Die Römerfahrt der Epigonen

I. Band.

Erstes Capitel.

Ein reges Leben herrschte in der alten Reichsstadt Goslar, der einst so glänzenden Residenz Kaiser Heinrichs, dessen hochragendes Schloß in Ruinen daliegt und traurig hinabblickt auf die Stadt am Harz.

Lange waren sie vorüber die Tage des alten Glanzes, und still hatte das Leben in der vergessenen Bergstadt sich von Jahr zu Jahr hingezogen – wie träumend nur hatten sie herübergerauscht die Sagen von den verschwundenen Zeiten aus den dunkeln Wäldern des Harzes her, in denen einst der große kaiserliche Vogelsteller sein Netz spannte, – und die alte Kaiserresidenz war zur kleinen Provinzialstadt des Königreichs Hannover geworden, in welche kaum einmal ein Fremder seinen Fuß setzte, wenn nicht ein Alterthumsforscher den Spuren der großen Vergangenheit nachging.

Dann aber war plötzlich in den neuesten Tagen das alte Goslar ein Sammelpunkt von Fremden aus aller Herren Länder geworden, – aber nicht wegen der Alterthümer kamen sie, sondern wegen der wunderbaren Heiltränke, welche der Schuster Lampe aus den Kräutern des Harzes zu brauen verstand und von deren Wirkungen bei sonst unheilbaren Krankheiten man sich die unglaublichsten Dinge erzählte. Wer von den Aerzten aufgegeben war, der kam nach Goslar zu dem wunderthätigen Schuster und verbreitete dann den Ruf von dessen Tränken weiter. Wohl hatten die zünftigen Aerzte den eigenthümlichen Naturarzt verfolgt und ein Verbot seiner Kuren erwirkt, – aber der König von Hannover hatte seine Tränke höchstpersönlich geprüft und ihre heilsame Wirkung empfunden, und der Facultät zum Trotz dem Schuster Lampe die Erlaubniß gegeben, den Leidenden zu helfen mit seinen waldduftenden Harzkräutern. Der König selbst war mit seinem Hof nach Goslar gekommen und brauchte die Lampe'sche Kur, fremde Fürsten waren ihm gefolgt, – die hannöverschen Minister und hohen Staatsbeamten kamen zu den Vorträgen und Berathungen hinüber, und von da ab füllten sich die Häuser der Bürger von Goslar mehr und mehr mit Fremden, – die alte Harzstadt gewann das Ansehen eines frequenten und eleganten Badeortes und ein Strom von Gold ergoß sich aus allen Ländern über ihre glücklichen Bewohner.

Es war im Juli 1863.

Hoch über der Stadt Goslar liegt das alte Klostergebäude, der Frankenberg, ein alterthümliches Haus in schönem Garten mit prachtvoller Aussicht nach den Bergen und über die Stadt hin. Hier hatte der König Georg von Hannover mit der Königin, dem Kronprinzen und den Prinzessinnen ihre Residenz aufgeschlagen, in ländlicher Einsamkeit lebte die Königliche Familie hier still und ruhig, und wenn keine Besuche aus Hannover kamen, die eine größere Entfaltung königlichen Glanzes veranlaßten, so war der Hofhalt von der äußersten Einfachheit, ganz der ziemlich strengen Diät der Lampe'schen Kur angepaßt.

In seinem großen und geräumigen, aber mit einer ganz bürgerlichen Anspruchslosigkeit meublierten Wohnzimmer im ersten Stockwerk des Frankenberger Klosters saß der König Georg V. in einem Lehnstuhl mit hölzernen Seitenlehnen vor seinem Schreibtisch.

Der König war damals vierundvierzig Jahre alt, – sein edles Gesicht mit dem schönen scharf geschnittenen Profil hätte in seiner vollen blühenden Frische und Gesundheit kaum jenes Alter errathen lassen, – der fehlende Blick des sehenden Auges nahm diesem schönen und sympathischen Gesicht nicht den geistig lebensvollen Ausdruck, wie man dies sonst wohl bei blinden Personen findet, – das lebhafte Mienenspiel, die beredte und anmuthig verbindliche Bewegung der Lippen beim Sprechen erfüllt die Züge des Gesichts mit dem Glanze geistigen Lichtes, und bei der eigenthümlichen Sicherheit, mit welcher der König stets die Augen scharf auf denjenigen richtete, mit dem er sprach, wollten die Personen, welche nicht regelmäßig mit ihm verkehrten, selten an den völligen Verlust seines Augenlichtes glauben.

Der König trug die Uniform der Gardejäger ohne Epauletten mit dem kleinen Kreuz des Guelphenordens, – unter dem unterhalb aufgeknöpften Waffenrock sah man das große blaue Band des Ordens vom Hosenbande. Er rauchte eine Cigarre aus einer langen Holzspitze.

Dem Könige gegenüber saß sein Geheimer Cabinets-Rath Dr. Lex, – ein kleiner unscheinbar bescheidener Mann von fünfzig Jahren, mager und trocken, mit kleinem, faltenreichem, bartlosem Gesicht, das fast immer einen leicht mürrischen Ausdruck zeigte und sich nur bei längerer Unterhaltung mit näheren Bekannten zu einer gemüthlichen Heiterkeit aufhellte.

Der Geheime Cabinets-Rath las dem Könige die aus Hannover eingegangenen Berichte vor.

»Der Minister Windthorst berichtet über die Thätigkeit des großdeutschen Vereins,« sagte der Geheime Cabinets-Rath, indem er einen Bogen entfaltete, – »auch der Ober-Gerichts-Director Witte hat mir einen Privatbrief über denselben Gegenstand geschrieben.«

»Nun, was macht denn dieser vortreffliche Verein?« fragte der König mit leichtem Lächeln, indem er eine lange Rauchwolke aus den gespitzten Lippen hervorblies.

»Er bereitet abermals eine Versammlung mit Resolutionen über die deutschen Angelegenheiten vor,« erwiderte der Geheime Cabinets-Rath.

»Und welche Resolution will man fassen,« fragte der König.

Der Geheime Cabinets-Rath blickte in den Bericht und sprach:

»Der großdeutsche Verein erkennt in dem Vorgehn Dänemarks zur völligen Trennung Schleswigs von Holstein eine Beeinträchtigung der Rechte Deutschlands –«

Der König nickte mit dem Kopfe, – »eine unumstößliche Wahrheit!« sagte er halb für sich.

»– und der großdeutsche Verein,« fuhr der Geheime Cabinets-Rath fort, »erwartet daher, daß alle deutschen Regierungen, insbesondere auch die hannöverische diesem Vorgehen energisch entgegentreten werde.«

»Sehr hübsch,« sagte der König, abermals lächelnd, – »es ist gewiß nichts gegen diese Resolution einzuwenden, – nur sollte sie sich in allererster Linie an die beiden ersten Mächte des Deutschen Bundes, an Preußen und Oesterreich richten, – denn wenn diese einig, wahrhaft einig sind, so ist der deutsche Bund die erste Macht in Europa und an keinem Punkte wird deutsches Recht beschädigt werden können. – Daß ich, wo es die Ehre und das Recht Deutschlands gilt, meine Schuldigkeit thun werde, versteht sich von selbst, – aber was kann Hannover allein thun, – warum gerade Hannover besonders hervorheben? – Möchten doch jene beiden großen Mächte an der Spitze des Bundes ernsthaft handelnd auftreten, so wäre ja Alles gethan, – statt dessen lancirt man von Wien aus Ideen über die Bundesreform in die öffentliche Meinung hinein, und greift damit die Grundlage des Rechts, der Ruhe und des Friedens nicht nur in Deutschland, sondern in Europa an. – Der deutsche Bund,« fuhr er lebhaft fort, »ist nicht reformirbar – sein Fehler liegt nur darin, daß er eine Vereinigung rechtlich gleicher Glieder bildet, unter denen zwei an Macht so gewaltig die übrigen überragen, daß ohne sie nichts geschehen kann und daß es keine Gewalt giebt, welche jene zwingen könnte, sich den Gesetzen des Bundes zu unterwerfen, wenn sie es nicht wollen. Keine Bundesreform kann dies Mißverständniß beseitigen, und darum sollte man nicht an Reformen des Bundes denken, sondern alle Fürsten und Regierungen, die es wahrhaft gut mit Deutschland meinen, sollten unablässig danach streben, die beiden deutschen Großmächte in fester Einigkeit aneinander zu schließen und jedes Mißtrauen und Mißverständniß zu beseitigen. Ich wenigstens halte das für meine höchste Pflicht, der gemäß ich auch gehandelt habe – und wie ich glaube, mit Erfolg gehandelt, – als ich den König von Preußen veranlaßte, nicht allein nach Baden-Baden zu gehen, sondern umgeben von den übrigen Königen in Deutschland dem französischen Kaiser entgegenzutreten. – Glauben Sie mir, lieber Lex,« fuhr er nach einem langen Athemzug fort, – »die Einigkeit zwischen Preußen und Oesterreich ist die Lebensbedingung des Deutschen Bundes – keine der beiden Mächte kann und wird die andere unterwerfen, – und an dem Tage, an welchem jene Einigkeit ernstlich gestört werden sollte, wird man sagen können, finis Germaniae!« –

»Hat der großdeutsche Verein also die müßige Theorie der Bundesreform aufgegeben?« fragte er weiter.

»Doch nicht, Majestät,« sagte der Geheime Cabinets-Rath kopfschüttelnd, – »der Verein will in seiner Resolution auf die Nothwendigkeit der Bundesreform hinweisen, – welche,« fuhr er die Stelle des Berichtes vorlesend fort, »insbesondere auch die Herstellung einer auf die Kriegsverfassung des Bundes gestützten schlagfertigen Militairorganisation der Bundesstreitkräfte in's Auge fassen soll. Als Grundbedingung dafür bezeichnet der Verein die Zusammenfassung der Streitkräfte der deutschen Mittel- und Kleinstaaten zu einem selbstständig und einheitlich bewegbaren Armeekörper.«

Der König blies das Ende seiner Cigarre aus der Spitze und rief lebhaft:

»Das ist der einzige vernünftige Gedanke in der ganzen Resolution. Die alleinige Möglichkeit für alle kleineren Glieder des Bundes ernstlich und nachhaltig auf die Einigkeit der beiden Großmächte zu wirken, liegt darin, daß sie zunächst unter einander einig sind, namentlich auch militairisch geeinigt, denn so allein können sie ein wirkliches Gewicht in die Wagschale werfen und ihrem Rath Gehör schaffen.«

Man hörte einen Wagen in den stillen Hof des Klosters rollen, – bald darauf ertönten Stimmen und heiteres Lachen im Vorzimmer.

»Lampe!« rief der König.

Der Kammerdiener erschien in der rasch geöffneten Flügelthür mit den Worten:

»Ihre Majestät die Königin!«

Unmittelbar darauf trat die Königin Marie ein. Sie war mit dem Könige gleich alt, aber noch weniger als dies bei ihrem Gemahl der Fall war, ließ ihr Aussehen dies Alter vermuthen. Ihre Gestalt hatte noch die ganze schlanke Elasticität der Jugend. – Die Züge ihres runden, vollen und anmuthigen Gesichts waren so frisch und heiter, daß man darüber den kränklich blassen Teint vergaß und die vollen Flechten ihres Haupthaares waren weder in ihrem reichen Wachsthum noch in ihrer schönen braunen Farbe von der dahin fliehenden Zeit berührt worden.

Die Königin trug ein leichtes Sommerkleid, einen runden Strohhut mit einem frischen Blumenstrauß geschmückt in der Hand. Sie trat laut und fröhlich lachend in das Cabinet.

Ihr folgte auf dem Fuße eine eigenthümliche Erscheinung, ein Mann von fast siebenzig Jahren, ausgetrocknet und dürr, Ausdruck und Haltung ohne Anmuth, aber doch durch eine gewisse leichte und selbstbewußte Sicherheit über die Gewöhnlichkeit erhaben. Die unregelmäßigen Züge seines Gesichts zeigten eine gewisse verbissene Verschlossenheit, und die tief unter der etwas hervortretenden Stirn heraufblickenden Augen waren ebenso voll kalter scharfer Beobachtung als voll eigenthümlichen, orientalisch glühenden Fanatismus.

Diese sonderbare Erscheinung war der berühmte Naturheilkünstler Lampe – er trug einen kurzen Rock von originellem Schnitt mit aufstehendem Kragen und mit schwarzen Schnüren nach Art der alten polnischen Kurtkas besetzt, und hielt eine österreichische Mütze mit großem Schirm in der Hand.

Der König hatte sich beim Eintritt seiner Gemahlin erhoben und war vor seinem Stuhl stehen geblieben, während der Geheime Cabinets-Rath mit tiefer Verbeugung Ihre Majestät begrüßte.

»Lampe ist sehr ungnädig, Männchen,« sagte die Königin immer noch lachend, – »er hat auf meinem Frühstückstisch Kaffee gefunden, – und ich kann es allerdings nicht läugnen, daß ich mir heute diesen von der Regel seiner Kur abweichenden Genuß erlaubt habe, – da ist er so böse geworden, daß ich mich vor seinem Schelten hier unter Deinen Schutz flüchten muß.«

»Das wird Ihrer Majestät, meiner allergnädigsten Königin gar nichts helfen,« sagte Lampe mit seiner trockenen, kurzen Stimme in sehr ausgesprochenem Harzer Dialect, – »Hier in Goslar sind alle Patienten, welche die Kräuterkur brauchen wollen, meine Unterthanen, und ich kann gar keine Abweichung von meinen Gesetzen dulden, – ich habe keine Instanz über mir und kein Parlament neben mir – ich frage Niemand und gebe keine Rechenschaft, und wer gesund werden will, muß mir gehorchen.«

Der König lachte herzlich.

»Glücklicher Lampe,« rief er, – »das kann kein anderer Souverain von sich sagen, – fast sollte ich Lust bekommen, mein Herrschaftsgebiet mit dem Ihrigen zu vertauschen.«

»Gegen den Tausch würde ich ganz gehorsamst protestiren,« rief Lampe seine Hände gegen den König erhebend, – »Eure Majestät haben mir zu viele gesunde Unterthanen, mit denen mag ich Nichts zu thun haben, – ich ziehe die Kranken vor, – die müssen sich schon fügen, – und haben den Vorzug, daß sie ihre Steuern gern und willig zahlen.«

»Da ich also kein Recht bei Dir finde, sagte die Königin, »so muß ich mich wohl entschließen, die Opposition aufzugeben und den Kaffee von meinem Frühstückstisch zu verbannen.«

»Es wird Eurer Majestät nichts Anderes übrig bleiben,« murrte Lampe, – »ich habe Ihnen in der That noch keine zu strengen Diätregeln vorgeschrieben.«

»Doch jetzt den Kurrapport,« rief der König, – und lächelnd hob er einen Finger empor, »sprechen darf man ja dabei nicht.«

Die Königin trat an ein Fenster.

Lampe betrachtete den König scharf und prüfend aus seinen stechenden Augen und sagte kurz: »Ich werde Eurer Majestät in einer Stunde den heutigen Trank senden.«

»Ich muß Ihnen übrigens sagen, mein lieber Lampe,« sprach Georg V. weiter, »daß Ihr Einreiber Lentje fürchterlich mit mir umgeht, um mir Ihre harzigen Salben in die Haut dringen zu lassen. – Er behandelt mich in der That wenig rücksichtsvoll.«

»Gut, gut,« rief Lampe, – »das ist seine Pflicht, – er muß die Glieder tüchtig kneten, – sonst dringt der Saft nicht ein, – ich würde ihn fortschicken, wenn er Rücksichten nehmen wollte.«

»A propos,« sagte der König lachend, – »was macht denn mein Professor Pernice, den Sie in der Kur haben, ich habe ihn seit einigen Tagen nicht gesehen, – ist er schon schlanker geworden?«

»Bei dem guten Pernice,« sagte die Königin, welche zu ihrem Gemahl getreten war, – »trifft wenigstens zu, was der Bürgermeister Sandvoß über Lampe's Kur sagt, – die Kur ist gewiß ganz gut – aber es gehört eine feste Gesundheit dazu.«

Und schalkhaft lächelnd blickte sie auf den Naturarzt, welcher roth vor Zorn wurde und mit funkelnden Augen rief: »Der Bürgermeister Sandvoß versteht davon gar Nichts, – gar Nichts, – und wenn er seine ungehörigen Bemerkungen nicht unterläßt, so werde ich ihm zeigen, daß ich Herr in Goslar bin und daß die Bürgerschaft mir und nicht ihm gehorcht, – übrigens,« fuhr er fort, – »hätte sich der Professor Pernice viel mehr über meine Vorschriften zu beklagen, als Eure Majestät, – denn ihm habe ich verordnet, jeder Morgen zwei Stunden lang auf einem Beine zu stehen, während er zwei Flaschen Kräutersaft trinkt, – und es bekommt ihm vortrefflich, – ich lasse ihn jeden Abend wiegen und er nimmt täglich um zwei Loth an Gewicht ab.«

Der König rieb sich die Hände und brach in helles Lachen aus.

»Das ist herrlich,« rief er, – »Pernice auf einem Bein stehend, – das ist ja die pikanteste Situation, die man erfinden kann, – jetzt fehlt nur noch, daß Sie meinen Geheimen Cabinets-Rath da in die Kur nehmen, – aber den bekommen Sie nicht so leicht.«

»Wenn ich einmal medicinisch gemißhandelt werden soll,« sagte der Cabinets-Rath trocken, – »so ziehe ich vor, daß dies nach den Regeln der Facultät geschieht.«

Lampe warf ihm einen Blick stummer Verachtung zu.

»Der Geheime Rath Graf Decken von Ringelheim ist angekommen und bittet Eure Majestät um Audienz,« meldete der Kammerdiener.

»Graf Decken!« rief der König lebhaft, – »er soll kommen, führen Sie ihn gleich hierher!«

»Und ich will Lampe mit fortnehmen,« sagte die Königin, – »er soll die Kinder noch sehen, – Graf Decken wird ja nachher wohl zu mir kommen.«

»Er wird zu Tisch hier bleiben, – ich hoffe ihn einige Tage zu behalten,« sagte der König, und küßte die Königin zärtlich auf die Stirn.

Ihre Majestät verließ das Cabinet, Lampe verbeugte sich tief gegen den König und folgte ihr.

»Haben Eure Majestät für mich noch Befehle?« fragte der Geheime Cabinets-Rath.

»Ich danke Ihnen, lieber Lex,« erwiderte der König, – »erholen Sie sich ein wenig – ich werde heute Vormittag nicht mehr arbeiten.«

Der Geheime Cabinets-Rath entfernte sich mit seinen Papieren.

Wenige Augenblicke später trat Graf Decken ein.

Dieser Sohn des berühmten hannöverisch-englischen General-Feldzeugmeisters war ungefähr zehn bis zwölf Jahre älter als der König, hatte indeß in seiner Haltung noch viel jugendliche Frische, die nur durch den in Folge heftigen podagrischen Leidens etwas schleppenden Gang beeinträchtigt wurde. Sein blasses Gesicht war scharf geschnitten und hatte durch den hochaufgedrehten langen Schnurrbart, einen militairischen Ausdruck; seine gutmüthigen blauen Augen blickten lebhaft, und man sah ihnen an, daß sie scharf zu beobachten gewöhnt waren. Er trug die kleine Uniform der Kammerherren, blauen Frack mit roth umgeschlagenem Kragen.

»Wie freue ich mich, mein lieber Graf, Sie hier in Goslar zu begrüßen,« rief der König, dem Eintretenden die Hand reichend, – »setzen Sie sich zu mir, Sie haben mir viel von Ihrer Reise zu erzählen, – ich habe mit großem Interesse Ihre Briefe gelesen, die mir Meding alle mitgetheilt hat, und die mir so viele höchst wichtige Aufschlüsse gebracht haben.«

»Eure Majestät sind sehr gnädig,« erwiderte der Graf, – »ich habe gethan, was ich konnte, um mich über die Lage der Verhältnisse in Deutschland zu unterrichten und bin sehr glücklich, wenn meine Mittheilungen für Eure Majestät von einigem Werth gewesen sind. Ich habe Eure Majestät sogleich hier aufzusuchen mir erlaubt, um Ihnen mündlich noch Manches zu berichten.«

»Ich danke Ihnen dafür,« sagte der König, – »und freue mich besonders, Sie gerade hier in Goslar wieder bei mir zu sehen, wo Sie ja mit mir jene denkwürdigen Tage verlebt haben, als ich die Commission wegen der Katechismusfrage hier versammelt hatte.«

»Zur Zeit des hannöverschen Religionskrieges,« sagte Graf Decken lächelnd.

»Es war eine ernste und eigentlich recht traurige Sache,« sagte der König das Haupt neigend, – »ich glaubte einem von der Geistlichkeit mir kundgegebenen Bedürfniß der Gemeinden zu entsprechen, als ich den alten Katechismus Luthers in seiner Reinheit wieder herstellen wollte, – und fand plötzlich, daß das ganze Land sich dagegen erhob, – es war traurig und schmerzlich.«

»Die Herren Geistlichen hatten sich eben getäuscht und Nichts gethan, um ihre Gemeinden aufzuklären, so daß diese den alten Katechismus für einen neuen hielten und glaubten, es solle ihnen ein neuer Glauben aufgedrungen werden,« bemerkte Graf Decken.

»Bei allem Ernst der Sache,« sagte der König mit leichtem Lächeln, »boten die hiesigen Berathungen doch auch unendlich komische Episoden, – denken Sie sich,« rief er, lebhaft mit der Hand auf sein Knie schlagend, »daß der Erblanddrost von Bar, der damals den Cultusminister vertrat, den Katechismus einfach durch die Gensdarmen einführen wollte und auf die Bemerkung der Consistorialräthe Uhlhorn und Niemann, – die Väter der ganzen Sache, – daß das bei dem Widerstande der Gemeinden ohne Gewissenszwang nicht möglich sei, – einfach erwiderte: ›Das kommt ja gar nicht darauf an, – sie brauchen es ja nicht zu glauben, wenn sie das Buch nur einführen!‹«

Er lachte laut und herzlich.

»Eine vortreffliche Ansicht für einen Cultusminister,« sagte Graf Decken, – »ich hätte wohl die Gesichter der Consistorialräthe sehen mögen!«

»Sie sollen fast von ihren Stühlen gefallen sein,« sagte der König, – doch fuhr er dann ernst fort, – »erzählen Sie nun von Ihrer Reise, ich bin sehr gespannt, die mündliche Ergänzung Ihrer Berichte zu hören.«

»Eure Majestät wissen,« sagte der Graf, »daß ich ein kurzes Memoire über die Vereinigung der Armeen der Mittel- und Kleinstaaten zu einem einheitlichen Heereskörper, und namentlich zur Herstellung eines festen verschanzten Lagers als gemeinsamen permanenten Dienstübungsplatz mitgenommen hatte, um die Ansichten der deutschen Fürsten und Staatsmänner über diesen Gedanken zu erforschen, der ja vollständig die Billigung Eurer Majestät hatte.«

»Weil er die einzige Reform des Bundes ausdrückt, die möglich ist und ohne eine Verletzung der Bundesgesetze ausgeführt werden kann,« rief der König, – »die Kriegsverfassung legt es in die Hände der Regierungen durch entsprechende Institutionen, die Einheit der Bundesarmeekörper herzustellen, – und Alles, was in dieser Beziehung durch gemeinschaftliches Einverständniß geschieht, bedarf keiner besonderen Bundesbeschlüsse.«

»Ganz in diesem Sinne Majestät war die Motivirung meines Memoires, und ich habe den Gegenstand, wie ich Eurer Majestät geschrieben, den Königen von Sachsen, Baiern und Würtemberg vorgetragen, so wie auch dem Kaiser von Oesterreich.«

»Seine Majestät der König von Sachsen,« fuhr der Graf fort, »hörte mich sehr aufmerksam an, – er fand auch den Gedanken sehr richtig, daß eine militairische Einigung der Mittel- und Kleinstaaten die dritte vermittelnde und verbindende Macht zwischen Preußen und Oesterreich bilden solle. Der König wies mich an seinen Kriegsminister von Rabenhorst, einen sehr energischen und entschlossenen Mann, – welcher sogleich die von mir nur flüchtig skizzirte Idee einer militairischen Trias – um mich so auszudrücken, nach ihrer praktischen Ausführbarkeit prüfte und in einer sehr klaren und übersichtlichen Ausführung, die ich bei mir habe und Eurer Majestät lassen werde, den ganzen Plan aufgestellt hat.«

»Vortrefflich, vortrefflich,« rief der König, »also sind wir dort wenigstens der Unterstützung sicher, – wenn diese militairische Einigung der eigentlich rein deutschen Bundesmächte schnell und nachdrücklich ausgeführt wird, so wird hoffentlich bald von allen diesen Bundesreformtheorieen keine Rede mehr sein.«

»Leider, Majestät,« fuhr Graf Decken fort, »kam der hinkende Bote nach. – Seine Majestät der König Johann erklärte mir nämlich, daß er bei allem Interesse für die Sache, bei aller Wichtigkeit, die er derselben beilege, dennoch bei dem beschränkten Militairbudget gar kein Geld zu ihrer Ausführung besitze, und auch nicht abzusehen vermöge, woher dasselbe zu beschaffen sein könne.«

»In Betreff der Mittel für Bundeszwecke haben ja aber die Stände keine Competenz,« sagte der König.

»Allerdings, aber dazu gehört ein formeller Bundesbeschluß,« erwiderte Graf Decken, – »und hier sollen ja nur Bestimmungen der Bundeskriegsverfassung zur Ausführung gebracht werden.«

»Ist das nicht dasselbe?« fragte der König.

»Ich sollte es meinen,« erwiderte Graf Decken, »und wenn alle Regierungen in dieser Auffassung einig wären, so würde dieselbe wohl leicht durchzuführen sein, – indeß schien mir der König Johann nicht geneigt, die Frage auf die Spitze zu treiben –«

»Und Herr von Beust, sein vielgewandter Minister?« fragte der König, »was sagt der dazu?«

»Herr von Beust,« erwiderte Graf Decken, »hat jedenfalls sehr viel Geist, – ich habe mit ihm ausführlich gesprochen, er kam von seinem Landsitz herein, – aber ich muß Eurer Majestät aufrichtig sagen, ihm fehlt eine Eigenschaft, auf welche ich bei einem Staatsmanne, der wirklich etwas Bedeutendes leisten soll, den entschiedensten Werth lege, Herr von Beust hat keinen militairischen Geist.«

Der König lächelte.

»Was verstehen Sie darunter?« fragte er.

»Darunter, Majestät, verstehe ich den klaren scharfen Blick, der die Realität der Dinge erfaßt und sich nicht in die Verfolgung von Theorieen verliert,« erwiderte Graf Decken, »der die Schwierigkeiten prüft, nicht um sich abschrecken zu lassen, sondern um sie zu überwinden, der vor allem den Entschluß fassen kann, vorwärts zu gehen, ohne sich durch den Strohhalm von kleinlichen Rechtsschwierigkeiten und Bedenken abhalten zu lassen.«

»Ich verstehe,« sagte der König.

»Diesen Geist, Majestät, hat Herr von Bismarck in so hohem Grade, er ist Militair in seinem ganzen inneren Wesen und seiner Auffassung der Verhältnisse, insbesondere der Schwierigkeiten, die sich ihm entgegenstellen, – daher seine Erfolge, und nur, wenn man von der großdeutschen Seite sich von demselben Geiste wird durchdringen lassen, wird man im Stande sein, die drohende Gefahr zu beschwören, welche aus dieser Gährung aller Elemente im öffentlichen Leben Deutschlands emporsteigt.«

Der König schwieg und stützte den Kopf in die Hand.

»Von diesem militairischen Geist aber,« fuhr Graf Decken fort, »hat Herr von Beust gar nichts, – er betonte ebenso wie sein allergnädigster Herr die große Schwierigkeit der Beschaffung der Mittel zur Ausführung der militärischen Einigung der jetzt zersplitterten Bundescontingente – und entwickelte nun gerade aus dieser Schwierigkeit die Nothwendigkeit einer schleunigen Reform der deutschen Bundes-Verfassung, namentlich der Berufung eines Parlaments, welches dann durch seine ohne Zweifel ganz großdeutsche Majorität die Geldmittel bewilligen würde.«

»Das ist ja aber,« rief der König, lebhaft auf den Tisch schlagend, »der vollständigste circulus vitiosus, – um diese gefährliche und rechtlich ohne Stimmeneinhelligkeit unmögliche Bundesreform zu beseitigen, wollen wir die einzig praktische und richtige militairische Basis einer gesicherten Machtstellung der Mittel- und Kleinstaaten herstellen, – und Herr von Beust will wieder durch die Reform und das Parlament die Mittel dafür schaffen.«

»Das ist eben, Majestät,« sagte Graf Decken, »was ich den Mangel an militairischem Geist nenne; er versteht es eben nicht, daß es eine Unmöglichkeit ist, eine Batterie zu nehmen, wenn man erst die Kanonen derselben erobern will, um damit die feindliche Position zu beschießen. Leider sind heutzutage die Cabinette voll von solchen eigenthümlichen widerspruchsvollen Auffassungen.«

»Sie haben also kein positives Resultat aus Dresden mitgebracht?« fragte der König.

»Die vortrefflichen praktischen Gesichtspunkte des Generals von Rabenhorst, Majestät,« sagte Graf Decken, »und das ist immer Etwas, außerdem das Versprechen des Königs und des Herrn von Beust, jedem Vorgehen in der besprochenen Richtung ihre Unterstützung und Mitwirkung zu Theil werden zu lassen – und das ist immerhin viel, – wenn auch die Hintergedanken des Herrn von Beust über Bundesreform und Parlament Alles wieder illusorisch zu machen geeignet sind.«

»Ich begreife nicht,« rief der König, »wie Herr von Beust, der doch die Bewegung von 1848 so sehr empfunden hat, jetzt wieder geneigt sein kann, sich mit den Schützen und Turnern zu verbinden und dem parlamentarischen Princip eine Brücke in das Bundesleben zu öffnen.«

»Herr von Beust, Majestät,« sagte Graf Decken, »wird vor allem Anderen von einer ganz ungeheuren persönlichen Eitelkeit beherrscht, welche neben allen seinen hervorragenden Verstandeseigenschaften die besondere Eigenthümlichkeit seines Charakters bildet, – wer ihm Weihrauch streut, hat stets großen Einfluß auf ihn, und die Dosis kann ziemlich stark sein, – außerdem –«

»Außerdem?« fragte der König.

»Man hat mir erzählt,« fuhr Graf Decken fort, »Eure Majestät wissen, daß ich von Norderney her mit dem Herrn von Friesen und einigen sächsischen Herren durch die großdeutschen Bestrebungen bekannt bin, – man hat mir erzählt, daß gewisse finanzielle Verhältnisse es dem Herrn von Beust sehr wünschenswerth, ja nothwendig machen, unter allen Umständen Minister zu bleiben, und da nun die liberalen Wellen ziemlich hoch gehen, so –«

»Ich verstehe,« sagte der König, »es wird also im Ganzen wenig von dort zu erwarten sein?«

»Wenig Praktisches,« sagte Graf Decken, »viel Worte, der König ist ängstlich und vorsichtig, namentlich wo die Geldfrage in Betracht kommt, und Herr von Beust blickt mit einem Auge nach Wien, mit dem andern nach den Turnern und Schützen und hätte er ein drittes, so würde er auch noch nach Berlin sehen, wenn ihm Herr von Bismarck nur einmal den Gefallen thäte, sich in einen Depeschenwechsel mit ihm einzulassen.«

Der König schwieg.

»Von Dresden,« fuhr Graf Decken fort, »ging ich nach München, ich fand dort Knesebeck, Eurer Majestät Gesandten, der sogleich vollkommen begriff, um was es sich handelte, er ist Militair und hat militairischen Geist, er erfaßte den Gedanken, den ich ihm entwickelte, mit Lebhaftigkeit und führte mich sogleich überall ein, aber –«

»Aber?« fragte der König den Kopf erhebend, mit Spannung.

»Aber weder bei dem König Maximilian, noch bei Herrn von Schrenck fand ich das geringste eingehende Verständniß. Der König ist eine weiche schwankende, aus absolutistischen Instinkten und constitutionellen Doctrinen wunderbar gemischte Natur – er hat außerdem ein merkwürdiges specifisch baierisches Nationalgefühl, das ihm jede Organisation der deutschen Wehrkraft zu deutschen Gesamtzwecken überflüssig erscheinen läßt. Er hält das hat er mir nicht deutlich und direct gesagt, aber ich habe es doch klar genug aus seinen Worten entnommen, er hält Baiern allein für berufen, die vermittelnde Stellung zwischen Oesterreich und Preußen einzunehmen und scheint den übrigen deutschen Staaten keine andere Aufgabe zuzuschreiben, als sich politisch und besonders militärisch möglichst eng an Baiern anzuschließen. – Herr von Schrenck theilt diesen specifisch baierischen Standpunkt und ist mehr Büreaukrat als Staatsmann.«

»Der König Maximilian,« sagte Georg V., »hat in der Geschichte seines Hauses und in der Rolle, welche Baiern in Deutschland spielte, schon zur Zeit seiner welfischen Herzöge,« fügte er seufzend hinzu, »eine gewisse Berechtigung zu einer solchen Auffassung der Verhältnisse, und um so mehr, als die Stelle, welche Hannover, obwohl an Ausdehnung kleiner, doch durch seine geographische Lage in Deutschland einzunehmen berufen ist, so lange leer blieb, da meine Vorfahren, mit der Regierung des großen Weltreichs beschäftigt, wohl die materiellen Interessen ihres Stammlandes mit liebevoller Sorge pflegten, aber doch nicht daran denken konnten, seine politische Stellung in Deutschland auf die gebührende Höhe zu heben.«

Er richtete das Auge einen Moment sinnend zu Boden.

»Hannover hat die Küste des freien Meeres,« fuhr er, wie seinen Gedanken folgend, fort »und das wiegt schwerer als eine Anzahl von Quadratmeilen und Einwohnern, – Hannover ist norddeutsch und hat durch die Verwandtschaft der Bewohner und durch die Traditionen meines Hauses einige Beziehungen zu Preußen und den Hohenzollern, während uns zugleich die Geschichte auf die enge Verbindung mit Oesterreich und dem Hause Habsburg hinweist. Hier liegt unsere Aufgabe und ich danke Gott, daß er sie mich erkennen läßt, möge er mir die Kraft geben, sie ihrer Erfüllung näher zu bringen, damit, wenn es mir nicht vergönnt sein sollte, wenigstens meine Nachfolger den Platz einnehmen, welcher Hannover in Deutschland gebührt. – – Und Herr von der Pfordten?« fragte er abbrechend.

»Herr von der Pfordten, Majestät,« sagte Graf Decken, »den ich in Frankfurt später sah, hat mir sehr ausführlich seine Idee von der Trias entwickelt, diese Trias aber war wieder politisch und parlamentarisch, und vor Allem war es wieder Baiern allein, welches den Mittelpunkt der Trias bilden sollte, er unterschied sich in seiner Auffassung von dem Herrn von Beust nur dadurch, daß dieser einen allgemeinen parlamentarischen Urbrei einzurühren mir sehr geneigt schien, während Herr von der Pfordten eine Gruppirung der deutschen Mittelstaaten um Baiern, allerdings ebenfalls mit etwas parlamentarischem Kitt verbunden aufbauen möchte. Könnte man doch diesen Herren etwas von dem Geiste Bismarcks einflößen,« rief er, die spitzen Enden seines Schnurrbarts streichend, »er weiß, daß große Dinge in der Geschichte nur mit Blut und Eisen gemacht werden, sie aber wollen mit dem lauwarmen Wasser der constitutionellen Phrase die Schäden der Welt heilen.«

»Von München ging ich nach Stuttgart,« fuhr der Graf fort, »und ich war dort in der That erbaut und erhoben durch die fürstliche Erscheinung Seiner Majestät des Königs vom Württemberg.«

»Ein vortrefflicher Herr,« rief der König, »der sehr bestimmt weiß, was er will.«

»Ja, Majestät,« sagte Graf Decken ein wenig zögernd, »nur steht der König leider mit seinen Ansichten zu fest auf dem Boden der Vergangenheit, – wie das so häufig auch den klarsten Geistern im hohen Alter begegnet.«

»Ja,« sprach der König, »das ist die verhängnißvollste Schwäche der menschlichen Natur, – in der Jugend leben wir in der Zukunft, – im Alter in der Erinnerung, – wie wenig Zeit bleibt uns, um die Gegenwart mit ihren Forderungen und Lebensbedingungen frisch und klar zu erfassen! Und doch müssen die Könige vor Allen in ihrer Zeit leben und ihre Zeit verstehen!«

Er seufzte und fuhr leicht mit der Hand über die Augen.

»Der König begriff,« fuhr Graf Decken fort, »vollkommen den Gedanken, den ich ihm entwickelte, er verstand die hohe Bedeutung einer militairischen Einigung der mitteldeutschen Streitkräfte und bedauerte, daß eine solche nicht schon längst hergestellt sei zu den Zeiten der Ruhe und Ordnung, – gleichwie damals Preußen und Oesterreich den Vertrag geschlossen hatten, nichts ohne vorheriges Einverständniß an den Bund zu bringen, – so hätten,« meinte der König, »auch die übrigen deutschen Staaten sich unter einander stets vorher über ihre Abstimmungen verständigen sollen und als geschlossene Gruppe imponirend den Großmächten zur Seite treten, statt sich getrennt zum Object ihres Kampfes um den größeren Einfluß zu machen.«

»Bei diesen Ansichten mußte aber Seine Württembergische Majestät unsere Idee mit besonderer Bereitwilligkeit aufnehmen!« sagte der König.

»Und doch,« erwiderte Graf Decken, »wies der König dieselbe fast ganz zurück.«

Georg V. richtete den Kopf hoch empor und horchte gespannt.

»Seine Majestät,« fuhr der Graf fort, »sagte mir, daß er es für hoch bedenklich und gefährlich halte, auch für die beste und richtigste Idee in diesem Augenblick an der Verfassung des deutschen Bundes oder auch nur an den Institutionen zu rühren. Die Geister seien – und zwar auf unerklärliche Weise durch die große Mitschuld Oesterreichs, das völlig seine alten Traditionen verlassen habe – angefüllt mit dem Zündstoff der Reformidee, und sobald man nur in einem einzigen Punkte die Hand anlege zur Aenderung des bestehenden Zustandes, so würden jene Ideen in hoch gefährlicher Weise hervorbrechen – den vernünftigen und praktischen Gedanken verändern und mit den modernen Theorieen durchtränken, so daß er schließlich seine ursprüngliche Form ganz verlieren werde, – da leider – wie der König befürchtete, – die Regierungen nicht mehr die Kraft haben würden, ihren Plan und ihre Gedanken fest zu halten. Deshalb war seine Majestät der Ansicht, daß man gegenwärtig gar nichts thun dürfe, – man solle ruhig die Fluth der Reformideen verlaufen lassen und fest an dem Bestehenden halten, – denn wenn einmal der deutsche Bund in Auflösung geriethe, so sei nichts mehr fest und sicher in Deutschland und Alles würde dem Chaos zutreiben.«

»Es liegt viel Wahres in der Auffassung der Königs,« sagte Georg V. ernst und nachdenklich.

»Haben Sie den Kronprinzen gesehen?« fragte er dann, – »und die Kronprinzessin Olga, – eine Prinzessin von hohem Geist und festem Charakter.«

»Majestät,« sagte Graf Decken, »ich habe mich den kronprinzlichen Herrschaften gegenüber sehr zurückgehalten, – wenn ich ganz offen sein soll, scheinen mir gewisse Verhältnisse obzuwalten, die mir die größte Vorsicht – namentlich bei Mittheilung und Erörterung politischer Ideen auflegen mußten. Eure Majestät wissen, daß häufig auf dem Thron, auch bei den besten Familienverhältnissen eine gewisse Eifersucht auf die alleinige Autorität besteht.«

»Ich verstehe, – ich verstehe,« sagte der König, »das ist eine für das monarchische Princip sehr bedauerliche Erscheinung, durch welche die so nothwendige Continuität der Regierungen oft schwer erschüttert wird.«

»Ich hoffte,« fuhr Graf Decken fort, »daß ich in Wien ein um so klareres Verständniß für den Gedanken der militairischen Trias finden würde, –die ja ihrer Natur nach für Oesterreich nur günstig sein kann, da man doch nicht voraussetzen durfte, daß Oesterreich jemals die Selbstständigkeit der deutschen Bundesstaaten antasten werde, – ich hoffte, daß es mir gelingen würde, den Einfluß Oesterreichs auf die Höfe von Dresden, München und Stuttgart zu gewinnen, um dieselben zu größerer Autorität anzuspornen, – allein ich fand leider ganz das Gegentheil.«

»Mein Gott, mein Gott,« rief der König – »wo sind die alten österreichischen Staatsmänner geblieben?«

»Das fragte ich mich auch, Majestät,« sagte Graf Decken, »denn ich fand nirgends jene klare und scharfe Auffassung der Verhältnisse, welche in früherer Zeit die österreichische Staatskanzlei auszeichnete und selbst von ihren erbittertsten Gegnern anerkannt werden mußte. Ich habe Eurer Majestät bereits mitgetheilt, daß bei aller Gnade und Freundlichkeit, mit welcher der Kaiser mich empfing und anhörte, doch eine gewisse Verstimmung mir vorhanden zu sein schien, über deren Grund ich mir ebenfalls erlaubt habe, meine Voraussetzungen Eurer Majestät mitzutheilen.«

»Ich weiß –ich weiß,« rief der König, »ich hoffe, daß das bald verschwinden wird, – ich danke Ihnen übrigens noch besonders für Ihre Mittheilung, – Sie fanden also nicht die gehoffete eingehende Aufnahme Ihres Vortrages bei dem Kaiser?« fragte er abbrechend.

»Der Kaiser,« erwiderte Graf Decken, »verhielt sich in dieser Beziehung vollständig constitutionell ablehnend – was ja formell auch ganz richtig ist, aber sachlich mir sehr wenig Vertrauen einflößte, denn trotz aller constitutionellen Formen ist doch ein sehr absolutistischer Kern in der österreichischen Regierung –«

»Das ist ja auch gar nicht anders möglich,« rief der König, »wie sollen denn so verschiedene Elemente anders zusammengehalten werden, als durch die verbindende Kraft des monarchischen Willens.«

»Graf Rechberg,« fuhr Graf Decken fort, »mit dem ich sodann sprach, ist eine unendlich zurückhaltende Natur, ich konnte von ihm irgend eine Ansicht herausholen, er hörte – und hörte sehr aufmerksam, – doch hatte ich die bestimmte Empfindung, daß er meinen Gedanken nicht günstig sei, ja, daß er bereits auf dem Boden einer festgestellten Meinung über eine Modification der deutschen Bundes-Verfassung stehe.«

»Das ist ja nicht möglich,« rief der König, »wenn Oesterreich am Deutschen Bunde rühren wollte, das wäre ja fast Selbstmord, denn wenn das Bundes-Gebäude einmal ins Stürzen geräth, so müssen ja die Trümmer verderblich über Oesterreich herrollen.«

»Und doch, Majestät, habe ich die gewisse Ueberzeugung in mir, daß man in Wien über etwas brütet, ja daß man schon fertig mit seiner Ansicht und seinem Plan ist. Was mir das zurückhaltende Schweigen des Grafen Rechberg nicht sagte, das sagte mir die breite Redseligkeit des Herrn von Meysenburg, der ganz im Sinne der Herren von Beust und von der Pfordten über die Bundesreform sprach. In dem Kopfe dieses spiritus familiaris der Staatskanzlei schien sich mir ein wundersames mixtum compositum gebildet zu haben, aus liberal-parlamentarischen Reformgedanken, vermischt mit der Neigung, die alte Kaiserherrlichkeit des Hauses Habsburg wieder aufzurichten, das alles mit einer ultramontan-katholischen Sauce übergossen, in summa ein Gericht, an welchem Deutschland starke Unverdaulichkeit davontragen könnte!«

Der König lächelte. Dann blickte er ernst vor sich nieder. »Und da sollte wirklich schon ein fester Plan vorliegen?« fragte er »ich kann es kaum glauben – Stockhausen würde doch etwas davon erfahren haben.«

»Herr von Stockhausen, Majestät,« sagte Graf Decken, »ist so tief durchdrungen von der Unfehlbarkeit der Staatskanzlei, daß er sich vielleicht nicht die Mühe geben mochte, etwas zu erforschen, das man ihm nicht mittheilt – und man schien mir sehr geheimnißvoll in Wien zu sein.«

»Es ist mir hoch interessant, was Sie mir da sagen,« sprach der König nach einer Pause, »ich werde ernstlich darüber nachdenken, um für alle Fälle mit meinen Gedanken im Klaren zu sein. Wenn Oesterreich wirklich die Bundesreformfrage in Fluß bringen sollte,« fügte er kopfschüttelnd hinzu, »das wäre ja ganz im Preußischen Interesse gehandelt; Preußen könnte ja doch in der That nichts Besseres erwarten, als daß ihm die Bahn geöffnet würde, ohne daß es das Odium auf sich zu nehmen hätte, die alte Rechtsgrundlage zu zerstören – nein, nein es ist nicht möglich!«

»Ich wünschte,« sagte Graf Decken, »daß ich die Ansicht Eurer Majestät zu theilen im Stand wäre, aber nach meinen Eindrücken an Ort und Stelle kann ich es nicht.«

Ein Schlag ertönte an der Thür.

Der Geheime Cabinetsrath trat ein.

»Ein Schreiben aus Hannover« sagte er, »bringt so eben eine traurige Nachricht, die ich Eurer Majestät sogleich mittheilen zu müssen glaubte.«

»Nun,« rief der König, »was ist geschehen?«

»Der General Halkett ist gestorben, Majestät,« erwiderte der Geheime Cabinetsrath.

Der König neigte das Haupt und blieb eine Zeit lang schweigend stehen.

»Da ist wieder eine edle Seele heimgegangen,« sagte er dann, »ein ritterliches und braves Herz hat aufgehört zu schlagen, und ich habe einen treuen Diener verloren; immer mehr lichte sich die Reihen der Kämpfer aus jenen großen Tagen unserer Väter! Schreiben Sie sogleich nach Hannover an Brandis,« fuhr er fort, »daß der General mit den Ehren eines Feldmarschalls bestattet werden soll und daß ich selbst kommen werde, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.«

Der Kammerdiener trat ein.

»Ein Telegramm für Eure Majestät.«

Der König ergriff das Telegramm, riß schnell den Umschlag ab und reichte es dem Geheimen Cabinetsrath.

»Lesen Sie!«

Der Cabinetsrath durchflog den Inhalt, seine Lippen zitterten, fast ängstlich blickte er zum König auf. »Majestät,« sprach er, »es scheint, daß der heutige Tag Eurer Majestät nur schmerzliche Nachrichten bringen soll. Das Telegramm kommt –«

»Aus Berlin?« rief der König rasch mit zitternder Stimme.

»Zu Befehl, Majestät,« erwiderte der Cabinetsrath, »und es bringt die Nachricht, daß gestern Abends 6 Uhr Seine Königliche Hoheit der Prinz Friedrich von Preußen sanft entschlafen ist.«

»Mein Bruder ist todt!« sagte der König leise und bedeckte die Augen mit der Hand.

Dann faltete er die Hände und bewegte eine Zeit lang die Lippen.

Graf Decken und der Cabinetsrath standen schweigend zur Seite.

»Bringen Sie der Königin die Nachricht, lieber Lex,« sagte der König dann mit ruhiger Fassung, »und bereiten Sie die Verfügungen an Malortie wegen der Trauer vor. – Auf Wiedersehen, Graf Decken,« fügte er mit sanftem Lächeln hinzu; »wir sprechen noch über Ihre Mittheilungen, jetzt, meine Herren will ich allein bleiben.« Er grüßte mit leicht geneigtem Haupt und setzte sich in seinen Stuhl.

Graf Decken und der geheime Cabinetsrath verließen das Zimmer.

Der König saß lange schweigend und stützte den Kopf in die Hand.

»Halkett todt,« sagte er in dumpfen Tone, »der Kämpfer von Waterloo, der Cambronne vor der Front der alten Garde des großen Napoleon gefangen nahm, jene Verkörperung der großen Zeit des Kampfes für die Heiligkeit des Rechts – mein Bruder Friedrich todt,« fuhr er mit tief wehmüthigem Klang der Stimme fort, »auch ein Streiter in dem großen Befreiungskampf – er, der Sohn meiner Mutter – der Sohn der Schwester der Königin Louise, er, die lebendige Erinnerung an alle die heiligen Traditionen, welche die Häuser der Welfen und Hohenzollern mit einander verbinden, die Erinnerung an Friedrich Wilhelm III., den vortrefflichen alten Herrn – todt – todt – sie sinkt dahin, die alte Zeit, und das gerade, als mir Decken berichtet von der Zerfahrenheit der Zustände in Deutschland, von der Verblendung Oesterreichs, das mit eigener Hand die Brandfackel in das kunstvolle Gebäude der deutschen Bundeseinigkeit werfen will! Sind das Zeichen der göttlichen Vorsehung, welche eine neue Zeit heraufführen will über den Gräbern der Vergangenheit? Eine neue Zeit in blutigem Morgenroth – denn Blut wird vergossen werden in Strömen, wenn einmal Alles zusammenbricht – und in all dem gährenden Wirrwarr,« rief er laut, »in all den durcheinanderstreitenden Elementen kein Mann, kein einziger großer und starker Geist, als nur der Eine – der Eine allein, der kalt und ruhig zusieht, wie sie geschäftig die Bollwerke des alten Rechts zerstören!«

»Mein Gott, mein Gott,« rief er, »soll es wahr werden in Deutschland, das alte Wort: »Quos Deus vult perdere prius dementat?«

Er ließ den Kopf auf die Brust herabfallen und versank in tiefes Nachdenken.

Zum offenen Fenster herein wehten die duftigen Sommerlüftchen und von den alten Bergwäldern des Harzes rauschte es in leisem Lufthauch herüber zu den ragenden Trümmern der Kaiserburg, in der einst der große Städtebegründer nachsann im tiefen Gemüth und klugen Sinn über des deutschen Reiches Macht und Herrlichkeit.

Zweites Capitel.

Der Kaiser Napoleon III. saß in früher Morgenstunde in seinem Cabinet im Schlosse der Tuilerien. Vor ihm lagen auf seinem Schreibtisch eine große Anzahl eingegangener Berichte, welche sein Cabinets-Chef Mocquard nach den Materien geordnet und ihm zur Durchsicht unterbreitet hatte.

Wie der Kaiser so da saß, in seinen Fauteuil zurückgelehnt, so daß man die etwas stark gewordene Figur und das Embonpoint, welches seinem früher so schlanken und geschmeidigen Wuchs die anmuthige Eleganz genommen, weniger bemerken konnte – lag auf seiner ganzen Erscheinung noch der Schimmer eines letzten Hauchs der Jugend. Sein dunkelblondes Haar war sorgfältig geordnet, und nur erst ganz unmerklich mit Grau untermischt.

Sein dichter Schnurrbart war an den Enden in zwei gerade Spitzen gedreht und ein langer nach unten hin breit auslaufender Knebelbart bedeckte sein Kinn, das ein wenig kurz und zurücktretend nicht jene stolze und unbeugsame Willenskraft verrieth, welche in der Gesichtsbildung des ersten Kaisers so besonders bemerkbar hervortrat. Seine in starker Wölbung heraustretende Stirne erschien im Verhältniß zu ihrer Höhe ein wenig schmal. Unter den dichten Augenbrauen, zwischen denen sich wie gewohnheitsmäßig kleine Falten bildeten, blickten seine Augen von unbestimmbarer Farbe und einem stets wechselnden Ausdrucke hervor. Es war eine besondere Eigenthümlichkeit dieser merkwürdigen Augen, daß sie bald sich unter den herabsinkenden Lidern, wie hinter verhüllendem Schleier verbargen, bald langsam sich öffnend oder in plötzlichem Aufblick groß hervortretend eine Fülle von Licht und Gluth ausstrahlten, welchen man einen Augenblick vorher kaum hätte in diesem so ruhig gleichgültigen und fast trägen Blick erwarten sollen. Ebenso wechselnd erschien dann auch die Farbe dieser Augen. Vom trüben und matten Grau ging sie plötzlich in einen tiefdunklen Ton über und ein leuchtender Phosphorglanz schimmerte aus den erweiterten Pupillen hervor.

Die Gesichtszüge des Kaisers waren weich bis zur Schlaffheit. Es lag in denselben ein tiefer, sinnender Ernst, ein Ausdruck von fast schwermüthiger Resignation – oft eine krankhafte, müde Erschöpfung und Abspannung. Doch waren diese Züge in wunderbarer Beweglichkeit, eines jeden Ausdrucks fähig, den der Kaiser auf ihnen erscheinen lassen wollte, wen er sich in Gesellschaft befand. Immer aber lag in seinem Gesicht der verbindliche Ausdruck einer liebenswürdigen und herzlichen Höflichkeit, jener Höflichkeit, welche die Franzosen so treffend politesse du coeur nennen, und welche Alles, auch die unangenehmsten Dinge so zu sagen weiß, daß niemals eine Verletzung persönlicher Gefühle stattfindet.

Der Kaiser trug einen leichten Morgenanzug von dunklem Stoff und rauchte eine jener großen dunkelbraunen Havanna-Cigarren, welche eigens für ihn aus den feinsten Deckblättern angefertigt wurden. Neben ihm auf einem kleinen Tisch stand ein einfaches Kaffee-Geschirr von Silber und aus einer Tasse von Sêvresporzellan duftete ein überaus starker Extrakt der reinsten Moccabohne.

Hier in der Einsamkeit seines Cabinets hatte der Kaiser jeden Zwang, jede sozusagen officielle Toilette seiner Gesichtszüge abgelegt. Seine Augen waren weit geöffnet und richteten sich mit träumerischem Ausdruck durch den offenen Fensterflügel nach den Baumwipfeln des Tuileriengartens hin; auf seinem Gesicht lag ein noch düsterer Ernst als gewöhnlich. Er hatte ein Papier, das er aufmerksam durchgelesen, wieder vor sich auf den Tisch gelegt und blies in großen Zügen die Rauchwolken aus seiner Cigarre empor, welchen in bläulichen Ringen dahinzogen und das Zimmer mit ihrem aromatischen Duft erfüllten.

»Ich habe eine mächtige Bresche gelegt in diese Verträge von 1815,« sagte er halb leise – »in diese Verträge, welche die Grundsätze der heiligen Allianz zur Basis des europäischen Völkerrechts machten und welche,« fuhr er mit halb zornigem, halb höhnischem Zusammenziehen der Lippen fort, »die napoleonische Dynastie für immer von dem Throne Frankreichs und von den durch ihren Gründer eroberten Rechten ausschließen.

»Oesterreich hat sich von jener östlichen Coalition, welche man die heilige Allianz nannte, und welche durch ihr Schwergewicht Europa beherrschte für immer getrennt – Rußland wird ihm seine Undankbarkeit nie vergessen – Italien ist regeneriert nach den Grundsätzen des neuen Völkerrechts, das an Stelle der Legitimität die Monarchie auf dem Willen des Volkes begründet, – aber noch steht ein mächtiges und gewaltiges Bollwerk jener alten Verträge da, welches wie eine starre Mauer sich an den Grenzen Frankreichs erhebt. Dieses Bollwerk, dessen Bau die Diplomatie des Wiener Congresses auf die Macht und den Einfluß Frankreichs gesetzt hat, wie einst die Berge Siciliens auf die Brust der niedergeworfenen Titanen gewälzt wurden, dies Bollwerk ist der Deutsche Bund; dieser Deutsche Bund, so schwerfällig und bewegungslos für die politische Initiative, aber von so gewaltiger Kraft in der Vertheidigung des bestehenden Rechts, weil er dieses vielgliedrige Deutschland vereinigt unter der Führung von zwei europäischen Großmächten und so eine Macht bildet, gegen welche kaum ein Kampf möglich ist. – So lange der deutsche Bund besteht,« fuhr er düster fort, »so lange besteht der festeste und innerste Kern dieser Verträge von 1815, welche meinem Thron die völkerrechtliche Grundlage nehmen und das Kaiserreich zu einem factischen Zustand machen, den die Mächte Europas annehmen, ohne ihn als sich ebenbürtig anzuerkennen.«

Er stand auf und ging langsam im Cabinet auf und nieder.

»Mein Oheim,« sprach er dann, vor dem geöffneten Fenster stehen bleibend und in tiefem Nachdenken hinaufblickend, »mein Oheim würde seinen Degen gezogen haben und mit gewaltigem Schlage dieses völkerrechtliche Gebäude zertrümmert haben, wie er es einst mit dem deutschen Reiche that, – aber das deutsche Reich war schwach und in sich verbröckelt, während dieser deutsche Bund sich bei einem Angriff von außen in gewaltiger und einiger Kraft erheben wird. –

»Mein Oheim wollte seine Dynastie zur ältesten in Europa machen, indem er die Throne zertrümmerte, aber selbst seine gewaltige Kraft zerschellte an diesem Werke, weil in ihm ein innerer Widerspruch lag. Er entfernte die Könige, aber er glaubte, seinen Thron auf derselben Basis der Legitimität aufbauen zu können, auf welche jene alten Dynastieen ihr Recht begründeten. Dadurch machte er sich zum Feinde Aller, er rief die europäische Coalition hervor, der er einsam gegenüberstand, nachdem er das Prinzip der Revolution verläugnet, das allein als übermächtiger Bundesgenosse ihm den Sieg in seinem Kampfe hätte sichern können. –

»Wie der einzelne Mensch,« sprach er weiter, indem er sich wieder in den Lehnstuhl vor seinem Schreibtisch niedersetzte, »aus seinen Fehlern lernen muß, so ist dies noch mehr die Pflicht der Dynastieen, welche die Zeit dazu haben, die dem Einzelnen so oft fehlt. Nicht die Throne zu zertrümmern, nicht die Dynastieen zu stürzen, ist die Aufgabe, die ich mir nach dem Studium der Geschichte meines Hauses zu stellen habe – mein Ziel muß es sein, allen Thronen in Europa dieselbe Rechtsbasis zu geben, auf welcher der meinige beruht, die Rechtsbasis des Volkswillens, der demokratischen Monarchie. Das aber ist nicht möglich, so lange die Macht dieses Deutschlands in seiner monarchischen Gliederung und in seiner nationalen Einigkeit in Europa dasteht. –

»Ich habe die Idee des europäischen Congresses mehrfach angeregt,« – sprach er nach einer Pause, indem er den Kopf langsam auf die Brust niedersinken ließ, »ich hoffte, an die Stelle der Wiener Congreß-Akte ein neues vertragsmäßiges Völkerrecht zu setzen, in welchem meine Schöpfungen ihren Platz finden würden. – – –

»Sie haben mit diesen Congreß verweigert, die stolzen Fürsten Europa's,« rief er, sich emporrichtend mit flammendem Blick, – »Weil sie trotz aller Freundlichkeit, mit der sie die vollendete Thatsache annahmen, trotz aller Dankbarkeit, welche sie wirklich für mich empfanden, weil ich die Revolution, die sie alle bedrohte, gebändigt habe, – weil sie trotz alle dem den Boden ihres legitimen Rechts nicht verlassen wollen, – weil sie mir nicht den völkerrechtlich gleich Platz in ihrer Reihe einräumen wollen.

»Nun,« fuhr er fort, indem er lächelnd über seinen Schnurrbart strich, – »sie haben den Boden der Negociation, den Boden des diplomatischen Conferenzsales nicht gewollt, so mögen sie es sich selbst zuschreiben, wenn ich die Dämonen entfessele. – Aber nicht ich werde es sein, der die Brandfackel in das Gebäude des alten Völkerrechts schleudert, – sie selbst sollen diesen Bau zerstören, auf den sie so stolz sind, – und in welchem sie mir den Platz nicht einräumen wollen.

»Der Augenblick ist günstig,« rief er abermals aufstehend, – »Rußland, das noch an seinen Wunden des Krimkrieges heilt, – ist von Neuem gebunden und an jedem Eingreifen in die Verhältnisse Europa's gehindert durch diese polnische Frage, welche wie ein offenes Geschwür all' seine Kräfte absorbiert.

»Der Ehrgeiz Oesterreichs ist mächtig aufgeregt durch die Reformbewegung, welche einen Theil des deutschen Volks, im Gegensatz zu den früheren Traditionen, seine Blicke nach Wien richten lassen wird. Der innere Conflikt, welcher dem preußischen Staatsleben scheinbar seine Kraft raubt, erregt in Wien die Hoffnung, die populären Sympathieen Deutschlands zu erhalten, und der Kaiser Franz Josef hat die größte Neigung, mit raschem Griff die Hand auszustrecken nach der alten Kaiserkrone seines Hauses.

»So wird daher mit stillem Lächeln Oesterreich die zerstörende Hand an das feste Gefüge des deutschen Bundes legen. Die Steine werden in's Rollen kommen, und wenn endlich der Conflikt sich zuspitzt, dann wird es diesmal nicht wie 1849 der russische Czar sein, welcher Halt gebietet, sondern ich, und leicht wird es mir werden, zwischen dem Zwiespalt der deutschen Großmächte die kleinen Könige und Fürsten des Bundes unter meiner Tutel zur Vertheidigung ihrer Selbstständigkeit zu vereinen.«

Sein Auge öffnete sich weit und träumenden Blickes schien er in die Bilder der Zukunft zu schauen.

Ein kurzer Schlag gegen die Thüre ertönte.

»Seine Exzellenz Herr Drouyn de Lhuys,« meldet der Kammerdiener.

Der Kaiser erhob sich rasch, sein Gesicht nahm den Ausdruck kalter, gleichmäßiger Ruhe an und mit leichter zustimmender Neigung des Kopfes trat er dem Minister der Auswärtigen Angelegenheiten entgegen.

Herr Drouyn de Lhuys war damals ein Mann in der Mitte der fünfziger Jahre. Die Haltung seiner großen vollen Gestalt war sicher und vornehm, aber ohne geschmeidige Eleganz. Sein dünn gewordenes Haar fiel in's Graue und war kurz geschnitten. Sein bartloses Gesicht von gesunder, frischer Farbe zeigte den Ausdruck ruhiger und selbstbewußter Würde, der Blick des ganz klaren, grauen Auges war durchdringend und kalt, aber von wohlwollender und verbindlicher Höflichkeit, – die ganze ruhige und vornehm einfache Erscheinung dieses Staatsmannes hätte kaum seine vielseitige Thätigkeit in so bewegten Phasen der Geschichte seines Landes errathen lassen, in welchen er stets seiner Ueberzeugung getreu gehandelt und lieber das Portefeuille aufgegeben hatte, als daß er sich zum Werkzeug einer Politik, die er nicht billigte, hätte gebrauchen lassen.

Der Kaiser hatte vor dem Eintritt seines Ministers seine Cigarre fortgelegt, und reichte demselben mit liebenswürdiger Verbindlichkeit die Hand.

Herr Drouyn de Lhuys setzte sich auf den Wink des Kaisers neben dessen Schreibtisch, und öffnete eine einfache schwarze Mappe, welche er in der Hand trug.

»Ich bringe Ew. Majestät zwei wichtige Nachrichten,« begann der Minister mit seiner sonoren, aber etwas leisen Stimme, – »zwei Nachrichten, welche nach verschiedenen Richtungen unsere Politik den erstrebten Zielen näher führen.«

Der Kaiser richtete seinen Blick erwartungsvoll auf den Sprechenden, neigte den Kopf etwas zur Seite und fuhr mit der Hand über seinen Schnurrbart.

»Soeben erhalte ich,« fuhr Drouyn de Lhuys fort, »von London die telegraphische Nachricht, daß der Zusammentritt der Notablen-Versammlung in Mexiko zur Beschlußfassung über die künftige Regierungsform des Landes gesichert ist. Die Versammlung wird aus zweihundertundfünfzig Mitgliedern bestehen, einschließlich der fünfunddreißig Mitglieder der junta superior de gobernio, welche der General Forey am 16. Juni ernannt hat und in dem Augenblick, in welchem ich die Ehre habe, zu Eurer Majestät zu sprechen, wird die feierliche Installation jener Versammlung bereits stattgefunden haben.«

Der Kaiser neigte mit zufriedenem Ausdruck den Kopf.

»Und sind wir dieser Versammlung vollkommen sicher?« fragte er dann.

»Vollkommen, Sire,« erwiderte Drouyn de Lhuys. – »Ich bin sogar in der Lage,« fuhr er fort, ein Blatt Papier aus der Mappe hervorziehend, »Eurer Majestät in bestimmter Fassung die Beschlüsse mitzutheilen, welche die Versammlung mit überwiegender Majorität votiren wird.«

Er verlas, während der Kaiser mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörte, die folgenden Punkte:

»Die mexikanische Nation adoptirt als Regierungsform die constitutionelle erbliche Monarchie mit einem katholischen Fürsten, der den Titel »Kaiser von Mexiko« führen wird.

»Die Kaiserkrone von Mexiko soll dem Erzherzog Maximilian von Oesterreich angeboten werden, für sich und seine Deszendenten.

»Im Fall der Erzherzog den ihm dargebotenen Thron nicht annehmen sollte, wendet sich die mexikanische Nation an das Wohlwollen Seiner Majestät des Kaisers der Franzosen, um einen andern katholischen Fürsten zu bezeichnen, dem die Krone anzubieten sein würde.«

Er verneigte sich und legte schweigend das Blatt Papier auf den Tisch.

Der Kaiser wartete einen Augenblick und als Drouyn de Lhuys nicht weiter sprach, sagte er mit einem durchdringenden forschenden Blick auf das ernste Gesicht seines Ministers:

»Die Nachricht, welche Sie mir bringen, entspricht vollkommen meinen Wünschen und den Plänen unserer Politik, die Sie mit so geschickter Hand ihrer Vollendung entgegengeführt haben. Die Aufrichtung eines mexikanischen Kaiserreichs verstärkt das monarchische Prinzip auf dem Festlande der andern Hemisphäre, und da dieses Kaiserreich durch französische Waffen errichtet ist und unter französischem Schutze stehen wird, so gewinnt der Einfluß der lateinischen Racen, an deren Spitze Frankreich steht, eine mächtige Ausdehnung, welche für die Zukunft Folgen von unermeßlicher Bedeutung haben muß. – Nordamerika ist in seinem Wesen germanisch, protestantisch und republikanisch und steht in jeder Beziehung in feindlichem Gegensatz zu Frankreich. Wir haben also für unsere Politik, wir für unsere Handelsbeziehungen durch die Errichtung des mexikanischen Kaiserreichs einen großen und glücklichen Schritt gethan, der uns außerdem Oesterreich verbindet, indem ein Prinz des Hauses Habsburg zur Herrschaft in den alten transatlantischen Reichen seiner Vorfahren wiederberufen wird.

»Außerdem«, sagte er, sich ein wenig zu seinem Minister hinüberneigend, »werden Sie sich so wenig wie ich der Ueberzeugung verschließen, daß diese Combination den persönlichen Wünschen des Kaisers Franz Josef ganz besonders entsprechend ist. – Es ist schwer, für den hochstrebenden und thatendurstigen Geist des Erzherzogs Maximilian in Oesterreich eine passende Stelle zu finden, und bei den vielen Fähigkeiten des Erzherzogs, sowie bei seinen oft ausgesprochenen liberalen und reformatorischen Anschauungen kann es nicht fehlen, daß die Opposition bei jeder Unzufriedenheit mit der Regierung ihre Blicke auf den Bruder des Kaisers richtet und von ihm einen Einfluß erwartet, en er nicht ausüben kann oder der, wenn er es versuchen sollte, ihn geltend zu machen, nur zu schiefen Verhältnissen und bedenklichen Mißstimmungen führen könnte. Es ist nicht zweifelhaft, daß unter diesen Umständen der Kaiser Franz Josef nur innerlich erfreut sein kann, wenn sich der Thatkraft des Erzherzogs fern von den beengenden Verhältnissen des Heimatlandes ein großer und weiter Wirkungskreis öffnet.«

Drouyn de Lhuys neigte zustimmend den Kopf, ohne daß sein Gesicht einen Augenblick den Ausdruck einer ernsten, fast abwehrenden Zurückhaltung verlor.

»Sie scheinen, mein lieber Minister,« sagte der Kaiser nach einem abermaligen kurzen Stillschweigen mit fast unmuthigem Ton – »Sie scheinen trotz der so günstigen Resultate unserer Politik nicht zufrieden zu sein.«

Drouyn de Lhuys richtete seinen klaren Blick auf den Kaiser und sprach:

»Ich bin zufrieden, Sire, mit den erreichten Resultaten – allein es genügt nicht, sie erreicht zu haben, wir haben die weitere Aufgabe zu erfüllen, sie für die Zukunft zu sichern.«

Der Kaiser sah ihn erwartungsvoll an.

»Das Kaiserreich Mexiko, Sire,« fuhr Drouyn de Lhuys fort, »ist eine Schöpfung des augenblicklichen Waffenerfolges, der möglich wurde, weil Nordamerika durch den Kampf mit den Südstaaten sich außer Stande befand, seinen Einfluß geltend zu machen. Wäre dies möglich gewesen, – hätte Juarez einen Rückhalt an der vollen Kraft Nordamerika's gefunden, so möchte sicher unser Erfolg kein so schneller und leichter gewesen sein.«

»Ganz richtig,« sagte der Kaiser mit einem leichten Anflug von Ungeduld, – »die Sezession der Südstaaten hat aber auch von Anfang an ihren Platz in unseren Combinationen gehabt.«

»Wie aber die Errichtung des Kaiserreichs Mexiko,« fuhr Drouyn de Lhuys unbeirrt durch des Kaisers Einwurf fort, »eine Folge der Lähmung Nordamerika's ist, – so kann diese Staatsformation nur Bestand haben, so lange die Kraft Nordamerika's nicht wieder ersteht. Glauben Eure Majestät nicht, daß man in Washington ganz eben so gut wie hier in den Tuilerien die Bedeutung dieses mexikanischen Thrones versteht – glauben Eure Majestät nicht, daß man dort darin eine Kriegserklärung auf Tod und Leben erblickt?«

Der Kaiser schwieg und ließ langsam den Kopf auf die Brust sinken.

»Wenn man aber,« fuhr Drouyn de Lhuys immer in demselben ruhigen Ton fort, »die Bedeutung des Geschaffenen in Washington ebenso genau versteht als hier, so folgt daraus mit logischer Nothwendigkeit, daß man, sobald jemals Macht und Gelegenheit dazu sich wiederfindet, alle Kräfte aufbieten wird, um dasjenige wieder zu zerstören, was man im Augenblick der Ohnmacht hat entstehen lasse müssen.«

»Halten Sie es für möglich,« sagte der Kaiser, ohne aufzublicken, »daß eine solche Zeit kommen könne?

»Ich glaube nicht, daß der Kampf zwischen dem Süden und Norden der Vereinigten Staaten zu einem anderen Resultate führen könne, als zu einer dauernden Trennung derselben, in zwei gesonderte Gruppen, welche sich gegenseitig in eifersüchtiger Ueberwachung lähmen werden und von denen die südliche der Natur der Verhältnisse gemäß bald zum monarchischen Prinzip übergehen muß.«

»In politischen Combinationen, Sire,« sprach Drouyn de Lhuys ruhig weiter, »ist es bedenklich Möglichkeiten und Wünsche an die Stelle der sicheren Gewißheit zu setzen. Was Eure Majestät voraussetzen, ist möglich – vielleicht wahrscheinlich, indeß eine Garantie der Sicherheit dafür, vermag ich noch nicht zu erblicken. Eine solche kann nur geschaffen werden, wenn die Möglichkeit ausgeschlossen wird, daß der Norden über den Süden endlich Sieger bleibt und wenn die dauernde Trennung der beiden Hälften der bisherigen Union über alle Zweifel erhoben wird. Wollen Eure Majestät also die von mir im höchsten Maß anerkannten, und für die Zukunft so bedeutungsvollen Vortheile der mexikanischen Expedition und ihrer Resultate allen Wechselfällen gegenüber sicher stellen, so müssen Sie auf der Stelle fest und rückhaltslos für die Südstaaten Partei nehmen, mit denselben einen Vertrag abschließen und ihnen nöthigenfalls Truppen, Schiffe und Geld zur Verfügung stellen, denn – ich wiederhole es – das ganze Gebäude unserer transatlantischen Politik stürzt zusammen, wenn der Norden über den Süden Sieger bliebe, und wenn jemals die Union wieder zu ihrer alten Kraft erstarkte.«

Der Kaiser erhob sich und ging mehrere Male im Zimmer auf und nieder.

»Sie wissen,« sagte er dann, vor Drouyn de Lhuys stehen bleibend, der sich ebenfalls erhoben hatte, – »Sie wissen, daß England sich zurückzieht, – ich habe ja Palmerston darauf hinweisen lassen, daß es nothwendig sei, ernsthaft und energisch die Südstaaten zu unterstützen, – der alte feine Spieler zieht sich zurück, – seine Politik ist es, Zerstörung und Verwirrung in allen Theilen der Welt anzurichten, damit England seinen Vortheil dabei verfolgen kann, – niemals aber will er etwas Definitives schaffen, – Garantieen für die Ruhe der Zukunft herstellen. – Und Spanien,« fuhr er achselzuckend fort, »zieht sich ebenfalls von den Consequenzen der Londoner Convention von 1861 zurück, – dieser Prim hatte gehofft, sich zum Dictator und Kaiser von Mexiko erheben zu können – er sieht seine feinen Pläne vereitelt, – daher läßt er die ganze Sache im Stich. Soll ich nun ganz allein auf mich und Frankreich die ungeheure Last und das Odium einer solchen directen Intervention in die inneren Angelegenheiten der Vereinigten Staaten laden? – Ganz entgegen dem Prinzip, das ich stets gekannt und befolgt habe?«

»Wenn Eure Majestät nicht glauben, dies thun zu können, so wäre es vielleicht besser, daß wir uns ebenfalls ganz aus der Sache herauszögen, – es ist dies nicht unmöglich – Juarez hat durch seinen Minister Doblado eine Schrift aufsetzen lassen, in welcher er sich zu allen Opfern und zu jeder verlangten Genugthuung bereit erklärt und die Erfüllung aller Verpflichtungen zu garantiren verspricht. Es ist also noch die Möglichkeit, durch die Annahme seiner Vorschläge ehrenvoll aus der Sache herauszukommen und die ewige Feindschaft Nord-Amerika's zu vermeiden.«

Die Augen des Kaisers öffneten sich weit, seine Blicke funkelten.

»Und aufgeben,« rief er, »aufgeben sollte ich diesen großen Gedanken, die Monarchie und die Herrschaft der lateinischen Racen auf dem andern Welttheil sicher zu stellen? Diesen Gedanken, der einer der größten und weitumfassendsten ist von allen, die in meiner Regierung zur That werden können. Nein – nein mein lieber Minister – das wäre ein trauriges und demüthigendes Ende dieser Expedition, die mit so viel Ruhm für die französischen Waffen begonnen hatte.«

»Es wäre ein noch traurigeres und noch demüthigenderes Ende, Sire,« sagte Drouyn de Lhuys mit unerschütterlicher Ruhe, »wenn einst dieses Kaiserreich, das Frankreich geschaffen und dem Eure Majestät eine Dynastie zu geben im Begriff stehen, wieder zusammenbräche, ohne daß wir dann die Macht hätten, es zu schützen; diese Macht aber würde uns in dem Augenblicke fehlen, in welchem die Union wieder gesund und siegreich dastände, wenn in demselben Augenblicke die Verhältnisse Europas es uns vielleicht unmöglich machten, unsere Kräfte von hier abzuziehen.«

Der Kaiser blickte betroffen und nachdenklich zu Boden.

»Außerdem, Sire,« fuhr Drouyn de Lhuys fort, »hat die Sache noch eine andere sehr ernste Seite. Eure Majestät kennen den Plan der mexikanischen Bons.«

»Ein vortrefflicher Plan,« warf der Kaiser ein.

»Gewiß Sire,« sagte Drouyn de Lhuys, »aber nur dann, wenn die Realität, auf welcher diese finanzielle Combination beruht, gesichert ist, und zwar vollständig und gegen alle Wechselfälle gesichert. Es werden,« fuhr er fort, »ungeheure Summen, den Ersparnissen des Landes entnommen, in diesen mexikanischen Bons angelegt werden; wenn dann einst das mexikanische Kaiserreich, das eben die einzige Sicherstellung für jene Capitalanlage darbietet, zusammenbrechen sollte, so werden alle jene großen Werthe, – Werthe, welche den Besitz vieler Familien des Landes repräsentieren, und welche im Vertrauen auf die politische Schöpfung Eurer Majestät hingegeben werden – sie werden verloren sein ohne Rettung und Ersatz, und der Haß und die Verwünschungen deshalb werden die Regierung Eurer Majestät treffen.

»Verzeihen Sie, Sire,« sprach er nach einem augenblicklichen Schweigen weiter, »meine Freimüthigkeit, allein ich halte es für meine heiligste Pflicht, Eurer Majestät ohne allen Rückhalt meinen Rath und meine Meinung zu sagen, und ich kann keinen andern Rath geben, als entweder den Gedanken, dessen Größe und Bedeutung ich im höchsten Grade würdige, ganz aufzugeben, oder seine Durchführung für alle Zukunft unerschütterlich sicher zu stellen.«

Des Kaisers Gesicht hatte sich einen Augenblick mit finstern Schatten überzogen, einige Secunden stand er schweigend, dann trat er dicht vor seinen Minister hin und sagte mit jenem liebenswürdigen Lächeln, das ihm zu Gebote stand und das seinem Gesicht einen so hinreißenden Zauber gab:

»Ich danke Ihnen, mein lieber Herr Drouyn de Lhuys, nicht nur für Ihre freimüthige Offenheit, sondern auch für die treue und vorsichtige Sorge, welche Sie dem Wohle Frankreichs widmen, allein ich glaube, Sie sehen zu schwarz, ich glaube nicht an einen definitiven Sieg des amerikanischen Nordens, und selbst wenn dieser eintreten sollte, so wird inzwischen die neue Staatsorganisation in Mexiko so viel Festigkeit und Kraft gewonnen haben, daß keine Parteierhebungen sie mehr wird in Frage stellen können. Doch sind Ihre Gründe so ernst und gewichtig,« fügte er hinzu, »daß ich sie in die eingehendste Erwägung ziehen werde; ich bitte Sie noch einmal, bei Palmerston anzufragen und ihm die Gründe darzulegen, die nunmehr eine Anerkennung und offene Unterstützung der Südstaaten rathsam erscheinen lassen.«

»Zu Befehl, Sire,« erwiderte Drouyn de Lhuys, »ich bin indeß von der Erfolglosigkeit dieses Schrittes überzeugt. Lord Palmerston wird sich niemals zu einer Initiative mit uns entschließen, wohl aber wird er uns folgen, wenn wir rücksichtslos und fest vorgehen. Hätten wir dies Princip in allen Fragen festgehalten, so wären wir die Herren der Allianz mit England geblieben, während wir jetzt leider ein wenig in die zweite Stellung hinabgedrängt worden sind. Indeß der Schritt kann immerhin noch einmal geschehen, ich verkenne nicht, daß es in mancher Beziehung besser ist, wenn wir mit England gemeinschaftlich handeln können. Doch aber,« fuhr er mit etwas erhobener Stimme fort, »muß ich Eurer Majestät in diesem Augenblick nochmals sagen, daß ich ein schweres Unglück für die Zukunft voraussehe, wenn jetzt eine halbe Maßregel geschieht, und eine halbe Maßregel ist die Aufrichtung des mexikanischen Kaiserthrons, wenn nicht zugleich die Südstaaten auf das Energischste und Kräftigste unterstützt werden.«

Der Kaiser schwieg und schlug die Augen nieder.

»Sie hatten mir noch eine Mittheilung zu machen?« fragte er dann, indem er sich wieder vor seinen Schreibtisch setzte und Drouyn de Lhuys einlud, sich neben ihm niederzulassen.

»Sie betrifft,« sagte der Minister, »die deutschen Angelegenheiten. Mir ist von dem Herzog von Grammont mitgetheilt, daß man in Wien fest entschlossen sei, die Reform des deutschen Bundes in energischer Weise in die Hand zu nehmen und daß bereits ein völlig ausgearbeitetes Projekt in dieser Beziehung bestehe, welches der Bundestags-Versammlung in Frankfurt vorgelegt werden soll.«

Ein Ausdruck heiterer Zufriedenheit erschien auf dem Gesichte des Kaisers.

»Meine geheimen Agenten,« fuhr Drouyn de Lhuys fort, »theilten mir zugleich mit, daß die Absicht bestehe, alle deutschen Fürsten persönlich zu einer Art von Reichstag nach Frankfurt einzuladen und dort das Reformprojekt zu berathen.«

Das Gesicht des Kaisers wurde ernst.

»Hat man sich etwa mit Preußen über das Reformprojekt verständigt?« fragte er, »und sollte etwa eine Verstärkung der einigen Macht Deutschlands unter getheilter Leitung des Bundes angestrebt werden?«

»Nicht im Geringsten,« erwiderte Drouyn de Lhuys, »man umgiebt vielmehr das Reformprojekt selbst mit dem tiefsten Geheimniß, besonders Preußen gegenüber, Alles scheint auf eine Ueberraschung, um nicht zu sagen Ueberrumplung, hinauszulaufen.«

Der Kaiser blickte einen Augenblick ganz erstaunt auf seinen Minister, dann strich er mit leichtem Lächeln über seinen Knebelbart und fragte:

»Haben Ihre Agenten nichts über das Projekt selbst erfahren?«

»Ganz Genaues nicht,« erwiderte Drouyn de Lhuys, »der Herzog von Grammont hat den Grafen Rechberg in einer vertraulichen Unterredung über die ihm zu Ohren gekommenen Gerüchte befragt. Graf Rechberg hat die Absicht Oesterreichs, die Bundesverhältnisse zu reformiren, nicht in Abrede genommen, auch zugegeben, daß man vorhabe, in naher Zeit mit bestimmten Vorschlägen hervorzutreten, er hat indeß mehrere Mittheilungen über den Inhalt dieser Vorschläge vorbehalten, bis das Projekt vollständig durchgearbeitet und die Ansicht des österreichischen Cabinets völlig aufgeklärt und festgestellt sein würde. Der Herzog hat nach dieser Erklärung natürlich nicht weiter insistiren können.«

»Und haben Sie durch andere Agenten nichts Näheres erfahren können?« fragte der Kaiser.

»Man hat mir allerdings Mittheilungen gemacht,« erwiderte Drouyn de Lhuys, »welche natürlich jeder officiellen Glaubwürdigkeit entbehren und auch nach ihrem Inhalt mir wenig Wahrscheinlichkeit zu enthalten scheinen.«

Er nahm ein Blatt Papier aus seiner Mappe, auf welches er einige Notizen geschrieben hatte.

»Man will,« sprach Drouyn de Lhuys, »ein Direktorium an die Spitze des Bundes stellen, welches aus fünf Fürsten bestehen soll, dem Kaiser von Oesterreich, dem König von Preußen, dem König von Bayern und zwei Fürsten, welche die am achten, neunten und zehnten Armeecorps betheiligten Souveräne aus ihrer Mitte zu wählen haben. An der Seite dieses Direktoriums soll ein aus den übrigen Bundesfürsten gebildeter Bundesrath stehen. Daneben soll eine Bundes-Abgeordneten-Versammlung von dreihundert Mitgliedern zusammentreten, welche die Volksvertretungen der einzelnen Bundesstaaten aus ihrer Mitte wählen. Außerdem spricht man von einer periodischen Versammlung der Fürsten und von einem Bundesgericht.«

Der Kaiser hatte die Mittheilungen seines Ministers lächelnd angehört, immer heiterer war der Ausdruck seines Gesichts geworden, und als Drouyn de Lhuys schwieg und das Papier mit seinen Notizen vor sich auf den Tisch legte, lehnte sich Napoleon in seinen Lehnstuhl zurück, kräuselte mit beiden Händen die langen Spitzen seines Schnurrbarts und brach in ein lautes Lachen aus.

Drouyn de Lhuys blickte verwundert auf diesen bei seinem sonst so ruhigen und kalt verschlossenen Souverän zu ungewöhnlichen Ausbruch der Heiterkeit.

»Sie haben Recht,« rief der Kaiser, »das ist in der That das Unwahrscheinlichste, das man Ihnen hätte berichten können, aber glauben Sie mir, gerade diese Unwahrscheinlichkeit ist mir der Beweis für die Richtigkeit dieser Mittheilungen, so Etwas kann keiner Ihrer Agenten erfinden; würde man Ihnen Conjekturen mittheilen, dieselben würden wahrscheinlicher sein. Dies Projekt kann nur in der österreichischen Staatskanzlei seinen Ursprung haben, wo man seit einiger Zeit anfängt, sich mehr nach den Resolutionen politischer Clubs zu richten, als nach den traditionellen Grundsätzen der großen Staatsmänner der Vergangenheit! Ein Direktorium von fünf Fürsten, deren zwei immer von drei Gruppen gewählt werden, dazu ein Bundesrath, eine Fürsten-Versammlung, und endlich dies Parlament aus diesen Delegirten, welche die heimischen Parteistreitigkeiten der kleinen Versammlungen in das große Repräsentantenhaus übertragen werden. Denken Sie sich, mein lieber Minister, was daraus entstehen würde! Eine solche Institution wäre der Krieg Aller gegen Alle, der ewige Zank Aller mit Allen. Träte dieses Reformprojekt je in's Leben, so würde das traditionelle Sprichwort vom polnischen Reichstag vergessen werden, man würde nur noch vom Deutschen Bunde sprechen. Dem Deutschen Bund warf man bisher seine Unbeweglichkeit vor, nach diesen Institutionen müßte er eine Beweglichkeit erlangen, welche an den Tanz jener Derwische erinnern würde, die sich in seltsamen Sprüngen und Verdrehungen konvulsivisch bewegen, ohne jemals von der Stelle zu kommen!«

Und abermals lehnte er sich in seinen Lehnstuhl zurück und lachte herzlich.

Ueber das ernste Gesicht von Drouyn de Lhuys war bei den Worten des Kaisers ein Lächeln geglitten, das aber bald wieder verschwand, und in seinem früheren ruhigen Ton sprach er:

»Eure Majestät haben sehr scharf die in der That komische Seite des Reformprojekts hervorgehoben, das ich noch immer nicht dem österreichischen Cabinet zutrauen kann, allein diese ganze Sache hat nach meiner Ueberzeugung auch eine sehr ernste Seite, über welche wir uns vollkommen klar sein müssen.«

Der Kaiser neigte den Kopf vor und hörte aufmerksam zu.

»Der Deutsche Bund,« fuhr Drouyn de Lhuys fort, »ist eine Institution, welche auf europäischen Verträgen beruht und unter der Garantie aller Großmächte Europa's steht. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß Aenderungen in der Verfassung des Deutschen Bundes nicht einseitig von den Fürsten vorgenommen werden können, ohne sich in Einverständniß mit den Garantiemächten zu setzen. Die Verhältnisse in Deutschland bilden den Schwerpunkt der Ruhe Europa's, und wenn Deutschland in den Zustand der tanzenden Derwische geräth, so wird daraus eine ewige Beunruhigung der Welt entstehen – leicht aber auch etwas Schlimmeres – eine Entscheidung durch die Waffen, welche die ganze Macht Deutschlands endlich in die Hand der einen oder der andern Großmacht des Bundes bringen und das Reich Carl's des Fünften wieder erstehen lassen wird. Vergessen Eure Majestät nicht,« fuhr er mit tiefernster Betonung fort, »daß an der Spitze des preußischen Cabinets ein Mann steht, welcher Blut und Eisen als das Heilmittel für die Zustände in Deutschland erklärt hat! Jedenfalls müssen wir die schärfste Aufmerksamkeit auf jene Verhältnisse richten, und unser Recht festhalten, als Garanten der europäischen Verträge bei Veränderung der Bundesverfassung gehört zu werden.«

Ein rascher Blitz leuchtete in dem Auge des Kaisers auf, er erhob den Kopf und schien sprechen zurück wollen.

Dann aber verhüllte sich sein Blick wieder unter den herabsinkenden Augenlidern, er saß einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken da und sprach dann in ruhigem Ton:

»Sie haben vollkommen Recht, mein lieber Minister, wenn ich auch all' diesen Reformprojekten noch keine ernsthafte Bedeutung beizulegen vermag, und wenn ich auch glaube, daß jeder Versuch des Herrn von Bismarck seine Theorie von Blut und Eisen zur That werden zu lassen, endlich mit einem Rückzug à la Olmütz enden muß, so theile ich doch vollständig Ihre Ansicht, daß man ein Recht niemals aufgeben müsse und ich bitte Sie daher, Gramont zu beauftragen, daß er in der vorsichtigsten und höflichsten Weise die europäische Rechtsbasis der deutschen Bundesverfassung in Wien betonen möge, damit man dort keinen Zweifel darüber habe, daß wir nicht gesonnen seien, unsere Berechtigung aufzugeben.«

Drouyn de Lhuys verneigte sich.

»Haben Sie Nachrichten aus Petersburg?« fragte der Kaiser.

»Heute nicht, Sire,« erwiderte Drouyn de Lhuys, »ich erwarte den Courier in den nächsten Tagen.«

»Sobald er eingetroffen ist,« sagt Napoleon, »müssen wir über die weitere Behandlung dieser polnischen Angelegenheit ernsthaft sprechen, ich möchte nicht bei der zweifelhaften Stellung, welche England uns gegenüber anzunehmen beginnt, eine ernsthafte Verwicklung mit Rußland provociren, und wie Lord Palmerston sich vorsichtig aus dieser mexikanischen Angelegenheit herauszieht, so möchte ich ihm die polnische Sache ebenfalls allein auf die Schultern laden.«

Drouyn de Lhuys erhob sich.

»Wenn Eure Majestät keine weiteren Befehle für mich haben,« sprach er, seine Mappe verschließend, »so möchte ich Sie nur nochmals um ernste Prüfung der Frage wegen Anerkennung und Unterstützung der amerikanischen Südstaaten bitten.«

»Seien Sie überzeugt, daß ich darüber eingehend nachdenken werde,« sagte der Kaiser, indem er aufstand und mit verbindlicher Höflichkeit dem Minister die Hand reichte, welcher mit tiefer Verbeugung das Cabinet verließ.

Der Kaiser ging langsam auf und nieder.

»Er will in seiner ewigen Vorsicht auf Jahre hinaus Alles sicher stellen, als ob sich überhaupt die Ereignisse in dieser Welt der Täuschungen und unerwarteten Ereignisse vorher berechnen und bestimmen ließen,« rief er dann, »die wahre Klugheit ist es, die Ereignisse gehen zu lassen und in ihre Entwicklung nur helfend und leitend einzugreifen, wo es nöthig ist, die Hauptsache bleibt es, daß diese wunderbare, unerklärliche und unfaßbare Macht, welche man das Glück nennt, uns zur Seite steht und uns die Handhabe giebt, um im rechten Augenblick und an rechter Stelle in den Gang der Ereignisse eingreifen zu können.

»Und dies Glück,« sagte er lächelnd, »das mich durch Erniedrigung und Kerker auf die glänzende Höhe dieses Thrones erhoben hat, ist mir noch treu, ich sehe es auf's Neue aus diesen Ereignissen, die sich in Deutschland vorbereiten. Mit eigener Hand zerstört Oesterreich das letzte und festeste Bollwerk dieser Verträge von 1815, den Deutschen Bund, und mir fällt die Rolle zu, als Garant jener Verträge aufzutreten! Fast hätte ich mich verrathen,« fuhr er fort. »Mein Minister, Niemand darf es bemerken, mit welcher Befriedigung ich dem Zerstörungswerk zusehe, das man in dem Cabinet Metternichs an dessen eigenen Schöpfungen beginnt. Meine Regierung mag immerhin als Wächterin über die Verträge von 1815 dastehen, das wird meinen Einfluß verstärken und zugleich die Deutschen aus nationalem Widerspruchsgeist noch schneller an der Auflösung ihres Bundes arbeiten lassen!

»Sollte,« sprach er dann tief nachdenkend weiter, »in diesem Herrn von Bismarck wirklich eine Gefahr aufsteigen? Nein, nein,« rief er, »wohl hat er Willen und Energie, um es zu unternehmen, Preußen an die Spitze Deutschlands herauszuführen, aber er ist gebannt in das Netz der Verhältnisse, das seine Kraft ebenso lähmen und aufreiben wird, wie so viele andere:

»– – und wenn es ihm doch gelänge? – –«

Er setzte sich vor seinen Schreibtisch und stützte den Kopf in die Hand.

»Wenn es ihm gelänge,« flüsterte er leise, »der Preis, den ich fordern würde, könnte Frankreich mehr einbringen als alle anderen Combinationen.«

Die Flügel der Thüre wurden geöffnet.

»Ihre Majestät die Kaiserin!« rief der Kammerdiener, und schnell trat die Kaiserin Eugenie in das Cabinet ihre Gemahls.

Sie trug ein dunkelblaues Reitkleid von Wollenstof, das ihre wunderbar schlanke und geschmeidige Gestalt in ihrer ganzen Schönheit hervortreten ließ, unter dem kleinen schwarzen Hut mit blauem Schleier sah man ihr einfach, in reichen Flechten um den Kopf gewundenes goldblondes Haar. Ihr länglich ovales Gesicht, von classischer Schönheit und Reinheit der Züge, schimmerte in duftig zartem Teint, die großen, in dunklem Feuer glühenden Augen leuchteten darauf hervor mit allem Stolz der Spanierin, und mit aller jener anmuthigen, leicht spöttischen Heiterkeit der Französin. Die Kaiserin trug in der Hand eine zierliche Reitpeitsche von hellem Leder mit schön ciselirtem goldenem Knopf, sie reichte lächelnd, mit einer anmuthigen Beugung ihres schlanken Halses, ihrem Gemahl, der ihr rasch aufstehend entgegen gegangen war, die Wange zum Kuß und setzte sich dann in einen der großen Fauteuils, welche um den Schreibtisch des Kaisers standen.

Ihrer Majestät folgte ein eleganter geschmeidiger Mann, in einfacher geistlicher Tracht in den erzbischöflichen Farben. Sein scharfes Gesicht war von hoher Intelligenz durchleuchtet, und aus seinen großen, anscheinend offen und freiblickenden Augen sah man oft in einem raschen Seitenblick einen Blitz voll tückischer Verschlagenheit hervorbrechen. Auf seinen Zügen lag eben so sehr die vornehme Würde des priesterlichen Kirchenfürsten, als die glatte Geschmeidigkeit des Hofmanns, und seinem lächelnden Mund sah man es an, daß er ebenso zu überzeugender Beredtsamkeit, als zu hinreißender Conversation sich zu öffnen gewohnt sei.

Dieser Mann war Monseigneur Labastida, Erzbischof von Mexiko, welcher in Paris als Abgeordneter der provisorischen Regierung jenes Landes verweilte, das sich so eben von der Herrschaft einer tyrannischen Republik befreite und sich anschickte, Freiheit und Wohlstand unter der monarchischen Regierung zu suchen.

»Ich war so eben im Begriff meinen Spazierritt zu machen,« rief die Kaiserin lebhaft, »als der Erzbischof zu mir kam, der mir wichtige und sehr erfreuliche Nachrichten überbrachte; ich habe ihn sogleich gebeten, mich zu begleiten, um Ihnen, mein lieber Louis, seine Neuigkeiten ebenfalls mitzutheilen.«

Der Kaiser begrüßte den Erzbischof verbindlich, welcher sich tief verneigte und dann, sich würdevoll wieder erhebend, mit den ausgestreckten Fingern seiner Rechten das Zeichen des bischöflichen Segens gegen den Kaiser machte.

»Die constituirende Notabeln-Versammlung,« sagte Napoleon, »tritt zusammen und wird dem Erzherzog Maximilian von Oesterreich die Krone antragen, das ist ein wichtiger Schritt zur glücklichen Consolidirung der Zustände Ihres Landes.«

»Ich mußte voraussetzen,« erwiderte der Erzbischof, »daß Eure Majestät bereits davon unterrichtet wären und wollte mich beeilen, Sire, Ihnen zuerst meinen Glückwunsch zu diesem so glänzenden Erfolg Ihrer Action auszusprechen.«

»Glauben Sie, mein lieber Louis,« fragte die Kaiserin, »daß der Erzherzog noch geneigt sein wird die Krone anzunehmen?«

»Ich zweifle daran nicht,« erwiderte Napoleon, »wenn er von den einflußreichen Männern seines künftigen Reiches die Versicherung ihrer vollen und kräftigen Unterstützung erhält.«

»Der Meinigen ist der Erzherzog sicher,« sagte der Erzbischof, »und mit der Meinigen zugleich derjenigen des ganzen Clerus, wenn er sich,« fuhr er ernst fort, »als Schirmherr der Kirche entschieden und fest allen Angriffen gegenüberstellt, die man gegen uns und unser Recht gewagt hat.«

»Können Sie darüber im Zweifel sein bei einem Erzherzog aus dem so katholischen Hause von Habsburg?« fragte der Kaiser.

»Sire,« erwiderte der Erzbischof, »ich freue mich daß ich die Gelegenheit habe, sogleich im ersten Augenblick der neuen Phase, in welche die Geschichte Mexiko's eintritt, Eurer Majestät gegenüber mich mit derjenigen Aufrichtigkeit auszusprechen, welche in großen Verhältnissen und großen Augenblicken eine Nothwendigkeit ist.«

Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf.

»Es handelt sich vorzüglich,« fuhr der Erzbischof fort, »um den Verkauf der Kirchengüter, welchen die Regierung des Juarez gegen uns verfügt hat; damit wird die Macht der Kirche, welche das Volk von Mexiko zu leiten im Stande ist, welche der Staatsbildung jenes Landes Festigkeit und Dauer zu geben im Stande ist, in ihren Grundfundamenten untergraben. Es ist nun eine Parthei auch unter den Monarchisten in Mexiko vorhanden, welche aus finanziellen Gründen es für geboten erachtet, jene Maßregel der republikanischen Regierung nicht aufzuheben, und ich darf es Eurer Majestät im Vertrauen sagen, es sind mir Mittheilungen zugegangen, nach denen der Erzherzog nicht abgeneigt sein soll, jener Ansicht sich anzuschließen. Der Erzherzog neigt ein wenig zu den Traditionen Joseph II. hin,« fügte er mit einem scharfen Blick auf den Kaiser hinzu, »und ich möchte schon jetzt Eure Majestät bitten, allen Ihren Einfluß auf ihr anzuwenden, daß er sich durch scheinbar freisinnige Theorieen, nicht auf Wege locken lasse, welche ihn von der Kirche, seiner einzigen Stütze, trennen müßten.«

»Der Erzherzog wird aber,« sagte der Kaiser, ein wenig zögernd und mit einem schnellen Seitenblick auf seine Gemahlin, die in ihrem Fauteuil zurückgelehnt, mit der Reitpeitsche spielte. »Der Erzherzog wird aber, wenn er die Regierung Mexiko's antritt, sehr dringende finanzielle Rücksichten nehmen müssen, es ließe sich da vielleicht ein Ausweg finden, ein Arrangement treffen.«

Die so geschmeidigen, höflich lächelnden Züge des Erzbischofs nahmen eine eherne Härte an, seine Augen blickten scharf und schneidend, und seine vollen weichen Lippen preßten sich mit dem Ausdruck unbeugsam entschlossenen Willens auf einander.

»Dem Recht der Kirche gegenüber,« sagte er mit leiser, tief durchdringender Stimme, »giebt es keinen Ausweg und kein Arrangement. Die Kirche wird die Macht haben, und sie allein, allen finanziellen Verlegenheiten des künftigen Kaiserreichs abzuhelfen, sie wird ihm Geld und Soldaten schaffen, aber sie wird es nur thun, als freie und mächtige Verbündete im Vollbesitz ihres Rechts. Möge der Erzherzog das nie vergessen, und wenn er sich zur unbedingten Anerkennung der Stellung und des Rechts der Kirche nicht entschließen kann, dann thäte er besser, diese Krone nicht anzunehmen, denn er wird sie dann nicht auf seinem Haupte erhalten können, da dann,« fügte er, sich tief verneigend, hinzu, »die Kirche nicht in der Lage sein wird, ihre Macht zum Schutz dieser Krone anzuwenden, indem sie gezwungen sein wird, für sich selbst zu arbeiten.«

Der Kaiser richtete sich höher empor. Ein kalter, stolzer Blick seines Auges glitt über den sich neigenden Prälaten herab; der Erzbischof sah diesen Blick nicht, denn als er sich wieder emporrichtete, hatte das Gesicht des Kaisers denselben ruhig verbindlichen Ausdruck als vorher, aber die Kaiserin hatte von ihrem Platz aus den Blick ihres Gemahls gesehen, und rasch aufstehend sprach sie:

»Ich freue mich, dem Herrn Erzbischof Gelegenheit gegeben zu haben, sogleich seine Ansicht über die sich vorbereitenden Ereignisse auszusprechen, Sie werden, Monseigneur, gewiß noch Gelegenheit finden, ausführlich dem Kaiser Ihre Meinung zu entwickeln.«

»Ich werde es für eine Pflicht gegen Seine Majestät, gegen mein Land und gegen dessen künftigen Souverain halten, niemals mit meiner Meinung zurückzuhalten,« erwiderte der Erzbischof.

»Der Erzherzog soll sogleich auf vertraulichem Wege benachrichtigt werden,« sagte der Kaiser, »und Sie sollen sogleich von seiner Antwort in Kenntniß gesetzt werden.«

Der Erzbischof verstand, daß die Unterhaltung beendet sei, er erhob segnend die Hand gegen den Kaiser und die Kaiserin und zog sich mit würdevollem Gruße zurück.

»Du willst ausreiten?« fragte der Kaiser.

Eugenie nickte mit dem Kopf, indem sie vor den Spiegel trat und den Schleier auf ihrem Hut arrangirte, »die Luft ist heute frisch und die Bewegung thut mir gut.«

»Wer wird Dich begleiten?« fragte Napoleon.

»Baron de Pierres und der Prinz Reuß.«

Der Kaiser sann einen Moment nach. »Ich muß noch mit Mocquard arbeiten,« sagte er, »er werden wieder Ereignisse kommen, die mich in Anspruch nehmen, es scheint, daß man in Wien an eine Reform des Deutschen Bundes denkt, ein Schachzug gegen Preußen, dessen selbstständige Stellung man noch mehr in die Fesseln eines künstlichen Mechanismus einengen möchte; man sollte in Berlin auf der Hut sein, es wäre wohl der Augenblick, daß man sich dort mit uns auf einen intimen Fuß stellte, denn das Interesse Frankreichs verbietet, daß Oesterreich in Deutschland den Preußischen Einfluß zu sehr zurückdrängt.«

Er hatte diese Worte leicht hingeworfen, hatte zu sich selbst gesprochen, die Kaiserin hatte aufmerksam zugehört.

»Auf Wiedersehen beim Diner,« sagte sie und reichte abermals ihre Wange ihrem Gemahl dar.

Dieser küßte sie mit rascher Wendung auf die Lippen und sagte:

»Die Pariser werden entzückt sein, ihre liebenswürdige Kaiserin zu sehen, die heute reizender ist, als jemals.«

Und er führte sie mit der ihm eigenen Galanterie zur Thür.

Kaum war er allen, so berührte er eine kleine Glocke auf seinem Schreibtisch.

»Mocquard!« rief er dem Kammerdiener zu.

Nach wenigen Augenblicken trat durch den Seiteneingang des Cabinets der langjährige Vertraute und Geheim-Secretär des Kaisers ein.

Er war ein Mann von fast sechzig Jahren, das scharfe hochintelligente Gesicht trug einen skeptischen Ausdruck, der zugleich aber eine gutmüthige Heiterkeit nicht ausschloß. Seine ergrauten Haare waren kurz geschnitten, die ganze Erscheinung hielt die Mitte zwischen einem Advocaten und einem Abbé des ancien régime.

»Mocquard, mein Freund,« sagte der Kaiser, indem er sich bequem in seinem Lehnstuhl sinken ließ, »die mexikanische Angelegenheit ist am Entscheidungspunkte angelangt, man wird dem Erzherzog die Krone anbieten.«

»Ich glaube, daß diese Krone viele Dornen haben wird,« sagte Mocquard lächelnd.

»Dieser Sproß des stolzen Kaiserhauses von Habsburg,« fuhr der Kaiser fort, indem er von einem silbernen Teller eine Cigarre nahm und sie an der daneben stehenden Kerze anzündete, »soll aber Kaiser par la volonté nationale, durch das suffrage universel sein, wie ich; die Notabeln-Versammlung wird ihn wählen, er muß aber die Kundgebung des nationalen Willens verlangen, es wird leicht sein, bei seiner Geistesrichtung in diesem Sinne auf ihn einzuwirken, es wäre gut, wenn einige Artikel darüber erschienen, er wird sie alle lesen und sie werden zünden.«

Mocquard nickte mit dem Kopf.

»Labastida,« fuhr der Kaiser fort, »wird zu mächtig und fühlt seine Macht zu sehr, es wäre mir lieb, wenn man eine Parthei bilden könnte, die seinen Einfluß balancirt.«

»Sie bildet sich schwer,« erwiderte Mocquard, »Almonte handelt in unserem Interesse, und der Marschall Bazaine wird, wenn er das Commando übernimmt, dafür sorgen, daß keine Parthei neben unserem Einfluß zu mächtig wird.«

»Denken Sie, Mocquard,« rief Napoleon, indem er seine Cigarre neben sich legte und sich zufrieden lächelnd die Hände rieb, »Oesterreich wird mit einem Antrag auf Reform des Deutschen Bundes hervortreten, lassen Sie sich von Drouyn de Lhuys die Reformvorschläge geben, sie sind wunderbar geeignet, um die Verwirrung auf den Gipfel zu treiben. Wir haben nichts anderes zu thun, als zuzusehen, – doch,« fuhr er ernster fort, »der alte Palmerston läßt mich in Amerika im Stich, ich habe keine Lust, seine Angelegenheiten in Polen zu treiben, machen Sie mir eine vertrauliche Instruction an Montebello, die sogleich durch einen meiner geheimen Couriere abgehen muß. Er soll dem Fürsten Gortschakoff zu verstehen geben, daß, wenn ich mich auch nicht von England und Oesterreich in der polnischen Frage officiell trennen kann, man doch darauf rechnen dürfe, daß dieselbe zu keinen ernsten Consequenzen führen werde. Man möge diejenigen Concessionen bezeichnen, die man etwa zu machen geneigt sei, und ich würde dann in jeder Weise entgegen kommen.

»Machen Sie dies, ich bitte Sie, vor allen Dingen; ich will um keinen Preis Verwicklungen mit Rußland, dann wollen wir die eingegangenen Sachen durchgehen.«

Mocquard verbeugte sich und verließ das Cabinet, der Kaiser blieb in seinen Lehnstuhl zurückgelehnt, – träumerisch vor sich hinblickend blies er die bläulichen Rauchwolken seiner Cigarre in die Luft empor.

Drittes Capitel.

Im glänzenden Mittagssonnenschein lag die »Zeil« zu Frankfurt am Main da, diese vornehmste Straße der alten Reichs- und Krönungsstadt. Hell klangen militärische Hörner die Straße herauf – eine Abtheilung österreichischen Militairs zog daher, die Wachen zu besetzen. In kräftigem Schritt marschirten sie hin die braunen Söhne Ungarns in den weißen Röcken, den engen blauen Beinkleidern und hohen Schuhen, grell und feurig blickten die dunkeln Augen unter den Käppis hervor. An der Spitze des kleinen Detachements marschirte ein junger Offizier, in der Uniform der Hauptleute, den Säbel in der Hand. Unter dem Käppi quoll leicht gelocktes, kurzes, dunkelblondes Haar hervor, der blonde Schnurrbart hing wohlgepflegt über die Lippe herab und die hellen Augen blickten heiter und freundlich rechts und links auf die Vorübergehenden und die glänzenden Schaufenster der Läden an den Seiten der Straße. Es war ein junger Hauptmann, denn nach seiner äußeren Erscheinung mochte er höchstens sechs bis siebenundzwanzig Jahre alt sein, – das Maria-Theresienkreuz auf seiner Brust bewies, daß er schon mit hoher Auszeichnung den italienischen Krieg mitgemacht haben mußte.

Die Truppe näherte sich am Ende der Zeil einem großen schönen Hause von etwas alterthümlicher Bauart, in dessen Erdgeschoß man keinen Laden sah, obgleich die mit grünen Vorsätzen verdeckten Fenster und die an einem derselben ausgestellten Werthpapiere und Münzsorten bewiesen, daß auch hier der Sitz eines großen Geldgeschäfts sich befinde.

Eines der Fenster des ersten Stockwerks, hinter deren hellen Spiegelscheiben man weiße Vorhänge von großer Sauberkeit und Eleganz erblickte, war geöffnet und aus demselben blickten zwei reizende Mädchenköpfe auf die Straße herab.

Das eine der beiden Mädchen war eine heiter und fröhlich blickende Blondine von siebenzehn bis achtzehn Jahren, – in natürlichen kunstlosen Locken fiel ihr dichtes Haar von den Schläfen herab – die blauen Augen sahen so neckisch und lustig aus dem lachenden Gesicht in den frischen zarten Farben in die Welt hinaus, als spiegelten sie den blauen Himmel und den lichten Sonnenschein zurück. Sie lag vornüber gebeugt auf der Brüstung des Fensters, die Ellenbogen auf ein rothes Kissen gestützt und wendete sich oft in lebhaftem Geplauder zu ihrer Freundin zurück, welche weniger sichtbar hinter dem Fenster saß und in ihrer ganzen Erscheinung sehr von ihr verschieden war.

Dunkles fast schwarzes Haar lag in reiche Flechten geordnet um die klare Stirn dieses zweiten jungen Mädchens, – unter hochgeschwungenen dunkeln Brauen blickten große, tief sinnende Augen hervor von jenem Ausdruck, der weder an das helle Licht des Tages noch an den geheimnißvollen Zauber der Nacht erinnert, sondern jenen eigenthümlichen Reiz hat, den die spanischen Dichter als die höchste Schönheit weiblicher Augen bezeichnen, – den Reiz des Schimmers der Abendröthe, welche noch bestrahlt ist vom warmen Licht des Tages, aber bereits die heraufsteigenden Wunder des Nachthimmels mit seinen Sternen ahnen läßt. Ihr schönes Gesicht von griechischem Schnitt war von durchsichtig zarter Blässe und um den feinen Mund lag ein Zug von sanfter Traurigkeit – fast schwermüthig war das Lächeln, das zuweilen bei den heiteren Bemerkungen ihrer Gefährtin um ihre Lippen spielte.

Die österreichische Abtheilung war herangekommen, – der junge Hauptmann warf einen Blick nach dem Fenster hinauf und salutierte mit dem Säbel – die junge Dame, welche zum Fenster hinausgebogen auf die Straße hinabblickte, erwiderte den Gruß und warf zugleich rückwärts einen schalkhaften Blick nach der Andern hin, welche fast unmerklich das Haupt neigte, indem eine flüchtige Röthe über ihre Stirn zog.

Unter den Vorübergehenden auf dem Trottoir an der andern Seite der Straße befand sich ein Offizier in der Uniform der preußischen Linien-Infanterie mit dem Stern der Premier-Lieutenants auf den Epauletten. Er ging langsam hin in jener festen und geraden Haltung, die den preußischen Militairs eigen ist, – sein jugendliches, etwas bleiches Gesicht war scharf und vornehm geschnitten und die dunkeln lebhaften Augen blickten unter dem Schirm der Dienstmütze nach dem Fenster herauf, an welchem die beiden jungen Mädchen saßen.

Er sah, wie der österreichische Hauptmann salutirte, – er sah, wie die junge Dame am Fenster diesen Gruß erwiderte, ohne daß er von seiner Seite der Straße her die Andre erblicken konnte, – ein schneller feindlich zorniger Blick folgte dem österreichischen Offizier, der die Straße hinab marschirte und sich noch einmal zurückwendete, – dann biß er auf den kleinen dunklen Schnurrbart und schnell den Kopf abwendend schritt er rasch weiter, ohne noch einen Blick nach dem Fenster hinaufzuwerfen.

