Regierungen und die Kirche in dem Geiste der Freiheit ihre Herrschaft wieder neu und kräftiger als jemals befestigen.«

»Herrschaft – und Freiheit? – wie wollen Sie das vereinen?« fragte Klindworth, der mit einem gewissen neugierigen Erstaunen den Worten des Grafen gefolgt war.

»Ich glaube, daß das nicht so unvereinbar ist,« sagte dieser im Tone der Überzeugung, »die Völker müssen immer beherrscht sein, wollen beherrscht sein und werden beherrscht sein, aber die Mittel der Herrschaft müssen die richtigen sein. Die Materie wird durch die Materie beherrscht, der Geist durch den Geist – und die Kirche vor allem ist berufen, auf diesem Gebiete zu herrschen. – Ich bin der Meinung, daß ein Vertrag – ein Gesetz, nennen Sie es, wie Sie wollen, wie das Konkordat, nichts bedeutet, sobald die Geister sich dagegen mit Recht oder mit Unrecht auflehnen; hat die Kirche die Macht, die Herzen zu lenken, die Gewissen zu führen, die Seelen zu durchdringen, so bedarf sie dieses Mittels nicht, ein starres Festhalten desselben kann ihre Herrschaft nur gefährden, hat sie jene Macht nicht mehr, so kann kein Konkordat der Welt sie ihr wiederbringen. Wenn also die Stimmung in Österreich so ist, wie Sie sagen, so ist es allein richtig, in freiem Einverständnis mit der Kirche jene äußere Fessel zu lösen, damit das innere Band immer kräftiger erstarke und die Geister umschlinge, nicht aber sollte man Staat und Kirche in unklarem Spiel entzweien – mit dem Hintergedanken, sie später wieder vereinigen zu können. – Ich habe viel über die Forderungen nachgedacht,« fuhr er sich mehr und mehr belebend fort, »welche unsere Zeit an die Lenker der Staaten und der Kirche stellt, und ich bin zu der klaren Überzeugung gekommen, daß es die große Aufgabe aller katholischen Mächte ist, ihren Einfluß und ihre Arbeit zu vereinigen, um die schwer erschütterte Macht der Kirche neu zu beleben durch eine innige Verbindung mit dem Geiste der Völker, welcher sich immer weiter und freier in selbständiger Bewegung entwickelt und sich nicht mehr gehorsam den aus dem verschlossenes Sanktuarium hervortönenden Befehlen unterwirft. – Man müßte zurückkehren,« sagte er, den klaren Blick vor sich hin richtend wie in unwillkürlichem Vergessen seiner Umgebung, »man müßte zurückkehren zu den eigentlichen ersten Grundprinzipien der christlichen Gemeinde, ihre drei zu organischem Leben verbundenen Glieder waren: die Priester, die Presbyter – und die versammelte Gemeinde, diese drei Faktoren bestimmten und regelten das kirchliche Leben, das mit lebendigem Pulsschlag alle Glieder durchdrang. – Das Leben der Kirche ist in Stagnation geraten und nur durch die Rückkehr zu den ersten gesunden Elementen kann man es wieder in Fluß bringen und die Herrschaft der Kirche über die Geister wieder begründen!«

»Sie vergessen,« sagte der Staatsrat Klindworth, welcher noch immer voll Erstaunen auf den Grafen blickte, »daß die patriarchalischen Zustände des Lebens, unter welchen jene ersten christlichen Gemeinden erstanden und bestanden, nicht mehr existieren, heute –«

»Jede Institution,« fiel der Graf ein, »auch die höchste und heiligste, kann nur in demselben Geiste am Leben erhalten werden, welcher sie geboren hat, und der Geist des Christentums, der Geist der christlichen Kirche ist die Freiheit, nicht jene Freiheit, welche man heute so viel im Munde führt und welche vom Gesetz sich lösen möchte in roher Willkür, sondern die Freiheit, welche in kindlichem Gehorsam danach stirbt, den Sinn des Gesetzes zu erkennen und dasselbe in liebevoller Hingebung zu erfüllen. Führt die Kirche den Menschengeist nicht auf den Weg der wahren, der göttlichen Freiheit, so wird er abirren in dunklem Drang und Streben zu den falschen Götzen, welche die sophistische Vernunft mit so lockendem Schmuck bekleidet.«

Mit leuchtenden Blicken hatte der junge Abbé zugehört, er war hinter den Sessel getreten, in welchem der Staatsrat zusammengebückt saß, der Graf trat einen Schritt näher und das Gesicht von Begeisterung durchschimmert, sprach er mit voll aus dem Innern heraustönender Stimme:

»Ich sehe ein großes, herrliches Bild vor dem Auge meines Geistes sich erheben, das Bild der wiedergeborenen Kirche, welche mit der gewaltigen, Himmel und Erde durchströmenden Macht des Wortes, des heiligen Logos, die Welt vereinigt und ihre Herrschaft wieder ausdehnt über die Geister, und um dies Bild zur Wahrheit werden zu lassen, genügt heute noch ein Wink vom Vatikan, bald vielleicht wird es zu spät sein. – Sehen Sie,« fuhr er nach einem tiefen Atemzug fort, »die ganze große katholische Welt, das ist heute die Gemeinde der Kirche, der Papst, umgeben von den Bischöfen, ist ihr Priester, die katholischen Mächte sind ihre Presbyter. Diese große Gemeinde muß zusammentreten, um in gemeinsamer Arbeit den Geist der Kirche zu regenerieren, um von neuem durch das öffentliche Bewußtsein sich ergießen zu lassen. Der Papst müßte um seinen Stuhl versammeln die Bischöfe der Christenheit, die Vertreter der Mächte und die Vertreter der Völker, um in dieser Versammlung die Satzungen und Ordnungen der Kirche, die Fragen, welche das kirchliche Leben bewegen, in mächtiger, gemeinsamer Arbeit zu erörtern; diese Versammlung müßte, wenn auch vielleicht nur durch Delegationen, in bestimmten Zeiträumen wiederkehren, damit der freie Hauch des Lebens zum Mittelpunkt der Kirche hinströmt und damit von dort aus wieder Licht und Wärme sich weit hinaus in die so viel verzweigte menschliche Gesellschaft ergießt. Was die Völker auf dem politischen Gebiet in den Angelegenheiten des materiellen Lebens verlangen, das tut noch mehr not in der großen Sache der Religion, welche die Seele mit ihrer ewigen Heimat verbindet.«

»Sie wollen ein Konzil?« sagte der Staatsrat Klindworth, »man hat diesen Gedanken schon erwogen –«

»Nicht eigentlich ein Konzil,« erwiderte Graf Rivero, »im Sinne der früheren Kirchenversammlungen, doch mag man diesen Namen beibehalten, was ich im Sinne habe, ist mehr – um diesen profanen Ausdruck zu gebrauchen – ein Kirchenparlament.«

Der Staatsrat lachte leicht.

»Und damit glauben Sie die Herrschaft der Kirche, die Herrschaft des päpstlichen Stuhls wieder begründen zu können, durch ein Mittel, welches schon auf dem weltlichen Gebiet alle Autorität untergraben hat?«

Langsam schüttelte der Graf den Kopf. »Weil die Regierungen den Geist unterdrücken wollen, statt ihn zu beherrschen und zu lenken. Der Geist aber ist das Lebenselement, das eigentliche Gebiet der Kirche, und,« fügte er düster hinzu, »wenn sie es nicht versteht, mit all der großen Summe von höchster Intelligenz, von Hingebung und Begeisterung, über welche sie Herrin ist, auf diesem Gebiete zu herrschen, dann ist ihre Macht überhaupt dahin, der Bannstrahl zündet nicht mehr, das Sonnenlicht des Geistes aber wird zu jeder Zeit siegreich durch alle Wolken brechen, und gegen die Herrschaft des Geistes wird die Macht der Regierung ebenso vergeblich kämpfen, wie die sophistischen Phrasen atheistischer Philosophie!«

Mit einem leichten Anklang von Ungeduld sagte der Staatsrat:

»Es sind sehr große, weite und schöne Ideen, die Sie da aussprechen, Herr Graf, und dieselben werden jedenfalls bei den Erwägungen, welche man im Vatikan über die Berufung eines Konzils anstellt, Beachtung finden, indes für den Augenblick liegt das noch sehr fern, und ich muß gestehen, daß ich meinerseits allen diesen Fragen ziemlich fremd bin,« er warf einen schnellen, scharfen Blick zu dem Grafen hinauf, »mir liegt die politische Welt mit ihren materiellen Machtbedingungen näher, und wir dürfen sie nicht aus den Augen verlieren.«

Mit einem leichten, schmerzlich wehmütigen Lächeln ließ sich der Graf wieder auf seinen Stuhl nieder und sagte in ruhigem Tone:

»Und was glauben Sie, steht jetzt im Vordergrund des politischen Interesses?«

Der Staatsrat richtete sich ein wenig empor, und der durchdringende Blick seines Auges richtete sich länger als gewöhnlich auf den Grafen.

»Sie sind nun längere Zeit bereits hier,« sagte er, »und einer so scharfen Beobachtung wie die Ihrige kann die wahre Lage der Dinge hier nicht entgangen sein, glauben Sie, daß bei Kaiser an eine ernste Aktion denkt, daß er bereit ist, eine solche vorzubereiten, oder trägt er sich mit dem Gedanken, sich mit dieser neuen preußischen Macht verbinden zu können?«

Der Graf schwieg einen Augenblick auf diese direkte Frage.

»Der Fürst Metternich steht den leitenden Kreisen näher als ich,« sagte er dann, »der Kaiser hat großes persönliches Vertrauen zu ihm, man sollte in Wien vollständig durch ihn unterrichtet sein.«

Ungeduldig rückte Herr Klindworth auf seinen Stuhl hin und her.

»Sie wissen so gut wie ich,« rief er, »daß Napoleon seinen letzten Gedanken, wenn ein solcher bei ihm feststeht, dem Fürsten Metternich nicht aussprechen wird, und ihn zu erraten –« Er zuckte leicht die Achseln.

»Der Grundgedanke dieser luxemburgischen Sache,« sagte der Graf ruhig, »war jedenfalls ein Arrangement mit Preußen.«

»Er hat sich getäuscht, diese Sache ist beseitigt, er hat seinen Zweck nicht erreicht, sollte er nicht tiefer als je erbittert, mehr als je von der Notwendigkeit einer großen und kombinierten Aktion durchdrungen sein?« fragte der Staatsrat.

Der Blick des Grafen ruhte einen Augenblick sinnend auf dem gespannten Gesicht des alten Agenten.

»Ich glaube es,« sagte er dann, »jedenfalls ist in seiner nächsten Umgebung der Wunsch nach einer solchen Aktion sehr lebhaft. – Sie wissen aber selbst, wie schwer der Kaiser bestimmte Entschlüsse faßt, wie viel schwerer noch er sie ausführt.«

»Ich werde ihn morgen sehen,« sagte Herr Klindworth, »und möchte gern ein wenig vorher informiert sein, daher meine Fragen. Sie wissen,« fuhr er fort, »ich bin aus einer Zeit, in welcher man die Politik als ein Rechenexempel mit klar benannten Zahlen behandelte, und ich möchte in meine Rechnung so wenig unbekannte Größen als möglich einführen.«

»Und welches ist die Formel der Aufgabe, welche Sie jetzt lösen wollen?« fragte der Graf lächelnd.

»Sie ist einfach,« jagte der Staatsrat. – »Wir müssen Frankreich, Österreich und Italien zu fester Koalition vereinigen, um Deutschland aus den Händen Preußens zu reißen, zu dieser Koalition will ich Napoleon vorbereiten. Der Kaiser Franz Joseph wird hierher kommen, ich möchte, daß er noch vor dem Könige von Preußen kommt, und dann muß diese Tripelallianz besiegelt werden, welche mächtig genug ist, um mit sorgfältiger Vorbereitung und mit wohlerwogenem diplomatischen und militärischen Plan eine erfolgreiche Aktion zu beginnen. Ein Bund der süddeutschen Staaten wird der erste Schritt derselben sein. Wenn Frankreich und Österreich eng verbunden dastehen, so werden die süddeutschen Staaten wieder den Mut zu ernster Verteidigung gewinnen, und sollten sie zögern, so wird,« fügte er lächelnd, die Hände reibend, hinzu, »der Druck von beiden Seiten und von Italien genügen, um sie zu bestimmen.«

Der Graf hatte das Auge zu Boden geschlagen. Seine ruhigen, nachdenklichen Züge zeigten keine Bewegung bei den Worten des Staatsrats.

»Ich kann nur wiederholen,« sagte er, »daß es sehr schwer ist, vorher zu bestimmen, welche Stellung dieser rätselhafte, aus schneidenden Widersprüchen sich zusammensetzende Charakter des Kaisers in der Durchführung einer weitgehenden Kombination einnehmen werde, disponiert aber werden Sie ihn für eine solche Idee, die ja ohnehin ganz in den Verhältnissen begründet ist, in hohem Grade finden, und der Unterstützung der Kaiserin werden Sie sicher sein. – Ob freilich,« fuhr er mit einem tiefen Blick fort, »Italien in diese Kombination eintreten wird, ohne Bedingungen zu stellen, welche Österreich und Frankreich als katholische Mächte in schwere Verlegenheit setzen werden, das möchte mir zweifelhafter erscheinen.«

»Bah,« sagte der Staatsrat, »das wird sich machen lassen, man wird etwas geben, viel versprechen, und wenn erst dies Deutschland wieder in Ordnung gebracht ist, tun, was man will. – Doch,« fuhr er aufstehend fort, »ich verlasse Sie, wir werden uns noch öfter sehen und eingehender alle diese Dinge besprechen, jetzt muß ich mich noch ein wenig orientieren und dann etwas ausruhen, um meine Kräfte zu sammeln, man fühlt doch allmählich das Alter.«

»Darf ich Ihnen meinen Wagen anbieten?« fragte der Graf.

»Ich danke, ich danke, ich werde einen Fiaker nehmen,« sagte der Staatsrat mit einem schnellen, forschenden Blick, und mit einer leichten Verbeugung verabschiedete er sich von dem Abbé und dem Grafen Rivero, der ihn bis zur Tür des Vorzimmers begleitete.

Als der Graf wieder in das Zimmer zurücktrat, lag tiefer Ernst auf seinen Zügen.

Er ging einige Male sinnend auf und nieder und blieb dann vor dem Abbé Rosti stehen.

»Mein Freund,« sagte er, seine Hand auf die Schulter des jungen Mannes legend, mit tiefernstem Ausdruck, »was mir in Wien bereits vorschwebte, ist mir hier immer klarer geworden und steht jetzt in unumstößlicher Überzeugung fest: der Weg, welchen Österreich geht, führt zum Unheil! – Zum wahren Heil des Christentums und der Kirche müssen wir mit aller Kraft daran arbeiten, daß die Durchführung dieser Kombination verhindert werde, sie würde die Welt in Flammen setzen und – selbst wenn ihr Zweck erreicht würde, nur die allgemeine Auflösung nach sich ziehen.«

»Ich habe mit Bewunderung die großen und weiten Ideen verfolgt,« sagte der junge Priester, »welche Sie vorhin entwickelten, aber,« fügte er zögernd hinzu, »sollte es möglich sein, daß dieselben bei dem heiligen Stuhle Eingang fänden? – werden nicht die alten Auffassungen von der absoluten, unantastbaren Autorität einer solchen Entfesselung der geistigen Bewegung entgegenstehen?«

»Wer den Geist fürchtet, wird ihn nie beherrschen,« erwiderte der Graf, »wer vermag das Meer in Dämme zu schließen und der Bewegung seiner brandenden Wogen Fesseln anzulegen?« fuhr er fort, »aber der Heiland schritt, getragen von der Kraft des ewigen Wortes, herrschend über die Wellen hin, die sich demütig zu seinen Füßen schmiegten. So soll die Kirche, durchdrungen vom ewigen Geiste Gottes, in siegreicher Zuversicht ihren Fuß auf die Wogen der geistigen Strömung setzen, die rauschende Flut wird sich gehorsam zu ihren Füßen legen. – Der heilige Vater war diesem Gedanken nicht fern,« sagte er sinnend, »am Anfange seines Pontifikats, und wäre früher kraftvoll in diesem Sinne gehandelt worden, so wäre vielleicht heute die Macht Gregors VII. in reinerer, edlerer und herrlicherer Form wieder erstanden, doch noch ist es nicht zu spät, wenn auch spät – sehr spät.«

»Aber,« sagte der Abbé, »wenn auch eine Durchführung dieser großen Idee möglich wäre, wenn man in großartiger Kühnheit diesen Weg einschlüge, um die freie Geistesherrschaft der Kirche zu begründen, so würde es doch um so mehr die Aufgabe der katholischen Mächte sein, diese immer gewaltigere Erhebung des protestantischen Preußens zu bekämpfen und in Deutschland wieder die Hoheit Österreichs zu befestigen, und doch wollen Sie –«

»Katholische Mächte?« rief der Graf, indem er sinnend den Blick erhob, »wo sind die katholischen Mächte? – Ist der Name »katholisch«, wie er gewöhnlich gebraucht wird, noch gleichbedeutend mit wahrem Christentum, mit der Kirche, wie sie Gott zum Heile der Menschheit auf Erden erbaut sehen will? – Ist eine Macht eine katholische, eine christliche, weil in den Kirchen ihres Landes die Messe gelesen wird? Ist Österreich eine katholische Macht, Österreich, welches im vorigen Jahre in eiliger Überstürzung die Existenz, die Macht und das Recht der alten Kirche aufgab, Österreich, das jetzt nicht daran denkt, an einer wahren geistigen Regeneration der Kirche zu arbeiten und dazu in inniger Verbindung mit dem römischen Stuhl seinen ganzen Einfluß aufzubieten, sondern statt dessen dem seichten Liberalismus zuliebe eine wohlfeile Konzession macht und der Kirche einfach den Krieg erklärt, mit Hintergedanken nach allen Seiten? – Ist Frankreich eine katholische, eine christliche Macht? Frankreich, das seit lange in dem Leben seines Staatsorganismus und seiner Gesellschaft alle Grundelemente des Christentums zerstört hat, Frankreich, das die Göttin Vernunft zwar nicht mehr auf den Straßen und öffentlichen Plätzen einherfährt, dafür aber ihren Götzendienst pflegt in feinen Journalen, in seinen öffentlichen Versammlungen, auf dem Herde seiner Familien? Frankreich, das seine Hand auf Rom legt, nicht zum Schutz der Kirche, sondern um jede wahrhaft nationale Entwicklung unseres armen Vaterlandes zu verhindern? – Ist Italien eine christliche Macht, Italien, das eine Beute geworden dem piemontesischen Ehrgeiz und dem roten Wahnsinn eines Garibaldi? – Spanien etwa, dessen nationale Kraft sich nur noch in sporadischen Zuckungen erhebt, um den eigenen Leib zu zerfleischen?«

Er hielt inne und seufzte tief auf.

»Blicken Sie dagegen hin auf dieses Deutschland,« fuhr er dann langsam mit voller Stimme fort, »auf dieses Deutschland, das man uns als die ketzerische Macht bezeichnen möchte, dort ist der wahre Katholizismus, das wahre Christentum, ich spreche nicht nur von den katholischen Gebieten, sondern auch von den protestantischen, in Deutschland ist das Christentum lebendig sowohl im Staat und in der Gesellschaft, wie in der Familie. Das Heil der Kirche kann nur erwachsen, wenn man dies in Rom erkennt, wenn man fest und klar sich auf die deutsche Kraft stützt, an deren Spitze ich so gern das neugeborene Österreich gesehen hätte, welche aber jetzt, und zwar für immer in den Händen Preußens ruht. Deutschland muß der materielle Boden sein, auf welchen die Wiedergeburt der Kirche sich stützt, anknüpfend an die eisten Gedanken Leos X. und Karls V. bei der Reformation. Wenn die päpstliche Kurie es versteht, in inniger Verbindung mit Deutschland die freie, geistige Herrschaft der Kirche wieder aufzurichten, dann wird auch der irdische Felsen ihrer Unabhängigkeit mitten in den Brandungen der italienischen Bewegung feststehen, das piemontesische Werk der Nacht wird nicht vollendet werden, wenn der erste Priester der Christenheit sich stützt auf den Arm des deutschen Kaisers.«

»Des deutschen Kaisers?« rief der Abbé mit tiefem Erstaunen, »Sie glauben, daß das deutsche Reich wieder erstehen werde durch Preußen?«

»Ich glaube es,« fügte der Graf mit fester Stimme, »und ich erblicke darin, wie jetzt die Dinge gekommen sind, das einzige Heil des Christentums, der Kirche, der Zivilisation. Und daß dies geschehe, dafür will ich arbeiten mit Eifer und Wachsamkeit, denn nicht ohne schwere Kämpfe wird das Ziel erreicht werden, Gott gebe, daß dies nur Kämpfe der Geister sein mögen, denn wenn die Waffen entscheiden sollten, wenn die Gedanken und Pläne dieses alten Klindworth Wirklichkeit würden, so würde die Welt von Blut überschwemmt werden.«

»Doch, was wird man in Rom zu dieser Auffassung sagen?« fragte der Abbé Rosti schüchtern und zögernd, »wenn man sie nicht billigte?«

»Dann wird die zweite Ära der Weltherrschaft Roms beendet sein,« sagte der Graf mit düsterem Tone, »dann werden die Legionen des heutigen Rom in Deutschland ebenso ihr Grab finden, wie einst die stolzen Kolonnen des Varus, doch,« fügte er hinzu, »ich habe Andeutungen, daß die Stellung und Bedeutung Deutschlands in Rom wenigstens empfunden, wenn auch noch nicht klar erkannt wird, ich hoffe auf den scharfen Blick Antonellis, ich hoffe, daß der große und freie Geist des heiligen Vaters die Schwingen, die er einst so mächtig regte, wieder ausbreiten werde, um in siegreichem Adlerflug die Kirche hinüberzuführen in die neuen Jahrhunderte des Lichts und der Freiheit!«

Der Abbé hatte die Hände gefaltet und blickte wie träumend in das von prophetischem Schimmer erleuchtete Antlitz des Grafen.

»Sie öffnen mir Gesichte,« sagte er, »deren Helle mich blendet.« »Möchten sie sich einst erfüllen,« sprach der Graf sanft, »zur immer größeren Ehre Gottes!«

Einundzwanzigstes Kapitel.

Weit hinaus im alten Paris – in jenen Gegenden, welche der Fuß des Touristen selten betritt, und welche vielen, die jahrelang die glänzende Metropole bewohnt haben, unbekannt bleiben, in jenen Gegenden, in welchen man das leichte Rollen der eleganten Equipagen nicht hört, in welchen man jenen bunten, reichen Toiletten der Boulevards niemals begegnet, liegt die alte enge Straße, an deren Ecken man auf dem blauen Schilde mit weißen Buchstaben liest: »Rue Mouffetard«.

Wenn man diese Straße durchschreitet, so würde man sich hundert Meilen von jener schimmernden, blitzenden, heitern und fröhlichen Welt glauben, welche zwischen der Place de la Concorde und dem Boulevard Saint Martin hin und her wogt, plaudernd. lachend, sehend und sich sehen lassend, getragen von der moussierenden Oberfläche des Lebens, von gestern träumend in freundlicher Erinnerung, das Heute umarmend in reizendem, flüchtigem Genuß, dem Morgen zulächelnd in hoffnungsvoller Erwartung.

Dort herrscht die Freude, der Frieden mit dem blumengeschmückten Leben, und über all' dem schnellen Hin- und Hertreiben, über all' der zitternden Bewegung liegt der Hauch glücklicher Ruhe, wie der stille Sonnenschein über den zitternden Blütenhäuptern einer Frühlingswiese, welche die leichtbeschwingten Schmetterlinge in der immer wechselnden Unruhe ihres heiteren Spiels tändelnd umschweben.

Hier aber, in dem Viertel der Rue Mouffetard, da herrscht der schwere Kampf mit dem Leben, das seine kargen Genüsse sich nur durch harte Mühe abringen läßt, der Kampf auf allen Gebieten, der Kampf der ernsten, unablässigen Arbeit, die im Schweiß des Angesichts das Brot erwirbt, der Kampf aber auch der Auflehnung gegen die Gesellschaftsordnung, welche die Güter des Lebens so ungleich verteilt, der Auflehnung in offener Revolution, wenn der Barometer des Staates und der Gesellschaft auf Sturm zeigt, der Auflehnung in listiger Verschlagenheit, wenn die Macht der Autorität die gärenden Elemente kraftvoll zurückdrängt.

Aus diesen Quartieren sieht man am frühen Morgen die Arbeiter in ihren einfachen Blusen nach den Fabriken und Werkstätten ziehen, um den Unterhalt für sich und ihre Familien zu erwerben, ehernen Ernst auf den Zügen ober ruhige, stille Heiterkeit, je nachdem sie leichter oder schwerer das strenge Los der ewig gleichen Arbeit ertragen, denn hier herrscht nicht der Genuß, sondern das Bedürfnis, und Genuß ist es schon, wenn der müde Arm ausruhen kann, ohne daß das Herz unruhig schlägt in der Sorge um Nahrung und Obdach, hier denkt man aufatmend an das überwundene Gestern, hier ringt man mit dem Heute in harter Tätigkeit, hier sieht man fast bangend dem Morgen mit seinen neuen Bedürfnissen entgegen.

Neben den Arbeitern aber, die da ausziehen zum festen und mannhaften Kampf mit dem Leben, sieht man aus diesen Quartieren hervorschleichen jene zweifelhaften und dunklen Existenzen, welche voll finsteren Hasses in die helle, lachende Welt des Genusses heraufsteigen, um durch Schlauheit und List ihren Anteil an den lachenden Freuden des Lebens zu gewinnen, jene Herzen voll Grimm und Hohn, jene Köpfe voll Verschlagenheit und Tücke, welche in ewigem, unversöhnlichem Kriege mit dem Gesetz und der Gesellschaft dahinleben wie das Wild des Feldes, verfolgt von den Spürhunden und Jagdnetzen der Polizei, welche ebenso zahlreich, listig und fein verschlungen sind wie die künstlich gegliederte Tätigkeit derjenigen, welche sie überwachen und fangen sollen.

Denn hier wohnt das Volk, das wirkliche wahre Volk mit all' seinem tiefen, großen Heroismus und mit allen jenen schrecklichen Instinkten, welche aus den Tiefen der Hölle in die Menschenseele heraufsteigen. Von hier aus marschieren sie heran, jene ernsten, unerbittlichen Scharen, die unter den Klängen der Marseillaise die Königspaläste zertrümmern, aber denjenigen töten, der zwischen den Trümmern einen in den Staub getretenen Edelstein aufhebt und in die Tasche steckt, von hier aber auch wälzen sie sich her unter dem wüsten Geheul des Ça ira, jene grimmigen Horden, welche hohnlachend über die Leichen hinschreiten, welche mit gieriger Lust im Blute waten, welche in unversöhnlich wütendem Haß gegen alles, was auf den Höhen des Glückes, des Lichtes und der Freude wohnt, die Herzen aus den zuckenden Leibern reißen und wie die Dämonen der Vernichtung über die Gesellschaft hereinbrechen.

So sind die Bewohner der Viertel, in welchen die Rue Mouffetard liegt. Die Häuser stehen fast alle offen in dieser Straße, denn hier sind keine Schätze zu holen, und wenn auch zahlreiche Personen da sind, für welche die Grenzen des Eigentums keineswegs den Nimbus der Unverletzlichkeit haben, so liegt deren Tätigkeit weit außerhalb in den Gebieten des Reichtums und des Luxus. Hier sieht man keine glänzenden Magazine, einfache Läden befinden sich in den Erdgeschossen der Häuser, meist gefüllt mit alten Sachen oder einfachen Lebensmitteln, den Bedürfnissen der Bevölkerung angemessen, hie und da kleine Restaurants, in welchen die Arbeiter ihre bescheidene Nahrung finden, marchands de vin, bei welchen man in dunklen, niedrigen Stuben jenes zweifelhafte rotgefärbte Getränk zu sich nimmt, das von dem Wein eben nur den Namen und die berauschende Kraft besitzt; diese berauschende Kraft, welche der Mensch unter allen Zonen und in allen Lagen des Lebens sucht, um die Freude zu erhöhen oder das Elend zu vergessen.

In einer der Vormittagsstunden, in denen man außer den regelmäßig auf ihren Stationen einhergehenden Sergents de Ville wenig Menschen hier begegnet, bog eine junge, einfach und ärmlich gekleidete Frau in die Rue Mouffetard ein. Sie trug ein hochanschließendes Kattunkleid, einen alten wollenen Schal und einen Hut von dunklem Strohgeflecht mit einem ziemlich verschossenen Samtband. In der Hand hielt sie eine nicht zu große Tasche, welche ihre notwendigsten Gepäckstücke enthalten mochte. Denn augenscheinlich war diese Frau hierher gekommen, um in diesem Quartier der Arbeit eine Wohnung zu suchen, sie ging langsam vorwärts und betrachtete prüfend die Häuser. Wo sie eine Tafel mit bei Anzeige sah, daß hier möblierte Zimmer zu vermieten seien, blieb sie einen Augenblick stehen und ließ ihren Blick über die Front der Gebäude und die Fenster der einzelnen Stockwerke laufen, es schien aber bis jetzt diese Prüfung nicht zu ihrer Befriedigung ausgefallen zu sein, denn sie schritt immer weiter, ohne daß sie Miene gemacht hätte, in eines der Häuser einzutreten, welche auch in der Tat nicht besonders dazu einluden und durch den eigentümlichen dumpfen, kalten Hauch, der aus ihren geöffneten Türen drang, sehr wenig Reinlichkeit und Behaglichkeit in ihrem Innern versprachen.

Endlich war die junge Frau bis fast zur Mitte der Straße gekommen und blieb vor einem Hause stehen, das ein wenig ordentlicher und eleganter erschien, wenn dieser Ausdruck überhaupt für die Verhältnisse in jener Gegend passen könnte, als die übrigen.

Die junge Frau betrachtete aufmerksam die Fenster der drei Etagen dieses schmalen Hauses, warf einen forschenden Blick auf die Hausnummer und trat dann, wie einem plötzlichen Entschlusse folgend, durch die schmale offenstehende Tür in einen dunklen Flur. Eine Art von Zimmer oder Laden im Erdgeschoß; unmittelbar neben dem Eingang von der Straße saß ein alter Mann beschäftigt mit der Ausbesserung defekter Stiefel und Schuhe, die in allen Größen und Formen um ihn her standen.

Beim Eintritt der jungen Frau hob er den Blick von einem derben Schuh empor, dessen Sohle er mit dem harten und vielgefalteten Oberleder wieder in festen Zusammenhang zu bringen bestrebt war, und sah die Eintretende durch die großen Gläser seiner auf die Nase geklemmten Brille fragend an, denn neben seinem Handwerk übte er die Funktionen eines Concierge des Hauses aus.

»Sie wünschen, Madame?« fragte er mit jenem gleichgültig ruhigen Tone, welcher den Concierges in allen Häusern, den elegantesten und vornehmsten wie den einfachsten, gemeinsam ist.

Die junge Frau trat mit etwas schüchterner Bewegung an den Eingang des Zimmers, in welchem der Alte arbeitete, und sprach mit bescheidenem Tone: »Ich möchte die Zimmer sehen, welche auf der Tafel vor der Tür zum Vermieten angeboten werden.«

Das volle Licht fiel auf das Gesicht der Eintretenden, und wenn auch deren Anzug vollkommen mit dem Charakter der Straße und des Hauses übereinstimmte, so flog doch der Ausdruck eines gewissen Erstaunens über die Züge des alten Schuhflickers, als er dies zarte Gesicht vom edelsten griechischen Schnitt erblickte, der sanfte Blick der großen, schwarzen Augen, das halb verlegene, halb verbindlich höfliche Lächeln des frischen Mundes schien ihn sympathisch zu berühren und freundlich antwortete er:

»Im dritten Stockwerk, bei Madame Raimond – Madame; Mademoiselle,« fügte er sich verbessernd mit einem Blick auf die so jugendliche Erscheinung der Wohnungsuchenden hinzu.

»Madame,« sagte sie, die Augen niederschlagend.

Er nickte leicht mit dem Kopfe. »Ich hoffe, Madame, daß Sie finden mögen, was Sie suchen, es ist ein gutes, ordentliches Haus«, und er grüßte freundlicher als sonst die junge Frau, die mit einem kurzen, höflichen: »Ich danke, mein Herr!« sich nach dem Innern des Hauses wendete und die engen und dunkeln, aber verhältnismäßig reinlichen und gut gehaltenen Treppen hinaufstieg.

Im dritten Stock angekommen, zog sie den einzigen dort befindlichen Glockenzug und nach einigen Augenblicken erschien eine alte Frau mit hoher weißer Schürze und einfacher, das ganze stark gerötete, freundlich blickende Gesicht umschließender Haube.

»Ich wünsche die Zimmer zu sehen, welche Sie vermieten wollen, Madame.«

Zuvorkommend öffnete die alte Frau die Türe des Vorplatzes und führte die Fremde in ein kleines, einfensteriges Zimmer nach dem Hofe hinaus, welches mit einem einfachen, rein überzogenen Bett, einem Schrank, einem einfachen Tisch und einigen Stühlen möbliert war.

Die Fremde ließ ihren Blick über das Ganze gleiten und schien von dem Eindruck desselben befriedigt.

»Das genügt, Madame,« sagte sie, »ich bedarf nicht viel und mache wenig Ansprüche.«

»Ich habe noch ein Zimmer auf der anderen Seite nach der Straße hinaus,« sagte die Alte, »es ist größer und schöner – aber auch teurer.«

»O nein, dies genügt vollständig, und der Preis?«

»Fünfzehn Franken den Monat.«

Nach einem kurzen Nachdenken erwiderte die junge Frau:

»Gut – das würde mir konvenieren, indes,« fuhr sie etwas zögernd fort, »ich bin allein, Madame, ich wünsche still und zurückgezogen zu leben, ich bin Witwe, bin aus besseren Verhältnissen in unerwartete Not geraten und auf den Ertrag meiner Arbeit angewiesen, wer wohnt sonst noch bei Ihnen? – Ich lege Wert darauf, die Umgebung zu kennen, in welcher ich lebe,« sagte sie mit einiger Verlegenheit an ihrem Schal zupfend.

»O,« rief Madame Raimond, indem ein freundlicher Blick aus ihren kleinen grauen Augen über die schlanke Gestalt der Fremden glitt, »Sie kommen bei mir in ein gutes Haus, ich nehme keine schlechte Gesellschaft auf, sehen Sie, hier neben Ihnen wohnt ein sehr ordentlicher, braver junger Mann, fleißig und sparsam, George Lefranc, er ist Schornsteinfeger, eine einträgliche Arbeit, er verdient viel Geld für seine Verhältnisse, aber er verschwendet es nicht. Sie werden sich vielleicht einmal erschrecken, wenn Sie ihn kommen sehen im Anzug seiner Arbeit, aber eine halbe Stunde darauf, da ist er so rein und sauber – und ein so braver, guter Junge, er liest mir zuweilen vor und pflegt meine Blumen, o Sie werden gewiß zufrieden sein, ihn kennen zu lernen.«

Die Fremde neigte leicht den Kopf.

»Und dort?« fragte sie, auf die gegenüberliegende Tür deutend.

»Das ist das Zimmer nach der Straße,« sagte die Alte, »von welchem ich Ihnen vorher sprach, es ist noch frei, aber Sie können ganz ruhig sein –, es wird nur an ganz ordentliche Leute vermietet, ich halte streng darauf, genau zu wissen, wen ich bei mir aufnehme. – Doch,« fuhr sie etwas stockend fort,, »darf ich nach Ihren Verhältnissen fragen? – Sie verzeihen,« sagte sie und abermals fuhr ihr Blick wohlgefällig über die so einfache, ärmliche, aber saubere und zierliche Erscheinung der Fremden, »nicht, daß ich irgend einen Zweifel hätte –«

»Sie haben recht, Madame,« sagte die junge Frau lächelnd, »und Ihre Vorsicht beruhigt mich, ich bin aus dem Elsaß, mein Name ist Madame Bernard, ich bin die Witwe eines unteren Beamten, mein Mann starb nach kurzer Ehe und ließ mich allein, ich bin nach Paris gekommen, da man mir sagte, daß ich hier leichter Gelegenheit finden würde, durch meine Arbeit mein Brot zu verdienen, ich bin seit vier Wochen hier, durch Empfehlungen habe ich ausreichende Arbeit gefunden in Weißnäherei und Stickerei, ich wohnte in der Nahe der Boulevards, aber dort waren mir die Preise zu hoch, ich möchte etwas erübrigen für unvorhergesehene Fälle, man sagte mir, daß ich in dieser Gegend wohlfeiler leben könnte, ich kam hierher, sah dies Haus, das mir gefiel und Vertrauen erweckte, und hoffe hier ein Unterkommen zu finden, meine Arbeit liegt freilich in den reichen Quartieren, aber,« sagte sie lächelnd, »das macht mir nur eine Stunde früheres Aufstehen nötig, und das ist wenig, wenn man jung und gesund ist. – Dies ist meine Lage, Madame,« fuhr sie fort, indem sie ihre Handtasche öffnete und daraus ein einfaches Portefeuille in schwarzem Leder hervorzog, »hier meine Legitimation.« – Sie reichte Madame Raimond ein Papier, welches sie aus dem Portefeuille nahm.

Diese warf einen Blick hinein und gab es freundlich mit dem Kopf nickend zurück.

»Vortrefflich – sehr gut, meine liebe Madame Bernard,« sagte sie, »alles in bester Ordnung, ich freue mich, Sie als Hausgenossin aufzunehmen, ich hoffe, Sie werden sich bei mir wohlfühlen, ich werde Sie mit Herrn George Lefranc bekannt machen, er ist heute frei, und wird bald nach Hause kommen.«

»Ich danke, Madame,« sagte die in ihrem Legitimationspapier als Madame Bernard bezeichnete Fremde mit ruhigem, fast abwehrendem Tone, »ich habe keinen Wunsch, Bekanntschaften zu machen. – Doch,« fügte sie nach einigem Nachsinnen hinzu, »ich möchte Sie bitten, mir irgend jemand nachzuweisen, der meinen Koffer holen könnte, den ich bei dem Concierge eines Hauses, in welchem ich arbeite, stehen ließ, er ist mir zu schwer, ich will den Fiaker bezahlen, wenn Herr George vielleicht –«

»Torheit, Torheit, mein liebes Kind,« rief Madame Raimond lebhaft, »Sie verzeihen, daß ich Sie so nenne, aber ich habe vom ersten Augenblick an eine ganz besondere Sympathie für Sie, Torheit sage ich, das unnütze Geld für einen Fiaker auszugeben, Herr George wird mit einem kleinen Handkarren, den ich für solche Fälle unten im Hause stehen habe, Ihren Koffer holen.«

»Madame,« sagte die junge Frau zögernd, »für eine Fremde –« »Ich sage Ihnen, er tut es gern,« rief die Alte, »meine Hausbewohner haben noch immer auf einem sehr guten Fuß miteinander gestanden und ich wette, Sie werden auch freundlich und gefällig sein, wenn es einmal gelten sollte, dem guten Burschen die Wäsche auszubessern oder eine Krawatte zu machen.«

Ein ganz eigentümliches Lächeln zuckte einen Augenblick um die Lippen der Madame Bernard, dann ergriff sie schnell mit kindlichem Ausdruck die Hand der alten Frau und rief mit herzlichem Tone: »O gewiß werde ich alles tun, um gute Nachbarschaft zu halten, bei Ihnen können ja nur brave Leute wohnen, wie freue ich mich, daß ich hier in dieses Haus ging, ich werde hier gewiß ein Asyl finden, um so ruhig und zufrieden zu leben – als – es mir überhaupt noch möglich ist,« fügte sie seufzend hinzu.

Die Alte sah sie freundlich und mitleidig an.

»Nun, nun,« sagte sie, ihr leicht auf die Schulter klopfend, »wenn man so jung ist wie Sie, muß man den Mut nicht verlieren, auch wenn man schwer vom Schicksal geprüft wird, doch,« fuhr sie heiterer fort, »nun richten Sie sich ein in Ihrem Stübchen, wenn Sie noch etwas bedürfen, so sagen Sie es, ich werde für Sie tun, was möglich ist.« Und sie führte die junge Frau in ihr Zimmer, mit aufmerksamem Blick die Möbel musternd und hie und da geschäftig den Staub abputzend.

»Da ich nun von meinem Zimmer Besitz nehme,« sagte Madame Bernard, »so muß ich auch meinerseits meine Verpflichtungen erfüllen,« sie nahm aus ihrer Handtasche eine wollene Geldbörse, zählte von dem Inhalt derselben vier große silberne Fünffrankenstücke ab und legte sie auf den Tisch, »hier, Madame, die fünfzehn Franken für den Monat und fünf Franken als Vorlage für meine kleinen Bedürfnisse, ein wenig Milch am Morgen, ein Weißbrot.«

»O es wäre nicht nötig gewesen,« sagte Madame Raimond, »ich habe Vertrauen zu Ihnen.« Doch zeigte der Ausdruck ihres Gesichts deutlich, daß der Beweis, welchen ihre neue Mieterin von der pünktlichen Erfüllung ihrer Zahlungsverpflichtungen gegeben, der Sympathie, welche sie ihr eingeflößt, keinen Abbruch getan habe.

»Es ist so meine Gewohnheit, ich bitte,« sagte die junge Frau.

Ein kräftiger, rascher Schritt, welcher die Treppe herauf ertönte, unterbrach das Gespräch. – Madame Raimond nahm die vier Geldstücke, ließ sie in ihre Tasche gleiten und rief rasch nach der Tür hineilend:

»Da kommt Herr George, ich werde ihn gleich bitten, Ihren Koffer zu holen.«

Langsam folgte ihr die junge Frau und blieb im Rahmen der Tür stehen, den Blick des großen dunklen Auges forschend und gespannt auf einen kräftigen, schlanken Mann von ungefähr sieben- bis achtundzwanzig Jahren richtend, welcher soeben die letzten Stufen der Treppe heraufgestiegen war und auf den Vorplatz trat, den Madame Raimund noch nicht wieder verschlossen hatte.

»Gut, daß Sie kommen, Herr George,« rief die Alte lebhaft, »Sie haben eine Nachbarin, es wird wieder etwas mehr Leben in das Haus kommen, ich habe soeben das Zimmer neben dem Ihrigen vermietet, ich bin überzeugt, Sie werden sich ebenso freuen, wie ich; ich habe schon über Ihre Gefälligkeit disponiert, es handelt sich darum, den Koffer unserer neuen Hausgenossin zu holen, sie wollte einen Fiaker dazu anwenden, die übermütige; aber ich sagte sogleich: Herr George ist da, Herr George ist die Gefälligkeit selbst, er wird Ihnen Ihren Koffer holen.«

Der junge Mann, an welchen diese lebhafte Rede gerichtet war, trug eine blaue Bluse, aus der ein weißer frischer Hemdkragen, von einer schwarzen Krawatte zusammengehalten, hervorragte. Sein starkes, lockiges Haar, von einer leichten, kleinen Mütze bedeckt, ließ nur wenig die niedrige und schmale, aber schön gewölbte Stirn frei, die etwas tief liegenden großen, dunklen Augen blickten streng in fast düsterem Feuer unter starken Augenbrauen hervor, die leicht gebogene Nase, der fest geschlossene Mund und das kräftig hervortretende Kinn gaben diesem ganzen mageren und blassen Gesicht den Ausdruck innerer verschlossener Energie, gestählt und gehärtet im Kampf mit dem Leben, aber auch einseitig und starr geworden in der Beschränkung enger Verhältnisse. Es war das einer jener Köpfe, wie man sie auf den Bildern der Puritaner findet, einer jener Köpfe, welche starre Willenskraft, grausame Harte in sich bergen, aber auch ebenso viel glühende, verzehrende Leidenschaft.

Der junge Mann nahm seine Mütze ab und sagte, indem der tiefe Blick seines Auges sich durchdringend auf die neue Mitbewohnerin dieser ärmlichen Häuslichkeit richtete:

»Mit Vergnügen, Madame, werde ich Ihnen gefällig sein, – es ist das ja so natürlich unter uns armen Arbeitern, es ist bei uns nicht wie bei den Vornehmen und Reiche, die sich gegenseitig verfolgen und verleumden, wir müssen zusammenhalten und einander unterstützen.«

»Nun, nun,« rief Madame Raimond, »es gibt auch hier unter uns Verfolgung und Verleumdung, aber das ist nun einmal ein Glaubensartikel des Herrn George,« sagte sie mit gutmütigem Lächeln, »wenn man ihn hört, so müßten alle reichen Leute durch einen neuen Feuer- und Schwefelregen von der Erde vertilgt werden.«

Die junge Frau hatte mit lebhafter Neugierde das so charaktervolle Gesicht des Arbeiters betrachtet, welches bei seinen Worten einen feindlichen, bitteren Ausdruck angenommen hatte.

Sie trat einen Schritt zu ihm hin und sagte mit sanfter, trauriger, aber herzlich anklingender Stimme:

»Sie haben recht, mein Herr, ich bin eine Arbeiterin wie Sie, ich gehöre ebenfalls zu denen, welchen diese Erde keine freundliche, lächelnde Heimat ist, welchen sie ihre Freuden und Genüsse nur um den Preis schwerer Sorge und Mühe zögernd darreicht. – Wir müssen uns unterstützen, wir müssen uns beistehen, wir sind ja Brüder und Schwestern,« fügte sie mit einem reizenden, wehmütigen Lächeln hinzu, »und darum, mein Herr, nehme ich Ihren Dienst, den ich vorher kaum zu erbitten wagte, jetzt mit freudigem Dank an, – Sie werden es mir ebenso sagen, wenn ich Ihnen etwas helfen kann, wir sind Verwandte in Armut, Arbeit und Entbehrung.«

Und mit einer anmutig bescheidenen Bewegung reichte sie dem jungen Manne die Hand.

Dieser ergriff sie mit einem Ausdruck leichten Erstaunens. Er hörte seine Grundsätze, die er so oft ausgesprochen, von denen er so überzeugungsvoll durchdrungen war, hier so natürlich, so wohltuend freundlich von einer Stimme aussprechen, deren weicher Wohlklang nicht zu den Umgebungen paßte, in welchen er zu leben gewohnt war, und die ihm wohltuend zum Herzen drang.

Er hielt die Hand der jungen Frau einen Augenblick fest, ihr Blick begegnete dem seinen mit einem wunderbar innigen, magnetischen Strahl, sein Auge senkte sich und eine flüchtige Röte färbte einen Augenblick dies blasse, strenge Gesicht.

»Erlauben Sie, Madame,« sagte er dann mit etwas leiserer, fast befangener Stimme, »daß ich Sie um die Adresse bitte, von welcher ich Ihren Koffer holen soll, ich bin heute frei und kann das sogleich besorgen, Sie werden Ihrer Sachen bedürfen.«

Sie öffnete das Portefeuille, aus welchem sie vorher bereits ihr Legitimationspapier genommen, und reichte ihm einen beschriebenen Papierstreifen.

»Chaussée d'Antin Nr. 37« las er.

»Beim Concierge,« sagte sie erläuternd, »für Madame Bernard, er kennt mich weiter nicht, auf Empfehlung einer Bekannten, der Kammerjungfer einer vornehmen Dame, hat er meine Effekten solange in seine Loge gestellt, bis ich sie abholen lassen würde.«

»Es ist gut, Madame, ich gehe.«

Und schnell sich umwendend stieg der junge Mann die Treppe hinab.

Madame Bernard aber trat in ihr neugemietetes Zimmer, dankte ihrer Wirtin für alle weitere Hilfe, welche sie ihr freundlich anbot.

»Heute abend werde ich Sie um eine Tasse Milch und ein Weißbrot bitten,« sagte sie, »das wird nicht zu viel Mühe machen?«

»Bewahre, bewahre,« rief die Alte, »richten Sie sich immer hier ein wenig ein. – Heute abend kommen Sie zu mir in mein Zimmer, um Ihre Milch zu nehmen, wir plaudern ein wenig, Herr George leistet mir auch Gesellschaft, o, wir werden sehr vergnügt und zufrieden sein, Sie werden sich hier gewiß bald heimisch fühlen.«

Und mit freundlichem Kopfnicken verließ sie das Zimmer.

Kaum war die junge Frau allein, als der demütig bescheidene, wehmütig stille Ausdruck von ihren Zügen verschwand; ein feuriger Blitz zuckte aus der erweiterten Pupille ihrer großen Augen, stolz kräuselte sich die Lippe empor und ließ eine Reihe weißer und zierlicher Zähne erblicken, sie warf den Kopf ein wenig zurück, schritt einige Male durch das Zimmer und warf einen prüfenden Blick auf diese so friedliche, einfache und trotz ihrer Ärmlichkeit anheimelnde Umgebung.

»So bin ich denn auf dem Terrain,« flüsterte sie, »und meine Aufgabe beginnt! – Es tut wohl,« fuhr sie nach einem Augenblick aufatmend fort, »aus diesem weichen, erschlaffenden Nichtstun einmal die Kräfte anzuspannen zu ernster Tätigkeit. Ich liebe den Genuß,« sagte sie sinnend, »den Luxus des Reichtums, aber das alles ist nur das weiche Lager, auf welchem wir ausruhen zur höheren Anspannung der Kraft des Geistes und des Willens, der wahre Genuß, der einzige, der befriedigen kann, das ist die Herrschaft, die Herrschaft über das Leben und seine Verhältnisse, über die Menschen und ihre Schicksale! Den freien Willen der Menschen zu lenken zu meinen Zielen, durch die Macht des Geistes jene Saiten des Organismus, die man Gefühl, Denken, Wollen, Hassen und Lieben nennt, mit meinen Händen in Schwingung zu setzen, damit den Ton geben, den ich bedarf, das ist eine Aufgabe, die mich reizt, die meiner würdig ist! – Erzählen nicht,« fuhr sie fort, den Kopf auf die Brust senkend, »erzählen nicht jene Märchen, welche immer und immer wieder die Jugendträume der wechselnden Generationen beleben, von den Feen, die da herabsteigen aus ihren glänzenden Regionen, um sich in vielfachen Gestalten unter die Menschen zu mischen und mit der Spitze ihres Zauberstabes die Fäden des Schicksals zu lenken, zu knüpfen und zu lösen in unsichtbar mächtigem Spiel? – Nun,« rief sie, sich stolz ausrichtend mit tief aufleuchtendem Blick, »womit die Märchendichtung die Einbildungskraft reizt, damit will ich mein Leben schmücken, in unsichtbarer Macht die Menschenschicksale zu lenken an geheimnisvoll zarten Fäden, das soll meine Freude und meine Lust sein. Geist und Willen sind die Zauberkräfte, welche mir dienen sollen, und so lange dieser Zauber mir die Macht gibt zur unsichtbaren Herrschaft, will ich gern verzichten auf alle jene zarten Blüten der Freude, welche das Leben anderer Menschen in stiller Genügsamkeit schmücken.«

Sie blieb stehen, die Hand auf den Tisch gestützt, den Kopf erhoben, die brennenden Lippen geöffnet, die strahlenden Äugen weit aufgeschlagen, und wer sie hatte sehen können in dieser bescheidenen Umgebung, diese ärmlich gekleidete Frau mit dem wunderbar glühenden Blick, in der stolzen Haltung einer weitherrschenden Königin, der hätte wohl daran denken mögen, daß einst die Feen, die mächtigen Bewohner des Reiches der Dämonen, hinabstiegen, um verwirrend oder segnend einzugreifen in die Schicksale der im Staub der Erde sich mühenden Menschen.

Sie trat vor den kleinen Spiegel und warf einen Blick auf ihre Gestalt, die ihr das etwas fleckige Glas zurückwarf. – Ein heiteres Lächeln spielte um ihre Lippen.

»Wenn mich hier die Bewunderer der Marchesa Pallanzoni sehen könnten,« rief sie in heiterem Tone, »diese Verkleidung ist in der Tat unendlich komisch! Aber die Sache ist ernst,« fuhr sie sinnend den Kopf senkend fort. »Werde ich meine Aufgabe erfüllen können? – Der Kopf dieses jungen Mannes,« fuhr sie flüsternd fort, »ist sehr merkwürdig, er ist nicht wie die anderen Köpfe aus seinem Kreise, er ist origineller selbst als die meisten, denen ich in anderen Sphären des Lebens begegnet bin, viel Willen, viel Mut, viel Mißtrauen,« sie hielt an und blickte ernst vor sich nieder, »aber auch viel Glut und Leidenschaft,« rief sie mit einem triumphierenden Lächeln, »und wo die Leidenschaft aufflammt, da beginnt meine Herrschaft!«

Sie ließ sich langsam auf den Stuhl nieder, strich mit der schönen weißen Hand über die Stirn und blickte in lächelndem Nachdenken vor sich hin.

»Es wird ein schönes und interessantes Spiel werden,« sagte sie dann, »hier in den Tiefen des Lebens diesen menschlichen Charakter zu studieren, zu umschlingen und zu beherrschen, eine Studie, die meine Macht wieder erhöhen und vergrößern wird, denn im Grunde sind sie doch alle gleich, die Regungen und Neigungen des Menschenherzens in den dunklen Tiefen und auf den sonnigen Höhen, nur daß hier die Leidenschaften in gewaltiger Naturkraft toben und ringen, während dort oben,« sagte sie achselzuckend mit einem unendlich verachtungsvollen Aufwerfen der Lippen, »während dort oben sie matt, kraftlos und entnervt sich dahinschleppen in lächerlichem Marionettenspiel! Wenn man des Menschenherzens Leidenschaften hier zu beherrschen und zu leiten gelernt hat, dann ist man dort oben unumschränkte Königin mit einem Wink des Fingers, mit einem leichten Hauch des Mundes. – Und hier unten,« fuhr sie fort, »wie dort oben wird doch die übermütige Kraft, das selbstbewußte Hochgefühl der Männer, die sich die Herren der Schöpfung nennen, immer gebrochen und geleitet durch jene Macht, welche man die Liebe nennt, und welche die Natur uns gab, um die Welt zu beherrschen in unserer scheinbaren Schwachheit! – Die Liebe,« sagte sie leise, indem sie in sich selbst zusammensank, »hat sie doch auch mein festes Herz besiegt, kann doch auch ich selbst sie nicht vergessen!« Träumerisch das Haupt tief herabneigend bedeckte sie die in sanftem Schimmer sich verschleiernden Augen mit den Händen und blieb stumm und regungslos sitzen, den Bildern folgend, welche die Erinnerung in ihrer Seele aufsteigen ließ.

Ein starker Glockenzug an der äußeren Türe erweckte sie nach längerer Zeit aus ihrer Träumerei.

Sie hörte die Türe öffnen, ein kräftiger Schritt ertönte auf dem Vorplatz – rasch erhob sie den in die Hände gestützten Kopf und der bescheidene, kindlich wehmütige Ausdruck trat wieder auf ihrem Gesicht hervor, während in ihrem Auge noch ein weichschimmernder Glanz zurückgeblieben war, ein letzter Strahl der Erinnerungsbilder, die sie tief ins Herz hinabdrängte, sie war wunderbar schön, ein Bild der demütigen Ergebung, der stillen Resignation.

Nach einem kurzen Klopfen öffnete sich ihre Tür und herein trat Madame Raimond, der junge Arbeiter hinter ihr, einen kleinen Koffer auf der Schulter tragend.

»Hier, meine Liebe,« rief die freundliche alte Frau, »sind Ihre Sachen, Herr George ist unglaublich schnell wieder zurückgekommen, o er ist so gern gefällig.«

George stellte den Koffer zu Boden und erwiderte mit einem artigen schweigenden Kopfnicken den Dank, welchen ihm die junge Frau in herzlichen Worten aussprach. Sein Blick ruhte dabei fest in fast düsterer Glut auf ihrem anmutigen Gesicht.

»Nun lassen wir sie,« sagte Madame Raimund, den jungen Mann zur Tür hinausdrängend, »Sie werden sich in Ihrer neuen Heimat ein wenig einrichten. – Heute abend aber,« fuhr sie dann fort, »kommen Sie zu mir, Herr George kommt auch, nicht wahr, wird werden ein wenig plaudern oder Herr George wird uns etwas vorlesen, und dabei werden wir die Grundlagen guter Geselligkeit und Nachbarschaft legen, o wir werden ebenso heiter und zufrieden sein, wie man es in den Gesellschaften der großen Welt nur immer sein kann. Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen, meine Liebe, wenn Sie nur halb soviel Zuneigung zu mir gewinnen, wie Sie mir schon eingeflößt haben, so werden wir die besten Freunde werden.« Sie verließ mit dem jungen Mann, der noch einen langen Blick auf die neue Mitgenossin dieser so armen und einfachen Häuslichkeit warf, das Zimmer.

Die junge Frau, welche einst in Wien Madame Balzer war, welche auf den Promenaden des eleganten Paris als Marchesa Pallanzoni erschien und welche jetzt hier als die arme Arbeiterin Madame Bernard in diesen kleinen stillen Kreis des armen, glanzlosen Lebens eingetreten war, diese allen Verhältnissen mit so anmutiger Sicherheit sich anschmiegende Frau packte ihren kleinen Koffer aus, welcher in geschickter und sorgfältiger Auswahl alles enthielt, was zur fahrenden Habe einer armen Arbeiterin gehören mag. Sie breitete auf dem Tisch einige seine Arbeiten aus und begann eifrig und mit gewandter Geschicklichkeit zur Vollendung derselben die Nadel zu führen – tief in ihre Gedanken versunken, zuweilen den Blick träumerisch emporrichtend, zuweilen finster vor sich hinstarrend, bald aber wieder die schönen, feinen Lippen zu siegesgewissem Lächeln öffnend.

Als mit der sinkenden Sonne Madame Raimond zu ihr eintrat, staunte sie über die Feinheit der kostbaren Stoffe, welche ihre neue Mieterin vor sich ausgebreitet hatte, noch mehr aber über die kunstvollen Stickereien, welche die fleißige Arbeiterin auf diesen Stoffen hervorgebracht hatte.

»Ah,« rief sie, »welch eine Kunstfertigkeit! Bei so viel Geschicklichkeit und solchem Fleiß kann es Ihnen nicht fehlen. – Sie werden reich werden. Doch jetzt ist es genug für heute, die Sonne sinkt und Sie dürfen Ihre Augen nicht anstrengen, kommen Sie zu mir, Sie sollen hier nicht einsam sitzen, und mir tun Sie auch einen Gefallen, ich bin eine alte, gesellige Frau und mag nicht gern abends allein sitzen.«

Sie ergriff in freundlicher Geschäftigkeit den Arm Antoniens und führte sie über den Vorplatz in ihr eigenes Wohnzimmer, das mit jener in Frankreich auch den beschränktesten Verhältnissen eigentümlichen behaglichen Sauberkeit eingerichtet war. Vor dem mit einem gehäkelten wollenen Vorhang bedeckten Kamin standen einige alte, aber bequeme und gut erhaltene Lehnstühle, der Kaminsims war geschmückt mit einfachen Vasen, aus welchen zwei Büschel von Pfauenfedern hervorragten, ein einfacher Teppich bedeckte den Boden, auf einem Tisch zwischen den Lehnstühlen stand eine kleine Lampe, im Hintergründe sah man in einem Alkoven das breite, mit dunklen Vorhängen umzogene Bett der alten Frau.

Diese drückte ihren Besuch sanft in einen der Lehnstühle nieder und sagte, indem sie sich ihr gegenüber setzte:

»So – nun ruhen Sie aus, bald sollen Sie Ihre Milch haben, wenn Sie nicht vorziehen, eine Tasse von meinem Kaffee zu nehmen, Herr George wollte auch kommen, er ist vorhin noch ausgegangen. – Ah! da ist er schon!«

Und mit freundlichem Kopfnicken begrüßte sie den jungen Arbeiter, welcher nach einem kurzen Klopfen an die Türe in das Zimmer trat.

Er trug einen kleinen Handkorb und näherte sich mit ein wenig zögernder Verlegenheit den beiden Frauen.

Antonie stand auf und reichte ihm die Hand.

»Guten Abend, mein lieber Nachbar!« sagte sie mit sanfter Stimme.

Der junge Mann ergriff die dargebotene Hand und indem sein Blick dem warmen Strahl begegnete, der aus dem Auge seiner neuen Nachbarin ihm entgegenkam, färbten sich abermals seine Wangen mit einer leichten Röte.

»Madame Raimond,« sagte er, den Korb auf den Tisch setzend, »da wir heute die Ankunft einer neuen Hausgenossin feiern, so habe ich mir erlaubt, einen kleinen Beitrag zu unserem Souper zu bringen, Sie erlauben es mir, nicht wahr?«

Er öffnete den Korb und brachte daraus eine jener schönen, goldbraun gebackenen Kalbfleischpasteten hervor, welche man in den Bäckereien von Paris so vortrefflich zu machen versteht und welche niemals auf dem Tisch der kleinen Bürger und Arbeiter fehlen, wenn es gilt, der gewöhnlichen Nahrung einen festlichen Zuwachs zu geben.

Dann stellte er eine Flasche leichten roten Burgunderweines daneben, und indem er sein dunkles Auge von Madame Raimond auf seine junge Nachbarin hin wendete, sagte er mit treuherzigem Tone:

»Die Damen werden meinen kleinen Beitrag nicht verschmähen, es ist mir eine große Freude.«

Freundlich mit offenem Blick sagte Antonie: »Ein Geschenk des Überflusses würde ich niemals annehmen, eine Gabe aus der Hand eines Mannes, der wie ich von seiner Arbeit lebt, nehme ich stets gern und dankbar an, sie drückt mich nicht, ich kann sie erwidern und ich weiß, daß, wenn die Gelegenheit sich bietet, auch das, was ich einmal anbieten kann, ebenso offen und herzlich wird angenommen werden.«

Der junge Mann schwieg, aber sein feurig ernster Blick sagte, daß die Worte nach seinem Herzen waren. Madame Raimond sprang auf und rief lebhaft:

»Es ist zwar eigentlich eine törichte Verschwendung von diesem guten George, aber nun, da die schönen Dinge einmal da sind, lassen Sie uns dieselben genießen.« – Sie zog den Tisch in die Mitte des Zimmers und holte ein Tischtuch aus einem Schrank. Schnell eilte Antonie zu ihr hin, mit freundlicher Herzlichkeit drückte sie die alte Frau in ihren Stuhl zurück, breitete dann mit gewandter Hand das Tuch aus, holte aus der Küche Teller, Messer, Gabeln und Gläser und in wenigen Minuten stand der Tisch sauber und mit einer gewissen Eleganz gedeckt da.

George folgte allen ihren Bewegungen mit einem Ausdruck voll sinnender Bewunderung, Madame Raimond schlug einmal über das andere die Hände zusammen und rief: »Wie geschickt, wie hübsch Sie das machen, mein Kind, und wie Sie sich zurecht finden, es ist wunderbar, o ich habe wahres Glück, eine solche Mieterin gefunden zu haben!«

»Es ist serviert,« sagte die junge Frau lächelnd mit einem letzten Blick auf den Tisch, in dessen Mitte sie eine der Kaminvasen mit den Pfauenfedern gestellt hatte, »wollen Sie Platz nehmen, Madame hier, Sie erlauben, daß ich Honneurs mache, ich bin ja jünger als Sie und bedarf weniger der Ruhe, Sie hier, mein lieber Nachbar, an meiner anderen Seite.«

Herr George setzte sich, noch immer ein wenig befangen, das sichere, ruhige und doch so bescheidene Wesen dieser so schönen jungen Frau erfüllte ihn mit Erstaunen, er hatte so etwas noch nicht gesehen in den Kreisen der Frauen, mit welchen er in Berührung kam.

Sie begannen ihr einfaches Souper, Antonie schenkte den Wein ein, legte ihnen vor und plauderte dabei so heiter und unbefangen, daß bald die heiterste und fröhlichste Stimmung an dem kleinen Tische herrschte. Auch die düstere Stirn des jungen Arbeiters glättete sich mehr und mehr, und aus seinen dunklen Augen verschwand jenes düstere Feuer, um einem Ausdruck stiller, glücklicher Zufriedenheit Platz zu machen, der seine strengen Züge freundlich erleuchtete.

»Nun,« rief die junge Frau mit heiterem Tone, »haben sie jetzt Ursache, stolz auf uns herabzusehen, jene Reichen, welche in ihren glänzenden Palästen an üppigen Tafeln sitzen? Sie können wahrlich nicht froher und zufriedener sein als wir, und unsere Genüsse haben wir uns selbst geschaffen, mit der Arbeit unserer Hände, haben wir Ursache, sie zu beneiden?«

George senkte das Haupt, ein bitteres Lächeln erschien auf seinen Lippen und aus der Tiefe seines Auges flammte wiederum jene düster sprühende Glut herauf.

»O ich beneide sie nicht,« rief er, »um ihre geschmückten Säle, nicht um ihre perlenden Weine und ihre reich besetzten Tafeln; wenn man dem Körper die Nahrung gibt, die er bedarf, um Kraft zur Tätigkeit und Arbeit zu sammeln, so ist man glücklich, und verzichtet gern auf jenen flüchtigen Sinnenreiz, aber,« fuhr er mit dumpfem Tone fort, »um was ich sie beneide, das ist der Genuß, den die freie Ausbildung und Bewegung des Geistes allein gewähren kann. Ihnen, die da geboren sind im Schoße des Überflusses, werden spielend von den Tagen der Kindheit an die weiten, großen Gebiete des Wissens geöffnet, frei fliegt ihr Geist umher in den Reichen des Geistes, im Sonnenlicht der Kunst, und selbst, was die Schöpfung allen Menschen, ja den Tieren gemeinsam gegeben hat, die Schönheit der Natur, das Rauschen der Bäume, das Wehen der Lüfte, der Schmelz der Blumen, der Glanz des Sonnenlichts, ist es nicht fast ihr ausschließliches Eigentum? – Wir müssen arbeiten und uns mühen in den dunklen, engen und kalten Tiefen des Lebens,« fuhr er lebhafter fort, indem ein fast wilder Ausdruck zorniger Erregung aus seinem Blick hervorbrach, »und was ist der Preis unserer harten Arbeit und Mühe? Die Befriedigung unserer niedrigsten materiellen Bedürfnisse, Nahrung, Kleidung und ein schmuckloses Obdach, die große Welt des Wissens, der Künste, nach welcher der Geist und das Herz des Menschen in ewiger Sehnsucht ringt, bleibt uns verschlossen, denn nur das Geld öffnet die Pforten zu dieser lichten, reichen Welt, der wahren Heimat aller Menschen, und der Ertrag unserer Arbeit gibt uns dieses Geld nicht! – Und selbst,« sagte er immer finsterer in bitterem Tone, »um in die freie Natur hinauszudringen aus der Grabesluft der Werkstätten und der Städte, bedarf es wieder des die Welt beherrschenden Metalls, und wie viel bleibt uns übrig, wenn wir die rohesten Bedürfnisse befriedigt haben, wie oft können wir uns die Freude am Genuß der freien Atemzüge in der großen reinen Natur gönnen, diese Freude, welche selbst dem Wild des Feldes und Waldes von der Schöpfung als unveräußerliches Recht gegeben wurde? Man beklagt den Vogel, der gefangen im Käfig sein Leben vertrauert, das Pferd, das zusammenbricht in dem Geschirr des Lastwagens, aber wer fühlt mit dem Menschen, diesem Ebenbilde des schaffenden Weltgeistes, wie die Priester sagen, wenn er an unsichtbarer Kette gefesselt ist in dem engen Käfig der Notwendigkeit, wenn er gebrochen zusammensinkt unter der Last seiner Arbeit, die er bis zur Grenze seiner Kraft tragen muß, um nichts weiter in fruchtlosem Zirkel zu erreichen, als diese Kraft zu erhalten, zu ergänzen zu neuer Anstrengung!«

Seine Hand, welche er auf den Tisch gelegt hatte, ballte sich zusammen, sein starrer Blick richtete sich brennend in das Leere.

Madame Raimond schüttelte leicht lächelnd den Kopf, sie war solche Ausbrüche an ihrem Mietsmann gewohnt, Antonie hatte mit sanftem Blick den jungen Mann während seiner erregten Rede angesehen, etwas wie ein forschend spähender Ausdruck war zuweilen unter der innigen und herzlichen Teilnahme, welche in ihrem Auge schimmerte, hervorgebrochen; als er geendet, legte sie ihre feine, zarte Hand auf die seine, neigte sich ein wenig zu ihm hinüber und sprach mit weicher, aber ernster Stimme:

»Wie wahr ist es, was Sie sagen, mein lieber Nachbar, wer empfände das nicht, der zum harten Los der Arbeit durch seine Geburt verurteilt ist! Und doch,« fügte sie noch milder hinzu, »kann ich Ihnen in Ihrem finstern Zorn, in Ihrer traurigen Erbitterung nicht recht geben. Die weite, lichte Welt dort oben hat ihre Blumen, sie sind die Kinder des Tages und verblühen mit dem Tage und gedankenlos tritt der Fuß der Günstlinge des Reichtums über sie hin, aber die dunkle Tiefe, in welcher wir mühsam den Weg unseres Lebens uns bahnen, hat ihre Edelsteine, es kommt nur darauf an, sie zu finden und zu heben, und wenn wir sie gehoben haben, so verblühen sie nicht wie die Blumen, sondern leuchten in dauerndem, unzerstörbarem Glanz.«

Langsam richtete George sein Haupt empor, sein Blick ruhte mit Überraschung auf den belebten Zügen seiner schönen Nachbarin, seine geballte Hand löste sich unter dem sanften Druck der ihrigen, dann seufzte er tief auf und sagte leise:

»Wenn wir sie finden und heben, aber wie selten sind sie zu finden, wie schwer zu heben!«

»Nicht so schwer,« erwiderte sie, »wenn wir nur suchen und finden wollen. – Sehen Sie.« fuhr sie fort, »jene Reichen gehen einher, einsam in der rauschenden, bewegten Welt, im Haschen nach flüchtigen Genüssen finden sie den Menschen und das Menschenherz nicht, wir aber im dunklen Einerlei der Armut und Arbeit, wir finden unseren Nebenmenschen, wir verstehen den Herzschlag des anderen, wir schließen uns aneinander in uneigennütziger, aufrichtiger Freundschaft und tätiger Liebe, ist das nicht schon ein Edelstein, hell leuchtend in unvergänglichem Glanz? – Sehen Sie den stillen Kreis der Häuslichkeit bei uns, wie bindet da die gemeinsame Arbeit, wie wert wird das gemeinsam Errungene, wie viel höher der gemeinsame Genuß! – Und das Reich des Wissens, ja es ist wahr, schwer und mühsam nur können wir es uns erschließen, aber wenn es unserer Mühe gelungen ist, eine seiner Perlen zu gewinnen, ist sie nicht ein größerer, reicherer, lieberer Schatz für uns, als für jene, denen diese Perlen in den Schoß geworfen werden, und die sie nur zu benutzen verstehen als Spielwerk leichter Tändelei?«

Er hatte aufmerksam und gedankenvoll ihren Worten zugehört.

»Die Häuslichkeit!« sagte er dann seufzend. – »Sie sprechen von der Häuslichkeit, ist denn auch diese nicht für uns verschlossen? Die Weiber sind geschaffen von der Natur mit der Liebe zum Schönen, zum Licht, zur Freiheit, und können sie diese Lebensbedingungen ihres Wesens finden in einer Häuslichkeit, wie wir – die Männer der Arbeit – sie ihnen bieten können? Wohin wenden sich die Weiber unseres Standes, wenn in ihrer Seele etwas von der wahren Weiblichkeit lebt? Dorthin wenden Sie sich, nach jenen Regionen, wo sie das finden können, was jede weibliche Seele erstrebt; sie werfen sich in die Arme der Reichen zum flüchtigen Spielball ihrer Launen, weil sie davor zurückschaudern, in der dunklen Zelle der Armut zu verkümmern. Ich will nicht über sie alle den Stab brechen, welche hervorflattern aus der Welt der Arbeit in das verlockende Licht und dann mit verbrannten Flügeln sinken von Fall zu Fall, bis sie zuletzt im Schlamm untergehen, nicht alle folgen der Gier nach materiellem Genuß, nein, nein, viele, vielleicht die meisten, werden auf ihre Bahn hingerissen durch die unbewußte Sehnsucht nach Freiheit, Geisteslicht und Schönheit, die sie hier nicht finden können. – Was aber bleibt uns, um unsere Häuslichkeit zu schaffen und zu erwärmen? Diejenigen allein, welche keinen Sinn haben für jene höhere Sehnsucht der weiblichen Seele, welche in gleichgültigem Stumpfsinn das Joch der Arbeit ertragen und zufrieden sind, wenn sie dem tierischen Organismus seine tägliche Nahrung verschaffen können, oder diejenigen,« fügte er bitter hinzu, »welche nach kurzem Aufschwung in die Regionen des Lichts und der Freiheit vorsichtig sich zurückziehen in die Wohnung der Arbeit, in welche sie seufzend einziehen wie in das Grab!«

Die junge Frau schüttelte ernst den Kopf.

»Sie denken gering von meinem Geschlecht,« sagte sie, »vielleicht haben Sie recht, daß es so ist, wie Sie sagen, aber es ist gewiß nicht richtig, daß es so sein muß. Das glänzende Licht des sonnigen Tages, der weite Flug in der unbeschränkten Freiheit haben gewiß hohen Reiz für jedes weibliche Herz, aber,« fuhr sie fort, indem ihr Blick sich mit innigem Ausdruck in den seinen tauchte, »die heilige Flamme des stillen Herdes ist wärmer noch als das Licht der Sonne, wenn man sie mit Liebe pflegt und unterhält, und das Schaffen und Wirken, um Schönheit und Harmonie in den engen Kreis einer beschränkten armen Häuslichkeit zu tragen, o es muß einen so großen Reichtum an heiligen, süßen Freuden öffnen, man muß nur nicht allen Reichtum vom Leben verlangen, man muß auch den warmen Willen und den festen Mut haben, den Reichtum des Herzens in das Leben hineinzutragen.«

Der Blick des jungen Mannes, der unablässig aus dem bewegten Gesicht der Sprecherin ruhte, war immer weicher und sanfter geworden, er atmete tief auf und machte eine Bewegung, als wolle er ihre Hand ergreifen; sie bemerkte es und sagte, indem eine flüchtige Röte ihre Wangen überzog, mit leichterem, heiterem Tone:

»Sind wir denn nicht der beste Beweis, daß die Wohnungen der Armut nicht des Reizes entbehren? Kann es eine freundlichere Häuslichkeit geben als dies kleine Zimmer, diesen einfachen Tisch? – Und,« fügte sie lächelnd hinzu, »hat uns denn unsere Unterhaltung nicht geistige Anregung gegeben, haben wir uns denn nur mit den rohen Bedürfnissen des materiellen Lebens beschäftigt, mein Herr?«

Ein leichter Zug von schalkhafter Laune erschien wie ein flüchtiger Blitz auf ihrem ernsten Gesicht und gab demselben, verbunden mit dem sanften, weichen Blick der Augen, einen wunderbaren Reiz.

George senkte die Augen, ein leises Zittern bebte durch seine Gestalt.

»Und vor allem,« fuhr die junge Frau fort, »sind wir nicht der beste Beweis, daß in den Kreisen der Armut der Mensch sich leichter zum Menschen findet? – Wir hatten uns gestern noch nie gesehen, wir wußten nichts von unserer Existenz, und heute sprechen wir wie alte Freunde, frei und offen, wie wir denken, Sie haben mich in Ihrem Herzen lesen lassen, ich sage Ihnen, was in mir lebt, ist das nicht auch ein Glück, würden wir es finden, wenn wir nicht verbunden wären durch die heilige Brüderschaft der Arbeit?«

»Ja,« sagte er, offen und fest den Blick auf sie richtend, »es ist ein Glück, und ich danke Ihnen dafür, Sie müssen mir aber auch zugeben, daß es selten ist, nicht überall findet man sich so, wie wir uns hier gefunden haben.«

Er reichte ihr die Hand.

Ohne Zögern reichte sie ihm die ihrige und erwiderte den kräftigen Druck, mit welchem er ihre Finger umschloß.

Madame Raimund war eingeschlafen.

Die junge Frau stand auf.

»Wir bedürfen unserer Zeit morgen früh,« sagte sie, mit leichtem Schlag auf die Schulter ihre Wirtin erweckend, »es ist Zeit, zur Ruhe zu gehen. Ich danke Ihnen, Madame, für den freundlichen Abend, auch Ihnen, Herr George.«

»Wir werden hoffentlich öfter zusammensein,« sagte George in bittendem Tone.

»Gewiß – gewiß,« rief die alte Frau lebhaft, »es plaudert sich so traulich mit Ihnen.«

»Und,« sagte Antonie lächelnd, »vielleicht gelingt es uns noch, Herrn George zu überzeugen, daß die Armut und Arbeit eine heitere und herzliche Häuslichkeit nicht unmöglich machen.«

»Wenn Sie ›Herr George‹ sagen,« erwiderte der junge Mann lächelnd, »so müssen Sie mir erlauben, auch meine freundliche Nachbarin mit ihrem Vornamen zu nennen, Madame –«

»Louise,« sagte die junge Frau einfach, »gute Nacht, mein lieber Nachbar!«

Und mit leichtem, elastischem Schritt verließ sie das Zimmer.

»Eine vortreffliche, ordentliche, geschickte Person,« rief Madame Raimond, »welch' ein Glück, daß das Schicksal sie in mein Haus geführt!«

George sagte nichts, still und sinnend ging er in seine Kammer und in seinen Träumen tauchte wieder und immer wieder das Bild der jungen Frau auf, die so plötzlich wie eine lichte Erscheinung in sein einsames, dunkles Leben getreten war.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Die Fenster des dritten Stockwerkes eines Hauses am Ende des Boulevard du Temple waren um die zehnte Abendstunde eines der letzten Maitage hell erleuchtet und vor der Tür des hohen, nicht besonders ansehnlichen Hauses hielten nach einander Fiaker, auch einzelne elegante Coupés, aus denen Damen in bunten Toiletten, Herren im Salonanzuge ausstiegen, und durch den schmalen, schlecht erleuchteten Hausflur sich den gewundenen Treppen ohne Teppiche zuwendeten, welche in die oberen Stockwerke führten. War man von dem Licht einzelner an den Treppenwänden befestigter Petroleumlampen bis zur dritten Etage gelangt, so befand man sich einer Glastüre gegenüber, welche heute geöffnet war und den Einblick in einen ziemlich dunkeln und engen Vorplatz gestattete, in welchem Herrenüberröcke und Damenschals in ziemlich bunter Unordnung teils aufgehängt, teils über Stühle geworfen waren, und die dumpfe Luft des kleinen Raumes war durchzogen von einem Gemisch jener starken Parfüms, welche von der guten Gesellschaft sorgfältig vermieden werden.

Durch die niedrigen Flügeltüren, welche von diesem Vorplatz in die inneren Räume der Wohnung führten, drang jenes verworrene Geräusch, welches die Unterhaltung einer größeren Gesellschaft hervorbringt.

Auf dem Vorplatz selbst stand einer jener Lohnlakaien, welche man unter dem stolzen Namen maîtres d'hôtel in den kleinen pariser Häusern engagiert, um einen »Empfangsabend« würdig herzustellen. Dieser maître d'hôtel machte mit einem den Umgebungen, in welchen er sich befand, entsprechenden, ziemlich an den Kellner eines geringeren Restaurants erinnernden Anstand die Honneurs der dramatisch-musikalischen Soiree, welche die Dame des Hauses, die sich Marquise de l'Estrada nannte, bei sich vereinigte.

In rauschender, schwerer Seidenrobe, die üppige Menge falschen Haares mit Federn und Bandschleifen geschmückt, glänzende Geschmeide mit großen Steinen von äußerst zweifelhafter Echtheit um Hals und Arme, schritt Frau Lukretia Romano in den Vorsaal. Sie hatte bereits auf der Treppe ihre weite, dunkle Mantille abgenommen und warf sie dem ihr entgegentretenden Lohndiener zu, indem sie vor den durch zwei dünne Kerzen erleuchteten Spiegel trat und einen Blick auf ihre mehr glanzvolle als frische Toilette und ihr in den lebhaftesten Farben gemaltes Gesicht mit den durch seine, schwarze Striche unter den Wimpern noch greller hervortretenden, dunkeln Augen warf.

In wunderbarem Kontrast zu dieser mit selbstbewußter Sicherheit auftretenden Dame stand die ätherisch einfache Erscheinung ihrer Tochter Julia, welche hinter ihr den Vorplatz betrat und deren distinguierte Schönheit und Eleganz selbst den maître d'hôtel erstaunt aufblicken ließ, welcher eine derartige Erscheinung in den Häusern, deren Gesellschaft er zu empfangen gewohnt war, nicht häufig sehen mochte.

Das junge Mädchen hatte die glänzenden Flechten ihres mit äußerster Einfachheit geordneten, schwarzen Haares nur mit einer einzigen, kleinen, roten Schleife geschmückt, ein duftig frisches, weißes Kleid mit feinen, kaum sichtbaren, roten Streifen umschloß ihre schlanke Gestalt, und um Schultern und Arme wallte ein leichter Umhang von feiner Seidengaze.

Statt allen Schmuckes trug sie ein kleines, goldenes Medaillon an einem schmalen Bande von der Farbe ihrer Haarschleife.

Zögernd und schüchtern trat sie auf den Vorplatz und legte ihren weiten, faltigen Burnus auf einen Stuhl nieder, ihr scheuer Blick umfaßte diese ganze so wenig vornehme und so wenig elegante Umgebung und senkte sich dann zu Boden, während eine schnelle, flüchtige Röte ihre Wangen überflog. Stumm wartete sie, bis ihre Mutter die Inspektion ihrer Toilette vollendet hatte, ohne ihrerseits Miene zu machen, deren Beispiel zu folgen, der Lohndiener öffnete die Flügel der mittleren Türe, nachdem er seine Instruktion über die Namen der Angekommenen erhalten, und rief mit einer schnarrenden Kehlstimme: »Madame Lukretia Romano und Mademoiselle Julia Romano.«

Frau Lukretia rauschte über die Schwelle eines kleinen, von Menschen erfüllten Salons, dessen heiße, ausgeatmete und von starken Parfüms durchzogene Luft eine betäubende Dunstwolke auf den Vorplatz hinaussendete, zitternd, mit niedergeschlagenen Augen folgte ihre Tochter.

Der Salon war durch eine Anzahl dünner Stearinkerzen ziemlich hell erleuchtet, große Goldrahmen blinkten von den Wänden, bunte Vasen mit künstlichen Blumen und Pfauenfedern standen auf dem Kaminsims, und in diesem ganzen Ensemble bewegte sich eine zahlreiche, plaudernde und lachende Gesellschaft, deren einzelne Gruppen die merkwürdigsten und wunderbarsten Kontraste zeigten. – Da waren junge Herren, gekleidet in jener so schwer zu erreichenden, natürlichen Einfachheit der höchsten Eleganz, mit jener so leichten, ungezwungenen Tournüre, welche nur die Gewohnheit der besten Gesellschaft zu geben vermag, daneben sah man junge Damen von jener eigentümlichen Freiheit des Benehmens, jener äußersten Extravaganz der Toiletten, welche man in Paris nur in jener ganz besondern Sphäre findet, die man die Halbwelt zu nennen übereingekommen ist, und die, während sie die wirkliche Welt in ihren Äußerlichkeiten nachzuahmen sich bemüht, ihrerseits leider dieser wirklichen Welt in ihrem inneren Wesen nur zu oft als Beispiel dient.

An den Wänden her saßen ältere Damen in steifer Haltung und angetan mit Roben, deren schweren und kostbaren Stoffen der Reiz der Neuheit langst fehlte; sie gaben sich alle Mühe, ihre Stellung als Mütter und Tanten mit entsprechender Würde auszufüllen, während ihre Töchter und Nichten, in tiefe, niedrige Fauteuils zurückgelehnt, mit der Miene von Königinnen sich von den sie umringenden, jungen Herren unterhalten ließen, bald mit einem leichten Lächeln der hochmütig aufgeworfenen Lippen ein Bonmot belohnend, bald mit einem leichten Fächerschlag einen zu kühnen Scherz lächelnd zurückweisend.

Rechts und links sah man zwei kleinere Salons, in einem derselben ein Pianino mit angezündeten Kerzen.

Bei dem Eintritt der Madame Lukretia und ihrer Tochter richteten die Herren ihre Lorgnons auf die Eintretenden, während die jungen Damen sie mit leicht hingleitenden Blicken aus den halbgeöffneten Augen streiften.

Eine ziemlich korpulente Dame mit markierten Zügen in tiefrotem Damastkleide, mit einem turbanartigen Kopfputz, erhob sich von einem Divan, auf welchem sie in der Mitte des Salons saß, und trat den Ankommenden einige Schritte entgegen. An ihrer Seite befand sich Herr Mireport, der Bühnenagent, welcher Madame Lukretia so eifrig beigestanden hatte, um ihre Tochter zu überreden, daß sie sich der Bühne widmen möge; er trug einen schwarzen Salonanzug, dessen extrem modischer Schnitt ein wenig mit seinem verwitterten Gesichte kontrastierte, und im Knopfloch seines Fracks eine kleine Rosette von einer ziemlich unbestimmten, roten Farbe mit kaum sichtbarer, dunkler Einfassung, welche bei Abendbeleuchtung und in einiger Entfernung wohl für die Ehrenlegion angesehen werden konnte.

Herr Mireport eilte mit großem Eifer den eintretenden Damen entgegen und sprach, indem er sich mit theatralischem Anstande zunächst gegen Frau Lukretia und dann gegen die Dame des Hauses verbeugte:

»Ich habe die Ehre, bei Frau Marquise de l'Estrada Madame Lukretia Romano vorzustellen, eine Dame aus dem Vaterlande der schönen Künste, welche den klassischen Boden Italiens verlassen hat, um hier in Paris die Ausbildung ihrer Tochter zu vollenden, die, wie ich überzeugt bin, bestimmt ist, eine hervorragende Künstlerin zu werden.«

Und indem er dem jungen Mädchen, das hinter ihrer Mutter stand, die Hand reichte, zog er sie schnell in den freien Raum, welcher sich vor der Dame des Hauses gebildet hatte.

»Ich freue mich sehr,« sagte diese mit einer Stimme, deren Klang ein wenig an die Cafés chantants erinnerte, »daß Sie meine Einladung haben annehmen wollen, ich hoffe, Sie werden einige Kunstgenüsse finden, die zu den ersten in Paris zählen, und,« fuhr sie fort, indem sie sich zu Julia wendete, und deren ganze Gestalt mit einem scharfen Blick musterte, »ich freue mich ganz besonders, eine junge Dame kennen zu lernen, von deren ganz außergewöhnlichem Talent mir unser Freund Mireport so viel erzählt hat, ich hoffe, wir werden so glücklich sein, eine Probe davon bewundern zu können.«

Sie führte Madame Lukretia zu dem Divan, von welchem sie sich erhoben hatte, und lud sie ein, sich an ihrer Seite niederzulassen.

Julia stand allein, ein helles Rot brannte auf ihren Wangen, sie zitterte und wagte den Blick nicht aufzuschlagen, sie fühlte alle diese auf sie gerichteten Blicke, welche sie wie den Gegenstand einer Ausstellung musterten, ein unendlich peinliches und schmerzliches Gefühl überkam sie in dieser Gesellschaft, deren Atmosphäre ihr so fremd und antipathisch entgegenwehte, die sie nur mit Widerstreben auf das inständige Drängen ihrer Mutter zu besuchen sich entschlossen hatte und in welcher sie nun allein und isoliert dastand.

Es war fast ein Gefühl der Dankbarkeit, mit welchem sie die Hand des Herrn Mireport, des einzigen bekannten, wenn ihr auch sonst so wenig sympathischen Gesichts, ergriff und sich von ihm zu einem kleinen Sofa führen ließ, auf welchem eine junge Dame in reicher Toilette ihr neben sich Platz machte, während drei bis vier elegante, junge Herren ihren Kreis öffneten und mit leichter Verbeugung die neue Erscheinung begrüßten.

»Madame Pamela,« sagte Herr Mireport, »wird gewiß die Güte haben, einer jungen Novize bei ihrem ersten Schritt in die Welt freundlich die Hand zu reichen. – Madame Pamela,« fuhr er gegen Julia gewendet fort, »ist eine unserer ersten Künstlerinnen, gegenwärtig am Variététheater – und,« fügte er lächelnd hinzu, »glänzt so hell am Himmel der Kunst und der Schönheit, daß sie gewiß einen neuen Stern neidlos begrüßen wird, der, so hell er auch strahlen mag, ihr Licht niemals verdunkeln kann.«

Mit zufriedenem Lächeln über dies doppelte Kompliment, durch welches er glauben mochte, das Gleichgewicht zwischen den beiden Damen hergestellt zu haben, zog er sich zurück.

Madame Pamela, wie sie von ihren Vertrauten genannte wurde, Madame de St. Améthyste, wie ihre Domestiken sie titulierten, verneigte sich leicht gegen Julia, halb mit der Verbindlichkeit einer Dame von Welt, halb mit dem Ausdruck einer ziemlich impertinenten Neugier, und fragte, indem sie den Kopf ein wenig zurücklegte und ihren großen Fächer von Perlmutter und weißen Federn hin und her bewegte:

»Das Fräulein will sich ebenfalls dem Theater widmen?«

Julia vermochte kaum zu sprechen. Die Bestimmung, welcher ihre Mutter sie zuführen wollte, welche ihr in so hohem Grade widerstrebte, und welche sie mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen hatte, wurde hier als etwas fest Beschlossenes, Abgemachtes hingestellt, während gerade an diesem Orte ihre ganze Natur mehr als je vor dem Wege zurückbebte, auf welchen man sie drängen wollte.

»Ich weiß nicht,« sagte sie leise mit unsicherer Stimme, »meine Mutter wünscht es, aber ich –«

»Nun,« rief Madame Pamela, »dann haben Sie Gelegenheit, meine Herren, Ihre Protektion einem jungen Talente zu schenken, ich hoffe,« fügte sie mit überlegenem Lächeln hinzu, »daß Sie Ihre alten Freundinnen nicht ganz vergessen werden, – Herr Charles,« sagte sie zu einem jungen, schlanken Mann, welcher in der Gruppe vor ihr stand, »ich empfehle Ihnen das Fräulein besonders, Sie sind ja frei in diesem Augenblick?«

»Meine Freiheit,« sagte dieser mit einem bewundernden Blick auf Julia, »wird nicht lange dauern, ich fühle schon die Kette, welche mich zum Gefangenen machen wird.«

»Wir werden alle unser Möglichstes tun, um dem Fräulein ein vortreffliches Debüt zu bereiten,« sagte ein Herr mit einem zierlichen Schnurrbart, der neben Madame Pamela auf einem niedrigen Tabouret sah, indem er sein goldenes Monokel ins Auge warf und das junge Mädchen forschend ansah.

»Sie nicht – Ungeheuer!« rief Madame Pamela, indem sie ihren Fächer zusammenfallen ließ und ihrem Nachbar einen nicht allzu zarten Schlag auf die Schulter versetzte. – »Nehmen Sie das Glas fort,« sagte sie in kurzem, scharfem Tone, »es schickt sich nicht, junge Damen so anzusehen, ich will das nicht!«

Lächelnd lehnte sich der junge Mann zu ihr hinüber, indem er sein Lorgnon aus dem Auge fallen ließ, und flüsterte ihr etwas ins Ohr, das sie zu versöhnen schien, denn mit einem noch halb schmollenden Blick lachte sie laut auf und sagte nach einem abermaligen Fächerschlag:

»Lügner – man ist zu gut gegen Sie, wenn man Ihnen glaubt!«

Julia saß schweigend mit gesenkten Augen da, kaum konnte sie ihre Tränen zurückhalten, tiefer Unwillen erfüllte sie, daß man sie unter der Vorspiegelung einer Künstlervereinigung in diese Gesellschaft geführt hatte. – Entsetzen überkam sie bei dem Gedanken, daß diese Gesellschaft der erste Schritt eines langen Weges sein sollte, den man sie zu gehen zwingen wollte, und daß dieser Weg eine Fortsetzung – und – ein Ende haben solle.

Sie hörte kaum die um sie her schwirrende Unterhaltung, die feurigen Komplimente, welche die Herren an sie richteten, und atmete erleichtert auf, als die Frau Marquise de l'Estrada der Gesellschaft ankündigte, daß ihre Nichten, die Fräulein Matoletti, einen Pianovortrag zu vier Händen dem so kunstverständigen Urteil der Versammlung darzubieten wagen würden.

Die beiden Fräulein Matoletti, junge Damen von sehr zuversichtlichem Auftreten – trotz der von ihrer Tante mehrfach erwähnten Schüchternheit – und von einem Dialekt, der nichts Ausländisches an sich hatte, sondern sehr entschieden an den Boulevard Montmartre erinnerte, rauschten in den Nebensalon und begannen auf dem nicht ganz rein gestimmten Pianino einen Vortrag, der sich mehr durch sein schallendes Fortissimo, als durch die Klarheit der Töne und durch den Zusammenklang der beiden Stimmen auszeichnete.

»Sie sind nicht übel,« sagte der Herr mit dem Schnurrbart, welcher neben Madame Pamela saß, »sind es wirklich Nichten von der Alten?«

»Ich finde, mein Herr Gaston,« erwiderte die schöne Pamela, »daß Sie heute ungeheuer neugierig sind, was die jungen Damen betrifft, ich finde es vor allem abscheulich von diesen beiden – Nichten, daß sie einen solchen unangenehmen Lärm auf diesem miserablen Piano machen, würde man noch etwas Lustiges spielen, aber diese Musik ist ja entsetzlich.«

»Eine musikalische Soiree,« sagte Herr Gaston lächelnd.

»Ah bah!« rief Madame Pamela mit jenem unnachahmlichen Tone, welchen nur die Pariserin hervorzubringen versteht. Die jungen Virtuosinnen hatten aufgehört, mehrere junge Herren traten zu ihnen, das Gespräch aber, welches sie mit Komplimenten über ihren Vortrag begannen, schien nach dem lauten Lachen und den einzelnen Worten, welche davon herüberdrangen, sich nicht um musikalische Gegenstände, sondern um die Verabredung einer Partie nach Asnières zu drehen.

»Diese miserable Sonate, mit der man unsere Ohren zerrissen hat,« sagte Madame Pamela lachend und achselzuckend, »hat sich doch als ein guter Angelhaken bewährt, dort beißen die Fische schon an!«

Und sie deutete mit dem Fächer auf einen Winkel des Salons, in welchem sich soeben die eine der beiden Fräulein Matoletti in eifrigem, flüsterndem Gespräch mit einem Herrn, dessen Äußeres den Fremden erraten ließ, auf einer Causeuse Platz nahm.

Die Frau Marquise de l'Estrada hatte mit ziemlich gleichgültiger Miene einige Komplimente über das Spiel ihrer Nichten von einigen der älteren Damen entgegengenommen, dann winkte sie mit den Augen Herrn Mireport zu sich heran.

»Graf Naschkoff ist nicht hier,« sagte sie dem diensteifrig herantretenden Agenten mit unzufriedenem Tone.

»Er wird gewiß kommen,« erwiderte Herr Mireport im Salon umherblickend, »es ist noch nicht spät.«

»Es wäre mir sehr unangenehm,« fuhr die Dame fort, »wenn er nicht käme, ich wünschte ihn mit Ihrer kleinen Italienerin bekannt zu machen, ich hoffe, daß er sich nicht von meinem Hause entwöhnt,« sagte sie mit einem strengen Blick auf Herrn Mireport.

»Oh, das wird er nicht,« fiel dieser lächelnd ein, »seien Sie ganz ruhig.«

»Und Fräulein Hagar wird kommen?« fragte die Dame weiter, »es ist in der Tat nicht mehr früh.«

»Ich habe meine ganze Beredsamkeit verschwendet, um sie zu bewegen,« erwiderte Herr Mireport, »ich habe ihr Ihren Zirkel als eine ausgewählte Vereinigung von Kunstfreunden dargestellt – und sie hat mir versprochen, zu kommen.«

»Mir liegt sehr viel daran, daß man Künstler von Bedeutung, wirkliche Namen in meinem Zirkel findet,« sagte Madame de l'Estrada, »es ist das alles noch immer nicht auf der rechten Höhe, mir liegt daran, die wirklich ersten und vornehmsten Kreise der Herrenwelt bei mir zu versammeln, und was sie hier finden, kann sie wohl hie und da anlocken, aber nicht fesseln, einen wirklich großen Aufschwung kann die Sache so nicht nehmen.«

»Ich tue, was ich kann,« erwiderte Herr Mireport, »Renommee bildet sich erst allmählich, übrigens die Erscheinung der kleinen Romano ist immerhin etwas wert.«

»Hoffnungen, Hoffnungen,« sagte die Dame achselzuckend; »apropos,« fuhr sie fort, »wenn Mademoiselle Hagar kommt, sorgen Sie dafür, daß Pamela keine Tollheiten macht, alles muß mit größter Dezenz verlaufen, man muß eine Notiz in den Courier der großen Zeitungen lancieren.«

»Ich habe Pamela instruiert,« sagte Herr Mireport, »und alles vorbereitet, damit Herr Pivot –«

Der maître d'hôtel öffnete die Türe und rief mit seiner Gutturalstimme:

»Der Herr Graf Naschkoff!«

Ein Mann von ungefähr vierzig Jahren trat ein. Die Haltung seiner hohen und schlanken Gestalt war leicht und ungezwungen, seine Toilette von einfacher, vornehmer Eleganz, die Züge seines bleichen und abgespannten Gesichts mit hervortretenden Backenknochen schlaff und ausdruckslos, ein langer, sorgfältig gepflegter, graublonder Backenbart hing zu beiden Seiten dieses Gesichts herab, in welchem nur die stechenden, von unruhigem Feuer blitzenden Augen Leben und Bewegung verrieten, seine schmale und niedrige Stirn war hoch hinauf kahl und das dünne blonde Haar kunstgerecht frisiert.

Mit ruhiger Sicherheit und gleichgültiger Nonchalance trat der Angekommene zu der Dame des Hauses, welche ihm entgegenging. Herr Mireport verneigte sich tief, während der Graf ihn mit leichtem Kopfnicken begrüßte.

»Ich bin sehr glücklich, Herr Graf, daß Sie mir noch die Freude machen, zu kommen, fast hatte ich die Hoffnung aufgegeben,« sagte Madame de l'Estrada mit verbindlichem Lächeln.

»Ich war engagiert,« erwiderte der Graf, indem er sein Lorgnon zum Auge erhob und einen flüchtigen Blick über die Gesellschaft gleiten ließ, »ein Diner mit einigen Freunden, aber dieser Mireport hat mir so viel erzählt von einer merkwürdig schönen und interessanten jungen Debütantin –«

»Sie ist hier, Herr Graf,« erwiderte die Dame des Hauses in leiserem Tone, »Sie werden sie sogleich singen hören – und ich werde sie Ihnen dann vorstellen.«

»Ich bin neugierig,« sagte Graf Naschkoff leichthin. – »Guten Abend, Vicomte!« rief er dann, sich ziemlich brüsk von Madame de l'Estrada abwendend, und reichte dem jungen Manne die Hand, welcher neben der schönen Pamela saß.

»Guten Abend, Graf,« erwiderte dieser, »ich wünsche Ihnen Glück, so spät gekommen zu sein, wir haben ein Klavierkonzert gehört, das Pamela nervös gemacht hat.«

»In der Tat,« sagte Madame Pamela, indem sie den Grafen mit einer Bewegung ihres Fächers begrüßte, »wir hätten tauschen sollen, Graf Naschkoff, Ihre sibirischen Nerven hätten diese Musik besser ertragen, als ich es imstande bin.«

Abermals öffnete sich die Türe des Salons und der Lohndiener rief mit einer gewissen Feierlichkeit in die Gesellschaft hinein:

»Mademoiselle Hagar.«

Eine hohe, prachtvolle Erscheinung trat ein. Das bleiche, edel geschnittene, stolze und ausdrucksvolle Gesicht war umgeben von tiefschwarzen, reichen Locken, deren natürlich einfacher Fall jeden Gedanken an eine Ergänzung der Natur durch die so allgemein künstlichen Haartouren ausschloß. Eine schwarze Robe von reichstem Faltenwurf umhüllte die schlanke, kräftige Gestalt und ließ den schimmernden Glanz der Arme und des Halses um so reiner hervortreten; eine einfache Schnur weißer Perlen bildete den einzigen Schmuck dieser Toilette, welche merkwürdig abstach gegen die grellen, leuchtenden Farben, die den Salon erfüllten.

Madame de l'Estrada eilte der langsam über die Schwelle tretenden Künstlerin des Théâtre de l'Odéon entgegen, welche ruhig den klaren Blick ihres großen, schwarzen Auges über die Gesellschaft gleiten ließ.

»Ich bin entzückt,« rief sie, »daß Sie mir die Ehre Ihrer Gegenwart haben schenken wollen, mein Fräulein, Sie finden hier einen Kreis von aufrichtigen Verehrern der Kunst und von glühenden Bewunderern Ihres so eminenten Talentes versammelt, im Namen aller meiner Freunde danke ich Ihnen von ganzem Herzen.«

»Ich bin immer gern bereit,« sagte Fräulein Hagar ruhig, »mit meinem geringen Talent denen Freude zu machen, welche die Kunst lieben, und ich bin deshalb Ihrer gütigen Einladung gefolgt, obgleich ich wenig in die Welt gehe.«

Und sie ließ mit dem Ausdruck eines gewissen Erstaunens ihre Blicke über die Gruppen in dem Salon gleiten.

»Außerdem,« fuhr sie fort, »liebe ich die Musik, wenn ich sie auch nicht ausübe, und man hat mir einen großen, musikalischen Genuß bei Ihnen in Aussicht gestellt.«

Madame de l'Estrada antwortete nicht, eifrig führte sie die junge Künstlerin zu dem Divan, auf welchem Madame Lukretia Romano saß, und nachdem sie ein Gespräch zwischen beiden eingeleitet, rauschte sie zu Julia hin, welche der Graf Naschkoff durch sein Augenglas mit sichtbarer Verwunderung musterte.

»Nun, meine Teure,« rief sie, die Hand des jungen Mädchens ergreifend, »Ihre Mutter hat mich hoffen lassen, daß Sie uns Ihre schöne Stimme hören lassen würden, von der Herr Mireport mir so viel Wunderdinge erzählt hat, wollen Sie uns ein Lied hören lassen; später,« sagte sie mit besonderer Betonung, indem sie ihren Blick umherwarf, »wird uns Fräulein Hagar durch einen Vortrag erfreuen.»

Julia stand auf. Fast war sie der Dame dankbar für die Aufforderung, die es möglich machte, sich aus dem Kreise zu entfernen, dessen Unterhaltung sie mit tiefem Widerwillen erfüllte. Mechanisch folgte sie Madame de l'Estrada zum Pianino und ließ sich vor demselben nieder.

Einen Augenblick sann sie nach – was konnte sie vor dieser Gesellschaft singen? Eines jener zarten, weichen, gefühlsinnigen Lieder, in welchen sie in den Stunden ihrer Einsamkeit die Träume ihrer Seele wiederklingen ließ, oder ihrem lauschenden Geliebten die Tiefen ihres Herzens öffnete, konnte sie hier nicht entweihen.

Nach einigen Augenblicken schlug sie einen Akkord an und begann das Trinklied Orsinos aus Lukretia Borgia:

»Il segreto per esser felice –«

Alles war still geworden in dieser lachenden, lärmenden Gesellschaft, wenn es auch weniger die Musik war, welche man mit Spannung erwartete; die einfache, von dem ganzen Kreise so scharf verschiedene Erscheinung dieses jungen Mädchens, auf dessen Antlitz das Erröten noch heimisch war, hatte bei allen ein mit Erstaunen gemischtes Interesse erregt, jedermann fühlte, daß da ein fremdes Element in diese Gesellschaft geraten war, fremd und abstoßend berührt von der Umgebung, wie die Rose, welche unter des Gärtners sorglicher Pflege sich dem Licht erschloß – und dann von einem Stutzer gekauft auf dem Toilettentisch einer Dame à la mode zwischen Schminktöpfen und falschen Chignons traurig das Haupt senkt und ihren zarten Duft verhaucht in der schweren Atmosphäre von Moschus und cuir de Russie.

Julia begann ohne innere Empfindung korrekt und sicher die erste Strophe der Arie, während sie aber weiter sang, zog unter dem Eindruck der übermütig emporsprudelnden Töne eine Empfindung durch ihre Seele, welche diese auf der schäumenden Oberfläche des Sinnenlebens taumelnde Gesellschaft in Verbindung brachte mit der glühenden, kecken Lebenslust des sprühenden Trinkliedes, unter dessen Klängen die Verurteilten aus vergifteten Bechern den Tod trinken, sie hörte in ihrer Seele hinter der verschlossenen Pforte der Zukunft das mahnende de profundis – und als die Strophe geendet, schlug sie mit mächtigem, tieferschütterndem Klange, der selbst aus dem nicht ganz rein gestimmten Instrument seine Wirkung nicht verfehlte, den furchtbaren Grabgesang an, der das lustige Gelage der dem Tode geweihten Venetianer unterbricht.

Dann erhob sie sich, ohne die zweite Strophe zu singen.

Eine tiefe Stille herrschte einige Augenblicke in dem Salon, der Eindruck war überall sichtbar, selbst Madame Pamela spielte schweigend mit ihrem Fächer und Fräulein Hagar warf nach dem jungen Mädchen einen tiefen Blick hinüber, in welchem Teilnahme und Erstaunen sich vermischten.

Dann brach, dem Beispiel des Herrn Mireport folgend, alles in einen lauten Beifallsruf aus; die Herren drängten sich heran, um der Sängerin ihre Komplimente zu machen, während Madame Lukretia lächelnd die überschwenglichen Lobeserhebungen anhörte, welche die Marquise de l'Estrada ihr über den Gesang ihrer Tochter machte.

Julia hörte schweigend an, was die Herren ihr in mehr oder weniger fein pointierten Phrasen sagten, ihr Blick sah starr über diese Gesellschaft hin, welche ihr vom Todeshauch eines offenen Grabes durchweht erschien, langsam ging sie zu einem in der Nähe des Pianinos stehenden Fauteuil und ließ sich in denselben niedersinken, der junge Mann, welchen Madame Pamela vorhin mit dem Namen Charles angeredet hatte, setzte sich neben sie und blickte voll Teilnahme in ihr ernstes Gesicht.

»Mein Fräulein,« sagte er in einem Tone, der sich wesentlich von dem sonst in diesen Salons üblichen Genre der Konversation unterschied, »ich kann kaum glauben, nachdem ich Ihre Stimme und Ihren Vortrag gehört, daß Sie wirklich die Absicht haben sollten, an einem dieser kleinen Theater zu debütieren und Ihr Talent in dem burlesken Possenspiel zu verschwenden, wie uns Herr Mireport und Madame de I'Estrada sagten.«

»Auch ist dies durchaus nicht meine Absicht,« erwiderte Julia in kaltem Tone, »ich bin überhaupt gar nicht gesonnen, die Bühne zu betreten.«

Erstaunt blickte der junge Mann sie an. Dann sprach er mit dem Ausdruck herzlicher Offenheit:

»Wein Fräulein – Sie scheinen zum erstenmale in dieser Gesellschaft zu sein – und – aufrichtig gesprochen – Sie scheinen mir wenig für dieselbe zu passen; wollen Sie für Ihr Talent eine Laufbahn finden, so muß es eine andere sein, als diejenige, welche hier ihren Anfang nimmt. – Ich bin der Marquis von Valmory,« fuhr er mit leichter Verbeugung fort; »ich habe viele Beziehungen in der Welt, in der wirklichen, großen Welt; bedürfen Sie eines Freundes, der Ihnen mit Rat und Schutz zur Seite steht; ich biete Ihnen meine Hand an, aufrichtig und ohne Hintergedanken,« fügte er rasch hinzu, als er einen abwehrenden Ausdruck auf Julias errötendem Gesicht bemerkte, »erlauben Sie mir zu Ihnen zu kommen und über Ihre Zukunft zu sprechen, das Vertrauen kann nicht plötzlich kommen, aber ich hoffe, Sie werden sich überzeugen, daß Sie mir vertrauen können.«

Julia schlug langsam das Auge zu ihm auf. »Ich danke Ihnen, Herr Marquis,« sagte sie in sanftem, ruhigem Tone, »ich werde allein stark genug sein, um meinen Weg zu gehen, über den ich mir klar bin.«

Bevor der junge Mann antworten konnte, entstand eine gewisse Bewegung im Salon, Madame de l'Estrada ging umher und ersuchte die Gesellschaft, einen Kreis zu bilden, dann führte sie Mademoiselle Hagar in die Mitte des freien Raums und verkündete mit besonders wichtiger Miene, daß die große Künstlerin einen Vortrag zu halten die Güte haben wolle.

Fräulein Hager ließ einen Blick über die Gesellschaft schweifen, ein leichtes, seines Lächeln zuckte um ihre Lippen, und nach einem kurzen Schweigen begann sie mit ihrer volltönenden, an Modulationen so reichen Stimme das gewaltige Gedicht Viktor Hugos »1811« zu deklamieren. – Die mit so wunderbarer Meisterschaft gefügten Verse rauschten von ihren Lippen, man sah die Gestalt Napoleons titanengleich emporsteigen, den Fuß auf die Stufen des Schicksalsthrones setzend und bereit, den Herrscherstab den Händen des ewigen Fatums zu entreißen, wie er die Szepter den Königen der Erde entrissen hatte mit dem stolzen Wort: die Zukunft ist mein! Und als dann, dem Bilde des himmelstürmenden Weltherrschers gegenüber, diese hohe, bleiche Frau, in dem schwarzen Gewände wie eine Marmorstatue dastehend, die Hand erhoben, das strahlende Auge aufgeschlagen, in leisem, tief durchdringendem Tone die einfache Antwort sprach, welche der Himmel dem gigantischen Cäsar zuruft: I'avenir est à Dieu! – da zog selbst durch diese Gesellschaft, welche sich so wenig mit Gott und der Zukunft zu beschäftigen gewohnt war, ein leiser Schauer, Julia aber war in sich zusammengesunken, ihr Herz erbebte in seinen Tiefen und wie eine Vision erschien vor ihr der Engel mit dem Flammenschwert, welcher sich auf der schwarzen Wetterwolke der Zukunft auf diese von innerer Fäulnis zerfressene Gesellschaft niederließ, ihr das Urteil der Vernichtung verkündend.

Niemand schien die Worte zu finden, um der Künstlerin, als sie geendet, die Komplimente über ihren Vortrag zu sagen, auch schien Fräulein Hagar das nicht zu erwarten, in sinnendem Schweigen stand sie einige Augenblicke allein, dann wendete sie sich zu Julia, welche aufgestanden war und auf das Pianino gestützt mit ernsten Blicken zu der Künstlerin hinüberblickte, deren Vortrag sie so mächtig ergriffen hatte.

»Ich habe Ihnen noch zu danken, mein Fräulein,« sagte sie mit freundlichem Lächeln, »für den Genuß, den Sie mir durch Ihr Lied bereitet haben, diese Musik und Ihr Vortrag ist durch meine Deklamation fortwährend in meinem Innern hindurchgeklungen.«

»Sie sind zu gütig,« erwiderte Julia, indem ihr Blick bewundernd auf dem schönen, ernsten Gesicht der Schauspielerin ruhte, »ich vermag das rechte Wort nicht zu finden, um Ihnen meinerseits den Eindruck auszusprechen, den Ihre Deklamation auf mich gemacht.«

»So plaudern wir ein wenig, wenn es Ihnen recht ist, ich muß mich einen Augenblick erholen, das Sprechen greift mich immer etwas an, ziehen wir uns in jenen stillen Winkel zurück.«

Sie legte leicht ihren Arm in den Julias und führte das junge Mädchen in ein kleines, nur matt erleuchtetes und durch eine halbgeschlossene Portiere verdecktes Kabinett neben dem zweiten Salon.

»Ich glaube, mein Fräulein,« sagte sie dann, das junge Mädchen sanft neben sich auf einen kleinen Sofa niederziehend, »ich glaube, Sie sind hier ebensowenig an Ihrem Platz als ich, verzeihen Sie diese offene Sprache einer Fremden,« fuhr sie fort, den halb erschrockenen, halb dankbar freudigen Blick bemerkend, welchen Julia auf sie richtete, »aber Ihre ganze Erscheinung, Ihr Gesang, der zu meinem Herzen als Künstlerin gesprochen hat, drängt mich zu Ihnen – und sagt mir: Sie gehören nicht hierher.«

»Mein Fräulein.« flüsterte Julia, ich –«

»Jener Herr,« fuhr Mademoiselle Hagar fort, »welcher hier, wie es scheint, als Freund des Hauses die Honneurs macht und mir als Theateragent flüchtig bekannt war, kam zu mir und bat mich auf das Dringendste, in dem Salon einer Fremden, einer vornehmen Dame aus Italien, zu erscheinen – und einem ausgewählten Kreise von enthusiastischen Kunstfreunden durch eine Deklamation eine Freude zu machen, zugleich stellte er mir einen großen, musikalischen Genuß in Aussicht, und da ich die Musik sehr liebe, so bin ich gekommen, aber,« sagte sie achselzuckend, »ich bin unwürdig getäuscht worden, diese Dame hier ist ebensowenig fremd als vornehm und diese Gesellschaft hat mit der Kunst nichts gemein, ich vermute, daß es Ihnen ähnlich ergangen ist.«

»O mein Fräulein,« rief Julia, lebhaft ihre Hand ergreifend, »ich danke Ihnen für Ihr freundliches Entgegenkommen und ich versichere Sie, ich wäre nicht hier, wenn ich genau gewußt hätte – wohin man mich führte.«

Voll inniger Teilnahme blickte Fräulein Hagar in das erregte Gesicht des jungen Mädchens.

»Hören Sie meinen Rat,« sagte sie dann, »ich bin älter als Sie und kenne die Welt, Sie sind jung und unerfahren, vor Ihnen liegt das Leben noch unerschlossen, mögen Sie nun sich der Kunst widmen wollen, wozu Ihr schönes Talent Ihnen alle Veranlassung und Berechtigung gibt, oder mag welch' ein Weg auch immer vor Ihnen liegen, fliehen Sie dies Haus und alle ähnlichen, setzen Sie nie wieder Ihren Fuß über die Schwelle eines Salons, in welchem eine Gesellschaft wie diese sich versammelt, denn damit betreten Sie einen Boden, in welchem Sie versinken wie in dem Triebsand des trügerischen Meeresstrandes, tiefer und tiefer, ohne jemals wieder sich losreißen zu können. – Ich,« fuhr sie fort, »habe meine Stellung, meinen Namen, meinen Ruf, ich kann mich durch einen Irrtum einmal hierher verirren, man weiß, wer ich bin,« sagte sie mit stolzem Ausdruck, »und der Schlamm haftet nicht an mir, aber Sie, man kennt Sie nicht, Sie sind jung und neu, hat man Sie hier gesehen, würde man Sie gar hier wiedersehen, so werden alle diese Damen, welche ganz Paris kennt, Sie als eine der Ihrigen betrachten, alle die Herren, welche in diesem Kreise den Reiz einer pikanten Zerstreuung suchen, würden Sie behandeln wie diese Damen, und mag dann Ihr Herz noch so rein sein, Ihr Sinn noch so hoch emporstreben, Sie sind dem Schlamm verfallen, es wird der Verdruß der Verzweiflung, die Ermattung kommen, Sie werden den Kampf aufgeben und versinken, wie so viele versanken, die rein und gut waren wie Sie. Noch ist es Zeit, fliehen Sie – und kehren Sie nie wieder hierher zurück!«

Fräulein Hagar hatte warm und eindringend mit ihrer metallreichen Stimme gesprochen, Julia beugte sich zu ihr hinüber und drückte ihre Hand, eine warme Träne fiel auf dieselbe herab.

»Sie sind unglücklich,« sagte die Schauspielerin milde, »folgen Sie meinem Rat – und bedürfen Sie je einer starken und treuen Freundin, so kommen Sie zu mir, ich habe für mein Wollen und Fühlen festen Grund im Kampfe des Lebens gewonnen, und ich halte es für meine Pflicht, allen die Hand zu reichen, welche in diesem schweren Kampfe nicht unterliegen wollen.«

Sie berührte leicht mit den Lippen das glänzende Haar des jungen Mädchens und verließ still das Kabinett.

Julia blieb in sich zusammengesunken sitzen. Tiefer, brennender Schmerz durchzuckte ihre Seele; das Gefühl tiefer, trostloser Einsamkeit überkam sie mit furchtbarer Bitterkeit und während bisher eine sanfte, stille Trauer ihr Herz erfüllt hatte, regte es sich jetzt in ihr wie das Aufwallen eines feindlich grimmigen Zornes gegen das Schicksal. – Die fremde Künstlerin hatte mit dem instinktiven Wohlwollen einer edlen, weiblichen Seele ihr warnend die Hand gereicht, um sie zurückzuziehen von diesem vergifteten Sumpfboden mit seinen Abgründen voll Fäulnis und Elend, von diesem Boden, auf welchen die eigene Mutter sie geführt, und das Gefühl, an welchem sich sonst die Seele der Frau festhält und emporrichtet, die Liebe, der sie mit der ganzen Glut ihres jungen Herzens sich hingegeben, mußte für sie ein vorüberfliegender Traum bleiben, nach dessen Ende die Finsternis um sie her dunkler und kälter als je sie in tiefe, endlose Nacht einhüllen würde.

Sie ließ den Kopf an die Lehne des Sofas zurücksinken und schloß die Augen vor dem entsetzlichen Bilde, unter welchem sich ihre Zukunft ihr zeigte.

»Unsere schöne Debütantin sucht die Einsamkeit?« sagte der Graf Raschkoff, welcher die Portiere erhebend, in die Türe des Kabinetts trat, »das ist unrecht, solche Blumen müssen im vollen Sonnenlicht blühen, bald sollen ja die bewundernden Blicke von ganz Paris auf Sie gerichtet sein,« fuhr er fort, indem er sich neben dem jungen Mädchen auf den Divan niederließ.

Julia fuhr zusammen, richtete schnell den Kopf empor und wollte aufstehen.

Der Graf ergriff ihre Hand und hielt sie zurück.

»Ich bin übrigens in diesem Augenblick mit Ihrer Neigung zur Einsamkeit nicht unzufrieden,« fügte er lächelnd, »denn dadurch wird mir die Gelegenheit, ein wenig mit Ihnen zu plaudern.«

»Mein Herr,« sagte Julia, ihre Hand losmachend und einen unruhigen Blick nach der durch die Portiere halb verdeckten Türe werfend, »ich weiß in der Tat nicht –«

»Ich habe soeben mit Mireport über Ihr Debüt gesprochen,« fuhr der Graf fort, »für das ich mich lebhaft interessiere, nachdem ich Sie gesehen und eine so glänzende Probe Ihres Talents gehört habe.«

»Ich habe nicht die Anmaßung zu glauben, daß ich als Künstlerin etwas leisten könnte, und es ist nicht meine Absicht, die Bühne zu betreten,« sagte Julia mit kaltem Tone, »deshalb –«

Sie machte eine Bewegung, um aufzustehen.

Abermals ergriff Graf Raschkoff ihre Hand und hielt sie zurück.

»Falsche Bescheidenheit,« sagte er, »Ihr Erfolg ist sicher, wir werden alles tun, um ihn zu einem Triumph zu machen, auch das größte Talent braucht eine kräftige Protektion,« fuhr er fort, »und Mireport wird Ihnen gesagt haben, daß ich in dieser Beziehung viel zu leisten imstande bin, die Kunstkritiker loben meine Diners ganz besonders,« sagte er lachend, »doch man muß Sie vorher sehen, von Ihnen sprechen, Sie müssen empfangen, öffentlich erscheinen, erlauben Sie, daß ich Ihnen dazu meine Dienste anbiete, ich werde morgen ein Appartement suchen, Sie werden die Einrichtung auswählen, die beste Equipage, die zu finden ist, soll zu Ihrer Verfügung stehen, in acht Tagen können Sie Ihre Salons öffnen, nicht wahr, mein Fräulein, Sie erlauben mir, Ihnen diese kleinen Dienste zu leisten? – Hier ein Pfand unserer beginnenden Freundschaft!«

Er zog einen Ring mit einem prachtvollen Solitär vom Finger und reichte ihn dem jungen Mädchen, die Strahlen der Kerzen, welche den Salon matt erhellten, brachen sich in feurigen Farbenreflexen in den Facetten des Diamants.

»Mein Herr,« sagte Julia zitternd und mit gepreßter Stimme, indem sie ihn starr und entsetzt anblickte, »Sie vergessen –«

»Ah!« rief der Graf mit leichtem Lachen, »ich erinnere mich, dieser Mirepoit sprach mir von einem kleinen romantischen Verhältnis, ein kleiner Fremder, der bald wieder fortgeht, der Sie einsperrt und bewacht, das ist nichts für Sie, Sie müssen auf der Höhe stehen, auf der höchsten Höhe, ich biete Ihnen die Stellung, die für Sie paßt, ich bleibe hier in dem schönen Paris, was kann Ihnen an dem kleinen, passagèren Liebhaber liegen, geben wir ihm den Abschied.«

Und lächelnd führte er mit ungezwungener Vertraulichkeit ihre Hand an seine Lippen.

Julia sprang auf, ihre Augen flammten, hörbar drang ihr Atem aus den geöffneten Lippen, der Graf wollte sie zurückhalten, sie schleuderte seine Hand zurück und eilte der Tür zu, während der Graf erstaunt auf dem Sofa sitzen blieb und ihr mit großen Augen nachsah.

»Mein Herr,« rief Julia im Nebensalon dem Marquis von Valmory zu, welcher dort im Gespräch mit einem anderen Herrn stand, »führen Sie mich zu meiner Mutter!« Sie legte ihren Arm in den des jungen Mannes, welcher sie verwundert ansah und sie mit artiger Bereitwilligkeit in den ersten Salon führte, wo Madame Lukretia in eifrigem Gespräch mit Herrn Mireport saß.

Julia hatte mit gewaltiger Anstrengung ihre Aufregung niedergekämpft, die Augen zu Boden geschlagen, feste Entschlossenheit in den Zügen des bleichen Gesichts, trat sie am Arm des Marquis zu ihrer Mutter heran.

»Ich habe einen unerträglichen Kopfschmerz,« sagte sie mit ruhigem Tone, »und wünsche sogleich nach Hause zu gehen.«

Madame Lukretia sah sie erstaunt an. »Welche Laune, mein Kind!« sagte sie mit strengem Blick und unzufriedenem Ton, »beherrsche dich – es wird vorübergehen.«

»Wenn Sie mich nicht begleiten wollen, so gehe ich allein,« sprach das junge Mädchen ganz leise, aber mit einer Festigkeit, welche leinen Zweifel an ihrem unbeugsamen Entschluß erlaubte, »ich wünsche einen Eklat zu vermeiden, aber ich werde nicht eine Sekunde länger hier bleiben.«

Madame Lukretia warf einen feindlichen Blick auf ihre Tochter, eine heftige Entgegnung schien auf ihren Lippen zu schweben, aber sie unterdrückte dieselbe, stand auf und sagte mit ruhigem Lächeln zu Herrn von Valmory gewendet:

»Das arme Kind, die Ruhe wird sie wiederherstellen, wollen Sie Ihre Güte vollständig machen, mein Herr, und uns zu unserem Wagen führen.«

Der Marquis verbeugte sich. »Die erstickende Hitze,« sagte er artig, »die vielen Menschen werden die Nerven des Fräuleins angegriffen haben.«

Die Marquise de l'Estrada rauschte heran.

»Mein Gott, Madame,« rief sie, »Sie wollen schon aufbrechen? – Alles geht so früh auseinander, ich fürchte, man unterhält sich nicht, auch Fräulein Hagar ist verschwunden.«

»Meine Tochter ist leidend,« sagte Madame Lukretia, »ihre Gesundheit ist nicht stark, ich bitte dringend, derangieren Sie sich nicht, lassen Sie uns ganz still verschwinden,« und die Hand der ganz erstaunten Dame des Hauses drückend, ging sie langsam der Ausgangstür zu. Julia folgte am Arm des Marquis, ohne den Blick zu erheben, ohne die Marquise de l'Estrada zu grüßen, welche sich kopfschüttelnd zu Herrn Mireport wendete.

Der Graf Naschkoff trat langsam aus dem zweiten Salon heran.

»Ihre kleine Italienerin ist eine Wilde,« sagte er lachend zu Herrn Mireport, »sie beißt und schlägt wie ein Steppenpferd.«

»Das zähmt sich mit der Zeit,« erwiderte der Agent achselzuckend, »man muß nur ein wenig Geduld haben.«

»Was ist denn da vorgefallen?« fragte Madame Pamela, nach der Tür blickend, durch welche soeben Frau Lukretia mit ihrer Tochter verschwunden war. »Der kleine Vogel flattert ein wenig, nachdem er das Netz gefühlt hat,« sagte ihr Nachbar lachend, »später lernt er das Ding umkehren und selbst das Netz handhaben, in dem wir gefangen werden.«

»Voilà comment cela commence!« sprach die schöne Pamela, das Lied der Königin Clementine aus dem Blaubart zitierend, und den Kopf zurücklehnend, richtete sie ihren Blick empor mit einem sinnenden, traurigen Ausdruck, bei einen seltsamen Kontrast bildete zu den geschminkten Wangen und zu den gefärbten Augenwimpern ihres Gesichts.

Der Marquis von Valmory hatte Julia und ihre Mutter zu dem unten auf sie wartenden Fiaker geführt und sich von ihnen verabschiedet, Madame Lukretia warf sich in eine Ecke des engen und unbequemen Wagens – schweigend fuhr sie eine Zeitlang dahin.

»Ich begreife nicht,« rief sie dann mit zornigem Tone, »wie du deinen Launen so nachgeben kannst, ich war in äußerster Verlegenheit über diesen plötzlichen Aufbruch.«

Julia schwieg und saß unbeweglich in ihren Schal gehüllt da.

Ihre Mutter richtete sich empor und sah ihr mit scharfem Blick ins Gesicht. Sie mochte fühlen, daß eine weitere Konversation zu keinem Resultat führen könne, vielleicht fürchtete sie auch, die zu scharf angezogene Saite auf das äußerste zu spannen, vielleicht war sie trotz alledem mit dem Resultat des Abends zufrieden, nach einigen Augenblicken lehnte sie sich mit ruhigem Lächeln wieder zurück und unterbrach das Schweigen nicht mehr, bis sie vor ihrer Wohnung angelangt waren.

Mit schnellen und festen Schritten stieg Julia, ohne sich um ihre Mutter zu kümmern, die Treppe hinauf und trat, den vorderen Salon durchschreitend, in das Zimmer des Malers Romano.

Dieser war noch auf, eine kleine Lampe brannte auf einem Tisch, den er vor die Staffelei mit seinem unvollendeten Bilde gerückt hatte. Er saß auf einem Stuhl zusammengesunken und starrte mit weitgeöffneten, müden Augen das Bild an.

Erschrocken zuckte er zusammen, als Julia zu ihm eintrat, mühsam zwang er sich zu einem freundlichen Lächeln, er erhob sich ein wenig aus seiner zusammengebrochenen Stellung und streckte dem jungen Mädchen seine magere Hand entgegen.

»Ich danke dir, Kind,« sagte er mit wehmütigem Lächeln, »daß du noch kommst, hast du dich gut unterhalten?«

Julia antwortete nicht, sie sah den schwachen, gebrochenen Mann lange mit tiefem, ernstem Blick an und sprach dann: »Gute Nacht, Papa, du liebst mich, nicht wahr?«

»Welche Frage – Kind!« sagte der Maler, unruhig in das starre Gesicht seiner Tochter blickend, »kannst du zweifeln?«

»So segne mich, wie du es tatest, als ich Kind war,« sagte sie, vor ihm die Knie beugend, »und bitte Gott für mich, daß er gnädig auf meine Zukunft herniederblicke.«

Erschrocken stand der Maler auf. Er legte die Hände auf das Haupt des jungen Mädchens und richtete den Blick des fieberhaft brennenden Auges nach oben.

»Kann von mir Segen kommen,« flüsterte er mit bebenden Lippen, »von mir, der den Fluch an das Leben dieses Kindes geheftet hat? – o mein Gott,« rief er lauter, »segne – segne dieses Haupt in deiner ewigen Gnade, welche die Sünden vergibt um der Reue willen, und laß mich – mich allein alles Leid tragen, das auf dieses Kindes Leben sich herabsenken möchte!«

Julia hörte die Worte nicht, welche er sprach, lange blieb sie vor ihm auf den Knien liegen, es tat ihr wohl, auf ihrem Haupte die Hand dieses Mannes zu fühlen, der ihr von ihrer frühen Jugend an liebevolle Teilnahme und treue Sorge entgegengebracht hatte, sie sah nicht das schmerzvolle Zucken seines bleichen Gesichts, sie sah die Träne nicht, welche schwer aus seinem brennenden Auge sich losringend über seine welke Wange hinabrollte.

Dann stand sie rasch auf, drückte seine Hand an ihre Lippen und eilte an ihrer Mutter, welche ihre Toilette abzulegen beschäftigt war, vorüber nach ihrer Wohnung.

Ihre Dienerin empfing sie; ohne ein Wort zu sprechen, ohne eine Frage zu beantworten, ließ sie sich entkleiden und legte sich zu Bett. Sie öffnete das Medaillon, welches sie am Halse getragen hatte, es enthielt ein Bild ihres Geliebten, ihre Lippen zitterten in schmerzlich krampfhafter Bewegung.

»Verlorenes Leben,« hauchte sie kaum hörbar, »verloren – verloren für immer, und doch ist das Leben so schön! – warum, warum, mein Gott, hast du mich verlassen?«

Starr und still lag sie, den Blick auf das Bild geheftet, da, bis das Licht des Morgens durch die Vorhänge in das Zimmer drang, und zitternd fuhr sie oft aus dem unruhigen Schlummer empor, der sich endlich auf ihre müden Augen senkte.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Die Villa Braunschweig in Hietzing, jenes kleine, nach der Straße durch eine einfache hohe Mauer vornehm abgeschlossene Haus, welches von seinem früheren Besitzer, dem Baron Hügel, so reich mit Kunstschätzen und Seltenheiten ausgestattet und von dem Herzog von Braunschweig mit fürstlich reicher Eleganz erfüllt war, umschloß den kleinen Hof des Königs Georg V., der mit dem Kronprinzen Ernst August und der ältesten Prinzessin Friederike in diesem reizenden buen retiro des Herzogs, seines Vetters, seine Residenz aufgeschlagen hatte, während die Königin mit der Prinzessin Mary noch immer auf ihrem einsamen Bergschlosse Marienburg verweilte.

Im Morgensonnenschein schimmerte das frische Grün der hohen Bäume des Gartens, die großen Glastüren des chinesischen Vorsaales standen weit offen und ließen den Duft der Frühlingsblumen und der ersten aufknospenden Frührosen eindringen, und selbst die lebensgroßen chinesischen Pagoden schienen lebendiger mit den bezopften Köpfen zu wackeln unter dem frischen Geruch der Frühlingsluft, deren Wehen hier und da eines der zahllosen kleinen Silberglöckchen am Plafond in zarter Schwingung erzittern ließ.

Nichts ließ in diesem tief stillen, friedlichen, blühenden und sonnigen Aufenthalt vermuten, daß hier ein Fürst wohnte, dessen Thron die gewaltigen Wetter der Zeit zertrümmert hatten, und auf welchem die aufmerksamen Blicke der Kabinette und der Parteien in Europa ruhten. Lakaien in den scharlachroten Livreen des Welfenhauses gingen in dem langen, zu den inneren Räumen des Hauses führenden Gange auf und nieder, ein angespannter Wagen stand im Hof – alles machte den Eindruck einer vornehm aristokratischen Villeggiatur, deren ruhig dahinfließendes Leben ebenso heiter und licht wäre, wie der helle Frühlingshimmel und der goldene Sonnenschein, der auf den saftigen Rasen und den Farbenglanz der Blumenparterres herabfiel.

Auf dem mit feinem gelben Sande bestreuten Wegen des unmittelbar an den Ausgang der inneren Räume stoßenden Gartens ging die Prinzessin Friederike in einfacher Morgentoilette langsam auf und nieder. Das edle Gesicht der Prinzessin mit den großen, blauen Augen war ernster geworden in dieser ernsten Zeit, deren Hand so schneidend tief eingegriffen hatte in das erwachende Leben ihrer Jugend, aber wenn auch die frischen Lippen nicht lächelten in der sorglosen Heiterkeit ihres Alters, ganz hatte die Jugend ihr Recht nicht verloren, über dem sinnenden, wehmütigen Ernst der stolzen Züge dieser Tochter des alten Geschlechts Heinrichs des Löwen lag ein leichter Duft des Frühlingsschimmers, der die ganze Natur erleuchtete, und ihr Auge erfüllte sich mit sanftem Glanz, wenn sie den Blick hingleiten ließ über all diese erschlossenen Blumen, welche ihre zarten Kelche den Sonnenstrahlen öffneten und den Wohlgeruch ihres Atems in die warme Luft emporhauchten. Neben der Prinzessin ging die Staatsdame Gräfin Wedel, welche wie ihr Sohn gekommen war, um am Hofe des Unglücks den Ehrendienst zu tun; der milde, weiche Blick der alten Dame mit den sanften Zügen und der edlen, vornehmen Haltung ruhte oft mit inniger Teilnahme auf diesem jungen Mädchen, dem der Purpur, in welchem sie geboren, so schweres Leid gebracht hatte.

