Der Todesgruß der Legionen

Erster Band.

Erstes Capitel.

Am Ufer der Marne, in der Nähe der kreidereichen weißen Ebene der Champagne, liegt die alte Stadt Saint-Dizier, ein kleiner Ort mit etwa fünftausend Einwohnern, deren Industrie zum großen Theil darin besteht die auf der Marne herabgeflößten Holzstämme in Bretter zu zerschneiden – außerdem befinden sich dort berühmte Manufacturen von Eisenwaaren und durch diese Gewerbthätigkeit hat der ganze Ort trotz seiner geringen Ausdehnung, vielleicht gerade wegen derselben eine bedeutende Wohlhabenheit erreicht.

Die alte Stadt zieht sich mit ihren winkligen und ziemlich unregelmäßigen Straßen in einer verhältnißmäßig bedeutenden Längenausdehnung am Ufer der Marne hin. Auf dem höchsten Punkt liegt eine alte Kirche von hohen Bäumen umgeben, welche ebenso wie die Stadt selbst und deren altersgraues Rathhaus voll von historischen Erinnerungen ist, die innig mit großen Momenten der Geschichte Frankreichs zusammenhängen.

Schon von Alters her waren die Einwohner von Saint-Dizier sehr streitbare und kriegerische Männer, man nannte sie im Mittelalter les bragars – eine Zusammenziehung aus les braves gars – und die bragars von Saint-Dizier waren die treuesten und muthigsten Kämpfer Franz I.; sie hielten eine lange Belagerung Carl V. aus und leisteten dem Lande dadurch wichtige Dienste, für welche der ritterliche König sie mit verschiedenen bedeutenden Privilegien auszeichnete.

Diese stolzen Erinnerungen leben noch heute in den Bewohnern von Saint-Dizier fort und so klein und unscheinbar die Stadt ist, so stolz blickt sie auf ihre Geschichte zurück und jeder Bürger von Saint-Dizier macht das Wort Franz I.: »tout est perdu fors l'honneur« zu seiner Devise.

Die unmittelbare Umgebung der Stadt ist flach und eben; in einiger Entfernung erheben sich kleine Anhöhen mit niedrigen Laubwaldungen und Weinpflanzungen bedeckt. Dort befindet sich eine Wasserheilanstalt, welche wegen ihrer gesunden Luft und ihrer frischen Quellenbäder von den Bewohnern der Umgegend häufig besucht wird und während des Sommers die kleine Stadt mit dem bewegten Leben eines Badeortes erfüllt.

Es war an einem Februarabend des Jahres 1870.

Rauh und kalt wehte der Wind über die ebene Umgebung der Stadt; die Wellen der Marne vom Sturm gepeitscht schlugen an die Ufer und die dort aufgehäuften Holzblöcke; durch die in zerrissenen Flocken über den Himmel hinjagenden Wolken blickte von Zeit zu Zeit ein Strahl des Mondlichtes und erhellte einen Augenblick die öde und kalt daliegende Gegend.

Auf einem ebenen Wege am Flußufer, der an schönen Tagen für die Bewohner von Saint-Dizier eine beliebte Promenade bildete, gingen langsam zwei Männer auf und nieder.

Beide waren hoch und kräftig gewachsen und wenn das Mondlicht vorübergehend ihre Gesichtszüge beleuchtete, so konnte man in denselben jenen eigenthümlichen Typus der norddeutschen Race erkennen. Der Eine von ihnen mochte etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein; seine Gestalt war geschmeidig, seine Bewegungen elastisch und nicht ohne eine gewisse natürliche fast elegante Anmuth, welche nicht vollständig mit der Kleidung übereinstimmte, die er trug und die ungefähr diejenige des französischen Arbeiterstandes war.

Sein Gesicht war scharf geschnitten und drückte Intelligenz, Muth und Willenskraft aus; über der leicht aufgeworfenen Oberlippe kräuselte sich ein kleiner dichter Schnurrbart, volle blonde Locken quollen unter dem kleinen runden Hut hervor und in den großen blauen Augen lag eine gewisse schwärmerische Tiefe, verbunden mit scharfer Beobachtung, welche zuweilen den Ausdruck listiger Schlauheit annehmen konnte. Neben ihm schritt ein bedeutend älterer Mann von etwa vierzig bis fünfundvierzig Jahren. Sein Gesicht sah bereits ein wenig verwittert aus und zeigte weniger Intelligenz als das seines Begleiters, dagegen aber mehr von jener beinahe eigensinnigen Zähigkeit, welche dem norddeutschen, insbesondere dem niedersächsischen Bauernstamme eigen ist.

Beide Männer gehörten der hannöverschen Emigration an, welche im Jahre 1867 ihr Heimathland verlassen und nachdem sie aus Holland und der Schweiz ausgewiesen war, ein Asyl in Frankreich gefunden hatte. Der Jüngere der beiden Männer war der frühere hannöversche Dragoner Cappei; der Ältere war der frühere Unterofficier Rühlberg, welcher das Commando über die kleine Abtheilung Emigranten führte, welche in Saint-Dizier stationirt waren.

»Ich sage Euch noch einmal, Cappei,« sprach der Unterofficier, »überlegt wohl, was Ihr thun wollt, denn die Sache wird ernst – ich habe den Herrn Lieutenant von Mengersen, als er das letzte Mal hier inspicirte, auf das Gewissen gefragt, ob es wirklich wahr sei, daß der König die Emigration auseinander schicken und Jeden mit einer Summe von einigen hundert Francs abfinden wolle und der Herr von Mengersen, der ein braver und ehrlicher Mann ist, hat die Achseln gezuckt und mir keine rechte Antwort gegeben – er weiß mehr als er sagen will und die Kameraden in Paris haben mir geschrieben, daß dort etwas vorgeht; es sind Herren aus Hietzing dagewesen, man hat dann lange Conferenzen gehalten und die Herren Officiere sind alle sehr niedergeschlagen gewesen, – glaubt mir nur, ich täusche mich nicht, wir werden einfach fortgeschickt werden, nachdem wir uns vier Jahre lang für den König in der Welt herumgeschlagen haben und dann muß Jeder von uns ernstlich daran denken, wie er sich sein Brot erwerben und sich ehrlich durch's Leben bringen kann.«

»Ich glaube das nicht, Herr Unterofficier,« rief Cappei, indem er stehen blieb und lebhaft mit dem Fuße auf den Boden trat; »es ist unmöglich, daß Seine Majestät seine treuen Soldaten, die in der Noth und Verbannung zu ihm gehalten haben, so einfach auseinander schickt, ohne sich um ihr Schicksal zu kümmern. – Ich werde das nicht eher glauben, als bis es wirklich geschieht – wenn es aber je dazu kommen sollte, dann steht mein Entschluß ganz fest – ich gehe nach Hannover in die Heimath zurück, mag daraus entstehen was da wolle. – Die Preußen können uns doch nicht Alle todtschießen; man wird uns bestrafen, aber dann sind wir doch wenigstens in der Heimath und haben festen Grund für unsere Existenz. Ich habe ein kleines Gehöft von meinem Oheim zu erben, das wird man mir nicht nehmen und wenn man mich wirklich ein oder zwei Jahre einsperrt, so werde ich doch nachher ruhig in meinem Hause sitzen und mir eine Familie gründen können.«

»Ihr sprecht so,« erwiderte der Unterofficier, »weil Ihr verliebt seid und weil Ihr nur daran denkt, je eher je lieber die kleine Französin zu heirathen, der Ihr den ganzen Tag den Hof macht; aber das ist nicht recht von einem ordentlichen Soldaten – denkt doch daran, daß Ihr noch militairpflichtig seid und daß man Euch jedenfalls, wenn Ihr zurückkehrt, zum Dienst einziehen wird. Wollt Ihr, ein alter hannöverscher Garde du Corps, der sich so lange der preußischen Eroberung widersetzt hat, hinterher noch die preußische Uniform anziehen und nach preußischem Commando exerciren?«

»Wenn der König seine Getreuen wirklich verläßt,« rief Cappei, »was habe ich, der einzelne Mensch für eine Veranlassung oder für ein Recht mich der preußischen Herrschaft zu widersetzen? Ihr werft mir vor, daß ich verliebt sei – das ist wahr; ich bin verliebt und ich habe keinen größeren Wunsch als meine kleine Luise zu heirathen, aber ich versichere Euch – Gott ist mein Zeuge – daß der König und seine Sache mir höher steht als meine Liebe und wenn der König mich heute riefe um für ihn in's Feld zu ziehen, so würde ich mich nicht einen Augenblick besinnen und meine Luise würde nicht von mir verlangen, daß ich meiner alten Fahne untreu werden sollte – wenn aber der König uns gehen läßt, so bin ich ein einzelner freier Mensch und habe nur für mich zu sorgen und dann werde ich der Narr nicht sein, mich in der Welt herumzuschlagen und die Heimath aufzugeben.

»Hart wird es freilich für mich sein die fremde Uniform zu tragen« – sprach er seufzend, – »aber was geht es im Grunde mich an? Schickt der König uns fort, dann sind wir Alle frei zu thun was wir wollen und dann allerdings werde ich mich bei meinem Entschluß nur durch meine Liebe bestimmen lassen.«

»Nun,« sagte der Unterofficier, »Gott gebe, daß es nicht dazu kommen möge. Was mich betrifft, so gehe ich nicht nach Hannover zurück; ich bin zu alt geworden, um in den neuen Verhältnissen leben zu können. Man hat uns ja eine schöne Ansiedelung in Algier versprochen – wenn es dahin kommt, so lasse ich meine Frau kommen und gründe mir dort im fernen Afrika eine neue Heimath, in der ich wenigstens nach alter Weise leben und meine Gedanken frei aussprechen kann – Ihr werdet's Euch auch noch überlegen, hoffe ich. – Es ist ein Unglück, daß bei Euch jungen Leuten immer die Liebe mitspricht –«

Ungeduldig erwiderte Cappei:

»Ich sage Ihnen nochmals,« Herr Unterofficier, »daß es nicht die Liebe ist, welche mich bestimmt – wenn der König uns nach Algier schickte und uns sagen ließe: wartet dort bis ich Euch brauchen kann, ich würde hingehen, so wahr ich hier vor Euch stehe und wenn meine Braut nicht mit mir gehen wollte, so würde mich das zwar traurig machen, aber keinen Augenblick in meinem Entschluß irre werden lassen. Wenn aber der König uns aufgiebt, so bin ich frei – ich habe meine Soldatenpflicht erfüllt und kann als ehrlicher Mann thun was ich will.«

Sie waren am Ende des Weges angekommen und schritten langsam in die Straße der Stadt hinein, welche durch die flackernden Gaslaternen nur spärlich erleuchtet war. – – –

Um dieselbe Zeit saß in dem Wohnzimmer eines großen, durch einen weiten Vorhof von der Straße getrennten Hauses in der Nähe der alten Kirche, welches dem Holzhofbesitzer Challier gehörte, ein junges Mädchen von etwa siebzehn Jahren in einem tiefen Lehnstuhl vor dem flackernden Kaminfeuer; sie trug ein einfaches Hauskleid von dunklem Wollenstoff, das sich ihrer schlanken Gestalt anmuthig anschmiegte, ihr dunkles, glänzendes Haar war glatt gescheitelt und auf dem Hinterkopf in zwei Flechten zusammengebunden, deren reiche Fülle jeden künstlichen Chignon unnöthig machte; ihr etwas blasses, feines Gesicht zeigte den eigentümlichen, scharf geistvollen, beinah etwas höhnischen, dabei aber doch wieder zugleich sentimental gefühlsreichen Ausdruck, der den französischen Frauen eigenthümlich ist. Ihre mandelförmig geschnittenen dunkeln und von scharf geschnittenen Brauen überwölbten Augen blickten sinnend in die Gluth des Kaminfeuers, während ihr kleiner frischer Mund sich ein wenig spöttisch verzog, indem sie den lebhaften Worten eines Mannes von etwa dreißig Jahren zuhörte, der vor ihr stand.

Dieser Mann war mittelgroß und von hagerer Gestalt; sein etwas gelbliches nicht schönes aber intelligentes Gesicht zuckte in lebhafter Aufregung, die Blicke seiner großen tief liegenden dunkeln Augen sprühten in nervöser Unruhe hin und her, sein krausgelocktes, dichtes Haar reichte tief in die Stirn hinab und sein kleiner schwarzer Schnurrbart war in zwei geraden Spitzen aufwärts gedreht.

»Es ist unrecht von Ihnen, Fräulein Luise,« rief er, seine Worte mit lebhaften Gesticulationen begleitend, »es ist unrecht von Ihnen, daß Sie für die Versicherungen meiner Liebe nur ein höhnisches Lächeln haben. Sie wissen, daß seit lange Ihnen mein ganzes Herz gehört; – meine Eisenfabrik wirft mir einen reichen Gewinn ab, mein Vater hat Nichts gegen meine Bewerbung – warum weisen Sie fortwährend meine Bitte zurück, mir Ihre Hand zu reichen? – Ich kann Ihnen eine sichere und wahrlich keine einschränkte Existenz bieten und was meine Person betrifft, so glaube ich sollten Sie mich genug kennen, um vertrauensvoll Ihr Schicksal mit dem meinigen zu verbinden.«

»Ich habe Ihnen schon öfter gesagt, Herr Vergier,« erwiderte das junge Mädchen, »daß ich durchaus keine Eile habe mich zu verheirathen. Ich bin, Gott sei Dank, erst siebzehn Jahre und habe noch Zeit ein wenig meine Freiheit zu genießen; ich habe Sie oft gebeten mir diese Zeit zu lassen – das ist doch in der That keine unbillige Bitte – oder fürchten Sie, daß ich Ihnen zu alt werde,« fügte sie lächelnd hinzu, indem sie ihre Augen mit einem schalkhaften Blick emporschlug.

»Da antworten Sie mir wieder in diesem höhnischen Ton, den ich nicht ertragen kann,« sagte Herr Vergier, indem er lebhaft mit der Hand durch die Haare fuhr; »es wäre wahrhaftig besser, wenn Sie mir auf einmal offen und ehrlich sagten, daß Sie Nichts von mir wissen wollen, als daß Sie mich auf diese Weise hinhalten und verspotten.«

»Warum erfüllen Sie denn meine Bitte nicht,« erwiderte Luise, »und lassen mir ruhig Zeit zur Überlegung? Ich habe ja Nichts von Ihnen verlangt, als daß Sie ein Jahr lang mit mir gar nicht über Ihre Heirathspläne sprechen und ich habe Ihnen versprochen, nach Ablauf dieser Frist Ihnen ein bestimmtes ›Ja‹ oder ›Nein‹ zu sagen. – Warum drängen Sie mich fortwährend?«

»Weil ich,« rief Herr Vergier lebhaft, »täglich deutlicher sehe, daß es nicht die Liebe zu Ihrer Freiheit ist, welche Sie die entscheidende Antwort verschieben läßt, sondern daß sich Ihr Herz mir mehr und mehr entfremdet. Oh!« sagte er näher zu ihr herantretend, indem er sie mit unruhigen, halb bittenden, halb zornigen Blicken betrachtete, »früher war das anders; früher als Sie fast noch ein Kind waren, sprachen Sie gern mit mir, Sie hatten Vertrauen zu mir, Sie lächelten freundlich und widersprachen mir nicht, wenn ich Sie meine kleine Braut, meine künftige Frau nannte, das verstand sich Alles von selbst – und machte mich so glücklich; aber jetzt,« fuhr er fort, die Zähne zusammenbeißend und mit Mühe einen heftigen Ausdruck zurückhaltend – »jetzt ist das Alles anders – seit –«

»Seit?« fragte das junge Mädchen den Kopf emporwerfend und mit einem kalten, fast hochmüthigen Blick Herrn Vergier vom Kopf bis zu den Füßen musternd, »seit –?«

»Seit jener fremde Deutsche hierhergekommen ist,« rief Herr Vergier mit brennenden Blicken, indem seine Gesichtszüge sich durch einen häßlichen Ausdruck von Zorn und Haß entstellten, »jener heimathlose Flüchtling, von dem man nicht weiß woher er kommt – seit dieser Mensch, der nur ein gemeiner Soldat war, sich in Ihr Herz eingeschlichen hat – seit jener Zeit haben Sie die Erinnerungen Ihrer Kindheit vergessen – haben Sie Ihren Vater und Frankreich vergessen, denn es ist auch ein Verbrechen an Ihrem Vaterlande einen Fremden zu lieben, noch dazu einen Fremden, welcher jener deutschen Nation angehört, die stets die Feindin Frankreichs war und deren Schaaren den heiligen Boden unsers Vaterlandes mehr als einmal verwüsteten. – Ich hasse die Deutschen,« fuhr er mit grimmigem, dumpf gepreßtem Tone fort, »ich habe sie gehaßt so lange ich die Geschichte meines Landes kenne und ich hasse sie jetzt – mehr als je, seit mir Einer aus dieser Race die Hoffnung meiner Zukunft und das Glück meines Lebens geraubt hat.«

Bei diesen Worten, welche Herr Vergier fortgerissen von seiner inneren Erregung, in immer steigendem Affect gesprochen, hatte zuerst eine fliegende helle Röthe Luisens Gesicht überzogen, dann öffneten sich ihre Augen groß und weit, das Blut verschwand aus ihren Lippen und ein Ausdruck von Verachtung und feindlichem Hohn legte sich um ihren festgeschlossenen Mund.

»Ich erinnere mich nicht,« sagte sie mit zitternder Stimme, welche sie mühsam zu ruhigem Ton zwang – »ich erinnere mich nicht, Herr Vergier, Ihnen das Recht gegeben zu haben, Vermuthungen über meine Beziehungen zu andern Personen auszusprechen und an diese Vermuthungen Belehrungen und Beleidigungen zu knüpfen. Ich habe von Ihnen Frist verlangt, um über Ihre Wünsche nachzudenken und Ihnen versprochen, Ihnen demnächst zu antworten.

»Wenn Sie sich herausnehmen in dem Ton mit mir zu sprechen, den ich so eben gehört, so wird die Folge davon sein, daß ich, ohne weiter einer Frist zu bedürfen, Ihren Antrag sogleich mit einem bestimmten und unwiderruflichen ›Nein‹ beantworte.«

Herr Vergier beugte sich unter dieser entschiedenen Erklärung des jungen Mädchens zusammen, er schlug die Augen nieder und zwang sich zu einem freundlichen Lächeln.

»Verzeihung, Fräulein Luise!« sagte er mit leiser Stimme, indem er dem jungen Mädchen näher trat und ihr die Hand reichte, welche sie nur leicht mit den Spitzen ihrer Finger berührte – »Verzeihung, ich habe mich hinreißen lassen von meinem Gefühl, aber gerade diese Bewegung sollte Ihnen zeigen wie tief dasselbe ist.«

Luise antwortete nicht, schlug die Arme übereinander und blickte unbeweglich in die Kaminglut.

Nach einigen Augenblicken tiefen Schweigens trat der Vater des jungen Mädchens, der Holzhändler Challier in den Salon. –

Herr Challier war ein Mann von sechszig Jahren, nicht hoch gewachsen, aber trotz seines Alters noch von schlanker und elastischer Gestalt; das kurze dichte Haar war durchweg grau und an den Schläfen wie über der Stirn zurückgestrichen, so daß das scharfgeschnittene, ausdrucksvolle Gesicht mit den lebhaft blickenden dunkeln Augen und den noch fast schwarzen Augenbrauen an jene alten Köpfe aus der Zeit des Puders erinnerte.

Der alte Herr begrüßte Herrn Vergier und seine Tochter, ohne die peinliche Gereiztheit zu bemerken, in welcher Beide sich befanden.

»Wir haben heute die Arbeit spät geschlossen,« sagte er, »es sind so bedeutende Bestellungen von Seiten der Kriegsverwaltung gemacht, daß wir alle Hände voll zu thun haben um denselben zu genügen; nach diesen Vorbereitungen sollte man fast glauben, daß große Ereignisse bevorstehen, während doch die Zeitungen Nichts dergleichen vermuthen lassen und alle officiellen Kundgebungen nur die zuversichtlichsten Friedensversicherungen enthalten.«

»Ich glaube an diese Versicherungen wenig,« sagte Herr Vergier, welcher sehr zufrieden damit zu sein schien, daß die Unterhaltung ein Gebiet berührte, das so weit von dem Gegenstande entfernt war, der so eben das Gespräch zwischen ihm und Fräulein Luise gebildet hatte – »wir haben es schon öfter erlebt, daß unmittelbar vor den großen Conflicten in allen Tonarten der Weltfriede verkündet wurde und mich machen so feierliche und so bei jeder Gelegenheit wiederholte Friedensversicherungen ein wenig mißtrauisch.

»Ich weiß, daß auch auf dem Gebiet meines Geschäfts neuerdings wieder große Bestellungen gemacht worden sind und die ganze industrielle Welt hat das Gefühl, daß in der schwülen Luft dieser Zeit ein großes erschütterndes Gewitter sich vorbereitet, und so sehr ich,« fuhr er lebhafter fort, »als Industrieller den Frieden wünsche, so muß ich doch sagen, daß ich als Franzose mit tiefem Schmerz die passive Unthätigkeit empfinde, zu welcher die Regierung des Kaisers Frankreich verurtheilt und durch welche die Stellung unseres Landes in Europa immer schwerer erschüttert und immer tiefer untergraben wird.«

Der alte Challier schüttelte langsam den Kopf.

»Mir fehlt es wahrlich nicht an französischem Nationalgefühl,« sagte er, »und gerade die Bürger von Saint-Dizier, zu denen meine Familie seit Jahrhunderten gehört, sind mit dem militairischen Ruhm Frankreichs eng verwachsen, aber ich sehe wahrlich nicht, daß und wie die Achtung gebietende Stellung unseres Landes bedroht wäre und ich glaube daß der Kaiser sehr wohl daran thut den kriegerischen Aufwallungen nicht nachzugeben, welche sich seit längerer Zeit so oft bemerkbar machen.

»Er hat Frankreich auf eine Höhe des Wohlstandes gebracht wie dieselbe kaum jemals früher vorhanden war; sein neues Wegesystem hat jeder Arbeit den sicheren und leichten Absatz verschafft und es wäre ohne die allergewichtigsten Ursachen geradezu ein Verbrechen unser so herrlich aufblühendes Land in die Gefahren eines großen Krieges zu stürzen. Die Nachwehen dieser mexikanischen Expedition, welche uns so viel Geld und Blut gekostet hat, sind kaum überwunden und ein neuer Krieg würde kaum zu verantworten sein.«

»Aber glauben Sie denn,« rief Herr Vergier lebhaft, »daß der Kaiser sich auf die Dauer wird halten können, wenn er nicht durch einen glücklichen und siegreichen Krieg seiner Regierung ein neues nationales Fundament giebt? Man sagt ja, daß seine besten Freunde ihm zu solchem Kriege rathen. – Ich liebe das kaiserliche Regiment nicht – ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, daß ich in der Republik die einzige Regierungsform sehe, welche Frankreich dauernd zu Glück und fester Größe führen kann und ich würde ohne Bedauern den Zusammenbruch dieser willkürlichen Regierung ansehen, der wir jetzt unterworfen sind –«

»Sie thun Unrecht,« fiel Herr Challier ernst und entschieden ein – »die Jugend liebt die Veränderung und glauben Sie mir, es ist wesentlich die Neigung zur Veränderung, welche die Gegner des Kaiserreichs erfüllt; ich bin kein unbedingter Bewunderer der Napoleonischen Herrschaft – die Traditionen unserer Stadt und unserer Gegend weisen uns vielmehr auf die alten legitimen Könige von Frankreich zurück, mit denen unsere Vorfahren in der großen Geschichte der Vorzeit so eng verbunden waren; aber ich erkenne an, daß das legitime Königthum für Frankreich abgeschlossen ist und daß in dem Kaiserreich die einzige Garantie für eine ordnungsmäßige gesicherte Entwickelung der nationalen Wohlfahrt liegt. Dem Kaiser Schwierigkeiten zu bereiten ist nach meiner aufrichtigsten Überzeugung ein Unrecht gegen Frankreich selbst, um so mehr nachdem der Kaiser sich jetzt mit liberalen Institutionen umgeben und Männer in seinen Rath berufen hat, welche das Vertrauen des Volkes besitzen.«

»Das Vertrauen des Volkes?« rief Herr Vergier. »Besitzt dieser Herr Ollivier, welcher dem Portefeuille seine Überzeugung, die er früher so laut und emphatisch aussprach, Stück für Stück geopfert hat – besitzt dieser, täglich die Farbe wechselnde Minister das Vertrauen des Volkes? – Dieser Mann, der äußerlich den anspruchslosen und einfachen Bürger spielt und in seinem Herzen ein schlimmerer Höfling ist als die Satelliten der römischen Kaiser.«

»Nun,« sagte Herr Challier das Gespräch abbrechend, »ich hoffe, daß die kriegerischen Befürchtungen auch diesmal unbegründet sein werden und daß man die steigende Wohlfahrt des Landes einem augenblicklichen militairischen Ruhm vorziehen wird.«

Er blickte auf seine Uhr.

»Ist unser Diner bereit?« fragte er seine Tochter, welche fortwährend still in ihrem Stuhl gesessen hatte, ohne auf das Gespräch ihres Vaters mit Herrn Vergier zu achten.

Luise erhob sich.

»Sogleich,« sagte sie, »Herr Cappei muß jeden Augenblick kommen; er hat versprochen heute bei uns zu essen,« fügte sie hinzu, indem ihr Blick sich fast herausfordernd auf Herrn Vergier richtete, welcher die Lippen zusammenbiß und sich abwendete.

Die Thür öffnete sich und der junge Hannoveraner trat ein.

Herr Challier begrüßte ihn mit herzlicher Freundlichkeit; das junge Mädchen trat ihm entgegen, reichte ihm mit anmuthiger Bewegung die Hand und sprach, indem sie mit einem kalten, feindlichen Seitenblick Herrn Vergier streifte:

»Wir fürchteten schon, daß Sie nicht kommen würden und würden Ihre Abwesenheit sehr bedauert haben.«

Der junge Mann hielt Luisens Hand einige Augenblicke in der seinen, er machte eine unwillkürliche Bewegung, als wollte er diese Hand an seine Lippen führen – dann trat er zurück und begrüßte mit einer höflichen Verneigung Herrn Vergier.

Eine hübsche Dienerin in der zierlichen Tracht der französischen Landmädchen öffnete die Thür des anstoßenden Speisezimmers. Fräulein Luise, welche als die einzige Tochter ihres früh verwittweten Vaters dem Haushalte vorstand, trat hinein, warf einen letzten Blick über den einfach aber sauber und geschmackvoll gedeckten Tisch, in dessen Mitte eine kleine Schale mit frischen Blumen stand und kehrte dann zurück, um ihrem Vater zu sagen, daß Alles bereit sei.

Man setzte sich zu Tisch. Fräulein Luise machte mit der den Französinnen aller Stände so eigenthümlichen Anmuth die Honneurs, doch wollte sich der heitere Unterhaltungston, welcher sonst in diesem kleinen Kreis heimisch war, nicht recht finden. Es lag eine gedrückte Stimmung auf der Gesellschaft.

Der junge Cappei blickte sinnend und fast traurig vor sich nieder; Herr Vergier beobachtete mit scharfen spähenden Blicken den jungen Deutschen und Fräulein Luise schien mit besonderer Absichtlichkeit ihre ganze Aufmerksamkeit Herrn Cappei zuzuwenden. Sie legte ihm die Speisen vor, schenkte ihm Wein ein und begleitete alle diese kleinen Aufmerksamkeiten mit noch freundlicheren Blicken und Worten, indem sie dabei zuweilen mit dem Ausdruck von Trotz und höhnischer Herausforderung zu Herrn Vergier hinübersah.

Das Diner verlief schweigsam.

Der junge Deutsche bewies seinen Dank für die Aufmerksamkeiten seiner schönen Nachbarin mehr durch glückstrahlende Blicke als durch Worte.

Herr Vergier verbarg, so gut er konnte seine innere zornige Erregung und hörte mit gezwungenem Lächeln den scherzhaften Bemerkungen zu, durch welche Herr Challier, der eine angenehme Unterhaltung bei Tisch liebte, von Zeit zu Zeit die Conversation zu beleben suchte.

Man erhob sich endlich und kehrte in den kleinen durch eine einfache Lampe erleuchteten Salon zurück.

Herr Vergier empfahl sich bald unter dem Vorwande dringender Geschäfte, die er noch zu erledigen habe und Herr Challier zog sich zurück, um seiner Gewohnheit gemäß einen Augenblick »nachzudenken«, wie er sagte, das heißt in dem Lehnstuhl seines Cabinets einen kleinen Schlaf zu machen.

Als die jungen Leute allein geblieben waren, zog Cappei ein kleines Tabouret neben den Lehnstuhl vor den Camin, auf welchem das junge Mädchen sich wieder niedergelassen hatte, setzte sich an ihre Seite und ergriff zärtlich ihre Hand, die sie ihm reichte.

»Meine süße Luise,« sagte er mit jenem fremden Accent, den die französische Sprache im Munde eines Deutschen immer annimmt, »ich fürchte, daß der Augenblick herannaht, in welchem wir uns auf eine vielleicht lange Zeit trennen müssen und ich bedarf der festen Zuversicht und des unerschütterlichen Vertrauens, daß Deine Liebe mir für alle Wechselfälle des Schicksals gesichert bleibt.«

»Kannst Du daran zweifeln?« erwiderte Luise, indem sie sanft mit der Hand über sein Haar strich und ihn mit einem leuchtenden Blick ansah, »ich habe Muth und Festigkeit – ich stamme,« fügte sie lächelnd hinzu, »von jenen alten Bragards von Saint-Dizier und wie jene die Sache ihres Königs und ihres Landes auf den Schlachtfeldern vertheidigten, so werde ich wenigstens ohne Zagen und Schwanken für meine Liebe einzustehen wissen. Der Kampf dafür,« fuhr sie, ihn immer mit entzückten Blicken betrachtend fort, »wird übrigens nicht so schwer sein. Mein Vater ist Dir persönlich geneigt und hat eine tiefe Sympathie für die Sache Deines so ritterlichen unglücklichen Königs. – Er liebt mich und ich sehe nicht ein, was er unserer Verbindung entgegenstellen sollte –«

»Dein Vater,« sagte Cappei ernst, »ist aber ein Mann des sichern, ruhigen Geschäftslebens und er wird und muß für die Zukunft seiner Tochter Garantieen verlangen, die ich in diesem Augenblick nicht zu geben im Stande bin – ich bin ein heimathloser Flüchtling –«

»Du hast Deine Heimath an meinem Herzen gefunden,« rief Luise lebhaft, »genügt Dir diese Heimath nicht?« –

Er küßte zärtlich ihre Hand und sagte mit innigem Ton:

»Das ist für mein Herz die schönste, die ich finden kann, die einzige, die ich suche, aber wir bedürfen auch des festen Bodens im wirklichen Leben und dieser fehlt mir in diesem Augenblick vielleicht mehr als je –«

»Doch,« unterbrach sie ihn, »warum sprachst Du davon, daß wir uns trennen sollen? Glaubst Du,« fuhr sie fort, »daß der Augenblick naht, in welchem Du für Deinen König zu Felde ziehen mußt? – Glaube mir, die Trennung wird mir tiefen Schmerz bereiten, aber ich werde Dich mit Stolz hinziehen sehen und meine Gebete werden Dich im Kampfe begleiten und Gott und die heilige Jungfrau, die ich stündlich anrufen werde, werden Dich mir erhalten – Deine Sache wird siegen und dann – dann wird unserm Glück Nichts mehr im Wege stehen.«

Er blickte düster vor sich hin.

»Wäre es so wie Du sagst,« sprach er, »so würde ich mit froher Begeisterung und Hoffnung der Zukunft entgegensehen, aber leider fürchte ich, daß die Zukunft sich anders gestaltet. Ich höre, daß die Legion aufgelöst werden soll und dann werde ich gezwungen sein nach meiner Heimath zurückzukehren, unter die fremde Herrschaft, um mein kleines Erbe mir zu erhalten, die einzige Grundlage, auf welcher ich im Stande bin Dir eine Zukunft zu schaffen.«

»Das wäre traurig,« sagte Luise – »doch warum willst Du in solchem Fall in Deine Heimath zurückkehren? Warum willst Du nicht hier bleiben und in unserm schönen Frankreich Dir ein neues Vaterland gewinnen? Mein Vater,« fügte sie rasch hinzu, »ist wohlhabend genug, um uns eine Heimath zu gründen –«

»Nein!« rief er sich stolz aufrichtend, »ich kann ein heimathloser Flüchtling sein, so lange ich einer großen Sache diene – der Sache des Königs, dem ich einst Treue geschworen habe; wenn diese Sache fällt, so kann ich nicht bittend vor Deinen Vater hintreten und mir von ihm eine Existenz schaffen lassen. Ich muß dann den festen Fuß in meiner Heimath wiedergewinnen und wenn ich sie verlasse, wenn ich hierher zurückkehre, um dem Zuge meines Herzens zu folgen, so muß es offen und frei geschehen und ich muß auch ohne die Hülfe Deines Vaters im Stande sein, unserer Zukunft eine sichere Grundlage zu geben, möge dieselbe so bescheiden sein, wie sie wolle. Ich werde keine Mühe scheuen, um dies Ziel zu erreichen; das Einzige was ich von Dir erbitte ist, daß Du mir vertraust und auch während meiner Abwesenheit mir Deine Liebe bewahrst.«

Sie beugte sich zu ihm nieder, legte beide Arme um seine Schultern und blickte ihm tief in die Augen.

»Kannst Du daran zweifeln?« sagte sie. »Was Du beschließest, was Du thun wirst, es wird das Rechte sein und keine Zeit, keine Abwesenheit wird jemals Dein Bild aus meinem Herzen reißen können. Man sagt, die deutschen Frauen seien fester und treuer in ihrer Liebe – ich will Dir beweisen, daß die feurigern Gefühle, welche das Herz der Französinnen bewegen, darum nicht minder treu und beständig sind.«

Sie lehnte ihr Haupt an seine Schulter und er drückte seine Lippen zärtlich auf ihr duftiges, glänzendes Haar! –

Rasche Tritte ertönten auf dem Vorplatz. Luise fuhr empor und lehnte sich in ihren Sessel zurück.

Cappei rückte das Tabouret einen Schritt seitwärts.

Der Unterofficier Rühlberg trat ein. Er begrüßte mit einer etwas steifen Verbeugung das junge Mädchen und sprach mit einer von innerer Erregung bewegten Stimme.

»Was wir befürchteten, geschieht. So eben als ich nach Hause kam fand ich einen Brief des Lieutenants von Mengersen vor, der mir anzeigt, daß in der nächsten Zeit eine Commission zur Auflösung der Legion hier eintreffen wird. Jedem Einzelnen sollen vierhundert Francs ausgezahlt und ihm die Freiheit gelassen werden, zu gehen wohin er will.

»Nun,« rief er mit bitterm Tone, »ich weiß, wohin ich gehen werde, um auf meine alten Tage ruhig und frei zu leben; wir sind schon über Zweihundert, die wir uns verbunden haben, nach Algier zu gehen und Ihr thut Unrecht, Euch uns nicht anzuschließen – aber das kommt –«

Er warf einen schnellen Seitenblick auf das junge Mädchen, biß sich auf den Schnurrbart und schwieg.

»Die Entscheidung naht,« sagte der junge Mann, ernst und traurig seine Geliebte anblickend.

»Und die Liebe und Treue wird sich bewähren,« erwiderte diese leise.

»Ich bin gekommen, um Euch abzuholen,« sagte der Unterofficier – »verzeihen Sie, mein Fräulein,« schaltete er mit einer gewissen mürrischen Höflichkeit ein – »unsere Abtheilung ist bei mir beisammen und wir wollen ein wenig unter einander die Sache besprechen.«

Cappei stand auf, reichte Luise die Hand, bat sie, ihn bei ihrem Vater zu entschuldigen und verließ mit dem Unterofficier den Salon.

Das junge Mädchen blieb allein in tiefen Gedanken vor dem allmälig erlöschenden Kaminfeuer sitzen, sinnend blickte sie vor sich nieder; doch war es kein trauriger und trüber Ausdruck, der auf ihrem Gesicht lag, ihre Seele war muthig und stolz darauf, ihrem Geliebten auch unter schweren Verhältnissen die Treue bewahren zu können. Der Kampf mit den Verhältnissen des Lebens reizte sie und ihr hoffnungsvolles Herz hatte keinen Zweifel, daß Alles endlich sich zu glücklichem Ausgang fügen würde.

Zweites Capitel.

Eine trübe Februarsonne schien durch die halb geschlossenen Fenstervorhänge des Schlafzimmers des Kaisers Napoleon des Dritten in den Tuilerien.

Der Kaiser lag auf einer in der Mitte des Zimmers stehenden Chaiselongue, eingehüllt in einen weiten Schlafrock von leichter Seide, sein Kopf war zurückgelehnt auf ein rundes Kissen, seine Augen waren geschlossen und die bleichen Züge seines Gesichts trugen den Ausdruck tiefen Leidens; sein fast ganz ergrautes Haar hing unfrisirt an den Schläfen herab, der sonst so wohl gepflegte Bart war ungeordnet und der ganze Kopf, der sonst so ausdrucksvoll und lebendig erschien, erinnerte in seiner unbeweglichen Starrheit an eine Todtenmaske; die Hände des Kaisers waren ausgestreckt, die Fingerspitzen bewegten sich leicht in convulsivischen Zuckungen.

Zu den Füßen des Ruhebettes stand der Dr. Conneau, kaiserlicher Leibarzt und langjähriger Freund; sein von einem kurz geschnittenen schmalen Backenbart umrahmtes bleiches Gesicht mit der hoch hinauf kahlen Stirn und der stark vorspringenden Nase zeigte den Ausdruck theilnehmender Besorgniß und die tief liegenden, scharfblickenden Augen schauten mit gespannter Aufmerksamkeit auf seinen wie leblos da liegenden Souverain.

An einem Seitentisch in einiger Entfernung war der Doctor Nélaton beschäftigt einige elegant gearbeitete chirurgische Instrumente von Silber und Kautschuk in ein Etui von schwarzem Sammt einzupacken. Sein geistvolles, etwas kränkliches Gesicht war ernst und ruhig und wenn er auch zuweilen forschend nach dem Kaiser hinüber blickte, so schien er doch mehr mit der sorgfältigen Aufbewahrung seiner Instrumente als mit dem Zustande seines Patienten beschäftigt.

Dr. Conneau beugte sich über den Kaiser herab und ergriff dessen Hand, aufmerksam dem Pulsschlag folgend.

»Der Puls geht ruhig und gleichmäßig,« sagte er sich zu Nélaton wendend; »es scheint nur eine Krise der Nerven zu sein; ich würde Sr. Majestät gern einige Tropfen Äthergeist einflößen.«

»Ich halte das nicht für nöthig« erwiderte Dr. Nélaton. »Die Sondirung hat durchaus keine bedenklichen Symptome ergeben, Seine Majestät ist ungeheuer empfindlich für den Schmerz und eine augenblickliche Ruhe wird das Gleichgewicht der Kräfte sofort wieder herstellen. Ich überlasse den Kaiser Ihrer Sorgfalt,« fügte er hinzu indem er sein Etui schloß, »und hoffe, daß er einige Zeit von weiteren Operationen wird verschont bleiben können, nur muß Seine Majestät in der nächsten Zeit es sorgfältig vermeiden zu Pferde zu steigen oder lange zu stehen.«

Er verließ mit leisen Schritten das Zimmer. – Dr. Conneau blieb ruhig an seinem Platz stehen, fortwährend das Gesicht des Kaisers beobachtend, auf welchem allmälig wieder eine etwas lebhaftere Farbe erschien.

Napoleon erhob die Hände langsam, faltete sie über der Brust zusammen, seine Lippen öffneten sich zu einem tiefen Athemzuge – dann schlug er die Augen auf und blickte wie verwundert im Zimmer umher.

»Ist Nélaton fort?« fragte er. – »Was hat er gesagt? Werden diese entsetzlichen Qualen sich oft wiederholen müssen?«

»Nélaton ist vollkommen zufrieden und beruhigt, Sire,« erwiederte Dr. Conneau, »und er hofft, daß Ew. Majestät für lange Zeit Ruhe haben werden; es sind durchaus keine bedenklichen Symptome vorhanden und ich hoffe durch innere Mittel sehr wirksam eingreifen zu können.«

»Oh, mein alter Freund,« sagte der Kaiser mit traurigem Ton, »Sie glauben nicht wie sehr ich leide. Meine Natur kann eine einmalige gewaltsame Erschütterung leicht überwinden, aber diese fortwährenden kleinen Schmerzen zerrütten mein Nervensystem, untergraben meine Willenskraft und machen mich zuweilen vollständig unfähig zu denken und zu handeln.«

»Ich bitte Ew. Majestät inständigst,« erwiderte Dr. Conneau, »sich in diesen so erklärlichen und natürlichen Gefühlen nicht gehen zu lassen. Ew. Majestät so reizbare Natur wird mehr als eine andre Organisation durch die Wiederholung kleiner und peinlicher beiden angegriffen; aber Ew. Majestät,« sprach er ernst mit volltönender Stimme, »sind mehr als andere Menschen. Ew. Majestät großer Geist muß die kleinen beiden überwinden um die großen Aufgaben Ihrer Stellung erfüllen zu können und je mehr Ew. Majestät die Kraft Ihres Willens anstrengen, um so mehr werden jene kleinen Leiden sich vermindern, um so sicherer hoffe ich auf Ihre endliche, vollständige Wiederherstellung.«

Der Kaiser schüttelte langsam und traurig den Kopf. »Die großen Aufgaben meiner Stellung!« sprach er mit matter Stimme – »das ist es ja eben, was mich so niederdrückt und lähmt – daß die Maschine den Dienst versagt, um das ausführen zu können was nothwendig geschehen muß; ja, daß sogar oft die Klarheit des Erkennens dessen was nothwendig ist mir schwindet. Wäre ich einer jener legitimen Könige, die ruhig auf ihrem Thron sitzen, die denselben sicher und unangefochten ihrem Nachfolger überlassen können – oh, dann würde ich ruhig alle diese Leiden und Schmerzen ertragen. Ich fürchte wahrlich den Tod nicht – fast möchte ich ihn zuweilen wünschen, denn die Genüsse und Freuden des Lebens sind für mich – beendet; aber, mein Gott,« rief er händeringend, »ich darf ja nicht nur an mich und mein Leben denken, ich muß sorgen für die Zeit die nach mir kommt; ich muß meinem Sohn das Erbe sichern, für dessen Erwerbung mein großer Oheim seine Riesenkraft eingesetzt hat und für welches ich in mühsamer Arbeit die Tätigkeit meines ganzen Lebens angestrengt habe und nun gerade, da ich diese letzte Aufgabe meiner irdischen Laufbahn erfüllen will und erfüllen muß, geht mir die Kraft aus und wenn dieser elende Körper zusammenbricht, so wird das stolze Gebäude in Trümmer fallen, welches ich aufgerichtet und dieses Frankreich, das ich so sehr liebe, für das ich gestrebt und gearbeitet habe so lange Jahre hindurch, es wird wieder zurücksinken in unruhige Zerrüttung; Ohnmacht und Elend wird die Folge davon sein.«

»Aber, mein Gott, Sire,« sagte Dr. Conneau, »warum diese schwarzen Gedanken? Die Macht des Kaiserreichs steht fest begründet im Innern und hoch geachtet nach Außen da. Es giebt vielleicht unter den alten legitimen Monarchieen so manche, welche nicht auf so sichern und unerschütterlichen Fundamenten ruht als der Thron Ew. Majestät und wenn der kaiserliche Prinz – was Gott noch lange verhüten möge, dereinst berufen sein wird jenen Thron zu besteigen, so wird er ein nach allen Richtungen hin vollendetes, großartiges Werk vorfinden, dessen natürliche Weiterentwickelung er nur fortsetzen und leiten darf. Ew. Majestät Werk ist wahrlich größer als das Ihres Oheims, denn die Schöpfungen jenes Riesengeistes stützten sich doch immer nur auf die Spitze seines Degens, während Ew. Majestät Bau breit und ruhig auf der Wohlfahrt des ganzen Volkes ruht.«

Der Kaiser schüttelte abermals den Kopf.

»Auch Sie, mein alter Freund,« sagte er, »täuscht der Schein – oder Sie wollen mich beruhigen und mir das Vertrauen auf die Zukunft wiedergeben, das ich immer mehr verliere.

»Ich selbst,« sagte er nach einem tiefen Athemzuge, indem es wie leichte Nachwehen nervöser Schmerzen über sein Gesicht zuckte – »ich selbst kann besser wie jeder Andere die Schwächen dieses Kaiserreichs erkennen, das ich selbst erbaut und so lange Zeit aufrecht erhalten habe.

»Fest begründet im Innern, sagen Sie, stehe mein Reich da? – Und dennoch wogt und gährt es in dieser so leicht beweglichen Pariser Bevölkerung – ich kenne sie genau die Vorzeichen der revolutionairen Stürme und ich sehe sie deutlich in der heutigen Bewegung des öffentlichen Lebens.«

Dr. Conneau lächelte.

»Ew. Majestät überschätzen diese kleine Bewegung,« sagte er. »Die stets unruhige Bevölkerung des Faubourg St. Antoine bedarf von Zeit zu Zeit solcher leichter Emotionen, aber unter einer so starken Regierung wie diejenige Ew. Majestät ist hat das nichts zu bedeuten. Die große Masse der Bevölkerung Frankreichs, namentlich die ländlichen Grundbesitzer hängen an Ew. Majestät und empfinden dankbar die Segnungen, welche Ihre Regierung ihnen gebracht hat. Dank der Ordnung, Ruhe und Sicherheit des öffentlichen Verkehrs, Dank dem neuen Wegesystem, das Ew. Majestät geschaffen und das jedem Grundbesitzer die Möglichkeit der reichsten Verwerthung seiner Producte sichert, steht Frankreich auf einer Höhe des Wohlstandes wie nie zuvor und einige unruhige Köpfe in Paris werden niemals die Macht haben, die tiefe Anhänglichkeit des ganzen Volkes an Ew. Majestät und Ihre Dynastie zu erschüttern.«

»Sie kennen Frankreich nicht wie ich,« sagte der Kaiser traurig – »ich weiß wie Sie, daß das Volk im ganzen Lande mir dankbar ist und daß aus dem Lande selbst niemals eine Bewegung gegen das Kaiserreich hervorgehen wird; aber die Centralisation in diesem Lande hat eine unbesiegbare Gewalt – eine unvernünftige Gewalt, wenn Sie wollen, doch die Gewalt ist da und ich sage Ihnen, bei irgend einem Unglück, bei irgend einer Schwäche der Regierung – bei meinem Tode vielleicht,« fügte er seufzend hinzu, »wird immer eine Hand voll Nichts bedeutender Menschen, denen es gelingt Paris zu terrorisiren, die Macht haben eine Regierung zu stürzen, welche die Sympathieen des ganzen Landes besitzt und dieses so ganze reiche, so arbeitsame, so geistvolle Frankreich wird den Thorheiten folgen, zu denen man Paris zu verleiten im Stande sein möchte. –

»Und nach Außen,« fuhr er fort, fast mehr noch zu sich selbst als zu Conneau sprechend – »hat man in Europa noch Achtung, hat man noch Furcht vor Frankreich? Wohin richten sich die Blicke der Cabinette? Ich fühle es heraus aus den Berichten aller meiner Gesandten, man sieht nach Berlin und die Zeit ist vorbei, in der ich mit einem Worte Europa bewegen konnte.

»Niel ist todt,« sagte er mit dumpfem Ton – »Alle sind todt, die mich einst auf der Höhe der Macht und des Einflusses umgaben – Morny, Walewsky – selbst Felix und mein treuer Nero – ich bin allein.

»Ich habe nur noch Sie,« sagte er mit einem unendlich innigen Blick auf den Dr. Conneau, indem er ihm mit einer matten Bewegung die Hand reichte; »aber Sie, mein braver und treuer Freund, Sie können mir nicht helfen; das Getriebe der Politik liegt Ihnen fern – Sie könnten mir nur helfen, wenn Sie dieser alten gebrechlichen Maschine neues Leben einzuflößen vermöchten.

»Oh,« rief er, indem ein Blitz aus seinem Auge sprühte, »ich wollte allein all diesen Schwierigkeiten entgegentreten, über sie alle Herr werden, wenn ich nur auf wenige Jahre meinen Nerven und meinen Muskeln die Kraft der Jugend wiedergeben könnte. – Le Boeuf,« fuhr er nach einer augenblicklichen Pause fort, »er ist der Schüler von Niel, er hat ihm nahe gestanden, er ist das Werkzeug zur Ausführung seiner Ideen gewesen – aber er ist kein Niel und der Schüler kann den Meister nicht fortsetzen. –

»Ich habe den Augenblick verloren und dem Augenblick gehört das Schicksal; ich fürchte, ich fürchte, mein treuer Conneau, der Augenblick kommt nicht wieder und mein Stern, den ich einst so hell leuchtend über meinem Haupt erblickte, er hat sich in trübe, trübe Wolken verhüllt.

»Vielleicht,« fuhr er immer seinen Gedanken folgend fort – »habe ich einen Fehler begangen dadurch, daß ich eine Dynastie gründen wollte. Vielleicht ist eine dynastische Monarchie Frankreichs in unserm Jahrhundert nicht mehr möglich; vielleicht stände ich größer und sicherer da, wenn ich mich hätte entschließen können nur der Cäsar zu sein, der an keinen Nachfolger denkt, der sich identificirt mit der pulsirenden Bewegung des Volkslebens und dessen Geschichte mit seinem Tode aufhört.

»Das ist der Ursprung meiner Herrschaft – und man sagt, die Regierungen fallen, die sich von den Principien ihres Ursprungs entfernen.

»Ist mein Oheim nicht gefallen, weil er aufhörte Cäsar zu sein und weil er der Begründer einer neuen dynastischen Legitimität werden wollte?

»Aber, mein Gott,« rief er die Hände über der Brust faltend, indem ein unendlich weicher Ausdruck auf seinen Zügen erschien – »mein Gott, ich habe einen Sohn und ich liebe diesen Sohn – ich liebe ihn sehr, Conneau und mag es ein Fehler sein oder nicht – meine ganzen Gedanken, meine ganze Arbeit gehören der Zukunft, gehören meinem Sohn.«

In tiefer Bewegung trat Dr. Conneau an das Lager des Kaisers, ergriff dessen Hand und führte sie an seine Lippen.

»Diese Arbeit wird ihre Frucht tragen, Sire,« sagte er mit zitternder Stimme – »ich wollte, es wäre mir vergönnt mein Leben für Sie und für den kaiserlichen Prinzen hinzugeben.« –

»Geben Sie mir lieber,« sagte Napoleon sanft lächelnd, »durch Ihre Kunst die wahre Kraft des Lebens wieder, dann werden Sie Frankreich, mir und meinem Sohn den höchsten Dienst leisten.«

Conneau trat zur Seite, ergriff ein kleines Fläschchen von geschliffenem Crystall, das auf einem Tisch am Fenster stand und mischte einige Tropfen der hellen Flüssigkeit, welche dasselbe enthielt, mit einem Glase Wasser.

»Ich bitte Ew. Majestät dies zu trinken,« sagte er dem Kaiser das Glas reichend; »ich hoffe damit wenigstens einen Theil der Aufgabe zu erfüllen, welche Sie mir bezeichnen; dieses Getränk wird Ew. Majestät die Nervenkrise überwinden helfen, welche Nélatons Sondirung hervorgerufen hatte.«

Der Kaiser leerte langsam das Glas, dessen Inhalt eine grüne opalisirende Farbe angenommen hatte. Die nervöse Spannung seiner Gesichtszüge verschwand, seine mattgelbliche Haut nahm eine röthere Färbung an und um seine Lippen legte sich jener Zug wohlwollender Freundlichkeit, welcher ihm in der Unterhaltung eigenthümlich war und der auf Jeden, der mit ihm, sprach seinen Zauber ausübte.

Er stand langsam auf.

»Ich danke Ihnen, Conneau,« sagte er, »das hat mir wohlgethan. Wollte Gott, Sie könnten die Wirkung dieses Elixirs dauernd machen; leider wird der Schmerz und die Schwäche bald wieder meine Nerven zur alten Unfähigkeit herabstimmen.«

»Nicht so leicht,« erwiderte Dr. Conneau, »wenn die Willenskraft meinem Elixir zu Hülfe kommt; der menschliche Willen ist ein mächtiger Factor und selbst der kranke Körper gehorcht seinem Befehl.«

»Der Willen?« sagte der Kaiser schmerzlich lächelnd – »um zu wollen, dazu gehört Kraft und um die Kraft zu entwickeln gehört Willen; wo ist der Anfang dieses Kreises, in welchem sich der leidende Mensch traurig herumbewegt? – Doch,« fuhr er fort, »für den Augenblick habe ich den Willen und ich will ihn benutzen zu klarem Einblick in die Verhältnisse, denn das ist die erste Quelle aller guten Entschlüsse.«

Er reichte Conneau die Hand, – der Arzt führte dieselbe an seine Lippen und verließ das Schlafgemach seines Herrn.

Der Kaiser klingelte.

»Es ist nicht mehr mein treuer Felix,« sprach er seufzend, »der alle Wechselfälle des Lebens mit mir getheilt hat und dessen Erscheinung mir eine so liebe Gewohnheit geworden war.«

Der Kammerdiener trat ein und Napoleon machte mit aller Sorgfalt seine Toilette, nach deren Vollendung aus seinen Zügen und seiner Haltung die Spuren der Schmerzen und der Erschöpfung fast ganz verschwanden; nur sein schwankender, unsicherer und in den Hüften wiegender Gang zeugte von seiner gebrochenen Kraft.

»Ist Herr Duvernois da?« fragte er mit einem letzten Blick in den Spiegel.

»Zu Befehl, Sire.«

»Man soll ihn eintreten lassen,« sagte Napoleon, indem er in sein Cabinet trat, das sorgfältig gelüftet, von einem hellen Kaminfeuer erwärmt und mit dem leichten Duft von eau de Lavande durchzogen war. Wer den Kaiser hier sah, hätte sich unmöglich von dem leidenden, ganz gebrochenen Manne ein Bild machen können, der noch kurz vorher unter den Händen der Ärzte seufzte und der gequält von den Leiden des Körpers den Glauben an die Zukunft und das Vertrauen auf sich selbst verloren hatte.

Napoleon trat heiter lächelnd, den Blick halb unter seinen Augenlidern verborgen, dem Journalisten Clément Duvernois entgegen, dem soeben der Huissier die Thür des Cabinets geöffnet hatte.

Herr Duvernois, der seine publicistische Laufbahn in Algier begonnen, früher lebhafte Opposition gemacht, und endlich damit geendet hatte, aus wirklicher und aufrichtiger Überzeugung ein begeisterter Anhänger des Kaisers zu sein, war damals etwa fünf und dreißig bis vierzig Jahr alt. Seine nicht hohe und nicht schlanke Figur, hatte Etwas von jener leicht gerundeten Corpulenz, welche die Königin von Dänemark für Hamlet in seinem Kampf mit Laërtes fürchten läßt. Sein etwas großer Kopf war mit langem blonden Haar bedeckt, das die Stirne ziemlich weit hinauf kahl ließ, – die Züge seines bleichen Gesichts waren scharf geschnitten und entsprachen in ihrem lebhaft bewegten Ausdruck nicht ganz dem wesentlich phlegmatischen Typus seiner Figur. Seine Augen, obgleich hell und beim ersten Anblick nicht besonders tief erscheinend, erleuchteten sich während der Unterhaltung und ihre leicht blaugraue Farbe schien dann wie von einer dunkeln Gluth durchschimmert.

Herr Duvernois ging ohne jene elegante Leichtigkeit des Hofmannes, doch völlig ungezwungen auf den Kaiser zu, ergriff ehrerbietig die Hand, welche dieser ihm entgegenstreckte und verneigte sich tief.

»Nun mein lieber Duvernois,« sagte Napoleon mit freundlicher Herzlichkeit, »– wie geht es Ihnen, – ich habe Sie bitten lassen zu mir zu kommen, weil die Zeit wieder ernst zu werden beginnt, – es gährt und bewegt sich in den Tiefen und ich werde von allen Seiten mit so vielem Rath überschüttet, – daß es mir wirklich Bedürfniß ist, auch die Meinung Derjenigen zu hören, welche meine wahren Freunde sind.«

»Es sind leider nicht Alle Ihre Freunde, Sire, welche sagen es zu sein,« erwiderte Clément Duvernois mit einer Stimme ohne harmonischen Wohllaut, aber mit scharf und klar accentuirtem Ton, – »fast möchte ich sagen – ich bin der ergebene Diener Eurer Majestät, obgleich ich es laut ausspreche.«

»Und gehören Sie auch zu Denen,« fragte Napoleon, »welche meinen, daß diese Bewegung in den Massen Nichts zu bedeuten habe, daß man nur ruhig abwarten dürfe, bis sie sich völlig wieder verläuft? – Sie haben es gelernt,« fuhr er fort, »die öffentliche Stimmung zu verstehn, Sie haben den klaren Blick, den die Höhe nicht blendet, – und der vor den Tiefen des Abgrundes nicht zurückschaudert, – was sehen Sie auf der Höhe, – was sehen Sie in den Tiefen, – sprechen Sie frei und offen – Sie wissen, daß ich zu hören und zu lernen verstehe,« fügte er mit freundlichem Lächeln und einer leichten artigen Neigung des Kopfes hinzu.

»Ich habe Eurer Majestät,« erwiderte Clément Duvernois, »meine Ergebenheit stets dadurch bewiesen, daß ich vor Ihrem Angesicht den Kaiser vergaß und nur den großen und geistvollen Mann sah, dem Niemand einen größeren Dienst leisten kann als durch das Aussprechen seiner wahren und unverhüllten Überzeugung, – diese Ergebenheit werde ich Eurer Majestät auch heute beweisen, denn mehr als je thut heute die Wahrheit Noth und je mehr Jeder aus seinem Gesichtskreise heraus die Wahrheit spricht, um so leichter wird es dem freien Blick Eurer Majestät werden das wirklich Richtige zu erkennen.«

»Sie halten also die Situation für ernst?« fragte der Kaiser, indem er sich seufzend in einen Fauteuil niedersinken ließ und Herrn Duvernois einen Sessel neben sich bezeichnete.

Clément Duvernois stützte die Hand leicht auf die Lehne dieses Sessels, blieb vor dem Kaiser stehen und sprach, ohne direct auf die an ihn gerichtete Frage zu antworten:

»Eure Majestät haben mir das schmeichelhafte und ehrenvolle Zeugniß gegeben, daß mein Blick gewöhnt sei, in die Tiefen hinab wie zu den Höhen hinauf zu blicken, – nun wohl, Sire, – ich habe nach beiden Richtungen scharf beobachtet – und werde Eurer Majestät frei sagen, was ich gesehen.«

Der Kaiser lehnte den Kopf auf die eine Schulter herüber, stützte den Arm auf sein Knie und hörte so, mit der Spitze seines Schnurrbartes spielend, aufmerksam zu.

»In den Tiefen, Sire,« sagte Clément Duvernois, »sehe ich die finstern Dämonen, welche die mächtige Hand Eurer Majestät lange Zeit gefesselt hielt, einen Kampf auf Leben und Tod vorbereiten, – da sie fühlen, daß der Griff der kaiserlichen Hand nicht mehr dieselbe Festigkeit hat wie früher.«

Der Kaiser seufzte tief auf. Es schien, als wolle er sprechen, – doch blieb er schweigend und forderte Duvernois, der einen Augenblick inne gehalten, durch einen Wink auf fortzufahren.

»Die friedlichen Bürger, Sire,« sprach der geistvolle Publicist weiter, »wissen nicht, was an jedem Abend in Paris geschieht, diese friedlichen Bürger schlafen ruhig im Vertrauen auf die Fürsorge und Kraft der Regierung, während der Boden, auf dem ihr Haus steht, unterhöhlt wird. Auf der Oberfläche scheint Alles ruhig, – die Repräsentanten der Nation berathen über die wichtigsten Interessen des Landes, die Minister suchen gut zu verwalten, die Geschäfte erholen sich und die ehrliche Arbeit freut sich der Ruhe und Ordnung.

»Was aber, Sire,« fuhr er mit erhöhter Stimme fort, – »was birgt die Tiefe unter dieser Oberfläche des Friedens und Gedeihens? Täglich versammeln sich vier bis fünftausend Individuen – Feinde des Besitzes, Feinde der Arbeit, Feinde jeder Gesellschaftsordnung, welche die Thätigkeit zur Bedingung des Lebensgenusses macht – diese Individuen versammeln sich unter dem Vorsitze von Deputirten der äußersten Linken, – von Deputirten, die dem Kaiser und der Nation ihren Eid geschworen; sie mißbrauchen das Versammlungsrecht, das so liberal gegeben worden und überlassen sich den maßlosesten Ausschreitungen. Diese Leute führen die verleumderischsten Schimpfreden, reizen sich gegenseitig auf und versprechen sich untereinander das Kaiserreich durch Gewalt umzustürzen, den Staat überhaupt und die Gesellschaft zu zerstören.

»Eure Majestät mögen mir erlauben, einige Worte aus den Reden zu citiren, welche man dort hält und welche Ihre Polizei sich vielleicht scheuen möchte, Ihnen zu wiederholen. Flourens hat gestern auf der Tribüne dieser wüsten Versammlung gerufen: ›wir wollen keine Banditen, keine Mörder mehr, mögen sie aus Corsika oder anders woher kommen; wir wollen keine Retter der Gesellschaft mehr, welche ein Stück Speck am Hute tragen.‹«

Der Kaiser neigte den Kopf noch tiefer – sein Blick verhüllte sich völlig unter den Augenlidern.

»Flourens,« fuhr Herr Duvernois fort, »sprach dann von den Vorgängen in Creusot und rief: ›es wird so nicht lange weiter gehen, binnen kurzer Zeit werden wir alle diese Elenden zum Teufel jagen, welche durch ihren zusammengeschacherten Besitz die freien Arbeiter zu Sclaven machen wollen.‹ Doch es geht noch weiter; beim Bankett von St. Mandé, Sire, hat man auf die Kugel getrunken, welche das Staatsoberhaupt treffen würde.«

Der Kaiser hob den Kopf, blickte Duvernois groß und klar an und sprach mit ruhigem Lächeln:

»Wenn diese Kugel gegossen ist, mein lieber Duvernois, so wird sie mich treffen und wenn Alles in der tiefsten Ruhe wäre. Hat das Schicksal sie mir nicht bestimmt – so wird der Toast einiger Wahnwitzigen meinem Leben keine Gefahr bringen.«

»Ich weiß,« erwiderte Duvernois, »daß Eure Majestät keine Gefahr scheut und es ist nicht um Eure Majestät vor einem Attentat zu warnen, daß ich erzähle, was man dort gesprochen hat – Diejenigen, welche so laut reden, sind keine Ravaillacs. Für heute und morgen, Sire, haben noch alle diese Bewegungen keine gefährliche Bedeutung; das Alles sind nur Versuche, was man wagen, wie weit man gehen kann. Wenn man aber fühlt, daß man ungestraft die Zerstörung der Gesellschaft predigen darf, so wird man weiter und weiter gehen und die große Masse der ruhigen Bürger wird, wie das bei allen Revolutionen der Fall ist, dem Terrorismus weniger Verbrecher verfallen, wenn nicht noch zur rechten Zeit die starke Hand der Regierung schützend in diese gefährliche Bewegung eingreift.«

»Und diesem finstern Bilde auf dem Grunde der Gesellschaft gegenüber,« fragte der Kaiser, indem sein Blick forschend auf dem lebhaft bewegten Gesicht Duvernois' ruhte – »was haben Sie auf den Höhen gesehen?«

Clément Duvernois schwieg einen Augenblick.

Er sah nachdenkend zu Boden und schlug dann das großgeöffnete, dunkelglühende Auge zum Kaiser auf.

»Auf der Höhe,« sprach er dann mit tief eindringender Stimme, »sehe ich, Sire, einen großen Fürsten, der durch mächtige und edle Arbeit seiner Nation Macht und Wohlstand geschaffen hat, der in großherzigem Vertrauen nicht daran zu glauben vermag, daß diese Nation für so viele Wohltaten undankbar sein könnte, dessen Gedanken erfüllt sind von dem Streben auch über seinen Tod hinaus, den er mit kaltblütigem Heldenmuth in's Auge faßt, seinem Volk das Glück zu sichern, welches seine Regierung geschaffen hat; einen Fürsten, der sich anschickt, dem von ihm aufgerichteten Gebäude die Krone der letzten Vollendung zu geben – der aber –«

»Der aber?« fragte der Kaiser, den Kopf noch höher erhebend und mit gespannter Erwartung aufblickend.

»Der aber,« fuhr Duvernois ruhig und ernst fort, »mit der Krönung des Baues beschäftigt, vergißt die Fundamente desselben gegen die finstern Gewalten zu schützen, welche dieselben langsam und systematisch untergraben.«

»Ich vergesse das nicht,« sagte Napoleon, »im Gegentheil arbeite ich daran, diesen Fundamenten, welche bisher auf dem einzigen Pfeiler meines persönlichen Willens und meiner persönlichen Kraft ruhten die breite und sichere Grundlage von Institutionen zu geben, durch welche die besten und edelsten Kräfte des Landes um den Thron meines Nachfolgers vereinigt werden sollen. Diese Institutionen sollen stärker sein als die persönliche Macht des Souverains, so daß, wenn auch ein kaum der Kindheit entwachsener Knabe der Erbe meiner Regierung wird, Frankreich ruhig und unerschüttert wie in den vergangenen Tagen seiner alten Könige rufen kann: Der Kaiser ist todt – es lebe der Kaiser.«

»Die edle Absicht Eurer Majestät,« erwiderte Clément Duvernois, »erkenne ich klar; ich erkenne nicht minder die hohe Weisheit, welche Ihre Entschlüsse dictirt hat und die Institutionen, welche Sie geschaffen, würden vollkommen geeignet sein das zu erreichen, was Eure Majestät bezwecken will, wenn – diese Institutionen und ihre Ausführung in anderen Händen lägen.«

Ein Zug von düsterm Unmuth erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er ließ den Kopf auf die Brust sinken und sprach mit dumpfem Ton:

»Und in wessen Hände sollte ich diese Institutionen legen? Wo sind die treuen Freunde, denen ich unbedingtes Vertrauen schenken kann? – Diejenigen, welche mit mir emporgestiegen waren, Diejenigen, welche mit mir die Zeit des Unglücks und Leidens getheilt hatten – sie sind todt. – Eine neue Zeit steigt um mich herauf, wie schwer ist es, eine Wahl zu treffen unter allen Denen, die ich nur als Höflinge des Kaisers aber nicht als Gefährten des Verbannten kennen gelernt habe.«

Er versank einen Augenblick in düsteres Schweigen.

»Doch,« sprach er dann, sich lebhaft emporrichtend, »sprechen Sie offen, Sie wissen, ich glaube an Ihre Aufrichtigkeit; haben Sie Grund den Männern zu mißtrauen, welche ich gegenwärtig in meinen Rath berufen habe, und welche, wie man mir allgemein sagt, das Vertrauen des Landes besitzen?«

»Mißtrauen?« sagte Clément Duvernois ein wenig zögernd, »ist ein hartes und schweres Wort; es enthält eine Anklage, die ich gegen Eurer Majestät Minister auszusprechen nicht unternehmen möchte. Erlauben mir Eure Majestät zunächst von den Personen abzusehen und ganz allgemein zu sprechen.

»Ich sehe vor mir – und ich sehe von unten herauf wo Eure Majestät nur von oben herab blicken – ich sehe vor mir die eigenthümliche Thatsache, daß die Macht der kaiserlichen Regierung sich in den Händen des dem Kaiserreich feindlichsten Princips befindet – in den Händen des Orleanismus –«

»Sie glauben,« fuhr der Kaiser heftig auf, »daß Graf Daru, daß Buffet mich verrathen könnten – daß sie mit den Orléans conspiriren?«

»Nein, Sire,« antwortete Clément Duvernois, »das glaube ich nicht. Graf Daru ist ein Ehrenmann und auch Herrn Buffet halte ich dafür; aber, Sire, diese Männer, die gewiß, nachdem sie Eurer Majestät Portefeuille angenommen haben, das Wohl des Kaiserreichs ernstlich erstreben, leben und denken in den Doctrinen des Orleanismus, daß heißt der constitutionellen Theorie, welche das Schattenbild parlamentarischer Repräsentation an die Stelle des wirklichen und eigentlichen Volkslebens setzt und am letzten Ende der Kette, welche sich durch diese Doctrinen Glied für Glied bis in das Cabinet Eurer Majestät fortsetzt, befindet sich die lenkende und leitende Hand der orleanistischen Conspiration. Ohne es zu wollen, ohne klar darüber zu denken, werden Eurer Majestät Minister von dieser Kette geleitet; blicken Eure Majestät um sich, die Männer der orleanistischen Doctrinen herrschen auf allen Gebieten des französischen Staatslebens und unter den Anhängern der Doctrinen befinden sich jedenfalls auch Anhänger der Personen. Die Partei des Umsturzes begreift vollkommen den Nutzen, den sie aus solchen Zuständen zieht.

»Eure Majestät kennen die Verbindung Rocheforts mit der orleanistischen Propaganda; – nicht daß diese Leute jemals das Königthum Louis Philippe's wieder herstellen wollten, aber sie benutzen die Agenten jenes Princips als ihre Vorkämpfer. Wenn es so weiter geht wie es bis jetzt gegangen ist, Sire, so wird ein Moment kommen, in welchem die ganze Macht der Regierung in den Händen der Orleanisten ruht und wenn dann von unten her ein mächtiger Stoß gegen die Staatsautorität gewagt wird, so kann es kommen – nach meiner Überzeugung wird es kommen, daß die Maschine den Dienst versagt und daß Eure Majestät auf Ihrer Höhe einsam und allein dastehen werden.

»Ich habe diese Frage,« fuhr er fort, »eingehend studirt; die Macht der Orleans ist groß, weit verzweigt und geschickt geleitet; es giebt keinen Ort in Frankreich, in welchem nicht ein Agent dieser Sache sich befindet. Zum großen Theil sind diese Agenten Besitzer von Buchdruckereien oder Buchhändler und sie versäumen keine Gelegenheit, das Vertrauen auf das Kaiserreich zu erschüttern.«

Der Kaiser stand auf – in zorniger Erregung zitterte sein Gesicht.

»Was wollen sie,« rief er, »diese Orleans, die fortwährend dahin gestrebt haben die bestehenden Gewalten zu stürzen, und die es nie verstanden haben sich die Herrschaft zu erhalten? – Glauben sie mit ihren schwächlichen Intriguen dieses Frankreich regieren zu können, das einer eisernen Hand unter einem Handschuh von Sammet bedarf?«

»Gewiß würden sie nicht fähig sein,« erwiderte Duvernois, »die Herrschaft fest zu halten, wenn sie je wieder in ihre Hände gelangen sollte, aber gewiß auch sind sie nicht geeignet, die kaiserliche Regierung gegen die Angriffe zu vertheidigen, welche von unten herauf gegen dieselbe gerichtet werden und – verzeihen Eure Majestät meine Offenheit – in diesem Augenblick liegen fast alle Vertheidigungsmittel des Kaiserreichs in den orleanistischen Händen und schon erhebt sich an den Grenzen Frankreichs die Candidatur Montpensiers – sollte dieselbe reüssiren, so werden mit veränderten Personen und unter veränderten Umständen die Zeiten der Beschwörung von Cellamare sich wiederholen.«

Der Kaiser setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl und blickte finster vor sich nieder.

Dann schlug er die Augen groß auf und sah Clément Duvernois mit einem so brennenden und forschenden Blick an, als wolle er in den Tiefen seiner Seele lesen.

»Und was kann ich thun?« fragte er. »Was müßte nach Ihrer Überzeugung geschehen, um einer solchen Beschwörung vorzubeugen und um den Schwerpunkt der Regierung wieder in meine Hände – in die Hände meiner Freunde zu legen?«

»Nach meiner Meinung,« erwiderte Duvernois, »ist der Weg dazu einfach. Wie die Personen dem Princip des Orleanismus folgend in die Regierung eingetreten sind, so wird dieselbe sich wieder vollständig nach dem Willen Eurer Majestät bilden, anstatt der geschiedenen Freunde werden neue erstehen, sobald das Grundprincip des Kaiserreichs wieder zu kräftiger Geltung kommt und zum Schwerpunkt der Regierung wird.

»Ich meine damit,« fuhr er fort, als der Kaiser ihn fragend ansah, »daß in diesem Augenblick das System des constitutionellen Doctrinarismus in Eurer Majestät Regierung maßgebend ist; die Minister halten mit den Rednern der Kammer dialektische Übungen; studiren Gesetzesparagraphen und deren Amendements und vergessen darüber, daß es außerhalb der Cabinette und außerhalb der Sitzungssäle der Kammern ein Volk giebt, – ein Volk, welches lebt und athmet, welches nicht aus Marionetten besteht und welches schließlich eine sehr laute Stimme und sehr kräftige Arme hat, um, wenn es die Geduld verliert, alle diese Kammerredner zu überschreien und eine Regierung, welche die Fühlung mit ihm verloren hat, zu zertrümmern. Wie unter der Regierung Louis Philippe's die ganze Geschichte Frankreichs sich zusammenfaßte in das constitutionelle Schaukelspiel zwischen Thiers und Guizot, wie endlich diese künstliche Maschinerie unter dem ersten Hauch einer ernsten Volksbewegung in Atome zerfiel, so läuft Eurer Majestät Regierung jetzt Gefahr, sich von dem Boden des realen Volkslebens loszulösen.

»Das Kaiserreich steht,« fuhr er immer ernster und lebhafter fort, während Napoleon mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörte – »das Kaiserreich steht auf dem Boden des allgemeinen Volkswillens, das ist Napoleonischer Boden; lassen sich Eure Majestät nicht hinüberlocken auf den Boden des Parlamentarismus, denn jener Boden gehört der orleanistischen Agitation.

»Wenn Eure Majestät,« sprach er nach einer kurzen Pause weiter, »sich fest und entschlossen wieder auf das Princip der Entstehung Ihrer Regierung und Ihrer Dynastie stellen, so werden mit den falschen Grundsätzen, die jetzt die Autorität zersetzen, zugleich auch die Personen verschwinden, welche von diesen Grundsätzen emporgetragen wurden; gerade auf diesem Gebiet können Eure Majestät die Probe machen, ob Diejenigen, welche Sie in Ihren Rath berufen haben, wirklich feste und unerschütterlich treue Diener des Kaiserthums und der Napoleonischen Dynastie sind.«

»Ich verstehe vollkommen,« sagte der Kaiser, »und finde in Ihren Gedanken Vieles was mit meinen Ideen übereinstimmt; doch möchte ich Sie bitten mir auch Ihre Meinung zu sagen über die Art und Weise, wie Sie glauben daß Ihre principiellen Anschauungen practisch ausgeführt werden können.

»Sie haben so tief und eingehend über den Kern der Fragen nachgedacht, welche die augenblickliche Situation bestimmen, daß ich überzeugt bin, Sie werden auch bereits die Mittel erwogen haben, durch welche Sie jene Fragen lösen zu können glauben.«

»Gewiß,« erwiderte Clément Duvernois, »habe ich auch darüber meine Gedanken zu ordnen versucht und ich glaube, daß auf eine einfache Weise Eure Majestät alle Unklarheiten der augenblicklichen Situation beseitigen können. Der Fehler dieser Situation,« fuhr er fort, während der Kaiser sich vorbeugte und mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörte – »der Fehler dieser Situation liegt darin, daß der Schwerpunkt des ganzen politischen Lebens allmälig ausschließlich in die parlamentarischen Körperschaften und in die Debatten der Kammern verlegt worden ist; nach meiner Überzeugung müssen Eure Majestät diesen Schwerpunkt wieder dahin zurückverlegen, wo die wahre Macht sich befindet und wo die kaiserliche Regierung und die kaiserliche Dynastie ihre einzig wahre und dauernde Stütze finden kann, in das Volk selbst.

»Es sind viele Änderungen in der Verfassung und in der Gesetzgebung des Kaiserreichs vorgenommen, Grund genug um das Volk zusammenzuberufen und durch ein Plebiscit alle diese Änderungen gut heißen zu lassen; ein solches Plebiscit wird dann zugleich auch von Neuem beweisen, daß das ganze Volk noch ebenso wie beim Beginn des Kaiserreichs hinter Eurer Majestät, Ihrer Regierung und Ihrer Dynastie steht. Vor einer solchen mächtigen Kundgebung der ganzen Nation wird jenes Gaukelspiel parlamentarischen Scheinlebens, in welchem die orleanistische Doctrin ihre Ausführung und die orleanistische Agitation ihren Halt findet, verschwinden.«

Der Kaiser hob den Kopf empor, seine Augen öffneten sich groß und weit und ein stolzes und freudiges Lächeln spielte um seine Lippen.

»Sie haben Recht, mein Freund,« sagte er mit leuchtendem Blick – »Sie haben Recht. Ihr Gedanke ist ebenso einfach als groß und wahr; ich habe neue Stützen, sichere Garantien für die Zukunft meiner Dynastie und für den Thron meines Sohnes gesucht, Sie zeigen mir den Weg, auf dem ich sie allein finden kann; Sie zeigen mir die breite und ewig feste Grundlage meines Reiches, diese Grundlage, welche mein großer Oheim verlassen hat und von welcher ich ebenfalls im Begriff war mich ablenken zu lassen. Ich danke Ihnen,« fügte er mit unendlich liebenswürdigem Ausdruck hinzu, »Sie haben mir in dieser Stunde einen großen Dienst geleistet, Sie haben Klarheit in die Ideen gebracht, die in meinem Geiste hin und her wogten und sobald die Klarheit der Erkenntniß da ist, läßt auch die Entschiedenheit des Handelns nicht auf sich warten.

»Ich werde meine Entschlüsse über die formelle Ausführung des Gedankens, den Sie mir so klar entwickelt haben, zur Reife bringen und den Ministern durch Ollivier mittheilen lassen.«

»Wenn Eure Majestät diesen Schritt thun,« sprach Clément Duvernois, »so wird sich auch die wahre Stellung der Personen deutlich erkennen lassen; diejenigen Ihrer Räthe, welche wirklich das volksthümliche Kaiserreich unterstützen, stärken und erhalten wollen, werden, wie ich überzeugt bin, mit Freuden auf dem Wege vorgehen, den Eure Majestät beschreiten wollen, diejenigen aber, welche den Doctrinen Ihrer Feinde dienen, werden verschwinden.

»Glauben Sie mir, Sire, die Probe wird zur Klarheit führen und wenn,« fügte er mit dem Anklang leisen Vorwurfs hinzu, »Eure Majestät Ihre alten Freunde verloren haben, so werden Sie sich überzeugen, daß auf der richtigen und wahrhaft großen Basis neue und ebenso treue Freunde Ihnen erstehen werden.«

Der Kaiser streckte Herrn Duvernois mit anmuthiger Bewegung die Hand hin und sprach:

»Davon, mein lieber Freund, habe ich mich schon in diesem Augenblick überzeugt. Sie haben mir den Beweis gegeben, daß ich noch über Hingebung und Vertrauen gebieten kann, Sie haben mir ohne Furcht und Rückhalt die Wahrheit gesagt.

»Doch,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort, »ich möchte noch über einen Punkt Ihre Meinung hören.

»Sie wissen,« sprach er langsam seinen Schnurrbart drehend, »daß das nationale Gefühl in Frankreich durch die preußischen Siege, durch die Herstellung des mächtigen preußischen Übergewichts in Deutschland tief verletzt ist; der militairische Ruhm und das militairische Übergewicht Frankreichs in Europa ist gewissermaßen eine Lebensbedingung einer Regierung, welche den Namen Napoleon führt und auf die Traditionen des großen Kaisers gestützt ist. Man räth mir von vielen Seiten und zwar von Seiten, deren Interesse an meiner Regierung nicht bezweifelt werden kann – die schwüle Luft, welche über Europa liegt, durch einen kräftigen Wetterstrahl zu klären und die militairische Stellung des napoleonischen Frankreichs wieder herzustellen.«

»Man räth Eurer Majestät,« fiel Clément Duvernois ein, »ganz einfach den Krieg gegen Preußen zu führen, diesen übermächtig gewordenen Staat in seine Grenzen zurückzuweisen und der Welt zu zeigen, daß ohne Frankreichs Genehmigung keine Veränderungen in dem Gleichgewicht Europa's sich vollziehen können; man räth,« fuhr er mit erhöhter Stimme fort, »um es mit einem Worte zu sagen, Eurer Majestät Das jetzt zu thun, was Sie – verzeihen Sie meine Kühnheit, Sire – unmittelbar nach der Schlacht bei Sadowa hätten thun sollen.«

Der Kaiser ließ die Augenlider herabsinken und sprach mit leiser Stimme:

»Und was meinen Sie zu diesem Rath?«

»Sire,« erwiderte Duvernois, »ich bin Franzose und bin ein treuer Anhänger der napoleonischen Dynastie – Eure Majestät können also darüber nicht im Zweifel sein, daß meinem Gefühl der Rath, den man Eurer Majestät ertheilt hat, in hohem Grade sympathisch ist, mein Herz würde aufwallen, mein Blut sich erwärmen, mein patriotischer Stolz sich freudig erheben, wenn ich die Armeen Frankreichs unter den kaiserlichen Adlern zu neuen Siegen ausziehen sehen würde und ich verkenne nicht, daß ein mächtiger Erfolg gegen diese an unsern Grenzen sich emporrichtende preußische Macht den Thron Eurer Majestät immer fester und dauernder in den Sympathieen des ganzen Volkes begründen würde – aber –«

»Aber?« fragte der Kaiser gespannt.

»Aber zuvor, Sire, möchte ich mir die Frage erlauben, sind Eure Majestät des Erfolges sicher, ist die Organisation und Schlagfertigkeit der französischen Armee wirklich auf der Höhe, um einem so furchtbaren Gegner wie Preußen mit der Gewißheit des Sieges entgegentreten zu können? Sind Eure Majestät ferner sicher, Preußen isoliren zu können und die Gegner, welche ihm 1866 gegenüber standen, zu einem neuen Kampf bestimmen zu können?

»Wenn Eure Majestät über diese Punkte völlig klar und sicher sind, dann ist der Krieg ein gutes Mittel, dann würde ein großer Sieg vielleicht besser als alle inneren Maßregeln die Schwierigkeiten der Lage beseitigen. Sind aber Eure Majestät eines solchen Erfolges nicht vollkommen sicher, müssen Sie befürchten, daß es dem so kühnen und so geschickten preußischen Staatsmann gelingen könnte, das gesammte Deutschland in einer nationalen Erhebung gegen Frankreich um sich zu versammeln, dann Sire um Gotteswillen keinen Krieg, denn, ich spreche abermals mit der vollkommenen Offenheit eines ergebenen Freundes, – ein unglücklicher Feldzug, eine Niederlage würde die Stellung Frankreichs in Europa für lange hinaus untergraben und zugleich im Innern alle Feinde des Kaiserreichs wie der staatlichen Ordnung überhaupt entfesseln.«

»Da liegt es,« sagte der Kaiser mit dumpfem Ton. »Wäre ich mein Oheim, vermöchte ich es selbst mit der Spitze meines Degens die Armeen Frankreichs zu lenken – ich würde mich wahrlich keinen Augenblick besinnen, auf diese einfachste Weise alle Schwierigkeiten zu lösen – aber kann ich das Schicksal meines Hauses, das Schicksal Frankreichs in die Hände meiner Generale legen, welche diesem Gegner noch niemals gegenüber gestanden haben? – Niel ist todt,« fuhr er fort, halb zu sich selbst sprechend, »ihm hätte ich mit vollem Vertrauen die Führung meiner Armee übergeben können. – Habe ich einen Niel? – Lebt sein Geist noch in den Schöpfungen, die er hervorgerufen? Man sagt mir, daß Alles bereit ist – man sagt mir, daß die französische Armee unüberwindlich sei, aber ein banges Mißtrauen erfüllt mich; und wenn es mißlänge – es wäre das Ende, ein va banque-Spiel um das Kaiserreich – um Frankreich – ein va banque-Spiel, bei dem man wohl Alles gewinnen, aber auch Alles verlieren kann.

»Der Oberst Stoffel,« fuhr er fort, »schreibt mir vortreffliche Berichte über die preußische Armee-Organisation – es ist nicht genug, daß die französische Armee wohl gerüstet sei, sie muß auch in der Tactik und Bewegung jener so wunderbaren Organisation ebenbürtig sein, welche König Wilhelm und die großen und genialen Interpreten seines Willens geschaffen haben, denn wir dürfen niemals vergessen, daß wir es in diesem Kriege nicht mit den Gegnern von Magenta und von der Krim zu thun haben würden, und diesem Grafen Bismarck gegenüber würde kein Villa Franca möglich sein.«

»Mir genügt,« sagte Clément Duvernois, »was Eure Majestät mir so eben gesagt haben; wenn in Ihrer Seele,« fuhr er fort, »nur der geringste Zweifel lebt, dann Sire, beschwöre ich Eure Majestät, das Würfelspiel des Krieges nicht zu wagen. Ein Sieg könnte niemals so großen Nutzen bringen, als eine Niederlage Unheil und Verderben anrichten würde, und für die Machtstellung des kaiserlichen Frankreichs in Europa würde der gewaltige Eindruck eines Plebiscits fast dem Siege auf einem Schlachtfeld gleich kommen; auf diesem Wege sind Sie des Erfolges sicher, Sire – deswegen gehen Eure Majestät diesen Weg und bereiten Sie langsam und vorsichtig eine militairische Aktion für die Zukunft vor, denn nicht immer wird ja diese preußische Militairmacht von dem Geiste geleitet werden, der heute an ihrer Spitze steht und es wird früher oder später die Zeit kommen, in welcher mit der Sicherheit des Erfolges auch das Schwert wieder in die Wagschale geworfen werden kann.«

Der Kaiser stand auf.

»Ich danke Ihnen, mein lieber Duvernois,« sagte er, »Sie sind auch in diesem Punkte meinen Ideen begegnet – Sie werden sich überzeugen, daß ich diesen Ideen gemäß handeln werde und ich hoffe, daß Sie mich mit Ihrer so gewandten und scharfen Feder unterstützen werden.

»Ich wünsche und hoffe,« fuhr er mit freundlichem Lächeln fort, indem er Duvernois auf die Schulter klopfte, »daß Sie mir dereinst noch näher treten und mir auf höherem und weiterem Gebiet zur Seite stehen werden.«

Clément Duvernois verneigte sich tief und sprach mit dem Ausdruck stolzer Befriedigung:

»Wohin immer Eure Majestät mich zu stellen für gut befinden werden, meine ganze Hingebung, meine ganze Aufopferung und vor Allem meine ganze Aufrichtigkeit werden Ihnen immer gehören.«

Er zog sich langsam zurück, verneigte sich an der Thür noch einmal tief vor dem Kaiser, der ihm mit freundlichem Kopfnicken zulächelte und verließ das Cabinet.

»Er hat Recht,« sagte Napoleon, in seinen Lehnstuhl zurücksinkend – »er hat Recht; ich habe nicht mehr zu erkämpfen, sondern zu erhalten; ich darf das große Spiel nicht spielen, zu dem man mich drängen möchte und zu dem ich,« sagte er mit düsterer Traurigkeit, »nicht mehr die Kraft in mir fühle.«

Der Huissier öffnete die beiden Thürflügel und rief:

»Ihre Majestät die Kaiserin!«

Napoleon seufzte tief auf, erhob sich und ging seiner Gemahlin entgegen.

Drittes Capitel.

Ihre Majestät die Kaiserin Eugenie trat raschen elastischen Schrittes in das Cabinet.

Das röthlich blonde Haar der Kaiserin war in reichen Flechten über ihrer edlen hochgewölbten Stirn wie ein natürliches Diadem zusammengewunden. Das antik klassisch geschnittene Gesicht der Kaiserin, mit dem wunderbar zarten, perlmutterschimmernden Teint zitterte in zorniger Bewegung, ihre großen dunkelblauen Augen flammten in glühendem Feuer.

Sie trug einen einfachen dunkelgrauen Morgenanzug ohne allen Schmuck und reichte mit einer anmuthigen aber etwas hastigen und unruhigen Bewegung ihrem Gemahl die Hand hin, welche dieser mit ritterlicher Galanterie an seine Lippen führte.

»Ich habe so eben,« sagte der Kaiser, »recht schmerzlich die Macht der Zeit und des Alters empfunden, aber wenn ich Sie, meine ewig junge und schöne Gemahlin ansehe, möchte ich fast an dieser Macht zweifeln. Warum können Sie,« fügte er mit einem leicht wehmüthigen Lächeln hinzu, »Ihr Geheimniß, der Zeit zu trotzen, mir nicht mittheilen? Niemand hat unvergängliche Jugend nöthiger als ein Regent auf dem Thron dieses unruhigen Frankreichs.«

»Ich hoffe,« rief die Kaiserin mit leicht zitternder Stimme, indem sie sich in einen Lehnstuhl warf, »daß Sie jene Jugend und Energie wiederfinden werden, um aller dieser Feinde Herr zu werden, welche sich gegen uns erheben. Es ist dahin gekommen,« fuhr sie immer lebhafter fort, »daß man in diesem so leicht beweglichen Paris nicht mehr von dem Kaiser spricht, sondern daß Herr Rochefort, dieser elende Pamphletist, den Mittelpunkt des Interesses bildet. Haben Sie bereits ausführlichere Nachrichten über die Unruhen empfangen, welche gestern Abend in der Stadt stattgefunden?

»Die Verhaftung dieses Rochefort ist auf recht ungeschickte Weise vorgenommen, sie hat diesen Nichts bedeutenden Menschen noch populärer gemacht und dazu beigetragen, von Neuem die Tiefen aufzuwühlen und den Haß gegen die Regierung zu schüren.«

»Ich habe gehört,« erwiderte der Kaiser ruhig, »daß einige Unruhen stattgefunden haben, indessen scheint mir das nicht von Bedeutung gewesen zu sein; ausführliche Berichte habe ich noch nicht erhalten.«

»Schlimm genug,« rief die Kaiserin, »daß man Ihnen das noch nicht erzählt hat; es scheint, daß in Ihrer Umgebung eine gewisse Neigung vorherrscht, Ihnen Alles im rosigsten Licht darzustellen.

»Statt Rochefort,« fuhr sie fort, »in aller Stille abzuführen, statt ihn einfach verschwinden zu lassen, hat man ihn mitten aus einer aufgeregten Menge herausgenommen und ihm Gelegenheit gegeben, eine Märtyrer-Rolle zu spielen; in der ganzen Stadt herrscht, wie man mir erzählt, eine sehr bedenkliche Aufregung.«

Der Kaiser lächelte.

»Wenn Sie meiner Umgebung vorwerfen, Eugenie,« sagte er, »daß man mir die Lage und die Ereignisse des Tages zu günstig darstellt, so scheint bei Ihnen das Gegentheil stattzufinden. Ihnen gegenüber scheint man kleine unbedeutende Dinge zu großen Erschütterungen anschwellen zu lassen.

»Doch hören wir,« sagte er mit artiger Verbeugung gegen seine Gemahlin, »den genauen Bericht.«

Er trat zu der Portière, welche die Thür zu dem Zimmer seines Geheimsecretairs maskirte und nach kurzer Zeit trat auf seinen Ruf Herr Pietri, ein noch junger schlanker Mann mit blassem intelligentem Gesicht, mit einem kleinen Schnurrbart und Knebelbart und von der Stirn zurückgestrichenem Haar in das Cabinet.

Herr Pietri verneigte sich tief vor der Kaiserin, welche mit leichtem Kopfnicken seinen Gruß erwiderte und blieb schweigend stehen, die Anrede des Kaisers erwartend.

»Ist ein genauer Bericht über die Ereignisse des gestrigen Abends und der Verhaftung Rocheforts eingegangen?« fragte Napoleon.

»Zu Befehl, Sire,« erwiderte Herr Pietri »Die Ruhestörungen sind nicht ganz unbedeutend gewesen, doch scheint in diesem Augenblick Alles beendet.«

»Wie hat man Rochefort verhaftet?« fragte der Kaiser, indem er sich neben seine Gemahlin in einen Fauteuil setzte.

»Man hat gestern Abend um acht Uhr, Sire,« sprach Herr Pietri, »in der Rue des Flandres Rochefort in dem Augenblicke arretirt, als er in das dortige Versammlungslocal der radicalen Partei eintreten wollte; am Eingange des Saales standen zahlreiche Personen, welche auf die Aufforderung von Flourens Miene machten, sich den Polizeiagenten gewaltsam zu widersetzen. Rochefort forderte sie jedoch auf sich ruhig zu verhalten und stieg ohne Widerstand mit den Beamten in den Wagen, um nach dem Gefängniß von St. Pélagie geführt zu werden. Die im Innern des Saales tagende Versammlung wurde zugleich aufgelöst, wobei es zu heftigen Scenen kam, man insultirte den Polizeibeamten, welcher das Auflösungsdecret verlas und vertheilte sich dann in heftiger Bewegung und unter lautem Tumult nach verschiedenen Seiten. Es kam in der Rue Aboukir, im Faubourg du Temple, namentlich aber in Belleville zu Volksansammlungen und lebhaften Demonstrationen; um Mitternacht wurden einige Detachements der Garde de Paris und Truppen nach Belleville abgesandt; daselbst war eine Barrikade gebaut, welche mit den Waffen in der Hand genommen wurde; es sind auf beiden Seiten schwere Verwundungen vorgekommen, bereits um Mitternacht sind zweihundert Gefangene nach der Präfectur gebracht – auch an einigen andern Orten wurden Versuche zum Barrikadenbau gemacht, aber durch das Einschreiten der Truppen sofort vereitelt. Gegen Mitternacht zogen große Haufen von Arbeitern nach der Fabrik Lefaucheur in der Rue Lafayette, plünderten dieselbe und nahmen ungefähr dreihundert Revolver und fünfzig Gewehre mit sich fort. Die Boulevards waren bis gegen Morgen sehr belebt, verschiedene Laternen sind zerbrochen, verschiedene Kioske umgeworfen, doch ist jetzt Alles beendet.«

»Sie sehen,« sagte die Kaiserin, »daß die Sache ernst ist; wenn man erst den Anfang hat machen können, ungestraft die Gewehrfabriken zu plündern, wenn auf diese Weise die Aufrührer in den Besitz von vortrefflichen Waffen kommen, so läßt sich gar nicht berechnen, welche Dimensionen eine solche Bewegung annehmen kann.«

Der Kaiser schüttelte mit mißmuthigem Ausdruck den Kopf.

»Es scheint allerdings, mein lieber Pietri, daß man bei der Verhaftung Rocheforts recht ungeschickt verfahren ist. Warum hat man ihn nicht am Ausgang des Corps legislativ arretirt oder in der Nacht aus seiner Wohnung geholt? Der ungeeignetste Ort ihn zu fassen war jedenfalls eine große Volksversammlung, von welcher aus sich naturgemäß die unruhige Bewegung über ganz Paris verbreiten mußte. Schreiben Sie sogleich an Ollivier und verlangen Sie Auskunft darüber, warum man diesen nach meiner Ansicht ungeeignetsten Weg eingeschlagen hat?«

Pietri verneigte sich.

»Ich bedaure sehr,« sagte der Kaiser, sich zu seiner Gemahlin wendend, »daß ich mich überhaupt habe bestimmen lassen, meine Genehmigung zu dem Strafverfahren und zur Verhaftung Rocheforts zu geben; man hat dadurch diesen an sich so unbedeutenden Menschen groß und einflußreich gemacht. Schon das Verbot der ›Laterne‹ war ein Fehler; dieses an sich ziemlich geist- und witzlose Machwerk wäre von selbst untergegangen, wenn man sich nicht darum gekümmert hätte.«

»So hätten Sie lieber ruhig zusehen wollen,« rief die Kaiserin mit flammenden Augen, »daß elende Pamphletisten nicht nur die Autorität der Regierung angreifen, sondern sogar die Personen nicht schonen daß sie es wagen, sogar Sie selbst, mich Ihre Gemahlin und Ihren Sohn mit Schmutz zu bewerfen? Wenn so etwas in Paris ungestraft geschehen darf, wie soll man in dem übrigen Frankreich, wie soll man im Auslande noch an die Macht der kaiserlichen Regierung glauben?

»Und in der That,« fügte sie bitter hinzu, »man fängt bereits an, diesen Glauben zu verlieren.«

Der Kaiser neigte leicht das Haupt gegen Pietri:

»Haben Sie die Güte,« sagte er, »den Brief an Ollivier sogleich abgehen zu lassen.«

Pietri entfernte sich mit tiefer Verbeugung.

»Sie müssen einen ernsten Entschluß fassen, Louis,« sagte die Kaiserin. »Die Zustände können unmöglich so weiter bestehen. Es ist eine Zügellosigkeit, eine Frechheit bei den Agitatoren und den von ihnen geleiteten unteren Volksklassen entstanden, welche stets wachsen müssen und uns endlich verderben werden, wenn nicht schleunigst Einhalt gethan wird.«

»Aber Sie sehen ja,« sagte der Kaiser, »daß mit aller Energie vorgegangen worden ist; hat man auch etwas ungeschickt gehandelt, so ist doch die Autorität der Regierung mit leichter Mühe Sieger geblieben.«

»Sie ist es heute geblieben,« sagte die Kaiserin, »sie wird es morgen noch bleiben, aber der Zeitpunkt kann vielleicht bald kommen, in welchem man nicht mehr Herr über die Bewegung sein wird, denn wir befinden uns dieser Bewegung gegenüber in der Defensive und das ist eine schlimme Position; es muß mit einem großen, gewaltigen und kühnen Schlage mit dem Allen ein Ende gemacht werden. Sie müssen die Verhältnisse mit fester und entschlossener Hand da anfassen, wo der Schlüssel zu all dieser Unsicherheit und all diesen schwankenden Bewegungen liegt –«

– »Und dieser Schlüssel liegt?« fragte Napoleon, mit der Hand über seinen Knebelbart streichend.

»Er liegt in dem tiefen Gefühl,« rief die Kaiserin, »welches ganz Frankreich durchzieht, und welches Ihre besten und treusten Freunde erfüllt, daß die Macht und das Ansehen des Kaiserreichs, daß Ihr persönliches Prestige in Europa schwer erschüttert ist, ja täglich von Neuem verhöhnt wird durch diese täglich anmaßender auftretende preußische Macht.«

Ein Zug schmerzlicher Ermüdung erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er zuckte fast unmerklich die Achsel und sagte:

»Aber glauben denn die Partisane des Krieges, welche« – fügte er mit einer ganz feinen Nüance leichter Ironie hinzu – »es so vortrefflich verstehen, Ihnen ihre Ideen einzuflößen, – glauben sie denn, daß ich de but en blanc an die Grenzen marschiren und Preußen den Krieg erklären könnte? Dazu gehören doch vor Allem sehr ernste militairische Vorkehrungen dazu gehört denn doch auch ein Kriegsgrund, welcher ebenfalls mit Geschicklichkeit vorbereitet werden muß.« –

»Zu den militairischen Vorbereitungen,« sagte die Kaiserin, »sollten Sie, wie ich glaube, seit der Schlacht bei Sadowa Zeit genug gehabt haben; es ist allerdings ein großes Unglück, daß der vortreffliche Niel gestorben ist, aber bereits vor mehr als einem Jahr erklärte er unsere Armee für vollkommen schlagfertig –«

»Seit jener Zeit ist eben mehr als ein Jahr verflossen,« fiel der Kaiser ruhig ein, »und in diesem Zeitraum hat sich,« sagte er seufzend, »die Leitung der Armee leider nicht mehr in Niels Händen befunden.« –

»Und was den Kriegsgrund betrifft,« sprach die Kaiserin lebhaft weiter, ohne die Bemerkungen ihres Gemahls zu beachten, »so liegt Ihnen derselbe ja völlig fertig zur Hand. Der Prager Frieden ist unter der Garantie Frankreichs geschlossen worden und Preußen verletzt täglich die Bestimmungen jenes Friedensvertrages. Man giebt den armen Dänen ihr Recht nicht, welche Frankreich vertraut haben und auf Frankreich hoffen und in Süddeutschland ist die Stimmung eine tief erbitterte; täglich werden dort Versuche gemacht, in die durch den Prager Frieden garantirte Selbstständigkeit der Staaten einzugreifen; auch dort erwartet man nur eine kräftige Action Frankreichs, um diese gewaltsamen Schöpfungen von 1866 wieder zu zertrümmern.«

»Sind Sie so genau über die Stimmung in Süddeutschland unterrichtet?« fragte der Kaiser. »Ich habe nicht ein so absolutes Vertrauen auf den Beistand, den wir dort finden können.«

»Die ganze katholische Kirche in Bayern,« sprach die Kaiserin weiter, »ist von tiefem Haß gegen Preußen erfüllt und wenn Frankreich für die genaue Erfüllung des Prager Friedens eintreten würde, so würden alle jene Besiegten von 1866, bei denen noch die Traditionen aus der Zeit Napoleons I. mächtig sind, Frankreich als seinen Retter begrüßen.«

Der Kaiser schüttelte bedenklich den Kopf und schwieg einige Augenblicke in Gedanken versunken, während die Kaiserin ihn forschend und ungeduldig ansah.

»Ich verkenne nicht,« sagte er dann, »daß eine geschickte Behandlung der Verhältnisse, welche der Prager Frieden geschaffen, uns einen guten Grund zum Kriege bieten kann, bei welchem es sich auch vermeiden läßt das deutsche Nationalgefühl auf die Seite unserer Gegner zu bringen. Doch das Alles verlangt ruhige und ernste Erwägung, da wir vor Allem vermeiden müssen, vor den Augen des übrigen Europa als die Störer des Weltfriedens dazustehen und zu diesen Vorbereitungen scheint mir jetzt nicht der geeignete Augenblick.«

»So wollen Sie warten,« rief die Kaiserin, »bis die Wogen der inneren Unruhen immer übermächtiger heranschwellen? – bis endlich die ganze Welt sagen wird, Sie machten den Krieg nur, um einen Ausweg zu suchen aus den Verlegenheiten, in welche wir immer tiefer versinken?« –

»Um den Krieg vorzubereiten,« sagte Napoleon, seinem inneren Gedankengange folgend – »muß ich mit Männern umgeben sein, welche den Krieg wollen. – Glauben Sie,« fragte er, die Augen groß aufschlagend und seine Gemahlin fest anblickend – »glauben Sie, daß Daru der geeignete Mann ist, um den Kriegsfall diplomatisch vorzubereiten? Halten Sie Ollivier für geeignet, den Krieg im Lande selbst populär zu machen – diese Männer der parlamentarischen Doctrin, deren Lebensbedingung der Friede quand même ist?« –

»Daru?« rief die Kaiserin. »Warum ist Daru Ihr auswärtiger Minister? Warum haben Sie diesen mit den Orleans so eng verbundenen Mann neben sich, der, obgleich er den Namen des großen Kaisers trägt, doch keinen von den Instincten in sich hat, welche einen Minister des napoleonischen Frankreichs erfüllen müssen.

»Und Ollivier,« sprach sie mit einem feinen Lächeln von unbeschreiblichem Ausdruck – »nun, Ollivier wird Ihnen vortreffliche Reden voll Eloquenz und Begeisterung für den Krieg halten, wenn Sie ihn nur richtig zu nehmen wissen – oder wenn Sie ihn mir überlassen wollen, und wenn dieser Mann des Friedens den Krieg predigt – so wird sich doch ganz Frankreich überzeugen, daß der Krieg eine Nothwendigkeit ist.«

»Und wenn Graf Daru abträte?« sagte der Kaiser – »wen habe ich, um an seine Stelle zu setzen, wo finde ich den Mann, der die Kühnheit hat, eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen und zugleich das Ansehen, um Frankreich mit sich fortzureißen?«

»Ich glaube,« sagte die Kaiserin, »daß ein solcher Mann nicht zu schwer zu finden sein würde; ich würde um die Wahl nicht in Verlegenheit sein und Sie haben ja selbst schon früher an Denjenigen gedacht, welcher mir im Sinne liegt –«

Der Kaiser blickte fragend zu seiner Gemahlin hinüber.

»Grammont,« sagte diese, »ist tief durchdrungen von der Überzeugung, daß nur ein großer nationaler Krieg den Fehler von 1866 wieder gut machen und Frankreich wiederum auf seine alte Höhe heben kann. Grammont kennt auf das Genaueste die Verhältnisse in Österreich, der einzigen Macht, auf welche wir direct oder indirect bei unserer Action rechnen können; Grammont ist aufrichtig und ohne Rückhalt dem Kaiserreich und unserer Dynastie ergeben und sein Name hat einen guten Klang im Lande, da er mit allen großen ruhmreichen Epochen der Vorzeit verknüpft ist. Grammont ist ein ritterlicher und fester Charakter – warum lassen Sie Grammont in Wien? Setzen Sie Grammont an Daru's Stelle und Alles wird sich von selbst machen.«

»Sie könnten Recht haben,« sagte Napoleon, indem er seinen Blick vollständig unter den herabsinkenden Augenlidern verschleierte – »lassen Sie mich darüber nachdenken –«

»Nur darf dieses Nachdenken,« rief die Kaiserin aufstehend, »nicht zu lange dauern. Ich bitte Sie Louis,« rief sie, nahe an ihn herantretend, indem sie den Arm auf seine Schulter legte und ihn mit fast zärtlichen Blicken ansah – »ich bitte Sie, denken Sie, daran, daß es sich nicht nur um unser Ansehen und unsere Macht handelt, sondern daß auch die Zukunft unseres Sohnes, unseres einzigen Kindes in Frage steht. – Die Armee, diese edle französische Armee ist unsere einzige Stütze wie sie einst die seinige sein wird – und die Armee beginnt unzufrieden zu werden über die lange Unthätigkeit, über die untergeordnete Stellung, zu welcher das militairische Frankreich in Europa herabgedrückt wird. Unser Kind ist der Armee noch fremd, aber er ist groß genug, um in einem nationalen Feldzuge in der Mitte der Truppen hinauszuziehen.

»Denken Sie, daß die französische Armee in großen, siegreichen Schlachten unser theures Kind in ihren Reihen sieht, daß sein Name sich verknüpft mit ihrem Ruhm und ihren Lorbeeren, dann,« – rief sie, indem ihr Auge begeistert aufleuchtete, »dann wird keine Bewegung im Innern, kein Rochefort, kein Flourens im Stande sein, ihm das Erbe streitig zu machen, das Sie für ihn durch die Arbeit eines halben Lebens geschaffen haben.«

Der Kaiser drückte seine Lippen auf die marmorweiße Stirn seiner Gemahlin und strich langsam mit der Hand über ihr weiches, goldschimmerndes Haar. –

»Ich danke Ihnen, Eugenie,« sagte er sanft und innig, »daß Sie in meine alternde Seele das Feuer und die Kraft der Jugend gießen. Lassen Sie mich alle Fragen der Situation ruhig prüfen und überlegen und glauben Sie, daß der Funke, den Sie in diesem Augenblick in mir entzündet, nicht erlöschen wird.«

Sie lehnte den schönen Kopf an seine Schulter und blieb einige Augenblicke schweigend neben ihm stehen.

»Ich will jetzt,« sagte Napoleon dann, »ein wenig ausfahren und die Boulevards besuchen; man soll nicht sagen, daß ich im Alter gelernt habe, mich vor dem Aufruhr und der Gefahr zu fürchten – ich will festen Blickes diesem Volk von Paris in's Auge sehen; man soll erkennen, daß ich noch Vertrauen auf meine Kraft und auf meinen Stern habe.«

»Ich weiß es, Louis,« sagte die Kaiserin, ihm die Hand drückend, »daß die Furcht in Ihrer Seele keinen Platz hat und ich bitte Gott, daß es mir vergönnt sein möge, Sie noch einmal von siegreichen Schlachtfeldern lorbeergekrönt zurückkehren zu sehen.«

Der Kaiser geleitete sie bis zur Thüre und küßte sie nochmals innig auf die Stirn.

»Meine Gemahlin möchte ein wenig die Leitung in die Hand nehmen, wie es scheint,« sagte er, als die Kaiserin das Cabinet verlassen hatte, langsam auf- und niederschreitend. »Sie hat bereits diesen Ollivier, der eifrigst Alles thut, was sie will. Sie hat Recht, er würde auch den Krieg predigen, wie er schließlich Alles vertheidigen würde, was ihm Gelegenheit giebt eine schöne Rede zu halten und seinem Ehrgeiz und seiner Eitelkeit schmeicheln zu lassen. Nun will sie auch noch Grammont. – Grammont ist kein Ollivier, er ist ein edler und ritterlicher Charakter, aber sein Geist haftet an der Oberfläche der Dinge. Es ist ihm unmöglich, sich in die Ursachen und Consequenzen der Ereignisse zu vertiefen. Grammont und Ollivier würden den Krieg machen, das ist wahr. – Sie würden auch in einem augenblicklichen Elan den Nationalgeist mit sich fortreißen. Aber wohin würde dieser Krieg führen? Würden jene Männer im Stande sein, im Falle des Unglücks den Widerstand zu organisiren, die Nation um mich fest zu halten? –

»Nein, nein,« sagte er mit fest entschlossener Stimme, »noch sehe ich die augenblickliche Nothwendigkeit einer kriegerischen Action nicht ein. – Sie wird freilich täglich näher an mich herantreten,« sprach er seufzend, »und entziehen werde ich mich ihr nicht können. Dann aber soll wenigstens die Leitung der Angelegenheiten in festen und entschlossenen Händen liegen. –

»Ich will mit Drouyn de L'huys sprechen. – Er hat auch gewisse Beziehungen zwischen den Orleans,« sprach er leise in tiefen Gedanken, »aber immerhin ist er ein ehrlicher, fester, entschiedener Mann, der es versteht das durchzuführen, was er beginnt – Eugenie liebt ihn nicht, ich weiß es. Aber auf persönliche Neigung oder Abneigung meiner Gemahlin kann es in einer so ernsten Frage, bei welcher die ganze Existenz des Landes auf dem Spiel steht, nicht ankommend.«

Er bewegte die Glocke.

»Ich will ausfahren,« sprach er zu dem eintretenden Kammerdiener. – »Große Attelage, offene Kalesche! Ist der General Favé da?«

»Der General wartet im Vorzimmer.«

»Führen Sie ihn herein!«

Der Kammerdiener öffnete die Thür.

Der General Favé im schwarzen Morgenanzuge trat ein.

Der Kaiser ließ sich seinen Hut und einen warm gefütterten Morgenanzug reichen, nahm ein spanisches Rohr und stieg, sich leicht auf den Arm des Generals stützend, die Treppe hinab. Die offene Kalesche mit dem schwarzen Viergespann fuhr unter das Zeltdach des Einganges.

Langsam und etwas schwerfällig mit leichtem schmerzlichem Zucken in seinem Gesicht stieg der Kaiser in den Wagen und setzte sich vorsichtig nieder.

General Favé nahm zu seiner Seite Platz. – Die Piqueurs sprengten voran und schnell fuhr die kaiserliche Equipage aus dem Ehrenhof der Tuilerien.

Als der Kaiser an den Anfang der Boulevards bei der Madeleinekirche gekommen war, befahl er langsam zu fahren.

Schnaubend und ungeduldig gingen die edlen Thiere des kaiserlichen Gespanns im Schritt über die Mitte der großen Boulevards hin, während die Piqueurs etwa dreißig Schritt vorausritten. Die Vorübergehenden blieben stehen. Es umgab eine dichte Menschenmasse den kaiserlichen Wagen. Die Menge befand sich in der unmittelbaren Nähe des Kaisers. Die sergeants de ville, die den Dienst auf den Boulevards thaten, wollten die Herandrängenden zurückweisen.

»Laissez approcher!« sagte Napoleon mit lauter Stimme, indem er zugleich den Hut erhob und die Menge mit freundlichem Lächeln begrüßte.

Erst einzelne Stimmen, dann ein tausendstimmiger Ruf antwortete mit lautem: »Vive l'Empereur!« auf diesen Gruß.

Ein einfach gekleideter Mann aus dem Volke stieg auf den Tritt des kaiserlichen Wagens, schwenkte den Hut in der Luft und rief mit laut schallendem Ton:

»Es lebe der Kaiser, die Kaiserin, der kaiserliche Prinz. Nieder mit den Meuterern!«

Diese Rufe wiederholten sich weit hin über die Boulevards.

Langsam fuhr der Kaiser die ganze Linie hinunter, immer begleitet von einer stets anwachsenden und immer lauter rufenden Menge, immer mit der Hand und freundlichem Kopfnicken grüßend.

»Sehen Sie,« sagte er lächelnd, sich zum General Favé wendend, »alle diese Unruhen haben Nichts zu bedeuten. Jeder Mann konnte mich hier mit einem Dolch oder mit einer Kugel erreichen, und alle diese Leute grüßen mich und rufen mir ihre Anhänglichkeit und Treue entgegen. Man muß diesem Geist der Revolution nur ruhig in's Auge sehen, dann verliert er sofort seine großen und gefährlichen Dimensionen.«

Der Wagen war am Ende der Boulevards angekommen.

»Nach Belleville!« rief Napoleon.

Er grüßte noch einmal mit dem Hute, noch einmal brach die ganze versammelte Menschenmenge in ein lautes, volltönendes »Vive l'Empereur!« aus und in raschem Trabe fuhr der Wagen nach jenen von der arbeitenden Bevölkerung der Residenz bewohnten Gegenden.

»Fürchten Eure Majestät nicht,« sagte der General Favé, »daß in jenem unruhigsten Viertel von Paris irgend etwas Feindliches zu besorgen wäre? Wir haben keine Bedeckung, nicht einmal Waffen bei uns,« fügte er mit etwas ängstlicher Miene hinzu.

»Wer die Gefahr fürchtet, wird ihr unterliegen,« antwortete der Kaiser, stolz den Kopf erhebend. »Lassen Sie uns ruhig diese Spazierfahrt machen. Wir haben Nichts zu besorgen und Frankreich muß erkennen, daß ich mich noch als seinen Herrn fühle.«

Man war in Belleville angekommen.

Abgebrochene Laternenstangen, zerschlagene Fenster, stellenweis zerstörte Trottoirs zeugten noch von der Unruhe der letzten Nacht. Wenige Menschen gingen auf der Straße, an den Thüren der Häuser standen meist Frauen und Kinder, welche neugierig der kaiserlichen Equipage nachsahen; hinter denselben erblickte man finstere Gesichter mit verworrenem Haar und struppigen Bärten, welche ihre düstern Blicke mit dem Ausdruck finstern Hasses auf den kaiserlichen Wagen richteten. Alles verhielt sich schweigend, kein grüßender Ruf ertönte, aber auch kein Laut feindlicher Kundgebung ließ sich hören.

Man kam an eine in der Nacht vorher errichtete und von den Truppen genommene Barrikade. Einige Arbeiter in Blousen waren unter der Aufsicht von sergeants de ville beschäftigt, die Trümmer derselben hinweg zu räumen, welche aus dem Holz von umgeworfenen Kiosken, zerbrochenen Fiakern und Asphaltstücken des Trottoirs bestanden.

Der Kaiser ließ halten.

An den Fenstern des nächsten Hauses erschienen in großer Anzahl jene düsteren, feindlich blickenden Gesichter, welche man in dem eleganten glänzenden Theil von Paris nur dann erblickt, wenn die aufgährenden Wogen der Revolution aus den Tiefen heraufdringen. Der Kaiser befragte den Führer der sergeants de ville, welcher in dienstlicher Haltung an den Wagenschlag herangetreten war, genau nach allen Details der nächtlichen Vorgänge, dann ließ er den Blick über die Fenster hinschweifen.

Kleine Gruppen von Menschen waren auf der Straße stehen geblieben. Napoleon grüßte artig mit der Hand hinüber, aber kein Ruf antwortete ihm. Alle diese Männer und Frauen blickten finster und unbeweglich vor sich hin.

»Vorwärts!« befahl Napoleon.

Die Pferde zogen an, und langsam bewegte sich der Wagen über die noch nicht ganz fortgeräumten Trümmer der Barrikaden.

Da ertönte aus einem der umliegenden Häuser wie aus der Luft herklingend eine tiefe, rauhe und heiser tönende Stimme.

»Fahre hin, blutiger Cäsar! Das Volk, das Du gemordet, erwartet Dich vor dem Richterstuhl der Geschichte!«

Der Kaiser zuckte zusammen.

»Halt!« rief er.

Sein Wagen stand unbeweglich. Keine Bewegung zeigte sich an den Fenstern. Die verschiedenen Menschengruppen auf der Straße standen starr und still. Niemand schien die Worte gehört zu haben, welche eben so schauerlich durch die Luft klangen. Der Kaiser ließ den brennenden Blick seiner großen düster aufleuchtenden Augen rings umher schweifen.

Die sergeants de ville wollten auf die Menschengruppen nach der Seite hin, von welcher man jene Stimme vernommen hatte, zueilen.

»Man soll keine Nachforschungen anstellen,« sagte Napoleon kalt und ruhig.

Dann legte er sich in den Wagen zurück, blickte einige Minuten auf die Trümmer der Barrikaden, grüßte nochmals mit würdiger Handbewegung die an der Seite der Straße stehenden Gruppen und befahl endlich, weiter zu fahren.

Schweigend und in Gedanken versunken fuhr der Kaiser über die äußern Boulevards durch den Parc de Monceau nach der rue François premier. An der Ecke dieser Straße hielt der Kutscher, welcher von dem General Favé seine Instructionen erhalten hatte, vor einem großen Hause die Pferde an.

Das Thor des Hauses öffnete sich, Lakaien eilten heraus und traten dienstfertig an den Schlag des kaiserlichen Wagens.

»Ist Herr Drouyn de L'huys zu Hause?« fragte der Kaiser.

»Zu Befehl, Sire.«

Napoleon stieg aus und trat, auf den Arm des Generals gestützt, durch das große Eingangsthor in einen innern elegant gepflasterten Hof, an dessen Langseite eine breite Steintreppe von vier bis fünf Stufen in das Innere des Hotels führte.

In dem Vestibule des Hauses erschien schnell herbeieilend der frühere langjährige Minister der auswärtigen Angelegenheiten, jetziger Senator und Mitglied des Geheimen Raths, Herr Drouyn de L'huys. Seine Gestalt war etwas voller, seine Bewegungen etwas schwerfälliger geworden; sein kurzes Haar und sein Backenbart erschienen fast weiß, aber der Ausdruck und die Farbe seines kräftigen, etwas phlegmatischen Gesichts zeigten noch immer eine fast jugendliche Frische, und die kleinen, klaren, grauen Augen blickten lebhaft und geistvoll unter den starken Augenbrauen hervor.

Herr Drouyn de L'huys verneigte sich mit würdevoller Ruhe vor dem Kaiser und sprach mit seiner vollen und klaren aber etwas leisen Stimme:

»Ich bitte um Verzeihung, Sire, daß ich Eure Majestät nicht schon am Wagenschlag empfangen habe. Aber ich bin durch die Ehre Ihres Besuchs so vollständig überrascht, daß ich kaum die Zeit hatte, Ihnen entgegen zu eilen.«

»Ich sehne mich Sie zu sehen, mein lieber Herr Drouyn de L'huys,« sagte der Kaiser, seinem frühern Minister die Hand reichend, die dieser ehrerbietig ergriff. »Da Sie sich selten in die Tuilerien machen, so muß ich wohl zu Ihnen kommen.«

Herr Drouyn de L'huys war dem Kaiser vorgeschritten.

Sie traten in den großen Empfangssalon.

»Madame Drouyn de L'huys wird sogleich bereit sein, vor Eurer Majestät zu erscheinen, sie ist noch mit ihrer Toilette beschäftigt.«

»Ich bitte Sie,« sagte der Kaiser, »Ihre Gemahlin nicht zu derangiren. Lassen Sie uns in Ihr Cabinet gehen, ich möchte ein wenig mit Ihnen plaudern. Der General wird die Güte haben mich hier zu erwarten.«

Drouyn de L'huys verneigte sich und führte den Kaiser durch ein kleines Vorgemach in sein Arbeitszimmer, dessen Fenster durch Vorhänge von dunkelgrüner Seide zur Hälfte verhüllt waren und dessen ganze Ausstattung in einem großen Tisch von Eichenholz, einigen großen Fauteuils und auf verschiedenen Consolen aufgestellten Antiken, Kunstwerken von Marmor oder Bronce bestanden. In einem schön gearbeiteten Kamin brannte ein helles Feuer.

Napoleon legte seinen Überrock ab und ließ sich, indem er fröstelnd zusammenschauerte, in einen tiefen Lehnstuhl vor dem Kamin nieder.

Drouyn de L'huys nahm auf seine Einladung neben ihm Platz und erwartete schweigend die Anrede seines Souverains, der einige Augenblicke in sinnendem Nachdenken auf die züngelnde Flamme blickte.

»Die Lage ist ernst, mein lieber Herr Drouyn de L'huys,« sagte Napoleon endlich, indem er, wie einen raschen Entschluß fassend, sofort auf den Gegenstand einging, der seine Gedanken beschäftigte, – »die Lage ist ernst, und ich muß darauf denken, sie zu verbessern. Denn,« fügte er halb scherzend, halb wehmüthig hinzu, »die Zeit respectirt die Kronen und den Purpur nicht. Ich werde alt und immer älter und bevor ich aus diesem irdischen Leben scheide, muß ich meine Angelegenheiten ordnen und mein Haus bestellen. Mein Haus aber ist Frankreich. Sie sind so lange der Hüter dieses Hauses gewesen, daß ich in dem ernsten Augenblick, in dem wir uns jetzt befinden, bei Niemandem besser Rath finden kann als bei Ihnen.«

Drouyn de L'huys verneigte sich schweigend, keine Miene seines Gesichts zeigte die geringste Bewegung; in seinen Zügen lag nur die ehrerbietige Aufmerksamkeit auf das, was der Kaiser ihm sagen würde, aber keine Neugierde, keine Spannung es zu vernehmen.

»Sie haben,« sagte der Kaiser zögernd und eine leichte Verlegenheit überwindend, »Sie haben im Jahre 1866 mit patriotischem Eifer und begeisterter Überzeugung die Ansicht vertheidigt, daß ich den Thatsachen gegenüber, welche sich in Deutschland durch die Schlacht von Sadowa vollzogen haben, mein Veto einlegen solle, um die Constituirung der neuen preußischen Macht zu verhindern oder für Frankreich diejenigen Compensationen zu erreichen, welche uns in den Stand gesetzt hätten, auch jener Macht gegenüber unsere Stellung zu behaupten.«

Drouyn de L'huys neigte betätigend das Haupt.

»Ich erinnere mich, Sire,« sagte er, »daß jene Ansicht, welche auch heute noch die meinige ist, damals unausführbar war, weil Eurer Majestät Marschälle erklärten, daß eine militairische Action in jenem Augenblick unmöglich oder höchst bedenklich sei. Ich bin auch heute noch der Ansicht,« fuhr er mit fester Stimme fort, »daß damals eine wirklich militairische Action garnicht möglich geworden wäre, daß die französischen Fahnen am Rhein allein genügt hätten, um unmittelbare Annahme der Bedingungen zu erwirken, welche man später, nachdem der Frieden von Prag geschlossen war, so schnöde zurückgewiesen hat.«

»Sie sind damals,« sprach der Kaiser mit sanfter trauriger Stimme, »von den Geschäften zurückgetreten, weil ich Ihrer Ansicht nicht beipflichten konnte. Sie zürnen mir, vielleicht haben Sie Recht – vielleicht habe ich damals Unrecht gehabt.« –

»Ich wage nicht, Eurer Majestät Handlungen zu beurtheilen,« erwiderte Drouyn de L'huys, »und erlaube mir nicht Eurer Majestät zu zürnen, weil Sie nach Ihrem eigenen Ermessen Frankreich regieren, aber Eure Majestät wissen auch, daß ich nur dann Ihr Minister sein kann, wenn die Politik, die Sie befehlen, meiner eigenen Überzeugung entspricht. Daß ich mich damals zurückgezogen habe, daß ich mich seither von dem politischen Leben vollkommen fern halte, werden Eure Majestät natürlich finden und mir deshalb Ihre Gnade und Ihr Vertrauen nicht entziehen.«

»Wie wenig mein Vertrauen zu Ihnen erschüttert ist,« sagte Napoleon, »sehen Sie daraus, daß ich in diesem Augenblick zu Ihnen komme, um Ihren Rath zu hören, – den Rath eines Freundes, eines bewährten Freundes, eines der wenigen Freunde, die mir noch bleiben,« sagte er tief seufzend – »denn ich habe viele verloren.«

»Mein Rath, Sire,« erwiderte Drouyn de L'huys, »wenn Eure Majestät auf denselben Werth legen, wird Ihnen in jedem Augenblick zu Gebote stehen, und der Privatmann wird Ihnen mit derselben Ergebenheit und Aufrichtigkeit die Wahrheit oder das, was er für die Wahrheit hält, sagen, als es Ihr Minister gethan hat.«

»Irgend ein großer Staatsmann,« sagte der Kaiser, immerfort in die Flammen des Kamins blickend, »ich glaube Metternich – sagt, einen Fehler machen sei nicht so schlimm, als einen gemachten Fehler nicht verbessern. Nun wohl,« fuhr er fort, sich mit verbindlichem Lächeln zu Drouyn de L'huys wendend, »wir haben einen Fehler gemacht, ich fange an mich zu überzeugen, daß es weit besser gewesen wäre, damals Ihrem Rath zu folgen. Doch möchte ich nicht die zweite größere Schuld auf mich laden, jenen Fehler nicht zu verbessern, und es handelt sich darum, wie dies geschehen könne. Man hat mir zu liberalen Concessionen gerathen,« fuhr er schneller und lebhafter sprechend fort, »um die Zukunft des Kaiserreichs mit populairen Institutionen zu umgeben. Ich habe jene Concessionen gemacht, die Unzufriedenheit hat sich vermehrt und die Zukunft des Kaiserreichs beruht, wenn wir uns die Wahrheit nicht verhehlen wollen, mehr als je auf meinen persönlichen Einfluß. Von allen Seiten sagt man mir, und ich fange an zu glauben, daß man Recht hat, daß die Schwierigkeit der Situation weniger im Innern, als in dem geschwächten Einfluß Frankreichs nach Außen hin liege. Alles drängt mich den Fehler von 1866 zu verbessern, mit einem Wort: den Krieg zu machen und dasjenige wieder zu zerstören, was man vielleicht besser damals garnicht hätte entstehen lassen sollen. – Um aber den Krieg zu machen, bedarf ich außer der Tüchtigkeit der Armee, welche vorhanden ist, wie man mich versichert, auch Männer von festem, klarem und entschlossenem Geist, welche die militairische Action politisch vorbereiten und während der Ereignisse die Zügel der Politik in starker Hand halten. Sollte es zum Kampf kommen, so muß ich und werde ich persönlich bei der Armee sein, denn der Kaiser, der den Namen Napoleon führt, muß da sein, wo die Gefahr ist, wo die Adler Frankreichs dem Feinde entgegengetragen werden. Ich würde die Kaiserin als Regentin in Paris zurücklassen müssen, dann aber wäre es vor Allem nothwendig, daß neben ihr ein Mann stände von erprobter Treue, von erprobter Geschäftskenntniß, ein Mann, welchem die europäischen Cabinette ihre Achtung und ihr Vertrauen entgegentragen, und zu welchem ebenso mit Vertrauen und mit Achtung das französische Volk aufblickt. Ich wüßte keinen bessern Mann dafür als Sie, mein lieber Herr Drouyn de L'huys, und ich bin deshalb gekommen, um ohne alle Umschweife Sie zu fragen, ob Sie es für nothwendig und für klug finden, jenen Fehler von 1866, den Sie einst so scharf getadelt und der Sie mir entfremdet hat, heute zu verbessern, und ob Sie in einem solchen Fall mir mit Ihrem Rath und Ihrer Kraft zur Seite stehen wollen?«

Drouyn de L'huys blickte lange ernst und schweigend vor sich nieder, dann erhob er das kluge offene Auge zu dem Kaiser, der mit dem Ausdruck lebhaftester Spannung seine Antwort erwartete. Er sprach ruhig und langsam, jedes Wort scharf betonend:

»Eure Majestät haben mir in wenig Worten eine Frage gestellt, welche nicht leicht ist kurz zu beantworten. – Es ist wahr, Sire,« fuhr er fort, »daß ich den Fehler, den die französische Politik im Jahre 1866 gemacht hat, heute noch schmerzlich beklage. In jenem Fehler liegt die Wurzel, der Anfang der ganzen Verlegenheit, in welcher wir uns gegenwärtig befinden. Ob aber dieser Fehler wieder gut zu machen ist, ob er heute oder in naher Zeit gut zu machen ist – daran, Sire, muß ich ernstlich zweifeln. Frankreich befindet sich, wenn ich einen Vergleich brauchen darf, in der Lage eines Mannes, der es verweigert hat ein Duell anzunehmen in dem Augenblick, wo man ihn beleidigt hat, er empfindet später in der allgemeinen Mißachtung die Folgen seiner Unschlüssigkeit. Aber gewiß kann er sie dadurch nicht gut machen, daß er irgend eine Gelegenheit vom Zaune bricht, um sich zu schlagen. Für uns ist in diesem Augenblick eine richtige, einer großen Nation würdige Veranlassung zum Kriege nicht vorhanden. Wir haben alle Veränderungen, welche der Krieg von 1866 in Deutschland hervorgerufen, acceptirt, wir haben den Prager Frieden nicht nur geschehen lassen, sondern haben selbst bei dessen Abschluß mitgewirkt. Alles, was jetzt in Deutschland geschieht, ist nur die Consequenz jenes Friedensvertrages, und mag man hier und da über den Wortlaut desselben hinausgehen, für Frankreich kann darin gewiß kein Grund zu einem so furchtbaren und folgenschweren Krieg liegen, durch den man heute mit dem Einsatz aller Kräfte und der ganzen Machtstellung des Landes einen Fehler wieder gut machen wollte, der damals durch eine einfache militairische Demonstration hätte vermieden werden können. –

»Ich sage nicht, Sire,« fuhr er fort, als der Kaiser ihn erstaunt und verwundert anblickte, »ich sage nicht, daß der Conflict zwischen dem sich immer fester constituirenden Deutschland und Frankreich nicht früher oder später kommen müsse. Heute aber ist er noch in keiner Weise reif, und vor allen Dingen kann es nicht die Initiative Frankreichs sein, welche diesen Conflict hervorrufen darf. Die Fragen, um welche es sich in diesem Augenblick handelt, sind nicht französische. Frankreich ist weder der vertragschließende Theil, noch garantirende Macht bei dem Prager Frieden. Geht Preußen über die Schranken hinweg, welche es sich selbst im Jahre 1866 gezogen hat, so muß es zunächst die Sache Österreichs und der Süddeutschen Staaten, das heißt, der in jenem Krieg Besiegten sein, Einhalt zu thun und Protest zu erheben. Wenn die Frage so gestellt wird, wenn die Süddeutschen Staaten ihre Unabhängigkeit gegen Preußen vertheidigen, wenn Österreich zum Schutz dieser seiner Verbündeten die strenge Aufrechthaltung der Verträge fordert, dann kann Frankreich hinzutreten, jene Forderungen unterstützen und als Verbündeter der deutschen Staaten, als Verbündeter Österreichs gegen Preußen zu Felde ziehen. Dann werden wir sicher sein, daß das deutsche Nationalgefühl sich nicht als ein mächtiger Verbündeter des Berliner Cabinets uns gegenüberstellt. – Davon, Sire,« fuhr er fort, »sind wir noch sehr weit entfernt. Ich habe,« sagte er lächelnd, »obgleich ich mich ganz von der activen Politik fern gehalten, dennoch aus alter Gewohnheit den Gang der Dinge scharf beobachtet, und ich habe kein Zeichen bemerkt, daß die Süddeutschen Staaten entschlossen oder auch nur geneigt wären, einen energischen Widerstand gegen Preußen zu machen.«

»Doch werden dort,« fiel der Kaiser ein, »namentlich in den katholischen Kreisen vielfache Sympathien für Frankreich laut. Man erwartet von uns Hülfe und Beistand.«

»Um Hülfe und Beistand zu erwarten,« erwiderte Drouyn de L'huys, »muß man zunächst selbst handeln. Und ich kann Eurer Majestät nicht genug wiederholen, daß die höchste Gefahr in einem Krieg gegen Preußen darin liegt, das deutsche Volk zu dem Irrthum zu veranlassen, es handele sich um eine französische Frage. Mögen die Herren in München und in Stuttgart statt halbe Winke und Andeutungen hierher zu senden, mögen sie fest und frei auftreten, mögen sie ihr Recht vertheidigen, sich mit einer starken Bewegung ihres Volkes umgeben, dann, Sire, kann der Moment kommen, in welchem Frankreich kluger und berechtigter Weise jenen durch diese ganzen langen Jahre sich wie eine schleichende Krankheit hinziehenden Conflict zu endlicher Lösung zu bringen, das heißt auch dann nur in dem Fall, daß Österreich mit festem Willen und ernster Energie entschlossen ist, auch seinerseits den Kampf um seine alte Stellung in Deutschland wieder aufzunehmen.«

»Ich habe keinen Grund,« sagte der Kaiser, »daran zu zweifeln, daß Österreich in dem gegebenen Augenblick einen solchen Entschluß fassen und ausführen wird. Nach dem Bericht des Herzogs von Grammont ist der Grundgedanke der österreichischen Regierung immer der, die deutsche Basis, von welcher sie herabgeworfen ist, wieder zu gewinnen, und ich betrachte die Mitwirkung Österreichs auch ohne daß darüber etwas Bestimmtes stipulirt ist, für gesichert.«

»Ich bin nicht in der Lage, Sire,« erwiderte Drouyn de L'huys ruhig und kalt, »das Vertrauen Eurer Majestät zu theilen. Selbst da, wo bestimmte Verträge vorlagen, hat Österreich uns oft im Stich gelassen. Gegenwärtig aber scheint mir, so weit ich die Lage beurtheilen kann, nicht einmal irgend eine faßbare Verhandlung zu existiren. Oder verzeihen Eure Majestät meine indiscrete Frage, die durch Ihre vertrauensvolle Berufung an mein Urtheil gerechtfertigt sein mag, haben irgend welche Verhandlungen mit bestimmten Resultaten zwischen Österreich und Frankreich Statt gefunden?«

»Das nicht,« erwiderte der Kaiser mit einer leichten Verlegenheit, »indessen die Bestimmung, die ich selbst persönlich bei dem Kaiser Franz Joseph Gelegenheit hatte zu bemerken, und die Mittheilungen, welche Grammont über die dortigen Verhältnisse macht, lassen mich an einer activen Mitwirkung Österreichs nicht zweifeln. Nur,« fuhr er fort, »scheint man dort – ganz entgegengesetzt der Ansicht, die Sie soeben aussprachen – dringend zu wünschen, daß der Kriegsfall nicht aus einer deutschen Frage genommen werde, da es für Österreich schwer sein würde, in einer solchen eine diplomatische Handhabe für seine Aktion zu finden, nachdem es in seine völlige Ausschließung aus Deutschland eingewilligt hat.«

Ein leichtes höhnisches, fast mitleidiges Lächeln glitt über Drouyn de L'huys' ernste Züge.

»Dies entspricht ganz der unsichern zweideutigen Haltung, welche mir in der österreichischen Politik nichts Neues ist,« sagte er. »Das ist der vollständige cercle vitieux, das heißt mit andern Worten klar und ohne Rückhalt ausgesprochen: Wir sollen allein die Gefahr tragen, wir sollen das siegreiche Preußen niederwerfen, und dann will Österreich die große Gnade haben, mit uns die Früchte des Sieges zu theilen. – Nein, Sire,« rief er lebhaft, »auf einer solchen diplomatischen Basis kann Frankreich in diesem Augenblick keinen Krieg führen! Wir müssen feste und starke Alliirte haben! Wir müssen des energischen Vorgehens der Süddeutschen Staaten und vor Allem der festen Alliance und der genau normirten und bis zum Ende sicher gestellten Mitwirkung Österreichs vollkommen gewiß sein. Die jetzigen Beziehungen zwischen Frankreich und Österreich kommen mir vor wie das Verhältniß eines Herrn zu einer Dame, der ihr die Cour macht, ihr Bouquets überreicht, ihr die Taschentücher aufhebt, aber niemals von Heirathen spricht. Soll Frankreich eine so ernste entscheidende Action beginnen, so muß vor allen Dingen mit Österreich eine wirkliche, ganz feste Alliance geschlossen werden. Diese Alliance allein kann verhindern, daß die ganze, so ungeheuer angewachsene preußische Militairmacht sich in mächtig concentrirten Vorstößen über den Rhein her gegen uns heranbewegt. Diese Alliance allein ist im Stande, auch Italien in Schach zu halten, das sonst gewiß jede Verwickelung Frankreichs benutzen wird, um Rom zu nehmen und damit unseren Einfluß auf der pyrenäischen Halbinsel zu zerstören und Eurer Majestät Regierung die mächtige Stütze zu rauben, welche Ihnen der katholische Clerus bietet.«

»Und würden Sie geneigt sein,« fragte der Kaiser, welcher sehr ernst zugehört hatte und auf den die Worte seines früheren Ministers einen tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, »die französische Politik nach den Grundsätzen, welche Sie mir soeben entwickelt, wieder zu leiten und die große Action nachdrücklich vorzubereiten, welche uns wieder auf die alte Höhe zurückführen soll?«

»Ich werde, Sire,« erwiderte Drouyn de L'huys, »meine Dienste Eurer Majestät und meinem Vaterlande niemals verweigern, doch scheint mir in diesem Augenblick noch nicht die Zeit gekommen zu sein, um an einen Krieg zu denken. Ich würde Eurer Majestät rathen, zuerst die Verhältnisse im Innern zur vollständigen Abklärung zu bringen. Denn ich muß Ihnen mit aller Aufrichtigkeit sagen, Sire, daß so wie die Dinge jetzt liegen, auch ein nur vorübergehender Mißerfolg unserer Armee die bedenklichste und gefährlichste Bewegung im Lande selbst hervorrufen kann. Die alte Kraft der Regierung ist gebrochen, – die unzufriedenen Elemente sind fest organisirt und jeden Augenblick entschlossen, das Äußerste zu wagen.«

»Aber die Nation,« sprach der Kaiser mit einem Anklang von Ungeduld in der Stimme, »empfindet tief das Herabsinken Frankreichs von seiner militairischen Höhe. Man sagt mir allgemein, daß die Nation den Krieg will, und daß ein großer nationaler Krieg das beste Mittel sei, um der Regierung die allgemeinen Sympathieen wieder zu gewinnen.«

»Ich glaube,« sagte Drouyn de L'huys, »daß Diejenigen, die dies Eurer Majestät sagen, sich täuschen. Ich habe seit meinem Rücktritt von den Geschäften meine Muße mit dem Studium der öconomischen Verhältnisse ausgefüllt. Man hat mir die Ehre erzeigt, mich zum Präsidenten der großen Gesellschaft der Landwirthe zu erwählen, welche sich über ganz Frankreich verbreitet. Ich habe in dieser meiner Stellung viele Reisen gemacht und die meisten Provinzen des Landes besucht als Präsident der Gesellschaft, welche die großen Grundbesitzer, wie die kleinen ländlichen Eigentümer und die Bauern umfaßt. Ich hatte Gelegenheit wie aus einer Loge die ganze Bewegung zu beobachten, welche sich auf der Scene des wirthschaftlichen Lebens zeigt, und ich kann Eurer Majestät meine Überzeugung nur dahin aussprechen, daß das ganze Land, d. h. das Land, welches schafft und arbeitet, den Frieden will, den Frieden auf lange Zeit, um all die Quellen des Wohlstandes, welche so viele weise Maßregeln Eurer Majestät eröffnet haben, zu vollkommenem und ergiebigem Fluß zu bringen. Würde eine große Verwickelung in Deutschland entstehen, würde die unterdrückte Bevölkerung der Süddeutschen Staaten, würde Österreich die Hülfe Frankreichs gegen Verletzungen der öffentlichen Verträge anrufen, so würde es allerdings die Nation als eine Ehrensache betrachten, dann mit voller Kraft und mit allem Nachdruck in den Kampf einzutreten. Würde aber Frankreich einseitig einen Conflict provociren, ohne dringende Notwendigkeit sich in die Opfer und Wechselfälle eines Krieges stürzen – dann, Sire – ich spreche meine innigste und festeste Überzeugung aus, dann würde man vielleicht einiges chauvinistisches Geschrei auf den Boulevards hören, aber die ganze große Bevölkerung des Landes würde mit tiefem Schmerz ihren durch Fleiß und Arbeit erworbenen Wohlstand der unsicheren Entscheidung durch die Spitze des Schwertes preisgegeben sehen.«

Der Kaiser senkte das Haupt und drehte lange schweigend an seinem Schnurrbart.

»Sie meinen also, daß die Consolidirung der innern Verhältnisse einer Action nach Außen vorhergehen müsse?« fragte er.

»Ebenso gewiß,« erwiderte Drouyn de L'huys fest, »als man bei jedem Vorgehen an den Rückzug denken muß. Eure Majestät müssen sicher sein,« sagte er mit leiser durchdringender Stimme, – »verzeihen Sie meine kühne Aufrichtigkeit – daß Sie nach einer immerhin möglichen Niederlage noch Herrscher bleiben, den Thron von Frankreich noch erhalten können.«

Der Kaiser öffnete weit die Augen. Ein eigenthümlich durchdringender Blick fiel auf das ruhige Gesicht des Herrn Drouyn de L'huys. Dann beugte er sich mit einer raschen Bewegung zu ihm hinüber, reichte ihm die Hand und sagte mit sanfter weicher Stimme.

»Ich danke Ihnen für dieses Wort, ich habe mich nicht getäuscht, als ich im Vertrauen auf Ihre Freundschaft zu Ihnen kam. Ich habe die Wahrheit gesucht und Sie gaben mir dieselbe, wie es einem wahren Freunde geziemt, – doch,« fuhr er fort, »wenn Sie der Meinung sind, daß die in's Schwanken gekommenen inneren Verhältnisse wieder befestigt werden müßten, so haben Sie auch gewiß Ihre bestimmte Ansicht darüber, in welcher Weise dies geschehen könnte. – Sie haben mir selbst,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, »früher den Rath gegeben, den kaiserlichen Thron mit liberalen Institutionen, welche in der freien Bewegung des Volkes beruhen, zu umgeben, damit wenn die Vorsehung es will, daß mein Sohn im frühen Jünglingsalter zur Herrschaft berufen werde, diese Institutionen seinen Thron schützend umringen. Sie sehen, daß ich Ihren Rath befolgt habe. Aber,« sagte er seufzend, »statt Befriedigung habe ich nur eine immer unzufriedener wachsende Unruhe hervorgerufen.«

»Weil,« fiel Drouyn de L'huys ein, »Eure Majestät hierbei einen Fehler gemacht haben. Das heißt,« schaltete er, sich verneigend ein, »nach meiner unvorgreiflichen Überzeugung, welche Sie mir frei auszusprechen befohlen haben – einen Fehler, welcher schon oft in ähnlichen Verhältnissen begangen worden ist, und welcher jedesmal verderbliche Folgen gehabt hat.«

»Und welchen,« fragte der Kaiser gespannt, den Arm auf das Knie stützend und den Kopf zu Drouyn de L'huys hinüber neigend.

»Eure Majestät haben liberale Institutionen durch liberale Personen einführen lassen,« erwiderte Drouyn de L'huys, »und zwar durch Personen, welche durchdrungen sind von dem parlamentarischen Doctrinismus, der niemals selbstständig und fest handelt, sondern immer nach rechts und links hin lauscht, was wohl der leicht beweglichen öffentlichen Meinung in jedem Augenblick am meisten zusagen möchte. Es ist aber,« fuhr er fort, »eine alte Regel der Staatskunst, daß man liberale Institutionen immer durch sehr feste und energische Männer einführen lassen muß, durch Männer, welche in ihren Grundgesinnungen wesentlich conservativ und vor Allem der Regierung und der Dynastie sehr ergeben sind, damit man in der freiern Bewegung die Zügel nicht aus den Händen verliert, – ebenso wie es auf der andern Seite jedenfalls richtig und geboten ist, energische oder gar reactionaire Maßregeln stets durch Persönlichkeiten ausführen zu lassen, welche als liberal bekannt sind, und welche jenen Maßregeln das öffentliche Vertrauen zu gewinnen im Stande sind. Ich liebe Herrn Rouher nicht, wie Eurer Majestät bekannt,« sprach er weiter, »dennoch glaube ich, daß er der richtige Mann gewesen wäre, um die freiere Bewegung zu inauguriren, welche Eure Majestät dem Staatsleben haben geben wollen. – Ebenso wie Herr Ollivier,« fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, »ganz der Mann sein würde, um etwa nothwendig werdende strenge Maßregeln durch ihn durchführen zu lassen.«

Der Kaiser hatte mit äußerster Aufmerksamkeit zugehört.

»Sie haben Recht, Sie haben vollkommen Recht,« sagte er. »Ich habe auch darin wieder einen Fehler gemacht. So wie man Concessionen macht, betritt man eine schiefe Ebene, und es gehören starke Kräfte dazu, um dem zu schnellen Hingleiten nach der abschüssigen Bahn sich entgegen zu stemmen. – Die Männer aber, in deren Händen gegenwärtig die Gewalt der Regierung liegt, haben diese Kräfte nicht.

»Sie meinen also,« fuhr er fort, »daß um die freieren Grundsätze ohne Schaden für die Nationalität in das öffentliche Leben hineinwachsen zu lassen –«

»Andere Männer nöthig sind,« fiel Drouyn de L'huys ein, »und zwar Männer, welche die öffentliche Bewegung beherrschen, nicht aber ihr folgen.«

»Was meinen Sie,« sagte der Kaiser schnell, »zu dem Plebiscit, um den neuen Institutionen des placet de suffrage universel zu geben und damit auch dem Kaiserreich von Neuem die Basis eines wiederholten Vertrauensvotums des ganzen Volkes zu schaffen? Man könnte dadurch mit einem Schlage einen Schwerpunkt aus dem parlamentarischen Parteitreiben herausnehmen, welches jetzt nur zu sehr der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens geworden ist.«

Drouyn de L'huys blickte ein wenig erstaunt in die lebhaft erregten Züge des Kaisers.

»Und Sire,« fragte er, »wie würde sich Graf Daru, wie würde sich Herr Buffet zu einer solchen Wiederholung des suffrage universel stellen?«

»Das weiß ich nicht,« sagte der Kaiser. »Doch,« fuhr er achselzuckend fort, »liegt mir an dem Vertrauensvotum der französischen Nation mehr als an Daru und Buffet.«

Drouyn de L'huys neigte mit dem Ausdruck des Verständnisses den Kopf.

»Und Ollivier?« fragte er dann.

»Ich werde ihm einen Brief schreiben,« sagte der Kaiser, »ich werde die ganze Sache in seine Hände legen. Seine früheren parlamentarischen Stützen sind sehr schwankend geworden, er wird mit Freuden die Gelegenheit ergreifen, wie ich glaube, um sich auf den breitern und festern Grund des allgemeinen Volkswillens zurückzuziehen.«

»Ich glaube,« sagte Drouyn de L'huys, »aus den Andeutungen Eurer Majestät entnehmen zu dürfen, daß Ihre Ideen sich auf dem Wege befinden, den ich unter den augenblicklichen Verhältnissen nur als den richtigen anerkennen kann. Wenn Sie das allgemeine Volksvotum als das beste Mittel erkennen, die neue und freie Verfassung des Kaiserreichs auf festen Grundlagen zu etabliren und vor schwankenden Bewegungen zu schützen, so ist es gewiß richtig, diese Maßregeln durch Ollivier vorbereiten und ausführen zu lassen. Nachdem dies geschehen ist, wird es meiner Überzeugung nach an der Zeit sein, die Zügel der Regierung in festere und kräftigere Hände zu legen, wobei indeß Herr Ollivier, der so unendlich leitungsfähig ist, immer conservirt werden kann. Dann, Sire, wird auch vielleicht der Augenblick gekommen sein, in welchem man an eine wohl überlegte und verständige Vorbereitung einer großen militairischen Action wird denken können, welche die Consequenzen des Jahres 1866 wieder zu redressiren im Stande sein möchte.«

Der Kaiser erhob sich.

»Und dann,« sagte er, »dürfte ich auch darauf rechnen, daß mir Ihre Unterstützung nicht fehlen wird.«

»Ich werde dann, Sire,« erwiderte Drouyn de L'huys, »jeden Augenblick bereit sein, Eurer Majestät meine Ideen, über welche ich reiflich nachdenken will, auseinanderzusetzen, und diese Ideen, wenn Sie dieselben acceptiren, auszuführen.«

»Ich danke Ihnen,« sagte der Kaiser, ihm die Hand reichend. »Ich verlasse Sie, wie immer, so oft ich mit Ihnen gesprochen, reicher an guten Gedanken und Entschlüssen. – Ich bitte Sie, Madame Drouyn de L'huys meine angelegentlichsten Empfehlungen zu machen, ich will sie nicht derangiren, denn ich möchte sogleich nach den Tuilerien zurückkehren, um meine Entschlüsse reif werden zu lassen und sie ohne Verzug zur Ausführung zu bringen.«

Drouyn de L'huys geleitete den Kaiser an seinen Wagen. – Napoleon stieg mit dem General Favé ein und fuhr durch die Champs Elysés nach den Tuilerien zurück.

Viertes Capitel.

In einer eleganten Parterrewohnung eines Hauses der Thiergartenstraße saßen in einem behaglich eingerichteten Wohnzimmer zur vorgerückten Abendstunde eines dunklen und stürmischen Februartages zwei alte Herren in bequemen Lehnstühlen neben einem großen Tisch, der durch eine hohe Lampe mit einem flachen Schirm beleuchtet wurde.

Der Eine derselbe zeigte in seiner ganzen Haltung und dem Ausdruck seines Gesichts, obgleich er im einfachen Civilanzug gekleidet war, alle Eigenthümlichkeiten eines alten Militairs. Das etwas empor stehende graue Haar war kurz geschnitten, der graue Bart dienstmäßig zugestutzt, und das bleiche kränkliche Gesicht hatte jenen ruhigen, etwas zurückhaltenden und fast dienstlich gleichmäßigen Ausdruck, welcher den preußischen Officieren eigenthümlich ist. Die dunklen Augen blickten scharf und klar unter den grauen Augenbrauen hervor. Er saß grade aufgerichtet in seinem Stuhl, von Zeit zu Zeit eine volle Rauchwolke aus der großen dunklen Havannahcigarre ziehend, welche er in seiner Hand hielt.

Dieser alte Herr war der Oberstlieutenant von Büchenfeld, welcher seit einiger Zeit wegen rheumatischer Leiden den activen Dienst verlassen hatte und in sehr einschränkten Verhältnissen von seinem kleinen Vermögen und seiner Pension lebte.

Neben ihm saß der Baron von Rantow, sein Jugendfreund, ein großer Grundbesitzer aus der Provinz Schlesien, welcher als Mitglied des Herrenhauses den Winter in Berlin lebte und, ohne selbst ein großes Haus zu machen, sich doch viel in der vornehmen Gesellschaft der Residenz bewegte.

Der Baron von Rantow war in seiner ganzen Erscheinung das vollständige Gegentheil seines Freundes. Sein ganzes Wesen zeigte jene bequeme Eleganz, welche das Bewußtsein einer unabhängigen Lebensstellung verleiht. Sein volles Gesicht von gesunder Farbe war von einem dichten, wohl gepflegtem, nur leicht ergrauten Backenbart umrahmt. Sein Kopf war fast kahl, und der Blick seiner großen blauen Augen war zwar nicht ohne Geist und ohne Intelligenz, schien aber alle Gegenstände, auf die er sich richtete, nur leicht und oberflächlich zu streifen, und ließ Diejenigen, mit denen der Baron sprach, oft daran zweifeln, ob er sich wirklich mit den Gegenständen der Unterhaltungen beschäftigte oder ob seine Gedanken anderswo weilten.

Herr von Rantow saß bequem zurückgelehnt in seinem Fauteuil und spielte leicht mit den Fingern seiner vollen weißen Hand auf der Lehne desselben.

»Die Kammern sind ja jetzt geschlossen,« sagte der Oberstlieutenant mit einer scharfen, bestimmt klingenden Stimme. »Ihr habt Euer Werk für dies Jahr vollendet, und der Norddeutsche Reichstag tritt jetzt auf die Scene. Du wirst wohl nicht mehr lange hier weilen,« fügte er seufzend hinzu. »Das thut mir recht leid, ich werde dann wieder in meiner Einsamkeit hier allein sein. Ich kann mich noch nicht so recht in mein Leben als Pensionair finden. Die active Dienstthätigkeit fehlt mir überall, und mich dem geselligen Leben anzuschließen, dazu bin ich mit der Zeit zu steif und schwerfällig geworden.«

»Ich bleibe noch zwei Monate hier, mein alter Freund,« erwiderte der Baron von Rantow. »Du wirst also noch einige Zeit hier einen Ort haben, wo Du gelegentlich einen langweiligen Abend unterbringen kannst. Dann kommst Du mit mir auf mein Gut, frische Luft wird Dir wohl thun, die Bewegung im Freien Deine Kräfte wieder stärken.«

»Du bleibst noch hier?« fragte der Oberstlieutenant ein wenig erstaunt. »Das ist mir unendlich erfreulich,« fügte er hinzu, »doch begreife ich nicht, daß Du Dich so lange ohne dringende Nothwendigkeit Deiner Wirthschaft entziehst.«

»Ich habe einen sehr tüchtigen Verwalter,« erwiderte der Baron von Rantow, – »und dann,« fuhr er fort, indem sein Blick wie zerstreut sich in die Ferne zu richten schien, »Du weißt, mein Sohn ist in seinem Staatsexamen begriffen, ich möchte das Resultat abwarten, um ihn dann gleich mit mir zu nehmen. Der Landrath meines Kreises wird bald zurücktreten, und ich wünsche, daß mein Sohn sich um diese Stelle bewerben möge; – wenn er dereinst meine Besitzungen übernimmt, so ist es sehr gut für ihn zugleich Landrath des Kreises zu sein und sich so eine angenehme und nützliche Thätigkeit, bedeutenden Einfluß und vielleicht die Aussicht auf eine große Carriere zu schaffen.«

»Du bist glücklich, alter Freund,« sagte der Oberstlieutenant mit etwas wehmüthigem Ton, »daß Du Deinem Sohn eine solche Perspective eröffnen kannst. Ich kann leider,« fuhr er fort, eine dichte Rauchwolke vor sich hinblasend, »meinem armen Carl nur dieselbe Lebensbahn bieten, an deren Ende ich jetzt angelangt bin, eine gleichförmige und wenig fröhliche Bahn. Man zehrt seine Kräfte im Dienst auf und dann bringt man sein Alter als ein unbrauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft hin. Hätte ich es mir recht überlegt oder wäre meine Frau am Leben geblieben, – vielleicht wäre es anders geworden. Sie wollte immer, daß unser einziger Sohn studiren sollte. Nun,« – sagte er, leicht mit der Hand über die Augen fahrend, »sie ist lange dahingegangen, und der Junge hatte immer so große Freude an den Knöpfen der Uniform und den Epauletten und bat so dringend, daß er auch des Königs Rock tragen dürfe, daß ich ihm nachgegeben habe. Jetzt ist es geschehen, und er muß den Weg zu Ende gehen. Gott gebe, daß er mehr Glück und Freude auf demselben finden möge, als mir zu Theil geworden ist.«

»Mein lieber Freund,« sagte der Baron von Rantow, indem der Ausdruck phlegmatischer Zerstreutheit und Gleichgültigkeit auf seinem Gesicht einen Augenblick von einem wärmeren Gefühl verdrängt wurde, »Du darfst nicht vergessen, daß das Leben eines Soldaten in seinem ruhigen und einförmigen Gang dafür aber auch von manchen Sorgen und Aufregungen verschont bleibt, die uns treffen und daß es doch auch schön ist,« fügte er hinzu, dem Oberstlieutenant die Hand drückend, »sich zuletzt sagen zu können, daß man alle Zeit mit Ehren seine Pflicht erfüllt hat.«

»Ja, ja,« erwiderte der Oberstlieutenant mehrmals mit dem Kopf nickend, »das ist Alles ganz schön, aber man fragt sich denn doch auch, wozu das Alles, wo ist der Nutzen, den dieses Leben von Arbeit, Pflichterfüllung und Entbehrung gebracht hat?«

»Der Nutzen?« fragte Baron von Rantow lebhaft. »Du wirst den Nutzen nicht im Kreise des Einzelnen, nicht in der beschränkten Zeit eines Menschenlebens suchen; Ihr Alle, die Ihr Eure Kräfte und Arbeit im militairischen Dienst dem Staat widmet, schafft Glied für Glied, Kette für Kette jene große gewaltige Macht, die Armee, die in den entscheidendsten Augenblicken der Weltgeschichte heraustritt und für alle die Ideen, welche die geistige Thätigkeit erzeugt und entwickelt hat, die Bahnen bricht und den Raum schafft. Wie Viele haben sich in den fünfzig letzten Friedensjahren gefragt, wofür sie ihre Kräfte anstrengten! Wie Viele sind gestorben, ohne eine Antwort auf diese Frage zu erhalten! Das Jahr 1866 hat diese Antwort gegeben, und Du, mein alter Freund, gehörst zu den Glücklichen, denn Du hast jenes Jahr noch mit erlebt und mit durchgekämpft. Du wenigstens weißt, wofür Du gestrebt und gearbeitet hast.«

»Nun, nun,« sagte der Oberstlieutenant, indem er sich lächelnd den Schnurrbart strich, »ich murre auch nicht weiter. Wird auch der einzige Stein in einem großen Bau nicht bemerkt, er gehört doch auch mit zum Ganzen und darf auch mit Stolz sich sagen, daß er seinen Platz ausfüllt. Ich wünsche nur, daß mein Sohn keine fünfzig Friedensjahre vor sich haben möge.«

»Dazu hat es kaum den Anschein,« sagte der Baron von Rantow mit einem leichten Anklang von Unzufriedenheit in seiner Stimme. »Man schwebt ja in dieser Zeit eigentlich fortwährend zwischen Krieg und Frieden, und in den letzten Tagen klingen wieder sehr kriegerische Stimmen von der andern Seite des Rheins herüber. Früher oder später müssen alle Conflicte, welche 1866 noch ungelöst geblieben, doch endlich wieder zum Ausbruch kommen. Ich bedaure es wirklich recht sehr,« fügte er hinzu, »ich bin in verschiedenen großen Unternehmungen begriffen, welche einen vortrefflichen Erfolg versprechen. Ich möchte einige neue Industrieen auf meinen Besitzungen einführen, welche dazu vortreffliche Gelegenheit bieten, und stehe im Begriff, hier ein Consortium zu bilden, das mir die Capitalien dazu verschaffen soll. Um die Sache in Gang zu setzen, brauche ich noch einige Jahre Frieden. So lange aber,« fügte er lächelnd hinzu, »kann ja Dein Sohn auch wohl noch warten.«

Der Oberstlieutenant schüttelte langsam den Kopf und blickte halb verwundert, halb mißbilligend zu seinem Freunde hinüber.

»Du willst Consortien gründen?« fragte er. »Du willst Dich mit diesen Banquiers und Capitalisten associiren, um industrielle Speculationen auf Deinen alten Besitzungen einzuführen? – Nimm es mir nicht übel, alter Freund,« fuhr er fort, »mir scheint das nicht recht mit der Stellung eines alten Edelmanns zusammen zu passen. Dein Gut ist ja so schön und in vortrefflicher wirtschaftlicher Ordnung, es wirft Dir eine glänzende Revenue ab, Du bist wohlhabend und hast Alles, was Du bedarfst. Du hast nur einen Sohn, warum willst Du denn noch mehr, als die Vorsehung Dir gegeben und Deine Vorfahren Dir hinterlassen haben? Es verträgt sich nicht mit der Stellung des Adels nach meiner Auffassung, sich mit dieser modernen Capitalswelt zu verbinden, um Geld auf Geld zu häufen. Und außerdem scheint es mir nicht klug zu sein, denn auf diesem Gebiet werden wir den Juden und Banquiers doch niemals gewachsen sein, sie werden uns immer das beste Fett vorwegnehmen, und wir werden froh sein können, wenn uns überhaupt noch Etwas bleibt – verzeihe meine Aufrichtigkeit, – Du hast ja zu thun, was Dir beliebt, – aber meine Meinung ist nun einmal so, wie ich gesagt habe.«

»Ich glaube, Du hast vollkommen Unrecht,« erwiderte der Baron von Rantow, indem er sich ein wenig emporrichtete und zu seinem Freunde hinüberneigte. »Das Geld ist die Macht, welche heut zu Tage die Welt beherrscht, ebenso wie es früher die körperliche Überlegenheit in den ritterlichen Übungen war. Wenn der Adel seine Stellung behaupten will, so muß er jene herrschende Gewalt unserer Zeit in seine Hände bringen. Sieh die große Aristokratie von England an. Wodurch ist sie auf der Höhe geblieben? Nur dadurch, daß sie es immer verstanden hat, ihren Besitz nicht nur zu erhalten, sondern den steigenden Anforderungen der Zeit gemäß fortwährend zu vergrößern. Sieh, wie in Österreich der Adel an seiner schlechten Naturalwirtschaft zu Grunde geht. Du wirst mir zugeben, daß auf die Dauer keine Familie sich auf der Höhe ihrer Stellung ohne die Grundlage eines den Zeitbedürfnissen entsprechenden Besitzes zu erhalten im Stande ist.«

Wieder schüttelte der Oberstlieutenant bedenklich den Kopf.

»Der Besitz ist eine schöne Sache,« sagte er, »aber er macht doch nicht allein die dauernde und feste Grundlage des Adels aus. Ich möchte fast der Meinung sein, daß die Armuth noch eher die ritterlichen Gesinnungen erhält, als der Reichthum, – wie denn auch die alten geistlichen Orden zur Erhaltung des ritterlichen Sinnes das Gelübde der Armuth ablegen mußten.«

»Das sie aber zuletzt sehr wenig hielten,« sagte der Baron von Rantow lächelnd. Dann fügte er hinzu. »Die geistlichen Herren hatten keine Kinder, für die sie sorgen mußten. – Du hast mir vorhin gesagt, ich hätte nur einen Sohn und er hätte für sein Leben genug an dem, was ich besitze. Das ist ganz recht, aber mein Sohn kann mehrere Nachkommen haben. Und ich möchte doch gern,« fuhr er fort, mit einem gewissen Stolz den Kopf emporrichtend, »daß auch später Jeder, der den Namen Rantow führt, einen diesem Namen entsprechenden materiellen Besitz habe. Wenn ich nun sehe, daß durch eine geschickte Capitalassociation mein Besitz sich vier- bis fünfmal vergrößern kann, sollte ich da unthätig bleiben, ruhig in alter Weise fortwirthschaften und damit meinen Nachkommen entziehen, was ich ihnen zu schaffen mich fast für verpflichtet halten muß?«

»Wir werden uns nicht darüber verständigen,« sagte der Oberstlieutenant. »Ich meinerseits,« sprach er bestimmt und energisch, »würde mich niemals mit dieser industriellen Welt in Verbindung setzen.«

Das Gespräch der beiden alten Herren wurde durch den Eintritt der Baronin von Rantow unterbrochen, einer Dame von hoher und trotz ihrer starken Fülle noch schlanken und elastischen Gestalt mit einem vornehm geschnittenen Gesicht von freundlich heiterm Ausdruck, das die Spuren früherer großer Schönheit zeigte.

Die Dame begrüßte den Oberstlieutenant, der ihr mit einer etwas altmodischen Höflichkeit die Hand küßte, herzlich und nahm auf einem breiten Divan vor dem Tisch Platz, auf welchem ein Diener in eleganter Hauslivree das Theegeschirr aufstellte.

»Die Wagen fangen bereits an vorzufahren,« sagte Frau von Rantow, »es wird eine sehr große Gesellschaft sich über uns bei dem Herrn Commerzienrath Cohnheim versammeln. Es scheint,« fuhr sie mit einem leichten Lächeln fort, »daß man Alles aufgeboten hat, um ein recht großartiges Fest zu geben.«

»Wir werden die Nacht recht gestört werden,« sagte der Baron, »von dem Lärm über unsern Köpfen. Nun,« fügte er achselzuckend hinzu, »das ist immer noch besser, als wenn wir hätten hingehen müssen. Ich bin einen ganzen Tag,« fuhr er zum Oberstlieutenant gewendet fort, »zu Hause geblieben, um mein Unwohlsein recht natürlich vorzustellen, damit ich nicht genöthigt bin diese Gesellschaft zu besuchen, in der man sich zwischen emporgekommenen Börsenspeculanten und einzelnen heruntergekommenen Mitgliedern der guten Gesellschaft befindet.«

»Und darum,« fragte der Oberstlieutenant erstaunt, »legtest Du Dir einen Tag Hausarrest auf? Warum lehntest Du denn nicht einfach die Einladung der Leute ab? Du hast doch wahrhaftig keine Rücksichten auf sie zu nehmen.«

»Doch, mein lieber Freund,« erwiderte Herr von Rantow, »ich habe sogar recht große Rücksichten auf diesen Herrn Commerzienrath Cohnheim zu nehmen. Er ist gerade Derjenige, der mir meine Consortien zusammenbringen soll, und der mit großem Eifer dabei ist, mir diese Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Ich darf ihn also in keiner Weise verletzen, ich nehme auch fortwährend die äußerste Rücksicht auf ihn, – doch mich in diese Gesellschaft hineinzubegeben, das ist etwas zu viel verlangt. In kleinen Kreisen bin ich schon bei ihm gewesen, ich will ihn auch gern bei mir sehen, ja, ich habe sogar Nichts dagegen,« fuhr er lächelnd fort, »daß mein Sohn dem Fräulein Cohnheim den Hof macht, was er außerdem sehr gern thut, denn die Tochter des Herrn Commerzienraths ist wirklich von einer wunderbaren Schönheit, dabei sehr gut erzogen und sehr fein gebildet.«

»Um Gottes Willen,« rief der Oberstlieutenant ganz erschrocken, »wenn nun aber die jungen Leute bei diesem Spiel sich Etwas in den Kopf setzen, wenn da eine ernste Neigung entstehen sollte.«

»Nun,« sagte Herr von Rantow leicht mit den Fingern auf der Lehne seines Sessels trommelnd, »das wäre eine Sache, die sich überlegen ließe. Herr Cohnheim ist sehr reich, sein Vermögen wächst täglich und stündlich. Er wird nach kurzer Zeit sich auf die Höhe der ersten Matadore der Finanzwelt erhoben haben. Er hat nur diese einzige Tochter, wie ich den einzigen Sohn. Es haben sich ja schon viele alte Familien durch Heirathen zu großem Glanz gebracht, – die Sache würde sich vielleicht arrangiren lassen.«

»Ich vermag der neuen Zeit nicht mehr zu folgen,« sagte der Oberstlieutenant. »Ich für meinen Theil, so arm ich bin, würde doch wahrhaftig niemals meine Zustimmung geben, daß mein Sohn sich durch eine Heirath in dieser Weise seine Lebensstellung machte. Ich halte viel auf meinen Namen und viel auf alte Familien, aber dennoch wäre mir jedes Mädchen aus dem Volke recht, wenn sie mir mein Sohn als Tochter zuführte. Aber mit diesen Kreisen der Finanzwelt, welche die Gesellschaft durch ihre unnatürlichen Speculation aussaugen, denen jedes Mittel recht ist, um nur Geld und wieder Geld aufzuhäufen, mit diesen Kreisen meine Familie zu verbinden! – – Nein,« rief er lebhaft, »dazu würde ich niemals meine Zustimmung geben.«

»Nun, lieber Büchenfeld,« sagte Frau von Rantow freundlich lächelnd, indem sie dem Oberstlieutenant ein Glas Grog mischte, »beunruhigen Sie sich nicht, mein Mann ist noch kein so schlimmer Speculant geworden, als er Sie glauben machen möchte. Hüten Sie sich aber,« fuhr sie leicht mit dem Finger drohend fort, »daß Ihr Sohn Sie mit Ihren Grundsätzen nicht in Verlegenheit bringt. Er besucht, wie er mir erzählt hat, seit er hier zur Kriegsschule commandirt ist, die Gesellschaften der haute finance sehr fleißig und amüsirt sich sehr gut dort. Er wird gewiß auch heute hier beim Commerzienrath sein in gefährlicher Nähe der schönen Augen des Fräulein Cohnheim.«

»Ich freue mich,« sagte der Oberstlieutenant, »wenn mein Sohn sich amüsirt, doch bin ich vollkommen sicher, daß er an keine ernsthafte Liaison denkt, und daß er die Grundsätze, die ich vorhin ausgesprochen habe, vollkommen mit mir theilt.«

Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glase und wandte sich dann zu der Baronin von Rantow mit einer gleichgültigen Frage, welche die Absicht zu erkennen gab, das bisherige Gesprächsthema nicht weiter zu behandeln.