In dem Hause, von dessen Fenster die beiden jungen Mädchen auf das bunte Treiben der Zeil hinabsahen, wohnte der Banquier Jacob Sebastian Partner, einem der ältesten Bürgergeschlechter Frankfurts entstammend und Inhaber einer der bedeutendsten und geachtetsten Firmen der alten Reichsstadt, ein Mann stolz und fest wie die alten Eichen der deutschen Wälder, aber auch hart und starr wie sie, die der Sturm brechen aber nicht beugen kann. Er war Mitglied der Bürgerrepräsentation, sein Vermögen war groß und fest gesichert in klugen und vorsichtigen Unternehmungen und viel galt sein Wort unter seinen Mitbürgern.

In der Tiefe der Vorflur dieses alten Hauses, dessen untere Räume die Wirthschaftsbureaux einnahmen, führte eine breite, feste, steinerne Treppe in die oberen Stockwerke; die breiten Corridors waren leicht gewölbt und einfach weiß gemalt, alte Kupferstiche hingen an den weißen Wänden und eine große Uhr, in tief gedunkeltem Gehäuse von Eichenholz stand neben dem Treppenaufgang mit ihrem laut durch den stillen ruhigen Vorplatz hallenden Pendelschlag die flüchtig dahin eilenden Secunden messend.

Der Hausherr bewohnte den zweiten Stock, weil er keine Schritte über seinem Kopf hören wollte, die Bel-Etage enthielt die Wohn- und Gesellschaftsräume der Familie und die Zimmer der Frau und der einzigen Tochter des würdigen Bürgers und Kaufmanns der alten freien Stadt.

In dem großen Wohnzimmer befanden sich die beiden jungen Mädchen, welche der Gegenstand der Aufmerksamkeit des österreichischen Hauptmanns und des preußischen Premier-Lieutenants gewesen waren.

Die zarte Erscheinung mit dem dunkeln Haar und den großen Augen voll sanft schimmernder Dämmerung war Emma, des Herrn Jakob Sebastian Partner einzige Tochter. Sie saß auf einem Lehnstuhl am Fenster und hatte, nachdem jenes österreichische Detachement vorübergezogen war, keinen Blick mehr für das Treiben auf der Straße da unten, sondern sah träumend in ihren Schooß nieder.

Auf einem an das Fenster herangezogenen Sessel kniete die andere junge Dame, Fräulein Bertha Holberg, die Tochter einer Schwester des Herrn Partner, welchen einen armen Maler geheirathet und sich mit ihrer bürgerstolzen Familie entzweit hatte. Nach dem Tode der von Unglück und Elend verfolgten Eltern war deren hinterlassene Tochter, für welche die sterbende Mutter den Schutz und Beistand des Bruders angefleht hatte, von diesem aufgenommen und mit der eigenen Tochter erzogen worden, die ihre Cousine wie eine Schwester liebte.

Es war ein liebliches und charakteristisches Bild, diese beiden so schönen, so jugendlich anmuthigen und doch von einander so verschiedenen Mädchengestalten in dem hohen weiten Gemach, dessen Decke in alter Stuccatur mit Guirlanden und Arabesken geziert war, die in der Mitte in einer kleinen, runden Wölbung zusammenliefen, aus welcher ein schöner, alter Kronleuchter von geschliffenem Krystall herab hing. Familienbilder in einfachen Rahmen hingen an den Wänden, lebensgroße Portraits der Vorfahren des alten Bürgergeschlechts, Männer in schwarzen Kleidern, alle ernst und streng blickend, einige mit der goldenen Kette der Rathsherrn geschmückt und Frauen in dunkle Farben gekleidet mit ruhigen sanften Gesichtern, weiße Krausen um den Hals und das Gebetbuch in der Hand.

Alte hochlehnige Canapés und Stühle mit schwerem Damast überzogen, gelb und blau geblümt in großen Mustern, standen an den Wänden und schwere mächtige Tische davor, – das war Alles gediegen ernst und gemessen, die neue Zeit hatte diese Räume nicht berührt, hier wehte noch der Geist der alten Reichsbürgerschaft der vergangenen Tage und wenn einer der alten Herren, deren Bilder an den Wänden hingen, aus seinem Rahmen herausgetreten wäre, er hätte ruhig auf einem der hochlehnigen Stühle mit den breiten Sitzen Platz nehmen können – er hätte zu dieser Umgebung gepaßt und die Umgebung zu ihm. Nur auf dem Tisch vor dem größesten Canapé in der Mitte der Wand stand in einer schönen Porzellanvase von moderner Form ein geschmackvoll arrangirtes Bouquet von frischen Blumen, das Werk der beiden Mädchen, welche durch diese vergänglichen Blüthen wenigstens einen Gruß der heiteren frischen Gegenwart in diese Räume gebracht hatten, die einer strengen, fast düstern Vergangenheit angehörten.

»Welch' ein glücklicher Zufall,« rief Fräulein Bertha mit heiterem Lachen, »daß da gerade die Oesterreicher vorbeimarschieren müssen, und daß gerade dieser liebenswürdige Baron von Hohenberg die Abtheilung führt, der so artig heraufgrüßt, oder sollte etwa,« sagte sie, den Finger drohend gegen ihre Cousine erhebend, »sollte der Zufall nicht ganz allein dabei thätig gewesen sein, daß meine kleine ernste Emma heute gegen ihre sonstige Gewohnheit hier am Fenster sitzt und auf die Straße herab sieht, und sollte es vielleicht anmaßend von mir sein, wenn ich den Gruß des schönen Hauptmanns auf mich mit bezogen habe, während er doch wohl nur meiner lieben Cousine gegolten hat.«

Erröthend neigte Emma den Kopf auf die Brust herab und antwortete nicht auf die neckische Bemerkung ihrer Cousine.

Als sie nach einigen Augenblicken sich wieder emporrichtete perlte eine Thräne an ihrer langen Wimper.

Schnell sprang Bertha vom Fenster zurück, ließ sich auf ein Knie zu Emma's Füßen niedersinken und indem sie mit der Hand sanft über ihre Augen strich, rief sie mit liebevollem Tone:

»Du böses Kind, warum weinen, warum Alles traurig nehmen? Sieh, das habe ich nicht gewollt mit meinem Scherz, und ich sehe es auch wahrlich nicht ein,« rief sie mit fröhlichem Ton, »was denn dabei Trauriges ist, wenn ein hübsches liebes Mädchen, wie Du, einen so schmucken guten und braven Mann gern hat, wie diesen Baron Hohenberg, ja, wenn es noch das Unglück wollte, daß er Dich nicht bemerkte, oder daß er eine Andere liebte, aber dies Unglück,« sagte sie lachend, indem sie den Kopf ihrer Cousine sanft am Kinn emporrichtete, »dies Unglück trifft Dich ja nicht, er sieht Dich ebenso gern an, wie Du ihn; geplaudert habt Ihr ja auch schon von Eurer Liebe, also was giebt's da zu weinen, lustig, den Kopf in die Höhe.

Bald heißt's Bräutigam und Braut!«

trällerte sie und fuhr abermals mit der Hand über die Augen ihrer Cousin, welche noch immer von sanftem Schimmer verschleiert waren.

»Ach mein Gott!« rief Emma mit tiefem Seufzer, »das ist es ja eben, was mich so traurig macht, so wird es nie heißen, Du kennst meinen Vater, Du weißt, wie unbeugsam und hart er sein kann, wenn es seine Grundsätze gilt. Er wird nie nach dem Glück meines Herzens fragen, so sehr er mich auch liebt auf seine Weise. Er verlangt von mir denselben harten Sinn, der ihn erfüllt und niemals – niemals wird er nach dem Glücke meines Herzens fragen!«

»Aber,« rief Bertha aufspringend und leicht mit dem zierlichen Fuß auf den Boden stampfend, »was verlangt er denn, der Oheim? Der Baron Hohenberg ist ein so vornehmer Cavalier, als es nur einen in der Welt geben kann, er ist ein tapferer Offizier, er hat eine schöne Carriere vor sich und wird gewiß noch Feldmarschall. Geld hat er freilich nicht, aber das ist ja auch gleichgültig, denn Du hast ja genug – Du und Dein Bruder, Ihr seid ja die einzigen Kinder, und Dein Vater ist reich genug, daß Ihr Beide bei Eurer Wahl nicht auf Vermögen zu sehen braucht, und geizig ist Dein Vater doch auch nicht, wo er helfen kann, giebt er mit vollen Händen, warum fürchtest Du, daß er Etwas dagegen haben könne, seine Tochter Baronin von Hohenberg werden zu sehen?«

»Das ist es ja eben,« sagte Emma traurig, indem von Neuem Thränen in ihre Augen traten, »nie wird mein Vater eine Verbindung mit einem Edelmann und einem Offizier zugeben, –«

»Mit einem Edelmann und einem Offizier?« rief Bertha, »aber er hat doch meine arme Mutter,« fuhr sie mit dem Ausdruck tiefer Wehmuth fort, »seine Schwester verstoßen, weil sie einem armen Künstler ihre Hand gereicht, und erst nach ihrem Tode hat er sich mit ihrem Andenken versöhnt und mit sein Haus geöffnet, – ist ihm denn der Baron Hohenberg nicht vornehm genug?«

»Er ist ihm zu vornehm, wenn Du willst,« seufzte Emma, »mein Vater will, daß jeder Stand getrennt von andern Lebenskreisen in seinen Grenzen bleibe; er will, daß die Welt und die Menschen nach Rubriken geordnet und gesondert bleiben, wie die Bücher und Rechnungen in den Fächern der Bureaux seines Comptoirs.«

»Aber mein Gott,« rief Bertha, »wir leben ja nicht in Indien, die Kasten gelten nicht in Europa, und ich will sehen,« sagte sie trotzig, »ob zwei junge Mädchenherzen nicht den starren Sinn des Oheims brechen können!«

Emma schüttelte traurig den Kopf.

»Aber,« sagte sie dann, sanft lächelnd, »über Deine Theilnahme für mich, hast Du Deine eigenen Angelegenheiten vergessen. – Als Du den Gruß von Hohenberg erwidertest, ging auf der andern Seite der Straße der Lieutenant Steinberg hin; er schien betroffen darüber, daß Du ihn nicht bemerkt und ging ohne Gruß vorüber.«

»Steinberg,« sagte Bertha achselzuckend, »er ist ein ganz guter Mensch, ich unterhalte mich zuweilen recht gern mit ihm, weil er viel weiß und verständiger zu sprechen versteht, als alle die andern jungen Herren, aber,« fuhr sie lachend fort, »daß ich ihn lieben sollte, davon bin ich noch sehr fern. Er langweilt mich oft mit seiner Pedanterie, er will mich immer erziehen und belehren, ich kann dies steife preußische Wesen nicht leiden, und dann thut er so als ob er Rechte an mich habe, er quält mich mit Eifersucht, und dazu habe ich ihm doch kein Recht gegeben, und dann, er hat Nichts, ich habe Nichts, was sollte daraus werden, –«

»O, es muß schön sein, mit einem Manne, den man liebt, Armuth und Entbehrung zu theilen!« rief Emma.

»Mit einem Manne, den man liebt,« sagte Bertha sinnend, indem ein ernster Ausdruck an die Stelle der lächelnden Heiterkeit ihres Gesichts trat.

Rasch wurde die Thür geöffnet und ein junger Mann von einundzwanzig Jahren, schlank gewachsen, frisch und blühend, elegant in weißem Sommerstoff gekleidet, eilte ins Zimmer. Eine unverkennbare Aehnlichkeit mit Emma lag in seinen Gesichtszügen, nur blickten seine Augen frei und kühn und ein gewisser Trotz zeigte sich in der leicht aufgeworfenen Oberlippe, auf welcher ein kleiner feiner Schnurrbart zu keimen begann.

Es war Ferdinand Partner, der Sohn des Hauses, welcher nach Vollendung seiner juristischen Studien in Heidelberg zurückgekehrt war, um in den Bureaux seines Vaters sich die technischen Kenntnisse zu erwerben, die ihn in den Stand setzen sollten, dereinst das Geschäft und die Firma seines Vaters fortzusetzen.

Der junge Mann küßte seine Schwester auf die Stirn und drückte herzlich die Hand seiner Cousine, die mit leichtem Erröthen seinen Gruß erwiderte.

»Sind die Comptoirs schon geschlossen,« fragte Emma, »dann werden wir uns vorbereiten müssen, zu Tisch zu gehn.«

»Noch nicht,« rief der junge Mann seufzend, »aber es ist so über alle Beschreibung langweilig da unten, ich muß ein wenig Luft schöpfen und einmal ein Paar lachende vergnügte Menschengesichter sehen unter all den Zahlen und Rechnungen. In den großen Comptoirbüchern trocknet mir der Humor und die Lebenslust ein.

Er stützte sich mit den Knieen auf den Stuhl, welchen seine Cousine vorher eingenommen hatte und bog sich weit aus dem Fenster hinaus, rechts und links die Straße herabblickend und mit tiefen Athemzügen die sonnige Luft einathmend.

»Der Onkel wird aber sehr böse, Vetter Ferdinand,« sagte Bertha, »wenn Du schon wieder das Comptoir vor der Zeit verläßt. Du weißt, wie sehr er Pünktlichkeit liebt, Du solltest Dich ein wenig danach richten.«

»Ich will ja nur einen Augenblick hier bei Euch bleiben,« rief der junge Mann, »nur einen kurzen Augenblick, dann will ich ja schon wieder zurück in jenes Gefängniß voll Zahlen und Rechnungen. Es ist doch in der That nicht so ganz leicht, von den sonnigen Höhen meines lieben Heidelberg in diese Modergruft eines kaufmännischen Comptoirs herabzusteigen. Wohl fühlen werde ich mich da niemals; ich wollte, der Vater hätte mich gar nicht zur Universität geschickt, dann wäre ich glücklicher, jetzt aber habe ich den freien Hauch des Lebens kennen gelernt, ich habe einen Blick hinaus gethan in die weite Welt, in der andere Gedanken und andere Interessen den Geist und das Herz erfüllen, als Geld zu erwerben und wieder Geld zu erwerben, und ich kann mein Denken und Fühlen nicht mehr in den engen Kreis bannen, in welchem mein künftiges Leben sich bewegen soll; o,« rief er, »wie beneide ich meine Freunde, die ein Leben voll hohen Strebens vor sich sehen, in welchem sie ihre Kräfte anspannen können zu edlem Kampf im Ringen nach hohen Zielen, während ich hier mein Wissen und Können entwürdigen soll im Dienste des schnöden Geldes –«

»Das Du doch so gut gebrauchen kannst,« sagte Bertha lachend.

»Das ich aber auch verstehen würde, zu entbehren und zu verachten,« rief der junge Mann lebhaft, »wenn ich mein Leben widmen könnte der Kunst, der Wissenschaft oder dem Wirken in den öffentlichen Angelegenheiten zum Wohl und zum Ruhme der Nation, so aber,« – er schwieg und über sein heiteres Gesicht legte sich der Schleier trüber Wehmuth.

Ein alter Diener, der mehr das Aussehen eines Unterbeamten des Comptoirs als eines herrschaftlichen Bedienten hatte, trat, langsam und geräuschlos die Thüre öffnend, in das Zimmer.

»Herr Partner läßt Fräulein Emma bitten, sogleich zu ihm zu kommen,« sagte er mit ruhiger, ausdrucksloser Stimme.

Das junge Mädchen blickte erstaunt, fast erschrocken auf, eine tiefe Blässe überzog ihr Gesicht. Es war etwas Außergewöhnliches, daß der Hausherr seine Kinder zu sich bescheiden ließ. – Alles bewegte sich in der regelmäßigen Pünktlichkeit dieses wohlgeordneten Hauses in festem und stets gleichem Zeitmaß. Diese Berufung zu außergewöhnlicher Stunde mußte daher etwas Besonderes bedeuten und die zartempfängliche Seele des jungen Mädchens ließ sie vor allem Unbekannten und Ueberraschenden furchtsam erbeben.

Mit dem den Kindern des strengen Bürgerhauses gewohnten Gehorsam erhob sie sich, schritt zur Thür hinaus und stieg die breite Treppe zu dem zweiten Stockwerk hinauf. Nach einem augenblicklichen Zögern öffnete sie die große Mittelthür zu dem Wohnzimmer ihres Vaters.

In diesem weiten Gemach mit großen, hellen Fenstern, mit spiegelblank gebohntem Fußboden sah man große Glasschränke an den Wänden, theils gefüllt mit sauber eingebundenen Büchern, theils mit Papieren sorgsam mit rothen Bändern in Packete zusammengebunden. An dem einen Fenster stand ein breites hohes Pult mit einem Lederschemel davor, daneben ein Tisch mit einem Schreibstuhl von Rohrgeflecht. Ein großer Sopha und mehrere breite und tiefe Stühle, mit braunem Leder überzogen und mit gelben Nägeln verziert, standen an der einen Seitenwand um einen großen Eichentisch, auf welchem sich eine große Wasserflasche von geschliffenem Glas und ein hoher pokalähnlicher gläserner Becher befand. Ueber dem Sopha hing ein schön gemaltes großes weibliches Portrait, eine junge Frau in weißem Gewande darstellend, deren Gesichtszüge an die Nichte des Hausherrn erinnerten.

Auf den Stühlen um den großen Tisch saßen drei Personen. Zunächst Herr Jacob Sebastian Partner, eine hohe, volle und starke Gestalt in schwarzem halb zugeknöpftem Ueberrock, der ein hochaufsteigendes, weißes Gilet sehen ließ. Das etwas geröthete Gesicht des alten Herrn, der etwa vier bis fünfundfünfzig Jahre zählen mochte, zeigte trotz seiner Fülle scharfe und ausdrucksvolle Züge, sein stark hervortretendes Kinn ruhte in den Falten eines feinen blendend weißen Halstuchs, sein etwas großer Mund war fest und streng geschlossen, die starke gerade Nase war durch den häufigen Gebrauch des Schnupftabacks ein wenig geröthet, die dunkeln Augen blickten klar und scharf unter den dichten Augenbrauen hervor, welche noch fast schwarz erschienen, während das volle Haar, das kurz geschnitten, ziemlich tief in die breite und stark hervortretende Stirn hinabreichte, bereits vollständig ergraut war.

Der alte Herr saß gerade aufgerichtet auf seinem Stuhl und drehte in ruhiger gleichmäßiger Bewegung eine große silberne Tabacksdose zwischen den Fingern seiner rechten Hand.

Neben ihm saß seine Gemahlin, eine zarte und schlanke, etwa zehn Jahre jünger als ihr Gatte erscheinende Frau, in dunkel grauem Seidenkleid, ein weißes Spitzentuch um den Hals und eine weiße Haube mit grauem Band auf dem noch dichten und braunen Haar. Ihr Gesicht, das früher schön gewesen sein mußte, war bleich ohne kränklich auszusehn und in ihren sanften Augen lag eine gewisse ruhige Resignation aber ohne Traurigkeit, vielmehr mit dem Ausdruck der Sicherheit und inneren Befriedigung.

Dem Ehepaar gegenüber befand sich ein Mann von etwa dreißig Jahren, modern aber einfach gekleidet, das dichte blonde Haar kurz geschnitten und sorgfältig gescheitelt, sein regelmäßiges Gesicht mit einem kurzen Backenbart erschien beim ersten Anblick ebenso einfach und ausdruckslos wie seine Kleidung, aber sobald man längere Zeit in dieses Gesicht sah, machte dasselbe einen unangenehm antipathischen Eindruck: es fehlte demselben die Wärme des Lebens. Diese dünnen Lippen konnten kein warmes aus dem Herzen kommendes und zum Herzen dringendes Wort sprechen, in diesen Augen lag eine kalte abwehrende Starrheit, welche das Leben der Seele sorgfältig vor jedem Einblick verschloß. Das gleichmäßige höfliche Lächeln, welches fast niemals von diesem glatten Gesicht verschwand, hatte etwas Unheimliches.

Als das junge Mädchen in das Zimmer ihres Vaters trat, erhob sich dieser Mann und grüßte sie mit der ausgesuchtesten aber etwas steifen Artigkeit. Emma verneigte sich leicht gegen ihn und trat schüchtern zu dem alten Herrn.

»Du hast mich rufen lassen, lieber Vater,« sagte sie mit etwas zitternder Stimme, »was befiehlst Du?«

Herr Partner deutete mit der Hand auf einen leeren Stuhl an seiner Seite und als Emma auf demselben Platz genommen, sprach er mit klarer und lauter Stimme, trotz des weichen frankfurter Dialekts jedes Wort und jedes Silbe scharf betonend.

»Ich habe Dich rufen lassen, meine Tochter, um in einer wichtigen Angelegenheit auch Deine Meinung und Deine Stimme zu hören.«

Emma blickte ganz verwirrt auf. Sie war so wenig gewohnt, um ihre Meinung gefragt zu werden, und ihre Stimme abzugeben, daß diese Anrede aus dem Munde ihres Vaters sie in hohem Grade befremdete. Ihr Auge begegnete dem sanften theilnehmend, fast mitleidig auf ihr ruhenden Blick ihrer Mutter, der sich aber sogleich wieder niedersenkte.

»Herr Eberhard Guenther,« fuhr der alte Herr fort, »ein Freund unseres Hauses, den Du kennst, hat bei mir und Deiner Mutter um Deine Hand angehalten.«

Emma zitterte und faßte unwillkürlich mit der Hand die Lehne ihres Stuhles, wie um eine Stütze zu suchen, Herr Guenther verneigte sich gegen sie, indem das stereotype Lächeln auf seinen Lippen noch um eine Nüance freundlicher und verbindlicher wurde.

»Ich kenne den Charakter und die Stellung des Herrn Eberhard Guenther,« sprach Herr Partner weiter, »ich kenne die Achtung, in welcher seine Firma steht und er hat uns über sein Geschäft und seine Verhältnisse auf die ehrenhafteste und vertrauensvollste Weise vollständige Auskunft gegeben.« Herr Guenther verneigte sich diesmal gegen Herrn Partner, indem sein Lächeln augenblicklich einem bescheiden würdevollen Ernst wich. »Ich habe danach,« fuhr der alte Herr fort, »die Ueberzeugung gewonnen, daß eine Verbindung mit ihm, meinem Hause zur Ehre gereicht und Dir die Bürgschaft einer ehrenwerthen Stellung und eines glücklichen Lebens geben würde, deshalb habe ich keine Einwendung gegen seine Bewerbung.«

Emma saß stumm und zitternd mit niedergeschlagenen Augen da.

»Ich will jedoch,« sprach Herr Partner weiter, »daß Du meine Tochter bei einem so wichtigen Schritt, der für das ganze Leben bindet, Dein eigenes Gefühl und Dein Herz zu Rathe ziehst, deshalb sollst Du heute keine Entscheidung treffen und keine Antwort geben. Herr Guenther wird öfter als bisher der Gast unseres Hauses sein und Ihr werdet Gelegenheit haben, Euch kennen zu lernen. Du wirst wissen, daß Du mit Einwilligung und Zustimmung Deiner Eltern seine Bewerbung annehmen darfst und wirst nach sechs Wochen mir Deine Erklärung abgeben.«

Emma schlug das Auge auf. Wie hülfeflehend sah sie zu ihrer Mutter hinüber, aber diese blickte schweigend und unbeweglich in ihren Schooß. Das junge Mädchen öffnete die Lippen, als wollte sie sprechen, aber schnell zusammenschauernd, schloß sich ihr Mund wieder und die Augen niederschlagend, blieb sie in zitterndem Schweigen unbeweglich auf ihrem Stuhl sitzen.

»Ich habe es nicht nöthig,« sagte Herr Guenther mit einer leisen, einförmig tönenden Stimme, »Fräulein Emma näher kennen zu lernen, ich weiß, daß sie alle Eigenschaften besitzt, um mich glücklich zu machen, und ich hoffe, daß sie auch bei näherer Bekanntschaft mit mir, sich ihrerseits überzeugen wird, daß sie mir mit Ruhe ihr künftiges Leben anvertrauen kann.«

Emma schwieg fortwährend, nur die heftigen tiefen Athemzüge ihres Busens bewegten leise ihre Gestalt.

Herr Guenther erhob sich.

»Ich habe jetzt die Ehre mich zu empfehlen,« sprach er mit einem Blick auf das junge Mädchen, »das Fräulein ist durch meine Bewerbung vielleicht überrascht und wird über eine so ernste Sache nachdenken wollen.«

Er verbeugte sich gegen Emma, die mit einer kaum merkbaren Neigung des Kopfs seinen Gruß erwiderte, küßte der Dame des Hauses ernst und gemessen die Hand, erwiderte mit fast ehrerbietiger Höflichkeit den Händedruck des Herrn Partner.

»Wir erwarten Sie zu Tisch,« sagte dieser und mit schweigender Verneigung die Einladung annehmend, verließt Herr Guenther das Zimmer.

Kaum war er hinausgegangen, so schien der Bann, unter welchem Emma gefangen war, sich zu lösen, sie sprang auf und preßte die Hände auf ihre wogende Brust. Dann eilte sie in rascher Bewegung auf den alten Herrn zu.

»O mein Vater!« rief sie und wie in einer plötzlichen Anwandlung von Schwäche sank sie an seine Brust.

Herr Partner schien ein wenig erstaunt über diesen Gefühlsausbruch, er war an so Etwas nicht gewöhnt bei seinen Kindern, aber mit einem freundlichen und milden Lächeln, das auf seinen ernsten strengen Zügen beinah fremd erschien, legte er den Arm um die Schultern seiner Tochter und sprach:

»Ich verstehe Deine Bewegung, mein Kind, fasse Dich, bei näherer Bekanntschaft mit dem Manne, den ich Dir erwählt, wird Deine Befangenheit verschwinden und zu der Achtung, die er verdient, wird sich Deine Zuneigung gesellen, um eine glückliche und segensreiche Verbindung zu begründen.«

»Niemals, mein Vater, niemals!« rief das junge Mädchen laut schluchzend.

»Niemals?« fragte der alte Herr befremdet, »niemals? Was soll das heißen?«

Er zog seinen Arm von den Schultern seiner Tochter, trat einen Schritt zurück und sah sie mit einem verwunderten Blick an, in welchem bereits der Ausdruck der Drohung zu erscheinen begann.

Das junge Mädchen senkte das Auge zitternd unter diesem Blicke ihres Vaters, ihre Gestalt schwankte, als wolle sie in sich zusammensinken; dann aber trat auf ihr bleiches und zartes Gesicht der Ausdruck entschiedener Willenskraft, sie schlug das Auge auf, ihr weich schimmernder Blick entzündete sich zu energischer Entschlossenheit und mit leiser, aber fester Stimme sprach sie:

»Niemals, mein Vater, wird die Zuneigung zu Herrn Guenther mir kommen, niemals werde ich ihm meine Hand reichen, denn – mein Vater – in diesem ernsten Augenblick darf kein Geheimniß zwischen Dir und mir sein – mein Herz ist nicht mehr frei – mein Herz gehört einem anderen Mann und wird sein bleiben für das ganze Leben!«

Das scharfe Auge des alten Herrn öffnete sich weit, seine Lippen preßten sich zusammen, dunkler färbte sich sein Gesicht und das mächtige Kinn drückte sich tiefer in die weiße Cravatte, während es zwischen seinen Augenbrauen zuckte wie Wetterleuchten.

Mit einer Stimme, an deren Ton man hören konnte, daß nur die Kraft des Willens einen heftigen Ausbruch des in ihm aufsteigenden Zornes zurückhielt, sprach er:

»Und wem gehört Dein Herz, wie Du in kindischer Ueberspanntheit wähnst, für das ganze Leben?«

Eine dunkle Gluth zog über Emma's Gesicht, aber fest und frei blickte sie zu ihrem Vater auf und sagte, indem sie wie bittend die Hände faltete:

»Dem Hauptmann von Hohenberg, mein Vater, den Du selbst mit hoher Achtung und Auszeichnung behandelt hast.«

Ein lauter Athemzug drängte sich aus den fest auf einander gepreßten Lippen des alten Herrn, während seine Gattin ihren Blick voll schmerzlicher Theilnahme auf diesem zarten Kinde ruhen ließ, das so tapfer und muthig das Gefühl seines Herzens dem Vater gegenüber bekannte, dessen Autorität als unantastbar und dessen Willen als unabänderlich zu betrachten es von Jugend auf gewöhnt war.

»Der Hauptmann von Hohenberg,« sprach Herr Partner mit gewaltsam erhaltener Ruhe, »ist ein braver und ehrenwerther Mann und vortrefflicher Offizier, ich habe ihm gern mein Haus geöffnet, denn ich achte und ehre Jeden, der die Pflichten seines Standes treu und gewissenhaft erfüllt, aber eben weil er vollkommen das ist, was sein Stand und Beruf von ihm fordert, kann er niemals sich mit meiner Familie verbinden, deren Stand und Beruf ein anderer ist. Der Bürger und der Edelmann – der Kaufmann und der Offizier gehören nicht zusammen, sie mögen jeder in ihrer Sphäre am Wohl des Ganzen arbeiten, aber die Grenzen, welche tausendjährige Ordnung zwischen ihnen aufgerichtet und in denen jeder Stand seine Aufgaben voll und ganz erfüllen kann, sollen mit meinem Willen niemals überschritten werden, der Stolz des einen wie des andern Standes soll diese Grenzen behüten – ich,« fuhr er fort, sich emporrichtend, »ich habe diesen Stolz, und ich will nicht, daß meine Tochter, die eine der ersten ist in meinem Kreise, von den hochmüthigen Standesgenossen ihres Mannes einst scheel angesehn werde, ich will nicht, daß meine Enkel einst den bürgerlichen Großvater verläugnen!«

»Mein Vater –« rief Emma, die Hände gegen ihn ausstreckend.

»Meine Grundsätze in dieser Beziehung,« sprach der alte Herr weiter, »sind wohlbegründet und unabänderlich. Ich will Dich nicht schelten wegen der Verirrung Deines Herzens, denn das Herz eines jungen Mädchens ist ein thörichtes und unverständiges Ding, aber ich sage Dir, Du wirst in dem Kreise Deines Standes bleiben, in welchem ich und meine Vorfahren in ehrenvoller Beschränkung gelebt und gewirkt haben, darum wirst Du dieses Gefühl, diese jugendliche Aufwallung, diesen Traum vergessen.«

»Niemals, mein Vater!« antwortete Emma mit entschlossener Festigkeit, ihre Hand wie zur Betheuerung erhebend.

Die Stirnadern des Herrn Partner schwollen an, ängstlich blickte seine Gattin zu ihm hinüber.

»Ich will dieses Wort nicht gehört haben,« sprach er kalt. »Herr Guenther wird unser Haus täglich besuchen und Du wirst in seinem Umgang seine Eigenschaften kennen lernen. Ich werde Dich niemals zu einer Verbindung zwingen, denn das ist ein Eingriff in die berechtigte Freiheit der Selbstbestimmung, die ich auch meinen Kindern nicht beschränken will, aber ebensowenig werde ich zugeben, daß mein Kind in schrankenloser Freiheit der Gefühle eine Verbindung eingehe, die ich für unatürlich und verderblich halte.«

»Laß mir das Kind,« sagte seine Gattin sanft, indem sie an ihn herantrat und ihre Hand auf seine Schulter legte, »die Kämpfe in ihrem Herzen bedürfen des Auges und des Zuspruchs der Mutter.«

»Der Herr Senator Bernus wünscht Herrn Partner zu sprechen,« meldete der alte Comptoirdiener die Thür öffnend.

»Der Besuch des Herrn Senators wird mir sehr angenehm sein,« sagte Herr Sebastian Partner, »und nun geht hinunter,« fuhr er zu seiner Frau und seiner Tochter gewendet fort, »und weint über die Herzensgeschichte, so viel Ihr immer wollt, vergeßt aber nicht, daß meine Ansichten wohldurchdacht und wohlbegründet sind, und daß mein Wille unabänderlich ist.«

Seine Gattin schlang ihren Arm um Emma und führte dieselbe durch eine Seitenthür hinaus, während der Senator Bernus durch den Haupteingang eintrat.

Herr Bernus war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, von kurzer untersetzter Gestalt. Fast unmittelbar auf den Schultern ruhte der runde Kopf mit dunklem, ganz dünnem Haar. Das blasse volle Gesicht war fast ganz rund mit kleinen dunklen scharfblickenden und beweglichen Augen, über dem kleinen Munde mit dünnen, auf einander geschlossenen Lippen befand sich ein ganz kurzer dunkler Schnurrbart. Der Ausdruck dieses Gesichts ohne alle tiefen und charakteristischen Züge, war eine gewisse selbstbewußte Würde und Sicherheit, welcher jedoch die aristokratische Anmuth und Eleganz fehlte.

Der Senator begrüßte Herrn Sebastian Partner mit leichter Freundlichkeit, in welcher trotz des herzlichen Tones eine gewiß kaum bemerkbare Färbung von Herablassung lag. Herr Partner, der nur mit Mühe auf seinem Gesicht die Spuren der Erregung von der vorhergegangenen Scene unterdrückt hatte, trat dem Würdenträger der freien Reichsstadt mit einer gewissen Deferenz, aber auch mit dem vollen republikanischen Selbstgefühl des unabhängigen Bürgers entgegen, drückte kräftig die dargebotene Hand seines Besuches und führte denselben zu dem breiten Ledersopha, während er selbst in einem Stuhle daneben Platz nahm.

»Ich bin erfreut, den Herrn Senator bei mir zu sehen,« sagte er höflich, aber mit einer gewissen Zurückhaltung, »und werde besonders glücklich sein, wenn ich im Stande sein sollte, demselben in irgend einer Beziehung einen Dienst leisten zu können.«

»Es ist kein persönliches Anliegen, das mich zu Ihnen führt, mein lieber Herr Partner,« sagte Herr Bernus, indem er seinen Hut auf den Tisch vor sich stellte und langsam seine Handschuhe auszog, »ich habe nur den Wunsch, mit Ihnen über die Zeitverhältnisse mich auszusprechen und über die Lage unserer Stadt in diesen allgemein so bewegten Zuständen.«

Herr Partner blickte ein wenig erstaunt auf den Senator, welcher ihn aus seinen kleinen scharfen Augen forschend ansah. Leicht den Kopf neigend, sagte er, immer in demselben Tone höflicher Zurückhaltung:

»Die Zeitverhältnisse, Herr Senator, liegen mir im Ganzen zu fern, als daß ich im Stande sein sollte, darüber eine Ansicht auszusprechen, die für einen Mann, der sich mit denselben zu beschäftigen berufen ist, von Bedeutung sein könnte.«

Herr Bernus lächelte.

»Berufen oder nicht,« sagte er, »ich bin überzeugt, daß der so kluge und erfahrene Herr Sebastian Partner sehr tief und ernst über die Zeit und ihre Bewegung nachgedacht hat und daß seine Ansicht darüber eine sehr wohl erwogene und wohlbegründete ist.«

»Was übrigens den Beruf betrifft,« fuhr er mit einem raschen Seitenblick fort, »so dürfte, wenn Sie anders einen Senator für mehr berufen halten, sich mit den großen politischen Fragen zu beschäftigen, dieser Beruf bald an Sie herantreten. Die Ergänzungswahl für den Senat steht bevor und wie ich weiß, denkt ein großer Theil der Bürgerschaft daran, Ihnen die Stimmen für einen erledigten Platz unseres Collegii zu geben.«

Herr Partner verbeugte sich ohne ein Zeichen von Ueberraschung, während er doch einen Ausdruck von befriedigtem Stolz nicht ganz unterdrücken konnte.

»Wenn meine Mitbürger mich für würdig halten, einen solchen Platz einzunehmen,« erwiderte er ruhig, »so wird es mein eifrigstes Streben sein, die Pflichten desselben ebenso zu erfüllen, wie ich bisher meine Functionen als Bürgerrepräsentant treu und gewissenhaft auszuüben stets bemüht war.«

»Jedermann weiß das,« sagte Herr Bernus mit dem Anklang eines gewissen Gönnertons, bei welchem Herr Sebastian Partner in unwillkürlicher Aufwallung den Kopf emporwarf, »und ich zunächst bin tief davon durchdrungen, daß zum Wohle unserer Stadt kein würdigerer erwählt werden könnte.«

Herr Partner verneigte sich kalt und höflich, er öffnete seine große silberne Dose, welche er in seiner Hand hin und her gedreht hatte und bot sie seinem Gaste dar.

Herr Bernus tauchte leicht den Finger in dieselbe und fuhr damit schnell unter seiner Nase her.

»Gerade mein besonderer Wunsch, Sie als Collegen zu begrüßen,« sagte er, während Herr Partner eine große Prise nahm, »und meine Absicht, mit meinem ganzen Einfluß,« er stäubte, die Brust hervorstreckend, mit den Fingerspitzen einige Tabackskörner von seinem Gilet, »mit meinem ganzen Einfluß Ihre Candidatur zu unterstützen, treibt mich, mit Ihnen über die Zeitbewegung zu sprechen und zugleich Ihre Mitwirkung und Unterstützung für meine Bestrebungen zu erbitten, deren Ziele Sie gewiß im Interesse unserer Stadt billigen werden.«

Herr Partner erwiderte darauf in beinah gleichgültigem Ton:

»Ich bin es sehr wenig gewöhnt, die besonderen Interessen unserer Stadt mit den Strömungen im Leben der Geister da draußen in Verbindung zu bringen – aber ich zweifle nicht,« fügte er artig hinzu, »daß Sie das Alles eingehender verfolgt haben, und daß Sie gewiß überall dasjenige erstreben, was dem Wohle der Bürgerschaft das Förderlichste sein wird.«

»Das Wohl der Bürgerschaft,« erwiderte der Senator Bernus, »beruht auf der Selbstständigkeit und Unabhängigkeit der Stadt und ihres Gebietes.«

Herr Partner neigte zustimmend den Kopf.

»Diese Selbstständigkeit und Unabhängigkeit,« fuhr der Senator fort, »wird aber gegenwärtig mehr als je bedroht. Die preußische Regierung tritt offener und deutlicher als je mit ihrer Absicht hervor, den Staatenbund in einen Bundesstaat zu verwandeln und die Hegemonie in Deutschland an sich zu reißen. Der Nationalverein, der unter der falschen Maske liberaler Bestrebungen in allen deutschen Staaten alle mit den Regierungen Unzufriedenen zu einer großen und wohlorganisirten Liga vereinigt hat, verbreitet die Theorie von der preußischen Spitze in der öffentlichen Meinung und bereitet die Massen vor, welche auf Herrn von Bismarck schelten und doch seine Pläne fördern helfen. Die Regierungen wehren sich soviel sie können gegen diese Strömung, aber sie sind eben unpopulär und je mehr sie, zum Theil mit falschen und unvorsichtigen Mitteln, gegen den Nationalverein arbeiten, um so mehr wächst seine Macht und seine Ausdehnung.«

Herr Partner nickte bekräftigend mit dem Kopf und nahm eine große Prise.

»Es ist nothwendig,« sprach der Senator Bernus, augenscheinlich erfreut durch die schweigende Zustimmung des alten Herrn, weiter, »es ist nothwendig, daß die alten Elemente des Volkes selbst, welche ein Interesse an der Erhaltung des bestehenden Rechtszustandes in Deutschland haben, den Regierungen zu Hülfe kommen und jenen verderblichen Bestrebungen entgegentreten.«

»Es haben sich,« fuhr er fort, »die großdeutschen Vereine gebildet, welche die Idee der Erhaltung der Grundprincipien des deutschen Bundes, nämlich der Selbstständigkeit der Einzelstaaten unter Einführung zeitgemäßer Mitwirkung der Völker selbst am deutschen Bundesleben zum Bewußtsein der öffentlichen Meinung bringen wollen, und die Fürsten selbst kommen diesen Bestrebungen entgegen in der richtigen Erkenntniß, daß der deutsche Bund nur unpopulär und verhaßt geworden, weil er sich zum Organ reactionärer Tendenzen gemacht hat.«

Herr Sebastian Partner hörte schweigend zu und drehte seine Tabacksdose langsam zwischen den Fingern.

»In allen Staaten Deutschlands,« fuhr Herr Bernus fort, »ist nun die Betheiligung an den großdeutschen Vereinen eine sehr starke und lebhafte, hier in Frankfurt allein ist noch wenig Theilnahme dafür. Das ist sehr zu beklagen, denn gerade die Frankfurter Bürger haben das dringendste Interesse daran, den Ideen des Nationalvereins entgegenzuarbeiten. Wenn der Gedanke der preußischen Spitze einmal wirklich zur Ausführung gebracht werden sollte, so werden die monarchischen Staaten immer in der Rücksicht auf die fürstlichen Dynastieen eine gewisse Bürgschaft für ihre Selbstständigkeit finden, die Stadt Frankfurt aber, gegen welche man solche Rücksichten nicht zu nehmen hat, wird viel größere Gefahr laufen, ihre Freiheit und Autonomie zu verlieren.

»Und es sind,« sprach er mit einem scharfen Blicke auf Herrn Partner, »gerade die unter Ihrem Einflusse stehenden Kreise der Bürgerschaft, welche sich vorzugsweise von der Betheiligung an der großdeutschen Bewegung zurückhalten, – ich bin deswegen gekommen, um Sie zu bitten, durch Ihr Wort und vor Allem durch Ihr Beispiel für uns zu wirken; wir würden dann später, wenn Sie Mitglied des Senats geworden sind, vortrefflich in allen Fragen zusammenwirken können. – Der großdeutsche Verein bedarf großer Mittel, um den Agitationen des Nationalvereins entgegentreten zu können, ich habe selbst viel gethan, ich bitte Sie, dem Verein beizutreten und auch Ihrerseits in einer Ihrer würdigen Weise ihn materiell zu unterstützen. Ihr Beispiel wird dahin wirken, viele bisher Gleichgültige und Zurückhaltende uns zuzuführen.« –

Er schwieg und blickte erwartungsvoll in das Gesicht des alten Herrn, der schweigend und nachdenkend vor sich niedersah.

»Herr Senator,« sprach er endlich, »ich stimme mit Ihnen vollständig darin überein, daß die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit unserer Stadt und ihres Gebiets eine Lebensbedingung für das Wohl der Bürgerschaft ist, ich verurtheile wie Sie die Bestrebungen des Nationalvereins, aber gerade weil ich dieselben verurtheile, vermag ich nicht einzusehen, daß andere politische Agitationen, daß die großdeutschen Vereine zum Heil führen sollen.«

»Man kann schädliche Einflüsse nur durch gleiche Mittel bekämpfen,« warf Herr Bernus ein.

»Wenn aber nach meiner Ueberzeugung,« sagte Herr Partner, »der Schaden in der politischen Agitation überhaupt liegt, so würde das versuchte Heilmittel die Krankheit nur verschlimmern.

»Die Bürger einer freien Stadt wie Frankfurt,« fuhr er fort, »welchen keine Machtmittel zu ihrem Schutze zu Gebote stehen, finden die beste und sicherste Garantie ihrer Unabhängigkeit darin, daß sie aus ihrer Rechtssphäre nicht heraustreten, daß sie tüchtig und ordentlich ihre inneren Angelegenheiten verwalten und sich von großen politischen Fragen fern halten, die früher oder später zu großen Katastrophen führen müssen.«

Herr Bernus spielte ein wenig ungeduldig mit seinen Fingern auf dem Tisch.

Was kümmert uns,« sprach Herr Partner in etwas lebhafterer Erregung weiter, »was kümmert uns der Streit der Fürsten um ihre größere oder geringere Macht, um ihre Kriegsherrlichkeit und Souverainetät, was kümmert uns der Streit zwischen Preußen und Oesterreich um die Führerschaft in Deutschland? Dann darauf läuft doch die Frage eigentlich hinaus.«

Er blickte ruhig in das in erregtem Mienenspiel zuckende Gesicht des Senators.

»Darauf läuft die Frage allerdings hinaus,« rief Herr Bernus, »aber unsere Pflicht ist es, Oesterreich zu unterstützen, denn Oesterreich ist der Vertheidiger der bundesmäßigen Selbstständigkeit der Deutschen Staaten, Oesterreich tastet keine Rechte, keine Unabhängigkeit an, und so lange Oesterreich mächtig ist in Deutschland, werden die Pläne Preußens, die uns Alle bedrohen, nicht verwirklicht werden.«

Herr Partner schüttelte den Kopf.

»Ich bin Protestant und Bürger einer freien Stadt,« sagte er mit fester Stimme, »und ich kann keine Sympathie haben für Oesterreich, das stets ein Werkzeug in den Händen Roms war zur Aufrichtung der Herrschaft der katholischen Hierarchie, für Oesterreich, das stets ein Vertreter war einer absolut aristokratischen Herrschaft, unter der Bürgersinn nicht zur Geltung und Bürgerwohl nicht zur Blüthe kommen konnte, auch wenn dasselbe Oesterreich jetzt in ungezeitigtem Eifer auf die Bahn des liberalen Fortschritts stürzt.

»Ich liebe Preußen auch nicht,« fuhr er fort, »die stramme Militairherrschaft widerstrebt mir, aber dort ist wenigstens Ordnung, gute Wirthschaft und Raum für die Entwicklung des bürgerlichen Lebens.

»Doch,« sprach er nach einer kurzen Pause, »ich glaube nicht, daß unser Gespräch den Zweck haben kann, die inneren Vorzüge zu erörtern, welche Oesterreich vor Preußen oder Preußen vor Oesterreich haben könnte, für uns kommt es doch nur auf die Stellung an, welche Frankfurts Bürgerschaft zwischen dem Antagonismus der beiden Mächte und ihres Anhangs nehmen soll.«

»Gewiß, gewiß,« rief der Senator Bernus, »und da müssen Sie doch zugeben, daß unsere Selbstständigkeit durch Preußen und den Nationalverein schwer bedroht ist.«

»Auch das kann ich nicht einsehen,« sagte Herr Partner, indem er langsam eine Prise zur Nase führte, »was verlangt Preußen in Deutschland? Eine größere Militaireinheit unter seiner Führung, dagegen sträubt sich die kriegsherrliche Souverainetät der Fürsten; größere Einheit in Verkehrs-, Zoll- und Handelssachen, dem widerstreben so viele Sonderinteressen der einzelnen Staaten. Hat Frankfurt, die freie Stadt, souveraine Kriegsherrlichkeit abzugeben? Und bei einer von Preußen erstrebten vollkommenen Verkehrs- und Zolleinheit würde doch wahrlich der bürgerliche Aufschwung unseres Platzes nur gewinnen, unseres Platzes, der jetzt in tausend hemmende Schranken im Mittelpunkt von Deutschland eingeengt ist. Hat denn nicht die mächtige Hansa, der Bund der freien Städte, Aehnliches erstrebt, als es Preußen heute thut?«

Herr Bernus zog schweigend seine Handschuhe an.

»Ich kann also, wenn wirklich Preußens Ziele erreicht werden sollten,« fuhr Herr Partner fort, »darin keine Bedrohung der Selbstständigkeit Frankfurts erblicken, ich glaube nicht, daß man uns in der Selbstverwaltung unserer inneren Angelegenheiten, in unserem eigenen Recht und unserer eigenen Sitte jemals kränken oder beschränken wird, wohl aber erblicke ich,« sagte er mit erhobener Stimme, »eine große Gefahr darin, wenn die Bürgerschaft Frankfurts sich an politischen Agitationen und Demonstrationen betheiligt, die sie der großen Macht des Nordens feindlich gegenüber stellt. Eine solche Feindschaft könnte einst der Grund werden, die Selbstständigkeit Frankfurts zu zertrümmern, welche sonst nach meiner Ueberzeugung nichts von Preußen zu besorgen hat.«

Der Senator Bernus ergriff seinen Hut.

»Sie sehen, Herr Senator,« sagte Herr Sebastian Partner ruhig, »daß ich nach meiner Ueberzeugung weder selbst dem großdeutschen Verein beitreten, noch zu dessen Gunsten meinen Einfluß auf die Bürgerschaft ausüben kann, ebenso wenig,« fügte er hinzu, »aber billige ich den Nationalverein, und werde, wo ich kann, meinen Einfluß anwenden, um davon abzumahnen.

Herr Bernus stand auf.

»Ich sehe, Herr Partner,« sagte er kalt, im Tone einer gewissen vornehmen Ueberlegenheit, »daß wir uns in unseren Ansichten nicht begegnen, und bedaure, daß wir auch als Collegen kaum würden gedeihlich zusammen wirken können.«

Eine flüchtige Röthe überzog das Gesicht des Herrn Partner und die tiefen Linien zwischen seinen Augenbrauen kräuselten sich.

»Ich verdanke den Einfluß,« sagte er in vollkommen ruhigem, aber etwas scharfem Ton, »den ich unter den Mitbürgern etwa besitze, dem Vertrauen, daß ich stets nach meiner Ueberzeugung für das Wohl der Stadt handele; wenn dies Vertrauen mich zu der Würde eines Senators berufen sollte, so werde ich die neuen und höheren Pflichten in demselben Sinne erfüllen; durch eine Verläugnung meiner Ueberzeugung würde ich nie jene Würde zu erreichen suchen.«

»Niemand kann Ueberzeugungstreue höher achten als ich,« erwiderte Bernus, indem er sich der Thür näherte, »wenn auch natürlich eine der meinigen entgegenstehende Ueberzeugung mich abhalten muß, mich mit ihr zu verbünden.«

Er reichte leicht zwei Finger seiner Hand dem alten Herrn, der ihn artig bis zur Thüre begleitete.

Herr Partner ging gedankenvoll im Zimmer auf und nieder.

»Mit großen Herrn ist nicht gut Kirschen essen,« sagte er vor sich hin, »sie werfen den Kleinen die Steine an den Kopf, das ist ein altes gutes und wahres Sprüchwort, und danach sollen unsere Bürger sich richten. Mögen Preußen und Oesterreich ihren Streit ausfechten in diplomatischen Schachzügen, in Agitationen und, was Gott verhüte, mit den Waffen in der Hand, der Bürger soll schaffen im eigenen Haus, seine stille Arbeit, seine ruhige Beschränkung im zugehörigen Kreise, das ist seine Sicherheit, und Niemand wird ihm zu nahe treten, so lange er dabei bleibt.

»Und dabei soll es bleiben in Frankfurt,« rief er laut, »so lange ich noch Stimme und Einfluß habe, dabei soll es bleiben, in meiner Vaterstadt und in meinem Hause.«

»Die Suppe ist aufgetragen,« meldete ein sauberes Dienstmädchen im dunklen Anzug mit weißer Mütze und weißer hoher Schürze.

»Ist Herr Guenther schon da?« fragte der alte Herr.

»Herr Guenther ist im Wohnzimmer bei den Damen,« erwiderte das Mädchen.

»Ich komme,« sagte Herr Sebastian Partner. Mit einem leichten Seufzer blickte er auf das weißliche Portrait über seinem Sopha und schritt zur Thür hinaus.

Viertes Capitel.

In dem großen Vorzimmer der Staatskanzlei am Ballhofsplatz zu Wien saßen neben dem runden Tisch, welcher von großen Lehnstühlen umgeben unter dem lebensgroßen Bilde des Kaisers Franz Joseph steht, zwei Personen im eifrigen Gespräch. Die eine dieser Personen war ein Mann von etwa einundfünfzig Jahren, lang und hager, mit trockenem, krankhaft gelblichem, bartlosem Gesicht. Eine steife, bureaukratische Ruhe lag in dem Ausdruck seiner Züge und allen seinen Bewegungen.

Dieser Mann war der Hofrath Freiherr von Biegeleben, der Departementsrath für die Bearbeitung der deutschen Angelegenheiten im Ministerium des Aeußern.

Neben ihm saß, bequem in den Fauteuil zurückgelehnt, ein Mann, welcher in seiner ganzen Erscheinung den vollkommensten Gegensatz zu Herrn von Biegeleben bildete. Er mochte in der Mitte der vierziger Jahre stehen, sein Ausdruck und seine Haltung aber zeigten jene gewisse leichte und bequeme Beweglichkeit, welche ein steter Verkehr mit der Welt hervorzubringen pflegen, und welche dem ganzen Wesen eine jugendliche Frische geben, die es schwer macht, beim ersten Anblick sich ein bestimmtes Urtheil über das Alter der Person zu bilden. Sein kräftiges marquirtes Gesicht von kurzem, dichtem Haar und dunklem Vollbart umgeben, war bräunlich gefärbt durch den Einfluß der Sonne und der Luft; seine ganze Haltung und selbst sein einfacher Morgenanzug aus gleichfarbigem dunklem Stoff hatte eine Art von fast rücksichtsloser Nachlässigkeit, wie man sie bei den Amerikanern zu finden pflegt, welche die vielen oft kleinlich einengenden Rücksichten der Verhältnisse des europäischen Continents nicht kennen. Fast im Widerspruch zu dieser praktisch einfachen äußern Erscheinung des Mannes schien der schwärmerische, träumende Blick seiner dunkeln Augen zu stehen, welche gedankenvoll auf den Hofrath von Biegeleben gerichtet war.

Es war der bekannte Julius Fröbel, welcher nach längerem Aufenthalt in Nordamerika nach Deutschland zurückgekehrt, eine lebhafte Thätigkeit in der großdeutschen Partei entwickelte.

»Sie müssen nicht vergessen,« sagte Herr von Biegeleben mit seiner trockenen etwas leisen Stimme, »daß wir mit gegebenen Verhältnissen zu rechnen haben und daß die Prinzipien, welche in Amerika in freier und ursprünglicher Natürlichkeit das öffentliche Leben durchdringen, bei uns nur vorsichtig und langsam eingeführt werden können, wenn sie nicht gefährliche Zerstörungen hervorrufen sollen. Ich glaube deshalb, daß Sie dem Werke der Bundesreform, wie wir es im Sinne haben, Ihre Unterstützung leihen können, auch wenn dasselbe nicht in allen Punkten der Anschauungen entspricht, welche Sie vielleicht über die Entwicklung der deutschen Zustände haben mögen.«

»Meine Ansichten,« erwiderte Herr Fröbel, »sind mit den Jahren bedeutend ruhiger geworden, und ich habe durch langen Aufenthalt unter den Amerikanern diesen wahren matter of fact men gelernt, das praktisch Erreichbare dem theoretisch vielleicht Besseren vorzuziehen. Ich wünsche für mein deutsches Vaterland das größt mögliche Maß von Freiheit, die größt mögliche Einheit nach Außen und in den Verkehrsverhältnissen des national-ökonomischen Lebens, zugleich aber größt mögliche autonome Selbstständigkeit in dem innern Leben der einzelnen Stämme; ich bin tief davon durchdrungen und habe mich in Amerika noch mehr davon überzeugt, daß der germanische Charakter die föderative Staatenbildung verlangt, damit jede individuelle Besonderheit der viel gegliederten Stämme sich ungehindert und frei auszuleben im Stande ist. Ich sehe außerdem vollkommen ein, daß wie in Amerika jede Initiative in der fortschreitenden Entwicklung des Staatslebens von unten, vom Volke, dem selbstregierenden Souverain kommt, daß umgekehrt in Deutschland solche Initiative nur von den Fürsten ausgehen kann. Eine zeitgemäße Reform des Bundes ist eine Nothwendigkeit, Volk und Regierung scheinen darüber einig zu sein. Preußen repräsentirt seinem Wesen und seiner Geschichte gemäß den centralisirten, militairischen Einheitsstaat, – jede Reform des Bundes welche von dort ausgehen würde, müßte daher dasselbe Princip für das Gesammtleben Deutschlands maßgebend werden lassen, und damit würde nach meiner Ueberzeugung die Entwicklung des nationalen Lebens auf falsche und verderbliche Bahnen gedrängt.

»Denn wenn das deutsche Volk so lange auf Preußen als auf den Hort seiner Zukunft geblickt hat, so ist dies die Folge einer seit langer Zeit kunstvoll und geschickt geführten literarischen Agitation, welche es verstanden hat, Preußen als den Vertreter aller liberalen Ideen hinzustellen. Oesterreich dagegen ist der geborene Repräsentant des Föderalismus, auf den es schon in seinem eigenen, inneren Staatsleben mit Nothwendigkeit hingewiesen ist. Oesterreich hat bis jetzt das Prinzip der Freiheit und des Fortschritts mit äußerster Strenge zurückgewiesen, und dadurch eine feindliche Antipathie im deutschen Volke gegen sich erregt. Wenn Oesterreich nun seine schroffe Zurückhaltung gegen die Ideen des Fortschritts aufgiebt, wenn es gelingt, dies dem deutschen Volk zur Ueberzeugung zu bringen, wenn Preußen gezwungen wird, wahrhaft liberalen Propositionen gegenüber bestimmt Farbe zu bekennen, so bin ich nicht zweifelhaft darüber, daß das Vertrauen des deutschen Volkes der österreichischen Bundesreform die kräftigste Unterstützung gewähren wird, und daß der Kaiser von der Nation als ihr frei erkorener Führer auf den Schild gehoben werden wird.«

Der Hofrath von Biegeleben hatte, während Fröbel sprach, mehrmals langsam den Kopf auf und nieder bewegt; als Jener schwieg, erhob er die rechte Hand in einer geraden Bewegung, welche an den Gestus eines Professors auf dem Katheder erinnerte und sprach:

»Es freut mich sehr, daß wir uns in unseren Grundauffassungen über die Verhältnisse so vollständig begegnen. Um jenes Vertrauen der Nation, das Sie mit Recht als die Bedingung des Gelingens unseres Werkes bezeichnen, sicher und schnell zu gewinnen, dürfen wir als Interpreten unserer Absichten Männer, welche das Vertrauen des Volkes besitzen, und einen der bedeutendsten dieser Männer,« fügte er mit einer steifen Verbeugung hinzu, »habe ich die Ehre, vor mir zu sehen. Ich habe nach den von Ihnen ausgesprochenen Ansichten die Ueberzeugung, daß Sie gern dahin wirken werden, um in der Presse und in den großdeutschen Vereinen unser Werk vorzubereiten. Eine fest organisirte Thätigkeit in dieser Beziehung müßte aber sehr schnell und kräftig in's Werk gesetzt werden, da wir bald mit unserem Plane hervorzutreten beabsichtigen. Ich darf bemerken,« fuhr er fort, »daß die Mittel für eine ausgedehnte Agitation im weitesten Maße zu Gebote stehen werden.«

Julius Fröbel nickte leicht mit dem Kopf.

»Eine solche Agitation,« sagte er, »wird um so weniger Schwierigkeiten haben, als die bereits bestehende Organisation der großdeutschen Vereine uns weit verzweigte Verbindungen in die Hand giebt, nur müßte man genau die Vorschläge kennen, mit welchen Sie hervortreten werden, denn es ist nach meiner Ueberzeugung und Erfahrung die beste und richtigste Taktik für jede Regierung, dasjenige als Postulat der öffentlichen Meinung aufstellen zu lassen, was man durchzuführen beabsichtigt.«

»Ich glaube, daß es keinen Zweifel haben wird,« erwiderte Herr von Biegeleben, »Ihnen alle erforderlichen Mittheilungen zu machen, wobei es natürlich Ihrer Discretion überlassen bleiben müßte, Alles so einzurichten, daß über das Projekt selbst als solches keine vorzeitige Diskussion eröffnet wird.«

Ein scharfer Glockenzug ertönte.

Einige Augenblicke darauf trat ein alter Thürsteher der Staatskanzlei ein und sprach:

»Seine Excellenz lassen die Herren bitten.«

Zugleich öffnete er die dem äußern Eingang des Wartesaals gegenüberliegende Thüre.

Herr von Biegeleben erhob sich.

»Erlauben Sie, daß ich Sie führe,« sagte er zu Herrn Fröbel, schritt demselben voran durch einen zweiten kleineren Salon und trat in das Cabinet des Ministers der Auswärtigen Angelegenheiten, dasselbe Cabinet, in welchem eine lange Reihe österreichischer Staatsmänner die so wechselnden Geschicke des Kaiserstaates geleitet haben. Dies Cabinet war ein großer Raum, die hohen Fenster durch einfache Vorhänge halb verdeckt, Aktenrepositorien und Bücherschränke an den Wänden; ein großer Schreibtisch in der Mitte des Zimmers; vor demselben saß in einem runden Lehnstuhl der Minister des Aeußern und des kaiserlichen Hauses Graf von Rechberg und Rothenlöwen.

Der Graf war damals ein Mann von siebenundfünfzig Jahren. Seine äußere Erscheinung war fast unscheinbar zu nennen, die Haltung seiner kleinen Gestalt und der Ausdruck seines blassen, kleinen, faltigen Gesichts trugen das Gepräge halb aristokratischer Abgeschlossenheit, halb bureaukratischen Mißtrauens; sein ergrauendes Haar war kurz geschnitten, und seine kleinen scharfen Augen blickten forschend und zugleich abwehrend durch die Gläser einer feinen Brille.

Der Minister erhob sich beim Eintritt der beiden Herren, und vor seinem Schreibtisch stehen bleibend, begrüßte er dieselben mit einer ruhigen, gemessenen Verbeugung.

Auf einen mehr befehlenden als verbindlichen Wink seiner Hand, rückte Herr von Biegeleben Herrn Fröbel einen der neben dem Schreibtisch bereit stehenden Stühle hin; Graf Rechberg setzte sich nieder und die Herren nahmen ihm gegenüber Platz.

»Herr Julius Fröbel,« sagte der Baron von Biegeleben, seinen Begleiter vorstellend, »der mit den Gedanken des kaiserlichen Cabinets über die Neugestaltung der Verhältnisse in Deutschland vollkommen einverstanden und bereit ist, dieselben durch seine Feder und seinen persönlichen Einfluß in den politischen Kreisen Deutschlands zu unterstützen.«

Graf Rechberg neigte ein wenig den Kopf, ohne daß ein Zug seines Gesichts sich veränderte, und sprach mit klarer Stimme jedes Wort deutlich und scharf betonend:

»Ich freue mich, daß unsere Ideen über die Regeneration Deutschlands richtiges Verständniß und Anerkennung bei einem Manne finden, der einst in erster Reihe unter den Gegnern Oesterreichs stand.«

Herr Fröbel hatte den Grafen mit dem tiefen Blick seiner sinnenden Augen betrachtet, eine leichte Verstimmung war auf seinem Gesicht bemerkbar, und mit einer gewissen selbstbewußten Zurückhaltung erwiderte er:

»Ich war der Gegner Oesterreichs, so lange Oesterreich dem naturgemäßen Fortschritt Deutschlands zur autonomen Freiheit sich entgegenstellte und seine ganze Kraft einsetzte, um die deutschen Zustände in einer traurigen und widernatürlichen Stagnation zu erhalten; wenn Oesterreich heute diejenigen Principien, die ich für die richtigen erkannt und denen ich stets treu geblieben bin, durchzuführen unternimmt, so werde ich sein eifrigster und treuester Freund sein.«

Ein höfliches Lächeln wie ein Wintersonnenstrahl spielte um die Lippen des Grafen.

»Herr von Biegeleben hat Ihnen unsere Gedanken über die mögliche Reform der Bundesverfassung mitgetheilt?« fragte er.

»Ich habe Eurer Excellenz nicht vorgreifen wollen,« sagte der Hofrath von Biegeleben sich verbeugend.

Der Minister nahm ein Heft von seinem Schreibtisch, durchblätterte dasselbe flüchtig und sprach dann zu Herrn Fröbel gewendet:

»Es wird mir sehr angenehm sein, wenn Sie die Güte haben wollen, dies Memoire und die Grundzüge des Verfassungsentwurfs genau zu prüfen, und mir Ihre Ansicht über den Inhalt und die Fassung auszuarbeiten. Sie werden noch besser, als wir hier in der Kanzlei, beurtheilen können, was bei dem deutschen Volke auf Zustimmung zu rechnen hat; ich lege einen großen Werth darauf, daß der Eindruck unseres Schrittes, wenn wir handeln, bei der öffentlichen Meinung ein günstiger sei.«

»Ich werde den Entwurf eingehend prüfen und meine Meinung ebenso freimüthig aussprechen, als sorgfältig begründen,« erwiderte Herr Fröbel.

Graf Rechberg zögerte ein wenig, immer die Blätter des Memoires hin und her wendend.

»Die Hauptpunkte,« sagte er, »auf welche ich das Augenmerk gerichtet habe, sind die obere Leitung und die Executive der Bundesangelegenheiten; diese scheinen mir am Besten in die Hände eines Directoriums gelegt zu werden, welches aus Oesterreich, Preußen, Bauern und zwei andern durch Wahl aus den übrigen Souverainen hervorgehenden Gliedern zu bestehen hätte. Ein solches Directorium, das durch Majorität entschiede, würde schneller und leichter zu Entschlüssen gelangen, und dieselben sicherer und kraftvoller zur Ausführung bringen, als die schwerfällige Maschinerie der Bundesversammlung.«

»Ganz sicher,« rief Herr Fröbel, »und ich bin besonders erfreut darüber, daß Eure Excellenz die Absicht haben, Baiern eine eigene Stellung neben den beiden Großmächten zu geben.«

– »Ohne eine solche Stellung würden wir auf die Mitwirkung Baierns nicht rechnen können,« sagte Herr von Biegeleben.

»Und eine solche besondere verbindende und vermittelnde Stellung entspricht vollkommen den thatsächlichen Verhältnissen – die Trias –«

Graf Rechberg zuckte leise zusammen, sein Blick richtete sich scharf und durchdringend auf den Sprechenden.

»Sie halten die Trias-Idee für ausführbar und heilsam?« fragte er.

»Ich halte sie für ausführbar,« erwiderte Herr Fröbel lebhaft, »und für heilsam, heilsam für Deutschland, und ganz besonders nützlich für Oesterreich.«

»Für Oesterreich?« fragte Graf Rechberg.

»Für Oesterreich besonders,« sagte Herr Fröbel, »vorzüglich wenn die Trias, wie das nach Eurer Excellenz Bedeutung vorauszusetzen ist, sich in natürlicher Agglomeration um Baiern gruppirt. Die deutschen Mittelstaaten werden, wenn auch Baiern die Ehrenstelle unter ihnen einnimmt, doch den eigentlichen Kern der Macht in dieser dritten Gruppe bilden, und die Mittelstaaten werden – mehr oder weniger in ihrer souverainen Selbstständigkeit durch Preußen bedroht – stets dem österreichischen Einfluß folgen und etwaige sonderpolitische Neigungen, wenn sie in Baiern auftauchen könnten, paralysiren.«

»Man hat aber an eine andere Trias auf rein militairischer Grundlage gedacht, die sich als unabhängige Macht zwischen die beiden Großmächte stellen sollte. Es sind von Hannover aus Sondirungen vorgenommen.«

»Ich kenne diese Ideen,« sagte Herr Fröbel, »sie sind in sich logisch und hervorgegangen aus dem tiefen Gefühl der Schwäche, welches die Mittelstaaten erfüllt und sie um ihre Existenz besorgt macht, ein Gefühl, das in Hannover durch dessen exponirte Lage zwischen den beiden Hälften der preußischen Monarchie ganz besonders lebendig erhalten wird, indeß diese konnten nur eine Bedeutung haben unter den heutigen Verfassungszuständen des deutschen Bundes; bei einer engeren festeren und leichter beweglichen Organisation desselben würden die jeden Sinn und jede Berechtigung verlieren, außerdem weiß und durch Gespräche, die ich in Hannover selbst mit den einflußreichsten und dem Könige am nächsten stehenden Personen hatte, daß die hannöverschen Sondirungen dem Projecte, einer festgeschlossenen Triasarmee, sehr wenig praktischen Boden geschaffen haben.«

Graf Rechberg schwieg.

»Sie werden also die Güte haben,« sagte er nach einer Pause, »mir Ihre Ansichten und modifizirenden Vorschläge über das Directorium und seine Zusammensetzung auszuarbeiten. Der zweite sehr wesentliche Punkt ist die Volksvertretung am Bunde, das nationale Parlament, welches dem Directorium zur Seite stehen soll.«

Herr Fröbel hörte mit gespannter Aufmerksamkeit.

»Nachdem die constitutionelle Regierungsform in Oesterreich und Preußen, sowie in allen andern deutschen Staaten eingeführt ist – –«

»Außer Mecklenburg und Bückeburg,« sagte Herr Fröbel lächelnd.

– – »so ist es ein innerer Widerspruch,« fuhr Graf Rechberg ohne eine Bewegung seines Gesichts fort, »daß der Deutsche Bund, also die Gesamtheit constitutioneller Staaten eine absolut monarchische Verfassung beibehalte. Sollen seine Maßregeln das Vertrauen des Volkes haben, so müssen sie mitberathen werden von den Vertretern der Nation, deren Mitwirkung zugleich den Fürsten die bedenkliche und gehässige Verantwortung abnimmt.«

Herr von Biegeleben hatte mehrmals zustimmend genickt, während der Minister sprach; forschend blickte er auf Fröbel, der erwartungsvoll zuhörte.

»Ich bin deshalb der Meinung, daß ein Bundesparlament durch Delegirte aus den Volksvertretungen der einzelnen Länder gebildet werde, um nach constitutionellen Grundsätzen an den Bundesbeschlüssen, über die finanziellen und Verkehrsfragen insbesondere, mitzuwirken.«

»Ich stimme der Auffassung Eurer Excellenz vollkommen zu,« rief Herr Fröbel lebhaft. »Nach wahrhaft demokratischen Grundsätzen,« fuhr er fort, »welche meines Erachtens zum Heil der Dynastieen selbst in das monarchische Staatsleben eingeführt werden müssen, sollte ich allerdings directe Wahlen aus dem Volke unmittelbar für das deutsche Parlament wünschen, allein ich muß Eurer Excellenz offen bekennen, daß ich in Amerika von der hohen Bedeutung des Föderalismus für alle Völker germanischer Race mich überzeugt habe, und daß ich gerade ich Deutschland die Aufrechterhaltung der föderalistischen Autonomie der Stämme, auch unter der festen nationalen Einheit für eine Lebensbedingung halte; das föderalistische Princip wird aber nur durch ein Delegirtenparlament gewahrt werden, die besonderen Eigenthümlichkeiten des Stammeslebens werden dadurch zu Ausdruck und Geltung kommen und die Bundesregierung wird von einer zu scharfen Centralisation zurückgehalten werden!«

»Da Sie mit den Hauptgesichtspunkten meines Planes einverstanden sind,« sagte Graf Rechberg, »so werden Sie gewiß in den übrigen Theilen des Entwurfs keine Bedenken finden; ich bitte Sie um eine recht baldige Prüfung und Ausarbeitung Ihrer Kritik.«

Er reichte Herrn Fröbel das Memoire.

»Sie werden die Güte haben,« fuhr er fort, »mit dem Herrn Hofrath von Biegeleben die speciellen Maßregeln zu verabreden, um den Gedanken der Reform in seiner Allgemeinheit und in seinen einzelnen Theilen der öffentlichen Meinung zugänglich zu machen, ohne jedoch über das Project selbst und dessen praktische Verwendung zu sprechen, denn ich halte es für nothwendig, daß dasselbe schnell und unvorbereitet zur Berathung gestellt werde, um feindliche Einflüsse auszuschließen.«

»Ich theile auch diese Ansicht Eurer Excellenz vollkommen,« sagte Herr Fröbel, »damit ist jedoch ein Punkt berührt, über den ich mit eine Aufklärung erbitten möchte, die Frage nämlich, in welcher Form das Reformprojekt zur Berathung und Beschlußfassung gebracht werden solle. Wenn dasselbe auf diplomatischem Wege den Ministerien der Bundesstaaten mitgetheilt wird, so ist kaum ein anderer Erfolg vorauszusehen, als eine unendliche Fluth von Depeschen, Kritiken und Gegenentwürfen und als Endresultat würde die Bundesreform das Schicksal des Thurmes von Babel theilen; träte die Frage aber in Form eines Antrages vor die Bundesversammlung, so wird die Geschäftsbehandlung abermals jedes praktische Resultat unmöglich machen, abgesehen davon, daß jede Verfassungsänderung nach der Bundesacte Stimmeneinheit erfordert. Glauben Eure Excellenz, daß Preußen ein Reformproject annimmt, welches seinen traditionellen Bestrebungen für alle Zeit unüberwindliche Schranken entgegenstellt und Oesterreich im modernen Staatslebens Deutschlands die Kaiserstellung wieder giebt, welche das Haus Habsburg im römischen Reich einnahm und welche es verlor, weil es das nationale Band nicht zu erhalten verstand, das die Theile des Reiches zusammenhalten sollte? Und,« fuhr er fort, »nähme ich selbst an, daß trotz aller Hindernisse, trotz der Schwerfälligkeit der formellen Geschäftsbehandlung ein Bundesbeschluß zu Stande käme, daß man über die Bedingung der Stimmeneinhelligkeit hinwegginge, – wenn nur Preußen die Anerkennung eines solchen Beschlusses verweigerte, halten Eure Excellenz es für möglich, daß man das Berliner Cabinet im Wege der Bundesexecution zur Durchführung der in Frankfurt beschlossenen Bundesreform zwingen könne?«

Graf Rechberg schwieg einen Augenblick. Forschend ruhte das Auge des österreichischen Ministers auf dem Genossen Robert Blums, der da vor ihm saß und der dem deutschen Volke das Ergebniß der politischen Combinationen der Staatskanzlei interpretiren sollte.

»Ich glaube, Excellenz,« sagte Herr von Biegeleben, »daß wir Herrn Fröbel gegenüber, der uns seine freie und überzeugungsvolle Unterstützung gewähren will, vollkommen offen und rückhaltslos sprechen sollten, denn nur dann wird diese Verständigung völlig wirksam werden können.«

Graf Rechberg schwieg noch immer, der alte Diplomat aus der Schule der Staatsmänner, welche die Unnahbarkeit der Cabinette als oberstes Dogma der politischen Hierarchie anerkannt hatten, konnte es nicht so leicht fassen, mit dem Manne der Revolution über die geheimen Pläne der Staatskanzlei zu sprechen.

Nach wenigen Augenblicken aber bewegten sich seine Gesichtszüge wie durch den Impuls eines festen Willens und indem er den Blick kalt und ruhig auf Herrn Fröbel richtete, sprach er:

»Auch meiner Erwägung sind die Gesichtspunkte, welche Sie soeben bezeichnet haben, nicht fremd geblieben, und ich glaube, daß alle Bedenken, welche Sie mit vollem Recht erhoben haben, durch den Gedanken beseitigt werden, welchen ich in Betreff der Durchführung der Verfassungsreform des Deutschen Bundes Seiner Majestät dem Kaiser zu unterbreiten mir erlaubt habe.«

Eine tiefe Stille herrschte einen Augenblick in dem Cabinet. Herr von Biegeleben hatte den Kopf auf die Brust sinken lassen, ohne daß die gerade Haltung seines Oberkörpers sich geändert hatte.

Julius Fröbel beugte sich vorwärts und der brennende Blick seines Auges hing an den Lippen des Ministers.

»Ich habe geglaubt,« sagte Graf Rechberg mit leicht gedämpfter Stimme, als befürchte er, daß diese Mauern, in deren Kreis schon so oft die Geheimnisse der Politik Europa's durch die Luft gezittert hatten, seinen Gedanken einen Weg in die profane Welt da draußen öffnen möchten, »ich habe geglaubt, dem Kaiser empfehlen zu sollen, daß Seine Majestät unmittelbar und persönlich die Fürsten Deutschlands nach Frankfurt zusammen rufen und ihnen als souverainer Präsident des deutschen Bundes seine Vorschläge persönlich mittheilen solle. Aller diplomatische Depeschenwechsel wird unendlich vereinfacht, die Verständigung erleichtert, und vor Allem wird das erreicht werden, daß, wenn die Fürsten selbst einen Beschluß fassen, wenn sie durch ihr persönliches Wort gebunden sind, die Durchführung ihres Beschlusses gegen jeden Widerspruch auf jede Gefahr hin gesichert erscheint.

»Ich glaube,« fuhr er fort, »daß einer Einladung Seiner Majestät des Kaisers jeder Souverain in Deutschland folgen wird, ganz besonders, wenn der Druck der öffentlichen Meinung der kaiserlichen Autorität zur Seite steht.«

Julius Fröbel hatte in immer steigender Erregung den Worten des Ministers zugehört, sein Auge leuchtete in flammender Gluth, seine Lippen zitterten.

Als der Graf geendet hatte, stand er in lebhafter Bewegung auf und rief:

»Eure Excellenz haben allerdings das Mittel gefunden – das einzige Mittel vielleicht – um in großartiger, würdiger und sicherer Weise die Reform des Bundes durchzuführen – die Fürsten selbst unter dem mächtigen Eindruck der kaiserlichen Initiative werden die Vorschläge nicht in kleinlich büreaukratischem Geiste prüfen, – die werden sich in souverainer Selbstständigkeit über die Fesseln der Geschäftsordnung hinwegsetzen und werden im Hauch der nationalen Begeisterung Beschlüsse fassen, zu deren Vorbereitung auf diplomatischem Wege man Jahre gebraucht hätte. Das Volk und seine laute Sympathie wird ihnen zur Seite stehen, sie werden selbst und persönlich auf die politische Bühne treten vor den Augen der ganzen Nation und sie werden der Nation verantwortlich sein für die Durchführung dessen, was sie beschlossen. Dann man Preußen sich entgegenstemmen, so viel es will, die deutschen Fürsten und das deutsche Volk werden die Reform des Bundes durchführen über alle Widersprüche und Hindernisse hinweg, und wenn Preußen sich ausschließen sollte, so wird das eigene Volk dort sich erheben und die antinationale Politik der Regierung zerbrechen unter der Wucht seines Zorns. Ich sehe,« fuhr er begeistert fort, »den alten Glanz Deutschlands sich wieder erheben, und die glänzend wieder erstehende Kaiserherrlichkeit des Hauses Habsburg wird der Lohn sein für sein großherziges Vorgehen!«

Graf Rechberg erhob sich, ein Lächeln stolzer Befriedigung lag auf seinem Gesicht.

»Ich nehme Ihre freudige und begeisterte Aufnahme meiner Gedanken als eine Bürgschaft dafür an, daß das deutsche Volk, mit dessen Denken und Fühlen Sie so genau vertraut sind, auch seinerseits Oesterreich auf dessen neuen Wegen mit Vertrauen und Sympathie entgegen kommen werde und hoffe, bald von Ihnen zu hören – und Sie wieder zu sehen,« fügte er nach kurzem Zögern hinzu.

Herr von Biegeleben und Julius Fröbel verließen das Zimmer.

Graf Rechberg blieb allein.

Er trat an eines der hohen Fenster und folgte nachdenklichen Blickes dem Zuge der Wolken, welche sich gewitterschwer über der Bastei und der Hofburg zusammenballten.

»Schwüle Wetter,« sprach er leise, »liegen über Deutschland, die alten Einrichtungen können nicht bestehen in der heutigen Zeit, der erste Blitzstrahl würde sie zertrümmern. Jener alte Feind Oesterreichs liegt auf der Lauer, um das zu vollenden, was im siebenjährigen Kriege einst begonnen wurde – und dieser Feind ist gefährlicher denn je, denn dieser Ministern, den ich in Frankfurt kennen gelernt in seiner zähen und unbeugsamen Willenskraft, ist ganz der Mann, um über alle Schranken hinweg das Werk des zweiten Friedrich fortzusetzen. Zur Entscheidung muß es kommen zwischen Preußen und Oesterreich – Deutschland hat nicht Raum für Beide – und nicht Abwehr und Vertheidigung kann uns schützen, nur kühner Angriff kann Oesterreich den Sieg bringen und der Augenblick dazu kommt vielleicht nie so günstig wieder als jetzt. So lange hat Preußen sich als den Vertreter liberaler Ideen des Fortschritts hingestellt, heute ist dieser Nimbus gefallen, der innere Conflict zwischen der Regierung und den Abgeordneten hat das preußische Volk und ganz Deutschland gegen die Berliner Regierung erbittert, Oesterreich kann heute die populäre Sympathie mit einem Schlage erringen und für immer seine mächtige Führerschaft in Deutschland wieder aufrichten!«

Stolzer blickte sein Auge, und ein freudiger Schimmer erhellte die Züge seines kalten strengen Gesichts.

»Freilich,« sprach er dann seufzend, »ist es ein bedenkliches Spiel – ein gefährliches Spiel vielleicht, diese Ideen des Fortschritts zu entfesseln, welche man so lange hier zurückgehalten hat und es will mich fast Furcht anwandeln bei der Unterstützung von Männern wie dieser Fröbel, welche einst an der Zertrümmerung und Erniedrigung Oesterreichs arbeiteten! Doch,« rief er, »man muß die Zeit erfassen, wie sie ist und ihre Mächte sich dienstbar machen, – das einzige, alle anderen Rücksichten überragende Ziel ist ja die Wiederaufrichtung der alten mächtigen Herrschaft Oesterreichs – und Oesterreichs Kraft kann nur wieder erstarken, wenn es seine Hand gebietend über Deutschland ausstreckt, dann werden die Mächte Europas wieder in Ehrfurcht vor dem Kaiser sich beugen! O, daß es mir gelingen könnte, heute in kühnem Aufschwung das Unglück Oesterreichs zu rächen, das vor hundert Jahren vollendet wurde, daß der Kaiser, umringt von Deutschlands Fürsten, die Gründungsacte des neuen Deutschlands in die Wagschale werfen könnte, als Gegengewicht gegen jenes unselige Document des Friedens von Hubertusburg.

»Um dies Ziel zu erreichen, muß Alles geschehen,« sagte er mit einem Blick auf die höher hinaufsteigenden Wolken, »und wenn dann die Wetter hinaufziehen, so wird Oesterreich stark genug sein, um ihnen zu trotzen; alle Kräfte müssen entfesselt werden, um den Augenblick zu benutzen, und« rief er, die Hand ausstreckend, indem ein Zug von energischer Entschlossenheit um seinen Mund sich legte, »flectere si nequeo superos, – Acheronta movebo!«

Fünftes Capitel.

Kaiser Franz Joseph von Oesterreich saß in seinem Wohn- und Arbeitszimmer im kaiserlichen Schloß von Schönbrunn. Wie Alles in dieser mächtigen, weit und groß angelegten Residenz der großen Maria Theresia Zeugniß ablegte von der Vorliebe der Kaiserin-Königin für gediegene und geschmackvolle fürstliche Pracht, so war auch das Zimmer des Kaisers glänzender ausgestattet als sein Arbeitscabinet in der Hofburg zu Wien.

Die großen Fensterflügel waren weit geöffnet und ließen die Aussicht auf den wunderbar schönen weiten Platz vor der Parkseite des Schlosses frei, an dessen hohen grünen Wänden von gleichmäßig geschnittenen gewaltigen Bäumen die alten mythologischen Marmorstatuen in stiller Ruhe dastehen, während sich im weiten Hintergrunde über der Tritonengrotte auf sanft ansteigender Anhöhe die Gallerie und Kuppel der Gloriette erhebt, von welcher die Kaiserin-Königin hinüberblickte nach dem Stephansthurm, der sich seitwärts aus dem Häusermeer von Wien erhebt.

Ueber die leise sich bewegenden Wipfel der Bäume und über die großen, in den sammetgrünen Rasenflächen sich ausdehnenden Blumenparterres strich der Morgenwind hin und trug den aus kühlen Baumschatten und aus so vielen Blumenkelchen steigenden Duft in das stille kaiserliche Zimmer.

Vor dem mit reichen Vergoldungen verzierten Schreibtisch, auf welchem – in Mappen geordnet, die täglich aus Wien eingehenden Berichte der Minister und Immediatsachen lagen, saß der Kaiser in einem Lehnstuhl, der wie das ganze Ameublement des Zimmers das Gepräge der Zeit Maria Theresia's trug. Das frische blühende Gesicht des Kaisers trug noch den Hauch der Jugend auf seinen Zügen und einen Rest jenes Ausdruck weicher, fast kindlicher Anmuth, der dem Monarchen, als er in so jugendlichem Alter unter so schwierigen Verhältnissen den Thron Rudolphs von Habsburg bestieg, die Sympathie aller Herzen erwarb. Ueber dieser Jugendfrische lag jedoch ein Schleier sinnender Melancholie; das früher so fröhliche Auge blickte tief ernst und der volle Bart gab dem Kaiser etwas männlich Kräftiges, das die Würde der ganzen Erscheinung vermehrt, ohne ihrer liebenswürdigen Anmuth Eintrag zu thun.

Der Kaiser trug nach der Sitte der österreichischen Armee den weiten grauen Militair-Ueberrock und las aufmerksam das damals verbreitetste Wiener Blatt »die Presse«.

Nachdem er lange und mit ernster Aufmerksamkeit den Leitartikel des Journals gelesen, indem er zuweilen wie betroffen von der einen oder der andern Stelle lebhaft mit der Hand auf den Oberschenkel schlug, warf er endlich das Blatt auf den Tisch hin und lehnte sich seufzend in seinen Lehnstuhl zurück.

»Wie schwer ist es doch,« sagte er, den Kopf auf die Brust senkend, »die öffentliche Meinung zu befriedigen, diese gewaltige Macht, welche mit tausend Zungen spricht und deren Worte von einem Ende des Reichs bis zum andern in einem Augenblick gehört werden, und wie traurig ist es, daß diese furchtbare Macht in den Händen von Menschen ist, denen, so gut sie es immer meinen mögen, doch der freie Blick von der Höhe fehlt, um die so schwierigen und verwickelten Verhältnisse der Politik beurtheilen zu können!

»Da verlangt man von mir, daß ich sogleich Rußland den Krieg erklären soll zur Wiederherstellung von Polen –,« er nahm das Blatt wieder in die Hand und warf einen Blick hinein, »denn, sagt man, der bewaffnete Friedensstand koste 123 Millionen und das sei zu viel für papierne Demonstrationen, entweder solle also die Regierung Ernst machen, oder gewärtigen, daß ihr jene 123 Millionen für die Armee nicht wieder bewilligt werden. – Wie denken sich,« rief er, »diese Leute eine militairische Action. Glauben sie, daß Rußland und Oesterreich allein in der Welt wären, oder daß Oesterreich stark genug sei, der ganzen Welt zum Trotz allein einen Krieg zu beginnen? England verhält sich negativ und will aus dem Kreis der papiernen Demonstrationen nicht hinausgehen, Frankreich spielt ein vollkommen unklares Spiel, und da soll ich allein die furchtbaren Wechselfälle eines Krieges heraufbeschwören, während Oesterreich noch an den Wunden des italienischen Feldzuges blutet! – Dieses italienischen Feldzuges,« sagte er mit düsterem Blick, indem er die Lippen zusammenpreßte, »der die eiserne Krone von meinem Haupte riß. Und wenn abermals das Glück sich gegen mich erklärte – das Glück ist mir nicht hold,« sprach er leise mit tief traurigem Lächeln, »und felix Austria ist mein Reich in meiner Hand nicht mehr, – würden die, die jetzt zum Kriege treiben, nicht die Ersten sein, mich zu verurtheilen, daß ich ihrem Rathe gefolgt bin?

»Meine Vorfahren,« fuhr er nach tiefem, schweigendem Nachdenken fort, »haben den Wappenschild von Habsburg mit reichen Kronen geschmückt, sollte ich dazu bestimmt sein, eine dieser Kronen nach der andern zu verlieren?«

Abermals schwieg er lange.

»Ja,« rief er dann, indem ein leuchtender Glanz aus seinem Auge strahlte, »wenn es mir gelingen könnte, jene höchste und herrlichste Krone meinem Hause wieder zu erringen, welche einst im alten Römersaal zu Frankfurt das Haupt meiner kaiserlichen Ahnen schmückte, die weithin schimmernde Krone des neuerstandenen Reiches der deutschen Nation, dann könnte ich verschmerzen, was ich verloren, dann könnte ich mit siegreicher Kraft es wieder gewinnen! Man sagt mir, daß das mein Beruf sei. O, daß man Recht hätte, an Muth soll es mir nicht fehlen, Alles zu unternehmen, um dies Ziel zu erreichen und den alten Glanz meines Hauses wiederherzustellen.«

Sein Auge richtete sich träumerisch über die Bäume des Parks nach der im Sonnenlicht weiß schimmernden Gloriette auf der Höhe hin, dann blickte er lange auf ein schönes Brustbild der Kaiserin Maria Theresia, das an der Wand seinem Schreibtisch gegenüber hing.

»Sie war eine Frau,« sagte er leise, »und ihrer weiblichen Hand gelang es, Oesterreich aus tiefer Noth und Gefahr wieder empor zu heben zu Glanz und Macht, und wenn sie auch Schlesien verlor, so hinterließ sie doch ihrem Nachfolger ihre Krone strahlender und reiner denn je vorher, warum sollte mir nicht gelingen, was zarte Frauenhand vollbringen konnte? Wäre es eine Wahrheit, das bange Gefühl in meiner Brust, das mich so oft beschleicht und mein Herz mit Schauern erfüllt, das Gefühl, das wie eine Ahnung mir sagt, daß ich bestimmt sei, Oesterreich Unglück zu bringen!«

Er stand auf und blickte hinaus in den blühenden Park.

»Sie hatte freilich den großen Kaunitz zur Seite,« sagte er seufzend, »diesen Vorgänger Metternichs, der in seiner Schule gelernt hatte, Oesterreich zu regieren! Ist denn,« rief er schmerzlich, »das Geschlecht der großen Staatsmänner ausgestorben? Ich such nach einem Kaunitz, nach einem Metternich, seit Schwarzenberg dahin ging, aber ich finde sie nicht. Ich achte Rechberg's Charakter, ich muß Schmerlings Intelligenz anerkennen, aber ihr Rath giebt mir nicht die ruhige Sicherheit, auf dem rechten Wege zu sein; Oesterreich schwankt und wankt in unruhiger Bewegung innen und außen, und doch, das fühle ich, ist die Ruhe und Beharrlichkeit unsere Kraft!

»Abermals stehe ich vor großen Fragen, warum fehlt mir der sichere und klare Staatsmann, der mit dem kategorischen Imperativ überzeugungsvoller Wahrheit mich hinweist auf die Bahn, die ich befolgen soll?

»Schmerling,« fuhr er nachdenklich fort, »drängt zu scharfem Vorgehen für Polen, und fast möchte ich glauben, daß die kriegerische Stimmung der Presse von der Inspiration seiner Ideen nicht fern ist. Rechberg warnt vor den Westmächten und vor dem Bruch mit Rußland, in den Gründen von Beiden liegt viel Wahres, wo aber,« rief er, die Hände in einander faltend und den Blick aufwärts richtend, »wo aber liegt die absolute Wahrheit, die ich so gern erkennen möchte, um sie zum Heile Oesterreichs zur That werden zu lassen?

»Und zu allen diesen Schwierigkeiten tritt noch die mexikanische Krone, welche die Hand Napoleons meinem Bruder anbietet.

»Es liegt in mir wie eine Mahnung, ihn abzuhalten von dem abenteuerlichen Zug in das ferne Land, in welchem dieser französische Imperator ihm eine glänzende Mission zeigt – hat er mir nicht auch in Villafranca schimmernde Bilder der Zukunft gezeigt, zu deren Verwirklichung er niemals ernsthaft die Hand bieten will?

»Doch der hochstrebend ehrgeizige Sinn meines Bruders ist geblendet von jener großen Mission und sehnt sich danach, seine Kräfte an derselben zu messen; ist es nicht besser, daß er auf dieser Bahn sich versucht, als daß er hier eingeschlossen bleibt in die Grenzen einer Stellung, für die er zu groß – oder die für ihn zu klein ist, ein fortwährendes Ziel für die Blicke aller Derjenigen, die mit meiner Regierung unzufrieden sind?«

Der Kammerdiener meldete:

»Seine kaiserliche Hoheit der Kronprinz.«

Das Gesicht des Kaisers, eben noch so trübe und sorgenvoll, überzog sich mit einem heitern Lächeln, Glück und Freude strahlten aus seinen Augen.

Rasch trat er der Thüre entgegen, durch welche der fünfjährige Kronprinz Rudolph – ein schöner blonder Knabe in einem Sommeranzug von weißem Piqué mit blauen Schleifen hereinsprang. Der Prinz hatte einen kleinen zierlichen Säbel umgegürtet und hielt in der Hand ein ebenso kleines sauber gearbeitetes Gewehr.

Hinter dem Kronprinzen erschien seine Aja, die Baronin von Welden, in einfacher Morgentoilette und blieb in ehrerbietiger Verneigung gegen den Kaiser in der Nähe der Thüre stehn.

Der Prinz eilte seinem Vater entgegen, küßte ihm die Hand und rief mit seiner hellen Kinderstimme:

»Guten Morgen, kaiserlichen Majestät – guten Morgen, mein lieber, lieber Papa.«

Der Kaiser nahm das Kind in seine Arme, hob es empor und küßte es mit inniger Zärtlichkeit, wobei der kleine Prinz sorgfältig sein Gewehr festhielt.

»Guten Morgen, Baronin Welden,« sagte Franz Josef, nachdem er seinen Sohn wieder auf die Erde niedergesetzt hatte, trat der Dame entgegen und reichte ihr mit freundlichem Gruß die Hand.

»Sie wollen mit dem Prinzen in den Garten?« fragte er, »die freie Luft von Schönbrunn thut ihm wohl.«

»Zu Befehl, kaiserliche Majestät,« erwiderte die Aja, »der Prinz treibt schon sehr früh zum Hinausgehn, er ist kaum im Zimmer zu halten.«

»O Papa,« rief der Kronprinz, »es ist so schön in meinem kleinen Garten, ich lerne jetzt das Exerciren, der große Hauptmann von der Arcièrengarde lehrt es mich, ich kann es schon ganz gut.«

Zwei Schritte von dem Kaiser zurücktretend machte er mit seinem kleinen Gewehr einige Griffe und präsentirte dann vor seinem Vater.

»Vortrefflich, vortrefflich,« rief der Kaiser mit glücklichem Blick auf das Kind, indem er die Hand salutirend an die Stirn legte.

»Aber Papa, kaiserlich Majestät,« fragte der Prinz mit ernste Wichtigkeit, »jetzt da ich exerciren kann, bitte ich auch um eine Uniform, ich habe doch das Recht dazu, da ich Oberst bin –«

Der Kaiser lachte.

»Wir werden sehen,« sagte er, »zunächst mußt Du erst ganz gut reiten lernen, aber,« fuhr er fort, indem er sich herabbeugte und dem Prinzen die Hand auf die Schulter legte – »weißt Du denn auch, wo Du Oberst bist?«

»Oberst-Inhaber des Infanterie Regiments Nr. 19.« rief der Knabe, das Gewehr anziehend und die Hand zum Salut erhebend.

Der Kaiser küßte ihn auf die Stirn.

Dann drehte er ihn gegen die Wand, deutete auf das Bild, das dort hing und fragte:

»Weißt Du auch, wer das ist?«

Der Kronprinz blickte einige Augenblicke zu dem Bilde auf, dann sagte er ernst:

»Das ist die große Kaiserin Maria Theresia; sie sieht zwar ein wenig anders hier aus als auf dem andern Bilde, das man mir gezeigt, aber ich kenne sie doch – an den großen Augen, – sie ist schön,« – sprach er weiter, immer das Bild anschauend, »– ich habe noch ein Bild gesehn, das so schöne Kaiseraugen hat, das ist Rudolph von Habsburg –«

»Unser Stammvater,« sagte der Kaiser, »dessen Namen Du trägst und dem ähnlich zu werden, Du Dir viel Mühe geben mußt –«

»O, das will ich thun, Papa,« rief der Prinz mit leuchtendem Blick, indem er sich, so hoch er konnte, aufrichtete, »Rudolph von Habsburg haben die Fürsten bedient und der Kurfürst von Brandenburg hat ihm das Waschbecken gehalten,« sagte er ganz stolz über seine Kenntniß; dann blickte er nachdenklich zu seinem Vater empor und sagte: »Warum ist das nicht mehr so, warum hält Dir der Kurfürst von Brandenburg nicht mehr das Waschbecken?«

Der Kaiser wurde ernst, er blickte trübe vor sich nieder.

»Die Zeiten ändern sich, mein Sohn,« sagte er, »was früher Sitte war, ist es heute nicht mehr –«

»O,« rief der kleine Prinz, indem er sein Gewehr auf den Boden stieß, »es soll wieder Sitte werden, ich bin auch ein Rudolph von Habsburg und wenn ich einmal Kaiser bin, dann sollen mich die Fürsten bedienen und der Kurfürst von Brandenburg soll mit das Wachbecken halten!«

»Geh jetzt, mein Sohn,« sagte der Kaiser, indem er die Hand auf das blondgelockte Haar des Knaben legte, »geh jetzt und lerne fleißig exerciren, dann lerne alle Deine Lectionen sehr gewissenhaft und eifrig, damit Du einst dem großen Rudolph nachstreben kannst.«

Der Prinz küßte die Hand seines Vaters und sprang zur Thür hinaus, die Aja verneigte sich tief vor dem Kaiser und wollte ihrem Zögling folgen.

»Frau Baronin von Welden,« sagte der Kaiser mit freundlichem Ernst, »ich bitte Sie, streng darüber zu wachen, daß der Prinz ähnliche Aeußerungen, wie ich sie so eben von ihm gehört, niemals in Gegenwart fremder Personen mache.«

Höflich grüßend entließ er die Dame.

»Der Kurfürst von Brandenburg soll ihm das Waschbecken halten,« sagte er dumpf, als er allein war. »Kindlicher Traum von alter Kaiserherrlichkeit! Aber,« rief er laut, »muß dieser Traum nicht das Herz jedes Habsburgers erfüllen, in kindlichem Spiel als Knabe, in ernstem Ringen und Streben als Mann?«

»Wohlan, was ich dazu thun kann, dem kleinen Rudolph von Habsburg einst des großen Ahnherrn Macht und Glanz als Erbe zu hinterlassen, das soll geschehen!«

Er warf einen Blick auf eine Rococostutzuhr auf seinem Schreibtisch.

»Es ist Zeit,« rief er, »die Minister dürfen nicht warten.«

Er bewegte eine kleine goldene Handglocke, der Kammerdiener nahm ihm den bequemen weiten Ueberrock ab und reichte ihm die graue Generaluniform, die der Kaiser rasch anzog und um seine schlanke Gestalt zuknöpfte. Dann schnallte er den Säbel an, ergriff das Käppi und durch die von dem Kammerdiener geöffnete Thür trat der dienstthuende Flügeladjutant, Major Graf Fünfkirchen, in dienstlicher Haltung die Befehle des Kaisers erwartend.

»Zur Hofburg,« sagte Franz Josef, stieg die Treppe hinab und setzte sich in den einfachen zweispännigen Wagen, der schon am großen Ausgang hielt.

Graf Fünfkirchen folgte ihm, der Jäger mit dem hochwehenden Federbusch sprang auf den Bock und an den präsentirenden Wachen vorbei, zwischen den Obelisken am äußern Thor, die noch die französischen Adler Napoleons I. tragen, hindurch, rollte der leichte Wagen im schnellsten Trabe der Stadt zu.

In das Vorzimmer vor dem kaiserlichen Cabinet, vor dessen Thür der dienstthuende Arcièrengardist auf- und niederging, trat ein ziemlich großer, kräftig gebauter, aber nicht starker Mann, ein, der seinem Aussehn nach etwa fünf und fünfzig bis sechzig Jahre als sein mochte.

Ein voller, blonder, ergrauender Backenbart umrahmte das große und starke Gesicht. Unter dem leicht grauen, an den Schläfen vorgekämmten Haar wölbte sich eine hohe aber nicht sehr breite Stirn, die Augen blickten streng und fest gerade aus, starke Falten lagen zwischen den etwas zusammengezogenen Brauen. Die starke Nase sprang weit hervor, die großen vollen Lippen waren fest geschlossen und von den Nasenflügeln und den Mundwinkeln herab liefen tief eingegrabene Züge zum stark vorspringenden und leicht gespaltenen Kinn herunter, dessen kräftige Wölbung aus der hohen weißen Kravatte hervortrat.

Dies ganze stark markirte und außergewöhnliche Gesicht drückte in seinem unteren Theil energische Willenskraft, Selbstbewußtsein, fast Trotz aus, ohne daß jedoch von der Stirn herab und aus den Augen das klare Licht des Genius leuchtete, dem Willen und der Kraft den Weg erhellend.

Dieser Mann, der da im kleinen Interimsfrack der Minister, den großen Stern des Leopoldsordens auf der Brust, in das kaiserliche Vorzimmer trat, war der Geheime Rath und Staatsminister, Ritter Anton von Schmerling, der neueste Arzt, den der Kaiser Franz Josef, der Stimme der öffentlichen Meinung folgend, zur Heilung der kranken Austria berufen hatte, und der nun die Schäden des Reiches durch die constitutionelle Centralisation zu bessern versuchte, welche er an die Stelle des früheren absolutistischen Einheitsstaates setzen wollte.

Herr von Schmerling grüßte den Arcièrengardisten höflich, wechselte einige flüchtige Worte mit ihm und setzte sich dann an einen Tisch in der Nähe des Fensters, einige Papiere aus seiner Mappe hervorziehend und aufmerksam betrachtend.

Er mochte etwa eine Viertelstunde im Vorzimmer gewesen sein, als der Flügeladjutant Graf Fünfkirchen eintrat.

»Ist Seine Majestät angekommen?« fragte der Minister, den höflichen Gruß des Grafen artig erwidernd.

»Seine kaiserliche Majestät sind so eben in Ihr Cabinet getreten und haben mir befohlen, Eure Excellenz sogleich einzuführen – Seine Majestät haben dabei die Hoffnung ausgesprochen, daß Eure Excellenz noch nicht lange gewartet hätten.«

»Ich bin so eben gekommen,« sagte der Minister, während ein freundlicher Schimmer auf seinem ernsten Gesicht den angenehmen Eindruck bekundete, den die rücksichtsvolle kaiserliche Höflichkeit auf ihn gemacht.

Graf Fünfkirchen trat nach einem kurzen Schlag an die Thür in das Cabinet des Kaisers und führte unmittelbar darauf den Staatsminister von Schmerling ein.

Der Kaiser begrüßte denselben mit ausgesuchter Artigkeit, ohne daß jedoch die souveraine Würde, welche ihm, wenn er wollte, so sehr zu Gebote stand, einen Augenblick der liebenswürdig freundlichen Herzlichkeit gewichen wäre, welche er im Verkehr mit seinen Vertrauten zeigte.

Herr von Schmerling nahm dem Schreibtisch des Kaisers gegenüber Platz und stellte seine Mappe neben sich auf den Boden.

Der Kaiser erwartete schweigend den Vortrag des Ministers.

Derselbe sprach, auf einen Bericht blickend, den er aus seinen Papieren nahm, mit einer klaren und festen Stimme:

»Ich habe Eurer Majestät zu meinem Bedauern von einer gewissen Schwierigkeit zu berichten, die sich in Siebenbürgen zeigt.«

Der Kaiser hörte gespannt zu und beugte sich über den Tisch nach Herrn von Schmerling hinüber.

»Wie Eurer Majestät bekannt,« fuhr Herr von Schmerling fort, »theilt sich die Bevölkerung Siebenbürgens in Magyaren und Sachsen in getrennten Gebieten, und in Rumänen, welche unter den Sachsen wohnen. Um bei den Reichstagswahlen, bei welchen ich sehr wesentlich auf die Siebenbürgischen Wahlresultate rechnete, den Erfolg zu sichern, habe ich Eure Majestät gebeten, allen denen, welche acht Gulden Steuer zahlen, das Wahlrecht zu geben und es ist diese Bestimmung zum Gesetz erhoben. Dadurch wurden die Rumänen, meist arme Leute, wahlberechtigt und sie mußten nach aller Voraussicht mit den Sachsen stimmen –«

»Der Bischof Schaguna hatte das bestimmt in Aussicht gestellt,« fiel der Kaiser ein.

»Leider, kaiserliche Majestät,« sagte Herr von Schmerling, »scheint der griechische Bischof Schaguna anderen Sinnes geworden, oder von anderen Einflüssen umgarnt worden zu sein, denn plötzlich macht sich unter den Rumänen eine Bewegung bemerkbar, welch die bisherigen Erwartungen zweifelhaft werden läßt.«

»Wie das?« fragte der Kaiser.

»Die Rumänen treten mit der Forderung hervor, ein Stück von Siebenbürgen, das von ihnen vorzugsweise bewohnt wird, herauszuschneiden und ihnen eine selbstständige Stellung und Verwaltung zu geben, – die Magyaren haben sich in einer, von ihrem Standpunkt aus ganz richtigen Taktik, beeilt, diese Forderung der Rumänen zu unterstützen und so ist zu besorgen, daß bei den Wahlen durch die Verbindung der Rumänen und Magyaren sich eine Majorität gegen die Sachsen bildet.«

Der Kaiser schlug lebhaft mit der Hand auf den Oberschenkel.

»Wieder ein Stein, der in dem Gebäude wankt,« rief er, »wird denn Oesterreich niemals zur Ruhe und zum Abschluß seines Verfassungslebens kommen?«

»Ich zweifle daran nicht, Majestät,« sagte Herr von Schmerling mit ruhigem Lächeln, »nie läßt sich ein Gebäude aus so verschiedenartigen Bausteinen ohne Schwierigkeiten aufführen, man muß beobachten und nachhelfen wo es nöthig ist.«

»Aber der Bischof Schaguna,« rief der Kaiser, »hat so oft seine Ergebenheit versichert; wie ist es möglich, daß er jetzt im Moment der Entscheidung abfällt und Forderungen unterstützt, von denen früher nicht die Rede war?«

»Gerade die Haltung des Bischofs Schaguna, Majestät,« sagte Herr von Schmerling, »giebt dieser Sache eine über die augenblicklich entstehende Verlegenheit hinausgehende Bedeutung. Ich glaube, hier ein in die Erscheinung tretendes Kennzeichen jener Propaganda zu sehen, welche sich überall in den Bevölkerungen der slavischen Nationalität und insbesondere des griechischen Ritus zeigt, und welche von St. Petersburg aus geleitet wird.«

Der Kaiser ließ schweigend den Kopf auf die Brust sinken.

»Es ist nicht zu verkennen, daß das russische Cabinet mit großer Geschicklichkeit und mit vorsichtigster Vermeidung alles compromittirenden Hervortretens dennoch alle Fäden der panslavistischen Bewegung in den Händen hält und leitet und daß dabei wesentlich der griechische Clerus thätig ist.

»Die Verlegenheit in Siebenbürgen, welche uns in diesem Augenblick berichtet wird, ist ein solcher und zwar sehr feindseliger Schachzug gegen uns, denn man weiß in Petersburg jedenfalls sehr gut, daß wir auf die Siebenbürgischen Wahlen für den Reichsrath gerechnet haben.«

»Wir sind feindlich gegen Rußland in der polnischen Frage aufgetreten,« sagte der Kaiser, »man rächt sich in St. Petersburg.«

Herr von Schmerling blickte erstaunt auf.

»Und was denken Sie, daß geschehen muß?« fragte der Kaiser wie mechanisch, während sein gedankenvoll vor sich hin gerichteter Blick einem inneren Ideengange zu folgen schien.

»Vorläufig die Wahlen zu vertagen und eine Transaction zu versuchen,« sagte Herr von Schmerling, »man muß versuchen auf die Rumänen und auf Schaguna einzuwirken; durch die Behörden und geschickte Agenten wird das möglich sein. Vielleicht wird es zweckmäßig sein, den Bischof zu veranlassen, daß er selbst hierher komme –«

»Versprechen Sie sich einen Erfolg davon?« fragte der Kaiser.

»Die Rumänen sind jedem Einfluß leicht zugänglich,« erwiderte Herr von Schmerling, »und wenn es gelingt, den Bischof zu gewinnen oder von weiteren Agitationen abzuhalten –«

»Das Letztere dürfte nicht leicht sein, wenn, wie Sie voraussetzen, russische Einflüsse bei ihm mächtig sind –«

»Damit, Majestät, komme ich auf die wichtige politische Seite dieses siebenbürgischen Incidenzfalles, der in seiner localen Beziehung nur eine untergeordnete jedenfalls vorübergehende Bedeutung haben würde. Eure Majestät haben vorhin selbst die Gnade gehabt, zu bemerken, daß man sich in St. Petersburg dafür rächen wolle, daß Oesterreich in der polnischen Frage feindlich gegen Rußland aufgetreten sei –«

»So sind Sie der Meinung, daß man sich von den Westmächten zurückziehen und sich Rußland nähern sollte?« fragte der Kaiser rasch.

»Das nicht, kaiserliche Majestät,« erwiderte Herr von Schmerling betroffen, »ich möchte im Gegentheil der Ansicht sein, fester und energischer als bisher mit den Westmächten voranzugehn und dem russischen Cabinet definitiv und bestimmt zu zeigen, daß Oesterreich gesonnen sei, jede feindliche Agitation zurückzuweisen, noch besser derselben für immer unwiderstehliche Schranken entgegen zu stellen.«

Der Kaiser sann einen Augenblick nach.

»Die Westmächte,« sagte er dann, »sind aber selbst nicht fest entschlossen, etwas Ernstes zu thun; sie benutzen die polnische Frage, um Rußland Verlegenheiten zu bereiten, vielleicht um sich selbst einige Sympathieen zu verschaffen, aber sie werden schwerlich zu positiver Action vorgehen wollen. – England wenigstens hält sich trotz aller Depeschen voll tönender Worte sehr vorsichtig zurück und Frankreich –

»Jedenfalls,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, »ist es für jene Mächte unendlich leichter, ihre Sympathieen für Polen zu manifestiren, als für Oesterreich, das die unter Umständen sehr gefährliche Nachbarschaft Rußlands in unmittelbarer Nähe hat.«

»Ich weiß sehr wohl, kaiserliche Majestät,« sagte Herr von Schmerling mit ein wenig schärferer Betonung, »daß Graf Rechberg diese Ansichten hat, indeß vermag ich dieselben nicht zu theilen.

»Frankreich,« fuhr er fort, »zögert, weil es Englands, besonders aber, weil es Oesterreichs nicht vollkommen sicher ist, Napoleon aber steht zu der polnischen Frage ein wenig wie zu der italienischen – er hat gewisse persönliche Verpflichtungen, die ihn drücken und die ihm vielleicht persönliche Gefahren bringen können; er will aber, und das ist erklärlich und begreiflich, sich nicht in eine ernste Action engagiren, ohne einer nachhaltigen Allianz sicher zu sein. So lange er dieselbe nicht hat, hält er sich die Verständigung mit Rußland offen, seine natürliche Allianz ist Oesterreich, aber, verzeihen Eure Majestät, wir können Frankreich seine Vorsicht und Zurückhaltung nicht vorwerfen, so lange vorsichtige Zurückhaltung die Politik Oesterreichs bestimmt.«

»Kann man Napoleon III. trauen?« fragte der Kaiser.

»Gewiß da,« erwiderte Herr von Schmerling, »wo sein Interesse so laut und kategorisch spricht als in diesem Falle. Wo fände Frankreich eine so natürliche, so sichere und so vortheilhafte Allianz als diejenige mit Oesterreich?« fuhr er lebhaft fort, »und wo fände Oesterreich eine bessere Stütze als in Frankreich? Es ist nicht meine Idee, die ich ausspreche, Majestät, sondern die des großen Kaunitz. Daß die französische Revolution die Früchte jener Idee nicht reifen ließ, ist kein Fehler des Gedankens selbst.

»Frankreich, kaiserliche Majestät, darf Italien nicht zu consolidirter Macht anwachsen lassen, dazu bedarf es der Allianz Oesterreichs; es muß dem russischen Vordringen nach Mitteleuropa einen festen Wall entgegen setzen, dazu bedarf es eines starken, mächtigen Oesterreichs, es muß die offensive preußische Macht von der Leitung der deutschen Angelegenheiten zurückdrängen, dazu muß es Oesterreichs Stellung in Deutschland stärken und befestigen, und ich bin überzeugt, Majestät, wenn wir Frankreich aufrichtig und entschieden die Hand reichen, so wird Napoleon nicht nur die deutsche Stellung Oesterreichs gegen jeden Angriff vertheidigen, sondern auch die Gelegenheit benutzen, vielleicht sogar herbeiführen, um frühere Verluste des Hauses Habsburg nach der deutschen Seite hin wieder zu ersetzen –«

»Das hat er mir in Villafranca gesagt und versprochen,« sagte der Kaiser halblaut, doch nicht so leise, daß seine Worte dem Ohre des Staatsministers entgangen wären.