»Wie habe ich heute morgen wieder meinen Bruder beneidet, liebe Gräfin,« sagte die Prinzessin mit leichtem Seufzer, »als ich die Pferde im Hofe hörte, die für seinen Morgenritt vorgeführt wurden, wie gern wäre ich mit zu Pferde gestiegen, um durch die frische, freie Natur hinzufliegen, den Atem der Freiheit einzusaugen und den Blick zu baden in reinem Morgenlicht!«

»Sollten denn Eure Königliche Hoheit nicht reiten?« fragte die Gräfin, »ich glaubte, daß Seine Majestät davon gesprochen hatte.«

»Ach nein, rief die Prinzessin abermals seufzend, »Mama will es nicht erlauben, schon in Hannover nicht, und jetzt habe ich schon zweimal nach der Marienburg geschrieben und darum gebeten, aber es ist mir abgeschlagen.«

»Nun,« sagte die Gräfin mit freundlichem Lächeln, »dann müssen Eure Königliche Hoheit resignieren, es ist ja im Grunde kein so großes Opfer, das Leben fordert größere und schwerere. Sehen Sie um sich, hier haben wir ja auch die Natur, so schön, so frisch – und zugleich so geordnet, das ist ja unser Los als Frauen, im beschränkten Kreise zu leben und zu wirken, wohl uns, wenn dieser Kreis sich so freundlich mit Blumen schmückt, wie dieser Garten.«

Die Prinzessin schwieg einige Augenblicke.

»Im beschränkten Kreise,« sagte sie dann halb flüsternd, »ja, ja, das ist das Los der Frauen, aber,« rief sie lebhafter, »ich muß Ihnen sagen, Gräfin, daß mir das gar nicht gefällt!«

Sie blieb stehen.

»Glauben Sie nicht,« fragte sie, das ausdrucksvolle Auge mit einer gewissen kindlichen Naivität auf die ruhigen Züge der alten Dame richtend, »glauben Sie nicht, liebe Gräfin, daß es Menschen gibt, die ihre Bestimmung verfehlen?«

Die Gräfin lächelte.

»Gewiß, Prinzessin, gibt es solche Menschen,« sagte sie, »man sieht –«

»Nun,« rief die Prinzessin halb scherzend, halb unmutig, »ich glaube, ich habe meine Bestimmung verfehlt, ich glaube, ich war bestimmt, ein Mann zu werden.«

Die Gräfin lachte.

»Welche Gedanken!« rief sie.

»O ich hatte diese Gedanken schon als Kind,« sagte die Prinzessin, »in Herrenhausen hatte ich nur den Wunsch, die Spiele und Beschäftigungen meines Bruders teilen zu können, ich habe oft geweint, daß ich ein Mädchen sein sollte.« –

»Aber, Prinzessin,« sagte die Gräfin Wedel fast erschrocken, »das waren kindliche, verzeihen Sie, kindische Phantasien, geben Sie sich,« fügte sie ernst hinzu, »solchen Neigungen nicht hin, Sie wissen, wie streng Seine Majestät der König die Grenzen dessen festgehalten wissen will, was die hergebrachte Form und Sitte gebietet.«

Ein leichtes Rot färbte die zarte Wange der Prinzessin. Stolz erhob sie den Kopf, mit einem Ausdruck fürstlicher Hoheit, aus welchem das ganze Bewußtsein ihres tausendjährigen Geschlechts hervorblitzte, sagte sie:

»Sie verstehen mich nicht, Gräfin, nicht die Grenzen der Form und Sitte sind es, die mich beengen. – Sie wissen,« fuhr sie dann in herzlich freundlichem Tone fort, indem sie ihren Arm leicht in den der Staatsdame legte und ihren Spaziergang wieder aufnahm, »Sie wissen, wie tief mir jedes, auch das leiseste Überschreiten jener Grenzen, jenes emanzipierte Wesen zuwider ist, aber abgesehen von diesen Grenzen – warum schränkt man den Lebenskreis der Frauen so eng ein in ihrem Wirken, Streben, Schaffen? – warum soll es uns verschlossen bleiben das große Reich des Wissens, in welchem der Geist der Männer den herrlichen, leuchtenden Bahnen folgt? – warum sollen wir nicht die Hand legen dürfen an das mächtige Rad der Geschichte, das doch auch uns nicht schont in seinem gewaltigen Rollen?« fügte sie seufzend hinzu. »Und nun gar,« rief sie nach einer kurzen Pause, »wenn man Prinzessin ist. – Der enge Kreis, der das Leben der Frauen überhaupt einschließt, wird bei uns so sehr zusammengezogen, daß uns kein Atemzug Luft übrig bleibt, wahrhaftig, die Flügel des Geistes müssen erlahmen, wenn man sie niemals ausbreiten kann! – Sehen Sie,« sagte sie lebhafter, »ich habe den Drang, die Sehnsucht in mir, zu lernen, die Welt und das Leben zu verstehen, das Gebiet des Wissens zu durchdringen, aber wo finde ich Beistand, wo finde ich eine freundliche Hand, die mich führt? – Die Arbeit des Geistes wird mir schwer, aber je schwerer sie ist, um so mehr liebe ich sie, aber wie soll ich es anfangen, mich zu befreien von dem Bann, mit dem mich meine Stellung umgibt« – Ich spreche mit irgend jemand,« rief sie mit zornigem Ausdruck, »ich überwinde meine Verlegenheit, denn ich bin sehr verlegen, wenn ich es auch vielleicht nicht scheine, ich sage irgend etwas und fühle, weiß sehr genau, daß es unrichtig, unklar ist, ich hoffe, daß man mich berichtigen, belehren, aufklären werde, aber – was höre ich?«

Sie stellte sich vor die Gräfin und sagte in parodierender Bewegung, sich tief verneigend:

»Sehr wahr, Eure Königliche Hoheit haben vollkommen recht, es ist zu bewundern, wie Eure Königliche Hoheit die Dinge so scharf zu beurteilen verstehen. – Das höre ich, Gräfin,« rief sie, die Lippen zusammenpressend, »ich mag gesagt haben, was ich will, und an dieser ehernen Mauer der ewigen Ehrerbietung und Devotion fällt der Flug meines Geistes zu Boden!«

Die Gräfin lachte herzlich.

»Eure Königliche Hoheit behaupten die Welt nicht zu kennen,« sagte sie, »und doch haben Sie den Ton der Höfe so genau studiert, daß der größte Schauspieler ihn nicht besser kopieren könnte.«

»Ja, diesen Ton kenne ich zur Genüge,« rief die Prinzessin selbst lächelnd, »aber ich bin seiner auch wahrhaftig herzlich überdrüssig. – Und jetzt,« fuhr sie dann wieder ernst fort, indem sie ihre großen Augen mit tief traurigem Ausdruck zur Gräfin aufschlug, »jetzt, in dieser Zeit, in der unser Haus so schwer getroffen ist von der Hand des Schicksals, da schmerzt es doppelt, so in trauriger Untätigkeit sich in stillem Schmerz und Kummer zu verzehren. – Gräfin,« sagte sie mit gepreßter Stimme, während ihr Auge in feuchtem Schleier sich verhüllte, »wenn ich meinen lieben Vater vor mir sehe, auf dessen teurem Haupt so schweres Leid ruht, dann möchte ich weinen vor bitterem Zorn, daß ich so gar nichts tun kann für ihn und seine Sache, für sein Haus, dessen Blut doch auch in meinen Adern fließt, für sein Recht, das doch auch das meine ist – O wäre ich ein Prinz!« rief sie lebhaft, leicht mit dem Fuß auf den Boden tretend, »könnte ich ringen, arbeiten, kämpfen! – mein Bruder nimmt das leichter,« sagte sie seufzend und das Auge zu Boden schlagend.

Mit inniger Teilnahme blickte die Gräfin Wedel auf die Prinzessin, auch ihr Auge wurde feucht.

Starke Schritte ertönten auf dem Wege, der aus den tieferen Teilen des Gartens herführte.

König Georg V. erschien, auf den Arm des Flügeladjutanten Oberstleutnant von Heimbruch gestützt.

Der König trug die hannöverische Uniform der Gardejäger, ohne Epaulettes und Orden, er rauchte eine Zigarre aus einer langen, hölzernen Spitze.

»Prinzeß Friederike,« sagte Herr von Heimbruch.

»Guten Morgen, mein Töchterchen!« lief der König mit seiner hellen Stimme.

Die Prinzessin eilte ihrem Vater entgegen und drückte die Lippen auf seine Hand, der König nahm ihren Kopf und küßte sie Zärtlich auf die Stirn, indem er langsam ihr glänzendes, aschblondes Haar streichelte.

»Ein herrlicher Morgen,« rief der König tief aufatmend, »wie wohl tut mir diese reine, frische Luft! – ich bin schon lange gegangen, während mein Töchterchen noch schlief,« fügte er lachend hinzu.

»Auch ich bin schon seit einiger Zeit hier im Garten gegangen, mit der Gräfin Wedel,« fügte sie mit einem Blick auf die Staatsdame, welche mit einigen Schlitten bis dicht an den König herantrat.

»Ah, Frau Gräfin, guten Morgen!« rief Georg V., indem er die Hand der Gräfin ergriff und sie mit ritterlichem Anstand an seine Lippen erhob, »wie befinden Sie sich heute? – ich bedauere immer von neuem die Unbequemlichkeiten, die Sie hier ertragen müssen, aber – Sie haben es gewollt, wir sind im Campagnezustand, da muß man sich in manches finden!«

»Majestät,« sagte die Gräfin, »es fehlt mir nicht das geringste, und,« fuhr sie mit innigem Tone fort, »ich bin glücklich, in diesem Augenblick die Pflichten meines Ehrenamts erfüllen zu können, Prinzeß Friederike,« sagte sie abbrechend mit leichtem Lächeln, »war aber nicht ganz mit unserer Morgenpromenade in dem schönen, blühenden Garten zufrieden, sie möchte zu Pferde steigen und hinausreiten in die freie Ferne.«

»Die Königin erlaubt es nicht,« sprach Georg V. ernst.

»Graf Alfred Wedel,« sagte Herr von Heimbruch.

Der Hofmarschall Graf Wedel trat heran in einfachem Morgenanzug.

»Mein lieber Alfred,« sagte der König, sich freundlich nach der Seite wendend, von welcher die Tritte des Kommenden erschallten, »Ihre Mutter ist zufrieden mit ihrem Aufenthalt, das freut mich herzlich, sorgen Sie ja fortwährend, daß es ihr an nichts fehlt; ist der Kronprinz schon zurück?«

»Noch nicht, Majestät,« sagte Graf Wedel, »Seine Königliche Hoheit dachte einen weiten Ritt zu machen.«

»Haben Sie Nachrichten von der Gräfin?« fragte der König, »wird sie bald kommen?«

»Ich hoffe es, Majestät,« erwiderte der Graf, »ich habe heute Morgen einen Brief erhalten, sie denkt bald imstande zu sein, die Reise zu unternehmen.«

»Schreiben Sie ihr viel – viel Freundliches von mir,« sagte der König, »wie sieht es sonst in Hannover aus?« fragte der dann, indem ein tiefernster Ausdruck auf seinem Gesicht erschien.

»Trübe – gedrückt, Majestät,« erwiderte der Graf, »die Zeit lastet auf allen Verhältnissen, und man macht manche wunderbaren Erfahrungen, ich habe auch einen Brief vom Professor L'Allemand, Majestät,« fügte er hinzu, »der –«

»Was schreibt er?« fragte der König rasch und gespannt.

»Er hatte den preußischen Generalgouverneur um Erlaubnis gebeten, das wunderbar schöne Bild, das er gemalt, nach Paris zur Ausstellung senden zu dürfen, es stellt Eure Majestät zu Pferde, die Front des Garderegiments herunterreitend, dar, die Ausführung ist meisterhaft, alle Köpfe von frappanter Porträtähnlichkeit.«

»Ich erinnere mich,« sagte der König, »nun?«

»Dies Bild befindet sich unter den mit Beschlag belegten Vermögensobjekten.«

Der König biß die Zähne aufeinander.

»Und der General von Voigts-Rhetz hatte sogleich bereitwillig die Erlaubnis erteilt, das Bild auszustellen, als er durch einen Bericht darauf aufmerksam gemacht wurde, daß diese Ausstellung höchst bedenklich sei, da das Bild in Paris Sympathien für Eurer Majestät Person und Allerhöchstihre Sache erwecken könne.«

»Und wer hat diesen Bericht gemacht?« fragte der König.

»Herr von Seebach, der frühere Generalsekretär des Finanzministeriums, so schreibt man mir,« sagte Graf Wedel.

Der König schwieg lange, er atmete tief, und ein trauriges Lächeln spielte um seine Lippen.

»Preußischer als die Preußen!« sagte er leise, »ob man in Berlin wohl glaubt, mit solchen Elementen die Herzen des Landes zu gewinnen? – Und was hat der General von Voigts-Rhetz getan?« fragte er dann.

»Er hat nichtsdestoweniger die Ausstellung des Bildes erlaubt,« erwiderte Graf Wedel.

»Er ist Soldat!« sagte der König.

»Und ich wollte nun für L'Allemand die Erlaubnis Eurer Majestät erbitten, das Bild nach Paris senden zu dürfen.«

»Gewiß, gewiß soll er es hinsenden,« rief der König, »ich wünsche ihm von Herzen Erfolg und Anerkennung für sein Kunstwerk, schreiben Sie ihm das und grüßen Sie ihn und seine Frau von mir, ich will sogleich an Meding schreiben, damit er dem Bilde einen guten Platz verschafft.«

Der alte Kammerdiener des Königs näherte sich und sprach einige Schritte vom Könige stehen bleibend:

»Graf Platen und Herr von Düring sind im Vorzimmer und fragen, ob Eure Majestät sie empfangen wolle.«

»Düring!« rief der König, »er kommt von Holland, ich will die Herren sogleich sehen!«

»Darf ich dann Eure Majestät vielleicht um die Befehle für das Diner bitten?« sagte Graf Wedel, »der Graf und die Gräfin Waldstein haben sich gemeldet.«

»Der Graf und die Gräfin Waldstein!« sagte der König lebhaft, »wie werde ich mich freuen, sie zu sehen! – lassen Sie sie sogleich einladen, Reischach natürlich, Graf Platen und Herr von Düring – das genügt. – Auf Wiedersehen, mein Töchterchen! – auf Wiedersehen, Frau Gräfin!«

Leicht mit der Hand grüßend, schritt er am Arm des Herrn von Heimbruch schnell dem Hause zu.

In dem chinesischen Vorzimmer fand er den Grafen Platen den Hauptmann von Düring in der Uniform der Flügeladjutanten seiner warten.

Graf Platen war schlank und geschmeidig in seiner Haltung wie früher, sein Schnurrbart und sein Haar trugen nicht mehr die glänzend schwarze Farbe, welche sie in Hannover gezeigt hatten, und der leicht in Graue fallende Ton stand mit den etwas gealterten und nervös abgespannten Gesichtszügen im Einklang.

Der König grüßte die beiden sich tief verneigenden Herren und bat sie, ihm in sein Kabinett zu folgen, welches zur Seite des Vorzimmers lag, und in welchem auf schottischen Seidentapeten herrlich gearbeitete Hochlandswaffen zwischen meisterhaften Ölgemälden hingen, welche Sujets aus Walter Scotts Romanen darstellten.

Georg V. setzte sich in seinen Lehnstuhl vor den Tisch in der Mitte des Zimmers und sagte, indem er den Rock ausklopfte und sich bequem zurücklehnte:

»Nun, ich freue mich sehr, daß Sie wieder da sind, mein lieber Düring, wie also haben Sie die Emigration gefunden, was ist dort zu tun?«

»Eurer Majestät Befehl gemäß,« erwiderte der Hauptmann von Düring, mit der Hand leicht über den blonden Schnurrbart fahrend, »habe ich mich über Paris nach Arnheim begeben und dort eine ziemlich bedeutende Anzahl von Mannschaften und verschiedene Offiziere gefunden, welche aus Hannover ausgewandert waren, um sich Eurer Majestät zur Verfügung zu stellen. Sie hatten vorausgesetzt, daß aus der luxemburgischen Angelegenheit kriegerische Verwicklungen in Europa entstehen würden, und sich deshalb beeilt, neutrales Gebiet zu erreichen, da sie voraussetzten, daß Eure Majestät jetzt Ihre Armee wieder bilden würden.«

»Es ist ja leider jetzt nichts zu machen,« sagte der König achselzuckend, »wer hat nur den Leuten den Befehl gegeben, jetzt gerade aufzubrechen? – ich weiß nichts davon und bedauere diese vorzeitige Auswanderung.«

»Eure Majestät hatten einzelnen Herren Vollmachten erteilt,« erwiderte Herr von Düring, »es scheint, daß sie nun den Moment für gekommen erachtet und die Emigration ins Werk gesetzt haben; in solchen Augenblicken,« fügte er mit fester Stimme hinzu, »muß man ja allerdings auch nach eigenem Ermessen und auf eigene Verantwortung handeln.«

»Gewiß, gewiß,« sagte der König, »ich bin auch weit entfernt, den Herren irgendeinen Vorwurf Zu machen –«

»Sollte nicht von Paris aus ein Wink an sie ergangen sein?« sagte Graf Platen, sich in sich selbst zusammenschmiegend, »waren ja zwei Offiziere gerade in Paris anwesend, als die Emigration begann.«

»Das ist ganz unmöglich,« sagte Herr von Düring, »ich war damals ja selbst gerade in Paris und habe die Herren gesehen, sie sind zurückgereist, um die Auswanderung anzuhalten, was ihnen auch teilweise gelungen ist, freilich strömen noch immer genug Leute nach Holland.«

»Doch nun,« fugte der König, »handelt es sich darum, was geschehen soll, wie die Leute organisiert werden, wo sie bleiben sollen.«

»Majestät,« erwiderte Herr von Düring, »es sind drei Kategorien da, erstens wirkliche Deserteurs, welche bereits in die preußischen Regimenter eingereiht waren, sodann Militärpflichtige, welche schon die Einberufungsorder erhalten hatten, endlich junge Leute, welche zwar im militärischen Alter stehen, aber noch nicht einberufen waren. Die beiden ersten Kategorien können nicht zurückkehren, ohne sich den schärfsten Strafen auszusetzen, die ganz jungen Mannschaften könnten allerdings zurückkehren, aber sie wollen es nicht, sie bestehen darauf, sich dem preußischen Dienst nicht unterwerfen und sich Eurer Majestät erhalten zu wollen.«

»Nach meiner Meinung,« sagte Graf Platen, »sollte man die Unteroffiziere und die gedienten Leute erhalten, um daraus die Kadres zu bilden für den Fall, daß Eure Majestät wieder mit gewaffneter Hand den Kampf für Allerhöchst ihre Rechte aufnehmen, die übrigen aber, ich sehe nicht ein, was sie nützen sollen, und sie werden viel Geld kosten.«

Der König sann nach.

»Die Kosten,« sagte er, »so lange sie nicht faktisch unerschwinglich sind, können nicht in Betracht kommen, wie viel Leute waren dort?« fragte er, sich zu Herrn von Düring wendend.

»Vier- bis fünfhundert,« erwiderte dieser, »doch war der Zugang, als ich abreiste, noch immer ein ziemlich starker, so daß, wenn auch so schnell als möglich alle Maßregeln ergriffen werden, um der weiteren Auswanderung Einhalt zu tun, man immer auf sechs- bis siebenhundert Mann wird rechnen müssen.« »Gut,« sagte der König, »sie sollen unterhalten werden,« er sann einen Augenblick nach und fuhr dann fort: »Ich war anfangs ein wenig bestürzt über diese schnelle und zahlreiche Auswanderung, welche zunächst das arme hannoversche Land vielleicht noch härterem Druck aussetzen wird, indes je mehr ich darüber nachdenke, um so mehr sehe ich ein, wie nützlich diese ganze Sache ist, es ist eine Demonstration des Volkes, ein Zeugnis, welches die Hannoveraner ablegen, daß sie an mir festhalten wollen, und in der heutigen Zeit, in welcher das suffrage universel ein Dogma der Politik geworden, fällt das ins Gewicht, außerdem gibt dieses Korps immer die Basis für ein künftiges selbständiges Handeln. – Doch,« fuhr er fort, »wo sollen die Leute bleiben? – werden sie sich in Holland halten können?«

»Das glaube ich nicht, Majestät,« sagte Herr von Düring, »die holländische Regierung wird, ihrer neutralen Stellung entsprechend, nicht dulden können, daß eine Ansammlung von Leuten, welche immerhin einen militärischen Charakter durch ihre Organisation hat, an der preußischen Grenze sich festsetze. Ich bin nach dem Haag gegangen und habe mit dem holländischen Minister des Auswärtigen, dem Grafen Zuijlen, und auch mit dem Minister des Innern, Herrn Heemskerk, gesprochen, beide Herren waren der Sache Eurer Majestät durchaus sympathisch und bedauerten tief das Schicksal Hannovers, sie versprachen auch eine äußerst wohlwollende und freundliche Behandlung der hannoverischen Emigranten, allein beide erklärten mir auch ebenso bestimmt, daß sie ein Zusammenbleiben derselben an einem Ort unter einer bestimmten Organisation Weber nach den Gesetzen des Landes, noch nach den Pflichten, welche die neutrale Stellung des Königreichs bedinge, dulden könnten. Bis jetzt sei von der preußischen Regierung keine Forderung in dieser Beziehung gestellt, allein man wünsche auch dringend, eine solche zu vermeiden und so bald als möglich jede Veranlassung dazu zu beseitigen. Daher werde sich die Regierung genötigt sehen, in wenigen Tagen die Leute zu trennen und einzeln in verschiedene Orte des Königreichs zu internieren. Der Graf Zuijlen bemerkte mir dabei, daß er mir sehr dankbar sein werde, wenn ich die Regierung auch dieser ihr peinlichen Notwendigkeit überhebe – durch eine schleunige Entfernung der Emigranten. – Denselben Rat gab mir der französische Gesandte Baudin, mit dem ich ebenfalls über die Sache sprach. Er interessierte sich lebhaft für die Leute und zeigte die wärmsten Sympathien für die Sache Eurer Majestät, indes fehlte ihm selbstverständlich jede völkerrechtliche Basis, um irgendwie zugunsten der Emigranten etwas zu tun.«

»Aber wohin mit den Leuten?« fragte der König.

»Majestät,« sagte der Hauptmann von Döring, »die Schweiz bietet allen Flüchtlingen ein offenes Asyl, dort, wo die Vertreter der extremsten roten Demokratie aller Nationen sicheren Aufenthalt und völlig freie Bewegung finden, wird ja auch Raum für Anhänger eines unglücklichen Königs sein, wenn Eure Majestät nicht vorziehen, sie nach England gehen zu lassen, das ja auch bis jetzt allen Flüchtlingen unbedingt freie Aufnahme gewährt. Ich darf Eurer Majestät bemerken, daß die Leute selbst vielleicht am liebsten nach England gehen, die Tradition von des Königs deutscher Legion liegt ihnen im Sinn, und sie sehen sich gewissermaßen als eine neue Auflage dieser Legion an, die bei der Okkupation Hannovers am Anfange dieses Jahrhunderts unter englischen Fahnen sich bildete.«

»In England würde aber der Unterhalt der Leute viel mehr kosten,« bemerkte Graf Platen.

»Dafür würde sich aber auch dort mehr Gelegenheit finden, ihnen Beschäftigung und eigenen Erwerb zu schaffen. Eure Majestät kennen die Sympathie, welche viele Kreise in England – die Damen der Aristokratie an der Spitze – der hannöverschen Sache beweisen, schon ist den seit dem vorigen Jahre nach England geflüchteten Hannoveranern durch das Komitee, welches sich in London gebildet hat, so viel Beschäftigung zugewiesen, daß sie fast gar keiner Unterstützung mehr bedürfen, und ich glaube –«

»Nein,« unterbrach der König, »nach England sollen sie nicht gehen, die Sympathien, welche sie dort finden, sind einfaches Mitleid, und den Hebel für den Kampf um meine Rechte kann ich nicht in einem Lande ansetzen, das für mich und das Stammland seiner glorreichen Könige nichts übrig hat als Mitleid und Bedauern. – Die Leute sollen sofort nach der Schweiz gehen, wer führt das Kommando?«

»Der Hauptmann von Hartwig, Majestät,« sagte Herr von Düring, »und ihm zur Seite steht Herr von Tschirschnitz.« »Dann ist die Sache in guten Händen,« rief der König, »Hartwig wird mit seinem biederen, braven Charakter großen moralischen Einfluß auf die Leute ausüben, und Tschirschnitz ist ein sehr tüchtiger Offizier von großer Intelligenz und reichen Kenntnissen, ich hatte ihn zum militärischen Erzieher des Prinzen Hermann gewählt, und er hat ihn vortrefflich gebildet. – Schreiben Sie also unverzüglich, daß die Emigration sofort nach der Schweiz gehen solle.«

»Ich glaube, daß Zürich der beste Ort wäre,« sagte Herr von Düring.

»Also nach Zürich!« rief der König, »dort angekommen, sollen sie sofort über ihre Installation und Organisation berichten, vor allem aber sollen sie jeden Schein einer militärischen Organisation äußerlich vermeiden.«

»Sie müssen die einfache Emigration bleiben,« sagte Graf Platen, »und Eure Majestät müssen zu ihnen nur in dem Verhältnis stehen, daß Allerhöchst dieselben Ihre Untertanen in der Not des Exils unterstützen, vielleicht wäre es gut, wenn man in Hannover selbst ein Unterstützungskomitee bildete, um eine offenkundige, sozusagen offizielle Verbindung Eurer Majestät mit den Flüchtlingen dadurch zu vermeiden.«

»Ich habe keinen Grund, zu verbergen, was ich tue,« sagte der König, stolz den Kopf emporrichtend.

»Aber Eure Majestät haben auch gewiß nicht nötig, ohne Not die Kritik Europas herauszufordern – und den Gegnern Allerhöchst ihre Vorbereitungen vor Augen zu stellen.«

»Gut,« sagte der König, »suchen Sie also ein solches Unterstützungskomitee zu bilden, ich glaube, praktisch wird es eine geringe Bedeutung haben, denn der Geldbeutel ist bei meinen guten Hannoveranern ein sehr kitzlicher Punkt.«

»In wenigen Tagen, Majestät,« sagte Graf Platen, »werden sich darüber Anknüpfungen machen lassen, zu Eurer Majestät Geburtstagsfest sind, wie mir gestern geschrieben wurde, sehr viele Besuche in Aussicht genommen, wir werden hier die einflußreichsten Persönlichkeiten unter den hannöverschen Patrioten versammelt sehen und zwar aus allen Kreisen und Ständen.«

»Es hat mich immer hoch erfreut,« sagte der König mit bewegter Stimme, »wenn an den Familienfesten meines Hauses das Volk so innigen Anteil nahm, doch in Hannover hatte ich die Macht und man hatte vielleicht materielle Gründe, seine Anhänglichkeit zu beweisen, jetzt aber,« er fuhr leicht mit der Hand über die Augen, jetzt rührt mich das doppelt, denn jetzt,« sagte er schmerzlich seufzend, »kann ich keine Gunst gewähren, und alle, die mir Beweise treuer Anhänglichkeit geben, setzen sich vielleicht peinlichen Verfolgungen aus, jetzt lerne ich meine wahren Freunde kennen! – Sie haben also Meding in Paris gesehen,« sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen zu Herrn von Düring gewandt, »und mit ihm über die Lage gesprochen, was war seine Ansicht über die nächste Zukunft?«

»Majestät,« sagte Herr von Düring, »der Regierungsrat war überzeugt, daß für die nächste Zukunft, zunächst für die Dauer der Ausstellung, der Frieden ganz unzweifelhaft erhalten werden würde, schon damals, als ich dort war, sagte er mir, daß aus der Luxemburger Frage keine kriegerische Verwicklung entstehen würde, nachdem sie einmal auf das diplomatische Gebiet geführt ei, und er war damit im Interesse Eurer Majestät sehr zufrieden, denn diese Frage hätte, auf die Spitze getrieben, entweder zu einer Allianz zwischen Frankreich und Preußen geführt, wenn man in Berlin ausschließlich und spezifisch preußische Politik hätte machen wollen, ober zu einem deutschen Krieg, in beiden Fällen wäre jede Aussicht, das Recht Eurer Majestät in einer oder der anderen Form jemals wieder zur Geltung zu bringen, für immer verloren gewesen.«

Der König stützte den Kopf in die Hand und fragte halb leise:

»Und für die Zukunft?«

»Der Regierungsrat Meding ist ganz fest und unerschütterlich überzeugt,« sagte Herr von Düring, »daß der Krieg nur eine Frage der Zeit ist, er kann hinausgeschoben werden, ein oder zwei Jahre selbst, aber er wirb mit der Notwendigkeit eines Naturereignisses kommen, allein –«

»Allein?« fragte der König, ohne den Kopf aufzurichten.

»Allein,« fuhr Herr von Düring fort, »er sieht diesem Ereignis mit großer Sorge entgegen, denn die sogenannten chauvinistischen Anschauungen sind von großer Macht in Frankreich und bei jeder kriegerischen Verwicklung wird das Geschrei nach Eroberung des Rheins sich laut und betäubend erheben, dann aber würde jede Aktion für Eure Majestät äußerst schwierig – ja unmöglich weiden, selbst ein Frieden mit Preußen würde sich dann nur sehr schwer schließen lassen.«

»Und der Kaiser?« fragte der König, immer in derselben Stellung.

»Der Kaiser Napoleon,« antwortete Herr von Düring, »hegt für seine Person nicht diese chauvinistischen Ansichten und die Eroberungsgelüste gegen Deutschland, aber wird er der nationalen Strömung widerstehen können? Der Regierungsrat Meding,« fuhr er fort, »legt darum den höchsten Wert auf eine völlig selbständige Stellung Eurer Majestät nach allen Richtungen hin, Frankreich sowohl als Österreich gegenüber, damit Eure Majestät zu jeder Zeit die volle Freiheit des Handelns haben; nach seiner Ansicht, die er mich gebeten hat, Eurer Majestät ganz besonders dringend persönlich ans Herz zu legen, ist es vor allem jetzt die Aufgabe unserer Politik, an maßgebender Stelle und in der öffentlichen Meinung Frankreichs den Chauvinismus und die Eroberungsgelüste gegen Deutschland zu bekämpfen, sodann aber legt er ganz besonderen Wert darauf, daß Eure Majestät so bald als möglich mit den hervorragenden Führern derjenigen Parteien in Deutschland in innige Verbindung treten, welche das Prinzip der autonomen Freiheit und Selbstbestimmung vertreten, daß Eure Majestät diese Parteien um sich versammeln, sie organisieren und leiten, damit, wenn der Moment der Aktion eintritt, Allerhöchstdieselben von einem großen und achtungswürdigen Teil der deutschen Nation umgeben sind und Prinzipien auf Ihre Fahne schreiben, welche der deutschen Nation lieb und heilig sind, auch in Paris liegt ihm daran, nicht ausschließlich als der Vertreter der bloßen Legitimität dazustehen, für welche man dort, wie überhaupt im allgemeinen in der Welt, sehr wenig Sinn mehr hat!«

»Der Regierungsrat Meding,« sagte Graf Platen lächelnd, »gefällt sich ein wenig in den Anschauungen des Marquis Posa, ich sehe darin sehr viel Theorie und möchte doch die praktische Unterstützung der Kabinette von Wien und Paris höher anschlagen.«

»Ich glaube, daß diese Unterstützung dem bloßen legitimen Recht niemals zuteil werden wird,« sagte Herr von Düring lebhaft, »wenn aber ein beachtenswerter Teil der deutschen Nation sich um Eure Majestät gruppiert, dann werden Allerhöchstdieselben eine Großmacht sein, deren Allianz ins Gewicht fällt – und welche auch Frieden zu schließen unter Umständen in der Lage sein wird.«

Graf Platen schlug unmerklich lächelnd die Arme übereinander und blickte forschend auf den König.

Georg V. saß schweigend da, den Kopf in die Hand gestützt.

Endlich erhob er das Haupt und sprach mit fester Stimme:

»Ja, ich muß völlig selbständig dastehen, Deutschland darf nie der Preis sein, welchen ich zur Erringung meines Rechts einsetze, wir werden darüber weiter sprechen, wenn Meding demnächst herkommt, doch es muß zur völlig selbständigen Aktion alles vorbereitet werden, nach allen Richtungen, auch in militärischer Beziehung. Sie, mein lieber Düring,« fuhr er fort, »stehen meiner Person zu nahe, als daß Sie, da die Emigration keinen öffentlich militärischen Charakter haben soll, unmittelbar und inmitten derselben ihre Organisation leiten können, ich habe deshalb beschlossen, Sie nach Paris zu senden, von dort haben Sie leichten und freien Verkehr mit der Schweiz und können alles organisieren. Wegen der übrigen Vorbereitungen dazu werden Sie mir dann Ihre Vorschläge machen. Zugleich sollen Sie in Paris alle militärischen Verhältnisse genau beobachten, das ist von höchster Wichtigkeit zur Beurteilung der Situation, und wird Ihnen leicht werden, da Sie ja drei Jahre in der französischen Armee Dienste getan und daher genaue Kenntnis aller Einrichtungen haben.«

»Ich danke Eurer Majestät,« sagte Herr von Düring mit bewegter Stimme, »untertänigst für diesen Beweis des Vertrauens, der mir zugleich eine meiner Neigung so sehr entsprechende Tätigkeit gibt! Eure Majestät dürfen überzeugt sein, daß ich alles aufbieten werde, um die so schöne und große Aufgabe zu erfüllen – so schwer dieselbe immer sein mag.«

»Ich werde Meding sogleich instruieren,« sagte der König, »damit er Sie überall einführt, und ich bitte Sie, so leid es mir tut, Sie nicht bei mir behalten zu können, so bald als möglich abzureisen.«

»Majestät,« sagte Graf Platen, indem er ein Papier aus seinem Portefeuille nahm, »durch Zufall ist hier der Rapport des brandenburgischen Husarenregiments Nr. 3 an mich gekommen, ich darf ihn wohl dem diensttuenden Flügeladjutanten übergeben?«

»Eure Majestät sind noch immer Chef des preußischen Regiments!« rief Herr von Düring erstaunt.

»Glaubten Sie denn, daß mir der König von Preußen den Abschied gegeben?« fragte der König lächelnd.

»Nein,« sagte Herr von Düring, »aber ich glaubte, daß vielleicht Eure Majestät Ihrerseits –«

»Preußen hat mein Recht verletzt,« sprach der König ernst, »und ich werde für mein Recht kämpfen bis zum letzten Atemzuge, das ist meine Pflicht gegen mein Haus und gegen Gott, der mir meine Krone gegeben, das kann aber alte Beziehungen nicht zerreißen, welche aus ruhmreichen Traditionen stammen, und was auch geschehen ist, was noch geschehen möge, der preußischen Armee anzugehören wird mir, wie jedem Fürsten der Welt, stets hoch ehrenvoll sein.«

Er nahm den Rapport des preußischen Regiments an seinen königlichen Chef aus der Hand des Grafen Platen und steckte ihn in die Brusttasche seiner Uniform.

»Warum hat es dahin kommen müssen?« sagte Herr von Düring halb leise, indem sein feuchtes Auge voll Liebe und Bewunderung auf dem Könige ruhte.

»Treffen Sie alle Einrichtungen,« sagte der König zum Grafen Platen gewendet, »damit die braven Hannoveraner, welche zu meinem Geburtstage hierher kommen, gut aufgenommen werden.«

»Zu Befehl, Majestät,« erwiderte Graf Platen aufstehend.

»Seine Kaiserliche Hoheit der Erbherzog Albrecht,« meldete der Kammerdiener und öffnete auf einen Wink des Königs die Flügel der Türe.

Der König nahm den Arm des Hauptmanns von Düring und trat in das Wohnzimmer, an dessen Eingangstür bereits der Erbherzog erschien.

Der Sieger von Custozza schritt rasch in leicht gebückter Haltung dem König entgegen, sein blasses Gesicht mit dem kurzen, grauen Haar und dem vollen Schnurrbart zeigte stark ausgeprägt den Typus des habsburgischen Hauses, und die weichen, fast schlaff ineinander fließenden Züge hätten nicht den energischen, tatkräftigen und Willensstärken Feldherrn erraten lassen, wenn nicht das lebhafte, scharfe und helle Auge aus diesem weichen Gedicht hervorgeblitzt hatte; in dein Blick dieses Auges vereinigte sich der Stolz des Fürsten, die weite Umsicht des Generals, die feste, unerschütterliche Ruhe des Soldaten.

Der Erzherzog trug den grauen Rock der Feldmarschallsuniform, das Maria Theresien-Kreuz und den Stern des hannoverschen St. Georgsordens. Ehrerbietig ergriff er die Hand des Königs, welche dieser ihm entgegenstreckte, legte dann den Arm des Königs in den seinen und schritt, den Grafen Platen mit freundlichem Kopfnicken grüßend, in das Kabinett Georgs V., dessen Türen der Kammerdiener verschloß, während sein Adjutant bei den beiden Herren im Vorzimmer blieb.

»Ich komme,« sagte der Erzherzog, nachdem er den König zu seinem Sessel geführt hatte, »um Eure Majestät für übermorgen um die Ehre Ihrer Gegenwart in meinem Hause zu bitten, unser Familiendiner ist bei mir.«

»Der Kaiser und Sie alle sind zu gütig,« sagte der König, »daß Sie uns so liebenswürdig im Schoße Ihrer Familie ausnehmen.«

»Nun,« erwiderte der Erzherzog, indem er sich neben dem Könige niederließ, »uns verbindet halt, abgesehen von allem andern, die Verwandtschaft des gemeinsamen Unglücks und wir sind wahrlich sehr stolz, unseren tapferen und ritterlichen Bundesgenossen unter uns zu sehen, lieber freilich – weiß Gott – sähe ich Eure Majestät auf Ihrem Throne.«

Er seufzte tief.

»Wie geht es der Herzogin von Württemberg?« fragte der König.

»Ich danke Eurer Majestät,« erwiderte der Erzherzog, »ganz nach Wunsch, meine kleine Mathilde habe ich mitgebracht, sie ist drüben bei der Prinzessin Friederike und wird nachher noch die Ehre haben, Eurer Majestät ihren Respekt zu bezeigen. – Es ist merkwürdig,« fuhr er fort, »was die beiden Mädchen für eine Freundschaft miteinander geschlossen haben, meine Tochter schwärmt für die Prinzeß; übrigens hat sie vollkommen recht,« fügte er hinzu, »denn ich muß Eurer Majestät bekennen, daß ich noch nie eine so liebenswürdige und dabei so bescheidene und zugleich charaktervolle Prinzessin kennen gelernt habe.«

Der König lächelte, ein glücklicher Ausdruck erschien auf seinem Gesicht.

»Ja, es ist ein gutes, liebes und treues Kind,« sagte er mit sanftem Tone, »meine Antigone,« fügte er leise hinzu, mit der Hand leicht über die Augen fahrend.

Der Erzherzog beugte sich vor und drückte in unwillkürlicher Bewegung stumm die Hand des Königs.

»Übrigens,« fuhr Georg V. mit heiterem Tone fort, »ist die Schwärmerei gegenseitig, ich höre meine Tochter den ganzen Tag von ihrer Freundin Mathilde sprechen, und nichts hat bei ihr Geltung, was nicht die Billigung der Erzherzogin gefunden hat.«

Der Erzherzog seufzte. »Glückliche Kinder,« sagte er, »sie lachen und tändeln noch über den tiefen, furchtbaren Ernst des Lebens dahin, der die Prinzessin Friederike schon so schwer erfaßt hat, und meiner Tochter auch nicht erspart bleiben wird.«

»Der Erzherzogin wird eine Prüfung erspart bleiben, wie sie meine Kinder in ihrer frühen Jugend betroffen hat,« rief der König.

»Es gibt auch andere Prüfungen, die ebenso schwer – oft schwerer sind,« sagte der Erzherzog mit trübem Tone. – »Haben Eure Majestät von der politischen Kombination bereits gehört, durch welche jetzt die künftige Größe Österreichs wieder neu geschaffen werden soll?«

»Die Allianz mit Italien?« fragte der König, »ich habe davon sprechen gehört, und ich muß aufrichtig gestehen, daß, nachdem einmal das italienische Gebiet aufgegeben worden ist, es mir am besten erscheint, mit dem Nachbarstaat auf gutem Fuß zu stehen, um wenigstens nach jener Seite für alle Fälle Sicherheit und Ruhe zu haben.«

»Mag sein, mag sein,« rief der Erzherzog, »die Politik ist ja ein Wesen, das keine Erinnerung und kein Gefühl hat, aber es wird schwer, sich zu gleich abstrakter Höhe zu erheben, und das müssen wir Fürsten doch, so kann ich auch nicht ohne tiefen Schmerz daran denken, daß es gerade mein Blut sein soll, welches dies neue Bündnis kitten soll mit dem Lande, das ich auf unseren alten Ehrenfeldern das Schwert Österreichs fühlen ließ, mit dem Lande, das jetzt unsere schönen, reichen Provinzen, unser Festungsviereck besitzt.«

Der König neigte in tiefem Ernst das Haupt.

»So ist es wahr,« sagte er, »was ich neulich andeuten hörte, daß die Idee einer Verbindung besteht?«

»Es ist wahr,« erwiderte der Erzherzog.

»Das Haus Savoyen ist aber eines der vornehmsten Häuser und mit dem kaiserlichen Hause nahe verwandt,« bemerkte der König, »auch soll der Kronprinz ein liebenswürdiger Herr von vortrefflichem Charakter sein.«

»Gewiß, gewiß,« rief der Erzherzog, »allein – Eure Majestät werden begreifen, daß sich – Custozza nicht so leicht vergessen läßt.«

»Der Sieger kann es leicht vergessen, wenn die Besiegten es vergessen,« sagte der König.

Schweigend und ernst schüttelte der Erzherzog den Kopf.

»Gott gebe,« fuhr Georg V. fort, »daß alle diese Schritte zum Heile Österreichs, zur Wiederherstellung seiner Macht und Größe führen.«

Lebhaft rief der Erzherzog: »Ja, wenn ich dessen gewiß wäre! Welches Opfer könnte mir zu groß, zu schwer sein, um mein Haus und Österreich aus dem Unglück wieder emporzureißen und das herrliche Reich wieder auf die Höhe zu führen, die es einst einnahm in Europa, aber,« fuhr er erregt fort, »führen die Wege, die man jetzt einschlägt, zu diesem Ziel? Ich vermag diese Überzeugung nicht zu gewinnen,« sagte er mit finsterem Ausdruck, »man hat da halt eine Hast, eine Unruhe zu uns importiert, die mit dem Charakter und den Traditionen von Österreich nicht harmonieren.«

Er schwieg und blickte seufzend zu Boden.

»Aber der Ausgleich mit Ungarn ist doch schon ein gewaltiger Fortschritt,« sagte der König, »die Stellung der Ungarn war ja immer – und leider noch im letzten Kriege ein Hindernis der österreichischen Machtentfaltung.«

»Ausgleich mit Ungarn?« rief der Erzherzog. »Ja freilich, alle Welt spricht davon, auch die Krönung wird stattfinden in Pest; auf dem Königshügel werden sie Eljen rufen, aber ist das ein Ausgleich? Wir geben den Ungarn alles, was sie verlangen, und was erhalten wir dafür? Ich sehe bis jetzt nichts Reelles, nichts Greifbares. – Aus Italien sind wir verdrängt,« fuhr er in bitterem Tone fort, »aus Deutschland ausgeschlossen – und dieser jetzige Ausgleich mit Ungarn legt uns nur eine Fessel mehr auf, wenn wir je daran denken könnten, unsere verlorenen Positionen wieder zu gewinnen. – Ich habe wahrlich hohe Sympathie für die edle magyarische Nation, aber mit künstlich parlamentarischen Maschinerien wird man ihr Herz nicht gewinnen, diesseitige und jenseitige Reichsräte und Delegationen werden den österreichischen Fahnen nicht zum Siege verhelfen, und,« sagte er mit festem Tone, »da liegt's, da liegt's allein, die Armee muß wieder schlagfertig gemacht werden, ohne eine siegreiche Armee wird die alte Blüte und Macht nicht wiederkehren. – Und dann, die schiefe Stellung, in welche wir mehr und mehr zur Kirche kommen –«

Er brach ab.

»Eure Majestät verzeihen, ich spreche da von Dingen, um die ich mich grundsätzlich nicht kümmern will, ich bin Soldat; und des Kaisers erster Soldat zu sein, ist meine Lebensaufgabe und mein Beruf, hier werde ich meine ganze Kraft und meine volle Arbeit einsetzen, im übrigen – möge Gott alles zum Besten für Österreich lenken und den Kaiser und seine Räte erleuchten, daß sie den rechten Weg zum Heil der Zukunft finden. – Doch,« sagte er nach einer augenblicklichen Pause, »ich darf Eure Majestät nicht länger stören, meine Tochter scheint bei ihrer Freundin den Lauf der Zeit zu vergessen.«

Der König stand auf.

»Die Prinzessinnen werden im Garten sein, wollen Eure Kaiserliche Hoheit mir erlauben, sie aufzusuchen und die Erzherzogin zu begrüßen?«

Er bewegte die Glocke. Der Kammerdiener öffnete die Türflügel; der König legte seinen Arm in den des Erzherzogs und beide Fürsten schritten in den Garten der Villa hinaus.

Während der Erzherzog sich nach dem Kabinett des Königs begeben hatte, war seine Tochter in Begleitung ihrer Oberhofmeisterin, der Gräfin von Eltz, nach den Zimmern der Prinzessin Friederike gegangen, und als sie dort erfahren, daß die Prinzessin im Garten sei, hatte sie die Anmeldung verbeten und war hinausgegangen, um ihre Freundin zu suchen.

Die jugendliche Erzherzogin trug eine helle Frühlingstoilette, eine Mantille von dunkelviolettem Samt und eine zierliche Garnitur von Veilchenbuketts auf dem kleinen Hut, die ganze Erscheinung dieses Kindes aus dem alten Hause der Zäsaren war umhaucht von einem Duft frischer Jugendblüte, die wunderbar schönen Farben des feinen, lieblichen Gesichts mit den Augen, die zugleich so tief sinnend und so hell und rein in die Welt hinausblickten, traten durch die dunklen Farben, welche sie umgaben, in lichter Helle hervor; als die junge Fürstin in den blühenden Garten hinaustrat, da erschien diese auf den Sonnenhöhen des Lebens erschlossene menschliche Blume schöner, frischer und leuchtender als die bunten Kelche, die aus frischem Grün dem Sonnenstrahl und den tändelnden Schmetterlingen sich öffneten.

Die Erzherzogin bemerkte in einiger Entfernung die Prinzessin und die Gräfin Wedel und schnell in anmutig ungeduldiger Eile lief sie ihrer Oberhofmeisterin voraus, die Prinzessin hörte den leichten Schritt auf dem Kies des Weges, sie wendete sich um – und im nächsten Augenblick hatte die Erzherzogin sie in ihre Arme geschlossen.

»Mein Vater ist bei dem Könige,« rief sie, den strahlenden Blick voll inniger Liebe auf die ernsten Züge der Tochter des Welfenhauses richtend, »und da bin ich mit herausgekommen, um dich zu begrüßen. – Übermorgen, hoffe ich, werdet ihr bei uns sein, wie freue ich mich,« fuhr sie lebhaft fort, »Dich wiederzusehen, Du glaubst nicht, wie glücklich es mich macht, daß du hier bist. Ich habe mich immer so nach einer Freundin gesehnt, nach einer wirklichen, wahren Herzensfreundin, und nun habe ich mehr gefunden, als ich je gehofft, wäre nur die Veranlassung nicht so traurig,« flüsterte sie, und indem sie den Arm um die Schultern der Prinzessin legte, streichelte sie sanft ihre Wange und blickte voll tiefen Gefühls zu der etwas größeren Freundin empor.

»Du liebe, gute Mathilde!« sagte die Prinzessin sanft, »wie danke ich dir für deine Teilnahme in dieser Zeit! – Es ist ja unser Los, schwerer die Last des Lebens zu tragen, als andere Menschen.«

»Ach ja – ja,« sagte die junge Erzherzogin plötzlich ernst und traurig zu Boden blickend, »es ist unser Los.« – Sie seufzte tief auf.

Die Prinzessin machte sich sanft vom Arm der Erzherzogin los und reichte der herantretenden Gräfin Eltz die Hand, während die Erzherzogin mit freundlichen Worten die Gräfin Wedel begrüßte.

»Wollen wir in mein Zimmer gehen?« fragte dann die Prinzessin Friederike.

»Nein,« rief die Erzherzogin, »ich bitte, bleiben wir hier, ich habe dich hier aufgesucht, weil es so schön draußen ist, laß uns ein wenig umhergehen, ich muß nachher noch dem König meinen Respekt bezeigen.«

Sie legte ihren Arm in den der Prinzessin und die beiden jungen Mädchen gingen mit der elastisch raschen Bewegung ihres Alters in die schattigen Gänge des Gartens, während die Gräfinnen in ruhigem Gespräch langsam nachfolgten.

»Du hast vorhin so schwer geseufzt,« sagte die Prinzessin Friederike lächelnd, »als ob auch dich ein Kummer drückte, hast du etwas auf dem Herzen?«

Die Erzherzogin blickte schnell nach den Damen zurück, welche sich bereits in ziemlich weiter Entfernung befanden, und sprach mit fast flüsternder Stimme, indem sie den Arm der Prinzessin fester drückte und den Kopf näher zu ihr hinüber neigte:

»Ach mein Gott, ja. Ich habe recht viel und recht schweres auf dem Herzen.«

»Du machst mir fast bange,« sagte die Prinzessin, noch immer lächelnd in scherzendem Tone.

»O lächle nicht!« rief die Erzherzogin mit bittendem Ausdruck, »es ist mir wirklich nicht zum Lächeln zumute; sieh, als du vorhin davon sprachst, daß unser Stand uns bestimmt, dem Schicksal schwerere Opfer zu bringen als andere, das fiel mir brennend auf das Herz, denn – denn –« fuhr sie zögernd fort.

»Nun?« fragte die Prinzessin in ernsterem Tone, indem sie ihren Blick erwartungsvoll auf das rosige Antlitz der Erzherzogin richtete, in welchem der heitere Sonnenschimmer der Jugend mit einer angstvoll unruhigen Erregung kämpfte, »nun?«

»Auch ich soll jetzt schon das Opfer meines Standes werden,« sagte die Erzherzogin leise, »du weißt ja,« fuhr sie mit zitternden Lippen fort, »daß wir Prinzessinnen dazu bestimmt sind, bei den Verbindungen für das Leben nicht das Herz fragen zu dürfen, sondern daß die Politik –«

»Mein Gott!« rief Prinzeß Friederike, so ernst ist die Sache?«

»So ernst!« erwiderte die Erzherzogin mit bebender Stimme, »ich habe Andeutungen gehört – von verschiedenen Seiten, selbst von meinem Vater schon, welche mir keinen Zweifel lassen, daß – man daran denkt, über meine Hand zu bestimmen.«

Mit tiefernstem Blick drückte die Prinzessin die Hand ihrer Freundin.

»Und wer?« fragte sie leise.

»Der Kronprinz von Italien,« hauchte die junge Erzherzogin, indem ihre Wangen sich mit Purpur färbten.

Die Prinzessin schwieg und drückte nochmals zärtlich die Hand der Erzherzogin.

»Man will, wie ich glaube, eine Allianz mit Italien machen,« sprach diese rasch und lebhaft, »und um das Band fester zu knüpfen, soll ich –«

»Kennst du den Prinzen?« fragte Prinzeß Friederike.

»Nein!« rief die Erzherzogin, »ich habe Bilder von ihm gesehen, du wirst begreifen,« fügte sie mit flüchtigem Lächeln hinzu, »daß ich ein wenig neugierig bin, er hat ein gutes, freundliches Gesicht, aber – ich bin so daran gewöhnt, das Haus Savoyen als unseren Feind anzusehen, man Vater ist gegen sie ins Feld gezogen – und hat sie geschlagen,« sagte sie mit lebhafterer Stimme, indem der ganze Stolz einer Tochter von Habsburg aus ihren Augen blitzte, »sie haben uns unsere Provinzen entrissen, unsere Vettern entthront – und wollen auch den heiligen Vater von Rom verjagen, wie soll ich mich daran gewöhnen, dies Haus, vor dem ich gezittert, das ich zu hassen gelernt habe, als das meinige zu betrachten, und dann,« fuhr sie seufzend fort, »ich bin eben erst in das Leben getreten, alles lächelt mir hier so freundlich in der lieben Heimat, ich habe dich gefunden, eine Freundin, dies seltene Glück für eine Prinzessin, und nun soll ich das alles schon verlassen, so schnell, und hinausgehen in den kalten Glanz eines fremden Hofes.«

»Früher oder später,« sagte die Prinzessin Friederike sinnend, »einmal mußte es ja doch kommen, und,« fuhr sie mit leuchtenden Augen fort, »wenn du das Bewußtsein hast, deinem Hause und deinem Lande zu nützen, das ist doch auch eine schöne und große Sache, und für uns, die wir als Frauen auf die Welt gekommen sind, ist dies ja der einzige Weg, der uns erlaubt, für die große Sache zu handeln, für welche die Prinzen mit dem Schwert in der Hand kämpfen.«

Die Erzherzogin blickte mit dem Ausdruck liebevoller Bewunderung in das ernste, stolze Gesicht der Prinzessin.

»O du bist viel größer und stärker als ich!« rief sie, »du hast einen männlichen Geist, du bist zum Herrschen geboren.«

»Könnte ich meinem Hause, meinem Vater und seiner Sache ein Opfer bringen,« sprach die Prinzessin mit festem Tone und strahlendem Blick, »nichts – nichts in der Welt wäre mir zu schwer! – Leider kann ich nichts tun, als wünschen, hoffen und beten. – Sieh,« sagte sie nach einem Augenblick, »deine Zukunft kann schön und groß werden, du steigst auf einen glänzenden Thron und mächtiger Einfluß wird vielleicht einst in deine Hand gelegt, du kannst vieles, was sonst zu schroffem, scharfem Riß führen würde, freundlich lösen, du kannst es zur Aufgabe deines Lebens machen, für dein Haus zu wirken.«

»Und für meine Freunde!« rief die Erzherzogin lebhaft, »für euch. – O wenn ich einmal die Macht habe, irgend etwas zu tun, glaube mir, für euch will ich arbeiten mit aller Kraft.«

»Für uns!« sagte die Prinzessin mit traurigem Tone und ein tiefer Seufzer stieg aus ihrer Brust empor. – »Doch außerdem,« fuhr sie abbrechend und mit leichtem Lächeln fort, »warum solltest du denn nicht auch glücklich werden, der Prinz –«

»O,« rief die Erzherzogin abermals tief errötend, »das ist es ja, was mir so schwer auf dem Heizen liegt, sieh, den Prinzen kenne ich nicht, man hat mir viel Liebes und Gutes von ihm gesagt, und ich will das alles gern glauben, aber das Haus Savoyen und dies Italien hat unserem Hause so viel Unheil gebracht, und dann,« sagte sie mit einem gewissen wichtigen Ernst, »merke ich wohl, hinter der ganzen Sache steckt Frankreich, und von Frankreich ist uns auch noch nichts Gutes gekommen, die arme Königin Marie Antoinette, Marie Luise, alle österreichischen Erzherzoginnen sind die Opfer der Allianz mit Frankreich geworden, und jetzt mein armer Vetter Maximilian, den sie dort in Mexiko verfolgen, o das kann leinen Segen bringen, und,« fuhr sie mit tieftraurigem Tone fort, indem ihre Augen starr in das Leere blickten, »es will mich zuweilen wie eine tödliche Angst überkommen, es ist, als ob eine kalte Hand sich auf mein Herz legte, o mein Gott, mein Gott, das nimmt kein gutes Ende!«

»Du bist eine kleine Törin,« sagte die Prinzessin, zärtlich die Hand ihrer Freundin drückend, mit leichtem Lächeln, »du mußt,« fuhr sie in heiterem Tone fort, »die Sache auch von einer anderen Seite ansehen. So oft klagst du über die fortwährende Last der Etikette, die dir niemals erlaubt, dich so recht von Heizen frei zu bewegen, nun, wenn du einmal Kronprinzessin und dann Königin bist, so kannst du selbst dein Leben bestimmen, dann kannst du auch deine Zigaretten rauchen,« setzte sie mit schalkhaftem Lächeln hinzu.

»O,« rief die Erzherzogin, indem plötzlich der traurige, angstvolle Ausdruck von ihrem Gesicht verschwand, mit heiterem, triumphierendem Lachen, »das tue ich auch jetzt, wenn ich einmal allein bin, es macht mir so viel Vergnügen, die blauen hübschen Wölkchen in die Luft zu blasen!«

Und schnell zog sie aus der Tasche ihrer Robe ein kleines, zierliches Etui hervor, öffnete es und zeigte der Prinzessin eine Reihe kleiner, zierlicher Damenzigaretten.

»Ein merkwürdiges Vergnügen,« sagte die Prinzessin lächelnd, »für eine so zarte und ätherische kleine Erzherzogin.«

»Ist es denn nicht ein sehr ätherischer Genuß, es ist so gar nichts Materielles dabei, – die kleinen, zierlichen Ringe –« erwiderte die Erzherzogin.

»Seine Majestät!« rief die Gräfin Wedel, schnell herankommend, die Prinzessinnen blieben stehen; rasch verbarg die Erzherzogin das kleine Zigarrenetui, dann eilten beide dem Könige entgegen, welcher am Arm des Erzherzogs Albrecht rasch durch die Allee heranschritt und schon in unmittelbarer Nähe war.

Die Erzherzogin wendete sich zum König, während die Prinzessin Friederike die herzliche Begrüßung des Erzherzogs erwiderte.

»Ich muß meine Tochter selbst holen,« sagte dieser scherzend, »denn wenn sie einmal unter dem Zauber der Unterhaltung mit ihrer Freundin steht, so vergißt sie Zeit und Stunde, sogar ihre Pflicht gegen Eure Majestät.«

»Das wird mir Seine Majestät gewiß verzeihen,« sprach heiter die Erzherzogin, »meiner lieben Friederike kann niemand widerstehen. Der Kaiser und die Kaiserin sind auch stets unter dem Zauber, von welchem mein Papa spricht, dann kann man von einer kleinen Erzherzogin nicht verlangen, daß sie sich demselben entziehe.«

»Sie verziehen alle mein Töchterchen,« sagte der König mit glücklichem Lächeln, dann reichte er der Erzherzogin den Arm, der Erzherzog bot der Prinzessin den seinen und alle schritten dem Hause zu.

Der König führte die Erzherzogin zum Wagen, verabschiedete sich mit herzlichem Händedruck vom Erzherzog und kehrte am Arm des Hauptmanns von Düring, der mit dem Adjutanten des Erzherzogs zum Wagen gefolgt war, in sein Kabinett zurück.

Die Prinzessin Friederike winkte noch dem fortrollenden Nagen nach, aus welchem die Erzherzogin ihr einen Kuß zuwarf, dann ging sie langsam in das Innere des Hauses.

»Ich möchte mich einen Augenblick zurückziehen, ich bin etwas müde,« sagte sie zur Gräfin Wedel, »auf Wiedersehen nachher, liebe Gräfin!«

Sinnend, das Haupt gedankenvoll geneigt, ging sie in ihr Zimmer.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

In der stillen Wohnung der Madame Raimond im kleinen Hause der Rue Mouffetard hatte sich in den wenigen Tagen, seit die Arbeiterin Madame Bernard dort eingezogen war, ein immer freundlicher sich gestaltendes Leben entwickelt.

Die junge Hausgenossin dieses kleinen, einfachen Kreises hatte vom ersten Abend ihrer Anwesenheit an eine Atmosphäre von Reiz und Sympathie um sich her zu verbreiten gewußt. Oftmals kam die alte Frau Raimond während des Tages in das Zimmer ihrer Mieterin und jedesmal machte sie ihr im Tone der aufrichtigsten Überzeugung ihre Komplimente über die saubere Reinlichkeit sowohl, welche in der so bescheidenen Umgebung herrschte, als auch über die Geschicklichkeit und den unverdrossenen Fleiß, mit welchem die junge Frau ihre Arbeit förderte. Sie saß da an dem Fenster ihres Stübchens, das sie schon am ersten Tage mit einer ganz leichten, aber frisch und anmutig arrangierten Gardine von weißem Mull dekoriert hatte, und obwohl sie, so lange die alte Frau bei ihr war, unaufhörlich freundlich und harmlos mit ihr plauderte, so ruhten doch ihre Augen immer auf der zarten, weißen Stickerei, an der sie arbeitete, und ihre feinen, schlanken Finger bewegten sich so eifrig und sicher in ununterbrochener Tätigkeit, daß Madame Raimond bei jedem Besuch, den sie ihrer Mieterin machte, den Fortschritt der Arbeit bemerken konnte, und daß die fertigen Arbeiten schon zweimal in wenigen Tagen hatten fortgetragen werden können, um für einen für die ärmlichen Verhältnisse dieses Haushalts sehr erheblichen Betrag abgeliefert zu werden. Und dabei war die junge Frau so mäßig und anspruchslos – fast ohne Bedürfnisse als die zierliche und feine Wäsche, welche sie trug. Sie trank morgens ihre Milch, sie frühstückte mittags ein Ei und etwas Brot, nur abends ließ sie es sich nicht nehmen, zu dem einfachen Diner, welches sie mit ihrer Wirtin und dem jungen Arbeiter teilte, immer den einen oder andern Leckerbissen herbeizubringen, und was auch die sparsame Frau Raimond sagen mochte, sie bestand darauf, diesen Beitrag zu liefern, der, wie sie sagte, ihre eigene Neigung zur Gourmandise befriedigen solle, obgleich sie von den kleinen, zierlichen Pâtes, welche sie aus einem jener hübschen, einladend ausgestatteten Charkuterieläden mitbrachte, nur eben so viel kostete als nötig war, um die Honneurs ihrer Gabe zu machen.

Und George Lefranc, der finstere, brütend ernste Mensch? Er war wie verwandelt, es war, als ob ein lichter, sonniger Schimmer über sein ganzes Wesen ausgegossen sei; wohl blickte sein dunkles, brennendes Äuge noch tief und sinnend vor sich hin, aber ein mildes und weiches Leuchten lag über dieser stillen, dunklen Glut und seine sonst so fest und streng geschlossenen Lippen öffneten sich oftmals zu einem hellen, fast kindlichen Lächeln. Rasch hörte man um die Stunde des Arbeitsschlusses seinen leichten Schritt die Treppe hinaufeilen, schnell vertauschte er in seinem Zimmer den Arbeitsanzug mit frischer Wäsche und einer reinen Bluse, um in dem kleinen Raum zu erscheinen, welchen Madame Raimond ihren Salon nannte und in welchem sie abends ihre Mieter bei sich versammelte.

Der junge Arbeiter mit seinem sorgfältig geordneten, reichen Haar, das magere, blasse und strenge Gesicht von einem glücklichen Lächeln überstrahlt, entwickelte hier gesellige Eigenschaften, die man nie vorher an ihm bemerkt hatte, er bediente die Frauen mit einer gewissen natürlichen Anmut bei ihrem einfachen Diner, er nahm Teil an dem leichten, heiteren Geplauder, welches die neue Mitbewohnerin so allerliebst fortzuführen verstand, nicht ohne zuweilen einen leisen Seufzer zu unterdrücken und einen wie unwillkürlich traurigen Augenaufschlag unter den schnell gesenkten Augenlidern zu verhüllen. Mit tiefer Teilnahme blickte dann jedesmal der junge Mann zu ihr herüber, oft schien es, als ob eine Frage auf seinen Lippen schwebe, aber sie wurde nicht ausgesprochen, denn rasch kehrte das Lächeln wieder auf das Gesicht seiner schönen Nachbarin zurück und mit verdoppelter, liebenswürdiger Beflissenheit plauderte sie weiter, gleich als wolle sie ihrer Umgebung den Schatten verbergen, welcher wohl aus den Tiefen einer schmerzlichen Vergangenheit hervorstieg.

Madame Raimund betrachtete mit glücklichen und zufriedenen Blicken diese beiden so harmlos mit einander plaudernden jungen Leute, sie schien sich über deren Zukunft ihre ganz besonderen Gedanken zu machen, welche sie jedoch auszusprechen keine Gelegenheit fand. Wohl richtete sie zuweilen an Herrn George die Frage, ob er noch immer der Ansicht sei, daß in den Kreisen der Armut und Arbeit keine heitere und fröhliche Häuslichkeit möglich sei; der junge Mann antwortete auf solche Fragen nicht anders als durch einen tiefen Blick auf die neben ihm sitzende und auch hier immer mit einer leichten Handarbeit beschäftigte Nachbarin, es lag in diesem Blick ein Schimmer warmer Dankbarkeit, verbunden mit dem Ausdruck einer schüchternen Frage, und wenn die junge Frau auch diesen Blick nicht sah, ihre Augen waren ja stets auf ihre Arbeit gerichtet, so schien sie ihn doch zu fühlen, denn jedesmal flog es wie der Hauch eines leichten Errötens über ihre zarten Wangen und dann wurde das Lächeln auf den Lippen des ernsten Arbeiters noch glücklicher, noch hoffnungsvoller.

So waren einige Tage vergangen und während dieser wenigen Tage hatte sich das stille Leben der drei Menschen so ineinander gefügt, daß es schien, als ob sie immer miteinander gelebt hätten, als ob sie immer miteinander fortzuleben bestimmt wären. Madame Raimond sprach dies wenigstens oft in sehr zufriedenem Tone aus, der junge Mann schwieg, aber der Ausdruck seines Gesichts zeigte, daß seine Ansicht durchaus mit der seiner freundlichen Hauswirtin übereinstimmte und die Blicke beider ruhten dann mit sympathischer Freude auf der schönen und anmutigen Frau, welche in ihrer harmlosen Einfachheit es gar nicht zu ahnen schien, daß der stille Reiz ihrer Persönlichkeit allein das Zauberband war, das diesen kleinen, in sich zufriedenen Kreis zusammenschloß.

Dieser Kreis hatte sich einige Tage nach dem Einzug der jungen Weißstickerin noch um eine Person vermehrt; Madame Raimond hatte auch ihr letztes Zimmerchen an einen alten, kränklichen und fast ganz tauben Herrn vermietet, welcher sich durch seine Legitimationspapiere als Herr Martineau ausgewiesen und der gutmütig zuhörenden Frau in einer langen und sehr ausführlichen Auseinandersetzung die an sich ziemlich einfache Geschichte erzählt hatte, daß er sich vor zehn oder fünfzehn Jahren mit einem hübschen Vermögen aus dem kaufmännischen Geschäft zurückgezogen, das er früher betrieben; seine Frau und ein Sohn, den er gehabt, seien gestorben, durch unglückliche Kapitalanlage habe er sein Vermögen fast ganz verloren und er suche nun, allein in der Welt dastehend, eine Wohnung in einem rechtschaffenen Hause, das ihm einige Pflege in seiner Gebrechlichkeit biete und ihm erlaube, mit den geringen ihm übrig gebliebenen Mitteln ruhig das Ende seines Lebens zu erwarten.

Das war ganz der Mieter, wie Madame Raimond ihn sich wünschen konnte, und so war denn der alte Herr Martineau in das noch freistehende Zimmer eingezogen, hatte dasselbe mit einigen altertümlichen, von früherer Wohlhabenheit zeugenden Mobilien ausgestattet, die Schränke mit dem Inhalt seiner ebenfalls alten, aber gut erhaltenen Koffer gefüllt und war freundlich in den kleinen Kreis der Hausgenossen aufgenommen worden, in den der stille, alte Mann übrigens außer seiner persönlichen Anwesenheit keine nennenswerte Veränderung brachte.

Denn nicht nur war der alte Mann mit den scharfgeschnittenen Gesichtszügen, welche zuweilen noch kräftiger und fester erschienen, als seine Jahre es hätten vermuten lassen, so taub, daß eine Teilnahme an der Konversation für ihn unmöglich wurde, sondern auch waren seine Augen so leidend, daß er nur wenig mehr sehen konnte. Er trug stets eine Brille mit großen, dunkelblauen Gläsern, welche seinen Blick vollständig verdeckten und auf seinem Gesicht keinen andern Ausdruck bemerken ließen, als ein stilles, freundlich wohlwollendes Lächeln, das in stereotyper Gleichmäßigkeit auf seinen Lippen ruhte. Er hatte Madame Raimond sehr ausführlich die Geschichte der Entstehung dieses Augenleidens erzählt und ihr die Brille abnehmend, seine geröteten und entzündeten Augenlider gezeigt, die gute Frau hatte ihm sofort, voll Mitleids für den so hart heimgesuchten, alten Mann, das Rezept zu einer vortrefflichen Augensalbe gegeben, welche er auch mit bereitwilligster Gewissenhaftigkeit ihrer Vorschrift gemäß anwendete, ohne daß indes eine Besserung eingetreten wäre, die ihm erlaubt hätte, einen Augenblick die blaue Brille abzunehmen.

So saß denn der alte Mann, die gebückte Gestalt in einen altmodischen, hoch hinauf zugeknöpften Überrock gehüllt, um den Hals eine weite, fast das Kinn einschließende, weiße Halsbinde, auf dem Kopf eine kurze Perrücke von verschossen brauner Farbe, unter welcher an den Schlafen einzelne dünne Locken des natürlichen, weißen Haares hervorsahen, so saß er da am Abend in dem kleinen Wohnzimmer der Madame Raimond, still lächelnd und durch die großen, dunkelblauen Brillengläser bald den einen, bald den anderen anblickend. Die junge Frau Bernard erzeigte ihm mit vieler Liebenswürdigkeit alle jene kleinen Dienste, welche das Alter von einer gut erzogenen Jugend zu beanspruchen das Recht hat, und er machte ihr dafür oft eines jener altfränkischen, förmlichen Komplimente, das sie mit einem höflichen und verbindlichen Lächeln erwiderte. Schnell hatte man sich an seine Anwesenheit gewöhnt: Madame Raimond, an jedem Abend anfangs so heiter und gesprächig, ließ bald ein wenig, dann immer mehr das Haupt sinken und verfiel in einen leichten Schlummer, der alte Herr saß ruhig und still da, und so blieb dann die Unterhaltung den beiden jungen Leuten überlassen, denen übrigens der Stoff dazu selten ausging, und selbst wenn sie zuweilen einige Zeit in sinnendem Nachdenken dasaßen, so schien ihnen dies keine Langeweile zu verursachen. Mit skrupulöser Pünktlichkeit erhob aber um zehn Uhr Madame Raimond das sanft eingenickte Haupt, stand auf und schloß das Beisammensein mit der Bemerkung, daß es Zeit sei, zu Bett zu gehen. Denn man stand früh auf in dieser kleinen Welt der Arbeit, schon um fünf Uhr morgens saß die junge, fleißige Weißstickerin bei ihrer Arbeit zur großen Freude der sorgsamen Wirtin, welche bei ihrer Einwohnerin, wenn sie ihr das Milchfrühstück brachte, stets schon einen bemerkenswerten Fortschritt der Arbeit fand, George aber ging oft schon zu noch früherer Stunde zu seiner Arbeit hinaus.

Eines Morgens hatte sich, als er in seinem Arbeitskostüme sich anschickte, die Treppe hinabzusteigen, die Türe seiner Nachbarin geöffnet, und die junge Frau war auf dem Vorplatz erschienen, ihre Flasche in der Hand, um etwas Wasser aus der Küche zu holen.

Fast erschrocken blieb der junge Mann stehen, als in dem hellen Rahmen der geöffneten Tür vor ihm das reizende Bild dieser zarten, frischen Frau erschien, in dunklem, einfachen Morgenrock, den schlanken Hals mit weißer, sauber gefalteter Krause umgeben, das glänzende Haar halb bedeckt von einem zierlichen Häubchen, welches das schöne Oval des Gesichts einschloß.

»Guten Morgen, mein lieber Nachbar!« rief sie ihm mit ihrer Stimme, die er so gern hörte, entgegen, »ich freue mich, Ihnen zu begegnen und Ihnen Glück zu Ihrer Tagesarbeit wünschen zu können, ich denke immer, die Mühe des Tages trägt sich leichter und freudiger, wenn man den Gruß und den guten Wunsch eines Freundes mit sich hinausnimmt!« Und sie reichte ihm mit einem hellen Lächeln voll herzlicher Freundlichkeit die zarte, weiße Hand.

Zögernd und befangen trat der junge Mann zu ihr und nahm diese Hand in die seine.

»Gewiß freut mich Ihr lieber Morgengruß, Madame,« sagte er mit etwas befangenem Ausdruck, »aber,« fuhr er fort, indem sein Blick über seinen schwarzen, rußigen Arbeitsanzug hinabglitt, »was denken Sie, mich in dieser Gestalt zu sehen, Sie, die Sie immer so zart, so frisch sind, meine Arbeit –«

»Welch ein Gedanke!« rief sie, fest seine Hand drückend, und indem sie ihr Auge einen Augenblick mit fast liebevollem Ausdruck über seine auch in dieser entstellenden Umhüllung schön und kräftig hervortretende Gestalt gleiten ließ, fügte sie in lebhaftem Tone hinzu:

»Wie finde ich ihn schon, diesen Anzug, er ist die Tracht der Arbeit, des ehrlichen, festen Kampfes mit dem Leben um den Preis seiner reinsten und edelsten Freude, der Zufriedenheit und Selbstachtung, kann es für den Mann eine schönere Tracht, eine würdigere Erscheinung geben?«

Ein Blitz heißen Glückes, unendlicher Dankbarkeit sprühte aus seinem Auge, in rascher Bewegung hob er ihre Hand empor und drückte sie fest und innig an seine Lippen.

Es schien, als wolle er in feurigem Ausbruch glühende Worte sprechen, aber er sagte nur mit einer Stimme voll tiefen Gefühls: »Dank, Dank, Sie wissen nicht, wie glücklich mich dies gute, liebe Wort macht, welchen Stolz und welches Selbstgefühl es in mein Herz gießt!«

Sie stand da, die Augen wie in überraschter Verwirrung zu Boden gesenkt, aber sie zog ihre Hand nicht zurück, und mit einem leichten Druck ihrer zarten Finger sagte sie leise:

»Auf Wiedersehen also – diesen Abend!«

Noch einmal umfaßte sein Blick voll innigen Feuers die schlanke Gestalt, dann sagte er mit gepreßter Stimme: »Auf diesen Abend!« und eilte schnell zur Türe des Vorplatzes hinaus die Treppe hinab. Sie sah ihm einen Augenblick nach mit dem Ausdruck stolzen Triumphes, dann senkte sie ein wenig den Kopf und es schien fast, als ob ein leichter Schimmer mitleidiger Teilnahme über ihre Züge glitt, rasch aber wendete sie sich dann zurück und füllte ihr Wassergefäß. Als eine Stunde später Madame Raimond in das Zimmer der jungen Frau trat, fand sie bereits eine am Abend vorher begonnene Stickerei weit vorgeschritten und konnte nicht genug den unermüdlichen Eifer der so fleißigen Arbeiterin loben.

Von diesem Morgen an hatte der junge Arbeiter an jedem Morgen, bevor er ausging, leicht und schüchtern an die Türe dieser so zierlichen und fast eleganten Frau geklopft, die sich nicht scheute, ihn im Kostüme seiner Arbeit zu begrüßen, und hatte ihr durch die Türe zugerufen: »Guten Morgen, liebe Nachbarin!« Jedesmal aber war sie ebenfalls schon auf, freundlich hatte ihre Türe sich geöffnet, sie hatte George die Hand gereicht, seinen Morgengruß mit reizendem Lächeln erwidert und mit herzlichem Tone hinzugefügt: »Viel Glück zu Ihrem Tagewerk, mein lieber Freund.« Dann war er hingezogen zu seiner Arbeit, ganz erfüllt von diesem lichten und ihm schon zur lieben Gewohnheit gewordenen Bilde, und während er in den dunkeln Tiefen der Kamingänge der großen Hotels und der Werkstätten arbeitete in mühevoller und schwerer Tätigkeit, begleitete ihn die Erinnerung an den Morgengruß seiner Freundin, während er zugleich die Stunden zählte, die ihn dem freundlichen, geselligen Abend näher brachten, an welchem sie neben ihm sitzen würde, durch ihre anmutige Geschicklichkeit die ärmliche Umgebung mit tausend kleinen Reizen schmückend und durch ihr sanftes und herzliches Geplauder tausend Gedanken in seinem Geist erweckend, tausend liebliche Bilder aus dem Grunde seiner Seele hervorzaubernd.

So hatte sich das tägliche Leben in dem kleinen Kreise gestaltet. Madame Raimond bemerkte wohl die immer traulichere Freundschaft, welche die beiden jungen Leute verband, aber sie freute sich derselben von Herzen, bildeten doch der kräftige, tüchtige und solide junge Mann und die fleißige und geschickte Frau ein Paar, wie es besser gar nicht zusammengebracht werden konnte, ein Paar, dem Glück und Wohlstand nicht fehlen konnte, und im Geiste malte sich die alte Frau schon aus, wie sie den beiden ihren kleinen Haushalt einrichten wollte, denn bei ihr mußten sie bleiben, das stand bei ihr fest, sie konnte sich gar nicht denken, wie sie wieder ihre Abende ohne diese liebe Gesellschaft zubringen solle. Herr Martineau, der alte, blinde Mann, aber sah von dem allem nichts, er saß still in seinem Zimmer, machte um die Mittagszeit einen kleinen Spaziergang, von welchem er nach einer Stunde, mühsam die Treppe hinaufsteigend, zurückkehrte, und saß am Abend still und freundlich lächelnd in seiner Ecke, die gute Madame Raimond bedauerte den Alten herzlich, für den ja die beiden wichtigsten Fäden, welche die menschliche Seele mit dem Leben der Außenwelt verbinden, das Gehör und das Gesicht, fast abgeschnitten waren.

Es waren kaum zehn bis zwölf Tage vergangen, seitdem Madame Bernard in das Haus der Rue Mouffetard eingezogen war, als eines Abends die kleine Gesellschaft um den Tisch ihrer Wirtin versammelt saß.

George hatte, als er in das Zimmer der Madame Raimond trat, einen prachtvoll blühenden Rosenstock mitgebracht, den roten Blumentopf sauber in weißes Papier gewickelt und mit einem roten Seidenband umwunden.

»Sie erlauben mir, Madame Bernard,« sagte er, zwar noch immer mit einer gewissen zurückhaltenden Schüchternheit in dem Tone seiner Stimme, doch mit einem vertraulich offenen Blick, »daß ich ein wenig zur Ausschmückung Ihres Zimmers beitragen darf, ich sah diese schöne Blume auf dem Markt an der Madeleine und glaubte, es würde Ihnen Freude machen, sie an Ihrem Fenster zu haben.«

Mit dem Ausdruck kindlicher Freude wendete sich die junge Frau zu ihm, und schnell ihm die Hand reichend, rief sie: »O wie schön, wie danke ich Ihnen, mein lieber Freund, wissen Sie, eine Blume hat eigentlich nur dann Wert, wenn sie uns von Freundeshand geschenkt wird, jede Blüte bringt uns dann in ihrem Duft den Gruß eines andern Menschenherzens, das an unsern Freuden und Leiden Teil nimmt!«

Lächelnd nahm sie eine kleine Schere von einem Seitentisch, auf welchem die Arbeit der Madame Raimond lag, schnitt eine voll aufgeblühte Rose ab und steckte dieselbe an ihre Brust.

»Diese Blüte hatte nicht lange mehr zu leben,« rief sie, »ich kann mir wohl die Freude erlauben, mich ein wenig zu putzen, die andern dort, welche sich eben erst erschließen, darf ich ihres Daseins noch nicht berauben.«

George blickte mit entzücktem Auge zu ihr herüber, Madame Raimond aber sagte in sorglichem Tone: »Sie dürfen aber nachts die Blume nicht in Ihrem Zimmer behalten, liebes Kind, man hat Beispiele, daß der Duft Personen getötet hat.«

»So werde ich sie abends auf den Vorflur stellen,« rief die junge Frau, immer mit freudigen Blicken die schönen Rosen betrachtend, »und Herr George wird gewiß die Güte haben, wenn er zur Arbeit geht und mir guten Morgen wünscht, mich daran zu erinnern und mir mein Pflegekind wieder hereinzureichen, so werde ich die Freude des Geschenks immer von neuem haben,« fügte sie mit einem reizenden Blick auf den jungen Mann hinzu. Dann stellte sie den Blumentopf in die Mitte des Tisches, so daß das Licht der kleinen Lampe in wunderbar schönem Farbenspiel die grünen Blätter und die roten Blüten durchleuchtete.

»Welch schöne Blume,« sagte Herr Martineau mit seinem stereotypen Lächeln, und langsam aufstehend, näherte er seine Nase vorsichtig jeder einzelnen Blüte, langsam den Duft einziehend, als wolle er sich durch den Geruchssinn entschädigen für die Genüsse, die er bei dem mangelhaften Zustande seines Gehörs und Gesichts entbehren muhte.

Niemand antwortete ihm, es war ja doch vergeblich, zu ihm zu sprechen, aber mit freundlicher Teilnahme blickte die junge Frau zu ihm hinüber und nickte ihm lächelnd zu, als wolle sie ihre Befriedigung darüber ausdrücken, daß das Geschenk ihres Freundes auch dem armen, alten Mann eine harmlose Freude bereitete.

Bald war das Diner beendet, in leichtem, heiterem Geplauder war eine halbe Stunde verflossen, als Madame Raimond wie gewöhnlich langsam ihr Haupt auf die Brust niedersinken ließ, und nachdem sie noch durch einige kurze, abgerissene und immer seltenere Bemerkungen ihre Teilnahme an der Konversation darzutun versucht hatte, sanft in ihren kleinen Schlummer versank, durch welchen sie sich zu ihrer Nachtruhe vorzubereiten pflegte.

Eine kleine Pause trat ein, während welcher die junge Frau wie träumerisch ihren Blick auf dem vom Lampenlicht durchzitterten Blumenstock ruhen ließ, während George sie mit fast andächtigem Ausdruck anschaute.

»Ich kann Ihnen nicht genug danken,« sagte Madame Bernard endlich, »für dies liebliche, freundliche Geschenk, diese Blume bringt mir einen Gruß von der schönen, weiten, freien Natur da draußen, die ich so sehr liebe, und von der man hier so weit ist in dem großen, heißen und staubigen Paris, so weit, ach, so weit!«

Sie senkte die Augen und seufzte tief.

»Sehen Sie,« fuhr sie fort, »wenn ich diese Blume an meinem Fenster sehen werde, so malt sich meine geschäftige Einbildungskraft einen schönen, grünen Rasen dazu, und Bosketts von dunkeln, schattigen Bäumen, und das freie Sonnenlicht, das draußen so ganz anders ist, als hier in den geschlossenen Häusermassen, und die kleinen Schmetterlinge, und die Luft, o die schöne, freie Luft!«

Und abermals seufzte sie lief mit leicht zitternden Lippen.

»Madame Bernard –« sagte der junge Mann, der mit steigender Bewegung ihren Worten gelauscht hatte.

»Herr Lefranc?« unterbrach sie ihn, den Blick ein wenig erhebend mit dem lächelnden Ausdruck schelmischer Neckerei.

»Louise, meine Freundin!« fuhr er mit entzückten Blicken fort.

»Mein Freund George!« erwiderte sie mit treuherzigem Ausdruck, »ich glaube, so war es abgemacht?«

»O wie gut Sie sind!« rief er, ihre Hand ergreifend, »ich habe meine Freundin, die so gütig mein kleines Geschenk angenommen, noch um etwas zu bitten! Ich hätte es nicht gewagt,« fuhr er fort, indem er wie schüchtern die Augen niederschlug, »aber da Sie eben so sehnsüchtig von dem Glück sprachen, das die frische Luft und die freie Natur da draußen in Wald und Feld gewährt, so – möchte ich um die Erlaubnis bitten, Sie morgen, am Sonntage, hinausführen zu dürfen nach dem Bois de Boulogne, oder weiter hin nach Saint Cloud ober Ville d'Avray.«

Sie blickte ihn wie forschend an und zögerte mit der Antwort.

»Wir kennen uns noch nicht lange Zeit,« sagte er ein wenig betroffen von ihrem Schweigen, »aber ich hoffe doch genug, daß Sie mich Ihres Vertrauens würdig halten sollten?«

»O mein lieber Freund,« rief sie, »es ist nicht das, ich zögerte,« fuhr sie fort, einen Blick auf Madame Raimond werfend, deren Haubenbänder sich in Übereinstimmung mit ihren gleichmäßigen Atemzügen bewegten, »zunächst – weil ich nicht weiß, wie unsere gute Madame Raimund von einem solchen Ausflug denkt – und weil ich ohne ihre Zustimmung –«

»Sie kennt mich,« rief George, »länger schon als Sie,« sagte er leiser im Tone leichten Vorwurfs, »und sie wird sich freuen, wenn wir uns gemeinschaftlich einen so schönen und reinen Genuß verschaffen, nachdem wir lange in strengem Arbeitskreise eingeschlossen waren.«

»Und dann,« sagte sie leise mit gesenktem Blick, während die zarten, seinen Fingerspitzen mit den Blättern der Rose vor ihrer Brust spielten, »es ist nicht das allein –«

»Nicht das allein?« rief er, erschrocken zu ihr aufblickend, »und was –«

»Hören Sie mich an, mein Freund,« sagte sie immerfort in ihren Schoß blickend, »ich will Ihnen nicht verbergen, was ich denke, nur weiß ich nicht, ob es mir gelingt, es so klar auszudrücken, wie ich es möchte, ob ich mich richtig verständlich machen kann.«

»Ich werde alles verstehen, was Sie mir sagen,« rief er, »habe ich doch schon so vieles gelernt, was mir früher unverständlich war,« setzte er in fast unhörbarem Tone hinzu. »Glauben Sie nicht,« sagte sie sinnend, als suche sie die Worte, um ihren Gedanken richtig auszudrücken, »daß es zwischen zwei Personen eine gewisse, von der Natur in sie gelegte, sympathische Anziehungskraft geben könne, welche in unbestimmter Sehnsucht schlummert, wenn beide getrennt von einander durch das Leben gehen, welche aber in rascher und mächtiger Wirkung sie zu einander zieht, wenn ihre Wege sich einander nähern?«

»Ich glaube es,« sagte er mit glänzenden Blicken.

»Wenn nun,« fuhr sie fort, »zwei Menschen, deren Seelentöne in harmonischer Beziehung zu einander stehen, vom Schicksal einander näher geführt werden, so muß – glaube ich – ein Augenblick kommen, in welchem man fühlt, daß die Schranken, welche die äußeren Verhältnisse zwischen ihnen aufrichten, durchbrechen müssen, daß sie sich einander ganz nähern, ganz verstehen, ganz kennen müssen, um entweder zu fortdauernder, voller und untrennbarer Harmonie ineinander zu klingen, oder,« fugte sie seufzend, »in schrillem Mißklang für immer wieder auseinander gerissen zu werden.«

»Wie wäre das Letztere möglich,« sagte er, sie verwundert anblickend, »bei zwei Seelen, die sympathisch für einander geschaffen sind?«

Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust. Ihre Finger zerdrückten in unruhig zitternder Bewegung ein Rosenblatt, das sich von der Blüte an ihrer Brust gelöst hatte.

»Wenn nun aber,« sagte sie langsam in noch leiserem Tone, »wenn nun aber trotz aller sympathischen Neigung, bei vollständiger Kenntnis des ganzen Lebens, der ganzen Vergangenheit, Punkte hervortreten könnten, welche – welche – vor denen der Zug des einen Herzens zu dem andern zurückschrecken könnte, welche eine Trennung der – Freundschaft bewirken könnten, wenn solche Punkte bei voller Annäherung, bei freiem Aussprechen nicht umgangen und verborgen werden können, ist es da nicht vielleicht natürlich, daß man – zwar das Fallen der trennenden Schranken, das Ende der Dämmerung ersehnt, und doch vor dem Licht zurückschreckt, weil – weil man die Möglichkeit der Trennung fürchtet?« fügte sie in ganz leise flüsterndem Tone hinzu.

Er hatte ihr zuerst erstaunt, dann in atemloser Spannung, endlich in finsterem Ernst zugehört, bei ihren letzten Worten überflog ein Ausdruck süßen Glückes sein Gesicht, frei und groß sah er sie mit seinen tiefen Blicken an und mit warmem und weichem Tone antwortete er:

»Wenn der sympathische Zug der Herzen gegründet ist auf Vertrauen und auf die Achtung, ohne welche keine wahre Freundschaft, keine wahre Liebe bestehen kann, dann ist es unmöglich, daß die Erörterung irgendwelcher unbekannten Punkte der Vergangenheit den sympathischen Zusammenklang der Seelen zerstöre, denn wo wirklich die wahre und reine Harmonie besteht, da wird jedes Unglück tiefes und treues Mitgefühl, ja,« fuhr er aufatmend und den festen und treuen Blick in ihr langsam und schüchtern sich aufschlagendes Auge tauchend fort, »ja – jede Schuld herzliches Vergeben und Vergessen finden.«

Eine Pause entstand.

»Wollen Sie also morgen mit mir einen Ausflug in die freie Natur machen?« fragte er dann.

Sie sah ihn mit mildem Ernst an, reichte ihm die Hand und sagte mit fester Stimme: »Ja!«

»So wollen wir,« rief er fröhlich, »in der Frühe aufbrechen, um noch den Morgentau auf den Blüten funkeln zu sehen, damit der ganze Tag uns gehöre!«

»Nicht zu früh,« sagte sie mit freundlichem Lächeln, »ich muß die Messe hören, ich pflege das an keinem Sonntage zu versäumen.«

»Die Messe?« fragte er erstaunt, »um in einem dumpfen Steinbau, von betäubenden Weihrauchwolken erfüllt, den unverständlichen Gesang gedankenloser Priester anzuhören, darum wollen Sie eine Stunde opfern, welche Sie der großen Andacht in der heiligen Morgenstille der reinen Natur weihen können?«

Sie sah ihn ernst und nachdenkend an.

»Wohl erfüllt uns die weite, freie Natur mit hoher Freude und Dankbarkeit gegen die Schöpfungskraft,« sagte sie, »aber was uns so freudig in der frischen Luft und unter den grünen Bäumen aufatmen läßt, das ist doch immer nur das jubelnde Aufjauchzen des frischen Sinnengenusses. Die wahre Andacht, mein lieber Freund, besonders die Andacht einer Frau, das ist die stille Einkehr in das eigene Herz, die Demut, welche sich ergebungsvoll beugt nicht vor dem Weltenherrscher, der in leuchtenden Wundern seine Schöpfungsherrlichkeit offenbart, sondern vor dem Gott, der in treuer Liebe das irrende und bangende Menschenherz tröstet und zu sich erhebt.«

Er sah sie erstaunt an. »Und glauben Sie, glauben Sie ernstlich an ein solches persönliches Wesen, das sich um die Leiden und Sorgen des einzelnen Menschenherzens kümmert?«

»Lassen Sie mich,« sagte sie, »auf Ihre Frage mit einer andern Frage antworten, »würden Sie eine Frau lieben können, das heißt einer Ihr Fühlen, Ihr Denken, Ihr Streben und Ihre Ehre anvertrauen können, wenn diese Frau kein anderes Heiligtum kennte, als das unbewußte, einfach natürliche Wohlgefühl, das die Schönheit der Natur, das freie Atmen in der freien Luft den Sinnen des Menschen einflößt, das Wohlgefühl, das wir mit den Tieren, mit den Tieren der untersten Stufe selbst teilen, ja das jene vielleicht in noch höherem Maße genießen, als wir, da ihre Organe durch das rein natürliche Leben empfänglicher sind als die unsrigen für die Sinneneindrücke der Natur? – Würden Sie glauben,« fuhr sie fort, »daß eine Frau, welche nur diesen Kultus in ihrem Herzen trägt, imstande wäre, den stillen, heiligen Frieden des häuslichen Herdes zu behüten, die Entsagungen und Entbehrungen des Lebens nicht nur zu tragen, sondern auch mit reinen und unvergänglichen Blüten zu schmücken? – Müßten Sie nicht jeden Augenblick fürchten, daß eine Frau, deren ganzes Heiligtum nur die Natur wäre, wie sie heute vom natürlichen Triebe zu Ihnen geführt wurde, morgen sich ebenso – einem neuen Eindruck folgend – von Ihnen abwendete, wie die Blume des Feldes, welche ihren duftenden Kelch jedem heranflatternden Schmetterling öffnet –? – Wenn ich,« sagte sie, ihn tief anblickend, »nur jene Naturreligion in meinem Herzen trüge, würde ich hier neben Ihnen sitzen in der Entbehrung und Entsagung des beschränkten, häuslichen Kreises, statt in der weiten Welt den glänzenden, schimmernden Genuß zu suchen? Und wenn ich hier in diesem beschränkten Kreise glücklich bin,« fügte sie mit inniger Betonung hinzu, »so ist es gewiß nicht die Religion der sinnlichen Natur, aus welcher ich dieses Glück schöpfe. Darum,« sagte sie lächelnd, »lassen Sie mir meine Messe und meine Priester, vielleicht ist das Schwäche, werden Sie sagen, aber die Schwäche ist ja das Los der Frauen, unsere Stärke liegt im Herzen, in seiner Hingebung, seiner Treue.«

Der junge Arbeiter stand auf und machte mit gesenktem Haupt einige Schritte hin und her.

Dann trat er zu seiner Freundin heran und sprach mit bewegter Stimme:

»Ihre Worte dringen tiefer in mein Herz als lange Predigten der Priester, es klingt mir aus diesen Worten etwas hervor wie eine alte, längst vergessene Melodie aus den feinen Tagen meiner Kindheit, unklar und dunkel zwar, aber schön und wohltuend, ich werde darüber nachsinnen – und Sie werden öfter mit mir darüber sprechen, ich habe noch mit keiner Frau über solche Dinge gesprochen, freilich,« sagte er leiser und halb für sich, »habe ich auch noch keine Frau gefunden, mit der ich so hätte sprechen mögen.«

Madame Raimond erhob nach einem tiefen Atemzuge den Kopf. »Es tut mir leid,« sagte sie freundlich lächelnd, »unsere Unterhaltung zu unterbrechen, wir sind schon über die Zeit hinausgegangen, es ist zwar Sonntag morgen, aber wir dürfen die guten Gewohnheiten nicht unterbrechen, also – die Soiree ist geschlossen, meine Freunde!«

Die junge Frau stand auf.

»Herr George hat mir vorgeschlagen, morgen den freien Tag zu einem Ausfluge nach Ville d'Avray zu benutzen, bei welchem er so freundlich sein will, mich zu begleiten,« sagte sie.

Madame Raimond sah mit zufriedenen Blicken auf das junge Paar.

»Vortrefflich – vortrefflich, meine Liebe,« erwiderte sie, »Sie haben sich einige Atemzüge frischer Luft wohl verdient durch Ihre fleißige Arbeit. – Nun, Herr George,« fragte sie, sich zu dem jungen Manne wendend, »es ist Ihr Sonnabend, gehen Sie heute nicht noch aus?«

Ein wenig befremdet richtete die junge Frau Bernard ihren Blick auf den Angeredeten.

»Es ist eine Vereinigung von Arbeitern,« sagte dieser mit etwas gedämpfter Stimme und einem kurzen Seitenblick auf den alten Herrn Martineau, welcher sich dem Beispiel der andern folgend ebenfalls von seinem Stuhle in der Ecke erhoben hatte und mit seinem gleichmäßigen Lächeln auf den Lippen dastand, bereit, sein Zimmer aufzusuchen, um sich zur Ruhe zu begeben, »es ist ein Verein von Arbeitern, der wöchentlich zusammenkommt, um die Interessen unseres Standes zu besprechen, ich fehle ungern dabei,« fuhr er wie sich entschuldigend fort, »es ist eine geistige Anregung, ein Gedankenaustausch, den ich ungern entbehre.«

»Und der Ihnen gewiß Wohl tun wird,« sagte die junge Frau, ihm mit einem Blick voll offener Herzlichkeit die Hand reichend, »auf morgen früh also, gute Nacht, mein Freund.«

Dann zog sie sich in ihr Zimmer zurück, Herr Martineau suchte nach einer steifen, altmodischen Verbeugung und nach einigen ebenso steifen Worten des Dankes für den angenehmen, geselligen Abend das seinige auf. George aber stieg langsam die Treppe hinab, schritt nach einem freundlichen Gruß an den alten Concierge, der den Kordon der Türe zog, auf die Straße hinaus und wendete sich nach der Gegend des Faubourg St. Antoine hin.

Die Straßen waren in diesem Stadtteil bereits fast leer. Die Lumpensammler mit ihren Körben auf dem Rücken, ihren Hackenstöcken und ihren kleinen Laternen zogen aus, um sich in die wohlhabenderen Quartiere zu begeben und aus den Tausenden von Dingen, welche Paris am Tage zuvor unter Schutt und Unrat als unbrauchbar fortgeworfen hatte, alles dasjenige hervorzusuchen, was noch zu irgend einer industriellen oder wirtschaftlichen Verwertung benutzt werden konnte. Diese nächtlichen Gestalten zogen bald in Trupps, bald einzeln an dem jungen Arbeiter vorüber, der in tiefem Nachdenken, zuweilen halblaute Worte vor sich hinmurmelnd, durch die laue, Nacht dahinschritt, bald den hellen Lichtkreis einer Gaslaterne durchschreitend, bald vom Schatten der Häuser bedeckt.

Seinen Kopf und sein Herz erfüllte ein Bild – eine kleine, stille Häuslichkeit, in welcher nach den Mühen des Tages anmutige Behaglichkeit und stiller Frieden die arbeitsmüde Seele umfängt, und in dem Kreise dieser Häuslichkeit bewegte sich diese junge Frau mit den seinen Zügen, den zarten Händen und den dunkeln Augen voll süßer Beredsamkeit.

»Sollte doch in diesen Tempeln voll Orgelklang und Weihrauchduft etwas anderes in die Menschenbrust herabsinken,« flüsterte er, einen Augenblick stehen bleibend, »als der freie, durstige Atemzug aus dem Lichtquell der großen Naturschöpfung uns zu geben vermag?«

Und sinnend das Haupt senkend, schritt er weiter.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Zwischen der alten Rue du Temple und der Rue Saint Martin liegt eine enge und dunkle Straße, an deren Ecke man auf dem blauen Schilde liest: Rue de Gravilliers. Die ganze nicht sehr ausgedehnte Straße mit ihren hohen, finstern und unregelmäßigen Häusern ist von Arbeitern und kleinen Fabrikanten der sogenannten articles de Paris bewohnt. Das Haus Nr. 44 in dieser Rue des Gravilliers, ein hoher dreistöckiger Bau mit zwei dunkeln Höfen, zeichnet sich selbst in dieser keineswegs lachenden und eleganten Umgebung durch seine düstere Erscheinung aus. In der Boutique dieses Hauses befindet sich ein Bäckerladen, daneben sieht man das Schild eines fabricant de malles, Mr. Bernheim, und eines fabricant de perles, Mr. Gautier. Zu vorgerückter Abendstunde desselben Tages, an welchem George Lefranc die kleine Gesellschaft bei Madame Raimond verließ, sah man in das sonst so stille und wenig besuchte Haus in der Rue des Gravilliers in kurzen Zwischenräumen eine bedeutende Anzahl von Personen eintreten, welche meist einzeln, zuweilen zu Zweien und Dreien kamen, den ersten Hof des Hauses durchschritten und im zweiten Hofe sich zu einer rechts in der Ecke befindlichen, dunkeln Treppe wendeten, die zum ersten Stockwerk des Hintergebäudes hinaufführte.

Sie traten dann in ein geräumiges Zimmer dieses Hinterhauses, in welchem sich allmählich etwa fünfzig bis sechzig Männer verschiedenen Alters versammelten. Viele von ihnen trugen die blaue Bluse, dieses altgewohnte Kostüm des pariser Handarbeiters, alle waren einfach gekleidet, alle waren Arbeiter verschiedener Gewerkszweige, in ernstem Schweigen hörten sie dem Vortrag ihres Vorsitzenden zu, der an einem mäßig großen Tische an einem Ende des länglichen Zimmers saß, umgeben von drei andern Männern, welche neben ihm die Plätze an dem Tische einnahmen, auf dem zwei Kerzen brannten, hinter denen man einen großen, hölzernen Kasten, mit Büchern und Schriften gefüllt, bemerkte, dessen Inhalt zum Teil auf dem Tische ausgebreitet war.

Der Schein der beiden dünnen Kerzen erhellte das große Zimmer nur mäßig, und der größte Teil der Versammelten, welche auf einer Anzahl von Stühlen und hölzernen Bänken Platz genommen hatten, befand sich im Halbdunkel, nur die vordersten Reihen der den Tisch des Vorsitzenden Umgebenden waren von dem unstät flackernden Lichtschimmer beleuchtet.

Man sah dort finster nachdenkliche, scharf ausdrucksvolle Gesichter, die Züge gehärtet im Kampf des Lebens, die Lippen in energischer Willenskraft geschlossen, die tiefen Augen brennend in forschenden Suchen nach der Lösung der Probleme, welche die Verhältnisse der Gesellschaft täglich neu in diesen der leichten und freien Geistesbewegung ungewohnten Köpfen aufsteigen ließen.

Der Vorsitzende dieser Gesellschaft, welche sich »Pariser Zweigverein der internationalen Arbeiter-Assoziation« nannte, war der Bronzearbeiter Tolain. Er saß da auf einem hölzernen Stuhl in der Mitte des von Papieren und Schriften bedeckten Tisches, in grauem Rock – aus dem über eine kleine, schwarze Krawatte weit übergeschlagenen, sauberen Hemdkragen ragte das etwas blasse, von hoher Intelligenz durchleuchtete Gesicht mit dem träumerisch blickenden Auge hervor, das sinnend über die vor ihm Versammelten hinschweifte, dessen schwärmerischer Ausdruck aber weite und ferne vor seinem inneren Blick sich auftuende Gebiete zu durchforschen schien. Die ganze Erscheinung dieses merkwürdigen Mannes trug das Gepräge eines philosophischen Idealismus, der sich mehr den großen und weiten Problemen der sozialen Entwickelung der Zukunft, als den Fragen und Bedürfnissen der praktischen Gegenwart zuzuwenden geschaffen sein mochte. Neben ihm saß der Bronzearbeiter Fribourg, eine Erscheinung, weniger bemerkenswert als Tolain, mit scharfgeschnittenen, intelligenten Zügen, aber gleich dem Vorsitzenden von jenem idealistischen Ausdruck belebt, wie man ihn in den Köpfen der Männer aus der ersten Periode der großen Revolution findet. Auf der andern Seite neben dem Vorsitzenden sah man – etwas vorgebückt – den Buchbinder Louis Varlin, ein scharfes Gesicht mit kalten, verschlossenen Zügen und einem strengen, kleinen, oft gesenkten und von unten heraufblickenden Auge, die dünnen Lippen waren fest geschlossen und um die Mundwinkel lag fast immer ein stilles Lächeln voll schneidender Ironie.

An den beiden längeren Seiten des Tisches saßen der Bauschreiber Felix Chemalé, etwas eleganter und modischer gekleidet als die andern, sein klares, helles Auge und sein ruhiges Gesicht deutete auf den in praktischen Arbeiten und Berechnungen tätigen Mann, er hielt eine Feder in der Hand, bereit, in seiner Eigenschaft als Sekretär des Vereins die Notizen zur Abfassung des Protokolls über die Vorträge und Besprechungen auf einen großen vor ihm liegenden Bogen niederzuschreiben.

Ihm gegenüber, hinter dem großen Kasten, welcher die Archive des Vereins enthielt, sah man den Graveur Bourdon in gerader, etwas starrer Haltung. Sein scharfes und geistvolles Gesicht hatte weder den idealen Ausdruck, welchen man in den Zügen Tolains und Fribourgs bemerkte, noch die stille, fast unheimliche Verschlossenheit, welche in dem charaktervollen Kopf Barlins lag, es war ein glattes, aber undurchdringliches Antlitz, nur aus den scharf aufblitzenden Augen sprach bisweilen ein eigentümlicher Ausdruck kalter Verachtung, eine ruhige Zurückhaltung, welche vermuten lassen konnte, daß die Gedanken dieses Mannes zuweilen eigene Wege gehen mochten, über welche er sich auszusprechen nicht für angemessen oder noch nicht zeitentsprechend hielt.

An der Eingangstür saß ein alter Mann mit faltigen, etwas verwitterten Zügen, der Buchhändler Héligre, der Kassierer des Vereins. Er prüfte aufmerksam die Karten, welche die Eintretenden ihm vorzeigten, und verglich die darauf befindlichen Nummern mit den Listen eines vor ihm auf einem kleinen Tische liegenden Buches. Ein kurzes, schweigendes Kopfnicken deutete an, daß alles in Ordnung sei, und der Eintretende schritt an ihm vorüber, um sich seinen Platz in der Versammlung zu suchen, bald mit leichtem Kopfnicken, bald mit einem Händedruck, selten mit einigen kurzen Worten hier und da einen Bekannten begrüßend.

Die Eintretenden waren seltener geworden, man schien niemand mehr zu erwarten.

Tolain erhob den Kopf, ließ einen seiner tiefen, sinnig nachdenklichen Blicke über die Versammlung hinstreifen und begann, indem sich sein bleiches Gesicht mit einer leichten, flüchtigen Röte färbte, mit einer leisen, aber wohltönenden und eindringenden Stimme und einem gewissen langsam pathetischen Ausdruck zu sprechen:

»Meine lieben Freunde, es sind mehrere wichtige und bedeutungsvolle Fragen vorhanden, über welche wir uns besprechen und Beschluß fassen müssen.«

Die bisherige, für eine so große Versammlung merkwürdige Ruhe ging in ein noch tieferes Schweigen der gespanntesten Aufmerksamkeit über.

»Ich habe euch,« fuhr Tolain mit seiner ruhigen Stimme fort, »zunächst Mitteilung zu machen von einer Reise, die ich mit unserem Freunde Fribourg, der hier an meiner Seite sitzt, in der Zeit seit unserer letzten Versammlung nach London gemacht habe.«

Eine leichte Bewegung, ein Atemzug allgemeiner Aufmerksamkeit wurde unter den versammelten Arbeitern hörbar.

»Wir gingen nicht dorthin,« fuhr Tolain fort, »in unmittelbaren Angelegenheiten der internationalen Assoziation, es war eine persönliche Pflicht der Freundschaft,« sagte er mit wehmütigem Tone, »die uns über den Kanal führte, unsere Anwesenheit in London hat uns aber von neuem Blicke in die dortigen Zustände tun lassen, welche das bestätigen, was schon früher Gegenstand unserer Besprechungen und Beschlußfassungen gewesen ist, und was uns veranlassen muß, von neuem zur Wachsamkeit gegen verderbliche und gefährliche Richtungen aufzufordern. Ein alter Freund von uns und vielleicht von mehreren unter euch, der Kapitän François Hémont, ein Flüchtling aus dem Jahre 1851, war in London gestorben, arm und einsam in der kleinen Wohnung seines entbehrungsvollen Exils; seine englischen Bekannten, welche dem armen Flüchtling nach seinem traurigen und schmerzvollen Leben die letzte Ehre im Tode erweisen wollten, forderten seinen Landsmann Felix Pyat, der sich dort befindet, um sich den Verfolgungen der hiesigen Polizei zu entziehen, auf, an seinem Grabe die letzte Rede zu halten, dem im fremden Lande Gestorbenen, der nun in fremder Erde zur ewigen Ruhe gebettet werden sollte, den letzten Gruß des Vaterlandes zu bringen. Der Franzose Feliz Pyat,« fuhr Tolain mit erhöhter Stimme fort, »lehnte diese ehrenvolle, diese heilige Aufforderung ab!«

Eine schnelle Bewegung wogte durch die Reihen der Zuhörer, ein Murren der Entrüstung ertönte im Zimmer.

»Warum? – aus welchen Gründen?« riefen einzelne Stimmen.

»Er sei müde und abgespannt,« sagte Tolain mit dumpfem Tone in mehr traurigem als bitterem Ausdruck, »das Wetter sei vor allem zu schlecht, und dem Toten nütze ja weder seine Begleitung noch seine Rede.«

»Unerhört! – Verabscheuungswürdig! – Der Elende!« riefen viele Stimmen.

»Als, uns,« fuhr Tolain fort, »diese traurige Botschaft durch den Telegraphen gesendet wurde, da brannten unsere Herzen vor Schmerz, Zorn und Scham, rasch entschlossen rafften wir unsere Barschaft zusammen, sie genügte, wir telegraphierten zurück, daß die Arbeiter und Gewerke Frankreichs am Grabe des armen Landsmannes vertreten sein würden, wir fanden unsere Freunde Camelinat, Baldun und Kin bereit, mit uns diese heilige Pflicht zu erfüllen, und am Tage darauf standen wir an dem offenen Grabe, in welches man den Sarg unseres Freundes Francis Hémont niedersenkte.«

Ein Gemurmel des Beifalls ließ sich im Saale hören. »Brav – brav!« riefen einzelne Stimmen, und einige der Nächstsitzenden drückten den Bronzearbeitern Valdun, Camelinat und Kin, welche in der ersten Reihe saßen, die Hände.

»Als wir dort standen,« fuhr Tolain fort, »und eben der Sarg mit den Überresten des verbannten Freundes den Boden der Grube berührte, da trat plötzlich Felix Pyat heran, er hatte sich nun dennoch entschlossen zu kommen, obgleich das Wetter noch immer gleich schlecht war und der Regen in Strömen niederfloß.

– Er trat an den Rand des Grabes und begann zu sprechen.«

»Ah, ah!« rief man hier und da, »und was sagte er?« »Wir hatten geglaubt,« sagte Tolain, »er würde Worte der Wehmut, der Erinnerung dem Dahingeschiedenen nachrufen, aber er hatte nur die Gelegenheit benutzt, um uns noch einmal jene Theorien zu entwickeln, welche wir schon früher zurückgewiesen haben – die Theorien der politischen Revolution, durch welche wir unsere Lage niemals verbessern können und nur als Werkzeuge des Ehrgeizes einzelner Parteien und ihrer Führer gemißbraucht werden, denen das Wohl und Wehe des Arbeiters die gleichgültigste Sache von der Welt ist! – Er sprach wenig von dem Toten, destomehr von dem contrat social Rousseaus, von der Schweiz, dem Lande, in welchem die Freiheit herrsche, und schließlich sich an uns wendend rief er uns zu, wir möchten mit Rousseaus Lehren aus der Schweiz auch den Pfeil Wilhelm Tells nach Frankreich bringen, dann werde er getröstet in der Verbannung leben. Mit ihm riefen die dort Versammelten: »Hoch lebe die Republik!'«

Tolain hielt inne. Verschiedene Stimmen wurden laut, einzelne riefen: »Welcher Wahnsinn!« Hier und da hörte man bitteres Lachen, eine Stimme rief: »Und was tatet ihr?«

Tolain richtete seinen ernsten Blick nach der Gegend, woher diese Stimme gekommen war, und antwortete langsam und ruhig:

»Meine Freunde und ich, wir bückten uns, warfen eine Handvoll Erde als letzten Gruß in das Grab unseres Freundes und verließen stillschweigend den Kirchhof, dann bestiegen wir das Schiff und kehrten hierher zurück.«

»Gut – gut, so war es recht!« rief man von allen Seiten, auch hörte man die Frage: »Warum kommt Herr Pyat nicht selber, wenn er die Gesellschaft mit dem Dolche reformieren will?«

Varlin warf einen kurzen, düsteren Blick auf die Versammelten, dann neigte er schweigend wieder das Haupt und blickte vor sich auf den Tisch nieder.

»Es freut mich, meine Freunde,« sprach Tolain weiter, »daß ihr unser Verhalten billigt, aber nicht allein, um diese Billigung zu erhalten, habe ich euch über die Sache berichtet, wir waren,« sagte er leicht den Kopf emporwerfend, »nicht als eure abgesandten Vertreter dort, also vollkommen frei, nach unserem persönlichen Ermessen zu handeln, ich wollte nur bei dieser Gelegenheit euch nochmals darauf aufmerksam machen, wie sehr von gewissen Personen jeder Anlaß benutzt wird, um die Kraft unserer Assoziation zur Ausführung politischer Träumereien oder zur Handhabe politischen Ehrgeizes zu benutzen. Ich wollte auch diese Gelegenheit ergreifen, um euch vor solchen Verlockungen, die sowohl an unsere Gesamtheit als an jeden einzelnen von uns noch vielfach herantreten werden, dringend zu warnen und euch zu bitten, jener falschen und verderblichen Richtung ebenso kraftvoll und energisch zu widerstehen, wie ihr dies auf dem Kongreß zu Genf getan und wie ihr früher schon mir fest zur Seite standet, als ich die Zumutung der englischen Generalräte Odger Cremer und Eccarius zurückwies, welche die Pariser Angelegenheiten unter die Leitung des Journalisten Lefort stellen wollten, wodurch wir zu Werkzeugen für die politischen Intrigen der liberalen Bourgoisie geworden wären.«

»Wenn aber,« rief ein finster blickender Mann in blauer Bluse, mit kurzem, schwarzem Bart, aus der zweiten Reihe der Versammelten hervor, »wenn aber die Gesetze der Regierungen, wie sie sind, die freie Bewegung des Arbeiters hemmen, wenn die Polizei uns verfolgt, die Gerichte uns verurteilen, sobald wir unser Recht in Anspruch nehmen, wie soll uns geholfen werden, wenn wir nicht die Regierung beseitigen und eine solche an ihre Stelle setzen, welche uns die freie Bewegung, den freien Kampf gegen das Kapital gewährleistet?«

Tolain ließ den vollen Blick seines groß geöffneten, sinnenden Auges einen Augenblick auf dem Sprecher ruhen.

»Mein Freund Tartaret,« sagte er dann langsam und sanft, »es war nicht meine Absicht, eine Diskussion hervorzurufen, die Frage über unsere Haltung der politischen Revolution gegenüber ist diskutiert und es ist darüber beschlossen worden, ich wollte nur eine Mahnung gegen die immer erneut an uns herantretenden Versuchungen aussprechen. Doch,« fuhr er fort, indem sein Blick sich belebte wie immer, wenn er die Gelegenheit fand, in theoretischer Auseinandersetzung die Resultate seines sorgfältigen Nachdenkens und fleißigen Studiums zu entwickeln, »doch will ich mir erlauben, auf die gemachten Bemerkungen einige Worte zu erwidern.«

Varlin machte eine kleine Bewegung der Ungeduld, Bourdon lehnte sich mit einem halb unterdrückten Seufzer auf seinen Stuhl zurück, und Tolain fuhr fort:

»Es sind nicht die Gesetze der Regierungen, welche das Los des Arbeiters unerträglich machen, es ist die willkürliche Herrschaft des Kapitals – der Bourgeoisie. Ich gebe zu, daß die Gesetze mehr für diese Bourgeoisie gemacht worden sind, als für uns, aber warum ist das geschehen? – weil jene durch die Assoziation, durch instinktmäßigen Zusammenschluß eine Macht bildet, die ihren Anteil an der Gesetzgebung ausübt, indem sie uns unsere politischen Rechte, die für uns Steine statt des Brotes sind, zu ihren Gunsten ausüben ließ. Die Regierung – jede Regierung wird demjenigen Teil des Volkes Rechnung tragen – wird mit dem Teil des Volkes zusammengehen, der die meiste Macht entwickelt, es ist also nicht unsere Aufgabe, die Regierungen anzugreifen, welche nur der natürlich ihnen vorgeschriebenen Notwendigkeit folgen, sondern diejenige Minorität der produktiven Bevölkerung, welche, dem natürlichen Verhältnis entgegen, uns, den Arbeitern, die Frucht der Arbeit und damit den Einfluß auf das öffentliche Leben entzieht. Wir haben nach Quantität und Qualität unserer Beteiligung an der Produktion das Übergewicht über jene, wir sind die schaffende Kraft, während sie nur den Stoff der Produktion liefern und uns, die schaffende Kraft, physisch ernähren; wenn wir also trotz unserer großen Überzahl, trotzdem, daß ohne uns keine produktive Tätigkeit in der Gesellschaft möglich ist, wenn wir trotzdem nicht die verhältnismäßigen Früchte unserer Arbeit ernten, wenn wir keinen Einfluß ausüben, um das Leben der Gesellschaft unseren Bedürfnissen, unseren berechtigten Ansprüchen gemäß zu gestalten, woran liegt das? – Nicht an den Regierungen, wahrlich nicht an ihnen, es liegt daran, daß wir vereinzelt der Macht des Kapitals gegenüberstehen, daß wir nicht in fester Assoziation austreten, wo es gilt, unsere Rechte zu wahren, unseren Willen durchzusetzen. Sobald wir fest verbunden und zu gemeinsamem, nachdrücklichem, wohlüberlegtem und einigem Handeln organisiert sind, ist die Macht auf unserer Seite, und jede Regierung wird gern unseren Wünschen entgegenkommen, lieber vielleicht mit uns gehen, als mit jener unzuverlässigen Bourgeoisie,« fügte er etwas leiser hinzu, indem er das Auge sinnend niedersenkte, »darum ist es unsere Aufgabe, uns fester und immer fester zusammenzuschließen zu einer mächtigen, die Arbeiter der ganzen Erde umfassenden Assoziation, dann werden wir dem Kapital einen Vertrag anbieten, bei welchem es nicht mehr den einzelnen hilflosen, vom Hunger gedrängten Arbeiter sich gegenüber sehen wird, sondern die Arbeit selbst – die schaffende Kraft, diesen göttlichen Lebenshauch der Menschheit, diese Kraft, welche berufen ist, die Gesellschaft zu beherrschen, der sie die Bedürfnisse des Lebens schafft, und bei diesem Vertrag, den wir diktieren werden,« rief er flammenden Blickes mit erhobener Stimme, »wird die Arbeit die Herrscherin sein und das Kapital, die tote Materie, der wir erst Form und Gestaltung geben, wird sich in die ihm natürlich gebührende Dienstbarkeit zurückgeworfen sehen! – Um dies große Ziel aber zu erreichen,« fuhr er nach einem tiefen Atemzuge fort, »dürfen wir unsere Kräfte nicht von dem geraden Wege abziehen und zersplittern lassen, vor allem sie nicht mißbrauchen lassen zu Zwecken, welche nicht die unsrigen sind, wir dürfen uns nicht die unversöhnliche Feindschaft der Regierungsmächte zuziehen, denen zu widerstehen wir noch nicht stark genug sind. Unsere Aufgabe –«

Varlin erhob den Kopf und sagte mit seiner ein wenig harten und rauhen Stimme:

»Mein lieber Tolain, es sind, glaube ich, mehrere ernste und sehr dringliche Gegenstände zu besprechen, sollte es nicht zweckmäßig sein, diese zunächst zu erledigen, es wird uns dann vielleicht noch Zeit zur Darlegung allgemeiner und von der Versammlung bereits anerkannter Prinzipien übrigbleiben.«

»Mein Freund Varlin hat recht,« sagte Tolain in sanftem Tone, »gehen wir daher zu den Gegenständen über, welche wir euch heute vorzulegen haben.«

Er ergriff ein Heft, welches vor ihm auf dem Tische lag, und indem er dasselbe flüchtig durchblätterte, sprach er:

»Ihr erinnert euch, meine Freunde, daß im vorigen Jahre bei dem Kongreß zu Genf ein Gutachten des Pariser Zweiges der internationalen Assoziation aufgestellt wurde, welches sehr wesentlich von den Tendenzen der Schweizer, der Deutschen und der Engländer abwich. Ihr alle habt das Gutachten, die Richtschnur eures Handelns, akzeptiert.«

»Jawohl – jawohl,« sagten mehrere. »Laßt uns kurz die Sätze des Gutachtens noch einmal hören,« rief eine Stimme.

Tolain schlug das Heft in seiner Hand auf und sprach, den Blick auf eine Seite desselben gerichtet:

»Wir stellen als das Ziel unseres Strebens die Herstellung eines Gesellschaftszustandes auf, der auf folgenden Prinzipien basieren müßte:

Erstens: Man soll für geliehenes Geld keine Zinsen nehmen, denn nur die produktive Arbeit hat ein Recht auf Ertrag, und das Kapital darf nur insoweit an demselben partizipieren, als es das Mittel zur Produktion bildet und als sein Besitzer an der Arbeit teilnimmt.

Zweitens: Es soll dem freien Austausch der Arbeitsprodukte weder innerhalb eines Landes, noch im internationalen Verkehr irgendein Hindernis in den Weg gelegt werden, denn das Erzeugnis der Arbeit ist das natürlich unbestreitbarste und heiligste Eigentum des arbeitenden Menschen, und kein Gesetz darf der Verfügung über dies Eigentum Schranken setzen.

Drittens: Niemand darf sich weigern zu arbeiten, die natürliche Folge des ersten Grundsatzes, nach welchem das Kapital ohne Arbeit keinen Ertrag liefert.

Viertens: Keine öffentlichen Schulen, kein Schulzwang und kein unentgeltlicher Unterricht, aber Lehrfreiheit für jedermann. – Jeder soll seine Kinder unterrichten wie, wann und wo er will, und unentgeltlich darf nichts in der Gesellschaft der Arbeit sein, da sie jedem das Recht auf Arbeit gibt und keine Armut kennt.

Fünftens: Eine gemeinsame gesetzliche Ordnung für alle Genossenschaften zu produktiver Arbeit.«

»Das ist eine Beschränkung der Freiheit!« rief eine Stimme.

»Ohne Beschränkung der Freiheit des einzelnen zugunsten der Allgemeinheit ist die Gesellschaft eine Horde von wilden Barbaren!« rief Tolain mit voller Stimme, »die Tiere der Wüste haben die Freiheit ohne Schranke und Gesetz, der Mensch –«

»Aber –« warf dieselbe Stimme ein.

»Still, still!« riefen mehrere, »weiter, weiter, keine Diskussion, die Sache ist ja schon beschlossen, keine Unterbrechung!«

Die Ruhe war schnell hergestellt. Tolain fuhr fort:

»Sechstens: Direkte Steuern; dies folgt natürlich aus dem zweiten Punkte, denn jede indirekte Steuer ist eine Beschränkung des freien Austausches.

Siebentes: Ein Volksheer, kein Soldaten stand, der in der Gesellschaft der Arbeit unmöglich und widersinnig ist. – Dies die allgemeinen Prinzipien als große Zielpunktes unseres Strebens. Für die gegenwärtige Zeit und ihre Kämpfe wurde noch als praktisch maßgebend aufgestellt: Kein Streik ohne genaue vorherige Überlegung, Feststellung der Grundsätze und Sicherung der Mittel zu seiner erfolgreichen und vollständigen Durchführung. Endlich: Ausschluß aller politischen Fragen, insbesondere der polnischen. – Ihr erinnert euch, daß einige Schweizer und Engländer diese Frage zu einem Gegenstände unserer Agitation machen wollten.«

Er schwieg einen Augenblick.

»Da wir einmal den Inhalt des für unseren Verein als maßgebend festgestellten Gutachtens rekapituliert haben,« sagte Varlin, einen raschen, scharfen Blick über die Versammelten werfend, »so mag es mir erlaubt sein, historisch zu bemerken, daß ich und unser Freund Bourdon hier ein Minoritätsgutachten aufstellten, welches einige weitere Punkte enthielt und sich den Ansichten der Engländer und Deutschen mehr näherte.«

»Welche Punkte?« fragte man von mehreren Seiten.

»Wir wollten,« sagte Varlin, »das Erbrecht bei gewissen Verwandtschaftsgraden aufheben und den Grund und Boden für allgemeines Eigentum der arbeitenden Gesellschaft erklären.«

»Sehr gut! – Sehr richtig!« rief man hier und da. »Nein – nein,« ertönten andere Stimmen, »eine Beschränkung des Erbrechts greift in die Freiheit der Verfügung über den Ertrag meiner Arbeit; wenn ich den Boden durch meine Arbeit verbessere, so will ich auch die Frucht davon genießen.«

Die Bewegung wurde unruhig, einzelne erhoben sich laut sprechend und gestikulierend.

Tolain schlug mit der Hand auf den Tisch.

»Das Gutachten der Minorität liegt in unseren Akten!« rief er mit ernster, den Lärm beherrschender Stimme, »aber unsere Freunde Varlin und Bourdon haben die Grundsätze der Majorität angenommen und ihre Namen stehen, und zwar derjenige Bourbons an der Spitze der sechzehn Unterschriften des als maßgebend aufgestellten Schriftstückes. Es kann also jetzt keine Diskussion darüber stattfinden.«

Er warf einen halb fragenden, halb vorwurfsvollen Blick auf Barlin.

»So ist es,« erwiderte dieser, »das Majoritätsgutachten ist maßgebend, ich wollte keine Diskussion anregen, sondern nur die historische Darstellung vervollständigen.«

Das Gewirr der Stimmen im Zimmer beruhigte sich. Tolain fuhr fort:

»Ihr wißt, daß die hiesige Polizei, welche keinen von uns bei der Rückkehr von Genf belästigte, einige auswärtige Mitglieder bei der Rückreise arretierte und ihre Papiere mit Beschlag belegte. Odger und Cremer, die Engländer, reklamierten den Schutz ihrer Gesandtschaft, und dieselbe trat für sie ein.«

»Ob das die französischen Gesandten für uns auch getan hätten?« fragte man aus der Versammlung.

Ohne die Frage zu beachten, sprach Tolain weiter:

»Die Inhaftierten wurden in Freiheit gesetzt, und nach langem Zögern und weitläufigen Erörterungen wurden ihnen auch ihre Papiere zurückgegeben. Unter diesen Papieren nun, welche so in den Besitz der Regierung gekommen waren, befand sich auch unser Gutachten, und dies wurde die Veranlassung, daß der Staatsminister Rouher den ersten Unterzeichner desselben, Bourdon, zu sich rufen ließ.«

»Ah – ah!« hörte man von allen Seiten, »der Staatsminister, Bourdon, das ist interessant!«

»Ich bitte nun unseren Freund Bourdon,« sagte Tolain, »selbst über seine Unterredung mit dem ersten Minister des Kaisers zu berichten.«

Bourdon, auf den sich in diesem Augenblick alle Augen richteten, setzte sich gerade auf seinen Stuhl, wendete sich halb nach den versammelten Arbeitern hin und sprach mit etwas trockener, eintöniger Stimme, aber klarer und scharfer Betonung:

»Ich wurde in das Kabinett des Staatsministers geführt, derselbe –«

»Wie war der Empfang? – war der Minister artig?« fragte man aus der Versammlung.

»Sehr artig,« sagte Bourdon, »voll Wohlwollen und Freundlichkeit. Eine Abschrift der Denkschrift lag auf dem Tisch.

›Ich habe Ihr Gutachten gelesen,‹ sagte Herr Rouher, ›es hat mein hohes Interesse erregt, und ich freue mich zu sehen, daß die Fragen, in welchen sich das höchste Interesse der Arbeiter konzentriert, Gegenstand eines so tiefen und ernsten Studiums von Ihrer Seite gewesen sind.‹

Ich verneigte mich schweigend.

›Sie werden wünschen,‹ fuhr der Minister fort, ›daß diese Denkschrift nicht nur in den Archiven Ihres Vereins bleibe, Sie werden dieselbe in Frankreich in Zirkulation setzen wollen?‹

Ich erwiderte, daß dies allerdings unser Wunsch sein müsse, da unser Ziel darauf hinausgehen müsse, alle Arbeiter zu einer Gesamtassoziation zu vereinigen und für die Bestrebungen derselben die in unserem Gutachten enthaltenen Grundsätze als Zielpunkte aufzustellen.

›Ich sehe kein Bedenken,‹ sagte Herr Rouher, ›diese Grundsätze den französischen Arbeitern mitzuteilen, sie enthalten im allgemeinen keine Feindseligkeiten gegen die bestehenden Fundamente der Staatsordnung, und in einem Lande wie Frankreich, in welchem der Wille des Volkes maßgebend ist, in welchem der Souverän selbst sich stets daran erinnert, daß er nur als erster Mandatar des souveränen Volkswillens die Nation auf dem Throne repräsentiert, soll jedermann das Recht haben, Grundsätze auszusprechen, welche keine verbrecherische Auflehnung gegen die Ordnung enthalten. Wenn ich also,‹ sagte der Minister weiter, ›gegen die Verbreitung der Grundsätze Ihrer Denkschrift im allgemeinen nichts einzuwenden haben würde, so finden sich in derselben doch Ausdrücke, Wendungen, Phrasen, welche zu Mißdeutungen Veranlassung geben könnten und bei ängstlichen Gemütern, zu denen der Kaiser und seine Regierung nicht gehören, die Furcht hervorrufen könnten, als sei hier ein Angriff gegen die geordnete Sicherheit der Gesellschaft versteckt. Es käme also darauf an, die Redaktion des Schriftstückes noch einmal genau zu prüfen, zu sehen, ob nicht hier eine bedenkliche Wendung zu beseitigen, an anderer Stelle vielleicht ein Satz einzuschalten wäre.‹

Der Staatsminister nahm die Denkschrift zur Hand und schlug mir vor, sie mit ihm durchzugehen, um mir seine Vorschläge in betreff derartiger Modifikationen zu machen.

Ich lehnte dies ab.« –

»Gut – gut,« rief man, »was wir wollen, ist gut und klar, wir haben nichts zu bemänteln.« –

Bourdon erhob die Hand. Man schwieg.

»Ich erwiderte Herrn Rouher, daß ich für seine freundliche Beurteilung unserer Grundsätze sehr dankbar bin, daß wir alle gewiß nicht die Absicht hätten, irgendwie gewaltsam die bestehende Ordnung anzugreifen, daß wir vielmehr nur innerhalb der gesetzmäßigen Ordnung die Macht des koalierten Arbeiterstandes zu einer Reform dieser Gesellschaftsordnung in Anwendung zu bringen bezweckten. – Auf der anderen Seite aber seien unsere Grundsätze klar und bestimmt, sie seien das Resultat langen Studiums und Nachdenkens, sie seien von unseren Freunden zum Beschluß erhoben und auch die Form der Ausdrucksweise sei eingehend diskutiert und nach reiflicher Erwägung festgestellt, sollten wir die Form ändern, so würden wir den Sinn ändern, wir hätten unseren Gedanken die treffendsten Ausdrücke gegeben, und ich hielte es nicht für möglich, in anderen Wendungen dieselben Gedanken mit demselben Freimut und derselben Wahrheit auszusprechen.«

Er hielt inne und blickte fragend auf die Versammelten.