Inzwischen hörte man vor dem Hause einen Wagen nach dem andern vorfahren. Bald war es das leichte Rollen eleganter Equipagen, bald der schwerfällig rasselnde Ton einer Droschke, und in der Bel-Etage über der Wohnung des Barons ließ sich das Geräusch zahlreicher Schritte und das dumpfe Gewirr verschiedener Stimmen hören.

Die weiten eleganten Räume des obern Stockwerks, welche der Commerzienrath Cohnheim bewohnte, und welche mit reicher, wenn auch nicht geschmackloser, so doch etwas überladener Pracht ausgestattet waren, strahlten im hellen Glanz einer intensiven Gasbeleuchtung. Die Fenster waren überall durch schwere seidene Vorhänge verdeckt, der ziemlich große Tanzsaal reich mit frischen Blumen decorirt, in den Nebensalons waren Spieltische arrangirt, die kostbaren Ölgemälde an den Wänden waren durch darüber angebrachte Schirmlampen in das möglichst beste Licht gesetzt. Kurz, es war Alles geschehen, um zu zeigen, daß der Commerzienrath ein Mann war, welcher die Mittel besaß, große Gesellschaft bei sich zu empfangen, und welcher es auch verstand, durch guten Geschmack es den Vornehmen gleich zu thun. Daß überall ein kleines Zuviel oder Zuwenig in diesen Arrangements die scharfe Grenzlinie des wirklich vornehmen Geschmacks überschritt oder hinter derselben zurückblieb, entging dem zufriedenen Blick des Commerzienraths, welcher nach einem letzten Blick über die Vorbereitungen zu seinem Feste sich in den ersten Salon begab, um die Gäste zu empfangen, die erst langsam und einzeln, dann immer schneller und zahlreicher zu erscheinen begannen.

Der Commerzienrath Cohnheim war eine kleine, volle und untersetzte Gestalt, von raschen, kurzen, etwas unruhigen Bewegungen. Er mochte etwa fünfzig Jahre alt sein, sein kleiner runder Kopf erhob sich nur wenig über die breiten, etwas hoch empor stehenden Schultern. Sein Haar leicht in's Graue spielend, war kurz und kraus gelockt, seine scharfen Züge, die hervorspringende, leicht gebogene Nase, die etwas aufgeworfenen Lippen, und die klugen, stets etwas unruhig umherspähenden Augen zeugten von Intelligenz und scharfer Beobachtung, während um seinen Mund ein fast stereotypes Lächeln spielte, welches halb aus gutmüthigem Wohlwollen, halb aus befriedigtem Selbstgefühl zusammengesetzt war.

Der Commerzienrath trug einen tadellosen schwarzen Anzug, eine Cravatte von blendender Weiße. Er zeigte in seiner ganzen Erscheinung eine strenge, vielleicht etwas gesuchte Einfachheit, welche nur durch einige große Hemdknöpfe von prachtvollen Diamanten unterbrochen wurde, die er sich nicht hatte versagen können. Im Knopfloch seines Fracks befand sich ein unendlich kleines Miniaturkreuz des Ordens eines kleinen deutschen Miniaturstaats; in seiner Hand mit den kurzen beweglichen Fingern, deren Spitzen den weißen Handschuh nicht vollständig ausfüllten, hielt er eine goldene Dose, deren er sich weniger zum eigenen Gebrauch als zur Entamirung einer Conversation zu bedienen pflegte.

Während er strahlend von liebenswürdiger Höflichkeit in dem ersten Salon seiner Wohnung Stellung nahm, befand sich die Frau Commerzienräthin mit ihrer Tochter in einem Zimmer, das an die entgegengesetzte Seite des Tanzsaals stieß, um dort die Begrüßung der Gäste zu empfangen.

Frau Commerzienräthin Cohnheim war eine große hagere Gestalt mit ziemlich eckigen Bewegungen und einem Gesicht, dessen entschieden jüdischer Schnitt in ihrem gegenwärtigen Alter wenig Einnehmendes hatte. Sie trug ein dunkelrothes Sammetkleid, ein reiches Collier von kostbaren Edelsteinen, Diamanten im Haar und Diamanten an den Armspangen. Der Blick ihrer großen dunklen und stechenden Augen war kalt und fast starr, und ihre etwas dünnen, gewöhnlich fest zusammengeschlossenen Lippen öffneten sich je nach dem Range und der Stellung ihrer Gäste zu einem mehr oder weniger höflichen und verbindlichen Lächeln.

In ihrer ganzen Erscheinung durchaus von ihrer Mutter verschieden stand ihre Tochter, ein junges Mädchen von achtzehn Jahren, neben ihr. Fräulein Cohnheim trug eine unendlich einfache Balltoilette von zartestem weißem Stoff, mit kleinen, fast unbemerkbaren Silbersternen übersäet; ihr Haar war mit frischen Maiblumen und Rosenknospen geschmückt. Sie trug keine Edelsteine, keinen Schmuck; und in der That waren auch die einfachen natürlichen Blumen der schönste und passendste Schmuck für diese so zarte Erscheinung, welche von dem idealen Schimmer jener eigentümlichen orientalischen Schönheit überhaucht war, welche man gewöhnlich mehr in den Schöpfungen der Künstler, als in der Wirklichkeit findet. Der durchsichtige Teint des jungen Mädchen zeigte jenen eigentümlichen Schmelz, welcher auf der zarten Schale der im Sonnenlicht des Südens gereiften Pfirsich liegt; ihr ebenholzschwarzes Haar war wie von bläulichem Phosphorschimmer übergossen. – Ihre großen dunklen Augen blickten wie träumerisch fragend in die Welt hinein, und um ihren zarten feinen Mund spielte ein halb kindlich harmloses, halb melancholisches Lächeln.

Die Säle füllten sich immer mehr. Es kamen zahlreiche Matadore der hohen Finanzwelt mit ihren Frauen und Töchtern – es kamen Geheimräthe trocken, steif und würdevoll mit mehr oder weniger dicht behängten Ordenskettchen im Knopfloch.

Die Damen der Bureaukratie blickten musternd und prüfend auf die Toiletten der Frauen und Töchter der Commerzien- und Commissionsräthe, indem sie durch ihren würdevollen und zurückhaltenden Ernst zu erkennen gaben, daß sie sich wohl bewußt seien, wie die Würde des Ranges und der Stellung sie trotz ihrer einfachen und zuweilen etwas dürftigen Anzüge doch hoch über jene in Federn, Diamanten und schwerer Seide prangenden Damen erhebe.

Dann kamen junge Officiere in den Uniformen fast aller Regimenter der Garde, welche sich Alle bald unter die Gruppen der im Tanzsaal harrenden jungen Damen mischten und ihre Feldzugspläne für die Tänze des Abends feststellten.

Der Commerzienrath war unerschöpflich in Liebenswürdigkeit beim Empfang seiner Gäste. Doch wußte er dabei mit unendlicher Schärfe und Feinheit die Nuancirungen seiner Höflichkeit jedem Eintretenden gegenüber genau abzumessen. Mit einer gewissen zuversichtlichen Vertraulichkeit begrüßte er die Geheimenräthe, und trat irgend ein magerer und steifer Herr mit einem kleinen ausländischen Stern auf dem Frack herein, so legte er wohl seinen Arm in den seines Gastes und begleitete denselben mit einigen Scherzworten bis zur Thür des nächsten Zimmers, um sich dann zum Empfang der Neueintretenden zurückzuwenden.

Mit würdevoller Zurückhaltung begrüßte er die Mitglieder der Finanzwelt, deren Stellung an der Börse noch nicht fest begründet war. In tiefer Ehrerbietung verneigte er sich vor den großen Matadoren der Geldwelt; mit cordialer Herzlichkeit drückte er irgend einem rasch vorüberschreitenden Gardeofficier mit altem Grafen- oder Freiherrntitel die Hand.

Mit fast fürstlicher Herablassung neigte er den Kopf gegen junge Kaufleute, welche, um den Tanzsaal zu füllen, in feine Gesellschaften zugelassen wurden. Und mit der Miene eines schützenden Mäcens klopfte er diesem oder jenem Künstler auf die Schulter, welcher seine Salons betrat und vielleicht im Stillen die Hoffnung hegte, daß der reiche Commerzienrath ihm eines Tages eins seiner Werke abnehmen werde.

Die Säle waren schon stark gefüllt, Lakaien in reich gallonirten Livreen präsentirten den Thee und jenes dumpfe Gesumme flüsternder Stimmen, welches sich stets beim ersten Beginn großer Gesellschaften vernehmen läßt erfüllte die Räume.

Die Thüren des ersten Salons, welche seit einiger Zeit geschlossen geblieben waren, öffneten sich abermals, und der Commerzienrath ging rasch den zwei jungen Leuten entgegen, welche neben einander eintraten.

Es war der junge Baron von Rantow und der Lieutenant von Büchenfeld, der Sohn des Oberstlieutenants, welcher in der Parterrewohnung desselben Hauses am Theetisch seines Freundes saß.

Der Referendar von Rantow hatte entschiedene Ähnlichkeit mit seinem Vater. Sein Gesicht war hübsch, vornehm, aristokratisch geschnitten und anziehend durch die frische jugendliche Gesundheit und durch das wohlwollende, gutmüthige und freundliche Lächeln, welches auf demselben lag. Doch hatten seine hellen klaren Augen denselben etwas gleichgültigen oberflächlichen Blick wie diejenigen seines Vaters. In seinem Lächeln lag ein Zug hochmütigen Selbstbewußtseins, der ohne jene Beimischung von Gutmütigkeit und Herzlichkeit beinahe hätte unangenehm berühren können. Die ganze Haltung des mit äußerster Eleganz und höchster Einfachheit gekleideten jungen Mannes zeigte vornehme und leichte Sicherheit. Er betrat die Gesellschaftsräume des Commerzienraths mit einer Miene, aus welcher ein wenig von dem Bewußtsein hervorschimmerte, daß er durch sein Erscheinen in diesem Hause mehr Ehre gebe, als empfange.

In der einfachen Uniform eines Linien-Infanterieregiments erschien, durch das schnelle Vorschreiten des Herrn von Rantow einen Schritt zurückbleibend, der Lieutenant von Büchenfeld.

Der junge Mann war hoch und schlank gewachsen, seine Haltung war fest und ritterlich, fast etwas starr, und die Züge seines magern, scharf geschnittenen bleichen Gesichts zeigten männliche Kraft, Muth und Entschlossenheit, doch dabei auch eine stolze, fast feindlich abwehrende Verschlossenheit. Auf der Oberlippe seines schön geformten, fest zusammengepreßten Mundes kräuselte sich ein leichter blonder Schnurrbart. Seine hellen grauen Augen blickten so ernst und ließen aus ihrem eigentümlichen Glanz eine solche Tiefe hervorleuchten, daß sie in einzelnen Augenblicken von fast dunkler Farbe zu sein schienen.

Der Commerzienrath drückte mit unendlich liebenswürdigem Lächeln dem jungen Baron von Rantow die Hand, während er zugleich mit freundlicher Höflichkeit den Kopf gegen den jungen Officier wandte.

»Wie unendlich bedaure ich, mein lieber Herr von Rantow, daß Ihr Herr Vater und die Frau Mama verhindert sind, mich heute zu besuchen. Es verdirbt mir fast die Freude an meinem ganzen Fest,« fügte er hinzu, indem er seine lächelnden Züge fast mit Gewalt zu einem trüben Ausdruck zwang, »Ihre Eltern heute nicht bei mir zu sehen.«

»Es thut meinen Eltern ebenfalls sehr leid,« sagte Herr von Rantow mit leicht degagirten Ton, indem sein Blick über den Commerzienrath hinweg nach dem andern Salon hinschweifte, »daß sie Ihrer Einladung nicht haben Folge leisten können. Doch ist mein Vater stark erkältet und meine Mutter, wie Sie begreifen können, wollte ihn nicht allein lassen.«

»Nun,« sagte der Commerzienrath, »ich freue mich wenigstens, daß Sie gekommen und daß ich doch ein Glied Ihrer verehrten Familie bei mir sehe. Eilen Sie, eilen Sie,« fügte er hinzu, indem er den jungen Mann nach dem Tanzsaal hinführte – »der Tanz wird sogleich beginnen und die Damen werden schon sehr umlagert. Meine Tochter hat Ihnen gewiß noch einen Tanz aufgehoben,« fügte er dem jungen Mann auf die Schulter klopfend hinzu und verließ denselben auf der Schwelle des Saals, sich zu der Eingangsthür zurückwendend, ohne den Lieutenant von Büchenfeld weiter zu beachten, welcher hinter Herrn von Rantow ebenfalls in den Tanzsaal eintrat.

Fräulein Cohnheim hatte während dieser Zeit neben ihrer Mutter gestanden, meist nur mit höflicher schweigender Verbeugung die Damen begrüßend und einzelne Worte mit den jungen Herren wechselnd, welche zu ihr herantraten, um sie um einen Tanz zu bitten.

Sie hatte einige Engagements angenommen, andere abgelehnt und blickte von Zeit zu Zeit wie fragend und suchend über die Gruppen hin, welche sich in dem Tanzsaal vor ihr bewegten. Als Herr von Rantow und Herr von Büchenfeld in den Saal eintraten, flog eine augenblickliche leichte Röthe über das Gesicht des jungen Mädchens. Ihr Blick leuchtete einen Moment auf – dann schlug sie die Augen nieder und gab einer Dame, welche sich soeben zu ihr wandte, eine Antwort, welche nicht ganz auf die Anrede zu passen schien und einen etwas erstaunten Ausdruck auf dem Gesicht der zu ihr Sprechenden hervorrief. Der Referendar von Rantow schritt rasch und sicher durch den dicht mit Menschen gefüllten Saal, indem er hier und dort einen Bekannten begrüßte und trat in das Zimmer, in welchem die Commerzienräthin mit ihrer Tochter sich befand.

Er machte der Dame des Hauses, welche ihn mit ausgezeichneter Liebenswürdigkeit empfing, seine Entschuldigungen in Betreff des Ausbleibens seiner Eltern und wandte sich dann zu dem Fräulein Cohnheim.

»Ich bin etwas spät gekommen, mein gnädiges Fräulein,« sagte er. »Unaufschiebliche Arbeiten hielten mich noch ab. Darf ich hoffen, daß Sie noch einen Tanz für mich frei haben?«

»Ich bedauere sehr,« erwiderte das junge Mädchen mit einem Blick auf die Tanzordnung, während ihre Mutter ziemlich kalt und oberflächlich die Begrüßung des Lieutenants von Büchenfeld erwiderte; »Alle meine Tänze sind besetzt.«

»Das ist ja ein wahres Unglück!« rief der junge Herr von Rantow, während er versuchte, den gleichgültigen Ausdruck von seinem Gesicht verschwinden zu lassen. – »ein Unglück,« fügte er hinzu, »auf das ich übrigens hätte gefaßt sein müssen, wenn ich nicht die leise Hoffnung gehabt hätte, daß Sie vielleicht die Güte haben würden mir einen Tanz zu reserviren.«

Die Commerzienräthin wandte sich ein wenig erstaunt zu ihrer Tochter.

»Soviel ich bemerkt,« sagte sie, »hast Du noch kein Engagement für den Cotillon angenommen.«

»Ah« rief Herr von Rantow freudig, »sollten Sie mir vielleicht diese glückliche Überraschung gemacht haben?«

»Ich bin für den Cotillon versagt,« erwiderte Fräulein Cohnheim ernst und kalt, indem ihr Blick zu dem neben ihrer Mutter stehenden jungen Officier hinüberflog.

Dieser trat rasch heran und sprach:

»Darf ich hoffen, daß Sie sich des Versprechens noch erinnern, das Sie mir auf dem letzten Ball für den nächsten Cotillon gegeben?«

»Was ich versprochen halte ich stets,« erwiderte die junge Dame mit freundlichem Lächeln den Gruß des Officiers erwidernd.

»Sie sehen,« fuhr sie fort, ihm ihre Tanzordnung hinreichend, »Ihr Name steht bereits beim Cotillon notirt.«

Ein strenger hochmütiger Blick der Commerzienräthin traf den Lieutenant von Büchenfeld. Wie mißbilligend schüttelte sie leicht den Kopf und wandte sich von ihrer Tochter ab, während der Referendarius von Rantow mit leichter Verbeugung zurücktrat.

Die Musik im Tanzsaal begann den ersten Walzer zu spielen. Die Paare traten an. Der Tänzer des Fräulein Cohnheim erschien und führte die junge Dame in die Reihen.

Herr von Rantow und der Lieutenant von Büchenfeld blieben einen Augenblick neben einander stehen.

»Du hast mir die Kleine weggekapert,« sagte der Referendarius, indem sein Blick über den Saal hinschweifte. »Das ist nicht hübsch von Dir, nun habe ich heute gar keine Gelegenheit mich mit ihr zu unterhalten, und ich möchte doch gern einmal länger mit ihr sprechen, um zu sehen, was denn eigentlich hinter diesem hübschen Gesicht steckt. Sie ist sehr gut erzogen und hat auch gute Manieren, und wenn die commerzienräthlichen Eltern nicht wären, es wäre am Ende keine üble Partie.«

Er hob sein Lorgnon an's Auge und musterte einige in seiner Nähe stehende Paare.

Der Lieutenant von Büchenfeld war bei den Worten des Herrn von Rantow flüchtig erröthet, er sah ihn mit einem eigenthümlich prüfenden Blick seiner tiefen Augen an und folgte dann, ohne eine Antwort zu geben, den anmuthigen Bewegungen der Tochter des Hauses, welche soeben im Tanze an ihm vorbeischwebte.

Während der Ball im großen Mittelsaal seinen Fortgang nahm, während die ältern Damen theils an den Wänden des Tanzsaals, theils in den unmittelbar daran stoßenden Zimmern ihre Plätze einnahmen und sich in mehr oder weniger liebevollen Kritiken über die tanzenden Paare ergingen, bildeten sich in den entfernteren Räumen Gruppen der älteren Herren.

Ein ziemlich starker Mann von etwa fünfzig Jahren mit vollem rothen Gesicht und rückwärts gekämmtem Haar stand lebhaft sprechend und gesticulirend in einem Kreise von fünf bis sechs anderen Herren, welche ihm aufmerksam zuhörten.

»Ich sage Ihnen, meine Herren,« rief er, »unser Norddeutscher Reichstag mag eine ganz gute Institution sein und wird gewiß viel zur Einheit und Verkehr im Handel und Wandel wie auch zur Gesetzgebung beitragen. Aber es ist doch immer nur ein halbes Werk und die Hauptsache liegt in der Vereinigung mit den Südstaaten. Und von dieser Vereinigung sind wir jetzt weiter entfernt als je vorher.«

»Warum das, Herr Director,« fragte ein langer, fast ängstlich magerer Herr mit einem faltigen, leberkranken Gesicht, welcher eine Kette mit verschiedenen kleinen Decorationen im Knopfloch trug und jene eigenthümliche, halb geheimnißvolle, halb überlegene Miene hatte, welche ein besonderes Kennzeichen der höhern preußischen Bureaukratie bildet. »Die Verträge, welche in militairischen Beziehungen mit den süddeutschen Staaten abgeschlossen sind, bilden ja ein festes Band, welches sich in der Stunde der Gefahr gewiß bewähren würde. Und gerade in Bayern, dem mächtigsten der süddeutschen Staaten, macht sich eine sehr entschiedene deutsche Bewegung bemerkbar, welche von dem jungen Könige ganz besonders begünstigt wird. Wir haben darüber,« fügte er mit einer etwas gedämpften Stimme im Ton einer vertraulichen Mittheilung hinzu, »sehr befriedigende Berichte.«

»Ihre Berichte mögen befriedigend sein, mein lieber Herr Geheimrath,« erwiderte der Bankdirector Huber, »die Wirklichkeit ist es nicht, denn gerade in Bayern arbeitet in diesem Augenblick die ultramontane katholische Partei mit aller Kraft daran, den Anschluß an den Norddeutschen Bund zu verhindern und zu erschweren. Und man täuscht sich hier gewaltig, wenn man die Macht und Bedeutung dieser Partei gering anschlägt. Ich bin vor Kurzem in München gewesen und habe Gelegenheit gehabt, das sehr genau zu beobachten, weil verschiedene Personen, mit denen ich in Geschäftsbeziehung stehe, gerade zu den uns feindlichen Kreisen gehören. Der König, es ist wahr, soll ja, wie man sagt, sehr deutsch gesinnt sein, aber er hat auch sehr particularistische bayerische Gefühle, und die ultramontane Partei übt einen großen Einfluß auf ihn aus, da sie ihn bei der religiösen Seite zu fassen versteht.«

»Ich kann,« sagte der Geheimrath Fintelmann, »kaum glauben, daß die ultramontane Partei in Bayern im Stande sein sollte, den Zug zur deutschen Einigkeit, welcher doch im Volke lebt, wirksam zu bekämpfen. Außerdem begreife ich eigentlich nicht, was sie dabei für ein Interesse haben sollte, die Katholiken werden doch wahrlich in Preußen nicht schlecht behandelt, im Gegentheil, sie stehen hier besser als in manchen katholischen Ländern, und sie würden sich selbst schaden, wenn sie sich im Gegensatz stellen wollten zu den nationalen Einigungsbestrebungen.«

»Die Stellung der Katholiken,« erwiderte der Bankdirector, »ist eine vollkommen andere geworden, seitdem man in Rom an der Unfehlbarkeit des Papstes arbeitet. Die verschiedenen Parteigänger dieses Dogmas sprechen es ganz offen aus, daß sie einen Kampf mit der preußischen Staatsgewalt voraussehen und daß sie deshalb dieser protestantischen Macht gegenüber in Bayern einen Mittelpunkt für den deutschen Katholicismus bilden müssen.«

»Mein Gott,« sagte der Geheimrath achselzuckend, »ich glaube, daß man dieser ganzen Unfehlbarkeitsangelegenheit zu viel Bedeutung beilegt. So viel mir bekannt, hat ja der Papst in der katholischen Kirche immer für unfehlbar gegolten, und schließlich ist ja jede oberste Instanz in jeder menschlichen Institution unfehlbar. Lasse man doch ruhig den Papst in Glaubenssachen seine unfehlbaren Decrete sprechen, die staatliche Nationalität wird darum ruhig ihren Weg weiter gehen und die Katholiken auch nach dieser neuen Façon selig werden lassen.«

»Sie legen der Sache umgekehrt zu wenig Bedeutung bei,« erwiderte der Bankdirector. »Verzeihen Sie, das ist aber der gewöhnliche Fehler der Herren am grünen Tisch, daß sie die Folge der Dinge erst dann einsehen, wenn sie wirklich eingetreten sind. Ich bin Rheinländer,« fuhr er fort, »ich bin Katholik und die Unfehlbarkeit des Papstes als oberste Autorität in Kirchenverwaltungen und Disciplinarsachen ist ja bei uns nie bestritten, obwohl es mir nicht so recht in den Sinn kommen will, daß eine fremde ausländische Autorität über die Angelegenheiten unserer deutschen Kirche zu bestimmen haben soll. Allein ganz etwas Anderes ist es, wenn nunmehr die Unfehlbarkeit des Papstes dogmatisch festgestellt wird, wenn Jeder verflucht und excommunicirt wird, der irgend einem Decret nicht sofort Folge leistet. Damit erwächst allerdings eine Macht, mit der der Staat auf die Dauer nicht im Frieden leben kann. Eine solche Unfehlbarkeit in Glaubenssachen könnten wir uns allenfalls gefallen lassen, wenn der oberste Leiter der deutschen Kirche ein deutscher Bischof wäre. Aber der Papst ist nun einmal ein fremder, ein italienischer Kirchenfürst, der nicht nur Priester ist, sondern auch seine Politik macht, und es könnten denn doch Verhältnisse eintreten, in welchen seine unfehlbaren Decrete der weltlichen Macht und im Besonderen Deutschland sehr wenig genehm sein möchten.«

»Nun,« sagte der Geheimrath mit einem selbstzufriedenem Lächeln, »ich glaube, wir können es ruhig abwarten.«

»Ich wollte,« rief der Bankdirector lebhaft, »Sie warteten es nicht ab, sondern träfen Vorkehrungen; wenn aus dieser Frage später ein Conflict entsteht, ohne daß man zur rechten Zeit Stellung genommen hat, so dürften die Consequenzen sehr fatal werden.«

»Ich glaube, der Bankdirector hat ganz Recht,« sagte der Professor Brandt, ein großer Mann von steifer Haltung, dessen von dunklem, glatt gescheiteltem Haar umgebenes Gesicht geistige Bewegung und scharfe Intelligenz ausdrückte, obwohl die Augen von einer großen gläsernen Brille bedeckt waren. »Ich glaube, der Bankdirektor hat ganz Recht und ich wundere mich, daß man sich in maßgebenden Kreisen so wenig mit solchen Fragen zu beschäftigen scheint, welche da am Horizont der Zukunft heraussteigen. Denn gerade in diesem Augenblick müßte man zugreifen, um die Unabhängigkeit von Rom, um welche die deutschen Bischöfe und die deutschen Kaiser so lange gestritten haben, endlich durchzusetzen. Alle deutschen Bischöfe, der so geistvolle und energische Kettler an der Spitze machten die größten Anstrengungen gegen die Proclamirung der Unfehlbarkeit. Der katholische Fürst von Hohenlohe hat die katholischen Mächte schon vor längerer Zeit aufgefordert, gegen das von Rom aus verbreitete Dogma Stellung zu nehmen. In diesem Augenblick müßte man eingreifen. Würde die staatliche Autorität jetzt den Bischöfen die Hand reichen, es ließe sich da vielleicht etwas Großes erreichen, und vielleicht ließe sich jetzt mit einem Male die durch das ganze Mittelalter erstrebte Unabhängigkeit der deutschen Kirche von Rom herstellen. Man sollte,« fuhr er in etwas docirendem Tone, aber mit dem Ausdruck tiefer Überzeugung fort, »man sollte in dieser Angelegenheit energisch handeln. Die Herstellung eines vollständig geeinigten Deutschlands liegt ja doch im Zug der Zeit, und wie das alte deutsche Reich und die Autorität der Kaiser keinen gefährlicheren Feind gehabt hat als die römische Hierarchie, so wird auch das neue deutsche Reich, wenn ein solches, wie Gott geben mag, jemals ersteht, sogleich wieder den alten Gegner sich gegenüberstellen sehen. Wenn man die Bischöfe jetzt im Stich läßt, wenn ihnen die Staatsautorität nicht zu Hülfe kommt, so werden sie sich unterwerfen und es wird später sehr schwer sein, sie wieder von Rom zu trennen.«

»Mein lieber Professor,« sagte der Geheimrath im Ton wohlwollender Belehrung, »Alles, was Sie da sagen, ist in der Theorie sehr schön. Wir haben uns aber bei Regelung des Staatslebens an die Praxis zu halten und viele Rücksichten zu nehmen, welche man außerhalb der eingeweihten Kreise nicht immer vollständig zu würdigen versteht.«

»Rücksichten? Rücksichten?« rief der Bankdirector. »Mit Rücksichten ist noch niemals etwas Großes geschaffen worden. Ich bin ganz der Meinung des Professors, in diesem Augenblick sollte man eingreifen, in diesem Augenblick ist Uneinigkeit unter der Hierarchie, der Nationalinstinct ist lebendig in dem deutschen Episkopat. Warten wir ab, bis sie wieder Alle einig geworden sind, so wird es vielleicht zu spät sein.«

Freundlich lächelnd trat der Commerzienrath Cohnheim in den Kreis.

»Die Herren sprechen ja so ernsthaft,« sagte er, »als wären sie im Reichstage. Ich bitte Sie, lassen Sie die Politik und die ernsten Fragen. Wollen Sie eine Cigarre rauchen?« fügte er hinzu, »dort im letzten Zimmer habe ich ein kleines Rauchcabinet etablirt. Sie finden ganz vortreffliche Regalia's von der letzten Ernte, ich habe sie vor Kurzem aus Hamburg bekommen. Es ist entsetzlich,« fügte er hinzu, »welche theuere Passion jetzt das Rauchen wird, man wird kaum noch eine gute Cigarre erschwingen können.«

»Wenn Sie das schon sagen, mein lieber Herr Commerzienrath,« sprach der Geheimrath mit einem sauer-süßen Lächeln, »was sollen wir dann sagen, die wir mit den Herren von der Finanz gar nicht mehr Schritt halten können.«

»Dafür aber,« erwiderte der Commerzienrath, »haben Sie die Hand an der Leitung der Ereignisse, die Ehre, den Einfluß!«

Der Geheimrath entfernte sich mit einer Miene, welche deutlich ausdrückte, daß Ehre und Einfluß ihm nicht vollwichtige Äquivalente für die mangelnden materiellen Mittel erschienen. Er begab sich in das Rauchcabinet, um eine von den gepriesenen Regalia's zu versuchen.

»Ich habe ein vortreffliches Project,« sagte der Commerzienrath zu dem Bankdirector, während der Professor zu einem großen Tisch trat und eins der darauf ausgebreiteten Albums öffnete, »ein Freund von mir, der Baron von Rantow, Mitglied des Herrenhauses, hat auf seinen Besitzungen in Schlesien ein Zinklager entdeckt, zu dessen Ausbeutung große Capitalkräfte nöthig sind, die dann allerdings aber auch eine große Rentabilität verspricht. Ich beschäftige mich diesen Augenblick damit, ein Consortium zu bilden, um die Sache in die Hand zu nehmen. – Ich glaube, daß es ein vortreffliches Geschäft für Ihre Bank wäre, sich dabei zu betheiligen.«

Er ergriff den Arm des Bankdirectors, führte ihn zu einem in der Ecke des Zimmers stehenden Divan und vertiefte sich mit ihm in ein längeres und eingehenderes Gespräch.

Der Ball nahm seinen Fortgang, die Herren an den Whisttischen spielten feierlich und würdevoll einen Robber nach dem andern. Die junge Welt tanzte unermüdlich, die Locken der Damen begannen sich zu lösen, die Blumen begannen allmälig zu welken und die älteren Damen an den Wänden des Saals verstummten mehr und mehr und blickten nur noch trübe und theilnahmlos, oft mit Schlafanwandlungen kämpfend in das Treiben vor ihnen.

Der Referendarius von Rantow hatte wenig getanzt, sich der Reihe nach mit vielen älteren Damen unterhalten und sich dann neben die Commerzienräthin gesetzt, mit welcher er angelegentlich und eifrig sprach, und welche mit der liebenswürdigsten Aufmerksamkeit ihm zuhörte.

Der Lieutenant von Büchenfeld war still und ruhig an der Thür des Tanzsaals stehen geblieben, sinnend, mit einem wehmüthigen, fast traurigen Ausdruck blickte er über die bunte Gesellschaft hin, und nur zuweilen leuchtete sein Auge höher auf, wenn er dem Blick der Tochter des Hauses begegnete, welche in den Pausen des Tanzes stets von einem Kreise junger Herren umgeben war und oft wie fragend zu ihm hinüber sah.

Endlich trat die allgemein ersehnte Pause des Soupers ein, alle Welt nahm an kleinen Tischen Platz. Der Commerzienrath wurde nicht müde, hin- und herzugehen und bald diesen, bald jenen seiner Gäste auf irgend eine Schüssel des vortrefflich bestellten Büffets aufmerksam zu machen, oder einen Lakaien herbeizurufen, um den von ihm Bevorzugten ein Glas besonders empfohlenen Weins zu serviren.

Fräulein Cohnheim war auch hier wieder von einem großen Kreise junger Damen und Herren umringt. Abermals warf sie einen flüchtigen fragenden Blick auf den jungen Officier, aber dieser näherte sich ihr nicht, sondern blieb in der Nähe des Büffets und nahm nur mit wenigen kurzen Bemerkungen an der Unterhaltung einiger Kameraden Theil, welche keine Plätze mehr in dem Kreise der Damen gefunden.

Das Souper war beendet. Die Musik intonirte die Aufforderung zum Cotillon; die junge Welt erhob sich, die Paare fanden sich zusammen und begaben sich in den Tanzsalon.

Fräulein Cohnheim war aufgestanden, hatte sich langsam der Thüre des Speisezimmers genähert und blickte erwartungsvoll umher. Rasch trat der Lieutenant von Büchenfeld auf sie zu, reichte ihr mit stummer Verbeugung die Hand und führte sie zu zwei Stühlen, welche ein wenig abseits unter einer Decoration von grünen Gewächsen standen.

Die jungen Leute setzten sich nieder, der Cotillon begann.

»Sie sind so ernst, fast verstimmt heute Abend, Herr von Büchenfeld,« sagte die junge Dame mit dem Ausdruck herzlicher Theilnahme. »Was fehlt Ihnen? Ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren? Sie haben sich beim Souper von unserm Kreise zurückgezogen, oder haben Sie –« fügte sie, die Augen niederschlagend, mit leicht zitternder Stimme hinzu, »mir irgend Etwas übel genommen?«

»Wie könnte ich das,« erwiderte Herr von Büchenfeld, indem sein Blick tief und innig auf dem Antlitz des jungen Mädchens ruhte, welches die leichte Verwirrung, in der sie sich befand, nur noch schöner erscheinen ließ. »Aber Sie haben Recht,« fuhr er seufzend fort, »ich bin verstimmt – und mehr als verstimmt – ich bin traurig, ernsthaft traurig – und fast wünschte ich, garnicht nach Berlin gekommen zu sein.«

»Und warum das?« fragte Fräulein Cohnheim, ihre großen Augen treuherzig zu ihm aufschlagend. »Haben Sie hier keine Freunde, welche gern bereit sind, an Ihrem Kummer Theil zu nehmen und Sie zu trösten? Ich wüßte übrigens nichts,« fuhr sie in scherzendem Ton fort, »was Sie traurig machen könnte.«

»Wenn Sie es nicht wissen,« sagte Herr von Büchenfeld, indem er ihr fest und grade in die Augen sah, »so muß mich das eigentlich noch trauriger machen. Ich bin hierher gekommen,« fuhr er fort, »mit leichtem fröhlichen Herzen, voll Muth und Vertrauen auf die Zukunft, und wenn ich von hier wieder fortgehe, so werde ich um viele Träume, um viele Hoffnungen ärmer sein, die vielleicht besser niemals in mein Herz eingezogen wären.«

Das junge Mädchen neigte erröthend den Kopf und schwieg einige Augenblicke. Dann richtete sie sich mit einer raschen Bewegung wieder hoch empor, blickte den jungen Mann voll und klar an und sprach mit einer festen, aber zugleich weichen und dabei zärtlichen Stimme.

»Warum sollten Träume, warum sollten Hoffnungen unglücklich machen? Wenn ein lieber Traum zur Wirklichkeit wird, wenn eine schöne Hoffnung sich erfüllt, das ist ja das beste Glück, das uns auf Erden zu Theil werden kann.«

Ein flammender Blitz zuckte aus den Augen des jungen Mannes.

»Diese Worte aus Ihrem Munde, Fräulein Anna,« sagte er mit lebhafter Bewegung, »sollten mich überglücklich machen und dennoch – dennoch –« fuhr er mit tief traurigem Tone fort, »kann ich an die Erfüllung meiner Hoffnungen, an die schöne Wirklichkeit meiner Träume nicht glauben.«

Sie sah ihn fragend und fast vorwurfsvoll an.

»Fräulein Anna,« sprach er, wie einem schnellen Entschluß folgend, »es muß klar werden durch die trüben Nebel, welche mein Herz bedrücken, denn die schmerzlichste Klarheit ist immer noch besser als die dumpfe Dämmerung widersprechender Gefühle. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen frei und ohne Rückhalt zu sagen, was mein Herz bedrückt?«

Abermals schlug sie erröthend die Augen nieder Ein leichtes Zittern flog durch ihre ganze Gestalt, dann machte sie eine Bewegung, als wolle sie dem jungen Officier die Hand reichen. Sie hielt sie jedoch zurück, ein rascher Blick glitt über den Saal über die Tanzenden hin, und sie sagte mit herzlichem Ton:

»Können Sie an meiner Theilnahme zweifeln?«

»Nun, Fräulein Anna,« sprach er, sich ein wenig zu ihr hinüberneigend, »Sie müssen es bemerkt haben, daß, seit ich Sie kenne, meine ganze Seele Ihnen entgegengeflogen ist, daß mein Fühlen, mein Denken, mein ganzes Leben sich nur um Sie als leuchtenden Mittelpunkt dreht. Sie müssen bemerkt haben, daß ich Sie liebe, und daß diese Liebe immer mächtiger mich durchdringt und erfüllt, je länger ich mich in Ihrer Nähe bewegt habe.«

»Ich habe es bemerkt,« flüsterte sie fast unhörbar, indem ein feucht schimmernder Blick ihrer großen Augen deutlich die unausgesprochene Frage ausdrückte, »und ist das denn ein so großes Unglück?«

Herr von Büchenfeld hörte die leise geflüsterten Worte. Er sah diesen Blick und verstand die stumme Frage.

»Sie haben Recht,« sprach er, »eine solche Liebe wäre das höchste Glück, wenn sie die Hoffnung haben könnte, Erwiderung zu finden –«

Sie richtete wiederum ihre Augen mit wunderbarem Ausdruck auf ihn.

Wiederum verstand er die stumme Sprache dieser Augen. Es zitterte einen Augenblick wie ein Wonneschauer durch sein Gesicht, dann aber legte sich wieder der tiefe traurige Ernst auf seine Züge – er fuhr fort:

– »und wenn die Verhältnisse für diese Liebe eine glückliche Zukunft unmöglich machten, Fräulein Anna,« – sie sah ihn ganz erstaunt an, als begriff sie seine Worte nicht – »ich bin ein armer Officier, meine Zukunft beruht auf meiner Arbeit und Thätigkeit, auf einer langjährigen mühevollen und angestrengten Arbeit. Nach Jahren kann ich erst in der Lage sein, an die Gründung einer Häuslichkeit zu denken, dem Wesen, das ich liebe, eine sichere Existenz zu bieten. Kann ich,« fuhr er mit einem brennenden Blick fort, »von Ihnen, selbst wenn Sie einige Theilnahme für mich empfinden, selbst wenn Ihr Herz sich freundlich zu mir neigt, kann ich von Ihnen erwarten, daß Sie die Jahre der Jugend opfern, um den unsichern Erfolg meiner Thätigkeit, meines Ringens und Strebens zu erwarten. Und wenn dieser Erfolg ausbleibt – ich allein könnte eine zerstörte Carriere, ein verfehltes Leben ertragen, aber ich würde vernichtet zusammenbrechen, wenn ich auch die Hoffnungen eines andern Lebens zerstört sehen müßte, das so reich berechtigt ist zu Freude und Glück. Darum ist es besser,« fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort, während sie ihn fortwährend mit ihren großen Augen fest ansah, »darum ist es besser, ich reiße mich jetzt kraftvoll von allen jenen Träumen los und verfolge meinen eigenen Weg. – Sie werden mich vergessen,« sprach er seufzend, »und mich wird die Erinnerung an Sie immer noch glücklich machen. Sie wird wie ein freundlicher Lichtschein, wie ein Stern, der unerreichbar hoch über uns schwebt, mein Leben verklären.«

Anna hatte ernst und unbeweglich zugehört; als er schwieg, leuchtete ihr Blick höher auf, ein Zug fester Energie und muthiger Entschlossenheit legte sich um ihre sonst so weichen kindlichen Lippen, indem sie sich ein wenig zu dem jungen Officier hinüberneigte, sprach sie mit leiser Stimme, aber jedes Wort scharf und klar betonend.

»Sie irren sich, Herr von Büchenfeld, ich werde Sie nicht vergessen – ich kann Sie nicht vergessen! Und von dem Augenblick an,« fuhr sie, ihn fast befehlend anblickend, fort, »von dem Augenblick an, wo ich Ihnen dies gesagt habe, dürfen Sie sich nicht von mir wenden, Sie dürfen mich nicht allein lassen. Und wenn Sie Ihren Weg einsam durch das Leben verfolgen, so wird das Licht des Sternes, von dem Sie eben gesprochen haben, Ihnen nicht mehr leuchten, denn dieser Stern selbst wird sein Licht und seinen Glanz verloren haben.«

»Fräulein Anna,« sagte er, mühsam seine Erregung unterdrückend, »solche Worte sollten mich auf die höchste Höhe der Glückseligkeit erheben. Aber mein Gott,« sagte er, die Hände in einander faltend, »es ist ja nicht möglich.«

»Nicht möglich,« sagte sie sanft, »warum nicht möglich? Haben wir nöthig, auf die Vollendung Ihrer Carriere zu warten? Ich schwöre Ihnen,« fuhr sie fort, »aller Reichthum und Glanz, mit welchem mein Leben umgeben ist, ist mir immer gleichgültig gewesen. – Aber in diesem Augenblick danke ich Gott, daß mein Vater reich ist, denn dadurch sind wir über die traurige Nothwendigkeit erhoben, das Glück unserer Liebe abhängig von den Zufälligkeiten dieses Lebens zu machen.«

Herr von Büchenfeld richtete sich hoch empor. Er sah das junge Mädchen mit einem Blick voll hohen, fast kalten Stolzes an.

»Und würden Sie,« sprach er in heftiger Bewegung mit mühsam gedämpfter Stimme, »würden Sie, Fräulein Anna, einen Mann lieben können, würden Sie einem Mann Ihr Leben anvertrauen können, der seine Existenz, seine Stellung in der Welt auf das Vermögen seiner Frau begründet? – Ich,« fuhr er, die Lippen zusammenpressend fort, – »ich würde eine solche Stellung nicht annehmen, nicht um den Preis des höchsten Glückes.«

»Soll die Liebe,« fragte sie leise, »welche die Herzen und die Seelen vereinigt, jenen elenden Besitz der äußeren Güter des Lebens theilen? Wenn liebende Herzen das Höchste und Göttlichste im Menschenleben gemeinsam umfassen, sollen sie fragen, ob die untergeordneten Elemente des materiellen Lebens dem Einen oder dem Andern gehören? Muß ich Sie bitten,« fügte sie mit einem wunderbar weichen, fast demüthig zu ihm empor gerichteten Blick hinzu, »muß ich Sie bitten, mir zu verzeihen, daß mein Vater reich ist?«

»Mein Gott, Fräulein Anna,« rief er, »welche Qual macht mir das sonnige Glück, das Sie mir zeigen, und nach welchem ich doch,« fügte er dumpf hinzu, – – »nach welchem ich doch die Hand nicht ausstrecken darf. – Glauben Sie,« fuhr er nach einem augenblicklichen Stillschweigen fort, »daß, wenn mein Stolz sich Ihnen gegenüber beugen könnte, glauben Sie, daß Ihr Vater jemals einen armen aussichtslosen Officier, den er,« sagte er bitter, »wohl als Staffage für seine Gesellschaftssalons benutzt – als Bewerber um seine Tochter annehmen würde?«

»Und glauben Sie,« erwiderte sie schnell, indem ihr sonst so weicher Blick hell aufleuchtete, »daß ich nicht die Kraft und den Muth haben würde, auch für meinen Willen und mein Glück zu kämpfen?«

Der Cotillon hatte seinen Fortgang genommen. Ein kleiner Tisch mit reizenden frischen Bouquets stand in der Mitte des Saales. Die Herren vertheilten dieselben an die Damen. Der Ball befand sich auf dem Höhepunkt seines Interesses für die junge Welt, während die älteren Herren nur noch mühsam und gezwungen ihre Gespräche fortsetzten, und die Mütter an den Wänden des Tanzsaals nur noch in lethargischer Unbeweglichkeit gleichgültig und starr auf die Touren des Cotillons hinblickten.

Der Referendarius von Rantow, welcher an dem Tanz nicht Theil genommen, trat zu dem Blumenkorb, nahm ein kleines zierliches Bouquet von Veilchen und Rosenknospen und brachte es der schönen Tochter des Hauses.

Als Fräulein Cohnheim nach der Tour zu ihrem Platz zurückkehrte, sprach der Lieutenant von Büchenfeld, welcher mit finstern Blicken die tanzenden Paare verfolgt hatte:

»Sehen Sie, Fräulein Anna, von allen Seiten werden sich die Bewerber um Sie drängen, und zwar Bewerber, welche in den Augen Ihres Vaters so unendlich weit über mir stehen müssen. Und auch Sie,« fuhr er leise fort, »werden endlich unter allen diesen glänzenden jungen Leuten, welche Sie umschwärmen, mich vergessen müssen, da ich ja mit jenen Allen den Vergleich nicht aushalten kann.«

Sie blickte ihn einen Augenblick groß und sinnend an, dann schüttelte sie langsam den Kopf und mit einer raschen Bewegung reichte sie ihm das kleine Bouquet, welches Herr von Rantow ihr soeben gebracht hatte.

»Wie schlecht kennen Sie mich,« sagte sie, »wie ich Ihnen diese Blumen gebe, so möchte ich Alles, was mir das Leben an Blüthen bietet, nur dazu benutzen, um Ihnen Freude zu machen.«

Er nahm die kleinen Blumen und drückte sie wie begeistert an seine Lippen. Ehe er antworten konnte, traten andere Herren heran, und in den folgenden Touren des Cotillon wurde Fräulein Cohnheim als die gefeierte Tochter des Hauses so sehr in Anspruch genommen, daß ein ruhiges Gespräch nicht mehr möglich war.

Der Tanz war zu Ende. Langsam führte Herr von Büchenfeld Fräulein Cohnheim zu ihrer Mutter zurück. Als sie am Ende des Saales angekommen waren, hielt das junge Mädchen ihn durch einen festen und energischen Druck ihrer Hand zurück.

Er blieb einen Augenblick stehen. Sie neigte sich zu ihm hinüber, und indem sie auf ihrem Gesicht den harmlos lächelnden Ausdruck leichter Conversation festhielt, sprach sie, indem ihre Augen sich tief in die seinigen tauchten.

»Ich will nicht, daß unser Gespräch zu Ende sei, Herr von Büchenfeld. Ich bitte Sie die Blumen zu bewahren, die ich Ihnen gegeben; ich bitte Sie dieselben täglich zu betrachten und sich dabei zu erinnern, daß Sie nicht nur Pflichten gegen Ihren Stolz haben, sondern auch heilige Pflichten gegen Ihre Liebe, nachdem Sie einmal das Wort Liebe ausgesprochen haben, – nach Dem, was ich Ihnen gesagt, wäre es nicht ritterlich, mich zu verlassen, und etwas Unritterliches zu thun ist Ihnen unmöglich. Ich habe Ihnen das höchste Vertrauen bewiesen, das man einem Manne zeigen kann. Jetzt ist es an Ihnen, Vertrauen zu mir und der Zukunft zu haben.«

Rasch schritt sie weiter und verneigte sich, an der Seite ihrer Mutter angelangt, stumm gegen ihren Tänzer, der sich, ohne eines Wortes mächtig zu sein, zurückzog, seinen Helm und Degen nahm und schweigend, in tiefe Gedanken versunken, die Gesellschaftsräume verließ.

Allmälig empfahlen sich die Gäste. Der junge Herr von Rantow unterhielt sich noch längere Zeit mit der Commerzienräthin und ihrer Tochter. Und als er endlich Abschied nahm, führte der Commerzienrath ihn vertraulich bis zur äußeren Thür und flüsterte ihm zu:

»Sagen Sie Ihrem Herrn Vater, daß ich für unsere Unternehmung thätig gewesen bin, und daß ich bestimmte Hoffnung habe, in Kurzem die Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Wir werden gute Geschäfte machen,« fügte er schmunzelnd hinzu, »und Ihr künftiges Erbe, mein lieber Baron, wird sich um das Dreißig- und Vierzigfache vermehren.«

Als die Räume sich geleert hatten, trat der Commerzienrath zu seiner Frau und zu seiner Tochter.

»Ein sehr gelungenes Fest,« sagte er, sich vergnügt die Hände reibend, »sehr gute Gesellschaft, Alles war sehr animirt. Und ich habe,« fügte er vergnügt lächelnd hinzu, »ein gutes Geschäft gemacht. – Der Baron von Rantow wird ein sehr reicher Mann werden – ein feiner Mann, eine sehr gute Familie, es freut mich sehr, daß wir mit ihnen in diesem Hause zusammen wohnen – ich hoffe, wir werden immer näher mit einander bekannt werden,« fügte er mit einem Seitenblick auf seine Tochter hinzu.

»Ich begreife nicht, Anna,« sagte die Commerzienräthin, indem sie die schweren Falten ihrer seidenen Robe mit der Hand glättete, »ich begreife nicht, daß Du dem jungen Rantow den Cotillon hast abschlagen können, um ihn mit diesem Officier zu tanzen, der nicht einmal von der Garde ist, mit diesem Herrn – ich habe seinen Namen vergessen,« sagte sie im zerstreuten Ton.

»Herr von Büchenfeld,« sagte ihre Tochter fest und bestimmt. »Ich hatte ihm den Cotillon auf dem letzten Ball versprochen,« fügte sie in demselben Ton hinzu.

»Du hättest eine kleine Ausrede machen können,« sagte ihre Mutter. »Du hast wirklich nicht nöthig, mit so unbedeutenden kleinen Officieren zu tanzen. Ich wünsche, daß Du künftig mehr Rücksicht auf unsere Stellung und unsere Beziehungen nimmst.«

Anna's Augen flammten auf, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie Etwas erwidern, doch unterdrückte sie ihre Antwort, sie wünschte ihren Eltern kurz gute Nacht und zog sich zurück.

Der Commerzienrath setzte sich neben seine Frau, zündete eine jener Regaliacigarren an, die er seinen Gästen vorhin so dringend empfohlen hatte, und Beide unterhielten sich noch längere Zeit über die verschiedenen Beobachtungen in der Gesellschaft, während die Lakaien in den übrigen Zimmern die Gasflammen auslöschten.

Fünftes Capitel.

Der Reichskanzler von Österreich-Ungarn, Graf Beust, schritt langsam und nachdenklich in seinem Cabinet des Palais am Ballhausplatz zu Wien auf und nieder. Sein sorgfältig frisirtes Haar war ein wenig dünner und ein wenig grauer geworden; doch die Haltung seiner großen schlanken Gestalt zeigte noch immer jugendliche Elasticität und Frische. Sein bleiches, geistdurchleuchtetes Gesicht, seine klaren, scharfen Augen schienen von dem Fortschritt der Zeit nicht berührt worden zu sein; nur das leicht ironische Lächeln seines feinen, etwas seitwärts gezogenen Mundes war nicht mehr so heiter und siegesgewiß als früher.

Er hielt einen ziemlich umfangreichen Bericht in Quartformat in der Hand und blickte von Zeit zu Zeit kopfschüttelnd auf die große und deutliche Schrift welche das Papier bedeckte.

»Die Katastrophe,« sagte er, an einem der großen Fenster stehen bleibend und sinnend in die trübe Nebelluft hinausblickend, in welcher einzelne Schneeflocken umherwirbelten, »die Katastrophe, welche seit fast vier Jahren wie eine Wetterwolke über Europa hängt, scheint sich dem entscheidenden Ausbruch nahen zu wollen. – Merkwürdig,« fuhr er fort, »alle meine Feinde in Deutschland und auch in Preußen, sie betrachten mich fortwährend als den geheimen Ruhestörer des europäischen Friedens, und doch ist in all dieser Zeit mein ganzes Bestreben darauf gerichtet, überall wo sich die schwebenden Differenzen zu acuten Conflicten zuspitzen, Alles wieder auszugleichen und um jeden Preis die Ruhe zu erhalten. Von der Luxemburger Affaire bis zu dieser Stunde bin ich der unermüdlichste und eifrigste Wächter des Friedens in Europa, denn ich bedarf den Frieden für mein Werk, das ich in Österreich begonnen. Dies arme, so schwer geschlagene Österreich kann noch lange keinen kriegerischen Anstoß ertragen. Alles was im Innern angebaut ist, würde zusammenbrechen. Mein Werk – meine Stellung« – fügte er seufzend hinzu, »würde in demselben Augenblick zu Ende sein, in welchem die innere Entwickelung dessen, was ich begonnen, von außen her gestört würde, und selbst im Fall des Sieges würde nicht ich es sein, der die Früchte desselben pflückte. Jeder Krieg, der in Europa ausbräche, würde die Leitung der österreichischen Angelegenheiten vorzugsweise in die Hände Ungarns legen, denn die militairische Kraft Österreichs liegt in Ungarn, und um einer großen politischen Action diese Kraft zu sichern, würden die Forderungen dort sehr weit gehen. – Es bereitet sich Etwas in Frankreich vor, Napoleon wird alt und schwach, er scheint die Zügel aus den Händen zu verlieren und die verschiedenartigsten und unberechenbaren Factoren treiben dort ihr Spiel –

– »da ist wieder,« fuhr er, den Bericht, welchen er in der Hand hielt, durchblätternd fort, »dieser General Türr mit seiner Coalitionsidee im Gange, und es scheint in der That, daß Napoleon oder Diejenigen, welche seinen schwachen Willen in diesem Augenblick lenken, hinter der unruhigen Thätigkeit dieses Generals steht. – Diese unzünftigen Politiker,« sagte er, tief aufseufzend, »welche es nicht unterlassen können, von Zeit zu Zeit mit übereifrigen Händen in das feine Gewebe der politischen Fäden einzugreifen, sind in der That ein Kreuz für die wahre Staatskunst, welche nach vernünftigen Plänen ihre Ziele verfolgt. Sie können es niemals abwarten, die Dinge reif werden zu lassen und wollen vorzeitige Früchte von den halb angewachsen Bäumen pflücken.«

Er ging langsam zu seinem Schreibtisch zurück und setzte sich in den einfachen Lehnstuhl, welcher vor demselben stand.

»Die Idee einer innigen Annäherung zwischen Frankreich, Österreich und Italien ist ja gut und vortrefflich, und ich habe stets die Nothwendigkeit betont, in eine französische Alliance, wenn sie wirksam sein soll, Italien mit aufzunehmen. – Österreich könnte einer solchen Combination, welche uns eine feste Stellung in Europa wieder geben würde, Opfer bringen. Ich arbeite mit Eifer daran, die guten Beziehungen mit Italien zu pflegen und Vergessenheit alles Geschehenen zur Grundlage für die Verhältnisse der Zukunft zu machen. Aber man muß nur nicht glauben, daß die Herstellung einer Alliance aus so heterogenen Mitteln, mit so verschiedenartigen Elementen ein Werk des Augenblicks ist. Da fällt dieser General Türr mit dem Säbel in die Diplomatie hinein und will alle diese so schwierigen Fragen in drei oder vier Punkten eines Vertrages zusammenfassen, und dann sofort mit vereinten Kräften in's Feld rücken, um vielleicht von Neuem in einer übereilten Action Alles das auf's Spiel zu setzen, was uns aus den schweren Unfällen von 1866 noch übrig geblieben ist.«

Er blickte abermals auf den Bericht.

»Wohlwollende Neutralität Italiens,« sprach er, »militairische Hülfeleistung für den Fall, daß Rußland activ in die Ereignisse eingreifen sollte. – Und dafür die italienisch redenden Districte Tyrols. – Das klingt sehr schön. Das Opfer wäre nicht zu schwer für die Wiedererlangung der alten Machtstellung Österreichs, nachdem ja nun einmal Italien gegenüber das nationale Princip anerkannt worden ist. Aber das Alles bietet doch nur eine sehr unsichere und zweifelhafte Basis für eine Politik, bei welcher die Existenz Österreichs eingesetzt werden würde. Der König Victor Emanuel billigt den Plan. – Aber was bedeutet die Billigung des Königs bei den gegenwärtigen Zuständen in Italien. Würde ein solcher Vertrag in der Stille der Cabinette wirklich unterzeichnet – wer bürgt dafür, daß im Augenblick des Handelns das italienische Volk die Abmachung seines Königs gut heißt. Wer bürgt dafür, daß nicht ein neues Ministerium dort Alles desavouirt, was seine Vorgänger abgemacht haben, daß im Augenblick einer besonders gefährlichen Entscheidung das kaum zu neuer Kraft erstarkte Österreich sich unter gewaltigen und mächtigen Feinden isolirt sieht –«

»Nein,« rief er, »niemals werde ich die Wege einer so unsicheren und gewagten Politik betreten. Ich will Österreich zur Größe und zur Macht zurückführen, aber ich muß es erst innerlich gesund machen und darf es in die Gefahren auswärtiger Verwickelungen erst dann stürzen, wenn seine innere eigene Kraft vollständig wieder hergestellt ist, – wenn ich des Erfolges sicher bin, denn jeder unglückliche Ausgang einer militairischen Action würde das Ende des heutigen Österreichs – das Ende meines Werkes sein.«

Er warf den Bericht auf den Tisch.

»Ich habe den Ausgleich mit Ungarn hergestellt,« fuhr er fort – »ich habe es unternommen, die kaiserliche Autorität an die Zunge der Wage zu stellen zwischen dem deutschen und dem magyarischen Theil des Kaiserstaats. Jeder Kampf in Europa, bei welchem Deutschland betheiligt wäre, würde das Schwergewicht auf die Seite Ungarns bringen müssen, denn niemals wird Österreich in einer feindlichen Action gegen Preußen oder Deutschland sich auf seine deutschen Elemente stützen können. Wie man aber in Ungarn ein solches Verhältniß benutzen und ausbeuten würde, dafür spricht am deutlichsten wieder dieser Brief Kossuth's an die achtundvierziger Partei, welche ihm ihre Präsidentschaft angetragen.«

Er ergriff ein anderes Papier, welches auf seinem Schreibtisch lag, durchflog es schweigend und las dann mit halb lauter Stimme die Schlußworte:

»Und doch spreche ich es aus, daß ich für den Fall, daß noch vor der Zeit, wo die Logik der Geschichte die monarchische Institution in die Rumpelkammer des überlebten Entwickelungsstadiums verweisen wird, wenn in meinem Leben das Ereigniß eintreten sollte, daß ein europäischer Sturm vom Haupte des Kaiser-Königs Franz Joseph die österreichische Krone herunterblasen sollte, ich im selben Augenblick nach Hause gehen und gegenüber dem plötzlich zum König von Ungarn reducirten Franz Joseph das Band der Unterthanentreue annehmen würde.«

»Diese Zeilen Kossuth's,« sagte Graf Beust, das Haupt in die Hand stützend, »sind eine deutliche Mahnung für mich, ein deutliches Zeichen für das, was in Ungarn geschehen würde, wenn Österreich vorzeitig und unvorsichtig sich in eine europäische Action verwickeln sollte. Für den König von Ungarn würden sie kämpfen, diese Magyaren, aber nicht für den Kaiser von Österreich! – – Für den Augenblick beherrscht die Partei des Ausgleichs das öffentliche Leben in Ungarn. Sie haben gern angenommen, was ihnen geboten wurde. Aber diese Partei, welche dort mit Österreich pactirt, würde in demselben Augenblick verschwinden, in welchem der Kaiser auf die Kraft Ungarns sich stützen müßte. Die große Mehrzahl des Volkes jenseits der Leitha denkt wie Ludwig Kossuth und würde in einem solchen Augenblick sprechen, wie er heute spricht. – Und diese russische Macht, die schweigend an unsern Grenzen steht, den Moment erwartend, in welchem wir ihr Gelegenheit geben möchten, Rache zu nehmen für die Vergangenheit – für eine Vergangenheit, an der ich und das heutige Österreich unschuldig sind! – Darf ich den furchtbaren Überfall dieser Macht heraufbeschwören ohne eine andere Deckung, als den so unsichern Beistand Italiens? – Nein!« rief er mit entschlossenem Ton, »niemals werde ich ein so unsicheres Hazardspiel mit diesem alten, ehrwürdigen österreichischen Staat spielen, dessen Schicksal man mir anvertraut hat. Ich bedarf des Friedens, um das Werk zu erfüllen, und ich werde alle meine Kraft aufbieten, um den Frieden zu erhalten.

»Wenn dann,« fuhr er mit einem wie in weite Fernen gerichteten Blick fort, »wenn dann Österreich innerlich einig, kräftig und schlagfertig ist, wenn die reichen Hülfsquellen seines öconomischen Lebens sich geöffnet haben werden, wenn die Institutionen der neuen Verfassung feste Wurzel im Leben des Volkes geschlagen haben, dann mag der Kaiser es versuchen, wieder in die Arena der großen Kämpfe der europäischen Mächte hinabzusteigen, und den alten Glanz, die alte Macht Habsburgs wieder zu erringen, dann mag er das Spiel um sein Haus und sein Reich wagen. Aber von mir soll man nicht sagen, daß ich das Land, welches mir, dem Fremden so vertrauungsvoll die Leitung seiner Geschicke übergeben hat, in die unheilvollen Zufälligkeiten einer unreifen Action gestürzt hätte.«

Er blieb einige Augenblicke in tiefen Gedanken versunken sitzen.

Der Bureaudiener, welcher im Vorzimmer den Dienst hatte, meldete den Sectionschef, Baron Hoffmann.

Herr von Beust neigte zustimmend den Kopf.

Wenige Augenblicke darauf trat die magere, etwas eckige Gestalt des Herrn von Hoffmann in das Cabinet. Herr von Beust reichte ihm verbindlichst die Hand und der vortragende Rath des auswärtigen Ministeriums nahm in dem Lehnstuhl neben dem Schreibtisch des Reichskanzlers Platz.

Graf Beust reichte ihm den Bericht, den er vorher auf seinen Schreibtisch gelegt und sagte.

»Ich bitte Sie, sogleich an Metternich zu schreiben, daß er der unruhigen und unklaren Thätigkeit des Generals Türr gegenüber die äußerste Zurückhaltung beobachten möge, ohne indessen irgend wie die Idee einer immer enger zu knüpfenden Coalition zwischen Frankreich, Österreich und Italien zurückzuweisen. Es wäre mir sogar lieb,« fuhr er fort, »wenn diese Negotiation – doch in möglichst unbestimmter Form sich lange hinzöge. – Sie gäbe uns immerhin eine zweckmäßige Handhabe für unsere Diplomatie. Und wenn auch eine so bestimmt formulirte Allianz, wie der General sie herstellen möchte, mir unerreichbar scheint, auch für uns ihre sehr erheblichen und ernsthaften Bedenken hat, so könnte doch diese ganze Verhandlung, wenn sie mit Geschick geleitet würde, dahin führen, daß die freundschaftliche Annäherung an Italien, welche ich so sehr wünsche, und welche schon mehrmals ohne eigentlichen Erfolg versucht wurde, jetzt wenigstens hergestellt würde. – Der Fürst Metternich soll sich besonders hüten, über die von dem General Türr formulirten Punkte irgend wie eine bindende Äußerung zu machen. Erst muß die allgemeine Annäherung und Verständigung kommen, später wird es dann vielleicht möglich sein auf die Discussion bestimmt formulirter Allianceverträge einzugehen. Vor Allem aber wird es dann nöthig sein, zunächst Fühlung in Italien zu nehmen, und sich zu vergewissern, wie weit unsere Allianceverträge die Zustimmung der dort herrschenden Parteien finden könnten. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß Victor Emanuel kein Selbstherrscher wie Napoleon ist und daß ein mit ihm persönlich geschlossener Vertrag leicht illusorisch bleiben könnte.«

»Ich glaube kaum,« sagte Baron Hoffmann, »daß eine wirklich aktive Alliance mit Italien auf die Zustimmung der Majorität der dortigen Parteien jemals zu rechnen habe. Man fühlt in Italien ganz genau, daß man das bisher Errungene nur durch die Alliance mit Preußen erreicht hat, und man sagt sich vom dortigen Standpunkt mit vollem Recht, daß man nur unter dem ferneren Beistand Preußens an das Endziel des betretenen Weges gelangen, das heißt von Florenz nach Rom würde gehen können. Die Stimme der öffentlichen Meinung,« fuhr er fort, »läßt darüber keinen Zweifel, und ich glaube, daß trotz aller Verträge, welche das italienische Cabinet etwa schließen könnte, im Augenblick einer europäischen Verwickelung das italienische Volk die Regierung zwingen wird, die letzte Hand an die nationale Einigung Italiens zu legen, wie ja bisher jeder Schritt auf diesem Wege immer unter dem Druck des Volkswillens gegen die von der Regierung geschlossenen Verträge geschehen ist.«

»Ich bedaure,« sagte Herr von Beust nach einem augenblicklichen Nachdenken, »daß die verschiedenen Projekte, um mit Italien zu einer freundlichen Verständigung und einem nähern Verhältniß zu gelangen, niemals zur Ausführung gekommen sind. Wir bedürfen der Freundschaft Italiens, wir bedürfen auch der diplomatischen Coalition mit Italien und Frankreich, aber in diesem Augenblick auf die unglücklichen Actionspläne des Generals Türr einzugehen, das wäre unverzeihlich für einen österreichischen Minister. In Paris mag man jene Ideen in diesem Augenblick den stets heranwachsenden innern Verlegenheiten gegenüber acceptiren; doch glaube ich nicht, daß Kaiser Napoleon ernstlich daran denkt, gerade jetzt einen Conflict heraufzubeschwören, nachdem er viel passendere Momente, Momente, in welchen ihm viel größere Chancen des Erfolges zur Seite standen, hat vorübergehen lassen. Ich bitte Sie also noch einmal, Metternich in dieser Beziehung meinen Willen mitzutheilen. – Doch muß die ganze Sache mit großer Vorsicht und mit unendlicher Schonung aller persönlichen Empfindlichkeiten behandelt werden. Man darf weder in Paris, noch in Florenz verletzt werden, und auch der General Türr darf in keiner Weise unangenehm berührt werden. Er ist uns in Ungarn sehr nützlich gewesen, und könnte uns jedenfalls unter Umständen viel schaden.«

Herr von Hoffmann verneigte sich.

»Ich werde sogleich die Depesche nach Eurer Excellenz Befehl abfassen.«

Er zog ein Zeitungsblatt aus seiner Mappe und fuhr fort.

»Ich muß nun Eure Excellenz auf einen Artikel aufmerksam machen, welcher sich in verschiedenen Blättern findet und über einen Vorfall in München berichtet, welcher, wie ich glaube, nicht unbeachtet bleiben darf. Graf Ingelheim,« fuhr er fort, »hat gerade an dem Tage, an welchem der König Ludwig die Minister und ministeriellen Reichsräthe zur Hoftafel befohlen, ein Diner gegeben, bei welchem er alle Mitglieder der großdeutschen und ultramontanen Opposition im Reichsrath, die für die Mißtrauensadresse gegen das Ministerium gestimmt hatten, bei sich versammelte, und es sollen bei diesem Diner, wie die Zeitungen berichten, eigentümliche Unterhaltungen stattgefunden haben. Man soll Fürst Hohenlohe bereits als beseitigt betrachten, und die Herstellung des Ministeriums unter Herrn von Bomhardt mit den Herren von Schrenk und von Thüngen lebhaft besprochen haben.«

»Unterhaltungen bei einem Diner können nun allerdings nicht gerade auf die Goldwage gelegt werden. Indessen hat doch dieser ganze Vorfall etwas Demonstratives. – Die Presse faßt ihn in diesem Sinne auf und setzt ihn in Verbindung mit dem allgemeinen Verhalten des Grafen Ingelheim, der mit den erbittertsten und entschiedensten Gegnern des Ministeriums Hohenlohe die innigsten Beziehungen unterhält. –

»Ich glaube nicht, daß es im Sinne der von Eurer Excellenz befolgten, so vorsichtig zurückhaltenden Politik liegen kann, wenn der Gesandte Österreichs in Baiern offen gegen das dortige Ministerium demonstrirt, im Augenblick, in welchem der König demselben einen Beweis seines Vertrauens giebt.«

Über das Gesicht des Herrn von Beust legte sich der Ausdruck finstern Unmuths.

»Wie schwer,« rief er, »wie unendlich schwer ist es doch, Österreich in den neuen Bahnen einer wohl durchdachten Politik zu lenken. Überall fehlt die Organisation der innern Verwaltung, in der Diplomatie stößt man fortwährend auf die unerwarteten Hindernisse, und wenn ich mit der äußersten Mühe die Wolken des Mißtrauens vom politischen Horizont verscheucht habe, so werden sie bald hier, bald dort immer wieder hervorgerufen durch die Organe, welche meine Absichten und Pläne nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Da wird nun durch eine rein persönliche Demonstration des Grafen Ingelheim wieder das mühsam aufrecht erhaltene gute Verhältniß mit Preußen getrübt, und man wird in Berlin nicht ganz Unrecht haben, denn für eine solche Handlung des offiziellen Vertreters Österreichs hat man eine gewisse Berechtigung, mich verantwortlich zu machen. – Ich habe lange Bedenken gehabt,« fuhr er fort, »Ingelheim wieder in Aktivität zu setzen. Er ist ein braver Mann, aber das genügt nicht, um ein guter Diplomat zu sein, und vor Allem ist er vollständig in den Händen der Ultramontanen. – Doch,« fuhr er fort, »die Sache ist mir nach Preußen hin noch weniger unangenehm, als für die Beziehungen zu Baiern selbst. Der König Ludwig wird auf's Tiefste verletzt sein, und doch ist es für uns von größter Wichtigkeit, gerade in München festen Fuß zu behalten, und das Vertrauen des Königs nicht zu verlieren; – bei seinem Charakter kann eine Demonstration wie die des Grafen Ingelheim ihn gerade in plötzlicher Aufwallung von uns völlig entfremden, und wenn man diese Verhältnisse und Stimmungen von Berlin aus richtig benutzt, ihn ganz und gar der norddeutschen Politik in die Arme treiben.

»Die Sache ist um so unangenehmer,« fuhr er fort, indem er einen kleinen eng beschriebenen Bericht von seinem Schreibtisch nahm und den Blick über denselben gleiten ließ, »als – – ich habe da eine merkwürdige Mittheilung auf privatem Wege erhalten über Vorgänge in der königlichen Familie. –

»Sie wissen,« sagte er, daß die klerikale Partei ganz besondere Hoffnungen auf den Prinzen Luitpold setzt und stets bemüht ist, demselben einen möglichst großen Einfluß auf die Staatsgeschäfte zu sichern. Es soll nun im Schooß der königlichen Familie ein Project ernstlich ventilirt sein, den König Ludwig durch einen Regierungsbeschluß unfähig erklären zu lassen. Prinz Otto, der ohne politischen Ehrgeiz ist, soll gegen entsprechende persönliche Vortheile bereit gewesen sein, schon jetzt auf das Thronrecht ausdrücklich zu verzichten. Im entscheidenden Augenblick habe aber dieser junge Prinz von Gewissensbissen bewegt, der verwittweten Königin die ganze Sache eingestanden, und es sei in Folge dessen zu sehr stürmischen Scenen gekommen, welche zur öffentlichen Kenntniß freilich nur durch eine königliche Botschaft gelangt sind, die den Prinzen Luitpold mit seinen Söhnen Ludwig und Leopold bis auf Weiteres vom Erscheinen bei Hofe dispensirt. –

»Die ganze Sache ist etwas mysteriös und fabelhaft,« sprach er weiter, »auch die Quelle, aus welcher die Mittheilung an mich gelangt ist, ist nicht absolut zuverlässig. Dennoch aber ist so viel gewiß, daß die Prinzen mit den Führern der klerikalen particularistischen Opposition in intimen Verbindungen stehen, und daß der König über diese Opposition sehr gereizt ist. Wenn gerade in einem solchen Augenblick der Vertreter Österreichs in solcher Weise demonstrativ handelt, wie es der Graf Ingelheim gethan hat, so ist das allerdings sehr bedenklich. Wir müssen darauf denken,« fuhr er fort, »die Sache unter jeder Bedingung wieder gut zu machen –

»Zunächst bitte ich Sie, Graf Ingelheim in vertraulicher Weise auf das Bedenkliche seines Verfahrens aufmerksam zu machen. Ich werde weiter darüber nachdenken. – Ich glaube, daß ein anderer Vertreter in München nothwendig werden wird. Wir können doch wahrlich nicht am Münchener Hof klerikale Politik machen, während wir hier in Österreich damit beschäftigt sind, den Einfluß der römischen Hierarchie auf die Entwickelung des Staatslebens zu brechen.«

Der Bureaudiener trat ein und meldete den Herzog von Grammont.

Graf Beust erhob sich.

»Sie bleiben noch hier im Hause, nicht wahr, lieber Hoffmann?« sagte er. »Vielleicht können Sie mir nachher die Depesche an Metternich vorlegen, nachdem ich mit Grammont gesprochen habe.«

Herr von Hoffmann verneigte sich. Unmittelbar, nachdem er das Cabinet verlassen, trat der französische Botschafter ein.

Der Herzog von Grammont war ruhig und lächelnd wie immer. Sein feines, fast zierlich geschnittenes Gesicht mit den dunklen, vornehm gleichgültig blickenden Augen, dem kleinen Mund und dem auswärts gedrehten Schnurrbart trug den Ausdruck unzerstörbarer Freundlichkeit und Höflichkeit. – In etwas steif-militairischer Haltung, welche dessen ungeachtet nicht ohne Anmuth war, näherte er sich dem Reichskanzler, der ihm mit offener Herzlichkeit die Hand reichte, und ließ sich neben dem Schreibtisch nieder.

»Erlauben Sie zunächst, mein lieber Herzog,« sagte Graf Beust, »daß ich Ihnen mein aufrichtiges Bedauern ausspreche über die unruhigen Bewegungen, welche in Paris stattgefunden haben, und welche jedenfalls den Kaiser schmerzlich berührt haben müssen. Ich darf zugleich meiner Freude darüber Ausdruck geben, daß jene Bewegungen, – wie ich allerdings schon bei der ersten Nachricht nicht bezweifelte – schnell wieder vollständig beendet sind. Fürst Metternich hat mir berichtet, mit welcher Sicherheit, Würde und Mäßigung die Regierung verfahren ist, und ganz Europa muß dem Kaiser Dank wissen, daß er mit so fester und geschickter Hand die gährenden Elemente niederzuhalten versteht.«

»Diese kleinen Bewegungen,« erwiderte der Herzog von Grammont mit leichter Neigung des Kopfes, »haben nicht viel zu sagen. Es sind Scenen, die man arrangirt hat, um die Verhaftung Rocheforts zu einem Ereigniß von Bedeutung zu stempeln. Der Kaiser,« fuhr er fort, »ist vollkommen Herr der Lage, und Frankreich ist stark und kräftig genug, um ohne Erschütterung den Übergang zu den neuen Institutionen zu ertragen, welche der Kaiser in richtiger Erkenntniß der Zeitbedürfnisse in's Leben gerufen hat.«

Herr von Beust schwieg einen Augenblick.

»Sie werden unterrichtet sein,« sprach er dann, indem er den Herzog grade anblickte, – »daß in diesem Augenblick in Paris Besprechungen – mehr persönlicher als eigentlich diplomatischer Natur stattgefunden haben, um dem Gedanken an eine nähere Verbindung mit Italien eine bestimmte Form zu geben. Vor einiger Zeit machte mir der General Türr darüber eine Andeutung, über welche ich damals allerdings nur oberflächlich mit ihm gesprochen habe. Es scheint jedoch jetzt, daß jene Sache an Consistenz gewonnen hat, und daß man namentlich von Florenz aus geneigter scheint als früher, in bestimmt formulierte Beziehungen mit uns zu treten. Sie wissen,« fuhr er fort, »wie sehr ich ein gutes Verhältniß mit Italien wünsche und welchen Werth ich demselben für eine diplomatische Kooperation von Frankreich und Österreich beilege. Allein das, was ich gegenwärtig über die Unterhandlungen höre, die in Paris über diesen Gegenstand stattgefunden haben, scheint mir noch sehr vage und unklar zu sein, und ich würde, um eingehender darüber nachdenken zu können, dringend wünschen von Ihnen zu hören, wie Ihre Regierung und der Kaiser zu diesen Ideen stehen, über welche man mir Privatmittheilungen gemacht hat.«

Der Herzog von Grammont hielt unbeweglich; mit dem ruhigsten und freundlichen Gesichtsausdruck den fortwährend forschenden auf ihn gerichteten Blick des Grafen Beust aus.

»Ich habe,« erwiderte er, »ebenfalls Privatmittheilungen aus Paris über die Gedanken erhalten, welche durch den General Türr dort mehrfach angeregt worden sind, und welche, wie ich kaum bezweifeln darf, die Billigung des Königs Victor Emanuel gefunden haben. Sie beziehen sich, soviel mir darüber mitgetheilt worden, auf den Fall, daß Italien in die Lage kommen könnte, bei einer gemeinsamen militairischen Action Österreichs und Frankreichs mitzuwirken, und nach Dem, was ich darüber gehört, scheint mir jener Gedanke wohl der Beachtung werth zu sein, da in ihm, wenn der in's Auge gefaßte Fall eintreten sollte, jedenfalls die Grundlage zu bestimmten Verträgen gefunden werden könnte, die sowohl im Interesse Frankreichs, als in demjenigen Österreichs wünschenswerth erscheinen möchten.«

Graf Beust blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder und spielte leicht mit den Fingern seiner feinen und schlanken Hand auf der Decke des Schreibtisches.

»Wie mir der Fürst Metternich mittheilt,« sagte er dann im ruhigen Conversationston, »beobachtet Herr Nigra dieser ganzen Sache gegenüber eine sehr vorsichtige, fast kalte Zurückhaltung, und vom hiesigen Vertreter Italiens ist mir noch nicht die leiseste Andeutung darüber geworden.«

»Bei den eigentümlichen Verhältnissen,« erwiderte der Herzog, »welche zwischen Österreich und Italien bestehen und bei den peinlichen Erinnerungen aus nicht zu langer vergangener Zeit scheint es mir, daß eine Annäherung zwischen beiden Mächten, namentlich eine Annäherung mit bestimmten Zielen, mit formulirten Alliancebedingungen schwer durch direkten Verkehr hergestellt werden könne. – Auch giebt es Propositionen, die man auf direktem Wege nicht eher machen kann, als bis man sicher ist, daß sie angenommen werden. Unter solchen Verhältnissen scheint mir eine vorläufige, nicht officielle und zunächst nur sondirende Verhandlung durch die Natur der Dinge angezeigt zu sein, und für eine solche Verhandlung könnte dann auch der neutrale Boden eines den beiden Mächten befreundeten Hofes das richtige Terrain werden. – Jedenfalls glaube ich annehmen zu dürfen, daß der General Türr in eine solche Negotiation nicht eintreten würde, wenn er nicht der vollen persönlichen Zustimmung des Königs Victor Emanuel sicher wäre.« –

»Und wie denkt der Kaiser Napoleon über die ganze Sache,« fragte Graf Beust rasch und bestimmt.

»Sie können natürlich nicht voraussetzen, mein lieber Graf,« erwiderte der Herzog mit vollkommener Ruhe, »daß ich Instructionen habe, mich über die Absichten auszusprechen, welche Seine Majestät in Betreff einer Sache hegt, die das Gebiet officieller Unterhandlungen noch nicht berührt hat. – Wenn ich also Ihre Frage beantworte, so kann ich selbstverständlich nur eine ganz persönliche Meinung äußern, welche sich auf die Kenntniß stützt, die ich von den Anschauungen meines Souverains über die politischen Fragen gewonnen zu haben glaube.«

Graf Beust verneigte sich leicht. Ein feines Lächeln spielte eine Secunde um seine Lippen, dann richtete er den Blick mit erwartungsvoller Aufmerksamkeit auf den Herzog.

»Sie wissen, mein lieber Graf,« sagte dieser, »daß die Verhältnisse in Europa sich fortwährend in einer Spannung befinden, welche eine energische Action von einem Augenblick zum andern möglich erscheinen läßt. Wir haben uns früher bereits mehrfach über derartige Eventualitäten unterhalten, und seit der Zusammenkunft in Salzburg sind wir stets darin übereingekommen, daß die Interessen Frankreichs und Österreichs allen schwebenden politischen Fragen gegenüber die gleichen sind. – Wir sind ferner, wie Sie auch vorhin betonten, darin übereingekommen, daß Italien das notwendige Mittel- und Verbindungsglied für das Zusammenwirken Frankreichs und Österreichs bildet. – Von diesen Prämissen ausgehend,« fuhr er fort, während Herr von Beust schweigend zuhörte, »würde ich nun den Abschluß eines Vertrages, welcher für mögliche Fälle die Cooperation Italiens sichert und regelt, als einen großen Gewinn betrachten müssen. – Der König Victor Emanuel ist zu einer solchen Cooperation durchaus geneigt, doch ist er nicht in der Lage, dieselbe eintreten zu lassen, wenn er nicht zu gleicher Zeit dem italienischen Volk einen nationalen Gewinn dafür versprechen kann. Die vollständige Arrondirung in den nationalen Grenzen nach dem Norden hin würde ein solcher Gewinn sein – um dieses Gewinns willen würde das italienische Volk sich bestimmen lassen, auf Rom zu verzichten, wenigstens so lange zu verzichten, bis vielleicht unter einem künftigen Pontificat ein Modus gefunden werden kann, welcher die heute sich noch unversöhnlich gegenüber stehenden Interessen vereinigt. Mit einem Wort, Italien hat noch zwei Forderungen zu stellen, die eine ist Rom, welche man von uns verlangt, die andere das italienische Tyrol, welches Österreich zu gewähren im Stande ist. – Wir können in diesem Augenblick Rom nicht Preis geben. – Ihre Sache ist es, zu beurtheilen, ob das Opfer eines nicht bedeutenden Gebiets, welches nur die weitere ergänzende Ausführung eines einmal anerkannten Princips bildet, Ihnen der Wichtigkeit einer festen italienischen Alliance entsprechend erscheint. – Nach meiner persönlichen Auffassung,« fuhr er fort, »würde dieses Opfer nicht groß sein und es würde sich im Falle einer erfolgreichen Action, an deren glücklichen Ausgang nicht zu zweifeln sein möchte, durch weit größere und weit bedeutendere Vortheile und durch die Wiedergewinnung der ganzen alten österreichischen Macht nach anderer Richtung hin ersetzen lassen. – Frankreich hat dasselbe Interesse wie Österreich, daß die Coalition mit Italien zu Stande komme; wenn Sie sich also zu jenem Opfer würden entschließen können, so würden Sie, wie ich glaube, nicht nur in Ihrem eigenen Interesse handeln, sondern auch Frankreich einen sehr großen und sehr wichtigen Dienst leisten, für den eine richtige französische Politik, eine Politik, wie sie den Ideen des Kaisers so vollkommen entspricht, ihre Dankbarkeit zu bethätigen nicht unterlassen könnte.« »Eine Coalition auf der Basis,« erwiderte Herr von Beust in einem beinahe gleichgültigen Ton, »wie sie in diesem Augenblick in Paris discutirt wird mit so bestimmt formulirten Bedingungen, würde ihre Bedeutung doch immer wesentlich nur im Augenblick einer wirklich kriegerischen Action haben. Ganz abgesehen von der Frage,« fuhr er fort, »ob in einem solchen Augenblick das italienische Volk geneigt sein würde, die Abmachungen des königlichen Cabinets gut zu heißen, müßte man sich doch, bevor man auf die Discutirung der Details ernstlich einginge, klar machen, ob denn eine militairische Action zweckmäßig und nothwendig – und ob sie mit Aussicht auf Erfolg ausführbar sei. Ich meines Orts sehe die Nothwendigkeit nicht, denn es ist in diesem Augenblick keine Veränderung der seit Jahren bestehenden europäischen Verhältnisse eingetreten. – Ich vermag die Zweckmäßigkeit nicht anzuerkennen, denn ich sehe keinen vorbereiteten – oder möglicher Weise zu schaffenden – vernünftigen Kriegsfall, und endlich kann ich die Aussicht auf einen siegreichen Erfolg mit meiner Anschauung der Verhältnisse nicht vereinen. Die Macht des Norddeutschen Bundes ist ungeheuer stark und scharf concentrirt und auf alle Eventualitäten täglich und stündlich vorbereite. Die süddeutschen Staaten sind schwankend und haltlos, dabei militairisch kaum gerüstet und bei uns in Österreich – Sie wissen, Herr Herzog, mit welchen innern Schwierigkeiten wir zu kämpfen haben, und wie unendlich langsam aus financiellen Gründen schon die Reorganisation unserer Armee vorschreitet. Wir haben neben uns Rußland, dem wir nicht gewachsen sind –«

»Dem Sie aber doch,« fiel der Herzog von Grammont ein, »zweifellos die Spitze zu bieten im Stande wären, wenn nicht nur Ihre italienischen Grenzen vollkommen frei würden, sondern wenn wie der proponirte Tractat bestimmt, Italien für den Fall der russischen Intervention seine active militairische Hülfe verspricht.«

»Wenn ich auch,« sprach Herr von Beust in einem Ton, als discutire er eine ihm der Zeit und dem Inhalt nach völlig fern liegende Frage, »wenn ich auch annehme, daß jene Versprechen im entscheidenden Augenblick wirklich gehalten würden, wofür – ich muß es wiederholen – immer schwer eine Garantie gefunden werden zu können scheint, so glaube ich doch nicht, daß Österreich im Stande ist, selbst mit der Hülfe Italiens einen Kampf mit Rußland und die Aussicht auf eine spätere unversöhnliche Feindschaft Preußens und Deutschlands auf sich zu nehmen. Für den Fall, daß diese neu erstandene gewaltige Militairmacht aus diesem Conflict siegreich hervorgehen sollte –«

»Siegreich hervorgehen?« rief der Herzog von Grammont mit dem Ton eines naiven Erstaunens, indem er seinen kleinen Schnurrbart emporkräuselte, – »siegreich hervorgehen aus einem Kampf mit Frankreich!? – ich bin zu sehr Franzose,« fuhr er fort, »um an eine solche Möglichkeit auch nur einen Augenblick zu glauben.«

»Sie müssen mir verzeihen,« sagte Graf Beust mit einer feinen Nuance kaum bemerkbarer Ironie in seiner Stimme, »wenn ich mich in diesem Augenblick mehr an den Geist des Staatsmanns und Diplomaten als an das Nationalgefühl des französischen Edelmanns wende. – Eine kluge Politik muß sich stets auch durch Erwägung der möglich ungünstigen Chancen bestimmen lassen. – Doch,« fuhr er abbrechend fort, »diese Discussion führt uns auf ein Gebiet, das ich, wie ich glaube, heute zu betreten noch keinen Grund habe. Ich bitte Sie, mir zunächst mit derselben Aufrichtigkeit, mit welcher ich mich Ihnen gegenüber ausgesprochen habe, eine Frage zu beantworten: – Glauben Sie, daß es aus irgend welchem Grunde in den Absichten des Kaisers liegen könne, wirklich in kurzer Zeit zu einer ernsten Action überzugehen?«

Der Herzog zögerte einen Augenblick mit der Antwort auf diese directe und bestimmte Frage.

»Ich glaube,« sagte er, »daß der Kaiser von dem eifrigsten Wunsch erfüllt ist, den europäischen Frieden zu erhalten. – Indessen hat er auch die Verpflichtung, Frankreich nicht ohne Widerstand allmälig zu einer bedeutungslosen Passivität in Europa herabdrücken zu lassen. Der Kaiser hat durch die freisinnigen Institutionen, welche er in die neue französische Verfassung eingeführt hat, die Gründung seines Gebäudes im Innern vollendet. Und wenn diese neuen Institutionen, wie ich es wünsche und wie ich es hoffe, durch ein neues Plebiscit die Sanction des freien Volkswillens erhalten haben werden –«

Graf Beust zuckte ein wenig zusammen und blickte erstaunt den Herzog an, dann nahmen seine einen Augenblick ernst und nachdenklich gewordenen Züge wieder den Ausdruck gleichgültig ruhiger Höflichkeit an, mit welchem er das ganze Gespräch bisher geführt hatte.

»– dann wird es,« fuhr der Herzog fort, »nach meiner Überzeugung die Aufgabe des Kaisers sein, auch nach Außen hin der Stimme Frankreichs wieder den alten Nachdruck zu verschaffen und zu zeigen, daß es auf die Dauer nicht möglich ist, die Schicksale der europäischen Völker ohne Frankreichs Genehmigung zu lenken.«

»Aber,« sprach Graf Beust, »dazu würde immer ein stichhaltiger und völkerrechtlich möglicher Kriegsfall erforderlich sein, und ich sehe nicht ein –«

»Mein Gott,« rief der Herzog, »der Prager Frieden wird ja täglich verletzt und giebt Ihnen die verschiedensten und völkerrechtlich begründetsten Handhaben, um in jedem Augenblick den begründetsten Kriegsfall zu finden –«

»So,« fragte Herr von Beust, den Herzog groß anblickend, »so sollte also Österreich nach Ihrer Ansicht den Conflict hervorrufen?«

»Sie werden nicht verkennen,« sagte der Herzog, – »ich spreche hier natürlich nur meine ganz persönlichen Ansichten aus, – daß der mächtigste Verbündete des Herrn von Bismarck in einem Krieg gegen Frankreich das deutsche Nationalgefühl sein würde, und daß es wesentlich darauf ankäme, uns in Deutschland selbst Verbündete zu schaffen. Das scheint mir am sichersten erreicht zu werden, wenn der eventuelle Kriegsfall aus deutschen Angelegenheiten und aus dem Prager Frieden genommen wird, welcher Österreich das Recht giebt, für die Unabhängigkeit der süddeutschen Staaten einzutreten.«

»Herr Herzog,« sagte Graf Beust mit ernstem Nachdruck, indem er den leichten Conversationston, in dem das Gespräch bisher geführt war, vollständig aufgab – »da die Unterhaltung, welche wir in diesem Augenblick über theoretische Hypothesen führen und in welcher wir unsere persönlichen Meinungen austauschen, vielleicht in irgend einem früheren oder späteren Moment eine Bedeutung für concrete Verhältnisse gewinnen könnte, so liegt mir daran, genau und klar die Anschauungen auszusprechen, welche auch bei einer solchen Möglichkeit für mich immer maßgebend sein und bleiben würden. Österreich,« fuhr er fort, »bedarf absolut der Ruhe, es bedarf der friedlichen Entwickelung von mindestens zehn Jahren, um seine inneren Kräfte wieder zu stärken und seine inneren Verfassungszustände zu consolidiren. Österreich kann und wird niemals, so lange ich seine Regierung zu leiten habe, die Initiative zu einer Action übernehmen, welche Europa in gefahrvolle Unruhe stürzen und die Zukunft des Kaiserstaats vor Allem gefährden würde. Wenn – wie Sie vorauszusetzen scheinen, an Frankreich die Aufgabe herantreten sollte, sein Prestige und seine Stellung unter den europäischen Mächten nöthigenfalls mit den Waffen in der Hand wieder auf die alte Höhe zu erheben, so wird, davon können Sie überzeugt sein, keine Regierung mit größeren Sympathien auf ein solches Streben der französischen Nation blicken, als die österreichische, welche, wie ich früher constatirt habe, und wie ich heute wiederhole, in fast allen europäischen Fragen mit Frankreich gleiche Interessen hat. Die Phasen eines solchen Conflicts und seiner Consequenzen lassen sich nicht vorher bestimmen. Es läßt sich deshalb auch nicht mit Sicherheit sagen, ob nicht im Verlauf solcher Ereignisse ein Augenblick kommen könnte, welcher Österreich trotz seines Friedensbedürfnisses die Pflicht auferlegt, activ in die Verhältnisse einzugreifen. – Ich vermöchte mir heute keine Eventualität zu denken, welche ein solches mögliches Eingreifen Österreichs im Gegensatz zu Frankreich rechtfertigen könnte. – In dieser Anschauung liegt die Haltung bezeichnet, welche mir für Österreich vorgeschrieben scheint. Weiter zu gehen, ohne die äußerste Notwendigkeit aus der gebotenen Reserve herauszutreten, wäre für einen österreichischen Staatsmann ein Verbrechen – und vor Allem würde ich wenigstens niemals die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, durch Österreich aus dem von ihm abgeschlossenen Vertrage einen Kriegsfall zu provociren. Würde der Kaiser eine Action für nothwendig halten, so muß der Grund dafür aus irgend welcher Frankreich interessirenden Frage genommen werden. Niemals aber kann und wird Österreich seinerseits die Initiative übernehmen. Dies bestimmt und rückhaltslos auszusprechen, halte ich für meine Pflicht, damit bei Erwägung einer so wichtigen Frage, welche natürlich in Paris ausschließlich nur mit Rücksicht auf das Interesse Frankreichs entschieden werden kann, keinen Falls irgend ein Zweifel über die Haltung bestehe, welche für Österreich unabänderlich geboten erscheint.«

»Sie müssen natürlich,« sagte der Herzog mit einem Anklang von Kälte in dem höflichen Ton seiner Stimme, »Sie müssen dies natürlich besser beurtheilen können als ich. Jedenfalls sind Sie zu dem Urtheil, welche Haltung Österreich zu beobachten habe, berufener als ich. Doch kann ich die Bemerkung nicht unterdrücken, daß eine Zurückhaltung, wie Sie dieselbe so eben als die Aufgabe der österreichischen Politik dargestellt haben, nach meiner Überzeugung leicht dahin führen könnte, daß Österreich sich eines Tages isolirt sähe, und diese Isolirung könnte unter Umständen gefährlich werden. Da, wie Sie selbst constatirt haben, die Interessen Frankreichs und Österreichs sich in den politischen Fragen fast überall decken, so möchte es mir nicht ganz unbedenklich für Österreich erscheinen, sich gerade von der Macht zu trennen, mit welcher Sie die gemeinsamen Interessen verbinden.«

»Ich habe,« erwiderte Herr von Beust, »nicht im Entferntesten an die Möglichkeit gedacht oder dieselbe aussprechen wollen, daß Frankreich sich jemals von Österreich trennen könne. – Eine solche Trennung,« fuhr er mit feiner und scharfer Betonung fort, »könnte jedenfalls nur dann möglich werden, wenn die französische Politik jemals Wege betreten sollte, in welchen die gegenwärtig zu meiner so innigen Genugthuung bestehende Gemeinsamkeit der Anschauungen und Interessen alterirt würde – ein solcher Fall scheint mir undenkbar und jedenfalls,« fügte er im leichten Ton mit einem flüchtigen Lächeln hinzu, »tauschen wir ja in diesem Augenblick auch nur unsere ganz persönlichen Ansichten über Fälle aus, deren Eintritt kaum zu erwarten sein dürfte.«

Der Herzog erhob sich.

»Es scheint,« sagte er, das bisherige Gespräch abbrechend, »daß der König von Hannover die Legion auflösen will, die er bisher in Paris gehalten hat. Graf Platen hat mir Etwas davon gesagt. Ich muß aufrichtig bekennen, daß ich eigentlich recht damit zufrieden bin. Ich habe große Sympathien für den unglücklichen König und hohe Verehrung vor seinen persönlichen Eigenschaften. Doch glaube ich nicht, daß er auf dem bisher befolgten Wege etwas Anderes erreichen kann, als seine schon ohnehin beschränkten Mittel immer mehr zu vermindern und sich dadurch die Möglichkeit später Etwas für seine Sache und sein Haus zu thun, immer schwieriger zu machen.«

»Man schien früher in Paris der Ansicht zu sein,« sagte Graf Beust, »daß diese hannöversche Emigration unter Umständen eine nützliche Handhabe werden könne, um einem möglichen Conflict mit Preußen den nationalen Charakter zu nehmen.«

»Ich bin dieser Ansicht nicht,« sagte der Herzog, »die wenigen Emigranten in Frankreich würden weder der Sache des Königs, noch uns nützen können; ob für den Fall des Zusammenbrechens der Schöpfung von 1866 Etwas für den König geschehen könne, das wird immer davon abhängen, wie sich das ganze Volk in Hannover und wie sich das übrige Deutschland zu seiner Sache verhalten wird. – Was Frankreich betrifft, so stehe ich auf dem Standpunkt, daß wenn wir uns jemals zu einer ernsten Action entschließen, wir auf alle kleinen Hülfsmittel verzichten und uns ganz ausschließlich auf unsere eigene nationale Kraft und auf diejenigen Alliirten verlassen müssen, welche wir, wie ich hoffe, in einem solchen Fall unter den mit uns befreundeten europäischen Mächten dennoch finden werden,« fügte er mit einem lächelnden Blick auf den Grafen Beust hinzu, indem er ihm die Hand zum Abschied drückte.

Der Reichskanzler begleitete ihn bis zur Thür und kehrte dann nachdenklich zu seinem Schreibtisch zurück.

»Es geht Etwas vor,« sagte er. »Der Kaiser Napoleon ist für den Frieden, schon weil er alle Unruhe und körperliche Anstrengungen scheut. Metternich schreibt mir dies ganz bestimmt, und Metternich täuscht sich darin nicht. Aber dieser alternde Imperator befindet sich mehr als je unter der Herrschaft seiner Umgebung. Und die Kaiserin Eugenie möchte für sich die Rolle der Maria von Medicis vorbereiten. Nun,« rief er, »wenn man dort Abenteuer in der Politik machen will, so mag man es auf eigene Gefahr thun. Ich werde meine Schöpfungen in Österreich nicht den Zufälligkeiten einer unüberlegten und unvorbereiteten Action aussetzen.«

Der Bureaudiener meldete den Staatsrath Klindworth.

Etwas erstaunt blickte Herr von Beust auf.

»Klindworth hier?« rief er, »sollte er sich hier wieder für möglich halten? – Lassen Sie den Staatsrath eintreten,« sprach er nach kurzem Besinnen.

Wenige Augenblicke darauf trat der Staatsrath Klindworth in das Cabinet. Er war ein Mann von weit über sechzig Jahren; sein dichtes, beinahe weißes Haar war kurz geschnitten, – sein eckiger Kopf, mit den großen abstehenden Ohren, den kleinen, scharfen, umherspähenden Augen, der großen, breiten Nase und dem ausdruckvollen häßlichen Mund, steckte zwischen den breiten Schultern, welche durch den hohen Kragen des weiten dunklen Überrocks noch höher erschienen.

Graf Beust begrüßte den viel gewandten, geheimen Agenten verschiedener europäischer Höfe mit einer freundlichen Vertraulichkeit, in welche sich doch ein wenig abwehrende Kälte mischte.

»Was führt Sie her, mein lieber Staatsrath,« sagte er, indem er Herrn Klindworth einen Stuhl neben seinem Schreibtisch bezeichnete. »Ich glaubte, Sie wollten für einige Zeit in Paris bleiben und vielleicht,« fuhr er mit einem scharfen Blick auf das unbewegliche Gesicht des Staatsraths fort, »vielleicht wäre das besser gewesen. – Sie wissen, daß nach den Vorgängen mit der Wiener Bank und dem König von Hannover hier Rücksichten zu nehmen sind –«

»Ich bin,« sagte der Staatsrath ruhig, »nur auf einen Augenblick herübergekommen und denke nicht, hier acte de présence zu machen. Doch habe ich nicht unterlassen können, hier Mittheilungen von dem zu machen, was ich gesehen und gehört, und was so Viele nicht sehen und nicht hören wollen.«

»Ich weiß, wie scharf Sie sehen und wie scharf Sie hören,« sagte Graf Beust lächelnd – »und es wird mir, wie es das stets gewesen ist, von besonderem Interesse sein zu hören, was Sie dort wahrgenommen haben.«

»Ich habe wahrgenommen,« sagte der Staatsrath Klindworth, indem er die Hände über der Brust faltete, und seinen Kopf so tief zwischen dem Kragen seines Rockes zurückzog, daß das Kinn fast ganz in seiner weißen Binde verschwand, »ich habe wahrgenommen, daß ein großer Sturm im Anzuge ist, welcher Europa noch tiefer erschüttern wird, als die Ereignisse von 1866. Und ich bin gekommen, um zu warnen, und um zu rathen, wenn man meinen Rath hören, wenn man meine Warnung beachten will.«

Graf Beust wurde ernst und blickte erwartungsvoll auf den Staatsrath.

»Der Herzog von Grammont geht soeben von Ihnen fort,« sagte dieser, »was hat er Ihnen gesagt?« fragte er, – mit seinen kleinen Augen scharf von unten heraufblickend, – »ich hoffe, Sie werden ihn ein wenig über diese eigenthümliche neben der regulairen Diplomatie herlaufende Negotiation des General Türr befragt haben, welcher da plötzlich in Paris erschienen ist, um europäische Coalitionen zu bilden, wie man Bataillone aufstellt und exerciren läßt. – Eine eigenthümliche Zeit,« sprach er, sich unterbrechend, indem er mit den Fingern der rechten Hand auf der Oberfläche der linken trommelte, »eine eigenthümliche Zeit, Alles wird auf irregulairem Wege gemacht. Es ist keine Ordnung in der Politik mehr, kein System! Kein Wunder, daß sich da die Fäden zu einem gordischen Knoten verschlingen, und daß Demjenigen der Erfolg zur Seite steht, der kühn – oder plump genug ist,« fügte er achselzuckend hinzu, »das unlösbare Gewirr mit dem Säbel zu zerhauen. – Was würde der große Metternich sagen,« sprach er seufzend, »wenn er diesen Wirrwarr in der politischen Maschinerie Europa's sehen könnte, in welcher zu seiner Zeit so vortrefflich jedes Rad in einander griff, und welche nach seinem Willen so richtig und exact spielte!«

»Nun,« sprach Herr von Beust lächelnd, »die Aufgabe eines Staatsmannes ist es immer, mit der Zeit fertig zu werden, in welcher er lebt. Wir müssen versuchen, auch in diesem Wirrwarr kaltes Blut und Ruhe zu behaupten. Grammont,« fuhr er dann fort, »hat mir allerdings nur – ganz persönlich – die Nothwendigkeit einer Alliance mit Italien sehr scharf betont. Ich glaube allerdings, daß man in Paris etwas energisch auftreten möchte, und daß man dazu Alliancen sucht. – Findet man sie nicht, so wird man sich beruhigen, wie man sich schon öfter beruhigt hat.«

Ein fast mitleidiges Lächeln zuckte über den breiten Mund des Staatsraths.

»Daß man Alliancen sucht, ist richtig,« sagte er, »daß man sich beruhigen wird, wenn man sie nicht findet, ist eine Ansicht, die ich nicht theile.«

»Aber der Kaiser ist krank, sein Gesundheitszustand flößt ernste Bedenken ein; die Ärzte empfehlen ihm die höchste Ruhe und Schonung, wie sollte da eine ernste, gar eine kriegerische Action möglich sein, da doch trotz der neuen parlamentarischen Institution wenigstens für die auswärtige Politik in Frankreich noch Alles von der Initiative des Kaisers abhängt.«

»Der Kaiser ist krank,« sagte Klindworth, »das ist richtig. Die auswärtige Politik hängt von seiner Initiative ab, das ist auch richtig. Aber von wem hängt wieder diese Initiative dieses kranken, zuweilen fast willenlosen Mannes ab? – Von der Kaiserin,« sagte er, »welche keinen andern Gedanken hat, als ihrem lieben kleinen Louis ein wenig Lorbeer um das jugendliche Haupt zu winden, – und während dieser Lorbeer an den Grenzen gepflückt wird, beabsichtigt man, eine große Generalprobe für die künftige Regentschaft abzuhalten. Die Toilettenangelegenheiten fangen an, Ihre Majestät zu langweilen,« sprach er im höhnischen Ton, »die Unterhaltung mit ihrem erhabenen Gemahl ist auch gerade nicht zerstreuend. Die erhabene Kaiserin der Franzosen ist in eminenter Weise ehrgeizig geworden. Und glauben Sie mir,« fuhr er fort, »im Geheimen Rath Ihrer Majestät ist der Krieg beschlossen, und täglich werden dort die Vorbereitungen dazu discutirt, während dieser allmälig absterbende Kaiser unter den Händen seiner Ärzte mit seinen Schmerzen und seiner Schwäche kämpft.«

»Glauben Sie,« fuhr Graf Beust, der sehr aufmerksam zugehört hatte, mit leichtem Kopfschütteln fort, »glauben Sie, daß es der Kaiserin, wenn sie wirklich die Absicht hegt, welche Sie bei ihr voraussetzen, gelingen werde, den Kaiser, der schon in seinen früheren Jahren so schwer zu den äußersten Entschlüssen zu bringen war, jetzt zu einer so gefährlichen Unternehmung zu bestimmen? Jetzt, da er doch kaum den Schein der persönlichen Leitung zu einer solchen Unternehmung wird erhalten können. Und,« fuhr er fort, »welche Organe würde die Kaiserin finden, um die Verantwortlichkeit dafür zu tragen. Glauben Sie, daß Graf Daru –«

»Graf Daru,« sagte Klindworth achselzuckend mit wegwerfendem Ton, »ist ein todter Mann, seine Existenz im Ministerium ist beendet. Das Plebiscit, dem er sich widersetzt, wird über ihn dahinschreiten.«

»Ein Plebiscit,« rief Graf Beust, indem er sich rasch emporrichtete und den Staatsrath Klindworth groß ansah, »ein Plebiscit und warum das?« –

»Um die neue Verfassung, welche der Senat und der gesetzgebende Körper angenommen, durch den Volkswillen sanctioniren zu lassen!« sagte der Staatsrath mit leiser Stimme, indem er seinen Blick fest und stechend auf den Reichskanzler richtete. »Ein Plebiscit, das ist das persönliche Regiment und das persönliche Regiment soll ungebunden und frei über allem constitutionellen Kram stehen, den man der öffentlichen Meinung als Spielwerk hinwirft.«

»Sind Sie sicher,« fragte Graf Beust, »daß das Plebiscit eine beschlossene Sache ist?«

»Vollkommen,« erwiderte der Staatsrath, und Eure Excellenz wissen, daß ich nur dann mit Bestimmtheit Etwas ausspreche, wenn ich meiner Sache vollkommen gewiß bin.«

»Ein Plebiscit,« sagte Graf Beust nachsinnend, »das ist allerdings ernst, das deutet darauf hin, daß man Etwas wie einen Staatsstreich vor hat, nicht nach Innen kann er sich richten –«

»Le coup d'Etat européen,« fiel der Staatsrath ein, »das ist der Name, den man in dem geheimen Comité, in welchem die Politik Ihrer Majestät der Kaiserin Eugenie vorbereitet wird, der Sache gegeben hat. Wie dem Staatsstreich des 2. December das Plebiscit folgte, so wird es diesmal dem großen europäischen Staatsstreich vorhergehen.«

»Wer aber,« sagte Graf Beust, – »ich muß meine Frage von vorhin wiederholen, – wer wird ein so bedenkliches und gewagtes Unternehmen ausführen wollen?«

»Ihre Majestät,« erwiderte der Staatsrath, »ist sehr geschickt darin, Werkzeuge für ihre Pläne zu finden. Sie besitzt viel Menschenkenntniß und versteht, die Leute bei ihrer schwachen Seite zu fassen. Da ist Herr Ollivier –«

»Ollivier,« rief Graf Beust, »der Freund der Gothaer – der Mann des Frieden? Doch, allerdings,« fuhr er fort, »bei dem ist jede Wandlung möglich.«

»Dann,« fuhr Klindworth fort, »ist da dieser Herzog von Grammont, der soeben noch auf dem Platze saß, den ich jetzt einzunehmen die Ehre habe.«

Graf Beust neigte sinnend das Haupt.

»Grammont,« fragte er. »Sie glauben wirklich, daß man Grammont einer solchen Aufgabe gewachsen hält?«

»Der Kaiser will ihn nicht,« sagte der Staatsrath, »dennoch wird er zur Ausführung der Ideen der Kaiserin bestimmt werden. Und man hat die Wahl richtig getroffen, denn er besitzt das vollkommen genügende Maß jenes altfranzösischen Leichtsinns, welcher schon in früheren Phasen der Geschicke Frankreichs die unmöglichsten Dinge unternommen, und,« fügte er hinzu, »dieselben allerdings auch oft durchgeführt hat.«

Graf Beust blieb einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken versunken.

»Aber,« fuhr er dann fort, »wenn ich annehme, daß sich Personen finden, welche in einer mehr als gewagten Action das Schicksal des Kaiserreichs auf's Spiel setzen, so gehört doch dazu immer noch ein Kriegsfall. – In Berlin scheint man nicht geneigt, die Veranlassung zu einem solchen zu bieten. Woher sollte denn der casus belli kommen?« –

»Man wird ihn nehmen, wo man ihn eben findet,« erwiderte der Staatsrath kaltblütig. »Übrigens bereitet sich da schon eine kleine Intrigue vor, deren Fäden ganz zufällig in meine Hände gekommen sind, und welche man demnächst gehörig aufgestutzt vielleicht verwerthen wird.«

Graf Beust blickte ihn fragend, mit gespannter Aufmerksamkeit an.

»Eure Excellenz wissen,« sagte der Staatsrath, »daß die spanischen Angelegenheiten dem Kaiser sehr große Sorgen machen. Die Agitationen des Herzogs von Montpensier erfüllen ihn mit ernsten Besorgnissen. Er haßt und fürchtet Nichts mehr, als die Orleans, und ein orleanistisches Königthum an der andern Seite der Pyrenäen würde ihn keinen Augenblick ruhig schlafen lassen. Da hat man ihm nun eine ganz hübsche Idee suppeditirt. Sie erinnern sich, daß Madame Cornu, des Kaisers geistvolle Milchschwester, welche die Prinzen von Hohenzollern erzogen hat, bereits den jetzigen Fürsten von Rumänien auf seinen so wenig sichern und erfreulichen Thron gebracht hat. Es scheint nun, daß diese Dame gegenwärtig daran denkt, einen Erbprinzen von Hohenzollern zum Nachfolger Philipp II. zu machen. Der Kaiser, der die Idee zurückgewiesen, scheint ihr jetzt weniger abgeneigt, – der Prinz ist ein Verwandter seines Hauses, er ist ihm persönlich sehr geneigt und würde ihn am Ende noch lieber als einen Montpensier auf dem Thron von Spanien sehen, der freilich ein wenig größer und glänzender, aber darum weder sicherer, noch erfreulicher, als der kleine Fürstenstuhl von Rumänien ist.«

Graf Beust lachte.

»Ich habe früher von diesem Gedanken gehört,« sagte er, »man hat darüber gesprochen. Ich habe aber das Alles immer für eine von jenen Blasen gehalten, welche von Zeit zu Zeit auf die Oberfläche der Conjecturalpolitik steigen, aber ebenso schnell wieder platzen und verschwinden.«

»Es ist möglich,« erwiderte der Staatsrath, »daß diese Blase auch diesmal wieder platzen und verschwinden wird, für den Augenblick jedoch ist sie sehr ernst gemeint, und zwar wird man, wenn die Sache von Seiten des Fürsten Hohenzollern angenommen und in Berlin approbirt werden sollte, sich daraus einen hübschen Kriegsfall zurecht machen.«

»Einen Kriegsfall?« fragte Graf Beust ganz erstaunt.

»Ganz gewiß,« sagte der Staatsrath, »Seine arme, kranke Majestät Napoleon III. wird die Idee haben, daß er, indem er diese kleine Negociation gewähren läßt, eine Gegenintrigue gegen die Orleans und den Herzog von Montpensier spielt. Er wird glauben, daß er sich da einen kleinen befreundeten König von Spanien schafft, wenn er überhaupt an den definitiven Erfolg der ganzen Sache glaubt. – Vielleicht wird er auch gar nicht darüber nachdenken und wird die Sache gehen lassen, wie er so Vieles gehen läßt. Dann aber wird man ihm eines schönen Tages klar machen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen Thron –«

»Aber der Prinz von Hohenzollern ist ja gar kein preußischer Prinz,« warf Graf Beust ein.

»Er trägt preußische Uniform, er heißt Hohenzollern, man wird ihn im nöthigen Augenblick für einen preußischen Prinzen halten und von ganz Frankreich dafür halten lassen. – Man wird also,« fuhr er fort, »dem Kaiser auseinandersetzen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen Thron die Anbahnung zur Wiederherstellung des Reichs Karl V. unter den Hohenzollern sei. Man wird dasselbe die ganze französische Nation glauben machen, und plötzlich, ganz plötzlich, ehe Jemand sich dessen versehen wird, wird man einen sehr hübschen und sehr nationalen Kriegsfall haben.«

Herr von Beust lächelte abermals.

»Mein lieber Staatsrath,« sagte er, »Sie wissen, daß ich das größte Vertrauen zu Ihrem klaren Blick und zu den Quellen habe, aus welchen Sie Ihre Nachrichten zu schöpfen pflegen. Sie müssen mir aber verzeihen, daß ich das, was Sie mir da eben sagen, unmöglich für Ernst nehmen kann. Die Sache ist doch in der That zu abenteuerlich und zu unglaublich. Und wenn ich den Politikern, welche jetzt zuweilen in Frankreich in die Diplomatie hineingreifen, auch sehr kühne und sehr wunderbare Combinationen zutraue, so würde dies doch nach meiner Überzeugung die Grenzen des Möglichen überschreiten.«

Der Staatsrath Klindworth drückte fest seine Lippen auf einander, richtete einen stechenden Blick auf den Reichskanzler und sprach mit scharfer Betonung:

»Ich würde nicht hierher gekommen sein, um Eurer Excellenz das zu sagen, was ich Ihnen soeben gesagt habe, wenn ich nicht die feste Überzeugung von der Richtigkeit meiner Beobachtung und von der Wahrheit meiner Mittheilung hätte. Die Sache ist sogar schon ziemlich weit gediehen. Der Marschall Prim ist in die Combinationen eingeweiht und geht im besten Glauben, für das unglückliche Spanien einen aller Welt convenirenden König gefunden zu haben, in die Falle, die man ihm stellt.«

Graf Beust dachte einige Augenblicke schweigend nach, er schien durch die Worte des Staatsraths nicht überzeugt, doch bemerkte er Nichts weiter über den Gegenstand und sprach nach einiger Zeit:

»Sie haben mir vorhin gesagt, daß Sie gekommen wären, zu warnen und zu rathen. – Ich habe Ihre Warnungen gehört, darf ich Sie nun um Ihren Rath bitten?«

»Darf ich,« sagte Klindworth, »eine kleine Erinnerung aus vergangener Zeit wachrufen? Eure Excellenz erinnern sich, daß ich kurz vor Ausbruch des Krieges im Jahre 1866, als Sie noch sächsischer Minister waren, Sie in Dresden besuchte. Sie erzeigten mir die Ehre, über die damalige Lage mit mir zu sprechen, mir Ihre Meinung über die unausbleibliche Nothwendigkeit des Conflicts mitzutheilen, und mir zugleich auseinanderzusetzen, wie gut die sächsischen Rüstungen vorbereitet seien. Ich erlaubte mir damals, nachdem ich Alles angehört, als einzige Gegenäußerung nur die Frage, ob Eure Excellenz ein festes, für alle Zeit bindendes, die Existenz Sachsens garantierendes Schutz- und Trutzbündniß mit Österreich geschlossen hätten. Sie verneinten das, ich sprach mein großes Bedauern darüber aus und ertheilte Ihnen den Rath, das Versäumte, wenn es irgend möglich sei, noch nachzuholen. – Es war nicht mehr möglich, die Katastrophe brach herein, Sachsen gerieth unter die kämpfenden Parteien, that nach allen Seiten seine Schuldigkeit, wurde aber ebenso wie die übrigen, gegen Preußen im Kampf stehenden deutschen Staaten von Österreich abandonnirt und ohne Widerspruch der Willkür des Siegers Preis gegeben. Sie wissen selbst, wie unmittelbar nahe die bereits beschlossene Annectirung über dem Haupte Ihres früheren Vaterlandes dahin gegangen ist. Sie wissen es am besten, wie und durch wen die Existenz Sachsens gerettet wurde, denn Sie sind es, dessen schnellem Entschluß, dessen Energie und Beredsamkeit jene Rettung zu danken ist. Eine ähnliche, nur gewaltigere und welterschütterndere Katastrophe, wie diejenige von 1866 bereitet sich heute vor, und nach der Beendigung des Kampfes, der nach meiner Überzeugung entbrennen wird, werden die Verhältnisse Europa's tiefe Erschütterungen und Veränderungen erfahren. Solchen Ereignissen gegenüber muß Österreich nach meiner Überzeugung den Fehler vermeiden, welchen unter kleinern Verhältnissen damals Sachsen und die übrigen deutschen Staaten begangen haben – den Fehler nämlich, sich ohne festen Entschluß und feste Haltung in die Ereignisse hineintreiben zu lassen.«

»Sie meinen also?« fragte Graf Beust. –

»Ich meine,« sagte der Staatsrath, »daß der Augenblick gekommen ist, um einen entschiedenen Entschluß zu fassen, und sich entweder in fester Allianz an Frankreich anzuschließen oder rückhaltlos und frei Preußen und damit zugleich Rußland die Hand zu reichen, wodurch dann – allerdings unter veränderten Verhältnissen – jene alte Tripelallianz wieder hergestellt werden würde, welche so lange die Schicksale von Europa beherrschte. Für die eine, wie für die andere Seite spricht Manches; wenn Österreich mit Frankreich zusammengeht, wenn Italien hinzugezogen wird, so wird im Fall des Sieges Alles wieder gewonnen werden, was 1866 verloren wurde, und bei so mächtig vereinten Kräften wird eine vernichtende Niederlage beinahe unmöglich gemacht, so daß also auch im ungünstigsten Falle Österreich nicht viel zu verlieren haben würde. Eine feste und rückhaltslose Allianz mit Preußen, damit auch zugleich mit Rußland würde auf der andern Seite Frankreich vollkommen isoliren. Die norddeutschen Mächte würden Österreich mit offenen Armen aufnehmen; vielleicht würden einer so mächtigen Coalition gegenüber selbst die unternehmungslustigen Politiker der Coterie der Kaiserin nachdenken – vielleicht würde der Krieg verhindert werden, wenn Österreich im entscheidenden Moment erklärte, daß es unter allen Umständen auf der Seite Preußens stehen würde. Für die europäische Stellung Österreichs ließe sich dadurch viel gewinnen. Allerdings aber würden auch die deutschen Traditionen dadurch vollständig und für immer aufgegeben werden müssen.«

Graf Beust hatte aufmerksam zugehört. Ein ganz leiser, fast unmerklicher Zug seiner Ironie erschien im Winkel seines Auges.

»Und zu welcher Seite dieser Alternative würden Sie rathen?« fragte er.

»Die Erinnerungen an die große Zeit,« erwiderte der Staatsrath, »in welche meine reichste Thätigkeit fällt, die Erinnerungen an die Zeit des großen Fürsten Metternich machen mich geneigt, zur Wiederherstellung jener alten Coalition der heiligen Allianz zu rathen, dieser weisesten Schöpfung, welche jemals die Diplomatie in's Leben gerufen. Außerdem spricht in diesem Fall die größere Sicherheit für den Anschluß an Preußen; auf der andern Seite ist viel zu gewinnen, hier aber ist Alles zu erhalten, was man schon besitzt. Ich habe wenig Vertrauen,« fuhr er fort, »auf die französische Macht. Ich verstehe Nichts von der Kriegsverwaltung, aber nach Allem, was ich gehört und gesehen, ist dort seit dem Tode Niels unter dem kranken Kaiser Alles in Verfall gerathen. Außerdem giebt man sich zu großen Illusionen über die Unbesiegbarkeit der französischen Armee hin, und ich fürchte, daß dem so wohl geschulten preußischen Heer gegenüber der französische Elan wenig ausrichten wird. Doch,« fuhr er fort, »das sind Alles Erwägungen, die ich Eurer Excellenz reiflichem Nachdenken überlassen will. Mein dringender Rath geht nur dahin, festen Entschluß zu fassen und bestimmt Partei zu nehmen. Ist dieser Krieg einmal ausgebrochen und Österreich demselben unthätig fern geblieben, so wird doch nichts Anderes mehr möglich sein, als sich vollständig an Preußen und Rußland anzuschließen. Dann aber wird dieser Entschluß keinen Werth mehr haben, während heute noch für denselben ein hoher Preis zu erlangen wäre. Vor Allem aber,« fügte er hinzu, indem sein stechender Blick scharf und durchdringend zu dem Grafen hinüberblitzte, »vor Allem aber wird dann dieser Anschluß vielleicht nicht mehr von Eurer Excellenz gemacht werden.«

»Und von wem denn,« fragte Graf Beust in etwas verändertem Ton.

»Von Demjenigen,« sagte der Staatsrath aufstehend, »der bereits hinter Ihnen steht und jeden Augenblick bereit ist, Ihre Erbschaft anzutreten, wenn die Vollendung des Werkes, das Sie begonnen, von außen und von innen her verhindert würde – wenn Österreich gezwungen werden sollte, dem Rathe des Grafen Bismarck folgend seinen Schwerpunkt vollständig nach Pesth zu verlegen – vom Grafen Andrassy, Ihrem ungarischen Collegen.«

Graf Beust war ernst geworden, doch zuckte er leichthin die Achsel und sprach:

»Ich kann Ihnen nur wiederholen, mein lieber Staatsrath, daß ich Ihnen für Ihre Mittheilungen, so wie für Ihren Rath herzlich dankbar bin. Ich hoffe – Sie werden, wenn Sie wieder nach Paris zurückgehen –?« fügte er mit einem fragenden Blick hinzu.

»Ich werde morgen Wien wieder verlassen,« sagte der Staatsrath, »und mich über Stuttgart nach Paris zurückbegeben, ich möchte mir dort die Politik des Herrn von Varnbüler an Ort und Stelle betrachten.«

»Ich bitte Sie also,« fuhr Graf Beust fort, »mich dann über Ihre Beobachtungen weiter au courant zu halten.«

Er verneigte sich leicht gegen den Staatsrath, welcher in seiner eigenthümlichen gebückten, fast demüthigen Haltung das Cabinet verließ.

»Der alte Klindworth,« sagte der Reichskanzler, sich bequem in seinen Stuhl zurücklehnend, »scheint mir diesmal dupirt worden zu sein. Die Sache ist zu abenteuerlich, zu unmöglich! – Er ist zwar sonst gut unterrichtet und combinirt vortrefflich die kleinsten Thatsachen, die zu seiner Kenntniß kommen. – Ich will immerhin noch auf anderem Wege darüber nachforschen lassen. – Sollte man aber auch in Frankreich wahnsinnig genug sein, um sich auf so unerhörte Weise in einen unübersehbaren Krieg zu stürzen, ich kann dennoch den Rath des alten viel gewandten Beobachters diesmal ebenso wenig für richtig, als seine Mittheilungen für zweifellos halten. – Ich habe es übernommen,« sprach er ernst, den Blick gedankenvoll emporrichtend, »das kranke und gebrochene Österreich zu heilen, und um das zu erfüllen, was ich versprochen und was ich mir vorgestellt, bedarf ich des Friedens, des Friedens unter jeder Bedingung noch auf Jahre hinaus. Keine Lockung, keine Hoffnung auf glückliche Zufälle wird mich von dem Wege abweichen lassen, den ich für den einzig richtigen erkannt habe. Und wenn wirklich der gewaltige Kampf, der im Schooß der Zukunft liegt, ausbrechen sollte, bevor Österreich an innerer Kraft den übrigen Mächten Europa's wieder gleich steht, so werde ich unbeirrt mein Ziel verfolgen und weder rechts, noch links blickend, den Frieden erhalten, selbst um den Preis,« fügte er leise hinzu, »daß diese Zurückhaltung mir selbst verhängnißvoll werden sollte. Lieber möge mein Werk von andern Händen vollendet werden, als daß ich es durch unüberlegtes Handeln gefährde.«

Er beugte sich über seinen Schreibtisch und begann die auf demselben aufgehäuften Depeschen zu durchlesen.

Sechstes Capitel.

In dem schottischen Cabinet der Villa Braunschweig in Hietzing saß der König Georg V. in seinem Lehnstuhl vor dem großen, mit golddurchwirkter rother Decke überhangenen Tisch.

Der König trug den weiten Überrock seiner österreichischen Uniform und rauchte aus einer langen hölzernen Cigarrenspitze.

Er war soeben aus dem großen Garten der Villa von seinem Morgenspaziergang zurückgekehrt, und seine älteste Tochter, die Prinzessin Friederike, welche ihn begleitet hatte, stand neben ihm.

Der König war in den letzten Jahren seines Exils merklich älter geworden, und ein schmerzlich leidender Zug lag auf seinem Gesicht, wenn auch in der Unterhaltung zuweilen noch seine alte Heiterkeit und sein alter Humor hervortrat. Sein dünnes Haar begann grau zu werden, die scharfen classischen Formen seines schönen Profils traten markirter als sonst hervor und gaben seinem früher so weichen und jugendlichen Gesicht einen Zug von Härte und Strenge, die ihm sonst fern gewesen war.

Die Prinzessin Friederike im dunklen Morgenanzug, einem kleinen mit Pelz besetzten Mantel von schwarzem Sammet und einem Hut von gleichem Stoff, vereinigte in ihrer Erscheinung den Eindruck fürstlicher Würde und Hoheit mit jugendlicher Anmuth und einer fast schüchternen Bescheidenheit. Die Prinzessin war groß und schlank gewachsen, ihr einfach frisirtes, natürlich gelocktes goldblondes Haar ließ die edle Wölbung der reinen und weißen Stirn fast ganz frei. Ihre großen blauen, durch die Tiefe des Blickes dunkel leuchtenden Augen drückten muthigen Stolz und sanfte Bescheidenheit zu gleicher Zeit aus. Ihr leicht aufgeworfener, schön gezeichneter Mund vereinigte eine gewisse trotzige Zurückhaltung mit kindlicher Naivetät.

Die Prinzessin blickte mit inniger Theilnahme auf ihren Vater herab, welcher mit widersprechenden Gedanken und Gefühlen zu kämpfen schien, und mit heftiger Bewegung der Lippen große Wolken bläulichen Dampfes vor sich hinblies.

»Von allen schweren Schicksalsschlägen,« sagte der König, »die mich in diesen letzten Jahren betroffen haben, hat Nichts so schmerzlich mich berührt, als die Erfahrungen, die ich in diesen Tagen machen muß – daß Diejenigen, welche mir und meiner Sache bisher in allem Unglück so treu geblieben, jetzt sich gegen mich richten und von mir abfallen; und,« fuhr er fort, »daß diese das Vertrauen an den Sieg meines Rechts vollkommen verloren haben, daß sie es wagen, so gegen mich aufzutreten.«

»Aber Papa,« sagte die Prinzessin mit sanfter Stimme, »weißt Du denn gewiß, ob auch Alles so richtig ist, wie es Dir aus der Ferne erscheint – und wie vielleicht Manche,« fügte sie ein wenig zögernd hinzu, »ein Interesse haben, es Dir darzustellen. Ich kenne nur Wenige von den Officieren in Paris, aber ich kenne Herrn von Düring, und von ihm kann ich doch unmöglich annehmen, daß er irgend Etwas gegen das Interesse unserer Sache oder gegen Dich sollte thun wollen.«

»Ich auch nicht,« rief der König lebhaft, mit zwei Fingern seiner rechten Hand auf den Tisch schlagend. »Ich kann es auch nicht glauben, ich stehe vor einem unlösbaren Räthsel. Doch liegen die Thatsachen vor mir, meine Officiere und Düring an ihrer Spitze widersetzen sich der Ausführung meiner Befehle. Ich habe Düring das Commando über die Emigranten abgenommen und ihn der Führung der Geschäfte meines General-Adjutanten enthoben. Ich habe beides an Herrn von Tschirschnitz übertragen. Die erste Nachricht, die ich von diesem sonst so treuen und vortrefflichen Officier erhalte, ist die Erklärung, daß er es mit seiner Ehre und seinem Gewissen nicht vereinigen könne, die Befehle auszuführen, die ich ihm in Betreff der Auflösung der Emigration gegeben habe. Ist das nicht offene Auflehnung, ist das nicht Subordination – das höchste Vergehen, dessen ein Officier sich schuldig machen kann?«

»Aber,« sagte die Prinzessin, »Herr von Düring, wie auch Herr von Tschirschnitz haben ja ebenso wie alle übrigen Officiere freiwillig unser Unglück und unser Exil getheilt. Sie haben Alle die Carrière aufgegeben, welche sich ihnen in Sachsen öffnete, und welche sie auch, wie so viele andere Officiere der hannöverschen Armee, in Preußen hätten finden können. Wenn solche Leute den Befehlen, die Du ja doch,« fügte sie mit sanfter schmeichelnder Stimme hinzu, »selbst nur nach langem Kampf gegeben hast – wenn sie diesen Befehlen widerstreben, wenn sie nicht müde werden, ihre Vorstellungen dagegen zu erheben – sollte man dann nicht annehmen, daß sie irgend einen ehrenwerthen und verständigen Grund dazu haben, daß irgend ein Mißverständniß vorliegt, welches man aufklären müßte.«

»Oh mein Gott, mein Gott ja!« rief der König, schmerzlich aufseufzend, indem er den Kopf in die Hand stützte. »Das habe ich mir auch schon oft gesagt, es ist ja doch unmöglich, daß eine Anzahl von Männern, die bisher so treu waren, mit einem Male darauf arbeiten sollten, mir und meiner Sache zu schaden.«

»Und der Regierungsrath Meding steht doch auch auf der Seite der Officiere,« sagte die Prinzessin, »auch er warnt vor der Auflösung der Legion in der Art und Weise, wie sie begonnen wurde. Es ist doch unmöglich anzunehmen, daß alle diese Herren nicht irgend einen Grund für ihre übereinstimmende Überzeugung haben sollten. Ich bitte Dich, Papa,« fuhr sie mit dringendem Ton fort, »die Sache doch recht genau zu prüfen und nicht nach einseitigen Berichten und Vorträgen zu entscheiden.«

»Gott weiß es,« rief der König, »wie schwer es mir wird, überhaupt die Legion aufzulösen und alle diese treuen Soldaten, die meinem Schicksal gefolgt sind, sich selbst zu überlassen. Aber es kann ja nicht anders sein, je schwerer ich mich dazu entschlossen habe, um so schmerzlicher berührt mich der Widerstand, dem ich begegne. – Ich werde,« rief er nach kurzem Nachdenken, »sie Alle noch einmal hören, – ich will die ganze Frage nochmals reiflich überlegen, denn ich stehe vor einer für mich und die Zukunft meines Hauses hoch wichtigen Entscheidung.«

»Und wenn die Legion aufgelöst wird,« sagte die Prinzessin, »würde es dann nicht nöthig sein, für die armen Emigrirten die freie und straflose Rückkehr in die Heimath vom König von Preußen zu erwirken? – Windthorst hat sich ja erboten, Verhandlungen zu diesem Zweck einzuleiten.«

»Niemals,« rief der König lebhaft, »niemals werde ich meine Autorisation zu solchen Verhandlungen geben! Das hieße die Annection meines Königreichs anerkennen, das hieße zugestehen, daß der König ein Recht habe, meine treuen Soldaten wegen ihrer Anhänglichkeit und Ergebenheit zu bestrafen. – Und das werde ich nie zugestehen.«

Nach einem kurzen Schlag an der Thür trat des Königs Kammerdiener Thoms in das Cabinet und meldete, der Staatsminister Graf Platen stehe zu Seiner Majestät Befehl.

»Er soll kommen,« rief der König lebhaft. »Auf Wiedersehen, mein Töchterchen,« sagte er, indem er aufstand und die Hand nach der Prinzessin ausstreckte, welche dicht zu ihm herantrat und ihm ihre Stirn reichte, auf die er zärtlich seine Lippen drückte.

»Rufen Sie den Kronprinzen und den Geheimen Cabinetsrath,« sagte er dann zu dem Kammerdiener, welcher den Grafen Platen in das Cabinet geführt hatte und nun die beiden Flügel der Thür für die Prinzessin öffnete. Prinzessin Friederike verließ mit leichtem freundlichen Gruß gegen den sich tief verneigenden Minister das Zimmer ihres Vaters.

Der Graf von Platen-Hallermund, Minister der auswärtigen Angelegenheiten des früheren Königreichs Hannover und jetziger alleiniger Rathgeber des verbannten Königs, war damals sechsundfünfzig Jahre alt. Die letzten Jahre hatten seine früher noch jugendliche und kräftige Erscheinung wesentlich älter und gebrechlicher gemacht. Zwar zeigten seine Bewegungen noch die frühere Elasticität, auch trug sein volles, etwas langes und gelocktes Haar noch eine gleichmäßig schwarze Farbe, doch war sein Schnurrbart stark ergraut, seine Gesichtszüge waren welk und abgespannt.

Der Graf, welcher einen Morgenanzug von einfacher Eleganz trug, küßte die Hand, welche der König ihm reichte und setzte sich dann in einen der großen, mit schottischem Seidenstoff überzogenen Lehnstuhl neben seinem Herrn.

»Ich bin erfreut, Eurer Majestät mitzutheilen,« sagte er, »daß die Abwicklung der Liquidation der Wiener Bank sich noch günstiger für unsere Kasse stellen wird, als es anfänglich den Anschein gehabt hat. Es haben sich einige günstige Verkäufe realisiren lassen, so daß, wenn Alles ferner gut geht, Eure Majestät mit einem Verlust von nicht ganz zwei Millionen Gulden davonkommen werden.«

Der König seufzte tief auf.

»Sie wissen, mein lieber Graf,« sagte er, »wie geringen Werth das Geld an sich für mich hat. Es ist für mich immer nur Mittel zum Zweck. In diesem Augenblick muß es mir dienen, um den heiligsten und höchsten Zweck zu verfolgen, den ich kenne – die Wiedererlangung meines Rechts und die Zukunft meines Hauses. Und in dieser Beziehung berührt mich dieser an sich nicht bedeutende Verlust sehr schmerzlich, denn meine Mittel sind ja ohnehin schon beschränkt genug.«

»Dank der vortrefflichen Verwaltung des Commerzienraths Simon, in dessen Händen nunmehr wieder Eurer Majestät Vermögen gelegt ist,« sagte Graf Platen, »werden sich ja die Verluste verschmerzen lassen. Doch,« fuhr er fort, »wird es nunmehr auch dringend nothwendig, mit dieser unglücklichen Emigration in Frankreich ein Ende zu machen, welche bereits so viel verschlungen hat und Eurer Majestät in jedem Jahr dreihundertfünfzigtausend Thaler kostet. Wenn man diese Summe nicht so schnell als möglich aus Eurer Majestät Ausgabenbudget verschwinden läßt, so werden wir von Deficit zu Deficit fortschreiten, und eine successive Capitalsverzehrung wird Eure Majestät endlich in die Lage bringen, Nichts mehr zu besitzen und sich aus materieller Noth Preußen auf Gnade oder Ungnade zu ergeben.«

»Traurig, traurig!« rief der König, »daß es dahin gekommen ist! Mein Gott,« fuhr er fort, »wenn man die nach England geretteten Papiere damals vor der Amortisation verkauft hätte, was Herr von Malortie verhinderte, – oder wenn die in Hannover befindlichen Bestände vor der letzten Beschlaglegung auf mein Vermögen in Sicherheit gebracht wären, was wiederum Herr von Malortie nicht that, dann wäre ich niemals in die traurige Lage gekommen, so viele treue und ergebene Menschen einem ungewissen Schicksal überlassen zu müssen.«

Rasch öffnete sich die Thür. Der Kronprinz Ernst August trat in's Zimmer, ihm folgte der Geheime Cabinetsrath Lex.

Der Prinz Ernst August war eine lang und hoch aufgeschossene Gestalt, fast noch höher, als sein Vater, doch während die Gestalt des Königs in ihrer Proportion einen harmonischen Eindruck von Würde und Majestät machte, hatten die Glieder des jungen Prinzen noch keine rechte Festigkeit und seinen Bewegungen fehlte die anmuthige Leichtigkeit und Sicherheit. Das schöne glänzende Haar des Prinzen war kurz geschnitten und von der schmalen zurücktretenden Stirn aufwärts emporgekämmt. Der Blick seiner Augen, den er oft durch eine Lorgnette mit großen Gläsern verhüllte, war freundlich und gutmüthig. Seine platte, eingedrückte Nase und sein breiter etwas vorstehender Mund, mit schönen frischen Zähnen, war von jeder Ähnlichkeit mit dem edlen Schnitt der Gesichtszüge seines Vaters weit entfernt und das freundliche Lächeln, welches gewöhnlich seinen Mund umspielte, berührte nicht so sympathisch als die liebenswürdige Heiterkeit, welche das Gesicht des Königs erhellte.

Der Geheime Cabinetsrath, welcher hinter dem Kronprinzen in das Zimmer trat, mochte etwa zwei- bis dreiundsechzig Jahre alt sein. Seine auffallend kleine, magere Gestalt war gebückt und in sich zusammengefallen, sein faltiges, bartloses Gesicht mit dem kurzen grauen Haar zeigte einen stets mürrischen, kalt abwehrenden Ausdruck, und seine kleinen, scharfen und geistvollen Augen blickten mit einem leisen Anflug von kritischer Ironie durch die Gläser seiner feinen Brille.

Der Kronprinz schritt schnell zu seinem Vater hin, beugte sich zu demselben herab, und der König küßte ihn herzlich auf die Stirn. Dann setzte sich der Prinz zu dem König und dem Grafen Platen, während der Cabinetsrath auf der andern Seite des Tisches Platz nahm.

»Darf ich Sie bitten, mein lieber Graf,« sagte Georg V., sich an den Minister wendend, »mir nunmehr Ihre Meinungen über die Maßregeln auszusprechen, welche nothwendig werden, um die Auflösung der Emigration, welche ich leider unabänderlich habe beschließen müssen, durchzuführen.«

»Majestät,« sagte der Graf Platen, indem er sich in sich zusammenschmiegte, »ich muß zunächst noch einmal darauf zurückkommen, genau zu constatiren, daß mit den Allerhöchst Ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln der königliche Hofhalt und die zur Geltendmachung Ihrer Rechte nothwendigen Ausgaben auf die Dauer nicht bestritten werden können, wenn die zur Erhaltung der Emigration notwendige sehr hohe Summe von nahezu vierhunderttausend Thalern jährlich nicht aus dem Ausgabebudget verschwindet. Um diese Ersparniß zu machen, um zu gleicher Zeit die Emigrirten, welche, um der königlichen Sache zu dienen, ihre Heimath verlassen haben, nicht dem Elend Preis zu geben, habe ich mir erlaubt, Eurer Majestät vorzuschlagen, noch eine einmalige bedeutende Ausgabe nicht zu scheuen und jedem Mitglied der Emigration die Summe von vierhundert Francs auszuzahlen, damit derselbe sich, sei es durch Auswanderung, sei es auf irgend eine andere Weise, eine neue Existenz schaffen kann.«

»Es wird eine große Summe werden,« sagte der Kronprinz, indem er mit den Zähnen an den Nägeln seiner Finger biß.

»Diese einmalige Ausgabe,« sagte Graf Platen, sich halb gegen den Prinzen wendend, »ist nothwendig, um den König vor dem Vorwurf zu schützen, daß Seine Majestät die ihm treu gebliebenen Soldaten einfach verläßt.«

»Und ich hoffe,« rief der König lebhaft, »daß die Summe genügend bemessen ist.«

»Vollkommen genügend, Majestät,« sagte Graf Platen, »um so mehr, da für Diejenigen, welche nach Amerika auswandern wollen, noch außerdem das freie Reisegeld gewährt wird. Nun aber,« fuhr er fort, »hat sich herausgestellt, daß die Officiere der Emigration aus Gründen, die ich nicht begreifen kann,« fügte er achselzuckend hinzu, »sich der Auflösung der Emigration in einer dem dienstlichen Gehorsam sehr wenig entsprechenden Weise widersetzen.«

Der König biß schweigend auf seinen Schnurrbart.

»Eure Majestät,« fuhr Graf Platen fort, »haben das Commando an Herrn von Tschirschnitz übertragen, aber auch dieser scheint nicht geneigt zu sein, die Maßregeln Eurer Majestät rücksichtslos durchzuführen. Ich halte es deshalb für nothwendig, daß Eure Majestät Allerhöchst Ihren Ordonnanzofficier, den Major von Adelebsen, nach Paris entsenden und ihm nicht nur die Geschäfte Ihres General-Adjutanten, sondern auch das Commando der Legion übertragen, damit die nothwendige und befohlene Auflösung der Legion schleunigst und ohne Weitläufigkeit vollzogen werde. Es scheint,« sprach er weiter, »daß die Officiere die Absicht haben, einen Verband unter den Emigrirten zu gegenseitiger Unterstützung herzustellen und auf diese Weise vielleicht noch eine Colonisation in Algerien auszuführen, für welche sie sehr große Neigung hatten.«

»Die Idee wäre durchaus nicht übel,« sagte der König. »Nach den Versprechungen der französischen Regierung hätte den armen Emigrirten dort ein gutes Loos bereitet werden können, und ich habe den Gedanken nur aufgegeben, weil er im ganzen Land Hannover einen so lebhaften Widerspruch fand, und weil Deputationen auf Deputationen zu mir gekommen sind, um mich zu bitten, die algerische Colonisation nicht zu erlauben. Die Leute haben dort in Hannover gar keinen Begriff gehabt, um was es sich handelt. Sie glaubten, die Emigranten sollten in die Fremdenlegion verkauft werden, wie sie sich ausdrückten. Sie haben zuweilen sehr unklare Ideen, diese Hannoveraner, und bleiben dann sehr hartnäckig in ihrem Ideenkreis stecken. Aber ich mußte ja auf eine so allgemein im Lande verbreitete Ansicht Rücksicht nehmen.«

»Es möchte ja vielleicht,« fiel der Kronprinz ein, »eine Colonisation in Algerien ganz angenehm und vortheilhaft für die Leute gewesen sein können. Aber – so lange sie zusammen bleiben, werden wir sie nie ganz von der Tasche los werden können, wenn es der Colonie irgend einmal schlecht gegangen wäre, so hätte man immer auf uns recurrirt, und die ganze Geschichte wäre eine ewige Veranlassung zu neuen Ausgaben gewesen. Die Hauptsache ist, daß die Leute Alle auseinander gebracht werden, und je weiter fort, um so besser, denn um so schwerer wird es ihnen werden, uns wieder zur Last zu fallen.«

»Das ist nicht mein Gesichtspunkt,« rief der König, das Haupt erhebend. »Mir kommt es nur darauf an, so gut ich es unter meinen jetzigen Verhältnissen kann, für das Wohl meiner Leute zu sorgen, und außerdem habe ich die politische Rücksicht zu nehmen, Ansichten und Wünsche der Bevölkerung meines Königreichs so viel als möglich zu schonen.«

»Jedenfalls,« sagte Graf Platen, »werden Eure Majestät nach reiflicher Erwägung beschließen, die Legion definitiv aufzulösen und eine Auswanderung der Leute nach Algerien möglichst zu inhibiren. Es ist aber nöthig, diesen Beschluß schleunigst auszuführen, damit vor dem 1. April Alles beendet sei und mit dem neuen Rechnungsjahr die Belastung unserer Kasse fortfalle. Wenn also Eure Majestät befehlen, den Major von Adelebsen dorthin zu senden, so –«

Der König hatte das Haupt in die Hand gestützt und dachte längere Zeit schweigend nach.

»Wäre es nicht,« sagte Georg V. endlich, indem er den Kopf emporrichtete, und das Gesicht nach der Seite des Grafen Platen und dem Kronprinzen hinwandte, »wäre es nicht am besten, um die Sache am einfachsten in Ordnung zu bringen und alle weiteren Schwierigkeiten zu vermeiden, wenn ich nach Paris telegraphirte und den Regierungsrath Meding, den Major von Düring und vielleicht noch einige der Officiere hierherkommen ließ, um ihnen persönlich meine Befehle zu ertheilen und die Mißverständnisse aufzuklären, welche doch wohl in der ganzen Sache bestehen müssen, da ich mir anders den eigenthümlichen Widerstand nicht erklären kann, den man mir entgegensetzt.«

Graf Platen bog den Oberkörper zusammen, warf einen schnellen Seitenblick auf den Kronprinzen und sagte:

»Ich fürchte, Majestät, daß eine solche Maßregel, wie Allerhöchstdieselben sie hier andeuten, nur eine erneute Discussion über die ganze Frage hervorrufen und die schleunige Ausführung der von Eurer Majestät gefaßten Beschlüsse noch weiter hinausschieben würde. Eure Majestät haben bereits den Befehl an die Officiere gesandt, daß dieselben sich jeder Theilnahme an Verbindungen der Soldaten zu gegenseitiger Unterstützung fern halten sollen. Damit ist also ausgeschlossen, daß irgend Etwas geschehen könne, was die dortige Sachlage ändert; wenn Eure Majestät nunmehr den Major von Adelebsen mit bestimmten Vollmachten nach Paris entsenden, so wird die ganze Angelegenheit sehr bald erledigt sein. Es ist übrigens,« fuhr er mit einem abermaligen schnellen Seitenblick nach dem Kronprinzen hinüber, »der Feldwebel Stürmann von der Emigration hierher gekommen, um sich im Auftrage seiner Kameraden persönlich zu erkundigen, was denn eigentlich der Wille und Befehl Eurer Majestät sei.«

»Sie haben den Feldwebel gesprochen?« fragte der König schnell.

»Nur flüchtig, einen Augenblick,« erwiderte der Graf Platen mit einem leichten Anflug von Verlegenheit. »Ich wollte Eurer Majestät nicht vorgreifen. Vielleicht wäre es zweckmäßig, wenn Höchstdieselben ihn selbst anhörten.«

»Einen Feldwebel anhören, ohne daß ich meine Officiere gehört habe,« rief der König lebhaft, »das geht nicht. Ich glaube,« sagte er nach einem augenblicklichen Nachsinnen, »daß es am besten sein wird, vor Allen Meding und Düring hierher kommen zu lassen, um zu hören, wie die Sache dort liegt und was sie denn eigentlich für Gründe gegen die von mir beschlossene Art der Auflösung der Emigration haben.«

Graf Platen rieb sich die Hände und neigte den Kopf hin und her, ohne indeß etwas zu sagen.

»Aber Papa,« sagte der Kronprinz, mit einer gewissen Schwierigkeit die Worte hervorbringend, »Du wirst doch nicht von dem einmal gefaßten Beschluß wieder abgehen? Es scheint mir doch –«

Ein Schlag an der Thür ertönte.

»Wer ist da?« fragte der König mit seiner lauten hellen Stimme.

Der Kammerdiener trat ein und sprach:

»Der Ordonnanzofficier Major von Adelebsen bittet um die Erlaubniß, Eurer Majestät eine Meldung machen zu dürfen.«

»Er soll kommen,« rief der König etwas verwundert.

Major von Adelebsen trat ein. Er war ein Mann von einundvierzig Jahren, etwas über Mittelgröße, von magerer Gestalt und eckigen, wenig eleganten Bewegungen. Sein Gesicht war bleich, von einer etwas gelblichen Farbe und unregelmäßigen Zügen, welche wenig sympathisch berührten, obgleich in ihnen mehr zurückhaltende Abgeschlossenheit lag, als jene eigenthümlich-charakteristische Häßlichkeit, welche auf die Dauer zu gewinnen oder wenigstens zu imponiren vermag. Seine Blicke waren unstät und unruhig bewegt und richteten sich bei seinem Eintritt forschend auf den Kronprinzen, der ihm erwartungsvoll entgegensah.

Der Major von Adelebsen, welcher die kleine Uniform des frühern hannöverschen Garderegiments trug, näherte sich dem König und sprach im Ton dienstlicher Meldung:

»Majestät, der Lieutenant von Mengersen und der Lieutenant Heyse sind von Paris hier angekommen und bitten Eure Majestät im Auftrage ihrer sämmtlichen Kameraden in dringenden Angelegenheiten um Audienz.«

Der König richtete den Kopf mit fragendem Ausdruck empor. Ein leichter freudiger Schimmer flog über seine Züge.

»Und was haben sie mir zu melden?« fragte er.

»Sie haben ein Schriftstück mitgebracht, welches sie mir mitgetheilt und welches ihren Auftrag enthält. Der Inhalt dieses Schriftstücks jedoch hat mich in so hohem Grade befremdet, daß ich fast Anstand nehmen muß, denselben Eurer Majestät mitzutheilen.«

»Sprechen Sie,« sagte der König im ernsten Ton, während der Kronprinz und Graf Platen einen raschen Blick miteinander wechselten.

»Eure Majestät,« fuhr der Major von Adelebsen fort, »haben durch Ihren letzten Befehl den Officieren in Paris verboten, sich irgendwie bei Verbindungen der Emigration zu gegenseitiger Unterstützung zu betheiligen und sich überhaupt jedes Einflusses auf die Entschließungen der Soldaten über ihr künftiges Leben zu enthalten.«

»Ganz Recht,« sagte der König.

»Die Officiere erklären nun,« sagte Herr von Adelebsen, »daß sie es für ein Gebot ihrer Ehre hielten, die Emigranten, welche sie so lange Zeit unter ihrem Befehl gehabt und welche sich ihnen voll Vertrauen angeschlossen hätten, ja, welche sie in dem kritischen Augenblick des Jahres 1867 zum Theil selbst zur Emigration veranlaßt hätten, nicht schutz- und rathlos im fremden Lande zu verlassen. Sie hielten sich für verpflichtet, denselben in jeder Weise auch ferner ihren Rath und Beistand zu Theil werden zu lassen. Vor Allem aber könnten sie nicht glauben,« fuhr er mit lebhafterem Ton fort, »daß der Befehl, welcher ihnen allerdings mit Eurer Majestät Unterschrift vorgelegt worden sei, von Allerhöchstdenselben wirklich in voller Kenntniß des Inhalts unterschrieben sei, da eine Bestätigung der Allerhöchsten Unterschrift auf dem Papier sich nicht vorfindet. Sie hätten deßhalb die Lieutenants von Mengersen und Heyse abgesandt, um Eure Majestät ihre Bedenken vorzutragen und Allerhöchstdieselben zu bitten, wenn Sie wirklich jenen Befehl gegeben, denselben in Gegenwart der genannten Officiere Allerhöchsteigenhändig zu unterzeichnen.«

Der König sprang empor, eine flammende Röthe flog über sein Gesicht, er biß die Zähne aufeinander und stieß mit einem zischenden Laut mehrmals den Athem aus seinen Lippen.

Der Kronprinz lächelte still vor sich hin, Graf Platen ließ den Kopf auf die Brust sinken und schlug die Augen zu Boden nieder.

»Dahin ist es also gekommen,« rief der König mir lauter Stimme, »daß die Officiere meiner Armee es wagen, an einem Befehl zu zweifeln, der meine königliche Unterschrift trägt, daß sie von mir, ihrem obersten Kriegsherrn, die Erfüllung jener constitutionellen Form verlangen, welche für die Civilverwaltung des Königreichs gesetzlich vorgeschrieben war. Welcher Geist,« sprach er in dumpfem Ton, »muß in jenen Kreisen herrschen, wenn so Etwas möglich ist. Welcher Dämon muß seine Gewalt über diese Officiere üben, daß sie es wagen, mir so gegenüber zu treten.«

»Es ist allerdings,« sagte der Major von Adelebsen, »ein höchst unmilitairisches und vermessenes Vorgehen. Ich habe den Herren Vorstellungen gemacht, ich habe versucht, sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Aber,« fügte er achselzuckend hinzu, »es ist vergeblich gewesen. Sie bestehen mit Entschiedenheit darauf, den Befehl in ihrer Gegenwart von Eurer Majestät vollzogen zu sehen, da sie denselben anders nicht für gültig erkennen können.«

»Sagen Sie den Herren,« rief der König mit zitternder Stimme, »daß ich sie nicht empfangen wolle, daß ich ihnen befehlen lasse, augenblicklich nach Paris zurückzureisen. Ich werde ihnen,« fügte er mit mühsam unterdrückter Erregung hinzu, »meinen Willen in einer Form kundgeben, an welcher sie keinen Zweifel werden hegen können.«

Herr von Adelebsen verneigte sich, indem ein leichtes Lächeln der Befriedigung um seine Lippen spielte und verließ das Zimmer.

»Graf Platen,« rief der König, indem er sich wieder in seinen Lehnstuhl niedersetzte, »Sie werden mir eine zweite Ausfertigung des Befehls vorlegen, ich werde meine Unterschrift unter demselben beglaubigen lassen. Zugleich lassen Sie Vollmachten für den Major von Adelebsen ausfertigen, damit er alle Functionen des Majors von Düring sofort übernehmen könne. Er soll auf der Stelle nach Paris reisen, um die Auflösung der Legion durchzuführen.«

»Wäre es nicht zweckmäßig, Majestät,« sagte Graf Platen, »bei dem Geist des Widerspruchs, der unter den Officieren in Paris zu herrschen scheint, die hauptsächlichsten Führer derselben von dort zu entfernen. Ich meine insbesondere den Major von Düring und den Premierlieutenant von Tschirschnitz, durch welche sich doch die Übrigen mehr oder weniger bestimmen lassen.«

»Gewiß,« sagte der König, »lassen Sie sogleich die Befehle ausfertigen. Düring soll nach Bern, Tschirschnitz nach Basel sich begeben und dort meine weiteren Bestimmungen abwarten.«

Er lehnte sich wie erschöpft in seinen Stuhl zurück und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

»Würde es aber nicht zweckmäßig sein,« sagte der Geheime Cabinetsrath mit seiner feinen und hohen Stimme, »da nun die Auflösung der Legion in Frankreich durchgeführt werden soll und werden wird, dafür Sorge zu tragen, daß diese Maßregel, welche man ohne Zweifel viel besprechen wird, in den Augen der Welt und namentlich in den Augen der französischen Regierung nicht so ausgelegt werde, als ob Eure Majestät auf Ihr Recht verzichten und jede Thätigkeit für die Wiedererlangung desselben für immer aufgeben?«

»Ich glaube kaum,« sagte Graf Platen, »daß man die Sache so ansehen könnte. Jedermann weiß, daß die Mittel Eurer Majestät beschränkt sind, und Jedermann wird begreifen, daß Allerhöchstdieselben auf die Dauer solche Ausgaben nicht durchzusetzen vermögen.«

»Doch, doch,« rief Georg V., »der Cabinetsrath hat vollkommen Recht. Lassen Sie durch Lumé de Luine ein Schreiben an den Kaiser Napoleon aufsetzen, worin ich ihm die Gründe meiner Maßregeln auseinandersetze, ihm für den Schutz, den er bisher den hannöverschen Emigranten gewährt hat, danke und zugleich erkläre, daß die Auflösung der Legion lediglich durch finanzielle Rücksichten geboten sei und daß ich trotzdem niemals aufhören würde, jede Gelegenheit zu ergreifen, um für mein verletztes Recht zu kämpfen.«

Der Kronprinz wollte Etwas bemerken, rasch aber stand der König auf und sagte:

»Ich danke Ihnen, meine Herren, ich will allein sein.«

Flüchtig berührte er mit den Lippen die Stirn des Kronprinzen, welcher sich ihm näherte und dann das Cabinet verließ. Graf Platen und der Geheime Cabinetsrath folgten und der König blieb allein.

Er ließ den Kopf auf die Brust niedersinken. Längere Zeit hörte man in dem stillen Zimmer Nichts als die tiefen, unruhigen Athemzüge, welche seine Brust bewegten.

»Welch ein hartes, schweres Schicksal,« rief er dann. – »Ich habe meinen Thron und mein Königreich verloren! Ich bin von meinem Volk getrennt, dessen Glück die ganze Kraft und Arbeit meines Lebens gewidmet war, und nun muß ich es erleben, daß auch Diejenigen, welche mein Unglück theilten, und welche in der Verbannung mir treu geblieben, sich von mir wenden. So hat,« rief er schmerzlich aus, »diese Zeit alle Begriffe verwirrt, alle sonst so heiligen Bande gelockert, daß sogar die Officiere meiner Armee, dieser Armee, welche so heldenmüthig und opferfreudig sich für mich geschlagen, mir nicht mehr vertrauen und sich gegen mich auflehnen!«

Er stand auf und blieb vor seinem Stuhle stehen. Schmerzlich zuckte sein edles Gesicht und die blicklosen Augen wandten sich umher, als wollten sie mit gewaltiger Willensanstrengung das Dunkel durchbrechen, welches ihn umgab.

»Wer zeigt mir,« rief er, »wo die Wahrheit liegt, wo der rechte Weg ist, den ich zu gehen habe! Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen meine Beschlüsse gefaßt, ich habe gethan, was ich für meine Pflicht hielt, – und nun finde ich mich einsam und verlassen, verlassen von Denen, welche ich für die Treuesten hielt! Fast möchte ich irre werden an dem, was ich für recht erkannt, denn Diejenigen, welche jetzt meinem Willen widerstreben, habe ich stets als fest und muthig erkannt. Und die mich hier mit Rath umgeben –«

Er seufzte tief auf.

»Ich weiß, wie viel dem Grafen Platen zu den Eigenschaften fehlt, welche den großen Staatsmann machen, ich weiß, wie leicht er zu beeinflussen ist. – Und doch, doch kann ich nicht anders handeln, ich habe die Mittel nicht mehr, den Kampf in der Weise fortzusetzen wie bisher. Und jene Emigranten, die ich ferner nicht unterstützen kann, werden ja, wenn sie von derselben Begeisterung für ihre Sache erfüllt sind, welche einst ihre Väter auf allen Schlachtfeldern Europa's für ihren König kämpfen ließ, Mittel finden, sich mir dennoch zu erhalten und vielleicht –

»Oh, wer giebt mir Licht in diesem Dunkel – oh, daß ich nur einmal die Blicke und Mienen Derjenigen sehen könnte, die zu mir sprechen. Ich würde leichter erkennen können, wo die Wahrheit liegt.«

Er sank wieder auf seinen Stuhl nieder, stützte den Kopf in die Hände und blieb lange in tiefem Sinnen versunken.

Dann plötzlich schien ein Gedanke in ihm aufzusteigen, rasch bewegte er die goldene Glocke, welche auf einem schön ciselirten Teller vor ihm stand. Der Kammerdiener trat ein.

»Ist Graf Platen noch im Hause,« fragte der König rasch.

»Zu Befehl, Majestät, der Graf ist bei Seiner königlichen Hoheit dem Kronprinzen.«

»Rufen Sie ihn und den Kronprinzen.«

Wenige Augenblicke darauf erschienen der Prinz Ernst August und der Graf Platen abermals in dem Cabinet des Königs.

»Sie sprachen mir vorhin,« sagte Georg V., »von dem Feldwebel Stürmann. Ist er hier? Ich will ihn sprechen.«

Graf Platen wechselte einen Blick mit dem Kronprinzen und erwiderte dann:

»Der Feldwebel ist hier, Majestät, er hat soeben noch Seiner Königlichen Hoheit Bericht über die Verhältnisse und Stimmungen unter den Emigranten erstattet.«

»Bringen Sie ihn her,« sagte der König kurz.

Graf Platen ging hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Mann von etwa vier- bis fünfundfünfzig Jahren, dem man trotz seiner bürgerlichen Tracht in seiner ganzen Haltung den alten Soldaten ansah, zurück.

Der Feldwebel Stürmann war eine hagere dürre Gestalt von Mittelgröße, sein kurzes graues Haar war militairisch geschnitten; sein langes Gesicht von graugelber Farbe drückte Verschlossenheit und eigensinnige Beschränktheit aus. In seinen kleinen, etwas starr blickenden Augen lag jene listige Verschlagenheit, welche man häufig in dem niedersächsischen Stamme findet. Er trug die Medaille von Langensalza in dem Knopfloch seines einfachen grauen Rockes, trat einige Schritte vor und blieb dann in militairisch dienstlicher Haltung stehen.

»Ich freue mich, Sie hier zu wissen, mein lieber Feldwebel,« sagte der König in kurzem, fast strengem Ton. »Ihre Kameraden haben Sie hierher gesendet, sagen Sie mir, was dieselben denken und was in Paris unter denselben vorgeht.«

Der Feldwebel warf einen Blick auf den Grafen Platen, welcher leicht mit dem Kopf nickte und sprach mit einer etwas schwerfälligen Stimme, indem er mit einer gewissen Mühe langsam die Worte hervorbrachte.

»Ich bin hierher gekommen, Königliche Majestät, um genau zu erfahren, was denn eigentlich Eurer Majestät Willen und Befehl ist, da weder ich, noch meine Kameraden uns vollkommen klar darüber sind.«

»Und warum nicht,« fragte der König kurz.

»Die Herren Officiere,« sagte der Feldwebel, »welche mit uns nach Holland gegangen sind, welche uns in der Schweiz und in Frankreich commandirt haben, und zu welchen wir Alle das größte Vertrauen hatten, haben uns vor einiger Zeit gesagt, daß es der Wille Eurer Majestät sei, für uns eine Colonie in Algerien zu gründen, damit wir dort uns eine neue Heimath schaffen und abwarten können, bis der Moment gekommen wäre, für das Recht Eurer Majestät in den Kampf zu gehen.

»Weiter,« sprach der König.

»Wir haben uns Alle bereit erklärt,« fuhr der Feldwebel fort, »dorthin zu gehen, obgleich uns viel Schlimmes von dem Lande erzählt wurde. Aber für Eure Majestät und für unsere heilige Sache,« fuhr er fort, indem er die Hand auf die Brust legte, »würden wir ja bis an's Ende der Welt gehen.

»Nun aber,« sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, indem er abermals zum Grafen Platen hinüberblickte, »hat uns vor vier Wochen der Herr Major von Adelebsen und der Herr von Münchhausen, welche die Standquartiere der Emigranten bereisten, mitgetheilt, daß Eure Majestät die Colonie in Algerien nicht wollten, daß Sie vielmehr die Legionaire entlassen würden und Jeden auffordern ließen, zu erklären, wohin er zu gehen beabsichtigte. Die Herren Officiere,« sagte er dann, »haben uns nun zwar bestätigt, daß von Eurer Majestät eine Colonie in Algerien nicht mehr gegründet werden würde. Dennoch aber haben sie uns aufgefordert, zusammen zu bleiben und einen Verband zu bilden und uns gegenseitig zu unterstützen, wollen auch versuchen, ob es nicht möglich sei, ohne Betheiligung Eurer Majestät von der französischen Regierung die Herstellung einer Colonie zu erreichen, auf welcher wir eine gemeinschaftliche Existenz uns beschaffen könnten. Es ist darüber viel hin- und hergesprochen, einzelne von den jungen Leuten wollen gern ihr Glück in Algerien versuchen. Wir aber, die älteren und namentlich die Unterofficiere würden uns einem solchen Unternehmen nur anschließen wollen, wenn wir bestimmt wüßten, daß wir darin dem Willen Eurer Majestät gemäß handelten. Und deßwegen bin ich hierher gekommen, um womöglich Eure Majestät zu fragen, was wir thun sollen.«

»Der Unterofficier Stürmann, Majestät,« fiel Graf Platen ein, »und seine Kameraden möchten es besonders Allerhöchstdenselben zur Beherzigung empfehlen, daß sie durch langjährige Dienstzeit eine Pensionsberechtigung erworben haben, welche sie durch ihre Auswanderung aus Hannover der preußischen Regierung gegenüber verwirkten, sie glauben deßhalb, daß Eure Majestät Gerechtigkeit anerkennen werden, wie sie in andern Verhältnissen sich befinden, als die jüngern in der Emigration befindlichen Soldaten.«

»Ich glaube,« sagte der Kronprinz, »daß Du das gewiß anerkennen wirst, Papa, und daß die Unterofficiere jedenfalls anders gestellt werden müssen, als die große Masse der Emigranten.«

»Gewiß,« rief der König lebhaft, »diejenigen gedienten Soldaten, welche eine Pensionsberechtigung erworben haben, sollen keinen Schaden leiden. Meine Kasse,« sagte er mit etwas leiser Stimme, das Gesicht mit fragendem Ausdruck auf den Grafen Platen hinwendend, »wird diese Verpflichtung erfüllen können?«

»Ganz gewiß, Majestät,« erwiderte der Minister.

»Dann,« sagte der Feldwebel Stürmann, »kann ich Eurer Majestät versichern, daß alle meine alten Kameraden höchst zufrieden und Eurer Majestät besonders dankbar sein werden. Ich werde sehr glücklich sein, ihnen das gnädige Versprechen Eurer Majestät mittheilen zu können, und wir werden unser Möglichstes thun, um die jüngern Soldaten von abenteuerlichen Unternehmungen abzuhalten.«

»Am besten wäre es,« sagte der Kronprinz ein wenig zögernd, »wenn sie nach Amerika auswanderten. Dort können sie ja doch noch am ersten ein Unterkommen finden.«

»Zu Befehl, Königliche Hoheit,« sagte der Feldwebel.