»Dazu aber muß eine feste Allianz geschlossen werden,« fuhr er fort, »mit gegenseitigen Garantieen und mit bestimmten Zielen.«

»Und dazu halten Sie die Basis der polnischen Frage für geeignet?« fragte Franz Joseph.

»Sie bildet im Augenblick die Grundlage der Annäherung,« erwiderte Herr von Schmerling, »an die Vereinbarung über ein gemeinsames durch bestimmte Verpflichtungen geregeltes Zusammengehn in dieser Frage können zugleich Verhandlungen mit bestimmten Zielen über die deutschen und italienischen Angelegenheiten geknüpft werden.«

»Und im Augenblick,« fragte der Kaiser, »was wollten Sie mir rathen, wir sprachen von der Agitation in Siebenbürgen –«

»Es ist eine vortreffliche Gelegenheit, Majestät,« erwiderte der Staatsminister, »um auf den versteckten Angriff einen festen Schlag zu versetzen.«

»Nun?« fragte der Kaiser.

»Es sind drei Interpellationen im Abgeordnetenhause des Reichsraths angemeldet, bei deren Beantwortung die Regierung Gelegenheit haben wird, durch entschiedene Erklärungen einen festen Standpunkt einzunehmen und der russischen Regierung weitaus größere Verlegenheiten zu bereiten, als sie uns, wie ich glaube, in Siebenbürgen hervorgerufen hat.«

Der Kaiser hatte aufmerksam zugehört. Er schwieg einen Augenblick, dann bewegte er rasch die Glocke auf seinem Schreibtisch.

»Ist Graf Rechberg da?« fragte er den eintretenden Kammerdiener.

»Zu Befehl, kaiserliche Majestät.«

»Ich lasse ihn bitten,« sagte der Kaiser.

Der Kammerdiener trat in das Vorzimmer und öffnete unmittelbar darauf dem Minister der Auswärtigen Angelegenheiten die Thür.

Herr von Schmerling erhob sich.

Der Kaiser trat dem Graf Rechberg einen Schritt entgegen und reichte ihm huldvoll die Hand. Die Begrüßung des alten österreichischen Aristokraten durch seinen Monarchen hatte den Charakter freundlicher offener Herzlichkeit und zeigte Nichts von jener ausgesuchten, aber etwas kalt abwehrenden Höflichkeit, mit welcher der Staatsminister empfangen worden war.

Die beiden Minister wechselten eine Verbeugung und nahmen auf einen Wink des Kaisers ihm gegenüber Platz.

»Der Herr Staatsminister,« begann der Kaiser, »hat mir soeben von einigen Interpellationen im Reichsrath gesprochen, welche die auswärtige Politik berühren, und ich habe deswegen gewünscht, in Ihrer Gegenwart, lieber Graf, die Sache zu berathen.«

Graf Rechberg verneigte sich und blickte mit seinen scharfen, kalten Augen zu Herrn von Schmerling hinüber.

Dieser ergriff ein Papier und auf dasselbe blickend sprach er mit deutlicher und klarer Betonung:

»Zunächst, Majestät, handelt es sich um eine Interpellation des Grafen Tinti, betreffend die von russischen Truppen bei Gelegenheit der Verfolgung polnischer Insurgenten verübten Grenzverletzungen. Graf Tinti meint, daß die österreichische Regierung keine zufriedenstellende Genugthuung erhalten habe.«

Graf Rechberg machte eine Notiz auf ein Blatt Papier.

»Sodann,« fuhr Herr von Schmerling fort, »wird Graf Adam Potocki und Graf Eugen Kinski wegen der Internirungen der Flüchtlinge und wegen der militärischen Maßregeln in Krakau interpelliren.«

»Kaiserliche Majestät,«, sagte Graf Rechberg, »von diesen Interpellationen gehört nur diejenige wegen der Grenzverletzungen unmittelbar zu meinem Ressort und ich werde dieselbe, mit Eurer Majestät Erlaubniß, selbst beantworten. Den Inhalt meiner Antwort kann ich Eurer Majestät sogleich mittheilen, da mir der Gegenstand vollkommen gegenwärtig ist. Ein russischer Capitain hatte einen Flüchtling über die Grenze verfolgt und arretirt. Die russische Regierung hat sich entschuldigt, den Capitain bestraft, und vor Allem den arretirten Flüchtling in Freiheit gesetzt. Das ist Alles, was ich nach dem Völkerrecht verlangen konnte, und die einfache Mittheilung dieser Thatsache wird zur Beantwortung der Interpellation genügen.

»Die Internirungen,« fuhr er fort, »gehören ihrer Ausführung nach zum Ressort des Polizeiministers, doch beruhen sie auf internationalem Recht. Der Waffengebrauch des Militairs in Krakau ist rein innere Sache und Herr von Meesery hat zu beurtheilen gehabt, ob derselbe nothwendig war, wie ich überzeugt bin, da das Militair mit Steinwürfen angegriffen wurde.«

»Der Staatsminister meint,« sagte der Kaiser, »daß die Interpellationen im Sinne einer entschiedenen Frontstellung gegen Rußland beantwortet werden müßten.«

»Ich kenne, Majestät,« sagte Graf Rechberg kalt und ruhig, »die Gründe, welche in der liberalen Presse für eine solche Parteinahme gegen Rußland angeführt werden, ich theile die Ueberzeugung von ihrer Richtigkeit nicht. Wollen Eure Majestät ohne festen Rückhalt an Frankreich und England, Rußland zum Aeußersten reizen, so würde Oesterreich einen Feind in unmittelbarer Nähe gewinnen, ohne der schützenden Allianzen sicher zu sein.«

»Jene Allianzen abzuschließen, dürfte aber in diesem Augenblick in unsere Hand gegeben sein,« sagte Herr von Schmerling.

»Ich glaube das nicht, Majestät,« erwiderte Graf Rechberg, den Blick auf den Kaiser gerichtet, »und ich würde, wenn es der Fall wäre, Eurer Majestät gewiß nicht rathen, sie auf Grund der polnischen Frage zu schließen oder anzubahnen.

»Eure Majestät wissen,« fuhr er fort, »daß ich Allerhöchstdenselben gerathen habe, die österreichische Politik in der polnischen Frage den Westmächten anzuschließen, um auf dieselben einen mäßigenden Einfluß zu üben.«

Herr von Schmerling zuckte mit leichtem Lächeln die Achseln.

»Niemals aber darf, meiner Ueberzeugung nach, ein Schritt geschehn, der eine wirkliche Anerkennung der polnischen Revolution indirect in sich schlösse, denn darin läge die Anerkennung des Nationalitäten-Princips, das uns die Lombardei gekostet, das Venetien bedroht und dessen Consequenzen gerade dem österreichischen Kaiserreich besonders gefährlich sind.«

Der Kaiser nickte, wie unwillkürlich zustimmend, mit dem Kopf.

»Besonders aber würde,« fuhr Graf Rechberg fort, »eine offene und unversöhnlich feindliche Stellung gegen Rußland, namentlich in der polnischen Frage, das Petersburger Cabinet zu einem ebenso offenen und festen Anschluß an Preußen treiben; wenn dann aber Eure Majestät die Reform des Deutschen Bundes angreifen wollten, so würde die Feindschaft Rußlands sehr schwer ins Gewicht fallen.«

»Nicht so schwer,« sagte Herr von Schmerling, als auf der andern Seite der Werth einer festen Allianz Frankreichs –«

»Die uns,« fiel Graf Rechberg, immer den Kaiser anblickend, schnell ein, »um alle in letzter Zeit mühsam erworbenen Sympathieen in Deutschland bringen würde, und dem Reformproject und der österreichischen Initiative jede Aussicht auf Erfolg entziehen müßte. – Ich aber, kaiserliche Majestät,« fuhr er fort, »kann kein Heil für die Zukunft Oesterreichs voraussehn, als wenn es seine unerschütterliche Machtstellung in Deutschland für immer neubegründet. Von Deutschland aus ist Oesterreich geworden, als deutsche Kaiser haben Eurer Majestät Vorfahren den Glanz des Hauses Habsburg und seine Reiche geschaffen und erhalten, und nur an der Spitze deutscher Macht und deutschen Geistes würden Eurer Majestät Nachfolger als deutsche Fürsten und so Gott will als deutsche Kaiser die verschieden gearteten Reiche Ihres Hauses in Sicherheit beherrschen. Sowohl die Feindschaft mit Rußland als die Allianz mit Frankreich aber macht es uns unmöglich, Oesterreichs Macht in Deutschland für die Zukunft zu begründen, und darum kann ich Eurer Majestät nur von beiden abrathen, ich kann auch als Minister Eurer Majestät meine Stellung als deutscher Edelmann nicht vergessen, mein deutsches Blut nicht verläugnen.«

Herr von Schmerling preßte die Lippen auf einander, die Falten zwischen seinen Augenbraunen zogen sich ein wenig zusammen und leicht zitterten seine Nasenflügel.

»Auch ich bin ein Deutscher, Majestät,« sagte er, »vom Geiste deutscher Bildung durchtränkt, aber wenn mich meine nationale Sympathie zu Deutschland hinzieht, so bin ich doch als Minister Eurer Majestät vor allem Oesterreicher; ganz und gar Oesterreicher,« sagte er mit voller Betonung, »und ich kann mich um so mehr mit vollem Bewußtsein und mit bestem Gewissen auf diesen Standpunkt stellen, als ich überzeugt bin, daß nur das starke, innerlich kräftige, geeinigte Oesterreich seine Stellung in Deutschland in alter Größe und Herrlichkeit wieder gewinnen kann.«

Der Kaiser, welcher vorgebeugt da gesessen hatte, schweigend zuhörend, erhob den Kopf und blickte mit dem Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit zu Herr von Schmerling hinüber.

»Nach meiner Ueberzeugung, Majestät,« fuhr der Staatsminister fort, »ist es die große Aufgabe, von deren Erfüllung die Zukunft abhängt, Oesterreich auf dem Boden der liberalen Forderungen der Zeit ebenso zu einem einigen homogenen Staatskörper zu concentriren, wie dies zu Metternich's Zeit im Geiste des damaligen absoluten Regimentes der Fall war; dann aber Oesterreichs Machtstellung in Europa durch starke und feste Allianzen wieder herzustellen, und so im Innern stark, nach Außen mächtig hinein zu greifen in die deutschen Verhältnisse, dann wird es gelingen können, die Hand auszustrecken nach der alten Kaiserkrone des Hauses Habsburg.

»Warum,« fuhr er fort, »hat Oesterreich seine historische Stellung in Deutschland verloren? – Weil von Außen her seine europäische Macht durch den ersten Napoleon erdrückt wurde, – warum schwankt der 1815 neu gegründete Einfluß Oesterreichs in Deutschland? Weil seit 1848 Oesterreichs Macht in Europa Schlag auf Schlag erlitten hat!«

Er hielt einen Augenblick inne.

»Ich möchte auf die Fragen, welche der Herr Staatsminister so eben stellte, eine andere Antwort geben,« sagte Graf Rechberg, indem sich sein Gesicht leicht röthete und seine Stimme etwas lebhafter klang als sonst, »Oesterreich hat die Kaiserkrone verloren und sieht jetzt seine Stellung in Deutschland bedroht, weil es nicht verstanden hat, den deutschen Geist zu erfassen, und die nationalen Interessen und Hoffnungen an seinen Namen zu knüpfen, weil es Deutschland fremd geworden ist, durch die Beziehungen seiner außerdeutschen Länder, weil es Preußen den freien Spielraum gelassen hat, ohne historische Berechtigung sich der deutschen Nation als den Führer auf den Bahnen des deutschen Geistes hinzustellen –«

»Was Preußen gewiß nie gelungen wäre,« fiel Herr von Schmerling ein, »wenn es nicht vor den Augen Deutschlands da gestanden hätte, als fest concentrirte und consolidirte Militairmacht, geachtet und gefürchtet in Europa und stark genug seine Ansprüche durch materielle Mittel und militairische Macht zu unterstützen.«

»Eure Majestät,« fuhr er fort, »wollen dem deutschen Bunde ein Project zur Reform vorlegen, Preußen wird, das steht wohl so ziemlich fest, dieser Reform seine Zustimmung versagen, es wird also, wenn die ganze Sache irgend praktische Bedeutung gewinnen soll, und das muß sie doch, wenn nicht der letzte Einfluß Oesterreichs in Deutschland verschwinden soll, es wird also endlich darauf ankommen, das Gewicht der Macht in die Waagschale zu werfen, und glauben Eure Majestät nicht, daß die Fürsten und Völker Deutschlands lieber dem mit Frankreich und England alliirten Oesterreich folgen würden, als dem Oesterreich, das nach allen Seiten hin isolirt dasteht? – Und zu solcher Isolirung führt die Politik, welche, zwischen Rußland und den Westmächten schwankend, auf keiner Seite Freundschaft erwirbt, schließlich aber die Feindschaft beider.«

Der Kaiser, welcher immer gespannter zugehört hatte, war bei den letzten Worten leicht erröthet und ein schnell unterdrückter Ausdruck von Unmuth erschien auf seinem Gesicht.

»Ich kann unmöglich voraussetzen,« sagte Graf Rechberg, »daß der Herr Staatsminister Oesterreich eine Politik bis in ihre Consequzenzen würde anrathen wollen, welche sich über alles bestehende Vertragsrecht hinwegsetzt und doch im Grunde geradezu die Revolution unterstützen würde; denn die polnische Frage ist die Revolution, und nur weil sie die Revolution ist, findet sie die Theilnahme der Massen.«

»Sie ist die Revolution,« sagte Herr von Schmerling, »gegen einen historischen Act, der eine selbstständige Nation vernichtete, gegen einen Act, den die große Maria Theresia nur mit tiefem Widerstreben vollzog, und von welchem sie in prophetischem Geist traurige Folgen vorhersah. – Wenn übrigens der Herr Graf von Rechberg einen Reform des deutschen Bundes in's Leben rufen will, so steht derselbe vor einem stärkeren Eingriff in ein viel legitimeres Vertragsrecht –«

»Der Herr Staatsminister vergißt,« sagte Graf Rechberg kalt und stolz, »daß das Reformproject des deutschen Bundes in legaler Weise den deutschen Fürsten vorgelegt werden soll –«

»Und der Herr Graf wird mir erlauben zu bemerken,« warf Herr von Schmerling ein, »daß nach der Verfassung des deutschen Bundes das Veto eines einzigen, des kleinsten deutschen Fürsten genügt, um jede Veränderung der Bundesverfassung unmöglich zu machen. Preußen wird das Veto einlegen, dann wird also die Alternative vorhanden sein, daß entweder Oesterreich, die alte Kaisermacht, die Präsidialmacht des deutschen Bundes, die mitteleuropäische Großmacht mit seinen Vorschlägen einfach ad acta gelegt wird, oder daß es die Fürsten Deutschlands um sich vereinigt und seine zurückgewiesenen Vorschläge mit dem Schwerte in der Hand zur That werden läßt. Dann aber,« fuhr er mit einem Zug feiner Ironie um den starken Mund fort, »dann begeht Oesterreich einen Act der Revolution gegen die Bundesacte, welche ihrerseits wieder einen integrirenden Theil der wiener Congreßacte bildet, des heiligsten legitimsten und feierlichsten Vertrages im neuern Völkerrecht, eines Vertrages, dessen Geltung und Berechtigung gewiß weit weniger anfechtbar ist als diejenige des Vertrages über die Theilung von Polen, welcher Oesterreich zum Mitschuldigen seines Erbfeindes machte.« –

Graf Rechberg schwieg. Seine Züge blieben unbeweglich und seine Lippen schlossen sich noch fester als gewöhnlich auf einander. Sein Blick ruhte fest und ruhig auf dem Kaiser, auf dessen Gesichtszügen der Ausdruck widersprechender Gefühle sichtbar war.

Seine Majestät erhob sich.

»Es freut mich,« sagte er, »daß ich die Ansichten der beiden Herren vernommen habe, welche ja einig darüber sind, daß Oesterreich groß und mächtig in Deutschland auf der althistorischen Basis sich wieder erheben soll, nur weichen sie in den Meinungen über die Wege ab, die zu diesem Ziel führen. Wo aber dasselbe Ziel den Geist erfüllt und dieselbe Liebe die Herzen wärmt, da wird die endliche Verständigung und der endliche Erfolg nicht fehlen.«

»Nur, Majestät,« sagte Herr von Schmerling, »müßte die größte Gefahr in politischen Dingen vermieden werden, zwei Wege auf einmal zu verfolgen, denn dann würde das Ziel sicher verfehlt werden.«

Der Kaiser biß leicht in seinen Schnurrbart.

»Was die Interpellationen betrifft,« sagte er, »über welche Sie mir Vortrag gehalten haben, Herr Staatsminister, so geht mein Entschluß dahin, daß dieselben zunächst rein vom sachlichen Rechtsstandpunkt aus beantwortet werden, ich möchte der Vorsicht halber die so schwierigen Fragen der auswärtigen Politik von den Discussionen der Kammern ganz fern halten.«

Der Staatsminister verneigte sich schweigend.

»Und in Betreff der Rumänen vertraue ich auf Ihre Geschicklichkeit,« fuhr Franz Josef fort, »lassen Sie den Bischof Schaguna kommen, er wird Ihrem persönlichen Einfluß nicht widerstehen,« fügte er mit liebenswürdigem Lächeln hinzu.

Abermals verneigte sich der Staatsminister ernst und ruhig, ohne daß die höfliche Bemerkung des Kaisers einen Eindruck auf seinem Gesicht erscheinen ließ.

Eine kleine Pause trat ein.

Herr von Schmerling erhob sich.

»Ich hoffe, Sie bald wieder zu sehen,« sagte der Kaiser verbindlich, »um Weiteres über den Verlauf der Dinge im Reichsrath zu hören.«

Mit huldvollem Lächeln erwiderte er die tiefe Verbeugung des Staatsministers, der sich ernst und schweigend zurückzog.

Nach seiner Entfernung blieb der Kaiser einige Augenblicke stumm und nachdenklich auf seinem Stuhl.

»Herr von Schmerling, kaiserliche Majestät,« sagte Graf Rechberg, »ist zu sehr gewöhnt, auf die Stimme der öffentlichen Meinung zu hören, nach der täglich wechselnden Strömung der so leicht veränderlichen Ansicht des Publikums kann man aber die auswärtige Politik nicht bestimmen, welche auf den Vertragsrechten und der unveränderlichen Grundlage der Geschichte beruht.«

Der Kaiser neigte gedankenvoll das Haupt.

»Und doch,« sprach er dann, »liegt etwas Wahres in dem, was er sagte. Kann denn die Reform des Bundes durchgeführt werden, ohne einen revolutionären Eingriff in das Vertragsrecht?«

»Wenn die Fürsten und das Volk von Deutschland in großer Majestät einig sind über das, was das Wohl der Nation erfordert, und wenn dann Preußen sich diesen einigen Beschlüssen entgegenstellt, dann, Majestät, tritt das ewige Recht der nationalen Geschichte vor das Recht der geschriebenen Verträge, das alte Recht der deutschen Kaiser vor das Recht des Bundestags, und eine Kaiserthat wird es sein, dies Recht zur Geltung zu bringen, und die Nation zu Größe und Macht zu führen!«

Eine freudige Begeisterung erleuchtete das Gesicht des Kaisers.

»Ja,« rief er, »die Geschichte meiner Vorfahren legt mir eine heilige Mission auf und ich will sie erfüllen. Auch Rudolph von Habsburg mußte über Rechte hinwegschreiten, um das neue Recht der Nation herzustellen!«

Ein tiefes Schweigen herrschte einen Augenblick in dem Cabinet.

»Ist der Verfassungsentwurf des Bundes nunmehr ausgearbeitet?« fragte der Kaiser.

»In wenigen Tagen werde ich denselben Eurer kaiserlichen Majestät zur definitiven Genehmigung vorlegen,« erwiderte Graf Rechberg.

»Sie wissen,« sagte der Kaiser, »daß ich in acht Tagen nach Gastein zum Könige von Preußen gehe, bis dahin möchte ich klar sein über alle Details des Prospectes, denn,« fügte er etwas zögernd hinzu, »es wird doch nicht zu vermeiden sein, mit dem Könige über die Sache zu sprechen.«

»Ich würde Eurer Majestät dringend abrathen,« sprach Graf Rechberg lebhaft, »in der persönlichen Unterhaltung mit dem Könige weiter zu gehen als bis zu allgemeinen Erörterungen über die Nothwendigkeit einer Bundesreform und über die Zweckmäßigkeit einer persönlichen Berathung der deutschen Fürsten. Beide Punkte dürften in ihrer Allgemeinheit kaum einen Widerspruch hervorrufen, jedes Eingehen auf die einzelnen Punkte der Vorschläge würde dem Gegner Waffen in die Hände geben, welche er bei den übrigen Fürsten des Bundes zum großen Schaden des Planes gebrauchen könnte.«

Der Kaiser sagte abermals etwas zögernd: »Ich muß Ihnen aufrichtig aussprechen, lieber Graf, daß es meinem persönlichen Gefühle ein wenig widerstrebt, mit dem Könige doch eigentlich verstecktes Spiel zu spielen, ich wollte diese persönliche Zusammenkunft wäre gerade in diesem Augenblick nicht nöthig, ich habe persönlich eine große Zuneigung zum Könige, ich kann es nicht läugnen, sein gerades ritterliches Wesen imponirt mir und berührt mich sympathisch –«

»Eure kaiserliche Majestät dürfen nicht vergessen,« fiel Graf Rechberg ein, als der Kaiser abbrechend schwieg, »daß Preußen der ewige Gegner der Oesterreichischen Macht ist, daß die Reform des Bundes gegen die Preußischen Bestrebungen sich richtet und dieselben für immer in die Schranken der Unmöglichkeit einschließen soll, mag der gegenwärtige Träger jener feindlichen Macht Eure Majestät noch so freundlich und sympathisch ansprechen, die Tradition und die historische Aufgabe Oesterreichs steht höher, ebenso wie der König von Preußen gewiß Seine persönlichen Rücksichten stets denjenigen Principien unterordnen wird, welche man die Politik Friedrich des Großen nennt.«

Der Kaiser seufzte.

»Bereiten Sie also Alles so vor,« sagte er, »daß unmittelbar nach meinem Besuch in Gastein die Einladungen an die Fürsten ergehen können.«

»Zu Befehl, kaiserliche Majestät.« –

»Der Erzherzog Maximilian wünscht dringend die mexikanische Krone anzunehmen,« sprach der Kaiser nach einer kurzen Pause.

»Der Herzog von Gramont hat ebenfalls im Namen des Kaisers Napoleon den dringenden Wunsch ausgesprochen, daß der Erzherzog zur Herstellung geordneter Zustände in Mexiko und zur Stärkung des monarchischen Princips auf der anderen Seite des Oceans die Hand biete und daß Eure Majestät Allerhöchst Ihre Genehmigung dazu geben möchte.«

»Ich muß gestehen,« fuhr er fort, als der Kaiser schwieg, »daß es mir tief widerstrebt, einen Erzherzog von Oesterreich auf diesen phantastischen Thron steigen zu sehen, der keine anderen Stützen hat, als die französischen Bayonette.«

»Aber der Erzherzog wünscht ein Feld für seine thatendurstige Kraft und glaubt, es dort zu finden.«

»Sollte für einen Prinzen des kaiserlichen Hauses sich in Oesterreich nicht genug Spielraum für edle und große Thätigkeit finden?« fragte Graf Rechberg.

»Wir bedürfen Frankreichs,« sprach der Kaiser langsam.

»Ich verkenne gewiß nicht die Nützlichkeit guter Beziehungen, ja selbst einer Allianz mit Frankreich,« sagte Graf Rechberg, »aber ich möchte lieber, daß um diese Allianz von Frankreich geworben würde, wenn Oesterreich an der Spitze des neu belebten Deutschlands steht, als daß wir jetzt der Rücksicht auf die doch noch unsichere Allianz einen Erzherzog opfern.«

»Opfern!?« rief der Kaiser betroffen.

»Der Erzherzog wird auf dem Thron von Mexiko seine Kraft, seinen Namen, vielleicht sein Leben opfern – und vergeblich! Das ist meine Ueberzeugung,« sagte Graf Rechberg mit festem Ton.

Der Kaiser senkte schweigend den Blick zur Erde.

»Ich möchte,« sprach er dann, »daß in einem Memoire alle Bedenken zusammengefaßt würden, welche der Annahme der mexikanischen Krone entgegenstehen, daß alle Gefahren klar entwickelt würden, denen sich der Erzherzog aussetzt, und daß dies Memoire meinem Bruder mitgetheilt würde.«

»Zu Befehl, Majestät,« sagte Graf Rechberg.

»Dann wird wenigstens meinerseits Alles geschehen sein,« fuhr der Kaiser fort, »um jede Verantwortung für unglückliche Consequenzen des Unternehmens zurückweisen zu können! Zugleich aber müßte man das Unternehmen des Erzherzogs, wenn er sich trotzdem dazu entschließt, von Oesterreich trennen, der Erzherzog müßte auf alle seine Successionsrechte an die Krone Oesterreichs verzichten, das ist ja fast immer geschehen, wenn die Prinzen eines regierenden Hauses fremde Kronen annahmen.«

Er blickte erwartungsvoll auf den Minister.

»Befehlen Eure Majestät, daß eine Urkunde in diesem Sinne entworfen und dem Erzherzog als Bedingung Allerhöchst Ihrer Zustimmung vorgelegt werden soll?« fragte der Graf.

»Ja,« antwortete der Kaiser.

»Ich werde Herrn von Meysenburg damit beauftragen,« sagte Graf Rechberg, »in wenigen Tagen sollen Eure Majestät den definitiven Entwurf der Reformacte erhalten,« fuhr er aufstehend fort.

»Leben Sie wohl, lieber Graf,« sprach der Kaiser, ihm freundlich und herzlich die Hand drückend, »wir haben schwere Tage vor uns, seien Sie meiner Dankbarkeit für Ihre viele Mühe versichert!«

»Meine Kraft gehört Eurer Majestät, der Größe Oesterreichs und der Macht Deutschlands durch Oesterreich!« erwiderte Graf Rechberg mit dem Ausdruck warmen Gefühls in der Stimme.

Er verließ das Cabinet.

Der Kaiser blickte ihm einen Augenblick in tiefem Sinnen nach, dann setzte er sich an seinen Tisch und begann mit pünktlichster Genauigkeit die Papiere zu durchlesen, welche ihm geordnet und nummerirt mit kurzer Angabe des Inhalts dorthin gelegt waren.

Sechstes Capitel.

Glänzend war die Saison in Norderney im Hochsommer 1863.

Das kleine Sandeiland, das von der Natur kaum bestimmt schien, einigen Fischern die ärmlichen Bedürfnisse ihres nothdürftigen Lebensunterhalts zu gewähren, dieses kleine Stück heraufgestiegener Meeresgrund, von welchem aus der Gott der Tiefe einst zwischen Wellenschaum und Nebel hervor einen Blick in die Welt der Luft und des Lichts werfen wollte, vereinte auf seinem kleinen Raume eine bunte Gesellschaft aus den ersten Kreisen des menschlichen Lebens an Rang, Reichthum und Geist.

Die kleinen niedrigen Ziegelhäuser mit den rothen Dächern und den weißen Leinenzelten vor den Thüren waren alle gefüllt mit Bewohnern aus allen Gegenden, welche gekommen waren, um aus dem unmittelbaren frischen Athem des Meeres und aus dem Bade in seinen Wellen Genesung zu suchen, oder um auf dem wogenumspülten Asyl, fern vom Staube des Festlandes die Zeit der Hitze und Erschlaffung zu verbringen.

Alle war glücklich, heiter und zufrieden, die Sorgen des Lebens, die Feindschaften und Freundschaften der täglichen Umgebung waren zurückgeblieben an der am fernen Horizont aus dem Nebel heraufdämmernden Küste des Festlandes, eine neue kleine Welt hatte sich hier gebildet, in welcher die menschliche Natur ihre besten und schönsten Seiten entfaltete, denn Jedermann wußte, daß diese kleine Welt in einigen Wochen wieder auseinander stäuben würde, daß hier das flüchtig gesprochene Wort, die leichtgeschlossene Verbindung keine langen, ernsten Folgen nach sich ziehen würde, das Vergnügen, der heitere Genuß war der einzige Zweck dieser inmitten des Meeres abgeschlossenen Welt, – carpe diem war das Losungswort dieser fröhlichen Gesellschaft.

Glücklich und zufrieden waren auch die Einwohner der Insel, die kräftigen, wassergewohnten Friesen, welche fast sechs Monate des Jahres von jeder Verbindung mit dem Festlande getrennt leben, wenn das Eistreiben die Watten unbefahrbar macht, und, – ein merkwürdiges Verhältniß – der elektrische Draht des unterseeischen Kabels allein die Mittheilungen aus der Welt in die stille winterliche Meereseinsamkeit hinüberträgt – für sie ist die Menge der heranströmenden Badegäste die Ernte ihres Jahres; die goldene Ernte war reichlich, und mit heiteren Blicken sahen sie, in ihrem Sonntagsstaat umherwandernd, dem lustigen Treiben der Fremden zu, die ihnen Unterhalt und Wohlstand brachten, nur ganz im Stillen immer von Neuem sich verwundernd über diese sonderbaren Menschen, die da aus fernen schönen Ländern herkommen auf das einsame Eiland, um täglich sich von dem salzigen Meerwasser überspülen zu lassen, mit dem der Eingeborene nur in Berührung kommt, wenn sein Beruf als Fischer ihn dazu zwingt.

Dicht belebt war die weite Strandpromenade an einem wunderbar reinen und klaren Spätnachmittage. Der durch die Ebbe blosgelegte Ufersand war fest und eben wie das Parket eines Salons. Die leise ansteigenden weißen Dünen glänzten im Strahl der allmählig versinkenden Sonne und in bunten Farben schimmerten auf dem weißen Grundton dieses Bildes die Toiletten der Damen der auf der Promenade sich bewegenden Gesellschaft.

Hoch auf dem Kamm der ansteigenden Düne lag ein kleines, flach gebautes Haus, roh aus Holz aufgerichtet –in anderen Gegenden der Welt würde man in demselben kaum bei dem drohenden Unwetter Zuflucht gesucht – und auch kaum Schutz darin gefunden haben, denn Wände und Dach schlossen schlecht und ließen überall freien Durchgang für den scharfen Seewind, der große Haufen weißen Sandes vor der Thür aufgehäuft hatte, wo inmitten eines Kreises von roh gezimmerten Bänken eine ziemlich primitive Capelle von fünf bis sechs Personen Platz genommen hatte und eine Blechmusik ertönen ließ, der es vielleicht zum Vortheil gereichte, daß der vom Meer her rauschende Wind die Hälfte der Töne ungehört in die weiten Fernen fort trug.

Dies mehr als einfache Blockhaus war zur Zeit der Saison der Sammelpunkt der elegantesten Welt und weder Tortoni noch Kranzler hätten ein distinguirteres Publikum aufweisen können, als die »Giftbude« von Norderney, so genannt, weil hier meist die der rauhen Seeluft und dem Bedürfniß nach dem kalten Bade entsprechenden scharfen Spirituosen verabreicht wurden, deren Qualität jedoch nicht dem Aussehen und der Construction des Hauses, sondern durchaus dem Geschmack des vornehmen Publikums entsprach.

Auf einer der hölzernen Bänke saß ein junger Mann in der für Norderney als Saisoncostüm adoptirten rothen Friesjacke mit weißen Nähten über elegantem weißen Unterzeug, den schwarzen Wachstuchhut auf dem schwarzen lockigen Haar und blickte träumerisch über die unten sich bewegenden Spaziergänger nach dem fernen Meereshorizont hin, von Zeit zu Zeit ein kleines Glas an die Lippen führend, welches den vortrefflichen friesischen Wachholderbranntwein Doornkaat enthielt.

Dieser junge Mann, welcher so einsam dasaß in dem lebendigen heiteren Treiben auf den Dünen und der Promenade, war der Graf Constantin Kraniski aus der preußischen Provinz Posen. Sein Vater, ein alter polnischer Edelmann, besaß ausgedehnte Güter an der russischen Grenze und hatte sich stets der preußischen Regierung gegenüber streng loyal verhalten auch deren Sorge für das materielle Wohl der Provinz aufrichtig anerkannt und so viel in seinen Kräften stand, gefördert, aber er war Pole in seinem Herzen und trug in sich den tiefen Schmerz über den Fall seines Vaterlandes und den tiefen Haß gegen Rußland, welcher wie ein Fieber in dem Blute aller Söhne dieser unglücklichen Nation lebt und sie blind macht gegen die eigene Schuld. Der junge Graf Constantin hatte seine Militairpflicht bei einem preußischen Cavallerieregiment erfüllt, war dann auf Reisen gegangen, hatte zwei Jahre in Paris gelebt und war, kaum auf das väterliche Gut zurückgekehrt, in ein schweres Nervenfieber verfallen, nach dessen Ueberwindung durch die jugendliche Kraft seiner Constitution ihm die Aerzte die Seebäder in Norderney zur vollständigen Stärkung seiner Gesundheit verordnet hatten.

Er war fünfundzwanzig Jahre alt, mittelgroß und gut gewachsen. Sein Gesicht war von auffallend regelmäßiger, fast weiblicher Schönheit, der melancholisch weich träumende Ausdruck, den man so oft in den Physiognomien der sarmatischen Aristokratie findet, wurde noch verstärkt durch die tiefe Blässe, eine Folge seiner Krankheit, und durch ein von Zeit zu Zeit wiederkehrendes schmerzhaftes Zucken um den kleinen schöngeschnittenen Mund. Seine großen tief dunklen Augen mit lang überschattenden Wimpern blickten gewöhnlich still und traurig vor sich hin, im belebten Gespräch aber glühte in ihnen ein fieberzitterndes, fast erschreckendes Feuer empor, das auf einen tiefen Abgrund wilder Leidenschaft in dieser scheinbar so weichen und sanften Natur schließen ließ.

Der junge Mann saß auf der hölzernen Bank, drehte den kleinen schwarzen Schnurrbart zwischen den feinen mageren Fingern und ließ den weichen sinnenden Blick über das weite Meer hingleiten.

»Wie schön ist die Welt, wie freundlich und licht erscheint das Leben, wenn man von den Grenzen des Todes zurückgekehrt ist, wenn man,« sprach er noch leiser, »die schönste und reinste Lebensblüthe im Herzen sich erschließen fühlt.«

Ein weiches glückliches Lächeln spielte einen Augenblick um seine Lippen, dann ließ er wieder mit schmerzlichem Seufzer den Kopf auf die Brust sinken.

»Und all' diesem Glück, all' dieser Hoffnung soll ich entsagen,« flüsterte er, »das kaum wiedergewonnene Leben einsetzen in einem fast hoffnungslosen Kampf, in welchem Schlimmeres als der Tod droht, ewiger Kerker – die sibirischen Bergwerke.«

Er schauderte in sich zusammen, seine Lippen bewegten sich in nervösem Zittern.

»Doch das Vaterland ruft, mein Schwur bindet mich, darf die Liebe irre machen an dem, was man mit der Begeisterung der Jugend erfaßt hat? Nein, nein,« hauchte er dumpf vor sich hin, »und wenn ich es wollte – der Tod hier wie dort.«

Eine Gruppe von jungen Herren war aus der Giftbude getreten, alle in rothen Röcken und schwarzen Wachstuchhüten.

»Guten Abend, Graf Kraniski,« rief man ihm entgegen, »warum sitzen Sie hier so träumerisch allein, wir wollen zur See gehen und versuchen, einige Möven zu schießen, kommen Sie mit, das Boot mit den Gewehren liegt unten!«

Der junge Pole fuhr aus seinem leichten Sinnen auf und begrüßte die jungen Herrn mit leichter Artigkeit.

»Ich danke,« sagte er, »meine Nerven sind noch nicht wieder ganz in Ordnung, ich kann nach meiner Krankheit die Bewegung der Wellen nicht vertragen, ich werde sofort seekrank, und das ist ein zu theuerer Preis für das Vergnügen der Fahrt.«

Sein Blick richtete sich in plötzlichem Aufleuchten hinab nach der Promenade und den dort sich bewegenden Gruppen, mit fast bemerkbarer Ungeduld wechselte er noch einige Worte mit den jungen Herren, die dann rasch hinabstiegen, um sich auf den Schultern eines riesigen Fischers durch das flache Uferwasser nach ihrem Boote tragen zu lassen.

Graf Kraniski folgte ihnen langsam und mischte sich unter die Spaziergänger auf der weiten Strandfläche.

Bald begegnete er einem alten Herrn in leichtem Sommeranzug und einer jungen Dame, welche langsam daher gegangen kamen. Der alte Herr hatte ein vornehm geschnittenes blasses und krankes Gesicht mit weißem Bart, weißes Haar erschien unter dem breiten Strohhut und der Blick der klugen und freundlichen Augen zeigte eine gewisse Ermüdung, er stützte sich auf einen Stick und das Gehen machte ihm ersichtlich Mühe.

Die junge Dame mochte etwa achtzehn Jahre zählen. Lichtblonde Locken, von einem kleinen Wachstuchhütchen mit blauem Bande bedeckt, umgaben ihr frisches, zartgefärbtes und vom Seewinde leicht geröthetes Gesicht, die tiefblauen Augen blickten sinnend und heiter zugleich zum Meere hinüber und zum Himmel empor, es lag in diesem Blick Etwas von dem »freudvoll und leidvoll« Klärchens, ihre zierliche Gestalt war schlank und elastisch kräftig, sie mußte ihre natürliche Bewegung zurückhalten und spielte mehr mit ihrem großen Stocksonnenschirm, den sie trug, als daß sie sich auf denselben stützte.

Ihr gleichgültig über die Gruppen der Spaziergänger hinstreifender Blick belebte sich plötzlich, schnell senkte die Dame wieder das Auge und eine leichte Verwirrung erschien auf ihrem Gesicht.

Der junge Graf Kraniski trat ihnen entgegen, begrüßte die junge Dame und ergriff mit der natürlichen Ehrerbietung, welche eine wohlerzogene Jugend dem Alter entgegen bringt, die dargebotene Hand das alten Herrn.

»Wie geht es Ihnen heute, Herr Baron?« fragte der junge Mann, »thut das Seebad seine Wirkung? Sie gehen kräftig und sehen frisch aus!«

»Ich danke, Herr Graf,« erwiderte der alte Baron Artenberg, ein reicher Grundbesitzer aus dem Großherzogthum Hessen, der in seinen jüngeren Jahren als diplomatischer Dilettant an verschiedenen Höfen debutiert hatte, und dann als Wittwer in Frankfurt am Main, wo er ohne den Zwang eines Hofes ansprechende Gesellschaft fand, der Pflege seiner Gesundheit und der Erziehung seiner einzigen Tochter gelebt hatte, – »ich danke, es geht noch nicht viel besser, das Bad regt mich auf und ich denke, in acht bis vierzehn Tagen nach Hause zurück zu kehren.«

»So werden Sie noch länger als ich das ruhige Stillleben in dieser Meereseinsamkeit genießen,« sagte der Graf, »denn ich denke schon in den nächsten Tagen, vielleicht schon morgen abzureisen.«

Der Ausdruck tiefen Erstaunens, etwas wie unmuthige Erregung zog über das Gesicht des jungen Mädchens, ein schneller Blick, traurig vorwurfsvoll und fragend traf den Grafen und mit einem kalten Lächeln sprach sie:

»Es scheint, daß Sie sehr plötzlich den Geschmack an dieser ursprünglichen Natur verloren haben, Herr Graf, die Ihnen vor Kurzem noch so viel anziehenden Reiz darbot, wie Sie mir sagten.«

»Ich habe Nachricht von Haus erhalten,« erwiderte der Graf, die Augen niederschlagend, »die mich zur schnellen Rückreise zwingen, ich wäre sehr gern noch hier geblieben, da ich mehr als je den Reiz des hiesigen Aufenthalts empfinde,« fügte er mit lebhafter Betonung hinzu.

»Ein Reiz, dessen Verständniß mir vollkommen entgeht,« sagte der alte Baron Artenberg, »ich kann diesen primitiven Zuständen keinen Geschmack abgewinnen, diese Sturzbäder von kaltem Wasser, der ewige Zugwind, die harten und stets feuchten Betten.«

»Guten Abend Herr Baron,« rief der Graf Decken, welcher langsam herangeschlendert kam, »was macht unser gemeinschaftlicher Feind, das Podagra, ich habe hier am Meeresstrand Waffenstillstand mit ihm geschlossen, aber ich fürchte, zu Frieden wird es nicht kommen.«

Graf Decken, der in der Friesjacke von Norderney und dem kleinen Hut noch frischer und jünger aussah, als in der kleinen Uniform der Kammerherren im Frankenberger Kloster, begrüßte die junge Dame artig und war bald in ein lebhaftes Gespräch mit dem Baron Artenberg vertieft.

Die kleine Gesellschaft schritt den Strand hinab, Fräulein von Artenberg und Graf Kraniski voran, Graf Decken und der alte Baron langsam folgend und von Zeit zu Zeit im Eifer ihrer Unterhaltung stehen bleibend.

»Es sind hoffentlich keine traurigen Nachrichten, welche Sie zu so plötzlicher Abreise veranlassen?« fragte die junge Dame, noch immer mit einer gewissen Gereiztheit im Ton.

Der Graf ging einige Schritte schweigend neben ihr, den Blick auf den Boden geheftet, seine Lippen bewegten sich in nervösem Zittern, als suche er das rechte Wort für den Gedanken, der ihn erfüllte.

»Fräulein Marie,« sagte er endlich, »Sie haben mir so viel freundschaftliche Theilnahme bewiesen, Sie haben mich so oft getröstet, wenn die Verstimmung meiner kranken Nerven mich schmerzlich leiden ließ, daß ich Ihnen ewig, ewig dankbar sein werde, und glauben Sie mir,« fuhr er in feurigem Tone fort, »es muß eine ernste Veranlassung sein, welche mich bewegen kann, auf das Glück Ihrer Gesellschaft früher zu verzichten, als es unbedingt nothwendig ist, und Norderney zu verlassen, so lange Sie noch hier sind.«

Ein dunkles Roth überzog das Gesicht des Fräuleins, zum ersten Male nannte der Graf sie bei ihrem Vornamen, in zitternder Bewegung ging sie neben ihm weiter, ohne aufzublicken, aber sie fühlte den glühenden Blick seines dunklen Auges, der auf ihr ruhte.

»Ich stehe,« sprach der junge Mann weiter, »an einem ernsten, sehr ernsten Wendepunkt meines Lebens, so ernst, daß ich mir fast vorkommen, wie ein Sterbender, der sich anschickt, die Welt zu verlassen, die Welt mit ihrem Sonnenlicht, mit ihren Blumen, mit ihrem blauen, reinen Himmel.«

»Mein Gott!« rief sie tief erbleichend mit entsetztem Ton, »was kann –«

»Ich habe,« fuhr er mit tiefem Ernst fort, »mein Leben einem dunkeln Verhängniß verschworen, seine Hand winkt mir jetzt, ich muß ihm folgen, meine Ehre kettet mich mit unauflöslichen Banden, vorwärts, ertönt das eherne Gebot meines Schicksals, vorwärts, vielleicht in Tod und Verderben.«

Das junge Mädchen zitterte, keines Wortes mächtig, sie schlug ihr Auge auf und sah ihn mit einem Blick an, in welchem eine stumme Frage höchster Seelenangst lag.

»Ich danke Ihnen, Fräulein Marie,« rief er glücklich, »ich danke Ihnen für diesen Blick; er zeigt mir, daß Sie Theilnahme für mich haben, daß Sie mir Ihre Freundschaft bewahren, daß Sie an mich denken, für mich beten werden.«

»Aber ich bitte Sie, Herr Graf,« flüsterte sie tonlos, »sagen Sie mir –«

»Ja,« sprach er mit tiefem Athemzug, »ja, ich will, ich muß Ihnen Alles sagen, was mir wie eine Felsenlast auf der Seele liegt, was mich einst mit Begeisterung erfüllte und jetzt mit Todesschmerz mein Herz zerreißt, und bevor ich von den lichten Höhen des Lebens und des Glücks mich zu den finstern Abgründen wende, in denen das Verderben droht, muß ich das Vermächtniß meiner heiligsten Gefühle in das einzige Herz niederlegen, das ich mein zu nennen als höchste Seligkeit erträumt habe.«

Wieder traf ihn jener angstvoll fragende Blick aus ihrem rasch aufgeschlagenen Auge.

»Doch nicht hier,« fuhr er fort, »kann ich sprechen, nicht hier, wo diese fröhliche lachende Welt uns umgiebt, wo der Hauch des Windes mein Geheimniß zu fremden Ohren tragen kann, wo jeden Augenblick unser Gespräch unterbrochen werden kann, nicht hier, o Fräulein Marie,« sagte er mit leiser Stimme, aus deren Ton es heraufdrang, wie tief verborgene Gluth, »wenn Sie je Freundschaft für mich empfunden haben, wenn die Ruhe meiner Seele Ihnen etwas werth ist, bewilligen Sie mir eine Stunde, heute Abend, wo Niemand uns hört als das Meer und die schweigenden Dünen, eine Stunde des Abschieds, eine letzte Stunde des Glückes.« –

»Herr Graf,« sagte sie kaum hörbar, »Sie vergessen –«

Ihre Lippen kräuselten sich, wie in stolzer Aufwallung, aber aus ihrem Auge sprach ein tiefes, warmes Gefühl.

»Ich vergesse Nichts,« sprach er in zitternder Bewegung, »ich weiß, daß ich eine vermessene, fast unerhörte Bitte ausspreche, aber es giebt Augenblicke, in welchen das überströmende Gefühl Alles wagen darf, wo das Herz sich an das Herz wenden darf, ohne zu denken an alle die Schranken, welche die Welt zwischen den Menschen aufrichtet. Ich habe Ihnen gesagt und schwöre es Ihnen nochmals, daß ich fast ein Sterbender bin, ein Sterbender, der in das Herz seiner Freundin das Vermächtniß seiner Liebe niederlegen will. Sind Sie meine Freundin, Marie, wollen Sie mein Vermächtniß empfangen?«

Sie schüttelte langsam in schweigendem Sinnen den Kopf, als befände sie sich vor einem unlösbaren, unverständlichen Räthsel.

»Sie sehen vielleicht zu schwarz,« sagte sie, »vielleicht kann ich Ihnen helfen, Ihre Nerven sind so leicht erregbar.«

»Sie können mir helfen,« rief er, »helfen wenigstens dazu, daß ich den Muth behalte, daß die Hoffnung nicht ganz in mir erstirbt. »O Marie, Marie, ich bitte Sie, erfüllen Sie meine Bitte.«

»Aber wie, mein Gott,« sagte sie wie unwillkürlich, »es ist fast unmöglich, heute Abend – –«

»Guten Abend, Fräulein von Artenberg,« rief eine helle klare Stimme herüber, noch bevor der Graf antworten konnte; die jungen Leute blieben stehen und Fräulein Marie eilte dem Rufe folgend, zu einer einige Schritte entfernten Gruppe.

König Georg V. von Hannover stand da inmitten der hin- und herwandelnden Gesellschaft, eine hohe, kräftige Gestalt militairisch fest emporgerichtet, und in tiefen Zügen den reinen Hauch des Meeres einathmend. Er trug einen einfachen, dunkeln Civilanzug, einen kleinen runden Hut auf dem Kopf.

Der König gab den Arm der Gräfin Adlerberg, der Gemahlin des russischen Militairbevollmächtigten am preußischen Hofe, einer Dame von etwa sechsunddreißig Jahren, hoch gewachsen, von vornehmer Haltung; in ihrem schönen Gesicht war der Ausdruck hoher Intelligenz und zugleich vornehmer aristokratischer Abgeschlossenheit vereinigt mit der anmuthigen und freundlichen Sicherheit der Weltdame.

Einige Schritte hinter dem Könige folgte der dienstthuende Flügeladjutant, Oberstlieutenant von Heimbruch, ein ältlicher Mann mit ergrauendem Bart und der Hofschauspieler Carl Devrient, dessen so kluges und lebhaftes Gesicht mit den dunkeln feurigen Augen und dessen geschmeidig elastische Gestalt von der Hand der Zeit sanfter berührt wurde als andere Sterbliche, und der, obgleich ein Veteran der Befreiungskriege, noch die ganze Frische seiner Jugend bewahrt hatte.

Fräulein von Artenberg trat dicht vor den König hin, während der Graf Kraniski in einiger Entfernung stehen blieb.

Der König ergriff die Hand der jungen Dame und führte sie artig an die Lippen.

»Ich freue mich Ihnen zu begegnen, Fräulein von Artenberg,« rief er, »um Ihnen nochmals zu danken für den hohen Genuß, den Sie mir neulich durch Ihren vortrefflichen Vortrag der Sonate pathétique« –

»Eure Majestät sind zu nachsichtig,« sagte die junge Dame in hoher Verwirrung, noch ganz erfüllt von dem Eindruck des durch den Ruf des Königs unterbrochenen Gesprächs.

»Eine Meisterin wie Sie bedarf der Nachsicht nicht,« erwiderte Georg V. »Heute Abend,« fuhr er fort, »spielt Dreyschock bei mir, Devrient will mit ihm gemeinschaftlich eine Declamation mit Musikbegleitung ausführen, nach Art der alten Troubadours, das wird sehr schön und sehr interessant sein, wenn zwei Meister die tönende und die redende Kunst mit einander verbinden, ich hoffe, daß Sie mir die Freude machen, bei mir den Thee zu nehmen.«

»Eure Majestät sind zu gnädig.«

»Was macht Ihr Vater,« fragte der König weiter, »ich interessire mich lebhaft für jede Kur hier in Norderney und ich wünsche so innig, daß jeder Leidende hier ebenso die wohlthätige Heilkraft meines lieben Meeres empfinde, wie ich.«

Die Brust weit ausdehnend, athmete er tief den feuchten Duft der Wellen ein.

»Baron Artenberg ist da, Majestät,« sagte Herr von Heimbruch leise, »auch Graf Decken und Graf Kraniski.«

»Guten Abend, meine Herren,« rief der König, die drei Herren traten heran und nahmen die Hüte ab, »bedecken Sie sich, ich bitte, was macht die Gesundheit, Baron Artenberg? Verlieren Sie die Geduld nicht, die Pharmacopöe des Meeres ist unerschöpflich und übertrifft alle Medicamente der Welt; ich habe Ihr Töchterchen so eben gebeten, den Abend bei mir etwas Musik zu hören, ich wage kaum, Sie ebenfalls einzuladen.«

»Eure Majestät werden die Gnade haben, mich zu entschuldigen,« sagte der Baron, »ich bedarf Abends so sehr der Ruhe.«

»Ich weiß, ich weiß,« rief Georg V., »und Sie, Graf Decken,« fuhr er fort, »was macht das Podagra, Sie haben meinen Lampe in Goslar nicht consultiren wollen – –«

»Ich ziehe das Meer vor, Majestät,« sagte Graf Decken, »man bekommt wenigstens nichts in den Magen und wird nur äußerlich maltraitirt.«

Der König lachte.

»Nun,« rief er, »Beides wirkt noch besser, ich habe meine medicinische Fahrt vom Fels zum Meer gemacht. Graf Kraniski,« fuhr er fort, sich an den jungen Mann wendend, »Sie lieben, wie ich weiß, die Musik, ich hoffe, Sie heute Abend auch bei mir zu sehen.«

»Zu Befehl, Majestät,« sagte der junge Mann, indem sein Blick schnell zu Fräulein von Artenberg hinüberflog und ein glückliches Lächeln sein Gesicht erhellte.

»Ihre Königliche Hoheit Prinzeß Alexandrine,« sagte die Gräfin Adlerberg.

Rasch wendete sich der König um.

Die jugendliche Prinzessin Alexandrine von Preußen, eine reizende, frische und anmuthige Erscheinung näherte sich mit ihrer Gouvernante Fräulein von Schuckmann.

Sie eilte schnell dem Könige entgegen, der ihr die Hand küßte.

»Du kommst jetzt erst?« fragte Georg V. »Du bist zu viel im Hause, die Luft ist so schön, oder hast Du geschlafen?« fügte er scherzend hinzu.

»Ich durfte nicht früher ausgehen,« sagte die Prinzessin, indem sie der Gräfin Adlerberg freundlich die Hand reichte, »Fräulein von Schuckmann erlaubte es nicht.«

Mit schalkhaftem Lächeln sah sie ihre Gouvernante an.

»Ihre Königliche Hoheit soll sich der Hitze nicht aussetzen, Majestät,« sagte diese sich ernst und würdevoll gegen den König verbeugend.

»Auf Wiedersehen, meine Herren, auf Wiedersehen Fräulein Artenberg,« sagte der König den Kopf neigend.

Er gab der Prinzessin den Arm und setzte seine Promenade fort.

»Ich werde versuchen eine der beiden Sänften zu bekommen, um Dich Abends abzuholen,« sagte der alte Baron Artenberg.

»O Papa,« rief Fräulein Marie, »die häßlichen Kasten, ich mag mich nicht hineinsetzen, besonders seit Graf Wedel uns erzählt hat, daß die eine für die Pockenkranken und die andere für die Ertrunkenen bestimmt sei.«

Graf Decken lachte.

»Aber –« sprach der Baron.

»Darf ich die Begleitung und den Schutz des gnädigen Fräulein übernehmen?« fragte Graf Kraniski rasch. »Seine Majestät hat mir ebenfalls die Ehre erzeigt, mich einzuladen, und,« fügte er mit einem wehmütigen Lächeln hinzu, »ich werde eine der ominösen Sänften ersetzen können.«

»Wenn Sie die Güte haben wollen,« sagte der Baron. Fräulein Marie schien etwas erwidern zu wollen, ein eigenthümlicher Blick des jungen Mannes traf sie, mit flüchtigem Erröthen verneigte sie sich in schweigender Zustimmung.

Der König war indeß mit der Prinzessin Alexandrine weiter gegangen, die Gräfin Adlerberg folgte mit Fräulein von Schuckmann, Herr von Heimbruch mit Devrient.

»Hast Du Nachrichten vom Könige?« fragte Georg V.

»Ja, Majestät,« erwiderte die Prinzessin, »die Kur in Gastein bekommt dem König vortrefflich.«

»Der Kaiser von Oesterreich muß in diesen Tagen dort sein,« sagte der König, – »ich habe in den letzten Tagen keine Zeitungen gelesen.«

»Der Kaiser wird heute oder morgen von Gastein zurückkehren,« erwiderte die Prinzessin.

»Wie freue ich mich,« rief der König, »daß die beiden Herren sich begegnen, wollte Gott, daß aus ihrem persönlichen Verkehr die Einigkeit zwischen Preußen und Oesterreich fest und dauernd hervorginge, dann wäre Deutschlands Macht und Größe auf Felsen gebaut.«

Die Wellen rollten heran, der rauschende Seewind trug die Worte und den Wunsch des Königs dahin über die Dünen nach dem Festlande hin, wo in diesem Augenblick aller Augen nach dem stillen Bergthal von Gastein gerichtet waren, in welchem die beiden obergewaltigen Herrscher des Deutschen Bundes sich begegneten.

»Der Fürst von Schaumburg Lippe,« sagte die Prinzessin.

Der regierende Fürst Adolph von Schaumburg Lippe, ein noch junger Mann von etwas gebückter Haltung, das kränklich abgespannte Gesicht von einem militairisch geschnittenen Bart umrahmt, trat dem Könige entgegen. Der Fürst führte seine Gemahlin, eine schlanke Frau, deren schönes noch jugendliches Gesicht nur um einen leisen Ton zu roth erschien, seine blühenden Kinder folgten ihm.

Die Herrschaften begrüßten sich.

»Ich sprach so eben mit der Prinzessin,« sagte der König, »von dem Besuch des Kaisers von Oesterreich in Gastein, ich lese hier in Norderney so wenig als möglich Berichte und Zeitungen –«

»Die Zeitungen, Majestät,« fiel der Fürst ein, »erzählen viel von einer Reform des Bundes, welche projectirt sei, und über welche die hohen Herren in Gastein sich besprechen und verständigen sollten.«

»Reform des Bundes!« sagte der König sinnend, »eines jener leeren Worte, hinter denen Jeder seine Gedanken verbirgt. Wenn Preußen und Oesterreich uneins sind, ist eine Reform des Deutschen Bundes unmöglich, sind sie einig, so ist sie überflüssig! Gott erhalte die beiden Großen einig, dann werden wie Kleinen,« sagte er lächelnd, sich zum Fürsten von Schaumburg wendend, »sicher im Schutze des Bundes wohnen und Deutschland wird stark und glücklich sein.«

»Doch,« unterbrach er sich, »da sprechen wir von Politik, hier auf meiner stillen Insel, im Angesicht des Meeres und des Himmels, die beide mit all' den künstlich aufgebauten Verhältnissen der politischen Welt nichts zu thun haben! Fort damit, hier lassen Sie uns der Freude und dem Genuß der Natur leben.«

Er reichte der Prinzessin wieder den Arm, der Fürst und die Fürstin von Schaumburg-Lippe schritten ihm zur Seite, und so setzten die Herrschaften ihren Spaziergang fort, oft stehen bleibend und einen oder den andern Bekannten begrüßend.

Die Gesellschaft lachte und plauderte, das Sonnenlicht schimmerte auf den Dünen, langsam rollte die allmählig steigende Fluth ihre wachsenden Wellen dem Ufer zu. Alles war Heiterkeit und Frohsinn auf der stillen Meeresinsel, und fern blieb den Unterhaltungen die ernste sorgenvolle Politik, welche drüben auf dem Festlande ihre grauen Gewebe spann.

Siebentes Capitel.

Auf stillem Waldwege in einer Schlucht der Berge, welche den Kurort Wildbad Gastein umringen, schritt an einem schönen Sommervormittage langsam ein hochgewachsener, starkgebauter Mann durch den kühlen Schatten dahin. Er trug einen einfachen Sommeranzug und kleinen runden Hut, der zu Boden gesenkte Blick seines scharfen grauen Auges folgte unwillkürlich den spielenden Lichtpunkten, welche das durch die grünen Zweige hindurchzitternde Sonnenlicht auf dem Wege erscheinen ließ, aber es war nicht die Schönheit dieser in friedlicher Ruhe ihn umgebenden Natur, welche seine Aufmerksamkeit auf sich zog; das lebhaft bewegte, zuweilen in nervöser Erregung zuckende Gesicht mit den kräftigen Zügen und dem blonden Schnurrbart zeigte, daß ernste Gedanken sein Inneres erfüllten, Gedanken, die weit abliegen mußten von der Waldesstille und dem Waldesduft, er ihn umgab.

Und ernste Gedanken mußten den preußischen Minister-Präsidenten Herrn von Bismarck-Schönhausen erfüllen, der hier auf dem einsamen Waldwege mit tiefen Athemzügen seiner breitgewölbten Brust die reine sonnenwarme Luft einsog, denn immer fester schloß sich die Phalanx der parlamentarischen Opposition ihm gegenüber zusammen, immer rücksichtsloser und heftiger wurden die Angriffe der Presse und Preußen und ganz Deutschland gegen ihn, immer dichter zog sich das Netz der Intriguen zusammen, die in einzelnen Kreisen der unmittelbaren Umgebung des Hofes gegen ihn gesponnen wurden.

Er ging langsam daher, von Zeit zu Zeit blieb er stehen, warf einen Blick in den offenen Brief, den er in der Hand hielt und bewegte in halblautem Selbstgespräch die Lippen.

»Der Zeitpunkt ist geschickt gewählt,« sagte er, »von den Herren in Wien, um mir in der kurzsichtigen öffentlichen Meinung Deutschlands einen Streich zu spielen! – Schon erfüllen meine lieben Freunde aus den preußischen Kammern die Luft mit ihrem Geschrei über den Conflict und die Mißregierung und die preußischen Sympathieen in Deutschland werden von den Preußen am Meisten zerstört. – Die Verblendeten,« rief er lauter, »sie ahnen nicht, daß alle ihre schönen Träume von der preußischen Führung in Deutschland nur dann jemals zur Wirklichkeit werden können, wenn diese Armee-Organisation durchgeführt wird; und scheute ich vor diesem Conflict mit den parlamentarischen Doctrinairen zurück, so würde Preußen für immer verurtheilt eine unvollendete Aufgabe zu bleiben, Deutschland würde stets uneinig und schwach das Gespött der andern Nationen sein!

»Sie wollen mich nicht verstehen, sie wollen nicht begreifen, daß Preußen bis an die Zähne in Waffen gegürtet sein muß, um die Gegner der deutschen Einheit und Größe innerhalb und außerhalb der Grenzen des Vaterlandes niederzuwerfen. Ich habe es ihnen gesagt, daß nicht Worte, sondern Blut und Eisen allein die Ideen ausführen können, über welche sie Bücher schreiben und Reden halten, sie haben mein Wort verlacht, es für ein paradoxes Witzwort erklärt, und doch,« sprach er mit tiefer Stimme, indem er stehen blieb und den Blick durch die grün überhängenden Zweige zum luftblauen Himmel emporrichtete, »doch war es so tiefer Ernst, so feste Ueberzeugung!

»Und die Wahrheit dieser Ueberzeugung,« fuhr er fort, »beweist dieser österreichische Angriff von Neuem!« –

Er warf abermals einen Blick auf das Papier in seiner Hand.

»Sie wollen die Maske abwerfen, die Herren in Wien, und das ist gut, sie sollen nur ihr wahres Gesicht zeigen, sie werden auch mich offenen Visirs sich gegenüber finden, ich werde freier athmen, wenn das Spiel frei und sichtbar aufgelegt ist. Dieses österreichische Unternehmen muß in früherer oder späterer Zeit den großen Conflict herbeiführen und so darf ich vielleicht die Hoffnung hegen, das, was in mir wie eine heilige Zuversicht lebt, zur Wahrheit werden zu sehen, durch preußische Kraft und preußischen Geist ein einiges Deutschland, mächtig und hochgeehrt unter den Nationen Europa's, zu schaffen!«

Unter einer mächtigen Buche stand eine hölzerne Bank. Herr von Bismarck ließ sich auf derselben nieder und versank in ein tiefes Sinnen.

»Oft zieht es mir wie eine Ahnung durch den Sinn,« sagte er leise, während die Baumwipfel über ihm rauschten, »wie leuchtende Bilder einer großen herrlichen Zukunft, eines mächtigen stolzen Nationalbaues, der sich wölbt über einem einigen, waffenstarken, glücklichen Volk! Die Wege liegen dunkel und verworren vor mir, aber klar und leuchtend erhebt sich das Ziel vor meinem Blick und ebenso klar steht es in mir geschrieben, daß das Ziel nicht erreicht werden kann, wenn nicht das preußische Volk gewaffnet in Reih und Glied um seinen König geschaart in die Arena hinabsteigt.

»Dann mögen die Wogen hochgehn, dann mögen die Wege sich kreuzen und verschlingen, auf dem rocher de bronce des königlichen Preußens wird sich die Arche niederlassen, welche die Zukunft Deutschlands in sich trägt!«

Abermals sann er lange schweigend nach.

»Wird es mir gelingen,« sprach er dann mit wehmüthigem Lächeln, »werde ich die Bilder, welche mein Inneres erfüllen, einst in herrlicher Wirklichkeit vor mir sehen? Oder wird erst lange nach mir das Werk vollendet werden, das auf den Schlachtfeldern des siebenjährigen Krieges begann, und wird auf dem Baustein, den ich dazu beigetragen, mein Name verwischt werden vom schnell zerstörenden Hauche der Zeit, der Vergessenheit?«

Er ließ den Kopf auf die Brust sinken.

Leises Rauschen zog durch die tiefe Waldesruhe.

In den Zweigen über ihm begann ein kleiner Singvogel ein Lied, immer schmetternder, immer jauchzender entquollen die Töne der zarten Brust des unsichtbaren Sängers.

Herr von Bismarck richtete sich empor, ein leichtes Lächeln spielte um seine Lippen.

»Accipio omen!« rief er heiter, »wenn die Helden des weltbeherrschenden Roms an die weissagenden Zeichen der Bewohner der Lüfte glaubten, warum soll ich das jubelnde Lied des kleinen Vogels nicht als einen freundlichen Gruß aus dem verborgenen Reich der Zukunft annehmen? Tönt es doch auch in mir oft so laut und freudig und ruft mir zu: der Sieg gehört dem festen Willen und der unbeugsamen Kraft. Und wenn es nicht wäre,« sagte er ernst und stolz, »in magnis et voluisse sat est«.

Er stand auf.

»Der König wird seine Badepromenade beendet haben, ich muß ihn avertiren, bevor der Kaiser kommt!«

Rasch, mit kräftigen Schritten, ging er auf dem Wege dahin, der nach dem Bade Gastein hinabführte. – – –

In dem sogenannten Schlößchen, einem einfachen zweistöckigen Bau mit steinerner Vortreppe, stand in seinem Zimmer des oberen Stockwerks, neben seinem länglichen Schreibtisch, in der Nähe des geöffneten Fensters, der König Wilhelm von Preußen.

Die hohe kräftige Gestalt des ritterlichen Herrn hatte auch in dem Civilanzug, den er trug, ihre grade militairische Haltung bewahrt, fest aufgerichtet stand er da, die eine Hand auf den Tisch gestützt, die andere leicht in die Brustöffnung seines Gilet gehängt. Sein frisches Gesicht mit den klaren, scharfblickenden Augen erinnerte noch an den strengen abgeschlossenen Ernst, der dem Prinzen von Preußen eigenthümlich war, Bart und Haar färbten sich allmälig weiß und auf den ruhigen regelmäßigen Zügen lag der Schimmer jener freundlichen Milde, welche mit dem höheren Alter es Königs immer sichtbarer hervortrat.

Neben dem Könige standen zwei Personen.

Zunächst der General-Adjutant von Manteuffel, ebenfalls in einfachem Civilanzug, dem man ansah, daß er dem General eine etwas ungewohnte Tracht war. Das charakteristische Gesicht des langjährigen Vertrauten des Königs und früheren Chefs seines Militair-Cabinets war eingeschlossen von dichtem, tief in die Stirn hereinwachsendem dunklem Haar und ebenso dichtem kurzem militairischem Bart. Das geistvolle Auge hatte durch die starken Augenbrauen einen fast mürrischen Ausdruck, die nicht sehr große magere Gestalt zeigte Zähigkeit und Muskelkraft.

Der General, ehrerbietig zur Seite seines königlichen Herrn stehend, blickte aufmerksam hinüber auf ein Bild, das der Maler Löhr aus München, ein geborner Preuße, dem Könige zeigte, indem er es in der rechten Beleuchtung Seiner Majestät entgegenhielt.

»Ausgezeichnet, sehr hübsch,« rief der König, »ich erinnere mich dieses Punktes ganz genau, Sie haben ihn vortrefflich wiedergegeben, ganz die eigenthümliche Färbung des Abendhimmels, lebenswahr und dabei poetisch aufgefaßt.«

Der Maler Löhr, eine einfach anspruchslose Erscheinung im schwarzen Frack, verneigte sich erfreut bei dem Lobspruch, den der Monarch seinem Bilde spendete.

»Ich bin Stammgast hier in Gastein, Majestät,« sagte er, »und habe mit besonderer Vorliebe seit langer Zeit mich mit der künstlerischen Darstellung der so schönen Punkte dieser Gegend beschäftigt. – Ich liebe Gastein und male seine Schönheiten mit wirklicher Herzenswärme. Darum vielleicht gelingt es mir, ihren eigenthümlichen Zauber annähernd wiederzugeben.«

Der König schwieg einen Augenblick nachsinnend.

«Würden Sie wohl,« sagte er dann mit freundlicher Verbindlichkeit, »die Güte haben, mir einige Arbeiten zu meiner Erinnerung an diesen Ort zu machen, den ich ebenfalls liebe wie Sie? Ihre Bilder werden in guten Händen sein,« fügte er lächelnd hinzu.

»Es wird mir zur höchsten Ehre gereichen,« erwiderte Herr Löhr erfreut, »wenn Eure Majestät meine Bilder Ihrer gnädigen Aufmerksamkeit würdigen.« –

»Ich möchte aber,« sagte der König mit leisem Zögern, »die Motive selbst angeben –«

»Eure Majestät haben zu befehlen.« –

»Ich möchte zunächst,« sagte der König, »ein Bild des Wasserfalls der Ache haben –«

»Ich könnte kein schöneres Motiv wählen,« sprach Herr Löhr.

»Sodann,« fuhr der König fort, »möchte ich gern, von Ihnen ausgeführt, die Aussicht auf das Gasteiner Thal besitzen, es ist da ein Punkt in der Nähe des sogenannten Hirschen, von dem aus das Thal sich zu einem schönen abgerundeten Bilde öffnet –«

»Ich glaube den Punkt zu kennen, den Eure Majestät meinen,« sagte Herr Löhr, »ich hatte schon an eine Aufnahme von dort aus gedacht –«

»Sie erinnern sich, Manteuffel,« sprach der König, sich an den General-Adjutanten wendend, »ich machte Sie bei unserm Spaziergange darauf aufmerksam –«

»Zu Befehl, Majestät,« sagte Herr von Manteuffel sich verbeugend, »ich erinnere mich genau –«

»Der General wird Ihnen den Punkte zeigen,« sprach der König zu Herrn Löhr, »und ich hoffe bald etwas von Ihrer Arbeit zu hören, es wird mir große Freude machen, von der Hand eines Preußen die mir so liebe Gegend gemalt zu sehen.«

Er neigte huldvoll grüßend das Haupt.

Der Maler nahm die Bilder, welche er dem König gezeigt hatte, und verließ mit tiefer Verneigung das Zimmer.

»Ist Alles für den Empfang des Kaisers vorbereitet?« fragte der König.

»Zu Befehl, Majestät,« erwiderte der General, »das Diner wird sogleich nach der Ankunft Seiner Majestät und den gewechselten Besuchen stattfinden – in ganz kleinem Kreise.«

»Der Besuch des Kaisers bewegt mich tief,« sagte der König, ernst vor sich niederblickend, »gerade heute, am Tage vor dem Geburtstage meines Vaters, in diesem fünfzigjährigen Gedenkjahr jener großen ernsten feierlichen Zeit, welche meinem ganzen Fühlen und Denken ihren Stempel aufgedrückt hat.

»– Damals,« fuhr er fort, »erhob sich Deutschland in gewaltiger Kraft, Preußen und Oesterreich Hand in Hand voran und das mächtige Rußland daneben, als der dritte in diesem Bunde, und alle Feinde sanken zu Boden vor der Erhebung des deutschen Volkes, o, wie ist das Alles anders geworden seitdem, – die heilige Allianz, dieser fromme und kluge Gedanke, ist zerstört –«

»Aber nicht durch Preußens Schuld, Majestät,« rief der General von Manteuffel, »Preußen hat fest an seinen Pflichten gehalten, Oesterreich hat sich losgesagt von der alten heiligen Tradition, um sich in ein unsicheres und gefährliches Spiel zu stürzen –«

»Ich beklage,« sagte der König leicht die Hand erhoben, in mildem Ton, »ich beklage, was geschehen ist, aber ich will nicht richten, nicht anklagen, Oesterreich hat schwere Erschütterungen durchgemacht, der Kaiser Franz Joseph war sehr jung und hat nicht immer den rechten Rath gefunden –«

»Es liegt mir fern,« sagte der General lebhaft, »Seiner Majestät dem Kaiser einen Vorwurf machen zu wollen, aber wahr ist es doch, daß die Politik Oesterreichs sehr viel beigetragen hat zu der traurigen Unruhe aller Verhältnisse in Deutschland und Europa –«

»Mächtig ergreift mich,« sagte der König ihn unterbrechend, »der Geist der Vergangenheit, der gerade in diesen fünfzigjährigen Erinnerungen so lebendig heraufsteigt, die große Gedenkfeier der Leipziger Schlacht, alle die alten Klänge tönen wieder herauf, o wie das Alles so frisch, so warm vor meinem Geist steht, wie war damals Alles so groß, und doch so einfach, – wie mein Vater,« sagte er leise mit leicht zitternder Lippe. –

»Die große Leipziger Schlachtfeier beschäftigt ganz Deutschland,« sprach der General nach einer augenblicklichen Pause, »aber Majestät, ich habe da soeben die Mittheilung von einer Feier erhalten, die man in Berlin vorbereitet, und die, ich muß es sagen, meinem Herzen näher steht, die Gedenkfeier der Schlacht von Groß-Beeren« –

»Groß-Beeren!« rief der König mit blitzenden Augen, »ja, das ist preußischer Treue und preußischen Muthes Ehrendenkmal, hoffentlich wird das Fest recht würdig sein –«

»Ich habe die Bekanntmachung des Generals von Maliszewski, Majestät,« sagte Herr von Manteuffel, ein Papier aus der Tasche ziehend, »das Curatorium des Nationaldanks nimmt die Sache in die Hand, und die Veteranen werden den Mittelpunkt des Festes bilden.«

»Das ist recht, das ist recht,« rief der König lebhaft. »Die Veteranen,« sagte er dann weich, indem ein warmes Licht aus seinem Blicke strahlte, »welch eine Welt von Heroismus, von Selbstverleugnung, von Aufopferung liegt nicht in dem Worte: ein Preußischer Veteran! Sie sind hinausgezogen, alle jene Braven im Kampf und Todesgefahr, ohne Lohn, ohne persönlichen Ehrgeiz, sie haben den Sieg errungen, aber der Einzelne hat kaum seinen sichtbaren Theil an dem Kranz des Ruhmes, und wenn er verwundet ist und zum Krüppel geworden, – der Staat kann ihn nicht belohnen, nicht entschädigen, ihm bleibt Nichts, als das Bewußtsein, seine Pflicht erfüllt zu haben für das Vaterland. – Sie Alle sind ein großes herrliches Denkmal der ruhmvollen Vergangenheit, und auf der Brust eines Jeden von ihnen könnten die einfachen, schönen Worte Platz finden, welche dem Denkmale auf dem Kreuzberge eingegraben sind: dem Gefallenen zum Gedächtniß, den Lebenden zur Anerkennung, den künftigen Geschlechtern zur Nacheiferung.«

»Auch ungeschrieben, Majestät,« sagte der General bewegt, »tönen diese Worte bei dem Anblick eines Veteranen in jedem preußischen Herzen wieder, und wenn jemals die preußischen Fahnen wieder im Feuer sich entrollen, dann werden die jungen Generationen mit Gott für König und Vaterland ebenso voll Selbstverleugnung und Aufopferung in den Kampf ziehen, wie es einst die Veteranen thaten.«

»Das weiß ich,« sagte der König ruhig.

»Da Eure Majestät gerade der alten Zeit gedenken,« sprach der General weiter, »so möchte ich mir unterthänigst erlauben, Allerhöchst Ihre Aufmerksamkeit auf ein Buch zu lenken, das ich erhalten und mit großen Interessen gelesen habe.«

Der König blickte ihn fragend an.

»Ein Doctor Theodor Bach.« sagte der General, »hat eine Lebensbeschreibung Hippels, des Verfassers des Aufrufs an Mein Volk geschrieben, er nennt das Buch ein Gedenkblatt zur fünfzigjährigen Feier der Erhebung Preußens, und das Ganze einfach und schlicht geschrieben, giebt ein vortreffliches Bild jener großen Zeit –«

»Ich will das Buch lesen,« sagte der König, »lassen Sie mir auch den Aufruf von Maliszewski wegen Groß-Beeren hier.«

Der General legte das Papier auf den Tisch.

Der König stand sinnend.

»Ist es eine Mahnung,« sprach er halb für sich, »daß alle diese Erinnerungen gerade heute stärker als je an mich herantreten?

»Es giebt ein altes Bild,« sagte er, sich zu Herrn von Manteuffel wendend, »einen einfachen Kupferstich – – mein Vater, der Kaiser Franz und er Kaiser Alexander knieen nebeneinander auf einem Hügel und richten ein Dankgebet zum Himmel für die gewonnene Schlacht von Leipzig. Das Bild, in seiner Einfachheit und ziemlich kunstlosen Zeichnung hat mir immer einen tiefen Eindruck gemacht; aus demselben weht mich der Geist jenes in ernsten Tagen entstandenen Bündnisses an, das so lange den Frieden Europa's erhielt, ich fühle mich heute so recht durchdrungen von jenem Geiste der Vergangenheit, und ich möchte in diesem Geiste über alle Verwirrungen und Mißverständnisse der Politik hinweg so recht aus meinem Herzen zum Kaiser von Oesterreich sprechen. Sollte es denn nicht möglich sein, trotz aller kleinlichen Hemmnisse jenen Geist der segensreichen Eintracht zwischen den beiden großen Mächten Deutschlands auch in seinem Herzen wieder zu erwecken? – Ich will versuchen,« sagte er, sanft lächelnd, »ob nicht die Fürsten persönlich doch vielleicht bessere Politik machen, als die Cabinette –«

»Und ich bitte Gott von Herzen,« rief der General mit lauter, überzeugungsvoller Stimme, »daß er seinen Segen dazu geben wolle.«

Der Flügeladjutant, Oberstlieutenant Prinz Hohenlohe-Ingelfingen, trat in das Cabinet, ein noch junger Mann mit magerem, blassem und intelligentem Gesicht, ebenfalls im Civilanzug.

»Der Minister-Präsident von Bismarck bittet Eure Majestät um Audienz,« sagte der Prinz, »auch ist der Marquis von Hoensbrock mit einer Deputation hier, welcher Eurer Majestät Vortrag halten will über die fünfzigjährige Feier der Vereinigung des Fürstenthums Geldern mit Preußen.« –

»Wieder eine Erinnerung,« sagte der König lächelnd zu Herrn von Manteuffel, »ich werde die Deputation in diesen Tagen empfangen, lassen Sie Bismarck eintreten,« fuhr er, zum Prinzen Hohenlohe gewendet, fort, »und vergessen Sie mir das Buch von Hippel nicht,« sagte er, den Generaladjutanten mit freundlichem Kopfnicken verabschiedend.

Herr von Manteuffel und der Prinz verließen das Zimmer.

Einige Augenblicke später trat Herr von Bismarck ein.

»Haben Sie einen Morgenspaziergang gemacht?« fragte der König, ihn herzlich begrüßend, »Sie müssen hier auch etwas für Ihre Gesundheit thun, um sich von den Anstrengungen in Berlin zu erholen.« –

»Zu Befehl, Majestät,« erwiderte Herr von Bismarck, »ich habe eine solche Dosis frische Bergluft eingeathmet, daß hoffentlich Nichts mehr vom berliner Staub in meinen Lungen geblieben ist.«

»Ich habe hier,« sagte der König, »einen Gang durch die alten Erinnerungen der fünfzigjährigen Vergangenheit gemacht, und so recht lebhaft ist jene Zeit vor mich getreten, in der Preußen und Oesterreich vereint Deutschland zu seinem großen Befreiungskampfe führten.« –

»So passen die Erinnerungen Eurer Majestät,« erwiderte Herr von Bismarck ernst, »sehr wenig zu der Mittheilung, welche ich Allerhöchstdenselben zu machen gekommen bin.«

Erstaunt und fragend blickte der König auf.

Der Minister-Präsident zog einen Brief aus seiner Tasche und sprach:

»Aus glaubenswürdiger Quelle wird mir geschrieben, daß Oesterreich eine Reform des Bundes in Vorschlag bringen will, welche die Stellung Preußens noch mehr einengt und beschränkt, indem sie ein Directorium für die Executive herstellt, einen Fürstenrath und ein Delegirten-Parlament hinzufügt, also eine Maschinerie, in deren complicirtem Räderwerk sich die Kraft Preußens bis zum Ermatten abarbeiten soll.«

Der König lächelte.

»Bundes-Reformprojecte!« sagte er achselzuckend, »Arbeit für die Commissionen!«

»Die Commission, Majestät, soll diesmal aus den sämmtlichen Fürsten Deutschlands bestehen, welche der Kaiser nach Frankfurt einladen will,« erwiderte Graf Bismarck.

Der König wurde ernst.

»Glauben Sie, daß die Nachricht wahr ist?« fragte er.

»Wollen Eure Majestät die Gnade haben, sich selbst zu überzeugen,« sagte Graf Bismarck, indem er dem König den Brief reichte, den er in der Hand hielt.

König Wilhelm durchflog den Inhalt und schüttelte langsam den Kopf.

»Eine jener Speculationen,« sagte er, »an denen in neuerer Zeit die Staatskanzlei so reich ist, ich kann nicht glauben, daß der Kaiser –«

Herr von Bismarck blickte mit eigenthümlichem, beinahe traurigem Ausdruck in das offene edle Gesicht seines königlichen Herrn.

»Ich bewundere das hochherzige Vertrauen Eurer Majestät,« sagte er, »ich fürchte aber, daß es nicht wird gerechtfertigt werden.«

»Ein Fürstencongreß,« sprach der König weiter, »ohne daß der Kaiser mit mir sich vorher darüber verständigt hätte, das wäre ja entweder ein leeres und bedeutungsloses Spiel, oder der offene Bruch, fast der Krieg gegen uns.«

»Vielleicht könnte es das Letztere sein,« sagte der Minister-Präsident ernst.

»Und das in dem Augenblick, in welchem ich mit dem Kaiser hier zusammen komme?« sprach der König. »Nein, nein, das sind Ideen, die man in Wien hegt, der Kaiser wird mit mir darüber sprechen wollen, ist könnte ja auch vielleicht,« fuhr er nachdenklich fort, »ganz nützlich sein, wenn die Fürsten einmal selbst über die Mißstände in den Bundeszuständen sich aussprächen, natürlich müßten die Gesichtspunkte vorher genau durchberathen und festgestellt sein.«

»Ich bin hoch erfreut,« rief Herr von Bismarck lebhaft, »daß Eure Majestät da einen Gedanken aussprechen, der sich mir gleich beim Empfang der überraschenden Nachricht aufgedrängt hat, ich würde gewiß niemals etwas gegen eine persönliche Besprechung und Verständigung der erlauchten Mitglieder des Deutschen Bundes einzuwenden haben, nur müßte dies die Krönung und feierliche Vollendung eines durch die Cabinette reiflich überlegten und vorbereiteten Werkes sein und ich möchte Eure Majestät schon jetzt unterthänigst bitten, auf keinen Vorschlag eines Fürstencongresses ohne diese Vorbedingung einzugehen.«

»Glauben Sie denn,« fragte der König lächelnd, »daß ich ohne die sorgfältigste Vorüberlegung Hand an ein solches Werk legen würde, übrigens wird das Ganze nichts weiter sein, als eine Idee.« –

»Und wenn es mehr ist, Majestät,« sagte von Bismarck mit festem Ton, »so bin ich ganz ruhig, da ja die preußische Armee in der neuen von Eurer Majestät ihr angelegten Kriegsrüstung dasteht; die decretirt Niemand hinweg, weder der Bundestag noch ein Fürstencongreß.«

Ernst neigte der König den Kopf.

»Nun,« sagte er, »wir werden ja sehen, über Eines seien Sie ruhig, mag man von Oesterreich aus thun was man will, nach Olmütz gehen wir nicht!«

»Vielleicht doch,« sagte Herr von Bismarck halb leise, »aber mit gefälltem Bajonet!«

Der König drohte freundlich mit dem Finger.

»Sie sind unverbesserlich,« sagte er, »in Ihrem Mißtrauen gegen Oesterreich.«

»Je größer einst mein Vertrauen war,« antwortete der Minister-Präsident, »um so tiefer, und um so berechtigter ist jetzt mein Mißtrauen!«

»Nun, ich hoffe, diesmal wird es unberechtigt sein,« sagte der König.

»Ich wünsche es, Majestät, aber ich kann es nicht hoffen,« erwiderte Herr von Bismarck unerschütterlich, indem er die huldvoll entlassende Kopfneigung des Königs durch eine tiefe Verbeugung erwiderte und das Zimmer verließ.

* *
*

Am Nachmittag desselben Tages hatte sich ein zahlreiches Publikum vor der Villa Meran, der einstigen Wohnung des Erzherzogs Johann, des Reichsverwesers von 1848, eingefunden. Die Schuljugend des Ortes, die Vertreter der Gemeinde, Bewohner der benachbarten Alpenorte, so wie viele Damen und Herren der Badegesellschaft hatten sich vor der Villa aufgestellt, um die Ankunft des Kaisers Franz Joseph zu erwarten, die jeden Augenblick erfolgen sollte.

Oben auf der Terrasse der Villa, zu welcher eine hohe Treppe hinaufführte, saßen mehrere Herren und Damen der österreichischen Aristokratie, der Oberhofmarschall der Kaiserin, Graf Sperow, die Fürstin Lobkowitz und die Gräfin Ruefstein an ihrer Spitze, in einiger Befangenheit stand daneben der Bürgermeister Straubinger von Gastein, ein einfacher Mann im schwarzen Frack, mit sorgsamem Blick die Aufstellung der Vertreter des Orts und der Gegend überwachend.

Nicht lange hatten die Versammelten zu warten, gegen fünf Uhr ertönte vom Wege her lautes Rufen und in raschem Trabe fuhr ein offener Wagen durch die zu beiden Seiten des Weges aufgestellte Menge.

In der grauen Uniform saß in demselben zur Rechten der Kaiser Franz Joseph, nach beiden Seiten freundlich mit der Hand grüßend, das schöne männliche Gesicht strahlend von Heiterkeit und Wohlwollen. Dem Kaiser zur Seite saß sein General-Adjutant Graf Folliot de Crenneville, ein Mann mit feinem, scharf geschnittenem Gesicht, dunklen Augen und kleinem schwarzen Schnurrbart, in der dunklen Uniform der kaiserlichen Adjutantur. In einiger Entfernung folgten die Wagen mit dem kaiserlichen Gefolge.

Der Kaiser hielt vor der großen Treppe.

Begleitet von der Badecapelle, intonirte die Schuljugend die schöne Hymne: Gott erhalte Franz den Kaiser, und laute Hochrufe ertönten von allen Seiten. Graf Sperow und die anwesenden Herren waren herab an den Wagenschlag geeilt, schnell und leicht sprang der Kaiser ohne den Tritt zu berühren zur Erde, begrüßte mit schnellen freundlichen Worten die Vertreter der Ortsgemeinde und stieg die Treppe zur Terrasse hinauf.

Mit ritterlicher Artigkeit trat er zu den Damen, der Kreis derselben öffnete sich und zwei junge Mädchen traten hervor, die eine in Weiß mit einem großen Strauß von Edelweiß in der Hand, die andere in Roth mit einem Bouquet von Alpenrosen.

»Erlauben kaiserliche Majestät,« sprach die Fürstin Lobkowitz, »daß Alpenrose und Edelweiß Sie im Alpenthal begrüßen.«

Der Kaiser nickte den jungen Mädchen freundlich zu, die zitternd und erröthend vor ihm standen.

»Die schönen, glückbringenden Blumen der reinen Berge werden auch mir eine gute Vorbedeutung sein,« sagte er, und mit verbindlicher Aufmerksamkeit hörte er die kurzen Strophen an, welche die Mädchen mit leiser, zitternder Stimme hersagten.

Der Kaiser nahm die Blumensträuße aus ihren Händen und wendete sich zu dem Bürgermeister Straubinger, der zögernd herantrat und eine Anrede an den Monarchen begann.

Kaum hatte er einige Worte gesprochen, als schnell ein offener Wagen an der Treppe vorfuhr, und in der großen Uniform der preußischen Flügeladjutanten erschien der Prinz Hohenlohe auf der Terrasse.

Mit leichter Neigung des Hauptes gegen den Bürgermeister wendete sich der Kaiser militairisch grüßend dem Prinzen entgegen, der in dienstlicher Haltung meldete:

»Seine Majestät der König folgt mir auf dem Fuß, um Eurer kaiserlichen Majestät seinen Besuch zu machen.«

Zugleich sah man den Wagen des Königs sich der Villa nähern.

Rasch eilte der Kaiser die Treppe hinab, zwei und drei Stufen auf einmal überspringend, war er unten angekommen, bevor noch der Wagen des Königs herangefahren war. Dieser hielt augenblicklich, der König Wilhelm in der Uniform seines österreichischen Regimentes stieg aus und ging, dem Kaiser die Rechte ausstreckend entgegen. Der General v. Manteuffel folgte.

Franz Joseph war in einem Sprunge bei dem Könige, ergriff dessen Hand und schloß ihn dann mit lebhafter, schneller Bewegung in die Arme.

Tiefe Rührung erschien auf dem Gesicht des Königs, mit Innigkeit küßte er seinen kaiserlichen Neffen auf beide Wangen.

»Wie glücklich bin ich, Sie hier zu begrüßen, mein theurer Oheim,« rief Franz Joseph. –

»Nicht glücklicher als ich es bin,« erwiderte der König, »meinen lieben Verwandten und nächsten Bundesgenossen zu umarmen.« –

Und nochmals drückte er den Kaiser an seine breite kräftige Brust.

Unermeßlich war der Jubel, der beim Anblick dieser so herzlichen Begrüßung ausbrach, welche auf der offenen Straße mehrere Schritte von dem Aufgange zur Terrasse stattfand. Es war kein conventionelles Hochrufen, das da ertönte bei der Umarmung der beiden Beherrscher der deutschen Vormächte, es war der Ausbruch eines tiefen Gefühls, eines Gefühls, das mehr oder weniger klar die Brust eines jeden Zuschauers erfüllte, das in Jedem die feste Ueberzeugung lebendig werden ließ, daß diese Umarmung der Fürsten das Bild einiger Macht und Größe der deutschen Nation sei.

Der König und der Kaiser stiegen Hand in Hand die Treppe hinauf, alle Anwesenden traten ihnen entgegen, das gegenseitige Gefolge wurde vorgestellt und die beiden Monarchen traten in die Villa, in den Salon, welchen früher der Erzherzog Johann bewohnt hatte.

Noch einmal drückte hier der König herzlich und innig die Hand des Kaisers und ließ den Blick einen Moment mit dem Ausdruck liebevollen Wohlgefallens auf der schlanken kräftigen Gestalt des österreichischen Monarchen ruhen.

»Ich freue mich nicht nur persönlich,« sagte der König Wilhelm, »Sie hier zu begrüßen, mein lieber Vetter, es ist auch ein schönes Gefühl für mich, daß wir Beide, die ersten Fürsten Deutschlands, uns hier die Hand reichen, die Empfindung der Bedeutung dieses Augenblicks lebte auch in den Zuschauern da draußen, das hörte man aus dem Klang ihres grüßenden Zurufs.«

»Auch ich fühle dies, mein theurer Oheim,« erwiderte der Kaiser, »und um so mehr, als die Zustände in Deutschland sich in einer Krisis befinden; ich habe,« fuhr er mit einer gewissen Befangenheit fort, »eingehend über die Mittel nachgedacht, durch welche es möglich sein könnte, dem schwerfälligen Organismus des Deutschen Bundes Leben einzuhauchen und ihn mehr in Einklang zu bringen mit den constitutionellen Staatsformen, die ja jetzt in allen Staaten Deutschlands eingeführt sind,« fügte er seufzend hinzu.

Der König sah ihn mit einem eigenthümlichen, halb forschenden, halb traurigen Blick an.

»Wir werden morgen eine ruhige Stunde finden,« fuhr der Kaiser fort, »um darüber zu sprechen, ich möchte so gern die Reform des Bundes, welche von der öffentlichen Meinung verlangt wird, in die Hände der Fürsten legen und ein Einverständniß derselben herstellen.«

Immer ernster blickte ihn der König an.

»Ich werde mit Freuden mit Ihnen über die Angelegenheiten Deutschlands sprechen,« sagte er mit verbindlicher Neigung des Kopfes, »und mit höchstem Interesse werde ich Ihre Ansichten darüber hören. Werden wir auch hier kaum zu einem Resultat kommen, so wird doch der Austausch unserer Ideen sehr viel zur Klärung der Fragen beitragen.«

»Doch ich habe vergessen, rief der Kaiser abbrechend, »die herzlichsten Grüße der Kaiserin und ihre Empfehlungen an Ihre Majestät die Königin auszusprechen.« –

»Ich hoffe,« erwiderte der König, »daß unsere Gemahlinnen sich ebenfalls bei nächster Gelegenheit begegnen, und die Erzherzogin Sophie, Ihre Durchlauchtigste Frau Mutter,« fragte er weiter, »es geht ihr hoffentlich nach Wunsch?« –

»Meine Mutter,« erwiderte der Kaiser, »ist leider immer kränklich – wenn auch ohne Gefahr, – jetzt,« fuhr er fort, »ist sie in Sorge um meinen Bruder Maximilian.«

»Ist es nicht indiscret zu fragen,« sagte der König, »wie die mexikanische Angelegenheit steht, und ob der Erzherzog –«

»Der Erzherzog,« rief der Kaiser rasch, »ist sehr geneigt, das Abenteuer zu bestehen, er sehnt sich nach einem weiten Feld für seine Thätigkeit –«

»Das dürfte er allerdings dort finden,« sagte der König ernst, »indeß gewiß wenig Dank; wollen denn Eure Majestät dem Erzherzog die Annahme der Krone erlauben, – ein österreichischer Erzherzog – ein deutscher Fürst – das französische Kaiserthum Mexiko dürfte doch ein heißer und vielleicht unsicherer Boden sein.« –

»Ich mag dem freien Entschluß meines Bruders keine Beschränkung auflegen,« sagte der Kaiser, »und wenn er auf seine österreichischen Erbrechte verzichtet« –

»Nun,« sagte der König aufstehend, »wir werden Gelegenheit finden, über das Alles zu sprechen, jetzt will ich Sie nicht länger aufhalten, ich habe die Freude, Sie zum Diner bei mir zu sehen.« –

»Sobald ich meine Toilette gemacht,« erwiderte der Kaiser, und mit verbindlicher Höflichkeit begleitete er den König über die Terrasse die Treppe hinab bis an den schnell vorfahrenden Wagen.

Noch einmal schüttelten sich die Monarchen die Hände, der König stieg mit dem General von Manteuffel und dem Prinzen Hohenlohe ein und fuhr rasch davon, während der Kaiser in die Villa zurück eilte.

Nach einer halben Stunde erschien er in der Uniform seines preußischen Regiments mit dem großen orangen Bande des schwarzen Adlerordens, Graf Crenneville begleitete ihn, durch die volksbelebten Straßen überall von freudigen Zurufen begleitet, nach dem Schlößchen, um dem Könige von Preußen seinen Gegenbesuch zu machen und bei demselben zu diniren.

Für den Abend war große Illumination der Berge und Wasserfälle angesagt und alle Bewohner von Gastein und der Umgegend wogten in freudiger Bewegung hin und her, alle Herzen schlugen höher bei dem Anblick der so innigen Freundschaftsbeweise, welche die beiden großmächtigen Fürsten Deutschlands sich gaben, und der Telegraph trug alle Details dieser Begegnung weithin in alle Länder Deutschlands und des Auslandes und je nachdem man Deutschlands Macht und Einigkeit ersehnte oder fürchtete, knüpften sich Hoffnungen oder Besorgnisse an die Mittheilungen, welche der electrische Funken aus dem frischen, stillen Bergthal in die diplomatischen Kanzleien und die Zeitungsredactionen hinaustrug.

Achtes Capitel.

Spät erst waren die Bewohner von Gastein zur Ruhe gekommen. Nach dem Ende des Diners bei dem Könige von Preußen waren die beiden Monarchen zu Fuß ausgegangen, um die festliche Beleuchtung des Ortes in Augenschein zu nehmen. In freundschaftlicher Vertraulichkeit hatte man den Kaiser und den König vom Schlößchen aus nach dem Fürstenstollen und der Rudolphshöhe gehen sehen; das Gefolge schritt in einiger Entfernung hinter den Herrschern; dann folgte eine immer wachsende Anzahl von Kurgästen und Alpenbewohnern, in ehrerbietiger Ferne sich haltend; fern von der gewöhnlichen Neugier folgten sie Alle mit warmer und aufrichtiger Theilnahme und Sympathie den Fürsten. Als der Kaiser und der König sich dem Wasserfalle genaht hatten, war plötzlich von allen Seiten bengalisches Feuer aufgeflammt, prachtvoll schimmerten die Wasser in dem bald rothen bald weißen Licht, das weithin die Bäume und den Himmel mit tageshellem Glanz überstrahlte. Hell und scharf traten die zahlreichen Menschengruppen – Herren und Damen untermischt mit den Bewohnern der Gegend in der Alpentracht, – aus dem nächtlichen Dunkel hervor, und inmitten dieser feenhaften Gruppe sah man die beiden Fürsten allein in der Nähe der Fälle stehn und sich gegenseitig auf die Schönheiten des Anblicks aufmerksam machen. Ein lauter Ruf, wiederhallend von all' den lichtbestrahlten Punkten ringsumher war bei diesem Anblick aus dem Feuerkreis empor zum nächtlichen Himmel aufgestiegen und freundlich dankend hatten die Monarchen rings mit dem Haupt und der Hand gegrüßt, dann war Alles wieder in Dunkel versunken, um im nächsten Augenblick wieder in einer neuen Farbe leuchtend hervorzutreten.

Lange noch, nachdem die Fürsten vom laut grüßenden Abschiedsruf begleitet, sich in ihre Wohnungen zurückgezogen hatten, waren die dichten Menschenreihen langsam dahingezogen auf den Promenaden von Gastein und den sonst so einsamen Waldwegen, und aus allen Gesprächen, welche der Nachtwind dahintrug, klang die Freude wieder, daß die beiden großen Herrscher in persönlicher Begegnung die Einigkeit des weiten Vaterlandes in verkörpertem Bilde sichtbar vor Augen geführt hatten. – –

Früh schon am nächsten Tage sahen die Badegäste, welche am zeitigsten zur Morgencur sich erhoben hatten, den Kaiser Franz Joseph ganz allein im bequemen österreichischen Militairmantel einen Spaziergang unternehmen. Langsam schritt der Kaiser, tief die frische Morgenluft einathmend, auf dem Waldpfad dahin, welcher durch die grünen Schatten zu den Fällen hinführt; man folgte in natürlicher Discretion dem hohen Herrn nicht, aber die Wenigen, die ihm begegneten, konnten sehen, wie er oft in tiefen Gedanken stehen blieb, das Auge zu Boden geheftet und in leisem Flüstern die Lippen bewegend. – Nach längerer Promenade kehrte er zurück aus der Einsamkeit des Waldes, heiterer Muth und frische Entschlossenheit leuchtete auf seinem Gesicht und freundlich die Gruppen grüßend, welche sich inzwischen vor der Villa Meran versammelt hatten, zog er sich in sein Zimmer zurück.

Auch vor dem Schlößchen wurden die Neugierigen immer zahlreicher, man sah auf dem Balcon den König Wilhelm stehen; die hohe, feste Gestalt frei aufgerichtet, neben ihm stand der Ministerpräsident von Bismarck in lebhaftem Gespräch mit seinem königlichen Herrn begriffen.

Die Badegäste freuten sich an dem kräftigen Aussehen des Königs, – die Correspondenten der Zeitungen, welche hierher geeilt waren, um Zeugen der Begegnung der Souveraine zu sein, wünschten die Kraft ihres Gehörs verdoppelt, um etwas von dem Gespräch auffangen zu können, welches dort oben auf dem Balcon dem Hauch der Lüfte vertraut wurde, und daneben traf mancher scheele Blick den so ruhig und sicher dastehenden Staatsmann, den die deutsche und preußische Presse fast einstimmig als den Feind der Freiheit und des Friedens in Deutschland und in Preußen darzustellen nicht müde wurde.

Aber die wehenden Lüfte trugen keines der Worte, die da oben gesprochen wurden, herab zu den lauschenden Ohren, sondern wehten sie weithin zu den verschwiegenen Wäldern der Berghöhen und alle die bösen Blicke schienen den Herrn von Bismarck sehr wenig zu berühren, denn ruhig und kalt blickte er von Zeit zu Zeit hinab auf die verschiedenen Gruppen da unten, während er lebhaft zum Könige sprach.

»Eure Majestät werden sich nun überzeugt haben,« sagte der Ministerpräsident, »daß meine Mittheilung nicht ohne Begründung gewesen, da der Kaiser selbst sogleich die Reform des Bundes bei der ersten Begegnung berührt hat.«

König Wilhelm schüttelte langsam den Kopf.

»Der Kaiser hat freilich von der Nothwendigkeit eines Bundesreform gesprochen,« sagte er, »auch bemerkte er, daß er Gedanken darüber habe, die er mir mittheilen wolle, aber aus diesen Aeußerungen ist es mir nicht möglich zu schließen, daß ein fertiges Project existire und daß dies den Fürsten Deutschlands vorgelegt werden solle, gerade im Gegentheil, aus jenen Aeußerungen muß ich schließen, daß Derartiges nicht existirt, denn damit hätte doch der Kaiser seine Mittheilungen beginnen müssen.«

»Allerdings wäre das zu erwarten gewesen,« sagte Herr von Bismarck ruhig.

»Und da der Kaiser nichts davon erwähnte,« fuhr der König fort, »so kann ich nicht an eine solche Ueberraschung glauben.«

»Jedenfalls,« bemerkte Herr von Bismarck, »ist schon die Aeußerung, welche Se. kaiserliche Majestät gemacht hat, von großer Wichtigkeit. Die österreichische Anerkennung der Reformbedürftigkeit der deutschen Bundesverfassung ist ein großer Schritt zu dem Ziel, das Preußen erreichen muß – der Stellung im Bundesleben, die unsern Machtverhältnissen entspricht; bisher hat man von Wien aus ja immer bestritten, daß der Deutsche Bund reformfähig und reformbedürftig sei, dies Anerkenntniß müssen wir zunächst bestens acceptiren und zu den Acten legen. Im Uebrigen, Majestät,« fügte er mit stolzem Lächeln hinzu, »mögen sie tagen, rathen und beschließen, so viel sie wollen, Majoritäten bilden und Stimmen zählen, – Preußens Stimme wird gewogen und nicht gezählt.«

Lange stand der König in nachdenklichem Schweigen.

»Wir haben heute den dritten August!« sagte er dann, still und weich den Blick zu Herrn von Bismarck aufschlagend.

»Wer vergäße das in Preußen, Majestät,« erwiderte der Ministerpräsident, »von der Generation, deren Jugendentwicklung in die Zeit des höchstseligen Herrn fällt, in jene Zeit so groß und ernst und doch so friedlich und freundlich wie ein Sommertag nach einem Wettersturm.«

»Am heutigen Tage,« sprach der König weiter, »will ich mir das Vertrauen nicht zerstören lassen, es ist mir an diesem Tage so sonntäglich zu Muth, als ob ich in der Kirche wäre, die bösen Gedanken an die Kämpfe und Ränke dieser Welt wollen nicht an mir haften, ich möchte so gern mit offenem, freiem Herzen dem Kaiser von Oesterreich die Hand reichen, um mit ihm gemeinsam Deutschland groß, stark und glücklich zu machen.«

Herr von Bismarck sah den König mit dem Ausdruck tiefer Verehrung an.

»Um so gerechter wird Ew. Majestät Sache,« sagte er, »um so leichter Ew. Majestät Herz, wenn es doch zu dem gewaltigen Ringen um die Zukunft Deutschlands kommt, wenn das Heer der Nachtvögel den Preußischen Adler zwingen wird, seine Fänge zu gebrauchen, um sich den freien Weg zum Lichte zu öffnen.«

»Ich werde arbeiten und streben,« sagte der König ernst, »um Alles vorzubereiten, damit mein Sohn einst vollauf gerüstet sei, jeden Kampf aufzunehmen!

– Der Kaiser will Ihnen eine Gemsjagd veranstalten lassen?« fuhr der König nach einer Pause lächelnd fort.

»Se. Majestät der Kaiser hat die Gnade gehabt,« sagte Herr von Bismarck, »da ich den Wunsch aussprach, einmal eine so recht ernste, ordentliche Jagd mitzumachen, dem Grafen Moszyn, welcher die früher dem Erzherzog Johann gehörigen Jagden besitzt, den Auftrag zur Veranstaltung einer großen Gemsjagd zu geben und ich bin Se. Majestät für diese huldvolle Aufmerksamkeit sehr dankbar.«

»Man würde in Wien sehr erfreut sein, Sie einen Bock schießen zu sehen,« sagte der König scherzend.

»In diesem Falle soll der freundliche Wunsch erfüllt werden,« erwiderte der Ministerpräsident, »auf anderen Gebieten aber werde ich auf meiner Hut sein!«

»Der Kaiser wird bald kommen,« sagte der König freundlich, »ich möchte noch ein wenig mit meinen Gedanken, mit meinen Erinnerungen verkehren.«

Herr von Bismarck verneigte sich tief und verließ den Balcon, durch das Zimmer des Königs hinausschreitend.

Langsam folgte ihm der König; er trat vor seinen Schreibtisch und setzte sich auf den einfachen Sessel nieder, den Blick auf die dort zurechtgelegten neu eingegangenen Briefe und Eingaben gerichtet.

Aber er rührte die Papiere nicht an, welche er sonst mit so pünktlicher Gewissenhaftigkeit durchzusehen pflegte, leis und allmälig sank das Haupt auf die Brust herab und sein Auge verschleierte sich mit feuchtem Duft.

»Wie doch die Eindrücke der Kindheit dem ganzen Menschenleben die Farbe geben,« sprach er mit weicher Stimme, »wie ist die Zeit so anders geworden, welche Ereignisse sind dahingegangen über mein Haupt, wie hat sich mein Herz umgürten müssen mit Erz und Stahl gegen die feindliche Welt, und doch steigt sie immer und immer wieder so frisch, so lebendig herauf die alte, alte – die gute Zeit! Wie tritt sie an solchen Erinnerungstagen so frisch mir entgegen, die Gestalt meines Vaters, und meine Mutter, meine liebe Mutter« – –

Dichter wurden die Schleier, welche sein Auge verhüllten, er faltete die Hände und saß schweigend da, die Lippen bewegend wie in stillem Gebet.

Die Zeit zog vorüber, die Wipfel des Waldes rauschten von fernher, die Stimmen der Menschen drangen bald lauter, bald leiser von unten herauf, der König saß stumm und unbeweglich in der tiefen Stille seines Zimmers, er fühlte und merkte den Schritt der Zeit nicht, welche die Augenblicke der Gegenwart dahinnahm und Secunde für Secunde die Zukunft heranführte in langsam unaufhaltsamem Gange, sein Geist war weit hinabgestiegen in die heiligen Tiefen der Vergangenheit, seine Seele verkehrte mit den Geistern der Heimgegangenen, deren Augen einst liebevoll seine Jugend überwacht, und welche jetzt leise wehende Grüße zu ihm sendeten aus den unbekannten Fernen, welche der Gedanken nicht ermißt, zu denen aber die Liebe des Weg findet in dem Pulsschlag eines Augenblicks. –

Der Prinz Hohenlohe meldete den Kaiser Franz Joseph.

Rasch erhob sich der König.

Auf seinem Gesicht leuchtete noch der Abglanz der Gedanken, die ihn bewegt hatten, aus seinem Auge schimmerte noch die glücklich wehmüthige Erregung der andächtigen Rückschau in die Vergangenheit, als er dem Kaiser entgegentrat, welcher rasch durch die geöffneten Flügel der Eingangsthür ihm entgegeneilte.

Die Monarchen drückten sich herzlich die Hand, der Kaiser blickte fast betroffen in das so bewegte, wie von einem Hauch der Verklärung übergossene Gesicht des Königs.

Er schlug die Augen nieder und setzte sich in einen Fauteuil, zu welchem ihn der König an der Hand führte.

»Ew. Majestät sind schon so früh auf gewesen,« sagte der König, herzlich und frei in das schöne Gesicht seines kaiserlichen Neffen blickend, »ich liebe auch die Morgenstunden, aber heute haben Sie mich überholt.«

»Ich habe den Athem der schönen freien Natur eingesogen,« sagte der Kaiser, »das ist doch der beste und edelste Balsam für alle Sorgen und Leiden, die uns das Leben bringt.« –

»Die uns aber hieher nicht folgen sollen, in diese stille Waldeseinsamkeit,« fiel der König heiter ein.

»Die Leiden nicht,« sagte der Kaiser ernst mit beinahe trübem Ausdruck, »die Sorgen aber verlassen uns nie, und ich möchte sie sogar ein wenig mit Eurer Majestät theilen.«

»Kann ich einem so lieben Verwandten und Bundesgenossen irgend eine Sorge abnehmen, oder durch Theilung erleichtern, so werde ich glücklich sein,« erwiderte der König mit aufrichtiger Herzlichkeit.

»Ich habe gestern schon bemerkt, mein lieber Oheim,« sagte der Kaiser mit einer leichten Befangenheit im Ton, »daß die Verhältnisse in Deutschland, die Verfassungszustände des deutschen Bundes mich ernst beschäftigt haben. Es zieht durch das ganze Volk in Deutschland die Forderung nach einer Reform des Bundes und ich habe mich nach langem Nachdenken überzeugt, daß eine solche Reform wirklich eine Nothwendigkeit ist.«

»Sie werden sich erinnern,« sagte der König ernst und fest, »daß die preußische Regierung schon zur Zeit meines Bruders stets die Ansicht ausgesprochen hat, daß die Bundesverfassung nicht vollständig den thatsächlichen Zuständen und den wirklichen Machtverhältnissen entspreche. Ich freue mich herzlich, daß auch Eure Majestät jetzt die Richtigkeit jener Ansicht anerkennen.«

»Die einzelnen Staaten Deutschlands,« fuhr der Kaiser fort, »Preußen und Oesterreich voran, haben das constitutionelle Prinzip in ihre Verfassungen eingeführt, die Volksvertretungen haben bestimmenden Antheil an der Gesetzgebung, und es ist auf die Dauer nicht haltbar, daß die deutsche Bundes-Verfassung nicht ebenfalls das constitutionelle Prinzip in sich aufnimmt, die Maßregeln des Bundes werden mehr und mehr in Widerspruch treten mit den einzelnen Gesetzgebungen der verschiedenen Staaten, jedenfalls werden die Völker immer mehr mit Mißtrauen auf eine Institution blicken, bei deren Thätigkeit ihnen keine Theilnahme eingeräumt ist.«

»Ew. Majestät denken also jetzt auch an eine Vertretung des Volkes am Bunde?« fragte der König ernst, indem sein klares Auge sich forschend auf den Kaiser richtete.

»Ich halte eine solche für unerläßlich, um dem Bunde Kraft und Lebensfähigkeit zu geben,« erwiderte Franz Joseph.

»In diesem Punkt,« sprach der König, immer den Blick ruhig auf den Kaiser geheftet, »ist das Prinzip sehr einfach und klar, die Ausführung desselben jedoch voll der bedenklichsten Schwierigkeiten; wie schwer wird es sein, einen Wahlmodus zu finden, bei den so verschiedenen Grundsätzen, welche in den einzelnen Staaten bestehen –«

»Durch Delegirte aus den einzelnen Stände-Versammlungen,« rief der Kaiser rasch, »würde die Vertretung am einfachsten und leichtesten herzustellen sein.«

Der König blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder.

Sie denken also ernstlich an die Möglichkeit eines Delegirten-Parlaments?« fragte er dann.

»Es wäre der einfachste und auch der natürlichste Modus,« erwiderte Franz Joseph.

»Ich muß Ew. Majestät aufrichtig gestehen,« erwiderte der König, »daß ich, wie meine Regierung schon mehrfach zu erkennen gegeben hat, diese Idee kaum für praktisch durchführbar halten kann. Ein Parlament aus Delegirten der einzelnen Kammern würde den kleinen Staaten numerisch eine unverhältnismäßige Bedeutung geben und Majoritäten entstehen lassen, die mit den wirklichen Machtverhältnissen in noch schreienderen Widersprüchen stehen müßten, als dies jetzt schon zuweilen die Bundesbeschlüsse thun.«

Der Kaiser neigte mit einem leichten Ausdruck von Verlegenheit das Haupt.