Ein allgemeiner Ruf der Zustimmung tönte ihm entgegen. »Wir haben nicht nötig, uns unsere Denkschrift redigieren zu lassen,« rief man, »wir wollen unsere Selbständigkeit erkämpfen und nicht damit beginnen, uns unter polizeiliche Vormundschaft zu stellen!«

»Es freut mich, meine Freunde,« fuhr Bourdon fort, »daß ich für mein Verhalten, das ich nach meiner gewissenhaften Überzeugung glaubte beobachten zu sollen, eure Zustimmung finde.«

»Und was sagte der Minister?« fragte man, »wie nahm er die Ablehnung auf?«

Bourdon schwieg einen Augenblick, warf einen Blick auf ein kleines Papier, das er in der Hand hielt und auf welchem er einige Notizen gemacht zu haben schien, und sprach dann unter tief aufmerksamer Stille weiter:

»Herr Rouher schien von meiner Weigerung ein wenig betroffen zu sein, er sann einige Zeit nach und sagte dann, es werde ihm schwer werden, unter diesen Umständen die Verbreitung der Denkschrift zu erlauben. ›Sie wissen,‹ bemerkte er mit vertraulicher Freundlichkeit, die Regierung – der Kaiser selbst – werden so vielfach vor den Bestrebungen der internationalen Assoziation gewarnt, nicht jeder kennt Ihre Grundsätze, wie ich sie kenne, und beurteilt sie, wie ich sie beurteile – und wie der Kaiser sie beurteilt, man hat auf Bedenklichkeiten, selbst auf fremde Regierungen Rücksicht zu nehmen, ich hätte so gern gewünscht, Ihnen entgegenzukommen – bei entsprechenden Modifikationen hätte man vielleicht sogar eine Basis für die legale Existenz Ihres Vereins finden können, welche demselben, wie Sie wissen, bis jetzt fehlt.‹

Ich erwiderte, daß nach dem Rat unseres Advokaten wir nicht einen französischen Verein gebildet, sondern uns als Zweigverein der in London zentralisierten allgemeinen Arbeiterassoziation konstituiert hätten, da die Mitgliedschaft an ausländischen in den betreffenden Ländern erlaubten Vereinen nach dem französischen Gesetz nicht verboten sei, weshalb wir glaubten, auf völlig legalem Boden zu stehen, auch sei uns ja bis jetzt von seiten keiner Behörde irgendeine Bemerkung zugegangen, welche uns etwas anderes könne voraussetzen lassen. –

Herr Rouher lächelte und meinte achselzuckend, die Legalität unserer Existenz dürfte sehr zweifelhaft und sehr leicht anzufechten sein, und sie würde wohl schon zum Gegenstände polizeilicher oder gerichtlicher Erhebungen geworden sein, wenn nicht die Regierung des Kaisers, durchdrungen von der sympathischen Teilnahme, welche der Souverän selbst allen Interessen des Arbeiterstandes stets zuwende, alle Erörterungen über die Legalität des Vereins so lange hinausgeschoben habe, bis dessen Tendenzen sich gegen die Grundordnungen des Staates richten sollten. ›Es ließe sich übrigens,‹ fuhr der Minister fort, ›die mangelnde oder zweifelhafte Legalität in irgendeiner Weise ergänzen, wenn eben aus der Denkschrift über unsere Grundsätze klar und unzweifelhaft hervorginge, daß die Regierung in unserer Tätigkeit keine Gefahr zu erblicken habe. – Sie haben diese Garantien,‹ sagte er, ›an denen uns für unsere Haltung Ihnen gegenüber viel gelegen wäre, durch eine Modifikation des Textes Ihrer Denkschrift nicht geben wollen, ich kann das begreifen, wenn man von der Wahrheit seiner Grundsätze überzeugt ist, mag man dieselben nicht verhüllen, indes, es ließe sich eine solche Garantie vielleicht in anderer, für Sie gewiß weniger bedenklicher Weise schaffen, es ist ein persönlicher, rein persönlicher Rat, den ich Ihnen gebe. Sie wissen selbst, wieviel der Kaiser stets für die arbeitenden Klassen getan hat, wie sehr ihm das Schicksal dieser Klassen am Herzen liegt, wie er schon als Prinz in der Verbannung alle die Probleme studiert, welche Sie beschäftigen, und in wie freisinniger Richtung er deren Lösung gesucht, was wäre natürlicher, als daß Sie einige Worte des Dankes und der Anerkennung für den Kaiser in Ihr Mémoire aufnähmen, sei es am Schlusse oder in der Einleitung oder an einer sonst entsprechenden Stelle. – Eine solche Stelle, die ja an dem vollen und wahren Ausdruck Ihrer Grundsätze nichts änderte oder abschwächte, würde der Öffentlichkeit gegenüber die Garantie gegeben, daß Sie nichts gegen die Staats- und Gesellschaftsordnung beabsichtigen, deren Schwerpunkt ja in dem Kaiser liegt.‹

Ich antwortete,« fuhr Bourdon fort, »daß ich keinen Grund habe, an dem hohen und sympathischen Interesse zu zweifeln, das der Kaiser an der Lage der Arbeiter nähme, indes müsse ich dem Minister bemerken, daß die internationale Assoziation keine Politik in keiner Richtung mache, und daß ich mich deshalb nicht für befugt erachten könne, meinerseits in einen solchen Zusatz zu unserer Denkschrift zu willigen, welcher zwar die in derselben ausgesprochenen Grundsätze nicht verändern, wohl aber – und das sei für uns von hoher Wichtigkeit – unsere volle Unabhängigkeit in Zweifel stellen könne. Ich müsse daher, und dazu sei ich gern bereit, diese Frage dem Pariser Zweig der Assoziation vorlegen – und dies, meine Freunde,« sagte er, das Auge auf den Kreis der Zuhörer richtend, »tue ich hiermit. Ich frage euch, wollt ihr die Erlaubnis der öffentlichen Verbreitung unserer Denkschrift in Frankreich durch den Ausdruck einer öffentlichen Anerkennung für den Kaiser erkaufen? – denn darum handelt es sich einfach – der Minister hat mich deutlich verstehen lassen, daß seine Erlaubnis der Verbreitung nur um diesen Preis zu erlangen wäre.«

Eine unruhige Bewegung machte sich in der Versammlung bemerkbar, doch ließ sich keine deutliche Ansicht vernehmen, jeder sprach zu seinen Nachbarn, die Stimmen wogten unverständlich durcheinander.

»Meine Freunde,« rief Tolain, »laßt mich, euren Vorsitzenden, zunächst meine ganz persönliche Ansicht über diesen Fall aussprechen. Mit Recht,« fuhr er fort, als eine allgemeine aufmerksame Ruhe wieder eingetreten war, »hat unser Freund Bourdon dem Minister gegenüber unseren ersten und wichtigsten Grundsatz betont, daß die internationale Assoziation keine Politik macht, doch bin ich zweifelhaft, ob dieser Grundsatz auf den vorliegenden Fall angewendet werden könne. Der Kaiser ist der durch die allgemeine Volksabstimmung erwählte Souverän unseres Landes –«

Ein Murren würde hie und da vernehmbar – Toulain schien es zu überhören.

»Es ist bekannt,« fuhr er fort, »daß er stets mit hohem Interesse die Arbeiterfragen verfolgt hat, er hat stets bewiesen, daß er den Wert der produktiven Arbeit zu schätzen weiß –«

»Cayenne!« rief eine Stimme.

»Warum also,« sprach Tolain mit unerschütterlicher Ruhe weiter, »warum sollten wir diese bekannte Tatsache, welche wir bei jedem Privatmanne anerkennen würden, nicht mit einigen Worten bei dem erwählten Oberhaupte der französischen Regierung dankend erwähnen? Ich würde nach meiner Überzeugung darin keinen Übergriff auf das politische Gebiet erblicken, doch,« fügte er hinzu, »ich bitte, daß die Rücksicht auf mich und diese meine rein persönliche Überzeugung keinen von euch in seiner Ansicht bestimmen möge – beschließt nach eurem Gewissen, was ihr unserer Sache für nützlich haltet, und erlaubt mir nur noch zu bemerken, daß es für die Verbreitung unserer Ideen allerdings von hoher Wichtigkeit ist, unsere Denkschrift öffentlich und unbehindert in Zirkulation setzen zu dürfen.« Er schwieg. Jetzt wurden die Stimmen lauter.

»Der Kaiser hat allerdings viel für uns getan, er hat sich oft als Freund der Arbeiter gezeigt!« rief man hier. – »Was?« ertönte es auf der anderen Seite, »wir sollen Polizeiagenten sein, wir sollen dem danken, der unsere Brüder auf der Straße niedergeschossen hat?« – »Nieder mit Badinguet! Kein Wort für ihn!« – »Wenn der Kaiser nicht für uns wäre, hätte man uns längst aufgelöst!« rief man dagegen, »das verdient wohl ein Wort der Anerkennung!« Die Stimmen schwirrten durcheinander, doch schien die Mehrzahl – wenn auch nur durch Stillschweigen – sich auf die Seite des Einverständnisses mit den Wünschen des allmächtigen Staatsministers zu neigen.

Da erhob sich Varlin – ein düsteres Feuer blitzte aus seinen Augen, ein Ausdruck von grimmigem Haß und Hohn zuckte um seine Lippen, er streckte die Hand gegen die Versammlung aus, und rasch trat rings die Ruhe ein –, es lag wie ein gebieterischer Befehl auf diesem willensmächtigen Gesicht, das da plötzlich aus seiner Verschlossenheit heraustrat. Jedermann wollte hören, was Varlin sagen werde.

»Meine Freunde,« begann er mit ruhiger, kalter Stimme, welche nicht mit der Erregung seiner Züge in Übereinstimmung zu stehen schien und welche nur durch ihren gepreßten, von starkem Willenszwange zurückgehaltenen Ton auf die Gärung in seinem Innern schließen ließ, »meine Freunde, ich kann nicht mit der Ansicht unseres vorsitzenden Schriftführers übereinstimmen, daß die von dem Minister Rouher gewünschte Danksagung für den Chef der gegenwärtigen Staatsgewalt ein Akt wäre, der nichts mit der Politik zu tun hat. Ich würde seine Ansicht vielleicht teilen oder mich derselben stillschweigend anschließen, wenn der Chef der Staatsgewalt der verfassungsmäßig erwählte Präsident einer Republik oder selbst wenn er der althistorisch legitime Monarch einer festbegründeten Monarchie wäre, dann stände er als der verkörperte Vertreter des Gesetzes und der Ordnung über den Parteien und den politischen Kämpfen. – Aber, meine Freunde,« rief er mit lauter, schneidender Stimme, »ist derjenige, für welchen hier von uns eine Anerkennung seiner Fürsorge für den Arbeiterstand verlangt wird, ist dieser Mann, welcher das Schicksal Frankreichs in seiner unsicher schwankenden Hand hält, ist er der Vertreter des Gesetzes? Er, der allem Gesetz zum Trotz die Republik, der er seinen Eid geschworen hatte, schmählich und heimtückisch meuchelmordete, während er, ihr erster Beamter, sie hätte schützen und verteidigen sollen! – Ist er ein Vertreter des Gesetzes, der ruhige und brave Bürger mit Kanonen zusammenschießen ließ, um diejenigen einzuschüchtern, welche nicht wie er den Eid brechen wollten, den er der Republik geleistet? Er – der nach der Laune seines despotischen Willens so viele unserer Freunde in die giftigen Sümpfe der fernen Kolonien verbannte! Ist er der Erwählte des Volks, der durch die in Blut gebadete, durch die Bajonette zu zähneknirschender Ruhe niedergetretene Nation die Komödie der allgemeinen Abstimmung aufführen ließ? Ist er der legitime Monarch, der berufene Vertreter Frankreichs, der, um von dem russischen Autokraten sich »mein Bruder« nennen zu lassen, die Söhne Frankreichs in der Krim zu Tausenden opferte, der sie abermals nutzlos in Mexiko schlachten ließ, um die schmutzigen Taschen seiner großen Börsenspekulanten auf Kosten Frankreichs mit blutigem Golde zu füllen, und,« fügte er mit zischendem Hohnlachen hinzu, »der im vorigen Jahre, als wirklich Frankreichs Macht und Stellung in Europa auf dem Spiel stand, untätig zusah, wie Deutschland unter die Herrschaft des berufsmäßigen Militarismus getreten wurde? – Nein, meine Freunde, nein, dies ist keine gesetzliche Regierung, keine Vertreterin der Gesellschaftsordnung – es ist Mandrin mit seiner Bande, welche sich in den Besitz der Autorität des Staates gesetzt hat, und diese Autorität mißbraucht zu Raub und Plünderung!«

Ein eisiges Stillschweigen lag auf der Versammlung, entsetzt hörten alle diese Männer die furchtbaren Worte des Redners, welcher so von der Macht sprach, vor welcher Europa sich beugte, deren eiserne Hand über ihren Häuptern ruhte, und welche mit einem Augenwink jeden von ihnen dem Verderben preisgeben konnte.

Varlin hielt einen Augenblick inne – seine vor heftiger Erregung fast verzerrten Züge nahmen ihren kalten, verschlossenen Ausdruck wieder an, und mit ruhigerer Stimme sprach er weiter:

»Das ist meine Meinung – ich muß sie aussprechen, um meine Ansicht zu begründen. Ich will darum keine Feindseligkeiten gegen die Regierung, die uns schaden und im jetzigen Augenblick erfolglos sein würden, gehen wir unseren Weg und überlassen wir sie dem ihrigen – der sie sicher zu dem elenden Untergang führen wird, den sie verdient. Aber,« fuhr er mit erhöhtem Ton fort, »ich kann nicht zugeben, daß eine dankende Anerkennung – dieser Regierung ausgesprochen – keine Politik sei. Durch einen solchen Ausspruch würden wir, die Vertreter des wahren, des arbeitenden Volkes, alle ihre Verbrechen sanktionieren, wir würden uns mit dieser Regierung identifizieren – wir würden uns zu Agenten ihrer Polizei machen – wir würden uns mißbrauchen lassen, damit man von den Tuilerien aus zu den Fürsten Europas sprechen könnte: ›Seht, ich bin der wahrhaft legitime Souverän, denn hinter mir steht das wirkliche Volk, hütet euch, denn ich kann die Revolution entfesseln, ohne von ihr verschlungen zu werden – sie dient mir – sie wird für mich streiten!‹ – damit man zu der Bourgeoisie und zu der Opposition im Corps législatif sprechen könnte: ›Ich bin der wahre Schützer der Gesellschaftsordnung, denn ich halte den Schlüssel der sozialen Zukunft in Händen, ich habe die Macht, die Zukunftsentwicklung ruhig und gefahrlos zu lenken, hütet euch, daß ich diese Zukunft nicht in gewaltigem Drange plötzlich über euch hereinbrechen lasse – ich darf das wagen, denn die Brandung, die euch verschlingen würde, schlägt, meinem Winke gehorsam, vor den Stufen meines Thrones nieder!‹ – das, meine Freunde, ist die Politik, die wir machen würden, wenn wir die Anerkennung und Dankbarkeit aussprächen, welche man von uns verlangt; wir haben aber zum Grundsatz erhoben, keine Politik zu machen, am allerwenigsten also diese, denn sie wäre eine Politik des Verbrechens, der Torheit – und der Schande!«

Er setzte sich nieder und blickte mit vorgesenktem Kopfe still vor sich hin. Eine Bewegung entstand in der Versammlung, die fast ein Tumult war. »Varlin hat Recht!« rief man hier, »wir wollen nichts mit der Regierung zu tun haben, es wäre eine Schande, ein Verrat an unsern Brüdern!« – »Der Kaiser ist uns freundlich gesinnt,« riefen andere, »wir wollen nichts gegen ihn tun, er hat die Macht, uns zu verderben, er allein schützt uns gegen die Geldmänner!«

Tartaret sprang auf. »Nichts für die Regierung!« rief er überlaut, »soll man von uns sagen, daß Geld der Polizei unter uns gesteckt sei, daß wir Emissäre des Palais Royal seien? Wir wollen keine Plonploniers!«

»Keine Plonploniers, keine Plonploniers!« rief man hier, »Nichts gegen den Kaiser!« auf der andern Seite, Gruppen bildeten sich – finstere und drohende Blicke flogen herüber und hinüber.

Bei dem Ruf: »keine Plonploniers!« wurde Tolain bleich wie der Tod. Seine Lippen bebten, er winkte mit der Hand.

»Meine Freunde,« rief er, »ich bitte euch, keine Erregung, keine Spaltung, um der heiligen Sache willen, der wir alle dienen, beschwöre ich euch!« Eine augenblickliche Ruhe trat ein.

»Ich war der Ansicht,« sagte Tolain, mühsam seine innere Bewegung niederdrückend, »daß der kleine Zusatz zu unserer Denkschrift nicht die Natur einer politischen Kundgebung habe, ich sehe, daß unser Freund Varlin und viele unter euch anderer Ansicht sind, um keinen Preis soll diese Frage Zwietracht unter uns säen, ich trete Varlins Ansicht bei.«

»Bravo, bravo!« riefen viele Stimmen. Ein dumpfes Murren erhob sich unter den kaiserlich Gesinnten.

»Ich glaube auch nicht,« fuhr Tolain fort, »daß eine Verweigerung der gewünschten Ergänzung unserer Denkschrift als eine Feindseligkeit gegen den Kaiser und seine Regierung erscheinen müsse. Unser Freund Bourdon hat dem Staatsminister bereits gesagt, daß es der oberste Grundsatz der internationalen Assoziation sei, keine Politik zu machen, halten wir diesen Grundsatz fest – bitten wir Bourdon, daß er in aller Freundlichkeit und Ehrerbietung Herrn Rouher erkläre, nach Beratung mit seinen Freunden könne er sich nicht entschließen, in diesem Falle eine Ausnahme von jenem allgemeinen Grundsatz zu machen.«

Bourdon neigte zustimmend den Kopf.

»Aber dann wird unsere Denkschrift nicht verbreitet werden!« rief eine Stimme.

Tolain lächelte ruhig. »Ich glaube doch,« sagte er, »man kann sie in einem in London in französischer Sprache erscheinenden Journal, dessen Eingang in Frankreich bis jetzt nicht verboten ist, abdrucken lassen, und auf diesem Umwege wird sie schnell und sicher in aller Hände sein!«

Varlin erhob den Kopf und reichte Tolain die Hand.

Die Ruhe in der Versammlung stellte sich wieder her, niemand bemerkte weiter etwas.

Die Eingangstür öffnete sich – George Lefranc trat ein, zeigte dem alten Buchhändler Héligon seine Karte, derselbe verglich deren Namen mit den Listen und nickte schweigend mit dem Kopf. Der junge Arbeiter setzte sich auf einen Platz in der ersten Reihe, den die Umsitzenden, ihn freundlich begrüßend, ihm einräumten. Der junge Mann blickte mit seinen tiefen, sinnenden Augen vor sich hin wie in stille Träumerei versunken, auf seinem bleichen Gesicht lag etwas wie ein Schimmer der Verklärung; es schien, als ob er wie mechanisch in diese Versammlung gekommen sei und kaum wisse, wo er sich befinde.

»Ich gehe zum nächsten Gegenstande über, mit dem wir uns zu beschäftigen haben,« sprach Tolain. »Die Arbeiter in den großen Schneidermagazinen haben eine Erhöhung ihres Lohnes gefordert und die Arbeit eingestellt. Sie wenden sich an uns mit der Bitte um moralische und, wenn es sein kann, materielle Unterstützung, um ihren Streik durchzuführen, dagegen wollen sie sämtlich der Assoziation beitreten. Wir haben die Sache geprüft und erwogen. Keiner jener Arbeiter ist bisher Mitglied unseres Vereins gewesen, ihre Lage ist eine verhältnismäßig gute und wir haben die Überzeugung gewonnen, daß es nicht sowohl eine berechtigte Notwendigkeit ist, welche jetzt ihr Handeln bestimmt, als der Wunsch, ihren Anteil an der Ausbeutung der zur Weltausstellung in Paris zusammenströmenden Fremden zu gewinnen. Wir glauben nicht, daß es im Interesse des Arbeiterstandes im allgemeinen liegt, diesen Streik zu unterstützen, und können auch nicht annehmen, daß der Eintritt jener Arbeiter in unsern Verein aus augenblicklichen und eigennützigen Motiven uns Nutzen bringen werde. Deshalb schlagen wir Euch vor, das Gesuch zurückzuweisen.«

»Zurückweisen – zurückweisen!« rief man allgemein, »sie wollen uns benützen, um ihre Taschen zu füllen, mögen sie allein sehen, wie sie fertig werden!«

»Unser Beschluß ist also gefaßt!« sagte Tolain.

»Doch nun, meine Freunde,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, »kommen wir zu einer Angelegenheit, welche von höherer Bedeutung ist, und in welcher die internationale Assoziation die Aufgabe hat, frei und rücksichtslos vor aller Welt sich zu einer großen Wahrheit, welche das Fundament unserer Bestrebungen bilden muß, zu bekennen!«

Unter einer allgemeinen, tiefen Stille sprach er weiter: »Ihr werdet wohl alle, meine Freunde, von den Vorfällen in Roubaix gehört haben –«

»Ja wohl, ja wohl,« rief man von allen Seiten, »das ist ein tüchtiger Streich gegen die Tyrannen vom Kapital! – diesmal werden sie es empfinden!« –

Tolain ließ seinen Blick ernst und streng über die Versammlung streifen. »Die Arbeiter von Roubaix,« sagte er, »waren mit verschiedenen Bestimmungen der Fabrikordnung nicht einverstanden, sie stellten die Arbeit ein, um deren Änderung zu erzwingen, sie waren dabei in ihrem Recht. – Aber, meine Freunde,« fuhr er mit erhobener Stimme fort, »jene Arbeiter waren auch unzufrieden mit einer Verbesserung der Maschinen, welche erlaubte, bei geringerer Arbeitskraft bessere Erzeugnisse zu schaffen, und sie haben sich zu Exzessen hinreißen lassen, sie haben die Maschinen zertrümmert, die Fabriken verbrannt, und damit die Sache des Arbeiterstandes schwer kompromittiert, diese heilige uns allen gemeinsame Sache mit einem schwarzen, schlimmen Flecken beschmutzt!«

»Und hatten sie nicht Recht, ihre Macht zu zeigen und zu gebrauchen?« rief eine Stimme mit energischem, trotzigem Ton.

»Nein,« sagte Tolain, »sie hatten nicht Recht, sie hatten tausendmal Unrecht, denn sie haben einen Akt des Vandalismus ausgeübt gegen die Maschine, diese herrlichste Erfindung des Menschengeistes, welche die produktive Arbeit zu immer größeren Dimensionen entwickelt und damit auch den Wert und die Notwendigkeit der menschlichen Arbeitskraft erhöht, dieser durch eigenen intelligenten Willen bewegten Maschine, welche trotz allen Fortschritts der Mechanik durch kein Werkzeug zu ersetzen ist; sie haben Unrecht, weil sie bei allen denkenden und rechtlichen Menschen Zweifel an der Gerechtigkeit unserer Sache erweckt haben, weil sie alle Freunde der Ordnung und Sicherheit gegen uns in die Schranken rufen! Wir haben beschlossen,« fuhr er den Kopf hoch aufrichtend und mit stolzem und kühnem Blick die Versammlung überschauend fort, »eine Proklamation zu erlassen, welche einen ernsten Tadel gegen das Vorgehen der Arbeiter von Roubaix ausspricht und uns vor der Welt öffentlich von einer moralischen Mitschuld an solchen Akten barbarischer Gewalttätigkeit reinigt. Diese Proklamation enthält zwei Sätze: –«

»Wir wollen keine Proklamation,« rief Tartaret, »die Arbeiter von Roubaix üben ihr Recht aus, man hat die Polizei, man hat Soldaten gegen sie gehetzt, wenn sie sich verteidigt haben, so trifft die Schuld diejenigen, welche zuerst die Gewalt zu Hilfe gerufen haben, wir dürfen unsere Brüder nicht verleugnen, wir können jeden Tag in die gleiche Lage kommen, wir wollen keine Polizeidienste tun!«

Tolain sprang auf.

»Es ist wider die von uns selbst festgestellte Ordnung,« rief er mit zitternder Stimme, »es verletzt die Achtung, die wir uns selbst schuldig sind, wenn ihr den Vortrag und die Mitteilungen eures Vorsitzenden unterbrecht!« –

»Hört ihn, hört ihn ruhig an, wir werden dann sehen,« rief man von mehreren Seiten, Tartaret schwieg.

»Unsere Proklamation,« rief Tolain, »erklärt, daß die wirtschaftliche Frage der Anwendung von Maschinen in der Fabrikproduktion sofort den Gegenstand ernster Untersuchung seitens der internationalen Assoziation bilden solle, der Verein stellt dabei seinerseits den Grundsatz auf, daß der Arbeiter das bestimmte Recht auf Erhöhung des Lohnes habe, sobald eine neue Maschine eine Vermehrung oder Verbesserung der Produktion ermögliche.«

»Gut – vollkommen richtig,« rief man, »nach diesem Grundsatz handeln auch die Weber von Roubaix.« –

»Dann aber,« sprach Tolain auf das Blatt in seiner Hand blickend weiter, »soll unsere Proklamation den Arbeitern von Roubaix sagen: ›Mögt ihr noch so vielen Grund haben, euch zu beklagen, mögen eure Forderungen noch so gerecht sein, wie wir glauben, daß sie es sind, hört auf uns und glaubt uns: die Maschine, das Werkzeug der Produktion, muß unverletzbar heilig sein für jeden Arbeiter, hört auf uns und glaubt uns: Gewaltakte, wie ihr sie begangen, kompromittieren eure Sache und diejenige des ganzen Arbeiterstandes – sie liefern Waffen allen Verleumdern unserer Bestrebungen und allen Feinden der Freiheit.« –

Er schwieg.

»Das heißt,« rief Tartaret, »ihr habt Recht, aber ihr dürft euer Recht nicht verfolgen! das heißt die Geschäfte der Polizei besorgen, eine solche Proklamation ist für die Regierung eine Armee in jenen Distrikten wert! Fragt man uns gegenüber,« fuhr er noch lauter fort, »so ängstlich nach den seinen Distinktionen des Rechts und des Unrechts? – Man besinnt sich nicht lange – man schlägt. – Wohlan, sollen wir unsere Brüder verhindern, zu schlagen, wo wir doch anerkennen, daß ihre Forderungen gerecht sind? Glaubt ihr, daß mit Worten und Phrasen die Mauern umgestürzt werden, welche uns die Welt des Lebensgenusses, des Genusses der Früchte unserer Arbeit verschließen? Je schneller und je schärfer geschlagen wird, um so schneller wird Licht in die Situation kommen. Wir dürfen diese Proklamation nicht erlassen!«

Eine ungeheure Bewegung entstand. Alles erhob sich und sprach durcheinander, man konnte die einzelnen Stimmen nicht mehr unterscheiden, die einzelnen Worte nicht mehr verstehen.

Tolain blickte traurig auf die stürmisch-bewegte Versammlung – sein Auge richtete sich wie hilfesuchend auf Varlin.

Varlin saß da mit unbeweglichen Zügen und niedergeschlagenen Augen – er schwieg.

Da trat langsamen Schrittes George Lefranc an den Tisch des Vorstandes. Er erhob die Hand zum Zeichen, daß er sprechen wolle, seine Blicke leuchteten, seine Züge waren von hoher Begeisterung belebt, unwillkürlich schwiegen die hin und her Streitenden beim Anblick dieses jungen Mannes mit dem gebietend ausdrucksvollen Gesicht, neugierig, was er, der noch nie hier gesprochen, zu sagen haben würde.

Tolain sah ihn erstaunt an, Varlin erhob von unten herauf einen Augenblick sein scharfes Auge zu ihm.

»Meine Freunde,« rief George mit lauter, den Raum voll durchdringender Stimme, »hört mich an, mich, einen der Jüngsten unter euch, der nichts in der Welt hat, als seine Arbeit und die Hoffnungen seiner Zukunft, je jünger ich bin, um so höheren Wert haben diese Hoffnungen für mich, um so mehr bin ich berechtigt, für sie und ihre Erfüllung zu sprechen.«

Die Ruhe stellte sich nach diesen Worten vollständig wieder her, jedermann hörte zu.

»Wofür arbeiten, wonach streben wir, meine Freunde?« sprach der junge Wann weiter, »wir wollen, wir, die wir alles hervorbringen durch die Arbeit unserer Hände, was zum Genusse, zur Verschönerung des Lebens gehört, wir wollen unsern Teil an diesem Genuß, wir wollen unsern Platz in dem Gebiet der edlen Freuden des Geistes und des Herzens, welche bisher diejenigen, die nicht arbeiten, für sich allein in Anspruch nahmen. Wir wollen die Bildungsmittel – wir wollen die Wissenschaft und Kunst für uns erobern, wir wollen vor allem,« sagte er mit warmer Betonung, »das Recht und den Raum uns erwerben zur Gründung der eigenen Heimat, des eigenen Herdes, wir wollen dahin kommen, daß der Ertrag der Arbeit nicht bloß die Maschine unseres Körpers erhalte, sondern uns auch die Mittel gebe, uns freundliche, reizvolle Heimstätten zu bereiten.«

Es klang wie ein leichtes, höhnisches Lachen aus den Reihen der Versammelten hervor. – »Still, still,« riefen andere Stimmen, »er hat Recht, hört ihn!«

»Ich frage euch alle,« rief George, »ist das nicht die Hoffnung, die euch belebt, der Gedanke, der euch bewegt? Ihr, meine älteren Freunde, treibt euch bei dem Werke unserer Assoziation nicht der Schmerz, daß ihr der Gründung des eigenen Herdes habt entsagen müssen, oder der noch größere Schmerz, daß ihr an diesem Herde, den ihr so gern mit den reinen Blüten der Freude geschmückt hättet, den Druck der Armut und Entbehrung noch bitterer habt empfinden müssen, weil dieser Druck nicht auf euch allein, sondern mit euch auf geliebten Wesen lastete? Wollt ihr, da ihr selbst so schwer gelitten habt, jetzt nicht dafür kämpfen, daß folgende Generationen den Schmerz nicht erleben müssen, den ihr durchgekämpft habt in stiller, knirschender Entsagung?«

»Ja – ja,« rief es hier und da in bewegtem Tone.

»Und ihr, meine Altersgenossen,« fuhr der junge Mann mit glühenden Blicken fort, »mögt ihr nun in bestimmten Zügen ein teures Bild im Herzen tragen, oder mögt ihr nur ganz allgemein das Weben des reinen und heiligen Liebesgeistes in euch fühlen, der die geschaffene Welt durchzieht, ist es nicht die Sehnsucht, die Hoffnung, eine Heimat auf festerem Fundament zu bauen, sie zu schmücken mit dem Reiz einer vom Druck der Armut freien Häuslichkeit, euer Weib, eure Kinder zu umgeben mit des Lebens einfachen, reinen Freuden, ist es nicht diese Sehnsucht, diese Hoffnung, die euch treibt zum ernsten und unermüdlichen Kampfe um eure Befreiung aus dem Druck eurer gegenwärtigen Lage?«

»Ja – ja – ja – so ist es,« riefen lautere und zahlreichere Stimmen rings umher.

»Nun denn, meine Freunde,« sprach George weiter, »wenn das euer Streben ist, wie es das meinige ist, wie es das jedes braven und redlichen Arbeiters sein muß, kann dies Ziel erreicht werden, wenn die Arbeiter in erklärlichem, aber ungerechtem Zorn zerstören statt zu bauen, wenn sie die heiligen Werkzeuge der produktiven Arbeit zerschlagen und verbrennen, wenn sie die Welt zertrümmern, in welcher sie sich den Platz erkämpfen wollen, um ihre Heimat zu bauen? Wenn wir die Welt zur Wüste machen, wo sollen wir die Stätte finden für die glückliche Zukunft, nach welcher wir ringen? Nicht der sinnlose und unfruchtbare Haß darf uns leiten zur Vernichtung dessen, woran wir keinen Teil haben, in ruhigem, überlegtem und geduldig kraftvollem Streben müssen wir den Anteil uns erkämpfen, der uns jetzt versagt ist. – Darum müssen wir um unseres künftigen Glückes, um unserer künftigen Heimatsberechtigung willen in der Welt des edlen Lebensgenusses die rohe Gewalttat verdammen, wir müssen laut vor der Welt unser Urteil und Bekenntnis aussprechen – und ich, meine lieben Freunde, ich bitte euch aus tiefem, überzeugungsvollem Gefühl meines Herzens, wie unsere Vorsitzenden euch aus klugen und wohlüberlegten Gründen des Verstandes gebeten haben: nehmt die vorgeschlagene Proklamation an!«

Tartaret wollte noch einmal sprechen – aber er wurde übertäubt von den lauten Zustimmungsrufen, die von allen Seiten den Worten des jungen Arbeiters folgten, viele eilten zu ihm heran und drückten ihm die Hände.

Tolain erhob sich.

»So seid ihr denn einverstanden mit unserer Proklamation an die Arbeiter von Roubaix?«

Ein lautes, fast einstimmiges Ja ertönte – die wenigen Andersdenkenden schwiegen – sie mochten es für überflüssig halten, bei dieser Stimmung der Versammlung ihre Meinung auszusprechen.

Tolain nahm die Proklamation; deren Ausfertigung auf dem Tische lag, und setzte darunter die Wort: »Im Auftrage der pariser Kommission«. Dann schrieb er seinen Namen und reichte die Feder Varlin.

Varlin ergriff sie schweigend, ohne ein Wort zu sprechen, setzte er seinen Namen neben denjenigen Tolains. Der dritte Schriftführer Fribourg unterzeichnete nach seinen beiden Kollegen.

Tolain erklärte die Gegenstände der Besprechung für erschöpft, die Versammlung für geschlossen.

In laut diskutierenden Gruppen gingen die Arbeiter aus dem Hause und zerstreuten sich bald in die nächsten Straßen.

Einsam schritt George durch die Nacht hin, lächelnd und glücklich – und leise flüsterte er vor sich hin:

»Eine Heimat – ein Herd – ein Weib!«

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Später als sonst erwachte am nächsten Sonntags morgen das Leben in dem Viertel der Rue Mouffetard – diese ganze arbeitende Bevölkerung freute sich des Tages der Ruhe, viele in träger Faulheit freilich nur dem passiven Genuß indolenter Untätigkeit sich hingebend – viele aber auch Seele und Körper erfrischend in dem Gefühl, einen Tag für sich zu haben zu freier Regung und Bewegung, losgelöst vom Zwange der Arbeitsnotwendigkeit.

Es war acht Uhr. George Lefranc stand in seinem Zimmer völlig angekleidet – frisch und strahlend trotz der leichten Erschöpfung, welche eine in unruhiger Aufregung verbrachte Nacht auf seinen Zügen zurückgelassen hatte. Der junge Mann war mit einer fast eleganten Sauberkeit in ein einfaches Kostüm von grauem Sommerstoff gekleidet, sein volles Haar war sorgfältig geordnet, seine arbeitskräftigen und braunen, aber schön geformten Hände mit sichtbarer Mühe gepflegt, und wenn man dazu das glückliche Lächeln nahm, welches seinen früher so fest und finster verschlossenen Mund umspielte, so mußte man gestehen, daß wohl jede pariser Arbeiterin mit Stolz am Arme dieses jungen Mannes hinausgegangen wäre, um ihren arbeitsfreien Sonntag in der schönen, sonnenhellen Natur dem fröhlichen Lebensgenuß zu widmen.

George ging unruhig in seinem Zimmer auf und ab, oft an der Tür stehenbleibend und auf jedes Geräusch im Hause lauschend, dann wieder zum Fenster hinaus mit glücklichem Ausdruck dem hellen, reinen Sonnenschein zulächelnd und mit besorgtem Blick umherspähend, ob irgendeine Wolke heraufstiege, welche dem so günstig beginnenden Tage Gefahr bringen konnte.

Endlich hörte er auf dem Flur das Geräusch eines geöffneten Türschlosses – schnell trat er hinaus und vor ihm stand in reizend einfachem Morgenanzug, das weiße Häubchen auf dem glänzenden Haar, den Wasserkrug in der Hand, seine schöne Nachbarin, Madame Bernard.

»Ich muß mich vor Ihnen schämen, mein lieber Nachbar,« sagte sie mit freundlichem Lächeln zu dem jungen Manne, der wie geblendet von dieser duftig frischen Schönheit vor ihr stand, »ich habe meine Frühmesse verschlafen – glauben Sie nicht,« fügte sie hinzu, »daß ich Ihrer Ansicht über die Priester und die Tempel recht gebe, aber heute glaube ich es einmal versuchen zu können, mit Ihnen in der freien Natur meine Morgenandacht zu halten.«

»Ich hatte Sie bitten wollen,« sagte der junge Mann mit innigem Ton, »meine Begleitung zur Messe annehmen zu wollen.«

Sie senkte wie in unwillkürlicher Verlegenheit den Blick zu Boden und sah einen Augenblick schweigend vor sich nieder.

»Sie wollen also noch mit mir hinaus?« fragte er, »das Wetter ist herrlich!« und der Blick, mit welchem er sie ansah, glänzte fast so hell wie der Sonnenschein draußen.

»Wenn Sie unsere Verabredung nicht gereut,« sagte sie lächelnd, »so bitte ich nur um eine halbe Stunde Zeit, um meine Toilette zu machen – ist das zu viel?« fragte sie ein wenig schalkhaft.

Sein Blick antwortete, daß er am liebsten mit ihr in dem kleinen Morgenhäubchen fortgegangen wäre, »ich bin bereit,« sagte er, »und warte auf Ihren Befehl.« Sie füllte ihren Wasserkrug in der Küche und eilte in ihr Zimmer zurück, während er in dem seinigen sie erwartete.

Die halbe Stunde war noch nicht vergangen, als die junge Frau wieder heraustrat; sie trug ein leichtes, dunkles Wollenkleid mit einer roten Schleife, ein kleiner, runder Hut mit einem einfachen Bande von derselben Farbe bedeckte das schlicht gescheitelte und geflochtene Haar – sie hielt einen kleinen Sonnenschirm in der Hand und hatte einen Schal über den Arm gehängt. Ihr Gesicht war durch einen dunkelblauen, dichten, kurzen Schleier, der vom Rande ihres Hutes herabging, fast vollständig verhüllt.

Mit leichtem, elastischem Schritt näherte sie sich der Türe ihres Nachbars – doch bevor ihre ausgestreckte Hand noch geklopft hatte, öffnete sich die Tür schnell und George trat heraus.

»Sie sind pünktlich!« sagte er.

»Ich bin die Pünktlichkeit gewohnt,« erwiderte sie, »um die Arbeit zu beginnen, sollte ich meiner Gewohnheit untreu werden, wo es gilt, dem Vergnügen entgegen zu eilen, einem Vergnügen, das mir so lange nicht zuteil wurde?« sagte sie mit leisem Seufzer.

Madame Raimond trat aus ihrem Zimmer. »Schon reisefertig?« rief sie, »das ist gut, der Tag der Freiheit geht schnell vorüber, man muß ihn ausnutzen wie den Tag der Arbeit, aber warum,« fragte sie, »verhüllen Sie Ihr Gesicht mit dem dichten Schleier? – Sie haben das nicht nötig – gönnen Sie doch dem armen George den Stolz, mit seiner schönen Nachbarin durch die Straßen zu gehen!«

»Ich trage diesen Schleier immer,« sagte die junge Frau, »wenn ich ausgehe, um mich gegen den Staub und den blendenden Widerschein des Trottoirs und der Häuser zu schützen, meine Augen sind ein wenig angegriffen, und Sie wissen ja, die Augen sind für eine Stickerin, was die Arme für einen Arbeiter sind, würde ihre Kraft nachlassen, so würde die Quelle meines Erwerbes versiegen.«

»Doch nun fort,« rief die gutmütige, alte Frau, »auf Wiedersehen – und viel Vergnügen da draußen!«

Und eilig schob sie die jungen Leute der Ausgangstür zu.

Stumm schritten sie eine Weile nebeneinander her.

»Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?« fragte er mit schüchternem Ton, als sie in die belebteren Stadtteile kamen.

Mit einer natürlichen, ungezwungenen Bewegung legte sie ihren Arm auf den seinigen, stolz und glückselig schritt er weiter, die Welt schien ihm zu eng für den Jubel seines Herzens.

Sie bestiegen den Zug auf dem Bahnhof der Rue Saint Lazare und bald führte sie die pfeifende Lokomotive hinaus aus dem Häusermeer der großen Weltstadt.

Als sie auf dem kleinen Bahnhof von Ville d'Avray ankamen, fragte der junge Mann: »Wollen wir frühstücken?«

»Wir haben dazu noch Zeit,« erwiderte Madame Bernard – »und,« fügte sie lächelnd hinzu, »wir wollen als ökonomische Leute die Kosten unseres Ausfluges nicht unnütz verdoppeln. Lassen Sie uns unser Frühstück bestellen und zuvor einen Spaziergang in den Wald von Saint Cloud machen – um den Morgen ganz in der Natur zu genießen.«

Sie bestellten ein einfaches Dejeuner für die Mittagsstunde in dem reizenden Restaurant mit den in die Baumzweige gefügten Balkons und eilten dann hinaus in die duftige Waldeinsamkeit des im Frühlingsgrün schimmernden Parks von Saint Cloud.

Als sie in die grünen Schatten eintraten, hob die junge Frau ihren Schleier empor und befestigte ihn am Rande ihres Hutes. »Hier habe ich ihn nicht nötig,« sagte sie lächelnd, »der Hauch der Natur kann meine Äugen nur kräftigen.«

Dann sprang sie leicht und anmutig bald hier, bald da an den Rand des Weges, um eine der vielen Frühlingsblumen zu pflücken, welche ihre kleinen, zarten und duftenden Häupter aus dem Rasen emporhoben, frisch erblüht im glänzenden Licht der Morgensonne.

George folgte mit entzücktem Auge und überströmendem Herzen ihren reizenden Bewegungen, welche die schmiegsame Eleganz ihrer Gestalt hervortreten ließen, nur mit einzelnen Worten, oft nur mit einem Lächeln antwortete er auf die Bemerkungen, die sie in fortwährendem, lebhaftem Geplauder voll kindlicher Naivität an ihn richtete. Oft, wenn sie ihn ansah, senkte sein Blick sich mit tiefem Feuer in den ihrigen, ein ernsteres, innigeres Wort schien auf seinen Lippen zu schweben, aber schnell sprang sie wieder davon, eine neue Blume zu pflücken oder ihm in heiterer Fröhlichkeit einen auf den Zweigen sich schaukelnden Vogel zu zeigen.

Schon trug sie einen großen Strauß von Blumen und grünen Ranken in ihrer Hand und immer tiefer drangen sie in die stille Einsamkeit des Waldes vor, welche zu dieser Stunde noch wenig durch Spaziergänger belebt war. Das Blumensuchen der jungen Frau hatte sie immer weiter von dem großen Wege abgeführt – sie befanden sich in der Mitte des Waldes unter einer Gruppe hoher, uralter Baume, die auf einer leicht ansteigenden, mit grünem Moose bewachsenen Erhöhung standen.

Madame Bernard hatte eben mit einer scherzenden Bemerkung ihren Begleiter gebeten, einen Teil der von ihr gepflückten Blumen zu tragen, sie trat zu ihm heran und reichte ihm dieselben hin, da begegnete ihr Blick seinem so ausdrucksvoll, so fragend, so sehnsüchtig auf sie gerichteten Auge, und eine leichte Röte flog über ihr Gesicht.

Sie warf einen Blick umher. Dichtes Grün umgab sie von allen Seiten, kein Ton jenes vielstimmigen Geräusches der Welt drang in diese tiefe Waldesstille, man hörte nur das leise Zwitschern der Vögel und das Rauschen des Windes in den hohen, vom durchschimmernden Sonnenlicht vergoldeten Baumwipfeln.

»Wir haben uns weit vom Weg entfernt,« sagte sie leise.

»Sind wir hierher gekommen, um Menschen zu suchen?« fragte er, »der Tempel der Natur ist am schönsten, wo er am wenigsten vom Treiben der Welt berührt wird!«

»Sie haben Recht – mein Freund,« sagte sie sanft, »der Platz ist herrlich – und da wir nun hier sind, so wollen wir die stille Einsamkeit benutzen, um diese Blüten, die wir dem Walde geraubt, zu einem Kranze zusammenzufügen, der uns eine Erinnerung sein soll an den frohen Genuß des heutigen schönen Tages.«

»Setzen Sie sich hier neben mich,« fuhr sie fort, indem sie sich zu den Füßen eines hohen mit Efeu umrankten Baumstammes niederließ und die Blumen auf ihren Schoß legte, »und reichen Sie mir die einzelnen Blüten und die kleinen, grünen Zweige, o es soll ein schöner Kranz werden, freilich wird er welken, aber die immergrüne Erinnerung wird aus seinen vertrockneten Blättern sprechen! – Ach warum müssen so schöne Stunden so schnell vorüberfliehen!«

George setzte sich auf das Moos zu ihren Füßen und reichte ihr langsam eine Blume nach der andern, sein Auge ruhte wie träumerisch auf ihren schlanken Händen, welche mit zierlicher Geschicklichkeit das Geflecht des Kranzes in einander fügten, seine Hand zitterte.

»Meine Freundin Louise,« sagte er nach längerem Schweigen, während dessen sie zuweilen in raschem Ausblick wie forschend zu seinem leicht gesenkten Haupte herabgesehen hatte, »Sie wollen diesen schönen, stillen Platz zu einem Tempel der Erinnerung weihen – sollte er nicht für mich zu einem Heiligtum der Hoffnung werden dürfen?«

Sie ließ die Hände in den Schoß sinken, ein leiser, tiefer Atemzug zitterte durch ihre schlanke Gestalt.

»Louise,« sagte er, »wir kennen uns noch nicht lange, und doch dünkt es mich, als wäre mein ganzes Leben, bevor Sie in den Kreis desselben eintraten, nichts als eine leere, kalte Einöde gewesen – und wenn ich daran denke, daß je wieder eine Zeit kommen könnte, in der ich Sie nicht mehr sehe, Ihre Stimme nicht mehr hören sollte, so überläuft es mich kalt wie die Schauer des Todes.«

»Und warum sollte eine solche Zeit kommen?« fragte sie leise, den Kopf tief auf die Brust herabsenkend.

»Warum sie kommen sollte,« rief er, »o mein Gott, weil das Leben ja alles wieder von einander reiht, was es zusammengeführt hat, wenn man sich nicht,« fügte er leiser und zögernd hinzu, »wenn man sich nicht zu festem Bunde für das Leben verbindet. – O Louise,« fugte er dann mit tiefer, inniger Stimme, indem er mit fast scheuer Zartheit ihre auf den Blumen ruhende Hand ergriff, »es ist unmöglich, daß Sie nicht sehen, nicht fühlen sollten, wie alle Fasern meines Herzens sich an Ihr Wesen gerankt haben. – Ich war so einsam,« fuhr er mit tief eindringendem Ton fort, »mein Leben war dunkel und kalt, voll Entbehrung, eine Entbehrung, welche ich tief und schmerzlich fühlte, mein Herz war erfüllt von Zorn und Erbitterung – voll Haß und Zorn gegen jene Reichen und Glücklichen, denen die Welt mit vollen Händen alles gibt, was mir versagt war und was ich doch so heiß ersehnte, ich hatte keine Heimat auf dieser so großen, so schönen und reichen Erde, öde Nacht war um mich her. Da traten Sie in meinen Lebenskreis ein,« er richtete seinen Blick voll und strahlend auf ihr noch immer gesenktes Haupt, »und lichter und lichter wurde es um mich her, wärmer und wärmer wurde es in meinem Heizen. Sie, Louise, haben mich gelehrt, daß auch in der Welt der Arbeit und Entbehrung Glück, o wie reiches Glück – erblühen kann, daß auch der Arme eine Heimat finden kann in dieser Welt, Sie haben mir den Glauben an eine liebevolle Führung der Menschenschicksale gegeben! – Louise, wollen Sie Ihr Werk wieder zerfallen lassen in Schutt und Trümmer – oder wollen Sie es vollenden zu dauerndem, unzerstörbarem, heiligem Glück? – Wollen Sie Ihr Leben an das meinige knüpfen, so daß der Sturm der Zeit uns nicht wieder trennen kann? – Sie wissen, was ich Ihnen bieten kann, es ist die Arbeit eines kräftigen Arms – und die tiefe, unauslöschliche Liebe eines treuen Herzens, ein treueres finden Sie nicht, Louise, soll ich mit der Erinnerung an diesen stillen, seligen Morgen auch die Hoffnung auf das Glück meines künftigen Lebens von hier mitnehmen?«

Er hielt ihre Hand fest in der seinigen und beugte sich herab, um aus ihren gesenkten Augen die Antwort auf seine Frage zu lesen.

Sie erhob langsam den Kopf und sah ihn liebevoll, aber traurig an.

»Mein lieber Freund,« sagte sie nach einigen Augenblicken tief aufatmend, »Ihr Vertrauen, in welchem Sie das Glück Ihres Lebens in meine Hand legen wollen, macht mich glücklich, trotz unserer kurzen Bekanntschaft kenne ich Ihr edles und treues Herz, auch darf ich es Ihnen wohl gestehen,« fuhr sie mit einem sanften Lächeln fort, »ich ahnte und erwartete fast ähnliche Worte, wie Sie sie eben zu mir gesprochen, das Auge einer Frau liest in einem Heizen, das sich ihr zuneigt – um so klarer, wenn dies Herz so wahr, so gut ist, wie das Ihrige.« –

Hohe Freude glänzte in seinem Blick.

»Sie ahnten, was in mir vorging,« rief er, »und Sie sind hierher gekommen?« –

»Ich bin gekommen,« erwiderte sie, »weil ich wünschte, daß es klar, ganz klar zwischen uns werde.«

»Also,« fragte er mit bebender Stimme, »Sie wollen –«

»Ich will mich Ihres Vertrauens und Ihrer Neigung würdig zeigen,« sagte sie – »ich will tun, was ich nach Ihren Worten tun muß, ich will Ihnen die Geschichte meines Lebens erzählen; wenn Sie dieselbe kennen, so werden Sie urteilen, ob Ihre Gefühle, Ihre Wünsche dieselben bleiben, Sie werden mir raten, mir beistehen – um zu tun, was ich für meine Pflicht halte.«

Erschrocken blickte er zu ihr hinauf. »Die Geschichte Ihres Lebens?« fragte er, »Sie erzählten –«

»Ich habe Ihnen nicht die Wahrheit gesagt,« sprach sie ernst, »ich hatte dazu Fremden gegenüber keine Verpflichtung – jetzt bin ich Ihnen die Wahrheit schuldig. Hören Sie.«

Er ließ den Kopf sinken und stieß einen tiefen Seufzer aus, der fast wie ein Klageton klang.

»Ich bin nicht Witwe,« sprach die junge Frau, »wie ich Ihnen und Madame Raimond gesagt habe.«

Der ganze Körper des in sich zusammengesunkenen Arbeiters zitterte.

»Ich lebte in einer kleinen Stadt des Elsaß,« fuhr sie fort, »nahe an bei deutschen Grenze, allein mit einem harten und strengen Oheim, einem Beamten der Gemeindeverwaltung. Ich hatte eine Freundin in einem benachbarten deutschen Grenzorte besucht, dort machte ich oft auch allein Spaziergänge in der Umgegend, ich begegnete einem jungen Mann, schön und elegant, wir sprachen uns öfter – und –«

Georg bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

Sie legte ihre Hand sanft auf seine Schulter.

»Ich will kurz sein,« sagte sie. – »Ich war jung – in Einsamkeit aufgewachsen, er sprach zu mir in den glühenden Worten heißer Liebe, er war nach seiner Angabe ein Ingenieur, als Feldmesser in der Gegend tätig, mein Herz neigte sich zu ihm, er warb um meine Hand. Doch sagte er mir, Familienverhältnisse ständen uns entgegen, seine Eltern haßten Frankreich und die Franzosen, er bat und drang in mich, mich heimlich mit ihm trauen zu lassen, dann würde er mich später unerkannt in das Haus seiner Eltern führen und deren Vorurteile besiegen. – Es war eine wunderbare Geschichte,« fuhr sie seufzend fort, »heute würde ich sie vielleicht nicht glauben – ich würde prüfen, aber was glaubt man nicht, wenn man liebt? – wie will ein befangenes Herz im ersten Aufwallen seiner Gefühle prüfen, was der Mann sagt, der für uns das Ideal der Schönheit und Wahrheit ist? – Wir fuhren.« sprach sie weiter, »in einem verschlossenen Wagen an einen Ort, wo eine Ziviltrauungszeremonie vorgenommen wurde, deren Gebräuche mir im fremden Lande unbekannt waren, auch erhielt ich ein Dokument in deutscher Sprache – die kirchliche Trauung sollte vorgenommen werden, wenn wir mit seinen Eltern uns verständigt hätten. Mein Herz war voll Glauben, voll Liebe, voll Glück!«

George hielt immer schweigend sein Gesicht mit den Händen bedeckt.

»Ich sagte,« fuhr sie fort, »meiner Freundin, daß ich nach Hause zurückkehrte, mein Oheim glaubte mich noch bei ihr und kümmerte sich auch wenig darum, ob ich früher oder später wiederkam, hatte er doch eine Last weniger im Hause, und dann zogen wir in ein kleines Haus, einsam am Rande des Waldes in der Nähe eines Dorfes gelegen.«

George seufzte tief auf.

»Einige Wochen vergingen – wie sie im Rausch einer ersten Liebe vergehen. Wohl wurden die Abwesenheiten des Mannes, dem ich in so blindem, rücksichtslosem Vertrauen gefolgt war, länger und länger, aber sein Geschäft führte ihn ja weit umher – ich war immer glücklich und hoffnungsvoll, mit sehnsuchtsvoller Hoffnung sah ich der Beendigung seiner Tätigkeit entgegen – damit ich den Versuch machen könnte, seine, Eltern zu gewinnen und unseren Bund laut vor der Welt zu bekennen. Da plötzlich – entsetzliche Erinnerung an bange Tage und Nächte – kam er nicht wieder. Lange konnte ich es nicht fassen – von ihm betrogen – verraten zu sein! – Endlich zog ich Erkundigungen ein und erfuhr das Schreckliche. Er war kein Geometer – er hatte unter falschem Namen, unter erlogenen Angaben sich mir genähert – er war preußischer Offizier – in eine nahe gelegene kleine Garnison kommandiert – und trug einen der vornehmsten Namen Deutschlands!«

»Schändlicher Verrat!« rief George mit gepreßter Stimme, indem er die Hände fest gegen seine Stirn drückte.

»Ich will Ihnen, mein lieber Freund,« fuhr die junge Frau mit sanfter Stimme fort, »keine Schilderung meines Zustandes machen. Meine Lage war furchtbar, auch äußerlich – ich war ohne Mittel. Wohl hätte ich können zu meinem Oheim zurückkehren, aber,« rief sie laut, »dagegen sträubte sich mein Stolz, mein empörtes Gefühl, ich wollte, ich mußte den Elenden finden, ihn zwingen, sein Unrecht, soweit das möglich war, gutzumachen, mir seinen Namen zu geben, um mich dann für ewig von ihm zu trennen!«

George erhob den Kopf. Er war bleich wie der Tod; mit einem Blick voll Schmerz und Liebe sah er in das schöne Gesicht der jungen Frau, in welchem Stolz und Zorn flammten.

»Aber die Trauung?« fragte er tonlos, »das Dokument?«

»Alles war, wie ich glaube, ein unwürdiger Betrug, oder wenigstens war die Sache unter falschem Namen geschehen. Dennoch bildete dies Dokument und die Briefe, die er mir während seiner verschiedenen Abwesenheiten geschrieben, meine mächtigste Waffe gegen den Schändlichen, denn meine Aussagen ohne Beweise konnte er ableugnen. – Ich erfuhr, daß er Urlaub genommen und nach Paris gegangen war. Das gab mir Hoffnung, dort konnte ich ihn erreichen, in seiner Heimat war er für mich, die mittellose Fremde ohne Schutz und Stütze, fast unnahbar. – Mit den Mitteln, welche mir der Verkauf meiner wenigen Schmucksachen verschaffte, machte ich mich auf und kam hierher.«

»Tapferes Herz!« sagte George, indem sein Blick zum erstenmal seit ihrer Erzählung sich wieder mit freudigerem Schimmer belebte.

»Ich suchte ihn auf – er war leicht zu finden, da ich seinen wahren Namen kannte,« fuhr sie fort, »er stand vor mir im Bewußtsein seiner Schlechtigkeit, er bat, er flehte, ihn nicht zu kompromittieren, er suchte alles mit seiner heißen Liebe zu mir zu entschuldigen, er bot mir große Summen, wenn ich ihn nicht kompromittieren wollte – wenn ich unsere heimliche Verbindung fortsetzen wollte.«

»Elender!« rief George.

»Voll Verachtung wies ich ihn zurück, ich verlangte nichts als seinen Namen – und dann ewige Trennung. Er sprach von seiner Familie, von der Unmöglichkeit nach deutschem Recht, mir seinen Namen zu geben, ich verließ ihn mit noch tieferem Abscheu, als früher meine Liebe für ihn heiß und rein gewesen. Nach dem Rat eines Advokaten, den ich befragte, und der mir sagte, daß vor französischen Tribunalen rechtlich wenig für mich zu erreichen wäre, daß die Hauptwaffe für mich die Drohung mit einem großen, öffentlichen Eklat wäre, daß ich aber diese Waffe bis zur äußersten letzten Notwendigkeit aufsparen möge, nach diesem Rat begab ich mich zu dem preußischen Gesandten, dem Grafen Goltz. – Ich trug ihm meine Sache vor, er hörte mich aufmerksam an und versprach mir seinen Schutz und seine Intervention, als ich ihm aber den Namen des Schändlichen nannte, da erschrak er, ich hätte deshalb vorsichtig sein sollen, er verlangte meine Beweise zu sehen, ich gab ihm mein Dokument und meine Briefe, – o hätte ich es nicht getan! – Er bat mich, wiederzukommen, er wolle alle Schritte zur freundlichen Ausgleichung der Sache tun. Ich kam wieder, er vertröstete mich, es gingen Wochen, Monate hin, ich forderte meine Beweispapiere zurück, um andere Schritte zu tun, er gab ausweichende Antworten, zögerte mehr und mehr, kurz – ich bin jetzt ohne die einzige Waffe gegen den elenden Verführer, denn,« sagte sie seufzend, »ich werde meine Papiere nicht wiedererhalten.«

»O diese Aristokraten!« rief George mit grimmigem Tone, »sie halten stets zusammen, wenn es gilt, die Rechte der Armen mit Füßen zu treten! – Aber man muß Schritte tun, ihn zur Herausgabe der Papiere zwingen!«

»Diese Schritte würden vergeblich sein, seine Stellung deckt den Gesandten gegen jeden Angriff.«

»Schändlich! Nichtswürdig!« rief er.

»Sie begreifen nun,« sagte sie mit weichem Ton, »warum ich auf Ihre treuen, guten Worte nicht antworten kann, wie ich es möchte,« flüsterte sie, die Augen niederschlagend mit tiefem Erröten, »denn mein so schwer betrogenes Herz ist darum nicht gestorben, es fühlt noch und sehnt sich nach Anlehnung an einen edlen und treuen Freund.«

»Ich danke Ihnen,« rief er tief aufatmend und drückte rasch einen langen Kuß auf ihre Hand. –

»Doch,« fuhr sie fort, »kann ich diese Hand einem braven, edlen Mann reichen, bevor sie gereinigt ist von dem Flecken, den niedriger, feiger Verrat darauf geheftet hat? – Bevor nicht vor der Welt jenes Unrecht gesühnt – oder doch klar dargetan ist, daß ich einem schmählichen Mißbrauch meines Vertrauens und meiner Unerfahrenheit zum schuldlosen Opfer gefallen bin, werde ich niemals meine Zerbrochene und befleckte Existenz mit derjenigen eines Mannes verbinden, dessen höchstes Gut die reine Ehre seines Namens ist.«

»Aber niemand weiß –« sagte er leise.

»Ich weiß es – und Sie wissen es,« rief sie stolz den Kopf erhebend, »und das ist genug, diese Sache, wenn sie unaufgeklärt, ungesühnt zwischen uns stehen bleibt, wird der Schatten sein, der wachsend und immer wachsend sich über unser Glück legen würde, mein eigenes Bewußtsein gilt mir so viel als die Meinung einer Welt, und wenn ich eine arme und unbekannte Frau bin, so gilt mir die reine Klarheit meiner Vergangenheit so viel, mehr vielleicht, als der vornehmsten Dame auf den höchsten Höhen der Gesellschaft! Niemals – niemals, so lange ich nicht mein Recht erreicht habe, so lange ich nicht wenigstens im Besitze der Beweise meiner Unschuld und des an mir verübten Betruges bin, werde ich Ihnen diese Hand reichen! – Ich werde leiden, einsam leiden,« sagte sie leise und schmerzlich, »aber ich werde wenigstens das stolze Bewußtsein haben, mein Unglück allein zu tragen!«

In tiefem, finsterem Brüten saß George eine Zeitlang still da, während ihr Blick funkelnd und scharf mit forschendem, erwartungsvollem Ausdruck auf seinem gesenkten Haupte ruhte.

»Aber wo sind diese Dokumente?« fragte er dann, »sind sie vernichtet?«

»Das glaube ich nicht,« erwiderte sie, »das wird der Gesandte nicht wagen, da es doch, im äußersten Fall bedenklich sein könnte, ich habe sie noch bei meinem letzten Besuche in seinem Hotel gesehen, er nahm sie mit mir durch, um mir zu zeigen, daß sie nicht vollständig beweiskräftig seien, gab sie mir aber nicht wieder, wie er sagte, in der guten Absicht, mich nicht in die Hände von Advokaten fallen zu lassen, die den Skandal ausbeuten würden, ohne mir zu nützen, er versprach wiederholt, meine Sache zu Ende zu führen.«

»Zu einem Ende im Sinne dieser großen Herren,« rief George, die Zähne auf die Lippen beißend.

»Dann,« fuhr sie fort, »legte er sie in eine kleine Kassette, welche auf dem Schreibtisch seines Kabinetts stand, eine kleine, einfache Kassette mit Metallreifen, elegant gearbeitet. – Oh,« rief sie, »ich sehe sie vor mir, diese Kassette Tag und Nacht, diesen kleinen Behälter, welcher meine Ehre und meinen guten Namen enthält, es ist mir fast zur fixen Idee geworden, meine Hand auszustrecken nach dieser Kassette, in welche eine versteckte Begünstigung vornehmer Schlechtigkeit die einzigen Waffen verschlossen hat, durch welche ich mir mein Recht und meine Ehre wiedererkämpfen könnte – und damit mein Glück,« rief sie in rascher Aufwallung.

George fuhr bei dem letzten Ausruf schnell in die Höhe und drückte wieder seine Lippen auf ihre Hand. Dann versank er von neuem in finsteres Brüten.

»Als ich vor dem Gesandten stand,« fuhr die junge Frau leise – wie zu sich selber sprechend – fort, »als er mit freundlich ruhigem Lächeln die mir so wichtigen Papiere verschloß, da glaubte ich einen höhnischen Zug auf seinem Gesicht zu sehen, es schwindelte mir, fast war ich entschlossen, mich auf diese Kassette zu stürzen und sie wie die Löwin ihren Raub fortzutragen, durch die Zimmer des Hotels durchzudringen bis auf die Straße und das Volk zu meinem Beistande anzurufen, aber es wäre Wahnsinn gewesen,« fuhr sie fort, »man hätte mich einfach des Diebstahls angeklagt. Wäre es aber Diebstahl gewesen?« rief sie, »wenn ich mein heiligstes Eigentum, die Beweismittel meiner Ehre, genommen hätte? Ist es nicht ein schlimmerer, ein strafwürdigerer Diebstahl, mir mein Eigentum vorzuenthalten, als es zurückzunehmen? Ha,« rief sie laut, wie in Ekstase, »wenn ich die Kraft hätte, wenn ich die Mittel wüßte – ich würde mit Gewalt oder List in dieses unantastbare Gesandtschaftshotel einbrechen, um mein Eigentum daraus zu holen, und vor dem Richterstuhl meines Gewissens würde dieser Einbruch eine Tat des Heldenmuts, des gerechten Kampfes sein! – Aber ich bin ein schwaches Weib, ich bin hilflos und mein Geist verwirrt sich in diesem Chaos von Schlechtigkeit!«

Sie brach in ein leises, krampfhaftes Schluchzen aus.

»Luise,« sagte der junge Mann, ernst ihre Hand drückend, »wollen Sie mir eine Frage wahr und aufrichtig beantworten?«

»Ich habe vor einem Freunde wie Sie nichts zu verbergen,« erwiderte sie.

»Die erste Neigung Ihres Herzens,« fuhr er fort, »hat einem Mann gehört aus jener vornehmen reichen Welt des Genusses, sein Herz war schlecht und verderbt, wie das meist der Fall ist in jenen Regionen, aber sein Geist war gewiß ausgestattet mit allen Reizen seiner Bildung und Erziehung, würden Sie jenen Traum, aus dem Sie so traurig erwacht sind, vergessen können, an der Seite eines einfachen, armen Arbeiters wie ich, der Ihnen nichts bieten kann als sein treues Herz und einen Geist, der in mühsamem Ringen sich zum Licht empor arbeitet?«

»Vergessen?« fragte sie, den weichen Blick in sein Auge tauchend, »vergessen? – Erinnere ich mich denn nicht jenes Traumes nur noch mit Abscheu und Schauder? – was ist ein in tausend Facetten geschliffenes Glas im Vergleich zu dem wahren Edelstein? Oh, daß ich sogleich ein Herz gefunden hätte, wie das Ihrige! – jetzt – was habe ich Ihnen noch zu bieten? Wenn ich jene Beweise nicht wiedererlange, nicht einmal einen reinen Namen! Oh, wenn ich nur wenigstens vor Ihnen mein Recht nachweisen könnte! Doch so –«

»Luise,« rief er mit warmem und fast wieder ganz heiterem Blick, »wenn also die Waffen zur Erkämpfung Ihres Rechts in Ihren Händen sind, wenn das um Sie gesponnene Gewebe der Bosheit zerrissen wird, dann – dann darf ich hoffen?«

»Dann, mein Freund,« sagte sie mit niedergeschlagenen Augen und einem reizenden Lächeln, »dann darf ich glücklich sein – und versuchen, glücklich zu machen! Aber ach –«

»Wollen Sie mir nun erlauben, für Sie zu handeln?« fragte er, »lassen Sie mich nachdenken, wie man am besten Ihre Sache führt, ich bin ein Mann, ich habe Entschluß und Willen wie Sie, aber vielleicht mehr Lebenserfahrung und gewiß mehr Kraft! In einigen Tagen werde ich Ihnen sagen, was ich zu tun gedenke.«

»In wessen Hände könnte ich mein Recht und meine Ehre besser und sicherer niederlegen als in die Ihrigen?« fragte sie.

»Nun aber heute nichts mehr davon!« rief er heiter, »ich wollte die Hoffnung von hier mitnehmen, und Sie haben sie mir gegeben, anders zwar, als ich gedacht, aber vielleicht reicher und schöner, gilt es doch, für mein Glück zu ringen – und der Schwäche und Unschuld gegen Hinterlist und Verrat beizustehen!«

»Edler Freund!« rief sie, seine Hand ergreifend und an ihre Brust drückend. Er folgte dieser Bewegung – leise senkte sie ihr Haupt ihm entgegen, und ihre Lippen begegneten sich in einem langen Kusse.

»Jetzt,« rief er, als sie sich in reizvoller Verwirrung wieder aufrichtete, »lassen Sie uns den Kranz vollenden, er soll für mein ganzes Leben ein heiliges Symbol der Erinnerung bleiben.«

Und er reichte ihr Blüte um Blüte, Reis um Reis, unter leisem süßen Geplauder wurde der Kranz vollendet, dann gingen sie zurück zu ihrem einfachen Frühstück, und als sie endlich am Abend nach diesem Festtage in der schönen, freien Natur in ihre enge Wohnung in der Rue Mouffetard zurückkehrten, da konnte die gute Madame Raimond sich nicht genug freuen über die glückliche, zufriedene Miene der ihr so lieb gewordenen Hausgenossen.

Beide aber sprachen wenig, sie waren so müde von ihrem Spaziergange, wie sie sagten, und bald zogen sie sich in ihre Zimmer zurück.

Lächelnd sah ihnen die alte Frau nach.

»Ich glaube, sie haben sich verständigt,« flüsterte sie, »nun, Gott gebe seinen Segen dazu, sie werden ein braves, fleißiges Paar sein, da müssen sie ja glücklich werden.«

George ging noch lange sinnend und oft in abgebrochenen Worten mit sich selbst sprechend auf und nieder. Endlich schienen seine Gedanken eine feste Form angenommen zu haben.

»Ich werde zeigen,« sprach er, »daß auch ein armer, niedriger Arbeiter das Opfer des Verrats der Vornehmen und Mächtigen schützen kann.«

Er legte sich nieder, und leise hauchte er: »Gute Nacht, Luise!«

Die junge Frau hatte sich rasch entkleidet. Ihre kleine Lampe stand neben ihrem Bett, und sinnend lag sie da, den schönen Kopf in das einfache, weiße Kissen gedrückt.

Triumphierende Freude leuchtete aus ihren dunklen, dämonisch glänzenden Augen.

»Das Schwerste ist getan,« sagte sie mit zufriedenem Lächeln, »wenn er reüssiert, so bin ich hoffentlich bald aus diesem traurigen Leben erlöst, ich werde meine erste Aufgabe erfüllen, dieser stolze Graf wird sehen, daß meine Kraft wohl ein Bündnis wert ist, warten wir die Zeit ab, vielleicht wird er einst noch sich beugen, bitten müssen um meine Hilfe.«

Sie löschte ihre Lampe aus, und die Bilder ihrer Phantasie vermischten sich mit den Träumen ihres Schlummers – Träumen von Licht, Glanz und stolzer Herrschaft.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Im hellen Lichte der Kerzen und der großen Lampen strahlten die Appartements der Kaiserin Eugenie in den Tuilerien. Es war einer jener intimen kleinen Montagsbälle, welche, ohne eigentlich offiziellen Charakter, um die schöne und anmutige Herrscherin von Frankreich alles vereinigten, was die Spitzen der Gesellschaft von Paris bildete, und was die Kaiserin mit ihrer besonderen Aufmerksamkeit bevorzugte.

Man sah hier die Herren von der Diplomatie und die ersten Würdenträger gemischt mit Künstlern und Schriftstellern – alles trug den einfachen schwarzen Frack, es war eben ein intimer Kreis, aus welchem die glänzende, feierliche Etikette verbannt sein sollte, und in welchem die Kaiserin nur den Herrscherstab des Geistes, der Anmut und der heiteren Geselligkeit in leichter Hand halten wollte.

Man tanzte in der kleinen Galerie, welche an die Gemächer der Kaiserin stieß; ein Flor der schönsten jungen Damen in leichten, duftigen Toiletten, bei welchen die schwere Pracht der großen offiziellen Feste ausgeschlossen war, bewegte sich dort in den anmutig verschlungenen Touren des Kotillon, welchen der Marquis de Caux und Mr. Jerningham, der Attaché der englischen Botschaft, mit unermüdlichem Eifer leiteten.

Auf einem kleinen Divan in ihrem Salon saß die Kaiserin Eugenie in einem meergrünen Kleid von wunderbar schillernder Farbe, umhaucht von einer Wolle jenes zarten Spitzengewebes, das zu allen Zeiten der Gegenstand der Bewunderung und der Wünsche der Damen war, und dessen feenhaft zierliche Muster die schlanken Hände der la Vallière umspielten, um die vollen Schultern der Dubarry wehten, das edle Gesicht Marie Antoinettes umschlossen, und noch bei der Toilette kommender Generationen ihren unbestritten ersten Platz behaupten werden. Die volle blonde Haarkrone der Kaiserin trug einfache Schleifen von der Farbe ihrer Robe, durch eine Agraffe von Perlen und Smaragden gehalten, in der Hand hielt sie ein kleines Bukett von halb erblühten Teerosen und Veilchen, heitere Fröhlichkeit strahlte von ihrem klassisch schön geschnittenen Gesicht, und mit leuchtendem Blick sah sie über die Gesellschaft hin, welche in ungezwungenen Gruppen sich unterhielt.

Um die Kaiserin her saßen auf Tabourets die Damen ihres vertrautesten Zirkels in ebenso leichten und einfachen Toiletten, und es war in der Tat ein bezaubernder Kranz von Schönheiten, der sich da um Frankreichs Herrscherin vereinigte. Eugenie liebte die Schönheit, in der Natur, in der Kunst und bei den Menschen, sie scheute sich nicht, sich mit den reizendsten und frischesten Gesichtern zu umgeben, sicher, daß sie nicht verdunkelt werden, sondern nur um so glänzender erscheinen würde; da saß neben ihr die Gräfin Walewska, die Herzogin von Mouchy, die wunderbar schöne Madame Kanisy – Fräulein Haußmann, welche später Madame Dollfus wurde, eine reizende, frisch blühende Erscheinung.

Die Kaiserin hatte den Platz neben sich auf dem Divan der Prinzessin Charlotte Bonaparte, einer schönen Frau mit großen, lebhaften und geistvollen Augen eingeräumt, welche soeben mit ihrem Gemahl, dem Grafen Primoli, in den Salon getreten.

»Nun, meine liebe Cousine,« fragte Eugenie mit heiterem Ton, »was macht die Ausstellung? Sie interessieren sich so lebhaft dafür, ich bin noch wenig dort gewesen, es geniert mich, ja, wenn man ganz unerkannt einmal hingehen könnte!«

»Warum sollten Eure Majestät das nicht können?« fragte die Prinzessin, »es wäre ja nichts Außergewöhnliches.«

»Oh, es wäre allerliebst!« rief Madame Kanisy, »Eure Majestät sollten –«

»Man würde mich erkennen,« sagte die Kaiserin, den Kopf emporwerfend, mit stolzem Lächeln, »und dann, was würde man für Erzählungen davon machen! – nein, nein, das geht nicht.«

»Apropos,« sagte sie abbrechend, »haben Sie die Festkantate gelesen, welcher man den Preis erteilt hat? Sie ist von Herrn Romain Cornut gedichtet und in der Tat sehr sinnig und schön. Sie heißt die »Hochzeit des Prometheus« und schildert die Vermählungsfeier des mythologischen Halbgottes mit der Menschheit – der Humanitas, welche ihn durch die Friedensvereinigung der Weltausstellung erlöst hat, und die auf dem Marsfelde versammelten Völker singen den Hochzeitsgesang. Sie ist für Orchester, Chöre und zwei Solis geschrieben und man erwartet nun die Preisbewerbung für die Komposition.«

Sie winkte mit ihrem Bukett dem Fürsten Metternich, der sich soeben von einer Gruppe getrennt hatte und in der Nähe stand. Der Fürst, eine elegante Erscheinung mit blassem, geistvoll heiterem Gesicht, dünnem Haar und starkem Backenbart, das große, rote Band der Ehrenlegion unter dem nach der damals neuesten Mode mit schwarzem Samt aufgeschlagenen Frack, trat eilig in den Kreis der Damen um den Divan der Kaiserin.

»Wir sprechen von der ›Hochzeit des Prometheus‹, mein lieber Fürst,« sagte Eugenie lächelnd, »wollen Sie sich nicht um den Preis der Komposition bewerben, ich bin überzeugt, Sie würden alle anderen Bewerber aus dem Felde schlagen,« fügte sie artig hinzu.

»Der arme Prometheus, Madame,« erwiderte der Fürst, »ist bereits einmal von Herkules befreit, und ich wage es nicht, mich mit einem solchen Konkurrenten – wenn auch nach dreitausend Jahren – in die Schranken zu stellen, übrigens weiß ich kaum, ob zu einer solchen Hochzeit eine Jubelkantate am Platze wäre.«

»Warum nicht?« fragte die Kaiserin, »geben Sie acht, meine Damen, der Fürst wird uns eine kleine Bosheit sagen, sehen Sie seine sarkastische Miene.«

»Dann werde ich schweigen,« sagte der Fürst, sich verneigend.

»Nein, nein,« rief die Kaiserin, »jetzt sollen Sie sagen, was Sie denken, wir sind in der Majorität; warum soll der arme Prometheus keine Jubelkantate zu seiner Hochzeit mit der Menschheit haben?«

»Wenn,« sagte der Fürst lächelnd, »die ganze Humanitas neben den liebenswürdigen Eigenschaften aller Frauen der ganzen Welt auch deren Launen in sich vereinigt, so –«

»Wie boshaft!« rief die Kaiserin.

»Wir werden das der Fürstin erzählen,« sagte die Gräfin Primoli, »sie soll uns rächen!«

»Übrigens,« fuhr Fürst Metternich fort, »hat auch Viktor Hugo eine Art von Manifest über die Ausstellung erlassen, bei Gelegenheit des Vorworts zum Führer durch die Weltausstellungsräume, er sagt: Frankreich lebe wohl, man trennt sich von seiner Mutter, die eine Göttin wird; wie Rom die Christenheit wurde, so wird Frankreich die Menschheit! – da ist also diese Humanitas schon ein wenig eingeschränkt, und Prometheus hat jedenfalls nur mit ihren liebenswürdigsten Repräsentantinnen zu tun!«

»Der Fürst will uns durch seine Galanterie wieder versöhnen,« sagte die Gräfin Walewska, »schade, daß dieser arme Viktor Hugo vom politischen Wahnsinn ergriffen ist; ein Dichter, wie er, sollte sich nie um die Politik kümmern, auch der Gedanke in diesem Manifest ist schön und groß, denn Frankreich ist doch ein wenig das Herz der Menschheit,« fügte sie mit einem lächelnden Blick auf den österreichischen Botschafter hinzu.

»Wenigstens,« sagte dieser, »räumt es an seinem gastlichen Herde der ganzen Menschheit mit so viel Liebenswürdigkeit einen heimischen Platz ein, daß wir alle ihm dankbar sein müssen. Lord Brougham, Majestät,« fuhr er fort, »sagt einmal: »Jeder Mensch hat eine doppelte Heimat, die eine ist in seinem Vaterland« – die zweite in Paris.«

»Das ist hübsch,« sagte die Kaiserin, anmutig den schlanken Hals neigend, »und auch ein wenig wahr, ich wünsche, lieber Fürst, daß wir Sie noch recht lange in Ihrer zweiten Heimat Paris behalten. – Doch,« rief sie, »ich muß in der Tat bald eine gründliche Besichtigung dieser wunderbaren Ausstellung vornehmen, wenn Ihre Kaiserin kommt, muß ich vorbereitet sein, die Führerin Ihrer Majestät zu machen.«

Ein schneller, forschender Blick ihres Auges richtete sich auf den Fürsten.

Dieser erwiderte, ohne daß eine Muskel seines heiteren, lächelnden Gesichts zuckte:

»Meine erhabene Souveränin wird glücklich sein, an der Hand Eurer Majestät die Wunder der Ausstellung kennen zu lernen, wenn ihre Gesundheit es ihr möglich macht, den Kaiser auf seiner Reise hierher zu begleiten. Die Kaiserin wird nach Ischl gehen.«

»Ich hoffe von Herzen auf einen guten Erfolg der Kur,« sagte Eugenie, »denn ich würde es tief beklagen, wenn mein Wunsch, diese liebenswürdige Kaiserin hier zu sehen, nicht in Erfüllung ginge. – Ah,« rief sie, sich unterbrechend, »dort sehe ich den Grafen Goltz, ich habe ihm einen Vorwurf zu machen! Kommen Sie, mein Herr Botschafter, ich muß Sie schelten,« rief sie einem Manne von ungefähr sechzig Jahren zu, der in der Tür des Salons erschienen war, und dessen Haltung sowohl wie sein frisch aussehendes Gesicht ohne die graue Farbe des militärisch gehaltenen Schnurrbarts und des kurzen Haares sein Alter nicht hätte erkennen lassen.

Der preußische Botschafter trug das große rote Band der Ehrenlegion, sein kleines, etwas verschleiertes, aber scharf umherblickendes Auge ruhte auf der Gruppe der Kaiserin, und bei dem ersten an ihn gerichteten Wort trat er eilig in den Damenkreis, welcher die schöne Beherrscherin Frankreichs umgab.

»Eure Majestät haben mir einen Vorwurf zu machen?« fragte er in scherzhaftem Tone, durch welchen indes eine kleine Nüance wirklicher Bestürzung hindurchklang. – »Eure Majestät wissen, daß es genügt, den Gegenstand Ihrer Unzufriedenheit anzudeuten, um meinen ganzen Eifer –«

»Meine Unzufriedenheit,« sagte die Kaiserin, »gilt nicht dem so liebenswürdigen und chevaleresken Grafen Goltz, sondern dem preußischen Botschafter.«

Der Graf sah mit tiefem Erstaunen in die ernsten Züge der Kaiserin, in deren Gesicht nur fast unmittelbar um die feinen Mundwinkel eine scherzhafte Heiterkeit spielte.

Fürst Metternich warf einen raschen Blick auf den preußischen Botschafter und wendete sich, ihm den Platz vor der Kaiserin überlassend, zur Gräfin Walewska.

»Ich wüßte in der Tat nicht, Madame,« sagte Graf Goltz ganz betroffen.

»Ja, ja,« fuhr Eugenie fort, »ich bin sehr böse auf Ihre Landsleute, die mir die schöne Ausstellung in Gefahr bringen!«

»Ich wüßte nicht, worüber Eure Majestät –« rief Graf Goltz.

»Sehen Sie, lieber Graf,« sagte die Kaiserin, »aus allen Ländern sendet man so reizende, wunderhübsche Sachen zu dieser Ausstellung, dem großen Werke des Friedens, des Friedens, den ich so sehr liebe und den ich immer bewahren möchte,« fuhr sie seufzend fort, »es sind da schöne, kunstvolle Erzeugnisse der Industrie, mit denen ich später meine Zimmer erfüllen will, denn ich werde meine Schatulle in Einkäufen erschöpfen, und nun – mitten in diese Vasen, Teppiche, Gemälde, in diese Gegenstände des Luxus und Komforts aller Nationen, was sendet man uns aus Ihrem Vaterlande, wie ich heute gehört habe? Eine Kanone, eine Riesenkanone, ein Ungeheuer, das wie eine finstere Mahnung des Kriegsgottes in all dieses fröhliche Leben hineinragt, oh, ich werde gar nicht mehr hingehen können, denn wenn ich den ungeheuren Schlund dieses Mordwerkzeugs sehe, so würde ich mich an all den Jammer und alle die Leiden erinnern müssen, welche ein Schuß dieses fürchterlichen Rohrs unter armen, unglücklichen Menschen anrichten müßte.«

Graf Goltz lachte.

»Wenn alle Zerstörungswerkzeuge so wenig gefährlich wären, Madame,« sagte er, »als diese große Kanone aus den Werkstätten des Herrn Krupp, so wäre die Menschheit wenig bedroht. – Um dieser drohenden Maschine Leben zu geben,« fuhr er ein wenig ernster fort, »dazu gehörte der Wille derjenigen, welche die Schicksale der Nationen lenken, und dieser Wille ist nicht vorhanden, im Gegenteil, der Geist des Friedens, welcher die an dem gastlichen Herde von Frankreich vereinigten Völker erfüllt, beseelt auch die Herzen der Souveräne.«

»Gott sei Dank, daß es so ist!« rief die Kaiserin, »ich wenigstens kann niemals ohne Schaudern an den Krieg denken, der eine Abnormität ist in unserem Zeitalter der Zivilisation und Humanität.«

Fürst Metternich hatte nach einigen mit der Gräfin Walewska gewechselten Worten sich in leichter und natürlicher Bewegung aus dem Kreise der Kaiserin entfernt.

»Ich höre mit besonderer Freude,« fuhr Eugenie fort, »daß wir in kurzem bereits den Kronprinzen erwarten dürfen?«

»Seine Königliche Hoheit hat seine Ankunft in nahe Aussicht gestellt,« erwiderte der Botschafter, »doch bittet der Kronprinz, wie ich bereits den Kaiser habe wissen lassen, daß es ihm erlaubt sei, ganz still im Botschaftshotel zu bleiben und die Ausstellung zu studieren, bis zur Ankunft Seiner Majestät.«

Die Kaiserin neigte mit anmutigem Lächeln den Kopf.

»Wir werden die Zurückgezogenheit des Prinzen respektieren,« sagte sie, »und ihn nur bitten, uns zuweilen in ganz vertraulichem Kreise seine liebenswürdige Gesellschaft zu schenken, wie freue ich mich,« fuhr sie lebhafter fort, »Seine Majestät hier zu begrüßen, diesen ritterlichen Herrn, dessen Jugendfrische des Alters spottet, hoffentlich,« fuhr sie wie zu sich selbst sprechend fort, »wird seine Anwesenheit allen Pessimisten beweisen, daß der Friede Europas gesichert ist.«

»Eure Majestät werden doch die bösartigen Stimmen nicht beachten, welche diesen Frieden erschüttern möchten?« rief Graf Goltz.

»Es gibt so viele Personen, welche den Frieden stören möchten,« sagte die Kaiserin, »ja – wenn alle dächten wie Sie,« fügte sie mit einem langen Blick auf den Botschafter hinzu.

Graf Goltz wollte etwas erwidern, da trat, von Mr. Jerningham geführt, noch glühend und tief atmend von dem eben beendeten Tanz, die schöne Spanierin von der Insel Kuba, Fräulein Erazo, aus der Gallerie zu dem Zirkel der Kaiserin heran.

»Setzen Sie sich, meine Liebe,« sagte Eugenie, auf ein Taburett deutend, »Sie haben wieder zu viel getanzt, ich werde das ein wenig einschränken müssen!«

Die junge Dame setzte sich neben die Gräfin Walewska – Mr. Jerningham zog sich zurück.

Der Huissier mit der großen Kette auf den Schultern, welcher am Eingang des an den Salon der Kaiserin stoßenden Zimmers stand, öffnete die Flügel der Tür und rief mit seiner vollen, klaren Stimme:

»Der Kaiser!«

Schnell erhob sich die Kaiserin mit ihren Damen. Sie ging langsam nach der Tür des nächsten Zimmers, in welchem Napoleon III. erschien, begleitet vom General Fleury, einem starken, gedrungenen Mann mit vollem Schnurrbart und Knebelbart und eleganter, aber ein wenig theatralischer Haltung.

Der Kaiser trug schwarzen Salonanzug mit dem Bande der Ehrenlegion. Er begrüßte die Kaiserin mit Herzlichkeit und reichte ihr den Arm, um sie zu ihrem Divan zurückzuführen.

Nachdem er die Prinzessin Charlotte begrüßt und mit der Gräfin Walewska einige Worte gewechselt hatte, wendete er sich zu Fräulein Erazo, und indem der Blick seines hell aus den geöffneten Augenlidern hervorstrahlenden Auges über die schöne Gestalt der sich tief verneigenden jungen Dame glitt, sagte er:

»Ich sehe mit Freuden, daß die schöne Rose von Kuba sich auf dem Boden Frankreichs akklimatisiert, sie blüht in immer reizenderer Pracht.«

Fräulein Erazo erhob ihren gesenkten Blick zur Kaiserin, welche scharf beobachtend zu ihr herübersah, und antwortete mit Betonung:

»Sire, wer von spanischem Boden stammt, muß sich ja in Frankreich heimisch fühlen, da das edelste Blut Spaniens den Thron von Frankreich ziert!«

Die Kaiserin erhob sich.

»Ich will ein wenig mit aller Welt plaudern,« sagte sie lächelnd, mit einer leichten Verneigung gegen den Kaiser. »Man erwartet, daß wir eine Tour durch die Gesellschaft machen.«

Und langsam bewegte sie sich, bald an den einen, bald an den anderen einige Worte richtend, durch den Salon nach der Richtung der Galerie, in deren Tür der Graf Rivero stand, mit dem ruhigen Blick seines dunklen Auges die einzelnen Gruppen beobachtend.

Ein fröhliches Lachen ertönte aus einer Gruppe in der Nähe des Kaisers. Napoleon, dessen Konversation mit Fräulein Erazo der Aufbruch der Kaiserin beendet hatte, wendete sich dorthin und erblickte die Fürstin Metternich, umgeben von drei Würdenträgern des Kaiserreichs, dem Marschall Niel, dem Minister des öffentlichen Unterrichts, Herrn Durny, und dem Minister der öffentlichen Arbeiten, Herrn Forcade de la Roquette.

Die Fürstin, in leichter, heller Toilette, das schöne, dunkle Haar in einfachen Flechten geordnet, mußte soeben eines ihrer so treffenden und originellen Bonmots gesagt haben, ihre geistsprühenden großen Augen funkelten, und um ihre frischen, vollen Lippen spielte ein Lächeln voll Humor und Laune. Der elegante Forcade de la Roquette lachte herzlich, der ernste Durny nicht minder, und auch das kränkliche, militärisch strenge Gesicht des Marschalls Niel strahlte von Heiterkeit.

Rasch trat der Kaiser heran und reichte der graziös sich verneigenden Fürstin die Hand, während die drei Herren einen Schritt zurücktraten.

»Darf ich fragen, Frau Fürstin,« sagte Napoleon, »wodurch Sie meine ernsten Minister in eine so außergewöhnliche Heiterkeit versetzt haben? Ich bedarf ebenfalls eines solchen Arkanums unter der ermüdenden Last der Tagesgeschäfte, und ich hoffe, Sie werden es mir nicht vorenthalten!«

»Ach Sire,« erwiderte die Fürstin, »ich habe den Herren eine sehr ernsthafte und sehr ernst gemeinte Bemerkung über die Bezeichnung ihrer Portefeuilles gemacht, und statt mir recht zu geben, lachen sie – das ist nicht sehr galant, meine Herren!«

»Die Frau Fürstin,« sagte der Marschall Niel, zum Kaiser herantretend, »hat uns für unsere Funktionen neue Namen gegeben, die –«

»Die viel einfacher und passender sind als die langen offiziellen Benennungen,« rief die Fürstin, »Seine Majestät soll entscheiden, und ich bin gewiß, der Kaiser wird die einfache Bezeichnung akzeptieren. Ich bitte Eure Majestät, zu bemerken,« fuhr sie fort, »wie langweilig und schwer zu sagen es ist: Minister des öffentlichen Unterrichts usw. usw., Minister der öffentlichen Arbeiten usw., da ist es doch viel besser und gleichmäßiger, wenn man ganz kurz sagt – sie zeigte auf Herrn Durny: – »Ministre de l'instruction publique« und,« fuhr sie, auf Herrn Forcade de la Roquette deutend fort: »Ministre de la construction publique«, und endlich,« sie machte lächelnd dem Marschall Niel ein tiefes Kompliment: »Ministre de la destruction publique!«

»Fürstin, Fürstin,« sagte der Kaiser lachend, »ich bitte um Schonung für meine Minister und Marschälle.«

»Sire,« erwiderte die Fürstin, mit unendlich schalkhaftem Blick zum Kaiser hinüberblickend, »Eure Majestät wissen: Rien n'est sacré pour un sappeur!«

»Sie sehen, mein lieber Marschall,« sagte der Kaiser, die Achseln zuckend, »Sie müssen sich auf Gnade und Ungnade ergeben, ich vermag Sie nicht zu schützen!«

»Sire,« rief die Fürstin rasch, »der Marschall muß während der Ausstellung seine Herrschaft aufgeben, jetzt herrscht der Friede, da können wir keine destruction publique brauchen!« Rasch abbrechend fügte sie hinzu, indem sie einen raschen Blick nach der Stelle warf, wo soeben noch die Kaiserin gesessen, und wo jetzt die Gräfin Walewska mit Fräulein Erazo sich unterhielt, »ich bin entzückt von dieser jungen Schönheit von Kuba, ich habe eine besondere Leidenschaft für schöne Damenerscheinungen.«

»Das ist Ihre Welt,« sagte der Kaiser galant.

»Ich bin jedesmal entzückt,« fuhr die Fürstin ohne darauf zu erwidern, fort, »wenn ich die reizenden Erscheinungen sehe, mit welchen Ihre Majestät die Kaiserin sich hier in ihrem kleinen Zirkel umgibt, deshalb liebe ich diese Montage so sehr, hier sieht man nur die Blüte der Anmut, während man bei den großen Rezeptionen sich in feierlicher Steifheit umgeben sieht von allen diesen diamantfunkelnden Damen voll Würde und schweigender Grandezza – qui montrent gratis des figures, qu'on irait voir pour de l'argent!« –

»Erlauben Sie, daß ich mich zurückziehe,« sagte der Kaiser lachend, »wenn ich Ihnen meine Marschälle und Minister preisgeben muß, gegen die Damen darf ich nichts anhören.«

Mit artiger Verbeugung wendete er sich um und trat zu dem allein in der Nähe stehenden Gesandten Italiens, dem Ritter Nigra, einem schlanken, äußerst eleganten Mann von etwa vierzig Jahren mit blassem, intelligentem Gesicht, einem vollen, dunklen Schnurrbart und vollem, sorgfältig geordnetem Haar.

»Ich freue mich,« sagte der Kaiser, »Ihnen noch persönlich zu dem erfreulichen Ereignis in der Familie Ihres Souveräns meinen Glückwunsch aussprechen zu können, der Prinz Napoleon wird dem Könige meine Glückwünsche überbringen, die Vermählung des Herzogs von Aosta ist auf den 30. Mai festgesetzt – nicht wahr?«

»Zu Befehl, Sire,« erwiderte Herr Nigra, »die Feste werden sehr glänzend sein, die ganze Nation nimmt den innigsten Anteil an dieser Verbindung, welche so recht eigentlich eine nationale ist.«

»Ich hoffe, das junge Paar wird die Ausstellung besuchen?« sagte der Kaiser.

»Die Herrschaften werden zunächst nach dem Lustschloß Stupinigi sich begeben und dort während der Festlichkeiten residieren. Dann werden sie den ehemaligen Palast Durazzo beziehen, der reizend am Strande des Meeres gelegen ist,« erwiderte Herr Nigra.

»Nun vielleicht finden sie die Zeit zu einer Reise hierher,« sprach Napoleon weiter, »der Prinz Humbert wird ja wohl bald uns die Freude seiner Ankunft machen?«

»Soviel ich weiß, Sire, denkt Seine Königliche Hoheit sogleich nach den Hochzeitsfesten hierher zu kommen.«

»Ich hoffe,« sagte der Kaiser mit einem schnellen Blick auf den Gesandten, »daß auch der Erbe Ihres Thrones bald, dem Beispiele des Herzogs von Aosta folgend, Gelegenheit zu frohen Festen geben wird, ich habe in dieser Beziehung einiges gehört, verfrühte Nachrichten vielleicht, aber ich würde mit höchster Freude eine Verbindung begrüßen, von der ich eine Andeutung erhielt.«

»Sire,« erwiderte Herr Nigra, indem sein klares, kluges Auge mit vollster Ruhe dem Blick des Kaisers begegnete, »ich weiß durch Privatbriefe von Hause, daß eine Verbindung von verschiedenen Personen gewünscht wird, welche außer der persönlich vortrefflichen Wahl zugleich eine hervorragend politische Bedeutung in einer Richtung hätte, welche mir immer als die heilsamste für mein Vaterland erschienen ist. Offiziell weiß ich darüber nichts, wenn aber Eure Majestät wünschen, daß ich –«

»Ich danke Ihnen,« erwiderte Napoleon mit feinem Lächeln, »man muß die Dinge sich entwickeln lassen, es freut mich,« setzte er hinzu, »daß ich meine ganz persönliche Ansicht von Ihnen geteilt finde.«

Und mit leichter Neigung des Kopfes machte er eine Wendung, durch welche er sich dem Marschall Mac Mahon gegenüber befand.

Auf einen Wink des Kaisers trat der Herzog von Magenta zu ihm heran. Dieser populärste General Frankreichs war hier im schwarzen Zivilanzug eine durchaus andere Erscheinung, als zu Pferde an der Spitze der Truppen. Die schlanke, magere Gestalt hatte eine fast unsichere Haltung, auf dem durchsichtig blassen Gesicht mit dem blonden Schnurrbart und den vergißmeinnichtblauen Augen lag ein Ausdruck von verlegener Bescheidenheit – kaum hätte jemand in diesem stillen, einfachen Mann den Marschall wiedererkannt, der ihn gesehen, wenn er auf schnaubendem Pferde in kühnen Lançaden vor bei Front der Truppen hinsprengte, das Auge flammend und blitzend und mit dem ehernen Ton seiner Kommandostimme weithin die Bewegungen der Bataillone lenkend.

»Wie gefällt sich die Herzogin in Paris?« fragte der Kaiser, dem Marschall die Hand reichend, »ich hoffe, sie vermißt in unsern engen Straßen nicht zu sehr die feenhafte Szenerie ihrer orientalischen Residenz!«

»Sire,« erwiderte der Marschall mit jenem leisen, sanften Ton, der ihm in der Konversation eigen war, »die Herzogin genießt in vollen Zügen die Freude, sich im Mittelpunkte der Gesellschaft zu befinden, in Algier hat man bei aller orientalischen Pracht doch auch in hohem Grade die orientalische Einsamkeit und Beschaulichkeit. Ich für meine Person sehne mich freilich zurück, dort bin ich in meinem militärischen Element, auf diesem großen Exerzierplatz der französischen Armee, den uns freilich die Herren von der Feder mit ihren national-ökonomischen Projekten und Theorien ja auch nehmen wollen.«

Der Kaiser drehte den Schnurrbart. »Glauben Sie denn nicht, mein lieber Marschall,« fragte er, »daß diese von der Natur so hoch begabte Provinz, welche in früheren Kulturperioden auf einer so hohen Stufe der ökonomischen Entwicklung stand, für Frankreich besser und produktiver nutzbar gemacht werden könnte?«

»Ich wage darüber kein Urteil, Sire,« sagte der Marschall, »da ich dazu nicht kompetent bin, was ich aber beurteilen kann und wovon ich fest überzeugt bin, ist, daß Algerien vollständig militärisch organisiert bleiben muß, wenn die französische Armee den ungeheuren Vorteil einer großen Lagerschule behalten soll. Ob eine national-ökonomische Kolonisation unter der militärischen Verwaltung gedeihen kann, ist mir zweifelhaft, gewiß aber ist, daß Frankreich reich genug ist, um keine zweifelhaften ökonomischen Vorteile zu suchen, wenn dafür ein großes, wichtiges militärisches Prinzip aufgegeben werden muß.«

»Und Chalons?« fragte der Kaiser, »dort haben wir ja unser Übungslager.«

»Chalons, Sire,« erwiderte der Marschall, »ist ein Parkett im Vergleich mit Algerien.«

»Nun,« sagte der Kaiser lächelnd, »diese Projekte sind ja noch in weitem Felde und Sie wissen, mein lieber Marschall, die Feder arbeitet nicht so rasch wie der Degen. – Zunächst haben wir,« fuhr er mit etwas gedämpfter Stimme fort, »hier die Organisation der Armee. Die Kommission des Corps législatif hat mit dem Staatsrat das Gesetz noch einmal überarbeitet, ich werde Sie bitten, den Entwurf ebenfalls auch einmal zu lesen, und in einigen Tagen wollen wir ausführlich darüber sprechen.«

»Ich stehe zu den Befehlen Eurer Majestät,« sagte der Marschall, sich verneigend, »wenn ich auch kaum den so richtigen und tief durchdachten Ideen des Marschall Niel etwas Neues hinzuzufügen imstande sein dürfte.«

»Bazaine wird kommen,« sagte der Kaiser, »ich hoffe auch seine Meinung zu hören, er hat Gibraltar passiert.«

Der Herzog schwieg.

»Auf Wiedersehen, mein lieber Marschall,« sagte der Kaiser, »ich hoffe die Herzogin noch zu begrüßen.«

»Sie ist in einem der anderen Salons,« sagte der Marschall, »und wird glücklich sein, Eurer Majestät ihren Respekt zu bezeigen.«

Napoleon neigte das Haupt. Der Marschall trat zurück.

Der Kaiser ließ den Blick über die in der Nähe befindlichen Personen streifen und trat dann zu einem großen jungen Manne von athletischem Wuchs mit dichtem schwarzen Haar und starken, aber schönen und intelligenten Zügen hin, der, die Annäherung Napoleons bemerkend, ihm schnell entgegen kam und mit tiefer Verbeugung vor ihm stehen blieb.

»Wie geht es, mein junger Heißsporn?« sagte der Kaiser freundlich lächelnd, »Sie tauchen Ihre Feder in Feuer und setzen meine Diplomatie in Verlegenheit.«

»Sire,« erwiderte Paul de Cassagnac, der junge Redakteur des Pays, »ich glaube, daß die Presse Eurer Majestät am besten nützt, wenn jeder Journalist seine wahre und wirkliche Überzeugung ausspricht, wohlan, ich habe meine Überzeugung – und ich sage sie.«

»Ich achte jede Überzeugung,« sagte der Kaiser, indem sein Blick wohlgefällig auf der kräftigen Gestalt und dem offenen, freien Gesicht des jungen Mannes ruhte, »besonders diejenige eines so guten Franzosen und so ergebenen Freundes wie Sie, aber Sie sind noch sehr jung – und in der Jugend ist das Blut heißer und der Puls schlägt schneller als es gut ist, um die Geschicke der Nationen zu bestimmen. Wer regieren will, darf sich nicht hinreißen lassen, auch nicht von Gefühlen, welche die Sympathie des Herzens für sich haben.«

»Die Weisheit Eurer Majestät wird gewiß das Beste und Würdigste beschließen,« sagte Paul de Cassagnac, »aber,« fuhr er mit einer gewissen brüsken Freiheit fort, »Eure Majestät werden es begreiflich finden, daß mein Blut sich erhitzt, wenn ich sehe, wie man in Europa anfängt alles zu tun, was man will, ohne Frankreich zu fragen, und wie selbst bei uns schon die Ironie sich regt, man kann das Kaiserreich angreifen, dadurch wird es nur befestigt werden, aber wenn man Scherze darüber macht, so wird es untergraben.«

»Ein wenig betroffen blickte der Kaiser den Sprechenden fragend an.

»Kennen Eure Majestät die kleine Anekdote,« fuhr Paul de Cassagnac fort, »welche man sich von Herrn Thiers und Herrn Rouher erzählt?«

Der Kaiser schüttelte den Kopf.

»Vor einigen Tagen,« erzählte der junge Mann, »unterhielt sich Herr Thiers im Corps legislatif mit dem Staatsminister, der ihm halb im Ernst, halb im Scherz Vorwürfe darüber machte, daß der große Geschichtsschreiber Napoleons I. zu dem zweiten Kaiserreich in Opposition stünde. ›Ich erkenne alle Verdienste des Kaiserreiches an‹, erwiderte Herr Thiers lächelnd, ,vor allem hat es das Verdienst, zwei große Minister geschaffen zu haben.‹ – Herr Rouher verneigte sich – die Bemerkung schien ihm ein Kompliment zu enthalten –, ›ich meine Cavour und Bismarck‹, fuhr Herr Thiers fort, – Herr Rouher verbeugte sich nicht wieder,« sagte Paul de Cassagnac, den Kaiser scharf fixierend.

Napoleon blickte einen Augenblick finster vor sich nieder.

»Das Bonmot ist gut,« sagte er dann mit ein wenig gezwungenem Lächeln, »aber es wäre besser, dasselbe nicht in die Öffentlichkeit zu bringen.«

»Sire,« sagte Paul de Cassagnac, »ich bin ein zu treuer Anhänger Eurer Majestät, um die weise Maxime Ihres erhabenen Oheims zu vergessen: Man muß seine schmutzige Wäsche niemals vor der Welt waschen.«

Das Gesicht des Kaisers erheiterte sich wieder, mit freundlichem Kopfnicken wendete er sich ab und schritt dem in der Nähe stehenden Grafen Goltz entgegen, mit welchem er sich längere Zeit unterhielt, scharf beobachtet von den forschenden Blicken aus allen Gruppen in der Nähe.

Die Kaiserin Eugenie hatte mit einigen Herren und Damen gesprochen und befand sich in der Nähe des Grafen Rivero, welcher in ungezwungen ruhiger Haltung auf seinem Platze geblieben war und ihre Annäherung erwartet hatte.

Die Kaiserin beendete mit gnädigem Kopfnicken ihre Unterhaltung mit dem kleinen, lebhaften Marquis von Chasseloup-Laubat und dessen junger, schöner Gemahlin, welche, in dunkle Farben gekleidet, mit ihrem schwarzen Haar und ihren klassisch antiken Zügen wie ein Bild schweigender Ruhe neben ihrem beweglichen Gemahl erschien.

Dann trat die Kaiserin mit raschem Schritt und belebtem Blick dem Grafen Rivero entgegen, der nach einer tiefen Verbeugung ihre Anrede erwartete.

»Ich bin sehr erfreut, Heu Graf,« sagte Eugenie, »Sie hier zu sehen, Sie werden,« fuhr sie, mit einem raschen Blick die Entfernung der nächststehenden Personen messend, mit etwas gedämpfter Stimme fort, »Sie werden gewiß meine Befriedigung teilen über die friedliche Wendung, welche die Ereignisse genommen haben, ich glaube,« sagte sie mit anmutigem Lächeln, »ich muß Ihnen dafür besonders dankbar sein, Sie haben Ihr Wort gelöst – und ich muß es gestehen, ich bin nicht ganz frei von ein wenig Neugier über Ihre Mittel; die Schnelligkeit und Sicherheit des Erfolges waren überraschend.«

»Jeder Künstler, Madame,« sagte der Graf, »hat seine kleinen Geheimmittel, die oft sehr einfacher Natur sind und deren Kenntnis ihm seinen Erfolg sichert, würde er sie verraten, so würde er jene Erfolge verlieren. Ich bitte Eure Majestät aber, überzeugt zu sein, daß alle meine Mittel, offene und geheime, stets auf Ihren Befehl zu Ihrer Verfügung stehen.«

Die Kaiserin blickte erstaunt auf diesen Mann, aus dessen artigen und ergebenen Worten dennoch eine gewisse kalte und verschlossene Zurückhaltung hindurchklang und dessen ruhige, überlegene Sicherheit ihr immer mehr imponierte.

»Rechnen Sie stets auf meine Dankbarkeit, Herr Graf,« sagte sie, »wenn Sie irgend einen Wunsch haben, den ich erfüllen kann.«

»Ich gehöre zu den wenigen Menschen,« sagte der Graf, »welche selten Wünsche haben, oder,« fuhr er mit einem leicht melancholischen Anklang in seiner Stimme fort, »welche es verlernt haben zu wünschen, mein Denken und meine Tätigkeit gehört einer großen und heiligen Sache – der Sache der Kirche. Darin ist mir Eurer Majestät Beistand ja stets gesichert.«

»Nach allen meinen Kräften!« rief die Kaiserin.

»Doch,« sagte der Graf nach einem augenblicklichen Nachdenken, »vielleicht werde ich Eurer Majestät Güte für eine Dame meines Landes in Anspruch nehmen, welche ich zwar persönlich weniger kenne, welche mir aber von Freunden dringend empfohlen ist und die den sehnlichsten Wunsch hegt, Eurer Majestät vorgestellt zu werden, die Marchesa Pallanzoni.«

»Von Ihnen empfohlen werde ich sie stets mit Vergnügen empfangen,« sagte die Kaiserin, »und Sie, Herr Graf, hoffe ich zu sehen, so oft Sie mir etwas mitzuteilen haben, und ich wünsche,« fügte sie mit liebenswürdiger Artigkeit hinzu, »daß dies recht bald und recht oft sein möge.« Sie wendete sich Zur Fürstin Metternich, welche sie in bei Nähe erblickte.

Nach einer Stunde zogen sich die Majestäten zurück; die Appartements der Kaiserin leerten sich und diese glänzende Elite der Gesellschaft des Kaiserreichs rollte in ihren Equipagen den verschiedenen Stadtteilen von Paris zu.

Graf Goltz, der lange mit dem Kaiser gesprochen hatte, stieg in seinen Wagen und fuhr nach kurzer Zeit in den Hof des Hotels der preußischen Botschaft in der Rue de Grenelle Saint Germain ein. »Der Geheime Hofrat Gasperini erwartet Eure Exzellenz noch,« sagte der dem Grafen die Treppe hinauf voranschreitende Diener.

»Ich lasse ihn bitten,« erwiderte der Botschafter, indem er in sein Arbeitszimmer eintrat und dem Diener seinen Hut und Überrock gab. Der Graf machte einige Schritte durch das Zimmer.

»Ich bin überzeugt,« sagte er, »daß der Kaiser eine Allianz mit Preußen allen anderen Kombinationen vorziehen würde, besonders, wenn Rußland fest in dieselbe mit aufgenommen würde.

Er klagt fortwährend, daß jeder Schritt der Annäherung von seiner Seite kalter und scharfer Ablehnung begegne, es ist eine peinliche Situation für mich. Ich habe ja hier, wie der Oberst Wrangel an Wallenstein sagt, nur ein Amt und keine Meinung!«

Der Hofrat Gasperini, ein schlanker, eleganter Mann mit zierlichen Bewegungen, trat ein.

»Ich habe Eure Exzellenz erwartet,« sagte er, »ein chiffriertes Telegramm sagt, daß alles für den 20. Mai zur Ankunft des Kronprinzen bereitet werden soll. Die Reise Seiner Majestät ist noch nicht bestimmt. Hier der dechiffrierte Text.«

Graf Goltz nahm das Papier und überflog dasselbe.

»Wollen Sie morgen sogleich alle Anordnungen treffen,« sagte er, »es ist ja alles ziemlich in Ordnung – die Arrangements können in einigen Tagen gemacht sein.«

»Zu Befehl, Exzellenz, die Dispositionen bleiben die bereits getroffenen?«

»Gewiß, sind sonst noch Briefe gekommen?«

»Einer – auf dem bekannten Wege.« Er reichte dem Grafen einen kleinen versiegelten Brief.

»Ich danke Ihnen, lieber Gasperini – auf morgen also!«

Der Geheime Hofrat entfernte sich.

Der Botschafter klingelte und ließ sich von seinem Kammerdiener entkleiden, welcher die Tür nach dem anstoßenden Schlafzimmer öffnete und sich ebenfalls entfernte.

In einen weiten weichen Schlafrock gehüllt, setzte sich Graf Goltz vor seinen Schreibtisch und öffnete langsam und vorsichtig den Brief, welchen der Geheime Hofrat Gasperini ihm gegeben hatte.

Er nahm aus der ersten Enveloppe eine zweite und endlich aus dieser ein mit einer feinen Schrift beschriebenes Papier, das er mit großer Aufmerksamkeit durchlas.

Längere Zeit blieb er noch in tiefem Nachdenken in seinen Lehnstuhl zurückgelehnt sitzen, dann öffnete er mit einem kleinen Schlüssel eine Kassette, welche seitwärts auf seinem Schreibtisch stand, warf den Brief hinein und verschloß sie wieder.

Hierauf nahm er die Lampe, welche auf seinem Tische stand und begab sich in sein Schlafzimmer, die Tür leicht hinter sich anlehnend.

Ein schwacher Schimmer des Mondlichts fiel durch den feinen Spalt, welcher die nicht ganz geschlossenen Gardinen offen ließen, in das dunkle Zimmer.

Es mochte eine Stunde vergangen sein und tiefe Stille herrschte in dem Raume und dem daneben liegenden Schlafzimmer, als ein leichtes, kaum merkbares Geräusch, ähnlich dem Rascheln einer Maus, in dem Kamin hörbar wurde.

Wäre das Licht des Mondes Heller gewesen, so hätte ein an die Dunkelheit gewöhntes Auge das Ende einer Strickleiter entdecken können, welche aus der Kaminöffnung herabfiel. Einige Augenblicke später wand sich eine dunkle Gestalt in geisterhafter Stille aus dem Kamin hervor und trat mit unhörbarem Schritt in das Zimmer.

Diese Gestalt blieb vor dem Schreibtisch stehen, man hätte das phosphoreszierende Leuchten der Augen sehen können, welche die Gegenstände auf diesem Schreibtisch zu erkennen strebten.

Nach einigen Sekunden erleuchtete ein plötzlicher Schein das Zimmer, George Lefranc in seinem schwarzen Arbeitskostüm, Gesicht und Hände geschwärzt vom Ruß, stand da, ein brennendes Zündhölzchen in der Hand, mit dem starren Blick seiner weit geöffneten Augen den Schreibtisch überblickend.

In einer weiteren Sekunde hatte er gefunden, was er suchte. Mit raschem Griff faßte er die kleine Kassette, dann zog er ein weißes Tuch aus seiner Tasche, und mit dem Zündhölzchen auf den Boden leuchtend, verwischte er zum Kamin zurückschreitend sorgfältig jede schwarze Spur seiner Tritte.

Dann erlosch das Licht und alles versank in Dunkel.

Abermals hörte man jenes Geräusch im Kamin, diesmal ein wenig lauter – und nach wenigen Minuten wurde die tiefe stille Nacht nur noch von den hie und da fernhin von den Straßen herübertönenden Stimmen unterbrochen.

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Herr von Beust saß nachdenkend in dem Lehnstuhl vor seinem Schreibtisch; der Sektionschef von Hofmann hatte soeben den Vortrag eines der zahlreichen Berichte beendet, welche die neben ihm stehende Mappe enthielt, und blickte erwartungsvoll in das ernste, etwas ermüdete Gesicht des Ministers, der lange schweigend vor sich niedersah.

»Es ist eine sehr unangenehme Wendung,« sagte Herr von Beust endlich tief aufseufzend, »welche dieser immer verlarvte Spieler der Politik gibt, er geht auf dem Throne Frankreichs immer dieselben dunklen Wege, die er verfolgte, um dessen Stufen zu ersteigen! – Ich hoffte,« fuhr er fort, »durch eine vernünftige, in gemäßigter Berücksichtigung des Interesses aller Parteien vorgenommene Revision einzelner Punkte der Verträge über den Orient den dort schwebenden Fragen ihren akut drohenden Charakter zu nehmen und zugleich die für Österreich so verhängnisvoll gespannten Beziehungen zu Rußland besser und freundlicher zu gestalten, diese plötzliche so über alle Grenzen des Möglichen hinausgehende Überbietung unserer Vorschläge von Paris aus verrückt das ganze Spiel und bringt für die Stellung Österreichs gerade das Gegenteil von dem hervor, was ich zu erreichen strebte!«

»Aber gerade diese übertriebenen Propositionen,« warf Herr von Hofmann ein, »lassen ja die ganze Frage sofort wieder von der Oberfläche der Diplomatie verschwinden.«

»Doch der böse Bodensatz für Österreich bleibt zurück,« sagte Herr von Beust kopfschüttelnd, »der Türkei und England gegenüber stehen jetzt wir als diejenigen da, welche die beiden Mächten so unangenehmen Fragen angeregt haben, und Rußland gegenüber müssen wir wieder die Rolle der Verhinderer seiner Wünsche übernehmen, denn wollen wir nicht rund um unsere Grenzen her einen flammenden Brand entzünden, so können wir doch unmöglich die französischen Propositionen uns aneignen. – In den christlichen Vasallenstaaten aber ist die Gärung stärker angeregt als je, so ist,« sagte er, die Lippen des sonst so heiter lächelnden Mundes finster zusammenpressend, »die Gefahr vergrößert und Österreich steht isolierter da als je.«

»Man hätte in Paris vielleicht rechtzeitig darauf aufmerksam machen können,« bemerkte Herr von Hofmann, »was kann denn Napoleon mit einer solchen Politik beabsichtigen, er wünscht ja doch so dringend unsere Allianz?«

»Was er beabsichtigt, ist mir sehr klar,« sagte Herr von Beust, indem ein seines Lächeln über sein Gesicht flog, »er will Österreich jeden Weg zu anderen Allianzen verschließen, er will uns zwingen, mit ihm zu gehen, indem er uns nach allen anderen Richtungen völlig isoliert. Nun, das ist ihm für den Augenblick gelungen, ich will ja auch die französische Allianz,« fuhr er etwas lebhafter fort, »aber auf einer vernünftigen, vor allem auf einer klaren Grundlage, und bis jetzt ist noch nichts klar nach jener Seite. Die endlich glücklich beseitigte Luxemburger Sache –«

»Soeben ist der Bericht eingegangen,« warf Herr von Hofmann ein, »daß die Auswechslung der Ratifikationen des Vertrages nahe bevorstände, sodann wird die Räumung der Festung sogleich beginnen.«

Herr von Beust neigte leicht den Kopf.

»Jedenfalls bewies diese Sache, daß Napoleon, während er uns zu isolieren trachtet, sich selbst nach allen Seiten freie Hand zu halten beabsichtigt, die Freundlichkeit gegen Rußland, diese gleichzeitige Anwesenheit des Kaisers Alexander und des Königs von Preußen in Paris, die öffentliche Meinung sieht dahinter schon eine Allianz,« warf Herr von Hofmann ein.

»Wer weiß,« sagte der Minister sinnend, »die öffentliche Meinung sieht oft schärfer als die Diplomatie. – Vielleicht trifft ihr Instinkt hier weniger die Tatsachen als die Absichten. Ich glaube wenigstens, daß den Ideen des Kaisers Napoleon eine solche Allianz nicht so ganz fern liegen möchte, und gerade das macht mich so vorsichtig und zurückhaltend ihm gegenüber. – Die Allianz mit Frankreich können wir nur auf fester Basis eingehen, und – nicht ohne Italien – und das,« fügte er mit leichtem Seufzer die Achseln zuckend hinzu, »macht noch einige Schwierigkeiten. Doch auch die werden mehr und mehr schwinden, da ja nun die nähere Verbindung der Höfe als gesichert betrachtet werden kann.«

Er sann einen Augenblick nach, indem er die Spitze seines kleinen zierlichen Stiefels betrachtete.

»Immerhin kann ein Versuch nicht schaden,« sagte er dann, diese gleichzeitige Anwesenheit der Souveräne von Rußland und Preußen in Paris zu verhindern – was Österreich vor allem braucht, das ist Vertrauen zu seiner inneren und äußeren Erhebung – und den aus diesem Vertrauen entspringenden Kredit,« fügte er seufzend hinzu, »und wenn jene Zusammenkunft auch nur den Glauben einer bedenklichen Isolierung Österreichs in Europa hervorruft, so tut sie uns schon genug Schaden; man hat von Berlin aus mehrmals den Wunsch betont, ein freundliches Verhältnis herzustellen und alle übrig gebliebene Ranküne aus dem Kriege des vorigen Jahres verschwinden zu lassen, daran können wir ja anknüpfen und den Grafen Wimpffen anweisen, ganz vertraulich einige Bedenken in bezug auf eine gleichzeitige Zusammenkunft der Monarchen von Rußland und Preußen in Paris zu äußern. – Wollen Sie die Güte haben, eine Depesche in solchem Sinne zu entwerfen.«

»Sogleich, Exzellenz,« sagte Herr von Hofmann.

»Aber ganz vertraulich, – nur bei gelegentlicher Unterhaltung darf die Sache berührt werden, wir müssen es vollständig ignorieren können, wenn unsere Vorstellungen keinen Erfolg haben, was ich fast fürchte. – Wenn nur erst irgend eine greifbare Grundlage für eine gemeinsame Politik mit Frankreich geschaffen wäre, wenn der Kaiser nach Paris geht, müssen die wesentlichsten Punkte schon festgestellt sein, sonst wird bei dem versteckten Spiel Napoleons und bei der mißtrauischen Zurückhaltung und der natürlichen schüchternen Verschlossenheit unseres allergnädigsten Herrn die Zusammenkunft erfolglos sein.«

»Wäre es nicht vielleicht besser gewesen,« sagte Herr von Hofmann etwas zögernd, »wenn Seine Majestät vor dem Besuche des Königs Wilhelm und des Kaisers nach Paris gegangen wäre?«

»Nein,« rief Herr von Beust lebhaft, »dann wäre der Besuch ganz erfolglos gewesen, und Napoleons Hintergedanken hätten jede Verständigung unmöglich gemacht. – Der Kaiser muß nach jener Zusammenkunft nach Paris gehen; entweder hat Napoleon dort etwas erreicht, nun, dann sehen wir wenigstens vollkommen klar und können unser Spiel danach einrichten, ober seine Ideen sind ins Wasser gefallen, dann wird er mit bestimmten Propositionen hervortreten, Italien – Italien,« fuhr er fort, »das ist immer der Hauptpunkt, unsere Allianz mit Frankreich kann niemals wirksam sein, solange dies Bindeglied fehlt. – Doch,« fügte er, sich unterbrechend, »der Bericht von Metternich war noch nicht zu Ende.«

»Der Fürst berichtet noch,« sagte Herr von Hofmann, »daß die Rastatter Besatzungsfrage nunmehr Gegenstand eines Depeschenwechsels zwischen Paris und Berlin geworden sei, Eure Exzellenz erinnern sich –«

»Ja,« fiel Herr von Beust ein, »ich wollte meinerseits diese delikate Frage nicht anregen, da ich jetzt durchaus keine unangenehmen Erörterungen mit Preußen wünsche, Napoleon ist ja bei dem Prager Frieden Pate gewesen, mag er zunächst seine gewissenhafte Ausführung überwachen! – Nun? –«

»Frankreich hat,« sagte Herr von Hofmann, »anknüpfend an das Gerücht, baß Preußen die Truppen, welche es aus Luxemburg zurückziehe, nach Rastatt verlegen wolle, in Berlin bemerken lassen, daß es Preußen nicht das Recht zuerkennen könne, eine badische Festung zu besetzen, es stehe das mit dem Wortlaute wie mit dem Geiste des Prager Friedensschlusses im Widerspruch.«

»Und ist eine Antwort erfolgt?« fragte der Minister gespannt.

»Graf Bismarck hat sofort sehr bündig erwidert,« sagte Herr von Hofmann, »daß seine Regierung gegenwärtig nicht die Absicht habe, Truppen nach Rastatt zu legen, daß ihr aber das Recht dazu allerdings kraft des mit Baden abgeschlossenen Schutz- und Trutzbündnisses zustehen würde. Dabei hat der preußische Minister zugleich sehr artig, aber sehr bestimmt, hervorgehoben, daß die einzige Macht, welche er zu Interpellationen über die Ausführung der Bestimmungen des Prager Friedens für berechtigt erachten könne, diejenige sei, welche jenen Frieden unterzeichnet habe, nämlich Österreich.«

Herr von Beust nickte mehrmals nachdenkend mit dem Kopf.

»Das ist sein Spiel,« sagte er halblaut, »er will mich hervorlocken, es soll ihm aber nicht leicht gelingen! – und Napoleon –«

»Benedetti ist beauftragt,« fuhr Herr von Hofmann fort, »dem preußischen Ministerpräsidenten zu eröffnen, daß die französische Regierung seinen tatsächlichen Erklärungen gegenüber keine Veranlassung habe, die Frage weiter zu diskutieren, daß sie sich jedoch die Prinzipienfrage vorbehalte. – Der Marquis de Moustier hat dem Fürsten Metternich gegenüber bemerkt, daß es dem Kaiser nicht angemessen erschienen sei, in dieser für den Augenblick praktisch gegenstandslosen Frage weiter zu gehen, da der Besuch des Königs von Preußen in Paris nahe bevorstehe, und es ihm der internationalen Courtoisie zu widersprechen scheine, in einem solchen Augenblick Erörterungen über delikate Prinzipienfragen zu provozieren.«

»Immer doppeltes Spiel und halbe Maßregeln,« rief Herr von Beust, »Sie sehen zugleich, wieviel ihm an diesem Besuch des Königs gelegen ist; das Ende davon wird sein, daß eines Tages die Preußen in Rastatt einziehen werden, dann wird er sich vor der Alternative eines plötzlichen unvorbereiteten Krieges oder der der schweigenden Hinnahme der vollzogenen Tatsachen befinden.«

Er schwieg einige Augenblicke.

»Sie sprachen mir vorgestern,« sagte er dann, »von der hier bei Pichler erschienenen Broschüre L'Autriche à la recherche de la meilleure des alliances. – Ich habe sie gelesen,« fuhr er fort, indem er eine auf seinem Schreibtisch liegende Druckschrift ergriff und flüchtig durchblätterte, »sie ist merkwürdig klar und in elegantem Französisch geschrieben, also zunächst jedenfalls nicht für das hiesige Publikum, sondern für die weiteren Kreise der europäischen Diplomatie bestimmt. Es sind eigentümliche Gedanken, die der Verfasser ausspricht, Abweisung jeder Allianz mit Frankreich, Lösung der orientalischen Frage unter engem Anschluß an Deutschland und in Verständigung mit Rußland, haben Sie eine Spur finden können, woher diese Schrift kommt?«

»Nein, Exzellenz,« fugte Herr von Hofmann, »der Verleger ist vollständig verschwiegen, die Vermutungen schweifen nach allen Richtungen, ich möchte glauben, daß der Verfasser in den Straßen der deutsch-österreichischen Aristokratie, vielleicht gar in Berlin zu suchen sei.«

Herr von Beust lächelte fein.

»Ich möchte ihn in Pest suchen,« sagte er mit einem eigentümlichen Blick, »die Verlegung des Schwerpunktes dorthin würde doch das Resultat seiner Ideen sein. – Nun,« sagte er, »für den Augenblick ist es mir ganz recht, wenn solche Ideen ausgesprochen und diskutiert werden; sie tragen immer ein wenig dazu bei, denjenigen einen Zügel anzulegen, welche uns in übereiltem Vordrängen in eine politische Aktion stürzen wollen und welche die Zeit nicht erwarten können, bis die Pläne reif sind, die in sorgfältiger Vorbereitung allein Österreich wieder zu Kraft und Größe führen können. Lassen Sie immerhin,« fügte er lächelnd hinzu, »in den Journalen die Ansicht aussprechen, jene Broschüre möge wohl von mir inspiriert ober gar geschrieben sein, jedenfalls meinen Anschauungen sehr nahe stehen, das wird den Verfasser ein wenig überraschen. Haben Sie die Güte gehabt,« fragte er dann, »mir die Akten für den Vortrag bei Seiner Majestät zu ordnen? Ich muß zur Burg wegen der ungarischen Krönung.«

»Hier sind sie, Exzellenz,« sagte Herr von Hofmann, einen Aktenfaszikel vor dem Minister auf den Tisch legend.

»Wenn der ganze Ausgleich nur ebenso leicht zu machen wäre als die Krönung!« rief Herr von Beust, »und hat man dann die Ungarn zufrieden gemacht, so fangen die Deutschen an, Schwierigkeiten zu machen, bereits sehen sie mit scheelen Blicken auf den Ausgleich mit Ungarn.«

»Eure Exzellenz wollten ja mit Giskra und Schindler sprechen,« sagte Herr von Hofmann.

»Ich erwarte beide heute,« erwiderte Herr von Beust, »ich muß sie bestimmen, in den inneren Fragen nicht zu drängen, es wird am besten sein, wenn ich einige dieser Parlamentaristen in die Regierung ziehe, dann können sie selbst sich an allen den Schwierigkeiten müde arbeiten, die ihren Forderungen entgegenstehen, doch das geht noch nicht so rasch, vorläufig müssen sie mir freie Hand für den Ausgleich mit Ungarn lassen, ich will ihnen ein anderes Ziel zeigen, das sie beschäftigen soll!«

Durch die Tür, welche nach den inneren Räumen der Wohnung des Ministers führte, hereintretend, meldete der Kammerdiener: »Baron von Gilsa wünscht Eure Exzellenz zu sprechen.«

»Sogleich,« erwiderte Herr von Beust, »der Baron Gilsa ist ein großer Pferdekenner,« sagte er, zu Herrn von Hofmann gewendet, »er wird mir sein Urteil über ein paar Pferde mitteilen wollen, die ich ihn zu besehen gebeten. Sie sehen,« fügte er lächelnd hinzu, »daß ich mich in den Pausen der hohen Politik auch ein wenig mit meinem Stall beschäftigen muß.«

»Eure Exzellenz sind ja in allen Sätteln gerecht,« sagte Herr von Hofmann aufstehend, »ich werde also die vertrauliche Depesche an den Grafen Wimpffen sogleich entwerfen; für jetzt haben Eure Exzellenz keine weiteren Befehle?«

»Ich danke Ihnen,« erwiderte Herr von Beust, erhob sich und verabschiedete sich mit freundlichem Händedruck von dem Sektionschef, der sich durch das äußere Vorzimmer zurückzog.

Baron Beust zog stark die Glocke und einige Augenblicke darauf öffnete der Kammerdiener die innere Tür des Kabinetts für den Baron von Gilsa.

Der Eintretende war ein Mann von etwas über vierzig Jahren, mager und muskulös, das scharf geschnittene blasse, vom Leben etwas mitgenommene Gesicht mit langem, schwarzem Schnurrbart und kleinen, dunklen Augen zeigte einen Ausdruck spähender Beobachtung.

Rasch trat ihm der Minister entgegen.

»Ich habe Sie mit Ungeduld erwartet,« sagte er, »was bringen Sie für Nachrichten?«

»Ich bin heute morgen angekommen,« erwiderte Herr von Gilsa, »und vorgestern abend von Paris abgereist, hier ist ein Brief des Staatsrats Klindworth,« er zog einen versiegelten Brief aus der Brusttasche seines Rockes und reichte ihn dem Minister, der ihn hastig ergriff und das Kouvert aufriß, indem er sich auf seinen Lehnstuhl setzte und Herrn von Gilsa einen Sessel bezeichnete.

Rasch durchflog Herr von Beust die Seiten des Briefbogens.

»Der Staatsrat schreibt mir,« sagte er dann, »daß der Kaiser Napoleon vollständig in der Idee einer Allianz mit Österreich und Italien lebe, doch sei Italien etwas schwierig – was die politische Allianz betrifft; so sehr man dort auch zu einer persönlich freundlichen Gestaltung der Beziehung zu Österreich entschlossen sei, er verweist mich auf eine mündliche Mitteilung, die Sie mir über diesen Punkt machen würden.«

»Der Staatsrat hat mir aufgetragen, Eurer Exzellenz zu sagen,« erwiderte Herr von Gilsa mit einer klaren, aber etwas dumpfen Stimme in sehr bemerkbar hessischem Dialekt, »daß Ratazzi vollständig in den Ideen des Kaisers Napoleon und denen Eurer Exzellenz sei, daß es ihm indes sehr schwer sein würde, den Agitationen der extremen Parteien gegenüber der Idee einer Allianz mit Österreich in der öffentlichen Meinung und dem Parlament, von denen die Regierung sehr abhängig sei, Eingang zu verschaffen, besonders da damit eine Lossagung von der preußischen Allianz und eine feindliche Stellung gegen Preußen notwendig verbunden sei, Preußen aber sei in Italien sehr populär, während man in Österreich, abgesehen von der langjährigen vergangenen Feindschaft, jetzt ganz insbesondere die spezifisch römisch-katholische Macht sehe, welche sich stets allen den Ideen entgegenstellen werde, die für Italien in bezug auf das Verhältnis zu Rom maßgebend bleiben müßten.«

»Nun,« rief Herr von Beust, »und was meint der Staatsrat, daß man tun könne, um in dieser Richtung das Mißtrauen zu beseitigen?«

»Ratazzi meint,« sagte Herr von Gilsa, »daß der sonst so richtige und naturgemäße Gedanke einer Koalition zwischen Österreich, Italien und Frankreich im Publikum und auch in den parlamentarischen Kreisen Italiens leicht Eingang finden werde, wenn von Österreich aus in irgend einer Weise öffentlich klargestellt werden möchte, daß das Wiener Kabinett nicht unter der Herrschaft der Ideen des römischen Papsttums stehe.«

Herr von Beust neigte den Kopf in ernstem Nachdenken.

»Der Kaiser Napoleon teilt diese Ansicht vollkommen,« fuhr Herr von Gilsa fort, »und der Staatsrat ist der Ansicht –«

Herr von Beust erhob schnell das Haupt und blickte gespannt in das gleichgültig ruhige Gesicht des Barons Gilsa, der in so einförmigem Tone sprach, als ob er die unwichtigste und bedeutungsloseste Bestellung machte.

»Der Staatsrat ist der Ansicht, daß ein ernstes und entschiedenes Erfassen der Konkordatsfrage in dieser Richtung von vortrefflicher Wirkung sein würde, man würde, meint er, damit nach zwei Seiten vorteilhaft operieren, indem man im Innern die parlamentarische Opposition beschäftigte und von zu schnellem Vordrängen auf anderen Gebieten abhielte, auch würde dadurch Österreich in der öffentlichen Meinung Deutschlands gehoben werden.«

Herr von Beust stand auf und ging einige Male lebhaft im Zimmer auf und nieder, während der Baron Gilsa ruhig neben seinem Sessel, von dem er sich ebenfalls erhoben, stehen blieb und mit fast gleichgültigem Blick den Bewegungen des Ministers folgte.

»Er hat recht,« sagte Herr von Beust halblaut, »er hat recht – und doch, niemand kann besser als er die ungeheuren Schwierigkeiten kennen, welche auf dem Wege liegen, den er vorzeichnet; – warum,« rief er, vor dem Baron stehen bleibend, »hat der Staatsrat mir über diesen Gegenstand nicht geschrieben? Eine Memoire mit der geistreichen und scharfen Motivierung, welche ihm so sehr zu Gebote steht, wäre mir viel wert, warum sendet ei mir nur diese mündliche Botschaft?«

Ein leichtes Lächeln erschien um den geschlossenen Mund des Barons.

»Ich glaube, Eure Exzellenz kennen die große Abneigung des Staatsrats, sich schriftlich über wichtige Fragen zu äußern. Er pflegt zu sagen, daß das meiste Unheil in der Welt durch Briefe und Mißverständnisse ihres Inhalts entstanden sei.«

Herr von Beust machte wieder einige Schritte durch das Zimmer.

»Ich verstehe,« sagte er leise. – »Scripta manent – er kennt die Schwierigkeiten, darum soll ich allein die Hand an dieselben legen, nun,« sagte er, indem ein Ausdruck von stolzer Willenskraft sein blasses Gesicht erleuchtete und sein Auge sich strahlend öffnete, »ich scheue nicht davor zurück – aber – er soll mir helfen und Farbe bekennen.«

»Halten Sie sich bereit, lieber Baron,« sagte er dann, »bald wieder nach Paris zurückzureisen, ich werde Ihnen einen Brief an den Staatsrat mitgeben und ihn auffordern, zurückzukommen. – Sie werden mündlich besonders darauf dringen, daß er wirklich sogleich abreist. – Was hatte man in Paris für Nachrichten aus Mexiko?« fuhr er fort, »was glaubte man –«

»Die Gefangennahme Maximilians galt für ausgemacht,« erwiderte Herr von Gilsa, »indes glaubte man nicht, daß er eine Gefahr liefe, die ernste Vermittelung Nordamerikas ist zugesagt.«

»Es wäre sehr traurig,« sagte Herr von Beust halb für sich, »wenn eine tragische Wendung dort hinzukäme, um die unsicheren und unklaren Beziehungen zu Paris noch mehr zu verwirren. – Ich danke Ihnen, lieber Baron,« fuhr er fort, sich zu Herrn von Gilsa wendend, in einem Tone, welcher andeutete, daß die Unterhaltung beendet sei. – »Sie –«

»Der Staatsrat hat mir noch einen Auftrag an Eure Exzellenz gegeben,« sagte der Baron mit ruhiger Stimme.

Erstaunt blickte Herr von Beust auf.

»Nun?« sagte er erwartungsvoll.