»Dann wären sie aber für mich für immer verloren,« sprach der König halb leise zu sich. »Nein, nein,« rief er dann laut, »man soll keinen Einfluß in dieser Beziehung auf ihre Entschließungen üben. Doch,« fuhr er abbrechend fort, indem er sich an den Feldwebel wandte, »haben denn die Leute eine so große Neigung gehabt, nach Algerien zu gehen, daß meine Officiere so sehr auf diesen Plan bestehen? Sie wissen vielleicht, daß im Lande Hannover die ganze Bevölkerung eine große Abneigung gegen dieses Project hat und befürchtet, die Leute könnten dort zu Grunde gehen?«

Der Feldwebel blickte fragend auf den Kronprinzen und Graf Platen; dann sprach er:

»Die Leute sind durch die Officiere fortwährend in dem Gedanken bestärkt worden, daß eine Colonie in Algerien für sie das Beste sei, – ich habe,« fuhr er fort, »immer meine Bedenken dagegen gehabt. Und ich habe wohl so Manches gehört – daß die französische Regierung eine solche Colonie sehr wünsche, um die unbebauten Gegenden in Algerien fruchtbar zu machen. Man hat sich so Manches erzählt.«

Er schwieg abbrechend.

»Was hat man sich erzählt?« fragte der König.

»Nun,« sagte der Feldwebel, »man spricht so Allerlei, was ich Eurer Majestät aber gar nicht erst wiedererzählen möchte.«

»Ich will Alles wissen,« sagte der König. »Was spricht man?«

»Majestät,« sagte der Feldwebel, »das Algerien soll ein schönes und fruchtbares Land sein, es hat aber ungesundes Klima und es ist Niemand da, um es zu bebauen. – Die Franzosen sind sehr schlechte Landarbeiter, da wäre es denn der französischen Regierung wohl sehr angenehm, wenn kräftige deutsche Einwanderer ihnen helfen würden, das Land zu cultiviren. Man hat schon verschiedene solche Colonien gemacht, wie man mir in Paris erzählt hat. Es sind Unternehmer zusammengetreten, um Leute anzuwerben und dort hinzuführen. Den Colonisten soll es schlecht gegangen sein, sie sind von Krankheiten dahingerafft, nachdem sie die ersten Arbeiten gethan und das Land fruchtbar gemacht hatten. Aber die Unternehmer haben große Besitzungen von der Regierung erhalten, sehr einträgliche Herrschaften, und sie sind große, reiche Herren geworden. Nun, das könnte wohl Manchen ja schon locken, um etwas Ähnliches zu unternehmen. Ich kann mir so Etwas von unseren Officieren nicht denken; aber man wird doch etwas stutzig, wenn man Dergleichen so von verschiedenen Seiten hört.«

Der König zuckte zusammen, in schmerzlicher Erregung zitterte sein Gesicht, er streckte den Arm aus und legte die Hand auf die Schulter des Kronprinzen.

»Ernst,« rief er, »Ernst, jetzt sehe ich klar. – Darum also dieser Plan, darum dieser Widerstand gegen meinen Willen.«

Ein fast unwillkürliches Lächeln glitt über die Lippen des Kronprinzen. Graf Platen neigte leicht den Kopf gegen den Feldwebel und sprach dann zum König gewendet:

»Es ist doch gut, daß Eure Majestät die Gnade gehabt haben, den Feldwebel Stürmann anzuhören. In unklaren Verhältnissen führt es immer zur richtigen Erkenntniß, wenn man die Sache von allen Seiten hin beleuchten läßt. – Und es wird gewiß von großem Nutzen sein, wenn der Feldwebel seine Kameraden über den wahren Willen Eurer Majestät aufklärt.«

»Ich danke Ihnen, mein lieber Feldwebel,« sagte der König, »ich gebe Ihnen noch einmal das Versprechen, daß die Pensionsberechtigung der Unterofficiere ihre Anerkennung finden soll.«

Der Feldwebel wandte sich kurz und militairisch um und ging hinaus.

»Ich erwarte also,« sagte Georg V. mit matter Stimme, »daß Sie sogleich die Vollmachten für den Major von Adelebsen ausfertigen. Er soll so schnell als möglich abreisen. Senden Sie sogleich an Meding den Befehl, daß er die Unterstützungen der französischen Behörden in den Stationsorten der Emigration für die Auflösung der Legion bewirke. – Ernst,« fuhr er fort, »Du sollst mich begleiten, ich will einen Spaziergang machen. Ich bedarf der freien weiten Luft, der enge Raum dieses Zimmers erdrückt mich mit all den traurigen Gedanken, mit denen diese bittern Erfahrungen mich erfüllen.«

Er klingelte, der Kammerdiener brachte ihm auf seinen Befehl die kleine österreichische Mütze und die Handschuhe, und, auf den Arm des Prinzen gestützt, schritt er in den Park hinaus.

Siebentes Capitel.

Die unruhige Bewegung auf den Straßen von Paris hatte ein wenig nachgelassen, dennoch sah man in den Abendstunden eine größere Menge als sonst auf den hell erleuchteten Boulevards hin- und herziehen. Man sah noch einzelne von jenen Gestalten, welche man sonst nicht zu bemerken pflegte und welche einzeln oder zu Zweien oder Dreien ruhig einhergingen, finstern Blickes die Spaziergänger betrachtend und zahlreich genug, um im gegebenen Moment und auf ein gegebenes Signal eine Zusammenrottung zu bilden.

Die sergeants de ville standen in verstärkter Zahl an den Straßenecken, und so wie irgend eine Stockung des Verkehrs eintreten zu wollen schien, ersuchten sie das Publikum höflich, aber bestimmt, weiter zu gehen.

Die Gruppen vor den Kaffeehäusern, welche dort bei ihrem Glas Bier von Dreher, bei ihrem Grog américain oder bei ihrem Glase Cognac trotz der noch kalten frischen Luft im Freien saßen, sprachen lebhaft, doch ohne daß man eine besonders bedenkliche Aufregung hätte bemerken können.

Der allgemeine Eindruck war, daß die Bewegung, welche durch die Verhaftung Rocheforts hervorgerufen worden, vorüber sei, und daß dieselbe weiter keine Consequenzen haben werde. Man war allgemein zufrieden mit dem Verfahren des Kaisers, welcher nur im Falle des äußersten Widerstandes das Militair hatte einschreiten lassen, und die Popularität Napoleon III. war durch seine persönliche Fahrt über die Boulevards und durch die unruhigsten Stadttheile sehr bedeutend gestiegen. Man hatte von Neuem gesehen, daß der Kaiser sich nicht fürchte, und nur der Souverain kann Frankreich beherrschen, über welchen die Furcht keine Macht hat.

Vor einem der Cafés auf dem Boulevard des Italiens saßen an einem kleinen Tische mehrere Officiere der hannöverschen Legion und suchten den unangenehmen Einfluß des nebelhaften feuchten Wetters durch einige Gläser norddeutschen Punsches zu bekämpfen, den sie sich nach ihrer Anweisung von dem Garçon hatten bereiten lassen, der ein gewisses Erstaunen über die sehr unbedeutende Rolle nicht unterdrücken konnte, die dem heißen Wasser gegenüber dem Arac in diesem Getränk zugewiesen war.

An der Mitte des Tisches saß ein wenig zusammengebückt auf einem hölzernen Stuhl der Major von Düring, eine kleine schmächtige, aber nervöse und muskelkräftige Gestalt. Das schmale, scharf markirte und bleiche Gesicht mit dem starken, spitz gedrehten, blonden Schnurrbart und den lebhaften, graublauen Augen drückte muthige Entschlossenheit und feine Intelligenz aus. Der hohe schwarze Hut war ein wenig in den Nacken gedrückt und ließ die stark gewölbte Stirn zur Hälfte frei.

Er hüllte sich ein wenig fröstelnd in seinen Überrock und trank in kleinen Zügen das heiße dampfende Getränk, welches vor ihm stand.

»Ich sage,« sprach Herr von Düring, nachdem er längere Zeit schweigend in das Treiben der Vorübergehenden geblickt und, indem er sich zu dem neben ihm sitzenden Premierlieutenant von Tschirschnitz wandte, einem großen, schlanken, jungen Manne, dessen Gesicht mit starkem vollem Bart freimüthige Offenheit ausdrückte, »ich sage Euch, die Sache wird sehr schlimm werden und unsere Aussicht auf die Zukunft ist wahrlich nicht rosig.«

»Das bemerkte schon jener Unterofficier,« erwiderte Herr von Tschirschnitz mit einem gewissen trockenen Humor, »welcher bei einer Zusammenkunft unserer Leute die kurze und schlagende Rede hielt: Nummer Eins, – Zweitens – ad Drei – um kurz von der Sache zu sein – wir sehen einer schaudervollen Zukunft entgegen.«

Alle lachten.

»Ich begreife nicht,« sagte Herr von Düring, schnell wieder ernst werdend, »wie Ihr noch Lust zu scherzen haben könnt! Die Lage ist doch wahrhaftig ernst genug. – Ich will von uns gar nicht sprechen, aber alle diese armen Leute, für die wir doch mit verantwortlich sind, sie können noch weniger wie wir sich eine andere Existenz und eine andere Lebensstellung schaffen, wenn man sie einfach mit einer kleinen Summe in der Tasche in die Welt hinaus schickt.«

»Warum sollte ich den Humor verlieren,« erwiderte Herr von Tschirschnitz mit heiterm Ton, durch welchen jedoch eine gewisse tiefe Bitterkeit hindurchklang, »ich bin ja jetzt Generaladjutant geworden und habe die Legion zu commandiren – ich habe den panache. – Es ist wahrhaftig ganz wie in der ›Großherzogin von Gerolstein‹; ich glaube nicht, daß meine Herrschaft lange dauern wird und dann kann ich mit Euch zusammen Schulmeister werden. Jetzt aber« – er schlug die Arme untereinander, blickte Herrn von Düring mit komischem Blinzeln der Augen an und sagte, die Worte des Fritz aus der grande-duchesse citirend –

»Mauvais général.«

»Wenn der panache an mich kommt,« sagte der Lieutenant Götz von Ohlenhusen, ein noch ganz junger Mann mit hübschem, etwas phlegmatischem Gesicht, indem er einen langen Zug aus seinem Glase that, »wenn der panache an mich kommt, ich werde ihn nicht annehmen.«

»Seid ruhig,« erwiderte Herr von Tschirschnitz, »bis er an Euch kommt, wird er schon so zerpflückt sein, daß keine Feder mehr daran ist, doch nun,« fuhr er ernst fort, »ganz aufrichtig gesprochen, ich glaube wirklich nicht, daß die Sache so schlimm ist. Es ist ja ganz richtig, daß alle möglichen Intriguen den König umlagern, aber Er ist doch ein Herr von edelster Gesinnung und hohen ritterlichen Gefühlen; wenn er unsere Vorstellungen hört, so wird er jedenfalls noch einmal über die Sache nachdenken. – Wir wollen ja durchaus dasselbe, wie er, wir wollen ja, daß seine schon so belastete Kasse von dieser großen Ausgabe für die Legion befreit werde, nur wollen wir das in einer Weise machen, daß die armen Leute nicht rath- und hilflos ihrem Schicksal preisgegeben werden, sondern daß sie im Zusammenhang untereinander der Sache des Königs erhalten bleiben. Will der König die Vertheidigung seines Rechtes fortsetzen, so muß er sich doch Diejenigen, welche sich ihm dazu zur Verfügung gestellt haben, auf irgend eine Weise erhalten, und daß kann nur hier auf neutralem Boden geschehen, wo sie Schutz finden. Will er aber sein Recht aufgeben – nun das ist ja seine Sache. Und vielleicht,« fügte er seufzend hinzu, »wäre es bei der Art und Weise, wie sie gehandhabt wird, das Beste. Dann soll man wenigstens für die Emigranten straffreie Rückkehr nach ihrer Heimath erwirken. Das Alles muß doch dem König einleuchten, er muß sich ja doch überzeugen, daß wir, die wir ihm unsere Treue durch die That bewiesen haben, wahrlich nicht ohne Grund gegen seine Befehle demonstriren.«

»Glaubt Ihr denn,« fragte Herr von Götz, »daß dem Könige unsere Vorstellungen zur Kenntniß kommen? – Glaubt Ihr denn, daß er Mengersen und Heyse empfangen und hören wird?«

»Das glaube ich gewiß!« rief Herr von Tschirschnitz mit festem Ton. »Ich glaube nicht, daß Jemand es wagen würde, dem Könige Etwas zu verheimlichen oder etwas Unrichtiges vorzutragen. Das wäre doch in der That eine zu große Nichtswürdigkeit.«

Herr von Düring schüttelte langsam den Kopf.

»Mir sind in der letzten Zeit,« sagte er, »in dieser Beziehung sehr erhebliche Zweifel aufgestiegen. Schon seit längerer Zeit erhalte ich auf verschiedene Berichte, die ich über die Verhältnisse der Legion nach Hietzing gesandt, Antworten, die durchaus nicht auf das passen, was ich geschrieben habe und welche nur dann einen Sinn haben, wenn meine Berichte vollständig mißverstanden wären, was doch bei der klaren Fassung derselben und bei dem feinen Verständniß des Königs kaum möglich ist.«

»So haltet Ihr es für möglich,« rief der Lieutenant von Harling, ein junger, dunkel brünetter Mann mit feurigen, schwarzen Augen, »so haltet Ihr es für möglich, daß dem Könige Etwas falsch vorgelesen oder Etwas verschwiegen würde?«

»Ich will keine bestimmte Meinung aussprechen,« sagte Herr von Düring, »ich constatire nur die Thatsache, daß die Antworten, welche ich aus Hietzing erhalte, absolut auf meine Berichte nicht passen, daß sogar in einigen dieser Antworten mir ausdrücklich Äußerungen untergelegt werden, die ich niemals gemacht habe.«

»Es wäre doch vielleicht besser gewesen,« sagte Herr von Harling, gegen den Major von Düring gewendet, »wenn Sie oder Herr von Tschirschnitz nach Hietzing gegangen wären. Ich weiß nicht, ob Mengersen und Heyse unsere Sache richtig führen werden. Mengersen spricht etwas viel und Heyse ist etwas bescheiden und zurückhaltend.«

»Ich sollte nach Hietzing gehen,« rief Herr von Düring lebhaft, »nach der Behandlung, die man mir hat widerfahren lassen, nachdem man mich ungehört auf die schnödeste und rücksichtsloseste Weise meiner Funktionen enthoben hat, deren Führung doch wahrlich unter diesen Verhältnissen ein Act besonderer Hingebung gegen den König war, niemals!« rief er. »Ich will nur noch meine Geschäfte ordnungsmäßig übergeben, will so viel ich kann für das künftige Schicksal der Leute sorgen, und dann wende ich unserer verlorenen Sache, welche ein so trauriges Ende nimmt, für immer den Rücken. Ich werde keine Mühe und Arbeit scheuen, um mir eine Stellung zu erwerben, und ich hoffe auch, daß mir das gelingen wird. In der Türkei braucht man Officiere, der Vicekönig von Ägypten sucht Instructeure für seine Armee. Ich kenne die orientalischen Verhältnisse einigermaßen durch meine Dienstzeit in Algier, und ich hoffe, dort meinen Platz zu finden.«

»Oh, warum habe ich meine Compagnie in Sachsen im Stich gelassen,« rief Herr von Tschirschnitz seufzend, »die man mir ganz fertig anbot, gerade in dem Augenblick, als die Emigration nach Holland in's Werk gesetzt wurde. Ich lebte dann heute ruhig und friedlich, hätte die Aussicht auf eine vortreffliche Carrière und hätte nicht nöthig, diese traurige Erfahrung über die Undankbarkeit der Fürsten zu machen.«

Ein rasch vorüberschreitender kleiner Mann von etwa vierzig Jahren in einem dunklen Paletot und einen etwas in die Stirn gedrückten Hut auf dem Kopf, blieb plötzlich stehen und näherte sich den Officieren. Sein Gesicht von Intelligenz und Schlauheit und von beweglichem Mienenspiel hatte jene helle, weiß und rothe Färbung der nordländischen Race. Ein Gürtel von dichten Sommersprossen, welche in dieser Jahreszeit weniger scharf hervortraten, lief über seine spitze, etwas hervorspringende Nase hin, seine kleinen, hellblauen, scharfen Augen blickten scharf und beobachtend umher.

Freundlich erwiderten die Officiere seinen Gruß, als er an ihren Tisch trat.

»Ich begreife nicht, meine Herren,« sagte er, »wie Sie es aushalten können, in dieser Kälte hier auf der Straße zu sitzen, dazu muß man ein geborner Pariser sein, welcher gar kein Maß und keine Empfindung für die Grade der Kälte hat. Ich für meine Person friere hier mehr, als ich es je in meinem nordischen Vaterlande gethan habe und kann mich nicht dazu verstehen, mich im Winter in's Freie zu setzen.«

»Sie sehen so vergnügt aus,« sagte Herr von Tschirschnitz zu dem bekannten dänischen Journalisten und Agitator für die Sache Dänemarks, Herrn Hansen, »haben Sie Aussicht, daß der Artikel V. des Prager Friedens endlich ausgeführt wird?«

Herr Hansen wehrte mit der Hand ab.

»Sprechen Sie mir nicht davon,« sagte er halb lächelnd, halb mißmuthig, »dieser Artikel V. ist eine Schraube ohne Ende, an welcher man fortwährend dreht, welche aber niemals weiter kommt. Was habe ich mir für Mühe gegeben, daß dieser Artikel in den Prager Frieden aufgenommen werden möchte. Nun ist es geschehen, und meine Landsleute sind so weit wie sie waren. Man hat ja hier nicht einmal die Courage, ein lautes Wort für unser Recht zu sprechen, geschweige denn wird man jemals Etwas dafür thun.«

»Glauben Sie denn, daß die Schwachheit und Unthätigkeit,« fragte Herr von Düring, »mit welcher die Regierung hier gegenwärtig zu verfahren scheint, ewig dauern wird? Ich sehe,« fuhr er fort, »daß in militairischen Kreisen eine große Thätigkeit herrscht, und man thut dort überall so, als ob eine mächtige Action unmittelbar vor der Thüre steht.«

»Bah,« sagte Herr Hansen, »das weiß ich nicht, danach müssen Sie Nélaton fragen.«

»Nélaton?« fragte Herr von Tschirschnitz etwas erstaunt, »macht der Doctor Nélaton jetzt die Politik?«

»Er kann wenigstens allein wissen,« erwiderte Herr Hansen, »ob und wann der Kaiser im Stande sein wird, überhaupt wieder Politik zu machen. Wenn man jetzt wissen will, was geschehen wird, so muß man nicht die Minister, sondern die Leibärzte fragen. Sehen Sie doch die Zeitungen an,« sprach er weiter, »die wichtigsten Mittheilungen darin sind die Nachrichten über das Befinden des Kaisers. Das ist das Zeichen der Zeit. Die öffentliche Meinung fühlt sehr gut, wo der Schwerpunkt des politischen Lebens liegt, und wo jede thätige Action den Stein des Anstoßes findet.«

»Doch,« fuhr abbrechend fort, »sagen Sie mir, ist es wahr, daß der König von Hannover seine Legion auseinander schicken und seine Sache aufgeben wird?«

Die Officiere blickten mit einer gewissen Verlegenheit zu Boden.

»Die Unterhaltung der Legion wird auf die Dauer zu kostspielig,« sagte Herr von Düring, »in der bisherigen Weise wird sie kaum weiter gehalten werden können. Sie wissen ja, daß man das Vermögen des Königs confiscirt hat, und daß ihm nur wenig übrig bleibt.«

Herr Hansen schüttelte den Kopf.

»Die einfache Auflösung der Legion,« sagte er, »nachdem sie so lange gehalten ist und so viel Geld gekostet hat, wäre ein großer Fehler. Früher oder später wird ja doch die große europäische Katastrophe zum Ausbruch kommen. Wenn der König überhaupt noch handeln will, so muß er die Mittel dazu in Händen behalten.«

»Nun,« sagte er, »wir sehen uns ja wohl heute Abend noch bei Herrn Meding, ich will jetzt einen Augenblick den Salon von Herrn Thiers besuchen, dessen Empfangstag heute ist. Au revoir, meine Herren.«

Rasch schritt der kleine, lebhafte Mann weiter, durchschnitt mit großer Geschicklichkeit die dichte Menschenmasse auf den Boulevards, wandte sich dann in die Rue du Faubourg Montmartre und erreichte nach kurzer Zeit den Platz St. George mit der kleinen Fontaine in der Mitte. An der einen Eckseite desselben, durch ein hohes, eisernes Gitter von der Straße getrennt, lag das von Bäumen umgebene kleine Hotel des Herrn Thiers. Im Garten desselben dehnte sich der sprichwörtlich gewordene, wunderbar schöne und sorgfältig gepflegte Rasen aus, auf dessen grüner Fläche das Auge des berühmten Geschichtsschreibers der Revolution und des Kaiserreichs während seiner Arbeiten mit besonderem Wohlgefallen zu ruhen pflegte.

Einige Coupés hielten vor dem Eingangsthor. Herr Hansen schritt durch den etwas auswärts führenden breiten Weg zu der innern Hausthür hin, trat in einen kleinen, matt erleuchteten Vorplatz, wo ein Kammerdiener im schwarzen Anzug ihm den Überrock abnahm und dann die Thür des Salons öffnete, indem er mit lauter Stimme den Namen des Eintretenden hineinrief.

Die beiden, nicht großen Salons des früheren Ministers Louis Philipp's waren mit einer anspruchslosen Einfachheit möblirt. Der einzige Schmuck derselben bestand in äußerst werthvollen antiken Kunstwerken, welche auf kleinen Consolen und Tischen in den Ecken standen und in wenigen Ölgemälden vorzüglicher Meister.

Es waren nur erst wenige Personen in diesen Salons. In dem ersten Zimmer standen einige Herren in eifrigem, aber etwas leise geführtem Gespräch beisammen. In dem zweiten, etwas matter erleuchtetem Salon saß auf einem Canapée vor einem kleinen Tisch Madame Thiers, eine schlanke, magere und etwas steife Gestalt mit einem fein geschnittenen blassen Gesicht von kaltem, beinahe strengem Ausdruck, der jedoch in der Unterhaltung durch eine angenehme, herzliche und gewinnende Freundlichkeit gemildert wurde. Sie war das Bild einer einfachen bürgerlichen Hausfrau, nicht nur in ihrer Haltung und ihren Bewegungen, sondern auch in ihrer Gesprächsweise, obgleich sie es zuweilen verstand, mit großer Feinheit und scharfem, geistvollem Urtheil an der Unterhaltung über die ernstesten Gegenstände der Politik oder der Wissenschaft Theil zu nehmen.

Neben ihr saß Fräulein Dosne, ihre Schwester, nicht viel jünger als sie und ihr unverkennbar ähnlich, obwohl ihre ganze Erscheinung weniger bedeutend, weniger sicher und noch mehr kalt und zurückhaltend war.

Beide Damen trugen einfache Toiletten von schwarzer Seide und kleine hellblaue Bandschleifen und waren mit einer Tapisseriearbeit beschäftigt.

In einiger Entfernung von dem Tisch, vor welchem sie saßen und auf dem eine große Moderateurlampe mit dunkelblauem, flachem Glasschirm brannte, saß in einem großen Lehnstuhl fast verschwindend, der berühmte Staatsmann, welcher lange Zeit das parlamentarische Leben Frankreichs beherrscht hatte und dessen constitutionelles Wechselspiel mit Herrn Guizot einst den Mittelpunkt des Interesses Europa's bildete.

Seine kleine, fast zwerghafte Gestalt war grade aufgerichtet gegen die hohe Rücklehne seines Sessels gestützt; die beiden Arme lagen auf den Seitenlehnen, der Kopf war ein wenig herabgesunken, und das Kinn begrub sich fast in den Falten seiner hohen, blendend weißen Halsbinde. Das runde, sonst so bewegliche Gesicht mit der unter den abwärts gekämmten, weißen Haaren scharf hervortretenden, hoch gewölbten Stirn, der feinen Nase und dem breiten, fast immer halb gutmüthig, halb sarkastisch lächelnden Munde, – dies Gesicht, welches sonst den reichen Redestrom des gelehrten Doctrinärs mit so ausdrucksvollem, bewegtem Mienenspiel begleitete, – war unbeweglich und still. Die Augen, welche sonst so scharf und fein und so wohlwollend freundlich zugleich blickten, waren geschlossen. – Herr Thiers schlief, wie er stets nach Tische zu thun pflegte, und es war ein still schweigendes Übereinkommen unter allen Besuchern dieses einst so glänzenden, in der Kaiserzeit mehr und mehr vereinsamten Salons, den Schlaf des alten Herrn nicht zu stören.

Herr Hansen trat mit leisem Schritt in den zweiten Salon, grüßte Madame Thiers und Fräulein Dosne mit schweigender Verbeugung, welche die Damen ebenfalls schweigend mit liebenswürdiger Artigkeit, aber mit einem leichten Seitenblick nach dem Lehnstuhl des Herrn Thiers erwiderten und zog sich dann wieder in das erste Zimmer zurück.

Er näherte sich einer Gruppe von Herren, welche sich in der Nähe des Fensters mit einander unterhielten.

In der Mitte derselben befand sich Herr Weiß, der frühere Redacteur des Journals de Paris, jetzt Staatsrath und Generalsecretair in dem neu errichteten Ministerium der schönen Künste, welches Herr Ollivier für seinen Freund Maurice Richard geschaffen hatte, und für welches man sich bemühte, aus verschiedenen Ressorts einen Geschäftskreis herzustellen.

Herr Weiß, ein mittelgroßer, schmächtiger Mann mit blassem, geistig belebtem Gesicht von mehr feinen, als männlich kräftigen Zügen, in seiner ganzen Haltung ein wenig an einen deutschen Professor erinnernd, sprach mit dem Herzog Audiffret-Pasquier und dem Historiker Mignet über die neue Entwicklung des Kaiserreichs.

»Ich fürchte,« sagte Herr Mignet, »daß die Überführung der so ausschließlich persönlichen Regierung, welche wir bis jetzt gehabt haben, in die constitutionelle Form nicht ohne ernste Erschütterung vorübergehen kann, – nicht nur, daß der ganze Constitutionalismus den Traditionen und den Grundprincipien des Napoleonischen Kaiserreichs wesentlich widerspricht – es ist auch eine Erfahrung, welche unsere Geschichte deutlich zeigt, daß die französische Nation nicht besonders geeignet ist für allmälige und vermittelnde Übergänge. Das System, welches man jetzt inaugurirt, beruht in der Vertretung des öffentlichen Willens durch Repräsentanten, welche nach bestimmten, gesetzlich geregelten Grundsätzen aus den verschiedenen Klassen des Volkes hervorgehen, und unter denen natürlich die Vertreter der Intelligenz und des Besitzes den bedeutendsten Einfluß für sich in Anspruch nehmen. Dadurch bildet sich das Leben der Parteien aus. Die Aufgabe der Regierung ist es, durch die Herstellung des Gleichgewichts zwischen den Parteien die öffentlichen Angelegenheiten zu führen. Das Kaiserreich aber basirt wesentlich auf dem Volkswillen ohne eine gesichtete Vertretung, auf der noch unklaren, aus wechselnden Gefühlen und Stimmungen sich bildenden Majorität der Massen. Hier stehen sich nur die Autorität und die Masse gegenüber, welche entweder vereint herrschen oder sich mit Gewalt gegen Gewalt bekämpfen müssen. Es ist eine schwere Arbeit, welche das jetzige Ministerium übernommen hat, diese beiden, so weit aus einander liegenden, ja sich fast scharf gegenüber stehenden Prinzipien mit einander zu versöhnen, und auf dem Boden des Cäsarismus ein constitutionelles Staatsleben erwachsen zu lassen.«

»Eine Aufgabe,« rief der Herzog Audiffret, »bei welcher das Ministerium sicher auf den Beistand jedes guten Franzosen, jedes freisinnigen und klar denkenden Mannes rechnen kann –«

»Und eine Aufgabe,« fiel Herr Weiß mit seiner leisen und etwas monotonen Stimme ein, »an deren Erfüllung ich glaube und zu der jedenfalls die Regierung und Alle, die ihr angehören, den besten und redlichsten Willen mitbringen. Auch glaube ich nicht,« fuhr er fort, »daß die Schwierigkeit derselben so groß ist, als sie Herrn Mignet erscheint. Ich glaube, daß gerade das constitutionelle System das einzige ist, nach welchem Frankreich auf die Dauer regiert werden kann. Der Kampf der Parteien in der Arena der Kammern giebt allen Ansichten Raum, um sich geltend zu machen, und dadurch wird am sichersten ein gefährlicher Ausbruch der einen oder der andern extremen Richtung vermieden. Außerdem soll das constitutionelle System das Land vor unüberlegten und gefährlichen Actionen nach Außen bewahren, zu dem Cäsarismus und der Demokratie am Meisten neigen, denn sowohl die Massen des Volkes, als ein allmächtiger Selbstherrscher sind von persönlichen und augenblicklichen Eindrücken in besonders hohem Grade abhängig. Beide neigen zur Tyrannei, bei Beiden liegt die Gefahr eines gefährlichen Spieles mit der nationalen Kraft und dem Nationalwohlstand. – Ich glaube nicht, daß unter einer constitutionellen Regierung, wie wir sie jetzt anbahnen, eine mexikanische Expedition möglich sein würde. Was übrigens die Verbindung der Napoleonischen Tradition mit dem constitutionellen System betrifft, so macht sich dieselbe nach meiner Überzeugung sehr leicht, so bald nur eben von Seiten des Kaisers, wie das jetzt der Fall ist, offen und frei die Verständigung mit den verfassungsmäßigen Repräsentanten der Nation erstrebt und gesucht wird.«

»General Changarnier und der Herzog von Broglie,« rief der Kammerdiener in den Salon und neben einander traten der Repräsentant des alten französischen Adelsgeschlechts in seiner vornehmen, eleganten Haltung und der greise General des Julikönigthums herein.

General Changarnier war trotz seiner vom Alter gebrochenen Haltung eine etwas noch militairisch kräftige Erscheinung. Der Ausdruck seines ernsten würdevollen Gesichts mit dem weißen Bart und Haar war einfache natürliche Offenheit, – seine klaren, etwas tief liegenden Augen blickten ruhig und nachdenklich, seine Bewegungen waren von schlichtester und ungesuchtester Natürlichkeit.

Die beiden Eintretenden wandten sich nach dem zweiten Salon.

Herr Thiers hatte bei der Nennung ihrer Namen leicht mit den Augen geblinzelt, dann dieselben ganz geöffnet und sich von seinem Stuhl erhoben. Sein Gesicht nahm sofort die demselben eigentümliche ausdrucksvolle Beweglichkeit an, – mit schnellen Schritten näherte er sich der Eingangsthür und begrüßte mit vertraulicher Herzlichkeit den Herzog und den General, welche darauf den Damen des Hauses ihre Complimente machten.

Der Herzog von Broglie setzte sich neben Madame Thiers, während deren Gemahl seine Hand leicht auf den Arm des Generals Changarnier legte, und indem er von unten zu demselben hinaussah, mit seiner ausdrucksvollen, etwas scharfen Stimme sprach:

»Ich habe Sie lange nicht gesehen, mein alter Freund, Sie machen sich selten, das ist nicht gut. Man wird alt, wenn man sich von der Gesellschaft zurückzieht.«

»Ich habe nicht nöthig, alt zu werden,« sagte der General einfach, »ich bin es schon und habe kaum eine Gemeinschaft mit der heutigen Welt mehr. Mein Leben liegt in der Erinnerung an die Vergangenheit.«

»Sie haben Unrecht, mein Freund,« erwiderte Herr Thiers, »man gehört immer dem Leben und der Gegenwart an, so lange man athmet. Die Erinnerungen sind nur dazu da, um uns die Gegenwart besser verstehen zu lassen. Darin liegt das Übergewicht, welches ein alter Kopf über die gegenwärtige Generation hat, wenn er eben nur durch die Jugendfrische des Herzens und der Empfindungen unterstützt ist.«

»Dazu gehören aber auch,« sagte der General seufzend, »gesunde Nerven und ein gesunder Magen. Beides habe ich nicht in dem Maße wie Sie.« –

»Weil Sie daran denken,« rief Herr Thiers, »wenn man nie an die Krankheit denkt, so räumt man ihr keine Macht über uns ein. Unser schlimmster Feind ist die Unthätigkeit. – Ich habe mich immer durch die Thätigkeit jung und frisch erhalten; nachdem ich aufgehört habe Staatsmann zu sein, bin ich wieder Schriftsteller geworden. Und dadurch halte ich mich im Stande,« fügte er lächelnd hinzu, »wenn es einmal nöthig sein sollte, wieder Staatsmann zu werden.«

»Ein Militair,« sagte der General achselzuckend, »kann sich seine Thätigkeit nicht willkürlich suchen. Wir stehen auf einem exclusiv abgeschlossenen Gebiet, und wenn uns dies Gebiet verschlossen wird, so bleibt uns nichts übrig als die Reflexion und die Erinnerung.«

»Ein Gebiet, das eine Zeit lang verschlossen war, kann sich aber wieder öffnen. Es scheint ja, daß Frankreich jetzt zu besseren Zuständen übergeht und daß eine Reihe seiner besten Söhne nicht mehr von aller patriotischen Thätigkeit ausgeschlossen werden sollen. Es kann ja auch – und ich hoffe es – die Zeit wieder kommen, in welcher Ihr Degen noch einmal dem Vaterlande große Dienste zu leisten berufen sein wird.«

Der General lächelte bitter.

»Unter der Herrschaft dieses Kaisers Napoleon III.? sagte er – Sie scherzen.«

»Warum?« fragte Herr Thiers, »man muß in der Politik niemals die Person in Betracht ziehen, sondern immer nur die Dinge und die Verhältnisse; und dem Vaterlande zu dienen ist immer edel und gut, welche Person dasselbe auch an seine Spitze gestellt haben mag. Wenn der Kaiser Napoleon nach gesunden und richtigen Prinzipien zu regieren sich entschließen kann, so würde ich keinen Augenblick Bedenken tragen, seine Regierung zu unterstützen, obwohl ich doch wahrlich auch – nicht dafür bezahlt bin, ihn zu lieben –,« sagte er lächelnd.

»Kann dieser Kaiser überhaupt nach gesunden Prinzipien regieren?« fragte Changarnier, indem ein bitterer Ausdruck auf seinem sonst so freundlich wohlwollenden Gesicht erschien. »Kann man das Vertrauen zu ihm haben, daß er die Principien, welche er ausspricht, auch wirklich zur Richtschnur seiner Handlungen macht?

»Nun,« sagte Herr Thiers, »er hat uns Beide schlecht genug behandelt, aber ich muß gestehen, daß ich auf dem Wege, den er jetzt eingeschlagen hat, gern bereit bin ihn zu unterstützen.«

»Er hat,« sprach der General, »Ihr Vertrauen nicht in dem Maße getäuscht wie das meinige. Ich werde es nie vergessen und ihm nie verzeihen, wie er vor dem Staatsstreich meine Arglosigkeit benutzt hat, um jeden Widerstand gegen jenes Attentat unmöglich zu machen. –

»Er ließ mich,« fuhr er fort, während Herr Thiers ihn fragend und erwartungsvoll anblickte, »wenige Tage vor dem 2. December in sein Cabinet in dem Palais Elysée rufen und unterhielt sich eingehend und anscheinend mit großer Offenheit mit mir über die damalige Lage Frankreichs. Er betonte die Notwendigkeit, in die unmittelbare Nähe von Paris diejenigen Truppen zu bringen, welche der Republik am sichersten und ergebensten seien, da möglicher Weise Unruhen entstehen könnten, welche im Stande sein möchten, die Freiheit der Verhandlungen der Nationalversammlung zu beeinträchtigen. – Auf einem Tische in der Mitte seines Zimmers lag eine große Karte von Frankreich ausgebreitet, auf welcher mit langen Nadeln, welche die Bezeichnungen der verschiedenen Regimenter auf kleinen Tafeln trugen, die Standquartiere der einzelnen Truppentheile angegeben waren. Der Präsident ersuchte mich, durch diese Nadeln die Truppendislocationen anzugeben, welche ich für erforderlich und zweckmäßig hielt. Ich that dies und stellte die Zeichen aller derjenigen Regimenter, deren Führer und deren Soldaten ich als der Verfassung und der Republik am meisten ergeben kannte, in die Garnisonen in der unmittelbaren Umgebung von Paris. – Der Präsident, welcher aufmerksam zugesehen hatte, sagte mir, daß er die erforderlichen Befehle zu diesen Dislocationen sofort ertheilen lassen wolle, und wir trennten uns in der freundlichen Weise. Er hatte auf diese Weise,« fuhr der General fort, »nur die der Republik ergebenen Regimenter erkennen wollen, denn unmittelbar, nachdem ich ihn verlassen, ließ er diejenigen Truppentheile, deren Zeichen ich um Paris gesteckt hatte, durch heimliche und schnelle Befehle nach den entferntesten Grenzen von Frankreich abmarschiren und umgab Paris mit lauter Generalen und Truppen, die ihm blind ergeben waren. – Wenige Tage darauf wurde ich dann in meinem Bett verhaftet und der Staatsstreich ohne Widerstand durchgeführt.«

Herr Thiers lächelte.

»Ich muß gestehen,« sagte er, »daß dies nicht eins der ungeschicktesten Manöver dieses Herrn Napoleon war. – Man hat sich überhaupt in ihm getäuscht. – Nun mag dem sein, wie ihm wolle, will er sich bekehren, will er in Frankreich gut regieren – und ich werde mich nicht nach den Worten, sondern nach den Thaten richten – so muß man ihn doch unterstützen. Für Sie würde das übrigens viel leichter sein,« fuhr er fort, »ein General kann bei den Diensten, die er seinem Vaterlande leistet, viel mehr von der Person des zeitweiligen Herrschers absehen, als ein Minister. Auf dem Schlachtfelde handelt es sich doch immer mehr um die Ehre und um den Ruhm Frankreichs, als um dieses oder jenes politische System.«

»Auf dem Schlachtfelde,« sagte der General achselzuckend, »davon wird wohl lange nicht bei uns die Rede sein. Wir haben unsere Kräfte in wahnsinnigen und fruchtlosen Expeditionen vergeudet, und da, wo unsere Interessen und unsere Ehre uns wirklich geboten zu schlagen, haben wir in muthloser und schwankender Unthätigkeit zugesehen, wie man ohne uns das europäische Gleichgewicht veränderte.«

»Das ist richtig,« sagte Herr Thiers ernst, »aber der Fehler, den die Regierung begangen hat, wird sich rächen, und zwar rächen durch einen Krieg, der um so gewaltiger und erschütternder sein wird, je mehr man ihn zur Zeit, da er vernünftiger Weise geboten war, unterlassen hat. Die Regierung des Kaisers,« fuhr er fort, indem er die Arme unter einander schlug und ein wenig in dem Ton eines politischen Vortrages weiter sprach, »die Regierung des Kaisers hat uns in einen sehr bedenklichen Zustand versetzt. Es war eine Regierung ohne Regel und ohne Ordnung. Der Brief des Kaisers an den Herzog von Augustenburg hat Dänemark, unsern Alliirten, getödtet und Europa zu gleicher Zeit der Willkür der Gewalt Preis gegeben. Von jener Epoche an datirt all unser Unglück. Der Krieg ist unvermeidlich. Zwei große Kräfte wie Frankreich und Preußen können nicht immer, bis an die Zähne bewaffnet, mit unter einander geschlagenen Armen einer der andern gegenüber stehen, das muß einmal zum Ausbruch kommen. – Wann aber? – Ich weiß es nicht und Niemand weiß es. – Preußen wird nichts nachgeben, gar nichts, es wird keine Concessionen machen, glauben Sie es ja, und dann wird endlich der Augenblick kommen, in welchem die französische Regierung, sie möge heißen, wie sie wolle, durch Aufwallen des Nationalzorns zum Handeln gedrängt werden wird. – Die einzige Macht, welche durch eine kräftige Vermittlung den Conflict zu verhindern im Stande sein könnte, ist England; doch glaube ich nicht an solch eine Vermittlung. Lord Clarendon wird einzelne Versuche machen, aber er wird nichts Ernstes thun und namentlich seinen Worten keinen thätigen Nachdruck geben. Er ist sehr vorsichtig und sehr wenig geneigt zu energischen Maßregeln.

»Freilich,« sprach er weiter, »wird es in einem solchen Augenblicke nicht allein auf tüchtige Generale, sondern auch auf Staatsmänner ankommen, welche Kraft und Energie besitzen und zugleich durch ihren Charakter der Nation Vertrauen einflößen.

»Unser guter Freund Daru, den ich sehr hoch schätze, würde vielleicht kaum einer so großartigen Action gewachsen sein, wie die Zukunft sie uns auferlegen muß. Ich sehe überhaupt nach dem Tode von Walewsky, welcher ein ehrlicher Mann war, unter Denen, welche dem Kaiser näher stehen, nur Drouyn de L'huys, der einer solchen Aufgabe gewachsen sein könnte. – Ich glaube auch, daß er noch in sehr nahen Beziehungen zum Kaiser steht, aber er muß sehr unzufrieden sein mit dem Gang der auswärtigen Politik, welche nach seinen Ideen im Jahre 1866 eine ganz andere Richtung hätte nehmen müssen.«

Herr Thiers hatte die letzten Worte mehr zu sich selber, als zum General Changarnier gesprochen. Seine Stimme war immer leiser geworden, er blickte, wie seinen Gedanken folgend, einige Augenblicke schweigend zu Boden.

Die übrige Gesellschaft hatte sich allmälig ebenfalls mehr und mehr nach dem zweiten Salon hingezogen, nachdem Herr Thiers seinen Schlummer beendet und wieder an der Unterhaltung Theil zu nehmen begonnen.

Herr Mignet trat heran und begrüßte den Hausherrn mit ehrerbietiger Herzlichkeit.

»Man erzählt mir,« sagte er, »daß Sie sich mit einem großen Werk über die Philosophie der Geschichte beschäftigen – der Inhalt wird für jeden Historiker von großem Interesse sein. Wird die literarische Welt bald Etwas davon zu sehen bekommen?«

»Das wird davon abhängen,« sagte Herr Thiers lächelnd, »wie bald ich mein Leben und damit meine Thätigkeit beenden werde, denn ich bin entschlossen, die Kritik dieses Werkes, das bald beendet ist, nicht lebend über mich ergehen zu lassen, und dasselbe erst dann dem Publikum zu übergeben, wenn ich selbst der Beurtheilung der irdischen Welt entzogen sein werde. Denn,« fuhr er fort, »ich will in diesem Werk über sehr viele Dinge ganz ohne alle Rücksicht die Wahrheit sagen, und das könnte mir vielleicht viele Feinde machen, mit denen ich mich in der friedlichen Muße meines Lebensabends nicht mehr zu streiten Neigung habe. Ich glaube,« fuhr er fort, »daß die gegenwärtige Welt einen gewissen Mangel an gesundem Menschenverstand besitzt. Da ich nun sehr lange gelebt und sehr Vieles gesehen und gelernt habe, so will ich über Alles das meine Meinung sagen, gerade so, als ob ich einen Sohn hätte, dem ich in einem Testament meine letzten Rathschläge ertheile, um die reichen Erfahrungen meines Lebens für ihn nützlich zu machen. Der Himmel hat mir Kinder versagt,« sagte er mit einem wehmüthig freundlichen Lächeln, – »so will ich denn ganz Frankreich und die ganze gebildete Welt als meinen Sohn betrachten. Vielleicht kann ich dadurch noch nach meinem Tode ein wenig nützlich sein. Gedulden Sie also Ihre Neugier noch kurze Zeit, denn ich werde ja wahrscheinlich nur noch kurze Zeit zu leben haben.«

»Herr Graf Daru!« rief der Kammerdiener.

Herr Thiers ging seinem alten Bekannten, welcher jetzt das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten inne hatte, mit kurzen, raschen Schritten bis an die Schwelle des ersten Salons entgegen, indem er ihm freundlich die Hand hinstreckte.

Der Graf Napoleon Daru, der Sohn des bekannten Großwürdenträgers des ersten Kaisers, welcher später mit der Julimonarchie innig liirt gewesen und lange Zeit von jeder politischen Thätigkeit fern geblieben war, mochte damals fast sechzig Jahre alt sein. Er war eine kalte, vornehme Erscheinung von würdevoller, etwas steifer Haltung, sein ernstes Gesicht mit dem grauen Haar trug den Ausdruck höflicher Zurückhaltung, in seinen Zügen verband sich eine gewisse militairische Steifheit mit der selbstständigen Abgeschlossenheit des Gelehrten, der durch strenge theoretische Studien sich über alle ihm vorkommenden Dinge ein philosophisches Urtheil zu bilden gewohnt ist.

Nachdem Graf Daru mit den Damen eine kurze Unterhaltung geführt hatte, bei welcher eine gewisse Préoccupation auf seinem Gesichte bemerkbar war, wandte er sich wieder zu Herrn Thiers, der ihn lächelnd fragte.

»Darf man, ohne indiscret zu sein, sich erkundigen, wie die auswärtigen Angelegenheiten unseres Kaiserreichs sich befinden?«

»Die auswärtigen Angelegenheiten befinden sich vortrefflich,« erwiderte der Minister mit seiner klaren, etwas scharfen Stimme. »Ich wollte,« fügte er hinzu, »daß ich dasselbe von den innern Angelegenheiten sagen könnte.«

Ein wenig erstaunt blickte Herr Thiers auf.

»Nun,« sagte er, »wir haben soeben noch über die innern Angelegenheiten gesprochen, und ich bin zu dem Resultat gekommen, daß, obwohl ich keine persönliche Sympathie für dieses zweite Kaiserreich haben kann, ich dennoch anerkennen muß, wie die neue Ära der innern Politik allen Anforderungen entspricht, die man vernünftiger Weise machen kann, und der beste Beweis scheint mir darin zu liegen, daß Sie, mein verehrter Freund, gegenwärtig Mitglied des Ministeriums des Kaisers sind. Ist der Weg, auf dem man sich befindet, ein richtiger, so wird man ja über einzelne kleine Schwierigkeiten leicht hinwegkommen.«

»Vorausgesetzt, daß man diesen Weg verfolgt«, erwiderte der Graf, »und daß man nicht ebenso viele Schritte zurückthut, als man voran gegangen ist.«

»Wie so?« fragte Herr Thiers, der aufmerksam zu werden begann.

»Es wird ja doch morgen bekannt werden,« sagte der Graf Daru, – »also begehe ich kaum eine Indiscretion, wenn ich Ihnen mittheile, daß der Kaiser soeben einen Brief an Ollivier geschrieben hat, in welchem er ihm sagt, daß er ein Plebiscit für nöthig halte, um die von dem Senat und Gesetzgebenden Körper genehmigte Veränderung der Verfassung des Kaiserreichs nunmehr zu sanctioniren. Die frühere Verfassung sei durch den allgemeinen Volkswillen festgestellt und es müsse derselbe daher auch den gegenwärtigen Abänderungen derselben seine definitive Zustimmung geben.«

»Und was sagt Ollivier?« fragte Herr Thiers sehr ernst, während die übrige Gesellschaft näher herantrat und mit Spannung dem Gespräch folgte.

»Ollivier,« erwiderte Graf Daru, »hat sich vollkommen die Ideen des Kaisers angeeignet und findet die Berufung auf das Plebiscit vollkommen natürlich. Ich meinerseits,« fuhr er mit einer gewissen Bitterkeit fort, »sehe darin nur die Rückkehr zu dem Grundsatz, daß das persönliche Regiment, auf den Willen der Masse gestützt, sich von Neuem über die Verfassung und über das Votum der legalen Repräsentanten der Nation zu stellen beabsichtigt. Wo ist überhaupt noch eine Sicherheit für die öffentlichen Zustände, wenn Alles, was geschieht, jedesmal von einem solchen Plebiscit abhängig gemacht werden soll, das ja im Grunde doch nur eine Komödie ist und gegenüber einer starken Regierung immer nach deren Ansichten ausfallen wird, da ja Diejenigen, welche nicht zustimmen mögen, sich nicht den bedenklichen Folgen eines negativen Votums auszusetzen Lust haben werden.«

»Das ist ein eigenthümlicher Schachzug,« sagte Herr Thiers nachdenklich. »Aber ich möchte Sie doch noch einmal fragen, mein lieber Freund, wie steht es mit der auswärtigen Politik, denn dieses Plebiscit scheint mir mehr im Zusammenhang damit zu stehen, als mit den innern Verhältnissen. Wie stehen Sie mit Preußen?«

»Kalt und mißtrauisch,« erwiderte Graf Daru, »aber es liegt auch durchaus keine Veranlassung zu irgend einer Differenz vor, da von beiden Seiten die Erörterung aller Punkte, welche dahin führen könnten, sorgfältig vermieden wird. Man hat von englischer Seite versucht, auf eine gegenseitige Verminderung der militairischen Rüstungen hin zu wirken, doch natürlich vergeblich – in Berlin hat man selbst die bloße Erörterung dieses Punktes ziemlich kurz zurückgewiesen.«

»Und Sie,« fragte Herr Thiers, indem er mit einem listigen Blick zu Graf Daru hinaussah, »werden doch wahrscheinlich auch nicht geneigt sein, die Militairmacht Frankreichs ernstlich zu vermindern?«

»Wir können es nicht,« erwiderte Graf Daru, »so lange von anderer Seite nicht der Anfang gemacht wird.«

»Das alte Wechselspiel,« sagte Herr Thiers, »Jeder will, daß der Andere zuerst abrüsten soll. Ich muß Ihnen sagen,« fuhr er fort, »daß mir das Alles sehr bedenklich erscheint. Sehen Sie die Geschichte an, namentlich die neuere und neueste Geschichte, so werden Sie immer finden, daß, sobald die Frage der militairischen Abrüstung zwischen zwei Mächten ernsthaft discutirt wird, jedesmal bald darauf ein Krieg folgt. Halte ich dies mit dem in Aussicht genommenen Plebiscit zusammen, so muß ich darauf zurückkommen, was ich vorhin sagte –«

Er wandte sich zu dem General Changarnier – »Daß nämlich unser tapfrer Freund hier doch noch Gelegenheit finden könnte, seinen Degen im Dienste Frankreichs zu ziehen. Glauben Sie mir,« fuhr er fort, »ich habe für so Etwas einen gewissen Scharfblick, – dies Plebiscit ist der Vorläufer einer auswärtigen Action. Der nächste Schritt,« sprach er weiter, »den England thun muß, wenn seine Vermittlung wegen der Abrüstung keinen Erfolg hat – den Schritt, dem sich schließlich ganz Europa wird anschließen müssen, muß der sein, dem Kaiser zu sagen: ›Sie haben nicht das Recht, die Welt in ewiger Unruhe zu erhalten, Sie haben den Krieg fortwährend wie eine unausgesetzte Drohung in der Hand gehalten, und doch keine Gelegenheit benutzt, die sich darbot, um eine energische Klärung der Situation herbeizuführen. Das Alles muß endigen, entscheiden Sie sich Krieg zu führen, oder erklären Sie offen, daß Sie rückhaltslos den Frieden wollen, und handeln Sie danach; die gegenwärtige Situation ist für ganz Europa unerträglich –‹«

Er hielt inne und fragte abbrechend:

»Und welche Haltung wollen Sie diesem Plebiscit gegenüber einnehmen, welches Ollivier bereits acceptirt hat?«

»Ich habe erst flüchtig darüber mit den mir gleich gesinnten Collegen sprechen können,« erwiderte Graf Daru, »es ist eine schwierige Situation, die man uns da geschaffen. Das Plebiscit hat eine große Popularität bei den Massen, und sich demselben widersetzen, würde uns fast als die Vertreter reactionairer Grundsätze vor den Augen der öffentlichen Meinung hinstellen! Doch müssen wir nach meiner Überzeugung auf der andern Seite auch einer fortwährenden Appellation von den gewählten Repräsentanten an das Volk selbst ernstlich entgegentreten.«

»So machen Sie doch,« sagte Herr Thiers, »die Bedingung, daß das Plebiscit nur von der Regierung in Gemeinschaft mit dem Senat und dem Gesetzgebenden Körper ausgeschrieben werden dürfe. Dann hat die Sache doch wenigstens einen gewissen Sinn und stellt die Kammern nicht als Nullen zwischen den Kaiser und die Volksmasse.«

»Das ist eine vortreffliche Idee!« rief Graf Daru, und, indem er den Arm des Herrn Thiers nahm, zog er sich mit diesem in eine Ecke des Salons zurück und vertiefte sich mit ihm in ein langes und eifriges Gespräch.

Die Unterhaltungen der übrigen Gruppen waren ebenfalls eifriger und lebhafter geworden. Man besprach die Idee des Plebiscits von allen Seiten, und im Ganzen fand dasselbe bei allen hier Anwesenden nur Mißbilligung. – Sie Alle waren Vertreter der constitutionellen Doctrin und fühlten sehr wohl, daß derselben vollständig die Spitze abgebrochen würde, wenn die Regierung der Kammermajorität gegenüber fortwährend die Waffe der Appellation an das allgemeine Volksstimmrecht in der Hand behielt.

Nach einiger Zeit hatte Herr Thiers sein Gespräch mit dem Grafen Daru beendigt, – er näherte sich seiner Gemahlin, – diese gab Fräulein Dosne einen Wink.

Beide Damen standen auf und legten ihre Arbeit zusammen. Dies war das Zeichen für die Gesellschaft, daß der Empfang beendet und daß für Herrn Thiers, welcher seine Gesundheit und Rüstigkeit durch eine ungemein strenge Zeiteinteilung so vortrefflich zu conserviren verstanden, nunmehr die Stunde gekommen sei, zu welcher er gewohnt war, sich zurückzuziehen, um nach einem kurzen Überblick über die Arbeit und die Ereignisse des Tages den Schlaf zu suchen, welcher ihm bis in sein hohes Alter hinein ein treuer Freund geblieben war.

Die Gesellschaft empfahl sich und bald erlöschten die Lichter in dem kleinen Hotel an der Place de St. George.

Zweiter Band.

Erstes Capitel.

An demselben Abend befanden sich in dem Gartensalon des Hotels in der Rue Mansart, welches der Regierungsrath Meding, der Vertreter des Königs von Hannover bewohnte, zwei Personen im ernsten Gespräch.

Herr Meding saß in einem Lehnstuhl zur Seite des runden Tisches, über dessen Mitte vom Plafond eine große Lampe mit breitem, flachem Glasschirm herabhing, – ihm gegenüber lehnte in einer Chaiselongue, welche neben dem hellen Feuer eines jener altfranzösischen großen Kamine stand, der Graf von Chaudordy, der frühere Cabinetsrath unter Drouyn de L'huys, welcher jetzt als Minister plenipotentiaire zur Disposition gestellt war, sich aber stets im regen Verkehr mit der politischen Welt befand und eine neue Verwendung in der Diplomatie erwartete.

»Ich bedauere,« sagte der Graf, »daß aus dem Project, Ihren emigrirten Landsleuten eine Colonie in Algier zu gründen, Nichts werden soll. Man hat sich hier allgemein so lebhaft dafür interessirt, und den armen Leuten, welche nun doch einmal ihr Vaterland verloren haben, würde dort Gelegenheit geboten worden sein, sich eine neue Existenz und vielleicht einen werthvollen Besitz zu schaffen; wir aber hätten durch so fleißige und tüchtige Colonisten für die öconomische Verwaltung Algiers viel gewonnen.«

»Ich habe noch vor Kurzem,« erwiderte Herr Meding, »mit dem Herrn Faré, dem Director im Ministerium der Finanzen, unter dem die algerische Verwaltung steht, und welcher lange Zeit die Civiladministration bei dem Marschall Mac Mahon geführt, ausführlich gesprochen – auch der Marschall selbst, mit dem ich darüber conferirte, war, obwohl er eigentlich der civilen Colonisation Algeriens nicht besonders günstig ist, doch bereit, Alles für meine Landsleute zu thun, wozu er auch vom Kaiser noch ganz besonders aufgefordert ist, – die Leute selbst wollen sehr gern nach Algerien, allein Seine Majestät hat dennoch das Project definitiv wieder aufgegeben.«

»Ich begreife nicht warum,« erwiderte der Graf von Chaudordy, »wenn der König daran denkt, jemals wieder für sein Recht unter irgend welchen Constellationen zu kämpfen, so muß er sich doch vor Allem diejenigen Leute erhalten, welche im Stande sind, ihm den Kern einer Armee zu bilden, die er dann durch weitere Emigranten oder durch Werbungen ergänzen könnte.«

»Es scheint,« erwiderte Herr Meding, »daß im Lande Hannover selbst sehr falsche Ideen über das Colonisationsproject verbreitet worden sind und daß der König in Rücksicht auf die allgemeine Abneigung, welche sich dort gegen dasselbe kund giebt, davon wieder Abstand genommen hat. Ich bedauere sehr,« fuhr er fort, »daß man unter diesen Verhältnissen die Sache überhaupt angeregt hat. Ich komme hier dem Kaiser und der Regierung gegenüber in eine eigenthümliche Lage. Ich habe die Verhandlungen in Folge der vielfachen dringenden Depeschen des Grafen Platen so energisch als möglich betrieben und nun, nachdem alle Verhältnisse schon fast geordnet waren, wird die Sache wieder aufgegeben und zwar – wie Graf Platen angiebt – weil die Aufstellung einer hannöverschen Armee auf dem algerischen Territorium nicht thunlich sei. Ich verstehe eigentlich nicht, was man damit meint – doch gleichviel, die Sache ist aufgegeben, die Emigration wird aufgelöst werden und damit ist, wie ich glaube, die Sache des Königs und der Kampf für dieselbe auch zu Ende. Denn wenn einmal Diejenigen, welche in jahrelangem Exil dem König treu geblieben sind, in alle Welt zerstreut werden, so wird das Volk in Hannover den Eindruck gewinnen, daß nunmehr der König die neue Ordnung der Dinge anerkannt habe.«

»Es wäre vielleicht das Beste,« erwiderte der Graf von Chaudordy, »wenn der König dies einfach thäte, sich in den Besitz seines großen Vermögens brächte und sich nach England zurückzöge, wo er ja immer eine große und ehrenvolle Stellung behält. Ich habe Ihnen schon früher gesagt,« fuhr er fort, »daß ich wenig Chancen für den König zu sehen vermöchte, wenn es ihm nicht gelingen könnte, in Deutschland selbst sich eine große und mächtige Partei zu schaffen, welche in einem gegebenen Augenblick im Stande wäre, eine ernste und nachdrückliche Bewegung für ihn zu organisiren. Von Seiten der Cabinette wird Nichts für ihn geschehen; er hätte sich müssen eine Stellung schaffen, daß im Fall einer großen Katastrophe die Regierungen gezwungen gewesen wären, mit ihm zu rechnen.«

»Das ist aber Alles leider nicht geschehen,« sagte Herr Meding, »alle Anläufe, die dazu genommen wurden, sind eben Anläufe geblieben und wie das leider so oft an depossedirten Höfen der Fall ist, die ganze Thätigkeit hat sich in kleine und kleinliche Intriguen aufgelöst. Ich bin hier schon lange in einer mehr als peinlichen Situation, um so mehr als Graf Platen – wie Sie ja wissen, den Grafen Breda hierher geschickt hat, welcher als geheimer Agent des Königs figurirt, obwohl Seine Majestät mir persönlich versichert hat, ihn gar nicht zu kennen, und dessen eigenthümliche Thätigkeit die Sache des Königs mehr und mehr discreditirt. Ich würde für meine Person nicht unzufrieden sein, wenn diese ganze Unruhe ein Ende nehme und wenn nur für das ganze Welfenhaus eine sichere und würdige Zukunft geschaffen werden könnte. Doch müßte man sich in Hietzing klar werden, was man will – Eins oder das Andere, entweder den Frieden oder einen so festen und energischen Krieg, daß man gefürchtet bleibt und im gegebenen Augenblick die Macht des Handelns behält. Es scheint aber, daß überall in der Welt heute der Entschluß und die Thatkraft verschwindet. Denn ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, daß ich auch hier bei Ihnen nicht mehr verstehen kann, wo man denn eigentlich hinaus will und was man beabsichtigt.«

Der Graf Chaudordy seufzte.

»In der That,« sagte er, »häuft man hier Fehler auf Fehler. Ich fürchte, daß sich das eines Tages bitter rächen wird; ich bin mit Herz und Seele Franzose und bin dem Kaiser und dem Kaiserreich aufrichtig ergeben, aber für die Dynastie sehe ich in der Art und Weise, wie man hier die Geschäfte behandelt, wenig erfreuliche Aussichten für die Zukunft. Unsere Fehler beginnen von 1866; nachdem sich der Kaiser damals zu keinem Entschluß aufraffen konnte, mußte er dahin gedrängt werden, größere Freiheiten zu geben. Er hat sich auch dazu nur langsam und fast zu spät entschließen können, und da er diesen Entschluß so lange hinausgeschoben hat, so wird er nun gezwungen werden endlich den Krieg zu machen, welcher der größte Fehler sein wird.«

»Sie hätten also gewollt,« fragte Herr Meding, »daß der Kaiser im Jahre 1866 entschieden für Österreich hätte Partei nehmen sollen?«

Der Graf Chaudordy blickte ihn groß an.

»Nein,« sagte er, »nicht für Österreich; ich habe Herrn von Bismarck immer für sehr stark gehalten, ich habe Preußens Überlegenheit über Österreich nie bezweifelt und Österreichs Niederlage vorher gesehen. Nach meiner Überlegung hätte der Kaiser damals – und zwar vor dem Kriege – eine feste und entschiedene Alliance mit Preußen machen müssen, um aus derselben alle die Vortheile für Frankreich zu ziehen, welche das siegreiche Preußen ihm nach dem Kriege nicht mehr gewährte. Auch heute noch wäre es das einzig Richtige, um jeden Preis eine aufrichtige Verständigung mit Preußen zu suchen – das ist die einzige Macht, mit welcher wir eine nützliche und starke Alliance schließen können, und wenn wir diese Alliance nicht schließen, so werden wir ihr und zwar in kurzer Zeit in einem furchtbaren und gewaltigen Krieg isolirt entgegentreten müssen.«

»Man rechnet aber doch,« warf Herr Meding ein, »sehr erheblich auf Österreich und Italien – Sie kennen gewiß die Negotiationen, welche in diesem Augenblick im Gange sind, um einen Coalitionsvertrag mit den beiden Mächten zu schließen. Wie man mir erzählt, soll die Sache sehr weit gediehen sein und man verspricht sich hier sehr viel davon.«

»Das wird Alles zu Nichts führen,« sagte der Graf von Chaudordy. »Auch in dieser Richtung hin hat man einen Fehler gemacht. Man hat geglaubt, in Herrn von Beust, an dessen Erhebung zum Minister in Österreich der Kaiser großen Antheil hat, einen entschiedenen Alliirten zu finden, – man hat sich getäuscht und hätte dies sogleich erkennen sollen, als die neue österreichische Regierung statt ihre ganze Kraft militairischen Rüstungen zu widmen, sich mit Verfassungsfragen zu beschäftigen begann. Wie ist es denn möglich, sich jetzt auf dieses Österreich zu stützen, welches keine Armee und kein Geld hat und uns im entscheidenden Augenblick um so mehr im Stich lassen wird, als die entscheidende Leitung der dortigen Politik täglich mehr in die Hände Ungarns übergeht.

»Der Kaiser erkennt das Alles sehr gut,« fuhr er fort, »aber er ist nicht mehr der er war und zwischen den verschiedensten, heterogensten Entschlüssen hin- und herschwankend wird er endlich dahin gedrängt werden, gänzlich isolirt und ohne alle Alliancen den Krieg zu machen, der kaum mit einem entscheidenden Siege für Frankreich enden wird, und der uns leicht in eine unendliche innere Verwirrung stürzen kann, auch giebt man alle Gründe, um vernünftiger Weise dort den Krieg vorzubereiten, aus der Hand. Man hat den Prager Frieden so lange verletzen lassen, daß es fast lächerlich sein würde, heute noch kategorisch dessen Erfüllung zu fordern. Jetzt läßt man die Bewegungen in Baden und Süddeutschland wieder ohne Beachtung und Unterstützung, – es wäre so leicht – und man hat uns darüber Mittheilungen gemacht, eine Volksbewegung in Baden gegen den von der dortigen Regierung projectirten Anschluß an Preußen zu erregen und dadurch die deutsche Frage von Neuem zum Gegenstand der Aufmerksamkeit Europas zu machen. Dann hätte Frankreich einen Interventionsgrund und eine ganz vortreffliche Stellung der deutschen Nation gegenüber – läßt man die Ereignisse weiter gehen, läßt man den Widerstand der süddeutschen Volkspartei brechen oder ermatten, dann wird man sich demnächst nicht mehr Preußen, sondern dem ganzen Deutschland gegenüber befinden, und das wird für uns die schlimmste und gefährlichste Position sein, in der wir uns befinden können. Es ist in der That ein Glück,« sagte er lächelnd, »in diesem Augenblick von der Politik fern zu sein.«

»Aber glauben Sie nicht,« sagte Herr Meding, »daß Drouyn de L'huys, dem ja der Kaiser schon mehrfach das Portefeuille angeboten hat, doch endlich die Leitung der Angelegenheiten wieder übernehmen und größere Festigkeit und Klarheit in die französische Politik bringen werde?«

Der Graf von Chaudordy schüttelte den Kopf.

»Ich glaube nicht,« sagte er, »daß Drouyn de L'huys sich jemals mit dem Kaiser definitiv verständigen wird. Drouyn de L'huys will den Frieden und der Kaiser kann sich nicht entschließen, weder ernsthaft den Frieden zu begründen, noch ernsthaft den Krieg zu machen – er läßt sich treiben und wird in den Krieg hineingedrängt werden, ohne es selbst zu wollen. Für Ihren König und dessen Sache wird es jedenfalls das Beste sein, wenn er einer solchen unklaren, verworrenen Katastrophe fern bleibt, um so mehr, wenn er selbst sich nicht zu klaren Entschlüssen erheben kann.«

Der Kammerdiener öffnete die Thür.

Herr von Düring, Herr von Tschirschnitz und die übrigen hannöverschen Officiere traten ein. Nach und nach kamen noch andere Herren, auch Herr Hansen erschien.

Das Gespräch wurde allgemein; man unterhielt sich über die Tagesereignisse.

»Wissen Sie, meine Herren,« sagte Herr Hansen, »daß der Proceß des Prinzen Pierre Bonaparte beginnen wird? Wie ich höre, sind alle Juristen der Ansicht, daß der Prinz freigesprochen werden muß.«

»Ich wüßte kaum,« sagte der Graf von Chaudordy, »wie man ihn verurtheilen wollte. Wenn Jemand in seinem eigenen Zimmer insultirt und angegriffen wird – und Herr Fonvielle hat ja einen geladenen Revolver bei sich gehabt – so steht ihm doch unzweifelhaft das Recht zu, sich zu vertheidigen. Ich liebe den Prinzen Peter nicht, er ist eine unruhige, unberechenbare Natur und sein ganzes Leben, wie seine Person erregt wenig Sympathie, aber in dieser Sache kann man ihm keinen Vorwurf machen – doch ist das Alles sehr unangenehm für die Regierung – es ist, als ob Alles zusammenkäme, um die Stellung des Kaisers zu erschweren. Solche Processe mit oder ohne Schuld der Regierenden finden sich in der Geschichte immer vor großen Katastrophen.«

»Der arme Victor Noir thut mir leid,« sagte Herr Meding, »ich habe ihn gekannt, er war Redacteur an der ›Situation‹ und Herr Grenier hat ihn mir zuweilen geschickt, um mir Mittheilungen zu machen. Ich habe immer eine Sympathie für ihn gehabt, er war eine gute kindliche Natur von harmloser Naivetät, man hat ihn zu dieser Demonstration gemißbraucht, und er ist das Opfer derselben geworden. Wie sieht es bei Ihnen aus,« fragte er, sich an einen jungen eleganten Herrn mit blassem Gesicht, schwarzem Haar und zierlichem kleinem Schnurrbart wendend, welcher so eben eingetreten war, »haben Sie bald einen König gefunden, oder glauben Sie es auf die Dauer mit der Republik versuchen zu können?«

»Spanien erträgt dauernd kaum eine Republik,« erwiderte Herr Angel de Miranda, der frühere Kammerherr der Königin Isabella, welcher gegenwärtig in Paris lebte und dort eine, zwar private, aber eifrige Thätigkeit für die provisorische Regierung Spaniens entwickelte. »Es hat viel dazu gehört, um die alte Monarchie zu zerstören, wir werden aber,« fuhr er mit geheimnißvoller Miene fort, »wie ich glaube, in nicht langer Zeit einen König finden und damit wird diese Revolution endlich zum Abschluß gelangen.«

»Ich wünsche Ihnen das von Herzen,« sagte Graf Chaudordy. »Für das ganze westliche Europa sind diese unsichern Zustände in Spanien vom schädlichsten Einfluß. Sie müssen übrigens,« sagte er lächelnd, »eine kleine Neugier verzeihen, es interessirt mich in hohem Grade, wohin Sie die Blicke wohl gewendet haben könnten, um einen Herrscher für Ihr Land zu finden, – Sie haben da den Herzog von Montpensier, Sie haben den Prinzen von Asturien, Sie haben den Grafen von Montemolin, und wer weiß, ob nicht vielleicht der Marschall Prim, der schon einmal von einem kaiserlichen Diadem von Mexiko träumte, auch jetzt wieder daran denkt, die Gewalt fest zu halten, welche er ja durch die Armee bereits vorzugsweise sich zu eigen gemacht hat.«

Angel de Miranda zuckte die Achseln.

»Ich glaube kaum, daß Prim ähnliche Gedanken hegen könnte, er ist klug und weiß sehr gut, daß, wenn er vielleicht eine Zeit lang Dictator sein könnte, er doch niemals und zwar weder von der spanischen Grandezza, noch vom Volk als König acceptirt werden könnte. Ich glaube viel eher, daß er eine Zeit daran gedacht hat und vielleicht auch noch ein wenig daran denkt, den Prinzen von Asturien möglich zu machen, um dann an der Spitze einer Regentschaft als Majordomus die Macht in Händen zu behalten. Doch das Alles ist unpractisch, wir können in Spanien keinen König von den verschiedenen Bourbonenlinien gebrauchen, die Anhänger des Einen würden sich niemals den Anhängern des Andern unterwerfen wollen, das würde zu ewigen Bewegungen und Unruhen führen. Die einzige Möglichkeit dauernden innern Friedens liegt darin, einen fremden Fürsten zu finden, der dem Volk sympathisch ist –«

»Und der vielleicht,« fiel Herr Meding lächelnd ein, »irgend wie mit dem iberischen Einheitsgedanken in Verbindung stünde.«

Betroffen blickte Angel de Miranda auf.

»Dieser Gedanke,« erwiderte er nach einem kurzen Stillschweigen, »ist heute wohl noch nicht reif. Doch liegt allerdings in ihm nach meiner Überzeugung die Zukunft der pyrenäischen Halbinsel.«

Er trat zu einer andern Gruppe – nach einiger Zeit zog sich der Graf Chaudordy zurück, und nach einer Stunde leerte sich der Salon von den Besuchenden – nur die hannöverschen Officiere blieben zurück.

»Nun, meine Herren,« fragte der Regierungsrath Meding, »haben Sie Nachrichten, wie Ihre Vorstellungen in Hietzing aufgenommen worden sind, und haben Sie irgend welche Beschlüsse gefaßt über die Schritte, welche Sie demnächst thun wollen?«

»Wir haben noch Nichts von Hietzing gehört,« erwiderte Herr von Tschirschnitz. »Ich kann nicht zweifeln,« fuhr er fort, »daß der König unsere Vorstellung ernstlich erwägen und berücksichtigen werde. Ich wenigstens bin fest entschlossen, bis auf den letzten Augenblick Alles aufzubieten, um das Schicksal der armen Emigrirten zu erleichtern und sie von völliger Isolirung im fremden Lande zu retten. Ich verstehe auch durchaus nicht, wie es möglich sein sollte, uns das zu verbieten. Die Mißverständnisse, welche da vorliegen, müssen sich ja aufklären.«

»Man muß es hoffen,« erwiderte der Regierungsrath Meding, »doch bin ich dessen nicht ganz gewiß, denn seit einiger Zeit scheinen sich um den König her lauter Mißverständnisse zu lagern. Sie erinnern sich, daß Herr von Münchhausen bei der Conferenz über das algerische Colonisationsproject, zu welcher er hierher gesendet wurde, Instructionen bei sich führte, welche, wie er sich selbst überzeugte, denjenigen, die mir ertheilt waren, vollständig widersprachen.«

Rasch wurde die Thür geöffnet, der Lieutenant von Mengersen, ein großer, schlanker, junger Mann und der Lieutenant Heyse, eine ernste ruhige Erscheinung, traten ein.

»Nun,« rief Herr von Düring lebhaft, »Ihr seid wieder zurück? Was bringt Ihr? Hat sich Alles aufgeklärt?«

»Nichts hat sich aufgeklärt,« erwiderte Herr von Mengersen mit zornig bewegter Stimme, »der König hat uns gar nicht angenommen und uns den Befehl geschickt, auf der Stelle wieder zurückzureisen.«

»Unglaublich,« rief Herr von Düring.

»Aber wahr,« rief der Lieutenant Heyse im traurigen Ton, »es scheint, daß man eine vollständige chinesische Mauer um den König gezogen hat und daß Nichts, was von uns kommt, zu ihm dringen kann. Dagegen hat er den Feldwebel Stürmann gehört.«

»Den Feldwebel Stürmann,« rief Herr von Tschirschnitz, »und uns, seinen Officieren, verweigert er das Gehör! Das ist doch ein Affront für uns Alle, wie er stärker und kränkender nicht gedacht werden kann.«

»Graf Platen ist am Tage vorher,« sagte Herr von Mengersen, »bei Stürmann in seinem Gasthause in der Stadt gewesen und hat sehr lange mit ihm gesprochen, am andern Tage ist er dann nach Hietzing zum König gebracht worden.«

»Und habt Ihr nicht gehört, was nun weiter geschehen soll,« sagte Herr von Düring.

»Mit uns zu gleicher Zeit,« sagte der Lieutenant Heyse, »ist der Major von Adelebsen hierher abgereist, um das Commando zu übernehmen und die Legion aufzulösen. Es kommt nun darauf an, daß wir uns entschließen, was wir thun wollen für uns und für die Leute, denn auf Gehör beim König haben wir nicht mehr zu rechnen.«

»Wir müssen uns fest verbinden,« rief Herr von Tschirschnitz, »um Alles aufzubieten, damit die armen Emigranten noch einen Anhaltspunkt erhalten und nicht vereinsamt ihrem Schicksal überlassen bleiben. Ich hoffe, Sie werden uns darin unterstützen,« sprach er zu dem Regierungsrath Meding gewendet.

»Ich bedauere auf das Tiefste die Wendung, welche diese Sache genommen,« erwiderte dieser, »und die Unmöglichkeit mit irgend welchen Vorstellungen bis an Seine Majestät zu dringen, – ich bin aber hier als Vertreter des Königs und muß, so lange ich auf meinem Posten bin, jeden Befehl, den Seine Majestät mir ertheilen wird, ausführen; und ich rathe auch Ihnen, meine Herren, dringend, keinen Widerstand gegen die Ausführung der Befehle Seiner Majestät zu leisten, doch können Sie auf das Festeste auf meine Unterstützung dafür rechnen, daß den Emigranten nach Auflösung des Verbandes die Möglichkeit geboten werde, sich zu gegenseitiger Unterstützung zu vereinen und Unterkommen und Arbeit zu finden. Ich habe bereits in dieser Beziehung mit verschiedenen einflußreichen Personen Rücksprache genommen und mich ihrer Geneigtheit versichert, zu einem Comité de Patronage für die Emigrirten zusammen zu treten. Der Baron Thénard, welcher großen Einfluß in den Kreisen der Grundbesitzer hat und selbst ausgedehnte Güter besitzt, hat mir bereits zugesagt, mit in dieses Comité einzutreten, ebenso Herr Bocher, welcher in industriellen Kreisen viel Gelegenheit hat, den Emigrirten Arbeit zu schaffen. Ich habe bei der Wahl der Personen wesentlich darauf Rücksicht genommen, daß die ganze Sache gar keinen politischen Charakter habe, daß sie eine reine Wohlthätigkeitsangelegenheit sei und denke nun noch einige Damen als Patronesses hinzuzuziehen. Ich zweifle nicht, daß wir dann binnen Kurzem für alle unsere Landsleute vollkommen ausreichende Beschäftigung haben werden. Auch für Diejenigen, welche etwa krank und arbeitsunfähig werden, wird sich dann eine reichliche Unterstützung ermöglichen lassen, wenn man einen Verband herstellt, in welchem Jeder seine Beiträge in eine Krankenkasse zahlt, für welche außerdem von allen Seiten reichliche Hülfsquellen sich öffnen werden. Lassen Sie also den Muth nicht sinken, wir werden ganz gewiß gut für die Leute zu sorgen im Stande sein. Sie, mein lieber Düring, und Sie, Herr von Tschirschnitz müssen dann mit mir in das Comité de Patronage eintreten und die innere Organisation des Hülfsverbandes der Emigranten übernehmen.«

»Das ist eine vortreffliche Idee,« rief Herr von Düring, »ich habe früher schon etwas Ähnliches überdacht und dazu einen Organisationsplan ausgearbeitet, den ich seiner Zeit auch dem König eingeschickt habe, den er aber wohl nicht beachtet zu haben scheint –«

»Ich habe bereits dem Könige,« sagte der Regierungsrath Meding, »von diesem Plan und den für die Bildung des Comité de Patronage gethanen Schritten Mittheilung gemacht. Durch dies Comité könnte dann auch für Diejenigen, welche so gern nach Algier gehen wollen, ohne daß der König irgendwie dabei betheiligt ist, dort eine vortheilhafte Niederlassung vermittelt werden; damit würde der Wunsch der Leute erfüllt und zugleich jede Betheiligung des Königs dabei ausgeschlossen, welche Seiner Majestät wegen der Stimmung in Hannover unerwünscht ist. Ich bitte Sie also nochmals, meine Herren, legen Sie den Schritten des Herrn von Adelebsen zur Auflösung der Legion keine Schwierigkeiten in den Weg. Lassen Sie diesen Herrn ruhig ausführen, was ihm vom Könige oder von wem es sonst sei, aufgetragen ist, und helfen Sie mir dafür sorgen, daß unsere Landsleute, nachdem sie aus dem Verbande geschieden sind, einen Mittelpunkt finden, der ihnen Schutz und Beistand gewährt.«

»Aber wie der König mit uns umgeht,« rief Herr von Tschirschnitz, »so hätte er ja zur Zeit des Bestandes des Königreichs Hannover mit keinem Officier umzugehen das Recht gehabt. Mindestens hätten wir doch Gehör erlangen müssen, – dies ist ja geradezu asiatischer Despotismus.«

»Meine Herren,« sagte der Regierungsrath Meding, »einem unglücklichen Fürsten gegenüber ist die Pflicht des Gehorsams doppelt stark, und vergessen Sie vor Allem nicht, daß wir Alle Vertreter einer Sache sind, welche den Blicken der ganzen Welt ausgesetzt ist. Wir haben für diese Sache gefochten nach allen Kräften, – man kann uns vorwerfen, daß es thöricht und unvernünftig gewesen sei, aber wenigstens haben wir für die Sache gethan, was überhaupt zu thun war. Wenn diese Sache zu Ende sein soll,« fügte er noch ernster hinzu, »und ich glaube, daß sie zu Ende ist, so lassen Sie uns ihr den letzten Dienst erweisen, lassen wir sie mit Ehren untergehen, ohne daß wir der Welt das Schauspiel der inneren Zerrüttung und der Fäulniß, welche sie angefressen hat, und an welcher wir wenigstens keinen Theil haben, geben. Wir werden vielleicht in der Lage sein, unsere und der Emigranten Rechte scharf und nachdrücklich zu vertheidigen, aber so lange es möglich ist, darf auch in dieser Vertheidigung Nichts gegen den König unternommen werden, auf dem die Hand des Schicksals schwer genug ruht, und der stets auf unsere Ehrfurcht Anspruch haben wird. Und sollten wir je zu den äußersten Grenzen der Vertheidigung gedrängt werden, so müssen wir wenigstens vor der ganzen Welt beweisen können, daß wir dazu unwiderstehlich gezwungen worden sind.«

»Aber man greift unsere Ehre an,« rief Herr von Mengersen, »unserer Aller Ehre, denn was in Hietzing über uns gesprochen wird, davon hat man gar keinen Begriff, und auch nach Hannover hin schreiben sie die unglaublichsten Dinge. Es wird gar nicht lange dauern, so wird man wo möglich in den welfischen Zeitungen Artikel über uns lesen.«

»Seien Sie ganz ruhig, meine Herren,« sagte der Regierungsrath Meding, »wenn das geschehen sollte, wenn man es wagen würde, unsere Ehre anzugreifen, dann werde ich der Erste sein, der alle Rücksichten bei Seite setzt, und dann wehe Denen, die den Kampf mit uns aufnehmen. Jene werden dem König gegenüber zu verantworten haben, was dann geschehen wird. Bis dahin bitte ich Sie nochmals dringend, jeden Schritt zurück zu halten, der den König verletzen könnte.«

»Jedenfalls,« rief Herr von Düring, »werde ich meine Magazinbestände dem Herrn von Adelebsen nicht überliefern, ohne eine vollgültige Decharge vom Könige zu bekommen, die ich bereits mehrfach verlangt und die man mir noch immer nicht gegeben hat.«

Der Kammerdiener meldete den Legationskanzlisten Hattensauer, und eilig, mit etwas aufgeregter Miene trat ein Mann von etwa fünfzig Jahren von auffallender Häßlichkeit mit kleinen stechenden Augen, einer vorspringenden Stirn, einem glatten, fast kahlen Schädel in das Zimmer. Er neigte sich mit einer gewissen linkischen Höflichkeit nach allen Seiten, näherte sich dann in beinahe demüthiger, unterwürfiger Haltung dem Regierungsrath Meding und überreichte ihm ein großes, versiegeltes Schreiben.

»Eine Depesche ans Hietzing, welche so eben eingegangen ist,« sagte er.

Gespannt blickten die Officiere auf den Regierungsrath Meding, welcher langsam das Schreiben öffnete und den Inhalt durchlas.

»Der Major von Adelebsen ist angekommen,« sagte der Legationskanzlist Hattensauer, während Herr Meding las, »er hat diese Depesche mitgebracht und wird Ihnen morgen seinen Besuch machen.«

Der Regierungsrath Meding faltete langsam das Papier, das er bis zu Ende gelesen, zusammen; ein trauriges Lächeln spielte um seinen Mund.

»Nun,« rief Herr von Düring, »haben Sie irgend welches Licht in der Sache erhalten?«

»Der König,« erwiderte der Regierungsrath Meding, »findet meine Bemühungen für die Herstellung eines Comité de Patronage, da dasselbe auch für eine Colonie in Algerien wirken könne, nicht vereinbar mit seinen Beschlüssen, nach welchen er aus militairischen Gründen die Gründung einer solchen Colonie abgelehnt hat. Er befiehlt mir deshalb, aus dem Comité auszuscheiden und mich sogleich nach Thun in der Schweiz zu begeben, um dort seine weiteren Befehle abzuwarten. Das Schreiben ist übrigens,« fuhr er fort, »abermals eine Antwort auf etwas durchaus Anderes, als ich geschrieben und außerdem von einer beinah unglaublichen Stylisirung und Logik.«

»Unerhört!« riefen die Officiere.

»Und Sie werden diesem Befehl Folge leisten?« fragte Herr von Düring.

»Ganz gewiß,« erwiderte der Regierungsrath Meding, »ich stehe noch im Dienste des Königs und muß seinen Befehlen folgen. Ich bedaure, daß sie mich zwingen, die armen Emigranten zu verlassen, aber ich kann darin Nichts ändern, die Verantwortung für ihr Schicksal trifft mich nicht.«

»Ich habe auch noch Briefe für Herrn von Düring und für Herrn von Tschirschnitz,« sagte Hattensauer, indem er sich demüthig gebeugt den beiden Herren näherte und jedem ein Schreiben übergab, welches dieselben schnell öffneten und durchflogen.

»Ich bin nach Bern verbannt,« sagte Herr von Düring.

»Und ich nach Basel!« rief Herr von Tschirschnitz laut lachend. »Die Sache wird nun geradezu komisch, man scheint sich in Hietzing für die Gebieter der Welt zu halten.«

»Haben Sie Nichts für mich?« rief Herr von Mengersen, zu Herrn Hattensauer sich wendend, »vielleicht hat man mich nach Sibirien verbannt.«

»Nun, meine Herren,« sagte der Regierungsrath Meding, »so müssen wir denn die Hannoveraner ihrem Schicksal überlassen, ich werde noch das Möglichste thun, um sie allen meinen Freunden hier zu empfehlen. Jedenfalls haben wir für sie gethan, was in unsern Kräften stand. Und nun lassen Sie uns schlafen und ausruhen, denn ich glaube, wir können sagen: ›Finita la commedia‹. Morgen wollen wir überlegen, was weiter zu thun ist, und,« sagte er lächelnd zu Herrn von Düring und Herrn von Tschirschnitz, »unsere Reisevorbereitungen treffen.«

Zweites Capitel.

Der Legationsrath Bucher hatte seinen Vortrag bei dem Kanzler des Norddeutschen Bundes, Grafen von Bismarck, beendet.

Der Graf saß in dem Lehnstuhl vor dem Schreibtisch bequem zurückgelehnt, die kraftvolle markige Gestalt erschien noch breiter und voller im Militairüberrock, – die Züge seines Gesichts waren stärker geworden und drückten noch mehr als früher feste, entschlossene Willenskraft aus. Das Haar an seinen Schläfen und der volle Schnurrbart hatten sich mehr und mehr weiß gefärbt, ohne daß dadurch sein Gesicht älter erschien, – der frische Ausdruck seiner klaren, grauen Augen, welche bald streng und drohend, bald tief und gemüthvoll blickten, gab seiner ganzen Erscheinung einen gewissen Schimmer jugendlicher Lebendigkeit.

Vor dem Grafen stand, ein Packet zusammengelegter Papiere in der Hand, der Legationsrath Bucher.

Sein kränkliches feines Gesicht mit den kalt und ernst blickenden kleinen Augen, dem fest geschlossenen Mund und der etwas scharf vorspringenden Nase, seine magere Gestalt, welche dem Grafen Bismarck gegenüber fast winzig erschien, – seine etwas gebückte Haltung, – das Alles gab der Erscheinung dieses merkwürdigen Mannes, der früher seiner politischen Überzeugung Heimath und Existenz geopfert und nunmehr das Vertrauen des großen deutschen Staatsmannes zu erwerben und zu erhalten gewußt hatte, einen Ausdruck, der die Mitte hielt zwischen dem Typus eines Bureaukraten und eines Professors.

»Haben Sie die Schrift von Vilbort gelesen,« fragte der Graf – ›l'oeuvre de Monsieur de Bismarck‹ – es wird in Paris viel besprochen –«

»Und ist auch bereits in deutscher Übersetzung erschienen,« bemerkte der Legationsrath, »es enthält viel Interessantes und manche sehr bemerkenswerthe Zeugnisse über das, was Herr Vilbort während des Krieges von 1866 selbst gesehen und erlebt hat. – Ob freilich Alles das wahr ist, was Vilbort über die Äußerungen mittheilt, die Eure Excellenz ihm selbst gegenüber gemacht haben, das müssen Sie selbst besser beurteilen können, als ich –«

»Im Allgemeinen,« sagte Graf Bismarck, »so weit ich das Buch zu durchblättern Zeit gefunden habe, – giebt er meine Äußerungen richtig wieder, – und das ist schon sehr viel. – So oft man mit einem Journalisten spricht, muß man sich gefallen lassen, daß er Alles, was man gesagt oder nicht gesagt hat, wiedererzählt, wie er es aufgefaßt hat, – oder wie er es aufgefaßt zu sehen wünscht, – das hindert mich übrigens nicht,« fuhr er fort, »mich ganz freimüthig und offen gegen diese Herren auszusprechen, wenn ich Gelegenheit habe, einen von ihnen zu sehen; – ich halte mit dem, was ich denke und was ich will, nicht hinter dem Berge, – die ängstliche Geheimnißkrämerei der alten Diplomatie hat keinen Sinn mehr in unserer Zeit, – freilich muß ich dann auch die öffentliche Beurtheilung dessen, was ich gesagt habe, nicht scheuen, und, – Gott sei Dank, – dafür habe ich ganz gesunde Nerven.«

»Herr Vilbort,« sagte der Legationsrath Bucher, »scheint mir durch die Offenheit, mit welcher Eure Excellenz sich ihm gegenüber ausgesprochen haben, etwas eitel geworden zu sein; – er hält sich für einen Geschichtschreiber, – und das ist er in der That nicht, – auch geht durch sein ganzes Werk ein gewisses sentimentales Jammern über den Krieg, der doch, da die Conflicte einmal unlösbar geworden, eine Nothwendigkeit war.«

»Diese Richtung des Buches,« fiel Graf Bismarck ein, »das jedenfalls in Frankreich viel gelesen werden wird, ist mir am wenigsten unangenehm, – die Franzosen können in der That eine Warnung vor den traurigen Folgen eines großen Krieges brauchen, – es scheint, daß dort wieder der Chauvinismus erhitzt wird, und daß man die Geister für einen Krieg vorbereitet, für den Fall, daß man der inneren Schwierigkeiten nicht Herr werden sollte.«

»Glauben Eure Excellenz wirklich,« fragte der Legationsrath, »daß man in Paris ernstlich an einen Krieg denken könnte, – gerade jetzt in dem Augenblicke, in welchem die Zügel des persönlichen Regiments gelockert sind, in dem Augenblick, in welchem Ollivier, der Mann des Friedens, Minister geworden ist?«

»Die Berichte aus Paris,« sagte Graf Bismarck mit leichtem Achselzucken, »sprechen von den friedlichen Dispositionen der Regierung, – ich glaube auch, daß der Kaiser, der arme kranke Mann, sich nach dem Frieden sehnt, – schon um persönlich Ruhe zu haben, – aber Alles,« fuhr er fort, »was dort geschieht, kann zu irgend einem plötzlichen Ausbruch führen, auf den wir heute mehr als je gefaßt sein müssen.

»Sehen Sie,« sprach er nach kurzem Nachdenken, während er die Augen sinnend emporschlug, »dieser unglückliche Pistolenschuß, der Victor Noir tödtete, diese lauten Anklagen von Flourens, die ungeschickte Verhaftung Rocheforts, ein Bonaparte vor Gericht, des Mordes angeklagt, das Alles bricht über das Kaiserreich herein, – das ist ein furchtbares Verhängniß, – und das constitutionelle Regiment kann die immer höher aufwallenden Wogen nicht beschwören. Die Coterie des Krieges, welche durch einen ruhmvollen Feldzug den Glanz des Kaiserreichs wieder herstellen will, gewinnt an Boden, – der Kaiser ist schwach, – wird man ihn nicht eines Tages dahin bringen, das Äußerste zu wagen, um den festen Boden wieder zu gewinnen, der ihm täglich mehr unter den Füßen verschwindet. Er wird vielleicht den Krieg machen aus Schwäche, denn die Schwäche ist tollkühner als die Kraft.

»Für uns,« fuhr der Graf fort, »ist der Krieg um so weniger zu fürchten, je mehr die innere Kraft Frankreichs täglich zersetzt wird, – aber der arme Kaiser thut mir leid, – es ist doch eine groß angelegte und im Grunde gute Natur, – und für Europa ist das Kaiserreich eine Wohlthat, – denken Sie, wenn alle diese in den Tiefen gährenden Elemente in Frankreich wieder entfesselt würden!

»Man hat mir da,« fuhr er fort, indem er ein Blatt Papier von seinem Schreibtisch nahm, »einen Brief Eugen Duponts mitgetheilt, in welchem dieser thätige Agent der Internationale und Secretair von Carl Marx in London dem Comité in Genf auseinandersetzt, daß die Zeit gekommen sei, in welcher der action sécrète et souterraine die allgemeine revolutionaire Schilderhebung in Europa folgen müsse. Merkwürdigerweise,« sagte er, einen Blick in das Schriftstück werfend, »will Dupont den Ausgangspunkt dieser großen Revolution nach England verlegen, weil in Frankreich die Regierung noch zu stark sei.«

»England sei das einzige Land,« fuhr er fort, »in welchem eine wirkliche socialistische Revolution gemacht werden könnte, das englische Volk aber könne diese Revolution nicht machen, Fremde müßten sie ihm machen und der Punkt, wo man zuerst losbrechen solle, sei Irland.«

Der Legationsrath Bucher lächelte. »Das sind Träumereien,« sagte er, »wie sie von Zeit zu Zeit sich immer wiederholen, ohne zu praktischen Resultaten zu führen.«

»Die Ideen dieses Dupont sind Träumereien, – das ist ganz richtig,« fiel Graf Bismarck ein, – »aber in Frankreich ist die Sache ernster, – dort haben die gemäßigten Mitglieder der Internationale vollständig die Führung verloren und die extremsten Doctrinen dringen immer mehr in die Arbeiterbevölkerung, – bei jeder unruhigen Bewegung kann die Commune proclamirt werden. – Das Alles gährt um den Kaiser herauf und kann ihn eines Tages dazu drängen, einen Verzweiflungscoup zu machen; – wir müssen von dort her immer auf etwas Unerwartetes gefaßt sein.«

»Die Elemente der Gährung,« sagte der Legationsrath, »von denen Eure Excellenz sprechen, sind aber nicht nur in Frankreich vorhanden, sondern erfüllen die ganze Welt, – auch unter den deutschen Arbeitern macht die Internationale Fortschritte, – ich glaube, daß die Regierungen zu dieser Frage Stellung nehmen müssen.«

»Das sagt mir auch Wagner,« rief Graf Bismarck, – »aber welche Stellung soll man dazu nehmen? – Die alten Parteibildungen beginnen sich zu zersetzen, keine der vorhandenen Parteien kann sich dazu erheben, den neuen Zeitfragen mit freiem und klarem Blick entgegen zu treten, – und gerade dieser socialen Frage gegenüber müßte doch die Regierung sich auf eine im Volke selbst wurzelnde Partei stützen. – Das wäre eine Aufgabe für die Conservativen,« sagte er sinnend, – »aber leider verlieren gerade diese sich immer mehr in unmögliche und unpraktische Theorien.«

»Nun,« fuhr er fort, – »wir müssen darüber nachdenken, – jetzt will ich ein wenig hören, was die auswärtige Politik macht.«

Er reichte mit freundlichem Kopfnicken dem Legationsrath die Hand und dieser zog sich mit einer kurzen stummen Verbeugung zurück.

»Ist Jemand im Vorzimmer?« fragte Graf Bismarck den Kammerdiener, welcher auf seinen starken Glockenzug erschien.

»Der englische Botschafter, Excellenz.«

»Ich lasse bitten.«

Der Minister-Präsident erhob sich und machte einige Schritte nach der Thür, durch welche Lord Augustus Loftus, der Botschafter Ihrer Majestät der Königin Victoria am preußischen Hofe und beim Norddeutschen Bunde, in das Cabinet trat.

Lord Loftus, eine durchaus englische Erscheinung, hatte in seinen Gesichtszügen und in seiner ganzen Haltung eine gewisse feierliche Würde und Zurückhaltung, welche ein wenig gegen das offene, freie Wesen des Grafen Bismarck abstach. Der Lord setzte sich dem preußischen Minister-Präsidenten gegenüber vor den großen Schreibtisch in der Mitte des geräumigen Cabinets, und begann, da der Graf nach einigen gleichgültigen Begrüßungsworten schweigend seine Anrede erwartete, nach einem kurzen Räuspern:

»Sie wissen, lieber Graf, wie sehr die Regierung Ihrer Majestät darauf bedacht ist, in den Beziehungen der Cabinette unter einander alle Ursachen des Mißtrauens und der Besorgnisse zu beseitigen, welche dem Frieden Europas gefährlich werden könnten.«

Graf Bismarck neigte zustimmend den Kopf und, indem er eine große Papierscheere ergriff und dieselbe spielend in der Hand bewegte, sagte er im höflichsten Ton einer gleichgültigen Conversation:

»Die Regierung Ihrer Majestät ist in diesem Bestreben vollkommen von denselben Wünschen geleitet, welche auch uns beseelen und welche wohl, wie ich glaube, von allen Cabinetten Europas getheilt werden. Ich freue mich, von Neuem zu constatiren, daß gerade durch diese allseitigen Wünsche die beste Garantie für die Erhaltung des europäischen Friedens gewährt wird.«

Lord Loftus schien ein wenig decontenancirt.

»Die guten Wünsche aller europäischen Regierungen,« sagte er, »sind gewiß eine ganz vortreffliche Garantie des Friedens. Indessen,« fuhr er ein wenig zögernd fort, »um eine wirklich praktische und vor allen Dingen dauernde Basis für die internationale Ruhe und Stabilität zu schaffen, wird es vor Allem noch nöthig sein, concrete Gründe gegenseitigen Mißtrauens und gegenseitiger Besorgnisse zu beseitigen.«

»Ich wüßte in der That nicht,« sagte Graf Bismarck, den Botschafter wie erstaunt anblickend, »daß in diesem Augenblick irgend welche Fragen beständen, welche dem Frieden auch nur die entfernteste Gefahr zu bringen vermöchten. Überall ist die tiefste Ruhe, ich kann Sie versichern, daß wir wenigstens mit keinem europäischen Cabinet in Erörterungen stehen, welche bedenkliche und kritische Punkte berühren.«

»Ich hatte bei meiner Bemerkung von vorhin,« erwiderte Lord Loftus, »auch weniger diplomatische Fragen im Sinne, welche gegenwärtig zur Erörterung ständen und zu Differenzen führen könnten, ich dachte vielmehr an thatsächliche Verhältnisse, welche vielleicht weniger ein Grund, als ein Ausdruck gegenseitigen Mißtrauens sind und deren Beseitigung im Interesse der ruhigen Entwickelung der Zukunft Europas liegen möchte.«

»Und welche thatsächliche Verhältnisse meinen Sie?« fragte Graf Bismarck mit vollkommener Ruhe und einem leichten Anflug von Erstaunen in seinem scharfen, fest auf den Botschafter gerichteten Blick.

»Es ist eine Thatsache,« sprach Lord Loftus weiter, »welche offen vor Europa da liegt, daß die französische Regierung in den letzten Jahren ganz besondere Anstrengungen gemacht hat, um ihre Militairmacht auf eine außergewöhnliche Höhe zu erheben. Das Gleiche findet bei Ihnen statt, und Sie werden mir zugeben, daß es eine gewisse Besorgniß und Beunruhigung erregen kann, wenn man zwei der bedeutendsten europäischen Mächte bis an die Zähne bewaffnet einander gegenüber stehen sieht.«

»Es liegt ja aber,« fiel Graf Bismarck in demselben ruhigen, fast gleichgültigen Ton ein, »zwischen Frankreich und uns durchaus keine Veranlassung zu irgend welchen Mißverständnissen vor; im Gegentheil kann ich Sie versichern, daß unsere Beziehungen zu Paris die besten und freundlichsten sind.«

»Und doch stehen Sie sich,« bemerkte Lord Loftus, »mit so übermäßig angespannten Militairkräften gegenüber, als ob Sie gegenseitig jeden Tag den Ausbruch irgend eines Conflictes zu besorgen hätten. Dieser Zustand,« fuhr er etwas lebhafter fort, »wenn er auch den Frieden nicht unmittelbar gefährdet, läßt doch Europa nicht zu sicherem Bewußtsein der Ruhe kommen, und ich glaube, daß besser als alle diplomatischen Versicherungen eine ernste und nachdrückliche Reducirung der unter den Waffen stehenden militairischen Streitkräfte alle die unruhigen Besorgnisse zerstreuen würde, welche angesichts des gegenwärtigen Zustandes sowohl die Cabinette, als die Geschäftswelt erfüllen, – wenn die Armeen Frankreichs und Preußens sich nicht mehr in voller Kriegsrüstung gegenüber stehen, dann wird Europa endlich aufathmen können, befreit von dem Druck, welcher in den letzten Jahren auf ihm lastet.«

Graf Bismarck schwieg einen Augenblick, seine Züge nahmen einen ernsten Ausdruck an, er richtete den Blick seiner klaren grauen Augen scharf und durchdringend auf den Botschafter und sagte dann:

»Haben Sie, mein theurer Lord, den Auftrag, die Frage, welche Sie soeben berührten, zwischen Frankreich und uns Namens Ihrer Regierung zur Sprache zu bringen?«

»Ich habe nicht den Auftrag,« erwiderte der Lord, »bestimmte Anträge zu stellen, bestimmt formulirte Wünsche auszusprechen, – doch bin ich allerdings veranlaßt, die allgemeine Besorgniß, welche die militairischen Rüstungen in Frankreich und Deutschland der Regierung Ihrer Majestät einflößen, Ihnen nicht zu verhehlen und zugleich auch dem Gedanken Ausdruck zu geben, daß Sie sowohl als die französische Regierung dem ganzen civilisirten Europa einen großen Dienst leisten würden, wenn Sie sich geneigt finden ließen, im gleichen Verhältniß die unter den Waffen stehenden Streitkräfte zu reduciren und dadurch thatsächlich das Vertrauen auf dauernde Erhaltung des Friedens zu erkennen zu geben. Würde ich bei Ihnen die Geneigtheit finden, auf diesen Ideengang einzugehen, so würde die Regierung Ihrer Majestät gern bereit sein, ihre Vermittelung in einer ebenso wichtigen, als delicaten Sache zwischen zwei ihr gleich befreundeten Mächten eintreten zu lassen.«

»Und wissen Sie,« fragte Graf Bismarck, ohne daß ein Zug seines Gesichtes sich veränderte, »ob derselbe Gedanke, den Sie mir hier so eben auszusprechen die Güte haben, auch dem Kaiser Napoleon gegenüber von Ihrer Regierung geltend gemacht worden ist?«

»Ich glaube, Ihnen mittheilen zu können,« erwiderte Lord Loftus, »daß dies geschehen ist, und daß der Kaiser sich vollkommen bereit erklärt hat, seine kriegsbereiten Streitkräfte nach derselben Verhältnißzahl zu reduciren, welche von Ihnen angenommen werden möchte.«

Ein feines, fast unmerkliches Lächeln flog über das Gesicht des Grafen Bismarck.

»Es würde dann immer die Frage sein,« sagte er in leichtem Ton, »wer denn mit der Abrüstung anzufangen hätte – und wer dieselbe controliren könnte, Fragen, an denen oft schon ähnliche Verhandlungen gescheitert sind, – doch,« fuhr er dann mit ernstem und nachdrucksvollem Ton fort, »ich will diese Frage nicht aufwerfen, denn sie würde keine practische Bedeutung haben, da ich Ihnen von vorn herein auf das Bestimmteste erklären muß, daß ich garnicht in der Lage bin, auf eine Negociation in der von Ihnen angedeuteten Weise eingehen zu können, und ich würde es bedauern, wenn ich in die Lage käme, der Regierung Ihrer Majestät auf eine directe Äußerung in jenem Sinne eine bestimmt ablehnende Antwort geben zu müssen.«

»So halten Sie es dennoch für möglich,« fragte Lord Loftus, ein wenig erstaunt über diese so klare und bestimmte Erklärung, »daß aus den Fragen, welche gegenwärtig in Europa vorhanden sind, nach irgend welcher Richtung hin ein ernster Conflict entstehen könnte, der die Erhaltung einer solchen Waffenrüstung für Frankreich und für Preußen nöthig macht?«

»Was Frankreich betrifft,« erwiderte Graf Bismarck, »so habe ich darüber kein Urtheil. Glaubt der Kaiser Napoleon, den innern Verhältnissen gegenüber und mit Rücksicht auf seine sonstigen europäischen Beziehungen seine militairischen Streitkräfte vermindern zu können, so mag er es thun, von unserer Seite hat er am allerwenigsten irgend eine Schwierigkeit oder gar eine Feindseligkeit zu besorgen. Ich würde ihm indessen auf einem solchen Wege nicht folgen können, denn die größere oder geringere Stärke der preußischen Militairmacht beruht nicht in dieser oder jener augenblicklichen diplomatischen Constellation, sie ist eine Grundlage des preußischen Staatslebens und kann ohne einen tiefen Eingriff in dessen wesentlichsten Existenzbedingungen nicht modificirt werden. Ich bin aber von vorn herein überzeugt,« fuhr er fort, »daß der König, mein allergnädigster Herr, jedes Eingehen auf diese Frage, ja jede Erörterung derselben auf das Bestimmteste ablehnen würde und ablehnen müßte. Um eine Verminderung und zwar eine wesentliche Verminderung der disponiblen Streitkräfte zu erreichen, müßte man die ganze Militairorganisation Preußens und des Norddeutschen Bundes ändern. Das ist schon verfassungsmäßig schwierig, ja beinahe unausführbar. Außerdem kommt aber dabei noch ein wesentlicher Gesichtspunkt in Frage, den ich Sie wohl in Betracht zu ziehen bitten muß, die preußische Militairorganisation ist nicht nur eine militairische, sondern zu gleicher Zeit auch eine politische und sociale Organisation. Sie ist eine Art von hoher Schule für alle Klassen der Bevölkerung, eine Schule, in welcher die Jugend des Landes die selbstverleugnende Pflichterfüllung lernt, in welcher sie durchdrungen wird von der Hingebung für den König und für das Land, in welcher der Patriotismus gekräftigt und zu vollem klarem Bewußtsein gebracht wird. Man könnte also die Wehrverfassung nicht modificiren, ohne zu gleicher Zeit der militairischen Kraft und der nationalen Einigkeit großen Schaden zu thun, ohne die Überzeugung des Volkes zu verletzen, welche in der allgemeinen Dienstpflicht und der damit zusammenhängenden Stärke der Armee die beste Bürgschaft für die Sicherheit und Größe Preußens erblickt. Sie müssen begreifen, mein theurer Lord,« fuhr er fort, »daß alle diese Gesichtspunkte es mir unmöglich machen, die Idee der gegenseitigen Entwaffnung weiter zu discutiren; – so lange ich Minister bin, würde ich eine solche Idee dem Könige nicht vorschlagen können, und jede weitere Erörterung des Gegenstandes würde zu gar keinem Resultat führen. Ich glaube, es ist der beste Dienst, den ich Ihnen leisten kann, und der größte Beweis aufrichtigsten Entgegenkommens gegen die Regierung Ihrer Majestät, wenn ich sogleich und ohne Umschweife meine Stellung zu der von Ihnen angeregten Frage offen ausspreche. Ich bitte Sie, das, was ich Ihnen gesagt, als meine unbedingt feststehende Ansicht zu betrachten und auch Ihrer Regierung keinen Zweifel über dieselbe zu lassen.« Lord Loftus verneigte sich und sprach:

»Ich erkenne vollkommen das Gewicht der Gründe an, welche Sie mir angeben und werde dieselben dem auswärtigen Amt zur Kenntniß bringen. Ich bedaure,« fuhr er fort, »daß Ihre Mittheilungen mich von der Unmöglichkeit überzeugt haben, den auf Europa lastenden Zustand ängstlicher Besorgniß durch ein einfaches Mittel zu beseitigen.«

»Ich begreife nicht, mein lieber Lord,« sagte Graf Bismarck, »warum Sie von Kriegsbesorgnissen sprechen? Ich kann Ihnen nur wiederholen, daß ich keine Frage sehe, welche dazu Veranlassung bieten könnte; – wenn einige chauvinistische Blätter in Frankreich nicht aufhören, die Welt von Zeit zu Zeit zu beunruhigen, so kann das doch keinen Einfluß auf die Cabinette der Großmächte haben. Mag sich die Börse hin und wieder darüber erschrecken, wir sollten uns dadurch doch in der That keinen Augenblick aus der Ruhe bringen lassen. Vor Allem,« fuhr er mit volltönender Stimme fort, »können derartige auf keinen concreten Gründen beruhende Besorgnisse niemals der Grund sein, daß eine mit dem Ausbau ihrer innern Angelegenheiten beschäftigte, alle Verträge respectirende und mit aller Welt im Frieden lebende Macht ihre langjährige und bewährte Militairverfassung ändern sollte, eine Militairverfassung, auf welcher die Sicherheit beruht, die friedliche und selbstständige innere Entwickelung nöthigenfalls gegen jede Störung schützen zu können.«

»Apropos, haben Sie Nachricht vom König Georg?« fragte Graf Bismarck, als Lord Loftus sich erhob, um sich zu verschieden. »Man theilt mir mit, daß er diese unglückliche Legion in Frankreich, welche ihm so viel Geld kostet, und welche doch in der That sehr wenig geeignet ist, um Hannover wieder von uns zu erobern, jetzt auseinander schickt. Mir thun die armen Leute leid, welche durch dies ganze abenteuerliche Unternehmen ihrem Vaterlande und ihren Familien entzogen sind.«

»Wenn der König seinen Widerstand aufgiebt,« sagte Lord Loftus, »sollte es dann nicht möglich sein, ihm den Genuß seines Vermögens wieder zu geben, welches ihm entzogen ist? Ich weiß, daß der Herzog von Cambridge als nächster Agnat sehr viel Antheil an dieser Angelegenheit nimmt, und es wäre in der That erwünscht, wenn sie in befriedigender Weise geordnet werden könnte.«

»Niemand wünscht das lebhafter als ich,« rief Graf Bismarck, »wir haben im Interesse der Sicherheit Preußens dem Könige sein Land nehmen müssen, aber sowohl mein allergnädigster Herr wie ich selbst wünschen gewiß auf das Dringendste, daß dem alten, hochberühmten und edlen Welfenhause auch in seiner hannöverschen Linie für die Zukunft eine große und würdige Existenz gesichert bleibe. Aber,« fuhr er fort, »wenn der König einfach seine Legion entläßt, weil er sie nicht bezahlen kann, ohne mit seinen übrigen Agitationen aufzuhören, ohne den Frieden mit uns zu machen, so können wir ihm doch wahrlich nicht die Mittel dazu in die Hände geben. Ich muß bekennen, daß mir diese Legion weniger beachtungswerth erschienen ist, als andere Agitationen des Königs, welche sich der Öffentlichkeit mehr entziehen und für welche ich,« sagte er mit entschiedener Betonung, »niemals die Mittel zur Verfügung stellen kann. Will sich der König in die Notwendigkeit der Verhältnisse fügen, will er mit uns Frieden schließen, so wird er dafür gewiß das bereitere Entgegenkommen finden, und wenn der Herzog von Cambridge sich dafür interessirt, so wird er dem König Georg und dessen ganzem Hause gewiß den besten Dienst leisten, wenn er seinen Einfluß anwendet, um ihn zu einem definitiven und aufrichtigen Frieden zu veranlassen.«

»Ich werde,« sagte Lord Loftus, »wenn sich mir die Gelegenheit bietet, versuchen, in diesem Sinne zu wirken, – ich glaube, daß der Herzog von Cambridge gern die Hand dazu bieten wird, doch ob mit Erfolg, das scheint mir bei dem Charakter des Königs zweifelhaft. Jedenfalls ist meine ganze Thätigkeit in dieser Angelegenheit eine ausschließlich private, hervorgehend aus dem natürlichen Interesse, welches ich für den erlauchten Vetter meiner Königin hege; als Vertreter der englischen Regierung habe ich mit der ganzen Angelegenheit nicht das Geringste zu thun.«

Er erwiderte mit einer etwas steifen Verbeugung den Händedruck des Grafen Bismarck, welcher ihn nach der Thür hin begleitete, und verließ das Cabinet.

In dem großen Vorsaal saß in einem Lehnstuhl die schmächtige, magere Gestalt des Grafen Benedetti mit dem bleichen, fein geschnittenen Gesicht, dessen Züge trotz der listigen Intelligenz, welche in ihnen lag, dennoch niemals einen bestimmten Ausdruck erkennen ließen.

Der Graf erhob sich und begrüßte den englischen Collegen.

»Nun,« sagte er, »haben Sie Ihre Entwaffnungstheorie discutirt, über welche wir gestern sprachen, und von welcher ich überzeugt bin, daß sie in Paris das bereitwilligste Entgegenkommen finden wird?«

»Ich habe darüber gesprochen,« erwiderte Lord Loftus.

»Und?« fragte Benedetti.

»Jede Discussion darüber ist auf das Bestimmteste abgelehnt, man wird das in London sehr bedauern, obgleich die Gründe dafür nicht ohne Berechtigung sind.«

In den kalten klaren Augen Benedetti's erschien ein leichter Schimmer von Befriedigung, er schlug jedoch sogleich den Blick zu Boden und sagte mit ruhigem, fast ausdruckslosem Ton:

»Wenn die Welt sich wegen der militairischen Rüstungen in Frankreich und Deutschland beunruhigt, so wird man nun wenigstens wissen, daß wir es nicht sind, die es verweigern zur Beseitigung dieser Unruhe beizutragen, welche übrigens,« fügte er hinzu, »nach meiner Auffassung ohne Begründung ist.«

Der Kammerdiener des Grafen Bismarck näherte sich dem französischen Botschafter mit der Meldung, daß der Minister-Präsident bereit sei, ihn zu empfangen.

Graf Benedetti verabschiedete sich von Lord Loftus und trat in das Cabinet.

»Nun,« sagte Graf Bismarck, nachdem er ihn mit offener Herzlichkeit begrüßt hatte, »es scheint, daß man in Europa an den Frieden nicht recht glauben will. Man möchte aller Welt die Waffen aus den Händen nehmen und sie in irgend einem großen Arsenal aufbewahren, damit nur ja kein Mißbrauch damit geschieht. Soeben hat mir Lord Loftus wieder von Entwaffnungsideen gesprochen, welche sich ganz wesentlich auf uns beziehen, – ich begreife das in der That nicht,« fuhr er ernster fort, »glaubt man denn, daß zwei große Mächte nur dann im Frieden neben einander leben können, wenn sie Beide nicht die Macht haben, Krieg zu führen? Ich habe nach meiner Ansicht mehr Vertrauen zur Erhaltung des allgemeinen Friedens, wenn alle Mächte stark und kräftig sind, sobald sie nur den aufrichtigen Willen haben, in guten Beziehungen mit einander zu leben. Ich weiß nicht, wie man bei Ihnen über die Möglichkeit einer Reduction der Armee denkt, bei uns ist dies unmöglich, und ich glaube auch, man wird an unsere friedlichen Absichten ohne Einschränkung unserer Armee glauben.«

»Ich theile gewiß vollkommen Ihre Ansicht,« sagte Graf Benedetti, indem er dem Minister-Präsidenten gegenüber vor dem Schreibtisch Platz nahm, »und bin weit entfernt, in einer starken Militairmacht zweier verständig regierten Staaten eine Gefahr für den Frieden zu erblicken. Indeß,« fuhr er fort, »könnte die Idee einer theilweisen Entwaffnung dennoch vielleicht der Beachtung nicht ganz unwürdig sein, wenn man durch eine solche Maßregel der öffentlichen Meinung und den übrigen Mächten neues Vertrauen in die Stabilität der europäischen Ruhe und Ordnung einflößen kann. Von diesem Gesichtspunkt aus ist, wie ich voraussetzen darf, der Kaiser nicht abgeneigt, eine Reduction der militairischen Kräfte in Erwägung zu ziehen, wobei außerdem noch eine wesentliche Erleichterung des Volkes in Betracht kommt, die für die innere Stellung der Regierungen nicht unwesentlich ist.«

»Diese Rücksicht würde bei uns von keiner Bedeutung sein,« sagte Graf Bismarck, »unsere Militair-Verfassung ist mit dem Volke verwachsen, und Niemand im Volk verlangt eine Erleichterung der auf allen Schultern gleich vertheilten militairischen Pflichten.«

Graf Benedetti sah einen Augenblick zu Boden, dann schlug er den Blick mit einer fast naiven Offenheit zu dem preußischen Minister-Präsidenten auf und sprach:

»Ich bin natürlich nicht in der Lage, die inneren Verhältnisse bei Ihnen so eingehend zu beurtheilen, wie Sie dazu im Stande sind, da ich nur als Fremder in dieselben hineinblicke, – aber doch verfolge ich Ihr öffentliches Leben mit vielem Interesse und glaube bemerkt zu haben, daß in den Parteien Ihrer Parlamente die Frage der militairischen Lasten nicht ganz gleichgültig behandelt zu werden scheint. Nach der Zahl der Mannschaften und nach den finanziellen Mitteln ist der Verfassung gemäß der Militairetat auf eine Periode von fünf Jahren festgesetzt, welche im nächsten Jahr zu Ende geht; nach den Stimmen der Presse,« fuhr er fort, »und nach dem, was ich hier und da über die Stimmung der Abgeordneten gehört habe, scheint das Parlament, wenn ihm im nächsten Jahre das Kriegsbudget vorgelegt wird, sehr geneigt zu sein, wesentliche Reductionen zu beschließen, welche gewissermaßen einer theilweisen Entwaffnung gleich kommen würden. Wenn ich mich in der Beurtheilung der hiesigen Verhältnisse nicht täusche,« sprach er weiter, während Graf Bismarck zuhörte und von Zeit zu Zeit die Fingerspitzen an einander schlug, – »so bedürfen Sie, um das richtige Gleichgewicht zwischen der Regierung und dem Parlament zu erhalten, der Übereinstimmung mit allen gemäßigten Nuancen der conservativen und liberalen Parteien. Würde es da nicht vielleicht ein gutes und willkommenes Auskunftsmittel sein, die Rücksichten auf die inneren Verhältnisse und diejenigen auf die auswärtigen Beziehungen zu vereinen durch eine auf diplomatischer Übereinkunft beruhende Armeereduction? Sie würden die europäischen Mächte, England an der Spitze, verpflichten, die öffentliche Meinung beruhigen und vielleicht einer Verlegenheit entgehen, welche immerhin erwachsen könnte, wenn im nächsten Jahr Ihr Parlament erhebliche Reductionen des Militairbudgets beschließen sollte.«

»Diese Verlegenheit,« sagte Graf Bismarck, »kann nicht eintreten, und die Rücksicht, sie zu vermeiden, kann auf meine Beschlüsse keinen Einfluß üben.«

»So glauben Sie,« sagte der Graf Benedetti, »der Zustimmung der Parlamentsmajorität für das Militairbudget auch im nächsten Jahr vollkommen sicher zu sein? Sie verzeihen,« fügte er hinzu, »daß ich über Ihre inneren Angelegenheiten mit Ihnen spreche; aber Sie wissen, wie sehr ich mich für dieselben interessire, und Sie haben mir früher schon öfter erlaubt, mich durch die Unterhaltung mit Ihnen über diese Verhältnisse zu belehren.«

»Unsere inneren Angelegenheiten,« erwiderte Graf Bismarck, artig den Kopf neigend, »liegen ja offen da, und es ist mir immer erfreulich und kann nur zu immer größerer Klärung meiner eigenen Anschauung dienen, mich mit Ihnen über dieselben zu unterhalten. Sie fragten also,« fuhr er fort, »ob ich der Zustimmung des Parlaments zum bisherigen Militairbudget im nächsten Jahre sicher sei? Darauf kann ich Ihnen nur antworten: das weiß ich nicht, denn parlamentarische Majoritäten sind Dinge, die sich nicht vorher berechnen lassen; doch mag dem sein, wie ihm wolle, eine Verlegenheit, wie Sie dieselbe vorher andeuteten, kann für mich nach dieser Richtung hin niemals entstehen. Wenn Sie unsere Verfassung genau studirt haben,« sagte er mit einer kaum vernehmbaren Nuance von Ironie in seiner Stimme, »wie ich nach Ihren Bemerkungen voraussetze, so werden Sie gesehen haben, daß der Artikel 60 – nach der Festsetzung der Friedensstärke in der Armee bis zum 31. December 1871 – weiter bestimmt, daß für die Zukunft die Effectivstärke durch die Bundesgesetzgebung bestimmt werden soll. Wenn also, was ich nicht voraussetzen will, aber auch ebenso wenig für unmöglich erklären kann, der Norddeutsche Reichstag im nächsten Jahre das von den verbündeten Regierungen vorgelegte Militairbudget nicht annimmt, so ist eben ein neues Gesetz nicht zu Stande gekommen, und selbstverständlich gilt dann das bisher bestandene Gesetz so lange, bis früher oder später über das an seine Stelle zu setzende zwischen den Volksvertretern und den Regierungen eine Verständigung erzielt ist. Sie sehen also, daß ich um mein Militairbudget nicht in Verlegenheit kommen kann, und daß, wenn Diejenigen,« fügte er mit scharfer Betonung hinzu, indem seine Gesichtszüge plötzlich einen sehr ernsten, fast strengen Ausdruck annahmen, »welche sich außerhalb Deutschlands vielleicht veranlaßt finden möchten, eine Verminderung der Waffenmacht zu wünschen, die zur Vertheidigung Preußens und des Norddeutschen Bundes nöthig ist, sich auf gewisse parlamentarische Abneigungen gegen die Bewilligung des Militairetats glauben stützen zu können, – daß sie in solchen Voraussetzungen ihre Rechnung – ohne die Bundesverfassung und ohne mich gemacht haben.«

Graf Benedetti verneigte sich.

»Es ist mir erfreulich,« sprach er, »Ihre Ansichten so bestimmt und klar ausgesprochen zu hören. Der ganze Gegenstand,« fuhr er mit leichtem Ton fort, »ist ja eigentlich keine Frage zwischen uns, Frankreich und Preußen können ihre gegenseitige Stärke ohne jedes Mißtrauen ansehen, es wäre nur ein Entgegenkommen gewesen, welches wir gemeinsam den übrigen Mächten hätten zeigen können –«

»Welche aber ihrerseits,« fiel Graf Bismarck ein, »ebenfalls fortfahren, unausgesetzt zu rüsten und zwar in weit größerem Maßstabe, als wir, wie ein Blick auf Österreich und auf Italien zeigt. Ich glaube, es ist besser, ein für alle Mal diese ganze Frage der Rüstungen unerörtert zu lassen und den Frieden wesentlich auf den guten Glauben und das Vertrauen zu stützen, welches die Regierungen einander entgegentragen. Sie können mir,« fuhr er fort, »wahrlich den Vorwurf nicht machen, daß ich es an solchem Vertrauen fehlen lasse, und daß ich, wenn irgend Etwas vorkommt, was die guten Beziehungen nach irgend einer oder der anderen Richtung zu verwirren im Stande wäre, nicht sogleich durch offenes Aussprechen die Gelegenheit zur Aufklärung und zur Beseitigung der Mißverständnisse gebe.«

Ein leichter Ausdruck verschärfter Aufmerksamkeit wurde in dem Blick des Botschafters bemerkbar.

»Ich freue mich,« sagte er, »daß diese Beziehungen gegenseitiger Offenheit und Aufrichtigkeit zwischen uns bestehen. Gerade dadurch ist es ja so oft schon möglich gewesen, manche Wolke zu zerstreuen, welche die so guten und befriedigenden Verhältnisse zwischen beiden Regierungen hätte trüben können. Gegenwärtig,« sagte er mit leichtem Lächeln, »sind ja solche Wolken nach keiner Richtung hin vorhanden und –«

»Ganz verschwinden sie niemals,« fiel Graf Bismarck ein, »denn immer und immer wieder kommen von der einen oder der andern Seite her Mittheilungen, welche bei ängstlichen und mißtrauischen Naturen, zu denen ich nicht gehöre,« sagte er sich verneigend, »Bedenken und Sorgen hervorrufen könnten.«

Benedetti blickte ihn erstaunt und fragend an.

»Schon vor längerer Zeit,« sagte Graf Bismarck in ruhigem und fast gleichgültigem Ton, »habe ich Ihnen mitgetheilt, Herr von Usedom hätte uns verschiedene Umstände mitgetheilt, welche fast glauben lassen mußten, daß geheime Unterhandlungen zwischen Frankreich und Italien, bei welchen auch Österreich betheiligt sei, stattfänden.«

»Ich habe damals Gelegenheit genommen,« sagte Graf Benedetti schnell, »in Paris Erkundigungen einzuziehen und Ihnen die Versicherung gegeben, daß die Quelle, aus welcher Herr von Usedom jene Mittheilungen geschöpft hat, eine nicht zuverlässige gewesen sein müsse –«

»Herr von Usedom hat seine Quelle nicht angegeben,« fiel Graf Bismarck ein.

»Jedenfalls,« sagte Graf Benedetti, »war er unrichtig berichtet oder durch den Schein getäuscht und zu falschen Schlüssen veranlaßt worden.«

»Es sind nun,« sprach Graf Bismarck weiter, »in neuester Zeit wiederholt Winke an mich gekommen, daß abermals eine sehr lebhafte Negociation zwischen den Höfen von Paris, Wien und Florenz stattfindet, welche eine Coalition herzustellen bezweckt, die doch offenbar gegen uns keine allzu freundlichen Absichten haben könnte. Ich meinerseits,« fuhr er fort, indem er Benedetti starr ansah und seine große Papierscheere mit der Hand rasch hin und her bewegte, »lege keinen besonderen Werth auf derartige Winke, wenn sie nicht den Nachweis bestimmter und unleugbarer Thatsachen enthalten, vielleicht auch deshalb,« sagte er mit Betonung, »weil ich eine Coalition niemals fürchten würde, welche sich der nationalen Entwicklung Deutschlands entgegenzustellen die Absicht hätte.«

»Ich werde sogleich,« sagte Benedetti eifrig, »nach Paris schreiben und mir bestimmte Aufklärung über diese Frage erbitten. Ich bin aber im Voraus fest überzeugt, daß die Gerüchte, welche zu Ihnen gedrungen sind, jetzt ebenso wenig wie damals Begründung haben, denn ich kenne zu genau den dringenden Wunsch des Kaisers, den europäischen Frieden zu erhalten und ganz besonders die so freundlichen Beziehungen mit dem Könige Wilhelm und seiner Regierung zu pflegen.«

»Ich habe Sie nicht darüber interpelliren wollen, mein lieber Botschafter,« sagte Graf Bismarck, »ich kam auf die Sache nur durch unser Gespräch und durch die Äußerungen, welche Lord Loftus mir vorher gemacht hat. Denn wenn,« fuhr er fort, »ähnliche Winke, wie sie an mich gekommen sind, auch nach London gelangt sein sollten, und wenn man mit solchen Winken die ganz besondere Thätigkeit in Verbindung bringt, welche in Ihrem Militair-Departement herrscht, so würde in dieser Ideenassociation vielleicht ein Grund zu finden sein, warum man von England aus so dringend wünscht, neue und concrete Garantieen für die Erhaltung des europäischen Friedens zu gewinnen. Nur sucht man diese Garantieen an falscher Stelle; doch,« fuhr er abbrechend fort, »ich glaube, wir haben unsere Ideen über den Gegenstand ausgetauscht und stimmen nunmehr im Wesentlichen über denselben überein. Besser als durch die Entwaffnung wird der Friede jedenfalls gesichert sein, wenn alle Veranlassungen vermieden werden, welche zur Entstehung solcher Gerüchte beitragen können, wie ich sie mir so eben zu erwähnen erlaubte.«

»Ganz gewiß,« sagte Benedetti. »Es ist merkwürdig,« fuhr er dann fort, »wie von Zeit zu Zeit immer wieder Fragen auftauchen, welche die glatte und ruhige Oberfläche der europäischen Politik kräuseln. Sie erwähnten so eben der Gerüchte über geheime Verhandlungen zwischen Wien, Florenz und Paris; da wir einmal damit das Gebiet der Hypothesen berührt haben, so darf ich vielleicht meinerseits bemerken, daß, wie man mir aus Paris ganz vertraulich schreibt, dort wieder einzelne Andeutungen vernommen worden sind über einen Plan, den Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron zu bringen, einen Plan, über welchen wir ebenfalls früher bereits gesprochen haben und welcher; wenn er wirklich bestehen sollte, ebenfalls geeignet wäre, eine gewisse Beunruhigung hervorzurufen.«

Graf Bismarck sah den Botschafter groß und erstaunt an.

»Ich habe neuerdings,« sagte er, »Nichts wieder von dieser Idee gehört, welche mir, wie ich Ihnen bereits früher bemerkt habe, im Ganzen ein wenig abenteuerlich zu sein schien. Ich habe heute noch wie damals die Ansicht, daß die Regierung des Prinzen Leopold in Spanien nur von sehr kurzer Dauer sein würde und daß sie ihn großen Gefahren und Täuschungen aussetzen müßte. Ich bin fest überzeugt, daß der König, wenn die Sache jemals an ihn herantreten sollte, dem Prinzen gewiß nicht den Rath geben würde, den spanischen Thron anzunehmen, auch wenn die Cortes dort ihm denselben antragen sollten. Ich weiß auch, daß der Vater des Prinzen, der Fürst Anton vollkommen diese Ansicht theilt. Er weiß,« fügte er lächelnd hinzu, »durch die Erfahrung, die er mit dem Fürsten Karl von Rumänien gemacht hat, daß die Souverainetät zuweilen theuer werden kann.«

»Der Prinz Leopold,« sagte Benedetti in gleichgültig hingeworfenem Ton, indem ein schneller forschender Blick den Grafen Bismarck traf, »würde ja auch übrigens, selbst wenn ein Beschluß der Cortes ihm die spanische Krone anbieten sollte, dieselbe niemals ohne Zustimmung und Erlaubniß des Königs annehmen können, da der König als Chef des Hauses bei den Entschlüssen des Prinzen die letzte Entscheidung hat.«

»Das ist nicht der Fall,« sagte Graf Bismarck, »der Prinz würde in letzter Linie in seinen Entschlüssen doch nur von seinem Vater abhängen, und der König würde sich gewiß enthalten, einen bestimmenden Einfluß ausüben zu wollen, – ganz gewiß aber wird er, wie ich wiederholen muß, nach meiner Überzeugung dem Prinzen nicht den Rath geben, ein so gefährliches und unsicheres Abenteuer zu wagen. Ich glaube übrigens kaum,« fuhr er fort, »daß man so bald zur Wahl eines Königs in Spanien gelangen wird; die Personen, welche dort gegenwärtig die Macht in Händen halten, – vielleicht Prim noch mehr als Serrano – werden kaum wünschen, durch die definitive Wahl eines Königs dem gegenwärtigen Zustand, bei welchem sie die Herren des Landes sind, ein Ende zu machen. Die ganze Sache hat nach meiner Überzeugung gar keine practische Bedeutung. Man hat ja früher schon,« fuhr er im leichten, gleichgültigen Ton fort, »den Namen des Prinzen Friedrich Karl mit der spanischen Krone in Verbindung gebracht, vielleicht wäre dieser Prinz, der ein so tapferer Officier und ein so energischer Charakter ist, noch eher im Stande dieses Abenteuer zu bestehen, als es vielleicht der Prinz Leopold sein möchte. Aber alle diese Dinge sind ja Conjecturen und scheinen mir so recht keinen eigentlichen Bestand zu haben.«

»Ich habe den ganzen Gegenstand auch nur erwähnt,« sagte Benedetti, »weil wir einmal auf das Gebiet politischer Conjecturen gekommen waren, zu denen auch die vorhin von Ihnen erwähnte österreichisch-italienische Negociation gehört.«

Graf Bismarck sah den Botschafter scharf und durchdringend an, dann neigte er mit höflicher Zustimmung den Kopf.

»Ich freue mich also von Neuem constatiren zu können,« sagte Benedetti, indem er aufstand, »daß in unsern internationalen Beziehungen kein Punkt existirt, welcher zu Unruhe oder Besorgniß Veranlassung geben könnte, und man wird sich,« fügte er lächelnd hinzu, »in London wohl überzeugen, daß auch ohne Entwaffnung zwei große Mächte in Frieden und Freundschaft neben einander leben können.«

»Das bewaffnete Deutschland,« sagte Graf Bismarck, indem er Benedetti einige Schritte zur Thür geleitete, »ist wenigstens für Niemand eine Drohung – als für Diejenigen, welche sich seiner naturgemäßen freien und nationalen Kraftentwickelung etwa entgegenstellen möchten.«

Benedetti verneigte sich, drückte die dargebotene Hand des Minister-Präsidenten und ging hinaus.

Graf Bismarck schritt einige Male langsam im Zimmer auf und nieder.

»Es ist etwas im Werk,« sagte er, – »dieser englische Entwaffnungsvorschlag beweist, daß man in London der Ruhe nicht traut, man muß dort irgend welche Winke haben, welche Besorgnisse einflößen, und diese erneuete Erwähnung der Candidatur des Prinzen Leopold, einer Sache, die ich längst vergessen habe und deren flüchtigem und vorübergehendem Auftauchen im vorigen Jahre ich niemals eine ernste Bedeutung beilegen mochte – diese Mittheilungen über die geheime Negociation mit Italien und Österreich, welche nicht ganz aus der Luft gegriffen sein können, – es scheint, daß da wieder irgend einer jener verborgenen Schachzüge im Werke ist, denen ich mich seit 1866 unausgesetzt gegenüber befinde. Nun,« sagte er, die Brust weit ausdehnend, »mögen sie ihre geheimen Combinationen machen, sie werden diesmal ebenso wenig zu einer ernsten Gefahr führen, als bisher. In Italien wird man sich wohl nicht so leicht entschließen, die einzige Stütze aufzugeben, welche man in Europa findet. Auch der gute Kaiser Napoleon, der immer älter wird, möchte mit jedem Jahre immer weniger geneigt sein, sich den gefährlichen Chancen eines Krieges auszusetzen, den wir, wenn er einmal entbrannt ist,« fügte er mit dem Ausdruck eiserner Entschlossenheit hinzu, »bis auf's Messer würden führen müssen. Freilich,« sagte er dann nachsinnend, »je schwächer und willenloser er wird, um so leichter möchte es vielleicht der kriegerischen Coterie werden, ihn in eine unüberlegte Unternehmung hineinzuziehen. Die Schwäche des Alters könnte bei ihm zu demselben Resultat führen, das bei Andern durch die Verwegenheit der Jugend hervorgebracht wird. Nun,« sagte er mit ruhigem Ton, »ich arbeite mit aller Macht daran, den Frieden zu erhalten – wenn es aber nicht möglich sein sollte – wir sind gerüstet und können jeder Eventualität mit dem ruhigen Bewußtsein entgegensehen, daß wir gethan haben, was an uns ist, um allen Gefahren zu begegnen. Leider, leider,« sagte er nach einer Pause, »kann ich noch immer nicht dahin kommen, klar und genau zu übersehen, was unter dieser glatten Oberfläche der französischen Politik in den Tiefen gebraut und vorbereitet wird, – wie traurig, daß man nicht überall selbst sein kann und daß man gezwungen ist, durch fremde Augen zu sehen und mit fremden Ohren zu hören.«

Der Kammerdiener trat ein und überreichte dem Grafen ein Billet.

»Ein Herr wünscht Eurer Excellenz dringend angemeldet zu werden, er behauptet, daß Eure Excellenz ihn anhören würden, wenn Sie seinen Brief gelesen, und hat darauf bestanden, denselben sofort zu überreichen.«

Graf Bismarck öffnete schnell das Billet. Voller Erstaunen las er die wenigen Zeilen, welche es enthielt. Dann spielte ein eigentümliches Lächeln um seine Lippen und er sagte:

»Führen Sie den Herrn herein.«

»Herr Salazar-y-Mazarredo, Deputierter in den Cortes,« sprach er halblaut zu sich selbst, nachdem der Kammerdiener wieder hinausgegangen war, »hat mir einen Brief des Marschall Prim zu übergeben? Der Name ist mir vollkommen unbekannt, – es muß eine ganz besondere Angelegenheit sein, daß der Marschall sich direct an mich ohne Vermittlung der spanischen Gesandtschaft wendet.« –

Die Thür öffnete sich Graf Bismarck trat mit artiger Höflichkeit, aber in gemessener, kalter Haltung einem noch jungen, eleganten Mann entgegen, dessen regelmäßiges Gesicht mit dunklem, schwarzem Haar und schwarzen lebhaften Augen den Typus der Südländer trug.

Der Eintretende verneigte sich tief vor dem Minister und zog einen versiegelten Brief aus der Tasche seines Fracks.

»Der Marschall Prim,« sagte er in französischer Sprache, »hat mir den ehrenvollen Auftrag ertheilt, Eurer Excellenz dies Schreiben zu überreichen.«

Graf Bismarck nahm den Brief, welchen der junge Mann ihm darbot, ließ einen flüchtigen Blick über das Siegel und die Aufschrift gleiten und deutete dann mit der Hand auf den Sessel vor seinem Schreibtisch.

»Sie erlauben,« sagte er, indem er sich niederließ, – er öffnete das Siegel und las langsam das Schreiben, doch ohne daß in seinem Gesicht eine Spur des Eindrucks bemerkbar wurde, den der Inhalt auf ihn machte. Als er zu Ende gelesen, faltete er den Brief wieder zusammen und sah einen Augenblick den ihm gegenüber sitzenden jungen Mann scharf an.

»Ist Ihnen der Inhalt des Schreibens des Marschalls bekannt, mein Herr?« fragte er.

»Der Marschall hat die Güte gehabt, mir denselben mitzutheilen,« erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo. »Er hat geglaubt, in dieser delicaten Angelegenheit sich zunächst ganz persönlich an Eure Excellenz wenden zu müssen, um Ihre ebenfalls persönliche Ansicht zu hören, bevor in der Sache officielle Schritte geschehen. Der Marschall ist überzeugt,« fuhr er fort, während Graf Bismarck ruhig und unbeweglich zuhörte, »daß der Abschluß der Revolution, in welcher sich Spanien gegenwärtig befindet, nur durch die Wiederherstellung der Monarchie möglich ist und zwar unter einem Könige, welcher durch jugendliche Kraft und Intelligenz die Schwierigkeiten der Lage zu überwinden im Stande ist und welcher zugleich durch seine persönliche Stellung die Achtung und Sympathie des spanischen Volkes gewinnen kann, ohne mit irgend einer der im Lande bestehenden und mit den verschiedenen Prätendenten zusammenhängenden Partheien in irgend welcher Verbindung zu stehen. Der Marschall hat geglaubt, einen solchen Fürsten, der alle diese Eigenschaften in sich vereinigt, in der Person des Erbprinzen von Hohenzollern zu finden und würde diese Combination um so lieber zur Ausführung gebracht sehen, als dadurch die hohe Achtung, welche er für Deutschland, für den König Wilhelm und Eure Excellenz hegt, ebenso wie der Wunsch mit Preußen und Deutschland in freundschaftlichen Beziehungen zu stehen, thatsächlichen Ausdruck fände. Der Marschall glaubt, daß es leicht sein würde, die Cortes zur Wahl des Prinzen Leopold zu bestimmen. Doch wünscht er nicht eher einen Schritt dazu zu thun, bevor er nicht die Überzeugung gewonnen hat, daß Eure Excellenz diesen Plan billigen und daß der König demselben seine Zustimmung geben würde.«

Graf Bismarck blickte einen Augenblick schweigend vor sich hin.

»Es ist eine eigenthümliche Frage, welche Sie da an mich richten, mein Herr,« sagte er dann. »Ich erkenne dankbar die Gesinnungen des Marschalls gegen Deutschland und gegen mich an, welche ihn zu dieser Frage veranlassen, jedoch muß ich aufrichtig gestehen, daß ich um die Antwort etwas verlegen bin. Es kann ja nur ehrenvoll für meine Nation sein, wenn das spanische Volk einem deutschen Fürsten vertrauungsvoll die Leitung seiner Geschicke in die Hand legen wollte, indeß wird es mir sehr schwer, darüber namentlich in dem gegenwärtigen Stadium der Sache irgend eine bestimmte Meinung auszusprechen. Zunächst würde doch der Entschluß und die Neigung des Prinzen Leopold in erster Linie maßgebend sein. So schmeichelhaft nun auch für diesen Prinzen ein solcher Auftrag sein muß, so werden Sie mir doch auch zugeben, daß er durch ein Eingehen auf denselben, falls er wirklich gestellt werden sollte, eine ungeheuere Verantwortlichkeit auf sich ladet und sich möglicher Weise großen Gefahren und Schwierigkeiten aussetzt. Ob er das wagen will, ist seine Sache, und es würde unter Umständen darüber von Ihnen mit dem Prinzen direct verhandelt werden müssen.«

»Der Marschall wünscht aber auch zu gleicher Zeit Eurer Excellenz und des Königs Ansicht darüber zu wissen.«

»Was zunächst die meinige betrifft, so muß ich Ihnen aufrichtig sagen, daß ich der in Rede stehenden Combination eine politische Bedeutung kaum beizulegen vermag. Der Prinz Leopold ist ein ritterlicher, ehrenhafter Charakter – würde er je in die Lage kommen, die ihm angebotene Krone Spaniens anzunehmen, so bin ich fest überzeugt, daß er von dem Augenblick an sich mit allen Interessen der spanischen Nation identificiren und daß es sein aufrichtiges Bestreben sein würde, ganz und gar Spanier zu werden. Die Wahl des Prinzen würde kaum auf die Beziehungen zwischen Spanien und Deutschland, – von denen ich ebenso wie der Marschall wünsche, daß sie stets die freundschaftlichsten und besten bleiben mögen – irgend welchen Einfluß üben können. Ich würde also auch kaum in der Lage mich befinden, als preußischer Minister dem Prinzen irgend einen Rath nach der einen oder der andern Seite zu geben –

Wenn ich nun schon,« fuhr er fort, »mir eine absolute Zurückhaltung auflegen zu müssen glaube, so scheint es mir, daß Seine Majestät der König, mein allergnädigster Herr, noch mehr einer jeden Einwirkung auf die Entschlüsse des Prinzen sich zu enthalten Veranlassung hat. Seine Majestät ist allerdings der oberste Chef des Gesammthauses Hohenzollern, indeß ist Prinz Leopold nicht preußischer Prinz und mit der königlichen Familie nicht verwandt, in rein persönlichen Angelegenheiten würde also der König zunächst dem Prinzen und dessen Vater die völlig freie Entscheidung überlassen müssen. Wenn Seine Majestät daher eintretenden Falles keine Veranlassung haben würde, etwaigen Neigungen des Prinzen zur Annahme der ihm anzubietenden spanischen Krone entgegen zu treten, so kann Seine Majestät doch noch viel weniger ihm irgendwie den Rath ertheilen, ein so verantwortungs- und gefahrvolles Unternehmen zu versuchen. Ich finde mich daher nicht im Stande, im gegenwärtigen Augenblicke meinerseits die Sache dem Könige vorzulegen, – würde dieselbe eine festere Gestalt annehmen und an den Prinzen durch eine spanische Autorität herantreten, so würde es immer die Sache des Prinzen selbst und seines Vaters sein, ihre Entschlüsse Seiner Majestät zu unterbreiten und des Königs Meinung darüber einzuholen.«

»Eure Excellenz,« sagte Herr Salazar-y-Mazarredo, der durch die ruhige und bestimmte Erklärung des Grafen Bismarck ein wenig niedergedrückt zu sein schien, »würden also der Idee des Marschalls persönlich Nichts entgegen zu setzen haben?«

»Wie könnte ich das!« erwiderte Graf Bismarck, – »es kann ja nur, wie ich wiederhole, ehrenvoll für Deutschland und für das Haus Hohenzollern sein, wenn die spanische Nation einen Prinzen dieses Hauses zu ihrem König erwählt. Politische Gründe dagegen,« fuhr er fort, »kann ich als preußischer Minister ebenso wenig haben, als ich, wie ich ebenfalls bestimmt wiederholen muß, mich irgend wie dafür auszusprechen im Stande bin. Doch bin ich,« fuhr er fort, »dem Marschall sehr dankbar für das persönliche Vertrauen, welches er mir durch die Mittheilung seiner Idee zu beweisen die Güte gehabt hat.«

Er schwieg. Der spanische Deputirte schien das Gespräch nicht für beendet ansehen zu wollen.

»Würden Eure Excellenz die Güte haben,« sprach er, »Ihre Ansicht über die Sache – Ihre persönliche Ansicht dem Marschall in Beantwortung seines Schreibens mitzutheilen?«

Graf Bismarck spielte einige Augenblicke nachdenklich mit dem Brief, der vor ihm auf dem Tische lag.

»Ich glaube,« sagte er, »daß ich mich deutlich und klar ausgesprochen habe, und Sie werden gewiß die Güte haben, dem Marschall meine Worte zu wiederholen.«

»Ich glaube, Eurer Excellenz Erklärung genau und richtig aufgefaßt zu haben,« erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo, »doch bin ich überzeugt, daß der Marschall besonderen Werth darauf legen würde, meine Mittheilungen durch ein Antwortschreiben von Eurer Excellenz selbst bestätigt zu sehen.«

Abermals dachte Graf Bismarck einige Augenblicke nach.

»Sie werden begreifen,« sagte er, »daß eine gewisse Schwierigkeit für mich darin liegt, mich über eine Angelegenheit, welche, wie ich zu bemerken mir erlaubte, nach meiner Auffassung mit der Politik Preußens und Deutschlands Nichts zu thun hat, in einer Weise auszusprechen, welcher bei meiner Stellung doch immerhin eine Art von offizieller Bedeutung beigelegt werden könnte. Jedenfalls müßte ich die Sache nach allen Richtungen hin noch sehr reiflich überlegen, bevor ich den Brief des Marschalls beantworten könnte, und ich muß gestehen, daß ich dringend wünsche, der ganzen Sache so lange vollkommen fern zu bleiben, bis dieselbe etwa eine klar faßbare Gestalt annimmt und auf direct officiellem Wege an mich gelangt. Ich möchte unter diesen Umständen,« fügte er artig hinzu, »Sie nicht zu einem längeren Aufenthalt in Berlin veranlassen und den Marschall bitten, mir zu einer eingehenden Überlegung Zeit zu lassen. Ich bin überzeugt, daß der Marschall die Gründe vollkommen verstehen und billigen wird, welche mich bestimmen müssen, meine Antwort noch zurückzuhalten, um so mehr, da bei den Beziehungen persönlichen Vertrauens, in denen Sie, mein Herr, jedenfalls zu ihm stehen, Ihre Mittheilungen ja vollständig die Stelle einer direkten Antwort ersetzen werden.«

Er verneigte sich mit einer Miene, welche bestimmt andeutete, daß die Unterredung zu Ende sei.

Herr Salazar-y-Mazarredo erhob sich, indem auf seinen Zügen eine sichtbare Enttäuschung bemerkbar wurde.

»Ich bitte Sie nochmals,« sagte Graf Bismarck, »dem Marschall den Ausdruck meiner Dankbarkeit für sein Vertrauen und die Versicherungen meiner aufrichtigen Hochachtung und Ergebenheit zu überbringen. Ich habe mich herzlich gefreut,« fügte er mit verbindlicher Artigkeit hinzu, »bei dieser Gelegenheit Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.«

»Eure Excellenz werden Nichts dagegen haben,« sagte Herr Salazar-y-Mazarredo, »daß ich Schritte thue, um mich über die persönlichen Ansichten des Prinzen Leopold zu unterrichten.«

»Da der persönliche Entschluß des Prinzen, wie ich schon bemerkt habe, in erster Linie in Betracht kommt,« sagte Graf Bismarck kalt und ruhig, »so scheint es mir in der Natur der Sache zu liegen, daß Sie nach dieser Richtung hin sich informiren. Übrigens,« fügte er hinzu, »wird es ganz und gar, wie mir scheint, Ihre Aufgabe sein, die Aufträge auszuführen, welche der Marschall Ihnen gewiß auch in dieser Beziehung ertheilt hat.«

Herr Salazar-y-Mazarredo verließ mit tiefer Verbeugung das Cabinet.

»Es ist also doch Etwas im Gange,« sagte Graf Bismarck, indem er sich wieder vor seinen Schreibtisch setzte, – »aber was kann dieser Sache zu Grunde liegen – warum diese einseitige und vertrauliche Anfrage des Marschall Prim? Fast scheint es, als sollte da Etwas hinter dem Rücken von Serrano und der übrigen Regierung gemacht werden, Prim würde bei seinen besonderen Beziehungen zum Kaiser Napoleon kaum eine solche Sache einfädeln, wenn er nicht glaubte, demselben dadurch angenehm zu werden, – der Prinz von Hohenzollern ist mit dem Kaiser verwandt,« sagte er nachsinnend mit leiser Stimme – »die Candidatur des Herzogs von Montpensier muß dem Kaiser tief verhaßt sein, – sie könnte ihm unter Umständen gefährlich werden; – sollte die erneuete Anregung dieser Combination damit zusammenhängen?

»Nun,« – rief er nach längerem, schweigendem Nachdenken, – »einmal muß die große Krisis dieser langsam schleichenden Krankheitszustände doch ausbrechen, – und wenn ich sie mit noch so großer Mühe und Vorsicht fortwährend wieder zu beschwören versuche! – Vielleicht wäre es ein Glück, wenn die Entscheidung bald käme,« – sagte er ernst, – »wenn sie käme, so lange ich noch in voller Kraft an der Spitze der Geschäfte stehe, – denn wenn in dieser Krisis mit halben Entschlüssen und mit halben Mitteln operirt wird, – dann muß die Zukunft Deutschlands auf lange hinaus, vielleicht auf immer verloren sein. – Ich,« rief er flammenden Blickes, indem eine eiserne Energie aus seinen Zügen leuchtete – »ich würde nicht zurückweichen, ich würde die Aufgabe erfassen mit der vollen Kraft, deren sie bedarf, – und – ich fühle es, – ich würde siegen!

»O,« sagte er dann schmerzlich, »warum ist die Zukunft unserem Blick verborgen, – warum können wir nicht eine Ecke jenes undurchdringlichen Schleiers lüften, der das Morgen vor unsern Blicken verbirgt?

»Wie viele ringende und kämpfende Geister,« sagte er leise, die gefalteten Hände leise vor sich auf den Tisch stützend, »haben vor mir diese brennende Frage an die Vorsehung gerichtet, – wie viele werden sie nach mir aussprechen, um dieselbe Antwort zu erhalten – das ewige Schweigen!

»Und doch,« sprach er, den ruhigen klaren Blick aufschlagend, mit einem weichen Lächeln, das seinen festen strengen Zügen einen eigenthümlichen Ausdruck gab, dessen man dieses eherne Gesicht kaum für fähig gehalten hätte, »doch giebt es eine Antwort, die durch lange Jahrhunderte so vielen zweifelnden und bangenden Herzen Frieden, Muth und Zuversicht gebracht hat – einfach, groß und erhaben wie Der, dessen Lippen sie zuerst sich entrang – Herr, nicht mein sondern Dein Wille geschehe!«

Er neigte einen Augenblick das mächtige Haupt auf die Brust, dann erhob er sich, immer mit dem Ausdruck lächelnder Ruhe und Klarheit auf seinen Zügen, nahm seinen Hut, stieg in den großen Garten des auswärtigen Amtes hinab und ging mit großen Schritten unter den hohen noch winterlich kahlen Bäumen in tiefen Gedanken und oft leise Worte vor sich hinsprechend auf und nieder.

Drittes Capitel.

In einem großen Zimmer des Hotels zur Sonne in St. Dizier waren dreißig bis vierzig von den hannöverschen Emigranten versammelt, theils ganz junge Männer, theils ältere Leute, deren Mienen und Haltung man die gedienten Militairs ansah. Sie Alle standen in Reihen an der einen Seite des Zimmers und blickten ernst und finster nach dem Tisch hin, an welchem der Major von Adelebsen, der Ordonnanzofficier des Königs Georg, saß und auf welchem Actenpackete und eine Anzahl von Bankbillets und Goldrollen lagen.

Neben dem Major von Adelebsen saß der frühere Lieutenant de Pottere, ein junger Mann mit dichtem, sorgfältig frisirtem Haar, welches tief in die auffallend niedrige Stirn herabreichte, mit großen, etwas starr blickenden Augen und einem starken blonden Schnurrbart auf der Oberlippe des Mundes, um welchen ein gleichgültig stereotypes Lächeln spielte.

Der Lieutenant de Pottere hatte eine Namensliste der Emigranten vor sich und hielt eine Feder in der Hand bereit, die Proceduren des Majors von Adelebsen zu protocolliren.

»Unterofficier Rühlberg!« rief Herr von Adelebsen, indem er den etwas unsicheren Blick seines Auges über die Emigranten hingleiten ließ.

In militairischer Haltung trat der Unterofficier an den Tisch heran.

»Ich habe Sie nunmehr aufzufordern,« sagte Herr von Adelebsen, »zur Erklärung darüber, was Sie über Ihre Zukunft beschlossen haben. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie die Ihnen zustehende Pension von Seiner Majestät erhalten können oder aber eine einmalige Abfindungssumme, wenn Sie das vorziehen. Geben Sie mir Ihre Erklärung, wohin Sie nachher zu gehen beabsichtigen.«

»Ich bitte, mich ein für allemal abzufinden, Herr Major,« erwiderte der Unterofficier, »ich will mit einer Anzahl meiner Kameraden nach Algier gehen, um dort unser Glück in einer Colonie zu versuchen.«

»Sie wollen nach Algier gehen?« fragte Herr von Adelebsen ein wenig befremdet, »Sie wissen doch, daß Seine Majestät eine Niederlassung in Algier nicht für zweckmäßig erachten können, und daß Allerhöchstdieselben befohlen haben, den Legionairen von einer Auswanderung nach Algier abzurathen.«

»Zu Befehl, Herr Major,« erwiderte der Unterofficier, »Herr Minister von Münchhausen hat uns das auseinandergesetzt und uns dabei zugleich gerathen, nach Hannover zurückzukehren, und,« fügte er mit einer gewissen Bitterkeit hinzu, »die Strafe, die man uns vielleicht dictiren würde, ruhig abzusitzen. Ich bin ganz überzeugt,« fuhr er fort, »daß Seine Majestät die besten Absichten mit uns hat, und daß Er nach den Berichten, die man ihm erstattet hat, überzeugt ist, daß eine Colonie in Algier uns keinen Vortheil bringen könne. Aber ich muß Ihnen sagen, Herr Major, daß ich durchaus keine Lust habe, nach der Heimath zurückzukehren, um mich dort einsperren zu lassen. Wenn Seine Majestät uns eine Amnestie würde verschaffen können, so wäre es etwas Anderes. Unter diesen Umständen muß ich aber dabei bleiben zu versuchen, meine Zukunft auf meine eigene Kraft zu gründen; und ich bleibe daher bei meiner Erklärung, daß ich nach Algier gehen will und bei meiner Bitte, mir die Abfindungssumme auszuzahlen.«

»Wenn aber doch Seine Majestät,« sagte der Lieutenant de Pottere mit einer etwas näselnden Stimme, »eine solche Colonie nicht für zweckmäßig hält –«

»Der Herr Major,« fiel der Unterofficier ein, »haben uns gesagt, daß wir die völlig freie Entschließung hätten, unsere Zukunft einzurichten, wie wir wollten. Ich habe mir die Sache reiflich überlegt und bleibe dabei, daß ich nach Algier gehen will. Vorzüglich,« fuhr er fort, »möchte ich ein für allemal abgefunden sein, wohin ich mich dann wende, kann und wird ja übrigens Seiner Majestät ganz gleichgültig sein.«

»Es ist Seiner Majestät gewiß nicht gleichgültig,« sagte Herr von Adelebsen mit sanfter Stimme, »wie sich die Zukunft seiner früheren Soldaten gestaltet, und deshalb –«

»Darf ich bitten, Herr Major,« fiel der Unterofficier, sich in strammer Haltung aufrichtend, ein, »meine Erklärung zu Protocoll nehmen zu lassen? Mein Entschluß steht unwiderruflich fest.«

Herr von Adelebsen gab dem Lieutenant de Pottere einen Wink. Dieser schrieb die Erklärung des Unterofficiers nieder und der Major zählte die Abfindungssumme in Banknoten und Zwanzigfrankstücken ab und händigte sie dem Unterofficier ein, der mit vorsichtiger Sorgfalt seinen Namen unter die ihm vorgelegte Quittung setzte und dann zu den Übrigen zurücktrat.

»Dragoner Cappei!« rief Herr von Adelebsen.

Der junge Mann trat heran.

»Ihre Erklärung?« fragte Herr von Adelebsen.

»Ich wünsche, nach Hannover zurück zu gehen,« sagte Cappei.

»Sie sind militairpflichtig gewesen,« sagte Herr von Adelebsen. »Haben Sie es sich überlegt, daß man Sie vielleicht bestrafen und in die preußische Armee einstellen wird? Es läge vielleicht, wenn Sie sich dieser Gefahr nicht aussetzen wollen, in Ihrem Interesse, wie sich viele andere Ihrer Kameraden bereits entschlossen haben, nach Amerika zu gehen –«

»Ich danke, Herr Major,« erwiderte Cappei ruhig, »ich bin entschlossen, zu tragen, was mir in Hannover widerfahren wird, und will in die Heimath und zu meiner Familie zurückkehren.«

Er empfing die ihm zukommende Summe Geldes, der Lieutenant de Pottere protocollirte seine Erklärung und Cappei trat zurück.

Einer nach dem Andern aus der Reihe der Emigranten wurde aufgerufen, Zwei oder Drei erklärten, daß sie nach Amerika gehen wollten, alle Übrigen sprachen den Entschluß aus, mit dem Unterofficier Rühlberg nach Algier auszuwandern.

»Ich muß Sie Alle nochmals darauf aufmerksam machen,« sagte Herr von Adelebsen, »daß, wie ich bereits dem Unterofficier bemerkt habe, Seine Majestät nicht glauben könne, daß Sie in Algier Ihre künftige Wohlfahrt finden. Sie werden dort in einem fremden Lande ohne Hülfsmittel und ohne Unterstützung sein und es vielleicht bereuen, daß Sie sich zu einem solchen Entschluß haben beeinflussen lassen.«

»Niemand hat uns beeinflußt!« riefen Mehrere der Emigranten. »Wir haben selbst schon lange ehe unsere Officiere mit uns über die Colonie gesprochen haben, den Gedanken gefaßt, wenn der König uns nicht mehr erhalten könnte, uns in Algier eine Zukunft zu gründen.«

»Ich muß aber ausdrücklich bemerken,« sagte Herr von Adelebsen, »daß Seine Majestät mir befohlen haben, ganz bestimmt zu erklären, daß Diejenigen, welche nach Algier gehen, niemals auf irgend eine Unterstützung von seiner Seite zu rechnen haben. Bedenken Sie, was es heißt, in einem ganz fremden Lande unter unbekannten Verhältnissen sich eine Existenz zu gründen.«

»Wir werden im fremden Lande,« rief der Unterofficier Rühlberg, einen Schritt vortretend, »immer noch Menschen finden, die uns mit Rath und That beistehen und Gefühl für Leute haben, welche ihrem König im Unglück treu geblieben sind, – wir haben freilich nicht geglaubt, daß es so kommen würde, denn dann würden wir wohl kaum die Heimath verlassen haben, und was die Bemerkung betrifft, die der Herr Major so eben gemacht haben, so können Sie ganz ruhig sein, Niemand von uns wird künftig die Unterstützung der Kasse Seiner Majestät in Anspruch nehmen. Jedenfalls werden wir immer noch besser in Algier daran sein, wo uns wenigstens die französische Regierung freundlich entgegenkommt, als wenn wir über das weite Meer nach Amerika hinzögen, wo wir ohne alle Hülfe sterben und verderben können.«

»In Amerika wären wir freilich weiter fort,« rief eine Stimme aus den Reihen, »und wenn wir Alle dort wären, so wäre man doch sicher, daß Niemand von uns der königlichen Kasse zur Last fällt.«

Der Major warf einen schnellen Blick von unten herauf nach der Gegend, woher diese Stimme erschallt war. Der Lieutenant de Pottere drehte seinen Schnurrbart und sagte:

»Sie müssen ruhig sein und nicht durcheinander sprechen.«

»Ich glaube, wir sind abgefunden,« rief es aus den Reihen, »und haben hier nichts mehr zu thun, gehen wir.«

Und sich kurz umwendend, verließen sie Alle das Zimmer, indem sie den Refrain des alten hannöverschen Soldatenliedes anstimmten:

»Lustige Hannoveraner seien wir.«

Herr von Adelebsen und der Lieutenant de Pottere packten die Papiere und das übrig gebliebene Geld zusammen und zogen sich stillschweigend in ihre Zimmer zurück.

»Nun Cappei,« sagte der Unterofficier Rühlberg zu dem jungen Dragoner, welcher schweigend und gedankenvoll mit den Übrigen die Treppe hinabstieg, »wollt Ihr Euch nicht noch eines Bessern besinnen und mit uns nach Algier gehen. Denkt doch, wie schön es ist, wenn wir Alle zusammen bleiben und unser Dorf nach althannöverscher Manier einrichten, da können wir es doch noch zu Etwas bringen, ein freies und selbstständiges Leben führen und an die alte Heimath zurückdenken, wie sie früher war.«

»Es thut mir leid, Euch zu verlassen,« sagte Cappei, – »aber unsere Sache ist zu Ende, das alte Hannover ist für immer versunken. Was hilft es dem Einzelnen, gegen den Weltlauf anzukämpfen – ich liebe meine Heimath, und die Heimath bleibt ja doch dieselbe, mag nun dieser oder jener König, dieses oder jenes Gesetz herrschen.«

»Nun, geht hin,« sagte der Unterofficier, »Ihr werdet es noch bereuen, aber Verliebten ist keine Vernunft zu predigen. Ihr kommt doch heute Abend noch zu uns, wir wollen noch einmal lustig zusammen sein; in dieser Nacht noch wollen wir nach Marseilles reisen, um uns nach Algier einzuschiffen. Wir haben unsere Empfehlung an den Präfecten dort, und das Comité, welches unsere Officiere in Paris bilden, wird dafür sorgen, daß wir von dort aus gut empfohlen werden. Tüchtige und rechtliche Leute, die arbeiten können, kann man überall brauchen, und wir werden unsern Weg schon machen.«

Die Emigranten zogen über den Marktplatz von St. Dizier, von den ihnen begegnenden Bürgern freundlich begrüßt, nach dem Restaurant hin, in welchem sie sich gewöhnlich zu versammeln pflegten.

Der junge Cappei trennte sich an der Ecke des Marktplatzes von ihnen und schritt langsam dem Hause des Holzhändlers Challier zu. Er ging über den großen Hof und trat durch den Flur in das Wohnzimmer des Hauses, in welchem er so lange als ein freundlich empfangener Gast aus- und eingegangen war, und von welchem er sich nun trennen sollte, um den Kampf mit einer ungewissen Zukunft aufzunehmen.

Der alte Herr Challier saß allein in seinem Lehnstuhl, die so eben ausgegebene Zeitung des kleinen Orts lesend. Er legte bei dem Eintritt des jungen Mannes das Blatt aus der Hand, erhob sich und trat ihm mit herzlichem Gruß entgegen.