»– Indeß,« fuhr der König in verbindlichem Ton fort, »ließe sich bei eingehender Erwägung der Frage doch vielleicht ein Modus finden, der diese Bedenken gegen eine Delegirtenvertretung beseitigt, und selbstverständlich werde ich stets freudig bereit sein, in Erörterung darüber zu treten, da ich ebensosehr wie Ew. Majestät wünsche, den Bund kraftvoll und lebensfähig zu machen und ihm das Vertrauen des Volkes zuzuführen. Nur,« sprach er mit festerer Betonung, »müßte jede Modifizirung der Verfassung dahin zielen, die Rechtsverhältnisse mit der Realität der Macht in größere Harmonie zu bringen und die Möglichkeit auszuschließen, daß europäische Großmächte wie Oesterreich und Preußen sich Majoritäts-Beschlüssen von kleinen und kleinsten Staaten gegenüber befinden.«

»In diesem Sinne habe auch ich mir die Reform des Bundes gedacht,« sagte der Kaiser, »und um die Executive der deutschen Gesammtmacht zu stärken und zu beleben, möchte ich ein Directorium vorschlagen, zu welchem, außer uns, Bayern und ein Vertreter der drei Könige und der größeren Gruppen zu gehören hätte.«

Immer ernster wurde der Blick des Königs.

»Und glauben Sie,« sagte er, »daß solche Einrichtungen, die in der Verschiedenheit der Machtverhältnisse liegenden Schwierigkeiten beseitigen könnten? Sollte nicht die noch verwickeltere Maschinerie jene Schwierigkeiten eher vermehren und mannigfaltiger machen?«

»Ich glaube im Gegentheil,« erwiderte der Kaiser, »daß auf diese Weise die Theilnahme der einzelnen Staaten des Bundes an den gemeinsamen Angelegenheiten sich mehr in Einklang stellen wird mit ihrer realen Bedeutung, als wenn, wie jetzt, jeder dem andern gleich dasteht.«

»Nun,« sagte der König, indem sein Gesicht wieder den früheren Ausdruck freundlicher Höflichkeit annahm, »in allen diesen Fragen werden ja die verschiedenen Ansichten sich ausgleichen und vereinigen lassen, wenn man an die Prüfung und Erwägung derselben mit so bundesfreundlichen und verwandtschaftlichen Gesinnungen herantritt, wie ich dies Ew. Majestät zu thun verspreche. Erfüllen wir unsere Regierungen mit unseren Gesinnungen und sie werden leicht den Vereinigungspunkt der gegenseitigen Interessen finden.«

Er reichte dem Kaiser die Hand.

»Ich hoffe,« sagte Franz Joseph, abermals in leichter Befangenheit zögernd, »daß diesmal die Prüfung der wichtigen Fragen allseitig in bundesfreundlichster Weise stattfinden werde, denn ich habe die Absicht, alle deutschen Fürsten, unsere Bundesgenossen nach Frankfurt einzuladen, um ihnen meine Ansichten über die Reform des Bundes vorzulegen.«

Der König blickte mit einem eigenthümlichen Ausdruck voll Verwunderung und fast traurig zum Kaiser hinüber.

»Ich hoffe,« fuhr Franz Joseph fort, »daß Eure Majestät diesen Gedanken billigen; wo es sich um das Wohl der deutschen Nation handelt, sind die Fürsten Deutschlands wohl berufen, selbst an das Werk heranzutreten und in persönlicher Arbeit etwas Großes, für die Zukunft Dauerndes zu schaffen.«

»Ganz gewiß,« rief der König, indem sein Auge sich mit warmem Lichte erfüllte, »ganz gewiß ist es eine ernste und würdige Aufgabe der Fürsten Deutschlands, der Verfassung des nationalen Bundes ihre eigenste und persönlichste Aufmerksamkeit zu widmen, und ich werde mit Freuden, mit meinem ganzen Herzen,« fügte er lebhafter hinzu, »bereit sein, an einer solchen Schlußberathung Theil zu nehmen, nur,« sagte er, leicht die Hand erhebend, »müßte eine persönliche Conferenz der Fürsten vorbereitet sein, durch eingehende Verhandlungen zwischen den Cabinetten, um alle einschlagenden Fragen des Staats- und Völkerrechts, über welche wir doch unmöglich so ohne Weiteres informirt sein können, vorher gründlich zu überlegen und spruchreif zu machen. Denken denn Eure Majestät,« fuhr er fort, »diese Fürsten-Conferenz bald in Vorschlag zu bringen?«

»Ich denke,« erwiderte der Kaiser, den Blick zu Boden senkend, »daß wir so schnell als möglich die Hand an das große Werk legen sollten. Die Reformideen erfüllen das Volk in allen seinen Schichten, und je schneller und energischer die Fürsten an die Ausführung dieser Ideen herantreten, um so sicherer werden dieselben den extremen Richtungen entzogen, welche sie als Hebel für ihre revolutionairen Zwecke benutzen möchten.«

»Gewiß,« sagte der König, »ist in solchen Dingen schnelles und energisches Handeln das allein Richtige, denn wenn einmal von Seiten der Fürsten die Reform als im Prinzip nothwendig anerkannt wird, wo ist es von großer Wichtigkeit, daß bald etwas Fertiges und Definitives geschaffen werde, damit man nicht nur die Negation des Bestehenden aufstelle und dadurch jeder demagogischen Bewegung die Berechtigung zugestehe.

»Ich denke,« fuhr er fort als der Kaiser schwieg »daß die eingehende Erwägung und Erörterung der Punkte der Bundesverfassung, welche einer Abänderung bedürfen, durch die Cabinette entweder im schriftlichen Meinungsaustausch, oder etwa durch Minister-Conferenzen bis zum October wohl beendet sein können. Wenn von allen Seiten derselbe Eifer entwickelt wird, den ich meiner Regierung zur Pflicht machen werde, dann könnten die Fürsten im Spätherbst zusammentreten und auf Grund der fertigen und durchgearbeiteten Projecte zur Endberathung und Schlußfassung schreiten. Dann wird auch die persönliche Begegnung von großem Nutzen sein, um etwa noch übrig gebliebene Differenzpunkte durch unmittelbaren Gedankenaustausch zu erledigen.«

Der König hatte fest und bestimmt mit deutlicher und klarer Betonung gesprochen. Er blickte mit fragendem Ausdruck zum Kaiser hinüber und schien eine Antwort zu erwarten.

Franz Joseph schwieg einen Augenblick. Eine leichte Bewegung zeigte sich auf seinem Gesicht, er schien sprechen zu wollen, aber die schon geöffneten Lippen schlossen sich wieder und abermals blickte er einige Secunden schweigend zu Boden.

»Ich freue mich,« sagte er dann in höflichem Gesprächston, »daß Eure Majestät mit mir in der Richtigkeit des Gedankens übereinstimmen, die Reform des Deutschen Bundes in die Hände der Fürsten zu legen und auf diese Weise die Bewegung der Geister in Deutschland von demokratischen Abwegen zurückzuhalten. Ich zweifle nicht, daß das Werk groß und schön durchgeführt wird, denn wenn wir übereinstimmen, wird die Einigkeit Deutschlands keine Gefahr mehr laufen.«

Der König blickte betroffen auf, als hätte er eine eingehendere Antwort statt dieser allgemeinen Bemerkung erwartet.

»Ich habe Ihrem Minister-Präsidenten eine Gemsjagd vorbereiten lassen,« fuhr der Kaiser abbrechend fort, »er hatte große Neigung, dies besondere Vergnügen unserer Berge kennen zu lernen und ich bin erfreut, seinen Wunsch erfüllen zu können; sein kräftiges männliches Wesen spricht mich an und ich wünschen Ihnen Glück zu einem so begabten und energischen Diener.«

»Es ist ein klarer Kopf und ein fester Charakter,« sagte der König, »und hat bestimmte politische Ziele, das ist für einen Staatsmann eine große Sache; die öffentliche Meinung thut ihm großes Unrecht, indem sie ihn als einen finstern Reactionair, als einen Mann des Rückschritts hinstellt, doch das ist ja das Loos aller Staatsmänner, die sich nicht vom Strome treiben lassen, ist es doch auch,« fügte er lächelnd hinzu, »das meinige gewesen.«

»Nun, ich hoffe,« sagte der Kaiser aufstehend, »die Völker in Deutschland werden sich überzeugen, daß ihre Entscheidung zum vernünftigen und gesunden Fortschritt von ihren Fürsten ebenso gut und besser gefördert wird, als von den Rednern der Clubs und den Wortführern der oppositionellen Presse.

»Ich will Eure Majestät jetzt nicht länger aufhalten,« fuhr er fort, »in Kurzem werde ich die Freude haben Ihrer freundlichen Einladung zum Diner zu folgen und noch einige herzliche Stunden in Ihrer Gesellschaft zu verleben.«

Er ergriff die Hand des Königs und drückte sie herzlich, wie in einer plötzlichen Aufwallung warmen Gefühls leuchtete sein Auge auf, stumm öffnete der König die Arme und drückte den Kaiser an die Brust.

Dann begleitete er ihn hinaus bis zum Wagen und kehrte, in tiefe Gedanken versunken, in sein Zimmer zurück.

Lange ging er auf und nieder in ernstem Sinnen, dann setzte er sich vor seinen Tisch und durchlas die eingegangenen Briefe.

* *
*

Im größten Salon des Schlößchens war die Tafel für das königliche Diner gedeckt. Der Kaiser war angekommen und zum Könige hineingegangen. Der Feldmarschall-Lieutenant Graf Crenneville, der den Kaiser begleitete, und der Graf Paar waren die einzigen von österreichischer Seite Zugezogenen, Herr von Bismarck im schwarzen Frack, mit dem Stern des St. Stephansordens und der General von Manteuffel unterhielten sich mit den österreichischen Gästen, die übrigen Herren vom Gefolge des Königs standen in einzelnen Gruppen da. Endlich erschienen die Herrscher Arm in Arm in der geöffneten Thür des Salons, man setzte sich an den einfach und prunklos gedeckten Tisch, der die beiden ersten und mächtigsten Monarchen Deutschlands vereinigte.

Der Kaiser setzte sich, vom Könige geführt, diesem zur Rechten, neben den König Graf Creneville, neben den Kaiser Herr von Bismarck.

In herzlicher Ungezwungenheit und Heiterkeit verlief das Diner, freundschaftlich scherzten die Fürsten mit einander, mit besonderer Liebenswürdigkeit unterhielt sich der Kaiser mit dem preußischen Minister-Präsidenten, und als der König den frisch gefüllten Champagnerkelch ergreifend auf das Wohl seines lieben Freundes und Bundesgenossen trank und der Kaiser sogleich erwidernd das Glas auf das Wohl seines theuren königlichen Oheims leerte, da war kaum einer unter den Anwesenden, der nicht warm und freudig berührt wurde von dem Eindruck dieses Augenblicks, und der gute Genius Deutschlands schien herabgeschwebt zu sein in den Saal des Schlößchens zu Gastein, wo bei freundlich geselligem Mahle die Nachfolger Friedrich des Großen und Maria Theresia's einige bei einander saßen.

Unten aber standen die Gruppen in leisen Gesprächen, hinaufblickend nach den Fenstern der königlichen Wohnung, Einer theilte dem Andern seine Anschauungen und Empfindungen mit, der Kern aller Meinungen, aller Gefühle aber war die Ueberzeugung, daß der Zukunft Deutschlands neues Heil erblühen werde aus dieser fürstlichen Begegnung, die Freude darüber, daß in der Person der Fürsten verkörpert, hier die beiden großen Hälften des deutschen Vaterlandes sich die Hand reichten.

Die Tafel war aufgehoben.

Die Monarchen hielten den Cercle; der Kaiser sprach huldreiche, gnädige Worte des Abschiedes zu allen Herren vom Gefolge des Königs, insbesondere herzlich und gnädig sprach er mit dem Minister-Präsidenten von Bismarck und dem General-Adjutanten von Manteuffel; dann zogen sich die allerhöchsten Herren zurück, kurze Augenblicke nur; bald erschienen sie wieder, der König geleitete den Kaiser zu seinem Wagen, das ganze Gefolge begleitete die Herrscher, die Gruppen der Neugierigen näherten sich, begierig das fürstliche Lebewohl zu schauen. Lebhaft, mit fast stürmischer Herzlichkeit warf sich der Kaiser in die Arme des Königs, der ihn lange an seine Brust drückte.

Dann sprang Franz Joseph in seinen Wagen, der Graf Creneville stieg von der andern Seite ein, der Kaiser streckte dem Könige noch einmal die Hand hin und rief mit lauter Stimme:

»Auf Wiedersehen, lieber Oheim, ich darf Sie also in Frankfurt erwarten!«

Wie befremdet blickte der König auf, dann sprach er mit grüßender Neigung des Kopfes: »Leben Sie wohl, Gott behüte Sie, auf Wiedersehen!«

Und in raschem Trabe rollte die kaiserliche Equipage davon, während Franz Joseph noch mehrfach mit der Hand winkend dem Könige seinen Abschiedsgruß sendete.

Ernst und still stand König Wilhelm vor der Treppe des Schlößchens, lange blickte er dem Wagen des Kaisers nach, die Herrn des Gefolges umringten ihren Herren, das Gesicht des Königs zeigte eine tiefe Bewegung.

Da trat rasch in großer Uniform der kaiserliche Flügel-Adjutant Major Graf Fünfkirchen durch die Gruppen her auf die königliche Umgebung zu und näherte sich dem dienstthuenden Flügel-Adjutanten des Königs Prinzen Hohenlohe.

Das scharfe Auge des Königs hatte den Grafen bemerkt, rasch wendete er sich um und blickte fragend zu ihm hinüber.

Ein rascher Blitz leuchtete aus dem Blick des Herrn von Bismarck auf, der ruhig und unbeweglich einige Schritte hinter dem Könige stand, ein leichtes Lächeln flog über seine Züge.

Prinz Hohenlohe trat an den König heran:

»Flügel-Adjutant Major Graf Fünfkirchen im Auftrage Seiner kaiserlichen Majestät!«

Der König winkte schweigend mit der Hand.

Graf Fünfkirchen trat heran.

»Auf Befehl meines Allergnädigsten Herrn bitte ich Ew. Majestät um Erlaubniß, ein kaiserliches Handschreiben überreichen zu dürfen.«

Der König neigte das Haupt und streckte die Hand aus.

Graf Fünfkirchen zog einen versiegelten Brief aus seiner Uniform und legte ihn ehrerbietig in die Hand des Königs.

Fast zögernd ergriff König Wilhelm den Brief.

Langsam erbrach er das Siegel, zog das Papier aus dem Couvert und ließ seinen Blick einen Moment über die Zeilen fliegen.

Tiefer Ernst – wehmüthige Trauere legte sich auf seine Züge, in schmerzlicher Bewegung zuckten seine Lippen.

»Ich danke Ihnen, Herr Major,« sagte er mit leichter Neigung des Hauptes.

Langsam schritt er in das Innere des Hauses.

»Minister-Präsident von Bismarck,« sagte der König in kurzem Tone, indem er in sein Cabinet trat.

Herr von Bismarck folgte seinem königlichen Herrn und blickte erwartungsvoll in dessen bewegte Züge.

Der König blickte einige Secunden schweigend zu Boden.

»Der Kaiser ladet mich zu einem Congreß der deutschen Fürsten nach Frankfurt am Main auf den 16. August ein!« sprach er leise, aber mit tief durchdringendem Ton.

Herr von Bismarck richtete sich stolz auf, fast wie freudiger Triumph leuchtete es aus seinem Auge.

»Eurer Königlichen Majestät Vertrauen war groß und schön,« sagte er, »aber war mein Mißtrauen ungerechtfertigt?«

Der König antwortete nicht. Ein tiefer Seufzer stieg aus seiner Brust empor.

»Wir werden morgen darüber sprechen,« sagte er mit dumpfem Ton, »lassen Sie mich allein bleiben.«

Mit ernstem Gruß wendete er sich und ließ sich langsam auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch niedersinken.

Herr von Bismarck aber schritt hinaus, – stolz, – gehobenen Hauptes, sein Auge war fest und kühn vorwärts gerichtet, er achtete nicht der forschenden Blicke, die in dem Vorzimmer ihm folgten, – langsam stieg er die Treppe hinab und flüsterte vor sich hin:

»Das ist das Ende vom Anfang, das ist der erste Strahl, der durch die Nebelwolken zuckt; – das Wetter zieht herauf, – wohlan, ich fürchte die Stürme nicht, der Adler Preußens ist gewohnt, im Sturm seine Flügel zu regen, und ich werde vorwärts gehen mit der Losung im Herzen: frangor non flector.«

Neuntes Capitel.

Der Abend war niedergesunken auf die weißen Dünen von Norderney, die Strandpromenade war leer und leerer geworden und nur auf dem hochaufgemauerten Schutzwall, welcher die Insel an der schwächsten Stelle gegen die andringende Gewalt der Dämonen der Tiefe schützte, gingen noch einzelne unersättliche Lufttrinker auf und nieder, tief einsaugend den kühlen Hauch der immer höher heranrauschenden Fluth, welche die weißgekräuselten Spitzen ihrer Wellen immer weiter über den Ufersand heraufrollte.

Und als es still wurde am Strande, als nur noch der vieltausendjährige Gesang des nimmer ruhenden und doch in seiner steten Bewegung so unveränderlich immer sich selbst gleichen Meeres herauftönte zum tiefer dunkelnden Nachthimmel, auf welchem leichte Nebelwolken, von der Abendbrise gejagt, über die aufleuchtenden Sterne hie und da ihren flüchtig verwehenden Schleier zogen, als in der Dunkelheit der Nacht die Spitzen der Wellen in magischem Phosphorglanz zu leuchten begannen, die feindlichen Elemente des Wassers und des Feuers in feenhaftem Wunderspiel vereinend, da erhellten sich die hohen Fenster des Logirhauses, in welchem der König seine Residenz aufgeschlagen hatte und an den geöffneten Flügeln konnte man von dem großen Platze vor dem Hause die Schatten der Gesellschaft hin- und herzittern sehen, welche sich in den Gemächern des Königs im ersten Stockwerk versammelte.

In dem mittleren Zimmer vor dem großen Saal, dessen Flügelthüren offen standen, war der Theetisch servirt, und es war eine kleine Gesellschaft darin versammelt, den König erwartend. Hier war der Graf Adlerberg, eine vornehme Erscheinung im Alter von etwa fünfundvierzig bis fünfzig Jahren. Das regelmäßige, etwas blasse Gesicht hatte einen ruhig nachdenklichen, fast phlegmatischen Ausdruck und erinnerte durch den Schnitt des Bartes und Haares ein wenig an den Kaiser Alexander; – die Gräfin mit ihren vornehm abgeschlossenen kalten, aber geistreichen und anmuthig belebten Zügen – man sah hier Dreyschock den großen Meister des Pianos, mit seinem kraftvoll markigen Gesicht, man sah den eleganten Carl Devrient mit dem kleinen schwarzen Bärtchen und den jugendlich blitzenden dunklen Augen, – Fräulein Rosa Preßburg, die junge, liebenswürdige Schauspielerin vom hannöverischen Hoftheater, – hier war der österreichische Graf Wallis, eine lange hagere Gestalt mit freundlich heiterem Gesicht, Fräulein von Artenberg, der Graf Kraniski und der Pfarrer Kloster aus Meerane in Sachsen, ein altere, einfach würdiger, geistlicher Herr mit bleichem, klugem Gesicht, aus welchem fast schwärmerisch blickende Augen glänzend hervorleuchteten.

Die Gesellschaft plauderte in kleinen Gruppen.

Die Flügelthüren wurden geöffnet.

Georg V. trat rasch ein, auf den Arm des achtzehnjährigen Kronprinzen Ernst August gestützt, dessen schlanke jugendliche Gestalt noch etwas unsicher in ihrer Haltung war und dessen etwas rundes, freundliches Gesicht mit den kindlich gutmüthigen Augen nicht an die scharfe und charakteristische Gesichtsbildung der englischen George aus dem hannöverischen Hause erinnerte, deren Stempel das Antlitz des Königs so ausgeprägt zeigte; der Prinz Herrmann von Solms-Braunfels, der Neffe des Königs, im Alter des Kronprinzen, ging an seiner Seite, eine knabenhafte, zarte Erscheinung mit schönen Zügen und funkelnden Augen, die voll launiger Heiterkeit und scharfer Intelligenz umher blickten.

Der König und die Prinzen trugen einfachen, dunkeln Promenaden-Anzug.

Georg V. Blieb an der Schwelle einen Augenblick stehen und grüßte mit liebenswürdig freundlichem Lächeln die Gesellschaft, dann schritt er, vom Kronprinzen geführt, schnell auf die Gräfin Adlerberg zu und führte sie an den Theetisch zu seiner Rechten.

»Fräulein von Artenberg,« rief er mit seiner hellen, klaren Stimme, »wollen Sie sich hier neben mich setzen?« und er deutete auf den Platz an seiner linken Seite.

Die junge Dame folgte dem Ruf des Königs, die übrige Gesellschaft setzte sich in unwillkürlicher Reihenfolge um den großen runden Tisch.

»Graf Wallis,« rief der König, »ich bedaure Sie, Sie werden heut Abend viel Musik hören müssen!«

»Um das Glück zu haben, bei Eurer Majestät zu sein,« rief der Graf in prononcirt österreichischem Dialect, indem er seine große, starke Hand erhob, »will ich halt Alles aushalten und Alles anhören!«

Der König lachte.

»Sie müssen wissen, Gräfin,« sagte er zur Gräfin Adlerberg gewendet, »der Graf Wallis hat sich beklagt, daß ich ihn niemals Abends einlade, ich habe mir natürlich sogleich die Freude gemacht, ihn zu bitten; aber ich fürchte, er wird es bitter bereuen, wenn er Musik hören muß, die er gar nicht liebt, – diesen so unangenehmen und so kostspieligen Lärm, wie er sagt.«

»Graf Wallis,« sagte die Gräfin lächelnd, »kommt immer noch besser fort als manche wasserscheue Herren und Damen, die Eure Majestät mit der Ehre einer Einladung zu Ihren Seefahrten auszeichnen –«

»Der arme Herr von Manteuffel,« rief der König mit großer Heiterkeit, »er flehte mich täglich an, ich möge ihm die einzige Gnade erweisen und ihn bei den Einladungen auf meines Yacht vergessen –«

»Aber Eure Majestät waren so grausam, es nicht zu thun –«

»Ich möchte gern die Badegäste von Norderney seefest machen,« sagte der König, »das will gelernt sein, wie alles Andere –«

»Aber es lernt sich nicht immer, Majestät,« sagte der Pfarrer Kloster, »ich bin am Meere geboren und werde immer seekrank, so oft ich zu Schiff gehe.«

»Und doch lieben Sie das Meer,« sagte Georg V., »der Pfarrer war nämlich in Wangeraege, und als die Insel von den Wellen zerrissen wurde, hat ihm der Graf Schönburg eine Pfarre in Meerane auf seinen Besitzungen gegeben, doch sehnt er sich zurück nach der See und nach den Pferdeköpfen an den niedersächsischen Häusern, wie die Schweizer nach ihren Alpen.«

»Das Meer und die Berge, die gewaltigsten, erhabensten und reinsten Bildungen der göttlichen Schöpfungskraft erzeugen das Heimweh,« erwiderte der Pfarrer, »und was die Pferdeköpfe betrifft, die in dem meerumgürteten Niedersachsen an allen Häusergiebeln angebracht werden, so sind sie auch wieder ein Sinnbild der Reinheit und Schönheit des Meeres. Es ist eigenthümlich,« fuhr er fort, »daß dieser Cultus des Pferdes in den Küstenländern sich findet – die Alten schon erklärten in ihrem Mythus das Pferd für eine Schöpfung Neptuns des Meergottes, man brachte die schönste Bildung der Thierwelt mit dem reinen, herrlichen Meer in Verbindung, wie man auch Aphrodite die edelste menschliche Gestalt dem Meeresschaum entsteigen ließ; – so hielten auch die Niedersachsen das Pferd heilig und wählten das weiße Pferd zu ihrem Wappenzeichen.«

Freundlich lächelnd nickte der König zu dem Pfarrer hinüber.

»Wenn man bei dem Pfarrer Kloster nur die Saite seines niedersächsischen Vaterlandes und des Meeres anschlägt, so ist er unerschöpflich in schönen, anregenden und poetischen Gedanken. Uebrigens,« fuhr er fort, »freue ich mich meines weißen Rosses; es ist eigenthümlich, wie die meisten Länder wilde Raubthiere zum Zeichen haben, Adler, Löwen und Leoparden, mein niedersächsisches Königreich führt auf seinem Schilde das weiße Pferd, das sich von den Früchten des Feldes nährt und kein Blut trinkt, und das doch gerüstet ist zum Kampf und seit Jahrtausenden die edlen Krieger in die Schlacht trägt.«

»Ich weiß nicht,« sagte der Pfarrer Kloster, »ob es Eurer Majestät bekannt ist, was ich jüngst in einer alten Chronik gelesen, daß das Wappen der Niedersachsen ein weißes Pferd im grünen Felde war; als in dem Kampf gegen Karl den Großen das Blut der Sachsen die grünen Wiesen roth gefärbt, nahmen sie zum Zeichen das weiße Pferd im blutrothen Felde.«

Ernst und sinnend blickte der König vor sich hin.

»Das weiße Pferd von Niedersachsen duldet nicht Zaum und Zügel,« sagte er, »und weil der große Kaiser ihm seine freie Bewegung auf seinen grünen Wiesen nehmen wollte, färbten sich die Augen mit Blut; so sind sie heute noch, die Niedersachsen, gehorsam einem guten Wort, aber störrisch und grimmig wild sich aufbäumend gegen Zwang durch Peitsche und Gebiß.

»Doch,« fuhr er heiter fort, »lassen wir die Mythen des Meeres und seiner Küsten, und beschäftigen wir uns ein wenig mit seinen genießbaren Produkten, ich habe hier ein sehr angenehmes und vortreffliches Erzeugniß meiner Küsten, bei dem man gewöhnlich nur den Fehler macht, es nicht in genügender Menge zu sammeln.«

Und auf seinen Wink servirte man die kleinen Krabben, ihrer Schalen entkleidet in großen, tiefen Schüsseln, man trank Thee und bayerisches Bier und der König leitete die Unterhaltung mit sprudelnder Heiterkeit. Er wußte alle Anwesenden an den Gesprächen zu betheiligen, Jeden zur natürlichen Entwickelung seiner liebenswürdigen Seiten zu beleben und war unerschöpflich in launigen Einfällen und komischen Anecdoten, meist aus der Zeit seines Lebens in Berlin, als Prinz von Cumberland.

Der Thee war beendet. Die Lakaien hatten den Tisch abgeräumt.

»Haben Sie die kleinen Gedichte von Klesheim mit, Fräulein Preßburg?« fragte der König, »Sie waren neulich so freundlich, uns einige davon vortragen zu wollen.«

»Zu Befehl, Majestät,« erwiderte die junge Schauspielerin mit schüchterner Bescheidenheit, und schnell holte sie von einem nebenstehenden Tische einen kleinen Band.

»Ich liebe diese kleinen Dichtungen in österreichischer Mundart ungemein,« sagte der König, »und Fräulein Preßburg versteht sie so vortrefflich, so natürlich und reizvoll vorzutragen; – Sie werden selbst urtheilen.«

Die junge Dame hatte leicht in dem Buche geblättert und begann dann mit ihrer weichen, ansprechenden Stimme einfach und natürlich diese kleinen Volksdichtungen vorzutragen, indem sie die österreichische Mundart durch die Zierlichkeit und Reinheit der Aussprache noch anmuthender hervortreten ließ.

»Nicht wahr?« fragte der König, als sie nach einiger Zeit eine Pause machte, »es sind gar zu hübsche kleine Sachen, die uns ansprechen, wie die frischen Blumen der Bergthäler.«

»Wenn diese reizenden Blumen der Dichtung, Majestät, so hübsch und anmuthig vorgetragen werden,« sagte Devrient, »so bleibt wohl kein Platz mehr für die Tragödie und Ballade?«

»Alle Kinder der Poesie sind verwandt, lieber Devrient,« erwiderte der König, »wie ja alle Künste auch Schwestern sind, was haben Sie uns zu bieten die liebenswürdige Absicht? Sie wollten mit Dreyschock vereint, Musik und Poesie zusammenwirken lassen?«

»Wenn Eure Majestät erlauben,« sagte Devrient, »werde ich das bekannte, aber immer von neuem schöne Gedicht von Uhland: »des Sängers Fluch« vortragen, während Herr Dreyschock mich begleiten wird.«

»Ganz neu,« rief die Gräfin Adlerberg, »eine vortreffliche Idee, und von zwei solchen Meistern ausgeführt –«

Der König erhob sich.

Er gab der Gräfin den Arm, die Gesellschaft folgte ihm in den Nebensaal, in dessen Mitte der geöffnete Flügel stand. Der König und die Gesellschaft nahmen auf den rings umher aufgestellten Lehnstühlen Platz. Dreyschock setzte sich vor den Flügel, Devrient stellte sich neben ihn und begann mit seiner vollen, kräftigen und so wunderbar biegsamen Stimme das berühmte und allbekannte Gedicht des schwäbischen Sängers mit besonders rhythmischer Scandirung vorzutragen, während Dreyschock fast pianissimo die Declamation mit einer leichten harfenartigen Musik accompagnirte.

Nach jeder Strophe hielt Devrient an und aus dem pianissimo zu kräftigerem Ton übergehend, spielte der mächtige Pianist eine musikalische Interpretation des vorgetragenen Textes, welche in ihrer wunderbar charakteristischen Genialität würdig gewesen wäre, niedergeschrieben zu werden, um aller Welt die tief ergreifenden Klänge zugänglich zu machen, welche hier schnell verwehend, unauslöschliche Eindrücke in den Herzen der Hörenden zurückließen. –

»– – Versunken und vergessen
Das ist des Sängers Fluch!«

sprach Devrient mit einer Stimme, die wie hervortönend aus dem Reiche der Geister durch den lautlos stillen Raum zitterte, während Dreyschock dem Flügel Töne entlockte wie das Schwirren des Fittichs der dunklen Dämonen der Vernichtung, welche daher ziehen über die verdorrenden Blumen der erbebenden Erde.

Und als Devrient schwieg, da erhoben sich diese leise rauschenden Töne zu immer volleren Klängen, man hörte das Stürzen der Säulen, das Rollen der Wetter, welche die Rachegeister daher treiben, um den Fluch des Sängers zu erfüllen und endlich lösten sich die erschütternden, markdurchdringenden Töne, die aus einer fernen Welt des Todes herüber zu dringen schienen, in wehmüthig klagende Harmonieen auf und mit leise verklingendem Schlußaccord beendete der Meister sein Spiel, das vielleicht in keinem seiner größten Concerte herrlicher und bewundernswerther gewesen war.

Die ganze Gesellschaft war stumm, man konnte die Athemzüge hören in dem stillen Saal, durch dessen geöffnete Fenster von fernher das Rauschen des Meeres hereindrang, getragen vom duftigen Hauch des Nachtwindes.

Der König erhob das Haupt.

»Mein lieber Dreyschock,« sagte er mit bewegter Stimme, »unser Schweigen sagt Ihnen mehr als das lauteste Lob ausdrücken könnte, Sie und Devrient haben das Höchste erreicht, was Künstler erreichen können, die Seele des Menschen in sich selbst einkehren zu lassen und das Gefühl ihres Zusammenhanges mit den unermeßlichen Reichen der Ewigkeit in ihr zu erwecken.«

Dreyschock verneigte sich gegen den König, Devrient trat zurück und da Alles schwieg, wendete sich der große Virtuos wieder zum Flügel und die Blicke aufwärts gerichtet, begann er zu spielen, was seine Phantasie ihm eingab; wilde ungarische Motive tönten durch den Saal, süße Weisen wie der Orangenduft der Haine Italiens schlossen sich daran, man hörte die Romantik der Musik in Waffenklirren und Tönen der Laute und dann in kühnen Übergängen sprang dies wunderbare, nie gehörte Potpourri über zu jenen hinreißenden Mazurkas, bei deren Klängen das heiße Blut der Sarmaten zu brausender Siedehitze aufwallt. Der Flügel entwickelte Töne, deren man dies einfache Instrument kaum für fähig gehalten hatte, und endlich klang es wie donnernder Schlachtgesang durch den Saal:

»Noch ist Polen nicht verloren.«

In leichter Verlegenheit blickte Graf Adlerberg nieder, mit tiefem Athemzug erhob sich der junge Graf Kraniski, unhörbaren Schrittes ging er zum geöffneten Fenster und sich auf die Brüstung stützend blickte er hinaus zum dunkeln sternenflimmernden Nachthimmel, tief einathmend die feuchte, kühle Luft, welche vom leise rauschenden Meer über die leicht zitternden Spitzen des Dünengrases heraufzog.

Langsam ließ Dreyschock die wild bewegte Melodie verklingen, aus kämpfenden Uebergängen erhob sich die einfach ergreifende Weise des österreichischen Volksliedes und wieder aus deren zweitem Theil, die Tonart wechselnd, ertönte dann in vollem gewaltigem Klang die russische Nationalhymne in klaren mächtigen Tönen wie Posaunenklang durch den Saal.

Graf Kraniski wendete sich langsam zurück. Düster leuchtete sein dunkles Auge zu Fräulein von Artenberg hinüber, deren Blick angstvoll und unruhig dem jungen Manne gefolgt war.

»Ist das eine Mahnung, eine Vorbedeutung?« flüsterte der Graf vor sich hin, und leise und unhörbar wie er zum Fenster gegangen, kehrte er wieder zu seinem Platz zurück.

Dreyschock spielte weiter. Ruhig wie Wellenrauschen zogen die Töne dahin, »rule Brittania, rule the waves« klang es hindurch wie Stimmen der Meeresgeister, dann ließ er die rechte Hand niedersinken und mit der linken allein spielte er das »God save the king«; immer nur mit der linken Hand entlockte er dem Flügel eine Fülle reicher Fantasieen über dies einfache Thema, dessen erhabene Melodie endlich wieder seinen Vortrag schloß.

Rasch stand er auf, und sich gegen den König verneigend, trat er in den Kreis der Zuhörer zurück und setzte sich neben Devrient, der ihm stumm die Hand drückte.

»Habe ich nicht Recht,« rief der König, »wenn ich die Musik die Kunst aller Künste nenne? Drückt sie nicht reiner noch und verklärter Alles aus, was man mit dem Wort, mit Pinsel und Meißel schaffen kann? Führt sie nicht unmittelbarer noch als die andern Künste den Gedanken des Künstlers in das Gemüth des Hörers? Welche reiche, unendliche Fülle von Gedanken und Gefühlen hat nicht unseres großen Meisters Vortrag hier in uns Allen erwecken müssen!«

»Fräulein von Artenberg,« sagte er nach einer kurzen Pause, »Sie hatten die Güte, mir auch noch einen Vortrag zu versprechen, ich habe Ihnen schon gesagt, wie sehr ich Ihr schönes, verständiges Spiel liebe.« –

»Majestät,« sagte die junge Dame erröthend, in fast erschrockenem Tone, »werden gewiß nicht von mir verlangen, nach Herrn Dreyschock zu spielen, während noch der Nachhall seiner Töne durch den Saal klingt.« –

»Meister wie unser Dreyschock,« erwiderte der König freundlich, »sind die mildesten Kritiker, und Sie haben ja keine Kritik zu scheuen.«

Bevor die junge Dame Etwas erwidern konnte, öffnete sich die Thür, der Geheime Cabinetsrath Dr. Lex trat ein und näherte sich dem Könige.

»Darf ich Eure Majestät einen Augenblick um gnädiges Gehör bitten?« sprach er leise.

Bei dem Klange der Stimme des Cabinetsraths erhob sich Georg V. schnell, legte seinen Arm in den seines vertrauten Secretairs und trat einige Schritte seitwärts von der Gesellschaft.

»Ich bitte um Verzeihung, daß ich Eure Majestät störe,« sagte der Cabinetsrath, »aber es ist soeben ein Handschreiben Seiner Majestät des Kaisers von Oesterreich eingegangen, von welchem ich glaubte, Ihnen sofort Kenntniß gegen zu müssen.«

»Vom Kaiser Franz Joseph?« rief der König erstaunt, »und was will Seine österreichische Majestät?«

»Der Kaiser ladet Eure Majestät, wie alle Fürsten des Deutschen Bundes auf den 16. August nach Frankfurt a. M. ein, um über eine Reform der Bundesverfassung, die er vorschlagen will, persönlich in Berathung zu treten.«

Der König ließ den Arm des Cabinetsraths los und stand einen Augenblick unbeweglich wie ein Marmorbild in starrem Schweigen.

»Und ist der Kaiser mit dem König Wilhelm über seinen Reformplan einig?« fragte er.

»Davon sagt das kaiserliche Schreiben Nichts,« erwiderte der Cabinetsrath.

Wieder stand Georg V. einige Augenblicke stumm und schweigend da.

Die Gesellschaft hatte sich erhoben und stand in Gruppen da, in leise flüsternder Unterhaltung; mancher Blick richtete sich erwartungsvoll und forschend auf den König und seinen Cabinetsrath.

»Das ist eine schwere, ernste Nachricht,« sagte der König endlich, »Sie haben sehr Recht gehabt, lieber Lex, sie mir sogleich zu bringen.

»Sind jene Grabesklänge des Fluches und der Vernichtung, welche soeben diesen Raum durchtönten,« sprach er dumpf vor sich hin, »sind sie die Einleitung gewesen zu dieser Nachricht, an welche sich der Wetterstrahl knüpfen kann, der den festen Bau des Deutschen Bundes in Trümmer niederwirft?

»Versunken und vergessen!?« sprach er noch leiser und langsam sank sein Haupt auf die Brust herab. – –

Dann richtete er sich schnell auf, sein Gesicht zeigte nur den Ausdruck freundlicher Höflichkeit, ruhig auf den Arm des Cabinetsraths gestützt trat er zur Gesellschaft zurück.

»Ich habe eine Depesche erhalten, die ich sogleich beantworten muß,« sagte er zur Gräfin Adlerberg, »und bitte daher um Verzeihung, wenn ich mich früher zurückziehe. Leben Sie wohl Gräfin, auf Wiedersehen, gute Nacht Graf Adlerberg, gute Nacht Fräulein von Artenberg, Ihnen mein lieber Dreyschock, danke ich herzlich für den großen Genuß, den Sie mir mit meinem Devrient bereitet haben, auf Wiedersehen. Ernst!« rief er, den Arm ausstreckend, der Kronprinz trat heran, der König stützte den Arm auf seine Schulter, neigte das Haupt gegen die Gesellschaft und verließ den Saal. Der Geheime Cabinetsrath folgte.

Die Gesellschaft zog sich ebenfalls zurück. Hier waren keine Lakaien, keine Equipagen warteten vor der königlichen Residenz, einfach und still ging jeder nach Hause durch die schweigende Nacht auf den mit rothen Ziegelsteinen gepflasterten Wegen, aber jeder trug in seiner Brust die Erinnerung mit sich an den so wahrhaft königlichen Genuß, der ihm hier in dem einfachen Hause auf der stillen Insel geboten war.

Schüchtern mit fragendem Blick näherte sich unter dem Vestibule des königlichen Logirhauses der junge Graf Kraniski dem Fräulein von Artenberg.

»Ich habe Ihrem Herrn Vater versprochen, mein gnädiges Fräulein,« sagte er, »Sie unversehrt nach Hause zu bringen –«

»Und ich hoffe, daß Sie Ihr Versprechen erfüllen werden,« erwiderte sie in heiter gleichgültigem Tone, aber mit leichtzitternder Stimme.

Die junge Dame verneigte sich gegen die noch auf dem Vestibule befindlichen Personen der Gesellschaft, nahm den Arm, den ihr der Graf bot, und schritt die wenigen Stufen des Vorplatzes hinab.

Schweigend gingen Beide einige Zeit den Weg entlang, der auf der Düne längst des Meeresstrandes hin zu dem andern Theile des Badedorfes führt.

Leicht legte der Graf seine Hand auf diejenige des Fräuleins, die auf seinem Arm ruhte.

»Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, Fräulein Marie,« sagte er mit tief innigem Ton, »daß Sie mir die Gelegenheit geben, Ihnen mein Herz auszuschütten und auf den finstern Weg, den ich zu gehen habe, eine lichte Blume der Erinnerung mitzunehmen, die mich in Nacht und Tod begleiten wird, und die,« fuhr er seufzend fort, »zugleich eine Blume der Hoffnung wird, denn das menschliche Herz treibt ja auch aus dem Felsenboden des härtesten Schicksals immer wieder die zarten Triebe der Hoffnung, welche erst mit dem letzten Lebensschlage des Herzens selbst erstirbt.«

Das junge Mädchen blickte voll Erstaunen in das vom Glanz der Sterne matt beleuchtete Gesicht des Grafen, das in schmerzlicher Bewegung zuckte.

»Ich bin glücklich,« sagte sie, »aufrichtig glücklich,« fügte sie mit wärmerem Ton hinzu, »wenn ich im Stande bin, durch meine – Freundschaft in irgend etwas Ihre Leiden zu lindern, nur verstehe ich wirklich nicht, was Sie so tief schmerzlich bewegen kann. Ihre Gesundheit bessert sich, Sie kehren zu den Ihrigen zurück – und wir – wir werden uns wiedersehen,« sagte sie, die Augen niederschlagend, mit einer reizenden Mischung von Verlegenheit und zuversichtlicher Sicherheit.

Er drückte stürmisch ihre Hand.

»Wir werden uns wiedersehen!« rief er, »vielleicht dort oben, wo die Sterne sich begegnen in ihrem Kreislauf um den Thron der Ewigkeit.« –

»Welche Gedanken,« sagte sie erschrocken, »ich begreife nicht –«

Er blieb stehen und blickte lange starr und unbeweglich in ihr Gesicht.

»Hören Sie mich an,« sagte er dann mit dumpfem Ton, »Sie werden Alles begreifen.«

Langsam schritt er weiter und den Blick vor sich hin gerichtet, wie in das Leere schauend, sprach er mit einer Stimme, die eintönig und hohl aus seiner Brust hervordrang:

»Sie wissen, Fräulein Marie, daß ich ein Pole bin, das heißt, daß ich zu jener Nation gehöre, welche todt ist und doch lebt in einem schauerlichen Halbleben, das ihr nur die Empfindung ihrer Schmerzen läßt, welche wie Prometheus an den Felsen geschmiedet ist, damit die raubgierigen Adler ihr Eingeweide zerfleischen. Jeder Pole, Fräulein Marie, trägt alle Schmerzen seiner Nation von Jugend auf in sich, wie er erwächst aus der Kindheit zur Jugend und zur Manneskraft, so erwächst in seinem Herzen stets fester und fester, sein ganzes Wesen durchschlingend, der glühende, verzehrende Schmerz und mit dem Schmerz der Durst nach Rache, nach endlicher Befreiung seines Volkes aus hundertjährigen Ketten. – Ich bin aufgewachsen im Hause meines Vaters, auf preußischem Boden, nahe der russischen Grenze. Unser Loos in Preußen ist gut, ja wir werden noch freundlicher und rücksichtsvoller oft behandelt als die Preußen in andern Provinzen, und ich habe in meinem elterlichen Hause nur Worte der Anerkennung für das preußische Regiment gehört. Aber,« fuhr er fort, »über die Grenze herüber drangen die Klagen unserer Brüder und wenn ich in dem Saale unseres alten Hauses die Bilder meiner Vorfahren sah, wenn düstere, schweigende Trauer bei dem Anblick dieser Bilder in dem Auge meines Vaters brannte, wenn ich die Geschichte las der großen Vorzeit unseres Volkes und seines jammervoll traurigen Endes mit dem blutig entsetzlichen Nachspiel, dann erfüllte sich meine Seele mit dumpfem, verzehrendem Schmerz und mein Blut wallte auf in Zorn und Grimm.

»So kam ich nach Paris,« sprach er nach einem kurzen Schweigen, »und was in unbestimmten Gefühlen und Regungen in mir gelegen hatte, das fand ich dort zu klaren Gedanken geordnet, zu festen Plänen gestaltet. Die Edelsten meines Volkes fanden sich dort im Hotel des Fürsten Czartoryski zusammen, in allem Glanz, in aller sprühenden Gluth, sah man dort ein Bild der alten Herrlichkeit und Größe meines Vaterlandes, und mit hoher Begeisterung erfüllte sich meine Seele, als ich überall der festen, gläubigen Zuversicht begegnete, daß endlich doch die Stunde der Befreiung, der Wiederherstellung unseres nationalen Rechtes schlagen werde. War doch ein Sohn unseres Volkes, in dessen Adern zugleich das Blut des großen Napoleon floß, einer der Ersten auf den Stufen des neuen kaiserlichen Thrones von Frankreich, und zeigte doch der Kaiser bei jeder Gelegenheit so warme Sympathie für die Sache unserer Nation.«

Die Augen der jungen Dame hatten unausgesetzt auf dem so lebhaft bewegten Gesicht des Grafen geruht, das in seiner fast fieberhaften Erregung mit den so weichen und doch so glühenden Augen im dämmernden Licht der zitternden Strahlen des Sternenhimmels wunderbar schön erschien.

Sanft schmiegten sich ihre Finger in leisem Druck an seinen Arm und wie ein Hauch tönte es von ihren Lippen: – »mein armer, lieber Freund!« –

Der junge Mann neigte sich zu ihr nieder und berührte mit den Lippen ihre reine, weiße Stirn, die unter einem weiten, dunkeln Tuch hervorschimmerte.

»Man weihte mich ein,« fuhr er fort, »in die Geheimnisse meiner Landsleute, man nahm mich auf in einen geheimen Bund, der zur Befreiung Polens sich gebildet hatte, und dem die Besten der Jugend meines Volkes angehörten; voll glühender Begeisterung beschwor ich die Gesetze des Bundes, ich schwor auf die Hostie und auf das heilige Bild des Gekreuzigten, daß ich unweigerlich, ohne Schwanken und Zögern, in jedem Augenblick dem Rufe des Bundes zum Kampfe für die Befreiung Polens gehorchen würde, ich erklärte mein Leben für verwirkt, dem rächenden Arm des Bundes für verfallen, wenn ich auch nur eine Minute zögern würde, mich, dem Befehle des Bundes gehorsam, zu stellen zum Eintritt in die Reihen der Kämpfer für die Sache des Vaterlandes.

»Ich kehrte zurück,« sprach er weiter, während Fräulein von Artenberg in zitternder Erregung sich an ihn schmiegte, »in meine Heimath, in das Haus meines Vaters, ich suchte Gelegenheit mit meinem Vater, ohne den Bund und seine Geheimnisse zu berühren, über die Pläne und Hoffnungen zu sprechen, die man in Paris hegte, ich fand bei ihm diese Hoffnungen nicht getheilt, er glaubte nicht an die Wiederherstellung unseres Landes. So tief sein Schmerz über den Untergang der polnischen Nation war, so wenig glaubte er an die Wiederherstellung und Alles, was er für erreichbar, ja für wünschenswerth hielt, war eine freundliche Behandlung ihrer Eigenthümlichkeiten, Achtung ihrer Erinnerungen und vor Allem ihres Glaubens. Ich dachte nach und auch mir kamen die Zweifel an der Erfüllung der Pläne, denen ich im Rausch der glühenden Begeisterung mich geweiht hatte –

»Ich will kurz sein,« fuhr er nach einem tiefen Seufzer fort, »der Aufstand begann, ich erwartete einen Ruf des Bundes an mich, er kam nicht, ich verfiel in eine schwere Krankheit, langsam genas ich wieder, ich kam hierher, um mich ganz wieder zu stärken, und hier, Fräulein Marie, fand ich Sie, fand ich den warm leuchtenden Stern meines Lebens.«

Schweigend mit niedergeschlagenen Augen schritt sie neben ihm her, in immer wärmerem Tone sprach er weiter:

»Mein Herz war bisher unberührt geblieben vom Strahl der Liebe, die ernste Richtung meines inneren Lebens hatte mich fern gehalten von den leichten Tändeleien und noch war mir keine Dame entgegengetreten, welche in tiefem Gefühl meine Seele bewegt hätte. Als ich Sie sah, Fräulein Marie, da begann ein neues Leben in mir zu erwachen, meine ganze Vergangenheit, Alles, was meine Jugend erfüllt hatte, versank wie Nebel vor dem Licht, vor dem erwachenden Morgenlicht der Liebe – ach, und dies Licht war so süß, es erweckte so zahllose Blüthen in meinem Herzen, das eben erst von dem Rande des Grabes zum freudigen Pulsschlag des Lebens wieder zurückkehrte, in süßen Melodien tönte der Wohllaut der jungen Liebe durch alle Saiten meines Wesens, o, ich war sehr glücklich, ich vergaß Alles, Alles unter dem Zauber Ihres Blickes, Marie, ich sah nur eine glückliche, selige Zukunft und nun –«

Er ließ mit einem schmerzlichen Seufzer den Kopf auf die Brust sinken.

Sie hatte mit einem glücklichen Lächeln seinen Worten gelauscht, befremdet schlug sie den feuchten Blick zu ihm auf.

»– Und nun?« fragte sie leise.

»Gestern habe ich von dem geheimen Bunde den Befehl erhalten, mich sogleich nach Polen zu begeben, nach einem Orte, der mir an einer bestimmten Stelle in Posen näher bezeichnet werden wird, um das Commando eines Streifcorps zu übernehmen.«

Das junge Mädchen schauerte in sich zusammen, ein tödtlicher Schreck malte sich auf ihren Zügen, bald aber lächelten ihre Lippen wieder und mit ruhigem Tone sprach sie:

»Und Sie wollen diesem Befehl folgen? Sie wollen Ihr Leben, Ihre Zukunft an eine Sache setzen, die, wie Sie sagen, Ihr Vater selbst für eine unmögliche hält, an welche Sie selbst kaum noch glauben. Sie wollen sich einer Schwärmerei Ihrer Jugend opfern, Sie wollen mich verlassen?« fügte sie fast unhörbar hinzu, indem sie einen Blick auf ihn richtete, aus welchem eine Fülle von Liebe strömte.

»Marie, Marie,« rief er stürmisch, indem er beide Arme um sie schlang und sie in glühender Bewegung an seine Brust drückte, »wie kann ich anders, kann ich meinen Schwur brechen, den ich auf die heilige Hostie geleistet, kann ich meine Ehre beflecken, kann ich als ein Feigling vor meinen Genossen dastehen, als ein Meineidiger vor meinem eigenen Gewissen? Und dann,« sagte er mit tief düsterer Betonung, »es würde doch vergebens sein.«

Fräulein von Artenberg hatte immer ernster zu Boden geblickt, jetzt erhob sie den Kopf und indem ihr Auge sich weit öffnete, fragte sie: »Vergebens? Was würde vergebens sein?«

»Das Opfer meiner Ehre, meines Gewissens,« erwiderte er, »würde mein Leben nicht retten, mein Leben, das sonst so geringen Werth für mich hatte den großen Ideen, der großen Sache gegenüber, und das jetzt mir so unendlich theuer erscheint, seit es mit meiner Liebe verwachsen ist.

»Ich habe Ihnen gesagt,« sprach er weiter, »daß ich mein Leben für verfallen erklärt habe dem rächenden Arm des Bundes, wenn ich jemals dem geleisteten Eide untreu würde, der Arm des Bundes ist lang und wird mich zu treffen wissen, sicher, schnell und erbarmungslos, sei es das Gift, sei es der Dolch, sei es die Kugel, womit er sich bewaffnen mag, aber treffen wird er mich und wenn ich dem Rufe des Bundes nicht folge, so werde ich in kurzer Zeit todt sein, so wahr ich hier an Ihrer Seite das volle Glück des Lebens einathme.«

»O, das ist entsetzlich,« rief sie zitternd, »entsetzlich! Und wenn Sie dem Rufe folgen, denken Sie, wohin Sie gehen, der Tod auf dem Schlachtfeld ist das glücklichste Loos, das Sie treffen kann, die Gefangenschaft, Sibirien –«

Ihr Körper bog sich schauernd zusammen.

»Ich werde zu sterben wissen,« sagte er mit festem Tone und fuhr fort, sich zu ihr herabbeugend, »ist es nicht besser, zu sterben mit ruhigem Gewissen, mit unbefleckter Ehre, als zu fallen von der unsichtbar rächenden Hand, beladen mit der Verachtung edler Herzen, – mit der eigenen Verachtung? –

»Marie,« sagte er, ihr Haupt sanft aufrichtend und ihr tief in die Augen blickend, »würden Sie den Mann lieben können, der seine Ehre befleckte und seinen Eid bräche im Augenblicke der Gefahr, im Augenblicke, da Diejenigen, denen er Treue geschworen, sich in den Tod stürzen?«

Sie löste ihren Arm aus dem seinen, faltete ihre Hände und rief mit erstickter Stimme:

»O, es ist eine furchtbare Lage, Sie haben Recht, es ist ein großes Unglück. Aber,« fuhr sie dann lebhaft fort, »Sie sind nicht derselbe mehr, der jenen fürchterlichen Eid einst geleistet, damals waren Sie allein, Sie hatten nur Ihr Leben und darüber hatten Sie das Recht zu verfügen, jetzt sind Sie nicht allein, mein Leben hängt an dem Ihrigen, denn ich liebe Sie,« rief sie in wilder, zitternder Erregung, »ich liebe Sie, und was soll aus mir werden, wenn ich Sie verliere?«

»Marie,« rief er, sie stürmischer an sich drückend, »welche Seligkeit geben Sie mir mit diesem Wort, und diese Seligkeit muß ich aufgeben, mich abwenden muß ich von so hellem Licht, um mich meinem finstern Schicksal zu übergeben; mein Gott, warum bin ich Ihnen nicht begegnet, bevor ich mich unauslöslich an das Verderben kettete!«

»Sie dürfen nicht unauslöslich gebunden sein an den sicheren Untergang,« sagte sie, ihm fest in die Augen blickend, »Sie lieben mich, Sie haben es mir gesagt, Sie haben meine Liebe angenommen, Sie haben damit die Pflicht übernommen, mich nicht allein zu lassen in der weiten Welt, mich nicht vergehen zu lassen in Sorge, Angst und Schmerzen.«

Sie waren zur Marienhöhe gekommen. Auf einer sanft ansteigenden Dünenspitze erhebt sich ein kleiner Pavillon, leicht gezimmert von einfachem Holz, die Fenster öffnen sich nach dem Meer hin, divanartige Bänke von Rohrgeflecht ziehen sich an den inneren Wänden hin.

Der Graf führte Fräulein von Artenberg in den Pavillon auf einen der Sitze, sank zu ihren Füßen auf die Knie nieder und küßte zärtlich ihre Hände.

»Aber wie wäre es möglich,« sprach er leise, »jene furchtbare Kette zu lösen?«

Sie blickte ihn lange an, strich mit der Hand über seine Augen, die fieberhaft aus dem bleichen Gesicht hervorleuchteten und sprach im Tone fester Ueberzeugung:

»Die Genossen, denen Sie jenen unglücklichen Eid geleistet haben, sind keine Gebilde von leblosem Stein, es sind fühlende, lebende Menschen, in deren Brust ein empfindendes Herz schlägt, sie werden erkennen, daß es eine grausame, eine mörderische Härte wäre, von dem Liebenden die Erfüllung dessen zu verlangen, was der freie Mann einst versprach. Sie werden verstehen, daß Sie Ihr Leben opfern durften, aber daß Sie nicht das Leben eines Wesens vernichten dürfen, dem Sie Alles sind in dieser Welt.

»Gehen Sie,« sprach das junge Mädchen weiter, »gehen Sie hin, wohin man Sie ruft, aber wenn Sie Ihre Freunde finden, wenn Sie Ihrem Eide treu dem Rufe des Bundes gefolgt sind, dann sagen Sie ihnen, wie sich Ihre Wesen verändert, sagen Sie, daß Ihr Herz nicht frei ist, sich mit voller Hingebung der Sache zu weihen, der Sie sich einst verschworen, sagen Sie ihnen, daß ein anderes Leben von dem Ihrigen abhängt und verlangen Sie die Lösung von Ihrem Gelübde. Wenn Jene Menschen sind, wenn sie die Liebe je empfunden haben, so werden sie Sie von Ihrem Schwur entbinden, sie werden das unfreiwillige Opfer eines getheilten Herzens nicht verlangen, sie werden Sie zurückkehren lassen zum Leben, zum Glück, zu mir!«

Langsam richtete sie sein Haupt empor und blickte ihm in angstvoller Erwartung in die Augen.

Ein augenblicklicher Schimmer glücklicher Hoffnung leuchtete in seinem Gesicht auf.

Dann aber senkte er den Blick wieder und sprach in dumpfem Ton:

»Ich kann es kaum hoffen, was Sie so schön mir zeigen. Jenen gilt die irdische Liebe zu dem einzelnen Weibe Nichts neben der Sache des Glaubens und des Vaterlandes.«

»Aber Sie versprechen mir,« rief Marie, »Sie schwören mir, daß Sie meine Bitte erfüllen wollen, daß Sie mit aller Beredsamkeit des Herzens sprechen und die Befreiung von Ihrem Gelübde verlangen wollen?«

»Ich schwöre es,« sagte er aufstehend und die Hand auf ihr Haupt legend, »bei meiner Liebe, bei diesem Haupte, das mir das Theuerste ist auf Erden.«

Sie erhob sich und legte ihre Arme um seine Schultern.

»Und ich werde beten,« rief sie, »daß Gott Ihren Worten Kraft gebe und die Herzen Derer lenke, welche das Glück unseres Lebens in Händen haben.«

Sie richtete sich zu ihm empor und drückte ihre Lippen in innigem Kuß auf die seinigen.

Lange standen sie da in schmerzlich glücklicher Umarmung.

Von unten herauf rauschte das Meer, im leuchtenden Phosphorschein glühten die langsam heranrollenden Wellen der Fluth, der leichte Nachthauch kräuselte den Sand der Düne, durch die Fenster des Pavillons blickten die ewigen Sterne vom dunkeln Himmel herein, tiefes Schweigen herrschte rings umher, nur der leise Athem der Nacht zog durch die stille Natur und sie hörten den Schlag ihrer Herzen, die einander entgegen wallten in jenem ewigen Zug der Liebe, welche die Welt erfüllt von dem ersten Schöpfungstage an, in ewig junger Kraft und ewig neuer Wärme.

Sanft löste sie endlich ihre um ihn geschlungenen Arme.

»Und nun lebe wohl, mein theurer, mein einziger Freund,« sagte sie mit fester, ruhiger Stimme, »alle Engel Gottes mögen Dich geleiten auf Deinem Wege und mögen Dich sicher und glücklich zu mir zurückführen.«

Noch einmal drückte sie ihre Lippen auf seinen Mund.

Ein zitternder Schauer rieselte durch seinen Körper.

»O mein Gott,« rief er mit halb ersticktem Ton, »jetzt soll ich Dich verlassen, jetzt, wo mein Leben im Duft des neu erblühten Glückes so hohen Werth hat, soll ich dasselbe zwecklos opfern –«

»Wir haben die Hoffnung,« sagte sie voll Zuversicht, »und unsere Liebem wir werden uns wiedersehen, jetzt kein Wort weiter, es würde eine Entweihung unseres Abschiedes.«

Sie nahm seinen Arm und wendete sich zum Ausgang des Pavillons. Schweigend schritten sie neben einander die Anhöhe hinab – schweigend gingen sie über den rothen, ziegelgepflasterten Weg bis zu dem Hause, welches der Baron Artenberg bewohnte, schweigend drückten sie sich noch einmal die Hand, der Graf öffnete die niedrige Thür des kleinen Hauses und schnell war die junge Dame im innern desselben verschwunden.

Er ging langsam in tiefes Sinnen versunken nach seiner Wohnung.

* *
*

Der König Georg V. hatte sich in sein Cabinet zurückgezogen. Er saß auf seinem Sopha; der Geheime Cabinetsrath ihm gegenüber und las bei dem Schein der großen Lampe mit blauem Schirm das Schreiben des Kaisers von Oesterreich.

Der König hörte, den Kopf in die Hand gestützt, zu; der Eingang des Schreibens drückte den Wunsch des Kaisers aus, eine Reorganisation des Deutschen Bundes, die sich als eine immer dringendere zeitgemäße Nothwendigkeit herausstelle; der Kaiser hoffe, daß dieser Wunsch bei allen deutschen Fürsten getheilt werde und schlage denselben daher die Eröffnung gemeinsamer Berathungen über die Frage vor, wie die Bundes-Verfassung unter Aufrechterhaltung ihrer wesentlichsten Grundlagen mit wohlerwogener Berücksichtigung der Verhältnisse der Gegenwart neu befestigt und ausgebildet werden könne.

»Wie ist das möglich?« rief der König lebhaft mit der Hand auf den Tisch schlagend, »wie kann eine persönliche Berathung der Fürsten zu einem Resultat führen, ohne daß die Frage vorher gründlich erwogen worden, namentlich, wenn man ja nicht einmal weiß, was denn eigentlich Seine kaiserliche Majestät vorzuschlagen beabsichtigt. Zerstören kann man das Bestehende leicht, aber wer die Früchte dieser Politik ernten wird, das wird wahrlich nicht Oesterreich sein, und vielleicht werden die Trümmer des fallenden Baues uns Alle bedecken!«

»Nun – und weiter?« sagte er, abermals den Kopf in die Hand stützend.

Der Geheime Cabinetsrath fuhr fort den Schluß des Schreibens zu lesen:

»Sowohl die hohe Wichtigkeit dieser Frage, als die Erwägung, daß die Lösung der mehrfach damit verbundenen Schwierigkeiten einem unmittelbaren Meinungsaustausch der Souveraine eher, als einer Verhandlung durch Bevollmächtigte gelingen möchte, läßt mich zugleich den Wunsch aussprechen, daß es Eurer Majestät genehm sei, sich in Person zu solchen Berathungen mit mir zu vereinigen. Auf Kräftigung des Bundes-Princips gerichtet, würde der Zweck der Zusammenkunft schon in der Wahl des Ortes einen passenden Ausdruck finden, wenn diese Wahl auf die Bundesstadt Frankfurt fiele. Ich würde Eurer Majestät daher Dank wissen, wenn s Eurer Majestät gefallen möchte, Mir in der genannten Stadt, wohin ich Mich am 16. August zu begeben die Absicht habe, zu dem bezeichneten heilsamen und der Mitwirkung Eurer Majestät so würdigen Werke, als Bundesgenossen und als Freund der Sache Deutschlands die Hand zu reichen.

»Indem ich die Versicherung hinzufüge, daß Eurer Majestät Zustimmung zu meinem Vorschlage mir zu besonderer Genugthuung gereichen würde, ergreife ich mit Vergnügen auch diese Gelegenheit, um Eure Majestät der vorzüglichsten Hochachtung zu versichern, mit der ich bin

Eurer Majestät freundwilliger Bruder
Franz Joseph.«

Als der Geheime Cabinetsrath seinen Vortrag des kaiserlichen Schreibens beendet, blieb der König längere Zeit schweigend sitzen.

Dann ließ er langsam die Hand sinken und lehnte sich in seinen Sopha zurück.

»Das ist ein schweres, inhaltreiches Document,« sagte er dann mit tiefem traurigem Ernst, »trotz seiner Kürze und Allgemeinheit, denn durch diese Erklärung des Kaisers ist der Bau des Deutschen Bundes zerschlagen. Wenn der Monarch, der den Vorsitz führt, im Rathe der deutschen Souveraine die Reform des Bundes für nothwendig erklärt, und für »zeitgemäß«, – ein Wort, ebenso undefinirbar, wie die Zeit selbst und in welches jeder seinen eigenen Geist legt, – dann steht das Eine wenigstens fest, daß der Bund nicht mehr zu erhalten ist. Die Negation des Bestehenden ist geschaffen, unabänderlich geschaffen; was wird an seine Stelle treten? Besseres? Oder die allgemeine Verwirrung, das Chaos?«

»Halten Sie es für möglich,« fragte er nach einer Pause, »daß er Kaiser mit dem König Wilhelm in Gastein über seine Pläne eingehend gesprochen hat?«

»Ich glaube das nicht, Majestät,« sagte der Geheime Cabinetsrath, »denn ich halte es für unmöglich, daß Preußen und Oesterreich sich so schnell über eine Reform des Bundes und die dabei maßgebenden Grundsätze hätten verständigen können.«

»Wenn das aber nicht geschehen ist,« sagte der König, »dann ist ja diese Einladung –«

Er schwieg und athmete tief auf.

»Doch,« sprach er nach einem kurzen Nachdenken, »eine Einladung des Kaisers von Oesterreich, des präsidirenden Souverains im Deutschen Bunde zur Berathung über Bundes-Angelegenheiten kann nicht abgelehnt werden. Senden Sie sogleich ein Telegramm an den Grafen Platen, daß er unverzüglich hierher komme und avertiren Sie ebenso den Oberhofmarschall von Malortie und den Oberstallmeister. – Welch einen Glanz wird die alte Kaiserstadt sehen, – die Kaiserstadt!« sprach er sinnend, »die Zeit ist vorbei da die Kurfürsten den Kaiser beim festlichen Mahle umstanden, und alle Pracht, aller Glanz bringt jene Zeit nicht wieder, es wird ein Traum sein – mit welchem Erwachen?«

»Gute Nacht, lieber Lex,« sagte er freundlich, »die nächste Zeit wird viel Arbeit bringen!«

Der Cabinetsrath verließ das Zimmer, der König bewegte die Glocke, der alte Kammerdiener Mahlmann trat ein und führte den König in sein Schlafzimmer.

Zehntes Capitel.

Die alte Krönungs- und Kaiserstadt Frankfurt war in lebhafter Bewegung. Wie ein Blitz war in das ruhige Sommerleben der Frankfurter die Nachricht hineingefahren, daß der Kaiser von Oesterreich die deutschen Fürsten allesammt zu einem großen Congreß in die Stadt geladen, in welcher so viele seiner Vorfahren sich mit der kaiserlichen Krone des deutschen Reichs geschmückt hatten und auf dem Balcon des Römers vom jubelnden Volke begrüßt waren.

Wie längst verklungene Sagen waren die Erinnerungen an die alte Kaiserherrlichkeit begraben gewesen im Schooße der Zeiten, wohl kannte jeder Frankfurter die Legende von den vergangenen großen Tagen, aber das waren eben vergangene Dinge, auf die man stolz war, deren Denkmäler man den Fremden zeigte, die aber doch mit dem Leben und den Interessen von heute Nichts mehr zu thun hatten.

Nun aber wurden sie plötzlich wie durch das erweckende Zauberwort einer wunderthätigen Fee lebendig, jene alten Bilder der Vergangenheit. Wieder sollt der Kaiser in Glanz und Herrlichkeit einziehen in die Thore von Frankfurt, wieder sollten ihn in schimmerndem Kreise die Fürsten von Deutschland umgeben, der alte Römer sollte seinen Staub abschütteln, er sollte nicht mehr eine merkwürdige Reliquie sein, welche neugierige Reisende mit philosophischen Bemerkungen über die Vergänglichkeit irdischer Größe besuchten; nein, er sollte von Neuem erglänzen im flimmernden Kerzenlicht, erfüllt vom Duft der Speisen und edlen Rebengewächse, und um den Kaiser versammelt sollten alle die großen und kleinen Souveraine der deutschen Nation sich in dem althistorischen Raume vereinen zum prächtigen Mahle.

Die Frankfurter alle glaubten zu träumen bei dieser Nachricht, welche die ganze Stadt in eine dumpfe Gährung versetzte.

Es war in den ersten Tagen weniger die politische Bedeutung dieser Fürsten-Zusammenkunft, welche die Gemüther bewegte. Wohl suchten die Großdeutschen die österreichische »Kaiserthat« als die Wiedergeburt Deutschlands zu nie geahnter Macht und Größe darzustellen, wohl äußerten die Anhänger des Nationalvereins ihre bitteren Zweifel am Erfolge einer Vereinigung der Fürsten ohne Zuziehung der Vertreter des Volkes; wohl schüttelten viele der ruhigen alten Bürger von Frankfurt den Kopf über diesen Fürstentag, der den Schützen-, Sänger- und Turnertagen folgte, das Alles aber bewegte sehr wenig die große Mehrheit der Bewohner der alten Krönungsstadt. Sie belebte die Neugier, die glänzenden Bilder, von denen sie aus der Väter Tagen so viel hatten erzählen hören, nun mit eigenen Augen zu sehen und all die fürstliche Herrlichkeit auf einem Punkte vereint zu erschauen, welche sonst ihren Glanz auf so viele Höfe vertheilte.

Und in diesem Sinne hatte auch der Senat der Freien Stadt die Botschaft des Kaisers erfaßt und den Bürgern mitgetheilt. Aus den Maueranschlägen, welche er überall anheften ließ, sprach keine politische Tendenz, keine Beziehung auf die Reformideen, der Senat rief in den Bürgern nur den Geist der großen Vergangenheit der Stadt wach, und den Stolz, daß diese Vergangenheit sich neu beleben solle, er sprach die Erwartung aus, daß die Stadt Frankfurt wie in alter Zeit in würdiger Gastfreundschaft den Kaiser und die deutschen Fürsten empfangen werde.

Und großartig waren die Vorbereitungen zu diesem Empfange. Die Einundfünfziger des Bürgerausschusses hatten dem Senat unbedingten Credit bewilligt zum festlichen Empfang der Fürsten, und wunderbar war, was man sich erzählte von den Vorbereitungen um Römer, von den Decorationen des Saales und dem Tafelschmuck, von den mächtigen Küchen im Souterrain, in denen die Gebrüder Drexel aus dem Hôtel de Russie ihr Generalstabsquartier nahmen und in denen an gewaltigem Spieß das historische Ochsenviertel an einem Feuer von ganzen Scheiten Buchenholz sich drehen sollte. Im Hofe des Bundespalais in der Eschenheimer Gasse, in welchem der Kaiser von Oesterreich seine Residenz aufschlagen sollte, standen in 120 Kisten und Koffern verpackt die Geräthschaften des kaiserlichen Haus- und Hofhaltes und fast mit Befremden sah man auf diesem Palais, der Residenz der Bundes-Versammlung, deren Beschlüsse einst die deutsche Bewegung verfehmten, die schwarz-roth-goldene Fahne langsam am Flaggenstocke des Portals emporsteigen und weithin im Hauche des Windes sich entrollen.

So stieg das Hochgefühl des patriotischen Stolzes immer höher im Herzen der Frankfurter, immer mehr vergaß man die staatsrechtlichen Fragen und Schwierigkeiten der Reform, man sah nur das große historische Ereigniß der persönlichen Vereinigung der Fürsten, und man begeisterte sich an diesem Ereigniß, man erfüllte sich immer mehr mit dem Vertrauen, daß die Zusammenkunft der Souveraine, welche zum ersten Male unter der schwarz-roth-goldenen Fahne tagen sollten, Deutschland Heil bringen würde.

So kam der Tag heran, an welchem der Kaiser kommen sollte. Schon hatten in den letzten Tagen die Fürsten ihre Vorbereitungen treffen lassen, um in der Freien Reichsstadt würdig und großartig zu erscheinen.

Die Equipagen und Pferde waren angekommen, die Wohnungen in den Hôtels oder den Privathäusern prachtvoll eingerichtet, man hatte so viel gehört und wieder gehört von all' den außergewöhnlichen und wundervollen Dingen, daß man immer gespannter wurde die Könige und Fürsten nun endlich selbst einziehen zu sehen.

Schon am frühen Morgen, – um 6 Uhr war bereits der Herzog von Coburg angekommen, den die Frankfurter vom Schützenfest her kannten und der von den Sachsenhäusern lebhaft begrüßt wurde, – schmückten sich zunächst die Hôtels mit Wappen und Fahnen, die Gesandtschaften und Consulate zogen ihre Fahnen auf, die Bürger folgten und bald prangten alle Straßen, durch welche der Kaiser und die Fürsten vom Bahnhofe zu ihren Wohnungen fahren sollten, im prachtvollsten Schmuck von Fahnen, Blumen und Teppichen.

Die Menge, die auf den Straßen umherwogte, wurde immer dichter und nach dem Main-Neckarbahnhofe zu, auf welchem der Kaiser ankommen sollte, auf der Promenade entlang bis zum Taunusthor war die Menschenmasse fast undurchdringlich.

Die ganze Stadt war in einer fast fieberhaften Bewegung und was von ihren Bewohnern nicht auf den Straßen sich befand, das schien an den dichtbesetzten Fenstern das seltene Schauspiel zu erwarten, in welchem die allerdurchlauchtigsten Fürsten von Deutschland die handelnden Personen sein sollten.

Auch in dem Hause des Herrn Jakob Sebastian Partner an der Zeil war die gewöhnliche Ruhe des täglichen Lebens unterbrochen. Die Bureaus waren geschlossen und die Commis entlassen, um den Einzug des Kaisers und der Fürsten ansehen zu können.

Aus dem mittleren Fenster des Hauses wehte eine große Fahne in den Frankfurter Stadtfarben, dies war der einzige Schmuck, durch welchen der alte, feste Bürger der freien Stadt seine Theilnahme an dem Besuche der erlauchten Gäste zeigte, weder schwarz-roth-goldene Fahnen noch Blumen zierten sein Haus; er hielt eben auch im Aeußeren fest an dem Grundsatz, der Bürger soll zu seiner Stadt halten und sich nicht hineinziehen lassen in die großen Kämpfe der Politik der Fürsten.

An den Fenstern des Wohnzimmers sah man die Frau Partner mit ihrer Tochter und ihrer Nichte, einige Bekannte des Hauses, ältere Damen und junge Mädchen waren gekommen, um von diesen so bequem gelegenen Fenstern aus das Treiben auf den Straßen anzusehen, auch Herr Guenther war da und stand hinter Emma, welche bleich und schweigend dasaß, gleichgültig auf die Straße hinschauend und hin und wieder mit stummem Kopfnicken oder einem einsilbigen Wort die Bemerkung beantwortend, welche Herr Guenther mit gleichmäßig höflichem Lächeln an sie richtete.

Fräulein Bertha versuchte durch einen etwas gezwungenen Humor die gedrückte Stimmung, welche an diesem Fenster herrschte, ein wenig zu beleben, allein es gelang ihr nur wenig und ihr lachender Blick verschleierte sich oft trübe, wenn er sich auf das bleiche, traurige Gesicht ihrer Cousine richtete.

Der alte Herr Partner aber stand, während so bewegtes Leben die Stadt durchrauschte, einsam und allein in einem Zimmer des zweiten Stockwerks, vor dem Pulte am Fenster. Keinen Blick warf er hinab nach dem Treiben da unten auf er Straße, starr und brennend ruhte sein Auge auf der aufgeschlagenen Seite eines großen Buches, das ihm eine lange Folge untereinander stehender Zahlenreihen zeigte.

Das sonst so sichere, feste und selbstbewußte Gesicht zeigte einen diesen Zügen fremden Ausdruck hastiger Unruhe, er bewegte zitternd die Lippen, während sein Blick wieder und immer wieder die Zahlenreihen überflog.

»Es ist ein unerwarteter und schwerer Schlag,« sagte er endlich, tief aufseufzend, indem er von dem Pulte zurücktrat und mit großen Schritten im Zimmer auf- und niederging, »ein unerwarteter und schwerer Schlag, die Zahlungseinstellung dieses Hauses Pierson und Coombe in London; es ist das erste Mal, daß mich eine solche Calamität trifft, und mit Schaudern denke ich daran, daß die Firma Jacob Sebastian Partner in Verlegenheiten kommen soll. Doch bin ich nicht unvorsichtig gewesen, dieses Londoner Haus war so gut und sicher, wie nur eins der Welt es sein konnte, die amerikanischen Verhältnisse, der Bürgerkrieg haben es in seine Verlegenheiten gestürzt, ich bin auch überzeugt, daß es die Krisis überstehen wird, ich kann es nicht zum Concurse drängen, denn damit ist Nichts erreicht, ich verliere Alles vielleicht, während ich wahrscheinlich Alles retten kann, wenn ich ihm Frist gewähre! Aber,« sagte er wieder, vor sein Buch hintretend, indem er mit den Fingern in zitternder Unruhe auf dem Randes des Pultes trommelte, »aber meine eigenen Verpflichtungen – die einzige Unvorsichtigkeit, die ich mir vorwerfen kann, liegt vielleicht darin, daß ich zu ausgedehnt mich mit diesem einen Londoner Hause eingelassen habe, daß ich mich von ihm abhängig machte und meine Fonds zu sehr dorthin engagirte, so daß mir keine Mittel disponibel bleiben, um meine Verpflichtungen am Schlusse des Monats zu erfüllen.«

Er ergriff eine Feder und fuhr, fortwährend die Lippen bewegend, über die Zahlenreihen auf beiden Seiten des aufgeschlagenen Buches.

Einzelne Schweißtropfen perlten an der Wurzel seiner Haare. Die Adern seiner Stirn schwollen an, seine Lippen bebten.

»Da steht es,« sagte er mit dumpfer Stimme, »da steht es vor mir mit der unerbittlichen Logik der Zahlen, daß der alte Jacob Sebastian Partner, dessen Wort und Unterschrift an allen Börsen baares Geld ist, daß er seine Verpflichtungen nicht erfüllen kann, daß die Firma zusammenbrechen muß, die ich rein und unbefleckt von meinem Vater überkommen habe! Und vielleicht,« fuhr er die Lippen zusammenpressend fort, »handelt es sich nur um eine kurze Spanne Zeit, um eine flüchtige Frist, die das Londoner Haus bedarf, um die augenblickliche Krisis zu überwinden.«

Er ging wieder im Zimmer auf und nieder.

»Der größte Wechsel,« sagte er, »den ich zu zahlen habe, ist in den Händen von Herrmann Böhmer hier, ein gutes Haus, der Mann ist ein guter Bekannter von mir seit Jahren; es ist bitter und hart für meinen Stolz,« rief er, mit dem Fuß auf die Erde stampfend, »eine Frist nachzusuchen, aber gerade diesem Manne und diesem Hause gegenüber kann ich es am leichtesten, er ist brav und verschwiegen, ein guter Frankfurter Bürger und sein Geschäft wird ihm erlauben, die Frist zu gewähren, seine Zahlungen fallen, so viel mir bekannt, auf spätere Termine. Ich werde ihm die die Lage der Verhältnisse mittheilen, das Haus Pierson und Coombe hat mir mit ehrenhafter Offenheit seine Bücher extrahirt, er wird sich überzeugen, daß es auch sein Vortheil ist, jenem Hause und mir Zeit zu gewähren und selbst, wenn das Londoner Haus wirklich fällt, ich kann mich halten und den Verlust verschmerzen, wenn ich nur vier Wochen Zeit habe. Ja, ja,« sagte er, die Hände auf dem Rücken kreuzend und in tiefem Sinnen das Haupt auf die Brust senkend, »der Schritt, so schwer und demüthigend er ist, muß gethan werden, ich muß Sicherheit haben, daß ich in Ruhe die Ultimoregulirung erwarten kann, oder ich muß versuchen, andere Wege einzuschlagen, um mich zu retten. Morgen sogleich will ich den schweren Gang thun.«

Er ging wieder auf und nieder und blieb vor dem Bilde seiner Schwester stehen, das vor dem Sopha hing.

Lange betrachtete er dies Bild, eine ungewöhnliche Weichheit schimmerte aus seinem Blick.

»Du arme Schwester,« sagte er mit leiser Stimme, »Du hast mich oft getröstet in den kleinen Kümmernissen der Kinderzeit, die mir doch damals so ernst und schwer erschienen, Du hast mir Muth eingesprochen und mir zur Seite gestanden in treuer Freundschaft; ich bin hart gegen Dich gewesen, ich habe mich von Dir gewendet, weil Dein Herz Dich hinriß, den Besitz und den fest begründeten Bürgerstand zu verlassen und Deiner Liebe zu folgen zu einem jener Menschen, die den Luftgebilden der Phantasie ihre Kraft widmen. Mir hat oft das Herz weh gethan, aber ich habe mein Gefühl geopfert dem Grundsatz, den ich für recht und wahr hielt. Will das Schicksal mich strafen und mir die Grundlage des festen Besitzes zerstören, auf die ich so stolz war?«

Lange stand er abermals schweigend vor dem Bilde.

»Nein, nein,« rief er dann, »es wird, es muß Alles gut werden, es ist eine vorübergehende Calamität, und im schlimmsten Falle wird die Welt sich überzeugen, daß ich rechtlich und vorsichtig gehandelt habe. Mein Stolz freilich muß sich beugen, das thut mir weh, sehr weh!«

Er ließ sich langsam in einen der lederüberzogenen Lehnstühle sinken und blickte finster zur Erde.

Die Thür öffnete sich, – der alte Diener des Hauses trat ein. Herr Partner richtete sich langsam auf und blickte ihn fragend an.

»Herr Herrmann Böhmer ist draußen und wünscht den Herrn Partner zu sprechen.«

Der alte Herr zuckte zusammen. Eine fahle Blässe erschien plötzlich auf seinem sonst so gesund gerötheten Gesicht, angstvoll blickte sein Auge empor.

Dann erhob er sich schnell gefaßt, durch eine kräftige Willensanstrengung nahmen seine Züge ihren gewöhnlichen Ausdruck wieder an und in ruhigem Tone sprach er:

»Es wird mir angenehm sein, Herrn Böhmer zu empfangen.« Der alte Diener verschwand.

»Was heißt das?« murmelte er, »gerade heute – in diesem Augenblick – was kann – –«

Er trat einige Schritte zur Thüre und reichte in würdevoller Höflichkeit dem eintretenden Besuche die Hand.

Herr Böhmer ergriff diese Hand mit abgemessener Verbeugung und setzte sich dann dem alten Herrn gegenüber in den tiefen Lehnstuhl. Er war ein langer hagerer Mann von etwa funfzig Jahren, – das dünne ergraute Haar bedeckte nur spärlich die Schläfe, das Gesicht war trocken, scharf und spitz, die kleinen Augen blickten klar, ernst und kalt gerade aus, – die Haltung der ganzen schwarz gekleideten Gestalt war steif und fast starr.

»Ich fürchtete schon,« sagte er mit einer trockenen, klaren Stimme, »Sie nicht zu Hause zu treffen, da Alles ausgezogen ist, um den Kaiser zu sehn – und ich bitte um Entschuldigung, daß ich Sie gerade heute aufsuche, – aber eine Sache, von der ich es für meine Pflicht hielt, Sie sogleich zu unterrichten ––«

»Ich bitte,« sagte Herr Partner höflich, indem sein Blick forschend auf seinem Gaste ruhte – »Ihr Besuch ist mir jederzeit angenehm und wie Sie sehen,« fuhr er mit leicht sarkastischem Lächeln fort, – »bin ich nicht mit ausgezogen, um mich auf den Straßen drücken zu lassen für den Anblick eines kaiserlichen Einzugs, – ich bin der Meinung, daß die Bürger der Freien Stadt keinen Grund haben zu allzugroßer Begeisterung für diese Fürstenvereinigung. Was die hohen Herren berathen werden, wird schwerlich großen Einfluß haben auf das Wohl unserer Stadt und darum läßt mich die ganze Sache sehr kalt. Ich habe dafür gestimmt, dem Senate unbedingten Credit für einen würdigen Empfang zu geben, – denn ein solcher ziemt sich für die freie Reichsstadt den Fürsten – unsern Verbündeten gegenüber« – sagte er stolz, – im Uebrigen aber halte ich es für sehr bedenklich, demonstrativ Partei zu nehmen in dem Streit, der Deutschland theilt und in welchem in letzter Instanz doch die Macht von Preußen und Oesterreich sich gegenüber steht.«

Er öffnete langsam seine Dose und hielt sie seinem Gaste hin, der mit leichter Verneigung eine Prise nahm. »Ganz meine Meinung, – ganz meine Meinung, mein lieber Herr Partner,« sagte Herr Böhmer vorsichtig den Tabak einsaugend, – »auch ich kann nicht begreifen, wohin das führen soll, daß wir uns für die sogenannte Bundesreform echauffiren – und das gerade in einer Zeit, in welcher der bürgerliche Geschäftsmann wahrlich seine ganze Kaltblütigkeit und Ueberlegung nöthig hat, um allen Widerwärtigkeiten zu begegnen, welche die amerikanischen Wirren uns bereiten. Ich selbst bin von diesen Widerwärtigkeiten unangenehm betroffen, und es ist gerade deshalb, daß ich Sie aufsuche.«

Herr Partner verneigte sich und verhüllte den unruhigen Blick seines Auges unter den herabsinkenden Lidern.

»Sie wissen,« fuhr Herr Böhmer fort, »daß in meinen Händen ein zum Monatsschluß fälliger Wechsel auf Ihr Haus sich befindet.«

Herr Partner neigte den Kopf zum Zeichen, daß ihm die Verbindlichkeiten seines Hauses sehr wohl bekannt seien.

»Obgleich eigentlich keine Verpflichtung dazu besteht,« fuhr Herr Böhmer fort, »so haben Sie doch nach den bisherigen Geschäftsgewohnheiten Grund und Berechtigung anzunehmen, daß dieser Wechsel in meinen Händen bleiben würde.«

Herr Partner neigte abermals den Kopf – seine Lippen zitterten fast unmerklich.

»Ich halte mich daher für verpflichtet, Ihnen mitzutheilen,« sprach Herr Böhmer weiter, – »daß ich den Wechsel begeben habe.«

Fast gewaltsam hielt Herr Partner die Augen auf den Boden geheftet, um Nichts von dem Ausdruck seiner Blicke gewahren zu lassen.

»Sie haben ihn in Cours gesetzt?« fragte er in ruhigem Tone. –

»Das nicht eigentlich,« sagte Herr Böhmer, – »ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, – wozu unter alten Geschäftsfreunden ein Hehl daraus machen? – daß einige nicht eingegangene Forderungen mich in Verlegenheit setzten, – ich bedurfte baares Geld und da sich mir die Gelegenheit bot, – Herr Menzel – Menzel und Bendemann – wünschte ein festes Papier auf den Monatsschluß zu erwerben, so habe ich den Wechsel begeben.« –

»An Menzel und Bendemann?« fragte Herr Partner schnell mit bebender Stimme, indem wie unwillkürlich sein Auge sich mit angstvoll erregtem Blick aufschlug.

»Ja,« sagte Herr Böhmer, und sah scharf und forschend in das erregte Gesicht des alten Herrn, – »ich bin überzeugt, daß Ihnen das in keiner Weise unangenehm ist, und nur weil ich bisher in unserem Geschäftsverkehr die Wechsel niemals aus den Händen gab, habe ich mich für verpflichtet gehalten –«

Herr Partner hatte seine Fassung wieder gefunden, nur die Spitzen seiner Finger zitterten leicht.

»Ich bitte Sie, lieber Herr Böhmer,« sagte er mit leichter Verneigung – »kein Wort weiter, – es ist ja,« fuhr er lächelnd fort, – »für mich ganz gleich ob meine Kasse am Monatsschluß die Zahlung an die ihrige oder an diejenige des Herrn Menzel leistet, – Ich danke Ihnen für die freundliche Rücksicht, daß Sie mich benachrichtigt haben.« – – Herr Böhmer stand auf.

»Ich habe gehört,« sagte er, »daß Sie in nähere Verbindung mit Herrn Guenther treten werden?« –

»Herr Guenther scheint eine solche zu wünschen,« antwortete der alte Herr, – » und ich meinerseits bin nicht abgeneigt –«

»Ein vortrefflicher Mann,« sagte Herr Böhmer, mehreremale mit dem Kopfe nickend, »ein solides Haus, – ich würde Ihnen Glück wünschen können, mein werther Freund – bald darf man ja wohl sagen Herr Senator?«

»Ich wünsche und erwarte keine äußere Ehre,« erwiderte Herr Partner ruhig, – »das Bewußtsein, nach meinen geringen Kräften für das Wohl meiner Vaterstadt und ihrer Bürger zu arbeiten, genügt mir.«

»Doch die äußere Anerkennung wird nicht fehlen, – und was ich dazu thun kann, davon dürfen Sie überzeugt sein, wird geschehen.«

Er schüttelte die Hand des alten Herrn, der ihn nach der Thür hin geleitete und verließ das Zimmer.

»Es ist nicht Alles richtig mit ihm,« flüsterte er die Treppe hinabsteigend, – »es ist Etwas an der anonymen Warnung, die mir gestern zugegangen, – er war stark in London engagirt, – hm hm, – es würde mir leid thun, – es war ein gutes und solides Haus, – immerhin bin ich froh, den Wechsel begeben zu haben, – zwar wundert es mich, daß der sonst so vorsichtige Menzel, – – – doch das ist seine Sache, – ich bin in Sicherheit.«

Er trat auf die Straße und schritt durch die dichten Menschenmassen über die Zeil dahin.

Kaum war Herr Partner in seinem Zimmer allein, so brach seine mühsam bewahrte Fassung zusammen.

Zitternd, – erschöpft, mit hochathmender Brust sank er in seinen Lehnstuhl zusammen, matt ließ er die gefalteten Hände in seinen Schooß sinken.

»So ist denn auch die Hoffnung mir genommen, – das Schicksal kommt meinem Schritt zuvor, – dieser Böhmer, bei dem ich Hülfe zu finden hoffte durch Zeitgewinn, hat meinen Wechsel begeben. –– Und an Menzel und Bendemann,« sagte er tonlos, – »Menzel ist einer der thätigsten Agitatoren des großdeutschen Vereins, – er ist mein Todfeind, – bei ihm ist keine Hülfe zu finden, keine Frist zu erreichen, – er wird mit triumphirender Freude meine Noth begrüßen.«

Er sprang auf und trat wieder vor sein Buch. Wieder durchlief er – mit brennendem Blick der Federspitze folgend, die Zahlenreihen.

»Wenn ich für die kleineren Posten Frist gewinnen könnte,« sprach er endlich, – »so könnte ich mir auch helfen, – aber,« rief er die Feder heftig niederwerfend, – »soll ich meine Lage so vielen Fremden mittheilen, – das wäre schon dem Bankerott gleich. – Einem alten Geschäftsfreund hätte ich mich eröffnen können, – aber so – nein, nein – es geht nicht.

»Wie aber,« fuhr er fort, – »wie kommt gerade Menzel dazu in diesem Augenblick einen Wechsel von mir zu kaufen? – Nachdem gerade vor Kurzem von Neuem die dringende Aufforderung an mich herangetreten ist, mich an der großdeutschen Bewegung zu betheiligen? – Was heißt das, – sollte hier ein anderer Grund vorliegen – sollte –«

Er ging in finsterem Nachdenken auf und nieder.

»Wenn das wäre,« sprach er dumpf, »wenn hier ein böser Plan vorhanden wäre, – wenn meine Feinde eine Ahnung hätten von den peinlich gespannten Verhältnissen, in denen ich mich befinde, – dann wäre keine Rettung!«

»Guenther,« sprach er nach längerem Schweigen, – »sein Haus ist vortrefflich rangirt, – er kann von den auswärtigen Krisen nicht berührt werden, so viel ich weiß, – er könnte mir helfen, – – aber – aber – welche Demüthigung.«

Eine unruhige Bewegung der Menschenmassen machte sich von unten herauf vernehmbar, – verworrene Stimmen drangen herauf, – es schien, daß diese ganze Menschenmenge in rascher Bewegung fortdrängte, laute Rufe tönten aus der Ferne herüber.

»Da stürmen sie hin,« sagte der alte Herr bitter, »um die Fürsten zu begrüßen, die daher kommen zu einer Berathung, deren Resultat keines Menschen, keiner Familie, keines Hauses Wohl fördern wird, – sie enthusiasmiren sich für ein politisches Schattenbild, das vor ihnen hergaukelt, und für das Unglück eines Bürgers, der sein ganzes Leben in fester Arbeit den wirklich nützlichen und praktischen Dingen gewidmet hat, würden sie alle nur Hohn und Spott, höchstens ein Lächeln kalten Mitleids haben. –

»So ist die Welt,« sagte er achselzuckend. – »Ich war stolz bisher, allein zu stehn und Niemand zu bedürfen, – wenn das Unglück an uns herantritt, thut es weh allein zu stehn, – und ich bin allein selbst in meinem Hause, – ich habe sie alle meinem Herzen fern gehalten, die mir zunächst stehen in der Welt, – jetzt stehe ich in trauriger Einsamkeit da – allein mit dem Unglück, das mir naht.«

»Doch,« rief er sich stolz aufrichtend, »noch habe ich die Kraft und den Muth dem Unglück zu trotzen, – noch habe ich Zeit – und die Zeit ist viel, wenn man sie mit festem Willen benutzt, – ich will wenigstens Alles thun um dem Schlag zu begegnen, der mir droht – ich werde dem englischen Hause schreiben, daß es Alles aufbieten möge, um einen Theil der Verpflichtungen zu erfüllen, – ich werde ein Inventar alles Besitzthümer aufstellen, die ich im Nothfalle realisiren kann, – mein Haus –«

Er seufzte tief auf.

»Mein Haus, – das Haus meiner Vorfahren,« sprach er mit weichem Ton. –

»Doch,« rief er dann, »was bedeutet das Haus, wenn es sich um den Namen, um die Ehre handelt.«

Festen Schrittes trat er zu seinem Pult, – schloß das große Buch und legte es bei Seite.

Dann ergriff er einen Bogen Papier und begann mit klarem Blick und ruhiger sicherer Hand zu schreiben.

II. Band.

Erstes Capitel.

Während der alte Herr Jacob Sebastian Partner in seinem einsamen Zimmer seine kaufmännischen Geschäfts-Combinationen verfolgte, während die Damen des Hauses in ziemlich peinlich gedrückter Stimmung an den Fenstern des Stockwerks saßen und auf das Menschentreiben hinabblickend ihren Gedanken folgten, war der junge Sohn des Hauses hinausgegangen um sich in die hin- und herwogenden Massen zu mischen und zu versuchen, die Ankunft des Kaisers aus nächster Nähe zu sehen.

Der junge Mann schlenderte langsam die Zeil hinab nach dem Main-Neckar-Bahnhofe zu. Weit ab vom Bahnhofe schon wurde das Gedränge so dicht, daß man nur mit der äußersten Mühe noch vorwärts dringen konnte. Die Mitte der Straße wurde durch ein Spalier des Frankfurter Linien-Militairs freigehalten, aber bald hier bald dort durchbrach die neugierig vordrängende Menge die Linien, und theils durch Bitten, theils durch Drohung und Gewalt mußten die Vorgedrungenen zurückgetrieben werden, damit die Reihen sich wieder schließen konnten.

Durch die offene Mitte der Straße rollten die glänzenden Equipagen der Gesandten und der hohen Militairs der Bundes-Truppen dem Bahnhofe zu, dazwischen sah man die alten schwerfälligen Kutschen der Bürgermeister und Senatoren, mit Kutschern und Bedienten in rother Livrée mit silbernen Tressen und dreieckigen, silberbesetzten Hüten langsam daherfahren, und auf dem abgesperrten Perron des Bahnhofes stellte sich der Senat mit den beiden Bürgermeistern an der Spitze auf. Diese Träger der Souverainetät der freien Reichsstadt trugen die bürgerliche Gala, schwarzen Frack, seidene Strümpfe, weiße herabhängende Spitzenhalstücher und Manschetten, schwarze geschnittene Hüte und kleine Degen mit vergoldetem Griff an der Seite. Und ernst, würdig und feierlich sahen sie aus die Herren Bürgermeister und Senatoren in ihrer schwarzen Feierkleidung, inmitten dieses strahlenden Kreises reich in Gold- und Silberstickereien glänzender Uniformen der Diplomaten und Militairs. Feierlich und würdevoll lag der Eindruck des Tages auf ihren Gesichtern, stolz blickten sie hin auf diese schimmernde Schaar von Würdenträgern, diese waren trotz ihrer Titel und Ihres Ranges, trotz der Ordenskreuze und Sterne, die sie schmückten, doch die Diener, welche ihre Herren erwarteten, sie aber, die Bürgermeister und Senatoren der freien Reichsstadt, empfingen den Kaiser und die deutschen Fürsten als ebenbürtige Gäste auf dem eigenen, freien und souverainen Boden, und deshalb strahlten ihre Blicke von stolzem Selbstgefühl und feierlicher Würde. Am stolzesten und würdevollsten aber blickte der kleine Senator Bernus umher, sein rundes Gesicht mit den kleinen funkelnden Augen und dem kleinen schwarzen Schnurrbart leuchtete vor Freude und Zufriedenheit, hatte er doch so wesentlich dazu beigetragen, den großdeutschen Ideen Eingang zu verschaffen in der öffentlichen Meinung, war er doch einer der thätigsten Agitatoren für die Popularisirung des Reformplanes, den die österreichische Staatskanzlei mit so glänzendem Apparat in Scene setzte und wußte er doch, daß er persona gratissima war in der Wiener Hofburg, daß er auf einen besonders gnädigen Empfang sicher rechnen konnte – hatte doch auch schon der Erzherzog Wilhelm von Oesterreich, der als Gouverneur von Mainz erschienen war um den Kaiser zu empfangen, bei der Begrüßung des Senats ihn in besonders liebenswürdiger Weise ausgezeichnet.

Während der Erzherzog und diese glänzende Versammlung auf dem Perron wartete, während die Offiziercorps sich rangirten, während der tausendstimmige Athemzug der lauschenden und harrenden Menschenmenge bald lauter aufbrausend, bald leiser verrauschend am Himmel emporstieg, war der junge Ferdinand Partner in einem leichten grauen Sommeranzug, einen kleinen runden Hut auf dem Kopf, langsam bis an die Grenze vorgedrungen, zu welcher das schaulustige Publikum zugelassen war.

Er blickte nach dem Perron hin, aber er sah Nichts als hin und wieder eine glänzende Uniform, oder die schwarze Gestalt eines Senators und achselzuckend wendete er den Blick zurück, um seine Umgebung etwas näher zu betrachten.

Plötzlich leuchtete sein frisches und feuriges Auge freudig auf, er hatte einige Schritte von sich entfernt einen alten Mann in äußerst einfachem, fast schäbigem Anzug erblickt, auf dessen Arm sich ein junges Mädchen stützte, dessen schlichte und unscheinbare Toilette dennoch von einem gewissen feinen und distinguirten Geschmack zeugte.

Das Gesicht das Alten, dessen schwarzer, etwas fadenscheiniger Rock bis zum Halse zugeknöpft war, trug den unverkennbaren Stempel israelitischer Abkunft, die gelbliche Haut lag fest um die Stirn und die hervortretenden Backenknochen, die etwas gekrümmte Nase beugte sich über einen scharfen, festgeschlossenen Mund herab, um welchen hin und wieder ein leichtes, höhnisches Lächeln spielte – der alte abgetragene, aber rein gebürstete Hut, unter welchem dichtes, gekräuseltes, ergrauendes Haar hervorquoll, war tief in die Stirn gedrückt und unter der Krempe desselben blickten große, dunkle Augen von wunderbarer Schärfe und Klarheit hervor, aus deren Blicken ebensoviel Intelligenz als ein gewisses kritisches Mißtrauen sprach…

Das Gesicht des jungen Mädchens war von jener classischen, orientalischen Schönheit, welche man selten in voller Reinheit findet, mandelförmig geschnittene dunkle Augen blickten unter kühn geschwungenen Brauen feurig und schmachtend zugleich hervor, die frischen Lippen glühten in schwellender Fülle und dunkle, weiche Locken fielen zu beiden Seiten des reizenden Ovals dieses lieblichen Gesichtes herab. Ein einfaches helles Sommerkleid ließ die edlen Umrisse der schmiegsam elastischen Gestalt erkennen, deren Haltung so stolz und königlich war, daß man auf dem anmuthig emporgerichteten Haupt eher das Diadem der Königin von Saba, als das leichte einfache Strohhütchen erwartet hätte, das die reine, weiße Stirn beschattete.

Mit einigen Schritten, nicht achtend die zornigen Bemerkungen verschiedener Personen, die er zur Seite schob, war der junge Mann bei dem Alten und dem jungen Mädchen.

»Ach, Herr Davidsohn,« rief er, dem alten Mann leicht auf die Schulter klopfend, während der Blick des Mädchens ihm feurig entgegenblitzte, »Sie sind auch herausgekommen, um alle diese Herrlichkeit zu bewundern, von der man in der That herzlich wenig sieht.«

Und um den Alten herumgehend hatte er schnell die Hand des jungen Mädchens ergriffen, welche sie seinem innigen Drucke nicht entzog.

»Meine Lea hat mir keine Ruhe gelassen,« erwiderte Herr Davidsohn, indem er leicht den Hut zur Begrüßung lüftete, »ich habe sie müssen hinausführen, weil sie hat sehen wollen den Einzug des Kaisers, aber jetzt sehen wir Nichts als die Menschen, die ebensowenig sehen wie wir,« fügte er lächelnd hinzu, »nun, hat doch das Kind gehabt seinen Willen und wird mich beim nächsten Male nicht bitten, in das Menschengewühl hinauszugehen.«

»O, ich bin ganz zufrieden, Väterchen,« rief die schöne Lea heiter, »wir werden hier Alles sehr gut sehen, wenn der Kaiser vorbei kommt und dann haben wir ja schon vieles gesehen, was sehr schön war, die Wagen und Pferde der Fürsten, die vor den Hôtels in Stand gesetzt werden zur Abholung und die Auffahrt der Senatoren und Diplomaten, ich bin schon ganz zufrieden mit dem, was ich gesehen habe.«

Ein Blick auf den jungen Mann schien demselben zu sagen, daß seine Begegnung keinen geringen Antheil an ihrer Zufriedenheit habe und ohne besondere Anmaßung konnte er ihre letzte Bemerkung auf sich beziehen.

»Ja, es ist wunderbar,« sagte der alte Davidsohn, »was für ein Glanz da entwickelt wird, und doch ist dies erst der Anfang, es soll noch ganz anders kommen, wenn erst die Fürsten alle da sein werden. Und,« fuhr er fort, indem ein gewisser respectvoller Ernst auf seinen Zügen erschien, »es ist alles echt, echtes Gold und Silber an den Wagen und Livréen und Geschirren, ich kenne das gleich, das ist anders wie bei dem Schützentag, da hat es auch geglänzt und geflimmert, aber das war Alles nur falsch, alles Theaterschmuck. Gott der Gerechte,« rief er die Hände zusammenschlagend, »was für ein Geld fährt da spazieren auf der Straße und was für Zinsen gehen da verloren bei dieser Anlage in todtem Capital.«

Der junge Partner lachte.

»Sie betrachten die Sache als Geschäftsmann,« rief er, »an diese Berechnung habe ich noch nicht gedacht.«

»Und habe ich nicht recht,« sagte der Alte lebhaft, »Sie wollen zusammenkommen, die Kaiser und Könige, um den Bund zu reformiren und Deutschland glücklich zu machen, ist denn aber das Geschäft – ein gutes rechtliches Geschäft – nicht die Grundlage von allem Glück der Völker, von allem Wohlstand der Familien, von allem Erwerb der ordentlichen Arbeit? Nun rechnen Sie zusammen,« fuhr er fort, »all das Geld, was hier ohne Nutzen und ohne Interessen wird ausgegeben, mir schwindelt der Kopf bei den Summen, die das betragen muß! Die Krisis ist überall zu fühlen in den Geschäften, und gute und solide Häuser kommen in Noth und Verlegenheit, – was könnte geholfen werden dem Handel und Wandel in Deutschland, mit all' dem Geld? Und dann,« sprach er immer lebhafter weiter, »denken Sie an all' die Armuth und all' das Elend, was zu finden ist in allen Ländern, von denen die Fürsten hier zusammenkommen, und denken Sie, wie vielen, vielen Menschen könnte geholfen werden mit Nahrung und Kleidung und Obdach, mit all' dem Geld, was hier wird geworfen auf die Straße! Glauben Sie, daß man wird Handel und Wandel fördern, daß man wird der Arbeit ihren rechten Lohn geben und der Armuth und dem Elend aushelfen mit schriftlichen Paragraphen von der Bundes-Verfassung? Und wenn die Fürsten wollen den Bund reformiren, warum lassen sie nicht zusammenkommen ihre klugen Minister und berathen und beschließen in Ruhe und Stille? Ich bitte Sie, Herr Partner, was haben zu thun mit dem Bund und der Bundes-Verfassung die Pferde und die Kutscher und Lakaien, und die Adjutanten und die große Küche im Römer, und der große Ochse, den sie braten am großen Feuer von Scheiterholz? Ich sage Ihnen, das ist Alles nichts als eine große Capital-Anlage ohne Interessen.«

Der junge Mann hatte zuerst mit heiterem Lachen dem immer eifriger sprechenden Alten zugehört, dann war er ernster und ernster geworden und blickte sinnend vor sich hin.

»Ja, ja,« sagte er nachdenklich, »eine Capital-Anlage ohne Interessen, es ist wahr und auch vielleicht in anderem Sinne wahr, als Sie es meinen. Welch' eine Menge von Arbeit, von geschäftiger Thätigkeit wird hier in unruhigem Eifer verschwendet und wird das deutsche Volk die Interessen davon ziehen? Kann diese fantastische Wiederbelebung der alten Kaiserlegende Deutschland einig und mächtig machen? Werden die Fürsten darum einiger sein, weil sie im Römer zur prächtigen Tafelrunde sich zusammensetzen? Kann überhaupt von den Fürsten dem deutschen Volke das Heil kommen, sind nicht die Tiefen des Volkes der einzige Boden, aus welchem die stolze Eiche der deutschen Größe neu erwachsen kann?«

Der alte Davidsohn hatte mit seinen scharfen, klugen Augen hinübergeblickt nach dem Bahnhofe, ein sarkastisches Lächeln spielte um seine Lippen.

»Sehen Sie,« sagte er, »mein lieber Herr Partner, vorhin bin ich vorbeigegangen am Römer, wo sie im Souterrain ein ganzes Regiment von Köchen in weißen Schürzen und weißen Mützen etablirt haben, und da habe ich gesehen vor dem Römer, dem alten Kaiserbalcon gegenüber, das Standbild der alten heidnischen Götter der Gerechtigkeit auf dem Brunnen, der bei der Krönung der Kaiser aus sieben Röhren den Wein für das Volk spendete. Der Gerechtigkeit waren vor dreißig Jahren die Hände abgeschlagen, in denen sie das Schwert hielt und die Wage. Nun, jetzt waren sie dabei in großer Eile der armen Göttin die Hände wieder anzusetzen, die sie so lange entbehrt hat. Ich habe nun gedacht bei mir selber, daß das ist ein Wahrzeichen für die große Fürsten-Conferenz, werden sie doch ansetzen dem Deutschen Bund in großer Geschäftigkeit und Eile neue Hände von Holz mit Schwert und Wage, aber was wird man können wägen auf dieser Wage? Was wird man können schlagen mit diesem Schwert? Was Not thut, das ist Deutschland zu geben einen lebendigen Arm von Fleisch und Blut, der kann halten ein scharfes Schwert und kann es schwingen gegen die Feinde, wie Gideon hat geschwungen das Schwert des Herrn. Und wenn man das nicht kann,« fuhr er lebhaft und feurig fort, »wenn man nicht kann schaffen den gewaltigen Arm, dann soll man Alles lassen wie es ist; denn, wenn man ansetzt künstliche Hände, so w die Völker im Osten und Westen lachen über Deutschland. Und,« sagte er, die Hand auf die Brust legend, »sehen Sie, ich bin Jude, und mein Volk ist nicht gut behandelt ich Deutschland, – durch viele Jahrhunderte hat man uns verfolgt und gepeinigt, aber doch liebe ich dies Deutschland. Unsere alte Heimath haben wir verloren und da wächst man ja doch zusammen mit dem Land, das uns geboren, und muß es lieben trotz aller traurigen Erinnerungen; ich liebe dies Deutschland und mein Herz schwillt vor Zorn, wenn ich denke, daß die anderen Nationen es verlachen sollen, die doch nicht zu ihm heranreichen an innerer Kraft und innerem Werth.«

Der junge Partner sah den Alten fast erstaunt an. Dann leuchtete ein warmer Strahl in seinem Auge auf, er drückte ihm die Hand und flüsterte: »Wie viele Söhne ächter deutscher Generationen könnten ein Beispiel nehmen an dem Nationalgefühl des Nachkommen der verfolgten Parias.«

Die schöne Lea sah mit glücklichem Blick den warmen Ausdruck in dem auf ihren Vater gerichteten Auge des jungen Mannes.

Da ertönte der schrille Pfiff einer Locomotive vom Bahnhofe her, lautes Rufen erklang aus den Volksmassen, die dem abgesperrten Raum am nächsten standen, die Menge wogte in plötzlicher Bewegung hin und her, man hörte durch das Brausen der Stimmen und das Hochrufen die Klänge der österreichischen Nationalhymne. –

Der Kaiserliche Zug war am Perron vorgefahren.

Der Kaiser Franz Joseph in der grauen Generalsuniform sprang schnell aus dem Waggon und umarmte herzlich den am geöffneten Schlage stehenden Erzherzog Wilhelm.

Mit dem Kaiser war der Minister des Aeußern Graf Rechberg angekommen, welcher in seinem einfachen Reiseanzug ruhig einige Schritte hinter seinem Souverain stehen blieb und durch seine Brille mit scharfen Blicken die auf dem Perron Versammelten musterte. Hinter dem Minister sah man die hagere trockene Gestalt des Hofraths Biegeleben, – Generaladjutant Graf Crenneville – die Flügeladjutanten und Ordonanzoffiziere folgten.

An der Spitze der Senatoren trat dem Kaiser der erste Bürgermeister Dr. Müller, ein etwas corpulenter Mann von etwa fünfzig Jahren, mit vollem und freundlichem, glattrasirtem Gesicht entgegen, dessen kluge Augen durch die Gläser einer feinen Brille blickten. Er richtete einige Worte der Begrüßung an den Kaiser, in welcher er die innigen historischen Beziehungen erwähnte, welche die Mitglieder des kaiserlichen Hauses von Habsburg mit den Traditionen der Stadt Frankfurt verbinden und die Freude aussprach, in einem für Deutschland so wichtigen Augenblick und zu so segensreichem Zwecke, abermals einen Kaiser aus jenem erlauchten Hause hier begrüßen zu dürfen.

Der Kaiser stand vor dem Bürgermeister in der ihm eigenen, militairisch festen und doch anmuthig leichten Haltung, – wie in einer gewissen Befangenheit schlug er die Augen zur Erde und hörte die Begrüßungsworte an, ohne daß ein Zeichen des Eindrucks derselben auf seinen Zügen bemerkbar geworden wäre.

Als der Bürgermeister geendet hatte, schlug der Kaiser das Auge auf, ließ langsam den Blick über die versammelten Senatoren gleiten und sprach einige Worte des Dankes für die Begrüßung. Sein Gesicht nahm dabei den Ausdruck einer wahrhaft herzlichen Freundlichkeit an, welche Alle die ihn erblicken konnten, sympathisch berührte, doch war seine Stimme so wenig laut und vernehmlich, daß nur die Nächststehenden verstehen konnten was er sagte.

Er schwieg, neige nochmals grüßend das Haupt und reichte dem ersten Bürgermeister die Hand, welche dieser mit tiefer, ehrfurchtsvoller Verbeugung ergriff.

Dann wendete sich Franz Joseph zu dem zweiten Bürgermeister und den Senatoren, er ersuchten den Dr. Müller ihm die Herren vorzustellen und die Reihe hinunterschreitend, sagte er jedem Einzelnen der sich lächelnd Verneigenden, einige freundliche und verbindliche Worte. Länger als bei den Uebrigen blieb er bei dem kleinen Senator Bernus stehn, dem er, wie man bemerken konnte, vieles besonders Freundliche sagen mußte, denn das volle Gesicht des Senators leuchtete vor Glück und Stolz, und als der Kaiser vorüber war, blickte er rings umher, zu sehen, ob auch von den Umstehenden die auszeichnende Begrüßung bemerkt worden sei, welche ihm zu Theil geworden.

Die Vorstellung war beendet. Die Senatoren traten zurück, der erste Bürgermeister blieb an der Seite des Kaisers.