»Graf Langrand ist in großer Unruhe und Verlegenheit,« sagte der Baron.

Eine Wolke flog über die Stirn des Ministers, er richtete unter den leicht gesenkten Augenlidern hervor den Blick forschend auf das unbewegliche Gesicht des Herrn von Gilsa, der im Tone gleichgültiger Berichterstattung fortfuhr:

»Eure Exzellenz werden sich erinnern, daß die italienische Regierung am 4. Mai den Vertrag mit dem Grafen Langrand über die finanzielle Regelung der Kirchengüterfrage definitiv unterzeichnet hat. – Der Graf hat nun erfahren, daß der Finanzminister Ferrara entschlossen ist, den Vertrag nicht auszuführen, ja schon weit vorgeschrittene Verhandlungen mit Rothschild gepflogen habe. Graf Langrand hat nun zwar seinen Vertreter, Herrn Brasseur, angewiesen, auf das Energischste Protest gegen dies Verfahren zu erheben und eventuell vor die Gerichtshöfe zu gehen, er ist indes vollkommen überzeugt, daß dieser Schritt höchstens zu einem Skandal führen könne, bei welchem die öffentliche Meinung Italiens dennoch auf der Seite Ferrarars stehen würde, daß aber die italienischen Gerichtshöfe niemals die Aufrechterhaltung seines Vertrages aussprechen würden.«

»Aber da müßte doch die französische Regierung durch Ratazzi –« unterbrach Herr von Beust.

»Was von dort aus zu tun möglich, ist geschehen,« sagte der Baron, »Ratazzi aber befindet sich in einer sehr prekären Lage in dieser Angelegenheit und wird kaum wagen können, sich seinem Kollegen in dieser Frage mit äußerster Schärfe entgegenzustellen, wenn er nicht seine Stellung kompromittieren und geradezu gefährden will, deren Erhaltung doch aus andern Gründen so wichtig ist. – Rothschild zwar wird nun wohl das Geschäft schließlich ablehnen, man hat von seiten des Hofes in Paris stark auf ihn eingewirkt, allein schon steht das Haus Erlanger hinter ihm bereit.«

»Aber was kann ich –« rief Herr von Beust.

»Der Staatsrat ist der Ansicht,« fuhr Baron Gilsa fort, »daß bei dem Wunsch der italienischen Regierung, sich mit Österreich gut zu stellen, und bei der in Aussicht genommenen näheren Verbindung der Höfe eine kräftige Einwirkung von hier aus den Hof von Florenz bestimmen könnte, energisch für Langrand einzutreten, der Finanzminister wird vielleicht einer solchen Einwirkung zugänglicher sein als derjenigen von seiten seines Kollegen Ratazzi, mit dem er nicht in besten Beziehungen steht, außerdem aber könnte man eine Pression auf das Haus Erlanger ausüben.

»Ich weiß in der Tat nicht,« sagte Herr von Beust, »wie man von hier aus auf Erlanger wirken könnte, und sehe wirklich nicht –«

»Jedenfalls bittet der Staatsrat,« fuhr Herr von Gilsa fort, »daß Eure Exzellenz tun möchten, was möglich ist, die Unternehmungen des Grafen Langrand haben bedeutende Stockungen erlitten, er rechnete sicher auf die Ausführung des italienischen Vertrages, und wenn diese Hoffnung fehlschlägt, so drohen ihm Verlegenheiten nach allen Seiten, sein Kredit würde erschüttert, er gezwungen werden, ausstehende Forderungen zu realisieren.«

»Der Staatsrat weiß,« sagte Herr von Beust, »wie sehr ich mich für die genialen Unternehmungen des Grafen Langrand interessiere, ich werde über die Sache nachdenken und Ihnen schreiben, was geschehen kann.«

»So erlauben Eure Exzellenz, daß ich mich zurückziehe, um etwas auszuruhen?« fragte der Baron.

Herr von Beust nickte nachdenklich und zerstreut mit dem Kopf und reichte von Gilsa die Hand, der sich mit ehrerbietiger Verbeugung entfernte.

Der Minister ließ sich in einen Lehnstuhl sinken und blickte sinnend mit trübem Ausdruck vor sich hin, die Arme auf die Seitenlehnen gestützt.

»Daß die finanziellen Fragen sich doch immer in die Politik mischen!« rief er seufzend, »es sind wahrlich ohne das schon überall der Schwierigkeiten genug. – In dieser Weise kann ich Langrand nicht helfen, es ist unmöglich, vielleicht kann man ihm in anderer Art zu Hilfe kommen.«

Er blieb schweigend in tiefem Nachdenken sitzen.

Die innere Türe öffnete sich mit leichtem Geräusch.

»Fräulein Gallmeyer fragt, ob Eure Exzellenz sie einen Augenblick empfangen wollen,« sagte der Kammerdiener.

Herr von Beust richtete sich empor, ein heiteres Lächeln flog über seine eben noch so sorgenvollen Züge.

Er zog seine Uhr hervor und sagte mit einem Blick auf dieselbe:

»Es ist schon spät, ich will das Fräulein gerne sehen, aber sagen Sie ihr, daß –«

»Daß die Pepi nicht lange bleiben darf,« rief die heitere Stimme der Angemeldeten, und den Kammerdiener rasch zur Seite schiebend, trat Fräulein Gallmeyer in einfacher Frühlingstoilette rasch ein.

Der Minister erhob sich und reichte ihr freundlich die Hand.

»Ich will Eurer Exzellenz kostbare Zeit nicht lange stehlen,« rief die launige Schauspielerin, deren große, geistvolle Augen vor lustigem Übermut funkelten, »i bin halt nur eben einmal von Pest herübergekommen, um zu sehen, was diese ungezogenen Wiener eigentlich ohne mich anfangen, und da hab' ich denn nicht versäumen wollen. Eure Exzellenz ein wenig an mich zu erinnern. – Sie sind halt immer so gnädig für mich gewesen – und ich fürchte, Sie möchten mich vergessen.«

»Das hat die fröhliche und liebenswürdige Pepi niemals zu fürchten,« sagte Herr von Beust lächelnd, indem er eine Photographie von seinem Schreibtisch nahm und sie dem Fräulein zeigte, die ihr eigenes, heiter und schelmisch unter einem runden, blumengarnierten Hut hervorlachendes Gesicht erkannte. »Sie sehen,« fuhr er fort, »wenn ich ein kurzes Gedächtnis hätte, so würde meiner Erinnerung das Bild zu Hilfe kommen, das freilich nur ein schwacher Ersatz für das lebendige Original ist.«

»Schauns,« sagte die Gallmeyer treuherzig, »das ist recht von Ihnen, Exzellenz, daß Sie das Bild da auf Ihrem Schreibtisch stehen haben, mir graust's ordentlich, wenn ich an all die langweiligen, wüsten Akten denke, die Sie da alle vor sich haben, und an all die noch langweiligeren und wüsteren Menschen, die daher kommen und Sie plagen mit ihren faltigen und staubigen Bureaugesichtern.« – Sie legte ihr Gesicht auf eine so komische Weise in ernste und feierliche Falten, während die blitzenden Augen so mutwillig darüber herstrahlten, daß Herr von Beust in ein lautes Lachen ausbrach.

»Nun sehen Sie,« sagte sie weiter, »da ist's ja wahrhaftig gut, daß Sie dazwischen von Zeit zu Zeit einmal einen Blick auf mein Konterfei werfen können, das bringt Ihnen wieder etwas Humor.«

»Und mit dem Humor kommen die guten Gedanken,« sagte Herr von Beust.

»Ich hoff', Eurer Exzellenz wird der Humor und die guten Gedanken nicht ausgehen, das hab' ich Ihnen halt schon gleich angesehen, als Sie herkamen,« sagte sie ernsthaft, »Sie sind so ganz anders als die andern Exzellenzen und Minister, Sie haben so – so – so etwas Gewisses –«

»Nun und was ist denn dies Gewisse?« fragte Herr von Beust, unendlich belustigt durch das originelle Kompliment, welches ihm auf so besondere Weise hier gemacht wurde.

»Das werd' ich Eurer Exzellenz ganz genau sagen,« erwiderte Fräulein Gallmeyer.

»Das weiß ich nicht,« fiel Herr von Beust lächelnd in noch stärker prononciertem sächsischem Dialekt ein, »sagte man bei mir in Dresden –«

»Doch,« rief Fräulein Gallmeyer, »das weiß ich ganz genau. – Sehen Sie,« fuhr sie fort, »alle die andern großen Herren, die sind so feierlich, so weitläufig, noch weit mehr als man sie auf dem Theater darstellt, die räuspern sich – so« – sie ging mit äußerst komischer Gravität hin und her – »und dann machen sie solche Gesichter, so lang, so würdevoll, und sagen tun sie gar nichts – und denken glaub' ich auch nichts, sie sind halt wie ein Schrank, der immer fest verschlossen gehalten wird, und jedermann glaubt, daß da Wunder was für kostbare Sachen darin sind, wenn man aber mal zufällig dazu kommt, hinein zu sehen, dann ist,« rief sie lachend, »nichts darin, gar nichts, gar nichts als alter Staub!«

Sie schnippte leicht mit den Fingern.

»Eure Exzellenz aber,« fuhr sie dann mit offenem und treuherzigem Blick fort, »das ist ganz etwas anderes, bei Ihnen da stehen alle Schubladen weit offen, jeder kann hineinsehen, denn sie sind alle voll, und ein Wunder ist's, was da für schöne, niedliche, allerliebste Sachen drin sind, mir steht halt der Verstand still, wie Sie so vielen guten Geist und frischen Humor beherbergen können neben all den großen und ernsten Dingen, die Sie in sich haben«

Herr von Beust lachte. »Das werfen mir ja Ihre ernsten Leute mit den feierlichen Mienen so oft vor,« fügte er, »doch Sie machen mich eitel, wenn Sie mir so viel schöne Dinge sagen.«

»Ich sag' Ihnen nichts mehr!« rief Fräulein Gallmeyer, »ich bin auch gekommen,« fuhr sie mit großer Wichtigkeit fort, »um über eine sehr ernste Sache mit Eurer Exzellenz zu sprechen.«

»Damit ich auch ein solches Gesicht mache wie die andern?« sagte Herr von Beust scherzend.

»Nun,« rief Fräulein Gallmeyer, »für einen Augenblick kann's nicht schaden, ich habe eine sehr ernste Bitte an Eure Exzellenz.«

»Die im voraus gewahrt ist,« sagte der Minister artig.

»Versprechen Sie nicht zu schnell, Exzellenz,« rief die Gallmeyer, »denn ich nehme Sie beim Wort!«

Und indem sie zu ihm hintrat, legte sie eine Hand auf seinen Arm, schlug die Augen mit bittendem Ausdruck zu ihm auf und sprach mit eindringlichem Tone:

»Ich bitte, Exzellenz, schaffen Sie mir einen Mann, aber schnell,« rief sie heftig, »lieber heut als morgen, ich muß partout heiraten!«

Herr von Beust fuhr ganz erstaunt zurück.

»Ich begreife in der Tat nicht,« sagte er dann mit heiterem Tone, »wie ich das anfangen sollte, diese schönen Augen werden Ihnen die besten Dienste leisten, wenn Sie in der Tat Ihrer Freiheit Fesseln anlegen wollen.«

»Nicht Fesseln anlegen will ich,« rief Fräulein Pepi mit dem Fuß auf den Boden stampfend, »sondern von Fesseln mich befreien, die mich quälen und ärgern. Sehen Sie, Exzellenz, ich bin am Karltheater engagiert und man will mich nicht loslassen, ich will aber halt in Wien nicht mehr spielen vor diesem undankbaren, boshaften, langweiligen Publikum, was bleibt mir übrig, ich muß heiraten, denn die Heirat hebt den Kontrakt auf nach dem Theatergesetz, dann kann ich fortgehen und in Pest bleiben, wo das Publikum viel artiger ist.«

Herr von Beust warf sich in seinen Lehnstuhl und lachte so herzlich, daß ihm die Tränen in die Augen traten.

»Ich habe,« fuhr Fräulein Gallmeyer noch immer in großer Erregung fort, »immer gelacht über die närrischen Frauenzimmer, die immer durchaus heiraten wollen, wie die Fontelive, die ja jetzt ihren Fürsten hat, und die Grobecker, die ihren spanischen Herzog noch immer nicht ganz festhält, aber jetzt – jetzt will ich auch heiraten, Fürst – Herzog – Bankier oder Unterleutnant, was Sie haben, aber – ich bitt' sehr schön, Exzellenz, schaffen's mir einen Mann, damit der Ascher mich vom Karltheater loslassen muß.«

»Sie werden doch gewiß nicht glauben,« rief Herr von Beust, »daß ich dazu beitragen möchte, Sie von Wien loszumachen, was wollen Sie denn in Pest tun?«

»O da ist's sehr schön!« rief die Gallmeyer, »und,« fuhr sie fort, »wenn ich Eurer Exzellenz einen Rat geben soll, kommen Sie auch dahin, die Wiener taugen nichts und werden gegen Sie eben so undankbar sein wie gegen mich, nehmen Sie die ganze Boutike, Regierung – Parlament – alles, verlegen Sie den Schwerpunkt nach Pest, wie die Zeitungsschreiber sagen, dann werden die Wiener haben, was ihnen gebührt,« sagte sie, die Zähne auf die Lippen drückend.

Herr von Beust wurde ernst und blickte vor sich hin

Der Bureaudiener trat durch die Türe, welche zu dem großen Vorzimmer der Staatskanzlei führte, ein und sagte:

»Herr Doktor Giskra.«

Herr von Beust stand auf.

»Da kommt schon wieder so einer, um Eurer Exzellenz den Humor zu verderben,« rief Fräulein Gallmeyer – »und wann Sie den verlieren, dann schaffen's mir halt meinen Mann nit!«

»Nun,« sagte Herr von Beust, »ich verspreche Ihnen, darüber nachzudenken, Sie müssen aber die Sache auch noch einmal überlegen, jedenfalls sehe ich Sie bald wieder.«

»Ich werde Eure Exzellenz an meine Bitte erinnern,« rief die Gallmeyer, die dargebotene Hand des Ministers ergreifend, »und denken Sie an mich, Sie werden die Undankbarkeit der Wiener noch kennen lernen!«

Rasch verschwand sie durch die innere Türe.

»Die Undankbarkeit,« sagte Herr von Beust gedankenvoll, »wo findet sich denn die Dankbarkeit?« seufzte er, und den Kopf vorgebeugt, den Blick zur Erde gerichtet, blieb er einige Minuten schweigend stehen. Dann hob er das Haupt empor und indem sein Auge den ihm eigentümlichen, heitern und klaren Ausdruck wieder annahm, rief er mit festem Tone:

»Darf ein Staatsmann um Dankbarkeit werben? – Der einzige wahrhaft befriedigende Lohn ist das Zeugnis des eigenen Bewußtseins, getan zu haben, was möglich war, also an die Arbeit, um diesen Lohn zu verdienen. Die kleine, lustige Person hat recht, der Humor ist die Hauptsache, um den frischen Mut zu erhalten, nun, ihr Geplauder hat mir wieder einigen Vorrat von dieser köstlichen Himmelsgabe gebracht; jetzt diesem Manne entgegen, von dem ich hoffe, daß er mein Mitarbeiter werden soll an dem mühsamen Werk der Wiedergeburt Österreichs.«

Er zog die Glocke und nach einigen Augenblicken führte der Bureaudiener den Doktor Giskra in das Kabinett ein.

Der Präsident des Abgeordnetenhauses ergriff mit etwas zurückhaltender Höflichkeit die dargebotene Hand des Ministers und setzte sich demselben auf dessen artige Einladung gegenüber.

Die scharf markierten, geistvollen, aber strengen und etwas an bureaukratische Verschlossenheit erinnernden Züge des liberalen Parlamentsführers, seine etwas enge und knappe Haltung kontrastierten merkwürdig mit dem freien, offenen und lächelnden Ausdruck in dem Gesicht des Herrn von Beust und mit dessen vornehm nachlässiger und degagierter Haltung.

»Ich danke Ihnen herzlich,« begann Herr von Beust die Unterhaltung, »daß Sie so freundlich auf meinen Wunsch einer näheren, persönlichen Verständigung eingegangen sind, ich hoffe, wir werden heute die Grundlagen dafür finden und im fortgesetzten Verkehr immer mehr Ausgangspunkte zu gemeinsamem Wirken für den Ausbau des österreichischen Verfassungslebens gewinnen.«

»Ich bin stets bereit,« erwiderte Doktor Giskra, »dazu die Hand zu bieten; wenn ich in Opposition gegen die frühere Regierung stand, so bin ich darum gewiß kein prinzipieller Gegner der Regierung überhaupt, am wenigsten der Regierung, an deren Spitze Eure Exzellenz stehen und der ich zwei wesentliche Dinge von Herzen zugestehe, das richtige Erkennen und das ernste, feste Wollen. Wo diese Dinge vorhanden sind, muß man auf einen guten Ausgang hoffen, auch wenn die Überwindung hemmender Schwierigkeiten nicht so schnell vor sich geht, als wir wünschen möchten.«

»Ich habe die maßvolle Zurückhaltung, die freundliche Rücksicht auf die schwere Aufgabe der neuen Regierung so vielen traditionell eingewurzelten Anschauungen gegenüber mit großer Freude in Ihrer Präsidentenrede bemerkt und bin Ihnen besonders dankbar dafür,« sagte Herr von Beust verbindlich.

»Eine solche Rücksicht,« erwiderte Doktor Giskra, »entspricht meiner persönlichen Überzeugung und ist mir durch meine Stellung besonders zur Pflicht gemacht, ich möchte indes Eure Exzellenz darauf aufmerksam machen, daß die gleiche Zurückhaltung nicht immer und überall in den Verhandlungen des Abgeordnetenhauses beobachtet werden wird, die Wünsche und Anschauungen, welche ich in vorsichtiger Begrenzung angedeutet habe, dürften von andern Abgeordneten lauter und drängender ausgesprochen werden.«

»Ich habe gewiß nichts dagegen zu erinnern,« sagte Herr von Beust, »im Gegenteil, solche Äußerungen können mir zur kraftvollen Durchführung der Aufgabe, die ich mir gestellt, nur erwünscht sein, nur muß man nicht das Vertrauen zu mir verlieren, wenn die Dinge nicht so schnell vorwärts gehen, als man es wünscht, an der Aktion eines Ministers hängen schwere Gewichte, während die Wünsche der Parlamente in ungehemmten, freien Fluge sich bewegen. – Meine Aufgabe ist wahrlich keine leichte,« fuhr er nach einer augenblicklichen Pause fort, »ich gehöre der Regierung und dem Reiche nicht seit Jahren, sondern nur seit Monaten an, ich bringe nicht jene Spezialkenntnisse mit, welche jedem Minister zur Durchführung der von ihm im großen und ganzen erfaßten Ideen notwendig sind, ich muß mir dieselben erst erwerben, und die Regierungs- und Verwaltungsmaschine, mit der ich arbeiten muß, ist von meinen Ideen wahrlich nicht durchweht, ich finde nicht die richtige Unterstützung, oft leider sogar widerwillige Hemmung,« sagte er seufzend, »um so mehr bin ich auf die Hilfe aller der Männer angewiesen, welche die Zukunft des Reiches mit gleicher Wärme im Herzen tragen, wie ich, welche aber die Lebensbedingungen Österreichs besser als ich kennen müssen.«

»Die wesentlichste Lebensbedingung Österreichs,« sagte Doktor Giskra, »ist in dem einfachen, kurzen Wort enthalten: Nicht rückwärts, sondern vorwärts – und zwar so schnell als möglich vorwärts, denn Österreich ist zu lange rückwärts gegangen oder wenigstens zurückgeblieben hinter dem Geist des Jahrhunderts und dem Fortschritt anderer Staaten.«

»Und dies Programm akzeptiere ich aus vollstem Herzen,« rief Herr von Beust, »und werde nicht zögern, es laut und öffentlich zu bekennen, um es aber ausführen zu können, bedarf ich vor allem des Vertrauens – und leider – leider ist in Österreich der Geist des Mißtrauens heimisch geworden.«

»Und war das Mißtrauen nicht berechtigt?« fragte Doktor Giskra, »allen den Experimenten, allen den wechselnden Regierungen, allen den nicht gehaltenen Versprechungen gegenüber?«

»Doch mir gegenüber, glaube ich,« erwiderte Herr von Beust, »hat es keine Berechtigung.«

»Es ist auch Eurer Exzellenz gegenüber noch nicht hervorgetreten, vollständig verschwinden könnte es aber nur durch die Überzeugung, daß Sie – verzeihen Sie meine Offenheit – nicht eine vorübergehende Regierung bilden, – Es waren immer die Nachfolger,« sagte Doktor Giskra mit Betonung, »welche die Versprechungen ihrer Vorgänger nicht hielten.«

Herr von Beust schwieg einen Augenblick.

»Je fester die Männer des Volkes und des Fortschritts auf meiner Seite stehen,« sagte er dann, »je mehr die öffentliche Meinung, durch die Abgeordneten und die Presse vertreten, mich unterstützen, um so mehr wird die von Ihnen angedeutete Besorgnis an Berechtigung verlieren. – Vor allem,« fuhr er fort, »ist es ein Punkt, in welchem ich des Vertrauens bedarf, das ist der Ausgleich mit Ungarn; daß die Lage der Dinge war, wie ich sie gefunden, das ist doch wahrlich meine Schuld nicht, daß die Wohltaten eines verfassungsmäßigen Staatslebens den so lange verfassungslosen Ungarn gegeben werden, muß jeder freisinnig denkende Mann billigen, und daß dies Verfassungsleben begründet wird aus der Basis der nationalen Autonomie, das liegt eben in den natürlichen, notwendig zwingenden Verhältnissen; auch muß man anerkennen, und ich glaube, ein wenig als ein Verdienst der Regierung anerkennen, daß es gelungen ist, der Krone den Vorteil der freien Initiative zu lassen und die neue Ordnung der Dinge in Ungarn mit einem Ministerium zu beginnen, das sich dort auf die große, nationale Majorität stützt und doch von gut dynastischen, gut österreichischen und gemäßigten Gesinnungen beseelt ist. Wie notwendig der Ausgleich, der befriedigende Ausgleich mit Ungarn war, das zeigt doch in der Tat schon ein Blick auf die Ereignisse der letzten Zeit. – In den Kreisen des Abgeordnetenhauses ist die vermittelnde Tätigkeit der Regierung in dem luxemburgischen Konflikt, welcher so bedenklich den europäischen Frieden bedrohte, anerkannt worden.«

»Wir sind Eurer Exzellenz aufrichtig verpflichtet,« sagte Doktor Giskra, »für Ihre energische Tätigkeit zur Beseitigung jener Gefahr, über welche Sie uns Mitteilung gemacht haben.«

»Nun,« rief Herr von Beust, »kann man denn glauben, daß eine vermittelnde Macht in einer solchen Frage ihren Zweck dadurch erreichen könne, daß sie in mehr oder weniger gelungenen Noten den streitenden Parteien die Vorzüge des Friedens und die Nachteile des Krieges zu Gemüte führt, oder vielleicht eine glückliche Formel für die Lösung der streitigen Frage aufstellt? – Nein – der Haupthebel liegt doch nur darin, daß der vermittelnde Staat ein Faktor in den Berechnungen des Krieges und Friedens ist – und wären wir das gewesen, wenn wir eine brennende, offene, innere Frage gehabt hätten?«

»Dieser Vorteil des getroffenen Ausgleichs wird auch gewiß nicht verkannt,« sagte Doktor Giskra mit einer gewissen Zurückhaltung.

»Dennoch aber,« rief Herr von Beust, »sehen die Deutschen scheel auf diesen Ausgleich, sie befürchten eine prädominierende Stellung des nationalen, ungarischen Elementes im Reich, kann man denn von mir,« fuhr er fort, »von mir, dem Deutschen von Geburt und Gesinnung, voraussetzen, daß ich das deutsche Element vernachlässigen und Zurückstellen könnte, daß ich darauf verzichten würde, Österreich von Deutschland auch innerlich zu entfremden, wie es äußerlich davon losgerissen ist?«

Doktor Giskra blickte einige Augenblicke schweigend zu Boden.

»Exzellenz,« sagte er dann, »ich will Ihnen meine Anschauung dieser Frage offen aussprechen, ich glaube, sie ist auch diejenige meiner Freunde und Parteigenossen. – Tiefer Schmerz erfüllt mich,« sprach er mit wärmerer Betonung, »über die Trennung des vielhundertjährigen Verbandes zwischen Österreich und Deutschland, dieses Verbandes, der nicht ein politischer war, sondern ein nationaler, denn wir waren Fleisch vom Fleische Deutschlands und Blut von seinem Blut, bevor die Fürsten des Hauses Habsburg Könige von Ungarn wurden, ich kann nicht schwer genug die Politik verurteilen, welche den törichten Krieg des vorigen Jahres mit seinen entsetzlichen Folgen herbeigeführt hat.«

Herr von Beust senkte den Blick zu Boden und spielte leicht mit den Fingern auf der Lehne seines Sessels.

»Darum,« fuhr Doktor Giskra fort, »wünsche ich, daß die verhängnisvollen äußeren Folgen des unglücklichen Krieges nicht zugleich verhängnisvoll werden für die innere Entwickelung Österreichs, daß der innere Zusammenhang mit Deutschland, der Zusammenhang in Fleisch und Blut nicht ebenfalls zerrissen, sondern im Gegenteil fester und lebendiger gemacht werde durch den Geist der Freiheit.«

Herr von Beust nickte mehrmals schweigend mit dem Kopf. »Ich freue mich,« sagte Doktor Giskra, »über die parlamentarischen Rechte, welche man den Ungarn gegeben, meine Partei und ich, wir widerstreben dem politischen Dualismus durchaus nicht, nur halten wir es für unsere Aufgabe, bei der finanziellen Auseinandersetzung mit Ungarn das schärfste Augenmerk auf die Interessen und Rechte der zisleithanischen Provinzen zu richten, Ihre Freiheiten und autonomen Rechte gönne ich den Ungarn also ohne Rückhalt – aber ich will dieselben Lebensbedingungen auch für das deutsche Österreich, denn,« fuhr er mit erhobener Stimme fort, »nicht durch die Gewalt der Waffen wird Österreich seine Stellung in Deutschland wieder erringen, sondern durch die Gewalt des Geistes, und wenn der deutsche Geist, der Geist wahrer Volksfreiheit mächtig durch das öffentliche Leben Österreichs weht, dann – dann allein wird Österreich den ihm gebührenden Platz in Deutschland wieder gewinnen, den keine Heeresmacht und keine Fürstenpolitik wird ihm denselben streitig machen!«

In rascher Bewegung beugte sich Herr von Beust vor und ergriff die Hand des Redenden.

»Sie sprechen aus meiner Seele!« rief er lebhaft, »wenn wir so einig über das Ziel sind, sollten wir nicht gemeinsam die Mittel finden, es zu erreichen? – Sie haben,« fuhr er fort, »im Abgeordnetenhause bereits ein ziemlich eingehendes Programm über die nächsten politischen, nationalen und volkswirtschaftlichen Aufgaben des Parlaments und der Regierung entwickelt, würden Sie nicht geneigt sein, dies Programm mit den Modalitäten seiner Ausführung auszuarbeiten? – ich bin überzeugt, daß wir darin die Basis eines gemeinsamen Wirkens und Arbeitens finden werden.«

»Ich bin dazu bereit,« erwiderte Doktor Giskra, »doch ist das Programm, das ich im Abgeordnetenhause in großen Zügen entwickelt habe, nicht vollständig, es fehlt ein wesentlicher, wichtiger Punkt, den ich dort nur andeutend berührt habe und der doch der Angelpunkt alles dessen ist, worauf nach meiner Überzeugung Österreichs Zukunft erbaut werden muß. – Sie sehen, Exzellenz,« fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, »wie sehr ich geneigt bin, stets die weiteste Rücksicht auf die Schwierigkeiten zu nehmen, von welchen die Regierung sich umgeben sieht.«

»Und dieser Punkt ist?« fragte Herr von Beust.

»Das Konkordat,« erwiderte Doktor Giskra mit festem Tone.

– »Dieser unglückselige Vertrag – der für das österreichische Volk kein Vertrag, sondern ein Gesetz ist, lähmt die Regierung in ihrem Streben nach freieren Bahnen, er gibt den Geist des österreichischen Volkes in die Hände Roms, das heißt einer fremden Macht, das heißt einer Macht der Finsternis und der Stagnation! Das Protestantenpatent,« fuhr er fort, »dieser allerhöchste Akt, durch welchen Österreich mit einer finstern Vergangenheit brechen wollte, ist nicht nur nicht durchgeführt, sondern in letzterer Zeit auch in seinen Hauptgrundsätzen verletzt! Das Recht, Volksschulen zu gründen, ist durch manche bureaukratische Mittel illusorisch gemacht, die protestantischen Gemeinden werden nach wie vor zu Beitragsleistungen für katholische Kultuszwecke angehalten, die Praxis in Beziehung auf das Reverswesen bei gemischten Ehen erinnert an die dunkelsten Zeiten einer finstern Vergangenheit, das versprochene Gesetz zur Regelung der interkonfessionellen Verhältnisse ist ausgeblieben, das Religionsedikt ist im Reichsarchiv begraben – und das alles ist die Folge dieses unglückseligen Konkordats. Man spricht jetzt so viel in Österreich von Intelligenz und Freiheit; so lange das Kondordat den Geist Österreichs unter die Herrschaft Roms gibt, kann die Intelligenz nimmer erwachen und nimmer die Freiheit erblühen, darum hallt es in ganz Österreich, im ganzen Volke wieder: das Konkordat muß aufgehoben werden, diese Fessel muß fallen, sonst gibt es kein Heil.«

Doktor Giskra hatte bewegt und lebhaft gesprochen.

»Das, Exzellenz,« sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, »ist der Ausgangspunkt eines jeden Programms, das ich aufstellen könnte, und um in fester, aufrichtiger und ehrlicher Verbindung mit der Regierung zusammenzuwirken, müßte ich ihres ehrlichen, festen und nachhaltigen Willens in dieser Richtung vergewissert sein.«

»Ich bin Protestant,« sagte Herr von Beust, als Doktor Giskra schwieg, »in einem protestantischen Lande geboren und in protestantischem Geiste erzogen, es ist darum überflüssig, Ihnen zu sagen, wie sehr ich mit allem übereinstimme, was Sie soeben gesagt, allein eben weil ich Protestant bin, stehen mir gerade in dieser Frage besondere Schwierigkeiten entgegen. – würde nicht,« fuhr er fort, »die ganze katholische Geistlichkeit und alles, was unter ihrem Einflusse steht, jede Initiative von mir als einen Angriff des Protestantismus gegen die katholische Kirche als solche bezeichnen, und würde nicht eine solche Auslegung gerade mir gegenüber an maßgebender Stelle – Sie wissen, wie sehr der Kaiser persönlich gläubig strenger Katholik ist – würde jene Auslegung bei ihm nicht mir gegenüber weit leichter Eingang finden, als wenn ein katholischer Österreicher an der Spitze der Regierung stünde, würde es mir nicht ungleich schwerer sein, solche Auslegung zu entkräftigen, als einem Katholiken? – Außer dieser persönlichen Schwierigkeit liegt noch eine besondere Verwicklung der Frage darin, daß das Konkordat seiner Form nach ein völkerrechtlicher Vertrag ist.«

»Bei welchem Österreich das getan hat, was die alten Römer so treffend mit dem Worte bezeichneten: ruere in servitiem!« rief Doktor Giskra mit bitterem Tone.

»Wahr – sehr wahr,« sagte Herr von Beust, »allein über diesen Vertrag hinweg auf dem Boden der Gesetzgebung vorzugehen, denn freiwillig wird Rom das Konkordat nicht aufgeben – das wird mir abermals sehr viel schwerer werden, als jedem andern, der nicht in den Verdacht prinzipiell konfessioneller Feindschaft gegen die katholische Kirche gebracht werden könnte.«

»Und darum wollten Eure Exzellenz vor dieser Aufgabe zurückstehen?« fragte Doktor Giskra, »all Ihr Wirken schon in seinem Beginn zur Erfolglosigkeit verurteilen? – denn nie kann von einer Wiedergeburt Österreichs die Rede sein, so lange nicht die freie Regung des Geistes von den Fesseln des Konkordats befreit ist!«

»Gewiß will ich nicht zurückstehen,« rief Herr von Beust, »nicht die persönliche Anfeindung schreckt mich, ich bin sie gewohnt und werde sie später dennoch genug zu tragen haben, aber ich möchte der Sache selbst nicht neben den großen Schwierigkeiten, die sie schon an sich bietet, noch besondere Hindernisse bereiten durch meine persönliche Initiative. – Wenn aus dem Abgeordnetenhause –«

»Die Initiative wird kommen,« rief Doktor Giska, »um so kräftiger und entschiedener, wenn man weiß, daß dadurch die Regierung, daß Eure Exzellenz dadurch unterstützt werden! – Doktor Mühlfeld – der Generalsuperintendent Schneider werden mit feurigem Eifer die Sache wieder und immer wieder zur Sprache bringen.«

»Dann ist meine Aufgabe vorgezeichnet,« sagte Herr von Beust, »eine Frage, die das Abgeordnetenhaus aufnimmt und der Regierung entgegenbringt, muß ich ernsthaft erfassen. – Wir sind also,« fuhr er lächelnd fort, »auch über diesen besonderen Punkt Ihres Programms völlig einig.«

»Und wenn Eure Exzellenz nichts weiter für Österreich tun, als den Geist des Volkes von der lethargischen Fessel des Konkordats zu befreien, so wird Ihr Name für immer in Österreich gesegnet sein.«

»Sie würden nun also kein Bedenken tragen, mit mir in aufrichtiger und fester Verbindung an der Heilung des kranken Staatskörpers zu arbeiten?« fragte Herr von Beust, indem der Ausdruck ruhiger Befriedigung aus seinen klaren Augen strahlte.

»Keines,« erwiderte Doktor Giskra, »wenn Eure Exzellenz das, was Sie mit mir für recht erkannt, fest und unbeirrt durchzuführen entschlossen sind.«

»Das bin ich,« sagte Herr von Beust. – »Ich habe,« fuhr er nach einem kurzen, sinnenden Schweigen fort, »immer die stille Hoffnung gehegt, daß es mir gelingen möchte, mich nicht nur mit den liberalen Parteien – der bisherigen Opposition – zu verständigen, sondern auch die eminenten Kräfte, welche sich innerhalb dieser Parteien bisher in einer fruchtlosen Negation verzehrten, heranziehen zu können zu wirkungsvoller Tätigkeit in der Regierung. Indem ich mit Ihnen gesprochen habe,« fuhr er mit verbindlicher Neigung des Hauptes fort, »ist diese Hoffnung lebhafter als je geworden, mehr als je wünschte ich zum Heile Österreichs, mich, den Fremden, den das allerhöchste Vertrauen mit so schwerer Aufgabe beehrt hat, mit den ersten und besten Geistern des Reiches zu umgeben, sollte meine Hoffnung mich täuschen?«

»Halten Eure Exzellenz es für möglich, das durchführen zu können?« fragte Doktor Giskra ein wenig erstaunt, »ein parlamentarisches Bürgerministerium in Österreich?«

»Ich bin von dem freien und hohen Sinne unseres allergnädigsten Herrn so tief überzeugt, daß ich keinen Zweifel daran hege, wenn die – Bürger – das Parkett des Hofes betreten wollen.«

Ernst und einfach antwortete Doktor Giskra: »Ich kenne den Ehrgeiz nicht, der nach äußerem Glänze strebt, wohl aber denjenigen, welcher wünscht, seinem Vaterlande so kräftig und wirksam als möglich zu dienen, und wenn meine Gesinnungen und Ziele die allerhöchste Billigung finden sollten, so würde ich stets bereit sein, in die Regierung einzutreten.«

»Und Ihre politischen Freunde?« fragte Herr von Beust.

»Ich glaube, daß ich unter ihnen bereite und geeignete Männer finden würde, Herbst zum Beispiel, doch es kommt dann noch eine Frage in Betracht,« fuhr er fort, »wie weit nämlich das Herrenhaus imstande sein wird, sich den Forderungen der Zeit anzuschließen, haben Eure Exzellenz darüber eine Fühlung gewonnen?«

»Der Fürst Auersperg,« sagte Herr von Beust, »der erste Kavalier des Reiches, wie man ihn nennt, und mit Recht, ist tief durchdrungen von der Notwendigkeit einer freieren Bewegung und sein Einfluß ist groß.«

»Der Fürst hat in der Tat bei der Eröffnung des Herrenhauses in großen Zügen ein meisterhaft entworfenes Bild der Lage des Reiches und der Aufgaben des Reichsrats entrollt,« sagte Doktor Giskra, »wenn sein Einfluß vom Hofe unterstützt wird, so läßt sich ein fruchtbares Zusammenwirken mit dem Herrenhause als möglich denken.«

»Nun, so erfassen wir denn mit Mut und Vertrauen unsere Aufgabe, denken Sie nach über die Männer, welche Sie um sich versammeln möchten, ich werde nach anderer Richtung das Terrain vorbereiten, und ich hoffe, in nicht zu langer Zeit soll dem Schoße des neugeborenen, öffentlichen Lebens die neue Regierung Österreichs entsteigen, welcher Sie im voraus den schönen, edlen Namen des Bürgerministeriums gegeben haben.«

Doktor Giskra stand auf und drückte kräftig die dargebotene Hand des Herrn von Beust.

»Dann wird diese Stunde keine verlorene sein für mein österreichisches Vaterland,« sagte er mit warmem Tone.

Herr von Beust begleitete ihn zur Türe.

»Ich hoffe,« sagte er, »es wird gelingen, mich mit diesen Männern zu umgeben und in dem Reichsrat feste Stützen zu gewinnen, dann,« flüsterte er lächelnd, »wird der Schwerpunkt auch hier noch immer stark genug sein, um das Gegengewicht gegen Pest zu halten, und man dürfte meine Erbschaft nicht so leicht und so bald antreten, als man es vielleicht hofft. Doch jetzt zum Kaiser!« rief er, ordnete seine Papiere in ein großes Portefeuille und zog die Glocke. »Die kleine Uniform und den Stephansorden!« befahl er dem eintretenden Kammerdiener und begab sich in sein Toilettenzimmer.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Nichts war verändert im Kabinett des Kaisers Franz Joseph seit der gewaltigen Katastrophe des vorigen Jahres, welche so mächtig das vielartige Gefüge des Kaiserstaates in seinen innersten Fugen erschüttert hatte. Da draußen war alles anders geworden in der weiten Monarchie der Habsburger, die Regierung, welche in verschlossener Beschränktheit und kurzsichtiger Überschätzung der traditionellen Macht Österreichs das große nationale Unglück herbeigeführt hatte, war verschwunden, in neuem, autonomen Leben erhob sich die feurige, ungarische Nation neben den deutschen Reichsländern des Erben der früheren Kaiser Deutschlands.

Wie vordem schon die eiserne Krone der Lombarden aus dem schimmernden Kranz der zahlreichen Diademe des Hauses Habsburg verschwunden war, so war nun auch die Königin der Adria, das stolze Venedig mit seiner reichen Vergangenheit voll lichtem Glanz und finstern Schrecken, abgetreten an das neue Reich Italien, ein neuer Geist der Freiheit rauschte mächtig und lebendig durch alle Lande und Völker Österreichs, und langsam – langsam öffnete sich immer weiter eine dunkle Kluft zwischen dem alten weihrauchduftenden und kerzenschimmernden Rom und dem neuen Österreich.

Das alles war draußen vorgegangen im rasch dahinströmenden Leben des Reiches, aber hier in des Kaisers stillen Gemächern, wo alles das entstanden war, von wo es hinausgedrungen war bis an die Grenzen des Kaiserstaates, wo alle die Fäden zusammenliefen, wo alle Schmerzen und Hoffnungen, alles Denken, Ringen, Wollen und Streben so vielseitig und mannigfaltig in einem Brennpunkt sich vereinigte, hier war alles unverändert wie sonst. Der Arcièrengardist stand vor der Türe im alten, weiten Vorzimmer, und im hellen Kabinett saß der Kaiser im grauen Soldatenüberrock vor seinem Schreibtisch, eifrig beschäftigt, die zahlreichen Papiere, welche seinen Tisch bedeckten, durchzusehen und mit Randbemerkungen zu versehen.

Nur auf des Kaisers Antlitz sah man die Spur der Zeit, welche in so kurzer Spanne so tief in die Ordnungen der politischen Welt eingegriffen hatte. Der Kaiser war nicht gealtert, in Gesundheit und Kraft blühte sein Gesicht, aber der Schimmer stolzer Zuversicht, der es vordem erleuchtet hatte, war von demselben gewichen, eine stille Ergebung lag auf seinen Zügen und hätte einen schmerzlichen Eindruck machen müssen, wenn sie nicht verbunden gewesen wäre mit dem klaren, ruhigen Licht eines festen, kraftvollen Willens, eines hohen, entschlossenen Muts. Dies kaiserliche Antlitz war in der Tat das ausdrucksvolle Bild des österreichischen Landes: Schmerz über den schweren, verhängnisvollen Fall – kraftvoll ruhiger Entschluß, sich von diesem Fall zu erheben zu glücklicher und heller Zukunft, keine frohe leichtbeschwingte Hoffnung – aber ein treuer und zuversichtlicher Glaube an die Erreichung des am Ende eines langen, mühevollen Weges winkenden, verheißungsvollen Zieles.

Der Kaiser hatte aufmerksam ein Papier durchlesen, das er in der Hand hielt, er warf es auf den Tisch und lehnte sich sinnend in seinem einfachen Sessel zurück.

»Die Bischöfe sehen den Sturm gegen das Konkordat kommen,« sagte er, »und beschwören mich, festzuhalten an dem alten Bande, welches Österreich mit der Kirche und mit Rom verbindet! Es ist wahr,« fuhr er sinnend fort, »der neue Geist, der in Österreich erweckt worden ist, erhebt sich mächtig gegen die Herrschaft Roms, und ich sehe den Augenblick kommen, in welchem der offene Kampf ausbrechen und eine Entscheidung von mir fordern wird, eine Entscheidung zwischen der Macht, welche vergangene Jahrhunderte hindurch die Geister beherrschte und mit der Geschichte meines Hauses und Reiches so eng verknüpft ist, und zwischen dieser anderen, neuen Macht, welche in siegreichem Flug die Herrschaft über die Geister unserer Tage erobert! – Roms Macht und Einfluß sei die wahre Grundlage der Stellung Österreichs, auf dieser Grundlage müsse Österreichs Zukunft neu erbaut werden, so sagen sie. Aber,« rief er rasch aufstehend, nach einigen schnellen Schritten durch das Zimmer, »wo war diese Macht, als Österreich am Boden lag, fast zertrümmert von dem gewaltigen Anprall dieser preußischen Massen? Hat Rom und seine Macht mich geschützt vor der bitteren Demütigung dieses Prager Friedens?«

Er biß die Zähne aufeinander und blickte finster zu Boden.

»Und wenn ich zurückblicke in die Geschichte Österreichs,« sprach er weiter, »hat die große Maria Theresia, welche so fest und unerschütterlich zu Rom und seiner Herrschaft stand, darum Schlesien behalten? Rom hat seinen Bannstrahl geschleudert gegen diesen Preußenkönig mit seinem spitzen Degen und seiner scharfen Feder, aber das schöne Schlesien hat er darum doch behalten! Und waren es nicht wieder die eifrigsten Freunde Roms, die im vorigen Jahre wie einen heiligen Kreuzzug diesen unglücklichen Krieg predigten, der mich reiche Provinzen kostet und unter dessen furchtbarer Erschütterung der Grund meines Reiches erzitterte? Ich bin gewiß ein guter Katholik,« sagte er mit leiser Stimme, »und Gott, der in die Herzen sieht, weiß, wie treu ich festhalte am heiligen Glauben meiner Väter, aber sollen die Priester ihre Hände ausstrecken nach der weltlichen Macht, soll die Herrschaft der Kirche gegründet werden auf den Todesschlaf der Geister des Volkes?«

Er ging abermals in tiefen Gedanken auf und nieder.

»Von allen Seiten höre ich,« sagte er dann stehen bleibend, die Hand leicht auf seinen Schreibtisch gestützt, »von allen Seiten höre ich, daß die geistige Erhebung Österreichs, welche es ebenbürtig neben die preußische Macht in die Schranken stellen soll, nicht möglich sei, so lange das Konkordat den Geist des Volkes unter die Herrschaft der Priester gibt, und vieles, vieles, was ich selbst gesehen und beobachtet habe, sagt mir, daß Wahrheit in diesen Stimmen ist, die immer mächtiger zu mir heraufdringen. Und doch,« fuhr er, das Haupt neigend, fort, »der Geist des Unglaubens, der Gleichgültigkeit, des Atheismus geht finster durch die Welt, immer mehr die Herzen loslösend von dem ewigen Mittelpunkt des Heils, von dem lichten Quell der göttlichen Gnade. Wird nicht dieser Geist des Bösen, dem schon so viel lockende Macht zu Gebote steht, immer furchtbarer die Welt umstricken, wenn der Kirche die Waffen genommen werden, mit welchen sie die Gemüter der Einfältigen gegen die Versuchungen der falschen Aufklärung verteidigt? Ging nicht das Paradies verloren durch den Genuß der Frucht vom Baume der Erkenntnis?«

Er ließ den Kopf tief auf die Brust sinken und stand lange da in ernstem Nachdenken.

»Aber hat denn die Kirche, um ihre Herrschaft zu erhalten, den Zwang des weltlichen Armes nötig?« sprach er dann, »hat sie nicht die Waffen des Geistes, um die Geister zu leiten? – und wenn sie diese Waffen nicht besitzt oder nicht zu gebrauchen versteht, kann die weltliche Macht dann ihre Herrschaft sichern?«

Er schüttelte den Kopf, wie um die widersprechend sich kreuzenden Gedanken zu verscheuchen, und trat einige Schritte zum Fenster hin, den ernsten Blick zum blauen Himmel gerichtet, der da draußen glänzte im hellen Schein der Frühlingssonne.

»Es ist wieder ein Augenblick,« sagte er mit gepreßter Stimme, »in welchem ich verlangend mich sehne nach einem ratenden Freunde, der mit hellem und kraftvollem Geiste mir zur Seite stünde, wie Metternich, wie Kaunitz einst neben dem Thron meiner Vorfahren standen. Und der Mann, bei neben mir steht?« sagte er dann leise, »ich bewundere seinen scharfen Verstand, sein reicher Geist leuchtet und schimmert in vielseitigen Strahlen wie die Fassetten des Diamants, aber – aber – ist mit diesem klaren Licht auch die Härte und Festigkeit des Edelsteins verbunden? Und vor allem in dieser Frage, die da ernst und gewichtig am Horizonte der nächsten Zukunft heraufsteigt, ist sein Blick da unbefangen und frei genug, um den rechten Weg zu sehen? Er ist ein Fremder – ein Protestant!« sagte er dumpf, »die Größe Österreichs ist für ihn eine Sache des Verstandes, eine Aufgabe der Pflicht, ein Ziel des Ehrgeizes, aber ist sie ihm keine Sache des Herzens, kein Instinkt des Blutes. – Und die Kirche, ihre Mission und ihr Recht, kann das ihm alles ehrwürdig heilig sein, ihm, der nach seinem Glauben die Grundlage der katholischen Kirche für Irrtümer halten muß?«

Ein kurzer Schlag an der inneren Tür ertönte.

Rasch zusammenfahrend wendete sich der Kaiser um, und mit fast unwilligem Blick sah er seinen vertrauten Kammerdiener Dub an, der, die Flügel der Tür öffnend, rief:

»Die durchlauchtigste Frau Erzherzogin Sophie kaiserliche Hoheit steigen soeben die Treppe herauf.«

Betroffen schlug der Kaiser die Augen nieder.

»Sollte die Lösung der Zweifel aus dem Munde der Mutter mir kommen?« flüsterte er fast unhörbar. Dann eilte er schnellen Schrittes der Erzherzogin entgegen. In der Tür des Salons erschien bereits die edle Gestalt derselben mit den feinen, kränklich zarten Zügen, den großen, sanften, ernsten und so geistvollen Augen, das Haupt von einem schwarzen Spitzentuch umwunden, in einem schweren, dunklen Gewand mit weißen Spitzen, langsam mit einer trotz ihres Alters und ihrer Kränklichkeit noch immer anmutigen Würde einherschreitend.

Mit einer Bewegung voll ritterlicher Galanterie und kindlicher Ehrerbietung führte der Kaiser die Hand der Erzherzogin an seine Lippen und drückte einen innigen und liebevollen Kuß auf diese zarte, durchsichtig weiße Hand, während die sonst fast strenge abwehrenden Augen der hohen Frau mit einem warmen Blick voll mütterlichen Stolzes auf der schönen, kraftvollen Gestalt des kaiserlichen Sohnes ruhten.

»Meine teure Mutter erweist mir die Ehre, zu mir zu kommen,« sagte Franz Joseph, indem er der Erzherzogin den Arm reichte, um sie in sein Kabinett zu führen, »warum hast du dir die Mühe des Weges gemacht und mir nicht den Befehl gesendet, zu dir zu kommen?«

Die Erzherzogin setzte sich in einen Fauteuil, welchen der Kaiser ihr heranrollte.

»Es drängte mich, dich schnell zu sehen, mein lieber Sohn,« sagte die Dame mit ihrer klaren, aber leisen Stimme, »ich bin unruhig und besorgt, ich habe einen schweren, angstvollen Traum gehabt, der mir Maximilian zeigte – bleich – in weißem Gewande, mit Blutstropfen besprengt. Dreimal schlief ich wieder ein, und dreimal sah ich dasselbe Bild mit traurig wehmütigem Blick mir erscheinen. Hast du Nachrichten von deinem Bruder?« fragte sie, das Auge mit ängstlicher Spannung auf den Kaiser gerichtet.

Das Gesicht Franz Josephs, der vor seiner Mutter stehen geblieben war, verfinsterte sich, düster blickte er zu Boden und sprach mit dumpfem Tone:

»Es sind keine neueren Nachrichten gekommen. Daß Maximilian als Kaiser verloren ist, unterliegt keinem Zweifel, für sein Leben besorge ich keine Gefahr, die Regierung der Vereinigten Staaten hat ernstliche Vorstellungen bei Juarez gemacht, und Metternich schreibt, daß Napoleon alles tut und tun wird, um eine tragische Katastrophe zu verhüten.«

Ein Ausdruck von unbeschreiblicher Bitterkeit erschien auf dem Gesicht der Erzherzogin.

»Napoleon!« rief sie, die Achseln zuckend, »Napoleon, dieser böse Genius Österreichs, der Italien gegen uns erhoben und unterstützt hat, der in dem Augenblick unseres Unglücks im vorigen Jahre nichts anderes zu tun wußte, als uns auch unsere letzte Besitzung auf jener Halbinsel zu entreißen, die so viel deutsches und österreichisches Blut getrunken hat, Napoleon, der deinen unglücklichen Bruder mit trügerischen Verheißungen hinübergelockt hat über den Ozean, um dort einem französischen Vasallenreich den Glanz des habsburgischen Namens zu geben, er, der ihn dann später heimtückisch und verräterisch im Stiche ließ, er soll ihn retten? O mein Sohn,« rief sie schmerzlich, »wenn deinem Bruder Maximilian von Napoleon die Rettung kommen soll, dann ist er verloren!«

»Aber,« sagte der Kaiser Franz Joseph, unruhig einige Schritte machend und dann wieder vor seiner Mutter stehen bleibend, »was kann ich tun, die Macht Österreichs reicht nicht über den Ozean, wenn meine Flotte an den Küsten der Adria sich Achtung verschafft hat, so ist sie doch nicht imstande, in fernen Meeren meinem Willen Nachdruck zu geben – und Frankreich ist die einzige Macht, die hier helfen kann.«

Die Erzherzogin neigte das Haupt und bedeckte seufzend die Augen mit der Hand.

»So traurig und schmerzlich für uns alle,« fuhr der Kaiser fort, »das Schicksal Maximilians ist, so muß man doch gestehen, daß er es selbst heraufbeschworen hat; es hat doch wahrlich an Warnungen und Abmahnungen nicht gefehlt, daß er jenem lächerlichen Thron der Wilden fern bleiben solle, und ich meinerseits habe es vor allem nicht an Vorstellungen mangeln lassen; wenn sein Ehrgeiz ihn fortriß zu jenem phantastischen Unternehmen, so kann man dessen unglücklichen Ausgang beklagen, aber doch in der Tat niemand die Schuld beimessen, als ihm selber.«

Die Kaiser hatte in ruhigem und ehrerbietigem Tone gesprochen, aber ein leichtes Zittern der Stimme verriet seine innere Erregung.

Die Erzherzogin ließ die Hand von ihrer Stirn sinken, ihr Blick ruhte tief und einst auf dem Kaiser.

»Mein Sohn,« sprach sie langsam in fast feierlichem Tone, »laß in dieser Stunde keine anderen Gefühle in deinem Herzen sich regen, als die alte Liebe für deinen Bruder, der mein Sohn ist wie du, und bedenke, daß es sich dort bei der entsetzlichen Katastrophe in der weiten Ferne auch um die Ehre Österreichs – die Ehre des Hauses Habsburg handelt. Maximilian hat immer ein warmes und treues Herz für Österreich gehabt, und schmerzlich hat er sich von dem Vaterlande losgerissen, das – wie er zu glauben schien« – fügte sie in leisem Tone hinzu, »seiner Kraft keinen ausreichenden Spielraum, seiner tatendurstigen Seele nicht die Gelegenheit zu großem Wirken bot.«

»Der arme Max,« sagte der Kaiser traurig, »er hat nicht zurückkehren wollen, als alle Stützen seiner Regierung brachen, als er mit seinem klaren Verstande die Unmöglichkeit, sein Werk durchzuführen, erkennen mußte, das verstehe ich, so sehr ich es beklage, und nun,« rief er bitter, die Zähne in die Lippen drückend, »nun ist es dahin gekommen, daß der Nachfolger der römischen Kaiser, der schon aus Deutschland vertrieben, betteln sollte bei den Mächten Europas, um das Leben seines Bruders zu retten!«

»Betteln bei Napoleon!« sagte die Erzherzogin mit strengem, fast vorwurfsvollem Blick.

»Aber was kann ich anders tun!« rief der Kaiser, »die einzige Macht, welche einen Einfluß zugunsten Maximilians ausüben kann, ist Nordamerika, und trotz einer noch dauernden Verstimmung nimmt man doch in Washington immer Rücksicht auf die Wünsche Frankreichs.«

»Ich glaube, mein Sohn,« sagte die Erzherzogin, »daß ein Wort von Rußland die nordamerikanische Regierung zu weit ernsterer Tätigkeit veranlassen würde, als alle Wünsche Napoleons.«

»Rußland?« rief der Kaiser, »Rußland, das uns Sebastopol nicht vergißt, das in jedem Unglück Österreichs nur mit stiller Schadenfreude die Strafe für unsere Undankbarkeit erblicken wird!«

»Und wenn es so wäre,« sagte die Erzherzogin leise, »würde man in Petersburg so ganz unrecht haben? Hatte der Kaiser Nikolaus um uns verdient, daß wir ihn im Stich ließen, daß wir seinen Feinden die Möglichkeit des Sieges gaben und dadurch dieses französische Empire befestigen halfen, das nun seit jener Zeit die Welt in Unruhe und Aufregung erhält, das uns unseren Dienst bei Solferino so herrlich vergolten hat?«

Der Kaiser schwieg.

»Doch,« fuhr die Erzherzogin fort, »es ist nicht so, wie du annimmst, ich habe die feste Überzeugung,« sagte sie mit vollem Tone, »wenn du dem Kaiser Alexander die Hand reichst, so wird sie mit Herzlichkeit angenommen werden, die Vergangenheit wird vergessen sein, und die alte Freundschaft, auf welche beide Reiche so naturgemäß hingewiesen sind, wird wieder erstehen. – Vielleicht bietet die augenblickliche Lage Maximilians die Gelegenheit zu persönlicher Annäherung, und du kannst zugleich deinen Bruder retten, und Österreich einen starken und zuverlässigen Verbündeten gewinnen.«

Der Kaiser ließ sinnend das Haupt auf die Brust sinken.

»Aber welche Demütigung,« flüsterte er, »und doch – Beust sagt mir Ähnliches.«

»Beust?« rief die Erzherzogin mit dem Ausdruck eines gewissen Erstaunens, »es wäre wahrlich seltsam, wenn seine Anschauungen sich mit den meinigen in irgendeinem Punkte begegnen sollten.«

»Er wünscht dringend eine Verständigung und bessere Beziehungen mit Rußland und hofft, daß es gelingen werde, das Petersburger Kabinett von Preußen zu trennen und zu einer Verbindung mit Österreich und Frankreich herüberzuziehen.«

»Rußland von Preußen zu trennen!« rief die Erzherzogin, den Kopf emporwerfend, in lebhafter Erregung, »das ist in der Tat eine von jenen überfeinen Kombinationen, die nur jemand machen kann, der von dem Boden der Wirklichkeit losgelöst ist und,« fügte sie mit verächtlichem Lächeln hinzu, »die großen Verhältnisse der Politik nicht kennt. Oh, ich wußte es wohl,« sagte sie mit leisem Seufzer, »daß meine Gedanken niemals mit den Spekulationen des Herrn von Beust übereinstimmen können.«

»Aber,« erwiderte der Kaiser mit fast schüchternem Ausdruck, »das Verhältnis zu Rußland ist in letzter Zeit schon freundlicher geworden, man könnte ihm noch mehr entgegenkommen, und es scheint, daß Frankreich ebenfalls geneigt ist, die Hand zur teilweisen Aufhebung der Beschränkungen zu bieten, welche man nach dem Krimkriege Rußland am Schwarzen Meer auferlegt hat, nur sind die französischen Vorschläge so weitgehend, daß sie kaum Annahme finden können, und daß ihre Ausführung selbst gefährliche Gärungen an unseren Grenzen hervorrufen dürften.«

Die Erzherzogin sah den Kaiser einen Augenblick schweigend mit tief durchdringendem ernsten Blicke an.

»Mein Sohn,« sagte sie dann langsam und ruhig, »du weißt, daß es mein fester und unumstößlicher Grundsatz ist, mich niemals in die politischen Dinge zu mischen und dir meinen Rat aufdringen zu wollen. Da nun aber die Politik zwischen uns berührt worden ist, und zwar in bezug auf einen Punkt, der mir von höchster Wichtigkeit für dein Haus und dein Reich zu sein scheint, so will ich dir ein- für allemal meine Ansicht darüber sagen, nicht um sie zu diskutieren, du wirst sie hören, prüfen und dann handeln, wie du es nach deiner Überzeugung für recht hältst, ich mache nicht den Anspruch, meine Meinung für die richtige angenommen und befolgt zu sehen.«

Der Kaiser zog einen Sessel neben den Lehnstuhl bei Erzherzogin, setzte sich und blickte mit gespannter Erwartung in das ernste Gesicht seiner Mutter.

»Ich habe,« sagte diese, »wie ich stets offen dir gegenüber ausgesprochen, den unglücklich und verfehlt kombinierten Krieg des vorigen Jahres auf das tiefste beklagt, wohl habe ich stets den innigen Wunsch gehabt, Österreich seine Stellung in Deutschland zu erhalten, aber ich war auch überzeugt, daß dies nur möglich sei durch ein enges und festes Bündnis mit Preußen, ein Bündnis, das jeden Konflikt unmöglich machte, denn bei einem Konflikt war unsere Niederlage fast mit Sicherheit vorauszusehen.«

Der Kaiser neigte schweigend das Haupt, finstere Falten legten sich über seine Stirn.

»Ich will nicht rückwärts blicken,« fuhr die Erzherzogin fort, »nicht beurteilen, was geschehen ist und was hätte geschehen können. Diese unglückliche Politik der Luftschlösser ohne reelle Basis, welche dein jetziger Minister von Sachsen aus mit den Turnern, Sängern und dem Herzog von Augustenburg in Szene setzte und welche man hier in der Staatskanzlei so bereitwillig akzeptierte, hat ihre Früchte getragen, blutige, entsetzliche Früchte.«

»Das Unglück soll wieder gutgemacht werden,« sagte der Kaiser, »das ist die Arbeit dieser Tage.«

»Aber wie?« fragte die Erzherzogin. »Ich vermag mich nicht zu überzeugen, daß das, was jetzt im Innern des Reiches geschieht, und in der Art, wie es geschieht, zur wirklichen Wiedererstarkung Österreichs führen kann. Ich habe,« fuhr sie fort, »nichts gegen den Ausgleich mit Ungarn, in dieser Nation wohnt eine kolossale militärische Kraft, welche einst Maria Theresia rettete, wenn sie auch im vorigen Jahre ihre Hilfe versagte, auch eine Fundgrube unerschöpflichen Reichtums, aber bei dem Ausgleich, der sich jetzt vollzieht, sehe ich nur Zugeständnisse von unserer Seite, und von der anderen – Versprechungen. Doch ich will über die Form nicht rechten, wenn ich die Sache billige, ebenso bin ich gewiß – du weißt es – deiner Meinung, daß in Österreich selbst eine freiere Bewegung, ein rüstigeres Anspannen der geistigen Volkskräfte not tut, aber wird diese künstlich komplizierte parlamentarische Maschinerie dahin führen? Wird sie nicht vielmehr den Volksgeist verflüchtigen in rhetorische Spielereien, in Phrasenkämpfe und Wortklaubereien, wie zur Zeit des konstitutionellen Schachspiels zwischen Guizot und Thiers in Frankreich, das zuletzt mit dem »Matt« des Königs endete? Und,« fuhr sie lebhafter fort, indem ihr Auge sich mit feurigem Glanz erfüllte, »man ist auf dem Wege, die Kirche, ihr Recht und ihren Einfluß anzutasten, glaubst du, mein Sohn, daß das Österreich Heil und Segen bringen kann?«

»Die moralische Macht Preußens,« sagte der Kaiser, »welche uns gefährlicher noch gewesen ist, als seine Bajonette, beruht auf der freien Intelligenz des Volkes, auf der straffen Konzentration aller Fäden der Bildung und Erziehung in der Hand des Staates, welcher alle Klassen mit seinen Grundsätzen und Zielen zu durchdringen weiß, so daß die Aufgaben der Staatspolitik von dem unwillkürlichen, fast instinktmäßig einigen Aufschwung des ganzen Volkes getragen werden; wollen wir Preußen ernstlich und wirksam gegenübertreten, wollen wir,« rief er mit funkelnden Augen, »dem Hause Habsburg und Österreich wieder seine alte ererbte, durch jahrhundertelange Arbeit erworbene Stellung in Deutschland zurückerobern, so müssen wir vor allem die mächtigsten Waffen des Gegners uns ebenfalls zu eigen machen, nicht bloß das Zündnadelgewehr, sondern auch die Bildung und Intelligenz des Volkes, welche den Gedanken der Regierung versteht und ausführt, und dazu müssen alle leitenden Fäden, welche den Geist des Volkes bilden und bewegen, in der Hand der Regierung vereinigt sein, keine fremde Macht darf den Geist des Volkes beherrschen, diesen Geist, der auch die Armeen erfüllen muß, welche ich ins Feld sende!«

»Eine fremde Macht?« fragte die Erzherzogin, indem ihr klarer Blick ruhig auf dem erregten Antlitz des Kaisers ruhte, »ist die katholische Kirche eine fremde Macht in Österreich? – Mein Sohn,« fuhr sie fort, »alles, was man dir gesagt hat, und was du mit der reinen Begeisterung deines warmen Herzens so lebhaft erfaßt hast, ist wahr – nur in einem Punkte sehe ich die Täuschung. Warum soll Intelligenz, Bildung und Aufklärung in Österreich nur erzogen und gepflegt werden können, wenn man das Volk dem Einfluß der Kirche entzieht? Um den Geist des Volkes zu erheben und zu erleuchten, soll sein Glauben untergraben und erschüttert werden?«

»Wer denkt daran?« rief der Kaiser, »zweifelt meine gnädigste Mutter an meinem festen Glauben, an meiner tiefen, treuen Ehrfurcht gegen die Kirche? Vor dem Altar ist mir der Priester heilig und hochehrwürdig, aber hierarchische Herrschsucht soll die freie Bewegung der Kräfte meines Reiches nicht hemmen.«

»Ein protestantischer Grundsatz!« sagte die Erzherzogin, indem ihre seinen Lippen sich zu einem bitteren Lächeln zusammenzogen. »Doch,« fuhr sie fort, »lassen wir diesen Gegenstand, Gott hat dich berufen, dies Reich zu regieren, und fern sei es von mir, dir meine Ansicht aufdringen oder einen Einfluß auf deine Entschlüsse ausüben zu wollen. Der Einfluß, den deine Mutter ausüben will, ist der heiligste und berechtigte – es ist das Gebet zu Gott, daß er meinen Sohn erleuchten möge, das Rechte zu erkennen, und daß er seinem Streben den herrlichsten Segen der Vollendung gebe. Du wirst prüfen und entscheiden, was du für gut und recht hältst zur inneren Erstarkung Österreichs. Aber,« sagte sie nach einer kurzen Pause, »ein Wort aus treuem mütterlichen Herzen möchte ich dir sagen über die auswärtigen Beziehungen, über die Allianzen Österreichs, über die Richtung, die meiner stillen Beobachtung sich zeigt, die ein Wort von dir vorhin mir angedeutet hat. – Mein teurer Sohn,« fuhr sie mit inniger, warm belebter Stimme fort, »ich verstehe, daß nach solchem Unglück, nach solchen Niederlagen, wie sie Österreich im vorigen Jahre erfahren hat, der heiße Wunsch nach Wiedergewinn des Verlorenen, nach Rache für die erlittene Demütigung in deinem Heizen glüht.«

Der Kaiser schwieg, finster blickte sein Auge zu Boden.

»Was menschlich natürlich ist,« fuhr die Erzherzogin fort, »ist politisch falsch, und würde schwer verhängnisvoll und verderblich für Österreich werden. Österreich ist umgeben von Italien, das nie, nie trotz aller Versuche und trotz aller Versicherungen unser Freund sein kann, von Preußen, das seine Hand auf Deutschland legt, und von dem mächtig erstarkenden Rußland, das die Bedingungen seines Lebens zum Schwarzen Meer hinabdrücken, wo seine Interessen denjenigen Österreichs begegnen. Preußen und Rußland müssen Österreichs bittere, unversöhnliche Feinde oder seine treuen Freunde und Bundesgenossen sein, je nachdem sich Österreich zu ihnen stellt. Wenn wir die berechtigten Wege ihres Strebens ihnen offen lassen, so werden wir mit ihnen vereint die Welt beherrschen, wie die heilige Allianz zur Zeit Metternichs vor ihrem Willen alle Kabinette Europas sich beugen sah, wenn Österreich aber jenen Mächten ein Hindernis wird, wenn es gar eine Politik der Rache befolgen sollte, dann werden eines Tages jene Mächte über das Reich der Habsburger hereinbrechen mit vernichtender Gewalt, und was sie von diesem Reiche noch übrig lassen, das wird Italien heimtückisch als willkommene Beute erfassen.«

Der Kaiser blickte fortwährend in düsterem Schweigen zu Boden.

»Dein Minister hat dir gesagt,« fuhr die Erzherzogin fort, »er wolle Rußland von Preußen trennen, ich wiederhole dir nochmals, mein Sohn, das ist ebenso unmöglich, als es der Gedanke war, durch Depeschen und Verfassungsprojekte den deutschen Bund zu reformieren, oder durch Beschlüsse der Turner und Schützen ein augustenburgisches Herzogtum Schleswig-Holstein aufzurichten, keine Macht wird Rußland von Preußen reißen, so lange diese Mächte nicht selbst in einer beinahe unmöglichen Verblendung ihre gegenseitigen Wege durchkreuzen, auf denen sie sich naturgemäß niemals feindlich begegnen. – Wo soll nun Österreich Schutz und Beistand finden gegen diese gewaltige, vom Norden und Osten herabdrohende Macht der militärisch konzentrierten Monarchien? Du hoffst,« fuhr sie etwas lebhafter fort, den Blick durchdringend auf den Kaiser gerichtet, »du hoffst, diesen Beistand zu finden bei Frankreich, das heißt bei Napoleon, diesem Manne mit dem doppelten Antlitz, diesem Manne, der dir Italien genommen, der dich bei Villafranca heillos betörte –«

Der Kaiser fuhr zusammen, seine Lippen öffneten sich, doch es drang kein Wort aus denselben, schweigend senkte er wieder das Haupt.

Die Erzherzogin fuhr, ohne diese Bewegung zu beachten, mit ruhiger Stimme fort:

»Dieser Mann, welcher unter der Maske gleisnerischer Ergebenheit den heiligen Stuhl in Rom und die Kirche ihren Feinden preisgibt, welcher alles Unheil heraufbeschworen, das die Welt erfüllt, er wird dich treulos verlassen, wie er deinen Bruder Maximilian verlassen und geopfert hat, und wenn man ihm bietet, was er verlangt, so wird er sich mit Preußen und Rußland noch lieber verbinden, als mit dir, denn dort ist die Macht und der Erfolg, hier aber war das Unglück und die Niederlage. Wenn er aber auch bis zum Äußersten mit dir geht, wenn er den Kampf aufnimmt, so wird er geschlagen werden, seine Macht wird zusammenbrechen und Österreich mit in den jähen Sturz herabreißen.«

Der Kaiser schüttelte langsam den Kopf.

»Frankreich geschlagen?« sagte er mit ungläubigem Lächeln.

»O glaube mir, mein Sohn,« erwiderte die Erzherzogin in ernstem, überzeugungsvollem Ton, »die preußische Macht ist mir wohl bekannt, ich habe schon seit Jahren keine Gelegenheit versäumt, dieselbe zu beobachten in ihren verschiedenen Elementen, sie wird Frankreich zerschmettern, wenn es zum Zusammenstoß kommt, und wehe Österreich, wenn es dann auf der Seite des Besiegten steht. Höre mich,« fuhr sie fort, »ich verlange gewiß keine plötzliche und schnelle Entscheidung, ich will nicht eingreifen in die ruhige Überlegung, welche in so ernsten Dingen not tut, aber laß das Wort deiner Mutter in dein Herz gelegt sein zu ernster Prüfung! Das Heil Österreichs liegt nicht in dem unruhigen Streben nach Rache und Wiedereroberung des Verlorenen, die großen, mächtigen Alliierten der Vergangenheit werden auch die Zukunft des Reiches glücklich und groß machen. Wende dich hin zu Rußland und Preußen, deren feste Verbindung doch nicht auseinandergerissen werden kann, dort findest du feste Stützen, dort findest du den sicheren Boden für die Wiederaufrichtung der Macht Österreichs.«

»Aber wie könnte ich,« sagte der Kaiser, »nach allem, was vorgefallen –«

»Glaube mir, man wird dich dort von ganzem Herzen willkommen heißen und dem alten Alliierten ohne Rückhalt die Hand reichen, laß mich durch meine Schwester Elisabeth die ersten Anknüpfungen machen. Der König Wilhelm wie der Kaiser Alexander haben hohe Verehrung für sie, und so sehr sie sich sonst von aller Politik zurückhält, so bin ich überzeugt, daß sie zu solchem Werke, das so sehr im Geiste ihres seligen Gemahls ist, gern und freudig die Hand bieten würde.«

Der Kaiser war aufgestanden und ging einigemal im Zimmer auf und nieder. Ein unruhiger Kampf malte sich in seinen Zügen. Die Erzherzogin folgte prüfenden Blickes seinen Bewegungen.

»Vor allem aber,« sprach sie, als der Kaiser ihr gegenüber stehen blieb und sinnend zu ihr herabsah, »vor allem flieh' diesen treulosen Mann in Paris, der niemals Österreich Gutes bringen kann. Denke daran, mein Sohn, daß das Bündnis mit Frankreich deinem Hause und deinem Reiche immer verderblich gewesen ist, denke an die unglückliche Marie Antoinette, die diesem Bündnis geopfert wurde, denke an Marie Luise, die dasselbe Bündnis zwar nicht mit dem Leben, aber mit einer verfehlten und gebrochenen Existenz bezahlte, finstere Schatten erheben sich zwischen Österreich und Frankreich und werden Unheil heraufbeschwören, wenn du dorthin die Hand ausstreckst. Droht nicht jetzt gerade ein neues Schrecknis, von Frankreich bereitet dem Hause Habsburg, o,« rief sie, indem ein leichtes Schluchzen ihre Stimme halb erstickte, »ich kann die bange Angst um meinen Sohn, um deinen Bruder nicht bannen, eine entsetzliche Ahnung ruft mir tief in die Seele hinein, daß er als ein neues Opfer fallen werde der Politik Frankreichs, der finsteren Kombinationen dieses falschen Napoleon.«

Der Kaiser ergriff die Hand der Erzherzogin.

»Meine gnädigste Mutter,« sagte er mit bewegter Stimme, »ich verspreche dir, alles anzuwenden, um eine Gefahr für das Leben Maximilians abzuwenden, und,« fügte er langsam und nachdenklich hinzu, »ich danke dir dafür, daß du mir so gütig deinen treuen Rat in der heute so schwierigen Lage des Reiches hast geben wollen, sei überzeugt, daß deine Worte tief in meine Brust gegraben sind, ich werde alles ernstlich und eifrig durchdenken, möchte mein Blick die Kraft finden, das Rechte zu erkennen.«

»Wohl, mein Sohn,« sagte die Erzherzogin, sich erhebend und mit ihrem Taschentuch leicht über die feuchten Augen fahrend, »ich verlange nicht mehr – vergiß meine aus treuem und besorgtem mütterlichen Herzen kommende Mahnung nicht, ich werde vielleicht lange nicht wieder mit dir über diese Dinge sprechen, die zu berühren mich heute mein volles Herz hingerissen hat, denke daran, daß, wenn dein Entschluß sich nach der Seite meiner Ansichten neigt, ich stets bereit bin, seine Ausführung auf die zarteste und vorsichtigste Weise vorzubereiten. Und was du auch beschließen mögest,« fuhr sie fort, ihre Hand sanft auf die Stirn des Kaisers legend, »Gott segne deine Entschließungen zum Heile Österreichs.«

»Amen!« rief der Kaiser mit tief bewegter Stimme.

»Lebe wohl, mein Sohn, und gedenke in brüderlicher Liebe des armen Maximilian.«

Sie legte ihren Arm in den des Kaisers und verließ, von ihrem Sohne geführt, das Kabinett durch die Tür nach den inneren Gemächern.

Nach kurzer Zeit kehrte Franz Joseph zurück. In ernstem, tiefem Nachdenken stand er lange unbeweglich, die Augen zu Boden gesenkt, dann richtete er sich mit tiefem Atemzug auf und bewegte die Glocke.

»Ist der Baron Beust im Vorzimmer?« fragte er den eintretenden Kammerdiener.

»Zu Befehl, kaiserliche Majestät.«

»Ich erwarte ihn,« sagte der Kaiser, und einige Sekunden darauf trat der Minister in der kleinen Uniform lächelnd und heiter, das dünne Haar zu beiden Seiten der Schläfen sorgfältig frisiert, in das Kabinett.

Der Kaiser ging ihm freundlich entgegen. In seinem ruhigen Lächeln war keine Spur mehr von der tiefen, finsteren Sorge, welche soeben noch auf seinem Antlitz gelegen hatte.

»Nun, mein lieber Minister,« sagte er, Herrn von Beust die Hand reichend, »ich bin begierig zu hören, wie weit Sie mit diesen ungarischen Krönungsangelegenheiten gekommen sind, die Formen machen da fast ebensoviel Mühe, als die Sache selbst.«

Er setzte sich vor seinen Schreibtisch und deutete Herrn von Beust einen Sessel zu seiner Seite an.

Der Minister zog mehrere Papiere aus seinem Portefeuille und sprach, dieselben überblickend: »Ich hoffe, daß nun in kürzester Frist alles geordnet sein wird, und daß die Krönung am 8. Juni stattfinden kann; die Formen, Majestät, sind in der Tat von einer gewissen Wichtigkeit, da der ungarische Volksgeist mit diesen Formen überall tiefere Bedeutung verbindet, und,« fügte er leicht lächelnd hinzu, »vielleicht erleichtert die sorgfältige Erörterung der Formfragen ein wenig manche sachliche Schwierigkeit. Zunächst, Majestät,« fuhr er fort, »wünschen die maßgebenden Kreise, und es soll darüber in geheimer Sitzung des Unterhauses Beschluß gefaßt werden, daß in Ermangelung eines Palatins nicht der judex Curiae, sondern der Ministerpräsident Graf Andrassy mit dem Fürsten Primas Eurer Majestät die Krone aufsetze, es ist das wohl ein Kompliment für Andrassy, das er wohl verdient hat.«

»Und vielleicht ein Wink für mich,« sagte der Kaiser lächelnd, »daß der konstitutionelle Ministerpräsident mir die konstitutionelle Stephanskrone aufsetzt, doch gleichviel, ich bin damit einverstanden.«

»Zu Kronhütern sind vorgeschlagen,« fuhr Herr von Beust fort, »der Graf Georg Karolyi und der Baron Nikolaus Bay.«

Der Kaiser nickte zustimmend mit dem Kopfe.

»So sind denn fast alle Formalitäten geordnet,« sagte Herr von Beust, »der Krönungshügel wird aus der Erde von allen traditionellen Orten Ungarns bereits aufgeschüttet.«

»Es ist ein sonderbares Volk,« sagte der Kaiser sinnend, »da halten sie so fest an dem alten Symbol, daß der König von dem Hügel herab, der die ganze Erde des Vaterlandes darstellt, das Schwert nach den vier Himmelsrichtungen den Feinden des Reiches entgegenschwingt, und doch wollen sie die Hand, die dies Schwert führen soll, einschnüren in das Gewebe konstitutioneller Paragraphen!«

»Es bleibt,« fuhr Herr von Beust fort, »noch die definitive Feststellung des Inauguraldiploms.«

»Ah,« sagte der Kaiser, »das ist der praktische Kern in dieser glänzenden Schale nationaler Symbolik.«

»Ich habe den Entwurf mitgebracht,« sprach Herr von Beust, »wie er zwischen mir und dem Grafen Andrassy nach langen Erörterungen mit den ungarischen Parteiführern nunmehr festgestellt ist, und möchte für denselben die allergnädigste Sanktion Eurer Majestät erbitten.«

Er ergriff einen großen Bogen, und die Augen auf die Schrift gerichtet, fuhr er fort:

»Der Entwurf erwähnt zunächst die Olmützer Abdankung der Majestät des Kaisers Ferdinand, sowie die Resignation des durchlauchtigsten Erzherzogs Franz Karl, und hebt hervor, daß eingetretene schwere Hindernisse die Vornahme der Krönung nach Artikel 3 der Konstitution von 1790 hinderten, daß 1861 zwar die Dokumente vorgelegt wurden, die Krönung selbst aber noch immer nicht vorgenommen werden konnte, daß dann endlich 1865 es gelungen sei, die Verfassung wiederherzustellen, und daß man nunmehr endlich zu der feierlichen Krönung schreiten könne. Nach dieser Einleitung –«

»Aus welcher eigentlich indirekt hervorgeht, daß ich bis jetzt gar nicht König von Ungarn war, und welche alle Erhebungen gegen meine Autorität quasi legitimiert,« warf der Kaiser ein.

»Eure Majestät wissen, welche Bedeutung im Glauben des ungarischen Volkes die wirkliche Krönung mit der Krone Stephans des Heiligen hat,« erwiderte Herr von Beust, »Eure Majestät haben befohlen, daß die Vergangenheit abgeschlossen und vergessen sein soll, und jedenfalls werden Eure Majestät in der Zukunft in Wahrheit König von Ungarn sein!«

»Nachdem ich für immer der Hoffnung habe entsagen müssen, Kaiser in Deutschland zu sein!« flüsterte Franz Joseph leise.

»Nach dieser Einleitung,« fuhr Herr von Beust fort, »verspricht das Diplom zuerst Heilighaltung der im ersten und zweiten Artikel von 1723 festgestellten Thronfolge, sowie der nach Artikel 3 vom Jahre 1790 vorzunehmenden Krönung für Ungarn und die Nebenländer, Heilighaltung bei Verfassung, der gesetzlichen autonomischen Unabhängigkeit, Freiheit und Territorialintegrität.«

Der Kaiser neigte langsam das Haupt.

»Wir werden ferner heilig halten,« sprach Herr von Beust weiter, die Worte des Diploms lesend, »die gesetzlich bestehenden Freiheiten und Privilegien, die bis jetzt geschaffenen, von Unseren Ahnen sanktionierten, sowie die erst ferner zu schaffenden von Uns als gekröntem König zu sanktionierenden Gesetze.«

»Die erst ferner zu schaffenden,« sagte der Kaiser, »welch ein Feld von Interpretationen, von Kämpfen und Schwierigkeiten umfassen diese Worte! Doch weiter.«

»Endlich,« sprach Herr von Beust weiter, »verspricht das Diplom, die Krone im Lande zu behalten, alle Länder und Appendices der ungarischen Krone, soweit dieselben schon zurückerlangt sind, zu Ungarn zu bringen.«

»Das geht sehr weit,« warf der Kaiser ein.

»Es ist eine Phrase, Majestät,« erwiderte Herr von Beust, »und wie bei allen weiten Phrasen bleibt hier ein unbemessener Spielraum offen für Erörterungen und parlamentarische Diskussionen, welche einer geschickten Regierung stets eine vortreffliche Stellung geben.«

»So lange keine großen Katastrophen hereinbrechen,« sagte der Kaiser, »denn in ernsten Augenblicken gestalten sich solche Erörterungen zu peremptorischen Forderungen und die vortreffliche parlamentarische Stellung der Regierung wird zu einer praktisch sehr prekären. Leider, leider,« sagte er seufzend, »hat dieser Abschluß so viel offene Stellen, daß immer noch neue Abschlüsse aus ihm werden geboren werden.«

Er schwieg. Herr von Beust wartete einige Augenblicke und fuhr dann fort:

»Für den Fall des Aussterbens des königlichen Hauses garantiert das Diplom den Ungarn das alte angestammte Recht der freien Königswahl.«

»Gott wolle verhüten, daß dieser Fall eintrete,« sagte der Kaiser, die Hände faltend.

»Endlich sollen bei jeder künftigen Krönung diese Inauguralgarantien beschworen werden, schloß Herr von Beust, das Blatt zusammenfaltend und den Blick erwartungsvoll auf den Kaiser richtend.

»Ich habe ja alle diese Punkte schon einzeln in Erwägung gezogen,« sagte Franz Joseph, »und sie im wesentlichen gebilligt, es bleibt ja jetzt auch wohl nichts anderes zu tun übrig, als sie zu genehmigen, wie sie nun formuliert sind, doch täuschen kann ich mich darüber nicht, daß hier viel – viel versprochen wird, und daß ich bis jetzt wenig – sehr wenig von den Gegenleistungen Ungarns gehört habe, da wir nun doch einmal aus dem Boden des konstitutionellen Vertrages stehen.«

»Eure Majestät,« sagte Herr von Beust, »müssen ein wenig Vertrauen in die Geschicklichkeit Allerhöchstihrer Regierung setzen. Ich zweifle nicht, daß auf dem Boden dieses Ausgleichs das Verhältnis Ungarns im Gesamtreiche Eurer Majestät sich fruchtbar und kräftigend gestalten werde, und daß die freie Mitwirkung der reichen Kräfte Ungarns mächtig dazu beitragen werde, Österreich die große und gebietende Stellung wiederzugeben, welche ihm in Europa gebührt.«

»Lassen Sie mir den Entwurf hier,« sagte der Kaiser, »ich möchte ihn noch genau in allen Punkten durchsehen, und auch einmal mit Andrassy darüber sprechen.«

Ein wenig befremdet blickte Herr von Beust auf und legte schweigend den Entwurf des Diploms auf den Schreibtisch des Kaisers.

Franz Joseph blickte wie in Gedanken versunken vor sich hin und schien zu erwarten, ob der Minister noch weiteres vorzutragen habe.

»Bevor ich mir erlaube,« sprach Herr von Beust, leicht in seinen Papieren blätternd, »Eure Majestät auf einige Punkte der auswärtigen Politik untertänigst aufmerksam zu machen, möchte ich bitten, eine etwas delikate Sache zu berühren, in welcher vielleicht die allerhöchst persönliche Einwirkung Eurer Majestät angezeigt sein möchte.«

Der Kaiser richtete rasch den Kopf empor und blickte erwartungsvoll auf den Sprechenden.

»Bei Gelegenheit der Luxemburger Verwicklung,« fuhr der Minister fort, »hat in Hannover eine lebhafte Bewegung stattgefunden, zahlreiche Offiziere und Soldaten der hannöverschen Armee sind mit der ausgesprochenen Absicht nach Holland ausgewandert, dort eine Legion zu bilden, um bei dem Ausbruch eines Krieges für die Wiedereroberung Hannovers zu kämpfen.«

»Ich weiß davon,« sagte der Kaiser, »der König selbst hat es mir erzählt und mir zugleich gesagt, daß er von dem raschen Unternehmen jener Offiziere, deren Treue und Hingebung ihn freudig berührt, nichts gewußt habe, und die armen Leute von Herzen beklage, welche vergeblich ihre Existenz geopfert hätten.«

»Ich zweifle durchaus nicht,« sagte Herr von Beust, »daß Seine Majestät persönlich dem übereilten Unternehmen jener jungen Leute vollständig fern steht, indes sind bedeutende Mittel, aus der Kasse des Königs zur Unterhaltung dieser sogenannten Legion angewiesen, und es gehen von Hietzing aus Befehle und Anordnungen dorthin ab; man weiß dies in Berlin sehr wohl, und es ist zur Erhaltung der guten Beziehungen mit Preußen, welche doch in diesem Augenblick um einer untergeordneten Frage willen nicht getrübt werden dürfen, in der Tat notwendig, daß sich nicht unmittelbar neben der Residenz Eurer Majestät ein Herd von Agitationen bilde, welche sich gegen den Bestand des preußischen Staates richten, wie derselbe,« fügte er seufzend hinzu, »nun einmal durch den Prager Frieden festgestellt und sanktioniert ist.«

»Der König von Hannover ist ein Opfer unserer Niederlage,« rief der Kaiser, »und wenn auch seine politische Haltung schwankend, und unsicher war, persönlich hat er ritterlich für die Sache eingestanden, die uns damals gemeinsam war, ich habe ihm seinen Thron nicht erhalten können, ich bin ihm wenigstens ein freies und würdiges Asyl schuldig, niemand kann es ihm verdenken, wenn er seinen treuen Offizieren und Soldaten Unterstützungen sendet, und so lange seine und seiner Umgebung Handlungen nicht gegen die Gesetze Österreichs verstoßen, soll niemand ihm die vollständige Freiheit seines Tuns und Lassens beschränken oder verkümmern.«

»Ich war auch weit entfernt,« sagte Herr von Beust, sich verneigend, »irgend eine solche Beschränkung zu wünschen. – Seine Majestät kann gewiß seine früheren Untertanen, auch wenn dieselben sich mit den preußischen Gesetzen in Konflikt befinden, unterstützen, und werde jede darauf gerichtete preußische Interpellation bestimmt und würdig, ganz der Auffassung Eurer Majestät entsprechend zu beantworten wissen, indes,« fuhr er fort, »diese Beantwortung muß mir nicht unmöglich gemacht werden, wie dies fast geschieht, wenn die nächste Umgebung des Königs seine Beziehungen zu der Emigration in Holland des Charakters einer einfachen Unterstützung entkleidet und an diese Angelegenheit die Erörterung politischer Pläne und Hoffnungen knüpft, welche Preußen allerdings Grund zu Vorstellungen geben können. Der Polizeidirektor Strobach,« sagte er, ein Papier aus seinem Portefeuille hervorziehend, »berichtet, daß in einem Friseur- und Barbierladen zu Hietzing, wo zuweilen Herren von der Umgebung des Königs sich rasieren und frisieren lassen –«

»Nun?« fragte der Kaiser.

»In diesem Friseurladen nun,« sprach Herr von Beust weiter, »sollen Pläne eines künftigen Krieges, einer Insurrektion von Hannover, der Agitation im dortigen Lande mit einer Rücksichtslosigkeit und Offenherzigkeit, ja mit Nennung von Namen besprochen werden, daß es in der Tat ein Wunder wäre, wenn die verschiedenen preußischen Emissäre, welche sich zur Beobachtung des hannöverschen Hofes in Hietzing aufhalten, davon nichts hören sollten.«

Er reichte dem Kaiser das Papier, das er in der Hand hielt. Dieser nahm es und durchflog schnell seinen Inhalt.

»Es ist in der Tat beinahe unglaublich!« rief er. – »Der arme König!«

»Ein Wink,« sagte Herr von Beust, »den Eure Majestät dem Könige zu geben die Gnade haben würden –«

»Nein,« rief der Kaiser, stolz den Kopf emporwerfend, »das ist kein Gegenstand der Unterhaltung zwischen mir und dem König Georg; richtiger ist es,« fuhr er nach einigen Augenblicken der Überlegung fort, »Sie senden Strobach selbst nach Hietzing, der König hat ihn empfangen und ist ihm sehr gnädig gesinnt, er soll selbst dem Könige mitteilen, was er Ihnen hier berichtet hat, der König wird verstehen, daß er das nicht ohne meine Autorisation tut, und es ist genügend, daß er davon weiß, dann werden solche unerhörten Dinge ein Ende nehmen.«

»Ich bewundere die so treffende und doch so rücksichtsvolle Entscheidung Eurer Majestät,« sagte Herr von Beust, »und werde den Polizeidirektor Strobach sogleich mit der nötigen Anweisung versehen.«

»Fürst Metternich fragt an,« fuhr er nach einer augenblicklichen Pause fort, ein anderes Papier aus seiner Mappe hervorziehend, »ob Eure Majestät bereits allerhöchst Ihre bestimmten Entschlüsse in betreff des Besuchs der Pariser Ausstellung gefaßt haben; der Kaiser Napoleon hat mehrfach danach gefragt und scheint einen großen Wert darauf zu legen, daß Eure Majestät möglichst bald nach dem Besuche des Königs von Preußen und des Kaisers von Rußland dorthin kommen.«

Der Kaiser richtete einen Augenblick schweigend den ernsten Blick auf den Minister.

»Also König Wilhelm und Kaiser Alexander gehen zusammen nach Paris?« fragte er.

»Es scheint bis jetzt so, vielleicht werden indes die Dispositionen noch geändert,« sagte Herr von Beust mit Betonung.

»Nun,« erwiderte der Kaiser, »dann ist es ja auch noch nicht nötig, meine Dispositionen endgültig festzustellen, ich möchte das Resultat jener Zusammenkunft abwarten, auch weiß ich nicht, ob es sich ziemt, Dispositionen für diese Reise zu treffen, so lange über das Schicksal meines Bruders Maximilian nicht völlig beruhigende Nachrichten da sind.«

»Ich möchte mir untertänigst erlauben,« sagte Herr von Beust, »Eure Majestät besonders darauf aufmerksam zu machen, daß gerade das Unglück des Kaisers Maximilian Napoleon ganz besonders bestimmt, sich Österreich zu nähern, und daß er gerade im Hinblick auf jene Katastrophe besonderen Wert darauf legt, den Beweis dafür zu empfangen, daß Eure Majestät das Unglück allerhöchst Ihres Bruders nicht ihm schuld geben. Es möchte gewiß gut sein, diese Disposition zu benutzen, um für die Beziehungen zu Frankreich endlich eine feste Basis zu finden, um so mehr, als die Anknüpfung einer freundlicheren Verbindung mit Italien wesentlich in der Voraussetzung –«

Ein starker Schlag ertönte an der Türe zum äußeren Vorzimmer und unmittelbar darauf trat der diensttuende Flügeladjutant, Oberstleutnant Fürst Liechtenstein, schnell und mit erschrockener Miene in das Kabinett.

»Feldmarschalleutnant Graf Braida,« sagte der Fürst im Tone dienstlicher Meldung, »bittet Kaiserliche Majestät um allergnädigstes Gehör, um einen dringenden Auftrag des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs Albrecht Kaiserliche Hoheit auszurichten.«

Der Kaiser hatte sich erhoben, winkte zustimmend mit dem Kopfe und blickte gespannt dem Feldmarschalleutnant entgegen, welcher in der kleinen Uniform, den Ausdruck schmerzlicher Erregung in Gesicht und Haltung, in die Tür trat.

»Kaiserliche Majestät halten zu Gnaden,« sprach der Obersthofmeister des Erzherzogs Albrecht, »ich bin auf Befehl des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs in aller Eile gekommen, um Eurer Majestät ein großes Unglück zu melden!«

Das Gesicht des Kaisers zog sich schmerzlich zusammen. »Seit langem bin ich keine anderen Meldungen mehr gewöhnt!« sagte er mit düsterem Blicke. »Sprechen Sie, welch' ein neuer Schlag ist gefallen?«

»Die Erzherzogin Mathilde,« sagte Graf Braida tief aufatmend, »es ist entsetzlich, Kaiserliche Majestät, die Erzherzogin hat sich schwer verbrannt, es scheint kaum Hoffnung zu sein, sie am Leben zu erhalten.«

»Verbrannt?« rief der Kaiser, »wie, – wodurch – um Gotteswillen?«

»Es ist noch nicht genau festgestellt,« sagte der Graf, »man hörte den Hilferuf der Erzherzogin auf dem Korridor; als man hinzueilte, standen die Kleider in Flammen.«

»Und was ist geschehen, was sagen die Ärzte?« rief der Kaiser.

»Die Erzherzogin ist entsetzlich verbrannt und ohnmächtig von den furchtbaren Schmerzen, die Ärzte vermögen noch nichts gewisses zu sagen, doch scheinen sie nicht viel Hoffnung zu haben, der Herr Erzherzog hat mich sofort abgesendet, um Kaiserlicher Majestät Nachricht von dem schrecklichen Unfall zu geben.«

»Eilen Sie zurück, mein lieber Graf,« sagte der Kaiser mit bewegter Stimme, »und bringen Sie meinem Oheim den Ausdruck meiner treuesten, herzlichsten Teilnahme, meiner innigsten Wünsche, daß das äußerste Unglück vorüber gehen möge. Ich komme später selbst, um zu sehen, wie es geht.«

Er neigte grüßend das Haupt – der Feldmarschalleutnant zog sich mit tiefer Verbeugung zurück.

Herr von Beust hatte schweigend in tiefer Bestürzung die ganze Szene mit angesehen.

»Welch ein entsetzliches Unglück!« sagte er tief aufatmend. »Erlauben Eure Majestät mir, mein tiefstes Mitgefühl ehrfurchtsvoll auszusprechen.«

»Ich danke – ich danke,« erwiderte der Kaiser mit milder Freundlichkeit, aber mit einer gewissen Zerstreutheit im Tone, »wir müssen heute abbrechen, mein lieber Minister,« sagte er dann, »diese Nachricht hat mich schwer erschüttert, ich bitte Sie, für morgen den Vortrag wieder aufzunehmen, die Sachen haben Zeit bis dahin, nicht wahr?«

»Gewiß, Majestät,« erwiderte Herr von Beust, indem er sein Portefeuille schloß, schweigend, mit tiefer Verneigung gegen den Kaiser, der ihn ernst und freundlich grüßte, zog er sich zurück.

Lange stand Franz Joseph unbeweglich da. »Ist das ein Wink des Himmels?« sprach er endlich, den brennenden Blick mit dem Ausdruck banger Frage nach oben richtend, »will Gott selbst den Worten meiner Mutter einen so entsetzlichen Nachdruck geben? – Marie Antoinette – Marie Luise,« fuhr er leiser fort, »Tod und Unglück steht zwischen Frankreich und Österreich, die mütterliche Ahnung sieht bereits den Leichnam Maximilians sich aus der dunklen Kluft erheben, die beide Mächte trennt, und jetzt legt Gott seine schwere Hand auf das jugendliche, blühende Leben, auf dies Leben gerade, das bestimmt war, den wichtigsten Ring in der Kette einer neuen Verbindung zu bilden mit dem Lande, welches das Blut von Habsburg auf dem Schaffott verspritzte. O mein Gott,« rief er laut mit schneidender Stimme, »wer gibt mir Licht in diesem Dunkel, wer zeigt mir den Weg, den ich gehen soll?«

Er sank wie gebrochen in seinen Lehnstuhl und stützte den Kopf in die Hände.

Da begann weit herüber durch das Fenster hereindringend eine ferne Glocke zu läuten, hell und rein trug die klare Luft die Schwingungen des Tons in das kaiserliche Kabinett.

Der Kaiser hob leise lauschend das Haupt empor. »Dort grüßt die irdische Welt mit ihrem letzten heiligen Abschiedsklange ein stilles Herz, das zum ewigen Frieden eingeht nach des Lebens Kämpfen im dunklen, bescheidenen Arbeitskreise, und ich hier oben auf der vielbeneideten Sonnenhöhe des Lebens kann die Ruhe nicht finden im wallenden Ringen der zweifelnden und zagenden Gedanken!«

Immer ruhiger wurde sein Auge, immer friedensvoller der Ausdruck seiner Züge.

Wie unwillkürlich faltete er die Hände, und leise die Lippen bewegend sprach er:

»O mein Gott, deine Stimme redet zu uns nicht aus den prachtvollen Tempeln, nicht aus den brausenden Hymnen, aber in reiner Klarheit dringt sie aus den Himmeln herab überall, wo ein Menschenherz in Demut sich dir beugt und in liebevoller Einfalt wie die Kinder zu dir spricht: Hilf mir, du treuer Vater, denn ich vermag nichts ohne dich! Hilf auch mir, du ewiger Vater der Großen und der Niedrigen, und sende die Erleuchtung deines Geistes in meine Gedanken und Entschlüsse, wie dieser reine Glockenton den Gruß des himmlischen Friedens in meine ringende Seele trägt!«

In einfach gleichmäßigen Tönen klang die Glocke weiter über das brausende und wogende Wien her, draußen ging der Gardist in gleichmäßigem Schritt auf und nieder, und in der tiefen Stille des einfachen Gemaches betete der Kaiser um Erleuchtung zum Heil der Völker des weiten Reiches, das seine Hand zu beherrschen berufen war. Immer demutsvollere Ergebung sprach aus seinen Zügen; in immer gläubigerer Zuversicht leuchteten seine Augen, und als endlich die Glocke in lang nachhallendem Tone verklang, da erhob er sich langsam und ruhig und sprach mit festem Tone:

»Vorwärts ohne Ermatten, je größer das Unglück, um so höher muß der Mut sein. Gott wird Österreich nicht verlassen!«

Dreißigstes Kapitel.

Tiefe Ruhe herrschte im stillen Quartier der Rue Mouffetard, als sich mit raschem, festem Schritte ein Mann dem Hause näherte, dessen dritten Stock Madame Raimond bewohnte. Er trug ein Paket in grober Leinwand unter dem Arm und zog mit der gewohnten Sicherheit eines Hausbewohners die Türglocke. Der alte Schuhflicker erhob sich von seinem Bette und zog in mechanischer Ausübung seines Portierdienstes den Kordon, welcher den Riegel öffnete, indem er zugleich durch das Fenster blickte.

»Guten Abend,« rief George Lefranc mit lauter Stimme, »ich bedaure, Sie gestört zu haben, aber Sie wissen, mein Metier –«

»Gute Nacht, Herr Lefranc,« sagte der Alte gutmütig, »ich freue mich, daß Sie auch endlich zur Ruhe kommen, gute Nacht!«

Und er schloß sein kleines Fenster, während der junge Arbeiter mit leichtem, sicherem Schritt fast unhörbar die schon völlig dunklen Treppen hinaufstieg.

Ebenso leicht und unhörbar öffnete er die Tür des Vorplatzes, stand einen Augenblick lauschend still und klopfte dann mit der Fingerspitze vorsichtig und fast ängstlich an die Tür des Zimmers, welches Madame Bernard bewohnte und aus dessen Schlüsselloch noch ein heller Lichtstrahl hervordrang.

Man hörte einige schnelle Bewegungen in dem Zimmer, die Tür öffnete sich, die junge Frau erschien und sprach lächelnd:

»Ich will sogleich meine Arbeit beenden, Madame Raimond, schelten Sie nicht –«

Ein Ausdruck des Erstaunens erschien auf ihrem Gesicht, als sie den jungen Mann erblickte. Mit einem einzigen scharfen Blick überflog sie seine Gestalt, seine von Ruß geschwärzte Kleidung, sein aufgeregtes Gesicht, das Paket unter seinem Arm.

Dann schlug sie die Augen nieder, und indem sie einen Schritt zurücktrat, ohne jedoch die Türe zu schließen, sagte sie mit ernster Stimme:

»Herr Lefranc, ich hätte nicht erwartet, daß die Freundschaft und das Vertrauen, das ich Ihnen bewiesen, Ihre Achtung vor mir vermindern sollten.«

Der junge Arbeiter errötete tief, rasch aber trat er in das Zimmer und schloß die Tür.

»Luise,« sprach er leise mit raschen Atemzügen, »verzeihen Sie diesen Mangel an Ehrerbietung, hören Sie mich an, ich bringe Ihnen gute Nachricht, etwas, was ich nur zu dieser stillen Nachtzeit Ihnen bringen kann, nur zwei Minuten, ich gehe sogleich wieder, und Sie werden nicht mehr an mir zweifeln.«

Mit einer raschen Bewegung schlug er das grobe Leinentuch auseinander und stellte die darin verborgene kleine Kassette auf den von einer einfachen Lampe erleuchteten Tisch.

Ein Blitz sprühte aus dem Auge der jungen Frau. Sie stieß einen leisen Ausruf triumphierender Freude aus und stürzte mit einer unwillkürlichen Bewegung, wie ein Tiger auf seine Beute, nach dem Tische hin, mit beiden Händen die Kassette erfassend. Dann holte sie tief Atem, schloß einen Augenblick die Augen und drückte die Hände auf die Brust, wie um gewaltsam die Herrschaft über sich selbst wieder zu erlangen.

Als sie die Augen wieder aufschlug, strahlte ihr Blick in sanfter Freude, sie trat zu George heran, reichte ihm die Hand und sprach mit weichem Tone:

»Verzeihung, mein lieber Freund, wenn ich Ihnen in Gedanken Unrecht tat, während Sie mir die Waffen zur Rettung meiner Ehre bringen, und,« fügte sie leicht errötend hinzu, »mir den Weg öffnen zu meinem Glück!«

Sie trat ganz nahe zu ihm heran und lehnte ihren Kopf an seine Brust.

»Luise!« rief er in erschrockenem Tone, indem ein Strom lichten Glücks aus seinem Auge sich ergoß, »sehen Sie meine geschwärzte Bluse!«

Sie antwortete nicht, hob den Kopf ein wenig empor, ohne ihn von seiner Brust zu entfernen, und schlug die Augen mit einem Blick zu ihm auf, der ihn mit zitterndem Wonneschauer erfüllte.

Er beugte sich nieder und drückte innig, aber mit einer gewissen scheuen Zurückhaltung einen Kuß auf ihre leicht geöffneten Lippen.

Einige Augenblicke blieben sie in dieser Umarmung, dann machte sie sich sanft los, sah ihm tief in die Augen und fragte: »Wie kommen Sie, teurer Freund, zu dieser Schatulle? Welchen Gefahren haben Sie sich ausgesetzt für mich!«

»Fragen Sie nicht,« erwiderte er, düster zu Boden blickend, »wenn die Vornehmen gegen uns das ganze Übergewicht ihrer Stellung und ihrer Mittel rücksichtslos gebrauchen, kann es da unrecht sein, wenn wir uns verteidigen mit den Waffen, die uns geblieben sind, mit der List und der Geschicklichkeit, welche die Arbeit uns gibt?«

Er schwieg einen Augenblick.

»Die Kassette ist da,« rief er dann, »welche so wichtiges für Sie enthält, lassen wir das andere.«

»Aber,« sprach sie, einen scharfen Blick auf ihn werfend, »sind Sie sicher, daß nicht Nachforschungen Verdacht erwecken, Ihnen Gefahr bringen könnten, ich wäre untröstlich, wenn Ihre Hingebung für mich Ihnen verderblich –«

»Seien Sie außer Sorgen,« rief er in fast heiterem Tone, »meine Wege wird man mir nicht nachgehen, niemand wird jemals meine Spur finden. – Doch vor allem öffnen wir, damit Sie sehen, ob das von Ihnen Gesuchte wirklich darin enthalten ist! –«

Die junge Frau eilte zu der Kassette. Sie war verschlossen.

»Haben Sie ein eisernes Werkzeug?« fragte er.

Sie blickte umher und reichte ihm dann die Eisenstange, die zum Schüren des Feuers in dem Kamin aufgehängt war.

Er machte mit seinem Taschenmesser einen Einschnitt in die Kassette, steckte die Eisenstange hinein, umwickelte dann das Ganze mit dem dicken Leinentuche, um den Schall zu dämpfen, und mit einem mächtigen Druck seiner nervigen Arme war das Schloß gesprengt.

Er stellte das Kästchen offen auf den Tisch. Sie näherte sich ihm in schüchterner Bewegung.

»Mein Freund,« sagte sie mit leiser, leicht zitternder Stimme, »ich habe kaum Worte, um Ihnen meinen Dank auszusprechen, die Aufgabe meines Lebens soll sein, Sie glücklich zu machen, selbst wenn meine Hoffnung mich täuscht und ich das Gesuchte nicht finden sollte! – Doch nun,« fuhr sie fort, die Augen in reizender Verlegenheit zu ihm aufschlagend, »es wird mir schwer, aber wenn Madame Raimond erwachte – uns hörte – Sie hier fände –«

Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen. Mit einem Ausdruck voll Liebe und Glück blickte er sie an.

»Sie haben recht,« sagte er mit flüsternder Stimme, »sehen Sie nach, ob Sie das Gesuchte finden. Morgen werden Sie mir das erzählen. – Gute Nacht!«

»Noch eins,« rief sie. »Ich muß für Sie vorsichtig sein, – nehmen Sie diese Kassette fort, Sie müssen sie zerbrechen und morgen früh die Stücke weit hinaus vor die Stadt tragen und in den Fluß werfen. Es muß jede Möglichkeit einer Gefahr für Sie ausgeschlossen werden.«

Rasch nahm sie das Kästchen, schüttete seinen Inhalt auf die Kissen ihres Bettes und reichte dasselbe dann dem jungen Manne. Darauf trat sie abermals dicht vor ihn hin, und indem sie ihr Gesicht dem seinen näherte, flüsterte sie:

»Gute Nacht, mein lieber George!« Er hielt mit der einen Hand die Schatulle, legte den anderen Arm um ihre Schultern und drückte schnell seinen Mund auf ihre Lippen.

Ein feuriger Strom schoß in seine Augen, sein ganzer Körper bebte, rasch riß er sich los, und indem er mit kaum hörbarer Stimme hauchte: »Gute Nacht!« verließ er das Zimmer und ging wie trunken mit schwankenden, unsicheren Schritten hinüber nach seiner Wohnung.

Nichts war auf dem Vorplatz zu hören, alles war dunkel, daher hatte der junge Mann, auch wenn er nicht in einem Zustande sich befunden hätte, der die Beobachtung ausschloß, nicht bemerken können, daß die Tür zu dem Zimmer des alten tauben Herrn Martinau nicht vollständig geschlossen war, sondern etwa einen Finger breit offen stand.

Als George in seiner Wohnung verschwunden war, schloß sich diese Tür ohne anderes Geräusch, als ein leises, fast unhörbares Klappen des Schlosses.

Kaum war Antonie allein, so verschwand der weiche, schüchterne und liebevolle Ausdruck von ihrem Gesicht. Ihr Auge blitzte in triumphierendem Stolz, ihn Nasenlöcher öffneten sich weit wie die Nüstern eines edlen Pferdes, das auf der Rennbahn dem Ziele entgegenfliegt, und die in siegesfrohem Lächeln gekräuselte Lippe ließ die glänzenden Zähne sehen.

Sie ergriff die Papiere, welche sie auf ihr Bett geworfen hatte, und trug sie zum Tisch in das Licht der Lampe. Unter den Papieren befanden sich einige Goldrollen.

»Ah,« rief sie lächelnd, »das Angenehme mit dem Nützlichen!«

Sie blickte einen Augenblick ernst vor sich hin.

»Der Arme hat viel Mühe und Gefahr gehabt, er wird noch einigen Kummer zu leiden haben, ich glaube, er liebt mich wirklich, fast hätte er mich gerührt, er soll wenigstens eine materielle Frucht haben!« Und sie trug die Goldrollen in das Schubfach ihrer Kommode.

»Nun, mein Herr Graf Rivero!« rief sie dann, sich vor den Tisch setzend, »Sie werden zufrieden sein! – Zuvor aber will ich diese Dinge ein wenig für mich studieren. Wissen ist Macht, sagt man, und Macht will ich haben, also lernen wir ein wenig, was hier Interessantes verborgen ist.«

Und sie vertiefte sich in die Lektüre der Briefschaften und Notizen, welche vor ihr auf dem Tische lagen.

Bald holte sie Papier und ein kleines Schreibzeug und begann eifrig einzelne Schriftstücke zu kopieren.

Am nächsten Morgen traf sie George wie gewöhnlich auf dem Vorplatz.

Mit glücklichem Lächeln begrüßte sie ihn. »Ich habe gefunden, was ich suchte,« flüsterte sie, »nun kann ich mit Nachdruck mein Recht verfolgen, doch,« fügte sie ernster hinzu, »eine neue Schwierigkeit tritt heran, wie kann ich diese Papiere produzieren, ohne die Frage zu erwecken, auf welche Weise sie in meinen Besitz gekommen?«

Er blickte sie betroffen an.

»Etwas Großes ist immer gewonnen,« sagte sie, »ich kann Ihnen gegenüber den Beweis führen, daß ich schuldlos bin, ein Opfer des Betrugs.«

»Hätte es eines solchen bedurft?« fragte er.

»Für Sie – vielleicht nicht,« erwiderte sie, »für mich war er unerläßlich, wir werden über das alles ruhig sprechen und überlegen, was zu tun ist. Sie sind ja mein Schutz und mein Ratgeber,« fügte sie mit lieblichem Lächeln hinzu, »doch jetzt vor allem eilen Sie, die Kassette fortzubringen, Sie versprechen mir, die Stücke in den Fluß weit vor Paris zu werfen?«

»Ich eile es zu tun,« sagte er, »möchte damit auch die traurige Vergangenheit begraben sein.«

»Meine Hoffnung gehört einer glücklichen Zukunft,« erwiderte sie, ihm die Hand drückend.

Madame Raimond trat aus ihrem Zimmer.

»Die fleißige Jugend beschämt mich,« sagte sie, freundlich die jungen Leute begrüßend, »Sie sind schon so früh auf, Herr George, nach Ihrer gestrigen Nachtarbeit, zu der Sie schon abends aufbrechen mußten?«

»Ich habe einen notwendigen Gang zu tun,« erwiderte der junge Mann, »und ich bin es gewöhnt, wenig zu schlafen. – Auf Wiedersehen heute abend!« rief er, nahm ein kleines Paket aus seinem Zimmer und eilte die Treppe hinab.

»Ein vortrefflicher, braver junger Mann,« rief die alte Frau, ihm nachblickend, »er wird ein musterhafter Ehemann werden, wie es wenige gibt in unseren schlimmen Zeiten,« fügte sie mit einem lächelnd forschenden Blick auf ihre junge Mieterin hinzu. »Doch,« sagte sie, als diese wie verlegen den Kopf abwendete, »ich muß auch ausgehen, um meine Einkäufe zu machen. – Hüten Sie das Haus, mein liebes Kind, und wenn der arme Herr Martineau etwas braucht, so haben Sie wohl die Güte, für ihn zu sorgen.«

Sie nahm ihren Korb, schlug ein kleines Tuch über den Kopf und verließ ebenfalls die Wohnung, um die kleinen Bedürfnisse ihres Haushalts unter den nächsten Hallen einzukaufen.

Antonie ging in ihr Zimmer. »So ist denn diese Fahrt in die Tiefen des Lebens beendet,« sagte sie, »glücklicherweise war es eine absichtliche und freiwillige, ich habe den Schatz gehoben, den ich zu suchen kam, und steige wieder hinauf zur hellen Oberfläche von Glanz und Licht, reicher um einen Talisman, der zu Einfluß und Macht führt!«

Ein leises Klopfen ertönte an ihrer Tür und gleich darauf trat der alte Herr Martineau mit seiner Perücke und seiner blauen Brille herein.

Mit freundlichem Lächeln ging ihm die junge Frau entgegen und fragte ihn mehr noch mit den Blicken als mit der Stimme:

»Womit kann ich Ihnen behilflich sein, mein Herr?« Der alte Mann trat völlig in das Zimmer und schloß die Tür hinter sich. Dann tat er einige Schritte vorwärts und sah sich nach allen Seiten um.

»Ich bitte Sie, Madame,« sagte Herr Martineau mit einem festen, kräftigen und entschiedenen Tone, der sehr wenig Ähnlichkeit mit der krankhaft leisen, matten Stimme hatte, die man bei dem alten Manne zu hören gewohnt war, »ich bitte Sie, mir sogleich diejenigen Papiere zur Einsicht zu übergeben, welche Herr George Lefranc Ihnen gestern in einer kleinen Kassette gebracht hat.«

Die junge Frau blickte wie versteinert diesen Mann an, der in so einfacher Weise von einer tief geheimnisvollen Sache sprach und der in so befehlendem Tone von ihr die Herausgabe einer Sache verlangte, an welche sie so viel Mühe gewendet hatte und auf welche sie so viel Hoffnung setzte.

»Mein Herr,« sagte sie, »ich verstehe Sie nicht, – ich weiß in der Tat nicht –«

»Wir haben gerade eine Stunde Zeit,« sagte Herr Martineau ruhig, »so lange braucht Madame Raimond zu ihrem Ausgange wenigstens, das genügt – hier sind die Papiere völlig geordnet.«

Er trat zu dem Tisch hin, auf welchen die junge Frau das Paket gelegt hatte.

Sie sprang ihm mit blitzenden Augen entgegen und stellte sich vor den Tisch.

»Mein Herr,« rief sie, »ich begreife von Ihrem Benehmen nichts anderes, als daß Sie sich hier in einem fremden Zimmer, in meinem Zimmer, in einer Weise betragen –«

»Zu der ich das völlige Recht habe, Frau Marchesa Pallanzoni,« sagte Herr Martineau, sich gerade und kräftig aufrichtend, so daß auch die letzte Erinnerung an die zusammengesunkene, gebrechliche Gestalt des alten, kranken Mannes verschwand, zugleich nahm er seine große blaue Brille ab und blickte die junge Frau mit zwei dunklen, völlig gesunden, scharfen und durchdringenden Augen an.

Antonie ließ die zur Abwehr erhobenen Arme sinken und starrte einen Augenblick bewegungslos in dieses völlig fremde, kalte und energische Gesicht, das sich so plötzlich wie durch Zauberei ihr gegenüber befand.

Schnell aber fand sie ihre Fassung wieder, und indem sie mit stolzem Blick den Unbekannten vor ihr maß, sagte sie in ruhigem Tone:

»Es ist jedenfalls Ihr Recht, mein Herr, sich das Vergnügen aller möglichen Verkleidungen zu machen – und Sie scheinen darin einige Geschicklichkeit zu besitzen, ich muß Sie nunmehr aber bestimmt bitten, dies Zimmer, welches das meinige ist, zu verlassen.«

Der Unbekannte, welcher sich aus der Hülle des alten Herrn Martineau entpuppt hatte, zog eine Karte aus der Brusttasche seines Rockes und hielt sie der jungen Frau hin.

»Sie werden sich hierdurch überzeugen, Madame,« sagte er ruhig, »daß ich ein Recht habe, meine Forderung zu stellen. Es wird nur auf Sie ankommen, ob Sie dieselbe gutwillig erfüllen wollen oder ob Sie mich zwingen wollen, andere Mittel zu gebrauchen, deren Folge die gerichtliche Erörterung darüber sein würde, welchen Anteil die Frau Marchesa Pallanzoni an einem gewissen Kassettendiebstahl hat und in welchem Zusammenhange dieselbe Frau Marchesa mit einer Dame steht, die vor einem Jahre als Madame Balzer in Wien lebte. – Sie sehen also, fernere Zögerung wird uns nur die kostbare Zeit verlieren lassen.«

Antonie sank in sich zusammen, aschfahle Blässe bedeckte ihr Gesicht, sie war keines Wortes mächtig und hielt sich mit den zitternden Händen am Rande des Tisches.

Ruhig und mit einer gewissen weltmännischen Artigkeit zog der Mann einen Stuhl herbei, auf welchen sie sich kraftlos niederfallen ließ.

Er trat dann an den Tisch und öffnete das auf demselben befindliche Paket. Sie verfolgte seine Bewegungen mit starrem Blick, nur ein dumpfes Stöhnen drang aus ihren krampfhaft verzerrten, bleichen Lippen.

»Seien Sie übrigens unbesorgt, Madame,« sagte der Unbekannte, welcher sich vor den Tisch gesetzt hatte und die einzelnen Papiere durchsah, »es ist nicht meine Absicht, Ihnen diese Dokumente, deren Besitz für Sie wertvoll ist, zu nehmen, ich will nur deren Inhalt kennen und von den für mich bedeutungsvollen Papieren eine Abschrift nehmen.«

Antonie sah ihn mit einem unbeschreiblichen Blick an. Ihre Züge wurden freier, die Farbe trat in ihre Wangen zurück und ein fast unmerkliches feines Lächeln spielte um ihre Lippen. Es lag auf ihrem Gesicht wie ein Ausdruck der Bewunderung für diesen Vertreter einer geheimnisvollen Macht, welcher sie an List, Gewandtheit und Verstellung überboten hatte.

»Sie haben mir,« sagte der Mann, »meine Aufgabe erleichtert, indem Sie die Kopien, deren ich bedarf, bereits gemacht haben, sie sind genau und richtig, wir können unser Geschäft abkürzen, indem Sie mir erlauben, diese Kopien mit mir zu nehmen. Sie werden nur die Mühe haben, sie noch einmal zu machen, dafür aber um so schneller die Freiheit haben, diesen für Sie gewiß nicht anziehenden Ort zu verlassen.«

Antonie hatte ihre vollständige Ruhe wiedergewonnen. Mit einer leichten Neigung des Kopfes gab sie das Zeichen des Einverständnisses. Der Fremde stand auf, nachdem er die Kopien in die Tasche seines Rockes gesteckt hatte.

»Unser Geschäft ist beendet, Madame,« sagte er, »und ich will Sie keinen Augenblick länger aufhalten, – erlauben Sie mir indes, Ihnen noch einen Rat zu geben.«

Antonie sah ihn erwartungsvoll an.

»Sie beschäftigen sich mit politischen Dingen,« fuhr er fort, »und – wie ich soeben gesehen habe, mit großem Geschick und Erfolg; dagegen ist nun an sich gar nichts zu erinnern; sollten Sie jedoch bei dieser Beschäftigung falsche Wege einschlagen, so wird man Sie warnen, beachten Sie solche Warnung, vielleicht wird sie Ihnen durch mich kommen, vielleicht auf anderem Wege, hüten Sie sich, derselben entgegen zu handeln, denn die Folgen würden schwer auf die Marchesa Pallanzoni – und Madame Balzer zurückfallen.«

Antonie neigte schweigend den Kopf. Der Unbekannte zog ein Blatt Papier aus der Tasche und reichte es der jungen Frau.

»Hier, Madame,« sagte er, »ist eine Adresse, bedürfen Sie einer Aufklärung, eines Rates, so schreiben Sie zwei Worte an diese Adresse und Sie werden befriedigende Antwort erhalten.«

Antonie blickte auf das Papier und las: Mademoiselle Pierrine Chamart, Couturière, Boulevard du Temple 13.«

Sie lächelte.

»Vielleicht wird man zuweilen von Ihrer Geschicklichkeit einen Dienst wünschen,« fuhr der Mann fort, »man wird sich an Sie wenden und für jeden geleisteten Dienst sich bei jeder Gelegenheit erkenntlich beweisen.«

Mit einem scharfen Blick, in welchem ein schneller Blitz aufleuchtete, neigte sie zustimmend den Kopf.

»So habe ich mich nur noch der Frau Marchesa ehrerbietigst zu empfehlen,« sagte der Fremde in ruhigem Tone und ohne jeden Anklang von Ironie, dann setzte er seine blaue Brille wieder auf, in wenig Augenblicken war seine feste und gerade Gestalt zu kränklicher Gebrechlichkeit zusammengesunken und langsam die Türe öffnend ging er über den Vorplatz nach seinem Zimmer hin.

Antonie blieb auf ihrem Stuhle sitzen und blickte wie träumend vor sich nieder.

»Ich hatte geglaubt,« sagte sie nach einigen Augenblicken mit tonloser Stimme, »meine Flügel ausbreiten zu können zum kühnen Flug nach den Höhen des Lebens – und da hängt sich abermals diese Kette der Vergangenheit mit bleiernem Gewicht und unzerreißbar an meinen Fuß! – Ist es denn unmöglich,« rief sie aufstehend mit funkelndem Auge, »dies Gespenst der eigenen Vergangenheit zu bannen, das uns folgt und seinen Schatten drohend auf die hellen Bilder der Gegenwart und die Hoffnungen der Zukunft wirft?!«

Sie schritt in tiefen Gedanken auf und nieder – finsteres Sinnen lag auf ihren Zügen.

Endlich blieb sie stehen, ein feines Lächeln spielte um ihre Lippen, ein befriedigender Gedanke schien in ihrem Geist aufzutauchen.

»Vielleicht aber kann diese neue Kette, die ich da entdeckt habe,« sagte sie flüsternd, »dazu dienen, jene andere zu zerreißen, welche meinen Willen und meine Bewegungen fesselt. – Zwei Kräfte kann man beherrschen, indem man die eine durch die andere bekämpfen läßt, wohlan – ich will meiner Geschicklichkeit vertrauen! Ah! mein Herr Graf von Rivero, vielleicht habe ich da das Mittel gefunden, mich Ihrer stolzen Herrschaft zu entziehen!«

Sie nahm das Paket vom Tische und die Goldrollen aus dem Schubfach und ließ beides in die Tasche ihres Kleides gleiten. Dann warf sie einen letzten Blick in dieses Zimmer, das eine Zeitlang ihre Gedanken, Erinnerungen und Zukunftsträume eingeschlossen hatte, und stieg rasch die Treppe hinab.

Freundlich grüßte sie den alten Schuhflicker in der Portierloge, verließ das Haus und schritt schnell, das Gesicht dicht mit dem kurzen dunklen Schleier verhüllt, den eleganten Stadtteilen von Paris zu.

Einige Augenblicke später stieg der alte Herr Martineau hinab. Zitternd und vorsichtig mit dem Stock vor sich her tastend, schickte er sich an, seinen kurzen täglichen Spaziergang zu machen.

Still und einsilbig saßen am Abend George Lefranc und Herr Martineau bei Madame Raimond in deren kleinem Zimmer um den von der geselligen Lampe erleuchteten Tisch. Unruhig blickte die alte Frau nach der Türe, düster starrte der junge Arbeiter vor sich, mit seinem immer gleichen, ruhigen und verbindlichen Lächeln sah der alte Mann mit der blauen Brille da.

»Unsere liebenswürdige Freundin läßt lange auf sich warten,« sagte er endlich mit seiner dünnen, kränklichen Stimme.

George stand auf. Die Hände zusammenballend, trat er an das Fenster und blickte schweigend in die tiefer und tiefer herabsinkende Nacht hinaus.

»Ich begreife das nicht,« sagte Madame Raimond, »sie ist vormittags ausgegangen und ist doch sonst niemals abends fortgeblieben, mein Gott, sollte es möglich sein, daß ihr ein Unglück zugestoßen wäre?«

Mit rascher Wendung trat George in das Zimmer zurück. Eine unsägliche Angst sprach aus seinen groß geöffneten Augen, seine Lippen bebten, Leichenblässe lag auf seinen Zügen.

»Haben Sie eine Idee, wohin sie gegangen sein kann, Madame Raimond?« fragte er mit zitternder Stimme.

»Nein, nicht im geringsten,« sagte die alte Frau, »seit sie hier ist, ging sie nur aus, um ihre Arbeiten fortzutragen, wie ich glaube in die Nähe der Boulevards.«

»Man müßte sie suchen!« rief der junge Mann. »Was könnte das helfen?« fragte Madame Raimond, »wie wollte man sie in diesem großen Paris finden, wenn ihr wirklich etwas widerfahren wäre, und wenn das nicht der Fall ist – was der Himmel gebe – so wird sie kommen.«

»Es ist wahr,« sagte George leise, »während man auf den Straßen umherliefe, würde sie kommen.«

Und wie überwältigt von seiner Unruhe und Aufregung verließ er das Zimmer, um in der Einsamkeit Ruhe und Fassung zu suchen diesem unerklärlichen Ausbleiben derjenigen gegenüber, an welche sich sein Herz mit allen seinen Lebensfasern festgerankt hatte.

Mitleidig sah ihm die alte Frau nach. »Der arme, junge Mensch,« sagte sie vor sich hin, »er liebt sie so sehr, wie entsetzlich, wenn ihr ein Unglück begegnet sein sollte!« George war auf den Vorplatz getreten und schritt nach seinem Zimmer hin.

Leise öffnete sich die äußere Türe. George eilte von froher Hoffnung durchschauert rasch derselben zu.

Ein Mann in der Tracht der öffentlichen Dienstmänner trat ein.

»Herr George Lefranc?« fragte er.

George nickte erstaunt und enttäuscht mit dem Kopf. »Eine Dame,« sagte der Mann, »hat mir dies Paket für Herrn George Lefranc – allein für ihn – gegeben, und diesen Brief für Madame Raimond, die ja wohl auch hier wohnt.«

Er reichte dem jungen Arbeiter ein kleines, ziemlich schweres Paket und einen Brief.

Zitternd vor banger Aufregung rief George: »Wo war die Dame, wo hat sie Ihnen dies gegeben?«

»An der Ecke der Rue de Rivoli und der Rue Royale,« erwiderte der Mann unbefangen.

»Und wohin ist die Dame gegangen?«

»Das habe ich nicht bemerkt, sobald ich meinen Auftrag und die Bezahlung dafür erhalten, habe ich mich auf den Weg hierher gemacht.«

»Es ist also nicht lange her, daß Sie die Dame gesehen?«

»Eine halbe Stunde,« sagte der Mann, und da George schwieg, so grüßte er höflich und stieg die Treppe wieder hinab.

Der junge Arbeiter machte eine Bewegung, als wolle er ihm nacheilen, dann aber trat er in sein Zimmer ein, zündete schnell ein Licht an und öffnete das kleine für ihn bestimmte Paket.

Es enthielt einige Goldrollen und ein beschriebenes Papier. Hastig näherte er dasselbe dem Licht und las:

»Mein teurer Freund! Als ich meine Wohnung heute verließ, begegnete ich in der Nähe meines Hauses meinem Oheim, von dem ich Ihnen gesprochen. Er hatte meine Spur, ich weiß nicht wie, gefunden und verlangt meine sofortige Rückkehr zu ihm, da meine persönliche Anwesenheit für Familienakte, die mit Erbschaftsangelegenheiten zusammenhängen, notwendig ist. Er hat als Stellvertreter meines Vaters Macht über mich, auch wage ich nicht durch Widerstand Aufsehen zu erregen, besonders aus Rücksicht auf die Verhältnisse, welche Sie kennen. Ich folge ihm also, nicht auf lange. Beunruhigen Sie sich nicht und suchen Sie mich nicht, ich kehre bald zurück – zu meinem Freunde. – Ich hatte den Inhalt der Gabe Ihrer Freundschaft mit mir genommen, um ihn in Sicherheit zu haben, es befand sich darunter auch dasjenige, was ich Ihnen hierbei sende, verwenden Sie es zu einem guten Zweck.

Auf Wiedersehen Ihre Freundin Louise.«

Lange blickte der junge Mann starr und still auf diese augenscheinlich in großer Eile auf das Papier geworfenen Zeilen.

»Warum gerade heute?« flüsterte er, »heute, nachdem sie jene Briefe erhalten, nachdem ich für sie –«

Er sprang auf und preßte beide Hände gegen die Stirn. »Welches Dunkel umgibt so plötzlich den hellen Lichtkreis meiner Hoffnungen!« rief er mit tiefschmerzlichem Ausdruck. Langsam ließ er die Hände sinken und neigte gedankenvoll den Kopf. »Was wäre die Liebe,« sprach er, »ohne Vertrauen? und ich liebe sie, o ich liebe sie so sehr! – Also will ich auch an sie glauben, mein Vertrauen soll nicht erschüttert werden!«

Seine Züge nahmen den Ausdruck eines ruhigen, festen Entschlusses an, mit einem gewissen widerwilligen Schauder ergriff er die Goldrollen und schloß sie in das Schubfach des einfachen Tisches. Dann nahm er den für Madame Raimond bestimmten Brief und kehrte in das Zimmer der alten Frau zurück.

»Wir können ohne Sorge um Madame Bernard sein,« sagte er mit festem, zuversichtlichem Tone, »sie hat unvermutet einen Verwandten getroffen, mit dem sie sogleich und ohne Vorbereitung hat abreisen müssen. Binnen kurzem wird sie zurückkehren. Ein Bote brachte mir soeben die Nachricht und diesen Brief für Sie.« Er übergab der alten Frau das Schreiben.

Diese setzte ihre Brille auf und durchflog den kurzen Inhalt. »Nun,« sagte sie dann, »es tut mir sehr leid, daß sie einige Zeit fort ist, ich begreife nicht, wie das alles so gekommen ist, ich werde ihre Sachen, wie sie bittet, gut aufbewahren, bis zum Ende des Monats hat sie alles pünktlich vorausbezahlt, das gute Kind. – Sie müssen sich ein wenig in der Geduld üben, Herr George,« sagte sie freundlich lächelnd.

»Unserer Freundin ist nichts Unangenehmes begegnet?« fragte Herr Martineau in seiner bescheidenen, verbindlichen Weise. Madame Raimond schüttelte den Kopf. Dann trennte sich der kleine Kreis still und traurig. Bis zum Morgen saß George in seinem Zimmer – immer und immer wieder las er die wenigen Zeilen und rief vor seinem inneren Blick das Bild der Geliebten herauf, mit aller Kraft des Willens es immer wieder rein und klar heraushebend aus den Nebeln des Zweifels, welche es verdunkeln wollten.

Einunddreißigstes Kapitel.

Ein zahlreiches und äußerst gewähltes Publikum hatte sich am Nachmittage des 5. Juni 1867 auf dem Nordbahnhof zu Paris versammelt. Der Bahnhof selbst war festlich dekoriert, auf den rings umher erbauten Tribünen sah man das diplomatische Korps mit den Damen und eine große Zahl von Personen der ersten Gesellschaft. Der Perron war vollständig freigehalten. Sergeants de ville mit ihren dreieckigen Hüten, langen Fracks und spitzen Degen hielten überall den Andrang des großen Publikums zurück, welches sich in dichter Masse versammelt hatte, und an den Ausgängen des Bahnhofs herandrängend, den ganzen Platz erfüllte.

Man erwartete die Ankunft des Königs Wilhelm von Preußen, dessen Besuch der großen Weltausstellung lange zweifelhaft gewesen war, und der nun doch kam, um hier in Paris mit seinem kaiserlichen Neffen, dem Selbstherrscher aller Reußen, zusammenzutreffen. Ein unruhiges Wogen ging durch die dichte Menge, und über dieser ganzen gedrängten Menschenmasse schwebte jenes unbestimmbare brausende, bald anschwellende, bald leiser verwehende Geräusch, welches aus einer ruhig wartenden Menschenmenge hervorsteigt wie die fernher tönende Stimme des Meeres, der erste Anfang jenes tobenden, vernichtend daherrollenden Donners, welcher dem Zorn der im Sturm aufwallenden Fluten wie der furchtbaren Erhebung der wild bewegten Volksmassen vorhergeht.

Die Pariser waren in sehr gemischter und ziemlich unklarer Stimmung dem fürstlichen Gaste gegenüber, welcher kommen sollte, um die Wunder der Ausstellung zu sehen, um den Kaiser und die französische Nation zu besuchen.

Das französische Volk hatte den Preußen gegenüber sehr verschiedenartige und sehr geteilte Empfindungen. Die ältesten Traditionen waren freundlicher Natur – Frédéric le Grand ist den Franzosen trotz Roßbach eine sympathische Erscheinung, zu welcher sie voll hoher Bewunderung aufblicken, und welche sie wegen seiner äußerlich französischen Richtung und seiner Protektion Voltaires ein wenig zu den Ihrigen zählen. Die Erinnerungen von 1813 sind zwar nicht freundlicher Natur, aber der Zorn der Besiegten hat allmählich in der langen Reihe von Jahren der Achtung vor den Siegern Platz gemacht, dagegen war aber in allen Herzen, aufgeregt und genährt durch die Reden in der Kammer, durch die Artikel in den Journalen, eine gewisse feindliche Stimmung gegen den Sieger von Sadowa vorhanden, der, ohne Frankreich, diese erste schiedsrichterliche Macht Europas, zu fragen, die politischen Verhältnisse der Welt so tiefgreifend verändert hatte und sich anschickte, dies zerstückelte, ohnmächtige Deutschland, auf welches man mit einer Art von mitleidiger Ironie herabzublicken gewohnt war, zu einer geeinigten großen Nation an den Grenzen Frankreichs zusammenzufügen.