»Alles ist abgemacht, Herr Challier,« sagte Cappei in ziemlich reinem, aber im deutschen Accent anklingenden Französisch, »die Legion ist aufgelöst, wir sind Alle frei und können hingehen, wohin wir wollen. Und alle diese Kameraden, die nun drei Jahre lang Freud und Leid mit einander getheilt haben, werden sich wohl schwerlich jemals wieder zusammenfinden.«

»Das ist recht traurig,« sagte der alte Herr Challier, langsam den Kopf schüttelnd. »So ist also die Sache Ihres Königs aufgegeben, – das thut mir aufrichtig leid, denn ich habe immer so viel Sympathie für sein Schicksal und für Sie Alle gehabt; und wir Bürger von St. Dizier nehmen gewiß ganz besondern Antheil an Allem, was den König betrifft, seit er unserer Stadt die Ehre erzeigt hat, der Pathe des Kindes eines unserer Mitbürger zu sein. Ich bin ein alter Bragars,« sagte er, indem seine dunklen Augen in lebhaftem Feuer aufleuchteten, »und ich hätte mich von Herzen gefreut, wenn ich Sie hätte ausziehen sehen können, um für Ihren König und sein Recht zu fechten, – das Schicksal geht seinen eigenen Weg, – es hat nicht sein sollen. Wir verlieren alle liebe Freunde mit ihnen,« fuhr er fort, »und mir wird es in meinem Hause recht leer vorkommen, wenn ich Sie nicht mehr sehe. Haben Sie Ihren Entschluß fest gehalten,« fragte er, »nach Ihrem Vaterlande zurückzukehren? – Ich würde mich kaum dazu entschließen können,« sagte er, »wenn ich mich in Ihre Lage denke, in einem Lande zu leben, in welchem eine fremde Herrschaft alle Erinnerungen an eine ruhmvolle Vergangenheit begraben hat.«

Ernst erwiderte der junge Mann:

»Es liegt fast ein Vorwurf in Ihren Worten für mich, Herr Challier, und doch kann ich nicht anders handeln. – Sie sind Franzose und wenn es möglich wäre, daß Ihr Vaterland ein Schicksal träfe wie das meinige, so würde Ihr Gefühl natürlich sein. Bei mir, da ist es etwas Anderes, Hannover ist ein kleines Land, ein kleiner Theil jenes großen Deutschlands, das ja doch das gemeinsame Vaterland für uns Alle ist. Wir Hannoveraner lieben unsere Eigenart und Selbständigkeit, wir haben mit fester Treue an den Fürsten gehangen, die so lange über uns geherrscht haben. Wir beklagen und empfinden tief den Verlust unserer Selbstständigkeit, aber wir sind doch immer nur ein Glied des Ganzen, – die neue Regierung, welche über uns herrscht, ist ja auch eine deutsche, und Deutsche bleiben wir auch unter den neuen Verhältnissen. Sollen wir uns darum von dem großen ganzen Vaterlande ausschließen, weil wir nicht weiter leben können, wie wir es bisher gewohnt waren? Für das Recht unseres Königs konnten wir kämpfen, wenn der König aber dies Recht aufgiebt, wie könnten wir in unversöhnlichem Haß den andern Deutschen gegenüber stehen! Übrigens,« fuhr er fort, »werde ich vielleicht nicht immer in meiner Heimath bleiben, nachdem ich meine Verhältnisse dort geordnet und meine Stellung klar gemacht habe, – und darüber,« fügte er etwas zögernd hinzu, »möchte ich mit Ihnen, Herr Challier, bevor ich scheide, noch ein ernstes Wort sprechen. Sie haben mich mit väterlicher Güte aufgenommen, ich will Ihnen klar und ohne Rückhalt meine Gedanken über die Zukunft mittheilen. Billigen Sie dieselben nicht,« sagte er seufzend, »so werde ich meine Pläne ändern und Hoffnungen aufgeben, welche mir die liebsten und schönsten sind.«

Herr Challier blickte ihn ein wenig erstaunt an und sagte im herzlichen Ton:

»Sie wissen, mein junger Freund, daß mein Rath und meine Erfahrung, wenn ich Ihnen mit denselben nützen kann, Ihnen stets zu Gebote stehen.«

Er setzte sich in seinen Lehnstuhl und lud den jungen Mann ein, in einem Sessel neben ihm Platz zu nehmen. Dieser jedoch blieb vor dem alten Herrn stehen, senkte einen Augenblick nachdenkend den Kopf, wie um seine Gedanken zu ordnen, und sprach dann mit bewegter Stimme:

»Sie haben mich kennen gelernt, Herr Challier, als heimathlosen Flüchtling, und dennoch haben Sie mir freundlich Ihr Haus geöffnet. Sie haben mich in den Kreis Ihrer Familie aufgenommen und ich darf annehmen, daß Sie Vertrauen zu mir haben, obgleich Sie nie vorher Etwas von mir gehört, obgleich Sie nicht wissen, woher ich stamme und welches meine Vergangenheit war.«

»Ich habe Ihnen vertraut,« erwiderte Herr Challier, »weil Sie hergekommen sind als der Diener eines edlen und unglücklichen Fürsten. Man dient dem Unglück nicht, wenn man nicht ein edles und treues Herz hat, darum habe ich Sie aufgenommen, wie man einen braven und rechtschaffenen Mann aufnimmt, und,« fügte er mit der den Franzosen so eigentümlichen Höflichkeit des Herzens hinzu, »ich habe mich in meinem Urtheil und meinem Vertrauen nicht getäuscht, denn nun Sie uns verlassen, fühle ich, daß ein Freund von uns scheidet.«

»Ich gehe in mein Vaterland zurück,« erwiderte Cappei, »um so bald es mir möglich ist, wieder vor Sie hintreten zu können, nicht mehr als der heimathlose Unbekannte, sondern als ein Mann, der Ihnen nachweisen kann, woher er stammt, was er war und was er ist, als ein Mann, der einen, wenn auch kleinen, aber sichern Besitz hat, und der es darum wagen kann, Ihnen eine Bitte auszusprechen, von der sein ganzes Lebensglück abhängt, – die Bitte,« fügte er mit zitternder Stimme hinzu, »mir das Schicksal Ihrer Tochter Luise anzuvertrauen, welche ich liebe mit aller Wärme und Treue, die das Erbtheil unseres Stammes sind – deren Glück ich alle Kraft meines Lebens widmen werde und ohne welche meine Zukunft öde und freudlos sein würde.«

Der alte Herr Challier hatte ruhig und ernst zugehört. Sein Auge ruhte einen Augenblick mit liebevoller Theilnahme auf dem jungen Mann; dann sprach er mit milder freundlicher Stimme:

»Ich habe Ihnen gesagt, Herr Cappei, daß ich volles Vertrauen zu Ihnen habe, daß ich Sie für einen Ehrenmann halte, – daraus folgt, daß ich, was Ihre Person betrifft, keine Bedenken trage, Ihnen das Glück meiner Tochter anzuvertrauen, – ich bin nicht reich,« fuhr er fort, »aber ich habe nur die einzige Tochter und besitze genug, um ihr, auch wenn die Wahl ihres Herzens auf einen armen Mann fällt, eine sichere Existenz begründen zu können. Ob Sie Vermögen besitzen oder nicht, ist deshalb nicht entscheidend für die Beantwortung Ihrer Frage, aber,« fuhr er fort, »die Grundlage einer sorgenfreien Existenz für die Zukunft meiner Tochter liegt in dem Geschäft, das ich hier betreibe. Würde ich es verkaufen, so würde der Kaufpreis in Geld nicht den Werth repräsentiren, den es in der Hand eines geschickten und fleißigen Mannes hat. Deshalb habe ich stets den Wunsch gehegt, daß der Mann, den meine Tochter einst sich zum Gefährten ihres Lebens erwählt, mein Geschäft fortsetzt. Ich fühle es vollkommen,« fuhr er fort, »was es heißt, sein Vaterland zu verlassen, – aber in Ihrer Heimath sind die Verhältnisse so verändert, und die jetzigen Zustände können Ihnen so wenig erfreulich sein, daß es vielleicht Ihren eigenen Wünschen entsprechen könnte, hierher zurück zu kommen. Haben doch auch viele meiner Landsleute Frankreich verlassen und in Deutschland eine neue Heimath gefunden, warum sollten Sie nicht in unserer Mitte auch Ihre künftige Heimath begründen können? Könnten Sie diesen meinen sehnlichsten Herzenswunsch erfüllen, so würde ich kein Bedenken hegen, die Zukunft meines Kindes Ihnen anzuvertrauen, vorausgesetzt, daß meine Tochter die Gefühle theilt, welche Sie für sie hegen, – worüber Sie,« fügte er lächelnd hinzu, »vielleicht ein wenig unterrichtet sind.«

»Ich glaube,« sagte Cappei mit leiser Stimme, »daß Fräulein Luise mir nicht abgeneigt ist –«

Die Thür öffnete sich, die Tochter des Herrn Challier trat ein. Sie hatte eine Freundin besucht und trug einen einfachen kleinen Hut, mit Rosenknospen garnirt, und ein leichtes Tuch um die Schultern. Ihr frisches Gesicht war vom Gang leicht geröthet, ihre glänzenden Augen richteten sich einen Augenblick wie fragend auf ihren Vater und auf den jungen Hannoveraner. Sie eilte auf den alten Herrn zu, bot ihm mit anmuthiger Bewegung ihre Wange zum Kuß dar und reichte dann Cappei mit freundlichem Gruß die Hand.

»Du kommst eben recht,« sagte Herr Challier, »um eine Frage zu beantworten, welche ich soeben an unsern jungen Freund hier richtete, und über welche er sich ganz klar auszusprechen zu scheuen schien.«

Luise blickte zuerst verwundert auf, ihr Auge suchte das ihres Geliebten, – sie schien zu verstehen, um was es sich handelte, und senkte tief erröthend den Kopf auf die Brust nieder.

»Herr Cappei,« sagte der alte Herr, »hat mir soeben mitgetheilt, daß er, wenn seine Angelegenheiten in seiner Heimath geordnet sein werden, zu uns zurückkommen will, um Dir seine Hand anzutragen, nachdem Du, wie es scheint, bereits in dem Besitz seines Herzens bist. Ich habe die Entscheidung darüber von Deiner Entschließung abhängig gemacht, – was würdest Du sagen, wenn unser junger Freund hier seinen Antrag nunmehr auch an Dich richtetet?«

Einen Augenblick blieb das junge Mädchen mit gesenktem Kopf stehen, ein flüchtiger, halb scheuer, halb vertrauensvoller Blick traf den jungen Mann, dann richtete sie sich empor, trat mit festem Schritt an die Seite des jungen Mannes und sprach:

»Ich bin eine Tochter der Bragars von St. Dizier, mein Vater, ich verstehe nicht, meine Gefühle zu verbergen, – mögen Andere es für schicklich halten, zu verhüllen, was ihr Herz bewegt, – ich sage offen, was ich empfinde, – ich liebe ihn,« fuhr sie mit strahlenden Blicken fort, »mein Herz gehört ihm und wird ihm ewig gehören. Und Du, mein Vater, weißt, daß ich meine Liebe keinem Unwürdigen schenke.«

Der Alte blickte mit stolzer Freude auf seine Tochter.

»Brav, mein Kind,« sagte er, »das ist recht und tapfer gesprochen, und ebenso offen will ich Dir ohne Umschweife antworten. Ich gebe dem Bunde Eurer Herzen mit Freuden meinen Segen.«

Cappei breitete die Arme aus, das junge Mädchen sank an seine Brust und er drückte seine Lippen auf ihr glänzendes Haar.

»Gehen Sie nach Ihrer Heimath zurück, ordnen Sie Ihre Angelegenheiten und,« fügte er hinzu, »kommen Sie bald zurück, – ich verlange nicht als unerläßliche Bedingung, daß Sie Ihre künftige Heimath hier in unserm Frankreich wählen; ein Mann muß am besten wissen, was er zu thun hat, und ein Weib muß dem Manne ihres Herzens folgen. Ich muß es mir ja gefallen lassen, mein Kind von mir gehen zu sehen, – das ist der Lauf der Natur, aber,« fuhr er fort, indem seine Lippen bebten und seine Stimme leicht zitterte, »Sie kennen den Wunsch meines Herzens, Sie wissen, wie glücklich es mich machen würde, zu denken, daß mein Kind einst an meinem Sterbebette stehen wird, und daß ich ihr und meinen Enkeln das alte Haus überlassen kann, in welchem so viele meiner Vorfahren seit einer Reihe von Generationen gelebt haben.«

Luise sagte Nichts, langsam hob sie den Kopf von der Brust ihres Geliebten empor und sah den jungen Mann mit ihren großen glänzenden Augen fragend und bittend an.

»Ich kehre zurück,« sagte dieser rasch mit entschlossenem Ton, »um meine Heimath da zu begründen, wo ich das Glück meines Herzens gefunden habe. Ich würde wahrlich lieber garnicht fortgehen, aber ich muß in die Heimath, um meine Angelegenheiten zu ordnen, und mein kleines Vermögen zu sichern. Denn,« fügte er mit fester Stimme hinzu, »nicht dem heimathlosen Bettler soll Ihre Tochter ihre Hand reichen.«

Ein glückliches Lächeln erhellte das Gesicht des alten Herrn, er streckte seine beiden Hände aus, – die jungen Leute ergriffen sie und beugten sich zärtlich zu ihm herab.

Einen Augenblick blieben alle Drei in inniger Umarmung, sie hörten nicht, daß die Thüre sich öffnete, und erst der Ton rascher Schritte ließ sie aufblicken.

Herr Vergier war eingetreten, – starr und bleich stand er in der Mitte des Zimmers, seine Lippen bebten, seine scharfen, stechenden Augen blickten mit unheimlich spähendem Feuer auf die Gruppe vor ihm.

Die beiden jungen Leute waren zur Seite getreten, der alte Herr erhob sich, ging Herrn Vergier entgegen und sprach, indem er ihn mit kräftigem Händedruck begrüßte:

»Sie sind ein alter Freund meines Hauses, und als solchen will ich Ihnen vor allen Andern zuerst sagen, welches für meine Familie so wichtige Ereigniß hier so eben sich vollzogen hat.«

Er theilte mit kurzen Worten Herrn Vergier, dessen blitzende Augen mit höhnischen, feindlichen Blicken auf den beiden jungen Leuten ruhten, welche Hand in Hand hinter ihrem Vater standen, die Verlobung seiner Tochter mit.

»Sie wissen,« sagte Herr Vergier, als der Alte geendet, mit zitternder, rauh klingender Stimme, indem seine Gesichtszüge vor heftiger Aufregung zuckten, »wie tiefen Antheil ich an Allem nehme, was Ihr Haus betrifft, – aber die Gefühle, welche mich bei der Mittheilung erfüllen, die Sie mir so eben gemacht, können nicht erfreulich sein,« fügte er mit bitterm Ton hinzu. »Ich hatte Hoffnungen gehegt, welche durch das, was Sie mir sagen, auf immer zerstört worden sind. Fräulein Luise,« fuhr er mit brennendem Blick fort, »kannte diese Hoffnungen, sie hat mir dieselben bisher nicht genommen. Sie hatte ein Jahr verlangt, um mir eine bestimmte Antwort zu geben, und nun sehe ich, daß sie nur eine so kurze Frist gebraucht hat, um sich über die Wahl ihres Herzens zu entscheiden.«

Mühsam nach Fassung ringend, stützte er sich auf die Lehne eines Stuhls.

Luise sah ihn mit einem weichen Blick aus ihren offenen klaren Augen an. Rasch trat sie zu ihm und reichte ihm die Hand.

»Niemand ist Herr der Gefühle seines Herzens,« sagte sie – »Sie waren der Freund meiner Kindheit, bleiben Sie mein Freund für mein künftiges Leben und verzeihen Sie mir, wenn ich die Gefühle nicht erwidern konnte, die Sie mir entgegen trugen, – Sie werden das vergessen,« fügte sie freundlich hinzu, – »Sie werden gewiß, wie ich es Ihnen von ganzem Herzen wünsche, bei einer andern Wahl mehr Glück finden, als ich Ihnen hätte bieten können.«

Herr Vergier hatte nur zögernd die Hand des jungen Mädchens einen Augenblick ergriffen.

»Es ist nicht nur der Schmerz um den Verlust meiner Liebe,« sagte er mit einer noch immer vor Aufregung halb erstickten und unsichern Stimme, »welche mich bewegt, aber ich bin Franzose, und es schneidet mir in's Herz, daß ich die Tochter meines Freundes, deren Glück mir theuer ist, wie mein eigenes, sich ihrem Vaterlande entfremden sehe. Der Krieg mit diesem Preußen, das drohend an unsern Grenzen steht, ist nur eine Frage der Zeit. Er wird vorbereitet von beiden Seiten, er muß kommen, Jedermann in Frankreich fühlt das, man hat schon mehrfach deutsche Spione bei uns entdeckt. Und schon sind Stimmen laut geworden,« fuhr er immer eifriger fort, indem sein Gesicht vor Aufregung zuckte, und seine Blicke sich wie Dolchspitzen auf den jungen Emigranten richteten – »schon sind Stimmen laut geworden, welche behaupten wollen, daß diese hannöversche Legion, welche so plötzlich auseinandergeht, nur der Deckmantel gewesen sei, um genaue Kundschaft über die inneren Verhältnisse unseres Landes zu erhalten. – Und wenn ich denken sollte,« rief er, seiner nicht mehr mächtig, indem ein leichter Schaum auf seine Lippen trat, – »daß meine Geliebte ein Werkzeug werden sollte in der Hand eines Feindes Frankreichs – –«

Eine helle Zornröthe flammte aus dem Gesicht des jungen Hannoveraners auf, mit einem raschen Schritt trat er zu Herrn Vergier hin, mit einer drohenden Bewegung erhob er die Hand –

Luise warf sich ihm entgegen; bittend faltete sie die Hände, ihre Augen richteten sich mit magnetischer Gewalt auf ihren Geliebten.

Dieser ließ langsam den Arm sinken, der Ausdruck seines Gesichts wurde ruhig, beinahe sanft und milde.

»Ich habe Ihnen, ohne es zu wollen, wehe gethan, mein Herr,« sagte er, »ich bin störend eingetreten in die Hoffnungen Ihres Herzens, ich verstehe Ihren Schmerz und Ihre Aufregung, – ich muß Ihnen viel vergeben, – aber Worte, wie Sie so eben ausgesprochen, sollte niemals ein Mann von Ehre einem Andern sagen. Ich bin nach Frankreich gekommen,« fuhr er fort, »im Dienst meines Königs und als ein Feind jener Macht, welche wie Sie glauben, mit Ihrem Vaterland in Kampf treten soll. Dies allein sollte mich vor einem so elenden und niedrigen Verdacht schützen, wie Sie ihn gegen mich ausgesprochen, aber ich glaube, Herr Challier und Fräulein Luise kennen mich genug, und auch Sie sollten mich genug kennen, um zu glauben, daß auch wenn ich nicht als Hannoveraner und als Legionair des Königs Georg hergekommen wäre, ich doch unfähig sein würde, in solcher Weise Vertrauen und Gastfreundschaft zu täuschen. Wenn Sie ruhig darüber nachdenken, werden Sie mir Gerechtigkeit widerfahren lassen und,« fügte er mit offener Herzlichkeit hinzu, »ich hoffe, Sie werden vergessen, was ich Ihnen, ohne es zu wollen, Böses gethan und dahin kommen, die Freundschaft, welche Sie für Herrn Challier und seine Tochter gehegt, auch mir zu schenken; seien Sie überzeugt, daß ich Alles thun werde, um mich derselben würdig zu machen.«

Luise dankte mit einem innigen Blick ihrem Geliebten für seine Worte.

Herr Vergier hatte mit gewaltiger Anstrengung seine tiefe Aufregung bemeistert. Er zwang seine zuckenden Lippen zu einem freundlichen Lächeln, er schlug seine Augen nieder und reichte Cappei die Hand.

»Verzeihen Sie mir,« sagte er mit tonloser Stimme, indem seine Worte nur einzeln und abgebrochen hervordrangen, »verzeihen Sie mir meine kränkende Äußerung. Mein augenblickliches Gefühl riß mich hin, – ich bin Franzose und mißtrauisch gegen alle Fremden. Ich will die Vergangenheit und die Täuschung meiner Hoffnungen zu vergessen suchen; vielleicht wird die Zeit uns in Freundschaft zusammenführen.«

Cappei ergriff Herrn Vergiers dargebotene Hand.

Diese Hand war feucht und kalt wie Eis, sie erwiderte den Druck des Hannoveraners nicht und erschrocken ließ dieser sie wieder los.

»Erlauben Sie, daß ich mich zurückziehe,« sagte Herr Vergier, »ich passe in diesem Augenblick nicht in Ihre Gesellschaft.«

Und mit einer flüchtigen Verbeugung sich empfehlend, eilte er hinaus.

»Der Arme thut mir leid,« sagte der alte Herr Challier, ihm nachblickend, »er ist eine so heftige, leicht erregbare Natur, er wird sehr leiden –«

»Ich hätte ihn doch nicht lieben können,« sagte Luise, indem sie mit leichtem Kopfschütteln vor sich niederblickte. »Wenn mein Herz nicht gesprochen hätte,« fügte sie, ihrem Geliebten die Hand reichend, hinzu, »wenn ich ihm vielleicht ohne Liebe meine Hand gegeben hätte, so wären wir Beide unglücklich geworden.« –

Lange noch saßen die beiden jungen Leute beisammen. Freundlich hörte der alte Herr ihr Geplauder und ihre Pläne für die Zukunft an. Es wurde beschlossen, daß der junge Cappei schon am nächsten Morgen abreisen sollte. –

Luise erhob keine Einwendungen gegen diesen Beschluß.

»Je schneller er fortgeht,« sagte sie lächelnd, »um so schneller wird er wiederkehren, und um so schneller werden wir zu einem ruhigen und dauernden Glück kommen, das dann Nichts mehr stören wird.« – –

Am späten Abend brach der junge Mann auf, um noch einmal seine Landsleute, welche um Mitternacht abreisen wollten, zu sehen und mit ihnen die letzten Augenblicke zu verleben.

Sinnend und gedankenvoll schritt er durch die lange Hauptstraße der Stadt nach dem Marktplatz hin. An der Ecke desselben befand sich der Restaurant, in dessen Saal die Legionaire versammelt waren. Die Hannoveraner saßen hier um einen großen Tisch – zahlreiche Freunde aus der Stadt waren bei ihnen, um die letzten Augenblicke mit den ihnen lieb gewordenen Gästen zu verbringen, die so lange unter ihnen geweilt hatten.

Auf dem Tische stand eine große Punschbowle, welcher jedoch heute nur sehr mäßig zugesprochen wurde, – alle Gesichter waren ernst und oft stockte die Unterhaltung. Alle diese einfachen Leute, welche die großen Erschütterungen der Zeit hier im fremden Lande zusammengeführt hatten, fühlten, daß heute die Vergangenheit, welche sie in liebevoller Erinnerung im Herzen trugen, für immer abgeschlossen werde, daß das letzte Band, welches sie hier in der gemeinsamen Verbannung mit der alten Heimath und Allem, was sie Liebes in sich schloß, noch verband, nun für immer zerriß und daß sie nun als Fremde allein und vereinsamt hinaustreten müßten in ein schweres feindliches Leben, um auf ihre eigene Kraft die Zukunft zu erbauen in mühevoller Arbeit.

Der junge Cappei trat ein. – Traurig überblickte er diese Versammlung seiner Kameraden, welche so oft hier heiter und fröhlich beisammen gewesen waren und welche nun auseinander gehen sollten, um sich schwerlich jemals in dieser Welt vereinigt wieder zu begegnen.

Er setzte sich schweigend neben den Unterofficier Rühlberg.

»Was könntet Ihr Euch für eine schöne Zukunft machen,« sagte dieser, indem er dem jungen Manne ein Glas Punsch reichte, – »wenn Ihr mit uns gingt, – Ihr seid noch jung und kräftig, – geschickt zu aller Arbeit und habt mehr gelernt, als wir Alle, – Ihr würdet ein schönes Vermögen in Algier erwerben, – das Euch hundertmal den kleinen Hof daheim ersetzen würde, – von dem Ihr noch gar nicht einmal wißt, ob Ihr ihn erhaltet, – ich sage Euch noch einmal, – geht mit uns, – laßt die Phantasie im Stich, die Ihr Euch in den Kopf gesetzt habt, – es hat noch nie zu etwas Gutem geführt, wenn junge Leute von der Liebe sich den Kopf verdrehen lassen.«

»Ich bitte Euch, Rühlberg,« sagte Cappei sanft aber bestimmt – »laßt mich, – mein Entschluß ist gefaßt, – versprecht mir,« fuhr er abbrechend fort, »Nachricht zu geben, wie es Euch und den Andern geht – ich muß Euch sagen, daß ich nicht viel Vertrauen zu Eurem Unternehmen habe, – hätte der König die Sache gemacht durch einen Vertrag mit der französischen Regierung, so wäre es etwas Anderes gewesen, – aber so, – Ihr werdet vielleicht später einsehen, daß es besser gewesen wäre, gleich nach der Heimath zurückzukehren. – Doch Jeder hat seinen Entschluß gefaßt und muß ihm folgen.«

Er wendete sich zu seinem Nachbar auf der anderen Seite.

Es verging noch eine halbe Stunde, – dann zog der Unterofficier die Uhr und sagte tief aufathmend:

»Es ist Zeit, Leute, – wir müssen aufbrechen!«

Alle erhoben sich.

Rühlberg ergriff sein Glas.

»Wir sind heute zum letzten Male beisammen,« sprach er mit etwas unsicher klingender Stimme, – »und wir wollen auch dies letzte Mal von der alten Sitte hannöverscher Soldaten nicht abweichen, – ein Glas auf das Wohl unseres Königs zu leeren. Sonst haben wir das mit lautem Hurrah gethan, – das wird uns heute nicht mehr frei aus der Brust herauskommen, heute ist unsere Vergangenheit, unsere alte Heimath, unser König für uns gestorben – leeren wir ein stilles Glas zum Andenken an unsern Kriegsherrn, an unsre Armee, an unsere Heimath.«

Alle tranken schweigend und so manches ehrliche treu blickende blaue Auge verschleierte sich mit feuchtem Schimmer, – mancher blinkende Thränentropfen fiel in die Gläser, welche die treuen Söhne Niedersachsens in dieser Stunde des letzten Abschieds von der Vergangenheit dem Andenken ihres Königs weihten.

Dann brach man auf.

Jeder nahm sein kleines Gepäck, – viel hatten sie nicht, diese armen Soldaten des Exils – und in schweigendem Zug ging man durch die dunkeln, leeren Straßen der Stadt nach dem kleinen Bahnhofe. Die letzten Augenblicke vergingen unter Abschiednehmen der Soldaten unter einander und von ihren französischen Freunden, deren sich noch mehrere am Bahnhof eingefunden hatten, – auch Herr Vergier war gekommen und stand bleich und finster unter den Übrigen auf dem Perron, schweigend die Händedrücke der Scheidenden erwidernd.

Da begann in der kleinen Kirche von der baumbekränzten Anhöhe über der Stadt her eine Glocke zu läuten.

Es war die Sterbeglocke, welche die Gebete begleitete, die die Priester für einen aus dem Leben geschiedenen Bürger der Stadt zum Himmel sendeten.

Die einfachen durch die Nacht her klingenden Töne ergriffen mächtig alle diese ernst und traurig gestimmten Menschen. Die Franzosen nahmen die Hüte ab und sprachen ein stilles Gebet für die Seele des Gestorbenen, – auch die Hannoveraner falteten die Hände – Niemand wußte, welchem Todten dies Geläut galt, – aber auch ihnen starb ja heute für immer, was sie so lange im Herzen getragen und so sehr geliebt hatten, – ihre Heimath und ihr König.

Der Zug brauste heran, – noch ein Händedruck, – ein letztes Abschiedswort – und die Hannoveraner stiegen ein in die Waggons, welche sie ihrer neuen unbekannten Zukunft entgegenführen sollten.

– »Adieu – adieu – bonne chance!« tönte es aus den Gruppen der Bürger von St. Dizier – Cappei mit den wenigen Emigranten, welche sich zur Überfahrt nach Amerika entschlossen hatten, standen schweigend, mit feuchten Blicken schauten sie auf die Scheidenden hin, – fast zog es den jungen Mann einen Augenblick denen nach, deren Schicksal so lange mit dem seinigen verbunden gewesen war, und die nun ohne ihn hinauszogen zu einem Leben voll Abenteuer und Gefahren – da trat das Bild Luisens mit ihren sanften und liebevollen Augen vor seine Seele – rasch näherte er sich noch einmal dem Waggon und streckte dem Unterofficier Rühlberg, der am Schlage saß, die Hand hin.

»Gott befohlen!« sagte er mit erstickter Stimme, – »und – auf fröhliches Wiedersehn!«

»Das wird schon kommen,« erwiderte der Unterofficier mit einem etwas gezwungenen Lachen, hinter dem er seine innere Bewegung zu verbergen trachtete, »Ihr werdet zur Einsicht kommen – wir werden Euch einen Platz offen halten.«

Die Schaffner eilten an den Zug, – die Locomotive pfiff und langsam begannen die Räder zu rollen.

Noch einmal winkten die Zurückblickenden mit den Händen, mit leisem aber klar durch die nächtliche Stille dringenden Ton schallte das Sterbeglöcklein von der alten Kirche herüber, – die Legionaire auf dem abfahrenden Zug begannen ihr traditionelles Soldatenlied:

»Wir lustigen Hannoveraner sind alle beisammen –«

aber die Töne erklangen in langsamerem Rhythmus als sonst und wie der Zug so immer mehr sich entfernend in die Nacht hinausfuhr, vom klagenden Glockenton begleitet, – da klang das Lied, das sonst so fröhlich in Lager und Feld erschallt war, wie ein Grabgesang an der Bahre eines Todten, den man zur letzten Ruhe hinausführt.

Noch einige Augenblicke und Alles war in der dunkeln Ferne verschwunden, – weithin verklang das Schnauben der Maschine und das Rollen der Räder.

Cappei trennte sich von den Übrigen und ging langsam zur Stadt zurück.

In einer ziemlichen Entfernung folgte ihm Herr Vergier, der sich ebenfalls sogleich nach der Abfahrt des Zuges isolirt hatte. Seine Blicke hefteten sich unbeweglich auf den jungen Mann vor ihm und seine Augen schienen in grünlichem Feuer durch die Nacht zu leuchten, während seine Züge von Grimm und Haß entstellt waren.

Cappei machte einen Umweg und ging an Herrn Challiers Haus vorbei, das in tiefer Ruhe und Dunkelheit da lag.

Einen Augenblick blieb er dort vor dem großen geschlossenen Thor stehen, – er drückte beide Hände an die Lippen und warf einen Kuß nach dem Hause hin.

»Gute Nacht, meine süße Geliebte,« flüsterte er, – und schritt dann rasch weiter nach seiner in der Nähe des Marktplatzes belegenen Wohnung.

Herr Vergier war ihm langsam folgend ebenfalls bis in die Nähe des Challier'schen Hauses gekommen.

Hier blieb er stehen und blickte dem jungen Hannoveraner, der bereits in der Dunkelheit verschwand, nach.

»Hätte ich eine Waffe bei mir,« flüsterte er mit zischender Stimme, »so könnte ein Druck meines Fingers diesen Feind meines Landes, – diesen Räuber meiner Liebe vernichten!«

– »Aber geh' nur hin,« sagte er, die geballte Faust zum nächtlichen Himmel erhebend, – »es giebt noch andere Waffen als die Kugel und den Stahl, – ich werde Dich vielleicht besser und sicherer treffen, geh' nur hin, – Du sollst nicht hierher zurückkehren auf den heiligen Boden Frankreichs, – den Du als Verräther betreten, – Du sollst nicht zurückkehren, um eine holde Blume meines Vaterlandes zu pflücken und mir das Glück meines Lebens zu stehlen.«

Noch einmal sah er mit flammendem Blick dem gehaßten Fremden nach, – dann wendete er sich um und schritt durch die stille Nacht seinem Hause zu.

Viertes Capitel.

Die schöne Tochter des Commerzienraths Cohnheim hatte seit dem Ball bei ihren Eltern still und traurig ihre Tage verbracht. Sie saß in tiefen Gedanken versunken an ihrem Fenster, oft sank die Stickerei, mit welcher sie sich beschäftigte, auf ihren Schooß, während sie auf die noch winterlichen Bäume des Thiergartens hinausblickte.

Doch war sie nicht traurig, oft umspielte ein stilles, glückliches Lächeln ihren Mund, und hoher Muth und freudige Hoffnungen leuchteten aus ihren Augen.

Ihre Mutter ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um sie in trockner und wenig liebevoller Weise darauf aufmerksam zu machen, wie unpassend es sei, wenn sie, die Tochter des reichen Commerzienraths, der zu den ersten Finanzgrößen der Residenz gehöre, mit Nichts bedeutenden untergeordneten Officieren von der Linie den Cotillon tanze und Herren von Stellung und Distinction zurückweise. Ihre Mutter betrachtete das Alles nur als eine Frage der äußeren Rücksichten auf die Stellung des Commerzienraths. Aus ihren Reden ging hervor, daß sie sich nicht die entfernteste Möglichkeit träumen ließe, ihre Tochter könne wirklich in einem armen und unbedeutenden Officier etwas Anderes finden, als einen guten angenehmen Tänzer.

Und Fräulein Anna hörte alle mütterlichen Ermahnungen ruhig mit gleichgültigem Lächeln an – sie wartete ihre Zeit ab und wußte, daß, wenn dieselbe gekommen, sie die Kraft und Willen genug haben würde, dem Zorn ihrer Mutter zu trotzen.

Der Commerzienrath hatte viel mit dem Baron Rantow verkehrt und oft hatte er bei Tische erzählt, wie vortrefflich das Geschäft sei, welches er in Gemeinschaft mit dem Baron zu machen im Begriff stehe. Er hatte seiner Frau, welche aufmerksam, mit großem Interesse seinen Mittheilungen folgte, auseinandergesetzt wie hoch der Gewinn sein würde, welchen die Gesellschaft, welche er gegründet, aus der auf den Gütern des Barons eingeführten Industrie ziehen müsse und um wieviel sich zugleich durch diese Combination das Vermögens des Barons und das dereinstige Erbtheil seines einzigen Sohnes vergrößern werde. Er hatte dabei die persönliche Liebenswürdigkeit des jungen Herrn von Rantow und seine Aussichten auf eine brillante Carriere ganz besonders hervorgehoben, indem er mit listigem Schmunzeln einen forschenden Blick auf seine Tochter warf. Aber jedesmal, wenn es geschehen war, hatte Fräulein Anna ihn so kalt und streng zurückweisend angesehen, hatte seine Bemerkungen mit einem so unverbrüchlichen eisigen Schweigen aufgenommen, daß der alte Herr, welcher seine Tochter abgöttisch liebte und ihr gegenüber stets nur schwache Versuche machte, seinen Willen durchzusetzen, schnell auf ein anderes Gesprächsthema übergegangen war.

Dann war die ganze Familie einmal bei dem Baron von Rantow zum Thee eingeladen worden. Man hatte dort einige ältere Herren, Freunde des Barons, gefunden, welche sehr vornehme Namen trugen und sehr vornehme Manieren hatten, und die Commerzienräthin hatte in diesen Kreisen noch steifer, noch würdevoller als je dagesessen und mit einem unzerstörbaren Lächeln auf den Lippen an der Unterhaltung nur durch kurze sentenzenhafte Bemerkungen Theil genommen, welche die strengsten aristokratischen Grundsätze aussprachen.

Der Commerzienrath war lebendiger, beweglicher und gesprächiger als je gewesen, er hatte den Baron mehrere Male »mein verehrter Freund«, einmal sogar »mein lieber Freund« genannt. Er hatte seine finanziellen Ideen unter großer Aufmerksamkeit der Zuhörer entwickelt, er hatte von den Hunderttausenden erzählt, die er in diesem und in jenem Geschäft engagirt habe; er hatte die Bezugsquellen seiner vortrefflichen Weine mitgetheilt, und ein alter Graf hatte ihn sogar freundlich auf die Schulter geklopft und ihm versprochen, ihn einmal zu besuchen, um seinen Château Lafitte zu probiren.

Kurz Herr und Frau Cohnheim waren glücklich und befriedigt über diese intime Soirée bei dem Baron.

Der Referendarius von Rantow hatte seine ganze Aufmerksamkeit Fräulein Anna gewidmet, ohne indeß etwas Anderes erreichen zu können als einige hingeworfene, gleichgültige, oft sogar etwas sarkastische Bemerkungen.

Als man wieder nach Hause gekommen, hatte die Frau Commerzienräthin ihrer Tochter abermals eine Vorlesung über ihr abstoßendes Benehmen gegen den jungen Rantow gehalten, ohne etwas Anderes zu erzielen, als ein tiefes Schweigen ihrer Tochter.

Der Commerzienrath hatte einen schwachen Versuch gemacht, seine Frau zu unterstützen, er hatte einige Andeutungen fallen lassen, was der junge Herr von Rantow für eine gute Partie sei, und wie die Damen der höchsten Aristokratie glücklich sein würden, wenn seine Wahl auf sie fallen sollte, aber schnell hatte er sich vor dem ernsten abweisenden Blick seines Lieblings zurückgezogen und seiner Frau allein die Sorge überlassen, eine Idee, welche er mit besonderer Liebe in sich trug, dem jungen Mädchen annehmbar zu machen.

Fräulein Anna hatte nach dieser Soirée eine schlaflose Nacht zugebracht, sie hatte seit jenem Ball von dem Lieutenant von Büchenfeld Nichts wieder gehört. Er hatte in dem Hause des Commerzienraths einen Besuch gemacht zu einer Zeit, wo er gewiß war, Niemand zu Hause zu treffen; obgleich Anna fast den ganzen Tag an ihrem Fenster saß und auf die lebhafte Thiergartenpromenade herabsah, hatte sie doch niemals den erblickt, den ihre Augen suchten, nach dem ihr Herz sich sehnte.

Sie saß nachdenkend auf dem Divan in ihrem eleganten Schlafzimmer, das durch eine Hängelampe mit dunkelblauem Schirm erleuchtet war. Ihr schöner Kopf war auf ihre zarte, schlanke Hand gestützt und ihre aufgelösten Haare fielen über den weißen Arm nieder, von welchem der weite Ärmel ihres faltigen Schlafrockes von grauer Seide herabgesunken war.

»Er liebt mich,« flüsterte sie leise vor sich hin, – »das hat mein Herz lange empfunden, er hat es mir gesagt, und wenn er das sagt, so ist es wahr, denn für ihn ist die Liebe kein Spiel, und seine Worte sind ein Felsen, dem ich unbedingt vertraue. Aber warum ist er verschwunden,« fuhr sie fort, »warum hat er seit jenem Tage, der alle fremden Schranken zwischen uns hätte hinwegräumen sollen, der uns gegenseitig unsere Herzen geöffnet hat, Nichts mehr von sich hören lassen? Warum hat er einen ceremoniellen Besuch gemacht, als er wußte, daß er uns nicht finden konnte? Ich kann das nicht ertragen,« rief sie, leicht mit dem zierlichen Fuß auf den Boden tretend, »diese unklare, peinliche Lage muß ein Ende nehmen. Meine Mutter verfolgt mich mit diesem Herrn von Rantow, – es ist ein Plan vorhanden, in den ich nicht einwilligen werde! Auch mein Vater scheint ähnliche Gedanken zu haben. Nun,« sagte sie trotzig die Lippen aufwerfend – »das beunruhigt mich nicht, mein Vater wird mir gegenüber nicht den Tyrannen spielen, – aber ein Ende muß das nehmen, klar muß Alles werden! Doch wie,« sprach sie sinnend, »was soll ich meinen Eltern sagen, wenn sie mit directen Vorschlägen an mich herantreten? Soll ich ihnen sagen, ich liebe einen Mann, der es nicht der Mühe werth hält, sich mir zu nähern?«

Sie sann lange nach.

»Sollte ich ihn gekränkt haben,« flüsterte sie leise – »er ist empfindlich und leicht verletzt. Doch nein, nein,« rief sie dann, »ich erinnere mich jedes Wortes das ich ihm gesagt habe, und alle meine Worte sprachen deutlicher vielleicht, als ich es hätte thun sollen, meine Liebe zu ihm aus. Nein,« rief sie, »er kann nicht zweifeln, daß mein Herz ihm gehört. Es ist nur sein Stolz, sein harter unbeugsamer Sinn, der ihn von mir zurückhält. Und hat er,« fuhr sie fort, indem ihre Augen sanft und weich vor sich hinblickten, »hat er nicht Recht, so stolz zu sein, er ist arm und die Macht des Geldes beherrscht die Welt, und doch fühlt er seinen eigenen Werth. Und darum gerade,« rief sie leidenschaftlich, »darum liebe ich ihn – aber soll ich ihn verlieren, weil mein Vater reich und er arm ist, darf ich ihn so vielleicht für immer von mir gehen lassen – es klang wie ein Abschied in seinen letzten Worten. Fürchtet er, mich wieder zu sehen, um sich selbst nicht untreu zu werden? Ich muß ihn sehen,« sagte sie aufspringend, »ich muß ihn sprechen, ich muß mit ihm Hand in Hand vor meinen Vater hintreten und laut das Gefühl meines Herzens bekennen. Oh,« sagte sie, sich hoch aufrichtend, »diesem Baron von Rantow gegenüber und all den Herren gegenüber, die mich umschwärmen, die da glauben, daß sie gestützt auf ihre großen Namen und ihre Stellung nur die Hand ausstrecken dürfen, um mit der Tochter des reichen Commerzienraths ein großes Vermögen zu erwerben, – ihnen gegenüber fühle ich den Stolz einer Königin in mir, es reizt mich, ihnen zu zeigen, daß ich mich höher achte, als sie Alle. Aber ihm gegenüber, ihm, den ich liebe, diesem edlen, reichen und treuen Herzen gegenüber will ich demüthig sein. Er soll sehen, wie ich Alles, was ich ihm bieten kann, für Nichts achte und wie ich glücklich bin, daß er mich seiner Liebe werth gefunden, ihn will ich bitten, mich nicht zu verlassen, ihm gegenüber will ich keinen Stolz haben, und so will ich ihn zwingen, auch seinen Stolz aufzugeben.«

Sie öffnete ein zierliches Etui von rothem Leder, nahm einen kleinen Bogen goldgerändertes Briefpapier aus demselben und schrieb hastig, während ihre Wangen sich mit dunklem Purpur färbten, einige Zeilen.

Dann las sie dieselben durch.

»Es ist etwas Ungewöhnliches, was ich da thue,« sagte sie, »jedem andern Manne gegenüber würde es eine Selbsterniedrigung sein – aber er wird mich verstehen, er wird fühlen, daß er kein Recht mehr hat, seinem stolzen Eigenwillen zu folgen, wenn ich mich so vor ihm beuge, wenn ich mich so in seine Hände gebe.«

Rasch faltete sie den geschriebenen Brief zusammen verschloß ihn in eine Enveloppe und setzte die Adresse auf dieselbe.

»Es wird Licht werden,« sagte sie dann, »ich werde den Brief zur Post tragen, Niemand wird etwas davon erfahren und er wird sicher meiner Bitte folgen.«

Die bange Unruhe verschwand aus ihrem Gesicht, langsam entkleidete sie sich, die Gedanken an den Geliebten begleiteten sie in ihren Schlummer und gestalteten sich zu schönen und lieblichen Träumen künftigen Glückes.

*

Der Lieutenant von Büchenfeld hatte seit seiner Erklärung mit Fräulein Cohnheim viel mit sich selbst gekämpft. Er war nach einer ziemlich einsamen Jugend im stillen Hause seines Vaters bei seiner Anwesenheit in Berlin zum ersten Mal in die größern Kreise der Welt eingetreten, und die Liebe zu dem jungen Mädchen hatte mit übermächtiger Kraft sein tief empfindendes, in sich selbst zurückgezogenes Herz erfüllt, ein ganz neues Leben war ihm aufgegangen, und sein ganzes Wesen war durchdrungen von dem tiefen Gefühl, das ihn erfüllte. Die starren Begriffe von Ehre und männlicher Würde, welche die Erziehung seines Vaters in ihn gelegt, kämpften gegen diese Liebe an, und sein Blut empörte sich bei dem Gedanken, daß man seiner Bewerbung um die Tochter des reichen Commerzienraths materielle Motive unterlegen könnte, sein Stolz bäumte sich auf, wenn er sich die Möglichkeit dachte, daß er kalt und hochmüthig zurückgewiesen werden könnte, und selbst wenn es ihm gelingen würde, seine Geliebte zu erringen, so schauderte er vor dem Gedanken zurück, seine Lebensstellung auf das Vermögen seiner Frau zu begründen.

Er hatte sich eine Zeit lang von seinen Gefühlen hinreißen lassen, er war dem jungen Mädchen näher und näher getreten, endlich aber hatte er mit dem festen Entschluß sich von allen Illusionen zu trennen sich gegen sie aussprechen wollen, um zugleich für immer von ihr Abschied zu nehmen.

Da hatte sie in wunderbarer Offenheit ihm ihr Herz geöffnet, er hatte mit Entzücken, aber fast auch mit Schrecken gesehen, daß seine Gefühle so stark und so warm erwiedert würden.

Im ersten Augenblick hatte der Glanz dieses Glückes ihn geblendet, aber am anderen Tage war der Stolz wieder in ihm mächtig geworden, er hatte den festen Entschluß gefaßt, einsam durch das Leben zu gehen und nur auf seine eigene Kraft seine Zukunft zu begründen, und er wollte, um den Kampf siegreich zu bestehen, Fräulein Cohnheim nicht wiedersehen, so lange sein Commando in Berlin noch dauerte.

Oft zog es ihn nach dem Thiergarten hin, um wenigstens von ferne die geliebten Züge zu erblicken, die so tief in sein Herz gegraben waren, aber mit eiserner Willenskraft hielt er sich zurück und vermied sorgfältig alle Kreise, in denen er Fräulein Cohnheim hätte begegnen können. Nur am späten Abend ging er hinaus und blickte aus der tiefen Dunkelheit zu dem erleuchteten Fenster, durch welches er zuweilen die Umrisse der schlanken Gestalt seiner Geliebten entdecken konnte. Lange stand er dort an einen Baum gelehnt, in schmerzliche Träumerei versunken, aber sein Entschluß blieb fest, am Tage betrat er niemals die Gegend, in welcher er so oft seine schmerzlichen Seufzer zum nächtlichen Himmel sandte.

Er wurde in seiner stolzen Zurückhaltung noch bestärkt durch die Bemerkungen, welche sein Vater ihm über sein Gespräch mit dem Baron von Rantow gemacht hatte. Der alte Herr hatte sich sehr zornig gegen seinen Sohn darüber geäußert, daß sein Jugendfreund, ein alter Edelmann aus bester Familie sich zu industriellen Geschäften mit dem Commerzienrath associirt habe, und daß er, wie es schien, sogar die Idee nicht als unmöglich verwerfe, die beiden durch das gemeinsame Unternehmen noch immer weiter zu vermehrenden Vermögen durch eine Heirath seines Sohnes mit dem Fräulein Cohnheim mit einander zu verbinden.

Mit traurig bitterm Lächeln hatte der junge Mann den unwilligen Worten seines Vaters zugehört.

Der alte Herr hatte in diesem Lächeln eine Zustimmung zu seinem so mißfälligen Urtheil über die moderne Handlungsweise seines Freundes zu finden geglaubt und, indem er seinen Sohn auf die Schulter klopfte, laut ausgerufen:

»Wir würden so Etwas nicht thun, die Büchenfelds mögen kein so vornehmes und kein so begütertes Geschlecht sein, wie die Freiherren von Rantow, aber mit den Börsenspeculanten würden wir weder unsere Geschäfte, noch unser Blut vermischen.«

Unbeschreibliche Gefühle hatten das Herz des jungen Mannes bei diesen Worten seines Vaters zusammengeschnürt, ohne zu antworten, war er aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen.

Einige Tage später hatte ihm der alte Herr nach einem Besuch bei dem Herrn von Rantow in höchster Entrüstung mitgetheilt, daß nicht nur das Geschäft zwischen dem Baron und dem Commerzienrath zur industriellen Ausbeutung der Rantow'schen Erbgüter beschlossen sei, sondern daß er nun auch schon die Verbindung des jungen Rantow mit dem Fräulein Cohnheim zu seinem tiefen Schmerz als gewiß ansähe.

Immer fester war nach solchen Mittheilungen der Entschluß des jungen Mannes geworden, das junge Mädchen nicht wieder zu sehen, der alle Regungen seines Herzens gehörten und welche doch von ihm durch alle Hemmnisse und Schranken getrennt war, welche die Verhältnisse der Welt zwischen zwei Menschenherzen aufzurichten im Stande sind.

Immer eifriger hatte er sich in seine Studien vertieft, – er suchte durch die Arbeit den Schmerz zu besiegen, der so verzehrend sein ganzes Wesen durchdrang, er suchte mit aller Kraft seines Geistes, mit aller Anstrengung seines Willens sich durch eine unausgesetzte Thätigkeit für eine große und wirkungsvolle Carrière vorzubereiten. Er wollte durch den Ehrgeiz die Liebe tödten, denn einer großen und mächtigen, Alles beherrschenden Regung bedurfte er für sein inneres Leben, dem das gleichgültige Einerlei eines zwecklosen Vegetirens nicht genügte.

An dem Tage, an dessen Vorabend Fräulein Anna in nächtlicher Stille den Entschluß gefaßt hatte, alle Zweifel ihres Herzens einer entscheidenden Lösung zuzuführen, war der junge Officier um die Mittagsstunde von der Kriegsschule zurückgekehrt und trat in das Zimmer seines Vaters, in welchem der alte Diener des Oberstlieutenants, der lange Jahre sein Bursche gewesen und nach dem Abschied seines Herrn in dessen Privatdienst geblieben war, so eben das bescheidene Diner servirte, welches der alte Herr für sich und seinen Sohn aus einem nahe gelegenen kleinen Hotel holen ließ.

»Du siehst bleich aus,« sagte der alte Herr, indem er seinen Sohn mit sorgenvoller Theilnahme ansah, »ich fürchte, Du arbeitest zu viel. Es ist zwar sehr gut, wenn man etwas recht Tüchtiges lernt, aber man darf darum kein Kopfhänger werden. Du gehst nicht mehr aus, Du bist fast jeden Abend zu Hause, Du besuchst keine Gesellschaften mehr – Du darfst Dich nicht zu sehr anstrengen. Zu meiner Zeit,« sagte er, sich den Schnurrbart streichend, »waren wir jungen Officiere anders, wenn es keine Gesellschaften gab, so gingen wir wenigstens in die Natur hinaus und machten fröhliche Streifzüge durch Wald und Feld. Damals hätten wir es nicht für die Aufgabe des Soldaten gehalten, hinter den Büchern zu sitzen und zu lesen und zu arbeiten wie ein Student.«

»Sei ruhig, lieber Vater,« sagte der Lieutenant mit einem etwas gezwungenen Lächeln, »ich werde gewiß nicht über meine Kräfte arbeiten; wenn ich viel zu Hause geblieben bin, so liegt es nur daran, daß ich keine Freude in dem hiesigen weitläufigen Gesellschaftsleben finde. Wenn ich erst wieder in meiner Garnison sein werde unter meinen Kameraden, unter den alt gewohnten Verhältnissen, so wird es anders werden.«

»Nun,« sagte der alte Oberstlieutenant, seinem früheren Gedankengang folgend, »es treten ja jetzt auch ganz andere Aufgaben an einen Officier heran. Die heutige Tactik ist eine viel complicirtere, und man muß heute die Kriege ebenso sehr mit dem Kopfe als mit dem Arm führen. Das ist Alles ganz gut, aber zum Kopfhänger darf darum der Soldat doch nicht werden. – Daß Dir übrigens das Gesellschaftsleben hier in Berlin nicht gefällt,« fuhr er fort, »verstehe ich, und daß Du glücklicher in den einfachen Verhältnissen Deiner kleinen Garnison bist – freilich,« sagte er dann wehmüthig seufzend, »wird dann Dein alter Vater hier wieder ganz allein sein, doch das ist ja das Loos des Alters – Ihr marschirt in die Welt hinein, wir gehen aus derselben hinaus. Da können ja unsere Wege nicht zusammenlaufen.«

Er setzte sich zu Tisch, sein Sohn nahm ihm gegenüber Platz, und der alte Diener servirte in militairischer Haltung die etwas blasse und dünne Bouillon.

Der Oberstlieutenant füllte die Weingläser für sich und seinen Sohn aus einer bereits angebrochenen Flasche St. Julien und stieß mit dem Lieutenant, wie er das stets zu thun pflegte, auf den künftigen Feldmarschallstab an. Während der junge Mann schweigend seinem Vater zuhörte, welcher von alten Zeiten erzählte und manche schon oft wiederholte Geschichte noch einmal ausführlich vortrug, hörte man ein starkes Klingeln an der äußern Eingangsthür der kleinen einfachen Wohnung.

Der alte Diener ging hinaus und kehrte nach einigen Augenblicken mit einem kleinen zierlichen Brief in der Hand zurück.

»Ein Brief für den Herrn Lieutenant,« sagte er, indem er in dienstlicher Haltung das Billet dem jungen Mann überreichte.

Dieser nahm es mit gleichgültiger Miene, öffnete es, und ließ die Augen über den Inhalt gleiten. Eine dunkle Röthe flog über sein Gesicht, mit starrem Erstaunen, fast mit dem Ausdruck eines jähen Schreckens las er die wenigen Zeilen, langsam sank seine Hand mit dem Papier auf seinen Schooß herab, indem seine Augen fortwährend unbeweglich auf den Worten ruhten, die er so eben gelesen.

»Mein Gott,« rief der alte Oberstlieutenant unruhig, »was ist das? Du hast doch keine böse Nachricht bekommen – doch nicht etwa eine Ehrensache?«

Mit gewaltiger Anstrengung suchte der junge Mann seine Fassung wieder zu gewinnen.

»Es ist Nichts,« sagte er, das Papier zusammenfaltend und es in seine Uniform steckend, indem er mit einer gewissen Mühe die Worte hervorbrachte, »ein Bekannter ladet mich ein, mit ihm den Abend zu verbringen.«

»Aber Du bist doch so erschrocken,« sagte der alte Herr forschend, »Du bist ja ganz roth geworden, Du zitterst.«

»Ich habe den ganzen Vormittag über Nichts gegessen,« sagte der Lieutenant, »die warme Suppe und das Glas Rothwein haben mich ein wenig echauffirt, – es ist wirklich nichts, gar Nichts Unangenehmes. Es war ein leichter Schwindel, der bereits vorüber ist.« –

Der alte Herr sah ihn ein wenig enttäuscht an.

Der Lieutenant, welcher bisher schweigend dagesessen hatte, begann mit einer etwas gewaltsamen Heiterkeit auf seine Erzählungen einzugehen, Erinnerungen anzuregen, von denen er wußte, daß sie seinem Vater lieb wären, so daß dieser bald den kleinen Vorfall vergaß und in äußerst zufriedener Stimmung noch eine zweite Flasche St. Julien bringen ließ, sehr vergnügt darüber, daß sein Sohn so lebendig wie lange nicht an seinen Gesprächen Theil nahm.

Als das Diner beendet, und das einfache Gedeck von dem Diener abgeräumt war, setzte sich der Oberstlieutenant in einen großen altmodischen Lehnstuhl, plauderte noch ein wenig, immer langsamer und langsamer sprechend mit seinem Sohn, deckte ein großes seidenes Tuch über seinen Kopf und versank in seinen gewohnten Nachmittagsschlaf, welcher heute tiefer war als sonst und ihm in freundlichen aber verworrenen Bildern die Zukunft seines Sohnes zeigte, wie dieser mit militairischen Würden und Auszeichnungen geschmückt den Namen derer von Büchenfeld zu immer höhern Ehren brachte.

Als der alte Herr eingeschlafen war, zog sich der Lieutenant in sein kleines Zimmer zurück, setzte sich vor seinen großen Tisch von weißem Holz, der mit Büchern, Plänen und Karten bedeckt war, zog das kleine Billet aus seiner Uniform hervor und versenkte sich abermals in die Lectüre desselben.

»Mein Gott,« sagte er endlich mit tief bewegtem, fast schmerzlichem Ton, »mein Entschluß stand so fest, ich glaubte Alles überwunden, ich glaubte mit der Vergangenheit und all ihren süßen Lockungen abgeschlossen zu haben, – da dringt diese Botschaft zu mir, welche alle meine Entschlüsse wieder umwirft, welche mich von Neuem in Kampf, in Unruhe und Zweifel versenkt –

»Mein lieber Freund.«

Las er, die Augen starr auf das Papier gerichtet.

»Nach unserm letzten Gespräch glaube ich es mir und Ihnen schuldig zu sein, volle Klarheit zwischen uns zu schaffen. Die Verhältnisse machen eine Erklärung zwischen uns nothwendig. Ich muß Sie sehen und sprechen, – gehen Sie heute Nachmittag fünf Uhr in der Nähe unseres Hauses auf der Thiergartenpromenade auf und nieder. Ich werde Ihnen dort begegnen und Nichts wird uns verhindern, uns in hellem Tageslicht und vor den Augen aller Welt gegen einander auszusprechen.«

»Ein angefangenes Wort ist ausgestrichen,« sagte er, immerfort sinnend das Papier betrachtend, – »ein einfaches A. ist die Unterschrift. – Ich habe niemals Anna's Handschrift gesehen,« fuhr er fort, »aber es ist kein Zweifel, dieser Brief muß von ihr kommen. Was kann sie mir sagen wollen? Nach den Mittheilungen meines Vaters soll ihre Verbindung mit dem jungen Rantow so gut wie abgemacht sein – nach ihren letzten Worten freilich,« sagte er, den Kopf in die Hand stützend, »mußte ich glauben, daß ihr Herz sich mir zuneigte. Sie wollte das Opfer meiner Liebe nicht annehmen, sie gab mir Hoffnung, – oh, eine so süße Hoffnung, welche ich mit so schwerer Überwindung aus meinem Herzen gerissen habe.

Wäre es möglich« – ein Schimmer von Glück und Freude erleuchtete sein Gesicht, in einer unwillkürlichen Bewegung hob er das Papier empor, drückte seine Lippen auf die Schriftzüge, dann sprang er auf und ging in heftiger Erregung in seinem Zimmer auf und nieder. –

»Sei es, was es will,« rief er, »es wäre unritterlich und feige, der Aufforderung einer Dame nicht zu folgen, einer Dame, der ich gesagt habe, daß ich sie liebe – und welche dieses Geständniß so gütig und freundlich aufgenommen, wie sie es gethan. –

Aber,« fuhr er dann mit finsterm Ausdruck und dumpfer Stimme fort, »wenn sie mir sagen will, daß Alles zu Ende sei, wenn sie den Traum beenden will, von dem ich ihr voreilig und unvorsichtig vielleicht gesprochen?

Nun,« fuhr er mit entschlossenem Ton nach einem langen Schweigen fort, »auch das wäre ein Zeichen, daß ich mich nicht in ihr getäuscht habe, ein Zeichen, daß sie meiner Liebe werth war, und daß sie es auch verdient, daß ich diese Liebe ihrer Ruhe und ihrem Glück opfere. Jedenfalls muß ich hingehen, soll es ein letzter Abschied sein, so wird ja nur das geschehen, wozu ich selbst fest entschlossen war, und dieser schöne Traum wird einen um so schönern Abschluß finden, und,« sagte er leise mit weichem Blick, dessen Ausdruck zwischen Schmerz und Glück die Mitte hielt, »sollte der Kampf meiner Pflicht und meines Stolzes gegen meine Liebe sich erneuern – ich will und darf keinen Kampf scheuen! Das wäre ein Mißtrauen auf die eigene Kraft, – ich muß hingehen und werde stark genug sein, um Alles zu ertragen, was dieser verhängnißvolle Augenblick mir bringen kann.«

Er blickte auf seine Uhr.

»Noch über eine Stunde,« sagte er, – »daß doch die Zeit oft so langsam vergeht, wenn man ihr Flügel wünscht und so rasch dahin schwindet, wenn man sie fesseln möchte.«

Er ergriff ein Buch und begann zu lesen, aber seine Gedanken waren nicht bei seiner Lectüre, in kurzen Zwischenräumen sah er nach der Uhr, deren Zeiger kaum vorzurücken schien; in zitternder Unruhe bewegte er sich hin und her; in schnellem Wechsel wurde sein Gesicht bald tief blaß, bald glühend roth; ein leichter Schweiß perlte an der Wurzel seiner Haare; und trotz aller Willenskraft, die er aufwendete, um ruhig zu bleiben, fand er sich nach Ablauf einer Stunde in jenem Zustand fieberhafter Aufregung, welchen der innere Kampf der Gefühle und Gedanken bei äußerer Unthätigkeit stets hervorruft und welcher bei kräftigen und nervösen Naturen immer eine Folge des Wartens ist, dieses unerträglichsten Zustandes unter allen Leiden, an denen das arme gequälte Menschenleben so reich ist.

Endlich war der Augenblick gekommen, er steckte den Degen ein, setzte die Mütze auf und verließ, ohne das Zimmer seines Vaters noch einmal zu betreten, das Haus.

*

Fräulein Anna hatte in nicht geringerer Unruhe und Aufregung den Tag verbracht. Es war ihr nicht schwer geworden, einen Vorwand zu finden um zu der Stunde, welche sie ihrem Geliebten angegeben, allein auszugehen. Sie war überhaupt gewohnt, stets ganz nach den Eingebungen ihres eigenen Willens zu handeln, welchen ihre Mutter aus überlegener Gleichgültigkeit, ihr Vater aus Zärtlichkeit selten ein Hinderniß in den Weg gelegt hatten.

Noch einmal hatte sie sich Alles überdacht, was sie dem jungen Manne sagen wollte. Ihr Herz schlug in ungeduldiger Sehnsucht dem Augenblick entgegen, in welchem sie ihn wiedersehen würden. Es war ja unmöglich, daß sein harter Sinn ihrer Liebe widerstehen könnte, da sie doch wußte, daß sein Herz ihr gehörte.

Mit bangem Zittern, aber mit einem glücklichen, hoffnungsvollen Lächeln auf den Lippen verließ sie kurze Zeit vor der festgesetzten Stunde ihre Wohnung und begann auf der Thiergartenpromenade vor dem Hause ihrer Eltern auf- und abzugehen, wie sie es öfter um diese Zeit zu thun pflegte um frische Luft zu schöpfen.

Unruhig forschend tauchte sich ihr Blick in die Ferne, aber unter all den alten Damen mit kleinen Hündchen in zierlichen blauen oder rothen Mänteln, unter all den Herren, welche in dem regelmäßig abgemessenen Spaziergang Erholung für die im Staub der Bureaus aller Arten verbrachten Morgenstunden suchten, entdeckte sie Denjenigen nicht, dem ihr Herz entgegenflog.

Langsam, in tiefe Gedanken versunken, schritt sie weiter.

»Guten Tag, Fräulein Anna,« ertönte plötzlich eine Stimme unmittelbar neben ihr, und rasch aufblickend sah sie den Referendarius von Rantow, welcher sein Lorgnon vor den Augen, den Hut abnahm und sie zwar mit einer tiefen und artigen Verbeugung, aber doch mit der Vertraulichkeit eines alten Bekannten begrüßte, welche sie um so unangenehmer berührte, als ihr diese Begegnung gerade im gegenwärtigen Augenblick ungemein unerwünscht war.

Mit einer kalten und abweisenden Miene erwiderte sie den Gruß des jungen Mannes, und wollte ihren Weg fortsetzen.

Herr von Rantow blieb an ihrer Seite.

»Ich habe Sie in den letzten Tagen in mehreren Gesellschaften vergeblich gesucht, mein gnädiges Fräulein,« sagte er, »in denen ich Ihnen sonst zu begegnen gewohnt war. Ich hoffe, Sie sind nicht leidend gewesen, Ihre blühende Farbe sollte mich beruhigen. Wo solche Rosen auf den Wangen blühen und solches Feuer aus den Augen leuchtet, kann Krankheit und Leiden keinen Platz finden,« fügte er mit höflich gleichgültigem Ton hinzu, indem sein Blick oberflächlich über das Gesicht und die Gestalt des jungen Mädchen hinglitt.

»Ich danke, Herr von Rantow,« sagte Anna mit dem Ton einer gewissen Verlegenheit, »ich befinde mich ganz wohl und war nur etwas nervös verstimmt, – deshalb bin ich nicht in Gesellschaft gegangen und möchte jetzt einen kleinen Gang in der freien Natur machen, um einsam meinen Gedanken nachzuhängen.«

»Das sollten Sie nicht thun,« erwiderte Herr von Rantow, ohne den ziemlich deutlichen Wink der Entlassung zu bemerken, welcher ebenso sehr in ihren Mienen, als in ihren Worten lag. »Die Einsamkeit ist kein Heilmittel für angegriffene Nerven, eine heitere gemüthliche Plauderei leistet viel bessere Dienste, ich will ein wenig versuchen, Ihr Arzt zu sein.«

»Sie sind zu gütig,« erwiderte sie in leicht gereiztem Ton, »Jeder muß am besten wissen, was seiner Natur bei nervösen Verstimmungen gut thut, und für mich ist ein einsamer Spaziergang in der freien Luft,« fügte sie mit noch schärferer Betonung hinzu, »das beste Heilmittel.«

»Fast darf ich Ihnen nach diesen Worten,« erwiderte Herr von Rantow mit einem leichten Lächeln, während er durch sein Glas in eine Seitenallee hinabsah, »meine Begleitung nicht weiter aufdrängen, und doch wird es mir schwer Sie zu verlassen. Wenn es aber Ihr Ernst ist, durchaus allein sein zu wollen –«

»Mein voller Ernst,« rief Anna schnell, indem eine dunkle Röthe ihr Gesicht überflog, – sie hatte wenige Schritte vor sich den Lieutenant von Büchenfeld bemerkt und machte eine unwillkürliche Bewegung, als wolle sie ihm entgegen eilen.

Herr von Rantow sah sie etwas befremdet an und folgte dann der Richtung ihres Blickes.

»Ah, da ist Herr von Büchenfeld, ich habe ihn lange nicht gesehen! Auch ein Einsamer,« fügte er mit einem schnellen Seitenblick auf das junge Mädchen hinzu. »Wäre die Einsamkeit ein Ding, das man theilen könnte, so würde ich vorschlagen, daß wir uns zu Dreien ihrem Genuß hingeben.«

Anna hörte nicht, was er sprach, ihre Blicke waren unverwandt auf den jungen Officier gerichtet. Peinliche Verlegenheit malte sich in ihren Zügen, unschlüssig hielt sie ihre Schritte an, so daß sie fast neben Herrn von Rantow stehen blieb.

Der Lieutenant von Büchenfeld hatte bei ihrem Anblick zunächst in freudiger Bewegung einen Schritt vorwärts gemacht, dann bemerkte er den jungen Herrn von Rantow, welcher in anscheinend vertraulichem Gespräch neben Fräulein Anna herging.

Eine tiefe Blässe bedeckte plötzlich seine Züge, seine Augen öffneten sich weit und blickten starr auf das Paar hin, welches vor ihm stehen blieb, – ein bitteres höhnisches Lächeln verzog seine fest verschlossenen Lippen zu fast krampfhafter Entstellung, ein tiefer Athemzug hob seine Brust, schnell wandte er sich seitwärts, und mit raschen Schritten ging er an den beiden jungen Leuten vorbei, mit kalter Höflichkeit Fräulein Cohnheim militairisch grüßend.

Das junge Mädchen zitterte in heftiger Bewegung, ihre Augen richteten sich mit magnetischem Glanz auf den schnell vorüberschreitenden jungen Officier; ein tiefer Seufzer, fast wie ein leiser angstvoller Schrei, rang sich aus ihrem Munde hervor, sie machte eine Bewegung, als wolle sie die Hände ausstrecken.

»Um Gottes Willen Herr von Büchenfeld!« rief sie.

Aber ihre Stimme war von tiefer, innerer Erregung so zusammengepreßt, daß ihre Worte kaum vernehmbar nur zu dem Ohr des unmittelbar neben ihr stehenden Herrn von Rantow drangen. Im höflichen Diensteifer wandte sich dieser um.

»Büchenfeld!« rief er, »so höre doch, – wie unhöflich, so vorbei zu laufen, – Fräulein Cohnheim ruft Dich.«

Er hatte den jungen Officier eingeholt, legte die Hand auf seinen Arm und zwang ihn, still zu stehen. Mit starrem Blick, immer jenes höhnische, bittere Lächeln auf den Lippen, kehrte er, von Herrn von Rantow geführt, zu dem jungen Mädchen zurück, das ihn zitternd erwartete.

»Ich habe Sie so lange nicht gesehen, Herr von Büchenfeld,« stammelte sie mit unsicherm Ton, »ich wollte Ihnen sagen, – daß –« sie blickte auf Herrn von Rantow, der mit einem artigen Lächeln auf den Lippen neben ihr stand, und dann schlug sie die Augen nieder, – sie schien nach Worten zu suchen, zornig biß sie ihre glänzenden Zähne auf die Lippen und trat heftig mit dem Fuß auf den Boden.

»Es ist sehr freundlich, daß Sie sich meiner erinnern,« sagte der Lieutenant von Büchenfeld mit kalter, schneidender Höflichkeit. »Ich bin unendlich erfreut, Ihnen hier begegnet zu sein, zu meinem tiefen Bedauern muß ich aber um Verzeihung bitten, daß ich mich keinen Augenblick aufhalten kann, – der unerbittliche Dienst ruft mich.«

Er grüßte militairisch, neigte leicht den Kopf gegen Herrn von Rantow, und eilte dann mit schnellen Schritten davon.

Anna athmete tief auf, sie machte eine Bewegung, als wolle sie ihm nacheilen, doch das wäre vergeblich gewesen, er entfernte sich in immer schnellerem Gang, sie sah ihm mit brennendem Blick nach.

Ein Zug tiefer schmerzlicher Trauer erschien auf ihrem Gesicht.

»Ich begreife nicht,« sagte Herr von Rantow, »was er haben kann, er sah ja ganz verstört aus. Sollte er dienstliche Unannehmlichkeiten gehabt haben?«

Fräulein Anna sah ihn mit zornfunkelnden Augen an, in ihren Wimpern zeigte sich ein feuchter Thränenschimmer.

»Ich bedaure sehr, Herr von Rantow,« sagte sie mit kaltem Ton, »daß ich nicht länger das Vergnügen Ihrer Gesellschaft haben kann, die Luft greift mich an, ich will nach Hause zurückkehren.«

Bevor der junge Mann antworten konnte, hatte sie sich mit einem leichten Gruß abgewendet und schritt schnell dem Hause ihrer Eltern zu.

»Wir gehen denselben Weg,« sagte er ganz erstaunt, »ich will so eben zu meinen Eltern.«

Aber bereits war sie weit entfernt, ohne seine Worte zu hören. Erstaunt blickte er ihr nach.

»Was geht denn da vor!« sprach er kopfschüttelnd vor sich hin. »Sollte da eine ernste Herzensangelegenheit spielen, – das würde mir nicht zu meinen Absichten passen, ich kann kaum eine bessere Partie finden, das Alles fügt sich so vortrefflich, – nun, ich glaube kaum, daß es ein ernstes Hinderniß sein wird,« sagte er dann, sich leicht den Schnurrbart streichend, »dieser Büchenfeld mit seinen altfränkischen Anschauungen wird kaum an eine ernste Bewerbung denken, und der alte Cohnheim wird auch wenig Lust haben, sein einziges Kind einem Officier zu geben, der Nichts weiter besitzt als seinen Degen.«

Langsam schritt er dem weit vorausgeeilten jungen Mädchen nach und trat einige Zeit später als sie in das Haus des Commerzienraths, dessen Parterre seine Eltern bewohnten.

Der Lieutenant von Büchenfeld war in schmerzlicher Erregung dem Brandenburger Thor zugeschritten. Er blickte starr vor sich hin, kaum die Vorübergehenden beachtend und nur mit seinen finstern Gedanken beschäftigt.

»Das also ist es gewesen,« flüsterte er, »sie hat mir zeigen wollen, daß Alles zwischen uns aus sein soll, daß Alles für sie nur das flüchtige Spiel einer augenblicklichen Laune war. Ein Abschied hat es sein sollen, aber nicht ein freundlicher Abschied, welcher mit seinem sanften Strahl das künftige Leben erleuchtet und den Schmerz der Trennung verklärt. Nein, dieser Abschied war fast ein Hohn auf die Vergangenheit, sie wollte sich mir auf meinem einsamen Wege an der Seite Desjenigen zeigen, der das Glück besitzen soll, das ich vergeblich ersehnte. –

»Das Glück?« sagte er, indem er die Augen fragend emporschlug, – »kann es ein Glück geben an der Seite eines Wesens, das so herzlos mit den edelsten Gefühlen spielt, das auf solche Weise eine Liebe von sich weisen kann, deren Tiefen sie kaum zu ermessen verstehen mag, – und sie hätte es ja nicht nöthig gehabt,« sprach er, grimmig die Lippen auf einander pressend, »sie hätte es nicht nöthig gehabt, mir so meinen Abschied zu geben. Ich habe sie doch wahrlich mit meiner Liebe nicht verfolgt, ich habe mich still und schweigend zurückgezogen. Warum hat sie mich nicht ruhig meiner Wege gehen lassen? Ach, wie tief habe ich mich in ihr getäuscht! Wie Recht hatte mein Vater, daß in diesen Kreisen der reich gewordenen Parvenus es kein Herz und kein Gefühl giebt.«

Er sah sich plötzlich von mehreren Kameraden umringt, deren Annäherung er nicht bemerkt hatte, und welche ihm lachend den Weg vertraten.

»Endlich trifft man ihn einmal, diesen verkörperten Fleiß,« rief ein junger Dragonerofficier.

»Er bereitet sich zum Chef des großen Generalstabs vor und macht Tag und Nacht die Pläne zu den Schlachten, die er künftig gewinnen will. Aber jetzt haben wir ihn, jetzt soll er mit uns kommen. Es ist heute Hohensteins Geburtstag,« sagte er, auf einen Husarenofficier deutend, »wir sind es ihm aus Freundschaft schuldig, diesen wichtigen Tag zu feiern. Büchenfeld darf sich nicht zurückziehen, wenn er nicht ein schlechter Kamerad ist. Wir wollen zu Borchard gehen, dort ist ein vortrefflicher Romanée mousseux, dessen Bekanntschaft er machen soll. Ein ganz ausgezeichneter Stoff, etwas schwer, – aber wo man den Geburtstag eines guten Freundes feiert, darf man ja nicht ganz kalt und nüchtern bleiben.«

Er ergriff den Arm des Lieutenants von Büchenfeld und zog ihn fort. Die Andern folgten.

»Es ist wahr,« rief Büchenfeld flammenden Blickes, »ich habe zu viel gearbeitet, zu viel nachgedacht und gegrübelt, ich will mir einmal den Kopf frei machen von allen Gedanken. Könnte ich Vergessenheit trinken,« sagte er leise vor sich hin, – »wie die Alten mit dem Wasser des Flusses der Unterwelt alle Erinnerungen an die Leiden des Lebens aus ihrer Seele fortspülten!«

Unter heitern und fröhlichen Gesprächen schritten die Officiere die Linden entlang und begaben sich in das elegante, altbewährte Local von Borchard in der Französischen Straße.

Der alte Kellner mit dem kränklichen, klug blickenden Gesicht, welcher so genau seine Gäste zu classificiren verstand und den Geschmack und die Gewohnheiten eines Jeden stets scharf im Gedächtniß behielt, brachte die dickbäuchigen Flaschen in den eisgefüllten Kühlern. Die Pfropfen wurden entfernt, und das edle, dunkelrothe Getränk mit dem weißen Schaum ergoß sich in die zierlichen Krystallkelche.

Der Lieutenant von Büchenfeld, welcher ernst und mit finsterm Schweigen sich der Gesellschaft der Übrigen angeschlossen hatte, stürzte ein Glas des purpurnen Getränkes nach dem andern hinunter, – eine wilde Heiterkeit schien sich seiner zu bemächtigen, seine Augen flammten, seine Wangen glühten, ganz seiner sonstigen Gewohnheit entgegen begann er mit sprühendem Witz an der Unterhaltung Theil zu nehmen.

Aber dieser Witz war nicht wohlthuend, belebend und erheiternd, – er war scharf, schneidend, Alles in den Staub herabziehend, was dem ernsten Sinn des jungen Mannes sonst unantastbar gewesen war.

Seine Freunde sahen sich ganz erstaunt an.

»Büchenfeld muß etwas sehr Glückliches passirt sein,« sagte der Dragonerofficier, »so habe ich ihn noch nie gesehen.«

»Oder,« sagte der Husar lachend, »er steht im Begriff, sich todtzuschießen. Das ist ja der reine Galgenhumor, der aus ihm spricht.«

»Weder das Eine noch das Andere,« meinte ein Dritter, »es ist einfach dieser ausgezeichnete Rebensaft von Burgund, der unsern stillen Freund so gesprächig macht.«

»Oder sollte er etwa verliebt sein,« sagte der Dragoner, »das wäre ja das Allermerkwürdigste, das man erleben könnte, – er, der bis jetzt gar keine Augen für ein weibliches Wesen zu haben schien und nur seinen Studien gelebt hat.«

»Ja, ja,« rief der Lieutenant von Büchenfeld laut lachend, »Du hast es getroffen, ich bin verliebt. Das ist doch wahrlich werth,« sagte er, ein neues Glas herunterstürzend, »aus seiner gewohnten Ruhe herauszutreten. Nein, nein,« fuhr er dann mit schneidendem Hohn fort, »wenn ich verliebt wäre, dann wäre mir doch wirklich besser, daß ich mich auf ein Pulverfaß setzte und in die Luft sprengte. Denn was ist die Liebe?« sagte er plötzlich düster; – »die unwürdige Fessel, welche den Willen, den Muth und die Kraft eines Mannes an die flüchtige Laune einer Frau kettet und den hohen Flug edler Seelen herabzieht in den Staub und sie zum Spott Derer werden läßt, die sie nicht begreifen können!«

Immer lauter, immer lustiger wurde die Unterhaltung; immer höher glühten die Wangen des Herrn von Büchenfeld, und bereits begannen seine Freunde mit einiger Besorgniß zuzusehen, wie er fortwährend sein Glas füllte, um es augenblicklich wieder zu leeren.

Es war dunkel geworden, die Gasflammen waren angezündet. Einige einzelne Herren hatten an kleinen Tischen in dem vordern Theil des Zimmers Platz genommen, in dessen Hintergrunde die jungen Officiere sich befanden.

Der Referendar von Rantow trat herein, ließ durch sein Lorgnon den Blick durch das große Zimmer gleiten und näherte sich dann der Gruppe der Officiere, die ihm sämmtlich bekannt waren. Er wurde von Allen freundlich begrüßt, rasch reichte man ihm einen gefüllten Kelch und stellte einen Sessel für ihn in den Kreis der Übrigen.

Der Lieutenant von Büchenfeld war in die Ecke eines Divans zurückgesunken, sein etwas starrer Blick ruhte mit unbeschreiblichem Ausdruck auf dem Baron von Rantow, ein verächtliches Lächeln zuckte um seine Lippen.

»Sieh da, Büchenfeld,« sagte der Referendarius, ihm freundlich zunickend, »ist Deine Dienstzeit zu Ende? Du warst vorhin ja so wild und unzugänglich nicht nur gegen mich, sondern auch gegen eine Dame, die Dich rief und gern mit Dir sprechen wollte, – das war nicht höflich.«

»Ihm muß überhaupt etwas ganz Außerordentliches passirt sein,« sagte der Husarenofficier, – »er ist heute in einer Laune, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Sehr amüsant freilich, aber ich möchte ihn so nicht in fremde Gesellschaft gehen lassen, sonst könnte wohl morgen Einer von uns das Vergnügen haben, ihm zu secundiren.«

Herr von Büchenfeld warf dem Sprechenden einen flüchtigen Blick zu, stürzte abermals ein Glas hinunter und sagte mit etwas unsicherer Stimme:

»Das würde nicht zu besorgen sein, – ich bin im Gegentheil in sehr friedlicher Stimmung, – sehr friedlich – und sehr vergnügt. – Du hast Recht, mir ist etwas sehr Gutes, ein großes Glück widerfahren, ich bin einer großen Gefahr entronnen, – ich stand im Begriff einen tiefen Fall zu thun, – einen tiefen, tiefen Fall,« sagte er mit dumpfem, allmälig immer leiser und leiser verklingendem Ton; – dann sank sein Haupt auf die Brust nieder, er schwieg und schien nun in Gedanken seinen Satz zu beenden.

Die Officiere wechselten bedeutungsvolle Blicke unter einander.

»Ich fürchtete schon,« sagte Herr von Rantow lächelnd, »daß Du mir böse sein würdest, und daß ich die Ursache Deines schnellen Fortlaufens gewesen sei. Ich habe neulich schon so Etwas bemerkt, – sollten wir Nebenbuhler sein? Das wäre nicht hübsch,« fügte er hinzu, »gute Freunde müssen sich über so Etwas verständigen.«

»Nebenbuhler?« riefen die Officiere neugierig, – »so haben wir doch Recht, so ist er doch verliebt. Es mußte ja auch etwas ganz Außerordentliches sein, was ihn so verändern konnte.«

Herr von Büchenfeld richtete langsam den Kopf empor, seine müden geschlossenen Augen öffneten sich weit und blickten mit sonderbarem Ausdruck im Kreise umher.

»Nebenbuhler,« rief er dann mit lautem Lachen, sich zu Herrn von Rantow wendend, »wären wir jemals Nebenbuhler gewesen, jetzt kannst Du ganz ruhig sein, ich trete Dir wahrhaftig nicht in den Weg. Ich schätze dieses kindische Gefühl, das man die Liebe nennt, nach ihrem wahren Werth; und ihr Werth ist sehr gering,« fügte er achselzuckend hinzu, – »über Dergleichen dürfen sich Männer nicht entzweien. Wahrlich,« fuhr er mit einer Stimme fort, die bald hoch anschwoll, die bald wieder zu leisem Ton herabsank, »stände hier eine Roulette zwischen uns, ich würde kaum einen Louisd'or gegen alle Liebeshoffnungen und Liebesansprüche der Welt setzen.«

»Das ist ein guter Gedanke,« rief der Dragonerofficier, der ebenso wie die ganze Gesellschaft sich bereits unter dem Einfluß der Wirkung des feurigen Weines befand, »ein guter Gedanke, wenn Ihr Nebenbuhler seid, setzt Eure Chancen gegen einander. Das ist ein viel besserer Weg, zur Klarheit zu kommen, als sich die Hälse zu brechen. Eine Roulette ist nicht hier, spielt eine Partie Ecarté um Eure Schöne –«

»Vortrefflich, vortrefflich!« riefen die Andern jubelnd, – »ein ausgezeichneter Gedanke!«

»Unglück im Spiel, Glück in der Liebe!« rief der Husarenofficier.

»Wer das Spiel gewinnt, muß seine Liebesansprüche aufgeben –«

»Warum nicht,« rief Herr von Büchenfeld, dessen Blicke sich immer verschleierten, »gebt die Karten her!«

Herr von Rantow schien ein wenig verlegen zu sein, er wollte einige Bemerkungen machen, die Übrigen ließen ihn nicht zu Worte kommen.

Bereits hatte Einer von ihnen zwei Spiele Ecartékarten gebracht, man räumte eine Ecke des Tisches vor Herrn von Büchenfeld leer und zog Herrn von Rantow zu dem jungen Officier hin.

»Ich setze hundert Louisd'or,« sagte dieser, indem er den Blick forschend auf Herrn von Büchenfeld richtete, wie es schien in der Hoffnung, durch diesen hohen Einsatz den jungen Mann zum Nachdenken zu bringen.

»Ich nehme an,« sagte dieser, starr vor sich hinblickend, und schnell leerte er noch ein Glas.

»Wer gewinnt,« rief der Dragonerofficier, »zahlt also hundert Louisd'or und hat das alleinige Recht der Dame, um die es sich handelt, die Cour zu machen. Der Andere darf auf sein Ehrenwort nie wieder mit ihr sprechen.«

Fragend blickte Herr von Rantow, welcher die Karten noch immer nicht ergriffen hatte, auf Herrn von Büchenfeld.

»Angenommen,« sagte Dieser, griff mit einer etwas unsicheren Bewegung nach dem Spiel und hob ab.

»Drei,« sagte Herr von Rantow, – dann coupirte und zeigte ein Aß.

»Du giebst,« sagte der Lieutenant immer in demselben dumpfen Ton.

Das Spiel begann. In rascher Folge legte Herr von Rantow mehrere Male den König auf, und nach wenigen Abzügen hatte er die Partie gewonnen.

Höhnisch lachte Herr von Büchenfeld laut auf.

»Du hast das schöne Fräulein Cohnheim gewonnen!« rief er, die Karten durcheinander werfend, – »ich gratulire Dir!« – er sank auf seinen Stuhl zurück, sein Haupt fiel müde auf die Brust nieder.

Herr von Rantow zuckte zusammen.

Trotz der mehr als heiteren Stimmung, die in dem ganzen Kreise herrschte, trat ein tiefes Schweigen ein. Die Officiere sahen sich mit verlegenen Blicken an.

»Ich habe gewonnen, nach der Verabredung muß ich den Einsatz bezahlen,« sagte Herr von Rantow mit einer Miene, welche ausdrückte, daß er dieser peinlichen Scene so schnell als möglich ein Ende machen wollte.

Er zog einige Goldstücke aus seinem Portemonnaie, fügte aus seinem Portefeuille einige Bankbillets dazu, legte das Geld vor Herrn von Büchenfeld auf den Tisch und erhob sich.

Der Lieutenant von Büchenfeld richtete den Kopf auf, streckte die Hand aus und streute das Geld auf dem Tisch umher.

»Der Einsatz ist zu hoch,« sagte er mit rauher Stimme in abgebrochenen Worten, »Du bist betrogen, der Gegenstand ist so hohen Spiels nicht werth, ich kann das nicht annehmen.«

Und abermals sank er in seinen Stuhl zurück, seine Augen schlossen sich, sein Haupt fiel matt gegen die Lehne.

Rasch wurde an einem der Seitentische ein Stuhl zurückgeschoben. Einer der dort sitzenden Herren erhob sich, ergriff seinen Hut und rief den Kellner. Herr von Rantow blickte hin und erkannte den Commerzienrath, der Alles mit angehört hatte.

»Wie peinlich, wie unangenehm,« sagte er, während die ernst gewordenen Officiere schweigend um ihn her standen.

»Meine Herren,« fuhr er fort, »ich glaube nicht, daß es möglich ist, mit Herrn von Büchenfeld heute noch ein Wort zu sprechen. Sie werden ihm einen großen Dienst leisten, wenn Sie dafür sorgen, daß er so bald wie möglich nach Hause zurückkehrt. Leben Sie wohl, morgen wollen wir weiter darüber reden.«

Und schnell ging er dem Commerzienrath nach, welcher bereits seine Rechnung bezahlt und das Zimmer verlassen hatte.

Die heitere und übermüthige Weinlaune der Officiere war verschwunden, sie Alle fühlten, daß hier etwas Ernstes sich vollzogen habe, das schwere Folgen nach sich ziehen müsse.

Sie brachen auf, der Lieutenant von Büchenfeld ließ sich ruhig und ohne weiter ein Wort zu sprechen nach einer herbeigeholten Droschke führen. Zwei seiner Kameraden begleiteten ihn nach Hause und erzählten dem alten Oberstlieutenant, daß sein Sohn in einer kleinen Gesellschaft ein wenig von der allgemeinen Heiterkeit mit fortgerissen sei.

Der alte Herr lächelte ganz vergnügt darüber und freute sich im Stillen, daß die jugendliche Lebenslust bei seinem Sohne einmal den Sieg über seine Neigung zu einsamem Grübeln davon getragen habe.

Fünftes Capitel.

Fräulein Anna war in einem Sturm widersprechender Gefühle nach Hause zurückgekehrt, sie hatte in das Verhältniß zu ihrem Geliebten Licht und Klarheit bringen wollen, statt dessen war durch ein unglückseliges und verhängnißvolles Zusammentreffen der Umstände eine neue und noch größere Verwirrung entstanden.

Unmuthig warf sie ihren Hut von sich und riß hastig die Handschuhe von den zitternden Händen.

»Welch ein unglückseliges Zusammentreffen,« rief sie heftig, »ich hätte daran denken sollen. Aber wie ist es möglich, daß er mich nicht einmal anhören wollte. Einige Worte hätten Alles aufgeklärt. Es ist ja schon ganz widersinnig, daß er von einer so eifersüchtigen Leidenschaft erfaßt werden kann, nachdem ich ihm gestern geschrieben.«

Sie warf sich auf ihren Divan und blickte in rathloser Unschlüssigkeit zu der Decke des Zimmers empor. Sie zürnte sich selbst, sie zürnte ihrem Geliebten, der so hart und rücksichtslos ihr jede Erklärung abgeschnitten hatte, vor Allem aber zürnte sie dem Herrn von Rantow, welcher so unberufen und störend in ihre Combinationen eingegriffen hatte.

»Es ist unerhört,« rief sie, »wenn er mir zutrauen kann, daß ich mit dem jungen Baron in irgend welchen Beziehungen stände – aber,« fuhr sie fort, »sein Charakter ist so mißtrauisch, er ist so geneigt, Alles schwarz zu sehen. Es ist unmöglich, eine andere Erklärung für sein Benehmen zu finden. Was soll ich thun? – Ihm noch einmal schreiben? – Er würde mir nicht glauben! Er würde nicht noch einmal zu mir kommen, nachdem er im Stande gewesen, trotz meiner Bitte, trotz der Bekümmerniß und der Unruhe, die er in meinen Blicken hat lesen müssen, mir das Gehör zu versagen!

Er ist hart wie Stein,« rief sie, in heftiger Erregung die Bandschleifen ihres Kleides zerknitternd, »aber gerade darum liebe ich ihn! Er ist nicht wie all' die andern jungen Herren, die weich und elastisch wie Gummi sich hin und her ziehen lassen; hinter dieser harten Schale liegt ein edler und weicher Kern. Aber wie zu ihm gelangen? Wie den Weg finden zu diesem mit siebenfachem Erz umgürteten Herzen?«

Sie dachte lange nach. In fieberhafter Unruhe bildete sie Pläne auf Pläne, um sie alle wieder zu verwerfen.

»Es giebt nur einen Weg,« rief sie endlich mit festem entschlossenen Ton, »Licht in all dieses Dunkel zu bringen. Ich will mit meinem Vater sprechen. Er kann,« fügte sie unwillkürlich lächelnd hinzu, »meinen ernsten Bitten auf die Dauer nicht widerstehen. Er muß es übernehmen, diesem unerbittlichen Stolz Genugthuung zu geben. Er wird mir das Glück meines Lebens nicht versagen, wenn er sich auch mit anderen Plänen tragen sollte.«

Dieser Entschluß schien sie zu beruhigen; nachdem sie noch längere Zeit über die Ausführung desselben nachgedacht hatte, ging sie in den Salon ihrer Eltern, wo ihre Mutter sie bereits am Theetisch erwartete.

Die Frau Commerzienräthin ergriff abermals die Gelegenheit, ihrer Tochter eine kleine Vorlesung darüber zu halten, was sie der Stellung ihres Vaters schuldig sei, und wie sie ihrerseits stets daran denke, für sie eine passende Verbindung zu finden, so müsse auch Anna darauf bedacht sein, in ihrem Verkehr mit der jungen Herrenwelt nur solchen Personen eine Annäherung zu erlauben, welche durch ihr Vermögen und ihre gesellschaftliche Stellung im Stande wären, sich in die Reihe der Bewerber um die Tochter des großen Finanzmannes zu stellen, welcher bestimmt sei, noch weit höhere Stufen auf der Leiter der Gesellschaft zu ersteigen.

Fräulein Anna hörte schweigend die Auseinandersetzungen ihrer Mutter an, an welche sie sich seit einiger Zeit als etwas Unabänderliches gewöhnt hatte, und welche ihr, da sie darauf zu erwidern nicht für nöthig hielt, die erwünschte Gelegenheit gaben, ihren Gedanken nachzuhängen.

Dies tête-à-tête zwischen Tochter und Mutter hatte bereits längere Zeit gedauert, als der Commerzienrath in großer Aufregung in das Zimmer trat. Er vergaß, was er sonst stets mit einer etwas forcirten Galanterie zu thun pflegte, seiner Frau die Hand zu küssen, und beachtete auch den freundlichen Gruß seiner Tochter kaum, welche ihm entgegen gegangen war und ihm Hut und Stock abgenommen hatte. Er ging mit kurzen unruhigen Schritten auf und ab, bewegte die Hände in lebhaften Gesticulationen und flüsterte abgebrochene Worte vor sich hin.

Erstaunt sah ihm die Commerzienräthin eine Zeit lang zu, dann sagte sie in etwas vorwurfsvollem Ton, in dem sich jedoch ein Anklang unruhiger Besorgniß beimischte:

»Du scheinst unsere Gesellschaft nicht zu beachten und vollständig in Deinen geschäftlichen Combinationen vertieft zu sein. Vielleicht wäre es besser, die Berechnungen über Deine Geschäfte in Deinem Zimmer vorzunehmen und hier Dich ein wenig der Unterhaltung mit Deiner Familie zu widmen – oder,« fuhr sie fort, »hast Du so peinliche und unangenehme Nachrichten erhalten, daß Dich ernste Sorgen selbst hierher verfolgen?«

»Es ist unerhört,« sprach der Commerzienrath halb zu sich selber, »es ist eine sehr unangenehme Geschichte, – es waren noch verschiedene Personen dabei; morgen wird vielleicht ganz Berlin davon sprechen! Was kann man thun? Wie kann man dem Scandal vorbeugen?«

»Aber ich bitte Dich,« sagte die Commerzienräthin, welche jetzt ernstlich beunruhigt zu sein schien, »so sage uns doch endlich, was Dich so aufregt – wovon kann morgen ganz Berlin sprechen? Deine Unternehmungen und Deine financielle Stellung sind doch nicht auf den Zufall begründet? Es kann doch keine Katastrophe Dein Haus und Dein Geschäft vernichtend treffen?«

»Haus und Geschäft,« rief der Commerzienrath achselzuckend, indem er noch immer unruhig und hastig auf- und niederschritt, »das kommt nicht in Betracht – aber meine gesellschaftliche Stellung, der Name meiner Tochter – was wird man dazu sagen? Wie werden alle meine Feinde mich verhöhnen!«

Jetzt wurde auch Fräulein Anna aufmerksam.

»Du hast von mir gesprochen, lieber Papa,« sagte sie. »Ich bitte Dich, was giebt es – so erzähle uns doch.«

»Ich muß Dich jetzt sehr ernstlich bitten,« sagte die Commerzienräthin im strengen Ton, »uns mitzutheilen, was Dich so sehr in Unruhe versetzt, denn nach Deinen letzten Worten geht es mich doch ebenso sehr an als Dich, ja vielleicht mehr, denn unsere gesellschaftliche Stellung aufrecht zu erhalten,« sagte sie, den Kopf erhebend, »und über den Ruf meiner Tochter zu wachen, das ist doch vorzugsweise meine Aufgabe.«

»Was es giebt,« rief der Commerzienrath, indem er an den Theetisch herantrat, – »etwas sehr Unangenehmes, etwas sehr Böses, meine Tochter ist beleidigt, – öffentlich beleidigt, verhöhnt im Restaurationszimmer bei Borchard vor einer Menge von Officieren, vor verschiedenen unbekannten Herren, welche die Geschichte natürlich so schnell als möglich weiter tragen werden. Wie werden alle meine Feinde triumphiren, welche mich schon so lange beneidet haben und gewiß so sehnlich wünschen, endlich einmal Gelegenheit zu finden, um sich an mir rächen zu können.«

»Was ist geschehen,« fragte jetzt auch Fräulein Anna ernst und dringend, »wer hat mich beleidigt und wie? Ich muß es wissen.«

»Wer?« sagte der Commerzienrath, »Du wirst ihn kaum kennen, ein ganz unbedeutender, junger Officier von irgend einem Linienregiment, dem ich die Ehre erwiesen habe, ihn in mein Haus einzuladen, eigentlich nur, weil ich ihn bei meinem Freunde, dem Baron von Rantow, einmal begegnete, ein kleiner Lieutenant von Büchenfeld.«

Anna wurde bleich wie der Tod, ihre großen Augen starrten mit entsetztem Ausdruck auf ihren Vater. Sie stützte die Hand auf den Tisch, ihre ganze Gestalt schwankte unsicher hin und her.

»Lieutenant von Büchenfeld,« sprach sie leise mit fast tonloser Stimme, während ihre Mutter einen schnellen forschenden Blick auf sie warf, indem ein leichtes höhnisches Lächeln um ihren hochmüthig aufgeworfenen Mund zuckte.

»Er war,« sprach der Commerzienrath eifrig, – »Du mußt es ja doch wissen, damit Du danach Dein Benehmen einrichten kannst, – er war in Gesellschaft mehrerer Officiere und schien mir schon, als ich in das Zimmer trat und von Jenen unbemerkt in der Nähe an einem Tische Platz nahm, um eine kleine Erfrischung zu mir zu nehmen, sehr aufgeregt, – die Herren mochten wohl schon lange bei einander gesessen und viel getrunken haben. Der junge Herr von Rantow kam ebenfalls zu ihnen, und es fielen zwischen ihm und Herrn von Büchenfeld einige anzügliche Redensarten von Nebenbuhlerschaft, von einer Dame und so weiter, auf die ich nicht besonders Acht gab. Der Lieutenant von Büchenfeld machte einige sehr wegwerfende Bemerkungen über die fragliche Dame und sagte, er würde ihre Liebe im Ecarté gegen einen Louisd'or versetzen. Die heitere Gesellschaft griff diesen Gedanken auf, man brachte Karten, Herr von Rantow, der ein vortrefflicher Cavalier ist, gab sich die größte Mühe, das Spiel zu verhindern und schien nur darauf einzugehen, um in der sehr erregten Gesellschaft nicht noch größeren Eclat herbeizuführen. Herr von Büchenfeld, welcher kaum noch seiner Sinne mächtig schien, verspielte das Recht seiner Bewerbung um die fragliche Dame gegen hundert Louisd'or, – ich ahnte noch immer nichts Böses, – dann warf er die Karten mit den lauten Worten hin: – Du hast das schöne Fräulein Cohnheim gewonnen, ich wünsche Dir Glück dazu, aber der Einsatz ist zu hoch, ich kann ihn nicht annehmen. – Ich war wie vom Schlage getroffen, ich wußte kaum, was ich sagen und was ich thun sollte, nur mit Mühe behielt ich die Fassung, um mit einigem Anstand das Zimmer zu verlassen.«

Anna schwankte wie gebrochen zu einem Sessel und sank auf denselben nieder, das Gesicht mit den Händen bedeckend und krampfhaft schluchzend. Der Commerzienrath eilte zu ihr hin und streichelte mit besorgter Miene ihr schönes glänzendes Haar.

»Ja, es ist schrecklich, mein armes Kind, so ganz unschuldig beleidigt und gekränkt zu werden. Aber tröste Dich, rege Dich nicht zu sehr auf. Verschweigen konnte ich es ihr ja doch nicht,« sagte er, zu seiner Frau gewendet, »sie mußte es ja doch erfahren.«

»Das kommt davon,« sagte die Commerzienräthin, indem sie mit kaltem strengem Blick zu ihrer Tochter hinübersah, »wenn man nicht vorsichtig in der Auswahl der Personen ist, die man in seiner Gesellschaft zuläßt, – der Lieutenant von Büchenfeld, glaube ich, war der junge, mir unbekannte Officier, mit welchem Du neulich den Cotillon tanztest, den Du Herrn von Rantow abgeschlagen hattest, das kommt davon; solche Leute setzen sich dann Dinge in den Kopf, fassen Hoffnungen, und da ihnen der Takt der vornehmen Gesellschaft mangelt, so begehen sie schließlich irgend eine Niedrigkeit zum Dank für Wohlwollen und Freundlichkeit.«

»O, wie wäre es möglich gewesen,« rief Fräulein Anna, ohne die Worte ihrer Mutter zu beachten und nur mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, »wie wäre es möglich gewesen, so Etwas zu denken, an eine solche Schlechtigkeit und Erbärmlichkeit zu glauben, – und das, nachdem –« sie bedeckte abermals das Gesicht mit den Händen und sank still weinend in sich zusammen.

»Nun, mein Kind,« sagte der alte Commerzienrath, den die heftige Erregung seiner Tochter tief zu beunruhigen begann, »so übermäßig ernsthaft muß man die Sache auch nicht nehmen. Es läßt sich immer noch ein Weg finden, das Alles auszugleichen, und vielleicht ein sehr guter, ein sehr ehrenvoller Weg. Ich bin,« fuhr er fort, »mit dem Herrn von Rantow nach Hause gegangen, welcher mir gleich nachfolgte, als ich das Lokal verlassen hatte. Wir haben ein sehr ernstes Gespräch mit einander geführt, das sich auf den Fall bezog, und das ich Dir eigentlich erst morgen mittheilen wollte,« sprach er weiter, – »indeß, da ich mich nun einmal habe hinreißen lassen, die ganze Sache zu erzählen, so ist es besser, wenn wir darüber auch heute gleich sprechen.«

Fräulein Anna blickte erwartungsvoll ihren Vater an, der einige Male rasch im Zimmer auf- und niederging; dann vor einem Tische stehen bleibend und mit einem schnellen Seitenblicke auf seine Frau, welche sich in einen Lehnstuhl gesetzt hatte und grade aufgerichtet, mit strenger Miene die weitere Entwickelung dieser Scene erwartete, begann er, eine gewisse würdevolle Wichtigkeit in seinen Ton legend:

»Der junge Herr von Rantow, der ein ganz vortrefflicher Cavalier ist, und der ganz genau weiß, was in der großen Welt und in der feinsten Gesellschaft sich schickt und paßt –«

»Besser als andere Leute,« fiel die Commerzienräthin ein, »welche sich in die Gesellschaft eindrängen, und welche man nie hätte aufnehmen sollen –«

»Der Herr von Rantow,« fuhr der Commerzienrath fort, indem er die Brust hervorstreckte und versuchte, durch einen imponirenden Blick die Zwischenreden seiner Frau abzuschneiden, »hat mir gesagt, wie leid es ihm thäte, daß diese Scene stattgefunden habe, – er habe alles Mögliche gethan, um sie zu vermeiden, und habe es schließlich für das Beste gehalten, auf den Scherz der aufgeregten Gesellschaft einzugehen, um so schnell als möglich von der ganzen Sache abzukommen. Er habe natürlich nicht im Entferntesten ahnen können, daß der Herr von Büchenfeld in so unglaublicher Weise den Namen einer Dame unter solchen Umgebungen und solchen Verhältnissen nennen würde. Nachdem das vorgefallen, hat er mir gesagt,« fuhr der Commerzienrath mit etwas gedämpfter Stimme fort, »werde ihm Nichts übrig bleiben können, als für die Ehre der Dame, die in seiner Gegenwart und in Beziehungen auf ihn so unerhört beleidigt sei, persönlich einzutreten.«

Die Commerzienräthin lehnte sich steif zurück, indem ein befriedigtes Lächeln auf ihrem Gesicht erschien.

Anna richtete flammenden Blickes den Kopf empor.

»Warum bedarf es eines fremden Armes, um uns zu vertheidigen, – oh,« fuhr sie fort, indem ihre Lippen bebten und ihre Hände sich krampfhaft verschlangen, »warum ist man wehrlos gegen solche Niedrigkeit und Erbärmlichkeit?«

»Du bist nicht wehrlos, mein Kind,« sagte der Commerzienrath, indem er zu ihr herantrat und ihr leicht mit der Hand über den Kopf strich, »der junge Herr von Rantow wird morgen schon, wenn dieser Lieutenant von Büchenfeld wieder für vernünftige Worte zugänglich ist, ihn zu einer öffentlichen und bestimmten Ehrenerklärung auffordern, und, wenn er sich weigert, so wird er ihn zwingen,« sagte er mit stolzem und wichtigem Ausdruck, »ihm mit den Waffen in der Hand Rechenschaft zu geben.«

»Damit er womöglich noch verwundet oder erschossen wird,« rief Fräulein Anna, verächtlich die Achseln zuckend, »und ich noch mehr der Gegenstand des öffentlichen Gespräches und des öffentlichen Spottes werde.«

»Des Spottes niemals, mein Kind,« sagte die Commerzienräthin mit einem ruhigen kalten Ton, »wenn ein Cavalier wie Herr von Rantow zu Deiner Vertheidigung auftritt, so wird es Niemand wagen, Dich zu verspotten.«

»Nun,« rief Anna, »mag es sein, wie es will, ich bin Herrn von Rantow dankbar, daß er mich in Schutz nimmt gegen diese elende, niedrige Beleidigung, ich bin, weiß Gott, unschuldig an dem, was daraus entstehen kann.«

»Herr von Rantow hat sich benommen als ein ganz vortrefflicher junger Mann von der besten Erziehung und dem feinsten Gefühl. Er hat mir weiter gesagt, daß es für eine junge Dame immer peinlich sei und unangenehm, wenn zwei Herren ihretwegen eine Ehrensache miteinander hätten, und wenn sie namentlich von Jemand vertheidigt werden müßte, der in keinen weiteren Beziehungen zu ihr stände – das brächte sie immer in eine schiefe Stellung dem Publikum gegenüber und gebe Anlaß zu allen möglichen Voraussetzungen und Gesprächen. Er habe nun, – hat er mir weiter gesagt, – schon seit längerer Zeit den Wunsch in sich getragen, in nähere Beziehung mit meiner Familie zu treten, nachdem sein Vater mit mir so nahe geschäftliche Verbindungen eingegangen sei und unsere Interessen auf Jahre hinaus sich verbunden hätten. Er habe Dir, mein Kind, aber erst Gelegenheit geben wollen, ihn genauer kennen zu lernen, bevor er es habe wagen wollen, bei mir um Deine Hand anzuhalten. Dieses zufällige und plötzliche, so unangenehme Ereigniß aber mache ihm den Muth und lege ihm fast die Pflicht auf, jetzt mit seinen Wünschen hervorzutreten. Man werde über die Sache viel sprechen und wenn er zu einem Rencontre mit Herrn von Büchenfeld gezwungen werden sollte, so werde die Welt seinen Namen ohnehin mit dem Deinigen in Verbindung bringen. Wenn Du deshalb nach Deiner kurzen Bekanntschaft mit ihm Dich entschließen könntest, ihm Dein Leben und Deine Zukunft anzuvertrauen, so glaubt er, daß Alles sich besser gestalten und allen peinlichen Erörterungen die Spitze abgebrochen werden könne, da er dann auch vollkommen berufen und berechtigt sei, für Dich gegen Deinen Beleidiger aufzutreten.«

»Der junge Mann,« sagte die Commerzienräthin, »hat wirklich ein feines und richtiges Gefühl, und ich theile ganz seine Ansicht, daß unter diesen Verhältnissen eine schnelle Erledigung einer Sache, die uns ja nicht ganz unerwartet kommt, am besten sei.«

»Das ist ja ganz wie in alten Ritterromanen,« sagte Anna mit schneidendem Hohn, »der Baron von Rantow will sich seine Dame mit dem Degen in der Hand erobern – aber« fuhr sie fort »das ist doch wenigstens ritterlicher Sinn, wenigstens ist es wahrlich besser, als auf so plumpe Weise ein wehrloses Mädchen zu beleidigen. Wenn Herr von Rantow diesen Preis für seine Vertheidigung verlangt, – so soll er ihn haben – er ist ja eine vortreffliche Partie« fuhr sie bitter fort, »und ich muß ja glücklich sein, daß ich aus dieser ganzen traurigen Geschichte noch mit einem so guten Abschluß davon komme. Sage dem Baron,« sprach sie in kaltem Ton zu ihrem Vater gewendet, »daß ich seine Bewerbung annehme, da er so muthig und selbstverleugnend meine Vertheidigung übernommen hat.«

Mit befriedigtem Ausdruck neigte die Commerzienräthin den Kopf.

Herr Cohnheim eilte auf seine Tochter zu und küßte sie zärtlich auf die Stirn. Anna stand auf.

»Doch muß ich,« sprach sie, »bitten, daß er mich einige Tage von seinen Besuchen dispensirt. Diese ganze Sache hat mich natürlich angegriffen und aufgeregt, und ich wünsche, mich zu sammeln. Auch bin ich nicht im Stande ihn zu sehen, bevor diese Angelegenheit mit Herrn von Büchenfeld« – sie sprach diesen Namen mit unendlicher Verachtung aus – »geordnet ist, ich kann doch unmöglich meinen künftigen Gemahl selbst in den Kampf mit seinem Gegner schicken.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ sie schnell das Zimmer.

»Ich bin sehr erfreut,« sagte die Commerzienräthin, »daß diese so äußerst unangenehme Sache doch einen so befriedigenden Ausgang nimmt. Ich fürchtete schon, daß die romantischen Grillen, zu welchen Anna so viel Neigung zeigt, unsern Plänen Schwierigkeiten entgegenstellen würden. So wird sich ja aber Alles ganz vortrefflich ordnen, und wenn sie, wie ich einen Augenblick besorgte, eine thörichte Neigung für diesen jungen unbedeutenden Officier gehabt haben sollte, so ist ja jetzt Alles auf's Beste geordnet. Hoffentlich wird auch die Affaire keine ernsten Folgen haben,« fügte sie nachlässig hinzu.

»So etwas kommt ja so oft zwischen diesen jungen Herren vor,« sagte der Commerzienrath, »und wie selten hört man, daß es wirklich lebensgefährlich wird. Es läßt sich ja auch jetzt gar nicht ändern, und wir müssen das Beste hoffen. Ich glaube übrigens nicht,« fügte er hinzu, »daß dieser junge Büchenfeld es wirklich zum Äußersten kommen lassen wird. Die anderen Officiere schienen mir ebenfalls durch sein Betragen sehr unangenehm berührt, ich glaube, daß die Sache mit einer Ehrenerklärung erledigt werden wird – der alte Herr von Rantow ist, so viel ich weiß, ein Freund von dem Vater des Lieutenants und wird ebenfalls darauf hinwirken können. Damit ist ja denn Alles gut, und alle boshaften Gespräche über uns und unsere Tochter, welche dieser Vorfall hervorrufen wird, werden auf der Stelle niederschlagen, wenn wir ihre Verlobung mit Herrn von Rantow sogleich proclamiren.«

Er setzte sich behaglich in seinen Lehnstuhl und nahm eine Tasse Thee.

Noch lange saß das Ehepaar beisammen, Pläne für die Zukunft besprechend, welche sich durch die Verbindung mit dem vornehmen Hause so glänzend gestalten würden.

Fräulein Anna war ruhig und gefaßt in ihr Zimmer gegangen, als sie die Thür hinter sich geschlossen, sank sie wie gebrochen in sich zusammen, – lange stand sie schweigend, die Hände in einander gefaltet, die Blicke starr auf den Boden geheftet.

»Wie schnell,« sprach sie mit dumpfer Stimme, »sind die Träume verflogen, die mich hier gestern noch so süß umgaukelten, wie schnell sind all die Liebesblüthen meines Herzens geknickt, aus denen ich einen reichen Kranz für mein Leben zu winden hoffte.«

Sie blickte um sich her, als ob ihr der gewohnte Raum, in dem sie sich befand, fremd sei, als ob sie ihre Gedanken sammeln müsse, um sich klar zu werden, wo sie sich befände, und was mit ihr vorgegangen sei. Dann zuckte wieder glühender Zorn über ihr Gesicht.

»Oh, daß es so enden muß! Hätte ich ihn verloren, hätte sich selbst seine Liebe von mir abgewendet, es wäre ein edler Schmerz gewesen, ein Schmerz, der die Seele hätte beugen, aber nicht erniedrigen können. Aber das Bewußtsein, daß ich das edelste und reinste Gefühl meines Herzens unwürdig weggeworfen habe, daß ich der Gegenstand des Spottes, des Hohnes, der Verachtung habe sein können, – und warum?« – rief sie, die Hände ringend, – »weil ich einen Schritt gethan habe, der nicht gewöhnlich ist, weil ich mich vor seinem Stolz habe demüthigen wollen, weil ich geglaubt habe, daß er einen solchen Schritt verstehen und würdigen könne. Oh, das ist hart, sehr hart! Ich kann alle meine Hoffnungen auf Lebensglück vergessen, ich werde es zu tragen wissen, wie so viele Frauen eine glänzende Existenz führen, beneidet von der Menge, aber kalt und öde in ihrem Innern. Aber das werde ich nie überwinden, daß meine Liebe verachtet, verhöhnt und mit Füßen getreten ist, daß Der, dem ich den letzten Tropfen meines Blutes hätte opfern mögen, mich öffentlich hat beleidigen können zum Ergötzen seiner Kameraden in ihrer Weinlaune.«

Mit einer raschen Bewegung trat sie an einen kleinen Tisch von antik geschnitztem Eichenholz und öffnete mit einem zierlichen goldenen Schlüssel, den sie an ihrer venetianischen Uhrkette trug, eine mit Elfenbein und Gold incrustrirte Cassette.

»Da liegen die Reliquien meiner Träume,« sprach sie mit dumpfem traurigem Ton, aus ihren großem brennenden Augen fiel eine Thräne auf den Inhalt des kleinen Kästchens.

»Hier ist das erste Bouquet, das er mir gegeben,« sagte sie leise, indem sie einen kleinen vertrockneten Blumenstrauß emporhob, »vertrocknet wie diese Blumen sind meine Gefühle, welche gestern noch so schön und hoffnungsreich erblühten, – wie oft haben meine Lippen auf diesen Blumen geruht! Vorbei! Vorbei!«

Und wie vor der Berührung des kleinen Bouquets zurückschaudernd, warf sie dasselbe mit einer raschen Wendung in den Kamin, dessen Feuer langsam in Kohlengluth zusammenzusinken begann. Die trockenen Blumen flammten hoch auf und blieben dann als ein Häuflein dunkler Asche auf den glühenden Kohlen liegen.

Sie preßte die Hände auf ihr Herz und sah starr diesem Zerstörungswerk zu. Dann nahm sie den ganzen übrigen Inhalt der Cassette, ebenfalls kleine Bouquets, mehr oder weniger verwelkt, verschiedene andere Cotillongeschenke und warf Alles in die Gluth, welche einen Augenblick aufflackernd, mit hellem Schein das Zimmer erhellte.

»Die Vergangenheit ist vorbei,« sagte sie schmerzlich, »meine Zukunft wird wie diese Kohlen mehr und mehr Licht und Wärme verlieren, bis endlich Alles in todte Asche zusammensinkt. Oh, könnte ich mein Herz ebenfalls zu Asche werden lassen! Aber wenn auch seine Liebe gestorben ist, für das Leiden wird es immer noch Gefühle der Empfindung behalten.«

Sie sank auf ihren Divan nieder, drückte den Kopf in die Hände, und ihr starrer Jammer löste sich in einem Strom wohltätiger Thränen. –

– Auch der Lieutenant von Büchenfeld hatte fast in starrer Bewußtlosigkeit die Nacht zugebracht. Seine heftige, innere Erregung, die unnatürliche Spannung aller seiner Gefühle, und die Wirkung des schweren Weines hatten ihn bis zum Morgen in einem Zustand gehalten, welcher weder Schlaf noch Wachen war, und in welchem die Bilder der Erinnerungen wild durch einander wogten, ohne sich selbst auch nur in den unklaren Gestalten des Traumes festhalten zu lassen.

Langsam erwachte er aus diesem lethargischen Zustande am andern Morgen, und allmälig begann es ihm mehr und mehr klar zu werden, was am Tage vorher mit ihm vorgegangen. Das erste Gefühl, dessen er sich vollkommen bewußt wurde, war ein tiefer, bitterer Schmerz über die Täuschung seiner Liebe, welche trotz seines lange gefaßten Entschlusses gestern bei der Botschaft seiner Geliebten wieder einen Augenblick mit frischen Hoffnungen sich bekränzt hatte.

»Warum hat sie mir nicht gleich Alles geschrieben,« flüsterte er, ohne von seinem Lager sich zu erheben – »oder warum ist sie nicht allein gekommen, warum hat sie mir in Gegenwart des Mannes, dem sie das Andenken an mich geopfert, den Abschied geben wollen? Sollte das eine absichtliche Kränkung, ein absichtlicher Hohn sein, oder bin ich ihr so gleichgültig gewesen, daß sie nach der Kälte ihrer Gefühle die meinigen bemessen hat?«

Lange lag er schweigend da unter dem Eindruck dieses schmerzlichen Gedankens, dann tauchte die Erinnerung der weiteren Ereignisse des Tages deutlicher in ihm auf. Er entsann sich des Spiels, das er gemacht, er entsann sich, daß er den Namen des Fräulein Cohnheim laut und mit bitteren Bemerkungen genannt habe. Ein Gefühl der Scham und Reue überkam ihn.

»Das war nicht würdig, nicht männlich, nicht edel!« rief er, indem er sich auf sein Lager aufsetzte und mit beiden Händen seinen schmerzenden Kopf hielt. »Das hätte ich nicht thun müssen, ich hätte in meiner heftigen Erregung die Gesellschaft fliehen und Nichts trinken dürfen. – Oh,« rief er nach einer Pause, »welch' ein elendes, jämmerliches Ding ist diese so viel gepriesene Liebe! Erst läßt sie so schwer und so bitter leiden, und dann treibt sie zu unwürdigen, zu niedrigen Handlungen. Oh, ich schwöre es,« rief er die Hand erhebend, »ich schwöre, daß ich dieses Gefühl fliehen will wie die Sünde, und daß nie wieder das Bild eines Weibes mein Herz erfüllen soll! Ich will frei sein, stark und ruhig und meiner würdig bleiben!«

Der alte Diener trat ein und meldete, daß das Frühstück im Zimmer des Oberstlieutenants bereit sei, zugleich zeigte er dem Lieutenant an, daß zwei Officiere ihn zu sprechen wünschten und ihn bei seinem Vater erwarteten.

Der Lieutenant sprang empor, kühlte seinen brennenden Kopf mit frischem Wasser und machte in hastiger Eile seine Toilette.

Als er in das Zimmer seines Vaters trat, welcher ihn bereits völlig angekleidet, frisch und munter erwartete, fand er dort die beiden Officiere von den Dragonern und den Husaren, welche Zeugen des gestrigen Abends gewesen waren, in ruhiger Unterhaltung mit dem alten Herrn begriffen.

Beide Officiere traten dem Lieutenant nicht mit der sonst gewohnten herzlichen Unbefangenheit und Vertraulichkeit entgegen, sondern begrüßten ihn mit einer gewissen kalten und gezwungenen Höflichkeit.

»Du hast lange geschlafen,« sagte der Oberstlieutenant heiter, »es war wohl eine scharfe Sitzung gestern Abend, – die Herren hier sind ja auch dabei gewesen, aber das hat sie nicht verhindert, schon frühe auf zu sein. Das ist Recht, man muß sich niemals aus der Ordnung bringen lassen, und fast muß ich mich meines Sohnes schämen, daß er ein solcher Weichling ist, der am andern Morgen noch spürt, wenn er am Abend vorher ein paar Flaschen den Hals gebrochen. Habt Ihr etwa heute Morgen schon wieder eine Partie vor?« fragte er, den Schnurrbart drehend, »damit würde ich nicht einverstanden sein, – erst der Dienst und dann das Vergnügen.«

Die beiden Officiere standen in einiger Verlegenheit schweigend da.

»Wir haben mit Dir zu sprechen,« sagte der Dragoner mit einem Seitenblick auf den alten Herrn, »und möchten es sogleich.«

»Geniren Sie sich nicht vor mir,« sagte der Oberstlieutenant mit heiterm Lächeln, »ich bin nicht mehr im Dienst, ich bin ja nur ein alter gutmüthiger Herr,« fügte er mit einem leichten Anflug von Wehmuth hinzu, »der auch jung war und weiß, was man in der Jugend treibt.«

»Wir möchten aber,« sagte der Husarenofficier – »Dich einen Augenblick allein sprechen. Es handelt sich um eine Ehrensache,« fügte er mit gedämpftem Ton hinzu, doch nicht so leise, daß es der Oberstlieutenant nicht verstanden.

Der alte Herr wurde ernst, warf einen forschenden Blick auf seinen Sohn und die beiden Officiere und sagte dann:

»Ich lasse Dich mit den Herren einen Augenblick allein.«

»Halt, lieber Vater,« rief der Lieutenant von Büchenfeld, »ich bitte Dich, zu bleiben. Ihr erlaubt,« sagte er, »daß ich Euch bitte, vor meinem Vater zu sprechen. Er ist Officier wie wir, und ich weiß kein kompetenteres Urtheil in allen Ehrensachen, als das seinige. Er wird es mir nicht abschlagen, vorläufig mein Zeuge zu sein und sein Urtheil darüber abzugeben, was ich zu thun habe.«

Die beiden Officiere grüßten den Oberstlieutenant militairisch.

»Es wird uns eine große Ehre sein,« sagte der Husar, »wenn der Herr Oberstlieutenant als Dein Zeuge unsere Erklärung mit anhören will.«

Der alte Herr bat die Officiere mit einer stummen Handbewegung Platz zu nehmen und setzte sich dann grade und aufrecht neben seinen Sohn.

»Ich bitte Sie also, meine Herren,« sagte er mit ernster, fast feierlicher Stimme, »zu sagen, um was es sich handelt.«

Der Dragonerofficier erzählte mit kurzen Worten den Vorgang, welcher am Abend vorher in dem Restaurationslokal von Borchard stattgefunden hatte.

Schweigend hörte der Oberstlieutenant zu, finstere Falten legten sich auf seine Stirn.

»Hat sich der Fall so zugetragen, wie die Herren erzählen? Erinnerst Du Dich, gethan und gesprochen zu haben, was sie so eben mittheilen?«

»Ja,« sagte der Lieutenant.

Sein Vater schüttelte langsam den Kopf.

»Der Referendarius von Rantow«, fuhr der Dragonerofficier zu dem Lieutenant von Büchenfeld gewendet fort, »hat uns als Augenzeugen des Vorfalls aufgetragen, von Dir eine bündige Ehrenerklärung zu verlangen.« –

Eine dunkle Röthe flammte auf dem Gesicht des Lieutenants auf, sein Auge blickte stolz zu seinen Kameraden hinüber, seine Lippen zuckten höhnisch. – »Oder wenn Du dieselbe verweigerst,« – sprach der Dragonerofficier weiter, – »Dir seine Forderung auf fünf Schritt Barriere mit gezogenen Pistolen zu überbringen.«

»Angenommen,« sagte der Lieutenant, »ich werde in einer Stunde meine Secundanten zu Euch senden.«

Die Officiere erhoben sich und wollten grüßend das Zimmer verlassen. Der Oberstlieutenant trat ihnen in den Weg.

»Ich bitte Sie, einen Augenblick zu bleiben, meine Herren,« sagte er. »Mein Sohn hat gewünscht, daß ich sein vorläufiger Zeuge in dieser Sache sei, und Sie haben mich als solchen angenommen. Nicht nur in dieser Eigenschaft, sondern auch als sein Vater muß ich darauf sehen, daß Alles genau so zugehe, wie es seine Ehre als Officier und als Träger meines Namens erfordert. Sie erlauben daher, daß ich meine Meinung ausspreche.«

Die beiden Herren verneigten sich schweigend.

Der Lieutenant sah seinen Vater etwas erstaunt und erwartungsvoll an. Dieser richtete ernst und streng seinen Blick auf ihn und sprach: »Hat die junge Dame, um welche es sich handelt, Dir jemals durch ihr Benehmen gegen Dich irgend welche Veranlassung gegeben, in solchem Ton, wie Du es gethan, von ihr zu sprechen? Bist Du berechtigt, ihr irgend einen Vorwurf zu machen?«

Der Lieutenant wurde bleich, im heftigen inneren Kampf preßte er die Lippen aufeinander, sein Auge senkte sich zu Boden, einige Augenblicke stand er schweigend, ein leises Beben erschütterte seine Gestalt, dann schlug er den Blick zu seinem Vater wieder auf, er schien seiner kämpfenden Gefühle Herr geworden zu sein und mit fester entschlossener Stimme sagte er: »Nein, niemals!«

»Dann,« sagte sein Vater, »ist es Deine Pflicht als Ehrenmann, die Erklärung zu geben, welche man von Dir verlangt, insofern die Ausdrücke derselben Nichts gegen Deine eigene Ehre enthalten. Wenn Du,« fuhr er fort, »was ich tief beklage, Dich hast hinreißen lassen, eine Dame, der Du keinen Vorwurf zu machen hast, öffentlich zu beleidigen, so hast Du nicht das Recht, ihrem Ruf durch den Eclat eines Duells noch mehr zu nahe zu treten, Du hast nicht das Recht, Demjenigen das Leben zu nehmen, der berechtigt ist oder sich verpflichtet fühlt, als der Vertheidiger jener Dame aufzutreten.«

»Herr von Rantow ist der Verlobte des Fräulein Cohnheim,« sagte der Dragonerofficier, »also ihr natürlicher und berufener Vertheidiger.«

»Um so weniger,« sagte der alte Herr, während der Lieutenant abermals tief erbleichend die Hand einen Augenblick auf sein Herz drückte, »darf diese Sache ernste und gefährliche Folgen haben. Hätte die Dame Dir jemals einen Grund zu Deinen Äußerungen gegeben, so wärst Du berechtigt, die Waffen zu ergreifen gegen Denjenigen, der von Dir Rechenschaft darüber fordert – so aber darfst Du es nicht, Du bist verpflichtet, durch Deine eigene Erklärung die Beleidigung zurückzunehmen – um so mehr,« sagte er mit ernstem Blick auf seinen Sohn, »da man eigentlich niemals das Recht hat, eine Dame zu beleidigen. Du bist frei,« fuhr er fort, »Du bist erwachsen, Du bist Officier, Du wirst thun, was Du verantworten kannst. Ich aber sage Dir als Dein Vater, als Edelmann und Officier, der stets auf das schärfste die feinsten Grenzen der Ehre beobachtet hat, daß Du nach meiner innigsten Überzeugung verpflichtet bist, die verlangte Ehrenerklärung zu geben.«

»Wir haben dieselbe aufgeschrieben,« sagte der Dragoner, indem er ein Blatt Papier aus der Uniform hervorzog und es dem Lieutenant übergab.

Dieser reichte es schweigend, ohne einen Blick darauf zu werfen, seinem Vater.

Der Oberstlieutenant überlas das Blatt langsam und sorgfältig mehrere Male; dann reichte er es seinem Sohn zurück.

»Diese Erklärung ist in würdiger Form abgefaßt,« sagte er, »sie enthält nur dasselbe Anerkenntniß, das Du so eben vor mir und vor diesen Herren ausgesprochen hast und spricht das Bedauern aus, daß Du in der Erregung in einer bewegten Gesellschaft Dich zu Deinen Äußerungen hast hinreißen lassen. Du kannst dieselbe unterzeichnen, – nach meiner Überzeugung mußt Du sie unterzeichnen. Ich hoffe, daß die beiden Herren meiner Meinung sein werden.«

»Es ist eigentlich nicht unsere Sache,« erwiderte der Dragonerofficier, »hier eine solche Meinung auszusprechen oder zu discutiren, indessen nehme ich in diesem besonderen Fall keinen Anstand, es auszusprechen, daß nach meiner Überzeugung durch die Unterzeichnung dieser Erklärung die Sache auf eine für alle Theile befriedigende und ehrenvolle Weise beigelegt sein wird.«

Der Husarenofficier stimmte der Ansicht seines Kameraden bei.

»Ich werde unterzeichnen,« sagte der Lieutenant von Büchenfeld, nahm das Papier und begab sich in sein Zimmer.

»Ob ich ihr einen Vorwurf zu machen habe,« flüsterte er vor sich hin, während er sich an seinen Schreibtisch setzte und die Feder eintauchte, – »oh, wenn er wüßte,« – ein schneller zorniger Blick leuchtete in seinem Auge auf, rasch öffnete er das Schubfach des Tisches und zog aus demselben das kleine Blatt hervor, welches er am Tage vorher von Fräulein Anna erhalten hatte.

Mit einem raschen Zuge setzte er seinen Namen unter die Ehrenerklärung, faltete dieselbe zusammen, legte das Billet dazu und erhob sich, in das Zimmer seines Vaters zurückkehrend.

»Nein,« sagte er dann, indem er plötzlich sinnend stehen blieb – »das wäre unedel, – mag sie ruhig ihrer Wege gehen, sie ist todt für mich, meine Augen werden sie nie wieder sehen, und mein Herz wird das Leid vergessen, das sie mir angethan.«

Er nahm das kleine Billet, riß es in tausend kleine Stücke und streute dieselben in die Luft, dann kehrte er ruhigen festen Schrittes in das Zimmer seines Vaters zurück und übergab das Papier den beiden Officieren.

»Gott sei Dank,« sagte der Dragoner, indem er dem Lieutenant von Büchenfeld herzlich die Hand schüttelte, »daß die Sache so gut zu Ende geführt ist. Ich habe sonst Nichts gegen einen kleinen Kugelwechsel, wenn ein vernünftiger Grund dazu vorhanden ist, aber in diesem Falle hätte es mir doch wahrhaftig wehe gethan, wenn wegen dieser Geschichte, zu der wir halb und halb Veranlassung gegeben haben, Blut hätte fließen sollen.«

Die beiden Officiere grüßten ehrerbietig den Oberstlieutenant und entfernten sich augenscheinlich leichtern und fröhlichern Herzens, als sie gekommen waren.

»Ich bin nicht mit Dir zufrieden mein Sohn,« sagte der Oberstlieutenant in ernstem, aber mehr traurigem, als strengem Ton, »Du hast Dich hinreißen lassen, Etwas zu thun, was ein wahrer Edelmann niemals thun soll.«

Der Lieutenant warf sich im Ausdruck eines lang unterdrückten Gefühls in die Arme seines Vaters.

»Verzeihe mir, mein Vater,« sagte er mit erstickter Stimme, »verzeihe mir, ich habe Unrecht gehabt, aber ich habe es auch hart gebüßt.«

Der alte Herr schüttelte verwundert den Kopf.

»Nun, nun,« sagte er, »Jeder macht einmal einen dummen Streich, nimm Dich künftig mehr in Acht und thu so Etwas nicht wieder.«

»Da ist Etwas nicht klar, die Sache ist nicht in Ordnung,« sprach er dann leise vor sich hin, indem er von einem Seitentisch eine frisch gestopfte Pfeife nahm und dieselbe anzündete. »Ich fürchte, ich bin in Gefahr gewesen, Etwas zu erleben, was ich neulich bei meinem Freunde Rantow so scharf getadelt habe. Vielleicht muß ich Gott danken, daß die Sache so gekommen ist.«

Er setzte sich an den Frühstückstisch und schenkte den duftenden Kaffee aus der spiegelblank geputzten messingenen Sturzmaschine in seine große Mundtasse.

Sechstes Capitel.

In der Zwischenzeit, während der Berathungen über zwei verschiedene Gegenstände in dem französischen Gesetzgebenden Körper, war die Salle des Pas perdus in dem Gebäude des Corps legislativ, woselbst sich die Deputirten zu begegnen und in Privatgesprächen miteinander zu verständigen pflegten, mit zahlreichen lebhaft sich unterhaltenden Gruppen angefüllt.

So eben war die Nachricht verbreitet worden, daß das Plebiscit eine beschlossene Sache sei, und daß die liberalen Minister Chevandier de Valdrome, der Graf Daru, der Finanzminister Buffet und der Marquis von Talhouet ihre Entlassung gegeben hätten.

Allgemein war die Bewegung und mit der lauten Lebhaftigkeit, welche dem französischen Charakter eigenthümlich ist, äußerten die Deputirten ihre Meinungen über dieses Ereigniß, welches die seit einiger Zeit von dem Kaiser eingeschlagene Richtung des öffentlichen Lebens wieder vollständig veränderte.

In der Mitte einer Gruppe stand der Graf von Keratry, eine schlanke Gestalt mit einem charakteristischen Kopf, dessen unruhig umher blickende Augen einen beweglichen feurigen, aber nicht sehr geordneten Geist verriethen.

»Es ist Alles bereits vorbereitet,« sagte er, »so eben habe ich erfahren, daß den Präfecten befohlen worden ist, ihre ganze Thätigkeit auf die Vorbereitungen für das Plebiscit zu richten, und daß sie zugleich ermächtigt sind, den Gemeinden zu erklären, daß die Executivgewalt die Maires künftig stets den Vorschlägen der Gemeinderäthe entsprechend auswählen werde.«

»Das ist unerhört,« rief der Deputirte Picard, ein Mann mit einem blassen, scharfen und ein wenig verbissenem Gesicht, »das ist eine vollständige Corruption des öffentlichen Votums. Will man eine Volksabstimmung, so soll man wenigstens sie frei sich vollziehen lassen. Auf diese Weise aber wird die Sache eine reine Comödie. Wenn die Präfecten mit der ganzen Autorität ihrer Stellung in die Sache eingreifen, wenn man den Gemeinden zugleich Versprechungen macht, von denen man,« fügte er höhnisch hinzu, »gewiß nicht die Absicht hat, sie je zu erfüllen, so macht man sich einer moralischen Bestechung schuldig. Man wird die öffentliche Meinung Frankreichs vor den Augen von ganz Europa fälschen, um sich dann auf diese öffentliche Meinung stützen zu können, wenn man beginnen wird, die abenteuerlichsten Maßregeln des Absolutismus durchzuführen.«

Jules Favre trat hinzu, seine große volle Gestalt hatte eine etwas schwerfällige Haltung, und seine Bewegungen zeigten ein wenig jene stereotype theatralische Würde, welche die Advokaten vor den Gerichtshöfen anzunehmen pflegen, wenn sie mit dem Aplomb tiefer Überzeugung durch den persönlichen Eindruck das Gewicht ihrer Gründe zu verstärken trachten. Sein starkes Gesicht mit den regelmäßigen, angenehmen Zügen, den großen, geistvollen und klar blickenden Augen, dem langen, überhängenden zurückgestrichenen Haar und vollen Bart, der sich an einzelnen Stellen fast weiß färbte, zeigte ein gewisses selbstzufriedenes überlegenes Lächeln, und mit seiner vollen und tiefen Stimme sprach er:

»Wir müssen uns organisiren, meine Herren, wir müssen unsererseits Comités bilden, welche dafür wirken, daß dem ganzen Volk klar gemacht werde, wie die freiheitliche Entwickelung nur gesichert werden könne, wenn man sich massenhaft von der Theilnahme am Plebiscit enthält –, wenn wir es erreichen können, die abgegebenen Stimmen auf ein Minimum zu reduciren, so wird der moralische Eindruck der Volksabstimmung vollständig verschwinden, der sonst nicht nur im Auslande, sondern auch in Frankreich selbst zu einer bedeutenden Verstärkung der moralischen Macht des Kaiserreiches beitragen muß. Lassen Sie uns heute zusammentreten und an die Bildung dieses Comités denken.«

»Das ist sehr gut,« rief Herr Picard, »allein wie sollen wir, die wir doch erst einen Organismus schaffen müssen und nur langsam vorgehen können, die wir allen Hemmungen und Hindernissen ausgesetzt sind, welche die Macht uns bereiten wird, wie sollen wir dem concentrirten und wohl geleiteten Einfluß der Präfecten gegenüber etwas ausrichten?«

»Nein,« rief der Graf von Keratry, »wir müssen laut unsere Stimmen erheben, um gegen diese ungesetzliche Einwirkung der Regierungsautorität auf die freie Abstimmung des Volkes zu protestiren. Das scheint mir sicherer, als in die Wahlagitation einzutreten, bei welcher wir zu spät kommen müßten. Können wir nachweisen, daß die Abstimmungen durch die Präfecten gemacht sind, so wird das Plebiscit ebenfalls seine Bedeutung vor der liberalen öffentlichen Meinung Europas vollständig verlieren.«

»Es giebt noch ein Mittel,« sagte Herr Barthélémy St. Hilaire, ein schlanker Mann von elegantem Äußern, dessen Mienen und Haltung ein wenig an den gelehrten Professor erinnerten, »wir müssen darauf dringen, daß das Plebiscit nur einen Tag dauert, das wird eine große Massenbetheiligung unmöglich machen. Ich werde einen solchen Antrag stellen, und bitte Sie, meine Herren, ihn zu unterstützen.«

Der Advokat Gambetta, eine kleine schmächtige Gestalt, mit leicht gekrümmten Schultern, wenig elegant, fast ein wenig unsauber in seiner Erscheinung, hatte schweigend die verschiedenen Äußerungen mit angehört.

Er stand da, das ausdrucksvolle, häßliche Gesicht mit dem schlecht gepflegten Haar und Bart, mit dem kalt und höhnisch lächelnden Munde, leicht auf die Seite geneigt, sein sehendes Auge richtete sich mit einem düstern, fast unheimlich drohenden Ausdruck auf eine Gruppe von Herren, welche in der Nähe standen, während das andere des Lichts beraubte Auge unter dem herabhängenden Lide verborgen war.

»Dort steht ja,« sagte er mit einer rauhen, etwas schwerfällig klingenden Stimme, »der große Regenerator des Kaiserreichs, unser alter Freund Ollivier, dem es so leicht wird, täglich eine andere Gestalt anzunehmen, und neben ihm Herr Chevandier de Valdrome. Fragen wir ein wenig diese Herren, es wird immerhin gut sein, wenn wir uns vorher etwas orientiren, um genau zu wissen, was wir bei den öffentlichen Debatten zu thun haben.«

Er näherte sich den Ministern und begrüßte sie mit einer artigen, aber ein wenig linkischen Verbeugung, die übrigen folgten ihm und umgaben die beiden Minister, um welche sich sehr bald noch mehrere der im Saale anwesenden Deputirten gruppirten.

»Es scheint, daß das Plebiscit beschlossen ist,« sagte Herr Gambetta zu Ollivier gewendet, der in etwas gezierter, an die gesuchte saubere Einfachheit Robespierres erinnernder Haltung da stand, und dessen eigenthümlich geformtes Gesicht, mit der schmalen Stirn, den stark schielenden von einer feinen Brille beschatteten Augen und dem großen, über dem zurückstehenden Kinn stark hervortretenden Munde, in lebhafter Bewegung zitterte.

»Ich habe keinen Grund,« erwiderte der Großsiegelbewahrer des Kaiserreiches, indem er die Begrüßung des Herrn Gambetta mit kalter, abwehrender Höflichkeit erwiderte, »mich nicht über die Situation auszusprechen. Ja, meine Herren,« fuhr er fort, »das Plebiscit ist beschlossen, und ich begreife nicht, wie Sie und Ihre Freunde,« fügte er hinzu, indem sein unsicherer Blick leicht über die Gruppe hinglitt, welche ihn umgab, »ich begreife nicht, wie Sie Alle gegen diesen Gedanken sein können. Die unmittelbare Berufung des Volkes in wichtigen Verfassungsangelegenheiten des Landes entspricht ja so vollkommen den Grundsätzen einer wahren und vernünftigen Demokratie, zu welcher Sie sich bekennen, welchen ich meinerseits stets treu geblieben bin, und welchen auch diese neue Maßregel einen verstärkten Ausdruck geben wird.«

Ein höhnisches Lächeln umzuckte die Lippen Gambetta's.

»Darf ich Sie vielleicht fragen,« fuhr er fort, »wie lange die Volksabstimmung dauern soll und ob bei derselben das Vereinsrecht zur Ausübung kommen werde, welches der Bevölkerung gestattet, sich vorher über die der Frage gegenüber einzunehmende Haltung zu verständigen.«

»Zweifellos,« erwiderte Herr Ollivier, »werden öffentliche Versammlungen Statt finden dürfen, und das Volk wird von allen seinen verfassungsmäßigen Rechten Gebrauch machen können – doch,« fuhr er fort, »liegt es in der Natur der Sache, daß solche Versammlungen, da es sich ja hier nur um die ganz einfache Beantwortung einer einfachen Frage handeln wird, nicht so lange werden dauern können, als dies zum Beispiel bei den Wahlen zum Gesetzgebenden Körper erlaubt ist. Jeder soll nach seiner freien Überzeugung eine sehr klar gestellte Frage beantworten, und dazu sind in der That keine langen Debatten und keine langen Vorbereitungen erforderlich.«

»Aber die Regierung, meine Herren,« rief der Graf Keratry in heftigem und gereiztem Ton, »hält es nicht für unnütz, solche Vorbereitungen in dem ausgedehntesten Maße zu treffen. So eben habe ich den Herren hier mitgetheilt, daß ich erfahren, die Präfecten seien angewiesen, mit äußerster Energie das Plebiscit vorzubereiten und sogar den Gemeinden Versprechungen in Betreff der Maires zu machen – es scheint also doch, daß man es für wichtig hält, die Autorität der Macht in die Wagschale zu werfen, wenn die Mittheilungen,« fügte er hinzu, den scharfen stechenden Blick auf Herrn Chevandier de Valdrome richtend, »die mir gemacht, richtig sind.«

Der Minister des Innern, ein vornehm aussehender, etwas gleichgültig blickender Mann von matten, nervösen Gesichtszügen, ließ seinen Blick von oben herab über den Grafen Keratry hingleiten, ein kaltes, feindliches Lächeln spielte um seine Lippen und in kurzem, wenig verbindlichem Ton erwiderte er:

»Ja, ich habe die Präfecten instruirt, wie ich das für mein Recht und meine Pflicht halte, ich habe ihnen befohlen, die äußerste Thätigkeit zu entwickeln, um die Enthaltung von der Abstimmung zu verhindern. Ich trage die persönliche Verantwortlichkeit für meine Anweisungen, – welche übrigens ganz und gar Verwaltungsmaßregeln sind.«

»Ich begreife nicht,« rief Picard, »wie der Herr Minister des Innern das Plebiscit als die freie Abstimmung des Volkes über die wichtigsten Fragen, die sein öffentliches Leben betreffen, eine Verwaltungsmaßregel nennen kann. Wenn es jedoch nun,« fügte er mit ironischem Lächeln hinzu, »eine Verwaltungsmaßregel sein soll, so würde es für uns gewiß von großem Interesse sein, den Inhalt der Schreiben kennen zu lernen, welche in dieser Beziehung an die Präfecten erlassen worden sind.«

»Die innern Maßregeln der Verwaltung,« erwiderte Herr Chevandier de Valdrome in kurzem Ton, »sind kein Gegenstand von Discussionen mit der Vertretung des Landes, sie sind ein ausschließliches und unbestreitbares Recht der Regierung.«

Rasch fiel Herr Ollivier ein, indem er ein wenig die Hand erhob und jenen etwas salbungsvollen Ton annahm, der seiner Rede auf der Tribüne so oft die unmittelbare Wirksamkeit nahm:

»Und wenn Sie auch nicht das formelle Recht dazu haben, so will ich Ihnen doch am wenigsten die moralische Berechtigung bestreiten, unsere Anweisungen kennen zu lernen. Interpelliren Sie mich in der Sitzung, und ich werde von der Tribune Ihnen unsere Instructionen mittheilen.«

»Wenn der Herr Minister der Justiz statt meiner spricht,« sagte Herr Chevandier de Valdrome in trockenem Ton, indem er sich gegen seinen Collegen verbeugte, »so habe ich ja nicht nöthig, mich länger an dieser Unterhaltung zu betheiligen,« und rasch sich abwendend, entfernte er sich von der Gruppe.

»Ich habe keinen Grund,« fuhr Herr Ollivier fort, »unsern Standpunkt und unsere Maßregeln zu verhüllen, wir haben den Präfecten einfach geschrieben: »Sichern Sie die Freiheit der Abstimmungen, wenden Sie weder Drohungen, noch Druck, noch Versprechungen an, vergessen Sie aber nicht, daß Sie den Umtrieben der Wahlenthaltung gegenüber stehen und wenden Sie die verzehrendste Thätigkeit an, nur jeden Bürger zur Abstimmung zu drängen.«

»Nun wohl,« rief Herr Picard lachend, »diese aufreibende Thätigkeit und dieses Drängen der Bürger zur Abstimmung sind die deutlichen Zeichen, daß die so traurige Praxis der amtlichen Candidaturen auch in dieser Frage eben so rücksichtslos wie früher geübt werden soll. Die Enthaltung von der Abstimmung ist ein unzweifelhaftes Recht eines jeden Bürgers vor allen Dingen dann, wenn doch Niemand im Stande ist, ohne Gefahr frei seine Meinung zu äußern; wenn Jedermann sich scheuen muß nein zu sagen, so muß ihm wenigstens die Freiheit bleiben, nicht ja sagen zu dürfen. Das Alles ist nichts als Possenspiel« fügte er achselzuckend hinzu.

»Hier ist von keinem Possenspiel die Rede,« rief Herr Ollivier in lebhafter Erregung, »deutlich und unverhüllt wird die Frage an das Volk gestellt werden. Die einzige Thätigkeit der Regierung wird sich nur darauf richten, Jeden dahin zu führen, daß er die deutlich gestellte Frage eben so deutlich beantworte.«

»Durch die Anweisung, deren Inhalt uns so eben im Allgemeinen mitgetheilt ist,« sagte Herr Jules Favres ruhig und langsam, »ist das Cabinet seinem liberalen Programm untreu geworden – das Mißtrauen ist also wohl berechtigt. Mögen die Herrn Minister,« sagte er mit einer leichten Verbeugung gegen Ollivier, »es auch ehrlich meinen, die andern Beamten werden dennoch die Abstimmungen fälschen.«

»Das wird Niemand wagen,« rief Herr Ollivier heftig erregt, »die Minister können wohl das Vertrauen verlangen, daß sie den Maßregeln, zu denen sie sich ehrlich bekennen, auch von Seiten ihrer Untergebenen eine ebenso ehrliche und rückhaltslose Durchführung zu sichern im Stande sein werden. Übrigens,« fuhr er fort, »kommt das Cabinet und seine Existenz bei der ganzen Sache garnicht in Frage. Es handelt sich einfach um eine Sanctionirung der Verfassungsbestimmungen, welche die Minister mit den Vertretern des Landes bereits gutgeheißen haben. Die Kammern selbst sind also ebenso betheiligt, als das Ministerium.«

»Das sind Wortklaubereien,« rief Picard entrüstet, »Regierung ist Regierung, es ist traurig genug, daß man nicht im Stande ist, dem Ministerium, das sich mit liberalen Reformen einführte, dauerndes Vertrauen zu schenken.«

»Das thut mir sehr leid,« rief Herr Ollivier zitternd vor zornigem Eifer, »schenken Sie uns Ihr Vertrauen, schenken Sie es uns nicht, das ist Ihre Sache – das kann uns nicht abhalten, unsre Pflicht zu thun, seien Sie überzeugt, daß uns Ihre Meinung ganz gleichgültig ist.«

Ein dumpfes Murren ließ sich unter der Gruppe vernehmen.

»Welch ein Ton der Conversation,« rief Jules Favres, »man sollte doch meinen, sich hier in der Gesellschaft von gebildeten Leuten zu befinden.«

»Der Herr Minister ist sich gewiß über die Bedeutung seiner Worte nicht klar geworden,« sagte Herr Picard kalt und höhnisch, »die Sorgen für die Verbreitung des Plebiscit haben, wie es scheint, seine sonst so eminente Fähigkeit, die Redewendungen richtig abzuwägen, gelähmt.«

Herr Ollivier schien selbst ein wenig bestürzt über seinen heftigen Ausbruch zu sein.

»Ich bin mir über meine Worte vollkommen klar,« sagte er, »und habe mit denselben,« fügte er sich leicht verneigend hinzu, »durchaus keine persönliche Verletzung beabsichtigt. Ich habe nur sagen wollen, daß eine Regierung, welche sich vollkommen klar ist über das, was sie nach reiflicher Überlegung für ihre Pflicht erkannt hat, sich nicht dadurch irre machen lassen darf, ob ihre Beschlüsse und Maßnahmen bei der einen oder bei der andern Partei beifällige oder tadelnde Beurteilung finde; und ich kann nur wiederholen, daß die Regierung es für ihre Pflicht hält, mit aller Energie gegen das System der Stimmenenthaltung aufzutreten. Das Kaiserthum und der Kaiser stehen nicht in Frage,« fuhr er mit fester Stimme fort, »wie hier so eben bemerkt wurde, die Frage ist nur die, ob es gut sei, das Kaiserthum der Autorität und des persönlichen Regiments in ein liberales Kaiserthum umzuwandeln; daß die Feinde des Kaiserthums überhaupt das Letztere nicht wollen, begreife ich,« fügte er mit scharfer Betonung hinzu, »ob sie aber damit dem Vaterlande einen Dienst leisten, ob sie nicht ihre Parteirücksichten höher stellen, als das Wohl der Nation, das will ich, meine Herren, ihrem eigenen Gewissen überlassen.« Und mit einer kurzen Verneigung wandte er sich ab und verließ das Zimmer.

Ein Theil der Abgeordneten kehrte in den Saal zurück, wo man über einzelne Paragraphen des neuen Preßgesetzes debattirte. Die Meisten aber entzogen sich dieser Debatte, präoccupirt wie sie durch die ganze politische Situation waren, verließen sie das Palais des Gesetzgebenden Körpers, um in Privatzusammenkünften bei den Parteiführern sich über die zu fassenden Entschließungen zu berathen.

Herr Ollivier durchschritt langsam die Corridore und stieg vor dem Palais in sein sehr einfaches und unscheinbares Coupé, indem er dem in dunkle Livree gekleideten Kutscher zurief:

»Nach den Tuilerien.«

Kurze Zeit darauf fuhr er in den innern Hof des alten Königspalastes ein, er hielt vor dem großen Eingang, über welchem das von Lanzen getragene Zeltdach sich ausdehnte.

Er fand den Dienst thuenden Ordonnanzofficier im Vorzimmer; dieser führte ihn sogleich in das Cabinet des Kaisers ein.

Napoleon III war frischer als sonst, zwar hingen seine Züge mit dem Ausdruck des Leidens und körperlicher Schmerzen schlaff herab, aber in seinem Blick machte sich eine gewisse an die vergangenen Tage seiner Jugend erinnernde Energie bemerkbar, als er mit seinem langsamen, etwas unsicheren Gang dem Minister entgegentrat, welcher es übernommen, das Steuer des Staatsschiffes, welches so lange die feste Hand des Herrn Rouher geführt hatte, durch die bedenklichen Klippen verschiedener Neuerungen zu führen.

»Ich habe gewünscht, Sie noch vorher zu sprechen, mein lieber Herr Ollivier,« sagte der Kaiser, indem er mit verbindlichem Gruß dem Großsiegelbewahrer die Hand reichte, »bevor ich den gesammten Ministerrath höre, in welcher Weise die Ereignisse geleitet werden müssen, damit wir das große Ziel erreichen, das öffentliche Vertrauen in die Regierung vollständig wieder herzustellen, – welches bereits so sehr wieder gewachsen ist,« fügte er mit einer leichten Neigung des Kopfes hinzu, »seitdem Sie mir mit Ihrem Rath zur Seite stehen.«

»Das Vertrauen Eurer Majestät macht mich sehr glücklich,« erwiderte Herr Ollivier, indem er auf den vom Kaiser ihm bezeichneten Sessel sich niederließ. »Wenn die öffentliche Meinung mir mit einem gewissen sympathischen Gefühl entgegenkommt,« fuhr er mit einem selbstbefriedigten Lächeln fort, »so wird mir meine Aufgabe sehr wesentlich durch die hochherzige Offenheit erleichtert, mit welcher Eure Majestät mich unterstützen.«

Der Kaiser richtete einen eigentümlichen Blick aus seinen schnell sich entschleiernden und dann wieder in ausdruckslose Gleichgültigkeit zurücksinkenden Augen, während er mit der Hand über den Schnurrbart streichend ein unwillkürlich seine Lippen bewegendes Lächeln verbarg.

»Sie glauben also,« sagte er dann, »daß das Plebiscit der Regierung günstig ausfallen werde?«

»Jedenfalls,« erwiderte Herr Ollivier, »die Stimmung ist allgemein sehr wenig befriedigt über das Verhalten der unversöhnlichen Opposition. Man will Ruhe für die Geschäfte, man will Schutz gegen die herandrängende sociale Bewegung, und man wird dem liberalen Kaiserreich um so mehr mit begeisterter Wärme seine Stimme geben, als es die Freiheit mit der Kraft und der Ordnung vereinigt. Die Opposition fühlt dies, und ihr Bestreben geht nicht mehr danach, ein negatives Votum der Volkscomitien zu erreichen, sondern vielmehr eine massenhafte Stimmenenthaltung durchzusetzen, ein Bestreben, in welchem sie durch die Indolenz der Massen wesentlich unterstützt werden möchte.

»Eure Majestät werden es gewiß billigen, daß wir auf die energischste Weise den Präfecten aufgetragen haben, vor allen Dingen besonders in den ländlichen Kreisen gegen die Enthaltung von der Abstimmung zu wirken.«

»Gewiß, gewiß,« sagte der Kaiser wie zerstreut, »man muß alle Mittel anwenden, um diesen Herren von der Opposition zu zeigen, daß das Volk von Frankreich sie verwirft und fest hinter mir steht, – doch,« fuhr er fort, »wie ist es mit Daru und Buffet? Bestehen sie darauf, daß die Kammern zunächst über das Plebiscit befragt werden und werden sie daraus eine Cabinetsfrage machen?«

»Ich glaube, Sire,« sagte Herr Ollivier, »daß meine beiden Kollegen sehr geneigt sind, sich darüber zu verständigen; sie wollen gern ihre Kräfte unter dem liberalen Kaiserreich und unter Eurer Majestät erleuchteter und ruhmvoller Führung dem Wohle Frankreichs widmen. Indeß halten sie es für unmöglich, so ganz und gar von dem Prinzip abzuweichen, das sie mit voller Überzeugung vertreten. Es läßt sich vielleicht,« fuhr er fort, »ein Weg finden, um im Wesentlichen die Meinungen Eurer Majestät aufrecht zu erhalten, und dennoch die Minister, welche bei den verschiedenen Parteien Vertrauen haben zu conserviren. Man könnte die Absicht, ein Plebiscit vorzunehmen, ohne sich einem constitutionellen Beschluß der Vertretung des Landes zu unterwerfen, dem Corps legislativ einfach durch eine Botschaft mittheilen, worauf denn eine Antwortsadresse erfolgen würde. Auf diese Weise ließen sich die verschiedenen Standpunkte vielleicht vereinigen, und es ist allerdings richtig, daß bei dem Plebiscit es von Wichtigkeit sein könnte, dem Volk zu zeigen, daß die Regierung und die regelmäßige constitutionelle Vertretung über den wichtigen Act in voller Übereinstimmung sich befinden.«

Der Kaiser senkte den Kopf und strich mehrere Male nachdenklich über seine Stirn.

»Damit würde eigentlich,« sagte er, »dem Plebiscit die wahre Spitze abgebrochen, und ich bin, wie ich Ihnen aufrichtig sagen muß, nicht sehr geneigt, einen solchen Weg zu gehen. Halten Sie,« fragte er, Herrn Ollivier plötzlich voll und scharf anschauend, »diesen Weg prinzipmäßig für richtig, oder würden Sie ihn nur vorschlagen, um die Personen der Minister zu conserviren?«

»Die Minister haben, wie ich Eurer Majestät zu bemerken die Ehre hatte,« fuhr der Großsiegelbewahrer fort, »ein gewisses Vertrauen, ihr Rücktritt könnte einen ungünstigen Eindruck machen. Dies ist wesentlich der Grund, weßhalb ich einen Kompromiß suchen möchte.«

»Mein lieber Herr Ollivier,« sagte der Kaiser, indem er sich ein wenig herüberneigte, »nach meiner Überzeugung beruht das Vertrauen, welches das Ministerium bei der Bevölkerung genießt, weder auf Herrn Buffet, noch auf dem Grafen Daru, noch auf irgend einem der andern Personen, welche gegenwärtig das Cabinet bilden, sondern vielmehr lediglich auf der Achtung und Sympathie, welche man Ihnen entgegenträgt, Sie sind der Pfeiler, auf welchem gegenwärtig meine Regierung ruht. Der Respect vor Ihrem Charakter, die Bewunderung für Ihre großen Talente bilden einen Nimbus um Sie, dessen Strahlen auch auf die übrigen Minister fallen, sie werden aber ebenso gut auch auf jeden Andern fallen, der das Glück haben wird, mit Ihnen zusammen ein Cabinet zu bilden. Die Rücksicht also,« fuhr er fort, »auf das Vertrauen, welches jene Herren im Lande genießen, und den persönlichen Einfluß, welchen sie üben können, würde mich niemals bestimmen können, von einem als richtig anerkannten Prinzip abzugehen, lediglich um ihre Personen zu conserviren. Etwas Anderes,« fuhr er nachdenklich fort, indem aus dem Winkel seines fast geschlossenen Auges ein schneller, scharf beobachtender Blick auf Herrn Ollivier hinüberflog, »etwas Anderes ist es freilich mit ihrer Ersetzung in den Geschäften. Buffet ist ein vortrefflicher Finanzminister, es wird nicht leicht sein, Jemanden an seine Stelle zu setzen – Ségris vielleicht – man müßte sich mit ihm darüber verständigen – noch schwieriger aber ist die Sache bei Daru. Woher kann man so schnell einen auswärtigen Minister finden? Namentlich, da es sich darum handeln würde, die Stellung ein wenig zu modificiren, welche wir dem Concil und Rom gegenüber eingenommen haben. Die Minister der auswärtigen Angelegenheiten,« fuhr er fort, anscheinend immer tiefer im Nachsinnen versinkend, »wachsen nicht aus der Erde hervor. Ja, wenn,« sagte er, den Blick wie fragend auf Herrn Ollivier richtend – »wenn es möglich wäre, daß eines Menschen Kraft die Last allein trüge, welche schon auf drei Schultern vertheilt nicht leicht ist, so wäre schnell eine Abhülfe zu finden.«

Er lehnte den Kopf wie tief nachdenkend auf den auf sein Knie gestützten Arm.

Das Gesicht Olliviers zuckte in lebhafter Bewegung, seine Augen schienen einem plötzlich vor ihm auftauchenden Bilde zu folgen, ein Schimmer hoher Befriedigung erleuchtete seine Züge und rasch mit athemloser Stimme sprach er:

»Eure Majestät meinen – Eure Majestät haben irgend eine Idee über das Ressort des auswärtigen Amtes?«

»Ich fürchte,« sagte Napoleon, indem er wie in schmerzlicher Resignation die Achseln zuckte, »daß die Idee, welche mir einen Augenblick als möglich vorschwebte, der Wunsch, den ich einen Augenblick hegte, Unmöglichkeiten sind. Ich hatte mir gedacht, wie rasch sich das Alles arrangiren ließe, wenn Sie, mein lieber Herr Ollivier, mir das Opfer bringen könnten, für einige Zeit das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten zu führen. Ich weiß,« fuhr er fort, »die Repräsentation, welche gerade mit diesem Ministerium mehr als mit andern verbunden ist, würde Ihnen lästig sein. Die Last der Arbeiten würde selbst Ihrem der Thätigkeit so gewöhnten Geist zu viel werden. Lassen wir also die Sache, es ist doch vielleicht besser, einen Kompromiß zu suchen, welcher uns den Grafen Daru und Herrn Buffet erhält.«

Herr Ollivier hatte in einer gewissen Unruhe, die Hände in leichtem Zittern bewegend, das Ende der Bemerkungen des Kaisers erwartet. Als Napoleon schwieg, sagte er rasch, indem er seine Brille zurecht schob:

»Ew. Majestät dürfen überzeugt sein, daß mir für Ihren Dienst und für das Wohl Frankreichs kein Opfer zu groß ist. Wohl widerstrebt meinem einfachen bürgerlichen Sinne,« sagte er, »die große und vielseitige Repräsentation, wohl möchte ich auch für meine Familie leben und für meine Gesundheit ein wenig Muße gewinnen, dennoch aber kann ich keinen Augenblick anstehen, wenn es der Dienst Eurer Majestät, wenn es das Wohl Frankreichs erfordert, auch diese neue Last auf mich zu nehmen, und ich traue mir ohne Überschätzung dennoch die Kraft zu, sie tragen zu können. Ich bin an die Thätigkeit gewöhnt, Sire, und will wenigstens versuchen, Eurer Majestät auch diesen Beweis meiner Ergebenheit zu geben.«

Napoleon schlug wie durch eine unerwartet günstige Wendung der Dinge freudig überrascht die Hände zusammen.

»Aber, mein lieber Herr Ollivier,« sagte er, »dann ist uns ja geholfen, dann haben wir ja garnicht nöthig, noch einen Kompromiß zu suchen, wenn Graf Daru wirklich heute abgeht und Sie bereit sind, an seine Stelle zu treten. So befinde ich mich ja nicht nur in keiner Verlegenheit, sondern ich werde sogar meine Lage wesentlich verbessern, denn Sie werden mir die Bemerkung erlauben, daß ein jedes Portefeuille bei Niemanden, und wäre er der Geschickteste und Bewährteste, so gut aufgehoben sein kann, als in Ihren Händen. Wenn Sie also wirklich bereit wären, an die Stelle des Grafen Daru zu treten, und wenn Ihre Kraft eine so übermäßige Last zu ertragen im Stande ist, dann wären wir ja, wie ich glaube, vollständig einig über den Gang, den wir den Ereignissen zu geben haben.«

»Wenn Eure Majestät,« sagte Herr Ollivier, »die Gnade haben würden, mir das Portefeuille des Auswärtigen zu übertragen, so sehe ich allerdings nicht ein, warum in der Frage des Plebiscits ein keinem Prinzip vollkommen entsprechender Ausweg gesucht werden sollte.«

»Nun,« sagte der Kaiser, indem er sich erhob, »ich sehe, wir verstehen uns vollkommen, – welche Freude wird es mir machen, mit Ihnen die Fragen der auswärtigen Politik zu besprechen und aus Ihrem so erleuchteten Geiste immer neue Gedanken zu der Beurtheilung derselben zu ziehen.«

Herr Ollivier verneigte sich mit glücklichem zufriedenem Lächeln.

»Ich glaube, wir werden vollständig darin übereinstimmen,« sagte der Kaiser leichthin mit gleichgültigem Ton, »daß der römischen Frage auf dem Concil gegenüber die Haltung, welche der Graf Daru in der letzten Zeit eingenommen hat, modificirt werden muß. Die katholische Kirche und der Klerus ist ein sehr mächtiger Factor in Frankreich, dessen freien und rückhaltslosen Beistand wir uns sichern müssen. Und außerdem,« fuhr er fort, »widerstrebt auch meinem religiösen Gefühl eine Erkaltung der Beziehungen zwischen meiner Regierung und dem heiligen Stuhl.«

»Eure Majestät haben vollkommen Recht,« sagte Herr Ollivier schnell, »Frankreich ist gut katholisch. Ich bin es auch,« fügte er hinzu, »und die Rücksicht auf die Gefühle des Volkes ebenso wie auf den Einfluß des Klerus gebieten uns eine äußerst vorsichtige Stellung Rom gegenüber einzunehmen, und nichts zu thun, was die Beziehungen zur Kurie irgend wie trüben könnte. Ich fürchte,« fuhr er fort, »der Graf Daru hat sich in dieser Sache ein wenig zu sehr von Doctrinen leiten lassen und hat zu wenig die concreten Verhältnisse in Betracht gezogen; auch möchten vielleicht seine Beziehungen zu Guizot, der entschieden Protestant ist, nicht ohne Einfluß auf seine Anschauungen geblieben sein.«

Der Kaiser, welcher sehr aufmerksam den Worten seines Ministers zugehört hatte, schlug sich leicht mit der Hand vor die Stirn, als ob er durch die Äußerungen des Herrn Ollivier besonders frappirt sei.

»In der That, mein lieber Minister,« sagte er, »Sie bringen mich da auf einen Gedanken, der mir Manches aufklärt, – sollten Sie, wie ich glaube, Recht haben, so ist es um so nöthiger, unsere Stellung Rom gegenüber zu modificiren, denn protestantische Anschauungen können doch gewiß niemals die Politik Frankreichs, dieses so tief katholischen Landes leiten. Welch eine Freude ist es doch,« sagte er tief aufathmend, »so vollständiges Verständniß zu finden und mit einem Mann zu arbeiten, der uns stets neue Gesichtspunkte öffnet.«

Er bewegte die Glocke.

»Sind die Herren Minister versammelt,« fragte er den eintretenden Kammerdiener.

»Zu Befehl, Majestät.«

»Wollen Sie mich in einen Augenblick im Conferenzzimmer mit den andern Herren erwarten,« sagte der Kaiser zu Herrn Ollivier, »ich werde Ihnen sogleich folgen – wir wissen ja, was wir zu thun haben.«

Der Großsiegelbewahrer verneigte sich mit zustimmender Miene und verließ das Cabinet des Kaisers.

»Er wird thun, was ich will,« sagte Napoleon ihm lächelnd nachblickend, »und ich werde die vortreffliche Stellung haben, keinerlei Initiative zu ergreifen; nicht meine Meinung, – sondern diejenige des Herrn Ollivier wird durchdringen, und man wird nicht wieder vom persönlichen Regiment und vom autocratischen Einfluß sprechen können.«

Er trat zu einem kleinen Schrank, nahm daraus ein Fläschchen mit einer röthlichen Flüssigkeit, zählte in ein Glas Wasser, das der Kammerdiener ihm reichte, eine Anzahl von Tropfen und trank dann schnell den Inhalt, der ihn fast augenblicklich wohlthätig zu beleben schien.

»So,« sagte er mit einem tiefen Athemzug, »das wird mir für eine Stunde wieder Kraft und Elasticität geben. Jetzt will ich meine Herren Minister anhören.«

Und mit etwas lebhafterem festerem Gang als vorhin begab er sich durch die schnell geöffnete Flügelthür nach dem Conferenzzimmer, einem großen hellen Gemach, in dessen Mitte ein runder grüner Tisch, von ebenfalls dunkelgrünen Fauteuils umgeben, stand.

In diesem Zimmer waren die Minister bereits versammelt, sie trugen sämmtlich, wie der Kaiser, schwarze Morgenanzüge und verneigten sich tief beim Eintritt des Souverains.

Da war neben Ollivier, der, aufgeregt, aber von innerer Befriedigung strahlend, hinter seinem Stuhl stand, Herr Chevandier de Valdrome mit seinem etwas cavalieren Ausdruck; der Graf Daru mit seinem kalten, etwas mißtrauischen Blick; Herr Buffet, der Finanzminister, eine bureaucratische Erscheinung mit eigensinnig doctrinairem Ausdruck; Herr Ségris, der Minister des Unterrichts, ein wenig an das Äußere eines Professors erinnernd; dann der Marquis von Talhouet, der Minister der öffentlichen Arbeiten, eine schöne, elegante Erscheinung, trotz seines Alters von beinahe fünfzig Jahren, noch jugendlich und frisch, der wahre altfranzösische grand Seigneur; – Herr Maurice Richart, für welchen sein Freund Ollivier das Ministerium der schönen Künste geschaffen hatte, ein gutmüthiger, sorgloser Lebemann; dann der Kriegsminister, Marschall Leboeuf, eine militairisch kräftige Erscheinung, das volle, ein wenig aufgeschwemmte und regelmäßige Gesicht hatte durch den großen Bart auf der Oberlippe und dem Kinn einen etwas martialischen Ausdruck, der jedoch durch den gleichgültigen und oberflächlichen Blick der etwas vorstehenden Augen wieder abgeschwächt wurde; endlich der Admiral Rigault de Genouilly, dessen feines und intelligentes Gesicht mit dem Ausdruck verschlossenen Nachdenkens stets einen nicht ausgesprochenen Hintergedanken zu verstecken schien.

Der Kaiser setzte sich auf seinen Lehnstuhl in der Mitte des Tisches, und die Minister nahmen um ihn her Platz, Herr Ollivier zu seiner Rechten, Graf Daru zu seiner Linken; die Übrigen nach der Reihenfolge ihres Ranges; die Minister des Krieges und der Marine dem Kaiser gegenüber.

»Ich habe Sie berufen, meine Herren Minister,« sprach der Kaiser mit ruhiger, fast ausdrucksloser Stimme, indem er einen der auf dem Tische liegenden Bleistifte ergriff und einige unbestimmte Linien auf dem vor ihm bereit liegenden Papierbogen zeichnete, »ich habe Sie berufen, um Sie zu ersuchen, die Frage des Plebiscits, über welche ich bereits mit Jedem von Ihnen einzeln conferirt habe, nunmehr noch einmal gemeinschaftlich zu discutiren und dann darüber einen definitiven Beschluß zu fassen. Es handelt sich darum, die neue Institution, welche ich dem Kaiserreich geben zu sollen geglaubt habe und zu deren Befestigung Sie Alle so bereitwillig mir die Hand geboten haben, nochmal durch ein Votum der ganzen Nation, auf welchem ja das Kaiserreich selbst und seine frühere Verfassung beruhen, sanctioniren zu lassen. Und ich bitte Sie mit Ihrer gewohnten und von mir stets so hoch gewürdigten Freimüthigkeit mir Ihre Meinung darüber zu sagen.«

Er wandte sich mit einer leichten Neigung des Kopfes zu Herrn Ollivier.

»Sire,« erwiderte dieser in einem Ton, welcher an den gleichförmigen Pathos erinnerte, der eine Eigenthümlichkeit seiner Reden auf der Tribüne war – »Eure Majestät wissen, daß ich aus voller Überzeugung dem großen Gedanken zugestimmt habe, welchen Sie so eben aussprachen. Eine Regierung, welche so offen und rückhaltslos wie wir die Verfassung im Sinne der Freiheit ausbaut, darf sich nicht scheuen ihr Werk der Prüfung und Genehmigung des ganzen Volkes vorzulegen. Wir treten vor die Nation; nicht um zu fordern, sondern nur zu geben, und sind der dankbaren Zustimmung der großen Mehrheit der Bürger Frankreichs sicher; das Gewicht ihres Votums wird die Autorität und Macht des Kaiserreichs den innern und äußern Feinden gegenüber von Neuem kräftigen, und alle die Elemente, welche in der letzten Zeit so vermessen an der Entwickelung des gesellschaftlichen Lebens gearbeitet haben, werden vor dem fest und klar ausgesprochenen Willen der ganzen Nation schwinden. Ich habe die Form des Plebiscits ausgearbeitet. Der Herr Minister des Innern hat die Präfecten mit ausführlichen Instruktionen versehen, um die von der unversöhnlichen Opposition beabsichtigte massenhafte Enthaltung von der Abstimmung zu verhindern, und ich erlaube mir, Eurer Majestät vorzuschlagen, daß so wie das Senatuskonsult festgestellt ist, das Plebiscit ohne weitere Verzögerung vorgenommen werde, denn jeder Tag, um den dasselbe noch hinausgeschoben wird, giebt den Gegnern Gelegenheit, sich zu organisiren und ihre Agitationen immer mehr über das Land zu verbreiten. Die Form des Plebiscits würde nach meiner Überzeugung sehr einfach sein, sie würde sich auf wenige Zeilen reduciren, und ich werde meinen Entwurf bei meinen Herren Collegen circuliren lassen, um ihn dann mit ihren Zustimmungen oder etwa mit ihren Gegenvorschlägen Eurer Majestät zu unterbreiten.«

Der Kaiser wandte sich mit einem verbindlichen Wink seiner Hand zu dem Grafen Daru.

Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten hatte ruhig und unbeweglich den Worten Olliviers zugehört; ebenso ruhig sprach er jetzt mit seiner etwas leisen, aber durch die scharfe Accentuirung der Worte deutlichen Stimme:

»Über die Form des Plebiscits, Sire, wird, wie ich glaube, unter uns kaum eine Meinungsverschiedenheit bestehen können. Es kann ja eben nur eine ganz einfache mit ja oder nein zu beantwortende Frage sein. Dagegen aber kann ich nicht unterlassen, Eurer Majestät noch einige sehr ernste und gewichtige Bedenken gegen die Sache selbst auszusprechen.«

Der Kaiser blickte nicht auf, mit völlig ausdrucksloser Miene sah er auf das Papier nieder und zeichnete große krumme Linien, welche in einander greifend sich zu dem Bilde eines Adlerflügels vereinigten.

»Eure Majestät,« fuhr Graf Daru fort, »haben vorhin bemerkt, daß das Kaiserreich auf dem freien Votum der ganzen Nation beruhe, wie das ja auch mit der Herrschaft des ersten Kaisers der Fall war. Das Volk hat seinen Willen ausgesprochen und sich nach einer Zeit innerer Unruhen und Kämpfe eine feste Staatsform und eine consolidirte Regierung gegeben, welche wir nunmehr dem Willen Eurer Majestät gemäß zu freierer, innerer Entwicklung zu führen haben. Da die Existenz des Kaiserreichs, der Grund seines Bestehens auf dem Plebiscit beruht, so halte ich es für bedenklich, der Sicherheit des Staatsgebäudes und vor allen Dingen auch der Dynastie Gefahr bringend, wenn man ohne eine absolute Nothwendigkeit auf die Grundfundamente der Monarchie wieder zurückgreift. Ich glaube nicht, – verzeihen mir Eure Majestät, daß eine Dynastie wirklich auf die Dauer feste und unzerstörbare Wurzeln schlagen kann, wenn bei jeder Gelegenheit derjenige Faktor, der ihr das Leben gegeben, wieder in die öffentliche Bewegung hineingezogen wird; das Volk durch unmittelbares Plebiscit hat einmal gesprochen und das Kaiserreich begründet – die weitere Entwicklung desselben muß nun seinen verfassungsmäßigen Vertretern überlassen werden. Das Kaiserreich selbst darf nicht wieder in Frage gestellt werden. Denken Eure Majestät, in welche gefährliche Lage, in welche falsche Position ein Souverain kommen müßte, der wie Eure Majestät es stets mit gerechtem Stolz gethan und wie Ihre Nachfolger es ohne Zweifel ebenfalls thun werden, sich den Erwählten der Nation nennt, wenn das Votum dieser Nation in einem spätern Plebiscit ihm ungünstig wäre? Ein abfälliges Votum des Corps legislativ greift nur das Ministerium an, ein abfälliges Plebiscit aber würde das Kaiserthum und die Dynastie selbst in Frage stellen.« –

»So weit wir aber die Stimmung im Lande kennen,« fiel Herr Ollivier ein, während der Kaiser fortwährend ganz theilnahmlos weiter zeichnete – »ist garnicht an die Möglichkeit zu denken, daß die allgemeine Abstimmung ungünstig ausfalle, vielmehr wird sie auf's Neue die Wurzeln des Kaiserreichs und der Dynastie kräftigen und immer tiefer in das nationale Bewußtsein dringen lassen.«

»Ich zweifle nicht an dem Ausfall der Abstimmungen,« erwiderte Graf Daru, indem flüchtig und fast unbemerkbar ein Zug feiner Ironie auf seinem kalten bleichen Gesicht erschien, »auch spreche ich nicht von der Thatsache, sondern von dem Prinzip, und im Prinzip muß ich dabei bleiben, daß ein wiederholtes Plebiscit gefährlich für die Dynastie ist, um so gefährlicher, wenn man jetzt etwa auf einen günstigen Ausfall desselben einen besonderen Werth zu legen beabsichtigt. Je mehr Bedeutung man dem zustimmenden Votum giebt, um so mehr gefährlicher würde eines Tages eine feindliche Abstimmung werden können. Außerdem bin ich des Erfolges noch nicht so vollkommen sicher. Die Majorität Derjenigen, welche stimmen, wird mit ja stimmen, daran zweifle ich nicht, ob es aber der Opposition nicht gelingen werde, eine sehr große Majorität für die Stimmenenthaltung zu gewinnen, darüber bin ich noch nicht vollkommen beruhigt; und der Eindruck einer solchen Enthaltung würde nicht nur in Frankreich, sondern auch im Auslande ein sehr bedenklicher sein müssen.«

Herr Ollivier, welcher sich unruhig hin und her bewegt hatte, wollte mit einer Bemerkung einfallen.

Der Graf Daru erhob leicht mit einer artigen, aber bestimmten Wendung die Hand gegen ihn und fuhr fort.

»Wenn ich schon aus Rücksicht auf das Kaiserthum selbst und auf die Dynastie der Meinung bin, daß ein erneutes Plebiscit nur im Augenblick einer öffentlichen Gefahr oder gewaltiger nationaler Anstrengungen vorgenommen werden darf, so bestärkt mich in dieser Ansicht noch mehr die Rücksicht auf die freie und verfassungsmäßige Entwicklung des öffentlichen Lebens, deren Sicherung unsere Aufgabe ist. Wenn es als ein Grundsatz des öffentlichen Rechts anerkannt wird, daß die Regierung in jedem Augenblick und ohne bestimmte zwingende und in der Verfassung vorgesehene Gründe sich an das Volk wenden kann, so wird jedes constitutionelle Leben überhaupt eine Unmöglichkeit, denn die Regierung hat es in der Hand, bei jedem Conflict mit den Gesetzgebenden Körperschaften durch ein Plebiscit das ganze verfassungsmäßige Leben in Frage zu stellen. Daß Eure Majestät niemals einen solchen Gedanken haben werden,« sagte er, sich gegen den Kaiser verneigend, – »davon bin ich überzeugt, indessen bei der Beurtheilung öffentlicher Rechtsprinzipien darf man nicht an die Person, sondern an die Sache und an die völlig objectiv gestellte Frage denken. Für mich spricht also sowohl die Rücksicht auf die Stabilität und die Unantastbarkeit der monarchischen Staatsform und der Dynastie als diejenige auf die wahre Freiheit des öffentlichen Lebens gegen eine Wiederholung des Plebiscits.«

»Sie würden also, mein lieber Graf,« sagte der Kaiser, indem er einen Augenblick flüchtig aufblickte und dann wieder in die Betrachtung des auf dem Papier vor ihm nunmehr deutlich erkennbaren Adlerflügels versank, »Sie würden also einer Berufung an das Volk Ihre Stimme nicht geben wollen?«

»Ich habe meine prinzipmäßigen Gründe gegen das Plebiscit ausgesprochen,« erwiderte der Graf. »Ich bin indessen ebenfalls überzeugt, daß beim absolut starren Festhalten an den Prinzipien practisch nicht regiert werden kann. Und da Eure Majestät und die meisten meiner Kollegen die Volksabstimmung für zweckmäßig halten, so würde ich mich derselben nicht unbedingt entgegenstellen.«

Der Kaiser zog seine Linien weiter und weiter. Ein zweiter Adlerflügel begann sich an der Seite des ersten zu zeigen.

Auf Herrn Olliviers Gesicht erschien bei den letzten Worten des Grafen Daru eine ziemlich erkennbare Verstimmung.

Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten sprach weiter:

»Die Bedenken, welche ich gegen eine Wiederholung des Plebiscits so eben ausgesprochen und motivirt habe, können nach meiner Überzeugung auf eine sehr einfache Weise zum großen Theil beseitigt werden: Wenn nämlich der Grundsatz festgehalten wird, daß die Berufung an die unmittelbare Volksabstimmung nur Statt finden dürfe, wenn sich die Regierung und die Gesetzgebenden Körperschaften darüber verständigt haben. Dadurch würde nach beiden Richtungen die Garantie gegen den Eintritt derjenigen Gefahren gegeben, welche ich vorhin bezeichnete, und so würde die Absicht Eurer Majestät erreicht. Ich glaube, daß der Herr Großsiegelbewahrer,« sagte er, sich an Ollivier wendend, »einer Verständigung in der von mir angedeuteten Richtung nicht abgeneigt ist, wenigstens habe ich bei meiner früheren Unterredung über diesen Gegenstand bei ihm die Geneigtheit bemerkt, auf meine Prinzipien einzugehen, und auf Grund derselben den Bestand des Cabinets zu sichern,« sagte er mit fester Stimme, sich gegen den Kaiser verneigend.

Dieser hob ein wenig den Kopf empor und richtete den Blick seines vollständig verschleierten Auges auf Herrn Ollivier.

»Der Gedanke des Grafen Daru,« sagte er ruhig, »scheint mir eine sehr gute Grundlage für die Ausgleichung der entgegenstehenden Ansichten zu bieten. Es wäre gewiß sehr wünschenswerth, eine solche Verständigung zu erreichen, wenn dies nach Ihrer Überzeugung möglich ist.«

Herr Ollivier richtete sich grade empor, ließ den unsichern Blick über seine in schweigender Zurückhaltung da sitzenden Kollegen gleiten und begann dann mit nachdrücklicher Betonung:

»Ich glaube nicht, daß der Gedanke des Herrn Ministers der auswärtigen Angelegenheiten ausführbar sei, wenn man sich die wahre staatsrechtliche Natur der Frage klar macht. Das Volk,« fuhr er fort, »die französische Nation ist, Eure Majestät werden mir darin beistimmen,« sagte er, sich gegen den Kaiser verneigend – »der eigentliche, in letzter Instanz definitiv über die Geschicke Frankreichs entscheidende Souverain. Die Vertreter im Corps legislativ sind nur Delegirte. Es entspräche nicht der Würde der Nation selbst, wenn Derjenige, an welchen sie ihre Souverainetät deligirt hätte, erst die Genehmigung der lediglich für die gesetzgeberische Arbeit abgeordneten Vertreter einholen müßte, um sich in großen Nationallebensfragen an das Volk selbst wenden zu dürfen. Zwischen dem Kaiser, das heißt dem General-Mandatar der souverainen Nation und dem Volk selbst darf kein untergeordneter Faktor stehen. Sie müssen frei, wenn es nothwendig ist, miteinander verkehren können, und der Kaiser muß das Recht haben, auch ohne die Zustimmung der parlamentarischen Körperschaften an das Volk selbst sich wenden zu können. Jede zufällige Majorität der Kammer würde ja sonst die Macht haben, die Berufung an das Volk zu verhindern. Ich für meine Person,« schloß er mit bestimmtem Ton, »würde lieber dafür stimmen, das Plebiscit überhaupt aufzugeben, als es auf diese Weise von der Zustimmung einer Kammer abhängig zu machen, die vielleicht garnicht den Willen des ganzen Volkes und sein wahres Interesse vertritt.«

Graf Daru hatte Herrn Ollivier ein wenig erstaunt angesehen, dann flog abermals jener Zug feiner Ironie über sein Gesicht, und als der Großsiegelbewahrer geendet, sprach er, während auf dem Papier des tief gebückt dasitzenden Kaisers sich nunmehr zwischen den beiden Flügeln auch der Kopf eines Adlers zu entwickeln begann:

»Ich bedaure, daß ich die Absicht des Herrn Großsiegelbewahrers bei unserer letzten Unterredung so falsch oder unklar aufgefaßt habe. Wäre mir damals seine Meinung so bestimmt erschienen, wie ich sie jetzt verstehe, so hätte ich schon früher alle Hoffnungen und alle Versuche zu einer Verständigung zu gelangen, aufgegeben. Ich muß Eurer Majestät aufrichtig erklären, daß wenn das Plebiscit ohne vorherige Verständigung mit der Kammer beschlossen werden sollte, ich nicht im Stande sein würde, länger ein Mitglied des Cabinets zu bleiben.«

»Ich schließe mich der Erklärung des Herrn Grafen Daru vollständig an,« sagte der Finanzminister Buffet mit rauhem und kurzem Ton. »Ich glaube, daß die Wiederholung der Plebiscite die freie Bewegung des konstitutionellen Lebens unmöglich macht und den Staat fortwährend mit der Wiederkehr absoluter Autocratie bedroht. Ich bitte Eure Majestät, wenn das Plebiscit nach der Anschauung des Herrn Großsiegelbewahrers beschlossen werden sollte, meine Entlassung zu genehmigen.«

»Und was meinen die übrigen Herren Minister,« fragte der Kaiser, unter dessen Bleistift sich nunmehr auch ein großer Adlerkopf bildete.

»Ich stimme Herrn Ollivier bei,« sagte Ségris.

»Ich würde um der Einheit des Bestandes des Cabinets willen,« sagte der Marquis von Talhouet, »wünschen, daß auf dem Boden des vom Grafen Daru ausgesprochenen Gedankens eine Verständigung erzielt werde. Indessen kann ich nicht mein Verbleiben im Cabinet von dieser Frage abhängig machen, und ich hoffe,« fügte er verbindlich sich gegen den Grafen von Daru verneigend, hinzu, »daß auch unser verehrter Kollege von diesem äußersten Entschluß zurückstehen werde.«

Graf Daru schüttelte schweigend den Kopf.

»Ich habe,« rief Herr Ollivier rasch, »wahrlich für die Freiheit und die Rechte des Volkes gesprochen und gekämpft. Niemand wird mir dies Zeugniß versagen können. Jetzt aber ist es auch meine Pflicht, die Rechte der Krone zu vertreten und zu vertheidigen, und ich würde in einer solchen Anschauung der kaiserlichen Initiative, wie sie der Graf Daru vorschlägt, eine sehr gefährliche und bedenkliche Schmälerung der kaiserlichen Rechte erblicken.«

Der Marschall Leboeuf und der Admiral Rigault de Genouilly stimmten in kurzen Worten dem Herrn Ollivier bei; ebenso Herr Maurice Richart und Herr Chevandier de Valdrome.

Zu den Flügeln und dem gekrönten Kopf des Adlers war auf dem Papier des Kaisers bereits noch eine Kralle hinzugetreten, auf welcher ein kleiner Reichsapfel ruhte.

Der Kaiser richtete ein wenig den Kopf auf, ohne daß sein Bleistift aufhörte in langsamer, anscheinend fast unwillkürlicher Bewegung Linie an Linie zu reihen.

»Ich höre also,« sagte der Kaiser, »daß die Mehrzahl meiner Herren Minister dem Herrn Großsiegelbewahrer vollständig beipflichten, welcher sich für die schleunige Ausführung des Plebiscits und zwar ohne vorherige Verständigung mit den Kammern ausgesprochen hat. Hätten die Herren Minister gegen das Plebiscit überhaupt Bedenken gehabt, so hätte ich meinerseits kaum einen Grund gehabt, dasselbe durchaus zu wünschen, so sehr ich auch überzeugt bin, daß es den Institutionen des Kaiserreichs neue Kräfte geben werde. Da aber die große Majorität meiner Minister das Plebiscit für zweckmäßig und nothwendig hält, da sie zu gleicher Zeit die Modalität, welche der Graf Daru vorgeschlagen, nicht zu acceptiren geneigt sind, so bleibt mir nichts anderes übrig, als nochmals Sie, Herr Graf, zu bitten, aus der Sache keine Cabinetsfrage zu machen und Sie, Herr Minister,« sagte er, sich an Herrn Ollivier wendend, »reiflich zu überlegen, ob Sie nicht im Stande wären, eine Kombination zu finden, welche sich dem Grafen Daru nähert, und es ihm möglich macht, Mitglied des Cabinets zu bleiben, in welches ich ihn mit so vielem Vertrauen berufen habe, und aus welchem ich ihn nur mit aufrichtigem Schmerz würde scheiden sehen.«

Es war fast ein ängstlicher Ausdruck, mit welchem Herr Ollivier den Kaiser bei den letzten Worten ansah.

»Eure Majestät wissen,« sagte er schnell, »wie hohen Werth ich auf die Freundschaft und Mitwirkung des Grafen Daru und auf sein Verbleiben in dem Ministerium lege; indessen meine Anschauung und Überzeugung steht fest, und wie ich niemals im politischen Leben von derselben abgewichen bin, so kann ich es auch jetzt nicht, selbst auf die Gefahr hin, die bisher so fruchtbare und hoch erfreuliche gemeinschaftliche Arbeit mit dem Herrn Grafen zu unterbrechen. Meine Überzeugung steht fest,« sagte er, die Hand auf die Brust legend, »und da auch die meisten meiner Kollegen dieselbe theilen, so kann ich um so weniger in einer so hoch wichtigen Frage auf irgend einen Kompromiß eingehen.«

»Ich habe also,« sagte der Graf Daru, ohne daß irgend eine Bewegung auf seinem Gesicht bemerkbar wurde, »Eure Majestät nochmals bestimmt um meine Entlassung zu bitten, da ich nicht im Stande bin, der von der Mehrzahl meiner Kollegen beschlossenen Maßregel meine Zustimmung zu geben.«

»Ich muß die gleiche Bitte an Eure Majestät richten aus dem gleichen Grunde,« sagte Herr Buffet.

Der Adler auf dem Papier des Kaisers hatte eine zweite Kralle erhalten.

»Ich kann,« sagte Napoleon, »da ich ja nicht mehr der persönliche Autokrat bin,« fügte er lächelnd hinzu, »gegen den Beschluß meiner Minister nichts thun. Ich bitte Sie indeß, meine Herren,« fuhr er fort, sich an die übrigen Minister wendend, »daß Sie sich der Aufgabe unterziehen mögen, in privater Besprechung und durch persönliche Einwirkung ein Einverständniß zwischen dem Grafen Daru und Herrn Ollivier zu ermöglichen. Ich bin überzeugt,« fuhr er fort, indem er mit der linken Hand über seinen Bart fahrend den Mund verdeckte, während seine Rechte in der Kralle des Adlers vor ihm ein großes, hoch aufragendes Schwert erscheinen ließ, »daß Herr Ollivier ebenso wie ich das Ausscheiden des Grafen aus dem Cabinet beklagen würde, daß er Alles aufbieten wird, um eine Verständigung herbeizuführen. In einem Punkt bin ich jedoch vollkommen der Meinung, welche sich die meisten Herren hier angeeinigt haben, daß nämlich schnell gehandelt werden müsse, um der Opposition nicht die Zeit zu lassen, die Stimmenenthaltung zu organisiren. Ich hoffe also,« sagte er aufstehend, indem er den Bleistift neben dem nunmehr vollendeten und mächtig bewehrten Adler niederlegte, »daß Sie mir morgen die Mittheilung von Ihrer allseitigen Verständigung machen werden, daß wir Alle miteinander gemeinschaftlich bei der Durchführung des begonnenen Werkes weiter arbeiten werden.«

Er verneigte sich mit verbindlicher Höflichkeit nach allen Seiten und verließ das Conferenzzimmer, in welchem die Minister noch fast eine Stunde zurückblieben, auf alle mögliche Weise versuchend, das Einverständniß zwischen Herrn Ollivier und dem Grafen Daru herzustellen.

Alle Versuche scheiterten jedoch an der kalten Ruhe, mit welcher der Graf Daru an seiner Ansicht festhielt und an der pathetischen würdevollen Unbeugsamkeit, mit welcher Herr Ollivier erklärte, auch nicht in einem Punkt von seiner Überzeugung abgehen zu können.

Siebentes Capitel.

Napoleon war in sein Cabinet zurückgekehrt, heiter und zufrieden lächelnd rieb er sich leicht die Hand, während er einige Male langsam auf- und niederging.

»Alles geht vortrefflich, Drouin de L'huys hat vollkommen Recht, diesen Ollivier kann man Alles thun lassen, was man will, ein wenig Balsam für seine Eitelkeit, ein wenig Köder für seinen Ehrgeiz, und er lancirt sich gesenkten Hauptes in jede Bahn, auf welcher man seiner bedarf. Die Dinge fügen sich so gut, wie ich es nur irgend wünschen kann, das Plebiscit wird gemacht, – und ich bedarf des Plebiscits,« sagte er sinnend vor sich hinblickend, »um diesen unversöhnlichen Rednern der Kammer zu zeigen, daß sie nicht mich angreifen, sondern den Willen der Gesammtnation, und daß nicht sie die Vertreter der Anschauungen Frankreichs sind, sondern ich selbst, – ich bedarf es dem Auslande gegenüber, um den europäischen Cabinetten zu zeigen, daß ich noch heute so unumschränkt wie früher über die Macht Frankreichs gebiete, – das Plebiscit wird gemacht werden, und zwar bin nicht ich es, der es macht, sondern meine Minister unter der Führung dieses höchst liberalen und konstitutionellen Herrn Ollivier. Und wenn dieser zweifelhafte Graf Daru und dieser schwer zu behandelnde Buffet aus dem Cabinet ausscheiden, so werde nicht ich sie entlassen haben, sondern sie werden es sein, die sich von der Majorität der Minister trennen. Alles ist ja konstitutionell und verfassungsmäßig,« sagte er lächelnd, »und doch geschieht es wie ich will. Vielleicht,« sprach er nachdenklich, »läßt sich mit dieser konstitutionellen Maschine noch besser regieren, als wenn man allein steht und ganz allein auch alle Verantwortlichkeit tragen muß.«

Er ließ sich langsam in seinen Lehnstuhl nieder, bereitete sich sorgfältig aus dem auf einem kleinen Tisch daneben stehenden türkischen Taback eine Cigarrette, entzündete dieselbe an der brennenden Kerze und bewegte eine kleine Handglocke.

»Bereiten Sie Alles vor,« sagte er dem eintretenden Kammerdiener, »ich will meine militairische Promenade machen, in einer Stunde habe ich eine Revue abzuhalten.«

Der Kammerdiener entfernte sich durch die Thür, welche in das Toilettenzimmer des Kaisers führte.

»Der Graf Bismarck,« sagte der Kaiser, indem er mit vergnügtem Gesicht die blauen Wolken des aromatischen Tabacksrauchs in die Luft blies, »hat Recht mit dem Rath, den er mir einst gab, je mehr ich die konstitutionelle Doctrin in die Regierung einführe, um so mehr muß ich meine militairische Macht stärken und das persönliche Band zwischen mir und der Armee fester ziehen, damit habe ich das Correctiv in der Hand, und wenn die Wellen jemals zu hoch gehen sollten, so wird es leicht sein, sie wieder auf das richtige Niveau zurückzuführen. Bis jetzt sind sie noch leicht zu leiten und trägt das Schiff das Kaiserreich ruhig in der Richtung fort, welche ich vorgezeichnet habe,« – und sich bequem auf den Stuhl zurücklehnend schloß er halb träumend die Augen, indem er in großen Zügen den duftigen Rauch seiner Cigarrette einsog.

Nach einiger Zeit öffneten sich die Flügel der Thüre, und die Kaiserin schritt schnell, noch bevor der Huissier sie anmelden konnte, an demselben vorüber in das Zimmer.

Ihre Mienen zeigten Unruhe und lebhafte Bewegung, sie eilte auf den Kaiser zu, welcher sich langsam erhob, drückte ihn sanft wieder in seinen Lehnstuhl zurück und sagte, indem sie sich ihm gegenüber setzte:

»Ich höre, daß die Ministerconferenz zu Ende ist und bin unendlich gespannt, was das Resultat derselben sei, – sobald die Meinungsdifferenzen ausgeglichen, wird das Plebiscit ohne Schwierigkeit durchgeführt werden?«

»Das Plebiscit ist beschlossen,« sagte der Kaiser, indem er den Rest seiner Cigarrette fortwarf, »die große Majorität meiner Minister waren darüber einig, nur,« fügte er mit einem schnellen Blick auf seine Gemahlin und einem fast unwillkürlichen Lächeln hinzu, »Graf Daru und Herr Buffet können sich der Ansicht der Übrigen nicht anschließen. Ich werde sie verlieren,« fügte er wie bedauernd den Kopf schüttelnd hinzu, »ich habe ihnen die Entlassung, um die sie gebeten, nicht verweigern können, da sie sich nicht im Einklang mit den Übrigen befinden.«

Die Kaiserin schlug ihre schlanken weißen Hände gegen einander, ein Blitz triumphirender Freude sprühte in ihren Augen auf.

»Wir sind Daru los,« rief sie aus, »diesen verkappten Orleanisten, diesen Freund des Protestanten Guizot, der uns mit dem heiligen Stuhl hätte brouilliren mögen. Welch ein Glück,« – fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, – »haben Sie schon darüber nachgedacht, wer sein Nachfolger in den auswärtigen Angelegenheiten sein soll?«

»Das ist eine sehr schwierige Frage,« sagte Napoleon langsam, – »eine sehr schwierige Frage, welche ein tiefes und eingehendes Nachdenken erfordert. Ich glaube, da das ganze Interesse sich in diesem Augenblick auf die inneren Fragen concentrirt und wir eigentlich gar keine auswärtige Politik machen, so wird es am besten sein, das Provisorium einige Zeit lang bestehen zu lassen – Ollivier ist bereit, dasselbe zu führen.«

Immer strahlender und heiterer wurde das Gesicht der Kaiserin.

»Ollivier,« rief sie, »das Provisorium des auswärtigen Ministeriums! Louis,« rief sie, ihm die Hand reichend, welche er galant an die Lippen führte, »ich bewundere Sie, das ist ein Meisterstreich! Dieser Ollivier ist ein Schleier, den man ganz Europa gegenüber über unsere Politik wirft, und hinter diesem Schleier wird man thun und vorbereiten können, was man will, ohne daß irgend Jemand, er selbst am wenigsten,« sagte sie lachend, »eine Idee davon hat. Aber später,« sagte sie dann – »nach Ollivier, denn Ollivier kann doch nur so lange Minister sein, bis –« sie unterbrach sich –

»bis wir es für zweckmäßig finden werden,« ergänzte der Kaiser ihren Satz, »unserer auswärtigen Politik einen bestimmten Stempel aufzudrücken, und dann wird die Wahl der Person doch immer von dem System abhängig sein müssen, welches dann zu befolgen für nothwendig erscheinen sollte.«

»Ich habe Ihnen neulich von Grammont gesprochen,« sagte Eugenie mit einem forschenden Blick auf den Kaiser, »der mir alle Eigenschaften in sich zu vereinigen scheint, welche Ihr auswärtiger Minister in einem entscheidenden Augenblick haben müßte, und der Ihnen persönlich und unserer Dynastie tief ergeben ist, indem er die monarchischen Traditionen seiner legitimistischen Familie nunmehr auf das Kaiserreich überträgt, nachdem er sich dem Dienst desselben gewidmet hat. Grammont kennt besonders genau die Verhältnisse Österreichs, das doch für unsere auswärtige Politik und für unsere auswärtige Action,« fügte sie mit besonderer Betonung hinzu, »einer der wichtigsten Factoren ist.«

»Es würde nur darauf ankommen,« sagte der Kaiser, ohne den Blick seiner Gemahlin zu erwidern, »welche Politik man nach Außen inauguriren wird, nachdem diese inneren Angelegenheiten zum Abschluß gebracht sind. Unter gewissen Verhältnissen würde allerdings Grammont eine sehr geeignete Persönlichkeit sein.«

»Unter allen,« sagte die Kaiserin, »Grammont ist ebenso geschickt und geschmeidig, als ergeben.«

»Nun,« sagte der Kaiser, »man könnte ihn ja dann wieder hierher kommen lassen. Ich habe früher ausführlich mit ihm über die Lage der Verhältnisse gesprochen und würde persönlich sehr gern mit ihm verkehren. Es käme aber darauf an, ob er sich mit den übrigen Führern des Cabinets verständigen könnte, denn wir haben ja jetzt ein constitutionelles Regiment –«

Die Kaiserin zuckte die Achseln.

»Namentlich,« fuhr Napoleon fort, »ob er mit Ollivier zu harmoniren im Stande wäre!«

»Ollivier,« rief die Kaiserin, »dieser spartanische Bürger wird überglücklich sein, in einem Cabinet mit einem Herzoge aus dem alten Hause der Guiche und der Grammont sich zu befinden.« –

»Wir wollen weiter darüber sprechen, wenn das Plebiscit vollendet sein wird,« sagte der Kaiser.

Die Kaiserin ließ einen Augenblick mit einer anmuthigen Beugung ihres schlanken Halses den Kopf auf die Brust sinken.

»Er hat einen Hintergedanken,« flüsterte sie unhörbar.

Dann blickte sie den Kaiser mit ihren großen, klaren Augen ruhig und gleichgültig an.

»Man hat in diesen Tagen,« sagte sie, »wieder von einer Combination gesprochen, welche, wie ich glaube, schon im vorigen Jahre einmal flüchtig erörtert wurde, von einer Candidatur des Prinzen von Hohenzollern für den spanischen Thron« –

Der Kaiser warf schnell einen flüchtigen Blick auf seine Gemahlin hin –

– »vielleicht wäre es gut, wenn sich das machen ließ,« fuhr Eugenie fort, »ich bedaure die unglückselige Königin Isabella auf's tiefste und würde vor allen Dingen wünschen, daß ihr oder ihrem Sohn der spanische Thron gerettet werden könnte, allein, wie die Verhältnisse stehen und bei den so unschlüssigen und politisch unklaren Rathgebern, mit denen sie umgeben ist, scheint mir leider zu meinem tiefen Bedauern dazu wenig Aussicht zu sein. Wenn es nun möglich wäre, die für Frankreich und für uns ungünstigste Chance auszuschließen, – die Candidatur des Herzogs von Montpensier, welcher der Orleanistischen Agitation in Spanien einen festen Halt geben würde, so wäre es vielleicht nicht unerwünscht, einen jungen, uns befreundeten und verwandten Prinzen, der außerdem gut katholisch ist, auf diesem spanischen Thron zu wissen.«

»Der Prinz von Hohenzollern,« sagte der Kaiser in demselben gleichgültigen Ton, in welchem seine Gemahlin gesprochen hatte, »steht dem preußischen Hause sehr nahe, und seine Thronbesteigung in Spanien würde einen Einfluß des Berliner Cabinets im Süden der Pyrenäen begründen, der den Interessen Frankreichs nicht zu entsprechen scheint. Ich habe deshalb, als im vorigen Jahre die Sache angeregt wurde, erklären lassen, daß die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern eine antinationale sei, während diejenige des Herzogs von Montpensier nur meiner Dynastie feindlich ist. So sehr ich daher,« fuhr er fort, »an dem einmal ausgesprochenen Prinzip festhalte, der spanischen Nation gegenüber, was ihre Entschließungen für die Zukunft betrifft, die strengste Zurückhaltung zu beobachten, so habe ich doch auch nicht verhehlt, daß eine Candidatur des Prinzen von Hohenzollern auf eine Zustimmung von Frankreich nicht zu rechnen habe. Seit jener Zeit,« sagte er, die Achseln zuckend, »habe ich nichts wieder davon gehört, möglich, daß die Sache noch einmal wieder aufgenommen wird. Ich stehe noch auf demselben Standpunkt wie damals und ich glaube nicht, daß Frankreich einen preußischen Prinzen auf dem spanischen Thron sich ruhig gefallen lassen könnte.«

»Sie würden also,« sagte die Kaiserin, »noch lieber Montpensier als den Erbprinzen von Hohenzollern in Madrid regieren sehen?«

»Unbedingt,« erwiderte der Kaiser mit festem Ton, »denn ich werde stets die Interessen meiner Person und meines Hauses denjenigen Frankreichs nachstellen.«

»Nun,« sagte die Kaiserin, »dann wird aus der Sache nichts werden, denn ich glaube nicht, daß Prim etwas thun wird, wovon er weiß, daß Sie es nicht billigen.«

»Ich habe keine Veranlassung gehabt,« sagte der Kaiser, »über diese Frage mit Prim meine Gedanken auszutauschen, und es ist in der That nicht nur eine Phrase, wenn ich versichere, dieser ganzen spanischen Angelegenheit völlig fern bleiben zu wollen. – Sie wollen mich nicht zu der Revue begleiten, die ich auf dem Carousselplatz abhalten will,« sagte er abbrechend, »ich habe die Garde de Paris und die Pompiers, auch eine Schwadron Seine-Gendarmerie zu der Truppenaufstellung hinzugezogen. Es ist in dieser Zeit immer gut, wenn man auch diesen Corps möglichst viel militairisches Gefühl einflößt.«

»Ich danke,« erwiderte die Kaiserin, »ich habe verschiedene Audienzen zu geben. Au revoir,« fügte sie hinzu, indem sie aufstand und ihrem Gemahl die Wange reichte. »Ich wünsche Ihnen nochmals Glück, diesen heimlichen Orleanisten aus Ihrem Rath entfernt zu haben.«

Der Kaiser geleitete seine Gemahlin zur Thür und kehrte dann nachdenklich und ernst in sein Zimmer zurück.

»Es geht etwas mit dieser spanischen Candidatur Hohenzollerns vor,« flüsterte er vor sich hin, »man möchte diesen Fall zu einer Kriegsfrage zurecht machen – ich durchschaue das Alles sehr gut, man will sich versichern, daß ich mich wirklich einer solchen Candidatur ernstlich und energisch widersetzen würde, um in diesem Falle die Ereignisse danach gestalten zu können. Ich lasse das Alles gehen,« sagte er lächelnd, »diese Candidatur des Prinzen Leopold, die man da so unvermuthet als einen plötzlichen und unabwendbaren Kriegsfall vor mich hinstellen möchte, kann mir vielleicht sehr gute Dienste leisten und mir die Handhabe bieten, die ganze Lage der Dinge, ohne diese lärmende und unsichere Entscheidung der Waffen zu meinen Gunsten zu gestalten. Ich glaube nicht,« sagte er nachdenklich, »daß das Cabinet von Berlin oder der König von Preußen auf diese Hohenzollernsche Candidatur einen besondern Werth legen wird, – Benedetti glaubt, daß der Graf Bismarck ihm nicht seinen letzten und innersten Gedanken ausgesprochen habe, – mir scheint, Benedetti täuscht sich, vielleicht möchte es eher dem preußischen Stolz widerstreben, einen Prinzen, der in vielen Beziehungen mit dem dortigen königlichen Hause zusammenhängt, sich auf einen Weg begeben zu sehen, der zu einem ähnlichen Schicksal führen kann, als es den Herzog Maximilian in Mexico erreichte. Wenn diese Candidatur wirklich eine ernste Form gewinnt, so wird die Gelegenheit da sein, ein kräftiges und volltönendes Wort zu sprechen und die Zurückziehung derselben vor dem übrigen Europa als einen moralischen Sieg über Deutschland und Preußen erscheinen zu lassen. Damit wird eine große Sache gewonnen sein – die Wiederherstellung des französischen erschütterten Selbstgefühls und des Vertrauens in die Überlegenheit der kaiserlichen Regierung. Lassen wir also die Dinge immerhin gehen, – ich glaube, sie gehen einen guten Weg, und ich werde dahin kommen, mich aus allen Verlegenheiten, die mich umringen, ohne eine kriegerische Entscheidung, welche ich in den Leiden meiner Krankheit mehr als je vorher scheue – zu entziehen.« Der Huissier öffnete die Thür und meldete: »Seine kaiserliche Hoheit der Prinz Napoleon.« Der Kaiser seufzte und zuckte unwillkürlich die Achseln mit einer Miene, welche anzudeuten schien, daß ihm dieser Besuch nicht allzu erfreulich sei, indessen neigte er zustimmend den Kopf und ging mit freundlichem Gruß dem Prinzen die Hand reichend, seinem Vetter entgegen, welcher raschen und unruhigen Schritts in das Cabinet trat.

»Ich bin erfreut, Dich zu sehen, mein lieber Vetter,« sagte der Kaiser, »indessen habe ich nur wenige Augenblicke, da die Truppen bereits auf dem Carousselplatz aufgestellt sind und die Stunde der Revue geschlagen hat.«

Der Prinz Napoleon war eine eigenthümliche Erscheinung, welche man kaum hätte vergessen können, wenn man ihm einmal begegnet war. Sowohl in seiner Figur, als in seinem olivenfarbenen scharf geschnittenen bartlosen Gesicht mit dem kurzen schwarzen Haar zeigte er eine sehr charakteristische Ähnlichkeit mit seinem großen kaiserlichen Oheim; – während indeß auf den Zügen des Letzteren jene edle, antik klassische Ruhe lag, welche die Köpfe aus der großen Kaiserzeit des alten Roms charakterisirt, während die Augen des weltbeherrschenden Imperators tief sinnend vor sich hinblickten oder weltentzündende zorngewaltige Blitze schleuderten, – lag in dem ganzen Wesen des Prinzen eine zerfahrene Unruhe und fieberhafte Hast, welche mit dem antiken Schnitt seines Gesichts durchaus nicht vereinbar schienen und seiner ganzen Erscheinung den Ausdruck wohlthätiger Ruhe und Harmonie raubten; seine Augen blickten unstät hin und her, seine Lippen zuckten in fortwährend bewegtem Mienenspiel, und in kurzen Zwischenräumen öffnete sich sein Mund zu einem unwillkürlichen, krampfhaft nervösen Gähnen. Auch seine Gestalt war stärker und gedrungener als die des großen Kaisers, und wenn er mit heftigen Gesticulationen seine Worte begleitete, so brachten seine Bewegungen fast einen komischen Ausdruck hervor.

Der Prinz trug einen schwarzen Civilmorgenanzug, einen hohen Cylinderhut in der Hand, die große Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch.

»Ich will Eure Majestät nur einen Augenblick aufhalten,« sagte er, mit einer gewissen rauhen Betonung die Worte hervorstoßend, »es drängt mich, von Eurer Majestät selbst zu hören, ob die Gerüchte, welche die Stadt zu durchlaufen beginnen, wahr sind. Eure Majestät,« fuhr er fort, »kennen die tiefe Ergebenheit, welche ich für Sie hege als für den Chef meiner Familie und für den liebevollen Freund meiner Jugend, – bei dieser tiefen Ergebenheit müssen die Gerüchte, welche so eben bis zu mir gedrungen sind, mich mit tiefer Unruhe erfüllen.«

»Und welche Gerüchte meinst Du,« fragte der Kaiser ruhig und kalt, indem er sich in seinen Lehnstuhl niederließ und den vollen Blick seines groß geöffneten Auges auf den Prinzen richtete, welcher vor ihm stehen blieb und vor diesem scharfen forschenden Blick mit leichter Verlegenheit die Augen zu Boden schlug.

»Ich meine das Gerücht von dem Grafen Daru,« sagte der Prinz rasch und heftig, »ganz Paris spricht bereits davon. Man erzählt, daß Du,« fuhr er immer lebhafter fort, indem er die ceremonielle Haltung, welche er bei seinem Eintritte angenommen hatte, vergaß, – »das Plebiscit unter allen Umständen durchführen willst, und daß deswegen Graf Daru, der in der That nicht zu meinen Freunden gehört, aber der dadurch in diesem Augenblick populär werden wird, sich von den Geschäften zurückziehen will.«

»Es handelt sich um keine Differenz zwischen dem Grafen Daru und mir,« erwiderte der Kaiser. »Der Graf befindet sich in Meinungsverschiedenheit mit Ollivier und den übrigen Ministern, es ist eine vollständig constitutionelle Krisis,« fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, »in welche ich einzugreifen außer Stande bin.«

»Eine constitutionelle Krisis,« rief der Prinz lebhaft, indem er laut auflachte und dann die Hand einen Augenblick vor den Mund hielt, um einen Gähnkrampf zu verbergen, der ihn erfaßte, – »eine Meinungsdifferenz mit Ollivier? Hat denn dieser Ollivier,« fuhr er fort, »eine Meinung, die nicht die Deinige ist? – Doch darum handelt es sich nicht, es handelt sich nicht um die augenblickliche Situation,« sprach er rasch weiter, – »ob Daru bleibt oder geht, ist mir in der That sehr gleichgültig, – aber der Grund dieser Krisis – der Grund dieses Plebiscits – was willst Du mit dem Plebiscit machen – wozu diese fortwährenden Revuen in einer Zeit, in welcher alle militairischen Fragen so vollständig in den Hintergrund treten, – Du hast einen Plan, Du willst den Krieg, Du willst unter der Maske dieses Ollivier, unter dem Schein des Constitutionalismus die Dictatur wieder herstellen, um plötzlich hervorbrechen zu können und den europäischen Staatsstreich, wie man es nennt, auszuführen, oder vielleicht,« fuhr er fort, indem sein stechender Blick sich mit dem Ausdruck des Hasses und des Zorns erfüllte, »oder vielmehr Andere wollen dies. Man will Dich dahin bringen, es auszuführen.«

Der Kaiser hatte völlig unbeweglich ohne jeglichen Ausdruck auf seinem Gesicht den heftigen Worten des Prinzen zugehört, ein wenig auf die Seite geneigt, ließ er langsam die Spitzen seines Schnurrbarts durch die Finger gleiten und sagte mit einem unendlich naiven Ton:

»Du glaubst?«

»Ja,« rief der Prinz zornig, mit dem Fuße stampfend, »ich glaube es und ich glaube auch, daß Du auf einen Weg gehst, der Frankreich, Dich und uns Alle in's Verderben stürzen wird, – wir können nicht schlagen, – ich weiß es, – man täuscht Dich, – Deine großsprechenden Generale, dieser Leboeuf an der Spitze, glauben, daß man mit Phrasen den Kampf gegen eine so furchtbare Macht wie Preußen aufnehmen kann. Sie Alle haben gar keine Idee von dem, was man zum Kriege nöthig hat – selbst Niel wäre nach meiner Überzeugung noch nicht fertig für einen so gewaltigen Kampf, aber diese – die Dich jetzt umgeben, haben das Werk Niels nicht nur nicht fortgesetzt, sie haben es wieder zu Grunde gerichtet. Deine Armee ist in Unordnung, die Festungen sind nicht im gehörigen Stand, die Magazine sind nicht gefüllt, die Organisation der Militairverwaltung ist mehr als mangelhaft, und wenn Du Dich zu diesem Kriege hinreißen läßt, so wirst Du, – ich wiederhole es – uns Alle zu Grunde richten.«

Der Kaiser blieb fortwährend unbeweglich.

»Ich begreife nicht, mein lieber Vetter, wie Du auf diese Idee kommst, – es ist ja nicht die kleinste Wolke am politischen Himmel, und es handelt sich ja in diesem Augenblick ganz ausschließlich nur um innere Fragen. Was übrigens unsere Armee und die Militairverwaltung betrifft, so ist die Ansicht sehr bewährter Generale eine andere als die Deinige und,« fügte er mit einem mehr gutmüthigen als ironischen Lächeln hinzu, »jenen steht vielleicht eine größere praktische Erfahrung als Dir zur Seite.«

»Es gehört nicht eine allzu große praktische Erfahrung dazu,« erwiderte der Prinz in entrüstetem Ton, »um das zu sehen, was Jedermann sehen kann und was man Dir allein mit Erfolg zu verbergen sucht, da Dein zu großes Vertrauen Dich verhindert, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich bitte Dich, untersuche wenigstens, bevor Du Dich zu gefährlichen Unternehmungen hinreißen läßt, genau den Zustand der Armee, – untersuche ganz besonders den Zustand der Flotte, dieser ist noch bedenklicher als der der Landtruppen.«

»Mein liebes Kind,« sagte der Kaiser in einem väterlichen freundlichen Ton, »Du agitirst Dich ohne Grund, glaube mir, die Absichten, die Du voraussetzest, bestehen nicht.«

»Sie bestehen nicht?« rief der Prinz. »Sie bestehen vielleicht bei Dir nicht, aber sie bestehen rings um Dich her, und man wird Dich so umgarnen, man wird alle Verhältnisse so drehen und wenden, daß Du schließlich nicht anders können wirst, als die Pläne derer auszuführen, welche in ihrer Verblendung dazu bestimmt scheinen, Dich und uns Alle in's Unglück zu stürzen. Die Kaiserin –«

Der Kaiser stand auf; für einen Augenblick schien er vollkommen Herr über die Schwäche zu sein, welche seine Haltung gewöhnlich unsicher und schwankend erscheinen ließ. Er richtete den Kopf hoch empor, seine Augen öffneten sich weit und leuchteten im tiefen Glanz auf, aus seinen Zügen strahlte eine wunderbare Hoheit und Überlegenheit, und mit einer vollen, metallisch klingenden Stimme sprach er:

»Mein lieber Vetter, ich bin das Haupt unserer Familie und das erwählte Oberhaupt der französischen Nation, ich trage die Verantwortlichkeit für meine Entschließungen und bin mir dieser Verantwortlichkeit vollkommen bewußt, – auf meine Entschließungen aber hat Niemand Einfluß, als die ruhige Erwägung und die richtige Beurtheilung der Verhältnisse, Niemand,« wiederholte er mit strenger Betonung, »und auch kein Glied meiner Familie – kein Glied derselben ohne Ausnahme.«

Er schwieg einen Augenblick, dann fügte er mit milderem Ton hinzu, indem er dem Prinzen die Hand reichte:

»Ich danke Dir für Deine Theilnahme an dem Geschick Frankreichs und an dem Meinigen und bin überzeugt, daß, wenn ernstere Ereignisse eintreten sollten, wozu in diesem Augenblick nicht die geringste Veranlassung vorliegt, Du an dem Platz, an welchem ich Dich dann zu stellen beschließen werde, mit voller Hingebung und Selbstverleugnung Deine Schuldigkeit thun wirst.

»Ich bin,« sagte er mit höflichem, aber bestimmtem Ton, »bereit, mit Dir in ruhigen Augenblicken diese Unterhaltung fortzusetzen; für jetzt muß ich Dich bitten, mich zu entschuldigen, denn die Stunde der angesagten Revue ist bereits vorüber, und Du weißt, daß selbst unser großer Oheim den unumstößlichen Grundsatz hatte, die Truppen niemals warten zu lassen, sondern ihnen stets das Beispiel genauester Pünktlichkeit zu geben.«

»Du willst mich nicht hören,« rief der Prinz heftig, – »Du kannst Dich noch immer nicht gewöhnen, in mir den reifen Mann zu sehen, Du glaubst also den Fremden mehr – als mir, der ich Dir doch wahrlich am nächsten stehe. Nun, ich werde nicht müde werden, auch auf die Gefahr hin, Dir zu mißfallen, bis zum letzten Augenblick Dir meine Meinung zu sagen.«

»Und ich werde Dich immer mit Aufmerksamkeit und mit der alten Liebe anhören, die ich Dir stets bewiesen habe,« sagte der Kaiser, indem er seinem Vetter die Hand reichte, »auf Wiedersehen!«

Der Prinz drückte die Hand des Kaisers so heftig, daß dieser sie schnell zurückzog. Seine Lippen öffneten sich, es schien, als wolle er noch Etwas sagen, doch er verneigte sich nur schweigend und sich schnell umwendend, stürmte er aus dem Cabinet hinaus.

»Welch' ein unregelmäßiger Geist,« sagte der Kaiser, ihm nachblickend, »wie schade ist es um all' die vortrefflichen Eigenschaften, welche er besitzt, um all' die großen Keime, welche unerschlossen in ihm ruhen oder welche nach falscher Richtung hin sich entwickelt haben. – Was meine Verwandten betrifft,« sagte er dann mit einem halb ironischen, halb wehmüthigen Lächeln, »so könnten die Prinzen der ältesten und legitimsten Dynastie ihrem Souverain kaum mehr Verlegenheit bereiten, als meine Herren Vettern es mir thun, – dieser unglückliche Pierre, der Victor Noir erschossen, – Murat, der diesen kleinen Lecomte geprügelt – und dieser Napoleon, der seinen reichen Geist und seine wirklich tiefen Kenntnisse nur dazu benutzt, um überall Verwirrungen zu stiften, – vielleicht sollte ich strenge gegen ihn sein, ich sollte ihn mehr fühlen lassen, daß ich der Chef des Hauses und der Souverain Frankreichs bin, denn zuweilen überschreitet er wirklich die Grenzen des Erlaubten. Aber,« sagte er, den Kopf sinnend auf die Brust senkend, »ich habe eine Schwäche für ihn, – ich habe ihn ein wenig mit erzogen, – in seinen Adern rollt das Blut des großen Kaisers, und dann – er ist der Bruder dieser so edlen und so großherzigen Mathilde, – die unter Allen meine treueste Freundin ist.«

Er faltete die Hände und blieb längere Zeit in tiefem Sinnen stehen, dann fuhr er auf, strich mit der Hand über die Stirn, als wolle er Bilder und Erinnerungen verscheuchen, die vor ihm aufgestiegen waren, warf einen raschen Blick auf seine Uhr und begab sich schleunigst in sein Toilettenzimmer.

Auf dem Carousselplatz innerhalb des großen Vierecks, welches die durch den Kaiser vereinigten Paläste der Tuilerien und des Louvre bildeten, war eine Division Infanterie aufgestellt, darunter das zweite Regiment der Grenadiere der Garde mit den gewaltigen Bärenmützen, welche man auf den Schlachtenbildern des ersten Kaiserreichs erblickt und welche noch bis zu jener Stunde den Stolz der alten Garde bildeten; die langbärtigen Sappeurs mit ihren weißen Schurzfellen, ihren hohen Stulphandschuhen und ihren blitzenden Beilen an der Spitze der Bataillone – daneben acht Batterien der Artillerie mit der an die deutschen Husaren erinnernden Uniform, den Dolmans und Colpacks, – die Garde de Paris und die Seine-Gendarmerie zu Pferde, welche fast unverändert die Uniform der Grenadiere à Cheval des ersten Kaiserreichs trugen; neben diesen standen die Pompiers, diese militairische Feuerwehr mit ihren blitzenden Helmen.

Eine große Menschenmenge umringte, von den Sergeants de Ville zurückgehalten, die Aufstellung der Truppen, deren Waffen im hellen Sonnenschein blitzten.

Das alte Schloß der Tuilerien und alle diese Uniformen nach den Mustern des ersten Kaiserreichs riefen lebhaft die Bilder der Vergangenheit in's Gedächtniß. Und als nun das Gitterthor an dem innern Hof der Tuilerien sich öffnete, die zwei davor haltenden Kürassierposten sich militairisch empor richteten, – als die Suite der Adjutanten und Ordonnanzofficiere vor dem Haupteingang des Palastes sich rangirten, die Reitknechte die Pferde heranführten und der Marschall Canrobert, der in der goldglänzenden Uniform mit den weißen wallenden Federn auf dem goldbordirten Hut, den Marschallstab in der Hand, von seiner Suite umgeben, in der Mitte der Truppenaufstellung hielt, sich in dem Sattel aufrichtete und noch einen letzten Blick über die in musterhafter Haltung dastehenden Truppen warf, da hätte man fast erwarten können, aus dem großen Portal der Tuilerien heraus die kleine Gestalt des welterobernden Cäsars mit dem ehernen Gesicht und dem leuchtenden Feldherrnblick hervortreten zu sehen, um wie an dem Tage der großen Vergangenheit seine Soldaten zu mustern, welche die Adler Frankreichs siegreich nach allen Hauptstädten Europa's getragen hatten. –

Die Stallknechte führten das schöne weiße Leibpferd des Kaisers vor das Portal.

Etwas unsichern Ganges erschien Napoleon III. in der Generallieutenants-Uniform, das große rothe Band der Ehrenlegion über der Brust. Die Hinfälligkeit seiner Gestalt, die krankhafte Schlaffheit seiner Gesichtszüge waren in der militairischen Kleidung noch sichtbarer und auffälliger, als im Civilanzug. Er setzte den Fuß in den Bügel und langsam, mit einer gewissen Anstrengung hob er sich in den Sattel hinauf. Ein Augenblick zuckte es wie stechender Schmerz durch sein Gesicht, dann nahm er wie mit lebhafter Willensanstrengung eine feste Haltung an; und selbst jetzt, trotz seiner von Alter und Krankheit gebrochenen Kraft konnte man doch noch eine Spur jener Leichtigkeit und Sicherheit erkennen, welche ihn einst zu einem der besten Reiter Europa's gemacht hatten.

Die ganze glänzende militairische Suite des Kaisers, welche ihn zu Fuß erwartet hatte, saß in demselben Augenblick, in welchem der Kaiser in den Sattel gestiegen war, zu Pferde. Hundert Garden mit den goldglänzenden antiken Helmen und den blauen gold- und scharlachschimmernden Uniformen sprengten vor; und langsam ritt der Kaiser durch das Gitterthor der Truppenaufstellung entgegen.

Marschall Canrobert und sein Stab sprengten heran, der Marschall grüßte mit dem Stabe und erhob denselben dann, indem er sich nach den Truppen hinwandte; in demselben Augenblick begannen die sämmtlichen Musikkorps jene einfache Melodie zu spielen, welche die schöne Hortense Beauharnais einst für die alte Romanze »partant pour la Syrie« componirt hatte, die man zu jener Zeit nicht auf den jeune et beau Dunois, sondern auf den vom ersten glänzenden Strahl seines Ruhmes beleuchteten Feldherrn bezog, der später die Krone Karl des Großen auf sein Haupt zu setzen bestimmt war. Zu gleicher Zeit brauste in donnerndem Ruf das »Vive l'empereur« von allen Truppenabtheilungen herüber.

Der Kaiser nahm den Hut ab, und sein Blick flog über diese blitzenden Geschütze, über diese kühn blickenden Männer, über diese schnaubenden Pferde hin – ein Augenblick färbte ein leichtes Roth seine Züge, seine Augen leuchteten auf, fester richtete er sich im Sattel empor; da fiel sein Blick auf die Menge, welche sich bis dicht an die Truppen herangedrängt hatte und am Eingang des Gitterthors höchstens zehn Schritt von ihm entfernt war.

In der ersten Reihe der Zuschauer sah er eine lange, hagere Gestalt stehen, in zerrissene Lumpen gehüllt, das Haupt, welches aus diesen Lumpen hervorragte, war unbedeckt, sein dunkles Haar hing ungeordnet um die Schläfen herab; unter der vorspringenden niedrigen Stirn blickten dunkle tief liegende Augen hervor, eine lange, weit vorspringende Nase, tief eingesunkene Wangen und ein struppiger Bart gaben diesem Gesicht etwas Fanatisches und Krankhaftes.

Der Blick des Kaisers wurde unwillkürlich durch diese Erscheinung gefesselt, denn der Mann, der da unbeweglich stand, sah ihn mit einer Gluth so wilden und unversöhnlichen Hasses an, daß der Kaiser zusammenschauerte. Er wandte sich einen Augenblick um, als wolle er einen Befehl geben, dann blickte er wieder auf jenen Mann hin, dessen beide Hände frei waren und der ohne jede Bewegung starr wie eine Bildsäule da stand, – noch einmal erhob sich gewaltig und weithin über den Platz schallend das »Vive l'empereur« der Truppen.

Dann trat eine augenblickliche tiefe Stille ein, der Marschall Canrobert sprengte an die Seite des Kaisers, um ihn beim Heranreiten der Fronte zu begleiten.

Napoleon gab seinem Pferde einen leichten Schenkeldruck, indem er noch einmal wie fascinirt nach jenem in Lumpen gehüllten Mann hinsah.

Da trat dieser Mann plötzlich einige Schritte vor, immer die Augen voll grimmigen fanatischen Hasses auf den Kaiser gerichtet. Er erhob die Arme nicht, er machte keine Bewegung, aber mit einer lauten, gellenden Stimme, welche schaurig durch die augenblickliche Stille, die dem lauten Rufen der Truppen gefolgt war, über den Hof hinschallte, rief er mehrere Male hinter einander:

»Nach Cayenne! Nach Cayenne!«

Napoleon parirte sein Pferd, die ganze Suite hielt an, ein Ruf des Entsetzens ertönte aus der nächsten Umgebung des Kaisers. Verschiedene Officiere waren im Augenblick vom Pferde gesprungen und hatten im Verein mit einer großen Anzahl von Sergeants de Ville und Polizeibeamten in Civil, welche im Nu aus der Menge der Zuschauer hervorbrachen, den Unbekannten umringt und festgenommen.

Er machte keine Miene des Widerstands und ließ sich, nachdem er noch einmal einen Blick tiefen und unversöhnlichen Hasses auf den Kaiser geworfen, nach dem Erdgeschoß der Tuilerien hinführen.

Napoleon hatte schnell mit der ihm stets eigenen Selbstbeherrschung seine Ruhe wiedergefunden.

»Ein armer Wahnsinniger,« sagte er lächelnd zu dem Marschall Canrobert gewendet, und in kurzem Galopp sprengte er, von seiner glänzenden Suite gefolgt nach dem Flügel der Truppenaufstellung; langsam ritt er dann die Reihen hinunter, und noch enthusiastischer als vorher wurde er überall mit jubelnden Zurufen begrüßt.

Er schien aus seiner früheren gleichgültigen Lethargie erwacht zu sein, und mit stolzem festem Blick sah er diese herrlichen Truppen an, die ihm so laut und freudig ihre Ergebenheit beweisen wollten. Lächelnd machte er dem Marschall seine Complimente über die Haltung der Truppen, dann sprengte er zurück, nahm eine Aufstellung vor dem Gitterthor – seiner Suite weit voran, und indem er einen scharfen, festen, herausfordernden Blick auf die herandrängende Menge warf, gab er das Zeichen zum Beginn des Vorbeimarsches. Während die einzelnen Regimenter vor ihm vorbeidefilirten, nach französischer Sitte als Zeichen ihrer begeisterten Huldigung die Kopfbedeckungen an der Spitze ihrer Waffen schwingend, ertönte von Neuem immer und immer wieder der alte Ruf »Vive l'empereur«, welcher schon so oft und in großen Augenblicken von diesen altersgrauen Mauern wiederhallt war an derselben Stelle, wo die sterbenden Diener des versinkenden Königthums zum letzten Male »Vive le roi« gerufen hatten, und wo bereits zwei Mal eine wilde blutige Masse ihr »Vive la Republique« geheult hatte.

Die Revue war beendet, der Kaiser dankte dem Marschall und den Officieren, ritt langsam zum Portal zurück, stieg ab und begab sich, sein Gefolge freundlich mit der Hand grüßend, nach seinem Cabinet zurück.

Hier angekommen warf er sich erschöpft in seinen Lehnstuhl, die stolze und feste Haltung, welche er den Truppen gegenüber beobachtet hatte, verschwand, körperlicher Schmerz und tiefe Niedergeschlagenheit zeigte sich in seinen schlaffen, zusammensinkenden Gesichtszügen.

»Ist der Polizeipräfect hier?« fragte er den Kammerdiener, welcher ihm Hut und Handschuhe abnahm.

»Er befindet sich in einem Zimmer des Erdgeschosses und verhört den Elenden, welcher es gewagt, Eure Majestät zu insultiren.«

»Ich lasse ihn bitten, sogleich zu mir zu kommen.«

Er sank in sich zusammen und erwartete schweigend die Ankunft des Chefs der Polizei.

Nach kurzer Zeit trat Herr Pietri in das Zimmer. Dieser Leiter der weit ausgedehnten Polizei von Paris war eine schmächtige schlanke Gestalt, geschmeidig und biegsam, – sein Kopf mit der weit vorspringenden, stark gewölbten Stirn war oberhalb spitz emporspringend, das dünne dunkle Haar lag auf den Schädel glatt an und bildete zur Seite der tief eingefallenen Schläfen zwei kleine, etwas abstehende Locken. Die Backenknochen standen stark hervor, die Augen lagen so tief zurück, daß der scharfe stechende Blick wie aus dunklen Schatten hervorblitzte; die stark gebogene Nase hing weit raubvogelartig gekrümmt über den von einem langen schwarzen Schnurrbart verdeckten Mund herab. Der ganze Eindruck dieses eigenthümlichen, gelb gefärbten Gesichts war ernst, kalt und finster.

»Was für ein Mensch ist das?« fragte Napoleon mit leichtem Kopfnicken den Gruß des Polizeichefs erwidernd.

»Er heißt Lezurier,« erwiderte Pietri. »Trotz der Lumpen, in welche er gehüllt war,« fuhr er fort, »fand man bei ihm eine Börse mit elftausend Francs in Gold, drei Staatsrentenbriefe über dreißigtausend Francs jährlicher Rente und ein Dolchmesser. Man hat sofort seine Wohnung ermittelt, und soeben berichtet man mir, daß bei der ersten Nachsuchung eine Menge von Waffen dort entdeckt worden ist, Keulen, Säbel, Lanzen, Revolver, Todtschläger, Dolche, Bayonette und Stockdegen, außerdem fand man in einem alten Pult noch sechzigtausend Francs in Gold. Seine ganze Behausung ist höchst ärmlich, er aß bei einem Lumpensammler in der unmittelbaren Nachbarschaft, bezahlte demselben monatlich dreißig Francs.«

»Räthselhaft,« sagte der Kaiser tief nachdenkend. »Und was hat er bezweckt? Was war der Grund seiner Handlung?«

»Er setzt allen Fragen ein hartnäckiges Schweigen entgegen,« erwiderte Pietri.

Ein rascher Entschluß blitzte im Auge des Kaisers auf.

»Führen Sie ihn her, ich will ihn sehen,« sprach er, – »ich will ihn selber fragen.«

»Sire,« sagte Pietri fast erschrocken, »Eure Majestät wollen –«

»Er konnte mir doch in der That,« sagte der Kaiser, »draußen auf dem Tuilerienhof gefährlicher werden, als hier in meinem Zimmer, nachdem man ihm alle Mittel zu schaden abgenommen hat. Führen Sie ihn mir hierher, aber kommen Sie allein mit ihm, lassen Sie keinen untergeordneten Beamten mit eintreten. Wir werden uns ja wohl gegen ihn verteidigen können,« fügte er lächelnd hinzu.

Pietri verneigte sich und ging hinaus. Nach einigen Augenblicken kehrte er zurück – ihm folgte, von zwei Polizeibeamten bis zur Thür geführt, der räthselhafte Unbekannte.

Derselbe trat ruhigen und festen Schrittes ein und blieb in einiger Entfernung von der Thür stehen. Sein Anblick war erschreckend, die ohnehin schon zerfetzten Lumpen, die ihn einhüllten, waren bei seiner Arretirung noch mehr zerrissen und hingen in fast formlosen Stücken um seinen Körper her, von einem Schlage, den er erhalten, hatte seine Nase geblutet, auch hatte er eine nicht unbedeutende Wunde an der Stirn erhalten, sein Gesicht war mit Blut befleckt und seine Haare klebten an den Schläfen mit Blut und Staub fest, er war noch bleicher als vorher und seine unheimlich glühenden Augen blickten mit demselben tiefen und unversöhnlichen Haß zu dem Kaiser hinüber.

Napoleon sah diesen Mann lange schweigend an, die Schleier, welche fast immer seine Augen verhüllten, waren verschwunden, voll und frei ruhte sein forschender Blick auf der Gestalt des Gefangenen, doch fand der grimmige Ausdruck des Hasses, welcher dessen Züge erfüllte, in den Augen des Kaisers keine Erwiderung. Er sah diesen Mann mit einer Mischung von Verwunderung und wehmüthiger Trauer an.

»Sie haben,« fragte Napoleon endlich mit sanfter Stimme, »so eben in dem Hof der Tuilerien einen Ruf ausgestoßen, den man als eine feindliche Demonstration gegen mich deutet. Ich wünsche von Ihnen selbst zu erfahren, was Sie dabei bezweckt haben, ob es wirklich Ihre Absicht war, den Souverain Ihres Landes, welchen die große Majorität der Bürger Frankreichs auf den Thron berufen, zu beleidigen? Warum haben Sie den Ruf ausgestoßen »nach Cayenne?«

Lezurier machte keine Bewegung, nur wurde die zornige Gluth seines auf den Kaiser gerichteten Blickes noch wilder und intensiver, und mit einer heisern, aber scharf und deutlich die Worte betonenden Stimme sprach er:

»Ich habe das Geschrei der Soldaten gehört, welche vive l'empereur riefen, da erfaßte mich ein unbezähmbarer Zorn, und mein ganzes Wesen loderte auf in wilder Wuth, als ich Denjenigen jubelnd begrüßen hörte, dessen Verbrechen gegen Frankreich und seine Freiheit ihn zu jenem todtbringenden Exil hätten verurtheilen müssen, in welches er so viele Märtyrer der heiligen Sache des Volkes geschickt hat – nach Cayenne!«

Der Kaiser sah den Mann groß an und schüttelte langsam mit einem fast mitleidigen Lächeln den Kopf.

»Man hat ein Messer bei Ihnen gefunden,« sagte er, »und ein kleines Waffenarsenal in Ihrer Wohnung. Hatten Sie die Absicht, mich zu tödten?«

»Nein,« erwiderte Lezurier, »diese Absicht hatte ich nicht. Ich war nur auf den Tuilerienhof gekommen, um meinen heiligen Haß durch den Anblick des Tyrannen zu kräftigen. Die Sache des Volkes bedarf des Meuchelmordes nicht, welcher wohl den Tyrannen tödten, aber nicht die Tyrannei vernichten würde.«

»Wozu also diese Waffen?« fragte der Kaiser – »außerdem,« fügte er hinzu, »hat man viel Geld bei Ihnen gefunden, und doch sind Sie in Lumpen gekleidet.«

»Ich habe mein Vermögen und mich,« erwiderte Lezurier immer in demselben Ton, »der Sache des Volkes gewidmet, für mich will ich nur übrig behalten, was zur nothdürftigsten Ernährung und Bekleidung meines Körpers unerläßlich ist. Alles Übrige war bestimmt, bei der großen Erhebung des Volkes verwendet zu werden, welche sich vorbereitet, welche kommen wird und welche Sie herabschleudern wird in den Abgrund, aus welchem Sie heraufgestiegen.«

»Warum haben Sie denn,« fragte der Kaiser weiter, »den Ruf ausgestoßen, der Sie den Gesetzen überliefert und alle Ihre Vorbereitungen erfolglos macht?«

»Ich habe es gethan,« erwiderte Lezurier, »weil die augenblickliche Entrüstung mich übermannte, weil eine blutige Wolke meinen Blick verdunkelte, weil ich nicht mehr Herr meiner selbst war. Ich bereue es, daß ich es gethan, weil ich meine Kraft und meine Mittel dadurch für den großen heiligen Kampf gehemmt habe, der aber,« fuhr er fort, »dessen ungeachtet begonnen und siegreich durchgeführt werden wird. Ein Einzelner mehr oder weniger in der Phalanx des Volkes kann auf den Erfolg keinen Einfluß haben.«

»Sie sind nicht, was Sie scheinen,« erwiderte der Kaiser, »Ihre Worte sprechen von höherer Bildung, als Ihre Kleidung vermuthen läßt.«

»Je höher mein Geist gebildet ist,« erwiderte Lezurier, »um so mehr muß ich das Elend Frankreichs erkennen und die Mittel zu seiner Beseitigung suchen. Je reiner meine Gesinnungen sind und je fester mein Charakter sich entwickelt hat, mit um so höherer Begeisterung muß ich meine ganze Existenz für die Freiheit Frankreichs einsetzen, – um so glühender muß ich Denjenigen hassen, welcher diese Freiheit verrätherisch geknechtet hat.«

»Wenn Sie mich hassen,« sagte der Kaiser mit einer sanften, fast weichen Stimme, »so können Sie mich doch nicht für klein halten, Sie würden mir sonst nicht sagen, was Sie so eben ausgesprochen.«

»Mein unbesonnener Ruf,« erwiderte Lezurier, »hat mich ohnehin in Ihre Hände geliefert und meine Theilnahme am Kampf der Zukunft beinahe unmöglich gemacht, ich kann mir also die Genugthuung gewähren, dem Tyrannen in's Gesicht zu sagen, was ich von ihm denke. Er hat ja doch nur die Macht,« fügte er mit verächtlichem Achselzucken hinzu, »diesen Körper zu vernichten, diese Form zu zerbrechen, in welcher ein kleiner Theil jenes Geistes eingeschlossen ist, der im gewaltigen unwiderstehlichen Flug die Trümmer seines Thrones fortreißen wird in die Abgründe der ewigen Vernichtung!«

»Und was wollten Sie mit jenen Waffen machen,« fragte der Kaiser, »welche Sie in Ihrer Wohnung aufgesammelt haben, mit jenem Gelde, welches Sie dort aufbewahrten?«

»Die Waffen wollte ich am Tage der großen Erhebung allen Denen in die Hand drücken,« erwiderte Lezurier, »welchen ich begegnen würde, deren Arm noch nicht bewehrt wäre, um dem Zorn und dem Haß ihres Herzens Nachdruck zu geben. Mit dem Gelde wollte ich die Kämpfer ernähren und die Verwundeten pflegen.«

»Stehen Sie mit Andern in Verbindung?« fragte der Kaiser weiter.

Ein finsterer Hohn zuckte um die Lippen Lezurier's.

»Sie sind gewöhnt,« erwiderte er, »den Verrath zu erkaufen. Aber,« fuhr er fort, »ich habe Nichts zu verrathen, und was ich weiß, kann ich laut aussprechen, ohne irgend Jemanden in die Hände Ihrer Häscher zu liefern. Mein Verbündeter ist das Volk von Frankreich in seiner großen Mehrheit, das denkt und fühlt wie ich, das aber vielleicht nicht immer und nicht überall dieselbe Energie und Thatkraft hat, welche ich angewandt haben würde zur Erreichung des großen Ziels – zur Befreiung des Vaterlandes!«

»Sie haben mich beleidigt,« sagte der Kaiser, »dafür sind Sie dem Gesetz verfallen, doch liegt in meinen Händen das schöne Recht der Gnade, und ich mache Gebrauch davon, indem ich Ihnen die Beleidigung verzeihe, welche Sie gegen mich ausgestoßen. Derjenige,« sprach er stolz den Kopf erhebend, »den die große Mehrzahl seiner Nation vertrauensvoll auf den Thron berufen, kann die Beleidigung eines Einzelnen leicht vergeben. Aber Sie haben Vorbereitungen getroffen,« fuhr er fort, »um nicht mir allein zu schaden, sondern um die Staatsordnung, welche die französische Nation sich in freier Entschließung gegeben, zu zerstören. Wollen Sie sich verpflichten, in Paris unter den Augen der Sicherheitsbehörde ruhig zu leben, so will ich Ihnen Ihre Freiheit schenken und Ihnen auch das verzeihen, was Sie gegen den Staat und gegen die öffentliche Ordnung gethan und beabsichtigt haben. Wollen Sie mir das versprechen?« fügte er fast in bittendem Ton hinzu.

»Nein,« erwiderte Lezurier kalt und starr, »ich will Sie nicht betrügen, – ich will nicht,« fügte er mit bitterem Hohn hinzu, »in Ihre kaiserliche Prärogative der Lüge eingreifen, ich würde vom ersten Augenblick an meine ganze Kraft, mein ganzes Denken wiederum darauf richten, die große Revolution zu fördern und herbei zu führen, welche bestimmt ist, Ihre Herrschaft zu zertrümmern.«

»Dann,« erwiderte der Kaiser, »kann ich Nichts für Sie thun, und der Ruf, den Sie ausgestoßen, wird Ihr Urtheil sein.«

Lezurier schwieg, ohne eine Bewegung zu machen, ohne eine Miene seines Gesichts zu verändern.

»Ich wünsche nicht,« sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken, »daß irgend Jemand anders durch Sie leidet. Das Vermögen, welches Sie in wahnsinniger Verblendung zum Kampf gegen den Staat und die Gesellschaft bestimmten, soll Ihrer Familie zurückgegeben werden. Haben Sie Angehörige?«

Die Züge des Gefangenen verzerrten sich im dämonischen Haß.

»Ich hatte ein Weib,« sagte er, »sie ist lange todt und hinterließ mir einen Sohn. Dieser Sohn und ein Bruder, jünger als ich, bildeten meine ganze Familie. Beide sind gefallen auf den Barrikaden unter den Kartätschenkugeln, welche die Bahn öffneten für den blutigen Triumphzug Ihrer kaiserlichen Herrlichkeit.«

Die Züge des Kaisers nahmen einen Ausdruck unendlicher Weichheit und Milde an, seine groß geöffneten Augen schimmerten im feuchten Glanz, er stützte einen Augenblick den Kopf in die Hand und seufzte tief auf, dann blickte er noch einmal voll mitleidiger Theilnahme auf diese in Lumpen gehüllte Gestalt, auf dieses blutbefleckte bleiche Gesicht und sagte.

»Ich habe versucht, was ich versuchen konnte, um Böses mit Gutem zu vergelten, Sie haben Alles zurückgewiesen und für das Schicksal, das Ihnen bevorsteht, werden Sie mir keinen Vorwurf zu machen haben.«

Er winkte mit der Hand. Pietri öffnete die Thür und übergab den Gefangenen den beiden Polizeibeamten, zwischen denen derselbe hoch aufgerichtet mit festem Schritt das Cabinet verließ.

»Welches Urtheil erwartet ihn?« fragte der Kaiser.

»Die Deportation,« erwiderte Pietri.

»Man soll ihn mit Milde behandeln,« sagte Napoleon, »und auch sein Exil, wenn er zu demselben verurtheilt wird, so schonend als möglich einrichten, – er ist krank, – er muß krank sein, – ein gesunder Geist kann einen solchen Haß nicht entwickeln. Besorgen Sie, daß er ärztlich untersucht wird.«

Er winkte entlassend mit der Hand, mit tiefer Verbeugung zog sich der Polizeipräfect zurück.

Der Kaiser saß lange in tiefem, finsterm Schweigen versunken.

»Ist es wahr,« sagte er endlich mit dumpfem Ton, »ist wirklich die Masse des Volks von Frankreich der Verbündete dieses Rasenden, – müßte ich wirklich um dieses aus der Tiefe herauf gährenden Hasses Herr zu werden, von Neuem meinen kaiserlichen Purpur in Blut tauchen? Wäre es da nicht besser, wie jener alte Römer sich selbst in den Abgrund zu stürzen zur Versöhnung des Schicksals, als diesen Abgrund mit Hekatomben von Menschenopfern zu füllen, – ist die Gestalt dieses Mannes der mahnende Geist, den das Verhängniß vor mir ansteigen ließ, wie es einst bei Philippi dem träumenden Brutus jene drohende Erscheinung sandte? Oh,« rief er, die Hände faltend und den Blick nach oben richtend, »gieb mir Licht in diesem Dunkel, Du große Vorsehung, welche mich auf so wunderbaren Wegen bis hierher geführt hat, – gieb mir Kraft,« fügte er mit tief schmerzlichem Ausdruck hinzu, – »denn wo die Kraft ist, da ist das Licht, – meine Kraft aber versiegt und zerbricht, – und höher und höher steigt die Dunkelheit herauf, welche meinem Geist das klare Erkennen raubt.«

Er sank in sich zusammen und blieb wie gebrochen in seinem Lehnstuhl sitzen.

Achtes Capitel.

Einige Meilen unterhalb Hannovers fast hart an dem Ufer der Leine liegt das Dorf Bodenfeld.

Der Ort im flachen Lande inmitten reicher Wiesen und üppigen Fruchtfeldern gelegen, bietet nur wenig Naturschönheiten und besteht aus geschlossenen Gehöften, welche, in einiger Entfernung von einander bestehend, unregelmäßige, aber gut und sauber gehaltene Straßen bilden, die von der Wohlhabenheit und dem Ordnungssinn der Bevölkerung zeugen.

Trotz der verhältnißmäßig geringen Einwohnerzahl bietet Bodenfeld sowohl wegen seiner Lage, als wegen des Reichthums und des ausgedehnten Grundbesitzes seiner Bewohner den Mittelpunkt der Gegend.

Es hatte eine große und schöne Kirche mit einem stattlichen, von einem freundlichen Garten umgebenen Pfarrhause; daneben in einiger Entfernung von der Kirche lag das weite und geräumige Amthaus; denn man hatte auch den Amtssitz bei der neuen Verwaltungsorganisation hierher gelegt, um den Eingesessenen bequemere Gelegenheit zu geben, den Mittelpunkt der Localverwaltung zu erreichen.

Die Häuser der Bauerngehöfte zeugten alle von Wohlhabenheit, große Viehställe umgaben sie, und ihre Eigenthümer, obwohl in die eigenthümliche Tracht des Landes gekleidet und nach alter einfacher Sitte lebend, würden doch nach der Ausdehnung ihrer Ländereien, nach der Zahl ihrer Gespanne und ihres Viehstandes, nach der Menge der von ihnen beschäftigten Knechte und Arbeiter in andern Gegenden kaum noch für Bauern gegolten haben.

Ein kleiner Hof am Ende des Dorfes stach ein wenig gegen die übrigen reichen Besitzungen ab.

In der Mitte einer fast im regelmäßigen Viereck sich ausdehnenden Feldmark lag ein kleines, einfaches Haus, daneben ein sauber gehaltener Obstgarten, eine Allee von Obstbäumen führte von dem Hause durch das Feld hin zu der in einiger Entfernung vorüberziehenden Landstraße.

Auf der andern Seite des Wohngebäudes lag ein kleiner Hof, von Ställen umgeben, ein Taubenschlag in der Mitte; in den Ställen standen drei sauber gepflegte Kühe, zwei Zug Ochsen und zwei jener starken kräftigen Pferde, an welchen das hannöversche Land so reich ist; den reinlichen, mit gelbem Sand bestreuten Hof belebte zahlreiches und vortrefflich gehaltenes Federvieh; hinter den glänzenden, blank geputzten Scheiben der kleinen Fenster sah man einfache, aber blendend weiße Gardinen, blühender Geranium leuchtete im dunklen Roth durch die Scheiben; kurz Alles trug den Stempel von Wohlhabenheit, Ordnung und Behaglichkeit; und wenn auch dieser kleine Hof an Ausdehnung hinter den übrigen Besitzungen des Dorfes erheblich zurückstand, so zeichnete er sich doch vor allen Übrigen durch eine beinahe bis zur Eleganz gehende Zierlichkeit und Sauberkeit aus.

An einem schönen Aprilabend saßen in den Wohnzimmern des kleinen Hauses, dessen einfache Einrichtung aus einem großen eichenen Tisch, einigen Stühlen mit starkem Rohrgeflecht und zwei jener alten mächtigen, mit braunem Leder überzogenen Lehnstühlen bestand und dessen Wände ebenfalls mit schwarz gewordenem Eichenholz bekleidet waren, ein alter Mann und eine alte Frau neben einander. Jede von Ihnen hatte einen der großen Lehnstühle eingenommen, und sie schienen sich nach der Arbeit des Tages jener tiefen, anmuthenden Ruhe zu erfreuen, welche auf dem Lande mit der Feierabendstunde das häusliche Leben mit einem fast sonntäglichen Frieden umgiebt.

Der Mann war ein hoher Sechziger, kräftig und markig gebaut, das weiße dichte Haar hing lang an den Schläfen herunter, sein scharf markirtes, von fester Willenskraft zeugendes Gesicht war glatt rasirt, und aus seinen großen klaren Augen blickte neben dem klugen, beinahe listigen Verstand, der den Bauern jener Gegenden eigenthümlich ist, auch eine tiefe Weiche und Milde heraus.

Er trug einen Faltenrock von dunkler Farbe, den Hemdkragen über dem Halstuch von schwerer schwarzer Seide hervorgezogen und hohe Stiefel bis zu den Knieen und war beschäftigt, durch eine silberne Brille mit großen, runden Gläsern die Zeitung zu lesen, welche der Landpostbote vor Kurzem gebracht hatte.

Die alte Frau, welche in dem andern Lehnstuhl neben ihm saß, schien älter zu sein, als er. Ihre Haltung war etwas zusammengesunken und gebrechlich, ihr blasses Gesicht mit den sanft und weich, beinahe traurig blickenden Augen war mager und kränklich, ihr fast weißes, glatt gescheiteltes Haar war unter einer großen weißen Haube mit breitem Strich und unter dem Kinn zusammengebundenen Bändern fast ganz verborgen.

Sie trug einen glatt anliegenden, schwarzen Rock und ein großes, schwarzes Seidentuch um Brust und Schultern und war beschäftigt, nachdem sie das Federvieh, dem sie ihre besondere Sorgfalt widmete, besorgt hatte, mit langen starken Nadeln einen großen Strumpf zu stricken, wobei sie leise zählend die Lippen bewegte.

Der Mann war der Eigenthümer des Hofes, der alte Bauer Niemeyer, welcher ohne Kinder in seiner schönen, kleinen Besitzung lebte; die Frau neben ihm war seine Schwester, die Wittwe des lang verstorbenen Unterofficiers Cappei, welche nach dem Tode ihres Mannes mit einer kleinen Wittwenpension aus der englischen Legionskasse und mit ihrem einzigen Sohn ein Asyl bei ihrem Bruder gefunden hatte und bei demselben die Stelle der Hausfrau vertrat.

Das Jahr 1866 hatte in den kleinen Familienkreis tief und schneidend eingegriffen. Der junge Cappei, welcher den Feldzug jenes Jahres in der hannöverschen Armee mitgemacht hatte und dann zu seinem Oheim und zu seiner Mutter zurückgekehrt war, um seinem Oheim in der Bewirtschaftung des Hofes, der zu seinem einstigen Erbtheil bestimmt war, Beistand zu leisten, hatte sich voll Begeisterung für die Sache des Königs Georg und fortgerissen von der Bewegung, welche beim Beginn des Jahres 1867 unter den jungen Leuten jener Gegend herrschte, der Emigration angeschlossen, und seit jener Zeit lebten die beiden Alten wieder einsam in dem kleinen Hause, eifrig und sorgfältig die Wirthschaftsgeschäfte besorgend, aber traurig, des fernen Sohnes und Neffen gedenkend, dessen Abwesenheit alle ihre Hoffnungen für die Zukunft in Frage stellte.

Sie hatten nur seltene und wenig ausführliche Nachrichten von ihm erhalten, denn die Emigranten scheuten sich eingehend nach ihrer Heimath zu schreiben aus Furcht, ihre Angehörigen in Verwickelung mit den Behörden zu bringen, und so waren die beiden alten Leute darauf angewiesen, die Zeitung, welche sie seit jener Zeit hielten, zu durchforschen, um irgend etwas über die Legion zu erfahren.

Aber auch diese Nachrichten waren nur sehr spärlich und unklar gewesen und hatten sie oft recht traurig gestimmt, wenn sie von den unglücklichen Verhältnissen lasen, in welchen nach einzelnen Mittheilungen aus Frankreich die Emigranten dort leben sollten.

Die alte Mutter Cappei glaubte fest an die Versicherung, welche ihr Sohn ihr beim Abschied gegeben, daß er siegreich mit allen seinen Kameraden den König in der Mitte wieder in die Heimath zurückkehren werde.

Ihr Bruder hatte tiefes Mißtrauen in diese Hoffnungen, er hing zwar mit zäher und liebevoller Anhänglichkeit an den alten Verhältnissen, aber sein scharfer und practischer Verstand ließ ihn wenig an eine Möglichkeit der Wiederkehr derselben glauben.

Es war dies ein Punkt, über welchen die beiden alten Leute, welche sonst in so inniger und liebevoller Einigkeit miteinander lebten, häufig in lebhaften Wortwechsel geriethen.

Der alte Niemeyer war sehr unzufrieden mit der Emigration seines Neffen und wurde nicht müde, in seine Schwester zu dringen, daß sie mit ihm gemeinsam dem jungen Menschen den kategorischen Befehl schicken möge, wieder in die Heimath zurückzukehren.

Doch dazu konnte sich die alte Frau, so tiefen Schmerz sie über die Abwesenheit ihres einzigen Kindes empfand, nicht entschließen. Es erfüllte sie mit hohem Stolz, daß ihr Sohn »in des Königs Legion diente«, wie es ja auch ihr verstorbener Mann einst gethan zur Zeit der Occupation Hannovers im Anfang dieses Jahrhunderts, und trotz aller Mühe, die sich ihr Bruder gab, gelang es ihm nicht, sie zu überzeugen, daß die damaligen Verhältnisse und die damalige Legion, welche der mächtige König von England aus seinen hannöverschen Unterthanen gebildet, etwas ganz anderes sei, als die Emigration, welche heute ihrem verbannten, machtlosen König in das Exil gefolgt war; sie war überzeugt, daß es wieder anders werden müsse, wie es damals anders geworden war, und daß ihr Sohn einst siegreich wiederkehren werde, belohnt und ausgezeichnet von dem König, dem er so treu geblieben – und ihn dieser glänzenden Zukunft zu entziehen, dazu konnte sie sich nicht entschließen.

So saßen sie denn auch heute wieder da, – sie hatten ihre Arbeit gethan, der Alte las die Zeitung, wie es ihm nun seit längerer Zeit zur Gewohnheit geworden war, und seine Schwester füllte die Muße ihres Abends durch die Beschäftigung mit ihrem Strickstrumpf aus, indem sie mit jeder Masche desselben theils eine wehmüthige Erinnerung an ihren Sohn, theils eine freudige Hoffnung auf dessen glänzende Zukunft verwebte.

Plötzlich warf der Alte das Blatt vor sich hin und schlug kräftig mit der Hand auf den Tisch, indem er zugleich die ihm unbequeme Brille hoch auf die Stirn hinausschob.

»Das ist eine gute Nachricht,« rief er laut, »der König hat die Legion aufgelöst, welche ihm so viel Geld kostete, und welche so viele brave junge Leute ihrer Heimath entfremdete und den Gefahren eines unthätigen Lebens aussetzte. Das freut mich, das ist ein guter Entschluß, der vernünftigste, den unser Herr hat fassen können. Jetzt haben wir doch Hoffnung, daß der Junge wieder zu uns zurückkommt, und daß unser altes, liebes Besitzthum nicht noch in fremde Hände übergehen wird, während sein rechter und richtiger Erbe weit in der Ferne ein unruhiges und abenteuerliches Leben führt.«

Die alte Frau Cappei ließ den Strickstrumpf in ihren Schooß sinken, ein freudiger Ausdruck erschien einen Augenblick auf ihrem Gesicht, dann aber schüttelte sie trübe und traurig den Kopf.

»Das wird wieder eine von den Nachrichten sein,« sagte sie, »welche schon oft von Zeit zu Zeit in den Zeitungen erschienen sind und immer nicht wahr waren. Wie oft hast Du schon an die Rückkehr meines Sohnes geglaubt, wie oft hat man gesagt, die Legion wäre auseinandergegangen, und immer ist es nicht wahr gewesen. Und es wird auch diesmal nicht wahr sein,« sagte sie mit einem gewissen Stolz, »der König kann ja seine Soldaten nicht fortschicken. Er braucht ja seine Legion, wenn er sein Land wieder erobern will, und so sehr ich mich sehne, den Jungen wieder hier zu sehen, so möchte ich doch nicht wünschen, daß er als Flüchtling hierher wieder zurückkehrt, ohne für seinen König sich geschlagen zu haben, wie es sein Vater seiner Zeit auch gethan hat.«

»Du bist thöricht,« sagte der Alte, »Du möchtest womöglich Deinen Jungen noch als großen Feldherrn wiedersehen.«

»Nun das Zeug dazu hat er schon,« fiel seine Schwester etwas gereizt ein, »daß er Officier wird, wenn es zum Schlagen kommt, daran zweifle ich garnicht. Was hat er nicht Alles gelernt, wie hübsch und fein sieht er aus! Und wie viele Beispiele hat man nicht, daß große Generale sich ganz von unten herauf gearbeitet haben! Auch in der Legion in Spanien sind damals ganz einfache Soldaten hohe Officiere geworden, – wenn es meinem seligen Mann nicht so gut gegangen ist, so hat es nur den Grund gehabt, daß er keine Gelegenheit fand, sich auszuzeichnen.«

»Das sind Alles Possen,« rief der Alte mürrisch, »und ich hoffe, daß der Junge selbst nicht solche thörichten Gedanken in seinem Kopf haben wird. Er sollte Gott danken, daß er hier eine feste Heimath und einen wohl geordneten Besitz hat und sollte so schnell als möglich hierher zurückkehren, um diesen Hof zu übernehmen, dessen Bewirthschaftung mir täglich schwerer zu werden anfängt. Nun,« fuhr er fort, »das wird sich jawohl von selbst machen. Ich habe mit dem preußischen Amtmann, den sie uns hierher geschickt haben, neulich gesprochen und er hat mir versichert, daß er nicht glaube, daß gegen meinen Neffen irgend etwas Unangenehmes unternommen werden möchte, wenn er zurückkäme und sich zur Erfüllung seiner Landwehr-Militairpflicht stellte, eine eigentliche Desertion liege ja nicht vor und« –

Er wurde durch ein lautes Anschlagen des Hofhundes unterbrochen.

Schnelle, kräftige Schritte ließen sich vor dem Hause vernehmen, rasch wurde die Thür geöffnet, und Derjenige, über dessen Schicksal die beiden Alten sich soeben unterhalten hatten, trat in das Zimmer.

Der junge Cappei trug einen kleinen Ränzel auf dem Rücken, sein Gesicht war von dem raschen Gang geröthet und erschien dadurch noch blühender, als sonst; seine hellen offenen Augen strahlten von Glück und Freude, als er das alte Haus, die Heimath seiner Kindheit, das alte wohlbekannte Zimmer, in welchem kein Meubel sich verändert hatte, als er seine Mutter und seinen Oheim, diese beiden einzigen Wesen wiedersah, welche in dem alten Vaterlande ihm nahe standen.

Rasch eilte er auf die alte Frau zu, welche ihm zitternd ihre offenen Arme entgegenstreckte; er drückte ihren Kopf an seine Brust und küßte zärtlich ihre weißen Haare. Dann wandte er sich zu seinem Oheim, welcher aufgestanden war und mit glücklichem stolzem Ausdruck auf die kräftige Gestalt des jungen Mannes blickte, er schlug fest in dessen dargebotene Hand ein und sagte tief aufathmend:

»Da bin ich wieder bei Euch – Gott sei Dank, daß ich Euch Beide am Leben und wohl und munter finde. Ich habe lange keinen Brief von Euch erhalten, und als ich von der Eisenbahnstation zu Fuß hierher ging, hat mich eine entsetzliche Angst erfaßt, daß ich das Alles hier vielleicht nicht so wiederfinden könnte, wie ich es verlassen habe. Nun Gott sei Dank, es ist ja Alles gut, und meine Angst ist umsonst gewesen.«

Abermals schloß er seine Mutter in die Arme, und dann setzte er sich an den Tisch und begann in hastigen abgebrochenen Worten zu erzählen von seinem Leben in Frankreich, von den Kameraden, welche dort mit ihm gewesen, von den Hoffnungen, die sie gehabt hatten, und wie das nun Alles zu Ende sei, da der König die Legionaire entlassen habe und eine große Anzahl von ihnen nach Amerika ausgewandert sei, während Andere in Algier ihr Glück versuchen wollten. »Sie haben mir viel zugeredet,« sagte er, »auch dorthin zu gehen, aber ich habe das nicht gewollt. Ich will nicht mehr als heimathloser Flüchtling in der Welt leben, und auch Euch wollte ich wiedersehen, mein Herz zog mich hierher, und ich muß meine Verhältnisse hier in der alten Heimath ordnen, um wieder ein richtiger Mensch zu werden, der seinen Platz klar und fest in der Welt behaupten kann.«

»Das hast Du brav gemacht, mein Junge,« sagte der Alte, indem er ihm kräftig auf die Schulter schlug, während die Mutter zusammentrug, was im Hause zu finden war, Brod, kaltes Fleisch und einen großen Bierkrug, damit der lange entbehrte Sohn wieder am heimathlichen Tisch esse und trinke, wodurch nach ihrer Auffassung eigentlich erst das Band zwischen ihm und dem alten Hause wieder fest geknüpft wurde.

Eine Zeit lang sahen die beiden Alten schweigend zu, sich des kräftigen Appetits freuend, den der junge Mensch zeigte.

Dann begannen sie wieder zu fragen nach allen Einzelheiten seines Lebens in der Fremde, nach diesem und jenem Bekannten; und er erzählte ihnen von Allem, und doch schien es, als ob immer noch etwas im Rückhalt bliebe, denn oft brach er plötzlich ab, sah schweigend vor sich nieder, und erst auf erneuerte Fragen nahm er seine Mittheilungen wieder auf.

Dem scharfen Blick der alten Frau entging dies nicht, – eine Mutter liest ja so tief in dem Herzen ihres Sohnes und das wunderbare Band, welches sie mit ihrem Kinde verknüpft, wird durch die Zeit und das Alter niemals gelockert. Die Alte schüttelte das Haupt, sie fühlte, daß da noch Etwas war in dem Herzen ihres Sohnes, wovon er nicht sprach – aber sie sagte nichts darüber, sie behielt sich vor, später ihn danach zu fragen, überzeugt, daß es ihr gelingen würde, auch die verschlossensten Tiefen seines Innern zu öffnen.

»Jetzt aber,« sagte der alte Niemeyer endlich, »obgleich es schon spät ist, mußt Du dennoch gleich mit mir zum Amtmann. Du mußt Dich auf der Stelle melden, Deine Rückkehr darf keine heimliche sein, und was die Behörden über Dich verfügen, mußt Du ruhig über Dich ergehen lassen. Schlimm werden sie es mit Dir nicht machen, ich habe es schon vorbereitet, da ich immer überzeugt war, Du würdest früher oder später hierher wieder zurückkehren.«

Sie gingen bei dem schon hereindunkelnden Abend nach dem großen Amthaus hin, ließen sich bei dem Amtmann, einem preußischen Assessor, welcher hierher versetzt war, melden und wurden in dessen Wohnzimmer geführt, welches bereits von einer Lampe erleuchtet war.

Der Amtsverwalter, ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, ernst und ruhig, aber auch zugleich freundlich und wohlwollend in seinem Wesen erhob sich bei dem Eintritt des alten Bauern von seinem Schreibtisch, an welchem er mit Durchsicht von Acten beschäftigt war und trat demselben entgegen, indem er einen schnellen forschenden Blick auf den hinter seinem Oheim hereintretenden jungen Cappei warf.

»Herr Amtmann,« sagte der alte Niemeyer, »ich bringe Ihnen hier einen Flüchtling, der nach der alten Heimath zurückgekehrt ist, und der nun nichts mehr gegen die neue Ordnung der Dinge, welche die Vorsehung über uns verhängt hat, unternehmen wird. Er hofft auf eine nachsichtige Behandlung für das, was er etwa nach den geltenden Gesetzen Strafbares begangen haben könnte und stellt sich zu Ihrer Verfügung.«

Der junge Cappei trat vor, blieb in militairischer Haltung vor dem Beamten stehen und blickte ihn mit seinen offenen, klaren Augen frei und fest an.

»Es freut mich,« sagte der Beamte, auf welchen die Erscheinung des jungen Mannes einen wohlthuenden Eindruck zu machen schien, »daß Sie sich entschlossen haben, in die geordneten Verhältnisse zurückzukehren und auf thörichte und abenteuerliche Unternehmungen zu verzichten. Ich will nicht fragen und untersuchen, welche Pläne Sie bei Ihrer Auswanderung gehegt haben, welchen Unternehmungen Sie sich angeschlossen haben – allein Sie sind nach den preußischen Gesetzen noch landwehrpflichtig gewesen und werden sich über Ihre eigenmächtige Entfernung zu verantworten haben. Ich wäre berechtigt, Sie zu arretiren und Sie in Untersuchungshaft zu behalten, da ich jedoch nach Ihrem freiwilligen Wiedererscheinen keinen Verdacht hege, daß Sie sich der Untersuchung und der eventuell zu verhängenden Strafe entziehen werden, so will ich von einer solchen Maßregel Abstand nehmen und Ihnen Ihre Freiheit lassen, allein um der Form zu genügen, müssen Sie eine Bürgschaft leisten.« –

»Die Bürgschaft übernehme ich, Herr Amtmann,« rief der alte Niemeyer lebhaft. »Ich stelle mein Haus und meinen Hof als Haft dafür, daß der junge Mann sich nicht von hier entfernt und sich jeder Anforderung stellen wird.«

»Ich will diese Garantie annehmen,« erwiderte der Beamte – er setzte sich an seinen Schreibtisch, nahm ein kleines Protokoll auf, das der alte Bauer und sein Neffe unterzeichnen mußten und entließ dann die Beiden.

Als sie hinausgegangen waren, zog er ein kleines Actenfascikel aus einem verschlossenen Fach seines Schreibtisches hervor und öffnete dasselbe.

»Die Erscheinung dieses jungen Mannes,« sagte er, »ist durchaus Vertrauen erweckend, er hat ein so freies Gesicht und einen so offenen Blick, daß ich ihm kaum geheime und verborgene Absichten zutrauen kann. Auch ist mir der Alte als ein Mann von ruhigem praktischen Sinn, der sich den thatsächlichen Verhältnissen stillschweigend unterordnet und alle Agitationen und Conspirationen mißbilligend, bekannt; und doch ist mir hier ein sehr bestimmter Avis zugegangen, nach welchem die Gesandtschaft in Paris gerade diesen jungen Cappei auf Grund ihr zugegangener Mittheilungen als einen fanatischen Feind der preußischen Herrschaft und als einen gefährlichen Verschwörer und Agitator bezeichnet, welcher nur deshalb hierher zurückgekehrt, um nach Frankreich hin Mittheilungen über die hiesigen Verhältnisse, Truppendislokationen und so weiter gelangen zu lassen, – mir kommt das ein wenig unwahrscheinlich vor,« fuhr er fort, »allein die Mittheilung ist bestimmt, und die Zeitverhältnisse gebieten die größte Vorsicht. Ich werde ihn genau beobachten lassen und eine Überwachung seiner Correspondenz bei der Postbehörde anordnen, – ist jene Mittheilung richtig, so wird sich bald ein greifbares Indicium finden lassen.«

Er schrieb nach genauer Durchsicht des Actenfascikels eine Verfügung, ließ seinen Secretair rufen und übergab ihm dieselbe mit dem Befehl schleuniger und discreter Expedition. Dann verschloß er das geheime Actenstück wieder in seinen Secretair und wandte sich seinen regelmäßigen Arbeiten zu.

Lange noch saß der alte Bauer Niemeyer mit seiner Schwester und dem jungen Cappei bei der großen Lampe im Wohnzimmer seines Hauses beisammen. Immer noch forschten und fragten die beiden Alten – immer erzählte der junge Mann, – immer deutlicher fühlte die Mutter, daß in allen diesen Erzählungen noch Etwas fehlte und zwar Etwas, was tief und innig mit dem Herzensleben ihres Sohnes zusammenhängen müsse.

Und als sie endlich die Ruhe aufsuchten, als sie den Sohn in seine schnell hergerichtete Schlafkammer mit dem sauberen, hoch aufgeschichteten Federbett geführt, und die Hände segnend auf sein Haupt gelegt hatte, da blieb sie noch lange wach in ihrer Kammer in dem Lehnstuhl am Fußende ihres Bettes sitzend und tief nachdenkend über die Fügungen der Vorsehung, welche zwar die ehrgeizigen Träume zerstört hatte, in welchen sie an den fernen Sohn gedacht, welche aber doch diesen Sohn lebendig, frisch und blühend ihr wieder zugeführt hatte und jetzt opferte sie jenen Traum gern der schönen und lieben Wirklichkeit. Sie fühlte auch mit dem so feinen weiblichen Instinct, welches der verborgene Punkt sei, der in allen Erzählungen ihres Sohnes noch dunkel geblieben; sie fühlte, daß die Liebe zwischen ihm und dem fernen Land, aus welchem er zurückgekehrt ein Band geknüpft habe.

Aber sie war nicht traurig darüber und wieder regten sich ehrgeizige Hoffnungen in ihrem Herzen. Denn ein so guter, so braver und so hübscher junger Mann wie ja ihr Sohn, konnte nur eine Wahl getroffen haben, die ihm und seiner ganzen Familie ehrenvoll war.

Und als sie endlich ihr Lager aufsuchte, schloß sie Diejenige, welche ihr Sohn gewählt haben möchte, und welche ihr mütterlicher Stolz in hohen und angesehenen Kreisen suchte voll freudiger Hoffnung und Zuversicht in ihr frommes Abendgebet mit ein.

Der junge Cappei aber war in körperlicher Ermüdung, welche die kräftige Jugend noch stärker fühlt, als das Alter, und in jenem süßen Wohlgefühl, welches das Bewußtsein erzeugt, nach langer Abwesenheit wieder im Schooß des heimathlichen Hauses zu ruhen, bald in einen festen und tiefen Schlaf versunken.

Und wunderbar verschmolzen sich in seinen Träumen die Bilder der Ferne, zu welcher sein Herz ihn hinzog und der Heimath, in welche die Wurzeln seines Lebens geschlagen waren, miteinander.

Bald sah er sich im Hause des alten Challier an der Seite seiner Louise und an der Spitze des immer blühender erwachsenden Handelsgeschäfts – bald wieder zeigte ihm der Traum das theure Bild seiner Geliebten, wie dieselbe glücklich lächelnd in das Haus seines Oheims eintrat, wie sie seiner Mutter zur Hand ging in häuslichen Geschäften und neues fröhliches Leben in die alte Heimath brachte.

So schwer diese verschiedenen Bilder in der Wirklichkeit zu vereinigen waren, so verband sie doch das wunderbare Spiel des Traumes zu harmonischer Einigkeit, welche ihn mit einem süßen Gefühl des Glücks und der Freude erfüllten.

Neuntes Capitel.

In einem großen saalartigen Zimmer im Hinterhofe eines düstern Hauses des Faubourg St. Antoine war das democratische Comité versammelt, welches sich gebildet hatte, um auf das Plebiscit einzuwirken und das Volk in Massen dahin zu bestimmen, daß es die Abstimmung entweder ganz verhindere oder wo die Kühnheit dazu vorhanden sein möchte mit »Nein« stimme.

Die Versammlung fand bei bereits ziemlich vorgerückter Abendstunde statt, der große finstere Raum mit den schmutzigen, von Rauch geschwärzten Wänden war durch einige Petroleumlampen, die auf einem großen Tisch in der Mitte standen, nur wenig erhellt; um diesen Tisch saßen die Leiter des Comités in scharfer Beleuchtung, während der übrige Theil des Saales, in welchem sich etwa vierzig bis fünfzig der hervorragendsten Agenten des Comités befanden, in Dunkelheit gehüllt war.

An diesem Tisch sah man in der Mitte Jules Lermina, einen der unermüdlichen Agitatoren der republikanischen Bewegung in Frankreich, einen Mann mit tief blassem, wie aus Erz gegossenem Gesicht, in welchem nur die glühenden, unheimlich und finster blickenden Augen zu leben schienen und welches, wenn er mit seiner harten jede Modulation ausschließenden Stimme sprach, durch kein Mienenspiel bewegt wurde.

Hier sah man Ulric de Fonvielle, den Begleiter Victor Noirs bei dessen verhängnißvollem Besuch im Hause des Prinzen Pierre Bonaparte – mit seinem großen Bart und seinem unruhigen, aufgeregten und wichtig thuenden Wesen.

Hier war Varlin, der Buchbinder, in seiner gebückten Haltung mit dem kalten höhnischen Lächeln auf den Lippen, mit dem niedergeschlagenen Blick, der nur zuweilen im schnellen Blitz von unten hinauf schoß und dann fast immer Denjenigen, auf welchen er sich richtete, durch seinen stechenden scharfen Ausdruck aus der Fassung brachte.

Hier sah man Raoul Rigault, den jungen einundzwanzigjährigen Verschwörer mit seinem blassen, selbstgefällig lächelnden Gesicht, den müden, etwas gleichgültigen Blick hinter dem Monocle verbergend, in seiner stutzerhaften, aber etwas abgeschabten Eleganz, mit der Wäsche von zweifelhafter Reinheit, das kleine Stöckchen mit dem unechten Silberknopf in der Hand.

Hier sah man Ancel, Boyer, Delacour, Dembrun, Portalier, Robin, Mangold – theils in Blousen, theils im einfachen bürgerlichen Anzug – und auf allen diesen finstern Gesichtern ruhte der Ausdruck starrer düsterer Entschlossenheit und grimmiger Unversöhnlichkeit. Sie waren zum großen Theil die Führer des Pariser Zweigvereins der internationalen Arbeiterassociation, welche aber jetzt nicht mehr wie früher sich einer gewissen wohlwollenden Duldung der Regierung zu erfreuen hatte, nachdem sie durch richterliches Erkenntniß aufgelöst worden war. Es war nicht mehr jene Internationale von Tolain und Fribourg, welche durch Belehrung und ruhige gesetzliche Agitationen die Lage des Arbeiterstandes zu verbessern strebte, und welche von idealen Anschauungen geleitet wurde.

Jene Führer waren verschwunden, die Internationale von heute war eine proscribirte und geächtete Gesellschaft, welche sich lange den Nachforschungen der Polizei verbarg, und im Geheimen dafür aber um so wirksamer ihre Lehren propagirte und ihre Pläne verfolgte. Diese Lehren aber waren heute offen und rückhaltslos auf die Zertrümmerung der bestehenden Staatsordnung und der bestehenden Gesellschaft gerichtet, und die Pläne, deren eigentliches Geheimniß nur den ausgewählten Kreisen, den Leitern, bekannt war, richtete sich auf eine möglichst schnelle und nachdrückliche Vernichtung aller Autorität und alles Besitzes.

Die internationale Association als solche konnte sich mit der Frage des Plebiscits nicht beschäftigen, sie konnte sich nicht versammeln, ohne sich sogleich polizeilicher Auflösung auszusetzen, sie hatte deshalb das democratische Comité gebildet, an dessen Spitze wiederum ihre Leiter standen, um in dieser Form ihren Einfluß auf das Plebiscit auszuüben und um wo möglich diese Gelegenheit zur Herbeiführung einer Catastrophe zu benutzen.

Auf Bänken und Stühlen rings um den Tisch des eigentlich leitenden Comités saßen dessen hervorragende Agenten in den verschiedenen Stadttheilen von Paris fast Alle in der Blouse der Arbeiter, Alle denselben Ausdruck ruhiger und kaltblütiger Unversöhnlichkeit in den Gesichtern.

Lermina erhob sich:

»Wir haben, meine Freunde,« sprach er, »nunmehr die Berichte aus allen Theilen von Frankreich empfangen, welche uns mittheilen, daß überall die Comités constituirt sind, um diesem frevelhaftem Possenspiel entgegenzutreten, durch welches man in einem gefälschten Ausdruck des Volkswillens für den Despotismus und die Tyrannei eine neue Stütze suchen will. Allgemein ist die democratische Partei organisirt, um auf die unklare und furchtsame Bevölkerung den Druck ihres Einflusses auszuüben. Nach Allem, was man uns mittheilt, wird es schwer werden, eine große Majorität dahin zu bringen, daß die an das Volk gestellte Frage mit »Nein« beantwortet wird. Die Furcht vor den Machtmitteln der Gewalt ist zu groß – dagegen müssen wir aber mit aller Kraft dahin streben, daß der größte Theil der Bevölkerung sich von jeder Abstimmung zurückhält, um vor der Welt beweisen zu können, daß die Majorität, welche die Regierung erreichen möchte, im Verhältniß zur Gesammtzahl der Bevölkerung garnichts bedeutet. Ich habe deshalb die Instructionen, welche Sie Alle früher bereits gebilligt haben, an eine Anzahl von zuverlässigen Personen vertheilt, die in diesem Augenblick bereits in die Provinzen abgegangen sind, um überall die Agitation noch fester zu organisiren und zu beleben. Unser unermüdlicher Freund Cernuschi hat mir von London aus abermals die Summe von hunderttausend Francs übersendet, um die nothwendigen und unvermeidlichen Kosten unserer Thätigkeit zu bereiten.«

Ein Ruf des Beifalls tönte durch den Saal.

»Ich habe ihm den Dank des Comités ausgesprochen,« fuhr Lermina fort, »und schlage nunmehr vor, daß wir hier in Paris selbst unverzüglich eine demonstrative Versammlung in Scene setzen, welche hier in der Hauptstadt die Bewegung in Fluß bringt und den Provinzen ein Beispiel giebt. Ich schlage zu diesem Zweck den Saal der Folie-Bergère vor, welcher den nothwendigen Raum bietet und zugleich der ganzen Bevölkerung von Paris bekannt ist. Hat Einer von Euch, meine Freunde, gegen den Vorschlag Etwas einzuwenden?«

Die Versammlung schwieg – einzelne Rufe der Zustimmung ließen sich hören.

»So wollen wir also,« fuhr Lermina fort, »die democratische Volksversammlung in der Folie-Bergère auf den vierten Tag, von heute an gerechnet, festsetzen. Und ich bitte alle unsere Freunde,« fuhr er sich nach den Zuhörern im Hinterraum des Saales wendend fort, »in den verschiedenen Stadttheilen von Paris ihre ganze Thätigkeit aufzubieten, um den Besuch der Versammlung so zahlreich als möglich zu machen. Zugleich ersuche ich Euch alle, meine Freunde, Euch vorzubereiten und nachzudenken über das, was Jeder von Euch der Versammlung sagen will, damit die Worte zünden und die Massen zu energischem Widerstand entflammen.

»Vor Allem,« rief Ulric de Fonvielle mit lauter Stimme, »müssen wir diesen verrätherischen Lügner und Heuchler Ollivier dem Volk in seiner wahren Gestalt zeigen. Es giebt immer noch Leute,« fuhr er fort, »welche sich durch seine Vergangenheit täuschen lassen und auf welche sein Name einen gewissen Einfluß übt, – durch ihn will die kaiserliche Tyrannei das Volk irre führen, ihn gilt es zu vernichten und ihn des letzten Restes seiner Popularität zu berauben. Ich werde über Ollivier sprechen,« rief er mit der Hand durch seinen Bart fahrend, »das Volk hat Ollivier in die Gosse geworfen – und das Kaiserthum hat ihn daraus wieder hervorgefischt!« –

Lautes Gelächter, Beifallsrufen und Händeklatschen erfüllten den Saal. Dann trat eine augenblickliche Stille ein.

Varlin erhob sich, zog ein Papier aus der Tasche und sprach:

»Ich bin in Allem mit den Maßregeln des Comités und mit seinen Vorschlägen vollkommen einverstanden. Doch ich habe nunmehr meinerseits einen Vorschlag zu machen, welcher in der Vorsicht begründet ist und zum Zweck hat, unsere Agitatoren gegen einen Gewaltstreich der Regierung zu schützen.«

Aufmerksam hörten Alle zu.

»Ihr wißt, meine Freunde,« fuhr Varlin fort, »daß die Internationale gesetzlich verboten ist, und daß die Polizei das Recht hat, jede Thätigkeit dieser Association sofort zu verhindern. Nun aber ist unsere ganze Organisation, wenn wir uns auch als democratisches Comité constituirt haben, dennoch die der Internationalen. Wir Alle sind Mitglieder des Bureaus derselben, und in allen Provinzen sind es wieder die Zweigvereine der Internationalen, in deren Händen die Agitation liegt. Das giebt der Polizei Gelegenheit, sobald sie will, unsere ganze Agitation als eine Thätigkeit der Internationalen zu bezeichnen und zu verbieten – es wäre unklug, ein solches Verbot zu provociren oder möglich zu machen, und ich halte es demnach für nothwendig, daß von Seiten der Internationalen eine öffentliche Kundgebung stattfindet, welche vollkommen klar stellt, daß die democratische Association gegen das Plebiscit mit der internationalen Arbeiteragitation nichts zu thun hat. Ich halte eine solche Kundthuung practisch für nothwendig, außerdem aber,« fuhr er einen raschen Blick im Kreise umherwerfend fort, »deshalb für geboten, weil allerdings die jetzt von uns ausgeübte Thätigkeit mit den eigentlichen Zielen der Internationalen wie dieselbe in den Statuten derselben ausgestellt sind, nicht identisch ist.«

»So soll die Internationale die Thätigkeit des democratischen Comités desavouiren,« fragte Lermina, den flammenden Blick auf Varlin richtend.

»Das nicht,« erwiderte dieser, »doch soll sie erklären, daß sie mit dieser rein politischen Sache nichts zu thun hat. Ich wiederhole,« fuhr er fort, »daß diese Erklärung nach meiner Überzeugung zunächst der Polizei gegenüber nöthig ist, um ihr die Möglichkeit zu nehmen, gegen das democratische Comité unter dem Vorwand einzutreten, daß es mit den Internationalen identisch sei, so dann aber auch im Interesse der Macht der Internationalen selbst. Wir Alle, meine Freunde,« fuhr er fort, »sind darüber einig, daß nur durch eine politische Revolution, durch welche das jetzt bestehende Regiment und die ganze Staatsordnung zertrümmert, die socialen Ziele in der Internationalen erreicht werden können, aber – ihr müßt wissen, wie ich, daß unter den Arbeitern, namentlich in den Provinzen, noch sehr viele vorhanden sind, welche vor einer politischen Revolution zurückschrecken, und welche noch in der Idee befangen sind, von welcher wir in dem leitenden Mittelpunkt uns frei gemacht haben, – von der Idee nämlich, daß auf friedlichem und gesetzlichem Wege eine Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes erreicht werden könne; um Aller dieser willen ist es ebenfalls nöthig, daß wir die Internationale als solche von jeder Thätigkeit gegen das Plebiscit fern halten.«

Lermina blickte nachdenklich vor sich hin, die Gründe Varlins schienen ihm einzuleuchten, dennoch mochte es seiner im Grunde ehrlichen und graden Natur widerstreben, aus Rücksichten der Klugheit solche Doppelwege zu gehen.

Einzelne Stimmen der Mißbilligung erhoben sich aus dem Zuhörerkreise.

»Das würde nur Verwirrungen in die Begriffe bringen,« rief man – »warum nicht etwas sagen, wovon man überzeugt ist, – um so besser, wenn in diesem Augenblick ein Zusammenstoß mit der Gewalt erfolgt, – einmal muß es ja doch dazu kommen.«

»Halt, meine Freunde,« rief Varlin mit seiner durchdringenden Stimme die verschiedenen Rufe übertönend, »höret zunächst an, wie ich die Erklärung der Internationalen entworfen habe, Euch wird dann Alles besser klar werden. Sie soll wahrlich die Thätigkeit unseres democratischen Comités nicht desavouiren, und sie soll uns nur davor schützen, daß wir durch einen rohen Eingriff der Polizeigewalt in unserer Wirksamkeit gehemmt und unterbrochen werden, bevor dieselbe ihre Früchte getragen hat.«

Er winkte gebieterisch mit der Hand und während der aufmerksamen Stille, die unmittelbar eintrat, las er, den Blick auf das Papier in seiner Hand geheftet, den von ihm vorgeschlagenen Entwurf der Erklärung der Internationalen:

»Der Bundesrath des internationalen Arbeitervereins giebt den Insinuationen und Anschuldigungen der offiziellen und offiziösen Blätter über seine Theilnahme an der politischen Agitation dieser Tage hiermit ein formelles Dementi. Die Internationale weiß nur zu gut, daß die Leiden aller Art, welche das Proletariat zu dulden hat, bei weitem mehr den ökonomischen Zuständen der Gegenwart, als den Zufälligkeiten des Despotismus einiger Staatsmänner zuzuschreiben sind. Sie wird ihre Zeit nicht mit Nachsinnen über die Befestigung des kaiserlichen Despotismus verlieren. Der internationale Arbeiterverein, der eine permanente Verschwörung aller Unterdrückten, aller Ausgebeuteten ist, wird den ohnmächtigen Verfolgungen gegen seine Führer trotzend, so lange fort bestehen, bis alle Ausbeuter der Arbeit, alle Capitalisten, alle Pfaffen und alle politischen Abenteurer verschwunden sein werden.«

»Ich glaube,« sprach er, indem sein Blick über die Versammlung hinglitt, »daß nach dieser Erklärung Niemand wird sagen können, es sei die Internationale, welche die gegenwärtige democratische Agitation führe, – und doch wird darin gewiß kein abfälliges Urtheil über seine Thätigkeit gesprochen.«

»Varlin hat Recht,« rief man von allen Seiten – »er ist klug und vorsichtig, – er denkt an Alles, die Proclamation ist gut, sie soll erlassen werden.«

Niemand widersprach an dem Tisch des Comités, nur Raoul Rigault zuckte leicht die Achseln und schlug mit dem Spazierstöckchen auf seine Stiefel.

Varlin legte das Papier, dessen Inhalt er vorgelesen, Lermina vor, der es mit einem raschen Federzug unterzeichnete. Die Übrigen folgten Alle.

Lermina erklärte sodann die Sitzung für geschlossen, und die Versammelten verließen in einzelnen Gruppen, um kein Aufsehen zu erregen, langsam und schweigend das Zimmer, indem sie sich, sobald sie aus dem äußern Theil des Hauses auf die Straße traten, nach verschiedenen Richtungen hin zerstreuten.

Raoul Rigault näherte sich Lermina.

»Bleibt noch einen Augenblick hier,« sprach er, »ich habe Euch eine Mittheilung zu machen.«

»Gut,« sagte Lermina.

Raoul Rigault trat zu Varlin und dann zu Ulric de Fonvielle, indem er sie ebenfalls aufforderte, noch zu bleiben.

Bald war das Zimmer leer, und an dem großen Tisch befanden sich nur noch Lermina, Varlin, Ulric de Fonvielle und Raoul Rigault.

In der Tiefe des Zimmers war ebenfalls eine Gestalt sitzen geblieben, welche man bei der matten Beleuchtung nur in dunkeln Umrissen erkennen konnte.

»Meine Freunde,« sagte Raoul Rigault indem er das herabgefallene Monocle mit einer etwas gezierten Bewegung wieder in das Auge warf, »ich habe Euch ruhig sprechen und beschließen lassen, ohne irgend Etwas dabei zu bemerken, weil ich Alles das für ein Geschwätz halte, durch welches Nichts erreicht wird; – dieses Plebiscit,« fuhr er mit selbstgefälligem Lächeln fort, »– wird trotz unserer Agitation ganz nach dem Plan seiner Arrangeurs ausgeführt werden, – und« sagte er sich zu Varlin wendend – »trotz des Protestes der Internationale wird man uns alle verhaften, wenn man irgend dazu Lust verspürt.«

»Das ist Alles was Sie uns zu sagen haben und weshalb Sie uns gebeten haben, hier zu bleiben?« fragte Lermina mit seiner harten klanglosen Stimme.

»Der Bürger Rigault ist sehr jung,« sagte Varlin mit einem finstern Blick auf den stutzerhaft lächelnden jungen Mann, – »es würde ihm vielleicht besser anstehen aus den Erfahrungen ältere Personen zu lernen, als deren Handlungen zu critisiren.«

Ulric de Fonvielle sagte Nichts, – er kannte Raoul Rigault und wußte, daß wenn dieser junge Mensch mit dem blasirten gleichgültigen Gesicht lächelte ein furchtbarer, blutiger Gedanke in seinem Gehirn arbeitete. Er blickte ihn forschend an und wartete.

»Handlungen?« fragte Raoul Rigault höhnisch die Achseln zuckend, ohne die unmuthigen finstern Blicke Lermina's und Varlin's zu beobachten, – »Ihr nennt das Handlungen – diese versteckten Agitationen, diese zweideutigen Erklärungen und Proteste? Handelt« – fuhr er fort, »handelt, wie man in großen ernsten Angelegenheiten handeln muß, und meine Critik wird schweigen, – ich werde wahrlich der Erste sein mit Euch zu handeln, – aber ich sehe nicht ein wozu alle diese Geschäftigkeit führen soll.«

»Wenn man tadeln will was Andere thun, so muß man Etwas Besseres vorzuschlagen haben,« sagte Lermina kurz und hart.

Varlin machte eine Bewegung, als wollte er aufstehen.

»Hört mich an,« sagte Raoul Rigault, indem er ihn mit der Hand zurückhielt.

Er stützte die Arme auf den Tisch und bewegte sein Stöckchen leicht in der Luft hin und her.

»Der Augenblick ist günstig,« sprach er weiter in einem Tone als unterhielte er sich über irgend ein gleichgültiges Tagesereigniß, – »der Augenblick ist günstig um einen großen Schlag auszuführen, – einen Schlag der uns mit einem Mal an das Ziel aller unserer Bestrebungen führen kann.«

»Und wie sollte dieser Schlag ausgeführt werden,« fragte Varlin mit einem fast verächtlichen Lächeln.

»Sehr einfach,« erwiderte Raoul Rigault, immer mit seinem Stöckchen spielend, »unsere Vereine sind in ganz Frankreich vortrefflich organisirt, wir können sie von hier aus mit einem Wort in active Bewegung setzen, wir können überall den Aufstand ausbrechen lassen.«

»Das können wir,« erwiderte Lermina, »wenn wir es aber thun, so wird das in diesem Augenblick keine weitere Folgen haben, als daß der Aufstand überall durch die rohe Gewalt der Tyrannei niedergeschlagen und für die Zukunft alle unsere Hoffnungen zertrümmert werden.«

»Wenn eben die Tyrannei noch besteht,« erwiderte Raoul Rigault, »wenn diese Maschine, welche man die kaiserliche Regierung nennt, überhaupt in jenem Augenblick noch arbeitet.«

»Und wie wollen Sie,« fragte Lermina, »indem Augenblick des Aufstandes die so fest gegliederte Regierungsmaschine zerstören und unwirksam machen?«

»Die Maschine,« sagte Raoul Rigault, »wird von selbst unwirksam, wenn sie keinen Mittelpunkt, eine bewegende Triebfeder mehr hat. Ich kümmere mich nicht um die Maschine, ich zerstöre den Mittelpunkt, und die Arbeit des Ganzen hört auf – Frankreich gehört uns.«

Lermina begann aufmerksam zu werden.

»Der Gedanke ist logisch,« sagte er. »Wie kann er ausgeführt werden?«

»Sehr einfach,« erwiderte Raoul Rigault, »indem man den Kaiser tödtet und den Sitz der Regierung zerstört.«

Ganz erstaunt blickten Lermina und Varlin auf diesen jungen Menschen, welcher im gleichgültigen und ruhigsten Ton von der Welt einen Satz aussprach, der in seinen wenigen Worten den Umsturz der öffentlichen Ordnung Frankreichs vielleicht Europas enthielt.

»Um den Kaiser zu tödten,« fuhr Raoul Rigault fort, »bedarf es nur eines entschlossenen Menschen, welcher sein Leben aufs Spiel setzt, wie dies ja alle Soldaten oft für viel unwichtigere und gleichgültigere Dinge thun, und in dessen Hand man ein Werkzeug legen würde, welches den Erfolg seines Unternehmens nicht von dem Zufall abhängig macht, – zur Zerstörung des Mittelpunkts der Regierung bedarf es nur,« sagte er mit selbstgefälligem Lächeln, »einiger practischen Anwendungen der Chemie, – und was sonst die Folge der Revolution war, wird gegenwärtig der Revolution vorangehen und ihr den Weg frei machen. Die Mittel, von denen ich so eben gesprochen habe, sind gefunden. Um den Kaiser sicher zu tödten, ohne die Sache von einem falschen Augenmaß oder von einem nervösen Zittern der Hand abhängig zu machen, ist hier das Mittel.«

Er zog aus der Tasche seines Rockes einige kleine eirunde Eisenkörper mit verlängerter Spitze hervor und legte sie auf den Tisch.

»Sie sind,« sagte er lächelnd, »allerliebste Sprengbomben von einer gewaltigen Explosionskraft. Man hat garnicht nöthig zu zielen. Man wirft sie eine nach der andern in den Wagen des Kaisers, wenn er vorüber fährt und vor die Füße seines Pferdes, wenn er reitet, und bevor die vierte oder fünfte geworfen ist, wird von Demjenigen, der heute Frankreich zu beherrschen glaubt, nichts mehr übrig sein, als einige kleine in der Luft zerstreute Atome.

Um diese Bomben zu werfen,« fuhr er, die Stimme etwas dämpfend, fort, »gehört ein Mann, welcher fanatisch oder gleichgültig genug ist, um sein Leben an dies Wagniß zu setzen – ein Gleichgültiger,« fügte er hinzu, »ist mir lieber, als ein Fanatiker, – und dieser Mann ist gefunden.«

Er erhob sich, wandte sich nach der Tiefe des Zimmers, die dunkle Gestalt, welche von den Übrigen unbemerkt dort bei der Entfernung der Versammlung geblieben war, trat in den Lichtkreis, und man sah einen jungen Mann von höchstens zwanzig bis einundzwanzig Jahren, dessen völlig bartloses, gleichgültiges und etwas stupides Gesicht einen noch fast knabenhaften Ausdruck hatte.

Raoul Rigault ergriff diesen jungen Mann, der einen einfachen Anzug von sogenannter Marengofarbe und einen kleinen runden Hut trug, bei der Hand und sagte:

»Hier ist der Bürger Beaury, welcher von London kommt und bereit ist, den ersten und gefährlichsten Schlag in dem großem Entscheidungskampf für die Rechte der arbeitenden Gesellschaft zu führen. Er wird diese Bombe werfen und den fanatischen Imperator, vor welchem sich heute die blöde Menge in den Staub beugt in die Luft sprengen.«

Tief erstaunt, beinahe bestürzt und erschrocken blickten die drei Andern auf diesen jungen Menschen, welcher da so plötzlich wie aus der Erde hervorgezaubert unter ihnen stand und sie mit einem ruhigen gleichgültigen Lächeln anblickte.

»Wer sind Sie,« fragte Lermina.

»Ich heiße Beaury,« erwiderte der junge Mann. »Ich war früher Corporal in der Armee des Tyrannen, seit einem Jahr bin ich Flüchtling in London, Herr Flourens hat mich hierhergeschickt, – hier ist meine Beglaubigung.«

Er zog aus der Tasche seines Rockes ein offenes, etwas zerknittertes Papier hervor und überreichte es Lermina.

»Ein Brief von Flourens,« sagte dieser.

»An meine Genossen in Frankreich,« fuhr er fort, das Papier lesend, »der Überbringer dieses, der Bürger Beaury ist bereit und geschickt Alles das auszuführen, was man ihm auftragen wird, man kann sich vollkommen auf ihn verlassen. Gustav Flourens.«

Er reichte das Papier Varlin, Fonvielle neigte sich herüber und sah über dessen Schulter in die Schrift.

»Es ist Flourens' Handschrift,« sagten Beide.

»Sie wissen, was Sie thun sollen,« fragte Lermina, immer noch verwundert den knabenhaften jungen Menschen ansehend.

»Gewiß« erwiderte dieser, »ich soll diese Bombe da,« er deutete auf den Tisch, »nach dem Kaiser werfen, den ich sehr genau kenne, und den ich nicht verfehlen werde. Ich habe auch noch dies zu übergeben,« sagte er dann.

Er zog ein anderes Papier aus der Tasche und gab es Lermina.

»Eine Anweisung auf vierhundert Francs,« sagte dieser, »ebenfalls von Flourens unterzeichnet.«

Lermina gab die Anweisung an Varlin, welcher einen Schlüssel aus der Tasche zog, eine Schublade des Tisches öffnete und dem jungen Menschen vier Bankbillets von hundert Francs übergab.

»Nun gehen Sie,« sagte Raoul Rigault zu Beaury, welcher ganz vergnügt seine Bankbillets einsteckte, »Sie werden Ihre näheren Anweisungen erhalten. Ihre Adresse?«

»Rue St. Maur Nummer zweiunddreißig,« sagte der junge Mensch, indem er sich leicht gegen die Übrigen verneigte und das Zimmer verließ.

»Ihr seht,« sagte Raoul Rigault mit zufriedenem Lächeln, »daß ich mich ein wenig auf das verstehe, was Handeln heißt, und daß ich vielleicht ein wenig Recht habe, unpractische Maßregeln zu kritisiren.«

Varlin und Lermina erwiderten nichts.

»Doch weiter,« sagte Ulric de Fonvielle, »die Ermordung des Kaisers nützt uns wenig, wie wir ja längst überlegt haben.«

»Das ist eine Ansicht, die ich stets vertreten habe,« sagte Raoul Rigault, »Ihr könnt also nicht erwarten, daß ich glauben sollte, mit diesem ersten Schlage sei Alles gethan. Auch habe ich Euch ja vorhin gesagt, daß meine Pläne zur Handlung zwei Punkte haben. Der Erste war die Ermordung des Kaisers; der Zweite ist die Zerstörung des Mittelpunkts der Regierung.«

»Das wird etwas schwerer sein,« sagte Varlin, den Kopf schüttelnd.

»Allzu umfassendere Vorbereitungen bedürfen wir nicht,« sagte Raoul Rigault. »Wir haben von diesen kleinen Maschinen,« fuhr er fort auf die auf dem Tische liegenden Bomben deutend, »einen Vorrath von tausend Stück, welche ein Herr Lepet, ein harmloser Mann, in dem Gedanken gegossen hat, daß es Theile eines neu erfundenen Vélocipédes wären. Sie befinden sich an einem sichern Ort und können im Lauf weniger Stunden gefüllt werben. Wir bedürfen dann nur noch einer gewissen Quantität Petroleums, einer Quantität Pikrinsäure und eines Haufens alter Weiber und kleiner Kinder, wie wir sie in beliebiger Menge in Belleville und St. Antoine finden können.«

»Und dann,« fragte Lermina.

»Dann,« sagte Raoul Rigault die Achseln zuckend, »nehmen diese alten Weiber und die Kinder die Bomben, werfen je einige hundert Stück davon durch die Fenster der Tuilerien und der verschiedenen Ministerialgebäude, gießen zu gleicher Zeit Jeder sein Gefäß voll Petroleum in die Keller und Souterrains und zünden diese angenehme Flüssigkeit mit einem kleinen Schwefelholz an. In wenigen Augenblicken werden alle diese Centren der Regierungsgewalt in Flammen stehen, alle diese Minister, Bureauchefs und Beamten werden fliehen. Das Ende der Fäden, welche in die Provinzen führen und dort die Regierungskräfte in Bewegung setzen, wird zerstört sein, und das Volk wird sich aus den Vorstädten heranwälzen, und bevor noch irgend Jemand weiß, was eigentlich vorgeht, wird Alles gethan sein, Paris wird uns gehören, und diese träge, unentschlossene Masse, welche man Volk nennt, wird hier wie im ganzen Lande unsern Befehlen folgen und durch unsere Organisation in Bewegung gesetzt werden. Das Einzige, worauf es ankommt, ist, daß die Sache schnell und auf allen Punkten gleichzeitig ausgeführt wird.

Das ist mein Vorschlag,« sagte er, sich auf seinen Stuhl zurücklehnend und mit dem Stöckchen an seine Stiefel klopfend, »er ist einfach, leicht ausführbar und wirksam. Die Vorbereitungen sind getroffen. Wollt Ihr handeln, so handelt, wollt Ihr es nicht, so laßt es bleiben, dann aber werde ich mich zurückziehen, denn ich habe keine Lust mehr, meine Zeit mit Redensarten und zwecklosen Agitationen zu verschwenden.«

»Der Plan ist großartig, vortrefflich! Dieser kleine Raoul Rigault hat wirklich eine Armee in seinem Kopf,« rief Ulric de Fonvielle.

»Die Sache ist allerdings gut ausgedacht,« sagte Lermina, »und sie kann reussiren.«

Varlin sagte nichts. Er saß tief nachdenkend da, doch zeigte der Ausdruck seines Gesichts, daß er den Plan Raouls billige und über dessen Ausführung nachsann.

»Natürlich kann die Sache reussiren,« sagte Raoul Rigault, »und sie muß reussiren, wenn sie nicht überaus dumm angegriffen wird, und daß dies nicht geschieht, dafür müßt Ihr sorgen. Ich habe nicht Lust,« fügte er im affectirt hochmüthigen Ton hinzu, »mich um diese petites besognes zu kümmern. Ich habe Euch die Instrumente geschafft, ich habe Euch einen Menschen gestellt, welcher den ersten Schlag führen wird, an Euch ist es, die Stunde fest zu stellen und Eure alten Weiber und Kinder an die richtigen Orte zu führen, um aus diesen alten dumpfen Bureaus und Actenhaufen ein lustiges, fröhliches Feuer aufsteigen zu lassen. In drei Tagen könnt Ihr damit fertig sein. Jetzt laßt uns gehen, es könnte im Hause Aufsehen erregen, wenn wir noch länger hier bleiben.«

Er stand auf, grüßte mit einer stutzerhaften Bewegung mit der Hand und ging hinaus.

»Er hat uns in der That überflügelt,« sagte Lermina, ihm finster nachblickend, – »ich liebe ihn nicht, diese ganze geckenhafte Art wichtige Dinge zu behandeln, mißfällt mir. Aber seine Ideen sind gut und seine Vorbereitungen vortrefflich. Wenn Ihr einverstanden seid, soll der Plan ausgeführt werden, er kann uns Jahre langer Agitationen überheben und mit einem Schlage an das Ziel unserer Wünsche führen, – und selbst, wenn der Plan mißlingen sollte, was ist dabei verloren – ein zerschmetterter Kaiser, einige ausgebrannte Steinhaufen, – weiter nichts,« fügte er mit einem entsetzlichen Lächeln hinzu, welches seine steinernen und unbeweglichen Züge in furchtbarer Weise verzerrte.

»Der Plan wird gelingen,« rief Ulric de Fonvielle lebhaft, »die ganze Kraft der Regierung ist zertrümmert, sobald der Mittelpunkt zerstört ist, Frankreich und die Zukunft gehört uns.«

Varlin stand auf.

»Der Plan kann gelingen,« sagte er, »wenn Niemand außer uns etwas davon erfährt, keines der Werkzeuge, die wir benutzen werden, darf den ganzen Zusammenhang dessen, was geschehen soll, auch nur ahnen.«

Er streckte seine Hand aus.

»Schwören wir uns gegenseitig,« sagte er, »bei unserm Hasse gegen die Ausbeuter der Arbeit Verschwiegenheit und Tod dem, der den Schwur bricht.«

Lermina und Fonvielle legten ihre Hände in diejenige Varlins.

»Wir schwören Verschwiegenheit,« sprachen sie, »Tod dem, der diesen Schwur bricht.«

Dann verschlossen sie sorgfältig alle Schubladen des großen Tisches, in welche sie vorher die von Raoul Rigault mitgebrachten Proben der Sprengbomben legten, verließen das als ein einfaches Versammlungslocal erscheinende Zimmer, ohne dessen Thür zu verschließen und gingen vor dem äußern Thor des Hauses nach verschiedenen Richtungen auseinander.

Einige Augenblicke blieb der große dunkle Raum im tiefen Schweigen, dann ließ sich ein leises Geräusch vernehmen; – unter dem Tisch, an welchem die vier Verschwörer so eben gesessen hatten, drang ein Lichtstrahl hervor, eines der Bretter des Fußbodens erhob sich, aus der Öffnung stieg ein Mann mit einer kleinen Blendlaterne hervor. Er leuchtete mit dem hellen Strahl seiner Laterne nach allen Seiten in die Tiefe des Zimmers hinein, dann drückte er das erhobene Brett sorgfältig in seine alte Stelle zurück, scharrte etwas von dem auf dem Boden liegenden Staub in die Spalten, zog dann mehrere sauber gearbeitete Schlüsselhaken aus der Tasche und öffnete die Schublade des Tisches. Er nahm eine der Bomben und steckte sie in seine Tasche, dann zog er ein kleines Notizbuch hervor und schrieb beim Schein seiner Laterne einige Worte in dasselbe, indem er vor sich hinflüsterte.

»Lepet, Gießer, – Beaury, Rue St. Maur Nummer zweiunddreißig.«

Dann ging er zur Thür, löschte seine Laterne aus, verließ leisen Schrittes den Hof und das Haus und begab sich ruhig, die damals so beliebte Melodie des Pompier de Nanterre vor sich hin pfeifend nach der Polizeipräfectur, wo er durch den Dienst thuenden Huissier sogleich in das Cabinet des Präfecten geführt wurde.

Dritter Band.

Erstes Capitel.

Der Kaiser Napoleon ging in heftiger Bewegung in seinem Cabinet auf und nieder; die krankhafte Abgespanntheit, welche sonst auf seinem Gesicht zu liegen pflegte, war verschwunden, an deren Stelle war eine lebhafte Aufregung getreten, seine Lippen zuckten, seine Augen blickten unruhig hin und her, und sein sonst so wohl geordneter Bart war durch das Spiel seiner zitternden Finger aus der Ordnung gebracht.

Auf seinem Schreibtisch lag eine große Anzahl von Telegrammen über einander geworfen. Er hielt eine Photographie in Cabinetformat in der Hand, die er, von Zeit zu Zeit stehen bleibend, aufmerksam betrachtete.

»Welch eine Anhäufung von Unruhe und Aufregung,« sagte er mit einem tiefem Athemzug, »die Erwartung wegen des Ausfalls des Plebiscits wäre allein genügend, um mich in Spannung und in diese so schmerzvolle Nervenerregung zu versetzen, – da muß noch dieses Complott hinzutreten, das mir vor zehn Jahren gleichgültig gewesen wäre, das mir auch heute gleichgültig ist, so weit es sich dabei um die Gefahr für mein Leben handelt, – diesem Complott aber liegt eine größere Gefahr zu Grunde. Mein Tod ist nur ein Theil des Plans, den man hier verfolgt, und so abenteuerlich und thöricht diese Absicht der Zerstörung der Tuilerien und der öffentlichen Gebäude im ersten Augenblick erscheinen mag, so liegt darin doch eine tiefe Kenntniß der so scharf concentrirten Zustände. Würde der Streich gelungen sein, so gehörte ganz Frankreich dem Aufstande. Und,« sprach er dumpf, vor sich hin starrend, »bin ich denn schon sicher, daß er nicht gelingen wird, bin ich sicher, daß was heute verhindert ist, sich nicht morgen wiederholen kann.«

Er blickte lange auf die Photographie, welche er in seiner Hand hielt und prüfte genau mit scharfem forschendem Blick die Züge des Bildes.

»Dieser Mensch,« sagte er dann, »ist kein Fanatiker, – das ist kein exaltirter Kopf, der aus überspannten Theorien in dem Gedanken sich für eine große Idee zu opfern, zum Mörder wird, – dies Gesicht ist gemein und gleichgültig. Dieser Mensch ist einfach ein Werkzeug – und wenn er unschädlich gemacht wird, kann man Werkzeuge wie ihn überall wiederfinden, – und man wird sie wiederfinden, wenn dieser Zustand dumpfer Gährung weiter besteht, wenn die allgemeine Unzufriedenheit, wenn das allgemeine Gefühl der Erniedrigung Frankreichs, das in der That in diesem Augenblick die öffentliche Stimmung beherrscht, den tollkühnen Unternehmungen der Verschwörer zu Hülfe kommt. Haben nicht vielleicht Diejenigen doch Recht,« sagte er in tiefem Gedanken, »welche mir rathen, durch eine militairische Aktion das Gefühl der Nation wieder mit dem Kaiserthum zu verbinden.«

Er warf die Photographie auf den Tisch und ging die Hände auf den Rücken gelegt, den Kopf tief auf die Brust gesenkt mehrere Male langsam im Zimmer auf und nieder.

»Eine glänzende Action,« sagte er dann – »ja – aber wenn sie nicht glänzend wäre – wenn das launenhafte Glück nicht über meinen Fahnen schwebte – was dann? Dann würde all das Unheil, welches jetzt unter der Oberfläche glimmt, in hellen Flammen emporlodern, und diese Flammen würden über den Trümmern meines Gebäudes zusammenschlagen – warum aber soll das Glück sich von mir wenden?« rief er dann stehen bleibend und den aufleuchtenden Blick seines großen geöffneten Auges auf eine Marmorbüste Cäsars richtend, welche auf schwarzem Fuß in der Nähe seines Schreibtisches stand. »War es mir doch bisher günstig wie jenem Römer, dem Vorbild meines Hauses, der zwar unter den Dolchen der Verschwörer fiel, auf dessen Thaten aber sich der glänzende Thron des Augustus erbaute, – warum vermag ich nicht mehr an mein Glück zu glauben – wenn dieses Plebiscit günstig ausfällt, so steht ja wieder der Wille der ganzen Nation hinter mir, und auf diese neue Kraft gestützt, sollte ich es wohl wagen können, dem Glück zu gebieten, denn das Glück beugt sich dem kühnen Muth und dem festen Entschluß, – aber wenn das Plebiscit ungünstig ausfällt,« sprach er, wieder in sich zusammensinkend, mit dumpfem traurigem Ton. »Doch nein,« rief er dann, »nein, das ist unmöglich, Alles ist gut vorbereitet, und die ersten Nachrichten über den Erfolg der Abstimmungen lauten überraschend günstig.«

Er trat an den Tisch und durchblätterte die auf demselben liegenden Telegramme. Dann nahm er einen Bleistift, schrieb einige Zahlen ab und addirte dieselben.

»Paris,« sagte er, »Marseille, Toulouse, Bordeaux, die schlimmsten Städte haben abgestimmt, und dennoch ergiebt sich nach den vorliegenden Nachrichten bereits eine Summe von einer Million 400,000 Stimmen für »Ja« und nur 200,000 für »Nein.« Wenn es so weiter geht, so ist der Sieg gewiß.«

Der Dienst thuende Kammerdiener meldete den Großsiegelbewahrer.

»Er ist willkommen,« rief der Kaiser lebhaft und ging rasch nach der Thür hin, durch welche Herr Ollivier lächelnd und freudig bewegt eintrat. Er ergriff mit tiefer Verneigung die dargebotene Hand des Kaisers, zog dann einige Telegramme aus seiner Tasche und rief, ohne die Anrede seines Souverains abzuwarten:

»Alles geht vortrefflich, Sire, bis heute morgen war das Resultat von hundertundsechzig Wahlbezirken bekannt. Die Zahl der eingetriebenen Wähler betrug 3,671,400 davon haben 2,614,000 mit Ja gestimmt und 432,000 mit Nein. So eben,« fuhr er fort, »habe ich dieses zweite Telegramm erhalten, nach welchem nunmehr bis auf sechsundzwanzig Wahlbezirke die Resultate sämmtlich bekannt sind. Für Ja stimmten hiernach 6,399,000, mit Nein 1,349,000. Die Stimmen der Armee und der Marine und der Bevölkerung von Algier sind hierbei noch nicht mitgerechnet; da die Gesammtzahl der Stimmenden ungefähr auf acht bis zehn Millionen anzuschlagen ist, so ist eine colossale Majorität bereits gesichert.«

Der Kaiser athmete tief auf und drückte noch einmal herzlich die Hand seines Ministers.

»Das Glück steht mir noch zur Seite,« sagte er halblaut, mehr seinem frühern Gedankengang folgend, als zu Herrn Ollivier sprechend. »Dies glänzende Resultat,« sagte er dann mit unendlich liebenswürdiger Verbindlichkeit, »habe ich zum großen Theil meinen Ministern und Ihnen ins Besondere, mein lieber Herr Ollivier, zu verdanken, da Sie es verstanden haben, die Sympathien des ganzen Volkes um die kaiserliche Regierung zu vereinigen, und vielleicht war dieses unglückliche traurige Complott, das man entdeckt hat, ebenfalls eine glückliche Fügung, da gerade dadurch dem ganzen Lande klar geworden ist, von welchen Gefahren die Ordnung des Staats und der Gesellschaft bedroht wird, von Gefahren, gegen welche nur ein freisinniges und kraftvolles kaiserliches Regiment Schutz und Rettung bieten kann. Seien Sie überzeugt, daß ich die Dienste, welche Sie dem Lande, mir und meinem Hause geleistet haben, niemals vergessen werde.«

Herr Ollivier verneigte sich mit zufriedenem Lächeln.

»Eure Majestät haben ganz mit Recht bemerkt,« sagte er dann, »daß das verbrecherische Complott, welches die Wachsamkeit der Polizei vor einigen Tagen entdeckt, sehr günstig auf die Theilnahme der gut gesinnten Bevölkerung auf die Abstimmungen gewirkt hat, – dessen ungeachtet« fuhr er fort, »bleibt die Sache sehr zu beklagen, denn Alles, was man bis jetzt ermittelt hat, zeigt deutlich, daß man es hier mit einem tief angelegten Plan unversöhnlicher Verschwörer zu thun hat, und ich bitte Eure Majestät zu genehmigen, daß nicht wie in frühern ähnlichen Fällen die Angelegenheit mit der Ihnen persönlich so nahe liegenden Milde behandelt, sondern daß hier mit der äußersten Strenge vorgegangen werde, um ein für allemal ernstlich und nachdrücklich von ähnlichen Unternehmungen abzuschrecken.

»Es widerstrebt mir,« sagte der Kaiser mit einem sanften weichen Ausdruck, »Unternehmungen, welche gegen meine Person und mein Leben gerichtet sind, mit äußerster Strenge zu verfolgen. Nach meinem Gefühl möchte ich Wahnsinnige, die derartiges versuchen, am liebsten völlig ungestraft lassen, und das um so mehr in einem Augenblick, in welchem mir das ganze Volk auf eine so glänzende Weise sein Vertrauen bezeigt. Doch,« fuhr er ernster fort, »es handelt sich hier nicht allein um mich, man hat nicht nur mich bedroht, sondern zugleich die Sicherheit des ganzen Staatsgebäudes, wie ich dasselbe unter Mitwirkung der besten Kräfte des Landes und der Acclamation des ganzen Volkes errichtet habe; hier darf keine Milde walten! Was hat man weiter entdeckt,« fuhr er fort. »Ich bin sehr gespannt auf die Ermittelung des Zusammenhangs der Verschwörung.«

»Der Polizeipräfect befindet sich in Eurer Majestät Vorzimmer,« erwiderte Herr Ollivier, »und wenn Sie es erlauben, kann er hier sogleich seinen Bericht erstatten, und Eure Majestät können die Maßregeln genehmigen, welche ich zur gerichtlichen Verfolgung der Verbrecher und zum Schutz der öffentlichen Sicherheit vorschlagen möchte.«

Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf.

Herr Ollivier ging hinaus und kehrte nach wenigen Augenblicken mit dem Polizeipräfecten Pietri zurück, dessen bleiches, scharfes Gesicht unbeweglich und kalt wie immer war und dessen scharfe Augen fast noch stechender als gewöhnlich unter dem tiefen Schatten der vorspringenden Stirn hervorblickten.

Auf den Wink des Kaisers nahmen der Justizminister und der Polizeipräfect neben dem Schreibtisch Platz, während Napoleon sich in seinen Lehnstuhl niedersinken ließ, – den Ellenbogen auf das Knie gestützt blickte er Herrn Pietri fragend und erwartungsvoll an.

»Eurer Majestät,« begann dieser, indem er eine kleine Mappe öffnete und mehrere Papiere aus derselben hervorzog, »erlaube ich mir mitzutheilen, daß der frühere Corporal Beaury in seiner Wohnung in der Rue St. Maur, die er nach seiner Ankunft aus London bezogen hatte, verhaftet wurde. Man hat bei ihm einen Dolch und einen Revolver, eine Summe von etwas über dreihundert Francs gefunden, zugleich aber auch vor allen Dingen Briefe von Gustav Flourens aus London, welche zweifellos beweisen, daß Beaury den Auftrag erhalten und angenommen hatte, Eure Majestät durch die Bomben zu tödten, von denen ich Ihnen bereits eine Probe zu überreichen die Ehre gehabt habe.«

»Die Sprengbomben sind vortrefflich construirt,« sagte der Kaiser – »ich würde ihrer Wirkung nicht entgangen sein,« fügte er lächelnd hinzu.

»Die Briefe von Flourens,« fuhr Pietri fort, »welche ich Eurer Majestät hier vorzulegen die Ehre habe« – er legte mehrere beschmutzte Papiere auf den Tisch vor dem Kaiser nieder, beweisen aber zugleich, daß es sich nicht nur um ein Attentat gegen Allerhöchst Ihre Person handelte, sondern daß zu gleicher Zeit die Tuilerien und die sämmtlichen öffentlichen Gebäude, in welchen die leitenden Organe der öffentlichen Regierung ihren Sitz haben, zerstört werden sollten. Man hat auf die Aussage Beaury's gestützt, welcher sogleich nach seiner Verhaftung umfassende Geständnisse ablegte, Nachforschungen gehalten und bei einem Kunsttischler Roussel, dessen die Agenten leider bis jetzt noch nicht habhaft geworden sind, eine weitere größere Anzahl von Bomben, Massen von Nitroglycerin, so wie bedeutende Quantitäten Petroleum gefunden; auch steht nach den Aussagen Beaury's die Theilnahme der Internationale an der ganzen Verschwörung außer Zweifel, was zugleich beweist, daß diese Verbindung, welche sich nur mit der Erörterung socialer Fragen und mit der Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes zu beschäftigen vorgiebt, die eigentliche Triebfeder aller Attentate gegen die bestehende Staatsordnung ist.«

»Haben Sie alle diese Beweisstücke da,« fragte der Kaiser.

»Zu Befehl, Majestät,« erwiderte Pietri, indem er mehrere Briefe und Protokolle dem Kaiser überreichte.

Dieser legte sie auf seinen Tisch.

»Ich werde das Alles später prüfen,« sagte er. »Es ist eine schmerzliche Erfahrung für mich,« fuhr er fort, »daß gerade diese internationale Arbeiterassociation, welcher ich, so weit sie sich mit dem Interesse der Arbeiter beschäftigte, stets wo das mit den Gesetzen vereinbar war, mein Wohlwollen bewiesen, und meinen Schutz gewährt habe, sich jetzt zu solchen Zwecken mißbrauchen läßt.«

»Ich habe Eure Majestät stets darauf aufmerksam gemacht,« sagte Pietri, »daß diese Organisation selbst unter ihren früheren gemäßigten, so zu sagen philosophischen Führern eine große Gefahr für den Staat und die Gesellschaft in sich schloß, und daß es nothwendig sei, mit der äußersten Strenge gegen dieselbe vorzugehen, um sie und ihren weit verzweigten Einfluß zu zerstören. Nachdem nun ihre gefährlichen und verbrecherischen Ziele so klar an's Tageslicht getreten sind, möchte ich Eure Majestät um die Erlaubniß bitten, die ganze Internationale mit einem Schlage zu zertrümmern, und in allen Städten Frankreichs ihre Führer, die mir sehr wohl bekannt sind, verhaften zu lassen.«

Der Kaiser dachte einen Augenblick nach.

»Ich erkenne die Nothwendigkeit energischer Maßregeln vollkommen an,« sagte er, »doch weiß ich nicht, ob die Verhaftung der Führer von einigem Nutzen sein wird. So weit mir aus früheren Berichten die Organisation jener Gesellschaft bekannt ist, hat jeder Führer einen Substitut, und die Verhaftung der ersten Leiter würde also für die Unterdrückung der Sache selbst nicht viel nützen, außerdem gehört dieser Internationale eine Menge von Arbeitern an, die im Grunde gut gesinnt sind und die verbrecherischen Absichten der Häupter weder kennen, noch billigen. Ich glaube deshalb, daß es klug wäre, den Maßregeln, welche gegen die Internationale getroffen werden müssen, jeden polizeilichen Character zu nehmen und sie lediglich als die Folgen richterlichen Verfahrens erscheinen zu lassen.«

Er richtete den Blick fragend auf Herrn Ollivier.

»Ich theile vollkommen die Ansicht Eurer Majestät,« sagte dieser. »Und es sind in diesem Sinne alle Einleitungen getroffen, der Generalprocurator Grandperret soll einen Bericht an mich erstatten, welcher das Complott in seinem ganzen Zusammenhange darstellt und die Einberufung des hohen Gerichtshofes beantragt. Ich werde diesen Bericht des Generalprocurators, der bereits morgen in meinen Händen sein soll, Eurer Majestät überreichen und zugleich den Entwurf eines Decrets beilegen, welcher die Einberufung des hohen Gerichtshofes anordnet. Sobald das geschehen, werden alle Verhaftungen, welche auf Grund der von dem Generalprocurator Grandperret anzustellenden Anklageacte vorgenommen werden müssen, gerichtliche und nicht mehr polizeiliche Maßregeln sein.«

»Sehr gut,« sagte der Kaiser, »ich erwarte Ihren Bericht, mein lieber Herr Ollivier, und ich hoffe,« fügte er sich zu Pietri wendend hinzu, »daß Ihre Agenten geschickt genug sein werden, um keinen der Schuldigen entwischen zu lassen.«

»Eure Majestät können überzeugt sein,« erwiderte der Polizeipräfect, »daß in meinem Ressort geschehen wird, was nur irgend zu thun möglich ist, dennoch aber möchte ich bitten, einige Personen welche ich dem Herrn Generalprocurator bezeichnen werde, von der Verhaftung auszuschließen. Es sind die Personen welche wir genau zu überwachen in der Lage sind, und durch welche wir in Folge dieser Überwachung fortwährend Kunde von den Fäden erhalten, durch welche die revolutionaire Bewegung im ganzen Lande geleitet wird. Würden diese Personen verhaftet werden, so würde uns sich eine Quelle sehr wichtiger Nachrichten verschließen, und wir würden gezwungen sein, viele Zeit aufzuwenden, um neue Netze zu knüpfen.«

Der Kaiser lächelte.

»Ich verstehe,« sagte er – »nicht wahr, mein lieber Herr Ollivier, Sie finden den Wunsch des Herrn Pietri gerechtfertigt –«

»So fern dadurch,« sagte der Justizminister, »der gerichtlichen Verfolgung keine Beweise entzogen werden.«

»Sie können sicher sein,« sagte Herr Pietri, »daß diejenigen Personen, um welche es sich handelt, – und zu denen in erster Linie der eitle Schwätzer Raoul Rigault gehört, so vollständig umstellt sind, daß keine ihrer Bewegungen, keines ihrer Worte uns entgeht, und daß ihre Verhaftung, wenn sie jemals nothwendig werden sollte, jeden Augenblick stattfinden kann. Es ist aber eine alte Regel der polizeilichen Praxis,« fügte er hinzu, »in großen und besonders bedeutungsvollen Fällen immer einige der betreffenden Personen in scheinbarer Freiheit zu lassen, um, wenn es nöthig ist, durch sie das herstellen zu können, was man mit dem technischen Ausdruck eine »Mausefalle« nennt. Hat man einmal alle Personen, von denen man irgend etwas weiß, im Gefängniß eingeschlossen, so ist es kaum möglich, irgend etwas Weiteres und Neues zu erfahren.«

»Ich bitte Sie also,« sagte Herr Ollivier, »sich mit dem Generalprocurator Grandperret über diesen Punkt zu verständigen.«

»Der Herr Marschall Kriegsminister,« meldete der Kammerdiener.

»Ich bitte den Marschall einzutreten,« erwiderte der Kaiser.

Der Marschall Leboeuf trat in das Cabinet, die militairische Haltung seiner großen vollen Gestalt, der martialische Ausdruck seines starken Gesichts mit dem großen, dichten Schnurrbart ließen in ihm trotz des Civilüberrocks, den er trug, den Soldaten erkennen.

»Nun, mein lieber Marschall,« rief ihm der Kaiser entgegen. »Sie bringen das Resultat der Abstimmungen der Armee.«

»Zu Befehl, Majestät,« erwiderte der Marschall. »Leider aber habe ich Eurer Majestät mitzutheilen, daß nach den Mittheilungen, welche nunmehr beinahe abgeschlossen sind dreißigtausend Ihrer Soldaten mit »Nein« gestimmt haben.«

Der Kaiser ließ einen Augenblick das Haupt auf die Brust sinken, ein trüber, trauriger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht.

»So großen Einfluß,« sagte er, »haben die Feinde meiner Regierung also auch in den Reihen meiner Armee gewonnen, daß dreißigtausend kaiserliche Soldaten es wagen, ein Mißtrauensvotum gegen mich auszusprechen.«

»Ich habe Eure Majestät,« sagte Herr Pietri, »bereits seit lange darauf aufmerksam gemacht, daß es vom polizeilichen Gesichtspunkt aus nicht zweckmäßig sei, die Soldaten so lange, wie das jetzt geschehen ist, oft über drei Jahre lang in denselben Garnisonen zu lassen, sie fraternisiren dadurch zu sehr mit der Bevölkerung, und es sind gerade die revolutionairen Elemente, welche in kluger Berechnung und mit großem Geschick stets danach streben, in den Reihen der Armee Propaganda zu machen, – wenn Eure Majestät Ihre Regimenter öfter die Garnisonen wechseln ließen, so würde so etwas nicht vorkommen.«

»Wir wollen darüber nachdenken,« sagte der Kaiser, sich zum Marschall Leboeuf wendend. »Wo sind denn besonders Stimmen mit Nein abgegeben worden,« fragte er, augenscheinlich noch immer sehr peinlich durch die Mittheilung des Marschalls berührt.

»Vor allen Dingen hier in Paris,« erwiderte der Marschall Leboeuf, »bei dem siebenzehnten Jägerbataillon und dem siebenzehnten Linienregiment. – In der Kaserne Prinz Eugene,« fuhr er fort, »hatte sich, wie man mir meldete, die Garnison bei der Abstimmung in zwei, fast ganz gleiche Theile gespalten. Ich bin selbst dorthin gegangen, habe die Truppen antreten lassen und eine Ansprache an sie gehalten, in welcher ich ihnen auseinandersetzte, daß gerade in diesem Augenblick, in welchem die Revolution es versucht habe, die bestehende Staatsordnung umzustürzen, die feste Treue der Armee gegen den Kaiser eine hohe patriotische Pflicht sei.«

»Und,« fragte der Kaiser.

»Ein einstimmiges, laut schallendes Vive l'Empereur war die Antwort,« erwiderte der Marschall. »Ich glaube,« fuhr er fort, »daß bei dem negativen Votum der einzelnen Soldaten mehr der Reiz maßgebend gewesen ist, einmal ungestraft und unbeengt durch Disciplinarvorschriften ein wenig Opposition machen können. Ich glaube aber nicht, daß diese Opposition gefährlich ist, und daß irgend ein Theil der Armee es an Energie in der Bekämpfung der Revolution fehlen lassen würde, wenn es jemals dazu käme.«

Der Kaiser dachte einen Augenblick nach.

»Der Faubourg du Temple ist unruhig, wie Sie mir heute gemeldet haben,« sagte er zu Pietri gewendet.

»Zu Befehl, Majestät,« erwiderte dieser. »Es finden dort Zusammenrottungen statt. Bis jetzt ist noch nichts Ernstes geschehen, als daß einige Laternen umgeworfen wurden, indessen ist zu besorgen, daß mit dem Eintritt der Dunkelheit dort ernstere Unruhen stattfinden möchten, und meine Agenten haben mir bereits berichtet, daß Vorbereitungen zum Barrikadenbau getroffen wurden.«

»Commandiren Sie, mein lieber Marschall, das siebenzehnte Jägerbataillon und das siebente Linienregiment heute Abend nach dem Faubourg du Temple, um gegen die Ruhestörungen, welche man dort versuchen möchte, einzuschreiten. Ich will den Truppen zeigen, daß ich ihr Recht des freien Votums achte, und das mein Vertrauen in die Erfüllung ihrer Dienstpflicht durch den Gebrauch ihres Stimmrechts auch gegen mich nicht erschüttert werden kann. Nun aber,« fuhr er fort, indem er sich in einer kräftigeren Bewegung als sonst erhob und den Blick stolz und frei über die in seinem Cabinet befindlichen Personen gleiten ließ, »ist es nothwendig, zu der Verfolgung der Verschwörer durch die Gerichte Maßregeln zu treffen, um den Staat gegen alle Attentate zu schützen, welche vielleicht dennoch von denen versucht werden könnten, die sich bisher der Wachsamkeit der Behörden zu entziehen wußten. Lassen Sie, mein lieber Marschall,« sprach er im festen Ton des Befehls, der keine Erörterung und keinen Widerspruch duldet, »die Truppen sämmtlich in den Kasernen consigniren, die Truppen sollen scharfe Patronen erhalten und jeden Augenblick marschbereit sein. Commandiren Sie ferner nach allen öffentlichen Gebäuden wenigstens zwei Bataillone, welche vor Allem den Befehl erhalten müssen, jeden Eintritt unbekannter Personen zurückzuweisen und die Keller und Souterrainräume zu überwachen. Sodann,« fuhr er fort, »sollen die Voltigeurs der Garde sämmtlich in die Gallerien commandirt werden, welche den Pavillon des kaiserlichen Prinzen mit dem Neubau vereinigen. Ich werde dem General Frossard den Befehl schicken, daß der Prinz seine Wohnung nicht verläßt, man könnte seinen Wagen für den Meinigen halten, und er könnte das Opfer eines gegen mich gerichteten Attentats werden. Das darf nicht geschehen, denn auf seinem Leben beruht die Zukunft Frankreichs. Jeder Unruhe,« fuhr er immer in demselben festen Ton fort, »welche heute Abend in den Straßen von Paris stattfinden könnte, soll sofort mit scharfer Waffe und ohne jede Schonung entgegen getreten werden. Die Corpsführer sind mir verantwortlich dafür, daß keine Barricade länger als eine halbe Stunde stehen bleibt, – vor Allem,« fügte er noch hinzu, »sollen starke Posten in das Erdgeschoß des Pavillons des kaiserlichen Prinzen gelegt werden und Niemand dort zugelassen werden, der sich nicht durch seinen Dienst oder durch einen besonderen Erlaubnißschein legitimiren kann. Außerdem werden Sie, mein lieber Pietri,« sagte er, sich an den Polizeipräfecten wendend, »den Pavillon des Prinzen ringsum mit Ihren zuverlässigen Agenten umgeben lassen, mit dem bestimmten Befehl, Niemand die Annäherung an denselben zu gestatten.«

Herr Ollivier sah ganz erstaunt den Kaiser an, der Ton desselben, welcher an die Zeit des unumschränkten persönlichen Regiments erinnerte, schien ihn zu befremden.

»Und welche Sicherheitsmaßregeln befehlen Eure Majestät,« sagte Herr Pietri, »für den Pavillon de l'Horloge, – für Eurer Majestät eigene Wohnung?«

»Keine,« sagte der Kaiser stolz lächelnd, »ich habe die Pflicht, für die Sicherheit des Staates und des Erben meines Thrones zu sorgen. Was mich betrifft, – ich vertraue meinem Stern! – Gehen Sie, meine Herren,« sagte er mit freundlicher Würde und Hoheit, »und sorgen Sie für die pünktliche Ausführung meiner Befehle. Sie, mein lieber Ollivier, bitte ich, noch zu bleiben, ich habe noch weiter mit Ihnen zu sprechen.«

Der Marschall Leboeuf und Herr Pietri zogen sich zurück.

»Sie wissen,« sagte der Kaiser, als er mit dem Großsiegelbewahrer allein war, »daß die Kaiserin nach der Verfassung des Reichs zur Regentin bestimmt ist, für den Fall meiner Abwesenheit oder meines Todes während der Minderjährigkeit des Prinzen. Dieser Beaury ist gefangen,« fuhr er fort, »aber man könnte einen Zweiten und einen Dritten absenden, und irgend ein plötzliches Ereigniß könnte meinem Leben ein Ende machen.«

»Sire,« rief Ollivier, die Hand auf die Brust legend, »die Vorsehung wird verhüten –«

»Ich hoffe das,« sagte der Kaiser kalt und ruhig, »indessen muß ich für den Fall eines verhängnißvollen Ereignisses meine Bestimmung treffen, als ob es sich um eine dritte Person handelte. Sollte ich,« fuhr er fort, »das Opfer eines Dolches, eines Revolvers oder einer Bombe werden, so werden Sie unverzüglich die ganze Garnison von Paris unter die Waffen treten lassen, meinen Sohn zum Kaiser proclamiren und die Truppen ihm und der Regentin den Eid der Treue schwören lassen. Sie werden jeden Versuch einer Bewegung in der Hauptstadt mit rücksichtsloser Strenge niederwerfen und die Regierung genau so fortführen, als ob sich Nichts geändert habe – Nichts,« fügte er mit einem Anklang leiser Wehmuth hinzu, »als daß neben dem Namen des Kaisers eine IV statt einer III steht. Versprechen Sie mir das, geben Sie mir Ihr Wort darauf.«

Er streckte Ollivier mit einer Bewegung voll Hoheit und liebenswürdiger Herzlichkeit zugleich die Hand hin.

»Ich schwöre es Eurer Majestät,« rief Ollivier mit einer von innerer Bewegung erstickten Stimme, indem er seine Hand in die des Kaisers legte.

»So haben wir Vorsorge getroffen,« sprach Napoleon im ruhigen, heiteren Ton weiter, »für den Fall eines unglücklichen Verhängnisses, jetzt lassen Sie uns an die Gegenwart und ihre Forderungen herantreten. Nachdem das Plebiscit dem Kaiserreich von Neuem die feste Grundlage des Nationalwillens gesichert hat, müssen wir darauf denken, die Regierung, selbst wenn sie sich in einem provisorischen Stadium befindet, wieder zu consolidiren. Das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten vor allen Dingen, welches Sie seit dem Rücktritt des Grafen Daru mit so großer Opferbereitwilligkeit neben der Last aller Ihrer übrigen Arbeiten geführt haben, muß, wie es mir scheint, definitiv besetzt werden.«

Herr Ollivier schien durch diese Bemerkung des Kaisers nicht besonders angenehm berührt zu werden.

»Es ist mir eine Freude gewesen, meine Arbeitskraft auch in diesem erhöhten Maße dem Dienste Eurer Majestät zu widmen. Und bis zu diesem Augenblick,« fügte er mit einem gewissen selbstbewußten Lächeln hinzu, »ist mir diese Last nicht zu schwer geworden. Nicht, um mich den vermehrten Arbeiten zu entziehen, möchte ich Eure Majestät zur Besetzung des auswärtigen Portefeuille drängen.«

»Ich weiß, mein lieber Minister,« sagte der Kaiser verbindlich, »daß Sie keine Mühe scheuen, und daß Ihre eminente Kraft auch die schwerste Last leicht zu ertragen im Stande ist. Indessen wird die gesammte politische Leitung der Regierung Sie in der nächsten Zeit, in welcher alles jetzt Geschaffene befestigt werden muß, so sehr in Anspruch nehmen, daß ich nicht die Detailarbeiten Ihnen auch noch aufbürden möchte. Es kommt darauf an,« fuhr er fort, »einen Minister der auswärtigen Angelegenheiten zu finden, welcher die für den internationalen Verkehr erforderliche Geschmeidigkeit mit dem festen Willen und der Kraft vereint, die Würde und die Interessen Frankreichs nach außen hin energisch zu vertreten, und welcher zugleich mit den Grundsätzen, nach welchen Sie zu meiner großen Freude meine Regierung führen, völlig übereinstimmt. Ich habe geglaubt, daß Drouyn de L'huys, welcher bereits mehrere Male die auswärtige Politik Frankreichs geführt hat, im wesentlichen die erforderlichen Eigenschaften besitzt, es würde nur darauf ankommen, ob Sie glauben, mit demselben in inniger und aufrichtiger Übereinstimmung zusammen arbeiten zu können.«

Herr Ollivier schien noch immer unter dem Eindruck einer gewissen Verstimmung sich zu befinden.