Jetzt trat der Obercommandant der Bundestruppen Prinz von Holstein in der großen preußischen Generalsuniform heran und überreichte dem Kaiser den Rapport und die Parole des Tages; der Präsident der Bundesmilitaircommission Generallieutenant von Rzikowski meldete sich ebenfalls. Der Kaiser zuckte beim Anblick der preußischen Generalsuniform fast unmerklich zusammen, – verbindlich erwiderte er die militairische Begrüßung, sprach rasch einige höfliche Worte und wendete sich dann zu dem Diplomatischen Corps, das ihm durch seinen Gesandten Baron von Kübeck, einem Mann mit vollem etwas weichem aber klugem Gesicht, mit rund geschnittenem Backenbart und glatt an den Schläfen zurückgestrichenem Haar vorgestellt wurde. Kälter, feierlicher und schneller als die Senatoren fertigte der Monarch die Diplomaten ab, – schritt dann rasch mit militairischem Gruß die Front des Offiziercorps herab, und schien erleichtert aufzuathmen als alle diese offiziellen Begrüßungen glücklich überwunden waren.

Er wendete sich nochmals zurück, zu einem hochgewachsenen schlanken Manne, von etwa acht und dreißig Jahren, von frischer Gesichtsfarbe und angenehmen Zügen, mit vollem blonden Bart. Dieser Mann in der einfachen Interimsuniform der Württembergischen Truppen, der mit dem Kaiser auf demselben Zuge angekommen war, und dem im Eifer Niemand besondere Beachtung geschenkt hatte, war der Kronprinz von Württemberg, welcher den Kaiser von Stuttgart aus begleitet hatte und der von seinem königlichen Vater, den die Kränklichkeit seines hohen Alters an seine Residenz fesselte, mit dessen Vertretung im Rathe der Fürsten beauftragt war.

»Erlauben Eure königliche Hoheit mir, Sie nochmals in Frankfurt willkommen zu heißen,« sagte der Kaiser, dem Kronprinzen die Hand drückend, »ich wünsche von Herzen, daß unsere Reise die glücklichsten Erfolge haben möge.«

Der Kronprinz verneigte sich schweigend, – der Bürgermeister eilte auf ihn zu und begrüßte ihn mit einigen schnellen Worten, um dann rasch dem Kaiser zu folgen, der sich zum Ausgange gewendet hatte und bereits in seinen einfachen offenen Wagen mit zwei Pferden stieg. Der Generaladjutant Graf Crenneville setzt sich auf den Wink seines Herrn neben denselben.

Der Kaiser warf einen schnellen Blick auf die nach dem Taunusthor hin dicht gedrängten Menge.

»Dorthin,« rief er in kurzem Ton, indem er mit der Hand nach der Richtung des Gallusthores deutete, wo nur wenige Menschen zu sehen waren.

Noch einmal winkte er mit der Hand nach den auf dem Perron Versammelten hin, lehnte sich dann wie erschöpft in den Wagen zurück, ein leichter Ruf aus den nächststehenden Gruppen erscholl, und schnell flog die einfache Equipage in der Richtung des Gallusthores dahin.

Die Wagen mit dem Gefolge fuhren einer nach dem andern in derselben Richtung ab.

Die Militairs und Diplomaten hatte sich inzwischen dem Kronprinzen von Württemberg genähert, der kalt und ruhig einige höfliche Worte an die Herren richtete. Dann grüßte er rasch die Senatoren und stieg in seinen von vier schwarzen Arabischen Rappen edelster Race gezogenen Wagen, sein Adjutant Hauptmann von Spitzenberg folgte ihm, während der Minister von Neurath mit dem Legationssecretair von Baur in den zweiten Wagen stieg.

Die Bürgermeister und der Senat blieben auf dem Perron, denn schon war der Zug signalisirt, welcher den König Maximilian von Baiern heranführen sollte. Auch dem Könige von Baiern war der feierliche Empfang durch die beiden Bürgermeister und den Senat in corpore zugedacht, während die übrigen gekrönten Häupter nur von einer Deputation des Senats empfangen werden sollten.

Einfach in bürgerlicher Kleidung fuhr der König Maximilian heran. Das kränkliche, blasse und nervös abgespannte Gesicht, mit den müden schwermüthigen Augen, belebte sich mit dem Ausdruck einer weichen, fast wehmüthigen Freundlichkeit, als er herzlich die Begrüßung der Bürgermeister und Senatoren erwiderte. Augenscheinlich angegriffen von der Reise, suchte er den Empfang, so viel es die Höflichkeit erlaubte, abzukürzen; von Herrn von der Pfordten geführt, dessen starke Gestalt und volles Gesicht mit den phlegmatischen, heiter ruhigen Zügen, auffallend mit der schmächtigen krankhaften Erscheinung des Königs contrastirte, machte er die Vorstellungstour bei dem diplomatischen Corps und stieg dann mit dem Generaladjutanten Generallieutenant Delpy von Laroche und dem Baron von der Pfordten in den offenen vierspännigen Wagen, um nach dem im bairischen Gesandtschaftshôtel in der neuen Mainzerstraße für ihn bereiteten Quartier zu fahren. Das militairische Gefolge, der zweite Generaladjutant Graf von Rechberg und von Rothenlöwen und die Flügeladjutanten fuhren nach der Stadt in den Brüsseler Hof. Der Minister von Schrenk, eine kalte büreaukratisch abgeschlossene Erscheinung, fuhr allein nach dem russischen Hofe an der Zeil.

Während dies am Perron des Bahnhofes vorging, stand unter der Menge der Neugierigen noch immer der junge Ferdinand Partner neben dem alten Davidsohn und seiner schönen Tochter Lea. Der junge Mann hörte mit einer gewissen achtungsvollen Aufmerksamkeit die oft humoristischen, oft bittern und sarkastischen, immer aber treffenden und geistvollen Bemerkungen des alten Juden an; während seine Blicke mit den Augen des jungen Mädchens eine stumme aber verständnißinnige Sprache führten, und er oft die Gelegenheit einer hin und her wogenden Bewegung der Menge benutzte, um ihre Hand zu drücken, die sie ihm ohne Widerstreben überließ.

»Nun wird der Kaiser kommen,« sagte der alte Davidsohn, sich ein wenig aufrichtend, als einige Hochrufe vom Bahnhofe herüber drangen, »wir werden ihn erkennen an dem Wagen mit den acht Schimmeln, in dem er einziehen soll wie man sagt.«

»Glauben Sie wirklich, daß er mit den acht Schimmeln der alten Kaisertradition seinen Einzug hält?« fragte der junge Partner, indem er sich ebenfalls emporstreckte und scharf nach dem Bahnhofe hinüberblickte.

»Nun« sagte der Alte, – »wird man doch die acht Schimmel nicht gespart haben; – die sind ja am leichtesten zu beschaffen von all der Pracht der vergangenen Zeiten.«

»Da fährt der Kaiser hin,« rief der junge Mann plötzlich und deutete auf den offenen zweispännigen Wagen, der im raschesten Trabe von dem Bahnhofe nach dem Gallusthor hinfuhr.

Mehrere der Umstehenden, die diesen Ruf gehört hatten, drängten vor und blickten neugierig nach der Richtung, in welcher der junge Mann seine Hand ausstreckte, – aber verschiedene Rufe des Zweifels wurden laut. – »So einfach fährt der Kaiser nicht,« rief man hier und dort, – »das sind die Adjutanten, – das sind die Generale von den Bundestruppen!«

Bald aber pflanzte sich mit jener wunderbaren, fast magnetischen Transmission, welche durch versammelte Menschenmassen mit der Schnelligkeit des Telegraphen hineilt, von den unmittelbaren Umgebungen des Bahnhofes die Nachricht fort: »der Kaiser ist herein, – er ist durch das Gallusthor gefahren« und die erwartungsvolle, hochgespannte Neugier der dichtgedrängten Menge verwandelte sich in zornige Entrüstung. Man hatte hier so lange gestanden, man hatte Staub und Hitze ertragen, um den kaiserlichen Einzug zu sehen, – und nun fuhr der Kaiser heimlich auf einem anderen Wege in unscheinbarem Aufzug in die Stadt hinein, die so viel aufgewendet hatte, um ihn würdig und festlich zu empfangen.

Das war ein Unrecht, – ein großes Unrecht, – so sagten sich alle diese um die Frucht ihres Ausharrens gebrachten Neugierigen, und laute Rufe der Unzufriedenheit und des Unwillens ertönten rings umher.

»Sie haben die Schimmel nicht gesehn,« sagte der alte Davidsohn lächelnd, indem sein scharfer Blick über alle diese mürrischen und verstimmten Gesichter rings umher glitt, – »und die interessirten sie mehr, als die Conferenzen über die Bundesreform.«

Abermals drangen laute und anhaltende Rufe vom Bahnhofe herüber, – sie kamen näher und näher, und auf der freigehaltenen Mitte der Straße erschienen die Köpfe des prachtvollen schwarzen Viergespanns des Kronprinzen von Württemberg.

»Ist das der Kaiser?« hörte man hier und dort, – »er kommt doch,« – riefen einige, – »nein er ist es nicht,« ertönte es von anderen Seiten, – einzelne Hochrufe erklangen, – Viele schwiegen unschlüssig, der Kronprinz blickte wie verwundert auf diese unruhig bewegte Menge, die ihn erstaunt, fragend und zweifelnd ansah, – er grüßte einige Male mit der Hand – die Pferde zogen schärfer an und schnell war der Wagen mit dem prachtvollen Gespann den neugierigen Blicken entschwunden.

Die Menge begann sich zu theilen. Mißmuthig ging ein Theil derselben nach Hause, müde des vergeblichen Wartens, während Andere auf ihren Plätzen ausharrten, denn noch wurden im Laufe des Abends die Könige von Hannover und Sachsen und eine große Anzahl der übrigen Fürsten erwartet.

Der alte Davidsohn mit seiner Tochter wendete sich zur Rückkehr nach der Stadt. Ferdinand Partner begleitete sie, immer seine Unterhaltung mit dem Vater und seine stumme, aber ebenso beredte Augensprache mit der Tochter fortsetzend.

Sie gingen eine Zeit lang inmitten der langsam dahinströmenden Menge, wendeten sich dann durch einige freiere Straßen und traten endlich in jene alte krumme und enge Judengasse ein, welche in früheren Zeiten wie das Ghetto in Rom, Abends durch ein Gitter geschlossen wurde, um die israselitischen Schutzgenossen von der christlichen Bevölkerung zu trennen, – jene alte schmutzige Gasse, aus welcher die gewaltige Dynastie des »großen Barons« hervorging, welche das Reich der Börsenwelt mit sicherem Scepter beherrscht und deren Macht unerschütterlicher dasteht, als manche aus der Geschichte der Jahrhunderte emporgewachsene Throne.

»Sie haben mit neulich von einem schönen alten Dolch gesprochen, Herr Davidsohn, den Sie entdeckt,« sagte der junge Partner, als sie in die enge Gasse einbogen, – »Sie wissen, wie sehr ich mich für alte Waffen interessire – ich möchte ihn sehn, – haben Sie ihn schon?«

»Ich haben ihn erworben.« sagte der Alte mit einem scharfen schnellen Seitenblick, – »er ist theuer genug gewesen, – wenn ich ihn auch für seinen Werth noch billig gekauft habe, – der Griff ist von Benvenuto Cellini, Sie werden sich selbst überzeugen, – und ich möchte das Stück gern Ihnen überlassen, – ich mag es gern, daß wirkliche Kunstwerke in rechte Hände kommen – und Sie verstehen so etwas zu schätzen und zu würdigen.«

»Gewiß« rief Ferdinand, – bei mir findet eine solche Waffe ihren rechten Platz und das rechte Verständniß für ihren Werth, – ich bin sehr begierig sie zu sehn und mich zu überzeugen,« fügte er lächelnd hinzu »ob sie wirklich aus Benvenuto Cellinis Meisterhand hervorging.«

»Ueberzeugen werden Sie sich,« sagte der alte Davidsohn mit einem überlegenen Lächeln, – »täusche ich mich doch niemals in solchen Dingen, – ich kenne die Regeln der Herrn Kunstkritiker nicht, und die Merkzeichen, die sie erfunden haben für die Werke der großen Meister, – aber ich habe das im Blick, – und was Benvenuto Cellini ciselirt hat, – das kenne ich unter tausend Nachahmungen heraus, ebenso jede Leinwand über die der Pinsel der großen Meister ist hingefahren. Gehen Sie nur immer hin in mein Haus,« sagte er dann sehen bleibend, – »und sehen Sie sich den Dolch und noch einige schöne Sachen, die ich bekommen habe, – meine Lea wird sie Ihnen zeigen, – ich habe noch einen Geschäftsgang zu machen, hier in der Nähe, wollen Sie mich erwarten, so können wir gleich Handels einige werden, – wo nicht, so sprechen wir in diesen Tagen darüber.«

Er grüßte den jungen Mann mit einer Mischung von wohlwollender Vertraulichkeit und von jener zurückhaltenden Unterwürfigkeit, welche den handeltreibenden Mitgliedern des so lange unterdrückten israelitischen Volkes eigen geblieben ist, und wendete sich rückwärts zum Ausgange der engen Judengasse.

Ferdinand Partner und die schöne Lea gingen einige Schritte schweigend nebeneinander weiter; aus dem Auge des jungen Mannes streifte bisweilen ein feuriger Blick über die schlanke geschmeidige Gestalt des Mädchens hin, welche zu Boden sah und erröthete als ob sie jenen Blick fühlte.

An allen Fenstern der schmalen, dunkeln, hochgiebeligen Häuser, erschienen neugierige Köpfe. Weiber, bald jung und reizend in jener eigenthümlichen Schönheit der orientalischen Race, bald alt und häßlich, gelb wie Mumien, unter den verhüllenden Kopftüchern hervorblickend, – Kinder, schmutzig und bleich, mit grellen, großen Augen, sahen hinab auf die schöne Tochter des alten Davidsohn, welche Jedermann kannte, und mancher freundliche Gruß wurde ihr zugenickt, – manches feindliche und hämische Wort aber auch über sie geflüstert, als man sie daher gehen sah in der Begleitung des jungen eleganten Mannes, dessen ganze Erscheinung zeigte, daß er hier nicht heimisch war.

»Sie sind nicht befriedigt Fräulein Lea,« sagte Ferdinand, »Sie haben nur wenig gesehen von dem Einzuge der Fürsten, – Sie müssen morgen die Auffahrt ansehn, dann wird die ganze Herrlichkeit auf einem Punkte vereinigt sein.«

»O ich bin schon zufrieden mit dem was ich gesehen,« sagte das junge Mädchen lebhaft, – »ich bin glücklich, einmal wieder einen Blick hinaus gethan zu haben in jene Welt da draußen, die mir so fremd ist, und nach der ich doch so große Sehnsucht fühle, hier in meiner stillen Welt, aus der ich doch so selten hinaus komme. Ich liebe die freie Luft, das Treiben fröhlicher Menschen – und ich habe« fuhr sie wehmüthig fort, »mein ganzes Leben hier in dieser engen Gasse verbracht, im einsamen Hause meines Vaters, – unter den alten Gemälden und Waffen und Meubeln vergangener Zeiten. Freilich erzählen mir alle diese Sachen gar wunderbare Dinge von dem reichen feurigen Leben in der großen Welt und an den Fürstenhöfen der vergangenen Jahrhunderte, – ich sehe diese alten Portraits herabschauen von dem vergoldeten Getäfel der hohen Wände in den alten prächtigen Schlössern, – ich sehe diese Waffen an der Seite hoher Rittergestalten mit seidenen Mänteln und wallenden Federn, – und auf den hochlehnigen, geschnitzten Stühlen sehe ich reizende Damen sitzen, Pagen knieen zu ihren Füßen und sinnig blickende Sänger begleiten ihre lieblichen Romanzen mit den Klängen der alten Mandolinen, welche in den Ecken des Ladens meines Vaters stehen.

»Aber das Alles,« sagte sie seufzend, »sind doch nur Gestalten meiner Phantasie, – sie verfliegen wie der Hauch in der Luft, sobald die Wirklichkeit an mich herantritt, und ich sehne mich so sehr einmal in lebendiger Wahrheit zu schauen, was meine stillen einsamen Träume belebt. Darum habe ich den Vater gebeten mich hinauszuführen, um einmal wenigstens im flüchtigen Vorbeischauen den Glanz der fürstlichen Hohen des Lebens zu erblicken. – Von der Erinnerung an so einzelne Blicke in das glänzende leuchtende Leben muß ich lange zehren,« sagte sie wehmüthig, – »ich bin ja dann wieder immer allein.« –

»Sie sind immer allein?« fragte der junge Mann im Tone eines leichten Vorwurfs.

»Ich war immer allein,« – sagte sie leise, indem ein flüchtiger Blick zu ihm hinüberglitt und ein reizendes Lächeln um ihre Lippen spielte.

Sie waren vor einem kleinen Hause angekommen, das zwischen zwei größeren Gebäuden ein wenig zurücktrat. Das Erdgeschoß hatte neben der Thüre ein großes, bis zur Hälfte hinauf vergittertes Fenster, hinter welchem man bunt durcheinander aufgestellt, alte Bilder, Waffen und Geräthe aller Art erblickte. Hinter diesem Fenster war ein kleineres mit weißen Vorhängen verdeckt. Damit war die ganze Breite des Hauses ausgefüllt, – im oberen Stock war ein Fenster mehr, –die hellgeputzten Scheiben, reine weiße Vorhänge und einige blühende Blumen auf den Fensterbrettern unterschieden dies kleine Haus vortheilhaft von den meisten andern Gebäuden in der Straße, welche düster und unwohnlich schon von außen erschienen.

Das junge Mädchen zog einen Glockendraht neben der verschlossenen Thür, – eine alte Frau mit gelbem runzeligem Gesicht und scharfen dunkeln Augen öffnete und die beiden jungen Leute traten in den Laden, der trotz des Lichtes, das durch das verhältnißmäßig große Fenster hereindrang, einen finstern, fast unheimlichen Eindruck machte. Wie vor dem Fenster, so standen an allen Wänden Antiquitäten aller Art umher, – in den Ecken sah man zusammengestellte Rüstungen in gespenstischer Starrheit mit den leeren Helmöffnungen dastehn, Glasmalereien, schräg gegen das Licht gehängt, warfen ihre buntfarbigen Reflexe an die Wände und über den Boden hin, – es war ein Raum, in welchem man in einsamer Dämmerstunde von unwillkürlichen Schauern ergriffen werden konnte, wenn alle diese Gegenstände, deren jeder mit der Geschichte des Lebens längst verstorbener Menschen verbunden gewesen, in ihrer stummen Sprache zu der ängstlich lauschenden Seele zu reden begannen.

Eine dumpfe Moderluft füllte diesen Raum, den die schöne Lea rasch durchschritt, um die Thür zu einem kleinen dahinter liegenden Stübchen zu öffnen das den vollsten Gegensatz zu dem Laden bildete.

Einige hübsche, freundliche Landschaftsbilder schmückten die mit hellgrauen Tapeten überzogenen Wände, ein einfacher Sopha stand der Thür gegenüber, ein Lehnstuhl, neben dem Fenster mit den weißen Vorhängen, davor ein kleiner Tisch mit einem Buch und einer weiblichen Arbeit, – und in einem schönen alten Krystallkelch ein Bouquet frischer Blumen. Ein einfacher dunkler Teppich bedeckte den Boden.

Dies war der Raum, in welchem das junge Mädchen den größten Theil des Tages zubrachte, – hier saß sie bei ihrer Stickerei oder in träumendem Sinnen zurückgelehnt, – während ihr Vater im Laden mit dem Aufputzen oder Ordnen der Gegenstände seines Handels sich beschäftigte, von hier trat sie seufzend in den Laden, wenn der Alte seine kurzen Geschäftsgänge machte, um eintretenden Käufern Auskunft zu geben – und die meisten Besucher des Verkaufslocals hatten erstaunt aufgeblickt, wenn in diesem düsteren Magazin, angefüllt mit den Resten der vergangenen Jahrhunderte, plötzlich diese frische, duftige Mädchengestalt erschien, hervortretend aus dem zierlichen und wohnlich ansprechenden Raume, der sich hinter dem Ladengewölbe öffnete.

Das junge Mädchen warf Hut und Tuch auf einen Stuhl in ihrem kleinen Cabinet und wendete sich dann schnell um, nach dem Laden hin, mit den Worten: »Jetzt will ich Ihnen den Dolch zeigen, von dem Sie mit dem Vater gesprochen.« –

Ferdinand Partner war ihr gefolgt und als sie sich umwendete, stand er in der schmalen Thür ihr unmittelbar gegenüber, sie mit einem Blicke betrachtend, in welchem halb muthwilliger Scherz, halb tiefe, innige Liebe lag.

»Ich verlange meinen Durchgangszoll,« rief er, die Arme ausbreitend. Sie blickte ihn mit schalkhaftem Lächeln an, und mit einer raschen Biegung ihre schlanken geschmeidigen Körpers wollte sie unter seinem Arm durchschlüpfen, – aber schnell neigte er sich herab, schlang seine Arme um ihre Schultern und bedeckte ihr Gesicht, das sie nicht abwendete, mit glühenden Küssen.

Dann führte er sie zurück in das kleine Cabinet, – drückte sei sanft auf das Sopha nieder und ließ sich zu ihren Füßen auf die Kniee sinken. Er faltete seine Hände auf ihrem Schooß – sie streichelte sanft sein Haar und einige Minuten lang blickte sie sich schweigend in die Augen, Eines in den Anblick des Andern versunken.

»Welch ein Glück meine süße Lea,« rief er endlich, – »daß ein freundliches Schicksal uns heute einige Augenblicke für unsere Liebe gewährt, – kaum hätte ich heute Hoffnung gehabt, Dir einige liebe Worte zu sagen – und wie habe ich gedürstet nach Deinen Blicken und nach Deinen süßen Lippen.« –

Sie sah ihm lange mit schwärmerisch verklärtem Blick in die Augen, – dann zog eine trübe Wolke über ihre so reinen kindlichen Züge, die jedes Gefühl und jeden Gedanken ihres Innern wiederspiegelten und mit einem tiefen Seufzer sprach sie leise:

»Du hast die große weite und reiche Welt, – das Leben steht Dir offen mit seinem Licht und seinem Glanz, – Dir sind die Augenblicke unserer Liebe ein süßes Spiel, eine freundliche Abwechselung mit andern Genüssen des Lebens, – aber ich bin allein, – immer allein in der abgeschlossenen Einsamkeit, – für mich sind die Momente, da ich Dich habe und das Glück der Liebe aus Deinen Augen sauge, Alles was ich besitze, – Du bist meine Welt, mein Leben, mein Licht und meine Wärme, – würdest Du verschwinden aus meiner Existenz, – es wäre aus mit mir, – ganz aus, – es wäre der Tod oder der Wahnsinn.«

Und in stürmischer, glühender Zärtlichkeit beugte sie sich zu ihm herab, faßte sein Haupt mit beiden Händen und küßte sein Haar, seine Augen, seinen Mund.

Dann hielt sie seinen Kopf etwas zurück und sah ihm lange in die Augen, als wolle sie den Blick in die Tiefen seiner Seele tauchen.

»Siehst Du,« sagte sie mit wehmüthigem Tone, – »wenn Du bei mir bist, dann bin ich so innerlich glücklich, – dann vergesse ich Alles in meiner Liebe, dann sehe ich nur Dich und mich in der Welt, – aber wenn Du fort bist, – wenn ich allein bin, – und ich bin so oft und so lange allein, dann sage ich mir, daß das Alles nicht dauern kann, daß mein Leben zurücksinken muß in die kalte Nacht, – daß wir uns trennen müssen, – und dann bin ich sehr, sehr unglücklich.«

»Uns trennten?« rief Ferdinand, indem er ihre Hände sanft von seinem Haupte nahm und an die Lippen drückte, »uns trennen? Und warum? Zweifelst Du an meiner Liebe?«

»Du gehörst einer andern Welt an,« sagte sei immer in demselben traurigen Ton, »glaubst Du, daß Dein Vater, der stolze Bürger, der fest und unbeugsam ist wie Eisen, so sagen Alle von ihm, daß er Dir erlauben wird in sein Haus die Jüdin, die Tochter des Antiquitätenhändlers aus der alten Gasse zu führen, auf welche die hochmüthige Bürgerschaft von Frankfurt mit Verachtung herabblickt? Und Du selbst,« sprach sie weiter, »würdest Du dem Vorurtheil der Welt trotzen wollen? Würdest Du durch das Leben an Deiner Hand ein Weib führen wollen, dem die Frauen Deiner Welt mit Achselzucken begegnen würden? O,« rief sie mit schmerzlichem Ton, »das Alles ist sehr traurig.«

Rasch sprang der junge Mann empor.

Seine Augen flammten und mit bewegter Stimme rief er:

»Für wie klein und schwach hältst Du meine Liebe, daß Du mir zutrauen kannst, ich würde sie hinwerfen können – diese Liebe, die mir die schönste Blüthe des Herzens ist – aus feiger Furcht vor den Vorurtheilen der Welt; wahrlich, es würde mich weniger kränken, wenn Du mich für fähig hieltest, Dir untreu zu werden um einer anderen Liebe willen, aber zu glauben, daß ich wie ein zitternder Schulknabe von Dir schleichen würde aus Angst vor meinem Vater, aus Angst vor den Blicken meiner Sippschaft, das ist ein Gedanke, den Du nicht hegen solltest.«

In zitternder Erregung blickte er zu Boden, zornig zitterten seine Lippen.

»Verzeih',« sprach sie leise mit bittend gefalteten Händen, »wenn die schwarzen Gedanken, die in einsamen Stunden mich quälen, mir auf die Lippen getreten sind –«

Er setzte sich neben sie, legte sanft den Arm um ihre Schultern und sprach in innigem Ton:

»Glaube mir, daß ich Allem, Allem trotze um Deinetwillen, siehst Du, meine Geliebte, mein Herz, mein ganzes Wesen gehört der Welt nicht an in der ich lebe, ich habe den Hauch des freien Geisteslebens eingeathmet im Kreise von Freunden, die anderen Kreisen angehörten als ich, mein Herz glüht vor Begeisterung für die Kunst, für ein hohes edles Streben im Reiche des Wissens, des Schaffens für die ewigen Güter der Menschheit – und dem Willen meines Vaters gemäß muß ich meine Kraft aufreiben in der gleichmäßigen ermüdenden Arbeit für den materiellen Erwerb. Ich habe mich unterworfen, ich habe meine Begeisterung und meine Sehnsucht dem Willen meines Vaters zum Opfer gebracht, nicht,« rief er stolz den Kopf emporwerfend, »weil ich mich fürchte, allein und mittellos den Kampf mit dem Leben aufzunehmen, o, ich würde auch in Armuth und Entbehrung glücklich sein können, nein, ich habe mich unterworfen, weil ich meinen Vater achte und ehre, weil ich begreife, daß er von seinem Standpunkte aus Recht hat, weil ich für mich die Pflicht erkenne, mich der Ruhe und dem Frieden meiner Familie zum Opfer zu bringen – und wird mir doch einst – wenn auch in späterer Zeit, Freiheit und Muße bleiben um auch meinen Neigungen zu leben.

»Doch,« rief er, sich höher aufrichtend, »wenn ich dem Willen meines Vaters und der Pflicht gegen meine Familie mich unterwerfe und einen Lebensberuf auf mich nehme der meinem inneren Sehnen und Streben so gar nicht entspricht, wenn ich meinen Geist in die Fesseln einer lähmenden und drückenden Arbeit schlagen lasse, so verlange ich für mein Herz die Freiheit und das Glück. Die Poesie und ihre Blüthen, denen ich in der großen Arbeit des Lebens entsage, will ich wenigstens im Innern meines Hauses an meinem Heerde halten und pflegen, hier will ich dem Ideal einen Tempel bauen, in dem ich mich stärke und von Neuem weihe zur Erfüllung der strengen und ernsten Pflicht. Und die Priesterin dieses Tempels sollst Du mir sein, meine geliebte Lea,« sagte er, sie innig an sich drückend mit einem Kuß auf ihr dunkles Haar, »aus Deinen Augen will ich den heiligen Rausch trinken mit durstigem Blick, der die im irdischen Staub ringende Seele mit den Gebieten der ewigen Schönheit verbindet.«

Das junge Mädchen erzitterte in seinem Arm. Fast ängstlich schlug sie die Augen empor.

»Kann ich Dir das sein,« hauchte sie leise, »ich, die Tochter des verachteten Volkes?«

»Ich will Dich auf meinen Armen durch das Leben tragen und will Dich schützen gegen jeden bösen Blick und jeden Hauch der Mißachtung,« rief er laut, »das schwöre ich Dir, und bald, bald soll es klar werden und mein Vater, der seinen Willen so fest hält, soll sich auch meinem festen Willen gegenüber finden in offener Erklärung, – er wird auch meinen Willen achten, – und sollte es nicht sein, so werde ich meinen Weg gehen, nur das Eine werde ich niemals thun; – Dich zu verlassen! Glaubst Du mir, meine Geliebte,« fragte er, ihren Kopf emporrichtend und ihr in die Augen schauend, »vertraust Du mir für alle Zukunft?«

»Ich glaube und vertraue,« sagte sie mit klarer Stimme, indem sie ihre Arme um seine Schultern legte.

Und in langem Kusse brannten ihre Lippen aufeinander.

»Aber,« sagte sie dann, ihn sanft zurückdrängend, »Du mußt den Dolch ansehen, wenn der Vater kommt, mußt Du doch das Werk Benvenuto Cellini's kennen.«

Lächelnd erhob sie sich und ging in den Laden. Mit glücklichen Blicken folgte er den geschmeidigen Bewegungen der schlanken, zierlichen Gestalt.

Sie kehrte zurück, nachdem sie einen Augenblick auf einem Tisch in der Nähe des großen Fensters gesucht hatte und brachte einen dreischneidigen, italienischen Dolch mit schön ciselirtem Griff und eben solcher Scheide. Der junge Mann ergriff die Waffe und betrachtete sie aufmerksam mit Kennerblick.

»Herrlich, wunderbar schön gearbeitet,« rief er, »Dein Vater hat Recht, das ist ein Meisterstück.«

Er zog langsam den Dolch aus der Scheide. Die haarscharfe Spitze der Klinge funkelte im letzten Strahl der Abendsonne, der zwischen den alten Häusern her durch das Fenster hereinfiel.

»Diese Waffe hat eine Geschichte,« sagte er sinnen, »eine furchtbare Geschichte vielleicht! – Blut, edles Blut gewiß mag durch diese Klinge geflossen sein, die gezückt wurde in der Hand der Eifersucht oder der Rache. Dieser kalte, glänzende Stahl hat unerbittlich ein warmes, fühlendes, hoffendes und liebendes Herz durchstoßen und ist die Ursache gewesen zu unendlichen Thränen und bitterem Jammer. Die Menschengeschlechter, in deren Schicksale dies kalte Werkzeug des Verhängnisses einst zerstörend eingriff, sind versunken in Staub und Asche, ihre Geschichte, mit allem Lieben und allem Leiden, ist verweht in die öde Leere der Vergessenheit und diese Waffe, dieses todte, willenlose Instrument menschlicher Leidenschaft glänzt heute noch ebenso wie damals, sie wird als Schmuck ein freundliches Zimmer zieren und dieser schöne Griff, an welchem eines großen Meisters kunstgeübte Hand edle Gedanken zu edler Form bildete, welche dann in krampfhaftem Griff die heiße Hand der wilden Leidenschaft umfaßte, er wird ruhig daliegen, eine Freude der Kunstkenner, bis vielleicht in anderen Generationen das Verhängniß ihn abermals mit dem Blute warmer Herzen bespritzt.

»Fast macht es traurig,« sagte er leiser, »wenn man die Unvergänglichkeit der todten Dinge betrachtet, gegenüber der flüchtig dahinwehenden Existenz der Menschen, die sich für die stolzen Könige der Schöpfung halten, während der kurzen Augenblicke, die sie auf dieser Erde wandeln.«

Das junge Mädchen hatte sich vorgebeugt und betrachtete, seinen Worten zuhörend, die schöne Waffe, er machte eine leichte Bewegung, der Dolch entglitt seiner Hand und mit einem kurzen Schrei sprang sie zurück.

Die Waffe hatte im Fallen ihre Hand gestreift, hellrothe Blutstropfen rieselten an ihrem feinen, weißen Finger herab.

»Mein Gott,« rief er, »wie ungeschickt war ich, bist Du tief verwundet?«

»O, es ist nichts,« sagte sie lächelnd, »ein kleiner Riß, die Klinge hat mich eben nur gestreift.«

Er hatte ihre Hand ergriffen und prüfte den blutenden Finger. Es war in der That nur ein kleiner Riß in der Haut, er hob die Hand an seine Lippen und sog den Blutstropfen auf.

»Um Gotteswillen,« rief sie, »was thust Du, man hat in früheren Zeiten solche Waffen vergiftet!«

»Sei unbesorgt,« sagte er lächelnd, »die Zeit, welcher der Stahl widerstand, würde das Gift nicht auf der Klinge gelassen haben.«

Das Blut war gestillt. Er umwickelte den Finger mit ihrem Taschentuch.

»Du hast vorhin an der Festigkeit und der Dauer meiner Liebe gezweifelt,« sagte er, ihr liebevoll in die Augen blickend, »jetzt bist Du meiner sicher, ich habe Dein Blut getrunken, das bindet mich für immer und ich kann niemals von Dir lassen.«

Mit schwärmerischem Blick warf sie sich in seine Arme. Er drückte sie fest an sich und Brust an Brust standen sie schweigend in langer Umarmung.

Die Thür des Ladens, welche sie beim Eintritt nur angelehnt, hatte sich geöffnet, der alte Davidsohn trat ein und erblickte in der Mitte des Ladens stehen bleibend die jungen Leute in dieser Stellung.

Das halb gutmüthige, halb sarkastische Lächeln verschwand von seinen Lippen, seine dunklen Augen blickten düster auf das Paar hin, finstere Falten zogen sich auf seiner Stirn zusammen.

Er machte eine unwillkürliche Bewegung. Lea fuhr zusammen und richtete den Kopf empor. Mit einem leisen Ausruf des Schreckens riß sie sich los und stand in tiefer Verwirrung, zitternd und erröthend mit zu Boden gesenkten Blicken da.

Der junge Mann trat dem alten Davidsohn ruhig und freien Blickes entgegen.

»Herr Partner,« sagte der Alte mit leicht bebender Stimme, »ich habe stets eine besondere Vorliebe und Achtung für Sie gehabt, weil Sie ein kluger und bescheidener junger Mann sind, nicht wie andere Leute Ihres Alters und weil ich Sie für einen ehrenhaften Mann hielt; es thut mir leid, es thut mir wahrlich leid, daß Sie im Stande gewesen sind das Vertrauen eines alten Mannes zu täuschen und mein Kind, das Kleinod meines Lebens, zum Spiel und Zeitvertreib einer Laune zu machen, weil es,« fügte er bitter hinzu: »das Kind eines Juden, die Tochter eines verachteten Stammes ist. Und Du, meine Tochter,« sprach er mit tief schmerzlicher Bewegung, »wie konntest Du Deine Ehre und die Ehre Deines Vaters so vergessen?«

»Mein Vater,« – stammelte das junge Mädchen, den Blick wie hülfeflehend auf ihren Geliebten richtend.

Dieser ergriff ihre Hand und trat vor den Alten hin.

»Herr Davidsohn,« sagte er ernst und fest, »wenn Sie mein Gespräch mit Ihrer Tochter gehört hätten, so würden Sie den Vorwurf, den Sie mir gemacht, nicht ausgesprochen haben. Ich liebe Ihre Tochter und bitte Sie um ihre Hand. Ob und wann mein Vater mich in den Stand setzen wird, einen eigenen Heerd zu begründen, weiß ich nicht, daß es er kann, wissen Sie, und könnte er es nicht, so habe ich soviel gelernt, um mir selbst eine Stellung und Brod zu erringen – wir sind beide jung und könnten warten.«

Das Gesicht des Alten war während der Rede des jungen Mannes immer heller und freundlicher geworden.

»Mein lieber Herr,« sagte er nach einem kurzen Schweigen, »was Sie mir sagen, freut mich von Herzen um Ihretwillen, denn ich glaube an die Wahrheit Ihrer Worte, es freut mich, daß ich mich in Ihnen nicht getäuscht habe und daß Sie ein ehrlicher Mann sind. In der Sache aber,« fuhr er achselzuckend fort, »ändert Ihre ehrliche Absicht nichts. Sie und meine Tochter, – das ist unmöglich.«

»Und warum?« fragt Ferdinand in ruhigem Ton. –

»Da ist zuerst, sehen Sie,« sagte der alte Davidsohn, »die Religion –«

Der junge Mann richtete den Blick fragend und bittend auf Lea.

»– doch,« fuhr der Alte fort, »das ist eine Sache zwischen mir und meiner Tochter, darüber will ich jetzt nicht weiter sprechen, dann aber, ist da Ihr Herr Vater, Sie kennen ihn, ich weiß, wer er ist und wie er ist. Glauben Sie, daß Ihr Herr Vater jemals zugeben eine Verbindung seiner Sohnes mit der Tochter des jüdischen Handelsmannes?«

Der junge Mann zögerte einen Augenblick.

»Ich werde mit meinem Vater sprechen,« sagte er, »und wenn er –«

»Halt,« fiel der alte Jude ein, »ich werde Ihnen sagen meine ernste und feste Meinung: – nicht Sie sollen sprechen mit Ihrem Herrn Vater, das würde geben einen harten Zusammenstoß und ein Unglück, ich werde sprechen mit ihm, als ehrlicher Mann zu einem ehrlichen Mann, und wenn Ihr Vater Ja sagt zu Ihrer Verbindung, dann wollen wir weiter reden über das Uebrige; versprechen Sie mir auf Ihr Wort, daß Sie meine Tochter nicht wollen wiedersehen, bevor ich mit Ihrem Vater gesprochen?«

»Und wenn er Nein sagt?« fragte Ferdinand zögernd.

»Ich werde Ihnen mittheilen, was er wird gesagt haben,« erwiderte der Alte, »und dann Ihnen auch sagen meine weitere Meinung. Geben Sie mir Ihr Wort?«

»Ich gebe es,« sagte Ferdinand.

»Lebe wohl, meine Lea,« rief er dann, das junge Mädchen stürmisch in die Arme drückend, »Nichts kann mein Herz von Dir trennen, fasse Muth und glaube an mich!«

Er drückte die Hand des Alten und verließ schnell das Haus.

»Mein Vater,« rief das junge Mädchen, »verzeihe mir, ich habe nicht anders gekonnt!«

»Du hast gethan,« sagte er mit weichem Ton, »was der Beruf ist Deines Geschlechts, Vater und Mutter zu verlassen und dem Manne zu folgen, zu dem Dein Herz Dich zieht, der Gott unserer Väter möge geben, daß der Zug Deines Herzens Dich nicht zu schwerem Leid und Kummer geführt hat.«

»Bleibe allein,« sagte er dann, »Du hast es nöthig, Dich zu sammeln und in Dich selbst einzukehren, gehe hinauf in Dein Zimmer, der Gott Abraham's sei über Dir mit seinem besten Segen.«

Er legte ihr die Hand auf das Haupt, schweigend beugte sie sich zusammen und ging hinaus.

Der Alte setzte sich in einen alten, hochlehnigen Stuhl, das scharfe, kluge Gesicht hob sich eigenthümlich hervor aus dem dunklen Schnitzwerk von Eichenholz, gedankenvoll richtete er den Blick durch das Fenster hinauf zu dem kleinen Stück blauen Himmels, das zwischen den hohen Häusern in die enge Straße hineinschaute, und im stillen Selbstgespräch bewegte er seine Lippen.

»Da kommen sie zusammen,« sagte er leise, »die Gewaltigen der Erde, und alles Volk läuft ihnen nach, und mit menschlichen Satzungen wollen sie die Welt glücklich machen, und was die armen Menschenherzen quält in ihrem Ringen auf Erden, das kann doch allein der ewige Gott, der gewaltige Herr der Heerscharen lenken und führen zu Frieden und Segen. Er soll mein Hort sein und das Vertrauen auf ihn die Leuchte meiner Seele, – wie er gesungen hat, der königlich Sänger, der große Fürst meines Volkes.«

Er faltete die Hände über seine welken, gerunzelten Züge legte sich ein Schimmer der Verklärung, sein Auge strahlte in gläubiger, frommer Begeisterung als er langsam die Worte des Psalmisten sprach:

»Du lässest Brunnen und Bäche quellen und lässest die mächtigen Ströme versiegen, Tag und Nacht ist Dein, Du lässest die Sonne und die Sterne des Himmels ihren festen Bahnen folgen, o, laß den Geringen nicht in Schande davon gehen, denn die Armen und Elenden rühmen Deinen Namen.

Zweites Capitel.

Der Abend dunkelte tief herab, als der junge Ferdinand Partner durch die noch immer auf den Straßen unruhig auf und nieder wogenden Menschenmassen nach seinem elterlichen Hause zurückkehrte.

Die Fenster des Wohnzimmers waren hell erleuchtet, der junge Mann stieg die Treppe hinauf und trat in den von zwei großen Lampen mit weiten flachen Kuppeln von weißem Milchglas erhellten Raum.

Hier war die Familie um den Theetisch versammelt und einige Bekannte des Hauses hatten sich eingefunden, wie überall in jenen Tagen in Frankfurt die Freunde zusammenkamen, um die außergewöhnlichen Ereignisse und das glänzende Schauspiel zu besprechen, das sich in den Straßen der alten Stadt darbot.

Frau Partner saß ernst, still und würdig in der Ecke des hochlehnigen Kanapee's neben einer andern älteren Dame ihrer Bekanntschaft, welche ebenso schweigsam wie die Frau des Hauses, nur von Zeit zu Zeit eine ziemlich allgemeine, sentenzenhafte Bemerkung in die Unterhaltung hineinwarf und sich im Allgemeinen darauf beschränkte, ihr Zuckergebäck in die Theetasse zu tauchen und in kleinen Bissen langsam zu verzehren.

An der andern Seite des Tisches saß Fräulein Bertha hinter dem großen Theekessel von schwerem Silber, beschäftigt, mit kunstgerechter Hand das duftige Getränk zu bereiten und einzuschenken.

An der Seite des Kanapee's saß die Tochter des Hauses, neben ihr Herr Guenther, sein glattgescheiteltes Haar war in fehlerloser Ordnung, seine Wäsche war fehlerlos, sein schwarzer Anzug fehlerlos und sein glattes, regelmäßiges Gesicht lächelte ruhig und gleichmäßig, während er in wohlgewählten Worten den Damen erzählte von dem Empfang des Kaisers und von den Vorbereitungen, welche in den einzelnen Hôtels und Gesandtschaften zum Empfange der Souveraine getroffen wurden. Er war ein Bild heiterer Ruhe, ein wohlgesetzter, vortrefflicher junger Mann, das Muster eines Schwiegersohnes, – wie die Freundin der Hausfrau im Stillen zu sich selber zu sagen nicht unterlassen konnte. – Zuweilen nur fuhr blitzähnlich ein scharfer, tiefforschender Blick seines meist niedergeschlagenen Auges über die Gesellschaft hin, ein Blick voll concentrirter Beobachtung, der in einem Moment alles was im Zimmer geschah bis in die kleinsten Nüancen zu erfassen schien und sich dann schnell wieder zu Boden senkte. Gegen Fräulein Emma war er voll eifriger Aufmerksamkeit, ohne jedoch durch eine zu große Annäherung lästig zu fallen, und ohne durch ein Wort oder eine Bewegung anzudeuten, daß er aus der Zustimmung des Vaters ein Recht für seine Bewerbung in Anspruch nehmen wollte.

Emma selbst saß fast stumm da, sie war bleicher als sonst, auf ihren Zügen lag ein Hauch tiefer Melancholie, der ihre zarte Schönheit noch ätherischer und ansprechender als sonst erscheinen ließ und wie mit gewaltsamer Anstrengung hielt sie ihre Augen niedergeschlagen, um nicht den Blicken des österreichischen Hauptmanns Baron Hohenberg zu begegnen, welcher neben ihrer Cousine saß und mit seinen dunkeln Augen oft fragend und bittend zu ihr hinüberschaute.

An der andern Seite neben Bertha saß der preußische Lieutenant Steinberg, der am Morgen am Hause vorbeigegangen war, gerade aufgerichtet, mit ernsten, strengen Zügen; in einer beinahe pedantischen Galanterie leistete er der jungen Dame alle jene kleinen Handreichungen, deren sie bei ihrem Geschäft, die Honneurs des Theetisches zu machen, bedurfte.

Durch die geöffneten Fenster drang die schwüle Abendluft des Hochsommers herein, aber auch die moralische Atmosphäre, welche über der Gesellschaft schwebte, war schwül und gedrückt. Die beiden älteren Damen trugen wenig zur Unterhaltung bei, Emma beschränkte sich auf einzelne ganz kurze Antworten mit halb erstickter Stimme, die beiden Offiziere schienen genirt und unzufrieden und so wurde die Conversation fast ausschließlich von Herrn Guenther und Fräulein Bertha geführt, welche durch eine fast gewaltsame Munterkeit die vielen Engel des Schweigens zu verscheuchen suchten, die mit bleiernen Flügeln durch das Zimmer dahinschwebten.

Eben war wieder eine solche drückende Pause in der Conversation eingetreten und Bertha hatte den ernsten Lieutenant Steinberg neckisch aufgefordert, ein wenig aus seinem strengen Schweigen herauszutreten und eine scherzhafte Geschichte zu erzählen, als die Thüre geöffnet wurde und Ferdinand eintrat.

Bertha wendete bei dem Geräusch der Thür ihren Kopf dem Eintretenden entgegen, ein lichter Schimmer glänzte in ihrem Auge und eine leichte Röthe flog über ihr Gesicht.

Die Herren erhoben sich, um den Sohn des Hauses zu begrüßen, der seiner Mutter die Hand küßte und sich dann zu der Gesellschaft an den Tisch setzte.

»Mit einer Tasse Thee darf man Dir nicht kommen,« sagte Bertha lachend zu ihrem Vetter, indem eine glückliche Heiterkeit auf ihrem Gesicht strahlte, »in Dir steckt noch der Student, ich weiß schon wonach Dein Herz – oder Deine Kehle sich sehnt.« –

Und schnell aufspringend eilte sie hinaus.

»Sie haben den Kaiser ankommen sehen?« fragte Herr Guenther den jungen Mann.

»Ja,« erwiderte dieser, »oder eigentlich habe ich nur viele Leute gesehen, die den Kaiser sehen wollten, und dann,« fuhr er lachend fort, »einen Wagen der in ziemlicher Entfernung davon fuhr, das Publikum war sehr verstimmt über seine vergebliche Hoffnung und Erwartung.«

»Seine Majestät,« sagte Herr Guenther mit einer gewissen Wichtigkeit, »liebt die Ovationen der Menge nicht und ist deshalb schnell auf einem andern Wege zum Taxis'schen Palais gefahren, man wird ihn so noch genug sehen können, bei den Besuchen der Fürsten und bei dem großen Corso, der in den nächsten Tagen stattfinden soll. – Uebrigens,« fuhr er fort, »hätten Sie in den abgeschlossenen Raum kommen sollen; hätten Sie mir ein Wort gesagt, so hätte ich Ihnen eine Karte verschafft.« –

»Ich danke,« sagte der junge Mann ziemlich kühl, »ich hätte Toilette machen und mich steif hinstellen müssen, und ich liebe den Zwang nicht, auch hätte mich die Beobachtung des Empfangs-Ceremoniels weniger interessiert als die Stimme des Volkes, die ich zuweilen gern aus unmittelbarer Nähe höre, vox populi, vox dei.« –

»Hier hast Du Deinen Heidelberger Nektar,« rief Bertha, welche rasch und geschäftig wieder hereintrat, indem sie ihrem Vetter einen geschliffenen Seidel mit baierischem Bier reichte, auf dessen Deckel von Porcellan man farbig gemalte Fahnen und gekreuzte Schläger erblickte.

»Auf das specielle Wohl meiner lieben Cousine!« rief Ferdinand und leerte mit kräftigem Zug die Hälfte des Seidels.

»Als ich vorhin am ›Russischen Hof‹ vorbeiging,« sagte Herr Guenther, »sah ich das Bett des Herzogs von Braunschweig auspacken, der dort eine Seite des Parterre's bewohnen soll, in der That ein wahres Wunderwerk von einem Bett, in Bau, Polsterung und Decorirung.« –

»Nimmt dieser gute Herzog denn überall sein vortreffliches Bett mit?« fragte Bertha lachend, »gerade hier bei dem Fürstencongreß hätte man das nicht denken sollen, die hohen Herren sind ja, wie man sagt, gerade zusammengekommen, um Deutschland, das so lange geschlafen, zum neuen Tage zu erwecken.«

Herr Guenther warf einen schnellen Blick umher, die Offiziere schwiegen, Ferdinand schien, in Nachdenken versunken, die scherzhafte Bemerkung seiner Cousine kaum gehört zu haben, abermals flog ein Engel des Schweigens über die Gesellschaft hin.

»Hat man noch keine Nachricht,« fragte endlich der junge Partner, »ob der König von Preußen kommt oder nicht?«

»Der König hat die Einladung abgelehnt,« sagte Herr Guenther, »indeß finden noch Unterhandlungen statt, wie ich gehört, und man hofft, daß eine Verständigung erreicht wird.«

»Wenn des Königs Majestät einmal abgelehnt hat,« sagte der Lieutenant Steinberg in kurzem und bestimmtem Ton, »so wird wohl keine Verhandlung dahin führen, daß er dennoch kommt.«

Herr Guenther neigte lächelnd den Kopf, der österreichische Offizier sah seinen preußischen Kameraden wie erstaunt an und Fräulein Bertha warf ihm einen Blick zu, der deutlich ihr Mißfallen an der so kurzen und wenig verbindlichen Bemerkung ausdrückte, mit welcher er die eben begonnene Unterhaltung wieder abschnitt.

In der That trat ein neues Stillschweigen ein.

Bevor noch Jemand den Versuch machte, die Conversation wieder aufzunehmen, trat Herr Sebastian Partner langsam und würdig in die Thür.

Der alte Herr war ruhig und still wie immer, sein Auge blickte klar und freundlich über die Gesellschaft, er verneigte sich kurz und kalt aber mit verbindlicher Höflichkeit gegen die Gesellschaft, begrüßte die Dame neben seiner Gattin mit einem kräftigen Händedruck und nahm dann an ihrer Seite Platz. Ein flüchtiger, scharf forschender Blick streifte den Hauptmann von Hohenberg, dann begann er mit vollster Unbefangenheit über die große Angelegenheit des Tages, den Empfang des Kaisers zu sprechen und gab Herrn Guenther die erwünschte Gelegenheit, noch verschiedene Details mitzutheilen.

Der alte Herr hörte mit höflicher Aufmerksamkeit aber ohne besonderes Interesse zu, sein Blick ruhte auf seiner Tochter, welche, durch die Anwesenheit des Vaters noch mehr verwirrt und befangen, unbeweglich dasaß und kaum mit der äußersten Anstrengung die hervordrängenden Thränen zurückhalten konnte.

»Willst Du uns nicht ein wenig Musik machen, mein Kind?« fragte der alte Herr, als Herr Guenther eine Pause in seinen Mittheilungen machte.

Wie von einem Bann erlöst, erhob sich Emma schnell bei diesen Worten und ging, indem ein eigenthümlich schwermüthiger Blick den Baron Hohenberg streifte, zu dem in der Ecke des Zimmers stehenden Flügel.

Die Herren erhoben sich ebenfalls wie erleichtert durch diese Wendung, welche ihnen erlaubte, den steifen Kreis um den Theetisch zu verlassen.

Herr von Hohenberg wollte Emma zum Flügel folgen, aber Herr Guenther war ihm bereits zuvor gekommen und stand, auf das Instrument gestützt, neben Emma, welche suchend in den auf dem Gestell stehenden Notenheften blätterte. Der Hauptmann blieb in der Mitte des Zimmers stehen.

Emma begann endlich mit sicherer Fertigkeit eines jener Salonstücke zu spielen, welche dazu gemacht zu sein scheinen, um in gefällig melodischer Weise die Lücken der Conversation auszufüllen.

Der Lieutenant Steinberg näherte sich Fräulein Bertha, welche ebenfalls aufgestanden war und wie in zögernder Unschlüssigkeit zu Boden blickte.

»Ich bedaure, mein Fräulein,« sagte er, »daß ich heute keine Gelegenheit gefunden habe mit Ihnen zu sprechen –, ich hätte –«

Wollte das junge Mädchen seine Worte nicht anhören, oder war sie so in ihre Gedanken versunken, daß dieselben nicht an ihr Ohr drangen, sie wendete sich rasch ab und indem sie zu dem einige Schritte entfernt stehenden österreichischen Offizier herantrat, flüsterte sie demselben zu:

»Ich muß einige Worte mit Ihnen sprechen, Herr von Hohenberg.«

Betroffen und fast erschreckt blickte der junge Mann sie an.

»Es ist wegen Emma,« sagte sie mit leichter Verlegenheit.

Herr von Hohenberg zuckte zusammen, dann sprach er schnell gefaßt mit leiser Stimme: »Lassen Sie uns ein wenig zurücktreten,« und in ungezwungener Bewegung näherte er sich einem Fenster. Bertha folgte ihm, und in flüsterndem Tone, wie um die Musik nicht zu stören, sagte er:

»Was giebt es, um Gotteswillen, Emma ist traurig, sie hat Thränen in den Augen und den ganzen Abend kaum einen Blick für mich.«

»Die arme Emma,« sagte das junge Mädchen, immer den lächelnden Ausdruck heiterer Conversation auf ihrem Gesichte festhaltend, »ist sehr unglücklich, ihr Vater hat eine Verbindung für sie beschlossen.«

»Das also war es!« sagte er leise, »und mit wem?« fragte er dann, sich mit angstvoller Spannung zu Bertha wendend.

»Mit Herrn Guenther, der neben ihr steht,« antwortete das junge Mädchen.

Der Hauptmann warf einen flammenden Zornesblick auf den Bezeichneten, der lächelnd am Clavier stand.

»Emma,« fuhr Fräulein Bertha fort, »will Sie sprechen, kommen Sie morgen Vormittag etwas früh her, die Tante ist dann mit der Wirthschaft beschäftigt und wird nicht sichtbar sein, wir werden Sie empfangen, jetzt kein Wort weiter, damit man uns nicht beobachtet.«

Sie trat in die Nähe des Flügels wie von der Musik angezogen, der Hauptmann lehnte sich schweigend in die Fensterbrüstung zurück.

Der Lieutenant Steinberg war, als Bertha sich von ihm gewendet, um den Herrn von Hohenberg anzureden, bleich wie der Tod geworden, seine Lippen bebten und ein Zug tiefen Schmerzes entstellte seine ernsten Züge fast bis zur Verzerrung. Wie einer Stütze bedürftig hatte er die Lehne eines Stuhles ergriffen, und so stand er schweigend und mit mächtiger Anstrengung die ruhige Haltung bewahrend da, während das junge Mädchen mit dem Hauptmann in der Fensterbrüstung sprach. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick nach den Beiden, die in anscheinend erregter Unterhaltung mit einander plauderten, und aus diesen Blicken leuchtete ein glühender Strom von Zorn, Verzweiflung und tödtlichem Haß hervor.

Emma hatte ihren Vortrag beendet, nahm die üblichen Complimente entgegen, welche besonders Herr Guenther ihr in sehr wohlgesetzten Worten auszusprechen sich beeiferte, und kehrte zu dem Theetisch zurück.

»Sie sind ja heute noch stiller und feierlicher als sonst, Herr Lieutenant,« sagte Bertha in heiterem Tone zu dem preußischen Offizier, »finden Sie nicht einmal Worte um das vortreffliche Spiel meiner Cousine zu bewundern?«

»Ich muß fürchten, daß meine Worte heute kein Gehör finden,« sagte der Lieutenant mit tiefer Bitterkeit indem seine Stimme zitterte, »eben so wenig als diejenigen, die ich vorher an Sie richten wollte, als Sie mir den Rücken kehrten und mich stehen ließen.«

»Habe ich das gethan?« fragte Bertha ihn groß ansehend, erschrocken über die tiefe Erregung, welche aus seinen Worten hervorklang, »dann thut es mir leid,« fuhr sie gutmüthig fort, »ich habe wirklich nicht bemerkt, daß Sie mich anredeten, ich bitte Sie um Verzeihung.«

Es schien, als ob die letztere Bemerkung die Erregung des Lieutenants noch steigerte, sein Auge glänzte fieberhaft, ein höhnisches Lächeln, das dem ruhig ernsten Ausdruck seines Gesichts sonst fremd war, spielte um seinen Mund.

Langsam trat auch der Hauptmann von Hohenberg aus der Fensternische wieder zu dem Kreise am Theetisch.

Einzelne laute Hochrufe drangen aus einer gewissen Entfernung sich weiter und weiter fortpflanzend, zum Fenster herein.

»Was mag das bedeuten?« fragte der alte Herr Partner.

»Es wird der König von Sachsen sein, der ankommt,« sagte Herr Guenther auf seine Uhr blickend, »der König von Hannover muß schon herein sein, auch der Herzog von Braunschweig wird heute Abend noch erwartet.«

»Wenn nur sein großes Wunderbett schon aufgeschlagen ist,« sagte Bertha munter, »damit der arme Herr nach der Reiseanstrengung sich ausruhen kann.«

»Der Herzog ist ein vortrefflicher Herr,« sprach der alte Herr Partner, »der sein Land sehr gut regiert, wenn er die materiellen Genüsse des Lebens liebt, so ist das kein Vorwurf für ihn, er versäumt keine Pflicht darüber.«

Und er warf einen strengen Blick auf seine Nichte.

»Der Herzog liebt gute Diners und vor Allem besonders feine Cigarren,« sagte der Lieutenant Steinberg mit einer forcirten Heiterkeit, die seinem gewöhnlichen gemessenen Wesen nicht entsprach, »ich habe da,« fuhr er lachend fort, »eine sehr komische Geschichte von einer Unterhaltung zwischen einem braunschweigischen und einem österreichischen Offizier gehört.«

Der Hauptmann von Hohenberg richtete den träumenden Blick fragend auf den Sprechenden.

»Der Braunschweiger,« erzählte der Lieutenant, »sprach von den vortrefflichen Cigarren seines Herrn, jede kostet einen Thaler, rühmte er, und der Herzog raucht sie nur halb und wirft die andere Hälfte fort.« Der Österreicher, der nichts nachgeben wollte, erwiderte: »Mein Kaiser raucht Cigarren für zwei Thaler, und er schneidet nur die Spitze ab und wirft sie ganz fort.«

Man lächelte ein wenig gezwungen, Herr von Hohenberg, der Anfangs ruhig zugehört hatte und mehr mit seinen Gedanken beschäftigt schien als mit dem Gespräch, zuckte bei der Pointe der Anecdote zusammen, ein zorniger Blitz sprühte aus seinem Auge, eine dunkle Röthe flog über sein Gesicht.

»Das ist nicht wahr,« sagte er in kurzem, scharfem Ton.

»Ich erzähle, was ich gehört,« erwiderte der Lieutenant Steinberg.

»So haben Sie etwas falsches gehört,« sagte Herr von Hohenberg eben so kurz als vorher.

Der Lieutenant schwieg, aber sein Blick traf das Auge des Hauptmanns kalt und scharf wie eine Dolchspitze.

Die Unterhaltung stockte nach einigen kurzen und gleichgültigen Bemerkungen, Herr Guenther blickte auf seine Uhr und brach auf. Die übrige Gesellschaft folgte ihm, ohne daß der alte Herr ein Wort sprach, um sie zurückzuhalten.

»Bleibe noch einen Augenblick hier, ich möchte mit Dir sprechen,« flüsterte Ferdinand seiner Cousine Emma zu.

Erschrocken sah sie ihn an, ihre gewöhnlich so heiteren Züge wurden tief ernst, ein wunderbarer, weicher Glanz schimmerte in ihren Augen.

Schweigend neigte sie den Kopf.

Die Fremden waren die Treppe hinabgestiegen, ein Diener erwartete die alte Dame, Herr Guenther bot ihr höflich seinen Arm und schritt langsam mit ihr davon, nachdem er die beiden Offiziere artig gegrüßt.

»Herr Kamerad,« sagte der Lieutenant Steinberg mit fester, kalter Stimme, »Sie haben mir vorhin ein Wort gesagt, dessen Bedeutung und dessen Folgen Ihnen bekannt sein müssen, ich frage Sie, ob Sie dasselbe zurücknehmen?«

»Nein!« erwiderte Herr von Hohenberg.

»So darf ich fragen,« sagte der Lieutenant ruhig, »wann Sie morgen den Besuch meiner Freunde erwarten wollen?«

»Ich habe früh Dienst,« erwiderte der Hauptmann, »um elf Uhr werde ich zu Hause sein.«

Der Lieutenant grüßte militairisch, Herr von Hohenberg erwiderte den Gruß ebenso und beide Offiziere schritten nach verschiedenen Richtungen die Zeil entlang, auf welcher noch immer lebhaft sprechende Gruppen standen, in welchen Einer dem Andern seine Beobachtungen bei den Einzügen der Fürsten mittheilte. – – –

Der alte Partner hatte kurz und ernst wie immer seiner Familie gute Nacht gewünscht und war langsamen und festen Schrittes zu seinem Zimmer hinaufgestiegen, seine Gattin zog sich ebenfalls zurück.

Emma seufzte tief auf als sie mit ihrer Cousine und ihrem Bruder allein war, die lange zurückgehaltenen Thränen rannen in einzelnen Perlen über ihre Wangen und mit erstickter Stimme sprach sie zu ihrer Cousine:

»Verzeih', wenn ich Dir das Abräumen des Theetisches allein überlasse, ich fühle mich sehr ermüdet und angegriffen und muß zu Bett gehen.«

»Geh' nur, liebes Kind,« sagte Bertha ihr sanft das Haar streichelnd, »ich komme noch zu Dir und tröste Dich.«

Emma reichte ihrem Bruder, der sie traurig und theilnahmsvoll angeblickt hatte, die Hand, er schloß sie in seine Arme, küßte die Thränentropfen von ihren Augen und sprach mit inniger Herzlichkeit:

»Verliere den Muth nicht, mein Schwesterchen, vielleicht wird doch noch Alles gut, ich stehe Dir zur Seite im Kampf für die Rechte des Herzens.«

Sie brach in Schluchzen aus und verließ das Zimmer.

Ferdinand und Bertha blieben allein.

Das junge Mädchen begann in heftigster Verlegenheit den Theetisch abzuräumen, aber ihre Thätigkeit war eine ziemlich erfolglose, denn sie setzte die Gegenstände meist nur mit zitternden Händen von einer Stelle auf die andere, während ihr Busen in heftigen Athemzügen sich hob und senkte.

Ferdinand stand stumm ihr gegenüber und schien die Worte zu suchen um auszusprechen, was ihm auf dem Herzen lag.

»Bertha,« sagte er endlich, »ich muß Dir sagen was mein ganzes Wesen erfüllt, Du wirst es freundlich aufnehmen, Du bist ja von Jugend auf meine Freundin gewesen.«

Sie stand da, eine Hand auf den Tisch gestützt, in der andern den kleinen Löffel eines Theecouverts, ihr Blick schien auf die weiße Decke des Tisches gebannt, fast unhörbar sagte sie:

»Sprich.«

»Sieh', Bertha,« sagte er lebhaft, indem er zu ihr herantrat und ihre Hand ergriff, »Du weißt, wie ich aus dem sonnigen Leben, das mir da draußen aufgegangen war, in der frischen, freien Welt hierher zurückgekommen war, in die eintönige Gleichmäßigkeit des Hauses, wie ich nach schwerem, innerem Kampf den Beruf auf mich genommen habe, zu dem der Willen meines Vaters mich bestimmt, und der mit seiner schweren Last den Flug meines Geistes zu Boden drückt.«

»Ich weiß es,« sagte sie, ohne ihre Stellung zu ändern und ohne den Blick aufzuschlagen.

»Ich war nahe daran,« fuhr er fort, »unter diesem Druck der Verhältnisse zu unterliegen, mein Geist ermattete, bis endlich wie ein wunderbarer Trost, wie eine vom Himmel gesendete Stärkung, die Liebe in mein Herz einzog.«

Ihre Hand zitterte in der seinen, langsam zog sie dieselbe zurück, ein flüchtiger, fast scheuer Blick traf ihn von der Seite herauf, tief erröthend bewegte sie die Lippen, ohne daß ein Laut aus denselben hervordrang.

In seine Gedanken versunken, blickte er einen Augenblick schweigend vor sich nieder.

»Die Liebe,« sprach er dann, »welche leise eindringend, allmälig erwachsend, bald mein ganzes Wesen erfüllte mit Licht und Harmonie, diese Liebe gab mir die Kraft, den Zwang des verhaßten Berufs zu ertragen, sie gab meiner Seele die freudige Spannkraft wieder und die Hoffnung, im Kampf mit dem Leben die Poesie des Herzens mir zu erhalten.«

Ein Schimmer unendlichen Glücks übergoß das Gesicht des jungen Mädchens wie mit einem Schein der Verklärung. Aber sie schlug die Augen nicht auf, wie unwillkürlich faltete sie die Hände und ihre Lippen öffneten sich zu lieblichem Lächeln.

»Ich lebte in dieser Liebe,« sprach er weiter, »von einem Tage zum andern nur an das stille Glück meines Herzens denkend, ich vergaß die äußeren Verhältnisse, ich vergaß meinen Vater und seine Vorurtheile.«

Mit fragendem Ausdruck schlug sie eine Secunde den Blick zu ihm auf.

»Ich weiß nicht,« sagte er, »ob mein Vater schon, wie für meine Schwester, auch für mich an eine Verbindung gedacht hat, aber das weiß ich, daß seine Gedanken sich auf jene streng abgeschlossenen altbürgerlichen Kreise richten, denen er entstammt und in deren Grenzen auch das Leben seiner Kinder gebannt bleiben soll, – was wird er sagen, welche Kämpfe werde ich zu bestehen haben, wenn er erfährt, daß die Wahl meines Herzens auf ein Mädchen außerhalb jener Kreise gefallen ist!«

»Dein Vater ist gut im Grunde seines Herzens,« sagte sie leise, »er wird –«

»Und es ist nicht das allein,« fuhr er fort, »es gilt die Bekämpfung des festesten und härtesten Vorurtheils im Geiste meines Vaters, o, er wird außer sich gerathen, wenn er erfährt, daß meine Geliebte eine Jüdin ist.«

Eine tiefe leichenfarbige Blässe bedeckte urplötzlich das eben noch so strahlende Gesicht des jungen Mädchens, in einer beinahe convulsivischen Bewegung richtete sich ihr Körper starr empor, ihre gefalteten Hände preßten sich krampfhaft gegeneinander und indem sie das weit geöffnete Auge mit einem glanzlos todten Blick auf ihn richtete, sprach sie mir rauher Stimme:

»Eine Jüdin? eine Jüdin?«

Sie wendete sich ab und sank wie gebrochen in den nächsten Stuhl.

Erschrocken sah er den Eindruck, den seine Worte auf seine Cousine gemacht hatten.

»Nicht wahr,« fragte er, zu ihr herantretend, »Du schauderst bei dem Gedanken an die Scenen, die es geben wird, denn sieh, ich schwöre es, ich werde nicht nachgeben, werde mich dem Zorne meines Vaters nicht beugen, ich habe ihm meinen Lebensberuf zum Opfer gebracht, mein Herz, das Glück meines innersten Wesens werde ich ihm nicht opfern! Oder,« fragte er forschend auf ihre in heftigem Seelenkampfe zuckenden Gesichtszüge blickend, »oder theilst Du jenes Vorurtheil gegen ein armes, unglückseliges, so lange verachtetes und verfolgtes Volk?«

Sie hatte mit gewaltiger Anstrengung die Herrschaft über sich selbst wieder gewonnen, ein tiefer Seufzer rang sich aus ihrer heftig arbeitenden Brust hervor, sie senkte den starren Blick zu Boden und mit ruhiger, aber fast tonloser Stimme sprach sie:

»Du hast Recht, das ist traurig, das wird einen harten, entsetzlichen Kampf kosten! aber wer« flüsterte sie, indem die Worte wie ein leiser Hauch aus ihren kaum bewegten Lippen hervordrangen, »wer ist sie?«

»Die Tochter des alten Davidsohn, den Du zuweilen hier gesehen, wenn er mir Antiquitäten brachte,« erwiderte er.

»Und,« fragte sie immer in demselben Ton, »ist sie Deiner Liebe, ist sie eines solchen Kampfes werth?«

»Hältst Du mich,« rief er, stolz den Kopf emporrichtend, »hältst Du mich, Deinen Jugendfreund, dessen Herz Du kennst, für fähig, meine Liebe einer Unwürdigen zu schenken? O,« fuhr er mit leuchtenden Blicken fort, »meine Lea ist das reinste, das edelste Herz, das tiefste, weichste und liebevollste Gemüth, doch,« sagte er, abermals ihre Hand ergreifend, »Du wirst sie sehen, Du wirst sie ebenfalls lieben.«

»Ich!?« rief sie in fast wildem Aufschrei, entsetzt blickte sie ihn an und zog heftig ihre Hand zurück.

»Würdest Du mir die Bitte abschlagen, die ich Dir aussprechen wollte?« fragte er, sie mit einem gewissen Erstaunen anblickend, »sieh, ich verlange nicht viel von Dir,« fuhr er in bittendem Tone fort, »der alte Davidsohn hat unsere Liebe entdeckt, ich habe ehrlich und offen mit ihm gesprochen, er hat mir eben so offen und frei geantwortet, er will selbst mit meinem Vater, dessen Vorurtheile er kennt, sprechen und hat mein Wort verlangt, bis dahin seine Tochter nicht wieder zu sehen, ich habe mein Wort gegeben und ich werde es halten, aber,« sagte er mit tief schmerzlichem Ton, »sie wird weinen, sie wird traurig sein, meine arme, süße Lea –«

»Sie wird traurig sein,« wiederholte Bertha wie mechanisch, ohne daß ihre starren Gesichtszüge sich bewegten.

»Ich muß Ihr Trost senden,« fuhr er fort, »einen Gruß meiner Liebe, der ihr Muth und Hoffnung geben soll und ich bitte Dich,« sagte er, zu den Füßen seiner Cousine niederknieend, »ich bitte Dich von ganzem Herzen, geh' zu ihr, geh' zu ihr, bringe ihr meinen Gruß, sage ihr, daß ich treu ausharre, daß ich fest halte an ihr, was auch kommen möge.«

Er legte seine beiden Hände aneinander und sah sie mit innig bittenden Blicken an.

Ein bitteres, hartes Lächeln zuckte einen Augenblick um ihren Mund, schnell bedeckte sie ihr Gesicht mit den Händen und als sie dieselben wieder zurückzog, trugen ihre Züge den ruhigen Ausdruck stiller Ergebung.

»Ich werde zu ihr gehen und ihr Deine Grüße bringen,« sagte sie freundlich.

»O Dank, tausend Dank,« rief er aufspringend, »ich wußte, daß meine liebe Freundin mir helfend zur Seite stehen würde, daß ich mich Deinem treuen Herzen anvertrauen könnte. Du hast mein Herz leichter gemacht, das werde ich Dir niemals, niemals vergessen! Gute Nacht, gute Nacht meine liebe, liebe Bertha, der Himmel segne Dich und bewahre Dich vor ähnlichen Kämpfen wie ich sie durchmachen muß.«

Stürmisch schloß er sie in seine Arme, drückte sie fest an seine Brust und küßte sie. Ihr ganzer Körper zuckte zusammen unter seiner Umarmung, zitternd blieb sie stehen, als er sie losließ und mit einem nochmaligen »Gute Nacht« rasch das Zimmer verließ.

Lange stand sie unbeweglich die Blicke auf den Boden geheftet.

»So ist er denn aus,« flüsterte sie leise, »der Traum meines Herzens von Glück und Liebe, aus, aus für immer und ewig, o, das ist hart, sehr hart.«

Und in lautes Schluchzen ausbrechend, kniete sie vor einem Stuhl nieder und stützte das Gesicht in die Hände.

Dann erhob sie sich langsam, strich mit der Hand über ihre kalte, feuchte Stirn und sagte:

»Hinab, hinab mit meinem Schmerz in die Tiefen meines Herzens, Niemand soll ihn sehen, Niemand soll ihn ahnen, Niemand, er vor Allen nicht und sie, sie, die er so sehr liebt.«

Mechanisch ordnete sie das Geräth auf dem Theetisch, verschloß die große, silberne Zuckerdose, zog dann den Glockenzug und befahl dem Hausmädchen Alles abzuräumen.

Ruhig stieg sie hinauf in das Zimmer ihrer Cousine.

Leise trat sie an das Bett. Unter den weißen, duftig frischen Vorhängen lag Emma, den schönen Kopf seitwärts auf den Kissen ruhend, ihre Augen waren geschlossen, an den Wimpern glänzte noch ein Thränentropfen, aber in den Athemzügen eines ruhigen Schlummers hob und senkte sich ihre Brust.

»Sie schläft,« sagte Bertha leise, »sie schläft und träumt vielleicht sich glücklich und ihr Unglück ist nicht das schwerste.«

Sie hauchte einen leisen Kuß auf die Stirn ihrer Cousine und ging mit unhörbaren Schritten in ihr daneben liegendes Zimmer.

In tiefen Gedanken, oft leicht die Lippen bewegend, entkleidete sie sich und als sie den Kopf auf ihr Kissen legte, da begannen leise erst, dann immer stärker und stärker ihre Thränen zu fließen, der Schlaf blieb ihrem Lager fern und kein Traum senkte sich in ihre Seele herab, um mit seinem wohlthätigen Schleier den Schmerz zu verhüllen, der kalt und eisig die Blüthen ihres jungen Lebens vernichtete.

Drittes Capitel.

Hell glänzend stieg die glühende Sonne des Hochsommers, Sonntag den 16. August, am blauen, wolkenlosen Himmel über der Stadt Frankfurt empor und beleuchtete das glänzende und außergewöhnliche Schauspiel, das sich dort entfaltete. Die Frankfurter Bürger hatten in flüchtiger Eile ihren Morgencafé eingenommen, die Damen, welche so glücklich waren, an den bevorzugten Straßen zu wohnen, in denen fürstliche Gäste ihr Quartier aufgeschlagen, hatten ihre Plätze an den Fenstern eingenommen, umgeben von ihren weniger glücklichen Bekannten, welche sich heute in plötzlicher Herzlichkeit längst vergessener Beziehungen erinnerten, um auf Grund derselben einen Fensterplatz mit Aussicht in Anspruch zu nehmen, die Männer waren hinausgeeilt auf die Straßen, um aus nächster Nähe den vielfarbigen Glanz anzustaunen, den die auf einen Punkt vereinigte Pracht so viele Fürstenhöfe ausstrahlen mußte.

Und in der That war dieser Glanz ein außerordentlicher und blendender. Schon vom frühen Morgen an sah man Lakaien in den verschiedenfarbigsten gold- und silberglänzenden Livréen, Jäger mit wehenden Federbüschen und schwarzen Bärten über die Straßen eilen oder vor den Wohnungen der Souveraine stehen, man sah die prachtvollen Staatscarossen der Fürsten heranfahren, denn zeitig schon begaben sich die hohen Fürsten nach den Kirchen ihrer Confessionen, um ihre sonntägliche Morgenandacht zu verrichten, wonach sie dann dem Kaiser und sich untereinander ihre Besuche machen sollten. Man bewunderte das edle Metall an den Wagen und Geschirren, die herrlichen Pferde, die Puderköpfe der Kutscher und Lakaien, und indem man diesen äußeren Glanz bewunderte, begann man auch für das nationale Werk sich zu erwärmen, das hier gethan werden sollte, – zwar hatten die guten Frankfurter nur sehr unbestimmte Vorstellungen davon, aber so viel Pracht, so viel fürstliche Herrlichkeit konnte ja doch nicht umsonst und zwecklos verschwendet werden, etwas Gutes mußte doch aus alle Dem für Deutschland hervorgehen, es mußte »anders« werden und da man seit zwanzig Jahren in allen Blättern gelesen und von allen Tribünen gehört hatte, daß es sehr schlecht mit Deutschland bestellt sei, so freute man sich, daß es eben »Anders« werden sollte und darum begrüßte man jeden Fürsten, der durch die neugierige Menge dahinfuhr, mit lautem freudigem Zuruf.

Früh schon war der Kaiser Franz Joseph seiner Gewohnheit gemäß aufgestanden, er saß in dem stillen von der Straße abliegenden Zimmer des Bundespalais, das zu seinem Arbeitscabinet hergerichtet war, vor seinem Schreibtisch, auf welchem verschiedene nachgesendete Depeschen lagen, deren persönliche Erledigung der Kaiser mit seiner die Details erfassenden Arbeitskraft nicht unterbrechen wollte.

»So ist denn das große Werk begonnen,« rief der Kaiser, ein Papier, das er durchgesehen und mit einer kurzen Randbemerkung versehen hatte, auf den Tisch zurückwerfend, »die Fürsten Deutschlands sind nun auch versammelt und bereit, des neuen Deutschlands Bau zu gründen! Der Geist der Weltgeschichte umweht mich auf diesem Boden, auf welchem meine Vorfahren im Glanze der Kaiserherrlichkeit einhertraten.«

Ein Ausdruck freudigen Triumphes erleuchtete seine Züge.

»Keiner ist ausgeblieben,« sagte er, »sie Alle sind meinem kaiserlichen Ruf gefolgt und das ist ein erster, großer Sieg; man hat so lange von Berlin aus den alten Bund untergraben wollen, man hat die Geister erfüllt mit Mißtrauen gegen Oesterreich und gegen Habsburg,« sprach er, die Lippen zusammenpressend, »man hat die Führerschaft im geistigen Fortschritt in Anspruch genommen und jetzt? Um mich sind Deutschlands Fürsten versammelt, mit Jubel begrüßen die Völker Deutschlands mein Werk – dort aber in Berlin verzehrt sich die Kraft des Staates im inneren erbitterten Kampf zwischen Volk und Regierung, und einsam steht der Hohenzollernkönig abseits von dem großen nationalen Werk, zu welchem die Fürsten und das Volk von Deutschland sich die Hände reichen.«

Er stand auf und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder.

Dann blieb er stehen und neigte in sinnendem Nachdenken den Kopf.

»Es schmerzt mich,« sagte er leise, »daß ich so dem König Wilhelm entgegentreten muß, es zieht mich unwillkürlich hin zu ihm, sein einfaches, edles Wesen berührt mich sympathisch und doch, doch muß es sein, und er hat ja die Gegnerschaft aufgenommen, indem er in abwehrender Zurückhaltung meine Einladung ablehnte. Ich darf,« fuhr er den Kopf emporrichtend fort, »persönlichen Gefühlen keinen Raum geben, es handelt sich um die Zukunft meines Hauses, es handelt sich für Habsburg, die Krone in Deutschland wieder zu erringen und der alte Hexameter im Römer, der oft in meinen Gedanken wiedertönt, soll von Neuem zur Wahrheit werden:

Emicat his populo Majestas summa coronis!«

Der Kammerdiener meldete den Grafen Rechberg.

Auf den Wink des Kaisers trat der Minister des Aeußeren und des kaiserlichen Hauses in das Cabinet.

Graf Rechberg sah bleich und erschöpft aus. Sein kaltes, ruhiges Gesicht zeigte die Spuren einer gewissen Aufregung.

Der Kaiser trat ihm einen Schritt entgegen und reichte ihm freundlich die Hand.

»Sie leiden unter der unablässigen Anstrengung der letzten Tage,« sagte er im Tone herzlicher Theilnahme, »große Dinge können nicht ohne große Anstrengung erreicht werden, seien Sie überzeugt, daß ich Ihre aufopfernde Ergebenheit niemals vergessen werde.«

Der Graf verneigte sich.

»Im Dienste Eurer Majestät kenne ich keine Ermüdung,« sagte er ruhig.

Der Kaiser setzte sich vor seinen Schreibtisch und deutete dem Minister einen Stuhl neben demselben an.

»Ich bin unendlich gespannt,« sagte er, »zu hören, wie die Fürsten die Frage auffassen, Sie haben ohne Zweifel schon eine gewisse Fühlung über die Stimmung gewonnen. Das Volk scheint sehr gut gesinnt zu sein, die Rufe, die ich bei meiner Einfahrt hörte, waren nicht künstlich gemacht, sie waren der natürliche Ausdruck eines wirklichen Gefühls.«

»Denselben Eindruck habe ich gehabt, kaiserliche Majestät,« erwiderte Graf Rechberg, »auch wird durch meine Agenten bestätigt, daß nach dem ersten, mit etwas Zurückhaltung gemischten Erstaunen, überall in der öffentlichen Meinung unserer Initiative in dem Reformwerke eine freudige Begeisterung entgegengetragen wird.«

»So haben wir denn jene eigenthümliche und so wirksame Macht der öffentlichen Meinung,« sagte der Kaiser leicht lächelnd, »jetzt für uns, welche so lange der schlimmste und unversöhnlichste Feind Oesterreichs war.«

»Herr Fröbel, Majestät,« bemerkte Graf Rechberg, »hat in dieser Beziehung sehr gut gewirkt und sein früheres Unrecht gegen Oesterreich wieder gut gemacht, auch hat er jetzt ein sehr wirksames Mittel ersonnen, die Verhandlungen und Vorhänge hier dem deutschen Volke im richtigen Lichte darzustellen.«

»Nun?« fragte der Kaiser.

»Es wird eine lithographirte Correspondenz herausgegeben,« sagte der Minister, »welche die äußeren und inneren Vorgänge am Fürstentage täglich in ausführlicher Weise den Zeitungsredactionen zuführt. Bei der großen Neugier des Publikums wird diese Correspondenz überall Eingang finden und alles was hier geschieht, wird in der richtigen Weise in die Oeffentlichkeit dringen.«

»Gut, sehr gut!« rief Franz Joseph, mit der flachen Hand auf den Oberschenkel schlagend, »sehr gut! Nun aber die Fürsten und ihre Cabinette – wie ist da die Stimmung?«

Graf Rechberg schwieg eine Secunde.

»Ich habe verschiedene Minister gesehen,« sagte er, »diejenigen der größeren Staaten fast Alle und ich muß Eurer Majestät sagen, daß mir die Stimmung, die ich gefunden, nicht ganz gefällt. Ich habe da eine gewisse Zurückhaltung, eine gewisse Kälte bemerkt, welche nicht zu dem Geiste stimmt, in welchem Eure Majestät die Initiative ergriffen haben, und in welchem die ganze Sache behandelt werden müßte, wenn sie schnellen und sicheren Erfolg haben soll.«

»Man kennt unsere Propositionen noch nicht,« sagte der Kaiser, »und deshalb ist eine gewisse Zurückhaltung natürlich.«

»Es ist nicht das allein,« erwiderte der Minister, »trotz der Oberflächlichkeit meiner bisherigen Unterhaltungen, und trotz der Reserve, der ich begegnete und in welcher auch ich mich halten mußte, bemerkte ich doch zwei Strömungen, die mehr oder weniger scharf sich fast überall zeigten!«

Der Kaiser blickte gespannt und erwartungsvoll auf.

»Zunächst,« fuhr Graf Rechberg fort, »schien mir überall die Besorgniß vorzuwalten, daß die reformirte Bundes-Verfassung die monarchische Selbstständigkeit und Souverainetät der Einzelstaaten mehr einengen und beschränken könnte, als dies bisher der Fall war, man suchte in dieser Richtung von mir Mittheilungen und Erklärungen zu erlangen. Da ich indeß eine anticipirte Discussion unserer Vorschläge für sehr bedenklich halte, so setzte ich allen forschenden Aeußerungen eine unbedingte Zurückhaltung, die ja Eure Majestät auch befohlen haben, entgegen.«

Der Kaiser nickte zustimmend mit dem Kopf.

»Diese Stimmung,« fuhr der Minister fort, »halte ich indeß für weniger bedenklich, sie ist natürlich bei den auf ihre Souverainetät eifersüchtigen kleinen Regierungen und wird verschwinden vor der Pression, die Eurer kaiserlichen Majestät Autorität ausübt und vor dem noch größeren Drucke der öffentlichen Meinung.

»Weit weniger gefallen hat es mir aber,« sagte der Graf nach einer augenblicklichen Pause, »daß ich bei den meisten Ministern eine gewisse Verstimmung, ja Bestürzung darüber bemerkte, daß der König von Preußen nicht zu den Berathungen erschienen ist.«

Der Kaiser warf stolz den Kopf empor.

»Fürchten sie Preußen, wenn sie um mich versammelt sind?« fragte er.

Graf Rechberg zuckte die Achseln.

»Sie fürchten ohne Zweifel jeden Conflict,« antwortete er, »in dem allerdings richtigen Gefühl, daß bei einem ernsten, gar kriegerischen Conflict zwischen Oesterreich und Preußen ihre Sicherheit, ihr ruhiges Stillleben, ja ihre Existenz zunächst bedroht sind.«

»Vor allem,« rief der Kaiser, »wenn sie nicht fest zu einer Seite stehen! –

»Schließen sie ihre gesammte Macht um mich, steht Oesterreich und Deutschland fest vereint da, so hat wahrlich Niemand Grund, sich vor Preußen zu fürchten!«

»Ich habe nicht discutirt,« sagte Graf Rechberg, »dazu waren die Unterhaltungen zu kurz und zu flüchtig, und auch jetzt constatire ich Eurer kaiserlichen Majestät gegenüber nur den Eindruck, den ich empfing. Man warf mir ein,« fuhr er fort, »daß eine Aenderung der Bundes-Verfassung formell ohne Einstimmigkeit nicht möglich sei –«

»Aber wir haben nach der Bundes-Verfassung das Recht der Sonderbündnisse!« rief der Kaiser.

»In unserem Promemoria ist das ausgeführt,« sagte Graf Rechberg ruhig, »dort mögen es die Herren lesen, ich habe Nichts davon gesagt, um nicht zu effrayiren.«

Der Kaiser sann nach.

»Glauben Sie,« fragte er dann, »daß der König von Preußen kommen würde, wenn ich ihn noch einmal einlüde?«

»Ich glaube es nicht,« sagte Graf Rechberg, »man hat dort seinen Entschluß ohne Zweifel sehr genau erwogen u wird n davon abgehen, außerdem a scheint mir eine nochmalige Einladung nicht der Würde Eurer Majestät zu entsprechen, eine nochmalige Ablehnung würde die Spannung verschärfen und die Aengstlichkeit der Fürsten vielleicht noch vermehren.«

»Sie haben Recht,« sagte der Kaiser. »Fanden Sie jene Stimmung auch bei dem Baron Beust?« fragte er dann.

»Nein, Majestät,« erwiderte der Graf, »Herr von Beust, der in vielen wesentlichen Punkten von unsern Vorschlägen unterrichtet war, schien vollkommen überzeugt zu sein, daß gewisse Opfer an Selbstständigkeit der Staaten des Bundes nur dazu beitragen könnten, deren Zukunft zu sichern, und außerdem war er sehr durchdrungen von der Ueberzeugung, daß Oesterreich und die Bundesfürsten auch ohne, ja gegen Preußen nicht scheuen dürften, eine richtige und populäre Reform zu beschließen und durchzuführen.«

»Beust ist ein weiter und freier Geist,« sagte der Kaiser, »es ist schade, daß das kleine Sachsen ihm nicht genügend Spielraum für seine Kräfte bereitet.«

»Ich möchte fast sagen,« fuhr Graf Rechberg seinem Gedankengange folgend und über die Bemerkung des Kaisers hinweggehend fort, »daß Herr von Beust mir nach meiner etwas kalten und praktisch nüchternen Auffassung ein wenig zu gut gestimmt schien. Seine etwas sanguinische Anschauung der Sache unterschätzt vielleicht die Schwierigkeiten, die uns entgegenstehen und zu deren Bekämpfung wir nicht nur Festigkeit, sondern auch viel Geschicklichkeit anwenden müssen.«

»Und Hannover?« fragte der Kaiser, »haben Sie Graf Platen gesehen?«

Graf Rechberg zuckte fast unmerklich die Achseln und sprach mit einem leichten Lächeln:

»Graf Platen,« sagte er, »versicherte mich seiner großen Freundschaft für Oesterreich, indeß glaubte ich gerade bei ihm die ängstlichsten Bedenken wegen der Zurückhaltung von Preußen zu bemerken.«

»Hannover sollte doch am meisten entgegenkommen, um eine Reform zu Stande zu bringen, die ihm Sicherheit gegen alle Gefahren giebt,« sagte der Kaiser.

»Aber es hat auch bei einem Conflict am meisten zu fürchten,« erwiderte Graf Rechberg, »Graf Platen übrigens,« fuhr er fort, »ist jeder Pression zugänglich und seine Sympathieen gehören uns aufrichtig, allein er ist weit entfernt, eine maßgebende Stimme bei dem Könige Georg zu haben.«

»Hannover ist für uns sehr wichtig,« sagte der Kaiser, »schon bei Ertheilung der Kurwürde hatten wir dem Kurfürsten durch besondern Vertrag die Verpflichtung auferlegt, immer mit uns zu stimmen« –

– »wie bei der Verleihung der Reichsgrafenwürde von Hallermud die Platen sich verpflichteten, in der Grafenbank mit Kurhannover zu stimmen,« – bemerkte Graf Rechberg, »leider sind jene Verträge nicht mehr in Bestand.

»Dalwigk habe ich noch flüchtiger gesehen als die andern,« fuhr er dann fort, »er war fest, klar und bestimmt wie immer, auch ohne Scheu vor Preußen, wie man in Württemberg gesinnt ist, wissen Eure Majestät –«

»Ja, ja,« sagte der Kaiser, »der König hält jede Reform für gefährlich, – in dieser Zeit besonders, –« –

Er versank einen Augenblick in Nachdenken.

»Jedenfalls,« sagte er dann, »ist es sehr nützlich, über die Stimmungen vorher ein wenig orientirt zu sein und ich danke Ihnen sehr für Ihre Mittheilungen.«

Er blickte auf seine Uhr.

»Es ist Zeit zum Hochamte zu fahren,« sagte er, »Sie kommen auch in den Dom?«

»Zu Befehl, kaiserliche Majestät,« erwiderte der Graf.

»Die Brust ist mir beklommen,« sprach der Kaiser, tief aufathmend, »von der Macht der historischen Erinnerungen, welche bei diesem Gange in den alten Bartholomäusdom mich erfüllen. Wie viele meiner Vorfahren sind dort vor Gottes Altar getreten, um die Krone Deutschlands zu empfangen und mit dem heiligen Salböl der kaiserlichen Majestät ihre Stirne zu weihen!

»Es ist nicht eine Form, die ich erfülle,« sagte er, den Blick aufwärts richtend, »es ist nicht ein gewöhnlicher Gottesdienst, den ich heute begehe, ich will aus tiefer bewegter Seele beten, daß der Herr der irdischen Könige meinem Werke Seinen Segen gebe, daß er mir vergönne, dem Hause der Habsburger wieder den ehrenvollen Platz in Deutschland zu erringen, den ein feindliches Schicksal uns geraubt, ich will darum beten an der Stätte, an welcher die Geister meiner Ahnen segnend auf mich herabblicken müssen!«

»Und Gott möge Eurer Majestät Gebet erhören!« sprach Graf Rechberg mit voller Stimme, »zum Heile Oesterreichs und Deutschlands.«

Er verließ mit tiefer Verbeugung gegen seinen Souverain das Zimmer.

Der Kaiser klingelte, ließ sich Hut und Säbel reichen und schritt dann durch das Vorzimmer, wo Graf Crenneville, der zweite General-Adjutant Graf Condenhove und die Flügel-Adjutanten vom Dienst sich ihm anschlossen zu dem im Ehrenhofe des Palais haltenden einfachen zweispännigen Wagen.

Der Kaiser stieg mit dem Grafen Crenneville ein und fuhr schnell aus dem Palais, die übrigen Herren folgten in den Dienst-Equipagen.

Als der Kaiser durch die zur Seite tretenden Hofgensdarmen und Hellebardiere in ihren glänzenden reich in Scharlach und Gold schimmernden Uniformen aus dem Portal hinausfuhr, über welchem die große schwarzrothgoldene Fahne sich von dem leichten Windhauch im Morgenlicht langsam aufrollte, empfing ihn ein tausendstimmiger Jubelruf, der brausend zum Himmel emporstieg.

In dichten Massen füllte das Volk die Eschenheimer Gasse, das Erscheinen des Monarchen erwartend, die Mythe von den acht Schimmeln war seit dem gestrigen Abend außer Cours gesetzt, rasch hatte die mündliche Tradition von dem einfachen leichten Wagen des Kaisers mit dem Kutscher und Jäger ihren Weg durch alle Schichten der Bevölkerung gemacht und heute erkannte man ihn sofort überall, als er, oft durch die zudrängende Menge aufgehalten, nach dem Dome hinfuhr.

Vom Palais in der Eschenheimer Gasse setzte sich der jubelnde Begrüßungsruf immer lauter und begeisterter fort, die Hüte wurden hoch in die Luft erhoben, Tücher wehten aus den Fenstern und wenn die Kurfürsten des heiligen römischen Reiches deutscher Nation den Kaiser erwählt hätten wie in alten Tagen, seine Begrüßung hätte nicht lauter, nicht herzlicher und enthusiastischer sein können.

Das Antlitz des Kaisers strahlte von stolzer Befriedigung, seine glänzenden Blicke schweiften über dieses Meer von entblößten Häuptern, von freudig belebten Gesichtern hin und seine Lippen öffneten sich, als wollte er mit huldreichem Wort die grüßenden Rufe erwidern, während er mit der Hand dankend nach allen Seiten winkte.

Am dichtesten stand die Menge um den Dom versammelt.

Langsam fuhr der Wagen heran, der Kaiser sprang heraus und trat unter das Portal, wo der geistliche Rath Thissen und der Kirchen-Vorstand ihn empfing.

Mit tiefem, feierlichem Ernst benetzte der Kaiser die Finger mit dem dargebotenen Weihwasser und leicht das Zeichen des Kreuzes auf Stirn und Brust machend, trat er durch das Portal in die dicht gefüllte Kirche.

Umgeben von seiner ganzen geistlichen Assistenz trat ihm hier der Bischof von Limburg in vollem Pontificalornat entgegen, den hohen in Gold und Edelsteinen strahlenden Krummstab in der Hand.

Es war ein charakteristisches und alle Zuschauer tief ergreifendes Bild, das hier am Eingang des alten Kaiserdomes sich zeigte.

Der Bischof hielt sich ein wenig vorn übergebeugt, das Haupt mit den um die Tonsur her kurz geschnittenen, leicht ergrauenden Haaren, – ein Geistlicher trug die Mitra – neigte er dem Kaiser entgegen; ein freundlicher Ernst, in welchem sich die selbstbewußte Würde des Kirchenfürsten mit der Ehrerbietung gegen den Monarchen vereinte, lag auf den intelligenten Zügen seines mageren Gesichts mit dem scharf geschnittenen Profil und indem er den dunkeln Blick seines tiefliegenden Auges zu den Gewölben des Domes aufschlug und dann wieder herabsenkte, erhob er die Hand zum Segen gegen den Nachkommen der Schirmherren der katholischen Kirche.

Hoch aufgerichtet in militärischer Haltung stand vor ihm der Kaiser. Wohl neigte er leicht das Haupt vor dem Segen des Bischofs, wohl trugen seine Züge den Ausdruck andächtiger Ehrfurcht vor dem heiligen Orte und dem Priester, der ihn im Namen Gottes begrüßte, aber Hoheit und stolze Freude leuchteten aus seinen Augen, als er den Blick über die dichtgedrängte Menge schweifen ließ, welche die Räume des Tempels erfüllte, der so viel Glanz seines Hauses gesehen, und in den er jetzt eintrat, nachdem er die deutschen Fürsten um sich versammelt, deren Vorfahren die Vasallen seines Hauses gewesen waren.

Der Bischof knüpfte in den Begrüßungsworten, die er an den Kaiser richtete, an diese historischen Erinnerungen an, er dankte dem Kaiser für dessen Beitrag zur würdigen Restauration des alten Doms und schloß mit einem Gebet für die Durchführung des unternommenen Reformwerkes zum Heile Deutschlands. Die Stimme des Bischofs, nicht laut und stark, tönte doch mit voller Klarheit durch den tief stillen Raum, Franz Joseph erwiderte mit von innerer Bewegung fast ersticktem Ton einige Worte und begab sich dann, von der Geistlichkeit geleitet, zu dem an der Seite des Hochaltars für ihn aufgestellten Betstuhl, während vom Chor her das Domine salvum fac imperatorem durch den weiten Raum des Schiffes der Kirche tönte.

Das Hochamt begann – in tiefer Andacht folgte der Kaiser der heiligen Handlung und als das ite, missa est ertönte und die Feier beendet war, schritt er rasch durch die ehrerbietig ihm Raum gebende Menge dem Ausgange zu und stieg in seinen Wagen.

Und nun begann in den Straßen von Frankfurt ein Leben und Treiben wie es seit den Glanztagen des großen Napoleon in Erfurt und seit dem Wiener Congreß keine Stadt gesehen. Hin und her fuhren die Könige und Fürsten in ihren Galaequipagen um einander die Bewillkommnungsbesuche zu machen, und unermüdlich hielten die Frankfurter in dichter Menge die Zeil und die anliegenden Straßen besetzt, um die fürstlichen Hin- und Herfahrten zu verfolgen.

Jedermann bewunderte das herrliche Viergespann der Isabellen des Kurfürsten von Hessen. Obgleich der Kurfürst sonst nicht einer besonderen Popularität sich zu erfreuen hatte, so wurde er doch in der Stimmung des Augenblicks überall mit lebhaften Zurufen begrüßt; fast erstaunt blickte er, mit dem ihm eigenen, mürrischen Ausdruck, auf die jubelnde Menge, welche nicht müde wurde, sich ihre Bemerkungen über das eigenthümliche, langgeschwänzte und langmähnige Viergespann mitzutheilen.

Nicht mindere Aufmerksamkeit erregte die glänzende Equipage des Königs von Hannover mit den scharlachrothen Livreen und den weiß gepuderten Zopfperrücken der Kutscher und Lakaien, hier waren aber nicht nur die herrlichen mausegrauen Pferde, ohne alle Abzeichen, der Gegenstand der Theilnahme des Publikums, sondern mit sympathischem Interesse betrachtete Jedermann das edle Antlitz des Königs, dem ein hartes Schicksal das Augenlicht genommen, und der doch mit so heiter ruhigem Ausdruck grüßend, das Haupt neigte bei dem Zuruf der Menge.

Die altfränkische, in schwerer Pracht etwas überladene Carosse des Großherzogs von Baden, die dunkelrothen, mecklenburgischen Livreen und der gewaltige Kutscher des kleinsten der deutschen Bundes-Souveraine, des Fürsten von Lichtenstein; das Alles erhielt die Frankfurter in ununterbrochener Aufregung und Spannung, und gab ihnen Anlaß zu vielen, theils witzigen, theils ernsten Bemerkungen, welche die Fürsten, wenn sie sie hätten hören können, vielleicht nicht angenehm berührt hätten.

Doch war alle diese Kritik im Allgemeinen stets eine durchaus wohlwollende und sympathische, denn die Souveraine waren ja gekommen, um persönlich in Berathung zu treten, wie dem allgemeinen, in der ganzen Nation tief gefühlten Bedürfniß abgeholfen werden könne, und das, die ganze Stimmung beherrschende Gefühl war dankbare Anerkennung über diese fürstliche Initiative.

Durch alles dies glänzende und bunte Treiben hindurch schritt Fräulein Bertha Holberg, von dem Hause des Herrn Partner her, über die Zeil hin; in raschem Schritt bewegte sich das junge Mädchen durch die dichten Gruppen, keinen Blick warf sie nach den glänzenden fürstlichen Equipagen hin, welche sich in der Mitte der Straße begegneten. –

Ihr von einem kurzen, dunkeln Schleier fast bedecktes Gesicht war bleich, und zeigte die Spuren einer schlaflosen Nacht; der sonst so fröhliche Blick ihrer Augen und das heitere Lächeln ihrer Lippen war verschwunden, schmerzliche Resignation lag auf ihrem ernsten, sinnenden Gesicht und von Zeit zu Zeit hob sich ihre Brust zu einem leichten, schmerzlichen Seufzer.

Sie wendete sich nach der alten Stadt hin und trat, mit einer gewissen Scheu um sich blickend, in die enge, schmale Judengasse. Fast ängstlich sah sie an den hohen, finstern Häusern empor und senkte schnell das Auge zu Boden, so oft sie ein forschender Blick der aus den Fenstern schauenden Frauen und Kinder traf.

Die Nummern der Häuser verfolgend, war sie an das Haus des alten Davidsohn gekommen; sie sah prüfend auf den Laden, las das kleine Schild über demselben und öffnete dann, nach einem kurzen Zögern, mit fester Willensanstrengung ihre zitternde Hand zwingend, die Ladenthür.

Der große, dunkle Raum war leer. Fräulein Bertha blieb einen Augenblick neben der Eingangsthür stehen, mit einem gewissen neugierigen Erstaunen all diese wunderbar verschiedenen Gegenstände betrachtend, die hier nebeneinander aufgeschichtet waren.

Bei dem Ton der Glocke, an welche die geöffnete Thür angeschlagen hatte, trat aus dem kleinen Cabinet, dem Eingang gegenüber, die Tochter des Antiquitäten-Händlers und diese beiden, so jungen und so schönen Mädchen standen sich einen Augenblick schweigend gegenüber.

Merkwürdig war der Contrast der beiden Erscheinungen. Fräulein Bertha blickte in zitternder Aufregung zu der schönen Jüdin hinüber, welche, ohne sie zu kennen, so tief einschneidend in das innere Leben ihres Herzens eingegriffen hatte. Sie umfaßte mit einem brennenden, forschenden Blicke ihre Gesichtszüge und ihre Gestalt, dann senkte sie mit einem leisen Seufzer die Augen nieder, sie mußte sich sagen, daß die Schönheit und Anmuth dieser Erscheinung, welche hier in der dunkeln und finstern Umgebung des alten Kaufgewölbes ihr gegenüber stand, jeden Vergleich mit den Damen anderer Kreise auszuhalten im Stande war.

Die schöne Lea trat ruhig einen Schritt vor und fragte mit höflichem Ton nach den Wünschen der Eingetretenen. Bertha ging ihr entgegen, reichte ihr die Hand und sprach, indem ein feuchter Schimmer ihren Blick verhüllte, mit treuherzig freundlichem Ton:

»Ich komme nicht, um Ihren Laden zu sehen, ich komme nicht, um zu kaufen, – ich komme zu Ihnen, mein Fräulein, um mit Ihnen zu sprechen und Ihnen die Grüße eines Freundes zu bringen.«

Erstaunt blickte Lea auf, sie schien in ihren Erinnerungen zu suchen, aber sie fand keinen Schlüssel zu der Erscheinung und Anrede dieser jungen Dame, welche sie nie vorher in ihrem Leben gesehen hatte.

»Ich bringe Ihnen Grüße von meinem Vetter Ferdinand Partner,« sagte Bertha, wie mit einem raschen Entschluß sogleich auf den Gegenstand ihres Besuches eingehend.

Lea zuckte zusammen, eine schnelle Röthe flog über ihr Gesicht, lebhaft ergriff sie Bertha's Hand, führte sie aus dem Laden in das kleine, hinter demselben liegende Cabinet und zog sie neben sich auf das Canapé.

»Sie sind seine Cousine, – sie kommen von ihm – Sie wissen –,« sagte sei in lebhafter Verwirrung.

»Ich weiß Alles,« sagte Bertha, »ich bin nicht nur seine Verwandte, sondern auch die Freundin seiner Jugend, er hat mir gestern Abend sein Herz geöffnet, und ich finde Alles erklärlich und natürlich, nachdem ich Sie gesehen,« fügte sie mit einem wehmüthigen Lächeln hinzu.

Lea schlug die Augen nieder und wartete zitternd auf die weiteren Mittheilungen, welche diese, so plötzlich ihr entgegentretende Fremde ihr machen würde.

»Mein Vetter,« sagte Bertha, »hat sein Wort gegeben, Sie nicht wiederzusehen, bevor Ihr Vater mit meinem Oheim gesprochen haben würde. – Er hat mich gebeten, zu Ihnen zu gehen und Ihnen zunächst die Grüße seiner Liebe zu bringen –, dann soll ich Ihnen sagen, daß Sie Muth und Hoffnung nicht verlieren mögen, er werde, was auch kommen mag, fest an Ihnen halten und keinen Kampf scheuen.«

Traurig blickte Lea zu ihr auf.

»Er hat es mir gesagt,« sprach sie, »und ich weiß, daß er niemals seinem Worte untreu werden wird. – Aber,« fuhr sie fort, »darf ich es zugeben, daß er um meinetwillen mit seinem Vater, mit seiner Familie sich entzweit, daß er die heiligsten Bande der Natur löst, daß er allein und einsam in die Welt hinaustritt um meinetwillen? Kann ich ihm Ersatz geben für das, was er verliert?«

Bertha zwang sich zu einem freundlichen Lächeln.

»Ich habe Ihnen gesagt, was mein Vetter mir aufgetragen hat,« sprach sie, »doch fürchten Sie nicht, daß es zum Aeußersten kommen werde, es ist ja noch kein Grund da, um die Dinge so schwarz anzusehen; noch läßt sich ja Alles vielleicht freundlich und glücklich lösen.«

»Sie wollen mich trösten,« sagte Lea; »sagen Sie mir aufrichtig, glauben Sie selbst an eine glückliche Lösung, glauben Sie, daß Ihr Oheim die Vorurtheile überwinden könne, welche in Ihren Lebenskreisen gegen uns bestehen, und welche, wie ich gehört, bei ihm fester und unüberwindlicher sein sollen als bei Andern?«

Bertha schlug die Augen nieder.

»Sagen Sie mir selbst,« fuhr Lea fort, »würden Sie, die Sie ja selbst in jenen Kreisen aufgewachsen sind, diese Vorurtheile überwinden können?«

Sie faltete die Hände in einander und blickte mit ängstlicher Spannung Fräulein Bertha an. Diese erwiderte voll und klar ihren Blick und sprach mit fester Stimme:

»Ich habe es nicht nöthig, ein Vorurtheil zu überwinden, denn ich habe ein solches nie gehabt und hätte es bestanden, so würde es bei Ihrem Anblick verschwunden sein.«

»Ist das Ihre wirkliche, aufrichtige Meinung,« fragte Lea, indem sie, wie erleichtert, tief aufathmete.

»Es ist meine aufrichtige, wirkliche Meinung,« erwiderte Bertha. »Sie werden es mir um so mehr glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich selbst nur eine Fremde bin in jenen abgeschlossenen Kreisen der Frankfurter Bürgerschaft.

»Ich bin,« fuhr sie fort, »wohl die Nichte des alten bürgerstolzen Kaufmanns Partner, meine Mutter war seine Schwester, aber meine Mutter hatte, ihrem Herzen folgend, jene Kreise verlassen, und wenn ich wieder aufgenommen bin in das Haus meines Oheims nach dem Tode meiner Eltern, so fühle ich doch, wie dort ein fremder Geist mich anweht und das Blut meines Vaters, den meine arme Mutter so sehr liebte, empört sich in mir gegen den Zwang, mit welchem die alten starren Vorurtheile den freien Zug des menschlichen Herzens einengen möchten.

»Ich bin,« sagte sie lächelnd, indem zugleich ein tief wehmüthiger Zug sich um ihre Lippen legte, »ich bin Ihre natürliche Verbündete, und seien Sie überzeugt, daß ich das Aeußerste thun werde, was in meinen Kräften steht, um in diesem Kampf gegen das Vorurtheil zu siegen, – haben Sie Hoffnung, – auf unserer Seite ist Jugendmuth und ein fester Wille, – sollte die fröhliche frische Gegenwart nicht die starren Grundsätze vergangener Tage überwinden können?«

Ihre Worte klangen fröhlich und hoffnungsreich, aber der Ausdruck ihrer Züge, die Blicke ihrer Augen waren so traurig, so schmerzvoll und thränenschwer, daß Lea sie erstaunt ansah, als sie ihr die beiden Hände reichte.

Sie ergriff diese Hände in rascher Bewegung und hingerissen von dankbarem Gefühl gegen dies junge Mädchen, das sie in der traurigen Einsamkeit ihrer schmerzlichen Gedanken aufgesucht hatte, um ihr freundliche Theilnahme, Trost und hoffnungsvollen Zuspruch zu bringen, beugte sie sich hinab und drückte ihre Lippen in heißem Kuß auf die schlanken weißen Finger der Freundin ihres Geliebten.

Bertha zuckte zusammen bei der Berührung dieser glühenden Lippen; mit dem Ausdruck jähen Schmerzes richtete sie ihre Augen nach oben; ihre Brust hob sich in einem tiefen, schweren Athemzug und aus ihren geöffneten Lippen schien ein Aufschrei hervordringen zu wollen, aber mit gewaltiger Anstrengung, zusammenzuckend unter der Anspannung ihrer Willenskraft, drückte sie ihre Bewegung nieder und mit sanfter, ruhiger Stimme sprach sie:

»Nicht so, meine Freundin, die Geliebte meines Jugendfreundes, meines nächsten Verwandten hat ihren Platz an meinem Herzen!«

Leise zog sie ihre Hände zurück und öffnete die Arme, in lautes Schluchzen ausbrechend, warf sich Lea an ihre Brust.

»O, Sie sind gut,« rief sie, »Sie sind nicht wie die anderen hochmüthigen Frauen Ihres Volkes, die voll stolzen Uebermuthes herabblicken auf uns. Sie sind gut, wie er mir oft erzählt hat, wenn er von Ihnen sprach!« –

»Sprach er von mir?« fragte Bertha mit einem unendlich schmerzlichen Lächeln.

»Oft,« rief Lea, »oft hat er von Ihnen gesprochen, er hat mir erzählt, daß Sie seine Jugendfreundin gewesen, daß Sie ihm fast näher ständen als seine Schwester, er hat mir gesagt, daß Sie auch meine Freundin sein würden. Er hat Recht gehabt,« sagte sie, den Kopf von Bertha's Schulter emporhebend und ihr in die Augen schauend mit einem Blick in welchem Glück und Hoffnung durch den Thränenschleier leuchteten wie der Strahl des Sonnenlichts durch den letzten Nebelsaum der dahinziehenden Wolken. »Wie glücklich bin ich,« sprach sie mit innigem Gefühl, »wenn ich in Ihre lieben, klaren Augen sehe; ich bin so allein gewesen, ach so allein mein ganzes Leben, und die Gespielen, die ich hätte haben können, sie waren meinem Herzen so fremd, es thut so wohl, ein theilnehmendes Herz zu finden, es ist so süß, sagen zu können: Meine Freundin! Ich darf so sagen? Nicht wahr?« fragte sie erröthend mit lieblich fragender Verlegenheit im Blick.

Bertha küßte ihre Stirn, der Zug schmerzlichen Leidens verschwand von ihrem Gesicht, voll Rührung sprach sie: »Meine Freundin, Gott möge Sie so glücklich machen als Sie es verdienen.«

»Dank! Dank!« rief Lea, »und ich will den Gott meiner Väter bitten Tag und Nacht, den Gott, der ja auch der Gott des erlösenden Messias ist, dessen Liebesbotschaft ich verstehe und tief im Herzen fühle, seit die Liebe eingezogen ist in meine Seele, ich will zu ihm beten, daß er Sie glücklich mache, daß er Sie behüte vor solchen Kämpfen, wie ich sie durchmachen muß, wenn Sie Ihre Liebe einst verschenken. Sie werden mir das sagen, nicht wahr, oder tragen Sie es schon im Herzen, dies süße, heilige Gefühl, das uns mit Licht und Wärme erfüllt, das uns emporhebt über Raum und Zeit zu den lichten Fernen des Himmels?«

»Meine Liebe?« sprach Bertha mit leiser Stimme, den Blick vor Lea's strahlenden Augen niederschlagend, »die wahre Liebe,« sagte sie halb für sich, »findet ihre höchste Verklärung im Opfer ihrer selbst.«

Der alte Davidsohn trat in den Laden und blieb erstaunt stehen als er seine Tochter im Arm dieser fremden eleganten jungen Dame erblickte.