Dies war in den Augen der Pariser eine arge Vermessenheit von seiten des Herrschers eines halbbarbarischen Volks, wie diese Preußen ja nach allem sein mußten, was man über sie hörte, eine Vermessenheit, über welche Frankreich früher oder später sein endgültiges, entscheidendes Wort sprechen müßte und würde.

Aber auch mit diesem Gefühl der Verstimmung mischte sich wieder eine gewisse achtungsvolle Bewunderung; man war hoch gespannt, diesen König zu sehen, der in sieben Tagen die österreichische Macht zertrümmert, diese Macht, welche in einem schweren und fast zweifelhaften Siege zu überwinden Frankreich bei Solferino so viele Mühe gekostet hatte. Voll hoher Empfänglichkeit für die Würdigung militärischer Eigenschaften konnten sich die Franzosen trotz aller Deduktionen der Presse, trotz aller Reden in den Klubs und den Kammern eines sympathischen Gefühls für diesen Soldatenkönig nicht erwehren, der im vorgerückten Greisenalter mit jugendlicher Frische und unbeugsamer Kraft seine Armee selbst auf das Schlachtfeld und zum Siege geführt hatte und der alle Mühen und Anstrengungen des Feldzuges mit seinen Soldaten geteilt hatte. Wie mußte er aussehen, dieser König der Schlachten, mit dem Degen von Sadowa an der Seite, von dem man so viel gesehen und gelesen hatte? – Und dann sollte ja mit ihm jener merkwürdige Mann kommen – der Graf Bismarck, in dessen feiner und kühner Staatskunst der Kaiser seinen Meister gefunden hatte, der Kaiser, dessen Kombinationen und politische Berechnungen damals für die Pariser noch von dem Nimbus einer Art von Vorsehung umgeben waren – und fest hielt jeder auf seinem Platze aus trotz der drängenden Enge, um die tête de Bismarck zu sehen, dieses Bismarck – »qui avait roulé l'Empereur,« wie man sich ganz leise zuflüsterte.

Gerüchte hatten die Luft erfüllt in den letzten Tagen von Verabredungen, die mit dem Kaiser von Rußland stattgefunden hätten, um eine Verständigung mit den nordischen Mächten herbeizuführen, und wenn auch die Verstimmung über den so plötzlichen umwälzenden Erfolg von Sadowa groß war, so freute man sich doch über jene Gerüchte, und in den inneren Gedanken der meisten Pariser hätte man den Wunsch finden können, trotz aller Erregung der Presse und der öffentlichen Meinung, daß es doch viel besser wäre, wenn Frankreich mit dem siegreichen Deutschland und dem mächtigen Rußland sich vereinigen würde, als wenn es gezwungen würde, den schweren Kampf gegen die behelmten preußischen Bataillone aufzunehmen.

Über alle diese wechselnden Stimmungen und Anschauungen dominierte aber das in dem guten, französischen Publikum stets vorherrschende Gefühl gastfreundlicher Höflichkeit. Mochte dieser König von Preußen das französische Prestige schwer erschüttert haben, mochte man in ihm vielleicht den Gegner in künftigen Kämpfen erblicken – er kam hierher als Gast an den Herd Frankreichs, er kam zu dem Rendezvous, welches die französische Nation der Industrie der Welt eröffnete, er kam, um den Glanz des kaiserlichen Paris zu bewundern, man wollte ihm keine bemerkbaren Beweise von Sympathie geben, aber er sollte die Höflichkeit und Artigkeit finden, welche man dem Gaste schuldete, und wer es hätte wagen wollen, irgendeine feindliche Demonstration zu machen, irgendeinen kränkenden Ruf auszustoßen, den würde diese erwartungsvolle Menge niedergeschlagen und den an den Straßenecken postierten Beamten der Sicherheitspolizei ausgeliefert haben.

In der Nähe des Einganges zum Bahnhofe standen zwei Personen und ließen ihre Blicke mit dem Ausdruck finsterer Geringschätzung über die dichtgedrängte Menge gleiten.

Der eine dieser Männer, eine magere, starkknochige Gestalt in einem zugeknöpften Überrock, trug auf seinem Gesicht, das auf ein Alter von vierzig bis fünfzig Jahren schließen ließ, die tief eingedrückten Spuren eines von mächtigen Leidenschaften bewegten und zerrissenen Lebens. Seine Haltung und der Schnitt seines Bartes gaben ihm etwas Militärisches, in den finster glühenden Augen, welche unter der schmalen, scharf geschnittenen Stirn hervorblickten, lag, wenn man ihrem Blicke begegnete, eine Welt von düstern Gedanken, eine unergründliche Tiefe von Haß, Tücke und Verschlagenheit. Es war der frühere französische Kapitän Cluseret, der in Algier gedient, dann unter Garibaldi in Sizilien und Neapel, unter Fremont in den Vereinigten Staaten gefochten hatte, und der nun, nachdem er von den Feniern in Newyork zum General der fenischen Republik ernannt war, sich in England aufhielt, um dort als militärischer Führer der Fenier zu studieren, wie London genommen und in Brand gesteckt werden könne, und wie man durch einen Überfall der Magazine von Woolwich die Mittel erlangen könne, um mit einem Schlage die englische Armee und Flotte zu vernichten.

Neben ihm stand ein ganz junger Mensch mit kaum keimendem Schnurrbart auf der Oberlippe seines blassen, etwas aufgedunsenen Gesichts, auf welchem jugendlicher Leichtsinn sich mit dem Ausdruck niedriger Debauche, übermütiger Selbstüberschätzung und eines gewissen kalten, schneidenden Hohnes vermischte. Dieser junge Mensch, der mit einer Art von gesuchter Eleganz gekleidet war, zu welcher seine schmutzige Wäsche, seine wenig glänzenden Stiefel und sein fettglänzender, etwas fadenscheiniger Hut nicht im Einklang stand, war Herr Raoul Rigault, eine jener pariser Existenzen, von denen man niemals genau weiß, woher sie in gewissen Momenten die Mittel zu einem mehr oder weniger verschwenderischen Leben nehmen, und wie sie die Zeiten zubringen, welche zwischen diesen einzelnen Lichtblitzen ihres Daseins liegen.

Cluseret stand da mit untereinandergeschlagenen Armen und ließ seinen brennenden Blick, von wildem Feuer glänzend, über diese dichtgedrängte, so ruhig erwartungsvoll dastehende Menge hingleiten.

»Welche verächtliche Gesellschaft!« sagte er in dumpfem Tone, halb zu sich selbst, halb zu seinem Begleiter sprechend, »da stehen sie wie eine Herde Schafe, glücklich, den glänzenden Aufzug ihrer Tyrannen zu sehen, ohne daran zu denken, daß sie ihr Fett und ihre Wolle hergeben müssen, um diese Familie von Wölfen zu ernähren, um all diese glänzenden Flittern zu bezahlen und um diese Söldnerheere zu unterhalten, auf welche die Tyrannei sich stützt.«

»Was wollen Sie, mein lieber General,« sagte Raoul Rigault lächelnd, indem er mit seinem dünnen Stöckchen an seinen Stiefel schlug, »die blöde Menge hat einmal den Charakter jenes wolletragenden Wiederkäuers – das ist nicht zu ändern, und das ist auch weiter nicht schlimm, es erleichtert gewissermaßen die Sache, sie werden stets willig und gehorsam dem Führer folgen, und dem am willigsten, den sie am meisten fürchten; es kommt nur darauf an, daß wir uns mehr fürchten machen als jene augenblicklichen Herrscher, daß wir an der Stelle jener die Führung übernehmen.«

Er wiegte sich leicht in den Hüften, warf ein kleines, viereckiges Glas an schwarzem Bande ins Auge und lorgnettierte nach zwei in der Nähe stehenden, jungen Damen von ziemlich zweifelhaftem Aussehen hinüber.

»Ich bin hierher gekommen,« sprach Cluseret in demselben düstern Tone weiter, »auf die Gefahr hin, mich in Unannehmlichkeiten mit der Polizei zu verwickeln, um die Stimmung hier gerade während der Zusammenkunft der drei größten und gefährlichsten Militärautokraten der Welt zu beobachten, dieser Zusammenkunft, die eine furchtbare Drohung für alle unsere Pläne und Hoffnungen einschließt, ich hoffte, daß diese Gelegenheit ein günstiges Terrain schaffen sollte, um eine feste, geschlossene Verbindung herzustellen mit jener Organisation, welche in Amerika und England die große kommunistische Republik vorbereitet – und was finde ich? Überall Freude, fast Stolz über den flimmernden Theaterglanz, den diese Souveräne hier zur Schau stellen, und was noch schlimmer ist, Freude über die Aussicht auf den allgemeinen Weltfrieden, dessen Grundlagen man in der Zusammenkunft der drei Autokraten erblickt. – Ihre Arbeiter machen Friedensdemonstrationen,« rief er mit zitternden Lippen, »Friedensdemonstrationen! – als ob nicht der Friede die ewige Kette wäre, welche das Volk in die Gewalt der Machthaber schmiedet!«

Eine Bewegung wogte durch die Massen. Man sah die wehenden Fähnchen an den Lanzenspitzen einer Abteilung von Gardelanciers erscheinen, welche dem kaiserlichen Galawagen mit den grüngoldenen Piqueurs voranritten. In dem offenen Wagen saß der Kaiser Napoleon in der großen Generalsuniform mit dem breiten Orangeband des preußischen, schwarzen Adlerordens. Ihm zur Seite saß der Prinz Joachim Murat. Eine zahlreiche Reihe von Hofwagen folgte, in welchen sich die Adjutanten und Ordonnanzoffiziere des Kaisers befanden. Der Kaiser fuhr langsam durch die bis zum Anfang des Boulevard Magenta reichende Aufstellung der Gardetruppen, stieg dann aus und begab sich auf den Perron. Hier erwarteten ihn die Marschälle, sowie die Botschafter. Der tief ernste, fast leidende Ausdruck, welchen das Gesicht des etwas vornüber gebeugt im Wagen sitzenden Kaiser gezeigt hatte, verschwand, mit heiterer Artigkeit grüßte er die Damen auf den Tribünen und begann sich dann mit den Anwesenden zu unterhalten.

»Wenn ein entschlossener Mann in dieser ganzen Masse wäre,« sagte Cluseret, der mit Blicken voll brennenden Hasses die Anfahrt des Kaisers mit angesehen hatte, »wie leicht wäre es für eine feste Hand und ein sicheres Auge, hier die zwei größten Feinde unserer Zukunftshoffnungen auf einmal zu vernichten! Die unverständige Menge würde die Führung verlieren, die Zügel würden zu Boden fallen – und vielleicht würde es uns gelingen, sie aufzunehmen.«

Raoul Rigault sah ihn mit einem gewissen überlegenen Lächeln an, indem sein großes, etwas hervortretendes Auge sich mit einem kalten Glanz erfüllte.

»Mein General,« sagte er, »das Mittel, welches Sie da eben andeuten und von welchem man wohl schon öfter gesprochen hat, würde seinen Zweck nicht erreichen. Erstens ist es schon an sich unsicher – sollten wir die Zukunft auf die zufällige Chance setzen, welche in dem Drucke eines Fingers und in dem richtigen Augenmaß eines Blickes liegt? Aber – selbst diese Chance des Zufalls zu unsern Gunsten angenommen, was würden wir gewinnen können? Sie glauben, daß die Zügel zu Boden fallen würden und daß wir sie ergreifen könnten? Ich glaube das nicht,« fuhr er mit einem leichten Seitenblick nach den beiden zweifelhaften Damen fort, welche seine Augensprache zu erwidern begonnen hatten, »die Hände sind vollkommen bereit, welche die Zügel aufnehmen würden, die Personen würden wechseln, die Sache würde dieselbe bleiben.«

»Immerhin würde die Verwirrung uns Spielraum geben,« sagte Cluseret, »und man muß jede Gelegenheit herbeiführen, eine wird sich doch einmal benutzen lassen!«

»Sehen Sie, mein General,« fuhr Raoul Rigault fort, »diese Souveräne mit allem ihrem Anschein von Macht und Herrschaft sind nicht unsere eigentlichen und wahren Feinde, denn ihre Macht ruht nicht in ihnen selbst – sie ruht nur in den Werkzeugen, durch welche sie dieselbe ausüben. Diese Werkzeuge, das sind ihre Generale, ihre Minister, ihre hohen Beamten, welche mehr von den Fäden der Herrschaft in Händen halten, als die Kaiser und Könige selbst; ihre Werkzeuge, das sind ferner die Priester und die Bischöfe, die diese schwarze Armee kommandieren, das sind aber vor allem jene Besitzer des Kapitals, die Industriellen, die Fabrikanten, welche liberale Phrasen im Munde führen und doch stets die autokratische Fürstenherrschaft stützen, damit sie unter ihrem Schutz die Peitsche über die weißen Sklaven der Arbeit schwingen können, ihre Werkzeuge sind auch die Advokaten, welche von der Freiheit sprechen, aber von dem Besitz und dem Streit über Mein und Dein leben, welche aus den verschlungenen Stollengängen der alten Gesetze Geld zu Tage fördern. – Was würde es uns helfen,« fuhr er fort, seinen Arm in den Cluserets legend, »wenn wir die Fürsten vernichteten und alle jene Werkzeuge ihrer Gewalt bestehen ließen? Nein, mein General,« sagte er lebhaft, aber die Stimme zu leiserem Tone dämpfend, »die Werkzeuge müssen wir zerstören, die Fundamente der alten Gesellschaft zerbrechen, damit wir auf den Trümmern die neue Welt erbauen können.«

Cluseret blickte sinnend vor sich hin.

»Aber wo sind die Hände,« sprach er, »um dies Werk zu vollführen? – wie wenige finden sich, um mit Entschlossenheit ein solches Ziel zu verfolgen?«

»Sie werden sich mehr und mehr finden,« antwortete Raoul Rigault, »wenn wir nur ruhig, klar und geduldig weiter arbeiten! Ich habe einen vortrefflichen Plan gefaßt,« sagte er, »bei dessen Ausführung die Zahl der Handelnden nicht so gar groß sein darf und der doch erreicht, was der große Marat so klar als notwendig erkannte, die alte Gesellschaft zu zerstören, was er aber nicht erreichte, weil er in jener schwerfälligen und langsamen Zeit lebte und sich mit der Detailarbeit der Guillotine abgeben mußte und mit den albernen Formen von Anklagen und Prozessen. – Mein Plan ist einfach und hat den großen Vorzug, daß nur wenig Blut dabei vergossen wird, denn,« fügte er mit einem entsetzlichen Lächeln hinzu, »ich habe die Schwäche, kein Blut sehen zu können! – Sobald,« fuhr er fort, während Cluseret ihn halb ungläubig, halb erwartungsvoll ansah, »sobald ein fester Bund von entschlossenen Leuten durch das ganze Land gebildet und die Stunde der Erhebung festgesetzt ist, geht eine Anzahl kräftiger, junger Leute nach den vorher auf die Liste gesetzten Wohnungen der gefährlichsten und einflußreichsten Werkzeuge der Tyrannei, dringt in ihre Zimmer und schlägt sie auf der Stelle tot. Dies Blut ist leider nicht zu ersparen, denn die wichtigsten Feinde müssen einzeln vernichtet werden. Die übrigen, alle Beamten, alle jene heuchlerischen Advokaten der Kammer, alle jene Stutzer der sogenannten höheren Stände und vor allem alle Besitzer und Kapitalisten, aus ihren Betten führt man sie in großen Hürden, welche man eiligst auf dem Marsfelde erbaut, und vernichtet sie durch die Schläge gewaltiger, elektrischer Batterien auf einmal, – Zugleich werden die Paläste, die Kirchen, die Banken und Fabriken durch Petroleum, Pikrinsäure und Nitroglycerin mit einem Schlage vernichtet, damit auch nicht eine Stätte übrig bleibt, in welche sich die Erinnerung an die Vergangenheit einnisten könne. Am anderen Morgen ist die alte Gesellschaft einfach tot und man kann dann ein letztes Lot Pulver an die Souveräne verschwenden! – Sie sehen, mein General,« sagte er nach einem Augenblick, »das ist ein vortrefflicher, einfacher Plan, die praktische Anwendung der Naturwissenschaften und der Chemie auf die Gesellschaftsreform, es ist das meine Idee und ich bin stolz auf sie, denn durch ihre Ausführung werden wir einst siegen.«

Cluseret blickte ihn mit einem gewissen mitleidigen Erstaunen an, dennoch sprühte ein Blitz des Verständnisses in seinem Auge, es lag in der abenteuerlichen Auseinandersetzung dieses jungen Menschen etwas, das seine wilden Instinkte sympathisch berührte.

Bevor er antworten konnte, drang durch die Menge jenes unbestimmte Geräusch gespannter Erwartung, die Köpfe wogten hin und her, die den Eingängen zum Bahnhof zunächst Stehenden drängten voran.

Man hatte den scharfen Pfiff einer Lokomotive gehört und unmittelbar darauf konnten die durch ihren Platz Begünstigten den Zug mit dem kaiserlichen Salonwagen an den Perron heranfahren sehen.

Napoleon III. eilte an die rasch geöffnete Türe des Waggons, aus welchem die hohe, ritterliche Gestalt des Königs Wilhelm, in der großen, preußischen Generalsuniform mit dem dunkelroten Bande der Ehrenlegion, heraustrat.

Der Kaiser reichte dem Könige beide Hände entgegen, welche der König ergriff und in herzlicher Begrüßung kräftig schüttelte. Hinter dem Könige erschien der Kronprinz Friedrich Wilhelm, der, schon seit einiger Zeit in halbem Inkognito in Paris anwesend, dem Könige bis Compiègne entgegengefahren war, Graf Bismarck in der weißen Uniform und General von Moltke, sowie der Botschafter Graf Goltz, der General Reille und die zur Dienstleistung kommandierten französischen Offiziere, welche den hohen Gast des Kaisers auf der Station Jeumont empfangen hatten.

Von den Tribünen herab wurden die Hüte und Taschentücher geschwenkt, der König winkte verbindlich mit der Hand hinauf, während der Kaiser den Kronprinzen begrüßte.

Die Musik spielte die preußische Nationalhymne.

Nach der Vorstellung des Gefolges führte der Kaiser den König am Arm zu den am Ausgang vorgefahrenen Wagen, den Monarchen gegenüber setzte sich der Kronprinz und der Prinz Joachim Murat, langsam fuhr der Wagen, die Gardelanciers voran, an der Front der Truppenaufstellung herab, im nächsten Wagen folgte Graf Bismarck und General Moltke. – In Zwischenräumen von einigen Augenblicken hörte man »Vive l'Empereur« ertönen.

In einem Augenblick der Stille erklang von der Stelle her, wo Cluseret und Raoul Rigault standen, ein einzelner lauter und kräftiger Ruf: »Vive l'Empereur d'Allemagne!« Wie zusammenschreckend warf Napoleon einen schnellen Blick nach der Stelle, woher dieser Ruf erklungen war – dann wendete er sich verbindlich mit einer Bemerkung an seinen königlichen Gast, der die Honneurs der Truppen mit dem preußischen militärischen Gruß erwiderte, während er mit tiefem Ernst und gedankenvoll sinnendem Ausdruck seinen Blick über diese versammelte Menge und über die Häuserreihen des vor ihm sich öffnenden Boulevard Magenta schweifen ließ.

In der Menge hörte man mehrfach die Worte: Quelle bonne figure! als der König vorüberfuhr, und dann richtete sich die ganze Aufmerksamkeit auf das Gefolge, um in den nächsten Wagen den Grafen Bismarck zu entdecken, was jedoch den Meisten nicht gelang, da sie in dem weißen Kürassier den vielberühmten und gefürchteten Staatsmann am wenigsten suchten.

Die Wagen hatten das Ende der Truppenaufstellungen erreicht und fuhren in raschem Trabe den in der Mitte freigehaltenen Boulevard entlang, dessen beide Seiten dicht mit Menschen besetzt waren.

»Sie haben vorhin Ideen ausgesprochen,« sagte Cluseret zu Raoul Rigault, indem beide dem Zuge der Menge folgten, die nach der Stadt zurückwogte, »Ideen, in welchen – Sie verzeihen – viel von jenem jugendlichen Zukunftsvertrauen enthalten ist, das man mit den Jahren mehr und mehr verliert, welche aber doch zwei Dinge enthalten, ohne die nichts in der Welt ausgeführt werden kann – das feste Ziel und die rücksichtslos entschlossene Handlung. Wie aber halten Sie es für möglich, zu jenem Ziel zu gelangen, jene Handlung vorzubereiten? Bei dieser trägen Willenlosigkeit der Massen, bei dieser solidarisch verbundenen Macht der Autokraten?«

»Solidarisch verbunden?« fragte Raoul Rigault lächelnd, »ja, wenn sie das wären, dann hätten wir schwere Arbeit, aber sehen Sie,« fuhr er lebhaft fort, »darin liegt ja gerade unsere nächste Aufgabe, daß wir eine Verbindung unserer mächtigen Gegner verhindern müssen.«

Er schwieg einen Augenblick und führte den fenischen General nach einer stilleren Straße, in welcher sie von dem Gedränge weniger belästigt waren und welche sie nach den alten Boulevards zurückführte.

»Ich weiß,« sagte er dann mit Betonung, »wir sind über solche Dinge gut unterrichtet, man hat seine Verbindungen in der Presse und der Polizei und man hat ein wenig Kombinationstalent, ich weiß, daß dieser träumerische Imperator, welcher das Leben Cäsars schreibt, damit man die vergleichende Parallele zwischen dem großen Tyrannen Roms und seinem kleinen Zerrbilde ziehe, daß er daran arbeitet, eine Verständigung, eine feste Allianz mit den zwei nordischen Mächten zu begründen, deren Beherrscher jetzt hier sind, er hofft noch immer, von diesem preußischen Minister eine Kompensation zu erhalten, welche den Schein des französischen Prestige rettet und welche ihm erlaubt, seine Pläne von dem Nationalgefühl Frankreichs angenommen und ratifiziert zu sehen. – Aber das darf nicht geschehen – und wird nicht geschehen!« rief er mit zuversichtlichem Tone.

»Aber wie das verhindern?« fragte Cluseret. Raoul Rigault schwieg einen Augenblick.

»Haben Sie neben uns den Ruf gehört: › Vive l'Empereur d'Allemagne‹?« fragte er dann.

»Ja, und ich habe mich darüber geärgert, wie ist es möglich, daß aus dem französischen Volk heraus ein Ruf ertönen kann, der den preußischen Ehrgeiz zu bestärken scheint?«

»Dieser Ruf,« sagte Raoul Rigault, »war viel wert für unsere Sache und wohl überlegt, man wird ihn in den Journalen widerhallen lassen, und er wird der Anfang einer fortwährenden Propaganda zur Erregung des Nationalgefühls und der nationalen Eitelkeit sein, dieses Gängelbandes,« fügte er mit verächtlichem Lächeln hinzu, »an welchem man die kindische Menge noch immer leiten kann, und das wir dann später vernichten werden, wenn wir erst die neue menschliche Gesellschaft an die Stelle der veralteten lächerlichen Nationalitäten gesetzt haben werden.«

Cluseret hörte mit wachsender Aufmerksamkeit zu. »Diese Propaganda,« fuhr Raoul Rigault fort, »wird den Kaiser zwingen, immerfort wieder seine Kompensationsforderungen zu stellen, die ihm Herr von Bismarck,« sagte er lachend, »niemals gewähren wird, und dadurch wird eine Verständigung mit diesem preußischen Minister unmöglich. Das ist der erste Schritt, denn,« rief er mit überzeugtem Tone, »dieser feudale Cavour in Deutschland, das ist unser wahrer und ernster Gegner, er hat die festbegründete Macht in Händen und den Willen, sie zu gebrauchen, er hat den Geist, die Ideen zu erfassen, mit welchen man das Volk lenkt und unseren Händen entzieht; mit ihm vor allem darf sich Herr Napoleon nicht verbinden, er muß isoliert bleiben in Frankreich, er muß unseren Händen vorbehalten bleiben!« sagte er mit einem Lächeln voll Haß und kaltem Hohn.

»Und weiter?« fragte Cluseret. »Weiter? Nun, in kurzer Zeit wird dies Spiel dahin führen, daß in den Händen dieser kaiserlichen Regierung das nationale Prestige vollständig in den Schlamm sinkt, und dann wird diese flitterglänzende Baracke zusammenbrechen wie eine morsche Ruine, oder man wird sich im letzten Augenblick in einer Aufwallung der Verzweiflung zum Kriege emporraffen, was vielleicht noch besser ist, denn man wird geschlagen werden, und das geschlagene Kaiserreich, das ist der Anfang unserer Ära.«

Cluseret schwieg in tiefem Nachdenken. »Da ist noch der Kaiser von Rußland, dem man ebenfalls lockende Aussichten im fernen Osten vorhält, nun, er wird wenig Neigung für die französische Freundschaft haben, man hat ihm einige hübsche Unverschämtheiten gemacht, diese superklugen Herren Advokaten Floquet, Arago usw., die für die alberne mittelalterliche polnische Nationalität schwärmen, um sich populär zu machen, haben uns gute Dienste geleistet.« »Ich habe davon gehört,« sagte Cluseret, »am Musée de Cluny und im Justizpalast –«

»Hat man den russischen Gast Frankreichs mit dem Ruf: › Vive Ia Pologne!‹ begrüßt, der in seinen Ohren als das ewige Menetekel widerklingt, ich hoffe, er wird ein wenig degoutiert von einer französischen Allianz sein, und ist das nicht genug, nun so kann vielleicht –«

Er schwieg mit einem eisigen Lächeln und schritt einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken weiter.

»Alles, was Sie mir sagen, frappiert mich,« sprach Cluseret, »ich werde darüber weiter nachdenken, doch,« fuhr er fort, »wie denken Sie zu der Organisation zu gelangen, welche im letzten Augenblicke handeln, und die elektrischen Batterien spielen lassen soll?« fügte er unwillkürlich lächelnd hinzu.

»Die Grundlagen der Organisation sind da,« sagte Raoul Rigault, »die internationale Assoziation besteht und gewinnt täglich an Ausbreitung.«

»Die Internationale!« rief Cluseret mit höhnischem Lachen, »Diese Internationale, die so zahm aus der Hand der kaiserlichen Regierung frißt, die von der Politik nichts wissen will, die das Eigentum und die Familie respektieren und schützen will, die nicht einmal zu dem Prinzip sich hat aufraffen können, den Grund und Boden für Allgemeinbesitz aller zu erklären, mit dieser Organisation wollen Sie die alte Gesellschaft vernichten? Ich habe gesehen, was sie in London treiben, und doch sind sie dort noch weiter vorgeschritten als hier, hier, wo dieser Tolain, dieser Fribourg –«

»Diese Internationale,« sagte Rigault ruhig, »ist der große Rahmen, den wir bedürfen, um innerhalb desselben, gewissermaßen unter dem Schutz dieser törichten Polizei, welche die Sache zu ihren Zwecken als Schreckbild für die Bourgeoisie ausbeuten möchte, ganz im stillen unsere Organisation zu formen. Lassen Sie immerhin diese Internationale ihre utopischen, milchfrommen Grundsätze proklamieren, um so besser, das räumt uns viele Hindernisse hinweg, wir haben unsere Leute darin, ihr Losungswort ist: warten und schweigen. Innerhalb der sichtbaren wird eine unsichtbare Organisation gebildet, die Fäden gezogen, das Netz geknüpft, und wenn der Augenblick kommt, wird die organisierte Macht in unseren Händen sein. – Tolain – Fribourg, die braven Schwärmer,« sagte er mit mitleidigem Tone, »lassen Sie sie träumen und predigen, sie sind die Fahne, welcher die schwankende, unklare Masse folgt, und welche uns deckt mit ihrer unschädlichen, verwaschenen Farbe. Wir haben Varlin – vielleicht Bourdon – und bei der vorschreitenden Entwicklung der Sache werden jene verschwinden, und die Massen, einmal organisiert und an die leitende Führung gewöhnt, werden uns folgen, wie sie ihnen folgten.«

»In der Tat,« sagte Cluseret, »ich fange an, Sie zu bewundern; was ich anfangs, ich gestehe es, für die unklare Idee eines jugendlichen Kopfes hielt, erscheint mir jetzt immer mehr als ein wohlgefügter, richtiger Plan.«

Raoul Rigault lächelte geschmeichelt. Ein großer, magerer Mann mit scharfem, blassem Gesicht voll tiefer Leidenschaftlichkeit, mit unstet blickenden, fast fieberhaft glänzenden Augen ging an ihnen vorüber und grüßte Herrn Rigault, der seinen Gruß mit einer gewissen Vertraulichkeit erwiderte.

»Wer war das?« fragte Cluseret, der betroffen von dem eigentümlichen Ausdruck dieses Gesichts dem Vorübereilenden nachgeblickt hatte.

»Einer, der für uns arbeiten wird, den man als éclaireur, wenn Sie wollen als Mauerbrecher gebrauchen wird, um die ersten Breschen in das scheinbar so gewaltige Bollwerk dieses kaiserlichen Gesellschaftsgebäudes zu stoßen, der Vicomte von Rochefort!«

»Vicomte von Rochefort?« sagte Cluseret mit fragendem Tone, als suche er in seinen Erinnerungen nach diesem Namen.

»Ein früherer Beamter der Seinepräfektur,« sagte Raoul Rigault, »er ist mehr oder weniger ruiniert und fand in seiner Karriere keine Befriedigung für den Ehrgeiz, der ihn verzehrt wie ein hitziges Fieber, er sucht nach einem Weg, diese krankhaft gereizte Gier nach Größe und Berühmtheit zu befriedigen, wir ziehen ihn heran, noch schwebt er zwischen Himmel und Hölle, aber er ist uns verfallen. Er wird niemals von Herzen zu den Unseren gehören, aber um so besser wirken, er ist eine Karikatur des Catilina und träumt sich einen Mirabeau, aber einmal losgelassen, einmal auf die Bahn gedrängt, wird ihn sein ehrgeiziger Wahnsinn unermüdlich und unversöhnlich machen, er wird einen unerhörten Lärm erregen, ohne die eigentlichen Fäden zu kompromittieren. Solche Leute sind immer sehr nützlich, man hat keine Verpflichtungen gegen sie.«

Sie waren auf dem Boulevard Montmartre angekommen. »Treten wir einen Augenblick in das Café de Madrid,« sagte Raoul Rigault, »ich sehe dort Delescluze, er ist zuverlässig, es wird Sie interessieren, sich mit ihm zu unterhalten.«

Sie traten in die offenen Räume des Café de Madrid. An einem Tische saß ein alter, dunkel gekleideter Mann mit strengem, kaltem Gesicht, dessen Erscheinung an einen Professor erinnern konnte.

»Herr Delescluze – General Cluseret,« sagte Raoul Rigault vorstellend, und während der Feniergeneral sich neben den unbeugsamen und kalten kommunistischen Theoretiker niedersetzte, wendete sich Raoul Rigault, mit einer gewissen Koketterie sein Glas in das Auge weisend, zu einem Tisch in der Nähe, an welchem jene zweifelhaften Damen, welche ihm in einiger Entfernung gefolgt waren, soeben Platz genommen hatten.

Als Cluseret und sein jugendlicher Begleiter in das Café de Madrid traten, gingen an ihnen zwei Herren von vornehmster Eleganz vorüber, welche, von den äußersten Boulevards kommend, nach den eleganteren Stadtteilen hinabschlenderten.

Es war der Graf Rivero und der junge Herr von Grabenow.

»Sie waren also auf der Tribüne und haben die Ankunft des Königs gesehen?« fragte Herr von Grabenow, »ich habe es leider versäumt, mir einen Platz zu verschaffen, wie war der Empfang?«

»Sehr herzlich,« sagte der Graf, »der Kaiser war von äußerster Heiterkeit und Liebenswürdigkeit, der König ernst und still, ich muß Ihnen sagen,« fuhr er fort, »daß ich wahrhaft betroffen war von der prächtigen Erscheinung Ihres Monarchen, welch eine herrliche, fürstliche Gestalt, welch ein mildes und schönes Antlitz!«

»Ich habe die Herrschaften nur auf dem Boulevard Magenta vorüberfahren sehen,« sagte Herr von Grabenow, »ich kann Ihnen nicht sagen, wie glücklich es mich machte, hier im fremden Lande meinen König und die preußischen Uniformen zu sehen. Sie wissen,« fuhr er fort, »bei uns in meiner Heimat ist die Monarchie eine heilige Tradition, ein Glaube –«

»Das ist der Segen der legitimen alten Monarchie,« sagte der Graf langsam, »und selten ist mir ihre Bedeutung so klar geworden, als in dem Augenblick, da ich diese beiden mächtigen Herrscher nebeneinander sah, den Imperator in der Lichtwolke seiner Herrlichkeit, welche dahinschwebt über den finster gähnenden Abgründen, und den König, der in einfacher Ruhe auf dem festen Felsengrunde des Throns, den seine Vorfahren aus der Geschichte ihres Volkes heraus aufgerichtet haben –«

»Der Rocher de bronze,« sagte Herr von Grabenow mit freudigem Lächeln.

Ernst blickte der Graf vor sich hin.

»Gehen Sie mit zum Klub?« fragte er dann.

»Ich habe einen Besuch zu machen,« erwiderte Herr von Grabenow mit einem leichten Anklang von Verlegenheit, »ich werde später vielleicht dorthin kommen.«

»Auf Wiedersehen also,« sagte der Graf, dem jungen Mann lächelnd die Hand drückend, und während sich dieser nach der Seite der Rue Notredame de Lorette wendete, ging er langsam dem Boulevard des Italiens zu, umringt von der bunten, lachenden und plaudernden Menge, welche teils von dem Nordbahnhofe und den Gegenden, welche das kaiserliche Cortège passiert hatte, zurückkehrte, teils hinauszog zu dem so wunderbar veränderten Marsfelde, welches die Blüte der Kunst und Industrie der Welt vereinigte, und auf welchem die Völker aller Länder vor den Augen der Pariser defilierten.

Sie waren stolz und glücklich, die Pariser, über all diesen vereinigten Glanz, welcher Paris abermals zum bewunderten und beneideten Mittelpunkt der Welt machte, sie waren stolz und glücklich, daß die beiden mächtigsten Herrscher Europas hier am Hofe des Kaisers weilten, und unerschöpflich waren die politischen Konjekturen, welche sie an diese Anwesenheit knüpften, alle aber liefen darauf hinaus, daß nun eine Ära des Friedens, des Glanzes und des Wohlstandes beginne, deren schönste und reichste Blüten Paris, das große, das ewige Paris, schmücken würden.

Und während der König von Preußen in die Tuilerien einfuhr, wo er von der Kaiserin, umgeben von dem schimmernden Hofstaat, an der großen Treppe empfangen wurde, um dann in dem mit verschwenderischer Pracht geschmückten Pavillon Massan seine Wohnung zu nehmen, während das Palais Elysée erfüllt war von dem Glanz der Anwesenheit des russischen Kaisers, während die Pariser hinaufblickten zu diesen lichtstrahlenden Höhen, auf denen die Götter der Erde die Schicksale von drei gewaltigen Weltreichen in ihren Händen hielten, da saßen in dem unscheinbaren Café de Madrid die finsteren Apostel einer blutigen, furchtbaren Zukunftslehre in leisem Gespräch Zusammen und berieten die dunklen, verborgenen Minengänge, welche die tiefen Fundamente des Staates und der Gesellschaft unterhöhlen sollten, um demnächst in entsetzlichem Zusammensturz die Vergangenheit zu begraben und das Chaos herzustellen für die neue Schöpfung der Zukunft.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Als Herr von Grabenow sich von dem Grafen Rivero getrennt hatte, eilte er schnell über die dichtbelebten Trottoirs hin nach dem von dem Maler Romano bewohnten Hause in der Straße Notredame de Lorette.

Schnell stieg er die Treppen hinauf und eilte, als auf seinen ungeduldigen Glockenzug die Bonne die Tür geöffnet, in den Salon seiner Geliebten.

Die schöne Julia lag auf ihrer Chaiselongue, von Blumen umgeben. Ein weiter, dunkler Morgenrock, von zwei schweren Seidenquasten zusammengehalten, umfloß ihre schlanke Gestalt, weite Ärmel hingen bis über die Handgelenke herab, und in den auf dem Schoß leicht gefalteten Händen hielt sie einen einfachen Rosenkranz von schwarzen Perlen mit einem kleinen Kreuz von Ebenholz. Um ihr glattgescheiteltes Haar schlang sich ein schwarzes Spitzentuch, das blasse Gesicht mit dem Ausdruck schmerzlicher Ergebung lehnte rückwärts an den Kissen, und aus diesem so schönen, so jugendlichen und doch so tief traurigen Gesicht blickten die dunklen, tiefen Augen schwärmerisch und müde wie in weite Fernen hinaus.

Bei dem Eintritt ihres Freundes erschien ein glückliches Lächeln auf ihren Lippen, ein Strahl unendlicher Zärtlichkeit leuchtete ihm aus ihren Augen entgegen, ohne daß indes der ganze Ausdruck tief schmerzlicher Trauer von ihren Zügen verschwand.

Herr von Grabenow küßte zärtlich die Hände seiner Geliebten, welche sie ihm, halb sich aufrichtend, entgegenstreckte, und setzte sich auf ein Taburett neben sie.

»Wieder trübe Gedanken, meine süße Julia?« sagte er mit weichem Tone, seine Blicke voll tiefen Gefühls in ihre Augen tauchend, indem es fast wie ein Vorwurf in seiner Stimme klang.

»Ich habe dich erwartet,« sagte sie mit einem reizenden Lächeln, »du weißt, Licht und Sonnenschein ist nur bei mir, wenn du hier bist!«

»Teurer Engel,« rief er entzückt, »so verscheuche jetzt wenigstens alle schwarzen Gedanken, denn jetzt bin ich bei dir, um dich heute gar nicht mehr zu verlassen, und ich bin so heiter und glücklich, wir müssen uns heute einen besonders schönen Tag machen!«

»In der Tat, du siehst so freudig und strahlend aus,« sagte sie, das schöne, freie Gesicht des jungen Mannes mit den Blicken liebkosend, »was ist dir Schönes widerfahren?«

»Ich habe meinen König gesehen!« rief Herr von Grabenow mit leuchtenden Augen, »ich war auf dem Nordbahnhofe, wo der König von Preußen ankam! Du weißt nicht,« fuhr er fort, »meine süße Geliebte, was das heißt für einen Sohn meines Vaterlandes, seinen König zu sehen, hier im fremden Lande!«

Sie sah gedankenvoll zu ihm auf, ein leichter Seufzer quoll aus ihren Lippen.

»Sieh,« fuhr er fort, »dort oben in meiner Heimat fehlt jener sonnige Schimmer deines Vaterlandes, es ist nicht die Schönheit des Himmels, des Landes, der blütenreichen Haine, welche unsere Herzen an das Vaterland kettet, das Land ist ernst, die Wälder düster, der Himmel kühl und ohne Farbenzauber, aber was uns durchdringt, erfüllt von Jugend an, das ist der Gedanke eines zu gemeinsamer hoher Arbeit vereinigten Volkes, das in geschlossenen Gliedern, in fester Phalanx sich emporarbeitet unter den Nationen, das in willigem Gehorsam dem Kommandowort seiner Regenten folgt, denn dies Kommandowort heißt immer und immer, heute wie in der Geschichte der Vergangenheit: Vorwärts – aufwärts zum Licht! Und ich denke mir,« fuhr er mit leiserer Stimme fort, »der Strahl des Lichts fällt wohltuender in die Herzen herab, wenn man sich zu ihm heraufgearbeitet hat durch harte und ernste Kämpfe, als wenn er von selbst uns leuchtet in ruhiger Untätigkeit. Diese ganze gemeinsame Arbeit, dies emporstrebende Ringen unseres Volkes aber verkörpert sich für uns in unseren Königen, und darum erblicken wir in ihnen nicht nur den Herrscher, der unser Herr ist, sondern den Priester, der am Altar des Volkes die reine, immer heller erstrahlende Flamme des Volksgeistes erhält und behütet.«

Er hatte lebhaft aus seinem Innern heraus gesprochen. – Julia sah ihn mit träumerischem Blick an. Verstand sie die patriotisch-monarchische Gefühlsaufwallung dieses Sohnes der fernen altpreußischen Küstenlande? Ihre Blicke leuchteten von inniger Teilnahme, verstand sie ihn nicht, so fühlte sie doch, daß ein großes, edles und starkes Gefühl ihn erfüllte, und sie war stolz auf dies Gefühl im Herzen ihres Geliebten, der so anders war als alle die jungen Leute der flüchtig dahinspielenden Welt, die sie kannte, der unter der glatten, eleganten Oberfläche so wunderbare Tiefen voll geheimnisvoll anklingender Poesie in sich verschloß.

Dann ließ sie die Augenlider mit den dunkel schattenden Wimpern herabsinken und flüsterte, indem ein tiefer Atemzug ihre Brust bewegte:

»Eine Heimat – ein Vaterland, o mein Gott!« Und ein glänzender Tränentropfen erschien am Rande ihrer fast geschlossenen Augen.

Langsam beugte sich der junge Mann zu ihr hinüber und trank diesen Tropfen mit seinen Lippen.

Sie richtete sich schnell empor, schlang ihre Arme um seinen Hals und ließ ihren Kopf einige Augenblicke schweigend auf seiner Schulter ruhen.

Dann drängte sie sanft ihren Geliebten zurück, setzte sich ihm gegenüber und sprach, indem sie ihn mit großen, ernsten Blicken ansah:

»Ich habe eine Bitte an dich!«

»Endlich,« rief er glücklich, »endlich einmal! So lange habe ich vergebens darauf gehofft, einen Wunsch von dir zu hören, möchte er mir recht schwer zu erfüllen sein, damit ich mir doch ein kleines Verdienst um meine süße Julia erwerben kann!«

»Es ist eine ernste Bitte, eine sehr wichtige für mich,« sagte sie in fast feierlichem Tone, »und bevor ich sie ausspreche, mußt du mir schwören, sie zu erfüllen!«

»Schwören?« rief er betroffen, »zweifelst du daran? – wenn es in meiner Macht steht –«

»Es steht in deiner Macht!«

»So schwöre ich,« rief er, »bei deinen Augen, bei deinem Herzen, daß –«

»Das genügt nicht!« sagte sie ernst, »meine Augen sind ein vergängliches Ding, und mein Herz –« Sie seufzte tief und schmerzlich.

»Julia!« rief er vorwurfsvoll.

»Du sprachst vorhin,« sagte sie wie einem plötzlichen Gedanken folgend, »von dem Heiligtum deines Volkes, schwöre mir bei deinem Könige!«

»Aber mein Gott,« rief er, »dieser feierliche Ernst, was kann –«

»Schwöre mir,« sagte sie, ihm ihre Hand hinreichend, »ich bitte dich darum!« fügte sie mit liebevollem Blick hinzu.

Herr von Grabenow stand auf, legte seine Hand in die ihrige und sprach mit fester Stimme:

»Ich schwöre bei meinem Könige, deine Bitte zu erfüllen!«

»So höre mich an,« sagte Julia mit einer gewissen Anstrengung, »aber ohne Einwand und Unterbrechung!«

Der junge Mann setzte sich ihr wieder gegenüber, gespannte Erwartung lag auf seinen Zügen.

»Ich will und kann bei meiner Mutter nicht bleiben,« fuhr Julia mit leiser Stimme, aber im Tone fester Entschlossenheit fort, »was bisher wie eine dunkle Ahnung in mir ruhte, ist mir plötzlich zu entsetzlicher Klarheit geworden, sie will mich auf Wege führen, die ich nicht gehen will und kann, ohne dem ewigen Verderben zu verfallen, und auf welche ich doch Schritt für Schritt gedrängt werden würde, wenn ich mich diesem täglichen, langsam umstrickenden Einfluß nicht ein- für allemal entziehe. Meine erste Bitte ist also die, daß du mich sofort hier fortnimmst, heute, morgen, so schnell als möglich!«

»Meine teure Julia!« rief Herr von Grabenow, »in wenigen Tagen soll eine Wohnung für dich bereit sein, ausgestattet mit allem–«

»Ganz einfach und anspruchslos,« unterbrach sie ihn, »aber fern von hier, und niemand darf wissen, wo ich bin; mein armer Vater!« sagte sie schmerzlich, »ich werde ihm später alles mitteilen, er wird traurig sein, aber er wird die Notwendigkeit begreifen. Ich will,« fuhr sie dann mit einem liebevollen Blick auf den jungen Mann fort, »ich will leben und atmen im Genuß meiner Liebe, so lange du hier bist, es ist ja schon eine große Gnade des Himmels, daß er diese reiche Lichtflut von Liebe in mein dunkles und einsames Leben hinabströmen läßt, sie verlöscht alle trüben Erinnerungen der Vergangenheit, sie wirb meine Seele in Zukunft erleuchten, bis sie zur ewigen Klarheit emporsteigt!«

Er ergriff in tiefer Bewegung ihre Hand, sie drängte ihn sanft von sich und hielt mit leicht abwehrender Hand das Wort zurück, welches auf seinen Lippen zu schweben schien.

»Aber kein Dunkel,« fuhr sie fort, »soll später dieses Licht in meiner Seele verhüllen, kein irdisches Bild soll in meinem Heizen leben nach dieser Liebe, die, was auch die Welt sagen mag, so rein ist wie die frisch erschlossene Blume des Waldes, wie die Quelle, die am einsamen Felsenhang dem Schoß der Erde entspringt; dem Dienst des Himmels soll mein Leben geweiht sein, nachdem die Erde ihm das Edelste und Höchste gegeben, was sie zu bieten hat!«

»Julia!« rief er erschrocken.

»Darum,« fuhr sie fort, ohne auf seinen Ausruf zu achten, »darum bitte ich dich, wenn der Augenblick kommt, daß du in deine Heimat zurückkehrst, daß du mich in das Kloster führst, nicht in ein Kloster der träumenden, untätigen Beschaulichkeit, sondern in ein Kloster der barmherzigen, werktätigen Liebe, ich bitte dich, daß, nachdem wir Abschied voneinander genommen haben im heißen Schlagen der Herzen aneinander, unser letzter Abschied stattfinde am Sprachgitter des Klosters, dann wird der Segen des Himmels auf diesem Abschied ruhen, und wenn in unserer Liebe Sünde war, so wird dieser Abschied die Sünde abwaschen von unseren Seelen, ich werde in heiligem Beruf, gestärkt durch meine Erinnerung, Trost und Glück finden, ich werde für dich beten, und meine Gebete werden erhört werden, und du wirst freundlich und ruhig an mich zurückdenken, denn diejenige, die du geliebt hast, wird rein und treu bleiben für ewig und kein irdischer Kummer, keine irdische Unruhe wird das Herz bekümmern, das so heiß für dich schlug, und,« fügte sie hinzu, indem ihre Stimme leise zitterte, »nie für dich zu schlagen aufhören wird, bis es für immer still steht.«

Er sprang auf und ging mit raschen Schlitten durch das Zimmer.

»Julia,« rief er in schmerzlichem Tone, »es ist unmöglich, es kann nicht sein, du vergißt, welche Hoffnungen –«

»Du hast geschworen,« sagte sie ernst und ruhig, »du hast bei deinem Könige geschworen, willst du deinen Schwur brechen?«

»Höre mich, Julia,« rief er, »höre –«

»Willst du deinen Schwur brechen?« fragte sie in demselben Tone.

Er stand schweigend in mächtigem, innerem Kampfe vor ihr.

»Es sei,« sagte er endlich, »es soll geschehen, wie du es willst, aber unter einer Bedingung –«

Sie sah ihn fragend mit dem Ausdruck sanften Vorwurfs an.

»Unter der Bedingung,« rief er, »daß ich dir vor der Ausführung dieses finsteren Entschlusses –«

»Finster?« fragte sie, »würde der Weg, der mir in der Welt zu gehen offen bliebe, ein hellerer sein?«

»Daß du mir erlaubst,« fuhr er, ohne auf ihren Einwurf zu achten, fort, »zuvor dir noch einmal alles zu sagen, was mein Herz, meine Liebe, meine Hoffnung mir eingeben werden, um dich auf andere Gedanken zu bringen.«

»Wozu?« sagte sie sanft. »Dich und mich noch einmal quälen? Doch – es sei,« fuhr sie fort, »ich bin des Sieges auch in diesem Kampfe gewiß.«

Er blickte trübe und traurig zu Boden, voll tiefer Liebe ruhte ihr klarer Blick auf ihm.

Dann aber trat der Ausdruck ruhiger Heiterkeit auf ihre Züge, sie schüttelte leicht den Kopf, wie um alle Wolken zu verscheuchen, die auf ihrer Stirn lagerten, und mit einem Lächeln voll kindlicher Fröhlichkeit sagte sie, zu ihm herantretend und ihre beiden Hände um seinen Arm faltend:

»Nun aber, mein Freund, da wir die Zukunft geordnet haben, wollen wir an die Gegenwart denken, die Gegenwart, die so schön ist, und die ich noch mit vollen Zügen genießen will!«

Er bog ihren Kopf zu sich heran und drückte einen Kuß auf ihre weiße Stirn.

»Ich wollte dir vorschlagen, nach der Ausstellung zu gehen, du hast dich bis jetzt nicht dazu entschließen können, und doch ist so viel Schönes und Wunderbares dort zu sehen, ich hatte gehofft, dich dort zu erheitern, nun hast du mich ganz traurig gemacht!« fügte er mit bewegter Stimme hinzu.

»Du aber hast mich glücklich gemacht durch dein Versprechen,« sagte sie mit anmutigem Lächeln, »und ich will auch von ganzem Herzen heiter sein und mich der Wunder der Weltausstellung freuen; werden wir dort dinieren?«

»So war es mein Plan,« sagte er, »es ist ein vortrefflicher russischer Restaurateur da, welcher eine vorzügliche und höchst originelle Küche führt, deren nationale Gerichte mich ein wenig an meine Heimat erinnern, ich habe meinen Wagen hierher bestellt, da ist er schon,« sagte er, zum Fenster tretend, und einen Blick auf die Straße werfend.

»Ich bin sogleich bereit,« rief sie fröhlich, »meine Toilette soll nicht viel Zeit in Anspruch nehmen.«

Mit kindlich liebevollem Ausdruck trat sie zu ihm heran und reichte ihm ihre frischen, rosigen Lippen, auf welche er mit inniger Zärtlichkeit einen Kuß drückte.

Dann eilte sie zur Tür ihres Schlafzimmers, nachdem sie eine kleine, hellklingende Glocke bewegt hatte, um ihre Dienerin zu rufen.

Herr von Grabenow blickte ihr sinnend nach, und als ihre schlanke und schmiegsame Gestalt hinter der dunklen Portiere verschwunden war, ließ er sich langsam in einen Fauteuil sinken.

»Es darf nicht sein,« sagte er leise, »dieses junge, frische Leben voll Liebe und Poesie darf nicht in den Mauern eines Klosters verwelken! Freilich – besser wäre es, als daß sie hier allein bliebe in dieser Welt voll Elend und Laster, allein – schutzlos – schlimmer als allein, in den Händen einer solchen Mutter! Und kann ich sie mit mir nehmen,« sagte er nach langem Nachdenken mit dumpfer Stimme, »kann ich ihr den Platz an meiner Seite geben, dessen ihr Herz, ihre reine Seele so sehr würdig ist? Kann ich sie hinführen in meine Heimat, zu meiner Mutter, der die alte, strenge Sitte das Höchste ist auf Erden, zu meinem Vater mit seinem unbeugsamen Stolz auf die Ehre eines makellosen Namens?«

Er stand auf. Hoher, entschlossener Mut leuchtete aus seinem Auge.

»Und doch soll und muß es geschehen,« rief er, »ich kann und will sie nicht verlieren, ich will für sie gegen alle Vorurteile kämpfen, denn sie ist des Kampfes wert!«

Julia erschien wieder, ein graues kurzes Seidenkleid umschloß knapp ihre zierliche Gestalt, ein Fichu Marie Antoinette, diese neue Erfindung der Kaiserin Eugenie, war um ihre Schultern geschlungen, und von dem kleinen, einfachen Hut hing über ihr Gesicht ein weißer Schleier herab, dessen eingestickte Arabesken trotz des leichten Gewebes ihre Züge fast ganz verbargen.

»Ich bin fertig,« rief sie fröhlich, »und nun laß uns schnell hinaus in diese heitere, lachende Welt, die so licht und schön ist!«

Sie nahm seinen Arm; beide eilten mit dem elastischen Schritt der Jugend die Treppe hinab, stiegen in das unten wartende Kupee des Herrn von Grabenow und fuhren schnell durch die belebten Straßen über die Place de la Concorde am Quai d'Orsay hin nach dem mit feenhafter Großartigkeit und Schnelligkeit zum Ausstellungsplan verwandelten Marsfelde.

Es war ein wunderbar schöner Anblick, dieses weite Feld, auf welchem sich der Kunstfleiß, der Reichtum und das bunte Spiegelbild des nationalen Lebens aller Völker der Erde vereinigten.

Hoch und weit erhob sich in der Mitte der gewaltige Rundbau mit seinen im Sonnenlicht funkelnden Glasflächen, in welchem die eigentliche Ausstellung sich befand, und welcher umweht war von den hochragenden Fahnen aller Nationen. Um diesen Mittelbau her lagen weite Wiesenflächen, von Bächen durchrieselt, dichte Boskets und hohe, schattige Baumgruppen, von denen man nicht begriff, wie sie auf die dürre Fläche des Marsfeldes gebracht seien und dort erhalten werden könnten. Dazwischen ragten die Kuppeln der Leuchttürme hoch empor, schlanke Minaretts zeichneten sich am Himmel ab, man sah leichte Schweizerhäuser, den schweren Bau des ägyptischen Palastes, und über all der so bunten, so wechselvollen Szenerie schwebte der große ballon captif, welcher in Intervallen von einer halben Stunde weit hinauf in die Lüfte stieg und an starkem, drahtgewundenem Seil durch die Kraft einer Dampfmaschine wieder herabgezogen wurde. Hinter dem Ausstellungsfelde erhob sich die mächtige vergoldete Kuppel des Doms der Invaliden, umringt von diesem ganzen ungeheuren Paris bis zu dem schon in bläulich dämmernder Ferne aussteigenden Montmartre.

Der Wagen hielt an dem großen, mit den grüngoldenen Farben des Kaisers drapierten Haupteingang gegenüber dem Pont de Jena mit seinen Pferdegruppen.

Herr von Grabenow und Julia stiegen aus, der Wagen suchte seinen Platz in der langen Reihe von Equipagen, welche vor dem Eingänge hielten, denn nur zu Fuß durfte man das Innere der Ausstellung betreten, und die Souveräne allein hatten das übrigens auch von ihnen sehr selten in Anspruch genommene Recht, in den Raum hineinzufahren.

»Wie schön!« rief Julia, indem sie mit ihrem Blick das weite, farbenreiche Bild der Ausstellung und des dahinter liegenden Paris umfaßte und dann ihr Auge hinauf richtete nach den jenseits der Jenabrücke zum Trocadero emporsteigenden mächtigen Steintreppen.

»Ja, es ist schön,« sagte Herr von Grabenow, erfreut Über das kindliche Erstaunen des jungen Mädchens, »es ist kaum möglich, etwas Schöneres und Großartigeres zu sehen, und ich glaube kaum, daß in einer anderen Stadt der Welt Ähnliches so voll Leben und Reiz hergestellt werden könnte, und doch,« fuhr er mit trübem Tone fort, »will es mir jedesmal hier an diesem Eingang wie mit schmerzlicher Beklemmung das Herz zusammenschnüren, wenn ich diese Jenabrücke sehe, die mich an den tiefen Fall meines Vaterlandes erinnert. Unser großer Marschall Blücher,« sagte er halb scherzend, halb ernst, »wollte die Brücke in die Luft sprengen und ersuchte Herrn von Talleyrand, sich vorher darauf zu setzen, vielleicht wäre es besser gewesen, er hatte es getan, die Franzosen hätten dann nicht dieses Denkmal unseres Unglücks vor Augen, das ihnen immer von neuem die Zuversicht gibt, uns meistern zu können.«

»Pfui!« rief Julia scherzend, »ihr Deutsche seid doch alle ein wenig Barbaren; laß die Politik und die Vergangenheit, genießen wir die Gegenwart, so lange sie dauert,« flüsterte sie fast unhörbar mit tiefem, schnell zurückgedrängtem Seufzer.

Und sich an seinen Arm schmiegend, trat sie mit ihm an den Tourniquett, um die Billetts zum Eintritt zu lösen.

Als sie soeben durch den Seiteneingang eingetreten waren, fuhr rasch eine leichte, elegante Equipage auf das große Portal zu. In dem offenen, von zwei zierlichen Pferden gezogenen Wagen sah eine Dame in sehr einfacher, aber eleganter Toilette. Die Züge ihres schönen, heiter lächelnden Gesichts trugen nicht mehr den Ausdruck der frischen Jugend, ohne jedoch eine Spur von den zerstörenden Einflüssen des Alters zu zeigen, blitzend und sprühend von Geist und Mutwillen blickten ihre Augen unter dem kleinen Hütchen mit weißer Feder hervor.

Rasch trat einer der am Eingänge postierten Sergeants de Ville den Pferden, deren Köpfe sich fast schon unter dem grüngoldenen Baldachin befanden, entgegen, und mit jenem schnellen und unbedingten Gehorsam, welchen in Paris in ruhigen Zeiten stets die Organe der öffentlichen Sicherheitspolizei finden, parierte der in würdevoller Ruhe auf seinem Bock sitzende Kutscher die Pferde.

Der Wagen stand unter dem Portal, und neugierig blickte die Dame mit etwas übermütig herausforderndem Blick den Beamten an, der, an Schlag tretend, mit höflicher Bestimmtheit sprach:

»Man passiert nicht, Madame!«

»Und warum nicht?« fragte sie.

»Nur der Kaiser und die fremden Fürsten haben das Recht, mit ihrem Wagen in den inneren Raum zu fahren.«

Ein Blitz von schalkhafter Laune sprühte aus den Augen der Dame, sie maß den Polizeibeamten mit festem Blick von oben bis unten und rief in hochmütig sicherem Tone: »Wohlan, mein Herr, ich bin die Großherzogin von Gerolstein.«

Erstaunt, fast erschrocken trat der Sergeant de Ville vom Wagenschlag zurück, und dann in dienstlicher Haltung stehen bleibend, nahm er seinen Hut ab.

»Allez,« rief die Dame, sich in die Kissen zurücklehnend, und in raschem Trabe fuhr der Wagen die große Allee hinauf dem Rundgebäude der Ausstellung zu.

»Unbezahlbar!« rief Herr von Grabenow.

»Wer war das?« fragte Julia erstaunt.

»Mademoiselle Hortense Schneider, Großherzogin von Gerolstein und Königin des Variététheaters,« sagte Herr von Grabenow lachend, »eine Souveränin, deren Rang und Herrschaft so anerkannt ist, daß der Kaiser Alexander schon von Köln aus sich eine Loge bestellt hat, um sie zu bewundern.«

Julia lächelte. Dann sah sie mit langem, träumerischem Blick dem schon fern dahinrollenden Wagen der lecken Sängerin nach.

»Das ist das glänzende Ende des Weges, den man mich zu gehen zwingen will,« sagte sie leise, »wenn man es erreicht, aber welche Stufen führen zu dieser zweifelhaften Höhe! – ich würde sie nicht übersteigen.«

Und wie um der sich vor ihr öffnenden Gedankenreihe zu entfliehen, zog sie in schnellem Schritt ihren Freund nach dem Innern der Ausstellung hin.

Sie hatten einen Rundgang durch die Räume des Glasbaues gemacht, sie hatten alle diese so treu nachgeahmten Niederlassungen des eigentümlich nationalen Lebens aller Völker durchflogen, welche diesen weiten Plan erfüllten und jedem Fremden einen Platz boten, der ihn mit der Erinnerung an die Heimat begrüßte, und waren endlich in das russische Restaurant getreten, wo sie sich in einer Ecke des eleganten Salons zu einem Diner à la Russe mit verschiedenen Uchas, gepreßtem Kaviar und allen jenen eigentümlichen, aber vortrefflichen russischen Gerichten niederließen, welche ihnen von den Kellnern in der nationalen Kleidung von schwarzem Samt und roter Seide serviert wurden.

Immer mehr war der trübe, träumerische Ernst Julias den bunten, heiteren Eindrücken der wundersam vielgestaltigen Bilder gewichen, in kindlich-heiterem Geplauder sah sie neben ihrem Geliebten, der sie mit entzückten Blicken betrachtete, und als sie einen Kelch jenes leichten Weins der Champagne geschlürft hatte, der an den nationalen Tafeln Rußlands ebenso heimisch ist, wie in dem schönen Lande seiner Entstehung, da funkelten ihre Augen von froher Lebenslust, sie atmete mit vollen Zügen die berauschende Luft der Gegenwart, die graue Vergangenheit vergessend und die langsam heraufziehenden dunklen Wolken der Zukunft.

Der Abend war herabgesunken und dieser ganze Part mit allen seinen Wundern begann sich teils in Schatten zu hüllen, teils mit hellen Gasflammen zu erleuchten.

»Laß uns,« sagte Herr von Grabenow, »bevor wir zurückkehren, noch ein ganz außergewöhnliches Schauspiel aufsuchen, das chinesische Theater, man sieht dort höchst originelle Pantomimen und akrobatische Kunststücke, es ist in der Tat merkwürdig.«

»Laß uns gehen,« erwiderte Julia heiter, »wir müssen heute den Tag vollkommen benützen, morgen gehört der Zukunft,« fügte sie ernster hinzu.

»Morgen werde ich für deine Wohnung sorgen,« sagte Herr von Grabenow, ihr den Sonnenschirm und die Handschuhe reichend, »denn den ersten Teil deiner Bitte, dich von deinen jetzigen Umgebungen zu trennen, erfülle ich mit wahrer Freude.«

Der junge Mann hatte dies in der heiteren Erregung gesprochen, in welche ihn der frohverlebte Tag versetzt, Julia schien durch die Erinnerung an ihr Gespräch vom Morgen peinlich berührt. Ihr Auge senkte sich zu Boden, als sie den feinen Schleier über ihr Gesicht herabzog.

»Wozu jetzt der Schleier?« sagte Herr von Grabenow scherzend, »laß mir den Anblick deines lieben Gesichts, das Publikum sieht dich in diesem Halbdunkel doch nicht.«

Er ergriff scherzend den Schleier und wollte ihn über den Hut zurückschlagen.

»Nein, nein,« rief sie lebhaft und hielt das zarte Gewebe fest.

Er zog sogleich die Hand zurück und bat mit einem Blick um Verzeihung, sie bemerkte nicht, daß der Schleier sich an der einen Seite gelöst hatte und nur noch leicht von einer Blume ihres Hutes gehalten wurde, legte ihren Arm in den seinigen, und beide traten aus der etwas dumpfen Atmosphäre des Restaurants in die freie, würzig laue Abendluft hinaus.

Sie hatten kaum einige Schritte getan, als der junge Mann den Arm seiner Geliebten lebhaft erbeben fühlte.

»Sieh da – da,« flüsterte sie, den Kopf zu ihm erhebend, »jener Mann, dem wir vor einiger Zeit begegnet, er kommt hierher, oh, wie sein Blick mich erfaßt!«

Herrn von Grabenows Auge folgte der Richtung ihres unwillkürlich erhobenen Sonnenschirms und sah wenige Schritte vor sich den Grafen Rivero, der langsam daher geschritten kam und ihn bereits bemerkt haben mußte, denn er blickte lächelnd und mit einer gewissen harmlosen Neugier auf das junge Mädchen an seinem Arm.

Herr von Grabenow fühlte eine leichte Regung eifersüchtigen Mißbehagens und freute sich jetzt, den verhüllenden Schleier nicht von dem Gesichte Julias entfernt zu haben.

Der Graf trat heran und begrüßte den jungen Mann, indem er zugleich mit der feinsten Artigkeit den Hut abnahm und sich vor Julia verbeugte, die seinen Gruß mit einer leichten Neigung des Kopfes erwiderte.

»Ich habe Sie vergeblich auf dem Klub erwartet,« sagte Graf Rivero, »und habe nach dem Diner einen kleinen Ausflug hierher gemacht. Welche Chance, daß ich Sie hier treffe! – ich darf mir kaum die Frage erlauben, ob ich Sie begleiten darf, ich muß fürchten, zu stören.«

Herr von Grabenow wendete sich wie unschlüssig zu Julia, und der Graf richtete mit ruhiger Höflichkeit den Blick erwartungsvoll auf das verschleierte Gesicht des jungen Mädchens. Herr von Grabenow fühlte ein leichtes Zittern ihrer Hand.

»Wir wollen nach dem chinesischen Theater gehen,« sagte sie mit einer durch Verlegenheit gedämpften Stimme, »und ich möchte kein Hindernis sein.«

Der Graf stutzte beim Klange dieser Stimme, da der italienische Akzent seinem Ohr nicht entgehen konnte.

Herr von Grabenow sagte mit vollkommenster Höflichkeit: »Es wird uns also eine Freude sein, wenn Sie uns begleiten wollen, Herr Graf.«

In leichter Plauderei schritten sie weiter. Der Graf Rivero ging zur Seite des jungen Mannes, und obwohl er eine ganz allgemeine Konversation führte, so richtete er doch öfter seine Bemerkungen mehr oder weniger direkt an die junge Dame und veranlaßte sie zu einzelnen kurzen Antworten, bei denen jedesmal ein Ausdruck auf seinem Gesicht erschien, als suche er eine in seinem Innern heraufsteigende Erinnerung festzuhalten.

Sie nahmen ihre Plätze auf den Stühlen des kleinen chinesischen Theaters hinter dem großen Pavillon des Reiches der Mitte. Die Vorstellung hatte begonnen – man sah diese eigentümlichen Gestalten auf der kleinen mit bunten Lampen verzierten Bühne ihre grotesken Pantomimen aufführen, von welchen man wenig begreifen konnte, und welche ein wenig an die burlesken Szenen der kleinen, so beliebten Polichineltheater erinnerten.

Julia saß still und schweigend da, sie hatte ihren Arm in dem des Herrn von Grabenow gelassen und schmiegte sich in der Dunkelheit des Zuschauerraums innig an den jungen Mann an, der zuweilen sanft ihre Hand drückte, der Graf blickte aufmerksam auf das originelle Schauspiel, aber sein Blick schien nach innen gekehrt, und immer lag jener Ausdruck auf seinem Gesicht, als suche er tief und tiefer in seinen Erinnerungen.

Plötzlich trat eine Gesellschaft in lauter Unterhaltung und heiterem Lachen in den Raum.

Es waren mehrere elegante Herren des Jockeyklubs mit einigen Damen jener zweifelhaften Welt des moralischen Halbdunkels, welche hier einen kleinen Streifzug durch die pikanten Abwechslungen der Ausstellung unternommen hatten. Man sah unter ihnen den Herzog von Hamilton, den Vicomte von Valmory, welchen Julia in der Soiree bei Madame de l'Estrada gesehen hatte, auch Madame Pamelas schwarz umzeichnete Augen glänzten in dem Strahl der bunten Lampions.

Herr von Grabenow machte eine Bewegung, um aufzustehen. »Laß uns gehen,« flüsterte er Julien zu, »es sind Bekannte, denen ich nicht begegnen möchte.«

Julia erhob sich, doch gerade diese Bewegung lenkte die Aufmerksamkeit auf sie und ihren Begleiter, der sogleich von den Herren erkannt wurde.

»Ah,« rief der Herzog von Hamilton, »da ist Herr v. Grabenow, den man so selten sieht; man muß also hierher kommen in diesen abgelegenen chinesischen Winkel der Ausstellung, um Sie zu finden! Doch da ist auch zugleich die Erklärung für diese Zurückgezogenheit,« er verneigte sich lächelnd gegen Julia, »ein solches Einsiedlerleben zu Zweien ist zu verstehen.«

Er wendete sich grüßend zum Grafen Rivero, während die anderen Herren den Herrn von Grabenow umringten und Madame Pamela neugierig forschende Blicke auf den Schleier warf, der das Gesicht Julias verdeckte.

»Wir waren im Begriffe, aufzubrechen,« sagte Herr von Grabenow, »ich muß früh zurückkehren –«

»Aber warum verhüllt Ihre schöne Begleiterin so neidisch ihr Gesicht?« rief der Herzog von Hamilton, »das ist nicht recht, schöne Frauen und Blumen müssen alle Blicke erfreuen!«

Julia schmiegte sich ängstlich an ihren Freund, der in ziemlich kaltem Ton erwiderte: »Madame ist nicht ganz wohl und scheut die kühle Abendluft.«

»Sie ist es, ich wette darauf,« sagte Madame Pamela zu ihrem Begleiter, »die Coiffure, der Wuchs, es ist die kleine Italienerin.«

Der Graf Rivero trat an Julias Seite, wie um sie vor der Annäherung der Gesellschaft zu decken, und Herr von Grabenow schickte sich an fortzugehen, seine ernste Miene bewies, daß er nicht geneigt sei, weitere Scherze gut aufzunehmen.

In diesem Augenblick schloß die Vorstellung, das ganze Publikum verließ seine Sitze und drängte nach den Ausgängen zu.

Die Gruppe, welche sich um Herrn von Grabenow gebildet hatte, wurde einen Augenblick dicht umdrängt, da – ohne daß man bemerken konnte, aus welcher Veranlassung – löste sich der Schleier von Julias Hut und fiel zu ihren Füßen nieder, im Lichte der Lampions sah man ihr in tiefem Erröten erglühendes Gesicht.

»Ich hatte recht,« sagte Madame Pamela, ein leiser Ausruf der Überraschung entfuhr dem Vicomte von Valmory.

Der Graf Rivero starrte das entschleierte Gesicht des jungen Mädchens mit einem unbeschreiblichen Ausdruck an. Seine großen, dunklen Augen erweiterten sich und schienen dies so plötzlich vor ihm erscheinende Bild in allen seinen Zügen erfassen zu wollen, dann – dies alles war das Werk einer Sekunde – bückte er sich schnell, hob den Schleier auf und befestigte ihn mit einer Bewegung voll überlegener Autorität wieder auf dem Hut.

»Es ist spät, man wird die Ausgänge schließen,« sagte er dann in festem Tone, »lassen Sie uns gehen.«

Mit ruhiger, aber sehr bestimmt abwehrender Höflichkeit grüßte er die übrige Gesellschaft und schritt Herrn von Grabenow und Julia voran, einen Weg durch das Publikum bahnend. Die anderen machten keinen Versuch, ihnen zu folgen.

»Da haben wir die kleine Prüde,« rief Madame Pamela lachend, »welche bei dieser guten Marquise de l'Estrade so stolz war!«

»Dieser verteufelte Grabenow hat einen vortrefflichen Geschmack,« sagte der Herzog von Hamilton, »wo in aller Welt hat er nur das gefunden? – Wohlan,« rief er dann heiter, »der Abend ist angebrochen, was sagen Sie zu einem kleinen Souper im Café Anglais?«

»Einverstanden – einverstanden!« rief man allgemein.

»De longs soupers – de joyeuses chansons,« trällerte Madame Pamela, und laut lachend und plaudernd machte sich diese ganze Gesellschaft voll sprudelnder Lebenslust auf den Weg nach Paris, um in den glänzenden Salons des Café Anglais bis zum Morgen in rauschendem, herzlosem Jubel Geld, Zeit und Gesundheit zu verschwenden, diese drei Dinge, welche die Jugend so wenig achtet, und welche sich später so hart und unerbittlich für die ihnen bewiesene Verachtung rächen.

Fast schweigend waren Herr von Grabenow, Julia und der Graf Rivero zum Ausgange gelangt.

Von einem der dort wartenden Dienstmänner gerufen, erschien das Coupé des Herrn von Grabenow, der, sich von dem Grafen mit herzlichem Händedruck verabschiedend, schnell einstieg.

Der Graf Rivero ließ auf einer kleinen, goldenen Pfeife, die er aus seiner Tasche zog, einen feinen, aber durchdringenden Pfiff ertönen.

In demselben Augenblick verließ seine leichte Viktoria die bereits sehr wenig zahlreich gewordene Reihe der Equipagen und hielt an seiner Seite.

»Du siehst jenes Coupé, welches soeben dort in der Dunkelheit verschwindet,« sagte der Graf zu seinem Kutscher, »du wirst es nicht aus den Augen verlieren, und wenn es hält, zwanzig Schritte davon halten.«

Er schwang sich leicht in den Wagen. Pfeilschnell schoß auf einen leichten Zungenschlag des Kutschers das ungeduldig schnaubende Pferd dahin und hatte in wenigen Augenblicken das Coupé des Herrn von Grabenow erreicht, dem nun der Wagen des Grafen in gleichmäßiger Bewegung folgte.

Als Herr von Grabenow mit Julia vor dem Hause der Rue Notredame de Lorette ausstieg und sie hinaufführte, hielt der Wagen des Grafen in geringer Entfernung im Schatten der Häuser.

Der Graf stieg schnell aus, und langsam auf dem Trottoir hingehend, blickte er scharf nach der über der Haustür angebrachten Nummer. Dann kehrte er zu seinem Wagen zurück, stieg ein und rief dem Kutscher zu: »Nach Hause!«

»Wäre es möglich,« sagte er in tiefer Bewegung, »daß hier das finstere Rätsel meines Lebens sich löste? – Eine schmerzliche Lösung freilich, aber immer ein hohes Glück im Vergleich mit der schwülen, entsetzlichen Dunkelheit, die mich bisher umgab, denn ich werde die Macht haben, zu sühnen und gutzumachen, was die Sünde an einem unschuldigen Leben verbrochen.«

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Paris war auf dem Höhepunkt des Rausches, in welchen die Weltausstellung diese so feinfühlige und so leicht entzündliche Stadt versetzte. Im Palais Elysée entfaltete der Kaiser von Rußland den eigenen glänzenden Hofstaat, umgeben von dem noch schimmernderen Glanz der kaiserlichen Gastfreundschaft, und das Palais war fortwährend von einer dichten Volksmenge umgeben, welche dort unermüdlich aushielt, die an- und abfahrenden Equipagen musternd und kritisierend und das Erscheinen des Zaren erwartend, teils aus Neugier, teils um dem russischen Souverän ihre Sympathien zu bezeigen. Hatte schon die persönliche Erscheinung Alexanders II., sowie sein freies und ungezwungenes Bewegen unter dem Publikum ihm die Sympathien der Pariser Bevölkerung erworben, so trat dazu noch die fast allgemeine Entrüstung über die taktlosen Demonstrationen, welche einige oppositionelle Advokaten, wie Floquet und Arago, gegen den Gast Frankreichs an verschiedenen Stellen durch die bei seinem Erscheinen ausgestoßenen Rufe: »Es lebe Polen!« gemacht hatten. Wo der Kaiser öffentlich erschien, wurde er von dem großen Publikum, welches zeigen wollte, daß es an jenen sinn- und zwecklosen Ungezogenheiten keinen Teil habe, mit allen Zeichen einer wirklichen wohlwollenden Ehrerbietung empfangen.

Fast ebenso dicht war die Menschenmenge, welche die Tuilerien umgab und durch die inneren Höfe von der Rue de Rivoli nach den Kais hinwogte. Denn hier hoffte man den König von Preußen, den Sieger von Sadowa, zu sehen, und seinen so vielgenannten und so merkwürdigen Minister, den Grafen von Bismarck. War auch hier die Sympathie geringer, als in den Umgebungen des Elysee, so war die Neugier größer, mit welcher die Augen dieser Tausende von Menschen durch die Gitter hin nach dem Pavillon Marsan blickten, vor welchem man die Equipagen der Diplomatie und der Großwürdenträger des Kaisereichs an- und abfahren sah.

Nicht minder zahlreich drängte sich das Publikum auf dem Ausstellungsfelde, man hatte gehört, daß der König Wilhelm und Graf Bismarck am Morgen dorthin gefahren seien, und die Menge wogte um den kaiserlichen Pavillon her, neugierig durch die großen Fenster in das prachtvolle Interieur mit den farbenschimmernden Vorhängen blickend und nur mühsam durch die Sergeants de Ville von dem Besteigen der den Pavillon umgebenden Treppenstufen zurückgehalten, deren Ecken von kolossalen Adlern, auf goldenen Weltkugeln sitzend, überragt wurden. Aber nicht hier entdeckte man den vielgesuchten Monarchen, denn dieser ging mit dem Grafen Bismarck und den Herren seiner Umgebung im vollsten Inkognito durch die Räume der Ausstellung, und diejenigen, welche ihn am wenigsten suchten, hatten den Vorzug, ihn aus nächster Nähe sehen zu können.

Fast eine Völkerwanderung aber bildeten die Massen, welche schon seit den frühen Vormittagsstunden des 7. Juni nach der Ebene von Longchamps hinauszogen, denn dort sollte die große Revue stattfinden, bei welcher man die drei Monarchen, umgeben von allem militärischen Pomp des Kaiserreichs, erblicken würde.

Während so ganz Paris einem ungeheuren Bienenschwarm gleich hin und her wogte und sich zum Teil entvölkerte, um das Bois de Boulogne und die Umgebungen von Longchamps zu erfüllen, lag das alte, langgestreckte Tuilerienschloß in seinem inneren Hofe, vor welchem die beiden Reiterposten von den Kürassieren der Garde unbeweglich wie Erzbilder hielten, in majestätischer, schweigender Ruhe da und nur von fern her klangen die brausenden Stimmen der durcheinander drängenden Volksmassen herüber.

Napoleon saß allein in seinem Kabinett, geöffnete Briefschaften vor sich, und während die Macht und der Glanz von ganz Europa seinen Thron umgab, während seine Hauptstadt sich berauschte an dem Schimmer dieses alle Erinnerungen überbietenden Schauspiels, während seine stolzen, waffenfunkelnden Garden ausrückten, um die Kriegsmacht Frankreichs vor den Beherrschern zu repräsentieren – saß der Kaiser finster in sich zusammengesunken in seinem Lehnstuhl. Die glanzlos müden Augen blickten abgespannt vor sich hin, die schlaffen Züge drückten Leiden und Abspannung aus, und die Fingerspitzen der in dem Schoß ruhenden Hände bewegten sich in leisem, unwillkürlichem Zittern.

»Sie hat recht,« sagte er mit dumpfem Tone, »die Sibylle im Hause der Lenormand, strahlender Glanz umgibt meinen Thron, und Paris ist in diesem Augenblick fast der Mittelpunkt der Welt, kaum konnte mein Oheim, als sein Stern im Zenith stand, stolzer herabblicken von der Höhe seiner Macht, und dennoch – dennoch ist mein Herz voll tiefer, banger Unruhe,« flüsterte er, noch mehr in sich zusammensinkend, »denn dies prächtige Gebäude kaiserlicher Herrlichkeit ruht auf Sand, und es will mir nicht gelingen, den zerbröckelnden Fundamenten wieder Festigkeit zu geben. – Was ist die menschliche Größe,« fuhr er nach einigen Augenblicken mit tief schmerzlichem Seufzer fort, »wovon hängt sie ab? – Mit unerschütterlicher Zähigkeit, mit unbeugsamer Willenskraft, mit unermüdlicher Arbeit der Tage und Nächte habe ich diesen Thron wieder emporgerichtet aus dem chaotischen Abgrunde der Revolution, mit dem Blute von Tausenden, unter den Donnern der Schlachten in der Krim und in Italien habe ich die Macht Frankreichs hoch gehoben in Europa – und nun hängt das alles an den alternd erstarrenden Muskelfasern, an den erlahmenden Nervenfäden eines kranken Körpers!«

Mit glühendem Blick richtete sich sein Auge nach oben und leise sprachen die schmerzlich zuckenden Lippen:

»Noch zehn Jahre der Kraft gib mir, du unerforschliche Macht, die in geheimnisvollem Dunkel über diesem rollenden Erdball und den auf ihm wachsenden und vergehenden Völkergeschlechtern waltet, noch zehn Jahre freien Denkens und Wollens – und mein Werk wäre vollendet und befestigt, ich könnte es den Händen meines Sohnes überlassen und ruhig hinübergehen in jenes unerschlossene Gebiet, das unser Leben mit finsterem Horizont umschließt!«

Er schwieg, und ein leises Zittern flog durch seine Gestalt wie ein körperlicher Schmerz, fest preßten sich seine Lippen aufeinander, und eine tiefe Blässe zog über sein Gesicht.

»Ich werde sie nicht haben,« flüsterte er, »die Zeit, die ich bedarf, ich werde abtreten müssen, während mein Werk zerfällt, ich fühle es, ich bin krank und weiter und weiter greift die zerstörende Hand dieser Krankheit in das Gefüge meines Körpers, kaum kann ich die Anstrengung dieser fürstlichen Besuche ertragen, kaum vermag ich den spähenden Augen der Welt zu verbergen, was ich leide! Und von dem Kranken weicht das Glück, dieser rätselhafte Faden im menschlichen Leben! Es ist, als ob die kalte Hand des Todes überall eingriffe in die Fäden meiner Kombinationen, meine Pläne vereitelnd, als ob ich gebannt bleiben sollte in dieses ewige Schwanken der Unsicherheit und Unklarheit, aus dem sich herauszureißen dem leidenden Organismus doppelt schwer fällt. Ich habe die Koalition herstellen wollen zwischen mir, Österreich und Italien, um einen Rückhalt zu haben, wenn wirklich der Kampf gegen diese deutsche auf Rußland gestützte Macht notwendig werden sollte, und da erfaßt ein unerwartetes und unerhörtes tragisches Verhängnis das Leben dieser jungen Erzherzogin, welche das Band der Versöhnung knüpfen sollte zwischen den bisher so feindlichen Mächten. Ich fürchte nach dem letzten Bericht, daß das Leben des armen Kindes nicht wird erhalten werden können, und mit dieser jungfräulichen Leiche wird vielleicht eine große politische Kombination in die Kaisergruft hinabgesenkt! Schlimmer aber noch ist das Trauerspiel, das sich jenseits des Ozeans vollzieht!« sagte er nach einigen Augenblicken schweigenden Sinnens, indem er einen der vor ihm liegenden Briefe ergriff und den Blick über seinen Inhalt gleiten ließ. »Die heroische Torheit dieses Maximilian, die mein Gefühl begreift und mein Verstand verurteilt, muß ein böses Ende nehmen. Die Intervention der Vereinigten Staaten ist kühl – eine Form der Höflichkeit – die alten Sympathien Nordamerikas für Frankreich sind verloren, man fühlt es wohl in Washington, daß die eigentliche Spitze jener unglücklichen Expedition gegen die amerikanische Republik gerichtet war! Ich glaube kaum an die Erhaltung des Lebens dieses armen Opfers seiner ritterlichen Gefühle. Juarez ist kalt – ein grausamer Rechner, er wird ein furchtbar abschreckendes Beispiel geben wollen, von seinem Standpunkt hat er vielleicht recht, es ist das republikanische Amerika, welches dem monarchischen Europa seine Antwort schreibt mit dem Blute des Enkels Karls V.«

Er versank wieder in tiefes, düsteres Sinnen.

»Noch klingt es schaurig in mir wieder,« sagte er dann, indem ein Zittern durch seine Glieder zog, »jener Fluch, welchen die arme, kranke Charlotte im Ausbruch ihres Wahnsinns mir entgegenschleuderte, sollten die Dämonen der Rache ihn gehört haben und seine Erfüllung beginnen? Es wäre furchtbar,« rief er aufstehend und wie in innerer Angst hin und her schreitend, »wenn jetzt in diesem Augenblick des Glanzes und des freudigen Rausches, jetzt, da die Mächtigsten aus dieser Familie der Könige Europas hier an meinem Hofe zusammentreffen, wenn jetzt die Nachricht vom Tode Maximilians einträfe – dieses Erzherzogs, den ich zum Kaiser machte und dessen Leben die Flotten und Armeen Frankreichs nicht schützen konnten. Welch eine Kehrseite des glänzenden Bildes von Macht und Herrlichkeit, das sich hier aufrollt!«

Er ließ sich erschöpft wieder in seinen Stuhl sinken.

»Und meine Pläne mit Österreich,« sagte er seufzend, »meine Reserve, meine ultima ratio! Der Tod bedroht die junge Erzherzogin, die ein lebendig wirksames Element in meinen Kombinationen bilden sollte, wenn jetzt noch der blutige Schatten Maximilians sich zwischen mir und dem Hause Habsburg aufrichten sollte, oh, ich muß alles anwenden, um Frieden zu haben mit Deutschland, denn dort ist die Kraft, dort ist die Gefahr –«

Ein Schlag ertönte an der Tür. Der General Favé trat ein.

»Der Graf von Bismarck, Sire!«

»Ich erwarte ihn,« sagte der Kaiser aufstehend, »vielleicht gelingt es mir, endlich Klarheit und Festigkeit für die Zukunft zu gewinnen,« flüsterte er, während der General in das Vorzimmer zurückkehrte.

Graf Bismarck trat ein. Er war bereits in voller militärischer Tenue für die große Truppenmusterung, im weißen Waffenrock, den Helm in der Hand. Der Kaiser ging dem preußischen Ministerpräsidenten mit verbindlicher Artigkeit entgegen und reichte ihm die Hand, welche Graf Bismarck mit tiefer Verneigung ergriff.

Merkwürdig genug war der Kontrast in der Erscheinung dieser beiden Persönlichkeiten, welche so maßgebend in die Schicksale Europas einzugreifen von der Vorsehung bestimmt waren. Fest und markig stand die hohe Gestalt des Grafen Bismarck da, auch abgesehen von der militärischen Uniform soldatisch kräftig, sein klares Auge blickte lichtvoll und frei herab auf diesen so viel kleiner gewachsenen und noch leicht gebückt sich haltenden Imperator, dessen verschleiertes Auge in diesem Moment fast völlig ausdruckslos war, während seine Lippen ein Lächeln voll anmutiger Freundlichkeit umspielte.

Es war, als ob Napoleon etwas von dieser äußeren Überlegenheit der Erscheinung des Grafen Bismarck fühlte, denn obwohl niemand zugegen war, wendete er sich mit einer gewissen Eilfertigkeit zu seinem Sessel zurück und setzte sich nieder, während der preußische Minister auf seine Einladung ihm gegenüber Platz nahm.

»Ich freue mich, mein lieber Graf – mein General,« sagte er sich verbessernd mit einem lächelnden Blick auf die Uniform des Grafen, »daß ich in dieser viel bewegten Zeit die Muße finde, eine Stunde vertraulich mit Ihnen zu verplaudern, es sind so viele Dinge vorhanden, über welche ein persönlicher Meinungsaustausch in der Tat Bedürfnis ist.«

»Eure Majestät wissen,« erwiderte Graf Bismarck mit höflichem Tone, durch welchen eine gewisse aufrichtige Herzlichkeit hindurchklang, »welche Freude es für mich stets war, als ich noch die Ehre hatte, Ihnen näher zu stehen, aus Ihrer Unterhaltung diese Fülle von großen und genialen Ideen zu schöpfen, welche der Geist Eurer Majestät unablässig in so reichem Maße erzeugt.«

»Die Gedanken,« sagte der Kaiser mit einer leichten Neigung des Hauptes, »welche Sie mir früher – und zuletzt in Biarritz so lebendig und überzeugungsvoll in betreff der Notwendigkeit einer neuen Gestaltung Deutschlands entwickelten – sind nun zur Wahrheit geworden, ich habe Ihnen noch persönlich zu den großen Erfolgen Glück zu wünschen, die selbst dasjenige weit überschritten haben, was Sie damals erstrebten und hofften.«

»Sire,« sagte Graf Bismarck, »ich habe bei meinen Bestrebungen und Hoffnungen den Faktor der Schlagfertigkeit der preußischen Armee in Berechnung gezogen, aber ich konnte die Unfähigkeit der Gegner in dem Maße, wie sie uns tatsächlich entgegengetreten ist, kaum in meine Berechnungen aufnehmen, daher ist der Erfolg allerdings über die Erwartungen hinausgegangen.«

Der Kaiser fuhr leicht mit der Hand über seinen Schnurrbart, sein Auge verschleierte sich noch undurchdringlicher als vorher.

Er schwieg einige Sekunden, während der Blick des Grafen Bismarck klar und ruhig auf ihn gerichtet war.

»Die großen nationalen Agglomerationen,« sagte Napoleon dann, »sind eine notwendige Entwicklung des Völkerlebens, ich erblicke darin eine größere Bürgschaft des wahren Gleichgewichts in Europa, als in jenen künstlichen und oft naturwidrigen staatlichen Teilungen, mit welchen die Diplomatie der Vergangenheit experimentierte. Zwei große, in ihren nationalen Verhältnissen innerlich befriedigte Völker werden weit sicherer in dauerndem Frieden nebeneinander leben können, als zahlreiche Staatsgruppen, welche von dem Ehrgeiz und oft von den Intrigen der Kabinette geleitet werden. So sehe ich auch in der nationalen Konsolidierung Deutschlands, insbesondere Norddeutschlands,« fügte er ohne besonders hervortretende Betonung erläuternd hinzu, »ein neues Pfand dauernd guter Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich, ganz abgesehen von den Gesinnungen der Regierungen, welche ja vergänglich sind wie die Personen.«

»Eure Majestät,« sagte Graf Bismarck, »kennen meine Überzeugung von der Notwendigkeit nicht nur des Friedens, sondern wirklicher Freundschaft zwischen dem französischen und dem deutschen Volke, zum Heile beider, welche dazu geschaffen sind, gemeinsam an den Werken der Kultur zu arbeiten. Ich glaube nicht, daß es auch in künftiger Zeit jemals einen Staatsmann in Deutschland geben könnte, der ohne zwingende Gründe diesen Frieden gefährden möchte.«

»Es ist indes nicht zu leugnen,« sagte der Kaiser in völlig ruhigem, fast gleichgültigem Tone, »daß in der deutschen nationalen Bewegung eine gewisse Animosität gegen Frankreich liegt, von früheren Zeiten her,« fügte er hinzu, »deren Bedingungen jetzt nicht mehr maßgebend sind.« –

»Wenn Eure Majestät die französische Presse, die Journale von Paris an der Spitze, beobachtet haben,« erwiderte Graf Bismarck mit etwas kalter Höflichkeit, »so werden Sie gewiß anerkennen, daß der öffentlichen Meinung in Deutschland keineswegs die Initiative auf dem Gebiet nationaler Animosität zuzuschreiben ist.«

»Es sind das hoffentlich momentane Erregungen,« sagte der Kaiser, »die keine Dauer und keinen schädlichen Einfluß haben werden, da ja die Regierungen von der Überzeugung der Notwendigkeit guter Beziehungen, und von dem persönlichen Willen, dieselben zu erhalten, erfüllt sind; jene Erregungen werden sofort verschwinden,« fuhr er mit einem schnellen Blick auf den Grafen Bismarck fort, »sobald die feste Basis gefunden sein wird, auf welcher unter den neuen Verhältnissen die internationalen Beziehungen für die Dauer festgestellt werden können.«

Keine Muskel zuckte in dem Gesicht des preußischen Ministerpräsidenten, durchsichtig und hell begegnete sein Auge dem schnellen Blick des Kaisers.

»Ich sehe nicht, Sire,« sagte er mit vollkommen ungezwungenem, natürlichem Tone, »wie die von Eurer Majestät wie von meinem allergnädigsten Herrn so aufrichtig gewünschten Freundschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Frankreich getrübt werden könnten, die Basis des Präger Friedens, auf welcher die neuen Verhältnisse ruhen –«

»Mein lieber Graf,« sagte bei Kaiser, ihn unterbrechend, indem sein Gesicht einen Ausdruck freimütiger Offenheit annahm und seine Augen sich entschleierten, »der Prager Frieden – ist ein Provisorium.«

Graf Bismarck blickte ihn mit einem gewissen Erstaunen an, das eine Erklärung zu erwarten schien.

»Der Prager Frieden, Sire,« sagte er, »ist ein völkerrechtlicher Abschluß, der –«

»Ganz recht,« warf der Kaiser ein, »indes es gibt in den nationalen Entwicklungen Etappen, durch welche die Ereignisse sich zu dem naturgemäßen und notwendigen Endabschluß hinbewegen, eine solche Etappe ist für mich, wie ich die Verhältnisse in Deutschland auffasse, der Prager Frieden.«

Graf Bismarck schwieg.

»Sehen Sie,« fuhr Napoleon nach einem augenblicklichen Zögern fort, »die deutsche Nation hat seit langer Zeit in der Presse, von den Tribünen, in den Schriften der Gelehrten, in den Werken der Dichter nach der Einigung verlangt, es ist zum Teil der Drang nach dieser Einigung, welcher die großen Erfolge des Jahres 1866 möglich gemacht hat, aber dieser Erfolg hat eben das volle erstrebte Ziel nicht gebracht, denn noch steht Deutschland in zwei Teile geteilt da – und soweit ich die öffentliche Meinung in Ihrem Lande verfolgt habe und verstehe, beginnt sie schon, die volle Einigung aller Teile zu verlangen.«

»Ich kann Eurer Majestät darin gewiß nicht unrecht geben,« sagte Graf Bismarck, »daß der nationale Geist in Deutschland die volle und ganze Einigung aller Teile und Stämme wünscht und erstrebt, wer aber kann den Gang solcher großen historischen Entwicklungen vorherbestimmen, messen ober gar lenken – diese Entwicklungen vollziehen sich nach den Gesetzen einer inneren Notwendigkeit, wie die großen Naturerscheinungen in der physischen Welt, die alle künstlichen Bauten von Menschenhand überfluten. Ich aber, Sire, kann mich als ein Mensch, der in die Beschränkung des Raumes und der Zeit gebannt ist, nicht auf die Höhen der Vorsehung stellen, vor deren Blick die Intervalle, welche große historische Epochen trennen, in nichts zerfließen. Ich stehe als Staatsmann in der Zeit und auf dem Boden der Gegenwart – und was die Gegenwart geschaffen hat, das ist für mich, und muß es sein, der einzige Boden des Rechts und der Politik. So, Sire, sehe ich den Prager Frieden an, er ist für mich Norm und Grenze und mag die große Entwicklung der zukünftigen Geschichte auch dereinst über ihn hinwegschreiten, wie sie ja über alle Verträge und Rechte schließlich einmal hinwegschreiten muß zu neuen Bildungen und Ordnungen – ich stehe einfach auf dem jetzt gegebenen Boden und überlasse die Zukunft denen, die nach mir berufen sein werden, das politische Leben meines Landes zu lenken. Ich weiß,« fuhr er fort, »daß auch in Süddeutschland eine nicht unbedeutende Strömung zum Anschluß, zum definitiven und festen Anschluß an den Norden drängt, sollte aber diese Strömung auf die Entschließungen einzelner Regierungen Einfluß gewinnen und zu Schritten in jener Richtung führen, so werde ich sie zurückweisen, bestimmt zurückweisen, so lange das jetzt geschaffene Recht nicht etwa unter übermächtig hereinbrechenden Ereignissen zusammenfällt.«

Ein rasch wieder verschwindender Schatten von Unzufriedenheit, fast von Ungeduld zog über das Gesicht des Kaisers.

Leicht den Kopf schüttelnd sagte er:

»Gewiß ist der Prager Frieden europäisches und festes Völkerrecht geworden, und,« warf er wie eine flüchtige Nebenbemerkung dazwischen, »eine einseitige Überschreitung der durch ihn gezogenen Grenzen müßte bedenkliche Folgen haben, doch bin ich der Meinung, daß eine weitblickende Staatskunst nicht in ruhiger Stille plötzliche und unberechenbare Ereignisse abwarten darf, sondern vielmehr die Aufgabe hat, die Zukunft, welche sie früher oder später kommen sieht, vorbereitend herbeizuführen.«

Abermals blickte Graf Bismarck in erwartungsvollem Schweigen den Kaiser an.

»Meine Ansichten,« fuhr der Kaiser fort, »über nationale Staatsformationen stehen fest, ich betrachte dieselben nicht nur als notwendig bevorstehend, sondern auch als heilsam und gut. Das geteilte Deutschland ist gewissermaßen eine Gefahr für die Ruhe Europas, wenn die endlich einigende Bewegung sich in einem Augenblick vollzöge, in welchem eine weniger ruhige, vorsichtige Regierung Frankreich leitete, so könnte ein Aufbrausen der französischen Empfindlichkeit zu gefährlichen und beklagenswerten Konflikten führen.«

Er schien eine Antwort, eine Bemerkung zu erwarten. Graf Bismarck hörte schweigend.

»Ich glaube,« fuhr Napoleon fort, indem seine Fingerspitzen sich in leichtem Zittern bewegten, »daß es für die Zukunft, für das ruhige Gleichgewicht Europas besser wäre, wenn das angefangene Werk möglichst bald vollendet würde, und ich,« sagte er nach einem fast unmerklichen Zögern, »ich würde gewiß kein Hindernis erblicken, im Gegenteil, ich wünsche aufrichtig eine Verständigung über die Bedingungen zu finden, unter denen die vollständige Einigung Deutschlands in kordialem Einverständnis mit Frankreich stattfinden könnte.«

Bei dem Worte »Bedingungen«, auf welches der Kaiser einen ganz leisen, kaum hervortretenden Nachdruck legte, blitzte ein eigentümlicher Ausdruck in dem Auge des Grafen Bismarck auf. Es war eine Mischung von Stolz – von kalter Überlegenheit, fast von Verachtung und Hohn, die eine Sekunde lang in dem klaren Licht dieses ruhigen Blickes erschien, um sofort wieder zu verschwinden und der gleichmäßig aufmerksamen Höflichkeit Platz zu machen.

»Und glauben Eure Majestät, daß es Voraussetzungen geben könnte,« sagte er, das Wort scharf betonend, »unter denen ein weiterer Fortschritt der deutschen Einheitsbewegung schon in naher Zeit als möglich gedacht werden könnte?«

»Sie wissen wie ich, lieber Graf,« erwiderte der Kaiser, immer unter dem leicht wahrnehmbaren Eindruck einer gewissen peinlichen Erregung, »daß das französische Gefühl sich ein wenig revoltiert über die Erhebung dieser militärisch konzentrierten Macht Deutschlands an unseren Grenzen, und daß ich ein wenig Mühe habe, diese nationale Empfindlichkeit zurückzuhalten.«

»Um so mehr hohe Anerkennung verdient die Festigkeit, mit welcher Eure Majestät die freundlichen Beziehungen erhalten haben, von denen diese Tage ein neues Zeugnis vor den Augen Europas ablegen,« sagte Graf Bismarck sich verneigend.

»Wie ich bereits bemerkte,« fuhr Napoleon fort, »würde jene Erregtheit des französischen Gefühls sogleich verschwinden und man würde in Frankreich ohne Neid und Besorgnis eine wirklich nationale Konstituierung des Nachbarvolkes sehen, sobald auch für Frankreich gewisse – nationale Ergänzungen stattfänden, welche auch für die Zukunft das vollständige Gleichgewicht wieder herstellten.«

Fragend und erwartungsvoll sah Graf Bismarck den Kaiser an, auf dessen Gesicht die peinliche Bewegung immer sichtbarer wurde.

»Es sind gewisse Gebiete,« sprach der Kaiser weiter, »von ergänzender Bedeutung für das ökonomische System Frankreichs, von einer gewissen ausgleichenden strategischen Wichtigkeit, welche für Deutschland kaum von Wert sind, und welche durch Gesinnung der Bevölkerung und vor allem durch die Sprache zur nationalen Arrondierung Frankreichs gehören, würden diese Gebiete ihrer natürlichen Bestimmung zugeführt, so müßte – wie ich glaube – jede Besorgnis vor einer konzentrierten und vollständigen Einigung Deutschlands verschwinden. Hier ließe sich ja leicht die Basis finden, auf welcher die natürliche Entwicklung der Dinge beschleunigt und ohne gewaltsame Katastrophen mit ihren bedenklichen Konsequenzen zu Ende geführt werden könnte.«

Er hielt wie erschöpft inne, seine Augenlider senkten sich noch tiefer herab und verdeckten fast ganz den Blick, welchen er aus der zurücktretenden Pupille auf den preußischen Ministerpräsidenten richtete.

Graf Bismarck schwieg einen Augenblick. Es flog wie ein Wetterleuchten über sein Gesicht. Fast schien es, als solle aus seinen Lippen ein Wort, schneidend und scharf wie eine Schwertspitze, hervordringen, schnell aber verschwand dieser Ausdruck wieder und mit dem Tone einer gewissen gleichgültigen Bonhomie sagte er:

»Eure Majestät deuten da eine Kombination an, deren Folgen weit und groß sind und daher die ernsteste Erwägung erfordern. Ich selbst würde kaum imstande sein, mir schnell über einen solchen Gang der Politik eine bestimmte Ansicht zu bilden, und außerdem hängen ja auch die Ansichten, welche ich demnächst als Staatsmann durchzuführen und zu vertreten habe, von vielen Faktoren ab, die außer mir liegen. Eure Majestät müßten mich für leichtsinnig halten, wenn ich ohne ernstes Vorbedenken bestimmte Meinungen ausspräche, die ich unter dem unmittelbar persönlichen Einfluß Ihrer Gegenwart noch schwerer zu der notwendigen Objektivität erheben könnte,« fügte er, sich mit ehrerbietiger Höflichkeit verneigend, hinzu. »Gewiß haben Sie, Sire, über die Kombination, welche Sie eben allgemein andeuteten, bestimmte Gedanken, ich würde Eure Majestät nur zu bitten haben, demnächst Benedetti instruieren zu wollen, daß er diese Gedanken in konkreter Formulierung mir mitteile, Sie können überzeugt sein, daß bei der Prüfung und Erörterung derselben für mich stets der Wunsch maßgebend sein wird, die freundlichen Beziehungen mit Eurer Majestät Regierung und mit Frankreich zu erhalten und für die Zukunft zu befestigen.«

Der Kaiser richtete sich ein wenig empor. Es schien, daß er etwas antworten wollte, dann aber sank er wieder in sich zusammen, ein Seufzer drang aus seinem Munde, er schwieg einen Augenblick.

»Ich freue mich,« sagte er dann, »daß wir, wie es scheint, einen Ausgangspunkt finden werden, von welchem wir, wie ich überzeugt bin, zu einer richtigen und nützlichen Gestaltung der Zukunft gelangen werden. Ich werde weiter darüber nachdenken und meine Gedanken formulieren. – Doch nun,« sagte er dann, den Kopf erhebend und den vollen Blick auf den Grafen richtend, »möchte ich Sie noch in einer – sozusagen häuslichen Angelegenheit um Ihre Meinung und Ihren Rat – als erprobter Sachverständiger bitten.«

Ein wenig erstaunt blickte Graf Bismarck empor.

»Man rät mir,« fuhr der Kaiser fort, »von vielen Seiten – und der Rat kommt zum Teil von meinen ergebensten Freunden –, in Frankreich eine konstitutionelle Regierung einzuleiten. Man sagt mir, eine solche Regierung würde für die künftige Festigkeit der Dynastie von großer Bedeutung sein, sie würde alle diejenigen Parteien versöhnen, welche nicht geradezu die Republik und die Anarchie erstreben, und sie würde den Thron mit Institutionen umgeben, die in sich selbst die Kraft des Bestehens trügen, wenn einmal – was ja früher ober später eintreten wird – meine Hand nicht mehr da ist, um die Zügel des persönlichen Regiments zu führen. – Ich habe nun,« sagte er lächelnd, »viel über alle Staats- und Regierungsformen nachgedacht, aber was das konstitutionelle Regiment betrifft, bin ich ein Theoretiker, Sie, mein lieber Graf, haben mit der konstitutionellen Maschine gearbeitet – und so glücklich gearbeitet,« sprach er, verbindlich den Kopf neigend, »daß Sie trotz der festen Vertretung der Autorität nicht nur Ihre Zwecke erreicht, die Mittel zu Ihren Aktionen erhalten und geschaffen haben, sondern jetzt auch trotz Ihrer Festigkeit und Entschiedenheit von der größten Popularität getragen sind. Sie kennen außerdem Frankreich und die Franzosen, da Sie ja lange unter uns gelebt haben, glauben Sie, daß eine konstitutionelle Regierung in Frankreich möglich sei, daß sie wirklich Bestand haben und dem Thron auf die Dauer feste Unterlagen geben könne?«

Graf Bismarck hatte mit kaum verhehltem wachsendem Erstaunen zugehört, in sinnendem Nachdenken saß er einen Augenblick da, dann richtete sich sein Blick tief mit einem ganz eigentümlichen Ausdruck auf den Kaiser; – es lag etwas wie mitleidige Teilnahme in demselben.

»Sire,« sagte er dann, während Napoleon gespannt und erwartungsvoll den Kopf leicht auf die Seite geneigt zuhörte, »Eure Majestät beweisen mir durch diese Frage ein großes persönliches Vertrauen, für welches ich Ihnen in hohem Grade dankbar bin, indes muß ich offen gestehen, daß die Beantwortung Ihrer Frage mich ein wenig in Verlegenheit setzt, und daß meine praktische Erfahrung mich dabei ein wenig im Stiche läßt.«

»Doch haben Sie in der Praxis Ihre Kenntnis des Gegenstandes bewiesen,« sagte der Kaiser lächelnd, »Sie müssen Erfahrungen gesammelt haben –«

»Sire,« erwiderte Graf Bismarck, »die Anwendung meiner Erfahrungen auf Frankreich wird mir ein wenig schwer, weil die Verhältnisse nicht die gleichen sind. In Preußen, Sire, ist unter den verschiedenen Parteien, mit welchen man in den Kämpfen und Kompromissen des konstitutionellen Lebens zu tun hat, keine, die den Bestand der staatlichen Ordnung, welche die Berechtigung der Regierung – der Dynastie bestreitet,« sagte er mit leiserer Stimme.

Der Kaiser senkte wie zustimmend den Kopf, ohne ihn indes wieder emporzurichten.

»Darum,« sprach bei Graf weiter, »ist dort bei uns das konstitutionelle Kampfspiel weniger ernst, als es hier sein könnte, indes,« fuhr er, wie seine Gedankenrichtung unterbrechend, fort, »ich kann denjenigen, welche Eurer Majestät den erwähnten Rat erteilen, nicht Unrecht geben.«

Der Kaiser richtete sich rasch empor. Gespannte Erwartung lag auf seinen Zügen.

»Die französische Nation, Sire,« sagte Graf Bismarck, »empfindet heißer, denkt lebendiger als andere Völker, die politischen Gärungen arbeiten heftiger und führen leichter als anderswo zu großen revolutionären Katastrophen. Wenn ich mir erlauben darf, ein Bild zu brauchen, so möchte ich das politische Leben in Frankreich mit einem Dampfkessel vergleichen, der endlich den Druck der durch immer neue Heizung auf das höchste gespannten Dampfkraft nicht mehr erträgt und in gewaltigem Bruch zersprengt wird. Für diesen Kessel, Sire, ist nun das im Ganzen doch lenksame Spiel und Gegenspiel der Kräfte des konstitutionellen Regiments das Sicherheitsventil, auf der Tribüne strömt die überflüssige Dampfkraft aus, die Spannung wird auf das richtige Maß zurückgeführt und die Gefahr für die ganze Maschine beseitigt.«

Napoleon lachte und nickte mehrmals mit dem Kopf. »Ich verstehe – ich verstehe,« sagte er, »und ich glaube, Sie haben recht!«

»Für den Fall nun,« fuhr Graf Bismarck fort, »daß einmal – in später Zeit – eine jüngere, weniger erfahrene und weniger kräftige Hand, als diejenige Eurer Majestät, diese Maschine zu lenken berufen wäre, wird es gewiß immer besser sein, daß die einzelnen Parteien sich in der konstitutionellen Arena untereinander bekämpfen, als daß sie sich alle vereinigen, um die Regierung zu schwächen, zu untergraben und endlich zu beseitigen. Eure Majestät erinnern sich des Steines, den Jason unter die aus der Saat der Drachenzähne erwachsenen geharnischten Männer warf –«

Der Kaiser nickte wieder zustimmend, aber er lachte nicht mehr; in tief sinnendem Nachdenken ruhte sein groß und frei heraustretendes Auge auf dem Gesicht des preußischen Ministerpräsidenten.

»Nun, Sire,« sagte Graf Bismarck, »diesen Stein unter die geharnischt gegen die Regierung aufsteigenden Parteien zu werfen, dazu gibt das konstitutionelle Regiment Frankreichs einer geschickten Regierung das Mittel – und dies Mittel kann oft gefährliche Bewegungen teilen und ablenken.«

»Sie haben recht, Sie haben vollkommen recht,« sagte der Kaiser mit einem tiefen Atemzug, »Ihre Gründe sind praktisch – und schlagend.«

Wieder ruhte das Auge des Grafen Bismarck mit jenem eigentümlichen Ausdruck teilnehmenden Mitleids auf der vorgebeugten, müde zusammengesunkenen Gestalt des Imperators.

»Dennoch aber, Sire,« sprach er dann, wie fortgerissen von der Bewegung eines Gefühls, das ihn beherrschte, »glaube ich nicht, daß der Konstitutionalismus in Frankreich mit der dauernden Festigkeit der Regierung vereinbar ist, ohne ein notwendiges Korrektiv, dessen Bedeutung die Geschichte aller Staatsumwälzungen lehrt.«

Der Kaiser blickte erwartungsvoll auf.

»Dies Korrektiv, Sire,« sprach Graf Bismarck weiter, »ist eine sehr starke, von politischen Einflüssen möglichst losgelöste und der Person des Regenten anhängliche Militärmacht.«

»Ah!« machte der Kaiser.

»Mit der Auflösung seiner maison militaire,« fuhr Graf Bismarck fort, »gab Ludwig XVI. das Mittel aus der Hand, die Bewegung zu beherrschen; als er sich mit Truppen umgab, welche von den zersetzenden Ideen der Zeitbewegung durchdrungen waren, wurde er zum willenlosen Spielball der flutenden Strömungen – und ging unter. Eure Majestät müssen mir zugeben, daß, wenn Karl X. rechtzeitig und kräftig die Militärmacht gebraucht hätte, welche ihm noch zu Gebote stand, er vielleicht seine Krone nicht verloren hätte, – was Louis Philipp betrifft,« sagte er achselzuckend, »so hatte er weder diese Macht, noch hätte er sie zu gebrauchen den Willen und das Geschick gehabt.«

»Wahr, wahr!« rief der Kaiser.

»Wenn also Eure Majestät,« sagte Graf Bismarck, »die konstitutionelle Regierung aus den früher bezeichneten Gründen in Frankreich einzuführen für zweckmäßig halten und beschließen sollten, so müßten Sie nach meiner Ansicht zugleich jenes Korrektiv in kräftigster Weise der Autorität sichern. Die französische Armee im allgemeinen ist nach meiner Meinung – Eure Majestät haben mir ja die Ehre erzeigt, mich nach meiner offenen und rückhaltslosen Meinung zu fragen – die französische Armee ist gewiß im großen und ganzen gut napoleonisch gesinnt, aber ich glaube, sie folgt zu sehr den politischen Strömungen im Lande, als daß sie in bewegten Zeiten eine wirklich feste und sichere Stütze für die Regierung bieten könnte, Eure Majestät haben aber Ihre Garde, – diese immer mehr an die Person des Herrschers zu knüpfen, sie in starker – in sehr starker Zahl in und um Paris zu konzentrieren, das wird die Aufgabe sein, welche mit der Einführung des Konstitutionalismus mehr und mehr erfüllt werden muß, damit, wenn jemals die konstitutionelle Bewegung eine bedenkliche Ausdehnung gewinnt, wenn jemals in den politischen Kämpfen einer oder der anderen Partei es gelingen sollte, mit Erfolg die Massen aufzuregen und in das Spiel der Gegensätze hineinzuziehen, damit dann Eure Majestät jederzeit das Mittel in Händen haben, den unbändigen Gewalten mit überlegener Macht zuzurufen: ›Bis hieher und nicht weiter!‹«

Der Kaiser saß noch einige Augenblicke schweigend, nachdem Graf Bismarck geendet hatte.

Dann stand er auf und reichte dem ebenfalls sich erhebenden Minister die Hand.

»Ich danke Ihnen, lieber Graf,« sagte er mit der ihm so sehr zu Gebote stehenden liebenswürdigen Höflichkeit, »für die Klarheit, Sachkenntnis und Aufrichtigkeit, mit welcher Sie mir Ihre Ansichten entwickelt haben, Ansichten,« fügte er hinzu, »die auf mich einen großen Eindruck gemacht haben.«

Graf Bismarck verbeugte sich.

»Ich freue mich zugleich,« sagte der Kaiser ernster und ein wenig zögernd, »daß ich Gelegenheit gehabt habe, Ihnen meine Meinung über die politische Lage und die Verhältnisse Deutschlands auszusprechen, ich werde demnächst meine im allgemeinen Ihnen angedeuteten Gedanken spezieller formulieren und Benedetti wird weiter mit Ihnen darüber sprechen.«

»Ich werde alle Eröffnungen mit der größten Aufmerksamkeit prüfen und stets von dem eifrigen Wunsche geleitet sein, die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich immer besser und freundlicher zu gestalten,« erwiderte Graf Bismarck in ruhig höflichem Tone.

Der Kaiser blickte auf seine Uhr.

»Die Stunde der Revue rückt heran,« sagte Napoleon, »ich werde noch zu Seiner Majestät hinüberkommen, um ihn zu bitten, mit der Kaiserin hinauszufahren, während ich den Kaiser Alexander aus dem Elysée abhole. – Auf Wiedersehen, mein General,« fuhr er mit freundlichem Lächeln fort, und dem Grafen nochmals die Hand drückend geleitete er ihn einige Schritte zur Tür.

»Er hat recht,« sagte er, als der preußische Ministerpräsident sich entfernt hatte, »er hat recht und von neuem bewundere ich die Schärfe seiner Auffassung. – Aber,« fuhr er in dumpfem Tone fort, »er bleibt verschlossen und unzugänglich für alle meine Versuche, es ist mir unmöglich, auch nur einen Blick auf den Grund seiner Gedanken zu tun! Sollte er wirklich auf halbem Wege – an der Grenze dieses Prager Friedens stehen bleiben wollen, nur um mir den Preis für die Vollendung seines Werkes nicht zu geben? – Unmöglich!« rief er, »Unmöglich! – Oder sollte er glauben, auch die zweite Hälfte seiner Aufgabe erfüllen, Deutschland ganz einigen zu können, ohne Frankreich zufrieden zu stellen? – Nun,« er richtete sich mit einer augenblicklichen Energie empor, »nun – dann wird er sich einer anderen Situation als derjenigen von 1866 gegenüber befinden!«

Der Kaiser machte einige Schritte durch das Zimmer.

»Und doch – und doch,« sagte er dann mit leisem Tone, »bei ihm ist die Kraft, der Willen, der Entschluß – und lieber stände ich mit ihm allein verbunden in Europa da, als daß ich gezwungen wäre, ihn anzugreifen, auch wenn die Koalition mit jenen schwachen und unzuverlässigen Mächten gelingen sollte. – Es ist da eine kleine Intrige im Werk,« sagte er nach einigem Nachdenken, »man will diesen Minister verdrängen – die Kaiserin arbeitet mit emsigem Eifer daran, eine Persönlichkeit an seine Stelle zu setzen, die ihr ganz ergeben ist.«

Er lächelte mit eigentümlichem Ausdruck.

»Man hat mir die Fäden dieser ganzen kleinen intrigue des boudoirs vorgelegt, – Torheit, Torheit! Durch solche kleinen Spinnenfäden hüben und drüben zieht man einen Mann, wie diesen Grafen Bismarck, nicht von dem Postament seiner Stellung herunter, das von Eisen gefügt und mit Blut gekittet ist. – Außerdem, was wäre damit gewonnen, wenn eine schwache Hand an seiner Stelle das Ruder ergriffe? Die Bewegung würde in schrankenloser Hast fortrollen, das revolutionäre Element würde in dieselbe dominierend eintreten und unberechenbare Katastrophen würden vielleicht den Bestand der Ordnungen Europas erschüttern. Nein, nein,« rief er, »dieser Mann hat wenigstens die starke Hand, den festen und klaren Willen, welcher nötig ist, um die Geschicke eines Staates zu lenken, und mit ihm wird doch schließlich eine Verständigung möglich sein. – Wird jene Intrige auch an sich schon erfolglos bleiben,« fuhr er dann sinnend fort, »so ist es doch gut, wenn ich vielleicht ein wenig noch dazu beitrage, das kann das Verhältnis nur verbessern, meine guten Gesinnungen zeigen – und vielleicht meinem Spiel eine Karte mehr geben.«

Er blickte abermals auf seine Uhr.

»Es ist Zeit,« sagte er mit tiefem Seufzer.

Ein schmerzlicher Zug erschien auf seinem Gesicht.

»Welche Pein,« flüsterte er, »diese Revue, diese Stunden zu Pferde, um welchen Preis von Sorgen und Schmerzen wird der beneidete Glanz auf den Höhen der irdischen Herrlichkeit erkauft!«

Er bewegte die Glocke. Felix erschien an der Tür der inneren Gemächer.

»Ich muß mich ankleiden. Die große Uniform!« sagte der Kaiser und begab sich in sein Toilettenzimmer.

Graf Bismarck war, vom General Favé begleitet, die Treppe hinabgegangen und in seinen Wagen gestiegen, der ihn in schnellem Trabe davonfuhr.

»Der arme Mann tut mir in der Tat leid,« sagte der Graf, sich gedankenvoll in die Kissen zurücklehnend, »er hat soviel Sympathisches und ist im Grunde doch eine groß und gut angelegte Natur. Die gesellschaftliche Ordnung in Europa verdankt ihm viel, wenn er auch freilich wieder manche gefährliche Elemente heraufbeschworen hat, die nicht leicht wieder zu bannen sein werden. Wie schade, daß er sich nicht zu klarer Auffassung der Verhältnisse, zu großen, folgerechten Gedanken erheben kann! – Da wird nun wieder eine kleine Bettelei um diese oder jene Kompensation angehen, er möchte Belgien haben, um das Blut der Orleans von den Grenzen Frankreichs zu entfernen; nun, ich werde das alles anhören – und schweigen. Er möchte die Einigung Deutschlands antizipieren, um sie von seinem Willen abhängig zu machen und den Preis dafür bestimmen zu können, darin aber täuscht er sich, denn lieber will ich mein begonnenes Werk unvollendet der Zukunft überlassen, als daß Deutschlands Einigkeit erkauft werden sollte für einen an Frankreich bezahlten Preis! – Wie unsicher muß er sein, wenn er mich um Rat fragt, wie er Frankreich regieren soll! Den Konstitutionalismus will er einführen,« sagte der Graf lächelnd, »und doch ist das starke automatische Regiment die einzige Möglichkeit, diese ewig gärende französische Nation zu beherrschen und sie mächtig, stark und aktionsfähig zu machen. – Fast wollte es mir unrecht scheinen, ihm zu seinem konstitutionellen Experiment zu raten, aber konnte ich ihm einen Rat geben, dessen Befolgung Frankreich stark und offensiv mächtig macht, da ich doch klar vor mir sehe, daß das Ende von dem allen früher oder später ein Kampf, ein schwerer nationaler Kampf sein muß?«

Er blickte nachdenklich auf die menschenbelebten Kais, über welche er nach dem Faubourg Saint-Germain hinfuhr.

»Doch,« sprach er weiter, »ich habe mein Gewissen beruhigt, indem ich ihm zugleich das Korrektiv gezeigt habe, durch welches er allen Gefahren begegnen kann, die ihm und seiner Dynastie aus der konstitutionellen Regierung erwachsen können. – Befolgt er meinen Rat,« fuhr er lächelnd fort, »so werden die Kräfte Frankreichs sich im konstitutionellen Spiel und Gegenspiel binden, von Zeit zu Zeit, wenn ihm die höher flutende Bewegung an den Hals steigt, wird er durch einen kleinen oder größeren coup d'état sich wieder etwas Luft schaffen, er wird sich, wenn er dann richtig handelt, auf dem Thron erhalten, diese unruhigen Franzosen werden nicht in der Lage sein, ein Aktion nach außen zu beginnen, und werden wohl die Dinge in Deutschland ohne Einmischung gehen lassen müssen!«

Der Wagen fuhr in den Hof der preußischen Botschaft, Graf Bismarck stieg einen Augenblick in seine Wohnung hinauf, um dann sogleich sich zu der großen Revue zu begeben.

Eine Stunde später sah die in dem Hofe der Tuilerien versammelte Menge die kaiserlichen Equipagen vor dem Pavillon de l'Horloge vorfahren. Napoleon III. in der großen Generalsuniform, mit dem karmoisinroten Bande der Ehrenlegion, stieg ein und fuhr, gefolgt von den Offizieren des persönlichen Dienstes, durch den Ausgang nach den Kais zu, um den Kaiser Alexander aus dem Palais de l'Elysée abzuholen. Die Piqueurs ritten voran, der Stallmeister Raimbeau in großer Uniform galoppierte am Schlage. Die Hundertgarden in ihren wunderbar prächtigen, an die alte Rittertracht erinnernden Uniformen in Blau, Scharlach und Gold sprengten auf ihren herrlichen schwarzen Pferden vor und hinter dem Wagen des Kaisers, dessen müdes, bleiches Gesicht einen eigentümlichen Kontrast bildete zu der großartigen Pracht dieses Aufzuges.

Kaum hatte das kaiserliche Cortège den Hof der Tuilerien verlassen, als der leichte, elegant gebaute Wagen der Kaiserin unter das Wetterdach fuhr. Ihre Majestät erschien sogleich in duftig einfacher Toilette. Der Baron de Pierre begleitete sie mit der Gräfin de Lourmel und der Marquise von Latour-Maubourg, den Damen vom Dienst. Strahlender Sonnenschein lag auf der reinen Marmorstirn und den schönen Zügen der Kaiserin, stolz und anmutig trug sie den Kopf auf ihrem so ausdrucksvoll beweglichen Halse, sie warf einen leuchtenden Blick auf diese hinter dem Gitter sich drängende Menge, welche in bewundernde Zurufe beim Anblick der schönen Beherrscherin Frankreichs ausbrach, auf derselben Stelle, auf welcher einst die Massen der Revolution das Blut der eben so anmutigen und schönen Königin Marie Antoinette gefordert und die Köpfe ihrer ritterlichen Verteidiger auf den Spitzen ihrer Piken umhergeschwenkt hatten.

Rasch stieg die Kaiserin allein in den Wagen, die vier prachtvollen Pferde zogen an und hielten eine Sekunde darauf vor dem Eingang des Pavillon Marsan.

In demselben Augenblick erschien der König von Preußen in der großen Uniform, mit den wehenden Generalsfedern auf dem Helm, in der Türe, ihm folgte der Graf von Bismarck, mächtig und fest einhertretend in der weißen Uniform mit dem blitzenden Stahlhelm, und die ernste, hohe und schmächtige Gestalt des Generals von Moltke.

Bei dem Erscheinen des Königs erhob sich die Kaiserin und blieb im Wagen stehen, den Monarchen erwartend, der schnell herantrat, Ihrer Majestät artig mit ritterlicher Höflichkeit die Hand küßte und dann neben ihr Platz nahm.

Graf Bismarck und General von Moltke stiegen mit den Damen der Kaiserin in den zweiten Wagen, der Baron de Pierre schwang sich auf sein Pferd, um seinen Platz am Wagenschlage der Kaiserin einzunehmen, die hellblau und weißen Lanciers de l'Impératrice formierten sich vor und hinter dem Wagen und man sah diesen ganzen Zug, der so duftig, so hell und so heiter erschien im Vergleich mit dem Cortège des Kaisers, aus diesem Hofe hinausfahren, der schon so viel Herrlichkeit und Glanz und so viel Blut und Schrecken gesehen hatte.

Fröhlich lachend unterhielt sich der König mit der Kaiserin. »Quelle bonne mine,« hörte man, »Vive l'Impératrice!« – »Vive le Roi de Prusse!« ertönte es hier und da an den Gittern. Glücklich in froher Bewegung drängte die Menge den Wagen nach, welche über die Kais nach den Champs-Elysées in den hellen, lichten Sonnenschein hinausfuhren.

Mußte man nicht fröhlich sein, wenn man diesen kaiserlichen Glanz sah, diese herzliche Einigkeit mit dem gewaltigen, siegreichen Beherrscher Preußens, welche den Frieden, die Ruhe, den Wohlstand Frankreichs und Europas verbürgen mußte?

Wer bemerkte sie in dieser frohen Erregung, diese finsteren Gesichter, welche hie und da mit blutig düsteren Blicken auf das stolze Schloß und das schimmernde Cortège der Souveräne gerichtet waren, wer mochte sich in diesem Augenblicke daran erinnern, daß auf diesem selben Boden der Glanz des ersten Napoleon gestrahlt hatte und daß später von hier der arme, kleine König von Rom in nächtlicher Flucht seiner dunklen Zukunft entgegengeführt war, daß diese Erde das Blut der Bartholomäusnacht getrunken und daß die aus diesem Blut aufsteigenden Rachegeister an dieser Stelle schon viermal die Trümmer zusammenbrechender Throne aufgehäuft hatten?

Vierunddreißigstes Kapitel.

Trübe waren die Tage dahingezogen in der Wohnung der Madame Raimond in der Rue des Mouffetards, seit die junge Frau daraus verschwunden war, welche den kleinen Kreis mit lichtem und anmutigem Leben erfüllt hatte. Man fand sich wohl in den nächsten Tagen nach ihrer Entfernung abends noch in dem kleinen Stübchen der Hauswirtin zusammen, aber es war kalt dort und öde wie auf einer Herbstflur, nachdem die kleinen Blüten des Sommers vom ersten Frost getötet worden, man sprach kaum, und wenn man sprach, so sprach man von der, welche jetzt nicht da war und deren Rückkehr man von Tag zu Tag vergeblich erhoffte. Bald war dann die Unterhaltung wieder zu Ende, Madame Raimond nickte früher als gewöhnlich ein und George Lefranc blieb dann in tiefem Sinnen neben ihr sitzen, es schien, als könne er sich von der Stelle nicht trennen, auf der er früher seine Freundin zu sehen gewohnt gewesen, als klammere er sich mit seinen Erinnerungen und seinen Hoffnungen an dieses kleine Zimmer, welches ihm noch immer von dem duftigen Hauch ihrer Anwesenheit erfüllt schien und in welches er stets hoffte sie wieder eintreten zu sehen. Nur der alte Herr Martineau saß gleichmäßig und ruhig lächelnd in freundlicher Schweigsamkeit wie immer auf seinem Platze, und wenn er pünktlich zur gleichen Stunde aufstand, um sich in sein Zimmer zurückzuziehen, so sprach er in wohlgesetzten Worten den Wunsch aus, daß die liebenswürdige Madame Bernard bald wieder zurückkehren möge, worauf Madame Raimond mit einem müden Kopfnicken und George mit einem tiefen schmerzlichen Seufzer antwortete. Nach einigen Tagen aber erhielt Herr Martineau einen Brief von einem Advokaten aus Meaux, der ihn aufforderte, dorthin zu kommen, um über die Schritte zur Rettung einer bereits als verloren betrachteten Forderung zu beraten. Der alte Herr war unzufrieden über diese Reise, namentlich da ihm die Wahrscheinlichkeit eines längeren Aufenthalts angedeutet wurde, indes, er mußte sich entschließen abzureisen, bezahlte das Zimmer für den Monat und erklärte, daß, wenn er wiederkäme, er jedenfalls wieder in das Haus der Madame Raimond ziehe. Dann war er von George Lefranc zum Bahnhof geleitet worden, und die alte Frau und der junge Arbeiter waren wieder wie vordem ganz allein in dem dritten Stock des alten Hauses.

Der arme George litt furchtbar, und um so tiefer, als er seinen ganzen Kummer und seine ganze Sorge fest in sich verschloß und sich selber kaum einen klaren Blick in den unermeßlichen Abgrund von Schmerz erlaubte, der sich täglich tiefer und tiefer in seinem Innern öffnete.

Er wollte den Glauben behalten an diese Frau, der er sein Herz hingegeben, er wollte nicht zweifeln, und doch stieg diese Flut von banger Unruhe immer näher heran an seine Hoffnung und seinen Mut, die zweifelnden Gedanken ringelten sich immer fester und beengender um das warme Herz voll Glauben und Vertrauen. An jedem Morgen erhob er sich aus unruhigen Träumen voll neuer Zuversicht, er wartete, er wartete von einer Stunde zur anderen auf ihre Rückkehr, auf eine Nachricht, auf irgend ein Zeichen, das sie ihm geben würde; sie mußte ja fühlen, wie sehr er litt in der Pein der Ungewißheit, aber es verging eine Stunde nach der anderen und nichts umgab ihn als das gleichmäßige Treiben der Welt, deren buntbewegtes Leben doch für ihn nur das weite, schweigende Grab war, in welchem er sich allein und einsam befand mit seiner Sehnsucht und seinen ringenden Gedanken. Und wenn dann der Abend hinabsank, wenn sie vor ihm lagen, alle diese stündlich gebrochenen, immer neu emporkeimenden Hoffnungsblüten seines Herzens, dann sank er matt bis in den Tod zusammen, schwarze, finstere Geister umschwebten ihn und gossen eiskalten Schmerz in die Fieberschauer seiner Nerven, und in den Tiefen seiner Seele lebte nur noch der Wunsch, daß mit dem unruhigen Schlummer, in den die Ermattung ihn versinken ließ, sein Denken und Fühlen der ewigen Vernichtung verfallen möge, welche doch wenigstens das Ende aller Leiden sein müßte. Es ist eine entsetzliche Sache, das Warten, das Hoffen, das stündlich erneute aufreibende Kämpfen mit den Zweifeln, mit den Schattengestalten der verhüllten Zukunft. Wenn der schwerste Schlag des Unglücks zerschmetternd auf uns niederfährt, klar und bestimmt, scharf einschneidend in das warme Glück des Lebens, so erhebt sich die mutige Seele eben an der Größe des Unglücks wieder, der Stolz gießt seine Kraft heilend in die Wunden und der Schmerz verklärt sich durch die Erinnerung, wie die schwarze Wolke, die des sinkenden Sonnenlichts verglühender Strahl mit rosigem Schimmer malt. Aber das Warten, das Ringen mit den Zweifeln, welche immer von neuem sich erheben, unfaßbar wie Nebelgebilde und doch riesenhaft und schwer wie die Berge, dies Warten, das zerstört das Mark, den Willen und den Stolz, und in dieses graue, ewig schwankende Dämmern dringt kein verklärender Lichtstrahl, das ist das Leiden, mit welchem die Eifersucht der Olympier den Prometheus strafte, dem, ohnmächtig zwischen Himmel und Erde gefesselt, der unerbittliche Adler die täglich heilende Wunde immer wieder von neuem aufriß.

Am Morgen der großen Revue in Longchamps war der arme George Lefranc, der jetzt oft seine Arbeit versäumte und nur mit gewaltsamer Anstrengung so viel arbeitete, um seine notwendigen Bedürfnisse zu bestreiten, er war hinausgegangen in das dichte Menschengewühl, das sich aus den inneren Stadtteilen nach den Champs-Elysées und dem Bois de Boulogne bewegte, um das glänzende militärische Schauspiel zu sehen, das der Kaiser seinen fürstlichen Gästen vorführen wollte.

In tiefe Gedanken versunken, schritt der junge Arbeiter in dem dichten Strom der laut sprechenden und lachenden Menschen dahin, seine Wangen waren bleich und eingefallen, seine Züge nervös gespannt, glanzlos und düster blickten seine Augen zu Boden, nur von Zeit zu Zeit tauchte sich sein Blick mit fieberhaft-brennendem, ängstlich forschendem Ausdruck in diese Menge von fremden Gesichtern, die ihn umgab, wie unwillkürlich suchend, ob er nicht jene bekannten Züge erblicken würde – jenes Lächeln, jenen berauschenden Blick, dies ganze Bild, das immer und immer vor seinem inneren Auge dastand, stets in neuer Reinheit sich aus den Wolken der Zweifel emporhebend.

So war er hinausgekommen bis zu jener Öffnung des Bois de Boulogne nach der großen Ebene von Longchamps hin, wo über künstliche Felsen die rauschenden Kaskaden hinabfallen, die Luft mit dem sprühenden Wasserstaub erfrischend. Hier hatte jede Bewegung in der gedrängten Masse aufgehört, wie eine lebendige Mauer umgaben diese unzählbaren Tausende von Menschen die weite freie Ebene, auf der man die farbenschimmernden Uniformen und die blitzenden Waffen der Truppenaufstellung im Sonnenlicht funkeln sah. Die Äste der Bäume waren dicht besetzt mit waghalsigen Zuschauern, die von diesen erhöhten, luftigen Sitzen das Schauspiel besser zu erblicken hofften, oft aber durch einen brechenden Ast gezwungen wurden, ihren mühsam erklimmten Platz aufzugeben und den schadenfrohen Hohn der Untenstehenden zu ertragen.

George Lefranc war bis in die Nähe der Kaskaden durchgedrungen und lehnte sich an einen großen Baum, der fast hart an dem Wege stand, der vom Tore von Boulogne herführte und durch Spaliere von Truppen freigehalten wurde.