»Ich achte Herrn Drouyn de L'huys hoch,« sagte er mit einiger Zurückhaltung, »er ist ein Mann von großer und ausgedehnter Erfahrung, von tiefen Kenntnissen und großer Charakterfestigkeit. Freilich,« fuhr er fort, »sagt man, daß diese Charakterfestigkeit zuweilen ein wenig die Grenzen des Eigensinns streifen soll, –«

»Man hat nicht ganz Unrecht,« fiel Napoleon, leicht das Haupt neigend, ein. »Indeß glaube ich, daß es Ihnen bei Ihrer Gewandtheit, Andere zu überzeugen, nicht schwer werden würde« –

Die Flügel der Thür des kaiserlichen Cabinets wurden geöffnet. Der Huissier meldete die Kaiserin.

Unmittelbar darauf trat Ihre Majestät schnell ein, ihre Hand leicht auf den Arm des kaiserlichen Prinzen gelegt. Das schöne Gesicht der Kaiserin leuchtete vor freudiger, innerer Erregung, ihre Augen strahlten, ein triumphirendes Lächeln lag auf ihren Lippen, hoch und stolz trug sie das Haupt auf dem wunderbar schönen, schlanken Halse.

Der kaiserliche Prinz war damals vierzehn Jahre alt, seine Gestalt war schlank und schmächtig, seine Haltung elegant und sicher, sein bleiches Gesicht mit dem dichten, dunkel glänzenden Haar, schien älter als seine Jahre, frühzeitige körperliche Leiden hatten ihm einen gewissen Ausdruck von fast melancholischer Weichheit gegeben. Seine Stirn zeigte eine auffallende Ähnlichkeit mit derjenigen des Kaisers, während der untere Theil des Gesichts, die Nase und der Mund lebhaft an seine Mutter erinnerten. Seine dunklen, sinnigen Augen blickten aufmerksam forschend, es lag in denselben neben einer gewissen, kindlichen, wohlwollenden Offenheit, doch auch ein gewisses prüfendes Mißtrauen.

Der Prinz trug einen einfachen schwarzen Civilanzug und küßte, nachdem die Kaiserin den Kaiser begrüßt, mit liebevoller Ehrerbietung die Hand seines Vaters.

»Ich komme mit unserm Louis,« rief die Kaiserin, »um die Erste zu sein, welche Ihnen zu dem so glänzenden Ausfall des Plebiscits von ganzem Herzen Glück wünscht, und zugleich,« sagte sie, mit anmuthiger Bewegung sich zu Ollivier wendend, »dem geistvollen und treuen Rathgeber, dessen eifriger Thätigkeit wir vor allen Dingen dieses glückliche Resultat zu verdanken haben, auch meinen herzlichsten und aufrichtigsten Dank zu sagen.«

Sie reichte Ollivier ihre Hand, auf welche dieser seine Lippen drückte.

»Es scheint,« sagte der Kaiser, »als ob gerade in diesem Augenblick, in welchem das Glück uns lächelt, die finsteren Dämonen der Revolution von Neuem ihr Haupt erheben, hoffentlich zum letzten Mal. Ich habe,« fuhr er fort, »soeben, obgleich mir das gerade in diesem Augenblick mehr als je widerstrebt, die Befehle zur energischen Verfolgung der Schuldigen gegeben und zugleich zum Schutz des Staats und der Dynastie die Voltigeurs der Garde in den Pavillon des Prinzen gelegt. Und Du, mein lieber Louis,« sagte er, leicht mit der Hand über das Haar seines Sohnes streichend, »wirst in den nächsten Tagen Dir gefallen lassen müssen, die Tuilerien nicht zu verlassen, so lange wenigstens, bis das Complott in allen seinen Verzweigungen entdeckt und unschädlich gemacht sein wird.«

»Oh, Papa,« rief der junge Prinz mit blitzenden Augen, »ich fürchte mich nicht, mögen sie nur kommen, ich werde mich zu vertheidigen wissen, und« fügte er hinzu, den glänzenden Blick aufwärts gerichtet, »Gott wird nicht erlauben, daß die ruchlosen Pläne dieser Verschwörer gelingen.«

»Ich bin überzeugt, daß Du Dich nicht fürchtest, mein Sohn,« sagte der Kaiser, indem er seinen Blick voll stolzer Freude auf dem Prinzen ruhen ließ – »Du würdest sonst nicht im Stande sein, Frankreich zu beherrschen, aber Dein Leben gehört der Zukunft Deines Landes, Du darfst es wohl in der Schlacht für die Ehre und den Ruhm Frankreichs einsetzen, aber es soll nicht die Beute heimtückischer Meuchelmörder werden. Wo ist der General Frossard?« fragte er.

»Der General hat den Prinzen hierher begleitet,« erwiderte die Kaiserin, »er befindet sich im Vorzimmer.«

Napoleon öffnete selbst die Thür seines Cabinets und rief den General. Dieser, ein Mann von etwa fünfzig Jahren mit einem länglichen, ernst und streng blickenden Gesicht trat ein und erwartete schweigend die Befehle des Kaisers.

»Mein lieber General,« sagte Napoleon, »ich bitte Sie, dafür Sorge zu tragen, daß der Prinz bis auf weitere Befehle sein Zimmer nicht verläßt, und daß er keine Audienzen ertheilt, welche ich nicht vorher genehmigt habe. Gehe mit dem General, mein Sohn,« fuhr er fort, dem Prinzen freundlich auf die Schulter klopfend, »und beschäftige Dich ein wenig mit Deinen Studien, ich werde später zu Dir kommen und ein wenig sehen, was Du treibst.«

Der Prinz zögerte einen Augenblick, ein leichter Anflug von Unmuth erschien auf seinem Gesicht, er küßte die Hand seines Vaters, umarmte zärtlich die Kaiserin und verließ, vom General Frossard gefolgt, das Cabinet.

»Ich habe soeben einen Brief von Gramont erhalten,« sagte die Kaiserin – »er sendet uns seine aufrichtigsten Wünsche für den glücklichen Ausfall des Plebiscits und ist entzückt über die ersten Nachrichten, welche der Telegraph nach Wien gebracht hat, und welche bereits erwarten lassen, was sich inzwischen vollzogen hat. Ich würde Dir den Brief vorlesen,« sagte sie mit einem lächelnden Seitenblick auf Ollivier, »wenn ich nicht fürchten müßte, den Herrn Großsiegelbewahrer in Verlegenheit zu setzen. Der Herzog ist in der That einer seiner glühendsten Bewunderer, er preist Frankreich und das Kaiserreich glücklich, einen solchen Mann zu den ihrigen zu zählen.

Es ist nur zu bedauern,« fügte sie mit einem leichten Seufzer hinzu, »daß der Herzog so fern von hier auf entlegenem Posten in Wien sich befindet, er wäre ein vortrefflicher Bundesgenosse des Herrn Ollivier, er würde keinen anderen Ehrgeiz haben, als dessen Leitung zu folgen und mit seinem Eifer und seiner Energie die Ideen auszuführen, an denen dieser so reich und so fruchtbar ist,« sagte sie, mit einem reizenden Lächeln sich gegen den Justizminister verbeugend, der einen schnellen, forschenden Blick auf den Kaiser richtete.

Napoleon hatte den Kopf ein wenig niedergesenkt, sein verschleierter Blick richtete sich ausdruckslos zu Boden.

»Euer Majestät hatten so eben die Gnade,« sagte Ollivier, indem er sich halb zur Kaiserin wendete, »mit mir über die Besetzung des auswärtigen Ministeriums zu sprechen und den Namen des Herrn Drouyn de L'huys zu nennen« – ein finsterer Schatten flog einen Augenblick über die Züge der Kaiserin, aber unmittelbar nahmen dieselben wieder ihren ruhig lächelnden, fast gleichgültigen Ausdruck an.

»Drouyn de L'huys,« sagte sie, »würde reiche Erfahrungen für diesen Posten mitbringen, – er ist ja auch, so weit ich davon gehört habe, im Ganzen vollkommen einverstanden mit der gegenwärtigen Richtung der Regierung. Ich bedaure nur Herrn Ollivier,« fügte sie in heiterem Tone hinzu, »er wird ein wenig Mühe haben, mit Herrn Drouyn de L'huys fertig zu werden, derselbe hält viel auf seinen eigenen Willen. Aber,« sagte sie, »es wird ja am Ende nicht schwer sein, sich ihm zu accommodiren, er ist ein Mann von vielem Geist und so viel älter als Herr Ollivier –«

Sie schwieg abbrechend.

Der Justizminister schien einen Augenblick mit seinen Gedanken beschäftigt, dann wandte er sich, wie einem schnellen Entschluß folgend, zum Kaiser und sagte:

»Ich habe Eure Majestät, vorhin die Meinung ausgesprochen, welche ich über Herrn Drouyn de L'huys hege. Ich kann indeß eine Bemerkung nicht unterdrücken, welche ein wenig gegen die Übertragung des auswärtigen Ministeriums an ihn sprechen möchte. Herr Drouyn de L'huys gilt in Folge der Verhältnisse, unter denen er das Portefeuille im Jahre 1866 abgegeben, für einen großen Gegner Preußens und für einen Fürsprecher kriegerischer Unternehmungen.«

»Drouyn de L'huys will durchaus den Frieden aufrecht erhalten wissen,« sagte der Kaiser schnell.

Der Blick der Kaiserin flammte auf, sie machte eine leichte Wendung und führte einen Augenblick ihr Taschentuch an die Lippen.

»Ich glaube, daß Herr Drouyn de L'huys den Frieden will,« erwiderte Ollivier, »indessen die Welt und namentlich das Ausland glaubt einmal das Gegentheil von ihm, es wäre vielleicht zu befürchten, daß seine Ernennung von den fremden Mächten, in's Besondere von dem Berliner Cabinet mit Mißtrauen aufgenommen werden möchte, und in diesem Augenblick, in welchem wir so sehr mit den inneren Fragen beschäftigt sind, würde eine Trübung der auswärtigen Beziehungen die Erfüllung der Aufgaben, welche wir dem Willen Eurer Majestät gemäß uns gesteckt haben, sehr erschweren. Es wäre vielleicht gut, das auswärtige Ministerium einem Manne zu übertragen, welcher seit längerer Zeit dem Mittelpunkt der Politik fern gestanden hat, und aus dessen Vergangenheit man keine beunruhigenden Schlüsse zu ziehen im Stande ist. Ihre Majestät die Kaiserin,« fuhr er fort, »hatten so eben die Güte gehabt, mitzutheilen, daß der Herzog von Gramont sehr freundliche Gesinnungen für meine geringe Person hegt. Ich bin gewiß, Eure Majestät wissen, daß ich weit davon entfernt bin, mich durch persönliche Eindrücke leiten zu lassen, um so mehr als ich in diesem Falle glaube, daß die Sympathie des Herzogs von Gramont vor allen Dingen den Prinzipien gilt, welche ich in Übereinstimmung mit Eurer Majestät auszuführen unternommen habe, und in dieser Beziehung würde ich allerdings ein Zusammenwirken mit einem Manne, der vollständig von denselben Grundsätzen durchdrungen ist, nur für sehr nützlich halten können.«

»Würden Sie nicht,« fragte die Kaiserin lächelnd, – »Sie, der bürgerliche Stoiker, Scheu haben, durch den Herzog von Gramont sich dem Faubourg St. Germain zu sehr zu nähern?«

»Ich achte alle Klassen der Gesellschaft,« sagte Ollivier in pathetischem Ton, »wenn sie sich den Ideen, welche den Staat in unseren Tagen leiten müssen, unterwerfen, und wenn der alte historische Adel Frankreichs sich entschließen könnte, den Wegen des Kaisers und seiner Regierung zu folgen, so würde die ganze Nation dabei gewinnen.«

»Sie nehmen die Sache ernst«, sagte die Kaiserin leicht hin – »ich habe gar keine Ansicht aussprechen und am wenigsten den Erwägungen vorgreifen wollen.«

»Die Andeutungen Eurer Majestät,« sagte Ollivier, während der Kaiser fortwährend unbeweglich schwieg, »verdienen indeß die höchste Beachtung und vielleicht hat – Euer Majestät verzeihen mir,« fügte er, sich leicht verneigend hinzu, »hier der weibliche Instinct schneller das Richtige getroffen, als es die ernsthaftesten und tiefsten Erwägungen hätten finden können. Je mehr ich darüber nachdenke, um so mehr will es mir scheinen, als ob der Herzog von Gramont in der That eine sehr geeignete Persönlichkeit für das auswärtige Ministerium wäre.«

Der Kaiser stand auf.

»Wir wollen darüber nachdenken,« sagte er in einem Tone, der jede weitere Unterredung darüber abschnitt, »sobald das Plebiscit beendet sein wird. Für jetzt bitte ich Sie,« fuhr er zu Ollivier gewendet fort, »mich zu begleiten, wenn Ihre Zeit es erlaubt, ich will einen Augenblick auf der Terrasse des Tuileriengartens spazieren gehen.«

»Um Gottes Willen,« rief die Kaiserin erschrocken, »ganz Paris ist in unruhiger Bewegung, noch hat man nicht die Tiefe der Verschwörung ergründet, noch sind nicht alle Mitschuldige ermittelt und gefangen – ich bitte Sie, Louis, setzen Sie Sich einer solchen Gefahr nicht aus! Wie leicht könnte eine jener entsetzlichen Bomben Sie treffen, bleiben Sie im reservirten Garten.«

Der Kaiser lächelte.

»Sie können Sich überzeugen, Eugenie,« sagte er, »daß ich für die Sicherheit des Prinzen gesorgt habe, – ich selbst will meinen Feinden und allen Franzosen zeigen, daß wenn es ihnen vielleicht gelingen kann, mich zu tödten, sie doch nicht dahin kommen werden, mich einzuschüchtern.«

Er bewegte schnell die Glocke auf seinem Schreibtisch und nahm seinen Hut und sein spanisches Rohr. Der Huissier öffnete die Thürflügel. Der Kaiser gab seiner Gemahlin den Arm und führte sie durch das Vorzimmer, in welchem der Dienst thuende Adjutant und der Kammerherr der Kaiserin, wartete, bis zum Eingang zu ihren Appartements.

Dann stützte er seinen Arm auf den des Herrn Ollivier, stieg mit ihm die Treppe herab und schritt langsam nach der reservirten Terrasse des Tuileriengartens, indem er dem Adjutanten befahl, zurückzubleiben.

Langsam schritt er unmittelbar an der Rampe dieser Terrasse nach der Place de la Concorde hin auf und nieder, indem er sich stets so wandte, daß er an der dem Platze zugekehrten Seite ging.

Bald hatte man ihn erkannt, eine ziemlich dichte Menge sammelte sich unterhalb der Terrasse an und laute Rufe begrüßten den Kaiser.

Napoleon dankte mit der Hand, trat dicht an den Rand der Terrasse und blickte lange auf die immer mehr anwachsende Menge herab.

»Sie sehen,« sagte er lächelnd, sich zu Ollivier wendend, »daß das Schicksal noch nicht mit mir enden will. Es gehört wahrlich wenig dazu, um mich von dort unten her zu treffen.«

»Je näher Euer Majestät Ihrem Volke treten,« sagte Ollivier, »um so sicherer werden Sie vor allen Angriffen sein – auch ich gehörte einst zu Ihren Gegnern; es hat nichts weiter bedurft, als daß Euer Majestät mir erlaubten, in Ihre Nähe zu treten, um mich zu Ihrem treuesten und ergebenden Diener zu machen.«

Der Kaiser dankte mit einer leichten Neigung des Hauptes für diese in etwas rhetorischem Tone ausgesprochene Schmeichelei, legte wieder seinen Arm in den des Ministers und setzte noch eine halbe Stunde lang seinen Spaziergang fort, indem er mit der ihm eigentümlichen bezaubernden Liebenswürdigkeit von allen möglichen Dingen plauderte, aber trotz aller Anspielungen Olliviers es vermied, das Thema der Besetzung des auswärtigen Ministeriums wieder zu berühren.

Zweites Capitel.

Es war ungefähr um die neunte Abendstunde desselben Tages, als der Geheimsecretair Pietri durch den besonderen Eingang aus seinem Bureau in das Cabinet des Kaisers trat.

Napoleon saß ernst und gedankenvoll in seinem Lehnstuhl, er trug den Campagneüberrock der Generalsuniform und rauchte eine jener kleinen Cigarretten von türkischem Taback, welche er sich selbst bereitete, träumerisch den kleinen Rauchwolken nachblickend, welche durch das von einer großen, auf dem Schreibtisch stehenden Lampe nur matt erleuchtete Zimmer dahinzogen.

Er richtete sich beim Eintritt Pietris leicht empor und sagte, indem er seinen Vertrauten mit freundlichem Lächeln grüßte.

»Haben Sie nach der Rue de Bondy gesendet?«

»Zu Befehl, Majestät,« erwiderte Herr Pietri, »die Dame ist hier und wartet in meinem Zimmer.«

Der Kaiser stand auf.

»Es wäre doch wohl besser gewesen, unerkannt dort hinzugehen. Ich erleichtere ihr Metier zu sehr, wenn sie weiß, mit wem sie es zu thun hat.«

»Aber, Sire,« sagte Pietri, »in diesen Tagen in jene Gegenden sich zu begeben, das wäre nicht mehr Verachtung der Gefahr, das wäre Tollkühnheit, und wenn Euer Majestät dort erkannt worden wären, wenn irgend ein Unglück sich ereignet hätte, so würde man mit Recht ein solches Unternehmen als verbrecherisch verurtheilen.«

»Sie haben vielleicht Recht,« sagte der Kaiser –

– »auch kann man ja hier die Allwissenheit der Priesterin des Pietismus prüfen, lassen Sie die Dame kommen – Mademoiselle –?« versetzte er fragend.

»Mademoiselle Lesueur,« erwiderte Pietri.

Der Kaiser nickte mit dem Kopfe.

Pietri ging hinaus und führte nach wenigen Augenblicken durch die Portiere eine junge Dame von achtzehn bis neunzehn Jahren in das Cabinet, während er selbst einen ganz einfachen Tisch von leichtem unpolirten Holz in der Hand trug und in die Mitte des Zimmers niedersetzte.

Der Kaiser grüßte die junge Dame mit verbindlicher Artigkeit und betrachtete sie mit forschendem Blick.

Mademoiselle Lesueur war eine äußerst elegante und sympathische Erscheinung, sie trug ein dunkles, einfaches Seidenkleid um den Hals mit einer kleinen Spitzenkrause geschlossen. Ihr dunkelbraunes Haar war in leichten Flechten um den Kopf gewunden, ihr zartes Gesicht dessen durchsichtige Blässe von einer feinen Röthe auf den Wangen belebt wurde, war von klassischer Schönheit, ihre dunklen Augen mit den auffallend langen Wimpern waren voll Geist, Lebendigkeit und Sanftmuth zugleich, und um ihren zierlichen und frischen Mund lag ein Zug von fast kindlicher Harmlosigkeit und Naivität.

Sie verneigte sich ohne alle Befangenheit mit den Manieren der besten Gesellschaft vor dem Kaiser, welcher ganz erstaunt schien, die berühmte Sybille in der Gestalt eines so anmuthigen, jungen Mädchens zu erblicken.

»Man hat mir viel erzählt,« sagte der Kaiser, »von der besonderen, eigentümlichen Kraft, welche Sie besitzen, das Reich der Geister zu öffnen. Und da ich mich für alle solche Dinge interessire, durch welche man versucht, den Schleier der Geheimnisse zu lüften, welche unser Leben umgeben, so habe ich gewünscht, eine Probe Ihrer Kunst zu sehen.«

»Es macht mich glücklich,« erwiderte Fräulein Lesueur mit einer ungemein wohltönenden, etwas tiefen Stimme, »Euer Majestät Wunsch zu erfüllen. Es ist keine geheimnißvolle Kunst dabei,« fuhr sie fort, »meine Mutter hatte die Kraft, durch das Medium dieses kleinen Tisches eine Verbindung mit dem unsichtbaren Reich der Geister herzustellen. Diese ihre Kraft ist auf mich übergegangen, und nach ihrem Tode habe ich es versucht, wie sie die Geister sprechen zu lassen, – es ist mir in vielen Fällen gelungen, und ich hoffe, daß es mir auch Euer Majestät gegenüber gelingen wird.«

»So beginnen wir,« sagte der Kaiser.

Pietri stellte zwei Stühle einander gegenüber an den kleinen Tisch.

Mademoiselle Lesueur setzte sich auf den einen, zog ihre Handschuhe aus, – legte die Spitzen ihrer zierlichen Finger leicht auf die Tischplatte und sagte:

»Wollen Euer Majestät die Gnade haben, mir gegenüber Platz zu nehmen.«

Der Kaiser setzte sich mit einem fast unwillkürlichen Lächeln an die andere Seite des Tisches.

»Ich bitte Euer Majestät,« sagte Fräulein Lesueur, »Ihre Hände ebenso wie ich auf die Platte legen zu wollen.«

Der Kaiser that es.

Fräulein Lesueur schwieg einen Augenblick. Dann schlug sie ihre dunklen Augen mit schwärmerischem Ausdruck empor und sprach mit halb lauter Stimme:

»Allmächtiger, dreieiniger Gott, der Du herrschest auf der Erde, wie in den Höhen des Himmels und in den Tiefen der Hölle, ich bitte Dich den Geistern, die ich in Deinem Namen rufe, zu erlauben, daß sie aus ihren Wohnungen herabsteigen und auf meine Fragen antworten, zu verkündigen, was sie wissen und was Du ihnen erlaubst, zu sagen.«

Der Kaiser hörte ganz erstaunt diesen im Ton des inbrünstigen Gebets gesprochenen Worten zu.

»Befehlen Euer Majestät,« sagte die junge Dame sodann, »daß ich einen bestimmten Geist rufen soll, oder wollen Sie den mir persönlich befreundeten Geist hören.«

Abermals konnte der Kaiser ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken.

»Ich bitte Sie zunächst Ihren Geist kommen zu lassen, Mademoiselle,« sagte er.

»Es ist der Geist meiner Mutter,« erwiderte Mademoiselle Lesueur, »und er wird sogleich erscheinen.«

Sie beugte sich ein wenig nieder und flüsterte eine unverständliche Formel leise vor sich hin.

Wenige Augenblicke darauf begann der Tisch leise zu zittern.

Der Kaiser drückte die Hände stärker auf die Platte, allein die unruhige, beinahe wellenförmige Bewegung des Holzes vermehrte sich immer mehr und mehr. Nach kurzer Zeit hob sich der Tisch auf der Seite des Kaisers ein wenig in die Höhe und blieb in dieser schwebenden Stellung stehen.

»Der Geist ist da,« sagte Mademoiselle Lesueur, »und bereit, Euer Majestät zu antworten. Ich bitte, Euer Majestät, zu fragen, – es ist aber nicht nöthig, daß Sie die Frage aussprechen, Sie können Sie in Gedanken stellen, die Geister haben die Kraft, die Gedanken zu lesen.«

Der Kaiser dachte einen Augenblick nach.

»Kann mir der Geist,« fragte er, »den Namen nennen, an welchen ich in diesem Augenblick denke?«

»Wie heißt der Name?« fragte Mademoiselle Lesueur mit gesenktem Haupt und leiser Stimme.

Der Tisch setzte sich sogleich in eine lebhafte Bewegung. Er schwankte einige Male stark hin und her, dann senkten sich die beiden erhobenen Füße desselben nieder, und in rascher Folge begann er scharf und vernehmbar auf das Parquet zu klopfen, immer nach einer gewissen Zahl von Schlägen inne haltend.

Mademoiselle Lesueur folgte aufmerksam diesen Schlägen, mit leiser Stimme sagte sie: B-e-a-u-r-y.

»Der Name, an den Euer Majestät gedacht, heißt Beaury,« sprach sie dann ruhig und bestimmt, den Blick fest auf den Kaiser richtend.

Napoleon zuckte zusammen, erschrocken blickte er in das lächelnde Gesicht der jungen Dame.

»Sie haben Recht,« sagte er, »der Geist hat den Namen richtig gelesen.«

Er bog sich einen Augenblick zurück und blickte unter den Tisch, dessen Füße unmittelbar an der Platte befestigt waren.

Die vier Füße standen vollkommen frei, auf dem Boden, Mademoiselle Lesueur etwas vorgebeugt, saß so weit zurück, daß nicht einmal der Saum ihres Kleides die Füße des Tisches berührte.

Der Kaiser schüttelte den Kopf und legte die Hände wieder auf den Tisch.

»Da Ihr Geist,« sagte er, »den Namen gelesen hat, an welchen ich gedacht, so wird er mir auch eine andere Frage beantworten können, welche sich an diesen Namen knüpft.«

»Ich bitte Euer Majestät,« sagte Mademoiselle Lesueur, »die Frage in Ihren Gedanken zu formuliren –«

Abermals begann der Tisch zu schwingen und zu zittern, diesmal stärker als vorher.

Nach kurzer Zeit schlugen die Füße abermals regelmäßig und schnell hinter einander auf das Parquet.

»Wollen Sie die Güte haben, zu schreiben,« sagte Mademoiselle Lesueur, sich zu Pietri wendend, welcher schnell ein Blatt Papier und einen Bleistift nahm und die Buchstaben notirte, welche Mademoiselle Lesueur in schneller Folge ihm sagte.

Der Tisch hielt an.

»Wollen Sie die Antwort lesen,« sagte die junge Dame, zu Herrn Pietri gewendet.

Pietri las.

»Der Kaiser wird ruhig im Kreise der Seinen sterben, keine Waffe weder in der Schlacht noch in der Hand des Meuchelmörders wird seinem Leben Gefahr bringen.«

»Diese Antwort paßt allerdings auf meine Frage,« sagte der Kaiser, »aber sagt sie die Wahrheit?«

»Es steht Eurer Majestät frei, zu glauben oder nicht,« erwiderte Mademoiselle Lesueur, »ich für meine Person bin davon überzeugt, daß die Geister die Wahrheit sagen, wenn sie sie kennen – sie sind nicht allwissend – das ist Gott allein – aber sie wissen viel, und namentlich ist ihnen die Macht gegeben, das Schicksal derer zu lesen, mit denen ihre körperliche Hülle einst durch die Bande des Blutes verbunden war.

»Noch eine Frage,« sagte der Kaiser, »wer ist mein bester Freund?«

»Euer Majestät hätten nicht nöthig gehabt, die Frage auszusprechen,« sagte Mademoiselle Lesueur.

Der Tisch begann seine Schwingungen, die Schläge ertönten auf dem Boden.

Mademoiselle Lesueur flüsterte die Buchstaben vor sich hin, dann sagte sie.

»Die Antwort des Geistes heißt: Napoleon.«

Der Kaiser ließ den Kopf auf die Brust sinken, in tiefem Schweigen saß er einen Augenblick da.

»Der Geist hat Rechte,« sagte er halblaut, »Niemand ist der Freund eines Souverains, als er selbst, und aus mir allein muß ich die Entschlüsse schöpfen, in mir allein die Kraft suchen, zu erfüllen, was ich mir vorgesteckt.«

»Doch,« rief er, indem er den brennend aus den Schleiern seiner Augenlider hervortretenden Blick auf Mademoiselle Lesueur richtete, »kann Ihr Geist mir sagen, wer mein größter und gefährlichster Feind ist?«

Abermals bewegte sich der Tisch und Mademoiselle Lesueur buchstabirte:

»Orleans.«

»Wunderbar,« rief der Kaiser, indem er finster vor sich niederblickte. »Es ist, als ob der Geist in den schwarzen Gedanken lesen könnte, welche Tag und Nacht auf dem Grunde meiner Seele einher ziehen,« flüsterte er leise vor sich hin. »Noch eins,« fragte er dann laut, »kann mir Ihr Geist den Namen nennen, welcher bestimmt ist, die Stelle auszufüllen, über welche ich in diesem Augenblick nachdenke.«

Das Spiel des Tisches begann wieder, und Mademoiselle Lesueur sagte, die einzelnen Buchstaben verfolgend:

»Gramont.«

Betroffen zuckte der Kaiser zusammen.

»Sind Sie schon einmal hier in den Tuilerien gewesen,« fragte er rasch. »Haben Sie irgend Jemand aus dem Schlosse gesprochen? Ich bitte Sie, mir die Wahrheit zu sagen, – die zu erfahren ich in jedem Fall im Stande bin,« fügte er in strengem Tone hinzu.

»Ich war niemals hier im Schlosse,« sagte Mademoiselle Lesueur mit offenem, freiem Blick und unbefangenem Lächeln, »ich habe Niemanden von hier jemals gesehen, bis dieser Herr hier,« sie deutete auf Pietri, »heute zu mir kam und mich ersuchte, ihm hierher zu folgen.«

»Seltsam – sehr seltsam« sagte der Kaiser, augenscheinlich tief bewegt durch die Antworten, welche er erhalten.

»Sie haben mir vorhin gesagt, sprach er dann – ein wenig zögernd, indem er die junge Dame scharf anblickte, daß die Geister besonders klar über das Schicksal derjenigen zu antworten im Stande sind, mit denen sie durch besonders nahe Bande verbunden sind?« –

»So ist es, Sire,« erwiderte Mademoiselle Lesueur. – »Der Geist meiner Mutter sieht in allen Dingen, die mich betreffen, klarer als in den Angelegenheiten über welche andere Personen Fragen stellen.«

»Können Sie einen Geist citiren,« fragte der Kaiser, »den ich Ihnen bezeichnen würde.«

»Eure Majestät haben nicht nöthig, den Geist zu nennen,« sagte Fräulein Lesueur, – »Sie dürfen nur Ihre Gedanken fest auf denselben richten, – das genügt.«

»Wie kann ich aber wissen, ob wirklich der Geist spricht, den ich zu hören wünsche,« fragte der Kaiser.

»Eure Majestät werden nur nöthig haben, ihn nach seinem Namen zu fragen,« erwiderte die junge Dame.

»So beginnen Sie,« sagte der Kaiser, indem ein tiefer Ernst sich auf seine Züge legte.

»Erlauben Eure Majestät,« sprach die junge Dame, »daß ich zunächst den Geist, der Ihnen bisher geantwortet hat, entlasse.«

Sie beugte den Kopf nieder und flüsterte eine Zeitlang leise vor sich hin.

Der Tisch zitterte, hob und senkte sich in leiser Schwankung, – dann stellte er sich fest auf seine vier Füße.

»Nun Sire,« sagte Fräulein Lesueur, »dann bitte ich Eure Majestät, Ihre Gedanken sehr scharf auf die Person zu richten, deren Geist Sie zu citiren wünschen.«

Der Kaiser nickte mit dem Kopf, immer tieferer Ernst erfüllte sein Gesicht indem er die beiden Hände fest auf den Tisch legte.

Mademoiselle Lesueur sprach ihre leise Formel.

Einige Augenblicke herrschte eine so tiefe Stille im Zimmer, daß man den Herzschlag der drei anwesenden Personen hätte hören können.

Da krachte es in dem Holz der Tischplatte, – diese Platte schien zu zucken, hoch richtete sich der Tisch auf der Seite des Kaisers empor und mit mächtigem hallenden Schlag sank er wieder auf das Parquet nieder.

Der Kaiser fuhr zusammen. Fast schien es als wolle er aufspringen und seinen Platz verlassen.

»Der Geist ist da und bereit Eurer Majestät zu antworten,« sagte Mademoiselle Lesueur in ruhigem Tone.

»Will der Geist mir seinen Namen sagen?« fragte der Kaiser.

Der Tisch begann rasch sich zu bewegen, – er schlug auf das Parquet – Mademoiselle Lesueur zählte, – und sagte dann sich gegen den Kaiser verneigend:

»Der Geist antwortet:

»Napoleon.«

Die Bewegung, welche der Kaiser machte indem er den Kopf auf die Brust sinken ließ, war fast eine ehrfurchtsvolle Verneigung.

Er schwieg einige Augenblicke, während Fräulein Lesueur ihn mit ihren klaren Augen erwartungsvoll anblickte.

»Will der Geist, wenn er hier anwesend ist, mir eine Frage beantworten?« sagte er dann mit einer beinahe demüthigen Stimme.

Der Tisch begann sich schnell zu bewegen.

»Schreiben Sie, mein Herr,« sagte Mademoiselle Lesueur zu Herrn Pietri gewendet, und dieser nahm schnell Bleistift und Papier, um die Buchstaben zu notiren, welche Mademoiselle Lesueur in rascher Reihenfolge ihm nannte.

»Die Antwort?« rief der Kaiser, als der Tisch mit einem starken Schlage seine Bewegung beendete.

Herr Pietri las:

»Mir ist nicht vergönnt, auf einzelne kleine Fragen zu antworten; – wer auf dem Throne von Frankreich sitzt und Napoleon heißt, der sollte nicht mit vorsichtiger Neugier einzelne Blicke hinter den Schleier zu werfen suchen, welcher die Zukunft verhüllt, – er sollte mit kühner Hand diesen Schleier selbst heben, indem er die Zukunft sich nach seinem Willen zu gestalten zwingt. Denn dem festen und klaren Willen gehört die Zukunft; aber frage, – ich werde antworten, soweit es mir erlaubt ist, – wenn Deine Fragen das Schicksal des Hauses betreffen, das meinen Namen trägt, und wenn Du keine einzelnen und besonderen Dinge zu wissen verlangst.«

Pietri schwieg.

Der Kaiser starrte einen Augenblick vor sich hin, – brennend richtete sich sein Blick in das Leere, – er schien nach einer sichtbaren Spur des Geistes zu forschen, dessen Worte ihm dieses ruhige und freundlich lächelnde junge Mädchen verdollmetschte.

Dann beugte er sich vor, blickte Mademoiselle Lesueur durchdringend an und öffnete die Lippen.

»Ich bitte Eure Majestät, sich erinnern zu wollen,« sagte die junge Dame, »daß es nicht erforderlich ist, die Frage laut zu stellen, – der Geist kann Ihre Gedanken lesen.«

»Gut denn,« sagte der Kaiser, – »ich frage.«

Und schweigend blickte er voll Spannung auf den Tisch, welcher sich unter seinen Händen zu bewegen begann.

Fräulein Lesueur nannte diesmal schneller als sonst die Buchstaben – Pietri schrieb.

»Napoleon IV. wird Kaiser der Franzosen sein, – er wird neuen Ruhm und neuen Glanz an den Namen knüpfen, den er trägt.«

Der Kaiser athmete tief auf. Es leuchtete wie ein dankbares Gebet aus seinen Augen, die er mit unbeschreiblich glücklichem Ausdruck emporschlug.

Dann rief er mit dumpfem Ton, wie aus den Tiefen seiner Brust heraus:

»O könnte ich wissen, ob dies die Wahrheit ist.«

Der Tisch zuckte – er hob sich hoch empor und schlug zweimal schallend auf den Boden.

»Es ist die Wahrheit Sire,« sagte Mademoiselle Lesueur ernst und überzeugungsvoll.

»Werde ich die Armeen Frankreichs noch einmal zum Kriege führen müssen?« fragte der Kaiser schnell.

Der Tisch schlug abermals laut und fest auf.

»Der Geist bejaht die Frage Eurer Majestät,« sagte die junge Dame.

»Und welches wird das Schicksal dieses Krieges sein?« fragte der Kaiser in athemloser Spannung.

Einige Augenblicke vergingen, – dann bewegte sich der Tisch wieder, – Pietri schrieb die Buchstaben nieder welche Mademoiselle Lesueur ihm angab.

»Wie heißt die Antwort?« rief der Kaiser, welcher vergebens versucht hatte, den schnell gesprochenen Buchstaben zu folgen.

Pietri las:

»Ave Caesar, morituri te salutant!«

Napoleon erbleichte und drückte die Hände an die Stirn.

»Was ist der Sinn der dunkeln Antwort?« flüsterte er vor sich hin – und schnell sich aufrichtend fragte er mit lauter dringender Stimme:

»Wird der Todesgruß der Sterbenden dem siegreichen Cäsar ertönen?«

Mehrere Minuten vergingen, – der Tisch blieb unbeweglich.

»Der Geist antwortet nicht mehr,« sagte Mademoiselle Lesueur, – »es würde vergeblich sein, ihn weiter zu fragen. – Erlauben Eure Majestät, daß ich ihm danke und ihn entlasse?«

Der Kaiser neigte tief sinnend das Haupt.

Mademoiselle Lesueur sprach ihre leise Formel, – der Kaiser faltete die Hände in andächtigem Schweigen.

»Wünschen Eure Majestät noch eine weitere Citation?« fragte die junge Dame.

»Ich danke Ihnen, mein Fräulein,« erwiderte Napoleon aufstehend, indem sein Gesicht wieder seinen gewöhnlichen ruhigen Ausdruck annahm. – »Ihr Experiment hat mich in hohem Grade interessirt, – ich hatte viel von dem Spiritismus gehört, – aber noch nie einen Versuch gesehen, bei welchem so durchaus kein Apparat angewendet wurde,« – fügte er mit einem leichten Lächeln hinzu, das aber mehr verbindlich und artig als ironisch war.

Mademoiselle Lesueur hatte sich erhoben und verneigte sich tief bei den Worten des Kaisers.

»Ich bin glücklich, Sire« sagte sie, »daß Eure Majestät zufrieden sind, und hoffe, – oder vielmehr,« – fügte sie mit sicherem Ausdruck hinzu, »ich bin gewiß, daß Alles Gute, was die Geister Eurer Majestät verkündet haben, sich erfüllen werde.«

»Alles Gute?« sprach der Kaiser sinnend – »aber war es gut? – was war es? –

Morituri te salutant!« flüsterte er leise.

Dann wendete er sich zu Pietri und blickte ihn fragend an.

Dieser reichte ihm ein kleines Etui.

Der Kaiser nahm es und sagte mit liebenswürdiger Freundlichkeit zu Mademoiselle Lesueur:

»Erlauben Sie mir, mein Fräulein, Ihnen ein kleines Erinnerungszeichen an diese Stunde zu geben,« – er öffnete das Etui ein wenig, – die Facetten eines schönen Solitärs funkelten farbenspielend im Licht der Lampe.

Mit der naiven Freude eines jungen Mädchens ergriff Fräulein Lesueur den Ring und indem sie das Regenbogenspiel der Lichtreflexe entzückt betrachtete, sagte sie:

»Ich werde Gott unablässig bitten, daß er alle seine guten Geister zum Schutz Eurer Majestät und Frankreichs aussende.«

Sie verneigte sich tief vor dem Kaiser und zog sich von Pietri geleitet, der den kleinen Tisch forttrug, durch die Portiere zurück, durch welche sie in das Cabinet eingeführt worden war.

Napoleon ging in tiefem Sinnen auf und nieder.

»Giebt es einen Zusammenhang mit jener Welt der abgeschiedenen Geister,« sprach er leise vor sich hin, – »und kann es ihnen erlaubt sein, auf irgend welche Weise uns Mittheilungen zu machen über das, was ihrem Blicke sich öffnet?

»Dieses junge Mädchen scheint aufrichtig von ihrer Sache überzeugt,« sprach er gedankenvoll, – »ich wüßte nicht, wie sie den Tisch in Bewegung setzen könnte, – und wenn dieses Kind von kaum neunzehn Jahren aus sich selbst heraus die Antworten auf die Fragen construirt hat, die ich ihr stellte, so ist sie ein Phänomen an Menschenkenntniß und Geist! –

»Welch eine treffende Antwort, die mich selbst als meinen besten Freund bezeichnete, – und wie wahr – alles, was mir feindlich ist, in diesen einen Namen Orleans zusammenzufassen.«

Er ging langsam, die Hände auf dem Rücken gekreuzt auf und nieder.

»Und Drouyn de L'huys,« sagte er kaum hörbar, – »er war der Freund dieser Orleans, – er ist es noch – kann jemand mein Freund sein – der zugleich der Freund meiner Feinde ist? – Gramont« fuhr er fort, – »der Geist nannte Gramont als den künftigen Minister der auswärtigen Angelegenheiten, – Gramont war Legitimist, – die Legitimität hat keine Möglichkeit einer Zukunft, – sie ist eine fromme Erinnerung, – eine Erinnerung, vor der ich selbst hohe Achtung habe, an die ich anknüpfen, – deren edle Traditionen ich fortsetzen möchte. –

»Seltsam,« rief er, – »sehr seltsam ist das Alles, – oder sollte auch hier eine Intrigue« –

Pietri trat wieder ein.

Der Kaiser näherte sich ihm; dicht vor ihm stehen bleibend, legte er den Arm auf seine Schulter und blickte ihn scharf und durchdringend in die Augen.

»Pietri« sagte er, – »haben Sie mit diesem jungen Mädchen über die Politik – über irgend Etwas gesprochen, was auf die gegenwärtige Lage bezug hat?«

»Sire,« erwiderte Pietri in ernstem und traurigem Ton, – »Eure Majestät sind zum Mißtrauen gegen Jedermann berechtigt, fast verpflichtet, – dennoch schmerzt mich dasselbe, – ich schwöre Eurer Majestät,« fuhr er fort, den Blick des Kaisers frei und offen erwidernd, »daß ich mit Fräulein Lesueur nichts Anderes gesprochen habe, als was nothwendig war, um den Auftrag Eurer Majestät auszurichten und sie hieher zu führen.«

»Und was denken Sie davon?« fragte der Kaiser.

Pietri lächelte ein wenig.

»Ich denke, daß dieses junge Mädchen sehr viel Geist hat,« erwiderte er, – »und daß sie manchen Diplomaten in der scharfen Erkenntniß der Verhältnisse beschämen würde.«

Der Kaiser schüttelte langsam den Kopf.

»Wie dunkel, wie mystisch die Antworten über meine Zukunft waren,« sagte er. –

»Glauben denn Eure Majestät ernsthaft an solche Dinge?« fragte Pietri.

»Denken Sie sich,« erwiderte der Kaiser ernst, – »eine Welt von Blindgebornen, – würde nicht ein Sehender, der unter sie träte, der den Sinn besäße, der ihnen allen fehlte, Wunder unter ihnen verrichten, – würde er ihnen nicht als ein übernatürlicher Prophet erscheinen, – oder als ein Narr verlacht werden, – und das bloß weil er einen Sinn mehr hätte als sie und durch diesen Sinn eine Welt wahrnehmen könnte, welche da ist, welche die andern Alle umgiebt wie ihn, – welche aber ihrer Wahrnehmung sich entzieht, weil ihnen das Medium dazu fehlt. – Können denn nicht auch uns solche Welten umgeben, für welche unser Organismus keinen Sinn besitzt, – und ist es unmöglich, daß Einzelnen dieser Sinn gegeben ist, der sie das erblicken läßt, was uns verschlossen bleibt und was wir deshalb in selbstgenügsamer Beschränktheit für nicht vorhanden erklären?« –

»Und wenn dem so wäre,« sagte Pietri, – »Eure Majestät können mit der Perspective, welche Fräulein Lesueur geöffnet, zufrieden sein – Napoleon IV wird Kaiser der Franzosen sein – hat sie ihren Geist antworten lassen, – und« sprach er mit herzlichem und aufrichtigem Tone, – »ich habe dazu nur den Wunsch hinzuzufügen, daß das recht spät und nach einer noch recht langen und glücklichen Regierung Eurer Majestät eintreten möge.«

»Nun,« rief der Kaiser mit freudigem Ausdruck, – »wenn nur diese Verkündigung sich erfüllt, so will ich darauf verzichten, das Dunkel zu lichten, welches in den Antworten der Geister meine Zukunft verhüllt, – ein Fürst darf keine Person sein, – er ist ein Glied in einer großen Kette, welche die Epochen der fortschreitenden Weltgeschichte aneinander knüpft – ob, wann und wie ich untergehe, – was liegt daran, wenn nur meine Dynastie erhalten bleibt, um die Vergangenheit und die Zukunft Frankreichs mit einander zu verbinden.«

Er schwieg und blickte wie träumend vor sich hin.

»Gehen Sie zum Prinzen,« sagte er dann, – »er soll seine Uniform anlegen und sich bereit halten, mich zu begleiten. Ich will die Kaiserin abholen, um jene braven Truppen zu besuchen, welche in den Galerien Wache halten und die Zukunft Frankreichs beschützen.«

Pietri eilte hinaus.

Der Kaiser ergriff das rothe goldgestickte Käppi der Generalsuniform, steckte den neben seinem Tische stehenden Degen an und ging, selbst die Thür öffnend, in das Vorzimmer.

Er nahm den Arm des Generals Castelnau, welcher hier, ebenfalls in der Campagne-Uniform wartete, und schritt mit ihm nach den Appartements der Kaiserin.

Am Eingang der Gemächer Ihrer Majestät öffnete der Huissier schnell die Flügelthüren und eilte den Kaiser ankündigend durch die Vorzimmer in den kleinen Salon, in welchem die Kaiserin mit der Baronin de Pierres, der Vicomtesse Aguado und der Gräfin de la Poëze saß.

»Der Kaiser!« rief der Huissier.

Die Damen standen auf, die Kaiserin ging ihrem Gemahl bis zur Eingangsthür des Salons entgegen, Napoleon küßte ihre Hand und grüßte die Damen verbindlich.

»Sie sind in militairischer Tenue,« fragte Eugenie, erstaunt den Kaiser und den Grafen Castelnau anblickend, – »zu so später Stunde, – ist denn etwas Außergewöhnliches geschehen?« fügte sie unruhig hinzu, – »sind die Unruhen in Paris bedenklicher geworden?« »Seien Sie unbesorgt,« erwiderte der Kaiser lächelnd, – »es ist nichts Besonderes geschehen, – aber die Truppen sind consignirt – und da muß auch der Kaiser der Consigne folgen und im Dienst sein, – außerdem wollte ich mit Ihnen und Louis die Voltigeurs der Garde besuchen, denen ich die Bewachung der Tuilerien und den Schutz des kaiserlichen Prinzen anvertraut habe.«

Die Kaiserin schlug freudig bewegt die Hände zusammen.

»Das ist ein vortrefflicher Gedanke,« rief sie lebhaft, »je fester und lebendiger wir die Verbindung mit unseren Truppen erhalten, um so sicherer werden wir über alle unsere Feinde triumphiren. Ich bin sogleich bereit,« sagte sie, indem sie sich schnell zu dem Tisch wendete und eine kleine, goldene Glocke bewegte, welche auf demselben stand.

Eine Kammerfrau trat ein.

Die Kaiserin warf einen raschen Blick auf einen großen Spiegel, welcher ihr fast ihre ganze Gestalt zeigte. Sie trug eine einfache Robe von blauer Seide.

»Bringen Sie mir eine weiße Mantille und ein rothes Band.«

Nach wenigen Augenblicken, während welcher der Kaiser sich mit den Damen seiner Gemahlin unterhielt, erschien die Kammerfrau wieder. Sie trug eine Mantille von weißem Atlas und ein breites schärpenartiges Band von rother Seide.

Die Kaiserin ließ die Mantille über ihre Schultern legen, näherte sich dann der Gräfin von Poëze und sagte:

»Wollen Sie die Güte haben, meine liebe Gräfin, mir aus diesem Bande eine große Schleife hier zu befestigen.«

Sie deutete mit dem Finger auf den Halsausschnitt ihrer Robe.

Die Gräfin von Poëze machte mit geschickter Hand eine breite Schleife mit langen herabhängenden Enden und befestigte sie dann auf der Robe der Kaiserin.

»Jetzt trage ich die Farben Frankreichs,« rief Eugenie mit einem Blick auf den Spiegel, »lassen Sie uns gehen,« fuhr sie zum Kaiser gewendet fort.

»Sie werden,« sagte Napoleon, indem er seiner Gemahlin den Arm reichte; »diese Farben ebenso unwiderstehlich machen, wie es die Tapferkeit unserer Soldaten auf allen Schlachtfeldern gethan hat.«

Er ging langsam mit der Kaiserin durch das Vorzimmer und wandte sich nach dem Pavillon des kaiserlichen Prinzen; der Graf von Castelnau und die Damen folgten.

Im Vorzimmer seiner Wohnung erwartete der Prinz bereits mit dem General Frossard seine Eltern. Der Prinz trug die Uniform eines Souslieutenants, der General Frossard war ebenfalls in Uniform. Der kaiserliche Prinz trat auf die rechte Seite seines Vaters, der General Frossard schritt voraus und führte den Kaiser und die Kaiserin nach der unmittelbar an den Pavillon stoßenden Gallerie.

Als die Thüre derselben geöffnet wurde, bot sich ein wunderbar belebtes Schauspiel dar, – die weithin ausgedehnten Gallerien strahlten in hellster Beleuchtung, alle Kerzen auf den Lustres und Wandleuchtern brannten, der Marmor und die Vergoldungen glänzten, an den Wänden her standen kleine, mit weißen Leintüchern bedeckte Tische, auf welchen kalte Speisen und rothe und weiße Weine in geschliffenen Crystallcaraffen aufgestellt waren.

An diesen Tischen saßen die Voltigeurs der Garde in vollständiger Feldausrüstung, ihre Waffen neben sich, die Käppis auf den Köpfen, essend, trinkend und fröhlich plaudernd.

In gewissen Zwischenräumen befanden sich kleinere elegant servirte Tische, an welchen die Officiere soupirten.

Als die große Eingangsthür sich öffnete, und im Rahmen derselben der Kaiser, die Kaiserin und der kaiserliche Prinz erschienen, erhoben sich die langen Reihen der Soldaten. Die Officiere eilten rasch heran und im lauten, einstimmigen Rufen begrüßte diese Elite-Truppe den Kaiser.

Napoleon erhob dankend die Hand, die Kaiserin neigte grüßend das Haupt nach allen Seiten, indem ihr strahlender Blick freudig und stolz über diese muthigen und begeisterten Soldaten hinglitt. Der kaiserliche Prinz hielt sein Käppi in der Hand und verneigte sich ehrerbietig gegen den Commandeur des Regiments, welcher herantrat, um dem Kaiser zu melden, das alle Wachen nach seinen Befehlen bezogen worden seien.

»Lassen Sie die Leute häufig ablösen,« sagte der Kaiser, »damit ihnen der Dienst nicht zu schwer wird und damit sie Gelegenheit finden, sich hier im Kreise ihrer Kameraden wieder zu erfrischen.«

Er trat an den nächsten Tisch, ergriff eines der dort stehenden Gläser, füllte es aus einer Crystallcaraffe mit rothem Wein und rief mit lauter Stimme:

»Ich trinke auf das Wohl meiner Voltigeurs, auf das Wohl der Garde, auf das Wohl der ganzen Armee, welche die Blüthe des französischen Volkes ist!« In raschen Zügen leerte er das Glas bis auf den letzten Tropfen.

»Es lebe der Kaiser. Es lebe der kaiserliche Prinz!« brauste ihm der Ruf der Soldaten entgegen.

»Ich danke Euch, meine Tapferen,« sagte der Kaiser, als nach einigen Minuten die Rufe der nahe herandrängenden Soldaten verstummt waren, »ich kenne Eure Ergebenheit für mich, ich weiß, daß Ihr gegen jeden Feind Frankreich und das Kaiserreich vertheidigen werdet. Frankreich und das Kaiserreich,« fügte er hinzu, der Kaiserin die Hand reichend, »deren edle und ruhmvolle Farben meine Gemahlin, die Mutter des kaiserlichen Prinzen, Eures Kameraden trägt.«

»Es lebe die Kaiserin!« riefen die Officiere, und die Soldaten stimmten in den Ruf ein.

Dann gab Napoleon seiner Gemahlin wieder den Arm, die Officiere schlossen sich dem Gefolge an und umringten den kaiserlichen Prinzen, der ganz stolz und freudig in ihrer Mitte dahinschritt. Und so bewegte sich der Zug langsam durch die weiten Gallerien hin, – oft blieb der Kaiser stehen und redete diesen oder jenen mit der Tapferkeitsmedaille und dem Orden der Ehrenlegion decorirten Soldaten an, ihn fragend, wo er diese Ehrenzeichen erworben habe, und mit liebenswürdigster Geduld den zuweilen etwas breiten und ausführlichen Erzählungen der Soldaten zuhörend. Fast eine Stunde dauerte der Umgang durch die Gallerien, immer fester wurde der Schritt des Kaisers, immer stolzer sein Blick, immer willenskräftiger der Ausdruck seiner Gesichtszüge. Dicht umdrängt von den Soldaten, grüßte er endlich am Eingang der Gallerie noch einmal.

Ein gewaltiges Vive l'Empereur durchzitterte die weiten Räume, die Officiere verabschiedeten sich vom Kaiser, die Thüren schlossen sich, Napoleon entließ den kaiserlichen Prinzen, welcher sich mit dem General Frossard in seine Wohnung zurückzog, und führte dann die Kaiserin nach ihren Appartements zurück.

»Wenn Marie Antoinette es verstanden hätte,« sagte die Kaiserin leise zu ihrem Gemahl, »die Begeisterung der Soldaten zu erhalten und zu benutzen, so hätte sie niemals den dornenvollen Weg vom Thron zum Schaffot zu gehen nöthig gehabt.«

»Man muß aus den Beispielen der Geschichte lernen,« erwiderte der Kaiser, »und die Fehler vermeiden, welche unsere Vorgänger begangen haben.«

Am Eingang der Appartements der Kaiserin küßte er seiner Gemahlin die Hand, grüßte mit artiger Verbeugung die Damen und begab sich mit dem General Castelnau nach seinem Cabinet zurück.

Als er dort angekommen war, rief er Pietri.

Der Geheimsecretair trat schnell durch die Portiere, welche der Kaiser erhoben hatte, in das Cabinet ein.

Napoleon ging einige Augenblicke nachdenkend auf und nieder.

»Schreiben Sie sogleich an Gramont,« sagte er dann, »sagen Sie ihm in kurzen Worten, daß ich entschlossen sei, ihm das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten zu übertragen, und daß ich ihn bitte, sogleich hierher zu kommen. Ich wünsche, daß er vor seiner Abreise sich noch ausführlich und definitiv mit dem Grafen Beust unterhalte und dessen Anschauungen über die verschiedenen Fragen und Eventualitäten der europäischen Politik möglichst bestimmt constatire.«

Pietri verneigte sich.

»Eure Majestät sind also entschlossen?« fragte er.

»Ich bin entschlossen,« erwiderte der Kaiser, – »legen Sie mir morgen früh den Brief zur Unterschrift vor, – jetzt will ich ruhen. Wenn irgend Etwas Außergewöhnliches in Paris vorfällt, soll man mich rufen. Gute Nacht,« sagte er freundlich, indem er Pietri die Hand reichte.

Dann bewegte er die Glocke.

Sein Kammerdiener trat ein, folgte dem Kaiser, welcher sich in sein Schlafzimmer begab.

Drittes Capitel.

Der junge Cappei hatte sich in den ersten Tagen seines Aufenthalts im Hause seines Oheims zu Bodenfeld ganz den Erinnerungen seiner Jugend hingegeben, welche diese Umgebung so lebhaft in ihm erweckte. Er hatte in liebevoller Pietät alle die Orte besucht, welche in dem Leben seiner Kindheit vorzugsweise bedeutungsvoll gewesen waren, und war erstaunt gewesen, wie klein und einfach ihm diese Plätze alle erschienen, die doch in den Bildern seiner Erinnerung so groß und so schön gewesen waren. Dennoch aber hatten alle diese Orte auch jetzt noch ihren Zauber auf ihn ausgeübt, sie hatten die Empfindungen wieder erregt, welche seine kindliche Seele einst erfüllten, und welche, wenn sie nach langer Abwesenheit und selbst im hohen Alter wieder geweckt werden, immer ihre wunderbare und unvergängliche Jugendfrische behalten.

Er hatte einzelne seiner alten Gespielen besucht und war der Gegenstand der Neugier des ganzen Dorfes gewesen, denn die hannöversche Legion in Frankreich, von welcher man so wenig regelmäßige und bestimmte Nachrichten erhielt, war in den Vorstellungen dieser einfachen Bauern fast zu einer Mythe geworden, von der nur geheimnißvolle und beinahe märchenhafte Nachrichten herüber gedrungen waren, über welche man nun von dem in Fleisch und Blut hier erschienenen Mitgliede der Legion Näheres zu hören hoffte.

Cappei war sehr zurückhaltend und vorsichtig in seinen Äußerungen gewesen und hatte nur das Eine bestimmt bestätigt, daß Alles zu Ende und die Sache des Königs nunmehr ein für allemal aufgegeben sei. Eine Mittheilung, welche bei den Meisten zwar eine gewisse wehmüthige Trauer, doch aber auch zu gleicher Zeit ein Gefühl der Beruhigung verursachte, denn die das Land durchziehenden Agitatoren hatten selbst in den Kreisen dieser einfachen Landbevölkerung eine unbehagliche Unsicherheit erzeugt und den Wunsch hervorgerufen, daß so oder so nun einmal ein Ende werden möge, damit man wisse, woran man sei.

Der junge Cappei war mit seinem Oheim dann auf das Feld hinausgegangen, hatte sich von dem vortrefflichen Zustande der Felder überzeugt und gesehen, daß in den Zeiten seiner Abwesenheit die Wirthschaft bedeutende Fortschritte gemacht und das Besitzthum einen erhöhten Werth erhalten habe.

Abends hatte er sich dann zu seiner Mutter und den alten Bauern hingesetzt und ihnen, die nicht müde wurden, zuzuhören, immer von Neuem von dem Leben in Frankreich erzählt – von dem Leben der Officiere in Paris, wo er einige Male gewesen war, von dem Leben auf dem Lande, von den französischen Soldaten, von der französischen Feldwirthschaft. Und immer hatte er bei diesen Erzählungen den einen Punkt umgangen, der sein Herz erfüllte, der die Neugier seiner Mutter erregte und von dem sein Oheim in seinem einfachen practischen Sinn nicht das Geringste bemerkte. Dennoch beschäftigte gerade dieser Punkt den jungen Mann auf das Lebhafteste und versetzte sein ganzes inneres Wesen in eine peinliche und schwankende Unruhe.

Er hatte sich gleich am Tage nach seiner Ankunft unter dem Vorwande sich nach Mittag auszuruhen, in seinem Zimmer eingeschlossen und mit großer Mühe einen nicht immer ganz orthographisch gehaltenen Brief an Fräulein Luise Challier geschrieben, um ihr seine glückliche Ankunft in der Heimath anzuzeigen und ihr zu sagen, daß er mit aller Liebe seines Herzens ihrer gedächte und mit heißer Sehnsucht den Tag erwarte, an welchem er nach Ordnung seiner Angelegenheiten zu ihr zurückkehren würde.

Konnte er sich auch ganz geläufig mündlich in französischer Sprache ausdrücken, so fand er seinen Brief, als er ihn geschrieben hatte, dennoch sehr ungenügend, sehr kalt und steif, indeß er hoffte, daß seine Geliebte zwischen den Zeilen das Alles lesen würde, was der Mangel an Gewandtheit des Ausdrucks ihn zu sagen verhinderte. Er hatte diese Hoffnung in einem Postscriptum ausgesprochen, dann seinen Brief sorgfältig verschlossen und sich am Abend mit einiger Mühe von seinem Oheim und seiner Mutter entfernt, um den Brief in den Kasten der Landpostexpedition zu werfen, welcher sich an dem Hause des Gewürzkrämers des Dorfes befand, wobei er zu seinem Verdruß von mehreren Bekannten aufgehalten und beobachtet wurde.

Von einem Tage zum andern hatte er sich dann vorgenommen, über seine Liebe und seine Zukunft zunächst mit seiner Mutter und dann mit seinem Oheim zu sprechen. Indeß immer wieder war er nicht dazu gekommen, immer wieder waren die Worte auf seinen Lippen stecken geblieben, obgleich er doch sonst nicht zu denen gehörte, welche sich scheuen, das auszusprechen, was sie für nothwendig und richtig erkannt haben. Aber er fühlte in seinem Innern einen Widerspruch streitender Empfindungen und sagte sich, daß das, was ihn schmerzlich und peinlich bewegte, seiner Mutter und seinem Oheim noch viel mehr Kummer bereiten müßte.

Die alte Heimath, diese Erde, auf der er erwachsen war, dieses Haus, dieser Garten, diese Felder, um welche sich alle seine Erinnerungen rankten, zogen ihn mit unwiderstehlicher Macht an sich und schmerzlich schnürte sich sein Herz bei dem Gedanken zusammen, daß er hierher zurückgekehrt sei, nur um das Alles wieder zu verlassen. Es war, als ob jeder Baum, jede Blume ihn mit stillem Vorwurf anblickte, daß er dies ihm bestimmte Besitzthum, an welches sein Oheim, um es ihm reicher und blühender zu hinterlassen, so viel Mühe und Fleiß gewendet habe, fremden Händen überlassen solle, um im fernen Lande eine neue Heimath zu suchen.

Auf der andern Seite fühlte er in der Entfernung noch lebhafter und mächtiger die Macht der Liebe, welche ihn zu dem jungen Mädchen hinzog, dessen Umgang seine Verbannung so freundlich verklärt hatte; – wenn er die Augen schloß, so sah er ihr Bild vor sich in lebendiger Frische, er sah ihren seelenvollen Blick, es schien ihm, daß sie die Arme sehnsüchtig nach ihm ausstreckte und ihn fragte, wann er zu ihr zurückkehren werde, um sie nicht mehr zu verlassen.

Dieser Kampf zwischen der Anhänglichkeit an die Heimath und die Liebe seines Herzens, der sich in seinem Innern bereits so schmerzlich fühlbar machte, mußte ja viel heftiger und peinlicher die Seele seiner Mutter bewegen, wenn sie erfahren würde, was mit ihrem Sohn vorgegangen und was für Zukunftspläne er in sich trüge; und erst sein Oheim, der alte Mann mit dem eigenwilligen Bauernsinn, der so fest mit der Scholle verwachsen war, auf welcher er geboren, die er gepflegt und gehütet und welche ihm so reiche und dankbare Frucht für seine Mühe und Arbeit gegeben hat. Was würde er sagen bei dem Gedanken seines Neffen, dies Besitzthum, das ein Theil seines Selbst war, zu verlassen und in der Fremde sich eine Existenz zu gründen. Die Grundlage der ganzen Lebensfassung des alten Bauern war: »Bleibe im Lande und nähre Dich redlich« – schon der Gedanke, eine Fremde, welche die Sprache der Heimath nicht verstände, als Hausfrau in diesen Bauernhof einziehen zu sehen, mußte dem Gefühl des alten Bauern widersprechen. Was aber sollte er erst sagen, wenn er erführe, daß sein Neffe, den er mit so viel Stolz und Liebe wieder in den wirtschaftlichen Betrieb einführte, nun um nimmer wiederzukehren, abermals in die weite Welt hinausziehen wolle.

Alle diese Gedanken versetzten den jungen Mann in eine fieberhafte Unruhe. Er mußte Klarheit in die Verhältnisse bringen, er mußte das entscheidende Wort sprechen, und doch wußte er, daß dieses Wort die beiden Menschen, welche ihm durch die nächsten Bande auf Erden verknüpft waren, mit Schmerz und Bekümmerniß erfüllen würde.

So hatte er von einem Tage zum andern die Erklärung hinausgeschoben. Seine peinliche Unruhe war noch vermehrt worden, als die Zeit vorübergegangen war, in welcher er eine Antwort auf seinen Brief an seine Geliebte erwarten konnte, ohne daß eine solche eingetroffen wäre. Mit zitternder Ungeduld sah er dem Landbriefträger entgegen, wenn derselbe erschien, um die wenig zahlreichen Postsendungen an die Einwohner des Dorfes zu vertheilen. Einige Male hatte er es über sich vermocht, denselben zu fragen, ob er nichts für ihn habe, aber immer hatte er eine verneinende Antwort erhalten und in quälender Sorge, in einer steigenden bangen Unruhe fragte er sich, welches der Grund dieses unerklärlichen Schweigens seiner Geliebten sein könnte, die doch so fest versprochen hatte, ihm sogleich zu schreiben, sobald er sie von seiner Ankunft in der Heimath benachrichtigt haben würde. Endlich konnte er diesen Zustand widerstreitender Gefühle und quälender Sorge und Unruhe nicht länger ertragen.

Seine Mutter hatte ihn bereits mehrere Male mit freundlicher Theilnahme gefragt, was ihm fehle und ihn gebeten, es ihr zu sagen, wenn ihn ein Kummer bedrücke, – er hatte zum zweiten und dritten Male an Luise geschrieben, sie beschworen, ihm zu antworten oder durch ihren Vater ihm mitteilen zu lassen, wenn sie krank sei, – aber immer erfolglos. Der alte Briefträger hatte nur immer dieselbe Antwort auf seine Fragen, – daß nichts für ihn angekommen sei.

Eines Morgens war sein Oheim allein auf das Feld gegangen, er war unter dem Vorwand einer notwendigen häuslichen Arbeit zu Hause zurückgeblieben, – fast ängstlich, mit ähnlichen Gefühlen, wie einst als Knabe, wenn er irgend einen Fehltritt einzugestehen hatte, trat er in das Wohnzimmer, setzte sich neben den Lehnstuhl seiner Mutter und ergriff die Hand der alten Frau, indem er ihr halb fragend, halb bittend in die Augen sah, die Worte suchend, um die Gefühle seines unruhigen, gedrückten Herzens auszusprechen.

Die alte Frau sah ihren Sohn freundlich und liebevoll mit ihren großen, klaren Augen an. Sie hatte ruhig gewartet, sie wußte, daß der Tag kommen mußte, an welchem sein Herz sich seiner Mutter öffnen würde, die Stunde war da, sie war bereit, ihn anzuhören und sein Vertrauen mit all der selbstlosen Liebe zu erwidern, an welcher das mütterliche Herz so unerschöpflich reich ist.

»Meine Mutter,« sagte der junge Mann mit leicht zitternder Stimme, »ich bin überaus glücklich gewesen, daß ich Sie und den Oheim, unser Dorf und das alte Haus wiedergesehen habe.«

Er hielt einen Augenblick inne.

»Und wir nicht minder, mein Sohn,« sagte die alte Frau, »daß wir Dich nach so langer Trennung hier wieder bei uns haben.«

Der junge Cappei schwieg einige Augenblicke, indem er sanft die welke Hand der alten Frau streichelte.

»Ich bin aber doch,« sagte er dann, »nicht glücklich, wie ich es sonst bei Euch war, ich bin unruhig und habe lange die Gelegenheit gesucht, mit Euch allein zu sprechen, denn ich muß Euch Alles sagen, bevor ich mit dem Oheim darüber rede, der gleich so heftig und aufbrausend ist.«

Die alte Frau sah ihn mit glänzenden, liebevollen Blicken an, sie fühlte, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, in welchem das Räthsel sich lösen müsse, sie sah die Befangenheit ihres Sohnes mit dem feinen Tact, welcher das Eigenthum der Frauen aller Stände ist, – sie mußte ihm entgegenkommen.

»Du hast liebe Freunde in Frankreich zurückgelassen?« sagte sie.

»Ach ja, Mutter,« erwiderte er, »sehr liebe Freunde, sie sind Alle immer so gut gegen mich gewesen, und es wurde mir recht schwer, mich von ihnen zu trennen,« fügte er seufzend hinzu.

»Sind es bloß Deine Freunde,« fragte die Alte mit einem freundlichen, beinahe neckischen Lächeln, »oder hast Du auch Dein Herz dort gelassen, hast Du eine Geliebte in dem fernen Lande gefunden, – Du der Du hier so gleichgültig gegen die hübschesten Mädchen unseres Dorfes warst?«

Und mit mütterlichem Stolz strich sie das Haar aus der erröthenden Stirn ihres Sohnes, der halb verlegen, halb glücklich darüber, daß seine Mutter ihm auf halbem Wege entgegenkam, zu ihr aufsah.

»Ja,« rief er, indem er ihre Hand so heftig drückte, daß sie leise zusammenzuckte, »ja, ich habe dort eine Geliebte gefunden, sie ist so gut und so treu, wie nur irgend ein Mädchen aus der Heimath es sein kann und dabei ist sie doch so anders wie sie hier sind. Und so schön, Mutter, oh, so schön,« rief er schnell aufspringend, die alte Frau stürmisch umarmend, »so schön, wenn Sie sie sehen würden, Sie würden sie auch lieben, und sie ist so sanft, sie würde Ihnen eine zärtliche und gehorsame Tochter sein, – sie, die selbst keine Mutter mehr hat, bei ihrem Vater aufgewachsen ist, die leitende Hand der Mutter schmerzlich entbehrend, wie sie mir so oft gesagt hat.«

Die alte Frau ordnete die Bänder ihrer Haube, welche durch die stürmische Umarmung ihres Sohnes etwas zerknittert waren. Mit freundlichem, zufriedenem Schmunzeln sah sie den glühend erregten jungen Mann an und sagte:

»Nun das ist ja eine gute Nachricht, und ich begreife nicht, warum Du mir das nicht früher mitgetheilt hast; Du bist ja längst in dem Alter, Dich zu verheirathen, Du kannst eine Frau ernähren, – daß Deine Wahl auf keine Unwürdige gefallen, davon bin ich überzeugt. Ich werde älter und älter, und der Hof hier bedarf einer jungen und rüstigen Hausfrau.«

Ihr Sohn blickte trübe zu Boden.

»Das ist es ja eben, Mutter,« sagte er mit leiser Stimme, »was mir so viele Sorge gemacht und mir so lange den Mund verschlossen hat. Ich weiß, wie Sie und namentlich der Oheim an dem Hof und an der Heimath hängen und nun – sehen Sie, meine Braut hängt eben so sehr an ihrer Heimath, sie ist die einzige Tochter ihres Vaters, die Erbin seines Geschäfts, eines großen Holzhandels, und sie wünscht so dringend, daß ich zu ihr nach Frankreich kommen möchte, um dort das Geschäft ihres Vaters zu übernehmen und fortzuführen, – ich habe ihr das auch versprochen,« fuhr er ohne aufzublicken fort, – »als ich bei ihr war, schien mir das so leicht, und nun ich wieder hierher gekommen bin, nun ich wieder unter Euch lebe, nun ich wieder den alten Garten und die alten Felder sehe, da fühle ich,« sagte er mit zitternder Stimme, »wie schwer es Ihnen werden müßte, mit mir fortzuziehen in ein fremdes Land oder hier zu bleiben, – durch weite Entfernungen von mir getrennt.«

Die Alte sah einen Augenblick schmerzlich bewegt vor sich nieder, sie strich langsam die Falten ihrer weißen Schürze glatt, als wolle sie ihre Gedanken und Gefühle ordnen und glätten wie diese Falten. Dann legte sich ein heiteres und ruhiges Lächeln um ihre Lippen, freundlich, beinahe stolz und glücklich sah sie ihren Sohn an und sagte.

»Gott fügt die Schicksale der Menschen nach seinem Wohlgefallen und hat schon Manchen aus dem Lande seiner Väter fort geführt, um ihn sein Glück in der Ferne finden zu lassen. Es steht geschrieben, daß der Mann Vater und Mutter verlassen wird, um seinem Weibe zu folgen, zu dem sein Herz ihn hinzieht, aber,« fuhr sie fort, ihm die Hand reichend, »Deine Mutter wird ihren Sohn nicht verlassen, und wenn Du eine alte schwache Frau mit Dir nehmen willst, die wenn sie nichts mehr für Dich thun kann doch Tag und Nacht für Dein Glück beten wird, so bin ich bereit, mit Dir in die Ferne zu ziehen, da wo Du glücklich bist, wo Du Deine Heimath findest, da werde ich auch in fremder Erde sanft ruhen. Gott segne Dich, mein Sohn, und Diejenige, zu welcher Dein Herz Dich hinzieht.«

»Oh, Mutter,« rief der junge Mann, indem er zu den Füßen der alten Frau auf die Knie niedersank und wie in der fernen glücklichen Kinderzeit sein Haupt auf ihren Schooß legte, »wie danke ich Ihnen für dieses Wort, das eine schwere, schwere Last von meinem Herzen nimmt.«

Einige Augenblicke blieb er so schweigend und unbeweglich, während sie mit den welken, zitternden Händen über sein volles Haar hinstrich. Dann erhob er den Kopf und sah sie sorgenvoll und fragend an.

»Aber der Oheim,« fragte er, »was wird er dazu sagen?«

»Das wird einen harten, schweren Kampf kosten,« sagte die alte Frau, den Kopf schüttelnd, »er wird sich so leicht nicht von hier trennen und so leicht auch nicht damit einverstanden sein, daß Du die alte Heimath verläßst – aber,« sagte sie dann lächelnd nach einigen Augenblicken des Nachdenkens, »der Oheim hat ein gutes, weiches Herz, er liebt Dich wie seinen eigenen Sohn, und wenn er sich überzeugt, daß diese Verbindung Dein Glück ist, so wird auch er zuletzt seine Zustimmung nicht versagen. Laß mich das nur machen, sage Du ihm nichts, ich verstehe ihn zu behandeln, wenn er sieht, das es Dein Ernst ist, so wird er die Reise nicht scheuen, um sich selbst von Allem zu überzeugen, und wenn sich Alles gut fügt, so könnt Ihr ihn ja jedes Jahr hier besuchen, so lange er noch die Kraft hat, seine Wirtschaft zu führen – wer weiß, ob er sich dann nicht auch entschließt, die Menschen und die lebendige Liebe seiner Kinder höher zu stellen, als dieses Haus, und diesen Hof. Wenn er auch Alles äußerlich ruhig hinnimmt und wenig spricht, so weiß ich doch, daß die neuen Verhältnisse hier im Lande ihm wehe thun und ihm den Aufenthalt hier verleiden. Überlaß das der Zeit, mein Sohn, und dem lieben Gott, der Alles nach seiner Weisheit fügen wird. Zuerst aber laß mich die Sache dem Oheim mittheilen, ich werde den ersten Sturm seiner Heftigkeit schon auszuhalten wissen.«

»Doch nun, Mutter,« sagte der junge Mann, indem ein Ausdruck tiefer Traurigkeit auf seinem Gesicht erschien, »muß ich Euch noch etwas sagen, das mir vielen Kummer macht, so große Hoffnungen mir auch Eure liebevollen und freundlichen Worte gegeben haben, – ich habe,« fuhr er fort, »gleich nach meiner Ankunft hier an meine Braut geschrieben, – ich habe nochmal und nochmal geschrieben, aber bis jetzt habe ich keine Antwort erhalten, – und sie muß doch wissen, wie sehr ich mich nach einem Lebenszeichen, nach einem Gruß von ihr sehne, und wäre es nur eine Zeile, nur ein Wort, das mir eine Botschaft ihrer Liebe brächte – aber nichts, gar nichts,« – sagte er mit schmerzlich zitternder Stimme. »Was kann das bedeuten, ich habe sie gebeten, wenn sie krank wäre, mir durch ihren Vater Nachricht geben zu lassen, – ich weiß nicht, was ich davon sagen soll,« fügte er traurig den Kopf schüttelnd hinzu.

»Bist Du der Liebe Deiner Erwählten ganz sicher,« fragte die Alte, »kannst Du ihrer Treue und Beständigkeit vertrauen, – oder kannst Du Dir irgend eine Veranlassung denken, durch welche sie verhindert sein könnte, Dir Nachricht zu geben.«

»Oh,« rief der junge Mann mit lauter Stimme, den Blick voll glühender Begeisterung auf seine Mutter richtend, »ich bin ihrer sicher, wie meiner selbst! Sie ist treu wie Gold, auf ihr Wort würde ich Häuser bauen. Auch kann keine äußere Veranlassung sie abhalten, – ich habe mit ihrem Vater gesprochen, er hat unserer Verbindung seinen Segen gegeben, sie konnte offen und ohne Scheu an mich schreiben und dennoch, dennoch,« sagte er, wieder finster zu Boden blickend, »keine Nachricht trotz aller meiner Bitten, keine Antwort, – oh, es muß ein großes Unglück geschehen sein, sie muß sehr krank oder todt sein, und ihr Vater wagt es nicht, mir diese schmerzvolle Nachricht zu geben.«

»Sei ruhig, mein Sohn« sagte die Alte, »bei einer so weiten Entfernung kann ja alles Mögliche geschehen, wie leicht kann ein Brief verloren gehen – Alles wird sich aufklären, – sei ruhig, – wenn Du sie kennst und ihres Herzens sicher bist, so darfst Du Dich nicht in unnützer Unruhe aufregen. Du hast ja jetzt mich, Deine Mutter, in deren Herz Du alle Deine Sorgen ausschütten kannst. Laß mich erst mit Deinem Oheim sprechen. Vielleicht,« sagte sie, wie von einem Gedanken erfaßt, »erwartet ihr Vater erst die bestimmte Mittheilung von der Einwilligung Deiner Angehörigen, bevor er ihr erlaubt, zu schreiben, – ja, ja,« sagte sie, »so wird es sein; und ich muß sagen,« fuhr sie immer zuversichtlicher und heiterer fort, »ich würde ihrem Vater ganz Recht geben, – er weiß ja nichts von Deiner Familie, und Du hast ihm auch noch nicht sagen können, daß dieselbe mit Deiner Wahl einverstanden ist.«

»Ja« sagte der junge Mann sinnend, »so könnte es sein – das wäre möglich« – und wie getröstet durch den von seiner Mutter angeregten Gedanken, richtete er sich empor und ging einige Male im Zimmer auf und nieder.

»Ich will es Ihnen ganz überlassen, Mutter,« sagte er dann, »mit dem Oheim zu sprechen. Ich weiß ja, Sie werden es viel besser und geschickter machen, als ich, – aber nun erlauben Sie mir auch, meiner Geliebten sogleich zu schreiben, daß Sie wenigstens mit meiner Wahl einverstanden sind. Und nicht wahr,« fügte er schmeichelnd über das Gesicht der alten Frau streichelnd, hinzu, »Sie werden einige freundliche Worte unter meinen Brief schreiben – sie versteht zwar nicht deutsch, aber sie wird schon Jemanden finden, der ihr das übersetzt, und dann wird ihr Vater sehen, daß auch hier Alles in Ordnung ist, und wird ihr erlauben, mir zu antworten.«

Die alte Frau versprach ihm lächelnd, seiner Geliebten zu schreiben, und dann setzte er sich zu ihr und plauderte lange mit ihr, und er erzählte von seiner Geliebten, ihren schönen treuen Augen – ihrer süßen Stimme, von dem alten Hause in St. Dizier, von den kreidereichen Weinbergen der Champagne und von den grünen Ufern der Marne, – er malte ihr so glückliche freundliche Bilder der Zukunft aus, wie sie dort bei ihm leben würde, wie seine Luise sie pflegen und wie sie dann die kleinen Enkel hüten und erziehen würde, daß die alte Frau ganz selig und stolz sich mit ihm in diese lieblichen Zukunftsträume vertiefte.

Wieder waren dann mehrere Wochen vergangen, er hatte seinen Brief mit der Nachschrift seiner Mutter abgesendet.

Die Alte hatte dann mit ihrem Bruder über die Sache gesprochen. Es hatte einen großen Sturm gegeben. Der alte Niemeyer war einige Tage in finsterm Brüten schweigend einher gegangen, dann hatte er heftig gescholten über junge Leute, die auf Abenteuer hinauszögen in ferne Länder und den Sinn und die Liebe für die Heimath verlören, – der junge Cappei hatte, dem Rath und dem Wink seiner Mutter folgend, das Alles schweigend und ohne Erwiderung mit angehört; er hatte Abends die beiden alten Leute allein gelassen, und dann hatte seine Mutter in ihrer Weise mit ihrem Bruder gesprochen, sicher daß trotz seines Scheltens und Grollens ihre Worte den Weg zu seinem Herzen fanden. Endlich hatte er seinen Neffen gerufen, ihn ausführlich und scharf inquirirt über die Familie seiner Geliebten, über das Geschäft und Vermögen ihres Vaters, und die klaren, scharfen und bestimmten Antworten des jungen Mannes, welche ihm über das Alles so befriedigende Auskunft gaben, hatten augenscheinlich dazu beigetragen, ihn zu beruhigen und ihn die ganze Sache in einem freundlicheren und milderen Licht ansehen zu lassen.

Dann als nochmals einige Tage vergangen waren, hatte er allmählig angefangen, – wenn auch noch immer murrend und scheltend, – über die Zukunftspläne des jungen Mannes zu sprechen. Er hatte sogar die Absicht angedeutet, trotz seines Alters und seiner Schwerfälligkeit, die Reise nach Frankreich zu machen und mit dem alten Herrn Challier, vor dessen ausgedehntem Geschäft ihm die Mittheilungen seines Neffen einen großen Respect eingeflößt hatten, selbst über die Angelegenheit sich zu berathen.

So weit war Alles gut, und die alte Frau lebte und webte schon in dem Gedanken an die glückliche Zukunft ihres Sohnes und ihrer künftigen Schwiegertochter, welche sie bereits mit aller mütterlichen Zärtlichkeit liebte, obgleich sie sie nie gesehen.

Aber der junge Cappei wurde immer ernster und trauriger, denn auch auf den Brief, welchen er mit der Unterschrift seiner Mutter abgesandt hatte, war keine Antwort erfolgt, und mit jedem Tage wurde die Qual des dumpfen Wartens angstvoller und peinlicher, und immer tiefer schnitten die mißtrauischen Fragen seines Oheims in sein von banger Unruhe gequältes Herz.

Endlich konnte er diesen Zustand nicht länger ertragen, und er kündigte den beiden alten Leuten seinen Entschluß an, selbst nach Frankreich zu reisen und den Grund dieses unerklärlichen Schweigens zu erforschen. Seine Mutter billigte den Entschluß, denn das Leiden ihres Sohnes erfüllte sie mit tiefem Mitgefühl, – auch der alte Niemeyer hatte nichts dagegen einzuwenden, sein practischer Sinn verlangte eine Abänderung dieses Zustandes der Ungewißheit, und im Stillen hoffte er, daß sein Neffe an Ort und Stelle irgend ein Hinderniß fände, welches diese Sache, die so störend in seinen Lebenskreis eintrat, ein für allemal beenden möchte.

Der junge Cappei traf also seine Vorbereitungen zur Abreise, welche nur in der Ordnung seines geringen Gepäcks bestanden und begab sich eines Morgens auf das Amtshaus, um der von ihm übernommenen Verpflichtung gemäß dort um die Erlaubniß zu seiner Reise nachzusuchen und sich einen Urlaubspaß zu erbitten.

Der Amtsverwalter empfing den jungen Mann sehr ernst und hörte schweigend sein Gesuch an.

»Sie wollen nach Frankreich gehen,« sagte er – »welchen Zweck hat Ihre Reise.«

Cappei zögerte einen Augenblick.

»Ich bitte Sie, ganz aufrichtig zu sein,« sagte der Beamte, – »Sie befinden sich in einer besonderen Lage, und jede ausweichende Antwort könnte Ihnen nur nachtheilig sein.«

»Ich habe keinen Grund, meine Absicht zu verheimlichen,« sagte der junge Mann – »ich habe eine Braut in Frankreich und wünsche dort die zu unserer Verbindung nöthigen Vorbereitungen persönlich zu besprechen.«

»Sie sind landwehrpflichtig,« sagte der Amtsverwalter, »und es thut mir leid, daß ich im Hinblick auf ihre Vergangenheit Ihnen die nachgesuchte Erlaubniß nicht ertheilen kann.«

»Ich verspreche,« sagte der junge Mann erbleichend, »meine Adresse hier zu lassen und jedem Ruf sofort Folge zu leisten. Auch wird ohnehin meine Abwesenheit nicht lange dauern, ich werde in spätestens vierzehn Tagen wieder hier sein.«

»Ich kann,« erwiderte der Beamte, »auch trotz dieses Versprechens Ihnen die Erlaubniß zur Reise und einen Paß nicht geben, – jedenfalls nicht ohne höhere Genehmigung.«

Ein Ausdruck finsterer Entschlossenheit erschien auf dem Gesicht Cappei's, es schien, daß er etwas sagen wollte, doch schwieg er und wandte sich mit kurzer Verbeugung um, um das Zimmer zu verlassen.

Der Amtsverwalter hatte ihn forschend angeblickt.

»Bleiben Sie,« rief er in strengem Ton.

Cappei wendete sich erstaunt um und wartete.

»Da Sie mir den Wunsch ausgesprochen haben, den Ort zu verlassen,« sagte der Beamte, »und da ich befürchten muß, daß Sie bei der Verweigerung des Urlaubs heimlich abreisen möchten, so sehe ich mich gezwungen, Sie zu verhaften.«

»Mich zu verhaften,« rief Cappei mit bebenden Lippen, indem eine tödliche Bläße sein Gesicht überzog, »und warum?«

Der Beamte klingelte, ein Amtsdiener trat herein.

»Der frühere Dragoner Cappei ist Arrestant, er wird einstweilen hier im Amtsgefängniß bleiben, bis weitere Bestimmung über ihn getroffen ist. Ich will sogleich ein erstes und vorläufiges Verhör mit ihm vornehmen.«

Der junge Mann stand wie niederschmettert da, seine Gedanken verwirrten sich, er konnte keine Erklärung für diesen Schlag finden, der ihn so unerwartet traf.

Der Beamte zog ein Actenstück aus seinem Schreibtisch hervor, öffnete dasselbe, faltete dann einen Bogen Papier und ergriff eine Feder, bereit das Protocoll aufzunehmen.

»Haben Sie,« fragte er, sich an Cappei wendend, »seit ihrem Aufenthalt hier mit Personen in Frankreich in Verbindung gestanden und mit demselben correspondirt?«

»Ich habe keine Verbindung dort,« erwiderte Cappei, »als diejenige mit meiner Braut, welche besuchen zu dürfen, ich soeben um Erlaubniß bat, ich habe mit Niemanden correspondirt, als mit ihr, aber zu meiner tiefen Betrübniß keine Nachricht von ihr erhalten.«

Der Beamte nahm mehrere beschriebene Blätter aus dem ihm vorliegenden Actenstück und fragte, indem er Cappei winkte, näher heranzutreten.

»Kennen Sie diese Briefe?«

Der junge Mann warf einen Blick auf die Papiere, er zuckte zusammen, ein fast convulsivisches Zittern erschütterte seine Gestalt.

»Es sind die Briefe, welche ich an meine Braut geschrieben,« rief er mit bebender Stimme.

»Sie erkennen also an, daß diese Briefe von Ihrer Hand geschrieben sind?«

»Gewiß,« rief Cappei, den starren Blick fortwährend auf die Briefe gerichtet, welchen er einen nach dem andern glaubte abgesendet zu haben, und in welchem er immer dringender und sehnsuchtsvoller um Nachrichten gebeten hatte.

»Sie behaupten also,« fuhr der Beamte fort, »daß diese Briefe wirklich an ein junges Mädchen gerichtet sind, und daß der Inhalt derselben keinen anderen Sinn hat, als den, welchen die Worte ausdrücken.«

»Welchen anderen Sinn könnte er haben?« rief Cappei, entsetzt vor diesem Räthsel stehend, das sich da so plötzlich vor ihm erhob.

»Man hat Beispiele,« sagte der Beamte, »daß scheinbar unverfängliche Worte eine andere vorher verabredete Bedeutung haben, oder daß sie durch darauf gelegte Papierausschnitte in anderer Reihenfolge erscheinen. Doch das wird sich finden,« fuhr er fort.

Dann nahm er einige andere Blätter und hielt dieselben dem jungen Manne vor.

»Kennen Sie diese Handschrift?«

»Nein,« rief Cappei, auf die ihm völlig fremden Schriftstücke blickend.

»Dennoch,« sagte der Beamte, »sind diese Briefe hier unter Ihrer Adresse angekommen, und sie enthalten sehr bestimmte und compromittirende Fragen, Aufträge über Truppendislocationen und politische Verhältnisse Nachricht zu geben. Sie werden einsehen, daß das Alles sehr verdächtig ist und daß der auf Ihnen ruhende Verdacht durch Ihren Wunsch, jetzt nach Frankreich zu reisen, nur verstärkt werden kann. Ich muß das Resultat meiner polizeilichen Beobachtung, zu welcher meine Pflicht mich Ihnen gegenüber zwang, nunmehr an die Untersuchungsrichter übergeben und kann Sie nur noch darauf aufmerksam machen, daß ein offenes Geständniß Ihre Lage nur verbessern kann, – wenn Sie nicht im Stande sind, sogleich eine genügende Erklärung zu geben.«

Der junge Mann starrte noch immer unbeweglich auf die ihm vorgelegten Papiere.

»Tragen diese Briefe eine Unterschrift?« fragte er.

»Nein,« sagte der Beamte, »solche Correspondenzen pflegt man nicht zu unterschreiben, da der Absender dem Empfänger doch genügend bekannt ist,« fügte er mit leichtem ironischen Lächeln hinzu.

»Mein Gott, sollte es möglich sein,« rief Cappei, indem eine glühende Röthe sein Gesicht überflog, »ich erinnere mich, einmal ein Billet von diesem Vergier gelesen zu haben, – sollte es möglich sein, – sollte er –«

»Junger Mann,« sagte der Beamte mit ernstem Ton, durch welchen ein gewisses Mitleid hindurchklang, ich will glauben, daß Sie irre geleitet sind, und daß Ihre Ergebenheit für Ihren König von gewissenlosen Agenten gemißbraucht ist. Sagen Sie offen und ehrlich Alles, was Sie über die Sache wissen, – ich wiederhole Ihnen, es ist der einzige Weg, um Sie vor scharfer Strafe zu schützen.

»Herr Amtmann,« rief Cappei in verzweiflungsvollem Ton, »ich muß glauben, daß hier eine niederträchtige Bosheit verübt worden ist, um mich von meiner Geliebten zu trennen. Ich schwöre Ihnen, ich weiß von nichts, – ich bin mir keiner Schuld bewußt, ich habe keine Ahnung von diesen Briefen, und die Schreiben von mir, welche Sie da vor sich haben, enthalten keinen verborgenen Sinn.«

Der Beamte schien betroffen von dem Ton der Wahrheit in den Worten des jungen Mannes.

»Ich will in Ihrem Interesse wünschen,« sagte er, »daß es so ist, wie Sie sagen, und daß Sie Ihre Unschuld beweisen können. Indeß die Indicien erscheinen zu gravirend, und die Agitationen, um die es sich hier handelt, sind zu staatsgefährlich, als daß ich es verantworten kann, Sie in Freiheit zu lassen. Ich will indeß Anordnungen treffen, daß Sie gut behandelt werden, und dafür sorgen, daß Ihre Sache so schnell als möglich untersucht wird. Denken Sie genau über Alles nach und bedenken Sie, daß die größte Offenherzigkeit in Ihrer Lage das Beste ist.

Führen Sie den Arrestanten ab,« sagte er, zu dem Amtsdiener gewendet.

In dumpfem Schweigen ließ sich der junge Mann nach dem in einem Seitenflügel des Amtshauses befindlichen Arrestlocal führen. Er bat den Amtsdiener nur noch, seinem Oheim und seiner Mutter Nachricht von seiner Verhaftung zu geben und warf sich dann in dumpfer Verzweiflung auf das einfache Bett mit einer Strohmatratze, welche nebst einem hölzernen Tisch das ganze Ameublement des Zimmers ausmachte, dessen Fenster mit Eisenstäben vergittert waren und vor dessen Thür sich klirrend der schwere Riegel schob, der ihn von der Freiheit und von allen seinen Zukunftsträumen und Hoffnungen trennte.

Viertes Capitel.

Wochen waren seit dem Plebiscit verflossen, die große Mehrzahl des französischen Volkes hatte sich in ihrem Votum aufs Neue für das Kaiserreich und die neue Verfassung desselben erklärt, – die Elemente des Aufruhrs, welche einen Augenblick ihr Haupt aus den finsteren Vorstädten von Paris erhoben, hatten sich wieder in ihre dunklen Schlupfwinkel zurückgezogen, die unbequemen Mitglieder des Cabinets waren entfernt, der Herzog von Gramont war von Wien gekommen und hatte das Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten übernommen, und der Kaiser sah sich umgeben von lauter Männern, welche sowohl dem Prinzip seiner Regierung, als ihm persönlich vollkommen ergeben waren, und welche er, wenn er sich die Mühe geben wollte, leicht und vollständig nach seinem Willen zu lenken im Stande war.

Alles schien vortrefflich geordnet und glänzend befestigt. Der kaiserliche Hof hatte sich nach Fontainebleau begeben, es fanden dort jene reizenden, kleinen Gartenfeste Statt, welche die Kaiserin mit ihrem intimen Cirkel so ausgezeichnet zu arrangiren verstand. Die Zeitungen beschäftigten sich im Ganzen wenig mit der Politik. Sie berichteten über die Toiletten der Damen bei den Soiréen à la Watteau, welche unter dem tiefen Schatten der Bäume des Parks von St. Cloud Statt fanden. Sie erzählten mit hoher Befriedigung, daß die Gesundheit des Kaisers ganz vortrefflich sei und daß Seine Majestät Napoleon III in seinem kleinen Privatgarten in St. Cloud mit ganz besonderem Eifer sich mit der Cultur der Rosen beschäftige und nahe daran sei, das große Problem der Horticultur zu lösen und eine schwarze Rose zu erzielen.

Die Zeit der Villeggiaturen begann, Graf Bismarck ritt in Varzin spazieren, Seine Majestät der König Wilhelm badete in Ems, und der Kaiser Napoleon mit einer blauen Schürze und einer großen Scheere in der Hand, pflegte seine Rosen im Garten von St. Cloud.

Der Genius des tiefen Friedens hatte sich über Europa herabgesenkt, die Zeitungsredacteure und Correspondenten in allen Hauptstädten der Welt konnten trotz des sorgfältigsten Spürens an dem blauen Sonnenhimmel der Politik kein Wölkchen entdecken, aus welchem sich irgend eine meteorologische Combination hätte machen lassen, – und die Berichte der Zeitungen waren wahr. Denn an einem schönen, glänzenden Sommermorgen hätten diejenigen, welche in das abgeschlossene Innere der Sommerresidenz von St. Cloud zu blicken im Stande gewesen wären, den Kaiser Napoleon in der That sehen können, wie er, einen breiten Strohhut auf dem Kopf, von seinem Gärtner begleitet, zwischen den Rosenbeeten umherging, und mit liebevoller Sorgfalt alle diese Sträucher und Stämme musterte, auf denen so viel gestaltig und verschieden farbig die Königin der Blumen ihre Blüthen entfaltete. Er prüfte genau jeden Stock und jeden Zweig, er schnitt jede welkende Blüthe und jedes trocknende Blatt ab, Alles in ein Körbchen werfend, das der Gärtner trug und sorgfältig darüber wachend, daß kein gelbes Blatt auf den reinen Kies der Gänge fiel. Er forschte sorgfältig nach dem Mehlthau, diesem bösen Feinde der Rosen und blies, wenn er etwas davon entdeckte, den Dampf seiner großen braunen Havannacigarre auf die kleinen Milben, vergnügt zusehend, wie dieselben betäubt zu Boden fielen.

Bei allen diesen Operationen mußte er sich oft zu den kleinen Sträuchern herunterbücken, oft sich neben den hohen und schlanken Stämmen auf die Spitzen der Zehen erheben, wodurch zuweilen sehr complicirte und schwierige Stellungen hervorgerufen wurden, in denen die kleine, von dem großen Panamastrohhut überdachte Gestalt des Kaisers für alle Diejenigen einen sehr befremdenden und erstaunlichen Eindruck gemacht haben würde, welche gewohnt waren, ihn von den Hundertgarden umgeben bei den großen Truppenrevuen oder bei den großen Empfängen in den Tuilerien inmitten der Großwürdenträger unter dem kaiserlichen Thronhimmel stehen zu sehen. Aber das Gesicht des Kaisers war hier, wenn er klein zusammengebückt vor einer Zwergrose saß, oder wenn er sich mit Mühe zu einer hochstämmigen Centifolie emporhob, unendlich heiterer und glücklicher, als in jenen Augenblicken der glänzenden, kaiserlichen Repräsentation, sein sonst so undurchdringlich verschleierter Blick ruhte hier frei und klar auf den Pflanzen und Blüthen, diesen ewig jungen Kindern der stets sich erneuenden Natur, seine Lippen lächelten und auf seinem welken, von den Linien des Alters bereits tief durchfurchten Gesicht lag der Schimmer einer natürlichen, fast kindlichen Heiterkeit. Er war hier der Mensch, der seine Freude hatte an dem, was alle Menschenherzen erfreut hat, seit das Schöpfungswort Gottes allerlei Kräuter und Blumen auf der zwischen Licht und Finsterniß gestellten Erde erwachsen ließ, und alle Diejenigen, welche den Kaiser haßten und bekämpften im großen Ringen des politischen Lebens, sie wären hier vor dem Menschen entwaffnet gewesen, – denn nur ein guter Mensch kann sich in seinem Herzen die kindlich reine Freude an der einfachen Natur bewahren.

Der Kaiser blieb vor einem mittelgroßen Stamm stehen, aus dessen dunkelgrünen Blättern Knospen mit tief dunklen Spitzen hervorragten. Der Kaiser betrachtete sorgfältig prüfend diese Knospen, die alle noch geschlossen waren, vorsichtig die Zweige auseinander biegend, suchte er nach, ob nicht irgend eine sich bereits geöffnet habe.

Plötzlich stieß er einen leichten Schrei aus. An der anderen Seite des kleinen Baumes, welche dem Morgensonnenlicht zugewendet war, entdeckte er eine halb erschlossene Blüthe, deren tief dunkle Blätter so eben die Umhüllung gesprengt hatten.

»Ah,« sagte er, indem er mit der Hand dem Gärtner winkte, welcher rasch herzutrat, »da ist die Lösung meines Problems, die Blüthe ist erschlossen und« – er blickte ganz enttäuscht und niedergeschlagen auf die Blume.

Die dunklen Blätter derselben, welche beim ersten Anblick schwarz erschienen waren, schimmerten im Strahl des darüber hin streifenden Sonnenlichts in einem sehr deutlichen Purpurblau.

»Die Rose ist blau,« sagte der Kaiser, indem er vorsichtig die Blüthe erfaßte und sie hin und her wendete.

Aber von welcher Seite auch der Strahl der Sonne darauf fallen mochte, immer zeigte sich der blaue Glanz.

Der Gärtner lächelte mit einer gewissen Miene der Überlegenheit.

»Ich habe es Eurer Majestät immer gesagt,« sprach er, »daß es Ihnen niemals gelingen wird eine schwarze Rose zu ziehen. Die Natur hat die schwarze Farbe nicht, und so sehr sich auch die verschiedenen Farben immer mehr und mehr verdunkeln mögen, es wird Ihnen doch niemals gelingen, sie bis zum wirklichen Schwarz zu bringen.«

»Aber man hat doch die schwarze Farbe in der Thierwelt,« sagte der Kaiser. »Das Haar des Menschen ist schwarz, das Gefieder so manchen Vogels« –

»Ich glaube, daß Eure Majestät sich täuschen,« sagte der Gärtner kopfschüttelnd, »Alles das ist nicht schwarz, – es sind nur tiefe Schattirungen irgend einer anderen Farbe, deren Grundton Sie im Sonnenlicht leicht erkennen können. Die wirklich schwarze Farbe kommt in der Natur nicht vor, sie kann nur von Menschen künstlich geschaffen werden.«

Der Kaiser ließ die Blüthe los. Sein bisher so heiteres Gesicht wurde ernst, seine Augen verschleierten sich, trübe blickte er vor sich nieder.

»Die Natur schafft die schwarze Farbe nicht,« sagte er – »das menschliche Herz ist auch eine Schöpfung dieser Natur, und doch ist die Sorge so schwarz, welche dieses Menschenherz erfüllt, – die Menschen müssen künstlich die schwarze Farbe schaffen, – – sind alle die Sorgen, die uns quälen, nicht auch künstliche Schöpfungen einer der reinen und heiteren Natur entfremdeten Welt, – aus den wir uns dennoch nicht losmachen können,« fügte er seufzend hinzu, »um wieder zur Reinheit und Freiheit der Natur zurückzukehren, – einer Welt, aus der uns nur der Tod hinausführt, der uns mit dem letzten und tiefsten Schwarz bedeckt – – werden wir dahinter,« sprach er tief sinnend weiter, »eine neue Welt voll Licht und Farbenglanz finden, oder wird dieser letzte schwarze Grund für immer alles Licht und alle Farben aufsaugen?«

Er stand noch einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken, dann nahm er seine blaue Schürze ab, reichte dieselbe mit der Scheere, deren er sich zum Schneiden der Zweige bedient hatte, dem Gärtner, – grüßte denselben freundlich mit der Hand und warf noch einen langen wehmüthigen Blick über seinen blühenden Rosengarten, – dann wandte er sich schnell um und stieg die Stufen hinauf, welche ihn in sein Zimmer führten.

All das helle Licht, welches ihn im Garten umgeben hatte, all die freundliche Heiterkeit, welche ihn dort erfüllt hatte, schien wie verschwunden zu sein. Ernst und sorgenvoll trat er zu seinem Schreibtisch, auf welchem Pietri am Morgen die zu des Kaisers eigener Durchsicht bestimmten Correspondenzen gelegt hatte und ließ sich in dem davor stehenden tiefen Lehnstuhl von Rohrgeflecht mit einem länglich runden Sitzkissen nieder.

»Die glücklichen Augenblicke des Tages sind vorüber,« sagte er, »die Sorge tritt wieder in ihr Recht und trotz des Anscheins von Ruhe und Sicherheit, welche Frankreich und die Welt heute darbietet, stehe ich heute mehr als je vor ungelösten Fragen der Zukunft. Dieses Deutschland consolidirt sich,« sagte er, »Österreich schwankt und trotz aller guten Dispositionen des Königs Victor Emanuel wendet sich die öffentliche Stimmung in Italien mehr und mehr von mir ab, so daß es schwer sein wird, eine Allianz mit dieser Macht, welche ich geschaffen habe, zu schließen. Und selbst wenn es gelänge,« fuhr er fort, »würde eine solche Allianz im Augenblick einer entscheidenden Action – im Augenblick der Gefahr vielleicht – gehalten werden? Die meisten Sorgen aber,« sagte er nach einigen Augenblicken, »machen mir diese spanischen Angelegenheiten, die Candidatur des Herzogs von Montpensier wird eifrig betrieben und trotz der geringen persönlichen Popularität des Herzogs kann sie urplötzlich mir entgegentreten, denn schließlich wird man dort nach jedem Auskunftsmittel greifen, um nur wieder zu geordneten Zuständen zu gelangen, und die Orleans verstehen sich auf die Agitationen und die Intriguen. Aber ich muß Alles aufbieten, um ein orleanistisches Königthum in Spanien zu verhindern. Ich habe soeben den Einfluß gebrochen, welchen diese erbittertsten und gefährlichsten Feinde meiner Regierung und meiner Dynastie hier in Frankreich wieder zu erringen begannen, und würden sie jemals in Spanien festen Fuß fassen, so würde ihre Agitation trotz der Pyrenäen mit erneuter Kraft Frankreich durchziehen. Der Erbprinz von Hohenzollern wäre vielleicht eine Lösung gewesen, – und ich will diesen Faden nicht ganz aus der Hand lassen, aber das Erste und Nächstliegende ist doch die Wiederherstellung der Dynastie der Königin Isabella unter dem Prinzen von Asturien. Meine Einleitungen sind getroffen: Olozaga ist der Combination günstig, und dieser eitle Serrano wird lieber der Majordomus des unmündigen Don Alphonso sein, als einfacher General unter dem Herzog von Montpensier, der sich seiner wahrscheinlich bald entledigen würde – was vielleicht Prim auch thun wird,« fügte er mit einem leichten Lächeln hinzu – »den ich vorläufig ganz aus dem Spiel lassen muß, um ihn mir für jene hohenzollersche Eventualität im äußersten Falle zu reserviren.«

Er beugte sich über seinen Schreibtisch und ergriff die auf demselben zurecht gelegten Briefe. Nach flüchtigem Überblick warf er mehrere derselben bei Seite, dann ergriff er lebhaft einen andern und lehnte sich, denselben in der Hand haltend, in seinen Stuhl zurück.

»Von meinem Agenten in Spanien,« rief er, – »vielleicht nähert sich diese Sache ihrem Ende.«

Er durchflog rasch die ersten Zeilen des Briefes.

»Alles ist vorbereitet,« las er dann, den Zeilen folgend, »die maßgebenden Personen sind der Proclamation des Prinzen von Asturien günstig. Das Volk im Ganzen mit Ausnahme einiger unterwühlten großen Städte würde jede feste Regierung, welche Ruhe und Stabilität verbürgt, mit Freuden begrüßen. Die Armee ist zum großen Theil ganz alphonsistisch gesinnt und die Proklamation des Prinzen, namentlich wenn derselbe die unmittelbare und bestimmte Anerkennung Frankreichs fände, würde nirgends ernsten Schwierigkeiten begegnen. Vor allen Dingen aber ist es nöthig, daß die Königin Isabella so schnell als möglich feierlich abdicirt und alle ihre Rechte auf ihren Sohn überträgt, zugleich auch jeden Anspruch auf die Regentschaft ausdrücklich aufgiebt und sich verpflichtet, auch nach der etwaigen Thronbesteigung ihres Sohnes im Auslande zu leben und nicht nach Spanien zurückzukehren. Dies Document ist unerläßlich für jede weitere Thätigkeit, denn Niemand, die Alphonsisten ebenso wenig, wie alle Andern, will die Rückkehr der Königin, und man fürchtet, daß selbst bei ihrer persönlichen Anwesenheit in Spanien sie und ihre Umgebung auf die Regierung von Neuem einen Einfluß ausüben würden, den man mit Recht oder Unrecht für verderblich hält. Wenn Eure Majestät die Abdication der Königin in der oben angedeuteten Weise erreichen können, so scheint die Thronbesteigung des Prinzen von Asturien sicher zu sein.«

Der Kaiser warf den Brief zurück.

»Ich kann mich auf diese Mittheilung verlassen,« sagte er, – »das Glück scheint mir zu lächeln. Die Regierung des Prinzen von Asturien, mag sie in seinem Namen geführt werden, durch wen sie wolle, wird Frankreich günstig sein und in der auswärtigen Politik im Großen und Ganzen derjenigen der Königin Isabella sich anschließen. Vor allen Dingen aber wird sie dem Herzog von Montpensier und den Orleans unversöhnlich feindlich sein – vielleicht ließe sich dann doch noch auf jene Combination zurückkommen, welche durch diese unglückliche Revolution in Spanien vereitelt wurde. –

Die Königin wird sich freilich schwer zur Abdankung entschließen. Das Document darüber ist schon aufgesetzt und befindet sich in ihren Händen. Sie hat bis jetzt die Unterzeichnung verweigert, weil sie Bürgschaft verlangte, daß nach ihrer Abdication die Thronbesteigung ihres Sohnes wirklich gesichert sei. Ich glaube ihr nach dieser Nachricht, welche durch die Mittheilungen Olozaga's vollständig bestätigt wird, jede Garantie geben zu können.«

Er sann einige Minuten nach.

»In Augenblicken wie dieser,« sagte er dann, »kommt es auf schnelles und entschiedenes Handeln an. Günstige Situationen muß man benutzen und zu rascher Entscheidung führen, – man weiß niemals, wie lange sie dauern können. Ich will sogleich zur Königin, um womöglich gleich die Sache mit einem Schlage zu erledigen.« Er klingelte.

»Meinen Wagen,« befahl er dem eintretenden Kammerdiener, »große Attelage, ich will nach Paris fahren. General Favé soll mich begleiten.«

Er stand auf und ging in sein Toilettenzimmer.

An der Avenue du Roi de Rome liegt das prachtvolle Hotel Basilensky, welches die Königin Isabella gekauft und eingerichtet hatte und über dessen vergoldeten Gitterthoren der Lilienschild des königlichen Wappens von Spanien glänzte.

Die innere Eingangsthür dieses Hotels stand weit offen und ließ durch die Gitter des äußeren Hofes den Blick in die prachtvolle weite Halle dringen, in deren Hintergrund die breite Marmortreppe nach den obern Gemächern emporführt.

In dieser Halle war die Dienerschaft der Königin in ihrer dunkelblauen goldgestickten Livrée mit den rothen Strümpfen aufgestellt, und am Fuß der Treppe stand der Graf von Ezpeleta, der Oberhofmeister der Königin, ein alter Mann mit grauem Haar, mit dem großen blauen Bande des Ordens Karls III. geschmückt; neben ihm der Kammerherr Albacete, ein noch junger, schöner Mann mit schwarzem gelocktem Haar, kleinem schwarzem Schnurrbart und dunklen Augen, mit dem Cordon des Ordens Isabella der Katholischen.

Bereits eine Viertelstunde standen die beiden Herren hier, von Zeit zu Zeit einige Worte mit einander wechselnd und oft ungeduldig durch die Thür nach dem Vorhof hinaus blickend, zu welchem wenige Stufen hinabführten.

Endlich fuhr ein einfaches Coupé mit dunkler Livrée durch das Gitterthor in den Hof und hielt vor dem Haupteingang des Hotels.

Graf Ezpeleta eilte schnell an den Schlag des Wagens, den der vom Bock herabspringende Diener bereits geöffnet hatte. Herr von Albacete folgte ihm, den Hut in der Hand; beide Herren verbeugten sich tief vor einem jungen Manne von etwa zwei und zwanzig Jahren, der hoch und schlank gewachsen war und leicht und gewandt aus seinem Wagen auf den Boden sprang.

Dieser junge Mann hatte ein blasses längliches Gesicht von vornehm strengem, aber ein wenig apathischem Ausdruck. Seine Nase war lang und etwas stark, die von Natur weichen Linien seines Mundes waren durch feste und energische Willenskraft zusammengezogen, – aus seinen kleinen Augen leuchtete ein hoher unbeugsamer Stolz. Er trug einen schwarzen Salonanzug, einen Cylinderhut auf dem Kopf, das goldene Vließ am rothen Bande um den Hals.

Mit einer leichten Neigung des Kopfes, ohne den Hut zu berühren, erwiderte er die ehrfurchtsvollen Begrüßungen des Grafen Ezpeleta und des Herrn von Albacete. Dann stieg er, ohne ein Wort an die Herren zu richten, die Stufen des Eingangs hinauf und schritt durch die Reihen der sich tief verneigenden Lakaien zu der großen Treppe hin, während Herr von Albacete halb rückwärts gewendet, einige Schritte vor ihm herging, und der Graf Ezpeleta ehrerbietig ihm folgte. Der junge Mann stieg mit leichtem elastischem Schritt die Stufen der Treppe hinauf.

Am obern Ende derselben vor dem Eingang in ihre Gemächer stand die Königin Isabella. Sie trug eine weite Robe von dunkelblauer Seide, das rothe Band des goldenen Vließes um den Hals.

Ihr zur Seite befand sich die Gräfin Ezpeleta und einige Hofdamen.

Der junge Mann, welchen die Cavaliere der Königin mit so viel Ehrfurcht begrüßt hatten, stieg ruhig die letzte Stufe der Treppe hinauf, und erst als er unmittelbar vor der Königin stand, nahm er mit einer Bewegung voll ritterlicher Höflichkeit, aber ohne jeden Ausdruck von Ehrerbietung oder Unterwürfigkeit den Hut ab, ergriff die Hand, welche die Königin ihm entgegenstreckte und führte sie leicht an die Lippen.

»Ich danke Ihnen, mein Vetter,« sagte die Königin, »daß sie gekommen sind, und ich bitte Gott, daß er unsere Begegnung und unsere Unterredung segnen möge zum Wohle Spaniens und zum Wohl unseres Hauses.«

Der Infant Don Carlos, welchem man bei seiner Geburt den Namen des Herzogs von Madrid gegeben, welcher in der Verbannung den Titel eines Grafen von Monte Molin führte, und welchen die spanischen Legitimisten den König Carlos VII nannten, erwiderte nichts auf diese Worte. Schweigend reichte er der Königin den Arm und führte sie durch einen großen, mit reich vergoldeten Meubeln ausstatteten Salon, in welchem über den Fenstern und Thüren, so wie über dem großen prachtvollen Kamin die Lilien des königlichen Hauses von Bourbon auf blauem Grunde glänzten, nach dem Cabinet der Königin, welches von dem vordern Salon durch eine einzige große Glaswand aus mächtigen Spiegelscheiben getrennt war, so daß man aus dem einen Raum vollständig den andern übersehen konnte.

Dies Cabinet, in welchem die Königin ihre Audienzen zu ertheilen pflegte, war mit weißem Marmor ausgelegt, neben dem Kamin, welcher der Glaswand sich gegenüber befand, standen einander gegenüber einige große Fauteuils mit vergoldeter Lehne und mit purpurrothem Seidendamast überzogen.

Die Königin nahm auf einem dieser Lehnstühle Platz. Don Carlos setzte sich, immer schweigend und kalt, ihr gegenüber.

»Erlauben Sie, mein Vetter,« sagte Isabella, absichtlich jede Titulatur in ihrer Anrede vermeidend, »daß ich Ihnen die Infanten, meine Kinder, vorstelle?«

Der Graf von Monte Molin neigte artig das Haupt.

Die Königin winkte durch die Glaswand nach dem andern Zimmer hin, in welchem ihr Gefolge zurückgeblieben war, und kurze Zeit darauf führte die Gräfin Ezpeleta den dreizehnjährigen Prinzen Alphons von Asturien und seine drei jüngeren Schwestern in das Cabinet, worauf sie sich wieder in das Vorzimmer zurückzog.

Der Prinz von Asturien, ein bleicher, zarter Knabe mit sanftem und kränklichem, aber intelligentem Gesicht, in einen Anzug von schwarzem Sammet gekleidet, welcher die zarte Farbe seines Gesichts noch mehr hervorhob, näherte sich mit offenem und unbefangenem Anstand dem Grafen von Monte Molin. Er küßte seinem Oheim die Hand, während die drei Infantinnen sich in einer gewissen kindlichen Befangenheit neben den Stuhl ihrer Mutter stellten.

»Don Alphonso,« sagte die Königin, ihren Sohn vorfallend, »Donna Maria del Pilar – Donna Maria della Pay, – Donna Eulalia,« – fuhr sie fort, die kleinen Prinzessinnen bezeichnend, welche sich nach der Reihe ihrem Oheim näherten und ihre Lippen auf seine Hand drückten.

Das bisher so ernste, strenge und unbewegliche Gesicht des Grafen von Monte Molin wurde einen Augenblick von einem feuchten Schimmer überstrahlt. Ein weiches und inniges Gefühl leuchtete aus seinen Augen, wie in unwillkürlicher Bewegung umarmte er den Prinzen von Asturien, zog dann die kleinen Infantinnen an sich heran und küßte sie eine nach der andern auf die Stirn.

»Die lieben Kinder,« sagte er, – »die Glücklichen, die noch allen Sorgen des Lebens – und der Politik fern stehen, – Gott segne sie.«

Die Königin hatte mit bewegtem Ausdruck diese Scene mit angesehen, eine tiefe, mächtige Rührung zuckte über ihr Gesicht, ein feuchter Schimmer verhüllte ihren Blick. Dann winkte sie mit der Hand, die Gräfin Ezpeleta erschien wieder und führte, sich tief und ceremoniell verneigend, die Kinder hinaus.

»Ich habe Sie gebeten, zu nur zu kommen, mein Vetter,« sagte die Königin, »um mit Ihnen über die Lage Spaniens zu sprechen und mit Ihnen zu berathen, was wir, die wir durch unser Blut mit dem Geschick der spanischen Nation verknüpft sind, thun können, um das edle Volk aus seiner traurigen Lage zu befreien und um auch in unserm Hause den Frieden wieder herzustellen.«

Das Gesicht des Grafen von Monte Molin nahm wieder seinen früheren, kalten und strengen Ausdruck an.

»Über die spanische Nation,« sagte er, »ist das Strafgericht hereingebrochen, dem kein Volk entgehen kann, das sich von Gott abwendet und das heilige Recht seiner Könige verleugnet. Spanien wird durch dieses Strafgericht geläutert und so Gott will, einer glücklichen Zukunft zugeführt werden.«

»Sie haben Recht, mein Vetter,« sagte die Königin mit sanfter Stimme. »Indeß,« fuhr sie fort, »ist das spanische Volk vielleicht entschuldbar, wenn es sich über das Recht seiner Fürsten täuscht, da ja bei den Trägern dieses Rechts selbst zwei verschiedene Anschauungen über dasselbe bestehen.«

»Es giebt nur ein Recht,« erwiderte Don Carlos, »und wenn zwei verschiedene Anschauungen darüber bestehen, so trifft die Schuld denjenigen Fürsten unseres Hauses, welcher in unverzeihlicher Weise die alten, die heiligsten Satzungen nach seiner persönlichen Willkür zu ändern unternommen hat. Und Ruhe und Frieden,« fuhr er in klangvoller Stimme fort, »wird in Spanien nicht eher wieder herrschen, als bis das alte, gottgeheiligte Recht wieder zur vollen Geltung gekommen ist.«

»Ich will darüber nicht mit Ihnen streiten, mein Vetter,« sagte die Königin, »wo das wahre Recht liegt. Sie müssen mir aber zugeben,« fuhr sie fort, indem sie ihn mit weichem Blick ansah und die Hand wie bittend gegen ihn erhob, »daß ich unschuldig bin an dem, was vor mir – was zu meinen Gunsten geschah. Ich habe im guten Glauben meinen Thron bestiegen, überzeugt, daß das Gesetz, welches mich auf denselben berief, ein im Rechte begründetes gewesen sei.«

»Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, meine Cousine,« sagte Don Carlos, in sanftem Tone, »es ist Ihre Schuld nicht, daß Sie die Vertreterin eines Prinzips geworden sind, welchem dem wahren Königthum und der von Gott eingesetzten Monarchie ebenso feindlich gegenüber steht, als es diese Revolution thut, welche heute unser armes Spanien zerrüttet.«

»Wenn Sie das anerkennen, mein Vetter,« sagte die Königin, »so werden Sie mit mir auch den Wunsch theilen, daß das traurige Zerwürfniß, welches die Linien unseres königlichen Hauses von einander trennt, und welches uns unsern Gegnern gegenüber schwächt und lähmt, beendet werde. Sie werden gewiß die Hand dazu bieten, daß wieder das Königthum in Spanien einig und in geschlossener Macht den Elementen des Unglaubens und Aufruhrs gegenüber gestellt werde.«

Und in lebhafter, offener Bewegung reichte sie dem Infanten ihre Hand, dieser berührte dieselbe sich artig verbeugend, einen Augenblick und sprach dann, indem er die Königin gerade und fest ansah:

»Sobald sich das ganze königliche Haus von Spanien unter meiner Fahne vereinigt, wird jene traurige Spaltung verschwunden sein, und wir werden kräftiger und erfolgreicher als bisher der Revolution gegenüber treten können.«

Die Königin schwieg einen Augenblick.

»Ich schwöre es Ihnen bei Gott, mein Vetter,« sagte sie dann, »daß ich mich wahrlich nicht nach der Herrschaft und nach dem Throne sehne, – sie haben mir kein Glück in meinem Leben gebracht. Unruhe, Sorge und Kummer ist mein Loos gewesen, und auch das Glück meines Herzens ist diesem traurigen Glanz der Krone zum Opfer gefallen. Aber,« fuhr sie fort, »ich habe die Rechte meines Sohnes zu vertreten, und man sagt mir, daß die monarchische Partei in Spanien zu einem großen Theil auf ihn seine Hoffnungen setzt und durch seinen Namen zusammengehalten werde.«

Don Carlos hörte ruhig und unbeweglich zu.

»Ich setze voraus,« fuhr die Königin fort, »daß in Ihrem Herzen, wie in dem meinen das Wohl Spaniens, die Größe und der Glanz unseres Hauses weit über allen persönlichen Rücksichten und Wünschen stehen – wenn dies der Fall ist, wenn wir uns darüber verständigen könnten, die Vergangenheit und die Gegenwart einer besseren und glücklicheren Zukunft zu opfern, so würde es vielleicht in unsere Hände gegeben sein, das Schicksal Spaniens und unseres Hauses neuem Glück und neuem Glanz entgegen zu führen.«

»Mein Volk und mein Haus stehen mir wahrlich höher, als meine Person,« erwiderte Don Carlos, »und für das Wohl Beider bin ich jeden Augenblick bereit, mich zum Opfer zu bringen.«

»Oh,« rief die Königin lebhaft, »dann werden Sie gewiß auf die Idee eingehen, die ich Ihnen aussprechen möchte, – eine Idee, von der mir so viele einsichtsvolle Personen sagen, daß durch sie Spanien aus seinem jetzigen, traurigen Zustand gerettet werden könne.«

Don Carlos sah die Königin fragend an.

»Mein Vetter,« fuhr Isabella fort, »Sie sind der Vertreter des Rechts der einen Linie unseres Hauses; ich stehe an der Spitze der andern. Sie haben zahlreiche opferbereite Anhänger in Spanien, und auch an mir hängt noch ein großer Theil des Volkes und der Armee. Könnten wir diese Alle vereinigen zu gemeinsamem Kampf, der Sieg müßte unser sein. Und dazu gehört,« fuhr sie fort, »nichts weiter, als daß wir, Sie und ich auf den Thron verzichten, daß wir die Selbstverleugnung haben, unsere eigenen persönlichen Rechte aufzugeben, um diejenigen unserer Kinder sicher zu stellen. Mein Vetter, vereinigen wir unsere beiden Linien und deren Rechte, beschließen wir die Verbindung meines Sohnes, den Sie so eben gesehen, mit der Infantin, Ihrer Tochter. Wenn ich dann auf die Krone verzichte, die ich getragen und welche die Revolution mir vom Haupte gerissen hat, wenn Sie Ihre persönlichen Ansprüche auf die älteren Rechte Ihrer Linie aufgeben, so wird Don Alphonso der allein berechtigte und allseitig anerkannte König von Spanien werden, Ihre Tochter wird dereinst seinen Thron mit ihm theilen, und in Zukunft wird das vereinigte Blut beider Linien unseres Hauses das ungetheilte monarchische Prinzip aufrecht erhalten.«

Don Carlos sah die Königin, welche immer bewegter gesprochen hatte, mit einem gewissen Erstaunen an.

»Eine Verbindung des Infanten Don Alphonso,« sagte er, »mit meiner Tochter ist ein Gegenstand, der wohl ernste Erwägung verdient und der allerdings dazu beitragen möchte, die so beklagenswerte Spaltung des königlichen Hauses von Spanien auszugleichen. Doch begreife ich nicht, Madame,« fuhr er fort, »wie durch eine solche Verbindung Don Alphonso unmittelbare Rechte auf den spanischen Thron erwerben sollte, selbst wenn ich auf die meinigen verzichten würde, was nach meiner Überzeugung kein Fürst, den Gott zum Throne hat geboren werden lassen, thun darf.«

»Wenn Sie, mein Vetter,« erwiderte die Königin »zugleich mit der besprochenen Verbindung Don Alphonso adoptiren würden, so wären, wie mir scheint, alle Schwierigkeiten gelöst, der Infant würde in seiner Person die Rechte Ihrer und meiner Linie vereinigen und der einzige Mittelpunkt für alle Anhänger und Vertheidiger der Monarchie in Spanien sein.«

Don Carlos richtete sich hoch empor.

»Ich bewundere, Madame,« sagte er mit schneidendem Hohn, »die Klugheit Ihrer Rathgeber, welche die Schwierigkeiten auf so einfache Weise lösen wollen, auf die so unendlich einfache Weise, daß sie das hohe und unveräußerliche Recht, welches Gott mir und meinen Nachkommen gegeben, einfach wegwerfen und alle die Rechtswidrigkeiten anerkennen, durch welche Spanien in sein gegenwärtiges Unglück gestürzt ist.«

»Aber, mein Gott,« sagte die Königin erstaunt über die plötzliche Veränderung in dem Gesichtsausdruck und Ton des Grafen von Monte Molin, »der Vorschlag, den ich so eben gemacht, beruht ja auf der Anerkennung Ihres Rechtes, denn mein Sohn soll ja den spanischen Thron gerade gestützt auf unsere beiden bisher sich entgegen stehenden Rechte in Anspruch nehmen.«

»Das heißt mit andern Worten,« fiel Don Carlos ein, »ich soll mit meinem königlichen Siegel legalisiren, was zur Verletzung des legitimen Rechts geschehen ist. Ich soll aufgeben alle Ansprüche, welche Gottes Willen mir gegeben und soll das alte heilige Recht in den Dienst treten lassen der willkürlichen Verfügungen, welche die unumstößlichen Satzungen des spanischen Königshauses verändert haben. Und wenn ich für meine Person dies Opfer bringen wollte, wenn ich auf mein Recht verzichten wollte, um das Unrecht zu sanctioniren, wie könnte ich eine solche That vertreten meinen Nachkommen gegenüber, das darf ich Sie wohl fragen, – Sie, Madame, die Sie von mir verlangen, daß ich Ihrem Sohn den Anspruch opfern soll auf die Krone der edelsten und vornehmsten Nation der Welt.«

»Aber, mein Vetter,« sagte die Königin, »Sie haben nur eine Tochter und wenn Sie heute König von Spanien werden, so wäre ja Don Alphonso Ihr legitimer Erbe.«

»Sie vergessen, Madame,« rief Don Carlos, »daß in den nächsten Tagen vielleicht die Gnade der Vorsehung mir einen neuen Nachkommen schenken wird. Wenn ich heute mit Ihnen diesen Kauf abschlösse,« rief er lebhaft, »über die Rechte und die Zukunft meines Hauses, und wenn dann dieses Kind, das ich erwarte, ein Sohn wäre, müßte ich nicht erröthend die Augen niederschlagen vor der Wiege des Säuglings, den ich um sein königliches Recht vor seiner Geburt betrogen hätte. Nein, Madame,« sagte er kalt und ruhig, jedes Wort scharf und nachdrücklich betonend, »seien Sie überzeugt, daß niemals, niemals von mir ein solcher Pact geschlossen werden wird, und selbst wenn ich heute ein Greis wäre, der keine Nachkommenschaft mehr zu erwarten hat – selbst dann würde ich meine persönlichen Rechte nicht veräußern, – versagt mir Gott einen Sohn, so ist der Infant Don Alphonso mein natürlicher und berechtigter Nachfolger, ich werde ihn als solchen lieben und dahin arbeiten, ihm ein großes und ruhmreiches Erbe zu hinterlassen, – aber so lange ich lebe,« fuhr er fort, indem er aufstand, und die Hand wie zur feierlichen Bekräftigung seiner Worte emporhob, »so lange ich lebe, giebt es in meinen Augen auf Erden keinen anderen König von Spanien als mich – in Gottes Hand steht es, ob ich mein Recht erringen werde, oder ob mir das hohe Ziel um der Sünden meiner Väter und um der meinigen willen versagt bleiben soll – ich aber werde nichts unterlassen, um den Thron, zu dem mich Gott hat geboren werden lassen, mir und meinem Hause wieder zu erobern, mit Niemandem in der Welt werde ich über dieses mein höchstes Recht, das zugleich meine heiligste Pflicht ist, handeln oder Verträge schließen, – und eine innere Stimme sagt mir, daß dereinst noch die alte Fahne des reinen legitimen Rechts siegreich in Spanien wehen wird. Dann, Madame,« fuhr er mit mildem Tone sich zur Königin wendend fort, »werde ich Sie willkommen heißen im Escurial, Ihr Sohn wird der erste Prinz meines Hauses – und vielleicht mein Nachfolger und Erbe sein. Ich werde Gott bitten, daß er Sie und die Ihrigen erleuchten möge, Sich seinen ewigen Ordnungen zu fügen, ich kann meinerseits von denselben nicht abgehen.«

Die Königin erhob sich ebenfalls.

»Ich bitte Sie, mein Vetter,« sagte sie, »lassen Sie unsere Unterredung nicht so enden, ich habe so große Hoffnungen auf unsere persönliche Begegnung gebaut, bedenken Sie, daß die Spaltungen zwischen den beiden Linien unseres Hauses ja nur unseren gemeinschaftlichen Feinden nützt.« –

»Ich darf nichts bedenken,« erwiderte Don Carlos, »als daß Gott mir das Recht zu bewahren gegeben, das ich aufrecht halten und vertheidigen werde bis zu meinem letzten Athemzuge.«

Er näherte sich der Königin, welche unschlüssig und verwirrt da stand, küßte ihr die Hand und sprach:

»Gott segne Sie, Madame, und die Ihrigen; – wie auch das Schicksal der Zukunft sich wende, ich werde niemals vergessen, daß das gleiche Blut in unsern Adern rollt.«

Die Königin schien sprechen zu wollen. Don Carlos bot ihr mit einer entschiedenen Bewegung seinen Arm, sie legte schweigend mit einem tiefen Seufzer ihre Hand in denselben und geleitete den Infanten durch das Vorzimmer nach der Treppe, wo er mit einer artigen Verbeugung seinen Hut aufsetzte und, von dem Grafen Ezpeleta und dem Herrn von Albacete begleitet, langsam und ruhig die Stufen hinabstieg. Sein Coupé fuhr vor, er winkte leicht grüßend mit der Hand und fuhr durch das Gitterthor des Hofes hinaus.

»Alles vergebens,« rief die Königin, als der Graf von Ezpeleta zu ihr zurückgekehrt war und fragenden Blickes in ihr Cabinet eintrat, – »Alles vergebens! Er ist unbeugsam! Er steht unerschütterlich fest auf dem Boden seines Rechts. Und es wäre doch so schön gewesen,« rief sie, »wenn diese Verständigung gelungen wäre. Er hat mächtige Anhänger, wenn sie sich mit den meinigen vereinigten, sie hätten die größten Aussichten auf Erfolg gehabt. Aber so,« fuhr sie fort, indem sie ihr Taschentuch heftig zusammendrückte, »ist Alles in Frage gestellt. Man verlangt von mir die Abdankung. Aber was wird dadurch gewonnen, wenn nicht zu Gunsten meines Sohnes eine große, monarchische Partei gebildet werden kann? – ich würde mein Recht aufgeben, ohne ihm dadurch die Nachfolge sichern zu können –«

Eine Bewegung machte sich im Vorzimmer bemerkbar.

Eiligst trat Herr von Albacete durch die Thür der großen Glaswand in das Cabinet der Königin.

»Seine Majestät der Kaiser ist so eben in den Hof gefahren!« rief er und eilte schnell wieder hinweg, um den Kaiser zu begrüßen.

Der Graf Ezpeleta folgte ihm, und die Königin ging mit ihren Damen abermals nach dem Ausgang der großen Treppe, an welcher sie sich kurz vorher von dem Grafen von Monte Molin verabschiedet hatte.

Langsam und etwas schwerfälligen Schrittes stieg Napoleon die Stufen hinauf.

Er trug einen schwarzen Überrock und hielt seinen Hut und ein spanisches Rohr mit goldenem Knopf in der Hand. Mit tiefer Verbeugung küßte er der Königin die Hand und führte sie in das Cabinet zurück.

»Ich habe Ihnen gute Nachrichten zu bringen, Madame,« sagte er, nachdem er ihr gegenüber vor dem Kamin Platz genommen. »Wie befinden sich die Infanten?«

»Ich danke, Eure Majestät,« erwiderte die Königin, auf deren Gesicht bei den ersten Worten des Kaisers der Ausdruck gespannter Erwartung erschienen war, »sie befinden sich vortrefflich in dieser schönen Luft des gastfreien Frankreichs, welche für sie nur den einzigen Fehler hat, daß sie die Luft des Exils ist.«

»Und der König Don Franzesco,« fragte der Kaiser, indem er leicht mit der Hand über seinen Schnurrbart fuhr.

»Er ist in München,« sagte die Königin, »und braucht dort eine Kur,« fügte sie mit einem leichten unwillkürlichen Lächeln hinzu, »welche ihm statt seines feinen Organs eine tiefe Stimme geben soll. Vielleicht wird er nicht wieder zurückkehren,« sagte sie ernst mit blitzenden Augen, »es wäre in der That nicht –«

»Erlauben Eure Majestät,« fiel der Kaiser ein, »daß ich so schnell als möglich auf den ernsten Gegenstand meines Besuches kommen darf. Ich habe so eben,« fuhr er fort, »gute und zuverlässige Nachrichten erhalten, daß in der spanischen Armee und in einem großen Theil der Bevölkerung die monarchische Restauration immer mehr Boden gewinnt, und daß sich diese Restauration an den Namen des Prinzen von Asturien knüpft. Der Proclamirung des Prinzen würde, wie ich Eurer Majestät ebenfalls versichern kann, Olozaga und Serrano günstig sein. Es ist also nunmehr die Bedingung eingetreten, welche Eure Majestät, und wie ich glaube mit Recht, stets als unerläßlich für Ihre Abdication bezeichneten. In diesem Augenblick würden Sie durch die Übertragung Ihrer Rechte auf Ihren Sohn demselben nach aller wahrscheinlichen Berechnung wirklich die Nachfolge auf den Thron zu sichern im Stande sein. Ich werde in der Lage mich befinden, viel dafür zu thun, wenn Eure Majestät schleunigst das Document vollziehen, welches den Prinzen von Asturien zum Vertreter Ihrer Rechte macht. Ich habe mir erlaubt, schon vor einiger Zeit Eurer Majestät den Sinn der Erklärung mittheilen zu lassen, welche eine solche Abdankungsurkunde enthalten müßte.«

»Ich weiß es,« sagte die Königin mit einem bittern Lächeln, »sie soll nicht nur die Übertragung meiner königlichen Rechte, sondern auch die Verpflichtung enthalten, daß ich auch nach der Thronbesteigung meines Sohnes niemals wieder den spanischen Boden betrete.«

»Eure Majestät,« sagte der Kaiser, »werden überzeugt sein, wie tief ich die unglücklichen Ereignisse beklage, welche sich in Spanien zugetragen haben, und wie dringend und lebhaft ich gewünscht hätte, Sie selbst wieder den spanischen Thron besteigen zu sehen. Allein,« fuhr er fort, »Eure Majestät werden auch ebenso wie ich die Zukunft Ihres Hauses höher stellen, als persönliche Wünsche, – man muß im politischen Leben stets mit den gegebenen Verhältnissen rechnen und Schweres thun, um ein großes Ziel zu erreichen, – was heute eine Nothwendigkeit ist, um Ihrem Hause seine Krone wieder zu gewinnen, wird nach einiger Zeit verschwinden. Diejenigen, welche sich in so schmählicher Undankbarkeit gegen Eure Majestät erhoben haben, fürchten heute natürlich den Einfluß, den Sie bei Ihrer Anwesenheit in Spanien auf Ihren Sohn und dessen Regierung gewinnen würden. Lassen Sie einige Zeit vorüber gehen – Jene werden ohnehin ihrem Verhängniß verfallen, – und ich sehe den Tag kommen und sollte er auch bis zur Großjährigkeit Ihres Sohnes hinausgeschoben bleiben, an welchem Sie, Madame, unter dem Jubel des Volkes von Spanien als die Mutter seines Königs wieder in Madrid einziehen werden.«

Die Königin blickte nachdenkend vor sich nieder.

»Bedenken Eure Majestät,« sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken, »daß in großen politischen Entscheidungsmomenten jede Zögerung gefährlich werden kann – zögern Sie daher nicht, durch Ihre Abdankung die Action derer zu ermöglichen, welche Ihren Sohn auf den Thron führen wollen. Bedenken Sie, daß gewandte und unermüdliche Gegner ihm gegenüber stehen. Würden Sie Sich je verzeihen können, wenn durch die Verzögerung des Opfers, welches die Verhältnisse von Ihnen verlangen, jener Herzog von Montpensier dennoch endlich an das Ziel seiner Intriguen gelangen sollte.«

»Er,« rief die Königin mit flammenden Blicken, indem sie den Kopf empor warf, »er, der falsche Heuchler, den ich wie die Andern Alle mit Wohlthaten überschüttet habe! Niemals! Niemals! Und dieser stolze, hochmüthige Graf von Monte Molin,« fuhr sie fort, »der jede Verständigung zurückwies, der mich behandelt hat, wie ein König eine Infantin seines Hauses – Keiner von ihnen soll triumphiren – ich will jedes Opfer bringen,« sagte sie mit entschlossenem Ton, »wenn Eure Majestät mir versichern können, daß dadurch wirklich meinem armen Kinde die Krone gesichert wird.«

Sie blickte den Kaiser scharf und forschend an.

»Ich bin weder allwissend, Madame,« sagte Napoleon, »noch allmächtig, – indeß so weit menschliche Berechnung reicht, stehen in diesem Augenblick die Chancen Ihres Sohnes unendlich günstig, sobald Ihre Abdankung seine Freunde in den Stand setzt, offen für ihn aufzutreten und zu handeln, und sobald den gegenwärtigen Machthabern Garantien geboten werden können, daß sie unter der wieder hergestellten Monarchie die gesicherte Stellung finden, welche ihnen selbst bei der Fortdauer der republikanischen Verwirrung immer zweifelhafter zu werden scheint; – aber, ich wiederhole es,« fuhr er fort, »es muß schnell gehandelt werden, damit man allen gegenseitigen Intriguen zuvorkommt.«

»Ich werde die Urkunde vollziehen,« sagte die Königin, indem sie sich mit einem tiefen Athemzug erhob, »man soll von mir nicht sagen können, daß ich es an irgend Etwas habe fehlen lassen, um den Rechten meines Hauses Geltung zu verschaffen.«

»Seien Sie meiner ganzen Unterstützung dafür sicher,« sagte der Kaiser, indem er ebenfalls aufstand, »und genehmigen Sie den Ausdruck meiner aufrichtigen Dankbarkeit, denn Sie haben durch diesen Entschluß nicht nur Ihrem Hause, sondern auch mir und Frankreich einen großen Dienst geleistet, – Sie wissen, wie viel auch mir daran liegen muß, jenseits der Pyrenäen geordnete Zustände und eine befreundete Regierung zu sehen. Ich darf Eure Majestät bitten,« fuhr er fort, »sobald die Urkunde vollzogen ist, mir ein Exemplar derselben zugehen zu lassen, damit ich meinerseits alle die Schritte thue, die die Umstände erheischen.«

Er kehrte der Königin den Arm reichend, in das Vorzimmer zurück, sprach mit jedem der Herren und Damen des Gefolges einige höfliche Worte und verließ von den Cavalieren der Königin bis zum Wagen geleitet, das Hotel.

Die Königin rief den Grafen Ezpeleta in ihr Cabinet.

»Lassen Sie sogleich Ihre Majestät die Königin, meine Mutter, bitten, sich in einer wichtigen Angelegenheit hierher bemühen zu wollen. Lassen Sie auch den Herzog von Sesto und den Marquis von Miraflores rufen. In zwei Stunden soll mein ganzer Hof in Gala sich versammeln. Haben Sie das Document in Bereitschaft, das ich Ihnen übergab?«

»Zu Befehl, Eure Majestät,« erwiderte der Graf von Ezpeleta.

»Ich werde es unterzeichnen,« sagte die Königin seufzend. »Heute Abend wird Ihr König Don Alphonso heißen.«

Am Abend desselben Tages war in dem Empfangssaal des Hotel Basilensky der Hof der Königin Isabella versammelt.

Der Graf von Ezpeleta, der Kammerherr von Albacete und die übrigen Cavaliere der Königin trugen die Uniformen ihrer Grade. Die Gräfin Ezpeleta, welche als Camerera-Major fungirte und die Damen der Königin waren in großer Toilette.

Die Kerzen brannten auf den Lustres, in der Mitte des Saales stand ein großer runder Tisch mit einer purpurnen Sammetdecke behängt, auf welchem in einer großen Mappe mehrere Papiere lagen, dabei ein kostbares Schreibzeug und einige große Schwanenfedern. In einiger Entfernung von diesem Tisch standen drei mit rothem Sammet überzogene Lehnstühle, an deren Rücklehne sich das königliche Wappen von Spanien befand.

In dem Saal hörte man jenes leise Flüstern, welches an den Höfen dem Eintritt der Souveraine vorauszugehen pflegt.

Die Stunde war gekommen, zu welcher Ihre Majestät die verschiedenen Personen befohlen hatte. Die Eingangsthür öffnete sich – aber noch war es nicht die Königin, sondern es erschien ebenfalls in großem Galacostüm der Herzog von Sesto, der Gemahl der Wittwe des Grafen von Morny und der Marquis von Miraflores. Ihnen folgte der Marschall Bazaine in der großen Uniform der Marschälle von Frankreich und der Präsident des Civilgerichts Herr Benoist-Champy in der Hofgalatracht der Justizbeamten.

Abermals verging eine kurze Zeit in schweigender Erwartung. Dann sprangen die Flügelthüren auf. Graf Ezpeleta eilte in die anstoßenden Gemächer Ihrer Majestät und trat bald darauf in den Saal zurück, mit dem Stabe auf das Parquet stoßend und die Königin ankündigend.

Unmittelbar darauf trat die Königin in den Saal, sie trug eine faltige Robe von schwarzem Sammet, ein Diadem von Brillanten auf dem Haupte, den Hermelin um die Schultern, das goldene Vließ an der Kette um den Hals und das große Band vom Orden Karl's III. über der Brust.

An der rechten Seite der Königin, einen Schritt zurück, folgte die Königin Christine, ebenfalls in schwarzen Sammet gekleidet, ebenfalls mit dem goldenem Vließ und dem Orden Karl III. decorirt. Die hohe Gestalt der Königin Christine, ihre scharf geschnittenen, harten und etwas starren Züge zeigten wenig Ähnlichkeit mit ihrer Tochter, deren sanfte, weiche Augen von Thränen geröthet erschienen, und deren großer Mund mit den starken, vollen Lippen, durch den Ausdruck trauriger und stiller Resignation, welcher auf demselben lag, schöner und anmuthiger als sonst erschien.

Zur linken Seite der Königin ebenfalls einen Schritt zurück trat der Prinz von Asturien in den Saal. Er trug einen Knabenanzug von schwarzem Sammet, ebenfalls das goldene Vließ um den Hals, das blaue Band von dem Orden Karl's III. über der Brust, den Stern an dem kleinen Jaquet.

Der Prinz war bleich und blickte voll liebevoller Theilnahme auf seine Mutter hin. Seine ganze Erscheinung war unendlich anmuthig und sympathisch, und als er mit einem halb kindlich verlegenen, halb fürstlich stolzen Kopfnicken, die sich tief verneigende Versammlung begrüßte, bot er ein ungemein interessantes und anziehendes Bild dar.

Der alte Infant Don Sebastian, ein Mann mit grauem Haar und ruhigen, gleichgültigen Gesichtszügen in der großen spanischen Generalsuniform folgte.

Die Königin durchschritt mit dem fürstlichen Anstande, welcher ihr trotz ihrer corpulenten und kleinen Figur eigenthümlich war, den Saal und setzte sich in den mittelsten der drei Lehnstühle.

Die Königin Christine nahm ihr zur Rechten Platz.

Don Alphonso stellte sich neben den dritten Lehnstuhl und der Infant Don Sebastian hinter den Fauteuil der Königin.

Die Königin winkte dem Grafen Ezpeleta.

Dieser trat an den Tisch, nahm ein großes Pergament aus der dort liegenden Mappe und trat vor den Sessel der Königin.

»Ich, die Königin,« sprach Donna Isabella, »habe in Erwägung der Interessen meines Landes und meines königlichen Hauses beschlossen, meine königliche Autorität und alle meine politischen Rechte aus freiem Willen und lediglich aus eigenem Antriebe auf meinen viel geliebten Sohn Don Alphonso, Prinzen von Asturien, zu übertragen. Ich habe zugleich beschlossen,« fuhr sie mit etwas zitternder Stimme fort, »um allen Parteistreitigkeiten vorzubeugen und den innern Frieden meines geliebten spanischen Volkes zu gewährleisten und zu erhalten so viel an mir liegt, für meine Person den spanischen Boden nicht mehr zu betreten; auch wenn mein Sohn durch die Cortes, die das rechtmäßige Votum der Nation vertreten, auf den Thron berufen werden wird. Bis dies geschieht, und so lange mein Sohn außer seinem Vaterlande weilen wird, behalte ich meinen Sohn unter meinem Schutz und meiner Vormundschaft.

Don Alphonso XII. ist also von heute an Euer wahrer König, ein spanischer König, der König der Spanier, nicht der König einer Partei. Ich werde zugleich mit dieser Urkunde über meine Abdankung durch ein Manifest an die spanische Nation dieselbe verkündigen und mir wird nur noch übrig bleiben, in glühenden Gebeten lange Tage des Friedens und des Gedeihens für Spanien zu erflehen und für meinen Sohn, dem ich meinen mütterlichen Segen ertheile, – Weisheit und Vorsicht und mehr Glück auf dem Thron als seine unglückliche Mutter fand, welche bis heute Eure Königin war.«

Die letzten Worte der Königin wurden fast unverständlich durch das Schluchzen, welches ihre Stimme erstickte.

Der junge Prinz von Asturien näherte sich seiner Mutter und kniete weinend vor ihr nieder.

Die Königin legte die Hände auf sein Haupt und sprach, während große Thränen über ihre Wangen rannen, mit lauter Stimme:

»Gott erhöre mein Gebet und segne Dich, mein Sohn, mit seinem reichsten Segen!«

Sie machte über seinem Haupte das Zeichen des Kreuzes und erhob sich dann. Don Alphonso und die Königin Christine standen gleichfalls auf.

Isabella näherte sich dem Tisch, auf welchem der Graf von Ezpeleta die Abdicationsurkunde niedergelegt hatte. Der Herzog von Sesto reichte der Königin die Feder und mit einem raschen, kräftigen Zug unterzeichnete sie das Dokument. Dann wandte sie sich um, ergriff den Prinzen von Asturien bei der Hand und führte ihn zu dem mittleren Lehnstuhl, welchen sie vorhin eingenommen hatte. Sie neigte sich leicht gegen ihren Sohn und setzte sich in den Sessel zu seiner Linken.

Der Hof trat heran, alle anwesenden Spanier defilirten an dem jungen Prinzen, der hier in der Verbannung zum König von Spanien proclamirt war, vorüber, beugten das Knie vor ihm und drückten die Lippen auf seine Hand, die er Jedem reichte.

Nachdem die Ceremonie vorüber war, wandte sich die Königin Isabella an ihren Sohn.

»Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubniß,« sagte sie in französischer Sprache mit starkem spanischem Guttural-Accent, »in Ihrer Gegenwart noch ein Document aufnehmen zu dürfen, welches nicht die Politik betrifft, sondern nur die Privatangelegenheiten unseres Hauses ordnet. Es ist mein Testament, das ich für den Fall der Rathschluß Gottes die Wiederherstellung des Thrones unseres Hauses nicht gestatten sollte, nach französischem Recht habe aufnehmen lassen, und welches der Herr Präsident des Civilgerichtshofes und der erlauchte Marschall, der uns die Freude seiner Gegenwart macht, als Zeugen unterzeichnen sollen.«

Don Alphonso wandte sich in rascher Bewegung zu seiner Mutter, umarmte sie zärtlich und küßte ihr ehrerbietig die Hand.

Herr Benoist-Champy trat an den Tisch, nahm ein ziemlich umfangreiches Dokument aus der Mappe und sagte:

»Eure Majestät erklären also hier vor dem Herrn François Achille Bazaine, Marschall von Frankreich, und vor mir, daß dieses Document, dessen Inhalt Ihnen wohl bekannt ist, Ihre letztwillige Verfügung über Ihr Privatvermögen enthält, und daß alle darin enthaltenen Bestimmungen im Falle Ihres Todes gültig und unantastbar sein sollen, und wollen in unserer Gegenwart aus völlig freiem Willen und eigenem Entschluß dies durch Ihre Namensunterschrift bekräftigen?«

»Ich will es,« sagte die Königin, trat an den Tisch und unterzeichnete die Testamentsurkunde.

Der Marschall Bazaine und Herr Benoist-Champy setzten ihre Namen unter denjenigen der Königin.

»Ich bitte nun Eure Majestät, zu befehlen,« sagte die Königin Isabella, sich abermals an ihren Sohn wendend, »daß von der Abdankungsurkunde ebenso wie von meinem Testamente drei beglaubigte Abschriften genommen werden mögen, und daß von denselben eine dem Herzog von Sesto, eine dem Marquis von Miraflores und eine Seiner Majestät dem Kaiser der Franzosen übergeben werde.«

Don Alphonso neigte mit einer gewissen, kindlichen Verlegenheit bestätigend das Haupt, dann blickte er fragend auf die Königin.

Diese trat zu ihm hin und legte ihren Arm in den seinigen und Beide verließen unter Vortritt des Grafen Ezpeleta den Saal, um sich in ihre Gemächer zurückzuziehen. Die Königin Christine und der Infant Don Sebastian folgten.

Schweigend ging die Versammlung auseinander, – Herr von Albacete begleitete den Marschall Bazaine und Herrn Benoist-Champy bis zum Fuß der Treppe des Hotels.

Fünftes Capitel.

Der Kaiser Napoleon kehrte nach einer Spazierfahrt durch das Bois de Boulogne nach St. Cloud zurück. Als er durch das Gitterthor in den Hof des alten erinnerungsreichen Schlosses eingefahren war, welches die schönen Tage von Marie Antoinette, die weithin glänzende Siegesherrlichkeit Napoleon I. und die letzten Tage des Königthums Carls X. gesehen hatte, und sich auf den Arm des Generals Favé gestützt, nach seinen Gemächern begeben hatte, meldete ihm der Dienst thuende Kammerdiener, der ihm die Thür des Vorzimmers öffnete, daß der Herzog von Gramont angekommen sei und Seine Majestät bitte, ihm in einer dringenden Angelegenheit sogleich nach seiner Rückkehr Gehör zu schenken.

Der Kaiser, welcher sich während der Fahrt heiter und lebhaft mit dem General Favé unterhalten hatte und dessen Gesicht den Ausdruck einer frohen, zufriedenen Stimmung trug, wurde bei dieser Mittheilung ernst und blickte fast finster vor sich nieder.

»Ist es denn nicht möglich,« sagte er leise, »einen Tag von diesen ewigen Sorgen und Qualen der Politik befreit zu bleiben, die uns wie mit eisernen Klammern festhält, so bald sie uns einmal erfaßt hat und die alles friedliche, menschliche Glück zerstört.«

Seufzend reichte er dem Kammerdiener seinen Hut und seinen Stock und befahl, den Herzog von Gramont einzuführen, welcher wenige Augenblick darauf in das Cabinet seines Souverains trat.

Der Herzog war bleich, sein sonst so ruhiges, gleichmäßiges und lächelndes Gesicht zeigte die Spuren tiefer innerer Erregung. Er hielt einige Papiere in der Hand und erwiderte hastig und ohne seine sonstige etwas ceremonielle und doch anmuthige, verbindliche Höflichkeit die freundliche Begrüßung des Kaisers.

»Ich habe Eurer Majestät,« sagte er schnell sprechend, »eine ebenso überraschende, als unangenehme Nachricht mitzutheilen, eine Nachricht, welche Eure Majestät ebenso sehr befremden und ebenso peinlich berühren muß, als dies bei mir der Fall gewesen ist.«

Ein Ausdruck von Ermüdung und von Widerwillen erschien auf dem Gesicht des Kaisers. Abermals tief seufzend ließ er sich in einen Lehnstuhl sinken und sagte, indem er dem Herzog einen Sessel neben sich bezeichnete mit matter, tonloser Stimme:

»Sprechen Sie, mein lieber Herzog – Sie wissen,« fügte er mit einem gezwungenen Lächeln hinzu, »mein großer Oheim pflegte zu sagen, daß die Mittheilung böser Nachrichten niemals aufgeschoben werden müsse, – die guten erfährt man immer früh genug. Leider,« sagte er ganz leise vor sich hin, »kommen sie nicht häufig.«

»Ich erhielt bereits gestern, Sire,« sprach der Herzog von Gramont, der vor dem Kaiser stehen geblieben war, »den Wortlaut einer Rede, welche der Marschall Prim in den Cortes gehalten hat, und welche mich auf das Peinlichste berührt. Eure Majestät wissen, wie große Bereitwilligkeit überall gezeigt worden ist, um die Restauration des Prinzen von Asturien einzuleiten und zu unterstützen. Ich mußte daher auf das Höchste erstaunt sein, zu erfahren, daß der Marschall Prim den Cortes gegenüber auf das aller Bestimmteste erklärt hat, daß die bisherigen Negotiationen einen König für Spanien zu finden, sich nach allen Richtungen hin zerschlagen hätten.«

»Nun,« sagte der Kaiser lächelnd, »das wissen wir ja, das ist vollkommen wahr und sehr zufriedenstellend. Wenn man keinen andern König finden kann, wird man endlich wohl auf den kleinen Don Alphonso zurückkommen müssen.«

»Aber, Sire,« fuhr der Herzog von Gramont fort, »nachdem der Marschall diese Mittheilung gemacht, hat er hinzugefügt, er werde nicht für das Werk der Restauration arbeiten und zur Zurückführung Don Alphonso's niemals die Hand bieten, und dieses Niemals, Sire, hat er dreimal betont.«

Der Kaiser lächelte abermals.

»Es giebt Fälle,« sagte er, die Spitzen seines Schnurrbarts drehend, »in denen man Dasjenige am entschiedensten und bestimmtesten zurückweist, was man zu thun entschlossen ist und dessen Ausführung man vorbereitet.«

»Eure Majestät haben vollkommen Recht,« erwiderte der Herzog von Gramont, »und gerade von diesem Gedanken ausgehend, bin ich dahin gekommen, der Rede des Marschall Prim keinen besonderen Werth beizulegen, obgleich es mich immerhin befremdete, ihn eine Combination, über welche er ja füglich hätte schweigen können, so bestimmt ablehnen zu sehen, während dieselbe doch von Olozaga und Serrano durchaus nicht so absolut zurückgewiesen ist. Die Rede des Marschalls fand aber,« fuhr er fort, »eine sehr unerfreuliche Ergänzung und Erklärung in einem Bericht des Herrn Mercier de Lostende, Eurer Majestät Botschafter in Madrid. Schon gestern Abend erhielt ich ein Telegramm des Botschafters, in welchem er mir sagt, daß die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern sehr weit fortgeschritten zu sein scheint, – wenn sie nicht schon entschieden sei. Der General Prim selbst habe es ihm gesagt und er habe sogleich Herrn Bartholdy abgesendet, um seinen detaillirten Bericht zu überbringen, denselben durch mündliche Mittheilung zu ergänzen und die Befehle Ihrer kaiserlichen Majestät einzuholen.«

»Die Candidatur Hohenzollerns,« sagte der Kaiser, – »mein Gott, diese Sache hielt ich ja seit einem Jahre fast für abgethan. Woher ist denn dieselbe jetzt wieder auf die Tagesordnung gekommen,« fragte er, den Blick scharf und forschend auf den Herzog von Gramont richtend, »und woher kommt es, daß ich garnichts davon erfahren habe? Man hätte sich darüber verständigen können, da sie jetzt so plötzlich hervortritt, ist die Sache in der That sehr unangenehm – ich habe mich der Königin gegenüber,« fügte er leiser hinzu, »einigermaßen engagirt, sie hat ihre Abdankung unterzeichnet.«

»Es scheint,« sagte der Herzog von Gramont, »daß der Marschall Prim hier ganz eigenmächtig und hinter dem Rücken seiner Collegen und aller spanischen Staatsmänner gehandelt hat, denn Herr Olozaga, den ich sogleich befragte, erklärte mir, daß er von der ganzen Angelegenheit nichts wisse und sprach sich zugleich in den aller entschiedensten und stärksten Ausdrücken gegen diese ganze Combination aus, von welcher er vollkommen einsah, daß sie nur geeignet sein könne, große Verwirrungen hervorzurufen.«

»Wäre die Sache früher herangetreten,« sagte der Kaiser, immer noch halb zu sich selbst sprechend, – »man hätte sich darüber verständigen können – in diesem Augenblick als fait accompli setzt es mich in der That in die äußerste Verlegenheit. – – Es scheint, daß der Marschall Prim den Spaniern einen König geben möchte, welcher ihm allein seinen Thron zu verdanken hätte. Er commandirt die Armee und unter einem Könige seiner Erfindung wird er allerdings auf lange hinaus der allmächtige Minister sein. Aber ich begreife in der That nicht, daß Serrano und die Übrigen darauf haben eingehen können.«

»Es scheint, daß sie überrumpelt sind,« sagte der Herzog von Gramont, »und daß sie sich in keiner Weise die Consequenzen klar gemacht haben, welche diese Candidatur nach sich ziehen muß, – denn,« fuhr er fort, »wenn ein preußischer Prinz auf den spanischen Thron steigt, während zugleich der König von Preußen schon jetzt die fast unbestrittene Hegemonie in Deutschland hat, so ist das Reich Carl V. wieder hergestellt und in jedem Kampf mit Deutschland würden unsere Grenzen an den Pyrenäen bedroht sein. Die traditionelle Politik Frankreichs erfordert es, daß wir uns einer solchen Combination auf das Äußerste und Entschiedenste widersetzen, um so mehr als in der Person des Prinzen von Hohenzollern durch seine Verwandschaftsbeziehungen mit dem portugiesischen Königshause auch die Idee der iberischen Einheit ihren Ausdruck findet.«

Napoleon lächelte ein wenig bei den lebhaft und erregt gesprochenen Worten des Herzogs.

»Nun,« sagte er, »der Prinz Leopold wird wohl so bald nicht in der Lage sein, mit der unumschränkten Autorität Carl V. und Philipp II. über die Armeen Spaniens verfügen zu können, und das spanische Nationalgefühl würde es ihm wohl ein wenig schwer machen, im Fall einer Verwickelung mit Deutschland unsere Grenzen zu bedrohen, um so mehr da mit der Herstellung der Monarchie auch der Einfluß Roms auf die spanische Politik wieder erheblich mächtiger werden muß. Allein,« fuhr er fort, »die Sache ist immerhin unangenehm und berührt mich besonders in diesem Augenblick sehr peinlich. Auch ist die Art und Weise der plötzlichen Mittheilung eines im Stillen vorbereiteten fait accompli durch den Marschall Prim geradezu eine Beleidigung Frankreichs. Man muß auf der Stelle in Madrid erklären lassen, daß Frankreich diese Candidatur nicht annehmen könne. Der Marschall Prim,« sagte er, »soll fühlen, daß er noch nicht der Mann ist, um ohne mich auch nur zu fragen, Dinge von solcher Wichtigkeit zum Abschluß zu bringen. Wir werden Mercier sofort anweisen müssen, eine sehr energische Sprache zu führen ich glaube, das wird die Sache sehr schnell erledigen.«

»Sire,« sagte der Herzog von Gramont, »ich stimme mit Eurer Majestät vollkommen darin überein, daß sich hier eine vortreffliche Gelegenheit bietet, um das so tief gesunkene Prestige Frankreichs in Europa wieder herzustellen. Dies Prestige muß allerdings tief gesunken sein, wenn der Marschall Prim, noch dazu ohne Einverständniß seiner Collegen in der Regierung, es wagt, in einer so rücksichtslosen Weise über Frankreich vollkommen hinweg zu gehen. Und es hat sich in Folge dessen auch,« fuhr er fort, »die öffentliche Meinung in Paris bei der ersten Nachricht über diese neueste Wendung der spanischen Verhältnisse auf das Äußerste erregt gezeigt. Die Journale führen eine sehr heftige Sprache und verlangen von der Regierung Eurer Majestät, daß dieselbe den Beweis liefere, Frankreich sei noch nicht aus der Reihe der europäischen Großmächte ausgestrichen.«

Der Kaiser trommelte nachdenklich mit den Fingern auf der Lehne seines Fauteuils. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck einer tiefen Mißstimmung.

»So sehr ich nun auch,« fuhr der Herzog von Gramont fort, »die Nothwendigkeit anerkenne, schnell und energisch zu handeln, so vermag ich noch nicht die Ansicht zu der meinigen zu machen, daß unsere Action sich gegen Spanien zu richten habe.«

Der Kaiser blickte befremdet auf.

»Aber wohin denn,« fragte er.

»Sire,« sagte der Herzog von Gramont, indem ein zufriedenes und fast überlegenes Lächeln um seinen fein geschnittenen Mund spielte, »das Prinzip der Regierung Eurer Majestät beruht auf der unbedingten Anerkennung des souverainen Selbstbestimmungsrechts der Nation. Eure Majestät nennen sich mit berechtigtem Stolz den Kaiser durch die Gnade Gottes und durch den Willen der Nation – diesem Prinzip gemäß hat Frankreich stets das Selbstbestimmungsrecht der Völker auf das Sorgfältigste geachtet und vertreten, und auch den spanischen Angelegenheiten gegenüber vom ersten Augenblick an officiell erklärt, daß es sich jeder Einmischung in das Recht der spanischen Nation sich nach ihrem eigenen Willen und Belieben zu constituiren, auf das Gewissenhafteste enthalten werde. Würde Eurer Majestät Regierung nun den Spaniern verbieten wollen, sich irgend einen König, der ihnen passend erscheint, zu erwählen, so würde damit einem Prinzip scharf entgegengetreten werden, welches Frankreich so wohl im Innern wie nach außen hin, bis jetzt proclamirt hat. Der Eindruck einer solchen Erklärung müßte beim französischen Volke ein sehr ungünstiger sein, und könnte bei dem großen Nationalstolz der Spanier dahin führen, daß die ganze Nation die Partei des Prinzen von Hohenzollern ergriffe, nur um ihr souveraines Selbstbestimmungsrecht zu wahren, und daß gerade das, was wir vermeiden wollen, vielleicht um so sicherer geschähe. Auch richtet sich der Unwille der öffentlichen Meinung, die sich in den Artikeln der Journale kund giebt, nicht gegen Spanien –«

»Aber wie wollen Sie denn, – –« fiel der Kaiser ein, indem er den Herzog fragend ansah.

»Sire,« sprach der Minister lebhaft weiter, »nicht darin, daß die spanische Nation ihr Recht, sich einen König zu wählen, frei ausübt, liegt eine Gefahr für Frankreich, sondern darin, daß ein Prinz des preußischen Königshauses eine solche Wahl annimmt, und daß in Folge dieser Annahme später die preußische Politik im Fall feindlicher Beziehungen zu Frankreich in Madrid Rückhalt und Unterstützung finden wird.«

Der Kaiser neigte mit einem feinen Lächeln das Haupt und strich mit der Hand über das Kinn.

»Ich verstehe,« sagte er leise.

»Mir scheint deshalb,« fuhr der Herzog fort, »daß wir nicht den Spaniern verbieten sollen, sich irgend einen König zu wählen, sondern daß wir uns an den Punkt wenden müssen, wo die Gefahr für uns liegt, und daß wir vom Könige von Preußen verlangen müssen, er solle dem Prinzen von Hohenzollern die Annahme der spanischen Krone verbieten.«

Der Kaiser wiegte gedankenvoll den Kopf hin und her.

»Dadurch enthalten wir uns,« fuhr der Herzog fort, »jeder Beleidigung der spanischen Nation, jedes Eingriffs in das nationale Selbstbestimmungsrecht – wir folgen dem Zuge der öffentlichen Meinung in Frankreich, welche sich nicht gegen Spanien, sondern ausschließlich gegen Preußen richtet und in der ganzen Candidatur des Erbprinzen von Hohenzollern nur eine Intrigue des Grafen Bismarck erblickt, – wir haben außerdem die Chance des Erfolges für uns, denn ich glaube nicht, daß man in Berlin geneigt sein wird, um dieser Frage willen einen ernsten Conflikt entstehen zu lassen. Und endlich,« fügte er mit Betonung hinzu, »wird sich durch diese Behandlung der Sache, die so oft vergebens gesuchte Gelegenheit finden, der Welt zu zeigen, daß der Schwerpunkt der öffentlichen Angelegenheiten Europas noch nicht definitiv von Paris nach Berlin verlegt worden ist. Der Rückzug, welchen die preußische Politik in dieser Sache zweifellos antreten wird, kann der öffentlichen Meinung Frankreichs als ein großer moralischer Sieg dargestellt werden und dies wird das schwer erschütterte Prestige mit einem Schlage wieder herstellen. Wenn in Folge unserer Intervention die Candidatur des Erbprinzen von Hohenzollern zurückgezogen werden muß, so wird dies der Regierung Eurer Majestät ebenso viel nützen, als eine gewonnene Schlacht oder die Erwerbung von Compensationsobjecten, zu welcher bisher der vergebliche Versuch gemacht wurde.«

Er schwieg und blickte erwartungsvoll und forschend auf den Kaiser.

Napoleon stand langsam auf, ging einige Male im Zimmer auf und nieder und blieb am Fenster stehen, sinnend auf seine Rosenbeete hinausblickend. Dann wandte er sich, die Hand auf die Fensterbrüstung gestützt, zum Herzog zurück und sprach:

»Es liegt viel Wahres in dem Gedanken, den Sie da so eben ausgesprochen haben. Es wäre vielleicht eine Angelegenheit um die Vergangenheit zu verbessern. Das Ganze würde freilich,« sagte er achselzuckend, »im Wesentlichen nur ein Theatercoup sein. Aber,« fügte er hinzu, »die öffentliche Meinung wird ja doch nur durch solche Theatercoups bestimmt, und es ist jedenfalls am besten, wenn man sie ausführen kann ohne ernsthafte Gefahr. Doch,« sagte er dann mit tiefem Ernst, »sind wir vor solcher Gefahr sicher, sind wir vollkommen gewiß, daß wir in Preußen nicht auch diesmal wie so oft vorher auf einen bestimmten und festen Widerspruch stoßen werden, daß sich aus der Sache nicht ein wirklicher und ernster Conflikt entwickelt, den ich in diesem Augenblicke um keinen Preis heraufbeschwören möchte.«

Der Herzog von Gramont richtete sich noch gerader empor als sonst, mit einem stolzen Lächeln kräuselte er leicht seinen Schnurrbart und sagte:

»Darüber bin ich ganz sicher, man wird es nicht wagen, ernstlichen Widerstand in Berlin zu leisten, wenn wir nur fest und energisch auftreten, – wie ich überzeugt bin,« fuhr er fort, »daß man es auch bei früheren Gelegenheiten nicht gewagt haben würde, wenn wir bestimmt auf unserer Forderung bestanden hätten. Man hat in Berlin mit so vielen inneren Schwierigkeiten zu kämpfen, die Haltung der süddeutschen Staaten ist höchst widerstrebend, – Österreich steht auf unserer Seite und der General Fleury erhält unausgesetzt die zweifellosesten Beweise der Sympathie des Kaisers Alexander für Eure Majestät und für Frankreich. Ich bin sicher, daß man nachgeben wird und zwar um so leichter und schneller, als man die ehrgeizigen Absichten, welche nach meiner Ansicht im Hintergrunde dieser Combination liegen, nicht wird eingestehen wollen.«

»Dessen müßte man aber,« sagte der Kaiser, »sicher sein, denn die sympathischen Äußerungen gegen den General Fleury vermag ich für nichts anderes anzusehen, als für Worte und Ausdrücke persönlicher Gesinnungen, welche der Kaiser Alexander gewiß hegt, aber welche kaum jemals irgend einen Einfluß auf die Politik Rußlands ausüben werden, – und was Österreich betrifft,« fügte er achselzuckend hinzu, – »Sie sehen die Verhältnisse dort günstiger an, mein lieber Herzog, als ich es zu thun im Stande bin.«

Er schwieg abermals einige Augenblicke nachdenklich.