»Eine Freundin und Verwandte des Herrn Partner,« sagte Lea erröthend, mit glückstrahenden Blicken, »welche so lieb und so gut ist, mir seine Grüße zu bringen.«

Erstaunt blickte der Alte auf das junge Mädchen, er trat zu ihr und sprach voll milder Freundlichkeit mit ernster und voller Stimme:

»Der Gott Isaaks und Jacobs segne Sie, mein liebes Fräulein, daß Sie gekommen sind in mein Haus, um Gutes zu thun an dem betrübten Herzen meiner Tochter, mag Alles kommen, wie es will, ich werde das nie vergessen, und wenn Sie je in Ihrem Leben brauchen werden einen Freund zu Rath und That, so sollen Sie denken an den alten Juden Davidsohn, der Ihnen wird beweisen, daß die Dankbarkeit zu Hause ist unter seinem Volk. Ich bin heute nicht gegangen zu dem Herrn Partner, weil heute ist der Sabbath seiner Religion, aber morgen will ich mit ihm sprechen, und Gott möge geben, daß er anhöre meine Worte mit gutem offenem Herzen.«

Er berührte leicht mit der Hand den Scheitel Bertha's, welche sich unwillkürlich neigte unter dem Segen des alten Mannes.

Dann wendete der Alte sich schweigend ab und begann die Geräthschaften in seinem Laden zu ordnen und zu putzen, Lea aber zog ihre neue Freundin wieder neben sich auf das Canapé und begann ihr zu erzählen von ihrer Kindheit, von den Träumereien ihrer Einsamkeit, von ihrer Liebe, von ihrem Kummer und ihren Hoffnungen; es war, als ob dies lange in einsam zurückgezogenem Leben verschlossene Herz nicht müde werden könne, den Strom seiner tiefen Gefühle in den Busen der so plötzlich gefundenen Freundin zu ergießen.

Bertha hörte schweigend zu. Immer ruhiger und friedlicher wurde der Ausdruck ihres Gesichts, immer wärmer und inniger ruhte ihr Blick auf der schönen Jüdin, aus deren frischen Lippen so viel orientalisch glühende Poesie und zugleich soviel kindliche Reinheit, so viel wunderbar tiefe Empfindung ihr entgegenströmte, und als sie endlich von den liebevollen Blicken Lea's und dem frommen Segenswunsch ihres Vaters begleitet das alte Ladengewölbe verließ und durch die finstere Gasse dahinschritt, da schlug ihr Herz freier; der schmerzlich beengende Bann war gebrochen, der ihre Brust eingeschnürt hatte, als sie hierher kam; nicht mehr in todter, starrer Resignation wie vorher brachte sie ihre Liebe zum Opfer, – zwar mit tief wehmuthsvollem Gefühl aber auch voll freudigen Muthes dachte sie an die Hoffnungen, die sie begraben, an das Glück der anderen Herzen, das sie auf Kosten ihrer eigenen schönsten Zukunftsträume zu begründen helfen wollte.

Im Hause des alten Juden hatte sich ihr des Christenthums heiligstes Geheimniß erschlossen, – die freie selbstverläugnende Liebe des Nächsten, und als sie über die Zeil zurückkehrte nach dem Hause ihres Oheims durch das dichte Gewühl der Menschen, die noch immer die hin- und herfahrenden fürstlichen Equipagen bewunderten, da strahlte ein warmes Licht aus ihrem Blick und ihre Lippen, die sich so oft geöffnet zu kecken Scherzworten voll heiterer Fröhlichkeit, flüsterten leise mit stillem, glücklichem Lächeln: »Geben ist seliger denn Nehmen!«

Viertes Capitel.

Der helle Schein des Vollmonds lag über der flachen Ebene, welche sich an den Ufern der Weichsel ausdehnt, in jener Gegend, wo der kleine Fluß Wieprz, in der Nähe des polnischen Städtchens Ivangrod, etwa zwanzig Meilen südwärts von Warschau, sich in den mächtigen Strom ergießt, der von den Karpathen her seine gelblichen Wellen durch das Königreich Polen und Westpreußen nach der Ostsee hin rollt. Zu beiden Seiten der Weichsel erstrecken sich tief liegende Niederungen, welche in den kultivirten Provinzen von Preußen zu Fruchtfeldern von seltener Ergiebigkeit geworden sind, welche aber hier, tief im alten Polen, mit Weidengestrüpp und hohem Gras bewachsen waren.

Der breite Strom floß langsam und still dahin, an einzelnen Stellen über den unergründlichen Tiefen kräuselnde Strudel bildend; die sandigen, dem Meeresstrande ähnlichen, mit bunten, kleinen Kieseln bedeckten Ufer wurden von langsam heranrollenden kleinen Wellen überspült. In der Mitte des Stromes sah man in gewissen Entfernungen jene größern und kleinern Inseln, welche eine Eigenthümlichkeit des Weichselflusses bilden. Einige derselben sind reine, flache Sandbänke, in einem Jahre aufsteigend aus den Tiefen, im andern wieder verschwindend. – Andere ragen höher aus den Fluthen herauf, fest im Grunde wurzelnd, und tragen auf ihrer Oberfläche niedrige Bäume und kleine Gesträuche, zumeist jene langästige Weichselkirsche, aus deren Zweigen die bei allen Rauchern im Orient wie im Occident so beliebten wohlriechenden Pfeifenröhren geschnitten werden.

Die tiefe Stille der Mitternacht ruhte auf dieser einförmig großartigen Landschaft, man hörte nur das leise Rauschen der Blätter und Gräser im Hauch des Nachtwindes und zuweilen den eintönigen, klagenden Ruf einer Möve, welche, durch das Geräusch eines durch die Gebüsche schleichenden Wildes aufgeschreckt, schnell emporschoß, um sich bald wieder zu ihrem, im Ufergras verborgenen Nest herabzusenken. Nur an einer Stelle, wo der große Strom eine kleine Bucht in das Land hinein bildete, gegenüber einer der größern, aus der Mitte seiner Wirbel aufsteigenden Inseln, herrschte ein regeres Leben und menschliche Stimmen klangen durch die Stille der Nacht.

Hier lag an dem Ufer mit großen Stricken befestigt, eines jener mächtigen Flöße aus großen Stämmen von Bauholz gebildet, welche von den Karpathen her alljährlich nach den Handelsplätzen der Ostsee heruntergetrieben werden. Es ist eine besondere Klasse von Menschen, welche sich diesem, auf dem natürlichsten Wege betriebenen Holztransport widmet; die sogenannten Flissacken, die Abkömmlinge polnischer Bauern, übernehmen, in Gesellschaft von zwanzig bis dreißig Personen, die Ueberführung der gewaltigen Holzflöße aus den Wäldern Galiziens bis nach Danzig. Sie sind ein seit Generationen heimathloses Nomadenvolk. Sie erbauen auf dem Floß, das man ihnen übergiebt, kleine Holzhütten, wohnen und schlafen darin, und haben keinen Wohnsitz auf dem festen Lande; wenn sie das Floß an den Ort seiner Bestimmung geführt haben, empfangen sie ihren Lohn, verbrennen ihre alten Kleider, um sie mit neuen zu vertauschen und wandern zu Fuß, durch Wälder und Felder, den Zigeunern gleich, zurück nach den Abhängen der Karpathen, um ein neues Floß zu übernehmen und von Neuem sich von dem Strom, der ihre Heimath ist, nach der Meeresküste hinabtreiben zu lassen. Sie sind dabei ein heiteres, fröhliches Volk, das in seinen Hütten auf den Flößen lustig und heiter dahin lebt, keine Sorge kennt und mit den einfachsten Nahrungsmitteln, unter denen aber vor allem der Branntwein niemals fehlen darf, sich begnügt. Allen Söhnen der wilden Steppen gleich, lieben sie die Musik und auf jedem großen Floß finden sich wenigstens einige Violinen, welche zwar wenig an jene Instrumente erinnern, denen Paganini und Ole Bull so wunderbare Töne entlockten, bei deren Klängen aber das braune Volk der Flissacken, in unermüdlicher Fröhlichkeit Nachts beim Schein großer Feuer, seine eigenthümlichen Tänze ausführt, deren pantomomische Bewegungen mit dem ungarischen Czardas einige Aehnlichkeit haben.

Auch hier, in der einsamen Bucht, am Ufer der Weichsel, klangen die Töne einer ziemlich verstimmten Violine in schnellem Rhythmus durch die Nacht; ein großes Feuer, von trocknen Zweigen des Weichselgesträuchs genährt, warf seinen zitternden, dunkelrothen Schein auf eine Gruppe von Männern, Weibern und Kindern, welche sich um dasselbe gelagert hatten und ihr trocknes Brot mit eingesalzenem Fleisch und gepökelten Fischen unter lauten und fröhlichen Gesprächen verzehrten. Ein großer, irdener Henkelkrug mit Branntwein machte die Runde. Ein starker, stämmiger Mann stand in der Mitte des Kreises, die Violine im Arm, und einige andere Männer und Weiber tanzten nach diesen einfachen Klängen in bald langsamen, bald schnell umherwirbelnden Bewegungen, deren natürliche Anmuth manchem Tänzer in den Ballets großer Weltbühnen hätte zum Vorbild dienen können. Sie alle trugen große weite Hemden von farbigem Wollenstoffe, die Weiber kurze Röcke, die Männer bis an die Kniee reichende weite Beinkleider, die Füße mit einer Art Sandalen bekleidet, welche durch Bänder von Bast um die Knöchel festgehalten wurden. Das glänzende schwarze Haar hing bei Männern und Weibern in gleicher Länge, ungelockt und glatt, bis zu den Schultern hinab, aus den braunen Gesichtern heraus funkelten die brennenden schwarzen Augen und alle diese Gesichter waren intelligent und schön, von jener eigenthümlichen, halb wilden halb melancholischen Schönheit der slavischen Race.

Dies ganze Bild heitern ruhigen Stilllebens wurde plötzlich auf eine eigenthümliche Weise unterbrochen.

Man hörte neun Mal hintereinander den Klang eines Mövenschrei's, erst langsam, dann immer schneller in regelmäßigen Intervallen sich wiederholen.

Die ganze Gesellschaft horchte auf, die Klänge der Violine verstummten, die Tanzenden standen still, die an der Erde Gelagerten richteten sich rasch empor, Alle lauschten mit tiefster Aufmerksamkeit und alle diese dunkeln, glühenden Augen blickten forschend in die Finsterniß, welche den Feuerkreis umgab, und obwohl vom Mond beleuchtet, doch durch den Contrast mit dem Flammenschein dunkel und undurchdringlich erschien.

Einer der Männer, welche um das Feuer gelagert waren, erhob sich schnell und indem er die Hand an den Mund hielt, ließ er in täuschender Nachahmung den Schrei der Möve ertönen, in gleichen Intervallen, wie derselbe sich vorher hatte hören lassen.

Nach einigen Augenblicken hörte man eine raschelnde Bewegung im Gestrüpp, bald darauf traten zwei Männer aus der Dunkelheit in den erleuchteten Raum am Feuer.

Der eine dieser Männer trug die einfache Kleidung des polnischen Landvolkes, einen Pelz von Schaaffell, die wollige Seite nach außen gekehrt, Beinkleider von starkem Leinen, in hohe Stiefel gesteckt und eine runde Pelzmütze auf dem Kopf; in dem Gürtelband, das seinen Pelz um die Hüften zusammenhielt, steckten zwei Revolver und ein großes Messer in schwarzer Scheide. Der untere Theil seines Gesichts war mit einem dichten schwarzen Vollbart bedeckt, aber der Ausdruck seiner Züge, seine weißen Hände und die eleganten Waffen schienen nicht zu seinem ärmlichen Anzuge zu passen. Sein Begleiter, der mit leicht zögerndem Schritt ihm folgend, in den hellen Raum eintrat, trug einen weiten, dunklen Ueberrock von modernem Schnitt, der ihm bis zu den Knieen herab reichte, hohe, elegant gearbeitete Stiefel und einen runden grauen Hut; sein bleiches Gesicht mit kleinem zierlichem Schnurrbart zeigte die Spuren großer Ermüdung und Abspannung, sein tiefes dunkles Auge umfaßte mit einem halb neugierigen, halb traurigen Blick die Gruppe der Flissacken; wie unwillkürlich senkte sich seine rechte Hand in die Tasche seines Ueberrocks und zog halb aus derselben einen zierlich gearbeiteten, mit Elfenbein und Gold ausgelegten Revolver hervor.

Der Mann im Schaafpelz näherte sich demjenigen der Flissacken, dessen Haltung ihn als das Haupt der Gesellschaft bezeichnete, und sagte in polnischer Sprache:

»Ich suche den Obersten Traugutt, der hier in der Nähe sich aufhalten muß; – Ihr seid gute Polen, wie ich weiß; könnt Ihr mir den Weg zeigen, um das Lager des Obersten zu finden? Ihr wißt, daß jede falsche Angabe, jeder Verrath mit dem Tode bestraft wird.«

Der Flissackenführer richtete sich stolz empor und erwiderte: »Unter uns giebt es keinen Verrath und keine Lüge. – Der, den Ihr sucht, ist ganz in der Nähe und in wenigen Augenblicken sollt Ihr zu ihm geführt werden.«

Er winkte mit der Hand. – Zwei jüngere Leute seiner Gesellschaft eilten hinweg, zu dem dicht am Ufer liegenden Floß hin, lösten von dessen hinterer Seite ein kleines Boot und hielten sich bereit, die Ruder ergreifend, mit demselben vom Lande abzustoßen.

Der Führer der Flissacken bot den Fremden den Krug mit Branntwein, welchen dieselben nur leicht mit den Lippen berührten, dann führte er sie schweigend zu dem am Ufer liegenden Boot; – sie stiegen ein, und mit kräftigem Ruderschlag trieben die beiden Flissacken das kleine Fahrzeug durch die gelblichen Wogen der Weichsel hin, einer großen Insel zu, welche in der Mitte des Stroms, der Feuerstelle gegenüber lag.

Pfeilschnell und sicher schoß das kleine Boot über die kräuselnden Wellen des Stromes, kaum hörbar tauchten die Ruder ins Wasser und in weniger als einer viertel Stunde stieß die Spitze des Bootes auf den Ufersand der Insel. Die beiden Fremden stiegen aus, einer der jungen Flissacken ließ abermals jenen, in regelmäßigen Zwischenräumen wiederholten Mövenschrei ertönen und unmittelbar darauf trat aus dem Weidengebüsch des Ufers ein Mann hervor. Er trug eine Art von dunkelblauer Blouse mit rothen Aermelaufschlägen, weite Beinkleider von gleicher Farbe, bis zum Knie hinaufreichende faltige Stiefel, eine polnische, Pelz verbrämte, viereckige Mütze auf dem Kopf, einen krummen Säbel an der Seite, einen Carabiner in der Hand, zwei große Pistolen im Gürtelband. Die Mündung des Carabiners auf die Ankommenden gerichtet, trat er ihnen entgegen ohne ein Wort zu sprechen, nur mit dem Blick die Frage an sie richtend, was ihr Begehr sei.

Der Mann in der Tracht der polnischen Bauern näherte sich mit zuversichtlicher Sicherheit dem bewaffneten Posten und sprach mit einer Stimme deren Ton wie ein Befehl klang.

»Ist der Oberst Traugutt hier? Ich komme im Auftrag der National-Regierung, führe mich sofort zu ihm.« Zugleich trat er dicht an den Freischärler heran und sagte ihm leise ein Wort in's Ohr, das derselbe kaum vernommen hatte, als er mit militairischem Gruß die Hand an seine Mütze legte und sich schnell umwendend, den beiden Fremden voran durch das Gestrüpp nach dem innern Theil der Insel hinschritt. Der Mann im Schaafpelz warf den beiden Flissacken ein Goldstück zu, indem er ihnen sagte:

»Dank für Eure Mühe; Ihr dürft dies nehmen, es kommt von einem guten Patrioten.«

Die jungen Leute sprangen schnell zu ihm heran, küßten den Saum seines Rocks und eilten dann mit fröhlichem Lachen und allen Zeichen großer Zufriedenheit nach ihrem Boot zurück; die beiden Fremden folgten dem Freischärler.

Dieser schritt ihnen voran durch das dichte Weichselgestrüpp nach der Mitte der Insel; hier befand sich eine offene Stelle, mit Rasen bewachsen, welche im zitternden Strahl des Mondlichts ein eigenthümlich belebtes Bild darbot.

In der Mitte der Lichtung saß auf einem, von abgeschlagenen Baumzweigen gebildeten Sitz, ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, ähnlich gekleidet wie der Freischärler, welcher die beiden Fremden heranführte, doch war seine Blouse von dunkelgrauem Tuch und ohne farbige Abzeichen; auf dem Kopf, mit kurzem, leicht ergrauendem Haar, trug er die polnische viereckige Mütze, ebenfalls von dunkelgrauem Stoff; sein bleiches, scharfgeschnittenes Gesicht, dessen unterer Theil von einem kurzen, nicht sehr dichten Vollbart bedeckt war, drückte Energie, Muth und kalte Entschlossenheit aus; seine dunkelgrauen Augen blockten scharf und klar unter etwas hervortretenden buschigen Augenbrauen hervor, sein Blick hatte nicht das unruhige Feuer, das man so oft in den Augen der Sarmaten findet, – es lag darin eher ein kalt abwehrender Ausdruck, der zuweilen bis zu vollständiger Gleichgültigkeit herabsank; seine Gestalt war mittelgroß, schlank, nervig und muskelfest, es war eine jener Erscheinungen, bei deren erstem Blick man die Ueberzeugung gewinnt, daß sie mit unbeugsamer Beharrlichkeit und unermüdlicher Willenskraft das Ziel verfolgen, das sie sich vorgesteckt und eher zu Grunde gehen, als daß sie einen Schritt von dem betretenen Wege abweichen würden. Dieser Mann war der frühere Oberstlieutenant Romuald Traugutt, in jenem Augenblick der Oberste und unumschränkte Chef der ganzen polnischen Bewegung, von der geheimen National-Regierung in Warschau zu ihrem Präsidenten und zum Diktator des Königreichs Polen ernannt, nachdem Marian Langiewicz auf österreichisches Gebiet gedrängt und dort gefangen genommen worden war.

Er saß vorn übergebeugt, den Blick auf eine Karte gerichtet, die auf einem, aus Baumzweigen flüchtig hergestellten Tisch vor ihm ausgebreitet war; auf diesem Tisch brannte, zwischen zwei Zweige eingeklemmt, eine einzelne Kerze, deren Schein die Karte und einige neben derselben liegende Papiere erhellte und das Gesicht Traugutts scharf beleuchtete, während die ganze übrige Scene nur vom matten Licht des Mondes beschienen war.

Rings umher, in einiger Entfernung, standen verschiedene Gruppen polnischer Insurgentenführer; man sah hier Rudonski, einen jungen, hochgewachsenen Mann, mit schwarzem Haar und kleinem Schnurrbart; Malinowski, mit seinem starren Gesicht und dem Zug kalter Grausamkeit um die dünnen, fest geschlossenen Lippen, so wie mehrere andere weniger hervorragende Führer einzelner Streifkorps; sie alle trugen polnische National-Uniformen von ähnlichem Schnitt wie die Kleidung Traugutts, aber meist reich mit Gold und Scharlach verziert, rothe Gürtelbänder und prachtvolle Waffen; alle diese Gruppen sprachen eifrig und mit lebhaften Gestikulationen, aber mit gedämpfter Stimme, ehrerbietig erwartend, daß ihr Führer sein sinnendes Nachdenken beenden und sie zur Unterredung mit heranziehen werde.

Der Freischärler, welcher die beiden Fremden hergeführt hatte, trat in die Lichtung ein und näherte sich dem Obersten Traugutt in dienstlicher Haltung, zugleich erschienen die dunkeln Umrisse der beiden Fremden im Schatten der Gebüsche, am Rande der Lichtung.

Alle Gespräche stockten; Aller Blicke richteten sich auf die beiden neu Angekommenen.

Traugutt erhob langsam den Kopf und blickte den Freischärler fragend an.

»Ein Bote der National-Regierung,« sprach dieser, die Hand an der Mütze, »er hat mir das Losungswort gesagt und ich habe ihn hierher geführt.« Traugutt richtete den scharfen Blick auf die Gestalt der Fremden und winkte schweigend mit der Hand.

Der Mann in der Bauerntracht näherte sich ihm mit raschen Schritten, überreichte ihm einen Papierstreifen, auf welchem wenig Charaktere in einer geheimen Chiffer-Schrift sich befanden.

Traugutt prüfte das Papier und fragte dann mit einer klaren, trockenen Stimme:

»Wo ist er?«

Der Mann trat zurück und führte seinen jungen Begleiter in den Lichtkreis der Kerze; Traugutt stand auf.

Mit lauter Stimme, im Ton des Befehle, der keinen Widerspruch duldet, sagte er:

»Lassen Sie uns allein, meine Herren.« Schweigend traten die sämmtlichen Umherstehenden in die Gebüsche zurück; der Angekommene blieb mit dem Chef der Revolution allein. Traugutt prüfte die Gestalt des Fremden mit einem forschenden Blick und sprach dann mit ruhiger, gemessener Höflichkeit:

»Sie sind der Graf Constantin Kraniski, den das Comité der National-Regierung einberufen hat, um das Commando eines Frei-Corps zu übernehmen.«

»Der bin ich, mein Herr,« erwiderte der Graf mit seiner weichen sanften Stimme, – »ich habe den Ruf des Comités in Norderney erhalten und getreu dem Schwur, den ich einst in Paris den Führern der polnischen Sache geleistet, bin ich sofort gekommen, um zu erfüllen, was ich damals gelobt habe.«

Traugutt neigte leicht das Haupt und tauchte den scharfen, stechenden Blick forschend in das Auge des jungen Mannes, als erwarte er noch weitere Erklärungen desselben.

»Ich bin bereit,« sprach Graf Kraniski, nach einem augenblicklichen Zögern, »meinem Eid gemäß zu handeln, indeß zuvor habe ich die Verpflichtung, auszusprechen, daß ich nicht mehr derselbe bin, der ich war, als ich jenen Eid leistete, und um sogleich ganz offen zu sein, wie es unter Männern von Ehre nothwendig ist, ich bin gekommen, die Entbindung von meinem Schwur zu erbitten.«

»Ich weiß es,« sagte Traugutt ruhig, ohne daß eine Miene seines Gesichts sich veränderte.

Graf Kraniski sah ihn einen Augenblick erstaunt an, dann fuhr er fort:

»Als ich den Schwur leistete, mich, mein Leben, meine ganze Zukunft der Sache Polens zu opfern, stand ich allein in der Welt, ich hätte durch meinen Tod meine Eltern betrübt, aber mein Scheiden aus diesem Leben hätte keine unausfüllbare Lücke zurückgelassen, ich hatte das Recht, über mein Leben zu verfügen. Dieses Recht habe ich heute nicht mehr; ich habe ein anderes Leben an das meinige gekettet mit unauflöslichen Banden der Liebe, und ein Wesen, das mir das Theuerste auf Erden ist, würde vergehen in endlosem Jammer, wenn ich heute der Sache, der ich mich einst geweiht, zum Opfer fiele.«

Traugutt schwieg einen Augenblick, dann sagte er mit kaltem ruhigem Ton:

»Ich selbst stehe allein da, wenigstens knüpfen mich keine Bande an das Leben, deren Zerreißen andre Herzen würde brechen lassen, ich habe also nicht das Recht, mich Ihnen als Beispiel patriotischer Aufopferung hinzustellen. – Aber,« fuhr er fort, »unter den Männern, welche mit rücksichtsloser Opferfreudigkeit ihr Blut und Leben für die Befreiung des Vaterlandes einsetzen, welche dem Tode und – was unendlich mehr als der Tod ist – der schmachvollen Gefangenschaft trotzen, sind viele, welche durch die heiligsten Bande an das Leben geknüpft sind; viele, welche eine begeisterte Liebe im Herzen tragen, welche nicht nur wie Sie in den Illusionen jugendlicher Schwärmerei leben, sondern vor dem Altar ernste Pflichten übernommen haben, welche, wenn sie fallen, keine trauernde Geliebte, sondern Wittwen und Waisen zurücklassen. Sie alle haben keinen Augenblick gezögert, in die Reihen der Kämpfer für das Vaterland einzutreten, sie alle wenden den Blick nicht rückwärts, sondern schauen klar und fest auf das einzige Ziel, das einzige Ideal hin, für welches in diesem Augenblick das Herz eines Polen sich begeistern darf, auf die Befreiung des lange geknechteten Landes vom moskowitischer Herrschaft. Können Sie diesen Männern gegenüber freien Herzens und ruhigen Gewissens die Befreiung von Ihrem Eide verlangen, um den Augen Ihrer Geliebten Thränen zu ersparen, – Ihrer Geliebten, die nicht einmal eine Tochter unseres Landes ist, – wie jene Frauen, welche ihre Männer, die Väter ihrer Kinder, selbst antreiben zum heiligen Kampf?«

Der junge Mann senkte das Auge vor dem kalten, fast starren Blick Traugutt's, ein Zittern lief durch seinen Körper, tiefe Bewegung, ein heftiger innerer Kampf malten sich auf seinen Zügen.

»Ich habe erwartet,« sprach er mit dumpfer Stimme, »daß Sie mir sagen würden, was Sie mir so eben gesagt, und ich fühle, daß Sie mir nichts Anderes sagen können; ich hoffe,« fuhr er fort, das Auge mit glühendem Blick zu dem Obersten aufschlagend, »daß Sie meiner Bitte keinen anderen Beweggrund unterlegen, – Sie werden nicht glauben, daß die Furcht –«

»Die Furcht hat keinen Raum im Herzen eines Polen,« erwiderte der Oberst, »auch wußte ich genau vorher, was Sie bewegte. Die National-Regierung kennt jeden Schritt derjenigen, deren Namen in ihren Listen eingetragen stehen. Ich verdenke Ihnen Ihre Bitte nicht,« sprach er, indem ein wärmeres und freundlicheres Licht einen Augenblick seinen kalten Blick erhellte, »auch ich habe einst gefühlt, wie die Liebe das Herz bewegt und wie dieses Gefühl alles Andere zurückdrängt, was sonst das Streben und Leben des Menschen erfüllt, – ich verdenke Ihnen Ihre Bitte nicht, aber ich kann sie nicht erfüllen.«

Der junge Mann sah einen Augenblick schweigend zu Boden, abermals schien er heftig mit sich selber zu kämpfen und sprach dann, mit mächtiger Anstrengung seine zögernde Scheu überwindend, weiter:

»Sie haben Recht von Ihrem Standpunkt, Sie haben die thränenden Augen einer Geliebten nicht gesehen, Sie haben ihre verzweiflungsvollen Bitten mich ihr zu erhalten, nicht gehört, Sie können den Schmerz nicht verstehen, der meine Brust zerreißt bei dem Gedanken, sie einsam in der Welt zurückzulassen, nachdem kaum ihre Seele sich an die meinige geschlossen. Doch,« fuhr er mit fester Stimme fort, »ich muß Ihnen sagen, daß der Gedanke an meine Liebe nicht der einzige Grund ist, der mich bewegt, die Entbindung von meinem Eide zu erbitten; auch ohne diese Liebe bin ich nicht mehr derselbe, der ich war, als ich in jugendlicher Begeisterung mich und mein Leben der polnischen Sache zu opfern versprach; ich habe nicht mehr den Glauben an diese Sache, ich habe nicht mehr die Ueberzeugung, daß sie siegreich hinausgeführt werden kann, daß der Kampf, wie er jetzt begonnen ist, zur Freiheit und zum Glücke Polens führen könne.«

Traugutt stützte sich leicht auf seinen Säbel und blickte den jungen Mann, der in immer steigender Erregung gesprochen hatte, einen Augenblick schweigend an.

»Ich könnte Ihnen antworten,« sprach er dann, »daß Sie den Führern unserer Sache unbedingten Gehorsam versprochen haben und daß es daher in diesem Augenblick Ihre Sache nicht mehr sein kann, eine Kritik zu üben an den Maaßregeln, welche an leitender Stelle beschlossen oder gebilligt worden sind.«

»Diese leitende Stelle sind Sie, mein Herr,« erwiderte Graf Kraniski, »wie man mir in Warschau gesagt hat, und ich glaube deshalb, nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht zu haben, Ihnen offen auszusprechen, daß meine Gesinnungen und Anschauungen nicht mehr dieselben sind wie damals, als ich dem Comité in Paris meinen Schwur leistete, – auch dies Comité besteht ja heute nicht mehr, steht wenigstens nicht mehr an der Spitze der Bewegung.«

Traugutt neigte das Haupt. »Sie haben Recht,« sagte er, »ich halte in diesem Augenblick die Führerschaft des Aufstandes in Händen, Sie werden wissen, – die ganze Welt hat es gewußt, – daß Marian Langiewicz, der unermüdliche Soldat mit dem klaren Blick und dem festen Herzen zum Diktator des Königreichs von dem nationalen Comité in Warschau ernannt war. Langiewicz ist in Gefangenschaft gerathen und damit für den Augenblick für unsere Sache verloren; man hat mir die Ehre erzeigt, mich an seine Stelle zu setzen und ich werde diese Stelle einnehmen, bis es vielleicht gelingt jenen edlen Mann zu befreien. Sie haben auch Recht darin, daß die ganze Lage unserer nationalen Sache eine andere geworden ist, was natürlicher Weise geschehen mußte, sobald wir aus dem Gebiet der Conspiration hervortraten, um die offene Handlung, den freien Kampf im Sonnenlicht zu beginnen. Jenes Comité in Paris, durch welches Sie in unsern geheimen Bund eingeführt wurden, neigte zu einer unsicheren, schwankenden Vermittlung, die Ideen des edlen Marquis von Wielopolski, dieses Mannes mit dem reinen, vertrauensvollen Herzen, der an die Menschen glaubte, weil er selbst ohne Fehl und Trug ist, finden in jenen Kreisen zu viel Gehör – natürlich,« fügte er mit einem gewissen Anklange höhnischer Bitterkeit hinzu, »weil man dort ungern das Parket der Salons verläßt, um auf den rauhen und harten Boden der Schlachtfelder sich zu begeben. – Die Intrigue ist eben amüsanter und auch gefahrloser als der blutige Kampf. Während von dorther Zögern und Unsicherheit in unsere Aktion getragen wird, drängen von der anderen Seite die europäischen Revolutions-Comités in London und Genua zu einem unüberlegten, vorschnellen Handeln. Was liegt ihnen dort,« sagte er in erhobenem Ton, »an der nationalen Sache Polens, an der Zukunft unsers Vaterlandes? Sie kennen eben keine Nationalität, jene Herren von der europäischen Revolution, sie wollen nur, daß die Flammen möglichst hoch empor lodern, um ihren blutigen Schein über Europa zu werfen, die Cabinette zu schrecken, die Massen aufzuregen und überall hin Funken in den aufgehäuften Zündstoff zu schleudern; von diesen beiden Elementen muß die heilige Sache Polens gesäubert werden. Wir müssen sie ausschließen, auf der einen Seite jene vorsichtigen Diplomaten der Verschwörung, welche mit Glacéhandschuhen an den Händen das gewaltige Werk unserer nationalen Befreiung angreifen möchten, und ebenso müssen wir auf der andern Seite sie zurückwerfen, jene Dränger des Umsturzes, welche uns nur ausbeuten wollen zu einer gewaltigen Explosion, deren Erschütterung die Ordnung in der Welt zerstören soll, uns und unsere Zukunft aber ebenfalls unter den Trümmern begraben würde.

»Zwischen diesen beiden Elementen aber,« fuhr er fort, indem in seinem kalten und klaren Auge das Feuer einer tiefen Begeisterung aufleuchtete, »zwischen diesen beiden Elementen aber steht um so reiner und klarer die Sache der wirklichen nationalen Wiedergeburt unseres Volkes, diese Sache ist heute dieselbe wie damals, da Sie ihr den Schwur der Treue leisteten; diese Sache hat das Recht, von Ihnen die Erfüllung Ihres Schwures, das Opfer Ihrer Kraft, das Opfer Ihres Lebens zu fordern.«

Er schwieg.

Graf Kraniski stand mit gesenktem Blick vor ihm und schien die Worte zu suchen, um ihm zu antworten.

»Ich habe offen zu Ihnen gesprochen,« fuhr Traugutt fort, »nicht weil ich dazu eine Verpflichtung anerkenne – der oberste Führer einer so edeln, so schweren Sache hat es nicht nöthig, einem jeden der Kämpfer für dieselbe seine Gedanken mitzutheilen – Sie mögen allein den Geist des Ganzen zu erfassen suchen und wenn Sie's nicht vermögen, so ist vertrauensvoller Gehorsam Ihre Pflicht. Ich habe zu Ihnen gesprochen, weil ich Sie kenne, obwohl ich Sie nie gesehen, weil ich weiß, daß Ihr Herz edel und tapfer ist, daß Ihr Schwanken aus keinen unlauteren Motiven entspringt und weil ich nicht will, daß ein Mann wie Sie, der durch eine freudige und freiwillige Anspannung seiner Kräfte unserer Sache große Dienste leisten kann, widerwillig und schwankend sich ihr nutzlos opfere.«

Graf Kraniski schlug das Auge auf, tiefe Bewegung zitterte in seinem Blick.

»Mein Herr,« sagte er, »ich danken Ihnen für das Vertrauen, welches Sie mir schenken – ich –«

Traugutt erhob die Hand.

»Sprechen Sie nicht,« sagte er, »dadurch, daß ich überhaupt mit Ihnen geredet, wie ich es gethan, daß ich Sie nicht einfach auf Ihren Eid und den angelobten Gehorsam verwies, habe ich Ihnen gezeigt, daß mir an Ihrer freien und überzeugungsvollen Zustimmung gelegen ist. Sie bedürfen des Nachdenkens und der Sammlung, damit die streitenden Gefühle in Ihrem Herzen zu ruhiger Abklärung kommen können, Sie sind jetzt abgespannt von dem langen Wege, den Sie gemacht; Sie bedürfen der Ruhe und ich verlange von Ihnen, daß Sie sich dieselbe gönnen. Stärken Sie sich, schlafen Sie einige Stunden, dann werde ich weiter mit Ihnen sprechen.« Er winkte mit der Hand in einer gebieterischen Weise, welche jede weitere Antwort abschnitt, dann gab er mit einer kleinen silbernen Pfeife, die an seinem Halse hing, ein leises Zeichen und fast augenblicklich traten die Offiziere des Freicorps, welche sich vorhin zurückgezogen, wieder aus dem Schatten der Gebüsche hervor.

»Geben Sie diesem Herrn,« sagte Traugutt in kurzem, befehlendem Ton, »was wir von Nahrungsmitteln hier haben, und bereiten Sie ihm, so gut es geht, ein Lager, damit er seine erschöpften Kräfte wieder sammeln kann.«

Zwei Offiziere, welche mit dem besonderen Ordonnanzdienst bei dem Dictator betraut waren, näherten sich dem Grafen Kraniski, begrüßten ihn mit ausgezeichneter Höflichkeit in den Formen der besten Gesellschaft und führten ihn durch das Gebüsch zu einer zweiten, kleineren Lichtung, wo auf einem weißen, auf der Erde ausgebreiteten Tuch einige einfache Nahrungsmittel, aus geräuchertem und eingesalzenem Fleisch und Brot bestehend, so wie einige Flaschen vortrefflichen Ungar-Weins sich befanden; trotz der tiefen Aufregung des jungen Mannes, forderte die Natur ihre Rechte, er aß von den einfachen Speisen, welche die polnischen Offiziere mit ausgesuchtester Artigkeit ihm servirten und trank aus dem ihm gereichten Feldbecher den feurigen Rebensaft Ungarns auf das Wohl und die Zukunft Polens, dann warf er sich erschöpft auf das Strohlager, das man für ihn bereitet hatte. Er versuchte seine Gedanken zu sammeln und zur Klarheit zu kommen über das, was er so eben gehört, aber diese Gedanken verwirrten und verschleierten sich immer mehr und mehr, die ermüdete Natur trug den Sieg davon über die Anstrengung des Willens und bald war er in tiefen Schlaf versunken. –

Der Oberst Traugutt hatte sich inzwischen zu der Gruppe von Insurgentenführern gewendet, welche in ehrerbietigem Schweigen seine Anrede erwartete.

»Ist der General Mieroslawski angekommen?« fragte er.

»Er ist so eben an der Insel gelandet,« erwiderte Malinowski, »und wird sogleich hierher geführt werden.«

Traugutt nickte mit dem Kopf und ging dann schweigend einige Augenblicke auf und nieder, den Angekündigten erwartend.

Nach kurzer Zeit trat einer der als Posten an den Ufern der Insel aufgestellten Freischärler in die Lichtung, ihm folgte ein schlanker, nicht großer Mann von regelmäßigen Gesichtszügen, welche trotz des ergrauenden Vollbartes, den er trug, einen wenig militairischen Ausdruck hatten und mehr auf einen in den Salons gealterten Roué, als auf einen feldgewohnten Soldaten schließen ließen. Das dunkle Auge, mit seinem unstäten, umherirrenden Blick, zeigte weniger feste und klare Entschlossenheit, als flüchtig aufflackerndes Feuer, die ganze Haltung des Mannes, der eine reich mit Goldstickerei überladene polnische Lancier-Uniform trug, hatte mehr von theatralischer Schaustellung, als von ruhiger, fester Würde; dieser Mann war der Sturmvogel aller Revolutionen, welche seit einem Menschenalter Europa bewegten, in Polen, in Baden, in Italien – der General Mieroslawski, wie er sich zu nennen liebte, ein Freischaarenführer voll Kenntnissen, Gewandtheit und Erfahrung, aber ohne jenen kaltblütigen, ruhigen Blick, welcher den wahren Feldherrn macht und den militairischen Erfolg sichert.

Mieroslawski trat mit schnellen Schritten dem Obersten Traugutt entgegen, welcher bei seiner Annäherung stehen blieb, ihm mit festem Blick entgegen sah und mit Höflichkeit, aber zugleich mit kalter Zurückhaltung seinen militairischen Gruß erwiderte.

»Sie haben eine Besprechung gewünscht, mein Herr,« sagte Mieroslawski mit einer wohltönenden, weichen und schmiegsamen Stimme, »um in die Operationen der verschiedenen Corps, welche in dieser Gegend sich befinden, Uebereinstimmung zu bringen; ich bin mit Vergnügen hierher geeilt, um zu dem so nöthigen Zusammenwirken unserer Kräfte die Hand zu bieten.«

Traugutt stand unbeweglich, dieselbe kalte Zurückhaltung blieb auf seinen Gesichtszügen, er ließ einen Blick voll ruhiger Ueberlegenheit über die goldfunkelnde Uniform Mieroslawski's, von der Spitze seiner Mütze bis zu den zierlichen Sporen an den Absätzen seiner eleganten Stiefel, hinabgleiten.

»Ich habe Sie hierher gerufen,« sagte er, in kurzem und wenig verbindlichem Ton, »um von Ihnen die Pläne zu erfahren, nach welche Sie Ihre Operationen eingerichtet haben und Ihnen zugleich den Willen der National-Regierung mitzutheilen.«

Ein wenig betroffen blickte Mieroslawski auf; er biß sich auf die Lippen und kräuselte leicht mit den Fingern seiner weißen, wohl gepflegten Hand die Spitzen seines Schnurrbarte – doch erwiderte er nichts, sondern neigte nur schweigend den Kopf.

Traugutt trat zu der ausgebreiteten Karte. Auf einen Wink seiner Hand näherten sich die übrigen Insurgenten-Chefs und man ließ sich theils auf der Erde, theils auf Baumstämmen und Zweigen Platz nehmend, um den Führer nieder. Mieroslawski blieb aufrecht, die Hand auf den Säbel gestützt, Traugutt gegenüber stehen.

»Es ist eine wesentliche Prinzipienfrage,« sprach dieser, »welche in der Fortführung unseres Kampfes bestimmt entschieden werden muß, eine Prinzipienfrage, in Betreff deren Sie, General Mieroslawski, bereits früher mit dem leider in Gefangenschaft gerathenen Langiewicz lebhafte Differenzen gehabt haben, es handelt sich darum, ob die Operationen gegen die russischen Truppen in der Art eines kleinen, zerstreuten Guerilla-Krieges geführt werden sollen, wie das Langiewicz gethan, oder ob mit concentrirten Kräften große, entscheidende Schläge zu führen seien; früher sowohl als jetzt haben Sie die letztere Ansicht vertreten und haben in diesem Sinn gehandelt, sogar in direkter Insubordination gegen den damaligen Diktator des Königreichs.«

Mieroslawski zuckte bei den letzten Worten zusammen, seine Hand spannte sich fest um den Griff seines Säbels, ein jäher Blitz schoß aus seinen Augen.

»Ich kann, mein Herr,« sprach er rasch, mit einer Stimme, welche die gewaltsame Unterdrückung seiner inneren Aufregung verriet, »ich kann das Wort ›Insubordination‹ in meinem Verhältniß zu dem General Langiewicz nicht annehmen; ich bin hierher gekommen, abgesendet von dem Comité in London und von ihm zum militairischen Leiter aller Operationen empfohlen. Das National-Comité in Warschau hat geglaubt, dieser Empfehlung keine Folge geben zu sollen und hat den General Langiewicz zum Diktator ernannt; und habe nichts dagegen gesagt und gethan, um keine Zwietracht in die Sache zu bringen, weil ich von Geburt ein Pole bin und weil die polnische Sache meinem Herzen am nächsten liegt, obwohl ich mit vollere Ueberzeugung mich als ein Glied jener großen revolutionairen Verbindung betrachte, welche nach einem mächtigen, einheitlichen Plan die Zustände Europa's zu reformiren strebt. Wenn ich dies aber gethan, wenn ich meine persönlichen Gefühle und wenn ich so sagen darf, meine persönlichen Rechte dem Interesse der Sache nachstellte, so habe ich mich doch niemals als einen Untergebenen des Generals Langiewicz betrachten können; ich habe mir vorbehalten müssen, meine eigenen Operationen auch nach meiner eigenen Ueberzeugung einzurichten und durchzuführen.«

Traugutt blickte den lebhaft Sprechenden fest und unbeweglich an.

»Bevor ich auf die Frage Ihres Rechts eingehe,« sprach er in kaltem Ton, »muß ich faktisch constatiren, daß Ihr Verhalten über die Grenzen der Unabhängigkeit, die Sie sich den Befehlen des Diktators gegenüber vindiciren, hinausgegangen ist. Sie haben in dem Gefecht bei Krakau, während des Vormarschs gegen die Russen und während des bereits engagirten Gefechts, selbst die Truppentheile durcheilt, – Sie haben in lauten Rufen Langiewicz für einen Verräther erklärt und die Truppen aufgefordert, ihm nicht zu gehorchen, dadurch haben Sie unsägliche Verwirrung hervorgerufen, die Reiterei unter Czapski hat sich aufgelöst und die Folge davon war die vollständige Zersplitterung jenes Corps und endlich die Gefangenschaft des Diktators, die wir heute noch tief beklagen. Damit haben Sie der Sachen Polens einen schweren Schaden gethan und sich die tiefste Mißbilligung der nationalen Regierung zugezogen.«

Mieroslawski fuhr auf.

»Bin ich hierher gerufen,« rief er mit vor Zorn zitternder Stimme, »um ein Verhör zu bestehen und mich zu vertheidigen? Ich räume Niemandem das Recht dazu ein, als dem Comité von London, mit dessen Vollmachten ich hier erschienen bin.«

Traugutt erhob sich. Kein Muskel seines Gesichts bewegte sich, aber seine Augen öffneten sich weit und seine Blicke richteten sich scharf und schneidend, wie Dolchspitzen, auf Mieroslawski.

»Wir sind in Polen, mein Herr,« sprach er mit tief durchdringender Stimme, »die polnische National-Regierung hat sich in Warschau constituirt, ich bin ihr Chef und in diesem Augenblick ihr alleiniger Vertreter. Ich erkenne keine Vollmacht der Welt an, welche das Recht geben könnte, dieser Regierung und mir, ihrem Vertreter gegenüber, eine solche Sprache zu führen, wie Sie so eben sich erlaubt haben.«

Mieroslawski wollte erwidern, aber den Ton erhöhend und die Hand gebieterisch gegen ihn ausstreckend, sprach Traugutt weiter, bevor Jener noch Worte gefunden hatte.

»Ich habe jenes Vorgangs nicht erwähnt, um Sie wegen desselben zur Rechenschaft zu ziehen, die Vergangenheit mag begraben sein, da wir sie doch nur beklagen, nicht mehr ändern können, aber für die Zukunft müssen die Normen festgestellt werden, nach denen Jeder zu handeln hat und es müssen Garantieen gefunden werden, daß nicht durch eigenmächtiges und einseitiges Handeln die Erreichung des großen Zieles gefährdet oder unmöglich gemacht werde.

»Sie fahren fort,« sagte er, während Mieroslawski ungeduldig mit seinem zierlichen Fuß auf den Boden stampfe, »Sie fahren fort, möglichst große Truppenmassen zusammenzuziehen, strategische Stellungen einzunehmen und den russischen Streitkräften Gelegenheit zu entscheidenden Schlägen zu geben. Sie –«

»Und ich habe,« rief Mieroslawski, sich stolz empor richtend, »alle solche Gelegenheit benutzt, um für die Sache Polens ruhmreiche Siege zu verzeichnen!«

»Wir kämpfen nicht um den Ruhm«, sagte Traugutt ruhig, »der Ruhm der polnischen Tapferkeit ist unbestritten in Europa, wir kämpfen für den Erfolg und für die wirkliche und definitive Befreiung unseres Vaterlandes, und für dies große Ziel haben Ihre einzelnen Siege nichts genützt, Ihre Art der Kriegsführung kann vielmehr nur dahin führen, daß das Ende der ganzen Sache auch diesmal, wie zur Zeit des großen Kosciusko sein kann »finis Poloniae«.

Mit gewaltiger Anstrengung unterdrückte Mieroslawski seine Aufregung und sprach mit leicht zitternder Stimme:

»Glauben Sie nicht, mein Herr, daß ich bei meiner Art zu kämpfen mich lediglich von persönlichem Ehrgeiz und von der thörichten Ruhmsucht leiten lasse, neue, blutige aber unnütze Lorbeeren um die Fahnen Polens zu winden; meine feste aber unumstößliche Ueberzeugung ist die, daß die Sache Polens unzertrennlich ist von der Sache der großen europäischen Revolution und daß nur die Zertrümmerung der alten, zerbröckelnden Ordnung unseres Welttheils auch die Befreiung unseres Vaterlandes mit sich führen könne; je heller und mächtiger die Flammen hier empor lodern, je reicher die Ströme von Blut fließen im Kampf gegen Rußland, den starrsten Repräsentanten der alten Tyrannei, um so schneller und sicherer werden die revolutionairen Elemente aller übrigen Länder sich erheben und uns zu Hülfe eilen. Zur Zeit Kosciusko's waren die Völker Europa's gefesselt, sie glühten in begeisterter Theilnahme für die polnische Sache, aber sie zitterten unter dem Druck der Cabinette, welche jede freie Bewegung niederhielten. Heute ist das anders; die Völker sind ein lebendiger Faktor geworden in dem Leben der Staaten, mit bewußter Kraft arbeiten sie an ihrer vollständigen Befreiung von der autokratischen Herrschaft und jeder gewaltige große Schlag, den wir der russischen Macht beibringen, giebt ihnen neuen Muth auch für ihre Befreiung. Die Berichte der Comités in London, Paris und Genua bezeugen dies und nicht mehr lange wird es dauern, so wird die Revolution überall ihr Haupt erheben, wir werden das Verdienst haben, den großen, heiligen Kampf gegen die Tyrannei eröffnet zu haben und unser wird der erste Lohn sein, nach den überall errungenen unzweifelhaften Siegen. – Darum, mein Herr, will ich nicht, daß diese polnische Bewegung sich in kleinlicher Theilung der Kräfte zersplittere und sich so der Aufmerksamkeit Europa's allmälig entziehe; – ich will, daß sie in schnellen und wohl combinirten Schlägen die russische Macht treffe und in gewaltigem Widerhall das allmälig aus dem Schlaf sich erhebende Europa zu vollständigem Erwachen aufrüttele.« –

Er schwieg.

Traugutt ließ seinen Blick über die um ihn her Versammelten gleiten. Es war unverkennbar, daß die mit feuriger Beredtsamkeit gesprochenen Worte Mieroslawski's auf alle diese so leicht entzündlichen Herzen einen tiefen Eindruck gemacht hatten. Mit unverkennbarer Sympathie ruhten die feurigen Blicke aller dieser Führer in dem nationalen Kampf auf der eleganten und ritterlichen Gestalt des Vertreters der revolutionairen Propaganda.

Vollkommen ruhig sprach Traugutt mit höflicher Kälte:

»Und bin überzeugt, mein Herr, daß Ihre Handlungsweise stets auf einer wohl durchdachten Ansicht beruht hat, ich freue mich, daß Sie mir diese Ansicht entwickelt haben und daß mir Gelegenheit gegeben ist, Ihnen meine allerdings durchaus abweichende Meinung auszusprechen.«

Mieroslawski neigte artig den Kopf und blickte erwartungsvoll in das unbewegliche Gesicht des Chefs der National-Regierung.

»Ich kann nicht wie Sie,« sagte Traugutt, »die polnische Sache in eine unmittelbare Verbindung mit der allgemeinen europäischen Revolution bringen, ich glaube zunächst nicht an diese Revolution, die Macht der Regierungen ist überall sehr groß, sie stützt sich in diesem Augenblick noch auf ergebene Armeen und findet, gerade der allgemeinen Revolution gegenüber, eine mächtige Hülfe in der Furcht, welche alle besitzenden Klassen vor dem, die revolutionaire Bewegung durchdringenden, social-communistischen Geist erfüllt. Ich glaube nicht, daß die Revolution, wie sie in den Ideen der Comité's in London, Paris und Genua lebt, irgend welche Aussicht auf einen siegreichen Erfolg haben. Und wenn sie eine solche Aussicht hätte,« fuhr er mit erhobener Stimme fort, »so wäre ihr Sieg wahrlich kein Heil für uns, denn in der allgemeinen Tyrannei des Communismus würde Polen ebenso untergehen, wie alle übrigen Nationen und Staaten Europa's.«

Ohne auf die letzte Bemerkung zu erwidern, rief Mieroslawski:

»Sie zweifeln an der erfolgreichen Einwirkung unserer Sache auf die öffentliche Meinung in Europa und auf die Revolutionirung der Völker? Lesen Sie alle europäischen Zeitungen in England, in Frankreich, in Deutschland – mit Ausnahme der Organe der starrsten Reaktion werden Sie überall die wärmsten, sich stets steigernden Sympathieen für unsere Sache finden. Die Times, die Kölnische Zeitung, die großen Berliner Organe – das Alles sind die Träger unserer Ideen geworden, sie verbreiten unseren, an die unterdrückten Völker gerichteten Mahn- und Weckruf überall hin und alles Blut, das hier vergossen wird, ist nur Märtyrer-Blut, welches den großen Bau der Freiheit um so fester kitten wird.«

»Ich gebe wenig auf Zeitungsartikel,« sagte Traugutt achselzuckend, »die Phrase, gesprochen oder gedruckt, ist eine schwache Alliirte, wo es sich um den Kampf gegen die reelle Macht der Bajonette und der Kanonen handelt.

»Nicht in dem Erfolg der europäischen Revolutionen,« fuhr er fort, »sehe ich das endliche Heil unserer Sache, ich baue meine Hoffnung vielmehr auf die Furcht, welche die europäischen Cabinette vor dieser Revolution empfinden. Durch große Schläge können wir die russische Macht nicht besiegen, – und ob wir alle Hülfsmittel der Taktik aufbieten, ob wir die Tapferkeit und Aufopferung des Leonidas und seiner Spartaner entwickeln, wir müssen unterliegen, wenn wir fortwährend größere oder kleinere, aber immerhin compakte und entscheidende Aktionen vornehmen und wenn wir selbst in diesen Aktionen jedesmal den unmittelbaren Sieg davontragen. Die russische Macht ist wie jene lernäische Hyder, statt jedes Haupts, das ihr abgeschlagen ist, wachsen ihr zwei neue wieder; das endliche Schicksal fortgesetzter größerer Entscheidungskämpfe muß unsere Vernichtung sein; – wenn dies eintritt, und es muß nach meiner Ueberzeugung bald dahin kommen, so wird keine Volksbewegung in Europa uns zu Hülfe kommen, die Journalisten werden einige sympathische Trauerartikel schreiben, die Cabinette werden tief aufathmen und, von der Furcht vor diesem Brande unter den europäischen Pulverfässern befreit, unsern Besieger beglückwünschen.

»Glauben Sie denn,« rief er, »daß es Sympathie für die Sache Polens ist, was die Höfe von England, Frankreich und Oesterreich bewegt hat, sich zu Fürsprechern unserer Sache in St. Petersburg zu machen? Glauben Sie, daß das, was jene Mächte vom russischen Hof für uns verlangt haben, uns zu wahrem Heil und zu dauernder Befriedigung gereichen könne? Sie alle treibt nur die Besorgniß, daß die hier entflammte Bewegung sich in ihre eigenen Gebiete fortpflanzen möchte und zugleich der Wunsch, diesem Rußland, dessen Macht sich gefahrdrohend an der Ostgrenze Europa's emporthürmt, Verlegenheiten zu bereiten und seine innere Entwickelung und seine politischen Aktionen nach Außen zu hemmen. Je länger wir den Kampf fortsetzen, je länger wir die Gluth schüren, ohne sie zu hellen Flammen aufschlagen zu lassen, um so eifriger werden jene Mächte in Rußland dringen, um unseren Forderungen Gehör zu verschaffen, um so eher werden sie vielleicht dahin gebracht werden, unsere vollständige Trennung von Rußland, um der Ruhe Europa's willen, zu fordern. – Dann werden wir eine wirkliche, ernste diplomatische Unterstützung, dann werden wir faßbare Alliirte gewinnen, welche ihrerseits nicht nur die Phrase im Bunde führen, sondern ebenfalls Kanonen, Bajonette und Flotten zur Verfügung haben; das Alles können wir aber nur erreichen, wenn wir der russischen Macht niemals Gelegenheit geben, in concentrirten Schlägen uns durch die Uebermacht zu erdrücken, sondern vielmehr im kleinen, fast in Atome zersplitterten Guerillakrieg sie fortwährend schwächen und reizen und einen Abschluß der Bewegung auf lange Zeit hin unmöglich machen.«

Mieroslawski wollte sprechen. Traugutt erhob die Stimme und fuhr mit eisernem, festem Ton fort:

»Deshalb hat die National-Regierung beschlossen, daß jede größere Concentrirung von Streitkräften bestimmt vermieden und daß nur der kleine Krieg mit unermüdlichem Eifer fortgesetzt und über das ganze Gebiet des Königreichs verbreitet werden soll. Um dies allen Führern der einzelnen Corps mitzutheilen, bin ich hierher gekommen, ich habe Ihnen den Willen der National-Regierung überbracht und ertheile Ihnen, kraft meiner Funktion, als Chef derselben und als Diktator des Königreiches, den Befehl, jenem Willen unserer obersten Autorität gemäß zu handeln. Ich habe Ihnen, meine Herren, die Gründe für den Entschluß der National-Regierung entwickelt, – ich war nicht dazu verpflichtet, denn Sie alle haben sich mit unbedingtem Gehorsam der obersten Führung zu unterwerfen – aber nach meiner Ueberzeugung muß man von freien Männern, die für die Sache der Freiheit kämpfen, den blinden Gehorsam nur in den äußersten Fällen fordern. Und bitte Sie jetzt mir mitzutheilen, in welche Weise Sie glauben, Ihre Corps theilen und den Guerillakrieg auf das Wirksamste organisiren und ausbreiten zu können.«

Die meisten der Führer neigten, nachdem Traugutt gesprochen, in stummer Zustimmung das Haupt. Rudowski trat einen Schritt vor und sprach in ehrerbietiger Haltung zwar, aber mit lebhaft bewegter Stimme und blitzenden Augen:

»Sie haben das Recht freier Männer geachtet, indem Sie uns die Gründe für den Beschluß der National-Regierung aussprachen, nach meiner Ueberzeugung aber geht unser Recht weiter und es besteht auch darin, unsererseits eine entgegengesetzte Meinung aussprechen und begründen zu dürfen. Die Worte, die der General Mieroslawski gesprochen, haben einen tiefen Widerhall in meinem Herzen geweckt; der diplomatische Beistand der Cabinette in seiner lauwarmen Halbheit ist stets das Unglück Polens gewesen und selbst der große Napoleon, der mit Titanenkraft die Geschicke Europa's in seiner Hand hielt, war zu sehr umwunden von den Netzen der diplomatischen Intriguen, als daß er es gewagt hätte, das Wort auszusprechen, das, aus seinem Munde erklingend, Polen zu neuem Leben erweckt hätte; nur die mächtige Erhebung der Völker Europa's, die sich an keine Klügeleien der Cabinette, an keine Verwandtschaft der Höfe kehrte, kann uns helfen. Ich –«

»Ich habe keine Diskussion eröffnet,« rief Traugutt mit einer Stimme, die wie ein Schwertschlag die Worte Rudowski's abschnitt, »meine, auf den Willen der National-Regierung gestützten Befehle sind keiner Erörterung unterworfen; wir sind im Kriege, in dem ernstesten und heiligsten Kriege, den die Geschichte kennt und militairische Subordination ist die erste Pflicht eines Jeden, der die Ehre in Anspruch nimmt, in diesem Kriege zu kämpfen und die Streiter für die Sache des Vaterlandes zu führen. Ich verbiete jede Erörterung, ich verlange Gehorsam; wir haben keine Zeit übrig, um die mit Worten zu vergeuden und ich erinnere Daran, daß der Arm der National-Regierung mit dem Blitzstrahl bewaffnet ist, um jeden Schwankenden und Zögernden tödtlich zu treffen, denn Zögern und Schwanken ist in unserer Lage Verrath an der Sache.«

»Verrath,« rief Mieroslawski mit gellender Stimme, indem er die Hand an den Griff seines Degens legte und einen Schritt vorsprang, »wer wagt es von Verrath zu sprechen mir gegenüber, der ich hundertmal mein Leben eingesetzt habe für die Sache Polens und für die Sache der Freiheit, welche, wo sie auch verfochten wird, überall die unsrige ist.«

Traugutt blieb ruhig und schweigend, mit untergeschlagenen Armen stehen, mehrere der Offiziere sprangen zwischen ihn und Mieroslawski. Rudowski erhob die Hand und wollte sprechen, – da ertönte vom anderen Ufer herüber ein scharfer Pfiff, – er wiederholte sich in dem Weidengebüsch der Insel, – die ganze Gruppe blieb unbeweglich stehen und in der tiefen, lautlosen Stille, welche unmittelbar eintrat, hörte man einen leisen Ruderschlag und das Aufstoßen der Spitze eines Boots auf den Uferkies der Insel.

Nach wenigen Secunden trat ein polnischer Soldat, in der Freischaaren-Uniform, in die Lichtung.

Er näherte sich Traugutt und sprach in hastiger Aufregung:

»Eine große russische Macht, Infanterie und Kavallerie, zieht von Ivangrod heran; man muß uns verrathen haben; sie werden in weniger als einer Stunde hier sein. Von der anderen Seite ist ebenfalls die Meldung gekommen, daß einzelne Kavallerie-Piquets im Anzuge sind, hinter denen man größere Abtheilungen vermuthen muß.«

Die unbeweglichen Gruppen lösten sich bei dieser Meldung, tiefe Bestürzung malte sich auf allen Gesichtern, mit erwartungsvoller Spannung blickten Alle auf Traugutt.

Dieser allein blieb unbeweglich und kalt.

»Sind die Boote in Bereitschaft?« fragte er.

»Alles ist in Ordnung zur sofortigen Abfahrt,« erwiderte einer der aus den Gebüschen herangetretenen Soldaten.

»Vom linken Ufer ist keine Meldung gekommen,« sagte Traugutt, »dort also ist der Weg frei. – Dorthin gehen Sie, meine Herren. – Ein Jeder möge sich, wie er kann, zu seinem Corps zurückbegeben; im nächsten Dorfe werden Sie Pferde finden. Einige Leute mögen hier bleiben, um von Ihren Bedeckungsmannschaften am rechten Ufer so viel wie möglich herüber zu holen, die Uebrigen müssen sehen, wie sie entkommen oder sich durchschlagen. – Ich kehre nach Warschau zurück, Sie haben meine Befehle und,« rief er, sich hoch emporrichtend, mit einem gebieterischen Blick den ganzen Kreis der Umstehenden umfassend, »die Todesstrafe trifft Jeden, der ihnen zuwider handelt.«

Er winkte entlassend mit der Hand.

Mieroslawski und die Uebrigen eilten dem Ufer zu und bald hörte man leise Ruderschläge im Wasser.

»Wo ist der junge Mann, der vorhin zu mir geführt wurde?« fragte Traugutt.

»Er schläft,« erwiderte Einer der Ordonnanz-Offiziere, welcher bei dem Obersten geblieben war.

»Wecken Sie ihn sofort und führen Sie ihn zu mir.«

Wenige Augenblicke darauf trat der Graf Kraniski, noch ganz verwirrt durch das plötzliche Aufrütteln aus seinem tiefen Schlaf, zu dem Obersten heran.

»Ich habe keine Zeit unser vorhin unterbrochenes Gespräch fortzusetzen,« sagte Traugutt, »wir sind verfolgt, Sie müssen sich mit den Uebrigen retten. Begeben Sie sich zu dem Corps von Malinowski, wenn Sie dorthin gelangen können. Denken Sie darüber nach, was ich Ihnen gesagt und haben Sie mir etwas mitzutheilen, so werden Sie dort Boten finden, die zu mir zu gelangen wissen und ich werde Ihnen Gelegenheit geben, mit mir zu sprechen. Denn,« fuhr er fort, indem sein Blick mit ungewöhnlich sanftem Ausdruck, voll Wohlwollen auf dem jungen Mann ruhte, »ich wünsche Sie zu überzeugen und Ihr Herz wo für unsere Sache zu gewinnen; gehen Sie,« sprach er, »diese Herren werden Sie geleiten, Gott sei mit Ihnen!«

Er reichte dem Grafen die Hand, welche dieser mit tiefer Bewegung ergriff; dann folgte der junge Mann den beiden Ordonnanz-Offizieren, welche sich mit militairischem Gruß von dem Obersten verabschiedeten. Traugutt blieb allein mit dem Soldaten, welcher vorhin den Grafen zu ihm geführt hatte.

»Sind sie Alle fort?« fragte er.

»Die sämmtlichen Boote sind drüben gelandet,« erwiderte dieser, »das Letzte entfernt sich so eben von der Insel.«

»Laß uns gehen,« sagte der Oberst.

Der Soldat schritt voran durch das Weichsel-Gebüsch zu der, der Strömung entgegen liegenden äußersten Spitze der Insel; dort lag ein kleines Boot mit zwei Rudern. Traugutt stieg ein, der Soldat ergriff die Ruder, – schnell und sicher schoß das kleine Fahrzeug durch die Strudel des Stromes dahin.

Das Licht des Mondes verblaßte allmälig vor dem heraufdämmernden Morgenlicht des Hochsommers; man konnte bereits die entfernteren Ufer des Stromes deutlich erkennen. Am linken Ufer, der Insel gegenüber, verloren sich nach einander die letzten der bunten Uniformen der Insurgentenführer in den Gebüschen; von der anderen Seite her fuhren einige Boote mit polnischen Soldaten nach der Seite der Insel, während kleine Gruppen eiligst am Strande hin, stromaufwärts marschirten.

Ueber die Spitze des Bootes in, das sich schnell dem großen, noch immer in der Uferbuch befestigten Floß näherte, tauchte sich Traugutt's scharfer Blick in die wallenden, immer mehr vom Morgenlicht beleuchteten Nebel, welche in phantastischen Gestalten über den Strom dahinzogen, bald die fernen Ufer mit grauem Schleier verhüllend, bald sich öffnend zu einer kurzen, schnell wieder verschwindenden Aussicht auf die Strandgebüsche, die Inseln und Sandbänke und die weit am Horizont sich vom gelblichen Morgenhimmel abgrenzenden Stadt Ivangrod.

In einer solchen Oeffnung der Nebelschichten konnte man durch das gleichförmig graugrüne Gesträuch der Weiden und Weichselkirschen jenes eigenthümlich schnelle Aufblitzen leuchtender Streifen wahrnehmen, das dem militairisch geübten Auge mit untrüglicher Sicherheit die Anwesenheit von Gewehrläufen bekundet. Diese blinkenden Punkte und Streifen erschienen einzeln zwischen den Weiden, unmittelbar am Ufer des Stromes, während sie auf einer etwas zurückliegenden Erhöhung in dichterer Menge aufleuchtend und wieder verschwindend, sich fortbewegten wie der glänzende Schuppenpanzer eines langsam über den Höhenzug sich dahinwindenden Drachens.

Es mußte eine vorrückende Infanteriecolonne sein, welche durch in das Ufergesträuch ausschwärmende Tirailleurs flankirt wurden.

Traugutt ließ, ohne eine Bewegung zu machen, einen scharfen, zischenden Ton aus seinen Lippen dringen.

Mit verdoppelter Geschwindigkeit tauchten sich die von den Händen des Soldaten bewegten Ruder in das Wasser.

Das Boot schoß, leichten Schaum vor seiner Spitze aufkräuselnd, dahin, noch wenige Augenblicke und es stieß unmittelbar neben dem großen Floß auf das sandige Ufer.

Traugutt sprang heraus – der Soldat befestigte das Fahrzeug an einen, weit zum Strom hin hervorragenden, knorrigen Ast.

Die Flissacken hatten ihr Mahl beendet, – das Feuer war ausgebrannt – Alles zur Abfahrt bereit, ein Mann stand neben dem Tau, mit welchen das Ende des Flosses an einen starken, in das Ufer gerammten Pfahl befestigt war.

Der Führer der Bemannung des Flosses näherte sich Traugutt.

»Dort!« sagte er kurz, mit der Hand nach den im immer heller aufsteigenden Morgenroth leuchtenden Punkten zeigend, welche noch immer durch die auseinander wallenden Nebel sichtbar waren.

Traugutt nickte mit dem Kopf.

»Meine Kleider,« sagte er ruhig.

Einer der jüngeren Flissacken sprang auf das Floß und brachte aus der darauf gezimmerten Hütte ein Bündel, das er zu den Füßen des Obersten niederlegte.

Der Ordonnanzsoldat nahm aus diesem Bündel zwei vollständige Flissackenanzüge, wollene Hemden, kurze Beinkleider, Bastschuhe und breite Strohhüte, Alles alt, schmutzig und vielfach zerrissen.

Traugutt hatte sich bereits vollständig entkleidet, sein Begleiter folgte seinem Beispiel, beide warfen ihre Kleider und Waffen, mit Steinen beschwert, in den Strom und in kurzer Zeit waren sie in ihrem Aeußeren von den übrigen Flissacken, welche das Floß bemannten, nicht zu unterscheiden.

Der Ankerpfahl mit dem Strick wurde vom Ufer gelöst, der Führer der Flissacken stellte sich an das lang in den Strom hinaus ragende Steuerruder am Hintertheile des Flosses, die Uebrigen, unter ihnen Traugutt und sein Begleiter, ergriffen die mächtigen langen Stangen mit doppelten eisernen Spitzen, durch welche an den Seiten, wenn der Grund erreichbar ist, die Bewegung des Flosses beschleunigt wird und welche zugleich dazu dienen, die schwerfällige Holzmasse von den Inseln und dem seichten Uferstrich abzustoßen. Der Violinspieler stellte sich in die Mitte des Flosses, lustig tönten die einfach originellen Tanzweisen in die vom aufspringenden Morgenwind etwas abgekühlte Luft hinaus und langsam bewegte sich die mächtige Maschine bis zur Mitte des Stromes.

Dort ergriffen sie die schnellen Wirbel und, fast ohne Nachhülfe der Strömung folgend, schwamm diese kleine abgeschlossene Welt, mit ihrem von dem Treiben der Menschen an den Uferländern des Flusses unberührten Stillleben, immer rascher und rascher hinab, dem fernen Meere zu.

Bald konnte man vom Floß aus die russischen Soldaten erblicken, die zur Seite der vorrückenden Colonne die Ufergebüsche durchstreiften.

Als das Floß an ihnen vorüberfuhr, hielten einige die Hand vor die Augen und schienen scharf hinüber zu blicken. Ein Offizier kam unmittelbar an den Rand des Ufers hinab und musterte durch ein Glas das Floß und seine Bemannung, welche in ihrer geringen Zahl auf der völlig frei zu übersehenden Holzfläche nur wenig verdächtig erscheinen konnten.

Der Mann am Steuer blickte, ohne eine Bewegung zu machen, ohne den Kopf zu wenden, mit ängstlicher Spannung nach dem Ufer hinüber, unmerklich das Floß mehr und mehr nach der anderen Seite hinlenkend.

Traugutt ließ einen Augenblick die Stange, welche er führte, mit der einen Hand los, schwenkte mit der andern seinen breiten Strohhut und rief ein schallendes Hurrah zum Ufer hinüber.

Die anderen Flissacken folgten seinem Beispiel, einige der russischen Soldaten erwiderten den Ruf, der Offizier nahm das Glas vom Auge und trat vom Ufer zurück, die Truppe setzte ihren Marsch fort und war bald von dem schnell in entgegengesetzter Richtung dahin treibenden Floß weit entfernt.

Die Spitze des Holzgefüges stieß mit leichtem Ruck auf einen im Wasser schwimmenden Gegenstand, der unter die ersten vorwärts treibenden Balken hinabtauchend, bald an der Langseite des Flosses wieder zur Oberfläche des Wassers emporstieg.

Man erkannte den Leichnam eines polnischen Freischärlers in grauer Blouse. Aus mehreren tiefen Brustwunden war das Blut ausgeströmt, der Schädel war von Kolbenschlägen zerschmettert, die gebrochenen Augen starrten grauenhaft aus dem verzerrten Gesicht zum Himmel empor, durch das gelbe Wasser des Stromes zog hinter der Leiche her ein blaß röthlicher Streifen.

Ein Schrei des Schreckens und Entsetzens entfuhr den Flissacken, welche zuerst dies furchtbare Bild erblickten, sie machten eine Bewegung, um mit ihren Stangen den leblosen Körper heranzuziehen.

»Niemand soll seinen Platz verlassen oder seine Stellung ändern,« rief Traugutt, fortwährend mit seiner Stange arbeitend, in tiefem Ton, der gebietend über das weite Floß hin hallte.

Alle gehorchten augenblicklich diesem Befehl, die lustigen Töne der Violine, die einen Augenblick verstummt waren, erklangen wieder und das Floß fuhr an der Leiche des unglücklichen Polen so ruhig und gleichgültig vorüber, wie an den hie und da im Wasser schwimmenden Holzstücken und Weidengebüschen, welche die Strömung vom Ufer losgerissen.

Die Sonne stieg über den Horizont herauf und ihr erster, über die flache Landschaft dahin schießender Strahl beleuchtete den blutigen entstellten Körper, der sich, in kreisender Bewegung, von den Wirbeln umhergedreht, immer mehr von dem Floß entfernte.

Zugleich sah man in weiter Entfernung noch einige andere Leichen über dem Wasserspiegel auftauchen und an den Aesten der niedrigen Weichselbäume am aufsteigenden Ufer konnte man die Körper erhängter Freischärler erkennen.

Mit starren, brennenden Blicken sah Traugutt auf dies so traurige und so entsetzensvolle Schauspiel hin ohne einen Augenblick die Arbeit mit seiner Stange zu unterbrechen.

»Arme Opfer einer heiligen Sache,« sprach er leise, »möge der Himmel Eure Seelen gnädig empfangen und möge er dem Vaterlande die Frucht so vieler Hingebung, so vielen vergossenen Blutes schenken, – für Polens Freiheit ist kein Preis zu theuer.«

Aus der Ferne her blinkten die Gewehre der russischen Truppen im Morgenlicht, der Knall einzelner Schüsse drang herüber, während unbeachtet, friedlich und ruhig das Floß dahin trieb, welches den obersten Führer der Revolution, das Haupt der stets vergeblich gesuchten unauffindbaren National-Regierung nach Warschau trug.

Fünftes Capitel.

In einem der Lesezimmer des »British Museum« in London saß um die Mittagsstunde vor einem, mit Büchern und Broschüren bedeckten Tisch, im tiefen Nachdenken ein Mann von etwa fünfzig Jahren; seine Gestalt war mager, eher zart als kräftig, aber nervig und fest gebaut; sein scharf geschnittenes, blasses Gesicht mit bereits grauem Haar und Bart, zeigte unverkennbar den eigenthümlichen Typus des jüdischen Race; die schmalen Lippen waren fest geschlossen, zuweilen spielte um dieselben ein kaltes, höhnisches Lächeln; die etwas tief liegenden Augen, von jener eigenthümlich unbestimmten, je nach dem Ausdruck des Gesichts wechselnden Farbe, die man zuweilen bei Personen findet, deren Geist in innerlich zurückgezogenem Leben arbeitet, erschienen bald theilnahmlos, matt und gleichgiltig, wie nach innen gerichtet, bald öffneten sie sich zu einem scharfen, durchdringenden Blick, der sich bis in die innersten Tiefen des Wesens der von ihm erfaßten Objekte bohren zu wollen schien.

Dieser Mann, die nicht sehr hohe aber scharf hervorspringende Stirn in die Hand gestützt, und sich über einen, vor ihm aufgeschlagenen Band des Heraklit herabbeugend, war der, wie so viele andere politische Flüchtlinge in London lebende Karl Marx, ein geborner Rheinländer, aus der Zeit, da das Gebiet diese deutschen Stroms einen Theil des französischen Kaiserreichs ausmachte. Nachdem er an allen politischen Agitationen lebhaften Antheil genommen und, wenn auch immerhin in isolirter, eigenthümlich selbstständiger Stellung sich an den Bewegungen in Deutschland betheiligt, hatte er sich, nach Wiederherstellung der politischen Autorität der Regierungen, nach London zurückgezogen und lebte hier meist in einer fast isolirten Abgeschlossenheit, den größten Theil seiner Zeit mit wissenschaftlichen Studien in alten Büchern und Handschriften verbringend; nur zuweilen erschien er plötzlich unerwartet Abends in den Lokalen, wo die Handwerkervereine ihre Versammlungen hielten; dann sprach er zu diesen Leuten, welche in unklarer Verworrenheit die Wege zur Verbesserung ihrer Lage suchten, und entwickelte ihnen mit einer scharf logischen, aber kalten Beredsamkeit seine Systeme über die Fragen des socialen Lebens.

Nachdem er eine Weile schweigend seine Lektüre fortgesetzt hatte, schob er das Buch zurück, ließ die Hände in den Schooß sinken und richtete den Blick sinnend aufwärts.

»Man muß hinabsteigen in die Tiefen des grauen Alterthums,« flüsterte er im leisen Selbstgespräch vor sich hin, »um die Wahrheit zu finden und um klar zu werden über den Weg, zu welchem die menschliche Gesellschaft zurückgeführt werden muß, wenn sie von den Fesseln unnatürlicher Zustände befreit werden soll. Alle Geister unser Tage sind voreingenommen und erfüllt von den falschen und verkehrten Begriffen, welche von der ersten Jugend an den heutigen Generationen eingeimpft werden; in jener alten Zeit, in welcher die Menschen dem natürlichen Ursprung ihres Geschlechts noch näher standen, bewegte der Ideengang der Geister sich frei von den heute so tief wurzelnden Irrthümern, deren falsche Prämissen nur zu noch falscheren Schlüssen führen können.

»Eine Lösung nur giebt es,« sagte er in seinem Selbstgespräch fortfahrend, indem er wieder den Kopf in die Hand stützte, »eine Lösung nur, das ist die Zerstörung dieses unnatürlichen Elementes in unserer Gesellschaft, des Capitals. Das Capital ist eine ungesunde Anhäufung der Arbeitskraft, welche dem ökonomischen Organismus der Gesellschaft entzogen wird. Wie die Stockungen des Blutes im menschlichen Körper und die Anhäufung desselben an einzelnen Stellen krankhafte Geschwüre erzeugen, während andern Theilen dadurch die nothwendige Lebenskraft entzogen wird, so zerstört das Capital das Gleichgewicht in dem großen Gesellschafts-Körper der Menschheit, dessen Gesundheit doch auf denselben Prinzipien beruht wie diejenige des einzelnen Organismus. Alles was sie lehren, jene Träumer von Reformen, von socialen Verbesserungen, es sind Palliativ-Mittel, welche im Grundwesen der Sache nichts ändern können.

»Tod und Vernichtung dem Capital,« sprach er lauter, »das ist die einzige Loosung, unter welcher der Kampf für die zukünftige Wiedergeburt der menschlichen Gesellschaft begonnen werden kann; zwischen der Arbeit und dem Capital giebt es keinen Pakt, keinen Ausgleiche, keine Versöhnung. Die Lebensbedingung der Arbeit, der Produktion ist die stete Bewegung im immer neuen Schaffen; das Capital ist die Ruhe, die lahm gelegte Kraft, welche die Arbeit mehr und mehr lähmen, erdrücken und endlich tödten muß, – da feiern sie diesen Proudhon,« sagte er mit bitterm Lachen, »als den Apostel einer neuen Lehre, weil er einige Schlagwörter in die Welt geschleudert hat, in denen sich unter dem scharfen Secirmesser der logischen Kritik wenig oder gar kein Sinn verbirgt, aber trotz seiner kühnen Phrasen, welche Thoren bejubeln und vor denen andere Thoren zittern, wagt er es nicht, die Axt an die Wurzeln zu legen, – alles Halbheit und leeres Phrasengeklingel. Wahrlich es reizt mich, diesen thörichten Schwätzer niederzuschmettern mit den Keulenschlägen der unerbittlichen und consequenten Logik, – aber freilich,« sagte er achselzuckend, »der große Haufe wird immer lieber der Phrase folgen, welche er so bequem nachsprechen kann, als daß er seine Gedankenträgheit überwindet und sich zwingt, die kalte und klare Wahrheit zu erfassen.« –

Einige Gentlemen, welche am andern Tische mit der Lektüre alter Bücher und Handschriften beschäftigt waren, blickten bei diesem lauter gewordenen Selbstgespräch erstaunt auf. Marx bemerkte es und schwieg. Er nahm abermals den Band des Heraklit zur Hand [und] setzte noch eine Zeitlang seine Lektüre fort, dann blickte er auf seine Uhr, stand auf, ergriff seinen Hut, den er neben sich auf den Tisch gestellt hatte und verließ die Räume des »British Museum«. Mit der Sicherheit eines langjährigen Bewohners der großen Weltstadt, schritt er durch das dichte Gewühl der Straßen von London dahin, immer in tiefen Gedanken, von Zeit zu Zeit die Lippen bewegend und einzelne halb unverständliche Worte vor sich hin murmelnd.

Er war nach Downing Street gekommen und trat in das große Gebäude des Auswärtigen Amts; dem Huissier zeigte er ein Papier, das er aus seiner Tasche zog, worauf ihn derselbe über die Corridore nach einem großen Salon führte, dessen Ameublement in einem mächtigen, runden Tisch in der Mitte und in einer Reihe von schweren Sesseln an den Wänden bestand.

Nachdem hier Marx kaum eine kurze Zeit lang schweigend auf- und niedergegangen war, öffnete sich eine Seitenthür, der Huissier trat ein, und führte ihn durch ein kleines Vorzimmer nach einem großen und hellen Cabinet, das mit seiner reichen und comfortabeln Ausstattung, mit seinem großen, von Büchern, Papieren und Karten bedeckten Tisch, mit seinen Gemälden und Statuetten, die Mitte hielt zwischen der eleganten Wohnung des Lebemannes und dem Arbeitszimmer eines vielbeschäftigten Gelehrten oder Staatsmannes.

Rasch von seinem, vor einem breiten Schreibtisch, im hellen Licht eines der großen, hohen Fenster stehenden Lehnstuhl sich erhebend, trat dem kleinen, und äußerlich unscheinbaren deutschen Flüchtling, der erste Lord des Schatzes von England, Viscount Palmerston entgegen.

Die hohe, schlanke Gestalt dieses viel gewandten Ministers zeigte in ihrer leichten, freien Haltung keine Spur von dessen hohem Alter und auch sein edel geschnittenes Gesicht mit den charakteristisch plastischen Zügen der alten, englischen Aristokratie trug, trotz der grauen Haare und des grauen Bartes, noch den Ausdruck jugendlicher Frische und Heiterkeit; das klare, graue Auge des Lords blickte scharf unter den edel geschwungenen Augenbrauen hervor, in seinem Blick lag eine gewisse überlegene vornehme Gleichgültigkeit, man empfand unwillkürlich, daß dies Auge seit lange gewohnt war, die Dinge und Verhältnisse von oben herab anzuschauen; um den Mund blieben selbst im ernstesten Gespräch gewisse Linien eines verbindlich höflichen Lächelns stereotyp, wodurch der ganze Ausdruck dieses Gesichts einen Schein von leichter sanguinischer Oberflächlichkeit erhielt, der mit der hohen, schön gewölbten Denkerstirn nicht im Einklang stand.

Karl Marx blickte auf die hohe und vornehme Erscheinung des allmächtigen Premier-Ministers von Groß-Britannien mit unbeweglicher Ruhe; das kalte, höhnische Lächeln verschwand kaum von seinen Lippen und der verfolgte, fast heimathlos gewordene Fremde, der sein Leben in kleinen, dürftigen Zimmern und in schmutzigen Kneipen, unter Handwerkern und Fabrikarbeitern, verbrachte, schien in keiner Weise berührt weder von dem Eindruck der Person dieses höchsten Würdenträgers der Krone, noch von der aristokratischen und eleganten Umgebung, in welcher er sich befand.

Lord Palmerston verbeugte sich leicht mit jener vollkommenen höflichen Sicherheit, in welcher zugleich in Zug von abwehrender Zurückhaltung liegt, und sprach mit seiner wohltönenden, angenehmen Stimme, in reinem Deutsch, das kaum eine leichte Nüance fremden Accents erkennen ließ: »Ich habe mehrere Ihrer Schriften gelesen, mein Herr, welche mit großem Geist und großer Schärfe die tief einschneidenden Fragen der Gegenwart behandeln. – Ich habe deswegen gewünscht, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen und mit Ihnen über die Ideen, welche Sie ausgesprochen, mich zu unterhalten. Ich danke Ihnen, daß Sie durch Ihren Besuch meinen Wunsch erfüllt haben.«

Mit artiger Wendung kehrte er zu seinem Schreibtisch zurück, setzte sich vor demselben nieder und deutete seinem Gast einen Sessel neben demselben an. Karl Marx nahm Platz, stellte seinen Hut neben sich auf die Erde, und erwartete ruhig die weitere Anrede des Ministers.

»Die socialen Fragen der Gegenwart,« sagte Lord Palmerston, indem sein Blick fortwährend mit forschender Beobachtung auf dem charakteristischen Gesicht seines Besuchers ruhte, »die socialen Fragen der Gegenwart, welche Sie mit so viel Geistesschärfe zu behandeln verstehen, haben für England ein ganz besonders hervorragendes Interesse, weil gerade die Wohlfahrt und Macht Englands auf der Arbeit und dem richtigen Verhältniß zwischen Arbeit und Capital beruht. Ich habe deshalb besondere Aufmerksamkeit –«

»Kann es zwischen Capital und Arbeit überhaupt ein richtiges Verhältniß geben,« fragte Marx in scharfem Ton den Minister unterbrechend, der ein Wenig befremdet einen Augenblick schwieg und dann in ruhigem Ton weiter sprach:

»Ich glaube, daß es die Aufgabe einer weisen Staatskunst sein muß, jenes richtige Verhältniß zu finden und in der Praxis herzustellen, denn alle sociale Unruhe beruht ja auf einem bestehenden Mißverhältniß zwischen den beiden Faktoren der Produktion –«

»Das Mißverhältniß besteht einfach,« sagte Karl Marx kurz, »in der Ansammlung des Capitals und der Theilung der Arbeit – um gesunde Zustände herzustellen, muß man das Capital theilen und die Arbeit concentriren.«

Lord Palmerston blockten einen Augenblick zu Boden, er schien ein Wenig überrascht von der beinahe rücksichtslosen Schärfe, mit welcher dieser Mann seine Meinung aussprach, dieser deutsche Doktor, von welchem er vorausgesetzt haben mochte, daß er ihm mit der, den Gelehrten seiner Nation eigenthümlich weitläufigen Unklarheit seine Theorieen entwickeln würde.

»Sie werden mir zugeben,« sagte er dann, »daß das Princip, welches Sie so eben klar und scharf aufgestellt haben, in seiner unmittelbaren praktischen Ausführung großen, ja unüberwindlichen Schwierigkeiten begegnen würde, und daß es die Aufgabe keiner Regierung sein kann, in einem Kampfe zwischen zwei im Staatsorganismus berechtigt bestehenden Faktoren ausschließlich Partei für den Einen zu nehmen.«

»Die Arbeit bedarf keiner Parteinahme der Regierung,« sagte Marx in demselben fast unhöflich abwehrenden Ton, »sie ist berufen sich selbst zu helfen und wird niemals zur Freiheit gelangen, wenn sie sich nicht ganz rücksichtslos und ausschließlich auf ihre Selbsthülfe verläßt. Jede Intervention der Staatsgewalt kann ihr nur verderblich werden, es sei denn,« fügte er etwas leiser, und wie zu sich selber sprechend hinzu, »daß sie selbst dahin gelangt, die Gewalt des Staates in ihre Hand zu nehmen.«

»Das könnte nur durch den Umsturz alles Bestehenden geschehen,« sagte Lord Palmerston, »und könnte nur durch einen erbitterten Krieg der einen Hälfte gegen die andere erreicht werden.«

»Nicht der einen Hälfte gegen die andere,« erwiderte Marx, indem sein eigenthümlich höhnisches Lächeln um seine Lippen spielte, »die Verhältnißzahl ist nicht zutreffend, es ist vielmehr ein Kampf von neun Zehntheilen gegen ein Zehntheil.« –

»Aber dies eine Zehntheil,« sagte Lord Palmerston, »steht an concreter Macht den anderen neun Zehntheilen gleich.« –

»Nur so lange,« erwiderte Marx unerschütterlich, »bis jene neun Zehntheile ihre Macht verstehen und zu gebrauchen gelernt haben werden.«

»Es ist schwer,« sagte der Minister, »über die Principien, deren Gebiet wir hier berührt haben, uns in einer Unterredung zu verständigen, vielleicht können wir Gelegenheit finden, weiter darüber zu sprechen. – Ich bin,« fuhr er lächelnd fort, »ein Mann der Praxis, wozu mich mein Beruf nöthigt und gerade über die praktische Behandlung der großen, socialen Angelegenheit Europa's möchte ich mit Ihnen sprechen, – selten, fast nie, kommen ja die Principien in ihrer starren Consequenz zur Ausführung; die praktische Welt, das Leben, in dem wir uns bewegen müssen, besteht in Compromissen –«

»Darum ist auch dieses praktische Leben so falsch, so unklar, so unbefriedigend nach allen Seiten hin,« sagte Marx.

Lord Palmerston schwieg abermals einen Augenblick, er schien zu fühlen, daß eine weitere Fortsetzung des Gesprächs in diesem Ton zu keinem Resultat führen könnte.

»Die Arbeiter-Bewegung,« sagte er nach einer kurzen Pause, »ist durch ganz Europa in einer Organisation begriffen, man arbeitet an der Herstellung einer allgemeinen internationalen Association zur Verbesserung der Lage der Arbeiter, zur Vertheidigung ihrer Rechte.«

Marx neigte schweigend das Haupt.

»Ich höre,« fuhr Lord Palmerston fort, »daß man sich in Italien, Deutschland und vorzugsweise in Paris mit dem Gedanken beschäftigt ein allgemeines Centralcomité zu bilden, von dem aus alle Schritte der Arbeiter in den verschiedenen Ländern und ihre Verhältnisse einheitlich geleitet werden sollen.«

Marx nickte abermals zustimmend.

»Die Fäden,« sprach Lord Palmerston weiter, »dieser Organisation laufen in Paris zusammen und es scheint, daß in nächster Zeit dort ein gemeinschaftlicher Mittelpunkt geschaffen werden soll.«

Wieder bestätigte Marx die Bemerkung des Ministers durch schweigendes Kopfnicken.

»Ich würde dies,« fuhr Lord Palmerston fort, »im Interesse der Sache der Arbeiter beklagen. Sie wissen selbst am besten, mit welcher scharf concentrirten und fest gegliederten Polizeimacht die Regierung des französischen Kaiserreiches in alle Verhältnisse eindringt und sich alle Elemente des öffentlichen Lebens zu unterwerfen trachtet. Die Errichtung eines leitenden Mittelpunktes für die europäische Arbeiterbewegung in Paris würde eine nach beiden Seiten hin gefährliche Alternative in sich schließen, entweder würde die unsichtbare Polizeigewalt der französischen Regierung das leitende Comité ihrer Herrschaft unterwerfen und ihren Zwecken dienstbar machen, oder, wenn dies nicht gelingen sollte, seine Thätigkeit derartig einengen und lähmen, daß das Centralcomité unter dem, ewig über seinem Haupte schwebenden Damokles-Schwert für die allgemeine Sache eine leitende Wirksamkeit auszuüben unfähig werden müßte.«

»Das ist richtig,« sagte Marx kurz. –

Ein Ausdruck der Befriedigung erschien einen Augenblick auf dem Gesicht des Ministers, dann sprach er weiter:

»Nach meiner Ansicht liegt es weit mehr im wahren Interesse der Arbeiter den Centralpunkt der socialistischen Bewegung nach England zu verlegen und unter den Schutz der englischen Gesetze zu stellen, welche jeder Bewegung freie Sicherheit gewähren.«

Marx schwieg.

»Ich kann,« sagte der Minister, indem er mit scharfem Blick die Wirkung seiner Worte auf dem unbeweglichen Gesicht seines Besuches zu beobachten versuchte, »ich kann über die Prinzipien, welche die Bewegung der Arbeiter als ihr letztes Ziel aufstellt, verschiedener Ansicht mit Ihnen sein, ich kann jedoch als der erste Beamte einer freien Nation denjenigen, welche die Arbeiter an die Spitze ihrer internationalen Organisation stellen, vollkommene Freiheit ihrer Berathungen und Maßnahmen zusichern, so lange sie die Gesetze des Landes respectiren.«

»Sie haben Recht, Mylord,« erwiderte Marx in ruhigem Ton, »ich stimme mit Ihnen vollkommen darin überein, daß eine Leitung der europäischen Arbeiterbewegung von Paris aus, deren Ruin sein müßte. – Ich weiß, daß weder Sie, noch irgend ein englischer Minister im Stande wären, auch wenn sie wollten, den lähmenden oder corrumpirenden Einfluß auszuüben, der in Paris stattfinden würde und ich war auch, bevor ich die Ehre hatte mit Ihnen zu sprechen, der Ueberzeugung, daß, wenn eine einheitliche Aktion in die Sache der Arbeiter gebracht werden soll, deren Leitung ihren Sitz nur in England haben kann. –

»Doch,« fuhr er fort, indem er seinen klaren Blick scharf und fest auf den Minister richtete, »wenn ich dieser Ueberzeugung bin, so habe ich sie nur deshalb, weil ich es überhaupt für nothwendig halte, jeden Einfluß irgend einer Regierung, und sei es die freiste und liberalste, von der Sache der Arbeiter vollständig und rücksichtslos auszuschließen.

»Ich will vollkommen offen gegen Sie sein,« sprach er mit scharfer Betonung, – »denn es ist nicht meine Sache, meine Meinung zu verhüllen. Wenn die Bewegung der Arbeiter unter dem Schutz der englischen Gesetze sich organisirt, so soll sie dennoch frei von jeder Einwirkung der englischen Regierung bleiben und ich muß mit derselben Offenheit hinzufügen, wenn diese Bewegung jemals zu dem Ziele führt, das sie nach meiner Ansicht sich vorstecken muß, so wird sie die Zustände in England ebenso sehr in ihren tiefsten Grundelementen erschüttern und verändern, als in allen andern Staaten, ja vielleicht in England noch mehr als in allen andern, weil hier mehr noch als anderswo die großen Gegensätze in der heutigen Gesellschaft sich scharf und unversöhnlich gegenüberstehen.« –

Ein fast unmerkliches Lächeln spielte einen Augenblick um die feinen Lippen des Ministers: »Ich bin gewiß weit entfernt,« sagte er, »irgend einen Einfluß auf die Bewegung ausüben zu wollen, welche von den dabei Interessirten in eigener und selbstständiger Freiheit geleitet werden muß, und was das endliche Resultat derselben betrifft, so muß ich Ihnen wiederholen, daß, nach meiner Ueberzeugung und Erfahrung auch das in starrster und exclusivster Consequenz verfochtene Prinzip, im praktischen Leben stets zu Compromissen führt. Ich fürchte,« sagte er, den Kopf ein wenig aufwerfend mit einem Anflug stolzer Ueberlegenheit, »darum die in ihren Ausgangspunkten so berechtigte Bewegung der Arbeiter nicht, und werde derselben wahrlich nicht aus Besorgniß und Aengstlichkeit lähmend entgegentreten.«

»Ich muß,« sagte Karl Marx nach einer kurzen Pause, »da ich einmal in dieser Unterredung, die ich nicht gesucht habe, meine Ansichten mit Eurer Lordschaft austausche, noch einen Schritt weiter gehen in meiner Offenheit.«

Der Lord neigte höflich das Haupt und blickte erwartungsvoll in das Gesicht des Sprechenden.

»Die sociale Arbeiterbewegung,« fuhr Marx fort, »ist nach meiner Ueberzeugung unzertrennlich von der Sache der politischen Revolution, welche sich überall auf dem Continent vorbereitet; die Staatseinrichtungen in Frankreich, in Deutschland, in Rußland und selbst in Italien machen eine gesundere Form der socialen Verhältnisse einfach unmöglich. Um zu einer solchen zu gelangen, muß der politische Druck zerstört werden, welcher unter dem Regiment der constitutionellen Bourgeoisie nicht minder wie unter der autokratischen Herrschaft auf den Arbeitern lastet. Eine enge Verbindung des internationalen Comités der Arbeiter mit allen revolutionären Elementen in Europa ist daher unerläßlich und von diesem Gesichtspunkte aus wird der leitende Sitz einer solchen Organisation in London, der englischen Regierung vielleicht Verlegenheiten den übrigen Kabineten gegenüber bereiten; ich sage dies nicht,« fuhr er fort, »weil ich mich durch diese Rücksicht irgend in der Verfolgung meines, als richtig erkannten Gedankens abhalten lassen würde, ich sage es nur, im Ihnen gegenüber aufrichtig zu sein und Ihnen keinen Zweifel darüber zu lassen, was Sie von mir und denjenigen, die meine Gesinnung theilen, zu erwarten haben.«

»England hat sich nie darum gekümmert,« sagte Lord Palmerston achselzuckend, »wie die Regierungen des Continents Mit den revolutionären Elementen fertig werden. Blicken Sie hin auf die verschiedenen Länder Europa's, wo überall sich eine revolutionäre Bewegung erhoben hat, immer hat England unbeweglich den vollendeten Thatsachen gegenüber gestanden und jeder Revolution das Recht zuerkannt, ihre Prinzipien durchzuführen, wenn sie dazu die Macht hatte, – wir sind eben matter of fact-men,« fügte er lächelnd hinzu, »und kümmern uns sehr wenig um das, was in andern Ländern vorgeht, namentlich wenn unsere unmittelbaren Interessen nicht dadurch berührt werden.«

»– Besonders,« sagte Marx mit scharfem Blick und leichtem Lächeln, »wenn England, wie dies zuweilen geschieht, aus revolutionären Bewegungen auf dem Continente Vortheile zieht – Vortheile für seine politische Machtstellung den, durch innere Unruhen geschwächten Mächten gegenüber – Vortheile für seine Industrie und seinen Handel durch die zerrütteten ökonomischen Verhältnisse in andern Ländern.«

Lord Palmerston blickte eine Sekunde schweigend zu Boden. »Sie sehen also,« sagte er dann, »daß, wie verschieden auch unsere Ansichten sein mögen über die Gestaltung des socialen Lebens der Völker, wir doch darin übereinstimmen, daß die Bewegung auf diesem Gebiet am sichersten, ruhigsten und erfolgreichsten auf englischem Boden und unter dem Schutz der englischen Gesetze sich entwickeln können, und daß es im wahren Interesse der Gesellschaft liegt, die Einwirkungen weniger starker und vorurtheilsfreier Regierungen auf jene Bewegung zu verhindern. Ich darf also gewiß voraussetzen, daß Sie Ihren so mächtigen Einfluß,« fügte er mit verbindlicher Neigung des Kopfes hinzu, »in diesem Sinne anwenden.«

»Ich habe,« sagte Karl Marx in beinahe brüskem Ton, »in meiner Unterredung mit Ihnen, Mylord, nichts gefunden, was mich veranlassen könnte, von meiner bereits früher feststehenden Ansicht abzugehen, welche ja für den Augenblick mit der Ihrigen vollkommen übereinstimmt und ich habe zugleich meine Pflicht als ehrlicher Mann erfüllt, indem ich Ihnen ausgesprochen habe, wie unendlich weit unsre Meinungen über die zukünftigen Phasen der socialen Bewegung auseinander gehen.«

»– Ich bin überzeugt,« sagte Lord Palmerston aufstehend, »daß wir auch über diese Differenzen bei weiteren Besprechungen zur Verständigung kommen werden.«

»Ich werde,« fügte er artig hinzu, »stets mit besonderem Vergnügen zu solchen Besprechungen bereit sein.«

»Und ich meinerseits,« erwiderte Marx, indem er sich ebenfalls erhob, »werde niemals Bedenken haben meine Meinung auszusprechen und diejenige Anderer anzuhören.«

Er verneigte sich fast unmerklich gegen den Minister, wendete sich um und verließ langsamen und ruhigen Schrittes das Cabinet, während Lord Palmerston ihn höflich einige Schritte begleitete.

Lord Palmerston ging einige Male im Zimmer auf und nieder.

»Das ist ein merkwürdiger Mann,« sagte er, »hart und scharf wie Stahl und dabei von unergründlicher Tiefe in seinen Gedanken und Plänen; – ich hatte ihn mir anders gedacht; ich hatte erwartet, einen deutschen Träumer zu finden, den man zu lenken im Stande sein würde. – Dieser Mann aber ist nicht zu lenken, er hat nicht den gewöhnlichen Ehrgeiz, der sich auf die kleinen Erfolge von heut zu morgen richtet, – man kann ihm nicht imponiren, er will herrschen, und unbedingt herrschen und wenn er in die Bewegung der Arbeiter fest eingreift, so wird er der Cäsar dieser Sache werden. – Nun,« sprach er, »vor der Hand unterstützt er meine Pläne, er wird es zu verhindern wissen, daß Napoleon die revolutionäre Agitation Europa's in seine Hand nimmt, und wenn man auch auf ihn keinen Einfluß gewinnen kann, so wird sich doch durch das Wiederspiel der Kräfte, welche in dieser internationalen Association thätig sind, die absolute Herrschaft bekämpfen lassen, nach welcher dieser unbeugsame Geist strebt.« –

Der Huissier trat ein und überreichte dem Minister eine Karte; Lord Palmerston las den darauf befindlichen Namen und sprach: »Lassen Sie den Herrn eintreten.«

Durch die geöffnete Thür trat ein schlanker Mann von etwa fünf und dreißig Jahren in das Cabinet,. er trug einen eleganten schwarzen Morgenanzug, sein bleiches Gesicht war von aristokratischem Schnitt, ein kleiner Schnurrbart bedeckte die leicht aufgeworfene Oberlippe und die dunkeln, schwarzen Augen blickten voll Feuer und Intelligenz umher. Der Eintretende verneigte sich in den Formen der besten Gesellschaft vor dem Minister, trat zu dem selben heran und überreichte ihm ein versiegeltes Papier. Lord Palmerston öffnete dasselbe schnell und ließ den Blick über die wenigen Zeilen hinfliegen, die es enthielt.

»Sie kommen aus Warschau,« fragte er, indem er dem Fremden einen Sessel neben dem Schreibtisch bezeichnete und sich setzte.

»Der Führer des polnischen Aufstandes,« erwiderte dieser, indem er den Platz dem Lord gegenüber einnahm, »haben mich hierher gesendet, um Eurer Lordschaft zunächst zu danken, für die große Theilnahme, die Sie bisher unsrer Sache zugewendet haben und zugleich die Bitte auszusprechen, daß diese Theilnahme sich nunmehr in entscheidenden Schritten bei dem Petersburger Cabinet bethätigen möge. Der Aufstand ist fest organisirt, an allen Punkten wird die russische Macht durch den kleinen Krieg in Schach gehalten, und wir haben die Nachricht empfangen, daß auch in der Ukraine unter einzelnen Kosackenstämmen der Aufstand gegen die russische Herrschaft beginnt. Es ist jetzt der Augenblick gekommen, in welchem ein festes und entschiedenes Eingreifen der europäischen Mächte einen gewaltigen Eindruck auf das Cabinet von St. Petersburg machen muß; – die russische Regierung wird gezwungen werden in nächster Zeit, mit der Anspannung aller ihrer Kräfte, an der Niederwerfung Polens zu arbeiten und,« sprach er mit einem tiefen Seufzer, »es ist allerdings kein Zweifel, daß wir endlich, trotz der tapfersten Gegenwehr vernichtet werden müssen, wenn Rußland die Freiheit gelassen wird, seine ganze Uebermacht schrankenlos gegen uns zu gebrauchen. Ein wirklich ernstes Wort der Großmächte wird dies verhindern; wenn Rußland fürchten muß bei jedem weiteren Schritt, den es gegen uns thut, zugleich die Flotten Englands und die Armeen Frankreichs sich gegenüber zu sehen, so wird es entweder sogleich zu einer Anerkennung unserer Rechte gedrängt werden, oder doch jedenfalls sich gezwungen sehen, den Kampf gegen uns nur mit äußerster Vorsicht führen, um nach andern Seiten hin seine Kräfte für mögliche Conflikte frei zu halten.« –

Er schwieg einen Augenblick.

»Ich komme jetzt von Paris,« sprach er weiter, als Lord Palmerston nichts erwiderte und nur fortfuhr ihn mit dem Ausdruck höflichster Aufmerksamkeit anzusehen, »ich komme von Paris, und habe dort sowohl in der öffentlichen Meinung als in den höchsten Kreisen des Kaiserreichs eine unendlich warme und lebendige Sympathie für unsere Sache gefunden, – die Regierung selbst aber zögert, und der Kaiser, obgleich er ebenfalls die lebhafteste Theilnahme für unsre Sache empfindet und ausspricht, glaubt nicht handeln zu können, wenn er nicht der rücksichtslosen Mitwirkung Englands vollkommen sicher ist. Von Eurer Lordschaft also,« fuhr der Pole mit lebhafter, bewegter Stimme fort, »hängt jetzt das Schicksal meines Vaterlandes ab, von Ihren Lippen kann das Wort unserer Wiedergeburt ertönen. Geben Sie dem Kaiser Napoleon die Versicherung Ihres ernsten Willens, mit ihm gemeinschaftlich, fest und entschieden gegen Rußland vorgehen zu wollen, so wird er nicht länger zögern können, selbst wenn er es wollte, und das Petersburger Cabinet wird hinter den einzelnen Streifcorps der polnischen Insurrektion die geschlossene Phalanx der beiden ersten Mächte Europa's erblicken.«

Lord Palmerston hatte dem Sprechenden ruhig und unbeweglich zugehört, kein Zug seines Gesichts veränderte sich und mit klarem Blick, dessen fast gleichgültige Ruhe eben so sehr geeignet war die inneren Gedanken des Ministern zu verhüllen, als es die geschlossenen Augenlider hätten thun können, erwiderte er:

»Ich habe vom ersten Auftauchen der polnischen Bewegung an derselben die größte Theilnahme zugewendet, und meiner Einwirkung ist es, wie Sie wissen, vorzugsweise gelungen, das gleichmäßige Vorgehen Frankreichs, Oesterreichs und Englands für Ihre Sache zu bewirken. Sie müssen anerkennen, daß ich als Minister Englands dazu am wenigsten politische Veranlassung und vertragsmäßiges Recht hatte. Ein Wiedererstehen des Königreichs Polen würde für England kaum ein fester und wirksamer Alliirter sein können; die Lage, so wie die Geschichte Polens weist auf enge Verbindung mit Frankreich hin und Frankreich würde das Land sein, welches den wesentlichsten politischen Nutzen aus der Wiederherstellung Polens ziehen müßte. Wenn ich mit besonderer Wärme für die Sache Ihres unglücklichen Vaterlandes eingetreten bin, so habe ich mehr im Interesse der Humanität gehandelt, als daß ich bestimmte politische Zwecke Englands verfolgt hätte. – Ich habe Recht daran gethan, denn es ist die Sache des freien englischen Volkes, überall den unterdrückten, nach Freiheit ringenden Völkern freundlich die Hand zu reichen – indessen Sie werden begreifen, daß ich ohne ganz bestimmte, materielle Interessen meines Landes zu verfolgen, England nicht anders als mit der vollkommenen Sicherheit mächtiger Alliancen in einen ernsten Krieg verwickeln darf, und daß außerdem ein solcher Krieg auch nicht ohne eine vertragsmäßige und völkerrechtliche Berechtigung heraufbeschworen werden darf. Es ist nun ganz unzweifelhaft, daß die eigentliche, unmittelbare Berechtigung zur Einmischung in die polnischen Angelegenheiten unter den drei cooperirenden Mächten ausschließlich Oesterreich zusteht, welches bei der Theilung Polens mitgewirkt hat und welches einen bedeutenden Antheil polnischen Gebiets unter seiner Herrschaft hält. Die Dings stehen nun augenblicklich so, daß jedes weitere scharfe Vorgehen in St. Petersburg fast unmittelbar den Krieg zur Folge haben müßte. Was den Kaiser Napoleon betrifft, so hätte ich das vollkommene Recht, die Anschauung, die Sie mir als bei ihm vorhanden bezeichnet haben, vielmehr als die Meinige in Anspruch zu nehmen. Kann ich energisch vorgehen, ohne daß ich seiner consequenten und rücksichtslosen Unterstützung vollkommen sicher bin? – Und habe ich diese Sicherheit? Sie werden selbst den unsicher schwankenden Charakter des Kaisers kennen, Sie werden wissen, wie leicht und oft seine Ideen abspringen, abseits von dem Wege, den er zu verfolgen scheint, Sie werden selbst wissen, wie unergründlich tiefe Abgründe sich im Innern dieser merkwürdigen Natur verbergen und so möchte es mir vielleicht mehr anstehen, die kräftige Initiative von ihm zu erwarten, um demnächst gegen jede Isolirung gesichert zu sein, in welcher ich der englischen Politik nur Verlegenheit bereiten, Ihrer Sache aber keinen ernsten Vortheil bringen könnte. – Doch davon abgesehen,« fuhr er fort, »der wichtigste Faktor bei einem ernsten Vorgehen bleibt Oesterreich, das vertragsmäßig befugt ist, wie man ja auch in Petersburg selbst anerkennt, über die polnische Frage zu sprechen und das auf der andern Seite durch seine geographische Lage allein im Stande ist, wirksam und unmittelbar in die Ereignisse einzugreifen. Was können England und Frankreich thun –,« sagte er mit leichtem Achselzucken; »– Flotten an die russischen Küsten schicken, –Armeen dort ausschiffen? – das Alles erfordert viel Zeit und kann nur dann von ernster Wirkung sein, wenn zu gleicher Zeit im Herzen der Bewegung selbst eine feste Macht Rußland gegenübertritt. Wenn nun aber die Haltung des Kaisers Napoleon eine unsichere und schwankende ist, so ist diejenige Oesterreichs geradezu zweideutig; die österreichische Regierung hat mit uns gemeinschaftlich Noten in St. Petersburg übergeben; – was können diese Noten helfen, so lange Galizien nicht der polnischen Nation wiedergegeben wird, so lange man dort die Bewegung niederhält und fesselt, so lange man die, über die Grenzen kommenden Polen in die Festungen einschließt? – Von Galizien aus muß die wahre, nachhaltige Kraft des polnischen Aufstandes kommen, und so lange Oesterreich diese zweifelhafte, doppelseitige Haltung beobachtet, ist es für England und Frankreich beinahe unmöglich wirksam einzugreifen.«

»Aber,« fiel der Abgesandte der polnischen National-Regierung ein, welcher mit dem Ausdruck mühsam unterdrückter Ungeduld den Ausführungen des Lords zugehört hatte, »aber wenn Frankreich und England ernstlich vorgehen und eine bestimmte Aufforderung zum ernsten Anschluß an ihre Aktion nach Wien gelangen lassen –«

»Das wird sehr wenig Erfolg haben,« fiel Lord Palmerston ein, »ähnliche Schritte, die ja doch immer nur in der höflichsten Form geschehen können, sind bereits gethan worden, ohne daß es gelungen ist, das österreichische Cabinet aus seiner schwankenden und etwas zweideutigen Haltung herauszudrängen.«

»– Aber was könnte man denn zur Förderung der Sache thun?« fragte der polnische Emissär. »Eure Lordschaft werden mir zugeben müssen, daß die Sache, so wie sie jetzt liegt, nicht liegen bleiben darf. Es wäre dann in der That besser gewesen,« fuhr er mit ernstem Tone fort, indem er das blitzende Auge scharf auf den Minister richtete, »es wäre dann in der That besser gewesen, die Frage jetzt nicht angerührt zu haben, als nach so viel vergossenem Blut Polen von Neuem durch die russische Uebermacht niedertreten zu lassen.«

Lord Palmerston blickte nachdenkend vor sich hin. »Was zu thun ist,« sagte er dann, »muß in diesem Augenblick von Ihrer Seite geschehen. Sie, mein Herr, sind in Paris gewesen und jetzt zu mir gekommen, gehen Sie nach Wien, oder senden Sie Jemand Anders aus Ihrer Mitte dorthin, der mit den Verhältnissen und den geheimen, bewegenden Triebfedern dort genau bekannt ist, – denn gerade diese geheimen Triebfedern spielen in Wien eine große und entscheidende Rolle – und suchen Sie die österreichische Regierung, insbesondre den ritterlichen Sinn des Kaisers, das Gefühl der Kaiserin für die polnische Sache zu erwärmen. Noch besser aber,« fuhr er fort, indem er mit einem leichten Blinzeln der Augenlider zu seinem Besuch hinüberblickte, »noch besser, geben Sie den Dingen eine Wendung, welche das österreichische Cabinet zwingt, offen und klar Stellung zu nehmen und Farbe zu bekennen.«

»Und wodurch könnte das geschehen,« fragte der Pole mit gespannter Aufmerksamkeit.

»Wenn,« sprach Lord Palmerston in etwas leiserem Ton, aber jedes Wort scharf und klar hervorhebend, »wenn die Bewegung in Galizien selbst sich mit nachhaltiger Kraft und Energie erhebt, wenn man von dort aus die Unterstützung Polens in Rußland verlangt und thatsächlich organisirt, wenn es möglich ist, den leitenden Sitz der National-Regierung nach Galizien zu verlegen, dann würde man in Wien sehr bald gezwungen sein, eine ganz klare und unzweideutige Stellung einzunehmen; man müßte entweder sich vor den Augen von ganz Europa zum Schergen Rußlands machen und dazu wird der ritterliche Sinn des Kaisers niemals seine Zustimmung geben, oder man würde zum offenen und unwiderruflichen Bruch mit Rußland gedrängt, die feste und energische Aktion würde dann von selbst kommen und – ich wiederhole es Ihnen, mein Herr, – die bestimmte und entschiedene Initiative Oesterreichs wird die unbedingte Unterstützung Englands und dann, wie ich glaube versichern zu können, auch Frankreichs finden. Der Schwerpunkt Ihrer Thätigkeit also liegt in diesem Augenblick in Wien und in Galizien und je schneller Sie dort handeln, um so größere Dienste werden Sie der Sache Ihres Landes leisten.«

Der Pole erhob sich.