Aller Augen richteten sich auf diesen Weg, denn von dorther sollte das ganze kaiserliche Cortège herkommen. Bis zum Boulogner Tor war der Kaiser mit dem Kaiser Alexander und die Kaiserin mit dem König Wilhelm gefahren, dort sollten die Souveräne zu Pferde steigen, um sogleich die Musterung der Truppen zu beginnen.

Bereits war die Kronprinzessin von Preußen, welche schon einige Zeit mit ihrem Gemahl in halbem Inkognito in Paris anwesend gewesen, herangefahren in Begleitung ihrer Schwester, der Prinzessin Alice von Hessen. Beide Fürstinnen in einfach weißer Toilette hatten auf der kaiserlichen Tribüne Platz genommen und bildeten den Zielpunkt aller der neugierigen bewaffneten und unbewaffneten Augen, welche sich auf diesen Mittelpunkt richteten, der heute die drei größten Monarchen Europas vereinigen und den Brennpunkt alles politischen Interesses bilden sollte.

In großer Gala, die Livreen und Geschirre von Gold und Silber starrend, waren die Großwürdenträger, die Diplomaten und alle zu den Tribünen Eingeladenen herangefahren und hatten ihre Plätze eingenommen, die ganze Straße war frei und die Ausrufe der Spannung und Erwartung wogten in dem allgemeinen Brausen auf und nieder, das aus diesem unübersehbaren Meer von menschlichen Köpfen emporstieg.

Da ertönte es plötzlich von allen Seiten wie der gewaltige Atemzug eines lauschenden Riesen, und eine zitternd schwankende Bewegung pflanzte sich durch die Menge fort. An der Biegung des Weges von Boulogne sah man die Fähnlein an den Lanzenspitzen der Lanciérs de l'Impératrice und im raschen Trabe sprengten die so zierlichen und so eleganten blauweißen Lanzenreiter heran. Ihnen folgte die offene Kalesche Ihrer Majestät und lächelnd wie der sonnige Tag fuhr die schöne Beherrscherin Frankreichs durch die dichten Menschenreihen an der großen Ebene vorbei um die Tribünen herum, um am Eingange des kaiserlichen Pavillons auszusteigen. Es war nicht nur der offiziell hier und dort ertönende Ruf, welcher die Kaiserin empfing, diese ganze Menge, welche begeistert war durch den Glanz von Paris, durch die laue Luft und den schönen Sommertag, begrüßte mit freudigem, lebhaftem Ruf den prachtvollen und anmutigen Aufzug dieser graziös und lächelnd nach allen Seiten sich verneigenden Frau.

Kaum waren die Equipagen der Kaiserin und der ihr folgenden Damen hinter den Tribünen verschwunden, als man die blitzenden Helme der Hundertgarden an der Ecke des Weges aus dem Blättergrün hervorkommen sah. Langsam bewegten sich in geschlossener Reihe diese prachtvollen Riesengestalten auf ihren fleckenlosen schwarzen Pferden vorwärts, – die Sonne spiegelte sich in ihren Panzern und glühte auf dem Scharlach und Gold ihrer Uniformen.

Etwa zwanzig Schritte hinter der ersten Abteilung dieser prächtigen Kaisergarde ritten die Souveräne heran. In der Mitte die schlanke, hohe Gestalt Alexander II. in der stolzen Haltung, an den gewaltigen Nikolaus erinnernd – aber auf seinem schönen Gesicht ruhte ein weich melancholischer Ernst, der den strengen und ehernen Zügen jenes mächtig und unbeugsam herrschenden Autokraten fremd war. Ruhig und sinnend blickte das tiefe Auge des russischen Kaisers über diese wogende Menge, deren Rufe »Vive I'Empereur!« heute ebenso sehr dem nordischen Gaste als dem Kaiser Napoleon galt.

Zur Rechten des Kaisers Alexander ritt der König Wilhelm von Preußen in seiner soldatisch ritterlichen Haltung auf dem feurigen Pferde. – Sein Gesicht mit dem vollen, weißen Bart erschien heiter und sein klares Auge blickte schon von weit herüber nach den Truppenlinien auf der Ebene, welche ihm ein Bild von der militärischen Macht Frankreichs geben sollten.

Auf der andern Seite sah man den Kaiser Napoleon. Sein schönes, schlankes, hoch elegantes Pferd schritt mit ruhiger, leichter Sicherheit einher, und obwohl der Kaiser ein wenig gebückt im Sattel saß und nicht mehr seine einst berühmte Eleganz als Reiter zeigte, so war doch seine Haltung zu Pferde immer noch jugendlicher und kräftiger, als sie im Gehen oder Stehen erschien. Seine Züge waren müde und abgespannt, trübe und glanzlos blickten seine Augen über den Kopf seines Pferdes hin und nur zuweilen ließ er wie träumend seinen Blick über diese Menschenmenge hingleiten.

Hinter den Souveränen sah man die kräftige, schöne Gestalt des Kronprinzen von Preußen, welcher mit heiterem und lächelndem Ausdruck sich mit dem jugendlichen Cesarewitsch unterhielt, die übrigen fürstlichen Personen folgten in der Nähe des Königs und des Kronprinzen, besonders erregte der Graf von Bismarck in seiner weißen Uniform die Aufmerksamkeit aller Derer, die ihn erkannten, oder denen er gezeigt wurde, niemand aber achtete auf jenen ernsten, stillblickenden Mann in der preußischen Generalsuniform, der neben dem Ministerpräsidenten ritt und den ruhigen Blick hingleiten ließ über die in der Ebene blitzenden und funkelnden Waffen, nach dem Mont Valerien hinauf, der finster und schweigend seinen Festungsbau in den blauen Himmel hineinstreckte.

Wohl hatte man in Frankreich bei der Geschichte des Feldzugs von 1866 und bei der Erwähnung der so peinlich empfundenen Schlacht von Sadowa auch den Namen des Generals von Moltke nennen gehört, aber man hatte zum großen Teil in dem Publikum, das so wenig sich um die Details der Ereignisse kümmert, die sich außerhalb der Grenzen Frankreichs vollziehen, diesen Namen wieder vergessen, und fast unbeachtet blieb der bescheidene Mann in dem Gefolge des Königs. Wie hätten alle diese Tausende erbeben mögen, und mit welcher Spannung hätten sich alle diese Blicke auf den schweigenden Heereslenker gerichtet, wenn eine Geisterhand den Schleier der Zukunft hätte lüften können und das Bild dieses Mannes erscheinen lassen, wie er mit unwiderstehlichem Siegesschritt die deutschen Heere bis vor Paris führen und die Hand von jenem drohenden Mont Valerien herab zwingend über die gährende Hauptstadt strecken würde.

Doch die Zukunft war verhüllt und alle Blicke richteten sich, nachdem die Monarchen vorüber waren, nun auf diese zahllose strahlende Suite, welche sich wie ein Pfauenschweif glänzend ausbreitete und noch lange an den Reihen der Neugierigen dahin zog.

Bei der Annäherung der Monarchen ging eine rasselnde und klirrende Bewegung durch die sechzigtausend Mann, welche dort auf der weiten Ebene unter den Waffen standen. Der greise Marschall Regnault de Saint Jean d'Angely, der die Garben kommandierte, und der Marschall Canrobert, der die in Parade stehenden Linientruppen befehligte, ritten mit ihrem zahlreichen und glänzenden Stabe den Souveränen entgegen.

Als dieselben, und zwar der Kaiser Napoleon links, den Truppen zunächst reitend, an dem Ende der Aufstellung erschienen, da machte diese ganz unabsehbare Linie die Honneurs, die Trommeln wirbelten, die Trompeten schmetterten in einer im Augenblick alles übertäubenden Fanfare, und zum erstenmal in diesem Moment färbte sich das blasse Gesicht Napoleons mit einer leicht hinfliegenden Röte und ein stolzer Strahl leuchtete aus dem entschleierten Blick, den er über die glänzenden Kriegerreihen schweifen ließ, diese Elite seiner Armee, die Träger der Ruhmestraditionen aus der großen Zeit seines großen Oheims.

Dann begannen die Musikkorps der ersten Regimenter die ernsten, feierlich ergreifenden Töne der russischen Nationalhymne zu intonieren. Mit verbindlicher Neigung des Hauptes dankte der Kaiser Alexander für diese Aufmerksamkeit und langsam ritten die drei Monarchen mit ihrem Gefolge die Front hinunter.

Während dieses Umzuges, den die Menge der Neugierigen nur aus der Ferne sehen konnte, begann ein Summen und Brausen, der Stimme des bewegten Meeres gleich, aufzusteigen, alle Welt plauderte, man teilte einander seine Bemerkungen mit, man lachte, man scherzte, und alle Welt war froh, glücklich und stolz, daß das kaiserliche Frankreich solchen Glanz entwickeln könne, und daß die fremden Herrscher da waren, diesen Glanz zu bewundern und den Eindruck desselben in ihre fernen Reiche zurück zu tragen.

Auch der fenische General Cluseret und der junge Raoul Rigault waren da, sie standen in der Nähe des Baumes, an welchen George Lefranc sich gelehnt hatte. Mit Blicken voll düsteren Feuers und fest zusammengepreßten Lippen hatte Cluseret den Vorbeiritt der Monarchen angesehen, während Raoul Rigault lächelnd mit dem Ausdruck einer gewissen blasierten Überlegenheit auf diese Entfaltung fürstlicher Pracht hinblickte, das viereckige Glas in das Auge geklemmt und mit dem Stöckchen an seinen Stiefel klopfend.

»Da ziehen sie hin,« sagte Cluseret mit gepreßter, dumpfer Stimme, »diese Tyrannen dreier großer Völker, und um sie her vereinigen sich die verblendeten Verteidiger ihrer unnatürlichen Macht, bewaffnet und gerüstet, um für das Joch der eigenen Sklaverei ihr Blut zu vergießen, und alle diese blöde, törichte Menge jubelt ihnen zu – glauben Sie noch, mein Freund,« fragte er mit bitterem Lachen, »daß dies ganze so künstlich und fest gefügte Gebäude von Macht und Herrschaft ohne eine gewaltsame, wohl geleitete, militärisch organisierte Revolution zertrümmert werden könne?«

»Bah,« sagte Raoul Rigault wegwerfend, »Sie haben sich in Amerika entwöhnt, mein General, diesen Flitter zu sehen; wenn man daran gewöhnt ist, blendet das nicht mehr; würden Sie plötzlich und unerwartet diese Monarchie angreifen, so würden gewohnheitsmäßig alle diese Soldaten wie die Löwen für ihren kaiserlichen Fetisch fechten und diese ganze törichte Menge würde sich noch mit in die Armee einreihen lassen, um nur diesen schönen Thron zu erhalten, der so hübsch in der Sonne glitzert und von dem so niedliche Bändchen und Kreuzchen herabfallen, der Angriff würde nur dazu beitragen, das Gebäude zu befestigen. – Das alles aber fällt und bröckelt auseinander, wenn man sich nur die Zeit nimmt, es ruhig von unten auf zu unterwühlen. Immer chemisch muß man verfahren,« sagte er mit zynischem Lächeln, »Schwefelsäure und Scheidewasser in die Fugen des Baues gießen, und wenn er dann morsch und zerfressen genug ist, eine starke Erschütterung und das alles wird in Staub zerfallen.«

Er sah umher und ließ seinen Blick einen Moment auf einem jungen, bleichen Menschen mit blondem Haar von gedrungener Gestalt ruhen, der aus der Menge hervorgetreten war und mit seinen fieberhaft glühenden Augen nach der Ebene herabsah, während ein kaltes, unheimliches Lächeln um seinen dünnen, festgeschlossenen Lippen spielte.

Raoul Rigault wendete sich zu Cluseret.

»Lassen Sie uns ein wenig dort hinübergehen,« sagte er, »wir werden dort besser sehen, und hier möchte später ein großes Gedränge entstehen.«

Und indem er seinen Arm in den des Fenierführers legte, führte er ihn weiter hinab nach der Ebene zu.

Die Monarchen hatten ihren Umritt beendet und näherten sich wieder der kaiserlichen Tribüne – Kaiser Alexander sprengte in kurzem Galopp voran bis unter die Brüstung der Tribüne und grüßte in militärischer Weise, König Wilhelm folgte ihm sogleich, während der Kaiser Napoleon, eine Pferdelänge zurückbleibend, etwas zur Seite hielt.

Die Kaiserin erhob sich – ihre Augen strahlten voll Glück und Stolz über diese weite Ebene, über diese glänzenden Truppen und über die unzählbare Menschenmenge hin und senkten sich dann herab auf diese mächtigen Monarchen aus der alten Familie der Könige Europas, die in ritterlicher Courtoisie ihr ihre Huldigung darbrachten. Mit reizendem Lächeln neigte sie den schlanken Hals in anmutiger Bewegung gegen den Kaiser und den König und wendete sich dann mit einer kurzen Bemerkung an die Kronprinzessin von Preußen, welche in natürlich herzlicher Weise ihrem hinter seinem königlichen Vater herangerittenen Gemahl zunickte.

Der Kaiser Napoleon sprengte an den Kaiser Alexander heran. Dieser und der König wendeten sich mit nochmaligem Gruß gegen die Kaiserin der Truppenaufstellung zu, die Suite gruppierte sich um die Monarchen rechts und links von der Tribüne und der Vorbeimarsch begann.

Prachtvoll war der Anblick dieser vor den Souveränen vorbeimarschierenden Elite-Truppen, die hellen, fröhlichen Märsche der Regimentsmusik, die wiehernden Pferde, die rasselnden Kanonen, das alles steigerte die Stimmung der Zuschauer zu immer höherer Begeisterung und jedes Regiment wurde mit jubelndem Zuruf begrüßt, besonders aber, wenn die vor ihm her flatternden, zerschossenen und zerfetzten Fahnen zeigten, daß es oft auf den Schlachtfeldern dem Feinde gegenübergestanden hatte.

Mit strahlenden Blicken sah die Kaiserin herab auf die vorüberziehenden Truppen, welche beim Heranmarschieren den Kaiser mit lauten Rufen und dem Schwenken der Waffen begrüßten; mit abgespannter Gleichgültigkeit saß Napoleon auf seinem Pferde, gedankenvoll sinnend blickte Kaiser Alexander auf die vorüberziehenden Regimenter, während der König Wilhelm mit scharfer Aufmerksamkeit jede Bewegung verfolgte. Oft zuckte es seltsam um den Mund des so fest und soldatisch im Sattel aufgerichteten Herrn, wenn ein Bataillon im Augenblick des Vorbeimarsches fast eine elliptisch gekrümmte Linie bildete – aber mit immer gleicher Aufmerksamkeit blickte er der nächst heranrückenden Abteilung entgegen, die Fahnen mit der Hand am Helme grüßend.

Als der Parademarsch beendet war, zogen sich sämtliche Kavallerieregimenter auf die dem kaiserlichen Pavillon gegenüberliegende Seite der von der Infanterie und Artillerie vollständig geräumten Wiese zurück und bildeten eine einzige, lange Linie. In gestreckter Karriere sprengte diese ganze, ungeheure Front von Reitern auf ihren schnaubenden, durch den Vorbeimarsch erhitzten und aufgeregten Pferden über die Ebene hin, dem kaiserlichen Pavillon entgegen. Die Erde erbebte unter dem furchtbaren Choc, das Rasseln der Waffen, der dröhnende Hufschlag der Pferde wurde aber übertäubt von dem vieltausendstimmigen Jubelruf der Menge, welche diese überraschende und im funkelnden Sonnenlicht wunderbar schöne Evolution begrüßte. Wenige Schritte von den Monarchen hielt urplötzlich diese ganze in rasendem Ritt vorsprengende Linie an – die Pferde bogen sich zusammen unter dem gewaltigen Parieren – aber die Linie stand, salutierend vor dem Kaiser und seinen Gästen.

Man sah nun die Souveräne absteigen und zu der kaiserlichen Tribüne herantreten, die beiden Herrscher von Rußland und Preußen küßten der Kaiserin die Hand, der Kaiser begrüßte die Kronprinzessin und die anderen fürstlichen Damen, einige Erfrischungen wurden serviert, die Equipagen näherten sich, des Winkes zum Vorfahren gewärtig.

Die Menge begann hin und her zu fluten, teils fing man an nach Paris zurückzukehren, teils drängte man an die Tribünen heran, um die Abfahrt der Herrschaften zu sehen, nur mit der größten Mühe gelang es, den Weg an den Kaskaden vorbei für den Hof und seine Gäste freizuhalten.

Nach kurzer Zeit rangierten sich die Hundertgarben, der Wagen des Kaisers fuhr vor die Tribüne.

Napoleon verabschiedete sich von König Wilhelm und den fürstlichen Damen und stieg mit dem Kaiser Alexander ein, während der König mit der Kaiserin plaudernd auf der Tribüne stehen blieb, bis die Abfahrt des Cortège die Annäherung der Equipage der Kaiserin erlaubte.

Die Hundertgarden sprengten voran und in raschestem Trabe fuhren die beiden Kaiser an den Tribünen vorbei um die Ebene herum und näherten sich den Kaskaden. Hier war die Menge dichter zusammengedrängt, der Weg stieg etwas aufwärts und der kaiserliche Wagen fuhr einen Augenblick im Schritt.

Da trat plötzlich jener bleiche, junge Mann, welcher vorher den Blick von Raoul Rigault auf sich gezogen hatte, einen Schritt aus der Menge hervor und fast dicht an den kaiserlichen Wagen heran, rasch erhob er den Arm und man hörte die leichte Detonation eines Pistolenschusses. Die Nachstehenden blieben in starrem Entsetzen wie gebannt stehen, im Augenblick standen die Hundertgarden, welche etwa zwanzig Schritt voran waren, still, um im nächsten Moment nach dem Orte der Detonation zurückzuspringen, ein flammender Blitz leuchtete im Auge Napoleons auf, ein Ausdruck von stolzer, mutiger Willenskraft erschien auf seinem Gesicht, schnell erhob er sich im Wagen, als wolle er mit seiner Person den Kaiser von Rußland decken, und stand so diesem bleichen, zitternden, jungen Menschen gegenüber, der den Arm mit der Pistole noch immer erhoben hatte.

Dies alles war das Werk einer Sekunde.

Eine zweite Detonation erfolgte.

Aber bevor dies geschah, hatte sich der Stallmeister Raimbeaux mit einem gewaltigen Satz seines Pferdes zwischen den Unbekannten und den Wagen geworfen, kaum war der Schuß gefallen, so sah man das Pferd sich zuckend aufbäumen und ein Blutstrahl schoß aus seinem Kopfe hervor, den Wagen des Kaisers mit einem roten Tau überspritzend.

Nach der ersten Erstarrung war Leben in die Menge gekommen. Die Umstehenden hatten sich auf den Unbekannten gestürzt und ihm das Pistol aus der Hand gerissen, man hörte Ausrufe der Verwünschung – der junge Mensch stand mit kaltem Lächeln da unter den Händen der empörten Pariser, geballte Fäuste erhoben sich drohend gegen ihn, er machte keine Bewegung der Abwehr oder Flucht – ein Bild kalter, trotziger Resignation.

Die Hundertgarden waren herangesprengt – man übergab ihnen den Verbrecher, den sie schnell in ihren Kreis einschlossen.

Kaiser Alexander hatte ruhig in tiefem Ernst mit seinen großen, gedankenvollen Augen auf die ganze Szene geblickt.

»Ich wünsche Eurer Majestät Glück,« sagte er mit einem weichen, fast melancholischen Lächeln, »es hat glücklicherweise Nichts zu bedeuten!«

»Mein Gott,« rief Napoleon, »welch ein bedauernswerter Vorfall!« – und er winkte den Stallmeister Raimbeaux heran, der sein verwundetes Pferd mit dem eines Hundertgarden vertauscht hatte und sich von dem den Verbrecher umgebenden Kreise her wieder dem Wagen näherte.

»Weiß man, wer es ist?« fragte der Kaiser. »Er nennt sich Berezowski, Sire,« sagte der Stallmeister, »und ist ein Pole!«

Noch tieferer Ernst legte sich über das schöne Gesicht des Kaisers Alexander, schmerzvoll zuckten seine Lippen und mit unaussprechlich traurigem Ausdruck richtete sich sein Blick einen Moment zum Himmel empor.

»Also galt es mir« – sagte er dann mit sanfter Stimme, »ich bedaure tief, das Leben Eurer Majestät in Gefahr gebracht zu haben.«

Napoleon hatte sich wieder niedergesetzt und sprach mit verbindlichem Lächeln: »Wir sind miteinander im Feuer gewesen, Sire, wir sind also Alliierte.«

Kaiser Alexander neigte schweigend das Haupt. »Sie sind nicht verwundet, mein Herr?« sagte er dann, sich zu dem Stallmeister Raimbeaux wendend, »Sie haben sich so kühn den Kugeln entgegengeworfen, vielleicht danke ich Ihnen mein Leben, jedenfalls werde ich niemals diesen Beweis von Mut und Entschlossenheit vergessen!« Napoleon hatte einen Blick rückwärts geworfen, man sah die Lanzenfähnlein der Lanciers de l'Impératrice sich vor dem kaiserlichen Pavillon in Bewegung setzen.

»Vorwärts, vorwärts!« rief der Kaiser, »bevor die Kaiserin und der König hierher kommen.«

Der Verbrecher war inzwischen in einen von seinen Insassen hergegebenen Fiaker gesetzt und von Hundertgarden umgeben auf einem Seitenwege durch das Gehölz fortgeführt, auf den Ruf des Kaisers sprengte die Eskorte vor, die Piqueurs setzten sich in Bewegung »– »Vive l'Empereur!« – »vive l'Empereur Alexandre!« rief die Menge. Die Kaiser grüßten rechts und links, und rasch verschwand das glänzende Cortège im Grün der Bäume.

Die Menge verteilte sich und zog noch weiter nach Paris hin, und als wenige Minuten später die Kaiserin in heiterem Gespräch mit dem Könige von Preußen an dieser Stelle vorüberfuhr, da ließ nichts ahnen, daß so kurz vorher hier ein Ereignis stattgefunden hatte, das bei anderem Ausgange die Lage von Europa verändert hätte.

George Lefranc hatte fast unmittelbar neben dem kaiserlichen Wagen, immer an seinen Baum gelehnt, ruhig dagestanden.

Er sah mit seinem äußeren Auge alle diese Menschen, diesen Glanz der Equipagen und Uniformen, aber das alles drang nicht in seine Seele, sein innerer Blick folgte wie einer zauberischen Vision immer nur einem Bilde, einem Bilde voll Licht, voll Wärme und voll Hoffnung, das sich unablässig vor ihm erhob im Grün der Bäume und im Blau des Himmels, das er immer von neuem wieder forschend suchte, unter all den wogenden und treibenden Menschen, die ihn umdrängten – obwohl er ja gewiß wußte, daß er es nicht finden könne.

Als fast ganz in seiner Nähe der Schuß aus dem Pistol Berezowski ertönte, war er unwillkürlich erschrocken zusammengefahren, aber er hatte sich nicht bewegt, er war nicht wie die anderen herangesprungen, um den jungen Menschen zu erfassen; ruhig blieb er auf seinem Platze stehen, fast ohne sichtbare Erregung die so außergewöhnliche und aufregende Szene betrachtend, welche sich vor seinen Blicken entwickelte. Nur ein halb trauriges, halb bitteres Lächeln spielte um seine Lippen, als die Souveräne weiterfuhren, und mit demselben Lächeln blickte er dem gleich darauf schnell vorbeieilenden Cortège der Kaiserin nach.

»Welch eine Bewegung wäre durch die Welt gegangen,« sprach er leise vor sich hin, »wenn dieser Schuß sein Ziel nicht verfehlt hätte; durch alle Völker wäre der Widerhall dieses Ereignisses gezogen – die Weltgeschichte wäre einen Augenblick auf ihrem Wege stillgestanden, und doch – hätte in all der Unruhe, in all der Bewegung ein Menschenherz in seinem eigensten, inneren Leben wahrhafte, tiefe Erschütterung empfunden, einen Schmerz empfunden, wie ich ihn empfinde bei dem Gedanken an das verlorene Glück? Verloren?« unterbrach er sich, wie einer Anstrengung seines Willens folgend, »warum verloren? – Sie hat mir gesagt, daß sie wiederkommen würde, und was sie mir gesagt, muß wahr sein, denn ich glaube an sie, sie ist rein und treu und wahr wie kein anderes Herz auf Erden, hat sie mir doch gesprochen, wie ich es noch nie gehört, von einem lebendigen, liebevollen Gott, und ihre Worte sind in mein Herz gefallen tief – so tief, kann das alles Lüge sein?«

Sein Auge richtete sich über das Grün der Wipfel zum Himmel empor, das düstere Feuer seines Blickes milderte sich unter einem weichen Hauch, der mit feuchtem Schimmer an seinen Wimpern hing, und leise und innig sprach er: »Ich will an sie glauben – was bliebe meinem Leben ohne diesen Glauben?«

Die Vorübergehenden begannen erstaunte Blicke auf diesen Mann zu werfen, der da an den Baum gelehnt noch immer im leisen Selbstgespräch fast unbeweglich dastand, während hier nichts mehr zu sehen war und alle Welt bereits der Stadt zueilte.

George Lefranc bemerkte diese Blicke und wendete sich langsam der Richtung nach Paris zu, dem Zuge der Menschenmenge folgend, welche auf den Seitenwegen sich bewegte, während die von Longchamps zurückkehrenden Equipagen in zwei Reihen die Mitte der Straße einnahmen.

Kaum hatte er einige Schritte gemacht, als eine in einiger Entfernung vorwärts entstehende Stockung die Wagen zwang, einen Augenblick zu halten – in die düstern Gedanken und die wallenden Gefühle des jungen Mannes hinein tönte heiteres Gelächter und laute Unterhaltung, und dazwischen eine Stimme, eine Stimme, deren Klang er aus Tausenden heraus erkannt hätte, eine Stimme, welche die innerste Saite seines Herzens in zitternde Schwingung versetzte.

Rasch wendete er sich um; auf dem Fahrwege kaum fünf Schritte vor ihm hielt eine zierliche, offene Equipage mit Livreen von äußerster Eleganz; die mit prachtvollen Buketts geschmückten Pferde zitterten vor Ungeduld über die Zögerung unter der festen Hand des Kutschers. Neben dem Wagen hielten zwei Herren zu Pferde, plaudernd und scherzend mit der von Anmut und frischer Eleganz strahlenden Dame, welche, leicht in die seidenen Kissen zurückgelehnt, das schöne Gesicht von dem matten Rosenrot des durch den Sonnenschirm fallenden Lichts überhaucht, zu den beiden Kavalieren halb hochmütig und halb mutwillig hinüberblickte.

Und diese glänzende Schönheit – die Herrin dieser Equipage und dieser Pferde – war Louise Bernard, die arme Arbeiterin aus der Rue Mouffetard – war die einfache, sanfte Freundin des jungen Mannes, welche so freundlich belebend in sein Leben hineingetreten war, welche so viel blühendes Frühlingstreiben in seinem Herzen erweckt hatte, welche verschwunden war, indem sie ihm versprochen hatte, wiederzukehren und seinen Lebensweg mit ihm zu gehen, es war das reine Ideal, dessen Bild ihn umschwebt hatte überall, das er gesucht mit seines Herzens bangender Sehnsucht, an das er geglaubt im felsenfesten Vertrauen seiner Liebe.

Es war nicht ein Schrei, der aus der Brust des armen George hervordrang bei diesem Anblick, es war ein dumpfer, röchelnder Ton wie der leise Todesschrei des nach langer Hetzjagd verendend zusammenbrechenden Wildes. Seine Augen öffneten sich weit und stierten geisterhaft nach dem Bilde hinüber, das da wie eine entsetzliche Vision vor ihm stand, ein kalter Schweiß peilte an der Wurzel seiner Haare, seine Hände öffneten sich, als suchten sie eine Stütze in dem schwindelnden Wirbel, der seine Seele fortriß.

Die Dame im Wagen sah ihn nicht, den armen, zitternden Menschen auf dem Seitenweg unter den Fußgängern, die Stockung der Kommunikation war beseitigt – schneller rückten die Equipagen vor, die schönen Pferde setzten sich tänzelnd in Bewegung und in raschem Trabe verschwand die prachtvolle Equipage der Frau Marchesa Pallanzoni, welche die beiden Herren auf ihren turbettierenden Pferden am Schlage begleiteten.

Es wäre unmöglich zu beschreiben, wie George Lefranc nach Paris zurückkam, wie er in sein einsames, stilles Zimmer in der Rue Mouffetard gelangte, aber eine Stunde später saß er dort vor seinem Tisch, den Kopf in die Arme gestützt und mit den brennenden Augen, durch deren Weiß das feine Geäder blutig unterlaufen hervorschimmerte, immerfort auf den Brief der jungen Frau blickend, den er vor sich hingelegt hatte.

Von Zeit zu Zeit stand er auf – ging mit mechanisch gleichmäßigen Schritten durch das Zimmer, ohne ein Wort, ohne einen anderen Laut als ein schweres, aus den Tiefen der Brust herausdringendes Stöhnen, das grauenvoll in dem kleinen, stillen Raum wiederklang.

Stundenlang hatte er so einsam in seinem Zimmer eingeschlossen zugebracht – die Sonne war herabgesunken und die Dunkelheit begann sich über Paris zu legen, während der Mond mit seinem weichen Licht die Kuppeln der Türme und die Dächer der Riesenstadt zu versilbern begann, ruhig und klar vom Himmel auf diese zusammengedrängte Welt von geschäftigen, ringenden, glücklichen und elenden Menschen herabblickend, wie er einst vor langen Jahrhunderten an dieser selben Stelle auf die dunklen, schweigenden Wälder des alten Galliens herabgeblickt hatte.

George ließ sein müdes Haupt tiefer herabsinken, sein brennendes Auge umflorte sich und ein heißer Tränentropfen sank auf das Papier nieder.

Diese Wohltat der Natur, dieses göttliche Geschenk der ewigen Liebe, die heilige Träne schien den entsetzlichen Bann zu lösen, der ihn gefangen hielt, ein langer Atemzug rang sich aus seiner Brust hervor, und dann blickte er empor in tiefem Schmerz, aber ohne jene furchtbare Starrheit, welche bis jetzt seine Augen erfüllt hatte.

»So ist es denn aus, aus das Glück, vorbei die Hoffnung, alles, alles zu Ende – wie mit dem Tode, aber schlimmer und schmerzlicher als im Tode – denn der Tod läßt die Erinnerung zurück und tötet die Liebe nicht – und hier, hier muß die Erinnerung untergehen und die Liebe!«

»Lüge,« rief er, »Lüge und Verrat, warum ist dies Leid auf mich gefallen, warum konnte mein Leben nicht in ruhiger Resignation verlaufen, warum zur Hoffnung und zum Glück erwachen, um so herabzustürzen! – Und dafür – dafür – habe ich meine Hände befleckt; ich glaubte zu kämpfen für das Recht der Unschuld und ich bin das Werkzeug irgendeiner Intrigue gewesen, die ich nicht durchschaue, ein elendes Werkzeug, das man fortwirft, nachdem es seinen Dienst getan, dem man seinen Lohn –«

Er hielt inne, eine tätliche Blasse bedeckte seine Züge.

Hastig zog er das Schubfach seines Tisches auf und ergriff die Goldrollen, welche er mit dem letzten Brief der jungen Frau erhalten hatte, und welche dort noch lagen.

»Fort,« rief er, »fort mit diesem entsetzlichen Gold, das sie mir zurückgelassen als den Preis für meine Seele, für mein zerbrochenes Herz! – zurückerstatten kann ich es nicht, aber es soll versinken, wo kein menschliches Auge es wieder erblickt!«

Mit zuckender Hand ergriff er die Rollen und schob sie in seine Tasche – dann setzte er seine Mütze auf, öffnete den Riegel seiner Tür und trat auf den Vorplatz.

Madame Raimond ging aus der Küche in ihr Zimmer.

»Haben Sie keine Nachricht von unserer Freundin, Herr George?« fragte sie freundlich.

»Nein,« erwiderte er mit kaum vernehmbarer Stimme.

»Kommen Sie zu mir,« sagte die alte Frau teilnehmend, »wir wollen ein wenig plaudern, wir werden ja bald von ihr hören, sie wird wiederkommen, und dann werden unsere schönen, traulichen Abende wieder beginnen –«

»Ich habe einen notwendigen Gang zu machen,« sagte George rauh, »entschuldigen Sie mich, ich komme vielleicht später!« und schnell mit flüchtigem Gruß eilte er die Treppe hinab.

»Der arme, junge Mensch,« sagte die alte Frau ihm nachblickend, »er liebt sie so sehr – wie gern möchte ich beide glücklich sehen!«

Starke Abteilungen von Sergeants de Ville und berittene Garden hielten die Straßen des Faubourg Saint Germain besetzt. Es war Ball bei dem Botschafter von Rußland, die Souveräne sollten dort erscheinen und der Kaiser Alexander hatte gewünscht, daß das Attentat keine Änderung in den getroffenen Dispositionen veranlassen solle.

Auf Befehl des Kaisers Napoleon waren die äußersten Vorsichtsmaßregeln in allen Straßen getroffen, durch welche die fremden Souveräne fahren mußten. Man verhinderte zwar den Andrang der Neugierigen nicht, welche die Trottoirs erfüllten, um die Auffahrt der Monarchen zu sehen, aber niemand durfte einen Augenblick stehen bleiben, diese ganze Menschenmenge mußte in fortwährender Zirkulation bleiben und kein Wagen durfte die besetzte Straße passieren, der nicht Eingeladene zu dem Fest der russischen Botschaft führte.

Langsam ging auch hier wieder unter den immerfort sich vorwärts bewegenden Menschen der Feniergeneral Cluseret, der alles sehen, alles hören wollte, um sich über die Zustände in Paris ein klares Bild zu machen, und sein Führer Raoul Rigault, welcher dem finstern Verschwörer alle nötiges Aufklärungen gab, bald in dem furchtbar zynischen Ton, in welchem einst die Septembriseurs die Bonmots der Guillotine machten, bald in der faden und zugleich gespreizten Weise jener auf dem Pflaster von Paris groß gewordenen, jungen Leute, welche zwischen dem Gamin und dem Dandy die Mitte halten.

»Nun,« sagte Raoul Rigault lachend, »mein General, ist Ihnen die Physiognomie dieses guten Paris nun genügend verändert? Alle die unbefriedigten Leidenschaften und die Schwierigkeiten, die in Europa in so großer Menge vorhanden sind – man hatte sie sich heute morgen so ganz aus dem Sinne geschlagen, um nur den Friedenshoffnungen und den Freuden des Lebens sich hinzugeben, man sah die Zukunft so rosig und golden! – Sehen Sie,« fuhr er fort, »dieser eine Pistolenschuß hat so schnell die finsteren Geister wieder geweckt, blicken Sie hin auf diese Polizeimannschaften, auf diese Patrouillen, sehen Sie diese Menge an, die hier schweigend in gezwungener Bewegung durch die Straßen treibt, gleicht sie noch den fröhlichen Volksmassen, welche heute morgen das Sonnenlicht im Bois de Boulogne bestrahlte? – Glauben Sie noch, daß die Tyrannen sich alliieren werden?«

»Man lernt immer, wenn man nach Paris kommt,« sagte Cluseret mit einem finstern Lächeln, »und diesmal habe ich viel gelernt.«

Sie gingen weiter.

Unter starker, militärischer Bedeckung fuhren die Souveräne heran und bald wurden die Straßen leerer, während das ganz vornehme und glänzende Paris sich in den Sälen des Hotels der russischen Botschaft vereinigte.

Durch die letzten der neugierigen Zuschauer eilte George Lefranc mit raschen Schritten und gesenktem Haupte hin.

Er ging über den Pont neuf am Tuilerieengarten vorbei, überschritt die äußere Seite der Place de la Concorde und folgte dann dem Kai der Seine, der hinter den Champs Elysées sich hinzieht.

Niemand war um diese Stunde an diesem selbst am Tage wenig besuchten Orte.

Dei junge Arbeiter trat über das Gitter bis ganz an das Ende der scharf zum Fluß herabsinkenden Mauer vor und zog die Rollen aus seiner Tasche.

Unten glitzerten die Wellen der Seine im Licht des Mondes, dessen silbernes Rund am dunkeln Himmel schwebte, von leichten, flockigen Wölkchen umgeben.

George warf einen langen Blick auf das dahinfließende Wasser. »Wäre es nicht besser, dort unten zu ruhen im kühlen Frieden, als hier oben zu ringen im ewigen Kampf mit Elend und Schmerzen?«

Fast sehnsüchtig blickte er hinab und sog tief den kühlen vom Wasser heraufsteigenden Hauch ein, der wohltätig in seine erregt arbeitende Brust drang.

»Aber,« sagte er dann leise, »ist es nicht feig und niedrig, dem Leben zu entfliehen, so lange man noch die Kraft hat zu arbeiten dafür, daß das bittere Los, unter dem ich leide, von andern genommen werde, daß die Armen und Unterdrückten befreit werden von dem Joch, das auf ihnen lastet? – Und,« fuhr er noch leiser fort, indem er den Blick zu dem schönen, klaren Nachthimmel emporhob, »wenn es nun dort oben eine ewige Gerechtigkeit – eine ewige Liebe gäbe? – Sie hat es gesagt,« sprach er in bitterem Ton, »aber kann es nicht dennoch wahr sein? Kann nicht auch der Geist des Bösen die ewige Wahrheit verkünden? – Und es klingt etwas wieder in mir, das mir sagt, es ist wahr! – Jener Dämon hat die Gestalt der Engel entlehnt, um meine Liebe zu verderben, und doch wollen die Worte nicht aus meinem Sinn, die sie zu mir gesprochen, von jener Macht der ewigen Liebe, welche die Herzen der Menschen lenkt. – Wäre es möglich, daß diese Macht auf diesem furchtbaren, schmerzlichen Wege in mein Herz hatte einziehen wollen?«

Er schwieg lange. Mit weichem, glänzenden Blick sah er zum Himmel empor.

»Wenn du dort oben waltest,« sprach er dann, »du Gott der Liebe, den die Priester verkünden, wenn du herabblickst auf die kämpfenden und bangenden Menschen auf Erden, o so senke dein Auge auch auf mich hernieder, sieh in mein krankes, gequältes Herz, begrabe die Vergangenheit, wie ich dies entsetzliche Geld in die Tiefen versenke, setze meinen Leiden ein Ziel und führe mich zu deinem Frieden!«

Er trat rasch bis hart an den äußersten Rand der Mauer vor und mit einer heftigen Bewegung voll Zorn und Abscheu schleuderte er die Goldrollen weit in den Fluß hinein.

Aber durch die heftig ungestüme Bewegung, mit welcher er seinen Wurf getan, verlor er das Gleichgewicht, sein Fuß glitt, taumelnd griff er um sich, seine Hand fand keine Stütze, ein Schrei – und hinab stürzte er in die Fluten der Seine.

Ein kurzes Ringen – eine starke Bewegung im Wasser, dann noch ein letzter, schmerzlich verhallender Schrei – und die Wasser ebneten sich über dem Versunkenen.

Ruhig und glänzend zog der Mond durch das tiefe Ätherblau, schimmernd und blitzend spielten die Wellen dahin, der Hauch der Nacht atmete tiefen – tiefen Frieden und stille Ruhe.

Hatte auch er den Frieden gefunden in der stillen Tiefe, hatte Gott sein letztes Gebet erhören wollen, und ihn aus den Kämpfen der Welt an sein liebevolles Herz gezogen?

Fünfunddreißigstes Kapitel.

In tiefe, träumerische Gedanken versunken lag Julia am Morgen nach ihrem Besuch der Weltausstellung auf dem Ruhebett ihres Zimmers, den Kopf zurückgelehnt in die Kissen unter den leicht von der Jarbiniere herüberhängenden Blumen. In wunderbar wogendem Wechsel zogen die inneren Bilder durch die junge Seele hin, welche, kaum erwacht, so schwer berührt war von dem Ernst und den Schmerzen des Lebens.

Sie träumte von der sonnigen Zeit, welche sie noch durchleben sollte, getrennt von aller Bitterkeit und Beängstigung ihres bisherigen Daseins, ganz nun hingegeben an den reinen und ungetrübten Genuß, sie sah nach dieser schnell verfliegenden Lichtwolke von Glück die lange, tiefe Nacht ihres künftigen Lebens kommen, diese Nacht, in welche sie sich versenken wollte, um den drohenden Gefahren des Lebens zu entgehen, diese Nacht, welche ihr erhellt erschien durch das milde Licht der Erinnerung und durch den himmlischen Strahl des Glaubens, und vor welcher ihre junge, lebens- und liebesfreudige Seele dennoch zurückbebte in unwillkürlicher, zitternder Scheu.

Und durch alle diese Bilder, durch alle diese widerstreitenden Gefühle hindurch trat immer von neuem vor ihre Seele die Erscheinung jenes Mannes, welchen sie einmal schon in raschem Vorbeifahren erblickt und welcher am Abend vorher sie begleitet und in dem peinlichen Augenblick ihrer Begegnung mit der heiteren Gesellschaft im chinesischen Theater sie mit seinen tiefen und beredten Augen so durchdringend angeblickt hatte.

Sie konnte weder diese Augen, noch diese Stimme vergessen – es war ihr, als müßte sie diesen Blick schon gesehen, den Klang dieser Stimme schon gehört haben.

»Graf Rivero« – sprach sie leise, »Graf Rivero, so nannte er ihn, diesen Mann, der wie der Ton einer altbekannten, märchenhaften Zaubermelodie auf mich wirkt, dessen Auge in den Tiefen meiner Seele eine so wunderbare Wärme erglühen läßt, so mächtig – und so rein, so überirdisch rein! – Graf Rivero,« wiederholte sie, »ich mag suchen in meinen Erinnerungen – sie sind ja noch so einfach und durchsichtig, ich kann diesen Namen nicht finden, ich kann diesem Manne noch nicht begegnet sein.«

Wieder versank sie in langes Nachdenken. Tiefe Traurigkeit legte sich auf ihre Züge.

»Mein Vater,« seufzte sie, »mein armer Vater, er, der Einzige, der freundliches Licht in mein einsames Leben gebracht hat, er wird traurig sein – er wird mich schmerzlich vermissen, darf ich ihn verlassen?« –

Sie faltete die Hände und blickte lange mit ihren tiefen Augen aufwärts, ein feuchter Hauch glänzte an ihren Wimpern.

»Ich muß es,« sprach sie dann mit Entschiedenheit, »ich muß es, ich fühle die Kraft nicht, den Kampf mit dem Leben, das mich umgeben würde, zu ertragen, ich kann nur die Ruhe finden in der Stille der heiligen Zurückgezogenheit – und dem Vater darf ja auch die Braut des Himmels Trost bringen und teilnehmende Liebe weihen, o er wird selbst glücklicher sein, wenn er weiß, daß ich das einzige Glück, den einzigen Frieden gefunden habe, den ich auf Erden finden kann.«

Sie stand auf, verließ ihre Wohnung und ging durch den leeren Salon ihrer Mutter, welche erst viel später ihr Schlafzimmer zu verlassen pflegte, in das einfache, ärmliche Zimmer des Malers Romano.

Dieser saß in sich zusammengesunken vor der Staffelei mit dem unvollendeten Christusbilde. Aus dem bleichen Gesicht schauten die krankhaft glänzenden Augen so schmerzvoll traurig und so sehnsüchtig verlangend zugleich auf die Leinwand hin, daß Julia bei diesem Anblick ihr Herz erbeben fühlte von innigstem, tiefstem Mitgefühl.

Schnell eilte sie zu diesem gebrochenen, kranken Manne hin, und sich in kindlicher Hingebung zu seinen Füßen zusammenschmiegend, drückte sie die warmen, frischen Lippen auf seine kalte, feuchte Hand.

Er fuhr empor wie aus einem beängstigenden Traum, sein Blick wurde milder und freundlicher, als er das junge Mädchen zu seinen Füßen erblickte.

»Wie geht es meinem lieben Vater heute morgen?« fragte sie mit liebevoll schmeichelnder Stimme, der sie einen heiteren, leichten Ton zu geben versuchte, durch welche aber doch die tiefe Bewegung hindurchklang, welche sie erfüllte.

»Wenn meine liebe Julia, mein treues, gutes Kind bei mir ist,« sagte er, sanft ihr glänzendes Haar streichelnd, »dann geht es mir immer gut; doch steh auf,« fuhr er fort, sie mit einer gewissen hastigen Bewegung erhebend, als widerstrebe es ihm, das junge Mädchen da zu seinen Füßen zu sehen, »steh auf und setze dich hier zu mir, damit wir ein wenig plaudern.« Sanft drückte er sie auf einen kleinen Sessel nieder, der neben der Staffelei stand, und sah lange in ihr schönes, jugendfrisches Antlitz.

»Wenn ich dich ansehe,« sprach er dann halb zu sich selber, »so ist es mir, als wolle die Harmonie wieder in meine Seele zurückkehren, welche sie in meiner Jugend, vor langer, langer Zeit – erfüllte, als vereinten sich die zerrissenen Linien, die verwischten Farben in mir zu einem schönen Bilde, zu einem Bilde, das ich suche, ewig suche und nicht finden kann –«

Und mit tiefem Schmerz, mit verzweiflungsvoller Unruhe richtete sich sein Blick wieder auf das unvollendete Bild vor ihm.

Ein Geräusch wurde in dem anstoßenden Salon hörbar, man vernahm einen Schritt, der auf dem weichen Teppich sich dem Zimmer des Malers näherte.

Dieser richtete das Auge auf die Tür – trübe Resignation lag auf seinen Zügen, er erwartete das Erscheinen von Madame Lucretia, welche ihm eine jener Szenen machen würde, die in ihrer steten Wiederholung wie tiefe Messerstiche sein wundes, leidendes Herz trafen.

Plötzlich aber öffneten sich seine Augen, weit und weiter brennend trat die Pupille hervor, ein Ausdruck des furchtbarsten Entsetzens, Totenblässe legte sich geisterhaft auf sein Gesicht, und tiefer und tiefer nach rückwärts zusammensinkend, breitete er die Hände wie abwehrend vor sich aus.

Erschrocken sah Julia diese schreckliche Veränderung auf dem Gesicht des Malers, schnell wendete sie sich nach der Tür um und stieß einen leichten Schrei aus, indem sie sich erhob und zitternd neben ihrem Stuhl stehen blieb.

In der geöffneten Tür, halb noch beschattet von der auf der anderen Seite derselben herabhängenden Portiere des Salons, stand der Graf Rivero ruhig und unbeweglich.

Tiefere Blässe als sonst bedeckte sein schönes Gesicht, über dessen wehmütig und schmerzvoll bewegten Zügen ein Ausdruck von kalter, bitterer Strenge lag. Lange betrachtete er das der Tür gegenüber hängende große Bild – mit weichem, mildem Strahl glitt sein Blick herab auf das junge Mädchen, die lebende Verkörperung dieses schönen Bildes, dann richtete sich sein Auge flammend wie der zuckende Blitzstrahl aus den Maler, der noch immer unbeweglich-starren Blickes auf seinem Stuhle saß.

»Gaëtano!« rief der Graf mit tiefer Stimme, »hier stehe ich, um Rechenschaft zu fordern: was hast du mit dem Glück, dem Frieden, dem Vertrauen deines Bruders gemacht, mit seinem Weibe; mit seinem Kinde?«

Der Maler sank einen Augenblick wie vernichtet vollständig zusammen, dann richtete er sich in einer konvulsivischen Bewegung auf, und fast ohne die Füße vom Boden zu erheben, schleppte er sich zu dem Grafen hin, zu seinen Füßen sank er nieder und streckte die zitternden Hände empor, sein Blick hing mit dem Ausdruck der Todesangst an dem ruhig-strengen Gesicht des unbeweglich vor ihm stehenden Mannes.

»Mein Bruder,« rief er dann in heiserem Ton, dem der Klang der menschlichen Stimme fehlte, »mein Verbrechen ist schwarz wie die ewige Nacht der Hölle, meine Schuld unermeßlich wie der leere Raum des Firmaments, aber ich schwöre es dir bei dem ewig rächenden Gott, dessen Zorn durch die Himmel donnert, wenn es ein Maß gibt für die Größe meiner Schuld, so ist es mein Leiden, das Leiden langer Jahre, die Reue ohne Träne, die Verzweiflung ohne Ruhe. O mein Gott,« sprach er weiter, das Gesicht mit den Händen bedeckend, »wenn, von den Furien gepeitscht, meine verzweifelnde Seele Tage und Nächte lang die tiefsten Abgründe der Schmerzen durcheilte, dürstend nach der Vernichtung, dann gab es eine Hoffnung, eine letzte einzige Hoffnung für mich, einst noch das Antlitz meines Bruders zu sehen; Gott konnte mir nicht vergeben, aber er – er, der Gekränkte, mit seiner großen Seele, er würde meine Schuld von mir nehmen, so rief mein Herz! – Jetzt steht er vor mir, und aus seinem Auge zuckt das Schwert des Gerichts auf mich herab! Hier bin ich, mein Bruder, vollziehe das Urteil, das ich so lange brennend in meinem Busen getragen habe!«

Er fiel nieder, den Boden mit der Stirn berührend.

In mächtiger Bewegung eilte Julia zu ihm hin.

»Mein Vater!« rief sie, »mein teurer Vater, erhebe dich, deine Tochter ist bei dir! Oh, mein Herr,« sagte sie, die tränenfeuchten Augen zu dem Grafen emporrichtend, »mein Herr, schonen Sie meinen Vater!«

»Mein Vater!« fügte der Graf bitter mit schneidender Stimme. »Mein Vater! Also nicht nur mein Glück hast du mir geraubt, du hast auch die Liebe dieses reinen Herzens für dich genommen, du hast dir angemaßt den Namen des Vaters, dessen Herz du zertreten, dessen Frieden du gemordet hast. Bist du nicht versunken in die geöffnete Erde, wenn diese Lippen dich Vater nannten?«

Ein rauhes Stöhnen war die einzige Antwort des unbeweglich am Boden liegenden Malers; voll Entsetzen blickte Julia auf diese gebrochene Gestalt, ihr Geist verwirrte sich vor diesem Rätsel, dessen Lösung sie noch vergeblich suchte.

»Du hast mir dieses Kind genommen,« sprach der Graf weiter, »rein, wie es aus dem Himmel Gottes herabgestiegen war, Gaëtano, ich frage dich vor dem ewigen Richter, wie gibst du mir meine Tochter zurück?«

Da leuchtete es auf wie ein Blitz des Verständnisses in Julias Augen, schreckensvoll sah sie einen Augenblick zu dem am Boden liegenden Maler herab, dann richtete sich ihr Auge mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf den Grafen, der da vor ihr stand, flammenden Blickes die Hand gegen sie ausgestreckt, das Zimmer erfüllend mit dem vollen Ton seiner tiefen Stimme.

Bei seiner Frage flog ein Zucken durch den Körper des Malers. Er richtete sich so rasch, kräftig und energisch empor, daß der Graf ihn erstaunt ansah, sein krankes, totenbleiches Gesicht erleuchtete sich mit einem Strahl von Willen und Entschlossenheit, und mit matt erschöpfter, aber fester Stimme sprach er:

»Mein Bruder, richte mich, vernichte mich, ich werde dir danken, aber laß meine Schuld keinen Schatten werfen auf dies reine Haupt. Sieh,« fuhr er fort, »es ist die Aufgabe meines Lebens gewesen, das Herz dieses Kindes zu behüten, zu erwärmen auf dem finsteren Wege, zu dem jene mich hinabgerissen, die dir und mir nie hätte begegnen sollen, ich habe von ihr fernzuhalten gesucht den Gifthauch, der sie umgab, und ich habe schwer gekämpft und gelitten für sie, um ihretwillen bin ich gefesselt geblieben an die Kette jener Elenden, denn ich hatte ja kein Recht an dieses Kind; wenn ich es schützen wollte, mußte ich ja bei ihm bleiben und bei der, die ihre Mutter ist, und« – er legte die Hand auf das Haupt Julias – »ich schwöre es dir, ich habe dies Herz behütet, sie liebt,« sagte er sanften Tones, »die Welt mag diese Liebe verurteilen, und doch, bei allen Engeln Gottes, ihr Herz ist rein wie der Tropfen des Morgentaus im Kelch der Lilie! – Niemand darf an ihr zweifeln, ich werde sie verteidigen gegen eine Welt, ich werde sie verteidigen gegen dich, mein Bruder!«

Frei und klar sah er auf seinen Bruder und umfaßte dann mit einem Blick voll unendlicher Liebe das junge Mädchen, das sich auf seine Hand niederbeugte und sie mit seinen Lippen berührte.

Stolz und gebietend stand der Graf Rivero in der vollendeten Eleganz des vornehmen Weltmannes vor diesem ärmlichen, zitternden kranken Mann, der seinen Mut und seinen Willen wiederfand, um dies von dem Herzen des Vaters gerissene Kind zu verteidigen und zu schützen. Wahrheit klang aus dem Ton der Stimme des Malers, Wahrheit strahlte aus seinem Auge, Wahrheit lebte in der liebevollen Bewegung des jungen Mädchens.

Der kalte, strenge Blick des Grafen wurde weicher und weicher. Um diesen Mund, der so gewohnt war, zu gebieten den Kräften der Welt und des Lebens wie den eigenen Gefühlen, zuckte es in immer mächtigerer Rührung, langsam erhob er die Arme und mit einer Stimme, so weich und leise und doch so tief eindringend in das Herz des unglücklichen Mannes vor ihm, sprach er:

»Gaëtano! – mein Bruder!«

Der arme Maler zuckte zusammen, als wolle er von neuem zu Boden stürzen, auf seinem Gesicht erschien zuerst der Ausdruck tiefen, fast ungläubigen Erstaunens, dann leuchtete es auf wie sonnige Verklärung – er tat langsam und zögernd einen Schritt vorwärts und sank an die Brust seines Bruders, der ihn in seinen starken Armen empfing und fest an sich drückte. Und als ob in dieser Umarmung der lange, furchtbare Krampf eines Lebens voll Leiden, Reue und Verzweiflung sich löste – der gebrochene, zitternde Mann, der da am Herzen seines Bruders ruhte, begann zu weinen, heißer und heißer rannen die strömenden Tränen aus seinen brennenden Augen, die bangen, gepreßten Seufzer seiner Brust wurden zum lauten Schluchzen, es war, als wolle er seine Seele hinhauchen in der Umarmung der verzeihenden Liebe.

Julia war neben dem Grafen auf die Knie gesunken, blickte voll andächtiger Dankbarkeit zu ihm empor und sprach mit leiser Stimme nun die Worte: »Mein Vater, mein Vater!«

Der Graf legte seine Hand segnend auf ihr Haupt; immer seinen Bruder an seinem Heizen haltend, blickte er mit strahlenden Augen aufwärts und sprach:

»Groß ist der zürnende Gott, der im Wetter herniedersteigt von den flammenden Himmeln, aber größer ist der Vater der Liebe und Barmherzigkeit, der im Säuseln des Westwindes daher fährt, mit Trost und Verzeihung die gebrochenen Herzen zu erquicken und aufzurichten!«

Lange blieben sie schweigend, jeder erfüllt von mächtiger, tiefer Bewegung, Julias Herz zitterte in unaussprechlichen Gefühlen; was sollte aus ihrem Leben, aus ihrer Liebe, aus ihrer Zukunft werden, in welche mit einem Male dieses so unerwartete, so überwältigende Ereignis seinen hell leuchtenden, aber auch grell blendenden Lichtstrahl geworfen! Dann setzte sich der Graf auf das kleine Kanapee, der Bruder zu seiner Seite, während Julia sich zu seinen Füßen niederschmiegte, immer und immer mit dem Blicke dieses Antlitz, diese Augen trinkend, welche zu ihr sprachen von ihrer seinen Heimat, von Italien, von den Träumen ihrer Kindheit, von allem, was wie ein süßes Märchen ihre Seele geheimnisvoll und unverstanden durchklungen hatte.

Gaëtano erzählte, dem Bedürfnis seines Herzens folgend, das die lange, lange getragene Last von sich abwälzen wollte, wie er den Lockungen der sündigen Liebe unterlegen sei, er erzählte sein ganzes furchtbares Leben voll trauriger Einsamkeit, voll bitterer, unfruchtbarer Reue, und der Graf hörte schweigend in tiefem Ernste zu, zitternd lauschte Julia diesem schrecklichen Bekenntnis schwerer Schuld, diesem finsteren Drama der entsetzlichen Buße und Sühne, ihr Herz voll tiefen, innigen Mitleids wendete sich nicht ab von dem Mann, den sie Vater genannt hatte, und der so schwer gefehlt und so schwer gebüßt hatte, aber es hob sich mit ehrfurchtsvoller Scheu und begeisterter Bewunderung zu dem, der ihr Vater war und dessen großes Herz so viel Schuld verzeihen, so vielen Leiden Trost bringen konnte.

Dann mußte sie erzählen von ihrer Liebe, und sie tat es errötend und zitternd, aber wahr und klar aus reinem, treuem Herzen, voll hingebenden Vertrauens, sie erzählte von ihren Plänen für die Zukunft, von ihren Hoffnungen, die sie auf eine stille Zurückgezogenheit in das Asyl der Religion gesetzt hatte, ihr ganzes Herz bis in seine tiefsten Tiefen lag offen vor dem Vater da, dessen liebevoller, warmer Blick voll inniger Liebe auf dem schönen, bewegten Antlitz seiner Tochter ruhte.

Als sie geendet, sprach er mit tiefem Ernst und ruhiger Milde:

»Du hast recht, mein Bruder, dieses Herz ist rein wie der Tropfen des Taus im Lilienkelch! Aber,« sagte er nach einem Augenblick, indem er die Hand auf das Haupt des jungen Mädchens legte, »die Welt würde dies Herz nicht verstehen, die Welt würde urteilen nach ihren Begriffen und messen nach ihrem Maß. Und,« fuhr er fort, stolz das Haupt erhebend, »meine Tochter darf und soll nicht die Augen niederschlagen vor irgend jemand in der Welt, sie darf aber und soll auch nicht ihr Leben verträumen und verbluten in stiller, schmerzlicher Resignation. Am Herzen ihres Vaters ist der Platz, an welchem sie Trost für die Vergangenheit, Ersatz für die Gegenwart, Stärke und Glück für die Zukunft finden soll.

Meine Tochter,« sprach er weiter, ihre Hand ergreifend und ihr voll und klar in die Augen schauend, »hat mein Blut in ihren Adern, sie wird auch meine Kraft und meinen Stolz im Herzen haben, die Vergangenheit muß zu Ende sein, schnell und ganz zu Ende sein!«

Julia beugte das Haupt nieder und seufzte tief.

»Du gehst sogleich mit mir,« fuhr der Graf fort, »ich werde dir in einem Kloster, dessen Äbtissin ich kenne, ein Asyl geben für die wenigen Tage, die ich noch hier bleibe, denn ich kehre bald nach Italien zurück und führe dich, mein Kind, nach Rom, jener ewigen Stadt, wo deine Wiege stand, wo dein erster Blick emporschaute nach jenem herrlichen, reinen Himmel unseres Vaterlandes, mein Bruder begleitet uns, du wirst hier nicht bleiben wollen?« fragte er sanft den Maler.

»Wo du bist, ist meine Heimat,« sagte dieser, »hier hielt mich nichts als das Kind.«

»Oh, er wird schwer leiden,« flüsterte Julia, indem sie mit tränendem Auge zu ihrem Vater aufblickte, »er ist treu, gut und verschwiegen, darf ich ihm nicht sagen, was geschehen, darf ich nicht ein Wort des Abschiedes –«

»Nein,« rief der Graf stolz, »meine Leiden und der schwarze Flecken meines Lebens darf niemandem bekannt sein, Julia Romano muß verschwinden und die Tochter des Grafen Rivero darf keine Vergangenheit haben! Doch,« fuhr er mit einem innigen Blick auf das schmerzvoll zuckende Antlitz des jungen Mädchens fort, »ein Wort des Abschieds darfst du ihm senden. Sage ihm, daß das Rätsel deines Lebens eine Lösung gefunden, daß du in eine schöne Heimat zurückkehrst, sage ihm,« fuhr er milde und sanft fort, »daß die Zukunft vielleicht glücklicher sich gestalten könne, wenn er die Liebe und das Vertrauen zu bewahren verstände, sage ihm, was dein Herz dir eingibt, nur nichts, meine Tochter, was ihn auf deine Spur führen kann.«

Ein Schimmer von Glück und Hoffnung flog über das Gesicht des jungen Mädchens, träumerisch schien ihr Auge in dämmernde Bilder der Zukunft zu blicken.

»Doch nun fort,« rief der Graf, »du darfst keinen Augenblick hierbleiben; sobald ich dich installiert habe, kehre ich zurück, auch sie, sie, die uns allen so viel Trauer gebracht, muß ich wohl sehen und ihr sagen, was geschehen ist, und um dieses Kindes willen mag ihr verziehen sein, Gott möge ihr Herz zu sich zurückführen.«

Mit schmerzlichem Ton hatte er die letzten Worte gesprochen. Schnell holte Julia einen Hut und einen Überwurf und fuhr, von tausend wogenden, widersprechenden Gefühlen bewegt, mit ihrem Vater davon, schmerzlich ergriffen von dem Gedanken an den Geliebten, aber friedensvoll und sicher an der Seite dessen, der wie die liebevolle Vorsehung über ihrem Leben wachen würde.

Schnell hatte der Graf im Kloster des Sacré Coeur alles für die vorläufige Aufnahme seiner Tochter in tiefster Verschwiegenheit geordnet und nach zwei Stunden fuhr er zurück nach der Rue Notredame de Lorette, um mit seinem Bruder das weitere zu verabreden.

Hohes Glück, reine Freude erfüllte sein Herz.

Wie schmerzlich, wie tief traurig auch dies Wiederfinden gewesen war, wie sehr sein stolzes Gefühl gelitten hatte bei dem Gedanken, seine Tochter, sein einziges Kind so wiedergefunden zu haben, er hatte sie doch wiedergefunden am Rande des Abgrundes, er konnte sie zurückführen zu den lichten Höhen des Lebens, sein Dasein hatte ein freundliches, beglückendes Ziel, sein Herz die Blüte, seine Seele die melodische Harmonie wiedergefunden.

Rasch durchschritt er den Salon, der noch immer leer war, denn Frau Lucretia befand sich noch in ihren inneren Räumen, er öffnete die Tür und trat in das Zimmer des Malers.

Bestürzt blieb er stehen und sah starren Blickes auf das Bild, das sich ihm darbot.

Zurückgesunken gegen die Lehne des Stuhls vor der Staffelei saß der Maler da, Pinsel und Palette in den auf den Schoß niedergesunkenen Händen. Auf seinen Zügen lag glückliche Ruhe und lächelnder Frieden, man hätte ihn bei seiner Arbeit eingeschlafen glauben können, doch jene eigentümliche wachsartige Blässe seines Gesichts und das starre, gebrochene Auge zeigten dem erfahrenen Blick des Grafen, daß hier der ernstere Zwillingsbruder des Schlafes seine Herrschaft angetreten habe.

Nach einem Augenblick erschrockenen Zögerns eilte der Graf zu seinem Bruder hin und legte die Hand auf dessen Stirn. Mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer zog er sie wieder zurück, diese Stirn hatte die durchdringend eisige Kälte des Todes.

»Mein Bruder, mein armer Gaëtano,« rief der Graf, »soll ich dich nur gefunden haben, um dich zu verlieren? Soll dein langes Leiden keine innere Versöhnung, keinen verklärenden Abschluß finden?«

Er öffnete die Falten des Hemdes auf der Brust des Leblosen und hielt die Hand auf sein Herz. Dann hob er sein Augenlid empor und prüfte lange und sorgfältig die Pupille.

»Er ist tot – keine Möglichkeit der Wiederbelebung,« sagte er leise. Dann legte er sanft die Hände auf diese starren Augen, unter der warmen Hand des Bruders löste sich die harte Spannung und die Lider senkten sich herab über die leidensmüden Augen zum Schlaf der ewigen Ruhe.

Mit tiefer Wehmut blickte der Graf auf dies nun so friedlich stille, so glücklich verklärte Antlitz.

»Seine Seele hat im Scheiden von der Welt einen letzten Sonnenblick empfangen,« sagte er, faltete die Hände und sprach ein stilles Gebet über der Leiche.

Da fiel sein Blick auf die Staffelei, ein leiser Ruf des Erstaunens drang aus seinem Munde. Denn das Bild des Erlösers war vollendet, die graue Wolke, welche früher die Stelle des Hauptes umgab, war verschwunden; nicht in ganz durchgeführter Ausmalung der Details, aber vollkommen erkennbar in Kontur und Farbe, blickte das Christushaupt aus dem Bilde herüber, von goldenem Glorienschein umflossen, und aus den Augen strahlte die unendliche Liebe und Gnade, welche das göttliche Blut am Kreuz für die Schuld der Menschen opferte.

Lange, lange blickte der Graf in tiefer Bewegung auf dies Bild, diese einfache Leinwand trug die Geschichte einer Menschenseele, ihrer Schuld, ihrer Buße, und sie trug zugleich eine jener göttlichen Offenbarungen, welche immer von neuem auch den einzelnen Menschen das ewige Evangelium der Liebe und Gnade verkünden.

»Wohl ihm,« sagte der Graf leise, mit den Lippen das Haar des Toten berührend, er hat das Antlitz Gottes geschaut im Scheiden vom Leben, seine Schuld ist hienieden geblieben, er ist eingegangen zum Frieden.« – – –

Man hörte einen Schritt im Salon, die Augen des Grafen richteten sich erwartungsvoll auf die Tür, leicht zitterte seine auf die Lehne des Stuhls gestützte Hand.

Die Tür öffnete sich, Madame Lucretia trat ein, sie trug ein elegantes, aber unordentlich zerknittertes Negligé, ihr Haar war nicht frisiert, das helle Tageslicht ließ die Zerstörung ihrer einst sehr schönen Züge in erschreckender Deutlichkeit erkennen. Wie eine Bildsäule des Schreckens blieb sie stehen, als sie die Gestalt des toten Malers auf dem Stuhl erblickte und dahinten hoch aufgerichtet, mit einem unbeschreiblichen Blick voll Zorn Schmerz und Mitleid, den Mann, gegen welchen sie so unsühnbar gefrevelt, und dessen Bild im Taumel eines Lebens voll Rausch Leidenschaft, Aufregung und Erniedrigung immer aus den Tiefen ihrer Seele mahnend und drohend emporgestiegen war.

Wie einer Stütze bedürftig, ließ sie ihre Hand auf dem Griff der Tür ruhen, tiefe Blässe bedeckte ihr Gesicht, sie schlug das Auge zu Boden, ihre Lippen preßten sich fest aufeinander mit den Ausdruck trotzigen Widerstandes und starrer Verschlossenheit.

So blieb sie starr und unbeweglich stehen.

Mehrere Minuten standen sich beide schweigend gegenüber.

Dann sprach der Graf mit einer Stimme, welche vollkommen frei war von jeder heftigen, leidenschaftlichen Erregung:

»Du stehst hier vor der Leiche des Opfers deiner Sünde, du hast sein Leben zertrümmert, den heiligen Genius der Kunst verscheucht, der um sein Haupt schwebte, aber Gott hat ihm verziehen, und er ist heimgegangen, im Jenseits zu finden, was du ihm hier geraubt.«

Sie schwieg fortwährend und blickte nicht auf.

»Meine Tochter habe ich gefunden, glücklicherweise noch bevor ihre Seele vergiftet wurde, ich habe sie mit mir genommen, du wirst sie auf Erden nicht wiedersehen, sie soll es verlernen, vor ihrer Mutter zu erröten!« Ein Zittern flog durch die Gestalt der Madame Lucretia – sie blieb unbeweglich und schweigend.

»Du wirst die nötigen Anordnungen treffen,« fuhr der Graf in demselben Tone fort, »um den Tod dieses Unglücklichen gesetzlich zu konstatieren, seine Leiche soll einbalsamiert und vorläufig beigesetzt weiden, ich werde sie dann hinführen nach Italien, er soll in der Erde seines Vaterlandes ruhen.«

Sie schwieg immerfort.

»Ich werde für deine materielle Existenz sorgen, du wirst erhalten, was du bedarfst, ich will nicht, daß eine Frau, die einst an meinem Herzen ruhte, dem Elend verfalle. Das ist es,« sprach er nach einem tiefen Atemzuge, »was ich dir zu sagen habe, geh' hin und versuche, die Wege des Heils wiederzufinden.«

Er streckte gebietend die Hand gegen sie aus, da schien es, als ob ihre Kräfte sie verließen, zusammenbrechend sank sie in die Knie, ihr Blick halb starr und wild, halb angstvoll, richtete sich, wie hilfeflehend zu ihm auf. Er tat keinen Schritt zu ihr hin, es zog wie ein Kampf über sein Gesicht, dann aber erleuchtete ein milder Strahl seine Züge, und indem er mit der ausgestreckten Hand das Zeichen des Kreuzes gegen sie machte, ertönten von seinen Lippen wie in schwerem Kampfe aus seiner Brust sich hervorringend die Worte:

»Geh' deines Weges in Frieden, Gott möge dir verzeihen, wie ich dir verzeihe!«

Mit einer mächtigen Kraftanstrengung stand sie auf, wendete sich schweigend um und verschwand in dem Salon.

Der Graf trat zu der Staffelei und nahm das Bild von derselben.

»Dies sei das Vermächtnis meines Bruders, es soll mich lehren, stets zu richten, wie er richtet, der Heiland der Erlösung!«

Er ergriff einen Bleistift und schrieb unten an den Rand des Bildes:

»Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!«

Dann legte er noch einmal segnend die Hand auf das Haupt seines toten Bruders, stieg hinab und fuhr schnell davon.

Sechsunddreißigstes Kapitel.

König Georg saß in dem schottischen Kabinett der Villa Braunschweig in Hietzing, bequem eingehüllt in seinen weiten österreichischen Militärüberrock. Durch die geöffneten Fenster drang die laue Morgenluft hinein, und der König atmete tief die Düfte ein, welche die Blumen des Gartens in das Kabinett des verbannten Königs sendeten. – Die Blumen duften ja ihren süßen Trost den Menschen entgegen, ohne zu fragen nach Glück oder Unglück, nach Macht oder Unmacht; was die Liebe des Schöpfers ihnen gab, das geben sie wieder den glücklichen Herzen zur Verschönerung der Freude – den bekümmerten zur Erquickung in Trübsal und Sorge.

Der Kammerdiener trat ein und meldete den Geheimen Kabinettsrat Lex.

Der König richtete sich in seinem Stuhl auf und reichte dem alten, treuen Geheimsekretär, den er schon als Kronprinz bei sich gehabt hatte, die Hand hinüber, die dieser ehrerbietig an seine Lippen führte.

»Mr. Douglas ist von Petersburg zurückgekehrt, Majestät,« sagte der Geheime Kabinettsrat mit seiner feinen, dünnen Stimme, »und bittet Eure Majestät um Gehör!«

»Ah!« rief der König, »das ist mir sehr interessant, ich bin gespannt, zu hören, was er dort gesehen und erfahren hat, in seinen Briefen hat er mich auf seinen mündlichen Bericht verwiesen, er hatte recht, man darf so diskrete Dinge nicht der Post anvertrauen, ich will ihn sogleich empfangen. Nachher will ich einen Brief an die Königin schreiben, ich habe lange darüber nachgedacht –«

Er hielt einen Augenblick inne.

»Und Eure Majestät sind entschlossen, die dringende Bitte Ihrer Majestät der Königin zu erfüllen und Allerhöchstderselben zu erlauben, daß sie die Marienburg verlasse und hierher komme?« fragte der Kabinettsrat, mit Spannung in das Gesicht seines königlichen Herrn blickend.

»Nein, mein lieber Lex,« sagte der König mit tiefem Ernst, »ich kann diesen Wunsch meiner Königin nicht erfüllen, so schmerzlich es mich berührt, sie dort in dieser peinlichen und leidensvollen Lage zu wissen. Sie muß ausharren und muß sich ihrer Stellung opfern, das ist das Schicksal und die Pflicht der Fürsten, und wem Gottes Hand den schweren Reif der Krone auf die Stirn legte, der muß der Freiheit zu entsagen wissen, nach den Wünschen und Neigungen des eigenen Herzens zu handeln. Noblesse oblige – das dürfen die Könige vor allem nicht vergessen, denn nur dadurch, daß wir unser Wollen und Denken, unser Hoffen und Wünschen den großen Prinzipien, dem Wohl des Ganzen rückhaltslos opfern, nur dadurch, daß wir an uns selbst immer zuletzt denken, alle Pflichten, alle Lasten und Schmerzen auf uns nehmen, haben wir das Recht, über die anderen zu herrschen und die Schicksale der Völker zu lenken.«

Er fuhr mit der Hand über die Augen und sprach dann mit ruhiger, fester Stimme weiter:

»Die Königin muß dort bleiben und die peinlichen Leiden ihrer Lage ertragen. Sie muß warten, bis sie gewaltsam von der Marienburg entfernt wird, ich kann ihr das nicht ersparen. Würde sie freiwillig, ohne die äußerste Nötigung das Land verlassen, das auf sie blickt, das in ihr den letzten Zusammenhang mit seinem Herrscherhause sieht, so würde damit auch freiwillig das Recht aufgegeben, das Recht, dessen erste Vertreterin nach mir meine königliche Gemahlin ist.«

»Aber,« sagte der Kabinettsrat mit leicht zitternder Stimme, »die Gesundheit Ihrer Majestät leidet darunter –«

»Die Könige müssen für ihr Recht und ihre Kronen, wenn es sein muß, zu sterben wissen!« sagte der König mit dumpfer Stimme. »Lassen Sie Mr. Douglas kommen,« fuhr er nach einem augenblicklichen Schweigen fort, »ich bin gespannt, ihn zu hören, nachher werde ich Ihnen den Brief an die Königin diktieren.«

Der Geheime Kabinettsrat verließ das Kabinett und einen Augenblick darauf trat der englische Geistliche ein, unverändert in seiner Erscheinung. Ruhig verneigte er sich vor dem König, nachdem die Tür des Kabinetts wieder geschlossen war, und die zwei Finger der rechten Hand erhebend, sprach er mit seiner vollen, pathetisch anklingenden Stimme:

»Gott segne Eure Majestät!«

»Setzen Sie sich, mein lieber Mr. Douglas,« rief der König, »ich bin unendlich erfreut, Sie wieder hier zu wissen, und sehr gespannt auf alles, was Sie mir über Ihre Reise erzählen werden. Sie werden viel gesehen und gehört haben und mir viel zum Verständnis der politischen Lage mitteilen können. Ich hoffe, daß die Reife Ihre Gesundheit nicht angegriffen hat?« fügte er mit verbindlichem Tone hinzu.

»Ich bin stark, alle Anstrengungen zu ertragen,« sagte Mr. Douglas, »wenn es eine große und gute Sache gilt, und für die Sache Eurer Majestät würde ich die Welt durchreisen.«

»Warum denken nicht alle Engländer wie Sie!« rief der König, »England hat kein Gefühl mehr für das Blut seiner großen Könige!«

»Weil England von den großen ewigen Prinzipien abgewichen ist, auf welchen das Reich Gottes erbaut werden soll,« sagte Mr. Douglas, »weil England in den Dienst des bösen Geistes, das heißt des Materialismus, versunken ist, aus dessen Herrschaft es befreit werden muß, wenn es seiner Vergangenheit würdig in der Zukunft erhalten bleiben soll.«

Der König schwieg einen Augenblick.

»Nun,« sagte er dann, »erzählen Sie mir viel von Rußland, Sie waren in Petersburg und Moskau?« –

»In Petersburg und Moskau, vorher in Warschau,« erwiderte Mr. Douglas, »ich bin überall sehr freundlich aufgenommen worden, der Kaiser und Fürst Gortschakoff haben mich freundlich empfangen und gütig angehört, die Großfürsten waren sehr gnädig, ganz besonders hat mir der Herzog Georg von Mecklenburg-Strelitz beigestanden, um mich überall einzuführen und mir das Verständnis der Verhältnisse zu erleichtern.«

»Ein vortrefflicher Herr,« sagte der König.

»Ein Fürst von großer Liebenswürdigkeit und Intelligenz, und trotz seiner russischen Stellung hat er sich deutschen Geist und deutsches Gefühl bewahrt.«

»Nicht wahr,« fügte der König, »Sie haben die Überzeugung gewonnen, daß die Idee des Herrn von Beust: Rußland von Preußen zu trennen, großen Schwierigkeiten begegnet, ja, wie ich überzeugt bin, unausführbar ist?«

Mr. Douglas richtete sich gerade, mit vorgestreckter Brust auf seinem Stuhle auf und begann in dem langsamen, scharf akzentuierten Tone eines Kanzelvortrages:

»Nein, Eure Majestät, diese Überzeugung habe ich nicht gewonnen, im Gegenteil, ich bin tiefer als je von der Überzeugung durchdrungen zurückgekommen, daß die ganze Aufgabe der österreichischen Politik und damit auch der Politik Eurer Majestät, darin bestehen muß, die Allianz zwischen Rußland und Preußen zu verhindern und die Lösung der orientalischen Frage im engen Verein von Österreich und Rußland herbeizuführen.«

Der König warf den Kopf mit dem Ausdruck des Erstaunens und der Befremdung empor.

»Die Allianz zwischen Rußland und Preußen zu verhindern?« fragte er. »Glauben Sie denn, daß diese Allianz nicht längst besteht? Und,« fuhr er fort, »die orientalische Frage anregen, heißt das nicht gerade Rußland und Preußen noch enger zueinander führen, diese beiden einzigen Mächte, welche im Orient keine kollidierenden Interessen haben?«

»Erlauben mir Eure Majestät,« sagte Mr. Douglas, »meine Beobachtungen Ihnen in großen Zügen mitzuteilen, Sie werden dann vielleicht meine Auffassung billigen, später werde ich Eurer Majestät ein ausführliches Memoire darüber Zusammenstellen.«

»Sprechen Sie, ich bin unendlich gespannt,« sagte der König, indem er sich in seinen Fauteuil zurücklehnte und mit der Hand die Augen bedeckte.

»In diesem Augenblick, Majestät,« sprach Mr. Douglas langsam und mit der Betonung eines geistlichen Vortrages, »in diesem Augenblick ist das ganze russische Reich auf das tiefste bewegt durch die plötzliche Freilassung der Leibeigenen, welche das Vermögen des an orientalischen Luxus gewöhnten russischen Adels so empfindlich verringert hat, daß man überall laute Klagen hört.«

»Die natürliche Folge aller großen reformatorischen Maßregeln, welche naturgemäß tief in die Verhältnisse einschneiden müssen,« warf der König ein, »die zunächst Beteiligten werden immer unzufrieden sein, dennoch aber war die Maßregel nötig, Kaiser Nikolaus hatte sie schon ins Auge gefaßt, und ich bewundere die Festigkeit, Weisheit und Ruhe, mit welcher der Kaiser Alexander sie durchgeführt hat. Die Aufhebung der Leibeigenschaft wird die Grundlage für die künftige Größe Rußlands sein. Durch diese große Reform hat der Kaiser Alexander ein russisches Volk geschaffen, wie Peter der Große einst Rußland als politische Nation in den Kreis der europäischen Staaten einfühlte. Die damals geschaffene Staatsmaschine wird jetzt Fleisch und Blut bekommen, sie wird zum lebendigen Organismus werden, und damit wird Rußland in schnellem Wachstum sich zu einem ökonomischen und politischen Riesen entwickeln, der aber doch Europa niemals gefährlich sein wird, wenn man ihn nicht angreift, da dies gewaltige Reich alles in sich trägt, was es bedarf und wünschen kann, da es keine Vergrößerung wünschen muß und damit die sichere Bedingung der Ruhe und des Friedens in sich trägt.«

Der König hatte schnell und lebhaft gesprochen und mit bewegten Zügen schien er die Antwort zu erwarten.

Mr. Douglas schwieg einen Augenblick. Auf seinem Gesicht stand deutlich geschrieben, daß er des Königs Auffassung nicht teile.

»Der Irrtum, Majestät,« sagte er dann langsam, »den ich in der Manumission erblicke, liegt nicht in der Sache selbst, sondern darin, daß sie so plötzlich geschah. Sie traf den russischen Adel wie ein Donnerschlag aus hellem Himmel, und was noch trauriger ist, sie fand den Bauer sehr roh und der Freiheit unfähig.«

Der König hatte wieder den Kopf in die Hand gestützt und hörte aufmerksam zu.

»Die Bauern sind faul, bearbeiten natürlich ihre eigenen Güter zuerst, und da die Bevölkerung überall sehr wenig dicht ist, so werden die ohnehin schon verringerten Güter des Adels nur spärlich bearbeitet, und für diese Bearbeitung fordern die Bauern dann noch ganz exorbitanten Lohn von ihren früheren Herren, sie sind übermütig und zügellos und erinnern unwillkürlich an die Worte:

»Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht,
Vor dem freien Menschen erzitt're nicht!«

Mr. Douglas, welcher die ganze Konversation mit dem Könige in englischer Sprache führte, sprach die letzten Worte deutsch mit jenem eigentümlichen Gutturalton des englischen Akzents.

Georg V. lächelte fast unmerklich.

»Aber die auswärtige Politik Rußlands?« fragte er.

»Ich habe von der Freilassung der Leibeigenen gesprochen, Majestät,« sagte Mr. Douglas, »weil die Gärung, welche diese Sache durch das ganze russische Reich verbreitet, einen sehr wesentlich bestimmenden Einfluß auf die auswärtige Politik Rußlands ausüben muß und wird.«

Der König richtete sein Gesicht mit dem Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit nach dem Sprechenden hin, dann ließ er den Kopf wieder in die Hand sinken.

Mr. Douglas fuhr fort:

»Eure Majestät können sich keine Vorstellung davon machen, mit welchem uneingeschränkten Absolutismus in Rußland die öffentliche Meinung regiert, es –«

»Die öffentliche Meinung,« fragte der König erstaunt, »eine öffentliche Meinung in Rußland, trotz der Zensur, bei der geringen Bildung des Volkes?«

»Die Zensur kann nicht alles unterdrücken,« sagte Mr. Douglas, »und je geringer die Bildung des Volkes, um so unbedingter ist der Einfluß des gedruckten Wortes. Der Adel nun hat sich dieser öffentlichen Meinung zu bemächtigen gewußt, ganz im Gegensatz zu dem Adel in anderen Ländern; und da man in diesen Kreisen die Neuerungen in den Verhältnissen des Grundbesitzes allgemein dem Einfluß deutscher, das heißt preußischer Ideen zuschreibt, so predigen alle Organe der öffentlichen Meinung den Haß gegen Preußen, und das Volk, ohne den Zusammenhang zu ahnen, folgt dieser Leitung; die untere Bureaukratie und Polizei übt die Zensur gegen solche Artikel, welche ja nichts gegen Rußland enthalten, kaum aus. Der Kaiser und der Hof beugen sich vor dem Tyrannen der öffentlichen Meinung, und Fürst Gortschakoff, so unumschränkt er sonst seinen Willen durchsetzt, mit so großer Feinheit er auch seine Wege zu seinen Zielen zu verfolgen versteht, würde es doch nicht wagen, auch nur eine Woche lang eine Politik zu verfolgen, welche bei der öffentlichen Meinung unpopulär geworden. – An bei Spitze dieser öffentlichen Meinung steht nun das Organ der Altrussen, der Jorics, die Moskauer Zeitung, welche der seit der letzten polnischen Revolution wohlbekannte Katkoff redigiert.«

»Katkoff – Katkoff,« sprach der König, »was ist das für ein Mann, haben Sie ihn kennen gelernt?«

»Ich habe seine Bekanntschaft gemacht,« sagte Mr. Douglas, »als ich in Moskau war, und habe dann auch auf dem Landgute des Grafen Tolstoi, des gefeierten Autors »Iwans des Schrecklichen«, eine ganze Gesellschaft von Mitarbeitern der Katkoffschen Zeitung kennen gelernt. Katkoff ist ein Mann von großem Geiste und feurigem Sinn, der es versteht, zu den Russen zu sprechen und allen seinen Mitarbeitern seinen Geist einzuhauchen. Der Moskauer Zeitung und der von ihr der ganzen Presse gegebenen Richtung ist es besonders zu danken, daß die innige Allianz Rußlands mit Preußen, welche sowohl der Kaiser als auch besonders Fürst Gortschakoff dringend wünschen, noch nicht Tatsache geworden ist.«

Der König schüttelte schweigend leicht den Kopf.

»Zwar hat, wie ich sehr bestimmt weiß,« fuhr Mr. Douglas fort, »der Oberst von Schweinitz, der preußische Militärbevollmächtigte, sich sehr viel Mühe gegeben, Katkoff für Preußen und die preußische Allianz günstiger zu stimmen.«

»Die preußische Diplomatie ist immer geschickt und tätig,« sagte der König, »wollte Gott, daß ihre Gegner von ihr lernen möchten.«

»Die Bemühungen des Obersten von Schweinitz waren aber vergeblich,« sagte Mr. Douglas, »Katkoff predigt nach wie vor den Haß gegen Preußen und die preußischen Ideen, und er selbst würde auch kaum eine Wendung machen können, wenn er nicht von der Partei der Altrussen, welche ihn emporgehoben hat, vernichtet werden wollte.«

»Und die Regierung tut gar nichts?« fragte der König, »um ihrerseits einen Einfluß auf die öffentliche Meinung zu gewinnen?«

»Sie hat einige offiziöse Organe,« sagte Mr. Douglas, »die aber in der Tat ohne Bedeutung sind, auf Katkoff und die Organe seiner Farbe kann sie aber leinen Einfluß gewinnen, so lange sie mit der Partei der Altrussen nicht Frieden macht, und diesen Frieden würde sie nur durch große Konzessionen schließen können. Es ist daher für jeden, der Rußland zum Freunde haben will, von höchster Wichtigkeit, die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen und durch Kalkoffs Zeitung sich die Gunst dieser maßgebenden und tyrannischen Macht zu erwerben. Auch Eure Majestät müssen nach meiner Überzeugung nach dieser Richtung handeln, wenn die russische Macht in einem gegebenen Augenblick ernstlich für Ihre Interessen eintreten soll, in dem Augenblick,« fügte er mit erhobener Stimme und die zwei Finger der rechten Hand ausstreckend, hinzu, »in welchem die Männer in den weißen Kleidern sich erheben werden, um den Dämon des Abgrundes wieder von dem angemaßten Thron seiner Macht herabzustürzen. Eure Majestät müssen in dieser Richtung mit Österreich gemeinsam arbeiten, denn die innige Verbindung Österreichs und Rußlands ist der erste Schritt zu der großen christlichen Koalition gegen das Heidentum!« »Und glauben Sie,« fragte der König, »daß es möglich sein könne, eine innige Beziehung zu Österreich in Rußland populär zu machen? Sieht man in Österreich nicht ebensogut das Prinzip der deutschen Nationalität, das, wie Sie mir sagen, so verhaßt ist, und kann irgendein Russe Österreich seine Mitschuld an dem Verlust des Schwarzen Meeres verzeihen? Kann,« fügte er etwas leiser, wie zu sich selber sprechend, hinzu, »kann dies Schwarze Meer für Rußland wiedergewonnen werden ohne Preußen?«

»Ich habe in den Kreisen der Altrussen viel über das Verhältnis zu Österreich gesprochen,, Majestät,« sagte Mr. Douglas, »und ich schmeichle mir, daß ich nicht wenig dazu beigetragen habe, namentlich auch bei Kalkoff persönlich und bei seinen Freunden, jene Anschauungen zu bekämpfen, welche Eure Majestät soeben anzudeuten die Gnade hatten; ich habe mich überzeugt, daß bei meiner Abreise die Ansichten über Österreich und eine österreichische Allianz wesentlich andere waren, als bei meiner Ankunft.«

Abermals glitt ein leichtes, kaum bemerkbares Lächeln über das Gesicht des Königs.

»Erzählen Sie mir das ausführlicher,« sagte er, das Gesicht mit der Hand bedeckend.

»Um das ganze Verhältnis klarzumachen, Majestät,« fuhr Mr. Douglas fort, »muß ich noch einiges über die zweite Macht bemerken, welche neben der öffentlichen Meinung in Rußland herrscht, und welche ebenso wie jene innig mit der Partei der Altrussen verbunden ist. Diese Macht ist die Kirche.«

»Aber an der Spitze der Kirche steht der Kaiser,« warf der König ein.

»Er steht an der Spitze als das höchste irdische Oberhaupt,« sagte Mr. Douglas, »und aus dieser Stellung fließt die tiefe, liebevolle Ehrfurcht, welche jeder Russe für den Kaiser hegt, dennoch aber ist der Kaiser nicht im eigentlichen Sinne Priester und die innere gewaltige Macht der Kirche beherrscht er nicht, er hat nicht jene tausend seinen, aber so festen und gewaltig bewegenden Fäden in der Hand, durch welche die Geistlichkeit die Gefühle und Gesinnungen des Volkes leitet. Die wahre Herrschaft über die Kirche liegt in den Händen des Metropoliten, Monseigneur Philorites. Dies ist ein alter Mann von fast neunzig Jahren, ich habe ihn nicht persönlich kennen gelernt, aber ich habe seine Schriften gelesen und sie zeugen von hohem Geist und tiefer Bildung. Er lebt im Rufe der Heiligkeit und vor ihm beugen sich der Kaiser und das ganze Volk, auf jedes Wort von ihm hört man wie auf ein Orakel. Dieser Metropolit ist ebenfalls ein erbitterter Preußenfeind.«

»Weshalb?« fragte der König.

»Man sagt mir,« erwiderte Mr. Douglas, »daß er durch eine Verbindung mit Preußen das Eindringen des biblisch kritischen Geistes der deutsch-protestantischen Theologie fürchtet, oder vielmehr des sich hinter wissenschaftlicher Forschung verbergenden Unglaubens, welcher die Negation des eigentlichen Kerns des Christentums bildet. Das Eindringen dieses Geistes würde aber für Rußland eine entsetzliche Gefahr sein, denn die russische Geistlichkeit – namentlich in den unteren Graden – ist noch so sehr roh und ungebildet, daß sie einer solchen Propaganda nicht entgegenzutreten vermöchte, und es würden die preußischen Ideen unaufhaltsam Kirche, Thron und Staat zugrunde richten. – Daher unterstützt der Metropolit und der ganze mächtige Einfluß, der in seinen Händen ruht, die öffentliche Meinung Katkoffs und seiner Partei in der Verbreitung des Hasses gegen Preußen, und wer einen unwiderstehlichen Einfluß auf die Politik Rußlands ausüben will, muß diese beiden mächtigen Faktoren auf seine Seite bringen und den schon in hohen Wogen gehenden Preußenhaß benützen, dann wehe dem Minister, der ihm feindlich entgegentreten wollte!«

Der König schwieg einen Augenblick.

»Man hat mir aber von einer anderen, sehr fest organisierten und sehr einflußreichen Partei gesprochen,« sagte er dann, »den Nihilisten, wie man sie nennt, welche auch durch einzelne Fäden mit den internationalen Verbindungen in der Schweiz, England und Frankreich zusammenhängen. Diese müßten doch andere Anschauungen haben.«

»Die Nihilisten, Majestät,« sagte Mr. Douglas, »haben nach meiner Beobachtung gar keinen Einfluß, Katkoff hat sie lächerlich gemacht und vollständig vernichtet, was übrigens kaum nötig war, dagegen gibt es allerdings noch eine Partei oder eigentlich mehr eine Klasse von Menschen, denen Stücke von unverdauter moderne, Bildung im Kopfe liegen; ich meine die sogenannten Jungrussen ich habe wenige von ihnen kennen gelernt, doch viel mit einsichtiger und klar denkenden Männern über sie gesprochen, namentlich auch mit dem Grafen Berg, dem Gouverneur in Warschau. – Sie sind die Lafayettes und Mirabeaus von Rußland, sind große Anbeter Nordamerikas und der dortigen Zustände, träumen von einer konstitutionellen Monarchie und arbeiten bewußt oder unbewußt auf eine Republik, zunächst vielleicht mit dem Zar an der Spitze, hin – Sie aber auch hassen die Preußen ebenso sehr als die Altrussen und die Orthodoxen. Eigentlich wissen sie wohl selbst nicht recht, was sie wollen, sie repräsentieren jene Richtung in allen Staaten und Völkern, welche in dem dunklen Wunsch des Fortschritts vorandrängt, ohne das Ziel zu sehen und zu begreifen wohin ihre Wege führen. Aber in diesen Jungrussen ist dennoch das nationale Gefühl so mächtig, daß ihre Devise heißt: Alles für Rußland, aber nur durch Rußland; den fremden preußischen Einfluß, den eine Allianz mit Preußen ihnen bringen würde, verabscheuen sie.«

»Wie aber,« fragte der König, »soll aus alledem eine Allianz mit Österreich hervorgehen, und zwar eine solche Allianz, die das Werk von 1866 wieder zerstören könnte?«

»Es wird nur darauf ankommen,« sagte Mr. Douglas, »dem russischen Volke zunächst klar zu machen, wie Österreich im natürlichen und notwendigen Antagonismus zu Preußen steht, dann wird schon ein gewisses sympathisches Gefühl als Basis der weiteren Operation entstehen. Rußland sucht einen und bedarf eines Alliierten. Nur deshalb, weil es keinen anderen hatte, hat es sich zu Preußen gewendet. Als ich dem Fürsten Gortschakoff sagte, daß er durch seine Freundschaft für Preußen sich zum Mitschuldigen einer Politik der gewaltsamen Annexionen machte, hat er mir einfach, indem er mich scharf durch seine Brille ansah, geantwortet ›Was können wir sonst machen? – Auf Frankreich kann sich niemand verlassen, noch weniger auf England, Österreich ist zu schwach und uns nicht hold, – verfeinden wir uns mit Preußen, so stehen wir allein da.'«

»Als russischer Minister hat er vollkommen recht,« flüsterte der König fast unhörbar.

»Rußland könnte jetzt die Allianz Frankreichs sehr bald haben, indes nur durch große Konzessionen,« fuhr Mr. Douglas fort, »und außerdem wird Frankreich immer, wie schon Napoleon I. es war, unzuverlässig in bezug auf die orientalischen Angelegenheiten sein. Dazu kommt, daß die öffentliche Meinung in diesem Augenblick sehr kühl gegen Frankreich und Louis Napoleon ist. Man glaubt, wie mir der Herzog von Mecklenburg sagte, daß der Stern Napoleons im Sinken sei. Und in Rußland liebt man nur den, der Erfolg hat. Nun hat zwar Napoleon dadurch, daß seine Freunde mit einer gewissen Geschicklichkeit die Lösung der Luxemburger Frage als einen Erfolg darzustellen gewußt haben, ein wenig an seinem Prestige gewonnen, auch hat er es geschickt so eingerichtet, daß er den Kaiser Alexander in Paris einige Tage allein und ungestört für sich hatte, aber das Attentat auf den Kaiser hat, wie ich glaube, seine Pläne vernichtet.«

»Aber Sie wünschten doch,« warf der König ein, »die Verständigung zwischen Frankreich und Rußland?«

»Ich wünsche sie auch noch,« sagte Mr. Douglas, »nur soll sie durch Österreich gemacht werden. Wenn Rußland sich mit Österreich fest und innig alliiert, so muß Napoleon, wenn er nicht allen Halt in Europa verlieren will, sich dieser Verbindung anschließen, und er wird es tun, er muß aber verhindert werden, sich allein und ohne Österreich Rußland zu nähern, denn sonst würde er Preußen, das mit großer Klugheit alle diese Bewegungen beobachtet und seine Stellung dazu nimmt, mit in diese Kombination hineinziehen und dieselbe würde dann den ganz entgegengesetzten Erfolg haben. Rußland und Österreich,« fuhr er fort, die Hand erhebend und seine Worte scharf betonend, »müssen Hand in Hand die Welt reformieren, die Türken aus Europa vertreiben und die Herrschaft der christlichen Prinzipien wieder aufrichten!«

Der König erhob den Kopf. Ein Ausdruck fragenden Erstaunens lag auf seinen Zügen, es schien, als wolle er eine Bemerkung machen, doch bald stützte er wieder schweigend den Kopf in die Hand.

»Es kommt nun darauf an,« fuhr Mr. Douglas in demselben erhöhten Pathos fort, »den möglichst festen Einfluß auf Katkoff und die öffentliche Meinung zu gewinnen, um durch dieselbe jede Allianz mit Preußen und eine einseitige Allianz mit Frankreich trotz der Neigungen des Kaisers und des Fürsten Gortschatoff unmöglich zu machen, zugleich aber zu zeigen, baß Österreich die einzig richtige und nützliche Allianz für Rußland ist. Dazu müssen vor allem diejengen Motive entkräftet werden, welche in dem russischen Nationalgefühl der Annäherung an Österreich noch entgegenstehen.«

»Die Erinnerung an den Krimkrieg?« fragte der König, ohne aufzublicken.

»Nicht diese besonders,« sagte Mr. Douglas, »es ist ein naheliegender Grund, der das öffentliche Gefühl gegen Österreich aufgereizt hat, und dieser ist das Konkordat.«

»Das Konkordat?« rief der König, sich erstaunt aufrichtend, »was kümmert man sich in Rußland um das österreichische Konkordat?«

»Die Russen, Majestät,« sagte Mr. Douglas, »wissen einmal, daß Österreich nicht innerlich erstarken, also kein kräftiger Alliierter sein kann, so lange ihm durch die engherzigen Führer der Ultramontanen Hände und Füße gebunden sind, wie ja ganz Europa dies ebenfalls weiß. Dann aber erblicken gerade die Altrussen in dem durch das Konkordat gefesselten Österreich das willenlose Werkzeug des ehrgeizigsten und herrschsüchtigsten Teiles der ganzen römischen Hierarchie. Diese römische Hierarchie hat aber durch die Stellung, welche sie in Polen, namentlich während der letzten Revolution eingenommen, sich den tiefsten und unversöhnlichsten Haß der Russen zugezogen, und so lange das Konkordat besteht, trägt Österreich und die österreichische Regierung in den Augen Rußlands einen Teil der Mitschuld jener beklagenswerten Exzesse, – Ebenso hat die frühere Behandlung der Ruthenen eine tiefe Erbitterung gegen Österreich erregt. Während des jüngsten Slavenkongresses hat nichts auf die Russen so erbitternd und zündend gewirkt, als die wenigen Worte des Metropoliten von Moskau, durch welche er die orthodoxen Gläubigen ermahnte, für ihre unterdrückten Glaubensbrüder in Galizien zu beten, ein Echo des Schmerzes und Zornes folgte ihnen durch das ganze Land. – Löst sich Österreich von den Banden des Konkordats und beseitigt dadurch die Furcht, daß es als Werkzeug der Ultramontanen am Unglück Rußlands arbeite, sieht man dann in Rußland, daß die Ruthenen mit Toleranz und freundlicher Milde behandelt werden, so wird die ganze Stimmung in der russischen Nation eine andere werden, die öffentliche Meinung wird ihr Urteil sprechen, und kein Minister wird es wagen dürfen, sich mit dem Feinde Österreichs zu alliieren. – Dann,« fuhr er mit noch erhöhter Stimme fort, »wird der Mut der Süddeutschen erwachen, wenn sie Österreich Hand in Hand mit der gewaltigen Macht des Ostens erblicken, Frankreich wird sich anschließen, England wird nicht wagen dürfen, allein zu bleiben, Schweden und Dänemark werden folgen und dieser großen Koalition gegenüber wird die letzte Stunde der Pläne des Grafen Bismarck geschlagen haben. – Dann wird Deutschland verlangen, daß Österreich sein Stellung in Deutschland wieder einnehme und Österreich wird die Führung wieder ergreifen, die Einheit Deutschlands wird sich vollziehen durch die Unifikation in Verfassung, in Gesetzgebung und Militär –«

Der König fuhr empor und biß in seinen Schnurrbart.

»Und,« fuhr Mr. Douglas fort, »die einzelnen Fürsten mit ihren Höfen und dem Adel ihrer Länder werden die Stätten schaffen für die vielseitige und selbständige Bildung der Nation. Dann werden auch Eure Majestät und die übrigen verbannten Fürsten in ihre Länder zurückkehren, und das alles wird sich vollziehen ohne Krieg und Blutvergießen!«

»Ohne Krieg?« rief der König. »Sie glauben, daß Preußen ohne die äußerste Gewalt seine Stellung aufgeben werde?«

»Ich bin dessen gewiß,« sagte Mr. Douglas, »der Druck der Koalition wird so gewaltig, so übermächtig sein, daß das eigene preußische Volk eine Regierung perhorieszieren würde, die tollkühn genug sein möchte, sich dieser überwältigenden Macht zu widersetzen, alles wird ohne Krieg geschehen und das Wort wird sich erfüllen, das Lamm wird den Sieg davontragen über die schuppengepanzerten Drachen, die Männer in den weißen Kleidern werden, mit den Palmzweigen das Schwert überwinden.«

»Aber erinnern Sie sich,« sagte der König, »daß Friedrich II., als Preußen noch viel weniger mächtig war, um viel geringeren Preis sieben Jahre lang gegen die ganze Welt gefochten hat.«

»Friedrich war Despot,« erwiderte Mr. Douglas, »was er konnte, kann keine preußische Regierung heutzutage, das Volk in Preußen würde sich einem solchen Kampfe gegen die Welt heute widersetzen, und,« fügte er hinzu, indem ein sarkastisches Lächeln sein häßliches Gesicht verzog, »die Berliner Börse würde heute keine ephraimitischen Münzen und kein Ledergeld mehr akzeptieren.«

Der König erhob sich. »Haben Sie Ihre Auffassungen dem Herrn von Beust mitgeteilt?« fragte er.

»Ich habe ausführlich mit ihm gesprochen und werde ihm das Resultat aller meiner Beobachtungen noch in einem besonderen Memoire mitteilen; er war, wie ich glaube, ganz in derselben Ideenrichtung, welche ich soeben Eurer Majestät entwickelt habe. Auch ist Herr von Beust der Ansicht, daß ich jetzt wieder nach Paris gehen möge, um dort die Situation zu beobachten und auf den Kaiser Napoleon einzuwirken, damit er keine anderen Wege einschlage.«

»Ich glaube, daß es vielleicht besser wäre,« sagte der König leichthin, »wenn Sie jetzt Ihre Propaganda in England beginnen würden, um die dortige öffentliche Meinung in Ihrem Sinne zu stimmen, was vielleicht nicht so ganz leicht sein wird.«

Mr, Douglas sah den König erstaunt an, erhob die Hand und schien etwas erwidern zu wollen.

»Doch,« fuhr der König rasch fort, »über alles das werden wir noch sprechen, ich will Ihre Zeit jetzt nicht länger in Anspruch nehmen,« sprach er, indem er seine Uhr repetieren ließ, »ich habe noch einige Sachen zu erledigen, auf Wiedersehen bei der Tafel, mein lieber Mr. Douglas!«

Mr. Douglas verbeugte sich schweigend und verließ das Kabinett.

Der König schellte und befahl, den Geheimen Kabinettsrat zu rufen. Dann setzte er sich wieder und blieb in tiefes Nachdenken versunken in seinen Sessel zurückgelehnt sitzen, bis sein vertrauter Sekretär eintrat.

Derselbe legte seine Mappe auf den Tisch und blieb dem Könige gegenüber stehen.

»Ich habe soeben den Bericht des Mr. Douglas über seine Reise in Rußland angehört, mein lieber Lex,« sagte Georg V., »und er hat mir seine Anschauungen über die politische Lage und die Zukunft entwickelt, ich glaube, er hat ein wenig aus der Schule geschwätzt und ich habe da die innersten und letzten Gedanken des Herrn von Beust gehört.«

»Ich bin immer überzeugt gewesen, Majestät,« erwiderte der Geheime Kabinettsrat mit seiner dünnen, scharfen Stimme, »daß dieser Mr. Douglas von Herrn von Beust ganz besonders benützt wird, um Propaganda für diejenigen Ideen zu machen, welche der Minister nicht auf dem Wege der Diplomatie verbreiten kann oder will –«

»Und welche ich wahrlich nicht unterstützen werde,« fiel Georg V. lebhaft ein, »denn sie sind die Vernichtung desjenigen Prinzips, für welches ich kämpfe, und außerdem find sie so konfus und auf so falsche Voraussetzungen basiert, daß ich nicht begreife, wie man glauben kann, auf solche Weise die Politik Europas leiten und gestalten zu können. Er will,« fuhr er fort, »Rußland von Preußen trennen und mit Österreich alliieren, das ist schon eine Voraussetzung, welche ich für eine Unmöglichkeit halte, so lange in Preußen und Rußland Staatsmänner am Ruder sind, welche die Interessen beider Länder richtig verstehen. Hat Rußland und der Kaiser Alexander die Verletzung des Prinzips der Legitimität durch die Annexionen geduldet um der Kraft willen, welche es aus der preußischen Allianz schöpft, wie würde es jemals von dieser Allianz abfallen, um in Gemeinschaft mit Österreich Ziele zu verfolgen, zu deren Erreichung ihm die Rückendeckung durch Preußen notwendig ist? – Wenn aber,« fuhr der König, mit der Hand auf den Tisch schlagend, fort, »schon die Grundlage der Ideenfolge des Mr. Douglas eine falsche ist, so sind seine Ziele geradezu verwerflich. Er will die Mediatisierung der deutschen Fürsten, das heißt ihre Entkleidung der Militärhoheit, nur mit dem Unterschied, daß das Kommando statt in der Hand Preußens in derjenigen Österreichs liegen soll. – Soll dies das Ziel der politischen Aktion sein,« rief Georg V. lebhaft, »so werde ich an derselben nicht mitwirken. Ich will, daß in Deutschland das rein föderative Verhältnis zwischen selbständigen Fürsten wieder hergestellt werde, wie es im Prinzip die sonst so mannigfach verbesserungsfähige Bundesakte enthielt. Aber die Welt in Unruhe zu versetzen, die Gefahr eines großen, blutigen, unübersehbaren Krieges heraufzubeschwören, denn ohne einen solchen Krieg läßt sich ja das alles nicht verwirklichen, nur um Österreich an die Stelle von Preußen zum Zwingherrn Deutschlands zu machen, das würde ich für ein schweres Verbrechen halten.«

Der König hatte rasch und lebhaft gesprochen, schweigend, mit einem seinen Lächeln auf den Lippen, hörte der Geheime Kabinettsrat zu.

»Wissen Sie, lieber Lex,« fuhr Georg V. fort, »wie mir dieser Clergyman vorkommt? Wie Rodie in dem ewigen Juden von Eugen Sue; er spielt ein finsteres Spiel, um seinen Ehrgeiz im Dienste Österreichs zu befriedigen, aber mich soll er nicht zum Werkzeug seiner Pläne machen, – Gehen Sie sogleich zum Grafen Platen und sagen Sie ihm, daß er unverzüglich an Meding schreibe und ihm auftrage, den Kaiser Napoleon wissen zu lassen, daß dieser Douglas nichts mit mir zu tun habe, und daß es mir erwünscht sein werde, wenn der Kaiser ihn nicht mehr empfangen wolle.«

»Zu Befehl, Majestät,« sagte der Geheime Kabinettsrat aufstehend.

Der Kammerdiener öffnete die Türe mit den Worten:

»Ihre Königliche Hoheit Prinzeß Friederike.«

Die Prinzessin trat ein, schwarz gekleidet, das Auge von Tränen verschleiert.

Schnell eilte sie auf den König zu, der sie in seine Arme schloß und zärtlich auf die Stirn küßte.

»Du erlaubst, Papa,« sagte die Prinzessin mit zitternder Stimme, »daß ich nach Hetzendorf fahre, die arme Mathilde hat mich bitten lassen, sie wünscht mich noch einmal zu sehen.« »Noch einmal zu sehen?« rief der König bestürzt, »mein Gott, geht es ihr denn schlechter? Was ist vorgefallen, man, hatte ja gestern noch so gute Hoffnung!«

»Es scheint,« sagte die Prinzessin, in Schluchzen ausbrechend, »daß die Kräfte der armen Erzherzogin nicht ausreichen, man fürchtet das Schlimmste, ach mein Gott,« rief sie, den Kopf an die Brust ihres Vaters lehnend, »sie wird sterben, ich fühle es in meinem Herzen.«

»Geh' hin, mein Kind,« sagte der König sanft, »und vertraue bis zuletzt auf die Hilfe Gottes, bringe dem Erzherzog und seiner Tochter meine innigsten Grüße und Wünsche.«

Die Prinzessin küßte die Hand ihres Vaters, und, mit wehmütigem Lächeln den Kabinettsrat, den alten Vertrauten der königlichen Familie begrüßend, ging sie hinaus.

»Wie schwer ruht Gottes Hand auf diesen beiden Kindern,« sagte der König, »meine arme Tochter ist von ihrer Heimat, dem Lande bei tausendjährigen Herrschaft ihrer Ahnen, verbannt, und ihre Freundin, auf den Stufen des Kaiserthrons, muß aus dem blühenden, glänzenden Leben in das Grab steigen, um durch das Grab zum ewigen Leben zu gehen,« fügte er hinzu, das Auge nach oben richtend. – »Welches Los ist das härtere?« flüsterten leise seine Lippen.

»Haben Eure Majestät noch weitere Befehle?« fragte der Geheime Kabinettsrat nach einem längeren Stillschweigen.

»Nein,« sagte der König aufatmend, »veranlassen Sie schnell den Avis nach Paris, damit dieser Douglas dort nicht schaden kann, ich will etwas allein bleiben.« Und freundlich das Haupt neigend, entließ er den Kabinettsrat.

Mit raschem Trabe fuhr die Prinzessin, von der Gräfin Wedel begleitet, durch die dunkelgrünen Schatten der weiten Alleen des Parkes von Schönbrunn, nach dem stillen kaiserlichen Schlosse nach Hetzendorf. Diensteifrig eilten die kaiserlichen Lakaien an den Schlag, als der offene Wagen mit der scharlachroten Livree des Königs von Hannover in den Schloßhof einfuhr.

Atemlos sprang die Prinzeß Friederike aus dem Wägen.

»Wie geht's der Erzherzogin?« fragte sie, schnell in das große Portal eintretend, während die Gräfin Wedel langsam folgte.

Die tiefernsten Mienen der Lakaien waren die einzige Antwort auf die angstvolle Frage der Prinzessin, und in düsterem Schweigen schritt der auf die Nachricht von der Ankunft Ihrer Königlichen Hoheit schnell herbeigeeilte Graf Braida der Prinzessin nach den für die leidende Erzherzogin eingerichteten Gemächern voran.

Fast zögernd trat die Prinzessin durch die geöffnete Tür. In banger Erwartung richtete sich der tiefe Blick ihres großen Auges unter dem Schatten der langen Wimpern empor in das Innere des durch die geschlossenen Vorhänge tief verdunkelten Zimmers.

In einer großen Badewanne, mit einer Decke von dunklem Samt verhüllt, lag die Erzherzogin Mathilde. Der bekannte Doktor Hebra hatte dieses Bad verordnet, um die entsetzlichen Schmerzen der Brandwunden zu lindern und den Zutritt der Luft abzuhalten.

Nur das schöne Gesicht der Erzherzogin war sichtbar. Totenbleich und marmorähnlich lag sie da, schmerzhaft zuckten die geschlossenen Lippen, und der Blick des sonst so fröhlichen, dunklen Auges schien Bildern zu folgen, welche nicht mehr der irdischen Welt angehörten.

Neben seiner Tochter saß der Erzherzog Albrecht, in sich zusammengesunken und mit aller Anspannung seiner Willenskraft den furchtbaren Schmerz niederdrückend, der die weichen Züge seines Gesichts durchzuckte.

Bei dem leisen Rauschen der Robe der Prinzessin wendete die Erzherzogin langsam den Blick der Tür zu. Ein freudiger Schimmer erleuchtete ihr durchsichtiges, blasses Gesicht und kaum hörbar hauchten ihre Lippen:

»Meine süße Friederike, meine einzige Freundin!«

In einem Augenblick war die Prinzessin zu ihrer Freundin geeilt, während der Erzherzog sich langsam und ernst erhob. Sie sank neben der Badewanne auf die Knie nieder, breitete die Arme über die Samtdecke und drückte ihre frischen Lippen in zärtlichen Küssen auf die bleiche Stirn und das glänzende Haar ihrer Freundin.

Ihre mühsam erhaltene Fassung verließ sie, und ohne ein Wort hervorbringen zu können, sank sie in leisem Schluchzen in sich zusammen.

Mit leiser, zitternder Stimme sprach die Erzherzogin:

»Ich danke dir, daß du gekommen bist, meine liebe, einzige Freundin, um mir den letzten Blick auf dieser schönen Welt zu verklären. Siehst du,« fuhr sie mit erhöhter Stimme fort, »als wir im Garten der Villa Braunschweig über die Zukunft sprachen, da fürchtete ich, einer Krone dieser Welt geopfert zu werden, Gott hat mich gehört und ruft mich empor zu seiner ewigen Welt, und doch – hoch – o, es ist so schön, zu leben, und fast will mein Herz verzagen, die Welt voll Blumen und Sonnenschein zu verlassen, und gerade jetzt zu verlassen, wo ich die schönste Blüte des Lebens in meiner einzigen geliebten Freundin gefunden habe.«

Der Erzherzog war an ein Fenster getreten. Fest umspannte seine Hand die Lehne eines Sessels, er biß die Zähne auf die weit hervorstehende habsburgische Unterlippe und sein Blick richtete sich mit dem Ausdruck der Frage, fast des düsteren Vorwurfs, zum Himmel.

Die Prinzessin Friederike machte eine gewaltige Anstrengung, um die Herrschaft über sich selbst zu gewinnen, und indem sie ihren schmerzbewegten Zügen einen heiteren Ausdruck zu geben versuchte, sagte sie mit einer durch die gewaltige Willensanstrengung fast rauh klingenden Stimme:

»Du wirst leben, meine teure Mathilde. Deine Schmerzen zeigen dir alles im schwärzeren Licht, die Ärzte haben die beste Hoffnung.«

Sie konnte nicht vollenden, ein Schluchzen unterdrückte ihre Stimme.

»Nein,« sagte die Erzherzogin mit sanftem und ergebenem Lächeln, »meine irdische Laufbahn ist beendet, ich sehe von Zeit zu Zeit bereits den Himmel sich öffnen, ich sehe auf weißer Wolke die große Märtyrerin unseres Hauses, Marie Antoinette, erscheinen, eine weiße Lilie, mit roten Blutstropfen besprengt, in der Hand, sie winkte mir, und dann,« fuhr sie flüsternd fort, »sah ich auch meinen Oheim Maximilian; auch er grüßte mich, er lebt noch, aber er wird bald mit mir dort oben sein im ewigen Reich des Friedens.«

Die Prinzessin hatte ihre Fassung völlig verloren. Laut weinend lag sie auf ihren Knien, den Kopf auf den Rand der Badewanne gelehnt.

»Und du, meine süße Freundin,« sprach die Erzherzogin leise weiter, »du wirst vielleicht bestimmt sein, das zu vollenden, wozu man mich ersehen hatte, um die weiten Kombinationen der Politik zu erfüllen, du hast den großen Geist, das feste Herz, den hohen Mut, du wirst –«

»Um Gotteswillen,« rief die Prinzessin, das Haupt erhebend und tief erschrocken in das fast überirdisch verklärte Gesicht der Erzherzogin blickend, »welche Ideen, du wirst nicht glauben –«

Ehe die Erzherzogin antworten konnte, öffnete sich rasch die Tür und der Kaiser Franz Joseph trat in das Zimmer.

Die Prinzessin erhob sich rasch, und während der Kaiser, der ihr stumm die Hand geküßt und den Erzherzog mit einer Neigung des Hauptes begrüßt hatte, seinen Platz neben der Badewanne einnahm, verließ sie nach einem langen Blick, den Finger auf die Lippen legend, das Zimmer, stieg mit der Gräfin Wedel, welche sie draußen erwartet hatte, in den Wagen und fuhr, die Augen mit dem Taschentuch bedeckend, schweigend nach Hietzing zurück.

Siebenunddreißigstes Kapitel.

Tiefe Stille erfüllte die weiten kühlen Gewölbe der alten Notredame-Kirche, welche feierlich und würdevoll daliegt inmitten des wogenden und drängenden Treibens von Paris, seit Jahrhunderten umdrängt von dem stets wechselnden Wellenschlage des vielgestaltigen, zu immer neuen Formen sich bildenden Lebens dieser Metropole der unruhig brausenden französischen Nation.

Leichte kleine Weihrauchwölkchen stiegen zu den hohen Gewölben empor, welche durch die Lichter der farbigen Rosenfenster mit magischen Reflexen erleuchtet wurden; es war die Zeit der Morgenmesse, das heißt der Morgenmesse für die vornehme Welt, die erst gegen elf Uhr ihre Pflicht gegen Gott zu erfüllen denkt, während die Arbeiter schon früh um sechs Uhr ihre Messe hören, bevor sie ihr mühsames Tagewerk beginnen.

Während die Töne des Meßgesanges durch den weiten Raum erklangen, knieten in den Betstühlen umher die Damen der großen Welt in der frischesten und elegantesten Morgentoilette teils in wirklicher Andacht, teils in konventioneller Devotion, wie sie der gute Ton erfordert, ihre Häupter neigend vor dem Allerheiligsten.

In nicht minder leichter und eleganter Toilette sah man vermischt mit jenen Frauen, welche die ältesten und vornehmsten Namen Frankreichs trugen, die hervorragenden Damen der Halbwelt, und sie neigten ihre Häupter mit nicht geringerer Devotion als jene. Wo aber in den Herzen die größere Andacht sein mochte, das konnte allein Der sehen, dessen heiliges Symbol der Priester am Altar emporhob; Er, der durch die Gewölbe der hohen Kathedrale herabblickt, wie durch die Dächer der niederen Hütten, der gütig die Salben der Magdalena annahm, und von dessen göttlichen Lippen die Mahnung erklang: »Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.«

In der Nähe des großen Einganges, ziemlich fern von dem Altar, an welchem die Messe gelesen wurde, stand der Graf Rivero neben einem der mächtigen Pfeiler, welche die hohen Gewölbe des alten Domes tragen. In ernster Andacht folgte er der heiligen Handlung. Neben dem Ausdruck dieser Andacht lag auf seinen Zügen ein Schimmer von Glück und Dankbarkeit, welcher sein ernstes Gesicht wie mit einer sonnigen Verklärung überhauchte; es schien, als wolle er dem Gott der Liebe und Gnade, dessen Hochamt hier gefeiert wurde, den besonderen Dank seiner Seele darbringen für die Fügung, durch welche sein Leben wieder Wärme und Licht erhalten hatte.

Die Eingangstür öffnete sich, man hörte das leichte Rauschen einer duftig frischen Damentoilette. Unwillkürlich wendete der Graf seinen Blick nach der Richtung des Einganges hin und sah die Marchesa Pallanzoni, ganz in helle Farben gekleidet, in die Kirche treten. Ihr wunderbar schönes Gesicht war frisch wie immer, ihre großen, dunklen Augen waren halb niedergeschlagen und ihre Züge wie ihre ganze Haltung trugen den Ausdruck frommer Demut. Sie war ein Bild einer Dame der höchsten Aristokratie, welche von den Höhen des Lebens herabsteigt, um sich vor dem Altar niederzuwerfen und allen irdischen Stolz zu den Füßen Gottes niederzulegen.

Sinnend, mit dem Ausdruck leichten Erstaunens, ruhte das Auge des Grafen auf dieser Frau. Niemand kannte wie er die tiefen Abgründe ihrer Seele, und doch mußte er sich sagen, daß dieser Ausdruck von Demut und Frömmigkeit, der wie eine leichte, durchsichtige Wolke über der weltlichen Eleganz ihrer Erscheinung lag, so echt und wahr erschien, daß man kaum an Heuchelei hätte denken können.

Mit langsamen, fast schüchternen Schritten näherte sich die Marquise dem Pfeiler, an dem der Graf stand, und neben welchem zugleich sich die Schale mit dem geweihten Wasser befand. Langsam schlug die junge Frau die Augen empor, fragend und erwartungsvoll ruhte ihr Blick auf dem Grafen. Die Höflichkeit erforderte, daß er ihr den Wedel mit dem Weihwasser darbot. Langsam trat er einen Schritt vor, es war, als ob ihn eine innerliche Warnung zurückhielt, die Hand dieser Frau mit einem Symbol seines Gottesdienstes in Verbindung zu bringen. Doch, wie einem raschen Entschluß folgend, trat er an den steinernen Kessel heran, tauchte den Wedel in das geweihte Wasser und sprach leise, indem die junge Frau ihre Fingerspitzen benetzte und das Zeichen des Kreuzes auf ihrer Stirn machte: »Möge dieses reine und heilige Wasser Ihre Seele reinwaschen von aller Schuld«.

Das dunkle Auge der Marquise blitzte bei diesen, nur ihr hörbaren Worten einen Augenblick unter den demutsvoll gesenkten Wimpern empor. Es lag in diesem Blick ein unbeschreiblicher Ausdruck von Hohn und Herausforderung, ja fast wildem Hasse, so daß der Graf wie entsetzt zusammenzuckte. Doch in der nächsten Sekunde war dieser Blick wieder unter den Augenlidern verschwunden, die Marquise neigte ernst und dankend das Haupt und begab sich zu einem der nächsten Betstühle, in welchen der ihr folgende Lakai ein Kissen von dunkelblauem Samt niedergelegt hatte.

Die heilige Handlung nahm ihren Fortgang, bald ertönte das Ite missa est durch die feierliche Stille als Losung für diese ganze hier versammelte elegante Welt, sich wieder zurückzubegeben in das glänzende, funkelnde und blühende Leben, nachdem man von allen dem Vergnügen geweihten Stunden einige Augenblicke geopfert hatte, um sich mit dem Himmel auf gutem Fuße zu erhalten.

Die Marquise hatte ihren Betstuhl verlassen und schritt langsam, immer den Ausdruck tiefer Bewegung und Andacht auf ihren Zügen, dem Ausgangsportal zu.

Der Graf Rivero näherte sich ihr und sprach im leichten Ton des Weltmannes: »Darf ich Sie um einen Platz in Ihrem Wagen bitten? Ich bin zu Fuß hier und möchte den weiten Weg nach den Boulevards abkürzen.«

Die Marquise nickte schweigend ihre Zustimmung; der Graf bot ihr den Arm und führte sie nach ihrer draußen wartenden Equipage, deren Schlag der Lakai bereits geöffnet hatte.

Schnell zogen die ungeduldig harrenden Pferde an und der Wagen rollte fast unhörbar auf seinen leichten Rädern den neuen und eleganten Stadtteilen zu.

»Ich habe Sie noch nicht gefragt,« sagte der Graf, »in welcher Weise Sie die Aufgabe erfüllt haben, die ich Ihnen gestellt – Sie haben mir und meiner Sache einen großen Dienst geleistet, ich hoffe, daß dabei keine Kompromittierung möglich ist.«

»Seien Sie unbesorgt,« erwiderte die junge Frau mit stolzem Lächeln , »ich bin gewohnt, in diskreten Dingen zu gehen wie die Indianer auf ihren Streifzügen. Niemand wird die Spur meiner Schritte finden. Ich habe –«

»Sie werden mir das später erzählen,« sagte der Graf, »für heute wollte ich Ihnen nur mitteilen, daß ich Ihnen den jungen Hannoveraner bringen werde, den ich Ihnen neulich beim Rennen in Longchamps vorgestellt habe. Sie wissen, daß mich das Treiben der hannöverschen Emigration und des Vertreters des Königs Georg lebhaft interessiert. Sie werden mit derselben Geschicklichkeit, die Sie bei Ihrem ersten Auftrage bewährt haben, auch das Ende dieser etwas verschlungenen Fäden zu finden wissen; vielleicht,« fügte er mit einem kalten Lächeln hinzu, »ist diese Aufgabe schwieriger, doch werden Sie etwas mehr Unterhaltung dabei finden.«

Die Marquise neigte das Haupt, und indem sie sich mit einer gewissen graziösen Koketterie in die Kissen zurücklehnte, sagte sie mit einem lächelnden Seitenblick:

»Ich werde versuchen, Sie auch diesmal zufrieden zu stellen.«

Der Wagen war die Seine entlang gefahren und in die Nähe der Morgue gekommen, dieses langen, niedrigen Gebäudes, unter dessen Dache die Leichen der Verunglückten zur Rekognoszierung für die Angehörigen ausgestellt werden.

Die Marquise warf einen neugierigen Blick auf dieses einfache Gebäude, das in dem bewegten Mittelpunkte des Pariser Lebens die finster tragischen Lösungen so vieler Lebensrätsel in sich schließt.

»Ist es möglich, Herr Graf,« fragte sie, »einmal diese Morgue zu betreten, von der ich so viel gehört habe, die mich anzieht wie ein finsterer Abgrund voll entsetzlicher Geheimnisse, und welche ich noch nie gewagt habe allein zu besuchen?«

»Die Morgue steht jedem offen,« erwiderte der Graf ernst, »da sie den suchenden Angehörigen Gelegenheit geben soll, Vermißte aufzufinden; nur läßt sich's nicht vermeiden, daß sie zugleich den neugierigen Parisern ein Mittel bietet, ihre überreizten Nerven durch den Anblick grauenvoller Bilder zu kitzeln. Wenn Sie es wünschen, werde ich Sie hineinführen,« fuhr er mit tiefer Stimme fort, »Sie werden vielleicht Gelegenheit haben, zu sehen, zu welchem Ende Schuld und Verzweiflung den irrenden und von Gott abgewendeten Menschen führen können.«

Wieder schoß aus den Augen der Marquise wie ein Blitz jener Blick voll dämonischen Hasses und finsteren Hohns zu dem Grafen herüber, wie er in der Notredame ihm erschienen war, aber ebenso schnell, wie damals, verschwand auch jetzt dieses plötzliche Aufleuchten wieder unter dem gleichmäßig artigen Ausdruck der Weltdame, und indem sie mit der Spitze ihres Sonnenschirms leise die Schulter des vor ihr sitzenden Kutschers berührte, sagte sie in leichtem Ton:

»Ich danke Ihnen, daß Sie meinen Wunsch befriedigen wollen, der übrigens mehr als bloße Neugierde ist. Da Sie meiner Dienste für Ihre Sache auf den Höhen wie in den Tiefen des Lebens bedürfen,« fügte sie mit einem fast unmerkbaren Anklang von Ironie in der Stimme hinzu, »so darf ich mich nicht scheuen, auch einen Blick auf den Boden der finsteren Abgründe des menschlichen Lebens zu tun.«

Der Wagen stand, dem Wink der Marquise gehorchend, unmittelbar neben dem Eingang zur Morgue. Der Graf bot der jungen Frau mit der ihm eigentümlichen, würdevollen und anmutigen Eleganz seinen Arm und in wenigen Augenblicken traten sie durch die Vorhalle in den so einfachen, von oben her erhellten Raum, dessen Anblick eben seiner Einfachheit wegen einen um so erschütternderen Eindruck macht.

Auf den Gestellen, leicht unterspült von stets frisch fließendem Wasser, lagen heute fünf Leichen, völlig entkleidet, neben dem Gestell hingen die Kleidungsstücke, und auf kleinen Taburetts lagen die Gegenstände, welche man bei den Verunglückten gefunden hatte.

Mit tiefem Ernst sah der Graf Rivero auf diese traurigen Überreste, welche die Marquise ihrerseits mit einer Neugierde betrachtete, deren Ausdruck nur durch das Gefühl des natürlichen Schauers gemildert wurde, den die lebendige, menschliche Organisation instinktmäßig beim Anblick des Todes empfindet.

Auf dem ersten Gestell, dem Eingänge zunächst, lag die Leiche eines Knaben von zwei Jahren; eine tiefe Wunde lief über den Kopf oberhalb der Stirn, die Züge des jugendlichen Gesichts waren entstellt und schmerzhaft verzogen, der Mund geöffnet, die Augen gebrochen, neben der Leiche hingen einige ärmliche Kleidungsstücke.

Während der Graf die Überreste dieses so früh auf gewaltsame Weise dem Leben entrissenen Kindes voll tiefen Mitleids betrachtete, eilte die Marquise nach einem flüchtigen Blick auf die kleine Leiche dem nächsten Tische zu.

Hier lag ein alter Mann von mindestens sechzig Jahren, mit struppigem, grauem Bart und spärlichen Haaren, die eingefallenen Züge zeigten selbst in dem vorgeschrittenen Stadium der Verwesung, in welchem die Leiche sich bereits befand, die Spuren tiefen Elends. Kleidungsstücke, welche neben dem Gestell hingen, waren durch die lange Zeit, die sie im Wasser zugebracht hatten, fast unkenntlich in den Farben geworden.

»Welch eine wunderbare Zusammenstellung,« sagte der Graf Rivero langsam, »hier das Kind, kaum in das Leben getreten und schon auf so entsetzliche Weise wieder dem Tode geweiht! Soll man es beklagen oder beneiden, daß es dieser Welt entrückt wurde, bevor ihre Schuld und ihre Schmerzen das junge Herz erfassen konnten? Und hier daneben,« fuhr er fort, indem sein Blick langsam hinüberglitt zu der Leiche des alten Mannes, »hier daneben dieser Greis, den des Lebens Not so schwer gedrückt hat, daß er die kurze Zeit nicht mehr ertragen konnte, die ihn von dem natürlichen Ende seiner Leiden trennte. Er ist zu beklagen, der Arme, der lange Jahre die Schmerzen des Daseins ertragen, und nun, weil er die erlösende Macht des Todes nicht erwarten konnte, mit der Schuld der Selbstzerstörung beladen vor dem ewigen Richter erscheinen mußte.«

Er faltete die Hände und sprach ein stilles Gebet über der entstellten Leiche des alten Mannes.

Flüchtig nur hatte die Marquise seinen Worten zugehört und wendete sich zum nächsten Gestell, welches den toten Körper eines jungen Mädchens trug, die höchstens einen Tag in den Fluten der Seine geblieben sein konnte, so frisch war die Farbe ihrer Haut und der Zustand der saubern Kleidungsstücke, welche neben ihr hingen und deren Schnitt sie als den mittleren Bürgerständen angehörig bezeichnete. Das schwarze Haar lag, in einfachen Flechten geordnet, um die marmorbleiche Stirn, und um den geschlossenen Mund sah man die Linien schmerzlicher Seelenkämpfe.

»Armes Kind,« sagte der Graf, »dich hat die Liebe dem frühen Tode in die Arme geführt, diese Liebe, welche von den Dichtern aller Zeiten als das höchste Glück besungen wird, und welche doch so selten Glück und Frieden in das Menschenherz bringt; möge die ewige Liebe milde das Verbrechen richten, zu welchem dich die irdische Liebe geführt hat.«

Ein leichter Ausdruck des Erstaunens entfuhr den Lippen der Marquise, welche sich nach dem nächsten Gestell gewendet hatte.

Auf diesem lag der Körper eines jungen Mannes, welcher nach der daneben hängenden Bluse dem Arbeiterstande angehört haben mußte; fast wie auf einem Ruhebett ausgestreckt sah man die muskelkräftig schön gebauten Glieder daliegen, der Kopf mit dem schwarzen Haar war etwas zurückgelehnt und das bleiche Gesicht mit den geschlossenen Augen zeigte den Ausdruck eines ruhigen, fast lächelnden Friedens.

In diesem leblosen Antlitz aber erkannte die Marquise Pallanzoni die Züge von George Lefranc. Dieses geschlossene Auge hatte mit so warmer, tiefer Innigkeit die arme Arbeiterin Louise Bernard angeblickt, dieser für ewig geschlossene Mund hatte so treue, liebevolle Worte zu ihr gesprochen, Worte, die hin und wieder längst vergessene Töne einer reineren Vergangenheit, wenn auch nur in vorübergehender, zitternder Schwingung, hatten in ihrem Herzen ertönen lassen, Worte, bei denen es zuweilen leise um ihr Haupt gerauscht hatte, wie von dem fern heranwehenden Flügelschlage des längst entflohenen Schutzgeistes ihrer Kindheit.

Und nun lag dies junge Herz voll Liebe und Hoffnung erstarrt zum ewigen Schlaf vor ihr, ihr konnte kein Zweifel bleiben, was den armen, jungen Mann in den Tod getrieben hatte, sie konnte die Leiden ermessen, welche dies Herz bewegt haben mußten, bevor es zu schlagen aufgehört.

Eine dunkle, fliegende Röte war über ihr Gesicht geflammt, als sie den Toten erkannte, eine tiefe Blässe legte sich dann über ihre Züge und mit einem wunderbar tiefen Ausdruck, wie er selten in ihrem Auge zu finden war, blickte sie auf den leblosen Körper hin. Es lag etwas in diesem Blick von tiefem Mitleid, ein Schimmer von Gefühl, von Schmerz, und langsam stieg eine blinkende Träne in das klare, glänzende Auge herauf, als sie dies bleiche, in der Erstarrung des Todes so friedlich ruhige Gesicht vor sich sah. Dann glitt ihr Blick herab über den schönen Körper des jungen Mannes, dessen schlanke und kraftvolle Formen dem Meißel eines Bildhauers hätten zum Vorbild dienen können, ihr Auge verschleierte sich wie mit einer wallenden Wolke, leicht senkten sich ihre Lider herab und ein halb unterdrückter, tiefer Seufzer drängte sich aus ihren Lippen hervor.