»Auch weiß ich nicht,« sagte er dann, »ob unsere Armee so schlagfertig ist, daß man die Möglichkeit eines ernsten Conflikts in's Auge fassen darf, – Niel ist todt,« sagte er düster, »und seine sichere und energische Hand ist bis heute noch unersetzt geblieben.

»Doch,« sprach er dann, »unthätig dürfen wir nicht bleiben, und ich komme immer mehr dahin, mich Ihrem Ideengang anzuschließen. Die Situation ist äußerst günstig, Graf Bismarck ist in Barzin, – mit ihm würde man vielleicht nicht so leichten Kaufs fertig werden. Der König Wilhelm ist in Ems allein, – so sehr er Soldat ist, so hegt er doch eine tiefe Scheu vor einem ernsten Conflikt, der seine Armee, welche sein ganzes Volk repräsentirt, auf die Schlachtfelder führen könnte. Außerdem glaube ich nicht, daß er nach seiner persönlichen Auffassung einen seinem Hause nahe stehenden Prinzen gern das Abenteuer dieses spanischen Königsversuchs wird bestehen lassen. Die Sache kann in Ems vielleicht ganz leicht und glatt erledigt werden, und Ihrer und Olliviers Geschicklichkeit,« sagte er lächelnd, »wird es dann überlassen sein, das Resultat als einen Triumph unserer Energie der öffentlichen Meinung in Frankreich darzustellen.

»Benedetti ist in Wildbad?« fragte er.

»Zu Befehl, Majestät,« sagte der Herzog von Gramont, »er muß seit einigen Tagen dort sein, der Botschafts-Secretair Le Sourd führt die Geschäfte in Berlin, welche ohne diesen Zwischenfall im jetzigen Augenblick fast gänzlich bedeutungslos wären.«

»Geben Sie Benedetti den Auftrag,« sagte der Kaiser, »sich sogleich nach Ems zum König Wilhelm zu begeben und dort so schnell als möglich und thunlichst ohne jedes Aufsehen die Zurückziehung der Candidatur des Prinzen von Hohenzollern zu erreichen. Er kann dabei auf das Beispiel Griechenlands hinweisen. Damals wurde ebenfalls bestimmt, daß die Wahl des Königs auf keinen Prinzen aus den regierenden Häusern der Schutzmächte fallen dürfe, auch an das Beispiel Neapels, wo ich selbst dem Prinzen Murat die Aufstellung seiner Candidatur untersagt habe, – Benedetti ist unendlich geschmeidig und insinuant, auch dem Könige Wilhelm eine angenehme und sympathische Person, er wird dort unter den einfachen und zwanglosen Verhältnissen des Badelebens, welche ihm auch eine leichtere Annäherung an den König und einen freieren und natürlicheren Verkehr mit ihm gestatten, ohne Zweifel sehr leicht erreichen können, daß die Candidatur des Erbprinzen zurückgezogen wird. Lassen Sie Benedetti wissen, daß er auf meine höchste Dankbarkeit rechnen kann, wenn er diese Angelegenheit schnell und glücklich zu Ende führt und unterlassen Sie vorläufig jeden officiellen Schritt in Berlin, der verletzen und das Resultat der Unterhandlungen in Ems in Frage stellen könnte.«

Der Herzog verneigte sich.

»Ich werde sofort den Befehl an Benedetti abgehen lassen, Sire,« sagte er.

Napoleon rieb sich mit heiterem Lächeln die Hände.

»Wenn Benedetti reussirt,« sagte er, »so wird Alles vortrefflich gehen. Der König Wilhelm wird die ganze Sache als einen Act freundlicher Höflichkeit ansehen und gern entgegenkommen, und mein Freund, der Graf Bismarck,« fügte er mit eigenthümlicher Betonung hinzu, »wird in seiner ländlichen Einsamkeit zu Barzin nun auch einmal meinerseits eine jener kleinen Überraschungen empfinden, die er mir so oft bereitet hat. Vor allen Dingen aber,« fuhr er fort, »schärfen Sie Benedetti die äußerste Geschmeidigkeit und Rücksicht ein, – handeln Sie schnell und senden Sie mir alle eingehenden Berichte und Telegramme sofort hierher. Wenn wir nach dem Plebiscit dem französischen Nationalgefühl diesen Erfolg vorführen können, so werden wir viel gewonnen haben. Wenn,« fuhr er nach einem augenblicklichen Nachdenken fort, »Sie dahin wirken können, daß durch Olozaga und Serrano auch von den Spaniern die Candidatur des Prinzen Leopold aufgegeben wird, so wird das um so besser sein, doch muß jeder Schein eine Pression vermieden werden.«

Der Herzog von Gramont ergriff mit ehrerbietiger Verneigung die Hand, welche der Kaiser ihm zum Abschied reichte und ging hinaus.

»Fast scheint es dennoch,« sagte der Kaiser, »daß das Glück sich mir zuwendet. Diese Candidatur des Prinzen Leopold, dem ich,« sprach er lächelnd, »diesen zweifelhaften Glanz des spanischen Thrones wirklich gern gegönnt hätte, wird die Handhabe bieten, auch den äußeren Nimbus des Kaiserreichs wieder herzustellen, nachdem dessen nationale Grundlagen wieder durch das Plebiscit befestigt sind, und so wird es mir vielleicht erspart bleiben in die entsetzliche kriegerische Catastrophe, welche seit vier Jahren wie ein Damoklesschwert über meinem Haupte schwebt, hineingerissen zu werden.«

Er zündete eine seiner großen braunen Havannacigarren an, setzte den breitrandigen Strohhut auf und stieg langsam über die, aus seinen Gemächern herabführende Treppe in seinen Rosengarten hinab.

Sechstes Capitel.

Die Morgenpromenade am Kursaal in Ems war äußerst belebt und eine zahlreiche und glänzende Gesellschaft bewegte sich in der großen Allee hin und her. Die Damen in einfachen eleganten Sommertoiletten hielten je nach ihrem Range und der Stellung, die sie sich durch ihre persönlichen Eigenschaften in der Gesellschaft erworben, eine Art von Cercle, indem sie in kurzer Unterhaltung die Herren ihrer Bekanntschaft begrüßten, bald stehen bleibend, bald mit Diesem oder Jenem einige Schritte auf der Promenade machend.

Daneben sah man alte mürrische Herren, welche hierher gekommen waren, um den während des Jahres angesammelten Staub der Bureaux aus ihren Kehlen und ihren Lungen fortzuspülen; Diplomaten, welche hier ihre Sommervilleggiatur hielten, weniger um der Heilkraft der Quellen willen, als weil die Anwesenheit des Königs von Preußen, wenn derselbe auch ganz ausschließlich seiner Badekur lebte, dennoch in dieser Zeit der absoluten Stagnation in der Politik hier noch die meiste Gelegenheit bot, um ein wenig zu hören und zu sehen, was in der Welt vorging oder sich vorbereitete.

In den letzten Tagen war in das Stillleben des Badeaufenthalts ein wenig mehr Leben und Bewegung gekommen; man hatte gelesen, daß der Erbprinz von Hohenzollern als Candidat für den spanischen Thron aufgestellt sei, und daß derselbe diese Candidatur angenommen habe. Man wußte, daß dieses Ereigniß, welches an sich von keiner besondern Bedeutung zu sein schien, eine große Aufregung in der französischen Presse erregt hatte. Im Corps legislatif war eine Interpellation erfolgt, und der Herzog von Gramont hatte eine sehr kategorische und sogar etwas verletzende Erklärung abgegeben; auch war der Botschafter des Norddeutschen Bundes Baron von Werther in Ems angekommen. Das Alles ließ darauf schließen, daß die spanische Thronfrage und die Candidatur des Prinzen Leopold Gegenstand der Verhandlungen zwischen dem Könige Wilhelm und dem Kaiser Napoleon geworden sei oder werden würde und namentlich unter den sich im Ferienaufenthalt hier befindenden Diplomaten war dadurch eine gewiße neugierige Spannung hervorgerufen, doch nahm im Ganzen die Gesellschaft wenig Theil daran. Man war seit einigen Jahren ja gewöhnt, daß hier und da kleine Differenzen zwischen Frankreich und Preußen entstanden, und da dieselben jeder Zeit mit der äußersten Courtoisie von beiden Seiten wieder ausgeglichen waren, so legte man auch diesmal der so plötzlich aufgetauchten Frage keine große Bedeutung bei, und um so weniger als ja die ganze Sache Preußen und Deutschland so unendlich wenig anzugehen schien.

So war denn die ganze Gesellschaft auf der Brunnenpromenade in Ems ebenso heiter, als der blaue sonnige Himmel, welcher sich über dem reizenden Bergthal ausspannte. Es waren nur Worte leichter und fröhlicher Conversation, welche man unter den Klängen der Badecapelle miteinander wechselte.

Bereits war der Prinz Georg von Preußen auf der Promenade erschienen und hatte sich in liebenswürdigster Weise mit den ihm bekannten Damen und Herren der Badegesellschaft unterhalten, und mit allgemeiner Spannung erwartete man den König Wilhelm, welchen man pünktlich zur festgesetzten Stunde auf der Promenade erscheinen zu sehen gewohnt war, um seinen Kränchen-Brunnen zu trinken.

»Ich habe gestern Abend die neuesten Zeitungen mit Nachrichten aus Frankreich gelesen,« sagte der Präsident des evangelischen Oberkirchenraths Dr. Matthis, eine hagere, trockene Gestalt mit bureaukratisch faltigem, kränklichem Gesicht, indem er sich zu dem Regierungspräsidenten von Bernuth, einem schlanken, hoch blonden Mann mit starkem Schnurrbart, welcher in militairischer kräftiger Haltung neben ihm ging, wandte, »es scheint mir doch ein wenig bunt in Frankreich auszusehen. Wenn ich dazu die plötzliche Ankunft des Baron von Werther nehme, so kommt mir die Lage der Dinge doch etwas beunruhigend vor. Mir scheint die öffentliche Meinung in Paris sehr montirt zu sein, und die Erklärung des Herzogs von Gramont im Corps legislatif beweist, daß die Regierung sich ein wenig unter dem Druck dieser öffentlichen Meinung befindet. Es wäre doch entsetzlich,« sagte er seufzend, »wenn wir hier aus unserm ruhigen Badeleben durch ernste und gefährliche Catastrophen aufgeschreckt werden sollten.«

»Ich glaube nicht daran, Excellenz,« sagte Herr von Bernuth, »dieses Spiel hat sich ja seit 1866 schon oftmals wiederholt, – erinnern Sie sich nur an Luxemburg. Damals schrieben die französischen Journale flammende Artikel, und so viel man davon erfuhr, führte auch die französische Diplomatie eine sehr hochmüthige Sprache, so daß Jedermann damals an den Ausbruch des Krieges glaubte. Die ruhige kaltblütige Heftigkeit des Kaisers und des Grafen Bismarck haben damals dem Sturm getrotzt und derselbe hat keine gefährlichen Wetterwolken empor getrieben, – so wird es auch diesmal wieder sein, man wird sich wohl jetzt ebenso wenig einschüchtern lassen, wie damals und die ganze Sache hat ja auch für beide Theile lange nicht die Bedeutung wie die Luxemburger Affaire.«

Der Geheimrath Matthis schüttelte bedenklich den Kopf.

»Mir will das nicht recht geheuer vorkommen,« sagte er, – »es wäre wirklich traurig, wenn die Kur, die mir so gut bekommt, unterbrochen werden sollte.«

Sie waren an die Quelle gekommen, Herr Matthis füllte seinen Becher und schlürfte vorsichtig in kleinen Zügen das Heil bringende Wasser ein, während Herr von Bernuth rasch in kräftigen Zügen seinen Becher leerte.

»Sehen Sie, Exzellenz,« sagte er dann, »dort kommt Seine Majestät. Ich bitte, sehen Sie den Herrn an, so lange dies Gesicht so heiter und ruhig blickt, haben wir nichts für den europäischen Frieden zu fürchten.«

Der Geheimrath Matthis hatte bei den Worten des Präsidenten hastig seinen Becher geleert, von der schnell in seine Kehle dringenden Flüssigkeit gereizt, begann er heftig zu husten, und sein Taschentuch vor den Mund haltend, blickte er nach dem Eingang der Allee hin, wo so eben der König Wilhelm in einem einfachen dunklen Civilanzug, einen Cylinderhut auf dem Kopf, einen Stock in der Hand erschien, begleitet von dem Flügeladjutanten, Grafen Lehndorf, einem schönen, hoch gewachsenen Mann mit starkem dunklem Bart, der ebenfalls in Civil erschienen war.

Der Präsident von Bernuth hatte Recht; der König ging so frisch, so leichten und kräftigen Schritts einher; sein Gesicht strahlte von einer so ruhigen milden Heiterkeit, daß man unmöglich dem Gedanken Raum geben konnte, daß ernste Sorgen um den Frieden der Welt ihn erfüllen könnten.

Der König schritt rasch durch die Allee nach der Quelle hin und erwiderte rechts und links freundlich mit der Hand winkend die ehrerbietigen Begrüßungen der bei seinem Vorbeischreiten tief sich verneigenden Badegäste. Der König begrüßte schnell, aber herzlich den Prinzen Georg, welcher ihm entgegentrat und wandte sich dann zu seinem Leibarzt Dr. von Lauer, der den Becher Seiner Majestät aus dem Kränchen-Brunnen füllen ließ.

»Ich habe vortrefflich geschlafen, mein lieber Lauer,« sagte der König, indem er den Becher ergriff, »überhaupt bekommt mir diesmal die Kur ganz ausgezeichnet. Es ist eine vortreffliche Quelle, die Sie mir verordnet haben, sie bringt meine Natur für ein Jahr immer wieder in Ordnung.«

Er leerte mit langen Zügen seinen Becher und athmete dann tief auf, als fühle er die wohlthätige Wirkung des Getränks.

»Eure Majestät sehen in der That in den letzten Tagen und heute besonders ganz ausnehmend wohl und kräftig aus,« sagte Herr von Lauer, indem er den scharfen Blick seines klugen und geistvollen Auges auf der kräftigen Gestalt des Königs ruhen ließ. »Aber ich würde, um die Quelle zur vollen Wirksamkeit zu bringen, am liebsten sehen, daß Eure Majestät Ihr Militair- und Civilcabinet zu Hause gelassen hätten, denn die Enthaltung von allen Arbeiten, von aller geistigen Unruhe ist die erste Bedingung einer guten Wirkung des Bades, und leider halten Eure Majestät diese nothwendige geistige Diät nicht mit eben der Sorgfalt, mit welcher Sie die materiellen Diätvorschriften beobachten.«

»Leider ist das nicht so ganz möglich,« erwiderte der König, »indeß kann ich Sie versichern, daß ich auch in dieser Beziehung so viel als es angeht, Ihren Vorschriften nachkomme, und namentlich habe ich keine aufregenden und beunruhigenden Arbeiten,« fügte er hinzu, während es wie ein leiser vorübergehender Schatten über sein Gesicht flog.

»Ich fürchte doch, daß Eure Majestät als Bade-Patient immer noch zu viel arbeiten, denn nach der Anzahl von Depeschen, welche einlaufen –«

»Controliren Sie meine Depeschen?« fragte der König lächelnd.

»Als Eurer Majestät Leibarzt,« sagte Herr von Lauer, »müßte ich hier im Bade eigentlich Alles controliren, was in Eurer Majestät Leben eingreift; aber zu der Bemerkung, welche ich so eben zu machen mir erlaubte, bin ich auf zufällige Weise gekommen; ich wohne im steinernen Hause neben dem Zimmer des Hofraths St. Blanquart« –

»Nun,« fragte der König.

– »der Geheimrath Abeken, Majestät, kommt nun sehr häufig von seiner Wohnung in Huyns Gartenhaus zu St. Blanquart, um von den Depeschen nach ihrer Dechiffrirung sofort Kenntniß zu nehmen, und seit einigen Tagen höre ich bis tief in die Nacht hinein fortwährend das Vorlesen der Zahlen der Chiffres. Diese ruhig und monoton ausgesprochenen Zahlen tönen in meinen Schlaf hinein, und wenn ich morgens früh aufwache, so höre ich bereits wieder, wie sich Zahl an Zahl in der Arbeit des Dechiffrirens an einander reiht; – ob man in der Nacht überhaupt aufgehört hat, weiß ich nicht. Und alle diese unendlichen Zahlenreihen,« fuhr er fort, »haben doch einen Inhalt, dieser Inhalt muß endlich zu Eurer Majestät gelangen und ist jedenfalls der Feind meiner Kur. Ich bin mehrmals schon sehr böse gewesen und möchte am liebsten das ganze Dechiffrirbureau von Eurer Majestät durch eine chinesische Mauer trennen, so lange bis mein Brunnen seine Wirkung gethan.«

Der König lachte herzlich.

»Nun,« sagte er, »Abeken und der arme St. Blanquart werden wohl nicht so gefährliche Feinde meiner Gesundheit sein, lassen Sie sie nur immerhin, ich verspreche Ihnen, ich werde mich nicht zu sehr anstrengen.«

Und freundlich den Kopf neigend, wandte er sich zur Seite.

Der Geheimrath Matthis hatte den Hustenanfall überwunden, und der König winkte ihn freundlich heran, fragte ihn nach der Wirkung der Kur und wandte sich dann zu dem Präsidenten von Bernuth.

»Wenn ich hier die Badegesellschaft in Ems ansehe,« sagte er heiter, so muß ich glauben, daß dies Wasser ein Lebenselixir ist, welches meine ganze Regierungsmaschine durchdringt und verjüngt, meine Kirchenverwaltung, meine Administration, meine Diplomatie und selbst meine Officierscorps suchen sich hier Kraft und Stärkung, und so dringt diese Quelle von Ems in alle Adern des preußischen Staatslebens.«

»Wenn die Quelle Eurer Majestät Kraft und Gesundheit stärkt,« erwiderte Herr von Bernuth, »so durchdringt sie ja ohnehin schon den Organismus des preußischen Staats mit neuer Lebenskraft und verdient die Dankbarkeit aller Ihrer Unterthanen.«

Der König nickte freundlich mit dem Kopf und trat dann zu dem in der Nähe stehenden Botschafter am Pariser Hofe, Freiherrn von Werther, einem schlanken eleganten Mann mit bleichem Gesicht und militairisch geschnittenem Haar und Bart.

»Benedetti ist diese Nacht angekommen,« sagte der König mit etwas gedämpfter Stimme, indem er durch einen Wink der Hand Herrn von Werther aufforderte, ihn auf seiner Promenade zu begleiten. »Er hat mich um eine Audienz gebeten, ich habe ihm sagen lassen, daß ich ihn erst Mittags empfangen könne, da ich morgens mit meiner Kur zu thun habe und auch am Vormittage mehrere Geschäfte zu erledigen muß. Er ist jedenfalls nicht zufällig hier, denn er war erst vor wenigen Tagen auf Urlaub nach Wildbad gegangen und hatte so eben seine Kur begonnen. Jedenfalls kommt er in dieser Hohenzollerschen Angelegenheit, welche in Frankreich täglich mehr Staub aufwirbelt. Es würde mir lieb sein, wenn ich bevor ich ihn empfange, über den Gegenstand seiner Mission unterrichtet wäre. Wollen Sie ihn besuchen, und wenn Sie es in der Unterredung mit ihm erfahren können, mir ungefähr mittheilen, was er will. Ich wünsche aber nicht,« fuhr er fort, »daß Sie in eigentliche Discussion mit ihm eintreten, – wenn er über die Angelegenheit spricht, so sagen Sie ihm einfach, daß der Prinz Leopold mich um Rath gefragt habe, und daß ich nicht im Stande gewesen sei, seinem Wunsch, die spanische Krone anzunehmen, ein Hinderniß entgegenzustellen.«

»Ich zweifle nicht, Majestät,« sagte Herr von Werther, »daß der Graf Benedetti hierher gesendet ist, um Eurer Majestät dasselbe zu sagen, was mir bereits der Herzog von Gramont und Herr Ollivier in ziemlich allgemeiner Weise ausgesprochen haben, daß nämlich Frankreich die Thronbesteigung des Prinzen von Hohenzollern, den man dort hartnäckig für einen preußischen Prinzen erklärt, nicht dulden könne, und daß man verlangen müsse, daß Eure Majestät den Prinzen zur Verzichtleistung veranlasse.«

»Ich begreife nicht, was sie wollen,« sagte der König einen Augenblick stehen bleibend, »ich kann mir unmöglich denken, daß der Kaiser Napoleon, dessen Gesundheit in der letzten Zeit immer weniger fest gewesen ist, darauf ausgehen sollte, einen Conflict zu suchen, und doch erscheint diese ganze Behandlung der Hohenzollerschen Candidatur wie eine Provocation, denn einen politischen Grund, sich so sehr darüber zu echauffiren, sehe ich in der That nicht. Der Prinz Leopold ist kein preußischer Prinz – und wenn er es wäre, glaubt man denn, daß er in diesem von Parteien zerrissenen spanischen Lande preußische Politik machen könnte? Jeder König, der dort auf den Thron steigt, wird genug zu thun haben, um sich auf demselben zu erhalten und der inneren Verwirrungen Herr zu werden. Ich begreife die ganze Sache nicht,« fuhr er fort, – »ich hoffe, daß das Alles nur ein kleines Strohfeuer sein wird, wie man sie in Frankreich von Zeit zu Zeit anzuzünden liebt, und daß der Kaiser Napoleon auch diesmal wie bei der Luxemburger Angelegenheit, die doch eigentlich ernsterer Natur war, das Feuer der Kriegspartei ein wenig dämpfen wird.«

»Auch ich bin davon überzeugt, Majestät,« erwiderte Herr von Werther, »denn nach all den Eindrücken, die ich habe, wünscht der Kaiser wirklich aufrichtig die Erhaltung des europäischen Friedens und guter Beziehungen zu Eurer Majestät. Indeß läßt sich nicht verkennen,« fuhr er fort, »daß diese Hohenzollersche Frage die öffentliche Meinung im hohen Grade aufgeregt hat, allerdings unter Vorgang der Regierungsjournale – doch bei meiner Abreise von Paris war diese Aufregung sehr groß, und nach dem, was ich aus den Zeitungen sehe, steigt sie von Tage zu Tage. Ollivier ist äußerst abhängig von der öffentlichen Meinung, der Herzog von Gramont folgt Ollivier, und der Kaiser steht, je mehr sein Körper und seine Nerven schwach werden, immer mehr unter dem Einfluß seiner Minister und seiner Umgebung.«

»Nun,« sagte der König, »ich werde wahrhaftig nichts dazu thun, um die Situation zu verschlimmern, ich werde ein freundliches Entgegenkommen zeigen, da ich wahrlich kein Interesse daran habe, den Prinzen Leopold zu diesem spanischen Abenteuer zu treiben, aber ebenso wenig kann ich ihm auch dasselbe verbieten, ich würde ja auch dazu eigentlich gar kein Recht haben. Wenn er mich um Rath fragt, so ist das eine Courtoisie, – wenn er aber meinen Rath nicht befolgen will, so kann ich ihn kaum dazu zwingen – jedenfalls bin ich als König von Preußen der ganzen Angelegenheit völlig fremd, meine Regierung hat mit derselben garnichts zu thun. Nun wir werden ja sehen,« sagte er, »gehen Sie inzwischen zu Benedetti und erklären Sie ihm zugleich nochmals, warum ich ihn erst am Nachmittag empfangen kann, er wohnt in der Stadt Brüssel.«

Mit freundlichem Kopfnicken entließ der König den Baron Werther und wendete sich zu dem Oberpräsidenten von Möller, einem Mann von etwa fünf und fünfzig Jahren, dessen kluges und offenes Gesicht mit den frischen Farben und den hellen Augen sein Alter weniger verrieth als das bereits stark ergraute, ziemlich lang zurückgestrichene Haar.

»Guten Morgen, mein lieber Möller,« sagte der König, »es freut mich, Sie hier zu sehen. Ich bin begierig, von Ihnen zu erfahren, wie es in Hessen steht, und ob meine neuen Unterthanen dort noch immer so unzufrieden sind, daß sie Preußen geworden sind.«

»Majestät,« sagte Herr von Möller, »die allgemeine Stimmung in der Provinz, deren Leitung Allerhöchst dieselben mir übertragen haben, söhnt sich immer mehr mit der neuen Ordnung der Dinge aus. Alle Vernünftigen, namentlich auch die Vertreter des Handels und der Industrie empfinden immer mehr die Vorzüge einem großen Staatswesen anzugehören, und ich gebe mir die größte Mühe überall auf die mildeste Weise die alten Verhältnisse mit den neuen Zuständen zu versöhnen.« –

»Ganz recht, ganz recht,« fiel der König ein, »Sie handeln darin ganz in meinem Sinn. Man muß alle berechtigten Eigenthümlichkeiten schonen, alle Erinnerungen an die Vergangenheit achten –«

»Die Erinnerungen an die Vergangenheit, Majestät, stehen uns bei der Bevölkerung von Kurhessen vielleicht weniger entgegen, als bei derjenigen von Hannover. Die Hessen haben viele Anhänglichkeit an die Traditionen ihrer Vergangenheit, aber gerade durch die Persönlichkeit des letzten Kurfürsten, der ja überall wenig Sympathie hatte, haben jene Erinnerungen an Intensivität und Einfluß verloren. Den nachdrücklichsten und hartnäckigen Widerstand findet die Regierung leider bei den Geistlichen, welche befürchten, daß die Einverleibung in Preußen dem lutherischen Bekenntniß Gefahr bringen, und daß die Einführung der Union beabsichtigt werden könnte.«

Der König blieb einen Augenblick stehen und blickte sinnend vor sich hin.

»Mein Gott,« fuhr er fort, »daß doch gerade die Priester des Christenthums sich so wenig zu den Ideen der Liebe und Duldung erheben können, welche den Erlöser selbst erfüllten. Was ist denn die Union, dieses Werk meines unvergeßlichen Vaters, anders, als der Ausdruck der wahrhaft christlichen Toleranz, um alle Bekenner des evangelischen Glaubens zu einer evangelischen Kirche zu vereinigen.

»Nun ich hoffe,« sprach er weiter, »der gesunde Sinn der Gemeinden wird kräftiger sein, als der eigensinnige Zelotismus der Geglichen. Übrigens liegt es mir ja unendlich fern, den Gewissen irgend welchen Zwang anthun zu wollen und einen Druck zur Einführung der Union auszuüben. Sie werden mir über das Alles noch ausführlich berichten,« sagte er, »sobald ich eine Stunde freie Zeit habe.«

Er grüßte Herrn von Möller und wendete sich zu zwei Damen, welche in einfacher Morgentoilette an der Seite der Promenade stehen bleibend, sich tief verneigten.

Es waren die berliner Künstlerinnen, Fräulein Marie Keßler mit dem anmuthig gedankenvollen Ausdruck in den weichen sinnenden Augen und Fräulein Anna Schramm, deren lebhafte Blicke von Geist und Laune funkelten.

»Nun, meine Damen,« sagte der König, »ich hoffe, daß die Vorstellung, welche Sie mit Herrn Bethge und Herren Behrend zum Besten der Abgebrannten in Pera veranstaltet haben, einen recht günstigen Ertrag für die armen Opfer jener unglücklichen Catastrophe erzielt hat.«

»Die Rechnungen sind noch nicht abgeschlossen, Majestät,« erwiderte Fräulein Keßler, »doch hoffen wir, daß nach der Gesammteinnahme ein erheblicher Überschuß sich ergeben wird.«

»Ich habe mich sehr über Ihr Unternehmen gefreut,« sagte der König »und spreche Ihnen nochmals meinen Dank dafür aus. Es ist ein schöner Zug des immer mehr erstarkenden und erwachenden Nationalgefühls, daß wenn auch im fernsten Auslande Deutsche von dem Schlage des Unglücks getroffen werden, die besten Kräfte der Nation sich vereinigen, um ihnen beizustehen, und es hat mich hoch erfreut, daß meine berliner Künstler und Künstlerinnen auch in dieser Beziehung mit edlem Beispiel vorangegangen.«

Mit ritterlich artigem Gruß gegen die beiden Damen schritt er weiter, begrüßte noch die verschiedenen Bekannten auf der Promenade, während er die vorgeschriebene Anzahl von Bechern an der Quelle leerte und kehrte dann, vom Grafen Lehndorf gefolgt, nach seiner Wohnung im Badehause zurück.

Rüstigen und leichten Schrittes stieg er die Treppe hinauf, trat durch das Wohnzimmer in den einfachen Raum, welcher ihm als Arbeitscabinet diente; an dem Fenster dieses Zimmers stand der breite Schreibtisch; ein Sopha und einige Lehnstühle mit rothem Plüsch überzogen, bildeten das ganze Ameublement dieses anspruchslosen Aufenthalts des mächtigen Monarchen.

Der Flügeladjudant war im Vorzimmer zurückgeblieben. Der König reichte seinen Hut und seinen Stock seinem Leibkammerdiener Engel, welcher in ernster ruhiger Haltung, in seinem blauen Frack mit den goldenen Knöpfen fast an einen hohen Staatsbeamten erinnernd, seinem königlichen Herrn entgegengetreten war.

»Ich lasse den Geheimrath Abeken bitten,« sagte der König, setzte sich, während der Kammerdiener hinausging, an seinen Schreibtisch und öffnete einige für ihn dort hingelegte Privatbriefe.

Nach kurzer Zeit trat der Geheime Legationsrath Abeken, seine Vortragsmappe unter dem Arm in das Zimmer.

Er war ein kleiner Mann von einundsechzig Jahren, dessen ganze Erscheinung trotz der etwas lebhaften und nervösen unruhigen Bewegung noch ein wenig den Stempel des geistlichen Standes trug, für den er sich in seiner Jugend bestimmt hatte. Sein blondes Haar und sein kleiner blonder Schnurrbart erschienen noch wenig ergraut, und aus seinen lebhaften, scharf blickenden Augen blitzte das Feuer jugendlicher Frische.

»Guten Morgen, mein lieber Abeken,« sagte der König, freundlich mit dem Kopf nickend und seinen langjährigen vertrauten Diener, der ihn als vortragender Rath des auswärtigen Ministeriums auf allen seinen Reisen begleitete, die Hand reichend. »Setzen Sie sich, theilen Sie mir mit, was Neues von Berlin gekommen ist. Ich muß Sie übrigens bitten,« sagte er schalkhaft lächelnd – während Herr Abeken einen Sessel heranzog und seine Mappe öffnete – »daß Sie die Leute nicht im Schlaf stören –«

Herr Abeken sah ganz erstaunt den König an.

»Ich wüßte nicht, Majestät.«

»Lauer hat sich beklagt,« fuhr der König in demselben scherzhaften Ton fort, »daß Sie und St. Blanquart am späten Abend und am frühesten Morgen schon wieder ihn fortwährend mit dem monotonen Geräusch der Lectüre der Zahlen des Depeschenchiffres verfolgen.«

»Nun Majestät,« sagte Herr Abeken lächelnd, »ich hoffe, daran wird sich Herr von Lauer gewöhnen, wie man sich an das Geräusch einer Mühle gewöhnt, und wenn er nach Berlin zurückkommt, wird er das Dechiffrirbureau neben seinem Zimmer vermissen.«

»Wie steht die Hohenzollersche Angelegenheit in Berlin,« fragte der König. »Sie wissen, daß Benedetti angekommen ist, es scheint, daß es da einige Weitläufigkeiten geben wird.«

»Herr von Thiele berichtet, Majestät,« sagte der Geheimrath Abeken, indem er einen Bericht aufschlug, den er aus seiner Mappe genommen hatte, »daß der französische Geschäftsträger Le Sourd eine äußerst scharfe und bestimmte Sprache führe und erklärt habe, daß die französische Regierung unter keiner Bedingung die Thronbesteigung des Prinzen von Hohenzollern in Spanien dulden könne. Und diese Sprache des Geschäftsträgers zusammengehalten mit den Äußerungen des Herzogs von Gramont im Corps legislatif flößen Herrn von Thiele die äußersten Besorgnisse ein, und er fürchtet, daß in Paris ein Hintergedanke bestehe. Der Legationsrath von Kendell ist nach Barzin gegangen, um dem Grafen Bismarck persönlich über die Sache Bericht zu erstatten und demselben den Wunsch auszusprechen, daß er, wenn möglich unter diesen Umständen nach Berlin zurückkehren möchte.«

»Der arme Bismarck,« sagte der König, »er hat seine ländliche Ruhe so nöthig, und ich gönne sie ihm so von Herzen nach all' den Arbeiten, die er den Winter über gehabt hat. Aber freilich,« fuhr er fort, »wenn die Sache, was ich noch immer nicht glauben kann, irgend wie ernsthaft werden sollte, so wird er seine Sommerruhe wohl unterbrechen müssen. Ich kann ja auch hier nicht ohne Minister auf irgend welche politische Verhandlungen wirklich eingehen, doch vermag ich in der That kaum abzusehen –« er schwieg einen Augenblick.

»Was haben Sie sonst noch?« fragte er.

»Abgesehen von dieser spanischen Frage, Majestät,« sagte der Geheimrath Abeken, »ist in der auswärtigen Politik völliger Stillstand. Was Eure Majestät vielleicht besonders interessiren wird, ist ein Bericht über die Zustände in Rumänien.«

Der König nickte leicht mit dem Kopf.

»Es sieht dort bunt aus,« sagte er.

»Sehr bunt, Majestät,« erwiderte der Geheimrath Abeken, »die Lage ist dort so verworren, daß bereits in den Parteien sich Stimmen erheben, welche das Einschreiten der Schutzmächte gegen die Verfassung von 1860 für dringend nöthig erachten. Es scheint, daß die Zustände in Rumänien keine freie Verfassung ertragen. In allen Schichten der Bevölkerung fehlt es an Vertretern, welche die nötige Einsicht zur Ausübung verfassungsmäßiger Rechte besitzen. Die Verfassung dient nur dem Ehrgeiz der Parteien und legt der Thätigkeit des Fürsten, und wenn er persönlich die größte Energie hätte, überall hemmende Ketten an. Gerade diejenigen welche den Regierungsantritt des Fürsten begünstigten, die Führer der radicalen Partei, sind am wenigsten geneigt seine Autorität zu stärken. Sie wollen ihn zu einem lenkbaren Zögling machen und erschweren ihm das Leben in jeder Weise, Senat und Deputirtenkammer sind seit den vier Jahren der Regierung des Fürsten Carl schon dreimal aufgelöst, und der Auflösung folgte jedes Mal eine Agitation durch das ganze Land, die das öffentliche Leben aufs tiefste erschüttert.«

»Lassen Sie mir den Bericht hier,« sagte der König, »der arme Carl von Hohenzollern thut mir leid, daß er sich in diese Verwirrung hinein begeben hat, welche zu lösen ihm kaum gelingen möchte. Es ist merkwürdig,« sagte er, während Herr Abeken den Bericht auf den Schreibtisch des Königs legte, »daß das Beispiel in der Familie, den Prinzen Leopold nicht abhält, auch seinerseits sich auf den Weg ähnlicher Abenteuer zu begeben, die vielleicht noch unangenehmer und verhängnißvoller werden können. Der Fürst Anton hat an diesem kleinen rumänischen Thron schon genügend empfunden, was solche Expeditionen kosten. Das spanische Unternehmen möchte wohl leicht noch etwas theurer werden können. Wenn keine eiligen Sachen mehr da sind,« sagte er dann, »so bitte ich Sie das Übrige für morgen zu vertagen. Ich möchte noch hören, ob Wilmowsky etwas Dringendes vorzutragen hat und einige Briefe lesen, die ich so eben erhalten, bevor ich Benedetti empfange,« sagte er mit leichtem Seufzer. »Der Kronprinz hat mir sehr ausführlich über seine Begegnung mit dem Kaiser Alexander in Breslau geschrieben, und es ist mir eine rechte Herzensfreude gewesen, zu sehen, daß auch dort wieder die mir so lieben Familienbeziehungen den innigsten Ausdruck gefunden haben. Der Kaiser hat dem Kronprinzen selbst den St. Georgsorden zweiter Klasse an die Brust geheftet und zugleich an Fritz Carl denselben Orden geschickt, wozu er mich schon früher um die Erlaubniß gebeten hatte. Das Alles freut mich ungemein, die Beziehungen zu dem russischen Hause hege und pflege ich wie ein theures Vermächtniß meines Vaters und wünsche von Herzen, daß dieselben Beziehungen in der künftigen Generation auch fort leben mögen.«

»Abgesehen von diesen Traditionen,« sagte der Geheimrath Abeken, welcher sich erhoben und seine Mappe unter den Arm genommen hatte, »welche ja in der glorreichsten Geschichte Preußens wurzeln, sind die guten Beziehungen mit Rußland auch im Hinblick auf die politischen Verhältnisse der Gegenwart von der äußersten Wichtigkeit, und gerade in Augenblicken wie der gegenwärtige, in welchem nach anderer Seite hin die Keime zu Verwickelungen sich zeigen, tritt mir so recht lebhaft die Nothwendigkeit entgegen, mit dem mächtigen Nachbar im Osten in fester Einigkeit zu leben, damit für alle Eventualitäten nach dorthin uns der Rücken gedeckt ist.«

»Nun,« sagte der König lächelnd, »dafür ist ja gesorgt, in dieser Beziehung dürfen wir keine Bedenken haben, nötigenfalls unsere ganze Kraft nach der andern Seite hinzurichten. Auf Wiedersehen, mein lieber Abeken,« sagte der König, »wollen Sie veranlassen, daß Benedetti zum Diner eingeladen wird. Senden Sie mir Wilmowsky und,« fügte er lächelnd mit dem Finger drohend hinzu, »stören Sie mir Lauer nicht wieder im Schlaf.«

Der Geheime Legationsrath verließ das Cabinet.

Kurze Zeit darauf während welcher der König noch einige der für ihn persönlich angekommenen Briefe geöffnet und durchflogen hatte, trat der Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky ein, auf seinem länglichen Gesicht, dessen unterer Theil von einem kurzen weichen Bart umgeben war, lag ruhige Heiterkeit und ein fast humoristischer Zug umgab die klaren und scharf blickenden Augen, seine breite, von vollem ergrautem Haar umgebene Stirn war zugleich hoch und schön gewölbt, und in seiner Haltung zeigte er die ruhige und klare Sicherheit des Hofmannes.

»Sind die Bestimmungen über die Feier des dritten August nunmehr vollständig getroffen,« fragte der König, nachdem er seinen Cabinetsrath freundlich begrüßt und derselbe ihm gegenüber Platz genommen hatte. »Es liegt mir diese Feier ganz besonders am Herzen. Die Aufrichtung eines Denkmals für den hochseligen König ist eine Pflicht der Dankbarkeit, welche ich schon lange empfunden und welche ich mich besonders freue, noch während meines Lebens abtragen zu können.«

»Eure Majestät hatten befohlen,« sagte der Geheime Cabinetsrath, »daß von den Civilbehörden außer den Deputationen sämmtlicher in Berlin bestehenden Behörden und der Regierung in Potsdam nur die Oberpräsidenten der Provinzen eingeladen werden sollten.«

»Ganz recht,« sagte der König, »einfach und schlicht wie der Sinn meines Vaters war, soll auch die Feier der Enthüllung des Denkmals sein, auch wenn kein großer Pomp entfaltet wird, so wird das Gefühl des preußischen Volkes und seine frommen Erinnerungen dennoch diesem Act seine schöne und hohe Bedeutung geben.«

»Von den Rittern des eisernen Kreuzes,« fuhr der Geheime Cabinetsrath fort, »sollen wie Eure Majestät bestimmten, nur diejenigen von Berlin, Potsdam und Spandau zugezogen werden –«

»Die Ritter des eisernen Kreuzes,« sagte der König sinnend – »um das Denkmal des verewigten Herrn, dessen einfacher frommer Sinn dieses eiserne Denkzeichen an eine eiserne Zeit stiftete! Sie werden immer weniger,« fuhr er mit weicher Stimme fort, »diese alten Kämpfer für die Befreiung Deutschlands – noch einige Jahre und das edle Zeichen wird aus meiner Armee verschwunden sein, – sie werden dann dort oben Alle versammelt sein um meinen Vater und meine Mutter – und ich auch! – So Gott will aber soll der Geist nicht verloren gehen, welcher in jenem Zeichen lebt, der Geist der frommen und treuen Hingebung an das Vaterland, der Geist, der uns lehrt, das eiserne Schwert nur zu gebrauchen für eine Sache, auf welcher der Segen des heiligen Kreuzes ruht.«

»Übrigens,« fuhr der Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky nach einigen Augenblicken fort, »wird eine umfassende Repräsentation der Stadt Berlin bei der Feier statt finden, worüber der Polizeipräsident von Wurmb, der heute oder morgen hier eintrifft, Eurer Majestät noch nähere Mittheilungen machen wird. Auch von allen Großstädten der Monarchie sind Deputationen angemeldet, ebenso von Seiten der Provinzial-Stände.«

»Wenn es nur nicht zu groß und geräuschvoll wird,« sagte der König. »Nun,« fuhr er fort, »Jedermann in Preußen kennt ja den Sinn meines Vaters, und man wird verstehen, daß auch in diesem Sinne die Feier gehalten werden muß. Es sollen Deputationen der russischen Armee erscheinen,« fuhr er dann fort, »ich will darüber noch mit Treskow das nähere besprechen. Diese Aufmerksamkeit des Kaisers Alexanders freut mich ganz besonders, der hochselige Herr legte ja stets so hohen Werth auf die russische Freundschaft und lächelte stets so still glücklich, wenn es im Palais hieß, die Russen kommen. Es wird ein schöner, aber tief ergreifender Tag werden,« sagte er, »und ich werde so recht ruhig und zufrieden sein, wenn ich erst das liebe und so schön gelungene Erzbild meines Vaters als ein Denkmal der großen und unvergeßlichen Zeit werde aufgerichtet haben. Lassen Sie mir das ganze Programm hier,« sagte er dann, »ich will Alles genau noch prüfen, und wenn ich Wurmb gehört habe, Alles definitiv feststellen. Was haben Sie sonst noch?«

Der Geheime Cabinetsrath nahm seine Papiere zur Hand und begann den Vortrag über die laufenden Geschäftssachen, welche der König hier im Bade mit derselben Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit erledigte, als in Berlin.

Um drei Uhr Nachmittags erschien im Badehause der französische Botschafter Graf Benedetti. Er war bereits zum Diner angekleidet und trug unter dem schwarzen Frack das breite Orangeband des Ordens vom schwarzen Adler, den Stern dieses höchsten preußischen Ordens und das Großkreuz der Ehrenlegion auf der Brust. Sein blasses, glattes und bartloses Gesicht, dessen runde Stirn von dünnem ergrauendem Haar umgeben war, zeigte die vollkommenste gleichgültige Ruhe. Ein heiteres, freundlich höfliches Lächeln lag auf seinen Lippen, und seine klaren grauen Augen, welche selten einen bestimmten Ausdruck zeigten, blickten so völlig unbefangen umher, daß Niemand, der den Botschafter in die Wohnung des Königs eintreten sah, an das Vorhandensein irgend einer, auch nur einigermaßen ernsten politischen Frage hätte glauben können.

Der Flügeladjutant vom Dienst meldete den Botschafter sofort Seiner Majestät und führte ihn unmittelbar darauf in das königliche Arbeitscabinet.

König Wilhelm hatte sich erhoben, trat dem Grafen Benedetti einen Schritt entgegen und reichte ihm mit freundlicher Bewegung die Hand, welche dieser, sich tief verneigend, ehrerbietig ergriff.

»Ich glaube zu wissen, weßwegen Sie kommen,« sagte der König, – »wir werden uns leicht darüber verständigen und aus dieser Sache wird kein Conflikt entstehen.«

Er deutete, während er sich vor seinen Schreibtisch setzte, auf einen Sessel, welcher neben demselben stand.

»Eure Majestät,« sagte Benedetti, indem er sich niederließ, »haben die Gnade, dieselbe Überzeugung auszusprechen, in welcher ich hierher gekommen bin, – ich bin gewiß, daß es unendlich leicht sein wird, den Gegenstand der Beunruhigung verschwinden zu lassen, welcher in den letzten Tagen aufgetaucht ist, und welcher die Regierung des Kaisers, meines allergnädigsten Herrn, sehr lebhaft beschäftigt.«

Der König blickte ruhig und erwartungsvoll in das unbewegliche Gesicht des Botschafters.

»Die öffentliche Meinung in Frankreich, Majestät,« fuhr dieser fort, »erblickt in der Annahme der spanischen Throncandidatur von Seiten des Erbprinzen Leopold von Hohenzollern eine ernste Gefährdung der französischen Interessen, und die Regierung des Kaisers, welche,« fügte er hinzu, »mehr als irgend eine andere Veranlassung hat, der öffentlichen Meinung in ausgedehnter Weise Rechnung zu tragen, kann sich, wenn sie auch weit entfernt von der allgemeinen Aufregung ist, dennoch diesem Einfluß nicht verschließen. Eure Majestät wissen, wie hohen Werth der Kaiser persönlich und alle Mitglieder seiner Regierung darauf legen, daß in den Beziehungen zwischen Preußen und Frankreich keine Trübung entstehe, und daß kein Mißverständniß die aufrichtige Freundschaft und das Vertrauen stören, welches zum Wohl beider Nationen besteht und zu dessen Erhaltung ich nach meinen Kräften mitzuwirken seit Jahren den ehrenvollen und erfreulichen Beruf habe.«

Der König nickte wie die letzten Worte betätigend leicht mit dem Kopf, ohne etwas zu erwidern.

»Die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern,« sprach Benedetti weiter, »muß abgesehen von der Irritation in Frankreich, wie die Regierung des Kaisers glaubt und wie auch Eure Majestät gewiß nicht verkennen werden, auch in Spanien selbst eine große Aufregung hervorrufen und wird unausbleiblich dort die Ursache oder wenigstens der Vorwand großer Unruhen und Unordnungen werden. Auch in anderen Ländern, Majestät,« fuhr er mit fast unmerklich erhöhter Betonung fort, »hat die Sache eine lebhafte Beunruhigung erzeugt, – wenn man den übereinstimmenden Äußerungen der englischen Presse Glauben schenken darf, so ist auch die öffentliche Meinung in England einig darin, eine Combination zu beklagen, welche die Ruhe Spaniens ebenso sehr zu bedrohen scheint, als die guten Beziehungen, die in diesem Augenblick die großen europäischen Mächte miteinander verbinden. Die Regierung des Kaisers hat keinen andern Wunsch, als allen diesen Beunruhigungen so schnell als möglich ein Ziel zu setzen, und in den Händen Eurer Majestät liegt es, diese Wünsche, diese lebhaften und innigen Wünsche zu erfüllen. Eure Majestät können mit einem Wort alle diese Gefahren beschwören und den Ausbruch eines Bürgerkrieges in der pyrenäischen Halbinsel verhüten, für welche ein Mitglied Ihres Hauses die Verantwortung tragen würde. Der Prinz von Hohenzollern kann die spanische Königskrone nicht annehmen, ohne dazu von Eurer Majestät autorisirt zu werden. Sobald Eure Majestät ihn von diesem auch für ihn selbst gefährlichen Unternehmen, abzuhalten die Gnade haben, so werden die Beunruhigungen, welche jetzt alle Welt erfüllen, in einem Augenblick aufhören. Die hohe Weisheit Eurer Majestät und die großherzigen Gefühle, welche Sie erfüllen, werden Ihren Entschluß bestimmen. Ich beschwöre Eure Majestät, Europa diesen neuen Beweis von den edlen Gesinnungen zu geben, in welchen Allerhöchstdieselben bei jeder Gelegenheit beigetragen haben, den allgemeinen Frieden zu erhalten und zu befestigen. Die Regierung des Kaisers,« fügte er hinzu, »wird in einem solchen Entschluß Eurer Majestät eine neue und innige Befestigung der guten Beziehungen zwischen Frankreich und Preußen erblicken und wird einen solchen Entschluß, wie ich versichern darf, mit hoher Freude und dankbarer Anerkennung entgegennehmen, ebenso wie sie überzeugt ist, daß derselbe in ganz Europa allgemeine Befriedigung erregen wird.«

Der König hatte vollkommen ruhig und ohne ein äußeres Zeichen seiner Gedanken die Worte des Botschafters angehört, er sah einen Augenblick schweigend zu Boden und richtete dann den klaren Blick seines offenen, freien Auges fest auf Benedetti.

»Mein lieber Graf,« sagte er, »es ist vor allen Dingen nothwendig, jedes Mißverständniß und jede falsche Auslegung über die Art meiner Intervention in dieser ganzen Angelegenheit auszuschließen. Alle Verhandlungen, welche über den Gegenstand geführt wurden, haben sich ganz ausschließlich zwischen der spanischen Regierung und dem Prinzen von Hohenzollern bewegt. Die preußische Regierung ist allen diesen Verhandlungen nicht nur vollkommen fern geblieben, dieselbe war ihr sogar gänzlich unbekannt, auch ich persönlich habe in keiner Weise in dieselbe eingegriffen. Ich habe es sogar entschieden verweigert, einen Agenten des Marschall Prim zu empfangen, welcher in dieser Sache nach Berlin geschickt wurde und habe mich zum ersten Male über die ganze Frage überhaupt geäußert, als der Prinz Leopold bereits ganz entschieden war, die ihm gemachten Vorschläge anzunehmen und meine Erklärung darüber erbat. Dies fand bei meiner Ankunft in Ems statt, und ich habe mich einfach darauf beschränkt, dem Prinzen zu erklären, daß ich nicht glaubte, seinen Absichten ein Hinderniß in den Weg legen zu sollen. Die ganze, an sich schon sehr unbedeutende Einwirkung, welche ich meinerseits auf die Sache habe üben können, ist also rein passiver Natur gewesen und hat sich ganz ausschließlich auf meine Stellung als Chef des Gesammthauses Hohenzollern bezogen. Lediglich in dieser Eigenschaft und nicht in derjenigen als König von Preußen bin ich von dem Entschluß des Prinzen unterrichtet worden, auch habe ich meinem Ministerrath in keiner Weise die Frage vorgelegt, und die preußische Regierung als solche, ist außer Stande eine Interpellation über die Sache zu beantworten, die ihr vollkommen unbekannt geblieben ist, und für welche sie ebenso wenig verantwortlich sein kann, als irgend ein europäisches Cabinet.«

Der König schwieg.

Benedetti, welcher mit schärfster, ehrerbietigster Aufmerksamkeit seinen Worten gefolgt war, verneigte sich, wie um anzudeuten, daß er den Sinn derselben vollkommen erfaßt habe.

»Eure Majestät wollen mir erlauben,« sprach er mit seiner sanften, geschmeidigen Stimme, »ehrfurchtsvoll zu bemerken, daß die öffentliche Meinung, namentlich diejenige in Frankreich den Sinn und die Bedeutung des scharfen Unterschiedes in der Stellung Eurer Majestät, welche Allerhöchstdieselben so eben hervorzuheben die Gnade hatten, nach meiner Überzeugung nicht zu erfassen im Stande sein wird. Die öffentliche Meinung sieht in dem Erbprinzen von Hohenzollern nichts anderes als ein Mitglied der in Preußen regierenden Familie und kann sich, wie ich glaube, von der Auffassung nicht los machen, daß der Prinz, indem er die spanische Königskrone annimmt, in einer und derselben Dynastie zwei Throne vereinigt. Man wird sich vergebens bemühen, diese Auffassung zu zerstören, das Nationalgefühl Frankreichs ist vollkommen einig in dieser Auffassung, und Eure Majestät werden die Gnade haben, anzuerkennen, daß es der Regierung des Kaisers unmöglich ist, dieser Auffassung gegenüber gleichgültig zu bleiben. Die Regierung des Kaisers befindet sich in der Nothwendigkeit – und ist entschlossen, jener Auffassung der öffentlichen Meinung mit vollem Ernst Rechnung zu tragen.«

»Wenn man die Sache,« sagte der König, »von einer andern Seite auffaßt, so wird doch aber die Regierung des Kaisers nicht verkennen wollen, daß die gegenwärtige Regierung in Spanien von allen Mächten anerkannt und in ihren Entschließungen vollkommen souverain ist. Ich vermag nicht einzusehen,« fuhr er fort, »mit welchem Recht eine europäische Macht sich der Thronbesteigung eines Königs widersetzen könnte, welcher durch die Vertreter des spanischen Volkes frei gewählt werden würde. Wie der spanische Gesandte in Berlin mitgetheilt hat,« fuhr er fort, – »und dies ist,« fügte er mit Betonung hinzu, »die erste und einzige Mittheilung, welche die preußische Regierung überhaupt in der ganzen Angelegenheit erhalten hat, – werden die spanischen Cortes auf den zwanzigsten dieses Monats zusammen berufen werden. Wenn wirklich für die innere Ruhe Spaniens aus der Candidatur des Prinzen Leopold diejenigen Gefahren zu besorgen sein sollten, auf welche Sie, mein lieber Graf, vorhin aufmerksam gemacht haben, so wird es Sache der Cortes sein, jede Candidatur zurückzuweisen und damit die ganze Sache zu beendigen.«

»Ich bitte um die Erlaubniß, Eurer Majestät bemerken zu dürfen,« erwiderte Graf Benedetti, »daß die Regierung des Kaisers weit entfernt ist, das freie Selbstbestimmungsrecht des spanischen Volkes beschränken zu wollen. Die kaiserliche Regierung hat nur die Überzeugung, daß die Combination, welche eigentlich persönlich von dem Marschall Prim ausgegangen ist, die Quelle großer und trauriger Verwickelungen sein würde. Solchen Verwickelungen gegenüber werden Eure Majestät gewiß selbst ein Mitglied Ihrer hohen Familie nicht zur Annahme der Krone autorisiren wollen. Eure Majestät halten allein das Mittel in Händen, um einer so gefahrvollen Lage ein Ende zu machen; und ich bin beauftragt, mich mit der dringenden Bitte an die Weisheit Eurer Majestät zu wenden, von diesem Mittel Gebrauch zu machen.«

»Die Parteien in Spanien,« sagte der König »sind so zahlreich und so viel gespalten, daß auch die Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern kaum im Stande sein würde, dort einen Bürgerkrieg zu vermeiden. Die Parteien sind es dort gewohnt, sich dem Beschluß der Majorität nicht zu fügen und mit den Waffen in der Hand, ihre Rechte oder ihre Ansichten zu vertreten.«

»Ich erkenne vollkommen die Wahrheit der Bemerkung Eurer königlichen Majestät an,« erwiderte Benedetti, indem seine schlanke Gestalt sich etwas zusammenbog – »indessen würde jedenfalls, wenn es trotz der Verzichtleistung des Prinzen Leopold in Spanien zu Unruhe und Kämpfen kommen sollte ein Mitglied Ihres Hauses nicht die Verantwortung für vergossenes Blut zu tragen haben.«

Der König senkte einen Augenblick nachdenklich den Blick zu Boden.

»Mein lieber Graf,« sagte er dann, »Sie können überzeugt sein, daß ich den aufrichtigen Wunsch hege, eine Situation verschwinden zu lassen, welche zu Verwickelungen und Mißverständnissen Veranlassung giebt. Ich muß indeß noch einmal darauf zurückkommen, daß meine ganze persönliche Stellung zu der Frage eine rein negative, wenigstens vollkommen passive ist. Ich habe wahrlich in keiner Weise den Prinzen Leopold irgend wie zur Annahme der ihm angetragenen Candidatur ermuntert, ich habe mich lediglich darauf beschränkt, seinen Entschlüssen kein Hinderniß in den Weg zu legen. Von diesem Standpunkt würde ich mich auch jetzt nur sehr schwer entfernen können, ich kann den Prinzen eben so wenig, wie ich ihn zu seinem Entschluß ermuthigt habe, auch jetzt nicht zwingen, von demselben zurückzukommen. Mir scheint, daß die Regierung des Kaisers, wenn sie wirklich in dieser Sache so große Gefahren erblickt, die ich noch nicht zu sehen im Stande bin, allen ihren Einfluß in Madrid aufwenden sollte, um die dortige Regierung zu bestimmen, daß sie auf das Projekt verzichte.«

»Ich habe bereits die Ehre gehabt, Eurer Majestät zu bemerken, daß die Regierung des Kaisers in keiner Weise in das freie Selbstbestimmungsrecht der spanischen Nation eingreifen möchte. Sie würde die Schwierigkeit der ganzen Lage nur unendlich vergrößern, die kaiserliche Regierung hat vielmehr geglaubt, daß der leichteste und einfachste Weg zur Erledigung der ganzen Angelegenheit der sei, wenn Eure Majestät Allerhöchst Ihre mächtige Autorität gebrauchen, um durch die Verzichtleistung des Prinzen diese Candidatur verschwinden zu lassen. Ich darf mir erlauben, Eure Majestät auf die Präcedenzfälle in Betreff Griechenlands und Neapels aufmerksam zu machen, in welchen ebenfalls das Prinzip festgestellt wurde, daß Prinzen, welche der Dynastie einer Großmacht angehören, nicht zu gleicher Zeit Souveraine eines anderen Landes sein sollen, und auch der Kaiser, mein allergnädigster Herr, hat persönlich dies Prinzip anerkannt, indem er dem Prinzen Murat die Bewerbung um den neapolitanischen Thron untersagte. Eure Majestät werden sich um so mehr in diesem Sinne entscheiden können, als ja Preußen und Deutschland keinen Antheil an den bisherigen Versammlungen genommen haben, also auch keine Concessionen zu machen haben würden, während für Frankreich sehr ernste Interessen auf dem Spiel stehen und während dort, wie ich mir zu wiederholen erlauben muß, die öffentliche Meinung sich in einer sehr bedenklichen Aufregung befindet, einer Aufregung, welche auch der Baron Werther vor seiner Abreise hat wahrnehmen können, und über welche er, wie ich nicht zweifle, Eurer Majestät Bericht erstattet haben wird.«

»Diese Aufregung der öffentlichen Meinung in Frankreich ist mir bekannt,« sagte der König, »die Thatsache ihrer Existenz beweist aber noch nichts für ihre Berechtigung und dann muß ich Ihnen aufrichtig sagen, daß die Erklärung, welche der Herzog von Gramont im Corps legislatif abgegeben hat, mir weit eher dazu geneigt scheint, die öffentliche Meinung noch mehr zu echauffiren, als sie zu beruhigen. Der erste Theil der Erklärung des Herzogs,« fuhr der König fort, »ist sehr richtig und sehr correct. Indessen muß ich Ihnen gestehen, daß der Schlußsatz derselben mich allerdings sehr peinlich berührt hat. Die Worte, welche der Herzog über die Absichten einer fremden Macht gesprochen hat, können doch nur auf Preußen bezogen werden. Wie ich Ihnen gesagt, hat die preußische Regierung an der ganzen Sache nicht den geringsten Antheil gehabt. Jene Worte machen daher fast den Eindruck einer Provokation, und wenn ich auch eine solche in denselben nicht finden will, so wird doch dieser Eindruck in Deutschland vorhanden sein, und er kann dazu beitragen, daß auch in Deutschland die öffentliche Meinung sich aufzuregen beginnt, wodurch dann allerdings die ganze Situation sehr erheblich verschlimmert werden würde.«

Der König hatte die letzten Worte mit etwas erhöhtem Tone gesprochen, ohne daß indeß von seinem Gesicht der Ausdruck ruhiger und freundlicher Höflichkeit verschwunden war.

»Ich möchte Eure Majestät bitten, zu berücksichtigen,« erwiderte Benedetti, »daß der Herzog von Gramont sich in einer auf's höchste aufgeregten Versammlung befand und daß es ihm vor allen Dingen darauf ankommen mußte, jede aufreizende und gefährliche Discussion abzuschneiden und deshalb eine Erklärung abzugeben, welche dieser Versammlung versicherte, daß für den Fall einer Gefährdung der Ehre und der Interessen Frankreichs die Haltung der kaiserlichen Regierung eine feste und entschiedene sein werde. Eure Majestät werden anerkennen, daß die Erklärung des Herzogs von Gramont ihm nur durch den dringenden Wunsch dictirt sein kann, die ganze Frage offen zu halten und alle Erörterungen auszuschließen, welche den guten Beziehungen zu Preußen, auf welche der Kaiser und seine Regierung einen so hohen Werth legen, hätten gefährlich werden können.«

Der König schüttelte langsam den Kopf, als verstehe er diese Argumentationen des Botschafters nicht.

»Ich begreife nicht,« sagte er, »wie die Ehre und die Interessen Frankreichs durch den Entschluß des Prinzen von Hohenzollern berührt werden können. Die Verhandlungen, welche zu diesem Entschluß geführt haben, sind ja durch die Regierung in Madrid aus freiem Antriebe begonnen. Keine Regierung hat an denselben irgend welchen Antheil genommen, ich begreife nicht, wie daraus irgend ein Conflikt entstehen kann. Und ich will nicht annehmen,« fügte er mit scharfer Betonung hinzu, indem er voll Würde und Hoheit den Kopf emporhob, »daß der Krieg aus einem Fall sich entwickeln könne, bei welchem gar keine europäische Macht betheiligt ist.«

Ein leichtes Zucken zeigte sich in den Augenwinkeln Benedetti's, wie abwehrend hob er ein wenig die Hand empor und rief:

»An eine solche Eventualität, Majestät, auch nur zu denken, kann mir nicht in den Sinn kommen. Meine Anwesenheit hier in Ems allein beweist schon, wie dringend die Regierung des Kaisers eine versöhnliche und allgemein befriedigende Lösung der so plötzlich entstandenen Schwierigkeiten ersehnt, gerade um zu einer solchen Lösung zu gelangen, bin ich beauftragt worden, Eurer Majestät alle diejenigen Gesichtspunkte darzulegen, welche uns zwingen, die Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern dringend zu wünschen.«

»Ich kann Ihnen nur nochmal wiederholen,« sagte der König, »daß es mir unendlich fern liegt, den Prinzen Leopold zur Annahme der spanischen Königskrone zu ermuthigen oder auch eine solche Annahme seinerseits nur zu wünschen, indeß muß ich ihm schon deßhalb, weil er nicht unmittelbar zu meinem königlichen Hause gehört und kein preußischer Prinz ist, die volle Freiheit seines Entschlusses lassen, seine Annahme zurückzuziehen. Indeß,« fügte er hinzu, »um Ihnen zu beweisen, wie sehr auch ich eine allseitig befriedigende Lösung wünsche, kann ich Ihnen mittheilen, daß ich sogleich, als ich von der großen Aufregung in Frankreich unterrichtet worden bin, mich mit dem Fürsten Anton, der sich in Sigmaringen befindet, in Verbindung gesetzt habe, um ihn über seine und des Prinzen Leopold Ansichten zu befragen und zu erfahren, wie sie über die in Frankreich durch den Entschluß des Prinzen Leopold hervorgerufenen Aufregung dächten.

Wenn der Prinz Leopold und sein Vater die ganze Erörterung über den Gegenstand zu beseitigen geneigt wären, so würden ja dadurch alle Schwierigkeiten gehoben, – einen Einfluß auf ihre Entschlüsse auszuüben, aber halte ich mich nicht für berechtigt, und Sie begreifen, mein lieber Graf, daß ich erst dann in der Lage sein werde, unsere heutige Unterredung fortzusetzen, wenn ich genaue Mittheilungen über die Beschlüsse des Fürsten Anton und seines Sohnes haben werde.«

Der König sagte die letzten Worte in einem Ton, welcher andeutete, daß er die Unterredung für beendet halte.

Benedetti verneigte sich tief, ohne indeß aufzustehen und sagte:

»Ich muß mir erlauben Eurer Majestät ehrerbietigst zu bemerken, daß die Regierung des Kaisers sich der stets wachsenden Aufregung der Kammer und der Presse gegenüber, in großer Verlegenheit befindet und dringend wünschen muß, so bald als irgend möglich bestimmte Erklärungen über die endgültige Erledigung dieses Incidenzfalles abgeben zu können. Eure Majestät würden mir daher eine besondere Gnade erweisen, wenn Sie mir ungefähr den Zeitpunkt bezeichnen könnten, bis zu welchem Sie im Besitz der zu erwartenden Nachricht sein können.«

Der König sann einen Augenblick nach.

»Ich kann den Telegraphen nicht benutzen,« sagte er dann, »ich habe hier in Ems keinen Chiffre, durch den ich mit dem Prinzen Anton correspondiren kann. Ich weiß auch nicht ganz genau, wo der Prinz Leopold sich in diesem Augenblick befindet, – indeß kann es unmöglich lange dauern. Ich hoffe, sehr bald genau unterrichtet zu sein und werde Sie dann sofort benachrichtigen.«

Benedetti erhob sich.

»Ich stehe zu Eurer Majestät Befehl,« sagte er, »und habe nur noch den dringenden Wunsch auszusprechen, daß Allerhöchstdieselben mich bald in die Lage setzen möchten, meiner Regierung die glückliche und befriedigende Beseitigung der ganzen Angelegenheit mittheilen zu können.«

»Ich sehe Sie noch bei der Tafel, mein lieber Graf,« sagte der Kaiser, indem er Benedetti die Hand reichte, »und hoffe, daß Ihr Aufenthalt hier in Ems, so gern ich Sie hier auch sehe, sich nicht zu sehr verlängere, und daß Sie bald Ihre unterbrochene Kur in Wildbad wieder aufnehmen können.«

Mit tiefer Verneigung verließ Benedetti das Cabinet, begab sich durch das Vorzimmer in den länglichen einfenstrigen Raum, in welchem bereits die zum Diner befohlenen Personen sich versammelten.

Der König klingelte. Sein Kammerdiener Engel erschien und in kurzer Zeit hatte Seine Majestät die Toilette für das Diner beendet.

»Rufen Sie mir Abeken noch einmal,« sagte der König.

Wenige Minuten darauf trat der Geheime Legationsrath Abeken ebenfalls zum Diner angekleidet in das Zimmer.

Ernst und sinnend sagte der König:

»Sie verlangen von mir die Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern, sie wollen sich nicht nach Spanien wenden, – es ist in dem Allen ein Hintergedanke, ich fühle das an dem ganzen Wesen Benedetti's, er macht mir den Eindruck, daß er schärfere Instructionen hat, als seine Worte erkennen lassen. Diese fast absichtliche Mühe, die man sich giebt, um die Sache zu einer Frage zwischen Deutschland und Frankreich zu machen, was sie doch nicht ist, kommt mir ein wenig bedenklich vor – und je mehr man sie zu einer deutschen Frage macht, um so weniger bin ich meinerseits im Stande, irgend eine Concession zu gewähren. Jedenfalls telegraphiren Sie nach Berlin, daß Bismarck hierher kommen möge; wenn die Sache irgend eine ernstere Dimension annimmt, muß ich ihn doch bei mir haben. Auch wäre es gut,« fügte er hinzu, »wenn Moltke von seinem Urlaub zurückkäme, es ist immer besser, für alle Fälle vorbereitet zu sein, als überrascht zu werden. Nach dem Diner theilen Sie mir sogleich alle Nachrichten mit, die weiter von Berlin gekommen sind.«

Der Geheime Legationsrath ging hinaus.

»Sollte es möglich sein,« sprach der König mit tiefem Sinnen an das Fenster tretend, »daß auch dieser Kampf mir noch beschieden wäre? Die Mahnung an das Standbild meines Vaters – an das eiserne Kreuz ließen so lebhaft in mir die Bilder jener alten vergangenen Zeiten heraufsteigen, – nun,« sagte er den Blick über die grünen Bäume hin zum Himmel richtend, »in dieser Mahnung liegt auch die Bürgschaft für die Zukunft Preußens und Deutschlands, – wenn Gott den Kampf beschlossen, so wird auch Gott mit uns sein in diesem Kampf!«

Die Thür des Cabinets wurde geöffnet, der Hofmarschall Graf Perponcher trat ein, meldete Seiner Majestät, daß das Diner servirt sei und schritt dann dem Könige voran in den kleinen Versammlungssaal, in welchem das Gefolge und die zur Tafel befohlenen etwa vierzehn Personen versammelt waren.

Der König grüßte die Anwesenden huldvoll und heiter und schritt in den Speisesaal voran, in welchem die königlichen Jäger in ihrer geschmackvollen grünen und silbernen Livree zum Service bereit standen.

Graf Benedetti nahm neben Seiner Majestät Platz, der König unterhielt sich mit ihm während des ganzen Diners in so liebenswürdig, freundlicher und unbefangener Weise, daß alle Anwesenden die Überzeugung gewannen, es könnten keine ernsthaften drohenden Wolken am politischen Horizont bestehen, und daß diese Überzeugung in schnell sich fortpflanzender Mittheilung am Abend die ganze Badegesellschaft von Ems durchdrungen hatte.

Siebentes Capitel.

Die Sonne sank bereits unter den Horizont und der alte Park von St. Cloud mit fernen gewaltigen Riesenbäumen hüllte sich in dunkle Schatten, als der Wagen des Herzogs von Gramont in das kaiserliche Schloß einfuhr.

Der Herzog stieg aus und schritt eiligst die Treppe zu den Appartements des Kaisers hinauf, in welche er nach der Meldung des Dienst thuenden Adjutanten unmittelbar eingeführt wurde.

Auf dem Tisch des Kaisers brannte bereits eine hohe Lampe mit großem flachem Schirm von bläulichem Glas, während durch das geöffnete Fenster mit den Düften der blühenden Rosenbeete die letzten Strahlen des sinkenden Tages hineindrangen.

Der Kaiser, welcher sich nach dem Familiendiner so eben zurückgezogen und den Frack mit einem leichten weiten Sommerrock vertauscht hatte, lag halb in einem jener großen amerikanischen Schaukelstühle von feinen elastischen Holzstreifen, den Kopf auf eine an der Lehne des Stuhls hängende Schlummerrolle gestützt und in ruhiger Träumerei seine Cigarre rauchend. Mit einem leisen Seufzer über die Störung seines Dolce far niente erhob er sich mit einiger Mühe und ging dem Minister einige Schritte entgegen, welcher sich in einer gewissen Erregung zu befinden schien.

»Ich habe Eurer Majestät eine günstige und wichtige Nachricht mitzutheilen,« sagte der Herzog von Gramont, »und Ihre Befehle zu erbitten, wie die durch dieselbe geschaffene neue Situation behandelt werden soll.«

Der Kaiser athmete wie erleichtert auf.

»Hat der König Wilhelm die Forderung Benedetti's erfüllt,« fragte er. »Ist dieser unangenehme und peinliche Fall erledigt?«

»Der Prinz von Hohenzollern, Sire,« sagte der Herzog von Gramont, »hat seine Candidatur zurückgezogen. Olozaga ist so eben bei mir gewesen, um mir dies mitzutheilen und nach einem Telegramm von Benedetti hat der König Wilhelm ihm ebenfalls die Verzichtleistung des Prinzen durch einen Adjutanten mittheilen und erklären lassen, daß er diese Verzichtleistung autorisire.«

»Ah,« sagte der Kaiser mit zufriedenem Lächeln, »unser energisches Auftreten hat also schnell seine Früchte getragen.«

»Wie immer, Sire,« sagte der Herzog mit dem Ausdruck stolzer Befriedigung, »für eine Macht wie Frankreich ist Energie und Festigkeit immer die beste Politik, und ich freue mich von ganzem Herzen, daß durch unser Auftreten in dieser Sache nicht nur vor der Nation, sondern vor ganz Europa der Beweis geliefert worden ist, daß das Wort Frankreichs noch nicht ungehört verhalle, und daß die Zeit beendet sei, in welcher man glaubte, ohne unsere Zustimmung die großen und wichtigen europäischen Fragen entscheiden zu können. Das einfache Wort Eurer Majestät hat genügt, um diese Combination des Grafen von Bismarck scheitern zu lassen. Die Situation hat sich ungemein günstig für uns verändert, denn wir haben alle europäischen Cabinette für uns, welche sämmtlich in der Thronbesteigung eines Hohenzollerschen Prinzen in Spanien eine bedenkliche Gefahr für die Ruhe und das Gleichgewicht Europas erblickten. Es kommt nun nur darauf an, den Erfolg, den wir errungen haben, vor den Kammern und der öffentlichen Meinung in das richtige Licht zu stellen, damit alle die Feinde der Regierung sich überzeugen, daß das Kaiserthum noch groß und glänzend da steht, und daß Frankreich nach der langen Zurückhaltung, welche auf die Schlacht von Sadowa folgte, wieder entschlossen ist, mit entscheidender Hand in die Politik einzugreifen.«

»Sehr gut, sehr gut,« sagte der Kaiser, »das wird einen vortrefflichen Eindruck machen. Wir haben da einen großen Schlag gethan, und zwar ohne alle heftigen Verwickelungen und ohne daß selbst unsere Beziehungen zu Preußen irgend wie getrübt werden, denn Benedetti berichtet ja, daß er mit der größten Auszeichnung vom Könige Wilhelm behandelt worden sei. Ich gratulire Ihnen, mein lieber Herzog, zu diesem ersten Debut als Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Es ist ein Triumph ohne Opfer, und ich bin überzeugt, daß einem solchen vortrefflichen Anfang immer glänzendere Resultate folgen werden.«

Er reichte dem Herzog die Hand, welche dieser, sich verbeugend, mit strahlendem Lächeln ergriff.

»Es kommt nun darauf an,« fuhr der Kaiser fort, »die Fassung der Mittheilungen dieses so erfreulichen Ereignisses für die Kammer und die Journale fest zu stellen. Es thut mir leid, Sie wieder fort zu schicken, aber ich glaube, Sie müssen sogleich nach Paris zurückkehren, sich mit Ollivier darüber zu verständigen. Er ist ja Meister in der Redewendung, setzen Sie mit ihm eine Erklärung auf, welche in solenner Weise die ganze Angelegenheit beendet und ohne Preußen zu verletzen, im Gegentheil mit anerkennendem Ausdruck für die Weisheit und das Entgegenkommen des Königs Wilhelm, dennoch unsern Sieg in helles Licht stellt.«

»Ollivier,« erwiderte der Herzog, »hat die Nachricht bereits privatim im Corps legislatif verschiedenen Deputirten mitgetheilt, die Befriedigung darüber war allgemein.«

»Um so besser,« sagte der Kaiser, »wird morgen die feierliche Erklärung aufgenommen werden. Ich bitte Sie also, dieselbe aufzusetzen und sie mir, so bald Sie sie redigirt haben, mittheilen zu lassen – auf Wiedersehen, lieber Herzog. Nachdem wir diesen Sturm beschworen haben,« fügte er lächelnd hinzu, »hoffe ich, Sie auf einige Tage hier zu sehen, um sich in ländlicher Ruhe von den Aufregungen der letzten Tage etwas zu erholen.«

Der Herzog empfahl sich Seiner Majestät und verließ immer das stolze zufriedene Lächeln auf den Lippen das Cabinet.

Der Kaiser athmete erleichtert auf, blickte einen Augenblick schweigend nach dem in immer tiefere Schatten versinkenden Park hinaus und ergriff dann eine neue Cigarre, um sie anzuzünden und sich abermals der durch den Besuch seines Ministers unterbrochenen Träumerei zu überlassen.

Da öffnete sich schnell die Thür, General Favé erschien und sagte:

»Der österreichische Botschafter bittet Eure Majestät, ihn empfangen zu wollen.«

Verwundert blickte der Kaiser auf.

»Metternich,« sagte er, »zu dieser Stunde? Was kann er bringen? – bitten Sie ihn, einzutreten.«

Indem er seufzend seine Cigarre wieder fortlegte, ging er einige Schritte dem Fürsten Richard Metternich entgegen, den der General in das Cabinet führte.

Der Sohn des großen Staatsmannes, welcher einst so lange die Geschicke der österreichischen Monarchie und ein wenig diejenigen von ganz Europa in seinen Händen gehalten hatte, war damals ungefähr zwei und vierzig Jahre alt. Er war eine angenehme, sympathisch anmuthende Erscheinung, die Fülle seiner Gestalt that der elastischen Eleganz seiner Bewegungen keinen Eintrag, sein etwas bleiches Gesicht, auf dessen hohe Stirn die leicht gelockten, dünn gewordenen Haare herabfielen, war von einem starken, lang hinab hängenden Backenbart umrahmt; seine edel geschnittenen Züge zeigten den Ausdruck ruhiger und sorgloser Heiterkeit, während seine geistvollen Augen zugleich scharf beobachtend umher blickten. Heute aber lag auf diesem Gesicht eine gewisse unruhige Aufregung – ernst erwiderte er die Begrüßung des Kaisers und sprach, indem er sich auf den Wink desselben ihm gegenüber setzte, mit leicht erregter Stimme:

»Ich bitte Eure Majestät um Verzeihung, daß ich es wage, noch in so vorgerückter Abendstunde um Gehör zu bitten; aber die beunruhigenden Nachrichten, welche die ganze politische Welt erfüllen, machen es mir zur Pflicht, mich unverzüglich des Auftrages zu entledigen, welchen der Graf Beust, der seine Badekur in Gastein verschoben hat, mir so eben ertheilte.«

Der Kaiser lächelte ein wenig, neigte leicht das Haupt und sprach:

»Sie wissen, lieber Fürst, daß Ihr Besuch mir zu jeder Zeit angenehm und erfreulich ist, auch wenn Sie mir keine Mittheilung des Grafen Beust zu machen hätten. Der Besuch eines Freundes ist immer willkommen, und zu meinen Freunden gehört der Fürst Metternich ebenso sehr als der Botschafter des Kaisers von Österreich.«

Der Fürst dankte durch eine ehrerbietige Verneigung für die freundlichen Worte des Kaisers und fuhr dann in demselben ernsten Ton wie vorher fort:

»Das gütige Wohlwollen Eurer Majestät, von welchem ich schon so viele Beweise erhalten habe, und welches Sie so eben von Neuem auszusprechen die Gnade haben, giebt mir die Hoffnung, daß Sie auch dem, was ich Ihnen zu sagen habe, ein gnädiges und aufmerksames Ohr schenken werden. Sire,« sprach er weiter, »die Regierung meines allergnädigsten Herrn kann sich der Besorgniß nicht erwehren, daß die Erörterungen, welche zwischen Frankreich und Preußen in diesem Augenblick über die Hohenzollersche Candidatur Statt finden, bei der hoch gehenden Aufregung der Volksstimmung in Frankreich und bei dem Beginn einer ähnlichen Aufregung in Deutschland zu ernsten Conflicten und gefährlichen Catastrophen führen möchte. Ich habe zu verschiedenen Zeiten zu meiner großen Genugthuung Gelegenheit gehabt, Eurer Majestät gegenüber zu constatiren, daß die politischen Interessen Frankreichs und Österreichs in allen großen Fragen die gleichen seien, und daß eine gleichmäßige Behandlung aller dieser Fragen im Interesse beider Staaten liege. Die gleiche Versicherung hat auch der Herzog von Gramont während seines Aufenthalts in Wien bei jeder Gelegenheit von dem Reichskanzler selbst erhalten.«

Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf.

»Graf Beust hat aber bei allen solchen Gelegenheiten,« fuhr der Fürst Metternich fort, »dem Herzog gegenüber auch ganz bestimmt betont, daß Österreich noch auf lange hinaus nicht in der Lage sei, an irgend einer militairischen Action, selbst wenn dieselbe in seinem Interesse liegen könnte, Theil zu nehmen, ohne dadurch die ruhige Entwickelung und damit die Zukunft der österreichischen Monarchie auf das Höchste zu gefährden, und daß es deßhalb für die österreichische Politik geboten sei, überall und zu jeder Zeit zur Vermeidung von Conflicten beizutragen, welche geeignet wären, kriegerische Consequenzen herbeizuführen. Der gegenwärtige Augenblick und die zwischen Frankreich und Preußen schwebende Frage scheinen nun, wie ich zu bemerken die Ehre hatte, die Befürchtung solcher Consequenzen sehr nahe zu legen, und ich bin deßhalb beauftragt, Eurer Majestät bestimmt zu erklären, daß Österreich, wenn aus dieser Hohenzollerschen Candidatur kriegerische Entwickelungen entstehen sollten, nicht im Stande sei, in denselben irgend eine active Rolle zu spielen und sich auf die Seite Frankreichs zu stellen.«

Der Kaiser blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder, dann sagte er.

»Mein lieber Fürst, die Erklärung, welche Herr von Beust mir da durch Sie abgeben läßt, überrascht mich in ihrem allgemeinen Inhalt nicht, dennoch scheint mir ihre bestimmte Wiederholung gerade in diesem Augenblick nicht vollkommen mit der auch vom Grafen Beust anerkannten Identität der politischen Interessen Österreichs und Frankreichs übereinzustimmen. Sollte ich jemals in einen ernsten Conflict mit Preußen gerathen, so würde, scheint es mir, der Augenblick gekommen sein, in welchem jene Identität der Interessen sich practisch zu bethätigen hätte, – wenn sie überhaupt irgend eine Bedeutung haben soll, – und Österreich müßte doch in der That mit Freuden eine solche Gelegenheit begrüßen, welche ihm die Möglichkeit bietet, ohne große eigene Gefahr das im Jahre 1866 Verlorene wieder zu gewinnen; von vorn herein eine solche Gelegenheit ausschließen zu wollen, scheint mir nicht im Interesse Österreichs zu liegen, und wenn eine solche Erklärung öffentlich abgegeben wird, – wenn sie auch andern Cabinetten bekannt wird,« fügte er mit scharfer Betonung hinzu, »so wird das sehr wenig dazu beitragen können, die nachdrückliche Vertretung der Interessen Frankreichs zu unterstützen.«

»Sire,« erwiderte der Fürst Metternich, »nach meiner Überzeugung, welche wie ich glaube auch diejenige des Grafen Beust ist, würde es allerdings Eventualitäten geben, unter denen es für Österreich vortheilhaft, ja geboten erscheinen könnte, im Verein mit Frankreich Preußen von der 1866 eroberten Stellung zurückzuwerfen, – eine solche Eventualität könnte aber nur dann eintreten, wenn einmal der Grund des Conflicts Österreich das Recht und die Möglichkeit gebe, in demselben Stellung zu nehmen und wenn sodann die Aussichten des Erfolges einigermaßen sicher sind. In diesem Augenblick ist aber beides nicht der Fall. Der einzige Kriegsgrund für Österreich könnte in einem Eingriff Preußens in die unabhängige Selbstständigkeit der Süddeutschen Staaten liegen; bei einem solchen Kriegsgrund würde ein großer Theil der deutschen Nation auf Österreichs Seite stehen, und der Kampf würde die großen Fragen von 1866 wieder aufnehmen unter der Mitwirkung Frankreichs, welche damals die Verhältnisse Eurer Majestät unmöglich machten. Gegenwärtig ist aber von einem solchen Kriegsgrunde nicht die Rede, der Erbprinz von Hohenzollern ist ein deutscher Fürst, und wenn Preußen einen Krieg annehmen sollte, weil Frankreich sich der Thronbesteigung eines deutschen Prinzen in Spanien widersetzt, so würde das Nationalgefühl sich auf die Seite Preußens stellen, und eine Alliance Österreichs mit Frankreich würde in diesem Falle nur dazu beitragen, Österreich als den Nationalfeind Deutschlands vor dem Volk erscheinen zu lassen, das heißt, uns jede moralische Unterstützung zu rauben, welche in einem solchen Kampf unumgänglich nothwendig ist. Außerdem aber, Sire,« fuhr er fort, »sind die Chancen des Erfolges, wie es mir scheint, äußerst unsicher. Unsere militairischen Vorbereitungen sind nicht beendet, unsere Finanzen sind noch nicht geordnet, schon aus diesem Grunde würde Österreich zu einer nachdrücklichen Kriegführung kaum im Stande sein –«

»Man würde aber doch,« fiel der Kaiser ein, »lediglich durch eine drohende Haltung große preußische Truppenmassen absorbiren.«

»Auch das ist nicht möglich, Sire,« sagte Fürst Metternich seufzend, »denn leider muß ich Eurer Majestät mittheilen, daß von Seiten Rußlands uns deutlich zu verstehen gegeben worden, jede feindliche Bewegung gegen Preußen werde sofort gleiche Schritte Rußlands gegen unsere Grenzen zur Folge haben. Damit würde also unsere Drohung wirkungslos gemacht und wir gezwungen werden, unsere disponiblen Truppen zur Selbstvertheidigung an die russische Grenze zu schicken.«

»Der Kaiser Alexander,« fiel Napoleon ein, »hat sich aber doch entschieden gegen die Hohenzollersche Candidatur erklärt und versichert außerdem den General Fleury unausgesetzt seiner Freundschaft und seiner Sympathien gegen Frankreich.«

»Das Alles wird nicht hindern, Sire,« sagte der Fürst Metternich, »daß wenn es wirklich zum Conflict kommt, Rußland sehr entschieden auf die Seite Preußens treten und wenigstens ganz bestimmt Österreich verhindern wird, irgend etwas zu unternehmen. Ich beschwöre also Eure Majestät,« fiel er lebhafter sprechend fort, »glauben zu wollen, daß Österreich sich von der Liga der Neutralen nicht wird trennen können – ich bitte Eure Majestät inständigst, in dieser ganzen Sache keinen Schritt zu thun, der zu unheilbaren Conflicten führen kann, denn Eure Majestät würden ganz isolirt sein und sich dem hoch aufgeregten deutschen Nationalgefühl gegenüber befinden, welches, von Preußen organisirt, ein furchtbar gefährlicher Gegner sein wird.«

»Glauben Sie,« sagte der Kaiser, den Blick scharf und forschend auf Metternich richtend, »daß das deutsche Nationalgefühl in Baiern und Würtemberg sich jemals für Preußen wird erheben können, da man dort doch einsehen muß, daß wenn man unter preußischer Führung gegen Frankreich zu Felde zieht, man für immer die eigene Selbstständigkeit aufgiebt. Man hat mir berichtet,« sagte er, »daß die Stimmung in jenen Staaten sehr preußenfeindlich ist und Sie selbst, lieber Fürst, haben mir früher Ähnliches mitgetheilt. Sollte das Alles sich schnell ändern können?«

»Es wird sich ändern, Sire,« sagte der Fürst, »und hat sich zum Theil schon geändert, und von Berlin aus wird mit großer Geschicklichkeit gearbeitet, um der öffentlichen Meinung die Haltung Frankreichs gegenüber der Candidatur des Prinzen von Hohenzollern als eine der ganzen Nation angethane Beleidigung darzustellen. Glauben mir Eure Majestät, die Süddeutschen Staaten werden in dieser Frage mit Preußen gehen – die Süddeutschen Fürsten zunächst, sie haben im Jahre 1866 gesehen, wie unerbittlich Preußen mit seinen Feinden verfährt, und um sich von Neuem in einen Kampf einzulassen, müßten sie eine große Coalition auf ihrer Seite sehen, welche ihnen Gewißheit des Sieges oder wenigstens des Schutzes ihrer Throne gewährt.«

Der Kaiser versank in schweigendes Nachdenken.

Fürst Metternich sah ihn in tiefer Bewegung an. Seine großen, klaren und ausdrucksvollen Augen verschleierten sich mit einem leichten Thränenschimmer und mit dem Ausdruck inniger Überzeugung sprach er:

»Eure Majestät haben die Gnade gehabt, die Gefühle der tiefen persönlichen Ergebenheit, welche ich für Allerhöchstdieselben hege, anzuerkennen und mich Ihren Freund zu nennen. Erlauben Sie mir, Sire, jetzt nachdem der Botschafter von Österreich gesprochen, auch als treuer und ergebener Freund zu sprechen. Ich weiß sehr gut,« fuhr er fort, »daß die Strömung der öffentlichen Meinung Frankreichs in diesem Augenblick zum Kriege treibt, und ich weiß ebenso gut, Sire, daß viele Personen in Ihrer Umgebung – in Ihrer nächsten und unmittelbaren Umgebung,« fügte er mit Betonung hinzu, »sich die angelegentlichste Mühe geben, jene Richtung der öffentlichen Meinung zu unterstützen und Eure Majestät in gefährliche Unternehmungen hineinzudrängen, welche nach meiner innigsten Überzeugung in diesem Augenblick nur zum Unglück Frankreichs und zum Unglück Eurer Majestät ausschlagen können. Preußen ist furchtbar gerüstet, Deutschland wird in dieser Hohenzollernschen Frage hinter Preußen stehen und die Eurer Majestät feindlichen Parteien in Frankreich, welche sich augenblicklich vor dem Plebiscit zurückgezogen haben, warten nur auf den Augenblick eines Mißerfolges im Kriege, um sich von Neuem zu erheben und einen entscheidenden Schlag gegen das Kaiserreich zu führen. Ebenso wie man in Italien nur darauf wartet, sich Roms zu bemächtigen. Allen diesen Gefahren gegenüber werden Eure Majestät isolirt da stehen, keine der europäischen Mächte wird sich Frankreich in dieser Frage zur Seite stellen, und ich bitte Eure Majestät, zu glauben, daß die Erklärung, die ich Ihnen als Botschafter gegeben, unbedingte Wahrheit ist. Der Fürst Metternich giebt Ihnen sein Wort darauf. Österreich wird nicht für Eure Majestät Partei nehmen, weil es das nicht thun kann, in dieser Frage am allerwenigsten thun kann, und selbst wenn der Graf Beust, selbst wenn der Kaiser dazu geneigt sein sollten, wie der Herzog von Gramont vorauszusetzen scheint, so wird diese Neigung vor dem Widerstande des Grafen Andrassy erfolglos bleiben. Der Graf Andrassy vertritt Ungarn, und Ungarn will keinen Krieg mit Deutschland, da auch der günstige Ausgang desselben nur dahin führen könnte, die dominirende Stellung des deutschen Elements im Kaiserstaate wieder zu befestigen, ohne Ungarn aber, ohne diese wichtigste militairische Hülfsquelle Österreichs ist jede Action für uns unmöglich – ich bitte Eure Majestät,« fuhr er fort, »dies als ganz gewiß anzunehmen, – Graf Andrassy hat hohe Verehrung vor Eurer Majestät und tiefe Sympathie für Frankreich. Täuschen sich aber Eure Majestät nicht über die Bedeutung von Äußerungen, welche diese seine Gefühle ihm eingegeben haben können. Unter andern Umständen, wenn Frankreich vielleicht mit Italien in Conflikt geriethe, würde Österreich bei einer französischen Alliance auf die Unterstützung Ungarns rechnen können, – gegen Deutschland niemals, – am allerwenigsten in einer Frage, in welcher kein Vertragsrecht Österreichs Intervention zur Seite steht. Eure Majestät,« fuhr er mit tief, eindringendem Tone fort, »kennen meine aufrichtige und liebevolle Ergebenheit für Ihre Person, Eure Majestät haben mir Gelegenheit gegeben, die edlen Eigenschaften Ihres Herzens ebenso sehr zu erkennen und zu bewundern, als die Klarheit und die überlegene Schärfe Ihres Geistes – es ist die tiefe Ergebenheit, die aufrichtige Liebe für Eure Majestät, welche mir die Worte in den Mund legt, die ich Ihnen jetzt zu sagen mir erlaube. Hören Eure Majestät die Bitte eines Freundes, welche ich ohne Rücksicht auf meine Eigenschaft als Botschafter Österreichs aus treu besorgtem Herzen an Sie richte. Treiben Sie, Sire, diese Sache nicht weiter, betreten Sie den gefahrvollen Weg nicht, auf welchen man Sie drängen möchte und an dessen Ende kaum ein glücklicher Ausgang zu erwarten ist.«

Der Fürst schwieg.

Der Kaiser beugte sich vor, reichte ihm mit einem liebenswürdigen Lächeln die Hand, indem zugleich ein warmer Strahl seinen freien Blick erleuchtete.

»Ich danke Ihnen, mein lieber Fürst,« sagte er, »für die Aufrichtigkeit und den Eifer, mit welchem Sie mir Ihre Überzeugung ausgesprochen und Ihren Rath ertheilt haben. Ihre Gesinnungen für mich machen mich stolz, – doch,« sagte er dann, »Sie beunruhigen sich ohne Noth, die Besorgnisse, welche gestern noch bestehen konnten, existiren heute nicht mehr, der Prinz von Hohenzollern hat seine Candidatur zurückgezogen.«

Fürst Metternich athmete erleichtert auf.

»Ich hörte davon im Augenblick meiner Abfahrt in Paris,« sagte er. »Ist die Nachricht bereits offiziell angekommen?«

»Olozaga,« sagte der Kaiser, »hat die Mittheilung im Auftrage der spanischen Regierung an den Herzog von Gramont gemacht, und somit scheint mir die Angelegenheit erledigt. Die Verzichtleistung des Prinzen wird morgen in den Kammern mitgetheilt werden, und die europäische Diplomatie,« fügte er lächelnd hinzu, »kann wieder ruhig baden und Brunnen trinken.«

Der Fürst Metternich schwieg einen Augenblick, als zögerte er, einen Gedanken auszusprechen, der ihn beschäftigte.

»Sire,« sagte er dann, »die extreme Kriegspartei wird vielleicht nach Andeutungen, die ich hier und da gehört habe, mit der Lösung der Frage noch nicht zufrieden sein, da sie gehofft hat, jetzt endlich mit ihren Ideen durchzudringen. Man wird von Neuem die Stimmung zu reizen und aufzuregen suchen, und da, wie ich weiß, auch in Deutschland bereits die Geister sich zu entflammen beginnen, so könnte leicht irgend ein Incidenzfall eintreten, der die Beruhigung Europa's von Neuem in Frage stellt. Ich bitte, Eure Majestät, aus der Erklärung, welche den Kammern gegeben werden soll, jede provocirende und verletzende Äußerung gegen Preußen fern halten zu lassen, damit ein für allemal alle Auseinandersetzungen über den Gegenstand aufhören. Graf Bismarck,« fuhr er fort, »hat bis jetzt alle Conflikte zu vermeiden gesucht, einen günstigeren Kriegsfall als in diesem Augenblick könnte er aber kaum finden, und man muß ihn nicht in die Versuchung führen, durch einen großen Aufschwung des Nationalgefühls aus der Waffenbrüderschaft aller deutschen Staaten ein neues deutsches Reich zusammen zu schmieden.«

Der Kaiser lächelte.

»Seien Sie ganz ruhig, mein lieber Fürst,« sagte er, »ich habe Gramont den Auftrag ertheilt, mit Ollivier eine definitive Erklärung über die Beendigung der ganzen Sache an die Kammer zu redigiren, und morgen um diese Stunde wird jede Besorgniß für die Störung des Friedens verschwunden sein.«

Fürst Metternich stand auf.

»Ich verlasse Eure Majestät mit erleichtertem Herzen und bitte um die Erlaubniß, sogleich nach Paris zurückkehren zu dürfen, um das so erfreuliche Resultat dieser Unterredung nach Wien melden zu können.«

»Meine herzlichsten Empfehlungen der Fürstin,« sagte der Kaiser, »ich hoffe, Sie Beide in den nächsten Tagen hier zu sehen.«

Er drückte dem Fürsten die Hand und begleitete ihn einige Schritte nach der Thür hin.

»Durch die Beseitigung der Candidatur des Erbprinzen von Hohenzollern,« sprach er leise, als er allein war »soll das Prestige Frankreichs wieder hergestellt sein, sagt man mir, – sehr gut, wenn die öffentliche Meinung dies glaubt. Leider,« fuhr er seufzend fort, »ist es nicht der Fall, jenes Prestige besteht in Wahrheit nicht mehr. Denn wenn es bestände, so würde Österreich nicht zögern, in diesem Augenblick frei und offen auf die Seite Frankreichs zu treten und die Suprematie des Hauses Habsburg in Deutschland wieder zu erringen. Man glaubt nicht mehr an die Macht Frankreichs, und auch meine besten Freunde nicht, – auch Metternich nicht, der wirklich mein Freund ist. Das Ansehen Frankreichs, so wie es früher war, wieder herzustellen, gäbe es nur ein Mittel, und dies Mittel wäre der Sieg – aber,« sagte er düster vor sich hin starrend, »wo ist die Hand, welche den Sieg mit Sicherheit erkämpfen könnte, – – wenn er mir entginge – –«

Er versank, die Augenbrauen finster zusammengezogen, in tiefes Sinnen.

»Meine Gemahlin wird nicht zufrieden sein,« sagte er dann, »über die so friedliche Lösung – sie glaubt an den Sieg – ich will ihr selbst die Sache sogleich mitteilen, damit sie vorsichtig in ihren Äußerungen ist und die Kriegspartei nicht durch hingeworfene Worte ermuthigt.«

Er verließ sein Cabinet und begab sich nach den Gemächern der Kaiserin.

Der Huissier öffnete die Thür.

Der Kaiser durchschritt das Vorzimmer und trat in den Salon, an dessen Schwelle ihn die Kaiserin empfing.

Napoleon blieb einen Augenblick erstaunt stehen, denn hinter seiner Gemahlin, deren Gesichtszüge eine lebhafte Erregung ausdrückten, sah er neben dem, von großen Fauteuils umgebenen, mit Albums aller Art bedeckten Tisch in der Mitte des Salons den Baron Jérome David und den Herzog von Gramont.

Der Baron Jérome David, der Führer der entschiedensten Anhänger des Kaiserreichs im Corps legislatif, war ein Mann von etwa fünfzig Jahren von kräftiger, schlanker Gestalt; sein auf einem kurzen Halse sich erhebender Kopf hatte scharf markirte, von energischer Willenskraft und etwas colerischem Temperament zeugende Gesichtszüge; das dunkle volle Haar war über der niedrigen Stirn leicht gekräuselt; unter hochgeschwungenen Augenbrauen blickten große, etwas hervorstehende Augen hervor, deren etwas stechender Blick fast immer den Ausdruck zorniger und unruhiger Erregung hatte; die etwas abgestumpfte starke Nase, die hoch aufgedrehten Spitzen des dunklen Schnurrbarts und das mächtig hervorspringende Kinn ließen seinen Gesichtsausdruck in der Erregung einer lebhaften Conversation fast herausfordernd erscheinen.

Der Kaiser trat langsam in den Salon und wandte sich mit einer Miene, in welcher eben so viel Erstaunen, als Unzufriedenheit lag, an den Herzog von Gramont.

»Ich hätte nicht erwartet, Sie noch hier zu finden, Herr Herzog,« sagte er, ohne die Höflichkeit und den verbindlichen Ton, die ihm sonst eigen war.

»Ich glaubte Sie schon in Paris, um mit Ollivier jene Erklärung zu verabreden, über welche wir vorher gesprochen haben.«

»Der Herzog,« fiel die Kaiserin schnell ein, »wollte vor seiner Rückkehr mich begrüßen, und mir zugleich die Nachricht von der Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern bringen. Ich habe ihn noch zurückgehalten, um ihm Gelegenheit zu geben, die Mittheilungen anzuhören, welche der Baron Jérome David mir so eben über die Stimmung in Paris und in den Kreisen der Deputirten gemacht hat, und welche vielleicht von einigem Einfluß auf die Entschließungen sein könnten, die man in diesem Augenblick zu fassen hat.«

Der Kaiser verneigte sich leicht gegen den Baron Jérome David und sagte immer noch in demselben strengen Ton seiner Stimme.

»Und welche Mittheilungen haben Sie der Kaiserin gemacht, Baron?«

Er reichte seiner Gemahlin die Hand, führte sie zu einem der neben dem Tisch stehenden Sessel und setzte sich an ihre Seite; den Blick mit gespannter Aufmerksamkeit auf den Baron richtend.

»Sire,« sagte dieser, »ich habe mir erlaubt, der Kaiserin mitzutheilen, – und würde im nächsten Augenblick mich bei Eurer Majestät haben melden lassen, um auch Ihnen mitzutheilen, – daß die Nachricht von der Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern auf seine Candidatur in Spanien, welche heute Abend in Paris bekannt wurde, unter den Deputirten und in den journalistischen Kreisen durchaus nicht den befriedigenden und beruhigenden Eindruck gemacht hat, welchen ich bei dem Herzog von Gramont gefunden, also auch bei Eurer Majestät voraussetzen muß.«

»Nun,« sagte der Kaiser, den Baron fragend und erstaunt anblickend, »die Sache ist doch erledigt, jene Candidatur ist verschwunden, – – vor der Intervention Frankreichs verschwunden, – ich begreife nicht, – –«

»Niemand in Frankreich, Sire,« fiel der Baron Jérome David rasch und lebhaft ein, »hat jemals dem jungen Prinzen von Hohenzollern es verdacht, daß er ein Abenteuer unternehmen wollte, bei welchem der Ehrgeiz eines thatkräftigen Mannes seine Rechnung finden könnte. – Niemandem ist es eingefallen, die spanische Nation in der freien Wahl ihres Königs zu beschränken, die Besorgniß und die Entrüstung Frankreichs über diese Combination hatte nur darin ihren Grund, daß die Hohenzollernsche Candidatur ein Werk der preußischen Politik war, daß diese Combination in Berlin vorbereitet und vom Könige von Preußen feierlich genehmigt wurde, ohne daß man sich mit Frankreich, das doch so nahe und so unmittelbar dabei interessirt ist, auch nur darüber in Vernehmen gesetzt hätte. Das ist eine Nichtachtung der französischen Würde und außerdem eine Bedrohung unserer Interessen durch die offen kund gegebene Absicht an unserer Südgrenze eine Macht aufzurichten, welche bei jeder Gelegenheit die preußische Politik gegen uns zu unterstützen bestimmt sein sollte. Wenn nun der Prinz von Hohenzollern einfach seine Candidatur zurückzieht, so ist Frankreich dadurch keine Genugtuung gegeben, vor allen Dingen aber auch keine Sicherheit, daß die Combination, welche heute gescheitert ist, nicht jeden Augenblick wieder aufgenommen werden könne, wenn die europäische Constellation derselben vielleicht günstiger sein möchte und Preußen die Aussicht hätte, Alliirte in einem Conflikt mit uns zu finden. – Ohne eine Genugthuung für unsere Würde, ohne eine Sicherstellung unserer Interessen für die Zukunft aber,« – fuhr er laut mit entschiedenem Tone fort, »wird die öffentliche Meinung sich nicht beruhigen, die bloße einfache Anzeige der Zurückziehung der Candidatur des Prinzen Leopold wird im Corps legislatif eine sehr ungünstige Aufnahme finden, und wenn die Regierung sich damit begnügt, so wird man das allgemein als ein Zeichen großer Schwäche ansehen, und das so lebhaft erregte Nationalgefühl wird sich auf das Entschiedenste gegen Eure Majestät wenden, zum großen Schaden für den Nimbus des Kaiserreichs, welcher erst so eben durch das Plebiscit wieder hergestellt worden ist.«

»Aber welche Genugthuung, welche Garantien,« fragte der Kaiser, »könnten denn gegeben werden?«

Die Kaiserin unterdrückte mühsam ihre innere Erregung, während sie ihr Spitzentaschentuch in der Hand zusammenpreßte.

»Sire,« antwortete Jérome David, »die Beleidigung Frankreichs bestand darin, daß über die Hohenzollernsche Combination von Preußen keine Mittheilung an Frankreich gemacht wurde. Die Frage für die Zukunft besteht darin, daß jene heut zurückgezogene Candidatur jeden Augenblick wieder aufgenommen werden kann, – dem entsprechend muß die Genugtuung und diese Garantie gefordert werden. Die Genugthuung muß meiner Überzeugung darin bestehen, daß der König von Preußen Eurer Majestät anzeigt, er habe dem Prinzen befohlen – und zwar mit Rücksicht auf die Intervention Frankreichs – von seiner Bewerbung um den spanischen Königsthron Abstand zu nehmen. Die Garantie muß darin bestehen, daß der König weiter erklärt, er werde auch in der Zukunft niemals erlauben, daß der Prinz auf jene Candidatur zurückkomme. Wenn der Kammer eine solche Erklärung vorgelegt wird, so wird der Eindruck ein tiefer und befriedigender sein, jeder andere Abschluß der Sache wird dem Nationalgefühl nicht genügen und dasselbe, wie ich wiederholen muß, gegen Eure Majestät und die kaiserliche Regierung richten.«

Der Kaiser strich langsam mit der Hand über seinen Bart, dann richtete er den Blick fragend auf den Herzog von Gramont.

»Sire,« sagte dieser, »ich kann den Bemerkungen des Herrn Baron David die innere Berechtigung nicht absprechen, vor Allem aber muß derselbe die Stimmung im Corps legislatif am allerbesten und genauer kennen, als ich; und das Ziel, nach welchem bei der Behandlung dieser ganzen Angelegenheit gestrebt werden muß, ist ja doch jedenfalls die Bestärkung des Ansehens der kaiserlichen Regierung. Nachdem die Sache so weit gediehen ist, dürfen wir nach meiner Ansicht mit keiner Halbheit abschließen, sondern müssen wirklich den als vollgültig anerkannten Beweis liefern, daß man die Würde Frankreichs nicht ungestraft beleidigen, seine Interessen nicht ungestraft gefährden könne.«

»Nur ein solcher Beweis, über alle Zweifel und Mißdeutungen erhaben,« fiel der Baron Jérome David lebhaft ein, »wird das Corps legislatif und die öffentliche Meinung von ganz Frankreich beruhigen.«

Der Kaiser sank seufzend in sich zusammen.

»Ich war so zufrieden, diese Angelegenheit endlich beendet zu wissen,« sagte er leise.

Die Kaiserin zuckte fast unmerklich die Achseln, ein Blitz sprühte aus ihren Augen.

»Glauben Sie denn,« sagte Napoleon sich zum Herzog von Gramont wendend, »daß eine solche Erklärung, wie sie der Baron für nöthig hält, zu erreichen und schnell zu erreichen möglich sei, damit diese Sache nicht noch mehr in die Länge gezogen werde und die öffentliche Meinung sich immer mehr echauffire.«

»Ich bin überzeugt, Sire,« sagte der Herzog, »daß nichts leichter sein wird, als eine solche definitive Erklärung zu erlangen, um so mehr, wenn man die Form wählt, welche der Baron David so eben schon angedeutet hat, die Form eines persönlichen Briefes des Königs Wilhelm an Eure Majestät und sich damit gewißermassen auf den vom Könige selbst eingenommenen Standpunkt stellt, daß diese ganze Angelegenheit ihn nur persönlich als Chef seines Hauses berühre und die preußische Regierung als solche nichts angehe. Wenn Benedetti, der ja dem Könige eine angenehme und sympathische Person ist, in der ihm eigenen geschickten Weise die Sache dort darstellt, so bin ich überzeugt, daß der König keinen Augenblick zögern wird, einen Brief an Eure Majestät zu schreiben, der die geforderte Erklärung enthält und den man ja dann nachher der öffentlichen Meinung in Frankreich dennoch als einen Act der preußischen Regierung wird darstellen können. Denn,« fügte er lächelnd hinzu, »diese öffentliche Meinung kann sich nicht zu dem subtilen Unterschied erheben, welchen Seine preußische Majestät zwischen seinen beiden Eigenschaften als Familienchef und Staatsoberhaupt zu machen sich gefällt.«

»Die Sache müßte aber durchaus,« sagte der Kaiser, »in aller vorsichtigster und versöhnlichster Weise behandelt werden, damit ja kein ernster Conflict daraus entsteht.«

»Und wenn ein solcher Conflict daraus entstünde,« rief die Kaiserin, welche ihre innere Erregung nicht länger bemeistern konnte, »wollen wir davor zurückschrecken? Soll Frankreich, welches in der Krim und in Italien gesiegt hat, welches die Adler des großen Kaisers auf seinen Fahnen trägt, sich von einem Wege abschrecken lassen, welchen das Recht und die Ehre, die Klugheit, ja die politische Nothwendigkeit vorschreibt, aus Besorgniß, daß der Widerstand der Gegner auf diesem Wege kriegerische Verwickelungen entstehen lassen könnte? Unsere Armee ist im herrlichsten Zustand, sie brennt vor Ungeduld, zu zeigen, daß sie noch immer die erste in Europa ist.«

»Was sagt der Marschall Leboeuf,« fragte der Kaiser den sinnenden, sorgenvollen, nachdenklichen Blick auf den Herzog von Gramont gerichtet.

»Der Marschall erklärt, so bereit zu sein, als nur immer möglich,« erwiderte der Herzog, »er wird Eurer Majestät ohne Zweifel den Beweis darüber liefern –«

»Auch sind wir der thätigen Mitwirkung Österreichs sicher,« rief die Kaiserin, »um dieses übermüthige Preußen von zwei Seiten zu fassen und ihm zu zeigen, was es heißt, Frankreich zu beleidigen.«

»Österreich,« sagte der Kaiser, abermals fragend den Blick auf den Herzog von Gramont richtend, »glauben Sie, daß wir auf Österreich rechnen können – Fürst Metternich sagt das Gegentheil wie Sie wissen werden,« fügte er mit scharfer Betonung hinzu.

»Sire,« sagte der Herzog lächelnd, »Fürst Metternich sagt, was er sagen soll, und was man für die offizielle Constatirung der Haltung Österreichs nöthig zu haben glaubt. Wenn wirklich, was ich in keiner Weise glaube, aus der Behandlung der schwebenden Angelegenheit ein ernster Conflict erwachsen sollte, so wird allerdings Österreich im ersten Augenblick eine neutrale abwartende Stellung einnehmen, schon weil der russische Einfluß lähmend auf seinen Entschlüssen lastet. Nach den ersten Niederlagen der preußischen Armee aber« –

»Die sehr schnell kommen werden,« rief die Kaiserin.

»Nach diesen ersten Niederlagen, Sire,« fuhr der Herzog fort, »wird Österreich aus seiner Reserve hervortreten. Dann wird auch in Rußland die ganze französisch gesinnte Partei mächtig werden, und der vorsichtige Fürst Gortschakoff wird nicht wagen, sich diese Partei und das siegreich vorschreitende Frankreich zu gleicher Zeit zu Feinden zu machen. Dann, Sire, wird der Augenblick gekommen sein, in welchem Preußen isolirt von zwei Seiten gefaßt, von seiner Höhe herabgestürzt werden wird. Das Werk von 1866 wird in Trümmer sinken, und wir werden es in unserer Hand haben, Deutschlands politische Organisation so zu construiren, wie es für unsere Interessen genehm ist, und zugleich für Frankreich diejenigen Gebiete zurück zu nehmen, welche man uns in der Zeit des großen nationalen Unglücks entrissen hat.«

Die Augen des Kaisers leuchteten einen Augenblick in freudigem Stolz auf. Er erhob sein Haupt, als sähe er die Bilder der Zukunft, welche der Herzog andeutete, vor seinem Blick aufzeigen. Dann aber ließ er den Kopf wieder matt herabsinken und sprach:

»Dazu gehören zwei gewonnene Schlachten – und wer giebt mir die Bürgschaft, daß sie gewonnen werden? Gewonnen über eine Armee, von welcher mir der Oberst Stoffel schreibt, daß keine andere in Europa ihr gleich kommt an innerer moralischer Kraft, an Intelligenz und an einheitlicher Organisation.«

»Der Oberst Stoffel,« sagte der Herzog von Gramont, während die Kaiserin zornig mit den schönen Zähnen auf die Lippen biß, »ist ein wenig geblendet durch die persönlichen Eigenschaften des Grafen Bismarck, durch die Liebenswürdigkeit, mit welcher man ihn dort behandelt – er sieht außerdem nur die Garde und nicht die Linien und die Milizen in den Provinzen, welche nur zögernd und widerwillig in den Krieg ziehen –«

»Das hat das Jahr 1866 nicht bewiesen,« sagte Napoleon, – »auch beweisen die Berichte des Oberst Stoffel, daß er sehr genau über die ganze militairische Organisation in Preußen unterrichtet ist, daß er namentlich auch die Landwehrorganisation und die ausgezeichneten Eigenschaften des preußischen Generalstabs sehr genau kennt –«

»Vielleicht aber hat er vergessen,« sagte die Kaiserin heftig, »daß dem Allen gegenüber die feurige und unwiderstehliche Tapferkeit der französischen Armee steht –«

»Und daß,« fiel der Baron Jérome David ein, »in einem solchen Kriege der gewaltig aufflammende Nationalgeist Frankreichs hinter seiner Armee stehen würde, ebenso wie dies in den großen Kriegen Napoleon's I der Fall war. Dieser Geist des Volks ist unbeweglich und,« fügte er hinzu, »wenn er richtig geleitet wird, so wird bei dieser Gelegenheit eine neue gewaltige Macht zur Alliirten des Kaiserthums gemacht werden können.«

Der Kaiser sah ihn fragend an.

»Diese Macht, Sire,« sagte der Baron Jérome David, »ist die Marseillaise, die Marseillaise, Sire, welche man verboten hat, weil sie ein Gesang des Aufruhrs geworden, die man aber darum nicht aus dem Herzen der Franzosen hat reißen können. Würde man bewirken können, daß die Marseillaise aufhörte, ein Gesang der Revolution zu sein, daß sie das Kriegslied der französischen Nation würde, daß unter ihren Klängen die kaiserlichen Adler den Feinden entgegen getragen würden, so würde das Kaiserreich und Eurer Majestät Dynastie von dem zauberisch gewaltigen Hauch dieses großen Nationalhymnus auf eine vorher nie geahnte Höhe empor getragen werden. Eine französische Armee, Sire, welche unter den Klängen der Marseillaise ins Feld rückte, würde alle Combinationen des preußischen Generalstabs zertrümmern und die preußischen Landwehren in unaufhaltsamer Flucht vor sich her fegen.«

Die Kaiserin blickte gespannt auf ihren Gemahl.

Napoleon schüttelte langsam und schweigend das Haupt.

»Und wenn dann, Sire,« fuhr der Baron David fort, »die französische Armee siegreich zurückkehrte, so wäre der Revolution ihre Zauberformel genommen, und die Marseillaise würde aus einem wilden Revolutionsgesang ein kaiserlicher Siegeshymnus geworden sein.«

Abermals leuchteten die Augen des Kaisers auf, seine Brust dehnte sich mit einem tiefen Athemzug aus, und er sprach nach einem Augenblick:

»Wir debattiren da über den Krieg, zu dem es nicht kommen wird – zu dem es nicht kommen soll,« fügte er mit fester Stimme hinzu. »Doch in Ihrer Bemerkung, mein lieber Baron, liegt eine tiefe Wahrheit, und ich danke Ihnen für die Idee, welche Sie mir gegeben. Je mehr man in Frankreich an die Möglichkeit eines Krieges glaubt, um so höher wird der Triumph sein, wenn man ohne denselben dem Nationalgefühl volle Genugtuung schafft. Die Gelegenheit ist günstig, um die Zaubermacht der Marseillaise über die Franzosen, welche ich kenne und nach ihrem vollen Werth schätze, zu einer mächtigen Waffe des Kaiserreichs zu machen. Ich werde den Befehl geben, daß man die Marseillaise erlaubt, bewirken Sie, daß man sie singt, daß man sie in den Theatern verlangt – das Plebiscit, die Marseillaise und ein diplomatischer Erfolg gegen Preußen – das wird ein festes Fundament für den Thron Napoleon's IV – das wird die Krönung meines Gebäudes sein. Senden Sie also sogleich,« sagte er zum Herzog von Gramont gewendet, »den Befehl an Benedetti, die besprochene Erklärung vom Könige von Preußen zu erbitten, aber in der geschmeidigsten und sanftesten Form; er muß sie zu erreichen suchen, ohne daß man dort der Sache eine zu große Bedeutung beilegt. Er wird das können, wenn er den Schritt, den wir vom Könige von Preußen verlangen, demselben als eine Unterstützung darstellt, die er mir zur Beruhigung der öffentlichen Meinung gewährt – dann wird sich Alles leicht erledigen.«

Die Kaiserin trat leicht mit dem Fuß auf den Boden, ein Zug fast höhnischen Unmuths erschien auf ihrem Gesicht, dann aber lächelte sie wieder und lehnte sich schweigend in ihren Fauteuil zurück.

»Der Baron Werther kommt heute von Ems zurück, Sire,« sagte der Herzog von Gramont, »ich werde ihm, nachdem ich die Instructionen an Benedetti abgesendet, die Sache ganz in dem von Eurer Majestät gegebenen Sinn darstellen, und er wird gewiß dazu beitragen, die so wünschenswerthe, baldige und befriedigende Erledigung der Sache zu erreichen.«

»Thun Sie das, Herr Herzog,« sagte der Kaiser, »und vergessen Sie nicht, Benedetti die äußerste Vorsicht und die höflichste Geschmeidigkeit anzuempfehlen.«

»Und ich, Sire,« sagte der Baron Jérome David, »werde dafür sorgen, daß morgen in Paris die Marseillaise erklingt, – man wird sich in Berlin erinnern, daß es gefährlich ist, Frankreich entgegenzutreten, wenn dieses Lied über seinen Heeren schwebt, und wenn die Tricolore und die kaiserlichen Adler seinen Regimentern vorangetragen werden.«

Beide Herren verließen nach ehrerbietigem Gruß gegen die Majestäten das Cabinet.

»Nun,« sagte der Kaiser, indem er aufstand und sich lächelnd zur Kaiserin wandte, »Sie werden jetzt zufrieden sein, Eugenie, wir werden einen großen Triumph erleben, ohne uns der Gefahr eines Krieges auszusetzen, und Sie werden endlich die Genugthuung haben, die Politik dieses Grafen Bismarck ein wenig gedemüthigt zu sehen. Werden Sie heute Abend noch empfangen?«

»Nur meinen kleinen Cirkel,« antwortete die Kaiserin leicht hin und etwas zerstreut, als folge sie Gedanken, die unausgesprochen ihr Inneres erfüllten.

»Ich bin ermüdet,« sagte der Kaiser, »und bitte Sie, mich zu entschuldigen, ich möchte ein wenig meine Privatcorrespondenz ordnen, die ich in den letzten Tagen etwas vernachlässigt habe.«

Er küßte seiner Gemahlin die Hand und kehrte langsam in seine Gemächer zurück.

»Welche Schwäche, welche Unschlüssigkeit!« rief die Kaiserin, als sie allein war. »Er möchte die Früchte des Sieges genießen und will doch den Kampf nicht wagen. Nun,« fuhr sie mit flammendem Blick und einem stolzen, fast höhnischen Lächeln fort, »die Verhältnisse werden mächtiger sein, als er; sie werden ihn über den Rubicon drängen, den er nicht wie Cäsar zu überschreiten wagt. So sehr der König von Preußen auch den Frieden zu erhalten wünschen mag, seine Geduld wird sich endlich erschöpfen, wenn Forderung auf Forderung an ihn gestellt wird, und wenn man in Paris erst die Marseillaise singt, wenn die Presse und die Tribüne in immer steigendem Maß das Nationalgefühl erhitzen, so wird trotz aller Unschlüssigkeit der Krieg kommen – dieser Krieg, der mein Krieg ist, den man mir einst danken wird, der mich in den Augen von ganz Frankreich zur wahren Französin machen wird, der nothwendig ist, um meinem Sohn den Thron zu sichern, meinem Sohn, den ich hinaus senden werde, um auf den Schlachtfeldern gegenwärtig zu sein, – wo man ihn niemals gesehen hat, diesen anmaßenden Prinzen Napoleon, welcher es zu behaupten wagt, daß in den Adern seiner Nachkommenschaft allein das Blut des großen Kaisers fließe, und welcher so stolz darauf ist, daß seine Mutter und die Mutter seiner Kinder purpurgeborne Prinzessinnen waren. – Die Stunde der Entscheidung naht – sie wird den Sieg bringen – und dieser Sieg wird Mein sein!«

Sie stand noch einige Augenblicke schweigend, den strahlenden Blick aufwärts gerichtet, die schönen Züge verklärt von stolzer Zuversicht.

Dann bewegte sie die Glocke.

»Man soll den Thee serviren,« befahl sie dem Kammerdiener, »ich lasse meine Damen und die Herren vom Dienst bitten, einzutreten.«

Achtes Capitel.

Die Morgenpromenade in Ems war beendet. Langsam und nachdenklich kehrte Graf Benedetti nach seiner Wohnung in der Stadt Brüssel zurück.

Sein Kammerdiener übergab ihm zwei für ihn eingegangene Depeschen. Benedetti trat in sein Zimmer, und reichte seinem Secretair, welcher ihn erwartete die beiden Telegramme. Dieser zerriß hastig die Umschläge und öffnete den großen Folioband, der den Chiffre des Botschafters enthielt, um die Depeschen zu dechiffriren.

Hier in seinem Zimmer verschwand von dem Gesicht Benedetti's jene gleichgültige, höfliche, freundliche und undurchdringliche Ruhe, welche sonst Alles verhüllte, was in seinen Gedanken vorging. Heftig bewegt schritt er auf und nieder, sein blasses Gesicht zuckte in nervöser Aufregung und seine sonst so klaren, unzerstörbar heiteren Augen blickten trübe und sorgenvoll vor sich hin.

»Welch eine furchtbare Verantwortung liegt auf meinem Haupt,« sagte er, »ich fühle, daß der Faden der Unterhandlungen mir entschlüpft, weil man ihn in Paris so scharf anzieht, daß es in der That kaum mehr möglich ist ein anderes Ende, als den Bruch vorherzusehen – den Bruch – das heißt einen Krieg, wie er seit Generationen Europa nicht erschüttert hat; das heißt ein Meer von Blut, das heißt, die Zerstörung so vieler Güter, welche der Fleiß und die Arbeit langer Jahre geschaffen haben.

Was will man in Paris?« fuhr er fort, indem er die Hand vor die Stirn legte und unruhig nachdenkend schnell auf und nieder ging. »Will man den Krieg? Das ist ja beinahe unmöglich, so wie ich den Kaiser kenne, – er hat viele bessere Gelegenheiten vorübergehen lassen, wie sollte er jetzt die Dinge auf's Äußerste treiben wollen. Sollte man aber wirklich den Krieg wollen – warum es mir verheimlichen? Warum mich diese traurige und undankbare Rolle eines Überlästigen spielen lassen? Warum diese unklare Verworrenheit, welche nur dahin führen kann, daß der Bruch, wenn er erfolgt, uns vor den Augen von ganz Europa als die absichtlichen Friedensstörer hinstellt? Warum ist man da nicht gleich mit einer klaren bestimmten Forderung hervorgetreten, die wenigstens zu einem würdigen Abbruch der Verhandlungen hätte führen können? Ich habe,« sprach er weiter, indem er an das Fenster trat und auf die Straße hinabblickte, »ich habe auf die coulanteste und freundlichste Weise das erste Ziel meiner Mission erreicht – die Zurücknahme der Hohenzollerschen Candidatur unter Autorisation des Königs. Nun steigert man successive die Forderungen – giebt es einen Diplomaten in der Welt, der im Stande wäre, eine solche Negotiation zu einem günstigen und würdevollen Ende zu führen? Man verlangt die Erklärung des Königs, daß er für alle Zukunft eine Wiederaufnahme der jetzt gescheiterten Combination nicht erlauben werde. Eine solche Erklärung hätte sich erreichen lassen, wenn man nicht zugleich die Aufregung in Frankreich begünstigt hätte, wenn man sich größere Reserve bei den Erklärungen im Corps legislatif auferlegt hätte, wenn man das persönliche Gefühl des Königs und den nationalen Stolz in Deutschland nicht verletzt hätte, jetzt aber nach der kurzen Unterredung, die ich so eben mit dem Könige auf der Brunnenpromenade gehabt, ist an Erfüllung dieser Forderung garnicht zu denken. Und wenn sie nicht erfüllt wird,« sagte er seufzend, »nachdem man einen so starken Anlauf genommen, nachdem man so hohe Worte gebraucht hat, so ist der Krieg unvermeidlich – die Welt wird diesen Grund desselben kaum verstehen, mag man nun den Bruch gewollt haben, oder mag man ohne Willen und Plan zu demselben hingetrieben werden.

Was telegraphirt der Herzog?«

Der Secretair hatte die beiden Depeschen dechiffrirt und reichte sie dem Botschafter.

Dieser durchflog raschen Blickes die Telegramme, seufzend warf er sie auf den Tisch.

»Die Festigkeit meiner Sprache,« sagte er bitter lächelnd, »soll nicht dem Ernst der Situation entsprechen. Aber, mein Gott, vergißt man denn in Paris ganz, daß es sich hier um keine Unterhandlungen mit dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten handelt, sondern daß ich in unmittelbarem persönlichem Verkehr mit dem Souverain stehe? Man kann doch unmöglich von mir verlangen, daß ich die Formen verletzen sollte, welche für diesen Verkehr maßgebend sind. Ich muß noch einen Versuch machen, – vielleicht hat die Bitte, welche ich dem Könige durch den Prinzen Radziwill aussprechen ließ, irgend einen Erfolg, vielleicht entschließt sich der König, irgend ein Wort zu sagen, welches man in Paris als genügend annehmen möchte, wenn der Grundgedanke des Kaisers wirklich ist, den Frieden zu erhalten.«

Der Kammerdiener meldete den Flügeladjutanten Seiner Majestät des Königs von Preußen, und einen Augenblick darauf trat der Oberstlieutenant Prinz Radziwill, ein noch junger, schlanker Mann mit militairisch geschnittenem vollem Bart in Civilmorgenanzug in das Zimmer.

Das Gesicht des Grafen Benedetti hatte seine glatte und undurchdringliche Ruhe wieder angenommen, er trat dem Prinzen mit verbindlicher Höflichkeit entgegen.

»Seine Majestät der König,« sagte dieser im artigen Ton, »hat mich beauftragt, Eurer Excellenz mitzutheilen, daß er sich nicht in der Lage befinde, von einer neuen Unterredung ein Resultat voraussehen zu können, da seine Entschließungen vollkommen fest ständen. Der König hat mir zugleich befohlen, Eurer Excellenz in seinem Namen zu erklären, daß Seine Majestät die Verzichtleistung des Prinzen Leopold approbirte und zwar in demselben Sinne und demselben Geist, wie er seine Zustimmung zu der Annahme dieser Candidatur ertheilt habe. Was den zweiten Punkt betrifft, eine Verpflichtung für die Zukunft zu übernehmen, so könne sich Seine Majestät nur auf diejenige ablehnende Erklärung zurück beziehen, welche er heute Morgen Eurer Excellenz persönlich gegeben habe.«

Keine Muskel bewegte sich im Gesicht Benedetti's, und mit ruhiger, klarer Stimme sprach er:

»Ich bin dem Könige unendlich dankbar, daß er die Gnade gehabt hat, mir diese Erklärung durch Eure Durchlaucht zugehen zu lassen, und ich werde dieselbe sogleich meiner Regierung mittheilen. Doch muß ich,« fuhr er in demselben ruhigen Ton fort, »Eurer Durchlaucht sagen, daß ich betreffs des zweiten Punktes soeben noch sehr bestimmte Instructionen vom Herzog von Gramont erhalten habe. Ich muß daher meine Bitte um eine neue Unterredung mit Seiner Majestät nochmals wiederholen, um so mehr, als ich dem Könige vielleicht einige neue, noch nicht erwogene Gesichtspunkte mittheilen könnte. Ich muß nach den Instructionen, die ich erhalten, den größten Werth auf die gnädige Gewährung meiner Bitte um eine nochmalige Audienz legen, sei es auch nur, um nochmal von Seiner Majestät die Erklärung wiederholen zu hören, welche er mir heute Morgen gegeben hat. Ich bitte Eure Durchlaucht deshalb, den Wunsch, welchen ich aussprechen muß, nochmal Seiner Majestät mittheilen zu wollen.«

»Ich werde nicht unterlassen, Eurer Excellenz Auftrag sogleich Seiner Majestät auszurichten,« erwiderte der Fürst Radziwill, »und werde nicht verfehlen, Eurer Excellenz die Allerhöchste Antwort mitzuteilen.«

Mit ausgesuchter Höflichkeit, in welcher jedoch eine gewisse, kalte und stolze Zurückhaltung lag, verneigte er sich und verließ von dem Botschafter bis zur Thür geleitet, das Zimmer.

»Der Krieg liegt in der Luft,« sagte er dann, indem er sich seufzend an seinen Secretair wandte. »Ich kenne die Höfe, ich fühle, – ich weiß, was geschehen wird. Der König wird mich nicht mehr empfangen – er hat sein letztes Wort gesprochen.«

»Wenn der König den Botschafter Frankreichs zu empfangen verweigert,« rief der Secretair mit blitzenden Augen, »so ist das allein ein Grund des Krieges, dessen Gerechtigkeit das Gefühl der ganzen Nation anerkennen wird.«

»Sollte es das sein?« sagte Benedetti leise, indem er nachdenklich den Kopf schüttelte, »das würde freilich die nationale Entrüstung entflammen. Aber,« fuhr er fort, »würde darum der Kriegsgrund besser werden, der Erfolg gesicherter sein? Doch ich bin erschöpft,« sagte er dann, »und Sie werden es auch sein, können wir auch die Entbehrung des Schlafs ertragen, so fordert doch die körperliche Natur ihr Recht auf Ergänzung der Substanz, lassen Sie uns frühstücken.« – Er ließ das Frühstück in seinem Zimmer serviren und beide Herren setzten sich schweigend und gedankenvoll zu Tisch. –

Mehrere Stunden waren verstrichen voll unruhiger Erwartung für den Grafen Benedetti, welcher sich in seinem Zimmer auf ein Canapé niedergelegt hatte, um nach all der Aufregung der letzten Tage wenn nicht Schlaf, so doch wenigstens Ruhe für seine erschöpften und abgespannten Nerven zu finden.

Endlich, es war bereits Abend – die Zeit des Diners des Königs war vorüber – wurde dem Botschafter abermals der Fürst Radziwill gemeldet.

Rasch sprang Benedetti empor und kaum gelang es ihm, den Ausdruck unruhiger Spannung von seinem Gesicht verschwinden zu lassen, als er dem Adjutanten des Königs entgegentrat.

Noch kälter, noch zurückhaltender als vorher war der Ton, in welchem dieser dem Botschafter sagte:

»Der König hat mir befohlen, Eurer Excellenz mitzutheilen, daß er sich verpflichtet sähe, eine neue Discussion über den zweiten, von Ihnen angeregten Punkt – betreffend die Verpflichtungen und Garantien für die Zukunft ganz bestimmt und kategorisch abzulehnen. Was Seine Majestät Eurer Excellenz heute Morgen zugesagt hat, ist des Königs letztes Wort in dieser Angelegenheit, und der König bittet Eure Excellenz sich lediglich und ausschließlich an jenes Wort zu halten.«

Das Gesicht des Grafen Benedetti wurde bei diesen mit äußerster Artigkeit, aber auch mit entschiedenster Festigkeit gesprochenen Worten des Fürsten Radziwill noch um eine Nüance bleicher. Er ließ einen Augenblick die Augenlider herabfallen, wie um den Ausdruck seines Blickes zu verhüllen, und ein leichtes Nervenzucken zeigte sich eine Secunde um seinen Mund. Schweigend neigte er den Kopf und sprach dann mit ruhiger Stimme, in deren Ton keine Aufregung bemerkbar war.

»Ich danke Eurer Durchlaucht für diese Mittheilung und möchte Sie nur noch bitten, mir zu sagen, ob die Ankunft des Grafen Bismarck hier, von welcher in diesen Tagen gesprochen wurde, heute oder morgen zu erwarten ist.«

»Soviel mir bekannt geworden,« erwiderte der Fürst Radziwill, »hat der Graf Bismarck seine Reise hierher aufgeschoben und morgen jedenfalls wird seine Ankunft hier nicht zu erwarten sein.«

»Dann bitte ich Eure Durchlaucht,« sagte Benedetti, »Seiner Majestät zu sagen, daß ich nicht weiter auf meiner Bitte bestehe und mich bei den Erklärungen des Königs beruhigen wolle.«

Der Fürst verabschiedete sich. Graf Benedetti begleitete ihn zur Thür und blieb dann einige Augenblicke schweigend in tiefen Gedanken stehen.

»Der Würfel ist gefallen,« sagte er mit düsterem Ton, »das Verderben ist entfesselt! Wen wird der Blitz treffen, der noch verborgen im Schoß der Wolken ruht, welche den Himmel des europäischen Friedens überziehen.«

Er öffnete die Thür des Nebenzimmers und rief seinen Secretair.

»Bereiten Sie Alles zur Abreise vor,« sagte er im ernsten Ton, »meine Mission hier ist zu Ende. Doch,« fuhr er fort, »ich will bis zum letzten Augenblick alle Pflichten der Höflichkeit erfüllen. Wenn es das Schicksal will, kann sich vielleicht doch noch eine Gelegenheit bieten, das Verhängniß zu beschwören. Gehen Sie zum Hause des Königs und sagen Sie dem Adjutanten vom Dienst, daß ich um die Erlaubniß bäte, mich von Seiner Majestät verabschieden zu dürfen. Damit verletze ich keine Form und kann zugleich meinen persönlichen Wunsch erfüllen, von dem Monarchen, der mir soviel Gnade und Wohlwollen bewiesen hat, und von dem ich in so verhängnißvollem Augenblick scheiden muß, einen freundlichen Abschied zu nehmen.«

Die Aufregung unter den Badegästen in Ems, welche die ersten Nachrichten von den Differenzen über die Hohenzollersche Candidatur erregt hatten, war fast vollständig wieder verschwunden. Man hatte zwar die heftigen Artikel der französischen Journale gelesen, die nationale Entrüstung, welche ganz Deutschland bei diesen Provocationen erfaßte, war auch dorthin in die stillen Kreise des Badelebens gedrungen, aber man hatte auch wieder Gelegenheit gehabt, hier in unmittelbarer Nähe den so freundlichen Verkehr des Königs mit dem französischen Botschafter zu sehen. Man hatte gesehen, wie Seine Majestät den Grafen Benedetti täglich auf der Promenade auf das huldvollste anredete und einige Zeit in lebhafter Conversation mit ihm auf- und niederging. Das Lächeln verschwand keinen Augenblick von dem glatten Gesicht des Botschafters und der König war ruhig und heiter wie immer.

Baron Werther war wieder nach Paris zurückgereist; der Minister des Innern, welchen der Graf Bismarck, der von Barzin kommend, in Berlin leicht erkrankt war, zum Könige nach Ems entsendet hatte, war wieder nach Berlin zurückgekehrt; der Finanzminister war angekommen, um wie man erzählte, Seiner Majestät über Angelegenheiten seines Ressorts Vortrag zu halten, und Alles schien wieder in das gewohnte Geleis zurückzukehren.

Als nun gar der Telegraph die Nachricht brachte, daß der Prinz Leopold von Hohenzollern auf seine Candidatur Verzicht geleistet, und daß Graf Bismarck, darin die vollständige Erledigung der ganzen Angelegenheit erblickend, seine Reise nach Ems aufgegeben habe, da verschwanden vollends die letzten Besorgnisse, und man sah auf der Brunnenpromenade nur heitere und lächelnde Gesichter, man verabredete Partien in die Berge, und die Unterhaltung, welche so lange von den ernsten Gegenständen der Politik in Anspruch genommen war, wandte sich wieder den kleinen Ereignissen des Tages zu.

Man sprach von den Toiletten der Herzogin von Ossuna, welche soeben mit ihrem Gemahl angekommen war und Alles durch ihren Geschmack und ihre Eleganz in den Schatten stellte. Man wiederholte die märchenhaften Erzählungen über den Reichthum dieses spanischen Granden, welcher die Königin Isabella am Hofe von St. Petersburg vertreten und an diesem prachtvollsten Hof Europas einen Glanz entwickelt hatte, der selbst dort noch nicht gesehen worden war.

Da plötzlich drang am Nachmittag des 14. Juli in diese wieder zu sorgloser, heiterer Geselligkeit sich zusammenschließenden Kreise wie ein unvorbereiteter Wetterschlag die Nachricht, daß der König, den man, wie er öfter that, nach Coblenz zu seiner Gemahlin hatte fahren sehen, der am Abend zurückerwartet wurde, schon in der Frühe des nächsten Morgens nach Berlin abreisen werde, daß alle Verhandlungen abgebrochen seien, daß Seine Majestät sogar jede weitere Unterredung mit dem Botschafter abgelehnt habe, und daß der Krieg unvermeidlich scheine.

Die tiefste Bestürzung verbreitete sich überall. Diejenigen, welche mit dem einen oder dem andern Herrn aus der Umgebung des Königs bekannt waren, suchten sich demselben zu nähern, um Ausführliches zu erfahren – die Umgebung des Königs vermied es zwar, sich in lange Gespräche über die Situation einzulassen, doch der ernste, fast feierliche Eindruck, welcher auf den Gesichtern aller dieser Herren lag, einzelne hingeworfene Bemerkungen und die Bestätigung der für den nächsten Morgen feststehenden Abreise des Königs zeigten deutlich genug, daß die Befürchtungen, welche überall erregt waren, vollkommen begründet seien.

Der französische Botschafter war noch nicht abgereist, aber er hielt sich in seiner Wohnung und erschien nicht auf der Abendpromenade.

Bis spät in die Nacht hinein waren alle Straßen mit Menschen gefüllt, und die ganze Nacht über dauerte die Unruhe in allen Häusern, denn fast alle fremden Badegäste trafen Anstalten zur schnellen Abreise, und die Bewohner von Ems sahen mit Bekümmerniß dem plötzlichen Ende einer so glänzend begonnenen Saison entgegen.

Schon lange vor acht Uhr am nächsten Morgen, zu welcher Stunde die Abreise des Königs befohlen war, hatte der Bahnhof sich dicht gefüllt mit einem zahlreichen Publikum, unter welchem die Damen und Herren aus dem Kreise der Badegäste, die dem König persönlich bekannt waren, die ersten Reihen am Perron einnahmen, der in der Nacht mit Blumenguirlanden geschmückt worden war.

Allmälig erschien die Umgebung des Königs, welche den Monarchen nach Berlin begleitete. Die Waggons fuhren heran und das zahlreiche Gepäck wurde in den bereits vorgefahrenen Zug, in dessen Mitte man den großen königlichen Salonwagen erblickte, eingeladen.

Zum Erstaunen aller Anwesenden erschien auch der französische Botschafter Graf Benedetti am Bahnhof und begab sich mit unbefangen heiterer Miene, Einen oder den Andern aus der Badegesellschaft begrüßend auf den Perron, wo er seinen Überrock ablegte und im schwarzen Anzug, das Band des schwarzen Adlerordens über der Brust, ruhig dastand, mit den Andern den König erwartend, ohne die erstaunten und wenig freundlichen Blicke zu beachten, mit welchen man ihn von allen Seiten ansah.

Die Wagen waren bepackt; die Locomotive war schnaubend herangefahren und hatte sich an die Spitze des Zuges gestellt; die Lakaien in Reiselivreen standen an den Thürschlägen.

Da ertönten vom Badehause einzelne, sich schnell fortpflanzende Hochrufe. Wenige Augenblicke darauf fuhr der König an den Perron heran, er trug Militair-Rock und Mütze. Der Flügel-Adjutant Fürst Radziwill begleitete ihn, der Hofmarschall Graf Perponcher ging dem Könige entgegen und meldete, daß Alles bereit sei.

Der König sah frisch und kräftig aus, seine Haltung war stolz und fest, und trotz des tiefen Ernstes, der auf seinen Zügen lag, blickten seine Augen doch in milder Heiterkeit auf die zu seiner Begrüßung Versammelten hin. Er richtete, schnell die Reihe herabschreitend, mit freundlichem Kopfnicken alle diese ehrerbietigen Grüße erwidernd, an einzelne Bekannte einige Worte. Bei dem Polizei-Präsidenten von Wurmb, welcher im Reiseanzug gegenwärtig war, blieb der König einen Augenblick stehen.

»Ich habe Sie gebeten mit mir abzureisen,« sagte er. »Sie werden viel zu thun finden, – unsere Vorbereitungen für die Enthüllung des Denkmals des hochseligen Königs,« fügte er mit wehmüthigem Lächeln hinzu, »werden nun wohl für längere Zeit vertagt bleiben.«

»Möge die Errichtung des ehernen Denkmals auch noch hinausgeschoben werden, Majestät,« erwiderte Herr von Wurmb mit bewegter Stimme, »das lebendige Denkmal an die große Zeit des hochseligen Herrn, welches in jedem Preußenherzen fest begründet ist, wird in diesen Tagen mit lebendigen Kränzen der Erinnerung und neuer Hoffnung geschmückt. Wieder durchdringt das ganze Volk wie damals der heilige Ruf aus der Zeit des eisernen Kreuzes ›Mit Gott für König und Vaterland‹.«

Der König neigte das Haupt, sein Blick fiel auf das schwarzweiße Band des eisernen Kreuzes, das er trug, und indem er dasselbe leicht mit der Hand berührte, sagte er halb laut:

»In diesem Zeichen werden wir siegen.«

Er ging weiter. Raschen und festen Schrittes trat er zu dem sich tief verneigenden Grafen Benedetti.

»Sie haben gewünscht, Herr Graf,« sagte der König mit freundlicher Höflichkeit, »sich von mir zu verabschieden – leben Sie wohl.«

Trotz der Gewalt, mit welcher der französische Diplomat den Ausdruck seiner Züge beherrschte, zeigte sich doch einen Augenblick eine mächtige Bewegung auf seinem Gesicht.

»Ich danke Eurer Majestät,« sagte er mit leicht zitternder Stimme, »daß Sie mir Gelegenheit geben, von Ihnen Abschied zu nehmen, und ich danke Ihnen auch in diesem Augenblick noch einmal für die Gnade und das Wohlwollen, welches Sie mir während der Zeit meiner Beglaubigung an Ihrem Hofe bewiesen haben. Möchte die Zukunft Alles zum Guten wenden.«

»Die Zukunft liegt in Gottes Hand,« sagte der König mit fester Stimme, und indem er freundlich den Kopf neigte, wandte er sich zur Thür des Salonwagens, an welcher der Hofmarschall und die übrigen Herren des Gefolges ihn erwarteten.

»Kommen Sie zu mir, lieber Abeken,« sagte der König, »wir haben unterwegs viel zu arbeiten und nehmen Sie St. Blanquart mit, damit alle ankommenden Depeschen sogleich dechiffrirt werden können.«

Der Geheime Legationsrath nahm aus der Hand eines Dieners die große Mappe, welche seine Papiere enthielt, winkte den Hofrath St. Blanquart, welcher in einiger Entfernung von dem königlichen Gefolge stand, heran, und beide folgten dem Könige, welcher bereits eingestiegen war, in den Salonwagen, während die übrigen Herren ihre Plätze in den Coupés vor und hinter demselben einnahmen.

Die Locomotive pfiff, der König trat noch einmal an das Fenster und winkte grüßend mit der Hand.

Ein brausender Hochruf ertönte als Antwort auf den königlichen Abschiedsgruß und wiederholte sich mit wachsender Begeisterung, während der immer schneller dahin rollende Zug den Monarchen aus dem stillen, friedlichen Badeort nach seiner Residenz zurückführte, von wo er bald hinausziehen sollte an der Spitze des waffengerüsteten Deutschlands, um von Neuem den Kampf aufzunehmen gegen den alten Feind seines Hauses und seines Landes.

Der König hatte an dem Fenster des Salonwagens Platz genommen und blickte durch die hellen Glasscheiben in die lachende Gegend hinaus, während der Geheimrath Abeken ihm gegenüber Platz genommen hatte, um ihm die verschiedenen eingegangenen Depeschen vorzutragen.

Der Hofrath St. Blanquart saß am Ende des Salons, den Chiffre vor sich, eine nach der andern die Depeschen dechiffrirend, welche unmittelbar vor der Abreise eingegangen waren und bereit, diejenigen in Empfang zu nehmen, welche man auf den einzelnen Stationen erwarten mußte.

»Ich habe Eurer Majestät,« sagte der Geheimrath Abeken, »sogleich zu Anfang eine wichtige und erfreuliche Nachricht mitzutheilen. Aus München ist gemeldet, daß der König auf den Vorschlag des Ministeriums erklärt hat den Casus foederis für gegeben zu erachten, auch hat seine Majestät die vorgelegte Mobilisirungsordre genehmigt.«

Der Blick des Königs leuchtete freudig auf.

»Das deutsche Blut der Wittelsbacher verläugnet sich nicht,« sagte er, »sie haben gegen uns gestanden im Kriege von 1866, und sie lieben dort vielleicht Preußen nicht zu sehr – aber jetzt wo Deutschland in den Kampf tritt, zweifelt dieser junge König nicht, wo sein Platz ist. Nun Deutschland wird ihm das nicht vergessen und ich auch nicht, denn von nun an, wenn Gott uns in diesem Kampfe beisteht, wird ja die Geschichte Preußens und Deutschlands für immer die gleiche sein. Künftig wird die deutsche Armee ins Feld ziehen –«

»Wie Brandenburg Preußen wurde, Majestät,« sagte der Geheime Legationsrath, »so wird Preußen Deutschland werden und damit seine große Mission vollenden.«

Der König blickte schweigend weit hinaus nach dem Horizont, an welchem die an der Bahn liegenden Bäume schnell vorüberflogen.

»Der feste und patriotische Entschluß des Königs Ludwig,« sagte er nach einigen Augenblicken, »ist um so höher anzuerkennen, als es in Baiern in allen Kreisen nicht an eifrigen Bemühungen gefehlt hat, die Gelegenheit zu benutzen, um eine Sonderpolitik zu machen. Nun ist Deutschland einig, und jede Hoffnung Napoleons, die Südstaaten zu sich herüber zu ziehen, gescheitert. Von Würtemberg sind noch keine Nachrichten da?«

»Noch nicht,« sagte der Geheime Legationsrath Abeken, »doch hat Herr von Rosenberg berichtet, daß an der patriotischen Haltung Würtembergs nicht zu zweifeln sei.«

»So ist denn Deutschland zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich einig,« sagte der König, »die Zeit ist gekommen, in welcher jener alte Spottname der Reichsarmee verschwinden wird, und in welcher die deutschen Heere, von Preußen geführt, den alten Kriegsruhm der Nation zu neuem Glanz erheben sollen.«

»Alles vereinigt sich,« sagte der Geheime Legationsrath, »um die Zuversicht auf den Sieg, welche ich fest in dem Herzen trage, zu bestärken. Auch die Besorgnisse, welche die Haltung Österreichs einflößen könnte, sind beseitigt durch die Gewißheit von der freundlichen Haltung Rußlands, welche Graf Bismarck meldet. Der Ministerpräsident wird Eurer Majestät darüber persönlich ausführlicher berichten, doch ist als gesichert zu betrachten, daß jeder feindlichen Bewegung Österreichs energisch entgegengetreten werden wird, daß der Handel der Ostsee keiner Gefahr ausgesetzt werden soll, alle früheren Besprechungen über diese Eventualität sind von Neuem bestätigt worden und es ist die volle Sicherheit vorhanden, die ganze ungeschwächte und ungetheilte Militairkraft nach der französischen Grenze hin verwenden zu können.«

»Der Kaiser Alexander ist ein treuer Freund,« sagte der König. »Er erkennt wie ich auch die politische Notwendigkeit, daß Deutschland und Rußland fest zusammenhalten, um gegenseitig ihre Aufgabe zu erfüllen und ihre Zielpunkte zu erreichen. Möchten diese beiden Mächte immer einig bleiben, dann wird Frankreich die übermüthige Prätension aufgeben müssen, die dominirende Rolle in Europa zu spielen.«

Der Zug hielt in Coblenz. Der König trat an das Fenster, nahm die Meldung der Generalität entgegen und begrüßte freundlich die zahlreiche Menge, welche ihm ihr jubelndes Hurrah entgegen rief. Nach wenigen Minuten fuhr man weiter. Depeschen auf Depeschen kamen an. Der Hofrath St. Blanquart entzifferte unermüdlich mit lang geübter Sicherheit deren Inhalt aus den langen Zahlenreihen und der Geheime Legationsrath Abeken trug dem Könige immer neue Nachrichten vor, welche Kunde brachten von der immer mächtiger aufflammenden Begeisterung des deutschen Volkes in allen Gebieten des weiten Vaterlandes.

Nach einigen Stunden wurde im Salonwagen das einfache Frühstück des Königs servirt, der Leibjäger brachte Körbe mit kalter Küche und das einfache Reiseservice.

Und einen Augenblick den Vortrag unterbrechend, aß Seine Majestät etwas kalten Hummer und trank ein Glas Wein, während er zugleich den Geheimen Legationsrath Abeken aufforderte, die ermatteten Kräfte nach so langer Arbeit wieder zu ergänzen.

Dann winkte der König noch einmal dem Leibjäger und ließ sich den Korb reichen. Er nahm ein Butterbrod und etwas kaltes Fleisch und legte es auf einen kleinen Teller.

»Ein Glas Wein,« befahl er dann.

Der Leibjäger servirte ein Glas Bordeaux.

Der König nahm es in die Hand, den kleinen Teller in die andere und so ging er durch den Salon zum Hofrath St. Blanquart hin, der noch immer eifrig und unermüdlich eine Zahlenreihe nach der andern dechiffrirte.

»Halten Sie einen Augenblick ein,« sagte der König mit freundlichem Lächeln, »mein lieber St. Blanquart, von Chiffrezahlen kann kein Mensch leben. Nehmen Sie hier, was ich Ihnen bringe, wir müssen uns schon ein wenig an das Campagneleben gewöhnen.«

St. Blanquart stand ganz erschrocken auf.

»Majestät,« sagte er, »welche Gnade – Eure Majestät denken selbst an mich –«

»Soll ich denn nicht an meine Diener denken,« sagte der König, »die Tag und Nacht für mich arbeiten – nehmen Sie schnell, wir haben nicht viel Zeit zur Ruhe.«

Er stellte den Teller vor den Hofrath hin, gab ihm das Glas Wein in die Hand und kehrte dann wieder zu seinem Sitz am Fenster zurück, wo er gedankenvoll hinaus in die Ebene schaute, wartend, bis die beiden Herren ihr Frühstück vollendet hatten, dann erst ließ er den Korb und das Service hinaustragen und die Arbeiten wieder aufnehmen.

Weiter und weiter brauste der Zug. An allen Bahnhöfen wurde der König von dichten Menschenmassen begrüßt, deren jubelnde Zurufe immer lebhafter und begeisterter wurden.

»Krieg! Krieg gegen Frankreich!« hörte man fast überall.

Dazwischen ertönten einzelne Stimmen:

»Nach Paris! Nieder mit Napoleon!«

Auf jede Weise documentirte sich die patriotische Begeisterung des Volkes.

Bei allen solchen Rufen blickte der König tief ernst über die Menschenmenge hin.

»Sie rufen nach Krieg,« sprach er leise, »sie bewegt die patriotische Begeisterung und hebt sie über alle Sorgen der Zukunft hinweg. Aber Niemand kennt so genau wie ich die Opfer, welche die nächste Zeit dem gesammten Vaterlande auflegen wird, und ich muß ja doch das entscheidende Wort sprechen. Nun, Gott weiß, daß dies entscheidende Wort mir abgerungen ist, und daß nicht Ehrgeiz und Übermuth mich zum Kampfe treibt, darum wird mir Gott seinen Segen geben, an dem Alles gelegen ist. Eine solche Hingebung, eine solche Begeisterung des Volkes ist ja der beste Segen Gottes!«

Nachdem in Cassel ein schnelles Diner eingenommen war, nachdem in Magdeburg auf dem geschmückten Bahnhof der König mit hohem Enthusiasmus begrüßt worden, hielt der Zug in Burg. Auch hier war eine Kopf an Kopf gedrängte Menschenmenge versammelt, und ein donnerndes Hurrahrufen begrüßte die Abfahrt des königlichen Salonwagens.

Der König trat abermals an das Fenster und winkte mit der Hand über den Platz hin.

Da mit einem Mal verstummten die jubelnden Stimmen, eine tiefe Stille trat ein, und ein an der Seite des Perrons aufgestelltes Musikcorps begann eine voll anklingende ergreifende Melodie zu spielen.

Der König lauschte den Tönen, welche hier an Stelle des »Heil Dir im Sieger-Kranz«, das ihn sonst überall begrüßt hatte, ertönten. Er schien in seiner Erinnerung zu suchen nach diesen Tönen und blickte wie fragend auf den Legationsrath Abeken hin, welcher rückwärts vom Fenster neben seinem Sessel stand.

»Es ist die Wacht am Rhein, Majestät,« sagte der Geheime Legationsrath.

Still schweigend blickte der König vor sich hin.

»Die Wacht am Rhein, – die Wacht am Rhein,« sagte er tief sinnend, während die Melodie draußen weiter klang, und erst einzelne Stimmen, dann ein immer vollerer Chor die Musik zu begleiten begann. –

»Die Wacht am Rhein, – ja, ja, das ist es, das ist schön – das ist sehr schön, das ist das wahre Wort, welches einfach, herrlich und groß den tiefen Gedanken ausdrückt, der diese Tage bewegt, und der das ganze Volk zusammenführt zur Abwehr des verwegenen Angriffs.«

Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Kein Hurrahrufen erscholl, aber die ganze große Menschenmenge war in den Gesang eingefallen, der voll und gewaltig dem Könige nachklang, welcher am Fenster stand und auf alle diese entblößten Häupter, auf alle diese von Begeisterung flammenden Gesichter hinblickend, mit leisen Bewegungen des Hauptes den Rhythmus der Melodie begleitete, bis dieselbe unter dem Rollen der Räder und dem Schnauben der Maschine in der Ferne verklang.

So kam man näher und näher nach Brandenburg, wo, wie dem Könige durch den Telegraphen gemeldet war, der Kronprinz, Graf Bismarck, der Kriegsminister von Roon und der General von Moltke den König erwarteten.

Endlich, der Abend dunkelte bereits herein, fuhr der Zug in den Bahnhof der alten märkischen Stadt ein. Fast die ganze Bevölkerung war dort versammelt, die Spitzen der Behörden, und die Officiercorps standen auf dem Perron hinter den Ministern; Allen voran der Kronprinz, welcher, als kaum der Zug zum Stehen gebracht war, selbst die Thür öffnete, in den Salonwagen hineinsprang und in tiefer Bewegung die Hand des Königs an seine Lippen führte.

Der König breitete seine Arme aus und drückte seinen Sohn einen Augenblick schweigend an die Brust.

»Ich hatte gehofft,« sagte er dann ruhig und milde, »daß der Abend meines Lebens in Frieden enden würde, und daß die Kämpfe der Zukunft Deinem jüngeren und kräftigeren Arm überlassen bleiben sollten, – Gott hat es anders gewollt, Du wirst mir zur Seite stehen, um unser Volk nochmals zum Siege zu führen.«

Dann trat er auf den Perron hinaus und unter den immer von Neuem sich wiederholenden Zurufen, die sich weithin in der Umgebung des Bahnhofs fortpflanzten, begrüßte er mit herzlichem Händedruck den Grafen Bismarck und die Generale von Moltke und von Roon, welche ihm ernst und tief bewegt entgegentraten.

»Der Augenblick ist da,« sagte Graf Bismarck, »den wir so lange mit aller Anstrengung hinauszuschieben versucht haben. Die letzte Entscheidung naht, und fast möchte ich frei aufathmen, nun da die Nebel zerreißen, da die frische Luft uns umweht und in reiner Klarheit unser großes Ziel vor uns liegt, die heiligsten Güter des Vaterlandes zu vertheidigen, Deutschland heraufzuheben auf den ersten Platz unter den europäischen Nationen. Der Morgen einer großen Zeit bricht an, einer so großen Zeit, wie sie kaum je die Geschichte gekannt hat; und Gott sei Dank, das Schwert Deutschlands liegt in Händen, die es nicht niederlegen werden, bevor der Sieg nicht erkämpft ist.«

Der König neigte nur langsam das Haupt, ohne etwas zu erwidern, dann wandte er sich auf den Perron zu den Officieren und Civilbeamten, sprach mit den obersten Vertretern derselben einige Worte und befahl bald die Weiterreise, indem er den Geheimen Legationsrath Abeken und den Hofrath St. Blanquart entließ und die Minister aufforderte, mit ihm und dem Kronprinzen in den Salonwagen zu steigen.

»Nun, meine Herren,« sagte der König, als der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, »wir werden von Neuem zu Felde ziehen müssen, denn ich glaube nicht, daß jetzt noch eine friedliche Wendung möglich ist und Jeder von uns wird mit Aufbietung aller Kräfte auf dem Posten stehen müssen, denn diesmal handelt es sich um noch schwerere Kämpfe als im Jahre 1866, schwerer vielleicht an Anstrengung und Arbeit,« fügte er hinzu. »Aber,« sagte er dann, den hellen, klaren Blick auf den Kronprinzen richtend, »ich ziehe mit leichterem, froherem Herzen ins Feld gegen den alten Feind Deutschlands, als damals, da ich gegen den alten Verbündeten, da ich gegen einen Fürsten aus deutschem Stamme kämpfen mußte.«

»Und Alles ist vorbereitet, Majestät,« sagte Graf Bismarck fast im heiteren Ton, »um uns nach allen Richtungen den Erfolg zu sichern. Frankreich hat sich durch diesen mit so unglaublichem Unverstand ausgewählten Kriegsfall vollkommen isolirt, so daß auch diejenigen Mächte, welche ihm vielleicht innerlich günstiger gesinnt sind, als uns, sich außer Stande befinden, ihm irgend welche Sympathie zu beweisen, und vor allen Dingen sind wir nach einer vielleicht bedenklichen Seite hin vollkommen gesichert. Ich habe ausführlich mit dem Fürsten Gortschakoff über die Situation verhandelt, die russische Politik ist vollkommen durchdrungen von der Notwendigkeit, den unvermeidlichen Krieg zwischen uns und Frankreich zu localisiren und wird die strenge Neutralität Österreichs überwachen.«

Der König nickte mit dem Kopf.

»Wir werden weiter darüber sprechen,« sagte er. – »Süddeutschland steht ohne Rückhalt und ohne Schwanken zu uns?«

»Zu Befehl, Majestät,« erwiderte Graf Bismarck, »trotz aller Agitationen der feindlichen Parteien werden die Könige von Baiern und Würtemberg fest an ihren Verträgen halten, und die Stimmung der Bevölkerung hebt sich nach Allem, was mir berichtet wird, immer mehr zu einmüthiger nationaler Begeisterung. Ich denke meinerseits noch ein wenig dazu beizutragen, die ganze öffentliche Meinung in Deutschland und in den übrigen Ländern von der Gerechtigkeit unserer Sache zu überzeugen und den eigentlichen Kernpunkt des französischen Angriffs klar zu legen.«

Der König blickte den Minister fragend an.

»Eure Majestät erinnern sich,« sagte Graf Bismarck, »der schmählichen Propositionen, welche von Frankreich uns bei wiederholten Gelegenheiten gemacht worden sind, und welche uns einen unwürdigen Handel um die nationale Entwickelung Deutschlands anboten, indem wir durch Raub an Dritten das erkaufen sollten, was das selbstständige Recht Deutschlands ist. Eure Majestät erinnern sich des Vertragsentwurfs, welchen mir Benedetti einst gegeben hat, und in welchem für die Eroberung Belgiens die Süddeutschen Staaten, über deren Selbständigkeit und Unabhängigkeit man in Paris so viel gesprochen hat, uns von Frankreich überliefert werden sollten.«

»Ich erinnere mich,« sagte der König.

»Nun, nun, Majestät,« fuhr Graf Bismarck fort, »der innere, der wahre Grund dieses jetzt so vermessen heraufbeschworenen Krieges liegt darin, daß wir jenen Handel alle Zeit fest und entschieden zurückgewiesen haben. Man will jetzt versuchen mit Gewalt zu nehmen, was wir nicht verkaufen wollten. Ich habe über alle jene Vorschläge bisher das tiefste Stillschweigen beobachtet, damit von unserer Seite nichts geschehe, um einen so verhängnißvollen Bruch herbeizuführen. Nun aber, Majestät, ist wie ich glaube der Augenblick gekommen, um die wahren Absichten und Pläne Frankreichs vor aller Welt zu enthüllen, und wenn Eure Majestät es erlauben, werde ich jenen Vertragsentwurf, den Benedetti und der Kaiser Napoleon nicht ableugnen können, den Vertretern der Mächte und der öffentlichen Meinung Europas mittheilen. Die Süddeutschen werden sehen, wohin sie mit der hier und da gehegten Hoffnung auf Frankreich gekommen wären. England wird sehen, was die Verträge über Belgien in Frankreichs Augen zu bedeuten haben und abgesehen von der äußeren Form dieser unerhörten Provocation wird auch die innere Gerechtigkeit unserer Sache vor den Augen aller Welt klar werden. Damit wird eine große moralische Macht uns zugeführt werden.«

Der König nickte zustimmend mit dem Kopfe.

»Ja, ja, darin liegt der wahre Grund dieses so lang zurückgehaltenen Krieges, und es kann nur nützlich sein, wenn alle Welt das klar erkennt. – Ich habe auch,« sagte er nach einigen Augenblicken, während eine tiefe Bewegung aus seinen Augen leuchtete, »ich habe auch daran gedacht, unsere Waffenmacht durch eine moralische Kraft zu verstärken und der Begeisterung des Volkes einen idealen Halt, ein heiliges Zeichen zu geben, zu dessen siegreichem Einfluß ich ein gläubiges Vertrauen habe.«

Der Kronprinz und die andern Herren blickten erwartungsvoll in das bewegte Gesicht des Königs.

»Ich will das eiserne Kreuz wieder herstellen,« sagte der König, indem er wie unwillkürlich die Hände faltete und einen Augenblick die Augen niederschlug, um den feuchten Schimmer zu verbergen, der an seinen Wimpern erglänzte – »das wird die großen, frommen Erinnerungen wach rufen und die Begeisterung jener vergangenen Zeit auch der Gegenwart wieder erwecken. Die Ritter des eisernen Kreuzes sterben aus, ich will das edle Zeichen auch für Dich und Deine Generation,« sagte er zum Kronprinzen gewendet, »erhalten als ein Vermächtniß der Erinnerung an mich und meinen Vater.«

»Und ich verspreche Dir,« rief der Kronprinz in mächtiger Erregung, »daß ich nicht ruhen und rasten will, bis ich dies heilige Zeichen mir erkämpft habe.«

Schweigend, voll Liebe und Bewunderung blickten die Minister auf den König, der noch einige Augenblicke in stillem Sinnen da saß.

Ein langer Pfiff der Lokomotive ertönte. Man fuhr in den provisorischen Potsdamer Bahnhof ein. Bereits war die Dunkelheit des späten Abends herabgesunken, der mit Blumenguirlanden geschmückte Bahnhof war erleuchtet, ein einfacher Kronleuchter hing an der Decke des provisorisch hergestellten königlichen Wartezimmers.

Auf dem Perron erwarteten den König die Spitzen der Behörden, der Magistrat, die Generalität, die Hofchargen und zahlreiche Damen mit prachtvollen Blumenbouquets in der Hand.

Ein mächtiger Hurrahruf erschallte über den ganzen Bahnhofsplatz hin als der königliche Zug am Perron vorfuhr. Auf dem Perron entblößten sich alle Häupter, die Hüte wurden in die Luft erhoben, die Damen wehten mit den Tüchern.

Der König und der Kronprinz stiegen aus.

In der vordersten Reihe stand der greise Feldmarschall Wrangel.

Rasch schritt der König zu demselben hin und reichte ihm die Hand, in tiefer Bewegung beugte sich der Feldmarschall nieder und drückte seine Lippen auf die königliche Rechte.

»Ich begrüße in Ihnen, mein lieber General-Feldmarschall, meine Armee, die von Neuem zeigen wird, daß sie ihrer Veteranen würdig ist.«

Der Feldmarschall wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihm einige Augenblicke.

»Oh warum, Majestät,« sagte er endlich in abgebrochenen Worten, »warum gehöre ich heute zu diesen Veteranen, warum wollen die alten Glieder heute nicht so vorwärts wie das Herz, das noch immer nicht alt wird.«

»Nun,« sagte der König, die Hand leicht auf die Schulter des Feldmarschalls legend, »wenn Sie auch heute nicht mehr ins Feld ziehen können, Ihr Geist und Alles, was Sie für meine Armee gethan, das zieht doch mit hinaus und das wird ebenso schwer bei der Entscheidung wiegen, ja schwerer, als die Kraft der jungen Arme, denn der ruhmvolle Geist der Vergangenheit, der in meiner Armee weht, ist es, der sie zum Siege führen wird. Ich werde,« fügte er freundlich zu dem Feldmarschall gewendet, hinzu, »das eiserne Kreuz wieder herstellen, damit die Veteranen der künftigen Generation auch dasselbe schöne Zeichen tragen können, das wir Alten uns in den großen Tagen der Vergangenheit erworben haben.«

»Das freut mir von ganzem Herzen,« sagte der Feldmarschall, indem sein altes, treuherziges Gesicht von Glück und Freude strahlte. »Das haben Eure Majestät recht gemacht, das wird unseren Jungens wieder den Geist von 1813 einhauchen. Dieser Geist fängt schon an zu wehen, ich habe da gestern ein Witzblatt gesehen, worüber ich mir sonst geärgert habe, die Berliner Wespen, die haben einen preußischen Soldaten gemalt, der dem Napoleon die Faust unter die Nase hält und ihm sagt: »Dir hat wohl lange nicht die Nase geblutet.« Das ist richtiger preußischer Geist, Majestät, und ich habe mir auch gleich hingesetzt und dem Schreiber von diesem Wespenblatt über sein Bild meinen Glückwunsch gesagt.«

Der König lächelte.

»Sie haben Recht, lieber Feldmarschall, je ernster die Zeit, um so weniger darf dem Soldaten der Humor ausgehen, und damit hat es bei uns Berlinern noch gute Wege.«

Er wandte sich um und begrüßte freundlich die Damen, deren dargereichte Bouquets er entgegennahm, sich entschuldigend, daß er sie nicht alle halten könne und sie dem Adjutanten zur Aufbewahrung übergeben müsse. Dann trat er in das Wartezimmer, wohin ihm die Deputationen der städtischen Behörden, die Generale und die Hofchargen folgten.

Der Unterstaatssecretair von Thiele war unterdessen an den Grafen Bismarck herangetreten und hatte ihm ein für ihn angekommenes Telegramm übergeben.

Graf Bismarck durchflog es, dann trat er mit blitzenden Augen in das Wartezimmer zum König, der so eben die Begrüßung des Magistrats entgegennahm.

»Majestät,« rief der Graf, »ich habe so eben ein Telegramm des Wolf'schen Bureaus erhalten. Die Entscheidung ist da.«

»Ist der Krieg erklärt?« fragte der König.