»Eure Lordschaft haben vollkommen Recht,« rief er, indem ein freudiger und hoffnungsreicher Ausdruck auf seinen vorhin so traurig ängstlichen Gesichtszügen erschien, »ich eile, Ihren Rath zu befolgen; ich hoffe, daß Sie in kurzer Zeit den thatsächlichen Beweis unserer eifrigen Bemühungen sehen werden.«

»Seien Sie meiner innigsten Theilnahme für Ihre Sache versichert«, sagte Lord Palmerston, indem er dem Fremden voll warmer Herzlichkeit die Hand reichte. Dieser verließ ganz glücklich, strahlend von Hoffnung und froher Zuversicht das Cabinet des Ministers. Lord Palmerston blickte ihm lange mit dem Ausdruck einer gewissen wehmüthigen Theilnahme nach.

»Wie werden Nichts erreichen, diese armen Schwärmer,« sagte er, »der Ausgang dieser Revolution wird derselbe sein, wie derjenige aller früheren Erhebungen, da wird viel Blut vergebens vergossen, fast könnte man traurig werden beim Anblick so heldenmüthiger, unnützer Aufopferung, aber die Verschwörungen und Kämpfe bilden ja eine Lebensbedingung dieser eigenthümlichen Race der Polen; aufhören wird das nicht, so lange noch ein Rest dieses Volkes besteht. Da ist es denn doch ein Gebot der politischen Klugheit, dieses unvertilgbare Element der Unruhe so zu benutzen, daß es ein Faktor wird, durch welchen man den Gegnern schadet und Gefahr drohende Combinationen unmöglich macht; jener unergründliche Träumer an der Seine fühlt sich belästigt durch die englische Allianz, die wie eine Kette an seinen Fuß gelegt ist, welche er nach sich ziehen muß auf seinen dunkeln und verborgenen Wegen. Er möchte sich mit Rußland über den Orient verständigen; nun,« fuhr er lächelnd fort, »das ist jetzt für lange Zeit verhindert; diese polnische Frage, von welcher er sich den Gefühlen des französischen Volkes gegenüber nicht vollständig lossagen kann, hat eine Kluft gegraben zwischen ihm und dem Cabinet von St. Petersburg, welche so leicht nicht auszufüllen sein wird.«

Er setzte sich an seinen Schreibtisch und begann aufmerksam, die Depeschen zu lesen, welche in geordneter Reihenfolge dort ausgebreitet waren. –

»Die Gesandten von Wien und Berlin,« sagte er nach einiger Zeit sich in seinem Sessel zurücklehnend, »hegen Besorgnisse wegen der Fürstenconferenz in Frankfurt – dieses wunderbaren Werks österreichischer Staatsklugheit,« fügte er mit einem leichten Lächeln hinzu – –

»– Sie glauben, daß eine gewaltige und mächtige Einigung Deutschlands aus dieser persönlichen Berathung der Fürsten hervorgehen könne, denen das deutsche Volk eine große Sympathie entgegenträgt – sie stehen eben unter dem Eindruck der in Deutschland in diesem Augenblick hochgeschraubten öffentlichen Stimmung.

»Da wird die Idee angeregt,« sagte er, flüchtig auf einen der vor ihm liegenden Berichte blickend, »hinzuweisen auf die europäische Garantie der Bundesverfassung und eine vorläufige Verwahrung einzulegen gegen jede Aenderung derselben! –Wie thöricht wäre es in diesem Augenblick die Finger in die Deutschen Angelegenheiten zu stecken und für einen Vertrag einzutreten, der in Deutschland selbst so äußerst unpopulär ist und der im Grunde genommen für die übrigen Mächte Europas in seiner passiven Defensivkraft zuweilen schon ein lästiges Hinderniß gebildet hat. – Von Paris aus scheint man Aeußerungen in diesem Sinne gemacht zu haben; – gut,« fuhr er fort, sich die Hände reibend, »das wird die Animosität zwischen Deutschland und Frankreich vermehren. England hat wahrlich keinen Grund, sich für die Bundesverträge auch nur formell zu interessiren, nachdem es ruhig zugesehen hat wie so viele andere Bestimmungen der Wiener Congreßakte aus dem europäischen Völkerrecht verschwunden sind.« –

»Eine größere Einigung Deutschlands befürchten sie – ganz das Gegentheil wird eintreten, der scharfe Antagonismus zwischen Preußen und Oesterreich wird durch diesen bestimmten Anlauf des Wiener Hofs zur Erreichung der Suprematie in Deutschland noch mehr geschärft werden und alle diese Fürsten, welche sich heute mit so großer étalage von Pracht und Prunk um den Kaiser von Oesterreich versammeln, werden sich in weiser Vorsicht zurückziehen, wenn der König von Preußen fortfährt, sich der ganzen Sache fern zu halten, wie er es thun muß, wenn er nicht mit der ganzen geschichtlichen Entwicklung seines Staates in Widerspruch gerathen will. Die Uneinigkeit in Deutschland wird sich vergrößern und selbst die passive Kraft dieser Bundes-Institution wird zerbröckeln, in diesen Prozeß aber einzugreifen, liegt wahrlich nicht in Englands Interesse; – er mag sich ruhig vollziehen, je mehr die Andern sich untereinander streiten, um so mächtiger sind wir.« –

Der Huissier trat ein und überreichte dem Minister eine Karte.

»Le Commandeur de Klindworth,« las der Lord, ein Lächeln flog über seine Züge und schnell aufstehend sagte er: »Führen Sie den Herrn herein.«

Durch die geöffnete Thür trat ein Mann, hoch in den sechsziger Jahren; die nicht große kräftige und untersetzte Gestalt war eingehüllt in einen langen und weiten, fast bis zum Kinn herauf zugeknöpften Ueberrock. Aus dem weißen Halstuch erhob sich ein kurz auf den Schultern sitzender, beinahe eckig geformter Kopf mit kurzen, grauen Haaren, das auffallend häßliche Gesicht mit lang überhängender, fleischiger Nase und großem breiten Mund trug den Ausdruck einer hohen Intelligenz und aus den grauen, scharf beobachtenden Augen blitzte ein noch jugendliches Feuer und ein kritisch sarkastischer Geist; die sehr großen, abstehenden Ohren gaben der ganzen Erscheinung dieses merkwürdigen Kopfes ein noch eigenthümlicheres Aussehen.

»Wie geht's, mein teurer Mr. Klindworth?« sagte Lord Palmerston dem eintretenden freundlich die Hand reichend, welche dieser mit einer Mischung von Vertraulichkeit und ehrerbietiger Bescheidenheit ergriff. »Ich habe Sie lange nicht gesehen; Sie haben lange keine Inspektionsreise der europäischen Cabinette vorgenommen,« fügte er lächelnd hinzu. »Was machen Sie, wo leben Sie? Setzen Sie sich zu mir und erzählen Sie mir, wie es in Europa aussieht, denn Niemand weiß das besser als Sie.« Der Staatsrath Klindworth setzte sich dem Lord gegenüber, neigte den Kopf etwas vorn über und indem er mit seinem listig beobachtenden Blick zu dem englischen Staatsmann aufsah, erwiderte er, die beiden Hände mit den kurzen Fingern auf der Brust faltend, mit einer leisen aber eindringlichen Stimme in englischer Sprache:

»Ich weiß gar nichts, Mylord; ich lebe von der Welt zurückgezogen in Stuttgart und habe nur eine kleine Reise gemacht, um meine Tochter in Paris zu besuchen, da habe ich denn die Gelegenheit benutzt, ein wenig über den Kanal zu fahren, um Ihnen meine Hochachtung auszudrücken, zugleich kann ich nicht läugnen, daß ein wenig Neugier sich in mir regte, zu erfahren, wie denn eigentlich die Angelegenheiten unseres Welttheils stehen. Ich hoffte, daß Eure Lordschaft aus alter Freundlichkeit für mich vielleicht geneigt sein würden, meine Neugier zu befriedigen.«

Lord Palmerston blickte den früheren Staatsrath des Herzogs Carl Eugen von Braunschweig und späteren Agenten Metternichs aus dem Winkel seines Auges lächelnd an.

»Stuttgart,« sagte er, »ist allerdings keine Warte für den Ueberblick über die Lage der Politik, aber ein Mann wie Sie wird es, wie ich glaube, auch dort möglich zu machen wissen, wenigstens von Zeit zu Zeit zu sehen und zu hören, wie es in der Welt aussieht. – Seine Majestät der König von Württemberg,« fuhr er fort, voll und gerade in das Gesicht des Staatsraths blickend, – »ist ein sehr erleuchteter Herr und ihm entgeht so leicht nichts von dem was sich in der politischen Welt begiebt.«

Klindworth sah einen Augenblick zu Boden, trommelte mit den Fingern der linken Hand auf der Oberfläche der rechten und erwiderte in einfach naivem Ton:

»Seine Majestät der König von Württemberg beehrt mich allerdings zuweilen mit der Mittheilung seiner Ideen und erlaubt mir, ihm auch die Meinigen vorzutragen, auch bin ich in der letzten Zeit in Wien gewesen und Alles was ich dort gesehen und gehört habe, hat in mir noch mehr den Wunsch wach gerufen, Eure Lordschaft so competentes und hoch bedeutungsvolles Urtheil über die Lage der Dinge zu vernehmen.«

»Sie wissen,« sagte Lord Palmerston mit freier Offenheit, »daß ich niemals mit meiner Ansicht zurückhalte und,« fügte er, leicht den Kopf neigend, hinzu, »daß es mir ein besonderes Vergnügen macht, meine Ideen mit Ihnen auszutauschen; es giebt so viele Fragen, welche in diesem Augenblick unerledigt auf dem grünen Tisch der europäischen Diplomatie liegen,« sagte er dann, »welche von diesen hat denn bei Ihrem Aufenthalt in Wien vorzugsweise Ihr Interesse und Ihre Neugier erregt?«

»Eure Lordschaft wissen,« sagte Klindworth mit einem scharfen Blick von unten herauf, »daß ich ein Mann der Stabilität bin, die Revolution und Alles was damit zusammenhängt, ist mir ein horreur, und so habe ich denn mit großem Erstaunen und, wie ich sagen muß, wider Willen bemerkt, daß man in Wien in einer Weise mit der polnischen Revolution coquettirt, die sehr wenig mit den alten Traditionen der Staatskanzlei übereinstimmt.«

»Was wollen Sie,« sagte Lord Palmerston, »die Lage Polens ist wirklich eine sehr unglückliche und die Behandlung dieses armen Landes durch die russische Regierung macht es, wie ich glaube, gerade im Interesse der europäischen Ruhe den übrigen Mächten zur Pflicht, in Petersburg zu interveniren.«

Klindworth ließ den Kopf auf die Brust sinken und bewegte ihn leicht hin und her.

»Eine Intervention in Rußland,« sagte er, »das ist ein sehr ernstes Wort, das jedoch nur dann eine Bedeutung haben kann, wenn hinter den diplomatischen Unterhaltungen und hinter den Depeschen die Waffenmacht der Intervenirenden steht.«

»Und glauben Sie,« fragte Lord Palmerston rasch, »daß man in Oesterreich Bedenken tragen würde, diese Waffenmacht nachdrücklich zu gebrauchen?«

Klindworth erhob den Kopf, sah scharf und forschend mit einem schnell heraufblitzenden Blick in das Gesicht des Lords und erwiderte:

»Das würde davon abhängen, ob die englischen Flotten und die französischen Armeen in der Aktion gegen Rußland vorangingen.«

»Oesterreich,« sagte Lord Palmerston in leicht hingeworfenem, gleichgültigen Ton, »hat jedenfalls das erste und wichtigste Interesse, so wie auch das vorzugsweise Recht sich in die polnische Sache zu mischen, – die anderen Mächte kommen erst in zweiter Linie – England eigentlich in der dritten, denn die alte Sympathie Frankreichs für Polen –«

»Wird den Kaiser Napoleon niemals veranlassen,« fiel Klindworth schnell ein, »auch nur einen Mann für Polen marschiren zu lassen, – – er sucht Alliancen, und wenn er in dieser Beziehung auch noch zu keinem festen Entschluß gekommen sein mag, so wird er doch weder die Möglichkeit einer Verbindung mit Rußland noch einer solchen mit Oesterreich definitiv ausschließen.«

»Sie glauben also?« sagte Lord Palmerston.

»Daß von Frankreich aus nichts für Polen geschehen wird,« erwiderte Klindworth, »und daß Oesterreich leicht in eine sehr isolirte Lage kommen könnte, wenn es weiter auf diesem bedenklichen Wege vorschreitet, auf welchem es zugleich den Brand in sein eigenes Haus trägt.«

Lord Palmerston blickte nachdenklich vor sich hin.

»Ich will ganz offen gegen Sie sein,« sagte er dann, »auch würde es mir bei Ihrem Scharfblick wenig nützen, wenn ich es nicht wäre; ich kann meinerseits im Interesse Englands weder eine enge Verständigung Oesterreichs mit Rußland noch mit Frankreich wünschten. Diese polnische Frage schließt eine solche aus, deswegen ist mir eine wirksame Handhabe zur Vermeidung continentaler Coalitionen, die ja auch den Traditionen, in denen Sie leben und den Anschauungen, welche ich als die Ihrigen kenne, widersprechen. Glauben Sie mir die Versicherung geben zu können, daß eine Separat-Alliance zwischen Oesterreich und Frankreich, der man in Wien, wie ich weiß, an gewisser Stelle sehr geneigt ist, ausgeschlossen bleibt, daß ebenso wenig innige Beziehungen zu Rußland eintreten, so habe ich wahrlich kein Interesse, Oesterreich auf der Bahn der Unterstützung des polnischen Aufstandes mitzuziehen oder voran zu drängen.«

»Auf Eure Lordschaft bestimmte Frage will ich eine ebenso bestimmte Antwort geben,« sagte Klindworth.

»Im Rathe des Kaisers Franz Joseph,« fuhr er nach einem kurzen Nachdenken fort, »stehen sich zwei Anschauungen scharf entgegen, die eine neigt zur Wiederherstellung guter Beziehungen mit Rußland, – sie wird nicht durchdringen, weil man in Petersburg den Undank Oesterreichs nicht vergessen hat und weil man dort auch Preußen zu nahe steht – die andere will die alten Kaunitz'schen Ideen ausführen und eine Alliance mit Frankreich herstellen, – sie wird ebenfalls nicht durchdringen, weil die persönlichen Gesinnungen des Kaisers diesen Ideen zu sehr entgegen laufen und namentlich seit Villafranca ein tiefes Mißtrauen gegen die französische Politik und ihren geheimnißvollen Vertreter bei ihm besteht.«

»Und was wird geschehen?« fragte Lord Palmerston.

»Nichts,« erwiderte Klindworth mit einem raschen, eigenthümlich ausdrucksvollen Blick.

Lord Palmerston lächelte und schwieg einige Augenblicke. –

»Mein lieber Staatsrath,« sagte er dann, »Sie haben mir vorhin Ihre Neugier ausgesprochen, zu wissen, was in der europäischen Politik geschehen werde und haben die polnische Frage als den nächsten Gegenstand dieser Neugier bezeichnet. Sie begreifen, daß ich Ihre Frage nur in Betreff meiner und in Betreff Englands beantworten kann und da ich, wie Sie wissen, Sie als ein Muster von Geist und Scharfsinn betrachte und überzeugt bin, daß Niemand es besser versteht, seine Gedanken in das kürzeste und treffendste Wort zu kleiden, so werden Sie mir erlauben, Ihnen auf Ihre Frage dieselbe Antwort zu geben, welche ich so eben aus Ihrem Munde vernommen habe.«

»Und diese Antwort heißt?« fragte Klindworth mit einem kaum merklichen Lächeln seiner breiten Lippen.

»Sie sagten so eben: »»nichts««, erwiderte Palmerston, sich leicht verneigend.

Klindworth nickte mit dem Kopf.

»Ich kann Eure Lordschaft versichern,« sagte er dann, »daß man in Wien sehr erfreut seit wird, dieses Wort zu vernehmen und daß ich, so weit man auf meine geringe und unmaßgebliche Ansicht Gewicht legt, Alles thun werde, damit in den alten Beziehungen Oesterreichs und Englands die Grundsätze erhalten bleiben, welche in der Staatskanzlei maßgebend waren, als dort noch der helle und klare Geist Metternichs die Leitung führte.«

»Ist es mir gelungen,« fuhr Lord Palmerston in heiterem Tone fort, »Ihre Neugier in einem Punkte zufrieden zu stellen, so werden Sie mir vielleicht erlauben, auch meinerseits einen gleichen Dienst von Ihnen zu erbitten.«

»Wenn es in meinen Kräften steht, so haben Eure Lordschaft über mich zu verfügen,« erwiderte Klindworth.

Lord Palmerston sah ihn einen Augenblick gerade an und sprach dann:

»Das ruhige Stillleben in Frankfurt am Main ist plötzlich auf eine für ganz Europa überraschende Weise unterbrochen; während dort früher in gemüthlicher Gleichmäßigkeit die Gesandten des Bundestages ihre Sitzungen hielten und in unzerstörbarer Beharrlichkeit die Instruktionen ihrer Regierung erwarteten, während das Auge des Staatsmannes, oft von den aufzüngelnden Flammen in andern Theilen Europa's geblendet, ausruhen konnte auf dem friedlichen Bilde des Deutschen Bundeslebens, ist dort jetzt plötzlich ein kaum noch dagewesenes Schauspiel glänzender Bewegung sichtbar. Die sämmtlichen Souveraine Deutschlands, außer dem König von Preußen, sind um den Kaiser versammelt; der Glanz einiger dreißig Höfe entwickelt sich vor den Augen der erstaunten Frankfurter –

– Ein unerhörtes Ereigniß! Am grünen Conferenztisch sitzen die regierenden Herren selber zusammen, um zu debattieren über die Paragraphen einer neuen Deutschen Verfassung, ohne daß sie nöthig haben,« sagte er mit feinem Lächeln, »auf Instruktionen zu warten. Sie werden begreifen, daß dies plötzliche und unerwartete Schauspiel jeden Staatsmann auf das Höchste interessiren muß – Sie kommen aus Deutschland, Sie kommen aus Wien, Sie werden die Frage erklärlich finden, die ich an Sie stellen möchte: was bedeutet das Alles?«

Klindworth trommelte mit den Fingern auf der Brust, er ließ den Kopf herabsinken, seine breiten Lippen öffneten sich zu einem halb ironischen, halb verächtlichen Lächeln, von unten herauf sah er mit fast schalkhaft listigem Ausdruck zu Lord Palmerston empor und sprach:

»Es ist eine merkwürdige und selten vorkommende Erscheinung, daß in einer Unterredung mit einem so großen Staatsmann wie Eure Lordschaft auf alle aufgeworfenen Fragen ein einziges Wort im Stande ist, die Antwort zu geben. Das kleine, so wenig bedeutende Wort, welches schon zweimal zwischen uns diesen Dienst geleistet hat, bietet sich auch jetzt wieder mir dar als der treffendste und kürzeste Ausdruck, um Ihre Frage zu beantworten. Eure Lordschaft erinnern sich –«

»Daß dieses kleine Wort heißt: »Nichts«, erwiderte Lord Palmerston, laut lachend.

»Das heißt,« sagte Klindworth, indem sein Gesicht einen ernsten, beinahe traurigen Ausdruck annahm, »nichts für heute, aber unendlich viel für eine frühere oder spätere, jedenfalls nicht allzu ferne Zukunft.«

»Wie das?« fragte Lord Palmerston befremdet.

»Dies Ereigniß in Frankfurt,« fuhr Klindworth in demselben traurigen Tone fort, »welches heute spurlos wie eine fata morgana vorüberfliegen wird, muß in einer späteren Folge einen blutigen und furchtbaren Zusammenstoß herbeiführen, Eure Lordschaft können überzeugt sein, daß die Antwort, welche Preußen auf diesen am grünen Tisch gemachten Angriff dereinst giebt, mit eisernem Griffel auf blutige Schlachtfelder geschrieben werden wird, und daß unter der entsetzlichen Erschütterung dieser Katastrophe die bisherige Ordnung in Deutschland, ja vielleicht in Europa zusammenbrechen wird.«

Lord Palmerston schüttelte ungläubig den Kopf.

»Dahin wird es nie kommen,« sagte er, »Preußen wird seine Existenz niemals in einem so furchtbaren Entscheidungskampf auf's Spiel setzen und wenn es je einen Anlauf dazu nehmen sollte, so wird er ohne Folgen bleiben, denken Sie an Bronzell, an Olmütz –«

»Damals hatte Preußen,« fiel Klindworth ein, »den Minister noch nicht, der heute an der Spitze dieser bis an die Zähne bewaffneten Macht steht, diesen Herrn von Bismarck, den die ganze europäische Diplomatie nicht nach seinem wahren Werth schätzt, diesen Mann, der vor nichts zurückschreckt, der mir ein Gräuel ist, weil er sich nicht besinnen wird mit rücksichslosem Tritt die Gewebe der alten Staatskunst zu zerreißen, aber dem, – wenn sich das übrige Europa nicht ermannt zu gleicher Willens- und That-Kraft – die Zukunft gehört.«

Lord Palmerston schüttelte abermals ungläubig den Kopf.

»Doch,« sagte Klindworth, »Eure Lordschaft wissen, daß es mein oberster Grundsatz ist, in der Politik Schritt vor Schritt vorzugehen und alle Sprünge zu vermeiden; es würde zu nichts führen, Conjekturen über die Zukunft aufzustellen. Für jetzt bin ich glücklich, daß die Wißbegierde, welche mich hierher trieb, eine erfreuliche Befriedigung gefunden hat, daß es mir vergönnt war, auch Ihnen eine zufriedenstellende Antwort zu geben und Ihnen persönlich von Neuem meine tiefste Verehrung auszusprechen.«

Er erhob sich.

»Ich bedaure, daß Sie sich so selten sehen lassen,« sagte Lord Palmerston artig, »denn aus jeder Unterredung mit Ihnen geht man klarer und klüger hervor.«

»Eure Lordschaft sind zu gütig,« erwiderte Klindworth, sich demüthig verneigend, »wenn die Ereignisse, die ich vorherzusehen glaube, eintreten, werde ich vielleicht öfter Gelegenheit haben, mich Ihnen persönlich in Erinnerung zu bringen, und dies ist der einzige Gesichtspunkt, der mich in dem, was ich vorhersehe, mit einiger Befriedigung erfüllen kann.«

»Ich bitte Sie,« sagte Lord Palmerston, – »wenn Sie Gelegenheit haben,« – schaltete er mit feinem Lächeln ein, »den König von Württemberg und ebenso allen Personen, die sich in Wien meiner freundlich erinnern wollen, meine angelegentliche Empfehlung zu überbringen.«

Klindworth verneigte sich abermals und verließ das Kabinet.

Lord Palmerston setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und fuhr in der Durchsicht der Depeschen fort.

Sechstes Capitel.

Karl Marx hatte sich, als er das Hotel des auswärtigen Amtes verließ, mit seinem langsamen, ruhigen Schritt abermals in das Gewühl der Straßen von London begeben; ohne auf die Vorübergehenden zu achten oder einen Blick auf die dahinrollenden Wagen oder die mannichfaltigen Läden an der Häuserreihe zu werfen, schritt er fort bis nach Percy Street; da, wo diese Straße die Ecke mit Rathbone Place bildet, lag ein unscheinbares, wenig elegant aussehendes Haus, über dessen Thür man eine goldene Kugel und darunter ein einfaches Schild erblickte, dessen Inschrift anzeigte, daß hier ein Hotel garni sich befände und ein Mittagstisch gehalten würde.

Karl Marx trat mit der Sicherheit eines in diesen Räumen genau Bekannten durch die schmale und niedrige Thüre ein, that einige Schritte in dem etwas dunklen und verräucherten Flur und öffnete dann die Thür eines Zimmers im Erdgeschoß. Dies Zimmer war ein ziemlich großer, länglicher Raum mit dunkeln, alten Tapeten, von der Decke herab hingen einige sehr einfache Gaslampen mit theilweise zerbrochenen Kuppeln, rings umher standen Tische mit drei bis vier Couverts belegt, welche sowohl durch ihr Leinenzeug als auch durch das Porzellan und die Bestecke bewiesen, daß das hier verkehrende Publikum keine aristokratischen, exclusiven Ansprüche machte; in der Nähe des Fensters befand sich ein kleiner, etwas erhöhter Verschlag mit einem schrägen Pult, auf welchem ein großes Wirthschafts- und Rechnungsbuch aufgeschlagen lag.

Das Lokal war fast leer.

An einem der Tische saßen drei Männer, beschäftigt die Producte der Küche dieses einfachen Wirthshauses zu verzehren und dazu jenes rothe, spirituöse Getränk zu sich zu nehmen, welche die Engländer mit dem Namen »Claret« bezeichnen, und welches die Etiquette der edlen Gewächse von Bordeaux trägt, obwohl in den Wirthshäusern vom Range der goldenen Kugel gewiß niemals ein Tropfen jenes französischen Rebensaftes mit der eigenthümlichen Flüssigkeit in Berührung gekommen ist, welche man den Gästen vorsetzt.

Auf dem Sitz des erhöhten Verschlages saß ein zwar nicht korpulenter, aber wohlgenährter Mann in bürgerlichem Anzug, der, obwohl durch eine, nicht allzu frische, weiße Leinenschürze geschützt, doch durch verschiedene Staub- und Fettflecken zeigte, daß sein Besitzer die eigene Thätigkeit in Küche und Keller nicht scheute.

Das rothe Gesicht dieses Mannes trug den Ausdruck gemüthlicher Heiterkeit; ein freundliches Lächeln lag fast fortwährend auf seinen vollen, rothen Lippen während die kleinen Augen voll pfiffiger Schlauheit umher blinzelten. Er war über das Wirthschaftsbuch gebeugt und beschäftigt, mit dem Bleistift in der Hand, die in demselben notirten Zahlen zu summiren.

Bei dem Geräusch der von Karl Marx geöffneten Thüre erhob dieser Mann den Kopf, stand, als er den Eintretenden erblickte, rasch auf, stieg von seinem Verschlag herab und reichte dem Eintretenden mit der Vertraulichkeit eines alten Bekannten die Hand.

»Sie sind lange nicht hier gewesen, Herr Doctor,« sagte er in englischer Sprache, deren Accent deutlich die französische Zunge verrieth, »ich freue mich, Sie wieder einmal hier zu sehen; ich hoffe, Sie haben sich wohl befunden.«

»Sehr wohl,« erwiderte Marx, »mein lieber Monsieur Jacques; – vielleicht deshalb,« fuhr er mit sarkastischem Lächeln fort, »weil ich mich von Ihrer Küche und Ihrem Keller fern gehalten habe.«

»Meine Küche, Herr Doctor,« erwiderte Monsieur Jacques mit einer gewissen komischen Würde, »ist eine sehr gute Küche und Niemand wird es bereuen, mit derselben in Berührung zu kommen; – was meinen Keller betrifft – nun, er hat auch seine Vorzüge, aber freilich man kann nicht verlangen, daß ich für die Preise, die ich von meinen Gästen fordern darf, die ersten Gewächse vom Rhein und von Frankreich liefern soll.«

»Ihre Weine,« sagte Marx, indem er seinen Hut auf einen Stuhl stellte und an einem, von den bereits vorhandenen Gästen ziemlich entfernten Tische Platz nahm, »Ihre Weine mögen für Chemiker von Interesse sein, vom Standpunkt der Nahrungsmittel aus betrachtet habe ich weniger Vertrauen zu ihnen.«

Monsieur Jacques fand sich nicht veranlaßt auf dieses entschiedene Mißtrauensvotum seines Gastes etwas zu erwidern. – Er legte demselben eine ziemlich schmutzige, mit Bleistift geschriebene Speisekarte vor und blieb diensteifrig neben ihm stehen, um seine Wünsche entgegen zu nehmen.

Marx bestellte ein Roastbeef und einen Krug Ale und blieb, während der Wirth hinaus ging, um seinen Auftrag auszuführen, ruhig vor seinem Tisch sitzen, indem er von Zeit zu Zeit einen scharfen, forschenden Blick nach den drei Männern an dem andern Tisch hinüber warf, welche sich mit etwas gedämpfter Stimme angelegentlich untereinander unterhielten, jedoch nicht so leise, daß nicht einzelne französische Worte vernehmbar geworden wären.

In kurzer Zeit brachte Monsieur Jacques dem deutschen Doctor, wie man Karl Marx in diesen Kreisen zu nennen pflegte, das einfache, von ihm bestellte Diner.

Als Marx sein Roastbeef gegessen und einen Schluck von dem Ale des Monsieur Jacques getrunken hatte, welches vor dessen Weinen den Vorzug der Unverfälschtheit besaß, versank er wieder in tiefes Nachdenken, aus welchem er sich erst emporrichtete, als die Thür rasch geöffnet wurde und ein Mann von etwa dreißig bis fünf und dreißig Jahren in einfacher, etwas abgetragener Kleidung in das Zimmer trat; sein Gesicht war bleich und von jener nervösen Magerkeit, welche die Folge unruhigen Lebens und aufregender geistiger Anstrengung ist, seine Backenknochen standen etwas hervor und unter dem runden Hut, den er tief in die Stirn gedrückt hatte und beim Eintritt in das Zimmer nicht abnahm, blitzten tief liegendem beinahe fieberhaft funkelnde Augen hervor. Dieser Mann war Georg Eccarius, seines Gewerbes ein Schneider, welcher seit langer Zeit in London lebte, sein Gewerbe betrieb, so weit es zur Befriedigung der einfachen Ansprüche, die er an das Leben stellte, nöthig war und sich im Uebrigen mit einem unruhigen, niemals rastenden Eifer mit der Gründung von Handwerkervereinen beschäftigte, in denen er ausführliche Vorträge über die socialen Fragen und über die Verbesserung der Lage der Arbeiter hielt, Vorträge, in denen aus einem Chaos unklarer und oft sich widersprechender Ideen, einzelne wunderbar kühne und geniale Gedankenblitze hervorleuchteten. Eccarius erwiderte mit flüchtigem Kopfnicken die freundliche Begrüßung des Wirths und eilte dann zu Karl Marx hin, dessen Hand er ergriff und lebhaft schüttelte.

»Wie freue ich mich, Herr Doctor,« rief er in deutscher Sprache, »Sie hier zu treffen, ich habe Sie gesucht, aber man findet Sie niemals und in Ihrer Wohnung am wenigsten.«

Marx erwiderte nichts, sondern blickte nur fragend in das lebhaft bewegte Gesicht seines deutschen Landsmannes.

»Es liegen große Dinge in der Luft,« sprach Eccarius weiter, »in mir lebt der Gedanke der Gründung einer großen concentrirten Macht, welche in allen Ländern Europas nach einheitlichem Plan den Kampf für die Interessen der Arbeiter aufnehmen soll. Die intelligentesten Vertreter der pariser Arbeiter sind hier, wie müssen mit ihnen zur Verständigung kommen und Sie sind der Mann, der einen wesentlichen Platz in unsern Reihen einnehmen muß.«

Marx blickte schweigend nach den drei Männern im Hintergrund des Zimmers. Eccarius folgte der Richtung dieses Blickes und rief lebhaft aus:

»Da sind sie ja! – Da ist Tolain und Fribourg und Hermann Jung; kommen Sie, kommen Sie, lieber Doctor, Sie müssen jene Männer kennen lernen, Sie müssen uns Ihren Rath geben und mit Ihrem klaren Geist uns beistehen.«

Karl Marx stand schweigend auf und folgte Eccarius langsam zu dem Tische, an welchem die von demselben Genannten Platz genommen hatten.

»Herr Doctor Marx,« rief Eccarius in französischer Sprache den Fremden zu, »den Ihr kennen lernen müßt, meine Freunde. Sein Kopf ist voll klarer Ideen über die Krankheit der Gesellschaft und über die Mittel, sie zu heilen und sein Herz schlägt warm für die Sache der Arbeiter.« Die drei Fremden erhoben sich. Alle drei waren charakteristische Köpfe, die man nicht leicht wieder vergessen konnte, wenn man sie einmal gesehen.

Tolain, ein Mann von etwa fünf und dreißig Jahren, hatte weiche, sanfte Gesichtszüge, seine hohe, freie Stirn war schön gewölbt, in dem Blick seiner klaren Augen lag eine gewisse ideale Schwärmerei und wenn er sprach, gab der Ausdruck einer milden Freundlichkeit seinen Worten eine zu den Herzen der Zuhörer dringende sympathische Kraft.

Fribourg war älter als Tolain; sein Gesicht war härter und schärfer. Zeigte dasselbe weniger Intelligenz und weniger warmes und begeistertes inneres Leben, so lag in seinem festgeschlossenen Munde und im geraden, klaren und festen Blick seiner Augen eine tiefere Energie und willenskräftigere Entschlossenheit.

Hermann Jung, ein Uhrmacher aus der Schweiz, war eine kleine und untersetzte, aber dabei magere und gelenkige Gestalt; seine Haltung war ein wenig vorn übergebückt, sein scharf geschnittenes, aber unregelmäßiges Gesicht trug den Ausdruck verschlossener Zurückhaltung und sein meist zu Boden gerichteter Blick schien fortwährend die Lösung von Problemen zu suchen, mit denen sein Geist sich unablässig beschäftigte.

Karl Marx begrüßte die drei Fremden mit stummem Kopfnicken und setzte sich zu ihnen an ihrem Tisch.

»Sie kommen von Paris,« sagte er dann in französischer Sprache, »es ist mir sehr interessant, etwas über die Lage der dortigen Arbeiter und über die Ideen, welche sie zu einer weiteren, fester organisirten Thätigkeit für ihre Sache hegen, zu hören.«

Tolain richtete sein großes, sinnendes Auge auf das kalte, ruhige Gesicht des deutschen Flüchtlings und sprach mit seiner sanften und überzeugungsvollen Stimme:

»Wir haben uns in Paris zusammengefunden, um in gemeinsamer Verbindung unter den Arbeitern selbst klare Gedanken über ihre Lage und über die Mittel zur Verbesserung derselben zu verbreiten; unser erster Zweck ist die Belehrung; – wenn alle Mitglieder der arbeitenden Klassen klar zu denken gelernt haben über die Grundbedingungen ihrer Existenz im nationalökonomischen Organismus, so wird es leicht werden, durch Einfluß auf das öffentliche Leben, auf die Wahlen, auf die Regierungen selbst, in die Gesetzgebung und in die Staatsinstitutionen diejenigen Grundsätze einzuführen, welche die im Leben der Gesellschaft bestehenden Krankheiten zu heilen vermögen. Um so leichter und wirkungsvoller wird diese Thätigkeit sein, wenn wir nicht einseitig in Frankreich allein handeln, sondern in inniger und fester Verbindung stehen mit allen unsern Berufsgenossen in den übrigen großen Culturstaaten Europas. Zunächst haben wir unser Augenmerk auf England gerichtet und wünschen uns mit den Arbeitern dieses Landes in Verbindung zu setzen, in welchem freie Institutionen einer freien und gesetzmäßigen Agitation den größten Spielraum lassen.«

Er schwieg und blickte erwartungsvoll auf Karl Marx, der mit einem gewissen Erstaunen diesen Vertreter der französischen Arbeiter ansah, von welchem er wohl eine ganz andere Anrede erwartet haben mochte.

Dann zuckte um seine Lippen ein halb mitleidiges, halb ironisches Lächeln und er sprach mit seiner klaren und scharfen Stimme:

»Ich bin ein Deutscher, mein Herr, und man wird den Deutschen gewöhnlich vor, daß sie Träumer und Theoretiker seien, während man den Franzosen und Engländern eine mehr praktische Auffassung der Verhältnisse zuschreibt; ich möchte Ihnen aber bemerken, daß dasjenige, was Sie mir so eben gesagt, mir nicht vollständig der thatsächlichen Lage der Verhältnisse zu entsprechen scheint, und daß die Wege, welche Sie einschlagen wollen, wie ich glaube, niemals zu einem wirklich greifbaren Erfolg führen können.

»Und warum nicht?« fragte Tolain ruhig und freundlich, während Hermann Jung aus seinem brütenden Nachsinnen sich empor richtete und forschend zu Marx hinüber blickte. –

»Weil,« sagte Karl Marx, »durch die Belehrung und die langsame und gesetzliche Agitation, welche Sie im Auge haben, der wichtigste Factor in der Entwicklung menschlicher Verhältnisse verloren wird, – die Zeit – dieser Factor, der bei dem heutigen raschen Leben der Welt täglich an Wichtigkeit und Bedeutung zunimmt; – Generationen werden dahin sterben, bevor auch nur das geringste, praktische Resultat erreicht werden kann und es ist mir sehr zweifelhaft, ob auf diesem Wege überhaupt jemals ein solches Resultat zu erreichen ist, denn die Gegner, welche den Rechten der Arbeiter entgegenstehen, sind sehr concrete Mächte, die ihrerseits die Gesetzt der Staaten machen und die für eine gesetzmäßige Agitation, in den von ihnen geschaffenen Institutionen, keinen Platz übrig lassen.

»Glauben Sie mir,« fuhr er fort, »die Revolution, die klare, scharfe und rücksichtslose Revolution allein kann die Bollwerke niederwerfen, welche der freien Entwickelung des Rechtes der Arbeiter entgegenstehen.«

»Die Revolution,« sagte Tolain, »ist ein gewaltsamer Ausbruch, dessen Verlauf weder zu lenken noch vorher zu bestimmen ist, sie würde eben so gut die Existenz der arbeitenden Klassen zertrümmern, als diejenige ihrer Gegner und,« fügte er hinzu, »sie würde in diesem Augenblick erfolglos sein.«

»Erfolglos,« rief Karl Marx lebhafter, »nur dann, wenn sie auf vereinzelte und kleinliche Weise unternommen wird, aber der gewisse und sichre Erfolg wird ihr zur Seite stehen, wenn sie nach einem gemeinsamen Plan auf einmal in ganz Europa sich erhebt und wenn sie überall den Krieg auf Leben und Tod dem Kapital erklärt, diesem wahren, einzigen und letzten Feinde der Freiheit und der Reorganisation der Gesellschaft.

Nicht die Throne,« rief er, »nicht die Fürsten sind die wahren Feinde der Arbeiter, es ist das Kapital, – es ist die Bourgeoisie, welche ohne an der productiven Thätigkeit Theil zu nehmen, die Früchte der Arbeit für sich vorweg nimmt; – die Belehrung ist unnütz, denn jeder Arbeiter weiß, daß er gedrückt und geknechtet ist und daß er für Andere schafft und sich abmüht. Handeln müssen wir, unermüdlich und schnell handeln und auf allen Punkten zugleich. Die Gelegenheit ist gegeben; die polnische Nation befindet sich im Aufstand gegen Rußland, – an diese revolutionäre Bewegung müssen wir anknüpfen, für sie müssen wir überall die Massen erwärmen, damit durch das allgemeine Drängen der Völker entweder die Regierungen gezwungen werden, für die Sache der Revolution in Polen Partei zu nehmen und dadurch,« – sagte er mit höhnischem Lachen, – »sich für immer mit Blut und Leben der Sache der Revolution zu verschreiben, – oder damit, wenn die Regierungen widerstehen, was noch besser wäre, die Völker aufstehen in allen Ländern und der revolutionäre Brand sich über ganz Europa verbreitet.«

Tolain schüttelte den Kopf.

»Ich vermag nicht,« sagte er ruhig, »in einer wilden und überstürzten Revolution Heil für die Arbeiter in ihrer Sache im Allgemeinen zu erblicken, am wenigsten aber für meine Landsleute in Frankreich.

Die kaiserliche Regierung hat, wenn auch nicht ein volles Verständniß für unsere Rechte und Bedürfnisse, so doch eine sympathische Theilnahme für die unglückliche Lage, in welcher sich die Arbeit dem großen Besitz gegenüber befindet und wo durch einzelne Mittel in bestimmten Fällen geholfen und gefördert werden kann, da ist die Regierung und der Kaiser selbst bereit dies zu thun; – wenn irgend wo, so haben wir in Frankreich Aussicht, auf dem Wege der ruhigen und legalen Agitation zur Verbesserung der Zustände zu gelangen und damit etwas Dauerndes und Solides zu erbauen; – durch ein Hineinstürzen in die revolutionäre Bewegung würden wir diese günstige Lage aufgeben, wir würden eine Regierung die uns wohl will zu unserm unversöhnlichen Feinde machen und sie geradezu zwingen, mit den gewaltigen, ihr zu Gebote stehenden Mitteln uns zu vernichten.«

Einige andere französische Arbeiter, Flüchtlinge in London, waren in das Gastzimmer getreten und umringten den Tisch, an welchem die Unterhaltung zwischen Tolain und Marx stattfand, auch Monsieur Jacques war herangetreten; sein sonst so freundliches und ruhiges Gesicht hatte einen gewissen Ausdruck von Fanatismus erhalten und seine kleinen Augen leuchteten in lebhafter Aufregung.

»Besiegen,« rief er, »besiegen sollte die kaiserliche Gewaltherrschaft die freie Erhebung der Arbeiter, das heißt der Majorität des ganzen Volkes in Frankreich? –Nimmer wird das geschehen! Dieses Kaiserreich mit seinem blutgierigen Imperator ist innerlich zerbröckelt und verfault; ein einziger Anstoß genügt, um es in Trümmer zusammen sinken zu lassen. Diese Armee, auf welche er so stolz ist, weil er glaubt, daß es die Armee seines Oheims ist, wird auseinanderfallen vor der ersten Barrikade, die sich in Paris aufrichtet, denn in dieser Armee ist der Geist des Volkes lebendig. Alle, welche herüber kommen, vertrieben von dem despotischen Regiment, bestätigen uns das.«

Tolain blickte ein wenig erstaunt auf den lebhaft Sprechenden, sein klares und mildes Auge zeigte einen Anfang von innerer Erregung.

»Alle, welcher herüber kommen,« sagte er mit fester Stimme, »und solche Ansichten hier verbreiten, täuschen sich entweder selbst oder wollen hier Täuschung verbreiten; ich lebe in Frankreich, sehe die Zustände dort täglich vor mir, ich verfolge sie mit wachsamem Blick und glauben Sie mir, das Kaiserreich steht in diesem Augenblick unerschütterlich fest. Kein einziges Regiment der Armee würde wanken in dem Kampf gegen die Revolution auf den Straßen, die einzige Folge einer unzeitigen Erhebung würde darin bestehen, daß die Arbeiter auf lange hinaus in unlösbare Fesseln geschlagen würden und daß das wohlwollende Interesse, welches die Regierung und der Kaiser uns persönlich heute zuwendet, für immer verloren ginge.«

Marx schüttelte den Kopf; mit einer Bewegung seiner Hand drängte er Monsieur Jacques, welcher sprechen wollte, zurück.

Der Kreis um den Tisch war immer dichter geworden, immer mehr englische Arbeiter, französische und deutsche Flüchtlinge waren in das Zimmer getreten und folgten mit gespanntester Aufmerksamkeit der Unterhaltung. Bei den letzten Worten Tolain's hatte sich ein allgemeines Murren erhoben, auf den Wink von Marx schwiegen alle still. Dieser richtete sein Auge scharf auf Tolain und sprach:

»Die Sympathie, welche die kaiserliche Regierung in Frankreich den Arbeitern zeigt, ist mir wohl bekannt, aber gerade diese Sympathie ist das Allerverderblichste für die Rechte und die Zukunft der Arbeiter. Das empire füttert einen Löwen, um ihn der heuchlerischen und feigen Bourgeoisie zu zeigen, wenn diese unbequem und widerspenstig wird, damit sie vor seinem Brüllen schüchtern unter den Schutz und die Vormundschaft der Regierung zurückkehrt; – aber dieser Löwe ist hinter festen Eisenstäben verwahrt und niemals wird es der Regierung einfallen, seinen Käfig zu öffnen und ihm die freie Bewegung seiner Glieder zu gönnen.«

Ein Gemurmel des Beifalls begleitete die Worte von Karl Marx; mit leicht vor innerer Erregung zitternder Stimme erwiderte Tolain rasch:

»Und wollen Sie uns, wollen Sie die Arbeiter von Frankreich mit einem wilden Thiere vergleichen, das sich willenlos einsperren und als Schreckmittel gebrauchen läßt? Ich bedaure, daß man im Auslande eine solche Meinung von uns haben kann und daß es Franzosen giebt,« – fügte er hinzu, indem sein Blick über den Zuhörerkreis hinglitt, – »welche eine solche Meinung über die Mehrheit des Volkes ihres Vaterlandes theilen können.«

Karl Marx fuhr mit kaltem Tone fort:

»Zugegeben aber auch, daß die Zustände in Frankreich so sind, wie Sie sie schildern, daß eine Erhebung dort für den Augenblick keine Aussicht auf Erfolg hätte, so kann dies doch nur dann zutreffen, wenn diese Erhebung isolirt wäre, nicht aber dann, wenn sie gleichzeitig mit einer gleichen Bewegung in allen Ländern auftritt; ich habe zunächst auf den in Polen entzündeten Heerd der Revolution hingewiesen, von welchem aus sich die Flamme leicht überall hin verpflanzen läßt, ganz besonders muß ich noch darauf aufmerksam machen, daß in diesem Augenblick die Zustände in Deutschland vor Allem unsre Aufmerksamkeit erfordern, daß dort ebenfalls eine energische revolutionäre Bewegung begonnen werden muß. Der Deutsche Bund, diese Institution, welche die Diplomatie des Wiener Congresses so kunstvoll aufgebaut hat, um jede Volksbewegung niederzuhalten, wird in diesem Augenblick,« sagte er mit hämischem Ausdruck, »in Frankfurt von dem Kaiser von Oesterreich und den deutschen Fürsten zertrümmert; sie lösen das Ruthenbündel auf, das in seiner Verbindung nicht zu zerbrechen war und wir haben jetzt nur noch die einzelnen Stäbe zu zerknicken, die der mächtigen Faust des Volkes keinen Widerstand werden leisten können. Die Bewegung der Geister in Deutschland wogt unklar hin und her, die beiden großen Militairmächte Preußen und Oesterreich werden in einem immer schärfer sich zuspitzenden Conflict gegen einander gedrängt und gerade dieser unklare Zustand, in welchem das Bestandene zu Grunde gehen und Neues nicht geschaffen wird, ist der wahre Boden für die revolutionäre Bewegung, dorthin müssen wir unsere Thätigkeit vorzugsweise verlegen und wenn die Flammen der Revolution am rechten Rheinufer emporschlagen, so wird wohl der gefangene Löwe in Frankreich auch die Kraft finden, die Eisenstäbe seiner Kerkers zu zersprengen.«

Tolain stand auf.

»Niemals,« rief er mit lauter Stimme, deren Klang vollständig seine gewöhnliche Weichheit verloren hatte, »niemals werden ich und meine Freunde die Hand zu einem solchen Vorgehen bieten; wir wollen aufbauen und schaffen, aber nicht zerstören, wir wollen den Arbeitern freundliche Heimstätten bereiten für die Zukunft, aber wir werden dazu niemals den Platz finden auf dem Schutt und den rauchenden Trümmern einer durch die Revolution zersprengten und vernichteten Welt.«

Marx wollte erwidern – in dem immer dichter zusammengetretenen Kreise der Zuhörer erhob sich ein Gebrause von Stimmen, das schnell zu einem wahren Tumult heranwuchs. –

»Der Doctor hat Recht,« rief man, »wir wollen keine Doctrinairs, – wir wollen Männer der That, – die alte Welt muß zertrümmert werden; – plonploniers!« – hörte man dazwischen – »Emissäre der Regierung. – Söldner des Kaisertums.« –

Tolain sprang hinter dem Tisch hervor, seine Augen blitzten, flammender Zorn loderte auf seinem Gesicht.

»Ihr seid rasend,« rief er, »in wahnsinniger Verblendung wollt Ihr Euch und Eure Zukunft unter den Trümmern der zusammenstürzenden Gesellschaft begraben und Ihr fügt zu Eurer Raserei die Beleidigung und Verläumdung hinzu; die Verläumdung von Männern, welche die Arbeit ihres Lebens für Eure Sache einsetzen, – wir können Nichts mit Euch gemein haben.«

Er ergriff seinen Hut und wollte der Thür zuschreiten; Einzelne aus dem Kreise der Zuhörer traten ihm entgegen, man schien ihn fassen und festhalten zu wollen. Karl Marx stellte sich vor ihn, auf eine gebieterische Bewegung seiner Hand öffnete sich der Kreis und Tolain schritt hindurch. – Fribourg, der mit keinem Wort an der Unterhaltung theilgenommen hatte, folgte ihm und die beiden Vertreter der französischen Arbeiter-Organisation verließen schweigend und ohne sich umzublicken das Gastzimmer der goldenen Kugel.

»Man muß sie zurückhalten!« – rief Eccarius lebhaft, – »Wir dürfen sie nicht aufgeben!«

Und schnell eilte er den beiden Franzosen nach.

»Laßt sie gehen,« sagte Karl Marx ruhig und kalt, »es sind Träumer und Schwärmer.«

Hermann Jung, der schweizerische Uhrmacher, war den beiden Franzosen nicht gefolgt, er trat zu Marx und sagte:

»Ich glaube, wir werden uns verstehen; Jene sind immer nützlich, uns das Terrain vorzubereiten; sie und ihre träumerischen Ideen werden verschwinden, wenn die lebendige Handlung in ihre Rechte tritt.«

Karl Marx blickte den Schweizer forschend an; er schien in dem Ausdruck seines Auges Etwas zu finden, das ihn sympathisch berührte; beide setzten sich an den Tisch in der Ecke, welchen Tolain und Fribourg so eben verlassen, und während das Zimmer von dem Geräusch lebhafter Unterhaltung wiederhallte, welche immer lauter und bewegter wurde, je mehr man den Getränken des Monsieur Jacques zusprach, vertieften sich Beide in ein leises und eifriges Gespräch.

Siebentes Capitel.

»Der goldene Sonntag«, wie die Frankfurter den ersten Tag der Anwesenheit der Fürsten nannten, war vorübergegangen; bis zum späten Abend waren die Straßen mit Menschen gefüllt gewesen, um das seltene Schauspiel eines so mannigfaltigen fürstlichen Glanzes zu genießen; man hatte am Nachmittag die sämmtlichen Souveraine in höchster Gala zu dem Diner des Kaisers von Oesterreich fahren sehen, alle trugen die Uniformen ihrer österreichischen Regimenter und man erzählte sich Wunderdinge von der Pracht dieses Diners, wo auf goldenem Service gespeist war, man theilte sich das ménu mit, das in der scheinbaren Einfachheit seiner Gänge Alles vereinigte, was die Kochkunst zu leisten vermochte und auf welchem neben den ausgesuchtesten Erzeugnissen kulinarischer Production die Namen der edelsten und seltensten Weine ihren Platz fanden, –man hatte Abends die Rückfahrt der Fürsten angesehen und müden von all dem Schauen und Umherstehen auf den Straßen waren die Frankfurter endlich zu Bett gegangen.

Verhältnißmäßig leer waren am nächsten Morgen die Straßen der alten Krönungs- und Kaiserstadt, als Vormittags um elf Uhr eine der fürstlichen Carossen nach der andern nach dem Palais in der Eschenheimer Gasse fuhr. Die Souveraine sollten zur ersten Sitzung zusammentreten, um über die Vorschläge zu berathen, welche der Kaiser über die künftige Neugestaltung Deutschlands machen wollte.

Ein mächtiger, runder Tisch stand in der Mitte des großen Conferenzsaales in diesem Palais, mit Lehnstühlen umgeben; hier sollten die Könige und Fürsten, welche sonst in der unnahbaren Stille der Cabinete mit ihren Ministern über die Fragen der Politik beriethen, welche nur von den Thronsesseln herab in wohl überlegter Rede zu den Vertretern des Volks zu sprechen gewohnt waren, hier sollten sie in eigner Arbeit und freier Diskussion in Berathung treten über die Angelegenheiten des großen, gemeinsamen Vaterlandes. Um elf Uhr waren die Fürsten versammelt; sie Alle trugen die Uniformen ihrer Armeen und die Bänder ihrer Orden; der junge, schlank gewachsene und idealisch schöne Fürst von Liechtenstein allein war in der österreichischen Uniform mit dem österreichischen Ordensbande erschienen. Hier sah man die kränklich schmächtige Gestalt des Königs von Baiern mit dem blassen, sinnigen, leidend nervösen Gesicht, – er unterhielt sich mit dem König Johann von Sachsen, der in leicht gebückter Haltung vor ihm stand, das scharf geschnittene Gesicht mit dem charakteristischen Profil lebhaft bewegt von dem Eindruck des großen und bedeutungsvollen Augenblicks; man konnte dem König Johann ansehen, daß er sich in der Uniform unbequem fühlte und ein scharf militairisches Auge hätte leicht manche kleine Unregelmäßigkeit in der militairischen Adjustirung dieses Monarchen bemerken können.

Hoch aufgerichtet stand der König von Hannover da, die ritterlich militairische Haltung seiner mächtigen, außergewöhnlich großen Gestalt hatte etwas Starres, bildsäulenhaft Unbewegliches, während die Züge seines schönen und edlen Gesichts von dem Licht inneren Geisteslebens erhellt waren. Der König unterhielt sich mit dem schlank gewachsenen, etwas kalt und apathisch blickenden Kronprinzen von Württemberg und mit dem Kurfürsten von Hessen, der in seiner preußisch militairischen Haltung und in dem Ausdruck seines Gesichts, trotz seiner kleineren, die Mittelgröße nicht überschreitenden Figur an den König Friedrich Wilhelm III. von Preußen erinnerte; der gewöhnlich mürrische und abwehrend zurückhaltende Ausdruck des Kurfürsten war heute einer verbindlichen Freundlichkeit und Höflichkeit gewichen und mit einem, seinen geschlossenen Lippen ungewohnten Lächeln hörte er dem König von Hannover zu, welcher mit dem ihm eigenen Humor eine treffende und heitere Bemerkung gemacht haben mußte.

In verschiedenen Gruppen unterhielten sich die Großherzöge.

Der elegante Großherzog von Baden sprach eifrig mit dem Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, der Herzog von Coburg knüpfte hier und da eine Unterhaltung an, welche aber bald wieder zu Boden fiel. – An der einen Seite des Saals standen die Bürgermeister der Freien Städte, Dr. Roeck für Lübeck, Dr. Müller für Frankfurt, Herr Duckwitz für Bremen und Dr. Haller für Hamburg, scharf abstechend in ihren schwarzen Anzügen von dieser im Glanz der Uniformen und Ordenssterne funkelnden Versammlung.

Vor einem Seitentisch stand der Hofrath von Biegeleben steif und unbeweglich, Papier und Feder vor sich, um das Protocoll über die Berathung der fürstlichen Versammlung aufzunehmen.

Freundlich näherten sich die Könige und Fürsten, einer nach dem Andern, den Bürgermeistern, um diesen Repräsentanten der wenigen, aus dem Mittelalter her noch übrig gebliebenen freien Städte Deutschlands, welche nicht ihres Gleichen und doch auch nicht ihre Unterthanen waren, einige verbindliche Worte zu sagen und man konnte bei jeder dieser fürstlichen Anreden auf dem Gesicht der Bürgermeister den freudigen Stolz aufleuchten sehen, welchen ihnen das Gefühl gab, hier, inmitten der Souveraine, als Gleichberechtigte zu tagen.

Eigenthümlich war, daß ganz im Gegensatz zu dem, am Tage vorher beim Kaiser von Oesterreich stattgefundenen Diner, heute die ganze Versammlung in ihrer äußeren Erscheinung einen wesentlichen, um so zu sagen preußischen Charakter trug; fast alle Uniformen der Souveraine, ausgenommen die des Königs von Baiern, zeigten preußischen Schnitt und preußisches Muster und man hätte bei einem oberflächlichen Anblick dieser erlauchten Gesellschaft glauben können, sich in einer Versammlung von preußischen Generalen zu befinden.

Kurze Zeit waren die Souveraine versammelt, da öffneten sich die Flügel der Eingangsthüre und in der großen österreichischen Generals-Uniform, das grüne Band des Stephansordens über der Brust, das goldne Vließ am Halse, trat der Kaiser Franz Joseph in den Saal. Tiefer Ernst lag auf seinen Zügen, sein Haupt war hochaufgerichtet, er ließ den stolzen Blick über diese glänzende Versammlung gleiten, welche die Macht eines so großen Theils von Deutschland repräsentirte und deren Häupter sich sämmtlich zu seiner Begrüßung verneigten.

Der Kaiser trat einige Schritte in den Saal hinein, – dann blieb er stehen und begrüßte nach allen Seiten hin das Haupt neigend seine fürstlichen Verbündeten.

Rasch näherte er sich dann dem, in der Mitte des Conferenztisches für ihn aufgestellten Sessel, rückte denselben mit kräftiger Bewegung vom Tisch zurück und setzte sich nieder, indem er mit einem verbindlichen Wink der Hand die Fürsten aufforderte, um ihn her Platz zu nehmen.

Der König von Baiern setzte sich zur Rechten des Kaisers, der König Johann von Sachsen nahm zu seiner Linken Platz, nachdem er vorher dem König von Hannover den Arm gegeben und ihn zu seinem Sitz, zur Rechten des Königs von Baiern, geführt hatte; die Groß-Herzöge und Fürsten setzten sich nach der Reihe ihres Ranges in der Bundesmatrikel, die Bürgermeister der Freien Städte dem Kaiser gegenüber.

Es trat ein Augenblick tiefer Stille ein.

Der Kaiser erhob sich, nahm aus seinem Hut, den er noch in der Hand gehalten hatte, ein Papier und begann mit einer, im ersten Augenblick etwas leisen und unter dem Eindruck einer gewissen Befangenheit zitternden, bald aber sich zu vollem und eindringlichem Ton erhebenden Stimme zu lesen:

Duchlauchtigste, freundlich liebe Brüder und Vettern,
Sehr werthe Bundesgenossen!

Eine Versammlung der Häupter der Deutschen Nation, berathend über das Wohl des Vaterlandes, ist ein Ereigniß, welches eine nach Jahrhunderten zählende Vergangenheit nicht gekannt hat. Möge durch den Segen der göttlichen Vorsehung Unsere Zusammenkunft an der Schwelle einer heilbringenden Zukunft stehen.

Vertrauend auf den hohen Charakter Meiner Mitfürsten, vertrauend auf den rechtliebenden und durch Erfahrung geläuterten Geist, welcher im deutschen Volke lebt, habe Ich gewünscht, diese Stunde herbeizuführen, in welcher die Fürsten Deutschlands zum Zwecke der Befestigung ihres Bundes sich die brüderlichen Hände reichen. Ich habe es für meine Pflicht gehalten, offen Meine Ueberzeugung auszusprechen, daß Deutschland mit Reche einer zeitgemäßen Entwicklung seiner Verfassung entgegensieht, und Ich bin gekommen, um Meinen Verbündeten in persönlichem Gedankenaustausch darzulegen, was Ich zur Erreichung dieses großen Zweckes für möglich halte und für Meinen Theil zu gewähren bereit bin.

Empfange Ew. Majestäten und Sie Alle, Durchlauchtigste, vielgeliebte Verbündete, Meinen Dank für Ihre bundesfreundliches Entgegenkommen.

Ich habe meinen erhabenen Bundesgenossen einen unter Meiner unmittelbaren Leitung ausgearbeiteten Entwurf des Deutschen Bundes überreichen lassen. Gegründet auf einen erweiterten Begriff der Bundeszwecke, legen die Bestimmungen dieses Entwurfs die vollziehende Gewalt des Bundes in die Hände eines Directoriums, in welchem ein Bundesrath zur Seite stehen würde.

Sie berufen periodisch eine Versammlung von Abgeordneten zur vollberechtigten Theilnahme an der Gesetzgebung und dem Finanzhaushalte des Bundes. Sie führen periodische Fürstentage in das politische Leben Deutschlands ein. Sie verleihen durch Gründung eines unabhängigen Bundesgerichts dem öffentlichen Rechtszustande in Deutschland eine unantastbare Gewähr. In all' diesen Beziehungen wahren sie folgerichtig und so streng als möglich den Grundsatz der Gleichberechtigung unabhängiger verbündeter Staaten, vereinigen aber mit diesem Grundsatze zugleich diejenigen Rücksichten auf Machtverhältniß und Volkszahl, welche von der Natur der vorgeschlagenen Einrichtungen, insbesondere einer kräftigen Executive und einer Gesammtvertretung am Bunde, unzertrennlich sind.

Alle Erwägungen aber, die Mich im Einzelnen leiteten, entstammen in ihrem tiefern Grunde nur Einem einzigen Gedanken. Ich glaubte, daß es an der Zeit sei, den Bund, den Unsere Väter schlossen, im Geiste Unserer Epoche zu erneuern, ihn durch die Theilnahme Unserer Völker mit frischer Lebenskraft zu erfüllen und ihn dadurch zu befähigen, Deutschland in Ehre und Macht, in Sicherheit und Wohlfahrt als ein unzertrennliches Ganze zusammenzuhalten bis in die spätesten Tage.

Meine Vorschläge sind ohne Zweifel der Vervollkommnung fähig. Ich bin der Erste, es anzuerkennen. Allein Ich gebe Meinen erhabenen Verbündeten zu bedenken, ob es in Unserem gemeinsamen Interesse liege, um der möglichen Verbesserung des Planes, der jedenfalls im Vergleiche mit dem gegenwärtigen Zustande einen hohen Gewinn für Deutschland in sich schließt, auch nur um eine kurze Frist zu verzögern.

In der vorgeschlagenen Reformacte selbst sind die nöthigen verfassungsmäßigen Mittel dargeboten, um in gesetzlich geregeltem Gange mit sicherer Hand die Mängel des ursprünglichen Werkes zu beseitigen und die Verfassungszustände des Bundes in immer vollständigeren Einklang mit allen begründeten Anforderungen zu setzen. Nicht in der Eröffnung weitaussehender Berathungen, sondern nur in einem raschen und einmüthigen Entschlusse der deutschen Fürsten, vor deren hochsinniger Hingebung an die gemeinsame große Sache untergeordnete Rücksichten als bedeutungslos zurücktreten, vermag Ich die Möglichkeit zu erblicken, festen Boden in der Frage der Zukunft Deutschlands zu gewinnen.

Durchlauchtigste Brüder und Vettern, sehr liebe Bundesgenossen. Wie Sie mit Mir die erhebenden Eindrücke dieses Augenblickes theilen, so theilen Sie auch Mein tiefes Bedauern darüber, daß, da Preußen nicht unter Uns vertreten ist, Eine große Genugthuung Unseren heiligsten Wünschen fehlt!«

Der Kaiser hielt einen Augenblick inne; man hörte in dem lautlos stillen Saal die Athemzüge der Fürsten. Franz Joseph überschaute mit einem raschen Blick diese Versammlung, welche mit gespannter Aufmerksamkeit an seinen Lippen hing, dann hob er das Concept seiner Rede wieder empor und fuhr mit etwas leiser Stimme, schnell sprechend als wolle er einen peinlichen Eindruck überwinden, fort:

»Es ist Mir versagt geblieben, den König Wilhelm von Preußen zu bewegen, Unserem Einigungswerke Seine persönliche Mitwirkung zu gewähren. Aber die Hoffnung auf ein glückliches Ergebniß dieses Tages halte Ich deshalb nicht minder standhaft fest. Der König von Preußen hat meine Gründe für die Nothwendigkeit und Dringlichkeit einer Reform der Bundes-Verhältnisse vollkommen gewürdigt. Keinen andern Einwand hat König Wilhelm Meiner Einladung zu einer Fürsten-Versammlung entgegengestellt, als daß diese wichtige und schwierige Angelegenheit nicht hinlänglich vorbereitet sei, um unmittelbar in dem erlauchten Kreise der Fürsten Deutschlands in Berathung gezogen zu werden.

Im Grundsatz hat sich der König nicht gegen die Fürsten-Versammlung erklärt, sondern nur geglaubt, daß Berathungen unserer Minister einer solchen vorhergehen sollten.

Ich habe Se. Majestät auf die Unfruchtbarkeit aller früheren, durch Mittelspersonen gepflogenen Verhandlungen aufmerksam gemacht; aber von Uns, die Wir erschienen sind, hängt es nunmehr ab, durch die That zu beweisen, daß für Uns die Frage der Erneuerung des Bundes reif ist, daß in Unseren Gemüthern der Entschluß: die deutsche Nation nicht länger die Mittel zu höherer politischer Entwicklung entbehren zu lassen, feststeht.

Einigen wir Uns um des unberechenbar wichtigen Ganzen willen leicht und rasch über das Einzelne! Wahren Wir bundestreu in Allem den Platz, der dem mächtigen Preußen gebührt, und hoffen Wir zu Gott, daß das Beispiel Unserer Eintracht mit siegender Gewalt auf alle deutschen Herzen wirke.

Mir persönlich aber, durchlauchtigste Bundesgenossen und Freunde, wird es stets zur höchsten Beruhigung gereichen, lautern Willens Mein Streben dahin gerichtet zu haben, in dieser ernsten Zeit das Nationalband der Deutschen zu festigen und den Bund, durch den wir eine Gesammtmacht sind, auf die Höhe seiner für Deutschlands Heil und Europa's gleich wichtigen Bestimmung zu erheben!«

Er hatte geendet, neigte leicht das Haupt nach allen Seiten und setzte sich nieder.

Unmittelbar darauf stand der König von Bayern auf, hob ein Blatt Papier nahe zu seinem, etwas kurzsichtigen Auge und sprach mit seiner weichen, leisen und fast tonlosen Stimme:

»Der Einladung Ew. Majestät folgend, sind Wir hierher gekommen. Alle, wie ich nicht zweifle, beseelt von demselben bundestreuen und vaterländischen Gefühle, aus welchem die Einladung selbst hervorgegangen ist, und durchdrungen von dem heißen Wunsche, dem Verlangen nach zeitgemäßer Ausbildung der Bundesverfassung eine gerechte und für alle Theile heilsame Befriedigung zu gewähren.

Dieser Uebereinstimmung im Ziele und Streben Uns bewußt, haben Wir uns versammelt, ohne im Einzelnen die Vorschläge zu kennen, welche Eure Kaiserliche Majestät Unserer gemeinschaftlichen Berathung zu übergeben beabsichtigten.

Wir haben es gethan in dem Vertrauen, daß der Geist gegenseitiger Rechtsachtung und gemeinschaftlicher Hingebung an die großen Gesammt-Interessen, in welchem Unsere Väter den Deutschen Bund im Sinne und nach den Verhältnissen Ihrer Zeit geschlossen haben, auch jene Vorschläge durchdringen und tragen werden. Wir leben des Vertrauens, daß dieselben demgemäß eine geeignete Grundlage bilden werden, um darauf im Geiste und nach den Bedürfnissen Unserer Zeit einen Bau zu gründen, welcher der deutschen Nation, die an geistiger und sittlicher Tüchtigkeit, an Bildung und Thätigkeit, wie an materiellen Kräften keiner anderen Nation nachsteht, die gebührende Macht nach außen in concentrirterer Fassung und die ihrer Geschichte und ihrem Wesen entsprechende reiche Gliederung und Lebensthätigkeit im Innern gewährt und erhält.

In diesem Geiste werde Ich die Vorschläge Ew. Kaiserlichen Majestät in die gewissenhafteste Erwägung nehmen und Mich darüber aussprechen, und Ich glaube, hiermit der gleichen Gesinnung aller hier vereinigten Bundesgenossen Ausdruck geliehen zu haben. Ew. Kaiserliche Majestät haben es Selbst ausgesprochen, daß die Vorschläge der Vervollkommnung fähig sind, und so lebhaft Ich auch den Wunsch theile, daß die Grundzüge des Reformplanes ohne weitaussehende Berathungen eine rasche und einmüthige Billigung finden mögen, und daß der Nation so nach alter deutscher Sitte die Bahn der Entwicklung durch ihre Fürsten selbst geöffnet werde, so wenig möchte Ich es doch ausschließen, daß schon aus diesem unserem ersten Zusammentritt einzelne Modifikation jener Grundzüge hervorgehen könnten, zumal etwa solche, welche die Einigung zu fördern und zur segensreichen That des freien Entschlusses zu gestalten vermögen.

Aus tiefster Seele theile Ich das Bedauern Ew. Kaiserlichen Majestät, und gewiß theilen es mit Uns alle Unsere theuren Bundesgenossen, daß es Uns noch versagt bleibt, des Königs von Preußen Majestät in Unserer Mitte zu begrüßen. Halten wir die Hoffnung fest, daß bei Unserm nächsten Zusammentritt dieses mächtige Glied die große Kette deutscher Macht und Herrlichkeit abschließen werde, und vergessen Wir nicht, daß Wir diese Hoffnung in dem Grade der Erfüllung näher führen können, in dem Unsere jetzigen Bestrebungen zu einem raschen und einmüthigen Beschlusse führen.

Deutschlands Völker haben, einzelne kurze Verirrungen und Wirren abgerechnet, seit nahezu einem halben Jahrhundert den Frieden des Rechtes und der Treue genossen. Verleugnen wir es nicht – da es oft verkannt worden –, daß der Deutsche Bund und seine Verfassung der Grund war, auf dem jener Friede gepflegt ward. Verkennen wir aber auch nicht, daß diese Grundlagen nun der zeitgemäßen Fortbildung und Entwicklung, insbesondere auch durch organische Einfügung einer Vertretung der einzelnen Völker, bedürfen.

Das Ziel, nach dem Wir ringen, ist uns klar, sind auch die Wege noch nicht geebnet und theilweise verhüllt.

Gehen wir mit ruhigem und festem Sinn, mit treuem und redlichem Willen an das Werk: dann wird der Segen des allmächtigen Gottes mit Uns sein und Unser Werk krönen.«

Der König Maximilian schwieg, holte erschöpft tief Athem und sank in seinen Lehnstuhl zurück. –

Die tiefe Stille in der Versammlung dauerte einige Augenblicke fort; der Kaiser blätterte flüchtig in einem Actenstück, das vor ihm auf dem Tisch lag und die Reformvorschläge enthielt, die er den Fürsten zu machen beabsichtigte. Er schien sprechen zu wollen, um die Berathungen der Conferenz einzuleiten.

Da wurde das tiefe Schweigen im Saal durch die Stimme des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin unterbrochen, welcher in festem, ruhigen Ton sprach:

»Ich bitte Ew. Kaiserliche Majestät um Erlaubniß, einen Antrag stellen und begründen zu dürfen.«

Franz Joseph blickte ein wenig erstaunt auf und neigte zustimmend das Haupt gegen den Großherzog.

Dieser fuhr fort: »Ew. Kaiserliche Majestät haben bereits persönlich in entschiedener Weise den Wunsch und das Bestreben an den Tag gelegt und ausgesprochen, Seine Majestät der König von Preußen zur Betheiligung an den Berathungen der Fürsten-Versammlung zu bestimmen; Ich erlaube Mir den Antrag, daß, diesem Bestreben Ew. Majestät entsprechend, auch aus der Mitte der versammelten Souveraine ein gemeinsamer Ausdruck des Wunsches hervorgehen möge, daß Se. Majestät der König von Preußen sich zur persönlichen Theilnahme an der Conferenz entschließen wolle. Ich möchte den Vorschlag machen, daß zu diesem Zweck von sämmtlichen hohen Theilnehmern an der Conferenz ein Schreiben an den König von Preußen gerichtet und dem König durch eine Abordnung aus unserer Mitte überbracht werde.«

Es zog eine leichte Wolke über die Stirne des Kaisers, er legte die Hand auf das vor ihm befindliche Actenstück und ließ den Blick über die Versammlung gleiten.

Abermals traten einige Augenblicke tiefer Stille ein, dann nahm der König von Sachsen das Wort und sprach mit seiner klaren, ein wenig im Dialekt seines Landes anklingenden Stimme:

»Ich bin überzeugt, daß die Gesinnung, welche Se. Königliche Hoheit der Großherzog von Mecklenburg zu dem so eben vernommenen Vorschlage bestimmt hat, von Uns Allen getheilt wird; es scheint Mir daher überflüssig, über die Opportunität des beantragten Schrittes irgend eine Diskussion eintreten zu lassen; jedoch möchte ich Mir erlauben zu bevorworten, daß um den von uns angestrebten Zweck sicher zu erreichen, es Mir höchst wichtig erscheint, zu der erneuten Einladung an des Königs von Preußen Majestät nur unter einer doppelten Voraussetzung zu schreiten; zunächst scheint es mir nothwendig – um ein praktisches Ergebniß unserer Berathungen sicher zu stellen – daß wir sofort zu einem Einverständniß darüber zu gelangen suchen, daß die Conferenz in den Vorschlägen Sr. Kaiseren Majestät von Oesterreich eine geeignete Grundlage für die Verhandlungen über eine Reform des Deutschen Bundes erkenne.«

Der Kaiser neigte einige Male lebhaft das Haupt.

Der König von Sachsen fuhr fort:

»Sodann möchte Ich vorschlagen, im Voraus festzustellen, daß auch in dem, von Uns Allen tief zu beklagenden Fall, wenn König Wilhelm auf die an ihn ergehende Einladung eine ablehnende Antwort ertheilen sollte, Wir, die hier in Frankfurt versammelten Fürsten, Uns dadurch nicht abhalten lassen würden, unsere Berathungen auf der Grundlage jener Vorschläge fortzusetzen; unter diesen beiden Voraussetzungen stimme ich dem Vorschlage des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin bei.«

Franz Joseph athmete wie erleichtert auf, als der König von Sachsen geendet; die leichte Verstimmung, die sich auf seinem Gesicht gezeigt hatte, verschwand und mit einer artigen Wendung gegen den ihm zur Rechten sitzenden König von Bayern forderte er diesen zur Aeußerung seiner Meinung auf.

»Ich stimme vollständig der Ansicht Seiner Sächsischen Majestät bei,« sagte Maximilian II.

Die gleiche Zustimmung sprachen in kurzen Worten der König von Hannover und der Kronprinz von Württemberg aus.

»Von dem Standpunkt aus,« nahm der Groß-Herzog von Baden das Wort, »welchen Ich stets bei der Frage über die Reform des Deutschen Bundes inne gehalten habe, kann ich meinerseits nur den hohen Werth der von Seiner Kaiseren Majestät ergriffenen Initiative anerkennen und wenn auf der Grundlage der gemachten Vorschläge – unter Zustimmung seiner Preußischen Majestät –,« sagte er mit schärferer Betonung, »ein Beschluß zu Stande kommt, so werden Wir ein für das Wohl der deutschen Nation hochwichtiges und segensreiches Werk vollendet haben.«

Die Meisten der übrigen Souveraine stimmten durch Kopfneigen und kurze Worte ebenfalls den Anschauungen des Königs von Sachsen bei.

»So sehr ich,« sagte der König von Hessen – ein wenig mit der Stimme anstoßend, als suche er die treffendsten Worte für den Ausdruck seiner Gedanken, – »so sehr ich mit der, von meinen erhabenen Bundesgenossen ausgesprochenen Anerkennung für die Initiative Seiner Kaiserlichen Majestät übereinstimme, so möchte ich doch darauf aufmerksam machen, daß aus dem Beschluß, den uns mitzutheilenden Entwurf als Basis der Berathungen anzunehmen, selbstredend noch nicht die Genehmigung der einzelnen Bestimmungen desselben folge und daß jener reiflichen Prüfung nicht vorgegriffen werden darf, welche der Bedeutung so wichtiger Materien entspricht, die in ihren einzelnen Punkten noch große Schwierigkeiten bieten werden.«

»Gewiß darf einer solchen ausführlichen Berathung nicht vorgegriffen werden und Jeder von Uns muß Sich die Zustimmung zu den einzelnen Punkten offen halten,« sagte der König von Hannover.

»– um so mehr,« fiel der Großherzog von Baden ein, »als vielleicht für verschiedene dieser Punkte auch die demnächstige Zustimmung der ständischen Versammlungen in den einzelnen Ländern erforderlich sein wird.«

»Es versteht sich von selbst,« sagte der Kaiser Franz Joseph mit einer leichten Ungeduld im Ton, »daß es nie hat in meiner Absicht liegen können, vorab eine Zustimmung meiner Erlauchten Bundesgenossen zu jedem einzelnen Punkt Meiner Vorschläge zu erwarten; wenn dieselben wie ich zu meiner großen Genugthuung vernehme, allseitig als die geeignete Basis für unsere Verhandlungen acceptirt werden, so bleibt doch selbstredend die vollkommen freieste Erörterung und Entschließung über jeden einzelnen Paragraph derselben jedem der hohen Souveraine vorbehalten.«

Mit einer leichten Befangenheit im Tone sprach Bürgermeister Roeck aus Lübeck:

»Im Namen der Abgeordneten der Freien Städte habe ich die hohe Ehre, Eurer Kaiserlichen Majestät und den versammelten erhabenen Souverainen zu erklären, daß auch die vier Senate ihre Repräsentanten beauftragt haben, unter der dankbarsten Würdigung der Einladung Eurer Kaiserlich Königlichen Apostolischen Majestät, in die zu eröffnenden hochwichtigen Berathungen über eine heilsame Neugestaltung der Verfassung des Deutschen Bundes bereitwilligst einzutreten; ich darf es jedoch nicht unbemerkt lassen, daß wir, die Vertreter der Freien Städte, in einer andern Stellung uns befinden als diejenige der anwesenden erhabenen Souveraine es ist. Unser Verhalten muß außer der verfassungsmäßigen Sanktion der aus der Berathung hervorgehenden Beschlüsse, zunächst auch von einer Genehmigung unserer Senate abhängig sein, welche uns, da ihnen die Vorlagen nicht bekannt gewesen, mit Instructionen nicht haben versehen können.«

»Ich darf also,« sagte Kaiser Franz Joseph nach einem kurzen Stillschweigen, »constatiren, daß der Vorschlag des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin einen gemeinsamen Schritt bei dem König von Preußen zu thun, damit,« sagte der Kaiser mit etwas erhobener Stimme, »alle Mittel erschöpft werden, um des Königs Theilnahme an der Fürstenberathung herbeizuführen, die allgemeine Zustimmung erhalten hat. Ich freue mich zugleich,« fuhr er fort, »ebenfalls constatiren zu können, daß die hohe Versammlung die beiden von dem Königs von Sachsen bevorworteten Punkte sich aneignet und beschlossen hat, auch im Falle der Nichtbetheiligung des Königs von Preußen ihre Berathungen fortzusetzen; ich lege besonderen Werth darauf, aus diesem Entschluß meiner Verbündeten die Ueberzeugung gewonnen und die Zusage empfangen zu haben, daß die hohen Herren sämmtlich des festen Willens seien, unter allen Umständen ein bestimmtes Resultat aus den Verhandlungen hervorgehen zu lassen. Ich möchte Mir nun erlauben, die Aufmerksamkeit der hohen Versammlung auf die Art der Ausführung des beschlossenen Schrittes bei dem Könige von Preußen zu lenken und möchte den Vorschlag machen, Seine Majestät den König von Sachsen zu ersuchen, daß er es übernehmen wolle, das von Uns zu unterzeichnende Schreiben dem König Wilhelm zu überbringen.«

Der König von Sachsen verneigte sich zustimmend.

»Gewiß wird auch,« sprach der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, »Seine Majestät der König von Sachsen es gütigst übernehmen, das an den König von Preußen zu richtende Schreiben abzufassen.«

König Johann drückte abermals seine Zustimmung aus.

»Dabei würde zu erwägen sein,« sagte der Großherzog von Baden, »ob in dem Einladungsschreiben an Seine Majestät den König von Preußen erwähnt werden soll, daß die Conferenz für ihre Berathungen bereits die Vorschläge Seiner Kaiserlichen Apostolischen Majestät als Basis angenommen habe.«

»Ganz gewiß,« sagte der König von Hannover, »muß dies nach meiner Ueberzeugung geschehen, denn wenn wir den König Wilhelm nochmals zur Theilnahme an unserer Conferenz einladen, so haben wir die Verpflichtung, ihm ganz klar und rückhaltlos mitzutheilen, was von uns bereits beschlossen ist, damit er in voller Kenntniß der Sachlage seine Entschließung fassen könne; zugleich aber,« fuhr der König fort, »möchte ich anheim geben zu beschließen, daß wir während der Abwesenheit Seiner Majestät von Sachsen keine Plenar-Sitzungen halten. – Wir können ja durch Einzel-Berathungen die Aufgabe der Verständigung über die wichtigsten Punkte der gemachten Vorlagen so sehr als möglich fördern; die Berathungen aber in Plenarsitzungen fortzusetzen, bevor der König von Preußen seine definitive Antwort gegeben hat, scheint mir nicht angemessen.«

Der Kaiser blickte umher; in dem Ausdruck der Gesichtszüge sämmtlicher Souveraine konnte er die Zustimmung zu den eben gesprochenen Worten lesen – schweigend verneigte er sich gegen den König von Hannover.

»Ich möchte noch,« sagte der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, »darauf aufmerksam machen, daß es unsern Verhandlungen Nachtheil bringen, und gewiß auch Seine Preußische Majestät unangenehm berühren muß, wenn Gerüchte über die hier gefaßten Beschlüsse dem König von Sachsen voraneilen sollten; ich halte e daher für zweckmäßig zu verabreden, daß über die Verhandlungen der Conferenz nichts nach außen verlauten dürfe.«

»Ich bin vollkommen der Ansicht Eurer Königlichen Hoheit,« sagte der Kaiser von Oesterreich, »und bin überhaupt der Meinung, daß der Gang der Verhandlungen in unserer Conferenz sich in keiner Weise zur öffentlichen Besprechung eigne.«

»Um die Sache thunlichst zu fördern,« sagte der König von Hannover, »möchte ich die hohe Versammlung bitten, in möglichst kurzer Zeit wieder zur Unterzeichnung des Einladungsschreibens an den König von Preußen zusammenzutreten. Seine Majestät von Sachsen,« fuhr er fort, sich lächelnd gegen seinen königlichen Nachbar verneigend, »werden ja bei Höchstihrer Gewandtheit die Feder zu führen nur wenig Zeit zur Abfassung des Schreibens bedürfen.«

»Wenn es Eurer Majestät recht ist,« sagte der Kaiser von Oesterreich, sich zum König von Sachsen wendend, »so würde ich die hohe Versammlung ersuchen, um vier Uhr heute zum zweiten Male zusammen zu treten, um den Wortlaut des Schreibens zu vernehmen und dasselbe zu unterzeichnen.«

»Mein Entwurf soll bis vier Uhr bereit sein,« sagte der König von Sachsen.

»Also darf ich Meine Erleuchten Bundesgenossen bitten, um vier Uhr abermals sich hier zu versammeln,« sprach der Kaiser aufstehend, »Ich werde mir erlauben, Höchstdenselben heute meine Reformvorschläge gedruckt mitzutheilen.«

Die ganze Versammlung erhob sich.

Der Kaiser von Oesterreich richtete an die Könige und einige Großherzöge, die ihm zunächst standen, einige kurze höfliche Worte und verließ dann den Saal. Die Souveraine folgten und durch die inzwischen wieder mit einer dichten Menschenmasse angefüllten Straßen rollten die fürstlichen Equipagen vom Bundespalais den verschiedenen Hotels zu.

* *
*

Der Wagen des Königs von Hannover mit den wunderbar schönen, mausegrauen Pferden und der scharlachrothen Livree hielt vor dem Hotel de Russie; zu beiden Seiten des Eingangs standen hannöversche Leibhusaren von dem zum unmittelbaren Dienst beim König bestimmten Corps, in ihren rothen Uniformen mit goldenen Litzen, den blanken Säbel in der Hand. Der König stieg aus und begab sich auf den Arm des Flügel-Adjutanten Major von Heimbruch gestützt, in seine Zimmer im ersten Stockwerk. Sein alter Kammerdiener Mahlmann öffnete die Thür und nahm dem König den Federhut ab.

Georg V. ließ sich bequem in den, vor einen großen Tisch gestellten Lehnstuhl, zu welchem der Flügel-Adjutant ihn hingeführt, nieder, entließ den Major von Heimbruch und befahl sein Frühstück.

In wenig Augenblicken brachte ihm der Kammerdiener einen Teller mit kleingeschnittenem westphälischen Schinken und ein Glas goldgelben Sherrys; der König trank den Wein mit einem durstigen Zuge und sagte:

»Ich lasse den Grafen Platen und den Staatsrath Zimmermann bitten.«

Der Kammerdiener ging hinaus und öffnete nach wenigen Minuten den beiden befohlenen Herren die Thüre.

Der Staatsminister Graf Platen trat in das Cabinet; er war ein, trotz seines Alters von fünfzig Jahren, in welchem er damals stand, fast jugendlich aussehender Mann; das glänzende, dichte und sorgfältig frisirte Haar, zeigte eine gleichmäßige, dunkle, schwarze Farbe, ebenso sein Schnurrbart und Backenbart, welcher wohlgepflegt zu beiden Seiten des blassen länglichen Gesichts herabhing. Seine stark hervorspringende Nase hätte auf eine gewisse Energie und Charakterfestigkeit deuten können, wenn nicht der leicht hingleitende Blick seines nicht ausdrucksvollen Auges und das freundliche selbst genügsame Lächeln seines Mundes diesem scharf geschnittenen und vornehmen Gesicht den Ausdruck salonmäßiger Oberflächlichkeit gegeben hätte; seine Gestalt war schlank und biegsam; – mit den Manieren des eleganten Weltmannes näherte er sich seinem königlichen Herrn. Ihm folgte der Staatsrath Zimmermann, dieser im dänischen und später im hannöverschen Dienste vielgewandte staatsrechtliche Praktiker, welcher zu jener Zeit hannöverscher Minister-Resident in Hamburg war und in allen wichtigen Fragen dem Grafen Platen als leitender Rathgeber zur Seite stand. Der Staatsrath Zimmermann war eine kleine, fast zierlich magere Gestalt, der Kopf mit dem sorgfältig frisirten, dünnen und bereits ergrauenden Haar steckte tief in den Schultern, welche sich ungleich über dem leicht gekrümmten Rücken erhoben; sein bleiches, krankhaft nervöses Gesicht zeigte durch reiches, geistiges Leben bewegte Züge, seine Augen funkelten und blitzten mit dem Ausdruck frischer Verstandesschärfe und in diesem Blick vermischte sich wunderbar gutmüthig, heitere Laune mit einem Anflug von geistreich sarkastischer Bosheit.

Beide Herren nahmen auf den Wink des Königs ihm gegenüber Platz.

»Nun,« sagte Georg V. tief aufathmend und einige Knöpfe seiner Uniform öffnend, »der erste Schritt ist geschehen. – Wir haben beschlossen, zunächst den König von Preußen noch einmal einzuladen.«

Der Staatsrath Zimmermann lächelte still vor sich hin. –

»Ich bin äußerst gespannt, Majestät,« sagte Graf Platen, »zu vernehmen, welchen Eindruck die erste Sitzung der Conferenz auf Allerhöchstdieselben gemacht hat?«

Der König schwieg einen Augenblick.

»Diese erste Sitzung, mein lieber Graf,« sagte er dann, »hat bei mir den Eindruck nur bestärkt, welchen ich bereits bei der Einladung zu den Conferenzen empfing, daß diese ganze Sache ein todtgeborenes Kind ist und niemals zu irgend welchem praktischen Resultat führen wird. –

»Traurig, sehr traurig ist das,« sagte er seufzend, »denn wenn die deutschen Fürsten in Person sich versammeln und Nichts schaffen, so muß das sehr üble Folgen für die Würde und Kraft des monarchischen Princips haben.«

»Eure Majestät werden sich erinnern,« sagte der Staatsrath Zimmermann mit seiner scharfen und feinen Stimme, »daß ich die Ehre hatte, Allerhöchstdenselben sofort meine Meinung dahin auszusprechen, daß diese ganze Sache ohne Resultat verlaufen müsse; es ist ja ganz unmöglich, daß eine Fürsten-Versammlung ohne vorherige sorgfältigste Durcharbeitung des Materials zu praktischen Beschlüssen gelangen sollte. Die Hauptsache ist nur, daß es Eure Majestät auf das sorgfältigste vermeiden, irgend einen Schritt oder eine Aeußerung zu thun, welche die Gelegenheit bieten könnte, Allerhöchstihnen die Schuld an der Resultatlosigkeit der Fürstenberathung zuzuschieben. – Die gleiche Aufgabe wird allen Souverainen zufallen, wenn sie sorgfältig und vorsichtig die Folgen erwägen, welche diese so übereilt und geheimnißvoll in Scene gesetzte Resurrection der alten deutschen Reichstage nach sich ziehen muß.«

»Und wodurch haben Eure Majestät,« fragte Graf Platen, »wenn ich allerunterthänigst fragen darf, nunmehr bei der persönlichen Zusammenkunft der Souveraine den neuen Eindruck empfangen, daß die Vorschläge Oesterreichs zu keinem praktischen Resultat führen können? Sollte sich etwa bei der ersten Berathung bereits Uneinigkeit unter den Fürsten gezeigt haben?«

»Nein, mein lieber Graf; Alle waren einig, vollkommen einig, aber einig in einem Punkte, welcher vielleicht nicht ganz den österreichischen Erwartungen entsprechen mag, einig darin, daß ohne den König von Preußen eine Bundesreform nicht ausgeführt werden könne.«

»Das ist dem Kaiser gesagt worden?« rief Graf Platen fast erschrocken, während der Staatsrath Zimmermann immer lächelnd sich die Hände rieb.

»Es ist nicht ausgesprochen,« sagte der König, »aber der Kaiser hat es fühlen können und wie ich aus dem Ton seiner Stimme zu entnehmen geglaubt, hat er es gefühlt. – Als der Großherzog von Mecklenburg den Antrag stellte den König von Preußen nochmals einzuladen, konnte man aus der eilig eifrigen Zustimmung der Souveraine deutlich entnehmen, wie die Furcht vor dem schweigend abseitsstehenden mächtigen Bundesgliede sie Alle mehr oder weniger bewegte.

»Ich habe,« fuhr er fort, »dem Antrage zugestimmt aus voller Ueberzeugung, – ich meinerseits nicht aus Furcht vor Preußen, denn wenn ich auf dem Boden meines Rechtes stehe, kenne ich keine Furcht, auch dem Mächtigsten gegenüber; aber ich habe die unumstößlichste Ueberzeugung, daß das Heil Deutschlands nicht beruht auf dem einen oder dem andern Paragraphen des Bundes, auf der einen oder der andern Formel, welche man in die öffentlichen Institutionen Deutschlands einführt, sondern lediglich und ausschließlich in der festen Einigkeit der beiden ersten Mächte des Bundes.

»Mögen die Reformvorschläge des Kaisers die Quintessenz staatsrechtlicher politischer Weisheit sein, niemals werden sie durchgeführt werden können, niemals werden sie zum Heil von Deutschland gereichen können, wenn nicht ehrlich, aufrichtig und ohne Hintergedanken die beiden Großmächte zu einander stehen. Nicht der drohenden preußischen Macht gegenüber, sondern dieser meiner Ueberzeugung folgend, wünsche ich, daß der König von Preußen hier erscheinen möge; aber,« sagte er seufzend, »das wird nicht geschehen –«

»Aber es wird geschehen,« fiel der Staatsrath Zimmermann ein, »daß, wenn die Erfolglosigkeit dieses österreichischen Anlaufs vor aller Welt klar dasteht, die beiden Großen sich doch wieder die Hand weichen werden, sei es auch nur zu vorübergehender Verbindung, sei es auch mit dem Hintergedanken künftiger noch schärferer Gegnerschaft; deshalb erheischt die Haltung der Mittelmächte eine um so größere und sorgfältigere Vorsicht.«

»Seien Sie unbesorgt, mein lieber Staatsrath,« sagte der König lächelnd, »wir werden strikte Ihren Grundsatz befolgen: – die Ohren anzulegen und keinen Anlaß zu geben, daß man uns die Trübung des Wassers vorwerfen kann –«

»Ein etwas trivialer Ausdruck, den ich mir zu gebrauchen erlaubt habe,« sagte der Staatsrath.

»Aber sehr treffend,« rief der König, »treffend wie Alles, was Sie sagen.«

Ein Schlag an die Thür ertönte. –

Major von Heimbruch trat ein.

»Seine Königliche Hoheit der Kronprinz von Württemberg ist so eben vorgefahren.«

Der König erhob sich und knöpfte die Uniform zu.

»Auf Wiedersehen, meine Herren,« sagte er, »wir werden wohl heute Abend die Vorlagen erhalten, und müssen dann ausführlicher darüber sprechen.«

Graf Platen und der Staatsrath Zimmermann zogen sich zurück; wenige Augenblicke später trat der Kronprinz von Württemberg in das Zimmer des Königs.

»Es drängt mich,« sagte er, die dargebotene Hand des Königs ergreifend, »Eure Majestät aufzusuchen, um mich mit Ihnen über den Eindruck der ersten Conferenz auszusprechen und zugleich Ihre Ansicht über die ganze Reformfrage zu vernehmen, wozu mich der Befehl meines Vaters noch ganz besonders verpflichtet, der es mir ernstlich ans Herz gelegt hat, mich über alle wichtigen Punkte mit Eurer Majestät zu verständigen.«

Der Kammerdiener hatte dem Kronprinzen einen Lehnstuhl neben den Tisch des Königs gerollt; der König und der Prinz setzten sich nieder.

»Seine Majestät ist sehr gütig,« sagte Georg V.

»Unsere Interessen sind ja aber auch dieselben und ein gemeinschaftliches Handeln ist daher vorgezeichnet. Haben Eure Königliche Hoheit schon nähere Mittheilungen über die Vorlagen erhalten?« fragte er dann.

»Ich kenne dieselben ziemlich genau,« sagte der Kronprinz, »der Kaiser war ja vor seiner Ankunft hier bei uns in Stuttgart und es ist gerade über die wichtigsten Punkte dieser Vorlage, daß ich mit Eurer Majestät mich aussprechen möchte, nämlich über das Directorium, welches an die Spitze der Leitung des Bundes treten soll.«

Der König richtete sich empor und wendete den Kopf mit dem Ausdruck gespanntester Aufmerksamkeit zum Kronprinzen hin.

»Das Directorium soll bestehen,« fuhr der Kronprinz fort, »aus dem Kaiser von Oesterreich, dem König von Preußen, dem König von Bayern und zweien, der am 8., 9. und 10. Bundesarmeecorps betheiligten Souveraine, welche von den am Armeecorps betheiligten Regierungen für eine Periode von sechs oder drei Jahren gewählt werden, so daß abwechselnd in jedem dritten Jahr die Vertretung eines dieser Corps im Directorium ruht.«

Die Stirne des Königs legte sich in Falten, er preßte die Lippen zusammen und schlug mit zwei Fingern der rechten Hand auf den Tisch.

»Eure Majestät verstehen,« sagte der Kronprinz, »daß diese Bestimmung, welche den König von Bayern an die Seite von Preußen und Oesterreich stellt, Sachsen, Hannover und Württemberg zu gleicher Zeit vollständig in die Reihe der übrigen Fürsten zurückdrängt und daß es daher im Interesse Unserer königlichen Würde für Uns fast unmöglich erscheint, solche Bestimmungen über das Directorium anzunehmen.«

»Ganz unmöglich, ganz unmöglich!« rief der König lebhaft, »der Deutsche Bund, wie er bis jetzt besteht,« fuhr er fort, »ist eine Vereinigung der Souveraine nach dem Prinzip völliger Rechtsgleichheit, innerhalb welcher nur die größere oder geringe Macht einen Unterschied in dem Stimmenverhältniß begründet; es giebt nur eine Prärogative im Bunde, das ist das österreichische Präsidium, hervorgehend aus der historischen Stellung des Hauses Habsburg; wenn, was ich nicht für richtig halte, dieses Verhältniß der Rechtsgleichheit aufgegeben und so zu sagen ein Rangunterschied geschaffen werden soll, so müssen die Könige zweifellos eine besondere Stellung einnehmen und können sich nicht herabdrücken lassen in die Gruppen der übrigen Fürsten, welche ja ihre Vertreter so wählen könnten, daß Sachsen, Hannover und Württemberg in dem Directorium gar keinen Platz finden.

»Wir sind,« fuhr er fort, »abgesehen von unserer Stellung im Deutschen Bunde, europäische Souveraine und wenn auch geringer an Macht, so doch in unsern königlichen Rechten den mächtigsten Monarchen Europa's vollkommen ebenbürtig, diese unsere Stellung muß auch innerhalb des Bundes gewahrt bleiben und niemals dürfen wir uns von derselben herabdrücken lassen, – das käme ja einer vollständigen Mediatisirung gleich, die um so unberechtigter erscheint, als man dem König von Bayern einen Vorzug gewähren will, der durch den Machtunterschied zwischen seinem Lande und den unsrigen in keiner Weise begründet ist.«

»Ich freue mich,« sagte der Kronprinz von Württemberg, »diese Ansicht aus Eurer Majestät Munde zu vernehmen, denn es ist diejenige, welche auch der König, mein Vater, sich sofort gebildet hat; ich bedaure,« fuhr er fort, »daß ich eine gleiche Anschauung mit gleicher Bestimmtheit und Entschiedenheit bei dem König von Sachsen nicht gefunden habe. Der König Johann, mit welchem ich im Allgemeinen diesen Punkt besprochen habe, war wenigstens sehr zurückhaltend und erklärte, über die Stellung, welche er in der Berathung einnehmen solle, noch vorher ausführlich mit seinem Minister conferiren zu müssen.«

Der König Georg neigte einen Augenblick sinnend das Haupt.

»Soll ich Eurer Königlichen Hoheit,« sprach er dann, »ganz aufrichtig meine Meinung sagen, so muß ich bekennen, daß ich wenig Vertrauen zu den Resultaten unserer Berathung haben kann; entweder bleibt König Wilhelm, wie ich nach dem vorliegenden Sachverhalt glauben muß, derselben fern und dann wird die ganze Sache überhaupt ohne alle praktische Folge bleiben, – denn wie wollte man eine Bundesreform ohne Preußens Zustimmung ausführen? – schon rechtlich ist das ja unmöglich da Veränderungen der Bundesverfassung Stimmeneinhelligkeit erfordern, und selbst das Veto des kleinsten deutschen Fürsten eine Verfassungs-Aenderung unmöglich machen würde – oder,« fuhr er fort, »der König von Preußen findet sich bewogen, wider meine Erwartung in die Berathung über die Reform einzutreten, dann wird der Vorschlag des Kaisers, wenn wir ihn auch wirklich als Basis beibehalten, so erhebliche, wesentliche und tief greifende Veränderungen erleiden, daß ganz neue Gesichtspunkte hervortreten und wir in ganz neue Erwägungen werden eingehen müssen. Vom rein praktischen Gesichtspunkte aus könnte man also vielleicht zu der Anschauung kommen, die ganze Sache gehen zu lassen wie sie eben geht. – Allein,« fuhr er mit erhöhter Stimme fort, »auch selbst in einer voraussichtlich resultatlosen Verhandlung können und dürfen wir nach meine Ueberzeugung unserer königlichen Würde und der Stellung, welche wir von Rechts wegen einnehmen, nichts vergeben, denn wenn auch gegenwärtig kein praktisches Resultat erreicht wird, so würde man aus unserer gegenwärtigen Zustimmung zu jeder späteren Zeit Consequenzen ziehen, und wir würden das Recht aufgeben, später gegen eine Beeinträchtigung unserer Rechte zu protestiren; deshalb bin ich der Meinung, daß wir unter keiner Bedingung das Directorium in der Form annehmen können, wie sie der österreichische Entwurf vorschlägt. Doch möchte ich,« fuhr er fort, »der Ansicht sein, daß es vielleicht besser wäre, wenn ein bestimmter Vorschlag zur Abänderung vom König von Sachsen ausginge, als von Eurer Königlichen Hoheit oder von mir. Der König Johann steht der ganzen Reform-Idee näher und seine Vorschläge werden vielleicht dem Kaiser weniger als Hemmniß des von ihm begonnenen Werks erscheinen als wenn solche von uns ausgingen.«

»Eure Majestät haben vollkommen Recht,« sagte der Kronprinz, »wir müssen uns vor allen Dingen hüten, als diejenigen zu erscheinen, denen man etwa die Schuld eines Nichtzustandekommens der Reform zuschieben könnte; übrigens werden,« fuhr er fort, »wie wir vernommen, gerade in Betreff des Directoriums eine ganze Reihe von Anträgen und Amendements gestellt werden, denn auch die Großherzöge und insbesondere der Kurfürst von Hessen sind mit der Stellung, welche ihnen der österreichische Entwurf anweist, durchaus nicht zufrieden, sie werden eine anderweitige Gruppenbildung verlangen; dadurch wird ohnehin schon eine lebhafte Discussion über diesen Punkt eintreten und uns Gelegenheit bieten, in der geeigneten Weise für die Wahrung unserer königlichen Würde einzutreten.«

»Mit tiefer Besorgniß erfüllt mich,« sagte Georg V., »wie ich nicht läugnen kann, dies ganze, so unerwartete Vorgehen Oesterreichs; ich fürchte, ich fürchte,« sagte er seufzend, »daß von dieser ganzen Sache, in welcher wir persönlich hervortreten müssen, nur ein negatives Resultat übrig bleiben und daß von den Monarchen selbst die Anerkenntniß ausgesprochen werden wird, daß der Deutsche Bund in seiner bisherigen Verfassung unhaltbar ist. Haben Eure Königliche Hoheit das österreichische Promemoria gelesen?« –

Der Kronprinz neigte bejahend den Kopf.

»Es ist mir darin,« fuhr der König fort, »ein Passus als sehr bedenklich aufgestoßen: die Hinweisung auf das Recht der Sonderbündnisse. Diese Hinweisung scheint mir durchaus nicht zu passen; die Fürsten des Deutschen Bundes haben allerdings das Recht, zur Erfüllung der Bundeszwecke und innerhalb der Grenzen des Bundesrechts Sonderbündnisse zu schließen, aber in keiner Weise kann man dies Recht in Anspruch nehmen, um eine Reform durchzuführen, welche die bisherige Bundesverfassung in ihren Grundprincipien abändert. –

»Und welchen Zweck könnte ein solches Sonderbündniß, selbst wenn ich es mir thatsächlich als möglich dächte, erfüllen sollen? – Preußen aus dem Bunde auszuschließen? – Das wäre die Verstümmelung Deutschlands, – oder Preußen gewaltsam zur Annahme der beschlossenen Reform zwingen? – Das wäre der deutsche Bürger- und Bruderkrieg, das entsetzlichste Unglück, welches die Vorsehung über das große Vaterland verhängen könnte! Gerade diese Hinweisung auf die Sonderbündnisse hat mich tief beunruhigt und diese Hinweisung muß den König von Preußen, dem ja das Promemoria auch mitgetheilt wird, auf das tiefste verletzen. Der Blick in die Zukunft ist traurig, recht traurig, denn gerade hier, wo das äußere Bild der Einigkeit sich in diesem Augenblick darstellt, wird sich vor den Augen des deutschen Volkes und vor den Augen Europa's bald die Spaltung und Zerklüftung Deutschlands documentiren.«

»Aehnlich traurige Vorahnungen wie Eure Majestät, hegt mein Vater,« sagte der Kronprinz, »hoffen wir zu Gott, daß sie sich nicht erfüllen; jedenfalls bin ich hocherfreut,« fuhr er fort, »mich in den von mir zu vertretenden Anschauungen mit Eurer Majestät in vollem Einklange zu befinden.«

»Ich bitte Eure Königlich Hoheit,« sagte der König, »die ganze Frage mit Ihren Rathgebern eingehend zu erwägen, wie ich es auch meinerseits thun werde. Wir werden ja bis zum Zusammentritt der nächsten Sitzung jedenfalls erfahren, welchen Entschluß der König von Sachsen faßt, und unter allen Umständen werden wir die gleichen Interessen vertreten.«

Der Kronprinz erhob sich.

Der König bewegte schnell die auf seinem Tische stehende Glocke, die Flügelthüren öffneten sich, der dienstthuende Adjutant erschien an der Schwelle um den Kronprinzen an den Wagen zu geleiten; mit herzlichem Händedruck verabschiedete sich Georg V. von seinem fürstlichen Besuch. –

* *
*

In dem kleinen Speisezimmer im Erdgeschoß des Hotel de Russie befanden sich um dieselbe Zeit einige Personen im eifrigen Gespräch; vor einem kleinen Tisch in der Nähe des Fensters saß der Flügeladjutant des Herzogs von Braunschweig, Rittmeister von Lauingen, ein junger, etwas starker Mann mit einem hübschen und vornehmen aber etwas zu vollen Gesicht. Er hatte in großes Glas Sherry und Wasser vor sich stehen, welches er von Zeit zu Zeit mit beiden Händen ergriff und in nervös zitternder Bewegung zum Munde führte; neben ihm saß ein kleiner, elegant gekleideter und beweglicher Mann, brünett, von scharfen, etwas faltigen Gesichtszügen, welche leicht an den orientalischen Typus erinnerten, es war der große bayrische Fabrikbesitzer Herr von Kerstorff, ein äußerst thätiges und eifriges Mitglied der groß-deutschen Partei, welcher sich besonders durch seine unermüdliche Agitation gegen den französischen Handelsvertrag ausgezeichnet hatte und durch diese seine Wirksamkeit mit den süddeutschen Staatsmännern in nahe Berührung getreten und namentlich auch in Wien bei den leitenden Persönlichkeiten persona grata geworden war. Vor den Beiden stand der Schaumburg-Lippesche Regierungs-Präsident von Lauer-Münchhofen, ein großer, ziemlich starker Mann von eleganter Haltung, mit einem geistvollen, bleichen, die Spuren eines bewegten Lebens zeigenden Gesicht, dessen hohe Stirne von krausem, fast noch ganz schwarzen Haar umgeben war, während die vollen, rothen und leicht aufgeworfenen Lippen den Ausdruck heiteren und sorglosen Lebensgenusses trugen.

»Ich bin unendlich glücklich,« sprach der kleine Herr von Kerstorff, mit einer scharfen, etwas näselnden Stimme, indem er jedes seiner Worte mit lebhaften Gestikulationen begleitete, »daß es mir vergönnt ist, in dieser großen Zeit zu leben und hier gegenwärtig zu sein, wo sich das große Werk der österreichischen Staatskunst zur heilsamen Wiedergeburt von ganz Deutschland vollzieht; von diesem Schlage,« fuhr er fort, »wird sich Preußen nicht erholen, alle Pläne, die man in Berlin gehegt hat, um Deutschland nach der Schablone der gotha'schen Doctrin zu formen, zerschellen für immer vor der mächtigen Einigkeit Oesterreichs und der sämmtlichen Fürsten; jetzt wird Preußen in seiner Isolirung empfinden, wohin die Wege schließlich führen, welche es in seinem unberechtigten Ehrgeiz so lange verfolgt hat. Heute haben die Berathungen begonnen und ich werde mit unendlichem Interesse den Gang derselben verfolgen; dieser Fürstentag ist eins der größten Ereignisse in der Geschichte.« –

»Jedenfalls ist er nicht sehr amüsant,« sagte Herr von Lauingen, indem er mit halb unterdrücktem Gähnen zum Fenster hinaus blickte, »diese ewigen Menschen auf den Straßen, dieses ewige Hurrahrufen, dies ewige Hin- und Herfahren, und dann vor allen Dingen der fortwährende Dienst – ich wollte, die Geschichte wäre erst zu Ende. – Das Einzige, was die Sache noch einigermaßen erträglich macht, sind die guten Diners.«

»Ja,« fiel Herr von Lauer lächelnd ein, »in dieser Beziehung vereinigt sich Alles in Frankfurt, was man nur wünschen kann; abgesehen von den fürstlichen Küchen sind auch die Leistungen des Hôtel de Russie selbst nicht zu verachten; haben Sie den ausgezeichneten Rockfort bemerkt, den man hier hat? Ich habe seit langer Zeit nichts Vorzüglicheres gegessen.« –

»Man versteht aber nicht zu serviren,« sagte Herr von Kerstorff mit einer gewissen Wichtigkeit, »es wird so viel Lärm gemacht, man klappert mit den Tellern, man tritt hart auf, das Alles muß nicht sein; wenn die Herren mir einmal die Ehre erzeigen würden, bei mir zu diniren, so würden Sie mir die Anerkennung nicht versagen, daß ich meine Lakaien vortrefflich geschult habe; so wie man einen Tritt von ihnen hört, so wie sie zwei Teller an einander stoßen, sofort schicke ich sie weg, und das ist die wahre Aufgabe eines guten Dienstes, man muß nichts davon hören.« –

»Das sollte man auch,« sprach Herr von Lauer lachend, »im Staatsdienste zur Regel machen; je weniger man von der Regierung hört und sieht, je besser ist sie, leider wird nur so oft viel Lärmen um Nichts gemacht. Ich versichere Sie, bei uns in Bückeburg sind die Menschen am allerglücklichsten und unsere Regierungsmaschinerie spielt so sanft und so unhörbar, daß es eine wahre Freude ist.«

»Bei Ihnen ist ein glückliches Land,« sagte Herr von Lauingen, »Sie haben ja keine Verfassung, ich weiß nicht einmal, ob Sie Gesetze haben, da ist es leicht und bequem, zu regieren; ich begreife aber überhaupt nicht, wie Sie das jetzt im neunzehnten Jahrhundert, in dieser Aera der Kammern, der Oeffentlichkeit, der Mündlichkeit überhaupt noch durchsetzen können.«

Herr von Lauer lächelte.

»Das ist sehr einfach,« sagte er achselzuckend, »bei uns giebt es keine Steuern.« –

»Das ist allerdings ein Recept von vortrefflicher Wirkung,« erwiderte Herr von Lauingen, »aber leider nicht anderwärts nachzuahmen.«

Herr von Kerstorff hatte sich mit leichter Unruhe auf seinem Stuhl hin und herbewegt.

»Ich interessire mich ganz ungemein,« sagte er, »für das Resultat dieser Fürstenconferenz; ich habe den ganzen Entwurf,« fuhr er mit wichtiger Miene fort, »mit dem Grafen Rechberg wiederholt durchgesprochen und, ich darf das nicht gerade Jedermann sagen, in den wesentlichsten Puncten haben die Ideen Beachtung gefunden, welche ich mir erlaubte, dem Grafen vorzutragen. Er ist ein sehr erleuchteter Mann und faßt sehr schnell jeden Gedanken auf, den man ihm mittheilt.«

»Dann sind Sie wohl der eigentlich Urheber dieses Reformprojects?« fragte Herr von Lauer mit einem eigenthümlichen Seitenblick, während Herr von Lauingen den kleinen Herrn mit ganz großen Augen ansah.

»Oh nein, nein,« rief Herr von Kerstorff mit einem Lächeln der Befriedigung, »wie könnte ich eine solche Ehre in Anspruch nehmen, aber es macht mir eine aufrichtige Freude zu sehen, daß die Gedanken welche ich, gestützt auf meine Erfahrung und auf mein vieles Nachdenken über die politischen Verhältnisse ausgesprochen habe, ein so aufrichtiges Verständniß und so aufmerksame Beachtung gefunden haben.«

Die Thür öffnete sich und Graf Decken trat ins Zimmer. Sein Gesicht trug den Ausdruck einer gewissen Aufregung; er begrüßte mit einer flüchtigen Verneigung die Herren, drehte die Spitzen seines Schnurrbartes hoch in die Höhe und sagte:

»Soeben sind die österreichischen Reformvorschläge vertheilt worden, ich habe Einiges davon gehört und ich muß sagen, daß ich völlig starr bin über das Gebäude, welches man da aufzuführen gedenkt. Das wird ja ein wahres Labyrinth werden, in dem sich Niemand zurecht finden kann; ich muß aufrichtig gestehen, mir ist niemals eine merkwürdigere politische Ungeheuerlichkeit vorgekommen, als dieses Reformproject so weit es mir bis jetzt bekannt ist. Ich bin hierher gekommen,« fuhr er fort, indem er eine Cigarette anzündete, »weil ich mich auf das Lebhafteste für die große deutsche Idee interessire und weil ich hoffte, daß dieselbe hier eine feste und dauerhafte Grundlage erhalten würde, aber diese verworrenen, unklaren und absolut unausführbaren Gedanken, welche man in diesem Entwurf zusammengehäuft hat, thuen ja dem groß-deutschen Princip mehr Schaden, als alle gotha'schen Angriffe für lange Zeit.«

Herr von Lauer warf einen schalkhaften Blick auf den kleinen Herrn von Kerstorff, welcher ganz erstaunt den lebhaften und eifrigen Worten des Grafen Decken zuhörte.