Der Graf hatte dies alles bemerkt – scharf und forschend sah er sie an.

Rasch wendete sich die junge Frau ab, mit einer kräftigen Willensanstrengung gab sie ihrem Gesicht seinen gewohnten, ruhigen Ausdruck wieder und mit natürlichem Ton sprach sie leicht zusammenschauernd:

»Ich habe meine Nerven doch für stärker gehalten, lassen Sie uns gehen, der entsetzliche Eindruck dieser Todesbilder überwältigt mich.«

Noch einmal glitt ihr feuchtschimmernder Blick über die schöne Gestalt der Leiche, noch einmal drängte sich jener tiefe, schwere Atemzug aus ihren Lippen hervor, dann schritt sie, ohne die andern Leichen weiter anzusehen, dem Ausgange zu.

Der Graf blieb einen Augenblick zurück und machte langsam das Zeichen des Kreuzes über dem Körper des jungen Arbeiters, dann folgte er der Marchesa, welche bereits die Morgue verlassen hatte, hob sie in ihren Wagen und setzte sich neben sie.

»Nach Hause!« rief die junge Frau, und schnell rollte der Wagen davon.

In schweigendem Nachdenken saß der Graf einige Augenblicke da, dann richtete er den Blick voll und fest auf die Marchesa, welche, wie dem magnetischen Einfluß dieses Blickes gehorchend, die Augen zu ihm aufschlug und ihn fragend und erwartungsvoll mit einer Mischung von Trotz und Demut anblickte.

»Wer war dieser Tote?« fragte der Graf mit leiser, aber tief durchdringender Stimme.

Wie unwillkürlich zuckte die Marchesa mit den Achseln, auf ihrem Gesicht erschien ein Ausdruck, als wollte sie eine flüchtig ablehnende Antwort geben. Dann aber blitzte es auf wie willenskräftiger Stolz in ihrem Auge, und indem sie den Grafen gerade und fast starr anblickte, sagte sie in ruhigem Ton, durch den aber eine leise Bewegung hindurchklang:

»Er war das Werkzeug, durch welches ich Ihren Auftrag ausgeführt habe – er liebte mich, wie ich glaube, tief und innig – er ist an dieser Liebe und an der Täuschung seines Herzens gestorben, das hat mich bewegt und schmerzlich ergriffen, vielleicht,« fuhr sie halb für sich fort, »ist es besser für ihn so, was hätte das Leben ihm bieten können, dessen Geist aufwärts strebte, während seine Lebensstellung ihn mit unlösbaren Fesseln an die Niedrigkeit geschmiedet hielt!«

Der Graf schwieg abermals lange und blickte düster vor sich hin.

»Ich werde dafür sorgen,« sagte er dann, »daß dieser arme, junge Mann eine würdige Ruhestätte finde, und nicht an die anatomischen Säle ausgeliefert werde. Sie aber –« fuhr er dann fort, seine Hand leicht, aber mit kräftigem Druck auf diejenige der Marquise legend, »Sie aber beugen sich in Demut und Reue vor Gott, daß er Ihnen die Zerstörung dieses jungen Lebens voll Hoffnung und Liebe vergeben möge, das Sie vor der Zeit vernichtet und zu einem Tode voll finsterer Verzweiflung gedrängt haben.«

Rasch in elastischer Bewegung schnellte der geschmeidige Körper der Marchesa empor, ihre Augen sprühten Blitze flammenden Stolzes, in höhnischem Lächeln kräuselten sich ihre schönen Lippen, daß die weißen Zähne schimmernd hervortraten, und mit scharfer Stimme, fast dem Zischen der zur Verteidigung sich aufraffenden Schlange vergleichbar, sprach sie:

»Ich habe bei dem Anblick dieses armen Toten Reue und Schmerz empfunden, und wenn ich glaubte, daß es eine ewige Macht gäbe, zu der mein Gebet empordringen könnte, so würde ich täglich für diese arme Seele beten, die sich voll Innigkeit mir angeschlossen hatte, und die mir alles geben wollte, was sie an Reichtum von Liebe und Treue zu bieten hatte. Sie aber, Herr Graf,« fuhr sie fort, indem ihr Haupt sich noch höher und stolzer emporrichtete und indem ihre Augen in kühner Herausforderung den Blicken des Grafen begegneten, »Sie aber haben kein Recht, mich zur Buße und Reue zu ermahnen, denn wenn hier von einer Sünde, von einem Verbrechen die Rede ist, so ist es diesmal nicht das Weib, das dem Manne den Apfel gereicht hat!«

»Welche Sprache –« sagte der Graf mit einem Erstaunen, das fast den Ausdruck des Schreckens vor der so plötzlichen Auflehnung dieser Frau zeigte, die er ganz in seiner Hand zu halten meinte, »welche Sprache – Sie vergessen –«

»Ich vergesse nichts,« erwiderte die junge Frau, ihn unterbrechend, immer in demselben festem, scharfen und zischend hervordringenden Ton, »ich vergesse nichts und ich spreche die Sprache, zu der ich berechtigt bin. Ich habe viel Schuld auf mich geladen,« fuhr sie fort, »und alle Sünde, die ich begangen aus dem Triebe meiner eigenen Wünsche, will ich tragen und verantworten – die Tat aber, die hier geschehen, ist nicht die meine und nimmer hätte ich sie um meinetwillen getan. Sie, Herr Graf, haben mir gesagt, daß ich mich von der Schuld meines früheren Lebens entsühnen könne, indem ich an Ihrer Hand als Ihr Werkzeug einer großen und heiligen Sache diene, einer Sache, von deren Sieg das Wohl der Menschheit abhinge und der Sie Ihr Leben gewidmet hätten. Ich habe diesen Dienst angenommen, und in dem Dienst jener Sache haben Sie mir den Auftrag gegeben, Ihnen den Inhalt der bekannten Kassette zu verschaffen, Sie haben mir den Weg angedeutet, den ich zu gehen habe, um mein Ziel zu erreichen, und ich bin ihn gegangen in der vollen Überzeugung, daß der Weg, auf den Sie mich gewiesen,« fuhr sie mit tief einschneidender Ironie fort, »der rechte und ein dem Himmel wohlgefälliger sei. Ich habe meinen Zweck erreicht, Sie haben mir Ihre Zufriedenheit darüber ausgedrückt – und wenn der Erreichung jenes Zweckes ein Opfer gefallen ist, so habe ich mir wahrlich dabei keinen Vorwurf zu machen, denn nicht um meiner Wünsche willen habe ich mich in den Lebenskreis jenes armen, jungen Mannes gedrängt, nicht um meinetwillen habe ich seine Liebe mir erworben. Er sollte das Werkzeug sein für Ihre Plane, er ist es geworden, und wenn nun das Werkzeug zerbrochen ist – so ist das nicht meine Schuld, sondern die Schuld des Meisters, der meiner Hand sich bediente, um jenes Werkzeug in Tätigkeit zu setzen. Wenn ich die Schwäche habe – und ich habe sie, den Armen zu bedauern, so ist das eine Sache meines Herzens und meines Gefühls, Sie aber, dessen Befehlen ich gehorcht, haben kein Recht, mir einen Vorwurf zu machen.«

Der Graf hatte schweigend zugehört, endlich wich der Ausdruck des Erstaunens und der Überraschung aus seinen Zügen, eine schnelle Röte flammte über sein Gesicht, und indem er seinen Blick von oben herab über die ganze Gestalt der jungen Frau gleiten ließ, sprach er in kaltem Ton:

»Sie führen eine Sprache, die Ihnen nicht ziemt, ich bitte Sie, niemals zu vergessen, daß ich Sie in meiner Hand halte und zertrümmern kann, wenn Sie den Gehorsam vergessen.«

»Nicht in dieser Sache halten Sie mich in Ihrer Hand, Herr Graf,« rief die junge Frau, »was ich getan habe, haben Sie mich zu tun geheißen, und die Früchte meiner Tat, wenn sie strafbar ist, sind in Ihren Händen, die Verantwortung, die mich träfe, würde in demselben Augenblick auf Sie zurückfallen.«

Der Graf erhob sich fast von den Kissen des Wagens, seine Augen flammten in so gewaltigem Zorn, daß dieser Blick, wenn er ein körperliches Fluidum gewesen wäre, die Marchesa wie ein Wetterstrahl hätte vernichten müssen.

Noch bevor er aber ein Wort gesprochen hatte, schien ein schneller Gedanke die junge Frau zu erfüllen, ein schneller Entschluß ihre Erregung niederzukämpfen.

Der höhnische Ausdruck verschwand von ihren Lippen, ihre Augen senkten sich zu Boden, und als sie dieselben wieder aufschlug, blickten sie demütig und sanft zu dem Grafen hinüber.

Indem sie die Spitzen ihrer mit den zierlichen, hellgrauen, schwedischen Handschuhen bekleideten Finger wie bittend an einander legte, sagte sie mit einer Stimme, deren Weichheit keine Spur mehr von dem früheren scharfen, schneidenden Ton ihrer Worte hatte:

»Ich bitte um Verzeihung, mein Meister, daß ich mich von meiner Erregung habe hinreißen lassen – Sie wissen, wie schwer ich an eigener Schuld zu tragen habe, so schwer,« sprach sie leise, »daß ich wohl befugt bin, mich zu sträuben, eine Schuld auf mich zu nehmen, die nicht die meine ist, wie Sie anerkennen werden, wenn Sie gerecht gegen mich sein wollen. – Mein Gehorsam,« fuhr sie fort, »ist unbedingt und durch meinen Gehorsam gerade ist ja dies Opfer gefallen, für das, wie ich Ihnen aus voller Überzeugung schon gesagt habe, der Tod wohl eine Wohltat ist, da er ihn von den Kämpfen des Lebens erlöst hat, die seinen armen, schwer arbeitenden Geist vielleicht zu der Nacht des Wahnsinns geführt hätten.«

Der Graf sah sie mit einem langen Blicke an, der zornig überlegene Ausdruck verschwand von seinem Gesicht, eine stille, traurige Wehmut verschleierte seine soeben noch Flammen sprühenden Augen, und sich in die Kissen zurücklehnend, blieb er schweigend neben der Marchesa sitzen.

»Sie werden mir also den Baron Wendenstein zuführen?« fragte diese, als der Wagen sich ihrer Wohnung näherte, »jenen jungen Hannoveraner, mit welchem ich wohl keine so tragische Wendung zu befürchten habe, als mit dem unglücklichen George Lefranc.«

Der Graf antwortete nicht sogleich.

»Ich werde darüber nachdenken,« sagte er nach einer Pause, »ob der Zweck, den ich im Auge habe, das Spiel mit diesem jungen, frischen Herzen wert ist.«

Ein leichtes, fast unbemerkbares Lächeln zitterte über die Lippen der Marchesa.

Der Wagen hielt vor ihrer Wohnung.

»Darf ich Sie nach Hause fahren lassen?« fragte die junge Frau, als der Graf ihr die Hand zum Aussteigen reichte.

»Ich danke,« erwiderte er, »ich will zu Fuß gehen.«

Und mit artiger Verbeugung wollte er sich verabschieden, als in demselben Augenblick der Leutnant von Wendenstein aus der Tür des Hauses trat.

Befremdet blickte der Graf ihn an, während die Marchesa mit anmutigem Lächeln den Gruß des jungen Mannes erwiderte, indem ein leichter Schimmer triumphierender Freude aus ihrem Blicke leuchtete.

»Sie haben mir neulich erlaubt, Frau Marquise,« sagte der junge Mann, »mich Ihnen vorzustellen, und ich wollte soeben von dieser gütigen Erlaubnis Gebrauch machen; zu meinem tiefen Bedauern waren Sie nicht zu Hause, und ich habe meinem glücklichen Stern zu danken, der mich Ihnen jetzt gerade entgegenführt.«

»Es tut mir leid, mein Herr,« erwiderte die junge Frau mit verbindlicher Höflichkeit im vollendetsten Ton der großen Welt, »daß ich nicht imstande bin, Sie einzuladen, mich jetzt wieder in meinen Salon zu begleiten. Ich bin erschöpft und habe dann meine Toilette zu machen. Aber ich empfange Abends immer und heute abend werden Sie mich sicher zu Hause finden. Ich darf Ihnen also sagen: Auf Wiedersehen!«

Sie reichte dem Grafen die Hand, der sie mit einem leichten Zögern ergriff und unhörbar flüsterte: »Ist das die Hand des Verhängnisses?« –

Die Marquise nickte dem jungen Mann einen freundlichen Gruß zu und stieg dann schnell die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf.

»Nach welcher Richtung gehen Sie, Herr Graf?« fragte Herr von Wendenstein, »ich wollte ein wenig zur Ausstellung.«

»Sie werden dort dem Vizekönig von Egypten begegnen, er ist vorgestern angekommen und will heute die egyptische Abteilung besuchen,« sagte der Graf, indem er den jungen Mann mit einem langen und tiefen Blick ansah, der wenig zu dem einfachen und gleichgültigen Inhalt seiner Worte paßte, »ich will nach Hause zurückkehren und habe die Ehre, Ihnen viel Vergnügen zu wünschen.«

Es schien, als wolle er noch etwas sagen, doch reichte er Herrn von Wendenstein die Hand, und artig den Hut berührend, wendete er sich um und schritt langsam das Trottoir entlang, während der junge Hannoveraner einen vorüberfahrenden Fiaker heranrief, um nach dem Champ de Mars hinauszufahren.

»Darf ich diesen jungen Mann in die Gefahr sich stürzen lassen, die ihm bei dieser Frau droht? – Ist es nicht meine Pflicht, ihn zu warnen?« fragte er sich leise, »doch,« fuhr er fort, »was sollte er denken, wenn ich ihn vor einer Frau warnte, der ich ihn selbst vorgestellt habe, und würde diese Warnung irgendeinen Erfolg haben? – Ich will über ihm wachen,« sagte er tief aufatmend, »und Gott wird mir die Kraft geben, zu verhüten, daß hier ein zweites Trauerspiel gespielt werde.«

Langsam schritt er weiter seiner Wohnung zu.

In seinem Salon angekommen, öffnete er einige Briefe, die er auf seinem Tische fand, durchflog deren Inhalt flüchtig und trat dann sinnend an das Fenster.

»Ich habe einen tiefen Blick in das Innere dieser Frau getan,« sagte er seufzend zu sich selbst, »und Entsetzen erfaßt mich bei dem Gedanken an den dämonischen Abgrund in dieser Seele, die ich zu meinem Werkzeug gemacht habe. Im tiefsten Grunde ihres Herzens schläft die Auflehnung gegen meine Macht, sie schäumt in den Zügel und wird jede Gelegenheit suchen, ihn abzuschütteln. – Und habe ich diese Macht noch,« sagte er mit einem tiefen Atemzug, »ich war ihr Herr – kann ich es noch sein, da ich ihr Mitschuldiger bin? – Ihr Mitschuldiger?« rief er, sich hoch aufrichtend, »kann es eine Schuld geben in dem großen, gewaltigen Kampf für das heiligste und höchste Ziel? – Und wenn ich, mich selbst vergriffe in der Wahl der Mittel, wenn meine Brust erfüllt ist vom edelsten Streben, wenn ich das Gute im weitesten Kreise erziele, kann ein Übel, das den Einzelnen treffen möchte, mir angerechnet werden vor dem Richter, für dessen Macht und Herrlichkeit ich streite? – Den Einzelnen?« fuhr er in finsterem Sinnen fort, »gibt es einen Einzelnen vor Gott, ist das einzelne Menschenherz nicht eine Welt in den Augen desjenigen, der die Sperlinge auf dem Dache schützt und jedes Haar unseres Hauptes behütet?«

Lange stand er schweigend.

»Also auch in dies Herz,« sagte er dann, »auch in dies Herz, das ich so fest gepanzert glaubte, dringen die Zweifel der schwachen Seelen, auch mich will die Schwäche beschleichen, die ermatten läßt in der großen Arbeit für den Ruhm Gottes und den Sieg der Kirche? – »Nein,« rief er, sich stolz emporrichtend und das große Auge mit begeistertem Blick aufschlagend, »nein, kein Zweifel, keine Schwäche soll mein Herz krank machen; mit Feuer und Schwert muß der Sieg über die Mächte der Finsternis erfochten werden, damit die Palme des heiligen Friedens die geläuterte und zum Dienste Gottes zurückgekehrte Welt beschatten könne.«

Wieder aber verschleierte sich sein verklärt aufwärts schauendes Auge, schmerzlich zuckte seine Lippe und finsterer Ernst legte sich auf seine Stirn.

Wie ermattet brach seine stolze Haltung zusammen, langsam ließ er sich in einen Lehnstuhl niedersinken, bedeckte das Gesicht mit den Händen und sprach mit tief trauriger, zitternder Stimme:

»Eritis sicut deus!«

Achtunddreißigstes Kapitel.

Zwei Monate waren verflossen, seit die Beherrscher der großen Militärreiche von Preußen und Rußland Paris wieder verlassen, und die Konjekturalpolitik, welche infolge ihrer Zusammenkunft die Presse und die politischen Klubs so lebhaft bewegt hatte, schwieg; die Pariser, nachdem sie sich in dem strahlenden Glänze der politischen Herrlichkeit des Kaisertums gesonnt hatten, freuten sich nunmehr an der, mit der hohen Sommersaison in der Hauptstadt immer reicher zusammenströmenden Fülle der Fremden aus allen Weltteilen.

In all die schimmernde, bunte Pracht des üppigen Lebens, welches sich in der Kapitale Frankreichs entwickelte, war wie eine düstere Mahnung der finsteren Schicksalsmächte die Nachricht herüber gedrungen von dem furchtbaren Trauerspiel, dessen Entwickelung jenseits des Ozeans auf dem blutigen Sand des Grabens von Queretaro den Leichnam des edlen Erzherzogs niedergestreckt hatte, der sein Leben an die phantastische Aufgabe setzte, die Wilden von Mexiko zu zivilisieren. Wie ein düsteres Gespenst war das Bild des Ermordeten durch die rauschenden Feste der Weltausstellung dahin geschritten, für einen Augenblick alle diese jubelnden, fröhlichen Menschen in starrem Entsetzen versteinernd. Die Feinde des Kaisertums hatten in hohen Tönen die Schuld verkündet, welche der schweigsame Imperator an dem furchtbaren Ende eines reichbegabten, fürstlichen Lebens trug. Mehr oder weniger deutlich hatte man die Rachegeister heraufbeschworen, an dem Haupte des Schuldigen Vergeltung zu üben, und es wäre diesen Stimmen in der Presse und den Klubs vielleicht gelungen, einen Sturm der Entrüstung gegen Napoleon in der so sein und ritterlich fühlenden französischen Nation zu erregen, wenn nicht die täglich wechselnden, farbenschimmernden und aufregenden Bilder des Ausstellungstreibens alle tieferen Eindrücke schnell wieder verwischt hätten. So aber war das blutige Drama nach dem ersten erschütternden Eindruck bald wieder vergessen worden, wie man ja in Paris alles so schnell wieder vergißt, mag es dem Bereich des heiteren Gesellschaftslebens oder dem Gebiete der ernsten Weltereignisse angehören. Der finstere Schatten des gemordeten Kaisers war vorübergeschwebt; hinter ihm schlugen die Wogen des rauschenden Bacchanals der Lust höher und voller zusammen, und es gehörte zur Mode, nicht mehr von der Katastrophe zu sprechen, welche das stolzeste Herrscherhaus Europas so tief und schmerzlich getroffen hatte. Länger und ernster bewegt blieben die Freunde des Kaisers und der kaiserlichen Herrschaft. Trotz aller Andeutungen in den offiziösen Blättern aller Schattierungen war es doch ein offenes Geheimnis, daß der Wunsch einer politischen Annäherung an Rußland und einer ausgleichenden Verständigung mit Preußen nicht erfüllt war. Man wußte sehr gut, daß der Kaiser Alexander voll tiefer Verstimmung über die Beleidigung, deren Gegenstand er von Seiten der radikalen Advokaten gewesen war, und über das Attentat, welches sein Leben bedroht hatte, aus der französischen Hauptstadt in sein Reich zurückgekehrt war; man wußte ebenso, daß trotz der ritterlichen Courtoisie, mit welcher der König Wilhelm die liebenswürdigen Aufmerksamkeiten des Kaisers und der Kaiserin empfangen hatte, dennoch alle politischen Verständigungsversuche Napoleons bei dem eisernen Grafen von Bismarck nur eine ebenso höfliche, als kalte Ablehnung gefunden hatten. Es blieb also für die französische Politik nur ein einzig möglicher Weg offen, der des innigen Anschlusses an Österreich und der festen Alliance mit dieser Macht, welche zwar durch den schweren Schlag des letzten Jahres hart daniedergeworfen war, von der man aber hoffte und erwartete, daß sie unter der Herrschaft der neuen, freien Ideen des Herrn von Beust bald wieder die reiche Kraft gewinnen werde, welche bei einer richtigen Pflege ihrer inneren Lebenselemente sich naturgemäß entwickeln mußte. Man wußte, daß der Kaiser Napoleon mit allem Eifer nach dieser Alliance strebte, daß Herr von Beust für dieselbe äußerst günstig gesinnt sei, daß der Fürst Metternich seine ganze diplomatische Geschicklichkeit entwickelte, um die guten Beziehungen zwischen den Höfen von Wien und Paris immer inniger und fester zu knüpfen. Aber man fürchtete, daß das persönliche Gefühl und der Stolz des Kaisers Franz Josef zurückschrecken werde vor der Alliance mit Frankreich, dessen Cäsar einen Sprossen des habsburgischen Hauses dem frühen und entsetzlichen Tode überliefert hatte.

Mit um so größerer Freude begrüßten deshalb alle Freunde des Kaisertums die Nachricht, das der Kaiser Napoleon dem Kaiser Franz Josef in Salzburg einen Besuch abstatten werde und daß, um den freundschaftlichen Charakter dieser Zusammenkunft noch mehr und deutlicher hervortreten zu lassen, die beiden Kaiserinnen ebenfalls in Salzburg anwesend sein würden.

Damit war die Wolke verschwunden, welche zwischen den beiden auf einander angewiesenen Reichen aus dem mexikanischen Abgrunde emporgestiegen war, und abermals füllten sich die Spalten der Journale von Frankreich und von ganz Europa mit langen Artikeln über die Bedeutung der Zusammenkunft von Salzburg und über die Zwecke und Folgen einer französisch-österreichischen Alliance. Mit schadenfroher Genugtuung reproduzierten die französischen Blätter die Äußerungen des Mißbehagens und Mißtrauens, mit denen die preußischen Zeitungen die Nachricht von jener Zusammenkunft aufnahmen.

Neben diesen politischen Konjekturen unterließ die öffentliche Meinung aber nicht, sich zugleich mit der Zusammenkunft der beiden Kaiserinnen zu beschäftigen. In offiziös wichtigem Ton wurden die Toilettenangelegenheiten der hohen Damen behandelt, und die elegante Welt in Wien und Paris blickte mit gespanntem Interesse der Begegnung dieser zwei fürstlichen Frauen entgegen, welche jede in dem Reiche, dessen Thron sie teilten, zugleich in unbestrittener Herrschaft den Szepter der Anmut und Eleganz trugen.

Man vergaß einen Augenblick selbst die Ausstellung und ihre Wunder, man vergaß den Vizekönig von Egypten und seine schwarzen Nubier, man vergaß selbst den Besuch des Sultans, diese unerhörte Infraktion in die alte Etikette des mohammedanischen Orients, um sich nur noch mit der Zusammenkunft in Salzburg zu beschäftigen, und während die Politiker der Diplomatie und Presse mit gespannter Aufmerksamkeit allen Gerüchten lauschten und tausend Kombinationen bildeten und wieder verwarfen, ergingen sich die Damen, diese schönere und so unbedingt herrschende Hälfte der pariser Welt, in ebenso zahlreichen und ebenso schnell wechselnden Konjekturen über den großen Toilettenwettstreit, der zwischen den beiden Kaiserinnen vor den Augen der eleganten Welt Europas stattfinden sollte.

Der Kaiser Napoleon war, wo man ihn sah, von einer unzerstörbaren Heiterkeit und einer bezaubernden Liebenswürdigkeit. Wohl zeigten seine Züge zuweilen den Ausdruck leidender Abspannung, wohl blieb sein Auge trübe verschleiert, aber sein Mund lächelte, und wenn er sprach, so waren es Worte der verbindlichsten Artigkeit oder der stolzesten Zuversicht, welche von seinen Lippen flossen, in der feinen, scharfen und stets so vieldeutigen Ausdrucksweise, die er so musterhaft wie niemand anders zu finden verstand.

Die Pariser, sowie das Volk von Frankreich – so leicht zu stolzem, nationalen Selbstgefühl sich erhebend, sagten sich zufrieden und beruhigt, daß die Angelegenheiten sehr gut stehen müßten, daß der Kaiser seiner Kombinationen sehr sicher sein müsse, und daß die Zukunft das Prestige Frankreichs höher heben werde als je vorher.

So nahte der 18. August heran, dieser Tag, für welchen die Begegnung der beiden Kaiser in Salzburg festgesetzt war, und die Augen der ganzen Welt richteten sich mit freudig erwartungsvollen oder mißmutig beobachtenden Blicken auf den alten, felsenumgebenen, romantischen Bischofssitz, in welchem das Band zwischen Frankreich und Österreich geknüpft und die erste Vorbereitung zu einer Aktion gelegt werden sollte, welche bestimmt sein mußte, dem Vordringen der preußischen Macht ein ernstes und unüberwindliches Veto entgegenzurufen. Denn es stand überall fest, daß nur eine solche ernste, diplomatische und militärische Aktion der Zweck und die Folge dieser Kaiserbegegnung sein konnte, trotzdem die Organe des Herrn von Beust täglich von neuem versicherten, daß diese Begegnung eine eminent friedliche Bedeutung habe und den Grundstein legen solle zur allgemeinen Eintracht und zum tiefen Frieden Europas.

Während so das ganze Publikum, von der zünftigen Diplomatie herab bis zu den Politikern der Boulevards, nichts anderes sprach und dachte, als die Salzburger Zusammenkunft, gab es nur einen Mann in Europa, der gar nichts von diesem Ereignis zu bemerken schien, obwohl nach der Meinung aller Welt dasselbe ihn gerade am meisten angehen sollte, und dieser eine Mann war der preußische Ministerpräsident und Kanzler des norddeutschen Bundes Graf von Bismarck. Er unterhielt die Personen, welche sich ihm näherten, von allen möglichen Dingen, nur nicht von dieser Zusammenkunft in Salzburg, und auf alle Anspielungen der Diplomaten hatte er keine andere Antwort, als ein ausweichendes Wort, ein Achselzucken, ein flüchtiges Lächeln.

Die Pariser hatten in den Morgenblättern gelesen, daß die kaiserlichen Majestäten mit großem Gefolge in einem Spezialtrain abgereist seien, sie lasen in den Abendblättern, daß der Kaiser in Straßburg enthusiastisch empfangen worden, sie verfolgten diese kaiserliche Reise und lasen weiter, daß der König von Württemberg den Kaiser am Bahnhof begrüßt habe, daß Napoleon in Augsburg die Wiege seiner Bildung, das St. Annengymnasium und das früher von der Königin Hortense bewohnte Fuggersche Haus in der Kreuzstraße besucht, daß der junge König von Bayern das französische Herrscherpaar am Bahnhofe von Augsburg empfangen und über München bis zur bayerischen Grenze geleitet habe; man las weiter von dem Empfang der kaiserlichen Gäste in Salzburg durch die österreichischen Majestäten, man las die Beschreibung der Toiletten der Kaiserinnen, die Berichte über den intimen, vertraulichen Verkehr der beiden Höfe, und die politischen Konjekturen sprachen in immer klareren und bestimmter formulierten Artikeln von der französisch-österreichischen Allianz, welche die Stütze bilden sollte für die Herstellung eines deutschen Südbundes unter Österreichs Führung, der unter strikter Aufrechterhaltung des Prager Friedens Preußen jedes weitere Vorschreiten auf der von ihm betretenen Bahn unmöglich machen sollte. Täglich erwartete man die Nachricht von dem Erscheinen der süddeutschen Fürsten in Salzburg, insbesondere von dem Besuch des Königs von Bayern, dessen Antipathien gegen Preußen die Zeitungen so oft betont hatten, und das französische Nationalgefühl erhob sich höher bei dem Gedanken, daß die Zusammenkunft in Salzburg das Parterre von Königen, welches Napoleon I. einst in Erfurt um sich versammelt hatte, an Glanz wie an politischer Bedeutsamkeit noch übertreffen könne.

Während nun die kaiserlichen Höfe von Frankreich und Österreich in Salzburg weilten, während die Berghöhen in bengalischen Flammen strahlten, während zwischen den romantischen Landpartien und den kleinen Theatervorstellungen die beiden Kaiser und ihre Minister stundenlange Unterredungen pflogen, über welche die Zeitungen alles Mögliche und Unmögliche berichteten, hatte sich König Ludwig von Bayern, dessen Namen in allen politischen Kombinationen so oft genannt wurde, in die tiefe Stille seines Schlosses Berg am Starnberger See zurückgezogen.

Im Licht der frühen Morgensonne lag das Schloß, ein einfacher Bau mit vier Ecktürmen, einem leisen Anflug von Gothik in seiner Außenseite am Fuß des Hügels, auf dessen Höhe dicht über der königlichen Residenz sich das kleine Dörfchen Oberberg ausdehnt. Vom Schlosse herab wehte im Morgenwinde die blauweiße Fahne, weithin der Gegend verkündend, daß der König auf seinem stillen Sommersitz anwesend sei.

Der König Ludwig war spät aufgestanden, nachdem er am Abende bis über die Mitternacht hinaus sich mit Aufzeichnen seiner Tageserlebnisse und der Resultate seiner Studien in sein Tagebuch beschäftigt hatte. Dann hatte der junge Fürst ein Bad in den kühlen, klaren Wellen des Starnberger Sees genommen und nach dem einfachen, in seinem Salon im zweiten Stockwerk des Schlosses servierten Frühstück sich in sein Arbeitskabinett zurückgezogen.

Es ist ein einfacher, aber in seiner Einfachheit schöner und anmutender Raum, das Arbeitszimmer dieses jungen, in fast noch kindlichem Alter auf den Thron gerufenen Fürsten, dem das Schicksal nicht die Ruhe ließ zur Entwickelung seiner inneren Ausbildung in stillen Studien, der in schwer verhängnisvoller Zeit aus dem träumenden Leben und Weben der jugendlichen Seele in die Kämpfe des Völkerlebens trat, dessen warmes, weiches und vertrauensvolles Herz ohne den Panzer der Erfahrung mit allen seinen Illusionen rücksichtslos und plötzlich allen Täuschungen der Welt preisgegeben wurde.

Den großen, bequemen Schreibtisch mit wohlgeordneten Papieren und Büchern bedeckt, schmückte eine prachtvolle Garnitur von Lapis Lazuli, blauweiße Säulen trugen Figuren aus verschiedenen Opern Richard Wagners. Die blauen Tapeten und der blaue Seidendamast der Möbel erfüllten das vom vollen Morgenlicht erleuchtete Kabinett mit milden Reflexen, und der blaue Ton dieser ganzen Umgebung ließ das bleiche, edle Gesicht des Königs mit den durch die Morgenluft und das Bad leicht geröteten Wangen wie ein Bild auf dunklem Grunde erscheinen.

König Ludwig, in einfachem Zivilmorgenanzug, stand am offenen Fenster und blickte aus die reiche und freundliche Landschaft hinab. Er stützte die eine Hand auf die Brüstung, seine schlanke, schmiegsame und doch hoch aufgerichtete Gestalt war leicht vornüber geneigt, seine großen, tiefblickenden, halb schwärmerisch träumenden, halb wißbegierig forschenden Augen blickten in sinnendem Nachdenken in die Landschaft hinaus.

»Wie schön!« flüsterte der König, in einem langen Atemzug die duftige Sommerluft einziehend, »wie schön! – wie zieht es mich anmutend hinaus in die grüne Ferne, um in übersprudelnder Jugendlust das fröhliche Leben an die Brust zu drücken, wie es die Jünglinge meines Alters tun! – Sie alle,« fuhr er fort, indem sein Auge sich trübe verschleierte, »sie alle dürfen fröhlich und jung sein, nur ich – ich habe dies schöne Vorrecht der Menschheit nicht, das Vorrecht, jung zu sein und in der vollen Ausdehnung der jugendlichen Kräfte die Ähnlichkeit mit der Gottheit zu empfinden, die uns zu ihrem Ebenbilde schuf und uns doch nur kurze Augenblicke gab, um das Vollgefühl dieser Ebenbildschaft zu genießen!«

Er blickte lange mit wehmütig trübem Blick über die grünen Baumgipfel hinab.

»Dafür bin ich König,« sagte er dann, indem er sich mit einem tiefen Atemzug stolz emporrichtete, »dafür habe ich das Recht, mich emporzuheben zu dem stolzen Gefühl der Gottheit, die Bösen zu strafen – den Guten wohlzutun – und des Volkes Führer zu sein auf der Bahn der Weltgeschichte.«

Sein Auge öffnete sich groß und wen und ein Strahl glänzte daraus hervor so hell und licht, wie der sonnige Himmel, der über der Morgenlandschaft sich ausspannte.

Bald aber sank sein erhobenes Haupt langsam wieder herab, ein trüber Schleier verhüllte abermals seinen Blick, und sich leicht vornüberneigend, wie unter der Last schwerer Gedanken, sprach er in dumpfem Tone:

»König! – was heißt König sein? Bin ich König, weil man mich Majestät nennt, weil man in meinem Namen Recht spricht, weil die Armee ihre Waffen vor mir senkt?«

Er schüttelte langsam das Haupt.

»Nein – nein,« sagte er dann, »ein König, ein wahrer König auf der Höhe seiner großen, erhabenen, herrlichen Aufgabe ist nur der, der wirklich herrscht, der wirklich der erste ist, der die persönliche Verkörperung aller Interessen, aller Ideen, aller Lebensfaktoren seines Volkes ist. Ein König war jener große Ludwig, der die Sonne, dies alles erleuchtende, dem irdischen Staube unerreichbare Gestirn zu seinem Sinnbilde wählte, der das bedeutungsvolle, stets mißverstandene, den ganzen königlichen Beruf zusammenfassende Wort sprach: l'état c'est moi, er, dessen Staatsbau man in kleinlichen Karrikaturen nachahmte, ohne ihn doch mit dem gewaltigen, völkerbeherrschenden Geiste erfüllen zu können, dessen Spuren uns noch heute mit staunender Bewunderung erfüllen. Auch er kam jung zur Herrschaft, freilich aber war ihm das große Völkerleben schon in seiner Kindheit näher getreten als mir – aber die hohe Aufgabe des Königstums konnte er nicht klarer und lebendiger in seinem Herzen erfassen, als ich es tue. – Sollte mir nicht gelingen können, was ihm gelang – der wirkliche Herrscher zu sein über die Geister, hoch dastehend über dem niederen Treiben – voranschreitend seinem Jahrhundert in königlicher Freiheit ohne Furcht und Vorurteil – ohne Schwanken und Zagen? – Er wußte die großen, schaffenden Geister seiner Zeit um sich zu versammeln und ihre Kräfte zu vereinen im Dienste der Größe seines Volkes, er wußte durch Colberts fruchtbare Gedanken die Quellen des Nationalreichtums zu erschließen – ein Wort seines Mundes, ein Wink seines Auges ließ den Feldherrngeist Turennes seine Schlachtlinien bilden und reiche Lorbeerkronen um die französischen Fahnen winden, er begeisterte die großen Dichter der Nation und machte sie zu freien Höflingen seiner königlichen Größe, unter seinem Schutz hielt Molière den Torheiten der Zeit den blinkenden Spiegel vor und schwang die Geißel über Dummheit und Heuchelei!«

Der König sann abermals lange nach.

»O«, rief er dann, »daß es mir gelingen könnte, große Geister zu fruchtbarer, glänzender Tätigkeit zu erwecken und sie um mich zu versammeln, ihre Strahlen vereinend in dem Brennpunkte des königlichen Thrones. – Doch,« fuhr er fort, »dazu gehört eine gewaltige Kraft, ich würde sie haben, es gehört Erfahrung dazu, ich hoffe sie immer mehr zu erwerben, vor allem aber gehört dazu ein kaltes Herz oder die Macht, das warme Menschenherz rücksichtslos zu opfern auf dem Altar des Königtums, ich aber habe ein warmes Herz, das nach Verständnis sucht, das an Menschen sich anschließen mochte in festem Glauben und vollem Vertrauen – und wenn dann die Menschen vor mir stehen, wenn ich ihr Treiben sehe und ihre Pläne durchschaue – dann fühle ich so schwer und kalt meine königliche Einsamkeit, und mein junges Herz zittert bei dem Gedanken, diese Einsamkeit ein ganzes Leben ertragen zu sollen; bang und traurig ziehe ich mich in mich selbst zurück! – Dort in den Tälern,« sprach er weich, »wohnt mein Volk, von dort blickt man herüber zu meiner Burg, dort glaubt man, daß hier in der stillen Ruhe der König wacht und arbeitet – leitend und ordnend die Geschicke aller der Menschen, welche die Vorsehung seiner Hand anvertraute, und doch, wie viel fehlt noch, bis sich aus der wogenden Arbeit meines Innern die Ruhe und Klarheit herausgearbeitet hat, die zum Regieren und zur vollen Erfüllung des königlichen Berufs allein befähigt!«

Er wendete sich vom Fenster, langsam schritt er zu seinem Schreibtisch hin, setzte sich auf den Sessel vor demselben nieder und ließ seinen Blick über die Figuren aus den Wagnerschen Opern schweifen.

»Es wogt und ringt in mir,« sagte er, den Kopf in die Hand stützend, »wie in den Tonbildern des Meisters, der mit seinem schöpferischen Wink diese Gestalten aus den dämmernden Fernen der grauen Vorzeit Deutschlands vor uns erscheinen ließ, o könnte ich bald die Auflösung aller Dissonanzen finden, die oft meine Seele schmerzvoll durchzittern! – Des vierzehnten Ludwigs herrliches Sonnenkönigtum steht als leuchtendes Ziel vor mir, und doch wallt mein Blut bei dem Anblick der alten Heldengestalten der deutschen Sage und Geschichte, bei den Gesängen von den Taten jener Könige, die, mitten im Volke stehend, im Ringen und Kämpfen mit dem Volke lebten und fühlten. – Sollte sich die stolze Idee des Königtums von Versailles nicht vereinen lassen mit dem tiefen, volkstümlichen Leben des deutschen Fürstentums in der deutschen Nation, sollte sich denn der glänzend freie, überall Licht und Leben hinstrahlende Thron nicht aufrichten lassen, ohne ihn in unnahbare Ferne hinauszuheben, füllte er sich nicht auf organisch aus dem Volksleben hervorwachsende Grundlagen fest begründen lassen? – Überall Widersprüche, überall Gegensätze,« sagte er seufzend, den Kopf in die Hand stützend, »und überall suche ich noch vergebens die verbindende Lösung, die es doch geben muß,« rief er lebhaft, »in dieser Lösung liegt die Herrschaft über die Welt und das Leben! Oder sollte eine solche Lösung nicht zu finden sein auf Erden, sollte unsere unvollkommene Natur bestimmt sein, sich abzumühen in ewigen Widersprüchen?«

Er ergriff ein auf seinem Schreibtisch aufgeschlagen liegendes Buch.

»Wie tief greift dieser große Fürst der Dichtung in das reiche Leben der Menschenseele, wie zauberhaft lebendig und wahr führt er seine Gestalten vor uns herauf, und doch bleiben auch unter seiner Meisterhand die Widersprüche ungelöst, jener große Widerspruch vor allem, der zwischen dem reinen, idealen Leben des Herzens und zwischen dem Treiben dieser materiellen, niedrigen und rohen Welt sich erhebt und uns täglich mit tausend Nadelstichen so schmerzlich verwundet! Wie schön ist alles, was dieser Posa sagt!« fuhr er fort, den Blick auf dem aufgeschlagenen Buch ruhen lassend, »wie recht hat er mit seiner flammenden Beredtsamkeit, und doch wie wahr ist es, was Don Philipp spricht! – erniedrigt sich denn die Menschheit nicht heute noch, wie damals, selbst zu einem Saitenspiel in der Hand der Könige? – Wo findet ein Fürst den Menschen, der mit ihm die Harmonie teilen könnte? Und welche Lösung findet der große Dichter für diesen Konflikt des Schönen mit dem Wahren, den er in so lebendigen Gestalten uns vorführt? – den Tod,« sagte er düster, »die Zerstörung! Sollte das Schöne und das Wahre wie die Messungslinien so mancher Sterne sich erst in den ewigen Feinen einer anderen Weltordnung vereinigen?«

Der König warf den Band der Schillerschen Trauerspiele, den er in der Hand gehalten, auf den Tisch und lehnte sich nachdenklich in seinen Sessel zurück, das Auge mit traurig gestimmtem Ausdruck nach oben gerichtet.

Er hatte einige Augenblicke so dagesessen, als ein Schlag an die Tür ertönte und unmittelbar darauf ein Mann in den fünfziger Jahren, von strammer, militärischer Haltung, im schwarzen Frack und weißer Kravatte, das Gesicht umrahmt von einem starken Vollbart, in das Kabinett trat.

Es war der Kammerdiener Seif, des Königs vertrauter Diener schon aus der Zeit, da er noch Kronprinz war. Ruhig und unbeweglich an der Tür stehen bleibend, meldete er seinem königlichen Herrn:

»Der Fürst Hohenlohe ist soeben von Starnberg eingetroffen und bittet Eure Majestät um Audienz.«

Der König seufzte tief auf.

»Da schneidet wieder des Lebens Wirklichkeit in meine Träume,« sagte er, sich langsam erhebend, und schritt an dem die Tür offen haltenden Kammerdiener vorüber in den rot tapezierten und mit Möbeln von rotem Seidendamast garnierten Empfangssalon.

»Ich erwarte den Fürsten,« sagte er, sich neben dem großen Tisch in der Mitte des Salons in einen Fauteuil niederlassend, so daß seinem Blick sich die Aussicht durch die geöffnete Tür zu dem Balkon mit einer Galerie von Eisengitter öffnete. Einen Augenblick später trat der Fürst Chlodwig von Hohenlohe-Schillingsfürst in den Salon.

Dieser Minister, welcher die schwere Erbschaft des Herrn von der Pfordten angetreten hatte und nun bemüht war, das Staatsschiff durch die vielen und gefährlichen Klippen der neuen Zeitentwicklung zu führen, war eine äußerst aristokratische Erscheinung. Sein Gesicht, das trotz des Ausdrucks einer gewissen Kränklichkeit sein Alter von fünfzig Jahren nicht vermuten ließ, trug einen militärischen Typus. Der starke Schnurrbart verdeckte nicht vollständig den geistvollen Ausdruck des leicht beweglichen Mundes. In den klar und frei blickenden Augen vereinigte sich eine feine und scharfe Beobachtung mit wohlwollender Offenheit.

Der Fürst ergriff ehrerbietigst die dargereichte Hand des Königs, der sich bei seinem Eintritt einen Augenblick erhoben hatte, und nahm dann auf einen Wink des jugendlichen Monarchen demselben gegenüber Platz.

»Sie bringen Nachrichten aus Salzburg, mein lieber Fürst, nicht wahr?« sagte der König, den Blick erwartungsvoll auf seinen Minister richtend.

»Erneuerte und dringende Einladungen an Eure Majestät, dorthin zu kommen,« erwiderte der Fürst, indem er sein Portefeuille öffnete und daraus verschiedene Papiere neben sich auf den Tisch legte, »der Graf Trautmannsdorf hat mir den lebhaften Wunsch Seiner Majestät des Kaisers Franz Joseph ausgesprochen, daß Eure Majestät wenigstens auf einen Tag dorthin kommen möchten, und auch der Marquis de Cadore hat mir im Namen des Kaisers der Franzosen den gleichen Wunsch seines Herrn sehr lebhaft betont.«

König Ludwig zuckte die Achseln.

»Ich habe dem Kaiser Napoleon alle Höflichkeiten erwiesen,« sagte er leichthin, »die er bei der Durchreise durch Bayern verlangen oder nur erwarten konnte, und sehe nicht ein, daß irgendwelche Forderung der Etikette bestehen könnte, die mich zu einem Besuch bei dem Kaiser auf österreichischem Gebiet veranlassen sollte. Hat Graf Trautmannsdorf,« fragte er abbrechend, »der Einladung des Kaisers Franz Joseph irgendwelche Bemerkung hinzugefügt?«

»Graf Trautmannsdorf hat lange mit mir gesprochen,« erwiderte der Fürst, »und wenn auch sehr vorsichtig und nur in allgemeinen Andeutungen, so hat er mir doch sehr klar und verständlich die politische Idee entwickelt, welche nach der Auffassung des Kaisers der Zusammenkunft in Salzburg zugrunde liegt, und derzufolge es für Österreich sehr wünschenswert ist, daß Eure Majestät ebenfalls dort anwesend sei.«

»Ich bin begierig zu hören,« sagte der König, indem er sich in seinen Sessel zurücklehnte und die Lippen fest aneinander schließend seine erwartungsvollen Blicke auf den Minister richtete.

»Graf Trautmannsdorf hob hervor,« sagte der Fürst, »wie es das gemeinsame Interesse Österreichs und Bayerns erfordere, daß die Grenzen, welche der Prager Frieden dem Vordringen des preußischen Einflusses gesteckt habe, sorgfältig innegehalten und mit möglichst starken Garantien umgeben werden. Jeder Gedanke eines Zurückgreifens in die Vergangenheit liege dem Kaiser und seiner Regierung fern, aber es sei notwendig, sich mit Frankreich, welches ja fast überall gemeinsame Interessen mit Österreich habe, darüber zu verständigen, daß das nunmehr Geschaffene und Bestehende erhalten und gegen jede erneute Schwankung geschützt werde. Der Prager Frieden sei eine Lebensbedingung für die Selbständigkeit der süddeutschen Staaten und zugleich von höchstem Interesse für die Ruhe Europas, welche bei neuen Erschütterungen in Deutschland nicht ungefährdet bleiben könne. Müsse daher Österreich unter den verschiedenen Punkten der europäischen Politik, in welchen es seine Anschauung in Übereinstimmung mit Frankreich zu formulieren denke, ganz besonders den Prager Frieden hervorheben, so liege hier doch die Grenze einer französischen Einmischung in deutsche Angelegenheiten so nahe, daß es dem Kaiser besonders erwünscht sei, bei den Besprechungen über diesen Punkt den mächtigsten Fürsten Süddeutschlands neben sich zu sehen. Eure Majestät würden daher durch Ihr Erscheinen nicht nur den wahren Interessen Deutschlands, sondern auch der Ruhe Europas einen großen Dienst leisten und wesentlich dazu beitragen, der Zusammenkunft in Salzburg die eminent friedliche Bedeutung zu geben, welche sie nach den Intentionen der österreichischen Regierung haben soll.«

Der König hatte mit unbeweglicher Aufmerksamkeit zugehört, leicht neigte er das Haupt zum Zeichen, daß er die Ausführung, welche der Fürst ihm wiederholt, genau verstanden habe.

»Und was ist Ihre Meinung, mein lieber Fürst?« fragte er in ruhigem Ton.

Fürst Hohenlohe ergriff ein Papier, auf welches er einige Notizen verzeichnet hatte, und sprach:

»Die Frage, Majestät, um welche es sich hier handelt, ist eine so wichtige und ernste, daß ich's nicht gewagt habe, Allerhöchstdenselben meine persönliche einseitige Ansicht als Ressortminister zu unterbreiten, ich habe mir erlaubt, das Staatsministerium zu vereinigen und mich der Zustimmung meiner Kollegen zu meiner Auffassung zu vergewissern.«

Ein feines, fast unmerkbares Lächeln erschien einen Augenblick auf den Lippen des Königs.

Der Fürst fuhr fort:

»Eure Majestät haben sehr treffend zu bemerken die Gnade gehabt, daß allen Forderungen der Etikette vollständig Genüge geschehen sei, daß keine Höflichkeitsrücksicht einen Besuch in Salzburg notwendig mache. Ein solcher Besuch würde unter den vorliegenden Verhältnissen und bei der hohen Aufmerksamkeit, mit welcher die Blicke aller Kabinette Europas auf die Vorgänge in Salzburg gerichtet sind, eine wesentlich politische Bedeutung haben, und diese Bedeutung könnte nur die sein, daß Eure Majestät und Bayern im Prinzip sich den Abmachungen anschließen wollten, welche etwa zwischen Österreich und Frankreich in betreff der deutschen Verhältnisse getroffen werden möchten. – Eure Majestät wissen,« fuhr der Fürst nach einer Pause fort, »daß ich die Leitung der Geschäfte übernommen habe, um nach dem schweren Schlage von 1866 der Krone Bayern die größte Kraft und Selbständigkeit zu erhalten und das hartgetroffene Land von den Wunden wieder genesen zu machen, welche noch so frisch bluten. Zur Erfüllung dieser Aufgabe,« fuhr er fort, »ist es aber notwendig, die guten Beziehungen zum Norddeutschen Bunde und das Vertrauen des Berliner Hofes ungetrübt zu erhalten und neue Verwicklungen und Unruhen zu vermeiden, welche bösem Willen Gelegenheit geben könnten, gegen die bisher noch gewahrte Unabhängigkeit Bayerns weiter vorzugehen. Eure Majestät werden überzeugt sein,« fuhr der Fürst mit Betonung fort, »daß ich gegen jedes solche Vorgehen mit aller Energie und allen mir zu Gebote stehenden Mitteln handeln würde. Ich halte es aber der Klugheit für angemessen, Konflikte nicht zu provozieren, in denen wir allein einer mit allen Aktionsmitteln ausgerüsteten und diese Mittel rücksichtslos gebrauchenden Macht gegenüberstehen, oder uns auf die Hilfe des Auslandes angewiesen sehen würden, denn was Österreich betrifft,« fügte er achselzuckend hinzu, »so müssen uns die Erfahrungen von 1866 wohl belehrt haben, welches Schicksal seine Alliierten zu erwarten haben. Ich bin deshalb,« fuhr er fort, »und zwar in Übereinstimmung mit meinen Kollegen, der Meinung, daß Eure Majestät es vermeiden sollten, durch einen Besuch in Salzburg und durch eine Teilnahme an den dortigen, noch sehr unklaren, aber jedenfalls dem Berliner Kabinett verdächtigen Verhandlungen die preußische Regierung zu reizen. Würden aber Eure Majestät aus Rücksicht auf den Kaiser Franz Joseph einen kurzen Besuch zu machen wünschen, so würde ich Allerhöchstdieselben dringend bitten, mir nicht befehlen zu wollen, Sie zu begleiten, damit Sie durch die Abwesenheit Ihres Ministers die Ablehnung aller eingehenden politischen Erörterungen motivieren könnten und damit zugleich diese Abwesenheit dem Besuch Eurer Majestät in den Augen der europäischen Kabinette die politische Bedeutung nehme und denselben als eine reine Höflichkeit erscheinen lasse.«

Der Fürst schwieg und verneigte sich zum Zeichen, daß er seine Meinung ausgesprochen habe. König Ludwig erhob sich und ging einige Male mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder.

Der Fürst war ebenfalls aufgestanden und folgte mit seinem klaren, freien Blick den raschen Bewegungen des jungen Königs. Endlich blieb der König vor seinem Minister stehen, stützte den Arm auf den Tisch und sprach, indem er das Haupt hoch aufrichtete und dem Fürsten voll ins Gesicht sah:

»Ich danke Ihnen, daß Sie mir Ihre Meinung und diejenige meiner übrigen Minister ausführlich mitgeteilt. Sie wissen, wie sehr ich des Rates der Erfahrung bedarf, um meine schweren Pflichten in diesen ernsten Zeiten zu erfüllen, allein ich darf es freudig aussprechen, daß in diesem Fall mein eigenes Gefühl und meine eigene Erkenntnis mich zu demselben Resultat geführt haben, zu welchem die Erwägung meiner erfahrenen Räte gelangt ist. Mein Entschluß stand fest, nicht dorthin zu gehen, in welchem Sinne, in welchem Maße auch immer wo Frankreichs Kaiser über die Angelegenheiten Deutschlands verhandelt. Ich werde dorthin auch nicht zu einem bloßen Höflichkeitsbesuche gehen, auch nicht ohne Sie, mein lieber Fürst, denn wo ich bin,« sagte er, sich stolz aufrichtend, »da ist Bayern, und ich will nicht, daß der Name Bayerns eingemischt werde in Verhandlungen mit Frankreich. Ich habe die Andeutungen wohl verstanden, welche Napoleon mir während der Reise von Augsburg gemacht hat; es soll ein Südbund geschaffen werden unter österreichischer Führung. Habe ich aber das Schwert gezogen zur Verteidigung gegen die preußische Hegemonie, um mich nun unter Österreich zu stellen, dem die Macht fehlt, einen Alliierten zu schützen? – was würde der Südbund anderes sein, als die ewige Teilung Deutschlands, dieses Deutschland, für dessen Einheit und Macht die Wittelsbacher ununterbrochen gefochten? Und wer würde der Schirmherr dieses Südbundes sein? Nicht das schwache, in sich selbst beschäftigte Österreich, sondern Frankreich, welches für diesen Schutz seinen Preis aus deutscher Erde schneiden würde. Ein neuer Rheinbund würde entstehen; was aber möglich war und geschehen konnte im Anfang dieses Jahrhunderts, in der Zeit unklarer Zerrissenheit, das darf und soll heute nicht geschehen, nachdem das nationale Bewußtsein im deutschen Volke erwacht ist und unaufhaltsam zur einigen Macht hindrängt.«

Der König schwieg tief aufatmend.

Ein warmes Licht glänzte in dem Auge des Fürsten Hohenlohe.

»Ich bin glücklich,« sagte er mit voller Stimme, »diese edlen und hochherzigen Worte aus dem Munde meines Königs zu vernehmen; wollte Gott, daß ganz Deutschland Eure Majestät hören könnte, damit die Nation sich überzeuge, wie der Enkel so vieler glorreichen Fürsten über deutsche Ehre und deutsche Würde denkt.«

Der König lächelte freundlich, blickte einen Augenblick sinnend über den Balkon hin in die weite, lachende Landschaft hinaus.

»Sehen Sie, mein lieber Fürst,« sagte er dann, »ich bin stolz auf die Krone, welche mir meine Vorfahren hinterlassen, ich bin eifersüchtig auf meine königlichen Rechte, weil sie Gott und die Geschichte mir gegeben, weil sie mir die Macht verleihen, mein Volk glücklich zu machen. Ich werde diese Rechte verteidigen gegen alle Versuche einer anderen Macht, sie mir zu beschränken, aber ich trage wie einen unerschütterlichen Glauben in mir die Zuversicht auf den hohen Beruf, welcher dem deutschen Volke in der Entwicklung der Weltgeschichte zugewiesen ist. Für Deutschland und seine Größe bin ich zu jedem Opfer bereit.«

Wieder schwieg er einige Augenblicke und fuhr dann mit erhöhtem Tone fort, als ob aus seinem Innern heraus die Gedanken unwillkürlich hervorbrächen:

»Dieser ganze Antagonismus zwischen Preußen und Österreich, der endlich zu dem Konflikte von 1866 führte, hat mich in meinem Gefühl immer tief schmerzlich berührt. Das von den republikanischen Zuständen des alten Griechenlands übernommene Wort Hegemonie bildet allein schon eine schneidende Dissonanz zu den Verhältnissen Deutschlands. Dieser nationale Bund von volkstümlich monarchischen Staaten, zu welchem die deutschen Stämme sich vereinigen, schließt den Begriff der Hegemonie aus. Wie im gotischen Dombau das Kleine und das Große zum schönen, harmonischen Ganzen zusammengefügt erscheinen, in dem jedes seinen Sinn und seine Bedeutung hat, so muß auch das deutsche Völkerleben sich gestalten zu einer harmonisch ineinander wachsenden Gliederung, in der kein einzelnes berechtigtes Glied sich dem anderen unterordnen, sondern jedes in seiner vollen Eigentümlichkeit aufblühen soll, wie die symbolische Rose in der gotischen Ornamentik. – Das deutsche Volk,« fuhr er immer wärmer und lebhafter fort, »verträgt nur eine Einheitsform, das ist die historische Reichseinheit, der Bundesbau der deutschen Stämme schließt sich nur unter einer Kuppel, das ist die Kaiserkrone.«

Immer erstaunter blickte der Fürst auf diesen jungen König, der, seiner Gewohnheit entgegen, in plötzlicher Erregung aus sich heraustrat und die Gedanken, welche ihn bewegten, in so warmen und lebendigen Worten aussprach.

»Die Geschichte meines Hauses,« fuhr der König fort, »würde mir das Recht geben, die Hand auszustrecken nach diesem herrlichen Diadem, wenn die heutige Macht meines Landes seiner historischen Vergangenheit entspräche, aber ebenso, wie ich es erstreben würde, mich mit dem kaiserlichen Reichsschwert zu umgürten, wenn die Vorsehung mir dazu den Beruf gegeben hätte, ebenso werde ich mich als der erste unterordnen unter die kaiserliche Hoheit desjenigen deutschen Fürsten, dem Gott die Macht und den Beruf geben wird, das einige Reich deutscher Nation wieder aufzurichten. Wenn die Hohenzollern sich dazu erheben können, Kaiser der einigen, in ihrer Eigenart freien deutschen Nation zu sein, die spezifische Vergrößerung Preußens, seine einseitige Hegemonie aufzugeben, dann werde ich mich freudig auf die erste Stufe ihres kaiserlichen Thrones stellen, und dem deutschen Kaiser wird Bayern gern und bereit seinen Heerbann stellen zur Bekämpfung des Reichsfeindes, von woher auch immer er den Grenzen sich nahen möge.«

»Und halten es Eure Majestät für möglich,« sagte der Fürst mit bewegter Stimme, »daß der große und erhabene Gedanke, den Sie soeben ausgesprochen und der jedes deutsche Herz höher aufwallen läßt, jemals zur Wirklichkeit sich gestalten könne, der Eifersucht und hemmenden Gewalt der Mächte Europas gegenüber, welche alle die einige Macht Deutschlands fürchten, da sie wohl wissen, daß ihr der erste Rang unter den Großmächten nicht streitig gemacht werden kann?«

Das Auge des Königs öffnete sich weit, und es sprühte daraus hervor wie helle Flammen stolzen Mutes und hoher Begeisterung.

»Die hemmende Gewalt des Auslandes!« rief er mit dem Ausdruck tiefer Verachtung, »welche Gewalt kann es auf Erden geben, die sich dem Willen des einigen Deutschlands entgegenstellen möchte? Lassen Sie das Ausland herantreten an die deutsche Grenze; wenn die Nation einig ist, wird der germanische Riese diejenigen zerschmettern, die sich seinem Willen entgegenzustellen wagen, und es ist, als ob mir eine innere Stimme sagte, daß ich die Zeit noch erleben werde, in der dies geschehen wird, daß ich berufen sein werde, Zeugnis abzulegen für die heilige Überzeugung, die ich in mir trage, und die ich soeben vor Ihnen ausgesprochen.« Der Fürst trat einen Schritt vor und sprach, indem er sich ehrfurchtsvoll vor dem König verneigte:

»Möge der gute Geist Deutschlands die vertrauensvolle Zuversicht Eurer Majestät erfüllen, möge es Ihnen vergönnt sein, mit Ihrer königlichen Hand den Grundstein zu legen zum Aufbau des neuen deutschen Kaisertums; die Geschichte wird den spätesten Zeiten den Ruhm Eurer Majestät aufbewahren, einen Ruhm, den die gerechte Dankbarkeit der Nation in den Namen zusammenfassen müßte: Ludwig der Deutsche.«

Der König lächelte sanft und reichte dem Fürsten die Hand.

»Und diesen Namen, mein lieber Fürst,« sagte er, »würde ich gern und dankbar annehmen, denn ich würde das Bewußtsein haben, ihn ein wenig zu verdienen. Groß zu sein,« fuhr er fort, »ist nicht jedem gegeben, nur selten bietet sich die Gelegenheit, große Taten zu tun, auch wenn man den Mut und die Kraft dazu hätte; aber sein ganzes Wesen für das Vaterland hinzugeben, ist jedem und jederzeit möglich, und jeder deutsche Fürst hat vor allen Dingen den Beruf, deutsch zu sein in seinem Denken, Wollen und Wünschen. – Ich bitte Sie nicht, hierzubleiben, mein lieber Fürst,« sagte er nach einigen Augenblicken im Ton leichter Konversation, »Sie werden nach München zurückeilen müssen, um die Antwort auf jene Einladung zu geben. Nehmen Sie welchen Grund Sie wollen, meine Scheu vor großer Repräsentation, wenn Sie wollen, nur machen Sie, daß man dort vollständig klar ist über mein Nichterscheinen, und sich keinerlei Illusionen hingebe.«

»Ich kehre zurück,« sagte der Fürst, »gehobenen Mutes und stolzen Herzens. Eure Majestät haben in dieser Stunde eine große Tat getan für Bayern und für die Zukunft Deutschlands. Sie haben der Welt gezeigt und dem französischen Kaiser ganz besonders, daß heute sich keines deutschen Fürsten Hand der Einmischung in die nationalen Angelegenheiten entgegenstreckt.«

Mit tiefer Verbeugung verließ er das Zimmer. Der König trat einen Augenblick auf den Balkon hinaus und blickte weit über die Ebene zu den Bergen am Horizont.

»Eben noch verzweifelte ich,« sagte er mit lächelndem Munde, »den Punkt auf Erden zu finden, in welchem das Schöne und das Wahre sich vereine: gerade jetzt ist mir durch ein gütiges Geschick ein solcher Punkt wenigstens gezeigt worden. Schön und erhaben ist die Liebe und Treue zum Vaterland, und wahre Klugheit ist es zugleich, dem Drange dieser Liebe und Treue zu folgen in seinen Entschlüssen und Handlungen. Möchte es mir vergönnt sein, auch auf den übrigen Gebieten des Wissens und Strebens den Vereinigungspunkt zu entdecken, in welchem das Schöne und das Wahre zur ewigen Harmonie ineinander klingen.«

Er verließ den Balkon und kehrte in sein Arbeitszimmer zurück.

»Die Unruhen dieser materiellen Welt und ihrer politischen Kämpfe,« sagte er, sich vor seinem Schreibtisch niederlassend, »hätte ich mir für heute ferngehalten. Ich will die Freiheit benutzen, um mich in das Reich der großen Geister zu vertiefen und den Wegen zu folgen, auf welchen sie die Erkenntnis der Wahrheit suchten.«

Er ergriff ein neben dem Schillerschen Trauerspiel auf dem Schreibtisch liegendes Buch und vertiefte sich in die Lektüre von des Abbés Batteux »Geschichte der Meinungen der Philosophen aller Zeiten über die letzten Ursachen der Dinge«.

Neununddreißigstes Kapitel.

Die erste Begrüßung der Kaiser von Österreich und Frankreich in Salzburg hatte stattgefunden, und alle Zeitungen waren voll von der Beschreibung des Empfangszeremoniells und des Diners am Abend des ersten Tages, bei welchem der Kaiser Franz Joseph persönlich dem Fürsten Richard Metternich den Orden des Goldenen Vließes überreicht hatte, wo er ihm seine Anerkennung ausgedrückt für die Verdienste, die er um die guten Beziehungen der beiden Höfe sich erworben.

Der Kaiser Napoleon hatte, den Sinn dieser Auszeichnung in ostensiblem Verständnis erfassend, dem Kaiser von Österreich dafür, als für eine ihm selbst erwiesene Artigkeit, gedankt, und damit der ganzen Begegnung noch um einen Grad mehr den politischen Stempel aufgedrückt. Daneben berichtete man ausführlich von der Begegnung der Kaiserinnen, über die Toiletten der hohen Damen, über den Spazierstock der Kaiserin Eugenie, über den Hund der Kaiserin von Österreich und über alle jene tausend kleinen Details.

Kurz, das Schauspiel, welches sich vor den Augen Europas vollzog, war in vollem Gange. In der alten Bergstadt, umragt von den mächtigen Alpen, entwickelte sich das ganze bunte und geschäftige Treiben zweier großer Höfe, welches den eigentlichen Kern des Lebens der Souveräne wie mit einer glänzenden Wolke verhüllt, die profanen Blicke ablenkend auf kleine und unscheinbare Äußerlichkeiten.

Der Herzog von Gramont mit seiner zahlreichen Dienerschaft bewohnte das Hotel de l'Europe. Nicht wenig Neugierige drängten sich vor der Tür des Hotels, der glänzenden Auffahrt des französischen Botschafters beizuwohnen.

In später Abendstunde, wenn alle Festlichkeit zu Ende war, versammelte sich noch ein ziemlich zahlreiches, neugieriges Publikum vor den weitgeöffneten Fenstern der Wohnung des Fürsten Metternich, um den wunderbaren Phantasien zu lauschen, welche der Sohn des großen österreichischen Staatskanzlers auf seinem Piano in die laue Sommernacht hinausklingen ließ.

Die Kaiser selbst sah man wenig öffentlich, außer wenn sie, rasch durch die Straßen fahrend, sich zu den im Programm festgestellten Ausflügen der Umgegend begaben. Und inmitten all dieses glänzenden Treibens zog nur noch die Gestalt des Reichskanzlers Freiherrn von Beust die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, wenn man diesen Staatsmann, von dessen Tätigkeit alle Welt so große Dinge für die Zukunft Österreichs erwartete, in seiner, vielleicht ein wenig absichtlichen Einfachheit und Nonchalance zu Fuß durch die Straßen gehen sah.

In der frühen Morgenstunde nach dem ersten Tage seines Aufenthalts in Salzburg saß der Kaiser Napoleon bereits völlig angekleidet in dem Salon seines Appartements in der Residenz. Er hatte seinen Tee genommen und lehnte etwas müde und abgespannt in dem reichen Lehnsessel, den er in die Nähe des Fensters gezogen hatte. Der feine Duft seiner Zigarette erfüllte das Zimmer, und der Kaiser hörte aufmerksam den Worten des Herzogs von Gramont zu, welcher vor ihm saß und soeben eine längere und lebhafte Auseinandersetzung beendet hatte.

»Sie glauben also wirklich, mein lieber Herzog,« sagte der Kaiser, »daß es nicht möglich sein wird, in Gemeinschaft mit Österreich eine Aktion zu beginnen, welche Frankreich das wiedergibt, was wir durch die gezwungene Untätigkeit des vorigen Jahres verloren haben?«

»Ich glaube nicht an die Möglichkeit einer solchen Aktion, Sire,« erwiderte der Herzog, »wenigstens nicht für jetzt, schwerlich nach einem vorbereiteten Plane. Das ganze Programm des Herrn von Beust ist ein passiver Widerstand gegen die preußische Machterweiterung. Er will Garantien finden für die Aufrechterhaltung des Prager Friedens, der ja doch bereits in seinen wesentlichen Grundprinzipien verletzt ist. Er glaubt Preußen dadurch zu einer Aggression zu bewegen, welche alle Kabinette Europas zu Gegnern des Berliner Hofes machen würde. Er täuscht sich darin, wie in den meisten seiner zu feinen Berechnungen, welche theoretisch vielleicht richtig, praktisch aber unausführbar sind. Ich kann Eure Majestät nur wiederholt meine Ansicht dahin aussprechen, daß, wenn auch Österreich, wozu man indes bis jetzt noch nicht geneigt ist, die bestimmtesten und bindendsten Verpflichtungen zu einer gemeinsamen Aktion eingehen wollte, dennoch die eigentümliche Geschicklichkeit dieses vielgewandten Staatsmannes Mittel finden wird, seine Tätigkeit und Mitwirkung von dem ersten Erfolge unserer Aktion abhängig zu machen. Immer wird Frankreich die Rolle des ersten Handelns allein zufallen und,« fügte er hinzu, mit der Hand leicht über seinen kleinen Schnurrbart streichend, »ich muß Eurer Majestät aufrichtig bekennen, daß mir diese Rolle für Frankreich als die passendste und auch als die klügste erscheint. Ich halte die französische Macht für stark genug, nötigenfalls auch allein ihren Willen in Europa zur Geltung zu bringen, und warum sollten wir die Früchte unserer Anstrengungen zu teilen gezwungen sein? Gegen uns kann und wird Österreich niemals stehen, für uns eintreten wird es aber nur dann, wenn wir siegreich sind, warum also unter solchen Verhältnissen uns die Fesseln einer vorher stipulierten Allianz auferlegen?«

Der Kaiser hatte schweigend zugehört, ohne daß sein Blick einen Moment aus der schleierhaften Verhüllung seiner Augenlider hervorgetreten wäre. Er kräuselte leicht seinen Schnurrbart und sprach nachdenklich:

»Wenn es sich aber um eine deutsche Frage handelt, und schließlich liegt doch die ganze Zukunft Europas in der Gestaltung der deutschen Zustände eingeschlossen, so bedürfen wir der Allianz Österreichs und seiner tätigen Mitwirkung für das deutsche Nationalgefühl. Die Fürsten Süddeutschlands werden schwere Bedenken haben, sich Frankreich anzuschließen, während sie gewiß gern einem österreichischen Vorgehen folgen möchten.«

»Ich muß mir erlauben, es auszusprechen, Sire,« erwiderte der Herzog von Gramont, »daß ich diese Meinung Eurer Majestät nicht zu teilen imstande bin. Ich bezweifle es überhaupt, ob die Könige von Bayern und Württemberg nach den Erfahrungen des vorigen Jahres und nach den drohenden Beispielen, welche die Annektierung von Hannover und Hessen ihnen gegeben hat, sich, ohne einen großen Erfolg vor Augen zu haben, je wieder zu einem militärischen Widerstande gegen die norddeutsche Übermacht entschließen werden. Jedenfalls werden sie dies am leichtesten tun, wenn sich ihnen der Schutz einer starken Macht wie Frankreich bietet. Österreich,« fügte er achselzuckend hinzu, »dürfte ihnen wenig Vertrauen einflößen zu nochmaligen Experimenten, bei welchen ihre Kronen aufs Spiel gesetzt würden.«

Der Kaiser schüttelte zweifelnd das Haupt.

»Sie rechnen nur mit der politischen Klugheit,« sagte er, »doch kommt hierbei noch sehr wesentlich ein Faktor in Frage, das ist das deutsche Nationalgefühl, welches jeder Verbindung deutscher Staaten mit uns entgegenstehen wird.«

Der Herzog zuckte mit leichtem Lächeln die Achseln.

»Sie kennen die Deutschen nicht,« sagte der Kaiser, den Kopf leicht zur Seite neigend, »wie ich sie kenne. Ich habe in Augsburg Erinnerungen meiner Jugend wieder emporsteigen gefühlt. Dies deutsche Volk ist merkwürdig in seiner fast lethargischen Gleichgültigkeit, so lange es nicht durch irgendeine große Idee erwärmt und angeregt wird. Diese große Idee aber, die Idee der nationalen Einheit und Kraft, ist jetzt vorhanden und durchdringt das Volk in allen seinen Teilen. Man darf heute mit dem deutschen Volke nicht mehr rechnen, wie mein Oheim es konnte, als mit einem willenlosen Element, das sich schweigend den Verhältnissen unterwirft. – Doch,« fuhr er abbrechend fort, »das sind Konjekturen, deren Richtigkeit oder Unrichtigkeit die Zeit zeigen wird. Ich hoffe, daß der König von Bayern heute oder morgen hierher kommt, es wird nicht schwer sein, auf den Geist dieses jungen Fürsten Einfluß zu gewinnen. Auf der Reise hierher war er sehr zurückhaltend, es war mir kaum möglich, ein ernstes und eingehendes Gespräch mit ihm zu führen.«

»Und glauben Eure Majestät,« fragte der Herzog, »daß der König von Bayern wirklich hierher kommt?«

»Zweifeln Sie daran?« fragte der Kaiser, indem sein plötzlich klar hervortretendes Auge sich voll Verwunderung auf den Herzog richtete. »Der Kaiser Franz Joseph hat ihn eingeladen, ich habe ihm selbst den Wunsch ausgedrückt, ihn noch hier zu sehen.«

»Es wäre fast eine Unhöflichkeit, wenn er nicht käme, und doch, Sire,« sagte der Herzog von Gramont, »glaube ich es nicht. Ich habe es stets,« fuhr er fort, gleichsam dem forschenden Blick des Kaisers antwortend, »für meine Pflicht gehalten, zum Verständnis der Situation in Wien mir ein wenig Fühlung mit den süddeutschen Höfen zu erhalten, und was ich von München gehört habe, läßt mich sehr daran zweifeln, daß Bayern geneigt sei, eine Rolle in den Kombinationen des Herrn von Beust zu spielen.«

Der Kaiser blickte finster vor sich nieder und warf das ausgebrannte Ende seiner Zigarette zu Boden.

»Und wenn Sie recht hätten,« fragte er dann mit dumpfem Tone, »was würde die Allianz dieses Österreichs bedeuten, wenn es nicht einmal die Macht hätte, die Staaten Süddeutschlands in seine politische Aktion hineinzuziehen?«

Er saß einige Sekunden in schweigendem Nachdenken.

Der Herzog erhob sich.

»Ich darf mir erlauben, Eure Majestät daran zu erinnern,« sagte er, »daß die Stunde herannaht, zu welcher die Kaiserin von Österreich mir die Ehre einer Audienz gewähren will.«

»Gehen Sie, mein lieber Herzog,« sagte der Kaiser, indem er sich erhob und dem Herzog die Hand reichte. »Ich erwarte Herrn von Beust und hoffe bald zu sehen, wie viel festen Grund man in seinen Ideen finden kann.«

»Darf ich Eure Majestät noch um die Erlaubnis bitten,« sagte der Herzog, »Zu der Vollendung des Systems der Vizinalwege, welche soeben verkündet wird, meinen Glückwunsch abzustatten? Es ist dies eine große Tat der Regierung Eurer Majestät, wichtiger und segensreicher als eine gewonnene Schlacht.«

Ein glückliches Lächeln umspielte den Mund des Kaisers und gab seinen Zügen jenen so angenehmen und sympathisch berührenden, fast kindlichen Ausdruck, der ihm in gewissen Augenblicken eigen war.

»Ich bin in der Tat stolz auf dieses Werk,« sagte er, »das ich ohne Anmaßung als mein eigenes bezeichnen darf, denn es ist das Resultat meines eigenen ernsten Studiums und langer Arbeit. Sie kennen, lieber Herzog,« fuhr er fort, indem er sich, wie in einer Anwandlung körperlicher Schwäche, auf seinen Stuhl sinken ließ, »Sie kennen die Verhältnisse der ländlichen Produktion in Frankreich, es freut mich, daß Sie mit mir in der Beurteilung der hohen Wichtigkeit und Bedeutung jener Maßregel übereinstimmen, welche ich lange vorbereitet und nunmehr glücklich ausgeführt habe. – Die reiche Produktion Frankreichs,« sagte er, wie unwillkürlich einem Lieblingsgedanken folgend, »konnte bisher nicht zur Verwertung kommen, weil es den Landbauern unmöglich war, ihre Erzeugnisse nach den Absatzorten zu führen. Sie produzierten daher nur ihren eigenen Bedarf, und ein großer Teil des nationalen Reichtums ging verloren. Das neue Wegesystem gibt nun jedem Bauern die Möglichkeit, die Produkte seines Bodens leicht und einfach zu verwerten. Er wird deshalb die Produktion auf das höchste anspannen, um seinen Grundbesitz auf die größtmögliche Kulturstufe zu bringen. Erst später,« fuhr er, immer lebhafter sprechend, fort, »wird man vollständig beurteilen können, welchen ungeheuren Zuwachs der Nationalreichtum dadurch gewonnen hat, und wenn Frankreich jemals in die Lage kommen sollte, großen Katastrophen die Spitze bieten zu müssen, große finanzielle Anstrengungen zu machen, wird man erstaunen über die unerschöpflichen Leistungen des Landes. Nicht aus den schimmernden Schatzkammern der Börsenwelt, die in anscheinend unerschöpflicher Fülle die Augen der Welt blenden, wird man in der Stunde der Opfer schöpfen, sondern aus dem stillen, dem Schoße der ländlichen Arbeit entwachsenden Reichtum des Landes, der unerschöpflich ist wie die Fruchtbarkeit, welche Gott in die Erde legte, wie die Arbeitskraft, welche den Arm der Menschen spannt. Ich bin hier inmitten der so vielfach gekreuzten Fäden der europäischen Politik, mein Geist arbeitet an weiten Kombinationen für die Große und Macht Frankreichs, alle diese Fäden, die heute das Spiel der politischen Kräfte lenken, werden vergehen, meine Kombinationen können mich trügen, des Schicksals Hand kann zu schwerem, vielleicht vernichtendem Schlage sich gegen mich erheben, das alles liegt im Reich der Ungewißheit und hängt von den dunklen Schlüssen des Fatums ab, aber die Quelle des Segens und Wohlstandes, die ich durch die Ausführung meines Systems der Landwege geöffnet habe, wird in immer vermehrter Ergiebigkeit fließen, das ist eine Gewißheit, die nicht vom Zufall abhängt, wenn nicht eine neue Völkerwanderung zerstörend über die europäische Zivilisation hereinbricht. Glauben Sie mir, mein lieber Herzog,« fuhr er mit einem milden, strahlenden Lächeln und einem leuchtenden Blick seines weit offenen, wie verklärt in die Ferne schauenden Auges fort, »glauben Sie mir, wenn alle Gebäude meines Ehrgeizes und meiner Hoffnungen zusammenbrechen sollten, wenn, was die Vorsehung verhüte, schwere Zeiten über Frankreich kommen und schwere Opfer von diesem schönen, teuren Lande verlangt werden sollten, wenn man Magenta und Solferino vergessen wird, dann wird man erkennen, was ich geschaffen habe für die innere Entwicklung des Wohlstandes meines Volkes, das aus dem eigenen Boden, wie einst Antäus, die ewig verjüngende und regenerierende Kraft saugen wird. Möchte man dann so gerecht sein, sich meiner in dankbarer Anerkennung zu erinnern und um dieser Wohltat willen die Fehler zu vergessen, die ich zu begehen bestimmt bin, wie jeder Mensch, der geboren ist in diesem Reich des Irrtums und der Dämmerung.«

Er ließ langsam das Haupt sinken und schien schweigend seinen Gedanken zu folgen.

»Eure Majestät sehen mich voll tiefer Bewunderung,« sagte der Herzog von Gramont im Tone des Hofmanns, »vor dem Geist, der so sorgsam an die tiefen und dem gewöhnlichen Blick verborgenen Quellen denkt, aus welchen sich die nationale Kraft entwickelt und ergänzt, wahrend er zugleich die weite Anspannung dieser Kraft mit freiem Blick und sicherer Hand zu lenken versteht.«

»Aus den kleinen Wurzeln ziehen die mächtigen Bäume ihre Kraft,« sagte der Kaiser, »ich habe viel und tief über alle Fragen der nationalen Ökonomie nachgedacht in langen einsamen Stunden – es ist doch gut,« fügte er mit anmutigem Lächeln hinzu, »wenn ein Souverän vorher ein wenig Verbannter und Gefangener gewesen ist. – Doch,« sagte ei dann abbrechend, »die Kaiserin Elisabeth erwartet Sie. Auf Wiedersehen!« und freundlich mit der Hand grüßend entließ er den Herzog, der sich mit tiefer Verbeugung zurückzog.

Längere Zeit blieb der Kaiser in schweigendem Nachdenken auf seinem Stuhle sitzen.

»Er hat recht,« sagte er dann, er hat recht, es ist eine schwache Stütze, diese österreichische Allianz, deren Abschluß noch nicht einmal gesichert ist, und deren Bedingungen in verschwimmender Unklarheit schwanken. Dieser Staat hat keine Kraft in seiner inneren Gärung, und dieser Staatsmann mit seinem seinen kritischen Geist hat keinen Entschluß. Und wenn es wahr ist, was Gramont sagt, der gut unterrichtet ist und fein zu beobachten versteht, wenn es wahr ist, daß die süddeutschen Staaten sich scheu und vorsichtig zurückhalten, welchen Wert hat dann diese österreichische Kombination? – Immerhin,« sagte er nach einem kurzen Nachdenken mit einem feinen und, zufriedenen Lächeln, »immerhin hat diese Zusammenkunft die große Bedeutung einer Drohung gegen Preußen, man sieht in Berlin, was ich tun, wohin ich mich wenden könnte, wenn man dort hartnäckig jede Ausgleichung und Verständigung zurückweist und lediglich den Standpunkt der vollendeten Tatsache festhält, – Oh,« fuhr er mit demselben zufriedenen Lächeln fort, »er ist nicht so gleichgültig gegen das, was hier vorgeht, dieser preußische Minister, der es unternommen hat, mir den Rang in Europa abzulaufen, so ruhig er scheint, so bin ich überzeugt, baß sein Auge und sein Ohr hier ist! – Nun, je weniger Wirkliches hier geschehen und erreicht werden kann, um so mehr Staub muß aufgewirbelt werden; kann die Koalition nicht wirklich gebildet werden, so soll das Gespenst der Koalition ihn aus seiner sicheren Ruhe aufschrecken und ihm die Anmaßung nehmen, ohne Verständigung mit mir die Gestaltung Deutschlands in seinem Sinne vollenden zu können.«

Er stand auf und ging einigemal mit langsamem, etwas schwerfällig schleppendem Schritt im Salon auf und nieder.

»Es wird notwendig werden,« sagte er dann halblaut vor sich hin, »es wird notwendig werden, Italien ganz fest zu halten und vor allem die letzten Fäden seiner Beziehungen zu Preußen abzuschneiden. – Durch Italien halte ich Österreich, durch Österreich und Italien die Süddeutschen. – Eine Konferenz über die römische Frage,« fuhr er noch leiser fort, als fürchte er, daß die stummen Wände seine Gedanken vernehmen könnten, »eine Konferenz der Großmächte, Preußen mit den stark katholischen Elementen seiner Bevölkerung kann den Papst nicht preisgeben, ich werde ein günstiges Spiel haben, die Alliierten von 1866 werden sich immer weiter voneinander entfernen, dazu einige Rekriminationen – Lamarmora –«

Er vertiefte sich immer mehr in seine Gedanken, deren Folgen ihm befriedigende Bilder in der Zukunft zeigen mußten, denn immer heiterer wurde der Ausdruck seines Gesichts, er ließ sich wieder auf den Lehnstuhl nieder und zündete eine neue Zigarette an, deren feine blaue Wölkchen das Gemach erfüllten – aufsteigend sich kräuselnd in verschlungenen Ringen und wieder verfliegend, wie die Gedanken und Pläne der Zukunft, die im Kopf des Kaisers sich bildeten.

Nach einiger Zeit trat Felix, sein Kammerdiener, ein und meldete:

»Der Herr Baron von Beust steht zu Eurer Majestät Befehlen.«

Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf und trat dem österreichischen Minister entgegen, welchem der Kammerdiener die Tür öffnete.

Herr von Beust war im schwarzen Morgenanzug, das ergrauende Haar an den Schläfen sorgfältig in Locken frisiert, sein Gesicht mit den feinen, geistig bewegten Zügen war heiter und frisch und zeigte seinen sorglos lebensfrohen Ausdruck, den man an diesem so sehr gewandten Staatsmann zu allen Zeiten zu bemerken gewohnt war.

Der Kaiser reichte Herrn von Beust die Hand, und indem er sich wieder in seinen Sessel niederließ, lud er den österreichischen Minister ein, ihm gegenüber Platz zu nehmen.

»Es freut mich sehr, mein lieber Baron,« sagte Napoleon in verbindlichem Tone, »daß ich mich einmal mit Ihnen allein ausführlich besprechen kann, bevor wir in weitere Konferenzen treten, namentlich bevor der König von Bayern hier eintrifft, denn es wäre in der Tat sehr erwünscht, daß die süddeutschen Staaten unser Einverständnis nicht nur im großen Prinzip, sondern auch in der einzelnen Detailfragen bereits vollständig fertig fänden.«

Ein eigentümlich forschender Blick zuckte in schnellem Aufblitzen aus den Augen des Kaisers zu dem österreichischen Minister herüber.

Kein Zug veränderte sich in dem ruhig lächelnden Gesicht des Herrn von Beust.

»Eure Majestät sind sehr gnädig,« sagte er, »daß Sie auf eine persönliche Verständigung mit mir einen gewissen Wert legen; allerdings würde es für die weiteren Verhandlungen von großem Vorteil sein, wenn gewisse maßgebende Grundzüge zwischen Eurer Majestät und mir vorher festgestellt würden. Ich habe meine unmaßgeblichen Ideen über die verschiedenen Fragen der europäischen Politik mir in kurzen Sätzen zusammengestellt und möchte mir erlauben, sie Eurer Majestät zur gnädigen Beurteilung zu unterbreiten.«

Er zog aus der Tasche seines Überrocks einen Bogen Papier, auf welchem eine Reihe von Notizen von der eigentümlich ineinander fließenden, fast unleserlichen Handschrift des Herrn von Beust sich befand.

»Ich bin aufs höchste gespannt, Ihre Ideen aus Ihrem eignen Munde zu hören,« sagte der Kaiser, »nachdem ich über dieselben bereits ein wenig durch den Herzog von Gramont unterrichtet worden bin. Vor allem wird es wichtig sein, uns über alles das auszusprechen, was Deutschland betrifft,« fuhr er fort, indem abermals jener rasche, forschende Blick das Gesicht des österreichischen Staatsmannes traf. »Sie legen mit Recht einen hohen Wert auf die Herstellung eines deutschen Südbundes, der, gestützt auf die Bedingungen des Prager Friedens, ein Gegengewicht gegen den in den Händen Preußens befindlichen norddeutschen Bund zu bilden geeignet wäre. Gerade über die Natur der Durchführung dieses Südbundes müßten wir uns vollkommen verständigen, bevor der König von Bayern hierher kommt, der ja wohl heute noch zu erwarten ist.«

»Die persönliche Anwesenheit des jungen Königs von Bayern,« sagte Herr von Beust, ruhig und unbeweglich den Blick des Kaisers erwidernd, »würde bei der großen Verschlossenheit dieses Fürsten vielleicht von geringer Bedeutung sein, da er nicht gewohnt ist, sich über politische Fragen ohne tieferes vorheriges Nachdenken auszusprechen. Die Verhältnisse sind hier mächtiger als die Person, ich bedaure deshalb auch nicht so sehr, wie ich sonst tun würde, die Nachricht, welche ich soeben von Graf Trautmannsdorf erhalten, und nach welcher der König Ludwig sich wahrscheinlich nicht wird entschließen können, seinem fast menschenscheuen Hange zur Einsamkeit Gewalt anzutun und hier in Salzburg zu erscheinen.«

Trotz der dem Kaiser eigenen Selbstbeherrschung konnte er den Ausdruck düsterer Niedergeschlagenheit nicht ganz verbergen, der bei den letzten Worten des Herrn von Beust auf seinem Gesicht erschien. Er senkte den Blick auf den Boden und kräuselte die Spitze seines Schnurrbarts mit den Fingern.

»Vielleicht,« fuhr Herr von Beust fort, »ist es auch besser, die Idee des Südbundes hier zunächst nach allen Richtungen zu ventilieren und vorläufig festzustellen, um sie dann dem König von Bayern vollständig ausgearbeitet zur Erwägung mitzuteilen. Der leicht zu Mißtrauen geneigte Geist des jungen Fürsten könnte bei einer plötzlichen persönlichen Anregung der Sache die Furcht vor Überrumpelung fassen und zurückgeschreckt werden.«

Das Gesicht des Kaisers hatte seine vollständige gleichmäßige, heitere Ruhe wiedergefunden. Er stützte den Arm auf die Lehne des Sessels, und indem er das Haupt mit leichter Neigung auf die Schultern herabsinken ließ, sagte er in fast gleichgültigem Tone:

»Ich finde den Gedanken einer innigen Verbindung der Südstaaten, die sich in natürlicher Gravitation an Österreich anlehnen würden, in hohem Grade bedeutungsvoll für die politische Entwicklung der Zukunft. Wie ein solcher Bund indes ins Leben geführt werden könnte, namentlich bei der unsicheren Haltung von Baden, ist für mich, der ich den inneren deutschen Verhältnissen ferner stehe, sehr schwer zu übersehen. Ich möchte Sie deshalb bitten, mir eine kurze Notiz über Ihre Gedanken mitzuteilen, nicht aus Furcht vor Überrumpelung,« fügte er lächelnd hinzu, »bis morgen werde ich dann wohl die Muße gefunden haben, mich genau über Ihre Ideen zu orientieren und en connaissance de cause mit Ihnen über dieselben zu sprechen.«

Herr von Beust sah den Kaiser bei diesen im unbefangensten Tone gesprochenen Worten befremdet an. Er warf einen Blick auf das Papier in seiner Hand und schien eine Bemerkung machen zu wollen. Bevor dies jedoch geschehen, fuhr der Kaiser fort:

»Da der Besuch des Königs von Bayern nicht zu erwarten ist, so haben wir ja auch keine dringende Veranlassung, diese Frage vor allen anderen in Erwägung zu ziehen. Für die großen europäischen Interessen liegt uns eine andere Frage näher, das ist die orientalische; ich glaube, daß Frankreich und Österreich nach dieser Richtung hin fast ganz identische Interessen haben. Der Orient ist vollgehäuft von Zündstoff, und wenn die dort schlummernden gewaltigen Konflikte einmal zum Austrag kommen, so steht zu befürchten, daß eine vernünftige Diplomatie nicht imstande sei, Herrin des angeschürten Brandes zu werden. Ihre Aufgabe muß daher sein, darüber zu wachen, daß kein Funken in jenes mit Explosionsstoffen vollgefüllte Arsenal falle, so lange nicht Chancen vorhanden sind, daß man die dortigen Ereignisse lenken und beherrschen könne.«

Eifrig erhob Herr von Beust sein Notizblatt und sprach:

»Ich freue mich, in bezug auf diesen wichtigsten Punkt ganz mit den Anschauungen Eurer Majestät übereinzustimmen, denn ich hatte mir als Basis für das Einverständnis der Politik Österreichs und Frankreichs folgendes notiert:

›Die orientalische Frage darf augenblicklich ihrer Lösung nicht näher gebracht werden. Etwaigem Versuch einer dritten Macht, nach dieser Seite hin vorzugehen, ist entgegenzutreten.‹«

Der Kaiser nickte mehrmals zustimmend mit dem Kopfe.

»Das ist in wenigen Zügen,« sagte er dann, »ganz genau die Richtschnur einer vernünftigen Politik; es handelt sich nur darum, zu erwägen, welcher Art die Versuche der dritten nächstbeteiligten Macht etwa sein könnten, und vor allem, durch welche Mittel solchen Versuchen wirksam entgegengetreten werden könnte.«

Schnell erwiderte Herr von Beust:

»Die Versuche, welche Rußland, denn eine andere Macht hat kein Interesse an der Anregung der orientalischen Frage, – die Versuche, welche Rußland machen könnte, werden nicht in der direkten Herbeiführung von Konflikten zwischen dem Petersburger Kabinett und der Hohen Pforte bestehen, man wird, wie das fortwährend schon geschieht, die von der Türkei abhängigen Fürstentümer zum Streben nach Unabhängigkeit aufreizen und in diesen Bestrebungen unterstützen, man wird von Griechenland aus die griechischen Untertanen der Pforte aufwiegeln, so daß, wenn irgend eine, Europa beunruhigende Katastrophe ausbrechen wird, die Türkei im Unrecht ist und Rußland vor den Augen der europäischen Mächte nur den Schutz einer gerechten Sache in die Hand zu nehmen hätte.«

»Ganz recht,« sagte der Kaiser, »dies Spiel liegt ziemlich deutlich vor Augen; um ihm aber wirksam entgegenzutreten, müßte wenigstens eine feste Defensiv-Allianz geschlossen werden, welche unter gewissen Voraussetzungen zur Offensive überzugehen hätte, um mit gewaffneter Hand einzuschreiten.«

Eine peinliche Bewegung zuckte einen Augenblick über das Gesicht des Herrn von Beust.

»Bei geschickter Verfolgung und Leitung der diplomatischen Fäden,« sagte er, »dürfte es nach meiner Überzeugung kaum zu diesem Äußersten kommen, wenn Eurer Majestät Diplomatie vollständig in Übereinstimmung mit der von Österreich in ihrer Haltung und in ihren Worten unbeirrt daran festhält, daß der Vertrag von 1856 die einzige völkerrechtliche Grundlage für die Verhältnisse im Orient bildet, und daß jede etwaige, durch die politische Entwicklung gebotene Veränderung nur auf der Basis des Pariser Traktats und unter der Zustimmung seiner Unterzeichner vereinbart werden könnte, so wird das Gewicht einer so bestimmt ausgesprochenen Haltung zweier Großmächte nach meiner Überzeugung vollkommen genügen, um alle weiteren Versuche zurückzudrängen. Denn nach den Erfahrungen der Geschichte entstehen die großen Kriege nur dadurch, daß nicht rechtzeitig und kraftvoll genug das moralische Gewicht den Angriffen gegen berechtigte Interessen entgegengesetzt wird. Wenn irgendwo, so heißt es hier: Principiis obsta.«

Der Kaiser Napoleon strich mit der Hand über seinen Schnurrbart und verbarg unter dieser Bewegung ein unwillkürlich über seine Lippen zitterndes Lächeln.

»Wir würden also nur noch genau die Wendungen festzustellen haben, in welchen die Diplomatie über ihre Sprache in den orientalischen Angelegenheiten zu instruieren wäre, und gewiß werden Sie, mein lieber Baron, diese Wendungen in einer so feinen, scharfen Weise zu finden wissen, daß es mir eine Freude sein wird, mich denselben in allen Punkten anzuschließen. – Nach dem Orient,« sprach der Kaiser weiter, »sind es insbesondere die Bestimmungen des Prager Friedens, welche, wie ich glaube, ein hohes gemeinschaftliches Interesse für Frankreich und Österreich haben.«

»Auch hierüber,« erwiderte Herr von Beust, »habe ich mir erlaubt, die weiteren hauptsächlichsten Gesichtspunkte zur Grundlage für die Besprechungen und Übereinkunft in kurzen Worten zu formulieren.«

Und sein Notizblatt erhebend, las er langsam und mit Betonung:

»Zur Erhaltung der allseitigen guten Beziehungen würde eine angemessene Vereinbarung Dänemarks mit Preußen bezüglich Nordschleswigs wesentlich beitragen. Eine freundschaftliche Vermittlung Österreichs und Frankreichs, die vielleicht dazu beitragen würde, die allerdings zu hoch gespannten Erwartungen Dänemarks auf das richtige Maß zurückzuführen, wäre nicht unpassend.«

Napoleon blickte mit dem Ausdruck einer gewissen Befremdung zu Herrn von Beust hinüber.

»Eine herabstimmende Vermittlung Dänemark gegenüber?« fragte er, »und den preußischen Forderungen gegenüber, die in betreff Nordschleswigs denn doch ein wenig über die Grenzen der Bestimmungen des Prager Friedens hinauszugehen scheinen? Was soll –«

»Es wird natürlich auch in Berlin erforderlich sein, ernstlich an die Ausführung des Prager Traktats zu mahnen, um alle Punkte zu beseitigen, welche früher oder später dem europäischen Frieden gefährlich werden könnten,« warf Herr von Beust ein, »indes je mehr man auch Dänemark von exorbitanten Forderungen zurückzuhalten sucht und dies offiziell zu erkennen gibt, um so mehr wird man auf Preußen wirken können, seinerseits das Notwendige zuzugestehen.«

Es schien, als ob Napoleon etwas sagen wolle, doch hielt er inne und sprach nach einem Augenblick des Besinnens:

»Eröffnungen, wie Sie dieselben soeben angedeutet haben, und wie ich sie meinerseits ebenfalls als nicht unpassend betrachten kann,« der Kaiser legte hier eine leichte Betonung auf die Wiederholung des vorher von Herrn von Beust gebrauchten Wortes, »möchten meiner Ansicht nach nur von Österreich gemacht werden können. Denn es ist Österreich, welches den Traktat von Prag unterzeichnet hat, und wenn auch Frankreich als vermittelnde und ratende Macht den hohen Kontrahenten zur Seite stand und an der strikten Erhaltung des Friedens von Prag ein sehr ernstes Interesse hat, so sind uns doch unmittelbar aus jenem völkerrechtlichen Dokument keine Rechte erwachsen, welche zu einer Interpellation – auch der vorsichtigsten Art – Veranlassung geben könnten. Frankreich würde in Erörterungen über die Ausführung des Prager Friedens immer nur dann eintreten können, wenn die unmittelbar Beteiligten dazu eine direkte oder indirekte Anregung gäben und es sich um Ausgleichung entstandener Differenzen handelte. Dann würde sowohl unsere Stellung als europäische Macht, als auch unsere frühere vermittelnde Tätigkeit bei dem Abschluß des Traktats uns Berechtigung zur Einmischung geben, welche sonst als unberufene Zudringlichkeit aufgefaßt werden könnte. – Ich würde daher in der Notiz, welche Sie die Güte gehabt haben, mir vorzulesen, bei der in Aussicht genommenen freundschaftlichen Vermittlung nur den Namen Österreichs nennen.«

»Nach Eurer Majestät Bemerkungen ist dies gewiß richtiger,« sagte Herr von Beust, mit einem Bleistift seine Notiz korrigierend, »das gegenseitige Einverständnis über die ganze Sache bedingt ja ohnehin, daß der österreichischen Vermittlung die französische Unterstützung zur Seite steht.«

»Soweit dies die Formen des diplomatischen Verkehrs zulassen,« sagte der Kaiser. »Doch,« fuhr er fort, »da Sie vom Prager Frieden sprechen, so können wir den eigentümlichen Umstand nicht aus den Augen lassen, daß dieser Traktat doch eigentlich schon vollständig in den wesentlichsten Prinzipien verletzt ist. – Die militärischen Verträge der Südstaaten mit Preußen, welche wenigstens unserer Auffassung des Friedens ganz zuwiderlaufen, sind geschlossen, und es wird in diesem Augenblick der Eintritt Süddeutschlands in den Zollverein durch das Zollparlament vorbereitet, was kann diesen Verhältnissen gegenüber geschehen, um die Herstellung eines Südbundes für die Zukunft möglich zu erhalten?«

Herr von Beust antwortete:

»Eure Majestät haben vollkommen recht darin, daß durch den Abschluß der Militärkonventionen, welche im tiefsten Geheimnis während der Friedensverhandlungen ohne Österreichs und Frankreichs Wissen vorbereitet wurden, der Sinn und die Bedeutung des Traktats vollkommen alteriert ist, indes,« fuhr er mit einem feinen Lächeln fort, »gerade dieser Umstand kann für die Zukunft sehr günstig sich gestalten. Wir haben ganz gewiß das Recht, wegen jener Militärverträge zu interpellieren und sie als unverträglich mit den Friedensbestimmungen anzugreifen, das gibt uns in jedem Augenblick, in welchem wir seiner bedürfen, den Konflikt ganz fertig in die Hand, und zwar einen Konflikt, in welchem das formelle und materielle Recht auf unserer Seite steht. Im gegenwärtigen Augenblick darf nach meiner Überzeugung jener Punkt gar nicht berührt werden, der Kampf zwischen den Unifikationsbestrebungen Preußens und den Selbständigkeitsneigungen der süddeutschen Fürsten und Völker wird Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten und Verstimmungen auf Verstimmungen häufen, die ja durch eine geschickte diplomatische Einwirkung noch immer vergrößert werden können. Lassen wir daher das alles seinen eigenen Weg gehen, es ist der Weg der Zersetzung des so schnell Geschaffenen, und reservieren wir uns den fertigen Konflikt für den Augenblick, in welchem wir seiner bedürfen werden.«

Er hielt inne, der Kaiser schwieg.

»Was nun,« sprach dann Herr von Beust weiter, »das Zollparlament betrifft, so habe ich mir den Satz notiert: ›Bezüglich Süddeutschlands Eintritt in den Zollverein ist nichts zu bemerken, solange Preußen die Bestimmungen des Prager Friedens im Auge behält.‹«

Wieder spielte jenes eigentümliche Lächeln um die Lippen des Kaisers.

»Im Prager Frieden,« sagte Herr von Beust, »ist den Süddeutschen überlassen worden, auf dem Gebiete des materiellen Verkehrs Vereinbarungen mit dem Nordbund zu schließen, es würde also ganz unmöglich sein, gegen die angestrebte Zolleinigung irgend etwas zu sagen, so lange dieselbe nicht eine Ausdehnung gewinnt, welche die politische Aktionsfähigkeit der süddeutschen Staaten einschränkt.«

Der Kaiser neigte schweigend den Kopf.

»Ich möchte nun,« sagte Herr von Beust, »der Meinung sein, daß, wenn diese Punkte auf der von Eurer Majestät soeben gebilligten Grundlage zwischen Eurer Majestät und meinem allergnädigsten Herrn diskutiert und ein Einverständnis darüber erzielt und formuliert ist, daß dann das Resultat dieses Einverständnisses in ganz allgemeinen Sätzen den übrigen Mächten mitgeteilt, und daß daran die Bemerkung geknüpft werde, die hier erzielte Entente bedrohe niemanden, halte den anderen Mächten den Zutritt offen, und nur im Falle von irgend welcher Seite Entschlüsse zur Durchkreuzung der Entente sich kundgeben sollten, könnten weitergehende und äußerste Eventualitäten erwogen werden.«

Rasch erwiderte der Kaiser:

»Ich stimme auch hierin ganz mit Ihnen überein, doch werden Sie gewiß ebenfalls der Meinung sein, daß eine Mitteilung über die hier besprochenen und etwa vereinbarten Punkte an andere Höfe nicht gemeinschaftlich und nicht etwa in identischer Form zu geschehen haben würde, das könnte als eine Provokation aufgefaßt werden, die doch mit dem so friedlichen Inhalt unserer Erwägungen gewiß nicht im Einklang stehen würde. Auch ist ja der rechtliche Standpunkt, namentlich in betreff des Prager Friedens, für uns nicht bei gleiche, es würde mir daher am besten scheinen, die Diplomaten anzuweisen, daß sie in gelegentlichen Unterhaltungen im Sinne der von Ihnen soeben ausgesprochenen Auffassung sich äußern sollten.«

»Vielleicht wäre ein Rundschreiben dennoch angezeigt,« bemerkte Herr von Beust, »damit bei dem festgestellten Wortlaut der Erklärungen jedes bei mündlichen Mitteilungen immerhin mögliche Mißverständnis ausgeschlossen bliebe.«

»Ich glaube,« sagte der Kaiser, »daß bei der Stellung Österreichs zu den mit dem Prager Frieden zusammenhängenden Fragen ein solches Rundschreiben gewiß zweckmäßig sein kann, ich meinerseits müßte mir eine größere Vorsicht und Zurückhaltung auferlegen, um weder juristische Einwendungen noch nationale Empfindlichkeiten zu provozieren.«

Herr von Beust verneigte sich.

»Ich möchte noch einen Punkt hervorheben, einen schmerzlichen Punkt,« sagte er dann mit etwas leiserer Stimme, »er betrifft die Auslieferung der Leiche des ermordeten Kaisers Maximilian, die Bemühungen Österreichs allein möchten vielleicht nicht von so großem Erfolg sein, als wenn –«

Der Kaiser erhob sich und trat dem ebenfalls sogleich aufstehenden Minister einen Schritt entgegen, ein wehmütiges Lächeln umspielte seinen Mund.

»Der Kaiser, Ihr erhabener Herr,« sagte er mit voller Stimme, »kann überzeugt sein, daß ich mit ihm gemeinschaftlich bei allen Mächten die entschiedensten und dringendsten Schritte tun werde, um die Auslieferung der Leiche des unglücklichen fürstlichen Opfers eines zu feinen und hochsinnigen Ehrgefühls zu erreichen, und für die Sicherstellung der beiderseitigen Untertanen von Frankreich und Österreich Sorge zu tragen. Alles in dieser Richtung soll gemeinschaftlich erwogen und ausgeführt werden. Gott gebe, daß der gemeinsame Schmerz, den der Kaiser kaum tiefer empfinden kann als ich, ein Band bilden möge, das Frankreich und Österreich für die Zukunft immer fester und inniger vereinigt. – Ich möchte nun meinerseits,« fuhr Napoleon nach einem längeren Schweigen fort, »noch eine Frage anregen, welche für jetzt und insbesondere für die Zukunft eine große Bedeutung hat. Ich will nämlich von dem Verhältnis zu Italien sprechen, dieser Macht, die bei einem Einverständnis zwischen Frankreich und Österreich nicht unberücksichtigt bleiben darf, da sie ebenso sehr geeignet ist, eine gemeinsame Aktion zu verbinden und zu unterstützen, als unter Umständen trennend zu verhindern.«

»Eure Majestät wissen,« erwiderte Herr von Beust, »wie sehr ich von der Notwendigkeit der Verständigung und des Zusammengehens mit Italien überzeugt bin und wie sehr ich das neuentstandene Reich für ein notwendiges Glied halte in dem Gefüge der Kooperation von Frankreich und Österreich. Ich habe alles getan, um eine freundliche Annäherung herzustellen und die Erbitterung und Verstimmung schwinden zu lassen, welche die Erinnerung an die Vergangenheit geschaffen hat. Eure Majestät wissen auch, auf wie schmerzliche Weise die Pläne zur Wiederbelebung der verwandtschaftlichen Beziehungen beider Höfe durchkreuzt worden sind, indes auch ohne das Band unmittelbarer fürstlicher Verwandtschaft wird es möglich sein, die Verbindung von Österreich und Italien herzustellen und zu erhalten, ich hoffe, daß diese Macht, welche in früheren Zeiten der Schauplatz war, auf welchem Frankreich und Österreich um ihren Einfluß kämpften, nunmehr bestimmt sein wird, das verbindende Element mit den beiden Mächten zu bilden.«

Der Kaiser hörte aufmerksam zu und schien noch weitere Erörterungen des Herrn von Beust zu erwarten.

»Auch das Projekt einer fürstlichen Familienverbindung,« fuhr Herr von Beust fort, »ließe sich ja, wenn auch in anderer Form, wieder aufnehmen. Der Vertraute des Königs von Hannover, welcher vor kurzem von Paris nach Wien kam, hat mir von einer Eurer Majestät ohne Zweifel bekannten Idee gesprochen, nach welcher das hannöversche Haus durch eine seiner Prinzessinnen das Bindeglied zu einer persönlichen, nahen Beziehung zwischen dem österreichischen und italienischen Hofe werden soll. Bei dem innigen Freundschaftsverhältnis, welches das Kaiserhaus mit der Familie des Königs von Hannover verbindet, und bei der ganz besonderen Zuneigung, welche Ihre Majestät die Kaiserin für die hannöverschen Prinzessinnen hegt, würde die Ausführung jener Idee in ihrer Wirkung einem unmittelbaren Verwandtschaftsbande zwischen den Häusern von Habsburg und Savoyen fast gleichkommen. Der Kaiser, mein allergnädigster Herr, hat nicht unterlassen, auf die erste Mitteilung von jenem Gedanken sich sogleich zum König von Hannover zu begeben, um ihm zu sagen, daß der König durch ein schnelles Eingehen auf dieses Projekt seiner eigenen Sache einen ebenso großen Dienst leisten würde als den Interessen Österreichs.«

»Ein sehr guter Gedanke,« sagte der Kaiser, seinen Schnurrbart streichend, »von dem ich hoffe, daß er sich ausführen lassen wird; doch,« fuhr er abbrechend fort, »jede solche Verbindung würde immer nur die Krönung eines Gebäudes sein, das auf einem politisch sicheren Fundament erbaut sein müßte. – Sie wissen, daß die vorgeschrittene Aktionspartei in Italien einer Verbindung mit Österreich sehr abgeneigt ist. – Die Allianz mit Preußen hat Italien die Erfüllung längst gehegter und berechtigter Wünsche gebracht, durch deren rechtzeitiges Zugeständnis Österreich, als es nicht unter Ihrer politischen Leitung stand,« fügte er mit artiger Verneigung hinzu, »sich vieles Unglück hätte ersparen können. – Um der italienischen Regierung, welche von der Fortschrittspartei leider nur zu sehr abhängig ist, die Möglichkeit zu gewähren, sich von Preußen definitiv zu trennen und mit Österreich zu verbinden, müßte Italien als Preis dieser neuen Allianz eine wenigstens teilweise Erfüllung der Wünsche geboten werden, welche dort noch übrig blieben, damit die Regierung dem Volk einen Gewinn zeigen und den Einfluß der radikalen Aktionspartei paralysieren könne.«

»Eure Majestät wissen,« sagte Herr von Beust, »daß ich in diesem Augenblick im Begriff stehe, einen großen und ernsthaften Kampf gegen den Ultramontanismus wegen der von allen liberalen Parteien geforderten Aufhebung des Konkordats zu führen. Eure Majestät werden ermessen, daß Seine Majestät der Kaiser Franz Joseph bei seiner streng kirchlich katholischen Gesinnung sich nur sehr schwer, nur im Hinblick auf den allgemeinen Wunsch des Landes hat entschließen können, diesen Kampf aufzunehmen, es würde unter diesen Umständen doppelt schwer sein, Seine Majestät zur Teilnahme an einer Aktion zu bestimmen, wenn sie darauf abzielte, das Verhältnis zwischen dem Heiligen Stuhl und Italien zu alterieren oder gar die Unabhängigkeit der päpstlichen Kurie weiteren Beschränkungen zu unterwerfen. – Seine Majestät müßte vielleicht mit Recht befürchten, daß in einem gleichzeitigen Vorgehen gegen das Konkordat und gegen die völkerrechtliche Stellung des Papstes eine prinzipielle Gegnerschaft gegen die katholische Kirche erblickt werden könne. Und selbst die freisinnige Bevölkerung des österreichischen Kaiserstaates möchte eine solche Auffassung teilen und, wie ich überzeugt bin, derartige Schritte nicht überall billigen.«

Napoleon lächelte.

»Seien Sie unbesorgt,« sagte er, »es ist nicht Rom, wovon ich sprechen will, ich bin keineswegs gesonnen, den Papst fallen zu lassen und zu gleicher Zeit eine für den französischen Einfluß so wichtige Position aufzugeben. Das italienische Nationalgefühl verlangt, nachdem Venetien wieder mit dem neuen Reiche vereinigt ist, daß auch alle Gebiete, welche nach Bevölkerung und Sprache zu Italien gehören, mit dem Nationalstaate wieder vereinigt werden. Von diesen Gebieten ist wesentlich das italienische Tirol noch übrig, welches, wie mir scheint, für Österreich nur eine sehr geringe Bedeutung hat, und dessen Abtretung an Italien dort eine große Freude erregen und den Wunsch nach Rom als Hauptstadt, für einige Zeit wenigstens, in den Hintergrund drängen würde. Könnte die italienische Regierung mit Tirol als Angebinde vor die Nation treten, so würde sie der österreichischen Allianz eine enthusiastische Aufnahme sichern, den preußischen Einfluß definitiv aus der italienischen Politik verdrängen und kräftig in unsere Aktion eingreifen können. Selbstverständlich,« fügte er in leichtem Ton hinzu, indem ein scharfer Blick seines schnell aufgeschlagenen Auges zu Herrn von Beust hinüberglitt, »selbstverständlich dürfte, wenn eine solche Aktion einträte und, wie kaum zu zweifeln ist, siegreichen Erfolg hätte, Österreich die Berechtigung ansprechen, für jene Gebietsabtretung Kompensation nach anderer Richtung für sich in Anspruch zu nehmen.«

Herr von Beust blickte mit einiger Verlegenheit zu Boden und spielte leicht mit den Spitzen seiner Finger an der Schleife seiner Krawatte.

»Sire,« sagte er nach einigem Nachdenken, wahrend der Kaiser sich wie ermüdet wieder in seinen Sessel niedersinken ließ, »ich mache kein Hehl aus meiner persönlichen Überzeugung, nach welcher für Österreich weder aus dem Besitz der Gebiete italienischer, noch aus dem der Landesteile polnischer Nationalität Segen erwachsen ist. Österreich hätte diese Gebiete vielleicht besser nie erworben, die italienischen Besitzungen gewiß besser rechtzeitig aufgegeben, um seine ganze Kraft nach Norden zu wenden und sich seine Stellung in Deutschland ungeschmälert zu erhalten. – Aber,« fuhr er etwas zögernd fort, »was die politische Überlegung dem Minister als richtig und vernünftig zeigt, das findet oft – einen sehr natürlichen und berechtigten Widerstand in den Gefühlen des Monarchen. Eure Majestät werden begreifen, daß die Vergangenheit persönliche Gefühle im Herzen meines Souveräns erzeugt hat, welche einer Allianz mit Italien nicht günstig sind, und welche um so schärfer hervortreten, wenn eine solche Allianz erkauft werden sollte durch Abtretung von Gebietsteilen, die lange zum Besitz des Hauses Habsburg gehört haben. Der Gedanke dieser Kombination müßte also, wie ich glaube, langsam und ruhig erwogen werden, er ist nicht ein Gegenstand für eine schnelle und unerwartete Besprechung, bei welcher die Rücksichten des persönlich unmittelbaren Verkehrs noch mehr hemmend einwirken. Lassen Eure Majestät es meine Sorge sein, diesen Gedanken zu pflegen und zu entwickeln, er wird reif werden und seine Früchte tragen. Hier in Salzburg und im persönlichen Verkehr möchte ich Eure Majestät bitten, diesen delikaten Punkt nicht zur Sprache zu bringen.«

»Ich danke Ihnen, lieber Baron,« sagte der Kaiser in verbindlichem Konversationston, »daß Sie so aufrichtig und eingehend mir geantwortet haben, das ist ja die Bedingung jedes gemeinsamen Handelns, zugleich bin ich erfreut, daß Ihre politische Anschauung der Lage mit der meinigen vollständig übereinstimmt, und ich werde mit äußerster Vorsicht vermeiden, Ihrer vorbereitenden Tätigkeit zur Ausführung unserer Gedanken vorzugreifen.«

Er sah nach seiner Uhr.

»Es ist für heute ein Ausflug nach Klesheim festgesetzt, die Kaiserin freut sich unendlich auf die schönen Berge, ich werde vorher die Ehre haben, Ihren Majestäten meinen Besuch zu machen; wir können vielleicht noch eine Stunde Zeit gewinnen, einige der angeregten Punkte beim Kaiser zu besprechen.«

»Ich werde Seine Majestät darauf vorbereiten,« sagte Herr von Beust, »und habe nur noch zu fragen, ob Eure Majestät vollkommen mit den Arrangements Ihrer Wohnung zufrieden sind oder ob Sie noch irgend welche Befehle haben?«

»Ich danke,« erwiderte der Kaiser aufstehend, »ich wüßte nicht, was noch zu wünschen übrig bleiben könnte. Die Kaiserin ist entzückt von ihrem Appartement und besonders gerührt von der Aufmerksamkeit, mit welcher ihr Schlafzimmer ganz genau demjenigen in den Tuilerien gleich hergestellt ist. Was mich betrifft,« sagte er, indem er den Blick im Salon umherschweifen ließ, »es wäre kaum möglich, mehr Pracht, Geschmack und Komfort zu vereinen.«

»Es wird dem Kaiser hocherfreulich sein,« erwiderte Herr von Beust, »daß Eure Majestät zufrieden sind; die Einrichtung Ihres Appartements hat ein gewisses historisches Interesse; es ist diejenige, welche der arme Kaiser Maximilian, der so viel Geschmack besaß, für die Residenz in Mailand machen ließ, als er Statthalter der Lombardei wurde.«

Eine plötzliche tiefe Blässe zog über das Gesicht des Kaisers, seine Lippen preßten sich aufeinander und seine Augen blickten mit dem Ausdruck des Entsetzens auf diese reichen und schön geformten Möbel, die den Salon ausfüllten.

Schnell aber faßte er sich wieder, reichte Herrn von Beust die Hand und sagte mit verbindlichem Lächeln:

»Auf Wiedersehen also; ich wünsche mir nochmals Glück, daß unsere Ideen sich so sympathisch begegnen.«

Herr von Beust verließ den Salon.

Kaum war der Kaiser allein, als abermals jener Ausdruck des Entsetzens auf seinem Gesicht erschien, er ließ sich wie in tiefer Erschöpfung auf seinen Stuhl niedersinken und flüsterte mit bebenden Lippen:

»Ist es eine Mahnung des Verhängnisses, daß diese Möbel mich hier umgeben, die der tote Maximilian einst im Glück und Glanz machen ließ, er, der jetzt so schauervoll geendet? – Ich kam hierher,« fuhr er fort, indem sein Haupt schwer auf die Brust herabsank, »um diesen blutigen Schatten zu beschwören, der sich zwischen Frankreich und Österreich erhebt, und nun tritt er mir selbst in den leblosen Möbeln meines Zimmers drohend entgegen!«

Wie zurückschaudernd vor der Berührung des Stuhles, in dem er saß, sprang er rasch empor und ging mit einigen großen Schritten im Zimmer auf und nieder.

»Ist es der dämonische Einfluß dieses Toten, der alle meine Pläne hier scheitern läßt?« sagte er dann, finster vor sich niederblickend. – »Ich suchte die Basis einer festen Stellung – und ich finde diesen Mann, dessen beweglicher Geist nur die Phrase und die Formel zuzuspitzen weiß, der nicht über die Negation hinauskommen kann! – Welch eine wunderbare Auffassung, welch eine nebelhafte Selbsttäuschung oder furchtsame Besorgnis, den Verhältnissen gerade ins Auge zu sehen!« rief er mit bitterem Ton. – »Dänemark, das erste Opfer der preußischen Macht, soll durch freundschaftliche Einwirkung zum Nachgeben bestimmt werden, gegen die Verletzung des Prager Friedens weiß er kein anderes Mittel zu empfehlen, als Schweigen und Warten, Warten, bis die jetzt noch den Süddeutschen widerstrebende Einigung mit dem Norden sich durch die tausend Beziehungen des materiellen Lebens unauflöslich verkittet hat! Und die Allianz mit Italien langsam vorbereiten, ein kleines Opfer will man scheuen, um so Großes zu erreichen! – Nein, nein,« fuhr er fort, »dieser Mann wird nie ein fester Verbündeter sein – ich habe mich getäuscht – dies in so viele Teile gespaltene Österreich bedarf einer festen und energischen Hand, um alle diese Teile zu einem handlungsfähigen und tatkräftigen Ganzen zusammenzufügen, nicht eines dialektischen Geistes, der seine Gewandtheit zu beweisen glaubt, indem er die Kräfte der einzelnen Teile des Reiches in konstitutionellem Spiel und Gegenspiel gegen einander abnützt und sie so untätig macht. – Ich muß anders vorgehen,« sagte er nach einer Pause, »ich muß mit Italien mich zunächst verständigen, das italienische Tyrol muß es erhalten, und dann soll Österreich und dieser unschlüssige Herr von Beust vor die einfache Frage: Ja oder Nein – gestellt werden. So allein ist eine Koalition möglich, welche auch die süddeutschen Staaten umfaßt, ohne welche eine Aktion gegen Preußen töricht wäre. Ohne einen starken Druck werden die süddeutschen Fürsten es niemals wagen, zu handeln, und steht Italien fest zu mir, folgt Österreich dem notwendigen Zuge dieser Allianz, so ist Süddeutschland eingeschlossen und hat einen gewiß willkommenen Vorwand, um sich von der immer engeren Umarmung des Nordbundes zu befreien. – Hier ist nichts zu tun,« sprach er seufzend, »als die Komödie mit Anstand zu Ende zu spielen, damit sie wenigstens vor den Augen der Welt ihren Zweck erfülle und mir als Druckmittel in Berlin nütze, wo ich doch noch einen Versuch machen will, denn dort liegt die wahre Macht, mit der ich lieber mich verbinden als gegen sie kämpfen möchte. – Immerhin ist dieser Besuch nützlich gewesen. Diese Vormittagsstunde ist nicht verloren, das Nichterscheinen des Königs von Bayern, diese Unterhaltung mit Herrn von Beust, die mir das Vakuum in seinem Geiste klar gezeigt hat, das alles hat mir wie ein erhellender Blitz die Situation klar gemacht, und von diesem Augenblick an beginnt eine neue Aktion für mich – ohne Illusion, mit bestimmtem Ziel.«

Er richtete den frei aus seinen Augenlidern hervortretenden Blick sinnend aufwärts und zitierte langsam die Worte aus dem »Tod des Pompejus«:

»J'ai servi, commandé, vécu quarante années:
Du monde entre mes mains j'ai vu les destinées;
Et j'ai toujours connu, qu'en tout événement,
Le destin des États dépendait d'un moment.«

Vierzigstes Kapitel.

Der Kaiser Napoleon war nach Paris und der Kaiser Franz Josef nach Wien zurückgekehrt. Die Konjekturalpolitik hatte allmählich aufgehört, sich mit der Zusammenkunft zu beschäftigen. Das einzige greifbare Resultat dieser so vielfach besprochenen Begegnung war die von den wiener und pariser Journalen einmütig verkündete Nachsicht, daß der Kaiser von Österreich im Oktober den Besuch Napoleons erwidern und zur Besichtigung der Ausstellung in Paris erscheinen werde. Bei diesem Besuche würden dann, so erzählten die mehr ober weniger offiziösen Korrespondenten aus Paris und Wien, die vorläufigen Besprechungen von Salzburg zu bestimmten Stipulationen erhoben werden.

Unbekümmert um alle Konjekturen, welche man an die Zusammenkunft in Salzburg geknüpft hatte, und welche man noch an den bevorstehenden Besuch des Kaisers von Österreich in Paris zu knüpfen fortfuhr, saß der Kanzler des norddeutschen Bundes vor dem großen Schreibtische in seinem Arbeitszimmer. Das Gesicht des Grafen Bismarck zeigte den Ausdruck ruhiger Heiterkeit, es schien nicht, daß irgendeine am Horizont der europäischen Zukunft aufsteigende Wolke seinen Gleichmut zu beeinträchtigen imstande sei. Er hielt einen Brief in der Hand, den man ihm soeben überbrachte, und durchlas aufmerksam dessen Inhalt.

Dies scheint allerdings die Handschrift Garibaldis zu sein,« sagte er, genau die Schriftzüge des Briefes prüfend, »er empfiehlt mir den Überbringer als einen vertrauenswürdigen Mann, der mir wichtige Mitteilungen zu machen habe. – Hören will ich ihn,« sagte er nach einigem Nachdenken, »wie ich alles zu hören gewohnt bin, was an mich herantritt, aber wer bürgt mir dafür, daß man mir nicht irgendeine Falle stellt, sei es von Österreich aus, um Konflikte mit Frankreich zu erregen, sei es auch von Paris aus! – Die Handschrift dieses Garibaldi ist so leicht nachzuahmen, und,« fuhr er fort, »wie leicht könnte man den alten, naiv fanatischen Kondottiere selbst zu einer Intrigue mißbrauchen, um mich zu kompromittieren!«

Er bewegte die Glocke. »Ist der Überbringer dieses Billetts noch da?« fragte er den Kammerdiener.

»Er hat unten die Antwort Eurer Exzellenz abwarten wollen.«

»Lassen Sie ihn rufen,« sagte der Graf, »ich will ihn empfangen.«

Nach einigen Minuten, während deren der Ministerpräsident langsam im Zimmer auf und nieder schritt, öffnete der Kammerdiener einem mittelgroßen, schlanken Mann in einfachem, schwarzen Anzug die Tür. Der Eintretende mochte etwa vierzig Jahre alt sein, sein Gesicht war gelblich bleich, das dunkle, lebhaft bewegte Auge sah unter den Wimpern hervor mit jenem eigentümlichen, halb träumerisch glühenden, halb lauernd zurückhaltenden Blicke, der allen Verschwörern aller Zeiten und Länder gemeinsam ist.

Graf Bismarck hatte sich der Tür zugewendet, ging dem Eintretenden einen Schritt entgegen und sprach, sich mit kalter Höflichkeit verneigend:

»Sie haben mir ein Einführungsschreiben des Generals Garibaldi gebracht, mein Herr, ich bin mit Vergnügen bereit, zu hören, was der General mir mitzuteilen hat.«

Er deutete auf einen seinem Schreibtisch gegenüber stehenden Lehnstuhl und setzte sich selbst auf der andern Seite vor seinem Schreibtisch nieder.

»Der General hat mich zu Eurer Exzellenz gesendet,« sagte der Fremde in französischer Sprache, »weil er das feste Vertrauen hat, daß die Gesinnungen und Überzeugungen, welche Sie im vorigen Jahre bei dem Abschluß einer Allianz mit Italien erfüllten, auch heute noch für Sie maßgebend sind, und daß Sie die tiefe Überzeugung des Generals teilen, die Einigung und Erstarkung Deutschlands zur nationalen Macht und Größe könne nur in inniger Verbindung mit dem Einigungswerk Italiens zur Vollendung gebracht werden, wie die Feinde der deutschen Einheit und derjenigen Italiens dieselben sind.«

Das klare, graue Auge des Grafen ruhte mit scharfem und durchdringendem Blicke auf dem Fremden, der eine gewisse Befangenheit nicht verbergen konnte unter dem Eindruck dieses eisernen und kalten Blicks.

»Ich habe durch die gemeinsame Aktion im vorigen Jahre bewiesen,« sagte Graf Bismarck mit ruhigem Tone, »wie sehr ich davon durchdrungen bin, daß die neuen, nationalen Gestaltungen in Italien und Deutschland viele gemeinsame Interessen bedingen und gemeinsamen Feinden begegnen, und durch meine Haltung seitdem glaube ich gezeigt zu haben, daß meine Ansichten in dieser Beziehung sich nicht geändert haben, wenn ich auch zuweilen nicht habe verkennen können, daß eine gleiche Kontinuität der Ansichten bei der italienischen Regierung nicht immer stattzufinden schien.«

»Die italienische Regierung ist nicht das italienische Volk, Herr Graf,« sagte der Fremde, »in diesem Augenblicke am allerwenigsten. Es machen sich am Hofe zu Florenz in diesem Augenblicke maßgebende Einflüsse geltend, welche von Paris aus geleitet werden, und welche nach der Überzeugung des Generals und aller italienischen Patrioten geradezu den wahren Interessen der Nation entgegenarbeiten.«

Graf Bismarck neigte ruhig und schweigend das Haupt, es wäre schwer zu sagen gewesen, ob zum Zeichen des Einverständnisses mit den Worten des Sprechenden oder der bereitwilligen Aufmerksamkeit, seinen weiteren Eröffnungen zuzuhören.

»Eure Exzellenz haben noch mehr Mittel als wir,« fuhr der Emissär Garibaldis fort, »um die Fäden der europäischen Politik zu verfolgen, es wird daher Ihrem Blicke nicht entgangen sein, was vor uns klar daliegt, daß nämlich in diesem Augenblick ein Plan gesponnen wird, der in Salzburg zuerst Form erhielt und der bei dem Besuch des Kaisers von Österreich in Paris, wo auch Viktor Emanuel anwesend sein soll, zur Vollendung gebracht zu werden bestimmt ist.«

Ein leichtes Lächeln glitt wie ein unwillkürliches Zucken über das ernste Gesicht des Ministerpräsidenten, dann blickte er mit unverändertem Ausdruck einer gespannten, fast neugierigen Aufmerksamkeit zu seinem Besuche hinüber.

»Es handelt sich darum,« fuhr dieser fort, »die französisch-österreichische Allianz, welche dem weiteren Fortschritt der deutschen Einigungsbewegung entgegengestellt werden soll, durch den verbindenden Eintritt Italiens in diese Kombination zu ermöglichen, und mit kleinlichen und ungenügenden Konzessionen das Nationalgefühl und die nationalen Forderungen des italienischen Volkes einzuschläfern, um das große Ziel, die Erhebung der nationalen Fahne auf dem Kapitol, zu beseitigen. – Ein solche Politik wäre aber,« sprach er lebhaft weiter, »für Italien geradezu eine selbstmörderische, denn sie würde dahin führen, daß diesseits wie jenseits der Alpen eine unfertige, in ewigem, innerem, unruhigem Ringen sich aufreibende Staatsform erhalten bliebe, welche es der französischen und österreichischen Politik möglich machen würde, ihren zersetzenden und durch, die Zersetzung herrschenden Einfluß nach beiden Richtungen ferner auszuüben und mit der Zeit auch das wieder zu zerstören, was unter der Mitwirkung Napoleons geschaffen ist, der heute schon bitter bereut, zu der Einigung Italiens aktiv – und zu derjenigen Deutschlands passiv seine Hand geboten zu haben.«

Er hielt inne.

»Und wie glaubt der General Garibaldi den Plänen begegnen zu können, über deren Existenz Sie mir zu sprechen die Güte haben, und deren Ausführung, wie ich anerkenne, wenn sie in der Absicht der betreffenden Kabinette liegen sollte, für Deutschland ebenso bedenklich wäre wie für Italien?«

Ein gewisses Erstaunen zeigte sich auf dein Gesichte des Boten Garibaldis.

»Die Ausführung dieser Pläne,« sagte er, »liegt in der Tat in der Absicht der Kabinette und ist bereits weit vorgeschritten, daß sie nicht noch weiter gediehen ist, liegt vielleicht nur an einem gewissen Widerstreben des Kaisers Franz Josef und an dem ängstlichen Zögern Ratazzis, der die mächtige Aufwallung des nationalen Unwillens in Italien fürchtet und durch allerlei kleine Mittel und Intriguen zurückzuhalten sucht. Wir haben die Beweise,« fuhr er fort, indem er einige Papiere aus seiner Tasche zog, »daß –«

Graf Bismarck machte eine abwehrende Handbewegung.