»Die Kriegserklärung ist hier noch nicht übergeben,« erwiderte Graf Bismarck, »aber die Erklärung, welche Ollivier im Corps legislatif abgegeben hat, ist so gut, wie die formelle Erklärung.

»Ich bitte Sie, zu lesen.«

Graf Bismarck trat, die Depesche in der Hand in den Lichtkreis des Kronleuchters und begann mit lauter Stimme zu lesen. Das Telegramm enthielt die Darstellung, welche der Großsiegelbewahrer im Gesetzgebenden Körper über die Verhandlungen in Ems gegeben hat.

»Der König weigert sich,« las Graf Bismarck in erhöhtem Ton, »die von uns geforderten Verpflichtungen einzugehen und erklärte Benedetti, er wolle sich für diesen, wie für jeden andern Fall vorbehalten, die Verhältnisse zu Rathe zu ziehen.«

»Richtig,« sagte der König leise vor sich hin.

»Trotzdem,« fuhr Graf Bismarck zu lesen fort, »brachen wir aus Friedensliebe die Verhandlungen nicht ab, um so größer war unsere Überraschung, als wir erfuhren, der König von Preußen habe sich geweigert, Benedetti zu empfangen, und die preußische Regierung habe das amtlich mitgeteilt.«

»Ist das geschehen,« fragte der König.

»Nein, Majestät,« erwiderte Graf Bismarck, »ein Telegramm darüber ist in den Zeitungen erschienen. Darüber werden die Vertreter Eurer Majestät an den Höfen, bei denen sie beglaubigt sind, gesprochen haben. Es ist eine der Verdrehungen der Wahrheit, welche den Zweck haben, uns die Schuld des Friedensbruchs aufzuladen und die öffentliche Meinung in Frankreich zu erhitzen, vielleicht den Kaiser zum Äußersten zu reizen.«

Finster blickte der König vor sich nieder, und biß die Zähne auf einander, ein bitterer Zug legte sich um seinen Mund.

»Unter diesen Umständen,« las Graf Bismarck weiter, »wäre es ein Vergessen unserer Würde und eine Unklugheit gewesen, keine Vorbereitungen zu treffen. Wir haben uns bereitet den Krieg, den man uns anbietet, anzunehmen, indem wir Jedem seinen Antheil an der Verantwortlichkeit hierfür überlassen.«

Zornig trat der König mit dem Fuß auf den Boden, mit dem etwas verkürzten Finger seiner rechten Hand fuhr er mehrfach von oben herab über den Schnurrbart, wie es in Augenblicken heftiger Erregung seine Gewohnheit war.

»General von Roon,« rief er dann, als Graf Bismarck die Depesche zusammenfaltete, zum Zeichen, daß er zu Ende gelesen.

Der Kriegsminister trat heran.

»Ich befehle die Mobilmachung der ganzen Armee,« sagte der König im festen Ton, »sorgen Sie für die unmittelbare Ausführung meiner Befehle.«

»Hurrah!« rief der General-Feldmarschall von Wrangel. »Es lebe der König!«

Die Umstehenden wiederholten diesen Ruf, brausend setzte sich derselbe weithin über den Platz und durch die Menschen gefüllten Straßen fort.

»Ich erwarte Sie in einer Stunde bei mir, Graf Bismarck und auch Sie, General von Moltke, um alles weiter Erforderliche zu beschließen,« sagte der König.

Dann grüßte er mit freundlichem Ernst die Anwesenden und bestieg mit dem Kronprinzen seinen Wagen, in welchen bereits in dichter Menge die ihm überreichten Blumenbouquets gelegt waren. Langsam fuhr er durch die jubelnden Menschenmassen nach seinem Palais, von neuen, immer lauter anschwellenden Hurrahrufen begrüßt, stieg er hier aus, trat noch einmal auf die Rampe vor und winkte mit der Hand über den Platz hin.

»Bei einer solchen Begeisterung meines Volkes ist uns der Sieg sicher, wir können der Zukunft ohne Furcht entgegen gehen,« sagte er dann mit bewegter Stimme, indem er sich langsam abwandte und in sein Palais eintrat.

Lange noch blieb die Menge dicht gedrängt auf dem Platz versammelt, immer nach dem Fenster hinblickend und jedesmal, so oft die Gestalt des Königs oder auch nur ein vorübergehender Schatten dort sichtbar wurde, in erneute Rufe ausbrechend.

Endlich trat ein Leibjäger des Königs auf die Rampe hinaus, winkte einen der dort aufgestellten Schutzmänner heran und sprach einige Worte mit ihm.

Der Schutzmann näherte sich den Ersten in seiner Nähe.

»Meine Herren,« sagte er, »Seine Majestät läßt bitten, nach Hause zu gehen, der König hat diese Nacht noch viel zu arbeiten.«

»Der König will Ruhe,« ertönte es unmittelbar durch die Massen hin. »Nach Hause! Nach Hause!«

Einen Augenblick legte sich eine tiefe Stille über den ganzen Platz. Dann begannen einige Stimmen die feierliche, allbekannte Melodie des »Heil Dir im Siegerkranz« zu intoniren.

Mit gewaltigem Klang stieg dies Lied, das in so einfach großer Weise den Geist der unvergeßlichsten Zeit der preußischen Geschichte ausdrückte, zum nächtlichen Himmel auf, – dann wurde wieder Alles still.

Leise und ruhig nur in flüsternden Gesprächen sich unterhaltend, zerstreute sich diese ganze unabsehbare Menschenmenge, um dem Könige Ruhe zu lassen für seine Arbeit, welche dem deutschen Volk in den großen nationalen Entscheidungskämpfen den Sieg sichern sollte.

Bald lag der ganze weite Platz im schweigenden nächtlichen Dunkel, nur in den Zimmern des Königs brannte bis zum Morgen hin das Licht, welches die Arbeit beleuchtete, in die der unermüdliche Monarch sich mit seinem Minister und seinem Heerführer vertiefte, und durch die Scheiben des Fensters fiel der Strahl dieses Lichts in die Nacht hinaus, auf das aus der Dunkelheit in riesigen Umrissen hervortretende Denkmal des großen Königs hin, – die Sterne des Himmels blickten in ewiger lichter Ruhe herab auf die schlummernde Residenzstadt, welche im täuschenden Schein friedlicher Stille da lag, während sie schon in den nächsten Tagen Tausende ihre Söhne hinaussenden sollte, um auf blutigen Schlachtfeldern von Neuem ihre opferfreudige Treue für den König und das Vaterland zu beweisen.

Neuntes Capitel.

Ernst und still saß Fräulein Luise Challier in dem Wohnzimmer des alten Hauses in St. Dizier. Traurige Wochen und Monate waren verflossen, seit ihr Geliebter sie voll freudiger Hoffnung und Zuversicht verlassen hatte. So schwer auch der Abschied von ihm sie erschüttert hatte, so hatte sie doch in den ersten Tagen glücklich und froh seiner gedacht; sie hatte die Tage gezählt, welche er zu seiner Reise bedurfte, sie hatte ausgerechnet, wie lange ein Brief von Hannover gehen müsse, um zu ihr zu gelangen und hatte nach Verlauf dieser Zeit mit zweifelloser Gewißheit, ungeduldig die Augenblicke zählend, einer Nachricht von ihrem Geliebten entgegengesehen.

Als ein Tag nach dem andern vergangen war, ohne daß eine solche Nachricht eintraf, hatte sie dann alle Möglichkeiten der Verzögerung sich klar gemacht, sie hatte auch wohl mit einem leichten Gefühl von Traurigkeit sich oft gesagt, daß der junge Mann unter dem Eindruck der Rückkehr in seine alte Heimath erfüllt von den lebhaften Gefühlen des Wiedersehens seiner Mutter gezögert habe, ihr zu schreiben. Ja sie hatte sich sogar in eine freudige Stimmung hinein gedacht, indem sie sich sagte, daß ihm die Ordnung seiner Verhältnisse und die Erlangung der Einwilligung seiner Mutter und seines Oheims zu der neuen Wendung seines Schicksals vielleicht schneller gelungen wäre, als er selbst es gehofft, und daß er ihr mit der ersten Nachricht vielleicht zugleich seine Wiederkehr nach Überwindung aller Schwierigkeiten anzeigen wolle – damit war wieder eine Reihe von Tagen vergangen, bis endlich auch dieser Grund nicht mehr zur Beruhigung ihrer immer banger werdenden Unruhe genügen wollte. Dann war jene entsetzliche, das ganze innere Wesen des Menschen zerstörende Zeit des Wartens gekommen, welche in ihrer dumpfen, bleiernen Schwere auf die Seele und den Geist vernichtender wirkt, als der härteste, aber bestimmt und klar eintretende Unglücksfall.

Wie die Blume vor dem mächtig niederrauschenden Wetter ihr Haupt senkt, um es später wieder frisch und duftig erheben, wie sie, wenn die Blüthe gebrochen wird, neue Blüthen treibt, so kann ein mächtiger Wetterschlag des Schicksals das menschliche Herz und den menschlichen Geist schwer und gewaltig erschüttern; aber nach dieser Erschütterung richtet sich der Muth wieder empor, die Kraft kehrt zurück, und neues Glück, neue Freude können unter wiederkehrendem Sonnenschein freundlicher Schicksalswendungen erwachsen.

Aber wie die Pflanze, der in dürrer Erde das Wasser entzogen wird, langsam erstirbt, vergeblich lechzend nach frischer erquickender Lebenskraft, und wie die vertrockneten Blüthen die verdorrten Blätter, langsam erstarrt und gestorben, sich niemals wieder zu neuem Leben aufrichten können, so tödtet und erstarrt das langsame erbarmungslose Verschwinden der Hoffnung den Glauben des menschlichen Herzens, und wenn es auch mechanisch in regelmäßigem Pulsschlag das Blut durch die Adern treibt, sein inneres Leben, der Duft und die Farben kehren ihm nie wieder zurück, und es ist todt, lange, lange, bevor es aufhört, zu schlagen.

So erstarb langsam und qualvoll die Freude und das Glück und endlich die Hoffnung und der Glaube in dem Herzen des jungen Mädchens, und wenn auch die Liebe, diese Tochter des Himmels, welche in dem geschaffenen Menschen Alles überlebt, weil sie unsterblich ist, wie der Schöpfer, der sie in sein Geschöpf legte, – wenn auch diese Liebe nicht aus ihrem Herzen verschwand, so erfüllte sie doch das Herz nicht mehr mit Licht und Wärme. Es war nur noch eine traurige Flamme frommer Erinnerung wie die ewige Lampe in einem Grabgewölbe.

Luise hatte sich zuerst in ihrer feurigen und kräftigen Natur lebhaft aufgebäumt gegen den Gedanken, daß der, den sie so sehr liebte und an dem ihr Herz mit so vollem und hingebendem Vertrauen hing, sie so schnell habe vergessen können.

Qualvolle Unruhe, Zorn, Erbitterung hatten sie erfüllt, immer und immer wieder hatte sie Gründe für sein Verstummen gesucht, und von Neuem hatte sie ihre Hoffnungen wieder aufgerichtet, um sie immer wieder von Neuem zusammen sinken zu sehen. Und alle diese Kämpfe, alle diese Qualen und Leiden hatte sie tief in sich selbst verschlossen.

Mit lächelnder Miene hatte sie, als ihr Vater anfing, seine Verwunderung über das Schweigen des jungen Mannes auszusprechen, Gründe aufgesucht, an welche sie selbst nicht glaubte. Mit Anstrengung aller Willenskraft hatte sie sich den Tag über aufrecht erhalten, um vor den Augen ihres Vaters und ihrer Hausgenossen ruhig und heiter zu erscheinen; sorgfältig hatte sie am Morgen ihre von Thränen und Nachtwachen gerötheten Augen gekühlt, um die Spuren ihres innern Leidens zu verbergen, und stolz und kalt hatte sie Herrn Vergier, wenn derselbe sie zuweilen mit dem Anschein freundlicher Theilnahme nach dem jungen Cappei fragte, geantwortet, daß derselbe sich vortrefflich befinde, und daß sie hoffe, er werde bald zurückkehren.

Endlich aber war das Alles über ihre Kräfte gegangen, alle Gründe, die sie für sich selbst und ihren Vater aufsuchen mochte, konnten nicht mehr ausreichen, um dies wochenlange Schweigen des jungen Hannoveraners zu erklären, und als endlich eines Tages der alte Challier deutlicher und bestimmter seine Besorgnisse und seine Unruhe über das Benehmen des jungen Mannes, zu dem er so großes Vertrauen gehabt, aussprach, da war sie wie gebrochen in sich zusammen gesunken, zu schwach, den Kampf länger auszuhalten und ihre inneren Qualen unter lächelnder Miene zu verbergen.

Ein Strom heißer Thränen stürzte aus ihren Augen und laut schluchzend warf sie sich in die Arme ihres Vaters.

»Oh, er hat mich verlassen!« rief sie. »Er hat mich vergessen! Er hat sein Spiel mir getrieben hier in der Verbannung, – nun er zurückgekehrt ist zu den Seinen in sein Vaterland und in seine alte Heimath, da gedenkt er meiner nicht mehr. Und,« fuhr sie heftiger weinend fort, »da hält er es nicht einmal für nöthig, einen Vorwand zu suchen – mir ein Wort des Abschieds zu sagen! Nein, er läßt mich langsam vergehen in vergeblicher Erwartung! Oh, das ist schlecht,« rief sie, den Kopf emporhebend und mit fast verwirrtem Blick im Zimmer umher starrend – »das ist schlecht, das habe ich nicht um ihn verdient! Ich habe ihn doch so sehr geliebt, und auch jetzt noch liebe ich ihn,« rief sie. »Ich zürne mir selbst, fast möchte ich mich verachten, daß ich ihn noch lieben kann. Aber dann wieder, wenn sein Bild vor mich hintritt, wenn ich an seine Augen denke, die so gut und treu blicken, an alle seine Worte so voll Wahrheit und tiefen Gefühls – dann kann ich es nicht glauben, kann ich es nicht für möglich halten, daß er mich so vergessen, so unwürdig bei Seite werfen sollte, dann erfaßt mich eine namenlose Angst, daß ihm ein Unglück widerfahren sei, daß er todt sein möchte. Oh, mein Gott, mein Gott,« rief sie laut aufschreiend, »gieb mir ein Ende dieser Qualen, ein Ende dieser Angst, nur einen Lichtblick der Gewißheit, und wäre es die traurigste, die schmerzlichste, sie wäre ein Glück gegen diesen Zustand.«

Ernst und traurig hatte der alte Herr Challier diesen so plötzlichen Ausbruch des Jammers seiner Tochter mit angehört. Voll tiefen, liebevollen Mitgefühls sah er auf das junge Mädchen herab, welches zitternd in sich zusammen geschmiegt vor ihm stand, die Hände gefaltet und den brennenden Blick fragend auf ihn gerichtet, als erwarte sie von ihm das Licht und die Aufklärung nach denen ihre Seele dürstete.

»Meine Tochter,« sagte er, »gieb Dich nicht der Verzweiflung hin. Das Leben bietet harte und schwere Schicksalsschläge genug, es muß immer in unserm Herzen etwas leben, das uns über das Unglück erhebt, und wäre es nur der Stolz und das muthige Selbstgefühl, welches eine Tochter der Bragars niemals verlassen soll.«

»Oh, mein Vater,« rief sie, »ich würde Muth und Kraft haben, Alles zu ertragen, wenn er mir gestorben wäre, wenn die Hand der Vorsehung mit unwiderstehlicher übermächtiger Gewalt in meine Hoffnungen und in die Träume meines Glücks eingegriffen hätte; aber daß es so enden soll, daß er mich vergißt, daß er aus dem Kreise meines Lebens verschwindet, ohne daß ich weiß wodurch und warum: Das, mein Vater, zerstört meinen Geist, das zerbricht meinen Willen und meine Kraft, das untergräbt mein Vertrauen an die Gerechtigkeit Gottes.«

»Wenn er sich unwürdig gegen Dich betragen hat, mein Kind, wenn er Dich so leicht vergessen konnte, so sollte Dein Stolz sich um so höher erheben und Dir den Willen und die Kraft Deiner Seele wiedergeben,« sagte Herr Challier mit ernstem, fast vorwurfsvollem Ton. »Aber,« fuhr er fort, »noch ist es so weit nicht, noch kann irgend ein Mißverständniß vorliegen. Er kann krank geworden sein, – wenn ich an den jungen Mann zurückdenke, wie ich ihn gekannt habe, als er unter uns lebte, wenn ich mir sein ganzes Wesen, seinen Charakter vergegenwärtige, so kann ich es kaum glauben, daß er Dich so leicht vergessen und verlassen hat; und ich muß fast an irgend ein äußeres Hinderniß glauben, das diesem unerklärlichen Schweigen zu Grunde liegt.«

»Das sagt auch mir mein Herz,« rief Luise, indem sie mit einem dankbaren und hoffnungsvollen Ausdruck zugleich ihren Vater ansah, »eine Stimme in meinem Innern ruft mir zu, er kann nicht so niedrig, so schlecht und undankbar sein, um, selbst wenn das Schicksal unserer Verbindung unübersteigliche Hindernisse in den Weg entgegenstellte, sich so von mir zu trennen.«

»Wenn Du das glaubst,« sagte der alte Challier, »so mußt Du an ihn schreiben und Erklärung von ihm verlangen. Ist er krank, was ja möglich ist, so wird der Brief in die Hände der Seinigen kommen, und Alles wird klar werden.«

»Ich soll ihm zuerst schreiben,« rief Luise, indem eine dunkle Röthe ihr Gesicht überflog, »ich soll ihn mit meiner Liebe verfolgen – wenn er mich vergessen hätte.«

»Wenn Du ihn liebst,« sagte Herr Challier, »wenn Du Vertrauen zu ihm hast, so bist Du ihm und Dir selber schuldig, jenen Schritt zu thun, der Dir Aufklärung über ein Mißverständniß oder die unleugbare Gewißheit seiner Unwürdigkeit giebt. Es mag ihm widerfahren sein, was da wolle, so wird Dein Brief in die Hände seiner Angehörigen kommen und Du wirst irgend eine Nachricht erhalten. Und nur wenn er Dich wirklich verlassen will, oder wenn er uns eine falsche Adresse gegeben hätte, um seine Spur verschwinden zu lassen, wirst Du ohne Antwort bleiben.«

»Du hast Recht, mein Vater,« sagte Luise, »ich will den Glauben und das Vertrauen nicht so leicht aufgeben. Ich will ihm schreiben.«

Sie ging sogleich in ihr Zimmer und schrieb in fliegender Eile Alles, was ihr Herz ihr eingab, und als sie geendet hatte und den Brief nochmal überlas, sprach sie hoch aufathmend zu sich selbst:

»Wenn dieser Brief in die Hände seiner Mutter gelangt, wenn er nur von einem Menschen gelesen wird, der ein fühlendes Herz hat, so werde ich erfahren, was ihm begegnet ist, und warum ich keine Nachricht von ihm erhalten habe.«

Ihr Vater las den Brief, den sie geschrieben, mit wehmüthigem Blick, voll inniger Theilnahme sah er sein Kind an. Die ganze Qual ihres Herzens lag zwischen den Zeilen.

Er siegelte den Brief und versah ihn mit der Adresse, welche Cappei zurückgelassen hatte und brachte ihn selbst zur Post.

Abermals begann nun jene Zeit der unruhigen Erwartung, des bangen Zweifelns zwischen Furcht und Hoffen. Abermals zählte das junge Mädchen die Tage, welche ihr eine Antwort bringen konnten. Abermals aber verflossen diese Tage, ohne daß die ersehnte Nachricht kam, abermals arbeitete sich ihr gemartertes Herz durch alle Fasern dieses entsetzlichen Wartens hindurch, dessen Pein keine Ruhe und Rast, keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht kennt.

Bleicher und bleicher wurden die Züge dieses sonst so lebensfrischen Gesichts, aber es war diesmal nicht die zitternde, sehnsuchtsvolle Unruhe, nicht die schmerzvoll ringende Verzweiflung, welche sich in diesen Zügen malte. Kalt, finster und stolz wurde der Blick des jungen Mädchens, oft lächelten ihre Lippen bitter oder preßten sich mit dem Ausdruck düsterer Resignation auf einander. Kalt und ruhig ging sie einher, verrichtete genau und pünktlich ihre häuslichen Besorgungen, und sorgfältig wich sie jedem Gespräch mit ihrem Vater aus, welcher mit kummervollen Blicken ihr Treiben beobachtete.

Es waren fast drei Wochen vergangen, seit sie ihren Brief abgesendet, da trat sie eines Tages ernst und ruhig vor ihren Vater hin, als derselbe nach dem Diner in seinem Lehnstuhl saß und mit klarem Blick und mit fester Stimme sprach sie zu ihm:

»Es ist jetzt vorbei, mein Vater, der Traum, welcher eine Zeit lang mein Leben erfüllte, ist ausgeträumt. Die Liebe, welche mein ganzes Wesen durchdrang, ist in meinem Herzen gestorben, ich habe sie ausgerissen mit den letzten Wurzeln, ich habe sie verachten gelernt und will sie nun auch vergessen können. Du hast Recht gehabt, mein Vater, der Stolz giebt die Kraft, sich aus dem Bann leidenden Jammers zu erheben und im Gefühl der eigenen Würde die Niedrigkeit und Schlechtigkeit derer zu vergessen, die unser Herz mit Füßen traten. Ich habe ein Jahr meines Lebens verloren – das ist Alles,« sagte sie bitter und hart, »vielleicht habe ich dabei gewonnen, denn ich habe die Menschen verachten und die eigene Kraft schätzen gelernt. Nimm mich hin, mein Vater, es ist Alles, wie es früher war, Deine Tochter gehört wieder Dir und Dir ganz allein.«

Sie schlang ihre Arme um die Schultern ihres Vaters und ließ ihren Kopf an seine Brust sinken. Ein leises Zittern flog durch ihre Gestalt wie eine letzte Regung des tief schneidenden Schmerzes, der so lange ihr innerstes Wesen erschüttert hatte.

Dann aber hob sie den Kopf empor und blickte ihren Vater fest an, wie um zu zeigen, daß ihre Kraft größer sei, als ihr Schmerz. Ihre Gesichtszüge waren ruhig und unbeweglich, ihre Augen klar und trocken.

Ihr Vater schüttelte langsam und schmerzlich den Kopf.

»Ich freue mich,« sagte er, »daß Du die eigene Kraft kennen und schätzen gelernt hast, aber nicht so darfst Du in Dein künftiges Leben gehen, Du darfst die Menschen nicht verachten, weil Einer sich Dir niedrig gezeigt hat, weil Einer unwürdig gegen Dich gehandelt. Auch diese Wunde wird heilen, mein Kind, wie so Vieles heilt in der geschaffenen Natur – Du wirst auch das Vertrauen zu den Menschen wieder finden, Du wirst Dich dem Leben und seinen reichen Gaben nicht verschließen. Du bist noch so jung und es wird die Zeit kommen, wo Alles, was Du jetzt gelitten, wie ein ferner Traum verklungen sein wird. Vergiß auch nicht,« fügte er hinzu, »daß Derjenige, der Dich unwürdig verlassen, kein Sohn Deines edlen Vaterlandes war. Vielleicht ist es ein Glück, daß es so kam, für das Leid, das der Fremde Dir zugefügt, wird, so Gott will, Frankreich Dir Ersatz bieten.«

Luise trat einen Schritt von ihrem Vater zurück, hoch richtete sie sich empor und sprach stolzen, flammenden Blickes:

»Glaube nicht, mein Vater, daß ich mit dem Leben abschließen will, glaube nicht, daß ich etwa daran denke, in klösterlicher Einsamkeit den Unwürdigen zu beweinen, der mein liebevolles Vertrauen getäuscht hat. Nein, ich werde frei und muthig, aber auch klar und kalt in das Leben treten, ich werde alle seine Pflichten erfüllen, – aber mein Herz werde ich für mich allein behalten und – für Dich, mein Vater,« fügte sie mit einem innigen Blick hinzu. »Es soll nicht wieder der Spielball unwürdiger Laune werden.«

»Das ist brav und recht, mein Kind,« sagte Herr Challier, »das ist tapfer und meiner Tochter würdig. Und Gott, der die Zukunft der Menschen lenkt,« fügte er die Hände faltend hinzu, »er wird auch nicht zulassen, daß Dein Herz in kalte Einsamkeit verschlossen bleibt, auch Dir wird noch Glück, Wonne und Freude zu Theil werden.«

Schweigend, mit schmerzlichem Lächeln schüttelte Luise den Kopf und ging hinaus, um die Geschäfte der häuslichen Wirthschaft zu ordnen.

Von diesem Augenblick an war zwischen Vater und Tochter von der Sache nie mehr die Rede, und ruhig ging das einfache Leben in dem alten Hause seinen Weg.

Herr Vergier, welcher sich eine Zeit lang wenig im Hause hatte sehen lassen, kam wieder öfter dorthin. Er leistete dem Alten Gesellschaft, sprach mit ihm über die Geschichte und über die Fragen der Politik, welche die öffentliche Meinung bewegten. Sein früher so heftiges und aufgeregtes Wesen war augenscheinlich ruhiger und sanfter geworden; er schien sich allmählig von den Ansichten des alten Herrn überzeugen zu lassen und hielt sich von allen heftigen Ausfällen gegen das Kaiserthum, von allen scharfen Urtheilen über die Regierung zurück – er hatte während des Plebiscits sich von jeder Agitation der democratischen Partei, mit welcher er früher innig verbunden gewesen war, fern gehalten, – der alte Herr Challier war darüber sehr erfreut und erblickte darin eine Wirkung des Einflusses, den er auf die Ansichten des Herrn Vergier ausübte. Das Verhältniß zwischen Beiden war in Folge dessen ein immer freundschaftlicheres und herzlicheres geworden.

Auch Fräulein Luise trat Herrn Vergier immer näher, er unterhielt sich freundlich und ruhig mit ihr; er sprach mit ihr über viele Dinge, welche den regen Geist des jungen Mädchens interessirten, und niemals kam ein Wort über seine Lippen, das an die Vergangenheit erinnerte oder die Hoffnungen und die Wünsche berührte, die er früher gehegt, und die er früher in so heftiger und leidenschaftlicher Weise gegen sie ausgesprochen hatte.

Das junge Mädchen, das anfänglich verschlossen, kalt und zurückhaltend gegen ihn gewesen war, begann in seiner Unterhaltung Zerstreuung und Beruhigung zu finden, und so kam es, daß nach Verlauf einiger Zeit Herr Vergier wieder der tägliche und gern gesehene Gast im Hause des Herrn Challier war, der in den kleinen Kreis freundliches und heiteres Leben brachte.

Die verhängnißvollen Tage des Juli waren gekommen, die gewaltige Aufregung, welche Paris bewegte, und welche bereits ganz Europa zu ergreifen begann, schlug ihr helles Feuer auch hier in diesem ruhig abgeschlossenen Leben der alten Stadt St. Dizier, und das Gefühl aller dieser Nachkommen der Soldaten Franz I. wallte hoch auf bei den Berichten über die Vorgänge im Corps legislatif, und als die Rede des Herzogs von Gramont in den Journalen erschien, in welcher dieser Träger eines edlen, alt französischen Namens das Nationalgefühl Frankreichs aufrief gegen die Wiederherstellung des Reiches Karl V., dieses deutschen Kaisers, der einst in seinen Kämpfen gegen den ritterlichen König Franz I. die Stadt St. Dizier belagert und vor deren Mauern den entscheidenden Widerstand gegen sein siegreiches Vordringen gefunden hatte, da war in dieser kleinen Stadt nur eine Stimme der Entrüstung und der Begeisterung, und jeder Bürger von St. Dizier wäre bereit gewesen, die Waffen zu ergreifen, um unter den Fahnen Frankreichs hinaus zu ziehen zum Kampf gegen die Nachkommen der Soldaten Karl V.

Die vollste Übereinstimmung zwischen ihren Anschauungen und Gefühlen herrschte zwischen Herrn Challier und Herrn Vergier, und wenn die Abendzeitungen die neuesten Nachrichten über die Vorgänge in Paris und in Ems brachten, so ergingen sich Beide in gleichen und einander ergänzenden Ausdrücken der Entrüstung gegen die deutsche Anmaßung und der begeisterten Hoffnung auf einen siegreichen Krieg Frankreichs; und mit leuchtenden Blicken hörte Luise diesem Gespräch zu, – jedes Wort fand einen Wiederhall in ihrem Herzen. Zum ersten Mal nach langer Zeit schlug dies Herz wieder in höherer Wallung auf, die Erinnerung an ihre verlorene Liebe verschwand fast vor dem Gefühl des nationalen Stolzes, der sie erfüllte.

Eines Abends trat Herr Vergier hastig und von heftiger Aufregung zitternd in das Wohnzimmer, in welchem der alte Challier mit seiner Tochter saß.

»Die Entscheidung ist da,« rief er, dem alten Herrn ein Zeitungsblatt hinreichend, »alle diplomatischen Künste können diesmal den Krieg, nach welchem Frankreich dürstet, nicht aufhalten. Unsere Ehre ist engagirt, und wenn die Regierung jetzt nicht unmittelbar handelt, so wird das Nationalgefühl dies nicht länger ertragen. Der König von Preußen,« sagte er, zu Luise gewendet, während Herr Challier das Zeitungsblatt durchlas, »hat es verweigert, den Botschafter Frankreichs anzuhören, ja nur zu empfangen. Das ist eine Beleidigung, wie sie im Verkehr der Nationen noch nicht vorgekommen ist, und zum Überfluß hat die preußische Regierung diese unerhörte Thatsache noch in der schroffsten und verletzendsten Form allen übrigen Cabinetten Europa's mitgetheilt. Die unmittelbare Kriegserklärung ist die einzige mögliche Antwort auf diese Provocation. Bereits sind Eisenbahnzüge angemeldet,« fuhr er fort, »welche die Truppen nach den Grenzen führen, die Commando's sind vertheilt, und in vierzehn Tagen vielleicht schon können wir die Nachricht von den ersten Siegen unserer Armeen erhalten.«

Einen Augenblick zuckte es schmerzlich über das Gesicht Luisens, dann aber leuchteten ihre Augen in hoher Begeisterung auf, fragend richtete sie den Blick auf ihren Vater.

Dieser hatte das Zeitungsblatt langsam durchgelesen.

»Ja,« sagte er ernst, »das ist der Krieg. Ein Krieg, der die Welt erschüttern wird, und der hoffentlich alles Unrecht wieder gut machen wird, welches das coalirte Europa uns einst gethan. Gott segne Frankreich!« fügte er hinzu, die Hände gefaltet.

»Ja, Gott segne Frankreich,« flüsterte Luise leise, indem ihr Blick sich mit dem Ausdruck innigsten Gebets aufwärts richtete.

Herr Vergier schlug einen Moment die Augen zu Boden, dann trat er zu Luise hin und sprach nach einem leichten Zögern:

»Fräulein Luise, ich habe nie wieder dessen erwähnt, was früher zwischen uns vorgegangen, obgleich die schmerzliche Erinnerung daran mich keinen Augenblick verlassen hat. Verzeihen Sie, wenn ich Sie heute daran erinnere, aber in einem Augenblick wie dieser, in welchem alle Kinder Frankreichs in gemeinsamen Wünschen und Hoffnungen sich begegnen, soll es auch zwischen uns klar werden. Sie haben mir einst schwer gezürnt, als ich dem bitteren Schmerz Worte verlieh, den mein Herz darüber empfand, daß Sie Ihre Liebe einem Fremden, einem Feinde Frankreichs, zugewendet. Fräulein Luise, mein treues und tiefes Gefühl für Sie hat in seinem Instinct das Richtige erkannt, jener Fremde hat Sie verlassen, Ihre Liebe verachtet, – ich habe das nie erwähnt, aber ich habe es wohl gesehen, und ich habe auch gesehen, was Sie gelitten haben. Ich will heute nicht noch einmal den Verdacht aussprechen, den ich gegen jenen Fremden gehegt; die Ereignisse haben jenen Verdacht nicht entkräftet, und vielleicht werden auch Sie heute meine damaligen Besorgnisse anders beurtheilen, als Sie es zu jener Zeit gethan. Ich kann mir,« fuhr er fort, »nicht denken, daß heute noch in Ihrem Herzen ein Rest von Liebe gegen Denjenigen bestehen soll, der vielleicht in diesem Augenblick schon mit der Waffe in der Hand gegen die Grenzen unseres heiligen Vaterlandes heranzieht –«

Mit stolz blitzenden Augen schüttelte Luise schweigend den Kopf.

»Ich will mir auch nicht anmaßen,« fuhr Herr Vergier fort, indem bei der Bewegung des jungen Mädchens ein freudiger Strahl in seinen dunklen Augen aufleuchtete, »ich will mir auch nicht anmaßen, daß es mir möglich sei, so schnell in Ihrem Herzen die Gefühle erwecken zu können, welche Sie mir früher versagten, aber Freundschaft und Vertrauen werden Sie mir heute hoffentlich nicht mehr verweigern können, heute, wo alle Franzosen nur eine große Familie bilden.«

Luise reichte ihm mit einer Bewegung voll aufrichtiger Herzlichkeit die Hand.

»In Zeiten wie die heutigen, in denen wir großen und vielleicht langwierigen Entscheidungskämpfen entgegengehen, bedarf eine Frau mehr als je des Schutzes und der Gewißheit einer sichern und ruhigen Zukunft. Sie wissen, Fräulein Luise, daß ich mein Glück nur an Ihrer Seite finden kann, Sie wissen auch, daß Sie in mir eine treue und feste Stütze für das ganze Leben finden werden, Sie wissen, daß Ihr Vater unsere Verbindung einst wünschte, und daß er sie vielleicht jetzt wieder wünscht. Erlauben Sie mir in diesem großen Augenblick die Frage an Sie zu richten, ob Sie in Erwiderung meiner tiefen und glühenden Liebe mir Vertrauen und Freundschaft schenken, mir Ihr Leben anvertrauen wollen.«

Luise sah ihn klar und frei an.

»Ich danke Ihnen, Herr Vergier,« sagte sie, »dafür, daß Sie all des Schmerzlichen, das zwischen uns liegt, bisher niemals erwähnt haben, – ob in meinem Herzen Dasjenige jemals wieder erwachen kann, was man die Liebe nennt,« fuhr sie mit traurigem Ton, durch welchen eine gewisse Bitterkeit hindurchklang, fort, »weiß ich nicht. Freundschaft und Vertrauen glaube ich Ihnen geben zu können, und in dieser Freundschaft und in diesem Vertrauen antworte ich Ihnen frei und offen. Ja, ich will Ihren Antrag annehmen und ich will versuchen, Ihrem Leben soviel Freude und Glück zu geben, als aus meinem Herzen noch erblühen kann.«

Mit ruhigem, freundlichem Lächeln reichte sie ihm die Hand, welche er, seine leidenschaftliche Bewegung bemeisternd, ehrerbietig an die Lippen drückte.

»Aber,« fuhr Luise fort, »Sie müssen mir versprechen, daß über diesen Gegenstand jetzt nicht weiter gesprochen wird. In diesem Augenblick, in welchem das Vaterland in Gefahr ist, in welchem Frankreich sich zu einem gewaltigen Kampf rüstet, schickt es sich nicht, an etwas Anderes zu denken, als an die Zukunft unseres Landes. An dem Tage, an welchem unsere Heere wieder siegreich in Paris einziehen, will ich Ihnen meine Hand reichen, an jenem Tage soll unsere Verbindung vor dem Altar den Segen des Himmels erhalten.«

»Das ist brav gesprochen,« rief der alte Challier, »gesprochen wie eine Französin, wie eine Tochter der alten Bragars.«

»Und damit bin ich von Herzen einverstanden,« rief Herr Vergier, »und wenn es möglich ist, werden nun meine Wünsche noch glühender die Waffen Frankreichs begleiten, denn der stolze Tag des großen Nationalsieges wird zugleich mit der erneuten herrlichen Größe des Vaterlandes das Glück meines Lebens begründen.«

Luise stand langsam auf und trat an ein Pianino, welches zur Seite des Fensters stand, sie öffnete dasselbe, setzte sich auf den davorstehenden Sessel und schlug in einfachen kräftigen Accorden die ergreifende Melodie des Chant du départ an, welche so mächtig und gewaltig alle französischen Herzen erfaßt und die Erinnerung an jene von Begeisterung glühenden Freiwilligen aufsteigen läßt, die voll Muth und Todesverachtung nach den Grenzen hinauszogen, um dort Zeugniß abzulegen für die edlen und großen Gedanken, welche in der Revolution lebten und welche in dem blutigen Schlamme von Paris untergingen.

Leise bewegte Herr Challier die Lippen, die Melodie begleitend, – Herr Vergier wandte sich ab und trat an das Fenster, nach dem dunkel glühenden Abendhimmel hinausblickend.

»Ich habe gesiegt,« flüsterte er vor sich hin, – »möchte nun,« fuhr er fort, indem ein düsterer Grimm in seinen Augen brannte, »die erste französische Kugel jenen verhaßten Feind meines Landes treffen, der fast das Glück meines Lebens zerstört hätte.«

Zehntes Capitel.

Eine unruhige, lebhaft bewegte Menge wogte in den Straßen von Paris auf und nieder. Die Boulevards, die Champs Elysées, der Tuileriengarten, Alles war mit Menschen gefüllt und überall sah man laut sprechende und lebhaft gesticulirende Gruppen.

Die Zeitungen vom Abend vorher hatten die Nachricht verkündet, daß der König von Preußen es verweigert habe, den Botschafter Frankreichs zu empfangen und daß dieses die Würde Frankreichs beleidigende Factum durch eine Depesche von Berlin den europäischen Höfen mitgetheilt sei.

Ungeheuer war die Aufregung, welche diese Mittheilung in ganz Paris hervorgerufen hatte. Diese Aufregung wurde fortwährend gesteigert durch alle die Mittel, über welche die Polizei des Kaiserreichs in so reichem Maße verfügen konnte. Man sprach nicht mehr von der Candidatur des Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron, eine Sache, die man niemals so recht eigentlich begriffen und verstanden hatte. Man sprach nicht mehr von dieser oder jener politischen Frage, man sprach nur noch von der Beleidigung Frankreichs. Die ganze Entrüstung der Bevölkerung richtete sich gegen diesen preußischen Minister, den die Erfolge von Sadowa so weit verblendet hatten, daß er es wagen könne, Frankreich, das unbesiegliche Frankreich, die erste Macht Europa's zu beleidigen. Im Corps legislatif hatten zwar die Tage vorher die Mitglieder der Linken die Vorlesung der Depesche verlangt, durch welche jene Thatsache von Preußen den übrigen Mächten mitgetheilt worden wäre und sie hatten den ausweichenden Antworten der Minister gegenüber die schärfsten Reden gegen dieselben geführt.

Alle diese Reden hatten die Pariser nicht gehört und gelesen, denn man las zu jener Zeit keine Journale, sie hatten sie auch nicht lesen wollen, denn wenn die Pariser einmal bis zu einem gewissen Grade der Erregung gelangt sind, so weisen sie jede Beruhigung zurück und steigern in immer wachsendem Maße ihre Gefühle bis zur höchsten Siedehitze.

Die Nachricht hatte sich verbreitet, daß der Kaiser von St. Cloud kommen werde, um in den Tuilerien einen Ministerrath abzuhalten.

Die glühende Mittagssonne, welche schon so oft die Pariser bis zum politischen Wahnsinn exaltirt hatte, hielt sie auch diesmal nicht ab, in dicht gedrängten Massen auf den Champs Elysées, der Place la Concorde und auf dem Carousselplatz die Ankunft des Kaisers zu erwarten.

Endlich hörte man vom Arc de Triomphe her laute Hochrufe erschallen und bald sah man die beiden Piqueurs in den grün goldenen Livreen, welche der vierspännigen Kalesche des Kaisers voranritten an dem Eingang der Champs Elysées nach dem Place la Concorde zu.

Der Kaiser hatte keine militairische Escorte, er saß in Civil gekleidet, mit dem General Favé allein im Wagen, der langsam über den Eintrachtsplatz fuhr, der so von Menschen angefüllt war, daß nur mit Mühe ein Weg für die kaiserliche Equipage frei gemacht werden konnte.

Der Kaiser sah wohler und heiterer aus, als man ihn in den letzten Tagen zu sehen gewohnt gewesen war. Er saß gerade aufgerichtet da, ein heiteres stolzes Lächeln lag auf seinem Gesicht und mit offenen klaren Blicken sah er über diese Menschenmassen hin, welche ihn mit einem Enthusiasmus, den er in solchem Maße lange nicht mehr gewohnt war, mit unausgesetzten Hurrahrufen begrüßten.

Napoleon dankte wiederholt mit der Hand winkend und wendete sich zuweilen mit heiterer Miene zu dem General, um demselben einige Worte zu sagen.

Als der Wagen dem alten Hotel Talleyrands gegenüber in die Rue Rivoli bog, stimmte eine dort stehende Gruppe junger Leute, die Hüte dem Kaiser entgegen schwenkend mit lauter Stimme die Marseillaise an.

Napoleon wandte schnell den Kopf nach der Seite hin, woher diese so lange in Frankreich verpönten Töne erklangen, – er hatte auf alle Grüße bisher nur mit freundlichen Handbewegungen gedankt. Jetzt nahm er den Hut ab und hielt denselben, den Kopf nach jener Gruppe hinneigend, so lange in der Hand, bis der Wagen sich der Eingangsthür des innern Hofes der Tuilerien näherte.

Ein betäubender Jubelruf, welcher sich bis auf den Carousselplatz fortsetzte, dankte dem Kaiser für diese dem wieder erwachten Nationalhymnus dargebrachte Huldigung, und immer heiterer und stolzer wurde das Gesicht des Kaisers, der nun im schnellen Trabe durch den innern Hof am großen Portal des Pavillon de l'Horloge vorfuhr; indem er sich nur ganz leicht auf den Arm des General Favé stützte, stieg er mit elastischen Schritten die Treppe hinauf und trat in sein Cabinet.

»Sind die Minister hier,« fragte er den Huissier, der ihm die Thür öffnete.

»Zu Befehl, Sire.«

»Ich lasse sie bitten sogleich einzutreten.« Wenige Augenblicke darauf traten der Herzog von Gramont, Herr Emil Ollivier und der Marschall Le Boeuf in das Cabinet des Kaisers.

Trotz seiner vornehmen, ruhigen Sicherheit zeigte der Herzog von Gramont eine gewisse Präoccupation, ein wenig unruhig und leicht befangen blickte er auf den Kaiser, der stolz aufgerichtet, die Hand auf die Lehne seines Sessels gestützt, neben dem runden Tisch in der Mitte des Cabinets stand und mit freundlichem Kopfneigen die drei Minister begrüßte.

Herr Ollivier befand sich in zitternder, nervöser Erregung. Sein Gesicht war bleicher als sonst, seine Lippen zuckten und sein unsicheres Auge blickte fast fieberhaft brennend unter der schmalen Brille hervor.

Die schwere markige Gestalt des Marschall Le Boeuf stand fest und ruhig da wie immer, sein martialisches Gesicht mit den etwas starr blickenden Augen und dem mächtigen Schnurrbart zeigte keinen anderen Ausdruck als den einer ruhigen, sorglosen Sicherheit.

Auf einen Wink des Kaisers nahmen die drei Herren um den Tisch Platz, an dessen Mitte Napoleon sich niederließ.

»Die Lage ist ernst, meine Herren,« sagte der Kaiser mit fester voll klingender Stimme und ohne jenen Ausdruck unschlüssigen Zögerns, der sonst auf seinem Gesicht zu liegen pflegte. »Preußen hat die Verhandlungen, welche ich in dem versöhnlichsten Sinne begonnen, abgebrochen, und wir werden demgemäß unsere Entschlüsse zu fassen haben. Sie haben mir mitgetheilt, Herr Herzog, daß der König von Preußen in beleidigender Weise Benedetti zu empfangen, verweigert habe.«

Der Herzog hustete leicht.

»Die Beleidigung, welche Preußen gegen uns begangen, Sire,« sagte er, »liegt nicht so sehr in der Weigerung des Königs mit Benedetti über diesen Gegenstand nicht mehr sprechen zu wollen, da er ihm bereits seine Meinung bestimmt und endgültig mitgetheilt hatte, als in der Thatsache, daß die Weigerung von Berlin aus den übrigen europäischen Mächten mitgetheilt wurde.«

Ein sprühendes Feuer blitzte in den groß geöffneten Augen des Kaisers auf.

»Das hat man gethan?« rief er.

»Ich habe heute morgen von allen Seiten,« erwiderte der Herzog von Gramont, »die Mittheilung darüber durch unsere Vertreter erhalten, überall ist das Factum durch die preußischen Diplomaten mitgetheilt worden, und hierin, Sire, erblicke ich das letzte Glied in jener Kette von Nichtachtung, Provokationen und Beleidigungen gegen uns, welche Preußen seit langer Zeit an einander gefügt hat. Mein französisches Gefühl, Sire, empört sich, das Maß der Geduld und Langmuth ist voll. War es schon sachlich, nachdem der König von Preußen die verlangte Genugthuung und Garantie für die Zukunft verweigert, sehr schwer, eine friedliche Lösung für die vorliegende Differenz zu finden, so ist dies nach meiner Überzeugung, welche von meinen Collegen getheilt wird, nunmehr ganz unmöglich. Die öffentliche Meinung ist in einer Weise aufgeregt, daß wenn nicht die energischste und festeste Antwort auf diese preußische Beleidigung erfolgt, der ganze Zorn des empörten Nationalgefühls sich gegen die Regierung wenden wird. Nach meiner Überzeugung kann diese Antwort nur eine einzige sein. Der Würfel ist gefallen, Sire! Wir müssen den Krieg erklären!«

Der Kaiser blickte auf Ollivier und den Marschall Leboeuf.

Auf ihren Zügen lag deutlich die Zustimmung zu den Worten des Collegen.

Napoleon erhob das Haupt und sagte ruhig und fest:

»Ihre Ansicht, Herzog, ist die meinige. Ich habe soeben selbst die mächtige Erregung der Bevölkerung wahrgenommen, und eine Regierung, die wie die meinige auf dem Willen des Volkes beruht, muß einer so gewaltigen und einmüthigen Strömung des Nationalgefühls folgen. Ich konnte in den diplomatischen Fragen der Erhaltung des Friedens Zugeständnisse machen, und ich habe dies gethan seit einer Reihe von Jahren, ich habe die Ansprüche, welche Frankreich machen konnte und vielleicht noch entschiedener hätte machen sollen, um das gestörte Gleichgewicht in Europa wieder herzustellen, vertagt, bis dieselben vielleicht durch günstige diplomatische Constellationen ohne kriegerische Conflicte hätten durchgeführt werden können. Ich habe Vorschläge auf Vorschläge nach Berlin gehen lassen, um durch Erlangung von Compensationen die Freundschaft mit Preußen zu erhalten und vielleicht auch zu einer Allianz mit demselben zu kommen. Man hat das Alles zurückgewiesen und ich habe geschwiegen, – immer wartend, immer noch hoffend, endlich doch ein Arrangement zu erreichen. Jetzt aber handelt es sich nicht mehr um das europäische Gleichgewicht, es handelt sich nicht mehr um diese oder jene politischen Arrangements, – Frankreich ist beleidigt! Die Ehre Frankreichs ist engagirt! – Es giebt für mich nur einen Weg, und diesen Weg bin ich um so fester und um so ruhiger zu gehen entschlossen, als die hohe nationale Begeisterung mir die Bürgschaft giebt, daß selbst im Falle unglücklicher Zwischenfälle das ganze Volk um so einmüthiger und fester hinter mir stehen wird.«

Der Herzog von Gramont athmete auf, seine anfängliche Befangenheit schwand bei den Worten des Kaisers, stolze Freude lag auf seinem Gesicht.

»Ich glaube an den Sieg, Sire,« rief Ollivier mit einer gewissen, ungeduldigen Hast das Wort ergreifend, als der Kaiser schwieg. »Denn wir sind stark und gerüstet nach allen Seiten. Aber sollte auch ein augenblicklicher Mißerfolg uns treffen, so wird dies die nationale Begeisterung noch mehr und mehr entflammen, und das Kaiserreich wird sich in diesem heiligen Feuer immer fester und unauflöslicher mit dem Blut und Leben der Nation verbinden. Eure Majestät wissen, wie ich den Frieden gewünscht habe, wie die Erhaltung des Friedens meine Bedingung bei Übernahme des Portefeuilles war, wenn ich jetzt sage: Der Krieg ist nothwendig, sofortige Kriegserklärung ist eine nationale Pflicht für Eure Majestät, dann werden Sie überzeugt sein, daß kaum Jemand in Frankreich in diesem Augenblick den Frieden wünschen kann, wenn er nicht zu gleicher Zeit der Feind Eurer Majestät und des Kaiserreichs ist, wenn er nicht wünscht, daß das Kaiserreich sich von dem nationalen Aufschwung trennen und damit den ersten Schritt zu seinem Untergang thun soll.«

»Herr Thiers wünscht den Frieden,« sagte der Kaiser leicht lächelnd, »er hat sich im Corps legislatif und auch sonst so öffentlich als möglich dafür ausgesprochen.«

»Die öffentliche Meinung, Sire,« erwiderte Herr Ollivier, »hat ihm sogleich darauf die Antwort gegeben, man hat vor seinem Hotel sehr lebhafte Demonstrationen gemacht und ihm zugerufen. »Nieder mit dem kleinen Preußen!«

»Herr Thiers sollte nicht vergessen,« sagte der Kaiser, »daß sein König Louis Philippe gefallen ist, weil er einen Krieg nicht führen wollte, den das Nationalgefühl verlangte, und weil er die Demüthigung Frankreichs weiter trieb, als der französische Stolz es ertragen kann. Vielleicht möchte Herr Thiers wünschen daß ich denselben Fehler begehe, um demselben Schicksal zu verfallen, – sein Wunsch soll nicht erfüllt werden. Wollen Sie, mein lieber Herzog, mit Herrn Ollivier die Kriegserklärung entwerfen? Ich werde morgen wieder hereinkommen, da ich Sie in dieser viel bewegten Zeit, nicht durch eine Fahrt nach St. Cloud ihren Geschäften entziehen darf, um dann im gesammten Ministerrath die Erklärung fest zu stellen. Bereiten Sie die Pässe für den Baron Werther vor.«

»Der Baron, Sire,« erwiderte der Herzog von Gramont, »ist heute bereits bei mir gewesen, um mir anzuzeigen, daß er sich auf Urlaub begebe. Es sind,« fuhr er fort, »vor seinem Hotel einige unangenehme Demonstrationen vorgekommen.«

»Man soll dort sogleich starke Polizeimacht, – wenn es nöthig ist, Truppen aufstellen,« rief der Kaiser, »und den Botschafter gegen jede feindliche Kundgebung auf das Entschiedenste schützen. Die nationale Entrüstung darf die Grenzen der völkerrechtlichen Pflichten und des Anstandes, den die civilisirten Nationen unter allen Umständen einander schuldig sind, nicht überschreiten. Nun aber, meine Herren,« sagte er dann, »nachdem der entscheidende Entschluß gefaßt ist, haben wir nicht mehr rückwärts, sondern vorwärts zu blicken. Wir müssen uns klar machen, auf welche Weise wir alle Chancen des Erfolges auf unserer Seite vereinigen. Wie stehen unsere Beziehungen zu den Mächten? Haben wir Aussichten auf Allianzen und directe Unterstützungen?« fragte er, zum Herzog von Gramont gewendet, – »unsere ganze Diplomatie muß die höchste Anstrengung entwickeln, um der militairischen Action zur Seite zu stehen.«

»Alle Mächte, Sire,« erwiderte der Herzog von Gramont, »haben die Gerechtigkeit unserer Forderung auf Beseitigung der Hohenzollernschen Candidatur anerkannt, und es liegt in der Natur der Sache, daß Österreich, Schweden und Dänemark schon zu Anfang eine uns freundliche Neutralität beobachten werden. Auch rechne ich auf die Preußen so äußerst feindliche Stimmung in Süddeutschland, so wie auf die unterwühlten Zustände in den annectirten Provinzen.«

»Alles das ist gut,« sagte der Kaiser mit einer leichten Nüance von Ungeduld im Ton, »aber wir haben keine bestimmten Thatsachen, keine bestimmten Erklärungen.«

»Ich kann die vielfachen Versicherungen des Herrn von Beust über die Identität der Interessen Frankreichs und Österreichs,« erwiderte der Herzog, »nur als die Grundlage der bestimmten Erwartung ansehen, daß Österreich mindestens bei den ersten günstigen Erfolgen unserer Waffen activ auf unsere Seite treten werde. Noch gestern habe ich eine Depesche des Herrn von Beust erhalten, in welcher jene Versicherungen wiederholt werden und zugleich ausgesprochen ist, daß Österreich für den Erfolg unserer Waffen Alles in den Grenzen der Möglichkeit Liegende thun werde, – ich habe Eurer Majestät diese Depeschen sofort zugehen lassen –«

»Ich habe sie gelesen,« sagte Napoleon die Achseln zuckend, »die Grenzen der österreichischen Möglichkeiten sind sehr weit gezogen, – Fürst Metternich hat mich beschworen, den Conflict zu vermeiden.«

»Sire,« erwiderte der Herzog von Gramont, »ich gebe auf die officiellen Schritte Österreichs wenig, sie werden gethan, um nach allen Seiten hin sich zu decken und die neutrale Haltung constatiren zu können. Ich lege das Hauptgewicht auf meine Kenntnisse der dortigen Verhältnisse und auf den natürlichen und nothwendigen Wunsch, von dem sowohl der Kaiser als Herr von Beust beseelt sein müssen, jede Gelegenheit zu benutzen, um die Niederlage von 1866 wieder gut zu machen.«

»Ich rechne nicht auf Österreich,« sagte der Kaiser, »seit Jahren habe ich dort nichts gefunden, als ohnmächtige Wünsche und schwankendes Zögern, das sich nach keiner Seite compromittiren möchte. Etwas Anderes ist es mit den Sympathien, die wir in Deutschland selbst finden könnten. Baiern und Würtemberg sind durch Frankreich auf ihre heutige Stellung erhoben, sie werden sich hoffentlich daran erinnern, und in Baiern hat ja die ultramontane Partei eifrig in diesem Sinne gearbeitet. Auf die annectirten Provinzen rechne ich weniger, – höchstens bei einem Rückzug der preußischen Armee könnte uns dort ein Aufstand unterstützen.«

»Ich muß Eurer Majestät mittheilen,« sagte der Herzog von Gramont, »daß sich ein Graf Breda auf dem auswärtigen Ministerium gemeldet hat, welcher Propositionen zu einem Bündniß mit dem König von Hannover zu machen beauftragt sein will.«

»Graf Breda?« fragte der Kaiser, »derselbe, der früher bei unserer Gesandtschaft in Stockholm war und dort –«

»Derselbe, Sire,« erwiderte der Herzog von Gramont, »er scheint jetzt im Dienste der Depossedirten seine unterbrochene diplomatische Carriere fortsetzen zu wollen.«

Der Kaiser zuckte die Achseln.

»Was proponirt er,« fragte er.

»Ein hannöversches Corps von zwanzigtausend Mann, wogegen im Fall des Sieges die früheren Besitzungen des Welfenhauses zu einem Niedersächsischen Königreich wieder vereinigt werden sollen.«

Napoleon lächelte mitleidig.

»Ein Corps von zwanzigtausend Mann,« sagte er, – »nachdem der König seine Legion, die ihm vielleicht die Möglichkeit hätte geben können, in die Entwickelung der Action einzugreifen, nach allen vier Winden zerstreut hat. Der arme König,« fuhr er fort, »welch ein trauriges Schicksal, – in welche Hände ist dieser arme Fürst gefallen, – ich bitte Sie, mein lieber Herzog, diesen Grafen Breda nicht zu empfangen. Der beste Dienst, den ich dem unglücklichen König von Hannover leisten kann, ist der, daß ich solche Propositionen von Personen, die sich für seine Agenten ausgeben, vollständig ignorire. Wollen die Hannoveraner sich zu seinen Gunsten erheben, so mögen sie es thun, ich kann mich mit dieser Sache nicht weiter befassen und ohne jeden Nutzen und Beistand den Kampf mit Preußen nicht auf das Äußerste verbittern, – übrigens bin ich überzeugt, daß der arme König von solchen abenteuerlichen Propositionen selbst garnichts weiß und daß er mir dankbar sein wird, wenn ich dieselben der Vergessenheit übergebe.

»Ich habe ein Programm an die deutschen Völker entworfen,« sagte er nach einer kurzen Pause, »in welchem ich ihnen sage, daß ich nicht die Grenzen überschreite, um Deutschland den Krieg zu erklären, daß ich im Gegentheil Deutschland befreien will von einer übermächtigen und übermüthigen Gewalt, welche die freie Autonomie und Selbstbestimmung der deutschen Stämme vernichtet, und daß ich vor allen Dingen keine Eroberung auf deutschem Boden machen will –«

»Eine solche Proclamation, Sire,« fiel Herr Ollivier lebhaft ein, »ist vortrefflich und wird unendlich dazu beitragen, daß Preußen in Deutschland selbst jede moralische Unterstützung verliert. Wenn ich in demselben Sinne eine Rede im Corps legislatif hielte –«

»Das französische Nationalgefühl, Sire,« sagte der Marschall Leboeuf, indem er seinen großen starken Schnurrbart an beiden Enden heraufdrehte, »wird einen solchen platonischen Krieg nicht verstehen. Der öffentlichen Meinung in Frankreich im Allgemeinen,« fuhr er fort, »ist es sehr gleichgültig, wie Deutschland sich constituirt, ob es unter preußischer Suprematie steht oder nicht, wenn nur Frankreich den Rhein besitzt, so mag dann auf der andern Seite desselben geschehen, was da will.«

Der Kaiser blickte fragend auf den Herzog von Gramont.

»Was der Herr Marschall so eben bemerkt, Sire,« sagte dieser, »scheint mir nicht unbegründet, auf der andern Seite aber erkenne ich die Wirkung einer Proclamation, wie Eure Majestät die Gnade hatten, sie anzudeuten im hohen Grade an, sowohl in Betreff ihrer Wirkung auf die süddeutsche Bevölkerung, als auch auf die übrigen europäischen Cabinette. Denn durch eine solche Proclamation würde der Vorwurf eines Eroberungskrieges von Frankreich zurückgewiesen werden. Es käme nur darauf an, durch eine geschickte Fassung der Worte beiden Gesichtspunkten gerecht zu werden, und die Proclamation so zu redigiren, daß sie sowohl in Frankreich, als auch in Deutschland eine günstige Wirkung erzielt.«

»Eine solche Redaction wird sich finden lassen,« rief Herr Ollivier, »wenn Eure Majestät –«

»So ganz platonisch,« sagte der Kaiser lächelnd, »würde übrigens der Krieg nicht sein. Zunächst wird Jedermann erkennen, daß wenn wir siegen und wenn dadurch die Constituirung eines politisch und militairisch geeinigten Deutschlands unter preußischer Führung definitiv verhindert wird, die Erwerbung von Compensationen auf deutschem oder anderem Gebiet weit weniger nothwendig wird, als sie es wäre, wenn wir uns mit dem preußischen Deutschland in Güte verständigen wollten, – sodann aber wird wohl Niemand in ganz Europa dem siegreichen Frankreich das Recht streitig machen wollen, diejenigen Grenzen zurückzufordern, welche man ihm im Jahre 1814 zugestand, als es von der europäischen Coalition besiegt darniederlag, und Niemand wird in der Wiederherstellung dieser damals von ganz Europa sanctionirten Grenzen eine Eroberung erblicken können.«

Der Geheimsecretair Pietri trat durch den besondern, für ihn bestimmten Eingang in das Cabinet.

»Sire,« sagte er, »es sind zwei Depeschen vom auswärtigen Amt so eben gebracht worden, um dieselben dem Herrn Herzog von Gramont zu übergeben –«

»Ich habe die Anweisung hinterlassen, Sire,« fiel der Herzog ein, »alle ankommenden Depeschen sofort hierherzubringen, da sie für die von Eurer Majestät zu fassenden Entschlüsse von Einfluß sein könnten.«

Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf und auf seinen Wink reichte Pietri die beiden Depeschen, welche er in der Hand hielt, dem Herzog von Gramont, der sie schnell eröffnete und ihren Inhalt überflog.

Er erbleichte und eine unruhige, zornige Erregung trat an die Stelle der heitern, sorglosen Zuversicht, welche bisher auf seinen Zügen gelegen hatte.

»Nun,« fragte der Kaiser, forschend in das so schnell veränderte Gesicht des Herzogs blickend.

»Sire,« sagte der Herzog von Gramont, indem die Depeschen in seinen Händen leise zitterten, »eine ebenso unerwartete als unangenehme Nachricht! Aus München und Stuttgart wird gemeldet, daß man dort an dem Bündniß mit Preußen festhält, die Armee mobil gemacht und unter den Befehl des Königs von Preußen gestellt hat, – unsere Gesandten sehen jeden Augenblick der Zustellung ihrer Pässe entgegen.«

Ollivier blickte ganz erstaunt und unruhig umher.

Der Marschall Leboeuf strich lächelnd über seinen dichten, mächtig hervorspringenden Kinnbart, – der Kaiser blickte einen Augenblick in düsterm Schweigen vor sich nieder, dann hob er mit klarem, stolzem Blick das Haupt wieder empor und sagte.

»So weit wie die Dinge jetzt gekommen sind, darf uns keine fehlgeschlagene Erwartung erschüttern. Das Schicksal will den Entscheidungskampf, und wir müssen mit festem und ungebeugtem Muth in denselben eintreten. Die Geschichte unseres Landes lehrt uns, daß die eigene Kraft Frankreichs die beste und kräftigste Bürgschaft für unseren Erfolg ist. Wir haben,« fügte er mit erhobener Stimme hinzu, »öfter durch unsere Siege Bundesgenossen gefunden, als durch unsere Bundesgenossen Siege erfochten. Der Gegenstand, über den wir soeben sprachen, ist durch diese Mittheilung erledigt,« fuhr er fort, indem er einen vor ihm liegenden, ganz mit seiner kleinen zierlichen Handschrift beschriebenen Bogen zusammenfaltete. »Da ganz Deutschland es für gut findet, sich unter die Führung und Botmäßigkeit Preußens zu stellen, so haben wir nicht nöthig, uns für die Ausnutzung unseres Sieges Schranken aufzulegen. Die Proclamation, von der wir sprachen, ist überflüssig geworden. Frankreich wird sich die volle Freiheit erhalten, Alles das zu nehmen und zu behalten, was seine Interessen ihm nothwendig und wünschenswerth machen. Finden wir aber keine Alliirte in Deutschland selbst,« sagte er dann, »so müssen wir uns um so mehr Diejenigen zu sichern suchen, welche außerhalb Deutschlands durch ihre eigenen Interessen auf uns angewiesen sind. Dänemark hat seine Neutralität erklärt, – das mag gut sein für den Beginn des Krieges; aber ich lege einen großen Werth darauf, daß nach den ersten Erfolgen dort eine für uns freundschaftliche Action eintrete, welche preußische Kräfte absorbirt und uns die Möglichkeit einer Landung erleichtert. Ich will den Herzog von Cadorn in außerordentlicher Mission nach Kopenhagen schicken, damit er den dortigen Hof veranlasse, bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit, aus seiner Neutralität herauszutreten, – ich hoffe, das wird nicht schwer sein, und das Vorgehen Dänemarks wird dasjenige Schwedens auf der Stelle nach sich ziehen, – würde damit auch nichts weiter erreicht, als daß Rußlands Kräfte nach dem Norden gezogen und von einer Pression auf Österreich abgezogen werden, so wird das schon von großer Bedeutung sein. Wollen Sie, mein lieber Herzog die Instructionen und Creditive für Cadorn so schnell als möglich bereit stellen lassen.«

»Zu Befehl, Sire,« sagte der Herzog sich verneigend, »ich bewundre den Gedanken Eurer Majestät und die vortreffliche Wahl der Person –«

»Zugleich aber,« fuhr der Kaiser fort, »ist es nothwendig, eine energische, diplomatische Action in Wien eintreten zu lassen, um auch dort den ersten günstigen Augenblick zu benutzen und Alles aufzubieten, einen schnellen Entschluß hervorzurufen. Der Fürst Latour d'Auvergne muß sogleich seine Thätigkeit beginnen, und ich bitte Sie, auch in dieser Beziehung das Nöthige zu veranlassen, mein lieber Herzog. Man muß auf der Basis derjenigen Unterhandlungen wieder beginnen, welche der General Türr eingeleitet hatte und deren Ziel die im Princip bereits approbirte Vertragsskizze sein wird, nach welcher gegen Abtretung von Welsch-Tyrol Italien im Fall einer russischen Intercession sich zur activen Unterstützung Österreichs und zum Anmarsch gegen die süddeutschen Grenzen verpflichtet. Herr von Beust hat dem Abschluß dieses Vertrages einst Schwierigkeiten entgegen gestellt, der erste Erfolg unserer Waffen muß benutzt werden, um unter dem dadurch hervorgebrachten Eindruck den unmittelbaren Abschluß jenes Vertrages kategorisch zu fordern.«

Der Herzog von Gramont hatte sich mit einem Crayon einige Notizen auf einem vor ihm liegenden Blatt Papier gemacht und verneigte sich zum Zeichen seines Einverständnisses mit den Anordnungen des Kaisers.

»Nun, mein Herr Marschall,« sagte Napoleon, sich zum Kriegsminister wendend, – »Sie sehen, daß die Vorbereitungen der Diplomatie getroffen sind, wie steht es mit den Ihrigen?«

»Alles ist bereit, Sire,« erwiderte der Marschall Leboeuf mit seiner starken rauhen Stimme, »es fehlt nicht ein Knopf an der Ausrüstung der Armee, nicht eine Bajonettspitze an ihrer Bewaffnung. Unsere Magazine sind gefüllt, in Toulon liegen sieben Transportschiffe bereit, um die Armee von Algier herüberzuschaffen. Alle Vorbereitungen sind getroffen, um die Truppen von Châlons in sechszehn Stunden an die Grenze zu bringen. Heute sind zwölftausend Eisenbahnwagen mit Mehl und Zwieback nach den Ostgrenzen abgegangen, und in wenigen Tagen wird Eurer Majestät Armee bereit sein, in Deutschland einzurücken.«

Der Kaiser nickte bei den Mittheilungen des Marschalls mit dem Kopfe.

»Und der Generalstab,« fragte er dann.

»Der Generalstab, Sire, wie Eurer Majestät Hauptquartier,« erwiderte der Marschall, »für welches Sie mich zu Ihrem Major-General zu bestimmen die Gnade gehabt haben, ist formirt aus den besten Officieren, die ich habe finden können, und in kürzester Frist werden auch die Generalstäbe der einzelnen Corps mit tüchtigen Kräften besetzt sein.«

»Und hat man genügend Karten von Deutschland,« fragte der Kaiser, »nicht nur für den Generalstab, sondern auch für die übrigen Officiere?«

»Sire,« erwiderte der Marschall, sich martialisch aufrichtend, »jeder Officier Ihrer Armee hat eine Karte, welche ihm den sichersten und geradesten Weg nach Berlin zeigen wird, und ich habe die Meinige bei mir.«

Er schlug schallend an seinen Degen, indem er zugleich mit der andern Hand die Spitzen seines Schnurrbarts emporkräuselte.

Der Kaiser sah ihn einen Augenblick ganz betroffen an, während Herr Ollivier sich ebenfalls mit kriegerisch stolzer Miene aufrichtete, und der Herzog von Gramont noch einige Notizen niederschrieb.

»Die Vortrefflichkeit Ihrer Karten,« sagte Napoleon lächelnd, »hat sich in den verschiedenen Feldzügen Frankreichs mehrfach bewährt, indessen wäre es doch gut, wenn die Officiere daneben auch noch andere Karten zur Verfügung hätten und nicht bloß auf die magnetische Anziehungskraft angewiesen blieben, welche die feindliche Hauptstadt auf die Spitze ihres Degens ausübt, ich hoffe daß Sie dafür Sorge tragen werden,« fügte er mit festem und bestimmtem Ton hinzu.

Der Marschall verneigte sich, jedoch zeigte seine Miene dabei deutlich, daß er auf die Hülfsmittel der geographischen Wissenschaft von seinem soldatischen Gesichtspunkt aus einen nicht eben allzugroßen Werth zu legen geneigt sei.

»Ich erwarte Sie morgen in St. Cloud, Herr Marschall,« fuhr Napoleon fort, »um mir die Bestimmungen über die einzelnen Corps der Armee zur definitiven Entscheidung vorzulegen, – eine Anweisung darüber habe ich Ihnen schon zugehen lassen. Und nun bleibt Ihnen noch überlassen, mein lieber Herr Ollivier,« fuhr er dann fort, »das große Agens aller Kriege herbeizuschaffen, nämlich das Geld. Wir bedürfen nach den angestellten Berechnungen einen Credit von dreißig Millionen für die Armee und einen weitern Credit von sechzig Millionen für die Marine. Die Vorlage muß so schnell als möglich im Corps legislatif gemacht werden.«

»Und sie wird mit jubelnder Acclamation aufgenommen werden, Sire,« rief Herr Ollivier, »und wenn Eure Majestät das Doppelte und Dreifache fordern würden, – in diesem Augenblick würde Frankreich Ihnen nichts verweigern.«

»Also, meine Herren,« sagte Napoleon aufstehend, »ich erwarte die Vorlage der Kriegserklärung, sowie die schnelle und pünktliche Ausführung aller eben besprochenen Maßregeln.

»So treten wir denn nun,« fügte er ernst hinzu, »der großen Entscheidung entgegen, welche so lange wie ein schwüles Wetter über unsern Häuptern geschwebt hat, und es bleibt uns nur noch die Bitte übrig: Gott schütze Frankreich!«

Er sprach diese Worte tief aus der Brust heraus, während er die Augen wie fragend emporschlug.

»Gott schütze Frankreich!« wiederholten die drei Minister –

Vom Carousselplatz herauf ertönte in diesem Augenblick die Melodie der Marseillaise, welche ein vorüberziehendes Musikkorps intonirte, und in welche die versammelte Menge sogleich laut und kräftig einfiel.

Der Marschall Leboeuf blickte ganz erstaunt auf, Herr Ollivier hob die Hand empor und rief mit pathetischem Ton:

»Der Geist Frankreichs, Sire, spricht aus diesen Tönen zu Euer Majestät, der Geist der Freiheit und der Civilisation, vor welchem diese preußischen Armeen schnell werden zersprengt werden.«

Der Kaiser lauschte einen Augenblick schweigend den immer mächtiger anschwellenden Klängen.

»Möchten sie,« sprach er leise, »die Dämonen der Revolution hinausführen auf die Schlachtfelder des nationalen Ruhms, damit ihre gewaltige Kraft sich zu immer festerer Erstarkung des Kaiserthums entwickele.«

Er schwieg noch einige Augenblicke – sein brennender Blick schien den Schleier der Zukunft durchdringen zu wollen.

Dann sprach er mit liebenswürdiger Artigkeit.

»Nun, meine Herren Minister, schicke ich Sie fort – Jeder von uns muß an seine Arbeit, und die nächste Zeit wird uns deren viele bringen.«

Er reichte den Herren die Hand.

Dieselben verließen ernst und schweigend das Cabinet.

Unmittelbar darauf meldete der Kammerdiener Herrn Rouher, den früheren Staatsminister und gegenwärtigen Senatspräsidenten.

Auf den zustimmenden Wink Napoleons trat dieser langjährige Leiter der kaiserlichen Regierung langsam und in fast feierlicher Haltung ein.

Der Kaiser ging ihm heiter lächelnd entgegen und reichte ihm die Hand, welche Herr Rouher ehrerbietig ergriff und einen Augenblick in der Seinen hielt, während er mit einem traurigen Ausdruck den Kaiser ansah.

»Nun, mein lieber Rouher,« sagte Napoleon, »wir stehen an der großen Entscheidung, und ich hoffe, daß es nunmehr gelingen wird, die Krönung des Gebäudes zu vollenden, dessen Grundmauern Sie mit so viel Eifer und Beharrlichkeit aufgeführt haben.«

Das volle Gesicht des Herrn Rouher mit dem feinen beredten Munde und den klaren, scharf blickenden Augen zeigte eine Bewegung, welche diesem scharf berechnenden Meister der Dialektik und der parlamentarischen Debatte sonst nicht eigentümlich war.

»Sire,« sagte er, »Eure Majestät wissen, mit welcher Mühe ich Jahre lang daran gearbeitet habe, die Krönung des kaiserlichen Gebäudes auf andere Weise und ohne eine kriegerische Catastrophe abzuschließen. Eure Majestät haben die Führung Ihrer Regierung andern Händen anzuvertrauen für gut befunden, und mir bleibt nur zu hoffen übrig, daß der Erfolg den Erwartungen Eurer Majestät und den heißen Wünschen entsprechen möge, welche ich für denselben im Herzen trage.«

Der Kaiser blickte seinen langjährigen Rathgeber einen Augenblick nachdenklich an.

»Sie sind nicht einverstanden, mein lieber Rouher,« sagte er dann mit einer gewissen unsichern Befangenheit in der Stimme, »mit dem Gange der Ereignisse und doch müssen Sie zugeben, daß es jetzt unmöglich ist, die Dinge auf einen andern Weg zu lenken.«

»Majestät,« erwiderte Herr Rouher, »ich würde niemals das Verfahren desjenigen billigen können, der durch sichere und ruhige Unternehmungen ein großes Vermögen zu gründen und zu erhalten im Stande ist und der, statt diese Unternehmungen mit Consequenz zu verfolgen, sich auf ein Hazardspiel einläßt, das ihn in einem Augenblick zum Millionair machen, – aber verzeihen Eure Majestät – auch den Verlust vieler erworbenen Güter herbei führen kann. Ebenso –«

»Ebenso,« fiel der Kaiser ein, »finden Sie, daß der Krieg in der Politik ein Hazardspiel sei, das man nicht unternehmen müsse und das vieles bereits Erreichte in Frage stellen könne. Aber mein Gott,« fuhr er lebhafter fort, »wenn die ganze Nation den Krieg will, – ich bin der Erwählte der Nation, – ich muß dem Nationalwillen mehr Rechnung tragen, als irgend ein andrer Regent, Sie müssen zugeben, daß ganz Frankreich zum Kriege drängt, daß Ollivier, dieser Mann des Friedens, und die ganze hinter ihm stehende liberale Partei von der Notwendigkeit des Krieges durchdrungen sind und denselben mit Enthusiasmus aufnehmen.«

Herr Rouher schüttelte langsam den Kopf.

»Ollivier, Sire,« sagte er dann achselzuckend, »wird Alles wollen, was ihm Gelegenheit giebt, eine jener pathetischen Reden zu halten, in denen er sich so sehr gefällt. Wenn Ollivier Eurer Majestät übrigens,« fuhr er fort, »von der liberalen Partei spricht, welche hinter ihm steht, so möchte ich mir eine abweichende Ansicht auszusprechen erlauben – hinter Ollivier steht Niemand. Eure Majestät haben mit ihm nicht seine früheren Gesinnungsgenossen gewonnen, Eure Majestät haben ihn isolirt und nur einen einzelnen Mann auf Ihre Seite gebracht. Den Werth dieses Gewinns,« sagte er mit einem leisen Anklang von Ironie, »wird die Zukunft zeigen. Eure Majestät haben ferner,« sprach er dann weiter, »von der öffentlichen Meinung Frankreichs gesprochen, welche den Krieg verlangt, Eure Majestät haben Recht, die öffentliche Meinung verlangt den Krieg. Aber hat man sie denn nicht dahin gebracht, ihn zu verlangen? – und dann, Sire, die öffentliche Meinung ist ein wunderbares Ding. Sollte dieser Krieg, was Gott verhüten wolle, unglücklich für Frankreich ausfallen, so wird jeder Einzelne aus dieser Menge, deren zusammen tönender Ruf jetzt die öffentliche Meinung bildet, seine Urheberschaft an dem Krieg verleugnen, auf Eure Majestät und Ihre Regierung allein wird man die Schuld desselben werfen.«

»Aber halten Sie es denn für möglich,« fragte der Kaiser, »jetzt noch den Krieg zu vermeiden?«

»Nein, Majestät,« erwiderte Herr Rouher, »jetzt nicht mehr. Vor wenigen Tagen vielleicht wäre das noch möglich gewesen. Man konnte die Zurücknahme der Hohenzollernschen Candidatur als einen großen Triumph der französischen Intercession darstellen, und wenn dies von allen Organen der Regierung und der ihr zu Gebote stehenden Presse geschehen wäre, so würde ganz Frankreich in diesem Augenblick ebenso befriedigt sein und ebenso stolz auf das wieder hergestellte Prestige des Kaiserreichs blicken, als es nun nach der Entscheidung durch die Waffen ruft. Wenn diese unglückliche Frage der Garantie für die Zukunft, welche ja doch practisch kaum eine Bedeutung gehabt hätte, nicht gestellt wäre, wenn man der Kammer und der ganzen französischen Nation die Zurückweisung einer fernern Discussion von Seiten des Königs von Preußen nicht als eine Beleidigung des Vertreters Frankreichs dargestellt hätte, dann, Sire, wäre es noch möglich gewesen, dieses gefahrvolle Spiel mit den eisernen Würfeln des Krieges zu vermeiden – jetzt, Sire, ist es nicht mehr möglich! Unter den Umständen, welche jetzt geschaffen sind, können wir nur noch von Gott und unserm Muthe den Triumph des französischen Degens erwarten. Und meine Aufgabe wird es sein, Sire, mit allen Mitteln, die mir zu Gebote stehen, durch den Einfluß der Körperschaft, an deren Spitze Eure Majestät mich gestellt haben, ganz Frankreich mit dem Muthe und der Begeisterung zu erfüllen, deren wir in dieser Katastrophe bedürfen. Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubniß, morgen mit einer Deputation des Senats vor Ihnen erscheinen zu dürfen, um die Gefühle auszusprechen, welche in diesem Augenblick ganz Frankreich beseelen müssen. Ich bitte Gott, daß die Befürchtungen, welche ich nicht ganz unterdrücken kann, welche ich aber in die verborgensten Tiefen meines Herzens zu verschließen für heilige Pflicht halte, niemals Wirklichkeiten werden mögen.«

Der Kaiser hatte ernst und sinnend den im Ton tiefer Überzeugung gesprochenen Worten des Herrn Rouher zugehört. Mit einer Bewegung voll herzlicher Freundlichkeit reichte er ihm die Hand und sprach:

»Der Würfel rollt, so bleibt nichts anderes übrig, als muthig zu erwarten, auf welche Seite er fallen wird. Das Unglück nicht zu fürchten, ist das beste Mittel, uns das Glück dienstbar zu machen.«

Herr Rouher verneigte sich schweigend und ging hinaus.

Napoleon blickte ihm lange sinnend nach.

»Vielleicht hat er Recht,« sagte er, träumerisch vor sich hinblickend, »vielleicht hätte ich versuchen sollen, das Verhängniß aufzuhalten, – nun,« sagte er tiefaufathmend, »vielleicht findet sich dazu noch der günstige Augenblick, vielleicht ist diese kalte Zurückweisung aller meiner Anerbietungen nur hervorgegangen aus der Voraussetzung, daß ich den letzten und entscheidenden Schritt zu thun nicht wagen würde. Wenn meine Armee schlagfertig an den Grenzen steht, wenn man sieht, daß ich zum vollen Ernst entschlossen bin, dann wird sich vielleicht noch einmal der Augenblick finden, um auf die Frage der Compensationen zurückzukommen, und ich werde dann in der günstigen Lage sein, daß nicht ich es bin, der Vorschläge macht und Anträge stellt.«

Er ging noch einige Augenblicke schweigend und tief nachdenkend auf und nieder; dann klingelte er und befahl seinen Wagen, um nach St. Cloud zurückzufahren.

Langsam fuhr er aus dem Hof der Tuilerien heraus und über den Place la Concorde nach den Champs Elysées hin. Überall wogten dichte Menschenmassen, und bis nach dem Bois de Boulogne hin wurde der Kaiser mit enthusiastischen Hochrufen begrüßt.

»Nieder mit Preußen!« rief man ihm aus allen Gruppen entgegen.

»Nach Berlin!«

Am Arc de Triomphe begegnete der Kaiser einem Bataillon der Voltigeurs der Garde, welches von einer Feldübung zurückkehrte und bestimmt war, in den nächsten Tagen nach Metz abzugehen.

Der Kaiser fuhr langsam im Schritt an den Soldaten vorbei, welche bei seinem Anblick ihre Käppis auf die Spitze der Bajonette steckten und laut sangen:

»Ça ira, ça ira, ça ira – Bismarc à la lanterne, Ça ira, ça ira, ça ira – Bismarc on le pendra.«

Napoleon legte lächelnd die Hand an den Hut und lange noch klang seinem Wagen diese alte Melodie aus der Schreckenszeit der Revolution nach, welche der Soldatenwitz mit diesem neuen Text versehen hatte.

Der Arc de Triomphe glänzte im Licht der Abendsonne, ruhig blickte das steinerne Antlitz des großen Kaisers von dem stolzen Bau herab.

Die jubelnde Menge begleitete die Soldaten, in ihren Gesang einfallend, während der Kaiser in den frischen, zierlich gepflegten Park einfuhr, in welchem die elegante Welt von Paris ihre Abendpromenade machte, und über welchem am Horizont die gewaltigen Umrisse des Mont Valerien emporragten.

Alles war Freude, Jubel und stolze Siegeszuversicht, und kein Auge durchdrang den Schleier der Zukunft, hinter welchem unmittelbar das furchtbare Bild sich erhob, das die siegreichen deutschen Truppen zeigte, wie sie in geschlossenen Reihen durch diesen Triumphbogen des französischen Ruhmes einzogen, während aus den Tiefen von Paris jene finstern Mächte heraufstiegen, um die Denkmäler der Jahrhunderte in Schutt und Asche zu verwandeln.

*

Um dieselbe Zeit, während ganz Paris in jubelnder Aufregung sich befand, waren in einem bescheidenen Restaurant der Passage Jeouffroi die Officiere der früheren hannöverschen Legion versammelt.

Sie saßen finster um den Tisch, auf welchem der Kellner mit der großen weißen Schürze soeben ihr Diner zu serviren begann. Auf allen diesen jugendlichen kräftigen Gesichtern war keine Spur von der Heiterkeit ihres Alters zu entdecken, und Sorge und Kummer blickten aus Aller Augen.

Der Lieutenant von Tschirschnitz strich den vollen blonden Schnurrbart zur Seite und sprach, finster die Zähne zusammenbeißend, indem er sich zu dem neben ihm sitzenden Kriegscommissair Ebers, dem einzigen älteren Manne von der Gesellschaft wandte.

»Wie lange kann unsere Kasse noch reichen?«

»Vierzehn Tage vielleicht,« erwiderte der Commissair Ebers achselzuckend, »wenn wir uns auf das Äußerste einschränken, und wenn wir alle unsere nothwendigsten Kleidungsstücke verkaufen, so können wir vielleicht noch weitere vierzehn Tage gewinnen, dann aber ist es jedenfalls aus.«

»Wer uns das gesagt hätte,« rief der Lieutenant Götz von Ohlenhusen, indem er einen tiefen Zug aus einem vor ihm stehenden Seidel Dreherschen Bieres that, »als wir von Hannover auszogen und Alles im Stich ließen, um uns dem Dienst des Königs zu erhalten –«

»Der hätte uns jedenfalls einen großen Dienst geleistet,« sagte Herr von Tschirschnitz, »ich hätte jetzt meine Kompagnie in Sachsen, eine ehrenvolle Stellung und eine schöne Carriere vor mir, während wir uns jetzt hier in einer Lage befinden, die in Wahrheit geeignet ist, selbst unserem bisher unzerstörbaren Humor den Todesstoß zu geben. Hier im fremden Lande ohne Mittel, ohne Stütze, ohne Anhalt – in Deutschland als Hochverräther verurtheilt! – Wir werden bald in der Lage sein, daß kein Fuß breit Erde, kein Athemzug Luft mehr in dieser Welt für uns übrig ist.« »Was bleibt uns übrig,« sagte Herr von Götz finster, »als uns irgendwo anwerben zu lassen. Man denkt ja daran, eine Fremdenlegion zu bilden.«

»Ein Glück für uns wäre es gewesen, wenn uns bei Langensalza eine Kugel getroffen hätte,« rief der Lieutenant von Dinklage, indem er ein großes Glas Rothwein herunterstürzte und das leere Glas dann heftig auf den Tisch stieß, »dann wären wir doch in Ehren aus der Welt gekommen, in welcher wir doch keinen Raum mehr für ein anständiges Leben finden.«

Durch die Reihen der hier zahlreich versammelten Gäste trat schnell der Major von Düring an den Tisch der Officiere heran. Ihm folgte der Regierungsrath Meding im Reiseanzug.

Die Officiere erhoben sich.

»Mein Gott, Sie hier,« rief Herr von Tschirschnitz, indem er dem Regierungsrath Meding die Hand reichte, »was führt Sie aus der Schweiz hierher? Will der König uns rufen? Will er irgend etwas unternehmen – in diesem Augenblick?«

»Nein, meine Herren,« sagte der Regierungsrath, indem er die übrigen Officiere herzlich begrüßte und mit Herrn von Düring an deren Tisch Platz nahm. »Ich komme nicht vom Könige, ich habe keine Verbindung mit Hietzing und erfahre nur zufällig und auf Umwegen, was dort vorgeht. Ich bin nur hergekommen, weil unser Schicksal uns so lange Zeit mit einander verbunden hat, und weil ich dringend wünschte, in diesem Augenblick der schwersten Krisis, die die Welt seit lange erlebt hat, als Ihr alter Freund und Ihr Genosse der Verbannung, Sie zu warnen und Sie auf das dringendste zu bitten, sich um Gottes Willen in keine gefährlichen und bedenklichen Unternehmungen einzulassen und allen Lockungen und Anforderungen zu widerstehen, sie mögen kommen, woher sie wollen.«

»Wir haben eben darüber gesprochen, was aus uns werden soll,« erwiderte Herr von Tschirschnitz, »unsere Bezüge von Hietzing sind uns, wie Sie wissen, seit lange entzogen. Wir haben Alle unsere Baarschaft zusammengeschossen und damit diese Zeit her unter den äußerten Einschränkungen gelebt – der Augenblick ist sehr nahe, in welchem wir sämmtlich nichts mehr besitzen werden –«

»und in welchem uns nichts mehr übrig bleiben wird,« rief Herr von Götz, »als uns, wenn es sein muß, als gemeine Soldaten anwerben zu lassen.«

»Um Gottes Willen, meine Herren,« rief der Regierungsrath Meding, – »bedenken Sie, was Sie thun. Bedenken Sie, daß es sich in diesem Augenblick nicht um eine erneute Aufnahme des Kampfes von 1866 handelt. Bedenken Sie, daß in diesem Krieg das ganze Deutschland vereint gegen Frankreich steht. Bedenken Sie, daß jeder Deutsche, der in diesem Augenblick in irgend einer Weise auf der Seite der Feinde unseres gesammten Vaterlandes stünde, ewiger Schande verfallen müßte; daß die Verachtung der Franzosen selbst ihn treffen würde, und daß selbst im Falle eines französischen Sieges die deutsche Erde niemals wieder Raum für ihn haben würde. Deshalb bin ich hierher gekommen, um Sie auf das dringendste vor allen übereilten und verzweiflungsvollen Entschlüssen zu warnen. Ich bitte und beschwöre Sie, verlassen Sie Frankreich, gehen Sie nach der Schweiz und warten Sie dort die Ereignisse ab. Ich habe gehört, daß hier durch den Grafen Breda Versuche gemacht werden, die Trümmer der auseinander gesprengten Legion wieder zu vereinigen.«

Herr von Tschirschnitz lachte laut und höhnisch auf.

»Dieser Graf Breda,« rief er, »ist ein Franzose, ein Agent des dunkelsten Ultramontanismus – daß er sich als Vertreter des Königs von Hannover gerirt und eine hannöversche Legion formiren will, das ist allerdings die Krone von allem, was bis jetzt geschehen.«

»Aber,« fiel Herr von Düring ein, indem er sich zu dem Regierungsrath Meding wendete, »Sie kennen unsere Lage und ich kann Ihnen nur wiederholen, was ich Ihnen schon sagte, als ich Sie vom Bahnhof hierherbrachte, was bleibt uns denn anders übrig, als uns irgendwo auf die möglichst anständige Weise todtschießen zu lassen. Wir haben keine andere Rettung aus unserer Lage.«

Der Regierungsrath Meding blickte sinnend vor sich nieder.

»Jedes Schicksal ist besser,« sagte er, »als in den Reihen der Feinde des vereinigten Deutschlands zu fallen, und noch ist ja nicht jede Möglichkeit der Rettung ausgeschlossen. Lassen Sie mich handeln. Ich kann Ihnen nichts versprechen – aber es giebt vielleicht noch einen Weg, der Sie alle mit Ehren vom Rande des Abgrundes zurückführt und Ihnen eine freundliche Zukunft öffnen kann – lassen Sie mich meinen Weg gehen, ich habe ein Gefühl, das mir sagt, er werde zum guten Ende führen. Versprechen Sie mir nur das Eine, daß Sie sich in keine Unternehmungen gegen Deutschland hineinziehen lassen, und daß Sie auch in der verzweiflungsvollsten Lage des Augenblicks nicht den Muth verlieren – den Sie sich ja so lange erhalten haben – versprechen Sie mir das, meine Herren, und wenn es sein kann, verlassen Sie Frankreich so schnell als möglich und geben Sie mir Nachricht, wo Sie zu finden sind – ich hoffe, daß Sie von mir hören sollen. Ich muß Sie wieder verlassen,« fuhr er fort, »ich muß noch mit dem nächsten Zug wieder abreisen. Ich bin nur gekommen, um Ihnen zu sagen, was ich Ihnen gesagt habe und bitte Sie nochmals um Ihr Versprechen, nichts gegen Deutschland zu unternehmen.«

Er reichte Herrn von Tschirschnitz die Hand.

Dieser schlug kräftig ein und sagte mit bewegter Stimme:

»Ich verspreche es, möge kommen, was da wolle.«

Die übrigen Herren wiederholten die Worte.

»Und ich, meine Herren,« rief der Regierungsrath Meding, »verspreche Ihnen, daß ich nicht ruhen und rasten will, bis es mir gelungen ist, einen Weg der Rettung zu finden. Leben Sie wohl, und so Gott will, auf baldiges Wiedersehen.«

Er wandte sich tief ergriffen ab, verließ mit Herrn von Düring das Local und stieg mit demselben an der Ecke der Passage in einen dort bereit stehenden Fiaker, in welchem sich bereits sein Diener mit dem kleinen Reisegepäck befand.

Sie kamen auf dem Ostbahnhof eine Viertelstunde vor Abgang nach Basel an. Ernst und schmerzlich bewegt, ging der Regierungsrath Meding mit dem Major von Düring in der großen Vorhalle auf und nieder, von welchem man den großen Platz vor dem Bahnhof und die weite Reihe der neuen Boulevards überblickte, welche bereits im Schein der Gaslaternen schimmerten und auf denen sich eine zahlreiche jubelnde und lärmende Menschenmenge hin und her bewegte.

»Der Anblick dieses Paris,« sagte der Regierungsrath Meding, »in seinem trunkenen Rausch ist mir tief schmerzlich. Ich liebe Frankreich, und diese Stadt Paris ist mir fast zu einer lieben Heimath geworden. Und ich sehe eine furchtbare Zeit über dies Land und diese schöne Stadt mit ihrem wunderbar reichen Leben heraufziehen, eine Zeit, welche alle diese Jubelklänge, die da jetzt zu uns herübertönen, in Jammer und Wehklage verwandeln wird.«

»Sie glauben an die Niederlage Frankreich,« fragte Herr von Düring, »an eine so schwere Niederlage?«

»Ich bin von derselben überzeugt,« erwiderte der Regierungsrath. »Ich bin gestern von Basel herauf bis hierher durch die nach der Grenze hin sich bewegenden Truppen gefahren, aber was ich gesehen habe, läßt mich nur das Traurigste für Frankreich erwarten. Überall habe ich Truppen der verschiedensten Waffen ohne Officiere, Cavallerie ohne Pferde, Geschütze auf den Eisenbahnwagen ohne Bespannung gesehen. Alle diese Leute waren im Zustande der unnatürlichen Aufregung, die meisten berauscht, und wenn ich sie fragte, wohin sie gingen, zu welchem Corps sie gehörten, so konnten sie mir keine genügende Antwort geben, die Meisten antworteten mit dem fanatisch stereotypen Ruf »nach Berlin«. Mit solchen Truppen schlägt man die preußische Armee nicht und der Elan, von dem man so viel spricht, wird wie ein vorübergehender Rausch schnell vor der ruhigen und sichern Taktik der deutschen Heeresleitung verfliegen. Glauben Sie mir,« fuhr er fort, indem er noch einmal wehmüthig über die glänzenden Reihen der Boulevards hinblickte, »Frankreich wird einen furchtbaren Schlag zu erleiden haben, und das Kaiserreich mit allem seinem Glanz wird vielleicht unter diesem Schlage zusammenbrechen – ich habe hier lange die Elemente beobachtet, welche in der Tiefe der Gesellschaft sich organisirt haben und sie werden nicht zögern, heraufzusteigen, um von unten her das Gebäude zu zersprengen, wenn dessen Zinnen unter den Schlägen der deutschen Waffen fallen werden.«

Das Signal zur Abfahrt des Zuges ertönte.

»Noch einmal, lieber Düring,« sagte der Regierungsrath Meding, indem er sich am Eingang des Wartezimmers von dem Major verabschiedete, »halten Sie den Muth unserer Freunde aufrecht und sorgen Sie dafür, daß auf unsere, so lange mit Ehren vertheidigte Sache kein Flecken falle.«

Mit Thränen in den Augen trennten sich die beiden mehrjährigen Genossen der Verbannung. Der Regierungsrath Meding stieg in das Coupé und fuhr unter dem gellenden Pfeifen der Locomotive in die Nacht hinaus, während der Major von Düring ernst und traurig über die hellen Boulevards hin zu seinen Kameraden zurückkehrte, um in den Herzen dieser tapfern und treuen Diener einer untergegangenen Sache, welche Heimath und Vaterland, Vergangenheit und Zukunft verloren hatten, die letzten Funken der Hoffnung und des Muthes wieder anzufachen.

Elftes Capitel.

Die Verlobung der Tochter des Commerzienrath Cohnheim mit dem jungen Baron von Rantow war wenige Tage nach der Erledigung der zwischen ihm und dem Lieutenant von Büchenfeld entstandenen Differenz proclamirt worden.

Der Commerzienrath hatte es sich nicht nehmen lassen, bei dieser Gelegenheit ein großes Fest zu veranstalten, bei welchem die zahlreichen Bekannten des Barons zu seiner und seiner Gemahlin höchsten Befriedigung eine Menge hoch aristokratischer Namen und Erscheinungen in seine Salons führten.

Der kleine Commerzienrath schwamm in Entzücken. Noch behaglicher als sonst eilte er hin und her, indem er in gelegentlichen Gesprächen seinem alten Freunde aus der Finanzwelt auf alle diese Elemente der ersten Gesellschaft aufmerksam machte, die sich jetzt bei ihm vereinigten.

Die Commerzienräthin war noch steifer, noch würdevoller, noch unnahbarer als sonst, und Fräulein Anna überstrahlte Alle durch ihre Schönheit und die ausgesuchte Eleganz ihrer Toilette. Aber jener Ausdruck kindlich freier Heiterkeit, welcher früher in ihren Augen gelegen hatte, war verschwunden. Kalt und stolz wie eine Königin blickte sie umher, mit ruhig und sicher gewählten Worten beantwortete sie die Glückwünsche, welche man an sie richtete, und wenn sie lächelte, so schien es fast, als ob höhnischer Spott mehr Antheil an ihrem Lächeln habe, als die glückliche Freude der Braut.

Der junge Herr von Rantow war dann täglich im Hause des Commerzienraths erschienen, hatte für seine Braut alle Höflichkeit und Aufmerksamkeit, welche dieselbe irgend erwarten konnte und welche sie ebenso höflich und freundlich entgegennahm. Doch war keine innere Annäherung zwischen den beiden jungen Leuten eingetreten. Herr von Rantow blieb mit vollkommenem Takt in einer gewissen Zurückhaltung und Fräulein Anna war ihm dafür von Herzen dankbar und nahm mit um so größerer Aufmerksamkeit alle äußeren Rücksichten, welche ihr Verhältniß erforderte, entgegen; so daß die Commerzienräthin äußerst befriedigt war und ihrer Tochter häufig anerkennende Worte über ihr Verhalten sagte, das so vollkommen dem Brautstand zwischen vornehmen und distinguirten Personen entsprach.

Herr von Rantow hatte sein Staatsexamen überstanden, und die Hochzeit war für den September festgesetzt, bis zu welcher Zeit der für die Aufnahme des jungen Paares bestimmte Flügel des Schlosses auf dem Rantow'schen Familiensitz hergestellt sein sollte, zu dessen Ausschmückung der Commerzienrath nicht müde wurde, von überall her das Schönste und Kostbarste an Mobilien und Stoffen kommen zu lassen.

Da brach mitten in diese Vorbereitungen die große Catastrophe herein, welche ganz Europa bewegte. Und wie diese Catastrophe die Fürsten und Diplomaten aus ihren Villeggiaturen und Badekuren aufschreckte und in den furchtbaren Ernst des Lebens zurücktrieb, so unterbrach sie auch die Vorbereitungen zu der Verbindung des Barons von Rantow mit Fräulein Anna Cohnheim.

Sorgenvoll ging der Commerzienrath einher. Es war nicht nur der Aufschub des von ihm so sehnlichst gewünschten Familienereignisses, welcher ihn bewegte und bekümmerte – der plötzlich hereinbrechende Krieg griff auch zerstörend in alle seine finanziellen Operationen ein. Die Unternehmungen, welche er mit dem Baron verabredet hatte, mußten natürlich vorläufig bis zur Wiederkehr ruhiger Verhältnisse aufgeschoben werden.

Der junge Baron von Rantow war zur Zeit seines Eintritts in das militairpflichtige Alter wegen der Anlage zu einem Brustleiden, die ohne unmittelbar gefährlich zu werden, ihm große körperliche Anstrengungen unmöglich machte, für dienstunfähig erklärt. Von dieser Seite hätte daher der Verbindung der beiden jungen Leute nichts entgegen gestanden. Indeß Fräulein Anna erklärte mit großer Bestimmtheit, daß sie vor dem Ende des Krieges, welcher das ganze Vaterland in so große Gefahr stürzte und so viel Trauer in zahlreiche Familien bringen müßte, an die Hochzeit nicht denken wolle.

So war denn die Hochzeit wieder in unbestimmte Fernen hinausgeschoben.

Am Vormittage des verhängnißvollen einunddreißigsten Juli, an welchem der König Berlin verlassen sollte, um zur Armee sich zu begeben, befand sich die Commerzienräthin Cohnheim bei dem Baron von Rantow und seiner Gemahlin.

Die Königin Augusta hatte wenige Tage zuvor einen Aufruf an alle Frauen des Vaterlandes erlassen, um Hülfsmittel für die Verpflegung der Verwundeten an den Rhein zu senden. Und die Commerzienräthin hatte mit Eifer diese Gelegenheit ergriffen, um sich der Baronin von Rantow anzuschließen bei der Bildung eines kleinen Damenvereins zur Erfüllung dieser patriotischen Aufgabe.

Sie war mit ihrer Tochter gekommen, um das Nähere über die Organisation der Thätigkeit dieses Vereins zu verabreden, und Frau von Rantow hatte mit einer gewissen, kalten Zurückhaltung den sehr beträchtlichen Beitrag in Empfang genommen, welchen die Commerzienräthin für die Zwecke des Vereins ihr überreichte.

Die beiden Damen sprachen eifrig über die zweckmäßigste Herstellung von Charpie und Verbandzeug, während der Baron sich mit Fräulein Anna unterhielt, für welche er eine besonders sympathische Zuneigung gefaßt hatte, und welcher er stets mit um so größerer Herzlichkeit begegnete, je weniger es ihm möglich war sich dem Commerzienrath und seiner Gemahlin, deren ganzes Wesen von seinen Lebensanschauungen so tief verschieden war, zu nähern.

»Wir sind glücklicher,« sagte er, »als so viele andere Familien, deren Söhne zu den Gefahren des Krieges hinausziehen müssen, und doch macht es mich fast traurig, daß in einem Augenblick, wo die ganze Jugend des Landes unter den Fahnen des Königs ins Feld zieht, der Name der Rantows in den Reihen der Armee nicht vertreten ist. Das Gefühl des Vaters und des Patrioten streiten in mir mit einander, und oft möchte ich fast wünschen, daß auch mein Sohn berufen wäre zu dem großen nationalen Kampf.«

»Es bleibt ja auch hier noch genug zu thun,« erwiderte Fräulein Anna in einem ziemlich kalten und gleichgültigen Ton. »Der Staat braucht ja auch während des Krieges Beamte, vielleicht wäre es gut, wenn Ihr Sohn wenigstens bis zur Beendigung des Krieges seine Carriere wieder aufnehmen würde. Für uns Frauen,« fuhr sie lebhafter fort, »bildet ja die Zeit ein reiches Feld der Thätigkeit, und ich fühle den lebhaftesten Wunsch, hinauszugehen, um als Pflegerin der Kranken in dieser großen Zeit meine Pflicht zu erfüllen.«

»Sie, mein Kind,« rief der Baron erstaunt, »Sie, gewöhnt an alle Bequemlichkeiten des Lebens, fast ein wenig verwöhnt, Sie wollten sich einer so mühevollen angreifenden Thätigkeit widmen, welche Ihre zarten Kräfte vielleicht bald aufreiben möchte?«

»Meine zarten Kräfte?« – sagte Fräulein Anna, die Achseln zuckend, »und wären sie es, – der feste Wille und die Begeisterung für eine große Sache sind im Stande, auch die schwächste Kraft stark zu machen. Und wofür könnte ein Frauenherz sich höher begeistern, als dafür, die Leiden Derjenigen zu erleichtern, welche heldenmüthig ihr Blut und Leben zum Schutz des Vaterlandes, zu unserm Schutz dahin geben. Glauben Sie mir, Herr Baron, ich würde nicht ermatten in einem so hohen und heiligen Beruf. Und wenn der Krieg fortschreitet,« fuhr sie ernst mit dem Ausdruck eines festen Entschlusses fort, »wenn die Lazarethe sich füllen werden und das Bedürfniß nach weiblicher Pflege immer größer und größer werden wird, dann werde ich doch noch die Erlaubniß meiner Eltern erhalten, dem Zuge meines Gefühls zu folgen, und ich bin überzeugt, daß viele Frauen denken und handeln werden, wie ich.«

Der junge Herr von Rantow trat ein. Er war ernster als sonst, der gleichgültige, oberflächliche Ausdruck, welcher gewöhnlich auf seinem Gesicht lag, war verschwunden. Eine gewisse stolze Befriedigung blickte aus seinen Augen.

»Ich habe einen Entschluß gefaßt,« sagte er, nachdem er die Damen begrüßt hatte, »einen Entschluß, den meine theure Anna gewiß billigen wird und mit dem auch Du, mein Vater, zufrieden sein wirst.«

Fragend blickte Fräulein Cohnheim auf ihren Verlobten.

»Ich habe,« fuhr dieser fort, »mich zur Aufnahme in den Johanniterorden gemeldet. Du wünschtest das früher, mein Vater, um mir eine ehrenvolle Decoration zu verschaffen, in dieser Zeit gewinnt das Zeichen des Johanniterordens, zu welchem meine Geburt mich berechtigte, eine höhere und ernstere Bedeutung. Ich habe so eben die Mittheilung erhalten, daß meine Bewerbung angenommen werden wird und habe zugleich die Bitte gestellt, wenn eine Annahme erfolgen sollte, mich einer der Deputationen beizuordnen, welche die Armee zur Leitung der Krankenpflege begleiten werden. So werde auch ich im Stande sein, das Meinige in dem Kampf zu thun und die Pflicht zu erfüllen, welche mein Name mir auflegt und zu welcher mein Gefühl mich treibt.«

Der Baron neigte zustimmend den Kopf.

Fräulein Anna erhob sich schnell und reichte ihrem Verlobten die Hand, indem aus ihrem Blick ein warmes Gefühl leuchtete, wie sie es bisher noch nie dem jungen Manne gegenüber gezeigt hatte.

»Ich danke Ihnen von Herzen für diesen Entschluß,« sagte sie mit herzlichem Ton, »und da Sie ihn gefaßt haben, darf ich Ihnen sagen, daß mich der Gedanke betrübt hat, Sie in dieser Zeit hier zurückbleiben zu sehen – Sie werden das nicht mißverstehen,« fügte sie hinzu, »meine treuesten und aufrichtigen Wünsche werden Sie begleiten.«

Herr von Rantow küßte die Hand seiner Braut, seine Mutter blickte liebevoll zu ihm hinüber, und die Commerzienräthin richtete sich hoch auf, indem sie mit feierlicher Stimme sagte:

»Das ist ein sehr edler Entschluß, ganz meines vortrefflichen Schwiegersohns würdig.«

Der Diener trat ein, meldete den Oberstlieutenant und den Lieutenant von Büchenfeld.

Schnell erhob sich der Baron, um den Herren entgegen zu gehen.

Die Commerzienräthin warf einen scharfen und strengen Blick auf ihre Tochter.

Fräulein Anna zuckte zusammen und machte eine Bewegung, als wolle sie das Zimmer verlassen, dann aber faßte sie sich, tief erbleichend stützte sie die Hand auf die Lehne eines neben ihr stehenden Sessels. Kälte und stolze Entschlossenheit lag auf ihrem Gesicht.

Der Oberstlieutenant und sein Sohn traten ein. Der alte Herr trug Uniform, sein Gesicht strahlte vor freudiger Aufregung. Der Lieutenant folgte ihm ernst und still, als er Fräulein Anna und den jungen Herrn von Rantow erblickte, flog eine dunkle Röthe über sein Gesicht. Dann näherte er sich Frau von Rantow, begrüßte dieselbe ehrerbietig und verneigte sich mit kalter Höflichkeit gegen die Übrigen.

Die Commerzienräthin saß gerade und steif da und erwiderte den Gruß der eintretenden Herren mit einer kaum bemerkbaren Neigung des Kopfes.

»Ich bringe Ihnen noch einmal meinen Sohn, gnädige Frau,« sagte der Oberstlieutenant, »er muß noch heute zu seinem Regiment abgehen, um in die beste Kriegsschule hinauszuziehen, – draußen im Felde, wo man in einem Monat mehr lernt, als in Jahren hinter den Büchern. Er wollte in der Eile gar keine Besuche machen, aber hier von den alten Freunden seines Vaters muß er sich doch verschieden, bevor er auszieht, um sich den Feldmarschallstab zu erkämpfen,« fügte er lächelnd hinzu. »Er hat es glücklich getroffen, mir wurde es in meiner Jugend nicht so gut, ich habe mich während meiner besten Jahre durch den ewigen Garnisonsdienst hindurch schleppen müssen, in welchem Körper und Geist müde werden.«

»Unsere herzlichsten Wünsche werden Sie begleiten,« sagte Frau von Rantow zu dem jungen Officier. »Aber Sie, lieber Büchenfeld,« fuhr sie lächelnd fort, »tragen ja auch wieder Uniform, Sie wollen doch nicht etwa auch mit hinausziehen –«

»Wollte Gott, ich könnte es,« sagte der Oberstlieutenant traurig, »doch mein Podagra sorgt schon dafür, daß ich hier bleiben muß. Aber,« fuhr er, sich militairisch aufrichtend, fort, »ich habe mich um ein Etappencommando beworben und es erhalten und so habe ich doch wenigstens das Herzeleid nicht, daß ich in dieser Zeit unthätig im Civilrock einhergehen muß. Ich kann wenigstens die alte Uniform tragen und dem Könige dienen, so gut es mir noch möglich ist.«

Der Oberstlieutenant und sein Sohn blieben etwa eine Viertelstunde lang, während welcher die Unterhaltung fast ausschließlich von dem alten Herrn und dem Baron geführt wurde.

Der Oberstlieutenant war in sprudelnd heiterer Laune, im Herzen des alten Soldaten fand der Gedanke an die Gefahren, denen sein Sohn entgegen ging, keinen Platz, für ihn war der Krieg der Beruf des Officiers, er dachte nur an die Hoffnung auf Ruhm und Ehre, welche dieser Krieg in sich schloß und fühlte sich neu geboren in dem Gedanken, daß auch er in dieser großen Zeit noch einmal in der Lage sei, Dienst zu thun und den Rock des Königs zu tragen.

»Wir müssen aufbrechen,« sagte er endlich, »ich weiß noch nicht, wo meine Bestimmung sein wird und erwarte dieselbe stündlich, – mein Sohn hat nur noch kurze Zeit bis zu seiner Abreise.«

Er küßte mit ritterlicher, etwas altmodischer Galanterie der Frau von Rantow die Hand und drückte lange und herzlich die Rechte des Barons.

Der Lieutenant, welcher während der ganzen Zeit ernst und stumm mit niedergeschlagenem Blick da gesessen hatte, erhob sich, in rascher Bewegung trat der junge Herr von Rantow auf ihn zu.

»Lebe wohl, Büchenfeld,« sprach er, – »in einer Zeit, wie die jetzige, muß jeder vergangene Groll vergessen werden. Gott schütze Dich! Ich werde mit den Johannitern der Armee folgen und sollte Dir ein Unglück begegnen, so hoffe ich, daß ein gütiges Schicksal mich zu Dir führen wird, um Dir beizustehen.«

Der Lieutenant hatte bei den Worten des Barons eine unwillkürliche Bewegung gemacht, als wolle er von demselben zurücktreten. Abermals färbte sich sein Gesicht mit dunklem Roth, er schlug die Augen auf und richtete seine Blicke an dem Baron vorbei, mit bitterem, feindlichem Ausdruck auf Fräulein Anna.

Das junge Mädchen sah ihn mit großen Augen an. Aus diesen Augen strahlte es wunderbar und eigenthümlich zu ihm hin, es lag darin wie eine Bitte, wie eine Frage, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie sprechen, aber nur ein leiser Hauch drang aus denselben hervor und wie unwillkürlich streckte sie zitternd die Hand nach ihm aus.

Ein tiefer Athemzug hob die Brust des Lieutenants, sein kalter, harter Blick wurde weicher und weicher. Kräftig drückte er die Hand des Herrn von Rantow und sagte mit fast erstickter Stimme:

»Vergessen und vergeben!«

Dann trat er rasch, wie einem übermächtigen Zuge folgend, zu Fräulein Anna hin, deren Hand noch immer leicht erhoben, sich gegen ihn ausstreckte und deren Augen mit immer tieferer Innigkeit auf ihm ruhten. Er ergriff die Hand des jungen Mädchens, drückte seine Lippen auf dieselbe und fast unhörbar, nur ihr verständlich, hauchten seine Lippen nochmal die Worte:

»Vergessen und vergeben!«

Dann wandte er sich schnell um und mit kurzer rascher Verbeugung eilte er seinem Vater nach, welcher, von dem Baron geleitet, bereits das Zimmer verlassen hatte, während Fräulein Anna, die Hände faltend, auf einen Stuhl niedersank und ihm mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer nachsah.

*

König Wilhelm stand an seinem Schreibtisch neben dem Fenster seines Arbeitszimmers. Der König trug den Militairüberrock und blickte mit tiefem Ernst auf den Ministerpräsidenten Grafen Bismarck, welcher in der Uniform des Magdeburgischen Cürassierregiments No. 7 vor Seiner Majestät stand und die letzten noch vor der Abreise zu erledigenden Vortragssachen beendet hatte.

»So ist denn,« sagte der König, »Alles vorbereitet, was menschliche Berechnung vermag, um nach allen Seiten hin in ungehemmter Spannung unsere Kräfte entfalten zu können, – unser Haus ist bestellt, die Armee ist in ordnungsmäßiger Bewegung und es ist nun an unserem Alliirten da oben, mit uns hinauszuziehen in den Kampf, an dem wir wahrlich unschuldig sind und uns den Sieg zu verleihen, wie er ihn uns schon einmal gab gegen den Übermuth desselben Feindes.«

»Und dieser Sieg wird nicht fehlen, Majestät,« rief Graf Bismarck, indem seine linke Hand sich fest um den Griff seines Pallaschs spannte, – »er wird schneller und entscheidender kommen, als die Welt ihn erwartet und er wird Alles, was sich im deutschen Nationalleben in diesen Jahren vorbereitet hat, zu herrlicher Erfüllung bringen. Meine Zuversicht steht fest – in diesem Kampfe wird Deutschlands glänzende Zukunft entschieden werden!«

Auch über das Gesicht des Königs zog der lichte Schimmer freudiger Siegeszuversicht, – aber er sprach sie nicht aus und nachdem er einige Augenblicke schweigend vor sich niedergeblickt hatte, wendete er sich zu seinem Schreibtisch und ergriff einen dort liegenden Bogen Papier.

»Wir haben Alles geordnet,« sagte er, die wenigen Zeilen überlesend, welche dieser Bogen enthielt, – »wir haben die diplomatischen Fäden gezogen, – um unsere wohlwollenden Freunde« fuhr er mit eigenthümlichem Lächeln fort, »in ihrer neutralen Haltung zu befestigen, – wir haben für die Regierung während meiner Abwesenheit gesorgt. Unsere Pflichten liegen jetzt draußen bei der Armee, – ich habe jetzt nur noch ein Bedürfniß meines Herzens zu erfüllen, das ist ein letztes Wort des Abschieds an mein Volk zu richten, – wenn mich auch die Hoffnung erfüllt, daß wir mit Gott den Sieg erringen werden, so gehen wir doch einer schweren Zeit entgegen, und Niemand vermag zu berechnen, wie bald ich wieder nach der Heimath werde zurückkehren können. Auch kann,« sprach er mit tiefem Ernst, »eine feindliche Kugel da draußen mein Leben enden. In diesem Augenblick fühle ich mehr wie je den innerlich tiefen Zusammenhang, ich möchte sagen, die Blutsverwandtschaft, welche mich, wie alle Könige meines Hauses mit dem preußischen Volk verbindet, und ich möchte all den Meinen ein so recht herzliches Abschiedswort sagen und ihnen auch eine Gabe des Abschieds geben, die beste Gabe, welche mir zu geben mein königliches Recht vergönnt, – ich möchte in dem Augenblick, in welchem ich hinausziehe zu schwerem Entscheidungskampf, hinter mir den Frieden zurücklassen, – den Frieden und die Versöhnung!«

Erwartungsvoll blickte Graf Bismarck mit seinen hellen, klaren Augen den König an, welcher wie zögernd, als suche er die Worte für seine Gedanken, sagte:

»Die letzten Jahre haben viel Verwirrung in Deutschland hervorgerufen, manches an sich edle Gefühl hat viele meiner Unterthanen, namentlich meiner neuen Unterthanen auf Irrwege geführt und mit der nothwendigen Strenge der Gesetze in Conflict gebracht – jetzt, wo ganz Deutschland einmüthig in den Kampf hinauszieht, möchte ich dazu beitragen, jenen Verwirrungen Lösung zu bringen im edelsten und besten Sinne, jetzt, wo ich Gott um Beistand anrufe in dem mir aufgedrungenen Krieg, möchte ich auch die herrliche Lehre des Christenthums befolgen, – die Lehre der Vergebung und nach den Worten handeln. Richtet nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet. – Der letzte Abschiedsgruß an mein Volk soll deshalb zugleich eine Amnestie enthalten für alle politischen Verbrechen und Vergehen. Liebe und Versöhnung soll die Vergangenheit abschließen, damit wir freien und leichten Herzens der Zukunft entgegengehen können.«

Er hob den Bogen Papier empor und las langsam, mit tief bewegter Stimme:

»An mein Volk! Indem ich heute zur Armee gehe, um mit ihr für Deutschlands Ehre und für Erhaltung ihrer höchsten Güter zu kämpfen, will ich im Hinblick auf die einmüthige Erhebung meines Volkes eine Amnestie für politische Verbrechen und Vergehen ertheilen.

»Ich habe das Staatsministerium beauftragt, mir einen Erlaß in diesem Sinne zu unterbreiten.

»Mein Volk weiß mit mir, daß Friedensbruch und Feindschaft wahrhaftig nicht auf unserer Seite waren.

»Aber herausgefordert, sind wir entschlossen, gleich unsern Vätern und in fester Zuversicht auf Gott, den Kampf zu bestehen zur Errettung des Vaterlandes.«

Er hielt inne und blickte wie fragend auf den Ministerpräsidenten, dessen Züge in mächtiger Rührung zuckten.

»Majestät,« sagte er, auf die stumme Frage des Königs antwortend, »an diesem Erlaß darf kein Titelchen geändert werden. Es ist das königlichste Wort, das ein christlicher Fürst zu seinen Unterthanen sprechen kann, einfach und groß, wie die Zeit. Und dies königliche Wort wird einen mächtigen Wiederhall finden in allen Herzen.«

Der König neigte den Kopf, wandte sich dann zu seinem Schreibtisch, ergriff eine Feder und setzte mit kräftigen Zügen seinen Namen unter das Papier, das er dem Ministerpräsidenten reichte.

»Sorgen Sie für die Veröffentlichung und für die schleunige Vorlegung des Amnestieerlasses. Nun sind die Geschäfte hier beendet,« sprach er mit tiefem Athemzug, »ich habe für die Meinigen das Werk des Friedens und der Liebe gethan. Jetzt soll die Spitze unseres Schwertes sich gegen die Feinde richten.«

»Noch möchte ich,« sagte der Ministerpräsident, »eine Bitte an Eure Majestät richten, eine Bitte, deren Erfüllung ein schöner Nachklang zu dem großen Wort ist, das Eure Majestät soeben gesprochen. Eure Majestät wissen,« fuhr er fort, als der König ihn fragend ansah, »daß wir von der früher so weit verbreiteten Agitation in Hannover nichts mehr zu befürchten haben, die früheren Führer derselben sind vom Könige Georg getrennt und entschlossen, in diesem Nationalkampf nichts gegen Deutschland zu thun. Einzelne Personen in Hannover, welche vielleicht zu gefährlichen Unternehmungen irre geleitet werden könnten, sind in Sicherheit gebracht, um sie vor sich selbst zu schützen, und um sie durch eine kurze Haft der Möglichkeit zu entziehen, Dinge zu unternehmen, für welche sie in der gegenwärtigen Zeit mit der ganzen Schwere des Gesetzes gestraft werden müßten.«

»Ich weiß, ich weiß,« sagte der König – »auch der Verdacht gegen den Grafen Wedell hat sich nicht betätigt? –«

»Nein, Majestät,« sagte der Ministerpräsident, »Graf Wedell steht mit der Agitation in keiner Verbindung mehr, und es freut mich das um so mehr, da seine ganze Familie ohnehin durch die Ereignisse schwer getroffen ist – doch,« fuhr er dann fort, »wovon ich Eurer Majestät sprechen wollte, das ist das Schicksal aller hannöverschen Officiere, welche mit der Emigration nach Frankreich gegangen waren und dort die sogenannte Welfenlegion commandirten.«

»Nun?« fragte der König.

»Diese Officiere, Majestät,« sprach Graf Bismarck weiter, »befinden sich, wie ich höre, in einer verzweiflungsvollen Lage. Sie waren in Deutschland geächtet, – das ist durch Eurer Majestät großmüthige Amnestie beseitigt – aber sie sind ohne Subsistenzmittel, sie sind sogar der französischen Regierung verdächtigt, und ihre Lage ist derartig, daß nach den Äußerungen Einzelner, die mir mitgetheilt sind – ihnen nichts übrig bliebe, als sich irgendwo mit Anstand todtschießen zu lassen.«

»Die armen, jungen Leute,« sagte der König – »sie haben sich schwer vergangen, aber es sind doch brave junge Männer und ihre Handlungsweise ist doch nur hervorgegangen aus einem irre geführten, aber innerlich edlen und richtigen Gefühl der Anhänglichkeit an ihren frühern Herrn – was kann ich für sie thun?« fragte er mit weicher, milder Stimme.

»Majestät,« sagte Graf Bismarck, »politisch liegt kein Grund vor, ihnen zu Hülfe zu kommen, sie können nicht gefährlich werden, und wenn sie wirklich, durch die Noth gedrängt, sich zu irgend einer strafbaren Handlung hinreißen ließen, so würde dadurch in den Augen von ganz Deutschland die welfische Agitation und alle etwa für dieselbe noch begehende Sympathie vollkommen und für immer vernichtet werden. Aber ich glaube nicht, Majestät,« fuhr er im wärmeren Ton fort, »daß jenen armen jungen Leuten gegenüber politische Betrachtungen in diesem Augenblick maßgebend sein können. Jene Unglücklichen sind von aller Welt verlassen, sie sind die Opfer ihrer irregeleiteten, aber doch immerhin edlen Treue geworden, und ich möchte Eure Majestät bitten, ihnen zu helfen und ihnen eine Grundlage für ein neues Leben zu gewähren.«

»Mit Freuden,« rief König Wilhelm lebhaft, »schlagen Sie mir vor, was ich thun soll.«

»Majestät,« erwiderte Bismarck, »es befinden sich unter diesen Emigranten frühere Officiere verschiedener Grade, darnach aber zwischen ihnen einen Unterschied zu machen, ist nicht möglich, – der König Georg hat im Exil noch Ernennungen vorgenommen, die doch nicht in Betracht gezogen werden können. Ich würde daher Eurer Majestät unterthänigst vorschlagen, sie Alle gleich zu behandeln und Jedem von ihnen eine lebenslängliche Pension von zwölfhundert Thalern zu geben, damit haben sie eine Basis für ihre Existenz und einen Ersatz für ihre zerbrochene Carriere.«

»Genehmigt,« rief der König, »genehmigt, mein lieber Graf, es thut mir unendlich wohl, diesen armen jungen Leuten helfen zu können, und ich danke Ihnen, daß Sie mich darauf aufmerksam gemacht und mir Gelegenheit gegeben, noch vor meiner Abreise dies gute Werk zu thun.«

Und leise die Lippen bewegend, flüsterte er vor sich hin:

»Thut wohl denen, die Euch verfolgen.« – –

»Es müßte dann,« sagte Graf Bismarck, »eine Garantie von ihnen gegeben werden, daß sie nicht etwa abermals mißleitet werden –«

»Sie sollen ihr Ehrenwort geben, nichts gegen mich zu unternehmen, das genügt,« sagte der König, »sie haben die Gesetze verletzt, aber ihre Ehre trifft kein Vorwurf und ihrem Ehrenwort will ich glauben.«

»Eure Majestät haben durch diesen Entschluß,« sagte Graf Bismarck, »einer Anzahl junger und hoffnungsvoller Herzen Leben und Zukunft wieder gegeben, und auch das wird zum Segen unserer Waffen werden. So ist denn auch diese letzte schmerzliche Dissonanz des Jahres 1866 im schönen und wohlthuenden Accord geendet und nun, Majestät, –

Vorwärts mit Gott für König und Vaterland.«

»Auf Wiedersehen am Bahnhof, mein lieber Graf,« sagte der König, »wir werden hier wohl lange nicht wieder zusammen arbeiten –«

»Dann aber, Majestät,« rief Graf Bismarck mit leuchtendem Blick, »wird der preußische Adler seinen höchsten Siegesflug vollendet haben, und eine neue, strahlende Krone wird über seinem Haupte glänzen.«

Er ergriff seinen Stahlhelm, der neben ihm auf einem Stuhl lag, richtete sich hoch empor und verließ mit militairischem Gruß das Cabinet.

Der König trat an's Fenster und richtete den sinnenden Blick auf das Standbild Friedrich des Großen. Er bewegte leise die Lippen, ohne daß hörbare Worte aus denselben hervordrangen.

War es ein Gebet, das er sprach, – oder verkehrten seine Gedanken mit dem Geiste seines großen Ahnherrn, der zuerst das alte Brandenburg in Wahrheit zu einer Großmacht Preußens erhoben, der der Königskrone Friedrich I. das schneidige siegreiche Schwert hinzugefügt hatte und der wieder seinen Nachkommen die hohe Aufgabe hinterlassen hatte, durch preußischen Geist und preußische Kraft einst das zerbröckelte Deutschland zu einiger Macht und Herrlichkeit wieder aufzurichten?

Die auf dem Platz vor dem königlichen Palais versammelte Menge erhob beim Anblick des Königs die Hüte und laute Rufe grüßten den Monarchen.

Der König dankte freundlich mit dem Kopfe nickend. Ein Ausdruck heiterer, ruhiger Zuversicht erschien auf seinem Gesicht. Langsam wandte er sich ab, um zur Königin zu gehen und mit seiner Gemahlin das letzte Diner vor seiner Abreise zur Armee einzunehmen.

*

Es war halb sechs Uhr Abends. Dicht gedrängt standen die Menschenmassen die Linden entlang, vom Thiergarten her bis zum Anhalter Bahnhof. Die sonst so lauten und unruhigen Berliner hatten diesmal ihre gewöhnliche Natur verleugnet, und eine fast lautlose Stille herrschte auf den dicht belebten Straßen.

Da kam vom königlichen Palais her ein einfacher zweispänniger Wagen mit offenem Verdeck dahergefahren. Der König, im Überrock und Helm, fuhr, von seiner Gemahlin begleitet, nach dem Bahnhof und blickte zum letzten Mal ernst und gedankenvoll auf diese Straße seiner Residenz hin, welche bereits so viele Herrscher seines Hauses gesehen hatte in den Tagen des Glücks und des Unglücks, in den Tagen des Leidens und der Demüthigung, wie in den stolzen Triumphzügen nach gewaltigen Siegen – immer aber in gegenseitiger Liebe und Treue innig vereint mit ihrem Volk, welches das Unglück mit ihnen getragen und opferfreudig sein Blut vergossen hatte zur Erringung der Triumphe und Siege.

Kein lauter Ruf ertönte, still und schweigend entblößten sich alle Häupter und durch diese schweigenden, feierlichen Grüße hin fuhr der königliche Wagen hinaus, während der König freundlich ernst mit der Hand winkte und die Königin, von Bewegung überwältigt, ihr Taschentuch vor die Augen drückte.

Im Wartesaal des Bahnhofes erwarteten den König der Generalfeldzeugmeister Prinz Carl und der jugendliche Erbgroßherzog von Mecklenburg-Schwerin, die Prinzen Alexander und Georg, der Admiral Prinz Adalbert, der Herzog Wilhelm von Mecklenburg mit der Großherzogin Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin, der Prinzessin Karl und der jungen Herzogin Alexandrine. Daneben sah man alle in Berlin noch anwesenden Generale, die Minister, den Geheimrath Abeken, den Legationsrath von Kendell und neben den königlichen Prinzen den Grafen Bismarck, die Generale von Roon und von Moltke und den alten Feldmarschall Wrangel; die Angehörigen der Herren, welche den König begleiten sollten, waren mit anwesend. Neben dem Grafen Bismarck standen seine Gemahlin und seine Tochter, in letzter wehmüthiger Unterhaltung mit dem Scheidenden. Neben dem General von Roon, in seiner ernsten strengen Haltung, sah man seinen Sohn, der Adjutantendienste bei ihm that – auch viele Damen der übrigen Minister und der Hofchargen waren anwesend.

Auch diese ganze Gesellschaft war ernst und still, wie über der Bevölkerung von Berlin, so lag auch über diesen höchsten Spitzen des preußischen Staats der tiefe Ernst des Augenblicks.

Der königliche Wagen fuhr an die Rampe, der König stieg aus und reichte dann der Königin die Hand, ihr ebenfalls aus dem Wagen zu helfen. Dann blickte er hin über den mit Menschen dicht besetzten Platz und erhob zum letzten Gruß die Hand.

Jetzt zum ersten Mal wurde das ernste, feierliche Schweigen gebrochen, wie ein einziger Ruf, weithin brausend in gewaltigen Klängen die Luft erschütternd, erhob sich ein dreimal wiederholtes Hurrah. Es war als ob wie aus einem Munde, vom gleichen Pulsschlag bewegt, das Volk den scheidenden König begrüßte.

Dann trat abermals tiefe Stille ein.

Der König winkte noch einmal mit der Hand, gab der Königin den Arm und wandte sich nach dem Wartesaal hin. Da fiel sein Auge auf einen jungen Officier mit blassem Gesicht, welcher in einem kleinen Rollwagen auf die Rampe gefahren war und mit leuchtenden Blicken den königlichen Kriegsherrn ansah, während er die in unwillkürlicher Bewegung erhobenen Hände gegen ihn ausstreckte.

Der König blieb einen Augenblick stehen, dann schritt er rasch auf den jungen Mann zu und reichte ihm die Hand, dieser aber faßte sie mit seinen beiden Händen und führte sie an die Lippen, indem Thränen aus seinen Augen stürzten. Dann faßte er sich, richtete sich in seinem Wagen empor und sprach im Ton dienstlicher Meldung:

»Lieutenant von Sierrakowsky, Majestät –«

»Ich weiß, ich weiß,« sagte der König freundlich, durch einen Wink die Meldung unterbrechend, »ich vergesse die Tapfern nicht, die für mich und das Vaterland geblutet haben – Gott hat Ihnen nicht vergönnt, auch in diesem Kampf mit mir hinaus zu ziehen – aber trösten Sie sich, Sie haben dem Vaterland Ihre Schuld reichlich bezahlt und Beispiele, wie das Ihre, werden neue Helden schaffen.«

»Gott segne Eure Majestät!« sagte der junge Officier, mit erstickter Stimme; »Gott segne unsere preußischen Fahnen!«

Der König drückte dem armen Invaliden noch einmal herzlich die Hand und trat dann in den Wartesaal. Nur wenige Worte sprach er mit den dort Versammelten. Alle Damen reichten ihm Blumensträuße entgegen.

»Ich kann sie nicht alle mitnehmen,« sagte der König freundlich lächelnd, indem er einen schönen Strauß aus den Händen der Gräfin Itzenplitz entgegennahm. »Diese Blumen sollen mir eine Erinnerung an Sie Alle und an Ihre guten Wünsche sein.«

Kein Auge blieb trocken, Alle drängten dem scheidenden König nach, der an der Thür des Wartesaals die Königin umarmte und dann mit den Herren des Gefolges schnell in das Coupé stieg.

Dahin brauste der Zug nach dem Westen, nach dem Schauplatz des noch von den dunklen Wolken der Zukunft verhüllten Krieges.

Zwölftes Capitel.

Der junge Cappei hatte in einem fast bewußtlosen Zustand stumpfer Resignation die ersten Tage nach seiner Verhaftung in dem Amtsgefängniß zu Bodenfeld zugebracht. Vergebens strengte er sich an, um die Fäden des Netzes zu entdecken, das ihn so geheimnißvoll und unerklärlich umsponnen hatte. Seine Gedanken verwirrten sich, das fortwährende Schweigen seiner Geliebten, dieser so plötzliche und unerwartet gegen ihn erhobene Vorwurf staatsgefährlicher Verbindungen, das Alles vermochte er in keinen klaren Zusammenhang zu bringen, und nur wenn er auf den Verdacht zurückkam, welchen die Handschrift des ihm vorgelegten Schreibens in ihm erweckte, so erfaßte ihn ein heftiger Paroxismus des Zornes und der Verzweiflung.

Oft war er nahe daran nach Mitteln zu suchen, seinem so plötzlich von der Höhe der glücklichsten Hoffnungen in die Tiefe eines vernichtenden Schmerzes herabgestürzten Leben ein gewaltsames Ende zu machen, und nur die von früher Jugend in ihm gepflegte gläubige Frömmigkeit gab ihm die Kraft, diese traurige Existenz zu ertragen und ließ ihn die Hoffnung nicht verlieren, daß die Vorsehung Wege finden würde, das Dunkel zu erhellen, welches ihn umgab und seine Unschuld dem wider ihn erhobenen Verdacht gegenüber an das Licht zu bringen.

In dieser qualvollen Ungewißheit, allein mit seinen in demselben Kreise sich stets bewegenden Gedanken brachte er drei furchtbare Tage zu, ohne das Geringste von der Außenwelt zu hören oder zu sehen, als ein kleines Stück des Himmels, das über eine hohe Mauer durch das vergitterte Fenster seines Gefängnisses hereinsah.

Dann wurde er zum ersten Verhör vorgeführt. Ein Untersuchungsrichter aus der nächsten Stadt war in Bodenfeld erschienen, um in Gegenwart des Amtmanns die Vernehmung des jungen Menschen vorzunehmen.

Cappei antwortete auf alle an ihn gestellten Fragen im vollen Bewußtsein seiner Schuldlosigkeit, und der günstige Eindruck, den seine klaren und bestimmten Angaben, die sich in keinem Punkt widersprachen, auf den Richter und den Amtsverwalter machten, war unverkennbar.

Schon begann die Hoffnung in ihm aufzuleben, daß das Alles sich als ein Mißverständniß herausstellen werde, da legte der Untersuchungsrichter ihm aus den beim Amte geführten Acten eine Reihe von Briefen vor mit der Frage, ob er die Handschrift kenne, und ob diese an ihn adressirten Briefe unter ihren scheinbar unverfänglichen Worten einen andern Sinn verbärgen.

Der Richter sprach dabei zugleich nochmal die Ermahnung aus, durch ein offenes Geständniß eine mildere Beurtheilung seiner Handlungen zu ermöglichen, zu denen eine irre geleitete Anhänglichkeit an die frühere Regierung seines Landes ihn bestimmt haben möchte.

Der junge Cappei trat ruhig und unbefangen an den Tisch heran, um die ihm vorgelegten Papiere näher zu betrachten und vielleicht durch dieselben einen Anhalt zur Aufklärung des Mißverständnisses zu gewinnen.

Kaum hatte er indeß einen Blick auf die Briefe geworfen, als eine schnelle fliegende Röthe auf seinem Gesicht erschien. Seine kräftige Gestalt zitterte und bebte, und wie zusammenbrechend stützte er sich mit beiden Händen auf den Tisch, während seine groß geöffneten Augen mit dem starren Ausdruck des Schreckens und des Entsetzens auf den Papieren hafteten.

Er erkannte Luisens Handschrift, und als er sich so weit gesammelt hatte, um die im ersten Augenblick vor seinen Augen hin und her schwirrenden Buchstaben festhalten zu können, las er, in fliegender Hast die Blätter umwendend, immer dringendere, immer sehnsuchtsvollere Bitten um Nachricht, Besorgnisse, daß er krank sein möge, und voll Schmerz und Verzweiflung sah er zwischen den Zeilen dieses Briefes das Bild seiner Geliebten erscheinen, welche in gleicher Ungewißheit und Bangigkeit wie er, gewartet und immer wieder gewartet und vergebens um Antwort und Nachricht gefleht hatte.

Ein dämonischer Einfluß hatte hier die Hand im Spiele gehabt, ein wohl durchdachter Plan voll Hinterlist und Bosheit hatte sich zwischen diese beiden liebenden Herzen gestellt, um nicht nur ihre äußere Verbindung zu unterbrechen, sondern sie auch mit Mißtrauen gegen einander zu erfüllen und ihre Liebe zu zerstören.

Als er die Briefe sämmtlich durchflogen hatte, wurde ihm Alles klar; – wie er schon beim ersten Verhör geglaubt hatte in dem ihm damals vorgelegten an ihn gerichteten compromittirenden Brief die Hand des Herrn Vergier zu erkennen, so wurde ihm jetzt vollkommen deutlich, daß dieser und kein anderer der Urheber dieses Werkes finsterer Heimtücke sei. Und eine wilde, wüthende Verzweiflung, ein brennender Durst nach Rache bemächtigte sich seines ganzen Wesens.

Schweigend starrte er fortwährend auf die vor ihm liegenden Briefe, als sei plötzlich ein drohendes Gespenst vor ihm aufgestiegen, dessen kalte Hand sich todtbringend nach seinem Herzen ausstreckte.

Betroffen blickte ihn der Untersuchungsrichter an. Der ganze bisherige Verlauf des Verhörs hatte einen günstigen Eindruck für den jungen Mann in ihm hervorgebracht, dessen plötzliche, so sichtbar tiefe Bestürzung jedoch schien jenen Eindruck wieder zu verwischen.

»Kennen Sie diese Briefe?« fragte er mit strengem Ton.

Der junge Cappei fuhr bei dieser Frage, die ihn aus seiner Betäubung aufschreckte, empor und erwiderte, indem seine Stimme vor mächtiger innerer Erregung zitterte:

»Ja, ich kenne sie, sie sind an mich gerichtet, – es sind Briefe meiner Braut, sie haben mir die Augen geöffnet über den ganzen heillosen Plan, welchen eifersüchtiger Haß gesponnen, um uns von einander zu reißen. Diese Briefe haben keinen verborgenen Sinn, sie bedeuten nur das, was mit klaren Worten in ihnen geschrieben steht. Oh, mein Gott,« rief er, den brennenden Blick aufwärts richtend, »wie ist es möglich, daß so viel Schlechtigkeit auf Erden wohnen kann.«

»Sie behaupten also,« fuhr der Untersuchungsrichter fort, »daß dies wirklich Briefe eines jungen Mädchens sind, und daß dieselben keine Bedeutung haben? – Ich muß Ihnen sagen,« fügte er hinzu, »daß Ihre so heftige und sichtbare Bestürzung beim Anblick dieser Papiere nicht zu Ihren Gunsten spricht, um so weniger als unmittelbar nach Ihrer Ankunft ein Schreiben an Sie hierher gekommen ist, in welchem Ihnen die mündliche Verabredung in's Gedächtniß zurückgerufen wird, die Nachrichten, welche man von Ihnen erwartet und die Fragen, welche man an Sie stellen würde, in die Form von einfachen Liebesbriefen zu kleiden.«

»Welch ein Abgrund, – welch ein Abgrund,« rief der junge Cappei verzweiflungsvoll. »Und kann ich jenen Brief sehen?« fragte er dann.

Der Untersuchungsrichter nahm ein Papier und legte es ihm vor.

»Ja, ja,« rief Cappei heftig auffahrend, »es ist dieselbe Handschrift. Es ist die Handschrift jenes Elenden, der mich um mein Glück betrügen will, der es gewagt hat, mich in Frankreich als preußischen Spion zu verdächtigen, und der nun durch seine teuflischen Künste mich hier als Verschwörer verfolgen läßt. Ich schwöre Ihnen, meine Herren, das Alles ist schändlicher Betrug, ich bin das Opfer der Hinterlist eines Todfeindes, der mich verderben will. Ich bitte Sie um Gottes Willen, lassen Sie mich einmal hier in Ihrer Gegenwart einen Brief an meine Braut schreiben. Sie werden die Antwort sehen, Sie werden sehen, daß nichts Geheimnißvolles, nichts Verfängliches dahinter steckt –«

»Die Antwort würde vielleicht ebenso unverfänglich sein, als diese Briefe es sämmtlich zu sein scheinen,« sagte der Untersuchungsrichter den Kopf schüttelnd. »Ich will zu Ihrem Besten hoffen, junger Mann, daß Ihre Angaben die Wahrheit seien, indessen kann ich Ihnen nicht verbergen, daß das Alles sehr unwahrscheinlich scheint, – ich will für heute das Verhör schließen, um Ihnen Zeit zu lassen, wenn Sie etwas auszusagen haben, durch ein umfassendes und aufrichtiges Geständniß Ihre Lage zu erleichtern.«

»Darf ich nicht,« fragte der junge Mann im Ton dringendster Bitte, »darf ich nicht zwei Worte nur an meine Braut schreiben?«

»Es würde zu nichts führen,« sagte der Untersuchungsrichter, »denn eine gleichgültige Antwort würde noch nichts zu Ihren Gunsten beweisen, – wenn diese Briefe wirklich nur der Deckmantel einer geheimen Correspondenz sind, so würde ohne den Schlüssel derselben, ohne Kenntniß der chemischen Mittel,« fuhr er fort, den Blick scharf auf den jungen Mann richtend, »durch welche etwa andere geheime Schriftzeichen auf dem Papier sichtbar werden, noch immer keine Klarheit in die Sache kommen. Ich wünsche nochmals,« sprach er dann, »daß Ihre Schuldlosigkeit an den Tag kommen möge, denn ich habe hier über Sie und Ihre Familie nur Gutes gehört. Wenn Sie jetzt unter dem auf Ihren Schultern ruhenden Verdacht bleiben müssen, so trifft die Schuld zunächst davon Diejenigen, welche nicht aufhören durch fortwährende Agitationen das Land zu beunruhigen, und welche uns dadurch zwingen, mit den schärfsten Mitteln den verborgenen Fäden nachzuspüren, durch die jene Agitation geleitet wird.«

In dumpfem Schweigen ließ sich der junge Mann nach seiner Gefängnißzelle zurückführen. Es war eine Art von Ermattung über ihn gekommen, der vernichtende Erfolg, welchen die vor seinen Augen jetzt klar liegende, gegen ihn gespielte Intrigue gehabt, beraubte ihn fast des Glaubens an die ewige Gerechtigkeit, und in stumpfer Resignation brachte er die dem Verhör folgenden Tage zu, ohne sich von seinem Lager zu erheben, nur die nothwendigsten Nahrungsmittel zu sich nehmend. Im Schmerz um sein zerstörtes Liebesglück, um alle seine gebrochenen Lebenshoffnungen, versank er in eine Art von dumpfer Lethargie, aus welcher nur die brennende Sehnsucht emporflammte, sich an demjenigen zu rächen, dessen Hand aus feiger Verborgenheit heraus ihn so tödtlich getroffen hatte.

Kaum hatte er die Tage gezählt, welche in diesem Zustande an ihm vorübergegangen waren, seine ewig auf ein und denselben Punkt gerichteten Gedanken erfüllten sein Gehirn und sein Blut mit Fieber, seine Kräfte begannen sich zu erschöpfen, – zuweilen dachte er fast mit Wonne daran, daß eine tödliche Krankheit ihn ergreifen und seinen Leiden ein Ende machen könnte. Dann wieder versuchte er mit aller Willenskraft, sich aufrecht zu erhalten, um das Ziel seines Lebens, die Rache, nicht zu verlieren.

Da trat eines Morgens der Amtsdiener in sein Zimmer und forderte ihn auf, ihn zum Amtsverwalter zu begleiten.

Cappei sprang auf, ein leiser Hoffnungsschimmer erfüllte ihn, vielleicht war es doch möglich, daß man von seiner Unschuld sich überzeugt, jedenfalls konnte ihm ein neues Verhör Gelegenheit geben, die gegen ihn erhobenen Anklagen zu entkräften, und mühsam zwang er sich, seinen schwankenden Schritten Festigkeit zu geben, als er dem Diener in das Bureauzimmer folgte.

Der Amtmann blickte erschrocken auf den jungen Mann, welcher sich in kurzer Zeit in entsetzlicher Weise verändert hatte.

Seine Augen blickten hohl und trübe, seine Wangen waren eingefallen, sein Mund zuckte fast convulsivisch, sein Haar hing wirr und ungeordnet über die Stirn herab, kaum konnte er sich aufrecht halten und unwillkürlich griff seine Hand nach der Lehne des Sessels.

»Setzen Sie sich,« sagte der Amtmann freundlich. »Sie sind angegriffen. Ich hoffe, Ihnen Ihre Kraft und Ihren Muth wiedergeben zu können, denn ich habe Ihnen eine gute Nachricht zu geben.«

Wie erstaunt blickte Cappei auf den Beamten. Die Leiden, welche er ausgehalten, hatten ihn fast unfähig gemacht, das Gefühl der Hoffnung zu empfinden.

»Der Krieg mit Frankreich ist ausgebrochen,« sagte der Beamte ernst, »in wenigen Tagen wird das ganze deutsche Volk in Waffen den frevelhaften Übermuth seiner Erbfeinde zurückweisen. Beim Beginn dieses großen nationalen Kampfes hat Seine Majestät der König eine allgemeine Amnestie für politische Vergehen erlassen, welche vor der Kriegserklärung gegen Frankreich begangen sind. Auch Sie fallen unter diese Amnestie, die Untersuchung gegen Sie ist daher beendet. Sie sind frei.«

Cappei sprang auf. Seine Muskeln spannten sich, seine Gestalt richtete sich kräftig und elastisch empor und mit leuchtenden Blicken rief er:

»Frei! Frei! Oh! mein Gott, vergieb mir, daß ich an Deiner Gerechtigkeit gezweifelt habe. Es war ja unmöglich, daß das Werk finsterer Bosheit triumphiren konnte. Ich darf also zu meiner Mutter zurückkehren, ich darf –«

»Sie sind frei und außer aller Verfolgung,« sagte der Beamte, »aber Sie stehen in der allgemeinen Landwehrpflicht, hier ist eine Einberufungsordre für Sie, welche Ihnen befiehlt, sich sogleich in Hannover zu stellen, um dem Regiment, für welches Sie bestimmt sind, zugetheilt zu werden. Sind Sie bereit,« fuhr er mit einem forschenden Blick auf den jungen Mann fort, »diese Pflicht zu erfüllen?«

»Bereit?« rief Cappei, indem ein Blitz aus seinen Augen zuckte, »bereit? Oh, Herr Amtmann,« fuhr er fort, den Arm erhebend, »geben Sie mir eine Waffe in die Hand, um hinaus zu ziehen in den Kampf gegen jenes Land, dessen Erde den Elenden trägt, der mich verderben wollte, und der das Glück und die Hoffnung meines Lebens zerstört hat – er wird auch dort nicht müßig gewesen sein,« fügte er mit bitterm Lachen hinzu, »und nachdem er meiner Luise den Glauben an mich geraubt hat, wird er ihrem leidenden Herzen sich als tröstender Freund genähert haben – aber die rächende Gerechtigkeit wird mich führen, daß ich auf den Wegen dieses Krieges ihm begegne, um ihn zu vernichten und, wenn es Gott will, vielleicht noch seine Pläne zu durchkreuzen.«

»Sie sind also bereit, sich sofort Ihrer Ordre gemäß zu stellen und den Fahneneid zu leisten, den man natürlich nochmals von Ihnen verlangen wird, da Sie früher dem Könige von Hannover geschworen haben.«

»Ich bin bereit,« sagte Cappei.

»Sie dürfen nicht vergessen,« fuhr der Beamte ernst fort, »daß wenn Sie den Versuch machen sollten, Ihre Freiheit zu benutzen, um sich Ihrer Landwehrpflicht zu entziehen, Sie damit das Verbrechen der Desertion begehen würden, welches im gegenwärtigen Kriegszustande unfehlbar die Todesstrafe nach sich zieht.«

»Seien Sie unbesorgt, Herr Amtmann,« rief Cappei, »ich werde mich pünktlich stellen, und ich wünsche nur, daß mein Regiment das erste sei, welches die französischen Grenzen überschreitet. Darf ich vorher meine Mutter und meinen Oheim besuchen?« fragte er dann.

»Sie sind vollkommen frei zu thun, was Sie wollen,« sagte der Beamte, »vorausgesetzt, daß Sie sich pünktlich zur rechten Zeit zur Einstellung melden. Leben Sie wohl. Ich freue mich, daß Ihre Angelegenheit dies Ende genommen hat, und ich wünsche, daß Sie gesund und wohl behalten aus dem Kriege zurückkehren mögen.«

Er neigte freundlich den Kopf.

Cappei grüßte in militairischer Haltung und verließ kräftigen und festen Schrittes das Zimmer.

Groß war die Freude bei seinem Erscheinen in dem Hause seines Oheims, wo seit seiner Verhaftung tiefe Trauer und Bekümmerniß geherrscht hatte.

Groß aber auch war der Schmerz der alten Frau, als sie vernahm, daß sie ihren Sohn nur wiedersehen sollte, um ihn sogleich wieder zu verlieren und ihn hinausziehen zu sehen in die Todesgefahr eines furchtbaren Krieges.

Ernst und feierlich saßen die drei Menschen bei dem letzten Wahl zusammen, welches nach alter Bauernsitte reichlich für den Scheidenden aufgetragen wurde, und welches fast Keiner von ihnen berührte.

Mit thränenden Augen blickte die alte Frau auf den Sohn, der ihr so schnell wieder entrissen werden sollte, nachdem Verbannung und Gefangenschaft ihn getroffen, um noch größeren Gefahren entgegenzugehen – finster saß der alte Niemeyer da.

Er sah zwar lieber den jungen Menschen mit der Waffe in der Hand nach Frankreich hinausziehen, als daß dieser sich eine Heimath gesucht hätte in dem Lande, das er den alten Traditionen nach, doch immer als den Feind Deutschlands ansah, aber die drohende Todesgefahr des Sohnes seiner Schwester, den er wie sein Kind liebte, bewegte ihn tief.

Doch endlich tröstete ihn das glaubensstarke Vertrauen auf die Alles zum Besten kehrende Vorsehung, dies Vertrauen, das in all' den alten markigen Niedersachsen so fest und unerschütterlich lebt und auch in den schwersten Prüfungen ihren Muth aufrecht erhält.

»Gott erhalte Dich, mein Junge,« sagte er einfach, indem er kräftig die Hand des Scheidenden schüttelte und obwohl seine Stimme leicht zitterte, so klang doch die ruhig vertrauensvolle Ergebung in den göttlichen Willen in diesen Worten wieder.

Die Mutter hatte den Ränzel ihres Sohnes mit Brod, kaltem Fleisch und Branntwein gefüllt, der Oheim fügte eine mit harten Thalern wohlgespickte Börse hinzu und dann beugte sich der junge Mann tief vor der alten Frau nieder.

»Segne mich, meine Mutter,« sagte er leise.

Die Alte legte ihre zitternden Hände auf das Haupt des Sohnes und bewegte ihre Lippen, ohne daß laute Worte aus denselben hervordrangen, aber die Thränen, welche voll und heiß in diesem letzten Augenblick des Scheidens aus ihren Augen strömten, fielen über das Haar des jungen Mannes herab. Er fühlte, wie diese Tropfen seine Stirne benetzten, und heilige Rührung durchzitterte sein Herz, – er empfand all' den reichen Segen, all' die heißen Gebete, all' die frommen Wünsche, welche die Abschiedsthräne aus dem Mutterauge in sich schließt.

Dann wandte er sich rasch ab und schritt fest und kräftig über den Hof hinaus, vom Thor her sich noch einmal umblickend nach dem alten niedersächsischen Glauben, der an einen letzten Rückblick auf das heimathliche Haus eine frohe und glückliche Heimkehr knüpft.

Bald hatte er die nächste Eisenbahnstation erreicht, wo schon eine Anzahl anderer Einberufener wartete, und nach wenig Augenblicken führte ihn der dahinrollende Zug fort, einer dunklen Zukunft voll Kampf und Gefahr entgegen, während in seinem Herzen alle anderen Gefühle zurücktraten vor der glühenden Sehnsucht, Rache zu nehmen für die Frevelthat an seiner Liebe.

Dreizehntes Capitel.

Ein buntes und lärmendes Treiben herrschte in den Straßen und der Umgebung von Metz. Die Wälle der alten Festungsstadt waren von den weißen Zelten des Lagers der französischen Armee umgeben und Truppen aller Waffengattungen durchzogen die Straßen der Stadt und des Lagers.

Man sah die riesigen Cürassiere ernst und ruhig einherschreiten, – man sah die bunten afrikanischen Truppen, – die leichtfüßigen Voltigeurs und Jäger und all' dies Leben war von fröhlicher Heiterkeit und Siegeszuversicht getragen, – die Truppen im Lager sangen, tranken und spielten, Polichinelbuden waren vorhanden und Alles erwartete mit Ungeduld den Aufbruch gegen den Feind, überzeugt, daß es nur eines Vorstoßes dieser berühmten französischen Armee bedürfe, um siegreich und unüberwindlich bis zum Herzen Deutschlands vorzudringen.

Der Kaiser war seit einigen Tagen von St. Cloud angekommen und hatte mit dem kaiserlichen Prinzen in der Präfectur Wohnung genommen. Vor dem Präfecturgebäude schilderten die Cavallerie-Doppelposten, und die glänzende Generalität mit ihrem Gefolge, die Adjutanten und Ordonnanzofficiere des Kaisers, welcher den ganzen Pomp seines militairischen Hofes entfaltete, gingen aus und ein.

Inmitten all' dieses Lärms und all' dieses Glanzes saß der Kaiser in der Generalscampagneuniform trübe und niederschlagen in seinem Zimmer, dessen Fenster durch dichte Vorhänge beschattet waren, um die heißen Strahlen der Sonne abzuhalten und der Imperator, welcher hier in der Mitte seiner siegesgewissen Truppen sich befand, blickte finster mit einem gramvollen, resignirten Ausdruck vor sich nieder.

Er hielt einige Depeschen in der Hand, welche er eben durchlesen hatte, und die Nachrichten, welche dieselben brachten, schienen nicht erfreulicher Natur zu sein, denn mit einem unwillkürlichen Griff hatten die Hände des Kaisers das Papier zerknittert.

»Welch ein entsetzlicher Zustand in dieser Armee,« sagte er, »welch ein Chaos unter dieser glänzenden Außenseite – oh, warum habe ich nicht vorher das Alles klar gesehen, was sich jetzt so furchtbar und unerbittlich vor meinem Blick öffnet, – jetzt wo keine Umkehr, kein Einhalt des Verhängnisses mehr möglich ist. Ich habe eine Verständigung im letzten Augenblick noch gehofft, ich habe irgend ein Entgegenkommen von Berlin aus erwartet, um noch an der Spitze der gegenüberstehenden Armeen das drohende Unheil beschwören zu können und die Concessionen zu erreichen, nach denen ich so lange gestrebt. Alles ist vergebens, man ist dort entschlossen, das Äußerste zu wagen. Diese Veröffentlichung des Benedettischen Vertragsentwurfs, diese Depesche des Grafen Bismarck an die Mächte, das Alles beweist mir, daß alle Brücken abgebrochen sind, und daß das furchtbare Verhängniß des Krieges seinen Weg gehen muß. Und welche Hoffnungen bleiben mir,« sprach er mit dumpfer Stimme, »mir, der ich schon vor dem Beginn des Kampfes ein zerbrochenes Schwert in der Hand halte.«

Er starrte im finstern Schweigen vor sich hin.

Die dienstthuende Ordonnanz trat ein und meldete den Prinzen Napoleon, welcher unmittelbar der Meldung folgend, in das Zimmer trat. Der Prinz trug die Uniform eines Divisionsgenerals und in dieser militairischen Tenue trat seine Ähnlichkeit mit dem großen Kaiser noch mehr als sonst hervor, wenn dieselbe auch immerhin jetzt noch einen gewissen Anflug von Carricatur hatte durch die weit stärkere Corpulenz des Prinzen, durch seine unruhige Haltung und durch die nervösen zuckenden Bewegungen seines Gesichts. Die Augen des Prinzen flammten, eine dunkle Zornesröthe bedeckte seine Stirn, mit hastigen Schritten trat er bis dicht vor den Kaiser hin und die dunklen Augen groß auf seinen wie gebrochen da sitzenden Vetter richtend, rief er; hastig die Worte hervorstoßend:

»Weißt Du, mein Vetter, in welchem Zustande die Armee ist?«

Der Kaiser senkte schweigend das Haupt auf die Brust.

»Ich habe,« fuhr der Prinz fort, »schon als ich von den Haiden Norwegens nach Paris zurückkehrte, um die erste Entwickelung dieses unseligen Krieges mit anzusehen, Dir gesagt, was ich über dieses Abenteuer denke – das gefährlichste und verhängnißvollste, welches Du seit Deiner Regierung unternommen, – was ich jetzt aber hier täglich, stündlich sehe und erfahre, das übersteigt die Grenzen alles dessen, was ich mir als möglich gedacht habe. Ich sehe einen ungeordneten Haufen Soldaten ohne Organisation, ohne Führung, ohne gesicherte Verpflegung, und wenn jeder dieser Soldaten für sich den alten Paladinen Karl's des Großen an Tapferkeit gleichkäme, so ist es unmöglich, daß sie etwas ausrichten können gegen die Tactik und die Ordnung des preußischen Generalstabes. Wahrlich, mein Vetter, der Marschall Leboeuf muß ein Interesse haben, Dich und uns Alle zu verderben. Selbst die gewaltigste menschliche Dummheit kann ein Verfahren, wie das Seinige, nicht erklären.«

Der Kaiser schwieg noch immer.

»Was denkst Du zu thun? Kannst Du noch Frieden machen?«

»Der Frieden jetzt,« sagte der Kaiser, »käme der Streichung des französischen Namens aus der Reihe der Großmächte, käme der Abdankung unserer Dynastie gleich,« fügte er mit leiser, tonloser Stimme hinzu.

»Was aber denkst Du zu thun,« rief der Prinz, »willst Du Dich, willst Du uns Alle zu den Todten werfen lassen? Willst Du Dich nicht entschließen, an Rigault de Genouilly den Befehl einer unmittelbaren Expedition in der Ostsee zu übergeben. Ich bitte Dich, übertrage mir das Commando der Landungstruppen, wir werden dort die Gegner zwingen, zahlreiche Streitkräfte hinzusenden, um wenigstens uns hier vor einem überwältigenden Angriff zu schützen.«

»Ich darf Rußland nicht verletzen,« sagte der Kaiser, wie zögernd, »auch England hat sich sehr entschieden gegen eine Bedrohung des preußischen Handels ausgesprochen –«

»Willst Du nach Rußland fragen,« rief der Prinz, zornig mit dem Fuß auf den Boden stoßend, »nach England, in dem Augenblick, wo es sich um die Ehre, um die Existenz Frankreichs handelt und um die Existenz unseres Hauses?«

»Der Marschall Leboeuf,« meldete die dienstthuende Ordonnanz.

»Dein böser Genius,« sagte Prinz Napoleon und wandte sich zum Fenster hin, ohne den Gruß des eintretenden Marschalls zu erwidern, welcher mit ruhig heiterer Miene in das Zimmer trat und mit seiner vollen, langsamen Stimme sagte:

»Die Regimenter, welche Eure Majestät heute zu mustern befahl, stehen an dem Eingang der Straße nach Thionville bereit, wenn Eure Majestät die Gnade haben wollen, hinauszureiten.«

»Der Kaiser sollte lieber die Commandos, die Arsenale und die Feldzugspläne besichtigen, als diese armen unglücklichen Truppen, die verlorenen Schlachtopfer einer entsetzlichen Vernachlässigung, in Augenschein zu nehmen,« rief der Prinz Napoleon, sich schnell umwendend.

Der Marschall Leboeuf richtete sich hoch auf und blickte mit seinen großen, etwas vorstehenden Augen den Prinzen starr an.

»Das Alles ist von mir geordnet,« sprach er, »und der Kriegsplan sichert, wie ich glaube, so gut als das möglich ist, den Erfolg.«

»Der Kriegsplan,« rief der Prinz, »das nennen Sie einen Kriegsplan, Herr Marschall, einen Plan, der darin besteht, auf dieser ganzen weiten Linie von Straßburg bis Thionville die Armeecorps wie einen Zoll-Cordon auszustreuen, so daß sie sich weder einzeln behaupten, noch gegenseitig unterstützen können. Der Vorstoß der preußischen Armee wird das Alles aufrollen und zerbröckeln, ehe man überhaupt noch zum Nachdenken gekommen ist, und all' die Tapferkeit dieser braven Soldaten wird vergebens sein. Wenn der Krieg,« fuhr er immer heftiger fort, »in dem Gehirn einzelner Menschen seit Monaten beschlossen war, wenn er seit vierzehn Tagen erklärt ist, so verstehe ich nicht, daß während die deutsche Armee in erdrückenden Massen auf uns losrückt, man da nicht ein einziges Corps mit dem Nöthigen versehen, vollständig hat hinstellen können.«

Bevor der Marschall antworten konnte, erhob sich der Kaiser, faltete die zerknitterten Depeschen in seiner Hand auseinander, richte sie dem Marschall und sprach mit kaltem, strengem Ton:

»Ich bitte Sie, Herr Marschall, diese Depeschen zu lesen, welche ich so eben aus Paris erhalten habe.«

Der Marschall nahm die Depeschen eine nach der andern und las:

»General Ducrot an das Kriegsministerium in Paris.

Morgen werden wir kaum fünfzig Mann haben, um den Platz Neu-Breisach zu halten und Mortier, Schlettstadt, Lichtenberg sind in gleicher Weise entblößt. Die Preußen sind Herren aller Defileen des Schwarzwaldes.«

»Lesen Sie weiter,« sprach der Kaiser, während der Prinz Napoleon die Hände zusammenschlug.

Der Marschall Leboeuf las:

»Der General-Commandant des vierten Corps an das Kriegs-Ministerium in Paris.

Das vierte Corps hat weder Cantinen, Ambulancen noch Ausrüstungsgegenstände. Alles ist vollständig entblößt.«

»Weiter,« sprach der Kaiser kalt und kurz.

Der Marschall las die folgende Depesche:

»Der Intendant des sechsten Corps an das Kriegs-Ministerium in Paris.

Ich erhalte von dem Chef der Rheinarmee das Verlangen nach vierhundert tausend Rationen Zwieback. Ich habe nicht eine einzige Ration.«

»Immer weiter,« sagte der Kaiser.

Der Marschall fuhr fort, die nächste Depesche ergreifend.

»Marschall Canrobert an das Kriegs-Ministerium in Paris.

Ich habe weder Kochtöpfe, noch Näpfe, die Kranken sind von Allem entblößt. Wir haben weder Betten, noch Hemden, noch Schuhe.«

»Endlich die letzte,« sagte der Kaiser, indem er dem Marschall eine Depesche reichte, die er noch zurückbehalten hatte.

Marschall Leboeuf las immer in demselben ruhigen, gleichmäßigen Ton:

»General Michel an das Kriegs-Ministerium in Paris.

Angekommen zu Belfort, meine Brigade nicht gefunden, Divisionsgeneral nicht gefunden. Was soll ich machen? Ich weiß nicht, wo meine Regimenter sind.«

Mit einem Satz sprang der Prinz zu dem Kaiser heran.

»Dieser General,« rief er, »welcher im Angesicht des Feindes seine Armee sucht, das ist das Schlußwort aller dieser Lächerlichkeit, einer Lächerlichkeit, welche aber zugleich die furchtbarste Tragödie in sich schließt, da sie der Untergang Frankreichs und des Kaiserreichs sein wird. Ich will hier nichts mehr sehen und hören, ich verlasse die Stadt und beziehe mein Zelt im Lager; wenn ich länger in diesem Hauptquartier bleibe, so wird der Wahnsinn mein Gehirn erfassen.«

Und ohne ein Wort zu sagen, stürmte er hinaus.

»Sire,« sagte der Marschall Leboeuf im ruhigen Tone, »solche kleine Unordnungen kommen jedesmal vor, wenn eine große Armee sich zusammenzieht. In wenigen Tagen wird sich das Alles von selbst ordnen.«

»Ich glaube nicht, Herr Marschall,« sagte der Kaiser kalt, »daß ähnliche Unordnungen auf der Seite unserer Feinde vorkommen, und ich wünsche, daß dieselben in der That in wenigen Tagen geordnet sein mögen. Sie werden Ihre ganze Thätigkeit und Energie entwickeln, damit das geschehe, – denn, Herr Marschall, die Verantwortung für die Folgen solcher Unordnungen wird eine große und schwere sein und in voller Wucht auf Ihrem Haupte lasten. Jetzt will ich hinaus, um die Truppen zu sehen.«

Und mit einer stolzen Neigung des Hauptes, welche andeutete, daß er kein Wort weiter zu hören wünsche, wandte er sich von dem ganz erstaunt dastehenden Marschall ab. Indem er sich der Thür näherte, öffnete sich dieselbe schnell und mit Freude strahlendem Gesicht trat der kaiserliche Prinz in seiner kleinen, zierlichen Lieutenantsuniform herein.

Er hielt einen Brief in der Hand, küßte schnell seines Vaters Hand und rief mit fröhlichem Tone:

»Ein Brief von Mama, den man mir so eben gebracht. Alles ist wohl und voll Siegeshoffnungen in Paris. Die kleine Malakoff hat zwei Stück vierblättrigen Klee gefunden, welche Mama mir sendet und welche mir Glück bringen werden. Ich werde die Blätter in ein Medaillon fassen lassen und stets bei mir tragen.«

Er zog den Brief der Kaiserin aus der Enveloppe und hielt die beiden vierblättrigen Kleeblätter ganz stolz dem Kaiser entgegen.

Napoleon antwortete nicht. Mit einem wunderbaren Ausdruck aus Liebe und schmerzlicher Wehmuth gemischt, sah er einige Augenblicke seinen Sohn an, dann beugte er sich zu demselben nieder, drückte seine Lippen auf die reine Stirn und sagte:

»Ich will zu den Truppen hinausreiten, Du sollst mich begleiten.«

Der Prinz steckte die Enveloppe mit den Kleeblättern, ganz überrascht, daß sein Vater dieselben so wenig beachtete, in seine Uniform und ging mit dem Kaiser hinaus.

Der Marschall Leboeuf folgte ihnen. Man stieg zu Pferde.

An der Spitze seines glänzenden Generalstabes ritt der Kaiser hinaus durch die belebten Straßen der Stadt nach dem Felde.

Auf der Straße von Thionville, wo zwei Brigaden der Garde aufgestellt waren, begrüßten diese prächtigen Elitetruppen in ihrer musterhaften Haltung den Kaiser mit jubelnden Hochrufen, in welche die in dichten Massen umherstehenden einzelnen Soldaten laut und begeistert mit einstimmten. Aber das Gesicht Napoleons erhellte sich nicht beim Anblick dieser herrlichen Regimenter. Schweigend ritt er die Front ab, schweigend ließ er die Truppen an sich vorbei defiliren und immer schweigend wandte er nach kurzem Gruß, den Hut erhebend, sein Pferd, um nach der Stadt zurückzureiten.

Noch einmal brauste das vive l'empereur donnernd durch das Lager hin, die Strahlen der Sonne funkelten auf allen diesen Waffenspitzen, auf allen diesen Gold schimmernden Uniformen des Generalstabes, an dessen Spitze der Kaiser gebeugt auf seinem Pferde sitzend, im langsamen Schritt nach der Stadt zurückritt, während der kaiserliche Prinz ungeduldig sein Pferd zügelte, um an der Seite seines Vaters zu bleiben.

Überall grüßten erneute Hochrufe und die Klänge der Musikkorps, welche partant pour la Syrie und die Marseillaise spielten.

Der Kaiser schien von Allem dem nichts zu hören und zu sehen. Ausdruckslos starrten seine Augen in's Leere und leise die Lippen bewegend, sprach er:

»Ave, Caesar, morituri te salutant!«