»Die Kritik des Grafen,« sagte der schaumburg-lippe'sche Regierungspräsident, »ist nicht sehr schmeichelhaft für die intellectuellen Urheber des Reformprojects.«

Herr von Kerstorff schüttelte den Kopf.

»Ich begreife nicht, was da vorgefallen sein muß,« sagte er, »man muß doch in der Staatskanzlei die ursprünglichen Ideen, welche für die Reformacte maßgebend waren, wieder sehr erheblich modificirt haben; da muß ich mich doch erkundigen, welche Einflüsse haben eintreten können – es wäre wahrlich sehr zu beklagen, wenn man nicht an den ersten Gedanken festgehalten hätte und wenn durch unglückliche Verbesserungen der Erfolg der ganzen Sache in Frage gestellt würde.«

Er stand auf, nahm seinen Hut und verließ das Hôtel. Graf Decken blickte ihm ganz erstaunt nach.

»Es ist merkwürdig,« sagte Herr von Lauer, »wie viele Väter dieses österreichische Reformproject eigentlich hat, die vielleicht später alle ihr Kind verleugnen werden.« –

»Besser, sie hätten es gar nicht in die Welt gesetzt,« sagte Graf Decken mürrisch und warf sich in einen Lehnstuhl.

Herr von Lauingen leerte sein Glas, blickte auf seine Uhr und sagte seufzend:

»Ich muß wieder in den Dienst und mit dem Herzog ausfahren; Graf Decken hat ganz Recht, ich wollte, dieser Fürstentag wäre ungeboren geblieben.«

Langsam ging er hinaus. –

Ein Lakai trat zu Herrn von Lauer, um ihn zu seinem Fürsten zu rufen, große Wolken aus seiner Cigarette in die Luft blasend und von Zeit zu Zeit einige unmuthige Worte vor sich hin murmelnd. –

Achtes Capitel.

Während die Fürsten Deutschlands im Conferenzsaal des Bundespalais versammelt waren und beschlossen, den König von Preußen nochmals zu ihren Berathungen einzuladen, stand der alte Herr Jakob Sebastian Partner in seinem Arbeitszimmer vor dem, auf dem Pult aufgeschlagenen großen Rechnungsbuch; er hatte von dem englischen Hause die Antwort erhalten, daß es ganz unmöglich sei, bis zum Schluß des Monats auch nur einen Theil der fälligen Zahlungen zu leisten.

Lange war der alte Herr mit diesem Brief in der Hand im Zimmer auf- und niedergegangen, immer und immer wieder, wie mechanisch, die Zeilen überlesend, welche ihm mittheilten, daß auch diese letzte Hoffnung, sich aus seinen Verlegenheiten zu ziehen, fehlgeschlagen sei; dann war er wieder hingetreten vor das große Hauptbuch mit seinen Zahlenreihen, von neuem rechnend und wieder rechnend, ob es möglich sei, durch Zusammenfassung aller seiner Aktiva der immer näher drohenden Gefahr die Spitze zu bieten. Sein sonst so ruhiges, festes Gesicht zuckte in nervöser Aufregung, sein Blick haftete starr und brennend auf den Seiten des Buches, welche ihm die unerbittlichen Zahlen zeigten und die Hand, welche mit der Spitze des Bleistifts diesen Zahlenreihen folgte, schwankte in zitternder Bewegung.

»Wenn es mir gelingt,« sagte er endlich, von seinem Pult zurücktretend und langsam durch das Zimmer schreitend, – »wenn es mir gelingt, alle meine Aktiva zu realisiren, was aber ohne große Verlust in diesem Augenblick nicht möglich sein wird – wenn ich mein Haus zu seinem Werthe verkaufen kann – was auch in der kurzen Frist sehr schwer sein dürfte, dann kann ich den Zusammenbruch vermeiden und die kaufmännische Ehre meines Namens retten, – aber,« sagte er mit tiefem, schmerzlichem Seufzer, »dann bleibt mir auch eben wenig mehr als dieser Name und die unbefleckte Firma und ich, der ich mich sicher fühlte auf dem Fundament des festen ruhigen Besitzes, muß von neuem anfangen für den Erwerb, vielleicht für die Bedürfnisse des Lebens zu arbeiten; das ist hart, sehr hart! – härter noch für meine Kinder als für mich. –

»Doch,« sagte er dann, sich fest und stolz emporrichtend, »vor allen Dingen gilt es, den Muth nicht zu verlieren, und das traurige Geheimniß meiner Lage fest in mich zu verschließen, damit wenigstens das Aeußerste vermieden wird, denn hätte man eine Ahnung von meiner Lage, so würde es mir niemals gelingen, meine Aktiva auch nur annähernd ihrem Werth gemäß zu realisiren.«

Abermals schritt er, in tiefe Gedanken versunken, durch die ganze Länge seines Zimmers auf und nieder, zuweilen die Lippen in leisem Selbstgespräch bewegend und halblaute Worte vor sich hin murmelnd, und wenn er an dem Bilde seiner Schwester vorüberging, so schaute er mit einem eigenthümlich fragenden und zweifelnden Blick darauf hin, als ob sich in seinem Innern in diesem Augenblick, in welchem die feste Grundlage seiner bürgerlichen Existenz unsicher zu schwanken begann, die Erinnerung regte an ein Herz, welches er einst seinem starren Trotz geopfert.

Der Eintritt des alten Dieners erweckte ihn aus seinen Gedanken.

Verwundert blickte er auf, als jener ihm meldete, daß der Handelsmann Davidsohn draußen sei und den Herrn Partner zu sprechen wünsche. Er schien geneigt, diesen Besuch, der ihn in einem so ernsten Augenblick störte, abzuweisen, dann aber sprach er in kurzem Ton:

»Lasse Sie ihn eintreten, doch sagen Sie ihm, daß ich beschäftigt bin und nicht viel Zeit habe.«

Nach einigen Augenblicken trat der alte Jude in das Zimmer; er trug einen Rock von feinerm Tuch als gewöhnlich, einen glatt gebürsteten Hut in der Hand und verneigte sich mit einer gewissen ehrerbietigen Unterwürfigkeit vor dem allgemein bekannten und geachteten Handelsherrn, welcher mit vornehmer und kalter Zurückhaltung seinen Gruß erwiderte.

»Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Sie störe in Ihren Geschäften,« sagte der alte Davidsohn, indem der scharfe Blick seines klugen Auges mit dem Ausdruck sympathischen Wohlgefallens die feste und kräftige Gestalt des Herrn Partner umfaßte, »aber ich habe zu sprechen mit Ihnen über eine wichtige und ernste Angelegenheit und möchte Sie bitten mir zu schenken ein freundliches und geneigtes Gehör.«

»Meine Zeit ist sehr gemessen,« sagte der alte Partner kurz und kalt, »und wenn die Angelegenheit, von der Sie mit mir sprechen wollen, auch für mich wichtig ist,« fügte er mit Betonung hinzu, »so bin ich gern bereit, Sie anzuhören, bitte aber doch, daß Sie sich möglichst kurz fassen wollen.«

»Die Sache, die ich möchte besprechen mit Ihnen, Herr Partner,« fiel der alte doch ein, »ist von sehr großer Wichtigkeit für Sie wie für mich und sie ist wohl werth, daß Sie eine Stunde Ihrer Zeit opfern, – es betrifft Ihren Sohn Ferdinand, der oft gekommen ist in meinen Laden, um zu kaufen von meinen Antiquitäten, alte Waffen und Bilder, wofür er hat ein großes Verständniß und wovon ich habe in meinem Geschäft die gediegenste und reichhaltigste Auswahl.«

Herr Partner sah zuerst ganz erstaunt den Juden an, dann spielte ein leichtes, flüchtiges Lächeln um seine Lippen und er sprach mit ruhiger Stimme:

»Ich kenne die Vorliebe meines Sohnes für alte Raritäten und Kunstsachen; es ist dies eine ziemlich unnütze Passion, indessen ist die harmlos und unschädlich und ich habe nichts dagegen, wenn er dieser Neigungen nachgiebt; er hat wahrscheinlich Einkäufe bei Ihnen gemacht, welche seine Mittel übersteigen, und so wenig ich es im Allgemeinen liebe, daß er irgend welche, auch die kleinsten Schulden macht, so würde ich sie doch in diesem Falle nicht zu ernst nehmen – sagen Sie mir, um was es sich handelt und wir wollen die Sache erledigen.« –

»O nicht doch, nicht doch mein hochverehrter Herr Partner,« rief der alte Davidsohn, die Hand erhebend, »Ihr Herr Sohn ist so pünktlich mit Zahlungen gewesen in allen Geschäften, die ich mit ihm gemacht habe, wie ein alter Kaufmann und es ist nicht deshalb, daß ich hierher komme, um mit Ihnen zu sprechen.«

Herr Partner blickte abermals erstaunt und fragend auf: »Aber was?« sagte er.

»Herr Partner,« fiel Davidsohn ein, indem er einen Schritt näher zu dem alten Herrn heran trat, »wie Sie haben einen Sohn, so habe ich eine Tochter, ein einziges Kind, welches ist die Freude meines ganzen Lebens – meine Tochter Lea,« fuhr er schneller sprechend, fort, als wolle er in raschem Entschluß sofort den peinlichen Gegenstand seines Besuches erfassen, »hat oft gesehen in meinem Laden Ihren Sohn Ferdinand, wenn er zu mir gekommen ist wegen meiner Antiquitäten und die beiden jungen Leute haben sich lieb gewonnen, wie das natürlich ist bei zwei jungen Herzen, welche beide sind feurig und voll Leben und Einbildungskraft. – Ich habe nichts davon bemerkt,« fuhr er fort, wie abwehrend die Hand gegen Herrn Partner ausstreckend, der bei diesen Worten die Stirn runzelte, mit zornigem Ausdruck die Lippen auf einander preßte und leicht mit dem Fuß auf den Boden trat – »ich habe nichts davon bemerkt, denn wenn ich etwas gesehen hätte, so würde ich schon längst verhindert haben, daß beide junge Leute sich einander hätten nähern können – bis gestern ich sie habe überrascht und habe bemerkt, wie es zwischen ihnen gestanden und da ist Ihr Herr Sohn als ein braver, junger Mann, wie ich ihn immer gekannt habe, vor mich hingetreten und hat ehrlich und offen bei mir angehalten um die Hand meiner Tochter Lea.«

Ein zorniger Blick zuckte bei diesen Worten aus den Augen des Herrn Partner, ein leichtes Zittern lief durch seine fest aufgerichtete Gestalt, seine Lippen öffneten sich zu einer heftigen Erwiderung, aber er bezwang sich, schwieg einen Augenblick und sprach dann mit kaltem Ton:

»Mein Sohn ist nicht majorenn und steht unter meiner väterlichen Gewalt; Sie werden begreifen, daß er nicht in der Lage ist, über seine Zukunft ohne meine Einwilligung Entschlüsse zu fassen.«

»Das ist es, was ich sogleich habe zu mir selber gesagt,« erwiderte der alte Davidsohn, »und was ich auch ausgesprochen habe Ihrem Herrn Sohn; ich habe gefordert von ihm sein Ehrenwort, nicht wieder zu sehen meine Tochter ohne meine Erlaubniß, dann habe ich ihm versprochen, was ich auch halte für meine Pflicht gegen meine einzige Tochter – ich habe ihm versprochen,« fuhr er ein wenig zögernd und mit einer gewissen befangenen Scheu in das starre und unbewegliche Gesicht des Herrn Partner blickend fort – »ich habe ihm versprochen, zu Ihnen zu gehen, Ihnen mitzutheilen, was vorgefallen ist zwischen mir und Ihrem Sohn und Sie zu fragen, ob Sie sind einverstanden mit seiner Bewerbung um die Hand meiner Tochter, denn Sie werden verstehen,« sprach er, indem der Ausdruck von Selbstgefühl und Würde an die Stelle seiner bisherigen Zurückhaltung trat, »daß ich nicht kann zugeben eine Bewerbung um mein Kind von Seiten Ihres Sohnes ohne Ihre Billigung und Genehmigung; daß ich auch nicht kann dulden ein ferneres Liebesverhältniß zwischen den jungen Leuten, wenn ich nicht sehe, daß dasselbe führt zu einem ehrlichen und ordentlichen Ende.«

»Und Sie glauben,« fuhr Herr Partner, indem ein beinahe höhnisches Lächeln um seine Mundwinkel zuckte, – »Sie glauben, daß ich meine Einwilligung geben würde zu diesem unüberlegten und jugendlich thörichten Schritt meines Sohnes?« –

»Ich glaube nichts,« erwiderte der alte Davidsohn, »und habe nichts glauben können, weil ich nicht die Ehre gehabt habe, Sie zu kennen, aber meine Pflicht ist es, Sie zu fragen und mich mit Ihnen zu verständigen, denn wenn mein Kind kann glücklich werden durch die Liebe, welche es in seinem Herzen trägt, so würde ich meinerseits nicht versagen meine Einwilligung zu einer Verbindung mit Ihrem Sohn, den ich für einen braven und rechtlichen jungen Mann halte.«

»Mein lieber Herr Davidsohn,« sagte der alte Partner, mit Mühe seine zornige Erregung unterdrückend und den Ton seiner Stimme gewaltsam dämpfend, »Sie werden mit mir darüber einig sein, daß die Ehe eine Verbindung ist, welche für das Leben geschlossen wird und bei welcher nicht eine Aufwallung der jugendlichen Phantasie maßgebend sein kann, daß bei dieser Verbindung vor allen Dingen die Gleichheit der äußeren Verhältnisse und der Lebenslage maßgebend sein muß, wenn nicht später bittere Reue dem unüberlegt geschlossenen Bündniß folgen soll; wenn zwei junge Leute so verschiedenen und so scharf von einander abgeschlossenen Lebenskreisen angehören wie Ihre Tochter und mein Sohn, so kann eine Verbindung zwischen ihnen niemals zu einem guten Ende führen.«

»Das ist wahr,« sagte der alte Davidsohn, indem er seine gekrümmte Gestalt mit einem gewissen Selbstgefühl aufrichtete, »es ist wahr, Herr Partner, ich bin nur ein unscheinbarer Handelsmann und Sie sind ein großer Kaufherr, aus altem, vornehmem Bürgergeschlecht, aber ich kann Ihnen sagen, daß meine Tochter eine Erziehung gehabt hat, wie nur immer ein Kind aus dem besten Hause sie hat haben können und dann,« fuhr er fort, noch einen Schritt näher zu Herrn Partner tretend und ein wenig die Stimme dämpfend, »ich kann Ihnen sagen im Vertrauen und ich weiß, daß Sie werden machen keinen Gebrauch von meiner Mittheilung, – ich kann Ihnen sagen, daß das Geschäft, was ich habe getrieben so lange Jahre, mir hat einen schönen Gewinn gebracht und daß die Tochter des alten Davidsohn nicht arm und mittellos einziehen wird in das Haus ihres Mannes. Wenn wir sollten sprechen über die Mitgift, die ich geben werde meinem einzigen Kind, dem ja doch nach meinem Tode Alles gehört was ich besitze, so werden Sie sehen, daß meine Tochter nicht zurücksteht hinter vielen vornehmen Damen, die einhergehen in Seide und Sammet und prangen mit Gold und Juwelen.«

Herr Partner trat einen Schritt zurück als wolle er auch äußerlich die Annäherung des alten Juden zurückweisen und in einem vollkommen ruhigen und höflichen, aber ebenso kalten und abwehrenden Ton sprach er:

»Die Heirath meiner Kinder ist für mich kein Geldgeschäft; es ist nicht das, was ich vorhin gemeint, es ist die vollkommen verschiedene Lebensstellung, welche meinen Sohn von Ihrer Tochter trennt und dann,« fuhr er fort, indem er dem alten Juden fest und fast starr in's Gesicht blickte, »bin ich erstaunt, daß Sie, der Israelit, von dem ich überzeugt bin, daß er mit Ueberzeugung seinem Glauben anhängt, an den Unterschied der Religion nicht gedacht haben, welcher eine unausfüllbare Kluft zwischen den jungen Leuten bildet.«

»Wohl habe ich daran gedacht,« erwiderte der alte Davidsohn, »aber ich habe nicht finden können, daß diese Kluft soll unausfüllbar sein, denn ich würde meiner Tochter erlauben überzutreten zum Christenthum, um zu folgen der Wahl ihres Herzens.«

Der Ausdruck unbeschreiblicher Verachtung erschien auf dem Gesicht des alten Herrn Partner.

»So leicht würde es Ihnen werden,« sagte er, »Ihr Kind ausscheiden zu sehen aus Ihrer Religion um eines äußeren Glückes willen; so wenig werth ist Ihnen der Glaube Ihrer Väter, daß Sie ruhig zusehen könnten, wie Ihre einzige Tochter diesen Glauben aufgiebt und sich einem Bekenntnisse zuwendet, das Sie als Irrlehre verdammen müssen!«

Der alte Jude schwieg einen Augenblick; ein tiefer Ernst legte sich über seine Züge und aus seinem gewöhnlich so scharf und listig blickenden Auge leuchtete ein fast wehmüthiger Schimmer milder Weichheit.

»Verdammen?« – sagte er mit sanfter Stimme, »ich bin nicht so schnell fertig mit dem Verdammen dessen, was anderen Menschen heilig ist, – nicht so schnell fertig, wie es oft gewesen sind die christlichen Priester, und wenn mein Kind in seinem Herzen die Ueberzeugung gewinnen kann, daß der Jesus von Nazareth, welchen meine Vorfahren gehalten haben für einen falschen Propheten, wirklich ist der Messias, dessen Erscheinen ist vorher verkündet worden von den gotterleuchteten Sehern meines Volkes, so kann sie werden aus voller Ueberzeugung eine Christin, ohne daß sie verleugnen oder verdammen dürfte den Glauben ihrer Väter, denn die Offenbarung des alten Testaments ist heilig für den Juden wie für den Christen und der Gott, zu dem wir beten, ist derselbe in unserm Tempel wie in den Kirchen der Christen.«

»Ich achte und ehre,« sagte Herr Partner, immer mit demselben kalten Ton, »den Juden und seinen Glauben, wenn er von demselben durchdrungen ist und an ihm festhält; ich war nur,« sagte er ein wenig anhaltend, als suche er das rechte Wort für seine Gedanken, – »ich war nur – erstaunt von Ihnen zu hören, daß der Unterschied der Religion bei einer Verbindung für das ganze Leben Ihnen nur als ein so geringfügiges Hinderniß erschien, für mich,« fuhr er fort, »würde dieses Hinderniß das unübersteiglichste von allen sein und niemals würde ich erlauben, daß mein Kind aus äußeren Rücksichten den Glauben verließe, der mich mit ihm in gemeinsamem Gottesdienst vereinigt.«

»Aus äußeren Rücksichten,« sagte der alte Davidsohn immer mit demselben sanften, wehmüthigen Ausdruck, »aus äußeren Rücksichten habe ich nicht gesagt daß meine Tochter sollte verlassen den Glauben ihrer Väter, aber wenn sie sich überzeugt in ihrem Herzen, daß der Glaube ihres Geliebten auch ihr kann Trost, Beruhigung und Erquickung bringen in den Wechselfällen des Lebens, dann werde ich wahrlich nicht in starrer Härte sie festhalten wollen in einer Religion, welche sie von dem Glück ihres Herzens trennt.«

Herr Partner schüttelte schweigend den Kopf.

Bevor er Etwas erwidern konnte, sprach der alte Davidsohn lebhaft weiter:

»Ich glaube nicht, daß ich mich trennen muß von meinem Kinde für die Zeit und für die Ewigkeit, wenn sie sich wendet zu dem Christenglauben, während ich fortfahre, zu Gott zu beten in dem Tempel meiner Väter, – ich kann mir nicht denken,« sprach er mit bewegter Stimme, »daß die Schranken, welche hier auf Erden aufgerichtet sind zwischen den einzelnen Religionen und Confessionen, hinaufreichen sollen bis in den Himmel und daß nicht sollen Juden und Christen dereinst einmüthig sich versammeln können um den Thron des allmächtigen Gottes, der ja doch nur einer und derselbe ist für alle geschaffene Creatur. Ich bin geboren und bin aufgewachsen in dem Glauben meiner Väter, aber ich habe nicht verschlossen mein Auge und meinen Geist den Lehren des Christenthums; kann ich wissen, kann ich entscheiden,« fragte er, »ob der Rabbi Jesus von Nazareth gewesen ist der wirkliche Messias? Aber das weiß ich, das kann ich fühlen und empfinden, daß vieles, was er gesagt hat und was geworden ist zur Glaubenslehre der Christen, daß das groß ist und erhaben und daß es kommt von dem Gott, der in seiner Liebe und Güte die Welt erschaffen hat und der bei Abraham und Jakob gewesen ist in seiner Weisheit und Barmherzigkeit; aber,« sagte er, die Hand auf die Brust legend, »ich fürchte mich nicht, daß ich dereinst bei dem Gericht sollte verworfen werden, weil mein schwacher irdischer Geist nicht hat erkennen können die wahre und richtige Religion. Der Messias der Christen lehrt die Liebe, die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen, die Liebe der Menschen untereinander; glauben Sie, daß, wenn er einst sitzen wird zu Gericht neben dem allmächtigen Gott, wie die Schriften des Christenthums es verkünden, glauben Sie, daß er verwerfen wird den alten Davidsohn, weil dessen Haupt nicht benetzt ist mit dem christlichen Taufwasser? – wenn ich kann sprechen zu ihm: Herr, ich habe gelebt in dem Glauben meiner Väter, ich habe Deinen Namen nicht bekannt auf Erden, aber ich habe gehandelt nach meinen Kräften um die Gebote zu erfüllen, welche Gott uns gegeben, ich habe Niemandem Böses gethan mit Willen und Absicht, ich habe geholfen und beigestanden meinem Nebenmenschen, so viel es in meiner Macht gewesen ist und habe kein ungerechtes Gut erworben – glauben Sie, daß ich dann könnte verworfen werden, weil ich gelebt habe in meinem Irrthum, der mir ist überkommen von tausendjährigen Generationen meiner Vorfahren, oder glauben Sie, daß mein Kind könnte getrennt werden auf ewig von mir, weil sie hat auf Erden in einem andern Tempel gebetet als ihr Vater? Nein,« rief er lebhaft, »das glaube ich nicht, der ewige Gott der Juden und der Christen wird Keinen verwerfen, der die Gebote seiner Religion erfüllt hat und nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt und gelebt hat auf Erden. – Darum,« sprach er nach einer kurzen Pause, »werde ich meiner Tochter nicht entgegentreten, wenn sie glaubt, in der Religion ihres Geliebten Trost und Befriedigung zu finden – was ihr bisher heilig war, bleibt ihr ja auch ferner heilig, sie hat Nichts zu verleugnen oder abzuschwören und der Glaube ihres Vaters begleitet sie ja auch in die Religion hinüber der sie sich zuwendet, wenn ihre Seele die Botschaft des christlichen Evangeliums gläubig in sich aufnimmt.«

Herr Partner hatte zuerst verwundert den immer wärmer gesprochenen Worten des alten Davidsohn zugehört; der kalte, fast feindlich abwehrende Ausdruck seines Gesichts war ganz allmälig verschwunden und hatte einer freundlichen, wohlwollenden Theilnahme Platz gemacht. Als Davidsohn geendet, trat der alte Herr auf ihn zu, reichte ihm die Hand und sprach mit sanfterer Stimme als gewöhnlich:

»Ich achte und ehre die Ansichten, welche Sie so eben ausgesprochen haben und ich muß Ihnen aufrichtig zugestehen, daß dieselben mit dem wahren Sinn und Geist des Christenthums mehr übereinstimmen, als die exclusive Intoleranz, der man leider so häufig begegnet. Ein Wechsel der Religion aus Ueberzeugung, und ich glaube, daß nur von einem solchen die Rede bei Ihrer Tochter sein könnte, würde bei mir kein unübersteigliches Hinderniß bilden; aber,« fuhr er fort, indem seine Gesichtszüge wieder den Ausdruck harter und kalter Entschlossenheit annahm, »es ist nicht die Religion allein, welche zwischen meinem Sohn und Ihrer Tochter steht, die äußeren Verhältnisse in der ganzen Lebensstellung der jungen Leute, – ich sage das nicht um Sie zu kränken, oder um mich zu überheben,« schaltete er mit milderem Tone ein, »sind so durchaus verschiedene, die beiderseitigen Verwandtschafts-Beziehungen würden in solcher Disharmonie mit einander stehen, daß mein Sohn durch eine solche Verbindung den Kreisen, in welchen er geboren ist und in welchen seine Lebensthätigkeit, wenn sie fruchtbar und nützlich sein soll, eingeschlossen bleiben muß, vollständig entfremdet werden würde. Wenn der erste Rausch der Liebe verflogen ist, so werden diese Verhältnisse ihre lähmende und schließlich erdrückende Kraft fühlen lassen und zu dem Unglück der beiden jungen Leute, zu einem verfehlten Leben führen; ich habe über die Abgrenzungen der Stände in der menschlichen Gesellschaft meine festen und unumstößlichen Grundsätze, sie mögen hart und starr erscheinen, aber sie sind richtig und ich kann in meinem eigenen Hause und in meiner eigenen Familie nicht von dem abgehen, was ich für mein Leben als Norm erkannt und festgestellt habe. Aufrichtig und ehrlich sage ich Ihnen daher: ich kann zu der Verbindung, von welcher Sie mir gesprochen, meine Zustimmung nicht geben; Sie werden meine Gründe verstehen und auch, wenn Sie dieselben nicht billigen, die Offenheit und Freimüthigkeit achten, mit welcher ich Ihnen dieselben ausspreche.«

Der alte Davidsohn blickte traurig zu Boden.

»Ich bin nicht gekommen, Herr Partner,« sagte er dann, »um Sie zu überreden und es liegt mir fern, meine Tochter, die einzige Freude meines Lebens, das Juwel meines Herzens, einzudrängen in Ihre Familie, denn auch ich hätte es lieber gesehen, wenn meine Tochter geblieben wäre in dem Kreise, in welchem sie geboren, und wenn die Wahl ihres Herzens gefallen wäre auf einen Mann aus meinem Stamm, aber ich habe Mitleid gehabt mit den beiden jungen Herzen, welche sich einander zugewendet haben in aufrichtiger und treuer Zuneigung, – es soll nicht sein,« sagte er seufzend, »ich bedaure von Herzen die armen jungen Leute; – ich achte Ihren Willen und Sie können überzeugt sein, daß ich niemals dulden werde eine weitere Verbindung zwischen meiner Tochter und Ihrem Sohn gegen den Willen seines Vaters, denn die Achtung und Ehrfurcht vor den Eltern ist einer der ersten und heiligsten Grundsätze in meinem Volk. Leben Sie wohl, Herr Partner und mögen Sie nie bereuen, daß Sie geopfert haben das Glück zweier Herzen, den Grundsätzen, welche entstanden sind aus den Verhältnissen des irdischen Lebens, welche Gott aber nicht gekannt hat, als er die Menschen schuf nach seinem Ebenbilde.«

Er verneigte sich und verließ, sich langsam zur Thüre wendend, das Zimmer. Herr Partner blickte ihm sinnend nach.

»Es ist ein wunderbares Verhängniß,« sagte er, »daß von allen Seiten die festen Regeln angegriffen werden, welche ich für das Leben als maßgebend erkannt habe – und das gerade in einem Augenblick, in welchem die Grundlage zu schwanken beginnt, auf der ich mein eigenes Leben erbaut habe.«

Nachdenklich schritt er auf und nieder.

Er war einige Zeit allein geblieben, da öffnete sich schnell die Thüre seines Zimmers und mit dem Ausdruck lebhafter, aber gewaltsam niedergehaltener Aufregung trat sein Sohn Ferdinand ein.

Der alte Herr sah ihn erstaunt an; es war etwas Ungewöhnliches in dem streng geordneten Leben dieses Hauses, daß der Sohn so plötzlich und unerwartet zu seinem Vater kam, zu einer Zeit, welche dieser seinen Geschäften bestimmt hatte und in welchen er, nach der feststehenden Regel des Hauses, nicht gestört werden durfte.

»Mein Vater,« sagte Ferdinand mit einer mühsam zu ruhigem Ton gedämpften Stimme »ich muß mit Dir über eine für mich hochwichtige und für mein ganzes Leben entscheidende Angelegenheit sprechen.«

Der alte Herr blickte streng und kalt zu dem aufgeregten jungen Mann hinüber.

»Es muß eine sehr ernste Angelegenheit sein,« sagte er, »welche Dich zu so außergewöhnlicher Stunde zu mir führt – zu einer Stunde, in welcher Dein Platz auf dem Comptoir ist, um Dich vorzubereiten, die Geschäfte unseres Hauses zu führen, welches dereinst das Deinige sein wird.«

»Die Angelegenheit ist wichtig,« erwiderte Ferdinand, »denn von ihrer Entscheidung wird es abhängen, ob mein Leben der Thätigkeit von der Du selbst eben gesprochen hast künftig gewidmet bleiben soll oder nicht.«

Herr Partner schlug die Arme untereinander und sah seinen Sohn fragend an, während zugleich die Adern seiner Stirn anzuschwellen schienen.

»Du weißt, mein Vater,« sagte der junge Mann mit sanfter und ruhiger Stimme, »daß alle meine Neigungen mich zu einer andern Lebensthätigkeit hinziehen, als es diejenige ist, der Dein Wille mich bestimmt hat; ich habe mich diesem Willen unterworfen, nicht aus Furcht vor Deinem Zorn,« sagte er, den Kopf emporwerfend, »sondern aus Achtung, aus Liebe, aus kindlicher Ergebenheit. Wenn ich aber die schwere Last meines Berufs ertragen soll, der meinen Neigungen widerstrebt, so habe ich um so höheren Anspruch darauf, für mein Herz und mein inneres Leben Glück und Befriedigung zu erlangen; mein Herz hat gewählt – Du weißt es, der Vater meiner Geliebten ist so eben bei Dir gewesen; ich kann und werde meiner Liebe niemals untreu werden und ich komme zu Dir, mein Vater, um Dich um Deinen Segen für diese Liebe zu bitten. Ich will mich,« fuhr er warm und innig fort, »in Allem Deinem Willen fügen, Du sollst mit mir zufrieden sein; ich will die ganze Kraft meines Geistes auf die Thätigkeit richten, die Du mir vorgezeichnet hast, aber ich bitte Dich, gieb mir in dem einen Punkt die Freiheit und das Glück, in dem einen Punkt, der meine ganze Hoffnung für mein künftiges Leben bildet – segne meine Liebe.«

In heftiger Bewegung näherte er sich seinem Vater, ergriff dessen Hand und drückte seine Lippen darauf, dann sah er ihn aus thränenschimmernden Augen, mit einem Blick voll banger Erwartung fragend an. Der alte Herr blieb kalt und unbeweglich.

»Wenn Herr Davidsohn,« sagte er, »Dir seine Unterredung mit mir mitgetheilt hat, so wird er Dir auch gesagt haben, daß ich ihm meinen festen Entschluß und die Gründe für denselben ausgesprochen habe; Du weißt, daß ich einen auf richtige und wohlüberlegte Gründe gestützten Entschluß niemals ändere.«

Tiefer Schmerz zuckte aus dem Gesicht des jungen Mannes, seine feucht schimmernden Augen flammten in wilder Aufregung.

»Ist das Dein letztes Wort?« fragte er mit einer Stimme, die in einem fast zischenden Ton aus seinen Lippen hervordrang.

»Es ist mein letztes und unwiderrufliches Wort,« sagte der alte Herr, »und Du wirst,« fügte er in etwas milderem Ton hinzu, »später einsehen, daß ich Recht habe.«

Ferdinand trat einen Schritt von seinem Vater zurück, tiefe Blässe bedeckte sein Gesicht, das Blut entwich aus seinen Lippen, seine Augen blickten starr und brennend und mit leiser, durch die gewaltige Bewegung seines Innern rauh klingender Stimme sprach er:

»So höre auch mein letztes und unwiderrufliches Wort: ich habe die kindliche Pflicht erfüllt bis zur Grenze des Möglichen; sie kann nicht so weit gehen, daß ich auch das Glück meines Herzens und die stillen Blüthen meiner Seele, welche mir Ersatz geben sollten für Alles was ich geopfert, zertreten lasse; Du hast mir diese einzige Bitte, die ich für meine Zukunft an Dich gestellt, versagt. Ich nehme meine Freiheit zurück, die Du mir verweigerst; ich entsage dem Namen, den Du mir gegeben; ich entsage Allem, was als Deinem Sohne das Leben mir bieten kann; ich werde einsam und allein in die Welt hinaus treten, einsam und allein den Kampf mit dem Leben aufnehmen, um mir den Platz zu erobern, und sei es der kleinste und unscheinbarste, den Platz auf dem ich Mensch, frei und glücklich sein darf.«

»Entsagst Du auch,« fragte der alte Herr mit vor Zorn bebender Stimme, »der Pflicht der Dankbarkeit? – Entsagst Du auch den Geboten Gottes, welche Dir befehlen, Deine Eltern zu ehren und ihnen zu gehorchen?« –

Der junge Mann schwieg einen Augenblick. Die wilde Aufregung verschwand aus seinem Blick, aber in noch festerer Entschlossenheit spannte sich seine Züge:

»Die Pflicht der Dankbarkeit und die Achtung vor Dir, mein Vater, wird unzerstörbar in mir leben – auch die Liebe zu Dir,« fügte er mit weichem Ton hinzu, »werde ich niemals vergessen; Gott möge verhüten, daß das Unglück jemals Dein Haupt berührt; wenn es geschehen sollte, so wird meine Kraft, meine Arbeit, mein Herz Dir gehören, aber meine Freiheit muß ich mir erringen, mein Glück mir selbst begründen, da Du es mir versagst.«

In rascher Bewegung wendete er sich um und verließ das Zimmer. Das alte Herr machte eine unwillkürliche Bewegung, als wollte er ihm nacheilen und ihn zurückhalten – doch er hielt an sich, blieb eine Weile schweigend stehen und ließ sich dann mit einem tiefen, schmerzlichen Athemzug in einen der großen, mit Leder überzogenen Lehnstühle niedersinken.

»Er wird gehen,« sagte er mit dumpfem Ton, »mein Blut ist in ihm lebendig; er wird sich nicht beugen und keinen Kampf, keine Noth und keine Entbehrung scheuen; – und müßte ich ihn nicht verachten, wenn er es thäte?« sagte er noch leiser.

Er schlug den trüben Blick zu dem Bilde seiner Schwester auf und sah lange schweigend auf dasselbe hin, während von Zeit zu Zeit schwere Seufzer aus seiner Brust emporstiegen, dann bedeckte er das Gesicht mit den Händen, ließ den Kopf auf die Brust sinken und flüsterte in tiefem schmerzlichem Ton: »ich habe meinen Sohn verloren!« –

* *
*

Ferdinand war, als er seinen Vater verlassen, mit schnellen Schritten in sein Zimmer gegangen. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und schrieb mit fliegender Hand Briefe an seine Mutter und seine Schwester – einzelne Thränentropfen fielen auf das Papier, aber mit fester Entschlossenheit schrieb er weiter, verschloß die Briefe, ordnete seine Papiere, steckte die geringe Baarschaft, welche in der Schublade seines Schreibtisches sich befand, zu sich und verließ das Haus. Auf den Straßen wogte die Menge dichter als jemals hin und her, denn es fand heute das Fest statt, welches die Stadt Frankfurt den in ihren Mauern versammelten Souverainen im alten Römer, der Stätte so vieler Kaiserwahlen und kaiserlichen Krönungsfeste, veranstaltet hatte. Die Equipagen der Souveraine und ihrer Minister begannen nach dem Römerberge anzufahren; in höchster Gala schimmerten die Livreen und die Geschirre der Pferde, und mit lebhaften weit nachhallenden Rufen begrüßte die dichte Menge die vorüberfahrenden Fürsten.

Theilnahmslos, mit brennenden Blicken, den Kopf auf die Brust gesenkt, durchschritt Ferdinand das Menschengewühl; bald trat er in die enge Judengasse ein, deren abgeschlossene Stille heute noch auffallender war, im Gegensatz zu dem dichten Menschentreiben in den übrigen Stadttheilen; bald hatte er das Haus des alten Davidsohn erreicht und trat in den Laden. Der alte Jude war zurückgekehrt; er hatte seiner Tochter den Inhalt seiner Unterredung mit Herrn Partner und dessen feste und unwiderrufliche Erklärung mitgetheilt.

Die schöne Lea saß, den Kopf in die Hand gestützt, in stillem Weinen auf dem Canapé in ihrem Cabinet; ihr Vater beschäftigte sich mechanisch mit dem Putzen und Ordnen seiner Antiquitäten, doch zeigte der tiefe, ernste, nachdenkliche Ausdruck seines Blickes, daß seine Gedanken nicht bei dieser Beschäftigung verweilten.

Lea fuhr empor, als der junge Mann, schnell durch den Laden eilend, zu ihren Füßen niedersank und ihre Hand ergriff. Traurig, voll tiefen Schmerzes blickte sie ihn an und sagte mit von Thränen erstickter Stimme:

»So ist denn alles zu Ende, so sind denn alle unsere Hoffnungen begraben!«

»Nein, meine süße Geliebte,« rief Ferdinand glühend und begeistert, »zu Ende ist nur die Unruhe, der Zweifel und die bange Furcht, jetzt beginnt der freie und offene Kampf um mein Glück. Ich habe das Haus meines Vaters verlassen, ich werde arbeiten, um mir selbst eine unabhängige und freie Lebensstellung zu erwerben; ich werde hinausgehen in die Welt – sie wird noch einen Platz übrig haben für mich, auf welchem ich mein Glück begründen kann; Du wirst auf mich warten und wir werden glücklich werden durch eigene Kraft.«

Lea hatte ihn bei seinen ersten Worten tief erschrocken mit ihren großen Augen angesehen, dann aber öffneten sich ihre Lippen zu einem glückseligen Lächeln; sie fürchtete den Kampf mit dem Leben nicht, ihr jugendlich vertrauensvolles Herz erfüllte sich mit der süßen Hoffnung auf eine freundliche Zukunft; aller Schmerz, alle Trauer der Gegenwart verschwanden; – sah sie doch ihren Geliebten vor sich, hörte sie doch in stillem Entzücken die Versicherung von seinen Lippen, daß fortan sein Leben nur ihr geweiht sein solle.

Der alte Davidsohn war in das Cabinet getreten und blickte ernst auf die beiden jungen Leute.

»Herr Partner,« sagte er, »Sie sind ein braver junger Mann und was ich soeben habe gehört von Ihnen, ist ein Beweis, daß Sie ehrlich und treu festhalten an der Liebe zu meiner Tochter; ich will heute nicht zu Ihnen sprechen über den Entschluß, den Sie gefaßt haben, ein Mann muß selbst wissen was er thut, aber bedenken Sie wohl, daß in den Geboten, welche heilig sind, in Ihrer Religion wie in der Meinen geschrieben steht: Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß Dir's wohl gehe und Du lange lebest auf Erden. Das ist ein ernstes göttliches Gebot und es ist ein schwerer Schritt, den Sie thun wollen, wenn Sie, diesem Gebot zuwider, Ihren Vater und das Haus Ihrer Eltern verlassen.«

Ferdinand stand auf.

»Ich werde dieses Gebot nicht verletzen,« rief er, »ich werde meinen Vater ehren, achten und lieben, so lange ich lebe, und wenn ich mir mein Glück erkämpft habe, so werde ich auch in seinen Augen höher und achtungswerther dastehen, als wenn ich in feiger Selbstsucht das heiligste Gefühl meines Herzens geopfert hätte. Ich werde Frankfurt verlassen,« fuhr er fort, »ich werde anderwärts mir eine Lebensstellung zu erringen suchen, ich werde nur so lange hier bleiben, bis ich die nöthigen Entschlüsse gefaßt habe und zu klarem Nachdenken über meine Zukunft gekommen bin, was mir heute unmöglich ist; heute kann ich an Nichts denken als an meine Liebe, der fortan mein ganzes Wesen ohne Rückhalt und Nebengedanken gehört.«

Mit strahlenden Augen erhob sich Lea, schlang ihre Arme um ihren Geliebten und lehnte den Kopf an seine Brust; dann setzten sich die jungen Leute nebeneinander und plauderten glücklich und hoffnungsvoll von ihrer Zukunft, die ihnen so schön und glücklich erschien; – der Alte aber schritt nachdenkend auf und nieder, in tiefem Sinnen überlegend, wie der Conflict zu lösen sei, zwischen der Liebe und der kindlichen Pflicht, der hier so plötzlich in seinem bisher so ruhigen und gleichmäßigen Leben vor ihm auftauchte.

Als am Abend der junge Mann das Haus des alten Juden verließ, da waren sie noch zu keinem festen Plan und Entschluß gekommen – er wollte dem Rathe des Vaters seiner Geliebten folgend, noch einige Tage in einem Hôtel in Frankfurt verweilen, noch einmal seinem Vater schreiben, um einen letzten Versuch zu dessen Umstimmung zu machen, und dann überlegen, welche Schritte er zur Erreichung einer eigenen und unabhängigen Lebensstellung thun könne.

* *
*

Das ganze Leben der Stadt Frankfurt concentrirte sich auf dem freien Platz des Römerberges vor dem alten spitzgegiebelten Rathhaus, von dessen Balcon einst die neugewählten deutschen Kaiser dem versammelten Volk vorgestellt wurden; die Mitte des Platzes war frei gehalten und man sah auf dem Brunnen, aus dessen sieben Röhren einst rother und weißer Wein für das Volk strömte, das alte Standbild der Gerechtigkeit mit den neu angefügten Händen, dem neuen Schwert und der neuen Wage.

Der Wein strömte nicht aus den Brunnenröhren, wie man es hier und da in der versammelten Menge gehofft hatte, auch der große Krönungs-Ochse, von welchem der Truchseß des deutschen Reichs einst das erste Stück für den Kaiser abschnitt und der dann dem Volk überlassen wurde, briet nicht auf dem offenen Platz – aber in den unterirdischen Küchen des Römers wälzte sich an gewaltigem Spieß ein riesiges Ochsenviertel über einem kleinen Scheiterhaufen von großen Holzklötzen – das quartier de boeuf historique, welches zur Erinnerung an die alten Kaisermahle den versammelten Fürsten Deutschlands servirt werden sollte und die prächtigen Auffahrten der Souveraine blieben nicht hinter dem Glanz zurück, welcher sich einst an dieser Stelle zu den Hochgezeiten des deutschen Reiches an dieser Stelle entfaltete. Vor den Portalen des Römers ragten hohe Masten bis zu den Zinnen seines Giebels empor; das lang verpönte schwarz-roth-goldene Banner wehte an dem höchsten Mast, umgeben von den Farben von Oesterreich und der Freien Stadt Frankfurt. Zwölf Hellebardiere in rothen Mänteln und altdeutscher Tracht hielten vor dem Portal Wache und wehrten das andrängende Volk zurück. Lautes Brausen von Stimmen, bald mächtig anschwellend, bald wieder herabsinkend, erhob sich über den dichtgedrängten Massen.

Plötzlich trat eine allgemeine Stille ein; die berittenen Gendarmen sprengten vor, um die Anfahrt von der neuen Kräme her freizumachen und die altmodische, schwerfällige Carosse des ersten Bürgermeisters von Frankfurt mit dem rothbefrackten Kutscher und den roth gekleideten Ordonnanzen, fuhr am Portal des Römers vor. Die versammelte Menge ließ es sich nicht nehmen, ihren ersten Magistrat, welcher heute den versammelten Fürsten von Deutschland gegenüber die Souverainität der alten Reichsstadt und deren Gastfreundschaft zu vertreten hatte, mit einem Hoch zu begrüßen; Doctor Müller stieg aus, er trug einen schwarzen Anzug mit kurzen Beinkleidern, Strümpfen und Schnallenschuhen, ein lang herabhängendes weißes Spitzentuch um den Hals, einen dreieckigen Hut in der Hand; ihm folgten in ununterbrochener Anfahrt die Carossen der Senatoren; die Hellebardiere rangirten sich, ihre Waffen präsentirend, zu beiden Seiten des Portals und man sah den Bürgermeister und den Senat ihren Platz in der unteren Vorhalle des Römers nehmen.

Eine kurze Pause trat ein. Dann fuhr mit seinem prachtvollen Isabellen-Gespann der Kurfürst von Hessen heran, hinter ihm die Wagen seines Gefolges. Der Kurfürst blickte kalt und stolz über die dichte Menge hin, welche ihn mit lauten Hochrufen begrüßte; zwei Senatoren traten an den Wagenschlag; der Kurfürst stieg aus, und begab sich in das Innere des alten Rathhauses. Nachdem seine Equipage und die Wagen seines Gefolges nach der andern Seite hin abgefahren waren, fuhr in einer einfachen Kutsche mit kaiserlicher Livree der Graf Rechberg vor; auch diesen Staatsmann, den man als die Seele des ganzen Bundesreformprojects betrachtete, begrüßten sympathische Rufe. In ununterbrochener Reihe folgten sich nun die Fürsten, wetteifernd im Glanz der Equipagen und Livreen und Jeder von ihnen wurde von zwei Senatoren am Wagenschlage und von lautem Rufen des Volks empfangen.

Abermals trat eine kurze Pause ein; die Menge war beinahe ermüdet von dem Anblick all dieser schimmernden Herrlichkeit und man hörte einige Augenblicke auf dem weiten Platz nur das leise Gemurmel der Unterhaltungen, in welchen die Zuschauer sich gegenseitig ihre Bemerkungen über das vor ihren Augen sich abwickelnde Schauspiel mittheilten.

Da erscholl vom Liebfrauenberge her lautes Rufen, immer näher drang der Ton der jubelnden Stimmen heran, und endlich fuhr durch die freigehaltene Straße in raschem Trabe der einfache offene Wagen des Kaisers am Portal des Römers vor; wie ein rollender Donner erhob sich ein einstimmiger, gewaltiger Jubelruf, die Luft zitterte von diesem, immer sich wiederholendem Hoch, das den Kaiser Franz Joseph an der Schwelle des alten Rathhauses begrüßte, in welchem so viele seiner Vorfahren mit dem Schmuck der kaiserlichen Würde Deutschlands bekleidet worden waren. Die beiden Bürgermeister, von dem ganzen Senat gefolgt, treten unter das Portal; der Kaiser erhob sich einen Augenblick im Wagen, ließ seinen Blick über die versammelte Menge schweifen und dankte, seinen Federhut abnehmend, für die enthusiastische Begrüßung, welche man ihm darbrachte, dann sprang er schnell zur Erde, reichten den beiden sich tief verneigenden Bürgermeistern die Hand und schritt in ihrer Mitte, rechts und links die Reihen der Senatoren begrüßend, in das Innere des Römers. Die große Halle war mit rothen Damastvorhängen decorirt, die Treppe mit einem grauen Teppich mit purpurner Einfassung belegt, ein Wald von grünen Blattgewächsen und buntfarbigen Blumen erhob sich zu beiden Seiten; tiefe Bewegung zitterte in den Gesichtszügen des Kaisers, als er schweigend die Treppe hinaufstieg, neben ihm, einen Schritt zurück, gingen die beiden Bürgermeister, der ganze Senat folgte.

Die Thüren des Empfangszimmers flogen auf und der Kaiser trat in die Versammlung der Fürsten. Stolze Freude leuchtete in seinem Blick, als alle diese souverainen Häupter sich bei seinem Eintritt neigten, es war ein Hof, wie ihn kein Fürst aus dem Hause Habsburg gehalten, seit den vergangenen Tagen des alten Kaiserglanzes.

Der Kaiser begrüßte zuerst die Könige, durchschritt dann die Reihe der Fürsten, jeden mit einigen artigen Worten bewillkommnend in dem alten Rahts- und Wahl-Zimmer der Kurfürsten des heiligen römischen Reichs deutscher Nation. Ein Bild Kaiser Leopold des Zweiten schmückte die Hauptwand dieses Gemaches; als der Kaiser seinen Umgang vollendet, fiel sein Auge auf dieses Bild und er sah einige Augenblicke sinnend zu demselben auf, dann schweifte sein Auge über die übrigen Bilder hin, welche über den fünf Thüren des Zimmers angebracht sind, und die einzelnen Stücke des kaiserlichen Krönungsornats darstellen. Der Bürgermeister Dr. Müller trat heran und sprach:

»Eure Majestät sehen hier die Theile des bedeutungsvollen Krönungsschmuckes, mit welchem so viele Ihrer Vorfahren hier an dieser Stelle angethan worden sind; hier,« sagte er, auf eins der Bilder deutend, »tragen Genien das kaiserliche Reichsschwert herbei – › tuentur et amant‹ sagt die alte Inschrift unter dem Bilde – hier, fuhr er fort, bringen andere die violetten Seidenschuhe, auf denen der deutsche Kaiser siegreich über den Erdkreis dahin schreiten sollte.«

Franz Joseph richtete sich stolz empor.

»Und siegreich,« sprach er, »wird Deutschland immer unter den Völkern der Erde einherschreiten, wenn seine Fürsten und seine Stämme einmüthig zusammenstehen.«

Wenige Minuten blieben die Fürsten in einzelnen Gruppen sich unterhaltend in dem Empfangszimmer, dann öffneten sich die nach dem großen Römersaal führenden Flügelthüren, ein Haushofmeister in schwarzer Tracht, den kleinen Degen an der Seite, trat ein und näherte sich dem ersten Bürgermeister; dieser wendete sich zum Kaiser und meldete, daß das Diner servirt sei. Die Senatoren traten zu den übrigen Fürsten, die ganze erhabene Versammlung begab sich in den alten Römersaal, welcher so lange Jahre in stiller Verschlossenheit geruht hatte, – ein schweigender Schauplatz großer Erinnerungen. Heute strahlte dieser Saal in tagesheller Beleuchtung und auf der großen hufeisenförmigen Tafel schimmerte Gold, Silber und Krystall in reichster und mannigfaltigster Pracht; hinter den Stühlen an den Wänden standen in dichten Reihen die Lakaien in der rothen Livree der Stadt Frankfurt, in einzelnen Zwischenräumen geleitet von Haushofmeistern in schwarzer Tracht, den Degen an der Seite und den Hut in der Hand. Im flimmernden Licht der großen, mit Blumen umwundenen Kronleuchter erschienen die Gesichter der alten Kaiserbilder an den Wänden des Saales wie belebt in zitternder Bewegung.

Die Reihe dieser Bilder war geschlossen, für einen gemalten Kaiser war kein Platz mehr vorhanden in dem alten Römersaal – sollte ein lebendiger Kaiser, der Nachkomme jenes Rudolf von Habsburg, der da so ernst herabschaute von der hohen Wand auf die schimmernde Festtafel, sollte er eine neue Reihe deutscher Kaiser eröffnen, bestimmt, die alte Herrlichkeit des versunkenen Reichs wieder erstehen zu lassen?

War dies der Gedanke, der den Kaiser Franz Joseph bewegte, als er mit einem langen Blick alle diese Bilder betrachtete und sich dann niederließ auf seinen Platz in der Mitte der Tafel? – War es ein Omen, daß der Platz des Kaisers sich unter dem Bilde Joseph des Zweiten befand, dieses Fürsten mit dem edlen Herzen und dem lebendig bewegten Geist, der aber seine Kräfte aufrieb und verzehrte in der Verfolgung wechselnder Pläne, die von dem Boden der Wirklichkeit losgelöst nur zu einer Arbeit ohne Früchte, zu einem Kampf ohne Sieg führten? –

Zur Rechten des Kaisers nahm der König Maximilian von Bayern Platz, zu seiner Linken der König von Sachsen; neben dem König von Bayern saß der König Georg von Hannover, hinter seinem Stuhl stand sein eigener Kammerdiener in blauem Frack mit carmoisinrothem Kragen, um den persönlichen Dienst für diesen des Augenlichts beraubten Fürsten zu versehen; neben dem König Georg saß der Kurfürst von Hessen, neben dem König Johann der Kronprinz von Württemberg, die übrigen Fürsten folgten nach ihrem Range im deutschen Bunde; – die Langseite der hufeisenförmigen Tafel nahm das Gefolge der Souveraine ein. Dem Kaiser gegenüber nahm der erste Bürgermeister, Doctor Müller, Platz, der zweite Bürgermeister und die Senatoren schlossen sich ihm an.

Das Banket nahm seinen Anfang; schweigsam, sinnend und ernst saß der Kaiser da, nur zuweilen einige Worte an den König von Bayern richtend oder auf die Bemerkungen des Königs von Sachsen antwortend; heiter unterhielt sich der König von Hannover mit dem Kurfürst von Hessen, mit liebenswürdiger Freundlichkeit richtete er zuweilen das Wort an den ihm gegenübersitzenden Senator Bernus, auf dessen rundem Gesicht freudige Genugthuung glänzte und dessen kleine scharfe Augen vor Glück und Befriedigung strahlten.

Die Unterhaltung wurde meist mit gedämpfter Stimme geführt, unhörbar schritten die Lakaien hin und her, die vielen Gänge des reichen Menu's, unter denen das quartier de boeuf historique seinen Platz einnahm, auf- und abtragend, in schneller Reihenfolge der Schüsseln.

Nach den ersten Gängen erhob sich der Bürgermeister Doctor Müller, verneigte sich tief gegen den Kaiser und die ihm gegenübersitzenden Könige und bat um die Erlaubniß, zu der erhabenen Versammlung zu sprechen.

Schweigend neigte der Kaiser das Haupt; eine tiefe Stille trat ein und mit einer vor Aufregung zitternden, bei den ersten Worten fast unverständlichen Stimme, welche sich aber später zu klarem Ton erhob, sprach der Vertreter der Freien Stadt Frankfurt:

»Es ist eine Mahnung – ebenso ernst als groß und schön, welche zu dem heutigen Fest Anlaß giebt, darum vor Allem Dank und Preis den hohen Herren, welche der kaiserlichen Mahnung gefolgt sind, die Alle gemeinsame Hoffnungen für das Gedeihen unseres großen Vaterlandes im Herzen hegen. Aus tiefstem Grunde meines Herzens schließe ich darum mit dem Rufe: Deutschlands Fürsten und Freien Städte sie leben hoch!«

Der Kaiser stand auf, alle Fürsten erhoben sich mit ihm und die ganze Versammlung folgte dem Beispiel der Souveraine; nach allen Seiten hin grüßten die hohen Herren mit den Krystallkelchen in ihren Händen und die Versammlung stimmte in das Hoch des Bürgermeisters mit einem Ruf ein, dessen Klang durch die in diesen Räumlichkeiten herrschende Etiquette gedämpft wurde; in diesem Augenblick aber erscholl ein lauter Tusch draußen auf dem Römerberge und die Fenster erklirrten unter dem gewaltigen Jubelruf des versammelten Volkes, welches von dem freien Platz her in den Toast des Bürgermeister einstimmte.

Beim nächsten Gang stand Kaiser Franz Joseph auf; hoch erhob er sein Glas und mit einer festen und klaren, den ganzen weiten Raum des Saals erfüllenden Stimme sprach er:

»Im Namen der hier versammelten Fürsten ergreife Ich das Wort, um dem Senat und der Bürgerschaft dieser freien Stadt für den gastlichen Empfang, den Frankfurt uns bereitet hat, zu danken. Ich glaube, Wir können unsern patriotisch gesinnten Bürgern unsern Dank nicht würdiger abtragen, als indem Wir« – hier erhob der Kaiser die Stimme zu noch lauterem Ton – »Wir, Deutschlands Fürsten, Zeugniß davon ablegen, daß Uns Alle eine herzliche Liebe zum gemeinsamen Vaterlande vereinigt. Einig sind Wir aber auch Alle in guter Gesinnung für diese ehr- und erinnerungswürdige Stadt; freudig werden die hohen Gäste mit mir den Bechern leeren auf Frankfurts Wohl und Gedeihen. Frankfurt hoch!« –

Der Kaiser leerte sein Glas bis auf den Grund und alle Fürsten stimmten mit lauter Stimme in seinen Hochruf ein; wieder fiel die Musik draußen mit einem Tusch ein und wieder brauste der Jubelruf des Volkes zu dem alten Kaisersaal herauf.

Und als ob der Toast des Kaisers den Bann gelöst habe, in welchem bisher die Hofetiquette diese ganze, große Versammlung gehalten, so begannen jetzt die Stimmen in lauteren Gesprächen zu ertönen, Heiterkeit strahlte von alten Gesichtern, die edlen Gewächse vom Johannisberge und von den kostbarsten Weinbergen der Stadt Frankfurt thaten ihre Wirkung und kaum hätte zu den Zeiten der höchsten Kaiserherrlichkeit eine lautere und herzlichere Fröhlichkeit den alten Römersaal erfüllen können, als sie heute in dieser Versammlung der Epigonen der alten Kurfürsten und Fürsten des römischen Reiches herrschte.

Kurz vor zehn Uhr wurde die Tafel aufgehoben.

»Gott sei Dank,« sagte der Kurfürst von Hessen scherzend zum König von Hannover, »der Kirchweihschmaus ist zu Ende; man hat unserm Magen wirklich viel zugemuthet.«

»Ueberlassen wir das Uebrige unsern Leibärzten,« erwiderte der König von Hannover und den Arm des Kurfürst ergreifend, folgte er dem Kaiser und dem Könige von Bayern, welche sich bereits in das Empfangszimmer zurückbegeben hatten.

Abermals begrüßte das Volk mit unermüdlichen Jubelrufen die Equipagen der abfahrenden Souveraine und allmälig leerte sich der Platz auf dem Römerberge, die Menge vertheilte sich in die übrigen Straßen und wendete sich in dichtem Gedränge zum Main hin, auf dessen linkem Ufer das prachtvolle Schauspiel eines großen Feuerwerkes sich entfalten sollte; die Fürsten begaben sich nach der ehemaligen kurfürstlichen Villa. An beiden Ufern des Mains wogten die Menschenmassen auf und nieder, auf dem breiten Fluß bewegten sich in fast ebenso dichtem Gedränge kleine Kähne und reichgeschmückte Gondeln. Die ersten Raketen stiegen empor, eine mächtige Girandole warf ihre farbensprühenden Flammen hoch zum nächtlichen Himmel hinauf und kaum hatten sich die geblendeten Blicke einen Augenblick ausgeruht von dem Glanz der zahllosen Leuchtkugeln, da erleuchteten sich die beiden großen Mainbrücken mit bengalischem Licht und hell und klar trat die Stadt und der alte Dom, der mit Menschen bedeckte Fluß und die nächtliche Landschaft aus der Dunkelheit hervor. Mit lebhafter Spannung erwartete man das Schlußbild des Feuerwerks; nach all' diesen Sonnen, Schwärmern und Leuchtkugeln sollte in gewaltiger Riesengestalt, weithin schimmernd in Flammenpracht die Germania als Symbol des Festes in Brillantlichtern erscheinen, das Schwert in der Rechten die Fahne des Sieges in der Linken. – Die Leuchtkugeln sanken zu Boden, die Sonnen erloschen, – tiefe Dunkelheit trat einen Augenblick ein, – schweigend, in athemloser Spannung erwartete man das Feuerbild der deutschen Wiedergeburt – da züngelte eine Flamme am nächtlichen Himmel empor, dann noch eine, ein gewaltiger donnerähnlicher Krach ließ sich vernehmen – einen Augenblick erschien ein flammendes Schwert am Himmel, dann folgte ein Ausbruch wie aus dem Krater eines feuerspeienden Berges und Alles versank in Nacht.

Ein Schrei des Schreckens und des Entsetzens erfüllte die Luft, der Höhepunkt des Feuerwerks war mißlungen; waren die Vorbereitungen nicht richtig getroffen, hatte man das Brillantfeuer zu früh oder an falscher Stelle entzündet – wer mochte das sagen? – Die Germania war nicht erschienen und an ihrer Stelle war ein Chaos von blutrothen Flammen zum Himmel aufgeschlagen. – In dumpfem Schweifen zerstreute sich die Menge und die Carossen der Fürsten fuhren durch fast leere Straßen nach ihren Hôtels zurück.

Neuntes Capitel.

Der helle Morgensonnenschein lag auf dem Schloß und dem weiten, prachtvollen Park von Zarskoje Sselò, dem »Pfarrdorf des Kaisers«, wo einst die erste Katharina ein kleines Schloß erbaute, das später Elisabeth Petrowna erweiterte, das durch Katharina die Zweite zu dem glanzvoll prächtigen Bau erhoben wurde, der seitdem die bevorzugte Sommer-Residenz der russischen Herrscher geblieben ist; weithin schimmerten die vergoldeten Kuppeln und Dächer des langausgedehnten Schloßbaues, der sich in feenhafter Pracht aus den dunkeln Wipfeln uralter Bäume erhebt; auf der breiten Terrasse schritten die Wachen langsam und gleichmäßig auf und nieder und eine tiefe Stille umgab den majestätischen Bau, über welchem an hoher Fahnenstange das Banner mit dem Doppeladler wehte, anzeigend, daß der Kaiser gegenwärtig sei und daß in diesem Augenblick alle die Fäden der concentrirten autokratischen Gewalt, welche das weite russische Reich von den Schneefeldern Sibiriens bis zu den Myrthenhainen an den Küsten des Schwarzen Meeres durchziehen, sich hier vereinigten.

Ein kleiner Wagen fuhr von der Bahnhofs-Station am Schloßpark vorüber bis zum Lyceum, dann über den Haupthof zum gegenüberliegenden Seitenflügel heran und hielt vor der kleinen Thür, welche zu dem hintern Eingang der Parterre-Gemächer des Kaisers führt; aus demselben stieg, in der kleinen Uniform der russischen Minister, den Stern des St. Andreasordens auf der Brust, der Vicekanzler des Reichs und Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Fürst Alexander Michailowitsch Gortschakoff; die nicht große, kräftige und feste Gestalt des Ministers zeigte in ihrer Haltung und ihren Bewegungen zwar keine höfisch geschmeidige Eleganz, aber die vornehme, freie Sicherheit des auf dem Boden der höchsten Gesellschaft heimischen Staatsmannes, die Züge des feinen und scharf geschnittenen Gesichts drückten eine klare und in die Details dringende Intelligenz aus, auf den weichen Linien des Mundes lag ein freundlich lächelnder Ausdruck, in welchem ebenso viel gutmüthiger Humor, als scharf kritische Ironie bemerkbar war, die klaren grauen Augen blickten fest und sicher unter der feinen goldenen Brille hervor und die Wölbung der hohen, von kurzem, grauen Haar umrahmten Stirn ließ auf ebenso weiter und freies, als ruhiges und kalt prüfendes Denken schließen. Der Fürst, der eine schwarze Mappe unter dem Arme trug, trat ruhigen Schrittes an den salutirenden Wachen vorbei in das Schloß und wendete sich über die mehr als einfache, fast ärmliche Treppe zu dem Vorzimmer der kaiserlichen Wohnung im Erdgeschoß, unter den Zimmern, welche die Kaiserin im ersten Stock bewohnt. In diesem Vorzimmer befinden sich auf niedrigen Schränken unter Glasglocken die Figuren der ganzen russischen Cavallerie in meisterhafter Arbeit prachtvoll ausgeführt.

Rasch erhob sich der Flügel-Adjutant vom Dienst den Fürsten militairisch grüßend, ging durch die Fahnenkammer, trat nach einem kurzen Klopfen an die Thür in das Cabinet des Kaisers um den Minister zu melden und führte denselben unmittelbar darauf zu seinem kaiserlichen Herrn.

Der Fürst durchschritt die Fahnenkammer, in welche die Fahnen und Pauken der in Zarskoje Sselò stehenden Regimenter aufbewahrt werden, und deren Wände bedeckt sind mit den Portraits der königlich preußischen Familie und mit militairischen Erinnerungen des Kaisers in Bildern, besonders vielen preußischen Manöverbildern des sechsten Cürassier- und dritten Ulanen-Regiments.

Dann trat er durch ein reich mit Divans, Teppichen und orientalischen Waffen decorirtes Gemach in das Arbeitszimmer des Kaisers, – einen auffallend einfachen niedrigen Raum mit einem großen länglich viereckigen Tisch in der Mitte, und einem merkwürdig weit vom Fensterlicht an der Wand stehenden Schreibtisch.

Kaiser Alexander, im Uniform-Ueberrock der russischen Generäle, stand an dem großen, aus einer einzigen Glasscheibe gebildeten Fenster und blickte sinnend nach dem grünen Schatten des Parks hinüber. Seine hohe, schlanke und kräftige Gestalt hatte die feste militairische Haltung, welche den Fürsten des russischen Kaiserhauses so eigenthümlich ist, – in den weichen Zügen seines schönen Gesichts lag heute noch mehr als sonst jener eigenthümlich melancholische Ausdruck, welcher der Erscheinung des Kaisers einen so sympathisch anziehenden Reiz giebt; sein großes, tief und sinnig blickendes Auge war trübe verschleiert und Wolken schmerzlichen Nachdenkens lagen auf seiner reinen und freien Stirn.

Als der Fürst eintrat und sich mit tiefer Verneigung bis auf einige Schritte seinem Souverain näherte, wendete sich der Kaiser schnell um, ein sanftes Lächeln erleuchtete einen Augenblick sein schmerzlich bewegtes Gesicht. Er reichte seinem Minister die Hand und sprach mit seiner klaren, volltönenden Stimme:

»Ich freue mich, daß Sie kommen, Alexander Michailowitsch, die Zeiten sind ernst und werden immer ernste und die widerstreitenden Gefühle in meinem Innern können zu keinem klaren Abschluß gelangen.

»Ich freue mich,« wiederholte er mit herzlicher Betonung, »Ihre Ansichten zu hören, –Ihr ruhiger und fester Geist wird, wie schon so oft, den geradesten und sichersten Weg finden, um die verworrenen Fragen zu lösen, welche vor uns liegen.«

Fürst Gortschakoff verneigte sich schweigend und nahm auf den Wink seines Herrn auf einem Sessel neben dem Schreibtisch Platz, vor dem der Kaiser sich niederließ, den Blick in aufmerksamer Erwartung auf seinen Minister richtend.

Dieser öffnete seine Mappe, zog einige Papiere aus derselben hervor und sprach mit seiner klaren, sichern und ruhigen Stimme:

»Ich will mir zunächst erlauben, Eurer Majestät den Entwurf der Antwort auf die letzten Noten vorzulegen, welche von England, Frankreich und Oesterreich in der polnischen Angelegenheit hierher gerichtet worden sind.«

Der Kaiser seufzte tief auf, schweigend gab er durch Neigung des Hauptes seine Zustimmung zu dem Gegenstande des Vortrages seines Ministers zu erkennen.

»Meiner ganzen Auffassung gemäß,« fuhr der Fürst fort, »bin ich der Meinung, daß die Einmischung der Mächte in diese innere Angelegenheit des Reiches mit der größten Entschiedenheit zurückgewiesen werden muß und in diesem Sinn habe ich die Antwortschreiben abgefaßt; ich hoffe, daß Eure Majestät meiner Auffassung Allerhöchst Ihre Billigung nicht versagen werden.«

Er nahm einen Bogen Papier und überreichte ihn dem Kaiser, dieser ließ flüchtig seinen Blick über die saubere Schrift hingleiten, legte dann das Blatt vor sich auf den Tisch und sprach abermals tief aufseufzend:

»Fürchten Sie nicht, Alexander Michailowitsch, daß wir durch diese Sache in unangenehme Verwicklungen gerathen können, denen wir in diesem Augenblick nicht gewachsen sind? Wir können doch keinen zweiten Krimkrieg ertragen,« sagte er in leiserem Ton.

Ein feines Lächeln spielte um den Mund des Fürsten.

»Ich glaube nach meiner innigsten Ueberzeugung Eurer Majestät die Versicherung aussprechen zu können, daß ein solcher durchaus nicht zu besorgen ist; die drei Mächte, welche scheinbar so energisch gegen uns auftreten, sind weit davon entfernt, solidarisch mit einander verbunden zu sein und nach den zuverlässigsten Mittheilungen, die ich von London, Paris und Wien erhalten habe, ist man an keinem dieser Höfe gewillt, der diplomatischen Intervention irgend welchen militairischen Nachdruck zu geben; wäre dies aber auch der Fall,« fuhr er mit festem Tone fort, »so würde ich doch der Meinung sein, daß , selbst auf die Gefahr eines ernsten Conflicts hin, Rußland niemals eine Einmischung in seine inneren Angelegenheiten dulden darf, wenn es nicht sich selbst zu einer Macht zweiten Ranges erniedrigen will.«

»Sie glauben nicht,« fragte der Kaiser, »daß die drei Mächte es mit ihrer Intervention für die polnische Sache ernst meinen?«

»Ganz gewiß nicht, Majestät,« erwiderte der Fürst, – »Oesterreich,« fuhr er mit leichtem Achselzucken fort, »wird ganz gewiß keine Lust haben einen Kampf mit uns aufzunehmen, um einer Frage willen, bei der seine eigene Existenz auf dem Spiele steht und ich begreife die Verblendung der österreichischen Staatsmänner nicht, daß die sich überhaupt auf diesen Weg haben hinziehen lassen, denn das Princip der Nationalitäten, welches ja auch diesem neuen polnischen Aufstande zu Grunde liegt, schließt die Zersetzung und Auflösung des österreichischen Kaiserstaates in sich; es ist die liberalisirende Nachgiebigkeit des Herrn von Schmerling gegen die demokratische Presse in Oesterreich, welchen die Wiener Staatskanzlei auf diesen falschen Weg gebracht hat; ich weiß, daß Graf Rechberg durchaus abgeneigt ist diesen Weg weiter zu verfolgen und seine Meinung wird durchdringen, sobald man sich in Wien nur einem festen Willen und einem ernsten Conflict gegenüber sieht.

»Was den Kaiser Napoleon betrifft,« fuhr er fort, »so kennen Eure Majestät selbst genau die fortwährenden Schritte, die er hier auf den verschiedensten Wegen thut, um eine nähere Verbindung mit uns anzuknüpfen; er giebt ein wenig der öffentlichen Meinung nach, welche in Frankreich stets so leicht für die polnische Sache zu entflammen ist, aber er wird wahrlich nicht daran denken, sich zum zweiten Mal zum Verfechter der Interessen Englands zu machen, auch ist er dazu gar nicht im Stande, da seine Kräfte durch die mexikanische Expedition vollständig absorbirt sind. Was endlich England betrifft, so haben wir ja die unzweifelhaftesten Beweise in der Hand, daß von dort aus dieser ganze polnische Aufstand in Scene gesetzt ist, um uns in Europa zu isoliren und unsere politische Action zu lähmen; England könnte vielleicht ein Interesse haben, aus seiner Unterstützung der polnischen Sache Ernst zu machen, allein das heutige England ist zu jeder ernsten Action unfähig und wenn es ihm nicht gelingt andere Mächte vorzuschieben, so wird Lord Palmerston sich wohl hüten, eine kriegerische Politik zu beginnen, in welcher ihm die Bevölkerung des heute nur noch von kaufmännischen Interessen geleiteten Englands nicht folgen und welche ihm bald seine Stelle als Premier-Minister kosten würde. Eure Majestät wissen, daß es mein oberster Grundsatz ist, stets alle Eventualitäten, die günstigen wie die ungünstigen, genau abzuwägen, ich kann nach fester Überzeugung die Versicherung aussprechen, daß wir von einer Intervention der Mächte nicht das Geringste zu besorgen haben und daß es nur darauf ankommt, fest und entschieden die anmaßende Einmischung in unsere Angelegenheiten zurückzuweisen.

»Doch,« fuhr er nach einigen Augenblicken, als der Kaiser schwieg, fort, »immerhin ist es gut, dem in dieser Frage uns gegenüber von Neuem sich documentirenden bösen Willen Englands eine feste Schranke entgegenzustellen; sucht man von London aus, wie das bei dieser Gelegenheit geschehen ist, Coalitionen gegen uns in Europa zu bilden, so müssen wir, wenn jene Bemühungen auch in diesem Augenblick zu keinem praktischen Resultat führen, doch für die Zukunft Vorkehrungen treffen, um uns auch unsererseits durch Allianzen zu decken; diese Allianzen sind nach meiner Ansicht uns deutlich vorgezeichnet, es sind die Verbindungen mit Preußen und mit Nord-Amerika; schon des Höchstseligen Kaiser Nikolaus Majestät pflegten mit besonderer Vorliebe die Beziehungen mit diesen beiden Mächten und der gegenwärtige Augenblick giebt uns mehr als je Veranlassung, jene guten Beziehungen immer fester und inniger zu gestalten. Die polnische Frage und die Haltung Englands in dem amerikanischen Bürgerkrieg giebt uns dazu die beste Gelegenheit; die Interessen Preußens dem polnischen Aufstande gegenüber sind mit den unsrigen fast identisch, Preußen kann so wenig wie wir diesen Heerd ewiger Revolutionen und Unruhen dulden und je mehr Oesterreich in unerklärlicher Verblendung der polnischen Revolution seine moralische Unterstützung gewährt, um so mehr wird Preußen darauf hingewiesen sein, sich immer fester und entschiedener uns anzuschließen, ganz besonders, da ja in diesem Augenblick der Kaiser von Oesterreich persönlich in einer ungemein verletzenden Weise durch den Fürstencongreß in Frankfurt am Main Preußen und seinem Einfluß in Deutschland den Krieg erklärt hat.«

Der Kaiser richtete den Kopf empor.

»In der That,« sagte er, »ich begreife diesen Schritt der österreichischen Politik nicht; kann man um Gottes Willen in Wien glauben die preußische Macht durch einen Bundesbeschluß, und sei er von allen Fürsten Deutschlands persönlich gefaßt, zu unterwerfen?«

»Was man sich in Wien gedacht hat,« sagte Fürst Gortschakoff, »darüber vermag ich Eurer Majestät kaum eine Vermuthung auszusprechen – ich habe es aufgegeben,« fügte er lächelnd hinzu, »für die Maßregeln der österreichischen Staatsklugheit Gründe aufzusuchen – so viel steht fest, daß der Schritt ein eminent feindlicher gegen Preußen ist; wenn aber überhaupt noch irgend eine Consequenz in den Ideen der österreichischen Politik vorhanden ist – und ich glaube, daß in dieser Richtung eine gewisse Beharrlichkeit in den Zielpunkten der Bestrebungen des Hauses Habsburg besteht, so wird und muß die weitere Folge dieser Fürstenconferenz der scharfe Zusammenstoß der beiden deutschen Mächte, die Wiederaufnahme des Kampfes sein, zu welchem der siebenjährige Krieg den ersten Act bildete. Ich bin auch überzeugt,« fuhr er fort, »daß man sich in Berlin hierüber keiner Täuschung hingiebt und daß Herr von Bismarck vielleicht mit besonderer Zufriedenheit den Zeitpunkt herannahen sieht, welcher ihm Gelegenheit geben wird, den Entscheidungspunkt für die Anerkennung der preußischen Machtstellung in Deutschland herbeizuführen; je mehr aber diese Ueberzeugung in Berlin Platz greift, je mehr man sich dort für den immer näher herandrohenden Conflict rüsten muß, um so mehr wird man geneigt sein, sich immer bestimmter und entschiedener mit uns zu verbinden, denn wir allein,« sagte er mit einem Lächeln stolzer Befriedigung, – »wir allein würden im Stande sein, wirksam, vielleicht entscheidend in einen Conflict zwischen Oesterreich und Preußen einzugreifen. Der erste Kanonenschuß, welcher an der böhmischen Grenze fällt, wird uns mit einem Mal, ohne daß wir einen Mann oder einen Rubel zu opfern brauchen, unsere activ einflußreiche Stellung in Europa wiedergeben.«

»Sie haben Recht, Alexander Michailowitsch,« sagte der Kaiser, »und ich gehe um so lieber und freudiger auf Ihre Ideen in dieser Richtung ein, als es mich besonders glücklich macht, die freundlichen, persönlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen, welche mich von Jugend auf mit meinen Vettern in Berlin verbinden, auch durch politische Interessen zu befestigen.«

»Ebenso wichtig wie die Annäherung an Preußen,« fuhr Fürst Gortschakoff fort, »ist die feste Vereinigung mit Nord-Amerika; denn Nord-Amerika ist unser natürlicher Verbündeter gegen unsern ebenso natürlichen und unversöhnlichen Feind England.«

Der Kaiser erhob den Kopf ein wenig und schien eine Bemerkung machen zu wollen, doch schwieg er und richtete nur den Blick seiner großen Augen fragend auf seinen Minister.

»Rußlands wirthschaftliche Aufgabe,« fuhr dieser fort, »muß es sein, die so reiche Production Asiens mit der Industrie Europa's in Verbindung zu setzen; dieser unserer Aufgabe, welche immer deutlicher, immer nothwendiger hervortritt, je mehr das große Reich Eurer Majestät sich in innerer Cultur entwickelt, je mehr das allmälig sich vervollständigende Netz von Verkehrsstraßen unserm Handel lebendige Bewegung giebt, stellt sich die Politik Englands entgegen; Englands Interesse ist es, jene reiche Production der asiatischen Länder zu monopolisiren; die Knechtung und die Ausbeutung der Völker Asiens ist das Ziel jener Politik – ihre Befreiung, ihre Erweckung zur selbstständigen Thätigkeit muß das Ziel der Bestrebungen Rußlands sein. Dieser Gegensatz zwischen Rußland und England ist unversöhnlich; England kann sein Monopol des asiatischen Handels nicht gutwillig aufgeben, da es durch dies Monopol geworden ist was es ist, und da es ohne die Festhaltung desselben zu einer Macht zweiten Ranges herabsinken müßte; Rußland seinerseits kann jenes Monopol in den Händen Englands nicht lassen, da unsere Zukunft als Culturstaat davon abhängt, daß es uns gelingt, das mächtige und lebendige Verbindungsglied zwischen Asien und Europa zu bilden. Der einzige Staat,« fuhr er fort, »der die Interessen unserer Handels-Politik und unserer wirthschaftlichen Entwickelung nirgends durchkreuzt, ist Nord-Amerika; wir können diesem Staat, der sich aus der Unordnung schrankenloser Freiheit zu Kraft und Festigkeit emporarbeitet, – wie wir aus der starren Ruhe patriarchalischer Autokratie zur freien Bewegung vorschreiten – wir können diesem Staat die westliche Hemisphäre überlassen, wie er uns unsern Einfluß auf die östlichen Gebiete niemals zu bestreiten Ursache hat. – Jeder feindliche Schritt, den England gegen uns thut – und die Aufreizung der polnischen Revolution ist ein directer Act schlimmster Feindseligkeit – muß unsererseits eine um so innigere Annäherung an Nord-Amerika zur Folge haben. In Washington sieht man dies vollkommen ein und die Durchführung der Politik, welche ich soeben Eurer Majestät in großen Zügen anzudeuten die Ehre hatte, wird auf keine Schwierigkeiten irgend welcher Art stoßen.«

»Aber,« sagte der Kaiser Alexander, »die nord-amerikanische Union ist im Zerfall, der Süden hat militairische Erfolge, ist es möglich mit einer Macht in Verbindung zu treten, deren Bestand und Existenz für die Zukunft in diesem Augenblick zweifelhaft zu werden scheint?«

»Einzelne militairische Erfolge des Südens, Majestät,« sagte Fürst Gortschakoff mit festem Ton, »können mich in meiner Auffassung nicht beirren, die nachhaltige Kraft ist auf Seiten der Union; die Sache des Südens war verloren von dem Augenblick an, in welchem England und Frankreich sich nicht entschließen konnte, eine entschiedene Partei für die Secessionisten zu nehmen; die Idee des Kaisers Napoleon, in Mexiko das monarchische Princip aufzurichten und einen von Frankreich abhängigen Kaiserthron dort herzustellen, hat nach meiner Ueberzeugung dem Norden von Amerika den endlichen Sieg gesichert. Diese Idee an sich war vom Standpunkt des französischen Kaisers aus eine große und richtige; er würde, wenn es ihm gelungen wäre seine Gedanken durchzuführen, auf der anderen Seite des Oceans nicht nur das monarchische Princip, sondern auch den Einfluß der lateinischen Racen fest begründet haben, – diese Idee und ihre Consequenzen sind aber von dem scharfblickenden Lord Palmerston vollständig durchschaut, und von dem Augenblicke an hat er sich aus der ganzen Sache um so lieber zurückgezogen, als ihm bei den heutigen Verhältnissen in England eine ernste und feste militairische Action sehr schwer sein müßte. Napoleon, in der ihm eigenthümlichen schwankenden Unschlüssigkeit, hat es nicht gewagt einseitig vorzugehen, – und damit ist das Todesurtheil über den Aufstand der Südstaaten gesprochen; die Union wird siegreich aus diesem Kampf hervorgehen und das Kaiserreich Mexiko wird, wenn es überhaupt gelingt dasselbe herzustellen, nach kurzer Existenz zusammenbrechen.

»Man muß erstaunen,« sagte er lächelnd, »über die Kurzsichtigkeit der englischen und französischen Politik; um einander gegenseitig keinen Erfolg zu gönnen, weicht jede von diesen Mächten von dem gemeinsam betretenen, beiden naturgemäß vorgezeichneten Wege ab. Lord Palmerston namentlich vergißt, daß er, um seinem Alliirten an der Seine momentan einen Streich zu spielen, sich selbst für die Zukunft einen gewaltigen und unversöhnlichen Gegner heraufbeschwört.

»Rußland aber, Majestät, muß aus den Fehlern seiner Gegner Vortheile ziehen und jene auf der anderen Seite des Oceans kraftvoll heranwachsende Macht zu seinem Freunde machen; wenn wir uns in diesem Augenblick Nord-Amerika nähern, so wird man uns das dort niemals vergessen, und ebenso wenig der Augenblick ausbleiben wird, in welchem die Vereinigten Staaten an England für den Aufstand des Südens Rache nehmen werden, ebenso werden wir dereinst die Früchte der Dankbarkeit Nord-Amerika's pflücken.«

Er blickte einen Augenblick schweigend vor sich hin, sein Auge schien einer vor seinem Geist sich entwickelnden Gedankenreihe zu folgen.

»Die Folgen des Krimkrieges lasten schwer auf uns,« sprach er mit etwas leiserem Ton, »die Flotte des schwarzen Meeres existirt nicht mehr und es ist uns fast unmöglich, auch wenn sich die Gelegenheit dazu bieten würde, eine neue zu schaffen. – In dieser Gedankenfolge liegt ein neuer und hochwichtiger Gesichtspunkt für die Berücksichtigung unserer Beziehungen zu Nord-Amerika.«

Er schwieg.

Kaiser Alexander blickte ihn scharf und klar an, ein Blitz des Verständnisses leuchtete in seinem Auge auf.

»Ihre Ideen sind klar und weitblickend wie immer,« sprach er – »führen Sie dieselben aus; ich gebe Ihnen um so lieber meine Zustimmung, als auch die Sympathieen des Kaisers Nikolaus sich einer nahen und freundschaftlichen Beziehung zu Nord-Amerika zuwendeten; er hatte Liebe und Verständniß für die wahrhaft republikanischen Institutionen und ich erinnere mich oft von ihm aussprechen gehört zu haben, daß er die Republik und die Monarchie verstehe, aber das zwischen beiden liegende constitutionelle Zwitterwesen nicht begreifen könne.

»Richten Sie Ihre Politik also ganz nach den Gedanken ein, die Sie mir so eben entwickelt haben.«

Der Fürst verneigte sich. –

»Wenn Eure Majestät,« sprach er dann weiter, »also überzeugt sind, daß die gegen uns intervenirenden Mächte nichts Ernstliches und Einiges thun werden, und daß wir, selbst wenn irgend welche Action von ihnen zu besorgen wäre, die Macht haben, ein starkes Gegengewicht gegen ihre Coalition zu schaffen, so werden Allerhöchstdieselben den Entwurf meiner Antwort zu billigen die Gnade haben; ich darf,« fuhr er fort, »in Betreff Oesterreichs noch ganz besonders darauf aufmerksam machen, daß es mir wichtig scheint, dieser Macht gegenüber einen doppelten Gesichtspunkt festzuhalten: einmal müssen wir nach dem Vertragsrecht – das uns stets heilig sein muß,« fügte er ernst hinzu – »anerkennen, daß Oesterreich allein ein Recht besitzt, in der polnischen Angelegenheit mitzusprechen; wir müssen daher die vorgeschlagene Conferenz der fünf Mächte bestimmt zurückweisen, dagegen uns aber zu einer Conferenz mit Oesterreich und Preußen, den beiden Mitbesitzern polnischer Landestheile, bereit erklären; – auf der andern Seite aber müssen wir Oesterreich gegenüber ganz besonders scharf auftreten, da gerade die österreichische Haltung für uns die unmittelbar gefährlichste ist, indem sie der polnischen Insurrection in Galizien eine feste Stütze bietet. Ich würde Eure Majestät dringend bitten zu befehlen, daß an den österreichischen Grenzen imponirende Truppenmassen concentrirt werden, – das wird einen ernsten Eindruck machen, da man in Wien zu kriegerischem Handeln weder geneigt noch vorbereitet ist und da man um so mehr einen ernsten Conflict mit uns zu scheuen hat, als der Kaiser Franz Joseph sich in diesem Augenblick durch den in Frankfurt zusammenberufenen Fürstentag in einem sehr ernsten Kampf mit Preußen engagirt hat; – wenn so auf der einen Seite die Interessen der intervenirenden Mächte getheilt werden, und auf der andern Seite das Wiener Cabinet sich unmittelbar vor einen Conflict gestellt sieht, so wird Oesterreich bald aus der Coalition verschwinden und die Intervention der Westmächte sich ebenfalls in phrasenhafte Schatten auflösen.«

Der Kaiser ergriff den vor ihm liegenden Entwurf und las denselben aufmerksam durch; er neigte mehrmals zustimmend den Kopf und sprach, als er die Lectüre beendet:

»Ich finde alle Gedanken, die Sie mir so eben entwickelt, mit vortrefflicher Schärfe in dieser Depesche ausgedrückt und bin vollständig mit der Fassung derselben einverstanden.«

Er ergriff eine Feder und setzte seinen Namenszug auf den Rand des Entwurfs.

»Sie sprachen vorher von dem Fürstentag in Frankfurt,« sagte er dann, »was denken Sie davon? Kann daraus nicht eine bedenkliche Gefahr für Preußen und eine auch für uns gefährliche Suprematie Oesterreichs in Deutschland entstehen?«

Fürst Gortschakoff lächelte und schüttelte leise den Kopf hin und her.

»Ich habe nicht die geringste Besorgniß in dieser Beziehung,« erwiderte er, »im Gegentheil finde ich, daß die Wiener Staatskanzlei das beste und wirksamste Mittel ersonnen hat, um die Machtstellung Preußens in Deutschland vor aller Augen klar zu machen und die thatsächliche Gleichberechtigung Preußens, welche man demselben formell fortwährend streitig gemacht hat, zu voller Anerkennung zu bringen. Man wird sehen, daß die sämmtlichen deutschen Fürsten um den Kaiser von Oesterreich versammelt Nichts, gar Nichts zu thun im Stande sind wenn der König von Preußen sich nur einfach schweigend von ihren Berathungen fern hält; – Preußen nimmt da eine ähnliche Stellung ein,« fuhr er fort, »als einst der zürnende Achill unter dem Heer der Griechen vor Troja; seine Macht und Bedeutung war den kämpfenden Völkern, so lange er in ihren Reihen stritt, niemals so klar geworden, als da er sich ruhig fern hielt und der stolze Agamemnon mußte seinen Hochmuth vor der einfachen Abwesenheit des gewaltigen Peleiden beugen; so wird es auch Oesterreich ergehen. Alle Kämpfe im Bundestag, Alles, was Preußen für Deutschland gethan, alle active Macht, die es entwickeln konnte, ist niemals so schwer und nachdrücklich in die Wagschale gefallen, als es die vor aller Welt bewiesene Unmöglichkeit thun wird, dem abwesenden Preußen gegenüber irgend Etwas zu vollbringen.«

Kaiser Alexander neigte zustimmend das Haupt, – dann seufzte er tief auf und mit dumpfer, etwas zögernder Stimme, als scheue er sich, einen peinlichen Gegenstand zu berühren, sprach er:

»Doch nun, Alexander Michailowitsch, was soll in Polen geschehen? Die Dinge können so nicht weiter gehen, die Zustände werden unerträglich.«

Fürst Gortschakoff blickte ernst und fest zum Kaiser hinüber; seine feinen, ruhig heiteren Züge nahmen einen Ausdruck von eherner Energie und unbeugsamer Willenskraft an.

»Ich kann,« sprach er, »Eurer Majestät nur die energischsten Maßregeln empfehlen; dieser Aufstand, der wie eine offne Wunde an der Kraft Rußlands zehrt, muß rücksichtslos niedergeworfen werden; alles Zögern, alles Mitleid muß aufhören. Zunächst würde ich Eurer Majestät empfehlen, den Großfürsten Konstantin von Warschau abzuberufen; die harten und unerbittlichen Maßregeln, welche nach meiner innigsten Ueberzeugung getroffen werden müssen, werden besser nicht mit dem Namen eines Fürsten des kaiserlichen Hauses in Verbindung gebracht und die edle Gesinnung des Großfürsten würde immer wieder dazu beitragen, daß der so absolut nothwendigen Energie die Spitze abgebrochen wird; doch wenn der Großfürst nicht mehr an der Spitze der Verwaltung von Polen steht, dann müssen sich Eure Majestät entschließen, die allernachdrücklichsten und wirksamsten Schritte zu befehlen.«

Der Kaiser seufzte tief auf –

»Aber,« sprach er mit tief schmerzlichem Ausdruck, »meinem ganzen Gefühl widerstrebt es, gegen diese unglücklichen Polen mit rücksichtsloser Härte vorzugehen, sie sind verirrt, falsch geleitet, aber das letzte Princip, was sie bewegt, ist doch kein böses. Wahrlich, ich möchte so gern alle meine Unterthanen glücklich machen, ich habe die tiefste Theilnahme für Polen, ich möchte Alles thun, um ihre berechtigten Wünsche zu erfüllen, sofern sie nur irgend erfüllbar sind – ich bin, Gott im Himmel weiß es, ein ehrlicher Mann, warum glaubt man, warum vertraut man mir in Polen nicht?«

In tiefer Bewegung stand der Kaiser auf, seine großen, klaren Augen füllten sich mit Thränen, schmerzlich zuckten seine Lippen, er stützte die gefalteten Hände einen Augenblick auf den Tisch – dann ließ er sich wieder in seinen Sessel niedersinken und lehnte den Kopf in die Hand.

Fürst Gortschakoff sah mit einem Ausdruck inniger und liebevoller Theilnahme auf seinen Herrn hin und mit einer sanften aber dabei festen und entschiedenen Stimme sprach er:

»Die wahre Menschlichkeit, Majestät, ist eine schnelle und definitive Unterdrückung des Aufstandes durch die allerernstesten Maßregeln; dieselben werden nicht so viel Blut kosten, als wenn die armen Polen fortwährend als Werkzeuge für die verschiedenartigsten Agitationen benutzt werden, deren Urheber alle nicht das Wohl Polens im Auge haben, sondern nur Rußland schädigen und uns Verlegenheiten bereiten wollen.«

Der Kaiser sann schweigend nach; er erhob das Haupt und blickte den Fürsten eine Zeit lang sinnend an.

»Ich will Ihnen offen gestehen, Alexander Michailowitsch,« sagte er dann, »ein Passus in den Noten von Frankreich und England hat auf mich einen gewissen Eindruck gemacht; man weist in demselben auf Italien hin und man wirft Rußland vor, daß es dort dasselbe Nationalitäts-Princip über alle staatsrechtlichen Verträge hin anerkannt habe, welches jetzt in Polen danach ringe, sich Geltung zu verschaffen; haben wir nicht in der That durch die Anerkennung Italiens gewissermaßen selbst der Revolution die Hand gereicht und den Boden des legitimen Rechtes verlassen? – Würde der Kaiser Nikolaus das gethan haben?« –

Fürst Gortschakoff schwieg einen Augenblick, dann sprach er mit ruhiger und klarer Stimme:

»Eure Majestät wissen, daß mir das Princip der Legitimität heilig ist, wie es irgend einem Menschen nur heilig sein kann, aber in der auswärtigen Politik giebt es Etwas, was mir noch höher steht, das ist das Interesse Rußlands, seine Macht und sein innerer Frieden; es kann und darf nicht unsere Aufgabe sein, uns einzumischen in die Entwicklung anderer Nationen, um das legitime Princip zu schützen, namentlich wenn gerade das legitime Princip in verblendeter Verkennung seiner eigenen Lebensbedingungen uns feindlich entgegentritt; dies aber ist der Fall in Italien. Italien, Majestät, ist der Feind unseres Feindes, denn unser eifriger und unversöhnlicher Feind ist Rom, von Rom geht die Agitation in Polen aus und alle diese armen polnischen Patrioten, welche glauben, für ihr Land und für ihre Freiheit zu kämpfen, werden nur in den Tod gejagt für die Herrschsucht des römischen Papstes. Es ist der Kampf zwischen der römischen Kirche und der Staatsgewalt, der römischen Kirche, welche diese polnische Frage für sich ausbeutet, wie sie von England, von Frankreich und von Oesterreich für ihre politischen Interessen ausgebeutet wird, und in diesem Kampf dürfen wir keine Schonung und keine Rücksicht kennen. Ich will wahrlich nicht die Gewissensfreiheit beschränken, aber in einem Staat, der wie Rußland in der Culturentwicklung sich befindet, ist die scharfe einheitliche Zusammenfassung der Staatsautorität eine absolute Nothwendigkeit. Wir können in unserm Staatsorganismus niemals den Einfluß einer Gewalt dulden, welche weit außerhalb Rußlands liegt und deren Interessen mit den unsrigen nichts gemein haben; Rom, dieser ewige Feind aller festen und kräftigen staatlichen Autorität, steht uns in Polen unversöhnlich gegenüber und es ist daher vollberechtigt, daß wir Italien die Hand reichen, welches diesen unsern erbitterten Feind auf seinem eigenen Boden wirksam bekämpft.«

Abermals seufzte der Kaiser tief und schmerzlich.

»Traurig, traurig,« sagte er, »daß es so ist; ich gönne jedem meiner Unterthanen von Herzen die Gewissensfreiheit und wie gern gebe ich der katholischen Kirche ihr Recht, aber unablässig streckt sie ihre Hand aus nach den Gebieten, in denen der Staat allein herrschen muß, wenn ein ordnungsmäßiger Fortschritt der nationalen Entwickelung stattfinden soll. Die katholische Kirche tritt mit ihren eigenen Grundprincipien in Wiederspruch, wenn sie die polnische Revolution so offen ermuntert, wie dies leider geschieht. – Sie erinnern sich de Erzbischofs Felinski und seiner Auflehnung gegen die Regierung in Warschau? Ich habe ihn hierher kommen lassen; ich will ihn selbst sprechen, ich will einen letzten Versuch machen.«

Er blickte auf seine Uhr.

»Der Erzbischof muß hier sein; haben Sie die Güte zu warten, ich will Sie nachher noch sehen.«

Fürst Gortschakoff stand auf.

»Es ist menschlich schön,« sprach er, »daß Eure Majestät alle Mittel der Sanftmuth erschöpfen wollen, ich fürchte aber Allerhöchstdieselben werden sich überzeugen, daß Rom kein Erbarmen mit den armen Polen kennt.«

Er verließ das Cabinet.

Der Kaiser bewegte die Glocke auf seinem Schreibtisch.

»Der Erzbischof Felinski,« befahl er dem eintretenden Kammerdiener.

Derselbe ging hinaus und nach einigen Augenblicken öffnete der dienstthuende Flügeladjutant dem Prälaten die nach dem türkischen Zimmer führende Thüre. Der Erzbischof war eine würdige und angenehme Erscheinung; er trug mit einer gewissen Eleganz das erzbischöfliche Gewand mit dem großen, am Halse herabhängenden goldenen, von Edelsteinen funkelnden Kreuz; sein feines Gesicht zeigte den Typus der polnischen Race, das kurze Haar ließ die Stirn weit und frei hervortreten, feine Geschmeidigkeit lag im Ausdruck seiner Züge, sein Auge blickte scharf und geistvoll unter dunkeln, hochgewölbten Augenbrauen hervor und sein festgeschlossener Mund zeigte eine zähe Festigkeit.

Der Kaiser hatte sich erhoben und war dem Kirchenfürsten einen Schritt entgegengetreten.

Der Erzbischof verneigte sich ohne Befangenheit und blieb dann in ruhiger Haltung, den Blick fest auf den Kaiser gerichtet, stehen, die Anrede des Monarchen erwartend.

»Ich habe Sie hierher kommen lassen, Herr Erzbischof,« sagte Alexander der Zweite, »um selbst mit Ihnen zu sprechen, da ich annehmen muß, daß nur Mißverständnisse Sie und den katholischen Clerus zu der Haltung bestimmen konnten, die Sie zu meinem großen Befremden und zu meinem tiefsten Bedauern in der revolutionairen Bewegung beobachtet haben, welche in diesem Augenblick mein armes Königreich polen so schwer leiden läßt. Nach meiner Ueberzeugung ist es die Aufgabe der Kirche, – einer jeden christlichen Kirche, – Gehorsam gegen die Obrigkeit zu predigen und von blutigen Bewegungen abzumahnen, welche Tausende von Familien ins Unglück stürzen.«

»Gewiß ist dies die Aufgabe der Kirche,« antwortete der Erzbischof mit einer leisen, klaren und festen Stimme, »und ich bin mir bewußt, diese Aufgabe niemals vergessen zu haben; ihre Erfüllung schließt aber nicht aus, daß die Kirche mitleidige Theilnahme und fromme Gebete für diejenigen hat, welche um ihres Glaubens willen leiden müssen.«

Ein traurig verwunderter Ausdruck erschien in dem Blick des Kaisers.

»Wer leidet in Polen um seines Glaubens willen?« fragte er ruhig und sanft, »habe ich jemals den katholischen Gottesdienst gehindert, oder den Katholiken die völlige und absolute Gleichberechtigung geschmälert?«

»Ich zweifle nicht an den edelsten Absichten Eurer Majestät,« erwiderte der Erzbischof, »aber Allerhöchstdieselben werden die Thatsache nicht kennen, daß die Kirche in Polen schwer gedrückt ist und daß ihr fast keines von den Rechten übrig geblieben ist, welches sie zu einer erfolgreichen Ausübung ihres Hirtenamtes in Anspruch nehmen muß.«

»Die Kirche kann die Seelen lenken und die Gewissen beherrschen,« antwortete der Kaiser, »ohne daß sie darum in die Gebiete der Staatsgewalt hinübergreift; sie kann in ihren Glaubensangelegenheiten völlig frei und unabhängig dastehen, ohne daß sie beanspruchen darf, eine von der staatlichen Organisation und ihren Gesetzen losgelöste Macht zu bilden. Ich kann in Rußland eine solche Macht nicht dulden und der Kampf um dieselbe wird für die Kirche kein erfolgreicher sein; dies muß ich Ihnen bestimmt und klar aussprechen, dabei aber verspreche ich Ihnen ebenso fest, daß niemals eine Unterdrückung oder Verfolgung der katholischen Kirche stattfinden wird und daß ich meine katholischen Unterthanen ebenso schützen werde, als diejenigen, welche der griechischen Landeskirche angehören. Ich darf aber von Ihnen und dem katholischen Clerus bestimmt erwarten, daß Sie Ihren Einfluß anwenden werden, um die Gemüther zu beruhigen und das Vertrauen in die wohlwollenden Absichten meiner Regierung wiederherzustellen, statt, wie das leider so oft geschehen ist, geradezu das Feuer zu schüren und zur Revolution zu ermuntern.«

»Ich weiß nicht, daß das geschehen ist,« erwiderte der Erzbischof, »und sollte es der Fall gewesen sein, so ist es gegen meine Absicht und gegen meine Anordnung geschehen. Kaum aber bin ich in der Lage, ernstlich den Einfluß der Geistlichkeit für eine Regierung eintreten zu lassen, welche die Rechte der Kirche nicht anerkennt; ich würde dadurch mit meinen Pflichten als Priester und Bischof in Widerspruch treten.«

Eine zornige Erregung blitzte in den Augen des Kaisers auf, doch sprach er mit derselben ruhigen und sanften Stimme wie vorher:

»Und welche Rechte der katholischen Kirche hat meine Regierung verletzt?«

»Die Militairgewalt in Warschau,« erwiderte der Erzbischof, »hat einen Kapuziner, Namens Konacski hängen lassen, – gewiß ohne Wissen und Befehl Eurer Kaiserlichen Majestät; – ich war gezwungen, dagegen zu protestiren und ein Vorgang wie dieser, kann gewiß nicht dazu beitragen, die katholische Geistlichkeit ernstlich zur Beruhigung ihrer polnischen Glaubensgenossen wirksam zu machen.«

Der Kaiser richtete stolz seinen Kopf empor und sprach mit einem Anklang von Strenge in seinem Ton:

»Der Fall, von dem Sie sprechen, Herr Erzbischof, ist mir genau bekannt. Jener Kapuziner war ergriffen worden in unmittelbarer Verbindung mit den Insurgenten; er hat für die Revolution gepredigt und in fanatischen Reden zum Kampf gegen meine Truppen aufgereizt; man hat ihn auf frischer That ergriffen und ist kriegsrechtlich mit ihm verfahren. – Wäre die Sache an mich gelangt, ich hätte vielleicht Gnade üben können, aber man hatte das volle Recht zu verfahren, wie man verfahren ist.« –

»Die Jurisdiction über die Priesterschaft in allen ihren Theilen und Graden,« erwiderte der Erzbischof kalt und ruhig, »gehört der Kirche und der Kirche allein an; man hätte den Schuldigen mir überliefern und es mir überlassen müssen, die Strafe für das Verfahren, dessen man ihn anklagt, über ihn zu verhängen.«

»Wer sich in so unerhörter Weise gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung, und gegen die Gesetze des Staates vergeht,« sagte der Kaiser, »fällt den Gesetzen des Staates anheim; ich kann in meinen Reichen kein anderes Recht und Gericht dulden, als das meiner Behörden, und es ist die Pflicht der Priester, wie aller andern Unterthanen, sich den Gesetzen des Staats zu unterwerfen.«

»Gewiß soll jeder Priester,« erwiderte der Erzbischof, »die Obrigkeit anerkennen und sich ihr beugen, welche Gewalt über ihn hat; aber zu erkennen, ob er sich versündigt hat und die Strafe dafür zu bestimmen, das steht allein seinem geistlichen Oberhirten zu.«

Die weichen Gesichtszüge des Kaisers zuckten in heftiger Erregung, doch abermals zwang er sich mit mächtiger Willenskraft zur Ruhe und sprach:

»Ich bedaure, bei Ihnen in diesem Punkt Anschauungen zu finden, welche ich nicht zu theilen vermag, indessen scheint es mir, daß es Sache der Kirche wäre, Erörterungen über die Abgrenzung zwischen ihrem Rechtsgebiet und demjenigen des Staates in ruhigen Zeiten mit der Regierung zu pflegen, welche gewiß, dafür bürge ich, mit den wohlwollendsten Gesinnungen in diese Erörterungen eintreten wird. Vor Allem kommt es jetzt darauf an, das traurige und unnütze Blutvergießen zu beenden, und die armen Polen zu vertrauensvoller Unterwerfung unter die Autorität meiner Regierung zu ermahnen. Ich habe sogleich,« fuhr er fort, »nach dem Ausbruch der polnischen Insurrection, durch den Grafen Sacken den Papst ersuchen lassen, daß es ihm gefallen möge, die Polen im Namen der Kirche zur Ruhe zu ermahnen; – ich habe dem heiligen Vater bemerken lassen, daß die polnische Insurrection von derselben revolutionairen Propaganda angeschürt werde, welche alle Throne und auch den Stuhl des Papstes zu untergraben sich bemühe; es ist indessen Nichts davon geschehen, – im Gegentheil hat die Kirche eine immer festere Stellung auf der Seite der Revolution meiner Regierung gegenüber eingenommen. Seine Heiligkeit läßt sogar, wie ich mit tiefem Erstaunen vernommen, in Rom für die aufständischen Polen beten, und hat die Kanonisation des Erzbischofs von Poloszk, der vor zweihundert Jahren von den Russen erschlagen worden, angekündigt; das ist eine geradezu feindlich demonstrative Haltung gegen mich und meine Regierung, und ich habe deswegen gewünscht, mit Ihnen persönlich zu sprechen, um noch einmal der katholischen Kirche die Hand zum Frieden zu bieten und sie zu ermahnen, die Geistlichkeit auf den Weg zu weisen, welcher allein ihrem christlichen Berufe ziemt.«

Der Erzbischof blickte einen Augenblick schweigend zu Boden, dann sagte er mit einer leisen Stimme, die aber scharf und durchdringend das Gemach erfüllte:

»Eure Majestät haben die Gnade gehabt zu bemerken, daß der Heilige Vater in Rom, sich nicht bewogen gefunden habe, der Geistlichkeit ein festes Auftreten gegen die Forderungen der polnischen Nation zu befehlen. Kann ich, der Bischof, Etwas thun, was der oberste Priester meiner Kirche nicht thun zu können glaubte?«

»Und was verlangen Sie für Polen,« rief der Kaiser lebhaft; »was verlangen Sie für diese Nation, der ich so gern Alles bewilligen will, was irgend mit der Integrität und der Ordnung meines Reiches zu vereinigen ist?«

»Es ist nicht meine Sache,« antwortete der Erzbischof, »mich in die weltlichen Forderungen der Polen zu mischen. Ich bin Pole von Geburt und liebe meine Nation, ich beklage den Verlust ihrer Selbstständigkeit, aber ich glaube, daß sie auch als ein Glied der Reiche Eurer Majestät glücklich werden kann, wenn die wohlwollenden Absichten, welche Allerhöchstdieselben, wie ich nicht zweifle, im Herzen tragen, zur Wahrheit werden; aber ich stehe hier vor Eurer Majestät nicht als Pole, sondern als Bischof der katholischen Kirche, nicht im Namen Polens habe ich zu sprechen, sondern im Namen der Kirche.«

»Und was fordern Sie für die Kirche?« rief der Kaiser.

»Es ist nicht an mir, Forderungen zu stellen,« erwiderte der Erzbischof. »Eurer Majestät ist es bekannt, welche Bedingungen der Papst für die Selbstständigkeit und das Recht der Kirche stellt. – Die Bedingungen meines Oberhirten müssen die meinigen sein. –«

»Diese Bedingungen,« sagte der Kaiser, »fordern einen Staat im Staate, eine Stellung der Kirche, die unverträglich sein würde mit der gesetzlichen Ordnung meines Landes.«

»Ich darf über die Entschließungen des Papstes nicht discutiren,« sagte der Erzbischof sich verneigend.

»Und wenn ich jene Bedingungen nicht erfülle,« rief der Kaiser, »wie ich sie nicht erfüllen kann?«

»Wo wird es mir unmöglich sein, anders als in stillem persönlichem Gebet mich in den Kampf zu mischen, den meine Glaubensgenossen gegen eine Regierung führen, welche die unveräußerlichen Rechte der Kirche anzuerkennen sich außer Stande sieht.«

Der Kaiser sah mit dem Ausdruck schmerzlicher Trauer in das unbewegliche und kalte Gesicht des Erzbischofs, dann richtete er sich hoch auf, seine Brust hob sich von einem tiefen Athemzuge und mit kalter, klarer Stimme sprach er:

»Sie werden begreifen, Herr Erzbischof, daß ich als der oberste Wächter der Ordnung und des Gesetzes in meinen Reichen Sie mit den Gesinnungen, welche Sie mir soeben ausgesprochen haben, nicht nach Warschau zurückkehren lassen kann. Ich werde Befehl geben, daß man Sie mit aller Ihrer geistlichen Würde gebührenden Rücksicht nach Jaroslaw führt, wo Sie sich bis auf Weiteres aufhalten werden.«

Er bewegte die Glocke, neigte leicht den Kopf und sagte:

»Der Flügel-Adjutant vom Dienst wird Ihnen bis zu Ihrer Abreise Gesellschaft leisten.«

Der Erzbischof verneigte sich tief und verließ das Cabinet des Kaisers ebenso kalt, ruhig und sicher, wie er dasselbe betreten hatte.

Der Kaiser ging einige Male schweigend im Zimmer auf und nieder.

»Welch' eine zähe, – welch' eine grausame Hartnäckigkeit!« rief er, – »diese Diener Roms verweigern es, mit dem Einfluß ihrer Worte den Aufstand zu beruhigen, – und dann jammern sie über Unmenschlichkeit und Tyrannei, wenn das Schwert des unerbittlichen Gesetzes die armen Opfer trifft, welche sie zu blindem Fanatismus aufreizen.

»Ja,« sagte er düster, »der Fürst hat Recht, – mit diesen Gegnern ist kein Friede möglich, – wenn die freien Kräfte des Staates in gesetzlicher Ordnung sich entwickeln sollen, so muß der Aufstand mit rücksichtsloser Entschiedenheit niedergeschlagen werden, – die herrschsüchtigen und unversöhnlichen Priester in Rom mögen das Blut verantworten, das noch vergossen werden muß!«

Er setzte sich an seinen Schreibtisch, mit dem Ausdruck ernster und fester Entschlossenheit auf seinem Gesicht warf er einige Zeilen auf zwei Bogen Papier und unterzeichnete Beide.

Dann bewegte er die Glocke und befahl den Fürsten Gortschakoff zu rufen.

Nach einigen Augenblicken trat der Minister ein.

Der Kaiser erhob sich und ging ihm entgegen.

»Sie haben Recht gehabt, Alexander Michailowitsch,« sprach er mit traurigem Ton, – »die schärfste Energie ist hier die höchste Menschlichkeit, – die Mächte, welche die polnische Revolution zu ihren Zwecken benutzen, haben kein Erbarmen mit den Opfern ihrer Agitationen. – Gott ist mein Zeuge, daß ich Alles, bis auf das letzte Mittel, versucht habe – jetzt muß das Wohl und der Frieden meines Reiches, – die Sicherheit und Autorität des Staats ihr Recht haben.

»Hier,« fuhr er fort, »eine Depesche an den Großfürsten Constantin Nikolajewitsch, welche ihn auffordert, sogleich hierher zu kommen, – lassen Sie dieselbe in der für die persönliche Correspondenz mit dem Großfürsten bestimmten Chiffre ausfertigen – –

»Hier der Befehl zur Ausstellung einer Vollmacht mit dictatorischer Gewalt an den Grafen Berg.«

Er reichte die beiden Bogen dem Fürsten, der sie mit ehrfurchtsvoller Verbeugung empfing.

»Und der Erzbischof?« fragte er, den scharfen Blick auf den Kaiser richtend.

»Er war unbeugsam und unversöhnlich!« – sagte Alexander II. tief seufzend. –

»So müssen Eure Kaiserliche Majestät ebenfalls unbeugsam sein, – damit die finstern Gegner an der Macht des Reichs zerschellen!« sprach Fürst Gortschakoff.

»Unbeugsam,« sagte der Kaiser, – »aber,« fügte er mit einem in wunderbarer Milde und Hoheit leuchtenden Blick hinzu, – »nicht unversöhnlich, – der Kaiser darf Eifer und Haß nicht kennen – und niemals werde ich vergessen, daß Frieden und Versöhnung das Ziel sein muß, zu dem auch der traurige Weg der Strenge hinführen soll.«

Und mit freundlichem Gruß entließ er den Minister.