»Wir sprachen von Eventualitäten, deren Möglichkeit die Erörterung anderer Eventualitäten bedingt, um gemeinsamen Gefahren zu begegnen, bleiben wir dabei – nach Erörterung dieser Eventualitäten wird es Zeit sein, zu erwägen, ob es geboten sei, das Gebiet der Tatsachen zu betreten. – Was glaubt der General vorbereiten und tun zu müssen, um die Ausführung der Pläne, welche er voraussetzt, zu verhindern?«

Der Fremde unterdrückte einen gewissen Ausdruck von Enttäuschung, der bei den Worten des Ministers auf seinem Gesicht erschien, und fuhr fort, indem er seine Papiere wieder in die Tasche seines Rockes steckte:

»Wie die Regierung zu Florenz, französischen Einflüssen gehorchend, daran arbeitet, das nationale Gefühl einzuschläfern und Italien in eine Kombination hineinzuführen, welche die Entwickelung zur nationalen Größe und Macht für lange Zeit unterbrechen muß, während dies Werk der Finsternis, dieser große Verrat an der Sache des Volks sich vorbereitet, ist es die Aufgabe der wahren Patrioten, durch einen reinigenden und plötzlich erhellenden Wetterschlag das Volk zu erwecken und ihm das Ziel seines Strebens in scharfer Erleuchtung vor Augen zu führen, das Volk wird schnell begreifen, wo seine wahren Interessen liegen, die Regierung wird der Aufwallung des Volkswillens folgen müssen, die Verräter werden stürzen, und vielleicht wird es gelingen, mit einem kräftigen Schlag das Werk zu vollenden und das Gebäude der nationalen Einheit Italiens auf dem Kapitol zu krönen. – Ich habe,« fuhr er lebhafter fort, »die Zuversicht, daß dies gelingen wird – und wenn es gelingt – wenn es unter dem Beistande Eurer Exzellenz gelingt, so wird Deutschland an dem zu voller Macht erstarkten Italien einen treuen und tatkräftigen Bundesgenossen haben, der jederzeit bereit sein wird, ihm die Hand zu bieten, um auch seinerseits alle Schranken niederzuwerfen, welche innere und äußere Feinde seiner Einigung noch entgegenstellen. – Ich spreche besonders auch,« fuhr er fort, als Graf Bismarck in ruhigem Schweigen verharrte, »von den inneren Feinden – denn auch diese sind bei den Nationen gemeinsam wie die äußeren. Das Papsttum und die von ihm abhängige Hierarchie bekämpft mit allen Mitteln die italienische Einheit, weniger um des Glaubens willen – denn Italien ist katholisch und wird trotz aller freien Ideen, die das Volk durchziehen und bewegen, gut katholisch bleiben, das Papsttum kämpft vielmehr gegen die italienische Einheit in törichter Verblendung zur Erhaltung des absolutistischen Priesterstaats, den es für sein besonderes Recht und für die wesentlichste Stütze seiner Macht hält. Man begreift in Rom nicht, daß das Papsttum unendlich mächtiger wäre, wenn es der nationalen Bewegung die Hand reichte, sich an die Spitze derselben stellte und so, von dem gewaltigen Aufschwunge des Volkes getragen, eine neue Herrschaft begründete, der die Zukunft gehören würde. – Doch das ist vorbei,« fuhr er seufzend fort, »es ist der Krieg auf Leben und Tod erklärt zwischen der Nation und der Kirche, wie sie jetzt ist – und mögen diejenigen es verantworten, welche ihn heraufbeschworen haben. – Wie aber;« sprach er weiter, »das Papsttum die nationale Einigung Italiens bekämpft, um seinen politisch absoluten Priesterstaat zu erhalten, so wird es die Einigung Deutschlands aus religiösen Gründen bekämpfen. Einen deutschen Kaiser würde der Vatikan gern akzeptieren, aber daß dieser deutsche Kaiser ein protestantischer Fürst sein soll, das das freisinnige Berlin der Mittelpunkt Deutschlands werden soll, das wird man in Rom nicht zulassen wollen, und bald wird man alle Dämonen der Finsternis heraufbeschwören, um die Wurzeln der nationalen Einheit in Deutschland zu untergraben und den Religionshaß mit seiner zerstörenden Furienfackel aufzuhetzen gegen die einträchtige Erstarkung des Volkes.«

»Wir haben uns in keiner Weise über die römische Kurie zu beklagen,« sagte Graf Bismarck ruhig, »und Preußen, in dessen Hand die nationale Zukunft Deutschlands liegt, hat viele sehr patriotisch gesinnte katholische Untertanen; wenn also der König von Preußen persönlich Protestant ist, so ist er als Staatsoberhaupt doch wahrlich kein Feind der Katholiken, und ich sehe in der Tat nicht, welche Veranlassung das Papsttum haben könnte, sich der Erstarkung Deutschlands unter preußischer Führung entgegenzustellen.«

»Und doch wird es geschehen,« erwiderte der Agent Garibaldis, »blicken Sie hin auf Süddeutschland, auf die Volkspresse in Bayern, auf Polen, überall regt und bewegt sich der zersetzende, feindselige Einfluß der ultramontanen Parteiführer – und wenn heute die römische Kurie noch keine offizielle Stellung in diesem Kampfe nimmt, so wird dies früher oder später geschehen, früher oder später wird die Maske fallen, Sie werden sich und Ihr Werk dem hartnäckigen und erbitterten Eifer der unversöhnlichen Hierarchie gegenüber sehen.«

»Wenn das geschehen sollte,« sagte Graf Bismarck mit fester, volltönender Stimme, »wird man mich stets bereit finden, den Kampf aufzunehmen und die Waffen nicht eher niederzulegen, als bis der Gegner überwunden ist. Ich meinerseits aber habe keinen Grund, einen solchen Streit heraufzubeschwören.«

»Ich habe,« sagte der Italiener, »diesen Gegenstand nur berührt, um meine Ansicht über die Zusammengehörigkeit der Interessen von Deutschland und Italien vollkommen klar zu machen; ich will mir nun erlauben, den Weg zu bezeichnen, auf welchem der General die Nation zu erwecken und die verräterischen Pläne des gegenwärtigen Ministeriums zu durchkreuzen denkt. Der General hat den Rat seiner Getreuen versammelt und beabsichtigt sogleich einen Zug gegen Rom zu unternehmen, welcher den nationalen Geist mächtig erwecken, und das Ministerium zwingen wird, Farbe zu bekennen. Mag Ratazzi noch so sehr dem Einflüsse Frankreichs gehorchen, der König Viktor Emanuel wird der nationalen Bewegung folgen, und was die Hauptsache ist, Frankreich wird gezwungen sein, uns entweder Rom auszuliefern, oder aber sich der nationalen Erhebung mit den Waffen in der Hand entgegenzustellen und damit für immer jede Allianz mit Italien für sich unmöglich zu machen.«

»Es liegt viel Wahres und Richtiges in der politischen Kombination, die Sie mir soeben entwickeln; jeder Staatsmann in Europa hat gewiß das höchste Interesse, eine Bewegung, wie die von Ihnen angedeutete, mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu verfolgen. Ich danke Ihnen für das Vertrauen und vermag nur nicht genau zu sehen, in welcher Weise die von Ihnen vorhin als wünschenswert bezeichnete Mitwirkung meinerseits bei dem vom General beabsichtigten Unternehmen würde eintreten können.«

»Ich werde die Natur der Mitwirkung Eurer Exzellenz an einem für Deutschland so wichtigen Werke mit zwei Worten bezeichnen,« sagte der Abgesandte Garibaldis; »der General hat Mannschaften genug für sein Unternehmen, denn die ganze Jugend Italiens wird zu seinen Fahnen strömen, aber er hat keine Waffen und kein Geld, oder wenigstens nicht Waffen und nicht Geld genug, um ein zu nachhaltiger, militärischer Aktion befähigtes Korps auszurüsten und zu unterhalten.«

»Und der General erwartet von mir Waffen und Geld?« fragte Graf Bismarck, den stahlscharfen Blick gerade auf den Sprechenden richtend, indem ein eigentümliches Zucken um seine Mundwinkel spielte.

»Wenn Eure Exzellenz von der Gemeinsamkeit der Interessen Deutschlands und Italiens überzeugt sind, so werden Sie in einer solchen Unterstützung, welche kein völkerrechtliches Hervortreten bedingt, nur die Förderung der deutschen Sache erblicken.«

Graf Bismarck schwieg einen Augenblick, wahrend des Italieners brennende Augen erwartungsvoll auf seinem Gesichte ruhten.

»Die Frage, welche Sie angeregt haben,« sagte der Ministerpräsident, »hat zwei Seiten, eine rechtlich politische und eine materiell praktische. Was zunächst die letztere betrifft, so muß ich Ihnen sagen, daß ich über keine Mittel zu verfügen imstande bin, welche sich der Genehmigung der Kammern entziehen könnten, und nicht früher oder später zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion werden müßten.«

»Ich bin überzeugt,« warf der Italiener ein, »daß die Sache Italiens bei der Majorität der preußischen Kammer populär genug ist, um die Genehmigung einer solchen Verwendung außer Zweifel zu stellen.«

»Parlamentarische Majoritäten,« erwiderte Graf Bismarck, »lassen sich nach meiner Erfahrung niemals vorher bestimmen. Es ist indes nicht dieser Gesichtspunkt, von welchem aus ich meine vorherige Bemerkung gemacht habe, ob die Kammer darüber sympathisch denke oder nicht, kann kaum in Frage kommen, denn ich würde niemals in der Lage sein, eine Verwendung von Geld, wie sie der General wünscht, zum Gegenstand einer Vorlage zu machen. Das Unternehmen des Generals, so patriotisch seine Beweggründe sein mögen, worüber ja nur Ihre Landsleute zu kompetenter Beurteilung berechtigt sind, richtet sich nicht nur gegen Rom, sondern auch, formell wenigstens, gegen die italienische Regierung, und endlich gegen Frankreich. Mit allen drei Mächten steht Preußen und der norddeutsche Bund in friedlichen und freundschaftlichen Beziehungen. Wie sollte es mir möglich werden, unter solchen Verhältnissen das im Werke befindliche Unternehmen auch nur durch Subsidien zu unterstützen? Sie werden begreifen, daß es mir schon aus diesem Grunde ganz unmöglich ist, den Wunsch des Generals, zu erfüllen.«

Der Italiener senkte den Blick zu Boden.

»Ich hatte gehofft,« sagte er, daß, wo so große Ziele in Frage stehen, formelle Hindernisse die Entschließungen Eurer Exzellenz nicht beengen würden.«

»Die Rechtsnormen des internationalen Verkehrs sind eine wesentliche Bedingung des Lebens zivilisierter Völker,« erwiderte Graf Bismarck mit fester Stimme, »und niemals werde ich mich dem berechtigten Vorwurf aussetzen, die Rechtsnormen mißachtet zu haben.«

Er schwieg und blickte nachdenkend und forschend zu dem Italiener hinüber, der still dasaß und kaum zu wissen schien, wie er das an diesem Punkte angelangte Gespräch weiter führen solle.

»Um dem General zu beweisen,« sagte der Ministerpräsident nach einer Pause, »wie sehr ich sein Streben für die Unabhängigkeit seines Landes achte, obwohl ich offen gestehen muß, daß ich keine Chancen des Erfolges für sein Unternehmen zu entdecken vermag, so will ich eine weitere Unterhaltung über den Gegenstand Ihrer Mitteilung nicht zurückweisen, wenn Sie damit einverstanden sind, daß der Geschäftsträger Italiens an dieser Unterhaltung teilnimmt.«

Der Agent Garibaldis erhob sich rasch.

»So tief ich bedaure,« sagte er mit resigniertem Ausdrucke, »die Wünsche des Generals und diejenigen aller Patrioten meines Landes nicht erfüllt sehen zu können, so muß ich doch unter dieser Bedingung auf eine weitere Unterhaltung über den angeregten Gegenstand verzichten. Ich habe nur noch die Bitte auszusprechen, daß Eure Exzellenz meine Mitteilungen als ganz vertrauliche zu betrachten die Güte haben mögen.«

»Ich weiß persönlich dem Vertrauen stets zu entsprechen,« sagte Graf Bismarck, ebenfalls aufstehend, »und der General kann überzeugt sein, daß das seinige nicht getäuscht werden wird; wenn politische Rücksichten auf die Regeln des nationalen Verkehrs meine Handlungen bestimmen müssen, so kann doch in diesen Rücksichten keine Veranlassung für mich liegen, Dinge, die mir persönlich mitgeteilt werden, denunziatorisch andern zur Kenntnis zu bringen.«

»Ich danke Eurer Exzellenz für diese Versicherung,« sagte der Italiener, »und habe nur noch meine Freude auszudrücken, daß die Mission des Generals Garibaldi mir Gelegenheit gegeben hat, den großen Regenerator Deutschlands von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Glauben Eure Exzellenz auch jetzt uns Ihren Beistand versagen zu müssen, so bitte ich Sie doch, von mir im Namen aller italienischen Patrioten die innigsten Wünsche für das Gelingen Ihres großen nationalen Werkes entgegenzunehmen.«

Graf Bismarck verneigte sich mit schweigender Höflichkeit und begleitete den Emissär Garibaldis einige Schritte nach der Tür des Kabinetts hin.

»Das Schicksal ist mir günstig,« sagte er, indem er leicht die Hände reibend einige Male im Zimmer auf und nieder ging. – »Während man in Paris und Wien künstliche Pläne spinnt, um der deutschen Entwicklung eine Koalition entgegenzustellen, welche mich einengen und zurückdrängen soll, kommt mir dieser Garibaldi wie ein deus ex machina zu Hilfe und bereitet einen Handstreich vor, der für mich von großem Wert ist. Er wird Rom nicht gewinnen, dieser arme Enthusiast,« sagte er achselzuckend, »alle diese Italiener, die Freischaren so wenig wie die Regierungstruppen, werden etwas ausrichten, so lange der französische Adler die ewige Stadt und den Papst beschützt. Aber das wird jedenfalls erreicht werden durch diese Diversion, daß die in Salzburg so fein geplante Koalition in ihrer innersten Wurzel tötlich getroffen wird, – Ja, ja,« sagte er lachend, »mein Herr von Beust, mit den feinen Spinngeweben Ihrer politischen Kombination fesselt man das erwachende Deutschland nicht. – Doch,« sagte er, rasch zu seinem Schreibtisch tretend, »es ist immerhin erforderlich, diesen eigentümlichen und geheimen Abgesandten Garibaldis ein wenig zu überwachen und mich zu vergewissern, was er treibt und wo er bleibt.«

Er ergriff einen Bogen Papier, warf rasch einige Zeilen seiner großen und charakteristischen Handschrift auf dasselbe, verschloß es mit dem auf dem Tisch stehenden Petschaft und bewegte die Glocke.

»Dies Billett sogleich an den Polizeipräsidenten,« befahl er dem eintretenden Kammerdiener.

»Zu Befehl, Eure Exzellenz.«

»Ist jemand im Vorzimmer?«

»Der französische Botschafter ist soeben gekommen, ich war im Begriff, ihn Eurer Exzellenz zu melden.«

»Führen Sie ihn sogleich herein,« sagte Graf Bismarck. – »Er ahnt nicht, welche Mitteilung mir soeben gemacht ist,« flüsterte er, während der Kammerdiener dem Botschafter die Tür öffnete.

Lächelnd trat der Botschafter des Kaisers Napoleon in das Kabinett, glatt und geschmeidig wie immer, mit ausgesuchter Höflichkeit begrüßte ihn der Graf Bismarck. Wer die Begegnung des Ministers und des Diplomaten hätte sehen können, der hätte die Überzeugung gewinnen müssen, daß die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland die allerbesten und vorzüglichsten seien und daß auf der Grundlage dieser so freundlichen und innigen Beziehungen der europäische Frieden so sicher und fest als möglich beruhe.

Der Botschafter nahm den Platz ein, welchen unmittelbar vorher der Agent Garibaldis inne gehabt, Graf Bismarck setzte sich vor seinen Schreibtisch, mit verbindlicher Aufmerksamkeit die Anrede Benedettis erwartend.

»Ich möchte mir erlauben,« sagte dieser, »heute Ihre Aufmerksamkeit, mein lieber Graf, ein wenig auf die Lage Europas und auf einige für dieselbe besonders wichtige Fragen zu lenken. Es ist nicht nur mein persönlicher Wunsch, meine Ideen mit Ihnen auszutauschen, der mich dabei leitet, ich bin besonders dazu durch meine Regierung veranlaßt, da der Kaiser, wie Sie wissen, einen besonders hohen Wert darauf legt, mit der preußischen Regierung und mit Ihnen,« fügte er mit Betonung hinzu, »in allen Fragen einig zu sein.«

»Ich erkenne besonders dankbar diesen Wunsch des Kaisers an,« sagte Graf Bismarck sich verneigend, »und er begegnet vollständig dem meinigen, der – abgesehen von der hohen Achtung, welche ich stets vor den Meinungen des Kaisers habe – aus der innigen und aufrichtigen Überzeugung entspringt, daß die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich eine wesentliche Bedingung für die Ruhe Europas ist. Der Kaiser hat sich übrigens persönlich stets überzeugen können, daß in so vielen und wesentlichen Punkten unsere Anschauungen ganz die gleichen sind.«

»Ich darf Ihnen nicht ganz verhehlen,« sagte Benedetti, den ruhig gleichgültigen Blick seines fast ausdruckslosen Auges auf das Gesicht des Ministers richtend, »daß in Paris ein wenig – wie soll ich sagen? – Besorgnis – oder Unruhe darüber besteht, daß die nahen und augenscheinlich immer inniger sich gestaltenden Beziehungen zwischen Preußen und Rußland, dessen Interessen im Orient ja nicht immer mit denjenigen Frankreichs zusammenfallen können, Ihren Beziehungen zu uns vielleicht ein wenig Eintrag tun können.«

»Mein lieber Botschafter,« sagte Graf Bismarck lachend mit dem Ausdruck kordialer Offenheit, »Sie sehen Gespenster, wo keine sind. – Die guten Beziehungen Preußens zu Rußland – basieren übrigens auf der Verwandtschaft der beiden Regentenhäuser und auf Traditionen, welche beiden fürstlichen Familien heilig sind, bestehen seit langer Zeit und sind auf jede Weise vor den Augen von ganz Europa zu jeder Zeit manifestiert worden. Zu diesen Beziehungen persönlicher Natur tritt die Nachbarschaft beider Länder, deren Verkehrsbeziehungen immer mehr und dringender die Beseitigung hemmender Schranken erheischen, divergierende oder kollidierende Interessen liegen nirgends vor, was ist also natürlicher, als daß von beiden Seiten die freundschaftlichen Beziehungen auf das Sorgfältigste gepflegt werden! Darin liegt aber gewiß kein Grund, hinter diesen so natürlichen Beziehungen politische Abmachungen zu suchen, welche imstande sein könnten, unserem Freundschaftsverhältnis zu Frankreich Eintrag zu tun oder uns in der Behandlung der Fragen der europäischen Politik die Hände zu binden.«

»Es ist mir besonders erfreulich,« sagte der Botschafter, »diese Versicherung in diesem Augenblick aus Ihrem Munde zu erhalten, da die eine der Fragen, über welche ich Sie zu unterhalten veranlaßt bin, diejenige des Orients ist, welche stets die besondere Aufmerksamkeit des Kaisers in Anspruch nimmt.«

Der heiter, sorglose Ausdruck in dem Gesicht des Grafen Bismarck machte einen Augenblick einer ernsten Aufmerksamkeit Platz. Durch eine schweigende Neigung des Hauptes deutete er an, daß er zu hören bereit sei.

»Es kann Ihnen nicht entgangen sein,« fuhr der Botschafter fort, »daß sich sowohl in dem Bassin der untern Donau als von Griechenland aus in der letzten Zeit eine lebhafte und systematisch stets wieder in Gang gebrachte Bewegung bemerkbar gemacht hat.«

»Unruhen,« warf Graf Bismarck achselzuckend hin, »die in jenen Gegenden natürlich sind und von Zeit zu Zeit immer auftauchen. Ungeordnete und gärende politische und soziale Zustände bringen das mit sich.«

»Gegenwärtig indes,« sagte Benedetti, »scheint diese allerdings sehr natürliche Gärung auf den verschiedenen Punkten in einem inneren Zusammenhang zu stehen und zu bestimmten Zwecken geleitet zu werden. Die panslavistische Aktion, welche sich mit einer bewundernswerten Organisation weithin – selbst bis in die österreichischen Gebiete erstreckt, die allgemeine Bewegung in der griechischen Kirche, das alles sind Strömungen, welche, wenn sie wachsend fortschreiten, schließlich dahin führen müssen, daß die Türkei zerfällt und verschwindet, und daß die russische Macht, verstärkt und gesteigert durch den religiösen Einfluß, sich unumschränkt über den ganzen Osten erstreckt.«

»Das scheint mir jedenfalls in weiter Zukunft zu liegen,« erwiderte Graf Bismarck, »und für die heutige Lage der Dinge dürfte es kaum nötig sein, sich mit Eventualitäten künftiger Tage zu beschäftigen, deren Eintritt wohl erst zu einer Zeit stattfinden wird, in der andere Verhältnisse die Politik Europas bestimmen und – andere Männer dieselbe leiten werden.«

»Ich, möchte über den fernen Zeitpunkt des Eintritts ernster Krisen nicht ganz Ihrer Meinung beistimmen,« sagte der Botschafter ruhig, »solche Entwickelungen schreiten oft sehr schnell vor und würden, wenn sie unvorbereitet hereinbrächen, große Gefahren für die Ruhe Europas in sich schließen. – Ich bin weit entfernt, zu behaupten,« fuhr er fort, »und habe keine Beweise dafür, daß die russische Regierung in der ganzen, wie es scheint, zusammenhängenden Bewegung, welche den Orient durchzieht, irgendeine leitende oder gar anregende Tätigkeit entwickelt; zweifellos aber ist es, daß die Früchte dieser Bewegung Rußland zugute kommen müssen, und es ist unmöglich, daß in solcher Lage eine Regierung lange sich dem Einfluß der eigenen Interessen entziehen könne, oder einer ihr nützlichen Bewegung hemmend entgegentreten solle.«

»Wir haben allerdings ein Beispiel davon in Italien gesehen, wo die Regierung von Turin – und auch Frankreich – in eine lange von den Parteien vorbereitete Bewegung eintrat, als es galt, die gereifte Frucht zu brechen,« sagte Graf Bismarck, indem sein klares Auge sich durchdringend auf den Botschafter richtete, »indes möchte ich kaum glauben, daß in irgend naher Zeit etwas ähnliches in jenen orientalischen Gegenden zu besorgen sei, wo ja ohnedies die Verhältnisse weit verwickelter und weit schwieriger zu beherrschen sind.«

»Wo aber,« fiel der Botschafter ein, »die zerbröckelnde und in sich schwache Türkei auch einer viel geschlosseneren und imposanteren Macht gegenübersteht, als zu jener Zeit das Königreich Sardinien es war –«

»Sardinien war freilich nur klein,« sagte Graf Bismarck, »doch stand ihm Frankreich zur Seite.«

Der Botschafter schien die letztere Bemerkung zu überhören, sein glattes Gesicht blieb unbeweglich in seinem Ausdruck unveränderlicher, höflicher Gleichgültigkeit.

»Der Kaiser,« fuhr er fort, »ist nun der Ansicht, daß es notwendig sei, einer hochgefährlichen Entwickelung der Dinge im Orient rechtzeitig und in einem Augenblick vorzubeugen, in welchem noch nicht die hochgehenden Wogen eine erfolgreiche Einwirkung unmöglich machen. Der Kaiser erkennt gern an, daß die Bestimmungen des Pariser Friedens der nationalökonomischen und handelspolitischen Entwickelung Rußlands zu enge und hemmende Grenzen stecken. Er ist deshalb bereit, in bezug auf die Schiffahrt und die Küstenverteidigung des schwarzen Meeres zu einer Revision jenes Vertrages die Hand zu bieten; auf der andern Seite aber ist der Kaiser und seine Regierung überzeugt von der Notwendigkeit, die Integrität der Türkei zu erhalten, wenn das europäische Gleichgewicht nicht schweren Erschütterungen ausgesetzt werden soll. Um also allen gefährlichen Katastrophen vorzubeugen, würde es gewiß am zweckmäßigsten sein, wenn die ganze Lage der Dinge im Orient von den Großmächten einer Prüfung unterzogen würde, wonach dann alle dortigen Verhältnisse geordnet, definitiv festgestellt und unter die Garantie Europas gestellt werden müßten. Die Türkei würde sich den notwendigen Reformen nicht entziehen und ebensowenig würde Rußland wagen, Gedanken an ein orientalisches Weltreich aufkommen zu lassen, oder dahin zielenden Anregungen Gehör zu geben, wenn es sich dem Willen des einigen Europas gegenüber sähe.«

Er hielt einen Augenblick inne.

Graf Bismarck schwieg.

»Es ist nun der Gedanke des Kaisers,« fuhr Benedetti fort, »daß die Anregung einer solchen Prüfung der orientalischen Frage, durch welche, wenn sie Erfolg haben soll, niemand verletzt werden soll und keine Empfindlichkeiten erweckt werden dürfen, daß diese Anregung am besten von Preußen ausgehen würde, da dasselbe dem Konflikt fernstand, welcher den Krimkrieg und den Pariser Frieden zur Folge hatte. Da das freundschaftliche Verhältnis Preußens zu Rußland jeden Verdacht einer feindlichen Absicht ausschließen muß, so würde gewiß der nützliche Erfolg einer gemeinsamen europäischen Prüfung der Verhältnisse des Orients am meisten gesichert sein, wenn die preußische Regierung sich entschließen könnte, die Initiative dazu bei den übrigen Mächten zu ergreifen. Es würde sich dabei natürlich von selbst verstehen, daß zwischen Frankreich und Preußen die bestimmenden Gesichtspunkte vorher festgestellt werden, damit diese beiden Mächte sowohl bei der Anregung als bei der weiteren Behandlung der ganzen Sache in vollständigster Übereinstimmung sich befinden.«

Er schwieg und blickte erwartungsvoll zu dem Grafen hinüber.

»Ich erkenne,« sagte dieser ernst und ruhig, »in den Gedanken des Kaisers von neuem dessen Bestreben, alle Gefahren zu beschwören, welche dem europäischen Frieden drohen könnten, und daneben seinen Wunsch, mit Preußen gemeinsam an diesem Ziel zu arbeiten. Ich muß indes,« fuhr er fort, »mit der Offenheit, welche die erste Bedingung des Verkehrs zwischen zwei befreundeten Mächten ist, sogleich erklären, daß ich nicht einzusehen vermag, wie durch einen europäischen Meinungsaustausch die orientalische Frage, oder vielmehr die orientalischen Fragen irgend gelöst oder auch nur einer späteren Lösung entgegengeführt werden könnten. Die dort schlummernden Konflikte liegen so tief in dem innersten Wesen aller Verhältnisse begründet, daß es meiner Ansicht nach unmöglich ist, sie definitiv auszugleichen. Jedes Anrühren derselben kann nur zu einer Explosion führen, wie es 1854 zu einer solchen geführt hat. Läßt man sie schlummern, so werden sie hoffentlich noch jahrhundertelang weiter schlummern, wie sie es schon jahrhundertelang getan haben, es ist das eine chronische Krankheit, bei der man sich nur hüten muß, sie durch unvorsichtige Kuren zu einer akuten Krisis zu führen. – Das ist meine Meinung über die ganze orientalische Angelegenheit im allgemeinen,« sagte er, während der Botschafter nicht imstande war, ein gewisses Erstaunen über diese kurze und bündige Erklärung ganz zu unterdrücken, »außerdem aber glaube ich, daß Preußen ganz insbesondere keinen Beruf hat, sich überhaupt in diese Frage zu mischen, am allerwenigsten aber eine besonders hervortretende Tätigkeit in derselben zu entwickeln oder eine Initiative zu übernehmen. – Ich persönlich,« fuhr er fort, »bin im ganzen wenig genau über die orientalischen Verhältnisse informiert, ich lese, wie ich Ihnen schon bei früherer Gelegenheit bemerkte, selten die Berichte von dort, weil in der Tat weit näher liegende Interessen meine Zeit vollständig in Anspruch nehmen – aber auch aus allgemeinen politischen Gründen halte ich es für Preußen für notwendig geboten, in jenen Fragen, in welchen ja vorzugsweise England und Frankreich bisher tätig gewesen, eine vollkommen passive Rolle zu spielen.«

»Und Sie würden nicht geneigt sein – aus dieser passiven Rolle herauszutreten, auch nicht durch einen Ideenaustausch – der noch keine Aktion ist?« fragte Benedetti.

»Ich bin ein sehr praktischer Mensch, mein lieber Botschafter,« sagte Graf Bismarck in kordialem Ton, »und beschäftige mich gern mit Fragen, die ein augenblickliches, nachdrückliches und erfolgreiches Handeln bedingen und möglich machen, hier vermag ich aber in der Tat nicht abzusehen, welchen praktischen Nutzen ein Austausch theoretischer Anschauungen haben könnte, ich muß Ihnen also aufrichtig gestehen, daß ich eine Erörterung jener Fragen, über die ich nicht vollständig orientiert bin, und eine Verständigung über dieselben mit dem Kaiser und seiner Regierung, die mir von hohem Werte ist und an der ich nicht zweifle, lieber vertagen möchte, bis dazu eine unmittelbare, praktische Veranlassung vorliegt.«

Benedetti hatte seine gleichmäßig ruhige Fassung wieder gefunden und sprach in einem Tone, als sei er durch die Erklärung des Grafen Bismarck vollständig befriedigt, weiter:

»Es bleibt mir noch übrig, dem Wunsche des Kaisers gemäß, Ihre Aufmerksamkeit auf eine zweite Frage zu lenken, welche den Interessen Preußens und Deutschlands, wie mir scheint, weniger fern liegt, und bereits mit denselben in inniger Verbindung gestanden hat, ich meine die Angelegenheiten Italiens.«

Graf Bismarck sah den Botschafter mit dem Ausdruck der Verwunderung an.

»Die Angelegenheiten Italiens?« fragte er, »und in welcher Weise sollten dieselben den Gegenstand von Erörterungen bilden können – die ganzen Verhältnisse dort sind ja in der Konsolidierung begriffen und der Septembervertrag regelt ja vollständig den delikaten Punkt des Verhältnisses zu Rom?«

»Und doch ist es gerade dieser Punkt,« sagte Benedetti, »welcher nach der Meinung des Kaisers eine ernste Erwägung und eine Einwirkung der Großmächte erheischt. – Die italienische Regierung,« fuhr er, dem fragenden Blick des Grafen Bismarck antwortend, fort, »hat ohne Zweifel die bestimmteste und festeste Absicht, alle ihre Verpflichtungen zu erfüllen und das Verhältnis zum römischen Hofe genau nach den Vertragsbestimmungen zu erhalten, indes ist gerade jene Regierung mehr als irgendeine andere von den Parteien und von derjenigen Strömung abhängig, durch welche das neue Königreich Italien gebildet worden.«

»Sollte es denn Parteien in Italien geben, welche daran denken könnten, durch neue Unruhen die dortigen Zustände zu erschüttern und die völkerrechtlichen Grundlagen des dort Erschaffenen zu zerstören?« fragte Graf Bismarck.

»Die Aktionspartei in Italien wird niemals ruhen,« erwiderte Benedetti, »bevor sie nicht ihr Programm durch die Erhebung von Rom zur Hauptstadt des Königreichs erfüllt sieht. Sie kann zeitweise untätig erscheinen, aber sie wird immer und immer wieder neue Versuche unternehmen. Gerade in diesem Augenblick,« fuhr er fort, seinen kalten Blick fast starr auf den Grafen Bismarck richtend, »gerade in diesem Augenblick scheint mir eine lebhafte Bewegung innerhalb jener Partei stattzufinden. Man hat gewiß Grund, mit besonderer Spannung den Kreuz- und Querfahrten Garibaldis an der päpstlichen Grenze zu folgen, es scheint die Annahme nicht unberechtigt, daß dort etwas in der Luft liege. Garibaldi war vor kurzem in Rapolano, einem kleinen Bade in der Provinz Siena, er hat aber diesen Ort bereits wieder verlassen und ist in Colle eingetroffen. Wohin er kommt, strömen die jungen Männer herbei und wird bei verschlossenen Türen verhandelt.«

»Ah!« machte Graf Bismarck, welcher mit großer Aufmerksamkeit den Worten des Botschafters gefolgt war.

»Auf der entgegengesetzten neapolitanisch-päpstlichen Grenze,« fuhr dieser fort, »zu Sora, ist plötzlich Garibaldis Sohn Menotti aufgetaucht. Sora ist ein berühmtes Räubernest, die Anwesenheit Menottis dort muß daher viel zu denken geben. Ich will Ihnen nicht verbergen, daß die Regierung des Kaisers bei dem hohen Interesse, das sie begreiflicherweise an diesen Vorgängen nehmen muß, Sorge getragen hat, um so gut als möglich über die dort gesponnenen Pläne unterrichtet zu werden. Unsere Agenten haben uns berichtet, daß Garibaldi jede Minute über eine kleine Armee von fünftausend Mann verfügen könne, daß fast in allen Städten der Halbinsel ehemalige Offiziere Garibaldis Werbungen vornehmen, nachdem sie von dem General neue Anstellungsdekrete erhalten haben. Zwar ist um das päpstliche Gebiet ein doppelter Kordon von vierzigtausend Mann Regierungstruppen gezogen, aber die Offiziere Garibaldis sprechen laut und offen davon, daß sie unter den Regimentern Einverständnisse haben, welche diesen Kordon illusorisch machen würden.«

Er hielt inne.

»Es scheint also, daß der alte Garibaldi wirklich wieder einen kleinen Streifzug unternehmen will,« sagte Graf Bismarck, »da wird ein wenig Pulver in die Luft gepufft werden, ernste Bedeutung vermag ich der Sache dennoch nicht beizulegen, die französische Fahne deckt Rom, und weder werden die Freischaren Garibaldis etwas gegen Ihre Truppen ausrichten, noch wird es die italienische Regierung wagen, offen gegen Frankreich aufzutreten.«

»Man kann nie wissen, wie weit die italienische Regierung von der Aktionspartei gedrängt wird,« sagte Benedetti, »jedenfalls wird das alles die Ruhe Europas wieder etwas erschüttern, und es wäre in der Tat sehr erwünscht, wenn diesen Zuständen einfürallemal ein Ende gemacht würde.«

»Das möchte schwer sein,« sagte Graf Bismarck.

»Der Kaiser ist der Meinung,« fuhr Benedetti fort, »daß es dennoch gelingen könnte, wenn man – und angesichts der neuen Verwicklungen so bald als möglich – eine Konferenz der Großmächte beriefe, welche die italienische Frage in Erwägung nähme, das Verhältnis zwischen der römischen Kurie und dem Königreich Italien definitiv regelte und unter ihre Garantie stellte. Eine solche Konferenz ist nicht nur durch den Einfluß gerechtfertigt, welchen die fortwährenden Bewegungen in Italien auf die Ruhe Europas ausüben, sondern ganz insbesondere durch die Stellung des Papstes als Oberhaupt der katholischen Kirche, denn alle katholischen Mächte ebenso wie diejenigen Staaten, welche eine große Anzahl katholischer Untertanen haben, sind in hohem Grade dafür interessiert, daß dem obersten Priester der katholischen Welt das für seine Stellung erforderliche Maß von Unabhängigkeit und Sicherheit erhalten bleibe.«

»Der französische Schutz wird dafür ohne Zweifel vollkommen genügen,« erwiderte Graf Bismarck mit verbindlicher Verneigung.

»Es ist nicht deshalb, wie ich glaube,« erwiderte Benedetti mit einem leisen Anklang von Verstimmung in seinem Ton, »daß der Kaiser die Frage vor eine Konferenz der europäischen Mächte zu bringen wünscht, Frankreich wird allerdings den Papst zu schützen wissen, aber dieser Schutz bedingt eben einen fortwährenden Kriegszustand. Es wird den Führern der Aktionspartei in Italien stets sehr leicht sein, die französische Intervention der Nation in einem höchst gehässigen Lichte darzustellen und unserer römischen Politik egoistische Absichten unterzuschieben, dadurch wird die Aufregung und die ihr folgende stete unruhige Bewegung nicht beendet. Anders wäre es, wenn durch die europäischen Mächte die Frage geregelt würde. Der Papst könnte einem Urteilsspruch der Großmächte sich in betreff der von ihm etwa zu fordernden Konzessionen eher fügen, als den Ansprüchen Italiens und dem einseitigen Rat, den wir ihm erteilen, die italienische Regierung auf der anderen Seite würde den vorwärts drängenden Parteien gegenüber fester und sicherer dastehen, wenn sie sich von den europäischen Mächten umgeben sähe, und die Nation selbst könnte der Gesamtheit dieser Mächte gegenüber jedenfalls keine ihr feindliche Absichten voraussetzen. – Der Kaiser hat deshalb die Absicht, eine Konferenz der Mächte vorzuschlagen, möchte sich aber gern mit Ihrem Könige darüber vorher in Akkord setzen, und neigt zu der Ansicht, daß vielleicht Preußen, welches als Alliierter Italiens vom vorigen Jahre der dortigen Sympathien sicher ist, und welches zugleich als nichtkatholische Macht dem römischen Stuhl gegenüber eine freiere Stellung einnimmt, in dieser Sache die Initiative ergreifen könnte.«

»Ich muß Ihnen, mein lieber Botschafter,« erwiderte Graf Bismarck, als Benedetti schwieg, »auch in dieser Angelegenheit ebenso offen meine abweichende Meinung aussprechen, als in betreff des Orients. Ich halte ein definitives Arrangement zwischen dem Papst und der italienischen Regierung – das heißt zwischen dem Papst von heute und der italienischen Regierung von heute – für vollständig unmöglich. Italien wird an der Forderung Roms als Hauptstadt festhalten, der Papst bleibt bei seinem: Non possumus stehen. Zwischen diesen Gegensätzen gibt es nichts anderes als einen praktischen modus vivendi, und zwar wird derselbe niemals de jure, sondern nur de facto gerade so lange bestehen, als eine stärkere Macht ihn beiden Teilen mit gewaltig übermächtiger Hand auflegt. Diesen status quo, haben Sie geschaffen und haben die Macht, ihn zu erhalten; jeder Versuch, etwas anderes an die Stelle zu setzen, müßte nach meiner Ansicht alles in Frage stellen und könnte leicht herbeiführen, was vermieden werden soll, eine gewaltsame Katastrophe und eine große Gefahr für den europäischen Frieden. Was nun Preußen und die Stellung des Königs insbesondere betrifft,« fuhr er fort, mit einem Federmesser ein wenig an der Spitze seines Fingernagels schnitzelnd, »so muß ich Ihnen sagen, daß nach meiner Überzeugung unsere Lage uns ganz besonders zurückhaltende Rücksichten in dieser Frage auferlegt. Der König muß – gerade, weil er Protestant ist – als Landesherr einer so bedeutenden Anzahl sehr eifriger und sehr strenger Katholiken, ganz besonders vorsichtig sein; das katholische Westfalen, die Rheinprovinz, Schlesien, die so delikate polnische Frage – das alles steht mit der Stellung zum Papste in nahem Zusammenhang, und es scheint mir für den König von Preußen vorgezeichnet, den Papst ausschließlich als Oberhaupt der Kirche zu behandeln und dessen weltliche Stellung und sein Verhältnis zu Italien niemals zu berühren, jeder Schritt in dieser Richtung müßte uns mehr mißgedeutet werden, als jeder anderen Macht. Ebensosehr bedingt unser Verhältnis zu Italien die höchste Vorsicht. Wir haben Italien Dienste geleistet, große Dienste; sollten wir uns jetzt in seine Angelegenheiten mischen ohne unmittelbar zwingende Gründe, gleich, als glaubten wir uns besonders berechtigt, die Rolle des Mentors zu spielen? – und das in einer Sache, in der doch vom rein nationalen Standpunkt die Berechtigung nicht zu bestreiten ist? Ich muß Ihnen sagen,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort, »daß ich nicht nur keine Veranlassung für Preußen sehe, irgendeine aktive Rolle ober gar eine Initiative in dieser Sache zu übernehmen, sondern daß ich sogar nach meiner innigen Überzeugung niemals in der Lage sein würde, dem Könige zu raten, daß er an einer Konferenz, wie die von Ihnen angedeutete, seine Regierung sich beteiligen lasse. Halten Sie ruhig und fest,« sprach er weiter, während Benedetti in unwillkürlicher Ungeduld mit den Fingern auf der Decke des Tisches spielte, »halten Sie ruhig und fest den status quo aufrecht, und überlassen Sie es der Zeit, vielleicht einer späteren Regierung Italiens und einem späteren Pontifikat, den Ausgleich zwischen zwei Prinzipien zu finden, die sich heute noch in diametral unversöhnlichem Gegensatz gegenüberstehen.«

»Wenn aber die anderen Mächte,« sagte Benedetti, »wenn Österreich, wenn vielleicht selbst England, geleitet von dem Interesse für die Ruhe Europas –«

»Ich glaube,« fiel Graf Bismarck ein, »daß ich bei der besonderen Stellung Preußens dem Könige niemals würde raten können, eine solche Konferenz anzunehmen.«

Benedetti neigte einen Augenblick das Haupt vor sich nieder und schien seine Gedanken zu sammeln, oder seine Willenskraft über den Eindruck der Äußerungen des preußischen Ministers Herr werden lassen zu wollen. Als er sein Gesicht wieder erhob, zeigte es nun den Ausdruck heiterer Ruhe und artiger Höflichkeit.

»Ich bedauere,« sagte er, »daß Sie aus Gründen, welche ich als sehr überlegt und beachtenswert anerkennen muß, die Anschauungen des Kaisers über die Fragen des Orients und Italiens nicht teilen können –«

»Die Anschauungen des Kaisers über jene Fragen,« unterbrach ihn Graf Bismarck, »sind fast ganz mit den meinigen übereinstimmend, es ist mir nur nicht möglich, mich davon zu überzeugen, daß der gegenwärtige Augenblick geeignet sei, jene delikaten Fragen anzuregen, und daß Preußen Veranlassung, ja eine Berechtigung habe, in diesen Fragen eine besonders tätige Rolle zu spielen.«

»Eine gemeinsame Verständigung über diese großen Fragen,« fuhr Benedetti fort, nachdem er mit großer Artigkeit den Worten des Ministers zugehört hatte, »würde zugleich den Ausgleich der gegenseitigen Interessen in betreff unmittelbar naheliegender Verhältnisse vorbereitet und erleichtert haben. Sie wissen, wie wenig der Kaiser die Ansicht vieler Parteien in Frankreich teilt, welche in der nationalen Konstituierung Deutschlands eine Drohung gegen uns erblicken.«

»Ich kenne den erleuchteten und vorurteilsfreien Geist des Kaisers,« sagte Graf Bismarck sich verneigend.

»Diese ganze deutsche Frage wäre so leicht zu lösen,« fuhr Benedetti fort, »und alle aus derselben folgenden Schwierigkeiten so leicht zu beseitigen, wenn Preußen und Frankreich darüber einig wären, und wenn Frankreich die nationale Arrondierung erhielte, welche –«

»Frankreich hat den nationalen Entwicklungsprozeß, in dem wir uns jetzt befinden, seit lange hinter sich,« warf Graf Bismarck ein.

»Und dennoch,« fuhr Benedetti fort, »fehlt uns die Beherrschung des natürlichen Sprachgebiets; von jener Theorie der natürlichen Grenzen will ich gar nicht reden, sie führt stets zu Unmöglichkeiten, aber das Sprachgebiet ist etwas anderes, die Sprache bildet die Nationalitäten, und die wahrhaft sichere Bedingung des ruhigen Gleichgewichts ist die Begrenzung der Staaten nach dem Sprachgebiet. Man hätte niemals diesen künstlichen, zwei Sprachen umfassenden Staat schaffen sollen, den man Belgien nennt, ein solcher Staat hat keine innere Lebensfähigkeit und wird immer ein Asyl für alle Elemente bilden, die den großen Staaten und ihrer Ruhe gefährlich werden können. Alles, was Frankreich und seiner Regierung feindlich ist, setzt in Belgien seine Hebel an. Wenn wir wünschen, Belgien, das heißt das französische Belgien, zu besitzen, so liegt diesem Wunsche wahrlich nicht Vergrößerungssucht zugrunde, sondern in der Tat nur die sich täglich mehr aufdringende Überzeugung, daß es für die Ruhe Frankreichs unerläßlich ist, das ganze französische Sprachgebiet zu beherrschen.«

»Wenn die europäische Diplomatie früher einen Fehler gemacht hat,« sagte Graf Bismarck, »so möchte es nicht ganz leicht sein, ihn wieder zu verbessern. Es hätte angehen können, den belgischen Staat nicht zu schaffen, ihn wieder verschwinden zu lassen, möchte ohne tiefe Erschütterung Europas nicht möglich sein; England –«

»Der Kaiser,« fiel Benedetti mit größerer Lebhaftigkeit, als seiner Ausdrucksweise sonst eigen war, ein, »der Kaiser ist – und gewiß mit Recht – überzeugt, daß bei einem Einverständnis zwischen Deutschland und Frankreich ein Arrangement über die belgische Frage kaum einem Widerspruch, gewiß aber keinem Widerstand in Europa begegnen würde.«

»Sie sprechen von Deutschland,« sagte Graf Bismarck, »Deutschland als politische Macht existiert noch nicht, wir haben den Norddeutschen Bund –«

»Ein Arrangement in betreff Belgiens würde als Bedingung die definitive nationale Konstituierung Deutschlands in sich schließen, die der Kaiser nicht fürchtet, sondern wünscht, und der auch die öffentliche Meinung in Frankreich sich günstig zeigen würde, wenn sie unter Verhältnissen einträte, die Frankreich den berechtigten Wunsch nach vollständiger Arrondierung seines nationalen Sprachgebiets erfüllen würden.«

Graf Bismarck saß einen Augenblick nachdenkend da. Benedetti blickte mit unruhiger Spannung zu ihm hin.

»Mein lieber Botschafter,« sagte der Graf endlich, »Sie regen da Fragen und politische Perspektiven an, über welche es mir in der Tat völlig unmöglich ist, im gegenwärtigen Augenblick und bei der Allgemeinheit, in welcher Sie die Gesichtspunkte ausgesprochen haben, mich eingehend auszusprechen. – Dinge von solcher Wichtigkeit,« fuhr er fort, »bedürfen der ernstesten Überlegung, und dieser Überlegung müssen klar und bestimmt formulierte Gedanken als Grundlage dienen. Wenn wir daher – später – eingehend über diese Frage diskutieren sollen, so müßten die Gedanken des Kaisers in der klaren Form vor mir liegen, die er denselben stets so meisterhaft zu geben versteht, auch müßte ich ungefähr wissen, wie etwa andere Mächte darüber denken möchten.«

»Ich werde,« sagte Benedetti eifrig, »sogleich nach Paris schreiben, um mich genau über die Gesichtspunkte zu informieren, die dort maßgebend sind, denn ich zweifle nicht, daß der Kaiser den Gedanken, der ihn beschäftigt, auch bis in seine Details und seine Konsequenzen durchdacht hat. Ich hoffe demnächst imstande zu sein, Ihnen das alles in bestimmter Form, etwa in Gestalt eines Vertragsentwurfs, zur Erwägung stellen zu können.«

»Seien Sie überzeugt,« sagte Graf Bismarck, »daß ich alle Ihre Mitteilungen über die Ideen des Kaisers stets mit der ehrerbietigsten Aufmerksamkeit entgegennehmen werde –«

»Und ich bin gewiß,« sagte Benedetti aufstehend, »daß wir endlich zu der vollständigen Verständigung gelangen, welche für die Zukunft Europas so heilsam sein muß.«

Er verabschiedete sich mit herzlicher Artigkeit von dem Grafen und verließ das Kabinett.

Graf Bismarck sah ihm mit einem zugleich scharfen und tief sinnenden Blicke nach.

Dann spielte ein fast mitleidiges Lächeln um seine Lippen.

»Das Spiel ist fein ausgesonnen,« sagte er, »und doch so schlecht versteckt, daß man es auf den ersten Blick erkennt. Ich soll Rußland und Italien verletzen, die Sympathien beider Mächte verlieren und damit in eine Isolierung gedrängt werden, die mir keine andere Wahl läßt, als mich Frankreich in die Arme zu werfen. Und als Lockspeise wird mir die Konstituierung Deutschlands gezeigt, für den Preis der Annektierung Belgiens, die dann das neue Deutschland vor Europa vertreten, und nötigenfalls gegen Europa verteidigen soll! Mag er doch mit England sich über Belgien verständigen,« fuhr er fort, »ich habe wahrhaft keine Neigung, Kastanien für Frankreich aus dem Feuer zu holen, und einen Preis für Deutschlands Zukunft zu zahlen. Wenn der deutsche Löwe seine Krallen erhebt, so wird er nicht für Frankreich kämpfen, sondern allein und ohne Kaufpreis sich seine Stellung in Europa erringen.«

Er blickte lange vor sich hin, sein Auge schien die Bilder ferner Zeiten zu verfolgen.

»Er hat die Hoffnung behalten,« sprach er dann, »daß er mich endlich doch bereit finden könnte, auf seinen Handel einzugehen, gut, das zieht den schweren Zusammenstoß hinaus und gibt mir immer mehr Zeit der Vorbereitung. Bei alledem leistet mir dieser Garibaldi einen großen Dienst,« fuhr er lächelnd fort, »er wird die Angelegenheiten Italiens ein wenig durcheinanderbringen, Frankreich wird gegen ihn und vielleicht gegen Italien auftreten müssen, dieser schlaue Ratazzi wird beiseite gestellt werden, und die Last, welche sich Napoleon durch seinen italienischen Feldzug auf die Schultern geladen hat, wird ihn fortan noch etwas schwerer drücken, das ist die Situation, die ich bedarf, meine Hände müssen freier und freier werden, er muß immer tiefer und tiefer in seine eigenen Netze sich verstricken. Hätte ich nachsinnen wollen, wie am besten diese feinen Kombinationen von Salzburg zu zerstören seien, ich hätte kaum ein besseres Mittel finden können, als diesen neuen Zug Garibaldis; nun, die Welt wird nicht verfehlen, mich mit demselben in Verbindung zu setzen! Mag es sein, mag man sagen und denken von mir, was man will, wenn nur mein Werk gelingt und Deutschland hoch herauf tritt auf den ersten Platz in der Reihe der Nationen, dann wird doch der Augenblick kommen, wo man auch mir wird Gerechtigkeit widerfahren lassen!«

Wieder versank er sinnend in die Verfolgung der Bilder, die vor seinem Innern aufstiegen.

»Doch,« sagte er dann, tief aufatmend, indem er wieder vor seinen Schreibtisch trat, »die Vorbereitung der europäischen Konstellationen darf meinen Blick nicht ablenken von der inneren Lage. Auch Preußen muß innerlich gerüstet werden, der neuen Zeit entgegenzutreten und sie zu erfassen mit freiem Geiste. Oh, wenn sie wüßten,« fuhr er fort, »alle, die zu übereiltem Fortschritt drängen, die mich angefeindet haben alle diese Jahre lang, wenn sie wüßten, wie tief ich davon durchdrungen bin, daß nur der Geist der Freiheit, daß nur der mächtig vorwärts strebende nationale Aufschwung den zweiten Teil des großen Werkes vollenden kann, dessen Grund nur gelegt werden konnte durch die straff absolutistische Anspannung der Militärkraft! Sie ahnen nicht, daß meine Ziele freier und weiter vielleicht sind als die ihren, gewiß wenigstens,« sagte er mit strahlendem Blick, »sind sie klarer! – Aber nicht mit einemmal kann der Hauch freierer Bewegung einen Staatsorganismus durchdringen, wenn nicht das heilsame Fluidum Verderben und Zerstörung bringen soll. Schrittweise muß ich vorwärtsgehen auch auf diesem Wege. – Da ist zunächst eine Änderung im Justizministerium nötig, und nicht leicht ist es, an die Stelle des Grafen Lippe eine geeignete Kraft zu setzen, die energisch und produktiv ist, und zugleich auch fähig, neuen Prinzipien, wenn die Zeit kommt, Geltung zu verschaffen nicht bloß durch Negation des Alten, sondern durch schöpferisches Aufbauen. Dieser vielgewandte Minister des Königs Georg hat mir schon vor längerer Zeit eine vortreffliche Idee gegeben,« sprach er weiter, »eine Kraft aus dem neu erworbenen Lande in die Regierung aufzunehmen, ich habe darüber nachgedacht, und ich glaube gefunden zu haben, was ich bedarf. Der früherer Minister Leonhardt scheint mir nach allem, was ich höre, ganz der Mann zu sein, um die schwierige Nachfolgerschaft des Grafen Lippe zu übernehmen. Er ist eine Autorität in der Jurisprudenz und Gesetzgebung, ein fester Charakter, ich muß mit ihm in Verbindung treten, und finde ich ihn, wie ich erwarte, so will ich ihn dem König vorschlagen, dessen geradem Sinn und klarem Geiste der Mann zusagen muß. Ob das freilich viel für die Beruhigung der Hannoveraner helfen wird, scheint mir zweifelhaft; man wird den Minister als Abtrünnigen und Verräter darstellen, und die Agitationen werden fortgehen. Der arme König Georg! – wie gern würde ich ihm helfen! Es werden noch schwere Schritte gegen ihn nötig werden,« sagte er mit traurigem Ton, »er hat den Vermögensvertrag unterzeichnet, es ist ihm zugestanden, was irgend möglich war, doch die Agitationen hören nicht auf und früher oder später wird eine Sequestration nötig werden, um die Sicherheit des Staates zu schützen. Das sind die Folgen tragischer Konflikte, und ein tief tragischer Konflikt ist es, den unsere Zeit hervorgerufen, doch die glorreiche Zukunft wird ihn herrlich lösen.«

Wieder sann er längere Zeit nach.

Dann bewegte er die Glocke.

»Ich lasse den Legationsrat von Keudell bitten,« befahl er dem eintretenden Kammerdiener.

»Dieser schlaue Windthorst hat wohl ganz andere Gedanken gehabt,« sagte er dann, sich lächelnd die Hand reibend, »als er mir einen hannoverischen Juristen für das Justizministerium empfahl, er wird ein wenig erstaunt sein, wenn der Plan mit Leonhardt reüssiert, und vielleicht werde ich da einen Gegner mehr haben. Wohlan,« rief er, »viel Feind', viel Ehr'! und wenn das Glück mir überall so günstig ist, wie dieser Salzburger Tripotage gegenüber, so könnte ich fast das Dichterwort wiederholen, durch welches Herr von Manteuffel einst so großen Sturm in den Kammern erregte, denn in der Tat, es werden die einen meiner Feinde – von den anderen abgetan.«

Und heiter lachend begrüßte er Herrn von Keudell, der mit seinen Vortragspapieren in das Kabinett trat.

Einundvierzigstes Kapitel.

Die eleganten Salons der Marchesa Pallanzoni waren hell erleuchtet und mit einem aus frischen Blumendüften und feinen Essenzen gemischten Parfüm erfüllt.

Es war nicht der Tag, den die junge Frau zu ihrem Empfange bestimmt hatte, sie war, wenn sie kein Theater besuchte, fast an jedem Abende zu Hause und empfing diejenigen ihrer intimeren Bekannten, denen sie die Erlaubnis gegeben, sie zwanglos zu besuchen. Schnell hatte sich um die schöne, reiche und interessante Italienerin ein Kreis von der Elite der eleganten jungen Männerwelt gebildet, der Graf Rivero war überstürmt worden mit Bitten um Einführung bei seiner schönen Landsmännin, und es war die beste und ausgesuchteste Herrenwelt, welche er in die Salons der Marchesa eingeführt hatte. Und es war nicht ein Salon wie diejenigen der Damen der Halbwelt, in welchem die jungen Herren sich so gern zusammenfinden, der feinste Ton herrschte hier, und wenn auch die Marchesa mit der liebenswürdigsten Anmut es verstand, ihrer Gesellschaft die völlig freieste Bewegung zu geben und jeden zur natürlichsten Entwicklung seiner liebenswürdigsten Eigenschaften zu ermuntern, so war doch jedes Wort, das die zartesten Grenzen der feinen Sitte überschritten hätte, gewiß, sogleich die Zurechtweisung der Dame des Hauses zu erfahren, sei es durch einen Blick, so hoch herab niederwerfend, wie der einer Königin, sei es durch eine ebenso feine und geistreiche als scharfe und bestimmte Rüge. Wahrend in den meisten Salons von Paris der alte, wirklich gute Ton mehr und mehr verschwindet und nur in einzelnen exklusiven Kreisen des Faubourg Saint Germain zu finden ist, erinnerte der Salon der Marchesa Pallanzoni an die beste Gesellschaft vergangener Tage, und diese ganze sonst so zügellose und so wenig an Rücksichten gewöhnte Herrenwelt fügte sich dem anmutigen Zepter, das die schöne Fremde so sicher und unbeugsam führte, keiner dieser jungen Herren blieb aus; obgleich an den Ton des Café Anglais gewöhnt, folgten sie alle dem reizvollen Zug, den dieser gute und vornehme Ton auf sie ausübte, und ihr in den Gesprächen über Pferde, Hunde und Halbweltsdamen träge gewordener Geist erwachte wieder zu frischer Tätigkeit, um ein Lächeln des Beifalls von dieser Frau zu erlangen, welche für Plattheiten nur ein mitleidig bedauerndes Lächeln und für Unverschämtheiten einen niederschmetternden Blick hatte, unter dessen eisig-kalter Verachtung die Keckheit des rücksichtslosesten Roués in nichts zusammensank.

So lieferte die schöne Marchesa den Beweis, daß an der Verschlechterung des Tons in der Gesellschaft, an der wunderbar schiefen Stellung, welche die gute Gesellschaft der Halbwelt gegenüber einnimmt, an all der Erniedrigung und dem Elend, das daraus folgt, nur die Frauen der Gesellschaft schuld sind, die Frauen, welche es heutzutage nicht mehr verstehen, die Männer zu erziehen und zu fesseln, und welche, wenn sie sehen, daß die Damen der Halbwelt ihnen die Herren entführen, nicht daran denken, jene Damen durch Geist und Anmut zu übertreffen und durch Tugend und Würde in den Staub zu werfen, sondern vielmehr sich Mühe geben, den schlechten Ton, die gemeinen Manieren, die extravaganten Toiletten und die noch extravaganteren Sitten derselben nicht nur nachzuahmen, sondern noch zu überbieten.

Es war nach dem Diner.

Noch war die Stunde des eigentlichen Empfangs nicht gekommen, zwei mit allem Reiz geschmackvoller Eleganz ausgestattete Salons lagen vor dem kleinen, ebenfalls geöffneten Boudoir der Dame des Hauses, vor der Tür auf dem Vestibüle standen die Lakaien, an der Tür des Salons der Kammerdiener bereit, den etwa Kommenden zu öffnen, alles atmete vornehme Eleganz und jenes unnachahmliche Etwas, das man nur in den großen Häusern vom besten Ton findet.

In dem halb vom sinkenden Tageslicht, halb von einer rötlich unter grünen Ranken hervorschimmernden Ampel beleuchteten Boudoir saß die schöne Marchesa leicht zurückgelehnt in ihrer Causeuse, sie stützte den schönen Kopf, der Mode zum Trotz mit einfachen Flechten des glänzenden, schwarzen Haares coiffiert, auf die zarte, bläulich geäderte Hand, während der weite Spitzenärmel über den schlanken, marmorweißen Arm zurückfiel. Ihr Kleid vom leichtesten Sommerstoff mit kleinen, violetten Blumen umschwebte duftig ihre zierlich anmutige Gestalt, und der leichte Stoff bewegte sich zitternd bei jedem Atemzug ihres Busens.

Ihr Auge ruhte mit einem wunderbar tiefen, halb neugierig lauschenden, halb treuherzig freundlichen Ausdruck auf dem erregten Gesicht des Herrn von Wendenstein, welcher vor ihr auf einem niedrigen Lehnstuhl saß und lebhaft zu ihr sprach.

Er hatte ihr die Geschichte seiner Flucht aus dem Gefängnis erzählt – bewegt durch die Erinnerung, hatte seine Erzählung einen Reiz gewonnen, der die junge Frau lebhaft anzusprechen und zu fesseln schien.

Der junge Mann hatte geendet und sein Blick ruhte mit dem Ausdruck der Bewunderung auf dem reizenden Bilde der jungen, schönen Frau, die mit so tiefem Interesse seinen Worten zu lauschen schien.

»Ich danke Ihnen, Herr von Wendenstein,« sagte die Marchesa nach einigen Augenblicken des Stillschweigens, indem ein wie unwillkürlich ihren Lippen sich entringender Seufzer ihre Worte begleitete, »ich danke Ihnen für Ihre Erzählung und muß mir Glück wünschen, daß ich Sie heute im Bois de Boulogne entführt und gezwungen habe, mein einsames Diner zu teilen. Sie haben mich so liebenswürdig unterhalten und mir nun diese so merkwürdige Flucht so lebendig erzählt, ich habe dabei den Reiz des Romans empfunden mit dem Eindruck der Wahrheit, der um so lebhafter ist, da ich den Helden der Erzählung vor mir sehe.«

Sie sah ihn mit einem langen Blicke wie prüfend an, als wolle sie sich die Situationen, die er ihr erzählt, in seinem Anblick zurückrufen.

Eine leichte Röte flog über sein Gesicht, es war, als ob sich einen Augenblick ein Schleier über seine Augen legte, und mit unmerklich bebender Stimme sprach er:

»Ich bin unendlich glücklich, Frau Marchesa, daß ich ein wenig zu Ihrer Unterhaltung habe beitragen können, noch mehr darüber, daß Sie so gütigen Anteil an meinem persönlichen Schicksal genommen haben.«

»Wie sollte ich nicht,« sagte sie langsam, während ihr Blick fortwährend auf ihm ruhte, »wie sollte mich das nicht auf das tiefste bewegen, da ja Ihr persönliches Schicksal nur der Ausdruck der Zeitereignisse ist, wie sie auf den einzelnen Menschen zurückwirken, und da ich ja ganz besonders sympathisch berührt werde durch das Schicksal, das Sie getroffen; die Prinzipien, für welche Sie leiden und die Verbannung ertragen, sind ja die meinigen.«

»Die Verbannung hört auf ein Leiden zu sein, wenn sie so reizende Augenblicke bietet, wie den gegenwärtigen,« sagte der junge Mann im Tone der einfachen Galanterie, während jedoch aus seinen Augen ein eigentümlich zitternder Blick zu der schönen Frau hinüberstrahlte.

Sie schien weder das Wort zu hören, noch den Blick zu sehen, obgleich ihr Auge fortwährend auf dem Gesicht des Herrn von Wendenstein ruhte.

»Sehen Sie, mein Freund,« sagte sie langsam, indem sie ihre feine Hand auf die seine legte, »sehen Sie, was Sie jetzt in Ihrem Vaterlande durchmachen und leiden, widerfährt ja auch uns in meiner Heimat, die Throne brechen zusammen, die Fürsten irren in der Verbannung umher, und selbst das, was uns das Heiligste ist, die Kirche und ihr Oberhaupt, sind den Angriffen der alles zerstörenden und nivellierenden Prinzipien der Zeit ausgesetzt. – Bei uns,« fuhr sie fort, indem ihr Blick immer wärmer erglühte und eine lebhaftere Bewegung in ihren Zügen sichtbar wurde, »bei uns in Italien aber ist der Widerstand gegen die bösen Prinzipien der höllischen Gewalten aufgegeben, die natürlichen Vertreter des Rechts haben entweder mit der usurpatorischen Regierung schmähliche Verträge geschlossen, oder sie vergessen in apathischer Untätigkeit ihre Pflichten und ziehen sich von dem Kampfe, den ihre Stellung ihnen aufzunehmen befehlen müßte, zurück. Mit tiefem Schmerz,« fuhr sie fort, »habe ich das alles gesehen, und daß ich es habe sehen müssen, das hat mich fortgetrieben, um hier im Strudel des Pariser Lebens den Jammer meiner Heimat zu vergessen. Allein können wir armen Frauen ja nichts tun,« sprach sie seufzend, »als weinen und klagen, und das würde uns nur lächerlich machen vor unseren Gegnern, wir sind darauf angewiesen, uns an die Kraft der Männer anzuschließen, und dann, o dann,« rief sie mit blitzenden Augen, »dann können wir viel – unendlich viel! Ich fühle die Kraft in mir, den Kampf gegen eine Welt aufzunehmen, wenn eines Mannes starker Arm mich leiten würde, wenn ich in seinem Blick die Aufmunterung und die Belohnung finden würde für die Anspannung aller meiner Fähigkeiten im Dienst einer großen und heiligen Sache. Verzeihen Sie,« sagte sie nach einem Augenblick in traurigem Tone, »verzeihen Sie diese Aufwallung, Ihre Erzählung hat mich hingerissen, ich sah, was Entschlossenheit und Mut gegen die Gewalt des Unrechts tun können, und tiefer Schmerz erfüllte mich, daß bei uns diese Entschlossenheit und dieser Mut nicht zu finden sind.«

Ihre Hand ruhte noch immer auf der seinigen und schien mit leisem, kaum fühlbarem Druck sich an seine Finger zu schmiegen.

Ein Zittern flog durch die Gestalt des jungen Mannes, vor seinem Blick flimmerte es wie eine duftige Wolle, er erhob die schöne, warme Hand zu seinen Lippen und drückte auf dieselbe einen langen Kuß, dessen glühende Sprache mehr sagte, als Worte ausdrücken konnten.

Die Marchesa zog endlich ihre Hand langsam zurück, hob sie ein wenig gegen ihr Gesicht empor und ließ ihren Blick wie träumend auf der Stelle ruhen, die seine Lippen berührt hatten, und welche von der zarten, weißen Haut sich in brennendem Rot abhob.

»Doch,« sagte sie dann in einem Tone, als ob sie sich mit Anstrengung ihren Gedanken entrisse, »doch sind es nicht dieselben Prinzipien, ist es nicht dasselbe heilige Recht, um das es hier und dort handelt? – und wenn man an der einen Stelle daran arbeitet, diesem Rechte zum Siege zu verhelfen, dient man dann nicht auch demselben Rechte im eigenen Vaterlande? Bei Ihnen kämpft man,« fuhr sie fort, »bei Ihnen find Männer, die sich nicht beugen, die nicht zurückweichen wollen, dort ist die Hoffnung auf den Sieg, dort ist der Raum für die Arbeit einer Frau, die dafür glüht, die danach brennt, sich für das ewige Recht in den Kampf zu stürzen und alle ihre Kräfte in diesem Kampfe aufzubieten!«

Immer flammender ruhten die Blicke des jungen Mannes auf dem erregten Gesicht der schönen Frau, aus deren Augen glühendes Feuer in leuchtenden Wellen zu ihm hinüber strömte, abermals ergriff er ihre Hand, drückte in heißen Küssen seine Lippen darauf und sank, immer seine Blicke in die ihrigen tauchend, langsam auf dem weichen Teppich zu ihren Füßen in die Knie.

»Wenn Sie uns beistehen und uns begeistern,« sagte er mit gepreßter Stimme, während seine Brust sich in heftigen Atemzügen hob und senkte, »wenn Sie uns begeistern, ist der Sieg unser!«

»Die Begeisterung,« erwiderte sie in fast flüsterndem Ton, »müssen Sie aus Ihrer Sache selbst schöpfen, aber was ich dazu tun kann, diese Begeisterung in heiligem Feuer glühend zu erhalten, das will ich tun, ich will mit Ihnen denken und arbeiten, kämpfen mit den Mächten der Welt, ich will Sie ermutigen, wenn das Unglück Sie niederbeugt, ich will Sie trösten, wenn der Schmerz Sie übermannt, ich will Ihre Freude teilen, wenn die Hoffnung des endlichen Sieges Sie erfüllt, ich will vor allem sehen und hören für Sie, was in diesem Labyrinth der großen Politik zu sehen und zu hören ist, und eine Frau kann mehr sehen und hören als Sie, ich will,« sagte sie mit einem unendlich weichen Lächeln, »Ihre Freundin, Ihre Verbündete sein, wollen Sie mich als solche annehmen?«

Und wie in Gedanken verloren, machte sie sanft ihre Hand los, welche er noch immer an seine Lippen gedrückt hielt, und strich langsam über seine Stirn.

Eine dunkle Glut sprühte aus den Augen des jungen Mannes, er erhob sich auf ein Knie, breitete die Arme aus und beugte sich zu der schönen Frau hinüber, welche mit ihren wunderbar leuchtenden Blicken ihm so nahe war, daß er den warmen, duftigen Atem aus ihren halbgeöffneten Lippen über sein Gesicht hinwehen fühlte.

Die äußere Tür des zweiten Salons wurde geöffnet – die Marchesa machte schnell eine leicht abwehrende Bewegung, indem zugleich ein Ausdruck des Bedauerns in ihrem Blick erschien.

Herr von Wendenstein sprang rasch empor und setzte sich auf den kleinen Fauteuil, den er vorher inne gehabt.

»Wir sind also Verbündete,« flüsterte die junge Frau mit reizendem Lächeln, »morgen mehr davon.«

»Der Herr Graf von Rivero!« rief der Kammerdiener.

Einen Augenblick darauf erschien die schlanke Gestalt des Grafen unter der Portiere des Boudoirs.

Bei dem Anblick der jungen Frau und des Herrn von Wendenstein, der noch nicht vollständig seine Fassung wiedergefunden hatte, zog ein dunkler Schatten über das Gesicht des Grafen, und sein tiefer Blick richtete sich forschend auf die Marchesa.

Diese zeigte die vollkommenste Ruhe, mit heiterem Ton begrüßte sie den Grafen und streckte ihm, sich ein wenig auf ihrer Causeuse emporrichtend, die Hand entgegen.

»Ich habe Ihren Verbannten ein wenig zu trösten gesucht,« sagte sie lächelnd, »er hat mit mir diniert und mir soeben die Geschichte seiner Flucht aus dem preußischen Gefängnis erzählt, das hätte mich noch mehr in Unruhe versetzt,« fuhr sie mit scherzendem Tone, aber mit einem Blick voll Teilnahme auf den jungen Mann fort, »Wenn mir nicht die Anwesenheit des Helden der Erzählung schon von Anfang an die Garantie eines glücklichen Ausgangs gegeben hätte.«

»Die Zeit bringt wunderbare Situationen mit sich,« sagte der Graf ruhig, »wohl dem, der, wie unser junger Freund, seine Erlebnisse in freundlichem Boudoir erzählen kann.«

Der Kammerdiener meldete den Herzog von Hamilton, bald folgten noch mehrere junge Herren, die Marchesa erhob sich und verließ das Boudoir, bald entspann sich eine allgemeine Konversation, man machte ein wenig Musik, man plauderte, und überall war die schöne und anmutige Marchesa, bald einen einzelnen in eine kurze Unterhaltung ziehend, bald den Mittelpunkt eines kleinen Kreises bildend und mit ihren Worten die Geister ebenso beherrschend, wie mit ihren Blicken und ihrem Lächeln die Herzen.

Sie hatte soeben mit einem Scherzwort eine Gruppe ihrer Gäste verlassen, als der Graf Rivero sich ihr näherte.

»Ich werde morgen Paris verlassen,« sagte er mit gedämpftem Tone, während sein Gesicht den lächelnden Ausdruck der Salonkonversation beibehielt, »und ich denke einige Zeit, vielleicht länger als ich jetzt übersehen kann, in Rom zu bleiben, ich hoffte Sie noch allein zu finden –«

Die Marchesa sah ihn etwas erstaunt an.

»Wollen Sie nach den anderen hier zurückbleiben?« fragte sie.

»Meine Zeit ist gemessen,« erwiderte er, »auch ist es kaum nötig, da ich Ihnen nichts besonderes mehr zu sagen habe, Rosti bleibt hier, Sie werden Ihre ausführliche Instruktion erhalten' ich erwarte, daß Sie scharf und genau alles beobachten, was vorgeht, und mir alles berichten, was Sie bemerken; je ausführlicher und wahrer Ihre Berichte sein werden, um so höher wird man die Dienste anerkennen, die Sie leisten. Besondere Aufträge werden Ihnen zugehen, vor allem hüten Sie sich,« fuhr er fort, indem er mit düsterem und drohendem Ausdruck seinen Blick auf ihr ruhen ließ, »hüten Sie sich, eigene Wege zu gehen und selbständig sein zu wollen. Bei dem ersten falschen oder zweideutigen Schritt wird meine Hand Sie vernichtend treffen, und wäre ich in der weitesten Ferne.«

Die Marchesa senkte das Auge unter dem Blick des Grafen. »Sie können sich, wie bisher, auf mich verlassen,« sagte sie, leicht das Haupt neigend, in demütigem Ton.

»Ich will nicht,« fuhr der Graf fort, »daß von meiner Abwesenheit früher gesprochen werde, als einige Tage nach meiner Abreise. Sie werden dann sagen, plötzliche Familienereignisse hätten mich abgerufen, um dringende Geschäfte zu erledigen.«

Sie nickte zustimmend mit dem Kopf.

»Um immer gut unterrichtet zu sein,« sprach sie dann, »fehlt mir aber noch viel; ich habe hier einen Salon von Herren, Herren der besten Gesellschaft, es ist wahr; aber die richtige Stellung habe ich noch immer nicht, mir fehlen die Damen. Mag mein Salon über allen Vorwurf erhaben sein, es bleibt doch immer eine Gesellschaft von Herren, welche kommen, um einer Frau den Hof zu machen –«

»Seien Sie ruhig,« sagte der Graf. »Auch dafür habe ich gesorgt. Sie werden der Kaiserin vorgestellt und in die Tuilerien eingeladen werden, dort werden Sie Ihren Damenkreis finden, es ist alles eingeleitet, der Abbé Rosti wird Ihnen das Nähere sagen; der Nuntius wird Ihre Vorstellung veranlassen, die Kaiserin wird Sie auf das Beste empfangen.«

Ein Blitz stolzer Freude leuchtete im Auge der Marchesa auf.

»Noch einmal: Hüten Sie sich vor falschen Schritten und eigenmächtigen Handeln – und – jetzt kein Wort weiter,« sagte der Graf leise. »Ah!« rief er dann laut in heiterem Ton, »da ist ja eine seltene Erscheinung. Seit längerer Zeit habe ich Sie nicht gesehen – wo stecken Sie? Unser junger Freund scheint Neigung zum Einsiedlerleben gewonnen zu haben –«

Und er reichte dem Herrn von Grabenow die Hand, welcher soeben eingetreten war und sich näherte, um die Dame des Hauses zu begrüßen.

Der junge Mann sah bleich und traurig aus. Alle jene fröhliche, sprudelnde Lebenslust, welche früher so frisch aus seinen blauen Augen geblitzt hatte, war verschwunden, diese klaren, heiteren Augen waren umgeben von einem dunklen Schattenringe und blickten unstät wie suchend und fragend umher.

Herr von Grabenow wechselte die konventionellen Höflichkeitsformeln mit der Marchesa, aber man konnte leicht bemerken, daß sein Geist kaum bei dieser Unterhaltung war, die Bemerkungen der Marchesa fanden keine Erwiderung, die über die gewöhnlichsten Trivialitäten hinausgegangen wäre.

Die Marchesa sah ihn mit dem Ausdruck leichter Verwunderung an und wendete sich dann mit einer scherzhaften Bemerkung zu dem Herzog von Hamilton, der in der Nähe stand.

Der Graf Rivero hatte den jungen Preußen mit tiefer Teilnahme angesehen, er legte seinen Arm in den des Herrn von Grabenow und führte ihn langsam durch den Salon in eine Ecke, welche von den lachenden und plaudernden Gruppen entfernt war und eine vertrauliche Unterhaltung erlaubte.

»Was fehlt Ihnen, mein junger Freund?« sagte der Graf mit einem innigeren Ton, als er ihm sonst in der Unterhaltung eigen war, »man sieht Sie so wenig – und Ihr Gesicht zeigt den Ausdruck wahren und tiefen Seelenleidens. Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen meine Teilnahme aufdränge, aber – Sie wissen, ich habe immer Sympathie für Sie gehabt, trotz der Verschiedenheit unseres Alters, und wenn mein Rat – mein Beistand –«

Herr von Grabenow verneigte sich verbindlich, ohne daß der tief schmerzliche, abgespannte Ausdruck einen Augenblick von seinem Gesicht verschwand.

»Ich danke Ihnen,« unterbrach er rasch, »für Ihre freundliche Gesinnung. Es fehlt mir eigentlich nichts, ich bin ein wenig leidend seit einiger Zeit. Eine Erkältung ist mir, wie ich glaube, auf die Nerven gefallen und das drückt mich ein wenig nieder –«

Er machte einen Versuch zu lächeln – ein unwillkürlicher Schauer ließ seinen Körper wie im Fieber erzittern.

Der Graf legte leicht seine Hand auf die Schulter des jungen Mannes.

»Sie haben einen ernsten Kummer, Herr von Grabenow,« sagte er, »der ältere Mann darf dem Jünglinge gegenüber vielleicht wagen, zudringlich zu erscheinen, – sollten Sie nicht Vertrauen zu mir haben können?«

Herr von Grabenow warf einen langen Blick auf den Grafen und seufzte tief auf.

»Es sind in der Tat die Nerven,« sagte er, »ich –«

»Vor einiger Zeit begegnete ich Ihnen in der Ausstellung,« fuhr der Graf Rivero fort, »Sie waren nicht allein, – eine Dame –«

»O ja, – o ja, – ich erinnere mich!« rief der junge Mann mit schmerzlichem Lächeln, »o, es waren schöne Zeiten – sehr schöne Zeiten. Sie sind vorbei,« flüsterte er leise, »vorbei für immer!«

»Da liegt also Ihr Kummer,« sagte der Graf, immer forschend das in heftigem inneren Kampf zuckende Gesicht des Herrn von Grabenow betrachtend, »ich dachte es wohl, in Ihren Jahren läßt sich ja jede Freude und jeder Schmerz auf die Liebe zurückführen, das ist das schöne Alter der Illusionen – später wird das anders, anderes Denken, anderes Streben füllt das Leben aus, es läßt das nicht mehr so viel leiden, aber es macht auch nicht so glücklich!«

Des Grafen Blick schimmerte feucht, ein Seufzer zitterte über seine Lippen.

»Anderes Denken, anderes Streben!« sagte Herr von Grabenow mit einem matten Lächeln, »wann wird das kommen?«

»Es wird kommen, mein junger Freund,« sprach der Graf, »es wird bei Ihnen kommen, wie es bei jedem kommt, wie die Blumen des Lebens nicht unvergänglich blühen, so dauern auch seine Schmerzen nicht ewig, und den abgefallenen Blüten folgen die Früchte, in Schmerzen gereift – zur Ernte der Ewigkeit.«

Der junge Mann sank fast in sich Zusammen, wiederum zitterte jener Schauer durch seine Glieder.

»Was ist Ihnen widerfahren?« sprach der Graf mit tiefer Stimme, welche fast einen befehlenden Ton annahm, »vertrauen Sie sich mir an, ist Ihre Geliebte Ihnen untreu geworden?«

»Untreu?« rief der junge Mann, sich plötzlich emporrichtend und mit flammendem Blick aus seinen fieberhaft glänzenden Augen den Grafen umfassend, »untreu? Das ist unmöglich, unmöglich! Und doch, vielleicht wäre ich ruhiger, vielleicht könnte ich leichter anderes Denken und anderes Streben finden, wenn es so wäre, dann wäre es wenigstens aus, und was auch mein Herz leiden müßte, dies Leiden könnte ein Ende haben, es könnte eine Ruhe darauf folgen – und wäre es die Ruhe des Todes, aber so –«

»Kann es Schlimmeres geben als Falschheit und Untreue eines Herzens, das wir lieben?« fragte der Graf.

Herr von Grabenow sah ihn lange an.

»Ja,« sagte er dann mit einer Stimme, die so tief verzweifelt aus seiner Brust heraufklang, daß der Graf unwillkürlich erbebte, »ja, es kann Schlimmeres geben! Herr Graf,« fuhr er dann fort, »Sie sind anders wie die anderen, ich glaube, Sie verstehen die Leiden des menschlichen Herzens, eines Herzens, dessen Schläge noch nicht erstorben sind in der modernen Blasiertheit dieser Welt, Sie kennen die Menschen und haben viel Herrschaft über sie, Sie können mich verstehen, und können mir vielleicht helfen; Ihnen will ich mein Leid klagen,« fuhr er in heftiger Erregung fort, seine Worte abgebrochen hervorstoßend, »o, ich habe lange einsam gelitten, alle meine Klagen sind fest verschlossen geblieben in meiner Brust, alle meine Tränen sind zurückgeflossen zum eigenen Herzen; o, das tut weh, sehr weh, wenn man nach innen weinen muß, wenn die Träne, die Gott bestimmt hat, das Weh der schmerzdurchzuckten Seele hinauszuströmen in die weite Luft, wenn die Träne heiß und brennend Zurückströmt in die wunde Brust, ätzende Qual bringend statt erquickender Beruhigung! Ich will Ihnen meinen Jammer klagen, geben Sie mir Trost, geben Sie mir Hilfe, wenn Sie können!«

»Sprechen Sie,« sagte der Graf tief bewegt, »und seien Sie überzeugt, daß Sie niemand besser Ihr Leid anvertrauen können als mir.«

»Sie haben mich mit jenem jungen Mädchen gesehen,« sprach Herr von Grabenow rasch, lebhaft und fast keuchend seine Worte hervordrängend, als wolle er nach so langer Zurückhaltung so schnell als irgend möglich seine Brust von der erdrückenden Last befreien, die auf ihr ruhte, »Sie haben gesehen, wie schön sie war, als einen Augenblick der Schleier fiel, mit dem Sie so ritterlich ihr Gesicht schnell wieder verhüllten, o – die Schönheit, die von ihrem holden Antlitz strahlte, war nichts – nichts – gegen die Schönheit ihrer Seele. Sie war meine Geliebte, sie hatte mir alles gegeben, was die Liebe der Liebe zu geben hat, aber ich schwöre es Ihnen bei dem Haupt meiner Mutter, bei dem Glauben an meine Seligkeit, sie war rein, rein und gut, wie nur ein Wesen aus der Hand der allgütigen Gottheit gekommen ist, ich hatte so süße, so schöne Hoffnungen, ich wollte für sie mit den Vorurteilen der Welt kämpfen, ich wollte ihr mein ganzes Leben weihen, und es wäre mir gelungen, ich hätte alles überwunden, ich hatte sie hinübergeführt in meine Heimat und ihr den Platz in meiner Familie gegeben, den sie verdient, da –«

Er hielt inne – wie gebrochen von seiner Erinnerung.

»Nun?« fragte der Graf.

»Da war sie verschwunden, plötzlich verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen,« sagte der junge Mann tonlos, »alle meine Bemühungen, etwas von ihr zu entdecken, sind vergebens, ich habe Paris durchforscht nach allen Richtungen, vergebens, nach jedem Tage rastlosen Suchens senkte sich wieder die Nacht mit ihrer dumpfen Verzweiflung auf mich herab, tagelang bin ich in lethargischer Abgespanntheit in meinem Zimmer geblieben, allein ringend mit meinem Schmerz, dann wieder hat es mich erfaßt mit Todesangst, ich habe die Straßen durchirrt, das Bois de Boulogne durchflogen, bis meine Pferde vor Ermattung zusammenbrachen, ich habe alle Salons besucht, obgleich sie nie in die Welt ging, immer in der Hoffnung, ihr zu begegnen, eine Spur zu entdecken, aber immer, immer vergeblich, sie ist und bleibt verschwunden, verloren für immer.«

»Und haben Sie keine Idee, was geschehen sein könnte, hat sie Ihnen kein Zeichen, keine Erklärung, kein Wort des Abschieds gegeben?« fragte der Graf.

»Ich habe einige Tage, nachdem sie plötzlich aus ihrer Wohnung verschwunden war, einen Brief von ihr erhalten, worin sie mir schreibt, daß eine Wendung eingetreten wäre, die das Rätsel ihres Lebens löse, daß sie eine Heimat gefunden habe, aber von einer heiligen und liebevollen Autorität abhängig sei, der sie gehorchen müsse, und welche ihr bestimmt verbiete, mir mehr mitzuteilen. Ich möge Vertrauen haben, sie werde mich ewig lieben und mir ewig treu bleiben, in der Zukunft könne vielleicht noch ein Glück für uns erblühen. Das alles schrieb sie mir kurz, aber herzlich und innig, voll tiefer Liebe, o, ich habe diesen Brief tausendmal gelesen und wieder gelesen, um zwischen den Zeilen eine Spur zur Aufklärung zu finden, aber vergeblich.«

»Und ihre Familie?« fragte der Graf. »Oder stand sie allein?«

»Ihr Vater, den sie sehr liebte, war von einem plötzlichen Schlagfluß getroffen und gestorben zur Zeit, da sie verschwand, ihre Mutter weiß nichts von ihr, ach, ihre Mutter wird wenig nach ihr fragen, sie hatte böse Absichten mit ihr, denen zu entgehen sie mir das Versprechen abgenommen hatte, sie in ein Kloster zu bringen, bevor ich Paris verlassen würde.«

»So hat sie sich vielleicht jetzt schon in ein Kloster zurückgezogen, um den Schmerz des Abschiedes zu ersparen,« sagte der Graf.

»Nein,« erwiderte Herr von Grabenow einfach, »das würde sie mir gesagt haben, sie war einer Unwahrheit unfähig.«

Bei diesen mit zitternder Stimme, aber mit dem fest überzeugten Ausdruck eines rührenden Vertrauens gesprochenen Worten glänzte eine Träne im Auge des Grafen.

Es zuckte um seine Lippen, als wolle er sprechen, aber wie mit mächtiger Willenskraft drückte er die Bewegung nieder, welche sein Gesicht durchbebte.

Einige Herren traten heran.

»Mein Gott, Herr von Grabenow,« rief einer von ihnen, »was geht mit Ihnen vor, man sieht Sie niemals mehr, und wahrhaftig, sehen Sie, meine Herren, er sieht in der Tat leidend aus, wir müssen überlegen, was mit Ihnen zu tun ist, um Sie dem Leben wiederzugeben.«

»Begleiten Sie uns heute Nacht nach dem Café Anglais,« rief ein anderer junger Mann, »wir haben eine allerliebste Partie arrangiert, das wird Sie wieder aufheitern –«

»Herr von Grabenow wird schwer aufzuheitern sein,« rief der Herzog von Hamilton, der hinzugetreten war, »wenn eine gewisse kleine Dame nicht von der Partie ist, mit der wir ihn in dem chinesischen Theater begegnet haben –«

»So laden wir sie ein,« rief man, »– laden wir sie ein!«

»O, sie würde nicht kommen!« sagte der Herzog, während Herr von Grabenow tief erbleichte.

Der Graf stand seitwärts und wendete kein Auge von dem jungen Mann.

»Warum würde sie nicht kommen?« rief der Vikomte von Valmory, »wenn Herr von Grabenow es wünscht, kommt sie gewiß, so gut wie sie in der Soiree der Madame de l'Estrada war –«

Ein jäher Blitz sprühte in dem Auge des jungen Mannes auf, seine Lippen zitterten, seine Haare schienen sich emporzusträuben, er trat einen Schritt vor und man mußte eine Antwort erwarten, welche dem Gespräch eine sehr ernste Wendung gegeben hätte.

Rasch trat in diesem Augenblick der Graf Rivero zu dem jungen Mann hin, sorglos ruhige Heiterkeit lag auf seinem Gesicht.

»Verzeihen Sie, meine Herren,« sagte er zu den jungen Leuten, daß ich Ihr Gespräch unterbreche, es betrifft ja keine ernsten Gegenstände – und ich habe mit Herrn von Grabenow noch ein paar Worte zu sprechen, die wichtig sind, ein Pferdekauf, über den wir soeben zu plaudern begonnen hatten, lassen Sie mir unseren Freund ein wenig.«

Er hatte bei diesen Worten in scheinbar leichter Bewegung den Arm des jungen Mannes berührt, aber seine Finger drückten diesen Arm mit eiserner Gewalt; Herr von Grabenow blickte in das Gesicht des Grafen und begegnete einem so herrschenden Ausdruck befehlenden Willens in dessen Auge, daß er nach einem augenblicklichen Zögern mit leichter Verbeugung gegen die Herren dem Grafen folgte, der ihn langsam, immer seinen Arm haltend, in den zweiten Salon führte, in dem in diesem Augenblick niemand anwesend war.

»Warum verhindern Sie mich, Herr Graf,« fragte der junge Mann mit gepreßter Stimme, »diesen Unverschämten zu züchtigen, der es wagt –«

»Vielleicht die Wahrheit zu sagen,« antwortete der Graf.

»Die Wahrheit?« rief Herr von Grabenow zitternd. »Jedermann kennt diesen Salon der Madame de l'Estrada und es sollte die Wahrheit sein, daß meine Julia –«

»Haben Sie mir nicht selbst erzählt,« sagte der Graf, »daß ihre eigene Mutter sie dem Abgrund der Verderbnis zuführen wollte, kann sie nicht, ohne zu ahnen, wohin sie ging, dorthin geführt sein, kann nicht dies gerade ihr die Augen ganz geöffnet haben?« –

»Aber, mein Gott!« rief Herr von Grabenow.

»Wenn nun über diese Sache Erörterungen stattfanden, wenn Sie sich deshalb schlügen, wenn Paris drei Tage über diese Sache spräche,« fuhr der Graf ruhig fort, »glauben Sie, daß Sie damit Ihrer Geliebten einen Dienst leisteten, wenn dieselbe wirklich, wie sie Ihnen gesagt und wie Sie es glauben, eine Heimat und eine Familie gefunden hat?«

»Wahr, wahr!« sagte der junge Mann, »aber mein Gott! soll ich ruhig mit anhören –«

»Wollen Sie den Rat eines älteren Mannes und eines aufrichtigen Freundes annehmen?« fragte der Graf.

»Sprechen Sie,« sagte Herr von Grabenow ruhig und ergeben.

»Der Aufenthalt in Paris,« fuhr der Graf fort, »reibt Ihre Kräfte auf, dieses ewige, vergebliche Suchen, Hoffen und Zweifeln vernichtet Sie körperlich und geistig, Sie müssen vor allem den inneren Halt, die Festigkeit Ihrer Seele wieder gewinnen. Kehren Sie in Ihre Heimat Zurück, ergreifen Sie einen Beruf, und wenn Sie sich nur der Kultur Ihrer Güter widmen, aber schaffen Sie, stählen Sie Ihr Herz in Tätigkeit und Arbeit! – Sie sehen,« fuhr er fort, »ich sehe Ihre Liebe und Ihr Leiden für ernst an, denn ich rate Ihnen zu ernsten Heilmitteln.«

»Ich danke Ihnen dafür von Herzen,« erwiderte Herr von Grabenow, »aber, soll ich sie aufgeben, jede Möglichkeit aufgeben, ihre Spur zu finden?«

»Hören Sie mich an,« sagte der Graf, »entweder ist Ihre Geliebte das, wofür Sie sie halten, dann steht sie unter irgend welchem starken Einfluß und Schutz und Sie werden sie nicht finden, wenigstens jetzt nicht, Sie müssen dann ihrer Liebe vertrauen, ober sie hat Sie getäuscht –«

»Nein!« rief Herr von Grabenow zuversichtlich.

»Dann,« fuhr der Graf fort, ohne diesen Ausruf zu beachten, »finden Sie sie wahrscheinlich auch nicht, und wenn Sie sie fänden, so wäre es besser, daß Sie sie gar nicht gesucht hätten.«

Herr von Grabenow zögerte.

Der Graf sah ihn lange und ernst an.

»Haben Sie Vertrauen zu mir?« fragte er dann, »und glauben Sie, daß ich ein wenig Erfahrung und auch ein wenig Macht über Menschen und Verhältnisse habe?«

»Ja, das glaube ich – und ich habe Vertrauen zu Ihnen,« sagte Herr von Grabenow.

»So verspreche ich Ihnen denn,« sprach der Graf mit vollem Ton seiner tiefen Stimme, »Ihre Sache zu der meinigen zu machen. Kehren Sie ruhig zurück in Ihre Heimat, Sie werden mir einige Notizen geben und ich will Ihnen Nachricht geben, sobald es mir möglich sein wird, Ihnen etwas über das Schicksal Ihrer Geliebten mitzuteilen. Seien Sie überzeugt, daß es mir mit meinen vielen Verbindungen und Anknüpfungspunkten leichter möglich sein wird, zu einem Resultat zu gelangen, als Ihnen, um so mehr, da ich ruhig und kaltblütig sein werde. – Doch jetzt lassen Sie uns gehen,« fuhr er fort, »damit wir hier nicht wieder gestört werden, wir setzen unser Gespräch besser draußen fort.«

Sie verließen unbemerkt den Salon und stiegen auf die Straße hinab.

Lange gingen sie Arm in Arm auf dem breiten Trottoir bei Boulevard Malesherbes auf und nieder in eifriger Unterredung, und als sie sich endlich trennten, da sagte Herr von Grabenow mit trübem und tränendem Blick zwar, aber mit fester Stimme:

»Ich werde Ihnen ewig dankbar sein, Sie haben mir die Kraft zum Leben wiedergegeben, ich werde in wenigen Tagen nach meiner Heimat zurückreisen, und stark und ruhig den Kampf mit dem Leid des Lebens aufnehmen. Gebe Gott, daß Sie mir einst das Glück wiedergeben können!«

»Leben Sie wohl,« sagte der Graf tief bewegt, »Sie haben einen Freund für das Leben gewonnen, und so Gott es will, sollen Sie aus meiner Hand Ihre Geliebte wieder erhalten!«

Mit raschem Händedruck wendete er sich ab und schritt der Chaussee d'Antin zu, während Herr von Grabenow nach seiner Wohnung zurückkehrte.

»Es sind gute und reine Herzen,« flüsterte der Graf vor sich hin, »sie sollen glücklich werden, wenn sie ausharren und die Treue bewahren. Vielleicht wird es mir vergönnt, das Glück dieser Kinder zu begründen und den finsteren Schatten zu versöhnen, den das unglückliche Opfer dieses dämonischen Weibes, die ja doch mein Werkzeug war, in meine Seele wirft.«

Herr von Wendenstein hatte bei der Ankunft der übrigen Gesellschaft die Salons der Marchesa Pallanzoni verlassen und war mit hochatmender Brust in die Nachtluft hinausgeeilt. Seine Blicke glühten in trunkenem Feuer, seine Pulse schlugen, alle seine Gedanken verwirrten sich. Sein ganzes früheres Leben, trotz der gewaltig erschütternden Ereignisse des letzten Jahres, so ruhig gleichförmig in seiner friedlichen Stille, versank in seiner Erinnerung, überrauscht von diesen glänzenden Fluten des Pariser Treibens, das den jungen, lebenslustigen Mann in seinem vielfarbigen Glanz umspielte. Und inmitten all' dieses reichen Farbenschimmers erhob sich das Bild dieser Frau, deren wunderbare Schönheit mit berauschender Gewalt seine Sinne fesselte und deren kühner, stolzer Geist ihn fortriß in glühender Bewunderung. Wohl sah er neben diesem üppigen, alle Sinne fesselnden Bilde ein bleiches, zartes Antlitz mit tiefen, treuen Augen sich erheben, aber diese Mahnung an eine stille Vergangenheit mit ihren Träumen und ihren Hoffnungen versank, wenn auch unter schmerzlichen Zuckungen des Herzens, in den schimmernden Lichtwellen der Gegenwart.

Was lange unbewußt in dem Herzen des jungen Mannes sich entwickelt hatte, während er die glühende Lebenslust der großen Weltstadt mit durstigen Zügen einsog, das war heute zur flammenden Klarheit geworden, er hatte zu den Füßen dieser Frau gekniet, die alle seine Lebensnerven vibrieren ließ, er hatte ihren Atem auf seinem Gesicht gefühlt, er war hingerissen von dem sympathischen Strom, der sie umfloß, er fühlte die Sehnsucht seiner Liebe in heller Lohe ihr entgegenschlagen.

Er hatte keinen Gedanken über die Zukunft, er dachte nicht an die Vergangenheit, er fühlte sich versinken in den feurigen Wogen eines übermächtigen Gefühls.

Langsam war er durch die Straßen gegangen; kaum das Treiben auf den Boulevards beachtend, wendete er sich in die Rue du Faubourg Montmartre und stieg in einem der ersten Häuser dieser Straße die Treppe zu seiner mit einfacher Eleganz eingerichteten Wohnung empor.

In tiefen Gedanken trat er in den Salon neben seinem Schlafzimmer, sein Diener, ein emigrierter hannoverscher Soldat, hatte die Lampe auf den Tisch gestellt und einige Briefe daneben gelegt.

Abgespannt und ohne seine Toilette zu ändern, warf sich Herr von Wendenstein auf das Kanape neben dem Tisch.

Längere Zeit lag er in träumende Gedanken versunken, sein Blick schimmerte in feuchtem Glanz, glühend strömte sein Atem aus seinen geöffneten Lippen.

»War es Leben,« flüsterte er, »diese Existenz, die ich gesucht habe, dort in der ruhigen Heimat, wo ein Tag dem anderen folgte in gleichmäßigem Einerlei, wo alle Gefühle so langsam und ruhig keimten und sich entwickelten, wie die Blumen auf einem Getreidefelde? – O, das Leben, wahre Leben mit seinen Gluten und seinen Aufregungen, mit seinen tiefen Erschütterungen und seinem süßen Rausch, das Leben der großen Welt, wie faßt es mich so mächtig und gewaltig hier in dem Mittelpunkt Europas, wie zieht mich der Strudel mit allen meinen Sinnen hinein, wie fühle ich hier, was es heißt, zu lieben, zu versinken in dem berauschenden Strom des flammenden Glücks!«

Er schloß die Augen und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Als er nach einigen Minuten wieder aufsah, fiel sein Blick auf die Briefe, welche sein Diener auf den Tisch neben ihn gelegt hatte.

Fast mechanisch streckte er die Hand danach aus und ergriff ein ziemlich starkes Kouvert, welches dem Rande des Tisches zunächst lag.

»Die Handschrift meines Vaters,« sagte er, indem er rasch das Siegel erbrach.

Langsam las er den Brief seines Vaters, der ihm mit einfachen Worten, wie es die Art des alten Herrn war, mitteilte, was in der Familie und im Kreise der Bekannten geschehen sei, und ihm zugleich in dem Ton eines älteren Freundes Mut einsprach für die schwere Zeit, in der er lebte und die er noch vor sich hatte.

Sinnend legte er den Brief neben sich. Die treuen, ernsten Worte des Vaters waren in seinen Rausch hineingeklungen wie eine Mahnung aus einer von purpurnen Wollen verhüllten Welt, einer Welt, in welche die Wurzeln seines Herzens noch tief, tief verwachsen waren.

Der Brief des Oberamtmanns enthielt noch zwei andere.

Der junge Mann ergriff den einen, – er war von seiner Mutter.

Lange las er die Zeilen, welche die alte Dame ihm schrieb und aus welchen es ihm entgegenatmete wie bei eigentümliche Hauch des alten kühlen, schallenden Hauses in Blechow. Seine stille, glückliche Kindheit, seine einfach frohe Jugend trat ihm entgegen aus dem Briefe der Mutter, die in kurzer, sentenzenhafter Weise ihm so viel gute, kluge und liebe Worte schrieb, und die daneben nicht vergaß, ihn zum Schluß zu ermahnen, daß er seine Wäsche nicht verderben lassen und seine Gesundheit schonen möge in dem unruhigen Leben von Paris.

Eine Träne trat in sein Auge, mit wehmütigem Lächeln legte er endlich das Blatt wieder auf den Tisch zurück und griff nach dem dritten Brief.

Fast zögernd öffnete er denselben, – er war von Helene.

Als er die Schriftzüge des jungen Mädchens erblickte, führte er, einer unwillkürlichen Regung folgend, das Papier an seine Lippen.

Dann las er die vier eng beschriebenen Seiten, und als all' diese Reinheit, diese Liebe, diese Treue, dies Vertrauen ihm aus den einfachen, aber vom Duft einer süßen Poesie erfüllten Worten entgegentrat, flog seine ganze Seele hin nach der fernen Heimat, er sah die blühenden Rosenbeete im Pfarrgarten von Blechow, er sah das dunkelverhüllte Zimmer in Langensalza, in welchem die treuen lieben Augen ihm entgegenstrahlten, als er in der Nacht des Todeskampfes befangen dalag, er sah die dunkle Nacht in der Eilenriede, als er mit bangem, gepreßtem Herzen die Geliebte zum Abschied an die Brust drückte, um hinauszureiten der unbekannten Zukunft entgegen, und vor diesen reinen Bildern versank all' der glühende Glanz des Pariser Lebens wie die wallenden Nebel vor der aufsteigenden Sonne.

Er sprang auf und ging mit raschen Schritten durch das Zimmer.

»Wie spricht nur der gute Geist meiner Kindheit aus diesen Briefen!« rief er, »darf ich mich in dieses Meer versenken, dessen Wogen mich hier umspülen, und dessen geheimnisvolle Wunder mich locken und rufen?«

Er ging in heftiger Bewegung auf und nieder.

»Aber,« rief er dann, »ist mein Heiz, mein Blut dazu geschaffen, um all' dies berauschende Glück von sich zu stoßen, um darauf zu verzichten, nachdem es mir erschienen, nachdem ich es kennen gelernt? – Ist es ein Verbrechen, zu genießen, was diese Welt mir bietet und was ja doch nur vorübergehend ist, vorübergehend sein muß? – Kann ich nicht Zurückkehren zu jener stillen Einfachheit, nachdem ich den glühenden Rausch des Lebens genossen und mein dürstendes Herz erquickt habe mit dem süßen Trank aus der Quelle, die hier so reich mir fließt?«

Er preßte die Hand auf seine brennende Stirn und blieb vor dem Tisch stehen.

Sein Blick fiel auf einen Brief, der noch uneröffnet neben den anderen Papieren lag.

Er ergriff das Kouvert, öffnete das Siegel und fand einen Brief des Regierungsrats Meding, welcher ihn mit kurzen Worten ersuchte, ihn so bald als tunlich zu besuchen, um im Interesse des Dienstes des Königs eine Mitteilung entgegenzunehmen.

Mit jener militärischen Pünktlichkeit, welche allen persönlichen Gefühlen übergeordnet bleibt, sah der junge Mann nach seiner Uhr.

Es war zehn Uhr. Er ergriff seinen Hut, verschloß die Briefe, die er erhalten, und verließ seine Wohnung.

Er stieg die Rue du Faubourg Montmartre hinauf, ging über die Place Saint Georges an dem Hotel des Herrn Thiers vorbei und wendete sich einige Schritte weiter in die Rue Mansart, welche die Rue Saint Georges mit der Rue Blanche verbindet.

Vor der großen porte cochère eines Hotels nahe der Ecke blieb er stehen, zog den Kordon und schritt über den Hof nach dem im Grunde desselben vor einem Garten mit großen alten Bäumen liegenden Hause.

Der auf dem Vestibül wartende Kammerdiener sagte ihm, daß Herr Meding zu Hause sei und einige Herren bei ihm wären, er öffnete dem jungen Mann die Tür und Herr von Wendenstein trat in einem Salon im Geschmack Louis XVI., an welchen sich ein zweites mit bequemen Kanapes und Fauteuils gefülltes Zimmer anschloß; die großen Flügeltüren nach dem tiefschattigen Garten waren weit geöffnet, auf dem weiten steinernen Balkon, von welchem man zu dem Garten hinabstieg, standen ebenfalls Lehnstühle und eine Gesellschaft von sechs bis sieben Herren saß rauchend und plaudernd umher.

Der Regierungsrat Meding trat dem jungen Hannoveraner mit herzlichem Gruß entgegen und sagte ihm: »Ich freue mich, Sie heute abend noch zu sehen, ich hatte Sie gebeten zu kommen, um Ihnen zu sagen, daß die Aufrechterhaltung der Ordnung unter der hannöverschen Emigration, welche, wie Sie wissen, nach der Schweiz hat übersiedeln müssen, die Anwesenheit möglichst vieler Offiziere erfordert. So sehr ich Ihre Abwesenheit von Paris bedauern werde, so scheint es mir doch im Interesse des Dienstes unseres allergnädigsten Herrn sehr wünschenswert, daß Sie bald nach Zürich gehen und sich dort Herrn von Hartwig, der die Emigration kommandiert, zur Verfügung stellen.«

Ein eigentümlicher Ausdruck zeigte sich auf dem Gesicht des jungen Offiziers.

Zunächst leuchtete es in seinem Auge auf bei der Mitteilung, daß ihm Gelegenheit werden solle, der Sache, welche für ihn heilig war und der er gern alle seine Kräfte widmete, dienen zu können, dann zog es wie ein Schatten über seine Züge bei dem Gedanken daran, daß er Paris verlassen solle und alle die süßen Träume, die ihm hier aufgegangen waren.

»Ich werbe einige Zeit zur Vorbereitung und zur Ordnung meiner Angelegenheiten bedürfen,« sagte er, »sobald –«

»Wir wollen morgen weiter darüber sprechen,« erwiderte der Regierungsrat Meding und wendete sich zu einer Gruppe von Herren, unter denen der dänische Agitator Hansen in lebhaftem Gespräch mit einem jungen eleganten Manne sich befand, dessen geistvolles Gesicht von kurzem blonden und leicht gelockten Haar umrahmt war.

»Hansen,« sagte Herr Valfrey, der Redakteur des Mémorial diplomatique, »glaubt nicht, daß in Salzburg etwas Positives geschehen sei, er ist Pessimist und sieht in einer Allianz mit Österreich kein Heil für die Zukunft, während es mir doch auf der Hand zu liegen scheint, daß nur durch die innige Verbindung dieser beiden Mächte für die Zukunft das Unglück der Vergangenheit wieder gut gemacht werden kann.«

»Und warum ist unser sonst unermüdlich« Freund so oppositionell gegen die offizielle und offiziöse Gedankenrichtung, wie wir ihr in allen Journalen begegnen?« sagte Herr Meding lächelnd.

»Weil,« rief der kleine Hansen lebhaft mit seinem scharfen, etwas zischenden skandinavischen Dialekt, »weil ich ein Mann der Tat bin und weil ich noch nie gesehen habe, daß bei Phrasen und Hin- und Herdeliberieren etwas herauskommt. – Davon aber bin ich ganz überzeugt,« fuhr er mit bitterem Lächeln fort, »daß dieser österreichische Reichskanzler, den man mit Recht einen politischen Charmeur genannt, nichts anderes als Phrasen nach Salzburg gebracht hat, und daß der Kaiser Napoleon gewiß nichts getan hat, um diese Phrasen zu Handlungen zu verdichten. – Und das,« rief er, »das geschieht einem Manne gegenüber, der die Inkorporation des tätigen Handelns ist, das geschieht dem Grafen Bismarck gegenüber, der die Worte nur zu gebrauchen versteht, um sie wie den rollenden Donner den zuckenden Blitz seiner Tat begleiten zu lassen! – Wahrlich, auf diese Weise wird man seine Wege nicht durchkreuzen. Es gäbe in der Tat nur einen Weg für Österreich, eine Revanche für Sadowa zu nehmen, man müßte es verstehen, Herrn von Beust zum Minister in Berlin zu machen.«

Herr Meding wendete sich nach dem zweiten Salon und sagte lächelnd:

»Hören Sie, Ihr Landsmann wird uns etwas Musik machen, das ist besser als die sterile Politik.«

Hansen und Balfrey setzten flüsternd ihr eifriges Gespräch fort.

Der Leutnant von Wendenstein hatte sich ein Glas Porter-Vier mit Champagner gemischt, der ihm in einer carafe frappée von einem Lakaien serviert wurde, zündete eine Zigarre an und trat unter die Tür des Salons, gedankenvoll hinaufblickend über die hohen Bäume zum dunklen Nachthimmel.

Inzwischen hatte sich der Graf Schmettow, Jägermeister des Königs von Dänemark, ein eleganter Mann von etwa sechsunddreißig Jahren, mit blondem Haar und langem Schnurrbart, der in Paris seiner Liebe für die Künste lebte, an das Piano gesetzt und begann in fertigem und ausdrucksvollem Spiel eine Art von Potpourri aus dänischen Nationalmelodien vorzutragen.

»Es ist ein wunderbarer Reiz in Ihren nordischen Melodien,« sagte der Regierungsrat Meding, als der Graf innehielt, »ich fühle mich stets durch den kraftvollen und doch so geheimnisvoll sympathischen Klang mächtig angesprochen.«

»Ja,« erwiderte der Graf, »es liegt ein tief melodisches Element in unseren Volksweisen, doch muß ich Ihnen sagen, daß Ihre deutschen Komponisten es verstehen, gerade die wunderbare Einfachheit des Volksliedes unendlich glücklich nachzuahmen.«

Und er begann nach einigen einleitenden Akkorden die Melodie zu spielen:

»Es ist bestimmt in Gottes Rat,
Daß man vom Liebsten, was man hat,
Muß scheiden.«

Die so eigentümlich ergreifenden Töne klangen durch die Salons, unwillkürlich verstummten die Gespräche oder sanken zum leisen Flüsterton herab.

Der Leutnant von Wendenstein zuckte in sich zusammen, als die einfache Melodie zu ihm herüberklang.

Wie mit einem Zauberschlag stieg hinter dem Schatten der mächtigen Platanen, auf denen sein Auge ruhte, das Amtshaus in Blechow herauf, das alte Wohnzimmer, in welchem seine Mutter in so lieber Traulichkeit schaltete. Vor seiner Seele erhob sich lebendig wie die Gegenwart jener bange Abend des Abschieds vor dem Feldzuge, als Helene bleich und zitternd ihm dieses Lieb als letzten Scheidegruß mitgab auf den Weg voll Todesgefahr, er sah sie wieder vor sich, jene lieben, treuen Augen, die ihm geleuchtet hatten, als er aus den Banden des Todes zum Leben erstand, und als jenes tröstende Schlußwort: »auf Wiedersehen« aus den Tiefen seines Herzens auf seine Lippen trat.

Sein Auge strahlte im reinen Licht, ein glückliches, ruhiges Lächeln spielte um seine Lippen – die glänzenden, berauschenden Nebel sanken nieder, und als der Graf Schmettow mit leise verklingendem Akkord schloß, flüsterte der junge Mann leise vor sich hin, das Wort Fausts verändernd:

»Die Erde sinkt – der Himmel hat mich wieder.«

»Ich liebe dies Lied sehr,« sagte Herr Meding. »Sie haben Recht, lieber Graf, es ist so vollendet gemacht, bah man glaubt, eine im Volksmund aufbewahrte Tradition der langentschwundenen Vergangenheit zu hören.«

Herr von Wendenstein war herangetreten.

»Ich habe überlegt,« sagte er, »ich kann morgen früh alles ordnen und im Laufe des Tages nach der Schweiz abreisen.«

»Um so besser,« erwiderte der Regierungsrat Meding, »je schneller Sie dorthin kommen, um so größer wird der Dienst sein, den Sie der Sache des Königs leisten.«

Nach kurzer Zeit brach man auf.

Herr von Wendenstein ging ruhig und heiter nach Hause, Zweifel und Kampf war aus seiner Seele verschwunden und bald versank er in friedlichen Schlaf voll schöner, reiner Träume.

Der Brief Helenes lag auf seinem Nachttisch.

Zweiundvierzigstes Kapitel.

An einem Novemberabend des Jahres 1867 saß die Prinzessin Mathilde in dem reizenden, kleinen Salon der oberen Etage ihres Hotels in der Rue de Courcelles, zurückgelehnt in einen tiefen Fauteuil. Die großen Empfangsabende, an welchen die Prinzessin alles, was Paris an Großwürdenträgern, Diplomaten, Künstlern und Schriftstellern in ihren feenhaft mit Gewächshäusern umgebenen Appartements des untern Stockwerks mit der ihr eigentümlichen geistreichen Anmut um sich zu versammeln pflegte, hatte noch nicht begonnen, und die Prinzessin war nur für die ihr näher stehenden Personen im intimen Kreise zu Hause.

Die Tochter Jérômes hatte den schönen Kopf mit den feinen, geistvollen Zügen, den schwarzen, scharfblickend funkelnden Augen und dem dunkeln glänzenden Haar leicht auf die Hand gestützt, deren klassisch schöne Form und alabasterglänzende Weiße in aller Jugendfrische erhalten war und an die berühmte Hand ihres großen Oheims erinnerte. In der Stellung der Prinzessin war das etwas starke Embonpoint ihrer Figur nicht bemerkbar, und man hätte ihrer ganzen Erscheinung bei weitem nicht das Alter gegeben, das sie wirklich erreicht hatte.

Zu den Füßen der Prinzessin lag auf einem weichen Kissen ein kleines Windspiel, das trotz seines Mantels von dichtem, pelzverbrämtem Wollenstoff vor Kälte zitterte, zwei andere kleine Hündchen von der zierlichen, langhaarigen Rasse der Havanais hatten es sich in der Nähe auf niedrigen Tabourets bequem gemacht.

Der Salon war angefüllt mit allem, was ein hochgebildeter, hier und da vielleicht etwas launenhafter Geschmack zur Dekoration eines eleganten Interieurs vereinigen kann, an den Wänden hingen vortreffliche Ölbilder mit Landschaften aus Westfalen und mit Genrebildern aus dem westfälischen Bauernleben, vermischt mit klassischen Gemälden der italienischen Schule, sowie einige eigene, mit ebensoviel Geschick als Genialität ausgeführte Bilder der Prinzessin.

In der einen Ecke des Salons war die Ehrendame Madame de Reiset, eine anmutig schöne, junge Frau, beschäftigt, an einem kleinen Tisch, bedeckt mit geschmackvoll zierlichem Geschirr von Silber und Sevresporzellan, den Tee zu bereiten; neben der Prinzessin saß auf einem kleinen Lehnstuhl Herr Meding, der vertraute Diener des Königs von Hannover.

»Ich bedaure sehr,« sagte die Prinzessin, leicht mit der Spitze des zierlichen Fußes auf das Kissen ihres Windspiels schlagend, »daß unsere Ideen über eine Verbindung des hannoverischen Hauses mit Italien nicht schneller der Realisierung entgegengeführt worden sind. – Die jetzige Lage der Dinge dort muß alle Projekte vertagen und ich hätte so sehr gewünscht, daß das hannoverische Haus durch eine Verbindung mit den großen Mächten mehr in die Lage gekommen wäre, etwas für seine Zukunft zu tun.«

»Eure Kaiserliche Hoheit wissen,« erwiderte Herr Meding, »daß ich ohne Säumnis die Idee, über welche Sie mir die Ehre erzeigten, mit mir zu sprechen, überbracht habe, indes ein plötzlicher und schneller Entschluß schien mir für meine allerhöchsten Herrschaften sehr schwierig, da doch dabei verschiedene, sehr tief einschneidende Fragen in Erwägung gezogen werden mußten – die Religion – und die Prinzipien, welche in Italien zum Ausdruck gekommen sind, und welche ja gerade der König von Hannover in seiner gegenwärtigen Lage und Stellung bekämpfen muß –«

»Bah,« rief die Prinzeß, »der König wird sich doch nicht vergleichen wollen mit den Bourbons von Neapel und all den ausländischen Fürsten, die durch die Einigung Italiens depossediert sind. Ich sage Ihnen frei, der König hat Unrecht gehabt, sich gegen die Macht und die Verhältnisse zu stellen, aber jedenfalls war er dazu berechtigter, als die fremden Regenten, welche Teile von Italien beherrschten; doch wie dem auch sei, ich möchte gern seinem Hause nützlich sein, ich habe immer eine große Sympathie für ihn gehabt, ich erinnere mich noch lebhaft unserer Begegnung in Potsdam; bei einem Diner bei dem alten Fürsten Wittgenstein saß ich neben ihm und war in der Tat ganz ungemein angenehm berührt von der edlen Erscheinung dieses so ritterlichen und so unglücklichen Herrn. Die Königin von Holland hat mir neuerdings wieder mit großem Interesse von ihm gesprochen, ich bin immer der Meinung, daß richtige Verbindungen mit den europäischen Höfen das Neste sind, was der König in seiner Lage tun kann. – Der Prinz von Carignan hat mir unendlich viel von der Schönheit und Liebenswürdigkeit der Prinzessinnen erzählt, Sie wissen, was das Haus Habsburg durch seine Verbindungen erreicht hat –«

»Sie können überzeugt sein, Prinzessin,« sagte Herr Meding, »daß ich Ihrer Ansicht vollkommen beistimme, und gewiß stets gern bereit bin, in solchem Sinne zu vermitteln, sobald die Interessen meines Herrn dadurch gefördert werden.«

»Jetzt ist gar nichts zu machen und an gar nichts zu denken,« rief die Prinzessin, »diese neue Verwirrung in Italien stellt ja alle Verhältnisse auf den Kopf und bedroht Europa mit neuen Katastrophen. – Warum,« fuhr sie, den Fuß heftig hin und her bewegend, fort, »warum läßt man dies Italien nicht in Ruhe, was haben wir in Rom zu tun, um eine Sache zu schützen, die unhaltbar ist, wenigstens gewiß unhaltbar mit äußerer Gewalt! Wenn die Kirche und die Priester ihre Herrschaft über die Seelen nicht erhalten können mit den Mitteln des Geistes und der Überredung, so werden sie es gewiß niemals können durch Bajonette und Kanonen. O, ich bedaure es sehr, daß man dem Kaiser dazu rät, sich mit der sinkenden Macht des Papsttums zu verbinden und sich zum Feinde Italiens zu machen, statt sich mit dieser neu und jugendkräftig emporstrebenden Macht recht innig zu verbinden, wer wollte solcher Koalition widerstehen – und Frankreich wäre mächtiger als je!«

»Es ist für mich sehr schwer,« erwiderte Herr Meding, »mich als Fremder über die Politik Frankreichs und des Kaisers auszusprechen, da mir die nötige Kenntnis der Verhältnisse zu einem kompetenten Urteil fehlt –«

Die Prinzessin lächelte leicht und blickte aus dem Winkel des halbgeschlossenen Auges zu dem Sprechenden hinüber.

»Eine sehr diplomatische Einleitung!« sagte sie.

»Doch glaube ich,« fuhr Herr Meding fort, »daß die Idee einer festen Verbindung mit Italien sehr ernstlich verfolgt wird, soweit man nach den in die äußere Erscheinung tretenden Ereignissen urteilen kann; der Besuch des Kaisers von Österreich hier –«

»Nichts – nichts!« rief die Prinzessin, »ich habe lange mit Herrn von Beust mich unterhalten, ich bin nicht Politiker von Metier, aber ich habe meine Meinung und sage sie frei, auf Österreich ist nicht zu rechnen, da ist weder fester Willen noch richtige Kraft, Österreich würde Italien folgen, aber Italien handelt nicht mit kleinen Konzessionen, Italien verlangt seine nationale Einheit und seine Hauptstadt, und gerade jetzt schicken wir uns abermals an, diesem nationalen Aufschwung uns entgegenzustellen!« fügte er achselzuckend hinzu.

»Aber, Prinzessin,« sagte Herr Meding, »die Regierung des Kaisers wendet sich ja nicht gegen die italienische Regierung, die ganze Bewegung ist ja ein Freischarenzug, Ratazzi war ganz einverstanden mit –«

»Ratazzi!« rief die Prinzessin mit einem unbeschreiblichen Ton, »und vielleicht Madame Ratazzi auch?«

Unter der Portiere des vorderen Salons erschien in diesem Augenblick ein Herr von etwa sechzig Jahren mit dem großen Band der Ehrenlegion, sein scharfgeschnittenes Gesicht, von dünnem Haar umrahmt, Zeigte eine seine Intelligenz, und die verbindliche Höflichkeit des Hofmannes lag auf seinen Zügen. Ihm zur Seite schritt eine schlanke Dame von wunderbarer Schönheit, das fast marmorbleiche Gesicht war wie durch dunkles Feuer von den tief blauschwarzen Augen mit langgebogenen Wimpern erleuchtet, ebenso schwarze, reiche Flechten faßten die Stirn ein, die hohe Gestalt war gehüllt in eine Robe von schwarzem Sammet – reicher Schmuck von prachtvollen Diamanten glänzte an ihrem Hals und in ihrem Haar.

Es war der Marquis von Chasseloup-Laubat mit seiner Gemahlin, welche der Cousine des Kaisers ihren Abendbesuch machten.

Die Prinzessin reichte der Marquise die Hand und lieh sie neben sich den Platz einnehmen, den Herr Meding aufstehend ihr eingeräumt hatte.

»Nehmen Sie sich in acht, Marquis,« rief die Prinzessin heiter lachend, »Sie finden mich in einer sehr unzufriedenen Stimmung, ich war soeben im Begriff, sehr unangenehme Dinge über die Politik zu sagen, die man in diesem Augenblicke macht, Ihre Loyalität würde in große Verlegenheit gekommen sein, wenn Sie meine Ausfälle hätten anhören müssen –«

»Meine Loyalität wird stets mit dem größten Respekt die Meinung einer Dame und einer kaiserlichen Prinzessin anhören,« sagte der Marquis sich verneigend, »nur werde ich mir vorbehalten, diese Meinung nicht immer zu teilen –«

»Oder es nicht zu sagen, wenn Sie sie teilen,« lachte die Prinzessin. – »Wissen Sie, meine Herren,« fuhr sie nach einem Augenblick fort, während Madame de Reiset den Tee servierte, »was ich mir vorgenommen habe zu tun – ich werde ein Journal gründen, ein großes Journal, das wird eine sehr interessante Beschäftigung weiden – ich werde sehr deutlich meine Meinung sagen über alles, was ich sehe und was mir mißfällt, o, Sie sollen sehen, das würden herrliche Artikel werden, die ich schreiben würde oder schreiben lassen, denn ich müßte meine Redakteure haben. Wollen Sie Mitglied meiner Redaktion werden, Marquis?«

»Ich fürchte, daß dies Journal mit den Preßgesetzen in Konflikt kommen würde,« sagte Herr von Chasseloup-Laubat, »namentlich wenn es die inneren Angelegenheiten ähnlich kritisierte, wie Eure Kaiserliche Hoheit es mit der auswärtigen Politik zu beabsichtigen scheinen.«

»O,« rief die Prinzessin halb scherzend, halb in wirklichem Zorn, »über die inneren Angelegenheiten werde ich noch ganz anders meine Geißel schwingen, denn mit der Verwaltung habe ich wohl Grund auf schlechtem Fuß zu stehen. – Wissen Sie, was Ihr Herr Haußmann mir getan hat?«

Der Marquis zuckte mit einem leicht verlegenen Lächeln die Achseln.

»Dieser Pascha von Paris,« rief die Prinzessin, »hat mir einen Teil meines Gartens von Saint Gratien expropriiert und mir eine häßliche, dampfende und schnaubende Eisenbahn mitten durch meinen schönen, stillen Park gelegt, und was das Schönste ist, die Expropriationsgelder hat er für den kaiserlichen Domanialfonds in Anspruch genommen und dorthin abgeliefert, ist das nicht unerhört? – und als ich mich beim Kaiser beschwerte, hat dieser verlegen seinen Knebelbart gestrichen, den er übrigens gar nicht tragen sollte, denn er kleidet ihn sehr schlecht – und hat mir gesagt, man müsse Herrn Haußmann in allen diesen Dingen freie Hand lassen, er verstehe das ausgezeichnet, aber sei ein wenig selbständig, und das sei nötig, um so große Schöpfungen ins Leben zu rufen. – O, wenn ich mein Journal hätte! – Aber die Gerechtigkeit wird ihn ereilen,« rief sie nach einem augenblicklichen Schweigen, »diesen Herrn Haußmann, er wird einen schönen Stand im Corps legislatif haben, wenn es zur Debatte kommt, daß er den Etat der Stadt Paris um 530 Millionen überschritten hat –«

»Eure Kaiserliche Hoheit wissen?« rief der Marquis von Chasseloup-Laubat erschrocken.

»Ich weiß ein wenig alles,« sagte die Prinzessin mit triumphierendem Lächeln, »man hat seine guten Freunde, und diesmal, das kann ich Sie versichern, bin ich sehr genau unterrichtet.«

»Ich biete mich Eurer Kaiserlichen Hoheit für die Bearbeitung der deutschen Angelegenheiten in Ihrem Journal an,« sagte Herr Meding, das Gespräch von dem peinlichen Punkte, den es berührt hatte, ablenkend.

»Ich danke, nein!« rief die Prinzessin, »Sie kann ich nicht gebrauchen, Sie sind recalcitrant – ich muß Ihnen sagen, ich habe großen Respekt vor diesem Grafen Bismarck, der da weiß, was er will, man sollte ihn ruhig gewähren lassen und keinen Streit mit ihm anfangen, denn daraus muß schließlich ein unglückseliger, furchtbarer Krieg mit all seinem entsetzlichen Elend entstehen, Sie würden mich in böse Konflikte mit der preußischen Regierung bringen –«

»Die Verhältnisse haben mich auf die Seite der Gegner des Grafen Bismarck gestellt,« erwiderte Herr Meding, »aber Eure Kaiserliche Hoheit können überzeugt sein, daß es nie größere Achtung vor einem politischen Gegner geben kann, als ich sie vor diesem Willensstärken, mächtigen Staatsmann empfinde.«

Ein hochgewachsener, schlanker Mann, dunkelblond mit intelligentem, blassem Gesicht, elegant in Manieren und Haltung, trat ein.

»Guten Abend, guten Abend,« rief die Prinzessin, mit leichtem Kopfnicken die tiefe Verbeugung erwidernd, mit der Herr Henry de Pêne, der bekannte geistreiche Schriftsteller, sich ihr näherte, »gut, daß Sie kommen, Sie sind ein Mann vom Metier, Sie sollen mir raten, wie ich es anfangen muß, um ein Journal zu gründen, damit ich endlich einmal der Welt zeigen kann, wie man frei und offen seine Meinung sagt!«

»Eure Kaiserliche Hoheit können das sehr leicht haben,« erwiderte Herr de Pêne lachend, »laufen Sie dem armen Dusautoy seine ›Epoque‹ ab, die Last wird ihm zu groß, er möchte sich, wie ich höre, dieses Blattes entledigen, Eure Kaiserliche Hoheit finden da Ihre Sache ganz fertig –«

»Dusautoy, der Schneider des Kaisers!« rief die Prinzessin mit hellem Lachen, »in seiner Hand kann freilich ein Journal nicht prosperieren, die erste Bedingung eines Organs der öffentlichen Meinung ist ja die Wahrheit, die unverhüllte Wahrheit, Dusautoy aber, das ist stärker wie er, er muß ja diese arme Wahrheit, wenn sie in ihrem mythologischen Kostüm vor ihm erscheint, sofort in feine Fracks und Pantalons stecken!«

Alle lachten.

»Kennen Eure Kaiserliche Hoheit das hübsche Quatrain,« fragte Herr Meding, »das man gemacht hat, als der Sultan sich bei Herrn Dufautoy, diesem vortrefflichen Schneider mit der unglücklichen Idee, ein politisches Journal zu besitzen, während seines Besuches ankleiden ließ?«

»Eh bien!« fragte die Prinzessin.

Herr Meding rezitierte:

»De Mahomet raillant la loi
Le Sultan quitte sa défroque –
Il s'habille chez Dusautoy:
Il est vraiment de son époque!«

»Vortrefflich!« rief die Prinzessin lachend.

»Der Padischah in die ›Epoque‹ gehüllt, das ist ein herrliches Bild,« sagte Herr de Pêne.

»Doch sagen Sie mir,« sagte die Prinzessin, »wie tröstet sich Paris über das Ende bei Ausstellung, diese ewige Ressource der Pariser?«

»Man tröstet sich so gut man kann,« erwiderte Herr de Pêne, »man beginnt sich wieder für einige erste Vorstellungen zu interessieren, man spricht davon, daß Hortense Schneider I. das Szepter der Großherzogin von Gerolstein niederlegen will –«

»In der Tat?« fragte die Prinzessin, »und wer wird ihre Nachfolgerin sein?«

»Mademoiselle Zulma Bouffar,« sagte Herr de Pêne, »welche viel Talent, eine schöne Stimme und jedenfalls mehr Jugend und Frische besitzt als feu la grande duchesse, wie man Mademoiselle Schneider nennt.«

»Ich bin vor einigen Tagen nach dem Ausstellungsplatz gefahren,« sagte die Prinzessin nach einem augenblicklichen Schweigen in nachdenklichem Ton, »und ich muß Ihnen sagen, daß der Anblick dieser allgemeinen Zerstörung und Auflösung einen tief schmerzlichen Eindruck auf mich gemacht hat. Dieses so feenhaft arrangierte Marsfeld, das alle Wunder der Kunst und Industrie, das die Elite aller Nationen in seinen Palästen und auf seinen frischen Rasenplätzen vereinigte, liegt nun wüst und unordentlich da, man sieht nichts als Arbeiter, welche die Gegenstände der Bewunderung der Welt einpacken, um sie nach allen Richtungen der Windrose wieder in die Welt zu versenden, man hört das Hämmern der Packer, das klingt wie die Schläge auf einen Sarg, in welchem man all diese Schönheit, all diesen Reiz begräbt, und dazu kommt noch dies traurige Novemberwetter, das den Himmel mit grauem Schleier bedeckt und die Erde mit schmutzigem Schlamm überzieht. O, es ist kaum möglich, einen schärferen Gegensatz zu sehen zwischen dem Marsfeld von diesem Sommer und dem Marsfeld von heute, kaum möglich, ein treffenderes Bild zu sehen von der Vergänglichkeit alles irdischen Reizes!«

»Ist es denn wahr, Prinzessin,« fragte Herr de Pêne, »daß auch der schöne Glaspalast vollständig wieder abgebrochen werden soll? Er ist doch ein wunderbares Werk der Architektur, und es wäre wahrlich schade, ihn wieder zu vernichten. Die Ausstellungskommission wünscht dringend, ihn zu erhalten, man könnte ihn zu permanenten Ausstellungen und zu verschiedenen öffentlichen Zwecken vortrefflich benützen.«

»Das Palais wird niedergerissen werden,« sagte die Prinzessin, »es soll nicht anders gehen, die Militärs behaupten, daß sie den großen Übungsplatz des Marsfeldes nicht entbehren können.«

»Und ich glaube, sie haben Recht,« bemerkte der Marquis von Chasseloup-Laubat, »wir haben uns Mühe gegeben, das Ausstellungsgebäude zu erhalten, aber wir haben uns doch überzeugen müssen, daß die Gründe, welche das Kriegsministerium dem Kaiser entwickelte, durchschlagend seien. – Die französische Armee und an ihrer Spitze das Elitekorps der Garde ist eben die Grundlage, auf welcher der Glanz und die Größe Frankreichs beruht, und das Marsfeld bietet allein der Garde die weite Fläche zu ihren Übungen und zugleich den historischen Boden, der doch für den Geist der Soldaten auch nicht gleichgültig ist.«

Die Prinzessin schwieg. »Wie mag es dem armen Grafen Goltz gehen?« fragte sie nach einer Pause.

»Der Graf ist sehr leidend,« sagte der Marquis von Chasseloup-Laubat, »man glaubt, daß er unheilbar sei.«

»Es ist wirklich traurig,« rief die Prinzessin, »er war noch wenige Tage vor seiner Erkrankung bei mir, ich liebte ihn nicht zu sehr – er hatte ein ewiges Lächeln, das mich agacirte, und zwei Tage darauf, als er Morgens seine Zigarre anzündete, er hatte die sehr schlechte Gewohnheit des Rauchens, fühlte er einen Schmerz in der Zunge und sein Arzt, der ihn untersuchte, sagte ihm, es sei ein Krebsgeschwür. – Der arme Mann,« fuhr sie fort, »er liebte mich auch nicht sehr, das war natürlich – ich war ihm zu wenig diplomatisch, und dann – doch sein Schicksal tut mir herzlich leid! – Und denken Sie,« fuhr sie fort, »es ist eine Familienkalamität, sein Vater war preußischer Gesandter zur Zeit Napoleon I. – und er starb ebenfalls am Zungenkrebs.«

Eine Pause trat in dem Gespräch ein. Der Marquis von Chasseloup-Laubat erhob sich und verabschiedete sich mit seiner Gemahlin, welche mit keinem Wort an der Konversation teil genommen hatte, von der Prinzessin.

Herr Henri de Pêne folgte bald dem Marquis und der Marquise.

Der Regierungsrat Meding, welcher sich inzwischen mit Frau von Reiset unterhalten hatte, näherte sich der Prinzessin, um sich zu verabschieden.

»Ich bitte Sie,« sagte diese, »wenn Sie Ihrem Könige schreiben, ihm meine Komplimente zu machen und ihn meiner herzlichsten Teilnahme zu versichern.«

»Seine Majestät wird über die freundlichen Gesinnungen Eurer Kaiserlichen Hoheit sehr erfreut sein,« sagte Herr Meding, indem er die dargebotene Hand der Prinzessin mit den Lippen berührte.

In diesem Augenblick trat schnell ein schlanker Mann mit blassem Gesicht von südlichem Typus und dunkeln Augen ein. Sein dünnes Haar war sorgfältig frisiert und gescheitelt, ein spitzgedrehter Schnurrbart bedeckte die Oberlippe.

Seine Haltung und der Ausdruck seiner Züge trugen den Stempel der Hast und Aufregung.

»Nun, Graf Vimercati, was bringen Sie Neues? – Sie haben etwas Wichtiges zu erzählen – ich sehe es Ihnen an!« rief die Prinzessin dem Vertrauten des Königs Viktor Emanuel zu, der in Paris weilte, um durch den Einfluß seiner persönlichen Verbindungen die Beziehungen zwischen den Höfen von Paris und Florenz inniger und vertrauter zu erhalten.

»Ich habe in der Tat Wichtiges und Neues zu erzählen,« rief Graf Vimercati, indem seine Worte von raschen Atemzügen unterbrochen wurden, »bei Mentana vor Rom hat ein Zusammenstoß zwischen den Freischaren Garibaldis und den französischen Truppen stattgefunden, fast die ganze Schar Garibaldis ist niedergemacht durch das mörderische Feuer der Chassepotgewehre, die Aufregung ist furchtbar, ich habe soeben einen Kurier erhalten – ich weiß nicht, ob die Regierung und die Gesandtschaft schon unterrichtet sind, wollte aber keinen Augenblick säumen, Eure Kaiserliche Hoheit au fait zu setzen.«

Die Prinzessin hatte sich aufgerichtet und stand einen Augenblick nachdenkend da. Zornige Bewegung arbeitete in ihren Zügen.

»Das ist die Folge der italienischen Politik, welche sich zwischen zwei unversöhnliche Gegensätze hat stellen wollen und die Feindschaft beider endlich davontragen wird. – Durch die Chassepotsalven von Mentana ist Frankreich von Italien getrennt, und bitter wird sich diese Trennung einst rächen. – Auch die Ideen, über welche ich mit Ihnen gesprochen,« fuhr sie zu Herrn Meding gewendet fort, »sind damit zu Unmöglichkeiten geworden, denn nach diesem Ereignis wird die Zukunft unberechenbar.«

Sie ließ sich langsam wieder in ihren Fauteuil zurücksinken.

»Erlauben Eure Kaiserliche Hoheit, daß ich mich zurückziehe,« sagte Herr Meding, »es drängt mich, meinem Herrn von diesem wichtigen Ereignis Kunde zu geben.«

Er küßte die Hand der Prinzessin, welche leicht den Kopf neigte, und verließ den Salon,– –

Die Prinzessin hatte Recht. Die Ideen, welche die Entrevue von Salzburg veranlaßt hatten, welche bei dem österreichischen Besuch in Paris hatten zur weiteren Entwickelung kommen sollen, waren durch den Zug Garibaldis und den Zusammenstoß bei Mentana beseitigt. Italien zog sich tief verletzt von Frankreich zurück und wartete, bis eine günstige Gelegenheit ihm erlauben würde, die Hand auf seine nationale Hauptstadt zu legen.

Österreich zog sich ebenfalls vorsichtig in sich selbst zurück und aus der Staatskanzlei am Ballhofsplatze zu Wien gingen die feierlichsten Versicherungen herzlichen Einvernehmens nach Berlin ab. Das kaiserliche Frankreich stand isoliert in Europa da und hatte in dieser Isoliertheit nicht den Trost des Wortes: »Der Starke ist am mächtigsten allein.«

Während so das Kaiserreich einsam dastand auf seinem leise und allmählich zerbröckelnden Fundament, während das berliner Kabinett in kalter und stolzer Ruhe unbeirrt seinen Weg verfolgte, verkündete die offizielle Presse triumphierend – und triumphierend wiederholte die öffentliche Meinung in Frankreich:

Les chassepots sont fait merveilles.